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Full text of "Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin"

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SITZUNGSBERICHTE 



DER 



5(^7 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN (j^'(ri/l/ 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



JAHRGANG 1905. 



ERSTER HALBBAND. JANUAR BIS JUNI. 



STUCK I — XXXII MIT EINER TAFEL 
UND DEM VERZEICHNISS DER MITGLIEDER AM 1. JANUAR 1905. 



BERLIN 1905. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 
IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 



472303 



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INHALT. 



Seite 

Verzeichniss der Mitglieder am 1. Januar 1905 1 

IIaknaok: Untersucliungen über den apokryphen Briefwerlisel der Korinther mit dem Apostel Paulus 3 

L. Cohn: Ein Philo -Palimpsest (Vat. gr. 316) 36 

W. Kolbe: Bericht über eine Reise in Messenien 53 

C. Frf.drich : Bericht über eine Bereisung der Inseln des Thrakischen Meeres und der Nördlichen Sporaden 64 

U. Behn: Über das Verhältniss der mittleren (BuNSEN'schen) Calorie zur 15°-Calorie j _i!rJ''? 1 _ _ 72 

I. Schur: Über eine Classe von endlichen Gruppen linearer Substitutionen 77 

Klein: Über Theodolithgoniometer 94 

Waldeyer: Festrede 105 

Jahresbericht über die Sammlung der griechischen Inschriften 121 

Jaliresbericht über die Sammlung der lateinischen Inschriften 122 

Jahresbericht über die Aristoteles- Commentare 124 

Jahresbericht über die Prosopographie der römischen Kaiserzeit (1. — 3. Jahrhundert) 125 

Jahresbericht ül)er die Politische Correspondenz Friedrich's des Grossen 125 

Jahresbericht über die Griechischen Münzwerke 125 

Jahresbericht über die Acta Borussica 127 

Jalu'esbericht über den Thesaurus linguae Latinae 128 

Jahresbericht über die Ausgabe der Werke von Weierstrass 129 

Jaliresbericht über die KANT-Ausgabe 129 

Jahresbericht über die Ausgabe des Ibn Saad 129 

Jahresbericht über das Wörterbuch der aegyptischen Sprache 130 

Jahresbericlit über den Index rei militaris imperii Romani 132 

Jahresbericht über die Ausgabe des Codex Tbeodosianus 132 

Jahresbericht über die Geschichte des Fixsternhimmels 133 

Jahresbericht über das «Thierreich.. 134 

Jahresbericht über das -Pflanzenreich" 135 

Jahresbericht über die Ausgabe der Werke Wilhelm von Hl'mboldt's 136 

Jahresbericht der Deutschen Commission 136 

Jaliresbericht über die Forschungen zur Geschichte der neuhochdeutschen Schriftsprache 141 

Jahresbericht der Humboldt -Stiftung 141 

Jahresbericht der Savigny- Stiftung 142 

Jahresbericht der Bopp- Stiftung 142 

Jahresbericht der Hermann und Elise geb. Heckmann Wentzel- Stiftung 143 

Jahresbericht der Kirchenväter- Commission 143 

Jahresbericht der Commission für das Wörterbuch der deutschen Rechtssprache 145 

Jahresbericht der Akademischen Jubiläuinsstiftung der Stadt Berlin 153 

Verleihung der Helmholtz- Medaille 154 

Übersicht der Personalveränderungen 154 

MÖBius: Die Formen und Farben der Insecten ilsthetisch betrachtet 159 

Ostwald: Ikonoskopische Studien. 1 167 

L. HoLEORN und L. Austin: Über die specifische Wärme der Gase in höherer Temperatur .... 175 
Engler: Über floristische Verwandtschaft zwischen dem tropischen Africa und America, sowie über 

die Annahme eines versunkenen brasilianisch -aethiopisehen Continents 180 



Inhalt. 

van't Hokk und L. Lichtenstein: Uiitersudiungen über die Bildungsvcrliältnisse der oceaiiischen 8alz- 

alilageningeii. XL. Existeuzgrenze von Tachhydrit o "' 

O.Franke: Hat es ein Land Kliai-ostra gegeben? 23s 

KoENiGSBEnoER: Über die aus der Variation der mehrfaclien Integrale entspringenden partiellen Diffe- 
rentialgleichungen der allgemeinen Mechanik o^l) 

F. N. Finck: Die Grundbedeutung des grünländischen Subjectivs 2*^0 

Fischer und E. Abderhalden : Über das Verhalten verschiedener Polypeptide gegen Pankreasferment 29i i 
van't Hoff, G. L.Voerman und W. C. Blasdale: Untersuchungen über die Bildungsverhältnisse der 

oceanisclien Salzabiagemngen. XLL Die Bildungstemperatnr des Kaliumpentacalciumsulfats . . 30r. 
L. Holborn und F. Henning: Über die Lichteniission und den Schmelzpunkt einiger Metalle .... 311 

Dilthey: Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften. 1 390 

Toeler: Vermischte Beiträge zur französischen Grammatik • . • . -- 

J. Hartmann: Monochromatische Aufnahmen des Orioimebels qcn 

Hertwig.O.: Kritische Betrachtungen über neuere Erklärungsversuche auf dem Gebiete der Befruch- 
tungslehre ^^- 

Planck: Normale imd anomale Dispersion in nichtleitenden Medien von variabler Dichte ..'.'.'. 3iyl 

W. Bergt : Das Gabbromassiv im bayrisch - böhmischen Grenzgebirge 39^ 

I. Schur: Neue Begründung der Theorie der Gruppencharaktere ■ • • -^^-^ 

Zimmer: Untersuchungen über den Satzaceeiit des Altirischen. I ' ' ' 414 

G. Klemm: Bericht über Untersuchungen an den sogenannten ..Gneissen.. und den metamorphen Schie- 
fergesteinen der Tessiner Alpen. 11 , ,,, 

Warburg: Über die Rellexion der Kathodenstrahlen an dünnen Metallblättchen ...'..''' i^s 

Dressel: Das Tempelbild der Athena Polias auf den Münzen von Priene (hierzu Taf. I) . ' ' '. 467 
van-tHoff: Untersuchungen über die Bildungsverhältnisse der oceanischen Salzablagerungen. XLh! 

Die Bildung von Glauberit .„„ 

H. Jung : Die allgemeinen Thetafunctionen von vier Veränderiichen 484 

Pischel: Der Ursprmig des christlichen Fischsymbols ' ' ' ' 500 

Th. Wiegand: Vierter voriäufiger Bericht über die Ausgrabungen der Königlichen Museen zu MUet ' 533 

Schäfer: Die Ungarnschlacht von 955 ^^,-, 

Schäfer: Die agrarii milites des Widukind rr.q 

Schäfer: «Sclusas» im Strassburger Zollprivileg von 831 c-^ 

0. Holder -Egger: Jahresbericht über die Herausgabe der Moimmenta Germaniae histöriJa ! ' ' ' 583 

Helmert: Über die Genauigkeit der Kj-iterien des Zufalls bei Beobachtungsreihen . ' 594 

H. Kronecker und F. Spallitta: Reflexwirkmig des Vagusganglion bei Seeschildkröten " ' 613 

Conze: Jahresbericht über die Thätigkeit des Kaiserlieh Deutschen Archaeologischen Instituts 610 
Adresse an Ihre Kaiseriichen und Königlichen Hoheiten den ICronprinzen und die Kronprinzessin zmn 

6. Juni 1905 " g26 

R. Brauns: Die zur Diabasgruppe gehörenden Gesteine des Rheinischen Schiefero-ebir-es 630 

Meyer: Die Mosesagen und die Lewiten " " ' ' 640 

Vahlen: Festrede. Erinnerungen an Leibniz „,o 

Struve: Antrittsrede 

Zimmermann: .iVntrittsrede 

Martens: Antrittsrede ' 

Alcademische Preisaufgabe für 1905 aus dem Gebiete der Philosophie ..'.'." 683 

Akademische Preisaufgabe für 1905 aus dem Gebiete der Physik 685 

Preisaufgabe über eine Geschichte der Autobiographie . . 686 

Preisaufgabe aus dem CoTHENiusschen Legat 

Preis der STEiNER'schen Stiftung 

Preisaufgabe der Charlotten -Stiftung _ 

Stipendium der Eduard GERHARo-Stiftmig 

Generalbericht über Gründung, bisherige Thätigkeit und weitere' Pläne der Deutschen Commission' ." 694 



SITZUNGSBERICHTE 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEME DER WISSENSCHAFTEN. 



I. 



12. Januar 1905. 



MIT DEM VERZEICHNISS DER MITGLIEDER DER AKADEMIE 
AM 1. JANUAR 1905. 



BERLIN 1905. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN UOMMISSION BEI GEORG REIMER. 



5E5E5SS55a5E5H5S5H5E55555E5E555E5H555a5HSESa5H5a5E5E5H5H5E5afeESS555Z 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



2. Diese erscheinen in einzelnen Stiieken in Gioss- 
Oct,av rcReliiiässigf Doiiiierslnsrs acht Ta^e nach 
jeder Sitzung. i)ic säinmtliclicn zu einem Kalender- 
jahr gehörigen Stücke bilden vorläufig einen Band mit 
lortlaulender Paginii-ung. Die einzelnen Stücke erhalten 
ausserdem eine durch den Band oline Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen lortlaul'endc römisclic Ordnungs- 
numnier, und zwar die Berichte über Sitzungen der physi- 
kalisch-mathematischen Classc allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch -historischen Classc ungerade 

Nummern 

§2. 

1. Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Übersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschal'tlichcn Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaltliclicn Arbeiten, und zw.ar in der 
Regel zuerst <Uc in der Sitzung, zu der d.as Stück gehört, 
druckfertig übcrgebcnen, dann die, welche in früheren 
Sitzungen mitgetliellt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen keimten. Mittheilungen, 
welche nicht in den Berichten und Abhandlungen er- 
scheinen , sind durch ein Sternchen ( * ) bezeichnet. 



Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secretar zusammen, welcher d.aiin den Voi-sitz hatte. 
Derselbe Sccrctai' ITilirt die 01)craufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück crschei- 
nentlen wissenschaftlichen Arbeiten. 

§ 6. 

1. Für die Anfnahmc einer wissenschaftlichen Mit- 
theilung in die Sitzungsberichte gelten neben §41,2 der 
Statuten und § 28 ilieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittheilungen von Verfassern, welche 
der Akademie nicht angehören, sind auf die Hälfte liieses 
Umfangcs beschränkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrückliclier Zustimmung der Gesammt-Aka- 
deinic oder der betreffenden Cl.asse statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf durchaus 
Nothwcndiges beschränkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen, wenn die Stöcke der in den 
Text cinzusch.altenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefert ist. 

§7. 

1 . Eine ITir die Sitzungsberielite bestimmte wissen- 
schaftliche Mittheihmg d.arf in keinem F.allc vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 
nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröffentliclit sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer .aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittheilung diese .anderweit frülier zu ver- 



öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Rcchtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Gesammt- Akademie oder der betreffenden 
Classc. 

§ 8- 
5. Auswärts werden Con-ecturen nur auf besonderes 
Verlangen verschickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer Mittheilungen nach acht Tagen. 

§ II. 

1. Der Verfasser einer unter den •Wissenschaftlichen 
Mittheilimgen« abgednickten Arbeit erhält unentgeltlicli 
fünfzig Sonderabdräcke mit einem Umschlag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahreszahl, Stück- 
nunuuer, T.ag nntl Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der Najnc des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittheilungen, die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte imd einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fällt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Einem Verfasser, welcher Mitglied der Akademie 
ist, steht es frei, auf Kosten der Akademie weitere gleiche 
Sonderabdrücke bis zur Zahl von noch hundert, und 
auf seine Kosten noch weitere bis zur Zahl von zwei- 
hundert (im ganzen also 350) zu unentgeltlicher Ver- 
theilung abzielien zu hissen, sofern er diess rechtzeitig 
dem redigirendcn Secretar angezeigt hat; wünscht er auf 
seine Kosten noch mehr Abdrücke zm' Vertheilimg zu 
erhalten , so bedarf es der Genehmigung der Gesammt- 
Akademie oder der betreffenden Classc. — NichtmitgUeder 
erhalten 50 Freiexemplaie und dürfen nach rechtzeitiger 
Anzeige bei dem redigirenden Secretar weitere 200 Exem- 
pKarc auf iln-e Kosten abziehen lassen. 

§28. 

1. Jede zur Aufnalime in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Jlittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Nichtmitglieder, haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache .angehörenden ordentlichen Jlitglicdes zu benutzen. 
Wenn sclu-iftlichc Einsendungen .auswärtiger oder corrc- 
spondirender jMitglicder direcc bei der Ak.ademie oder bei 
einer der Classen eingehen, so h.at sie der voi'sitzende 
SecreUai' selber oder durch ein anderes Jlitglied zum 
A'^ortr.age zubringen. Mittheilungen, deren Verfasser der 
Akademie mcht .angehören , liat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Mitgliede zu überweisen. 

[Aus Stat. §41,2. — Für die Aufnahme bedarf es 
einer ausdrückUclien Genehmigung der Akademie oder 
einer der Classen. Ein d.ai-.auf gerichteter Antr.ag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebr.acht werden.] 

§ 29. 
1. Der re\'idircnde Secrct.ar ist für den Inhalt des 
geschäftlichen Theils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
tur die d.arin aufgenommenen kurzen Inlialts.angaben der 
gelesenen Abh:uidlungen verantwortlich. Für iliesc wie 
für alle übri.^eii Theile der Sitzungsberichte sind 
nach jeilor Richtung nur die Verfasser rerant- 
worllich. 



Die AkaJemie versendet ihre "Sitzumj.sberichte' an diejeniyrn Stellen, mit denen sie im Schriftverkehr steht 
wofern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Stücke von Januar 6is April in der ersten Hüllte des Monats Mai, 
• • • Mai bis Juli in der ersten Hälfte des Monat-': August, 

- October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Regist^s. 



VERZEICHNISS 

DER 

MITGLIEDER DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

AM 1. JANUAR 1905. 



I. BESTANDIGE SECRETARE. 

Gewählt von der 

Hr. Atiwers phys.-math. Classe . 

- Vahlen phil.-hist. - . . . 

- Diels pliil.-hist. - . . . 

Waldeyer pliys.-matli. - . . . 



Datum der König). 
Bestätigung 

1878 April 10. 

1893 April 5. 

1895 Nov. 27. 

1896 Jan. 20. 



II. ORDENTLICHE MITGLIEDER 



physikalisch -mathematische 
Classe 



Hr. Arthur Auwers 



Simon Sciiwendener 
Hermann Munk . 



Hans Landolt 
Wilhelm Waldeyer 



Franz Eilhard Scladze 
Wilhelm von Bezold 



philosoiiliisch- historische: 
Classe 



Hr. Adolf Kirchhoff 



Johannes Vahlen 
Eberhard Schrader 
Alexander Conze 



- Adolf Toller . 
Hermann Diels 



Heinrich Bru}i)ier 
Otto Hirschfeld 



Eduard Sachau 
Griistav Schmolle)- 
Wilhelm Dilthey 



Datum der Küniglicheu 


Be 


statigunc: 




1860 


März 


7. 


1866 


Auo-. 


18. 


1874 


Dec. 


16. 


1875 


Juni 


14. 


1877 


April 


23. 


1879 


Juli 


13. 


1880 


März 


10. 


1881 


Auo;. 


15. 


1881 


Aus- 


15. 


1881 


Aug. 


15. 


1884 


Febr. 


18. 


1884 


April 


9. 


1884 


Juni 


21. 


1885 


März 


9. 


1886 


April 


5. 


1887 


Jan. 


24. 


1887 


Jan. 


24. 


1887 


Jan. 


24. 



II 

Ordentliche Mitglieder 

der |:liysitalisch - mathematischen der philosophisch-historischen Hatum der König! 

Classe «lasse Best^tiguni; 



Hr. Karl Klein 1887 April 6. 

- Karl Möbhis 1888 April 30. 

- Adolf Englei- 1890 Jan. 29. 

Hr. Adolf llarnack .... 1890 Eebr. 10. 

- Hermann Karl Vogel 1892 März 30. 

- Hermann Amandus Scliwarz 1892 Dec. 19. 

Georg Frobenins 1893 Jan. 14. 

- Emil Fischer 1893 Febr. 6. 

- Oskar Hertwig 1893 April 17. 

- Max Planck 1894 Juni 11. 

- Karl Stumpf 1895 Febr. 18. 

- Erich Schmidt 1895 Febr. 18. 

- Adolf Erman 1895 Febr. 18. 

- Friedrich Kohlrausch 1895 Aug. 13. 

- EmU Warburg 1895 Aug. 13. 

- Jakob Heinrich vant Hoff 1896 Febr. 26. 

- Reinhold Koser .... 189G Juli 12. 

- Max Lenz 1896 Dec. 14. 

Theodor Wilhelm Engelmann 1898 Febr. 14. 

Reinhard Kekule von Sti-a- 

donitz 1898 Juni 9. 

Ferdinand Frlir. von Richthofen 1899 Mai 3. 

Ulrich von Wilamoioitz- 

Moellendorff 1899 Aug. 2. 

Hr. Wilhelm Branco 1899 Dec. 18. 

- Robert Helmert 1900 Jan. 31. 

Heinrich Müller -Breslau 1901 Jan. 14. 

Heinrich Zimmer. . . . 1902 Jan. 13. 

- Heinrich Dressel .... 1902 ]Mai 9. 

- Konrad Burdach .... 1902 Mai 9. 

- Richard Pischel .... 1902 Juli 13. 

- Friedrich Schottky 1903 Jan. 5. 

Gustav Roethe 1903 Jan. 5. 

- Dietrich Schäfer .... 1903 Aug. 4. 

- Eduard Meyer 1 903 Aug. 4. 

- Wilhelm Schulze .... 1903 Nov. 16. 

- Alois Brandl 1904 April 3. 

- Robert Koch 1904 Juni 1. 

- Hermann Struve 1904 Aug. 29. 

- Hermann Zimmermann 1904 Au«-. 29. 

- Adolf Marfens 1904 Aug. 29. 

(Die Adressen der JNIitglieder s. S. VIII.) 



III. AUSWÄRTIGE MITGLIEDER 



dci- physikalisch- 



piiilosophisch - historischen 
Classe 



H 



Ubert von KoelUker in 

^\ürzbu^g■ 

Hr. Eduard Zeller in Stuttgart 

Theodor Nöldeke in Strass- 

burg 

- Friedrich Imhoof- Blumer in 

"Winterthur 

- Theodor von Sickel in Meran 

- Pnsquale Villari in Florenz . 

- Franz Bücheier in Bonn 

lIr.Wil/telinHlf/07fm'Münstevi.W 

Lord Kelvin in Netlierhall , Largs 

Hr. Marcelin Berthelot in Paris 

- Eduard Suess in Wien 

- Eduard Pfliic/er in Bonn 

Rochus Frbr. von Liliencron in 

Schleswig 

Hr. Leopold Delisle in Paris . 
Sir Joseph Dalton Hooker in 

Sunningdalc 

Hr. Giocanni Virginio Schiaparelli 

in llailand 



Datum der Königliche 
Bestäticun^ 



1892 März 1«. 
1895 Jan. 14. 



1900 März 5. 



1901 Jan. 14. 

1902 Nov. 16. 

1904 Mai 29. 
1904 Oft. 17. 



IV. EHREN- MTGLIEDER. Dat,,™ der KönigUcheo 

Bestätigung 

Earl of Crawford and Balcarres in Haigh Hall, Wigan . . 1883 Juli 30. 

Hr. Max Lehmann in Göttingen 1887 Jan. 24. 

Ludwig Boltzmann in Wien 1888 Juni 29. 

Se. Majestät Oskar IL, König von Schweden und Norwegen 1897 Sept. 14. 

fluf/o Graf von und zu Lerchenfeld in Berlin 1900 März 5. 

Hr. Friedrich Alihoff in Berlin 1900 März 5. 

- Richard Schöne in Berlin 1900 j\Iärz 5. 

Frau Elise Wentzel geb. Heckmann in Berlin 1900 März 5. 

Hr. Konrad Studt in Berlin 1 900 IMärz 1 7 

- Andrew Bickson White in Ithaca, N. Y 1900 Dec. 12. 



V. CORRESPONDIRENDE MITGLIEDER. 

Physikalisch- mathematische Classe. 

Datum der Wahl 

Hr. Ernst Abbe in Jena 1896 Oet. 29. 

- Alexander Agassi~ in Cambridge, Mass 1895 Juli 18. 

- Aclo/f von Baeyei- in München 1884 Jan. 17. 

- Henri Becqiierel in Paris 1904 Febr. 18. 

- Friedrich Beihteia in Sf. Petersburg . ....... 1888 Dec. G. 

Ernst Willielm Benecke in Strassburg 1900 Febr. 8. 

Eduard van Beneden in Lütticli 1887 Nov. 3. 

- Odar Brefeld in Breslau 1899 Jan. 19. 

- Otio BiiUcldi in Heidelberg 1897 März 11. 

Sir John Burdon- Sanderson in O.xford 1900 Febr. 22. 

Hr. Slanistao Cannizzaro in Rom 1888 Dec. 6. 

- Karl Chun in Leipzig 1900 Jan. 18. 

Gaston Darboux in Paris 1897 Febr. 11. 

- Richard Dedekind in Brannsclnveig 1880 März 11. 

- Nils Christofer Duner in Upsala 1900 Febr. 22. 

- Ernst Ehlers in Göttingen 1897 Jan. 21. 

- Rudolf FtUig in Strassburg 1896 Oet. 29. 

- Waller Flemming in Kiel 1893 Juni 1. 

- Max FOrbringer in Heidellierg 1900 Febr. 22. 

- Albert Gaudry in Paris 1900 Febr. 8. 

Sir Archibald Geikie in London 1889 Febr. 21. 

Hr. Wntcott Gibbs in Newport, R. 1 1885 Jan. 29. 

Sir David Gilt, Kgl. Sternwarte am Cap der Guten HofTnung 1890 Juni 5. 

Hr. Paul Gordan in Erlangen 1900 Febr. 22. 

- Ludwig von Graff in Graz 1900 Febr. 8. 

- Goltlieb Haberlandt in Graz 1899 Juni 8. 

- Julius Ilann in Wien 1889 Febr. 21. 

- Victor Ilensen in Kiel 1898 Febr. 24. 

- Richard Herhcig in München 1898 April 28. 

Sir Wdiiam Huggins in London 1895 Dec. 12. 

Hr. Adolf von Koenen in Göttingen 1904 3Iai 5. 

- Leo Koenigsberger in Heidelberg 1893 Mai 4. 

- Michel Lmj in Paris 1898 JuH 28. 

- Franz von Leydig in Rothenburg o. d. T 1887 Jan. 20. 

Gabriel Lippmann in Paris 1900 Febr. 22. 



V 
Pliysikalisch-mathematische Classe. 

Hr. Moritz Loeimj in Paris 1895 üec. 12. 

- Hubert Ludwig in Bonn 1898 Juli 14. 

- Eleuthere Mascart in Paris 1895 Juli 18. 

- Dmitrij Mendelejew in St. Petersburg 1900 Febr. 8. 

- Franz Hertens in Wien 1900 Febr. 22. 

- Henrik Mohn in Christiania 1900 Febr. 22. 

- Alfred Gabriel Natliorst in Sto<-kholm 1900 Febr. 8. 

- Karl Netimann in Leipzig 1893 Mai 4. 

Georg von Neumayer in Neustadt a. d. Haardt .... 1896 Febr. 27. 

- Simon Newcomb in Washington 1883 Juni 7. 

- Mas Noether in Erlangen 1896 Jan. 30. 

- Willielm Pfeffer in Leipzig 1889 Dee. 19. 

- Ernst Pßtzer in Heidelberg 1899 Jan. 19. 

- KmUe Picard in Paris 1898 Febr. 24. 

- Hen7-i Poincare in Paris 1896 Jan. 30. 

- Georg Quincke in Heidelberg 1879 März 13. 

- Ludwig Badlkofer in München 1900 Febr. 8. 

Sir William Ramsag in London 1896 Oct. 29. 

Lord Rayleigh in Witham, Essex 1896 Oct. 29. 

Hr. Friedrich von Recklinghausen in Strassburg 1885 Febr. 26. 

- Gustaf Retzius in Stockholm 1893 Juni 1. 

- Wilhelm Konrad Röntgen in München 1896 März 12. 

- Heinricli Rosenbusch in Heidelberg 1887 Oct. 20. 

Georg Ossian Sars in Christiania 1898 Febr. 24. 

- Friedrich Schmidt in St. Petersburg 1900 Febr. 8. 

Hermann Graf zu Solms- Lattbach in Strassburg 1899 Juni 8. 

Hr. Johann Wilhelm Spengrl in Giessen 1900 Jan. 18. 

- Eduard Strasbnrger in Bonn 1889 Dec. 19. 

- Johannes Strüver in Eom 1900 Febr. 8. 

- Otto von Struve in Karlsruhe (Baden) 1868 April 2. 

- Julius Thomsen in Kopenhagen 1900 Febr. 8. 

- August Toepler in Dresden 1879 März 13. 

- Melchior Treub in Buitenzorg 1900 Febr. 8. 

- Gustav Tschermak in Wien 1881 März 3. 

Sir William Turner in Edinburg 1898 März 10. 

Hr. Woldemar Voigt in Göttingen 1900 März 8. 

- Karl von Voit in München 1898 Febr. 24. 

- Johannes Diderik van der Waals in Amsterdam .... 1900 Febr. 22. 

- Eugenius Warming in Kopenhagen 1899 Jan. 19. 

- Heinrich Weber in Strassburg 1896 Jan. 30. 

- August Weistnann in Freiburg i. B 1897 März 11. 

- Julius Wiesner in Wien 1899 Juni 8. 

- Adolf Wüllnm- in Aachen 1889 März 7. 

Ferdinand Zirkel in Leipzig 1887 Oct. 20. 



Philosophisch-historische Classe. 

Datum der Wahl 

Hr. Wilhelm Ahlwardt in Greifswald 1888 Febr. 2. 

- Karl von Ainira in Mimchen 1900 Jan. 18. 

- Graziadio Isaia Ascoli in Mailand 1887 März 10. 

- Theodor Aufrecht in Bonn 1864 Febr. 11. 

- Ernst Immanuel Bekker in Heidelberg 1897 Juli 29. 

- Otto Benndorf in Wien 1893 Nov. 30. 

- Friedrich Bloss in Halle a. S 1900 Jan. 18. 

- Eugen Bormann in Wien 1902 Juli 24. 

- Ingram Bywater in Oxford 1887 Nov. 17. 

- Rene Cagnat in Paris 1904 Nov. 3. 

- Antonio Maria Ceriani in Mailand 1869 Nov. 4. 

- Heinrich Denifle in Rom 1890 Dec. 18. 

- Wilhelm Dittenberger in Halle a. S 1882 Juni 15. 

- Louis Duchesne in Rom 1893 Juli 20. 

- Ben7io Erdmann in Bonn 1903 Jan. 15. 

- Kuno Fischer in Heidelberg 1885 Jan. 21). 

- Paid Foucart in Paris 1884 Juli 17. 

- Ludwig Friedländcr in Strassburg 1900 Jan. 18. 

- Oskar von Gebhardt in Leipzig 1903 Juli 9. 

- Tlieodor Gomperz in Wien 1893 Oct. 19. 

- Francis Llewellyn Grifßth in Asliton under Lyne . . . 1900 Jan. 18. 
Gustav Gröber in Strassburg 1900 Jan. 18. 

- Ignazio Guidi in Rom 1904 Dec. 15. 

- Wilhelm von Hartel in Wien 1893 Oct. 19. 

- Georgios N. Hatzidakis in Athen 1900 Jan. 18. 

- Albert Hauck in Leipzig 1900 Jan. 18. 

- Johan Ludvig Heiberg in Kopenhagen 1896 März 12. 

- Karl Theodor von Heigel in München 1904 Nov. 3. 

- Max Heinze in Leipzig 1900 Jan. 18. 

- Richard Heinzel in Wien 1900 Jan. 18. 

- Antoine Ileron de Villefosse in Paris 1893 Febr. 2. 

- Leon Heuzey in Paris 1900 Jan. 18. 

- Edvard Holm in Kopenhagen 1904 Nov. 3. 

Theophile Homolle in Athen 1887 Nov. 17. 

- Vatroslav Jagic in Wien 1880 Dec. 16. 

William James in Cambridge, Mass 1900 Jan. 18. 

7vi7r/ Theodor von Inama- Sternegg in Wien 1900 Jan. 18. 

Fei-dinand Justi in Marburg 1898 Juli 14. 

- Karl Justi in Bonn 1893 Nov. 30. 

Panagiotis Kabbadias in Athen 1887 Nov. 17. 

- Frederic George Kenyon in London 1900 Jan. 18. 

- Franz Kielhorn in Göttingen 1880 Dec. 16. 



VII 

Philosophisch-historische Classe. ,^ , ,,. , , 

Hr. Georg Friedrich Knapp in Strassburg 1893 Dec. 14. 

- Basil Latyschew in St. Petersburg 1891 Juni 4. 

- August Leskien in Leipzig 1900 Jan. 18. 

- Emile Levasseur in Paris 1900 Jan. 18. 

- Friedrich Loofs in Halle a. S 1904 Nov. B. 

- Giacomo Lumbroso in Rom 1874 Nov. 12. 

- Arnold Luschin von Ebengreuth in Graz 1904 Juli 21. 

- John Pentland Mahaffy in Dublin 1900 Jan. 18. 

- Frederic William Maitland in Cambridge 1900 Jan. 18. 

Gaston Maspero in Paris 1897 Juli 15. 

- Adolf Michaelis in Strassburg 1888 Juni 21. 

- Adolf Mttssaßa in Wien 1900 Jan. 18. 

- Heinrich Nissen in Bonn 1900 Jan. 18. 

- Juliiis Oppert in Paris 1862 März 13. 

- Georges Peirot in Paris 1884 Juli 17. 

- Wilhelm Radioff in St. Petersburg 1895 Jan. 10. 

Victor Baron Rosen in St. Petersburg 1900 Jan. 18. 

- Ricliard Schroeder in Heidelberg 1900 Jan. 18. 

- Emil Schürer in Göttingen 1893 Juli 20. 

- Emile Setiart in Paris 1900 Jan. 18. 

- Eduard Sievers in Leipzig 1900 Jan. 18. 

- Albert Sorel in Paris 1900 Jan. 18. 

- Friedrich von Spiegel in München 1862 März 13. 

- Henry Sweet in Oxford 1901 Juni 6. 

Sir Edward Maunde Tlwmpson in London 1895 Mai 2. 

Hr. Vilhelm Thomsen in Kopenhagen 1900 Jan. 18. 

He?-mann Usener in Bonn 1891 Juni 4. 

Girolamo Vitelli in Florenz 1897 Juli 15. 

- Kurt Wachsmuth in Leipzig 1891 Juni 4. 

- Heinrich Weil in Paris 1896 März 12. 

- Julius Wellhausen in Göttingen 1900 Jan. 18. 

- Ltidoig Wimmer in Kopenhagen 1891 Juni 4. 

Wilhelm Windelband in Heidelberg 1903 Febr. 5. 

- Wilhelm Wundt in Leipzig 1900 Jan. 18. 



BEAMTE DER AKADEMIE. 
Bibliothekar und Archivar: Dr. Köhnke. 
Wissenschaftliche Beamte: Dr. Dessau, Prof. — Dr. Ristenpart. — Dr. Harms. — 

Dr. Czeschka Edler von Maehrenthal, Prof. — Dr. von Fritze. — Dr. Karl Schmidt. 

— Dr. Frhr. Hiller von Gaertringen, Prof. 



WOHNUNGEN DER ORDENTIJCHEN MITGLIEDER 
UND DER BEAMTEN. 

Hr. Dr. Auivers, Prof., Geli. Ober-Regierungs-Rath. Lindenstr. 91. SW 68. 

- von Bezold, Prof., Geh. Ober-Regierungs-Ratli. Lützowstr. 72. W 35. 

- Branco, Prof., Geh. Bergrath, Maassenstr. 35. W 62. 

- Brandl, Professor, Kaiserin Augustastr. 73 "NV 10. 

- Brunne]-, Prof., Geh. Justiz -Rath. Lutherstr. 36. W 62. 

- Burdach, Professor, Grune\^'ald, Paulsbornerstr. 8. 

- Conze, Professor, Grunewald, Wangenheiinstr. 17. 

- Diels, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Kleiststr. 21. W 62. 

- Dilthey, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Burggrafenstr. 4. W 62. 

- Dressel, Professor, Charlottenburg, I^esebeckstr. 3. 

- Engelmann, Prof., Geh. Medicinal- Rath, Neue Wilhelmstr. 15. NW 7. 

- Engler, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Steglitz, Neuer Botanischer 

Garten. 

- Erman, Professor, .Steglitz, Friedrichstr. 10/11. 

- Fkcher, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Hessische Strasse 1 — 4. N 4. 

- Frobenius, Professor, Charlottenburg, Leibiiizstr. 70. 

- Harnack, Professor, Fasanenstr. 43. W 15. 

- Heimelt, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Potsdam, Geodätisches Institut. 

- Hertwig, Prof., Geh. Medicinal -Rath, Grunewald, Wangenheimstr. 28. 

- Hirsclifeld , Prof., Geh. Regierungs-Rath, Cliarlottenburg, Carmerstr. 3. 

- vant Hoff, Professor, Charlottenburg, Lietzenburgerstr. 54. W 15. 

- Kekule von Stradonitz, Prof.. Geh. Regierungs-Rath, Landgrafen- 

str. 19. W 62. 

- - Kirchhoff, Prof.. Geh. Regierungs-Rath, 3Iatthaeikirchstr. 23. W 10. 

- A7««, Prof., Geh. Bergrath. Charlottenburg, Joachimsthalerstr. 39/40. 

- ÄbcÄ, Prof. , Geh. Medicinal - Rath , Kurfürstendamm 52. W 15. 

- Kohlrausch, Professor, Charlottenburg, Marchstr. 25*". 

- Koser, Geh. Ober-Regierungs-Rath, Charlottenburg, Carmerstr. 9. 

- Landolt, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Albrechtstr. 14. NW 6. 

- Lenz, Professor, Augsburgerstr. 52. W 50. 

Martens, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Gross -Lichterfelde West, 
Fontanestr. 

- Meyer, Professor, Gross -Lichterfelde West, Mommsenstr. 7/8. 

- Mööitis, Prof.. Geh. Regierungs-Rath. Sigismundstr. 8. W 10. 

- Müller -Breslau, Prof., Geh. Regierungs-Rath. Grunewald, Kurmär- 

kerstr. 8. 

- Munk, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Matthaeikirchstr. 4. W 10. 

- Fischel, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Haiensee, Joachim Friedrich- 

str. 47. 



Hr. Dr. Planck, Professor, Aclienbachstr. 1. W 50. 

Freiherr von Richlhofen, Prof., Geh. Kegierungs-Rath , Kurfiirsten- 

str. 117. W 62. 
Roetlie, Professor, Westend, Ahoru -Allee 30. 
Saclimc, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Wormserstr. 12. W 62. 

- Schäfer, Prof., Grossherzogl. Badisclier Geh. Rath, Steglitz, Fried- 

richstr. 7. 

- Sc/imidt, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Derfflingerstr. 21. W 35. 
Schmoller, Professor. Wormserstr. 13. W 62. 

- Schottky, Professor, Steglitz, Fichtestr. 12". 

Sclirader,VroL, Geh. Regierungs-Ratli, Kronprinzen -Ufer 20. NW 40. 
Schulze, Franz Eilhard, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Invalidenstr. 43. 

N 4. 
Schulze, Wilhelm, Professor, Kaiserin Augustastr. 72. W 10. 

- Schwarz, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Grunewald, Humholdtstr. 33. 
iSc/jWCTrfeMer, Prof.. Geh. Regierungs-Rath, Matthaeikirchstr. 28. W 10. 
Struve, Professor, Enekeplatz 3'^. SW 48. 

Stumpf. Prof., Geh. Regierungs-Rath, Augsburgerstr. 61. W 50. 
Tobler, Professor, Kurfürstendainin 25. W 15. 

- Vahlen, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Genthinerstr. 22. W 35. 

- Vogel, Prof., Geh. Ober-Regierungs-Rath, Potsdam, AstrophysikaH- 

sches Observatorium. 

- Waldeyei-, Prof., Geh. Medicinal-Rath, Lutherstr. 35. W 62. 

- Warbiirg, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Neue Wilhehnstr. 16. NW 7. 
von Wilamowitz-Moellendorff, Prof., Geh. Regierungs-Rath, Westend, 

Eichen -Allee 12. 
Zimmer, Vroi., Geh. Regierungs-Rath , Haiensee, Auguste Victoriastr. 3. 

- Zimmermann, Geh. Ober-Baurath, Calvinstr. 4. NW 52. 



Hr. Dr. Czeschka Edler von Maehrenthal , Professor, Wissenschaftlicher Beamter, 
Steudalerstr. 3. NW 5. 

- Dessau, Professor, Wissenschaftlicher Beamter, Charlottenburg, Car- 

merstr. 8. 

- von Fritze, Wissenschaftlicher Beamter, Kurlürstenstr. 112. W 62. 
Harms, Wissenschaftlicher Beamter, Schöneberg, Erdmannstr. 3. 
Freiherr Ililler von Gaertringen , Professor, Wissenschaftlicher Beamter, 

(^ourbierestr. 15. W 62. 
Kölinke, Bibliothekar und Archivar, Charlottenburg, Goethestr. 6. 
Ri-stenpart, Wissenschaftlicher Beamter, Zehlendorf, Prinz Friedrich 

Karlstr. 12. 

- Schmidt, Karl, Wissenschaftlicher Beamter, Bayreutherstr. 20. W 62. 



SITZUNGSBERICHTE i9or, 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEiyilE DEK WISSENSCHAFTEN. 



12. Januar. Gesammtsitzuiig. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Walde yek. 

1. Hr. Haenack las über den apokryphen Briefweclisel der 
Korinther mit dem Apostel Paulus. 

Die Abliaiidking enthält zwei Theile. In dem ersten sind die fünf Textzeugen 
für den Briefwechsel (ein lvO])tischer, zwei lateinische, ein armenischer und ein syrisch- 
armenischer) untersucht und auf Grund derselben ist eine Zurückühersetzung der Briefe 
ins Griechische gegeben. In dem zweiten wird gezeigt, dass die Briefe ein integri- 
render Bestandtheil der alten Acta Pauli sind. 

2. Hr. DiELS legte den Berieht des Prof". L. Cohn, Breslau, über 
die von ihm mit Unterstützung der Akademie ausgeführte Vergleichung 
einer römischen Philohandschrift vor: »Ein Philo-Palimpsest«. 

Oei- Vaticanus gr. 316 enthält unter bj'zantinischen Aristoteles -Commentaren in 
der Schrift des X. Jahrhunderts Stellen aus verschiedenen I'hilonischen Schriften 
(83+ Blätter), aus De migratione aninii, De Josepho, De vita Mosis I, besonders De vita 
Mosis II (III). De decalogo ganz. De specialibus legibus I ganz, II Anfang. Für diese 
letztere Schrift ist der Palinipsest von unschätzbarem Werthe. 

){. Hr. F. E. Schulze legte eine Abhandlung de.s Hrn. Dr. med. 
John Siegel in Berlin vor: »Untersuchungen über die Ätiologie 
des Scharlachs«, deren Aufnahme in deii Anliang zu den Abhand- 
lungen 1905 genelimigt Avurdc. 

Der V'erf. untersuchte Blut und Haut von Scharlaclikranken sowie Blut von Ka- 
ninchen, welche mit Scharlachgift geini])ft waren, und fand Protozoen, die, ähnlich den 
bei der Untersuchung von Pocken sowie von Maul- und Klauenseuchegefundenen, zum Thcil 
locomotorische Bewegung, zum Theil Kerntheilungen zeigten. Systematisch rechnet \'erf. 
den Parasiten, welchen er Cytorhyctes scarlatinae nennt, zu den Flagellaten oder Sporozoen. 

4. Hr. VON WiLAMOwiTZ-MoELLENDORFF legte eine Mittheilung des Hrn. 
Dr. W. KoLBE in Athen vor: Bericht über eine Reise in Messenicn. 

Die Reise hat ausser andern, namentlich to])ographischen Ergebnissen das Ileilig- 
thum der Aitemis Limnatis im Taj'getos sicher fixirt. 

5. Derselbe legte eine Mittheilung des Hrn. Dr. C. Fredrich in 
Posen vor: »Bericht über eine Bereisung der Inseln desTlira- 
kischen Meeres und der Nördlichen Sporaden«. 

Besonders merkwürdige Entdeckungen sind auf Lenmos eine tyrhenische Nekrn- 
pole mit reicher, ganz singulärer Keramik, auf Iniliros eine antike 'I'halsperre. auf 

Sitzungsbei'ichte 1905. 1 



2 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

Hagiostrati der Ortsname llalonisi, auf Thasos 77 neue Insclu-if'ten , auf Peparetluis 
ein Volksbeschhiss, der hier mitgetheilt wird. 

6. Hr. A'Yarburg legte vor eine Abhandlung dos Hrn. Dr. Ulrich 
Behn, Privatdocenten an der Universität Berlin: «Über das Ver- 
hältniss der mittleren (BuNSEN'schen) Calorie zur i5°-Calorie 

f ; , 

Bekannt ist die Quecksilljermenge, welche in das Eiscalorinieter eingezogen wird, 
wenn AVasser von 100° in dasselbe eingeführt wird. Verf. bestimmt die Qneclcsilber- 
mengc. welche eingezogen wii'd, wenn Wasser von 20° und Wasser von 10° einge- 

uiittlere Gramm-Calorie (0 — 100°) 
führt wird, und findet so das X'erhiiltniss il°- Calorie =o-9997- 

7. Hr. Frobenius legte eine Mittheilung des Hrn. Dr. J. Schur in 
Berlin vor: Über eine Classe von endlichen Gruppen linearer 
Substitutionen. 

Der Verf. bestimmt das kleinste gemeinsame Vielfache der Ordnungen aller 
endlichen Gruppen linearer Substitutionen in n Variabein, deren Spuren einem gege- 
benen algebraischen Zalilkörper angehören. 

8. Zu wissenschaftlichen Unternehmungen hat die Akademie dmx'h 
die phj^sikalisch- mathematische Classe bewilligt: Hrn. Oberbergrath 
Prof. Dr. Karl Chelius in Darmstadt zur Fortsetzung seiner geologisch- 
petrographischen Bearbeitung des Odenwaldes 1000 Mark; Hrn. Prof. 
Dr. Otto Cohnheim in Heidelberg zur Fortführung seiner Arbeiten über 
Glykolyse in den Muskeln 1000 Mark; Hrn. Heinrich Friese in Jena 
zur Herausgabe einer Monographie der Meliponen 1200 Mark; Hrn. 
Prof. Dr. Gustav Klemm in Darmstadt zur Fortsetzung seiner geologi- 
schen Untersuchungen im Tessinthal 500 Mark; Hrn. Prof. Dr. Robert 
Lauterborn in Heidelberg zur Fortsetzung seiner Erforschung der 
Tliier- und PÜanzenwelt des Rheins und seiner Zuflüsse 1000 Mark: 
Hrn. Prof. Dr. Rudolf Magnus in Heidelberg zur Fortführung seiner Ver- 
suche an glatter Muskulatur, .speciell am überlebenden Darm 300 Mark; 
Hrn. Prof. Dr. Robert Sommer in Giessen zur Fortsetzung seiner Stu- 
dien über Ausdrucksbewegungen 500 Mark; Hrn. Prof. Dr. Arnold 
SruLER in Erlangen zur Fortsetzung seiner Bearbeitung der Schmetter- 
linge Europas 1000 Mark. 

*.). Au Druckschriften wurden vorgelegt das von der Akademie 
unterstützte Werk Georgii Monachi Chronicon ed. Carolus de Boor. 
Vol. 2. Lipsiae 1904 und ein Band der Monumenta Germaniae histo- 
rica: Legum Sectio III. Concilia. Tom. 2. Pars i. Hannoverae 1904. 



Die Akademie hat in der Sitzung am 15. December 1904 den 
Professor an der Universität Rom Ignazio Guidi zum correspondiren- 
den Rlitglied der ]ihilosophisch-historischen Classe gewählt. 



Untersuchungen über den apokryphen Briefwechsel 
der Korinther mit dem Apostel Paulus. 

Von Adolf Harnack. 



Unsere Kenntniss des apolciyjihen Briefwechsels der Korintlier mit 
Paulus ist durch die überraschende Auffindung zweier verschiedener 
altlateinischer Übersetzungen und durch die Entdeckung der kopti- 
schen Überreste der Acta Pauli in erfreulichster Weise bereichert ^vorden. 
Nicht nur besitzen wir jetzt fünf Quellen zur Feststellung des ursprüng- 
lichen Wortlauts der Briefe, sondern es liat sich auch die La Croze- 
ZAHN'sche Hypothese, den Ursprung des Briefwechsels betreffend, glän- 
zend bestätigt. Er gehört den alten Acta Pauli an , die nun mit einem 
Schlage eine greifbare Grösse geworden sind, da der Kopte lehrt, 
dass auch die Acta Theclae und »das Martyrium des Paulus« ursprüng- 
lich Theile eben dieses umfangreichen Werkes gewesen sind. Die 
Briefe sind aber die vornelimsten Bestandtheile desselben; denn sie 
haben eine lange Zeit hindurch den Syrern und Armeniern, ja auch 
einigen Lateinern, als echt gegolten und sind in die alte syrische und 
armenische Bibel und in einige lateiniscjie Bibelexemplare aufgenommen 
worden. Auf eine sorgfältige Untersuchung haben sie also vor Allem 
Anspruch. 

Auf den folgenden Blättern habe ich mir eine doppelte Aulgabe 
gestellt: ich beabsichtige, erstlich den virsprünglichen Wortlaut des 
Briefwechsels in der Originalsprache annähernd wiederherzustellen, 
zweitens das Zeugniss des Kopten, dass die Briefe ein integrirender 
Bestandtheil der alten Paulusakten sind, aus inneren Gründen zu A'er- 
stärken. 

Was die erste Aufgabe betrifft, so sind allerdings nicht für alle 
Partien des Briefwechsels sämmtliche fünf Zeugen vorhanden. Den 
beiden Lateinern fehlt das historische Mittelstück, und ausserdem sind 
hier und da ganze Verszeilen in ihnen abgerissen oder unleserlich. 
Der Kopte bricht leider beim 26. Verse des Paulusbriefs ab und hat 
auch vorher schon zahlreiche grössere und kleinere Lücken. Ephraem's 
Text muss seinem nur in armenischer Sprache erhaltenen Commentar 

1* 



4 Gesammtsitzung vom 12. .Januar 190.1. 

zum Briefwechsel entnommen werden; Text und paraphrastische Er- 
klärung gehen aber in ihm oftmals in einander über. Nur der ar- 
menische Text, wie er in zahlreichen Bibelhandschriften steht, ist 
vollständig und lässt über den genauen Wortlaut kaum irgendwo einen 
Zweifel. Dennoch wird es sich zeigen, dass der ursprüngliche Text, 
und zwar in der Originalsprache, mit einer für historische und dogmen- 
historische Zwecke genügenden Sicherheit wiederhergestellt werden 
kann. Der Kopte, der beste Zeuge, und die beiden Lateiner, von 
denen jeder seine besonderen Vorzüge hat, L, aber besonders gut ist, 
ermöglichen die Lösung der Aufgabe. Dabei wird es sich ergeben, 
dass man bisher nur eine sehr ungenaue und darum irreführende Kennt- 
niss von dem Briefwechsel besessen hat; denn die Confrontation der 
Zeugen lehrt, dass die Briefe im Armenier und in dem einen Latehier 
— nach diesen hat man sie bisher gelesen — , ja auch bei Ephraem, 
durch Interpolationen auf's Stärkste entstellt sind. 

Die zweite Aufgabe anlangend, so hat jüngst Hr. Corssen (Gott. 
Gel. Anz. 1904 Nr. 9, S. 718), trotz dem Kopten, bestritten, dass die 
Briefe ursprünglich einen Bestandtheil der Acta Pauli gebildet haben. 
Er hat freilich schlechterdings keine Gründe genannt, sondern einfach 
erklärt: »Wer nicht sieht, dass dieses Machwerk später in die Paulus- 
acten als ein Antidoton hineingelegt ist, mit dem ist nicht zu reden.« 
Eine sehr kühne und sehr unhöfliche Behauptung. Umgekehrt kann 
vielmehr der Beweis dafür, dass die Briefe in die Acta Pauli gehören, 
überflüssig erscheinen; denn sie stehen in denselben, und Niemand 
hat bisher die Annahme zu begründen versucht, dass sie ein späterer 
Einschub sind. Da aber sonst in den Acta Pauli Briefe des Apostels 
sich nicht finden, ist es von Interesse und wichtig, die Klammern 
aufzuweisen, die diese Briefe mit dem Ganzen des Werks verbinden. 
Schon hier aber darf ich daraufhinweisen, dass ich — als noch Niemand 
ahnen konnte, die Acta Theclae und unsere apokryphen Briefe seien 
Bestandtheile eines und desselben Werkes — in meiner »Chronologie« 
Bd. I die Verwandtschaft beider Stücke hervorgehoben habe.^ Es be- 



' S. 499: »Der \'erfasser der Acta Theclae bewegt sich bei der Benutzung der 
Paulusbriefe und der Ajjostelgeschichte ganz frei, erlaubt sich Abweichungen von der 
apostolisclien Geschiclite, construirt kühn die Predigt Pauli nicht aus seinen Briefen, 
sondern erfindet sie frei. Diese Merkmale sind aber keine Instanz gegen die Ab- 
fassung der Acten um i6oft'. .... Man vergleiche, um nur eins zu nennen, den 
apokiyphen Briefwechsel Pauli mit den Korinthern, der überhaupt benierkenswerthe 
Parallelen zu den Acten der Thekla bietet." S. 501: »Wenn der \'erfasser der Acten 
der Tliecla die ])aulinische Predigt gleich im i. Capital als Predigt nepi thc reNNHceuc 
kaI ANACTAceuc XpiCTOY bezeichnet, so sind alle Elemente beisammen, die man in einer 
populären Auseinandersetzung mit dem Gnosticisnuis innerhalb einer »Geschichte« er- 
warten kann. Auch hier ist übrigens die Parallele zum falschen Briefwechsel des 
Paulus mit den Korinthern besonders deutlich.« 



IIarnack: Der apokryphe Briefwechsel des Paulus mit den Korinthern. 5 

deutet doch etwas, dass die sacliliclie Zusammengehörigkeit zweiei* 
Schriftstücke zuerst erkannt worden ist und dass erst später ein ur- 
kundlicher Fund auch ihre litterarisch c Einlieit darücthan liat. 



I. Der Text des apokryphen Briefwechsels der Korinther 
mit dem Apostel Paulus. 

(i) Der altarmeuische Text (A) ist nach zahh-eiclien Handschriften 
am besten recensirt und sorgfäUig in 's Deutsche übersetzt worden von 
Vetter (Der apokryphe dritte Korintherbrief, Wien 1894). Der Werth 
von A beruht auf seiner Vollständigkeit; im tTbrigen ist er der schlech- 
teste Zeuge. Nach der VETTERschen Recension von den einzelnen Va- 
rianten dieses Textes noch besonders Notiz zu nehmen, ist kaum 
irgendwo nothwendig. Die armenische Übersetzung wird der ersten 
Hälfte des 5. Jahrhunderts mit Grund zugeschrieben. 

(2) Der syrische Text Ephraem's (E) liegt nur in einer armeni- 
schen Übersetzung vor und tlieilt schon deshalb einige Eigenthüni- 
lichkeiten mit A; auch ist (s. o.) bei der paraphrastischen Art, wie 
Ephraem seine Texte erklärt hat, nicht immer sofort zu entscheiden, 
wo der überlieferte Text aufhört und Ephraems Erklärung beginnt. 
Indessen kommen hier die anderen Zeugen zu Hülfe, so dass kaum 
an irgend einer wichtigen Stelle ein Zweifel übrig bleibt. Auch tritt 
trotz der Übersetzung und trotz der Tiiatsache, dass der A- und E-Text 
A'on Hause aus nalie mit einander verwandt sind (da die armenische 
Übersetzung aller Wahrscheinliclikeit nach aus einer syrischen geflossen 
ist), die Eigenthümlichkeit und der Vorzug E's gegenüber A klar 
Iieraus. E ist von zahlreichen Interpolationen frei, die sich in A 
linden. Zwei genaue deutsche Übersetzungen dieses Textes sind uns 
geschenkt worden, nämlich von Kanajanz (revidirt von Hübschmanx), 
bei Zahn, Gesch. des NTlich. Kanons II, 2, S. 595 fl^., und von Vetter 
(a.a.O.). Ich bin der letzteren gefolgt. Die Briefe standen bereits 
in der Bibel des Aphraates, wie zwei Citate, die bei ihm nachgewiesen 
sind, darthun. Also ist die syrische Übersetzung auf das Jahrhundert 
250 — 350 anzusetzen: indessen ist auch die er.ste Hälfte des 3. Jahr- 
hunderts nicht sicher auszuschliessen, obschon es von Wichtigkeit ist, 
dass die Bardesaniten die Briefe nicht in ihrem Kanon gehabt haben. 

(3) Der lateinische Text (L,) der Bibelhandschrift von Biasca 
(saec. X., jetzt in Mailand) ist von Berger entdeckt und von ihm und 
Carriere im Jahre 1891 publicirt worden (Rev. de theol. et de philos. 
t. 23). Nach ihnen habe ich (Theol. Lit. Ztg. 1892 Nr. i) auf Grund 
einer neuen Vergleichung der Handschrift durch Nie. Müller den Text 
recensirt, Vetter liat ihn (a.a.O.) nacli beiden Ausgaben abgedruckt. 



G Gesaniiiitsitzuiig vom \2. Januar 1905. 

Das gi'scliiclitliclie Mittelstück, Avelches die beiden Briefe verbindet, 
fehlt hier. Über das Alter und den Werth dieser Übersetzung s. unten. 

(4) Der lateinische Text (L^) der Bibelhandschrift von Laon (saec. XIII.) 
ist von Bratke entdeckt und in der Theol. Lit. Ztg. 1892 Nr. 24 publi- 
cirt worden. Hiernach ein Abdruck bei Vetter (a. a. 0.). Auch in L^ 
fehlt das geschichtliche Mittelstück. Über das Alter und den Wertli 
dieser Übersetzung s. unten. 

(5) Der koptische Text (K) auf Papyrus (c. saec. VI.; aber wie 
alt ist die Übersetzung?) ist von Karl Schmidt entdeckt und in dem 
Werke »Acta Pauli aus der Heidelberger koptischen Papyrushandschrift 
Nr. I«, 1904, publicirt und in's Deutsche übersetzt worden. Schmidt 
hat sowohl in dem Apparat S. 73 — 82 als in dem Abschnitt S. i 25 — 145 
(loa Werth des Zeugen K sorgfältig und scharfsinnig erörtert. Die Er- 
gebnisse seiner Untersuchungen haben sich mir sämmtlich bestätigt; 
aber Schmidt konnte nicht beabsichtigen, in den Grenzen seines Werks 
eine Recension des Briefwechsels mit Hülfe aller Zeugen zu liefern; 
er hatte nur die Bedeutung des neuen Zeugen an das Licht zu stellen, 
und die Lösung dieser Aufgabe ist ihm trefflich gelungen: er hat den 
Reweis geliefert, dass K ein sehr guter, ja man darf sagen, der beste 
Zeuge ist.' Doppelt ist daher die Lückenhaftigkeit dieses Zeugen zu 
beklagen, zumal er uns zahlreiche griechische Worte des Original- 
textes in seiner Übersetzung erhalten hat. 

Vor Schmidt hat sich Vetter am eingehendsten mit dem Text 
der Briefe beschäftigt; aber er hat nicht gewagt, aus AEL, L, eine 
einheitliche Recension herzustellen und auf den Grundtext zurückzu- 
gehen. Eifrig hat er sich bemüht zu zeigen, dass die lateinischen 
Übersetzungen aus dem Syrischen geflossen sind (vergl. auch Zahn's 
und meine frühere Ansicht). Diese Meinung lag nahe, solange man 
von der Existenz des Briefwechsels in griechischer Sprache überhaupt 
nichts wusste. Nun aber, seit Gitate in der apostolischen Didaskalia 
nachgewiesen sind und seit durch den Kopten gewiss geworden ist, 
dass die Briefe griechisch existirt haben (und zwar als Bestandtheil 
der Actn Pauli), ist die an sich scliwierige, aber früher doch wohl 
verständliclie Annahme, die lateinischen Übersetzungen seien aus dem 
Syrischen geflossen, ganz unwahrscheinlich geworden.' Dazu kommt, 
dass sich bei beiden Lateinern griechische Worte finden. Endlich — 
und das ist durchschlagend — wird sich zeigen, dass die lateinische 
Übersetzung bez. die Übersetzungen in eine so hohe Zeit hinauffuhren, 

' Dies ist für die Würdigung von K in Bezug auf den Text der Acta Pauli 
überhaupt entscheidend. Durchweg ist also K bei der Textrecension in den Vorder- 
grund 7.U rückiMi. 

- Siehe Sliimiht, a. :i. (). S.i2"^fl'. 



Harnack : Der apokryphe Briefwechsel des l'auhis mit den Koiintherii. 



d;iss an eine Übersetzung aus dem Syrischen nicht wohl mehr gedacht 
werden kann. 

Wir beginnen damit, zunächst das Verhältniss der beiden lateini- 
schen Versionen zu einander zu untersuchen und ihre Entstehungszeit 
festzustellen, was bisher noch nicht geschehen ist. Zu diesem Zweck 
ist es nothwendig, beide abzudrucken.' Auf einen neuen Abdruck 
von AEK aber verzichte ich und verweise auf Vetter, Zahn und 
Schmidt.' 



(L,) [Explicit epistula Pauli ad 

Hebreos.] Incipiunt scripta 

Corinthiorum ab^ apostolum 

Paulum. 

(i) Stephanus et qui cum eo sunt 

omnes maiores natu Daphinus 

et Eubolus et Theophilus et 

Zenon, Paulo fratri in domino 

aeternam salutem. 

(2) SuperveneruntCorinthum* viri 
duo, Simon quidam et Cleo- 
bius, qui corundam fidem per- 
vertunt verbis adulteris, 

(3) quod tu proba: 

(4) lumquam enim audivimus a te 
talia . . . 



(5) 
(6) 

(7) 



in carne t 



(Lj) Peticio Corinthiorum a 
Paulo apostolo. 



( 1 ) Stephanus et qui cum eo sunt '* 
maiores natu Daphus [et Ze- 
non]*' et Eubolus et Theophi- 
lus et Zenon Paulo in domino 
salutem. 

(2) Venerunt Corinthum duo qui- 
dam Simon et Cleobius qui 
quorundam fidem subvertunt 
corruptis verbis, 

(3) quae tu proba et examina; 

(4) ista enim numquam neque a 
te neque ab aliis apostolis 
audivimus, 

(5) sed quaecunque ex te aut ex 
illis accepimus, custodimus. 

(6) cum ergo dominus nostri mi- 
sereatur, ut, dum adhnc in 
carne es, iterum liaec^' a te 
audiamus, 

(7) aut perveni ad nos aut scribe 
nobis: 



' Dies einj)fiehlt sich auch deshalb, weil sie beide bisher nicht leicht zugänglich sind. 

^ Diese Arbeit war schon abgeschlossen, als mir Rolff's Bemerkungen zu unserm 
Briefwechsel (bei Hennecke, Handbuch z. d. NTlichen Apokr)'j)hen, 1904, S. 388tt'.) 
zukamen. 



" Ich würde ab unbedenklich in ad 
reu rigiren , stände nicht in Lj Peticio a 
l'aido. Ist nach scripta Cor. etwas aus- 

gef:illen;' — ■* !Ms. Coriiitho. — ■'' Es sind 
vier Zeilen im Ms. abgerissen (ausser den 
acht ersten Buchstaben der 4. Zeile). 



'* Hinter sunt im IMs. ein ausgestriche- 
nes fratres. 

-* Ofienbare Dittograjihie. 
3* :\!s. h,r. 



Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 



(8) credimus enim, sicut adaper- 
tum est ....', quoniam libe- 
ravit te dominus de manu 
iniqui; petimus ut rescribas 
nobis ; 

(9) sunt enim quae dicunt et do- 
cent talia: 

(10) non debere inquiunt vatibus 
credi, 

(11) neque esse deum ....", 

(12) neque esse resurrectionem car- 
nis, 

(13) sed nee esse figm[entum]^ ho- 
mjnem dei, 

(14) sed neque in carne venisse 
Christum, sed neque ex Maria 
natum, 

(15) sed nee esse saeculum dei sed 
nuntiorum. 

{16) propter quod petimus, frater: 
omni necessitate cura venire 
ad nos, ut non in oflensam 
nianeat Corinthiorum ecclesia, 
et eorum dementia inanis in- 
veniatur. Vale in domino. 

Incipit rescriptum Pauli apo- 
stoli ad Corinthios. 

(1) Paulus, vinctus Jesu* Christi 
his qui sunt Corintho fratri- 
bus in domino salutem. 

(2) In multjs cum essem tae- 
diis^, non miror, si sie tam 

' Der Name ist unleserlich. 

- Ein Loch im Ms.; man erwartet om- 
nipotentem oder das Synonymum nmnia te- 
nentem, s. II, 9. 

^ Ein Loch im ]\Is. 

■* Ms. Ihfsii . so ininier. 

'" Ms. t/'iliis. 



(8) credimus enim, quomodo 
Atheonae^ manifestatum est. 
quod te dominus de mani- 
bus inimici eripuit, ita et nos 
credentes in domino; 

(9) sunt autem quae dicunt et 
docent talia: 

10) negant prophetis oportere uti; 

1 1 ) nee communium rerum esse 
deum potentem, 

I 2) nee anastasim futuram carnis. 

13) nee hominem a deo factum, 

14) nee in carne Christum de- 
scendisse nee de Maria natum, 

1 5) nee dei esse orbem sed nun- 
tiorum. 

1 6) propter quae, frater, omne Stu- 
dium adhibe veniendi ad nos, 
ut sine scandalo maneant Co- 
rinthiorum eeclesiae' et illo- 
rum dementia manifestetur. 
Vale in domino semper. 

Epistola tertia ad Corinthios, 

quae autentica non est. 

(i) Paulus vinctus Christi Jesu^ 

fratribus qui Corintho sunt 

salutem. 

(2) In multis* quae mihi ' non ut 

oportet eveniunt, non miror, 

' iNls. Atheone. — ^ Ms. ecclesie. 

' Ms. Ihesii, so immer. 

■* Hinter In steht ein etwas verwisclites 
Schriftzeichen, das aussieht wie ein n mit 
einem schrägen Strich, der von der oberen 
Kante links nach rechts geht. Ich halte 
das Ganze für ein ausgestrichenes «. An 
Stelle des mu {multis) liat auch ursprüng- 
lich etwas anderes gestanden (Bratke). 

^ Ms. micJii. 



Harn'ack: Der apokryphe Briefwechsel des P;nihis mit den Korintherii. 



9 



cito percurrunt malisini de- 
iTota, 

(3) quia dominus mens Jesus 
Cliristus citatuin adventum 
siuim faciet, decipiens eos 
qui adulterant verbum eius; 

(4) ego enim ab initio tradidi vobis 
quae et aceepi et tradita sunt 
mihi a domino et eis, qui ante 
me sunt apostoli et fuerunt 
omni tempore cum ChristoJesu, 

(5) quoniam dominus noster Jesus 
Christus ex virgine Maria natus 
est ex semine David secundum 
carnem de' sancto spiritu de 
caelo a patre misso in eam per 
angelum Gabriel, 

(6) ut in hunc mundum prodiret 
Jesus in carne ut" liberaret 
omnem carnem per suam na- 
tivitntem, et ut ex mortuis 
nos excitet corporales, sicut et 
ipse se^ tipum nobis ostendit, 

(7) quia homo a patre eius finc- 
tus est. 

(8) propter quod et perditus quae- 
situs est ab eo, ut vivificetur 
per filii creationem.* 



' de ist vielleicht zu tilgen. Doch 
schreibt Bc (bei Gerhardt. Texte u. Unters. 
Bd. 22 11.2 S. 4) in Acta Theclae i : de 
Maria ex semine David necundum carnem et 
de sancto spiritu Jesus Christtis . . . natiis. 

- Vielleicht ist et zu le.sen. 

' Ms. irrthümlich est. 

* Ms. bietet nun die Worte: ut per 
quam carnem cnnversatus est malus, per eam 
et vinceretur, quia no?t est deus; suo enim 
€orpore Jhesus Christus salrarit omnem car- 
nem.. Sie finden sich v. 15. 16 wieder', und 
doithin gehören sie auch, wie die anderen 
Zeugen lehren. Da sie dort in etwas ande- 
rer Ül)erset/.ung stehen, so ist mit Vktter 
anzunehmen, dass schon die griechische 
^'orlage von Li die Dittographie geboten iiat. 



si malitiae praccurrit disci- 
plina, 

(3) quia dominus meus Jesus 
Christus volociter veniet in- 
iuriam non ferens ultra ad- 
ulterantium doctrinam suanr. 

(4) ego enim in initio tradidi 
vobis (|uae a praeeedentibus 
nostris sanctis apostolis acce- 
peram, qui omni tempore cum 
domino Jesu Christo fuerant, 

(5) quod' dominus noster Jesus 
Christus ex Maria natus est, 
quae est ex" [sejmine David, 
dimisso ad eam a patre spi- 
ritu celesti, 

(6) ut pro[di]ret in hoc sccuhim' 
et liberaret omnem [carnem]*. 
et ut per carnem et in carne 
nos de mortuis suscitaret, [ac] 
quod [ipse relin]cendum se 
statuit exemplar^, 

(7) et quia hom[o a deo patre]" 
formatus est, 

(8) ut revivesceret per adoptio- 
nem, ideo post mortem quae- 
situs est. 

' Unsicher, vielleicht quia. 

- Hinter ex ein ausgestrichenes Marin. 

' Ms. in hoc se cultu. 

* carntm nuiss ergänzt werden. 

" Bratke: "Vor quod hat ein kuiv.es 
Wörtchen, vielleicht oc, und hinter quod 
wahrscheinlich ipse gestanden. Hinter die- 
sem, aber nicht unmittelbar dahinter, er- 
kenne icii noch ein o, an welchem ein 
schräger nach oben gehender Strich, wahr- 
scheinlich Bindestrich, sichtbar ist. Mit cen- 
dum beginnt die neue Zeile. Die Zahl 
der vor o und liintei' ipse ausgefallenen 
Buchstaben schätze ich auf etwa drei.« 
Gewiss ist relinquendum zu ergänzen. 

''' .\n der defecten Stelle erkennt Braike 
noch ein d, ein o und ein p. 



in 



riesainiiit.sit/.uiiu; vom r2. Januar 1905. 



(9) iinm quin tleus omnium et 
omnia teneiis, qui fecit cae- 
lum et terram, misit primum 
Judaeis prophetas, ut a pec- 
catis abstraherentur; 

(10) consiliatus' enim salvare do- 
mum Israel, partitus ergo a 
spiritu Christi misit in pro- 
phetas qui enarraverunt dei 
culturam et nativitatem Christi 
praedicantes temporibus mul- 
tis. 

(11) non" ((uia iiiiustus prinecps, 
deum volens esse se, cos sub 
manu necabat^ et omnem car- 
nem hominum ad suam volun- 
tatem alligabat, et consum- 
mationes mundi iudicio ad- 
propiuquabant, 

(12) sed deus oninipotens, cum sit 
iustus, nolens abicere suam 
finctionem, misertus est de 
caelis 

{13) et misit* spiritum sanctum in 
Mariam in Galilea, 

(14) quae ex totis praecordiis ere- 
didit accepitque in utero spi- 
ritum sanctum, ut in secuhim 
prodiret Jesus, 

(15) ut per quam carneiu conver- 
satus est malus, per eam vic- 
tus^ probatus est non esse 
deus. 



' Ms. 


cotisolatus . 


Zahn und Diels con- 


silill/llS. 






- non 


kann nicl 


t i'iclitif»' sein. 


' Ms. 


negabat. 




* Ve-i 


TER will 


misfrlus est, de coelis 


amisit 






•■■ Ms. 


rincttis; s 


oben zu V. 8 (dort et 


t'inccretiir 


quia non 


est deus). 



(9) deus enim omnipotens, con- 
ditor celi et terrae', cum 
Judeos avellere vellet a de- 
lictis suis", 

(10) q[uia sjtatuerat domum Israel 
salvam esse, partem de Christi 
spiritu colla[tam super pro-]* 
phetas ad primos Judeos mi- 
sit, qui multo temjDore, q . . . .■* 
in" errore deum colebant, pro- 
nuntiaverunt. 

(11) sed [injiustus*^ pote[ns . . .] cum 
vult esse deus, exterininavit 
eos; adeo' omnem illorum 
[carjnem voluptatibus obli- 
sando. 



(12) tunc deus oiiniipoteiis nolens 
opus suum infirmari, 



(13) dimisit spiritum suum in Ma- 
riam, 



(15) ut per quam carnom ille 

malus mortem" [ ]xerat^, 

per eandem victus comproba- 
retur. 

' Ms. terre. — " Hier fehlt misit pri- 
mum Judeis prophetas. Lj bietet diesen 
Satz in v. 10 an Stelle eines älinliehen. — 
' Die Ergänzung; ist nicht ganz sicher. — 
* Lücke von etwa fünf Buchstaben; lies 
quo Uli. — ° Lies sine (Vetter). — •* Ms. 
iiista; vielleicht ist iniu.ste zu lesen. — 
' Bratke u. A. a deo und interpungiren 
vor omne}ii. — * mortem stellt zweimal im 
!i[s. — ° contra.xerat \\nK\v.v, . wahrscliein- 
lich induxerot [introditxerat Veiif.r). 



Harnack: Dei' apokryplic Briei'weclisel des Paulus mit den Korinthcni. 11 

(i6) suo enim corjxiro Jesus ('hri- (i6) Sic' enim in corpore Christus" 

stus .... Jesus omnem carnem servavit, 

(17) (17) iustitiam et exemplum ' in suo 

corpore ostendens, 

(18) (18) per quod liberati sumus: 

(19) (19) qui ergo istis consentiunt, non 

. . sed filii .... prudenti.-iin' sunt filii iustitiae sed irae* 

absque fide% dicentes non esse quia dei prudentiam respuunt 

caelum et terram et omnia dicentes celum et terram et 

qune in eis sunt patris opera; quae in eis sunt non esse opus 

dei; 

(20) ipsi sunt ergo filii irae; male- (20) maledicti enim qui serpentis 
dictam enim colubri fidem . . . .^ sententiam seeuntur. 
habent. 

(21) quos repellite a vobis et a (21) hos ergo ableite a vobis et 
(loctrina eorum fugite! a doctrina eorum fugite! 

I22) non enim estis filii' inoboe- 
dientiae sed amantissimae'' ec- 
clesiae, 

(23) propterea resurrectionis tem- 
pus praedicatum est; 

(24) quod autem vobis dicunt re- (24) et quod dicunt ana.stasini non 
surrectionem non esse carnis, esse carnis, sibi dicunt quia* 
illis non erit resvn-rectio in non resurgent, 

vitam , sed in iudicium eius^ 

(25) quoniam circa eum qui re- (25) quia non crediderunt, quia 
surrexit a mortuis infideles mortuus rcsurrexerit'; 
sunt, non credentes neque 

intellegentes: 

(26) ne(|ue enim, viri Corinthii, (26) neque, o Corinthii, frumonti 
sciunttriticiseminasicut"alio- aut ceterorum seminum in- 
rum seminum quoniam nuda telligunt sationem, quomodo 
mittuntur in terra et simul nuda mittantur in terram, et 
corrupta deorsum surgunt in cum dissoluta fuerint, resvu-- 



' Es sind 3 Zeilen im Ms. fast ganz ab- ' Vielleicht sno zu lesen, 

gerissen , auf der vierten hat Müller noch " Nicht sicher zu lesen. 

die Worte gelesen . . . sed filii . . . prudentiam. ' Wohl verschrieben für iemplum, s. die 

^ abaquefide ist eine Verschreibung für anderen Zeugen, 

ein Verbiun. * Ms. iusticie sed ire. 

^ Ms. fili. ^ Es fehlen etwa 8 Buchstaben. 

■' Ms. amaiifissimp. ° ^Is. sihy diainfqiie. 

■'' eins scheint unrichtig zu sein. ' Ms. rex surrfxerit. 

'' Wold verdorben aus aut. 



12 



Gesainintsitzun'' vom 12. Jaimai- l'JÜ."). 



voluntate dei corporata et 
vestita ; 

(27) non solum corpus, quod mis- (27) 
sum est, surgit, sed quam- 
plurimum benedicens.' 

(28) et si non oportet a seminibus (28) 
tantum facere parabolam, sed 

a (lignioribus corporibus, 

(29) vide, quia Jonas, Amathi (29) 
filius, Ninevitis cum non prae- 
dicaret, sed cum ftigisset, a 
caeto gluttitus est, 

(30) et post triduum et tres noctes {30) 

ex altissimo Inferno " 

exaudivit deus orationem Jo- 

nae, et nihil illius corruptum 
est, neque capillus neque pal- 
pebra: 

(31) quanto magis vos, pusilli fide, (31) 
et eos qui crediderunt in 
Christum Jcsum excitabit, si- 

cut ipse resurrexit? 

(32) s[i y super ossa Heli- (32) 

saei prophetae'' mortuus mis- 

sus est a filiis Israel, et re- 
surrexit corpus et anima et 
ossa et Spiritus: quanto ma- 
gis vos pusillao'' fidei a 
m[ortuis]* in illa die resur- 
getis, habentes sanam carnem, 
sicut et Christus resurrexit? 

(33) similiter et de Helia propheta: 
filium viduae a morte resusci- 



' Auch der Syr. hat das Activuin. 

^ Ein unleserliches (vielleicht ausge- 
stricheYies) Wort. "Tandem', welches 
Berqer zu sehen glaubte, ist nach Müller 
ganz, ungewiss. 

^ Die Ergänzung shniliter et ist nach 
V. .33 möglich. 

* Ms. prnpliptr. 

'- I\Is. pusille. 

" So ergänzte mit Recht Bi:i!f;F.ri. 



gunt in Yoluntatem dei et 
fiunt unum corpus: 
et non solum quod niissum 
surgit, sed multiplex. 

quodsi a seminibus nolumus 
sumere exemplum, 

certe scitis, quod Jonas, Ama- 
thi filius, dum non vult pro- 
nuntiare in Ninivem, devo- 
ratus est a marina bestia, 
et post tres dies et tres noctes 
ex infima' morte surrexit. 
exaudivit enim deus orantem 
Jonam , nee quicquam eius 
consumptum^ est, non ca- 
pillus neque palpebra: 
quanto magis vos, qui cre- 
didistis in Christo Jesu, susci- 
tabit, quomodo et ipse sur- 
rexit? 

et cum Helisei prophetae* 
mortuls ossibus* quidam dis- 
iectus a filiis Israel resur- 
rexit a mortuis in suo cor- 
pore: nonne et vos super cor- 
pus et ossa' spiritu" domini 
misso' in illa die resurgetis 
intesram habentes carnem? 



Ms. infirma. 
Ms. compsumitim. 
Ms. prophete. 
ossibus mortuus? 
et ist zu ergänzen. 
Lies spiritum. 
Lies missi. 



Harnack: Der a|)oUiy])lie Briefwechsel des Paulus mit den Koi-intliern. \'i 



(34) 



(35) 



(36) 



(37) 



(38) 
(39) 

(40) 



tavit': quanto uiagis vos do- 
minus Jesus in voce tubae'', 
in nutu^ oculi a morte re- 
suscitahit, sicut et ipse a mor- 
tuis resurrexit? tipum euim 
nobis in suo corpore ostendit. 
quod si quid aliud recepistis, 
erit vobis deus in testimo- 
nium, et molestus mihi nemo 
Sit; 

ego enim stigniata Christi in 
manibus* habeo, ut Christum 
lucrer, et Stigmata crucis eius 
in corpore meo, ut veniam in 
resurrectionem ex mortuis. 
et si quisquam regulam acce- 
pit per felices prophetas et 
sanctum ev[ange]lium, ma- 
net^ mercedem accipiet, et 
cum re[surr]exerit a mortuis, 
vitam aeternam consequetur; 
qui autem haec praeterit, 
ignis est cum illo et cum eis 
qui sie praecurrunt, qui sine 
deo sunt homines, 
qui sunt genera viperarum, 
quos repellite in domini po- 
testate, 

et erit vobiscum pax, gratia 
et dilectio. Amen. 
Kxplicit ejnstula ad Corinthios 
tertia. 



' jVIs. resuscltahit. 
- M.s. tuhe. 
^ Ms. Mihi. 

* Stigmata Christi in manibus muss falsch 
sein; die Stigmata folgen erst im nächsten 
Satz. 

* manet ist auffallend; auch fehlt die 
Copula; mindestens ist manet et zu lesen 
oder besser et manet. 



(34) 



(35) 



(36) 



(37) 



(38) 
(39) 

(40) 



quod si alia potius admit- 
titis', molesti esse mihi no- 
lite; 

ego enim arca [?]'", utCliristum 
in me lucrifaciam, et ideo Stig- 
mata eius in corpore meo 
porto, ut in resurrectione mor- 
tuormn et ipse inveniar. 
et quicumque huic regulae', 
quam per beatissimos prophe- 
tas et per sanctum evange- 
lium acceperunt, intenderunt, 
mercedem a domino accipient. 

qui vero ista praeterierint, in 

ignem aeternum* . . .'' erunt, 

et quicumque taliter versan- 

tur, 

ii" sunt progenies viperarum, 

a quibus vos separate' in vir- 

tute domini, 

et erit vobiscum pax. 



' Ms. admittititis. 

^ in arca = im Gefangniss, meiutVi-, rxER. 
Unsicher. 

^ Ms. regule. 

* Ms. etermim. 

^ Raum von etwa 3 Buchstaben an dieser 
durchlöcherten Stelle; der letzte Buchstabe 
war vielleiclit ein t; über ihm ist nocli ein 
wagerechter Abkürzungsstricli zu sehen 
(Bratke). 

« Ms. hü. 

' Ms. sejjnrarate. 



14 



Ge.s.iinmtsitzuna; vom 12. Januar 1905. 



Die Vergieichung der beiden Übersetzungen zeigt, dass L, sclavisch 
wörtlich und im Vulgärlatein abgefasst ist — ganz wie die ältesten 
Bibelübersetzungen — , dass aber L^ ihm gegenüber die Sprache der 
Gebildeten spricht und, was aus irgend einem Grunde anstössig war, 
entfernt bez. durch einen neutralen oder biblischen Ausdruck ersetzt 
hat. Das Verliältniss ist etwa das der Vulgata zur sogenannten Itala 
oder das des Lucas zu Matthäus und Marcus. Eine Reihe von Bei- 
spielen mag das erweisen: 



L, 
Überschrift: Scripta Corinthiorum 
I, 2 verbis adulteris 
I, 8 adaiiertiiin 
I, 8 de manu iniqui 
I, lo vates 

I, 13 esse figmentum linininem dei 
I, 15 esse saeculum dei 
I, 16 omni necessitate cura venire 
I, 16 iit non in offensam maneat Co- 
rinthiorum ecclesia 
I, 16 dementia inanis inveniatur 



Petilio Cor. 

corruptis verbis 

manifestatum 

de manibus inimici 

jiroplieta 

hominem a deo factum 

dei esse orbem 

onme Studium adhibe veniendi 

\it sine scandalo man. Cor. eccl. 

dementia manifestetur 



"Uberschiift : rcscriptum 
II , 2 in nndtis taediis 





2 


percurrunt mahfini decreta 




3 


citatum adventum faciet 




3 


dominus . . . decipiens 




3 


qui adulterant 




4 


qui ante nie sunt 




5 


ex virgine Maria, ex semine 
David 




5 


spiritu misso in eam 




6 


coiporales 




6 


tipum 




7 


homo finctus 




8 


vivificetur 




8 


per fiüi creationem 




9 


onmia tenens 




9 


qui fecit caelum et terram 




10 salvare 




10 pa!'tiius a spiiitu 




10 dei cultma 




1 1 


sub manu necabat 




1 1 


et alligabat 




1 2 


finctionem 




15 


ut piol)alus est(!) 




2C 


colubri fideni 




25 


infideles sunt circa 




26 


tritici 




26 


coi'j)orata 




2fc 


non ojiortet facere parabolam 



epistola 

in multis quae mihi non nt oportet 

eveniunt 
maliliae praecurrit disciplina 
velociter veniet 

dominus . . iniuriam non ferens 
adulterantes 
praecedentes 
ex Maria quae est ex semine David 

dimisso ad eam spiritu 

in carne 

exemplar 

homo formatus 

revivisceret 

per adoptionem 

omnipotens 

conditor caeli et terrae 

salvam esse 

partem de spiritu coUatam 

qui deum colebant 

exterminavit 

ol)hgando 

opus 

comprobaretur 

serpentis sententiam 

non crediderunt 

frumenti 

fiunt imum corpus 

nolumus sumere exeniplum 



Harnack: nci' iipoliiTplift Rriefwechsel des Paulus mit rlcn Korintheru. lo 

L, L, 

II, 29 a caeto gluttitus devoratus a uiarina bestia 

II, 30 triduuin et ti'es noctes tres dies et tres noctes 

II, 30 ex altissimo iufeino ex infima iiiorte 

II, 30 orationem Jonae oi-antem .huiain 

II, 30 et nihil nee quicquain 

II, 32 habentes sanain carnein intepjram habentes rarneni 

II, 34 ([uod si quid aliud recepistis quod si alia potius admittitis, niolesti 

. . . molestus mihi nemo sit esse mihi noiite 

II, 36 felices prophetae beatissimi prophetae 

II, 37 i^nis est cinn illo in i^nem [werden sie gehen] 

II, 37 ii qui sie praecurruut quicunque taliter versantur 

II, 38 qui sunt genera viperarum ii sunt progenies viperarum 
II, 39 (pios repellite in doniini po- a quibus vos separate in virtute do- 

testate mini ' 

Diese Tabelle zeii>t deutlich, dass L^ die Schriftsprache kennt; 
seine Übersetzungen erscheinen wie Correcturen des unbeliolfenen und 
vulgären Stils von L,. 

Ist L, eine auf Grund oder unter Zuziehung der Version L, an- 
gefertigte Übersetzung oder ist sie ganz selbständig? Beide geben 
npecBYTepoi durch »maiores natu« (I, i), ÄrreAoi durcli »nuntii« (I. 15) 
wieder." Sie schreiben beide: 

I, I Ste[)hanus et qui cum eo sunt (omnes) maiores natu 

I, 2 qui quoi-undam fidem tu proba 

1, 9 sunt ... quae dicunt et doceut talia 

I, 16 dementia (h mcüpia) 

I, 16 ut non in offensam (sine scandalo) maneat (cKANAAAiieceAl) 

II, 2 in multis .... non miror 
II, 3 adultei'are (aoaoyn) 

II, 4 ego enim ab (in) initio tradidi vobis quae 

II, 4 omni tempore 

II , 6 ut prodiret ... et (ut) liberaret omnem carnem 

II, g. 10 vergl. die Periodenbildung 

II, 15 ut per (|uam carnem 

II, 19 jjrudentiam (cfNeciN) 

II , 21 ... a vobis et a doctrina eorum fugite 

II, 32 in illa die resurgetis 

II, 37 praeterire (nAPABAiNeiN) 

Da die hier aufgewiesenen Übereinstimmungen nur grösstentlieils, 
aber schwerlich alle zufallig entstanden sein können, so ist es meines 
Erachtens wahrscheinlicher, dass L^ die Übersetzung L, gekannt hat."* 



' Zu bemerken ist noch, dass in L, viermal quoniam (^ dass) steht, in Lj nie- 
mals (dafür quod, quia, qiwmorh). 

^ Aber II, 5 schreibt L, per angelum Gahriel. 

^ Am deutlichsten scheint mir die Abliängigkeit von Li bei I. 16 und bei II, 9.10. 
In I, 16 hatte der Grieche ckanaaaicgh , L, hat das durch in qfen.m^m) maneat über- 
setzt, L2 durch sine scandalo maneat. Woher kommt das maneat in Lj, wenn nicht aus 
L,:' Ferner, in II, 9. 10 bietet Lj das prophetas ad ludaeos misif gegen den Grundtext 
nicht in v. 9, sondern erst in v. 10. Aus dem Grundtext lässt sich das nicht erklären, 



IG Gesainnitsitzung vuiu l'J. Januar 1905. 

Aber L, ist nur secundär von L^ benutzt worden: denn U hatte einen 
sehr viel besseren (weil nicht interpolirten) Text vor sich; er hat zwei- 
mal anastasim geschrieben, wo in L, resurrectionem steht (I, 12; II, 24) \ 
und er hat (I, 16) das griechische Wort ckanaaaiiein (s. den Kopten) 
bewahrt, wo L, non in offensam hat. Ihm war also der Grundtext nicht 
unbekannt. Er hat ihn neu, mit Berücksichtigung von L,, übersetzt. 

Dass Lj auf Grund eines viel reineren Originaltextes angefertigt 
ist, ist erst durch K deutlich geworden. Bevor wir K besassen, konnte 
man daran denken, L^ sei ein absichtlich verkürzter Text; denn das 
Zeugniss von AL, , und öfters sogar das von AL,E, stand ihm gegen- 
über. Allein nach der Entdeckung von K ist diese Annahme nicht 
mehr möglich." L^ und K sind von Interpolationen relativ frei, AL, 
bieten einen stark erweiterten Text^, E steht in der Mitte. L, aber 
behält als Übersetzung seinen besonderen Wertli durch seine Wörtlich- 
keit. Nach diesen Erkenntnissen bin icli bei der Recension des Textes 
verfahren; im Einzelnen will ich hier die befolgten Grundsätze niclit 
ausbreiten: die Methode mag sicli selber rechtfertigen. 

Noch ist ein Wort über das Alter der lateinischen Übersetzungen 
zu sagen. Nimmt man an, was das Nächstliegende ist, dass sie aus 

.sehr wolil aber aus Li; denn dort .steht eine ganz verworrene Periode, in der das 
misit prophetas zweimal voi'komint, nämlich in v. 9 und v. 10. Wer diese Periode klären 
wollte, tliat am besten, die Worte in v. 9 zu streichen, imd so ist Lj verfahren. Audi 
die identischen Übersetzungen maiores natu und mmtii eridäien sich am einfachsten durch 
die Annahme der Abhängigkeit der zweiten Übersetzung \'on L,. Fei'ner erscheint der 
Partilvi'lgebrauch in L2 an einigen Stellen wie Coriecturen des in Li vorliegenden Textes. 

' Dies ist eine nicht zu erklärende Singularität; sonst bietet L2 umgekehrt dort 
lateinische Worte, wo L, griechische hat (s. II, 6 tipum, exemplar, II, 28 paraholam, 
exemphtm, II, 29 cetus, marina bestia). Dass Lj propheta statt vates (L,) sclireibt, gehört 
niclit liierher; denn vates lautete profan. 

- übrigens hat L2 selbst ein paar Interpolationen, kann also schwerlich systema- 
tisch verkürzt sein. Das Eigentliümliche dieser Interpolationen besteht aber darin, dass 
sie in der Regel bei keinem der anderen Zeugen nachzuweisen sind, während ALj bez. 
AE bez. .ALiE viele lntei|)olaxionen gemeinsam haben. Interpolationen, die L, allein hat: 
I, 3. 8. 16. II, 4 (bis). 6. 32. 35 (bis). 36. 37. Die Stellen, an denen L2 mit K (bez. KE) 
gegen LjAE (bez. L,A) einen kürzeren und sicher echten Text bieten, sind zahlreich. 
ALi gehen auf dieselbe interpolirte Kecensicui zurück; jeder Zeuge hat aber noch seine 
besondeien Interiiolationen. An den Stellen, an welchen L2 mit einem kürzeren Texte 
gegen alle anderen Zeugen steht — ich zähle 18 solcher Stellen — , ist die Entschei- 
dung schwierig, da in acht von diesen Fällen K, dreimal K und E. und einmal E fehlt. 
Es bleiben sechs Stellen (I, 2. II, 2. 5. 12. 19 [bis]), in denen L2>L,K.AE etwas aus- 
lässt. Auf I, 2 [viri) und II, 19 (filii) kommt nichts an. In den anderen vier Fällen bin 
ich geneigt, L2 Recht zu geben; denn II, 2 [tarn cito) scheint ein Zusatz aus Gal. 1,6 
zu sein: II, 5 [nancto) war neben spiritu den Abschreibern fast nothwendig; II, 12 {cum 
Sit iustus) schien durch fjuia iniustii^ (II, 11) gefordert, und das omnia in II. 19 wui-de 
nach dei' geläufigen biblischen Phrase eingesetzt. 

■'■ Ganze \'erse haben sich nun als interpolirt eiwiesen (II. 14. 22. 23. ^t,) und 
ein paar Halbverse. Zum Theil sind die Interpolationen aus Parallelstellen in den 
echten I'aulusbriefen gellossen. 



Hahnack: Der npokryphe Briefwecliscl des Paulus mit den KorintlHwu. 17 

einer Übersetzung der gesammten Acta Pauli ausgegliedert worden sind, 
so gehören sie dem 3. Jahrhundert bezw. am wahrscheinliclisten der 
Zeit zwischen 190 und 250 an'; denn später sind diese gewiss nicht 
in"s Lateinische übersetzt worden.^ Aber auch aus inneren Gründen 
wird man die Übersetzungen der Briefe nicht in das 4. Jahrhundert 
oder in eine noch spätere Zeit rücken dürfen. Hätte man im 4. Jalir- 
hundert npecBYjepoi durch maiores natu^ , ArreAoi durch nuntii wieder- 
gegeben? Und wenn das Letztere noch möglich war^ — hätte man 
wie L, nANTOKPÄTcop (II, 9) durch omnia tenens übersetzt", hpo^hthc durch 
vates (I, 10)'', MAKÄPioi npo<t>HTAi durch felices prophetae (II, 36)? Hätte 
man tipus (II, 6) stehen lassen, umgekehrt aber scripta (= epistola) ge- 
schrieben? In L, haben wir die noch tastende, ungeschickte Sprache 
der wenig gebildeten alten Bibelübersetzer anzuerkennen, die am Ende 
des 2. und in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts gearbeitet haben. 
Das ist in L^ anders: aber sowohl der vorzügliche Grundtext, den 
dieser Übersetzer in die Hand bekommen hat, als auch das Unter- 
nehmen überhaupt, diese Briefe noch einmal zu übersetzen, spricht für 
das 3. Jahrhundert." Wer hatte denn im 4. Jahrhundert in der Kirche 
des Abendlands noch ein Interesse, diese Schriftstücke zu übersetzen? 
Durch die Versionen werden wir, was den Ursprung der Briefe 
betrifft — von ihrer Zugehörigkeit zu den Acta Pauli einmal abge- 

' Sichere Aiiluiltspunkte. um eine unserer Übersetzungen oder beide mit einer 
oder zwei der lateinischen Übersetzungen der Acta Theclae zu identificiren, habe ich 
nicht gefunden. Dei- Ausdruck marina hestia (L, II, 29) findet sich auch in jener 
Latina (c. 34) der Acta Theclae, die Gebhardt mit Cc bezeichnet hat. 

- Siehe meine Chronologie Bd. II, 8. 314!'. 

^ Siehe dazu Chronologie II, S. 309!'. 

* Nuntii für ÄrreAOl findet sich bei Conimodian einmal (Carmen 99), vgl. die 
Versio latina zum I. Clemensbrief c. 39. 

" II, 12 steht omiiipotens. Omnia tenens ist wohl uralt, aber früh verdrängt 
worden; s. Caspari, Quellen zum Taufsymbol III, S. 92f., 209 f. 

" Aber II, 9 steht prophetae, vergi. II, 10. 36. 

' Dazu kommt nicht nur das zweimal gebrauchte anastasis , sondern auch die 
merkwürdige Übersetzung für nANTOKPATOPA in I, 11 communium rerum potentem. Diese 
Übersetzung, die dem Sinn des griechischen Worts viel besser entsju-icht als omni- 
potentem (denn dieses ist = nANTOAYNAMOc) , ist doch nur in einer Zeit verständüch, 
in der die Formel deus omnipotens im Abendland noch nicht völlig erstarrt und souverän 
war. Ein Übersetzer, der drei der geläufigsten kirchlichen Bekenntnisssätze also for- 
nuilirt: communium rerum esse deum potentem , anastasim futuram camis, dei esse orhem non 
nuntiorum hat schwerlich erst im 4. Jahrhundert gearbeitet. Nostri sancti apostoli (II , 4) 
kann natürlich sehr wohl schon im 3. Jahrhundert geschrieben sein, ebenso beatüsimi 
prophetae (II, 36). Dass in II, 2 AÖrMATA (so der Kopte) durch disciplina wieder- 
gegeben ist (Lj decreta), spricht auch mehr für ein höheres als für ein jüngeres Alter. 
Für jenes darf man sich aber schwerlich auf das de Maria natum (1,14) berufen; 
denn wenn es auch im 2. Jahrhundert eine C(uitroverse (mit den \'alentinianern) über 
ffe und ex gegeben hat, so war diese bald vejgessen. Sporadisch kommt, wie bei Justin 
so auch in späterer Zeit, selbst bei Orthodoxen de immer noch vor. 

Sit7ungsheri('hte 1905. "2 



18 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

seilen — , liis in die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts sicher liinaul- 
qeführt: denn das handschriftliche Verhältniss der 5 Zeugen ist ein 
so complicirtes, dass man zahlreiche Mittelglieder zwischen ihnen an- 
nehmen muss und ein Stemma zu entwerfen unmöglich ist. Die von 
Aphraates und Ephraem benutzte syrische Übersetzung kann aber be- 
reits nicht später fallen als zwischen 250 und 350 (s. oben), und doch 
hat sie, wie die Vergleichung mit K und L^ beweist, schon einen 
Originaltext benutzt, der eine reiclie Geschichte hinter sich hatte; denn 
dieser Text weist gemeinsame Interpolationen und Fehler auf (i) mit 
KAL, , (2) mit AL, , (3) mit A. Aber noch mehr: der Originaltext von 
L, ist neben A das letzte Glied in der Textgeschichte die,ser Briefe, 
das wir kennen ; dennoch zeigt der Charakter der Übersetzung Lj (s. oben), 
dass man sie nicht später als auf das 3. Jahrhundert datiren darf. 
Also fällt die ganze uns bekannte Textgeschichte dieser Briefe — von 
den Schreibfehlern und Verwahrlosungen abgesehen — in das 3. Jahr- 
hundert, ja wahrscheinlich in die erste Hälfte desselben.' 
Ich lasse nun die Rückübersetzung folgen": 

r'GnicTOAH KopiNeicüN npöc TTayaonj 

(1) CTe<t.ANOC KaI Ol gyn AYTU nP£CBYTePOI AaONOC KAI GybOYAOC KAI 0eö- 
*IAOC KAI ieNCJN TTaYAU feN KYPiü) XAIPeiN. 

(2) Änhagon eic KöpiNeoN ayo [änapgcJ tingc, Cimiün kai Kagöbioc. oT 

ANATPenOYCI THN TINWN niCTIN AÖrOIC BAABGRoTc, (3) OYC CY AOKIMAie, (4) OY- 

(1) K verküi/t: ..Ste])liaiiiis und die Priester, die mit iiim . an Paulus, den Bi'iidei'. 
den Herrn (I) Gi-iis.s". — L, bietet omncs vor npecB-frePol (npecBYTepoi bietet K griecliiscli). 
— DopliniiN R, Uabiius A, Dnphimt.s Li. Daphus L,. In A stellt nur vor Xinon ein 
KAI. • — K Olli. 9eÖ4>lA0C. — leNOJN K (A) , Zenon Li L2. — Lj bietet ft Zciioii /.« ei- 
mal. — T(i ÄAeA<t>ü nacli TTayau ALiE>L2K, vielleicht ursprünglich. — aetcrnum 
(■•id/itte/ii) L,r~LjAKE. Siehe zur .\dresse die Adresse des Polykarpbriel's. 

(2) ANHAGON K. supemnerunt Li, venerunt cett. — [anapgc] LiK.*\E, om. L2. — 
.Siuion mit Namen A, mit Namen Simon und Kleob. E, Simon qitidam \.i. — Klo- 
bius E. — oV änatp. s. 11. Tim. 2, 18: ANATPenoYCiN thn tinqn hictin, sie ziehen an 
sicli E. ver-wirrt haben K; A fügt gewaltig (sogar zweimal) hinzu. — nThix 
adu/teris Li. corruptis rerbis L2. durch böse Worte K. durch trügerische und 
verderbliche Reden A, durcli verderbliche Reden E; kakoic oder noNHPoic 
ist daher schwerlich genügend. Zu BAAsePolc s. 1. Tim. 6, 9. Die Stelle ist benutzt in 
<ler syrisch und lateinisch erhaltenen, ursjjrünglich griechisch verfassten Didascalia 
ji|)OSt. 23 (Texte n. Unters. Bd. 25 Heft 2 S. 121). 

(3) Li (cjuod t\i proba). L; [(lune tu proha ft cxamind), so auch (aber ohne it 
(xnnima) K (er hat uns das \\'(]rt AOKiMAieiN hier üliei'liefert); von welclii-n du 
Kunde erhalten musst AE. 

(4) talia Li. isla L,. d<'rartii;i' 'Worte KAK. — minqiinm iieiiiie Ij^. — rÄP. 
das 2. OYTe und An6cT0A0l sind xoii I\ Liricchisi-h überliefert. .S. I Kor. I — 3. 

' nie grossen Zusätze in .\L, sind somit auch »alt" (II, 14. 22. 23. t,;^). 
- Die griechische Rückübersetzung der IJrüder Whiston (London. 1736) habe 
ich nicht ein"es('hen. 



Harnack: Der apokrviilie Hricl'wecli.sel des ]';nilii,s mit den Korintlieni. 11) 
AenoTe rÄp HKO'i'CAMeN oyte hapä coy toiayta oyte hapä twn aaacjn AnocTÖACüN, 

(5) AAa' A nAPÄ COY KAI TUN AAAUN EAÄBOMeN KPATOYMGN. (6) ÜC [ei?j OYN Ö 
KYPIOC HA^HCeN HMÄC, YnA EniMENONTOC eTI COY CN TH CAPKI COY) nÄAIN AKOYCÜMCN 
[tAYTa] nAPÄ COY, (7) CPXOY nPÖC HMÄC (8) niCTCYOMCN rÄP. U)C AneKAAY*eH 
öeONÖH, ÖTI Ö KYPIÖC Ce CK TUN XCIPÜN TOY ÄNOMOY 6PPYCAT0' (9) ECTI AG 
A ACrOYCI KAI AIAÄCKOYCI TÄAC " ( 1 0) OY ACT, <t>ACi, TOTc nPO*HTAIC XPHCeAl, 
( 1 I ) OYTC TÖN eeÖN cTnaI nANTOKPATOPA, (12) OYTC ÄNÄCTACIN cTnaI THC CAPKÖC, 

(5) Die vv. 5 — 7 sind in Li fast ganz abgerissen. — äaaÄ liat K griecliiscii rr- 
halteii. äaa' a kl,. — KAI KAK, mit L2. ■ — t. äaamn KL2A (Jenen) > den andern 
A])(isteln E. — Statt kpatoy^gn (s. IL The.ss. 2 . 15) Icann ninn auch an KATexoMCN 
denken (L Kor. 11, 2). — AE (Aber) so viel wissen wii-. dass wir Alles, was. 

— A fest bewahrt liaben. 

(6) — (8) Diese \'erse sind dnrcli Interpolationen in allen jMss. (s. Schmidt ■/.. d. 
8t.) entstellt. In L, ist von v. 6 n. 7 nur noch /'// carne t(ua) und nos (vor credimus) 
erhalten. K: Wie (nun) der Herr sich unsrer erbarmt hat. dass wir. wäh- 
rend du dich (noch) in deinem Fleische (cÄPi) befindest, wiederum hören 
von dir. wenn es möglich ist. dass du kommst /u uns; denn (rÄp) wir 
ulauhen. wie offenbart ist der Theonoi', dass der Herr dich ... aus ... 
<les Gesetzlosen (anomoc); L2: cum ergo doininus nosiri iiüsereatur, vt, dum adhuc 
in vami' es, Herum haec a te audiamiis , aut perceni ad nos aut scrihe nobis ; credimus enim, 
quomodo Atheonae manifestatum est, quod te dominus de manihus inimici eripuit, ita et nos 
rredoites in domino; Li: credimus enim, siciit adapertum est ..., quoniam liherarit te do- 
iitimis de manu iniqui; petimus ut rescrihas nobis; A: Aber darin erzeigte uns der 
Heil' viel Erbarmen, dass wir, während du noch im Leibe bei uns bist, 
es abermals von dir hören sollen; nun entweder schreib du uns. oder 
koiiiin doch sofort selbst zu uns! Wir vertrauen auf den Herrn, dass, 
wie ei n e Offe n ba ru ng dem Tlie 011 a s gezeigt worden ist, dass nämlich der 
Herr dich aus de n Händen des Gottlosen erlöst habe; E: Aber darin hatte 
<ler Herr grosses Erbarmen mit uns, dass wir, solange du noch im Fleische 
bei uns bist, in einem Brief all' das wiederum von dir vernehmen sollen, 
was wir mündlich von dir gehört hatten. Oder komm gar selber sofort 
•zu uns! Wir vertrauen auf den Herrn, dass er entweder dein Etheonas 
sich geoffenbart und Christus dich aus den Händen jenes Gottlosen er- 
löst und zu uns gesandt habe, oder dass du einen Brief an uns schreiben 
werdest. Die Alternative, er solle einen Brief schreiben (aber dazu brauchte er nicht 
aus <leni Gefängniss befreit zu sein), ist aus begreiflichem Grunde eingetragen (s. aber 
V. 16); da er nicht nach Korinth gereist ist, so schiebt auch K. der hier allein das 
Richtige bewahrt hat, wenn es möglich ist ein. — iic gyn L^K. — HAeHceN L2K, 
grosses Erbarmen .VE. — Zu eniMeNON. 6N t. c. s. Phili[i]). i. 24. — capki coy KL,, 
capkI AL2. — [tayta] Lj.XE, om. K. — de mann L,. — toy anömoy s. IL Thess. 2. 8. 

— .Statt SPPYCATO stand vielleicht eieiAATO (Art. 12,11). 

(9) e'cTI LjLj, es sind die ve rkehrten Red en KEA (K.\ dazu noch dieser 
Leute). — AE K. 

(10) uti 1.2, annelimen AK. credi L2 (K fehlt). — nP0*HTAi K bietet das grie- 
chische Wort. 

(11) nee L2, ne(pie L,. — sagen sie AE. — nANTOKPÄTUP K (so auch .\E), {om- 
iiipotentem') L,, communium rernni potentem Lz. 

(12) nee L2, neqiie L,. — anactacin KL;. — sagen sie AE. — esse L,AE (K 
fehlt), futurum Lj. — cÄPi K bietet das griechische Wort. Die 3 Verse sind in der 
apostolischen Didaskalia benutzt (s. a.a.O. S. 121, gleich nach der Erwähnung <les 
.'^iiiion und Kleoliius) : "Sicli nicht der Propheten zu bedienen, Gott den All- 
niäcli t iiien zu schmähen und nicht an die .\ ul'erstehung zu glauben«. 



20 Gesammtsit/.unn- vom \'2. Januar 1905. 

(13) OYTe nAÄciN TÖN ÄNepüjnoN eTnai toy eeoY, (14) oyte in capki tön Xpictön 
EAHAYe^NAi o^TG rereNNHceAi eK Mapiac, (15) o<irTe tön köcmon gTnai toy eeo9 
AAAÄ TUN Xrr^AcoN. (16) AiÄ TOYTO, AAeAct>e , nXcAN cnoYAHN noio? epxeceA( 

nPÖC HMÄC, YnA MH CKANAAAlCefl H TÖN KoPlNeicON eKKAHCIA KAI H «ü)PIA [maTAIO- 

aotia] eKeiNüJN KeNcoefi [AnoKAAYoefi]. 'eppuco gn kypiü). 

(13) nee L2{AE), sed nee Li (K fehlt), und keineswegs AE. • — Li ist hier am 
genauesten: nee esse ßgmentum hominem dei. — haacic K, figmentum L, , (von Gott) 
geschaffen LzAE. — sagen sie AE. — dei LiK, von Gott LjAE. — sondern 
von den sieijen Lenkern E. 

(14) nee L2(AE), sed neque Li (K fehlt). — iu capk'i L2L1K (capi), dem Fleische 
nach A, in einem irdischen Leibe, sondern mit einem himmlischen Leibe 
E. — TÖN Xpictön LjLz, Jesum Christum A, tön k't'PIon K, E (unserm Herrn). — 
venisse KLiE (A lässt es und das folgende oyt6 aus), descendisse Lj. — OYTe K, nev L^, 
und nicht E, sed neque Li. — sie lassen nicht geboren sein AE. — ex LiK, 
von AE. de L2 (schwerHch das Ursprüngliche, sondern ungenau). — der Jungfrau 
Maria AE; denn hindurch, sagen sie, ging er durch sie, ohne etwas von 
ihr anzunehmen E. 

(is) KÖCMOC, AAAA, AfreACi K. — nee L2KAE, sed nee L,. — esse LjLiKA, sie 
lassen sein E. — sagen sie A. — dei LiLz, die Gottes K, ein Geschöjif 
Gottes AE. — rewreft'oTMOT Li L2 , irgend eines von den Engeln (gevi^isser Engel) A. 

(16) propter quod Li, propter quae L2, deswegen K, E (+ nachdem wir einen 
Brief an dich geschrieben haben), nun A. — aasa^s fehlt in E. — omne Stu- 
dium adhibe (s. Judas 3) L2, omni necessitate cura Li, beeile dich in allen Dingen K, 
eilends nimm es auf dich AE. — nach hier zu uns K. — E+ und zwai- du 
selber persönlich, damit durch deine Erscheinung und deine Rede. — 
CKANAAAiieiN ist durcli K überliefert, sine scandalo maneant L2, non in offensam maneat Lj, 
ohne Ärgerniss dastehe AE. — Corinthir/rum ecclesiae L, (wahrscheinlich nur Schreib- 
fehler), durch K ist ekkahcia überliefert, die Stadt der Kor. AE. — detneiäia hiL,, 
Thorheit KAE. — inanis inveniatur Li, manifestetur L2, offenbar werde K, vor 
allen zu Schanden und ausgetilgt werde AE (E + durch die offenkundige 
Zurechtweisung deiner wahrhaftigen Predigt). — h-^ + semper zu epptdco. — • 
In den Acta Pauli ging, wie der Kopte lehrt, eine Inhaltsangabe des Briefs dem Brief 
insofern voran, als die Irrlehren des Simon und Kleobius aufgezählt werden (ScHMinr 
S. 73f): »Sie sagten, es gebe keine Auferstehung (änäctacic) des Fleisches (capi), 
sondern (aaaa) die des Geistes (nNeYMA). und dass der Körper (cuma) des Menschen 
nicht sei das Gebilde (haacic) Gottes, und auch von der Welt (köcmoc), dass Gott sie 
nicht geschafien habe, und dass Gott nicht kenne die Welt (köcmoc), und dass Jesus 
Christus nicht gekreuzigt sei, sondern (aaaa) ... gewesen sei, und dass er nicht ge- 
boren sei aus der Maria oyte aus dem Samen (cnePMA) Davids«. Das deckt sich we- 
sentlich mit dem, was die Korinther an Paulus schreiben. 

[ A I HTHCIC] 

(i) "ANHNerKON Ol AiÄKONOi THN enicTOAHN eic 0iAinnoYC, GpenToc kai 

GytyXOC, (2) (iüc[Te] TÖN TTa^AON AABgTn AYTKN, ÖC AEAeweNOC HN AIÄ THN 

Dieses Stück fehlt in L1L2. — (i) 01 aiakonoi [K überliefert das griechisclie 
Wort] und die Namen fehlen in E. — • Nahmen, brachten AE, nahmen hinauf 
K, vielleicht iHNerKON anaaaböntec. — - eniCTOAH K. — -in die Stadt Ph. AE. — näm- 
lich Thereptus und Tychus A. 

(2) üJCTe K (aber nach Schmid r ist das nicht maassgebend , K giebt auch a)C 
durch üicTe wieder), als A, E paraphrasirt, lässt aus, missversteht und mischt Fremdes 



Harnack: Der apokryphe Briefvveclisel des Paulus mit den Koi-iiitlierii. 21 

CtPATONIKHN, THN TYNaTkA TOY AnOAAOfANOYC ' KAI en^NSei (3) KAI eKPAie A^rWN' 

kpeTtton hn moi XnoeANeTN kai ^nahmhcai npöc tön kypion ü gTnai eN th capki 

KAI TOIOYTOYC AÖTOYC ... AK09CAt ..., ÜCTE AYHHN EAeeTN eni AYHHN ; (4) Und 

nicht mögen, nachdem [während] ich um der Menschen 
willen [?] Fesseln ertragen [ertrage], wieder die Priester 
[Ränke] Satans zuvorkommen [anlaufen]. (5) Und so fertigte 
Paulus unter vielen Leiden die Antwort auf den Brief aus. 

ein. — Statonike A, in E fehlt der Name. — Vor en^NeHce + AE so sehr, d;iss er 
der Banden vergass. — neNeeTN K. — zu neneeTN + vv egen der Reden, die er 
hörte AE. Der 2. Vers und der Anfang des 3. können niclit mehr siclier wieder 
hergestellt werden; vielleicht ist so sehr, dass er der Bnnden vergass doch 
einzuschalten und Än^Neei und eKPAie sind in den Infinitiv (abhängig von d)c) zu setzen 
(s. Schmidt S.141). 

(3) er rief aus K, er sagte AE. — nach AsruN 4- AE weinend. — Wie 
es mir doch besser wäre AE. — KPerrroN kta. s. Philipp. 1,23; II. Kor. 5, 8. — - 
nacli K^PiON 4- E in Hoffnung und Frieden. — capi K. — E lässt alles nach capkI 
aus. in K sind drei Zeilen fast verschwunden (nur >'hören" »aicTe« »Betrübniss» 
sind erhalten). A, der einzige Zeuge, bietet: Und solche Reden der Kiimmcr- 
niss höre ich als die der Lehre(??). Betrübniss siehe kommt über Be- 
trübniss. — Zu iocre kta. s. Philipp. 2, 27. 

(4) Auch die zwei Zeilen dieses Verses sind in K so gut wie verschwunden, 
ebenso der 5. Vers (bis auf die Worte »schrieb« »in Betrübniss "). Eine Riickübei'- 
setzung des in AE (verghchen mit dem in K in Anspruch genommenen Raum) augen- 
scheinlich erweiterten und nicht recht verständlichen Texts empfiehlt sich nicht. Ich habe 
die Fassung von E in v. 4, von A in v. 5 im Texte gegeben. E hat in v. 4 noch den 
Zusatz: zu verwirren und zu verkehren die Menschen, welche ich be- 
kehre. A lautet: Und zu so grossen Bedrängnissen hin in Banden sein 
und ansehen solches Unheil, bei dem die Ränke Satans anla ufen. E(v.5): 
Und so unter vielen Leiden in Folge der \'erfolgungen und Enttäu- 
schungen, die er erduldet hatte, fertigte Paulus weinend die Antwort 
auf den Brief für die Korinthier, indem er also sagte. Zu v. 5 s. II. Ivor. 
2.4: eK rÄP noAAHC eAiVeuc kai cynoxhc kapaiac erPAYA ymTn aia noAAuN aakp'i'con. 



[■■Gni'cTOAH TTayaoy npöc KopmeioYc] 

(i) TTayaoc, ö a^cmioc ■'Ihco? Xpictoy, toTc AAeA<)>oTc toTc oycin en KopiNeu 
XAipeiN. (2) ■'Gn hoaaaTc ahaiaic wn oy eAYMAicü oTi [oyto) tax^cjc] npoxcopeT 

(i) 6 AecMioc kta. s. Philem.g, Ephes. 3. i. — - ■'Ihcoy Xp. LjAE, Xp. IhcLj nach 
Eph. 3, I, K fehlt. — toTc o?cin L,L2K>AE. ■ — aus vielem Missgeschick da- 
hier A, aus vieler Bedrängniss dahier, die ich habe durch Foltern und 
Fesseln und schlimme Nachrichten E; die Worte stehen in AE vor XAiPeiN, in 
KL1L2 beginnt der eigentliche Brief mit ihnen. — in domino salutem L,. 

(2) In multis quae mihi non ut oportet eveniunt L2, in multis taediis L2, Miss- 
geschick A, Trübsale K, Bedrängniss E. — oy gaymaiw kta. s. Gal. i, 6. — 
sie tarn cito Li, also in Eile K, gar so rasch AE, om. L2 (vielleicht richtig). — 
praecurrit L2, percurrunt Li, laufen K, eindringen A, E (-f- in die Welt). — ta 
AÖriv^T/^ TOY noNHPOY bei K erhalten, maligni decreta Li, die \'erführungfn des 
Bösen AE, malitiae disciplina L2. 



22 Gesaiiiintsil/.inifi vom 12. Januar 1905. 

TA AÖrMATA TOY nONHPOY' (3) Ö AG KYPIÖC MOyIhCOYC XpICTOC TAXYNeTjHN 

eni*ÄNeiAN aytoy, ÄeeTÜN toyc aoaoyntac [MeeoAGYONTACj tön aöton tA aötiaj 
AYTOY. ( 4) erü) rAp eN apxh rap^auka ymTn a nAPCAABON Anö tun npö ewoY 

XnOCTÖAUN, OT GN nANTl XPÖNU CYNHCAN "IhCOY XpiCTÜ (5) ÖTI Ö KYPIOC HMWN 

'Ihcoyc Xpictöc eK Mapiac ^k cnepMATOc Aayeia ereNNHen nNGYMATOc [ArioYj 

eiAnOCTAAGNTOC EK TOY OY'PANOY AHO TOY HATPÖC EiC AYTIHN, (6) YnA EAeH eiC 
TOYTON TÖN KÖCMON KAI eAGYaePÜCH HACAN THN CÄPKA AlA THC CAPKOC AYTOY KAI 

(3) weil mein Herr 11 ä 111 lieh (rAp) K, qvia dominns memh^h^, aber unsei- 
Herr AE. — citatum adventvm smim faciet L,, wird alsbald seine Ankunft voll- 
ziehen AE, velociter reniet KLj (vielleicht das Ursprüngliche). — AeeTeiN ist durch K 
überliefert, aber KAE haben den Satz missverstanden (indem ihn gering achten 
die, welche seine Worte verkehren, bez. wegen derer, die seine Gebote 
verkehren und verachten, bez. wegen derer, die ihn verachten eben da- 
durch, dass sie die Waiirheit seiner Worte verdrehen); das Richtige bei 
Li Li {dedpienx bez. — schlecht para])hrasirt — iniuriam non ferena xdtra], — eos, qui 
adidterajit verhum eins Li, adulterantium doclrinam siiam L,. — aoaoyntac nach IL Coi-. 
4,2 oder MeeoAeYONTAC nach Polyc, ep. 7. 

(4) Siehe L Kor. 11. 23: aus dieser Stelle ist in Li »et tradita sunt mihi a domiim • 
vor Änö TüJN ÄnocTÖAOJN eingetlossen. — rAp ist bei K erhalten. — sn apxh KL, . nh 
initin L^, von Anfang an AE. — nAPeAUKA L1L2K, gelehrt AE. — nostris sanclis 
apostolis Lj. — AnöcTOAOl ist bei K erhalten. — Die gewesen sind vor mir K, 
qui ante me svnt L, , praecedentihris L2, Jenen ersten A, fehlt in E; zum Ausdruck 
s. Gal. I. 17. — qui fuerunt omni tempore cum Christo Jesu Li, qui omni tempore cum 
domino Jesu Christo fuerant Lj, die gewesen sind ihre ganze Zeit mit Jesus 
Christus K, die alle Zeit mit unserem Herrn Jesus Christus wandel ten A, 
die die ganze Zeit der Verkündigung des Evangeliums mit unserem 
Herrn gewandelt sind K. — Zur Sache und dem Ausdruck s. Act. 1,21 u. Ignat., 
E])lies. 1 1. 

(5) rAp überliefert K (aber nach K. Schmidt schiebt der Kopte rAp auch hier 
und da selbständig ein), quoniam L,, quod L2, dass E, und nun sage ich, dnss 
A. — ö K-r-Ploc H«ü)N L1L2K, der Herr A, fehlt in E — eK AAapiac L2KE, ex viryirie 
Maria LiA. — cnePMATOc von K griechisch überliefert (ebenso LjLa), aus dem Ge- 
schlecht AE. — secundttm camem Li. — indem geschickt ist (vom) Himmel 
durcii den Vater ein (heiliger) Geist (oneyma) (in) sie (hinein) K, saiicto 
spiritu de caelo a paire misso in eam per anyelum Gabriel L, . dimisso ad eam a patre 
spiritu caelesti L2, gemilss der Vefheissung des heiligen Geistes, des vom 
Vater aus dem Himmel zu ihr gesandten AE (aber E bietet niciit vom Vater). 
Aphraates (saec. IV. medio) und Ephraem im Commentar zum Diatessaron haben diesen 
Vers (syrisch) also citirt: »Und (auch) der Apostel bezeugt, dass Jesus 
Christus von Maria war vom Samen des Hauses Davids durch den Geist 
der Heiligkeit" {"Et apostolus testatvr: Dominus noster Jesus Christus ex Maria factum 
est, ex semine domns Daind"). Bemerkensvverth ist, dass auch bei ihnen »KAi« zwischen 
»Maria» und »vom Samen» fehlt. »Des Hauses« ist orientalische Umschreibung. 

(6) 'iNA KL2, Vna "Ihcoyc LiA, das Sätzchen fehlt in E. • — prodiret L, L2, ein- 
trete A, herabkäme K, um LTim. i, 15 willen ziehe ich EAeH vor. — köcmoc ist 
durch K überliefert. — Die Welt (nicht diese) A. — zu eAei^i -1- m came Li, schreibt 
dann aber im näclisten Satz per suam nativitatem statt per carnem suam. — kai AL2K, 
11t L,. — zu EAEYeepcüCH + V o n der Verderbniss E. — aia thc capköc hat L2 iiT- 
thümlich zum folgenden Satz gezogen. — cAph ist dreimal von K in diesem Vers über- 
liefert. — • HMÄc 6N capkI L2AEL1 (nos corporales), unser Fleisch K. — siait et Li, 
[ac] quod L,, wie KAE. — hmTn KLi >L2.'\E. — fipiim L, . Vorbild K.^E, exemplar 
L2. — gezeigt LiAE, gegeben K, relinquendum se staiuit L2 (nach I. Pet. 2, 21). 



IIarnack: Der apokryplie Hfiefweclisel des Paulus mit don Koiintlicni. 2H 

Vna anacthch hmac en capki eK tun NeKPÜN, üc kai aytöc caytön TvnoN hmTn 
ÄneAeiiGN. (7) kai oti ö ANepunoc ynö toy hatpöc enAÄcen, (8) aiä toyto kai 
AnoAUAWc eiHTeTro, Yna Koonomefi a:ä thc YioeeciAC. (9) ö rÄp eeöc hanto- 

KPATCOP. Ö KTICAC TON OYPANON KAI THN THN, nPÖTON TOYC RPOiMHTAC TOTc ''loY- 

AAioic eneMYGN , "ina AnocnAceücm Anö tun amaptiün ' (lO) esoYAeYCATO rÄP 

CÜieiN THN OIKiAN TOY ^IcPAHA' AIÄ TOYTO ÄnOMePICAC AnÖ TOY HNeYMATOC T09 

Xpictoy eneMYGN eic toyc npo<t>HTAC. oV thn aysyah aatpsian eKHPYiAN hoaaoTc 

(7) et qiiia L=. (piia LiK, und diiiiiit ol'feubai- würde, dass A, in K Cidilt 
jede Partikel. — der erste ilenscli E. — a patre eivs L, (vielleicht i'ichtifi): l,, hat 
vielleicht a. deo patre gelesen. — nAACceiN ist durch K üherliel'ei-t, s. I. Tim. 2. 13 : 
ÄAA« npÄToc enAÄceH. 

(8| In L, sind die beiden Sätze umgestellt. — propter qtwd et L,. iileo L2. des- 
\ve;;en nun K, deshalb AE. — perditus Lj, in (seinem) Verdei-ben \V. und 
wahrscheinlich auch \\., jiost mortem Lj. — nicht unhesucht, sondern er waid 
a u rj;es iicli t A. — ab fo + L,. — IC0O^OlHei^ L, Lz-^E, gerettet werde K (unsicher). — ■ 
per JUU ereatioiirm \., . per adnptinnem Lj, durch die Kindschaft (Sohnschaft) A (K); 
E schreibt durch die (jnade. und in der Kindschaft sei. — Li bietet nun: ut 
per r/uaiii carnem com-ersatns est mali/s, per eam et vincereiur, quia non est deus ; suo etilin 
corpore Jhesus Christus sa/ravit omnem carnem. Diese Worte finden sich in Li in v. 15, 16 
wieder, und dorthin gehören sie auch (s. die andei'en Zeugen). — Zu YioeeciA s. 
lliiiii. cS. 15. 23; 9,4: Gal.4,5; Eph.1.4. zum .\nfang- Luc. 19. 10: HAeeN Yiöc toy 

ÄNGPCdnCY IHTHCAI . . . TÖ AnOACOAOC. 

(9) ... FAP 1\! , i'nhn LjA, nam qnia Li. aber E. — deiis L2K, deus nmiiium et 
L,. (iott der über Alles Herr ist .-\ , (Jott über alle Welten E. — HANTO- 
KPÄTup K (das Wort ist hier erhalten) 1^, omnipotens L2, omnia tenens L,. fehlt in A. 
darür iliM- N'atei' unsres Herrn Jesu Christi (nach IL Kor. 1 1, 31). — conditor 
caeli et terrae Lj, qui fecit c. et <. LiAE, K ist abgebrochen. — npÜTON bis enewreN 
feiilt iu L2 absichtlich, wie das Judaeos im folgenden Satze und v. 10 beweist: der 
Uber.selzer \erstand die Constniction nicht und hat desshalb corrigirt. — npo«HTAi 
hat K überliefert. — ahstraherentur L,, erlöst würden E, (damit) er sie her- 
ausziehe .\. avellere vellet Lj, in K ist der Satz fast ganz ausgebrochen; vielleicht 
ist AnocnÄCH aytoyc zu lesen. — peccatis Li, delictis L2, Sünden A, Sunden und 
von ihrer Götzenanbetung E. — aytün nach AMAPT.4-L2A, ob auch Kl' — und 
zu seiner Gerechtigkeit ei-he])e + .\ (nach Rom. 6. 18 ff.) 

(10) denn (rÄp) er wünschte K, quia statiierat l.^. denn er wollte .\E. ron- 
solatus ('.) enim Li. — salrare L, . salram esse Lj, erlösen .\E, ungewiss K. — er<jo\.i. 
nun K, deshalb E, fehlt iu L2A. — Äno«epicAC bis Xpictoy ist in K aus \'erseheu 
ausgefallen; partitus a spiritii Christi L,, partem de Christi spiritii collatam L2, theilte 
aus. goss (herab) vom G eiste Christi AE. — »/jwVLjLjK, AE Ja.ssen es aus, da 
sie das NTlicho »goss herab" vorher eingesetzt haben. — in (eic) KL,, i'iber (eni) AE. 
L; liietet partem de Christi spiritu eolla[tam super pro^plietas ad primos Judaeos misit 
(s. z. v. 9). — npo*iHTAl ist bei K griechisch erhalten. Apiiraates (saec. IW niedio) citirt 
diese Worte: »Und auch der selige Apostel sagt: Gott vertheilte von dem Geist 
seines Christus und sandte ihn seinen Propheten.» Auffallend ist das doppelte 
Pronomen poss. — die gepredigt haben den wahren Gottesdienst viele 
Zeiten K, qui multo tempore, q .... sine errore deitm colehant, pronuntiaverntit L;, 
'/«/ enarraverunt dei cuUuram et nativitatem Christi praedicantes temporibns multis L,, 
welche den unmangelhaften Gottesdienst und die Geburt Chi-isti 
I)redigen sollten vieleZeiten hindurch AE. Vielleicht ist statt aatpeian l)essci- 
eeoceseiAN zu setzen oder ePHCKeiAN oder AOYAeiAN. — Zum Dativ noAA. xpon. s. Luc. 8. 
29; Act. 8, 11; Rom. 16. 25. 



24 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

xpÖNOic. (ii) ö Ae ÄPxcoN, ÄAiKOC WN , OTi eeöc eeeAHceN cTnai, eniBAAUN tac 
xeTpAC Än^KTemeN a-t-toyc, [kai] oytcoc häcan thn cApka tun ANepünuN th im- 
evMiA npocGAHceN. (12) Ö Ae eeöc nANTOKPÄTUP [aikaioc ün], oy boyaö- 
weNOC nAPeTNAi thn haAcin aytoy, [HAeHceNJ (13) [kai] esAn^cTeiAGN tö nNeVwA 

A'r'TOY efc MaPIAN. (15) YnA eN H CAPKI Ö nONHPÖC eKAYXHCATO, AlA TAYTHC 

NeNiKHM^NOc AnoAeixefi. (16) aiA tap toy /aioy cumatoc "'Ihcoyc Xpictöc hacan 
THN cApka eccjce, (17) tön THC AIKAIOCYNHC NAÖN eN TW IAIW CÜMATI AnO0>Ai- 
NCJN, (18) eN ä eccbsHMeN. 

(11) \v eil K, non (!) quin L,, sed cum Lj, aber da A, denn weil E. — ^ apxun, 
AAlKOC und CAPS sind durch K überliefert. — deum volens esse se (cum vulf esse deus) 
L1L2, da er sich zum Gott machen wollte AE; K ist abgebi'ochen (aber die nur 
VOM ihm bezeugten Worte über sie liest man nocli); vielleicht ist eeÖN saytön noielN 
EeeAHceN zu lesen. — eos sul) manu negahat Li, exterminavit eos L2, legte Hand an 
und mordete jene A, legte Hand an, um die mahnenden Propheten zu 
moi'den E; bei Iv sind die Woite aus Versehen ausgefallen. — so K, adeo L2. 't 
LiA, damit E. — capka L1L2KA, Leiber E. — hominum LiK(A)E, illorum L2. — 
vnhiptatibris ohligando L,, fesselte durch die Sünde A, fessle durch die Be- 
gierlichkeit E, ad suam vohmtatem alligabat hi , in K sind die Worte abgebrochen. . — 
Am Schluss + ALj denn das Gericlit der Welt war nalie [et consvmmatioTies miindi 
iudicio adpropinquahant). 

(12) AE, nANTOKPATcop, AIKAIOC, nAAClc in K erhalten; nach nAÄcic fehlen 6 Zeilen 
in IC (bis v. 15 einschl.). — Ae KLjE, tunc L2, fehlt in E. — - aIkaioc K, in seiner 
Gerechtigkeit E, cwni sit iustus Li, da er rechtfertigen wollte A, fehlt in 
L2. — nolens LiLjA, fand kein Gefallen daran E. — ahicere KL,, infirmari L2, 
verachten A, Paraphrase in E; hapsTnai habe ich gewählt nach Ps. 138, 8: ta e'prA 
TÖN xeiPÜN COY «H nAPHC. — HAÄciN K, finctionem Li, opus L2, Geschöpf AE. • — 
HAGHceN KAI Lj AE (+ de caelis Li), fehlt in L2. 

(13) misit LiAE, dimisit L2; eiAn^CTeiASN habe ich gewählt nach Galat. 4, 4. — 
stmm L2, sanctum LiAE. — am Ende der Zeiten + A. — mit aller Gluth + E. — 
Jungfrau + A. — in Galilea + hiE. — zuvorbeschriebeu durch die Pro- 
pheten + A. 

14* quae ex totis praecordüs credidit accepilque in utero spiritum sancium, ut in 
seculum prodiret Jhesus + hi; welche, weil sie von ganzem Herzen glaubte, 
würdig war zu empfangen und zu gebären unseren Herrn Jesus Christus 
+ A. In L2 und E fehlt dieser sicher interpolirte ^^e^s. 

(15) E ist hier unbrauchbar. — ut per quam carnem conversaius est malus Li, 
damit durch das vergängliche Fleisch, worüber hochfahrend der Böse 
sich gebrüstet hatte A, ut per quam carnem ille ?nalus mortem [. . .] xerat L2. — 
per eandem rictus comproharetur L2 , per eam et vinceretur, quia non est deus Li (bei v. 8), 
per eam victus probatvs est non esse deus Li, durch el)en dieses Fleisch er zu- 
rechtgewiesen und überwiesen würde, dass er kein Gott war A; der Zu- 
satz stammt aus 11. Thess. 2, 4: ÄnoAeiKN-J'NTA eaytön öti ectIn eeöc. 

(16) rÄP, cÄPi und cÖMA sind in K erhalten. — Durch sein eigenes cöma ist 
in Iv nachgestellt. — durch K, in L2AE, suß enim corp. Li. — sein eigenes KE, 
suo Li, sie [s«o?] L2, jenes sein A. — c6matoc L1L2K, Fleisch AE. — Christus 
Jesus Lj. — Nach Jesus Christus sind in Lj drei Zeilen fast ganz abgerissen (es fehlt 
alles bis v. 19 init.). — berufen und erlöst AE, das vergängliche Fleisch A, 
dann hinzufügend: und es in's ewige Leben gezogen durch den Glauben. 

(17) (18) AIKAIOCYNH und c&MA sind in K erhalten. — iustitiam et exemplum \tem- 
pluni\ in suo corpore os/ende/is, per quod liberati sumus Li, damit er offenbare ... 
AlKAioc-i-NH einen Tempel in seinem (eigenen) cuma, in (welchem) wir (ge- 



Harnack: Der apokryphe Briefwechsel des Pauhis mit den Korinthern. 2;) 

(19) CYNICTe OYN GAYToTc, OTI GKeTNOI OYK elCIN yIoI THC AIKAIOC'i'NHC 
AAaA [yIOi] THC ÖPTHC, OT THN CYNGCIN TO? eeOY AnueOYNTAI AerONXeC, TÖN 
O'r'PANÖN KAI THN THN KAI [hÄNTa] TÄ GN A-Y-ToTc OYK eTNAI ePrON To9 GGOY " 
(20) THN rAp niCTIN TOY KATHPAM^NOY 0*6(00 fexOYClN ' (2l) TOYTOYO OYN AHü)- 

eeTcee Ä<t>' y-mön kai Xnö thc aiaaxhc ay'tön *eYreTe. 

(24) ot A^ A^roNTGC anActacin O'y'k eTnai thc capköc toytoic anActacic 

OYK eCTAI, (25) OTI [dt] OY niCTGYOYClN, OTI Ö NCKPÖC [sCÜ. Ö KYPIOCj OYTtüC 

an^cth. (26) ArNooYCi rAp, £ Kopingioi, tA co^pmata toy citoy h tun AOinÜN 

rettet) worden sindK, damit er in dem heiligen Tempel der Gereclitig- 
keit, in seinem eigenen Fleische zeige ... und wir sind ja durch eben 
dieses Fleisch errettet worden von dem geheimen und offenen Tode E, 
da SS er einen heiligen Tempel der Gerechtigkeit in jenem seinem Fleische 
bereite den künftigen Zeiten, an welchen auch wir geglaubt haben und 
deshalb erlöst worden sind A. Statt eN S ist vielleiclit ai' o? zu lesen, statt 
Ano*AiNCüN vielleicht chmainwn oder chmanac. — Siehe I. Kor. 3, 17; Eph. 2, 21. 

(19) AlKAloc'f'NH ist in K erhalten. — Wisset also dass A, qui ergo istis coii- 
senüunt Lj, nun E. verstümmelt K; vielleicht erklärt cynicte eaytoTc die Lesarten 
von A und L^. — jene AE, diese K, istis L2. — Yioi thc öprflc KAEL, , irae. L^. — 
o'i~ AE(K), quia L2. — prudentiam L1L2K, die Erbarmung der Baini iier/. igkeit 
A E. — respuvnt L2(K), von sich abkürzen AE, absque ßd« (verschrieben) L,. — 
quae L^, omnia qvae ALjKE. — opus Bei Lj, patris opera L, , das Werk (iottes 
des Vaters des All AE. — Zu AncoeoYNTAi s. i. Tim. i, 19. 

(20) rÄP, nicTic in K überliefert. — L, wiederholt am Anfang ipsi sunt ergo filii 
irae. — jene (am Anfang) E, diese A, fehlt in L, L^ K. — rAp KLiLj, aber A E. — 
Glaube der verfluchten Schlange KE. maledicti serpentis sententiam L2, male- 
dictam fidem ailuhri ALi. — haben LiKA, hatten E, sectmtur Lj. 

(21) hos ergo L2K, quos L, , ihr jedoch AE. — in der Kraft Gottes 
+ AE. — repellite a vohis L, , ahicite a vobis L2, stosset weg von euch K, haltet 
euch ferne von ihnen AE (vielleicht AneAA-r-NeTe). — verkehrten (Lehre) + A E. 
— fugite. L1L2, treibet weg von euch AE, (haltet) euch (ferne) K. 

Die V'erse 22* und 23' sind eine nur in Li und A sich findende Interpolation: 
non enim estis filii inohedientiae sed amantissimae ecclesiae ; propierea resurrecüonis tempus prae- 
dicatum est (denn ihr seid nicht Söhne des Ungehorsams, sondern Kinder 
der geliebten Kirche; deshalb ist auch die Zeit der Auferstehung bei 
Allen gepredigt worden). 

(24) AS. ANACTACIC [bis] Und CAPS in K überliefert. — die aber K, quod autem 
Li. et quod L2, die nun A, und die E. — vobis (nach AeroNTec) LiK>.\L2E. — 
anastasin Li, restirrecfionem L,. — denen soll keine Auferstehung sein E, sind 
jene, (denen) anActacic nicht sein (wird) K, Ulis non erit resurrectio in vitam, 
sed in iudicium eius L,, sibi dicunt quia non resurgent L2, die werden auch nicht 
auferstehen zum ewigen Leben, sondern zur V^erdammung und zum Ge- 
richte werden sie auferstehen mit dem ungläubigen Fleische; denn das 
Fleisch, welches sagt, dass keine Auferstehung sei, dem soll keine 
Auferstehung zum Leben sein A. 

(25) quia non crediderunt h^, quoniam ... infideles sunt Li, weil sie als Leug- 
ner erfunden sind AE', die nicht glauben K. — (dass der Todte aufer- 
standen ist) in eben dieser Weise K, eines solchen Auferstandenen E, 
des Auferstandenen A, quia mortuus resurrexerit L2, circa eum qui resurrexit a mnr- 
tuis L,. — non credentes neque intellegentes -f L,. 

(26) rAp und TPO*Ai sind in K erhalten; K bricht hier leider ab; nur noch aus 
v. 28 und 36 sind einige Worte vorhanden. — neque enim . . . sciunt L,, neque . . . in- 



26 Gesainmtsitzung vom 12. .Taniiai- 1905. 

TPO*tüN öTi tymnA bäaagtai eic thn thn ka] Aie*eAPMeNA ÄNicxATAi eN tco ee- 

AHMATl TOY eeOY CeCUMATOnOIHMeNA KAI HMOieCMGNA . (27) KAI OY «ÖNOM 
TÖ aeBAHMGNON ÄsicTHClN, ÄAAÄ nOAAATTAACIA eY-AOfÜN. (28) eT AG OtK AITÖ 

TUN cnePMÄT(i)N 6*eiA0MeN noieTN thn nAPASOAHN. (29) enicTAcee[re] oti ""Iunac 
6 TOY AwAeei o-r- soYAÖMeNOC KHPYccem toTc änapäcij Ningym yhö. toy khtoyc 
KATenöeH. (30) kai mgtä TPiHMepON tpgTc hmepacj KAI TpeTc N^KTAC eK tön 

KATüJTATCdN AAOY eiCI^KOYCeN Ö eeÖC THN GYXHN TOY ''luNÄ, KAI O-^AGN A'Y'TO'?' 

tel/ii/unt L2. ihr wisset ja A, nun wohlan E. — KopiNeioi L^K, ANAPec KoPiNeiot 
L, .A E. — die Samen Lr t). der Same A, die Saat K , sationemV.^, wabrsclieinlich 
TÖ cnePMA, TÖN cnÖPON oder ein anderes Wort (ö kökkoc?). — tritici L,, frumenii Lj. des 
Getreides AE. — aut Lj(L,)E. und A. — der übrigen K, ceterorum Y.,, aliorum 
L,. den anderen AE; ich habe AOinÜN auch nach I. Kor. 15. 37 gewählt, welche 
Stelle dem Verfasser voi-schwebte. — tpo«ü!N K, Samen L,LjAE. — quoniam Li. 
da. SS A. welche E. quomrulo Lj. — mithintur (mittantur) L1L2, fallen .\ E (ein 
einzelnes Korn fällt A). — et cum ilissoliita fuerint resurgunt L,, et simul crirrupta 
fleorsuin xurgunt L, , und vergehen ... auferstehen E. und dort unten zuvor 
stirbt und danach ersteht A. — Gottes LjL, E. des Herrn A. — cdrporata 
et re-siita hl , in dem nämlichen Leib und bekleidet .A. in den gleichen Leib 
gekleidet E, etfiuni unum corpng Lj. — S. IL Kor. 5, 3; Len. Fragm. Gr. XII (Harvey). 

(27) et non solum LaA, non solum Li. E verkürzt. — qnod missum L2, corpus 
quorl missum e.$< L, , der ei n fache Leib A, E verkürzt. — surffit, sed quam pluri- 
mum berierlicens hl , (sich) aufrichtet segnend E, aufgerichtet und mit Segen 
erfüllt A, surgit sed multiplex L2. Dass ÄnIcthcin transitiv gebraucht ist, haben ALj 
nicht verstanden, daher hat jener »mit Segen erfüllt« geschrieben, dieser das Wort 
ganz getilgt. — mit mannigfaltigen Stammesgenossen + .\E. 

(28) Auf einem nachträglich von K. Schmidt (p. \']1) identificirten Bruchstück 
des Kojiten finden sicli die Worte: 

Wenn aber 

so nehmt die Parabel nAPABOAH 

E liat den ganzen \'ers übergangen. — quodsi a seminibus nolumux sumtre exemplum L-, 
et si nun oportet a seminibus tanlum facere paraholam, sed a dignioribus corporibus Li, 
wir müssen aber nicht nur von den Samen ein Gleicliniss vorbringen, 
sondern von den sciiätzbaren menschlicheu Leibern A. Vielleicht sind die 
Worte, die L,.\ als Nachsatz bringen (s. auch K), ursprünglich: Anö tun ÄiiOTePUN 

COOMÄTtüN AÄBeTe[THN nAPABOAHN]. 

(29) E verküi-zt hier. — certe sdfishi, ihr selbst wisset A, vide L,. — dum 
non rult pronuntiare in Ninivem L2, weil er sich verhärtete, den Niniviten zu 
predigen A, Ninecitis cum non praedicaret, sed cum fugisset L,. — o caeto gluttitus 
est Li, devoratus e^t a marina bestia Lj . ward er versenkt in den Bauch des 
Fisches drei Tage und drei Nächte lang .\, der in den Bauch des Fisches 
gefallen war für drei Tage und drei Nächte E. S. ilatth. 12, 40. 

(30) et post triduum et tres noctes Li , et post tres dies et tres nocles L2; A verkürzt, 
E lässt aus, weil sie die Zeitbe.stimmung schon v. 29 gebracht haben. — ex altissimo 
inferno L,. ex infima morteh^, aus dem untersten Abgrunde .\, aus dem tiefen 
Abgrunde E: vergl. Jonas 2,3: eK koiaIac aaoy. — exaudirit Li.\E, surrexit ; exau- 
divit enim L2. — orationem Jonae L, , orantem Jonam L2. sein Gebet AE (aber E 
konnte bei seiner Construction den Namen nicht wiederholen). — et nihil illius cor- 
ruptum est Li , nee quicquam eius consumptum est h^. und n i c h t s w a r i h m z u G r u n d e 
gegangen A, und er sich bekehrte und nichts von seinem Leibe zu 
Grunde ging E. — Die 6 letzten Worte nach L, L2; und keine Augenwimper 
war gekrümmt, und kein Haar von seinem Leibe war abgefallen \; 
fehlt in E. 



IIarnalk: Der iipnUrypliu Bricrwcchscl des Pniiliis mit dfii Koriutlicrii. 27 

ANHACOTO, OYTe H spii OYTG H o<t>PYC ' (31) nöcco MAAAON YMAc. oV nenicieYKATE 
eic Xpictön ^Ihcoyn, ÄNACTHcei. wc kai aytöc ÄNecTH! (32) KAi ei' ö eni toTc 
öcxeoic TOY npo*HTOY "6AeicATe -rnö tun yiün ""IcpahaJ eppiMweNoc |NeKPÖc| 

ANeCTH ' eK TÖN NeKPüJN EN TU CüJMATI AYTOy] , nOCü) MAAAON YMeTc Ol Eni TU 
CUMATI KAI ToTc OCTCOIC KAI TU ONGYMATI TOY XpICTOY ePPIMMENOI eN EKG'nH 
TH HMGPA ÄNACTHCeCee CUAN exONTeC THN CÄPKA ! (34) 61 OYN AAAO Tl AE- 

xecee, KÖnoYC moi mhaeic hapexetu' (35) eru rÄp toyc aecmgyc toytoyc 
<t>epu, Yna Xpictön kepahcu, kai tä ctiTMata aytoy en tu cümati moy bactaiu, 



(31) E hat den Vers umscliriebeii. — L, L, A stimmen zusammen, aber L, l)ietet 
ros fit eo.s qui crediderunt, ALi scliieljen nach ros (nach Mattli. 8,26) ihr Kleingiäu- 
liigenein, A schreibt wenn iliran den II ei'i'ii Jesus Cli ristus 2;laübt. L, l)ietet 
nur ipse (nicht et ipse). 7.\w Sache s. Rom. 6, 4. 

(32) et mim L2, und wenn E, wenn A, tmleserlich L,. — super ossa Helisaei 
prnphetae mortuus missus est a ßliis Israel et resurrexit L, , Helisaei prophetae mortuis os- 
si/»/s quidain disiectus a ßliis Israel resurrexit a mortuis La. die Gebeine Elisa's des 
Propheten, auf den Toilten gefallen, denTodten aiiferw eckten A E (doch 
l'ehlc in E des Propheten). — Zu resurrexit hat L^ den Zusatz, in suo corpore. Lj cor- 
pus et anima et ossa et spiritus; letzteres gehört in die folgende X'ershälCte; in suo cor- 
pore ist vielleicht ursprünglich; vergl. den Schluss der 2. Vershälfte. Wie oft und wohin 
nekpöc (NeKPOl) zu setzen ist, bleilit ungewiss. — quanto magis LiAE, nonne Lj- — 
vos LiAE, et ros L^. — jmsillae ßdei + L,. — super corpus et ossa (et) spiritum doiiiini 
missi Lj, die ihr auf das Fleisch und das Blut und den Geis t Ch risti euch 
gestützt habt A, die ihr in eurem Glauben auf das Blut und den Leib 
und den Geist Christi euch gesti'itzt habt E, in Li fehlen die Worte, aber sie 
stehen irrthiiinlich zimi Theil schon in v. 32': corpus et anima et ossa et spiritus. Luc. 24. 
39: cApka kaI öctea. — Li schiebt vor in illa die resurgetis die Worte a mortuis ein. — 
habentes sanam carnem Li, inteyram habentes carnem. Lj, mit unversehrtem (n) Leibe 
(Leibern) A E. — sicut et Christus resurrexit -i-hi. Vergl. n.Kön.i3,2r; nach dieser 
Stelle habe ich PinTeiN und nicht baaaein gewählt. — Vielleicht ist dieser Vers in der 
apostolischen Didaskalia benutzt (s. Texte und Untersuchungen Bd. 25, lieft 2, S. 143). 

23° Li und A haben hier einen Zusatzvers, der in La E fehlt: similiter et 
de Ilelia propheta: ßlium viduae a morte resuscitavit: quanto magis vos dominus Jesus in 
roce tvhae , in nuiu oculi a morte resuscitabit , sicut et ijise a mortuis resurrexit? tipum enim 
nol.is in suo corpore ostendit. Ferner Elias, der Prophet, nahm den Sohn 
der W i 1 1 \v e in die Arme und weckte ihn von denTodten auf — wie viel 
mehr wird Jesus Christus auch euch auferwecken an jenem Tage mit 
unversehrtem Leibe, gleichwie er selbst auferstanden ist von den 
Todten! 

(34) quod si quid aliud recipistis L,, quod si alia potius admittitis L, , wenn ihr 
nun (künftig E) etwas Anderes leichtfertig annehmet A E. — erit vobis dcvs 
in testimonium. -t- Li. — Die 2. Iliilfte (Gnl. 6, ly") mit Li A E (aber AE schieben in 
Zukunft ein); Lj schreibt (vielleicht richtig) molesti esse mihi nolite. 

(35) Der Anfang ist nicht mehr sicher herzustellen: denn ich trage diese 
Bande an mir AE, ego enim arca\!\ La, ego enim Stigmata Christi in manibus habeo 
Li. — ut Christum htcrer (Philipp. 3, 8) Li, ut Christum in me lucrifaciam La, ebenso 
A E. — et ideo Stigmata eius in corpore meo porto (Gal. 6, 17 ) La, rf Stigmata crucis eiuJ> 
in corpore meo Li, und die Martern dieses Leibes dulde ich A, E para])hra- 
sirt. — ut veniam in resurr ectionem ex mortuis (Philipp. 3, 11) L, , vt in resurrectione mor- 
tuorum et ipse inveniar La, damit ich der Au ferstehnng von denTodten wür- 
dig werde AE (Luc. 20, 35). 



28 Gesamiiitsitzung vom 12. Januar 190ö. 

YnA KATANTHCU eiC tAn [eiJANÄCTACIN THN eK NeKPÜN. (36) KAI bCTIC TW KA- 
NONI, ÖN AlA TÖN MAKAPitON nPO^HTUN KAI TO? XriOY e'r'ArreAioY eAABGN, CTOI- 
XHCei, MICeÖN AHYeTAI ■ (37) bC AS TAYTA nAPABAINGI, TÖ n9p eCTI wer' AY'TOY 
KAI MeTÄ TÖN OYTUC HPO APAMÖNTUN . (38) oY eiCI rGNNHMATA eXIANÜN, (39) 

OYC ÄnueeTcee €n AYNÄnei toy kypIoy, (40) kaI tcxAi Mee' ymün gIphnh. 

(36) Von diesem Vers ist in K ... der hat die seligen (makapioi) 

... heilig ... erhalten. — • KLiE geben den Satz im Singular, Lj im Plural (Gal. 6, 
l6: b'coi), A schreibt: und ihr. ein Jeglicher, sowie ihr empfinget u. s. w. — 
et qiiictinque Lj. et si quisquam L, , wer E. — Gal. 6, 16 (kaI b'coi tu kanöni toy'tü) 
ctoixHcoycin) scheint zu Gnindo zti liegen; intendenint Lj, manet Lt , ausharrt und 
bleibt E, festhält A; vielleicht ist tön kanöna (regulam L1L2, das Gesetz A, die 
Ordnung des Gesetzes E) KPATeT zu lesen. — die seligen KAE, felices Li, bea- 
iissimos Lj. — Zu den Lohn + E dafür und für seine Werke. — eAABEN, ahye- 
TAi bieten alle Zeugen. — mercedem a domino Lj. — bei der Auferstehung der 
Todten +E, bei der Auferstehung derTodten; das ewige Leben werdet 
ilir erben +A. et cum resi/rre-rerit a mortuis, vitam aeternam consequetur + Li. 

(37) Li AE geben den Satz im Singular, Lj im Plural. — qui autem Li, qui nero 
Lj . wenn nun einer A, wenn nun fürder einer E. — haec (i.ita) praeterit (prae- 
terierint) LiLj, kleingläubig ist und (das) übertritt AE, was wir ihm ge- 
geben haben + E. — ignis est cum Hin Li, so ist das Feuer mit ihm E. in ignem 
aeffrmim . . . erunt Lj, das Gericht zieht er sich selbst zu A. — et cttm iis qui 
sie praecumtnt, qui sine deo sunt homines (Ephes. 2, 12) Li, sondern auch derer, 
welche schon vorher auf diese Weise als Menschen ohne Gott auf Erden 
wandelten E, mit den übelthätern und mit denen, welche solches Trei- 
ben verkehrter Menschen üben, wird er gestraft A; Lj bietet einfach: et 
quicunque taliter rersanttir. Nur dieser Satz hat im Oiiginal gestanden, aber wohl in 
dei- Form von L, ; das praecurriint wivd durch das vorher in E bestätigt. Der kurze 
Salz lud zu Interpolationen geradezu ein. — fipdapamöntun ist gewagt; aber Paulus 
hat (Jal. 5. 7 geschrieben: ^TPexeTe kaaüc. 

(38) qui su?tt genera riperanim Li. // sunt progenies viperarum Li. denn diese 
selber sind Ottern- und Basilisken-Gezüchte AE (.\ vor Ottern- noch 
Schlangenbrut). 

(39) quos repellite in domini potestate Li , a quibus vos separate in virtute domini 
Lj, weichet zurück und haltet euch ferne von ihnen durch die Kraft 
unseres Herrn Jesu Christi A, denn solche auszurotten durch die Kraft 
Gottes sollt ihr euch drängen lassen E. 

(40) et erit voliiscum pnx Lj . et eril robiscum pax, gratia et dilectio. Amen Li , und 
es sei mit euch der Friede und die Gnade des geliebten Erstgeborenen. 
Amen .\ , fehlt in E. 



n. Der apokryphe Briefwechsel als Bestandtheil der Acta Pauli. 

D;iss ein relativ selhstäntliges Stück eines grösseren Solirit'tganzen 
echt und mit dem Ganzen zusammen entstanden ist, ist in vielen 
Fällen leichter zu bezweifeln als zu beweisen, luid wenn dieses Schrift- 
ganze aus einer bunten Reihe von Einzelerzählungen besteht, ist der 
Reweis doppelt schwierig. ]\Ian muss sich dann dabei beruhigen, dass 
das Stück, weil in dem R.-dimen eines grösseren Ganzen überliefert, 



Harnack: Der apokryiiho Briefwechsel des Paulus mit ilen Korintlierii. 29 

auch mit iliin zusammen iichört, und nuiss abwarten, ob Gegeniirüiide 
geltend gemacht werden. 

In unsrem Fall sind wir in einer glücklicheren Lage. Die Zu- 
gehörigkeit des apokrv[)hen Briefwechsels zu den Acta Pauli kann 
durch schwerwiegende Beobachtungen gestützt werden, und Gegen- 
gründe sind bisher überhaupt nicht angeführt worden: 

(i) Die Briefe, wenn man sie hypothetisch als selbständige Stücke 
betrachtet, müssten in der Zeit der Acta Pauli entstanden und selirbald 
in das grosse Werk eingeschoben worden sein; das lehrt die Textge- 
schiclite. die mindestens bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts, aller 
Wahrscheinlichkeit nach aber bis zum Anfang desselben hinaufführt, 
und das wird durch den Inhalt der Briefe (antignostische Polemik, die 
Prophetin Theonoe u. s. w.) nicht erschüttert, sondern bestätigt. 

(2) Die Briefe sind nach Geist und Tendenz den Acta Pauli selir 
verwandt. Diese hat Hr. Schmidt, die von mir Chronologie I, S. 500 ff. 
gegebene Beurtheilung weiterführend, in dogmengeschichtlichcr Hin- 
sicht so zutrefi'end charakterisirt, dass ich dem nichts hinzuzufügen 
habe. Sie repräsentiren den Standpunkt jenes vulgären altkatholischcn 
(oder katholisch werdenden) Christenthums, dessen Interpreten und 
theologische Vertheidiger in älterer Zeit der Verfasser des 2. Clemens- 
briefs, etwas .später Ii-enäus gewesen sind. Was Geist und Bildung, 
schriftstellerische Absichten und geschichtliche Einsicht und Gewissen 
betrifft, dürfen freilich der Verfasser der Acta und der Bischof von 
Lyon nicht in einem Athem genannt werden, aber jener exponirt 
uns den Gemeindeglauben und die Stimmungen, welche dieser theo- 
logisch mit Hülfe des wirklichen Paulinismus rechtfertigt. Anti- 
gnostisch ist auch der Verfasser der Acta beseelt, wie seine Po- 
lemik gegen Demas und Hermogenes beweist. Erscheint er vielleicht 
um einen Grad asketischer als Irenäus (aber schwerlich asketischer 
als der Verfasser des 2. Clemensbriefs), so darf man nicht vergessen, 
dass wir erbauliche Schriften von dem Lyoneser Bischof leider niciit 
besitzen und dass in der erbaulichen christlichen Novelle, zumal 
wenn sie von Aposteln handelt, die Askese zu allen Zeiten in den 
Vordergrund gerückt worden ist. Jedenfalls giebt es keinen Zug 
in den Acta Pauli, der aus dem Rahmen des Vulgär-Christlichen 
herausfallt', zumal wenn man sich erinnert, dass die sogenannten 
»Enkratiten« erst allmählich, etwa zwischen 170 und 200 (gleich- 
zeitig mit den Montanisten) aus der grossen Kirche ausgeschieden sind. 
In dem apokryphen Briefwechsel nun treffen wir denselben Geist 
wieder. Natürlich darf man nicht erwarten, dass sich in den Briefen zu 
allen Zügen der bunten Acta Parallelen finden — haben sie duch 

'■ Nach TertuUian ist ein asiatischer Presbyter der Verfasser der Acta. 



HO üesaiuintsitziins;' vom 12. .laiiiuii- 190Ö. 

eine ausschliesslich antignostische Tendenz — , aber was sie gegen- 
iiber dem Gnosticismus besonders hervorheben, den Realismus des 
Leibes Christi und die Auferstehung (ganz wie der Verfasser des 
2. Clemensbriel's) , das steht auch dem Verfasser der Acta im Vorder- 
grund: ferner, wie Simon und Kleobius dort von aussen in die bislier 
reine dcmeinde eindringen, so schleppen auch hier »Demas und 
Herniogenes« von aussen die Häresie ein. Als Irrlehren der Gnostiker 
wird im Briefwechsel lediglich angeführt, (i) dass Gott nicht all- 
mächtigsei, (2) dass die Welt nicht unter ihm, sondern unter Engeln 
stehe, (3) dass der Mensch nicht von ihm geschaffen sei, (4) dass 
das A. T. (die Propheten) zu verwerfen sei, (5) dass Christus nicht 
im Fleisch gekommen und nicht von Maria geboren sei, (6) dass das 
Fleiscli nicht auferstehe. So spricht der Praktiker, der sich auf Details 
nicht einlässt, der Seelsorger, dem es nur auf die Hauptpunkte an- 
kommt \ wie ja auch der Verfasser der Acta sich nirgendwo auf tiefere 
antignostische theologische Probleme einlässt. »Seicht« mag man 
die Darlegungen des Verfassers des Briefwechsels nennen, aber sie 
sind nicht seichter als die in den Acta Pauli sich findenden. 

(3) Die Sprache der Briefe unterscheidet sicJi in keinem Stück 
von der der Acta. Die Gegenstände sind freilich verschiedene, \md 
dazu müssen wir Briefe mit Erzählungen vergleichen ; aber dieselbe 
Simplicität des Stils herrscht dort und liier. Anfängern im Griechi- 
schen kann man diese wie jene vorlegen, weil Ausdrucksw.eise und 
Sprache für das Verständniss des gemeinen Mannes berechnet sind. 
Einzellieiten s. unter Nr. 6. 

(4) Das Verhältniss der Briefe zu den 13 paulinischen Briefen 
und zur Apostelgeschichte ist genau dasselbe, welches wir sonst in 
den Acta Pauli bemerken. Über dieses hat Hr.ScHMiDx (S. igSff.) und vor 
ilim schon Hr. Schlau (in seiner Monographie über die Thekla- Acten) 
das Notlüge gesagt. Der Verfasser hatte die 13 paulinischen Briefe 
und die Apostelgeschichte im Kopfe und verwerthete zahlreiche Re- 
miniscenzen aus denselben (theils für die Geschichtserzählung, theils 
zur Erbauung), aber er verwerthete sie in der willkürliclisten Weise. 
Genau so verfahrt der Verfasser des apokryphen Briefwechsels. Führte 
jener Demas und Hermogenes ein, so dieser den Stephanos (=Stepha,nas, 
s. I. Kor.) und Simon Magus (Act.). Den Anlass, einen Korintherbrief 
und einen Paulusbrief nach Korinth zu erfinden, bot der I. kanonisclie 
Korintherbrief (c. 7, i ; 5,9), die Gefangenschaft in Philipp! wurde 
ans Act. 16 herbeigezogen. Wie zahlreiche Reminiscenzen an ]i;uili- 
nisclie Briefe die falschen E[)istein bieten, liabe ich im Apparat nach- 

' Die einzige llieologisclie Wendiiiiü; im engeren .Sinn erinnert an Irenäns II. 15: 
Vna ön h capki ö noNHPÖc Ikayxhcato, aiä taythc NeNiKHMSNOc ÄnoAeixetH. 



IIarnack: Oer npiikryplie Bricfwcclisel des P;mliis mit den Korinthern. )5 1 

gt'wicscii. ' FonnoU sind sie denen in den Acta Pauli überraschend 
älinlicli: ganz dreist werden kli'ine Sätzclien aus Paulus eingestreut: 
auch werden dort wie hier dieselben Briefe (Pastoraibriefc, Galater") 
bevorzugt. Das ist ein überaus starkes Argument l'ür die Identität der 
\'erfasser: ein zweiter Fälscher, der angebliche Verfasser des apokryplicn 
Briet'ueehsels, müsste dem ersten dieMache vollkommen abgelauscht und 
sie virtuos nachgeahmt haben. Der Paulus der Acta und der Paulus dei- 
falschen Briefe ist derselbe — der Plagiator seiner eigenen Briefe und 
der in der Katholieität noch gesteigerte Paulus der Pastoralbriefe. 

(5) Die apokryphen Briefe sind nicht einfach in die Acta Pauli 
eiiigesti'eut, sondern sie sind durch zwei starke Klammern auf's Innigste 
mit ihnen verbunden, nämlich durch eine ausführliche Einleitung, 
die wir erst durch den Kopten kennen gelernt haben (ScmnnT, S. 73!".). 
und durch das geschichtliche Mittelstück. Hält man diese beiden 
Erzählungen für ursprünglich , so ist mit ihnen der wesentliche Inhalt 
der Briefe bereits gegeben, und diese erscheinen nun jedenfalls nicht 
als seichter, auch nicht als andersartig. Die Annahme ist in diesem 
Falle also viel leichter, sie seien vom Verfasser des Ganzen, als sie 
.seien von einem Anderen hineingesetzt, der den Verfasser des Ganzen 
.sklavisch copirt habe. Bricht man aber eben deshalb auch die erzählende 
Einleitung und das historische Mittelstück als spätere Einschübe aus 
dem ursprünglichen Werk heraus, so entfernt man Theile, die den 
Stern] )el der Zugehörigkeit zum Ganzen besonders deutlich aufweisen 
und die daher schlechterdings nicht entfernt werden dürfen. Darüber 
Avird sofort zu handeln sein. 

(6) Die apokryphen Briefe sind durch zahlreiche — zum Theil 
offenkundige, zum Theil feine — Einzelzüge mit den Acta Pauli ver- 
bunden. Das Material ist überraschend gross, sobald man nur die 
Augen aufmacht: 

(a) In der Einleitung zimi Briefwechsel und im Brief <ler Korintlier 
ist von einer Specialoffenbarung die Rede, welche in Korinth eine ge- 
Avisse Theonoe in Bezug auf das Geschick des Paulus, Avie es scheint 
in der Gemeindeversammlung, erhalten hat. Schon dass ein Weib so 
hervortritt, ist für die Acta Pauli, diese Apostelgeschichte der Frauen, 
charakteristisch, und auch sonst finden sich in dieser Schrift Vi.sionen 
und Weissagungen (s. Schmidt S. 54. 82. 88 f.). Aber die Tlieonoe- 
Erzählung hat an der Erzählung a'ou der ]\Iyrte (S. 83) noch eine be- 

' Durcli Interpolationen sind diese l'jitlehnunnen in den jiin^eii'n Texten noeli 
verstärkt worden. 

- Man vei-gleichc /.. I>. e|). II, 34 1'. : ei oyn aaao ti Aexecee. KÖnoYC moi mhaeic 
riAPexeTü) . . . ta ctitmata aytoy gn tu cümati moy bactaiu, nnd Acta Thecl. 40; TTavae, 

Ö CGI CYNePfHCAC SIC TO EYArreAlON KAMoi CYNHPrHCEN SIC TÖ AOYCACeAl. 



32 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

sondere Parallele: »Es kam auf Myrte (in der Versammlung) der Geist, 
so dass sie ihnen sagte: Brüder . . . und schauet auf dieses Zeichen, 
indem ihr(?) . . . Paulus nämlich, der Diener des Herrn, wird erretten 
Viele in Rom, und er wird aufziehen Viele durch das Wort, so dass 
nicht ist Zahl an ihnen, und er sich offenbart mehr (dort in Rom) 
als alle Gläubigen . . . eine grosse Gnade ist . . . (in) Rom.«' Theonoe 
und Myrte, beide weissagen das Geschick (die Thaten) des Paulus. 

(b) Nach dem apokryphen Briefwechsel ist Paulus in Philippi in's 
Gefangniss gesetzt worden aia thn Ctpatonikhn thn tynaTka to? AnoAAO- 
<t>ANOYc. Das ist ganz im Geiste der Acta Pauli; auch um der Thekla 
willen wird er gefangen gesetzt. 

(c) In ep. II, 5 heisst es: oti ö kypioc hmön ■'Ihco9c Xpictöc 6k /^apIac 
eK cnepMAToc Aaygia ereNNHeH, in den Acta Pauli (Thecla i) liest man 
(nach dem durch den Kopten beglaubigten Text): oti Xpictöc ereNNHen 
eK MapIac kaI ek cnepMAToc Aayeia. Dieses Nebeneinander von ek MapIac 
und eK cn. A. ist nicht häufig. Hier liegt also eine sehr beachtens- 
werthe Verwandtschaft vor. 

(d) Der Teufel heisst ep. I, 8 ö anomoc, ebenso heisst er in den 
Acta Pauli (S. 73); ep. II, 2 ö noNHPÖc wie Martyr. 1. 

(e) Ep. II, 4 redet der falsche Paulus von toTc npö ewo? ÄnocTÖAoic, 
Acta Pauli S. 68 ist höchst wahrscheinlich dasselbe zu lesen.' 

(f) Zu der .starken Betonung der Auferstehung des Fleisches 
in den Briefen s. Acta Pauli S. 68: ». . . [auferwecktj unser Fleisch«, 
ferner s. den Ausruf Acta Thecl. 39 nyn nicxe^cü oti ngkroi ereipONTAi und 
die Charakteristik des Demas und Hermogenes als solche, welche die 
Auferstehung leugnen bez. behaupten, sie sei schon gescliehen (In der 
Gotteserkenntniss und der Kinderzeugung). 

(g) Zu der Formel ep. II, 9: (eeöc) ö kticac tön q-^panön kai thn thn 
(ohne weiteren Zusatz) s. Acta Pauli S. 71: »Gott, der geschaffen hat 
den Himmel und die Erde.« 

(h) Zu der Formel (ep.II, 9), die Propheten seien zu den Juden ge- 
schickt, Yna AnocnAceüciN Xnö tun amaptiün, und zu der andei'en (ep.II, 1 1), 
die Menschen seien an die Begierde gebunden worden (vom Teufel), 
s. Acta Pauli S. 37 (Thecla c. 17): bncoc Änö thc «ceopÄc kai thc akasapcIac 
AnocnAcu) aytoyc kai hachc haonhc . . . bnuc mhketi amaptänucin. 

(i) In ep.II, 17 findet sich die Aussage über Christus: tön thc 

AIKAIOCYNHC NAÖN'^ eN Tu) lAlU CÜJMATI ÄnO^AINUN. Sowohl AIKAIOCYNH'' als NAÖC 

' Nebenbei sei bemerkt, dass hier ein Zeugniss des asiatischen Presbyters lür 
die Grösse der römischen Gemeinde (in der Zeit M. Aurel's) vorliegt. 

^ Schmidt schlägt unter grosser Reserve »mit mir« vor, w^as aber auffallend wäre. 

' Ganz sicher ist diese Verbindimg von aikaiocynh und naöc nicht, s. den Apparat. 

* Vgl. auch ep. II. 19: hier heissen die Gläubigen Yioi thc aikaiocynhc; der Teufel 
ist (11. 1 1) Aaikoc. 



Harnack: Der apokiyiilie Briefwechsel des Paulus mit den Korinthern. 3H 

ist liier eigenthümlicli gebraucht. Aber schon Hr. Schmidt hat auf Par- 
allelen in den Acta Pauli aufmerksam gemacht. AiKAioc-fNH ist auch 
liier ein moralischer Centralbegriff (= Heiligkeit), s. Thecla 4, wo 
Paulus den Gnostikern sagt: oyx öpü en ymTn kaphön AiKAioc-fNHC, und 
vor Allem Acta Pauli S. 65: »dass der Mensch nicht gerechtfertigt 
werde durch das Gesetz, sondern dass er gerechtfertigt werde durch 
die Werke der Gerechtigkeit«. Was aber den na6c betrifft, so heisst 

es Thecla 5: MAKÄPIOI 01 ATNIHN ThIN CÄPKA THPHCANTeC, ÖTI A-r-TOI NAÖC eeoY 

reNHcoNTAi. Was die Reinen sein werden, das hat Christus im Voraus 
an seinem Leibe dargestellt, nämlich einen Tempel der Gerechtigkeit, 
d. h. einen heiligen Tempel. So empfängt eine dunkle Stelle des Brief- 
wechsels durch andere Stellen der Acta Pauli erst das richtige Licht. 
Zugleich bekundet der Verfasser auch hier im Briefwechsel sein ethisch- 
asketisches Interesse, welches er sonst in diesem zu betonen keine 
Veranlassung hatte. 

(k) In ep. II, 19 bieten die beiden Lateiner den merkwürdigen 
Ausdruck 'prudentia del: sie haben gewiss nicht co<t>iA gelesen, sonst 
hätten sie sapienüu geschrieben. AE haben das Wort nicht verstanden 
und Erbarmen der Barmherzigkeit geschrieben. Es hat also ein 
selteneres Synonymum (zu cooia) hier gestanden. Nun aber liest man 
in den Acta Thecl. 6 erstlich den Macarismus : makapioi 01 co<»>ian 
AABÖNTec "I. Xp., und gleich darauf den anderen: makäpioi 01 cyngcin 
1. Xp. xuPHCANxec. Die Lateiner Ba und Bc haben dieses c^ngcin durch 
■prudentia wiedergegeben (andere Lateiner durch sensus). Cyngcic toy 
eeoY hat also (s. auch den Kopten) ep. II, 19 gestanden, und dieser 
seltene Ausdruck ist mithin den Briefen und den Acta gemeinsam. 

(1) Zum Schluss seien noch einige Kleinigkeiten erwähnt, die an 
sich nichts bedeuten, aber im Zusammenhang mit den anderen Stücken 
vielleicht genannt werden dürfen. Ep.II, 8 liest man 'ö ANSPunoc) ahoau- 
Aüjc eiHTeTxo, Thecla 19 heisst es: eiHreTro Ggkaa . . . liic XnoAAYMeNH 
EAHüKGTO.' Im geschichtlichen Mittelstück steht: eKPAie AercoN, vergl. 
Thecla 20. 28. 30. Zu wiceÖN AHrexAi (ep. II, 36) s. Thecla 6. 31. Zu 
ensNeHce im geschichtlichen Mittelstück s. Thecla 29. 33, neNeoc in den 
Acten (Schmidt S. 58. 71, wohl auch S. 57). Zu npoAPAMÖNTCüN (ep. II, 37) 
s. npocAPAMOYCA Thccla 3 3 . Zum Imperativ im Nachsatz (I, 6 f.) s. 
Thecla 17. 43. 

Diese Übereinstimmungen werden wohl genügen, um den That- 
bestand, welchen die Überlieferung aufweist, zu erhärten, dass die 
apokryphen Briefe einen integrirenden Bestandtheil der Acta Pauli bilden. 



' Es ist möglich, dass auch ejj. II, 8 nicht AnoACüAÜc, sondern AnoAA'f'MeNOC 
lesen ist. 



•Sitzungsberichte 190."). 



34 Gesamintsitzimg vom 12. Januar 1905. 

Die Christenheit des 2 . Jahrhunderts hatte mehr als einen Pauhis: 
sie hatte den Paulus der Apostelgeschichte, der dem echten nahe kommt, 
den Paulus derPastoralbriefe, den Paulus des Marcion und derGnostiker! 
Zu diesen kam nun noch der Paulus der Acta Pauli. Er ist dem der 
Pastoralbriefe am nächsten verwandt; aber er geht in der katholischen 
Richtung noch über ihn hinaus. Der Standpunkt des Verfassers der 
Acta Pauli, und somit sein Paulus selbst, ist zwischen dem 2. Clemens- 
brief und Irenäus zu suchen. 

Aber besass der Verfasser der Acta Pauli ausser den echten Paulus- 
briefen, die er so stark, aber so äusserlich benutzt hat, nicht ein 
Modell, nach welchem er den Paulus in dem falschen Korintherbrief 
hat schreiben lassen? Fast möchte ich es glauben'. Was wir von 
Polykarp aus dem einzigen uns von ihm erhaltenen Briefe^ wissen 
und von Irenäus über ihn hören, zeigt meines Erachtens einige bc- 
merkenswerthe gemeinsame Züge mit unseren Stücken. Auffallend ist 
das nicht; der Verfasser der Acta Pauli war, wie wir hören, ein asia- 
tischer Presbyter und lebte zu einer Zeit, in der Polykarp's Persön- 
lichkeit und Wirken als des angesehensten asiatischen Bischofs und 
apostolischen Lehrers noch in frischestem Andenken war. Ich will 
kein Gewicht darauf legen, dass unser falscher Korintherbrief mit den 
Worten beginnt CTe*ANOc kai oi cyn aytu npecBYTepoi, der Polykarp- 
brief aber: TToAYKAPnoc ka: oi cyn aytu npecsYTepoi, aber wenn unser 
Verfasser erzählt, Paulus habe beim Empfang der Nachricht von dem 
Eindringen der Häresie in Korinth ausgerufen ("eKPAie AercjNJ: kpeTtton 

HN MOI XnoeANeTN kai eNAHMHCAl nPÖC TÖN KYPION H eTnAI eN TH CAPKI KAI 

ToioYTOYC AÖroYc AKOYCAi , wcm fällt da nicht der Bericht des Irenäus 
über das Verhalten des Polykarp ein, wenn er häretische Lehren 
hörte^? Ferner erinnere man sich, welche gnostischen Irrlehren Polykarp 
ep. 7 — thesenartig, wie in unserm Briefwechsel — hervorgehoben 
hat und wie sehr sie den im apokryphen Briefwechsel accentuirten 
gleichen*; Polykarps weeoAGYeiN tä aötia toy kypIoy ist vielleicht so- 



' Vgl. Schmidt S. 205 , dei' auch hier das Richtige schon gesehen hat. 
^ Polykarp hat nach dein Zeugniss des Irenäus (h. e. V, 20) mehrere Briefe ver- 
fasst, die am Ende des 2. Jahi-hunderts noch existirt haben: kai ck tun dnicTOAÜN 

AYTOY OJN eneCTelASN HTOI TaTc reiTNIÜCAIC 6KKAHCIAIC enlCTHPlIÜN AYTAC H tun AAeA*ci)N 
TICI NGYeSTÖN AYTOYC KAI nPOTPenÖMeNOC AYNATAI «ANEPUeHNAI. 

^ Iren, bei Euseb.. Ii. e. \', 20: ei ti toioyton akhkösi eKeiNOC makÄpioc kai 
ÄnocTOAiKÖc npecBYTepoc, anakpäiac an kai e«*PAiAC ta Sta aytoy, kai t6 cv'NHeec 
AYTÜ einÜN- ä KAAe eee, eic oYoyc we kaipoyc tgthiphkac, Ina toytcün ÄNexuMAi. Irenäus 
fährt fort ne<i>eYrei an kai tön töocn bn ö KAeeiöweNoc h ecTuc tun Toio-fTUN ÄKHKÖei 
AÖruN. Dazu ep. II, 20: KAi Änö thc aiaaxhc aytüjn *eYreTe. 

* '"'Oc AN MH ÖMOACrfi IhCOYN XpICTÖN SN CAPKI EARAYeSNAI . . . ÖC AN MH OMOAOrH 
TÖ «APTYPION TOY CTAYPOY . . . OC MeeOAGYM TA AÖrlA TOY KYpioY nPÖC TAG lAlAC SnieY- 
MIAC KAI AerH MHTC ANÄCTACIN MHTE KPiciN SINAI. 



Harnack: Der apokryphe Briefwechsel des Paulus mit den Korintliern. 35 

gar -vvörtlicli im falschen Pauliisbrief wiederholt worden (s. ep. II, 3). 
Weiter vergleiche man mit den scharfen Ausdrücken Polykarp's über 
die Häretiker »antixpictoc«, »gk toy aiaböaoy«, »ö npuTÖTOKOc to9 Catanä» 
(ep. 7 und mündlich in Bezug auf Marcion) die Ausdrücke »Priester 

Satans«, »THN niCTIN toy KATHPAMGNOY Ö*eCüC eXOYCm«, »rSNNHMATA exiA- 

NCüN«, »Yioi THC ÖPTHC« in dem falschen Paulusbrief. Endlich darf man 
doch wohl sagen, dass der ganze Charakter des falschen Paulusbriefs 
in seiner Simplicität, seinem Traditionalismus \ seiner entschiedenen 
und kurzbündigen Polemik gegen die Häresie, ja selbst in seinem Mosaik 
aus älteren Briefen an das erinnert, was wir von Polykarp und seinen 
Briefen wissen. Natürlich reicht das Alles nicht aus, um eine feste 
Verbindungslinie zu ziehen; aber soviel wird man behaupten dürfen, 
dass der falsche Paulusbrief nach Geist und Tendenz'- sehr wohl eine 
— freilich dürftige — Copie nach Briefen Polykarp's sein könnte. 



Dass ein Buch wie die Acta Pauli (sammt dem falschen Brief- 
wechsel) in der Kirche geschrieben werden und einen ungewöhnlichen 
Erfolg erlangen konnte, fordert eine Erklärung. Sie liegt nahe: In 
der Apostelgeschichte des Lucas ist Paulus nicht deutlich als »Heros« 
und Asket vorgestellt; auch tritt die berückende und zwingende Gewalt 
seiner Predigt und Wirksamkeit nicht scharf hervor. Beides wollte der 
Verfasser der Acta Pauli nachholen. Er transponirte dabei den Apostel 
aus dem Jüdischen ins Hellenische. Paulus sah nun einem Apollonius 
von Tyana ähnlicher als einem urchristlichen Missionar. Dieser 
Apostel war ganz verständlich , der wirkliche Paulus nur zum Theil. 
Zum Glück kam die neue Darstellung zu spät — sah wohl auch zu 
modern aus — um dauernd Unheil zu stiften. 



' Paulus selbst beruft sich ep. 11,4 auf die früheren Apostel, von denen er 
empfangen habe, was er lehre! 

*•' Man achte auch auf den Begriff aikaiocynh und die Bedeutung der Auf- 
erweckung im Polykarpbrief. Im Einzelnen finden sich noch manche bemerkens- 
werthen Parallelen. Polyc. 2, i: KeNH MATAioAoriA. 7.2: mataiöthc twn noAAUN, 6,3: 
KeNoi ÄNGPconoi mit ep. I, 16: h «ATAiOAoriA KeNuefi. — Polyc. 6, 3: Apostel und Pro- 
pheten (oi npOKHP'f'iANTec) als Richtschnur mit ejy.l. 4. 5 ; II, 4. 9. 10. 36. — Polyc. 9, i: 
TTayaoc kaI Ol AOinol AnöcTOAOi mit ep. I, 4. 5. — Polyc. 8, i: toyton hmTn tön Yno- 
rPAMMÖN eeHKC ai' eaytoy mit ep. II, 6. — Polyc. 7, 2: ö ei apxhc nAPAAoeeic AÖroc 
mit ep. II. 4 u. s. w. 



3* 



36 



Ein Philo-Palimpsest (Vat. gr. 316). 

Von Prof. Dr. L. Cohn 

in Breslau. 



(Vorgelegt von Hrn. Diels. 



Uie handschriftliche Überlieferung der beiden ersten Bücher des großen 
Philonischen Werkes De speciaUbus legibus ist eine verhältnismäßig spär- 
liche. Die Abschnitte, aus denen sich das erste Buch zusammensetzt, 
finden sich sä,mtlich nur in den beiden Hss.-Klassen A und H, aber in 
vielfach A-erderbter und zum Teil, wie wir sehen werden, lückenhafter 
Überlieferung. F, die beste Hs. für dieses Buch, hat zwar auch alle Ab- 
schnitte, weist aber in dem letzten Abschnitte nepi evÖNTUN eine (vermut- 
lich durch Ausfall mehi-erer Blätter in der Vorlage entstandene) große 
Lücke auf. M enthält nur die beiden ersten Abschnitte (nepi nepiroMHc 
und nepi monapxiac). Noch schlimmer steht es um die Überlieferung 
des zweiten Buches. F hat nur die erste Hälfte, M ist die einzige 
Hs., in der dieses Buch vollständig erhalten ist; dazu kommen einige 
Exzerpte daraus in der Lukas-Katene des Niketas. Jetzt erhalten wir 
für das ganze erste Buch und den Anfang des zweiten Buches ein 
neues wertvolles Hilfsmittel in einem Palimpsest der Vatikanischen 
Bibliothek. Die Hs. ist lange verschollen gewesen und erst vor kur- 
zem wieder entdeckt worden. A. Mai hatte in einer beiläufigen Notiz 
(Nova Patrum Biblioth. T. VI p. II p. 67/68 Anm. i) von dem Vorhan- 
densein Philonischer Schriften in einem Vatikanischen Palimpsest Mit- 
teilung gemacht, dabei aber nach seiner Gewohnheit die Signatur der 
Hs. A-erschAviegen. Kardinal Pitr.\ (Analecta Sacra II 315) zitiert Mais 
Angabe, gesteht aber, nicht zu Avissen, Avelche Hs. gemeint sei. Ich 
selbst habe lange nach der Hs. A^ergeblich gesucht, bis ein gelegent- 
licher Hinweis von H. Diels auf eine Abhandlung A^on Beandis auf 
die richtige Spur führte. Brandis nennt in seiner Abhandlung über 
die römischen Hss. des Aristoteles (Abh. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1831 
S. 60) auch den Vaticanus graecus 316. bezeichnet ihn als Palim- 
psest und führt daraus drei Philonische Schriftentitel an, die er auf 
ZAvei A'erschiedenen Seiten der Hs. lesen konnte. Aus den Angaben 
Aon Mai und Bkandis. sowie aus einiü'cn Proben, die ich der Güte 



L. Cohn: Ein Phild-Paliinpsest (Vat. gl-. 316). 37 

meines Kollegen de Book zu verdanken hatte, wurde mir bald klar, 
daß die Hs. insbesondei-e für das erste und zweite Buch des genann- 
ten Werkes von Wert sein könnte und jedenfalls schon wegen ihres 
Alters Beachtung und sorgfältige Untersuchung verdiene. Dank der 
Munifizenz der Kgi. Akademie der Wissenschaften und der Bewilligung 
eines Urlaubs durch die vorgesetzte Behörde wurde es mir ermöglicht, 
im Herbst vorigen Jahres in Rom den Palimpsest einer Prüfung und 
Vergleichung zu unterziehen. Durch das freundliche Entgegenkommen 
des Prefetto der Biblioteca Vaticana, Pater Ehrle, wurde icli instand 
gesetzt, in verhältnismäßig kurzer Frist meine Aufgabe zu erledigen; 
ich kann nicht umhin, ihm auch an dieser Stelle meinen wärmsten 
Dank auszusprechen. Die hauptsächlichsten Ergebnisse meiner Prüfung 
will ich hier vorlegen. 

Cod. Vat. gr. 316 war ursprünglich eine Hs. in Klein-Folio (37™'2 
X2']""i), mit breiten Rändern, in zwei Kolumnen zu je 35 Zeilen ge- 
schrieben. Nach dem Charakter der Schrift, einer schönen breiten 
Minuskel, gehört die Hs. dem Anfang des 10. (oder dem Ende des 
9.) Jahrhunderts an, sie ist daher die älteste aller Philo-Hss. Sie ist 
gleichmäßig und außerordentlich korrekt geschrieben, nur einige über- 
geschriebene Varianten und einige Berichtigungen am Rand (bei Aus- 
lassungen im Text) zeigen kleinere zierliche Schrift; die Schriftentitel 
sind in kleiner Unzialschrift (auch mit schwarzer Tinte) geschrieben. 
Spiritus (h und ^) und Akzente (bei Diphthongen auf dem ersten Vo- 
kal) waren mit großer Sorgfalt gesetzt, sind aber jetzt größtenteils 
verwischt. Iota adscriptum habe ich nirgends bemerkt, n e*eAKYCTi- 
KÖN ist häufig auch vor konsonantisch anlautenden Wörtern gesetzt. 
Abkürzungen finden sich selten: nur für kai wird manchmal (nicht 
immer) s geschrieben und auslautendes n am Ende der Zeile, wo der 
Raum zum Ausschreiben fehlt, durch einen Strich oben bezeichnet 
(z.B. evciA): außerdem linden sich hier und da die bekannten Kom- 
pendien ec, Kc, OYNOC und anoc für eeöc, kypioc, oypanöc, ANeptonoc. 
Die jetzige Hs. hat Groß-Oktav-Format; bei ihrer Herstellung wurde 
die alte Hs. ganz auseinandergenommen, ihre einzelnen Blätter wur- 
den zu je einer Lage zusammengebogen, und der Schreiber schrieb 
quer über den alten Text, so daß die obere Schrift senkrecht zur 
unteren steht. Die obere Schrift enthält byzantinische Kommentare 
zu Aristoteles (vgl. Bkandis a. a. 0.). Der Schi-eiber hat auf den Seiten 
der neuen Hs. außen und innen einen breiten Rand gelassen ; daher sind 
auf den inneren Rändern der einzelnen Seiten (d. h. in der Mitte der 
Blätter der alten Philo -Hs.) gewöhnlich 2 Zeilen bzw. 4 Zeilen der alten 
Seiten ganz frei und lesbar, eine Zeile dagegen durch die Biegung viel- 
fach sehr verwischt. Der arrößte Teil der Hs. ist einmal mit Chemikalien 



38 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

bearbeitet worden (vermutlich von Mai). Abgesehen von den wenigen 
Zeilen, die unmittelbar lesbar sind, bietet der untere Text natürlicli 
große Schwierigkeiten. Die meisten Seiten, besonders die Rückseiten 
der alten Hs., sind stark verwischt, manche so, daß man nichts oder 
nur einzelne Buchstaben erkennen kann. Die Vergleichung und Ent- 
zifferung war daher für Kopf und Auge sehr anstrengend, nament- 
lich an trüben und regnerischen Tagen, die aber glücklicherweise 
nur vereinzelt vorkamen. Da die Blätter der alten Philo -Hs., wie ich 
sofort erkannte, bei der Herstellung der neuen Hs. ganz durcheinander- 
gekommen sind, beschloß ich, zuerst Seite für Seite die 4 — 5 les- 
baren Zeilen zu kopieren, um den Inhalt eines jeden Blattes und so all- 
mählich die ursprüngliche Reihenfolge der Blätter der fhilo-Hs. festzu- 
stellen. Diese Arbeit nahm allein vier Wochen in Anspruch, d. h. zwei 
Drittel der Zeit, die mir überhaupt zur Verfügung stand. Dann erst ging 
ich an die Vergleichung einzelner Blätter mit dem überlieferten Text, 
soweit sie mir nötig schien und bei dem Zustande der Hs. möglich war. 
Die Hs. besteht jetzt aus 173 Blättern (fol. a, b, c, i — 91, 91''''^ 
92 — 164, 164 — 166).' Von diesen gehörten zu der alten Philo -Hs. 
nur die Blätter i — 164 (nebst 9r\ 91^, 91*^); von diesen ist fol. 155 
nur ein halbes Blatt der ursprünglichen Folio -Hs., die obere Hälfte 
war weggeschnitten. Im ganzen sind also von der alten Philo -Hs. 
83 Blätter und ein halbes Blatt erhalten. Ob sämtliche Blätter ur- 
sprünglich zu einer Philo-Hs. gehörten, ist zu bezweifeln. Zum min- 
desten scheint ein Blatt (fol. 98 + 97) aus einer zweiten Hs. zu stammen, 
denn es enthält das Ende der Schrift De migratlone Ahrahaml § 2 i 7 — 225 
(vol. II 31 1 — 314 unserer Ausgabe). Die Hs. müßte einen unverhältnis- 
mäßig großen Umfang gehabt haben, wenn sie neben den Schriften, 
die ihren wirklichen Inhalt bildeten, auch noch eine ganz andere Gruppe 
von Schriften, zu der De migratlone Abrahami gehört, enthalten hätte. 
Versprengte Blätter, die aber möglicherweise zu unserer Hs. gehörten, 
sind nocli fol. 99 + 96, 95 + 100 imd 94 + 101: auf fol. 99 + 96 steht 
ein Stück der Schrift De losepho §22 ff. (IV 66, 2 mha' ocon thn kgoa- 
AHN enAPAi AYNÄMeNoc KTA.), auf fol. 95 + 1 oo und 94 + 101 zwei Stücke 
aus De vita 3Iosis Buch I § 239 ff. und § 302 ff. Alle übrigen Blätter 
liingegen bilden ein zusammenhängendes Ganze, sie enthalten den größ- 
ten Teil von De vita Mosis Buch II (III), De decnlogo ganz, De spedali- 
hus legibus Buch I ganz, sowie den Anfang des zweiten Buchs. Als 
sicher oder wahrscheinlich dürfen wir daher annehmen, daß die Hs. 



' Die Blätterzählung isL die der neuen Hs., die Philo-Hs. war nicht l'oHiert; 
das Blatt nach fol. 91 war bei der Foliierung übergangen und ist daher von jüngerer 
Hand als fol. 91-'^ und 91^ bezeichnet worden und die Rückseite von fol. 91 als 91*^; 
die Zahl 164 ist doppelt angewandt. 



I 



L. Cohn: Ein Philo -Paliiupsest (Vat. gr. 316). 



39 



ursprünglich folgende Schriften enthielt: (De Äbrahamo?), De losepho, 
De vita Mosis I. II, De decalogo. De specialibus legibus I. II. Die Hs. würde 
alsdfdin aus ungefähr 200 Blättern bestanden haben. Nach Feststellung 
des Inhalts eines jeden Blattes ergab sich folgende ursprüngliche Reihen- 
folge der erhaltenen Blätter der Philo-IIs., soweit sie sich lückenlos 
aneinanderschließen : 
Fol. 77 + 76 
48 + 41 

45+44 
66 + 71 

53 + 52 
54 +.51 
74 + 79 
78 + 75 
152 + 153 
164 + 157 
159 + 162 

151+154 
-^ + 155 
158 + 163 
161 +160 
150 + 156 

39 + 34 

60 + 61 

» 63 + 58 

» 42 + 47 

Fol. 37 + 36 

•• 93 + 89 

» 92 + 90 

» 28 + 29 

» 85 + 84 

» 32 + 25 

» 17 + 24 

» 22 + 19 

» 83 + 86 

» 18 + 23 

» 31+26 

» 20+21 

» 9i'' + 9i-' 

» 30+27 

» 33 + 40 
» 62 + 59 







Fol. 35 + 38 








" 88 + 81 








" 57+64 








» 9i' + 9i 








» 15 + 10 








» 12 + 13 








>• 7 + 2 








" 6 + 3 




De vita Mosis 
Buch II § 7 I bis 
zu Ende. 


.. 1+8 

" 4 + 5 
>. 1 1 + 1 4 
.. 16 + 9 








» I 2 2 + 1 2 I 








» 127 + 132 








>' I 2 8 + 1 3 1 








.. 133 + 126 


= De specialibus 






" I 2 4 4- 1 1 9 


legibus, Buch I 






.. 125 + 11S 


(II 210 — 264 






). 120+123 


Mang.). 






" 129 + 130 








" 136 + 139 








" 144+147 








.. 134 + 141 








« 142+149 








» 143 + 148 








» 137 + 138 








» 140 + 135 




De decalogo. 




.. 146 + 145 
» 55+50 
» 68 + 69 
.. 49 + 56 
» 72+65 
" 67 + 70 
.. 82+87 





40 Gesammtsitziing vom 12. Januar 1905. 



Fol. 43 + 46 
» 80+73 

» 114 + 113 
>> 105 + 106 
« I I 2 + I I 5 



Fol. 1 1 1 + 1 16 

" 108 + 103 
i> I I 7 + I I o 

» 102 + 109 
» 107 + 104 



De speciaUhus 
legibus. Buch II 
(11270-287,45 

Mang.). 



Der Schluß des zweiten Buches De vita Mosls steht auf fol. 42'' i. Ko- 
lumne, darunter die Subskrij^tion «iaunoc nepi toy bioy Mcovcecoc . . . r. 
Der Rest der Kolumne (fol. 47'', i. Kol.) ist leer gelassen, auf fol. 42"', 
2. Kolumne, steht über der ersten Zeile der Titel «iaunoc nepi tun agka 
AoroDN 0: Ke<t>AAAiA NOMcoN eiciN. Die Schrift De clecalogo endigt auf fol. 62'', 
I. Kolumne, wo aber von der Subskription nichts mehr zu erkennen 
ist; der Rest der Kolumne (fol. 59'', i.Kol.) ist wiederum leer ge- 
lassen, fol. 62"', 2. Kolumne, beginnt das erste Buch De speciaUhus le- 
gibus mit dem Titel über der ersten Zeile, von dem aber nur noch 
die Worte «iacünoc nepi tun sn nepei AiA(TArMATü)N) lesbar sind. Das Buch 
endigt auf fol. 46^', i. Kolumne, die Subskription ist ganz verwischt; 
der kleine Rest der Kolumne ist unbeschrieben, fol. 43'', 2. Kolumne, 
beginnt das zweite Buch De speciaUhus legihus mit den Worten "£n th 
npö TAYTHc BiBAu (II 2 70, I Mang.), der ehemals vorhanden gewesene 
Titel über der ersten Zeile ist so verwischt, daß nichts mehr zu er- 

kennen ist; eine jüngere Hand hat an den Rand geschrieben FT t gn 
eiAGi NOM TÖ e (sie). Das letzte hierzu gehörige Blatt fol. 104'', 2. Ko- 
lumne, bricht ab bei den Worten thc ätan cjmöthtoc KAieweMioeTo (II 
287, 45 Mang.). 

Es stellte sich mir alsbald heraus, daß der Palimpsest für die 
Bücher De vita Mosis und De decalogn von geringerer Bedeutung ist, 
von unschätzbarem Werte dagegen für die Bücher De speciaUhus legihus. 
Ich habe daher bei der Kürze der Zeit, die mir zu Gebote stand, eine 
vollständige Vergleichung nur derjenigen Blätter vorgenommen, die zu 
diesen beiden Büchern gehören. Im zweiten Buche De vita Mosis zeigt 
der Palimpsest nicht tJbereinstimmung mit der besseren Überlieferung, 
die die Hss. (A)FGHP vertreten, sondern geht fast durchweg mit der 
entgegengesetzten schlechteren Überlieferung und teilt mit dieser aucli 
die offenkundigsten Fehler und Verderbnisse. Z. B. § 139 (vol. IV 

232, 23) TOYC rNHClOYC KAI ÄNOGOY MeTAnOlOYMGNOYC KAAAOYC. §144 i^ 

234, 2) GTOiMÖTepoi npoc TÄc lepoYPriAC YnoYPriciN. jj 154 (IV 236, 9) ti- 
eeNTec. §206 (IV 248, 10) aikaIuc statt akaipcoc. Der Palimpsest hat 
auch einige Fehler, die sich in den andern Hss. nicht finden: §146 

(IV 234, 9) XPHMATOC für XPICMATOC. §212 (IV 249, 19) KAI TA fÜrKATÄ. 

§ 242 (IV 257, 3) Ae MUYCHc für a' ömcoc (nur A hat ebenso a° ö mojchc). 
§ 273 (IV 265, 7) ArcjNiieceAi für npoAruNiieceAi. Eline gute Lesart fand 



L. Cohn: Ein Philo -Palimpsest (Vat. gr. 316). 41 

icli nur § 134 (IV 231, 16) ÄoeoNUTÄTHN für AoeoNUTÄTOüN. Auch in der 
Schrift De decalogo zeigt der Palimpsest nicht durchweg die beste t'ber- 
lieferung, manche Fehler teilt er sowohl mit M als mit andern Hss., 

z.B. §62 (IV 282, 23) TÖN tcUN MeTAAlAÖNTeC, §112 (IV 294, I 7) MEA- 

AONTec statt exoNTec, §171 (IV 306, 11) nAPAKATAGHKAic. Er hat auch 
eigene falsche Lesarten, z.B. §128 (IV 298, 3) moiximaToi für moixiaioi, 
§156 (IV 303, 16) den Zusatz X hn vor ÄrÄAMATA, §177 (IV 307, 10) 
öpÄ für AiPHTAi. Trotzdem würde die vollständige Vergleichung dieses 
Teils der Hs. noch einige Ausbeute liefern; denn schon in den \o\\ 
mir gelesenen Zeilen fimd ich eine ganze Reihe guter oder beachtens- 
werter Lesarten, die allerdings zum größten Teil durch die armenische 
Übersetzung oder durch Konjekturen vorweggenommen waren : § 5 
(IV 270, 6) ANicöTHToc (Konjektur von Mangey). § 8 (ebenda Z. 19) 
fügt der Palimpsest zu den Worten eNÖc ÄrNoiA toy *Ycei noch hatpoc 
hinzu. § 1 3 (IV 271,10) nÖAGic (wie Aem und Mangey). § 3 i (IV 275,16) 

KATAKAINÖMeNOC. § 36 (IV 276, 2l) AlAnOPHCAI. § 64 (IV 283, 12) HAPÖCON 

(für KAeö), worauf auch die Lesart von 31 npöc b hinweist. § 88 
(IV 289, 7) eru WEN OVN, in der nächsten Zeile enet (wie Arm). §96 
(IV 291, 8) THC KATÄ CGAHNHN noymhnIac, wie ich vcrmutct hatte und 
in den Text hätte setzen sollen. § 138 (IV 300, 2) lepcirepoN. t^ 147; 148 
(IV 302, 4/5) hat der Palimpsest nach XceeNHCANjec im Text ömäaoy 
Te KAI epoY und am Rande mit kleiner Schrift ämaypoyntai, was in den 
andern Hss. im Text steht, während ömaaoy te fehlt. Es scheint, 
daß ÖMÄAOY Te in einer alten Hs. in ämaypo9ntai verderbt war, daß 
dieses zunächst als Variante zu ömäaoy xe an den Rand geschrieben 
wurde (solche Varianten hat der Palimpsest auch sonst bisweilen teils 
übergeschrieben teils am Rande), schließlich aber, wie die andern H.ss. 
zeigen, das richtige ömäaoy te ganz aus dem Text verdrängte; denn 
ÄMAYPOYNTAi kann ganz gut entbehrt werden, während durch ömäaoy 
Te das Te des vorangehenden Satzes 6<i>9aamoi te täp hoaaäkic kta. sein 
Korrelat erhält. 

Ungleich erheblicher ist der Gewinn, der dem Text und dem 
hsl. Apparat des ersten Buches De specialibus legibus aus dem Palimp- 
sest erwächst, und es ist nur aufs höchste zu bedauern, daß die Hs. 
nicht vollständig und in ihrem ursprünglichen Zustande erhalten ist 
und daß viele Seiten derartig verwischt und unkenntlich geworden 
sind, daß eine genaue Vergleichung immöglich ist und an mancher 
schwierigen und verderbten Stelle nicht mehr ermittelt werden kann, 
was in ihr gestanden hat. Immerhin aber läßt sich auf Grund des 
Erhaltenen und Lesbaren ein viel besserer und vollständigerer Text 
herstellen, als ohne den Palimpsest möglich gewesen wäre. Zunäclist 
erhält die ursprüngliche Gestalt dieses Buches, wie wir sie aus F zu- 



42 Gesammtsit/ung vom 12. Januar 1905. 

erst durch Weni)L.\xd kennen gelernt haben, durch den PaUmpsest 
ihre volle Bestätigung. In der Betitelung und Überlieferung .stimmt 
er mit F genau überein. Die Titel der einzelnen Abschnitte (außer 
nepi nepiTOMHc, Avelcher Titel wie in F ganz zu fehlen .scheint) lauten 
ebenso oder fast ebenso wie in F (\Vendl.\xd, Xeu entd. Fragm. 
Philos 136): 

(i. nepi nepiTOMHC.) 

2. Ol nepi MONAPxiAC NÖMOi im Text, am Rande nepi monapxiac. 

3. nepi lepoY. 

4. nepi lepecoN. 

5. rePA lepeuN. 

6. nepi iü(ON TUN eic tepOYPriAC kaI tina tun evciüN gIah. 

7. nepi evÖNTUN. 

In dem Abschnitt nepi iüun kta. hat der Palimpsest auch das Stück 
über die Opfer an den Festtagen, das Wendland (Neu entd. Fragm. 
I — 14) aus F ediert hat. In dem letzten Abschnitt nepi qyöntujn findet 
sich an derselben Stelle wie in F das Stück, das in den meisten Hss. 
den Anfang des aus zwei phiIoni.schen Stücken zusammengeflickten 
Schriftchens De inercede meretricls bildet (Wendl.\xd S. 1350".). Im 
Palimpsest hat das Stück auch eine eigene Überschrift (im Text): nepi 
To9 MiceuMA nöPNHC eic tö icpön mh KOMiieiN. Auf diese Weise erklärt 
es sich , daß das Stück aus seinem Zusammenhang herausgehoben und 
zu einer besonderen Schrift gemaclit werden konnte, die dann durch 
ein zweites aus der Schrift De sacrificiis Ahelis et Caini entnommenes 
Stück erweitert wurde. 

Auch im einzelnen zeigt der Palimpsest meistens Übereinstimmung 
mit F (in den beiden ersten Abschnitten mit MF) im Gegensatz zu 
der Überlieferung in AH. Indessen ist der Text von F (bzw. MF) 
doch nicht ganz frei von Fehlern aller Art. An solchen Stellen, aber 
auch an einigen , wo anscheinend gleichwertige Lesarten in F und 
in AH vorliegen, geht der Palimpsest häufig mit AH zusammen und 
gibt im Zweifelsfalle den Ausschlag; verhältnismäßig seltener kommt 
der entgegengesetzte Fall vor, daß der Palimpsest oflenbar falsche Les- 
arten mit F oder AH teilt. Sehr reich aber ist der Gewinn an ganz 
neuen Lesarten unserer Hs., durch die der Philo -Text an zahllosen 
Stellen verbessert oder bereichert wird. Einige markante Beispiele 
seien hier angeführt. (Ich zitiere die einzelnen Abschnitte mit ihren 
alten Titeln.) De circumcls. 2 (II 212,2 Mangey) ck tun cvNHeuN »aus 
der täglichen Erfahrung«, für Sk tun cynöntun. De monardi. I 2 
(215.15 M.) nAOYTOY rÄp a'i nepiBÖHTOi Yaai xpycöc kai äptypoc etNAi 
ne»YKACiN hat der Palimpsest: für gTnai bieten MFxeTceAi, AH KeTceAi, 



L. Cohn: Ein Pliilo-l'alimpsest (Vat. gr. 316). 4B 

die Ausgaben xPHceAi, Mangey vermutete peTceAi. 4(217,3 M.) bpigoycan 
für nAHevoYCAN (MF) oder nAHeoYCAN (AH). 7 (220, 16 M.) reNHceceAi 
für rereNHceAi. De monarch. II 9 (228,390!.) nepi tamon, wodurch 
(hn- schwere Hiatus tämov oytcoc forttlillt. 13 (231, 12 M.) toy baabepü)- 
TÄTOY für THC BAAsepuTÄTHc. Dp victim. I (238, 20 M.) npöc cnöpoN, npöc 
fehlt in FAH, eic cnÖPON vermutete Mangey. Wendland, Neu eiitd. 
Fragm. 8,23 on gy mäaa AieNemeN eic tä AexeeNTA, AieNeiweN fehlt 

in F. 9, II nÄCAl eiKOTCüC SYcIaIC CYTKAeiePOYNTAI. 9, 12 AITtA e ... TA 

(drei Buchstaben sind undeutlich), offenbar zu gymata zu ergänzen, 
falsch F gymiAmata, da es .sich um Tieropfer, nicht um Weihrauch- 
opfer handelt. 9, 14 h ag kai igpommnia, daher wohl auch vorher 
H neN OYN NOYMHNiA ZU schreibcu. 10,16 aiä tö, wie Wendland ver- 
l)essert hat (Xre F), ebenso Z. 17 «gopai (Verbesserung von Üucls). 

11, 10 fehlt das von mir bereits gestricliene t6. ii, ii hat der 
Palinipsest das von Wekdland eingefügte oTc. 12,1 richtig xÄPici ... 
MeTANOiAN. 12. 6 hat der Palimpsest ÄNÄreiN statt AiruN, offenbar riclitig. 

12, 14 ayoTn und Ae hat der Palimpsest. 13,1 toTc iepgycin eic gauahn, 
womit der Hiatus kpga eic beseitigt wird. 13,12 ereiPOYCAi hpocana- 
4>AeroYci. 13, 17 enicTOMiioNTAC, wie Wendland verbessert hatte, ebenso 

eni MCTOYCIAN. 13,18. 14,1 TnA KAK toy TÖnOY KAK TÖN . . . M e N CO N 

KAI AeroMeNCJN aia tun kypicotatun AicGHceuN , drei Buchstaben nach kak 
TUN sind verwischt, ich ergtänze ÖPcoMeNcoN, Wendlands Änderung ayo 
iür aia tun scheint mir danach unnötig: zu dem Ausdruck vgl. De 
.sacrificant. i 2 (260, 3 i M.) und De vita Mos. II § 2 i i (vol. IV 249, 16). 
De vlctim. 5 (242, 5 M.) a hapä co*iA kai nömoic kai co<t>oTc kai nomimoic 

ANAPACI TeTlMHTAI für AHCP TH CO*iA (a nePI CO<f>iAC F) KAI NÖMOIC KAI KAAOTc 
(nömoic COOoTc F) KAI NOMIMOIC ANAPACI TCTIMHTAI. 6 (242, 33 M.) eKnYPCJCIN 
MCN KATÄ THN TOY GCPMOY AYNACTCIAN TUN AAAUN eniKPATHCANTOC , F hat 

eeoY für eepMOY, Bernays Heraklit. Briefe 125 hatte dem Sinne nach 
richtig nYPÖc vermutet, was in gy verschrieben worden sei. Ebenda 
(242, 46 M.) fügt der Palimpsest nacli enAiNCTÖN die Worte cn aaau 
n(Äci?) ToTc AeAHMioYprHMÖNOic eecdPOYMCNON hinzu; vielleicht steckt in 
ihnen eine Variante zu mctä tun ÖMorcNÜN cictaiömcnon, die irrtümlich 
in den Text geraten ist. 11 (247,48 M.) kpiön a' cTnai kai toytco ai- 
eiPHTAi c*Ari0N, die Vulgata (AH) ist kpiön a' Arem kcaeyci kai toyto 
AieipHTAi cxiAnoN, F hat kpiön ÄNATAreTN kai toytco aicIphtai c*Äri0N. 14 
(250, 15 M.) HYsATo, wie Mangey für hpiato vermutet hatte. De sncri- 
ßcant. 2 (252, I M.) hat Y t ag eic vor Öcon, für a aö eic hatte ich 
schon AAeeTc vermutet, das mit dem vorangehenden lepoYPriAC zu ver- 
binden sei; der Palimpsest hat nun wirklich lepoYPriAC AAeeic ocon. 
4 (254, 24 M.) mhagnöc t(on gn rGN^cei xpeToN, wie ich bereits ver- 
bessert liatte: F hat xpgicon, AH xphionta. 



44 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

Von höchstem Werte aber ist der Palimpsest für den Teil des 
Abschnittes nepi evoNTUN, der in F infolge einer Lücke, die in seiner 
Vorlaare vorhanden war, oanz fehlt, d.h. für etwa -3- dieses Abschnittes. 
In F folgen nämlich auf die Worte kai npocHKÖNTcoc eneiAin (254, 48 M.) 
.sogleich die Worte tinac tun AnoKönuN leeTo(264, 13M.). Für dieses ganze 
Stück waren wir bisher allein auf die Hs. AH angewiesen, die gerade 
hier einen sehr verderbten und an vielen Stellen arg verstümmelten 
Text bieten. Der Palimpsest gibt nun in diesem Teile nicht nur eine 
Fülle von vortrefflichen Lesarten, durch die der Text erheblich ver- 
bessert wird, sondern auch eine ganze Reihe von Zusätzen in Wörtern, 
Wendinigen und ganzen Sätzen , aus denen wir ersehen , daß der Vul- 
gattext viel lückenhafter ist, als man je hätte vermutoi können. Von 
den neuen Lesarten will ich hier auch nur einige anführen. 5 (254, 
50 M.) TvrxÄNOYciN, wie ich schon vermutet hatte und auch Arm bietet, 
ebenso gleich darauf täxa weNToi für mn. Ebenda (255, 11 M.) APeTÜN, 
wie schon Mangey für APiewuN vermutet hatte. Ebenda (255, 16 M) 
fehlen nach öoeAAMovc in AH die Worte npöc katäahyin cumätun. 
6 (256, 12 M.) KGxPHCAi für KexucAi. 9 (258, 4 M.) ÄnAYxeNiioNTec, wie 
schon 3Iangey für ÄnocxoiNiioNTec vermutet hatte. Ebenda (258, 21 M.) 
fügt nach eeöc der Palimpsest hinzu kai äpxcjn oyk iaiutün mönon äaaä 

KAI ÄPXÖNTUN. 10 (258, 48 M.) KAIPÖN (ÖIYn) g'xei THC MeTABOAHC für ÖIGTaN 

exei THN MeTABOAHN, die vier undeutlichen Buchstaben nach kaipön habe 
ich zu 63EYN ergänzt; zu dem Ausdruck vgl. Xen. Cyrop. 8, 5, 7. Gleich 
darauf, nach npiN ANeficAi bebaiuc, hat der Palimpsest den Zusatz: tö 
AH (ag?) nAnoN kai ATPenroN kai amstäbahton ArAfeÖN?) MeTAAiÜKuneN, wo- 
durch erst das folgende aytoy seine Beziehung erhält. 10 (259, 21 M.) 
nAiAGYÖMeNoi TÄ KÄAAicTA HAPÄ eecnecioic ÄNAPACi, in AH fehlt hapa eec- 
necioic. II (259, 30 M.) eneiAH — so hatte ich schon für enei ag ge- 
schrieben YeYAÖMeNOC AÖriA KAI XPHCMOYC für YeYAOAOriAC AÖrOYC KAI 

XPHCMOYC. 12 {260, 9 M.) nÄcAN tür das unverständliche npöc. 

Am meisten verstümmelt ist in dem bisherigen Text der Ab- 
schnitt, der die Gesetzesbestimmungen Deuter. 23, i und 17 erläutert, 
Kap. 13 — 15 Rieht. (261, 9 — 264, 5 M.). Zur Veranschaulichung des 
Sachverhalts stelle ich den Vulgattext und den Text des Palimpsests 
nebeneinander, die neuen Zusätze sind durch Sperrdruck hervorgehoben. 
Die Entzifferung dieser Zusätze verursachte die größten Schwierig- 
keiten, da gerade auf den betreffenden BJättern die Schrift sehr ver- 
wischt ist, besonders auf der Seite (fol. 67"^ -f 70''), die am meisten 
Neues bietet. Vieles, was auch bei Aviederholter scharfer Betrachtung 
undeutlich blieb, ist vermutungsweise von mir ergänzt; einiges wenige 
bleibt noch zweifelhaft. 



L. Cohn: Ein Philo -Pn 
Viilgattext. 

( I 3. I KoiNCüNiAC Ae KAI *IAANePlüniAC 
eiCHTHTHC (ÜN eN ToTc MÄAlCTA Ö NÖ" 
MOC eKAT^PAC ÄPeTHC THN t' AliuCIN 
KAI THN CeMNÖTHTA AieTHPHCGN, O'Y'- 
AGNI TUN ANIAtuC exÖNTCON eniTPSYAC 

KATA<t>YreTN en'AYTÄc, äaaä noppuTÄTu 
XnocKOPAKiCAC. enicTÄweNoc roYN eN 

TaTc eKKAHCIAIC OYk" ÖAl'rOYC TüJN «oxeH- 

pcjN eneicpdoNTAC kai aiä tö CYNeiAer- 

M^NON nAHeOC AANeÄNONTAC, TnA MH 

toyto reNHTAi, npoANeiprei häntac 

TOYC ÄNAilOYC ieP09 CYAAÖrOY THN 

APXHN noiOYMeNOc Xnö tun nocoyn- 

TtON THN AAHeiH NÖCON AN APOTYNCON , 
Of TÖ («>YCea)C NÖMICMA HAPAKÖnTONTeC 
eiC AKOAÄCTCÜN TYNAIKÜN nÄeOC KAI 
MOPt>ÄC eiCBlAlONTAI ' SAAAIAC TAP KAI 
AnOKeKOMMGNOYC TÄ TENNHTIKA eAAYNEI 
TÖ Te THC ÜPAC TAMIGYONTAC ANGOC, 
YnA MH PAAICJC MAPAi'nOITO, KAI TÖN 
ÄPPeNA TYnON MGTAXAPATTONTAC GIC 
eHAYMOP*ON lAGAN' eAAYNGI a' OY 
MÖNON nÖPNAC, AAAÄ KAI TOYC EK THC 

nÖPNHC eni*epoMeNOYC MHTPUON aTcxoc, 

AlA TÖ THN nPCOTHN CnOPAN KAI rENC- 
CIN AYTOTC KeKIBAHACYCeAl. TÖnOC FAP 
OYTOC, ei KAI TIC ÄAAOC, GniAexCTAl 
AAAHrOPIAN. <t>IAOCÖ<l>OY eecOPlAC UN 
ÄNAnAeCÜC ' TUN PAP ACGBUN KAI ANO- 

ciuN oYx eTc TPÖnoc, äaaa noAAOi 

KAI AlAO^PONTCC. Ol MCN PAP TÄC 

acumätoyc Iaeac önoma kenön amg- 
ToxoN ÄAHeoYC npÄTMATOc eTnaI «aci. 

THN ANATKAIOTÄTHN OYCi'aN £K TUN 
ÖNTUN ANAIPOYNTeC, HTIC £CTIN ÄPXe- 
TYnON nAPÄAeiTMA nÄNTüJN bCA nOIÖTH- 



liiiipsest (Vat, gr. 316). 45 

Paliiripsest. 

koinunIac ac KAI ♦lAANepuniAC eic- 

HTHTHC UN CN ToTc mAaICTA Ö NÖMOC 
CKATePAC APCTHC THIN TG ABEIUCIN KAI 
THN CeWNÖTHTA AlGThtPHCCN , O-T-ACNI 
TUN ÄNIÄTUC exÖNTUN EniTP^YAC KATA- 5 

♦ytcTn en' a'y'täc, aaaä tiopputätu 

CKOPAKICAC. eniCTAMCNOC r' OYN EN 
TaTc EKKAHCIAIC OVK ÖAITOYC TUN MOXeH- 
PUN nAPEICPEONTAC KAI AlA TÖ CYN- 

eiaetmenon nAHeoc aanoanontac, Yna 10 

MH TOYTO reNHTAi, nPOANEIPrEI HAN- 
TAC TOYC ANA5I0YC ieP09 CYAAÖTOY 
THN ÄPXHN nOIOYMCNOC AHÖ TUN 
NOCOYNTUN THN BHAEIAN NOCON ANAPO- 
TYNUN, oT TÖ <t>YCeUC NÖMICMA HAPA- 15 

KÖnTONTec eic äkoaäctun tynaikün 

nAGH KAI MOP*ÄC eiCBIAIONTAI' SAAAIAC 
rÄP KAI AnOKEKOMMENOYC TÄ reNNHTIKÄ 
EAAYNei TÖ TE THC CUTHPIAC TAMICY- 
ONTAC ANGOC. Yna MH PAAIUC MAPAI- 20 
NOITO, KAI TÖN ÄPPENA TYHON META- 
XAPÄTTONTAC EIC GHAYMOP<t>ON lAEAN. 
EAAYNEI AE OY «ONON nÖPNAC, AAAÄ 
KAI TOYC gK nÖPNHC Eni^EPOMENOYC 
MHTPÜON aTcXOC KaI AIÖTI H nPUTH 25 

cnopÄ ka! tenecic aytoTc kekibahaey- 

TAI KAI CYTKEXYTAI AIÄ (tÖ nAHJ- 

Goc TUN umiahkötun taTc MH- 

TPÄCIN, ÜC m(|^ AYNaIcBAI TÖN 
AAHGH HATEPA AIa(cTETa)aI kai 30 

aiakpTnai. Ö ae TÖnoc oytoc et 

KAI TIC ÄAAOC ÄAAHTOPIAN EHIAEXETAI 
*IAOCÖ*OY GEUPIAC UN ANÄnAEUC. TUN 

rÄP acebün KAI ANOCiuN OYX eTc TPÖ- 
noc, AAAÄ noAAOi kaI aia^epontec. 35 

Ol MEN rÄP TÄC ACUMÄTOYC lAEAC 

7 CKOPAKiieiN häufig bei Philo. ÄnocKOPA- 
KiieiN scheint sonst bei ihm nicht vorzu- 
kommen; außerdem entsteht durch nop- 
PtüTATcü ÄnocK. ein unstatthafter Hia- 
tus. 14 GHAeiAN schon von Mangey 
verbessert. 19 cuthpi'ac (cpiac in Ab- 
kiirzune:) falsch für üpac. 



46 



Oesammtsitzun'' vom 12. Januar 1905. 



\'ulgatte>ct. Palimpsest. 

Tee o'r'ciAC. kag' hn e'KACTON eiAonoieT- önoma kainön (.sie) ÄweroxoN AAHeovc 

TAI KaI AlAMeTPeTjAl. TOYTOYC AMGPaI nPATMATOC cTnAI 4>ACI , THN ANATKAIOTÄ- 

TOY NÖMOY CTHAAI MHNYOYCI eAAAlAC ' THN OYCIaN £K TUN ONTUN ANAIPOYN- 

TÖ PAP TeeAACM^NON Ä*HPHTAI THN TCC. HTIC gCTIN APXCTYnON nAPAAGIPMA 

nOlÖTHTA KAI TÖ e?AOC KAI OYACN GTe- nÄNTUN OCAI (sif) nOiÖTHTeC OYeiAC, 

PÖN ecTiN H KYPiuc emelN amop*oc kas' hn e'KACTON eiAonoieTijo) kai Aie- 

YAH. OYTlOe H ANAIPOYCA AÖlA lABAe MbTPeTTO. TOYTOYe AI lePAl TOY NÖ- 

nÄNTA CYTXeT KAI nPÖC THN ÄNUTGPAN MOY CTHAAI MHNYOYCI SAAAIAC' 0) C 

TUN CTOIXeiuN OY'ciAN THN AMOP<t>!AN XnÖ FAP TÖ TGeAACMeNON A<t>HPHTAI THN 

CKHNtON APei ■ OY t! TENOIt' AN ATOnÜTe- nOiÖTHTA KaI TÖ eTAOC KAI OYAÖN 

pon: ei eKeiNHC PAP hant' ereNNHceN ö eTepÖN ecTiN h kyp!uc eineTN amop- 

eeöc, OYK e<t>AnTÖMeNoc aytöc oy täp <t>oc yah , oytuc kai aipoyca (sie) 

HN eewic XneipoY kaI ne*YPMeNHc yahc aöea tAGAC hAnta cytxsT kai npöc 

YAYeiN TÖN 1'aMONA KAI MAKÄPION " AAAA THN ANCOTePü) TUN CTOIXe^CüN OYCIAN 

TaTc ACUMÄTOIC AYNÄMeCIN, UN eTYMON THN A M P <«' N KAI AHOION GKeiNHN 

ÖNOMA AI tAGAl, KATGXPI^CATO nPÖC TÖ APei ' OY Tl reNOlT' AN ATOnÜTePON ; 

reNOC GKACTON THN APMÖTTOYCAN aabgTn es GKe^NHC PAP hant' ereNNHceN ö 

MOPit>HN. H AÖ nOAAHN ATAIIAN GIC- eeOC , OYK e<t>AnTOMeNOC AYTÖC' OY 

HreTTAI KAI CYPXYCIN. ANAIPOYCA PAP rÄP HN eCMIC AneiPOY KAI neCJYPMÖNHC 

TAYTA, Al' UN AI nOiÖTHTeC, CYNANAIPeT YAHC YAYEIN TON eYAAlMONA KAI MA- 

noiÖTHTAC. cTepoi a' uc gn aoaoic käpion" AAAA taTc äcumatoic aynä- 



KAKIAC, TA en ACGBeiA NIKHTHPIA CHGY- 

AONTec ATpeceAi . npocYnePBÄAAOYCiN, 

AMA TaTc IAÖAIC KAI nPÖC YHAPIIN 9609 

eniKAAYnTÖMeNoi, uc oyk öntoc. agfo- 

MENOY a' eTnaI XÄPIN TOY CYM<»>eP0NT0C 

ANepünoic. oi AÖ ai' crAÄseiAN toy 

AOKOYNTOC HÄNTH HAPCTnAI KAI HANTA 
KASOPÄN APONOI MÖN CO*iAC . cniTH- 
AGYCNTCC AÖ THN MCPiCTHN KAKIÜN 
AeeÖTHTA, TPITOI AÖ CICIN, oV THN 
CNANTIAN eTEMON, EICHPHCÄMENOI HAHeOC 
ÄPP^NUN TE KAI eHAElUN, nPECBYTEPUN 
T£ AY KAI NEUTEPUN, nOAYAPXlAC AÖPUN 

9. 10 AHO CKHNCüN APfil INIaKG., AHO 
AE CKHNOYN (sic) APSI AH. AHO A6 CKHNÄN 

APei Turn.; Anö ckhnün Arei nmnino men- 



MECIN, ÜN ETYMON ONOMA AI lAEAl, 
KATEXPHCATO nPÖC TÖ PENOC EKACTON 
THN APMÖTTOYCAN AABeTn M0P«HN. H A£ 
nOAAHN ATAliAN EICHPETtAI KAI CYf- 
XYCIN ■ ANAIPOYCA FAP TAYTA Al' UN 
AI nOIÖTHTEC cynanaipeT HOIÖTHTAC 
ETEPOI A UC EN AGAOIC KAK^AC TA en' 
ACEBEIA NIKHTHPIA CHEYAONTEC aI'pECGAI 

npocYnepsAAAOYCiN ama taTc iaeaic 
KAI npocVnAPsm eeoY nAPAKAAYn- 

TÖMENOI uc OYK ÖNTOC AEFOMENOY 
a' eTnaI xApIN TOY CYM*ePONTOC AN- 

epunoic Ol A£ Al' eyaAbeian toy ao- 

KOYNTOC hAnTH OAPETnAI KAI HANTA 
KAGOPAN ÖMMACIN AKOIMHTOIC oTc 

12 fi'ir AIPOYCA ist mit AU h anaipoyca 



dose scribitur bemerkt JIang. 14 Für -/.u schreiben. 31 nPocrnAPiiN aiicli 

Iamona vermutete Mang, i'ichtig eyaaJ- der Palimpsest; icli vermute npoVoAPiiN 

MONA. 25 nAPAKAAYOTÖMeNOi aucli oclcr nÄCAN yhapiin. 34 vvoiil oT zu 

A. 31 tpItoi ah eiciN wollte jManu. schreiben und ae zu streichen. 36 oic wohl 

schreiben, indem er die Worte 01 ae - Dittographie und zu streichen; nach aaikhmA- 

AeeÖTHTA aul" die dritte Gruppe liezog. tun ist vielleicht tocoytun ausgefallen. 



L. C-(iun: Kill Philo -r 
\'uigattext. 

TON KÖCMON ÄNAnAHCANTeC , YnA THN 
TOY eNÖC KAI ÖNTCJC ÖNTOC YnOAHYlN 

eK THC ÄNepconcüN AiANoiAC eKxeMcociN. 

OYTOI a'eiCIN Oi CYMBOAIKÜC EK nOPNHC 
YnÖ TOY NÖMOY nPOCArOPeYOMGNOl ■ KAeA 

rÄp S)n MHTepec nÖPNAi tön mgn aamoh 

nATGPA OYK tCACIN OYt' eniTPAYACeAl 
AYNANTAI , nOAAOYC AG KAI CXGAÖN 
XnANTAC TOYC GPACTAC KAI UMIAHKÖTAC, 
TÖN AYTÖN TPÖnON KAI Ol XrNOOYNTeC 
TÖN e'NA KAI AAHeiNÖN eeÖN. nOAAOYC 
[rÄp] KAI YGYACONYMOYC ANAnAÄTTONTSC 

nepi TÖ ÄnatkaTon tun ontcün ty^aut- 
TOYCiN, bnep in [tgaoCj mönon h npu- 

TICTON £5 AYTÜN CnA<»>rÄNUN eiKÖC HN 
ÄNAAlAÄCKGCeAl. Tl TAP MÄSHMA KÄA- 
AION eniCTHMHC TOY ÖNTCOC ÖNTOC eeoY; 



(14.) TETÄPTOYC AÖ ka'i newnTOYC 
eAAYNei, npöc men tö aytö tgaoc 
eneiroweNOYC, oy mhn Xnö tun aytwn 
boyacymatüjn. ÄMij>OTepoi tap ihacotai 

MerÄAOY KAKOY, «lAAYTiAC, ÖNTGC. tüC- 
neP TINA KOINHN OYCIan AlENeiWANTO 
THN OAHN YYXHN EK AOnCMOY KAI 
AAÖrOY MEPOYC CYNeCTCÖCAN. KAI Ol 

MÖN TÖ AOriKÖN , AH NOYC eCTI. 
AIGKAHPÜCANTO, Ol AÖ TÖ AAOrON. 



7 oyt' icacin A. I 2 PAP die Ansgg.. 

Olli. A II. 14 teaoc die Aiisg^., om. All. 

35 AoncMOY die Ausgg., AoriKor All. 



alimpsest (Vat. gr. 316). 4< 

Paliinpsest. 

eMEAAGN ANeieiN ÄAIKHMÄTUN' 
TOYTOYC Ö NÖMOC £ Y 6 Y B Ö A ü) C 

AnoKÖnOYC npocAropeYei thn 

nepi TOY HANTA reNNÜNTOC EK- 
TETMHMeNOYC YnÖAHYlN, ATÖNOYC 
MÖN COitiiAC, eniTHAEYONT AC AG THN 
MericTHN KAKIÜJN ÄeeÖTHTA. TPiTOI 

a' eiCIN dt THN ENANTiAN ETeMON GIC- 
HTHCÄMeNOI nAHGOC APPeNCON TG KAI 

GHAeiuJN, npecBYTepcjN tg ay kai ngu- 

TGPUN, nOAYAPXIKUTÄTO) (sic) AÖrcO 
TÖN KÖCMON ÄNAnAHCANTGC, Yna THN 
TOY GNÖC KAI ÖNTCÜC ÖNTOC YHÖAHYIN 
GK THC ANePÜntüN AIANOIAC GKTGMUCIN. 
OYTOI a'giCIN Ol CYMBOAIKÜC GK nÖPNHC 
YnÖ TOY NÖMOY nPOCATOPGYÖMGNOI ■ 
KAOÄneP ÜN MHTGPGC nÖPNAI TÖN MGN 
AAHefi HAT^PA OYTG ICACIN OYt' GHI- 
rPÄYACeAl AYNANTAI, nOAAOYC AG KAI 
CXGAÖN AHANTAC TOYC GPACtAc KAI 
(ilMIAHKÖTAC, TÖN AYTÖN TPOnON KAI 
Ol ATNOCYNTGC TÖN GNA KAI AAHGINÖN 
ecÖN noAAOYC kai YGYAUNYMOYC ANA- 
HAATTONTGC nGPI TÖN ANATKaToN TUN (sic) 
TYctiAÜTTOYClN , ORGP H MÖNON H nPCJ- 
TICTON es AYTÜN CnAPTANUN ANA- 

AiAÄCKGceAr Tl rAp «Ashma kAaaion 

H TOY ÖNTCÜC ÖNTOC SGOy; 

TGtApTOYC AG KAI nÖMnTOYC GAAYNGI 
nPÖC MGN TÖ AYTÖ TGAOC GnCirOMG- 
NOYC, OY MHN AnÖ TUN AYTÜN BOY- 
AGYMATUN ■ ÄM*ÖTGPOI tAp IHAUTAI 
MGTAAOY KAKOY «lAAYTIAC ÖNTGC ÜCnGP 
TInA KOINHN OYCIAN AIGNGIMANTO THN 
OAHN YYXHN GK AOriKOY KAI AAÖTOY 
MGPOYC CYNGCTÜCAN' KAI Ol MGN TÖ 
AOriKON, Ö AH NOYC GCTI , AIGKAHPÜ- 
CANTO, Ol AG TÖ AAOrON , ÖnGP GIC 

9 nach nAHSOC ist vielleii'ht eeÜN hin- 
/.iiziil'iigen. 17 TAP (1111. 24 ANAr- 

KAI ONTÜN verschriehell i'ür ANArKAiON 

(-ÖTATON;') tun ÖNTMN. 29 eniCTHMHC Olli. 



48 Gesainmtsitzung v 

Vulgattext. 
bnep eic täc Aicei^ceic TewNeTAi. oi 

MGN OYN TOY NOY nPOCTÄTAI THN Hfe- 
«ONIAN KAI BACIAeiAN TUN ÄNePconeicoN 

nPArMÄTUN ÄNAroYCiN as-tu, kai *acin 

5 IKANÖN gTnA: KAI TA nAPeAHAYGÖTA 
MNHMH AlACCbieiN KAI TUN HAPÖNTUN 
ePPü)MeNü)C ÄNTIAAMBÄNeceAl KAI TA MGA- 
AONTA eiKÖTI CTOXACMU) ANOCIOYCeAl. 
OYTOC FAP eCTIN Ö THN THN BAeYreiON 

lo THC ÖPeiNHC KAI neAlÄAOC KATA- 
CneiPAC KAI *YTeYCAC KAI THN BltO- 

♦eAGCTATHN recüPriAN C'y'pun. oytoc 

b TÖN OYPANÖN KATACKEYÄCAC KAI 

THN xepcoY «YciN nANTOC AÖTOY eni- 

'5 NOIAIC KPeiTTOCI HAUTHN ePfACÄMe- 
NOC. OtTOC rPÄMMATA KAI MOYCIKHN 

KAI THN erKYKAioN haiagIan eneNÖHce 
KAI npöc TÖ teaoc HTAreN. oytoc kai 

TÖ MenCTON ATAGÖN, it>l AOCO^IAN, ercN- 
20 NHCe KAI AlA TUN MEPCON AYTHC (JüOe- 
AHCe TÖN ANePCbniNON BION, AIÄ MEN 
TOY AOriKOY nPÖC ANGiAnÄTHTON ep- 
MHNeiAN, AlA AÖ TOY HGIKCY HPÖC THN 

TUN TPÖnuN enANÖpeuciN. aiä ae toy 

=5 (tYClKOY nPÖC eniCTHMHN Cr-PANGY T£ 
KAI KÖCMOY. KAI AAAA MENTOI HAM- 
nAHSH AETOYCIN EPKÜMIA NOY CY«*0- 
PHCANTEC TE KAI ATEIPANTEC, EXONTEC 
THN ANA«OPAN Eni TA AEXOENTA HAH, 

3° HEPI UN OY KAIPÖC ENOXAeTn. 



om 12. Januar 1905. 

Palimpsest. 

TÄC AICeHCElC TEMNETAI. Ol WEN OYN 
TOY NOY nPOCTÄTAI THN HTEMONIAN KAI 
BACIAEIAN TUN ÄNePUnElUN nPATMÄTUN 
ANATOYCIN AYTÜ KAI *ACIN IKANON EINAI 
KAI TÄ nAPEAHAYeOTA MNHMH AIACÜIEIN 
KAI TUN nAPÖNTUN EPPUMENUC ÄNTI- 
AAMBÄNECGAI KAI TA MEAAONTA EIKÖTI 
CTOXACMÜ *ANTACIOYi^CeAi) TE KAI 

AoriiEceAi. otToc rÄp ectin ö thn 

THN BAGYrEION KAI ÄPETÜCAN THC 
ÖPEINHC KAI nCAlÄAOC KATACnciPAC KAI 
KATA*YTEYCAC KAI THN BIU*EAEC- 
TATHN TEUPriAN. OYTOC Ö NAYN KATA- 
CKEYÄCAC KAI THN . EP . AION *YCIN 
EniNOIAIC nANTÖC AÖrOY KPEITTOCI 
nAUTHN AnEPTACÄMENOC KAI OAOYC 
£N GAAÄTTH nOAYCXIACTc Ä (x P l) 
(aiJMENUN TUN KATÄ nÖAEIC KAI 
Y-nOAPOMUN AEU<t>OPOYC ÄNATE- 
MUN KAI TNUPicAC HnElPÜTAC NH- 
CIUTAC OYK AN nOT^EIC EAYTOYC 
^AGÖNTAC. El MH C K Ä <t> C E.A.. 

H. OYTOCÖ KAITÜN'BA- 

NAYCUNi KAI TUN lUTE- 

PUN fTEXNÜN AETOMENUN ,EY- 
P'ETHC. OYTOC rPAMMATA KAI ÄPIG- 
MOYC KAI MOYCIKHN KAI THN ETKYKAION 
XfnACAN) nAIAEiAN EnENÖHCE KAI 
(kaTECT HCEN KAI nPÖC TÖ TEAOC 
RrATEN. OYTOC KAI TÖ METICTON ATA- 
eÖN. *IAOCO*IaN , erÖNNHCEN KAI Al^ 
EKÄCTOY TUN MEPÜN AYTHC U*£AHC£ 
TÖN ÄNePÜniNON BION, AIÄ MEN TOY 
AOriKOY nPÖC ANEIAnATHTON EPMHNEiAN, 



13 eYPcoN oin. 14 . ep . aion /iein- 

lich siclier; xePciAiON? oder xepCAfoN 
(xepcaian)? 18 nÖAeic sehr un- 

sicher. 22. 23 nach CKAt>oc ist außer den 
drei Buchstaben nichts zu erkennen; 
vielleicht fiNÄAioN etpeen? 24 \'ielleicht 
8 ANOCiOYCSAi die Ausgg.. A*ocioYceAi eA£Yeepiü)TepuN. 28 ahacan vermutungs- 
AH. 13 tön OYPANÖN die Ausgg., nyn weise ergänzt; ebenso Z. 29 KATecTHCCN. 

OYPANÖN AH. Die ganze Stelle ist stark verwischt. 



L. Cohn: Ein Philo -Pal 
\'ul!;attext. 



(15.) Ol Ae TÖN AiceHcewN npo- 

CTÄTAI TÖN enAINON AYTÜJN eV MÄAA 
CTeNOnOlOYCI, AlANGMONreC TU AÖrCp 

TÄc An' AYTüJN erriNOMeNAC XPeiAC' 

KAI 4>ACIN OTI AYO MGN aTtiA TOY IHN 
eCTIN, 6c«PHCIC KAI rCYClC, AYO Ae 
TOY KAAÜC IHN, ÖPACIC KAI AKOH. AIÄ 

MeN o?N reYcecoc ai tun citiun tpo- 
OAi nAPAneMnoNTAi, aia ag tun mykth- 

PUN Ö ÄHP, OY nÄN lÜON esAPTHTAI " 
TPO<)>H a' eCTI KAI OYTOC H CYNeXHC, 

oc OYK erPHropÖTAC mönon äaaä kai 

KOIMUMSNOYC AIATPd<t>ei TG KAI AlACÜ- 

lei. CA*HC Ae nicTic" ei rAp kÄn bpa- 

X^TATON Ö THC ANAnNOHC AIAYAOC eni- 

cxeeein, katä tAn to9 neoYKÖTOC 
eiueeN enoxereS'eceAi nNeiMATOc aho- 

KOni^N, eANATOC AnAPAiTHTOC ei ÄNÄr- 

KHC enAKOAOYOHcei. tun re mhn *iao- 
c6*UN AiceniceuN, ai' un nepiriNeiAi 

TÖ eY IHN, ÖPACIC WeN *ÜC TÖ KÄA- 
AICTON eN TaTc O'Y'CiAlC ÖPÄ, KAI AlÄ 
«CüTÖC TAAAA HANTA, HAION, CeAHNHN, 
ACiePAC, OYPANÖN, THN, eÄAATTAN, <t>Y- 
TÜN KaI IÜUN AMYeHTOYC AIA*OPÄC, 
KAI CYNÖAUC nÄNTA CUMATA KAI CXhl- 
MATA KAI XPÜMATA KAI MereOH , UN H 

eeA nepiTTHN opönhcin eieiprAcATO kai 
noAYN Ymcpon enicTHMHC ereNNHce. 

HAPeXCTAI Ae KAI ANCY TOYTUN U«e- 



impsest (Vat. gr. 316). 49 

Paliiiipsest. 

AIÄ Ae TOY HeiKOY nPOC TIHN TUN 

TPÖnuN enANÖpeuciN, aia Ae toy *y- 

CIKOY nPÖC eniCTHMHN O'Y'PANOY Te KAI 
KOCMOY. KAI a'aAA MeNTOI nAMnAHGH 

A^roYCiN erKcbniA noy cym<i>opihcant^c 5 
Te KAI XreiPANTec, exoNTcc thn äna- 
<)>OPÄN eni TA AcxeeNTA hah, nepi (Ln 

OY' KAIPÖC CNOXAcTn. 

Ol Ae TUN AICeHCGUN nPOCTÄTAI 
TÖN enAINON A'Y'TUN 6? MAAA CeMNO- lo 
nOIOYCI AlANeMONTCC TU AÖrU TÄC 

An' AYTÜN erriNOMGNAC xpeiAC" ka! 

<t>ACIN OTI AYO M6N aTtIA TOY IHN 

etciN (sie) OC0PHCIC kai reYcic, ayo 

AG TOY KAAUC IHN OPACIC KAI AKOH. i5 
AIÄ MGN OYN rCYCeUC AI TUN CITIUN 

TP0<t>Ai nAPAnewnoNTAi, aiä aö myk- 

THPUN b AHP, OY nÄN lUON eSHPTHTAI ' 
TPO^H a' eCTI KAI OYTOC H CYNCXHC 

(kai ä) aiäcta(toc), Öc OYK erpHro- m 

PÖTAC MÖNON AAAÄ KAI KOIMUM^NOYC 

AiATPeij>ei Te kai aiacuigi. cA<t>Hc Ae 
niCTic" ef rÄp kän bpaxytaton ö thc 

ANAHNOHC AIAYAOC eniCXCeeiH KATÄ 

THN TOY ne*YKÖTOC eiueeN enoxe- =5 

TCYCCeAl nNCYMATOC XnOKOnHN, eA- 
NATOC ÄnAPAiTHTOc es ANÄrKHC enA- 
KOAOYeHcei. TUN re mhn *iA0c6<t>UN 
AiceHceuN, Ai' UN nepiriNGTAi tö e? 

IHN, OPACIC MÖN *ÜC TÖ KAAAICTON eN 30 
TOTC OYCIN ÖPÄ, (ÖPA Ae) AIÄ «UTOC 
TÄAAA nÄNTA, HAION, CeAHNHN, ÄCTCPAC, 
OYPANÖN, THN, eÄAATTAN, 4)YTUN KAI 
IÜUN ÄMYGHTOYC AIA*OPÄC, KAI CYNÖ- 
AUC nÄNTA CÜMATA KAI CXHMATA KAI 35 

XPÜMATA KAI wereoH, UN H eeA ne- 

PITTHN *PÖNHCIN GlCIPrÄCATO KAI nOAYN 

Ymcpon eniCTHMHc ereNNHceN. nAPexe- 



II ceeNonoioYci A, ceMNonoioYci ver- 31 ÖPÄ as vermutungsweise von mir 

mutete riclitig Mang. 14 eiciN AH. ergänzt, die Stelle ist in der Hs. sehr 

17 TÖN cm. A. 30 KAi] AE Ali. verwischt. 

Sitzungsberichte 1905. 4 



50 



Gesammtsitzunfr vom 12. Januar 1905. 



Vulgattext. Paliiiipsest. 

AeiAC öPACic hmTn tac MericTAC, etc tai as kai angy toytoon ü)*eAeiAC opacic 

Te THN OIKeiUN KAI ÄAAOTpiuN KAI <t>\- HmTn TÄC MGricTAC , etc Te THN OIKGIUN 

AUN AIÄKPICIN KAI BAABePÜN MGN <t>YrhHN, KAI ÄAAOTPICON KAI <«'iACON KAI eXGPÜN 

AYpeciN Ae TÖN enu*eAd)N. reroNe mgn aiäkpicin kai BAABepÜN men «ytAn, aYpe- 

5 OYN KAI TUN AAAUN eKACTON TOY CCb- CIN AE TÖN en' aXtSAeiA. rerONG MEN 

MATOC MSPÜN nPÖC APMOTTOYCAC XPeiAC OYN KAI TUN AAAUN eKACTON TOY CCi)MA- 

KAI CO>ÖAPA ANATKAIAC, tüC BÄCeiC MCN TOC MEPÜN HPÖC APMOTTOYCAC XPClAC KAI 

npöc ncPinATON kai ta aaaa Öca aia c*öapa anatkaiac, üc BÄceic weN npöc 

CKEAÜN eNEPreTTAi, xcTpcc ac npöc tö nepinATON kai apömon kai taaaa 



lo rtPXlAI Tl KAI AOYNAI KAI AABGIN, 0*- 

eAAMOi AC ücnepei ti koinön ArAeÖN 

TH)N TOY AYNACeAl KATOPeOYN A^TIAN 
KAI TOYTOIC KAI ToTc AAAOIC AHACI 

nAPexoYCiN. oTi AC To9e°OYTü)c exei, 



OCA AIA CKCAUN eNCPrCITAI, XeiPCC AG 

npöc TÖ npÄiAi Tl ka] aoynai kai 
aabcTn, ö*eAAMoi AC ücnepei ti koinön 

ATAeÖN THN TOY AYNACSAI KAT0P90YN 
AITIAN KAI TOYTOIC KAI TOTc AAAOIC 



AYeYACCTATOI Ol nenHPCOMeNOIMÄPTYPec, AnACI nAPexOYClN. AYGYAeCTATOI A Ol 

oT MHTC xepci MHTe noci aynantai kata nenHPuweNoi maptypcc, oY «htg xcpci 

TÖ STATION, THN nPÖCPHCIN enAAHeCYeiN, MHTC nOCI AYNANTAI XPRCOAI KATA TÖ 

HN OYK en' ÖNeiACI MAAAON H oTkTü) BGATION, THN nPÖCPHCIN enAAHeeYONTGC, 

eeceAi *aci toyc npoTCPOYC aaynä- hn ov'k en' ÖNCiAei maaaon h oTkto) 

TOYC ÖNOMÄCANTCC GAYMACICüTATA. H eeCGAI *ACl toyc nPÖTCPON aaynatoyc 

ÄKOH AC XPHMA, AI ' HC M^AH KAI ONOMÄCANTeC (sic) ' AMA TAP TH TUN 



RYOMOI KAI nANO OCA KATA THN MOY- 
CIKHN eniKPINCTCI. ÜJAH FAP KAI AO- 

roc YneiNA kai cuthpia *äpmaka, h 

'S MCN TA nAeH KATCnÄAOYCA KAI TÖ 
APPYGMON CN HmTn PYOMOTc, TÖ a' CKMC- 
ACC MCACCI , TÖ a' ÄMCTPON MCTPOIC 



OMMATCON <t>eOPA KAI AI TOY cu- 

MATOC aynämcic (oyx Y)nOCKeA!- 

IONTAI MÖNON, ÄAAA KAI <t>eeipON- 
TAI. eAYMAClÜTATON AG KAI AKOH XPHMA. 
Ai'hC MCAH KAI MCTPA KAI PYGMOi, CTI 
T£ APMONiAl KAI CYM<t>ü)NiAI KAI TUN 



eniCTOMlIOYCA. nOIKlAON a' eCTl KaI rCNÜN KaI CYCTHMATUN At MCTA- 

BOAAI, nÄNe' ÖCA KATA MOYCIKHN Cni- 
KPINETAI . H AÖrUN TG TUN KATA 

AieiÖAOYC ka] nAMHAHeeTc iacai 

AIKANIKÜN CYMBO YAGYTI KÜN CT- 
KUM1ACTIKÜN, ETI AG TUN £N 
ICTOPIAIC KAI AlAAÖrOIC KAI TUN 
GN ÖMIAIAIC ÄNArKAlAIC nGPITÜN 



nANTOAAnON GKACTON, UC MOYCIKOI 

3° KAI nOIHTAI MAPTYPOYCIN, oTc niCTGY- 

GIN ANATKaTon. Ö AG AÖTOC GHGXUN 

kaI änakötitun tac im kakian opmäc 

KAI toyc KGKPATHMGNOYC Ä4>P0CYNAIC 
KAI AHAIAIC GKNOCHAG^UN , KAI MAAA- 
35 KUT^PUC M6N TO'^'C YnGlKONTAC, COOAPO- 
TGPUC AG TOYC A^HNIAIONTAC . aTtIOC 
riNGTAI TUN MGTICTUN UifGAGlÜN. 

14 öTi - exei om.ARM 15 ysyaectatoi 
H, Ol YeYAscTATOi A. 17 enAAHeeYON- 

Tec vermutete richtis Mang. 20. 2I.6no- 



GN [b'\'j)', nPATMÄTUN TTPOC TOYC 
AGI nA HCl AIONTAC CYNÖAUC PAP 
(a 1 a) «UNHC AITTHN GXOYCHC AY- 



27 TEj lies AG. 



30. 3 1 KATA eio- 



«ÄCANTAC. gaymaciütaton AG H AKOH XPH- AOYC (ai Übergeschrieben). 31 kai 

«A veriimtete Mang. 34. 35 maaa- wohl umzustellen nacli nAMnAHSeTc iagai. 

KUTepoYC . . . c<t>0AP0TeP0YC A H. ^8 aia nicht sicher. 



L. Coiin: Ein Pliilo-Paliinpscst (Vat. gr. 316). 51 

Vulgattext. Paliinpspst. 

NAMIN etc TG TÖ AEreiN KAI TÖ 

AAeiN GKÄTEPA TA^YTa) AIa(kPi)- 

Nei npöc tüiji^AeiAN yyxhc. toAfi 
rÄP KAI AÖroc YneiNA kai cuthpia 

OÄPMAKA, H MGN TÄ nAsH KAXenÄAOYCA 5 
KAI TÖ APPYSMON GN HmTn PYeMoTc, 
TÖ a' eKMEAec M^AGCI, TÖ a' AMETPON 
MCTPOIC eniCTOMlIOYCA" nOIKlAON a' 
eCTI KAI nANTOAAnÖN GKACTON, ic 
MOYCIKOI KAI nOlHTAI MAPTYPOYCIN, 10 

oTc nicTeYeiN anatkaTon eniTHAeY- 

MA fToTc GYj nenAI AeYM^NOlC ö 

AG AÖroc enexuN kai ANAKÖnTUN täc 

eni KAKIAN ÖPMAC KAI TOYC KeKPATH- 
MeNOYC A*POCYNAIC KAI AHAIAIC eK- 15 
NOCHAG^UN, MAAAKU)TePON MGN TOYC 
'Y'neiKONTAC, C*OAPÖTePON AÖ TOYC 
A^HNIÄIONTAC, aTtIOC riNCTAi TÖN MC- 

ricTOJN cü4>eAeiöN. 

2 TAYTA zweifelhaft. 12 toTc eY 

sehr undeutlich. 

Einige gute Lesarten finden sich auch noch im Schlußkapitel. 
16 (264, 10 M) eiKÖTCüc XnHAAceN tepo? CYAAÖroY, XnhiAAceN fehlt in AH, 
die Ausgaben bieten iepo9 cYAAÖroY caayngi mit schwerem Hiatus, wes- 
halb ich GiKÖTcoc (angTpign) igpo? cYAAÖroY hatte schreiben wollen. Im 
letzten Satze (264, 25) äggoi, wie Mangey richtig vermutet hatte; 
A hat AOAioi, H ÄeAOi, F AAoroi AÖroi. 

Für das zweite Buch De specialibus legibus hat sich die Hoffnung, 
daß der Palimpsest eine Ergänzung zu M, der einzigen Hs. für die 
zweite Hälfte dieses Buches, liefern werde, leider nicht erfüllt, da von 
diesem Teil der alten Hs. nur wenige Blätter erhalten sind, die kaum 
so weit wie F reichen. In der Überlieferung stimmt der Palimpsest 
auch hier am meisten mit F überein, mit dem er auch eine ganze 
Anzahl Fehler teilt. Häufig aber, wo der Text in F verderbt oder 
willkürlich geändert ist, bietet der Palimpsest die richtige Lesart von M. 
Einige M und F gemeinsame Textverderbnisse finden sich auch schon 
im Palimpsest; z.B. (ich zitiere nach Tischendorf, Philonea) 18,2 oTa 

XPHCTOYC Tüj ONTI KOCMOnOAlTAC rGNOMGNOYC Statt oTa KPHCTOI T. Ö. KOCMC- 

hoaTtai rGNÖMGNOi, wie Mangey verbessert hat. 20,8 yyxhc für tyxhc 
(Mangey). 24, 11/12 nPATTOM^NCic für npocTATTOM^NOic (Mangey). 27,14 
noNHPÖN für nHPÖN (Mangey). Weit häufiger sind die Fälle, wo der 

4* 



52 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

Palimpsest bessere Lesarten bietet und Fehler der bisherigen Über- 
lieferung aus dem Texte beseitigen hilft. Z. B. 4, 15 kan hcyxaigin aokh 

für HCYXÄIH. 9, 14 TÖN MEN HAPeeNUN (n. Om. M F) TOYC HATePAC KYPIOYC, 
TÖN Ae TYNAIKÖN TOYC ANAPAC eniTNÖMONAC (e. OOl. M F) AnOOHNAC. IO,I3 
Ö TAP ÄMeAHCAC fÜr AMEAHC. I3, 4 eKCTNA tAp HPÖC TÄC TÖN CUMÄTUN GYeilAC 
KAI eV'MOP^iAC TiMATAI {t. Om. M. ¥) H TOYNANTION eneYWNIieTAI. 17, 9 MHTE 

AAiKeTceAi MHTe äntaaikcTn der Palimpsest, M hat mht' aaikgTn mht' anti- 
aikgTn, F miht' aaikgTn mht' anaikgTn. 19,16/17 haiaepactön für haiao- 
cnopÖN , Mangey vermutete nAiAO*eopÖN. 26, i tAn to9 köcmoy reN^GAioN 
eoPTAicjN für reNeeAioN hm^pan goptähün. 31, 13 nAYcAceucAN für nAYCAcee, 
wie 32, 2/3. 32,12 mha' ÖNAP eiAOTGc für iaontgc. 

Anmerkung. Nachträglich, während dieser Bericlit sich bereits im Druck be- 
fand, stieß ich zufällig auf den Aufsatz von Fred. C. Conybeare in Class. Review X 
(1896), 281 — 284, worin bereits an der Hand der armenischen Übersetzung die Lücken- 
haftigkeit des bisherigen Textes von nepi eYÖNTUN nachgewiesen war. Durch den 
Palimpsest erhalten wir aber den genauen griechischen Wortlaut, der bei der Wieder- 
gabe aus dem armenischen Text vielfach unsicher blieb. L. C. 



53 



Bericht über eine Reise in Messenien. 



Von Dr. Walter Kolbe 
in Athen, 



(Vorgelegt von Hru. von Wilamowitz-Moellendorff.) 



Im Auftrage der Akademie habe ich vom 20. September bis 5. No- 
vember 1 904 Messenien bereist , um für den V. Band der Inscriptiones 
Graecae das Material zu sammeln. Auf längeren und kürzeren Ausflügen 
habe ich von Kalamata, der heutigen Provinzialhauptstadt, aus, die 
Rhion- Halbinsel, die beiden messenischen Ebenen sowie das Bergland 
um die Nomia der Alten durchschweift und bin an mehreren Punkten 
in den Taygetos vorgedrungen. Wenn man von der Hauptstadt Messens 
absielit, waren die Funde nach Zahl und Bedeutung gering. Unter sol- 
chen Umständen traten die topographischen Fragen in den Vordergrund. 
Obwohl sich die glänzende Intuition, die Curtius in seiner Beschreibung 
des Peloponnes entfaltet, immer von neuem bestätigte, wird sich doch 
hier und da Gelegenheit zu einer ergänzenden Bemerkung bieten. 

Die erste antike Stadt an der Westküste der Rhion -Halbinsel 
war Korone, an dessen Stelle die Mainoten -Kolonie Petalidion steht. 
Die Mauern der Akropolis lassen sich noch ungefähr verfolgen; aber 
die mancherlei Baureste, Statuentrümmer und Inschriften, die Curtius 
erwähnt, sind zum größten Teile verschwunden. Von den wenigen in- 
schriftlichen Funden verdient nur die Herme des Herakliden 'Apmönikoc 
Erwähnung, die das folgende Epigramm trägt:' 

"Aag mg Teixiöec CA^nAp' ataacn : tpÖN "'leÜMHC 

MeCCHNH CYNOTC ■ KYAeCIN HrAÄTCGN, 
YlÖN ApiCTCOjNOC MeCCHNIOY j ha' ePATGINHC I 

'ArHTAC, CnÄPTHN I H aAxEN eK nATejPUN. 
Ct)AMe[N] AG ''GAJAANeCCI rGNOYC J META KYAOC APe'ceAl 

""Gk Te ArocKO^Pü)N gk tg kai ''Hpakagjoyc. 
Tön ^Hpakagiahn 
'Apmöngikon 

H nÖAIC. 

' [Der Stein muß aus Mavi-omati verschleppt sein, da das Gedicht die Auf- 
stelUing in Messene angibt. Die Mutter Ilageta liat das Dioskurenbkit auf Harinonilvos 
vererbt; von Herakles stammt er, wie der Familienname zeigt, von Vatersseite. Vers 2 
wird lYNoTc wohl auf dem Stein stehen oder gestanden haben. U. v. "VV. -M.l 



54 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

Wichtiger ist eine alte pi^tpa für ein Denieterheiligtum , von 
der aber nur der Schluß mit Strafbestimmungen für die Priesterin 
erhalten ist. Diese Inschrift befindet sich im Dorfe Rhumustapha, 
etwa I Stunde nordwestlich von Longha, wohin sie jedenfalls verschleppt 
ist. Ein Rückschluß auf die Lage des Demeterheiligtums, bei dem 
die Stele aufgestellt werden sollte, ist vor der Hand nicht möglich, 
da der Besitzer sich weigerte, die Fundstelle zu zeigen. 

Auf dem Wege von Korone nach Asine erwälmt Pausanias einen 
Tempel des Apollon Korynthos, 8o Stadien von Korone, und die 
kleine Nachbarstadt Kolonides, deren Entfernung von Asine nur 
40 Stadien betrug (IV, 34, 7 f.). Jenes Heiligtum glaubte Cuetius, 
Pelop. II 167 auf einem Hügel des Hag. Elias nördlich von Kastelia 
ansetzen zu sollen, weil er dort die Reste eines großen Gebäudes 
gesehen hatte; die Lage von Kolonides ließ er dagegen unbestimmt. 
Hier scheint eine Ungenauigkeit vorzuliegen, denn der Hügel von 
Kastelia heißt Hag. Johannis, während der Hag. Elias etwa i '""' 
südlich der Ortschaft liegt. An der Stelle aber, wo Curtius den Hag. 
Elias auf seiner Karte zeichnet, befindet sich weder eine bedeutendere 
Erdherhebung noch eine Kapelle des Hag. Elias.' Nun sind an dem 
Hügel foYAAC, der unterhalb des Johannesberges nördlich von 
Kastelia bei dem kleinen Dorfe Kantianika liegt, des öfteren von 
den Einwohnern Inschriften gesehen worden. Leider haben sie ver- 
säumt, für deren Erhaltung Sorge zu tragen, und da die Meeres- 
brandung hier den Felsen zum Teil unterhöhlt und zernagt hat, scheint 
es, daß jene Steine mit dem Erdreich abgestürzt sind. Nur eine 
Ephebenliste ist gerettet und wird in Kantianika aufbewahrt. Anderer- 
seits sind an dem Ostabhang des etwa zehn Minuten entfernten Elias- 
hügels einige Gräber griechischer Zeit gefunden worden. Es muß also 
eine alte Ansiedelung in dieser Gegend gelegen haben. Nun können 
nach den Worten des Periegeten Stadt und Heiligtum nicht weit von- 
einander entfernt gewesen sein. Da Pausanias IV, 34,8 bezeugt, daß 
Kolonides eni yyhaoy, mikpön Änö eAAÄccHC lag, möchte ich die Stadt 
auf dem etwa i """ südwestlich von Kastelia gelegenen Hügel suchen, 
wo sich heute das Dorf Vnnaria ausdehnt; den Tempel verlege ich auf 
die Höhe des Foyaäc, an dessen Abhang die erwähnte Inschrift 
gefunden wurde. Diese Verteilung der Orte wird Pausanias' Worten 
gerecht und entspricht am besten seinen Entfernungsangaben; von 
Petalidion (Korone) bis Foyaäc (Tempel) beträgt nämlich die Luft- 
linie 12''"' = ungefähr 70 Stadien und von Korone (Asine) bis 
Vunaria (Kolonides) etwa 6*"" = 35 Stadien. Wenn Pausanias im 



Reste alter Gebäude sind jetzt nicht mehr vorhanden. 



W. Kolue: Reise in Messenieii. 55 

ersten Falle 80, im zweiten 40 Stadien nennt, so rechnete er nach 
der wirklichen Entfernung (vgl.LEAKE, Peloponnesiaca 196, und Buksian, 
Geogr. G riech. 173, i).' 

Die Lage von Asine selbst an der Stelle des heutigen Korone 
kann nicht zweifelhaft sein. Schon Leake hatte das erkannt, ohne 
die Schwierigkeit zu beheben, die in der Pausaniasangabe lag, daß 
die Entfernung bis zum Akritas 40 Stadien betrage (IV, 34, 1 2). Curtius 
wies den richtigen Weg, indem er behauptete, daß Tansanias über- 
haupt nicht bis zum Vorgebirge gekommen, sondern quer über die 
Halbinsel nach Methone gewandert sei. Aus den Worten an^xgi as ec 
eAAAccAN ö Äkpitac a. a. 0. geht das mit aller Deutlichkeit hervor. 
Denn ÄNexem ist hier Avie bei Thuk. IV, 53 nÄcA rAp (seil, h Aakconikh) 
ANexei npöc tö Cikgaikön kai Kphtikön neAAroc nicht so sehr von der 
Höhen- als von der Längenausdehnung zu verstehen (== sich erstrecken). 
So konnte sich aber der Perieget nur ausdrücken , wenn er sicli nicht 
beim Vorgebirge selbst befand." 

Der prächtige Festungsberg von Asine trägt ein gewaltiges vene- 
zianisches Kastell. Aber Venezianer und Franken haben hier wie aller- 
orten, wo sie festen Fuß gefaßt haben, viel gründlichere Arbeit ge- 
tan als die Türken. In die Mauern ilirer Burgen verbauten sie Archi- 
tekturglieder und Inschriftensteine, und so erklärt es sich, daß in den 
Küstenstädten Messeniens, die fast alle im Mittelalter Stützpunkte der 
venezianischen Herrschaft waren, so wenig Reste der klassischen Zeit 
gefunden werden. In Asine konnte ich einige Ehren- und Grab- 
inschriften der späten Kaiserzeit sowie ein neues Bruchstück des Edic- 
tum Diocletiani (vgl. jetzt Tod, Journal of Hellenic studies XXIV) ab- 
schreiben, aber in Methone und Pylos ist die Vernichtung der antiken 
Reste fast radikal zu nennen. 

Auf halbem Wege zwischen Pylos und Kyparissia ist der Küste 
das kleine Felseneiland TTputh vorgelagert, auf dem Strabo VIII 348 
eine gleichnamige Stadt erwähnt. Diese Insel ist noch unerforscht, 
aber sie verdient in mehr als einer Beziehung die Aufmerksamkeit 
der Archäologen. Über die Reste der Stadtmauern und Türrhe hat 
r. TTAnANAPeoY in einem kurzen Bericht gehandelt CApmonia 1902, 238). 
Größeres Interesse beanspruchen die Felsinschriften. Mir bot sieh 
leider nicht die Möolichkeit zu näheren Untersuchungen , da ich wegen 



' [Pausanias hat die GeReiid nicht besucht; Beschreibung und Stadienangabe 
stammen aus einem Periphis. Heberdey, Reisen des Pausanias 66. U. v. W. -M.] 

^ Es muß einmal ausgesprochen werden, daß die Ansiedehmg in der kleinen 
Ebene von Phaneromeni , die nacli der französischen Generalstabskarte s""" = etwa 
35 Stadien vom Vorgebirge entfernt ist, für das alte Asine nicht in Betracht kommen 
kann. Die erhaltenen Mörtelmauern gehören der byzantinischen Zeit an; Münzen und 
Lampen, die mh- gezeigt wurden, weisen in dieselbe Epoche. 



56 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

stürmischea Wetters meinen Besucli auf das äußerste Maß beschränken 
mußte. Von Marathos aus fuhr ich mit einer Barke zu dem auf der 
Ostseite gelegenen kleinen Hafen, auf dessen steil abfallenden Fels- 
wänden Inschriften stehen , in denen die Schiffer nach glücklicher Fahrt 
der [■'A'OpoaithJ GvnAoiA und den Aiöckopoi G't'nAeAToi gedankt haben. 
Es wäre dringend zu wünschen, daß spätere Besucher die recht zahl- 
reichen kleinen Weihinschriften kopierten und photographierten. Da 
der Aufenthalt des kleinen Bootes an der Steilküste bei Wellengang 
nicht ungefährhch war, habe ich mich mit der llüchtigen Abschrift 
von seclis Inschriften begnügen müssen. 

Von Kyparissia aus, wo ich nur eine unbedeutende Grabinschrift 
fand, erreichte ich wieder die obere messenische Ebene. Heute ist 
DiavoUtsi durch seine Lage an der Eisenbahn der gegebene Ausgangs- 
punkt für einen Besuch von Hira. Curtius war von dort dem nord- 
nordwestlich gerichteten Tal, das er nach Bogasi henannte , gefolgt und 
dann über das Elaiongebirge in die Nedasehlucht hinabgestiegen. Der 
jetzige Weg hält sich mehr östlich, indem er das Seitental von Garcma 
umgeht und in allmählicher Steigung den Paß zwischen dem Tetrasi 
im Osten und dem Hag. Elias im Westen erreicht. Von der Höhe 
überschaut man das schöne messenische Land in seiner ganzen Aus- 
dehnung: zu Füßen die fruchtbare Ebene des Pamisos mit den ein- 
rahmenden Bergzügen; weit im Süden erglänzt der Golf von Asine 
und im Westen das Meer bei Kyparissia. Setzt man den Weg nach 
Norden fort, so umgibt einen kahles ödes Bergiand. Vom Nordrande 
des Passes blickt man in einen Gebirgskessel herab, in dessen Mitte 
sich einsam ein breiter abgestumpfter Kegel hineinschiebt. Das ist 
Hira, die letzte Zufluchtsstätte der Messenier. Die Natur hat diesen 
Berg zu einer Festung gemacht: nur im Südosten hängt er mit dem 
Tetrasigebirge zusammen, doch ist er auch auf dieser Seite durch 
einen tiefen Sattel isoliert. Sonst senkt sich der Berg bis zur Sohle 
der AVasserläufe. Von Osten, vom Lykaion kommend umfließt die Neda 
im weiten Halbkreis seinen Fuß und durchbricht im Westen den Kranz 
der Berge, nachdem sie das im Südosten entspringende pgyma von 
Stasbid aufgenommen hat. In diesem unfreundlichen kalten Bergland 
mußte ein härteres Geschlecht heranwachsen, fähig, den Kampf um 
die Freiheit und den Besitz der fruchtbaren Heimat noch einmal aufzu- 
nehmen. Denn kärglich ist das Ackerland imNedatal; nicht jedes Jahr 
spendet es Frucht. Die Olive, Griechenlands goldener Baum, ist selten, 
und der Weinstock gedeiht nur am Südufer der Neda bei Kakaletri. 

Von den Überresten auf der Kupj^e des Berges, der jetzt nach 
der Kapelle des "Anoc AeANACioc benannt ist, berichtet bereits Ross 
(Reisen im Peloponnes S. 96). Er vuid Curtius (II S. 152) sehen in 



II 



W. Kor,BE: Reise in Messenien. 57 

den Mauern, die den Gipfel umziehen, mehr eine »aus zusammen- 
geraff"ten Steinen schnell gemachte Befestigung als eine sorgfältig gx'- 
haute Stadtmauer«. Diesem Urteil vermag ich nicht beizustimmen. 
Im allgemeinen besteht die Mauer aus großen rohen Steinen mit un- 
genauem Fugenschluß: die Lücken, die so entstanden, sind meist mit 
einem kleineren Stein gefüllt. Daneben finden sich Teile besserer 
Arbeit mit ziemlich sorgfältigen Fugen; die Steine sind zum Teil schon 
viereckig und zeigen eine bearbeitete Oberfläche. Man wii-d behaupten 
dürfen, daß im VII. und VI. Jahrhvmdert Befestigungsmauern in dieser 
rohen Technik aufgeführt wurden. Daß den Messeniern auf Ilira aber 
die polygonale Bauweise nicht fremd war, bezeugen die Untermauern 
eines großen 12'" langen und mindestens 5 '" tiefen Gebäudes auf 
der Südseite der Burg. Über Grundiüß und Bestimmung ließ sich 
ohne Nachgrabung nichts Näheres feststellen. Die 1.80 dicke Ring- 
mauer springt mehrfach zurück und weist nur im Südosten und Westen 
quadratische Türme auf von etwa 4™ Seitenlänge. Die Ecken sind 
hier aus regelmäßigen viereckigen Steinen in guter Technik gebaut.' 

Eine zweite Ansiedelung liegt auf dem flachen, nach Westen vor- 
geschobenen Plateau 'Ar. FTAPACKeYH , dessen Seiten von den beiden 
Wasserläufen bespült werden. Sie stammt zweifellos aus hellenistisclier 
Zeit, denn die Mauern weisen eine große Ähnlichkeit mit der Stadt- 
mauer von Messene auf. Neben den zahlreichen viereckigen Türmen 
findet sich auf der Nordseite ein halbrunder von etwa 5" Durchmesser. 
Die Mauern zeigen auf beiden Stirnseiten Quadern , kleinere Steine 
dienen als Füllung. Die Dicke beträgt i™90, bei den Türmen nur i"40. 
An Funden sah ich nur Münzen des 2. und i. Jahrhunderts v. Chr. 

Nach Diavolitsl zurückgekehrt, beschloß ich auch Andania zu be- 
suchen, das man jetzt am bequemsten Aon der nahen Eisenbahnstation 
Dessylla aus erreicht. Die Ruinen, die zuerst Curtius für Andania 
in Anspruch genommen hat, finden sich auf einer schmalen Terrasse, 
die sich auf einem der letzten Ausläufer der Bergzüge von Chranoi 
von Norden nach Süden erstreckt. In der Ebene liegt in einer Ent- 
fernung von etwa 4""° das Dorf Sandani, in dessen Name sich zweifel- 
los eine Erinnerung an die alte Stadt erhalten hat. Gell und Curtius 
haben mit Recht auf diesen Anklang Gewicht gelegt, wenn sie das 
griechische Andania in dieser Gegend suchten. Die Höhe, auf der 
die Ruinen liegen, ist wie geschaffen eine Burg zu tragen. Im Westen 
senkt sie sich ziemlich schnell zur Ebene, während sie im Osten und 



' [Die Befestigungen bestätigen also, daß in Hira der messenische Aufstand des 
Aristomenes seinen Stützpunkt gehabt hat, der um 500 von Rhimos angesetzt ward 
und, so weit er überhaupt geschichtlich ist, in diese Zeit fällt. Vgl. meine Text- 
geschichte der griechischen Lyriker S. 105 ff. U. v. W.-M.] 



58 Gesamnitsitzung vom 12. Januar 1905. 

Süden durch das tief einschneidende psyma, das wir mit Curtius 
Xäpaapoc nennen, geschützt ist. Von hier aus beherrscht man die 
obere messenische Ebene. Deutlich treten die drei Wasseradern her- 
vor, die Pausanias überschreiten mußte, als er von Messene nach 
Andania reiste {IV 33, 3). In der Senkung zwischen dem Ithome- und 
Elaiongebirge fließt die Balyra, in die sich von Norden die Leukasia 
ergießt, Avährend von Nordost der Amphitos einströmt. Aiabänti 
AG TO-i'TOYc (nämlicli die Balyra mit den beiden Nebenflüssen) neAioN 

eCTIN ÖNOMAIÖMGNON CreNYKAHPIKÖN " - - TOY HGAIOY AG GCTIN ÄnANTIKP^' KA- 

AOYM^NH TÖ apxaTon Oixaaia , To AG £*'' HMU)N Kapnacion äacoc. Nachdem 
Pausanias gesagt hat, daß der Xäpaapoc, der ein rechter Nebenfluß des 
Amphitos ist, am Kapnacion aacoc vorbeifließt, fahrt er § 6 fort: kai 
npoGAeÖNTi CN apictgpa ctaaioyc öktu maaicta epeiniÄ sctin änaaniac. 
Daraus ergibt sich, daß Andania nördlich A'om Charadros liegen muß 
und zwar nicht weit von ihm entfernt, denn die Entfernung vom 
Kapnacion äacoc bis Andania beträgt nicht volle i4-''°. Wir werden 
somit Curtius Recht geben , wenn er diese Ruinen für die Reste A-^on 
Andania erklärte; nur irrte er, als er die Mauern für die vordorische 
Burg in Anspruch nahm. Wir liaben es offenbar mit einer Befesti- 
gung aus historischer Zeit zu tun. Die Mauern zeigen genauen Fugen- 
schluß; aucli wo die Steine nicht viereckig sind, werden die Lücken 
mit sorgfaltig behauenen Stücken ausgefüllt. Ihre Breite beträgt 2'°; 
nur auf einer Strecke von 75'" sind sie 3™70 dick. Auf der Höhe 
des Plateaus bilden sie einen Burghof von unregelmäßig dreieckiger 
Form. An der Nordost- und Südecke findet sich je ein großer Turm, 
der in die Mauer eingebaut ist; zwischen beiden führt auf der Ost- 
scite eine schmale Eingangspforte in den inneren Burghof. Bei diesen 
Mauern finden wir systematiscli Binder verwandt, was besonders für 
die hellenistische Technik charakteristisch ist. Nun wissen wir aus 
Livius XXXVI. 3 1 , daß die Stadt Andania im Anfang des 2. Jahr- 
hunderts noch bestand, und seine Worte passen genau zu der Lage 
der Ruinen bei Dessylla: Andaniam_, parvum oppldwn inter MegalopoUm 
Messenenque situm. Denn im Tal des Flusses, den wir Charadros 
nannten, führt heute die P^isenbahn eine Zeitlang aufwärts, um über 
den Makriplagipaß die arkadische Hochebene zu erreichen. 

Außer den oben beschriebenen Mauern jüngerer Zeit fand ich auf 
dem Plateau, das in halber Höhe dem Berge im Südosten vorgelagert 
ist, Reste eines von Nordosten nach Südwesten verlaufenden Mauer- 
zuges aus großen unbehauenen Steinen, der rechtwinklig umbiegt und 
auf der Westseite einen viereckigen Turm gehabt zu haben scheint. 
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß wir hier die Reste der vordorischen 
Burg vor uns haben. 



II 



\V. Kolüe: Reise in Messenien. 59 

Auf kürzeren Ausllügeii, tlie ieli mit der Eisenbahn von Knlainata 
aus in die Umgegend des alten ögypia machte, habe ich einige wenige 
Inscliriften in BeTcArA, "AcAÄNArA und Mikpomäni gefunden. Von den drei 
Epliebenkatologen im Kloster Palaeokastro ist einer verloren gegangen, 
und die große Inschrift, die Visciier 1853 in einem Bauernliause ab- 
geschrieben hatte, ist ganz in Vergessenlieit geraten. 

Kalamata selbst ist niciit i-eich an Altertümern, aber trotzdem ist 
Peenices Schluß, das alte Pharai müsse an einer anderen Stelle ge- 
sucht werden, unberechtigt (Athen. Mitt. XIX 351 ff.). Die Stadt liegt 
nicht mehr in der eigentlichen messenischen Ebene, sondern in einer 
kleinen Strandniederung im östlichen Winkel des Golfes von Thuria, 
dort wo der Nedon aus den Bergen tritt. Ihre Entfernung vom Meer 
wird jetzt auf 2''", also ungefähr 1 2 Stadien geschätzt. Damit ist 
Strabos { VIII 361) und Pausanias' (IV 31,1) Nachricht, die 5 bzw. 
6 Stadien angeben, sehr wohl zu vereinigen; denn naturgemäß sdiiebt 
der Nedon im Laufe der Jahrhunderte seine Mündung weiter ins Meer 
hinaus. Ferner berichtet Strabon S. 360 hapä ae Ohpäc Ngaun eKBÄAAei, 
was einzig &\xi Kalamata paßt, wie auch die a'Ou Pausanias überliefer- 
ten Entfernungsangaben nach Abia und Thuria in die Gegend der 
heutigen Stadt führen. Da in den letzten Jahren die alte Stadtmauer^ 
die Hr. Dr. A. Skias ins V. Jahrhundert setzt, gefunden ist, dürfte auch 
der letzte Zweifel an der Richtigkeit der früheren Ansetzung beho- 
ben sein. 

Die Behauptung von Pernice gründete sich darauf, daß er in dem 
zwei Stunden entfernten Gebirgsdorf Janltsa die Mauern der homeri- 
schen Burg Pharai gefunden habe. Aber bereits Noack hat in den 
Ath. Mitt. XIX, 481 ff. aus der Mauertechnik bewiesen, daß diese An- 
lage aus historischer Zeit stammt, und ich pflichte seinen Darlegungen 
in jedem Punkte bei. Die Frage ist nur, ob wir an dieser Stelle die 
KdoMH Kaaämai suchen dürfen. Pausanias berichtet IV 31, 3 ecTi a^ en 

TH MeCOrAiü) KÜMH KaAAMAI KAI AImnAI XCOPION ' GN AG AYTü) AlMNATlAOC IGPON 

ecTiN ■'ApTewiAoc. Da dieses Artemisheiligtum im Südosten von Kalamata 
in den Vorbergen des Taygetos lag, wie ich weiter unten nachweisen 
werde, so dürfen wir Kalamai in derselben Richtung vermuten. Nun 
befindet sich unter den in ''Ar. Baciagioc hei Janltsa gefundenen Insclirif- 
ten eine Ehrenbasis für "'Io[yn:on XAPijeAovcJ AAKeAAiMö[NioN eN Kaaa]maic 
katoikh[canta], und ich trage daher kein Bedenken, mit Weil Kalamai 
bei Janltsa anzusetzen. 



' Leider seheint auch hier die Qiiaderinauer als Steinbruch benutzt zu sein; 
denn ein tiefes Loch befand sicli an der Stelle, wn man mir die Mauer zeigen 
wollte. 



60 Gesamuitsitzung vom 12. Januar 1905. 

Pernice liatte geglaubt, seine Hypothese durcli den Nachweis 
eines »antiken Fahrweges über den Taygetos« stützen zu können. 
Da meine epigraphischen Streifzüge mich in jene Gegend führten, 
liabe ich auch diese Frage nälier verfolgt und will die Ergebnisse 
hier kurz vorlegen. Wenn man von Kalamata aus auf die Höhen öst- 
licli von Janitsa gelangen will, kann man, von dem Wege durch die 
S^/r/(/m.<!schlucht abgesehen, das pgyma des Hay. Georyios benutzen, 
das im östlichen Winkel des messenischen Golfes mündet. Der Auf- 
stieg ist ziemlich beschwerlich : nach zweieinhalbstündigem Ritt ge- 
langt man zu einer kleinen Ebene bei der Kapelle des Hag. Georgios, 
wo sich der Weg mit dem von Janitsa aufwärtsführenden vereinigt. 
Dicht unterhalb der Kapelle sind von Perxice im gewachsenen Fels 
deutliche AVagenspureji bemerkt worden: ebenso hat er sie in der 
Gegend von Tikli zweimal festgestellt und hier die Spurweite der Wa- 
gen auf 90™ messen können. Bei Kaio Portiis, wo er zum dritten 
Male Spuren gesehen hat, habe ich sie nicht finden können. Der 
Pfad, der bisher in rascher Steigung die Höhe erklommen hat, wird 
jetzt zu einem bequemen Waldweg, der in ungefähr gleicher Höhe 
am Abhang entlangfülirt. Nach einer halben Stunde teilt sich der 
Weg: der nördliche mündet in die Langadaschlucht; er vermittelt 
heutzutage den Verkehr von Janitsa nach Sparta; der östliche führt 
höher ins Gebii-ge hinauf. Anfangs geht er durch Nadelholz weiter; 
dann erreicht man einen Höhenzug, der mehr einer Steinwüste gleicht. 
Nachdem man diesen passiert hat, steht man am Westrande einer 
nordsüdlich verlaufenden Talschlucht, die auf beiden Seiten von hohen 
Gebirgskämmen begrenzt ist. Sehr schnell senkt sich der beschwer- 
liche Bergpfad zur eecic Kepaciä, um nun auf der anderen Seite noch 
steiler den letzten und schroffsten Kamm des Taygetos emporzuklettern. 
Bis zu diesem Paß bin ich gelangt, ohne eine Spur des antiken, von 
Peenice vorausgesetzten Weges zu entdecken. Aus der allgemeinen 
Struktur des Gebirges habe ich aber die Überzeugung gewonnen, daß 
ein Falirweg über diesen fast 2000" hohen Paß in homerischer wie 
in historischer Zeit nicht existiert hat. Der moderne Gebirgspfad 
senkt sich auf der Ostseite des Gebirges in südöstlicher Richtung und 
erreicht nach etwa drei Stunden Anaicryti, das von Sparta noch wei- 
tere drei Stunden entfernt ist, so daß der Ritt von Kalamata nach 
Sparta vierzehn Stunden beanspruchen dürfte. 

Dieser Ausflug auf die Höhe des Taygetos wurde durch einen 

überraschenden Fund belohnt. Auf einer Strecke von etwa i — 2 "" 

fand ich zu beiden Seiten des Passes drei Grenzmarken der 3Iessenier 

gegen Lakonien. Auf dem rohen, nur oberflächlich geglätteten Fels 

OPos 
stand einmal '^Om, sodann O luid auf einem dritten Block aaktpmes: 



II 



W. Kolbe: Reise in Messenien. 61 

Offenbar entsprachen diese Steine den in den zwanziger Jahren des 
vorigen Jahrhunderts von Ross bei Sitsova entdeckten, und die Ver- 
mutung lag nahe, daß den Kamm entlang noch weitere Grenzzeichen 
vorhanden sein müßten. 

Diese Erwartung ist nicht getäuscht worden: ich habe das Glück 
gehabt, in Mavromati, dem alten Messene, eine Urkunde zu finden, in 
der sämtliche Grenzsteine gegen Lakonien verzeichnet und topographisch 
bestimmt werden. Und aus diesem Aktenstück eines kaiserlichen Land- 
messers des I. Jahrhunderts n. Chr. ergab sich gleichzeitig, daß das be- 
rühmte Heiligtum der Artemis Limnatis nicht mit Ross bei der Kapelle der 
TTANAriA BommniAticca, etwa 2 Stunden westlich Sitsova, angesetzt werden 
darf, sondern daß es in der Nähe der eben beschriebenen Grenzmarken zu 
suchen ist (Ross, Reisen im Peloponnes 5Ö".). Die entscheidenden Worte 
stehen Z. 36 und lauten: eni nexpAN uc nÖASc 1 eNerpÄ<t>H opoc 'Mgcchnh 
npöc AAKeAAiMONA'' 37 Änö THCAe Yn[ö tön kph]mnön üc nÖAec ^i eni 
neTPAN eNerpÄi)>H kai P gn mgcu kaI A kai M. "Anö thcag kata tö A 
38 TÖ KPHMNON, l^eN S TÖ ijepÖN' ö npocoNOMAioYCiN Aptgmitoc Aimnatioc, 

b £CTIN S-neP TÖN XEIMÄPPOYN ON rrPOCONOMÄIOYClN 39 XoiPOTÖNOC, öpiiei 

MeccHNH KAi AAKeAAiMONi Hpöc ^6 AeYGepoAAKCüN Ac. Hicraus geht klar 
liervor. daß das von Pausanias mehrlach erwähnte Artemisheiligtum 
eN Meeopioic in dem Dreieck liegen muß, wo die Gebiete der Lake- 
daimonier, Messenier und P^leutherolakonen zusammenstoßen, und zwar 
oberhalb des Choirotonos. Nun bedarf es nicht vieler Worte, um 
nachzuweisen, daß der Choirotonos der Gießbach ist, der zu Tansanias' 
Zeit die südliche Grenze Messeniens bildete (IV, i. i: Mgcchnioic ae npöc 
THN c*eTePAN THN AHONeMeeeTcAN Yrrö toy SAciAeuc ec tö Aakunikön öpoi 

KATA THN fePHNIAN GICI 6*' HMüJN H ÖNOMAIOMeNH XoiPIOC" nAhh Vgl. IV 3O, l). 

Dieser Wasserlauf ist der heutige Sandava, der nördlich Kamhos' die 
Vorberge des Taygetos durchbricht und an dessen oberem Lauf, wo 
er die nordsüdliche Richtung verläßt und nach Westen umbiegt, das 
Dorf Pigadhia liegt. Nicht weit von seiner Quelle habe ich bei der 
eecic KePACiA, etwa eine Stunde südlich vom Westeingang in die Lan- 
gadaschlucht, auf der Höhe des Kammes die drei Grenzmarken ge- 
funden, von denen oben die Rede war und auf deren südlichster zu 

lesen war: 

O P o z 

A A K rp M E s: 

Wenn es auch nach der Inschrift umgekehrt hätte heißen sollen 
OPOSMEZTPAAK, SO zweifle ich doch nicht, daß dies der Grenzstein 



' [Zu lesen kata tö A[n]ÖKPHMNON [aytö tö i]epÖN oder ähnlich: TÖ iepön muß 
Sujyekt sein. U. v. W.-M-l 

^ [Xoipeioc verlaugt die Grammatik. U. v. W.-i\I.] 



62 Gesammtsit/.ung vom 12. Januar 1905. 

i.st, von des.sen Aufstellung unsere Urkunde an der ausgeschriebenen 
Stelle berichtet. Dadurch sind wir dann in die nächste Nähe des 
»berühmten« Heiligtums der Artemis Limnatis geführt. Es wird die 
Aufgabe sein, längs des Kammes die Grenzmarken aufzusuchen und 
das Heiligtum selbst l)ei Alagonin wiederzufinden. 

Der Grenzstreit zwischen Lakoniern und Messeniern erhält durch 
diese Feststellung neues Licht. Aus Tacitus' Bericht Ann. IV, 43 ist 
bekannt, daß das Heiligtum der Artemis in dem strittigen Gebiet, 
dem acjer DentheUates , lag. Solange man Limnai gn Meeopioic bei der 
Kapelle der TTANAriA Boaimniäticca suchte, mußte man die fruchtbaren 
Talkessel des Nedon in der Gegend von Tsernitza und Sitsowa für das 
Dentheliatische Gebiet erklären. Man geriet dadurch in einen Wider- 
spruch zu Pausanias, der III 26, 11 berichtet fePHNiAc Ae (ic ec wecö- 

TAIAN ANCO TPIÄKONTA Xnexei CTAAIOYC ÄAArONIA KAI TO TTOAICMA KAGHPieMHCA 
HAH KAI TOYTO eN ''GAeYeePOAAKUCi ' eeAC Ae AYTÖei A5IA AlONYCOY KAI 

■ApTeMiAoc ecTiN lepÄ. Denn daß Alagonia wirklich in der Nähe der 
XoiPioc NAHH zu suchen sei, war ja durch die angegebene Entfernung 
von Gerenia sichergestellt. Und nun lernen wir aus der oben zitierten 
Inschrift, daß auch das nach Artemis Limnatis benannte Heiligtum 
oberhalb des Gießbaches Xoipotönoc lag. Alles fügt sich jetzt zusam- 
men : der Dentheliatische Acker mit dem Grenzheiligtum der Artemis 
Limnatis lag in den westlichen Vorbergen des eigentlichen Taygetos 
nördlich von der Xoipioc nähh. 

Die Zeit der Grenzregulierung wird durch die Unterschrift der 
Inschrift genau datiert. 

Z. 40 C^AADYioc Cgbactoy OYecnACiANOY ÄneAe-feepoc monömitoc xcopo- 
M^TPHC TOYC nporerPAMweNOYC 41 öpoyc äntibaaun YnerpAYA AeKMu ■'Ioynico 
rTpeiCKU A. Kneioniü) Komöau YnÄToic npö le kaaan- 42 aün Ianoyapicon 
eN TTätpaic. 

Oftenbar haben wir die Konsuln des Jahres 78 vor uns: L. Ceionius 
Commodus und D. Novius Priscus (CIL. VI, 2056 und sonst). Die Ver- 
schreibung der Namen ist ein neuer Beleg dafür, wie unzuverlässig 
römische Namen auf den griechischen Inschriften wiedergegeben sind. 
Wenn der kaiserliche Landmesser auch nur angibt, die Grenzsteine 
an der Hand ihres Verzeichnisses kontrolliert zu haben, so werden wir 
doch den Schluß ziehen, daß die Eigentumsverhältnisse von Vespasian 
neu geprüft und im Sinne des Tiberius entschieden worden sind. 

Die reichste Ausbeute an Inschriften machte ich in Mavromati, 
dem alten Messene. Das epigraphische Material, das bei Hrn. So- 
PHULis' Ausgrabungen zutage gekommen ist, harrt noch immer der 
Veröftentlichung, soweit nicht Adolf Wilhelm sicli desselben ange- 
nommen hat. Von besonderem Interesse ist das sroße Ehrendekret 



W. Kolbe: Reise in Messenien. Gü 

für ■'Apictokahc KAAAiKPÄieoc, rpAMMATevc TÖN CYNeAPUN anscheinend aus 
der Zeit des Proconsuls [P.] Memmius [Regulus]. Ferner verdienen 
hervorgehoben zu werden: eine Weihung an "'GAeveiA und die Kaaoi, 
ein Rechenschaftsbericht über die städtischen Einnahmen und Aus- 
gaben, in dem uns u. a. die Namen der vier Phylen Kpec<t>ONTic, 'Apicto- 
MAxic, '"Yaaic und Kasgaaia* überliefert sind, und mehrere Ehrenbasen 
für Kaiser Nero. 

Das Bild der messenischen Landschaft, das sich aus den Inschrif- 
ten ergibt, läßt erkennen, daß die Bevölkerung erst in der Kaiserzeit 
zu einigem Wohlstand gekommen ist. 



^ [Ohne Zweifel KasoaaTa nach Kleodaios, dem Sohne des llyllos und A'ater des 
Aristomachos, dessen Sohn Kresphontes ist. U. v. W.-M.j 



64 



Bericht über eine Bereisung der Inseln des Thra- 
kischen Meeres und der Nördlichen Sporaden. 



Von Dr. C. Fredrich 

in Posen. 



(Vorgelegt von Hrn. von Wilamowitz-Moeli.endorff.) 



Im Auftrage der Akademie habe icli in diesem Sommer zur Samm- 
lung des Materials für Band XII 8 der Inscriptiones Graecae die Inseln 
des Tlirakischen Meeres und die Nördlichen Sporaden besucht: eine 
notwendige Ergänzung war das Studium der Museen von Wien, Athen, 
Konstantinopel, Paris. Der erste und letzte wissenschaftliche Reisende, 
Alexander Conze, hatte die vier Inseln Thasos, Samothrake, Imbros, 
Lemnos 1858 besucht'; seitdem hatten sich nur einzelne Forscher hier 
oder da aufgehalten. Wenn auch der Zweck meiner Reise den epigra- 
phischen Denkmälern in erster Linie galt, so verstand es sich doch 
von selbst, daß meine Aufmerksamkeit allen Resten der Altertümer 
zugewandt war, und unerwarteter Zwang zu längerem Verweilen bot 
öfters zu diesen Studien erwünschte Gelegenheit. Die Resultate, die 
hier kurz bezeichnet werden, sollen mit zahlreichen photographischen 
Aufnahmen in einzelnen Aufsätzen vorgelegt werden. Der Prozent- 
satz der wieder verloren gegangenen Inschriften ist außer in Thasos 
geringer als in den besser angebauten und stärker bevölkerten Land- 
schaften des Festlandes; nicht wenige Stücke aber sind in die Museen 
besonders von Paris und Konstantinopel gelangt. 

Am 30. April landete ich mit dem Dampfer von Smyrna aus in 
Kastro, dem Hauptorte der Insel Lemnos an der Stelle des alten 
Mrrina. Die wichtigsten der von früheren Reisenden gesammelten 
Inschriften, zu denen sich einige neue hinzufanden, werden in einer 
Privatsammlung aufbewahrt und sind wahrscheinlich an der Stelle 
eines Heiligtumes vor der Stadt gefunden worden. Deren Ausdehnung 
läßt sich nach bedeutenden, bisher nicht beachteten Resten der Mauer 
und der Gräberstadt genau bestimmen. Kleinfunde aus dieser Nekro- 
polis reichen aus der Periode der Tyrsener, deren Keramik durch 



Reise auf den Inseln des Tlirakischen Meeres von A. Conze. Hannover 1860. 



II 



C. Fredrich: Reise ,mf den thrakisclien Inseln. 65 

zahlreiche merkwürdige Stücke gut vertreten ist, bis in die christ- 
liche Zeit und sollen in einem der nächsten Hefte der Athenischen 
Mitteilungen veröffentlicht werden. Eine Revision der mit jenen Terra- 
kotten und Gefassen gleichalterigen bekannten tyrsenischen Inschrift 
wird sich ermöglichen lassen. 

Eine Visitationsreise des Erzbischofs von Lemnos erleichterte mir 
den beabsichtigten Besuch des noch unerforschten Hagiostrati (3. bis 
8. Mai). In der Beihage zum Osterprogramm des Kgl. Friedrich -Wil- 
helms -Gymnasiums zu Posen denke ich den Beweis zu führen, daß 
die Insel, wie Kiepert vermutete, das alte Halonnesos ist. Der antike 
Stadtberg erhebt sich nahe dem modernen Orte; die Spuren des Alter- 
tums im Innern sind gering. Die einzige antike Inschrift ist die erste 
bekannte Weihung an die nerAAH eeöc von Lemnos (Preller - Robert, 
Griech. Myth. S. 3 1 3, i). Nach der Rückkehr von Hagiostrati begann am 
10. Mai der Ritt durch das Innere von Lemnos, für dessen Ausdehnung 
die Fundorte der publizierten Inschriften und Nachrichten über neue 
Funde maßgebend waren.' Von Waros aus lernte ich die Osthälfte 
der Insel kennen. Hervorgehoben seien die Punkte Kaminia, der 
Fundort der tyrsenischen Inschrift mit merkwürdigen Resten einer 
starken, aber wohl erst byzantinischen Besiedelung, Komi, wo ich 
die jüngst stark zerstörten Reste eines Tempels des Herakles aufnahm, 
dessen Vorhandensein zwei von Kontoleon (Revue des etudes grecq. 
1902 S. 140) veröffentlichte Inschriften erwarten ließen, Kastrowuni 
mit der öfter besprochenen unterirdischen Kapelle und die Palaiopolis 
(Hephaistia), wo trotz langdauernder Bewohnung bei Au.sgrabungen 
noch mancher Fund zu erwarten wäre. 

Von der Plaka an der Nordostecke der Insel segelte ich am 16. Mai 
zum Pyrgos auf der Südwestküste von Imbros. Da der Schwerpunkt der 
Insel zu allen Zeiten im Osten lag, so bot auch mir der Besuch der west- 
lichen Hälfte (16. — 18. Mai) mehr prächtige Landschaftsbilder in den 
teilweise bewaldeten Bergen als neue Inschriften. Diese werden dort 
wie sonst auf der Insel noch dem Sammeleifer des drittletzten Erz- 
bischofs Nikephoros verdankt; aber die von ihm in der Metropolis 
von Kastro (Imbros) angelegte Antikensammlung, in der auch die von 
ihm und zum Teil besser von Foucart herausgegebenen Inschrifts- 
steine lagen, ist großenteils verschwunden.^ Eine kleine Kiste mit 
Altertümern und Inschriften aus dieser Sammlung und eine Grabstele 
aus Imbros, deren Beschreibung im Apparat des Corpus der attischen 



' Für die Ortsnamen auf Lemnos ergaben sich verschiedene Besserungen und 
Zusätze. 

^ Nikephoros, ö eN KtoNCTANTiNonÖAei "Gaamn. ^ia. Cvaactoc XIII (1880) S. 3ff.; 
Foucart, Bull, de corr. hell. VIll (1883) S. 153 ff. 

Sitzungsberichte 1905. 5 



()B Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

Grabreliefs vorhanden war, hatte ich in Kastro auf Lemnos autnehmen 
können. Am 19. Mai erreichte ich über Agridia und das kleine Kloster 
Ilagios Dimitrios, dessen antike Reste Conze (a.a.O. S. 96) wohl mit 
Unrecht auf einen Tempel des Hermes schließen ließen, Panagia, 
die größte moderne Siedelung mit dem Konak der Regierung (20. bis 
28. Mai). Für den alten Hauptort (lieute Kastro) ergab sich manches 
Neue in bezug auf Umfang im Altertum und Mittelalter, das Theater, 
ein Heiligtum der Zwölf Götter, und die Wasserversorgung. Die Ruinen 
von Roxado (Conze, a.a.O. S. 92) sind nämlich die Reste eines Wasser- 
kastells für die Stadt und eines großen Reservoiis zur Bewässerung der 
Ebene, das durcli eine Talsperre und Seitenmauern hergestellt war. 
Nicht dort, wie Obekhummer annimmt (Festschrift für Kiepert [1898] 
S. 301, i), aber in der Nähe erhob sich, jedenfalls beim Kloster Hagios 
Konstantinos, einst ein Heiligtum der Samothrakischen Götter: dafür 
spreclien schon bekannte und neue Inschriften. 

Auf Samothrake (29. Mai — 4. Juni) konnte es sich in der Haupt- 
sache nur um eine Revision der von den österreichischen und franzö- 
sischen Expeditioneji entdeckten und zurückgelassenen und der von 
Kern und Phardys kopierten Steine handeln. Durch den Tod dieses 
Mannes haben auch die Altertümer von Samothrake ihren Freund und 
Sammler verloren. Wenigstens ein Stück der zuletzt von Wolters 
(Athen. Mitt. XXII [1897] S. 419) herausgegebenen Inschrift des Lysi- 
machos fand sich noch. 

Über Kastro auf Lemnos, wo ich damals erst nach der Heim- 
kehr des Besitzers die erwähnte Privatsammlung studieren konnte, 
gelangte ich am 9. Juni nach Kavalla, dem Ausgangspunkt für den 
Besuch von Thasos. Einige makedonische Inschriften bot die Samm- 
lung des gastlichen Hauses des deutschen und österreichisch -ungari- 
schen Konsuls Hrn. Wix und ein Ausflug nach Philippi Gelegenheit 
zur Herstellung von Abklatschen für die Revision der dortigen In- 
schriften. 

Die Insel Thasos erforderte der antiken Bedeutung entsprechend 
den längsten Aufenthalt (12. Juni — 2. Juli). Limenas (das alte Thasos) 
wächst wieder zur Stadt heran; ebenso zahlreich sind daher die Funde 
von Skulpturen' und Inschriften, wie die Zerstörung der antiken Reste 
allzu schnelle Fortschritte maclit. Unter den 77 neuen Inschriften oder 



' Wenige Tage vor meiner Ankunft war von der Regierung ein eben gefunde- 
nes großes Marmorrelief römischer Zeit (Poseidon und Herakles oder vielmehr ein 
Römer als Herakles) bescldagnahmt worden. Es ist, wie festgestellt sei, gleich süd- 
lich von den von Bent aufgedeckten (Journal of Hell.stud. 1887 S. 424) und fast völlig 
verschwundenen Resten eines spätrömisclieii Trinm])hbogens zutage getreten. Jetzt im 
Museuui zu Konstantinopel. 



C. Fredrich: Heise auf den thrakischen Inseln. 67 

Fragmenten aus dem Gebiet cUt alten Stadt befinden sich zwei archaisclie, 
von denen die eine inzwisclien auf Grund einer fremden, unvollkom- 
menen Abschrift veröflentlieht worden ist,' ein noch unbekanntes Stück 
der Tlieorenliste, eine spätrömische Inschrift über die Erneuerung eines 
Turmes der Stadtmauer. Diese. Stadtmauer, die durch Mächtigkeit und 
Schönheit das Interesse aller Reisenden er^veckt hat, ist neuerdings 
teilweise niedergerissen worden und sieht weiterer Beschädigung ent- 
gegen, wenn es der Energie der türkischen Behörde, der die Insel 
wieder untersteht, niclit gelingen sollte, das stolze Denkmal altthasi- 
scher Größe zu retten. Ich habe daher auf einem neuen, von dem 
bekannten stark abweichenden Plane den Lauf der Mauer festzulegen 
versucht und photographische Aufnahmen der verschiedensten Stücke 
gemacht, deren Entstehung in die verschiedenen Epochen von der Zeit 
des Arcliiloclios bis in das Mittelalter gehört. Auch das schöne von 
Mendel (Bull, de corr. hell. XXIV [1900] S. 553ff.) veröflentlichte Tor- 
relief verdient eine zweite Besprechung, wie der ragende Haui^ttempel 
auf der Burg, dessen Inhaber sich vielleicht bestimmen läßt, und die 
Pangrotte (Conze, a. a. 0. S. 19). Die epigraphischen und archäologi- 
schen Kcste des waldreichen Innern der Insel sind gegen die Fülle 
in der alten Hauptstadt gering an Zahl und Bedeutung. Leider war 
Dr. Cheistides, dem seit Alex. Conzes Aufenthalt so manche Nachricht 
über Inscliriften zu danken ist. den ganzen Sommer über in Konstan- 
tinopel abwesend. 

Das nächste Reiseziel waren Skyros und die Inseln bei Magnesia. 
Über Kavalla, Saloniki, Volo und, da die Dampferverbindung Volo— 
Skyros, die Philippson 1896 benutzte (Beiträge zur Kenntnis der grie- 
chischen Inselwelt 1901 S. 5), wieder eingegangen ist, über den Piräus 
en'eichte ich am i i . Juli Skyros , das trotz seiner bequemen Verbin- 
dung mit Athen von Archäologen so selten besucht worden ist. An- 
dauernder Nordsturm verlängerte den Aufenthalt so (11. — ig. Juli), 
daß ich außer den Inschriften, die um mehi-ere, darunter die beiden 
ältesten bekannten Stücke vermehrt wurden," auch die imposanten 
Ruinen der Stadtbefestigung und antike Reste im. Innern untersuclien 
konnte. Auf Skiathos (22. — 25. Juli), wohin ich bequemer und ebenso 
billig wie direkt im Segelboot über den Piräus und Volo gelangte, 
scheint in den letzten 25 Jahren keine antike Inschrift gefunden zu 



' Bull, de corr. hell. 1904 (Mendkl). 

^ Auf zwei Steine, von denen ich erst auf der Rückfahrt zum Piräus erfuhr, 
mache ich spätere Reisende aufmerksam. Der eine befindet sich in der Kirche der 
Panagia auf Skyropulo westlich von Skyros und wird byzantinischer Zeit angehören. 
Die andere, wie es scheint, römisclie Insclirift, ist in der zerstörten Kapelle des 
Hagios Phokas bei Tris-Bukkaes im Siidwe.sten gefunden und von der englischen Ge- 
sellschaft, die dort JMarmoihrüche ausbeutet, in Verwahnmg genommen woiden. 



68 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

sein. Die letzten Reste der antiken Stadt werden bald verschwinden. 
Ausflüge galten dem von Girakd (Bull. 1879 S'. 187) erwähnten und un- 
richtig beurteilten Turme und der bis 1829 bewohnten, jetzt ver- 
fallenden Stadt im Norden. Skiathos hat trotz seines ausgezeichneten 
Hafens immer hinter seiner größeren und reicheren Nachbarinsel weit 
zurückgestanden. Noch heute sind die Reste der drei alten Städte 
auf Peparethos (jetzt Skopelos, 25. — 28. Juli) so ansehnUch, daß 
mindestens eine von ihnen eine genauere Untersuchung verdient; viel- 
leicht läßt das Kais. Deutsche Archäologische Institut sie ihr einmal 
zuteil werden. Zu den Ansiedelungen kommen noch eine Reihe bisher 
unbekannter Verteidigungsbauten und andere Ruinen. Auch die epi- 
graphische Ernte ist reicher; ein Stück, das auch ein gewisses hi.sto- 
riches Interesse hat, ist im Anhange abgedruckt. Der Besuch der 
zuletzt von Philippson berührten Erimonisia unterblieb, da nach allem, 
was ich in Erfahrung bringen konnte, epigraphische Ausbeute nicht 
zu erwarten war, das Opfer an Zeit aber bei fortgesetzt wehendem 
Nordsturm unverhältnismäßig groß geworden wäre. Über Skiathos, 
Volo, wo bei den verschiedenen kurzen Aufenthalten Zeit geblieben 
war, die neuerdings traurig geplünderten Reste von Demetrias zu be- 
suchen und den Lauf der Mauer aufzunehmen, über Saloniki und zwischen 
der thrakischen Küste und den Inseln hin, auf denen ich so oft echt 
altgriechische Gastfreundschaft genossen hatte, erreichte ich Konstan- 
tinopel (5. August). Für die Erlaubnis, die Kaiserlichen Museen, die 
dank der Tatkraft ihres Direktors auch von den Inseln immer mehr 
Zuwachs erhalten, für meine Zwecke durchforschen zu dürfen, bin ich 
Exz. Hamdy-Bei zu aufrichtigem Dank verpflichtet. 

Nicht minder gern spreche ich auch an dieser Stelle der Direktion 
der Museen Frankreichs und dem Vorstande der antiken Skulptur- 
abteilung meinen Dank für liebenswüi'digste Unterstützung aus. Im 
Lou\Te (6. — 26. Oktober) werden nicht nur die von Bechtel nach Ab- 
klatschen neu herausgegebenen ionischen Inschriften aufbewahrt, son- 
dern auch eine ganze Reihe anderer, z. T. noch unedierter Inschriften 
ausThasos, Samothrake, Imbros und Lemnos; manchen von ihnen war 
ich am Fundorte vergebens nachgegangen. 

Inschrift aus Peparethos. 
Stele aus weißem Marmor. H. o™69, Br. oben o?37, unten o™4i, 
D. o?i2, H. d. B. 0T008, Z. A. o?005. Über der Inschrift ist ein 0^05 
hoher, leicht erhabener Raum frei geblieben ; unten o" 1 2 . In der 
Mitte unten ein Einsatzzapfen von 0^03 Höhe. Gefunden in Skopelos, 
dem antiken Peparethos, beim Neubau des Hauses des Komaris Li- 
thadiotis und im Hause aufbewahrt. 



C. Freühich: Reise auf den tliraUisclien Inseln. G9 

[GJ^TAeAOc eTneN, Aionycöacoipoc enerHoice" 
eneieH OiAÖseNoc cfJiAOieNOY ÄghnaToc anhp ä- 

TAeÖC WN KAI eVNOYC S'nÄPXCON AlATGAeT Tel nö- 

Aei HMÜN xpeiAC Te nAPexeJAi kai koinhi kai ka- 

[t'] tAIAN TOTC AeOMGNOIC TUM nOAlTÜN, TÖN 
[tJs NAÖN THC ÄeHNÄC eprOAABHCAC MeTATA- 

[r]eTN KAI oiKOAOMHCAi EM nAGiociN TG TUM nep[i] 

TÖ ePrON ÄNeCTPAHTAI CYM<t>ePONTCüC Te: 

nÖASi, TÖ Te eproN CYNeTÖAecer kata th[Nj 
CYrrpA<(>HN eYAPecTCüc, eneAeiATO a^ 
weTÄiei« MeTA toy [ajpxit^ktonoc thn 

[tJe BÄCir KAI TÖ ATAAMA KAI KATECTHCeN ei- 
[c] TÖN NAÖN tAlOIC AATTANHMACIN, KaI TOM BüJ- 

MÖM MGTArAruN KATecKeYAceN KAetüc b a[h]- 
Moc nAPeKÄAeceN aytön ' Yna oyn kai 6 hmc- 

TePOC AHMOC eYXÄPICTOC CUM *AiNHTAI Ka[]] 

[tJimün toyc atagoyc anapac kai xäpitac 

[ÄJlTONeMtüN AIIAC TUN eiC GAYTÖN TINOMe- 
[n]uN GYSPreTHMÄTCON, AGAÖXGAI TGI BOYAEI KAp] 

[tJüi ai^moji tüi TTenAPHeiuN enAmecAi Oi- 

[aJÖSGNOM OlAOiGNOY ÄeHNATON KaI gTnAI AY- 

[t]öm npöiGNor kai GYepreTHN thc nÖAeuc h- 

MÜN KAI TOYC GKrÖNOYC AYTOY, AeAOCGAl A[e] 
[aJ'Y'TÜI KAI THC KAI OIKIAC erKTHCIN KAI nPO- 

[aJikian Ängy eniAGKÄTCor kai npoeAPiAN gn 
[t]oTc thc nÖAGuc Xrujcir kaI hpöcoacn npö- 

[c] THM BOYAI^N KAI TON AHMON nPÜTOIC MCTA 

TA IGPA KAI '"PCJMAIOYC KAI ÄC*ÄAGIAr KAI nOA[e]- 

MOY KAI eiPHNHC KaI TÄ AAAA ÖCA KAI ToTc AA- 

[a]oIC nPOSGNOIC GK TUN NÖMUN YnApXGI, CTG<t>A- 

[nJüCAI AG AYTÖr KITTOY CTe<t>ÄNUI TUl HATPIUl TOY SG- 

[o]y KAI ANArOPGYGIN AlONYClUN H TPAfUlAOl', THC AG An[a]- 

rOPGYCGUC TOY CTeOANOY eniMGAGICeUCAN Ol APXON- 



' [In TPAruiAOi ist das erste Iota, wie der Abklatsch zeigt, nachgetragen; in 
AlONYCÖAUiPOC Z. I steht es fälschlich, was Anfang des 2. Jahrhunderts bemerkenswert 
ist, zuuial die Schrift sehr regelmäßig und sorgfältig ist, die Orthographie ebenfalls. 
etjcTÖN 12, nPo|cTHN 26, eiCThiAHN 36 und die fast durchgehende Asshnilation des 
schließenden Nasals an den folgenden Anlaut stimmen dazu. So ist hier eigentlich 
kein Schreibfehler, wenn h ohne Iota steht, das P'redrich anzuerkennen Bedenken 
trug; hinter h war eben das i längst verklungen, wenn nicht Hl zu ei verkürzt war. 
Der Infinitiv des Präsens ANArope-reiN zeigt, daß die Verkündigung dauernd geschehen 
soll, aber an dem Tage, wo Tragöden auftraten: das wird in Peparethos nicht alle 
Jahre passiert sein. U. v. W.-M.] 



/O Gesamintsitzung vom r2. Januar 1905. 

jec Ol kat' eNiAYTÖr rmoMeNOi, kaagcatucan ae aytön 
35 Ol APxoNTec eni ignia eic tö nPYTANeToN eni tht 

[kJoINHN eCTIAN, ÄNArPÄYAl AG TOAe TÖ YHct>ICMA eiCTHAH[N] 
[a]|8INHN KAI CTh[ca]| SN TÜI nPONAUl THC "AeHNÄC THC TToAl- 

[ä]aoc. 

Der Schrift nach ist das Dekret in den Anlang des IL Jalir- 
liuiidei-ts V. Chr. zu setzen. Dazu stimmen die Sprache und das, was 
über die Verfassung der Stadt erschlossen werden kann (Z. 2 ; 3 3 ff.). 
Auch Peparethos wurde im Frieden von 197 den Makedoniern ge- 
nommen', aber wie Skiathos und Ikos, sicherlich aus strategischen 
Rücksichten, nicht den Athenern zurückgegeben": Skyros allein, das 
nur Liebhaberwert hatte, fiel ihnen von dem Raube Philiiips II. wieder 
zu.'' Erst Antonius verschenkte auch die Inseln bei Magnesia an 
Athen. Die Inschrift gehört ganz an den Anfang dieser langen Periode 
der Autonomie. Im Jahre 200 hatte Philipp V. Skiathos und Peparethos, 
das er wenige Jahre vorher gegen einen Beutezug der pergamenischen 
Flotte hatte schützen müssen, verwüsten lassen, offenbar um den 
Römern eine für ihn selbst aus Mangel an Schiffen unlialtbare Flotten- 
basis zu nehmen, deren sich später z. B. Mithradates bediente. Für 
eine solche bot Skiathos einen trefflichen Hafen ■ — neben dem make- 
donischen Demetrias den besten der Ostküste Nordgriechenlands — , 
während das bei gutem Winde in i bis 2 Stunden zu erreichende 
fruchtbare Peparethos die Vorräte liefern konnte.^ Wie einst im 
Jahre 340, brannte und raubte die makedonische Soldateska auf der 
schönen Insel. Von der Heilung der Schäden dieses militärischen 
Vandalismus meldet die Inschrift. 

Wahrscheinlich stammte der ältere Tempel der Athena erst 
aus der Zeit athenischer Herrschaft und war wegen Mangels an Platz 
außerhalb der Stadt errichtet Avorden: damals nun Avurde er nach 
schwerer Beschädigung in den engen Ring der schützenden Mauern 
verlegt, in dem wohl manche Baustelle freigeworden war.^ Ein Orts- 



' Die Belegstellen stehen ;ini vollständigsten bei S. A. Oikonomos, h nhcoc 
TlenÄPHeoc. Jena 1883. 

2 Der Unternehmer beim Tempelbau ist ein Athener; vgl. Kirchner. Pros. att. 
n. 14 7 10 (tiAoisNoc 4>iAoieNOY Cdynisyc Bull. VII 280 (tit. Del.) lepe'v'c CAPAniAOC post 
a. 167. Auf Ti'adition ans atiienischer Zeit mag man die Erwähnung des ^'ol■sitze,nden 
im l'riiskript zurückführen; Swoboda, Die griech. Volksbeschlüsse S. 43f. 

^ Das von Girard (Bull. III 62 := Dittenberger 'II n. 383) veröHentlichte, von 
mir wiedergefundene Dekret von Skyros geliort nach der Schrift erst in die Mitte des 
II. Jahrhimderts. 

* Liv. XXXI,28. Sciathum et Peparetlatm , hand ignohiles urbes, ne clasxi hostium 
praedae ac praemio essent diruit (vgl. Mommsen, Rom. Gesch. 1, S. 707). 

' Aucii Selinus an der Westküste hatte einen Athenatempel; Giraro . a.a.O. 
S. 184, I = Oikonomos, a. a. <). S. 14, 6. 



C. Fredrich: Reise auf den thrakischen Inseln. / 1 

Wechsel in der Stadt wäre schwerer zu erklären und kaum so stark 
betont worden (Z. 6; ii; 14). Auch eine Vermutung über die Plätze 
der beiden Tempel sei kurz angedeutet, da eine ausführliche Be- 
sprechung der drei sehr charakteristischen Stadtplätze und der übrigen 
Altertümer der Insel für später aufgespart bleiben muß. Für den 
älteren Tempel läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit eine prächtig 
gelegene Terrasse in Anspruch nehmen, die die letzte Stufe des 
Hauptgebirgszuges der Insel diclit über der Stadt einnimmt. Dionysos, 
dem Athena viel ältere Rechte (Z. 31) auf dieser seiner' Insel, der 
er seine Gabe noch heute in besonderer Güte schenkt, streitig maciite, 
hat natürlich immer in der Stadt gewohnt. Der neue Tempel stand 
vielleicht dort, wo die Inschrift tief in der Erde gefunden wurde 
(Z. 37) und große Werkstücke liegen: an der steil über dem Stran<l 
aufragenden Südostecke der alten Stadt, an der Stelle der Kirclie 
Ilagii Apostoli »enl toy bpaxoy«. Vom Theater (Z. 32) sind keine 
sichtbaren Reste erhalten, noch weniger vom Prytaneion (Z. 35), von 
dessen Zerstörung durch Erdbeben im Jahre 427 Thukydides (III 89) 
Kunde gibt.'^ 



' Ross. Wanderimgen in Griechenland II (1851) S. 46. Oikonojios, a. a. (). S. lof. 
''■ In der Inschrift bei Girard, a. a. O. S. 184 wird das Prytaneion vim Selinus 
erwähnt. 



über das Verhältnis der mittleren (BuNSENschen) 

^0—100 
^15 



Kalorie zur 15°- Kalorie 



Von Dr. U. Behn 

in Frankfurt a. M. 



(Vorgelegt von Hrn. Warbürg.) 



Im Jahre 1895 wies E. H. GRiFFran' darauf hin, wie wichtig eine 
internationale Verständigung über die Wärmeeinheit sei. Die von ihm 
diskutierte Angelegenheit wurde dem Committee on Electrical Standards 
überwiesen, welches dann im folgenden Jahre als theoretische Einheit 
das Erg, weiter aber, da dieses zu unbequem großen Zahlen fuhren 
würde und in keiner einfachen Beziehung zur Wasserkalorie steht, als 
praktische Einheit 4.2 Joule" vorschlug. Die Beziehung dieser Ein- 
heit, die der 7°-Wasserkalorie naheliegt, zur spezifischen Wärme des 
Wassers müßte dann später genauer festgelegt werden. 

Während es aber wohl kaum zweifelhaft ist, daß das Erg als 
grundlegende Einheit allgemein angenommen werden wird, sind gegen 
die Wahl der sekundären begründete Bedenken geltend gemacht worden. 
E. Wakburg betonte 1899 in seinem Referat über die Wärmeeinheit^ 
auf der Naturforscherversammlung in München, daß man bei der Wahl 
der Einheit jede nicht durchaus notwendige Neuerung vermeiden müsse, 
um die schnelle allgemeine Annahme derselben zu sichern. Er gibt 
deshalb einer AVasserkalorie den Vorzug. Der Einwand, daß dieser 
die einfache Beziehung zu den elektrischen Einheiten fehle, triift das 
Rowland in gleicher Weise. 

Aber auch hier bleibt noch eine Wahl. Während man bei kalori- 
metrischen Messungen nach der Mischungsmethode naturgemäß eine 
/"-Kalorie wählt, wenn man in der Nähe von t° arbeitet, ist das Eis- 
kalorimeter nach BuNSENS Voraang bisher stets mit Wasser von 100°, 



■ In einem vor der British Association zu Ipswich gehalteneu Vortrage, vgl. 
Phil. Mag. (5) 40, S. 431, 1895. 

^ Nach GRiFFri-HS Vorschlag als » Rowland ■> zu bezeichnen. 
' Leipzig, .1. A. Barth. 1900. 



U. Behn: Mittlere und 15°- Kalorie. 73 

also mit der mittleren Kalorie (p„_,oo)) geeicht worden. Warbvrg ent- 
scheidet sich hier, obwohl des Vorzuges der mittleren Kalorie, von 
thermometrischen Messungen unabhängig zu sein, sich wohl bewußt, 
für die f°- Kalorie (und zwar für c,^). In der Tat wird wohl die über- 
wiegende Mehrzahl kalorimetrischer Bestimmungen mit dem Wasser- 
kalorimeter ausgeführt, und um die mit dem Eiskalorimeter er- 
lialtenen Resultate mit diesen vergleichbar zu machen, müßte 

eben nur das Verhcältnis ---"'°° möglichst genau bestimmt 

werden. 

Dieser aus Warburgs Referat geschöpften Anregung folgend liabe 
ich mich in den letzten Jahren mit der angegebenen Aufgabe be- 
schäftigt. Die Versuche wurden ausgeführt mit Unterstützung der Royal 
Society of London, der ich auch hier meinen ergebensten Dank sage. 

Um das Verhältnis -°^^^ zu bestimmen , kann man sich außer 

elektrischer Methoden der Mischungsmethode oder des Eiskalorimeters 
bedienen. Ich habe für meine Messungen das Eiskalorimeter benutzt 
und stellte mir die Aufgabe, diejenige Quecksilbernienge zu bestimmen, 
die in das Kalorimeter eindringen würde, wenn man eine i5°-Kalorie 
einbrächte. Zu diesem Zwt^ck habe ich die Quecksilbermengen be- 
stimmt, die in das Eiskalorimeter eindringen: 

1. wenn man ein Gramm Wasser von io° und 

2. wenn man ein Gramm Wasser von 20° einbringt. 

(Ich werde diese Mengen lO-^o^,,, und 20«g'o_2o nennen.) Hieraus 
ergibt sich diejenige Menge, die dem c^^ entspricht (q^^), in einfachster 
Weise. Für die dem Po_,oo entsprechende Quecksilbermenge (qo—,00) 
liegen schon drei Messungen vor: von R. Bunsen', A. Schuller und 
V. Waetha'^ und von A. W. Velten*. Bunsens Messung ist, wie er 
a.a.O. selbst angibt, nur eine vorläufige. Das Mittel der beiden andern 
Werte, die etwa den gleichen wahrscheinlichen Fehler haben, ist 

15.442 -f- 15.471 ,„„ ^ 

?o-:oo = ^^^ ^ ^^^ = i5":^456. 

Dieser Wert ist von mir bei der Berechnung des -°=^ zugrunde gelegt. 

Ein etwa 20"'""" fassendes zylindrisches Platingefäß wurde mit 
destilliertem Wasser gefüllt und durch Zuschweißen geschlossen. Dieses 
Platingefäß wurde längere Zeit vor dem Versuch in den inneren Hohl- 



PoGG. Ann. 141, .S. I, 1870. 

WiED. Ann. 2, S. 359, 1877. 

WiED.Ann.21, S.58, 1884. Vgl. auch C. DiETERici, Wir.D.Ann. ^^■' y-4i7> '^ 



74 Gesammtsitzung vom 12. .Tanuar 1905. 

ravim eines Wassermantels gebracht und dort mittelst eines dünnen 
Seidenfadens aufgehängt. Das umgebende Wasserbad a'ou ungefähr 
3^ Liter Inhalt konnte, geschützt durch mehrere wärmeisolierende 
Hüllen, ohne Schwierigkeit während einer Stunde auf einer Temperatur 
erlialten werden, die sich um weniger als o?oi änderte. Auch räum- 
lich war hierbei die Temperatur des Wassers, soweit meßbar, völlig 
gleichförmig. 

Das Platingeßiß wog mit Wasserfüllung (auf luftleeren Raum re- 
duziert) 40.2776". Davon kommen auf das 

Platin 19.2260 

Wasserinlialt .... 21.0510 
Luftiuhalt 0.0006. 

Die spezilische Wärme des Platins zwischen 0° und 20° wurde 
bestimmt an einem etw^a 500^ schAveren Platinzylinder zu 0.03 131 
bezogen auf c«. 

Zur Berechnung des Wasserwertes für beide Versuchsserien wurde 
0.03 I 2 , eingesetzt : 

21.0510 (Wasser) 
19.2260 • 0.031 2 = 0.6000 (Platin) 

2 1.6510. 
Von Vorversuchen abgesehen, die allerdings bei weitem die längste 
Zeit in Anspruch nahmen, sind im folgenden .sämtliche Versuchs- 
resultate angeführt. Obgleich es vielleicht gerechtfertigt wäre, einige 
der einzelnen Resultate, die starke Abweichungen zeigen, auf Grund 
der Notizen im Tagebuch auszulassen, ist dies nicht geschehen, weil 
die Grenzen objektiver Begründung nicht immer sicher festzustellen sind. 
In der Versuchsserie, bei der Wasser von etwa 10° benutzt 
wurde, sind 1 1 Versuche ausgeführt. Die Quecksilbermenge, die ein- 
gesaugt wurde, betrug auf io?ooo reduziert: 
3S3664 
3-3634 
3.3602 

3-3668 

3-3635 3. 3648:21.6510 = 0.15541. 

3-3645 

3.3601 Also entspricht tlem c„_jo die Quecksilber- 

3-3690 menge OTO15541. 

3-3687 

3-3642 

3-3663 

3T364S 
Die maximale Abweichung vom Mittel beträgt 0.14 Prozent; der 
wahrscheinliche Fehler des Mittels ist 0.02 Prozent. Die Anfangs- 



11 



U. B^:IIN: IMittlere und 15°- Kalorie. 75 

temperaturen des Wnsserb.-ides wurden mit einem Einschlußthermo- 
meter P. T. R. Nr. 18562 ans Jenaer Glas 59'" gemessen, dessen An- 
gaben durch Eichung von der Physikahsch-Technischen Rcichsanstalt 
vor und nach dem Gebrauch auf das Wasserstoirthermometer reduziert 
und auf 0?005 genau korrigiert waren. 

Die zweite Versuchsserie, bei der Wasser von etwa 20° benutzt 
wurde, bestand aus sieben Versuchen. Die gemes.senen Quecksilber- 
mengen, auf 20°000 reduziert, sind: 

6^7127 

6-7'55 

6-7'47 6.7124:21.6510 = 0.31002. 

6.7120 

6.7105 Also entspricht dem r^_^a <lif Quecksilbcr- 

6-7100 menge o"oi550i. 

6.7"3 

6.7124 

Die maximale Abweichung vom Mittel beträgt hier nur 0.05 Pro- 
zent; der wahrscheinliche Fehler des Mittels 0.008 Prozent. Es er- 
gibt sich nun : 

IOy,o_2o = '20qo-2o — IO^„_,o := O. I 5461 , 

(/,- unterscheidet sich aber vom y,o_jo um weniger als 0.0 1 Prozent: 

y.j = o!oi546o . 
Es ergibt sich also, wenn man für q^_,oo ("^'g'l- S. 73) 0-015456 setzt, 

^^^ = 0.9997. 



c 
Ältere Werte für das A^erhältnis °~'°° sind in Warbukgs Referat' 

aufgeführt. 

»LüDiN findet aus seinen verbesserten Werten der spezifischen 

Wärme des Wassers zwischen 0° und 100°: 

'■^o-ioo = 1.0052 . 



DiETERici findet das Arbeitsäquivalent der mittleren Kalorie gleich 
4.233 Joule." Daraus folgt in Verbindung mit dem von Roavland 
bestimmten Arbeitsäquivalent der 15°- Kalorie (§ 8): 

42?2 

Co_,co = — o - = 1-0103. 
— -- 4189 



1 A. a. 0. 

^ DiETERicis Wert ist hier auf das internationale Ohm umgerechnet. \'sl. 
E. H. Griffiths, Phil. Mag. 40, S. 446, 1895. 



76 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

Endlich folgt aus Versuchen von Joly^ mit dem Dampf kalori- 
meter, wenn Gkiffiths Ausdruck der latenten Verdampfungswärme des 
Wassers bezüglich der 15° -Kalorie angenommen wird: 

C q-.CO = 0.9957.« 
"15 

Die Abweichungen gingen hier also noch bis zu 1.5 Prozent. 

Seit einigen Jahren beschäftigten sich Callendar und Barnes"'' 
mit der Bestimmung der spezifischen Wärme des Wassers zwischen 
0° und 100°. 

Callendar^ findet °~'°° — _! = j .0004 



Barnes'' 



4-1833= 



4.1840 

Der letzte Wert ist besonders deshalb hervorzuheben, weil Barnes 
mit H. Lester Cooke® zusammen die spezifische Wärme bis — 5° ver- 
folgt hat, und dadurch die Werte für den bisher nur mangelhaft be- 
kannten A'^ erlauf der spezifischen Wärme des Wassers in der Nähe von 
0° besser gestützt erscheinen. 

Aus den Werten von Callendar und Barnes ergibt sich also, 
daß die mittlere Kalorie der i5°-Kalorie jedenfalls sehr nahe liegt; zu 
demselben Resultat führen auch meine Messungen, durch die überdies 
das Eiskalorimeter mit der 15°- Kalorie direkt geeicht wurde. 

Man kann also jetzt das Resultat jeder eiskalorimetrischen Messung 
(sofern die eingesaugten Quecksilbermengen angegeben sind) in I5°-Ka- 
lorien ausdrücken. 



'■ J. JoLY, Phil. Trans. 186, Part I, S. 322 , 1895. Die Umrechnung von der Stick- 
stoff- auf die Wasserstoffskala bringt hier keinen Unterschied. Vgl. F. Grützmacher, 
WiKD. Ann. 68, S. 771, 1899. 

^ H. L. Callendar und H. T. Barnes. Nature 60, S. 585, 1899; The Electri- 
cian 43, S. 775, 1899. 

^ Rep. Brit. Ass., Glasgow S. 34, 1901. 

* Phil. Trans, (of Canada?) (A) 199, S. 149, 1902. 

^ In Joule. 

" H. T. Barnks und H. Lester Cooke, Phys. Rev. 15, S. 65, 1902. 



77 



Über eine Klasse von endlichen Grruppen 
linearer Substitutionen. 



Von Dr. J. Schur 

•in Berlin. 



(Vorgelegt von Hrn. Frobenius. 



In seiner Abhandlung «Memoire sur les equations difförentielles line- 
aires k integrale algebrique« (Journal für Mathematik, Bd. 84, S. 89) 
hat Hr. Jordan einen fundamentalen Satz aufgestellt, der sieh folgender- 
maßen formulieren läßt: 

Jede endliche Gruppe ® homogener linearer Substitu- 
tionen in nVariabeln enthält eine invariante AsELSche Unter- 
gruppe 5 ■^*^" der Eigenschaft, daß der Quotient A der Ord- 
nungen von ® und ^ kleiner ist als eine gewisse allein von 
n abhängende Zahl. 

Während nun im allgemeinen allein für die Zahl A eine obere 
Grenze' existiert, dagegen die Ordnung der Gruppe ® noch beliebig 
großer Werte föhig ist, hört dies auf, der Fall zu sein, sobald nur 
solche Gruppen ® in Betracht gezogen werden, bei denen die Spur" 
jeder linearen Substitution einem vorgeschriebenen algebraischen Zahl- 
körper K angehört. Es läßt sich sogar eine allein durch den Zahl- 
körper K und die Anzahl n der Variabein bestimmte Zahl angeben, 
die als das kleinste gemeinsame Vielfache der Ordnungen aller in Be- 
tracht kommenden Gruppen ® erscheint. 

§1- 
Es soll zunächst angenommen werden, daß der vorgeschriebene 
Zahlkörper K mit dem Bereich O der rationalen Zahlen übereinstimme. 

' Der JoBDANsche Beweis liefert keine Methode, eine explizite obere Grenze 
für die Zahl ?. zu be.stimmen. Eine solche obere Grenze hat erst in neuerer Zeit 
Hr. Blichfeldt (Transactions of the Am. Math. Society, Bd. 4 (1903), S. 387 und 
Bd. 5 (1904), S. 310) für eine allgemeine Klasse von Gruppen angegeben, die er als 
primitive Gruppen bezeichnet. 

2 Unter der Spur der linearen Substitution j« = 2a«xJ:^ versteht man belianiit- 
lich die Zahl ia.«. '' 



78 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

Es gilt dann der Satz: 

I. Ist ® eine endliche Gruppe homogener linearer Substitutionen in 
n Variahein und ist die Spur Jeder Substitution von ® eine (ganze) ratio- 
nale Zahl, so ist die Ordnung g der Gruppe ® ein Divisor der Zahl 



M„ = npL?-iJ"^L'(p-iiJ"'"Lp^(/>-i)J^' 



(/. = 2,3,5,..-). 



Hierbei bedeutet [ö] die größte ganze Zahl <ö, ferner .soll p die 
Reihe der Primzahlen soweit durchlaufen, bis das Produkt von seihst 
abbricht, d. h. bis zur größten Primzahl, welche <n + l ist. 

Der BeAveis ergibt sich sehr einfach mit Hilfe der A'on Hrn. 
Fkobeniüs begründeten Theorie der Gruppencharaktere. 

Es sei nämlicli p eine Primzahl, p'" die liöchste Potenz von p, 
die in g aufgeht, und ^ eine Untergruppe der Ordnung p'" von ®. 
Ist dann P eine Substitution der Gruppe ^ , so genügen die charakte- 
ristischen Wurzeln : 

(l) Cüi, tu.,, • • • , (jO„ 

von P der Gleicliuug xP'" = 1. Bedeutet nun p eine primitive p'"^" 
Einheitswurzel, und kommt die Einheitswurzel p" unter den Größen (i) 
genau .x"„ Mal vor, so ist die Spur %(P) von P gleich 

Nun soll aber y^(P) rational sein. Hierfür ist bekanntlich not- 
wendig und hinreichend, daß, falls p"' ' = q gesetzt wird, 

^\ = Xk+,j = ^>.+i^ = • ■ • = Xx+^p-i^ (X = 1 , 2 , ••• }-l) 

sei. Da nun 

p7 + p27+ ... +p(P-l)7 = -1 
pX + pX + 7 ^ p>. + 2, ^ ... ^p). + (p-l), ^0 (X= 1, 2, ■•■ 5-1) 

ist, so erliält man 

n = Xo + {p - 1 )x.j +pxi + ■■■ +px,j^i 
und 

X{P) =Xo-x.j. 

Hieraus folgt aber, wenn y = x^ + a:, + • • • + x^_i gesetzt wird, 

X{P) =n-py. 
Ferner ist 

>l-{p-\]lj = ^0 + ^1 + • • ■ + i^v-I , 

also ?/< — — . Bedeutet daher v die ganze Zahl , so kommen 

•^' p-\ ^ » [p-lj 

für %{P) nur die Werte 



.1.. Schur: (lier eine Kliisse von endlichen Ginppen. / i) 

1/ , I) —p , u —2p. ■ • • , n — vp 
in Betracht. 

Es mögen nun unter den Spuren der j^'" Substitutionen von ^ 
genau /„ den Wert n — a.'p besitzen; hierbei ist 4=1 zu setzen, da 
in einer endlichen Gruppe nur die Spur der identischen Substitution 
E gleich n ist. Es ist dann 

Nun bilden aber die p'" Zahlen [yj(P)]'' für jedes positive ganz- 
zahlige A einen (zusannnengesetzten) Charakter der Gruppe %} Daher 
ist die Summe der j)'" Zahlen |%(P)]\ il. h. die Zahl 

/„ n^ + /, (w -py- H vi An- vpf 

eine durch p'" teilbare ganze Zahl.^ Wir erhalten mithin die Kongruenzen 

k + A H +l, = Q 

l„ii + l,{n -p) -\ + 1,(11 -vp) = 

(mod. p'") 

/„"" + '',(" -/')" H 1- l..-(n-vpY = 0. 

Hieraus folgt aber in bekannter Weise, daß 

/Jl\„-ap-{i>-ßp)\ (ß = 0,l,.-.>., p=#«) 

durch jf teilbar ist. Für ci = ergibt sich, daß p'" ein Divisor der 
Zahl|/v! sein muß. Da aber 

die höchste Potenz von p ist, die in v\ aufgeht, so muß jf ein Divisor 
der Zahl 

sein. 

Hieraus folgt aber unmittelbar, wie zu beweisen war, daß die 
Ordnung g der Gruppe @ ein Divisor der Zahl iTf,, ist. 

In dem Satz I ist folgender von Hrn. Minkowski in seiner Arbeit 
»Zur Theorie der positiA^en quadratischen Formen« (Journal für Mathe- 
matik, Bd. lOi, S. 196) bewiesener Satz als spezieller Fall enthalten: 

»Die Anzahl der ganzzahligen Transformationen einer positiven 
quadratischen Form mit n Variabein (und von nicht verschwindender 
Determinante) in sich selbst ist ein Divisor der Zahlilif„. «^ 

Umgekehrt folgt, wie noch liervorgehoben werden soll, aus dem 
MiNKOwsKischen Resultat der Satz I für den speziellen Fall, daß die 
Koeffizienten aller Substitutionen 



' Froeenius, Sitzungsberichte 1899, S. 330. 
^ Frobenius, Sitzungsberichte 1896. S. 717. 
^ Hr. Minkowski bezeichnet die Zahl JI„ mit n\. 



80 Gesainmtsitzung vom 12. Januar 1905. 

der Gruppe ® ganze Zahlen sind. Denn alsdann läßt jede dieser Sub- 
stitutionen die positive quadratische Form von nicht verschwindender 
Determinante 

/ = 2S(«i"'ir, + a*."'^;, + • ■ • + a^^lx„y 

ungeändert.' Daher ist ® eine Untergruppe der Gruppe ®' aller ganz- 
zahligen Transformationen der Form/ in sich selbst, und da die Ord- 
nung von %' in M,-^ aufgeht, so ist dies auch für die Ordnung von ® 
der Fall. 

Wie Hr. Minkowski a. a. 0. gezeigt hat, lassen sich für jedes n 
positive quadratische Formen mit n Variabein angeben, für welche die 
Anzahl der ganzzahligen Transformationen in sich selbst genau durch 
dieselbe Potenz der Primzahl p teilbar ist, wie die Zahl M^. 

Hieraus folgt unmittelbar, daß die Zahl Jf„ das kleinste gemein- 
same Vielfache der Ordnungen aller endlichen GrujDpen linearer Sub- 
stitutionen in n Variabein mit rationalen Spuren repräsentiert. 

Vergleicht man dieses Ergebnis mit dem Resultate des Hrn. 
Minkowski, so könnte die Vermutung entstehen, daß sich jede end- 
liche Gruppe linearer Substitutionen mit rationalen Spuren durch 
eine Transformation der Variabein, wodurch ja die Spur jeder Sub- 
stitution ungeändert bleibt, in eine (ihr ähnliche) Gruppe linearer 
Substitutionen mit rationalen Koeffizienten überführen läßt. Dies ist 
jedoch keineswegs der Fall, wie man an dem Beispiel der durch die 
Substitutionen 

[A) a;, = ix[ , ^2 = — ix'., 

{B) a;, = X; , a;, ^ — x\ 

erzeugten Gruppe der Ordnung 8, der sogenannten Quaternionengruppe, 
erkennt. 

Diese Gruppe besitzt zwar rationale Spuren , läßt sich aber durch 
eine Transformation der Variabein nicht einmal in eine Gruppe reeller 
Substitutionen überführen. In der Tat seien 

(^i) «, = aLx[ + ß^Tj , x„ = yx\ + ^x\ 

(Bi) a;, =: Xx'^ + jj-x', , x„ = vx[ + px\ 

zwei reelle Substitutionen, die durch eine passend gewählte Trans- 
formation der Variabein in A und B übergehen mögen. Es müßten 
dann die Spuren und die Detei-minanten von Ai,By, A^^B^ mit der- 
jenigen von A,B,AB übereinstimmen. Daraus folgt 



' Vgl. A. LoEWY, Coniptes Rendus, 1896, S. 168 und E.H.Moore, Math. Ann. 
Bd. 50, S. 213. 



J. Schur: Über eine Klasse von endliehen Gruppen. 81 

a + (5- = , ad - ßy = 1 

X + p = , Xp — fxv ^ 1 

aX + Sv + ytJ- + Sp = 0. 

Eine leichte Keebnung ergibt 

(a,u-ß>.)' + ß- + fj.- = 0. 
Daher müßte ß = sein, was wegen 
ad — ßy := — a' — ßy ^ 1 
für ein reelles a nicht möglich ist. 

§ 2. 

Es sei nun Ä'= ü{-/.) ein beliebig gegebener, durcli die algebraische 
Zalil y, bestimmter Zahlkörper des Grades k. 

Ist dann ® eine endliche Gruppe linearer Substitutionen in /i Vari- 
abein, deren Spuren sämtlich dem Körper K angehören, so will ich 
im folgenden kurz sagen, ® sei eine Gruppe ®i"*. 

Es ist zunächst leicht zu sehen, daß die Ordnung (/ einer solchen 
Gruppe ® eine gewisse, allein durch K und n bestimmte Zahl nicht 
übersteigen kann. Ist nämlich ^(i?) die Spur der Substitution R von 
® und sind 

diejenigen Zalilen, die aus ^(R) dadurch hervorgehen, daß man darin 
die Größe y. durch die k konjugierten algebraischen Größen ersetzt, 
so bilden für jedes A die g Zahlen Ö'\R) einen Charakter der Gruppe 
®, daher auch die Zahlen 

1(7?) = ^Ä) + ?(')(/?) + • • ■ + !;(*-')(/?). 

Es läßt sich folglich eine der Gruppe @ isomorphe Gruppe linearer 
Substitutionen in Avi Variabein angeben, worin die Spur der der Sub- 
stitution R von ® entsprechenden Substitution den Wert ^{R) hat. 
Da diese Zahlen aber rational sind, so muß die Ordnung g der Gruppe 
nach Satz I ein Divisor der Zahl -M},.,j sein. 

Die sich so ergebende obere Grenze für die Ordnungen der 
Gruppen ©i"' ist aber im allgemeinen erheblich gröl3er als das kleinste 
gemeinsame Vielfache dieser Ordnungen, zu dessen Bestimmung erst 
die folgende Betrachtung führt. 

Man bezeichne, wenn p eine primitive A'" Einheitswurzel ist, den 
Körper 9.(p) mit VS'K Ferner sei. wenn p eine gegebene Primzahl ist, 
/t*"' der größte gemeinsame Divisor der beiden Körper K und P^-, 
A-*"' der Grad von Ä'*"*. Es ist dann offenbar 

/,.{!) < ^-(2) < Jf.(,3) < . . . . 

Sitzmigsbericlite 1905. 6 



82 Gesanimtsitzung vom 12. Januar 1905. 

Da nun die Zahlen A;''* , A;'^* , • • • sämtlich in dem Grad k von K auf- 
gehen, so muß unter ihnen eine größte vorhanden sein; es sei dies 
die Zahl h^"'''\ Dann ist also 

^(,«, + «)^^K) („ = 0,1,2,...) 



und, falls m>\ ist, 



tK-i)<^>v) 



Da ferner der Körper Ä'*'"" offenbar jeden der Körper .ST'"^ enthält, so 
ist .äT'"' nichts anderes als der größte gemeinsame Divisor der beiden 
Körper K^'"^'^ und ii^'^"'. 

Es sei nun zunächst p>2. Dann ist jeder der Körper il'^"^ ein 
zyklischer Körper des Grades j;""' {p — \), und es entspricht jedem 
Teiler d dieser Zahl ein und nur ein Divisor des Grades d von v}^''\ 
der ebenfalls ein zyklischer Körper ist. Es ist rmn leicht zu sehen, 
daß die Zahlen ä;*'' , 16^^ , ■■■ Jc^"'''^ die Form haben müssen 

tp *p tp 

wo tp einen Divisor von p-l bedeutet.' Denn es ist dies jedenfalls 
richtig für ot^ = 1. Ist ferner ?/?^,>l, so sei der Divisor k^'"''' von 
p"'p~'^(p-l) ^ ^-AJi — l ^ ^TQ (^ in 2)—l aufgeht. Wäre nun i'<?//^— 1, 

so würde der in o'^ '"' enthaltene Körper o'^'"^' ' einen Divisor des 
Grades k^"'''' besitzen, der mit dem Körper Ä"'"*''^ übereinstimmen müßte, 

und es könnte nicht 7/"''-i)<^("^) sein. Daher ist k^'"^^ = ^"'' /^'~'* . 

tp 

Ist nun fj-OBj,, so sind lO'"''' und 1^*^"^ zwei Divisoren des zyklischen 

Körpers vS^ '"' , der Grad Ä*"* ihres größten gemeinsamen Divisors muß 

p"'p-^{p-U 

daher gleich sein dem größten gemeinsamen Teiler ihrer Grade ~- 

b 

und p-Hi^-l). Daher ist in der Tat ^<''' = ^^lii^zil. 

'p 
Es sei nun p^=2. Der Körper il*^"^ besitzt dann für fx>'2 nur 

drei Divisoren, die nicht in i2*'"" ' enthalten sind, nämlich, wenn er 
eine primitive 2"''^ Einheitswurzel ist, die Körj^er 

(3) «(-"> = ff (er), «P = 9{iT + a-') , «P = «(^-0-') 

der Grade 2"-', 2""'' und 2"'-. 



' Ist Ä'*"' für jedes m gleich V., so hat man also wip ;= 1 , tp ^= p—\ zu setzen. 



J. Schur: Über eine Klasse von endliclien Gruppen. 88 

Ist nun zunächst m., — 1 oder m^ = 2, so ist jedenfalls K'-"'^'> gleich 
ü'"* = o oder gleich P.'^'>. Ist dagegen m2>2, so muß K^"''\ da dieser 
Körper in PJ^"'''> , aber nicht in r>''"''~'' enthalten ist, mit einem der drei 
Körper (3) übereinstimmen. 

Man setze nun /. = 1 , foUs K^""^ = PJ'""^' ist, was für nu = 1 
und m., — 2 jedenfalls eintritt, dagegen 4 = 2, falls K'-'"^'* mit einem 
der beiden Körper J2f '-' oder l^i"""'' zusammenfallt. Es wird dann 

9 92 9"ij-l 

(4) Ä-") = 1 , A-(^) = - , /t'=) = -,..., Är""2> = = . 

^^ i., k t. 

Denn ist erstens ^2= 1, so ist für|W<??«2 der Körper Ä'*"' der größte 
gemeinsame Divisor der beiden Körper 11"'"' und K^""-^ — il'^'"-' , also gleich 

12'-"'. und folglich i.st Ä"'"' = 2"-' = ^^^. Ist ferner t, = 2 , so ist 

'2 

/.("'s) _ 2"'ä-2 __ „^ — . ferner ist für w < m^ der Körper ir'"\ als der größte 

gemeinsame Divisor von VS"-"^ und 12^'"'*, bzw. ^^f''\ falls |U = 1 oder 
= 2 ist, gleich r2, falls u>2 ist, gleich dem Körper I2p. Daher 
ist in der Tat 

ArC) = 1 , Ä;(») = 2"-^ = — . (k > 1) 

Es gilt nun der Satz: 

II. Es sei K = P. {•/.) ein algebraischer Zahlkörper^ für den die Zahlen 
nip und tp in der geschilderten Weise bestimmt seien. Dann ist das kleinste 
gemeinsame Vielfache der Ordnungen aller endlichen Gruppen homogener 
linearer Substitutionen in nVariabeln, deren Spuren sämtlich dem Körper K 
angehören^ gleich der Zahl 

3/W = f~\i\ np'^^fi] + fe] + [^] + ■••. (p = 2,,S,5,...) 
r 

Hierbei ist das Produkt über alle Primzahlen p zu erstrecken, für 
welche tj,^n ist, was offenbar nur für endlich viele Primzahlen der 
Fall ist. 

§ 3- 
Um den Beweis des Satzes II vorzubereiten, schicke ich folgende 
Betrachtung voraus. 

Eine Gruppe ® wird bekanntltcli zerlegbar oder reduzibel genannt, 
wenn sie durch eine passend gewählte Transformation der Variabein 
in eine ihr ähnliche Gruppe ®' übergeführt Averden kann, in der das 
Koeffizientensystem jeder Substitution die Form hat 

6* 



84 Gesammtsitziing vom 12. Januar 1905. 

/Ori . . .«ir ... \ 

a^r ... 
hu--- hu 

' ... h,i...h„ 

wobei die Zahlen r und s für alle Substitutionen von ®' dieselben Werte 
haben. Der Kürze halber will ich hier eine Gruppe ® = ©Sj"^ im 
Körper K zerlegbar nennen, wenn in jeder Sub.stitution von ®' 
die Teilspuren 2 o„„ und 2 \y einzeln dem Körper K angehören. Sind 
dann unter den Substitutionen (o!„^) im ganzen g' , unter den Sub- 
stitutionen (6^x) ™ ganzen g" voneinander verschieden, so bilden die 
ersteren eine Gruppe ©i."* der Ordnung g' , die letzteren eine Gruppe ®'"* 
der Ordnung g"; ferner sind diese Gruppen der Gruppe ® ein- oder 
mehrstufig isomorph, und es ist die Ordnung der Gruppe ® höchstens 
gleich g'g"- 

Es sei nun ® eine Gruppe ®5,"* von der Ordnung g, die im Körper 
K nicht zerlegbar ist. Die g Spuren ^{R) der Substitutionen E von 
® bilden dann einen im allgemeinen zusammengesetzten Charakter 
der Gruppe ®. Es seien nun 

y('»{R), x'^)(R), x<^)(ß),--- 

die einfachen Charaktere von ®. Ist dann p eine primitive g^ Ein- 
heitswurzel, so gehören die Zahlen y}^\R) dem Körper Q.{p) an; ferner 
genügt p im Körper K einer irreduciblen Gleichung F{x) = o, deren 

Grad genau gleich ^-^ ist, falls d der Grad des größten gemeinsamen 

Divisors von K und ^{p) ist. Ersetzt man nun für ein gegebenes X 
in den g Zahlen y}^\R) die Größe p durch die "Wurzeln der Gleichung 

F{x) = o, so entstehen höchstens — jJ verschiedene Systeme von je 

g Zahlen 

(5) x<^H«), xl'>(ß), xr'(Ä),---. 

Die g Zahlen yJj^\R) bilden dann für jedes u wieder einen einfachen 
Charakter der Gruppe ®. Die Charaktere (5) mögen als die zu %*^*(i?) 
relativ konjugierten Charaktere bezeichnet werden. 

Enthält nun der Charakter ^{R) den einfachen Charakter yS'H.^) 
genau ^r^^mal, so ist 

■;{R) = 2~~.xW(i?) 

und (vgl. Frobenius, Sitzungsberichte 1896, S. 717) 

(6) gz, = 2?(Ä-')x'^H«), 



J. Schur: Über eine Klasse von endlichen Gruppen. 85 

WO R alle Substitutionen von % durchläuft. Da nun die Zahlen ^(Ä"') 
dem Körper K angehören sollen , so folgt aus (6) , daß jeder der zu 
y}'^\R) relativ konjugierten Charaktere in ^{R) genau r^mal enthalten 
ist. Es möge nun für den Charakter %'^'(-R) = %(-ß) die Zahl ;r^>o 
sein. Sind dann 

x(ß),xi{/«'), ■••,x.-.(-R) 

die sämtlichen verschiedenen zu yJ^R) relativ konjugierten Charaktere, 
und setzt man 

■an) = x(«) + Xi(Ä) + • • • + X.-i(K) + UR) . 
so gehören sowohl die Zahlen 

s(i?) = x(fi) + x.(ß)+---+x.-.(fi) 

als auch die Zahlen ^i{R) dem Körper K an. Wären nun die Zahlen 
^i{R) nicht sämtlich gleich Null, so würden sie einen Charakter der 
Gruppe ® bilden. Da auch die Größen ^{R) einen solchen repräsen- 
tieren, so würde ® einer anderen Gruppe ähnlich sein, die in zwei 
Gruppen linearer Substitutionen zerfällt, deren Spuren die Zahlen 
^{R) und ^i{R) sind, d. h. ® würde entgegen der gemachten An- 
nahme im Körper K zerlegbar sein. 

Wir sehen also, daß der einer im Körper K nicht zerlegbaren 
Gruppe entsprechende Charakter ^{R) die Form haben muß 

?(2?) = X(ß) + Xi(ß)+---+Xr-i(^), 

wo %{R) , VjiiR) , • ■ • %,-i(-ß) die sämtlichen zu einem einfechen Charakter 
relativ konjugierten Charaktere repräsentieren. Ist dann r^i, so ist 
® eine irreduzible, d. h. im Bereich aller Zahlen nicht zei-legbare 
Gruppe. Ist dagegen r > i , so ist ® einer Gruppe ®' ähnlich . deren 
Substitutionen Koeftizientensysteme der Form 

,A ••• N 
.4i • • • 1 



■■■ A,.i/ 

besitzen, wo Ä,A^, ■■■ A,_i Matrizen des Grades — sind. Die g Ma- 
trizen A„ sind dann für jedes a voneinander verschieden und bilden 
eine der Gruppe ® einstufig isomorphe irreduzible Gruppe. 

§4- 
Wir beweisen nun folgenden Hilfssatz: 

III. Ist 51 eine AnELSche Gruppe linearer Substitutionen in n Va- 
riahelnj, deren Ordnung a eine Potenz der Primzahl p ist. und ist die Spur 



86 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

jeder Substitution von 51 eine Größe des Körpers K, so ist a für p>2 
höcJtstens gleich 

für p = 2 höchstens gleich 

Dieser Satz ist für n = 1 leicht zu bestätigen. Denn es sind dann 
die Spuren aller Substitutionen der Gru})pe ote Einheitswurzeln, die als 
dem Körper /i'angehörende Größen im Körper Ä'("';') enthalten sein müssen. 
Ist nun zunächst p — 2 , t^ = 2, so enthält Ä'*'"-' nur die Einheitswurzeln 
+ 1 und - 1 und daher ist a höchstens gleich 2 = 2*""-~°'t^l"'''. Ist ferner 
p>2 und tj,^\, so enthält K^'"j>) alle Einheitswurzeln des Grades p"'p, 
aber keine primitive ^'"/'+Ue Einheitswurzel, folglich ist ölp'"/'. Diese 
Zahl wird aber unter der gemachten Voraussetzung in der Tat gleich 
Kj,p. Ist endlich p>2 und Z^, >1, so enthält K('"p) nur die ote Ein- 
heitswurzel + 1 und es wird a = \ = p"'''\tp\. 

Ich nehme nun an, der Satz III sei bereits für AbelscIib Gruppen 
mit weniger als n Variabein bewiesen. 

Ist dann 31 eine im Körper K zerlegbare Gruppe, so lassen sich 
zwei der Gruppe 51 ein- oder mehrstufig isomorphe Gruppen 51' und 21" 
linearer Substitutionen in r<n und .« = « -?•<;* Variabein angeben, 
deren Spuren dem Körper K angehören, so daß a höchstens gleich 
wird dem Produkte der Ordnungen d und d' dieser Gruppen. Es ist 
aber nach Voraussetzung 

also 

die Zahl N^j,N, ,, ist aber, wie man sofort sieht, höchstens gleich 

Es sei daher 51 eine im Körjier Ä' nicht zerlegbare Gruppe. Dann 
ist nach dem Ergebnis des § 3 , da eine kommutative Gruppe linearer 
Substitutionen bekanntlicli nur dann irreduzibel ist, wenn die Anzahl 
der Variabein gleich 1 ist. 51 einer Gruppe ähnlich, in der die Koeffi- 
zientenmatrix der Substitution R die Form hat 

vi'(ff) •■■0 
ü',(/?)---0 

a„-,(^) 

wo die a Zalilen \L (R) einen (einfaclicn) Charakter der AßELsclien 
Gruppe 51 bilden, und ■lAR),----Jy,,_^{R) die übrigen diesem Clia- 



.1. Schi'r: t"l)er eine Klasse von endlichen Gruppen. 87 

rakter relativ konjugierten Charaktere bedeuten. Da nun aber die 
a Einlieitswurzeln ■4^{R) eine der Gruppe 31 einstufig isomorphe Gruppe 
bilden, so muß 51 eine zyklische Gruppe sein, und ist a = p"", so 
kommen unter den ■^'(i?) auch primitive p"'" Einheitswurzeln vor. Da- 
her wii-d 

P--(P-I) 

falls Ar'"* wie früher den Grad des größten gemeinsamen Divisors von 
K und PJP") bedeutet. 

Ist nun p ^ 2 und fj. = l. so wird n =: -T.y = 1. ein Fall, den 

wir schon erledigt haben. 

Ist ferner ß < m^ und für p = 2 nocli ij. > 1, so wird (vgl. die 
Formeln (2) und (4)) n = /,, und N,,.,, '" allen Fällen gleich p"'p, also 
in der Tat a =^ p'^ < N,^ _ ^ . 

Ist endlich ix>mp, so wird 

_p'-'(p-l) 



¥"'?) 



■ f "■-"'?. t, 



undiV„_^ für p^2 ^€\c\\ p"'p • V" '">> . Da aber offenbar stets fj.<mpp"' "Vist, 
so wird auch hier a = p'^<N„p. 

§5- 

Wir kommen nun zum Beweise des Satzes II. 

Der Beweis stützt sich auf einen von Hrn. Blichfeldt' bewiesenen 
Satz, der folgendermaßen lautet: 

»Ist ® eine endliche Gruppe linearer Substitutionen in 
m Variabein, deren Ordnung g eine Primzahlpotenz ist, so 
läßt sich ® durch eine Transformation der Variabein in 
eine Gruppe ®' überführen, deren Substitutionen die Form 
haben 

a-^ ^ a^X)^, (z = 1 . 2 . • • • . ri) 

wo ^1,^2, •■• a^ gewisse Konstanten sind und A, , A, , • • • A„ ab- 
gesehen von der Reihenfolge mit den Zahlen \ , 2 , ■■■ , n 
übereinstimmen.« 

Betrachtet man in ®' alle Substitutionen der Form 

so bilden diese eine invariante AßELsche Untergru2:)pe %', deren Ord- 
nung gleich / sei. Ferner bilden die verschiedenen den Substitutionen 
von ®' entsprechenden Permutationen 

-r„ ^ x, 



' Transactions of the American Matlieniatical .Society, Bd. 5 (1904), S. 313. 



88 Gesammtsitzutig vom 1"2. Januar 1505. 

eine der Gruppe © ein- oder mehrstufig isomorphe Gruppe, deren 
Ordnung d ein Divisor von n I ist , und es ist g = fd. Es gilt daher 
der Satz: 

Ist ® eine endliche Gruppe linearer Substitutionen in 
?i Variabein, deren Ordnung eine Primzahlpotenz ist, so ist 
die Ordnung von @ eine Zahl der Form fd, wo / die Ord- 
nung einer invarianten AßELschen Untergruppe von % an- 
gibt und d ein Divisor von n\ ist.^ 

Um nun zunächst zu zeigen, daß die Ordnung einer Gruppe ©i"' 
ein Divisor der Zahl M\'^ ist, genügt es offenbar, nachzuweisen, daß 
die . Ordnung g einer solchen Gruppe ® , falls diese Zahl eine Potenz 
der Primzahl j) ist, für ^ > 2 höchstens gleich 

füi" p = 2 höchstens gleich 

sein kann. 

Es sei nun zunächst ^ = 2. Ist dann g=fd, wo/ die Ordnung 
einer AsELSchen Untergruppe von © und d ein Divisor von n\ ist, so ist 



und wegen III 
also ist für t„_ = l 
und für L = 2 






9=fd^'- 



g=fd^-2 



Die sich so für g ergebenden oberen Grenzen für g sind aber in jedem 
der beiden Fälle gleich M„^^. 

Es sei also p>2. Ist zunächst n = 1, so wird © eine AßELSche 
Grupx)e; die Ordnung einer solchen ist aber höchstens gleich iV^, ,^, = M^_p. 

Ich nehme nun an, es sei schon für r<7i gezeigt, daß die Ord- 
nung einer Gruppe ©J."', falls diese Zahl eine Potenz von jp ist, liöcli- 
stens gleich ilf,.,^ ist. 

Ist nun die zu untersuchende Gruppe© in )i Variabein im Körper Z 
in zwei Gruppen mit r<n und s = n-r<n Varialteln zerlegbar, so 
schließt man in analoger Weise wie in § 4, daß g^M,^^, M^^, ist. 
Dieses Produkt ist aber höchstens gleich M,^,^^, = ^n.,,- 



' Val. Blichfeldt. a.a.O. S. ■520. 



J.Schur: Über eine Klasse von endlichen Gruppen. 89 

E.s sei also ® eine im Körper K nicht zerlegbare Gruppe. Ist 
dann (^(Ä) die Spur der Substitution R von ®, so sei 

C(«) = x(Ä) + x,(Ä)+--+x.-.(R), 

wo %{R), %i(-R), •■• %,-i{R) gewisser relativ konjugierte einfache Charak- 
tere von ® sind. Die Grupi^e ® ist dann einstufig isomorph einer 

irreduziblen Gruppe .Q linearer Substitutionen in %iE) = - Varialieln. 

deren Spuren die Werte x{R) haben. Es läßt sich nun in §, und 
also auch in ®, eine AßELSche Untergruppe der Ordnung/ angeben, 

so daß g =1 fd wird, wo d ein Divisor von | j! ist. Da nun 

ferner wegen III die Zahl / höchstens gleich j?'"'' lüpj ist, so erhält man 

Es ist aber leicht zu sehen, daß die Zahl r mindestens gleich /, 
sein muß. Denn ist P ein invariantes Element der Ordnung p von (r, 
so ist, weil %{R) ein einfaclier Charakter der Gruppe (^ ist. 

wo p eine primitive p*" Einheitswurzel ist. Ferner sind unter den 
Zahlen 

die sämtlichen der Zahl p • relativ konjugierten Größen enthalten. 

Da nun aber der größte gemeinsame Divisor der beiden Körper K 

und O''"' =: i2{p) gleich — . — ist, so genügt p-- im Körper K einer irre- 
tp ' r 

duziblen Gleichung des Grades t^,. Daher ist in der Tat r'>,tj, und 

fülglicli ist, wie zu beweisen ist, 



^i" [iJ + [^] + [?^l + • • • £/" [iJ + [i] + [^] + 



9^ 



§6. 

Es bleibt uns noch übrig, zu zeigen, daß die Zahl TW,*"', von der 
wir nachgewiesen haben, daß sie durch die Ordnung jeder Gruppe 
®i"' teilbar ist, auch wirklich das kleinste gemeinsame Vielfache der 
Ordnungen aller dieser Gruppen repräsentiert. 

Sitzungsberichte 1905. 7 



90 Gesammtsitzung vom 12. Januar 1905. 

Um diesen Nachweis zu führen, hat man für jede Primzahl jo 

eine Gruppe ©1"* anzugeben, deren Ordnung durch dieselbe Potenz 
Mn,p von p teilbar ist wie die Zahl if^"'. 

Es sei zunächst p>2 oder ^ = 2 und ^^ = 1. Man setze dann 



[ä 



n := t„v + r . 



Ist nun p eine primitive jo'"?'" Einheit.swurzel, so betrachte man 
die Gesamtheit der Substitutionen der Form 

(7.) Xi = p"'x;.j, Xi = p°-i»;L, ■■■ a;„ = p"''^^, 

wo d-i, a,^, ■■■ a,„ unabhängig voneinander die Zahlen 0,1, ... ^"¥-1, 
ferner A, , Aj , • . ■ A„ alle v ! Permutationen der Zifi'ern \ , 2 , ■■■ v durch- 
laufen. Die Substitutionen (7.) bilden dann eine Gruppe § der Ord- 
nung j9"'i"'l'! 

Sind ferner p. p', ••• p^'p"') die zu p (in bezug auf Ä') relativ kon- 
jugierten Zahlen, und ersetzt man in der Koeffizientenmatrix A einer 
beliebigen Substitution von *ö die Einheitswurzel p durch p' , ■■■ pCi-"'), 
so mögen die Matrizen ^1, ••■ Atp-i entstehen. Ist dann E^ die Matrix 

r*'° Grades 

(1 • • • ^ 
1 •••0 
■■• 1, 

so bilden die linearen Substitutionen in n Variabein mit den Koeffi- 
zientensystemen 

" ■ • ■ \ 

^ ■■• \ 

.4i ■ • • 



. •■• ^i 



,-./ 



eine Gruppe der Ordnung p"^"!/ ! , in der die Spur jeder Substitution 
dem Körper Ä" angehört. Die Zahl^^p"!/! ist aber genau durch die 
Potenz M„^p von p teilbar. 

Etwas weniger einfach ist die Behandlung des Falles p ^ 2 , t^ ^2. 

Es sei dann 



["] 



V . n := 2v + r (r ^ oder 1). 



Ist ferner er eine primitive 2""''" Einheitswurzel, so setze man 
T = ö""' oder — cr~', je nachdem der größte gemeinsame Divisor von 
K und ü{(t) gleich ß(o- + cr"') oder gleich i2((7-ö-~') ist. Betrachtet 
man dann für /• = alle Substitutionen der Form 

^11 = o""'^i|3^ , X12 = T"'xl^y , ■ ■ ■ , x^^ := cr''''xl^ß^, x,.„ = r"'xi^y^, 



J. Schur: Über eine Klasse von endlichen Gruppen. 91 

für r = 1 alle Substitutionen der Form 

WO cL^, ei.,, ■ ■ ■ a,, unabhängig voneinander die Werte , 1 , • • • , 2""^ - 1 , 
die Indices \,\, ■ ■■ \ alle Permutationen der Zahlen 1,2, ■■ ■ v duroli- 
laufen, endlich /3„, 7, abgesehen von der Reihenfolge die Zahlen 1 
und 2 bedeuten, so bilden dieselben eine endliche Gruppe linearer 
Substitutionen in n Variabein mit Spuren aus dem Körper K. Die 
Ordnung dieser Gruppe ist für r = gleich 2'""-"'"''v!, für r = 1 gleich 
2 2'""2+''i/! Man sieht aber leicht ein, daß diese Zahlen genau durch 
dieselbe Potenz von 2 teilbar sind wie die Zahl Mf*. 
Damit ist der Satz II vollständig bewiesen. 



Ausgegeben am 19. Januar. 



RSHSHSHSHSHSHSHSHHHSSSSSESaSHSESaSHSESHSHHHHHSHSHSasaSHSHSSSHSHSasar] 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEI\IIE DER WISSENSCHAFTEN. 



II. III. 



19. Jaxuar 1905. 



BERLIN 1905. 

VERLAG DER KöNICxI.lCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 




IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§1- 

2. Diese erscheinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Octav re^i'linässi^ I>oniicrstas;s acht Ta^e niicli 
joder Sitzung. Die sämnitliclien zu einem Kalender- 
jahr gehörigen Stücke 1)ilden vorläufig einen Band mit 
fortlaufender Paginirung. Die einzelnen Stücke erhalten 
ausserdem eine durch ilen Band ohne Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Orihiungs- 
numuier, und zwar die Berichte über Sitzungen der physi- 
kalisch-mathematischen Classe allemal gerade, die über 
Sitzmigen der pliilosophisch- historischen Classe ungerade 

Nummern. 

§2. 

1. Jeden Sitzungsljerieht eröffnet eine Übersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilnngen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
mcsenen wissenschaftlichen Arbeiten, und zwai' in der 
Regel zuei-st die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
druckl'crtig übergehencn, daim die, welche in früheren 
Sitzungen mitgctheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. Mittheilungen, 
welche nicht in den Berichten und Abhandlungen er- 
seheinen, sind dmch ein Sternchen (*) bezeichnet. 

§5. 
Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secretar zusannnen, welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secretar führt die Oberaufsicht über die Kcdac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftlichen Arbeiten. 

|6. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
theilung in die Sitzungsberichte gelten neben § 41, 2 der 
Stattiten uml § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzmigsberichte 
lucht übersteigen. Mittlieilungen von Verfassern, welche 
der Akademie nicht angehören, sind auf die Hälfte dieses 
Umfanges beschränkt. Überechrcitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Gesammt-Aka- 
demie oder der betreffenden Classe statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf dm-chans 
Nothwcndiges beschränkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen, wenn die Stucke der in den 
Text einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefert ist. 

5 7. 

1. Eine lür die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Mitilieilung dai'f in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 
imr auszugsweise oder auch in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen INIittheilung diese anderweit früher zn ver- 



öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Gesammt - Akademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 
5. Auswärts werden Correctiu'en nur auf besonderes 
Verlangen verschickt. Die Verfasser veraichten damit 
auf Erscheinen ihrer Jlittheilungen nach acht Tagen. 

§11. 

1. Der Verfasser einer imter den ■Wissenschaftlichen 
JUttheilungen« abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonderabdrücke mit einem Umschlag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahreszahl, Stüek- 
numnier, Tag und Kategorie der Sitzung, d.ai'imter der 
Titel der Mittheilung und der Name desA'erfassers stehen. 

2. Bei Mittheilungen, die mit dem Kopf iler Sitzmigs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fällt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Einem Verfasser, welcher Mitglied der Akademie 
ist, steht es frei, auf Kosten der Akademie weitere gleiche 
Sonderabdrücke bis zur Zahl von noch hundert, und 
auf seine Kosten noeli weitere bis zur Zalil von zwei- 
hundert (im ganzen .also 350,1 zu unentgeltlicher Ver- 
theilung abziehen zu lassen, sofern er diess rechtzeitig 
dem redigirendeu Secretar angezeigt hat; \\'ünscht er auf 
seine Kosten noch mehr Abdi-ücke zur Vertheilmig zu 
erhalten, so beiKarf es der Genehmigung der Ges.ammt- 
Akademie oder der betreffenden Cl-asse. — Nichtmitglieder 
erhalten 50 Freiexemplare und dürfen nach rechtzeitiger 
Anzeige bei dem redigirendeu Secretar weitere 200 Exem- 
pl.are auf ihre Kosten .abziehen lassen, 

§ 28. 

1. Jede zur .\ufn.ahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Jliitheilung muss in einer .akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Nichtmitglieiler, haben hiei-zu dieVermittehuig eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen .auswärtiger oder corre- 
spondirender Jlitglicder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Cl.assen eingehen, so hat sie der Vorsitzende 
Secrct.ai* selber oder durch ein anderes Jlitglied zum 
A'ortrage zubringen. 31ittheilungen, deren Verl'asser der 
Akademie nicht angehören , hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Jlitgliede zn überweisen. 

[Aus Stat. § 41, 2. — Für die Aufnahme bedarf es 
einer ausdrücklichen Genehmigtmg der Akademie oder 
einer der Classen. Ein dai'auf gerichteter Antrag kaim, 
sobald das Mannscript druckfertig vorliegt, 
gestellt imd sogleich zur Abstimmung gebracht werden.] 

§ 29. 
1. Der reiidirende Secretar ist fiir den Inhalt des 
geschäfthehen Theils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die daiin aufgenommenen km-zen Inlialtsang.aben der 
gelesenen Abh.andlungen verantwortlich. Für diese wie 
fiir alle iibrio;oii Theile der Sitzungsberichte sind 
naoli jeder Kichtuiig nur die A'erfasscr vcraiit- 
wortlicli. 



Die Akademie cerf^endet ihre 'Sitzunff'iberichte' an diejenigen Stellen, mit denen sie im Schriftverkehr steht 
trofern nicht im besonderen Falte anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Stiirke von Januar bis April in der ersten Hälfte des Monats Mai, 
■ Mai bui Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 

October bis December zu Anfang des näc?isten Jahres nach Fertigstellung des Registers, 



s, 

1 



9H 

SITZUNGSBERICHTE i^^05. 

II. 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

19. Januar. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyer. 

Hr. Kleix las: Über Theodolithgoniometer. 

Es wird die Verwandlung de.s Krystallpolymeters in ein Tlieodolithgoniometer 
besprochen, ferner erläutert der Vortragende die Vortheile, die der Gebrauch einer 
Neuconstruction des letzteren in Bezug auf Winkelmessung und darauf gegründete Be- 
rechnung der Krvstalle hervortreten lässt. 



Sitzunsjsberichte 1905. 



94 Sitzung der physikalisch -inatliematischen Classe v. 19. Januar 1905. 



Über Theodolithgoniometer. 

Von C. Klein. 



J_Jie Angaben von H. Smith über ein dreikreisiges Goniometer' 
und die meinigen über das Krystallpolymeter"' folgten den vor- 
angegangenen Untersuchungen über zweikreisige Goniometer von 
E. VON Fedokow^ und V. Goi-DscHMrox* welch' letztere Forscher die Be- 
schreibung ihrer Instrumente , Zweck und Anwendung derselben gaben ; 
ihnen schlössen sich Mittheilungen von S. Czapski^ und F. Stöber" an. 

C. Leiss' vereinigte in seinem Werke »Die optischen Instrumente 
der Firma R. Fuess« die Avichtigsten früheren Angaben und gab Mit- 
theilungen über Construetionsverbesserungen. Justirungsmethoden u. s.w. 
Nach diesen letzteren wurden die zu besprechenden Instrumente ge- 
regelt. 

C. Viola sprach sich 1898"' zwar noch etwas zurückhaltend über 
die Theodolithgoniometer aus, scheint sich aber neuerdings'' mehr von 
ihrer Gebrauchsfälligkeit ül)erzeugt zu haben, da er sie allein unter 
den Reflexionsgoiiiometern behandelt. 

G.Wulff gab in der Zeitschr. f. Kryst. 1903. Bd. 37, S. 50 u. f. Bei- 
träge zur Theodolithmethode, in denen er u. A. den Fehler behandelt, 
der von der Neigung der Goniometeraxen Iierrührt und eine Vorrichtung 
zum Umlegen eines Krystalls gibt, so dass, wenn die obere Kry- 
stallhälfte untersucht ist, die untere zur Untersuchung kommen kann. 

Konnte man mit dem dreikreisigen Goniometer eine beliebige Kry- 
stallkante einstellen, so war man mit den einfacher herzustellenden 
Theodolithgoniometern in der Lage, die Avichtigsten Messungen eben- 



' G. F. Herbert Smith. Min Magaz. 1899, ^'I- S.175 — 182. 

" C. Klein, Diese Sitv.ungsber. 1900, S. 248. 

* E. VON Fedorow, Zeitschr. f. Kryst. 1893, Bd. 21, S. 574. 

* V. Goldschmidt, Zeitschr. f. Kiyst. 1893, Bd. 21, S. 210. 

' S. CzAPSKi, Zeitschr. f. Instruinentenkunde 1893. Bd. 13. S. i und 242. 

° F. Stöber, Zeitschr. f. Kryst. 1897, Bd. 29, S. 22. 

' C. Leiss, Die optischen Instrumente der Firma R. Fuess 1899. Vergl. auch 
Zeitschr. f. Kryst. 1899, Bd. XXXI, S. 49 u. f. 

8 C.Viola, Zeitschr. f. Kryst. 1898, Bd. XXX, S. 417 u. f. 

' C.Viola, Grundzüge der Krystallographie 1904, S. 32 u. f. 



Klein : Theodolithsoniometer. 



95 



falls mit einer Aufsetzung des Krystalls auszuführen. Dabei bediente 
man sich der Methode der Astronomie und bestimmte Höhen- und 
Breitenwinkel. 

Inwieweit dies auch mit den dreikreisigen Goniometern auszuführen 
ist, lehren die Abhandlungen von H. Smith, a. a. 0. 1899 und An im- 
proved form of the Three- Circle- Goniometer. Min Magaz. 1 904, Vol. XIV 
Nr. 63 S. I, sowie die vorliegende, in welch letzterer auch noch über 
Beobachtungsmethoden und Neuconstructionen gehandelt wird. 

Fig.1. 







Im Ganzen stellen sich die neuen Beobachtungsmethoden mit den 
verbesserten Instrumenten auch dann als vortheiUiaft heraus, wenn 
man die früheren Berechnungsarten beibehält, da dann zu diesen 
sehr dienliche Elemente gewonnen werden. 

Um das Krvstallpolymeter in ein dreikreisiges Goniometer, bezw. 
ein Theodolithgoniometer umzuwandeln, entferne man von ihm, Fig. i, 
das für Refractionsermlttelungen bestimmte Fernrohr F^ durch Lösen 
der Schraube S,, weiterhin den Mikroskoptubus M durch Lösen von 
■S' . nehme den centralen Trauer mit dem Flü-ssiarkeitsgefass ab und 



96 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe v. 19. Januar 1905. 

aus clor Axe von B, Ocular und Nicol heraus. Endlich beseitige 
man die Stange S< und trenne 8f von Gj. 

Alsdann bleibt ein dreikreisiges Goniometer, bezw. ein Theodo- 
lithgoniometer übrig. 

Dasselbe besteht aus dem horizontalen unteren Kreise A , dem 
normal dazu gestellten B und dem wieder normal hierzu und parallel 
A gerichteten Kreise C. Alle Kreise lassen an Nonien Minuten 
ablesen. 

Bezeichne man nun noch die den Winkel der optischen Instrument- 
axen von F„ und F^ halbirende Linie als Sehaxe, so ist das Instru- 
ment, wie a.a.O. 1900, S. 248 mitgetheilt, sofort als dreikreisi'ges 
Goniometer zu benutzen. 

Um das Instrument als Theodolithgoniometer zu gebrauchen, 
stelle man die Axe von B in die Sehlinie und befestige den Krystall 
mit der Bezugszone (Quarz und Vesuvian z. B. mit der Prismen- 
zone) am Krystallträger des horizontal gestellten Kreises C so, dass 
die Prismenflächen vertical stehen und centrire und justire. 

Alsdann ist eine Drehung durch 360° um die vertieale Axe 
von A oder C möglich, die alle Prismen zu einander zu messen er- 
laubt. Es werden sonach die Breiten wink el bestimmt. 

Hierauf bringe man B in eine Stellung, dass seine horizon- 
tale Axe normal zur Sehaxe ist und drehe um B. 

Durch diese Bewegung wird einzeln die Neigung einer jeden 
Pyramide zur Basis und ihrem zugehörigen Prisma ermittelt. Der 
Ausschlag beträgt 190° und ist nach der Seite der Fernrohre kleiner 
— 70° — als nach der entgegengesetzten — 120° — . Man kann 
daher mit den Vorrichtungen an C die zu betreftenden Pyramiden- 
bezw. Prismentlächen parallelen Gegenflächen heranziehen und nach 
Bedarf das Nothwendige an ihnen messen. Diese Operation ergibt 
die Längenwinkel. 

Stossen zwei Pyramidenflächen in einer Eandkante zusammen, 
oder liegen sie so, dass man diesen Randkantenwinkel zwar messen, 
das denselben gerade abstumpfende Prisma, weil es nicht oder schlecht 
ausgebildet ist, aber nicht benutzen kann, so bestimme man aus der 
Kenntniss des Randkantenwinkels in seiner Zone die Position seiner 
Kante am Kreise, so dass die Normale der nicht vorhandenen 
Prismenfläche (mit den Normalen der übrigen Pri.smenflächen in 
dem basischen Schnitt liegend) in die Sehaxe fällt und messe, wenn 
Kreis C parallel A steht, mit C die Neigung einer benachbarten, be- 
kannten Prismenfläche zu dieser Position. 

Hiermit sind die Höhen- und Breitenwinkel bestimmt. Will 
man nun noch Neigungen von beliebigen Zonen zu einer Prismen- 



l 



Klein: Theodolithgoiiioineter. il7 

tläche ermitteln, so bediene man sich des Um st eck tisch es' und 
bringe z. B. an C die Prismentlächen von der verticalen in eine 
horizontale Lage. Ist das Präparat so aufgesetzt, dass beim Um- 
stecken eine Prismentläche ungefähr nach vorn kommt, so bewirke 
man dies genau durch Justiren und Centriren und stelle danach mit B 
die betreffende Zonenaxe, der Prismenfläche anliegend, normal und 
messe mit A. 

Stellt man die Drehaxe von C normal zur Drehaxe von A, so 
lassen an der Centrir-und Justirvorrichtung von C angebrachte Krystalle 
auch Messungen zu. Da aber B und C, in der Horizontalebene ge- 
dreht, bald an die Fernrohre stossen, so ist der Drehbezirk nicht 
sehr gross und umfasst nur etwa 135°. Derselbe könnte durch eine 
veränderte Anbringung von G^ vergrössert werden. 

In die hohle Axe von B kann man eine Centrir- und Justir- 
vorrichtung einsetzen , deren äussere Hülle an T^ mit einem Bügel 
und zwei Schrauben befestigt und angeschraubt wird. Eine in dieser 
Hülle gleitende innere Axe trägt die Centrir- und Justirvorrichtung 
und ist vor- und rückwärts verstellbar und festzuklemmen. Man er- 
hält dadurch in gewisser Hinsicht das a'On FEOOROw'sche zweikreisige 
Goniometer (avich das von Goldschmidt), was viele grosse Vorzüge 
besitzt. 

Ein Krystall. an die Centrir- und Justirvorrichtung von B in der 
Richtung der Bezugszone nach dem Mittelpunkt zu angesetzt und die 
Axe von B durch Drehung von G^ oder T^ in die Sehaxe gestellt, 
lässt durch Drehung um B die verschiedenen Zonen : Basis , Pyramiden, 
Prisma einstellen und durch Drehen mit A messen. 

Man kommt dabei auch auf Pyramiden, die kein zugehöriges 
Prisma haben. In diesem Falle" fixire man die Position der Rand- 
kante, gehe in die folgende Stellung über und messe mit B diese 
Position zu einem bekannten Prisma. Dies ist ein besonderer Fall 
des allgemeinen, dass, wenn man die Axe von B normal zur Sehaxe 
stellt, sich mit B die Prismen messen lassen. 



' Dei' Umsteck tisch besteht ans einer quadratischen Krystallträgerphitte, die 
auf der einen breiten Seite rauli ist, auf der anderen einen normal 'zu ihr eingefügten 
Zapfen besitzt. Einen ebensolchen hat sie normal zu einer schmalen Seite eingesetzt. Wird 
dieser in die Centrir- und Justirvorrichtung eingefügt und geklemmt, so kann eine 
zur eisten normale Lage des Krystalls erreicht werden. Die Vorrichtung unterscheidet 
sich also von der von G. Wulff, a.a.O. 1903 angegebenen. Beide Vorrichtungen 
erfordern genaues Arbeiten, doch muss bei der von Wulff, die eine Krystallhälfte 
an eine vorhandene anpasst, noch grössere Aufmerksamkeit verwandt werden als hier, 
wo eine von den vorhandenen mehr unabhängige Krystallpartie untersucht wird. 

^ Man lässt hierzu die Reflexe der Flächen aus der Zone der Randkante sich 
entwickeln. 



98 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe v. 19. Januar 1905. 

Wird in der ersten Stellung rechtwinkelig umgesteckt, so kommen 
die Kanten der Bezugszone senkrecht zur Sehaxe. 

Stellt man eine Fläche normal zu ihr, so können alle Zonen, die 
in beliebigen Kanten auf der Fläche münden, mit B eingestellt und 
die Neigungen mit Ä gemessen werden. 

Das Umstecken in der zweiten Stellung — Axe von B senkrecht 
zur Sehaxe — hat keine besondere Bedeutung. 

An Stelle der Centrir- und Justirvorrichtung kann man auch in 
gleicher Weise eine von FEDOEOw'sche Vorrichtung zum gra- 
phischen Rechnen' anbringen. Da es aber hierbei sehr auf genaue 
Justirung und ausgiebige Bewegungen ankommt, so empfiehlt es sich, 
ein besonderes Instrument für jene Zwecke zu construiren. 

Man könnte auch daran denken, die Axe von C in die Sehaxe 
zu stellen und damit als einem von FEDOROw'schen Rechnungsapparat 
zu operiren. Allein die Justirvorrichtung hat alsdann nicht ausgiebige 
Bewegungen genug und das Ganze sitzt zu sehr federnd an, als dass 
es für den Gebrauch tauglich wäre. Es ist daher höchstens zur De- 
monstration geeignet, unddieNothwendigkeit, ein besonderes Instrument 
herzustellen, fällt nicht fort. 

Das CzAPSKr-LEiss'sche Theodolithgoniometer besitzt einen hori- 
zontalen und einen verticalen Kreis; parallel der Ebene des letzteren 
sind zwei Fernrohre beweglich und gegen einander verstellbar.^ Es 
arbeitet in folgender Weise : 

Habe man einen Apatit und setze ihn auf den Tisch des hori- 
zontalen Kreises so, dass die Bezugszone vertical steht, so kann man 
alle Prismen zu ihren Pyramiden und der Basis messen und dadurch 
auch die Lage der Prismen gegen einander bestimmen. 

Da.s a;if die Lage links rechts (am verticalen Theilkreis markirt) 
gestellte Beobachtungsfernrohr des verticalen Kreises kann überdies 
mit Autocollimation alle Prismen messen und zum Messen beliebiger, 
auf einer Prismenfläche sich projicirender Zonen steckt man um, be- 
kommt eine Prismentläche nach oben und richtet die betreffende Zone 
=j= der Dreliaxe des verticalen Kreises. Alsdann bestimmt man die 



' Vergl. E. VON Fedorow, Zeitschr. f. Kryst. 1900, B. 32, S. 464 u. t. ; ebenso 
K. Stöckl, Zeitschr. f. Kryst. 1904, B. XXXIX, S. 23 u.f. — Eine von FEOoRovv'sche 
Vorrichtung für rlas Krystallpolynieter liess ich schon 1901 anfertigen. 

^ Hr. CzAPSKi schreibt Zeitschrift für Instrumentenkunde 1893, Bd. 13, S. 2 , dass 
er schon früher am Totalretlectonieter Vorrichtungen angebracht habe, die erlaubten, 
dasselbe als zweikreisiges Goniometer zu benutzen. Ich kann diese Angaben nur be- 
stätigen, denn am 5. Oktober 1891 wurde dem hiesigen Institute eine solche Vorrichtung 
bei Ablieferung eines Totah-ellectonietei's mitgesandt. 

^ Eine Lupe zur Betrachtung des Krystalls und zur Einstellung befindet sich in 
der hohlen Axe der verticalen Fernrolire. 



Klein : Theodolithffoniometer. 



09 



Neigungen der Flächen dieser Zone mit den in einer Verticaleljene sieh 
bewegenden Fernrohren. 

Um die Vortlieile dieser Construction mit anderen zu verbinden, 
habe icli an einem wie vorstehend beschriebenen Goniometer, dessen 
verticale Fernrohre sich bis auf 20° einander ]iäliern um] klemmen 
lassen, noch zwei horizontal stehende Fernrohre' durch Hrn. Fuess 
in Steglitz anbringen lassen (Fig. 2).- Die Justirung ist so ausgeführt, 




dass die optische Axe des verticalen Beobachtungsfernrohres die des 
horizontalen senkrecht schneidet. Ebenso wirken die beiden Axen 
der beiden Kreise zu einander normal und zu denen der Fernrohre 



' Damit dürfte auch weitergelieiiden Bedürfnissen abgeholfen sein (vergl. C.\'iola. 
a. a. O. 1898, S. 423). 

^ Das ganze Instrument ruht auf einem King und ist drehbar, so dass jeder 
Theil auf den Beobachter zu gerichtet werden kann, was namenthcli zu Orientirungs- 
zwecken und zum Ablesen der Nonien wiciitig ist. 



100 Sitziinj; der physikalisch -mathematischen Classe v. 19. Januar 1905. 

parallel bezw. senkrecht. Die eben erwähnten horizontalen Fernrohre 
laufen an einem besonderen Kreise, der Minuten bestimmen lässt und 
sind feststellbar. Eine Mikrometerbewegung erschien des ruhigen und 
sicheren Drehganges wegen nicht nöthig. Die Centrir- und Justir- 
A'orrichtung ist in der Höhe verstellbar und dreht sich ähnlich leicht 
und sicher; die Drehung kann gedämpft werden. 

Wird der Krystall mit der Bezugszone parallel der Vertical- 
axe aufgesetzt, so bestimmen sich Höhen- und Breitenwinkel in ge- 
wohnter Weise. Beim Einstellen führt man eine Pi-ismenfläche vor 
die Lupe, die in der Axe, die die verticalen Fernrohre trägt, sich 
befindet und dreht den Krystallträger bis zum Verschwinden der 
Fläche. Alsdann wird, bis auf kleinere Justirungen, die Fläche 
so stehen, dass der Höhenwinkel abgenommen werden kann. — 
Man kann aber auch in der altgewohnten Weise mit den liorizon- 
talstehenden Fernrohren alle Prismenwinkel vor der Bestimmung der 
Höhenwinkel der Pyramiden messen, was die Gesammtoperation er- 
leichtert. 

Tritt zu einem Pyramidenpaar kein zugehöriges Prisma auf, so 
bestimme man den Höhenwinkel des ersteren , lege das Beobaehtungs- 
fernrohr horizontal, wende AutocoUimation a.n^ und bestimme durch 
Drehung des horizontalen Kreises den Neigungswinkel einer vorher 
bekannten Pri.smenfläche zur optischen Axe jenes Fernrohrs. 

Beispiel: Apatit. Man habe den Randkantenwinkel von 3P3/2 
(2 131) mit 131° 58' gemessen bezw. die Neigung einer Fläche zur 
Basis mit 114°!' bestimmt. Dann liegt in der Zone der Randkante 
auch das (nicht vorhandene) zugehörige Prisma. Seine Position ist 
gegeben, wenn das Beobachtungsfernrohr des verticalen Kreises genau 
horizontal steht. Man stelle in der Zone der Randkante diese Po- 
sition ein. Dreht man nun den horizontalen Kreis, bis die anliegende 
ooP (loTo) Fläche durch AutocoUimation spiegelt, was bei i6o°54' der 
Fall ist, so berechnet sich daraus die Neigung der Randkante zur 
Nebenaxe und ferner die Ableitungscoefficienten. 

Sollen die auf einer PrismenÜäche mündenden Zonenverbände 
gemessen werden, so ist der Krystall umzustecken, eine PrismenÜäche 
liorizontal zu stellen und dann so zu richten, dass die Winkelmessungen 
normal zu den Zonenkanten laufen. 

Ausserdem lässt sich mit dem hier beschriebenen Modell in der 
gewöhnlichen Art messen, was vielfach nöthig und angenehm ist, und 
das Instrument ist zu der Bestimmung von Brechungsexponenten ein- 
gerichtet. 



Hierzu hat das ßeobachtungslernrolir im Ocular einen GAuss"schen Spiegel. 



Klein : Theodolitligonionieter. 101 

Kommen die verticalen Fernrohre in Betracht, so cebraucht man 
im CoUimator ein 4 Volt-GKihlämpchen. Die Speisung solcher erfolgt 
T)esser mit einer durch einen regulirbaren Widerstand geschwächten 
Stromleitung als mit Accumulatoren, die öfters versagen.' 



' Auf diese Art kann man im regulären, liexagonalen, quadratischen und rhom- 
bischen System sich leicht l)ei|ueme Elemente zur Rechnung verschaffen, in dem man 
die Randkanten der Pyramiden luid ihre Neigungen zu den Nebenaxen in der Basis, 
directe uder indirecte Wege einschlagend, darstellt. 

P^s handelt sich dabei, vergl. C. Klein, Einleitung in die Krystallberechnung 1876, 
stets darum, die .Z- Kante der Pyramide (bezw. des in Pyramiden zerlegten allgemeinen 
Kürpers im reguläi-en System, worauf schon Goldschmidt in seinen Werken hinwies) 
zu bestimmen und die Neigung dieser Kante zur Nebenaxe in der Basis zu ermitteln. 
Man kann an Stelle dessen auch die Länge der Projection des Normalschnitts zur 
Randkante auf der Basis darstellen. Erstere ist am einfachsten gegeben, wenn ein 
Prisma Z gerade abstumpft; fehlt diese Fläche, so verfahre man wie oben angegeben. 
Fehlt in der ganzen Beztigszone eine taugliche Prismenfläche, so bestimme man den 
Hohenwinkel eines Pyi'amidenpaares und notire die Stellung am horizontalen Kreis, 
dann nehme man das nächst an der Nebenaxe gelegene Paar vor und stelle dessen 
Hohenwinkel -Reflexe ein. Der nunmehr abgesehene Winkel am horizontalen Kreise 
gilit mit dem ersten verghchen die Neigung zweier Z- Kanten zueinander. Gebraucht 
wild die Hälfte, um die Neigung einer Z- Kante zur Nebenaxe zu erhalten. Man 
kann also hiermit viel erreichen und auch in den schiefaxigeu Systemen Manches mit 
Vortheil benutzen. 



Ausgegeben am 2ti. Januar. 



Sitzungsberichte 1905. 



103 

SITZUNGSBERICHTE i^os. 

III. 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

19. Januar. Sitzung der philosophisch -historischen Classc. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen. 

1. Hr. Stumpf las über: Erscheinungen und psychische 
Fu'ictionen. (Erscheint später.) 

Die Auflösung psychischer Functionen in Erscheinungen (Einpfindungs- und 
Vorstelhmgsinhalte) hat sich in allen Fällen als undurchführbar erwiesen. Der Unter- 
schied ist der schärfste, den wir kennen. Die Erfahrung scheint aber auch für eine 
gegenseitig -unabhängige Vei nderlichkeit der Functionen und der Erscheinungen in 
weiten Grenzen zu sprechen. Die Erforschung der Erscheinungen an sich und ihrer 
immanenten Gesetzlichkeit gehört, principiell genommen, weder der Physik noch den 
Geisteswissenschaften an, bildet vielmehr eine selbständige und sehr ausgedehnte 
Gruppe von Untersuchungen. 

2. Hr. Schmoller überreicht im Namen des correspondirenden 
31itgliedes Hrn. Emile Levasseur in Paris die zwei Bände der zweiten 
Auflage seiner »Histoire des classes ouvrieres et de l'industrie en 
France de 1789 n 1S70. Paris 1903. 04«. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IV. 



26. Januar 1905. 



BERLIN 1905. 



VERLAG DER KÖNIGLICHEN AICADEMIE DER WISSENSCHA' 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 




Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«, 



§1- 

2. Diese erscheinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Octiv regelmässig Doiinerstass acht Tasje nach 
joiler Sitzung. Die sämmtlichen zu einem Kalender- 
jalir geliörigen Stüclte bilden vorläufig einen Bind mit 
rortlaufeniier Paginii-img. Die einzelnen Stücke erhalten 
ausserdem eine dui'ch den Band ohne Unterscliied der 
KMegorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordniings- 
nummer, und zwar die Berichte über Sitzungen der physi- 
kalisch-mathematischen Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen der plulosophisch- historischen Classe ungerade 
Numnieni. 

§2. 

1. Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Übei-sicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Jlit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten, und zw.ar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
druckfertig übergebenen, dann die, welche in früheren 
Sitzungen mitgctheilt, in den zu tliesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. Mittheilungen, 
welche nicht in den Berichten und Abhandlungen er- 
sclieinen , sind durch ein Sternchen ( ' ) bezeichnet. 



Den Bericht über jede einzelne [Sitzung stellt der 
SecreLar zusammen, welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secretai* fühi't tue Ober.aufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftlichen Arbeiten, 

§6. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftliehen Mit- 
thcilnng in die Sitzungsberichte gelten neben §41,2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsbeiichte 
nicht übersteigen. Mittlieilungen von Verfassern , welche 
der Akademie nicht .angehören, sind auf <lie Hälfte dieses 
Umfangcs beschi-änkt. Überschi'eitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdriickliclier Zustimmung der Gesammt-Aka- 
demie oder der betreffenden Classe statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Test einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf durchaus 
Nothwcnchges beschiänkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung \vird erst begonnen, wenn die Stöcke der in den 
Text einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefert ist. 

1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche i>Iittheilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 
nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittlieilung diese .anderweit früher zu ver- 



öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
«ilUgung der^Gesammt - Akademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 
5. Auswärts werden Correcturen nur auf besonderes 
Verlangen verschickt. Die Verfasser verzichten damit 
.auf Erscheinen ihrer Mittheilungen nach acht Tagen. 

§11- 

1 . Der Verfasser einer unter den • Wissenschaftlichen 
Mittheilungen« abgedruckten Ai'beit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonderabih'ücke mit einem Umschlag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahreszahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der N.ame des Verfassers stehen. 

2. Bei Blittheilungen , die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Einem Verfasser, welcher Mitglied der Akademie 
ist, steht es frei, auf Kosten der Akademie weitere gleiche 
Sonderabdiücke bis zur Zahl von noch hundert, imd 
auf seine Kosten noch weitere bis zur Zahl von zwei- 
hundert (im ganzen also 350) zu tmentgeltlicher Ver- 
theilung abziehen zu lassen, sofern er diess rechtzeitig 
dem redigirenden Secretar angezeigt hat; wünscht er auf 
seine Kosten noch mehr Abdrücke zur Vertheilung zu 
erhalten , so bedarf es der Genehmigung der Gesammt- 
Akademie oder der beti'effenden Classe. — Nichtmitglieder 
erhalten 50 FreiexempLore und dürfen nach rechtzeitiger 
Anzeige bei dem redigirenden Secretar weitere 200 Exem- 
plare auf ihre Kosten abziehen lassen. 

§28. 

1. Jede zur Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte ölittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Nichtmitglieder, haben hierzu die Vermittelung eines ilirem 
Fache angehörenden ordentlichen IMitgliedes zu benutzen. 
Wenn sclmftliche Einsendungen auswäitiger oder corre- 
spondirender Mitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen, so hat sie der Vorsitzende 
Secretar selber oder durch ein anderes Mitglied zum 
Vortrage zubringen. Mittheilungen, deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören , hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden 3ßtgliede zu überweisen. 

[Aus Stat. § 41, 2. — Für die Aufnahme bedarf es 
einer ausdiiickUchen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Classen. Ein darauf gerichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt imd sogleich zur Abstimmung gebracht werden.] 

§29. 
1. Der re\idirende Sccreuar ist für den Inhalt des 
gesciiäftlichen Theils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen km'zen Inhaltsangaben der 
gelesenen Abh.ondlungen %'erantwortlich. Für diese wie 
für alle übrigen Tlieile der Sitzungsberichte sind 
nacli jeder Kichtung nur die Verfasser verant- 
wortlich. 



Die Akademie versendet ihre •Sitzunff^berichte' an diejenigen Stellen, mit denen sie im Schri/luerkehr steht 
uofem nicht im besonderen Falte anderes vereinbart irird, jährlich drei Mal, nämlich : 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Hallte des Monats Mai, 

- Mai bis Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 

- October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers. 



105 

SITZUNGSBERICHTE i^o^. 

IV. 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



2ß. Januar. Öflentliche Sitzung zur Feier des Geburtsfestes Sr. Majestät 
des Kaisers und Königs und des Jahrestages König Friedrich's IL 

Vorsitzender Secretar: Hr. Walde yer. 

Hr. Waldeyer eröffnete die Sitzung, welcher Se. Excellenz der 
vorgeordnete Hr. Minister Dr. Studt beiwohnte, mit folgender Rede : 

Im raschen Fluge der Zeit hat sich der Tag erneuert, an welchem 
wir freudig bewegt uns anschicken, unserm erhabenen Protector, des 
Kaisers und Königs Majestät, ehrfurchtsvolle Huldigung darzubringen 
und ihm Namens seiner Akademie der Wissenschaften, der er sein 
lebendiges Interesse wiederholt und insbesondere auch am heutigen 
Tage, durch Verleihung goldener Ehrenamtsketten an die beständigen 
Secretare, bekundet hat, aufrichtig empfundene Glückwünsche mit 
treuem Danke zu widmen. 

Möge unser ritterlicher und warmherziger Fürst wie bisher die 
Jahre an sich vorüberziehen sehen, ohne dass sie ihn berühren und 
möge es ihm beschieden sein, das edle und hohe Ziel seiner Politik, 
den Frieden und dessen Segnungen zu wahren, dauernd festhalten 
zu können ! Wahrlich , das abgelaufene Jahr, in welchem wir Zeugen 
eines der gewaltigsten Dramen der Weltgeschichte, des ersten grossen 
Ringens um den Stillen Ocean , werden mussten , legt uns diesen 
Wunsch nahe. Noch tobt der furchtbare Kampf im fernen Osten, 
der Kampf, welcher begann, unmittelbar nachdem wir hier im vorigen 
Jahre zu gleichen Festwünschen versammelt gewesen waren. Und 
jetzt nähern sich seine Erschütterungen unsern Grenzen! Was das 
begonnene Jahr uns aus diesen kaum absehbaren Verwickelungen 
bringen wird, wir wissen es niclit; aber das eine wissen wir, da.ss 
wir unserm Herrscher vertrauen dürfen: Gott segne ihn und sein Haus! 

Während der Blick nach Osten uns ein trübes Bild zeigt, be- 
gegnet er im Westen einem lichten, erfreulichen. Im Herzen der 
grossen Union Amerikas vereinigten sich die Völker des Erdballs zu 
Sitzungsberichte 1905. 10 



106 ' öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

einem Frieden.swerke , welches, so dürfen wir hoffen, seine Segnungen 
auch uns zufliessen lassen wird. War es doch grade unser Vaterland, 
welches, dank wiederum der Initiative unsers Kaisers, dort an ehren- 
voller Stelle stand und im Wettbewerbe um die Güter des Friedens, 
insonderheit der Wissenschaft, die rückhaltlos und gern gegebene An- 
erkennung nicht nur unserer amerikanischen Wirthe, sondern auch 
aller Mitgeladenen sich errungen hat. Wir sahen wieder einmal , wo 
unsere Stärke liegt. Halten wir daran fest! 

An den jugendlichen Culturboden Amerikas knüpft sich in diesem 
Jahre, gleichfalls einem edlen Herzenszuge unseres Kaisers entsprungen, 
eine frische Erinnerung an unsern Erneuerer und zweiten Stifter König 
Friedrich den Grossen, dessen Gedenktag wir heute zugleich mit dem 
Kaiserlichen Geburtsfeste begehen. Das Standbild des grossen Königs 
hat in der Bundeshauptstadt der Union, der er von ihrer Begründung 
an eine freundliche Gesinnung und ein wohlbegründetes Interesse ent- 
gegenbrachte, Aufstellung gefunden. Uns soll es nicht kümmern, dass 
es, wie sich bei diesem Anlasse abermals gezeigt hat, Menschen giebt, 
die an Allem mäkeln müssen, und leider auch solche, deren niederem, 
allem Menschlichen entfremdeten Sinne nichts ach tungs würdig ist. 
AUes dieses zerrinnt vor den Worten, mit denen der ganze Mann, 
der klar und weit blickende, edeldenkende Führer der Union das Ge- 
schenk unseres Kaisers begrüsste. Selten wohl hat der grosse Feld- 
herr, der fürsorgliche Staatsmann, der Freund der Wissenschaften und 
echte Philosoph auf dem Throne, Friedrich der Einzige, eine so ge- 
rechte Würdigung erfahren, wie durch Theodore Roosevelt, den Prä- 
sidenten der grossen amerikanischen Republik. 

So mag es geziemend erscheinen, bei diesem Anlasse der Stellung 
Friedrich's zu dem jungen Staatswesen jenseits des Meeres, dessen 
Wasser sich auch den Weg bis zu unsern Gestaden bahnen, zu ge- 
denken und daran Betrachtungen zu knüpfen, welche die Stellung des 
jetzigen Deutschlands zur jetzigen Union in Erwägung nehmen. Er- 
giebt sich solches doch gleichsam als das Vermächtniss des Königs, 
unseres Erneuerers, und drängt es sich auf in dieser Zeit, wo sich 
tausend Hände von hüben und drüben den Freundesdruck geboten 
haben. 

G. Bancroft, der frühere Gesandte der Union am Berliner Hofe', 
Friedrich Kapp^ und neuerdings A. Pfister^, von denen namentlich 

' Bancroft, G. , History of tlie United States froni tlie di.scovery of tlie Anieiican 
Continent. Boston 1874. 8. 

^ Kapp, Fr., Fi'iedrich der Grosse und die Vereinigten Staaten von Amerika. 
Leipzig, 187 1. 8. 

^ Pfistkr, A.. Die Amerikanische Revolution. 1775 — 1781. Stuttgart und 
Berlin 1904. J. G. Cotta'sclie Buchhandlung Naclif. 



Waldeyer: Ft'sUv^de. 107 

die beiden Ersteren auch aus den liiesigen areliivalisclieu Quellen 
gründlich geschöpft haben, so dass für eine Nachlese kaum etwas zu 
erwerben übrig bleibt, geben uns eiu klares Bild von den Gesinnungen 
pRiEDRicn's DES Grossen gegen die sieh emporringenden Unionsstaaten, 
sowie von der thatsächlichen Stellung, die er ihnen gegenüber ein- 
genommen hat. Ein stark gewebtes geschichtliches Band verknüpft die 
Entwicklung des grossen nordamerikanischen Staatenbundes mit der 
des Königreichs Preussen , ja mit der des neuen Deutschen Reichs, wenn 
wir anerkennen, dass Preussen der Rückgrat des Reiches ist und 
König Friedrich im Siebenjährigen Kriege diesen Rückgrat aus loseren 
Anf;ingen ergvänzt und festgefügt hat. In Wahrheit war ja der Sieben- 
jährige Krieg nicht auf das damalige Deutschland, Österreich und 
Europa beschränkt; er grifl", wie kein anderer vor ihm, hinüber auf 
die westliche Hemisphäre und legte dort den Grund zur Weltmacht 
der Union. England, zuerst im Bunde mit Fbiedrich, fasste Frank- 
reich, den Feind Friedricii's, zur See und in Nordamerika, wo derzeit 
Canada und das ganze Hinterland der englischen Küstencolonien bis 
zum grossen Flusse, dem Mississippi, sowie der Süden am Mexicani- 
schen Golfe unter französischer Herrschaft stand. Nach anfänglich un- 
glücklicher Kriegsführung seitens der Engländer entschied der Tag von 
Quebec, 13. Sept. 1759, an welchem die beiden tapferen Führer, Wolfe 
und MoNTCALM, ihre Kräfte maassen und beide ihr Leben Hessen, zu 
Gunsten Albions. Der Siegespreis dieser nach Zahl der Kämpfenden 
zwar kleinen, nach Führung und Erfolg aber fast beispiellosen Schlacht 
gab den Engländern ganz Canada und machte den Weg von der Küste 
bis zum Mississippi für sie frei. »The seven years' war«, sagt hierzu 
Bancroft' »extended the English Colonies to the Mississippi and gave 
Canada to England. 'We conquered America in Gerraany', said the 
eider Pitt, ascribing to Frederic a share in the extension of the 
Germanic race in the other hemisphere; and in like manner Fkederic, 
in bis histories treats the English movement in America and his own 
struggles in Europe all as one, so long as Pitt was at the heim.« 
Man geht nun aber nicht fehl, wenn man in der so rasch und in so 
gewaltigem Umfange erfolgten Ausdehnung der englischen Herrschaft 
auf amerikanischem Boden einen der im Stillen wirkenden Factoren 
erblickt, der wenige Jahre nachher zum Abfall der Unionsstaaten von 
Altengland führte. George Washington, der als Oberst im Sieben- 
jährigen Kriege das ungeheure Land von den früheren Besitzern für 
England gewinnen half, ward der glänzende Führer, der es nachher 
von ihm befreite, und der grosse Staatsmann, der den ersten glück- 

' A.a.O. Bd. X, S. 86. BostüD 1874. 

10* 



108 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

liehen Erfolgen dauernden Bestand sicherte. Die 13 englischen Colonial- 
staaten wurden nach dem Pariser Frieden von 1763 gewahr, welche 
Zukunft vor ihnen lag — hatten sie doch auch in ihrem »sieben- 
jährigen«, oder vielmehr «neunjährigen«, Kriege mit Frankreich ihre 
Kraft erproben können — , und fast von Stund an merkt man den 
zäheren Widerstand, den sie den ihnen nicht zusagenden Massnahmen 
des Mutterlandes entgegensetzten, bis dann in den letzten Tagen des 
Jahres 1773 die Theekisten von Boston das auslösende Signal zum 
Abfall gaben. 

So liegt ein zeitlicher und auch durch die handelnden Personen 
geschaffener Zusammenhang vor in dem Entstehen der Union und in 
der Festigung Preussens zum führenden Staate in Deutschland. 

Der Grund nun, Jung- Amerika und Preussen auf diesem ge- 
schaffenen historischen Boden einander näher zu bringen, war durch 
das Verhalten Englands zu Friedrich in den letzten Jahren des Sieben- 
jährigen Krieges gegeben, in denen man es mehr zu den Feinden als 
zu den Freunden Preussens zählen durfte. König Friedeich hatte das 
nicht vergessen und kam den Anträgen der nach ihrer Freiheit im 
Kampfe mit England ringenden Colonialstaaten nach Möglichkeit ent- 
gegen. Hätte er über eine Flotte verfügen können, so würde er so- 
fort einen Handelsvertrag mit den noch im Kampfe befindlichen Staaten 
abgeschlossen haben; immer wieder spricht er es aus, dass ihm mit 
der Flotte die Mittel fehlten, den Vertrag zu schützen und wirksam 
zu machen. So musste er sich begnügen, den von England in ver- 
schiedenen deutschen Staaten, insbesondere in Hessen, angeworbenen 
Hülfstrujipen den Weg durch preussisches Gebiet zu versperren und 
bei anderen Staaten, wie u. A. bei Frankreich und Russland, günstig 
für Amerika einzuwirken. Dass das junge Staatswesen zu dem ersten 
grösseren republicanischen heranwachsen würde, war für den weit- 
blickenden Monarchen kein Hinderniss. Ich brauche in dieser Be- 
ziehung nur an seinen bemerkenswerthen Ausspruch , in welchem er 
die republicanische Staatsform mit der monarchischen vergleicht, zu 
erinnern.^ 

Man muss sich aber hüten, hinter der günstigen und freund- 
schaftlichen Gesinnung Feiedkich's zu den Vereinigten Staaten mehr 
zu erblicken, als darin an Gründen lag. Der grosse König war Real- 
politiker, Gefühlspolitik lag ihm gänzlich fern. Ihm galt das Wohl 
seines Staates, bis zu dem des einfachsten seiner Unterthanen hinab, 
als oberstes Gesetz, wobei ihm die Sorge für die geistige Hebung 
und Erziehung seines Volkes Richtschnur war. Bancroft^ giebt dies 

' Oeuvres I, 239. 

^ A. a. 0. Bd. 10, S. 103. 



Waldeykr: Fi^strede. 109 

trefl'licli in kurzem Zuge: »No prince could be farther tli;ui Frederic 
from romantic attempts to rescue from oppression foreign colonies 

tliat were beyond his reach His cares are for the country 

whit'li he rather serves than rules. He sees and exactly measures its 
weakness as well as its strength; Iie cares for every one of its dis- 
connected parts, and gathers tliem all under his wings. Bat lie 
connects his policy witli the movement of the world towards liglit 
and reason, the amelioration of domestic and international law.« 

Doch das konnte auch dem gleichen praktischen Sinne und der 
nüchternen Beurtheilung der Amerikaner genügen und genügte auch. 
Friedrich der Grosse ist in den Vereinigten Staaten stets eine volks- 
thümliche Erscheinung im besten Sinne des Wortes geblieben. Be- 
merk enswerth ist, dass eine der letzten grossen politischen Akte Fried- 
Eicii's der Abschluss des Freundschafts- und Handelsvertrags mit 
der nordamerikanischen Union war. Wenn der Vertrag nach Ablauf 
der für ihn festgesetzten Dauer nicht erneuert wurde, so lag das 
einfach daran, dass bei den damals noch geringen Handelsbeziehungen 
zwischen Preussen und der Union keine dringende Veranlassung dazu 
gegeben war; ausserdem absorbirten die Dinge in Frankreich alles 
Andere. Obgleich Kapp in etwas herber Beurtheilung davon spricht, 
dass Staatsmänner wie George Washington und Hertzberg übertriebene 
und unklare Vorstellungen von der Bedeutung dieses Vertrages gehabt 
hätten, will ich mir es doch nicht versagen , einige Worte aus einem 
Briefe Washington's an Lafayette, die ich dem Buche Kapp's ent- 
nehme, hier zu wiederholen: »Unter den neuen Handelsverträgen«, 
schreibt der baldige erste Präsident der nordamerikanischen Union, 
»scheint mir besonders der mit dem König von Preussen abgeschlossene 
eine neue Aera in der Diplomatie zu bezeichnen und die glücklichen 
Folgen zu versprechen, welche ich so eben erwähnt habe. Er ist 
der freisinnigste Vertrag, der je von unabhängigen Mächten abge- 
schlossen wurde, durchaus originell in verschiedenen seiner Artikel, 
und wenn seine Prinzipien später als die Grundlagen des Völkerver- 
kehrs gelten sollten, so wird er mehr als irgend eine bisher ver- 
suchte Maassregel dazu beitragen, eine allgemeine Pazifikation herbeizu- 
führen.« Was Washington hier sagt, liegt thatsächlich in den Artikeln 
des Vertrages darin, und wenn somit die beiden grossen Zeitgenossen, 
König Friedrich und der erste Führer der Union, sich zu einem solchen 
Friedenswerke einigten und es so auffassten, so hat dies thatsächlich 
seither unseren Beziehungen zu Amerika in allem Wesentlichen als 
Vorbild gedient und wird es auch weiter tbun. 

Wie haben sich aber diese Beziehungen in den verflossenen 
hundertundzwanzig Jahren gewaltig entfaltet! Freilich waren schon 



110 Öffentliclie Sitzung vom 26. Januar 1905. 

frühzeitig eingewanderte Deut.sche als ein wichtiger Bestandtheil der 
Unionsstaaten aufgetreten — ich erinnere an die Gründung von Ger- 
mantown in Pennsylvanien 1683, das heute eine Vorstadt von Phila- 
delphia darstellt und von woher der erste Protest gegen die Sklaverei 
datirt — ; aber wie hat sich der Zustrom der Deutscheu gemehrt! 
Grade im Centrum von Amerika, in den gesegneten Ackerbaufluren 
Missouris, Iowas, Illinois', Wisconsins und Minnesotas, um den Ober- 
lauf des Mississippi herum, sind die Deutschen sesshaft geworden 
und haben ihre nationalen Eigenthümlichkeiten am treuesten bewahrt. 
Sie liefern noch heute nächst den Leuten aus dem vereinigten König- 
reiche den stärksten Zustrom durch die Einwanderung. Und, soll 
ich meine Meinung offen sagen, für die Vereinigten Staaten wird es 
das Erwünschteste sein, wenn das so bleibt. Die das Land zuerst 
in Besitz nahmen und es weiterhin cultivirten, waren Kinder ger- 
manischer Rasse; die romanische und slawische Bevölkerungsziffer ist 
immer weit schwächer gewesen und schwächer geblieben. Die Ver- 
schmelzung der Eingeborenen mit den Eingewanderten wird auch am 
schnellsten und besten vor sich gehen, wenn die letzteren vorzugs- 
weise den Staaten mit germanischer Bevölkerung entstammen. Weit 
über fünf Millionen Bewohner der Vereinigten Staaten sprechen noch 
neben der englischen Sprache ihre deutsche Muttersprache, halten 
deutsche Schulen und deutschen Gottesdienst, lesen deutsche Bücher 
und dort im Lande herausgegebene deutsche Zeitungen, halten deutsche 
Sitte aufreclit und wissen mit der Liebe zum amerikanischen Vaterlande 
das treue Gedenken an der Mütter Heimat zu verbinden und zu be- 
wahren. 

Nach Millionen Briefen, Telegrammen und Waarenstücken , nach 
Tausenden von Schiffen zählt heute der Handels- und Geistesverkehr 
zwischen uns und Amerika, und man reist jetzt fast so schnell von 
Berlin nach New York, wie vor 70 Jahren von Berlin nach Königs- 
berg. Nächst dem alten Mutterlande Albion ist es Deutschland, 
dessen Verbindungen und Interessengemeinschaften mit Amerika in 
erster Linie in Frage kommen und deren Pflege und Förderung beiden 
Theilen vor Allem am Herzen liegen muss, denn sie ist sowohl eine 
historisch als auch natürlich begründete. Das Erste bemühten Avir 
uns eben in aller Kürze darzulegen , das Andere zeigt uns die unge- 
wöhnliche Steigerung des Verkehrs, die sich ganz aus sich selbst 
heraus entwickelt hat. 

Wir können aber noch weiter gehen und sagen, die Beziehun- 
gen Deutschlands zur nordamerikanischen Union sind durch die 
geographische Lage und die nächsten — ich möchte sagen «Familien- 
Interessen« beider Theile so gestaltet, dass sie jeden auf friedlichem 



Wai.dkyer: Festrede. 111 

Wege nicht beizulegenden Confllct gänzlicli ausscliliessen. Amerika 
und Deutsehland stellen zu einander wie Brüder; es kann auch Streit 
und Misshelligkeiten zwischen Brüdern geben, doch ist dieser im 
vernünftigen Ablauf der Dinge bald von der Herstellung der Ein- 
tracht gefolgt; wirkliche einander widerstreitende Lebensinteressen 
gibt es zwischen den Gestaden der deutschen Nord- und Ostsee und 
denen der amerikanischen Meere nicht. Das sprach auch Karl Schurz 
am 7. October vorigen Jahres beim Deutschen Tage in St. Louis aus': 
»Keine internationale Freundschaft könnte natürlicher sein, als die 
zwischen dieser Republik und dem Deutschen Reich. Es sind nicht 
allein die Bande des Bluts und des gemeinsamen germanischen Geistes, 
welche die beiden Nationen verwandtschaftlich verbinden, es ist auch 
die vollständige Abwesenheit irgend welchen Widerstreits grosser 
Interessen, der sie trennen köimte. In der That, man zeige mir 
einen einzigen Punkt, in dem die grossen Interessen der beiden 
Länder oder selbst die Richtungen ihrer gerechten Aml)itionen ein- 
ander zuwider laufen.« 

So denn werden beide Staatswesen , deren Entwicklung die Mittags- 
höhe noch lange nicht erreicht hat — ja, Deutschland kann, da es 
seine Einigung erst viel später erlangt hat, in diesem Sinne noch 
als das jüngere bezeichnet werden — ich möchte sagen, wie durch 
natürliche Gravitation zu einander hingezogen. Beide können einander 
Licht und Segnungen aller Art leihen, wie sie das internationale Völker- 
leben erheischt und bringt, und es ist dabei müssig und irrelevant, sich 
darüber den Kopf zu zerbrechen, wer dermaleinst der schwerere und 
länger lebende Organismus sein mag. Das ruht in der Zeiten Schoosse; 
genug, dass beide nach menschlicher Voraussicht einander nicht stören 
können. 

Die Aufgabe, welche beiden Völkern und Staatswesen aus dieser 
Lage erwächst, ist die, sich einander mögliclist zu nähern und Alles 
zu vermeiden, was Störungen in dieser Harmonie zu Wege bringen 
könnte, denn nur so werden beide der Vortheile im vollen Umfange 
habhaft werden, die sich von selbst, so darf man sagen, darbieten. 

Die Beziehungen zwischen Völkern und Staatswesen sind mannig- 
fach, kaum im Einzelnen zu verfolgen und anzugeben. Nur in grossen 
umfassenden Gruppen kann dies geschehen: die internationalen poli- 
tischen Beziehungen und Actionen zu einander, mit einander und gegen 
einander, die Beziehungen zu Dritten, die militärischen und vor Allem 
die des Handels und der Industrie. Diese alle betreffen Existenz- 
fragen für das baare Leben. Aber im Leben der Culturvölker giebt 



S. Westliche Post, redigirt von Dr. Preetorius in St. Louis, vom 7. October 1904. 



112 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

CS höhere Relationen, die sich, sobald ein gewisser Entwicklungs- 
stand erreicht ist, gebieterisch geltend zu machen beginnen, die der 
Moral und Religion, der Kunst und Wissenschaft. Das, was das 
Leben zu leben werth macht, mag man Freidenker oder Glaubender 
sein, liegt in diesen, allein dem Menschen eigenen Dingen. Mit ihnen, 
und vor Allem mit den wissenschaftlichen Beziehungen zwischen den 
Vereinigten Staaten und Deutschland, haben wir uns hier zu beschäf- 
tigen, mit allen übrigen nur soweit, als sie wissenschaftliche Begrün- 
dung zulassen oder der Geschichte angehören. Ich lasse aber auch 
dieses Letztere hier ganz aus, es würde uns viel zu weit führen. 

Welches soll nun unser Verhalten in dem grossen Dominium der 
Wissenschaft Amerika gegenüber sein? Vorweg nehme ich Eins: Sollen 
zwei Völker mitsammen gehen in gemeinsamer Culturarbeit, wie auch 
zu gegenseitiger Förderung des materiellen Wohles, so muss eines dem 
anderen Achtung einflössen. Man muss etwas Gutes, selbst Erarbeitetes 
zu bieten haben, man muss seine Eigenart ohne aufdringliches Zurschau- 
tragen, aber mit ruhiger Bestimmtheit, wie sie das natürliche Gefühl 
eigener Gesundheit und Kraft giebt, bewahren — wer sich selbst auf- 
giebt, wird auch von den Anderen aufgegeben! Dies rufe ich auf dem 
Gebiete der Kunst und Wissenschaft, der Moral und Sitte auch den 
aus deutschem Boden entsprossenen amerikanischen Brüdern zu. So 
werden sie nicht eine abgeschlossene Sippe im grossen Staate bilden — 
das sei ferne — , sondern eine kräftige Wurzel, die gesunde Säfte dem 
mächtig emporwachsenden Riesenbaume zuführt, mit dem wir die Union 
vergleichen können. So werden sich die amerikanischen Staatsbürger 
deutscher Abkunfti Achtung, aber auch das volle Vertrauen ihrer Mitbür- 
geranglikanischen Stammes erwerben, die, von den klimatischen Potenzen 
Nordamerikas durchdrungen und gewandelt, den Kern dessen ausmachen, 
was wir die »amerikanische Nation« nennen. So können sie aber auch 
uns nützen, indem sie Strömungen entgegenwirken, die in unberech- 
tigter Weise dem früheren Vaterlande zu schaden drohen, Vorurtheile 
beseitigen helfen, die da drüben auftauchen, aber auch uns bei Miss- 
verständnissen und ungerechtfertigtem Misstrauen aufklären und uns 
auf das Gute hinweisen, was wir oft, gleichfalls in Vorurtheilen be- 
fangen, oder aus Unkenntniss des Wesens der Leute und der staat- 
lichen und socialen Einrichtungen über dem Wasser, nicht gewahr 
werden. Ich freue mich, sagen zu dürfen, dass diese Auffessung von 
der Stellung der amerikanischen Bürger deutschen Blutes und deutscher 
Zunge als Grundton bei den vielen Kundgebungen des am 6. Octo- 
ber 1904 festlich begangenen Deutschen Tages in St. Louis obwaltete, 
und derselbe Ton ist angenehm mir zu Ohren geklungen, wo immer ich in 
privatem Verkehr mit einsichtsvollen Persönlichkeiten dieseSeiteberührte. 



Wai.de yer: Festrede. 113 

Zu gesunder und erspriesslicher Leitung unseres Verhaltens in 
wissenschaftlicher Beziehung mü.ssen wir vor Allem wissen, wie der 
Amerikaner im Allgemeinen über Bildung und Wissenschaft denkt, 
wie der jetzige Stand der Wissenschaft und des wissenschaftlichen 
Forschens in Amerika ist und wie er sich voraussichtlicli in abseh- 
barer Zukunft gestalten wird. 

Ein falches Vorurtheil ist bei uns noch weit verbreitet, dass 
der Amerikaner vorwiegend materiellen Interessen zugewendet sei und 
rein wissenschaftlichen Dingen wenig Neigung entgegenbringe. Man 
vergisst dabei, dass die berühmteste amerikanische Universität, die 
von melir als 5000 Studirenden besuchte Harvard University in 
Cambridge Mass. in nicht allzu ferner Zeit ihr 300Jähriges Jubiläum 
feiern kann, dass die gleichfalls hochangesehene Yale University in 
New Haven Conn. ihr 200jähriges Stiftungsfest begangen hat, dass 
die Princeton University in New Jersey, die Brown University 
in Providence, Rhode Island, und die Pennsylvanian University in 
Philadelphia ungefiihr gleichaltrig mit Göttingen sind. Auch die 
Columbia University in New York, welche im edlen Wettbewerbe 
strebt die Spitze zu erreichen , zählt schon über 70 Jahre. Man vergisst, 
dass seit 70 — 40 Jahren weitere 4 Universitäten ersten Ranges er- 
richtet wurden: die John Hopkins University in Baltimore, die 
Cornell University in Ithaca (New York) an welcher der hier in 
werther Erinnerung verpliebene Botschafter Andrew White, der uns 
jüngst noch in seinen »Erinnerungen« ein freundliches Gedenken über 
das Meer zusandte, wirkt, die University of Chicago, Illinois, 
und die Berkeley University, zu der die berühmte LiCK-Stern- 
warte auf dem Mount Hamilton gehört, in Californien. Man vergisst 
vor Allem die zahlreichen grossen öffentlichen Bibliotheken mit ihren 
musterhaften Einrichtungen, die es Jedermann ermöglichen, auf die 
einfachste Weise zu geistiger Nahrung zu kommen; nur Wenige bei uns 
wissen, wie viel dieselben von allen Gesellschafts.schichten bis zum 
Arbeiter hinab benutzt werden. 

Der Amerikaner weiss sehr wohl, dass Bildung frei macht und 
dass er in dem gewaltigen »Struggle for life«, in welchem er drüben 
die Wahl hat zu siegen oder unterzugehen, sich nur mit einer ordent- 
lichen Ausbildung über Wasser halten kann. Daher auch die grosse 
Sorge für die Volksschulen , der wir in Amerika begegnen , für Fort- 
bildungsschulen aller Art, für Museen, Sammlungen, Laboratorien, 
Veranstaltung öffentlicher Vorträge, welches Alles in Reichhaltigkeit 
nur von Wenigem in der Alten Welt, in praktischer Einrichtung vmd 
Erleichterung der Benutzung von keiner Anstalt bei uns übertroffen 
wird, ja in letzterer Beziehung das bei uns Bestehende überragt. Ist 



/ 



114 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

das früher schon rasch vorwärts gegangen, so übertrifl't der Fortschritt 
im letzten Jahrzehnt alle Erwartungen. Man braucht keine besondere 
Prophetengabe zu besitzen, um vorauszusagen, dass in 50 Jaliren die 
Union in diesen Dingen, was gute Einrichtung, Leichtigkeit der 
Benutzung und Fülle des Gebotenen anlangt, uns weit übertref- 
fen wird. 

Ist nun mit dieser liberalen Fürsorge für die Einrichtungen zu 
wissenschaftlicher Arbeit auch etwas erreicht worden? Da müssen 
wir eine Zwischenbetrachtung anstellen. 

Die Veranlagung zu irgend einer besonderen Leistungsfähigkeit, 
sei es auf körperlichem oder geistigem Gebiete, ist ein angeborenes 
Geschenk der Natur; sie kann nicht bei einer einmal gegebenen Or- 
ganisation über das Maass dessen, was die Organisation überhaupt 
zulässt, gesteigert werden. Man wird nie einen Mathematiker aus 
einem Menschen erziehen können, dessen Geliirn nicht die dazu nöthige 
Veranlagung besitzt, ebensowenig wie einen Sänger, wenn es entweder 
in der Hörsphäre des Gehirns oder im Geliörorgane oder im Kehl- 
kopfe mangelt. Diese angeborenen Veranlagungen sind hier und da 
in Familien erblich aufgetreten, ebenso oft, ja öfter vielleicht, ist das 
Umgekehrte der Fall. Es ist auch nicht der gehobene Wohlstand 
oder die höhere sociale Stellung, welche solche Veranlagungen ge- 
wissermaassen züchtete; wir sehen ebenso häufig aus der grossen 
Masse des Volkes, aus ärmlichen Verhältnissen heraus, fähige Köpfe 
ersten Ranges auftauchen, wie aus den seit längerer Zeit in bevor- 
zugter Stellung lebenden Familien — eine wohlthuende, ausgleichende 
Gerechtigkeit der Natur! Auch kann nicht geleugnet werden — die 
Geschichte der Wissenschaften lehrt es — dass gewisse Rassen be- 
vorzugt sind. Es sind die, welche, bei allgemein gesunder und har- 
monischer Körperausbildung, die relativ zur Körpermasse grössten 
Gehirne haben. Noch ein anderer Factor ist zweifellos hier von Ein- 
fluss, ich meine alles das, was ich mit einem Worte »Klima« nennen 
möchte. Weder die überwiegende Dunkelheit der Polargegenden noch 
das fluthende Licht des Aequators erscheinen günstig; es sind die ge- 
mässigten Zonen in den Ländern mit mannigfaltiger Gliederung in 
Land und Meer, mit ergiebigem Boden und vollem Wechsel der Jahres- 
zeiten, welche als die günstigsten klimatischen Factoren bezeichnet 
werden müssen. Solche Länder erlauben den Menschen nicht, auf 
die gebratenen Tauben zu vertrauen; man muss arbeiten; aber die 
Arbeit lohnt hier und stählt zugleich. Ich halte selbstverständlich 
den klimatischen Factor nicht für einen unmittelbar wirkenden; ich 
glaube vielmehr, dass er wirkt, indem er jene wohlgebauten gesunden 
Menschen mit den guten Gehirnen hervorbringt. 



Wai.dkvkr: Festrede. 115 

Nun ist es aber auf der anderen Seite nicht minder wahr, dass 
eine gewisse bereits erreichte Culturentwicklung und günstig ein- 
wirkende Veranstaltungen, wie guter Unterricht aller Art, Biblio- 
theken, Austausch geistiger Production u. A., häufiger geistig bedeu- 
tende Menschen in die Erscheinung treten lassen. Das begreift sich 
aber leicht. Wie von zwei gleich gut organisirten Muskeln dei-jenige 
das Bessere leistet, dem Gelegenlieit gegeben wurde sich zu üben 
und sich zu erproben, so wird auch von zwei gleich wertliigen Ge- 
hirnen das am meisten leisten, dem die reichlichere und bessere geistige 
Nahrung und Ubungsgelegenheit geboten wird. Wie mancher hoch 
veranlagte Kopf ist nicht zu voller Wirksamkeit gekommen, weil ihn 
Schranken umgaben, die er nicht im Stande war zu durchbrechen. 
Vielleicht überwinden die wahrhaft genialen Menschen, wie ein Napo- 
leon 1., Shakespeaee, Gauss, jede Schranke und können in ihrer ur- 
schöpferischen Kraft Vieles entbehren, ohne zurückgehalten zu werden, 
— doch werden leicht zugängliche Hülfsmittel auch viele tüchtige 
Menschen zu Leistungen wecken und befähigen, die sonst schlummern 
geblieben wären. 

Vergleichen wir nun das »alte« Kuropa, wie man drüben mit- 
unter sagen hört, mit den Vereinigten Staaten, so ist der klimatische 
Factor in beiden Gebieten ersten Ranges. Giebt es auch im Westen 
Nordamerikas weite Strecken, die ungünstiger gestellt sind, so sind 
sehr grosse Theile so günstig gelegen und geformt, wie nur irgend 
in Europa. Der Menschenschlag ist derselbe — hat doch ganz Europa 
zum grossen Theile mit seinen besten Kräften dazu beigetragen, die 
Unionsbevölkerung zu liefern. Die culturellen Einrichtungen sind gleich 
und in maTichen Punkten in Amerika besser, namentlich, wie schon 
hervorgehoben wurde, in der leichten Benutzbarkeit und Mannigfaltig- 
keit. So wird sich jedenfalls Amerika mit diesen Einrichtungen im 
Laufe der Zeit einen hohen Durchsehnittswerth leistungsfähiger Männer 
und Frauen auf allen Gebieten heranziehen. Und der Nutzen eines 
solchen geistigen Stabes, der allen wachsenden Anforderungen für 
das grosse Ganze entspricht, ist doch weit höher einzuschätzen als 
eine gleiche Zahl Menschen von grosser körperlicher Tüchtigkeit, 
obwohl ich solche sicher nicht unterschätzen mag; kein wahreres 
Wort als das alte »mens sana in corpore sano!« Die Wahrheit 
dieses Wortes hat aber auch die amerikanische Jugenderziehung durch- 
drungen. 

Keinesweges sind es nur die Naturwissenschaften und die tech- 
nischen Wissenschaften, in denen sich die Amerikaner ausgezeichnet 
haben. Man kann aus dem vortreiflichen Werke des hüben wie 
drüben hochangesehenen Philosophen der Harvard University, H. Mün- 



116 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

STERBERG ', ersehen, dass neben den Namen der Naturforscher: eines 

AUDUBON, COPE, OSBORNE, MaRSH , DaNA , ALEXANDER AGASSIZ , WOLjfcOTT 

GiBBs, RowLAND, Newcomb, Gould — alle sechs letztgenannten unsere 
Correspondenten — , die der Nationalökonomen und Rechtsgelehrten 
Charles Francis Adams und Sumner, des Litterarhistorikers J. Child, 
des Orientalisten Hilprecht, des Sanskritforscliers Whitney, des Philo- 
logen Hadley, der Philosophen Emerson und Royce, sowie der Histori- 
ker Bancroft, Parkmann und Ch. Kendall Adams besten Klanges sind. 
Ich führe hier nur wenige, die mir nach ihren Werken näher l)ekannt 
sind, aus der stattlichen Reihe der von Münsteeberg angeführten Namen 
auf; irgend ein Urtheil damit abzugeben maasse ich mir nicht an. 

Will man die Amerikaner recht verstehen, so muss man sich vor 
Augen halten, dass auch ihre ältesten Städte niemals Mauern hatten, 
dass von den unendlichen kleinen Fehden zwischen einzelnen Städten 
unter sich und mit den Burgherren, die ihrer Zeit in Deutschland so 
viele Hemmungen brachten, dass von Frolindiensten und von andern 
Lasten, als selbstauferlegten, niemals die Rede war, dass weder der 
Staat sich um die Religionsbekenntnisse — von »Kirchen« kann man 
nicht sprechen — noch diese um den Staat sich kümmern: alles dieses 
schafft einen weiten Horizont und ein Gefühl persönlicher Selbständig- 
keit, welches schon von den Vorvätern gleichsam ererbt und in der 
Erziehung traditionell weiter gegeben wurde. Dies spiegelt sich auch 
in den grossen wissenschaftlichen Einrichtungen wieder, als deren nir- 
gends in ähnlich grossartiger Weise verwirklichtem Beispiel noch der 
Smithsonian Institution in Washington gedacht werden mag. 

Dies Institut ist eine wissenschaftliche Centralstelle für die ganze 
Union und vermittelt den Schriftenaustausch und Austausch wissen- 
schaftlicher Objecte mit den Museen und wissenschaftlichen Anstalten 
der ganzen Erde. Dasselbe verwaltet ausserdem ein ungemein reich- 
haltiges naturhistorisches und ethnologisches Museum, welölies insbe- 
sondere amerikanischen Objecten gewidmet ist, ein astrophysikalisches 
Institut ersten Ranges und einen zoologischen Garten, der u. A. auch 
die Weiterzucht derjenigen Arten pflegt, deren Aussterben zu befurch- 
ten steht. Eine ansehnliche Bibliothek von fast 200000 Bänden ist 
angegliedert. Das die Anstalt unter staatlicher Aegide verwaltende 
Curatorium hat seine Mitglieder unter den bedeutendsten Männern der 
Union; an der Spitze steht deren jeweiliger Präsident. Ausser den 
rund etwa eine halbe Million Dollars betragenden Zuschüssen des Gon- 
gresses fliessen dem Institut noch sehr reiche Mittel aus eigenem Ver- 
mögen zu. Mit diesen Mitteln werden auch Unterstützungen zur Förde- 



' MÜNSTERKERG, IL, Die Amerikaner. Berlin 1904 (s. insbesondere Bd.ll, Cap. 20). 




Wai.df.teii: Festrede. 117 

rung von Forschungen verschiedenster Art gewährt, älinlich wie unsere 
Akademien und gelehrten Gesellschaften dieses thun. 

Einrichtungen älinlich diesen letztgenannten fehlen in der Union 
keineswegs; sie haben jedoch noch nicht die Bedeutung erlangt, deren 
sich die grösseren Akademien der alten Welt erfreuen. Die bedeu- 
tendste der amerikanischen Akademien ist die Washington Academy 
of Sciences, die aus einer Reihe von Sonderabtheilungen, für Anthro- 
pologie, Archäologie, Allgemeine Biologie, Botanik, Chemie, Entomologie, 
Forstwirthschaft, Geographie, Geologie, Geschichte, Medicin, Philo- 
sophie und Physikalische Wissenschaften besteht; hinzukommen die 
American Association for the advancement of Science und die National 
educational Association. 

Ich habe wiederholt mich persönlich von den Fortschritten , ins- 
besondere der biologischen Wissenschaften und deren Betrieb an Ort 
und Stelle überzeugen können; auch auf der Ausstellung in St. Louis 
hatte ich Gelegenheit die amerikanischen Unterrichtsabtheilungen in 
allen Zweigen kennen zu lernen. Ich finde, dass man uns drüben in 
allen wesentlichen Punkten gleich steht: in der Art und Methodik der 
wissenschaftlichen Arbeit, im Werthe derselben, in der Ausstattung 
und P^inrichtung der Laboratorien, im Unterrichtsmaterial, in der Form 
und Weise der Unterrichts- Ertheilung. Man besuche die grosse Werk- 
statt von Alexander Agassiz in Cambridge, die Anatomischen Institute 
der Columbia University von Huntington in New York und Mall 
in Baltimore, das von Marsh so glänzend gefüllte Peabody- Museum 
in New Haven an der Yale University, das anthropologische Museum 
in New York u. a. und man wird mir Recht geben. Jüngst hat sich 
auch J. Orth in demselben Sinne geäussert.' In wenigen Jahren wer- 
den die neuen Gebäude der Medical School der Harvard -University 
fertig stehen; was ich davon aus den in St. Louis ausgestellten Plänen 
ersehen kopnte, lässt voraussagen, dass wir damit vielleicht das Beste 
bekommen , was dann zu sehen sein wird. 

Ich habe versucht, in gedrängtem Umrisse ein Bild dessen zu 
geben, was die grosse amerikanische Union bis jetzt für die Wissen- 
schaft gethan hat und was sie uns heute zu bieten im Stande ist. 
Was werden wir zu thun haben, um auf diesem Gebiete die natür- 
lichen Anziehungspunkte, die zwischen diesem grossen Staatswesen 
und uns bestehen, in Kraft zu halten und noch zu bestärken? 

Vergleichen Avir zunächst das, was wir an wissenschaftlichem 
Capitalwerth haben, mit dem Nordamerikas, so sind die klimatischen 



' Orth,J., Über ärztliche Schulen und Anstalten in Nordamerika. Berliner 
kliu. Wochenschrift 1905, Ni\ 2. 



118 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

Vorbedingungen und das schaffende und denkende Mensclienmaterial 
gleichwerthig. Was wir vielleicht noch an altem Culturmaterial und 
an liistorischen Unterlagen voraus haben, wird in nicht allzu langer 
Zeit eingeholt werden. Unsere wissenschaftlichen Einrichtungen sind 
gut; man hüte sich aber, die freiheitliche Gestaltung, deren sie sich 
bisher erfreut haben , zu beschränken , denn damit würden wir 
rasch hinter Amerika zurückkommen; Wissenschaft und Kunst ge- 
deihen nur in freier Luft! Eines muss hervorgehoben werden, in 
welchem wir in der alten westeuropäischen Welt Amerika bis jetzt 
noch voraus sind — ich spreche hier nicht bloss von Deutsdi- 
land — ; es sind die grossen, ganz neue Wissensgebiete eröffnenden 
Avissenschaftlichen Entdeckungen und Theorien: die überraschend 
grosse Zahl der neuen chemischen Elemente, die Spectralanalyse und 
damit die Astrophysik, die grossen Entdeckungen in der Chemie der 
Farbstoffe, der Zuckerstoffe, die physikalische Chemie der Lösungsvor- 
gänge, die Verllüssigung und Verdichtung der Gase, insbesondere die 
flüssige Luft, die Röntgen- und Becquerel- Strahlen, das Radium und 
seine Strahlen, die Farbenphotographie, die Dynamomaschine, die 
elektrische Beleuchtung, ja, man kann sagen, das meiste von der Er- 
forschung und Verwendung der Elektricitä''. als Kraftquelle, der elek- 
trische Ofen und seine so fruchtbringende Verwendung, dann, auf dem 
Felde der Biologie, fast die ganze Protistenkunde und die Bakteriologie 
mit ihren Aufklärungen im Gebiete der Seuchenlehre, die Toxine 
und Antitoxine, der Ausbau der Immunitätslehre, die Entdeckung der 
intimeren Befruchtungsvorgänge und der Karyokinese, die Descendenz- 
lehre und der Darwinismus und über Allem thronend die Fassung und 
ausbauende Begründung des grossen Gedankens der Erhaltung der 
Energie ! 

Das sind Entdeckungen und Theorien europäischer Forscher aus 
den letzten fünfzig Jahren: viele von ihnen gehören der neuesten Zeit 
au. Auch auf dem Gebiete der historisch -philosophischen Wissen- 
schaften könnten eine grosse Anzahl von Männern und Werken ge- 
nannt werden, die leicht zeigen würden, dass auch hier das Schwer- 
gewicht der Errungenschaften noch in Europa ruht. Theodor Mommsen, 
MoRiz Haupt, Leopold v. Ranke, Macaulay, Gaston Paris, Karl Ritter 
und viele Andere, auf welche Europa stolz sein darf, sind freilich 
heimgegangen; doch ist ihre Saat in zahlreichen Schülern aufgegangen, 
die ihr Werk in Ehren fortsetzen. Europa und Deutschland im Herzen 
desselben haben sieh in ihrer Geistesarbeit frisch und jung erhalten 
bis auf den heutigen Tag. Solange die klimatischen Verhältnisse in 
derselben günstigen Lage bleiben, werden uns hohe geistige Errungen- 
schaften nicht fehlen. 



AValüeyf.r: Festrede. 119 

OHenbar ist. auch die bisherige Schulung unserer Jugend eine 
gute, und nicht gering schätze ich die Selbständigkeit unserer Uni- 
versitäten ein. Ks ist durchaus nicht wünschensvverth , da.ss sie alle 
unter einen Hut kommen und an den erprobten Kinrichtungen der- 
selben sollte man festhalten. Überhaupt möge man einer zu gro.ssen 
(THeichförmigkeit entgegenarbeiten. In der Ausbildung der Eigenart liegt 
des Forschers, des Gelehrten uiul Lehrers Stärke. Bei den Deutschen ist 
die Eigenart der Forschenden und Lehrenden meist gut ausgeprägt; 
das sollte man unberührt lassen, um so mehr, als in der Union Alles 
zu einer gewissen Uniformirung drängt. 

Wenn wir nun heute in den westeuropäischen Cuiturstaaten auf 
dem Wissenschaftsfelde auch noch an erster Stelle stehen, so dürfen 
wir uns ja nicht in die angenehme Sicherheit einwiegen, dass das 
immer so bleiben werde. Amerikas wissenschaftlicher Capitalwerth, 
das habe ich vorhin zu zeigen gesucht, ist gleich dem unseren; es 
ist auf dem besten Wege, uns in der Pflege der Wi.ssenschaften voran 
zu gehen. Männer ersten Ranges mit Leistungen ersten Ranges hat 
es in ansehnlicher Zahl bereits hervorgebracht, über Nacht können 
deren mehrere kommen. Suchen wir da vor Allem in der Pflege 
der WissenscJiaften Amerika zur Seite zu bleiben. Geben wir den 
Amerikanern rückhaltlos zu, was sie Gutes und Besseres haben als 
wir, nehmen wir dieses von ihnen gern an. Wenn wir dann durcli 
unausgesetzt tüchtige Leistungen ihre Achtung und Beachtung uns be- 
wahren, dann werden wir auch auf dem Felde der Wissenschaften 
dazu beitragen, das natürliche Band zwischen Amerika mul Deutsch- 
land mehr und mehr zu festigen. 

Und nun noch ein wichtiger Punkt, der gerade in jetziger Zeit 
in den Vordergrund des Interesses gerückt ist. Bis heute sind die 
jungen Amerikaner zu uns gekommen, um von uns zu lernen; schon 
aber ist die Zeit angebrochen, in der auch die studirenden Deutschen 
und Europäer auf amerikanischem Boden nach P]rweiterung ihrer Bil- 
dung sich umsehen sollten. Dieser wissenschaftliche Verkehr von 
Person zu Person, von Universität zu Universität, von Akademie zu 
Akademie sollte nach Möglichkeit gefördert werden. Seien wir in 
der Aufnahme der Wissbegierigen und in der Darbietung alles dessen, 
wessen sie bedürfen , so liberal , wie sie es uns gegenüber sind ; lassen 
wir sie die Werke ihrer Arbeit auch in unseren Bibliotheken finden, 
wenigstens in der grossen Königlichen Bibliothek der Reichshauptstadt. 
Zeigen wir ihnen in allen Dingen, dass sie in Deutschland zu einem geistes- 
verwandten Volke kommen, unter dessen politischen und socialen Ein- 
richtungen sie sich auch mit ihren freien Anschauungen wohl fühlen 
können. Dasselbe gewähren sie ja auch uns, wie das Alle, die bei 



120 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

ihnen zu Gaste waren, nur rühmend sagen können. Den Männern der 
Wissenschaft bringen die Amerikaner gern eine werthschätzende Ge- 
sinnung und ein freundliches Willkommen entgegen. So können wir, 
auch unter voller Wahrung unserer Interessen und unserer Eigenart, 
"Vieles dazu beitragen, die Beziehungen zwischen beiden Völkern fest 
zu halten, ja inniger zu knüpfen. 

Wir müssen aber ferner dazu in Bezug auf Amerika dasselbe 
thun, was die Amerikaner für Deutschland machen: wir müssen 
ebenfalls durch persönliche Kenntnissnahme uns ein richtiges Urtheil 
von der wissenschaftlichen Arbeit der Amerikaner zu verschaffen 
suchen; wir müssen uns mehr als bisher an Ort und Stelle unter- 
richten. Wir werden dann manches uns jetzt befremdlich Erscheinende 
verstehen lernen, und beide Theile werden einander gerechter be- 
urtheilen. Es würde auch gar nicht schaden, wenn jährlich eine 
Anzahl deutscher Studirender an amerikanischen Universitäten ihre 
Bildung zu erweitern suchten. Auch für den schon seit mehreren 
Jahren verfolgten Plan, den jüngst unser Mitglied Hr. Harnack ein- 
gehender erörtert hat, von amerikanischen Forschern volle Vorlesungen 
an deutschen Universitäten und umgekehrt von deutschen an amerika- 
nischen halten zu lassen, möchte ich rückhaltlos eintreten und dessen 
Verwirklichung mit Freuden begrüssen. 

In der Association der Akademien ist ein weiteres Verknüpfungs- 
band gegeben; unsere Akademie ist den Wünschen der amerikanischen 
gelehrten Anstalten stets gern entgegen gekommen; mit nicht weniger 
als 44 ist ein regelmässiger Schriftenaustausch eingeleitet worden. 

Dies Alles sei in's Auge gefasst, weiter ausgebildet und verfolgt, 
um auf wissenschaftlichem Gebiete dem natürlichen Zuge gerecht zu 
werden , der uns auf die Vereinigten Staaten hinweist. Ich fühle mich 
nicht berufen, den Amerikanern Rath zu ertheilen, wie sie es mit 
uns in Zukunft halten sollten, denn ich weiss, dass sie, wenn wir 
auf der Höhe bleiben, die wir innehaben, auch keines Rathes be- 
dürfen; sie werden gern die alten Verbindungen auf den Pfaden der 
Wissenschaft aufrechterhalten und erweitern. 

Und denn, abgesehen von allem Andern, rein den Blick auf die 
Wissenschaft und deren Dienst gelenkt, wird mit solchem Verkehr 
nicht die edelste und höchste Mission erfüllt, welche der Wissenschaft 
zukommt: die Förderung und Hebung der Cultur von Volk zu Volk?! 

In diesem Gedanken begegnen wir aber wieder den Empfindungen 
und EntSchliessungen unseres allerhöchsten Protektors, des Kaisers 
und Königs, dessen Fest wir heute feiern. Er hegt, das hat die 
Geschichte seiner Regierung unzweideutig bewiesen, dieselben offenen 
und freundschaftlichen Gesinnungen für die transatlantische Republik, 



Waldeyer: Festrede. 121 

wie sein grosser Alinherr. Wir können keinen passenderen Fest- 
wunsch heute vorbringen, als den, dass das Erstrebte, im besten 
Sinne Segen spendend, für beide Völker sich erfülle! 

Aber noch einen anderen Wunsch haben wir heute auf dem 
Herzen, dem in aller Ehrerbietung treuen Ausdruck zu vei-leihen uns 
gestattet sein möge. Seine Kaiserliche Hoheit der Kronprinz des 
Deutsclien Reichs und von Preussen hat den Herzensbund mit der 
hohen Fürstin geschlossen, welche berufen sein wird, bei der ihm 
dereinst bestimmten hohen Aufgabe an seiner Seite im Leben zu 
stehen. Dem Kaiserlichen und Königlichen Brautpaare, des Holien- 
zoUernhauses Hofthung und Freude, Heil und Segen! 



Alsdann wurden die Jahresberichte über die von der Akademie ge- 
leiteten wissenschaftlichen Unternehmungen sowie über die ihr ange- 
gliederten Stiftungen und Institute erstattet. 



Sammlung der griechischen Inschrißen. 

Bericht des Hrn. von Wilamowitz-Moellendorff. 

Das abgelaufene Jahr macht für diese eälteste Unternehmung der 
Akademie Epoche, da mit dem i. April 1904 die Stelle eines wissen- 
schaftlichen Beamten für die griechischen Inschriften errichtet ist. Nicht 
nur unsere Akademie, sondern wer immer an den epigraphischen Studien 
Antheil nimmt, wird sich dafür der hohen Staatsregierung zu lebhaftem 
und dauerndem Danke verpflichtet fühlen. Berufen ist in die neue 
Stelle Hr. Prof. Dr. Freiherr Hillek von Gaektringen, der, mit dem 
Unternehmen seit Jahren verbunden, die Geschäfte des wissenschaft- 
lichen Beamten, soweit das anging, aus freiem Antriebe schon vor- 
her versehen hatte. Das Archiv ist in Wahrheit erst begründet, wenn 
auch in den alten Papieren bei ihrer Ordnung sogar Abschriften un- 
bekannter Steine entdeckt worden sind (vergl. Sitzungsber. vom 20. Oc- 
tober 1904), die fast 60 Jahre in der Verborgenheit geschlummert 
hatten. Das Excerpiren der Litteratur hat seinen Fortgang gehabt, 
die Scheden sind mit dem übrigen Bestände, namentlich an Abklatschen, 
zunächst in fünf Schränken auf einem Corridor der jetzigen interi- 
mistischen Bibliotheksräume der Akademie untergebracht: erst in dem 
Neubau des Akademiegebäudes kann dem Bedürfniss wirklich genügt 
werden. Erworben sind für das Archiv werthvoUe Abschriften, die 
Sitzungsberichte 1905. 11 



122 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

Hr. Dr. L. Büechner in München auf Samos, Cliios und Ikaria ge- 
nommen hatte. In erfreulicher Weise ist das Archiv von anderen In- 
stituten und auch von Privaten durch Zusendung von Abschriften und 
Separatabzügen epigraphischen Inhaltes schon jetzt unterstützt worden; 
es hat auch anderen ähnliche Dienste leisten können. Auf solchem 
Zusammenwirken muss dereinst seine Hauptbedeutung beruhen: möge 
Jeder, mehr der Nachwelt als der Mitwelt eingedenk, dazu helfen, 
dass es zu dieser Bedeutung gelange. 

Von den Inscriptiones Graecae ist erschienen Vol. XII Fase. 3 
Supplementum, die Nachträge, die namentlich die abschliessenden Aus- 
grabungen des Hrn. Hiller von Gaeetkingen auf Thera ergeben hatten. 
Der thessalische Band von Hrn. Kern ist in Druck gegeben; die Voll- 
endung ist aber für das nächste Jahr noch nicht zu erwarten. Zur 
Vorbereitung von zAvei weiteren Abtheilungen ist Messenien durch 
Hrn. Dr. Kolbe bereist worden; auf einer Reise in Lakonien befindet 
er sich eben jetzt. Die thrakischen Inseln und die nördlichen Sporaden 
hat Hr. Dr. Fredrich bereist, dem das vorgesetzte hohe Ministerium 
einen Urlaub von neun Monaten gewährt hatte; auch hierfür haben wir 
lebhaft zu danken. Denn bei der Energie unseres Mitarbeiters gewährte 
der Urlaub Zeit auch für die Ausnutzung der Museen von Wien, Con- 
stantinopel und Paris, so dass weitere Reisen für diese Abtheilung 
hoftentlich gar nicht mehr erforderlich sein werden. Beide Herren 
haben über die Ergebnisse in den Sitzungsberichten vom 12. Januar 
d. J. Rechenschaft abgelegt. 

Ein weiterer Band ist noch nicht in Bearbeitung genommen, 
theils mit Rücksicht auf die verfügbaren Mittel, tlieils weil Hr. Huxer 
VON Gaertringen in Einverständniss mit der Commission die durch den 
Tod des Dr. von Prott verwaisten Inschriften von Priene für die Königl. 
Museen zu bearbeiten übernommen hat. Dies war die dringendste 
Aufgabe der Epigraphik, und wissenschaftliche Institute dürfen keinen 
Ressortpati'iotismus kennen. 

Sammlung der lateinischen Inschriften. 

Bericht des Hrn. Hieschfeld. 

Zu den stadtrömischen Inschriften (VI) hat Hr. Hülsen ein Sujaple- 
ment vorbereitet, das im nächsten Jahre in der Ephemeris epigraphica 
zum Druck gelangen soll. Die Vorarbeiten zu den Indices sind unter 
Hrn. Dessau 's Leitung so weit gefördert, dass die Ausarbeitung binnen 
Kurzem beginnen kann. 

Die Indices zum XI. Band (Mittelitalien), deren Druck bereits im 
vergangenen Jahre begonnen hatte, sind im Manuscript von Hrn. Bor- 



Berichte über die wissen.sehaftliclieii Unterneliniungcn der Akademie. 123 

MANN mit Benutzung der von den HH. Bürcklkin (f) in Berlin und 
Keune in Metz gelieferten Vorarbeiten fest vollständig fertiggestellt, 
so dass der Abschluss des ganzen Bandes in diesem Jahre erliofl't 
werden kann. 

Von den gallisch -germanischen Inschriften (XIII) ist der Schluss- 
fascikel der ersten Abtheilung, Gallia Belgica umfassend, in der Re- 
daction der HH. Hirschfeld imd von Domaszewski im Sommer er- 
schienen. Die Inschriften von Obergermanien (XIII, 2, i), deren Be- 
arbeitung Hr. Zangemeister vor fest dreissig Jahren begonnen und in 
unablässiger Arbeit zum grossen Theil vollendet hatte, hat Hr. von Do- 
maszewski, der ihm bereits vor seinem Tode hülfreich zur Seite ge- 
standen hatte, energisch zu Ende geführt, so dass der Band soeben 
zur Ausgabe gelangen konnte. Den Anfang desselben bildet die von 
Theodor Mommsen besorgte Neubearbeitung der Schweizer Inschriften, 
die bereits vor fünfzehn Jahren abgeschlossen war. Die Drucklegung 
der Inschriften von Untergermanien (XIII, 2, 2) hat Hr. von Domaszewski 
bereits begonnen; gleichzeitig ist die Bearbeitung der wichtigen Ziegel- 
inschriften Germaniens in Angriff genommen worden. So dürfen wir 
lioft'en, dass dieser für die Vorgeschichte Deutschlands so bedeutsame 
Band in wenigen Jahren zum Abschluss kommen werde. 

Für das gallisch -germanische Instrumentum (XIII, 3) hat Hr. Boiin 
auch in diesem Jahre eine längere Revisionsreise nach Nordfrankreich, 
Belgien und Holland unternommen und die Stempel- und Glasinschriften 
zum Druck gebracht. Die Sammlung der im ganzen römischen Reich 
gefundenen Augenarztstempel hat inzwischen Hr. Esperandieu in Paris 
mit Namen- und Sachregister im Druck beendet. Hr. Bohn liegt die 
Hottnung, das gesammte Instrumentum im Laufe dieses Jahres ab- 
zuschliessen. 

Den Druck der dritten Abtheilung des XV. Bandes (Instrumentum 
der Stadt Rom) zu fördern ist Hrn. Dressel in diesem Jahre nicht 
möglich gewesen. 

Die Neubearbeitung der re})ublikanischen Inschriften (P) liat 
Hr. LoMMATzscH in Freiburg im Manuscrijit fertiggestellt und mit der 
Drucklegung begonnen. Auf Bitte der Akademie hat der Director der 
Ecole Francaise in Athen Hr. Holleaux eine grössere Anzahl vortreff- 
licher Photograjihien und Abklatsche rejiublikanischer Inschriften aus 
Delos und Delphi zu übersenden die Güte gehabt und dadurch unserem 
Unternehmen einen werthvollen Dienst erwiesen. Um die Beschaffung 
von Vorlagen zur Reproduction der in Italien befindlichen republika- 
nischen Inschriften hat sich Hr. Hülsen mit freundlicher Unterstützung 
von Hrn. Vaglieri in Rom bemüht. 

Von den Pompejanischen Inschriften (IV. Supplementband) hat 

11* 



124: Öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

Hr. Mau die Steinmetzzeiohen und die Amphoreninschriften zum Druck 
gebracht. Die Addenda und die Indices sind in Vorbereitung. 

Der dritte Fascikel des VIII. Supj)lementbandes (Africa), die In- 
schriften Mauretaniens, der africanischen Meilensteine und des Instru- 
mentums enthaltend, ist von den HH. Cagnat und Dessau zu Anfang 
des vergangenen Jahres herausgegeben worden. Zur Revision der 
massenhaften während des Druckes in Africa geftmdenen Inschriften 
luid älterer nicht ausreichender Copien hat auf Antrag des Hrn. Cagxat 
das französische Unterrichtsministerium Hrn. Merlin in Paris mit einer 
Bereisung Tunesiens beauftragt, die zum Theil bereits in diesem Herbst 
ausgeführt worden ist und im Frühjahr auf die angrenzenden Gebiete 
Algeriens ausgedehnt werden soll. Für das übrige Algerien hat Hr. Gsell 
in Algier seine Mitwirkimg freuniilichst zugesagt und bereits werth- 
volle Materialien Hrn. Cagnat zur Verfugung gestellt. Diese energische 
Förderung des gemeinsamen "Werkes begrüsst die Akademie mit be- 
sonderem Dank. 

Das unter Leitung des Hrn. Dessau stehende epigraphische Archiv 
auf der Königl. Bibliothek hat einen Zuwachs durch die oben er- 
wähnten Abklatsche archaischer Inschriften erfahren : weitere Ergän- 
zungen werden sich bei Fortgang der Neubearbeitung der repubUka- 
nischen Inschriften ergeben. Leider macht sich der Raummangel in 
immer höherem Grade fnhlbar. Der Benutzimg wird das Archiv wie 
bisher am Dienstaa: von 1 1 — i Uhr offen stehen. 



Aristoteles - Commentare. 
Bericht des Hrn. Diels. 

BandVm, Simplicius in Categorias, konnte auch im vertlossenen 
Jahre nicht ausgegeben werden, da der Bearbeiter, Prof. K.\lbfleisch, 
noch weiter behindert war, den Index fertigzustellen. Dagegen ist 
Band XVIII 2, David Einleitungsschriften, herausgegeben von A. Bisse. 
und XXII 2. 3Iichael Ephesius de partibus animalium etc.. heraus- 
gegeben von M. Hatdick, erschienen. Band XIII 2, Joannes Philo- 
ponus in Analytica Priora , bearbeitet von M. ^^'ALLIEs . ist im Drucke 
regelmässig fortgeschritten. 

So bleiben von der ganzen Sammlung neu zu bearbeiten noch 
zwei Hefte Xm 3. Philoponus in Posteriora. und XXI i. Eustratius in 
Posteriora. Mit diesen beiden Commentaren, deren Herstellung noch 
zwei Jahre beanspruchen dürfte, wird das Corpus abgeschlossen sein. 



Berichte üLer die wissenscliaftlichen Unternehmungen der Akademie. 125 

Prosopographie der römischen Kaiser%^t. 

Bericht des Hrn. Hirschfelü. 

Die Drucklegung des noch ausstehenden Schlussbandes, der die 
Listen der Consuln und der Magistrate nebst den Nachträgen um- 
fassen soll, hat auch in diesem Jahre von den HU. Klebs und Dessau 
nicht in Angrifi" genommen werden können. 

Politische Correspondenz Frieurich's des Grossen. 

Bericht der HH. Schmoller und Koser. 

Hr. VoLz hat die Sammlung in ihrem 30. Bande bis zum 28. Fe- 
bruar 1771 geführt. Unter den politischen Vorgängen, auf die sich 
der reiche Inhalt des neuen Bandes bezielit, sind hervorzuheben: der 
Gegenbesuch des Königs von Preussen bei Kaiser Joseph II. zu Mäh- 
risch -Neustadt im September 1770 und die Abreden zwischen beiden 
Herrschern gegenüber dem russisch -türkischen Kriege; der auf Ein- 
ladung der Kaiserin Katharina II. in Petersburg abgestattete Besuch 
des Prinzen Heinrich von Preussen (October 1770 bis Januar 1771) 
und die unter Mitwirkung des Prinzen geführten Verhandlungen wegen 
einer von der hohen Pforte angerufenen, von Russland aber nur mit 
Vorbehalt angenommenen preussisch -österreichischen Friedensvermitte- 
lung und wegen der Herbeiführung des Ruhestandes in Polen; end- 
lich die Anfänge der Action, die zu der ersten Theilung Polens führte: 
die Besetzung polnischer Grenzgebiete durch Österreich , die darauf von 
russischer Seite an den Prinzen Heinrich gerichtete Aufforderung, dass 
Preussen dem österreichischen Bei.spiel folgen möge, und die Auf- 
nahme dieser Anregung durch König Friedrich bei der Rückkehr des 
Prinzen Heinrich (Ende Februar 1771). 

Griechische Münzwerke. 

Bericht des Hrn. Dressel. 

I. In der Bearbeitung des nordgriechischen 3Iünzwerkes sind 
während des vergangeneu Jahres keine erheblichen Fortschritte zu ver- 
zeichnen. 

Besonders der macedonische Band, dessen Redaction Hrn. 
Gaebler obliegt, ist nicht so gefördert worden, wie zu hoffen war; 
von den schon seit mehreren Jahren im Satze befindlichen 7 bis 
8 Bogen wurden nur zwei gedruckt. Dagegen sind die für diesen 
Band bestimmten 40 phototypischen Tafeln, deren Zusammenstellung 
Hr. Imhoof- Blumer übernommen hatte, fertig. 



126 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

Für die moesischen Münzen hat Hr. Regung das im zweiten 
Theil des I. Bandes nocli zu veröffentlichende Material soweit ver- 
arbeitet, dass die Bereisung der Sammlungen der Balkanläuder (Sofia, 
Adrianopel, Philijjpopel, Bukarest, Belgrad) sowie in Budapest und 
Wien für die nöthigen Revisionen und für die Aufnahme der Nach- 
träge zum ganzen Bande im nächsten Frühjahr erfolgen kann. 

Auf die Bearbeitung der ersten Hälfte der thracischen Münzen 
hat die Berufung des Hrn. Strack nach Giessen ungünstig eingewirkt. 
Immerhin ist die Zusammenfassung und Verarbeitung der Zettel für 
die Revisionen in der Hauptsache beendet, so dass die für diesen Theil 
zunächst in Betracht kommenden Münzsammlungen der Balkanländer 
in diesem Frühjahr besucht werden können. — Für die zweite Hälfte 
der thracischen Münzen war Hr. Münzek besonders durch amtliche 
Pflichten behindei't, die Arbeiten in der gewünschten Weise zu fördern. 
Doch wird die Durcharbeitung der Zettel voraussichtlich bis zum Früh- 
jahr noch soweit gedeihen, dass Hr. Münzer zum Besuch der Balkan- 
sammlungen sich den IIH. Reglini; und Strack wird anschliessen 
können. 

II. Über den Stand der Vorarbeiten zum kleinasiatischen Münz- 
werk ist Folgendes zu berichten: 

Hr. KuBiTSCHEK hat die Redaction des k arischen Münzbandes 
dem Abschluss nahe gebracht, das Material für die Einleitungen zu 
den einzelnen Städten gesammelt und während eines fünfwöchigen 
Aufenthaltes in Paris das Cabinet des medailles für Karlen und einen 
kleinen Theil von lonien und Phrygien sowie den reichen Bestand 
der Münzhandlung Rollin et Feuardent für das ganze von ihm zu 
bearbeitende Gebiet aufgenommen. Die Arbeit im Pariser Münz- 
cabinet wurde vom Director Hrn. Babelon durch Gewährung beson- 
derer Erleichterungen und einer gro.ssen Anzahl von Gipsabgüssen 
wesentlich gefördert, wofür die Commission ihm zu grossem Danke 
verpflichtet ist. Der Druck des Bandes wird in diesem Jahre be- 
ginnen, sobald die Aufnahme der in Athen beflndlichen karischen 
Münzen erfolgt sein wird. Die Excerpte für ganz Kleinasien sind 
auch im verflossenen Jahre unter der Aufsicht des Hrn. Kubitschek 
fortgeführt worden. 

Hr. Heberdey konnte, durch seine amtliche Thätigkeit in An- 
spruch genommen, die Vervollständigung des Materials für den lyci- 
schen Münzband nicht fortsetzen. 

Die Verarbeitung des im Vorjahr fiir die Münzen von Mysien 
und Troas neu hinzugekommenen Materials hat Hr. von Fritze zu 
Ende geführt, darauf die Sammlungen Deutschlands besucht und den 
nicht unbedeutenden Ertrag nebst zahlreichen Abdrücken eingereiht. 



4 



Berichte über rlie wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 127 

Auch auf diesen Reisen wurden für die übrigen Mitarbeiter am akade- 
mischen Münzwerke zahlreiche Desidcrata erledigt und Abdrücke an- 
gefertigt. Ende November hat Hr. von Fritze die Bereisung der west- 
europäischen Sammlungen begonnen. 



Acta Borussica. 

Bericht der HH. SonMOLLEE und Koser. 

Die Briefe König Friedrich Wiliielm's I. an den Fürsten Leopold 
zu Anhalt- Dessau liegen nun mit einer Einleitung des Herausgebers 
Prof Dr. Krauske gedruckt vor und werden noch im Laufe des Monats 
Januar ausgegeben werden können. Die Commission freut sich, da- 
mit der Welt ein ganz eigenartiges Denkmal fürstlicher Schriftstellerei 
und Freundschaft übergeben zu können. Die Einleitung Krauske's 
zeigt, wie werthvoll die Briefe für die Verwaltungs- und Hofgeschichte, 
für das persönliche Verständniss der leitenden Generale und Minister, 
ihre Beziehungen unter einander und zum Könige sind. Der grosse 
Kampf zwischen Leopold von Dessau und Grumbkow erhält hier zum 
ersten Mal eine ganz zuverlässige Darstellung. Hauptsächlich aber 
bekommt das psychologische Bild des Königs selbst durch seine Briefe 
einen ganz individuellen Charakter; man sieht durch sie gleichsam in 
alle Spalten seines Herzens und seines Charakters hinein. 

Der Band Vll der inneren Staatsverwaltung, der in den Händen 
von Prof. Dr. Hintze liegt, ist fertig gedruckt; er umfasst die Zeit 
vom Januar 1746 bis Mai 1748, also den Höhepunkt von Cocceji's 
Reformen und die Neuredigirung der grossen Instructionen für das 
Generaldirectorium und die Kriegs- und Domänenkammern; das von 
dem verstorbenen Dr. Bracht begonnene Register hat Hr. Taege fertig- 
gemacht. Vom Bande VIII der inneren Staatsverwaltung (von Juni 1748 
an) liegen auch schon 29 Bogen vor, welche sich hauptsächlich auf 
die Durchführung der Justizreform, den Erlass des Ressortreglements 
und die Verfassungsveränderung in Ostfriesland beziehen. 

Dr. Stolze hat seine Bearbeitung der Acten der inneren Verwaltung 
von 1724 bis 1740 fortgesetzt. Der Band, welcher die Jahre 1723 
bis 1730 umfasst, liegt nahezu druckfertig vor. Für Prof. Dr. Wilhelm 
Naude und die Fortführung der Getreidehandelspolitik haben wir noch 
keinen Ersatz gefunden. Dagegen ist am i . December Dr. Rachel als 
Mitarbeiter eingetreten, welcher Hrn. Schmoller in der Bearbeitung der 
Handels- und Zollpolitik unterstützen soll. An diese grosse Aufgabe 
will die Commission nun herantreten. Auch an die Wiederaufnahme der 
Arbeiten über die Bergwerksverwaltung und -industrie des 18. Jahr- 



128 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

liunderts denkt die Commission; die Verhandlungen über den zu ge- 
winnenden Mitarbeiter sind noch nicht abgeschlossen. 

Das zweite Heft der Münzbeschreibung (mit den Münzen Fried- 
rich's des Grossen) und der erste Theil der Münzgeschichte (Dar- 
stellung und Acten von 1701 bis 1740 enthaltend), beide von Dr. 
Frhr. VON ScHRÖTTER, konnten im October 1904 ausgegeben werden. 
Der letztere Band enthält auch eine Darstellung und die wichtigsten 
Acten der Münzgeschichte von 1667 bis 1700, die Epoche der grossen 
Danckelmann-Knyphausen' sehen Münzreform. Die Zeit von 1700 bis 
1740 bezeichnet für das preussische Münzwesen an sich keinen Fort- 
schritt; sie bereitete nur die Reformen Friedeich's des Grossen vor. 
Der Werth unserer Münzgeschichte liegt darin, dass hier zum ersten 
Male der Numismatiker sich mit dem auf die Archivschätze gestützten 
Wirthschaftshistoriker zu einer einheitlichen Leistung verband. 

Thesaurus linguae laünae. 

Bericht des Hrn. Diels. 

Im abgelaufenen Jahre wurden fertiggestellt Band I Bogen 90 bis 
112, Band II Bogen 85 — 105 (wozu noch die 14 Bogen starke Citir- 
hste kommt), also zusammen 58 Bogen. Band I A — Am wird in eini- 
gen Wochen voraussichtlich vollendet sein , dagegen zieht sich der Ab- 
schluss von Band II wegen des Buchstabens B hinaus, der zwar arm 
an gewöhnlichen Wörtern, aber besonders reich an Eigennamen ist. 
Es kommen hier 67 Kasten voll Zetteln mit Eigennamen auf nur 40 
sonstiger Wörter, ein ganz ungewöhnliches Verhältniss. 

Um nach Abschluss der beiden ersten Bände, bei denen viele 
Einrichtungen erst die Probe zu bestehen hatten, definitiv Maass, Zeit 
und Kosten des Ganzen festzulegen, wurden verschiedenartige Berech- 
nungen angestellt und eingehend von der im Juni in München ver- 
sammelten interakademischen Commission erörtert. Es ergab sich, dass 
wenn der ursprüngliche Plan durchgeführt werden soll, nicht unbeträcht- 
liche Kürzungen in Anlage und Ausführung der Artikel eintreten müssen. 
Besonders muss die Behandlung der Eigennamen , die nur nach ihrer 
sprachlichen Seite hin den Thesaurus angehen, auf das kürzeste Maass 
reducirt werden. Die Commission hat eine genaue Instruction an die 
Mitarbeiter erlassen, damit bei Zeiten verhütet werde, den Thesaurus 
latinus in die gemächliche Breite ausarten zu lassen, die bei fast allen 
neueren deutschen Unternehmungen ähnlicher Art als gefahrdrohen- 
der iTbelstand empfunden wird. Ob die getroffenen Reglements aus- 
reichen werden, eine straffere Gestaltung des allerdings übermächtigen 
Stoffes herbeizuführen, werden die nächsten Jahre lehren. 



Bei-ichte über die wissenschaftlichen Untemehmungen der Akademie. 129 

Eine nothwendige Voraussetzung gedeihlicher Arbeit ist, dass sicli 
weiter die geeigneten Arbeitskräfte in dem Münchner Bureau zusam- 
menfinden. Gerade das verflossene Jalir hat unter einem höchst un- 
erfreulichen Personalweehsel schwer zu leiden gehabt. Da die Finanzen 
des Thesaurus nicht gestatten, die älteren, erprobten Mitarbeiter durch 
Gewährung bescheidener Zulagen dauernd zu fesseln, sind einige ge- 
rade der tüchtigsten Kräfte ausgeschieden. Trotzdem ein älterer ame- 
ricanischer Gelehrter Dr. A. Gudeman und ferner Dr. Bürger neu ein- 
traten, konnten 3 der vorgesehenen Stellen noch nicht wieder besetzt 
werden. P]s ist zu wünschen, dass dieses Jahr die Lücken schliesst, 
da sonst der Fortgang des Unternehmens ernstlich in Frage stellt. 

Höchst dankenswerther Förderung hat sich der Thesaurus auch im 
abgelaufenen Jahre von Seiten der deutschen Regierungen und Akade- 
mien zu erfreuen gehabt. Ausser ihren regulären erheblichen Bei- 
trägen (25000 Mark) gingen an aussergevvöhnlichen Zuschüssen ein von 
Seiten der preussischen Regierung 2400 Mark (aus Stipendien), von 
Baden 600 Mark, Hamburg 1000 Mark, Elsass- Lothringen 500 Mark, 
Württemberg 700 Mark, von der Berliner und Wiener Akademie je 
1000 Mark. Auch kam durch erneutes Steigen der Abonnentenzahl 
(sie beträgt jetzt 1622) vertragsmässig eine bedeutende IMehrzahlung 
des Verlags der Thesauruskasse zu Gute. Trotzdem ist die Finanz- 
lage des Unternehmens noch immer nicht befriedigend. 

Ausgabe der Werke von Weierstrass. 

Die Herstellung der Druckvorlage für die »Vorlesungen über ellip- 
tische Functionen« ist fortgeschritten, der Beginn des Drucks aber erst 
im Jahre 1905 zu erwarten. 

Käst- Ausgabe. 

Bericht des Hrn. Dilthey. 
In der Abtheilung der Werke ist Band III (Kritik der reinen Ver- 
nunft) erschienen, Band II (Vorkritische Schriften II) wird in diesen 
Tagen ausgegeben. Band V und VII sind im Druck. In diese Ab- 
theilung sind als Mitarbeiter die HH. Wobbermin und Köhler einge- 
treten. 

Ihn Saad- Ausgabe. 

Bericht des Hrn. Sachau. 
Im Laufe des verflossenen Jahres sind die ersten drei Bände 
arabischen Textes mit Anmerkungen und Einleitungen erschienen, die 
Bände III. i, HI. n und VIII, die ausser von dem Berichterstatter von 



130 öffentliche Sitzung vom "26. Januar 1905. 

Hrn. Dr. Josef Horovitz, Berlin und Hrn. Prof. Dr. Karl Brockelmaxn, 
Königsberg, herausgegeben sind. Es ist mir eine Freude den ge- 
nannten beiden Herren, welche selbstlos, um der Wissenschaft zu 
dienen, uns ihre Mitarbeit geliehen haben, an dieser Stelle den Dank 
der Akademie auszusprechen. 

Was die Fortsetzung betrifft, so habe ich die Elire zu berichten, 
dass A'ier weitere Bände gegenwäi-tig gedruckt werden, die Arbeiten 
der HH. Prof. Dr. Zetteksteen (Upsala), Prof. Dr. Lippert (Berlin), 
Prof Dr. Meissner (Breslau) und Dr. Mittwoch (Berlin) und dass sie 
zum grössten Theil noch in diesem Jahre zur Ausgabe gelangen wer- 
den. Unter diesen giebt Band I. i den ersten Theil der Biogi-aphie 
Muliammed"s. Zur Vollendung der Ausgabe sind dann noch drei 
weitere Bände erforderlich, welclie gegenwärtig von den HH. Zettek- 
steen, Horovitz und Prof. Dr. Schwally (Giessen) bearbeitet werden 
und Avahrscheinlich noch im Laufe dieses Jahres der Druckerei über- 
geben werden können. 



Wörterbuch der ägyptischen Sprache. 

Bericht des Hrn. Erman. 

Auch im abgelaufenen Jahre hat unser Unternehmen wesentliche 
Fortschritte gemacht, trotzdem das letzte Halbjahr zum grössten Theil 
auf Vorarbeiten zu den Collationen in Ägypten verwendet wurde. Die 
Zahl der verzettelten Stellen betrug 6202, die der alphabetisirten 
Zettel I 273 10. Es sind somit bisher im Ganzen verzettelt 26S74 Stellen 
und alphabetisirt 469685 Zettel. Dazu treten noch etwa 61500 Zettel, 
die schon gedruckt aber noch nicht alphabetisirt sind, so dass die Zahl 
der fertiggestellten Zettel sich auf rund 530000 beläuft. 

Da das Sammeln des Materials soweit fortgeschritten war, empfahl 
es sich, probeweise einen kleineren Theil desselben zu verarbeiten, um 
dadurch ein Urtheil über das bisher Erreichte und den weiteren Gang 
des Unternehmens zu gewinnen. Es wurden zunächst so die mit ki 
beginnenden Worte verarbeitet; das Resultat übertraf unsere eigenen 
Erwartungen, denn aus dem gesammelten Material Hessen sich die 
Bedeutung und Entwicklung der meisten dieser Worte schon mit 
Sicherheit darlegen, und der Fortschritt gegenüber unseren bisherigen 
lexikalischen Kenntnissen zeigte sich als ein überraschend grosser. Auch 
für grammatische, historische und religionsgeschichtliche Fragen bietet 
das gesammelte Material eine reiche Fundgrube und gewährt schon 
jetzt, obgleich es kaum im Rohen geordnet ist, sehr merkwürdige 
Aufschlüsse. 



Berichte über die wissenschaftlichen Untemehinunfi;en der Akademie. IHl 

Auch die grossen Lücken, die unser Material noch aufweist, be- 
gannen sich in diesem Jahre zu füllen. Für die thebanischen Tempel 
wurde ein Theil, der sich nach Publicationen bearbeiten liess, von 
den HH. Gaediner, Roeder und Sethe erledigt, ein anderer wurde 
soweit vorbereitet, dass Hr. Prof. Sethe auf der Reise, die er jetzt 
angetreten hat, es kollationiren kann. Durch dieselbe Reise hoffen 
wir auch die wesentlichsten Inschriften der thebanischen Privatgräber 
und weiteres Material aus dem Museum zu Kairo zu erhalten. 

Noch wichtiger war, dass dank dem im vorigen Berichte erwähnten 
Zuschuss der Akademie nun auch die Tempel der griechisch-römischen 
Zeit ernstlicli in Angriff genommen werden konnten. Es zeigte sich 
dabei, dass die Priester des sj)ätesten Ägypten unserer Aufgabe gleich- 
sam vorgearbeitet liaben; sie liatten offenbar die seltenen Worte aus 
allen Epochen ihrer dreitausendjährigen Litteratur gesammelt, um ihre 
Insciiriften damit zu schmücken. Und da sie weiter es lieben, ein- 
und dieselbe Inschrift mehrfach in verschiedenem Wortlaut niederzu- 
schreiben, so erleichtern sie uns damit auch die Ermittelung der Be- 
deutungen. Ohne diese Inschriften der griecliischen Zeit würden wir 
unsere Aufgabe überhaupt nicht durchführen können. 

Im Einzelnen wurden folgende Texte verarbeitet: 

Religiöse Litteratur: die Rituale des Tempelkultus wurden 
nach dem Tempel von Abydos und nach den Berliner Handschriften 
fertiggestellt. (Hr. Roeder.) — Das grosse und das kleine Amduat 
wurden begonnen. (Graf Schack.) 

Neuägyptische Litteratur: der große Papyrus Harris, der 
lexikalisch so wichtig ist, konnte nach längeren Vorarbeiten der HH. 
Erman und Steindorff verzettelt werden. (Hr. Wreszinski.) — der 
Papyrus Anastasi I. (Hr. Gardiner.) — der Papyrus der Nes-chons und 
die anderen dazugehörigen Texte. (Hr. Gardiner.) 

Tempelinschriften: der Ramse.stempel von Abydos. (Hr. Wre- 
szinski.) — Die Tempel von Karnak konnten auch in der Verzettelung 
sehr weit gefördert werden, so dass z. B. die Inschriften des Haupt- 
baues des Amonstempels fast fertiggestellt sind. (Hr. Gardinee, Hr. 
Roeder.) — Tempel von Gurna. (Hr. Sethe.) — Ramesseum. (Hr. 
Roeder.) — Tempel der Memnonskolosse. (Hr. Sethe.) — Die Fest- 
kalender von Medinet Habu und andere Inschriften daher. (Hr. Wre- 
szinski, Hr. Gardiner.) 

Gräberinschriften: die in Lepsius, Denkmäler II veröffentlich- 
ten Gräber und das Grab des Ptah-hotep wurden fertiggestellt. (Hr. 
Roeder.) — Gräber von Beni Hassan, Der el Gebrawi und Der Rife. 
(Hr. Roeder.) 

Geschäftliche Texte: Papyrus Salt. (Hr. Gardiner.) — Pa- 



132 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

pyrus Amherst und kleine Texte. (Hr. Gardinek.) — Inschrift des Mes. 
(Hr. Gakdiner.) 

Einzelne Inschriften und Denkmäler in Museen: die In- 
scliriften von Hammamat. (Hr. Gardiner.) — Die des Wazmose (Hr. 
Gardiner.) — Adoption der Nitokris. (Hr. Gardiner.) — Ptolemäisclie 
Stelen. (Hr. Sethe.) — Die Inschriften von München. (Hr. Gardiner.) 
— Die von Capart veröffentlichten Texte verschiedener Museen. (Hr. 
Gardiner, Hr. Roeder.) 

In Arbeit befinden sich : Inschriften des British Museum und an- 
derer Londoner Sammlungen. (Hr. Gardiner.) Die Inschriften des 
Louvre, der Bibliotheque nationale und des Musee Guimet. (Hr. 
Wreczinski, Hr. Madsen.) — Florenz. (Hr. Wreszinski.) — Kairo, 
Stelen des mittleren Reiches. (Hr. Madsen.) 

Inschriften der Tempel griechisch-römischer Zeit: Das 
Untergeschoss von Dendera mit Ausnahme der Treppen und ein Theil 
der Krypten. (Hr. Junker.) 

An der Verzettelung arbeiteten die HH. Junker vuid Roeder als 
ständige Mitarbeiter, sowie die HH. Gardiner, Madsen, Graf Schack, 
Sethe und Wreszinski. An dem Einlegen aus dem provisorischen Al- 
phabet in das definitive arbeitete Prof. Sethe während einiger Wochen. 
Die anderen Nebenarbeiten wurden von den HH. Bollacher, Rusch, 
Vogelsang und von Frl. Morgenstern erledigt. 

Auch in diesem Jahre wurden wir durch Mittheilung von Ab- 
schriften und Photographien interessanter Texte von verschiedenen 
Seiten unterstützt, insbesondere von den HH. Dr. Borchardt, Carter, 
A. H. Gardiner, P. E. Newberry, Prof. Schäfer , Prof. Sgulmero , Prof. 
Spiegelberg, Prof Steindorff und von dem Museum in Varzy. Anderer- 
seits konnten wir selbst die Arbeiten deutscher und ausländischer 
Gelehrten durch Auskunft über einzelne Worte und Namen fördern. 



Index! rei militaris imperii Romani. 

Bericht des Hrn. Hirschfeld. 

Hr. Ritterling ist leider auch in diesem Jahr durch andere Pflich- 
ten an energischer Förderung der Arbeit verhindert worden. 

Codex Theodosianus. 

Bericht des Hrn. Diels. 

In dem abgelaufenen Jahre ist die von Theodor Mommsen noch 
selbst im Druck fast vollendete Ausgabe (Bandl, Theodosiani libri XVI 



Berichte über die wissenscliaftlichen Uiiterneliniungen der Akademie. 133 

cum coiistitutionibus Sirmondianis , pars prior die Prolegomena, pars 
])osterior den Text mit Apparat enthaltend) von der VVeidmann'sclien 
Buchhandlung ausgegeben worden. Den vorletzten Platz der Prole- 
gomena p. cccvn — cccLxxvn nimmt die von Prof. von Wretsciiko 
in Innsbruck verfasste Abhandlung: De usu breviarii Alariciani forensi 
et scholastieo per Hispaniam Galliam Italiam regionesque vicinas ein. 
Den Druck der Prolegomena Mommsen's haben von p. clxxxv an 
Dr. Paul Meyer in Berlin und Prof. 0. Seeck in Greifswald überwacht. 
Die Zusammenstellung und Erläuterung des palaeographisclien Atlas 
(Theodosiani etc. tabulae sex), der gleichzeitig ausgegeben worden ist, 
verdanken wir Prof. L. Traube in München. 

Die Drucklegung des zweiten Bandes (Leges Novellae ad Theo- 
dosianum pertinentes), dessen Bearbeitung Dr. P. Meyer übernommen 
hat, geht ihrem Ende entgegen. Der Text sammt Apparat ist voll- 
ständig ausgedruckt : der grösste Theil der Prolegomena liegt im druck- 
fertigen Manuskript vor. Der Herausgeber hoift, dass in wenigen 
Monaten das Ganze im Druck vollendet vorliegen wird. 



Geschichte des FLvsfernhimmels. 

Bericht des Hrn. Auwers. 

Die Eintragung der Catalogörter befand sich am Ende des Berichts- 
jahres noch wie am Anfang desselben bei der Epoche 1875. Aus den 
auf Aeq. 1875 gestellten Catalogen wurden rund 136000 Sternörter aus- 
gezogen, ausserdem aus dem für Aeq. 1880 aufgestellten, der Epoche 
nach aber gleichfalls zu 1875 gehörigen Cap-Catalog, aus dem Mel- 
bourner Catalog für 1880 und einem nachträglich hinzugekommenen 
altern Catalog 15000 Oerter, überhaupt also im Lauf des Jahres 15 1000. 
Die Gesammtzahl der auf den Zetteln eingetragenen Catalogörter be- 
läuft sich jetzt auf 747000. 

Der Druck des von Dr. Ristenpart angelegten Fehlervorzeichnisses 
hat begonnen und ist bis zur Epoche 1825 vorgeschritten. Der Um- 
fang wächst bedeutend über die ursprüngliche Schätzung hinaus, in- 
dem der gedruckte Theil bereits 13 Bogen umfasst und hierin für Ep. 
1825 das grosse zu dem ARGELANOER'schen hinzutretende, z. Th. von 
Schönfeld herrührende, Fehlerverzeichniss zu den BESSEL"schen Zonen 
noch nicht enthalten ist. Die Redaction des Ms. für den Druck ist 
weiter bis zur Epoche 1860 vollendet. 

In die mit der Leitung des Unternehmens betraute Commission 
ist Hr. Strüve als neues Mitglied eingetreten. 



134 Öffentliolu- Sit/.uiiü, vom -JH. Januar 1 DOS. 

Das T/iierreicfi. 

Bericht von Hrn. F. K. SrnuLZE. 

Als zwanzigste Lieferung des »Tliierreich's« ist im August des ver- 
llossenen Jahres erschienen die Bearbeitung der Schnurwürmer, 
N&mertini, von Ilrn. Prof. Otto Bürger in Santiago in Chile. 

Im Druck befinden sich folgende Lieferungen: der erste Theil 
der Amphipoden, einer Gruppe von Krebsthieren, in englischer 
Sprache, bearbeitet vom Reverend T. U. R. Stebbing (Tunbridge Wells), 
ferner die Schmetterlingsfamüie der IIelict)nier, bearbeitet von Hrn. 
H. Stichel (Hagen) und Hrn. IL Rifi artu (Berlin), und drittens der erste 
Theil der Strudehvürmer, TnrheUaria, \o\\ Hrn. Prof. L. von Gr äff 
(Graz in Steiermark). 

Diese Aufzählung des Geleisteten würde ein unvollständiges Bild 
von den Arbeiten des verllossenen Jahres geben, wenn nicht der 
Thätigkeit gedacht würde, Avelche die Leitung des Unternehmens der 
internationalen Regelung der zoologischen Nomenclatur zu 
widmen hatte, und welche gerade im Berichtsjahr einen ganz erheb- 
lichen Aufwand an Arbeitskraft und Zeit beanspruchte. Um die Be- 
deutung und Nothwendigkeit dieser Thätigkeit verständlich zu machen, 
sei es mir gestattet, auf die Wichtigkeit hinzuweisen, welche die Be- 
nennung der Thi er formen für das Gelingen des ganzen Werkes 
besitzt. 

Es kommt darauf an. in der wissenschaftlichen Benennung der 
Thicre eine Einigung herbeizutviliren, die bei dem fortschreitenden 
Ausbau des Systems und der damit Hand in Hand gehenden Ver- 
mehrung der Synonymie zu einem dringlichen Bedürfniss jedes Zoologen 
geworden ist. Es ist klar, dass das angestrebte Ziel nur dann er- 
reicht werden kann, wenn die leitenden Grundsätze, die als mass- 
gebend liii" die gültige Benennung angewandt werden, den Werth 
von allgemein anerkannten Bestimmungen besitzen. Die Auf- 
stellung solcher Bestimmungen zuerst in Angriff genommen zu haben, 
ist ein Verdienst der internationalen Zoologencongresse, die auf An- 
regung Frankreichs zu Stande gekommen sind. Die beiden ersten, in 
den Jahren 1S89 und 1892 tagenden Congresse begründeten eine inter- 
nationale Vereinbarung dadurch, dass sie eine Anzahl wichtiger Bestim- 
mungen als Regeln festlegten. Diese Regeln entsprachen jedoch nicht 
ganz dem Bediirfniss. Daher unternahm es die Deutsche Zoologische 
Gesellschaft, welche den Plan gefasst hatte, in dem »Thierreich« ein 
gruiullegeiules Werk für die Systematik in's Leben zu rufen , besondere 
Regeln fiir die Namengebung aufzustellen, welche die als zweckmässig 
erkannten Bostiuinuiniien der internationalen Regeln ;uithelnnen und 



Berichte i'ihiT die \vis.si'iiscli;ifl,licliiTj rritcnicliiniiii.i^fn der Akriilciiiic. 1H5 

(lurcli eine in'.s Einzelne .nchcndc Ausführliclikeit dem Bedürfniss in 
weitergehender Weise RoH-linung- tragen sollten. Die auf diese Weise 
im Jahre 1894 entstandenen Regeln der Deutschen Zoologisehen Ge- 
sellschaft wurden im «Thierreich« zu Grunde gelegt. 

Der dritte internationale Zoologencongress, welclier im Jalire 1895 
in Leyden tagte, brachte eine Entscheidung, welche für die weitere 
p]ntwickelung der Regeln von weittragendster Bedeutung werden sollte. 
Derselbe billigte den von mir daselbst gestellten Antrag, die Nomen- 
clatur-Bestimmungen einer neuen Berathung zu unterziehen und diese 
Aufgabe einer aus Vertretern der wichtigsten Culturstaaten bestellenden 
Commission zu übertragen. Die Arbeiten dieser internationalen Körper- 
schaft, welche seit dem darauf folgenden Congress zu Cambridge im 
Jahre 1898 aus 15 Mitgliedern besteht, zu denen ausser mir auch der 
wissenschaftliche Beamte der Akademie, Hr. Prof. von Maehrenthal, 
zählt, führten zu dem erfreulichen Ergebniss, dass der im Jahre 1 901 
hier in Berlin tagende Congress durch eine Reihe von Beschlüssen 
die Grundlage für eine neue umfassende Ausarbeitung der internationalen 
Bestimmungen schaffen konnte. Mit der Codificirung derselben wurde 
ein Redactionsausschuss, bestehend aus den Zoologen Blanchard (Paris), 
VON Maehrenthal (Berlin) und Stiles (Washington) betraut, der denn 
auch im verllossenen Jahre bei seiner Zusammenkunft während des 
(Kongresses in Bern seine schwierige Aufgabe zu Ende geführt hat. Das 
Ergebniss liegt in den in Paris herausgegebenen dreisprachigen »Inter- 
nationalen Regeln der zoologischen Nomenclatur« vor. 

Doch auch dies monumentale Werk kann nicht als etwas Unab- 
änderliches gelten. Die auf Vertrag beridienden Regeln sind ebenso 
wenig wie die politischen Verträge der Völker als etwas für alle Zeit 
Bleibendes anzusehen. 

Die eingehende Beschäftigung mit den Fragen der Nomenclatur 
und die reichen Erfahrungen, welche bei der formalen Revision der 
Bearbeitungen des »Thierreich's« gesammelt wurden, haben schon 
jetzt den wissenschaftlichen Beamten der Akademie, Hrn. Prof. 
von Maehrenthal, dazu geführt, Vorschläge, die auf einen weiteren 
Ausbau der internationalen Bestimmungen abzielen, zusammenzustellen, 
um sie später der permanenten internationalen Commission zur Prü- 
fung vorzulegen. 

Das Pflanzenreich. 

Bericht des Hrn. Engler. 
Die Veröffentlichung der Monographieen des »Pflanzenreich« oder 
Regni vegetabilis conspectus schreitet rüstig vorwärts. Zwar tritt 
der Umfang der im Jahre 1904 herausgegel)enen Schriften mit 38 Druck- 



136 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

bogen gegen die 1903 fertiggestellten 71 Bogen zurück; aber es 
wurden zwei wichtige Monographieen herausgegeben, die der schon 
hinge Zeit einer umfassenden Bearbeitung harrenden Zingiberaceae von 
Prof. Dr. Karl Schumann, leider das letzte Zeugniss seines rastlosen 
Fleisses und erst nach seinem Dahinscheiden erschienen, ferner die 
Monographie der Betulaceae von Dr. Hubert Winkler, letztere auch 
mit 2 Verbreitungskarten ausgestattet. So viel als möglich ist der 
Herausgeber bestrebt, die Herren Mitarbeiter zu einer gründlichen 
Darstellung der Verbreitungsverhältnisse anzuregen , ihi nur auf Grund 
eines eingehenden systematischen und biologischen Studiums eine Vor- 
stellung von dem Zustandekommen des von jeder Familie eingenom- 
menen Areals gewonnen werden kann. Die Zahl der Mitarbeiter nimmt 
stetig zu, so dass in den nächsten Jahren dem Leiter der Drucklegung, 
Hrn. Dr. Harms, eine starke Arbeitslast in Aussicht steht. Gegen- 
wärtig befinden sich im Druck: der erste Theil der Araceae von 
A. Engler und die Primulaceae von Prof. Dr. F. Pax und Dr. Knuth. 
Druckfertig liegen ferner vor: die Halorrhagaceae von Dr. A. Schind- 
ler, der erste Theil der Papaoeraceae von Dr. Fedde und die Broseraceae 
von Dr. L. Diels. Auch steht der Abschluss der Polemoniaceae , be- 
arbeitet von Dr. Brandt, in Aussicht. 

Ausgabe der Werke Wilhelm von Hvmbolut's. 

Bericht des Hrn. Schmidt. 
Die von Hrn. Prof. Dr. Gebhardt besorgten politischen Schriften 
sind mit des dritten Bandes zweiter Abtheilung vollendet worden. Der 
dritte Band der Werke im engeren Sinn ist dem zweiten noch Ende 
1904 gefolgt: er bringt gleich diesem grosse Ergänzungen zur alten 
Ausgabe und führt bis in's Jahr 1818. Der Druck des vierten beginnt 
soeben, doch gebieten für die Folge selir umfängliche noch ungedruckte 
Handschriften dem Herausgeber Hrn. Prof. Dr. Leitzmann einen lang- 
sameren Fortgang. Zum Briefcorpus hat Frau von Parseval in Jlünchen 
die bisher nur theilweise bekannten Blätter an ihren Vater Alexander 
VON Rennenkampff beigesteuert, Frl. M. von Bunsen in Berlin Hand- 
schriften aus dem BuNSEN"sclien FamilienarchiA' versprochen. 

Deutsche Commission. 

Bericht der HH. Burdach, Roethe und Schmidt. 

Die Arbeiten der deutschen Commission haben auf der ganzen 
Linie einen ruhigen, aber gleichmässigen und befriedigenden Fortgang 
genommen. 



Berichte über die wissenscliaftlichen Unternehmungen der Akademie. 137 

Das gilt insbesondere auch für ilir grösstes und schwierigstes 
Unternehmen, für die Inventarisirung der literarischen deut- 
schen Handschriften. Die Zahl der Mitarbeiter und der in An- 
griff genommenen Sammlungen ist beträchtlich gewachsen. Um mit 
Österreich zu beginnen, so haben die HH. Prof. Dr. IT. Lambel 
und Waltiier Dolch Handschriften der Prager Universitätsbibliothek 
beschrieben; Hr. Dolch hat ausserdem die Sammlungen des Böhmischen 
Landesmuseums bearbeitet. Die Handschriften des Haus-, Hof- und 
Staatsarchivs zu Wien hat Hr. Dr. Aeth. Goldmann übernommen; Manu- 
scripte der Wiener Hofbibliothek sind durch Hrn. Dr. Robert F. Arnold 
beschrieben worden, eine einzelne Handsclirift ferner durch Hi-n. Steh- 
mann in Berlin. Die Inventarisirung der Handschriften der Grazer 
Universitätsbibliothek hat Hr. Dr. Eichler begonnen. Ausserdem ist 
die Handschriftenaufnahme für die Stiftsbibliothek in Admont vor- 
bereitet, sowie für die Universitätsbibliothek und das Statthalterei- 
archiv in Innsbruck von deren Vorständen zugesagt und eingeleitet 
worden. — In der Schweiz konnte unter erfreulicher Betheiligung der 
Bibliotheks- und Archiwerwaltungen eine planmässige Inventarisirung 
für die Bestände aller öffentlichen Sammlungen theils in die Wege ge- 
leitet, theils begonnen werden. Eingegangen sind Beschreibungen be- 
reits für das Staatsarchiv zu Basel von dessen Director Hrn. Staats- 
archivar Dr. Rudolf Wackernagel, für das Staatsarchiv zu Luzern von 
dessen Director Hrn. Staatsarchivar Dr. Theodor von Liebenau, für die 
Stadtbibliothek zu Luzern von Hrn. Prof. Dr. Renward Brandstetter, 
für die Bibliotheken Solothurns von Hrn. Prof. Dr. Ferd. Vetter. In 
Aussicht stehen die Inventarisationen der Universitäts-, Stadt-, Kantons- 
und Stiftsbibliotheken und -archive von Zürich, Basel, Bern, Luzern, 
Engelberg, Einsiedeln, St. Gallen, Frauenfeld, Aarau, Schaffhausen, 
Winterthur, Chur. — In Bayern hat Hr. Dr. Georg Arnold Wolff die 
Universitätsbibliothek München zu bearbeiten begonnen, ebenso Hr. 
Dr. KoNR. Borchling (Göttingen) die Hofbibliothek zu Aschaftenburg. 
Dr. Borchling hat ausserdem eine grosse Anzahl hessischer und 
rheinischer Archive und Bibliotheken bereist. Mit der Aufnahme der 
Darmstädter Handschriften hat Hr. Hofbibliothekar Dr. Ad. Schmidt 
einen vielversprechenden Anfang gemacht. Hr. Dr. Burg hat seine 
Beschreibung von Handschriften der Hamburger Stadtbibliothek 
fortgesetzt. 

Der Inventarisation der Preussischen Handschriften wird 
weitreichende Förderung erwachsen aus einem Ministerialerlass vom 
15. December 1904, durch den die höheren Lehranstalten Preussens 
auf das akademische LTnternehmen aufmerksam gemacht und aufge- 
fordert werden, nach den Grundsätzen der akademischen Handschriften- 
Sitzungsberichte 1905. 12 



138 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

beschreibung über die Schätze ihrer eigenen Bibliotheken und anderer 
Lokalsammlungen in den Schulprogrammen zu berichten. Der volle 
Ertrag dieser mit besonderem Danke zu begrüssenden Maassregel wird 
erst in künftigen Jahren zu übersehen sein; aber schon jetzt hat sie 
mancherlei werthvoUe Winke gebracht. — Im Übrigen hat Hr. Dr. 
EuLiNG in Königsberg die Bestände der ostpreussischen Provinzial- 
bibliotheken durch Reisen und Erkundigungen zu ermitteln gesucht 
und die Handschriften des Archivs zu Schlobitten , die dank der 
bereitwillig ertheilten Genehmigung Sr. Durchlaucht des Fürsten zu 
DoHNA- Schlobitten auf die Universitätsbibliothek zu Königsberg ge- 
sendet werden , zu katalogisiren begonnen. Der westfälischen Hand- 
schriften hat sich Hr. Bibliothekar Dr. Bömer angenommen; schon 
liegen von seiner Hand zahlreiche Berichte über niederdeutsche und 
lateinische Codices aus Münster (Universitätsbibliothek; Bibliothek des 
Alterthumsvereins) sowie aus den Schlossbibliotheken zu Anholt, Gemen, 
Nordkirchen, Velen und Westerwinkel vor. Die Fuldaer Landesbibliothek 
ist durch Hrn. Dr. Jul. Wiegand in der Hauptsache erledigt worden. 
Die fürstlichen und städtischen Archive zu Birstein (augenblicklich nur 
zum kleinsten Theile zugänglich), Gelnhausen, Hersfeld und Wächters- 
bach, die Bibliotheken des Gymnasiums zu Schleusingen und der 
Stadtkirche zu Schmalkalden hat Hr. Dr. Schaaffs bearbeitet; die ver- 
ständnissvoll gewährte Bischöfliche Erlaubniss erschloss ihm auch den 
Domschatz zu Fritzlar; insbesondere hat er aus dem fürstlichen Archiv 
zu Büdingen reichen, zumal für die deutsche Erziehungsgeschichte 
wertvollen Ertrag geerntet. Endlich sind Handschriftenbeschreibungen 
eingelaufen aus Berlin (Kgl. Bibliothek: Hr. Ziesemer), aus Breslau 
(Stadtbibliothek: Hr. Prof. Dr. Markgraf), aus Ebstorf (Klosterbibliothek: 
Hr. Dr. Borchling), aus Greifswald (Universitätsbibliothek: Hr. Dr. 
Steinberger) , aus Königsberg (Universitätsbibliothek: Hr. Oberbiblio- 
thekar Dr. Kochendörffer). Neu eingeleitet wurde die Inventarisation 
für Essen, Frankfurt a. M. , Hannover, Kassel, Stettin, Trier. 

Für die Verzeichnung römischer Handschriften hat der Leiter 
des Preussischen Historischen Instituts in Rom, Hr. Kehr, die werth- 
voUe Unterstützung seiner Beamten zugesagt. Die Bearbeitung der 
englischen Sammlungen nach den Grundsätzen der Akademie hat 
Hr. Pi'of. Priebsch in London, der bewährte Kenner der deutschen 
Handschriften Englands, übernommen und begonnen: ausser Codices 
des Britischen Museums hat er auch einige Handschriften der Pariser 
Bibliotheque nationale beschrieben. 

Die Akademie hat den Besitzern, Verwaltungen und Vorständen 
der öflPentliehen und privaten Sammlungen, auf die sie ihre Inventari- 
sirungsarbeiten bisher erstreckt hat, in weitem Umfange zu danken. 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 1 39 

Ganz besonderen Dank aber schuldet sie den Ministerien der deutschen 
Staaten und Österreich -Ungarns , die auf das Ansuchen der Akademie 
in weitgehendem Entgegenkommen die unterstellten Bibliotheks- und 
ArchivA-erwaltungen zur Förderung des akademischen Unternehmens 
angewiesen haben. 

Schon häufen sich die Stösse der einheitlich gearbeiteten Hand- 
schriftenbeschreibungen, schon sammelt sich ein reiches, bisher un- 
genutztes Material, das geeignet ist, wissenschaftlich bedeutungsvolle 
Fragen zu beantworten oder anzuregen. Aber den rechten frucht- 
baren Gewinn wird die Handschriftenaufiiahme erst bringen, wenn 
der in grossem Maassstabe anzulegende Zettelkatalog den Inhalt der 
gesammelten Besclireibungen nach allen Seiten erschliesst und so das 
akademische Handscliriftenarchiv zu einer zuverlässigen und ergiebigen 
wissenschaftlichen Auskunftsstelle macht, wie sie ftir philologische 
Arbeit bisher schwerlich existirt. Auch dafiir sind alle Vorbereitungen 
getroifen: der Katalog wird sofort systematisch und consequent in 
Angriff genommen werden, sobald die Deutsche Commission die Ar- 
chiv- und Arbeitsräume beziehen kann , die ihr der Herr Minister vom 
I . April an in dem Hause Behrenstrasse 70 zur Verfugung gestellt hat. 

Von den »Deutschen Texten des Mittelalters«, um deren 
Förderung sich die HH. Proff. von Kraus in Prag und Schröder in 
Göttingen mehrfach verdient gemacht haben, sind Bd. I (Friedricli 
von Schwaben, aus der Stuttgarter Handschrift herausgegeben von 
Max Hermann Jellinek) und Bd. IV (Die Lehrgedichte der Melker 
Handschrift, herausgegeben von Albert Leitzmann) bereits erschienen; 
Bd. in (Rudolfs von Ems Wilhelm, aus der Donaueschinger Hand- 
schrift herausgegeben von Victor Junk) und Bd. V (Die Volks- und 
Gesellschaftslieder des Cod. Palat. 343, herausgegeben von Artotir 
Kopp) sind im Druck nahezu vollendet; im Satz befinden sich drei 
weitere Bände (Bd. 11: Johannes von "Würzburg's Wilhelm von Öster- 
reich, aus der Gothaer Handschrift herausgegeben von Ernst Regel; 
Bd. VI: Elsbet Stagel's Leben der Schwestern zu Töss, aus der Sanct 
Galler Handschrift herausgegeben von Ferd. Vetter; Bd. VII: Die 
Werke Heinrich's von Neustadt, herausgegeben von Samuel Singer). 
In das Programm der »Deutschen Texte« sind zu den im vorjährigen 
Bericht verzeichneten Werken neu aufgenommen und Herausgebern 
übertragen: die Dichtungen Gundacker"s von Judenburg und Andreas 
Kurzmann's, das Marienleben des Schweizers Wernher, die Londoner 
Marienregel,, die Vom-Staal'sche Bibel, die Übersetzungen Hartlieb's, 
die ungedruckten Sterzinger Spiele. 

Für die Wieland-Ausgabe, die einer langsameren Rüstung 
bedarf, sind die wichtigsten Sammlungen der W^erke als Vorlagen 

12» 



140 Öfifentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

zum Druck und zu den Lesarten angeschafft worden. In Zürich hat 
Hr. Stadtbibliothekar Dr. Escher seine volle Unterstützung zugesichert, 
ein junger Züricher Gelehrter wurde für alle Denkmäler der nur an 
diesem Ort übersehbaren Jugendschriftstellerei gewonnen, und es konnten 
u. A. dank dem Entgegenkommen des Hrn. Ott-Daeniker umfang- 
reiche Dictate religiösen, geschichtlichen, belletristischen Inhalts aus 
Wieland's Hauslehrerzeit herangezogen werden. Die Verhandlungen 
über die Mitarbeit zielen dahin , einer Zersplitterung vorzubeugen und 
grössere Massen in eine Hand zu legen. B. Sedffert's »Prolegomena« 
sind als Frucht langjähriger Studien schon grossentheils in den Ab- 
handlungen der Akademie erschienen (i. Die Ausgaben letzter Hand; 
2. Die Chronologie der Jugendschriften, ihre Unterlagen, ihre An- 
ordnung in neun Bänden) und sollen demnächst abgeschlossen werden. 
Einen ungedruckten Aufsatz der Frühzeit hat das Goethe -Schiller- 
Archiv beigesteuert; erschöpfende Collationen des weimarischen Ma- 
terials sind im Gange. Durch die Mittheilung von Briefen haben 
Frau L. Darier - Steester in Genf, Hr. Hofmarschall Graf von Keller in 
Braunschweig, Hr. Prof. Dr. A.Wagner in Halle, Hr. Dr. Morris, die 
Buchhandlungen von Stargardt und Frensdorff und der inzwischen 
verstorbene Hr. Alex. Meyer Cohn in Berlin uns zu grossem Dank ver- 
pflichtet; doch hat ein Aufruf sehr geringen Erfolg gehabt, und auch die 
dringendste Bitte an den Erwerber versteigerter Handschriften gar kein 
Gehör geftmden. Das älteste Blatt der ganzen Correspondenz wurde 
angekauft. 

Während die bisherigen Unternehmungen der Deutschen Com- 
mission wesentlich auf das historische Verständniss der deutschen 
Sprache gerichtet waren, hat die Akademie neuerdings beschlossen, 
auch die lebende Sprache in den Rahmen ihrer Arbeitspläne einzu- 
beziehen. Sie griff dabei auf eine Anregung Karl Weinhold's zurück, 
der ihr längst dringend empfohlen hatte , auch dem nördlichen Deutsch- 
land mundartliche Idiotika zu schaffen, wie sie für Bayern und Schwa- 
ben, für das Elsass und die Schweiz vorhanden oder im Entstehen 
sind: eröffnet doch ein solches Idiotikon, recht bearbeitet, mit den 
Schätzen der Volkssprache zugleich den sichersten Einblick in die 
besondere Art des Stammes. Die Akademie hat zunächst das kultur- 
und sprachgesehichtlich gleich wichtige Gebiet des Niederrheins in's 
Auge gefasst, und zu ihrer grossen Befriedigung hat Prof. Johannes 
Franck in Bonn, mit der Sprache seiner engeren Heimat auf's Nächste 
vertraut, sich bereit erklärt, die Leitung des geplanten Niederrheini- 
schen Idiotikons zu übernehmen. 

Zu ausserakademischen Mitgliedern der Deutschen Commission sind 
die HH. Prof. Franck in Bonn und Seuffert in Graz gewählt worden. 



Berichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Akademie. 141 

Forschungen %ur Geschichte der neuhochdeutschen Schrißsjirache. 

Bericht des Hrn. Buedach. 

Von den »Quellen und Forscluingen zur Vorgeschichte des deut- 
schen Humanismus« ist der erste Theil, der die Publication aus der 
Handschrift Nr. 509 des Olmützer Domkai)iteIs enthält, im Text druck- 
fertig, der zweite, umfänglichere, der die Correspondenz Rienzos in 
neuer, auf alle erreichbaren Handschriften gegründeter kritischer Aus- 
gabe sowie Briefe, Akten und Reden aus dem Kreise Karls IV. , Erz- 
bischof Ernsts von Prag und Johanns von Neumarkt nebst den dort- 
hin gerichteten Briefen Petrarcas bringt und für den Hr. Dr. Piue den 
Referenten in der Ergänzung, Beschaffung und Verarbeitung der Hand- 
scliriftencoUationen unterstützt, soll im Frühjahr abgeschlossen werden. 
Die »Texte und Untersuchungen zur Geschichte der ostmitteldeutschen 
Schriftsi^rache von 1300 bis 1450« befinden sich noch im Stande der 
Vorarbeiten. Für die Sammlung und Ergänzung des Materials zur 
»Geschichte der Einigung der neuhochdeutschen Schriftsprache« sind 
Hülfsarbeiter zunächst zu freiwiUiger Mitwirkung herangezogen und 
vorläufig instruirt worden. 



Humboldt- Sti/lung. 

Bericht des Vorsitzenden des Curatoriums Hrn. Waldeyer. 

Aus den reichen Sammlungen der PLANKXON-Expedition sind 
abermals eine Reihe wissenschaftlicher Veröffentlichungen hervorge- 
gangen: I. Die Acantharia. Th. i: Acanthometra von A. Popofskt. 
2. Die Tripyleen - Familie der Aulacanthiden von F. Immermann. 3. Die 
Schizophyceen von N. Wille. 4. Eier und sogenannte Cysten, An- 
hang: Cyphonautes von H. Lohmann, sämtlich erschienen Kiel und 
Leipzig, 1904. 

Von der Forschungsreise des Hrn. Dr. Leonhaed Schultze in 
Deutsch- Süd westafrika sind seit Januar 1904 13 Kisten gesammelten 
Materiales, haujDtsächlich Zoologica, aber auch einige Pflanzen und 
Proben von Landesproducten, eingetroffen und dem hiesigen Zoolo- 
gischen Museum überwiesen worden. Fast durchweg befanden sich 
die Objecte in vorzüglichem Erhaltungszustande. Bei der Fauna ist 
sowohl die See als das Land vertreten. Die Seethiere stammen aus 
der Simonsbay bei Gapstadt und es befinden sich darunter eine 
grössere Anzahl von Nutzfischen. Die Landfauna aus dem Innern 
unseres Schutzgebietes ist reich durch Reptilien und Insecten ver- 
treten. Besonders erwähnt zu werden verdient ein vorzüölich kon- 



142 Öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

serviertes Fell und Skelet von Orycteropus. Diese Sammlungen dürften 
unsere bisher noch recht lückenhaften Kenntnisse der Fauna von 
Deutsch -Südwestafrika ganz erheblich erweitern. 

Die für 1905 verfügbare Summe beläuft sich auf 9000 Mark. 



SAviGjvr- Stiftung. 

Bericht des Hrn. Beunner. 

1. Das Vocabularium lurisprudentiae Romanae ist in den Druck 
des zweiten Bandes (D — G) eingetreten. Das erste Heft dieses Bandes, 
den Hr. Prof Ed. Geupe in Metz bearbeitet, wird w^ahrscheinlich im 
Laufe dieses Jahres zur Ausgabe gelangen. Das Manuseript des dritten 
Bandes (H — M) hat sein Bearbeiter Hr. Dr. Richaed Hesky so weit 
hergestellt, dass das erste Heft vermuthlicli gleichfalls noch im laufen- 
den Jahre erscheinen wird. 

2. Die Neubearbeitung von Homeyee's Deutschen Rechtsbüchern 
des Mittelalters ist von den HH. Boechling und Julius Gieuke so weit 
gefördert worden, dass nunmehr 754 Nummern des Handschriftenver- 
zeichnisses als nahezu druckfertig betrachtet werden dürfen. Zu den im 
vorigen Jahre als neu vorgelegten Nummern sind weitere 28 Nummern 
hinzugekommen , die grösstentheils Hr. Boechling auf einer Bibliothek- 
und Archivreise durch das westlicJie Mitteldeutschland ans Licht ge- 
zogen hat. Die Arbeitstheilung erfuhr insofern eine Änderung, als Hr. 
GiEEKE mit Rücksicht auf seine Berufung nach Königsberg die Städte 
Königsberg, Danzig, Elbing und Thorn übernahm und dafür Prag an 
Hrn. Boechling abgab. 

3. Die Stiftungszinsen des Jahres 1904 sind in der Hauptsache 
den HH. Prof. Dr. Eeich Liesegang zu Wiesbaden und Amtsrichter Dr. 
VicTOE Friese in Posen zur Herausgabe eines zweiten Bandes der Magde- 
burger Schöffensprüche bewilligt worden. Die vorbereitenden Arbeiten 
haben im verilossenen Spätherbst begonnen. 



Bopp- Stiftung. 

Bericht der vorberathenden Gommission. 

Am 16. Mai 1904 hat die Königliche Akademie der Wissenschaften 
den zur Verfügung stehenden Jahresertrag der Bopp-Stiftung von 1903 
in Höhe von 1350 Mark dem Oberlehrer am Realgymnasium zu Döbeln 
(Sachsen) Hrn. Dr. Johannes Hertel verliehen, in Anerkennung und zur 
Fortsetzung seiner Arbeiten auf dem Gebiete der indischen Fabel- und 
Erzähluugslitteratur. 



Jahresberichte der Stiftungen und Institute. 143 

Die Einnahme der Stiftung im Jahre 1904 betrug 2005.54 Mark, 
dieAusgabei377.8oMark. Von dem Bestände im Betrage von 6 2 7. 7 4 Mark 
sind zu Beginn des Etatsjahres 1904 gemäss § 5 des Stiftungsstatuts 
600 Mark zinstragend angelegt worden. 



Hermann und Elise geb. Heckmann WENTZEL-Stißung. 

Bericht des Curatoriums. 

Die Arbeiten an der Herausgabe der griechischen Kirchenväter, 
an der Prosopographie des römischen Kaiserreichs und an dem Wörter- 
buch der deutschen Reclitssprache sind ohne Unterbrechung fortgesetzt 
worden. Die Leiter dieser Unternehmungen haben darüber die hier 
als Anl. I und II folgenden Berichte erstattet. 

Prof. Philippson hat die dritte seinem ursprünglichen Arbeits- 
plan gemäss erforderliche Bereisuug eines Theils von Kleinasien aus- 
geführt und das Unternehmen damit zum Abschluss gebracht. Einen 
vorläufigen Bericht über diese dritte Reise hat Prof. Philippson in 
der Sitzung der Gesellschaft für Erdkunde am 7. d. M. erstattet. 

Prof. VoELTZKOw hat ein volles Jahr der planmässigen Durch- 
forschung von Madagaskar und benachbarten Inseln widmen können; 
nach seiner letzten Mittheilung, aus Tamatave vom 4. Dec. 1904, 
stand er im Begrilf die Rückreise , über Mauritius und Ceylon , anzu- 
treten. Seine vorläufigen Berichte sind weiter in der Zeitschrift der 
Gesellschaft für Erdkunde veröfientlicht worden : Nr. 2. Pemba; Nr. 3. 
Mafia und Sansibar; Nr. 4. Die Comoren; Nr. 5. pAiropa- Insel. Der 
Bericht »Nr. 6. Madagaskar« erscheint ebenda im Jahrgang 1905. 

Aus den für 1904 verfügbaren Mitteln wurden bewilligt: 7000 M. 
zur Fortsetzung der Bearbeitung des Wörterbuchs der deutschen 
Rechtssprache; 4000 M. zur Fortsetzung der Kirchenväter -Ausgabe; 
3000 M. fiir die Bearbeitung der römischen ProsopogTaphie; 4000 M. 
zur Bestreitung A^on Mehrkosten der Reise des Prof. Voeltzkow. 

Anl. I. 
Bericht der Kirche nväter - Commission ßir 1904. 

Von Hrn. Harnack. 
I. Ausgabe der griechischen Kirchenväter. 
In dem Jahre 1904 i.st der 11. Band der Kirchenväter -Ausgabe 
erschienen , nämlich : 

Eusebius , Werke Bd. 3 (das Onomastikon , hrsgeg. von Kloster- 
mann, und die Theophania, hrsgeg. von Gressmann). 



144 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

Im Druck vollendet wurden der I2. und 13. Band, nämlich: 
Clemens Alexandrinus , Werke Bd. i (hrsgeg. von Stählin), 
Gnostische Schriften in koptischer Sprache (hrsgeg. von 
K. Schmidt); 
sie werden noch in diesem Monat erscheinen. 

Im Druck befinden sich zwei Bände, nämlich: 

Eusebius' Kirchengeschichte, 2. Theil, nebst der Übersetzung 

Rufin's (hrsgeg. von Schwartz und Mommsen f), 
Eusebius' Schrift gegen Marcellus (hrsgeg. von Klostermann). 
Der Mitarbeiter Prof. Dr. Holl in Tübingen hat einen halbjährigen 
Urlaub genommen und in den Monaten März bis September auf ita- 
liänischen Bibliotheken für die Herausgabe des Epiphanius gearbeitet. 
Aus Georgien hat die Commission Abschriften bisher unbekannter 
wichtiger Manuscripte erhalten. Die Vorarbeiten für die Herausgabe 
weiterer Bände sind gefördert worden. 

Von dem »Archiv für die Ausgabe der älteren christlichen Schrift- 
steller« wurden neun Hefte ausgegeben, nämlich: 

Bd. XI Heft la: Bonwetsch, Drei Georgisch erhaltene Schriften 

von Hippolytus; 
Bd. XI Heft ib: Leipoldt, Saidische Auszüge aus dem 8. Buch 

der Apostolischen Constitutionen; 
Bd. XI Heft 2: Kraatz, Koptische Akten zum Ephesiuischen 

Konzil ; 
Bd. XI Heft 3 : Berendts , Die handschriftliche Überlieferung 
der Zacharias- und Johannes -Apokryphen, Über die Biblio- 
theken der Meteorischen und Ossa- Olympischen Klöster; 
Bd. XI Heft 4: Erwandt Ter-Minassiantz, Die armenische 
Kirche in ihren Beziehungen zu den syrischen Kirchen bis 
zum Ende des 13. Jahrhunderts; 
Bd. XII Heft I — 4: Resch, Der Paulinismus und die Logia Jesu; 
Bd. XIII Heft i: Schermann, Die Geschichte der dogmatischen 
Florilegien vom 5. bis 8. Jahrhundert. 

2. Prosopographia Imperii Romani saec. IV — VI. 

Hr. Seeck, der Leiter der proiangeschichtlichen Abtheilung, hat 
die Reden des Themistius und die Briefe des Libanius excerpirt und 
für die meisten Personen, die in ihnen vorkommen, auch das sonstige 
Material annähernd vollständig zusammengetragen. Zugleich hat er 
die Untersuchung über die Chronologie jener Briefe soweit gefördert, 
dass sie voraussichtlich in wenigen Monaten druckfertig sein wird. — 
Der 10. und 11. Band des Corp. Inscr. Lat. ist von Hrn. Rappaport 
excerpirt worden. 



Jahresberichte der Stiftungen und Institute. 145 

Ilr. JüLiciiER, der Leiter der kircliengesehichtliclien Abtlieilun.u', 
schreibt: »Das aus MiGNE-Excerpten bestehende Material, welches die 
Commission fest ausschliesslich freiwilligen Mitarbeitern verdankt, ist 
jetzt grösstentheils beisammen.« Hr. Jüliciier selbst ist mit der Ver- 
vollständigung dieses Materials und mit der kritischen Durcluirbeitung 
des in der MANsi'schen Sammlung enthaltenen bescliäftigt. Im ganzen 
liegen jetzt etwa 20000 biographische Zettel vor, und mit den dem- 
nächst erwarteten werden es etwa 22000 werden. Da sehr viele 
Zettel aus verschiedenen Sammlungen derselben Person gelten und 
oft in einer Sammlung dieselbe Person bis zu 30 Zetteln in Anspruch 
nimmt, ist etwa auf 8000 — loooo Personen zu rechnen. Mit Migne und 
Mansi, den Syrern und den Acta Sanctorum ist es aber noch nicht 
gethan; daneben kommt noch recht vieles in Betracht. »Absolute 
Vollständigkeit wird überhaupt nicht zu erreichen sein, wohl aber 
ein höchst bedeutender Fortschritt in Umfang und Sicherheit über 
Vorarbeiten wie Tillemont und Smith-Wace hinaus. Aber wenn die 
grosse Unternehmung in wirklich grossem Stil durchgeführt wei'den soll, 
wird sie noch mehrere Jahre kosten, und auch noch weitere Summen 
zur Honorirung von Hülfsarbeitern werden unentbehrlich sein.« 

Auch an dieser Stelle sei den freiwilligen Mitarbeitern — es 
sind zum grössten Theil deutsche Kirchenhistoriker — der wärmste 
Dank der Commission ausgesprochen. Durch ihre Opferwilligkeit 
haben sie die Grundlagen für ein grosses Werk gelegt, an das ohne 
ihre Hülfe niemals gedacht werden konnte. An den Dank schliesst 
sich die Bitte, diese Hülfe auch fernerhin, wenn es sich um die 
Bearbeitung der einzelnen Artikel handeln wird, nicht zu versagen. 

Anl. n. 

Bericht der Commission für das Wörterbuch der deutschen Rechtssprache, 

für das Jahr 1904. 

Von Heinrich Brunner. 

Die akademische Commission war am 11. und 12. April 1904 
zu Heidelberg versammelt. Sie prüfte das Verzeichniss der excerpirten 
Quellen und das der Quellen, deren Excerpirung noch aussteht, berieth 
über Ergänzungen und beschloss, dass zunächst das ältere Quellen- 
material stärker heranzuziehen sei. Sie revidirte in den Räumen der 
Heidelberger Universitätsbibliothek das daselbst befindliche Archiv der 
Excerptenzettel, deren Bestand rund 198500 eingeordnete, 20000 noch 
nicht eingeordnete Zettel betrug. Die Commission befasste sich ferner 
mit den von der Hofbuch druck erei zu Weimar hergestellten Satzproben 
des Rechtswörterbuchs und beschäftigte sich in eingehender Berathung 



146 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

mit dem Schema der Wortartikel. Jedes Mitglied legte einen von 
ihm avisgearbeiteten Probeartikel vor (Huber über »Ehegaumer«, Frens- 
DORFF über «Makler« , Gierke über »Pflege« und »pfleghaft« , Brunner 
über »Walraub«, Schroeder über »Weichbild«, Roethe über »wize«). 
An der Hand dieser Proben wurden die Grundsätze für die Aus- 
arbeitung der Wortartikel mit Vorbehalt einer endgültigen Revision 
im einzelnen festgestellt. 

Als neues Mitglied der Commission ist Hr. Prof. Freiherr von 
Schwind, der Vorsitzende des österreichischen Comites zur Förderung 
des Rechtswörterbuchs cooptirt worden. 

Auszug aus dem Specialbericht des Hrn. Schröder. 

Das zur Aufbewahrung der Zettelauszüge bestimmte Archiv hat 
durch die ungewöhnlich hohe Zahl der im Laufe des Jahres ein- 
gegangenen Beiträge einen grossen Umfang angenommen; der Zettel- 
bestand wurde am ii. April d. J. auf rund 218500 festgestellt xmd 
dürfte bis zum Schluss des Wintersemesters auf 300000 steigen. 

Unter den Beiträgen des Jahres 1904 nehmen die der österrei- 
chischen Commission weitaus die erste Stelle ein. Auch von der 
schweizerischen Commission ist noch eine sehr erwünschte Nachlese 
eingelaufen. Die Hauptarbeit haben das rechtswissenschaftliche Seminar 
in Wien und die germanistischen Seminare der HH. Heinzel und 
Minor in Wien , Seemüller in Innsbruck und Singer in Bern geliefert. 
Unter den Wiener Beiträgen sind namentlich die aus der berühmten 
CnoRiNSKY'schen Sammlung hervorzuhe])en. Von bisher aufgeschobenen 
wichtigen Arbeiten, die nunmehr theils zu Ende geführt, theils in 
Angriff genommen sind, ist besonders die vollendete Excerpirung der 
GRiMM'schen Weisthümer, des kleinen Kaiserrechts, des Deutschenspiegels 
und des grössten Theils der Monumenta Germaniae zu nennen. Die 
Lex Salica ist von Dr. Kkammer übernommen worden und für die Be- 
arbeitung des Schwabenspiegels hatte Hr. von Rockinger in München 
die grosse Güte, einen für seine Editionsarbeiten bestimmten Abdruck 
des von ihm gewählten Grundtextes zur Verfügung zu stellen. An 
der Hand dieses Abdrucks wird es voraussichtlich im Laufe des Jahres 
1905 möglich werden, die bisher zurückgestellten Schwabenspiegel- 
excerpte, die einen besondern Werth beanspruchen dürfen, bereits 
auf Grundlage der künftigen kritischen Ausgabe des Rechtsbuches her- 
zustellen. Für die von Steinmeyer und Sievers herausgegebenen alt- 
hochdeutschen Glossen haben die Herren Herausgeber sich in dankens- 
werthester Weise bereit erklärt, die Durchsicht ihres alphabetischen 
Verzeichnisses der lateinischen Wörter zu gestatten, so dass im nächsten 
Jahre voraussichtlich auch auf diesem besonders wichtigen Gebiete 



Jahresbericht der Stiftungen und Institute. 147 

die Exoerpirungsarbeit eine erhebliolie Erleicliteruiig orfaliren -wird. 
Nachdem durch die umfassende Arbeit der schweizerischen und der 
österreichischen Commission die Hauptgebiete des Hochdeutschen in 
annähernd erschöpfender Weise durchgearbeitet worden sind, wird 
die Commission nunmehr ihr Hauptaugenmerk auf die niederdeutschen, 
ganz besonders auf die niederländischen Quellen zu richten haben. 
Welche ausgezeichnete Unterstützung ihr hier von Seiten der nieder- 
ländischen Gelehrten bereits zu Theil geworden ist, wurde schon in 
dem Jahresbericht für 1903 hervorgehoben. 

An Stelle des am i. April ausgeschiedenen Dr. Adam Rott ist 
Dr. Leopold Perels als ständiger erster Hülfsarbeiter eingetreten. 
Neben ihm blieb Dr. Gustav Wahl als philologischer Hülfsarbeiter 
in Thätigkeit. 

Verzeichn Iss der im Jahre 1904 ausgezogenen Quellen. 

(Die Beiträge der schweizerischen Commission sind mit *, die der österreichischen mit ** bezeichnet.) 



Aalen, Stadtrechte, nach Lünig, Reichsarcliiv 13, 78 ff. und Moser, Reichsstadt. HB. i, 
82 ff. : Prof. Greiner in Ehingen. 
**Abele, Seltsame Gerichtshändel, Nürnberg 17 12: Stud. Karl Thumser, Wiener 

gei-m. Seminar. 
*'Abele, Künstliche Unordnung, Nürnberg 1670 — 1675: Stud. Edwin Zellweker, 

Wiener germ. Seminar. 
*'Akten z. Geschichte der Gegenreforination in Innerösterrcich (1578 — 1590), her. v. 
Loserth, Font. rer. Austr. II, Bd. 50: Stud. Felix Koller, Wiener rechtsw. Seminar. 
"Altenburg, Urk. der Benediktinerabtei in A., Font. rer. Austr. II, Bd. 21, i: Franz 
Kerscheaum, Wien. 
Amberg, Stadtrechte, nach Gengier, Cod. iur. nninic. 38 ff. und Schenkl, Sammlung 
der Freiheiten usw. der Stadt A., 1820: Dr. van Vleuten, München. 
*'Ambt eines Schulmeisters zu Purgstall , 1667, Beitiüge z. österi'. Erziehungs- u. Schul- 
geschichte, 3. Heft, 1901: R. Treichler, Seminar Minor, Wien. 
Annolied, her. von Rödiger, Mon. Genn., Script, vernac. lingua usi I. 2. 1895: Dr. L. 

Pkrels. 
Ansbach, Stadtrecht, nach INIonum. Zoller. 4, I79f., 6, 12: Dr. van Vleuten, München. 
Anzeiger für Kunde des deutschen Mittelalters, 1832— 1839; für Kunde der deutschen 
Vorzeit, 1853 — 1883; des germanischen Museums, 1884 — 1886: Cand. phil. F. 
Herding, Erlangen. 
Arcliiv für Hessische Geschichte, NF. III. 2: Dr. Weiss, Eberbach a. N. 
"Archiv f. Kunde österr. Gesch.- Quellen I. (Urk. der Vorarlberg. Herrschaften u. der 
Grafen von Montfort. Zur Geschichte der Frh. Eizinger von Eizing. Bayer, u. 
Österreich. Landfrieden): Franz Kanta. 
Archiv f. Unterfranken u. Aschafferiburg, XXIU: Schröder und Wilh. Mobiell. 
Arnstadt, i. 2. 3. Stadrecht, nach Michelsen , Rechtsdenkm. a. Thüringen S. 25 ff., 
32 ff., 4iff. : Rechtspraktikant Goitein, Heidelberg. 
**Austro-Friulana, Sammlung von Aktenstücken z. G. des Konflikts Herzog Rudolf IV. 
mit Aquileja, 1358 — 1365, Font. rer. Austr. II, Bd. 40: Franz Kerscheaum, Wien. 
•Balthasar, De iure Helvetico circa sacra: Rechtskandidat Raaflaue, Bern, Seminar 
Ginür. 
Bambergensis, Die niederdeutsche, nach Kohler u. Scheel, Die Carolina u. ihie 

Vorgängerinnen, II, 169 ff., Oberlehrer Di-. Scheel, Steglitz. 
•Basel, Rechtsquellen I. II. (vollendet): Rechtskandidat Schürcu, Seminar Gmür, 
Bern. 
Bautzen, Stadtrechtsquellen, nach Schott, Sammlung 2, i ff., 56 ff.: Dr. Degen, 
Heidelberg. 



148 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

HajM-euth, Stadtreeht 1372, Mon. Zoller, 4, 231. Stadtrecht 1439, Corpus const. 
Brandenburg.- Culmbac. II, 2 8.417 ff. Stadtbuch, her. von Ch. Meyer, Hohen- 
zoller. Forscliungen I. 1891: Dr. Freiherr von Schwekin, München. 
"'Beckmann, Nicol.de, Idea iuris statutarii Stiriaci et Austriaci, Graz 1688: Franz 

Kanta. •■ 

"Beiträge z. Gesch. Ungarns, Arch. f. K. österr. Gesch.-Qu. III: Rudolf Listner. 
"Bergreien, Liedersammlung v. 1534, nach dem Neudruck von O. Schade , Weimar 

1854: Dr. Eberh. von KOnssbebg, Seminar v. Schwind, Wien. 
"Bersjwerksbüchlein von 1539, nach der Ausgabe von v. Dechen , Bonn 1885: 

Franz Leifer, Wien. 
"Berichte des Kammerprokurators Scliwanser (i6. Jh.), I.Teil. Sammlung Chorinsky: 
Alfred Reder, Wien. 
Biber ach, Stadtrecht, nach Lünig, Reichsarchiv 13, 181 ff. : Prof. Greiner, Kihiiigen. 
Bochold, Privilegien und Statuten, Wigand's Archiv 2, 313 ff.: Dr. Borger, Papen- 
burg. 
"Bonifaz IX., Bulle v. 1399, deutsche Übersetzung im Wiener Eisenbuch, Arch. f. K. 
österr. Gesch.-Qu. III: Rud. Listner, Wien. 
Bopfingen, Stadtrechtsquellen, nach Lünig, Reichsarcliiv 13, 209 ff.: Prof. Greiner, 

Ehi[igen. 
Braunschweig, Reimchronik, her. von Weiland, Mon. Genn., Script, vern. lingua usi 

2, 430 ff. : ür. Leop. Perels. 
Breslauer Landrecht 1356, bei Gaupp, Das Schlesische Landrecht, 1828: Dr. L. Perels. 
Breslauer Stadtrecht des 16. Jhs , Zeitschr. d. Ver. f. Gesch. Schlesiens 4, 39 ff.: 
Schröder u. W. Moriell. 
•'Briefe Albrcehts v. Waldstein an Karl von Harrach, T625 — 1627, Foiit.rer.Austi-.il, 

Bd. 41, 2: Franz Kerschbaum. 
"Briefe Kaiser Leojiold I. an den Grafen Pötting, 1662 — 1668, I, Font. rer. Austr. II, 

Bd. 56: Felix Kuller, Wiener rechtsw. Seminar. 
"Briefe u. Akten z. österr.-deutsch. Geschichte im Zeitalter Friedrichs III., Font. rer. 
Austr. II, Bd. 44 : Franz Kanta. 
Buchau, Stadtrechtsquellen, nach Lünig, Reichsarchiv 13, 300 ff. : Prof Greiner, 

Ehingen. 
Buchhorn, Stadtrechtsquellen, nach Lünig, Reichsarchiv 13, 307 ff.: Prof Greiner. 
Buchloe, Priv. V. 1354, nach Gcngler, Cod. iur. muiiio. 434: Schröder u. W. Moriell. 
Büren, Priv. d. 13. u. 14. Jhs., ebenda 440 ff.: Schröder u. W. Moriell. 
Burg auf Fehmarn, Priv. v. 1490, ebenda 447: Schröder u. W. Moriell. 
Celle, Marktprivileg 1353, ebenda 48if.: Schröder und W. Moriell. 
Chemnitz, Statuten v. 1607, bei Schott, Sammlung 2, 141 ff. : Dr. Degen, Heidelberg. 
Chronica ducum de Brunswick v. 1282, her. von Weiland, Mon. Genn., Scr. vern. 

lingua usi 2, 574 — 585: Dr. Leop. Perels. 
Chronik und Chronicon S. Simonis et Judae Goslariense, her. von Weiland, ebenda 
2, 586 — 604, 604 — 608: Dr. Leop. Perels. 
"Codex Austriacus, Bd. I — V: Felix Koller, Franz Leifer, Eberh. von Künssbebg. 
"Codex dipl. Austriaco-Frisingensis, I — HI, Fond. rer. Austr. H, Bd. 31, 35, 36: Frz. 
Kanta. 
Codex dipl. Saxoniae regiae H, 13 (Freiberg): Dr. G. Lehneht, Giessen. 
**Codex Teplensis, her. von Klimesch, 1885: Edw. Zellweker, Wien. 
Deutschenspiegel, her. von Ficker, 1859: Schröder, W. Moriell und Referendar 

W. Ernst in Berlin. 
Deventer, Rechten en gewoonten der stad Deveiiter, Deventer 1644: Dr. Telting, 

Haag. 
'Diessenho fer Stadtrecht, bei Schauberg, Zeitschrift II: Rechtskandidat W. Hallee, 
Seminar (iinüi-, Bern. 
"Dietmar der Sezzer, v. d. Hagen, Minnesinger II, S. 174: Erw. Klein, genn. Seminar, 

Wien. 
"Dietrichs Flucht, her. von E. Martin, Deutsches Heldenbuch II, 1866: Heinrich 
Frisa, germ. Seminar, Wien. 
Dinkelsbühl, Privilegien, nach Lünig, Reichsarchiv 13, 456 — 498 und Deduktion 
von Busch, Vertheidigte Territorial- u. Jurisdictions- Gerechtsame der Reichsstadt 
Diukelsbühl, 1755: Rechtskaudidat Fleischmann, München. 



Jahresberichte der Stiftungen und Institute. 1 49 

ninkelsljülil, Statuten des 14. Jlis.. nach Gciigler, Cod. iur. munic. 787 II'.: Kleiscii- 
MANN , München. 
••Diplomatarium Portusnaonense , Font. rer. Auslr. II, Bd. 24: Franz Kerscdbaum. 
Dortmund, Statuten u. Urteile, her. von F. Fbensdorff, 1882 (Hans. Gesch. -Qu. III): 

Referendar Ernst Rüben, Berlin. 
Driburg, Privileg v. 1345, in Wigand's Arcliiv 2, 361 ff.: Dr. Böroer, Papenburg. 
Eberhards Reimchronik von Gandersheim, her. von Weiland, Mon. Germ., Scr. vern. 
lingua usi II, S. 385 — 429: Dr. Leop. I'erels. 
**Egerer Fronleichnanispiel , her. von Milchsack , Bibl. d. Lit. Ver. in Stuttgart, Bd. 156, 

Tübingen 1881: Karl Kreisler, germ. Seminar, Wie». 
"Ems er Chronik, Beschreibung des Landes Vorarlberg, genannt Eniser Chionik, von 

Schnell, Hohenems 1616: Paul Pirker, germ. Seminar, Wien. 
"Erlauer Spiele (14. Jh.), her. von K. Kummer, Wien 1882: Edw. Zellweker. 

Erzählung vom Tode König Erich Plogpennings, her. von Weiland, Mon. Germ., 
Scr. vern. lingua usi 2, 632 f.: Dr. Leop. Perels. 
"Exekutionsordnungen Ferdinands III. und Leopolds I. v. 1655 u. 1671, Cod. 
Austr. I: Frz. Leifer. 
Frankenhausen, Stadtrecht v. 1534, bei Michelsen, Rechtsdcnkmale aus Thüringen 

466 — 500: Dr. VAN Vleuten, München. 
Frankenthaler Monatsschrift (des Fr. Altertumsvereins) VIII, 1900: Dr. Weiss, 
Eberbach a. N. 
"Frauenlob, Sprüche, her. von EttmüUer, Bibl. d. ges. deutsch. Nationalliteratur, XVI, 
1843: Dr. Hans Siegler, Seminar Heinzel. 
Fnrstenbergisches Urkundenbuch, her. v. d. fürstlichen Hauptarchiv zu Donau- 
eschingen, Bd. IV — VII (vollendet): Dr. Hopf, Freiburg i. Br. 
"Gasteiner Bergordnung v. 1342, bei v. Schwind u. Dobsch, Urk. a. d. Verf.- Ge- 
schichte S. 181, Nr. 97: Franz Leifer. 
•'Gegenreformation in der Stadt Brück a. d. L., nach Aufzeichnungen des Stadt- 
schreibers Georg Khirmaier, entworfen von Laurenz Pröll, Wien 1897: Alfr. 
Peitzker, germ. Seminar, Wien. 
Geldersen, Das Handlungsbuch Vickos von G., bearb. von Nirrnheim, her. vom Verein 
f hamburg. Geschichte, 1895: Dr. G.Wahl. 
"Hr. Geltar, v. d. Hagen, Minnesinger II, S. 173: Erwin Klein. 
"Geschichtsbücher der Wiedertäufer in Österreich -Ungarn 1526 — 1785, Font. rer. 

Austr. II, Bd. 43: Felix Koller, Wiener rechtsw. Seminar. 
**Gesetz u. Ordnung der adelichen landschaftsschuel in Österreich o. d. E., Beiträge 
zur österr. Erziehungs- u. Schulgeschichte, 3. Heft, 1901: R. Treichlee, Seminar 
Minor. 
"Goldenkron, Urkundenbuch des Cisterzienserstifts G. in Böhmen, Font. rer. Austr. II, 
Bd. 37 : Franz Kerschbaum. 
Görlitzer Stadtbuch v. 1305 (1325), Jecht im Görlifzer Gymnasialprogramm 1891: 

Dr. Georg Stobbe. 
Goslarer Urkundenbuch, Geschichtsquellen der Provinz Sachsen, Bd. 29 — 31: Dr. 

VAN Vleuten. 
Göttinger Stadtrecht, 14. u. 15. Jh., aus Pufendorf, Observationes III, app. Nr. 3: 
Dr. VON MÖLLER, Berlin. 
"Göttweig, Urkunden u. Regesten z. G. des Benediktinerstifts G., Font.rer.Austr.il, 

Bd. 51. 52. 55: Franz Kanta. 
**Greneck, Theatrum iuiisdictionis Austriacae, Wien 1752: Franz Kerschbaum. 
Grimm, Weistümer I (vollendet): Dr. H. Heerwagen , Nürnberg. 
Gubener Statuten v. 1604: Schott, .Sammlung 2, 123 ff.: Dr. Degen, Heidelberg, 
"üundachar von Judenl)urg, Christi Hort, Pfeiffer, Altdeutsches Lesebuch, 1866, 
Nr. 8 : Karl Kreisler, Wien. 
Gützkower Bauersprache v. 1686: Schott, Sammlung 2, 191 ff.: Dr. Degen. 
"Hafner, Gesammelte Schriften, Wien 1812: Richard Rosenberg. 
Hagen, Landrecht des Amtes H. (1581), Pufendorf, Observ. III, app. Nr. i : Dr. von 

Möller, Berlin. 
Halberstadt, Urk.- Buch des Hochstifts H. IV, 1889: Schröder u. Mohiell. 
Halberstadt- Osterwiecker Rechtsmitteilmig. J. Grote Frh. zu Schauen, Das 
(üsterwiecker) Stadtbuch v. 1353, Osterwieck 1850: Schröder u. Dr. Wahl. 



150 ÖfFentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

HaU (Scliwäbisch-), Stadtrechtsquellen, Lüiiig, Reichsarchiv 13, 900 il'. : Prof. Grkinkh. 
Hanserezesse, Rezesse u. Akten der Hansetage von 1256 — 1430, II — VIII: Amts- 
richter Dr. Boden, Hamburg. 
Hartmann von Aue, her. von Fedor Becli , Deutsche Klassiker des Mittelalters IV 
bis VI, 1888 — 1893: Stud. phil. Schott aus Frankfurt a. M. 
**Hartniann von .Starkenberk , v. d. Hagen, Minnesinger II, S. 73 ; Erw. Klein. 
**Heiligenkreuz, Urk.-B. des Cisterz.-Stifts H., Font. rer. Austr. II, Bd. 11 und 16 
Franz Kanta. 
Heinrich der Glichezare, Reinhart Fuclis, her. von K. Reissenberger, Halle 1886: 
Waltuer Kotzeneero , Charlottenburg. 
"Heinrich von Müglin, Fabehi und Minnelieder, her. von W. Müller, Göttingen 1848: 

Karl Kreisleb, Wien. 
••Heinrich der Teichner, Gedichte, Karajan, Denkschr. d. Wiener Ak. d.W. VI, 1855, 
8.8511. Lasi>l)erg, Liedersaal I — III, 1820 — 1S25. Schottky, Jahrbücher der Lite- 
ratur I, Vv'ien 1818, Anzeigeblatt S. 26 ff, : Emil Kreisler. 
Helgoländer Gerichtsprotokolle v. 1648 — 1669, Handschrift beim Amtsgericht Helgo- 
land : Dr. V. Möller , Berlin. 
Herford, Rechtsbuch der Stadt H., Wigands Archiv II, S. 7 ff. : Dr. Borger, Papen- 
burg. 
••Herrand von Wildonie, Poetische Erzählungen, her. von Kummer, Wien 1880: 

Heinrich Frisa , Seminar Heinzel , Wien. 
"Herzog Ernst, her. von v. d. Hagen und Büsching, Deutsche Gedichte des Mittel- 
alters I, Berlin 1808: Run. Treichlee , Wiener germ. Seminar. 
••Herzogenburg, Urkunden des Chor. Herrenstifts H., her. von Faigl, Wien 1886: 

Fr. Kanta. 
•'Hofkammeriiistruktion Maximilians II. v. 1568, Handschrift im Reichsfinanzarchiv 

zu Wien: Frz. Leifer. 
•*Hohenfurt, Urkundenbuch des Stiftes H., Foiit.rer.Austr.il, Bd. 23: Fr. Kanta. 
Holsteinische Reimchroiiik, her. von Weiland, Mon. Genn., Scr. vern. lingua 

usi II, S. 609 — 631 : Dr. Leop. Perels. 
Homeyer, Extravaganten des Sachsenspiegels (Abh. d. Berl. Ak. d.W. 1861, S. 223ff.): 

Willy Ernst, Berlin. 
Homeyer, Prolog zur Glosse des sächs. Landrechts (Abh. d. Berl. Ak. d.W. 1854): 

Willy Ernst, Berlin. 
Höniger, Judenschreinsbuch zu Köln, Quellen z. G. der Juden in Deutschland, I. 1888: 
Prof. Liesegant, , Wiesbaden. 
"Hugo von Montfort, bei Wackerneil, Altere Tirolische Dichter, III. 1881: Paul 

PiRKER , Wiener germ. Seminar. 
"Hüttner, Tacitae Hypothecae. Sammlung Chorinsky. E. Stanovich, Wien. 
••Instruc tio domino ludimoderatori Villacensis gymnasii observanda: Beiträge zur österr. 
Erziehungs- und Schulgeschichte, 2. Heft, 1899: R. Treichler, Seminar Minor, 
Wien. 
••Joachimsthaler Bergordnung von 1548: Corpus iuris metallici et systeina reruin 
metallicaruni , Frankfurt a. M. 1698: F. Leifer. 
Kaiserchronik, her. von Edw. Schröder, Mon. Germ., Scr. vern. lingua usi, I. i. 

1892: Dr. Leop. Perels. 
Kalauer Privileg von 1397: Gengier, Cod. iur. munic. 458: Schröder und Moriell. 
••Kanzleibuch K.Friedrichs IV. von 1478, Archiv f. k. österr. Gesch. Qu. III: Rud. 
Listner. 
Kasseler Stadtrechtsquellen: Geiigler, Cod. iur. munic. 472 ff. : Schröder und Moriell. 
Kleines Kaiserrecht, her. von Endemann, Kassel 1846: Dr. Leop. Perels. 
••Klosterneul)urg, Urk.-Buch des Stiftes K., I. II., Font.rer.Austr.il, Bd. 10 und 
Bd. 28: Franz Keeschbaum. 
Kolditzer Statuten von 1619: Schott, Sammlung 2 , 237ff.: Dr. Degen, Heidelberg. 
Königebuch: Buch der Könige, her. von Massmann in: Rechtsdenkmäler des deut- 
schen Mittelalters, her. von v. Daniels, III. Bd., Berlin 1860: Schröder und Wahl. 
Königseer Stadtr. 1559: Michelsen, Rechtsd. 279!?.: Dr. van Vleuten. 
"Konrad v. Haslau, Der Jüngling, Z. D. A. 8, 55off.: Karl Kreisler. 
••Kremsmünster, Das älteste Urbariuin von K., her. von L. Achleuthner. Wien 1877: 
Franz Kanta. 



Jahresberichte der Stiftungen und Institute. 1 5 1 

**Ki-einsiiiüiister, Urk.-B. f. d.O. der Boiiediktiiierabtei IC, be:ii-l). von Tli. llasii, 

Wien 1877: Franz Kanta. 
"Kudrun, her. von Martin, 2. Aufl.: Oskab Schramek (Wiener germ. Seminar). 
"Landfrieden: Bayer. -österreichisclie, von 1244— 1256. Arch. f. K. öst. Gesdi. ()n. I: 

FliANZ IVANTA. 

Landshut, Stadtr.: Rosentlial, Beiträge z. deutsch. Stadtrochtsgescli. i, iSsH".: Stud. 
Fleischmann, München. 
•'Landtafel oder Landesordnung des Erzherzogt. Österreich u. d.Enns, 1573, Buch I 
und IV, Saninüung Chorinsky: E. v. Chavannk und Fki,. Köli.ku. (l'.uch II und III 
schon 1903 ausgezogen.) 
Lauenburg, Stadtr. von 1599: Pufendorf, Ohserv. III, app. Nr. 5: Dr. v. Möller. 
Layenspiegel (Ulr. Tenngier) , Augsburg 1509; Dr. Scheel, Steglitz. 
"Lazius, Beschreibung Ungarns, 1606; und Beschreibung Wiens, i6ig: Wilh. Ettel. 
••Leopold I. Privatbriefe an den Grafen Pötting, Font. rer. Austr. II, Bd. 56: Amalie 
Sobel. 
Leutenberg, Stadtv., 15. Jh. und von 1506, Michelsen, Reclitsd. 425(1'., 456: 

Dr. VAN Vleuten. 
Leutkirch, Stadtrechtsquellen, Lünig, H. A. 13, 1286 IV.: Prof Greiner. 
'Der Litscliauer, von der Hagen, Minnesinger 11. Nr. 139, III. Nr. 15: Erwin Klein. 
Lübecker Ober-Stadtbuch. her. von Rehiue, 1895: Prof Rehme. 
Lübeck, U. B der Stadt L., L— III.: Dr. Ruekn. 
Lüneburg, Niedergerichtsordnung (1562 — 1577) Pufendorf, Observ. III., app. Nr. 6, 

346 — 397 : Dr. VON Möller. 
Lüneburg, Stadtb. und Verfestungsregister, her. von Reinecke (Qu. u. Darst. z. G. 

Niedersachsens, VIII, 1903): Dr. Schottelius, Braunschweig. 
Lüneburg, Zunfturkunden , her. von Bodemann (Qu. u. Darst. z. G. Niedersachsens I): 
Dr. Behre, Berlin. 
"Luther, Belagerung und Entsatz Wiens, 1683: F. Fischl. 
'•Lutwin, Adam und Eva, Bibl. d. lit. Ver. in Stuttgart, Bd. 153, Tübingen 1881 : 

Dr. Ludwig Kohn (Seminar Heinzel). 
"Materialien zur Gesetzgebung d. 18. Jh. in Österreich, I — VI, Sammlung Chorinsky : 
Feli.k Koller, Joh. Schierl, Ivarl Feldmann, Rud. Müller, Rdd. Listner, 
Schottländer - Landau. 
"Joh. Mathesius Werke, Bibl. deutscher Schriftsteller aus Böhmen, IV. 1896, VI. 1897, 
IX. 1898: Emil Kreislek (Seminar Minor, Wien). 
'Mattsee, Quellen zur Geschichte von M. , Font. rer. Austr. IL, Bd. 49: Felix Koller. 
"Maximilianische Beigordnung von 1517, bei Wagner, Corp. iur. metallici, 1791 : 
Franz Leifer, Wien. 
Monumenta Gerraaniae, Auetores antiquissimi I — XIII: Dr. Leop. Perels. 
Monumenta (iermaniae, Diplomata regum et imperatorum Germaniae, Bd. I., II. 

Rechtskandidat W. Moriell, Heidelberg, Bd. III. Dr. Ernst Perels, Berlin. 
Monumenta Wittelsbacensia I. II. (Quellen z. bayer. u. deutsch. Geschichte V. VI. 
1857 — 1861): Dr. van Vleuten. 
"Moscherosch, Insomnis cura parentuin, her. von L.Pariser, Halle 1893 (Neudrucke 
Bd. 108. 109): Emil Kreisler. 
'Mutach, Substanzlicher Unterricht, 1709 (jetzt vollendet): Rechtskandidal Hans 
König, Seminar Gmür, Bern. 
"Neidhart von Reuenthal, her. von M. Haupt, 1858. Einiges nach v. d. Hagen, 

Minnesinger III, Richard F'indeis, germ. Seminar, Wien. 
'•Neustift, Urkundenbuch des Stifts N. in Tirol, Font. rer. Austr. II, Bd. 34: 
Franz Kanta. 
Niederrad, Das Dorfrecht vo.nN., mitgetheilt von Euler, Arch. f Frankfurter Ge- 
schichte u. Kunst, 1854, Dr. Degen, Heidelberg. 
'Olmützer Gerichtsoidnung von 1550, her. von Fischel, 1903: Leop. Novobad. 
"Österreichische Reimchronik, Mon. Germ., Scr. vern. lingua usi (Rest): Dr. 

DouBLiER, Wien. 
••österreichische Weisthümer IL i (Unterinnthal) 1875: Rechtspraktikant Konb. 

Sterner, München. 
••Oswald von Wolkenstein. Geistl. u. weltl. Lieder, bcarb. von J. Schatz, Wien 1902: 
PaclPibkeb, Seminar Heinzel, Wien. 



152 öflFentliche Sitzuns vom 26. Januar 1905. 



1 



'Palaoky , Urkuudl. Beiträge z. Geschichte Böhmens im Zeitalter Georgs von Podiebrad, 

Font. rer. Austr. II.. Bd. 20: Felix Koller. 
•Passionsspiele, Altdeutsche, aus Tirol, her. von Wackerneil, Graz 1897 (Quellen 
und Forschungen zur Geschichte Österreichs, I.): Paul Pirker, Wiener germ. 
Seminar. 
Placaetboek, Groot, van de Statengeneral der Vereenighde Nederlanden, I. S. i — 64: 

Mr. Rollin- CoüQUERQUE, Haag. 
'Protokolle zur österreichischen Landesordnung, von Franz Reck, 1669, Sammlung 

Chorinsky: Franz Kanta. 
'Prugger, Beschreibung der Stadt Feldkirch, Feldkirch 1685 (Prugger Chronik): 

Paul Pirker. 
'Quellen zur Geschichte der Böhmischen Brüder (1547 — 1577), Font. rer. Austr. IL, 
Bd. 19: Felix Koller. 
Querfurter Statuten von 1662, Schott, Sammlung 2, 1490".: Dr. Degen, Heidelberg. 
Rain (in Bayern) Privilegien der Stadt v. 1323 und 1332, Gengier, Deutsche Stadt- 
rechte des Mittelalters 3642".: Schröder und W. Moriell. 
Reichstagsakten, Deutsche. Ältere Reihe II. (vollendet): Dr. Freiherr von Schwerin, 
München, III. Dr. Sopp, Karlsruhe. 
'Reim Chronik des Appenzellerkrieges , her. von J. von Arx, St. Gallen 1830: Pro!'. 

S. Singer, Bern. 
•Reinfried von Braunschweig, her. von Bartsch, Bibl. d. litt. Ver. in Stuttgart, 

Bd. 109, Tübingen 1871: Prof. S. Singer. 
'Reinmar von /ivveter, her. von Roethe, 1887: Ida Sengl, Seminar Heinzel, Wien. 
Rigaer Aktenstücke und Urkunden (17 10 — 1740), her. durch A. von Bulmerincq, 

2 Bde., Riga 1903: Schröder und W. Moriell. 
'Rösch von Geioldshausen, Wunschspruch und Tyroler Landreim, Innsbr. 1898: 

Jos. Mittelberger. 
Rotes Buch von Weimar, her. von O. Franke, Thür.-Sächs. Geschichtsbibliothek IL, 

1891: Schröder und W\ MomELL. 
Rother, König, her. von Rückert, 1872, Walther Kotzenberg, Charlottenburg. 
Rudolstadt, Stadtrechtsquellen, Michelsen, Rechtsdenkmale 207 ff. : Dr. van Vleuten, 

München. 
Rügenwald er Stadtrechtsquellen (17. Jh.), Schott, Sammlung 2 , 7 1 fi". : Dr. Degen, 

Heidelberg. 
Sächsisch Lehnrecht, Varianten, nach Homeyer, Des Sachsenspiegels IL Theil, 

Bd. I : Referendar W. Ernst, Berlin. 
Sächsische Weltchronik, her. von Weiland, Mon. Germ., Scr. lingua vem. usi 

n, S. I — 384: Dr. Leop. Perels. 
'Salzburger Urkundenbuch , bearb. von Hauthaler, her. v. d. Gesellschaft für Landes- 
kunde, Salzburg 189S — 1900: Pater Gebh. Scheiber, O. S. B., Salzburg. 
'Sankt Bernhard, Stiftwigsbuch des Klosters, Font. rer. Austr. IL, Bd. 6: Franz 

Kanta. 
'Sankt Paul, Urk.-B. des Benediktinerstifts St. P., Font. rer. Austr. 11., Bd. 39: 

F. Kerschbaum. 
'Sankt Pauler Predigten, her. von A. Jeitteles, Innsbr. 1878: Heinrich Frisa, germ. 

Seminar, Wien. 
'Schau berg, Zeitschr. f. noch ungedruckte schweizer. Rechtsquellen, II (Thurgauische 

Rechtsquellen) : W. Haller. 
'Scheyb, Theiesiade, 1746: Leo Hornung, germ. Seminar, Wien. 
'Schemnitzer Bergrecht (um 1400), Wagner, Corp. iur. metallici, Leipzig 1791 : 
Franz Leifer, Wien. 
Schoop, V'^erfassungsgeschichte der Stadt Trier, Westd. Zeitschr. Erg.-Heft I, 1884 : 

Dr. Weiss, Eberbach a. N. 
'Schottenabtei zu Wien , Urkundenbuch, Font. rer. Austr. IL , Bd. 18: Fr. Kanta, 

Wien. 
'Schwabenkrieg, her. von H. von Diessbach, Zürich 1849: Prof. Singer, Bern. 
'Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Vierteljahrsschrift, her. von Hoffmann- 
Krager, I — VI: Prof. Singer. 
Seibertz, Westfälisches Urk.-Buch I — 111, 1839 — 1854: Prof. Liesegang, Wiesbaden. 
Seidenberger Statuten von 1698, Schott, Sammlung 2, I7iff.: Dr. Degen, Heidelberg. 



Jahresberichte der Stiftungen und Institute. 153 

•'Seitenstetten, Urkundenbuch des Benediktinerstifts S., Font. rer. Austr. IL, Bd. 33: 

Felix Köllek , Wien. 
Siegen er Urk. -Buch, her. von F. Philipp! , I. 1887: Prof Liesegano. 
"Meister Sigeher, v. d. Ilagen, Minnesinger II, S. 360: Erwin Klein. 
Silvester, Trierer, her. von K. Kraus, Mon. Genn., Scr. lingna veni. usi I. 2, 1895: 

Dr. Leop. Perels. 
"Speculuni vitae humanae , ein Drama von Erzherzog Ferdinand II. von Tirol v.J. 

1584, her. von J.Minor, Halle 1889: R!Ch.\rd Rosenbero, Seminar Minor, Wien. 
'*von Stadegge, v. d. Hagen, Minnesinger II, S.74: Erwin Klein. 
"Sterzinger Spiele, nach Aufzeichnungen des Vigil Raber, her. von Zingerle, Wiener 

Neudrucke Bd. 9. 11, 1884 — 1886: Edwin Zellwecker. 
Stralsund, Das älteste Stadtbucli (1270 — 1310), her. von F. Fabricius, Berlin 1872: 

Schröder und Eeerh. iMeyer , Saarbrücken. 
Straubing, Stadti'echt: Kosenthai, Beiträge z. deutsch. Stadtrechtsgeschichtc 2. 303 IT.: 

Stud. Fleischmann, München. 
"Stricker, Karl der Grosse vom Str., her. von Bartsch, Bibl. d. ges. deutsch. 

Nationalliteratur, Bd. 35, 1857: K. H. Meznik, germ. Seminar, Wien. 
"von Suonegge, v. d. Hagen, Minnesinger I, S. 348: Erwin Klein. 
"Türkenbelagerung, Vier dramatische Spiele über die zweite T. 1683 — 1685, Wiener 

Neudrucke VIII. 1884: Feiedr. Fischl. 
Twenther Landrecht von 1521 — 1529, ed. Hattink, Zwolle 1898: Dr. Teltino, Haag. 
"Ulrich von dem Türlin, Willehalm, her. von S. Singer, Prag 1893 (Bibl. d. mittelhd. 

Literatur in Böhmen, IV^) : Emil Allg.Kuer , Seminar Seemüller. Innsbruck. 
"Urkunden der vier vorarlbergischen Heirscliaften und der Grafen von Montfort, 

Arch. f K. Ost. Gesch. -Qu. L: Franz Kanta. 
"Urkunden z. Geschichte Böhmens (1450 — 1471), her. von Palacky, Font. rer. Austr. 11. 

Bd. 20: Felix Koller, rechtsvv. Seminar, Wien. 
'Urkundenbuch des Landes ob der Emis, Bd. 6—8: 0. E. von Jaroschin, Franz 

Kanta, Franz Kerschbaum, Wien. 
'Urkunden u. Aktenstücke zur österr. Geschichte im Zeitalter Friedrichs III. 

(1440 — 1471), Font. rer. Austr. II, Bd. 42 : Franz Kanta. 
'Urkundliche Nachträge zur österr.- deutschen Geschichte im Zeitalter Friedrichs III., 

ebenda Bd. 46: Felix Koller. 
Wehner, Hofgerichtsordnung von Rottweil, Frankfurt 1610 (vollendet): Prof. Greiner, 

Ehingen. 
'Weisskunig Kaiser Maximilians I., von Marx Treitzsauerwein von Ehrentreitz. her. 

von Alwin Schultz, JB. d. kunsthistor. Sammlungen des Kaiserhauses, VI, Wien 

1888: Emil Kreisler. 
*Weitenfelder, Hans, Lobspruch der Weiber und Heiratsabrede zu Wien, her. 

von Franz Haydinger, Wieni86i: Leo Hornung, Wien. 
'Wenzel, König W. von Beheiin , v.d. Hagen, Minnesinger I, S. 8: Erwin Klein. 
Wigand, Denkwürdige Beiträge für Geschichte und Rechtsaltertümer, Leipzig 1858, 

S. I — 185; Schröder und Stud. jur. Eberh. Meyer, Saarbrücken. 
Wutke. .Sclilesiens Bergbau und Hüttenwesen, Urkunden. Cod. dipl. Silesiae, Bd. 20. 21 : 

Dr. Möller, Berlin. 
'Zeiringer Bergordnung von 1346, J. Sperges, Tirol. Beigwerksgeschichte, Wien 1765. 

S. 281: Franz Leifer. 



Akademische Jubiläunis Stifllung der Stadt Berlin. 

Bericht de.s Vorsitzenden des Curatoriums Hrn. Waldeyee. 

Satzungsgemäss wurde im December dieses Jahres über die beiden 
eingelaufenen Vorsehläge zur Verwendung des mit Ende 1904 ver- 
fügbar werdenden Zins -Erträgnisses des A^ertlossenen I. Quadrienniums, 
im Betrage von rund 14000 31ark, verhandelt. Beide Vorschläge wurden 

Sitzungsberichte 1905. 13 



154 öffentliche Sitzung vom 26. Januar 1905. 

A'om Curatorium der Berücksichtigung gleich werth gefunden. Über 
das zur Unterstützung zunächst ausgewählte Unternehmen — den Aus- 
schlag gab , dass für dieses eine Beschleunigung wünsclienswerth er- 
schien — schweben zur Zeit noch Verhandlungen. Sollten diese zu 
keinem für die Stiftung annehmbaren Ergebnisse füliren, so würde 
das zweite Project zur Annahme kommen. Darüber kann erst in der 
nächsten Januar- Festsitzung berichtet werden. 



Die Jahresberichte über die Monumenta Germaniae historica und 
über das Kaiserliche Archaeologische Institut werden in den Sitzungs- 
berichten veröffentlicht werden, nachdem von den leitenden Central- 
directionen die Jahressitzungen abgehalten sind. 



Sodann verkündete der Vorsitzende , dass die goldene Helmholtz- 
Medaille an Hrn. S. Ramön y Cajal, Professor der Histologie an der 
Universität Madrid verliehen worden sei. 



Schliesslich berichtete der Vorsitzende über die seit dem Feied- 
RiCHS-Tage 1904 (28. Januar) bis heute vmter den Mitgliedern der 
Akademie eingetretenen Personalveränderungen : 

Die Akademie verlor durch den Tod 

das auswärtige Mitglied der philosophisch -historischen Classe 
Otto von Böhtlingk am i. April 1904; 

die correspondirenden Mitglieder der physikalisch-mathematischen Classe 
Wilhelm His in Leipzig am i. Mai 1904, 
Alexander William Williamson in High Pitfold, Haslemere am 

6. Mai 1904, 
Clemens Winkler in Dresden am 8. October 1904, 
Ernst Abbe in Jena am 14. Januar 1905: 

die correspondirenden Mitglieder der philosophisch-historischen Classe 
Alexander Stuart Murray in London am 5. März 1904, 
Christoph von Sigwart in Tübingen am 5. August 1904. 



HEi.MHOLTz-Medaille. — Personalveränderungen. 155 

Neu gewählt wurden 
zu ordentlichen MitgUedern der jihysikalisch -mathematischen Classe 
Robert Koch, 
Hermann Struve, 
Hermann Zimmermann, 
Adolf Marxens : 

zum ordentlichen MitgUed der philosophisch -historischen Classe 
Alois Brandl; 

zu auswärtigen Mitgliedern der physikalisch -mathematischen Classe 
die bisherigen correspondirenden Mitglieder 
Sir Joseph Dalton Hooker in Sunningdale, 
Giovanni Virginio Schiaparelli in Mailand; 

zu correspondirenden Mitgliedern der physikalisch -mathematischen 
Classe 

Henri Becquerel in Paris, 
Adolf von Koenen in Göttingen, 
Henri Moissan in Paris. 
Wilhelm Ostwald in Leipzig: 

zu correspondirenden Mitgliedern der philosophisch -historischen Classe 
Arnold Luschin von Ebengreuth in Graz, 
Karl Theodor von Heigel in München, 
Edvard Holm in Kopenhagen, 
Friedrich Loofs in Halle a. S., 
Rene Cagnat in Paris. 
Ignazio Gvidi in Rom. 



Ausgea;eben am 2. Februar. 



SITZUNGSBERICHTE 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



V. 



2. Februar 1905. 



BERLIN 1905. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AICADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORü REIMER. 



feHaSBSSSasaSHSasasaSHSaSHSHSaScBHSHHHSeSHSHSHSHSHSHSSSaSSS-ciSHSHSHS 




Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§1. 

2. Diese erscheinen in einzelnen Stiiclien in Gross- 
Üctav regelmässig Donnerstags aclit Tage nach 
jeder Sitzung. Die sämmtlichen zu einem Kalender- 
jahr gehörigen Stüclic bilden vorlänlig einen Band mit 
Ibrtlaufender Paginirung. Die einzelnen Stiiclic erhalten 
ausserdem eine dm-ch den Band ohne üntersclded der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Onlnungs- 
nummer, und zwar die Berichte über Sitzungen der physi- 
Italisch- mathematischen Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen der pliilosophisch- historischen Classe ungerade 

Nummern. 

§2. 

1. Jeden Sitziuigsbericht eröffnet eine Übereicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wisscnscliaftliclien Mil- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftliclicn Arbeiten, und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück geliöri. 
dnickfertig übergelicnen, dann die, welclic in früheren 
Sitzungen mitgctlidlt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. Mittlicilungen, 
welche nicht in den Berichten und Abliandlinigen ei-- 
schcinen, sind durch ein Sternclien (*) l)czeiclinet. 

§ 5. 
Den Bericht über jede einzchie Sitzung stellt der 
Secretai' zusammen , welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secretar führt die Oberaufsicht über die Kedac- 
■ion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftliclicn Arbeiten. 

§ 6. 

1. Für lue Aufnahme einer wissensciiaftlidien Mit- 
theilung in die Sitzungsberichte gelten nelien §41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgen<len beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung d.vrl' 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Sclirift der Sitzungsberichte 
niclit übersteigen. Blittlieilungen von Verfassern , welche 
der Akademie niclit angehören, sind .auf die H.älfte dieses 
ümfangcs beschränkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur iiadi ausdrückhcher Zustimmung der Gesammt-Aka- 
deniie oder der betreffenden Classe stattiiaft. 

3. Abgesclicn von einfachen in den Text einzusch.al- 
tcndcn Holzschnitten sollen Abliildungcn auf durchaus 
Xothwcndigcs besclu-änkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilmig wird erst begonnen, wenn liie Stöcke der in den 
Text einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind imd von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
-Vtiflagc eingeliefert ist. 

1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche IMittlieilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 
nur auszugsweise oder auch in weiterer Atisfühining , in 
<leutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittheilung diese anderweit früher zu ver- 



öffentlichen beabsiclitigt, als ihm dies nacli den gelten- 
den Rechtsregebi zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Gesammt- Akademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 
5. Auswäi'ts werden Con*ecturen nur auf besonderes 
Verhangen verschickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer Mittheilungen nach acht Tagen. 

§ 11. 

1. Der Verfasser einer unter den »Wissenschaftlichen 
Mittheilungen" abgedruckten Arbeit erliält unentgeltlich 
ITinfzig Sondcr.abdrücke mit einem Umsclil.ag, auf welchciik 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahreszatil , Stück- 
nummer, Tag luid Kategorie der Sitzung, dai-untcr der 
Titel der Mittheilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Miftlieilungen, die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und cineui angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Einem Verfasser, welcher Jlitglied iler Akadeiiiii-- 
ist, steht es frei , auf Kosten der jVkademie weitere gleich'- 
Sonderabdrücke bis zur Zahl von noch hundert, und 
auf seine Kosten noch weitere bis zur Zahl von zwei- 
hundert (im ganzen also 350) zu unentgeltlicher Vei- 
tlieilung abziehen zu lassen, sofern er diess rcchtzeitii,'- 
dem redigirenden Secretar angezeigt hat; wünscht er an I 
seine Kosten noch mehr Abdrücke zur Vertheilung zr. 
erhalten, so bedarf es der Genehmigung der Gcsamnii' 
Akademie oder der betreffenden Classe. — Nichtmitgliedcr 
erh.ilten 50 Freiexemplare unil dürfen nach rechtzeitiger 
Anzeige bei dem redigirenden Secretar weitere 200 Exem- 1 
plare auf ihre Kosten abziehen lassen 

§ 28. 

1. Jede zur Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittlicilung muss in einer akademischen Sitzung ij 
vorgelegt wenlcn. Abwesende Mitglieder, sowie alle | 
Niclitinitglieder, haben hierzu die Vermittelung eines ihrem ] 
Fache angehörenden ordentlichen Blitgliedes zu benutzen. 
AVenn schriftliche Einsendungen auswäitiger oder corrc- 
spondirender Mitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen, so hat sie der Vorsitzende 
Secretar selber oder <lurch ein anderes Mitglied zinn 
Vorti'age zubringen. Mittheilungen, deren Verfasser der 
Akademie niclit .angehören , hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Mitgliedc zu übenveisen. 

[Aus Stat. § 41, 2. — Für ilic Aufnahme bedaif es 
einer ausdrücklichen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Classen. Ein d.wanf gerichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden | 

§29. 
1. Der revidirende Secretar ist für den Inhalt des 
geschäftlichen Theils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
fiii' die darin aufgenommenen kui'zen Inhaltsangaben der 
gelesenen Abhandlungen verantwortlich. Für diese « ie 
für alle übrigen Tlicile der Sitzungsberichte sind 
nach jeder Richtung nur die Verfasser verant- 
wortlich. 



Die Akademie versendet ihre »Sitzungsberichte' an die/eniffen Stellen, mit denen sie im Schriftverkehr stellt 
wofern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Stücke von Jamtar bis April in der ersten Hallte des Monats Mai, 
- Mai l>ui Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 
• October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers. 



157 

SITZUNGSBERICHTE i905. 

DER ' • 

KÖNIGLICH PREUSSISCIIEN 

AKADEI\IIE DER WISSENSCHAFTEN. 

2. Februar. Gesammtsitzuiig. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Walde yer. 

1. Hr. MöBius las über die ästhetischen Eigenschaften der 
Insekten. 

An Insekten verschiedener Ordninigen wurde p;e/.ei,i;t . dass der ästhetische Ein- 
druck, den sieinaclien, abhängt von der verliältnissniässigen Grösse der Körpertlieile, 
sowie auch von deren Form und Färbung. Grell hellbunte Insecten ziehen den Blick 
stärker an, als ein- oder zweifarbige, erschweren aber die Erfassung der ästhetischen 
Einheit des ganzen Insektes, weil sie den Blick von einer Farbe zur andern führen. 
Je mehr die farbigen Zeichnungen mit der Form des Körpers harmoniren , desto mehr 
gefallen sie. Längsstreifen sind schöner als Querstreifen und zerstreute Flecke. Dunkle 
Randsäume sind schöner als helle. Diese ziehen den Blick von der Mitte des Ganzen 
ab. Schmetterlingsflügel mit einer dunklen Randfarbe, die nach der Mitte des Körjiers 
allmählich heller wird, führt sehr angenehm zur Erfassung der ästhetischen Einheit 
des Ganzen. 

2. Hr. KoENiGSBERGEK , correspondirendes Mitglied der physikalisch- 
mathematischen Classe, übersendet eine Mittheilung: Über die aus 
der Variation der mehrfachen Integrale entspringenden par- 
tiellen Differentialgleichungen der allgemeinen Mechanik. 
(Ersch. später.) 

Es werden die expliciten Bedingungen für die Existenz eines kinetischen Po- 
tentials höherer Ordnung mit beliebig vielen abhängigen und unabhängigen Variabein 
in einfacherer Form als früher entwickelt, und mit Hülfe der so gewonnenen Resultate 
die Frage erörtert, welche der bekannten iiartiellen Differentialgleichungen der mathe- 
matischen Physik dem auf beliebig viele unabhängige Variable erweiterten Hamilton- 
sciien Princip ihre Entstehung verdanken, welche also im Sinne der erweiterten 
Principien der Mechanik eine mechanische Deutung zulassen. Zu gleicher Zeit wird 
auf Grund der letzten \'erüfrentlichungen des Verfassers das Energieprincip für diese 
Fälle behandelt. 

3. Hr. OsTWALD, corresjjondirendes Mitglied der physikalisch- 
mathematischen Classe, liess vorlegen: Ikonoskopische Studien. 

Durch mikroskopische Untersuchung und färberische Reaction wird die Mal- 
technik von Ölgemälden zu ermitteln versucht. 

4. Hr. F. E. Schulze legte eine Abhandlung des Hrn. Dr. med. 

Sitzungsberichte 19üü. 14 



158 Gesammtsitzung vom 2. Februar 1905. 

JonN Siegel vor: Untersuchungen über die Ätiologie der Sy- 
philis. (Ahh.) 

Verf. fand im Blut, in den Priniäraffekten und den breiten Condylomen syphi- 
litiscli erkrankter Menschen ein Protozoon, welches der Gattung Cytorhyctes angehört. 
Dasselbe Protozoon liess sich auch nachweisen in dem Blute und der erkrankten Haut 
geimpfter Affen sowie in dem Blut und der tyj)iscli erkrankten Iris geimpfter Kaninchen. 
Charakteristisch für die bei Lues gefundene Cytorhyctesart ist im Gegensatz zu den 
im Epithel sporulirenden Cytorhyctiden der acuten Exantheme die Localisation der 
sporulirenden Formen dieser Parasiten in dem Bindegewehe und den Gefdsswandungen, 
speciell dem Gefässendothel der besonders afficirten Partien. 

5. Hr.KoHLKAUscH legte eine Experimentalarbeit der HH.L. Holborn 
und L. Austin in Charlottenburg vor: Über die specifische Wärme 
der Gase in höherer Temperatur. 

Die Bestimmungen reichen bei Sauerstoff" bis 630, bei Luft, Stickstoff' und 
Kolilensäure bis 800°. 

6. Folgende Druckschriften wurden eingereicht; Corpus inscrip- 
tionum latinarum. Vol. XIII. Pars II. Fase. I. Inscriptiones Germaniae 
superioris ed. C. Z.\ngemeister. Berolini 1905; Acta Borussica. Denk- 
mäler der Preussischen Staatsverwaltung im 1 8. Jahrhundert. Behör- 
denorganisation und allgemeine Staatsverwaltung. Bd. 7. 1746 — 1748. 
Bearb. von G. Schmoller und 0. Hintze. Berlin 1904 und Ergänzungs- 
band: Briefe König Friedrich Wilhelms I. an den Fürsten Leopold zu 
Anhalt - Dessau. Bearb. von 0. Krauske. Berlin 1905. Kant's ge- 
sammelte Schriften. Bd. 2=Abth. i: Werke. Bd. 2. Berlin 1905: Monu- 
menta Germaniae historica. Auetores antiquissimi. Tom. XIV. Berolini 
1905; M.Planck, Vorlesungen über Thermodynamik. 2. Autl. Leip- 
zig 1905. 

7. Die Akademie hat durch die physikali.sch-mathematischeClas.se 
Hrn. Prof. Dr. Ludwig Plate in Berlin zur Ausführung von zoologischen 
Untersuchunsen auf den Bahama- Inseln ^000 Mark bewillis-t. 



Die Akademie hat in der Sitzung am 1 2 . Januar den Professor 
an der Sorbonne Henri Moissan, Mitglied des Instituts, in Paris und 
den Profes-sor an der Universität Leipzig, Mitglied der Königlich Sächsi- 
schen Gesellschaft der Wissenschaften, Geheimen Hofrath Dr. Wilhelm 
Ostwald zu correspondirenden Mitgliedern der physikalisch -mathe- 
matischen Classe srewählt. 



Die Akademie hat das correspondlrende Mitglied der physikalisch- 
mathematischen Classe Hrn. Ernst Abbe in Jena am 14. Januar durch 
den Tod verloren. 



159 



Die Formen und Farben der Insekten ästhetisch 
betrachtet. 

^'()n K. MöBius. 



Iveine Tierklasse umfiißt so viel verschiedene Formen wie die Insekten; 
man kennt über 280000 Arten.' Sie sind dem Aufenthalte in der Luft, 
im AVasser, im Erdboden, in abgestorbenen und in lebenden Pflanzen 
und Tieren aller Erdgebiete angepaßt. An Mannigfaltigkeit der Formen, 
Farben und Bewegungsweisen übertreffen sie alle andern Tierklassen. 
.Sie laufen, springen, klettern, fliegen, schwimmen, graben, bohren, 
stechen. Sie treten auf in allen Farben, welche die Natiir sonst noch 
an anderen Körpern hervorbringt. 

Der ästhetische Eindruck, den Tiere auf uns machen, hängt nicht 
bloß ab von ihrer Gestalt, Farbe und Bewegungsweise, sondern auch 
von ihrer Größe. Nach Erfahrungen, die wir von Kindheit auf an uns 
selbst, an andern Menschen, an großen und kleinen Tieren machen, 
leisten große Menschen und Tiere mehr als kleine; wir legen daher 
auch den größeren einen liöheren ästhetischen Wert bei als den kleine- 
ren. Bildnisse geistig hervorragender Menschen werden aus demselben 
Grunde von Künstlern überlebensgroß ausgeführt. 

üie allermeisten Insekten sind viel kleiner als die kleinsten Säuge- 
tiere und Vögel: nur die größten Käfer, Schmetterlinge, Schnabelkerfe 
und Geradflügler erreichen die Größe der kleinsten Säugetiere und Vögel. 
P^inzelne Individuen der größten Insektenarten machen daher einen un- 
bedeutenderen ästhetisclien P^indruck als allgemein bekannte Säugetiere 
und Vögel. Nur dann , wenn die Insekten in großen Scharen auftreten, 
ziehen sie den Blick als ästhetisch bedeutende Erscheinungen auf sich: 
Scharen von Honigbienen, die an warmen Sommertagen vor ihren 
Wohnungen durcheinanderfliegen, wolkenartige Schwärme von Heu- 
schrecken. Sclimetterlingen, Mücken, Ameisen, Libellen, Eintagsfliegen 
oder Köcherfliegen; Raupen, die in langen Zügen kahlgefressene Bäume 
verlassen und an noch grünen wieder in die Höhe kriechen. 

' Das Züolo!;isclie Museum in Berlin entiiält unf;;efiilir 1200000 Insekten, die 
über 140000 Arten angehören. Diese in rund 9000 Kasten zusannnengestellten Insekten 
lieferten das Vergleichungsinaterial für die hier vorgetragenen Betrachtungen. 

14* 



160 GesainmtsitzuDg vom 2. Februar 1905. 

Der ästhetische Eindi'uck, den ein ruhendes Tier auf uns macht, 
entspringt aus seiner Form und Farbe. Wirken die Formteile und 
deren Farben so zusammen, daß wir in dem angeschauten Individuum 
ein harmonisches Ganze erkennen, so sind wir ästhetisch befriedigt, 
das Individuum gefällt uns, wir finden es schön.' 

Der Körper der Insekten ist aus drei Abschnitten zusammengesetzt: 
aus dem Kopf, der Brust und dem Hinterleib. Die Brust besteht aus 
drei Ringen, an welchen unten die Beine entspringen, und über diesen 
bei den meisten Insekten Flügel an dem zweiten und dritten Brustringe. 

Bei vielen Käfern und Schnabelkerfen bilden die auf dem Hinter- 
leibe liegenden Flügel mit diesem eine ästhetische Einheit. Die Drei- 
giiederung des Köi'pers ist am schönsten ausgebildet bei Laufkäfern. 
Beispiele: Procrusfes coiiaceus Dej., Procerus tauricus Dej. Der Hinter- 
körper mit den aufliegenden Flügeln fesselt den Blick durch seine 
bedeutende Größe mehr, als der vor ihm liegende erste Brustring und 
der Kopf. In der stufenweise abnehmenden Länge und Breite der 
Vorderbrust und des Kopfes ist ein Gesetz verwii-klicht , dessen Wahr- 
nehmung gefällt. Der ästhetische Wert, die Schönheit des hinteren 
Abschnittes wird bei manchen Laufkäfern noch gesteigert durch Längs- 
riefen auf den Flügeldecken, die den Blick in der Richtung der Haupt- 
achse des Körpers fortleiten. Sie sind eine sich harmonisch an die 
größte Ausdehnung des Körpers anlehnende Bereicherung des verschie- 
denen Inhalts der ästhetischen Einheit. Beispiele: Carahus auroniteusY., 
Tefßus megerlei Latr. 

Käfer, deren drei Körperabschnitte nicht durch Einkerbungen ab- 
gesondert, sondern so zusammengefügt sind, daß sie als Ganzes einen 
elliptischen Umriß haben, wie z. B. Dyücus drcumflexus Y . luid Coccinelh 
septempunctata L., machen keinen so schönen Eindruck, weil ihre ästhe- 
tische Einheit einen weniger mannigfaltigen Inhalt umschließt. Auch 
Käfer, deren Vorderbrust und Kopf ebenso breit oder noch breiter sind 
wie der Hinterkörper, gefallen nicht, weil ihre Breite den Blick von 
dem Verfolg der Längsausdehnung des Körpers ablenkt. Beispiele: 
iMcanus cervus L., Eurytrachelus titan Boisd., Cydomatus tarandus Thbg., 
Staphylinus hirtus L. Nicht schön sind lange schmale stabförmige 
Insekten, deren Körper keine den Blick vorwiegend fesselnde Masse 
hat. Beispiele: Bacillus rossü F., Palophus centaurus Westw., Leptocola 
lignea K., Ranatra linearis F. 

Der ästhetische Eindruck der Vorderbrust und des Kopfes mancher 
Käfer wird gesteigert durch hornartige Auswüchse, besonders bei 



' »Der reine ästhetische Effekt entspringt nur aus dein Gefühl des Ganzen«, 
schreibt Goethe in einem Briefe vom 23. April 1812 an C.W. Körner. 



MöBirs: Die Formen und Farben der Insekten ästhetisch betrachtet. 161 

Scarbaeiden. Beispiele: Dynastes hercules\,., Megasoina elephas ¥., Chal- 
cosoma mucosus F. Viele Lucaniden haben sehr große Oberkiefer, 
welche die ästhetische Wirkuin»- des Hinterkörpers, der Hauptmasse, 
dadurch beeinträchtigen, daß sie den Blick von dieser abziehen und 
daher die Erfassung der ästhetisclien P]inheit erschweren. 

Auch Käfer, deren Hinterleib nicht größer ist als die Vorder- 
brust, wie bei Hypocephalus armatus Desm. sind häßlich. Kein Teil 
fesselt den Blick mehr als der andere. Man kommt nicht sofort zum 
Erfassen einer beruhigenden Einheit, weil der Blick gleich stark nach 
vorn und auch nach hinten gezogen wird. Unentschiedenheit ist 
immer unangenehm, wo sie auch auftreten mag. 

Bei Wespen, Bienen und Ameisen sind Kopf, Brust und Hinter- 
leib durch tiefe Einkerbungen deutlich voneinander geschieden, aber 
der Kopf ist ebenso breit wie die Brust. Dem Körper fehlt die 
stufenweise zunehmende Größe der drei Hau])tabschnitte. Sie sind daher 
nicht so schön wie die Laufkäfer. Beine von ungefälir gleicher, 
mäßiger Länge, welche den Körper gut unterstützen und schnell fort- 
bewegen, sind schöner als auffallend lange und dünne Beine, die 
den Blick von der Mitte des Körpers ablenken. Beispiele: Tipula 
yiyantea Schrk., Bacillus rossü F., Leptocola liynea K. Aus demselben 
Grunde gefallen auch Insekten nicht, die ein Paar sehr lange und 
zwei Paar kurze Beine haben. Beispiele: Euchirus longimanus L. mit 
sehr langen Vorderbeinen. Pachytylus migratorlus L. und Sayra buqucti 
Less. mit sehr langen Hinterbeinen. 

Die großen Flügel der Schmetterlinge, Libellen, Neuropteren, 
Zikaden, Fulguriden, Hymenopteren und mancher Orthopteren er- 
schweren die Auffassung der ästhetischen Einheit des ganzen Insekts, 
weil sie den Blick von dem längsgerichteten Mittelkörper, der die 
ästhetische Zentralmasse bildet, nach rechts und links hin abziehen. 
Jeder Flügel macht sich durch Form , Farbe und Geäder als besonderer 
Körperteil ästhetisch geltend. Durch ihre symmetrische Ausbildung- 
einigen sich jedoch die Flügel der rechten und linken Seite mit dem 
Mittelkörper zu einer ästhetisch befriedigenden Einheit. 

Die Grundfonn der Schmetterlingsflügel ist ein schiefwinkeliges 
Dreieck mit abgerundeten Ecken. Gebogene und gekerbte Seiten der- 
selben gefallen mehr als gerade. Sie bieten dem Blick einen mannig- 
feltigeren Inlialt dar, als eine gerade Linie. Beispiele: Preris milonia 
Feld., Papilio machaon L., Pieris napi L. Schwanzartige Fortsätze an 
den Hinterflügeln der Papilioniden und Saturniden gefallen als Be- 
reicherungen der Flügelgestalt und als formales Gegengewicht der 
Antennen. Schmale linealförmige Schwänze sind nicht so schön wie 
keulenförmige, die den Eindruck eines festeren Abschlusses des 



162 Gesammtsitzung vom 2. Februar 1905. 

Wachsens machen als jene. Beispiele: Papilio podaUrius L. und Papilio 
machaon L., Charaxes saturnus Butl. Auch die Richtung der Schwänze 
hat Einfluß auf den Grad der Schönheit. Weit gespreizte gefallen 
weniger als gering gespreizte, weil sie den Blick von der ästhetischen 
Mitte stärker ablenken. Papilio machaon ist schöner als Papilio podu- 
lirius, Papilio peranthus F. schöner als Papilio liris üodt. 

Einen eigentümlichen ästhetischen Eindruck machen die Flügel 
der zierlichen Federmotten. Sie bestehen aus schmalen federartigen 
Gliedern, die nach der Brust hin konvergieren und daher die Erfassung 
der ästhetischen Einheit angenehm fördern. Beispiele: Orneodes hexa- 
dactyla L., Alucita pentadactyla L. 

Die Antennen oder Fühlhörner der Insekten sind Zieraten des 
Kopfes von sehr verschiedenem ästhetischen Werte. Sehr kleine faden- 
förmige Fühlhörner machen nur einen unbedeutenden Kindruck. Bei- 
spiele: Libellula depressa L., Musca domestica L. 

Sehr lange fadenförmige Antennen leiten den Blick ohne Neues 
zeigend, daher langweilend, von der ästhetischen Hauptma.sse des 
Körpers weit ab. Beispiele: Locusta viridissima F., Pimpla clavaia F., 
Ephemer a culgata L., Phryganea striata L. 

Schöner sind deutlich gegliederte Antennen. Nimmt die Dicke 
der Glieder vom Grunde aus bis zur Spitze regelmäßig ab, so er- 
scheint ein Gesetz, das mit Wohlgefallen wahrgenommen wird. Bei- 
spiele: Ceramhyx cerdoh., Ca7-abus coriaceus Dej., Acrocinus longimanus L. 

Antennen, deren Ende keulenförmig verdickt ist, gefallen, weil 
sie den von ihnen fortgeleiteten Blick hier durch einen auffallenden 
Abschluß festhalten und beruhigen. Sie machen einen ähnlichen 
ästhetischen Eindruck wie die Haarquaste am Schwänze des Löwen. 
Beispiele: Vanessa io L., Argynnis aglaja L., Ascalaphus rhomboideus 

SCHNEU). 

Kurze Antennen mit blattförmigen Endgliedern verschönern den 
Kopf der männlichen Maikäfer, wie die Federhauben den Kopf der 
Vögel. Sie machen den Eindruck kraftvoller Bildungen. Beispiele: 
Melolontha fullo L., Melolontha vulgaris L. Ähnlich wirken auch die 
kammförmigen Fühler der männlichen Sjiinner [Bombycidae) und die 
büschelförmigen F''ühler männlicher Mücken. Beispiele: Saturnia pavo- 
nina L., Aglia tau L., Corethra plumicornis F., Ctenophora atrata F. 

Die Punktaugen sind wegen ihrer geringen Größe an dem ästheti- 
schen Eindruck der Insekten nicht beteiligt, wohl aber große facettierte 
Augen, welche den Blick als gewölbte glänzende Teile des Kopfes 
auf sich ziehen. Beispiele: Lucanus cervus L., Eristalis tenax L., Libellula 
depressa L. Sie haben aber, weil sie unbeAveglich sind, einen weit 
geringeren ästhetischen Wert als die beweglichen Augen des Menschen 



MÖBius: Die Formon und Farben der Insekten äsllietiseh betrachtet. 163 

und der Wirbeltiere, die durch Änderungen ihrer Blickrichtung Seelen- 
zustände anzeigen. Das können die Insektenaugen nicht. 

Bisher wurde nur der ästhetische Wert der verschiedenen 
Formen der Insekten hetrachtct. An dem ästhetischen Eindruck, 
den sie auf uns machen, ist auch ihre Farbe stark beteiligt. An 
einfarbigen Tieren, Bhimen und Kunstwerken tritt die ästhetische 
Wirkung der Form reiner und daher aucli leichter erkennbar auf als 
an buntgefärbten, denn jede Farbe zieht den Blick auf sich hin, an 
welchen Körperteilen sie auch auftreten mag. Helle Farben fesseln 
ihn stärker als dunkle. Die verschiedenen Farben und Zeichnungen 
können auf dem Körper und dessen Anhängen so angeordnet sein, 
daß sie die F]rfassung der ästhetischen Einheit des angeschauten In- 
sektes erleichtern, dessen Schönheit steigern: sie können aber auch so 
verteilt sein, daß sie das Erkennen der ästhetischen Einheit erscliweren, 
die Schönheit mindern, wie icli an einer Auswahl verschiedenfarbiger 
Käfer, Schmetterlinge und anderer Insekten nun zeigen werde. 

F^in ganz einfarbiger Käfer ist nicht so schön wie ein anderer 
\on derseUjcn Form . dessen Körper einen andersfarbigen Randsaum 
liat. Man vergleiche Hydrnphlhis piccus L. mit Dyticus circumßexus F. 
Der abweicliend gefärbte Randsaum schließt den ganzen Käfer auf- 
fallender von der Umgebung ab, als die nicht besonders gefärbte 
Grenzlinie, und erleichtert daher das Erfassen der ästhetischen Einheit 
der Körpergestalt. Noch andere Beispiele sind: Carabus adonis Hampe, 
schwarz mit goldglänzendem Randsanm; Cyptacorls lundi ¥ . (Schnabel- 
kerf), schwarz, gelbrandig. 

Schön sind Insekten, die nur zwei Farben haben, Avelche sich zu- 
einander verhalten wie Ergänzungsfarben oder solchen nahestehen. 
Die Farben machen einen harmonischen, beruhigenden Eindruck. Wäh- 
rend die eine Farbe als Reiz empfunden wird, hat die andere ihr Er- 
holungsstadium. Beispiele : Sternocera chrysisT., ein Käfer mit rotbraunen 
Flügeldecken, grüner Vorderbrust und grünem Kopf Calosoma sycop- 
hanta L., mit grünschillernden kupferroten Flügeldecken, dunkelbraunem 
Halsschild und Kopf. Chrysochroa fulgidissima Schh., glänzend grün mit 
roten Längsstreifen. Hotiiiiis cyanostrintus Guer., eine Leuchtzirpe (Ful- 
goridae), Vorderllügel braungelb, Hintertlügel am Grunde grünblau. 

Längsstreifen erhöhen die Schönheit des Körpers mehr als Quer- 
streifen, zerstreute Flecke und Punkte. Die Längsstreifen laufen der 
Hauptausdehnung des Körpers parallel und führen daher den Blick 
ebenso fort wie die Körpergestalt. Querbänder halten den Blick auf, 
Flecke und Punkte führen ihn hin und her, erschweren also das Erfassen 
der ästhetischen Einheit. Beispiele längsgestreifter Käfer: MelolonÜM de- 
cemlineata Sat, grau mit weißen Längsstreifen, Callichroma suturalis F., 



164 Gesammtsitzung vom 2. Februar 1905. 

schwarz mit grünen Läniisstreifen. Julodis cailUaudl Latr., grün mit grau- 
weißen Längsstreifen. Chrysomela superba Ol., grün mit ku2:)ferroten 
Längsstreifen. Proceicela vlttala F., schwarz mit gelben Längsstreifen. 
Graphosoma nigroUneata F. (SchnaLelkerf), rot mit schwarzen Längs- 
streifen. Beispiele quergestreifter Käfer: Sternoiomis virescens Westw., 
schwarz mit grünen Querstreifen und Flecken. Pleetodera smlator F., 
schwarz mit weißen Querstreifen. Conognatha sellowi Kl., Flügel- 
decken braun mit schwarzen Querstreifen. Doryphora taenigera Stal., 
Flügeldecken gelb mit schwarzen Querstreifen. Beispiele gefleckter und 
punktierter Käfer: Melolontha fullo L. , braun, weiß gefleckt. Julodis 
humeralis Gorv, grün mit verschieden großen weißen Flecken. Pro- 
taetla alhoguttata Burm., schwarz mit ungleich großen weißen Punkten. 
Doryphora undata Deg. , schwarz mit gelben Punkten. Doryphora 
punctatissima Ol., gelb mit sehr kleinen schwarzen Punkten. Käfer 
mit schönen symmetrischen Zeichnungen auf den Flügeldecken und 
dem Halsschild sind : Acrocinus longimanus L. , Flügeldecken grau- 
gelb mit schwarz eingefaßten roten Feldern. ParhonieUx poggel Kolbe, 
braun mit zwei gebogenen weißen Längsstreifen auf den Flügel- 
decken. 

Die größte Mannigfaltigkeit und Pracht der Farben ist auf den 
Flügeln der Schmetterlinge in den mikroskopischen Schuppen ausge- 
bildet, die beide Seiten der Flügel bedecken. Bunte Schmetterlinge 
mit verschiedenen auffallend hellen Farben und Zeichnungen ziehen 
den Blick stark an, aber sie beruhigen ihn nicht. Beispiele: Arctia 
caja L. Vorderflügel mit weißen Zeichnungen, Hinterflügel und Hinter- 
leib rotgelb mit bläulichschwarzen Flecken. PericalUa matromda L. 
Vorderflügel dunkelbraun mit hellgelben Flecken, Hinterflügel orange- 
gelb mit schwarzen Flecken, Hinterleib rot, schwarzgefleckt. Agar isla 
agricola Don. Grundfarbe beider Flügelpaare schwarz. Vorderflügel am 
Grunde gelbweiß wie die Brust, nach außen hin besetzt mit orange- 
farbigen größeren und mit bläulichweißen kleineren Flecken. Hinter- 
flügel mit roten und bläulichweißeu Flecken. Vorder- und Hinterflügel 
weiß gesäumt. Faßt man irgendeine der auffallenden Farben ins Auge, 
so wird man gleichzeitig auch von einer anderen gereizt und kommt 
endlich nur dadurch zu einer geringen ästhetischen Befriedigung, daß 
man die Symmetrie beider Flügelpaare betrachtet. 

Schmetterlinge, deren Flügel auf einfarbigem Grunde viele anders- 
farbige Flecke oder Punkte haben , lassen den Blick auch nicht zu be- 
friedigender Ruhe kommen. Beispiele: Syntonis phegea L. Flügel schwarz 
mit weißen Flecken. Zygaena ephialtes L. Flügel blauschwarz mit roten 
Flecken. Ahraxas grossulariata L. Flügel weiß oder gelb mit schwarzen 
Punkten. Argytinis aglaja L. Flügel braun, schwarz punktiert und ge- 



II 



MöBius: Die Formen und Farben der Insekten ästhetisch betraclitet. 165 

lleckt. Älinlicli verhält sich aucli die Zikade Gaeana mandata Dr., 
deren schwarze Flügel gelb und weiß gefleckt sind. 

Große augenälinliche Flocke erschweren die Erfassung der ästhe- 
tischen Einheit auch, können aber gefallen als abgesondert von dem 
Ganzen betrachtete ästhetische Einheiten. Beispiele: Yanexsa lo L., 
Smerlnthus oceUatuf^ L. 

Auffallend große, scharf abgegrenzte helle Flecke auf der Mitte 
dunkelfarbiger Flügel ziehen den Blick stark auf sich, machen aber 
einen nicht angenehmen grell hervortretenden Eindruck, der die Er- 
fassung der ästhetischen Einheit erschwert. Beispiele: Papilio euchenor 
GuER. Grundfarbe schwarz. Auf jeder Körperseite erstreckt sich ein 
großer scharfrandig ausgezackter gelber Fleck über beide Flügel. Papi- 
lio arjuno Horst. Flügel grünlichschwarz. Kinterflügel mit einem großen, 
scharf abgegrenzten grünlichblaueu Fleck. 

Schöner ist eine Farbe, die verschiedene Helligkcitsstufen hat. 
Sie fesselt den Blick als eine Mannigfaltiges darbietende Einheit. Bei- 
spiele: Mehlnntha vulgaris L., Sternocera chrusis F., Eumolpus fulgidus 
Ol., Phanaeus kirhyi Vigors, Chalcosonia caumsus F. Die gewölbten 
glänzenden Flügeldecken dieser Käfer erscheinen an den höchsten 
Stellen heller als an den abfallenden Seiten. 

Schillernde Flügel gefallen als einheitliche Grundlage wandelbarer 
ineinander übergehender Farben. Beispiele: Morpho sulkowxkyiKo\.\.., 
Calopteryx virgo L., Pepsis vitripennis F., Calosoma sycopJianta L. 

Schmetterlingsflügel mit auffallend hellen Querstreifen erschweren 
die Erfassung der ästhetischen Einheit, weil sie die Hauptachse des 
Körpers durchkreuzen. Beispiel: Heliconius pctiveranus Dbld., Flügel 
bläulichschwarz. Auf den Hinterflügeln ein gelber Querstreif. Schöner 
sind Längsstreifen, weil sie den Blick in derselben Richtung wie die 
Körperform fortleiten. Beispiele: Papilio mireus L., schwarz, mit grün- 
grauen Längsstreifen. Cyligramma latona Cham., braun, mit gelblich- 
weißen Längsstreifen. 

Hellgesäumte Flügel sind nicht so schön Avie dunkelgesäumte, 
weil die helle Farbe den Blick von der Mitte stärker abzieht als die 
dunkle und daher die Ei-fassung der ästhetischen Einheit erschwert. 
Beispiele: Vanessa antiopa L., dunkelbraun, Saum gelb. Colias palaeno L., 
gelb, Randsaum schwarz. Charaxcs pollux Ckau., rotbraun, Randsaum 
schwarz. 

Verschiedene matte ineinander übergehende Farben ziehen den 
Blick nicht so stark an wie grell zusammentrefi"ende helle Farben; 
sie wirken aber beruhigender und sind deshalb schöner. Beispiele: 
Deilephilaneriih., Flügel grün, mit rosenroten, in Schwarz übergehenden 
Zeichnungen, die eine milde ergänzungsfarbige Buntlieit bilden. Cclo- 



166 Gesanimtsitzung vom 2. Februar 1905. 

cala fraxini L., Vorderflügel grau, mit braunen Wellenlinien, Hinter- 
tlügel braun, mit gekerbtem weißen Rand und einem breiten hellblauen 
Streifen, der die Biegung des Flügelramles nachahmt und daher den 
Blick in derselben Richtung angenelim fortleitet. Thysnnia agrippina 
Cham. Die Flügel sind wellenförmig gekerbt: auf ihrer grauen Grund- 
farbe ahmen braune luid weiße Wellenlinien die Kerbung des Randes 
nach, eine Erscheinung, die als gesetzliche Wiederholung gefällt. Brah- 
)iiaea japonica Butl. Flügel graubraun, mit parallelen schwarzen Linien, 
die einen Augentleck auf jedem Vordertlügel umschließen. 

Sehr scliön sind Schmetterlinge, deren Flügelfarbe innen an der 
Brust am hellsten ist und nach außen zu allmählich in die dunkle 
Randfarbe übergeJit. Beis^jiclc: Fapilio pn-antkus F. Flügel schwarz, 
innere Teile der Flügel grün, blauschilleriul. Fapilio zalmoxis Hew. 
Flügel grünlich graublau mit schwarzem Randsaum. Von diesem führen 
nicht nur die schwarzen Adern, sondern auch noch spitz endigende 
schwarze Linien zwischen ihnen den Blick ebenso angenehm wie die 
zunehmende Helligkeit nach dem Körper, dem ästhetischen Zentrum 
hin. Da der Hinterleib gelb gefärbt ist, also die Krgänzung.sfarbe der 
Flügel hat, so wird der Blick hier mit voller Befriedigung festgehalten. 

Ohne Ruhe im Anschauen , gefesselt von einem Hauptteil des be- 
trachteten Gegenstandes, kommt niemand zum vollen Genuß des 
Schönen in der Natur vuid Kunst. 

Die Gesetze der harmonischen und disharmonischen Färbung der 
Insekten werden auch veranschaulicht durch die Farben Varietäten des 
Stiefmütterchens [Viola tricolor L.) und anderer Gartenblumen. 



167 



Ikonoskopische Studien. 

Von W. OsTWALi). 



1. Mikroskopischer Nachweis der einfachen Bindemittel. 

JTettenkofer bericlitet in seiner gruiidlcoeiulen Schrift »Über Ölfarbe«, 
(laß der weißliche Beschlag', der sich auf vielen in der Kgl. Bayrischen 
Gem<äldegalerie zu Schleißheim aufbewahrten Ölgemälden eingestellt 
hatte, zuerst für Schimmel gehalten worden sei; eine Untersuchung 
des Prof. Radlkofer, die zweifellos auf mikroskopischem Wege 
vorgenommen wurde, erwies indessen bald, daß die Erscheinung 
»nicht im geringsten mit der Bildung organisierter Produkte zusammen- 
hing«. Seit jener Untersuchung mit negativem Befunde scheint nicht 
wieder ein Gemälde unter das Mikroskop gebracht worden zu sein. 

Mich hatte bereits beim ersten Lesen jener Bemerkung der Ge- 
danke beschäftigt, daß man an einem Gemälde mittels dieses Instru- 
mentes erheblich mehr sehen könnte als die Abwesenheit von Schimmel, 
insbesondere wenn man Querschnitte duich die übereinandergelagerten 
Gründe und Farbschicliten der Untersuchung unterzöge. Es gelang 
mir indessen nicht, einen der mikroskopischen Technik Kundigen für 
die Angelegenheit zu interessieren, und nachdem ich ^on anderer Seite 
begonnen hatte, den hier vorhandenen Problemen meine Aufmerksam- 
keit zu widmen, kam ich bald zu dem Entschlüsse, die vielversprechende 
Arbeit selbst vorzunehmen. Unter tätiger Hilfe meines Freundes 
Prof. Wilhelm Pfeffer, dem ich auch hier meinen Dank dafür sage, 
erwarb ich mir die erforderlichen Fertigkeiten und nachstehend seien 
die ersten Ergebnisse der vorgenommenen Untersuchungen mitgeteilt. 

Die Aufgabe ist, an einer vorgelegten Probe eines beliebi- 
gen Gemäldes dessen Technik mittels unzweideutiger Kenn- 
zeichen zu ermitteln. Unter »Technik« ist hier die Gesamtheit 
der materiellen Operationen verstanden, welche für die Herstellung 
des Bildes ausgeführt worden sind. Diese kennzeichnen sich als eben- 
soviele übereinandergelagerte Schichten aus den angewendeten Sub- 
stanzen. Und zwar wird man im allgemeinen vier Hauptschichten 
unterscheiden können (die allerdings nicht immer alle vertreten zu sein 



168 Gesammtsitzung vom 2. Februar 1905. 

brauchen), nämlich den Bildträger, den Malgrund, die Bildschicht, 
d. h. die Farben mit ihrem Bindemittel und endlich die Schutz- 
schicht (Firnis, Glas u. dgl.), welche die darunterliegende Bild- 
schicht gegen mechanische und andere Schädigungen zu schützen be- 
stimmt ist. 

Der Bildträger dient dazu, die mechanische Unterlage für die 
Herstellung des Bildes abzugeben, und hat daher in erster Linie die 
Aufgabe mechanischer Festigkeit und Dauerhaftigkeit zu erfüllen. Seine 
Erkennung macht im allgemeinen nicht die geringsten Schwierigkeiten, 
da man seine Beschallenheit in den meisten Fällen durch die Betrach- 
tung der Rückseite des Bildes feststellen kann. Wo die Rückseite 
nicht zugänglich ist, wie bei Wandgemälden, ist die Auskunft meist 
durch die Bauart der Wand gegeben. Unter fast allen Umständen 
pflegt der bloße Anblick, nötigenfalls an einer zu diesem Zwecke frei- 
gelegten Stelle des Bildes, und in etwas zweifelhafteren Fällen eine 
einfache chemische Analyse endgültige Auskunft zu geben. 

Viel größere Schwierigkeiten machen die beiden folgenden Schich- 
ten, der Malgrund und die Bildschicht. Ersterer ist fast immer, letztere 
großenteils (nämlich bis auf die oberste Schicht) dem unmittelbaren 
Anblicke entzogen. Infolgedessen ptlegt bei Bildern , bezüglich deren 
sich nicht etwa genaue Nachrichten erhalten haben, über diese Fragen 
nur wenig Bestimmtes bekannt zu sein. Ist es doch namentlich bei 
den Gemälden der flämischen und der niederdeutschen Schule noch 
bis heute ein ungelöstes Problem, mit welchem Bindemittel und in 
welcher Malweise sie hergestellt worden sind. 

Verhältnismäßig einfach ist endlich meist die Frage nach der 
Schutzschicht. In vielen Fällen ist sie überhaupt nicht fest mit den 
anderen Schichten verbunden, insbesondere wenn sie aus Glas besteht \ 
so daß hier keinerlei Schwierigkeiten vorliegen, ihre Natur festzustellen. 
In anderen Fällen, namentlich bei Öl- und Temperabildern, besteht 
sie meist aus einem Firnis, d. h. einem durchsichtigen Hai'ze, das in 
einem flüchtigen Lösungsmittel gelöst war, meist Mastix oder Dammar 
in Terpentinöl. Viel seltener sind Firnisse, deren Harze in Wein- 
geist gelöst waren, wie Schellack oder Sandarak; der neuesten Zeit 
endlich gehört die Verwendung von Zellulosenitrat in Amylazetat als 
»Zaponlack« an. 



' Von LioNARDü DA A'iNoi rülirt ein Vorschlag her, das Bild mittels Terpentin 
unmittelbar mit dem Glase zu verkleben. Es wird hierdurch die Reflexion des weißen 
Oberflächenlichtes an zwei Flächen , nämlich der hinteren Glasfläche und der Bildober- 
fläche vermieden, und eine entsprechende Vertiefung der farbigen Wirkung erreicht. 
Mir ist nicht bekannt, ob dieser sehr beachtenswerte Gedanke für künstlerische Zwecke 
jemals Verwendung gefunden hat. Sachgemäß weist Lionardo gleichzeitig auf die sehr 
erhebliche Steigerung der Haltbarkeit eines solchen Werkes hin. 



Ostwald: Ikonoskopische Studien. 169 

Ist die Aufgabe gestellt, die Beschaffenheit der beiden mittleren 
Schichten festzustellen , so müssen diese off"enbar in irgendeiner AVeise 
der Beobachtung zugänglich gemacht werden. Da es physikalische 
Mittel, die übereinanderliegenden Schichten unberührt zu untersuchen, 
nicht gibt, so bleibt nichts übrig, als ein Stück des Bildes einer che- 
mischen Untersuchung zu opfern. Aus naheliegenden Gründen muß 
dieses Stück so klein als möglich sein: hierdurch ist bereits die An- 
wendung des Mikroskops nahegelegt. Auf das gleiche Hilfsmittel wird 
man durch die Überlegung verwiesen, daß die Dicke der übereinander- 
liegenden Schichten meist sehr gering ist, indem sie sich nach Zehn- 
tel- bis Hundertstelmillimetern bemißt. Legt man durch einen Quer- 
schnitt diese Schichten frei, so ermöglicht erst die optische Vergröße- 
rung, sie zu erkennen und den Einfluß etwaiger Reagentien auf sie 
festzustellen. 

Nach den Methoden der mikrochemischen Analyse, wie sie in 
neuerer Zeit namentlich durch H. Behrens ausgebildet worden sind, 
wird es dann im allgemeinen nicht schwer sein, die anorganischen Be- 
standteile der im Malgrunde und der Bildschicht verwendeten Stoffe 
festzustellen. Schwieriger wird die Aufgabe bei den Bindemitteln, da 
diese meist nicht wohldefinierte Stoff"e sind, sondern zufällige Gemenge, 
wie sie die Natur im Gummi, Harz, Lein- oder Mohnöl, Eiweiß usw. 
liefert. Hier bietet sich zunächst das verschiedenartige Verhalten dieser 
Stoffe gegen Lösungsmittel als Kennzeichen an. Doch ist hiermit not- 
wendig eine Zerstörung der räumlichen Ordnung der Probe verbunden, 
welche die Beurteilung sehr erschwert. Ich habe es daher sehr bald 
vorteilhaft gefunden, von den anderen Hilfsmitteln der mikroskopischen 
Technik, der Färbung, Gebrauch zu machen, welche die Teile des 
untersuchten Objekts in situ beläßt und außerdem gestattet, dauerhafte 
Belegpräparate herzustellen , an denen nötigenfalls sogar Fragen ent- 
schieden werden können, die erst später aufgeworfen werden. 

Da die verschiedenen Arten der Maltechnik sich nur durch die 
Natur der Bindemittel unterscheiden, während die Farbstoffe (mit ge- 
wissen Einschränkungen) überall die gleichen sind, so habe ich die 
Untersuchung in erster Linie auf die Erkennung der Bindemittel ge- 
richtet. Und zwar gedenke ich in der vorliegenden ersten Arbeit nur 
die homogenen Bindemittel zu behandeln, während die heterogenen 
Emulsionen der Temperatechnik einer späteren Arbeit vorbehalten sind. 

Die für die Kunstmalerei am meisten benutzten Bindemittel sind 
unzweifelhaft die trocknenden Öle, insbesondere Leinöl, Mohnöl 
und Nußöl. Sie bestehen aus den gleichen Glyzeriden, nur in etwas 
verschiedenem Mischungsverhältnis, und verhalten sich als Bindemittel 
für Farben so übereinstimmend, daß ich zunächst kein Bedürfnis gefühlt 



170 Gesainintsitziing vom 2. Februar 1905. 

liahe, sie vonpinandcr analytisch zu unterscheiden. Durch Oxidation 
an der Luft, Avelclie freiwillig erfolgt, durch Anwesenheit von Kata- 
lysatoren, insbesondere Blei- und Manganverbindungen aber sehr be- 
schleunigt wird, gehen diese flüssigen Öle in harte, harz- oder kautschuk- 
ähnliche Stofle über, welche die wesentliche und für Ölbilder charak- 
teristische Zwischensubstanz zwischen den Farbkörnern bilden. In den 
meisten Lösungsmitteln sind diese Oxydationsprodidcte unlöslich. Der 
Kürze wegen will ich sie weiterhin trockenes Öl nennen. 

Das beste Reagens auf trockenes Öl ist nach meiner bisherigen 
Kenntnis das gewöhnliche Methylviolett, d. h. ein Salz des Hexa- 
methylpararosanilins. Läßt man auf einem Objektträger eine dünne 
Schicht des Öls fest werden und bringt darauf einen Tropfen einer 
sehr verdünnten wässerigen Lösung des Farbstoffes, so macht sieh alsbald 
ein ungewöhnlich großer Teilungskoeffizient desselben zugunsten des Öls 
geltend: der Farbstoff wird sehr stark gespeichert imd die entstandene 
AHolette Färbung bleibt beim Abspülen bestehen und kann auch durch 
langes Auswaschen mit Wasser nicht entfernt werden. Ein Sp.änchen des 
trockenen Öls, das man abgeschabt und in einen Tropfen der verdünnten 
Farbstolflösung gebracht hat, beginnt alsbald sich dunkel zu färben. 
Die Farbstofl'lösung kann dabei so verdünnt sein , daß die Färbung des 
Tropfens auf dem Objektträger nur eben sichtbar ist. Je verdünnter 
der Farbstoff" ist, um so weniger besteht Gefahr, daß andere vorhan- 
dene Stoffe gefärbt w^erden, um so länger muß man aber auch die 
Färbung fortsetzen. Doch habe ich mit einer Viertelstunde bisher stets 
bequemes Auskommen gefunden. 

Beim längeren Aufbewahren der verdünnten Farbstofflösung treten 
in dieser Veränderungen (anscheinend hydrolytischer Natur) ein, welche 
die Schärfe der Reaktion stören. Es scheint, daß diese sich dui'ch 
schwaches Ansäuern der Lösung mit Essigsäure aufhalten lassen, doch 
muß ich vorläufig empfehlen, nur frische Lösungen zu benutzen, bis 
die ents])rechenden Versuche, die natürlich längere Zeit erfordern, 
beendet sind. 

Harze werden unter diesen Umständen von Methylviolett gar nicht 
gefärbt, ebensowenig Leim und andere stickstoffhaltige Bindemittel. 
Auch die Fasern des Leins, des Hanfs und der Baumwolle, die als 
Unterlage der Maltuche dienen, werden nicht gefärbt, wenn sie nicht 
mit Leinöl getränkt worden waren, wie dies nicht selten geschieht. 
(Mspuren , die zufällig beim Herstellen oder Aufbewahren des Mal- 
tuches an die Rückseite gekommen sind, lassen sich sehr schön durch 
ihre lokale Anfärbung erkennen. Ich glaube berechtigt zu sein, die 
Färbung mit Methylviolett in sehr dünner Lösung als eine spezifische 
Reaktion auf trockenes Öl zu bezeichnen. 



Ostwald: Ikonoskopische Studien. 1/1 

Farl).seliichten, die aus Öl und irgendeinem FarbjstoiTe bestehen, 
zeii-en die Reaktion in gleicher Weise, soweit nicht der anwesende 
Farbstoir das Erkennen der violetten Färbung verhindert. Idi habe 
niicli insbesondere überzeugt, das Bleiweiß, welches verhältnismäßig 
weniger Öl enthält, als irgendeine andere Ölfarbe, doch die Reaktion 
nicht wesentlich stört. 

So zeigte beispielsweise ein gewöhnliches käufliches, mit Blei- 
weiß in Öl grundiertes Maltuch, von dem ein Dünnschnitt (etwa o'"!"! 
stark) mit Metliylviolett angefärbt war, violette Färbung in der ober- 
sten, weißen Schicht sowie an und zwischen den Leinfasern; da- 
zwischen befand sich ein Leim -Kreidegrund, der nicht gefärbt war. 
Dort, wo die Fäden des Gewebes durch den Schnitt senkrecht ge- 
troffen waren, konnte man leicht erkennen, daß das Öl nur zwischen 
die Fasern und nicht in deren Inneres gedrungen war, denn das Bild 
zeigte die eckigen Faserquerschnitte farblos, eingebettet in eine tief 
violett gefärbte Zwischensubstanz. 

Die verschiedenen trockenen Öle zeigen anscheinend übereinstim- 
mendes Verhalten: ich habe Leinöl und Mohnöl untersucht und keinen 
Unterschied gesehen. 

Ähnlich wie Methylviolett verhält sich Methylenblau, das in 
konzentrierter Lösung so ziemlich alles anfärbt, in sehr verdünnter aber 
auch ganz vorwiegend vom trockenen Öl gespeichert wird. Ich habe 
den Eindruck, als wenn die Reaktion mit Methylenblau ebenso empfind- 
lich wäre wie die mit Methylviolett, doch habe ich damit nicht sehr 
viel gearbeitet, weil das letztere mich in jeder Beziehung zufrieden- 
stellte. 

Ein weiterer sehr brauchbarer Farbstoff für trockenes Öl ist Ma- 
lachitgrün. 

Die für Wasserfarben benutzten Bindemittel zerfallen in die beiden 
Gruppen der stickstofffreien und der stickstoffhaltigen. Von 
ersteren kommt wesentlich arabisches Gummi in Frage, während die 
letzteren durch Leim, Eiweiß und Kasein repräsentiert sind. Für ersteres 
kommen Färbemittel kaum in Betracht: durch seine Löslichkeit in kaltem 
Wasser und die Abwesenheit der alsbald anzugebenden Reaktionen 
der stickstoffhaltigen Bindemittel erscheint Gummi zunächst genügend 
gekennzeichnet. 

Die genannten stickstoffhaltigen Verbindungen werden durch sehr 
verschiedene Farbstoffe mehr oder weniger intensiv gefärbt. Um zu- 
nächst eine Übersicht zu gewinnen, habe ich Blättchen von weißer 
Gelatine in den verschiedenen Farbstoffen stark gefärbt und sie nach 
dem Abwaschen in reinem Wasser schwebend aufbewahrt. Wenn die 
Proben »bluteten«, d.h. ihren Farbstoff' schnell abgaben, so wm-de dieser 



172 Gesanimtsitzung vom 2. Februar 1905. 

verworfen; in jedem Ffille ließ sich aus dem Betrage der Färbung-, die 
das Wasser nacli einigen Tagen annalim, die Festigkeit der Bindung oder 
vielmehr die Größe des Teilungskoeffizienten abschätzen. Auf solche 
Weise ergab sich Säuregrün (mit Zusatz von etwas Salzsäure) als 
der geeignetste Stoff für Gelatine; in der Tat verhält sich diese zu 
einer ganz verdünnten Lösung des Farbstoffes (dem ich der besseren 
Benetzung der Proben wegen ein wenig Alkohol zugesetzt hatte), ganz 
ebenso, wie ich es oben vom trockenen Ol gegen Metliylviolett ge- 
schildert habe. 

Annähernd von gleicher Intensität sind die Färbungen, welche 
ich mit Jodeosin (als Ammoniaksalz gelöst) erhalten habe. Es ist 
für manche Zwecke gut, außer dem sauer reagierenden Färbemittel, 
dem Säuregrün, ein neutrales bzw. basisches zu haben, das eben im 
Jodeosin vorliegt. Wo die Wahl frei ist, ziehe ich das erstere vor. 

Die drei genannten stickstoffhaltigen Bindemittel färben sich an- 
nähernd gleich ; auch habe ich bei gelegentlichen Versuchen nach 
dieser Richtung mit anderen Farbstoflen noch keine so erheblichen 
Unterschiede angetrofien, daß sich darauf eine einzelne Kennzeichnung 
gründen ließe. Eine solche erfolgt aber leicht auf Grund der wohl- 
bekannten Löslichkeitsverhältnisse. Eiweiß löst sich in kaltem Wasser, 
auch wenn dieses sauer oder basisch reagiert, Kasein löst sich in 
saurem Wasser nicht und Gelatine quillt in beiden nur, löst sich 
aber in warmem Wasser. Mit Säuregrün wird man also Kasein und 
Leim in situ beobachten können , mit einer ammoniakalischen Lösung 
von Jodeosin dagegen nur letzteren, während Kasein in Lösung geht. 
Eiweiß geht immer in Lösung, falls es nicht durch Erhitzen oder 
durch Metallsalze koaguliert ■worden war. Da dies bei Bildern kaum 
in Frage kommt, so ist damit die Unterscheidung der drei Stoffe 
grundsätzlich ermöglicht. 

Es erschien mir noch wünschenswert, ein Verfahren zu besitzen, 
um die in Lösung gegangenen Stoffe in so minimalen Mengen, wie 
sie der mikroskopische Querschnitt ergibt, nachweisen zu können. 
Dies gelang in unerwartetem Maße; für Eiweiß liegt die Grenze der 
alsbald zu beschreibenden Methode bei einem Hunderttausendstel 
Milligramm oder io~*g. Der Versush wird folgendermaßen ausge- 
führt. 

Man läßt die Probe auf dem Objektträger- einige Minuten in einem 
redit kleinen Tropfen W^asser liegen, fischt sie dann, ohne den Tropfen 
zu verbreitern, lieraus und dampft diesen schnell ein, indem man den 
Objektträger auf ein erhitztes Blech legt, dessen Temperatur so hoch 
ist, daß ein darauf gespritzter Wassertropfen eben den sphäroidalen 
Zustand annimmt. Nachdem der Tropfen verschwunden ist, erhitzt 



Ostwald: Ikonoskopisclie Studien. 173 

man noch etwa eine Minute lang weiter, um das Eiweiß sicher zum 
Gerinnen zu bringen, kühlt ab und bringt auf die Stelle, wo der 
Tropfen gelegen hatte, eine starke Lösung von Säuregrün oder Jo- 
deosin. Nach einigen Augenblicken wird der Farbstoff mit der Spritz- 
flasche vollständig abgespült. Ist Eiweiß vorhanden, so findet man 
die Peripherie des früheren Tropfens von einer scharfen grünen bzw. 
roten Linie gebildet, die man bei größeren Mengen mit bloßem Auge, 
bei kleineren mit einer Lupe oder dem Mikroskop (Vergrößerung 
etwa 60) beobachtet. Die Erscheinung berulit darauf, daß hei der 
geschilderten Art des Eindampfens sich das Eiweiß am Tropfenrande 
sammelt, indem es dort gerinnt. Durch Arl»eiten mit stufenweise 
verdünnteren Eiweißlösungen habe ich die erwähnte Grenze feststellen 
können, an der die Reaktion bei einiger Übung jedesmal mit Sicher- 
heit eintritt. Sehr erleichtert wird die Beobachtung, wenn man sich 
für diesen Zweck Objektträger aus Milchglas anfertigen läßt; in der 
Tat bedeutet die Anwendung einer solchen L'nterlage nach bekannten 
optischen Verhältnissen ungefähr die Erhöhung der Empfindlichkeit 
auf das Doppelte. 

Auch Kasein läßt sich auf gleiche W^eise erkennen. Wie weit 
dort die Grenze geht, habe ich noch nicht ermittelt. Hier ist natür- 
lich Eosin nicht anwendbar; am besten ist es, den Auszug vor dem 
Eindampfen mit Essigsäure anzusäuern und die Koagulation nicht erst 
dem Säuregrün zu überlassen. 

Schließlich seien noch einige Worte über die Technik dieser 
Versuche gesagt. Es wurde meist eine sehr mäßige Vergrößerung, 
50 bis 100 benutzt. Die Präparate wurden durch Schneiden zwischen 
Kork mittels eines kleinen Handmikrotoms meist o""i stark hergestellt; 
bei kleineren Dicken tritt zu leicht ein Zerfallen ein. Bei Geweben 
wurde vor dem Schneiden eine dicke Lösung von arabischem Gummi 
mit 15 Prozent Glyzerin aufgestrichen und getrocknet, um die Fäden 
Avährend des Schneidens zusammenzuhalten. Wird der Schnitt dann 
in einen Wassertropfen gebracht, um das Gummi fortzulösen, so zer- 
streuen sich allerdings auch die meisten Fasern: es werden aber doch 
so viele von den aufgetragenen Schichten des Malgrundes festgehalten, 
daß man nichts Wesentliches verliert. Handelt es sich um Betrachtung 
des Gewebes selbst, so kann man den Schnitt in Xylol beobachten. Ein 
Einbetten der Objekte in Paraffin oder Celloidin, wie dies sonst üblich 
ist, verbietet sich hier durch die Natur der zu beantwortenden Fragen. 
Häufig sind die Schichten alter Bilder so spröde, daß sie beim Schneiden 
zersplittern; dann kann man sich, wie mir W. Pfeffer zeigte, da- 
durch helfen, daß man das Objekt einige Zeit im Alkoholdampf bei 
Zimmertemperatur verweilen läßt. 

.Sitzuiigsberielite 1095. 15 



174 Gesnmmtsitzung vom 2. Februar 1905. 

So dicke Schnitte sind natürlich meist undurchsichtig. Da ich 
mich ferner bald überzeugt hatte, daß meist bei auffallendem Lichte 
viel mehr zii sehen war, als bei durchfallendem, so lasse ich mittels 
eines Linsensystems (zwei Bi'illengläser von je 1 5"" Brennweite) ein 
verkleinertes Bild des Glühstrumpfes einer Auerlampe auf das Objekt 
fallen. Bei dem großen Abstände des angewendeten Objektivs (Leitz 
Nr. 3) läßt sich dies sehr leicht ausführen und man erhält überaus 
glänzende Bilder. 

Zum Einbetten aufzubewahrender Präparate dient eine wässerige 
Lösung von 40 Prozent arabischem Gummi und 30 Prozent Glyzerin. 

Mit diesen einfachen Hilfsmitteln und unter Anwendung der 
oben geschilderten Reaktionen läßt sich bereits eine recht weitgehende 
Kenntnis von der Beschafl'enheit und Technik eines vorgelegten Bildes 
erreichen. Welche Bedeutung dies für das Studium der geschicht- 
lichen Entwicklung der Maltechnik, für die Kennzeichnung der ver- 
schiedenen Meister, Schulen und Werkstätten und endlich für die Be- 
schallung rationeller Grundlagen für die Erhaltung der Bilder hat, 
kann ich an dieser Stelle nur andeuten. Doch ist, bevor die Auf- 
gabe angegriffen wird, die geschichtlich gegebenen Kunstwerke in 
der angegebenen Weise zu untersuchen, zunächst noch das Studiimi 
der mannigfaltigen Temperabindemittel durchzuführen und dann die 
Zuverlässigkeit der Methode an Material von bekannter Herstellungs- 
weise zu erproben. Beiden Aufgaben gedenke ich mich alsbald zu 
unterziehen. " 



175 



über die spezifische Wärme der Gase in höherer 
Temperatur. 

Von Prof. L. Holborn und Prof. L. Austin 

in Charlotteiiburg. 



(Mitteilung aus der Physikaliseli -Technischen Reichsanstalt. Vorgelegt von 
Hrn. Kohlrausch.) 



U nsere Kenntnisse über die spezifische Wäi-me der Gase beruhen einer- 
seits auf kalorimetrischen Messungen in mittleren Temperaturen bis 
200°, anderseits auf Explosionsversuchen über 1000°. Das große 
Zwischengebiet hat man durch Interpolation zu überbrücken gesucht. 
Dies Verfahren ist um so gewagter, als von vornherein nicht feststeht, 
ob die beiden Untersuchungsreihen vergleichbare Resultate ergeben, 
so daß eine Bestätigung durch die Beobachtung notwendig erscheint. 
Bei den Versuchen , deren Ergebnisse hier mitgeteilt werden , sind 
die kalorimetrischen Messungen bis 800° ausgedehnt worden, und zwar 
wurde nach der Mischungsmethode , die von Delaroche und Berard 
zuerst angegeben, später durch Regnault ihre klassische Ausbildung- 
erfahren hat, die spezifische Wärme der Gase bei konstantem Druck 
beobachtet. 

Versuchsanordnung. 

Die Erwärmung des Gases geschah in einem 8™'° weiten Nickel- 
rohr, das nach dem Vorgang von E. Wiedemann mit Spänen gefüllt 
war und durch elektrische Heizung auf konstanter Temperatur gehalten 
werden konnte. Das silberne Kalorimeter, in welchem das Gas die 
Wärme an mit Metallspänen gefällte Röhren abgab, enthielt -f 1 Wasser 
und war von einem Wassermantel umgeben, dessen Temperatur wäh- 
rend der Versuchsdauer auf tö° konstant gehalten wurde. 

Das Gas stammte aus käuflichen Bomben, aus denen es unmittel- 
bar nach Passieren eines Reduzierventils und eines langen Trockenrohrs 
in das Heizrohr trat. Hinter dem Kalorimeter wurde der gleichmäßige 
Gasstrom unter Atmosphärendruck in einem Gasometer aufgefangen, 
aus dem das Gas eine seinem Volumen entsprechende Wassermenge 



176 



Gesammtsitziinsr vom 2. Februar 1905. 



verdrängte, die gewogen wurde. Das Gas kam hierbei nicht direkt 
mit dem Wasser in Berührung, sondern trat in einen Gummisaek, so daß 
auf diese Weise auch Gase gemessen werden können, die stärker in 
Wasser löslich sind. 

Die Temperatur des heißen Gases wurde mit einem Thermoelement 
aus Platin und Platinrhodium kui'z vor dem Eintritt in das Kalorimeter 
gemessen. Die o"."2 5 dicken Schenkel dieses Elements waren durch 
dünne Kapillaren aus Quarzglas isoliert, die Lötstelle wurde durch be- 
sondere Anordnung gegen Strahlung der Rohrwand und gegen Wärme- 
ableitung geschützt. 

Um die Korrektion, die an der Temperaturerhöhung des Kalori- 
meters wegen der Wärmezufuhr durch das Gasrohr anzubringen ist, 
klein zu halten, war dessen MetaUwand vor dem Kalorimeter durch 
ein kurzes Porzellanrohr unterbroclien, das auf beiden Seiten durch 
Asbest abgedichtet war. Da für jede Beobachtungstemperatur unge- 
fähr immer dieselbe Gasmenge {4 bis 9 g in der Minute, 15 bis 30 g 
im ganzen bei einem einzelnen Versuch) durch das Kalorimeter strömte, 
so stieg die Erhöhung der Kalorimetertemperatur proportional mit der 
des Gases. In ähnlicher Weise nahm auch die Korrektion wegen der 
Wärmeleitung der Rohrwand zu, so daß sich ihr Einfluß auf das Er- 
gebnis mit wachsender Temperatur relativ wenig änderte. 

Es wurde die mittlere spezifische Wärme für die drei Tempera- 
turintervalle : 20 bis 440, 20 bis 630 sowie 20 bis 800° bestimmt. 



Resultate. 

Einfache Gase. — Die folgende Tabelle gibt die Mittel aus 
den Beobachtungen für die mittlere spezifische Wärme von Luft, 
Stickstoff und Sauerstoff. Letzterer enthielt 9.5 Volumprozente Stick- 
stoff. Die Werte für reinen Sauerstoff' sind berechnet, ebenso die 
Zalüen der letzten Kolumne für Luft. Zum Versleich sind 







Sauerstoff 






Luft 




Stickstoff 


mit 
9.5 Prozent N 


Sauerstoff 


Luft 


bar. aus N 
und 


zwischen 10 und 200° 


0.243S 


— 


0.217s 


0-2375 


— 


" 20 • 440 


0.2419 


0.2255 


0.2240 


0.2366 


0.2377 


20 ■■ 630 


0.2464 


0.2314 


0.2300 


0.2429 


0.2426 


20 • 800 


0.2497 


— 


— 


0.2430 


— 



in der obersten Reihe kursiv die REGNAULxschen Ergebnisse hinzu- 
gefügt, die sich auf das Intervall zwischen 10 und 200° beziehen. 
Regnault hat Luft und Sauerstoff beobachtet und daraus Stickstoff 
berechnet. 



L. HoLiioRN iiikI L. Austin: tTber die spezifische Wäiiiie der Gase. 1 / / 

Unsere Werte für das Gebiet von 20 bis 440° stimmen bei Luft 
und Stickstoff innerhalb der Beobachtungsfehler mit den von Regnault 
für das kleinere Intervall gefundenen Zahlen überein, während wir 
für Sauerstoff eine größere spezifische Wärme erhalten. Dieser Unter- 
schied verschwindet auch noch nicht vollständig, wenn man auf Grund 
einer Vergleichung mit den REGNAULTschen Beobachtungen für Luft 
annimmt, daß der von ihm für Sauerstoff angegebene Wert wahr- 
scheinlich um etwa i Prozent zu klein ist, wie auch relative Messungen 
bestätigen, die wir mit Luft und Sauerstoff zwischen 20 und 250° 
ausführten. Hiernach Aväre die spezifische Wärme des letzteren Gases 
in diesem Intervall, auf Grvnid der Zahl 0.2375 für Luft, zu 0.2206 
anzusetzen. 

Die größten Unterschiede der Zahlen, welche wir in den ver- 
schiedenen Temperaturintervallen für Luft und Stickstoff beobachtet 
haben, betragen etwa 3 Prozent. Berücksichtigt man die Ungleich- 
mäßigkeit des beobachteten Ganges, die, was hier nicht ausgeführt 
werden soll, zum Teil auf verschiedenartiger Anordnung des Versuchs 
beruht, und bedenkt man ferner, daß die Schwierigkeiten für die 
Messung der Gastemperatur nach oben wachsen , so wird man für die 
absoluten Bestimmungen nur eine Genauigkeit von etwa ± i Prozent 
beanspruchen, so daß die gefundene Änderung kaum die Beobachtungs- 
fehler überschreitet. Man kann deshalb aus den vorliegenden Ver- 
suchen noch nicht mit Bestimmtheit schließen, daß die spezifische 
Wärme der einfachen Gase mit wachsender Temperatur zunimmt. 

Auf vergleichende Messungen an verschiedenen Gasen bei den- 
selben Temperaturen ist die erwähnte Fehlerquelle von geringerem 
Einfluß, so daß hierfür eine größere Genauigkeit erreichbar sein wird. 

Kohlensäure. — Die Beobachtungsmittel für die mittlere spezi- 
fische Wärme c von Kohlensäure sind in der folgenden Tabelle auf- 
geführt; sie enthält außerdem unter her. die Resultate der Formel 

c = 0.2028 +0.0000692 t — 0.0000000167 f. 





c 




beob. 


ber. 


zwischen 20 und 200° 


0.2/6S 


0.2173 


20 " 440 


0.2306 


0.2312 


20 - 630 


0.2423 


0.2410 


20 .. 800 


0.2486 


0.2486 



Durch Differentiation der Formel ergibt sich die wahre spezi- 
fische Wärme der Kohlensäure 7, für die Temperatur t: 

jt = 0.2028-4-0.0001384 t — 0.00000005 ^• 

Sitzungsberichte 1905. IG 



178 Gesammtsitzung vom •_'. reliruar 1905. 

Regnault leitete aus seinem Beobachtungsgebiet von —30 bis 
+ 210° die Gleichung 

7, = 0.1784 + 0.00029 iS (/+ 30°) — 0.0000001074 (/+30°)' 

ab, welche in höhern Temperaturen größere Werte liefert als die 
unsrige. 

Mallaed und Le Chatelier haben auf Grund ihrer Explosions- 
versuche und der kalorimetrischen Messungen von Regnault und 
E. WiEDEMANN für die mittlere Molekularwärme C,, bei konstantem Vo- 
lumen die Beziehung 

C„ = 6.3 +0.006 t — 0.00000 1 18 f 

berechnet, während Langen nach Wiederholung der Messungen bei 
hohen Temperaturen die lineare Annäherungsformel 

C„ = 6.7 + 0.0026 t 

aufstellt. In der SchlußtabcUe sind die Werte für die wahre spezi- 
fische Wärme der Kohlensäure 7, bei konstantem Druck zusammen- 
gestellt, wie sie sich aus den verschiedenen Formeln ergeben. 









Mallaed 




Holborn 




Regnault 


E. WiEDEMANN 


und 
Le Chatelier 


Langen 


und 

Austin 


0° 


0.1870 


0.1952 


0.1880 


0.1980 


0.2028 


100 


0.2145 


0.2169 


0.2140 


0.2 lOo 


0.2161 


200 


0.2396 


0.2387 


0.2390 


0.222o 


0.2285 


400 






0.2840 


0.2450 


0.2502 


600 






0.3230 


0.2690 


0.2678 


800 






o-355° 


0.2920 


0.2815 



Ausgegeben am 9. Februar. 



Berlin, gedruckt !n drr Reiclisdruckerel. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEfflE DER WISSENSCHAFTEN. 



VI. vn. 



9. Februar 1905. 



BERLIN 1905. 

VERLAG DER KÖNIGUCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN, 




IN OOMWSSION BEI GEORG REOIER. 



Auszug aus dem Reglement =lür die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§ 1. 

2. Diese eisclieinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Ocwv reareliiiässig ücdiiierstagjs acht Ta^f nach 
jeder Sitzung;. Die sämmtlichen zu einem Kalender- 
jahr gehörigen Stücke bilden vorläufig einen Banil mit 
fortlaufender Paginirung. Die einzelnen Stücke erlialten 
ausserdem eine dui'ch den Band ohne Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nummer, und zwar die Berichte über Sitzungen der pliysi- 
talisch- mathematischen Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch -historischen Classe ungerade 
Nummern 

§2. 

1. Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Übersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten, und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
ilnickfertig übergebenen, dann die, welche in früheren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
xigen Stücken nicht erscheinen konnten. Mittheilungen, 
welche nicht in den Berichten und Abhandlungen er- 
scheinen , sind dtu'ch ein Sternchen { * ) bezeichnet. 

§5. 
Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secretar zusammen , welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secretaj' führt die Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftlichen Arbeiten. 

§6. 

1. Kiir die Aufnahme einer wissenschafthchen Mit- 
theilung in die Sitzimgsberichte gelten neben § 41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung d.arf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Sclirift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittheilungen von Verfassern , welche 
der Ai,ademie nicht angehören, sind auf die Hälfte dieses 
Umfanges heschränit. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Gesammt- Aka- 
demie oder der betreffenden Classe statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf dmchaus 
Nothwcnfhges beschränkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wii'd erst begormen, wenn die Stöcke der in den 
Test einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderUche 
Auflage eingeliefert ist. 

§7. 

1. Eine ftir die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche IMittheilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 
nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausfuhrung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen \vissen- 
schaftlichen Blittheilung diese anderweit früher zu ver- 



öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Eechtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Kin- 
willigung der Gesammt- Akademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 
5. Auswäi'ts werden Correctnren nur auf besoniicres 
Verlangen verschickt. Die Verfasser A'erzicliten daiiiii 
■auf Erscheinen ihrer Mittbeilungen nach acht Tagen. 

§11- 

1. Der Verfasser einer unter den .Wissenschaftlichen 
Mittheilungen« abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonderabdinicke mit einem Umschlag, aul' welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahieszahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittheilungen, die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, lallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Einem Verfasser, welcher Mitglied der Akailemic 
ist, steht es frei, auf Kosten der Akademie weitere gleiche 
Sonderabdrücke bis zur Zahl von noch hundert, und 
auf seine Kosten noch weitere bis zur Zahl von zwei- 
hundert (im ganzen also 350) zu mientgeltlicher Ver- 
tbeilung abziehen zu lassen, sofern er diess rechtzeitig 
dem retügirenden Secretar angezeigt hat; wünscht er auf 
seine Kosten noch mehr Abdiücke zur Vertheilimg zu 
erhalten , so bedai'f es der Genehmigung der Ciesammt- 
Akademie oder der betreffenden Classe. — Nichtmitglieder 
erhalten 50 Freiexemplai'e und dürfen n.ach rechtzeitiger 
Anzeige bei dem redigirenden Secretai- weitere 200 Exem- 
plare auf ihre Kosten abziehen hassen 

S 28 

1. Jede zur Auliualime in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Nichtmitglieder, haben hierzu dieVermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Weim schrifthche Einsendungen auswäi'tiger oder corre- 
spondirender Mitglieder direet bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen, so hat sie der Vorsitzende 
Secretar selber oder durch ein anderes Mitglied zum 
Vortrage zubringen. Mittheilungen, deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden IMitgliede zu überweisen. 

[Aus St.it. § 41, 2. — Für ilie Aufnahme bed.aif es 
einer ausihäickUchen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Classen. Ein d.Ti-auf gerichteter Antivag kaim, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.] 

§29. 
1. Der revidirende Secretar ist für den Inhalt des 
geschäftlichen Theils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kurzen Inlialtsang.aben der 
gelesenen Abhandlungen verantwortlich. Für diese nie 
für alle übrigen Thcilc der Sitzungsberichte sind 
nach jeder Richtung nur die Verfasser reranl- 
wortlich. 



Bie Akademie versendet ihre •Sitzungsberichte' an diejenigen Stellen , mit denen sie im Schnftoerkehr steht, 
wofern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart trird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Hälfte des MonaU Mai, 
' Mai bis Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 
.... October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers. 



179 

SITZUNGSBERICHTE i^^s. 

VI. 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

9. Februar. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyer. 

1. Hr. Engler las: Über flor ist Ische Verwand tschaft zwischen 
dem tropischen Afrika und Amerika, sowie über die Annahme 
eines versunkenen brasilianisch-cäthiopischen Continents. 

Es werden die zahlreichen , zum Theil erst in neuerer Zeit bekannt gewordenen 
Fälle des Vorkommens amerikanischer Pflanzentypen in Afrika und afrikanischer in 
Amerika besprochen und mit Rücksicht auf ihr Auftreten in Strand-, Wald- und 
Steppenformationen sowie mit Rücksicht auf die Walirscheinliciikeit einer jüngeren 
oder älteren Wanderung in verschiedene Kategorien gebracht. Der Vortragende geht 
dann auf den von einzelnen Forschern angenommenen jurassischen brasilianisch -äthio- 
pischen Continent ein und ist der Ansicht, dass die hervorgehobenen Verbreitungs- 
erscheinungen zur Noth auch durch die Existenz grosser atlantischer Inseln der Kreide- 
zeit erklärt werden könnten. 

2. Hr. van't Hoff überreichte eine weitere Mittheilung aus seinen 
Untersuchungen über die oceanischen Salzablagerungen. 
XL. Existenzgrenze von Tachhydrit. 

Gemeinschaftlich mit Hrn. Lichtenstein wurde die Umgrenzung des Existenz- 
feldes von Tachhydrit bei 25° festgestellt. 



Sitzungsberichte 1905. 



180 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe v. 9. Februar 1904. 

Über floristische Verwandtschaft zwischen dem 
tropischen Afrika und Amerika, sowie über die 
Annahme eines versunkenen brasilianisch- 
äthiopischen Continents. 

Von A. Engler. 



Einleitung. 

IJas Studium der Pflanzenphysiognomik und eine vergleichende Be- 
trachtung der Vegetationsformationen erweist deutlich, dass in den- 
selben Zonen und Regionen der östlichen und westlichen Hemisphäre 
physiognomisch gleichartige und physiologisch vom Klima, den Boden- 
verhältnissen und der Bewässerung in gleicher Weise beeinfliusste (hy- 
drophile, mesophile, xerophile, halophile) Vegetationstypen und Ve- 
getationsformationen auftreten, welche zwar dem Landesgebrauch ent- 
sprechend vielfach verschieden benannt worden sind, aber doch völlig 
naturgemäss trotz ihres Vorkommens in verschiedenen Erdtheilen mit 
denselben Namen (z. B. Steppen , Ste.ppengehölz , Steppenwald , Misch- 
wald, Alluvialwald, Regenwald, laubwerfender Wald, immergrüner 
Wald u. s. w.) belegt werden können. 

Während der allgemeine Charakter dieser Formationen durcli das 
Studium in der Natur, am besten nur durch solches, verhältnissmässig 
leicht erkannt werden kann, bedarf es bei weitem langwierigerer Unter- 
suchungen, um die Bestandtheile der Formationen festzustellen und 
um zu ermitteln, inwieweit verschiedenartige, nahe verwandte und 
identische Formen in den Erdtheilen gleicher oder auch verschiedener 
Zonen vertreten sind. Verhältnissmässig früh Iiat sich die Erkennt- 
niss Bahn gebrochen, dass in dem nördlich extratropischen Theil der 
Erde, im südlich extratropischen, im paläotropischen und neotropi- 
schen verschiedene Florenelemente herrschen und in einzelnen Theilen 
derselben wiederum gewisse systematische Gruppen verschiedenen Gra- 
des, Familien, Unterfamilien, Gruppen, Gattungen dominiren, bis- 
weilen so sehr, dass man auch einzelne Thoile der Erde als »Reiche" 
solcher Familien und Gattungen bezeichnete. Wie jede einseitige Be- 



Engi.er; Über floristisclie Verwandtschaft zw. dem tiop. Afrika u. Amerika. 181 

trachtung nachtheilig ist und zu Missverständni.ssen fülirt, so hat auch 
die Aufstellung von »Reichen« nach einzelnen PÜanzentypen solche 
zur Folge gehabt. Immerhin kommt aber hierbei schon die hoch- 
Avichtige Thatsache zum Ausdruck, dass in den verschiedenen Theilen 
der Erde, zum mindesten seit der Entwicklung von Angiospermen, 
wenn nicht schon früher, verschiedene Ptlanzenstämme entstanden sind 
und sich nach Art des Geästes eines Baumes immer weiter verzweigt 
und ausgebreitet haben. Während wir den Zusammenhang der End- 
zweige häufig noch sicher feststellen, mitunter auch ihre Zugehörig- 
keit zu einem Hauptast wahrscheinlich machen können , ist es oft schon 
sehr schwierig zu bestimmen, ob die Hauptäste einem Stamm oder 
verschiedenen nahestehenden angehören, gerade so wie in einem Ge- 
büsch nicht immer ermittelt werden kann, ob die über die Erde tre- 
tenden Aste einem oder mehreren unterirdischen Stämmen entsprossen 
sind. Wenn auch immer solche Zweifel sich nicht selten einstellen, 
so bleibt doch für den grössten Theil der pflanzlichen Tropenbewoh- 
ner unbestreitbar, dass sie autochthon sind, während bei den Ptlanzen 
der extratropischen Gebiete, insbesondere der arktischen und subarkti- 
schen Zonen, in Folge vielfacher territorialer und klimatischer Änderungen 
die Heimatsbestimmung der Sippen auf grössere Schwierigkeiten stösst. 
In den circumpolaren Gebieten war von vornherein seit der Tertiär- 
periode bei dem innigeren Zusammenhang der Landmassen für die 
Verbreitung der an verschiedenen Stellen entstandenen Formen die 
Möglichkeit gegeben, während grosse äquatoriale Landmassen schon 
lange vor der Tertiärperiode durch ausgedehnte Meeresflächen geson- 
dert waren. Wenn nun in den äquatorialen Continenten neben vor- 
herrschend endemischen Gattungen und Gruppen auch einzelne Arten 
auftreten , die in polwärts weit entfernten oder innerhalb der Tropen- 
zone durch die Oceanc abgesonderten Ländern die Mehrzahl der Ver- 
wandten besitzen, so verdienen diese ganz besondere Aufinerksamkeit 
und eingehendes Studium. Nur darf man nicht ohne Weiteres die 
Angaben der Florenwerke nach dieser Richtung hin verwerthen Avollen, 
sondern muss seine Schlüsse auf eine genaues Studium der Pflanzen 
selbst und ihrer verwandten Formen gründen. 



In mehreren Schriften über die Flora Abyssiniens und Ostafrikas 
und in zwei Abhandlungen über das Verhalten von Pflanzen der nörd- 
lich gemässigten Zone auf den Hochgebirgen Afrikas habe ich zeigen 
können, dass sowohl vom Capland aus, wie von den östlichen Mittel- 
meerländern und dem nordöstlichen Vorderindien nach den ostafri- 

17* 



182 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

kanischen Gebirgsmassen hin und entlang derselben sich theils ohne, 
theils mit Veränderung Formen verbreitet haben, welche offenbar in 
den extra tropischen Gebieten ihre ursprüngliche Heimat besitzen. 

Diesmal möchte ich die Aufmerksamkeit hinlenken auf diejenigen 
Pflanzen des tropischen Afrika, welche theils auch im tropischen 
Amerika vorkommen, theils mit tropisch -amerikanischen Formen mehr 
oder weniger nahe verwandt sind, und zwar möchte ich die ein- 
schlägigen Thatsachen feststellen im Hinblick auf die schon mehrfach 
aufgeworfene Frage, ob ehemals eine Landverbindung zwischen Amerika 
und Afrika existirt habe. 

Als unumstössliche Thatsache kann gelten, dass bei Weitem der 
grösste Theil der Megathermen Amerikas hier endemisch ist und viel- 
fach nur in diesem Erdtheil auftretenden Familien, Unterfamilien, 
Tribus, Gattungen, Untergattungen angehört, dass diese im Gegen- 
satz zu anderen stehen, welche ausschliesslich paläotrop sind; aber 
die Fortschritte in der Kenntniss der afrikanischen und asiatischen 
Megathermen haben ergeben, dass auch das tropische Asien und das 
tropische Afrika trotz gewisser gemeinsamer Züge, welche wir als 
paläotrop zusammenfassen, einen starken Endemismus aufweisen, der 
allerdings weniger bei Familien als bei Unterfamilien, Tribus und 
Gattungen zum Ausdruck kommt. Das Märchen von einer einst gleich- 
artig gemischten Angiospermenflora auf der ganzen Erde kann man 
als gründlich abgethan ansehen. Vielmehr bestätigt sich immer mehr, 
dass wahrscheinlich schon mit der Entwicklung der Gymnospermen, 
sicher mit der der Angiospermen in den verschiedenen Theilen der Erde 
nicht gleichartige, sondern verschiedenartige Typen aufgetreten sind. 
Zwar möchte ich nicht Reinke' beipflichten, welcher als möglich hin- 
stellt, dass jede jetzt lebende Art sich aus einer der ursprünglich 
gleichartigen Urzellen entwickelt haben könne; dagegen spricht die 
Veränderlichkeit der Arten. Aber das kann man wohl auch als An- 
hänger der Descendenzlehre zugeben, dass die Sippen einer Familie, 
die einzelnen Unterfamilien, die Gattungen, ja auch auf verschiedene 
Theile der Erde beschränkte Sectionen einer Gattung neben einander 
aus gleichartigen, wenn auch nicht vollkommen gleichen Organismen 
hervorgegangen sind."^ 



' Reinke in Biol. Zentralblatt XXTV {1904) S. 596, 597. 

'' Ein Eingehen auf diese Hypothese scheint mir nothwendig, weil man sich fragen 
niuss, ob mit Hülfe derselben auch das disjuncte Vorkommen der zu einer Gattung 
oder zu einem engeren Verwandtschaftskreis gehörigen Formen ohne Weiteres erklärt 
werden könne. Wenn ein Organismus N an zwei verschiedenen Stellen X und Y als 
Nx und iVy auftritt und N nicht von X nach Y gewandert ist, so setzt dies voraus. 
dass N sowohl in X wie in Y alle Stadien der Entwicklung von der Stufe A bis N 
(durch B, C, D, E, F u. s. w.) diuchgemacht hat; dann muss aber Ä von X nach Y 



Engler: Über floristische Verwandtschaft zw. dem trop. Afrika u. Amerika, loo 

Wenn die grosse Mehrzahl der Forscher, welche auf Grund der 
morphologischen Verwandtschaft und der Verbreitung der Organismen 
einer Gruppe eine Theorie über deren Entwicklung aufstellen, hierbei 
für die Stammformen einen Ausgangspunkt annehmen, so liegt dies 
eben daran, dass sie bei so vielen Sippen, welche gegenwärtig auf 
dem Höhepunkt der Entwicklung stehen, ein Entwicklungscentrum 
wahrnehmen, in welchem Schaaren von nahe verwandten Formen ent- 
stehen. In einem solchen Entwicklungscentrum herrschen neben kleinen 
Verschiedenheiten immer gewisse gemeinsame Existenzbedingungen, 
durch welche die verschiedenen Formen einer Sippe zusammengehalten 
werden. Mit dieser Thatsache lässt sich aber auch sehr wohl die an- 
dere in Einklang bringen, dass die Keime einer solchen in hoher Ent- 
wicklung begriffenen Sippe, nach anderen Localitäten versetzt, in wel- 
chen die physiologischen Eigenschaften der Sippe auf dieselben oder 
fast dieselben Reize wie am Ursprungsort reagiren können , den Aus- 
gang für ein zweites, eventuell drittes oder viertes Entwicklungs- 
centrum bilden. 

Es kann also unbestreitbar die morphologische Verwandtschaft 
der Pflanzen einer Sippe, sofern nur eine verwandtschaftliche Be- 
ziehung zulässig ist, zur Feststellung ihrer Heimat oder wenigstens 
der Durchgangsstationen, welche sie seit ihrer Entstehung durchwan- 
dert hat, verwendet werden. Kommt man daher bei der Untersuchung 
der afrikanischen Pflanzen zu dem Resultat, dass ausser den entschie- 



oder von F nach X gelangt sein, das heisst, es müssen Generationen von A zvifischen 
X nnd Y existirt haben; dies war aber nur möglich, wenn zwischen den Orten X 
und Y dieselben Existenzbedingungen herrschten oder die Wanderung von A in einem 
Zustand erfolgte, bei welchem der Einfluss anderer Existenzbedingungen, als sie X und F 
gewähren, ausgeschaltet war. IMag iV in X später, als in Y oder umgekehrt oder an 
beiden Orten gleichzeitig aufgetreten sein , immer bleibt die Forderung bestehen , dass 
eine der früheren Stufen A bis M von einem Ort zum andern gewandert ist und von 
X nach F die Entwicklungsfähigkeit oder diejenige Constitution mitbrachte, welche 
sie in X erworben hatte. Dass etwa Sporen einer Polypodiacee nach zwei durch das 
Meer getrennten Localitäten versetzt, sich in einer jeden im Laufe von Millionen von 
Jahren zu derselben Cycadacee oder auch nur zu derselben Hydropteride hätten ent- 
wickeln können, halte ich für ausgeschlossen, weil die Erfahrung lehrt, dass die Ent- 
wicklung im Wesentlichen durch die Entwicklung der Vorfahren bedingt, nebenher 
als eine Reaction auf die äusseren Einflüsse an/.usehen ist, diese aber unmöglich an 
weit entfernten Localitäten während Millionen von Jahren immer vollkommen gleich 
sein können. Mag also auch der Eine für zwei verwandte Formen den hypothetischen 
Ausgang von einem gemeinsamen Ursprung mehr zurückversetzen als der Andere, so 
bleibt dabei doch immer die Annahme bestehen, dass die Ursprungsformen sich einmal 
unter wesentlich gleichen Bedingungen befunden haben. Damit ist gesagt, dass man für 
Pflanzen engerer Verwandtschaft immer ein Areal anzunehmen hat. auf welchem die 
Verbreitung der Samen zur Urs])rungszeit möglich war, also entweder einen Continent 
oder Inseln, zwischen denen Meeresströmungen . Wind oder Flugtlüere den Transport 
der Samen vermittelten. 



184 Sitzung der physikalisch -inatheinatisclien Classe v. 9. Febiuai- 1905. 

den paläotropischen und entschieden afrikanischen Sippen, ausser den 
aus der nördlich gemässigten Zone und dem Capland eingewanderten 
Sippen auch solche vorhanden sind, welche nur mit amerikanischen 
Formen identisch oder nahe verwandt sind, dann hat man auf Grund 
der Verbreitungsmittel zu entscheiden, inwieweit bei der jetzigen Con- 
figuration dieser Erdtheile ein Austausch von Pflanzenformen zwischen 
denselben möglich war und inwieweit dieselbe zur Erklärung nicht 
ausreicht. 

Von vornherein stand ich lange Zeit der Annahme einer ehe- 
maligen Landverbindung zwischen Amerika und Afrika skeptisch' gegen- 
über, nicht nur wegen der festgestellten grossen Tiefe des Atlantischen 
Oceans, sondern namentlich auch wegen des unzweifelhaft starken En- 
demismus beider Continente, sodann auch deshalb, weil die Flora des 
tropischen Afrika im Verhältniss zu der neotropischen noch sehr un- 
genügend erforscht war. Nachdem ich nun aber beinahe 20 Jahre 
mich speciell mit der ersteren beschäftigt und auch die amerikanische 
Flora immer im Auge behalten habe, glaubte ich der oben angedeu- 
teten Frage näher treten zu dürfen. 

Für dieselbe kamen zunächst nicht in Betracht: i. alle Sporen- 
pflanzen, bei denen bekanntlich eine sehr weit gehende Verbreitung 
festgestellt ist und theils auf die leichte Verbreitungsfähigkeit der Sporen 
durch Luftströmungen, theils auf das liohe Alter der Typen zurück- 
geführt werden kann; 2. alle Siphonogamen , welche pan tropischen 
Gattungen angehören, da bei vielen derselben eine Verbreitung über 
das Monsungebiet und Polynesien, bei manchen auch eine Verbreitung 
über das nordwestliche Amerika nach dem nordöstlichen Asien in ver- 
gangenen Perioden angenommen werden kann. 

Für die Betrachtung der den beiden Continenten gemeinsamen 
Arten, Gattungen und Gattungsgruppen liess ich mich aber von fol- 
genden Erwägungen leiten. 

Es wird mit Recht getadelt, wenn bei der Erklärung pflanzen- 
und thiergeographischer Thatsachen nach Belieben mit Hebungen und 
Senkungen des Meeresbodens operirt wird und andere Möglichkeiten 
der Verbreitung nicht genügend berücksichtigt werden. Zu den letz- 
teren gehören zunächst die durch den Verkehr der Menschen, sodann 
die durch Meeresströmungen, Überschwemmungen, Thiere und Wind. 
Mag die Verbreitung von Früchten und Samen durch Thiere und 
Wind auch mehrfach überschätzt werden, so kommt sie doch ganz 
sicher vor, und ich selbst bin nach langjähriger Beschäftigung mit 



' A. Engler, Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Pflanzenwelt, II. (1882) 
S.173 — 178. 



I 



Engler: Über floristische Verwandtschaft zw. dem ti-o]). Afrika u. Amerika. 185 

Verbreitungsfragen geneigt, den Thieren und dem Wind bei der Be- 
siedelung offenen Landers einen grösseren Einfluss zuzusehreiben, 
als ich es früher gcthan habe. Für das Verschleppen von kleinen 
Samen hydrophiler Pflanzen durch Anhaften an den Füssen der Vögel, 
für die Verbreitung von Klettenfrüehten und haarigen Samen durch 
Qiiadrupeden, für die Verschleppun.i;- fleischiger Früchte und Samen, end- 
lich für die Verbreitung sehr leichter Samen durch den Wind sprechen 
sehr viele Thatsachen. 

Wenn trotzdem die emzelnen Florengebiete und Provinzen, die 
einzelnen Formationen ihren Bestand nur wenig oder gar nicht ändern, 
so liegt dies meist daran, dass die Ankömmlinge gegenüber den alt- 
eingesessenen Formen nicht aufkommen. Auch bei der Besiedelung 
von ofienem Land oder Neuland haben immer die zunächst wohnenden, 
welche immer wieder neue Trujjpen in Form von Saatgut vorschieben 
können, den Vortheil vor den zufällig in keimfähigem Zustande aus 
der Ferne durch Vögel oder Wind herangebrachten Samen; es sei 
denn, dass die aus letzteren hervorgehenden Pflanzen in ihren pliysiolo- 
gischen Eigenschaften besser für die sie aufnehmende Region und 
Bodenformation geeignet sind, als die zunächst vorkommenden Arten 
— so z. B. die aus höheren Breiten in die oberen Regionen tro- 
pischer Gebirge transportirten Samen. 

Mag also Verschleppung von Früchten und Samen aus einem 
Florengebiet in ein anderes selten sein und noch seltener von Erfolg 
begleitet werden — sie ist doch in gewissen Fällen möglich, nicht 
bloss im zusammenhängenden Land, sondern auch über Meeresflächen 
bescheidener Ausdehnung hinweg. 

Wenn es sich daher um so wichtige Fragen liandelt, wie die, 
ob eine einstmalige continuirliche Landverbindung zwischen Süd- 
amerika und Afrika anzunehmen sei, so müssen bei der Erklärung 
der dem Anschein nach dafür sprechenden Verbreitungsverhältnisse 
zunächst alle Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, welche auch 
eine andere Auffassung zulassen und dann erst, wenn diese Mög- 
lichkeiten versagen, hat man ein Recht, zu behaupten, dass trotz 
der heute bestehenden Tiefen zwischen Südamerika und Afrika einst- 
mals eine continuirliche Landverbindung bestanden haben muss. 

Demgemäss habe ich die für unsere Frage wichtigsten Fälle 
(nicht alle) afrikanisch -amerikanischer Pflanzengemeinschaft, wie folgt, 
in 12 Kategorieen gebracht, von denen 1 bis IX mehr oder weniger 
die Annahme eines Transports von Früchten oder Samen über den 
Ocean hinweg oder wenigstens von Insel zu Insel zulassen , die folgen- 
den dagegen eine solche Annalime höchst unwahrscheinlich erscheinen 
lassen oder gänzlich ausschliessen. 



186 Sitzung der physikalisch- inatliematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

I. Neotropische Arten, welche sonst nur noch in Westafrika vor- 
kommen, aber leicht durch Schiffsverkehr dorthin gelangt sein können. 

Hippeastrum regbiae Herb. [H. africanum Welw.) in Bergwäldern 
der Insel do Principe, um iioo™, ist verbreitet in Bergwäldern des 
südöstlichen Brasiliens. 

Schrankia lepiocarpa DC, eine halbstrauchige Mimosoidee, an 
der Goldküste von Vogel und Don gesammelt, ist im mittleren und 
nördlichen Brasilien an sandigen Flussufern, an Hecken und in ver- 
lassenen Ptlanzungen verbreitet. 

CaUiandra portoricensis (Willd.) Benth. , ein Strauch der Mi- 
mosoideae, am Bonny River von Mann aufgefunden, ist weit verbreitet 
in Westindieii und an den atlantischen Küsten Südamerikas. 

Cardiospermum grundijlorum Sw. (C. barbicaule Bak. Fl. trop. 
Afr. I. 419), im Kamerungebirge um löoo" von Mann gesammelt, in 
Westindien, Central- und Südamerika an Flussufern verbreitet. 

Allamanda cathartica L. Klimmender Apocynaceenstrauch mit 
grossen gelben Blüthen, am unteren und mittleren Congo, sowie auf 
Sansibar, naturalisiert, stammt aus dem tropischen Südamerika. 

Scfiwenkia americanu L., eine einjährige Solanacee, ist zerstreut 
in den Küstengebieten Westafrikas von Sierra Leone bis Angola, viel- 
fach auch in Maniokpflanzuugen anzutreffen; sie findet sich in Brasilien 
von Minas Geraes bis Para. 19 andere Arten und mehrere verwandte 
Gattungen aus der Gruppe der Salpiglossideae sind auf Südamerika 
beschränkt. 

Hi/ptis atrorubens Poit. , eine mehrjährige Labiate, in Westafrika 
zerstreut von Senegambien bis Sierra Leone, verbreitet im mittleren 
und nördlichen Brasilien. 



IL Neotropische Arten, welche durch den Schiffsverkehr von Amerika 
nach Westafrika gelangt sein können und sich noch weiter ostwärts 
(bis Ostafrika, Madagaskar, Ostindien, Ostasien) verbreitet haben. 

Mimosa asperata L. , verbreiteter Strauch in den tropischen 
Ländern der alten Welt, in Angola stellenweise Dickichte bildend. 

Cardiospermum /lalicacabum L. (einschl. C. microrarpum Kunth), 
verbreitet in allen Tropenländern, aber ursprünglich aus Amerika 
stammend, woselbst die übrigen Arten heimisch sind. C. corindum L. 
(einschl. C. canescens Wall, und C. Pechuelü 0. Ktze.), in Afrika bisher 
nur in Südwestafrika und Abyssinien gefunden , aber in den Tropen der 
alten Welt verbreitet, ist ebenfalls im tropischen Amerika zu Hause. 



Engler: Über floristische Verwandtschaft zw. dem trop. Afrika u. Amerika. 187 

Radlkofer ist der Ansicht, <lass die häutige, blasig aufgetriebene Kapsel- 
frueht befähigt ist, vor dem Winde auf dem Wasser zu treiben. Es 
ist aber auch zu beachten, dass beide Arten sich vielfach in Hecken 
in der Nähe men.schlicher Wohnungen finden und die Früchte ver- 
schleppt werden können. 

Walt/ieria americana L. , ein in fast allen Tropenländcrn ver- 
breiteter Ilalbstvaucli , dessen Verwandte in Amerika zahlreich sind; 
W. lanceolata R. Br., in Senegamhien und Sierra Leone, ist bis jetzt 
noch nicht aus Amerika nachgewiesen. 

liochnera roseu (L.) Rciib. Bis i" hohe halbstrauchige, roth- 
blühende Apocynaeee, bisweilen massenhaft am Strand in Ober- und 
Unterguinea, auf Sansibar und in Portugiesisch -Ostafrika, auch in 
anderen Tropengebieten, stammt aus Westindien. 

Duranta Plumieri Jacq., ein Verbenaceenstrauch mit gelben, 
im heranwachsenden Kelch eingeschlossenen Steinfrüchten, verbreitet 
im tropischen Afrika sowie in anderen tropischen und subtropischen 
Gebieten der alten Welt, ist in Gebüschen und Hecken des tropischen 
Amerikas häufig, wird auch vielfach cultivirt und verwildert leicht. 

Stachytiirpheta angustifolia Vahl, eine einjährige Verbenacee, 
von der Westküste des tropischen Afrika bis zum Tanganyika und 
dem nördlichen Centralaft-ika verbreitet, im tropischen Amerika häufig. 

Stachytarpheta mutabilis Vahl, von Afrika zwar nur aus An- 
gola bekannt, aber verbreitet in den Tropen der alten Welt, und 
St. indica Vahl, in West- luid Ostafrika vorkommend, sind beide im 
tropischen Amerika heimisch. Beide sind einjährige Verbenaceen, 
welche als Ruderalptlanzen anzusehen sind. 

Lippin nodijlora (L.) A. Rick., ein in wärmeren Teilen der alten 
Welt verbreitetes mehrjähriges Kraut, und L.asperifolia A. Rick. , ein 
in West-, Ost- und Südafrika häufiger, auch in die Gebirge auf- 
steigender Strauch der Verbenaceen, sind beide im tropischen Amerika 
verbreitet. 

Lantana camara L., ein in Westafrika und im tropischen Asien 
häufiger Strauch , desgleichen L. trifoUa L. , ein im tropischen Afrika 
und tropischen Asien zerstreut vorkommender Halbstrauch der Ver- 
benaceen, sind beide im tropischen Amerika heimisch, werden auch 
cultivirt und verwildern. 

llyptis brempes Pon. , II. pectinata Poit. und II. suaveolens 
PoiT. (Labiaten), von Westafrika bis nach dem tropischen Asien ver- 
breitete einjährige Kräuter sind im tropischen Amerika häufige Rude- 
ralptlanzen, die zweite auch eine Strandpflanze. 

llyptis spicigeru Lam. , wie die vorigen, aber bis jetzt nur bis 
Madagaskar verbreitet. 



188 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

Richardia brasiliensis Gomez , eine der 9 iii Amerika vorkom- 
menden einjährigen Arten der Rubiaeeengattung Richardia L. (nicht 
Fichardsonia) , im Sansibarküstengebiet; sie ist im südlichen Brasilien 
heimisch und findet sich, wahrscheinlich verschleppt, auch in Florida 
und auf den Sandwichinseln. 

Elephan(02ius scaber L. , ein bis 2™ hohes Compositenkraut, 
dessen Achänen kleinljorstig sind und leicht anhaften, ist von West- 
bis Centralafrika sowie auch im tropischen Asien und Australien ver- 
breitet, ebenso im tropischen Amerika, wo die Gattung heimisch ist. 

Adenostemma viscosum Forst., ein über i" hohes Compositen- 
unkraut, von Westafrika bis Ostafrika und ebenso im tropischen Asien 
verbreitet, ist häufig im tropischen Amerika, woselbst die Heimat 
der Gattung. 

Ageratum coni/zoides L. , Compositenunkraut, in allen Theilen 
des tropischen Afrika und in allen wärmeren Theilen der Erde, 
stammt aus dem tropischen Amerika. 

3Ukania scandens (L.) Willd., eine weit- und hochkletternde 
Compositenliane, welche im tropischen Afrika ebenso wie im tropi- 
schen Asien weite Verbreitung gefunden hat, während ausser dieser 
etwa 150 Arten im tropischen Amerika heimisch sind. 

Ximenesia encelioides Cav., bis i™ hohe Gomi:)osite, nahe ver- 
wandt mit der amerikanischen Gattung Verbesina, von Mexiko aus 
durch das tropische Amerika verbreitet und von Senegambien bis 
Chartum. 

Bei den meisten Pflanzen dieser Kategorie ist anzunehmen, dass 
sie durch den Schiflsverkehr nicht bloss nach Westafrika, sondern auch 
nach anderen Theilen der Tropen gelangt sind; bei 31 ikania scandens 
(L.) Willd. könnte man aber auch an anderweitige Verbreitung denken, 
da sie in allen wärmeren Ländern vorkommt und auch in früheren 
Perioden über Nordamerika nach Ostasien gelangt sein kann. 



ni. Paläotropische Arten, welche auch im tropischen Amerika 
vorkommen und wahrscheinlich durch den Schiffsverkehr dorthin 

gelangt sind. 

Mollugo nudicauUs Lam. . verbreitet in West- und Ostafrika in 
offenen Steppenformationen, auch in Westindien und Englisch -Guiaua. 

Glinus lotoides Loeffl. , an älmlichen Localitäten, wie die vorige 
in den tropischen und subtropischen Gebieten der alten Welt, auch 
noch in Südeuropa, im tropischen Amerika, z. B. in der brasilianischen 
Provinz Goyaz. 



Engler: Über floristische \'erwandtschaft zw. dem trop. Afrika u. Amerika. 189 

Solenostemon ociinoulea Schumach. et Thonn., oiuc eiujähnge, bis 
i™ holie Labiate, in Lichtungen der Steppenbusch geh ölze West- und 
Centralafrikas , auch in Bahia in Brasilien; alle anderen Arten aus- 
schliesslich paläotroj). 

Leuciis martinicnisis R. Br., wie vorige und an ähnlichen Lo- 
calitäten in den Tropengebieten der alten und neuen Welt, etwa 
loo andere Arten nur paläotrop. 

Leonotis nepet'ifolia (L.) R. Br., bis 1T5 hohes Kraut, welches 
sich so wie vorige Pflanze verhält, 12 andere Arten nur in Afrika. 

Cepfialosligma Pcrrotletii A. DC, eine einjährige Campanulacce, 
welche vom Cap Verde bis Gabun im Küstengebiet zerstreut vorkommt, 
auch in Brasilien an sandigen Plätzen bei Bahia (C. hahiense A. DC). 

IV. Arten der Mangroveformation und des salzigen Strandes, 
welche den afrikanischen und amerikanischen Küsten des Atlanti- 
schen Oceans gemeinsam sind. 

Sienotaphrum dimidintum (L.) Dur. et Schinz, ein Dünengras an 
der Guineaküste Westafrikas, an den Küsten Südafrikas und Natals, 
findet sich an den Küsten Südamerikas von Uruguay bis Guiana, auch 
auf den Sandwichinseln. Andere Arten auf den Inseln des Indischen 
Oceans. 

Spartina Schreb. ist eine zu den Chlorideae gehörige Gattung 
von Salzgräsern, welche vorzugsweise an den continentalen Küsten 
und auf den Inseln des Atlantischen Oceans vorkommen, in Amerika 
aber auch landeinwärts angetrofien werden. Die von Holland und 
Südengland bis Gibraltar und Marokko verbreitete, auch an der friau- 
lischen Bucht des Adriatischen Meeres vorkommende Sp. strida Roth 
findet sich wieder an den Küsten des Caplandes, ostwärts bis Port 
Elisabeth und auf Salzmarschen in Pennsylvanien. Im atlantischen Nord- 
amerika finden sich noch 2 andere Arten, davon Sp. cr/nosuroides Willd. 
auch in den Prärien. Ferner sind zu erwähnen Sp. hrasiliensis Raddi 
von San Domingo, Bahia und Rio de Janeiro, Sp. ciliata Kunth von 
Montevideo und Sta. Catharina, endlich eine Art von den Inseln Tristan 
da Cunha, Amsterdam, S. Paul [Sp. arundinacea Carmich). 

Alternanthera maritima St. Hil., am Strand von Angola und 
Südafrika, sowie in Brasilien. Etwa 60—70 Arten der Gattung sind 
im tropischen und subtropischen Amerika heimisch, einige wie A.re- 
pens (L.) 0. Ktze. (= A. echinata Smith) und A. sessilis (L.) Roem. et 
Schult, in den Tropen an feuchten Plätzen verbreitet. 

Sesuvium portulacastrum L. , eine succulente niederliegende 
Aizoacee, welche an den tropischen und subtropischen Küsten der alten 



190 Sitzung der pliysikaliscli -matlieniatisohen Classe v. 9. Februar 1905. 

und neuen Welt verbreitet ist. Die nierenförmig rundlichen Samen sind 
glattschalig. 

Trianthema iiwnogi/imm L. , an der Küste von Oberguinea, auch 
an den Küsten von Ostindien und Ceylon, andererseits an den Küsten 
Westindiens und der Galapagosinseln, alle anderen Arten nur paläotrop. 
Gehört vielleicht auch zu Kategorie III. 

llh)%oi)hora mangU' L. var. racemosa (E. Mey.) Engl., verbreitet 
an den Küsten Brasiliens, Mexikos luid der Antillen, in Westafrika 
von Sierra Leone bis zur Mündung des Cuanza. Das Verhalten der 
Früchte und Embryonen wird als bekannt vorausgesetzt. 

Conocarpus erectus Jacq. Bis 3™ hoher Strauch oder bis 10" 
hoher Baum der Combretaceen, verbreitet in Strandsümpfen von Sene- 
gambien bis zum unteren Congo, an den Küsten des tropischen Amerika 
von Florida unter 28° n. Br. bis Südbrnsilien. Die Früchte sind wegen 
des luftreichen Pericarps schwimmfähig. 

Lagunculuria racemosa (L.) Gaertn., kleiner buschiger Baum der 
Combretaceen, Hauptbestandtheil der Mangrove an den Küsten des 
tropischen Amerika, und zwar sowohl an der West- wie an der Ost- 
küste, an ersterer von Colombia bis Guayaquil in Ecuador, nordwärts 
bis Florida, in Westafrika von Sierra Leone bis Loanda. Die Früchte 
sind wegen des lederartigen, luftreichen Pericarps zum Schwimmen 
sehr befähigt. 

Anicennia nitida Jacq. (einschl. A. africana P. Beauv.), Strauch 
oder Baum an den Küsten des tropischen Amerika von Venezuela bis 
Florida und in Westafrika von Senegambien bis Angola. Die Samen 
keimen in der Frucht. 

Scaecola Plumieri (L.) Vahl, eine strauchige Goodeniacee mit 
fleischigen spatelförmigen Blättern, am Strande des tropischen West- 
afrika von Senegambien bis Benguella, findet sich auch an den Küsten 
Westindiens. Die i°f°2 5 lange Frucht ist steinfruchtartig, mit saftigem 
Exocarp und hartem Endocarp versehen und enthält einen Samen mit 
fleischigem Nährgewebe. 

V. Uferwaldpflanzen und andere hydrophile Waldpflanzen des tro- 
pischen Amerika, welche auch im tropischen Westafrika oder noch 
weiter östlich vorkommen. 

A. Grossfrüchtige und grosssamige. 

Elaeis guineensis Jacq. , welche auch an dieser Stelle besprochen 
werden könnte, sehe man unter X. 

Mohlana laiifoUa (Lam.) Moqu. (incl. Mohlana nemoralis Marx, und 
M. secunda Marx. = M. guineensis Moqu.) ist eine in humusreichen Wäl- 



Engi.kr: Über floristische Verwandtschaft zw. dem trop. Afrika u. Amerika. 191 

(lern West- und Ostafrikas verbreitete Lalbstrauchige Phytolaccacee. Sie 
ist specifiscli nicht zu trennen von der in Südamerika von Brasilien 
bis Peru verbreiteten M. nenioraUs M.\rt. Ihre 3""" grossen kugeligen 
trockenen Schliessfrüchte sind von den etwas fleischig gewordenen und 
persistirenden Blüthenhüllblfittern gekrönt. Die Gattung gehört zu 
den Phytolacmceae -Rioineac , von welchen noch 7 auf Amerika be- 
schränkte Gattungen und eine, Adenogramma RcnB., aus Südafrika be- 
kannt sind. Die Gattung Melanococcus F. v. Muell. aus Australien und 
Neu-Kaledonien soll auch hierher gehören; aber im Wesentlichen ist 
die ganze Gruppe amerikanisch -afrikanisch. 

Chrysobahmus icaco L., Strauch oder kleiner Baum der Rosaceen 
aus der Unterfamilie der Chrysobalanoideen , von 2^5 Höhe, vorzugsweise 
am Strand und nicht selten nocli in Gesellschaft der Rhizophora , von 
Senegambien bis Benguella , ist verbreitet im tropischen Amerika von 
Brasilien bis Westindien; die Steinfrüchte werden bis 2™5 lang und 
2"" dick. Chr. elliptinis Sol., mit der vorigen nahe verwandt und sich 
zu einem 5-8" hohen Baum entwickelnd, findet sich an Flussufern 
von Senegambien bis Angola, auch noch inPungo Andongo, 75 (deutsche) 
Meilen von der Küste entfernt; sie kommt ebenfalls im tropischen 
Amerika, in Guiana, vor. Eine dritte Art, Chr. oblongifollus Michx., findet 
sich in den südlichen Vereinigten Staaten. Die nächststehenden Gattun- 
gen Moquilea, Licania und Lecosiomion sind alle im trojaischen Amerika 
reich entwickelt, nur die ebenfalls nahestehende Gattung Grangeria ist 
auf Mauritius, Madagaskar und den Sunda- Inseln vertreten. 

Entada scandens (L.) Benth. Zerstreut im tropischen Afrika; 
als Liane ebenso in Gebirgsregenwäldern , wie an Uferwäldern der 
Ebene, auch im Monsungebiet und im tropischen Amerika von Para 
bis Centralamerika. Da sowohl im tropischen Afrika wie im tropischen 
Amerika noch andere Arten derselben Gattung vorkommen, so ist die 
Heimat der Gattung schwer festzustellen und es kann die hier ge- 
nannte Art ebensogut zur Kategorie VI gehören. Die grossen Hülsen 
sowohl wie auch die einzelnen Glieder derselben schwimmen. 

Dalbergia monetaria L. fil., in Senegambien und Sierra Leone, 
im tropischen Amerika in der Hylaea und vom Mündungsgebiet des 
Amazonenstromes bis Westindien. Die Früchte dieses zu den Dalbergieae 
gehörenden Spreizklimmers sind rundlich, am Rande dünn, in der 
Mitte beiderseits buckelig verdickt und holzig; sie schliessen einen 
einzigen flachen Samen ein. (Vergl. Engl, und Prantl., Nat. Pflanzen- 
fam. 111,3, S. 374, Fig. 12.) 

Dalbergia ecastap/iyllum (L.) Taub., ein bis 8" hoher Strauch, 
häufig in dichten Küstenwäldern von Senegambien bis zum Congo, 
auch auf der Insel do Principe, im tropischen Amerika von der Pro- 



192 Sitzung der [)liysikali.scli-iiiatliematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

vinz Minas Geraes und Rio de Janeiro bis Florida. Diese und die 
vorige Art gehören zu der Section Selenolohium Benth., von welcher 
noch einige Arten im tropischen Amerika vorkommen, der Spreiz- 
klimmer D. macrosperma Welw. in Angola und D. monosperma Dalz. 
in Vorderindien und dem Monsungebiet. 

Drepanocarpus lunalus (L. f.) G. F. Mey. Dorniger Strauch oder 
kleiner Baum von Senegambien bis Angola, im tropischen Amerika 
von Nordbrasilien bis Westindien, vorzugsweise an Flussufern, be- 
sonders in den Mündungsgebieten derselben, anschliessend an die Man- 
groveformation , auch in derselben. Die nicht aufspringenden Früchte 
sind sichelförmig in einen Kreis gebogen, zusammengedrückt, mit 
lederartigem Pericarp und enthalten einen grossen halbmondförmig ge- 
bogenen Samen. Die übrigen (etwa 7) Arten der Gattung sind alle 
tropisch amerikanisch und ebenso sämmtliche (über 60) Arten der sehr 
nahestehenden Gattung Machaerium. 

Anilira jamaicensis (W.Wr.) Urb. {A. inermis H. B. Kunth, Vouaca- 
pona americana Aubl., Taubert in Engl, und Prantl, Nat. PÜanzenfam. 
III, 3, S. 346), 10-20™ hoher Baum, in Senegambien, im tropischen 
Amerika, namentlich in der Hylaea, in Centralamerika und Westindien. 
Die nicht aufspringenden, 3""" langen und a"*" dicken Früchte sind stein- 
fruchtartig, mit sehr dickem, fast holzigem Endocarp, welches viel 
dicker ist als der einzige längliche und dickschalige Same. 

Dioclea reßexa Hook, f., eine bis 6" hoch kletternde Liane mit 
holzigem Stamm aus der Gruppe der Phaseoleae, von Ober -Guinea bis 
Angola, auch im Monsungebiet; im tropischen Amerika hauptsächlich 
im nördlichen Brasilien und Centralamerika. Die Hülsen sind leder- 
artig, breit länglich, 7.5 -lO™ lang und 5""° breit, in der Jugend von 
gelblichgrauen Haaren bedeckt und umschliessen mit ihrem Mark 1-2 
grosse Samen. Etwa 15—16 andere Arten der Gattung finden sich 
nur im tropischen Amerika, wo auch die nahestehenden Gattungen 
Camptosema, Cratylla und Cfeo&w& vorkommen , während die ebenfalls 
nahestehende Gattung Puerarla dem Monsungebiet angehört. 

Carapa procera DC, aus der Familie der Meliaceen , ein statt- 
licher, 5-12™, bisweilen 16™ hoher Baum mit i'" dickem Stamm, mit 
kandelaberartiger Verzweigung und riesigen 5 — lOpaarigen Blättern, 
deren Blättchen bis 30°° lang werden, mit oft 6''"" langen Blüthenstän- 
den, in dichten Uferwäldern, von Senegambien bis Angola, auch auf 
Fernando Po; ausserdem auf den Antillen und in Französisch -Guiana. 
Die Frucht (vergl. Harms in Engl, und Prantl, Nat. Pflanzenfam. UI, 5, 
S. 277, Fig. 156) ist eine 10-12™ im Durchmesser zeigende kugelige, 
holzige, warzige, geschnäbelte Kapsel . deren dickes Pericarp von der 
Basis aus septifrag in 5 am Scheitel zusammenhängende Klappen auf- 



m 



Engi.er: Über floi-istische VervvaiuUscliaft zw. dem tnip. Afrika ii. Amerika. Iva 

springt; sie schliesst in jedem Fach 6-8""" dicke Samen mit brauner, 
holziger Schale ein. Nächstverwandt ist noch C. surinamensis Miqu. in 
Smünam. Etwas mehr verschieden sind: C. guianensis Aubl. in Vene- 
zuela und der Hylaea, C. nicaraguensis C. DC. in Nicaragua. 

Ceiba pentandra (L.) Gaertn. (= Eriodendron anfraduosum DC.) 
der riesige, bis 40'" hohe « Baumwollenbaum « oder »cotton tree«, in 
Westafrika «Onia« genannt, an Flussufern von .Senegambien bis An- 
gola, auch auf der Insel San Thome, ferner in Centralafrika in Unyam- 
wesi und Unyoro, in Vorderindien und dem Monsungebiet, im tro- 
pischen Amerika von Mexiko und den Antillen bis zur Hylaea. Die 
Frucht ist eine grosse, mit Klappen aufspringende Kapsel, mit leder- 
artigem Pericarp; dessen Innenwand ist von reichlicher Wolle besetzt, 
in welcher die kahlen , verkehrteiförmigen Samen eingeschlossen sind. 
Der Baum gehört zu der Section Cmnpylanthera K. Schum., von welcher 
noch 3 Arten im tropischen Amerika vorkommen. Auch die übrigen 
5 Arten der Gattung, welche sich auf 2 verschiedene Sectionen verteilen, 
sind im tropischen Amerika von Argentinien bis Mexiko heimisch, des- 
gleichen auch die 3 Arten der nächstverwandten Gattung Chorisia. 

Puullinia p'mnata L. In West- und Ostafrika verbreitete, auch 
in Madagaskar insbesondere in Uferwäldern an lichteren Waldrändern 
vorkommende Liane der Sapindaceen, zugleich im tropischen Amerika 
die verbreitetste der dort vorkommenden 121 Arten. Die Frucht ist 
eine bis 3™ lange, birnförmige, wandbrüchige, 3 klappige Kapsel mit 
schwammiger, aussen schief gestreifter Fruchtwand und schliesst einen 
länglichen, fast ganz von weissem Arillus bedeckten Samen ein. Nach 
Radlkofee (in Engl, und Prantl, Nat. Pflanzenfam. III, 5 , S. 295) öfthet 
sich das Pericarp spät, und daher ist bei der schwammigen Beschaffen- 
heit desselben der Transport der in die Frucht eingeschlossenen Samen 
durch Wasser möglich. 

B. Kleinsamige. 

Tristicha hypnoides Spreng., {Podostemonacee) auf Steinen in Ge- 
birgsflüssen von Pungo Andongo in Angola, im südwestlichen Kap- 
land, im Niger- Benuegebiet, am Kilimandscharo, im Ghasalquellen- 
gebiet und in Abyssinien, ist im tropischen Amerika verbreitet von 
Uruguay und Südbrasilien bis Mexiko. 

C. Beerenfrüchtige. 

RhipsaUs cassi/lha Gaertn., in Bergwäldern epiphytiscli , ver- 
breitet im ganzen tropischen Afrika von Kamerun bis Angola und von 
Usambara bis Natal, auch auf den Maskarenen und Ceylon, im tro- 
pischen Amerika von Brasilien bis Westindien. 



194 Sitzung der pliysikaliscli- mathematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

VI. Uferwaldpflanzen und andere hydrophile Waldpflanzen des 
tropischen Afrika, welche auch im tropischen Amerika vorkommen. 

Rap/da vinifera P. Beauv., in Westafrika von Sierra Leone bis 
Benguella, daselbst bis looo™ ü. M. aufsteigend, auch im Nyassaland, 
häufig an Flussufern , findet sich im tropischen Amerika in der Varietät 
taedigera (Mart.) Drude im Mündungsgebiet des Tocantins und Ama- 
zonas Wälder bildend, sodann auch in Nicaragua {R. nicaraguensis 
Oerst.). Es kommen nur noch etwa 7 Arten im tropischen Afrika 
und Madagaskar vor, keine einzige ausser der genannten im tropischen 
Amerika. Auch ist diese nur in den Überschwemmungsgebieten an- 
zutreffen, während sie in Afrika auch gelegentlich in grösserer Höhe 
über dem Meere gefunden wird. 

Hymphonia globulifera L. fil., ein Baum der Guttiferen, von 
6-25™ Höhe, von Gabun bis Angola zerstreut in Wäldern wach- 
send, findet sich in Brasilien in feuchten Wäldern der Provinzen 
Rio de Janeiro und Ilheos, sodann in der Hylaca bis zum Rio Uau- 
pes aufwärts , auch in Guiana , Panama , Costarica und Westindien 
(Jamaica, Dominica), sowie in Honduras. Die Frucht ist eine kugelige, 
I bis wenig-samige Beere. Ausser dieser in Ostafrika fehlenden Art 
kommen noch 5 andere auf Madagaskar vor. In dieselbe Verwandt- 
schaft gehören einerseits die in Westafrika endemische Gattung Penta- 
desma, anderseits die in der Hylaea vorkommenden Gattungen Moro- 
nohea und Platonia, sowie die neu-kaledonische Gattung Montroiiziera. 



Vn. Sumpfpflanzen oder Pflanzen feuchter Standorte, welche Amerika 
und Afrika gemeinsam sind, im tropischen Amerika zahlreiche Ver- 
wandte besitzen, dagegen im tropischen Afrika oder überhaupt in 
den Tropenländern der alten Welt mehr isolirt dastehen. 

Burmannia bicolor Marx. var. nfricuna RmLEv. Kleine einjährige 
Pllanze, wächst auf feuchten Grasplätzen in Benguella und auf dem 
Plateau im Norden des Nyassa; die Stammart, als deren Varietät die 
afrikanische angesehen wird, findet sich auf sandigen feuchten Plätzen 
in Minas Geraes und Surinam. 

Torulinium conferium Hamilt., eine oT3-if3 hohe Cyperacee, 
in Sümpfen von Lagos und Angola, auch auf der Insel do Principe 
und häufig am Sambesi, ist im tropischen Amerika weit verbreitet, 
auch in Westindien und auf den Bahama- Inseln: sie findet sich ferner 
im tropischen Asien und Australien, 7 andere Arten sind im tropi- 



Kngi.er: Über lloristische \'erwaiidtscliai't zw. dein Irop. AlVika ii. Aiiiei'ika. 19.) 

.sehen Amerika ;iuf kleinere Gebiete bescliränkt. Die Früclitc .sind 
kleine, dreikantii^e Nüsschen. 

Eichhormu natans (P. Beauv.) Solm.s, im tropischen Afrika von 
Senegambien bis Oware verbreitet, im Ghasalquellengebiet und Mada- 
gaskar, tritt auch auf im tropi.schen Amerika in der Hylaea und West- 
indien. In den wärmeren Theilen Amerikas finden sich ausserdem 
noch 4 Arten, von denen E. azurea (Sw.) Kunth und E. crnssipes (Marx.) 
SoLMs besonders weit verbreitet sind. tTbrigens ist die ganze Familie 
der Pontederiaceen. zu denen diese Pflanzen gehören, besonders stark 
in Amerika entwickelt. Nur i Gattung, Monochoria, ist ausschliesslich 
altweltlich: da aber diese Gattung vmd Pontederia noch gegenwärtig 
auf der nördlichen Hemisphäre weit polwärts vorkommen, so ist nicht 
unwahrscheinlich , dass auch im nordwestlichen Amerika und nord- 
östlichen Asien einmal ein zusammenhängendes Pontederiaceenareal 
existirt hat. Die Samen von Eichhornia sind klein, mit gerippter Testa 
versehen und enthalten Nährgewebe, welches den walzenförmigen 
Embryo umgiebt. Sie können den Füssen von Vögeln leicht anhaften. 

Thalia "eiiiculala L., eine in Sümpfen und an Flussläufen wach- 
sende, bis 2'" hohe einjährige Marantacee, verbreitet von Sierra Leone 
bis Angola und über das Congogebiet bis zum Lande der Niamniam 
und Djur, also bis zum Ghasalquellengebiet, im tropischen Amerika 
von Argentinien und Südbrasilien bis Mexiko und Florida. Die Früchte 
sind i""" grosse kugelige Nüsse mit einem kugeligen Samen, dessen Trans- 
l)ort über grössere Meeresstrecken hinweg schwerlich anzunehmen ist. 
Th. coerulea Ridley und Th. Welwitschii Ridley dürften als Varietäten 
zu dieser Art hinzugehören. Dagegen finden sich noch gut unterschie- 
dene Arten im tropischen Amerika. 

Brasenia purpurea (Michx.) Casp. {-^B. peltata Pursh) wächst in 
einem einzigen Bergsee Benguellas zwischen LopoUo und Quilengues, 
120 geographische Meilen vom Atlantischen Ocean entfernt, in einer 
Höhe von 1600™ ü.M. Die Bemühungen des Entdeckers, des unver- 
gleichlichen Sammlers und Beobachters Dr.WELWixscn, die Pflanze auch 
in anderen Seeen des Gebietes aufzufinden, führten zu keinem Resultat; 
sie wvu'de aber neuerdings gelegentlich der Kunene-Sambesi-Expedition 
am Habungu von Baum um 1 100'" ü. M. in Menge gefunden. Die 
Pflanze findet sich zunächst in Guba, dann von Alabama einerseits 
durch Carolina und Tennessee bis nach dem östlichen Canada, anderer- 
seits durch Texas, Arkansas und Californien bis Washington Territory 
an der Grenze von Britisch -Columbien. Aus dem tropischen Asien 
ist die Pflanze bekannt von Bhotan und Khasia. Auch im südlichen 
Japan und in Queensland in der Nähe der Moreton-Bay kommt sie vor. 
Wichtig ist ferner, dass entweder dieselbe Art oder eine nahe ver- 

Sitziiiio-slierichte 1!MI.'). 18 



196 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

wandte in Europa existirt hat. Durch die vergleichenden anatomischen 
Untersuchungen Dr. Weberbauer's (Ber. d. deutsch, bot. Ges. XI (1893) 
388, Taf. VIII und Englers Bot. Jalirb. XVIII, 230. 252. 253) ist dar- 
gethan, dass die fossilen, unter die Gattungen Holopkura und Crntn- 
pleura gebrachten Samen nur sehr wenig von einander und von denen 
der Brasenia verschieden sind, weshalb er sie insgesammt als Bfasenia 
Victoria (Casp.) Weberbauer bezeichnete. Diese fossilen Samen stammen 
aus der Braunkohle von Biarritz bei Bayonne , aus der Schieferlcohle 
von Dürnten in der Schweiz, aus der Braunkohle der Wctterau, aus 
Torfmooren von Grossen Bornholt in Holstein. Aus allen diesen An- 
gaben geht hervor, dass Brasenia ehemals eine grössere Verbreitung- 
besessen hat. Da aber die Gattung unter allen Nymphaeaceen den Ca- 
bomba am nächsten steht und diese auf das Wcärmere Amerika von 
Südbrasilien (23° s. Br.) bis Carolina (30° n. Br.) bescliränkt sind, so 
ist Amerika als das Ursprungsland von Brasenia anzusehen. 

NepUmia oleracea Lour., dem Wasser aufliegende und schwim- 
mende Mimosee, zerstreut in stehenden Gewässern des tropischen Afrika, 
auch weit verbreitet im tropischen Asien und dem tropischen Amerika, 
in Brasilien in Baliia und der Hvlaea. 3 andere der genannten nahe- 
stehende Arten kommen in Nord- und Südbrasilien sowie in Peru vor. 
Die Hülsen von Neptunui oleracea sind schief länglich, bis 3™' lang 
flach zusammengedrückt, etwas lederartig, innen undeutlich gefächert, 
mit eiförmigen, quer gestellten Samen. 

Caperoiiia jxiJusIris (L.) St. Hil. ist eine krautige Euphorbiacee, 
welche in Sümpfen des tropischen Ostafrika gefunden wurde, mög- 
licherweise auch noch im tropischen Westafrika nachgewiesen werden 
wird; sie ist in Amerika von Nordbrasilien bis Mexiko sowie in West- 
indien verbreitet und hat zahlreiche Verwandte in Amerika. Die Früchte 
sind steifhaarige oder stachelige Kapseln. 

Saucagesia erectaL., kleines, auf feuchten Plätzen im tropischen 
Afrika vorkommendes Kraut der Ochnaceen, auch auf Madagaskar und 
auf den Inseln des Monsungebietes, ganz besonders häufig aber im 
tropischen Amerika von Südbrasilien und Peru bis Mexiko und West- 
indien. 10 andere Arten waclisen nur in der Hylaea und Südbrasilien. 
Die Früchte sind scheidewandspaltige Knpseln mit zahlreichen kleinen, 
nährgewebereichen Samen mit grubiger Schale. Mit Sauvagesia ist nicht 
verwandt Vausagesia Baill. , von welcher 2 Arten , V. africana Baill. 
am Gongo und V. bellidifolia Engl, et Gilg im Kunenegebiet (am Longa 
unterhalb Cliijeija) vorkommen. Die ausserdem noch nahestehenden 
Gattungen Lcifgehia Eichl. und Lavradia Vell. sind auf Brasilien und 
Guiana beschränkt (s. Gilg in Engl, und Prantl, Nat. Ptlanzenfam. 
III. 6, S. 149-152). 



Kngi.ek: ("ber llorislisclie N'erwaiidtseliaft zw. dein trop. Afrika u. AiiieriUa. 197 

Jassieua repeiis L., kriechende oder flutende Wasserpflanzen, niclit 
selir liäulig in Senegambien, den Nilländern und dem Sambesig-ebiet, 
verbreitet in den tropischen (Jebieten Asiens und Amerikas, in letz- 
terem mehr v;iriirend; 3 andere verwandte Arten. J. natans 1Ii;mi;. 
et BoNPL., J. nruguaijensis Camü. und .7. Hookrri Micheli nur in Süd- 
amerika. 

Jussieitn p'ilosa II. B. Kuntii, bis i" hohe Sumpfpflanze, von 
West- bis Ostafrika, im tro])ischen Amerika A^om mittleren Brasilien 
durch die Hylaea und Westindien bis Florida, Louisiana und Carolina. 

Jussieun liinfolia Vahl, mit der vorigen Art verwandt, weit ver- 
breitet im tropischen Afrika und auf Madagaskar, im tropischen Amerika 
in der Hylaea und den Nachbargebieten bis Westindien. Ausserdem 
kommen noch andere verwandte Arten im tropischen Amerika vor. 

Jussieuu su/Z^ruficosa L. (J. villosa Oliv., Fl. trop. Afr.) ist ver- 
breitet im tropischen Afrika, Asien und Australien, im tropisclityi 
Amerika von Südbrasilien und Argentinien bis Guiana und Columbien; 
3 andere nahestehende Arten finden sich von Südbrasilien und Para- 
guay bis zu den südlichen Vereinigten Staaten. 

Jnssieua erecla L. (./. UnifoUa Oliv., Fl. trop. Afr.), bis 3'" hohes 
Kraut, ist zerstreut im tropischen Afrika und verbreitet im tropischen 
Amerika von Südbrasilien bis Westindien. Einige nahestehende Arten 
in Südamerika. Alle Arten haben kleine Samen. 

Schultesia stenoit/ti/lhi Makt. var. latifoUa Marx., eine bis 3''"' 
hohe, einjährige Gentianacee, in Senegambien am Ufer des Gambia 
wachsend, ist in derselben Form auch im tropischen Amerika ver- 
breitet; sie wäciist auf feuchten Wiesen des mittleren und südlichen 
Brasiliens von Rio de Janeiro bis Piauhy und Goyaz, auch auf Berg- 
wiesen, ferner in Guiana, in Westindien und Mexiko, daselbst noch 
1000'" ü. M. Die Frucht ist eine kleine linealische Kapsel mit sehr 
kleinen, verkehrteiförmigen Samen, in deren Nährgewebe der kleine 
Embryo eingeschlossen ist. Ausserdem finden sich noch etwa 16 andere 
Arten nur im tropischen Amerika. 

Neurotheca locHclioides (Sphuce) Oliver, ebenfalls eine kleine 
Gentianacee mit dünnwandigen Kapseln und sehr kleinen Samen, findet 
sich häufig an feuchten, überschwemmt gewesenen Plätzen und in 
Sümpfen des tropischen Westafrika A^on Senegambien bis zum Congo, 
auch im centralafrikani.schen Seeengebiet, in Madi, andererseits im 
tropischen Amerika in der Hylaea , in Britisch-Guiana und Para. Neuer- 
dings sind insbesondere in Westafrika, aber auch in 0.stafrika mehrere 
der vorigen nahestehende Arten (vergl. Baker and Brown in Tiiis. Dyek, 
Fl. trop. Afr. VIII, 559. 560) gefunden Avorden. Trotzdem möchte ich 
den Ursprung der Gattung niclit im tropischen Afrika, sondern im tro- 

18* 



198 Sitzung der physikaliscli-inatliematischen Classe v. 9. Februar 190."). 

pisclieii Amerika svichen, weil die näclLstverwandten Gattuni^en , Bis- 
goeppertia, Geniostemon , Sahbafia, Lapithea, aucli die etwas entfernter 
.stehenden, Curtia, Tapeinostcmon, in Amerika heimisch sind. 



VIII. Sumpfpflanzen oder Pflanzen feuchter Standorte, welche 

Amerika und Afrika gemeinsam sind, in den Tropen der alten Welt 

zahlreiche Verwandte besitzen, im tropischen Amerika dagegen 

mehr isolirt dastehen. 

Asrolepis brasiliensis (Kunth) C. B. Claeke , eine A^on Ober-Guinea 
bis Angola auf sumpfigen Plätzen zerstreut vorkommende Cyi^eracee, 
findet sich auch in Brasilien und Argentinien, ebenso auf Madagaskar. 
Wahrscheinlieli ist sie zu vereinigen mit A. capensis (Künth) Ridley, 
welche von Ober- Guinea bis Benguella, anderseits bis zum Gha.sal- 
quellengebiet und durch ganz Ostafrika bis zum Capland A^erbreitet ist 
und die Lücken ausfüllt, welche in der Verbreitung der Ascolepis bra- 
siliensis in Afrika vorhanden sind. Die übrigen 7 Arten der Gattung 
sind im tropischen Afrika endemisch. 

Rotala me.vicanft Cham, et Schleciitd., kriechendes Sumpfgewächs 
(Lythracee), im Nigergebiet und Angola, sowie im oberen Nilgebiet, 
auch auf Madagaskar, in Vorderindien und dem ganzen Monsun gebiet; 
im tropischen Amerika von Südbrasilien bis Mexiko. Die nächst ver- 
wandten 8 Arten sind paläotrop, wie die meisten Arten der Gattung. 
Die Früchte sind 2 -4 klappige Kapseln, mit sehr kleinen Samen ohne 
Nährgewebe. 

Ammannia miriculala Willd.. var. arenaria (H. B. Kunth) Koehne, 
forma brasiliensis (St. Hilaire) Koehne findet sich an sum])figen Plätzen 
in Benguella, Betschuanaland, Sambesigebiet, Nyassaland und Witu- 
land; ferner im tropischen und subtropischen Amerika von Südbrasilien 
bis Mexiko. Andere Fonnen und nahestehende Arten wachsen auch 
im Monsungebiet, Vorderindien, Afghanistan und Persien: die meisten 
andern Arten sind paläotrop. Alle haben sehr kleine Samen. 

Laurembergia letrtindra (Schott) Kanitz, kleine kriechende 
Sumpfpflanze aus der Familie der Halorrhagaceen im nördlichen Afrika 
verbreitet und verwandt mit mehreren anderen Arten Afrikas und 
Madagaskars , ist auch verbreitet im östlichen Brasilien von S. Catha- 
rina bis Pernambuco und Venezuela, ist wahrscheinlich alter antark- 
tischer Herkunft und zugleich nach den afrikanischen und südamerika- 
nisclien Küstengebieten gelangt. 

Anhangsweise ist noch folgende Pflanze zu erwähnen: 

Sphenociea zei/lanirn Gäktn., i'" hohe Campanulacee, ohne nä- 



Engi.er: über lloristisclie Verwandtschaft zw. dem trop. Afrika u. Amerika. 199 

here Vei'waiidt.sclial't zu irgend einer andern Gattung, auf sumpfigen 
Plätzen im tropisclien Afrika zerstreut, auch verbreitet im tropischen 
Asien , findet sieli in Nordbrasilien in der Provinz Para an sandigen 
Flussufern. Die mit einem Deckel sich öffnende Kapsel enthält eine 
sehr grosse Zalil kleiner Samen mit Nährgewebe. 



IX. steppenpflanzen, welche im tropischen Afrika und im tropischen 
Amerika vorkommen. 

Trachypogon poli/moi'jihus Hackel. ein hohes, mehrjähriges 
Gras aus der Gruppe der Andropogoneae . vom C^ngo bis Südafrika 
und auf Madagaskar, in der Ebene vuid in die Gebirge aufsteigend, 
ist auch verbreitet in den Steppenformationen des tropisclien und sub- 
tropischen Amerika von Argentinien bis Mexiko und Texas. Es ist 
die einzige Art der Gattung. Deckspelze sehr lang begrannt. 

Aiulropogoii nifiis Kunth, ein bis 2'" hohes Gras, verbreitet 
durch das tropische Afrika bis Zululand und auf den Mascarenen, 
findet sich auch in Südbrasilien. 

Aiidropogoii Ruprf'c/itii (Fourn.) Hackel, im tropischen Afrika 
zerstreut, südwärts bis Transvaal und in Madagaskar, ist auch aus 
Mexiko nachgewiesen. 

Melinis minulij/ora P. Beauv., ein bis 2'" hohes Gras, welches 
in Central- und Ostafrika, auch in Natal und auf Madagaskar in Gras- 
tluren der Gebirge bis zu 1600'" ü. M. aufsteigt, ist auch häufig auf 
den Steppen und in Stejapengehölzen des südlichen und mittleren Bra- 
siliens. 

Aristida Adscensionis L. {A. coerulescens Desf.), verbreitet in den 
Küstenstrichen von Angola: aber auch im Innern bei Pungo Andongo, 
ferner in Senegambien, Algier und Abyssinien, sowie in Ostafrika und 
im Capland, findet sich im tropischen Amerika in der Hylaea in der 
Provinz Maranhao. Sie ist ferner anzutreffen auf der Insel Ascension 
und den Kanaren, jedenfalls eine leicht durcli ihre Grannen anhaf- 
tende Art. 

Ti'ic/toptery.v flammlda (Tkin.) Benth. et Hook, f., ein Gras aus 
der Gruppe i\^x Aveneae , im centralen Brasilien in den Provinzen Piauhy 
und Goyaz, ist zugleich ein massenliaft auftretendes Steppengras Ga- 
buns und des Congogebietes und findet sich auch am Victoria Nyansa 
bei Bukoba. Es existirt keine endemische Art in Amerika, wohl aber 
finden sich noch etwa 14 Arten im centralen und südlichen Afrika. 
Die Deckspelze ist mit einer geknieten, am Grunde gewundenen Granne 
versehen. 



200 Sitzung der pliysikaliscli-inatheniatischen Classe v. D.Februar 1905. 

Eragrosüs cUifiris (L.) Link, häufiges Steppengras von Sene- 
gaml)ien bis Abyssinien und Nordindien, auch in Ostafrika bis Natal, 
auf Mauritius und Bladagaskar, findet sich auch im tropischen und 
subtropischen Amerika von Montevideo bis Mexiko, ferner auf den 
Gallapagosinseln. 

Ausser den liier angeführten Steppengräsern giebt es noch mehrere 
andere, in Afrika und Amerika vorkommende, welche zugleich pan- 
tropisch sind. 

Ximenia americana L., ein dorniger Strauch der Olacaceae, ist 
■weit A^erbreitet in den laubwerfenden Steppengehölzen des tropischen 
Afrika, im Westen von Senegambien bis zum Kunenegebiet , in ("entral- 
afrika iind im Osten von Abyssinien bis zum Sambesi; sie findet sich 
auch im tropischen Asien und im tropischen Amerika von Bahia bis 
Guiana und in Westindien auf San Domingo. Die Früchte sind Stein- 
früchte von der Grösse und Form der Kriechenfrüchte. Nahestehende 
wohl aus den vorigen hervorgegangenen Arten sind X. coriacea Engl. 
in Bahia, X. caffra Sond. in Südafrika, X. elliptica Forst, in Neu- 
Caledonien. 

Dodoriaca riscosa L. , eine strauchige, bisweilen auch zu 5™ 
hohem Baum sich entwickelnde Sapindacee, verbreitet in Ostafrika 
von Abyssinien bis zum Sambesigebiet, auch im Seengebiet, in Sene- 
gambien und in Benguella, sowohl in den Steppen der Ebene, wie 
in den Gebirgssteppen und im Gebirgsbusch , oft auf grösseren Flächen 
alleinherrschend, findet sich ebenso in denselben Formationen im tro- 
2)lschen und subtropischen Amerika, wie im tropischen und subtropi- 
schen Asien und Australien. Dort kommen noch 44 andere Arten 
A'or, ferner eine endemische auf den Sandwichinseln und eine auf 
IMadagaskar. Die Früchte, von denen die Sträucher in der Regel dicht 
bedeckt sind, sind trockene, dünnhäutige Kapseln, mit 3 ziemlich 
breiten Flügeln. Diese Flügelbildung, welche wir bei so vielen Steppen- 
pflanzen, viel mehr als bei denen anderer Formationen finden, trägt 
ganz besonders zur Verbreitung durch den Wind über die weiten 
offenen Flächen der Steppe bei, wo sich immer wieder Platz zur 
Entwickelung einzelner der so massenhaft zerstreuten Samen findet. 
Da ausser den 44 erwähnten australischen Arten auch die verwandten 
Gattungen Distichostemon V. v. Müll, und DiplopeÜis Endl. australisch, 
und die noch übrige Gattung Loxodiscus Höok. f. neucaledonisch ist, 
so können wir das australische Gebiet als die Wiege der ganzen 
Grui^pe der Dodonaeeae ansehen. 



Kngi.er: ühiT lloristische \'<T\v;uultsi'liaft zw. dem tro]i. AtVilcii ii. Aiiier'ik.-i. 201 

X. Im tropischen Afrika heimische üferwaldpflanzen und Grebirgs- 
regenwaldpflanzen, welche nahe Verwandte im tropischen Amerika 
(häufig in reicher Entwicklung) besitzen, während solche im tro- 
pischen Asien ganz fehlen oder nur sparsam vorkommen. 

A. Arten mit grossen Trockenfrüchten oder mit Stein- oder 
Beerenfrüchten oder mit kleinen, in einem Fruclitstand ver- 
eint bleibenden Frücht(>n oder mit aufspringenden Kapsel- 
früchten, deren Samen -wenigstens so gross sind, dass sie 
nicht durch Wind verbreitet werden können. 

Ohjra L. ist eine Gattung meist stattlicher und gesellig wach- 
sender Gräser, mit 19 Arten in feuchten und trockenen Wäldern des 
tropischen Amerika und einer, 0. latifoUa L., welche in den Regen- 
wäldern West- und Ostafrikas , auch auf Madagaskar und den Comoren 
oft massenhaft auftritt. Die Caryopsen werden von den verhärteten 
-weiss gefärbten Spelzen eingeschlossen. 

E/aeis giihtee/ista Jacq., die Ölpalme, an Flussufern verbi'eitet 
von Senegambien (Gap Verde) bis Angola, cultivirt bis Benguella, 
findet sich aucli auf den Inseln San Thome und Fernando Po, am 
Congo aufwärts bis zum Oberlauf, nordöstlich bis zum westlichen 
Theil des Niam-niam- Landes und dem Lande der Monbuttu (Schwein- 
iurth), ostwärts bis zum Albert-Edward-Nyansa und Albert-Nyansa 
(Stuhlmann), bis zum Westufer des Tanganyika (am Ostufer bei 
Udschidschi und Urundi wahrscheinlich eingeführt), und des Nyassa- 
sees, in Angola auch in einer kleinfrüchtigen Varietät: östlich von 
den Seen kommt sie wohl nur cultivirt vor. Im tropischen Amerika 
findet sie sich, wahrscheinlich durch die Cultur eingeschleppt, um 
Rio de Janeiro und Bahia, dagegen tritt sie sehr häufig auf im Mün- 
dungsgebiet des Amazonenstromes in der Provinz Maranhäo, nicht 
wie in Afrika in den Urwäldern, sondern vorzugsweise auf sandigem 
und fettem Boden, ebenso häufig auch in Guiana (vergl. Warburg in 
Engler, Pflanzenwelt Ostafrikas, B. 8 und Drude in Martius, Flora 
brasil. III, 2, S. 458). Die zweite Art, E. melanococca Gärtn. , ist weit 
verbreitet in der Hylaea, aber nicht im Mündungsgebiet des Ama- 
zonenstromes, sondern mehr im Innern, ferner in Colombia, wo sie 
bis 250" ü. M. aufsteigt. Die Steinfrucht besitzt bekanntlich ein öl- 
reiches Mesocarp und einen dicken Steinkern, welcher den ölreichen 
Samen umschliesst. Nicht bloss die mit Elaeis am nächsten ver- 
wandte Gattung Barcella, sondern aucli die zunächst stehende Gruppe 
der Cocoineae-Attaleeae ist mit Ausnahme der weitverbreiteten Cocos 
nucifera neotropisch. 



202 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe v. 9. Februnr 1905. 

liuforresüu C. B. Clarke, eine krautige Gattung der Commeli- 
naceen mit 2 etwa ^" hohen Arten (B. Mannü C. B. Clarke und B. 
iinperforata C. B. Clarke), in den unteren Gebirgsregenwäldern des tro- 
pischen Westafrika von Sierra Leone bis zum Congo, auch auf den 
Insehi Fernando Po und do Principe, sowie in Ost-Usambara, ist 
im tropischen Amerika vertreten durch die in Guiana vorkommende 
B. Candolleana C. B. Clarke. Die Früchte sind Kapseln mit mehreren 
etwa i™™5_2'""' grossen, pyramidenförmigen Samen. 

Ffoscopa LouR., ebenfalls eine Gattung der Commelinaceen, ist 
im tropischen Afrika durch 8 Arten vertreten, welche vorzugsweise 
an Flussufern wachsen , aber auch in die Gebirge aufsteigen ; im tropi- 
schen Amerika, und zwar vorzugsweise in der Hylaea, finden sich 
3 Arten , während im tropischen Asien und Australien nur i Art, 
F. scandens Lour., verbreitet ist. Die afrikanischen und amerikanischen 
Arten stehen einander alle so nahe, dass Bentham sie in eine einzige 
zusammenfassen wollte (vergl. C.B. Clarke in DC. Monogr. Phan. IV, 266). 
Die halbkugeligen Samen haben i"™^ — 2'""" Durchmesser. 

Die Sfrelitzioldeae , eine durchaus natürliche Unterfamilie der 
Musaceae, sind von grosser Bedeutung für die Erkenntniss des Zu- 
sammenhangs der alten amerikanischen Flora mit der afrikanischen. 
Es gehören dahin die StreUtzleae , deren Gattungen Ravenala und Stre- 
litzla bei vollkommener Entwicklung sowohl durch ihren Wuchs, wie 
durch ihre bizarren von Honigvögeln besuchten Blüthen das Interesse 
jedes Beschauers gefangen nehmen, und die Heliconieae mit der ein- 
zigen Gattung Helkonia. Sirelitzia mit 4 Arten im südwestlichen Kap- 
land und Natal, ist eine der auffallendsten Pflanzenformen dieses Ge- 
bietes und ist verwandtschaftlich weit entfernt von den im tropischen 
Afrika herrschenden 3Iusa-Avten, die einer anderen Unterfamilie der 
Musaceae angehören. Wohl aber steht der kapländischen Gattung nahe 
Ravenala madagascariensis Sonn., deren bis 30™ hohen Exemplare auf 
Madagaskar von der Küste bis 600°' ü. d. M. Bestände bilden und noch 
bis löoo" Höhe in den Bergwäldern vereinzelt vorkommen, der so- 
genannte »arbre des voyageurs«, aus dessen Blattscheiden die Reisenden 
durch feine Röhren Wasser saugen sollen , wiewohl es an solchem in 
diesen Urwäldern auch sonst nicht fehlt. Nun existiert aber eine zweite 
Art derselben Gattung, R. guianensis (L. C. Ricii.) Benth. in der Hylaea, 
in Para und in Guiana; sie ist kleiner als die Pflanze von Madagaskar 
und nähert sich dadurch, daß sie nur 5 Staubblätter besitzt, etwas 
mehr der Gattung Strelitzia. Bei allen diesen Pflanzen sind die Samen 
mit einem grossen zerschlitzten Arillus versehen, der, bei R. madagas- 
cariensis hellblau, bei R. guianensis hochroth, bei Sirelitzia gelb (?), aus 
den aufgesprungenen Kapseln hervorleuchtet. Im tropischen Amerika 



Exiii.ER: Über lloristisclie \'er\varRltscli:i(t zw. ilt'iu trop. AlViUa u. Ainerikn. 2(13 

findet sich aber ferner die Gattung Hellronia, welche wegcMi (hn- ein- 
samigen Fäclier des Fruclitknotens und des Fehlens eines Arillus eine 
den Streliizieae gegenüberstehende Gruppe Heliconieae ausmacht und von 
Brasilien und Peru bis Mexiko und Westindien mit 29 Arten entwickelt ist. 

Reneafmia L. f. Mehrjährige Kräuter aus der Familie der Zingi- 
beraceen. Die Gattung umfasst 54 Arten, von denen die Mehrzahl 
im tropischen Amerika heimisch ist, während (vergl. Schumann in 
Englee, Pflanzenreich IV, 46) 5 im tropischen Afrika waclisen. Hierbei 
ist Folgendes zu beachten: Die Gattung gliedert sich in 2 Serien, 
von denen die eine, ^> Terminales «i, durch rispige Inilorescenzen am Ende 
des beblätterten Stengels ausgezeichnet ist: zu dieser Serie gehören 
9 im tropischen Amerika von der subä({uatorialen andinen Provinz 
bis Westindien und zimi tropischen Centralamerika verbreitete Arten, 
ausserdem R. longlfoUa K. SniuM. in Liberia und R. Bnttenbergiana 
Cummins im Lande der Aschanti. Die viel zahlreicheren Arten der 
zweiten Serie «Scaposae<i K. Schuh, entwickeln neben den Laiibsprossen 
besondere Blüthensprosse, welche bei den Panniculatae Rispen, bei den 
Racemosae Trauben tragen. Von den 25 jetzt bekannten Pannimintae 
kommen 1 3 im tropischen Westafrika , 2 {R. Engleri K. Schum. und 
R. Fischeri K. Schum.) in den Regenwäldern des östlichen Usambara 
vor und 13 im trojiischen Amerika, mit fast gänzlichem Aussclüuss 
Brasiliens, das nur an der Grenze A^on Venezuela von diesen Pflanzen 
berührt wird. Dagegen sind von der Gruppe der Racemosae etwa 
12 Arten zum grösseren Theil in Brasilien, einige in anderen Theilen 
des tropischen Amerika anzutreffen, eine Art, R. stenostacJiys K. Schum., 
findet sich in Kamerun. Keine einzige Art dieser Gattung existirt 
im tropischen Asien, und wir müssen sie wie Dorstenia als eine afri- 
kanisch-amerikanische bezeichnen. Die Früchte aller Arten sind drei- 
fächerige, loculicid sich öflnende Kapseln, mit 2-3'"™ grossen, rund- 
lichen oder eiförmigen, glänzenden, von einem weissen zerschlitzten 
Arillus eingeschlossenen Samen. 

Vhlorophora excelsa (Welw.) Benth. et Hook f., ein riesiger 
Baum von 30 — 40" Höhe, längere Zeit nur aus West- und €entral- 
afrika bekannt, ist auch in den Waldgebieten Ostafrikas, besonders in 
Usambara. nicht selten. Eine zweite, von mir aufgestellte Art [Chi. 
tenuifoüa) von San Thome ist noch etwas zweifelhaft. Nahe verwandt 
ist Chi. tindoria (L.) Gaudich., welche fast im ganzen tropischen Amerika 
verbreitet ist. Auch geliören die amerikanischen Gattungen Bagassa 
und Madura in die Verwandtschaft von CJdorophora . 

Dorstenia L. zählt im tropischen Afrika etwa 60 Arten, in Ost- 
indien I, in Madagaskar I. dagegen im tropischen Amerika etwa 30 Arten. 
Im westlichen Afrika finden sich vorzugsweise solche Arten, welclic 



204 Sitzung der physikaliscli- mathematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

wie die amerikanisclien, Stempel mit 2 Grifteln besitzen (Sect. Eudor- 
stcnld). Arten mit eingrifteligem Stempel (Sect. Kosarid) sind in Ost- 
afrika zahlreicher. Wenn auch die amerikanischen Arten derselben 
Section Eudorstenia angehören, wie die Mehrzahl der afrikanischen, so 
steht doch keine afrikanische Art einer amerikanischen besonders nahe; 
sie nähern sich einigermaassen den caulescenten amerikanischen Arten, 
wie D. urceolata Schott, D. ereda V^hz. , D. elata Gardn. u.s.w. Wäh- 
rend aber bei der grossen Mehrzahl der afrikanischen P^udorstenien die 
Inflorescenzen von einem Kranz mannigfach ausgebildeter und oft un- 
gleicher Bracteen umgeben sind, finden wir bei den meisten amerika- 
nischen Eudorstenien ein kreiseiförmiges Receptaculum , das am Rande 
in schuppenfbrmige oder zahnformige, ziemlich gleich grosse Bracteen 
übergeht, wie es in Afrika nur selten, z. B. bei D. varlegata Engl, vor- 
kommt. Hingegen ist der in Afrika liäufigere Modus der Bracteenent- 
wicklung nur bei sehr wenigen amerikanischen Arten, z.B. D. turneri- 
foKa Fisch, et Mey. anzutreffen. Die Sectionen NothodorstenUi P^ngl. und 
Kosaria (Forsk.) Engl, fehlen in Amerika und gerade die letztere Sec- 
tion ist es, welche in Afrika die meisten Anpassungserscheinungen 
aufzuweisen hat (vergl. Engler, Monographieen afrikanischer Pflanzen- 
Familien und -Gattungen, I Moraceae (1898) 47). Alles dies beweist, 
dass das gleichzeitige Vorkommen der Dorstenien im tropischen Amerika 
und Afrika nicht etwa auf einmalige Einschleppung einer amerikani- 
schen Form in Afrika oder einer afrikanischen in Amerika beruht, 
.sondern es ist vielmehr ganz evident, dass von einem atlantischen 
Herde aus, mag derselbe nun auf einer äquatorialen oder auf einer 
mehr nördlichen oder mehr südlichen Brücke zwischen Amerika und 
Afrika gelegen haben, die Gattung Dnrstenia sich in mehrere Zweige 
spaltete, welche sowohl in Amerika, wie in Afrika eine selbständige 
Entwicklung einschlugen. 

Tri/matococcus PoEpr. et Endl. ist ein neben Dorstenia entstan- 
dener, wegen der Einzahl der weiblichen Blüthen weit vorgeschrittener 
Typus der Moroideae-Dorstenieae. Es finden sich von dieser Gattung 
in Kamerun : T. africanus Baill. , T. Conrauanus Engl, und T. hnnerunia- 
nm Engl. , in Angola noch die A'ar. T. Welwifschü Engl. , in Ostafrika in 
Useguha und Ostusambara T. usamharcnsis Engl, in dichten , schattigen, 
feuchten Uferwäldern. Im tropischen Amerika ist T. a/nazonicus Poepp. 
im Gebiet des Amazonenstromes von Ega bis an die Grenze von Peru 
bei Maynas verbreitet. In Afrika schließt sich übrigens an Tnjmato- 
coccus auch noch die Gattung Mesogyne Engl. an. 

Itosf/ueia Thouars, mit mehreren Arten im tropischen Afrika und 
mit I auf 3Iadagaskar, gehört zu den Moroideae-Brosimeae , deren übrige 
Gattungen (Brosinnim, Lanessania) bis jetzt nur im tropischen Amerika 



Knt.i.er: flier lloi'istisclie \'i'i-\v:m(Usfliaft zw. dem trop. AiVik.-i u. Ainerikn. 205 

gefunden wurden. Ühri,t>ens steht Bosqueia keiner derselben l)eson- 
ders nahe. 

Miittatigff Smil/iii R. Brown, ehi im tropisehen Westafrikn , im 
centralafrikani.schen Seengebiet und im Ghasalquellengebiet in Wald- 
schluchten und Uferwäldern häutiger Baum, der .sicli auch gern in ver- 
nachläs-sigten Ptlanzungen einstellt, besitzt nach Osten hin keine nähere 
Verwandte; sie nähert sich vielmehr etwas der amerikanischen Cecropin. 
Musanga stimmt mit den amerikanischen Gattungen Coussapoa, Pori- 
rouma und Cecropia im Bau der weiblichen Blüthen und der tutenförmi- 
gen Nebenblätter überein, mit Coussapoa und Cecropia insbesondere 
noch durch die pinselförmige Narbe, mit letzterer Gattung zudem 
auch noch durch die gleichartige Ausbildung der schildförmigen, band- 
förmig getheilten Blätter. 

Ilcislena panifoHa Smith ist ein in Ober- Guinea von Sierra 
Leone bis Kamerun nicht seltener, auch auf der Insel San Thome vor- 
kommender Strauch der Olacaceae, nächtstverwandt mit der im mittle- 
ren östlichen Brasilien verbreiteten H. hrasiliensis Engl. Ausser letzterer 
finden sich noch etwa 19 Arten von Südamerika bis Centralamerika. 
Die Früchte aller sind kugelige oder längliche bis i""" grosse Stein- 
früchte mit dünnem Exocarp und krustigem Endocarp; der einzige Same 
enthält einen winzig kleinen Embryo am Sclieitel eines reichlichen 
Nährgewebes; der zur Blüthezeit kleine Kelch ist zuletzt mächtig ver- 
grössert und sc.hlie.sst, ringsum abstellend, die Frucht ein. 

PlyvhopeUünm Benth., ebenfalls eine Gattung der Olacaceae, ent- 
hält drei Sträucher oder kleine Bäume, von denen Ft. peliolatum Oi.iv. 
und Ft. ancpps Oliv, im Kamerungebiet vorkommen, Fl. okwoides BT.srn. 
im tropischen Amerika, im französischen Guiana und Nordbrasilien 
auf der Insel Colares gefunden wurde. Die Frucht ist eine eifru'mige 
Steinfrucht. 

Aptaiulra Miers, auch zu den Olacaceen gehörig, enthält eine in 
Kamerun vorkommende Art, .1. Zeiihri Y.^Gh. (Sect. Aptandrina Engl.) 
und drei kleine in der Hylaea wachsende Arten, welche aber einer 
anderen Section, Euaptandra Engl. angehr)ren (vergl. Engler in Engler 
und Pr.\ntl, Nat. Ptlanzenfam. , Nachtrag zu II — IV, S. 146. 147). Die 
blauen glänzenden Steinfrüchte, welche ein dickes Endocar[), reich- 
liches Nährgewebe und einen kleineu Keimling, wie Heisteria, besitzen, 
sind von dem stark vergrösserten , becherftirmigen und fleischigen, rosa- 
farbenen Kelch eingeschlossen. Mit dieser Gattung ist avich Omjoh'a 
göre (Hu.\) Engl, in Gabun nahe verwandt. 

linniuichia . bis 20"' hoch kletternde Sträucher der Fohjgonaceae- 
Coccoloheae , einer im t'brigen auf Amerika und das australe Floren- 
reich beschränkten Gruppe, ist mit einer Art, B. rirr/iosn B.\nks. in 



206 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

den südlichen Vereinigten Staaten vertreten, in Westafrika von Uber- 
guinea bis Angola mit 3-4 Arten. Von diesen ist schon seit längerer 
Zeit bekannt B. africana Welw., in Angola in Gebirgsregenwäldern 
von 600-800"', in einer kahleren Varietät in Kamerun bei Bipinde 
und Batanga. Dazu kamen noch B. erecta Aschers, in Gabun und B. 
congoensh Dammer am Congo zwischen Lukolela und dem Äquator 
(vergl. U. Dammer in Engler Bot. Jahrb. XXVI, 357). Bei dieser Gattung 
sind die etwa 8"'" langen Nussfrüchte von den etwas längeren rosa- 
farbenen BlüthenhüUen eingeschlossen und an dem bisweilen 7-8™ 
langen, mit blutrothem Flügel versehenen Stiel befestigt. 

Anona hat ihre reichste Artentwicklung im tropischen Amerika, 
dessen Arten auch in Afrika wie überall in den Tropen cultivirt 
werden; aber es giebt auch einige im tropischen Westafrika heimische 
Arten, A.glauca Schumach. et Thonn. von Ober- Guinea, A. Klainä 'Pierre 
in Gabun und Ä. stenophjlla Engl, et Diels vom Ruwenzori und die 
in alle afrikanischen Steppengebiete vorgedrungene A. smegalensisPERs., 
welche mit den amerikanischen nahe verwandt sind. Keine Art findet 
sich im tropischen Asien wildwachsend. 

Ocotea AuBL. , Sect. Mcspilodaphne , zu den Lauraceen gehörig, 
ist auf die Gebirge des tropischen Afrika, auf Südafrika und Mada- 
gaskar, sowie auf die Canaren beschränkt. Die beiden anderen Sec- 
tionen Oreodaphne (Nees) und Strychnodaphne (Nees) mit zusammen 
etwa 200 Arten sind ausschliesslich neotrop oder auch subtropisch 
amerikanisch. Ausser einigen Arten Westafrikas und 8 Arten Ma- 
dagaskars sind zu nennen : 0. usambarensis Engl, in den Gebirgsregen- 
wäldern von Usambara , 0. hullata (Spreng.) Benth. in der Knysna in 
Südafrika, 0. foetens (Spreng.) Baill. in den Gebirgswäldern von Ma- 
dera und Tenerifa (Taganana). Die Früchte sind einsamige Beeren, 
welche der nach der Blüthezeit becherförmig erweiterten Blüthenachse 
aufsitzen. 

Parinarium excelsum Sadine, ein zu den Rosaceae - Chrijsobala- 
noldeae-Hirtellinae gehöriger grosser Baum Ober -Guineas ist entweder 
identisch oder nahe verwandt mit einer der 8 in Nord -Brasilien und 
Guiana vorkommenden Arten, mit P. hracJujstachyum Benth. ; die Gattung 
Parinarium ist ferner in den Waldgebieten des ganzen tropischen Afrika 
durch mehrere Arten und auch durch eine im Capland vertreten, sie 
findet sich auch im Monsungebiet, scheint aber ihren Anschluss im 
östlichen Südamerika zu haben. Die Frucht ist bei allen eine Stein- 
frucht mit dünnem , mehligem Mesocarp. 

Acioa AuBL., mit der vorigen Gattung nahe verwandt, ist im 
tropischen Afrika mit 14-15 Arten vertreten, während eine, A. guia- 
nrnsis Aubl. . in Guiana vorkommt. Früchte wie bei den vorigen. 3Iit 



Engleh: t'ber lloristisclie \'er\vaiiiltscliaft zw. dem trnp. Afrika u. Ainei-ikn. 207 

den beiden genannten Gattungen ist auch eng verbunden Couepia , von 
der in Südamerika etwa 40 Arten vorkommen, anderswo keine ge- 
funden wurden. Dieser Gattung steht dann wieder Hirtella L. nahe, 
mit mehr als 40 Arten im tropischen Amerika und einer auf Mada- 
gaskar. Alle diese Gattungen sind unter einander näher verwandt, 
als mit den beiden nur wenige Arten zählenden Gattungen Anr/elesin 
und Parastnnon, welche auf Malakka und die Sunda- Inseln beschränkt 
sind. Wir ersehen daraus, dass die stärkste Entwicklung der formen- 
reichen Chrysohalanoideae-Hirtelllnae im tropischen Amerika und Afrika 
erfolgt ist. Man beachte ferner, was oben über die Verbreitung von 
CAry^toftafonys gesagt wurde, ferner auch, dass ilfo^wdYm Ai bl. , Licania 
AuBL. und Lecostomion Mor. et Sesse mit mehr als 90 Arten im tropi- 
schen Amerika entwickelt sind und dass die in dieselbe Verwandt- 
schaft gehörende Gattung G?-angeria mit 3 Arten, Madagaskar, Mau- 
ritius und die Sunda -Inseln bewohnt. So ist klar, dass die ganze 
grosse Unterfamilie der Chrijsohahinoidfiae im Wesentlichen amerikanisch- 
afrikanisch ist. 

Pcntoclpt/ira Benth.. eine baumartige Gattung der Muiiosoideae- 
Parkieae , enthält nur 2 Arten. P. macropliylla Benth., verbreitet von 
Senegambien bis Gabun, sowie auf den Inseln San Thome und do 
Principe — und P . filamentosa Benth., verbreitet in der Hylaea und von 
Para bis St. Vincent und Nicaragua. Beide Arten besitzen grosse zu- 
sammengedrückte Hülsen mit elastischen holzigen Klappen und stark 
zusammengedrückten Samen mit glänzender Samenschale. Bei der 
afrikanischen Art sind die Hülsen bis 5'''" lang und i''"" breit, die Samen 
5-6"" lang und 2T5— 4''"' breit, bei der amerikanischen dagegen wer- 
den die Hülsen nur 3'^° lang und 2™5 breit, auch sind die Samen 
viel kleiner, als bei der afrikanischen. Die nächstverwandte Gattung 
Parkin ist ebenso in den Tropenländern Asiens, wie in denen Ame- 
rikas und Afrikas vertreten. 

Mdcrolobiuin Sect. Outea Aubl. (Caesalpinioideae-Amherstieae) ist 
im tropischen Westafrika von Senegandiien bis Gabun durch 4 Arten 
V(ni Klettersträuchern und Bäumen vertreten, im tropischen Amerika 
durch 8. Die Hülsen sind schief kreisförmig, eirund, länglich oder 
gekrümmt, flach oder zusammengedrückt, lederartig, zweiklappig. 

Ochlhocosmus africauus Hook, f , ein Strauch der Linaceae, von 
Sierra Leone bis zum Congo verbreitet, und 3 andere als Phi/llocosmvs 
beschriebene Arten (P/i. sessiUßorus Ouv. in Gabun, Ph. congolensis 
de Wild, et Th. Dir. am Congo, Ph. randldus Engl, et Gilg am Qui- 
riri) Italien ihren nächsten Verwandten in 0. Roraimae Benth. in 
Nordbrasilien und Britisch -Guiana. Die Samen der ersteren Art sind 
einige Millimeter lang und mit haubenförmigem Arillus versehen. Ubri- 



208 Sitzung der plij'sikaliscli - mathematischen Classe v. 0. Febni.ir 1905. 



gens ist die Gruppe Llnaceae - Hugonieae . zu welclier diese Pflanzen ge 
hören, paläotropiscli und O. Boraimap ihr einziger Vertreter in Amerika. 

Saccogiotfis gnhonensis (Baill.) Ukb. {Auhrya), ein grosser Baum 
aus der Familie der Humlrlaceaf , in Gabun und auf Fernando Po, steht 
nahe der -S. guianensis Bextii. und der S. amazonlca Marx, in der Hy- 
laea. Ausserdem gieht es noch 7 in der Hylaea und Brasilien vor- 
kommende Arten. Auch die beiden noch (ihrigen Gattungen der Fa- 
milie, Humiria Aubl. und Yanianea Aubl. , sind auf das tropische 
Amerika heschränkt. Die Frucht ist eine vSteinfrucht von etwa 2''"'5 
Durchmesser mit .steinhartem Endocarp, welches von Harz führenden 
Höhlungen durchsetzt ist. Die in den Fächern des Eiulocarps einge- 
.schlosseneu Samen sind mit Nährgewe1)e versehen. 

QiKiSfiia (tf'ricaiia Baill., ein Strauch der Simarubamte im süd- 
lichen Kamerun, Galiun und dem Land der Magakalla am Quango vor- 
Icommend, ist verwandt mit der bekannten Q. amara L., welche in 
den brasilianischen Provinzen Para und Maranhao. sowie in Guiana 
vorkommt. Es ist nicht an eine directe Abstammung der afrikani- 
schen Art \on der in andern Tropenländern nicht selten cultivirten 
Q. amara zu denken: denn es zeichnet sich die afrikanische Art durch 
ungeflügelte Blattstiele und dreimal kleinere Blüthen aus. Die Theil- 
i'rüchte oder Kokken besitzen ein dünnes Exocarp und ein dickes Endo- 
carp. Im tropischen Westafrika kommt ausserdem noch eine Gattung 
Odrjendea (Pieere) Engl, vor, welche den Gattungen Quassia und Sirnaba 
nahesteht; sie i.st durch risjügen Blüthenstand, meist 4 teilige Blüten 
und sehr grosse, zusammengedrückte Theilfrüchte ausgezeichnet. Auch 
die in folgender Gruppe erwähnte Gattung Hannna gehört in diesen 
Yerwandtschaftskreis der Simaruholdeae - Simaruhlnae , welche mit Aus- 
nahme von SaiJiadera und Hyptiandra alle afrikanisch -amerikanisch sind. 

Pfic/ii/lobiis Don, eine Canarlum nahestehende Gattung der Bur- 
seraceen, umfasst 4 Arten im tropischen Westafrika, welche die durch 
nur am Grunde A'ereinte Kelchblätter charakterisirte Section FMpacJiy- 
lohts Engl, bilden, während eine zweite Section Dacryodes (Griseb.) 
nur die Art P. Iiexandrus (Grlseb.) Engl, von W^estindien enthält. Die 
Steinfrüchte dieser Bäume besitzen ein fleischiges Mesocarp und dünnes 
Endocarp. 

Ileteroptrr'is africana A. Juss. {Malpiglüaceae) , eine an den Küsten 
des tropischen Westafrika von Senegambien bis zum Congo, auch auf 
der Insel do Principe vorkommende Liane der Ufergehölze, ist die 
einzige afrikanische Art einer im tropischen Amerika von Südbrasilien 
und Bolivia bis Westindien und Mexiko mit etwa 90 Arten entwickel- 
ten Gattung. Die Theilfrüchte sind mit einem halbkreisförmigen Flügel 
versehen, der am unteren Rand stärker verdickt ist. Auch alle ver- 



1 



Engler: Über lloristisclie \'er\vandtschai't zw. dem trop. Afrika u. Amerika. 20.) 

A\-anclten Gattungen {Banisterünoe Ndzu.) gehören dem tropischen Ame- 
rika an. 

nU'hapclahun Dup. Thouaks i.st eine im ganzen tropisclien Afrika, 
vorzugsweise in den Uferwäldern des Westens, aber aucli in anderen 
Gehölzen der unteren Region reichlich vertretene Gattung, weniger 
formenreich im Osten. Eine ziemlicli gro.sse Zahl von Arten findet 
sich auf Madagaskar; A-erhältnissmässig weniger kommen im Monsun- 
gebiet vor, mit starker Abnahme gegen Osten. Dagegen sind sie 
wieder formenreicher im tropischen Amerika. Die Gattung zeigt recht 
mannigfache Verhältnisse im Blüthenbau und den grössten morpholo- 
gischen Fortschritt in Westafrika und dem tropischen Amerika. Bei 
einigen wenigen Arten des tropisclien Westafrika, Dicho'pctalum Sect. 
Bradiystephanium , finden wir die gespaltenen Blumenblätter luid Staub- 
blätter am Grunde vereint, also Fortschritt von der Choripetalie zur 
Sympetalie, gewissermaassen eine Vorstufe zu der noch vollständiger 
Sympetalen Blüthenbildung der tropisch -amerikanischen Gattung Siepha- 
nopodiuin Poepp. et Endl., bei welcher jedoch die kurzen Abschnitte 
der Blumenkrone nicht eingeschnitten sind. 

Tfipiira AuiiL., auch zu den Dichapetalaceae gehörig, ist in der 
Blütenbildung noch Aveiter vorgeschritten als die vorher genannte 
Section von Dichape(ahim, indem nämlich hier die verwachsenblätt- 
rigen Blüten schräg zygomorph geworden sind. Dieser Gattung 
gehören 4 Arten an, welche von der Hylaea bis zu den Antillen 
vorkommen, ausserdem aber auch T. afrlcana Oliv, im tropischen 
Westafrika und T. Fischerl Engl, in Ostafrika. Wenn auch nicht 
ausgeschlossen ist, dass diese Gattung an 3 verschiedenen Stellen aus 
Dkhapclalum entstanden ist, so bleibt doch immer die unabweisbare 
Tatsache bestehen, dass die Dlchapetalaceae zu beiden Seiten des Atlan- 
tischen Oceans sich am stärksten entwickelt haben. Die Früchte aller 
Dichapetalaceen sind Steinfrüchte mit dünnem Exocarp und krustigem, 
1-3 fächerigem Endocarp, in deren Fächern je ein nälirgcwebsloser 
Same enthalten ist. Von einzelnen Arten wird angegeben, dass die 
Früchte genossen werden; aber ganz sicher ist auch, dass andere 
Arten sehr giftig sind. Wie die ziemlich grossen Früchte verbreit(*t 
werden, ist noch unsicher. (Vergl. auch Engler in Engl, und Pranti,. 
Nat. Pflanzenfam. III. 4. S. 347-351.) 

Fegiinaiira Pieerk, eine Gattung der Anacaräiaceaf - Mangifereae 
mit 2 Arten in Ober- Guinea [F. Afzelü Engl., F. afrkana (Oliv.) Pierre), 
ist, obwohl die eine Art ursprünglich als Mangifera afrkana Ouv. be- 
.schrieben wurde, nicht als ein westlicher Ausläufer von Mangifera 
aufzufas.sen, sondern vielmehr näher verwandt mit der amerikanischen 
Gattung Anacardlum. (Vergl. Engler in Engl., Bot. Jahrb. XXXVI.) 



210 Sitzung der phj'sikalisch-inatheniatisclien Classe v. 9. Feliriuir 1905. 

Thf/rsodium fifricanum Engl., ein A-on Pogge aufgefundener Ana- 
cardiaceenbaum der Uferwälder im Baschilangegebiet Westafrikas, steht 
ziemlich nahe den 3 amerikanischen Arten der Gattung, welche im 
G-ebiet des Amazonenstromes vorkommen. Die eiförmigen Steinfrüchte 
von etwa 1T5 Länge besitzen ein dickes, hartes Exocarp und dünnes 
Endocarp, welches einen nährgewebslosen Samen einschliesst. 

Cai'podiptera africana Mast., ein lioher Baum der Wälder des 
Küstenlandes von Deutsch -Ostafrika, zur Familie der TiUnceae gehörig, 
ist entfernt verwandt mit C. cubensls Griseb. auf Cuba und einer andern 
Art auf Madagaskar. Die Früchte sind zweiklappige Kapseln und be- 
sitzen an jeder Klappe zwei senkrecht abstehende Flügel. 

Vismia Vell., Sträucher oder Bäume aus der Familie der Gnlti- 
ferae-Hypericoideae-Visimeae, sind mit 22 Arten im tropischen Süd- 
amerika und mit i Art in Mexiko vertreten, ausserdem aber mit 4 
derselben Section Euvisjnia Wawra angehörenden Arten im tropischen 
Westafrika, mit i Art (F. orientalls Engl.) auch in Ostafrika im Sansi- 
barküstengebiet. In Südbrasilien ist eine zweite Section Trlanthera 
Wawra mit nur 2 Arten heimisch. Ostwärts von Afrika kommt die 
Gattung nicht vor. Die Früchte sind ziemlich kleine kugelige oder 
längliche Beeren mit länglichen Samen. Die nächststehenden Gattungen 
Psorospermum und Haronga finden sich im tropischen Afrika, auf Ma- 
dagaskar und Mauritius. 

Mannne/t e/joro Pierre, in Gabun, entspricht der in Westindien 
heimischen M. americana L. Die Früchte sind kugelige bis eiförmige 
Steinfrüchte von i'^.'"2 Durchmesser mit harzreichem Exocarp, saftigem 
Mesocarp und 4-1 Steinkernen , welche je einen Samen ohne Nähr- 
gewebe umschliessen. Die Gattung gehört zu den Gidtiferae-Calo- 
phylloidene , von denen Calophyllum, sich in der alten Welt reich ent- 
wickelt hat und 4 Arten im tropischen Amerika zählt, eine Art, 
C. inophyllwn L., ein verbreiteter Küstenbaum im Monsungebiet ge- 
worden ist und auch in Ostafrika vorkommt. Da er aber auch cultivirt 
wird, so ist seine Verbreitung nicht wichtig. 

War/jurgia Sfii/t/mannit Engl. , ein in Ostafrika bei Pangani 
vorkommender Baum der W interanaceae {CaneUaceae , vergl. Engler in 
Engl, und Prantl, Nat.Pflanzenfam. III,6, S. 319), ist entfernt verwandt 
mit der von Brasilien bis zu den Antillen zerstreut vorkommenden 
Gattung Cinnamodendron. Noch entfernter verwandt sind Winterana selbst 
in Westindien, Südflorida und Colombia, sowie Cinnarnosma auf Mada- 
gaskar. Die Familie ist aber eine höchst eigenartige und durch die 
zu einer Röhre A^erwachsenen Staubblätter. soAvie durch parietale Pla- 
centation scharf charakterisirt. Andere als die angeführten Gattungen 
kennen wir nicht: es ist also die Familie vom Monsungebiet ausge- 



Engler: Über lloristisclie Verwandtschaft zw. dem trop. Afrika u. Amerika. 211 

schlössen. Die Früchte sind Beeren mit wenigen oder zahlreichen, 
ziemlich glatten Samen. 

Oncoba ist eine artenreiche Gattung der Flacourtiaceae , welche 
nur im tropischen Amerika und Afrika, einschliesslich des arabischen 
Yemen, anzutreffcni ist. Beachtenswert^ ist noch, dass eine Section 
[EuoTUvba) nur in Afrika und Madagaskar, eine zweite Section {Lepid- 
oncoha) in West- und Centralafrika , eine dritte (Maynoncoba) in Afrika 
und Südamerika A'orkommt. Die Früchte sind tleischige oder holzige, 
nicht oder spät aufspringende Kapseln mit zahlreichen Samen, welche 
reichliches Nährgewehe enthalten. Auch die nächst verwandten Gattun- 
gen sind entweder in Madagaskar {Prockiopsis) oder Afrika (Poggm, 
Grandidiera, Buchncrodendro^i) oder dem tropischen Amerika {Mayna, 
Carpotroche) zu Haus. Vom troj^schen Asien sind sie vollständig aus- 
geschlossen. (Vergl. Warburg in Encil. und Prantl. Nat. Pflanzenfam. 
III, 6, S. 17, 18.) 

Homalium Sect. Racoubea (Aubl.), ebenfeUs zu den Flacourtiacceu 
gehörige Sträucher, sind auf das tropische Afrika mit 3 und auf das 
nördliche Südamerika, Westindien und Centralamerika mit 6 Arten be- 
schränkt. Die Früchte sind unvollständig aufspringende, dickwandige, 
ein- oder wenigsamige Kaj^seln, an denen die etwas vergrösserten Kelch- 
und Blumenblätter erhalten bleiben. Andere Sectionen der Gattung 
Homalium sind nur paläotrop. (Vergl. Warburg, a. a. O. S. 36.) 

Cork'ficeae, eine durchaus eigenartige Familie, deren bekannteste 
Art Carica papaya ist, ist im trojiischen Amerika mit den beiden 
Gattungen Carica und Jacaratia, im tropischen Afrika durch die der 
letzteren nahestehende Gattung Cylicomorpha JJub. vertreten. Die meisten 
Arten der ersteren sind andin und zwar tropisch- andin, andere finden 
sich in Mexiko, einzelne in Venezuela und auf den Antillen. Dagegen 
ist die auch in Mexiko vertretene Gattung Jacaratia über die Hylaea 
bis Südbrasilien zu verfolgen. Höchst interessant ist nun die zwischen 
den beiden genannten Gattungen in der Mitte stehende Cylicomorpha, 
deren 2 in den Wäldern von Kamerun (C. Solmsii Urb.) und Ostafrika 
(C. parviflora Urb.) vorkommende Arten mächtig hohe und auch dicke 
Bäume werden. Die Früchte sind grosse Beeren mit zahlreichen, aussen 
saftigen Samen, in denen reichliches Nährgewebe den weit entwickelten 
Embryo umgiebt. 

Rhipsalis cassi/tha Gärtn. , welche im tropischen Amerika über 
das ganze atlantische Küstengebiet von Brasilien, Westindien und das 
südliche Mexiko verbreitet ist, findet sich, wie bereits oben erwähnt, 
auch in West- und Centralafrika und auf den Maskarenen, dann auf 
Ceylon in den Regenwäldern als epiphytische Pflanze, oft in Masse 
aus Moospolstern heraus von den Bäumen herunterhängend. Derselben 

Sitziiii<;sbciichte 1(105. li) 



212 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe v. 9. Frbniar 1905. 

Sectioii Eurhipsalis gehören noch etwa 12 andere Rhipsalis - Arten an. 
Es finden sich aber auch im tropisclien Afrika noch einige, so die 
der Rh. cassytha Gtärtn. sehr nahestehende Rh. sansibarica Weber auf 
Sansibar, Rh. erythrocarpa K. Scn. am Kilimandscharo. Auch im Pondo- 
lande (30° s. Br.) kommt noch eine bis jetzt nicht siclier zu bestim- 
mende Rhipsalis vor (vergl. K. Schumann in Abhandl. der K. Pi-euss. 
Akad. d.Wiss. 1899, Anhang S. 75-78). Andere Sectionen der Gattung 
Rhipsalis, welche wohl als die älteren anzusehen sind, finden sich nur 
im tropischen Amerika, wie die übrigen Caciaceae. Die Früchte von 
RhipsalLs sind bekanntlich Beerenfrüchte, welche sicher nur durch 
Vögel verbreitet werden. 

Napoleona , ein höchst eigenartiger Typus der Lecythidaceae , 
Bäume der Avestafrikanischen Wälder von Senegambien bis Angola, 
auch auf Fernando Po, hat ihr Analogon im tropischen Amerika in 
Asteranthus hrasiUensis Desf. , welche im Gebiet des Rio Negro an der 
Grenze von Venezuela und im nordwestlichen Brasilien in der Pro- 
vinz Alto Amazonas vorkommt. Das Übereinstimmende beider Gat- 
tungen liegt darin, dass die Blumenblätter fehlen, dagegen die äusseren 
Glieder des einige Kreise bildenden Andröceums auffallend stamino- 
dial ausgebildet und verwachsen sind. Im Übrigen aber finden wir 
in den Blütenverhältnissen beider Gattungen noch so viele Verschieden- 
heiten, dass an eine directe Ableitung der einen Gattung aus der 
andern nicht zu denken ist, vielmehr nur die Möglichkeit besteht, 
beide auf einen viel älteren, jetzt niclit mehr existirenden Typus zu- 
rückzuführen, von dem ausgehend sie sich in einzelnen Eigenschaften 
parallel entwickelt haben. Die Frucht von Napoleona ist eine granat- 
apfelartige Beere von 3'" Durchmesser. Bezüglich der Blüthenmorpho- 
logie beider Gattungen vergleiche man Niedenzu in Engl, und Prantl, 
Nat. Pflanzenfam. III. 7, S. 33, 34. 

Combretnm §. Cacoucia (Aubl.) Engl, et Diels. Die in fast allen 
Tropenländern verbreitete Gattung Combretum zeigt, wie ich mit Diels 
in den Monographieen afrikanischer Pflanzen-Familien und -Gattungen, 
Heft III nachgewiesen habe, eine sehr weitgehende Differenzirung 
des Blüthenbaues, welche namentlich in der Gestalt des Receptaculums 
und in der Beschaffenheit der Blumenblätter zum Ausdi-uck kommt; zu- 
gleich fällt auch bei den meisten der 55 von uns unterschiedenen Gruppen 
ein beschränktes Verbreitungsgebiet auf, so 'dass man für dieselben be- 
sondere Entwicklungscentren annehmen kann, in denen gleichartigere 
Formen eines Urtypus modificirt wurden. §. Cacoucia bezeichnet nun 
die höchste morphologische Entwicklungsstufe innerhalb der Gattung 
Combretum; denn die ansehnlichen Blüthen besitzen ein gekrümmtes 
oberes Receptaculum und eine einspringende Discusleiste wie keine 



Engler: Üher lloristisclii- \'er\v;mdtscliart zw. dem troj). Ai'rika u. Amerika. 21.) 

andere der noch zu unterscheidenden 54 Gruppen. Hierzu L^cliören 
4 Kletter-sträucher des ;i(]uatorialen Westafrika und eine Art des 
tropischen Amerika, das von Nicaragua bis Nordbrasilien in Uler- 
wäldern verbreitete C. cocclneum (Aubl.) Engl, et Diels. Von den 
westafrikanischen Arten ist C. hrarteatufu (Laws. pr. p.) Engl, et Diels 
verbreitet von Kamerun bis Angola, C. Laicsonianum Engl, et Diels 
von Kamerun und Gabun bis Xiger-Benue und zum Ghasalquellen- 
gebiet. Dagegen ist C. velutinum (Sp. Moore) Engl, et Diels auf Kamerun 
beschränkt, C nervosum Engl, et Diels auf das untere Congogebiet. 

Ileberdenia excelsa Banks , ein Myrsinaceenbaum , den ich selbst 
auf Tenerife in dem immergrünen Wald oberhalb Mercedes bei Laguna 
sah, hat eine nahe Verwandte in Hebf'7-denia pendulifoha {A. DC.) Mez. 
Die Frucht ist eine kleine, kugelige, einsamige Beere. Die Waldtlora 
der Canaren, welche einerseits Beziehungen zu den Macchien des 
Mediteirangebietes zeigt, andererseits Formen des tropisclien Afrika 
besitzt, wie Erica arhorea L., zeigt auch einige Anklänge an die ameri- 
kanische Waldflora. So ist besonders noch hinzuweisen auf die ca- 
narische und niaderensische Phoebe indica (Spreng.) Pax, deren nächst- 
verwandte Arten in Mexiko und auf den Antillen vorkommen, ferner 
auf Pinus cana?'iensis Cii. ST>ivni, deren Verwandte von den Antillen bis 
Californlen und Florida reichlich verbreitet sind. 

AfrardisUi Mez, ist eine Kräuter, Halbsträucher und Sträuelier 
der Myrsinaceen umfassende Gattung mit 10 Arten Westafrikas. Die 
nächstverwandte Gattung ist Styhgyne A. DC. , im tropischen Amerika, 
mit etwa 40 Arten, insbesondere in der Hylaea. Andererseits steht 
sie der indischen Gattung Antbtrophe A. DC. nahe. Die Frucht ist 
eine kleine Steinfrucht. (Vcrgl. Mez in P]nglkr. Ptlanzenreich IV. 236, 
S. II.) ■ — Auch hier ist nur an einen gemeinsamen Ausgangspunkt 
der 3 Gattungen zu denken, aber nicht an Ableitung der einen von 
der anderen. 

Anthocleista Afz., eine auffallende Gattung stattlicher, grossblätt- 
riger Holzgewächse mit ansehnlichen Blüthen, aus der Familie der 
Loganiaceae-Fagmeeae , ist in den Uferwäldern und Bergwäldern des 
tropischen Afrika mit 16 Arten vertreten, von denen die Mehrzahl in 
Westafrika vorkommt. Die Gattung steht ausserordentlicli nahe der 
Potalia amara Aubl., Avelche in der Hylaea von Guiana bis Peru ver- 
breitet ist. Die Früchte beider Gattungen sind Beerenfrüchte mit 
vielen kleinen .Samen. 

Mnlonelia Heiidelolil A. DC. (= M. afrkana K. Schumi.) ist ein 
von Senegambien bis zum Congo verbreiteter Baum der Apocijnaceae: 
7 andere, nicht unwesentlich verschiedene Arten finden sich in Süd- 
brasilien und der Hylaea. Die bis 2''':'"5 langen Theilfrüehte enthalten 

lii' 



214 Sitzung dei- physikalisch -inatliematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

kahle, bis 4"" lange Samen ohne Haarscliopf. — Bei dieser Gelegen- 
heit möchte ich daraufhinweisen, dass die Familie der Apocynaceen, 
obwohl ihre Beerenfrüchte oder mit Schopfhaaren A'ersehenen Samen 
eine Verbreitung leicht ermöglichen, zu denjenigen gehört, welche 
durch einen sehr starken Endemismus ausgezeichnet sind. Von den 
42 im tropischen Afrika spontan vertretenen Gattungen sind, wenn 
wir davon abseilen, dass einzelne Arten noch Socotra und Südarabien 
erreichen, 25 als endemisch zu bezeichnen. 6 andere sind nur noch 
auf den Mascarenen oder Madagaskar anzutreffen. 7 reichen bis in 
das Monsungebiet, und Ramrolßa allein ist pantropisch; ausserdem be- 
sitzen 2 nur aus Amerika eingeschleppte Vertreter; Maloudia allein 
ist im wahren Sinn am erikanisdi -afrikanisch. 

Mostuea Didr. ist eine zu den Loganiaceen gehörige Gattung von 
kleinen Sträucliern, Avelche in Uferwäldern und Bergwäldern des ganzen 
tropischen Afrika vorkommen. Wir kennen jetzt von dort 25 Arten, 
ausserdem noch 2 A'on Madagaskar und merkwürdigerweise eine, M. sii- 
rinamensis Benth., von Britiscli -Guiana. Die Früclite sind tief aus- 
gerandete Kaj)seln mit kleinen linsenförmigen Samen. 

Prevostea Choisy, eine Gattung windender Convolvulaceen aus 
der Gruppe Poraneae , ist in Westafrika mit 2 Arten (P. alternifoUa 
[Planck.] Hallier.f. und P. campanulala K. Scnum.) vertreten, im tropi- 
schen Südamerika mit einigen. Die Gattung besitzt einsamige Früchte, 
deren Transport über kleinere Strecken durcli vergrösserte , häutige 
Kelchblätter erleichtert wird. 

Schaueria Nees, eine Gattung waldbewohnender Stauden aus der 
Familie der Acanthaceen, besitzt 8 Arten in Brasilien von Rio de Janeiro 
bis Baliia. Ausserdem kommt al)er i Art, Seh. popuUfoIia C. B. Clakke, 
auf Fernando Po und in Kamerun vor. Von letzterer Art ist die Frucht 
noch niclit bekannt; bei den brasilianischen ist sie eine gestielte Kapsel 
mit 4 scheibenförmigen, warzigen, an Jaculatoren sitzenden Samen. 
Da die Acanthaceen einen sehr wesentlichen Bestandtheil fast aller 
tropischen Formationen au.smachen und in Afrika ungemein reich ent- 
wickelt sind, so habe ich auch bei dieser Familie nach engeren Be- 
ziehungen zwischen den afrikanischen und amerikanischen gesuclit. 
Dabei liat sich aber ergeben, dass von den nahezu 60 im tropischen 
Afrika vertretenen Gattungen der Acanthaceen die grosse Mehrzahl 
paläotroj^isch sind. Ein sehr grosser Theil dieser Gattungen ist in 
Afrika endemisch oder auf Afrika und das madagassische Gebiet be- 
schränkt. Nur Ruellia Sect. Dlpteracanthus , Dyschorlste, Lepidagathis, 
Barleria, Erantliemum , Justicia. Adhatodn und DicUptera sind in Afrika 
und Amerika (durch verschiedene Arten) vertreten; aber diese Gattungen 
shid zugleich pantropisch. Bei nllen zuletzt genannten und überhaupt 



^ 



Engler: Über lloristisclie Verwandtschaft zw. dem troj). Afrika u. AiiUM-ika. 215 

den meisten Acantliaceen l)ewirkt- das plötzliclie Aufspringen der Kaj)- 
seln und die Entwickelung von halcenfürmigen, den Samen umfassenden 
Auswüchsen am Funiculus. von »Jaculatoren» (Retinaculis) ein Aus- 
streuen der Samen, das für das gesellige Auftreten vieler Arten von 
Vortheil ist. Ferner sind die Samen vieler Arten, insbesondere auch 
der Ruellia und Dysclioriste , mit Schleimhaaren verschen, welche ein 
Anhaften der Samen an Thiercu ermögliclien. Wenn trotzdem die 
Acanthaceen in so geringer Zahl nähere Bezit'hungen zwischen Afrika 
und Amerika aufweisen, so ist dies vielleicht auf das rasche Keimen 
der nährgewebslosen Samen ztu'ückzuführen. (Bezüglich der Verbrei- 
tungsmittel verweise ich noch auf Lindau in Engl:;r und Prantl, Nnt. 
Pfl;mzenfam. IV 3/;, S. 284, 285.) 

(iliu't tarda Blume, eine Gattung baumartiger und strauciiiger Ru- 
biaceen, gehört streng genommen nicht hierher, kann aber als Bei- 
spiel der bei anderer Gelegenheit zu besj^rechenden Gattungen gelten, 
welche von Amerika über den Stillen und Indischen Ocean nach Afrika 
gelangt sind. Wir kennen etwa 40 Arten im tropischen Amerika, und 
zu der in Brasilien 8 Arten zählenden Section Cadamha gehört auch 
G. speciosa L., welche am Strande der polynesischen Inseln, der me- 
lanesischen und papuanischen Provinz sowie an den Küsten des Indi- 
schen Oceans, auch an der ostafrikanischen, vorkommt. Die ziemlich 
grossen , von oben nach unten etwas zusammengedrückten Steinfrüchte 
von 3'" Durchmesser mit 6 fächerigem, tiefgelapptem Steinkern und 
faserigem Mesocarp (Engler und Prantl, Nat. Ptlanzenfam. IV 2, S. 97 
Fig. 34 D) gewähren den Embryonen bedeutenden Schutz und können 
jedenfalls längeren Transport zur See vertragen. 

Sabicea Aubl. Meist schlingende Rubiaceen, zum Theil hoch 
aufsteigende Lianen, sind zahlreich im tropischen Amerika; die Gattung 
zählt aber auch etwa 13 Arten im tropischen Westafrika, von denen 
sich «S. venosn Benth. auch in Usambara findet. Ausserdem ist S. (irborea 
K. ScHUM. A'on Uluguru zu nennen. Die Früchte sind 4- 5 fächerige, 
selten 2 fächerige Beeren. 

liertiera Aubl. , Strauchgattung aus der Gruppe der Garäenleac, 
ist in Westafrika mit i o Arten vertreten , mit einer, B. aethiopica Hiern, 
im Ghasalquellengebiet, auch am Albert- Edward -Nyansa, mit einigen 
Arten auf den Mascarenen und Madagaskar, mit 2 Arten in der Hylaea. 
Die afrikanische Gattung Heinsia ist mit Bertiera ziemlich nahe ver- 
wandt und besitzt wie diese trockene eiförmige Früchte mit etwa 1'"™ 
gros.sen Samen. 

Niu- die genannten Gattungen waldbewohnender Rubiaceen und 
die später noch zu besprechende Ourouparia sind auf Amerika und 
Afrika beschränkt; bei Weitem die grosse Mehrzahl der 90 in Afrika 



216 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe v. 9. Februar 190Ö. 

vertretenen Rubiaceen- Gattungen ist entweder in diesem Erdtheil en- 
demisch oder paläotropisch. Als pan tropisch sind anzuführen: Randia, 
Ixora, Morinda , Psychotria , Geophila, alle entweder mit Beeren oder 
mit Steinfrüchten. Auch die Gattung Oldenlandia , deren habituell sehr 
verschiedene Arten nicht bloss in den Waldformationen vorkommen, 
ist pantropisch. 

B. Arten mit Kapselfrüchten und sehr leichten Samen, 
welche eine weite Verbreitung durch den Wind ermöglichen. 

Gi/mnosijifion Bl., eine saprophytische Gattung der Biir/iianniaceae, 
deren Arten in Wäldern an den dunkelsten Stellen oft heerden weise 
wachsen, wurde zuerst in Java, dann im tropisclien Amerika, später 
im tropischen Westafrika und zuletzt von mir in Ostafrika nachge- 
wiesen. Wir kennen jetzt mehrere Arten aus dem malayischen Archipel 
(G. aphyllus Bl., G. borneensis Becc, G. papuanus Becc), welche Urban 
nach erneuter Revision der Gattung (Urban, Symbolae antillanae III. 
[1903] 438) als Section Eugyinnosiphon zusammenfasst. Zahlreichere 
Arten bilden die Untergattung Ptychomeria (Benth.) Urb. mit 8 Arten 
aus Brasilien , i aus Venezuela , 5 von den Antillen und — 3 Arten 
ans Afrika. Letztere sind: G. congestus Wright im Nigergebiet und 
Kamerun, G. squarnatus Wright in Kamerun und Gabun, G. ummhar'icus 
Engl, in den Bergwäldern voji Ost-Usambara, wo ich die Pflanze selbst 
bei 950" Höhe sammeln konnte. Alle diese Arten besitzen Kapseln 
mit sehr zartem Pericarp, das sich durch 3 Längsspalten öffnet und 
zahlreiche kleine kugelige, eiförmige oder verkehrt -.eiförmige Samen 
entlässt. 

Thonningia sanguinea Vahl, eine Balanoiihoracee des tropischen 
Westafrika, welche in den dortigen Bergwäldern nicht selten ist, ist 
am nächsten verwandt mit der im ganzen tropischen Amerika von 
Südbrasilien bis Mexiko verbreiteten, jedoch auf den Antillen fehlen- 
den Lungsdorfßa hypogaea Mart. Die sehr kleinen Früchte sind stein- 
fruchtartig, mit fleischigem Ejiicarp und dünnem steinigem Endocarp, 
welches den von reichlichem Nährgewebe umgebenen kleinen Embryo 
einschliesst. 

Sj)haero(/i)/l(i.i' Bisohoff, Gattung der Podostemonaceen, mit 4 
auf Steinen in Gebirgsbächen wachsenden Arten, Sph. ahyssinica (Wedd.) 
Warm., Sph. Warmingiana Gilg im Kubango, Sph. pusilla Warm, in 
Kamerun und Splt. algifonnis Bischoff in Natal, sowie die Gattung 
Leiotfii/la.c Warm, mit L. quangensis (Engl.) Warm, tmd L. Warniingü 
(Engl.) Warm, gehören nach Warming zu den Eujwdosie?neae , deren 
Gattungen mit Ausnahme der auf Madagaskar und Ostindien beschränk- 



Engler: Über lloristisclie Verwiuidtscliaft zw. dem troii. Afrika u. Amerika. 21 ( 

ten Dicraea amerikanisch sind. Auch die in Angola vertretene Angolaea 
Wedd. gehört in eine Gruppe Marathreae, deren 5 übrige Gattungen 
neotropisch sind (vergl. W.\rming in Engl, und Prantl, Nat. Pllanzen- 
fam. m 20 S.18, 19). 

Leiphaimos Ch.\m. et Schlecht, ist eine Gattung der Gentlana- 
ceen, zu welcher kleine niedrige chlorophyllose Saprophyten mit dünnem 
ladeniÖrmigem Rliizom gehören. Die Pflanzen wachsen in humusreichen 
Wcäldern, und bis jetzt kennt man etwa 20 Arten, von denen 18 zu 
4 verschiedenen Sectionen gehörige von Brasilien bis Westindien vor- 
kommen, 2 der artenreichsten Section Euleiphaimos Gilg im tropischen 
Westafrika wachsen. Es sind dies L. primuloides (Bak.) Gilg in Gabun 
und L. platypetala (Bak.) Gilg im Nigerdelta. Von Baker werden 
diese Arten als Voyria bezeichnet, während Gilg (in Engl, und Prantl, 
Nat. Pflanzenfam. IV, 2, S. 102-104) letztere Gattung auf 3 in Guiana 
vorkommende Arten beschrcänkt. Auch die mit Leiphainios näher ver- 
w^andte monotypische Gattung Voyriella gehört Guiana und Nordbra- 
silien an. Die Arten von Leiphainios haben minimale spindelförmige 
Samen (vergl. Nat. Pflanzenfam. a.a.O. S. 103 Fig. 46 D), die vom 
Wind wohl leicht fortgetragen Averden könnten; doch ist zu berück- 
sichtigen, dass die Pflanzen im dichten Urwald wachsen. 

Ournuporia Aubl. {Uncaria Schreb.), durch Klimmhaken aufstei- 
gende Lianen der Familie der Rubiaceen, sind im Wesentlichen mit 
etwa 30 Arten tropisch -asiatisch, aber 0. africana (G. Don) K. Schum. 
ist von Madagaskar durch Centralafrika bis Westafrika verbreitet. Ausser 
diesen ist noch 0. guianensis Avbl. bekannt, welche die Hylaea bewohnt. 
Die Früchte dieser Gattung sind Kapseln mit kleinen länglichen, nach 
oben und unten lang geflügelten Samen. 



XI. Wasser- und Sumpfpflanzen Afrikas, welche zu solchen 
Amerikas in näherer verwandtschaftlicher Beziehung stehen. 

Ci/rfosperma Griff., eine Gattung von Sumpfgewächsen aus der 
Familie der Araceac-Lasioideae, ist vertreten mit i Art im tropischen 
Westafrika, C. senegalense (Schott) Engl., und mit 2 Arten in der 
Hylaea; aber auch mit einigen im malayischen und polynesischen 
Theil des Monsungebietes. Die Arten jedes Erdtheiles gehören einer 
besonderen Section an, so dass also nur an eine Parallelentwickelung 
eines älteren Typus in den 3 Erdtheilen zu denken ist. Von Interesse 
ist auch, dass die Gattung Cyj'to.'tper/rta innerhalb der Unterlamilie der 
Lasioideae, welche in jedem der Tropengebiete verschiedene Gattungen 
entwickelt hat, unter den jetzt lebenden Araceen dieser Unterfarailie 



218 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe v. 9. Fehniar 1905. 

den morphologisch ursprünglichsten Typus darstellt. Die Früchte sind 
Beeren mit rundlichen oder nierenförmigen Samen, bei denen der von 
Nährgewebe umgebene Embryo durch eine dicke und harte Samen- 
schale mehr geschützt ist als bei anderen Araceen. Aus diesem Grunde 
mag auch bei dieser Gattung eine weitere Verbreitung möglich ge- 
wesen sein, als es bei anderen Gattungen der Araceen der Fall war. 

Mayaca Baumii Güeke, eine Wasserpflanze aus der FamiHe der 
Mayacaceae, welche bisher mit 7 Arten nur aus Amerika bekannt war, 
wurde vor wenigen Jahren auf der Kunene- Sambesi -Expedition des 
Colonialwirthschaftlichen Comites im Quiriri in Benguella aufgefunden. 
Diese Art kommt der M. longipes Marx, aus der Hylaea am nächsten. 
Die Früchte sind etwa 5"" lange Kapseln mit etwa o".'"5 langen 
eiförmigen Samen, welche einen sehr kleinen Embryo am Scheitel 
eines reichlichen Nährgewebes , umgeben von dicker, grubiger Samen- 
schale, entlialten. 

Syngonanthus Ruhld., eine mit Paepalanthiis verwandte Gattung 
der Eriocaulaceae , ist im tropischen Amerika mit etwa 80 Arten ent- 
wickelt. In Westafrika dagegen kommen 3 Arten vor, welche der 
Section Diinorphocaulon Ruhld. angehören, nämlich S. Poggeanus Ruhld. 
bei Kimbundo unter 10° s. Er., S. Schlechter iRvu-Ln. am Stanley -Pool, 
S. Welwltschü (Rendle) Ruhld. bei Huilla in Benguella. Die Früchte 
sind auch hier Kapseln, welche sehr kleine Samen entlassen, in denen 
der kleine abgestutzte Embryo am Scheitel eines reichen mehligen 
Nährgewebes liegt. Bei allen Arten dieser Familie sind die Samen 
kaum i""" lang, und so ist die Verbreitung durch Wind nicht ausge- 
schlossen, doch erfolgt sie wohl viel wahrscheinlicher durcli Thiere, 
an deren Füssen die Samen haften. 

Maschalocephalus Dinklagei Gilg et K. Schum. ist die einzige 
bis jetzt bekannte Art einer afrikanischen Gattung der Rapateaceae, 
welche bisher nur mit 7 Gattungen und 24 Arten aus dem tropischen 
Amerika bekannt waren; sie wurde von Dinklage in Liberia bei 
Fishtown, Gran Bassa, an sumpfigen, tiefschattigen Stellen der 
Urwaldreste des sandigen Vorlandes entdeckt. Die Gattung ist am 
näclisten mit Spathanthus Aubl. in Guiana verwandt, aber doch erheb- 
lich verschieden. 

Ileteranthern Ruiz et Pav. , Wasserpflanzengattung aus der Fa- 
milie der Pontederiaceae , welche im tropischen Amerika ihre Haupt- 
entwicklung erlangt hat, auch in die subtropischen und gemässigten 
Zonen der neuweltlichen Hemisphäre gelangt ist, zählt im tropischen 
Afrika 3 Arten, welche so, wie die in Cuba vorkommende H. spicafa 
Presl, kleistogamc Blüthen besitzen und der Section Leptanthus {Ricn.) 
Schum. angehören. Die afrikanischen Arten sind H. callarfoUa Rchb. 



Engler: Über tloi-Lstisclie Verwandtschaft zw. dem trop. Afrika ii. Amerika. 219 

in Senegambien, H. potamogeton Solms ebenda, H. Kotschyana Fenzl 
im Nilland und dem Sambesi^ebiet. 2 andere Arten derselben Section, 
aber von den vorigen mehr abweichend, und 3 Arten der Section ScJioUera 
sind auf Amerika beschränkt. — Die Samen werden in den iaeli- 
spaltigen Kapseln in grösserer Zahl erzeugt; sie sind abgestumpft 
eiförmig, mit reichlichem, den Embryo umschliessenden Nälirgewebe 
versehen luid besitzen eine mit Längsrippen versehene Samenschale. 

Nesaeu Comm. aus der Familie der LytJiraceae , tlieils einjährige, 
theils mehrjährige Pflanzen, theils Halbsträucher umfassend, ist in 
Afrika .sehr artenreich; von 44 Arten kommen dort und auf Madagas- 
kar 37 vor, 36 endemLsch. In Ostindien und Australien finden sich 
je 3 Arten, von denen in jedem Lande i endemisch ist; in Texas und 
Mexiko aber kommen 2 endemische Arten A'or, welche der vorzugs- 
weise in Afrika entwickelten Section Heimiastrum angeliören. Alle 
Arten besitzen Kapseln mit zahlreichen kleinen Samen. 

Genlisea africana D. Oliv., eine Lentibulariacee , verbreitet an 
sumpfigen Stellen des südöstlichen Afrika (Transvaal, Natal, Pondo- 
land), auch in Benguella um 1600—2000"", steht der südamerikanischen 
G. vioktcea St. Hil. nahe. Ausserdem kommen noch 9 Arten in Bra- 
silien vor. Die Samen sind sehr klein. 

Diodia Gronov., Gattung der Ruhiaceae - Spermacoceae , zählt jetzt 
30 Arten, theils einjährige, theils mehrjährige Kräuter, theils Halb- 
sträucher. Davon sind etwa 22 Arten Amerika, 4 Afrika eigenthüm- 
lich, wenigstens 2 aber beiden Erdtheilen gemeinsam. Es sind dies 
D. 7naritlma Schum. et Thonn. am Meeresstrand von Senegambien bis 
Benguella, D. hreviseta Benth., nicht bloss an der westafrikanischen 
Küste, sondern auch an feuchten sandigen Plätzen in Centralafrika, 
Ostafrika und Madagaskar. Die Früchte zerfallen in 2 geschlossene, 
bis 2""" grosse Kokken, welche sich von einer häutigen MittcUamelle 
ablösen; die Fruchtschale ist häutig, lederartig oder knochenhart, der 
Embryo von reichlichem Nährgewebe umgeben. 

3IUrac(irpus Zucc. , in dieselbe Gruppe der Ruhiaceae gehörig, 
meist Kräuter, selten kleine Sträucher umfassend, ist im tropischen 
Südamerika mit 14 Arten vertreten; in Afrika aber findet sich nur 
M. scaber Zucc. von dem Cap Verde und Senegambien bis zum Congo 
und ostwärts bis Sennaar. Bei ihnen lö.st sich die obere Hälfte der 
Fruchtwandung als Deckel ab und lässt die kaum i""° langen Samen 
frei. Die Arten wachsen theils an feuchten sandigen Plätzen, theils 
an trockeneren Orten. 

Melanthei'u'Ron^, Gattung der vorzugsweise in Amerika entwickel- 
ten Composifae-Helianf/ieae-Verbesinoe (liohe Kräuter oder Halbsträucher), 
ist in Amerika mit 10, im tro])isehen und südlichen Afrika mit 



220 Sitzung der physikalisch- mathematischen Classe v. 9. Februar 190ö. 

4 Arten, in Madagaskar mit einer einzigen vertreten. Sowohl in 
West-, wie in Ostafrika und Südafrika findet sich an feuchten Plätzen 
M. Brownel (DC.) Schultz Bip. Die Verbreitung wird durch die von 
Borsten eekrönten Achänien begünstigt. 



XII. Pflanzen der afrikanischen Steppenformationen, welche sonst 

nur oder fast nur im tropischen Amerika vertretenen G-attungen 

angehören oder mit solchen nahe verwandt sind. 

Anthephoru Schreb. Verzweigte Gräser mit in Büsclieln stehen- 
den Ährchen, mit 4 Arten im tropischen und südlichen Afrika in 
Steppen und auf steinigen Plätzen; ausserdem findet sich eine Art, 
A. elegans Schreb. von Brasilien und Peru bis Mexiko, auch auf den 
Galapagos- Inseln. Die ersten HüUsj^elzen von 3-4 Ährchen bilden, 
unten mit einander verwachsend, ein krugförmiges , liartes Involucrum, 
welches als Thieren anhaftendes Verbreitungsmitte] dienen dürfte. 

Tristachija Nees, eine Gattung der Gratiiineae-Aveneae, enthält 
ausdauernde, hohe Gräser, welche auf sandige Steppen oft massen- 
haft auftreten. 2 Arten sind in den Stej^pen Südbrasiliens in Minas 
Geraes und San Paulo verbreitet, 9 andere Arten finden sich im 
tropischen Afrika und Südafrika. Die Deckspelzen der Z witterb lüthen 
sind mit einer langen geknieten und gedrehten Granne versehen. 

Ctemiim Panz., eine Gattung der Gramineae-CMorideae , mit hohen, 
zuweilen rohrartigen Gräsern, umfasst 9 Steppen bewoluiende Arten, 
von denen 2 in Westafrika, Ct. elegans Kunth auch in Ostafrika und 
auf Madagaskar, 4 Arten aber in Nord- und Südamerika vorkommen. 

Barbacenia Vandelli, Sect. Xerophyta (Juss.), zu der Familie der 
Velloziaceae gehörig, sind sehr eigenartige strauchige oder fast baum- 
artige Monokotyledoneen, mit einem von faserigen Blattresten bedeckten, 
oft dichotomischen Stamm, mit einem Schopf von Blättern und einer 
ansehnlichen gestielten Blüthe am Ende der Äste. Die Blüthen tragen 
im unterständigen Fruchtknoten an verbreiterten zweischenkeligen 
Placenten zahlreiche kleine Samenanlagen, und die Frucht ist eine, häu- 
fig von warzigen Emergenzen besetzte, mehr oder weniger verholzende 
Kapsel, welche von der Spitze her sich öfl'net und sehr kleine 
Samen mit schwarzer Samenschale enthält: in ihnen ist der Embryo 
von Nährgewebe umschlossen. Die Samen sind so klein, dass sie 
wohl durch Wind verbreitet werden können. Von diesen Pflanzen 
finden sich 15 Arten in den Steppengebieten des tropischen Afrika, 
ganz besonders in den Gebirgsfelsensteppen der regenärmsten Gebiete, 
oft hcerdonweise für sich oder zusammen mit Candelabereuphorbien. 



F-nclek: Über lloristische Verwandtscluift zw. dem trop. Afrika u. Amerika. 221 

So sah ich sie am Nordabfall des Gebirges von "West-Usainbara. Von 
derselben Section kommen zahlreiclie Arten in Südafrika und auch 
in Madagaskar, ferner in Südbrasihen vor. Eben dort finden sich 
auch die Arten der anderen Section Euharbacenia und s.ämmtliche 
Vellozia, von denen einige bis 2'" Höhe erreiclien, in trockenen und 
sandigen Campos. Keine einzige A'elloziacee kommt in einem andern 
Theil der Erde vor. 

Hi/incnora/fis .sciicgainbicu Ki nth et Boucni:, eine in Sierra 
Leone und an den sandigen Küsten Angohis Iiäufig vorkommende 
AmaryUidacee, ist bis jetzt nur von dort bekannt, während im tropi- 
schen Amerika etwa 30 Arten vorkommen. Es ist nicht ausgeschlossen, 
dass auch die genannte Art nocli in Amerika wild aufgefunden wird 
und sich als in Afrika nur eingeschleppt erweist. 

Pilosli/Ies GuiLLEM., eine Gattung der Rafflesiaccae-Apodanthcue, 
sehr kleine auf den Ästen von Leguminosen parasitisch lebende Pflanzen, 
deren Vegetationsorgane in höchstem Grade auf einen im Zweige der 
Nährpflanze wuchernden Tliallus redueirt sind, mit kleinen Blüthen, 
ist in Benguella durch P. artJdopka Welw. vertreten, ausserdem kennt 
man in der alten Welt noch P. Huussknechtii Boiss. auf Traganth liefern- 
den AstragaIus-8ivsiMch&vxi in Sj-rien und Kurdistan. Die grössere Zahl 
der Arten findet sich aber in Amerika, Avoselbst 4 zerstreut in Süd- 
amerika vorkommen, 2 in Südkalifornien und Neumexiko. Ausserdem 
ist aber auch die nahestehende, nur 2 Arten umfassende, Gattung 
Apodanthes in Brasilien und Colombia heimisch. Die Früchte sinil 
beerenartig und schliessen eine grosse Zahl sehr kleiner Samen ein. 

Cythnis L. fehlt zwar im tropischen Afrika , verdient aber doch 
hier angeführt zu werden; denn ausser dem bekannten, im Mittel- 
meergebiet und auch auf den canarischen Inseln verbreiteten C. hypo- 
cistis L. kommt eine Art, C. dloecus Juss. im Capland auf der Compo- 
site EriocepJialus raiunms und C. Baronü Bak. f. auf Madagaskar am 
Stamm der Hamamelidacec Dicori/phe vor; in Mexiko aber finden sich 
4 Arten der nahestehenden Gattung Seytanthus Lieb.ai. Ausser den 
genannten Arten existiren überhaupt keine Vertreter der Rafflesiaceae- 
Cyüneae in irgend einem andern Theil der Erde. Die Samen auch 
dieser Pflanzen sind minimal, und ihre harte Testa schützt den von 
dünnem Endosperm eingeschlossenen ungegliederten Embryo. Da die 
Beeren bei Cytiniis xon einer klebrig schleimigen Pulpa erfüllt sind, 
in welcher die Samen eingebettet liegen, so ist an eine Verbreitung 
der Früchte und Samen durch Vögel zu denken. 

Ilydnora Thunb., mit 8 Arten in den Steppengebieten des tro- 
pischen und südlichen Afrika, bekanntlich Wurzelparasiten von höchster 
Eigenart, sind unzweifelhaft verwandt mit Prosopanc/ie ni: Bakv, von 



222 Sitzung der physikalisch- mathematischen Classe v. 9. Febrnar ]9').'>. 

welcher 2 Arten im nördlichen und südlichsten Argentinien vor- 
kommen. Die grossen beerenartigen Früchte, welche von Thieren 
gefressen werden, enthalten in fleischiger Pulpa Unmengen minimaler 
Samen mit harter Samenschale, welche den von Nährgewebe um- 
gebenen Embryo schützt. 

Copaifera L., eine charakteristische Gattung der Caemlp'mloideae- 
Cynomctreae , ist nur im tropischen Amerika und im tropischen Afrika 
vertreten , in ersterem mit etwa i 2 Arten , in letzterem durch C. Gui- 
hurtimia Benth. von Sierra Leone , C. saUcounda Hfxkel von Französisch- 
Gruiana, C. Demeusei Hakms vom (longo, C. mopane Kirk A'on Angola 
bis Lupata am Sambesi und C. coleosperma Benth. im Batoka- Hoch- 
land. Alle besitzen flache oder zusammengedrückte einsamige Hülsen. 
Sie bewohnen alle trockene heisse Standorte und bilden Steppen- 
gehölze. Keine der afrikanischen Arten steht den amerikanischen 
besonders nahe. 

Trac/ti/lobium verrucosum (Gärtn.) Oliv., zu den Carsalpinioideae- 
Amhersliene gehörig (:= T. Hornemannianum Hayne, T. Gaertnerianum 
Hayne, T. Lamarckianum Hayne, T. mossambkense Klotzsch. — Vergl. 
GiLG in Notizblatt des Königl. Botan. Gartens, Berlin I, 198-205, 
284!), die Stammpflanze des Sansibar- und Madagaskar -Kopals, ein 
bis 40"' hoher Baum, in Buschgehölzen des Sansibarküstengebiets von 
Sansibar bis Mossambik, auf Mauritius, Madagaskar, den Seschellen 
und Java vorkommend, ist nur verwandt mit der im tropischen 
Amerika {Südbrasilien bis Westindien) vertretenen Gattung Hymenaea. 
Die ofi^enbar durch das Meer erfolgte Verbreitung von Trachylohlum 
erklärt sich dadurch, dass die Frucht mit einer dicken harten Schale 
versehen ist, deren stark warzige Erhebungen Lufthöhlungen sind, 
welche theilweise von klarem, gelbem Harz erfüllt werden, während 
das Fruchtinnere von einem sehr lockeren und stark luftführenden, 
die Samen umschliessenden Gewebe eingenommen wird. Bei Hyme- 
naea, von welcher Trachylohlum im Wesentlichen nur durch die warzigen 
Erhebungen der Fruchtschale verschieden ist, ist die Frucht dick, 
wenig zusammengedrückt, fast holzig und bleibt auch geschlossen, 
während die auch in diesen Verwandtschaftskreis gehörige und im 
tropischen Brasilien vorkommende Gattung PeUngyne Vog. aufspringende 
Hülsen besitzt. 

Ilof/'manseggiu Cav. , niedrige Kräuter und llalbsträucher der 
Leguminosae-Caesalpinioideae, sind in Amerika von Patagonien bis 
Mexiko durch 18 Arten vertreten, während 2 Arten, H. Burchellü 
(DC.) Benth. und H. Sandersonü (Hapv.) Benth. in Südafrika vorkommen. 
Die Früchte sind richtige dünnwandige Hülsen, welche bisweilen mit 
Drüsen oder Borsten besetzt sind. 



l! 



Engler: Über lloristische \'envan(ltscliaft zw. dem ti-op. Afrika u. Amerika. 223 

Swarizlo madagascariensh Desv., ein etwa 5-6™ liolier B;ium 
in offenen Biischgeliölzen des tropischen West- und Ostafrika, ist die 
einzige Art der Section Fistuhides Benth., welche durch stieh-unde, 
dielvo, niclit aufspringende Früchte mit dickem Endocarp ausgezeichnet 
ist, während 4 andere Sectionen derselben Gattung mit etwa 60 Arten 
auf das tropische Amerika beschränkt sind und aufspringende Hülsen 
besitzen. 

Ildiinon Planck., Bäume, Sträucher oder Halhsträucher aus der 
Familie der Slmarubaceae. Drei Arten wachsen, wie die Arten der 
Gattung Simaha, in Buschgehölzen der Steppe (//. SchweinfurtJiü Oliv.) 
oder auf sandigen Plätzen an Flussläufen und am Meer {H. undulata 
[GuiLL. et Perr.] Planch.), oder im trockenen Hängewald (H. chlo- 
rantho Engl, et Gilg im Kunenegebiet), eine Art H.fcrruijinea Engl, auch 
im Gebirge von Kamerun. Die Gattung ist charakterisirt durch ver- 
eintblättrigen, anfangs ganz geschlossenen Kelch. Im Übrigen nähert 
sie sich der amerikanischen Gattung Simaha, von der ich sie jedocli 
keineswegs direct ableiten möchte. 

Co/n zu tp/tor fi J ACQ., Gattung dev Burseraceae mit etwa 80 Arten, 
weist die grosse Mehrzahl derselben in den xerophytischen Forma- 
tionen des tropischen und subtropischen Afrika auf; viel weniger 
finden sich in 3Iadagaskarvund Vorderindien. Dieser Gattung ent- 
spricht im tropischen Amerika die von Mexiko bis Colombia ver- 
breitete Gattung Burse7'a L. (einschl. FJapltrlwn Jacq.). Beide stimmen 
in Blüthen- und Fruchtbildung, häufig auch im Habitus sehr überein. 
Sie könnten leicht auch in eine Gattung zusammengezogen werden, 
sind aber nur correspondirende Bildungen, welche in Afrika und 
Amerika gesondert entstanden sind. Bezüglich der Merkmale vergl. 
Engler in Engl, und Prantl, Nat. Pllanzenfam. III, 4, S. 248-256. 

Sphaeralcea St. Hil. , Kräuter, Halbsträuclier und Sträucher der 
Malvaceae- Äbuülinae sind von Argentinien bis nach dem nordwestlichen 
Nordamerika zertreut; den 21 amerikanischen Arten stehen etwa 4 
des Cajjlandes gegenüber. Die Einzelfrüchte sind am oberen Endo 
oft mit 2 Spitzen versehen und dadurch zum Anhaften befähigt. Dies 
ist auch bei Modiola caroUniana (L.) Don der Fall, einem in Amerika 
häufigen Unkraut , welches auch nach Südafrika gelangt ist. Auch 
bei Wissadula, einer ebenfalls amerikanisclien Gattung (10 Arten), endet 
die aufspringende Theilfrucht in 2 spreizende Schnäbel, welche wohl 
zu der weiten Verbreitung der (allerdings auch als Faserpflanze cidti- 
virten) W. periplocifoUa (L.) Tnw. beigetragen haben dürften. 

Ilcrmtiini'tn L., eine bekannte, aus Kräutern, Halbsträuchern und 
Sträuchern bestehende Gattung der Stercullaceae , tritt mit grossem 
Formenreichthum (etwa 150 Arten) in den Steppengebieten Afrikas 



224 Sitzung der plij'sikaliscli-mathematisclien Classe v. ',). Feln-iiar 190.'). 

auf; von diesen reiclit H. modesta Plancit. auch nach Arabien. Merk- 
würdigerweise kommen 3 der Section Euliermunnia Harv. angehörig-e 
Arten in Texas und Mexiko vor. Da Hermannia Carpelle mit melireren 
Samenanhigen besitzt, die pantropischen Gattungen Melocliiii und Wal- 
iheria aber in jedem Carpelle nur 2 Samenanlagen haben, so ist eine 
Ableitung der amerikanischen und afrikanischen Hermannia von einer 
dieser Gattungen nicht naheliegend. Besonders auffallende Verbrei- 
tungsmittel sind bei Hermannia nicht wahrzunehmen. 

Tiirneraceae , eine Familie Aon vegetativ sich sehr verschieden 
verhaltenden Pflanzen (ein- und mehrjährige Kräuter, Sträucher und 
Bäume), etwa 100 Arten umfassend, ist auf Amerika und Afrika mit 
Madagaskar sowie die malegassischen Inseln beschränkt; in Afrika und 
auf den Inseln finden sich mehr Gattungen (5) als in dem tropischen 
und subtropischen Amerika (2), und von den in Amerika vertretenen 
Gattungen ist die eine, Piriqueta Aubl., in beiden Erdth eilen A^ertreten. 
Besonders wichtig aber ist, dass die in Centralamerika, Madagaskar 
und im Capland vorkommenden Piriqueta alle einer Section Erhlichia 
angehören, welche durch freie Kelchblätter charakterisirt ist. Die 
Früchte sind kugelige bis elliptische Kapseln, mit kleinen grubigen 
Samen an den w^andständigen Placenten (vergl. Urban in Jahrl). des 
Berl. botan. Gartens II. i und Gilg in Engler undPRANXL, Nat. Ptlanzen- 
fjim. III. 6a, S. 57 ft".). Auch ist wichtig, dass im Somaliland am oberen 
Tana, zusammen mit der dort endemischen Loewia tanaensis Urb., 
Turnera ulmifoUa L. var. Tltomasii Urb. aufgefunden wurde. T. ulmi- 
folia L. ist eine in zahlreichen Varietäten von Paraguay bis Mexiko 
als Halbstrauch oder Strauch verbreitete Art, von welcher zwei in 
Amerika heimische Varietäten, var. angustifoJia Willd. und var. elegans 
(Otto) Urb., auch im südöstlichen Asien luid auf den ostafrikanischen 
Inseln, aus botanischen Gärten entschlüpft, verwildert sind. Dagegen 
ist var. Thomasü von allen amerikanischen Varietäten verschieden und 
nach Urban (in Engler's Bot. Jahrb. XXV (1898), Beiblatt Nr. 60, S. 12) 
nicht daran zu denken, dass sie A'on der noch am nächsten stehenden, 
aber doch sehr verschiedenen, Varietät elegans abstammen könnte, zu- 
mal letztere erst in den ersten Decennien des vergangenen Jahrhunderts 
in der alten Welt cultivirt wurde. 

K'fssenia, einzige monotyi)ische altweltliche Gattung der mit 12 
Gattungen und etwa 200 Arten in Amerika entwickelten Familie der 
Loasaceae. K. spalhulata Endl. ist mit keiner der amerikanischen Loa- 
saceen näher verwandt und kommt als Strauch sowohl in Steppen 
Südwestafrikas wie des Somalilandes und Arabiens vor. Der in 5 
grosse Flügel auswaehsende Kelch bildet für die längliche, holzige 
Frucht einen Flugapparat. 



Engler: Über lloristische X'orwandtseliaf't /w. dem trop. Afrika u. Amerika. 225 

Schrebera Roxb. , eine mit Ja^m'mum verwandle Gatlunm- der 
Oleaceen, ausgezeichnet durch locuhcid 2 klapp ige Kapselfrüchte mit 
hängenden geflügelten Samen, umfasst etwa 15 af'rikanisclie Arten. 
Ausserdem kennen wir aber auch eine Art, 5. swietenioides Roxn. von 
Vorderindien und Hinterindien und eine, S. amerkann (Z.\hlbr.) Gil« 
von Peru. Erneute Untersuchungen dieser Pflanzen von Seiten Prof. 
Gilg's haben deren Zusammengehörigkeit ergeben (vergl. Gh.g in 
Engler's Bot. Jahrb. XXX S. 69-74). 

Asclepias , eine in den .Steppengebieten Afrikas reich vertretene 
Gattung, zählt, wenn wir Goinphocarpus R. Br. und Stathmoi^tphna 
K. ScHUM. dazu rechnen, in Afrika etwa 100 Arten, in Amerika da- 
gegen etwa 80. Bis auf einige Ruderalpflanzen wie ^4. cwassavica L. 
ist keine Art beiden Erdtheilen gemeinsam: es finden sich aber auch 
nur 2 Arten in Arabien und dem Orient, so dass also die ganze 
grosse Schaar der Asclepias ihrem Ursprung nach amerikanisch- afrika- 
nisch ist. 

Jaumea Pers., Kräuter oder Halhsträucher aus der Gruppe der 
Helenieae-Jawneinae, mit 6 Arten, wie alle übrigen Vertreter dieser 
engeren Gruppe und wie fast alle Helenieae in Amerika zu Haus, weist 
2 Afrika eigentliümliche Arten auf, nämlich J. compositnruvi (Steetz) 
Benth. et Hook. f. in Steppengehölzen des unteren Sambesigebiets (Rio 
de Sena) und J. data 0. Hoffm. auf Sumpfwiesen des Uheheplateaus. 
Auch gehöi't hierher wahrscheinlich eine am Ugallafluss von Böhm 
gesammelte Pflanze. Die Achänien sind bei dieser Gattung mit einem 
aus zahlreichen Schüppchen oder starken gewimperten Grannen ge- 
bildeten Pappus versehen, dessen Anheftungsfähigkeit durch kleine 
Häkchen an der Spitze der Grannen erleichtert wird. Erwähnt sei 
noch, dass auch im südwestlichen Gebiet des Caplandes eine in Sümpfen 
wachsende Composite, Cadiscus aqiiatlcus E. Mey. existirt, welche nirgend 
anderswo vorkommt und aucli zu den Helenieae gestellt wird. Keine 
einzige Heleniee findet sich in Asien wildwachsend, und nur eine Pflanze 
Australiens, Flaveria aitstralasica Hook., wird noch dieser Gruppe zu- 
gerechnet, von der in Amerika 53 Gattungen vorkommen. 



Die unter I — III angeführten Fälle des Vorkommens amerika- 
nischer Pflanzen in Afrika oder afrikanischer in Amerika sind zum 
grössten Theil entschieden auf den Schiff'sverkehr zwischen den beiden 
Continenten zurückzuführen und einige hängen auch mit der Ein- 
führung amerikanischer Culturpflanzen in Afrika zusammen. Bei den 
Strand- und Mangrovepflanzen, welche unter Kategorie IV aufgeführt 



22() Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe v. 9. Februar 190Ö. 

sind, wissen wir aus Erfahrung, dass ihre Samen entweder durch 
Strandvögel verschleppt werden oder noch häufiger die Schwimm- 
fähigkeit der Früchte einen Transport durch das Meer begünstigt; aber 
man wird sich nicht verhehlen dürfen, dass man sich einen Transport 
von Rhizophora-'Emhvjonen über den Atlantischen Ocean hinweg ohne 
Schädigung derselben schwer vorstellen kann und dass schon eine Insel- 
kette zwischen der heutigen amerikanischen und afrikanischen Küste 
die thatsächlicli bestehende Übereinstimmung der Mangroveformation 
an denselben wesentlich leichter erklären würde. Bei den grossfrüchtigen 
Uferwaldpflanzen der Kategorien V und VI linden wir Steinfrüchte oder an- 
dere geschlossene Früchte, in denen der Same durch eine starke Frucht- 
wandung gegen die schädlichen Einflüsse des Meerwassers geschützt 
ist. Man kann also mit einer gewissen Berechtigung annehmen, dass 
ihre Embryonen von einem Erdtheil zum andern im Samen A'er- 
schlossen keimfähig angescliwemmt wurden; für Entada scandens kann 
ich anführen, dass mir im botanischen Museum zu Upsala vor2 2 Jaliren 
in Alkohol conservirt eine Keimpflanze derselben gezeigt wurde, welclie 
im dortigen botanischen Garten aus Samen erzogen worden war, die 
der Golfstrom nach der Küste des nördlichen Norwegens transportirt 
hatte. Dagegen versagt der Glaube an die Meeresströmungen bei der 
Podostemonacee Trisficha hypnoides und bei Rhipsalis cassytha, auch bei 
der beerenfrüchtigen Symphonia glohulifera. Wenn Vögel die kleinen 
Samen von TristkJia an ihren Füssen oder die Samen der beiden 
anderen Arten in ihrem Darm über den Atlantischen Ocean hätten 
liinwegtragen sollen, dann hätten sie zum mindesten auf ihrem Wege 
mehrere Inseln als Zwischenstationen finden müssen, als Zwischen- 
stationen in dem Sinne, dass diese Pflanzen sich erst auf einer Amerika 
zunäclist gelegenen Insel ansiedelten und dann von dieser allmählich 
nach mehr entfernten gelangten, hierauf nacli Afrika zunächst liegenden 
und schliesslich nach Afrika selbst. Dasselbe würde gelten für die 
unter VII aufgeführten Sumijfpflanzen. Wollte man für letztere etwa 
die Erklärung anführen, dass diese Pflanzen in der Tertiärperiode über 
das nordwestliche Amerika nach dem nordöstlichen Asien gelangt seien, 
durch Ostasien nach Vorderindien und von da nach Afrika, so könnte 
ich dieselbe hier, obwohl ich sie in mehreren anderen Fällen für an- 
gebracht halte, nur für einige der angeführten Arten als noch mög- 
lich zulassen; aber nicht als wahrscheinlich; denn es handelt sich hier 
eben um Pflanzen, welche in Westafrika besonders häufig sind oder 
daselbst ausschliesslich vorkommen. Von den in der Kategorie VIII 
angeführten Pflanzen könnten am ersten die beiden Lythraceen Arii- 
mannia auriculata und Rotala mexicana den angedeuteten Weg auf ihren 
Wanderungen zurückgelegt haben. Unter den Steppenpflanzen der 



d 



Engler: Über lloristisclie \'ei\vaiultschaft zw. dem troj). Afrika u. Amerika. 22 / 

Kategorie IX mag vielleicht Aristida Adscensionis ihre Verbreitung th eil- 
weise dem Schiffsverkehr verdanken; aber bei den übrigen ist eine 
Verbreitung von Amerika nach Afrika oder umgekehrt ohne die An- 
nahme einer continentalen Verbindung oder grösserer, nur durch schmale 
Meeresstrassen von einander getrennter, Inseln nicht denkbar. 

Man geht fehl , wenn man bei der hier zu erörternden Frage glaubt, 
die den beiden Continenten gemeinsamen Arten ganz besonders in 
Betracht ziehen zu müssen. Diese haben für mich weniger Beweis- 
kraft, als das Vorkommen cor r es pondir ender Arten, Sectionen oder 
Gattungen, welche anderen Erdtheilen fehlen, und deren giebt es, wie 
die Kategorien X-XII zeigen, eine auffallend grosse Zahl. Diese 
letzteren hat z. B. auch Iiieeing', welcher mit grosser Kntscliiedenheit 
für einen Brasilien, Afrika und Madagaskar verbindenden Continent 
eintrat, nicht angeführt, konnte sie theilweise auch nicht anführen, 
weil erst die genauere ^Erforschung der Flora Afrikas viele maassgebende 
Thatsachen an's Licht brachte und auch jetzt mehr gründliche mono- 
graphische Durcharbeitungen vorliegen, auf die man sich stützen kann. 
Ich will nun nicht noch einmal alle FäUe, welche unter X-XII in 
systematischer Reihenfolge der Familien angeführt sind, besprechen; 
die dort angegebenen Tliatsachen zeigen von selbst, dass zwischen 
Madagaskar, Afrika und Südamerika in früheren Erdperioden zu einer 
Zeit, als in den Tropen die Entwicklung der Angiospermen schon 
weit vorgeschritten war, eine continentale oder wenigstens durch 
mehrere grosse Inseln hergestellte Verbindung bestanden haben muss. 
Den grössten Werth lege ich darauf, dass in den genannten Ländern 
ganze Familien, Unterfamilien, Gruppen, Gattungen und Sectionen vor- 
kommen, welche dem tropischen Asien gänzlich fehlen. Schon die Zahl 
der höher stehenden Abtheilungen ist recht beträchtlich, es sind ge- 
meinsam: 

Familien: Mayacaceae , Rapateaceae, Velloziaceae, Hydnoraceae, 
Humiriaceae , Winteranaceae , Turneraceae, Loasaceae, Carkaceae. 

U n t e r f a m i 1 i e n un d G r u p p e n : Musaceae - StreUtzioideae , Moraceae- 
Brosimeae, Rafßesiaceae-Apodantheae, Rafflesiaceae-Cytineae, Bnlanopho- 
raceae - Langsdorffieae , Cactaceae - Rhipsalideae , Gentianaceae - Leiphabneae, 
Composltae - Helenieae. 

Dazu kommen noch einige, welche zwar auch noch im Monsun- 
gebiet etwas vertreten sind, aber in Amerika und Afrika ihre stärkste 
Entwicklung haben, wie die Pontederiaceae , die Moraceae-Borstenleae, 
die Rosaceae-Chrysohalanoideae, die Simarubaceae-Simarubeae , die Burse- 



' Ihering: Das neotropische Florenelement und seine Geschichte, in Engi.er'.s 
Botan. Jahrb. XVII. Beiblatt Nr. 42. — 1893. 

Sitzungsbericlite 1905. 20 



228 Sitzung der ])liysikaliscli- mathematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

raceae, Dichapptalacme , sodann auch die grossen Gattungen Hermannia 
und Asclepias. 

Gerade der Umstand, dass es sich liier nicht um identische, son- 
dern nur um vervvandtschafthch nahe stehende Formen liandelt, ist 
beweisend für die Annahme eines in früheren Erdperioden erfolgten 
Austausches der Ptlanzenformen beider Continente. Dies schliesst nicht 
aus, dass auch viele der in den Kategorien I-IX erwähnten Arten 
lange vor der gegenwärtigen Periode gewandert sind: dies möchte 
ich z. B. entschieden nicht bloss für Elaels, sondern auch für Raphia 
annehmen. Wir sehen zahkeiche Fälle, in denen einer amerikanischen 
Artengruppe uur eine afrikanische Art entspricht oder umgekehrt; wir 
sehen ferner Fälle, in denen jeder Gontinent eine Art oder Gattung ent- 
hält, welche einer solchen des anderen entspricht; wir haben aber auch 
mehrere Fälle anführen können, in denen ganze Gattungen mit mehre- 
ren Arten oder ganze Sectionen dem einen Gontinent angehören und 
correspondirende dem andern. Dies beweist, dass nach der Spaltung 
der Urtypen der Familien oder Gattungen die jüngeren Typen in jedem 
Gontinent sich selbständig weiter entwickeln konnten. 

Es verdient noch Anderes Beachtung. Unter den Pflanzen der 
Kategorien X— XII sind die Sumpf- und Wasserpflanzen, bei denen 
man am ersten an eine Verschleppung von Samen durch Vögel und 
an eine Besiedelung entblössten Landes oder von Süsswasserseeen den- 
ken kann, bei Weitem nicht so zahlreich vertreten, wie die Steppen- 
pflanzen und hygrophilen Waldpflanzen. Die zahlreichen Typen der 
Kategorie X sind nicht der Art, dass man annehmen könnte, ihre zu- 
fallig vom Meer herangeschwemmten, von Vögeln herbeigetragenen, 
von Wind herangewehten Samen könnten sich ohne Weiteres in be- 
reits vorhandenen Waldformationen ansiedeln. Solche sind bekannt- 
lich am allerwenigsten zur Aufnahme neuer Ankömmlinge geeignet; 
es müssen daher auch die amerikanischen Tyjien mit Ausnahme der 
auf die Küste beschränkten Formen schon bei der Entstehung der 
afrikanischen Wälder beteiligt gewesen sein und umgekehrt. Viel eher 
findet sich in Steppen offener Platz zur Ansiedlung eingeschleppter 
fremder Arten, am meisten freilich auf neugebildeten vulcanischen 
Inseln und Gebirgen. 

Noch etwas ist der Berücksichtigung wert: Steppen- und Urwald- 
forraationen kommen auf kleinen Inseln nicht so leicht neben einander 
vor. Wohl giebt es kleine Inseln, wie die östlichen canarischen, mit 
rein xerophytischer Vegetation und kleine Inseln mit Wald; aber beides 
ist nur der Fall im Anschluss an grössere benachbarte Gebiete mit xero- 
phytischer Vegetation oder mit Waldvegetation. Stepi)enartige Forma- 
tion(?n und richtiger Urwald können auf kleineren Inseln nur dann vor- 



P'noi.kr: tllier florislisclie Verwandtschaft zw. dem Iroji. Afrika ii. Amerika. 229 

kommen, wenn in denselben sich höhere Gebirge erlieben, welche mif 
der Wetterseite Wasser condensiren. Es müssen also, wenn keine voll- 
kommene continentale Verbindung zwischen Afrika und Amerika be- 
stand, ziemlich grosse Inseln zwischen diesen Erdtheilen gelegen haben. 
Übrigens darf man bei allen vorangegangenen Betrachtungen nicht ver- 
gessen, dass die Vegetation der beiden uns hier beschäftigenden Con- 
tinente ausser den ihnen speciell gemeinsamen Typen auch noch andere 
enthält, welche beide mit dem Monsungebiet gemeinsam haben. 

Haben wir uns jetzt mit den Typen beschäftigt, welche Amerika 
und Afrika gemeinsam sind, so wollen wir doch auch einen flüchtigen 
Blick werfen auf Einiges, was die amerikanische Flora vor der afrika- 
nischen voraus hat. Es ist auffallend geimg, dass bei der reichen Ent- 
wickelung der Bromeliaceen. der echten Cacteen (ausschliesslich der 
Rhipsalideen), der Agaveen, der ungemein reichen Entwickelung von 
Anthurium (etwa 500 Arten) und Ph'dodcndron (etwa 300 Arten) im 
tropischen Amerika, der Yochysiaceae und Rutaceae-Cusparieae keine ein- 
zige nach Afrika gelangt ist. Es sei ferner hingewiesen auf den viel 
grösseren Reichthum von Orchidaceen und Palmen in Amerika und die 
äusserst geringe Zahl von Amerika und Afrika gemeinsamen Ty2:)en 
aus diesen Familien , auch auf die vollständige Sonderstellung der ameri- 
kanischen Loranthaceen. Dazu muss man doch sagen, dass die äusserst 
leichten Samen der Orchidaceen und vieler Bromeliaceen zur Verbi'citung 
durch den Wind, die fleischigen Früchte anderer Bromeliaceen, der 
Cactaceen, der Araceen und Loranthaceen zur Verbreitung durch Vögel 
sehr geeignet sind und dass gerade die weite Verbreitung dieser Typen 
in Amerika diesen Eigenschaften zu verdanken ist. Sicher spielt hier- 
bei, wie überhaupt bei den Verbreitungserscheinungen, die geringe Keim- 
dauer vieler Samen eine Rolle, welche namentlich einer Verbreitung 
über grössere Wasserflächen hinweg hinderlicli ist. 

Unter Berücksichtigung aller dieser Verhältnisse würden die an- 
geführten Vorkommnisse von Amerika und Afrika gemeinsamen Pflanzen- 
typen am besten ihre Erklärung finden, wenn erwiesen werden könnte, 
dass zwischen dem nördlichen Brasilien südöstlich vom Mündungsgebiet 
des Amazonenstromes und der Bai von Biafra im Westen Afrikas grössere 
Inseln oder eine continentale Verbindungsmasse und ferner zwischen 
Natal und Madagaskar eine Verbindung bestanden hätte, deren Fort- 
setzung in nordöstlicher Richtung nach dem vom sino- australischen Con- 
tinent getrennten Vorderindien schon längst behauptet wurde. Die vielen 
verwandtschaftlichen Beziehimgen der Capflora zur australischen machen 
ausserdem eine Verbindung mit Australien durch Vermittelung des ant- 
arktischen Continentes wünsch enswertli. Am Nordrande der brasilianisch- 
äthiopischen Verbindung- und ostwärts weiter am Südrand des grossen 

2U* 



230 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

mesozoischen Mittelmeeres \ theilweise bis zur indo- madagassischen 
Halbinsel, theilweise auch durch die bengalische Strasse bis an die 
Küsten des sino-australischen Continentes wäre die Wanderung der Wald- 
pflanzen, südlich davon nur bis Afrika wäre die der Steppenpflanzen 
anzunehmen. 

Nun haben die Geologen schon längst für die Mitte des oberen 
Jura einen grossen brasilianisch -äthiopischen Continent angenommen, 
mit Hülfe dessen sich eine viel grössere Florengemeinschaft erklären 
liesse, als thatsächlich zwischen Amerika und Afrika besteht, wenn 
in der oberen Juraperiode schon Angiospermen existirt hätten. Als 
so hoch organisirte Pflanzen, wie Ravenala existirten, da mussten die 
Angiospermen schon eine sehr weitgehende Entwicklung erreicht haben. 
Es wird also abgewartet werden müssen, ob noch weitere Gründe für 
eine Verbindung Amerikas und Afrikas während der Kreideperiode 
und eocänen Periode sprechen. Zur Not würde zur Erklärung der von 
mir angeführten Verbreitungsverhältnisse der Pflanzen unter Inanspruch- 
nahme weitgehendster Mitwirkung von Meeresströmungen , Vögeln und 
Wind auch genügen, wenn die jetzt 2000-4000™ unter der Ober- 
fläche des Atlantischen Oceans gelegenen Areale über das Meer empor- 
geragt hätten; aber eine vollkommnere brasilianisch -aethiopische Land- 
verbindung wäre mir erwünschter. Da es sich fast nur um Pflanzen der 
unteren Regionen handelt, so ist zur Erklärung ihrer Verbreitungserschei- 
nungen die Annahme einer bedeutenden Erhebung über das Meer nicht 
nothwendig." Dafür aber, dass bald nach der Juraperiode, schon am An- 
fang der Periode der oberen Kreide zahlreiche Angiospermen aufgetre- 
ten sind, haben sich in neuerer Zeit die Anzeichen gemehrt; die Flora der 
dem Cenoman an Alter etwa gleichzusetzenden Potomacschichten von 
Virginien, die Flora der entlang der Rocky Mountains mächtig ent- 
wickelten Dakotaschichten, welche zum mindesten der Zeit des Senon 
angehören, die dem Turon gleichaltrigen Laramieschichten sind schon 
sehr reich an dikotyledonen Angiospermen. Andere Formen als in 
Amerika sehen wir in dem Senon -Quadersandstein von Halberstadt 
und Blankenburg , andere in der senonen Kreide von Aachen, andere 
wieder in der oberen Kreide der Provence. 

Für mich kam es zunächst darauf an, zu zeigen, dass die neo- 
tropische und paläotropische Flora sich in Afrika und in Amerika 
trotz des jetzt die beiden Erdtheile trennenden Oceans stark berühren. 
Auch sehe ich als besonders wichtiges Ergebniss dieser Untersuchung 



' Vergl. Neumayr, Erdgeschichte, 2. Band, S. 336, Karte der geographischen 
Verbreitung des Jura-Meers, und Beughaus, Atlas der Geologie, Karte Nr. XII. 

"^ Man vergleiclie die Hohen- und Tiefenkarten in neueren Atlanten , z. B. in 
Berghaus, Atlas der Geologie, Karte I. 



Eng I. er: Über iloristische Verwandtschaft zw. dem tro]). Afrika u. Amerika. 2)}! 

und anderer mit systematischer Botanik verbundener pflanzengeogra- 
phischer Studien das an, dass durchaus unbestreitbar an verschiedenen 
Theilen der Ei-de verschiedene Familien der Angiospermen entstanden 
sein müssen und dass auch verschiedene Stämme, welche wir als Unter- 
familien oder Tribus einzelner grossen Familien ansehen, sich (geo- 
logisch) gleichzeitig an verschiedenen benachbarten Theilen der Erde 
entwickelt haben. Auch spricht Alles dafür, dass, als die Angiospermen 
entstanden, in den äquatorialen, den borealen und den australen 
Ländern sogleich verschiedene Stämme derselben in die Erscheinung 
traten. 



2:52 



Untersuchungen über die Bildungsverhältnisse 
der ozeanischen Salzablagerungen. 

XL. Existenzgrenze von Tachliydrit. 
Von J. H. van't Hoff und L. Lichtenstein. 



iJei einer früheren Gelegenlieit ' wurde festgestellt, daß Tachliydrit 
sich bei 22° aus Magnesium- und Calciuinchlorid bildet: 

2MgCU . 6H,0 -I- CaCl, . 6H,0 = Mg,Cl,Ca . i 2 H,0 + 6H,0 

und daß diese Temperatur von den sonstigen Salzvorkommnissen prak- 
tisch unabhängig ist. 

Die Aufgabe, welche nunmehr vorlag, war, das Gebiet des Tach- 
hydrits für 25° zu umgrenzen, was in der erwähnten Arbeit nur bei 
der alleinigen Berücksichtigung von Magnesium- und Calciumchlorid 
geschah, mit folgenden Ergebnissen, welche sich auf die Grenzlösungen 
beziehen : 

c...... Mol. auf 1000 Mol. ILO 

Sättigung an: ^^^^^ ^,^^;,^^ 

a. MgCU.6H.O 108 

b. MgClj.eHjO. Tachliydrit 51.5 90.5 

c. CaCU . öHjO, Tachhydrit 34 119 

d. CaCU.6H,0 133 

Bei den nunmehr auszuführenden Bestimmungen, welche be- 
zweckten, die Existenzgrenzen für die natürliche Bildung kennen zu 
lernen, war nötig, das Chlornatrium und Ghlorkalium mitzuberück- 
sichtigen, mit der alleinigen Einschränkung, daß an ersterem immer 
Sättigung besteht. Am einfachsten geschieht dies , falls das Schema 
für die Sättigung an Chlornatrium vmd die Magnesium-, Kaliumchlorid- 
kombinationen zugrunde gelegt wird, welche folgende Tabelle enthält": 



' Diese Sitzungsberichte 1897, 508. 

^ J. H. van't Hokf, Zur Bildung der o/.eanischen Salzablagernngen , \'ikweo 
1905 > «•35- 



2:}:i 



Sättigung an Cliloriiati-iui 


11 und: 


Na. Ol, 


Mol. 


nuf looo 


Mol 


. HO 

MgCl, 


0. Ohne weiteres 




55-5 










A. MgCU . 6H^0 




I 








io6 


B. Chlorkaliuin 




44-5 




'9-5 






D. MgCU.öHX), Cin 


lallit 


I 




0-5 




105 


E. Clilorkalium, ("am: 


illit 


2 




5-5 




70.5 



Die Aufgabe wird minmelir, testziistelleii , welche neue konstante 
Lösungen aus den eben erwähnten entstehen, falls Chlorcalcium ein- 
getragen wird und die vorhandenen Bodenkörper als solche über- 
schüssig bestehen bleiben, bis in irgendeiner Form das Calcium sich 
ausscheidet und so wiederum konstante Zusammensetzung eintritt. 

A. Das Gebiet von Chlorcalciumtetrahydrat. 

Um die Untersuchung nicht unnötig mit Nebensachen zu ver- 
quicken, ist zunächst festgestellt, welche Rolle das Chlorcalciumtetra- 
hydrat, welches bei 29.53° '''"^ f^^™ Hexahydrat entsteht, bei 25° 
spielt. Schon früher' wurde diesbezüglich bestimmt, daß Anwesen- 
heit von Tachhydi'it die Rildungstemperatur auf 25° herabsetzt und 
also jedenfalls mit dem Tetrahydrat zu rechnen ist. Durch eine Reihe 
von Beckmann- Bestimmungen wurde deshalb die in Frage kommende 
Erniedrigung zunächst ermittelt: 

Bei Anwesenlieit von NaCl und: Erniedrigung: 

1. Ohne weiteres 0.2° 

2. Chlorkalium 2.8 

3. Chlorkalium und Carnallit 3.2 

4. Tachhydrit 4.65 

5. Tachliydrit und Carnallit 4.71 

Niu- bei Anwesenheit von Tachhydrit (und Chlornatriimi) sinkt 
also die Bildungstemperatur um ein geringes unterhalb 25° auf bzw. 
29.53 — 4-^5 ^ 24.88 und 29.53 — 4-71 ^^ 24.82. Das Tetrahydrat 
nimmt demnach ein kleines Gebiet auf der Tachhydrithexahydratgrenze 
ein, so klein jedoch, daß dessen Größebestimmung kaum durchführbar 
ist imd deshalb das Gebiet nur in der graphischen Darstellung als 
ein Doppelstreifen zwischen Tachhydrit und Hexahydrat angedeutet 
werden wird. 

B. Die konstanten Lösungen. 

(Alle gesättigt an Chloi-natrium.) 
Sättigung an Calciumchl orid. 
Das Calcium wurde als Oxalat gefallt und als Oxyd gewogen, 
mit dem Resultat in zwei Bestimmungen von 44.83 und 44.88 Pro- 
zent CaCl,; das Natrium wurde einmal als Sulfat, einmal als Chlorid 



' Diese Sitzungsberichte 1897, 508. 



2B4 Sitzung der ])hysikalisch- mathematischen Classe v. 9. Februar 1905. 

gewogen, mit dem Resultat in beiden Fällen von 0.44 Prozent NaCl. 
Daraus berechnet sich die Zusammensetzung der Lösung auf: 

lOOoILO 133.1 CaCl^ i.aNa^Cl^, 
abgerundet auf halbe Moleküle (bzw. Doppelmoleküle): 
ioooH,Oi33CaCl, iNa.Cl,. 

Dieses Ergebnis erlaubt eine Vereinfachung in bezug auf das 
Natriumchlorid in den weiter zu untersuchenden Lösungen. Dieselbe 
kleine Menge, iNa^Cl^ auf lOOoH^O, wurde nämlich auch bei Sätti- 
gung an Magnesiumchlorid gefunden,' und da alle weitere Lösungen 
zwischen der obigen und dieser inliegen, kann auch dafür dieselbe 
kleine Natriumchloridmenge angenommen werden, die also weiter nicht 
bestimmt wurde. 

Sättigung an Calcium- und Kaliumchlorid. 

Die Calciumbestimmung ergab in drei Proben 45.08, 45.01 und 
45 Prozent CaCl^; die Kaliumbestimmung als Perchlorat in zwei 4.5 
und 4.6 Prozent KCl; entsprechend: 

1000H3O i45.9CaCl, I iK.Cl, iNa,Cl,. 

Sättigung an Calcium-, Kaliumchlorid und Carnallit. 

Die Bestimmung des Calciums ergab in zwei Proben 43.97 und 
43.95 Prozent CaCl^; diejenige des Kaliums 4.03 und 3.78 Prozent KCl; 
die Magnesiumbestimmung als Pyrophosphat ergab 1.29 Prozent MgCl^; 
entsprechend : 

ioooH,0 i4i.3CaCl,4.8MgCl,9.3K,Cl3 iNa.Cl,. 

Sättigung an Chlorcalciumtetrahydrat und Tachhydrit. 

Zwei Calciumbestimmungen ergaben 38.48 und 38.58 Prozent 
CaClj; zwei Magnesiumbestimmungen 9.74 und 9.49 Prozent MgCL; 
entsprechend : 

lOOoH.O I 2 1 .4CaCl 35.3MgCl, iNa3Cl,. 

Sättigung an Chlorcalciumtetrahydrat, Taclihydrit und 
Carnallit. 

Die Bestimmungen von Calcium ergaben 38.32 und 38.25 Pro- 
zent CaCl^; von Magnesium 9.37 und 9.26 Prozent MgCl^; von Kalium 
0.89 Prozent KCl: entsprechend: 

ioooH,Oi2i.5CaCl,34.4MgCL2.iK,Cl,iNa,Cl,. 
' Siehe S. 233. 



van't Hoff: Oceaiiische Salzablagerungen. XL. 2i)5 

Sättigung' an Tachliydrit und Magnesium chlorid. 
Die Calciumbestimmungcn ergaben 30.32 und 30.41 Prozent 
CaCL; Magnesium 14.81 Prozent MgCL; entsprechend: 
ioooH,09O.5CaCl,5i.4MgCl,iNa,CU. 



AJ) 



Sättigung an Taclihydrit, Magnesiumch lorid 
und Carnallit. 
Kaliumgchalt nicht bestimmbar, die Lösung fällt 
also mit der vorigen zusammen. 

C. Zusammenstellung und graplüsche Darstellung. 

Es seien nun die obigen Resultate , unter Abrundung 
auf halbe Moleküle (bzw. Doppelmoleküle) zusammen- 
gestellt : 

In Mol. auf looo Mol. TI.O 

KXl. Na.Cb 



19-5 44-5 
1 1 I 

0.5 I 

5-5 2 

9-5 I 



Sättigung an Natriiinichloi-id und : 


in 
CaCl^ 


ivioi. am 
MgCU 


0. Calciumchlorid 


133 




A. Magnesimnclilorid 

a. Magnesiumchlorid , Tach- 




106 


hydrit 
B. Kaliumchlorid 
b. Kaliumchlorid , Calcium- 


90-5 


51-5 


chlorid 

D. Magnesiuinclilorid, Car- 
nallit 

d. Magnesiumclilorid, Car- 


146 


105 


nallit, Taehhydiit 
E. Carnallit, Clilorkalitun 
e. Carnallit, Chlorkalium, Cal- 


90-5 


5'-5 
70.5 


ciumchlorid 
c. Taclihydrit, Chlorcalcium 
f. Tachh)'drit, Chlorcalciuni, 


141-5 
121. 5 


5 
35-5 


Carnallit 


12 1.5 


34-5 



Diese Daten sind mit den entsprechenden Buchstaben in der neben- 
stehenden Figur graphisch wiedergegeben, unter Fortlassung von Na- 
trium- und Calciumchlorid in den Ordinaten. 

Durch geeignete Verbindung der auf dieselben Bodenkörper sich 

beziehenden Punkte entstehen folgende Felder: 

Chlorcalciumhexahydiat: Ohefr. 
Chlorkalium: BEeh. 
Carnallit: DEefd. 

Als Bemerkung sei hinzugefügt, daß Tachhydrit und Chlorkalium 
sich gegenseitig ausschließen, sich mit andern Worten in Carnallit und 
Chlorcalcium verwandeln. 



Tetrahydrat: üoiipelstreifen (f. 
Chlormagnesium: ADda. 
Tachhydrit: adfc. 



Ausgegeben am 16. Februar. 



I 



2:{7 

SITZUNGSBERICHTE i»05. 

VII. 

DKK 

KÖNIGLICH PRP:USSISCIIEN 

AKADE^^IIE DER WISSENSCHAl' TEN. 

9. Februar. Sitzung der philosophisch -historischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen. 

*1. Hr. Schmidt las über »Ein ungedrucktes Schema zu 
Goethes Helena«, das vom ersten Auftreten des Lynceus l)ls zur 
Euphorien -Scene führt. 

Fa- erörterte es im Hinblick aiil' andre Paralipoiiiena und auf die abweicliende 
endgültige Fassung. 

2. Hr. PiscHEL legte eine Abhandlung des Kaiserlich CliinesiscJien 
Legationssekretär Hrn. Dr. O.Franke vor: Hat es ein LandKha- 
ro.stra gegeben? 

Es wird dargethan. dass .Sylvain Levi's neue Hyiiothese über ein Land Klia- 
ru^tra unhaltbar ist, da .seine Deutung der Glo.sse, auf der die Hypothese beruht, sich 
mit dem Wortlaut des chinesischen Textes nicht vereinigen lässt. Es wird ferner die 
Möglichkeit nachgewiesen, dass der Inhalt der Glosse freie Erfindung des Glossisten ist. 

3. Vorgelegt wurden von Hrn. Koser Politische Correspondenz 
FRiEDRicn's des Grossen. Bd. XXX. Berlin 1905; von Hrn. Harnack 
Die griechischen christlichen Schriftsteller: Clemens Alexandrinus. 
Bd. I. Herausgegeben von Dr. O. Stählin. Leipzig 1905: von Hrn. 
Erman seine Schrift: Die ägyptische Religion. Berlin 1905. 



'Erscheint nicht in den Schrillen der Akademii 



238 



Hat es ein Land Kharostra gegeben? 



Von Dr. 0. Franke 

in Berlin. 



(Vorgelegt von Hrn. Pischel.) 



Öylvain Levi hat seine Hypothesen über die '>Kharo.stri« , nachdem 
sie von Pischel und mir als unhaltbar bekämpft worden sind, in 
einem Aufsatze des Bulletin de l'Ecole Frangaise d' Extreme- Orient^ unter 
Beibringung neuen Materials in veränderter Form abermals entwickelt 
— leider unter Einführung eines durch nichts berechtigten aggressiven 
Tones in die bisher durchaus sachliche Debatte. Obwohl die Frage 
selbst für uns entschieden ist, und ich daher unseren früheren Aus- 
fuhrungen nichts wesentlich neues hinzuzufügen habe, zwingen mich 
die Angriffe Levis gegen meine Person , auf seine neuen Darstellungen 
einzugehen, um — sehr gegen meinen Willen — seine Arbeitsmethoden 
im einzelnen einer Betrachtung zu unterziehen. 

Levi läßt die Identifikation — oder wie er sich jetzt (S. 543) 
ausdrückt, »le rapprochement« — K' ia-Iu-shu-tan-le = Shu-le = Kashgar 
in seinem neuen Aufsatze selbst fallen; die Art, wie er dies tut, ist 
bezeichnend. Die gesamte Hypothese über Namen und Herkunft der 
Kharosthi, wie sie in seinem ersten Artikel entwickelt war, beruht 
ausschließlich auf dieser Etymologie des Glossisten Hui yuan (»Le 
Kharostra est donc le pays de Kachgar, et la Kharo.stri est bien vrai- 
semblablement l'ecriture de ce pays.« S. 249). Wenn Hr. Levi jetzt 
dieses Fundament selbst wegzieht, so ist das für ihn nicht etwa ein 
Zugeständnis seiner Übereilung, sondern eine Veranlassung, seine Gegner 
als düpierte Pedanten hinzustellen, die die Etymologie des Hui yuan 
naiverweise ernst genommen haben! (S. 549: »Houei-yuan donne 
alors l'etymologie hasardeuse qui fait frissonner des philologues severes 
comme M. Pischel et M. Franke. Rien n'est plus simple , ajoute Houei- 



' Le pays de Kharostra et l'ecriture KharostrJ in Bd. IV S. 543 — 579. Vgl. da- 
zu den ersten Artikel: Uecriture Kharospri et son berceau, ebenda Bd. II S. 246 — 253; 
ferner: Franke und Pischel, Kaschgar und die Kharosthi in den Sitzringsher. d. Kgl. 
Breuß. Äkad. d. Wiss. vom 5. Februar (S. 184 — 196) und 9. Juli (735 — 745) 1903. 



II 



O. Franke: Hat es ein Land Khaiostra gegelien!' 239 

yuan avec l'assuranee traiiquille des etymologistes (\u\ ii'ont point 
etudie la grammaire comparee usw.« Und: »M. Frankk .... en se fon- 
dant sur Tetymologie de Hoiiei-yuan, qui ne s'atteudait giii'-re a l'hon- 
neui- d'etre pris au serieux si tard usw.«) In seinem ersten Artikel 
hat Hr. Levi keine Bedenken getragen, Behauptungen aufzustellen wie 
die folgende: »L'identite de Chou-k et de K'ia-lou-chou-tan-le etait 
encore admise et renseignee dans les ecoles bouddliiques de la Cliine 
au c'üurs du IX'' siecle« (S. 249), sowie die bekannten weitreichenden 
Schlüsse an diese Identität zu knüpfen; in seinem zweiten wundert 
er sicli , daß man eine solche Etymologie überhaupt ernst nehmen 
kann! Tatsächlich habe ich dieselbe in unseren Aulsätzen für »freie 
Piiantasie« (S. 187) und für » indisch -cliinesisclie Wortspielereien« 
(S. 738) erklärt. Was uns an der Etymologie mit »Schaudern« er- 
füllte, war nicht diese selbst, wie Hr. Levi meint — denn derartige 
Spielereien gibt es in der indischen wie in der chinesischen Literatur 
zu viele, als daß sie auffallen könnten — , sondern vielmelir die 
Kritiklosigkeit, mit der Hr. Levi sie sich zu eigen machte. Ich glaube 
nicht, daß ich die kindische Etymologie des Hui yuan einer Wider- 
legung für wert erachtet haben würde, wenn nicht ein so hervor- 
ragender Gelehrter wie Sylvain Levi ihr eine besondere Bedeutung 
verliehen hätte, indem er sie akzeptierte und eine sensationelle Hy- 
potliese darauf baute. Es war mir nicht bekannt, daß Hr. Levi so 
außerordentlich bescheiden in seinen Anforderungen sei mit Bezug 
auf das Maß von Ernsthaftigkeit, das man seinen Angaben entgegen- 
bringen soll. Eine derartige Verschiebung des Tatbestandes allerdings, 
wie er sie hier unternimmt, scheint mir für die Feststellung dieses 
Maßes nicht eben günstig zu sein. 

Ich habe früher eingehend dargelegt, daß gegen die Deutung der 
Lautverbindung K'ia-lu-shu-tan-U (fijJ^Ht'l'H.®) '•^'^ Sanskrit Kha- 
rostra sich zwar keine lautlichen Einwendungen erheben lassen, wohl 
aber sachliche (S. 736). Indem ich mich streng an den chinesischen 
Text bei Hui yuan und Hi lin hielt, insbesondere an die von beiden 
gegebene Übersetzung, fand ich in dem ersten Teile das Sanskrit- 
wort kalusa, wälirend ich für den zweiten antara oder dhara, Pischel 
auch noch uttara vorschlug. Hr. Levi erklärt diese Angaben für 
»fantaisies de M. Franke, soutenues par Tautorite de M. Pischel« 
und sieht darin »un exercice malheureux de ses (d. h. der meinigen) 
facultös d'invention« (S. 549). Dieses Urteil gründet sich darauf, daß 
meine Deutung gegen die Regeln der indiscli - chinesischen Trans- 
skription verstoße. Zunächst müsse der erste Laut der Gruppe, Tila 
(fi) stets einem kha im Sanskrit entsprechen, wobei mich Hr. Levi 
auf St. Juliens Methode etc. verweist, die er anscheinend bei mir 



240 Sitzung der pliilosophiscli -histoi'ischen Classe vom !1. Februar 1905. 

als unbekannt voraussetzt. Julien gibt allerdings kein einziges Bei- 
spiel für f^ = Sanskrit ka , und da mir ebenfalls kein solches bekannt 
ist, so muß ich »for argument's sake« zugeben, daß kein weiteres 
existiert. Indessen, was kann denn eine solche Tatsache beweisen? 
Man sehe sich nur einmal die Listen St. Juliens durch , und man wird 
unzählige Beispiele finden, wo die cliinesische Aspirata im Anlaut 
nicht bloß derTenuis im Sanskrit, sondern sogar der unaspirierten Media 
entspricht (z. B. chin. k'l = sanskr. ki und gi, k' ie = ka und ga, k'ien 
= kan und gan, p'o = po und ba, tan = tan und dan u. a. m.). Es 
hieße das Wesen der chinesischen Transkription gänzlich verkennen, 
wollte man in der Methode derselben, besonders wenn der Anlaut in 
Betracht kommt, ausnahmslose Lautgesetze sehen, denen die Wieder- 
gabe eines nichtchinesischen Wortes durch chinesische Zeichen unter- 
worfen ist. St. Julien selbst würde vermutlich der letzte sein, der 
ein solches Prinzip verteidigen möchte; um zu dieser Überzeugung 
zu gelangen, braucht man nur die »Exposition« seiner Methode, ins- 
besondere S. gff. , durchzulesen, in der er zu dem Schlüsse kommt: 
»il serait fort dangereux de se fier aux prononciations chinoises pour 
arriver ä la restitutio!! des sons indiens«. Ich zweifle nicht, daß kein 
Sinologe die Identifikation einer chinesischen Lautverbindung mit einem 
sonst durchaus passenden Sanskritworte verwerfen würde, lediglich 
weil das chinesische Zeichen -j*^ einem sanskr. ka entsprechen müßte, 
mag ein solches Entsprechen anderweitig belegt sein oder nicht. 
P. Pelliot, unzweifelhaft einer der kenntnisreichsten und gründlichsten 
unter den neueren Sinologen , der meine Deutung der Gruppe K'^la- 
lu-shu-tun-U ebenfalls besprochen hat, nennt denn auch die unge- 
wöhnliche Identifikation f^ = ka »une objection legere« [B. E. F. E. 
0., Bd. III, S. 479f.). Hr. Levi dagegen, dem eine wesentlich gerin- 
gere Kompetenz in der Frage zustehen dürfte, ei'klärt apodiktisch: 
»pour ICia-lou-chou-tan-le toute transcription qui ne presente pas 
une gutturale aspiree initiale est ä rejeter; l'affirmation est, sil se 
peut, plus assuree encore que jamais lorsqu'il s'agit d'un mot re- 
produit par Tauteur d'un Yin yi, qui Ihit profession de representer 
.seien tifiquement les sons ecrits« (S. 55of). Ein schwankendes Cha- 
rakterbild dieser Hui yuan: höchst wissenschaftlich, wenn er als Stütze 
von Hrn. Levis Hypothesen dienen soll; höchst unwissenschaftlich und 
nicht ernst zu nehmen, wenn er Hrn. Licvi durch seine Etymologien 
kompromittiert. Anders verhält es sich mit den Einwänden, die 
Pelliot gegen meine Wiedergabe des zweiten Teiles durch anlara oder 
dhara geltend macht (S. 480), und die Levi zitiert. Hier muß ich ein- 
räumen, daß meine Vei-mutung, das Zeichen |^ habe ein nasales 
Element am Schlüsse gehabt oder haben können , nach den im K' ang-ld 



O.Franke: Hat es ein I>aii(l Kliaro^tra gegelieni' 241 

gegebenen Lautbezeichnungen aller in Betracht kommenden Zeichen 
unzutreffend ist. Trotzdem liält Pelliot die Deutung Knlusäntara für 
phonetisch zulässig, während er Kalmadhara wegen der Identifikation 
lim-U ('Ißj^jj) = dhara nicht gelten lassen will. Die Frage mag als 
irrelevant hier unentschieden bleiben, wie ich ja auch in unserem 
zweiten Artikel bereits erklärt habe, daß man über den zweiten Teil 
verschiedener Meinung sein könne (S. 737). Die Deutung Kharostva 
mag sich phonetisch den üblichen Transkriptions-Gewohnheiten besser 
anpassen, ist indessen auch von einer Anomalie insofern nicht frei, 
als für die Umschreibung des Namens Kharostlia (fä;)SSlP^) ^"^^ Chine- 
sischen (mit Ausnahme der ersten Silbe) durchweg andere Laute ge- 
braucht werden, als sie die Lautverbindung des Hui yuan und seiner 
Abschreiber aufweist, in der Levi KJiarostra sehen will. Es ist einiger- 
maßen auffällig, daß die beiden nahezu identischen Namen so völlig 
verschieden wiedergegeben sein sollten, zumal Levi selbst die Umschrei- 
bung |^'|fl^ bei Hui yuan für Sanskrit stra für anormal erklären 
muß. Das ist aber das wenigste, was ich gegen Levis Identifikation 
geltend mache. Ich habe bereits in unserem zweiten Artikel 
erwähnt, daß uns der chinesische Text selbst Fingerzeige gibt für 
die Deutung der Lautgrup2:)e (S. 736). Die Manier, wie Hr. Levi 
sich mit diesen Fingerzeigen abfindet, zeigt wieder seine bedenk- 
liche Art, mit den Tatsachen zu manipulieren. »Le nom s'applique 
au mauvais naturel des' gens du pays« , so läßt er Hui yuan den Namen 
erklären. Nun bedeutet der Name Kharospra — eine formelhafte und 
sehr häufig vorkommende Verbindung im Sanskrit — »Esel und 
Kamele« , eine Bezeichnung, die — so meint Hr. Levi — »sich ganz 
natürlich Leuten mit schlechtem Charakter anpaßt; in den Straßen von 
Paris hört man beständig die französischen Äquivalente von khara und 
ustra<^ (S. 566). Diese Auffassung der Esel und Kamele als Symbole 
eines schlechten Charakters würde nun — so hart vielleicht manchem 
dieses Urteil über die beiden nützlichen Tiere erscheinen wird — logisch 
wenigstens mit der Erklärung des chinesischen Textes im Einklang 
stehen. Seltsamerweise beeilt sich aber Hr. Levi, schon auf den 
nächsten Seiten wieder eine Ehrenrettung der eben verurteilten Vier- 
füßler zu unternehmen, indem er, unter Aufwendung großer Gelehr- 
samkeit, darzutun sucht, daß Esel und Kamele nicht nur für die hier 
in Betracht kommenden Gegenden charakteristisch seien, sondern dort 
auch nicht die schlechten Eigenschaften ihrer westlichen Vettern be- 
säßen und sich großer Wertschätzung erfreuten. Hr. Levi besitzt eine 
Vorliebe für gelehrte Exkurse, durch die er die Aufmerksamkeit seiner 
Leser von der Schwäche seiner Argumentation ablenkt, und in der 
Freude au einem solchen Exkurse hat er hier offenbar vergessen, daß 



242 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 9. Februar 1905. 

PI- damit seinem eben verwandten Argumente die Kraft entzieht: wenn 
die Esel und Kamele Zentralasiens so vortreffliche und geschätzte Tiere 
sind, so können sie doch unmöglich als Symbole eines schlechten 
Charakters gedacht werden! Aber abgesehen von alledem, macht der 
Wortlaut des chinesischen Textes diese ganze Symbolik hinßillig. Klar 
und deutlich sagen Hui yuan sowolil wie Hi lin (näheres über diesen 
letzteren s. u.): •»TTla-lu-slm-tan-U , das bedeutet übersetzt Land 
mit schlechtem Charakter.« Sollte die Lautgrui^pe einen Namen 
Kharospra wiedergegeben, so würden die Glossisten eben gesagt haben: 
das bedeutet übersetzt Land der Esel und Kamele; zum mindesten 
würden sie — mag Hr. Levi den Hui yuan an dieser Stelle für wissen- 
schaftlicli oder für unwissenschaftlich erklären — eine Bemerkung über 
den Zusammenhang von »Eseln und Kamelen« mit dem »schlechten 
Charakter« gemacht haben. Wie der Text vor uns steht, muß die 
nüchternste Erwägung auf den Gedanken fühi-en, daß dem Hui yuan 
bei seiner Worterklärung eine Ableitung von Jcalusa, d. h. »unlauter« 
vorgeschwebt hat, mag der ursprüngliche Name gelautet haben, wie 
er will. Zu dieser bescheidenen Gedankenleistung bedarf es weder 
einer »Phantasie«, noch einer »faculte d'invention« , und gerade ein 
Mann wie Sylvain Levi, der diese Gaben in so hohem Maße besitzt 
und durch sie zu den temperamentvollsten Text-Interpretationen in 
den Stand gesetzt wird, sollte hier am wenigsten derartige Mittel 
für nötig halten. 

Eine solche temperamentvolle Interpretation zeigt sich gleich 
wieder in folgender Erörterung, der ich mit meinem nüchternen Ver- 
stände leider niclit habe ganz folgen können. Hui yuan fülirt seine 
Erklärung des Namens Shu-le mit den Wort ein: cheng m'mg (IH ^) 
d. h. »der genaue Name (le nom exact) (is* " ia-lu-shu-tan-U)«^ . Es 
ist dies das einzige Mal in dem ganzen Yin ^i zum Avatamsaka-Sütra, 
daß dieser Ausdruck cheng m'mg vorkommt; sonst gebraucht Hui yuan 
ausnahmslos die Formel cheng yün (!£ 'zz)r tl-h- »der genaue Ausdruck 
(l'expression exacte) ist usw.«, wann immer er die richtige Form 
eines Sanskrit- Namens wiederherstellt. Außer dem bloßen cheng yün 
findet sich nun bei solchen Erklärungen auch die Formel: fan pen cheng 
yün (^ ^ IE 3r)> d- h- "*^l^äs Sanskrit -Original hat den genauen Aus- 
druck usw. « (l'original sanscrit a l'expression exacte) ; cheng yün stellt 
also, wenn ich Levi recht verstehe, für den vollen Ausdruck fan -pen 
cheng yün und weist auf ein Sanskrit -Original hin. Da nun Hui yuan 
seine Erklärung des Namens Shu-le, den er in der zweiten Über- 
setzung des Avatamsaka-Sütra von Siksänanda fand, mit der abwei- 
chenden Formel cheng ming einführt, so folgt daraus (wenigstens ver- 
stehe ich so den Zusammenhang), daß für den Namen Shu-le im 



O. Franke: Hat es ein Land Kharostra gegeben? 243 

Sanskrit-Original sich kein richtiges Äquivalent fand, denn »il aurait 
indiquc par l'emploi de cette locution (d. h. cJieng yün), que Chou-le 
se disait correctement en sanscrit: K'ia-lou .... II etait trop bien 
informe pour avancer une pareille assertion« (S. 546). Was Levi mit 
dieser ganzen Erörterimg beweisen will, ist mir, wie bemerkt, nicht 
klar: wenn Hui yuan den Sanskrit-Ausdruck K'ia-lu-shu-tan-le im in- 
dischen Original oder in der chinesischen Übersetzung des Acatcmsaka- 
Sütra fand, so zeigt er doch eben durch seine Etymologie Shu-le = 
K'ia-lu-shu-tan-le seine Überzeugung, daß -«Chou-le se disait correcte- 
ment en sanscrit: K'ia-lou ....<■<■ Übrigens wird die ganze scharf- 
sinnige Unterscheidung zwischen cheng ming und cheng yün insofern 
gegenstandslos, als in der großen Kommentarsammlung Yi i'sie hing 
yin yp ( — • '^ |M g" ^) des Hui lin (^ ^), in der auch das Glossar 
des Hui yuan zu dem »neu übersetzten Avafamsaka-Sütra«- in extenso 
enthalten ist (Kap. 21 — 23), die betreflende Stelle in der Tat nicht 
cheng ming, sondern, wie Hr. Levi sich leicht überzeugen konnte, 
cheng yün liest (Kap. 22 fol. I7v°)-, ebenso auch die y> Ergänzung zum 
Yi t'sie hing yin yi«- (s. unten). 

LE^as gegenwärtige Hypothese von dem »Lande Kharostra« stellt 
sich nun im wesentlichen folgendermaßen dar. In drei chinesischen 
Übersetzungen buddhistischer Sütras findet sich eine gleich oder an- 
nähernd gleich lautende Aufzählung heiliger, von Bodliisattvas be- 
wohnter Stätten, nämlich in der älteren Übersetzung des Avatamsaka- 
Sutra von Buddhabhadra, in der neueren von Siksänanda und in der 
des Süryagarhha-Sütra von Narendrayasas (Bunyiu Nanjio Nr. 62). 
F^ine dieser Stätten heißt Niu-t'ou (-^HS)? d- h- »Kuhhaupt«, und 
ihre Lage wird in den drei Übersetzungen verschieden angegeben: 
nach der älteren des Acatamsaka-Sütra befindet sie sich bei den 
Pien yi (^^), d.h. »bei den Grenzbarbaren«, nach der neueren in 
Shu-le, d. h. in Kashgar, nach der des SUryagarbha-Sutra in Yü-tien 
iy^), d. h. in Khotan. Die Verschiedenheit dieser drei übersetzten 
Namen bei derselben Ortsbestimmung, so schließt Levi, läßt sich nur 
dadurch erklären, daß man ein gemeinsames Original annimmt, für 
das drei Übersetzungen möglich waren. Was dieses Original war, 
zeigt die Erklärung des Namens Shu-le durch Hui yuan, den Glos- 
sisten des Siksänanda, indem er Shu-le als Verkürzung von K'ia-lu- 



' Ein Exemplar dieses Werkes befindet sicli auf der Königlichen Bililiothek in 
Berlin. 

^ Der Text des Hui yuan nach dem japanischen Tripitaka ist in unserem zweiten 
Artikel (S. 735) gegeben. Bei Hui lin ist hinter den Worten P^^^^M| noch das 
Zeichen h. vor T^ eingeschoben, offenbar ein Versehen. 

Sitzungsberichte 1905. 21 



244 Sitzung dei- philosopliiscli-historisclien Classe vom 9. Februar 1905. 

shu-tan-U annimmt. Das Sanskrit-Original war mitliin K'la -lu- shu-tan-U 
= Kharosira. Die dreifache Deutung dieses Namens erklärt sich nun 
dadurch, daß er schon im 7. Jahrhundert n. Chr. oder früher, also 
auch zur Zeit der Übersetzer, nicht mehr im Gebrauch war und nicht 
mehr verstanden wurde; so schrieb Buddliabhadra allgemein »Grenz- 
barbaren«; der Berg Niu-t'ou aber befand sich einer Angabe des 
Süryagarhha-Sütra zufolge' im Lande Yü-tlen (d. h. Khotan), Naren- 
drayasas konnte also Kharostra mit Khotan wiedergeben; nach der 
tibetischen Version des Süryagarhha-Sütra lag ferner Kliotan im 
Lande Khasa, zur Zeit der T'ang- Dynastie galt aber iT'a-sAff (f^ ■^^) 
für identisch mit Shu-le, so übersetzte Siksänanda Kharostra mit 
Shu-U. Kharostra war also ein indischer Name für die weiten Gebiete 
an den Grenzen von Indien und China, für das, was man heute als 
Turkestan bezeichnet. Der LaUtavistara führt hintereinander auf: die 
Schriftarten der Darada, der Khasa^ und der Cina; Dardistan war 
das Land am oberen Indus, Khasa oder Kharostra also das Gebiet 
zwischen diesem und den Grenzen des eigentlichen China: «Inde, 
Kharostra, Chine, voilä les trois grandes divisions du monde boud- 
dhique« (S. 557). Wenn die indische und chinesische Tradition über 
die Kharosthi- Schrift dieser ebenso einfachen wie großzügigen Erklä- 
rung zuwiderläuft, so ist das eine Fälschung der Wissenschaft: ^>l'ido- 
lum librl, qui a cause partout tant de dommages, est intervenu pour 
fausser la science« (S. 564). 

Soweit Sylvain Levi. Von seinen ferneren Erörterungen darüber, 
daß das Land der Hu (]5^) das alte Kharosira, die Schrift der Hu 
also die Kharostri war (S. 563), mag hier abgesehen werden. Das 



' Ich bin nicht imstande, die Quellenangaben Levis nachzuprüfen, da mir die 
Biiclierschätze der Pariser Bibliothek nicht zur Verfügung stehen. Übrigens findet 
sich die Angabe, daß Niu-t'ou in Yü-tien liege, wie auch Levi erwähnt, ebenso im 
Yi tsie hing yin yi (Kap. 11 fol. igv), und zwar im Glossar des Hui hn zum Schluß 
des 10. Kapitels der Sammlung des Mahäratnaküta-Sütra (^^^fj^) (Bunyiu 
Nanjio Nr. 23). Hier hat aber der Erklärung zufolge für Yü-tien (Khotan) offenbar 
das übliche Kustana im .Sanskrittext gestanden. Indessen schiebt der Glossist vor 
der Erklärung des Namens Yü-tien folgende Bemerkung ein: »Von hier ab folgen die 
25 Sätze über die natürlichen Anlagen (P^jH^). Bei der Übersetzung in das Chi- 
nesische durch die Männer des Altertuuis ist der heilige Sinn verderbt und verloren 
worden. Die Sätze sind verstümmelt und das Rezitieren außerordentlich schwer. 
Wollte man jetzt abermals eine Übersetzung anfertigen, so wüi'de es wegen der un- 
voUkoimnenen Überlieferung des Sanskrit -Textes kaum möglich sein, den Sinn genau 
festzustellen. Ich bin daher dem (chinesischen) Sütra-Text gefolgt in der Erwartung, 
daß ein Späterer ihn verbessern kann.« 

^ Ich folge hier lediglich Levi; es ist mir sehr wohl bekannt, daß die Lesarten 
des LaUtavistara Khäsya, Khäsya , Khosya und Khasya sind (s. unseren ersten Artikel 
S. 195), und daß nicht eine Handschrift Khäsya gibt. 



O. Franke: Hat es ein Land Kliarostra gegebeni' 245 

gesamte Hypothesen -Gebäude ruht auf zwei Sätzen: erstens, daß die 
originale Sanskrit -Version des Avatamsaka-Sütra an der betrefl'endon 
von Siksänanda mit Shu-le übersetzten Stelle in der Tat ein Wort 
hatte, dem das chinesische K'ia-lu-shu-tan-le entsprechen sollte; zwei- 
tens, daß dieses Wort Kharostra lautete. Die Umstände haben es mit 
sich gebracht, daß wir den zweiten Satz zuerst geprüft haben; diese 
Prüfung hat ergeben, daß die Wiedergabe von Kharostra durch K'ia- 
lu-shu-tan-le mit dem Wortlaut des chinesischen Textes nicht verein- 
bar ist. Für den ersten Satz, daß sich überhaupt im Sanskrit -Text ein 
Wort fand, das durch K'la-lu usw. lautlich wiedergegeben werden 
konnte, hat Levi auch nicht den Schatten eines materiellen Beweises 
beigebracht; er hat diese Tatsache einfach vorausgesetzt. Natürlich 
läßt sich auch, ehe lüeht eine Sanskrit -Version des -4i5oto7H,sö!Ä-a-5'w;ra 
oder des Süryagarbha- Siitra vorliegt, kein positiver Beweis dafür er- 
bringen, daß sich ein solches Wort nicht dort findet. Wir können 
aber einige Umstände zusammenstellen, die das Vorhandensein un- 
wahrscheinlich machen. Zunächst ist es auffallend, daß nicht einer 
von den drei Übersetzern irgendeine Bemerkung über den geheimnis- 
vollen Namen gemacht hat (es sei denn, daß man annehmen wolle, 
diese Bemerkungen seien verloren gegangen). Jeder von ihnen hat 
eine andere Wiedergabe gewählt, ohne die Berechtigung derselben 
irgendwie zu begründen. Wenn ihnen der Sanskrit-Name nicht mehr 
bekannt war, so hätte man eine solche Begründung um so eher er- 
warten sollen, oder noch natürlicher wäre es gewesen, wenn der Name 
einfach unübersetzt in den chinesischen Text der Sütras herüberge- 
nommen wäre, wie es mit zahlreichen Sanskrit -Ausdrücken der Fall 
gewesen ist, die auch Hui yuan in seinem Glossar mit dem kurzen 
Bemerken ^jcf^f- d.h. »nicht übersetzt« abfertigt. Ferner ist es un- 
verständlich, daß weder den Übersetzern noch den Glossisten, zumal 
wenn die letzteren ebenfalls, wie Levi annimmt (S. 545), den San- 
skrit-Text vor sich hatten, die Ähnlichkeit zwischen dem ihnen unbe- 
kannten Namen Kharostra und dem ihnen bekannten Kharosthi auf- 
gefallen sein sollte, insbesondere, wenn man bedenkt, daß Khai'ostra 
wie Kharostha im Präkrit zu Kharötfha, Kharostri wie Kharosthi zw Kha- 
röttht werden. Endlich findet sich von einem geographischen Namen 
Kharospra in der ganzen uns bisher bekannten indischen wie chinesi- 
schen Literatur nicht eine Spur (von dem nicht in Betracht kommen- 
den Lande K'o-lo-fo (j^^^|Jß) = Kharötfha (?) ist in unserem ersten 
Artikel (S. 190) bereits die Rede gewesen), und doch soll das Wort 
nach Levis Hypothese (S. 558) zur Zeit der Bekehrung der Yüe-chi 
das ganze zentralasiatische Ländergebiet im Gegensatz zu Indien be- 
zeichnet haben! Die chinesischen Historiker haben uns gerade aus 



24G Sitzung der j)hiloso])liiscii -historischen Classe vom 9. Februar 1905. 

jener Zeit eine ungeheure Fülle von Ländernamen Turkestans hinter- 
lassen; es ist ausgeschlossen, daß ihnen eine so wichtige Gesamtbe- 
zeichnung hätte entgehen sollen. 

Alle diese Umstände machen es in hohem Maße zweifelhaft, ob 
die Lautgruppe K'ia-lu-shu-tan-U bei Hui yuan überhaupt ein Wort 
darstellen soll, das sich an der betreffenden Stelle des Sanskrit -Textes 
fand; will man aber annehmen, daß dies der Fall sei — und es ist 
an sich nielit unmöglich — , so kann jenes Wort nicht Kharospra ge- 
lautet haben. Wenn nun aber die Lautgruppe nicht dem Sanskrit- 
text entstammen sollte, wie in aller Welt kann sie dann in Hui yuans 
Glossar geraten sein?' Vom Himmel gefallen kann sie freilich nicht 
sein, wie Levi betont (S. 549), aber an eine andere mystische Quelle 
zu denken liegt nahe, wenn man die sonstigen exegetischen Leistungen 
Hui yuans betrachtet. Auf derselben Seite, wo die Etymologie von 
Shu-U steht, findet sich folgendes: »Das Land Chen-tan (^0.). Man 
nennt dies auch Chi-na (^^5), auch heißt es Chen-tan {m.^). Über- 
setzt bedeutet dies 'Nachdenken'. Die Bewohner dieses Landes haben 
viel Gedanken und Sorgen, viele Pläne und heimliche Ränke, daher 
der Name. Jetzt heißt das'Land Hau«. (1^, d.h. China). Es kann 
keinem Zweifel unterliegen, daß Hui yuan hier das Wort cintana »das 
Denken« im Auge gehabt hat. Im Sanskrit-Text hat aber wohl kaum 
»das Land Clnianaa gestanden, sondern Cmasthäna, was der Über- 
setzer ganz richtig durch Chm-tan, alte Aussprache Chin-tan, wieder- 
gegeben hat, ein Name, der gewöhnlich von dem Staate T'sln (^) 
hergeleitet wird.^ Die Verbindung von Cina mit cintana ist also Hui 
yuans eigenstes Werk, wenn er nicht etwa schon von einem Vor- 



' Wie bereits in unserem zweiten Artikel ervvälmt (S. 735), findet sich die 
nämliche Glosse in der Ergänzung von llui lins Werk, dem Sü yi t'sie hing yin yi 
(1^ — -"^l^^^) von Hi lin ^|^ (Kap.3 Fol. ior°, ebenfalls auf der König- 
lichen BibUothek in Berlin), und zwar in dem Glossar zu der Einleitung und dem 
I.Kapitel »der neuen Übersetzung des Dasablmmika-Sütra (^^§M ~H i^i|^)°- In 
der in meinem Besitz befindlichen großen Ausgabe des SM ti king tun -^ jr-^jl ^^ =^ 
{Dasabhümika- Sütra- Sästra , Bim3äu Nanjio Nr. 1194), das von Bodhiruci (^g-i^ 

^ ^), Ratnamati (|Jf) ^^^^)nuA Fei-t'o-shan-to (? i^t PS Ä ^) "" J''''"-e So» 
übersetzt ist, findet sich der liier glossiei'te Name Shu-le nicht. 

^ Daß Clün-tan eine Zusammenziehung von Cmasthäna ist, kann nicht be- 
zweifelt werden; ob indessen das Sanskritwort Gma von dem Namen des T^sin- 
Staates (der späteren Dynastie im 3. Jahrhundert v. Chr.) hergenommen und dann, 
unverstanden, als Chin wieder in das chinesische zurückübersetzt wurde, ist nicht 
sicher. Vgl. Edkins, Chinese Buddhism S. 92 f. Anm. Das Fan yi ming yi (Kap. 7 
Fol. I5V°) macht sich auch diese Etymologie Hui yuans nicht zu eigen, sondern gibt 

die, nicht viel bessere, Erklärung, daß tan (^) "Sonnenaufgang- bedeute, und der 
Name dem Lande wegen seiner östlichen Lage gegeben sei. 



I 



O. Franke: Hat es ein Land I\liaMi>ti-.a gegeben:' '2A I 

gäiii^c'i- ;il).i;e.sfliri('l)eii hat. Nicht übel ist auch folgeiuh» Etymologie, 
die Hui yuan an die auch von Hüan tsang erzählte Legende von 
dem Arliat Madhyäntika (St. Julien, Memobrs etc. I, i68f. Beal, 
Records etc. I, 149 f.) knüpft, und die unmittelbar hinter der P]rkläiung 
von Shu-lc steht: »Das Land K{i)a-^h<'-mi-lo (äE^?K/S> d.h. 
Kasmira). Der alte Name ist Ki-pin (M^). Es bedeutet übersetzt: 'oh, 
wer könnte hineingehen?' (|>nf f^.^)-' Vor alters nämlich, als dieser 
Staat noch niclit gegründet war, war in jener Gegend ein großer 
Drachensee, dem niemand sich zu nahen wagte. Danach aber kam 
ein Arhat, der sah, daß das Land seiner Art nach wohl zum Be- 
wohnen für Menschen geeignet sei. Er folgte also dem Drachen und 
bat ihn, ihm ein nur für seine Knie (ausreichendes) Stück Land zu 
überlassen. Der Drache willigte alsbald ein, und nun verwandelte 
sich der Arhat und wurde immer größer, bis seine Knie schließlich 
den ganzen Dracheiisee ausfüllten. Der Drache aber hielt sein Wort, 
gab das Land frei und ging weg. Der Arhat ließ vermöge seiner 
göttlichen Kraft das ganze Wasser austrocknen, dann rief er das Volk 
herbei, Wohnungen in dem See zu errichten. Die Leute aber riefen 
alle: hätten wir es nicht dem heiligen Meister zu danken, oh, wer 
könnte liineingehen in diesen Ort? Von diesem Ausruf ist dann 
der Name hergenommen.« Welchen Sanskrit -Ausdruck Hui yuan hier 
im Sinne hat, mag ich nicht entscheiden. F^ine ganze Auswahl von 
Etymologien gibt Hui yuan bei dem Namen Mo-Jcie-t'l ()^i§|^) 
= Magadha [Yi tsie hing yln yi Kap. 2 i fol. 3v°) im Glossar zum i. Ka- 
pitel den Avalamsnka-Sütra. Nachdem er zunächst eine Anzahl anderer 
chinesischer Transkriptionsarten aufgezählt hat, sagt er, daß sich »die 
Bedeutungen im ganzen nicht voneinander unterscheiden. Die einen 
übersetzen Mo mit 'nicht' (d. h. Sanskrit ma) und kie-fi mit 'erreichen, 
hingelangen'. Feindliche Nachbarn können nämlich unter Aufbietung 
von Kriegslisten und Heerhaufen nicht dieses Land erreichen und 
besetzen«. Andere Erklärungen sind: mo = überall, Icie-fi = von all- 
gemeiner Intelligenz; mo = groß, kie-fi = Ansehen, mo = nicht, kie-fi 
= Schrecken."' 

Diese Beispiele sind willkürlich hei-ausgegriften; ich zweifle nicht, 
daß sich ihre Zahl beliebig vermehren ließe. Man sieht. Hui yuan 
ist ein erfolgreicher Schüler der indischen Grammatiker: die etymo- 
logischen Grundsätze, wie sie in Yäskas Nirukta niedergelegt sind, 

' Der Text im Yi fsie kiny i/in yi gibt beidemal K (»Meuscli«) statt 7^, 
jedoch liest Hi lin (a. a. 0. fol. lov"), der dieselbe Geschichte erzählt, zweifellos rich- 
tiger 7^. 

^ Die Sanskrit -Äquivalente hierfiir festzustellen, muß ich Berufeneren überlassen. 
Sitzungsberichte 190.5. 22 



248 Sitzung der pliilosopliiscli-liistorisclien Classe vom 9. Februar 1905 

hat er vortrefflich iUustriert. «Wenn der Sinn sich nicht klar ergibt 
(bei den Worterklärungen)«, so lesen wir dort, «und die Formation 
nicht auf die Wurzel hinweist, so versuche man es, unter beständiger 
Berücksichtigung des Sinnes, mit irgendeinem mit der Funktion der 
Wurzel übereinstimmenden Begriffe. Wenn ein solcher übereinstimmen- 
der Begriff sich nicht findet, so bilde man die Etymologie selbst nach 
der Übereinstimmung von Silben oder Buchstaben, gebe aber auf keinen 
Fall die Bildung der Etymologie auf. Um die grammatisch richtige 
Bildung kümmere man sich nicht, denn die Funktionen (der 
Wurzeln) sind schwankend'«. Es wird deim auch Hui yuan, ent- 
sprechend den indischen Kunstdichtern, weit weniger darauf ange- 
kommen sein, sachliche Informationen zu geben, als vielmehr seine 
Kenntnis des Sanskrit zu zeigen. Wenn man die Angabe, daß Shu-U 
verkürzt sei aus K'ia-lu-shu-tan-le und »Land mit schlechtem Cha- 
rakter« bedeute, einmal in diesem Lichte und in Verbindung mit den 
übrigen etymologischen Leistungen Hui yuans betrachtet, so wird man 
es jedenfalls nicht für unmöglich halten, daß das Ganze lediglich seinen 
Ursprung hat in der »Pliantasie« und der »Erfindungsgabe« V(>n Sylvain 
Levis Gewährsmann. Vom Standpunkte eines buddhistischen Sclio- 
lastikers mag man Hui yuans Werk die Wissenschaftlichkeit zusprechen, 
die Levi dafür beansprucht (S. 551); als Quelle für geographische oder 
historische Hypothesen ist es unbrauchbar, soweit seine Angaben nicht 
von autoritativer Seite bestätigt werden. 

Levi stellt seinen Forschungen selbst das Zeugnis aus, daß, nach- 
dem er »mit fast mathematischer Sicherheit« die Identität von K'ia- 
lu-shu-tan-le und Kharosp'a nachgewiesen hat, »le Kharo.stra est desor- 
mais acquis ä la nomenclature geographique de Finde« (S. 554). Es 
bleibt abzuwarten, ob die Wissenschaft alle seine Gedankensprünge 
und überstürzten Hypothesen sich zu eigen machen und dies Zeugnis 
unterschreiben wird. Jedenfalls braucht man, um zu einer anderen 
Auffassung zu gelangen, kein »strenger Philologe« zu sein und auch 
»die vergleichende Grammatik nicht studiert zu haben«, sondern man 
bedarf dazu nur etwas ruhiger Überlegung und etwas historischer Kritik, 
zweier Dinge, die Levis Untersuchungen leider vermissen lassen. 



' Ninikta II, I. 



Ausgegeben am 16. Februar. 



Beilin. gt-anickt in der Reichsdruckei 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEfflE DER WISSENSCHAFTEN. 



vni. 



16. Februar 1905. 



BERLIN 1905. 

VERLAG DER KÖNIGUCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN, 

IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 




Auszug aus dem Reglement für die ßedaction der »Sitzungsbericlite«. 



§1- 

2. Diese erscheinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Octiv roKelninssig: Domiersfass acht Tagre nach 
jeder Sitzung. Die sämmtliclien zu einem Kalender- 
jahr gcliörigen Stücke bilden vorläufig einen Band mit 
Cortlaulcnder Paginirung. Die einzelnen Stücke erlialten 
ausscrtlem eine durch den Rand ohne Untersclücd der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende rnniischc Ordnungs- 
nunimcr, und zwar die Berichte ülier Sitzungen der physi- 
kaliscli -mathematischen Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen der pliilosophisch -historischen Classe ungerade 
Nuniniorn. 

§2. 

1. Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Übersicht über 
flic in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. D.arauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftliclien Arbeiten, mid zwar in der 
Kegel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
(Iruckfertig übergebenen, dann die, welche in früheren 
Sitzungen mitgetlieilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. Mittheilungen, 
welche nicht in den Berichten und Abhandlungen er- 
scheinen, sind durch ein Sternchen (*) bezeichnet. 

Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secret-ir zusammen, welclier d.aiin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secretor fiihrt ilie Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftlichen Arbeiten. 

§6. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
theilung in die Sitzungsberichte gelten neben §41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
niclit übersteigen. Mittlieilungen von Verf.issern , welche 
der Akademie nicht angehören, sind auf die Hälfte dieses 
Umfanges beschräidct. Üljerschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Gesammt-Aka- 
demie oder der betreffenden Chasse statthaft. 

3. Abgesehen von einfaciien in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildimgen auf dmehaus 
Nothwendiges beschränkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird ei*st begonnen, wenn die Stöcke der in den 
Text einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind und von 
beson<Iers beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefert ist. 

§7. 

1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Mittheilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
g.abe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 
unr auszugsweise oder .^uc)i in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittlieilung diese anderweit früher zu ver- 



öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedarf er d.azu der Ein- 
willigung der Gesammt- Akademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 
5. Auswärts werden Correcturen nur auf besonderes 
Verlangen verschickt. Die Verlasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer Mittheilungen nach acht Tagen. 

§11- 

1. Der Verfasser einer ujiter den »Wissenschaftlichen 
INIittheilungen' abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonderabdrücke mit einem Umschlag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahreszahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, danuiter der 
Titel der Jüttbeilmig und der Name des Verfassers stehen, 

2. Bei Mittheilujigen , die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Einem Verfasser, welcher Mitglied der Akademie 
ist, steht es frei, auf Kosten der Ak.ademie weitere gleiche 
Sonderabdriicke bis zur Zahl von noch hundert, und 
auf seine Kosten noch weitere bis zur Zahl von zwei- 
hundert {im ganzen also 350) zu tmentgeltlichcr Ver- 
theilung abzielien zu lassen, sofern er diess rechtzeitig 
dem redigirenden Sccretar angezeigt hat; wünscht er auf 
seine Kosten noch mehr Abdrücke zur Vertheilung zu 
erhalten , so bedarf es der Genehmigung der Gesanunt- 
Akademie oder der beti-effenden Classe. — Nichtmitglieder 
erhalten 50 Freiesempl,ai-e und dürfen nach rechtzeitiger 
Anzeige bei dem redigirenden Secretai' weitere 200 Exem- 
plaie auf ihre Kosten abziehen lassen. 

§ 28. 

1. Jede zur Aufnahme in die Sitzimgsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Niclitmitglieder, haben hierzu dieVermittelung eines ihrem 
Fache angcliörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen auswäi-tiger oder corrc- 
spondirender Mitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen, so hat sie der Vorsitzende 
SecrettOi* selber oder durch ein anderes Jlitglied zum 
Vortrage zubringen. Jlittheilungen, deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören, hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Blitgliede zu überweisen. 

[Aus Stat. §41,2. — Für die Aufnahme bedarf es 
einer ausdrücklichen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Classen. Ein darauf gerichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmimg gebracht werden.] 

§ 29. 
1. Der re\idirende Secretar ist für den Inhalt des 
geschäftlichen Theils der Sitzimgsberichte, jedoch nicht 
für die d.arin aufgenommenen kurzen Inhalts.angaben der 
gelesenen Abhamllungen verantwortlich. Für diese wie 
für alle übrigen TJieilc der Sitzungsberichte sind 
nach jeder llichtung nur die Verfasser verant- 
wortlich. 



Die Akademie verwendet ihre 'Sihunij.sherichten an diejenigen Stellen, mit denen sie im Schriflverkehr steht, 
irufern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich: 
ilie Stücke von Januar ii.v April in der ersten Haltte des Monats Mai, 
' Mai iiv Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 
• ■ October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers. 




249 

SITZUNGSBERICHTE i905. 

vm. 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCIIEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

16. Februar. Gesammtsitzuiig. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyer. 

1. Hr. Erman sprach über die «Horuskinder«, die nach ägyp- 
tischem Ghiiibeii die Toten vor Hunger und Durst schützten. Sie 
gehören ursprünglich in die Sage des Osiris und waren erschaffen, 
um diesen im Tode zu schützen; nachträglich sind sie auch unter 
die Sternbilder des nördlichen Himmels aufgenommen worden. 

2. Hr. CoNZE machte Mittheilung über die Ergebnisse der Aus- 
grabungen des Kaiserlichen Archäologischen Instituts in Pergamon im 
September bis November 1904. Der genauere vorläufige Bericht wird, 
zusammen mit dem ül)er die Fortschritte der Untersuchung im laufen- 
den Jahre, in den Athenischen Mittheilungen des Instituts, Jahrgang 
1906, erscheinen. 

3. Hr. AuwERs überreichte die seine in den Jahren 1869 — 1874 
angestellten Zonenbeobachtungen enthaltenden Bände II und III der 
Zweiten Serie der Astronomischen Beobachtungen auf der Königlichen 
Sternwarte zu Berlin. (Band II: Zonen; Band III: Einzelörter für 1875, 
Berlin 1904.) 

4. Die Akademie hat durch die physikalisch -mathematische Classe 
zur Anschaffung von 16 Declinatorien zum Behuf einer specielleren 
magnetischen Landesvermessung im Anschluss an die topographischen 
Arbeiten der Königlichen Landesaufnahme 5000 Mark bewilligt. 



SitzuiiKsberichte 1905. 23 



250 Gesanimtsitzimg vom Ki. Februar 1905. — Mittheilung vom 2. Fel.ninr. 



Über die aus der Variation der mehrfachen Integrale 

entspringenden partiellen Differentialgleichungen 

der allgemeinen Mechanik. 

Von Leo Koenigsberger. 



(Vorgelegt am 2. Februar 1905 [s. oben S. 157]. 



L)le Frage, welche partiellen Difterentialgleichungen der matbemati- 
sclien Physik eine mecliani.sche Deutung in dem Sinne gestatten, dass 
sie als erweiterte LAGRANGE'sche partielle Ditlerentialgleichungen oder 
als Lösungen des erweiterten HAMiLxoN'schen Princips sich darstellen 
lassen, findet ihre Erledigung in der Aufstellung der nothwendigen 
und hinreichenden Bedingungen für die Existenz eines kinetischen Po- 
tentials für einen oder uielirere gegebene, aus einer beliebigen Anzahl 
von Parametern und deren partiellen Difterentialquotienten irgend wel- 
cher Ordnung zusammengesetzte Ausdrücke, und erst nach Beantwor- 
tung dieser Frage wird sich entscheiden lassen, für welche der in den 
Anwendungen auftretenden partiellen Differentialgleichungen die erwei- 
terten mechanischen Principien, wenigstens noch in gewissem Umfange 
und in näher zu präcisirender Form, ihre Gültigkeit behalten werden. 

Die Existenzfrage des kinetischen Potentials ist in der neueren 
Zeit mehriach in Angriff genommen worden': für den vorliegenden 
Zweck genügt es, die einfachsten Fcälle in unmittelbar anwendbarer 
Form zu behandeln. 

Gehen wir zunächst von einer partiellen Differentialgleichung zwei- 
ter Ordnung mit einer abhängigen Variabein p und zwei unabhängi- 
gen Veränderlichen t^ und t^ aus, welche, wenn 



' A. Hirsch, Über eine charakteristisclie Eigenscliaft der Differentialgleichungen 
der Variationsrechnung. Math. Annalen Bd. 49. VV. Hkrtz, Über partielle Differential- 
gleichungen, die in dei' X'ariationsrechiuing vorkonunen. Inaugural- Dissertation . der 
Universität zu Kiel vorgelegt. Josef Kürschak. ITber eine ciiarakteristische Eigen- 
scliaft der DiffeientialgieichuM"en dei' X'ariatioiisreclinMng. INIath. AiUKilcn Bd. 60. 



Koknigsherger: Die [)arti(!llen Diflereiitiulgleic.luingen d. allgem. Mechanik. 251 

gesetzt wird, durch 

(i) N = F{t, , t, , p , j/-\ p^'\ p^''\ p^-'\ p^"^) — o 

dargestellt sein mag, so sollen zunächst die nothwendigen Bedingungen 
fiir N, als Function der in F enthaltenen Grössen aufgefasst, dafür 
gefunden werden, dass die Gleichung (i) sich als die Lösung des 
erweiterten HAMiLTON'schen Princips 

(2) ^i [.Hdt^dt, = o 

*° K 

ergiebt, worin das kinetische Potential 7/eine Function von t,, t^,p,p^'\p^'^ 
ist, und die Variation von p an den Grenzen des {t, , /j)-Gebietes ver- 
schwindet, also mit der erweiterten LACRANGE'schen partiellen Diffe- 
rentialgleichung 

_dH d dH d dH _ 
'•^' ~lp~^df, W'^df^ dp^ ~ ° 

oder 

(4) — ICT-* 



dp 3^<-) dt, 8i>c) dp^ 3;j<^' 3^, 

p(2)_| _j5("l_j_2 p^' 



.(^=) 



identiscli wird. 

Da N hiernach eine in den zweiten partiellen Differentialquotienten 
lineare Finiction von der Form sein wird 

-+-f^{t,,t,,p,p^'\p^^^)p^"^+f{i,,h,p,p^-\p^'^), 

.so werden sich durch Vergleidiung mit (4) die für das gesuchte ki- 
netische Potential H nothwendig zu befriedigenden Bezieliungen er- 
geben 

(6) i^ = /- J^IE =f l^ = f 

und 

'^^ -^ ~ 'dp~^d^^'di,~^dp^''dp^' "^V^'^s^w^^ ' 

und aus diesen, wie immittelbar zu sehen, die von /, , /^ , /j , / noth- 
wendig identisch zu erfüllenden Bedingungsgleichungen 

23* 



252 Gesanimtsitzung vom 16. Februar 1905. — Mittheilung vom 2. Februar 



(9) 



und 



9|>*'* 3^, dp 



p- 



9/, 



ipP' 



Jf 



dt. 



9/. 
dp 



8/3 

dt 



l^ 



woraus folgt, dass eine partielle Differentialgleichung erster 
Ordnung nie aus dem HAMiLxoN'schen Princip mit einem 
kinetischen Potential o'" oder i'" Ordnung sich ergeben 
kann. 

Nun ist aber auch leicht zu sehen, dass die Bedingungen (8) 
und (9) hinreichend dafür sind, dass sich eine Function H angeben 
lässt, welche den Gleichungen (6) und (7) Genüge leistet. Denn, da 
aus den beiden ersten Gleichungen (6) vermöge (8) 



dH r 



f- 



aus den beiden letzten von (6) 



(II) 



df 



f^- 



d 

df- 



3j5*' 



/.'V" 



fjr 



r/;y=' + w,(/, , t, p) , 



d/^^'-l- «,{/,, t, p) 



folgt, so ergiebt sich zunächst für H der Ausdruck 



(12) 



H = 



/¥-' 



•^-äyW^'^"' 



L— 



dp^') UpW 



7.¥'^ 



dp^'^dp^'^ 



+ o), {t, , 4 , p)p^'^ -h w, {t, , 4 , p)p^''^ -\-<jo{t,,t^, p) , 

worin cd, , w^ , co beliebige Functionen von (^, t^, p bedeuten. Da aber 
dann die Gleichungen {9) in die Form gesetzt werden können 

df d f dH d^H ,, d'H . d^H ,, d^H 

dp^'^dp 
,., d'H 

dp ' dp^'^di,''-^ dp^'^dp^ dp^^^di^^^ dp^'^dp 



(13) 



a^jC) 



9pW 
df __3_ 

so folgt, dass 

:i4) /= 



_,_yi) 



dp 8pW 3^ ^'' 9;jW dp ^ dp^^ dt 
dH d^H ,, d'H d'H 



u-*-r 



d'H 



d'H 



d^H 



d'H 



dp "^ 3^<-' 3^ "^^ ' 3j9C) dp '*' dp^^^ dt'^P^ 3;y^) dp "^ "' *'■ ' ^' 

ist, und es wird somit nur noch darauf ankommen, die in dem Aus- 
drucke (12) für H unbestimmt gebliebenen Functionen w, , w^, w so zu 
bestimmen, dass der Gleichung (7) gemäss Q. = o wird. Setzt man 
aber den aus (12) für w, = w^ = w = o sich ergebenden Werth von 
// gleich H, , und sei der vorgelegten Function / gemäss 



P) 



KoKNiGsiu-.RGER : Die iiartiellen nifrerentialgleicljuiigen cL allgein. Mecliaiiik. 25B 

so werden in dem Ausdrucke 

H =z H,-hu),(t,, t,,p)p^'^-hüü^(t,, t,,p)p^'^-^üo{t,, t,,p) 

die Functionen u)^,w^,u} der Bedingung zu unterwerfen sein, dass 
durch Einsetzen des aus (i6) entnommenen Werthes 

in (15) der Gleichung (7) Genüge geleistet wird ; man sieht unmittelbar, 
dass die l)ezeichnete Substitution auf die Gleichung 

8ü), du), du) 

führt, und wird somit den gestellten Bedingungen am einfaclisten ge- 
nügen können , wenn man 

o), = o , u)^= o , u) = — \ ü,{t,, t^, p)dp 

setzt. Wir finden somit, 

dass die nothwendigen und hinreichenden Bedingungen 
dafür, dass eine partielle Differentialgleichung 

N = F{t, , t, ,p,p^'\ p^'\ p^"\ p^''\ y=^') = o 

eine aus dem erweiterten H AMiLXON'schen Princip entsprin- 
gende LAGRANGE'sche partielle Differentialgleichung ist, 
oder dass für den Ausdruck N ein kinetisches Potential 
existirt, erfordern, dass diese Differentialgleichung eine 
in den zweiten partiellen Differentialquotienten lineare 
von der Form ist: 

N=f,{t,, t,,p,p^'\p^'^)p^"^-i-2f,(t,, t,,p,p^'\p^'^)p^''^ 

+f^{t, , 4 , p,p^'\ p''^)p^''^+f{t., k , P,P^'\ p'^') , 

in welcher die Functionen /, ,/2,/3,/den Bedingungen unter- 
liegen: 

df^_df^ s/. _ 9/3 

9^(3) - gyr) . 9^,3) - 9^0 

9;><" ~ a<. 3p^ 84 ^ dpP ' 8p(^' 3^ dpP 34 3^^ ' 

und zwar ist dann das zugehörige kinetische Potential H, 
für welches die vorgelegte partielle Differentialgleichung 
in die LAGRANGE'sche Gleichung 

_dH d dH d dH _ 

~l)p H^dpF' 'd[^dp^~ 



254 Gesainiiitsit/.iing vom IG. l'etiiiiiir 1905. — Mittlieiliing vom 2. Februar. 
Überführbar ist, durch den Ausdruck gegeben 



H,= 



/.<¥" 



l 
V^) 



dp^'>'dp^'^ 




/.-Spr, !/.*'■' 



rfpWU/ 



und die nur von t,,t^,p abhängigen Functionen w,,w,,w der 
Bedingung unterworfen sind 

So wird z. B. die lineare partielle Diflerentialgleichung zweiter 
Ordnung 

für welche 

/ = 2<J^% /. = i^> /j = 60^P*''. 

den Bedingungsgleichungen (8) und (9) identisch genügen, den obigen 
Gleichungen gemäss für H^ den Werth liefern 

H, = t,p'p^'^''-{-pp^'''p^'^-i-t^pp^'^^f 

und somit, wie unmittelbar zu sehen, die Beziehung zwischen w^, w^ 
und u) in 

du), du)^ du) 



übergehen, welcher man durch 



ü), = ü), = O, W = 



tXp* 
4 



genügen kann, so dass die vorgelegte Diiferentialgleichung für 

4 
in die LAüRANGEsche Form 

_3ä; d dH d dH _ 
^ df, dp^'> dt, V^ "~ 
übergeführt wird. 

Es mag noch bemerkt werden, dass man den Bedingungen (8) 
und (9) für den aus den Diflferentialquotienten zusammengesetzten Aus- 
druck N auch die Form geben kann 



KiiKNHisiiKnRKR: [)ie ]),irliellfii r)ifTpirMti;il|j;lcicliiinn;('n d. allf;('iii. Mpclianik. 25o 

dN _ d dN _d dN _ 

Für die in den Anwendungen häufig sirli ergebenden linearen 
partiellen Differentialgleichungen zweiter Ordnung, welclie t, und t^ 
nicht explicite enthalten, und in denen die Coefficienten der zweiten 
Differentialquotienten nur von p abhängen oder auch Constanten sind, 
welche also die Form haben 

(18) fAp)p^"'-h2fAp)p'"'-^f,{p)p''''-\-f(p,p"\fn = o, 
werden die Bedingungen (9) in 

übergehen und somit für /(;7, p'"', ^"*) die Form verlangen 

(19) / = //(;,) •?'^" +/;(p);y^y=> +/;(p) ^-^ - +<p(p), 

worin ip{p) eine Avillkürliche Function von p bedeutet, so dass die, 
und nur die in (18) enthaltenen linearen Differentialglei- 
chungen 

(20) Mp)p"" + 2fAp)p''''+f,{p)p''''+f'Ap)^ 



•./I(p)p'"y -^fi(p) ^ -^(p{p) = o, 



in denen fAp),fAp)->f^{p)^'p{p) beliebige Functionen von p be- 
deuten, die LAGEANGE'sche Form besitzen 

_3jy d 'm ±^i^_ 
~^~^dt, dp^^~^df, 3^ ~~ °' 

worin das kinetische Potential die Gestalt hat: 

(21) H = fAp)^ +fAp)p'''p''' +Mp) ^l — ^<\Ap)dp. 

Sollen die Coefficienten Constanten sein, so sind es nur 
die in der Form 

(22) «,/)*"'+ 2 o-jy^^ + öj/j'"' -!-(/)(/?) = 

enthaltenen Differentialgleichungen, für welche dann das 
kinetische Potential durch den Ausdruck 



256 Gesaiiiiiitsit/.ung vom 16. Feliniiir 1905. — Mittlieilung vom 2. Februar. 



(23) H = a, ha,i9"y'' + «3 

2 2 



—jfip)dp 



gegeben ist. Diejenigen partiellen Differentialgleichungen 
der mathematisciien Physik, welche in den zweiten Ab- 
leitungen linear mit constanten Coefficienten sind, dürfen 
also die ersten partiellen Differentialquotienten nicht ent- 
halten, wenn sie aus dem erweiterten HAMiLTON'schen Prin- 
cip für ein kinetisches Potential erster Ordnung herleitbar 
sein sollen. 

Was das durch die Gleichung 

ausgedrückte Energieprinciji', in welchem das kinetische Potential H 
die unabhängigen Variabein /, und t^ nicht explicite enthalten darf, 
für die Differentialgleichung (20) betrifft, so existirt, wie ich nach- 
gewiesen habe, ein solches für alle Integrale derselben, welche als 
Functionen von f^-+-oci^, worin x eine beliebige Constante ist, aus- 
drückbar sind, und welche hier, wie man leicht durch Substitution von 

du 
t,-i-oct^^ t, p = q,p^''' = —- = g'',y^'= ocq' , ;/"*= q" , p^"^ = aq" , p*"* = oCq' 

sieht, sich in der Form darstellen 



(.5) !^±M!|±imrf,=,^„,^ß, 

j y—2f<p{p)dp-\-C 

worin ci,,fi,c willkürliche Constanten bedeuten. In der That sieht 
man unmittelbar durch Einsetzen des Werthes des kinetischen Po- 
tentials (21) in (24), dass die linke Seite für alle durch (25) dar- 
gestellten Integrale der DilTerentialgleiehung (20) in eine Constante 

übergeht, welche für h den Werth — c liefert, und das Energieprhicip 

sich demnach in der Gestalt ergiebt 

(26) fAp)^~+fAp)p"'p'''+f,ip)^+\f(p)dp = -; 
2 2 J 2 

sind die Coefficienten der zweiten Diflerentialquotienten Constanten, 
hat die Differentialgleichung somit die Form {22), so geht das Energie- 
princip in 



' Ich verweise auf meine im December 1904 in den Sitzungsber. d. Beil. Akad. 
d. Wiss. veröfFentlichte Arbeit ..Das Energieprineip fiir kinetische Potentiale beliebiger 
Oi-dniing iiiul einer l)eliel)igen Anzahl abhängiger und unabhängiger Variabeln». 



KoKNinsi!KH(;icR : Die pai'titilleii Difl'croiiti;ilj;l<;i(,-huiigeii d. allfi(Mii. Mi^cliaiilk. 257 



n(')' «(=) 



a,/- hfl, ,»*■'/)''' + «„ \-\(l)[p)dp = — 

2 ' 2 . 2 



über. 

Nacli den in der obenerwähnten Arbeit gegebenen Au.seinander- 
setzungen werden ferner dann und nur dann alle Integrale des Ener- 
gieprincips (26) der LAGRANGE'sehen Difterentialgleichung (20) genügen, 
wenn für das Idnetische Potential H die Bedingung 

oder nach (30) 

(27) fApY-Mp)Mp) = o 

identisch erfüllt ist. In der That erhält man durch Diflerentiation 
von (26) nacli t, und t^, Multiplication mit fA'P) 'I'k^ /^{p)^ und Ad- 
dition der so entstehenden Gleichungen unter Berücksichtigung von 
(27) zunächst die Beziehung 

(28) {A(p)p^''+Aip)p^'^) (/■.(P)P<'"+ 2Up)p<-^+Up)p^-^+f:(p) ^ 

+/:(p);><V^'-t-/3'(;9)^^'-)=o; 
wird mm für ein Integral des Energieprincips 

(29) fAp)p^'^+fAp)p^'^ = o, 

so würde sich p, wie aus (26) unmittelbar zu ersehen, nacii (27) 
als eine Constante ergeben, und ist (29) identisch befriedigt, also 
f^(p)=f^{p)^o, so liefert das Energieprincip 



Up) 2 +J'/'(p)^;' = 



durch Ditlerentiation nach t^ 

Mp)P^''^+,K{p)-^ + ^p(p) = 0, 

also die für diesen Fall gültige LAGRANGE'sche Gleichung (20). Säninit- 
liche Integrale des Energieprinci[)s, welches sich in die Form setzen 
lässt 

()//,>'> + VÄP^'y + 2j(/, ip) dp = r 
oder für den Fall constanter Coefficienten in 

(l/fl',,p<'* + 1/(72,^'*)"' -h 2\(p(p)dp = c, 
genügen somit der LAGRANGE'schen partiellen Difterentialgleichung. 



258 Gesaiiinitsit/.iinf;- vniii 16. P'ehniar 1905. — Mittlieiliing vom 2. Februar. 

Um zu untersuchen, welche partiellen Differentialgleichungen 
zweiter Ordnung aus dem erweiterten HAMiLxoN'schen Princip sich 
herleiten lassen, hatten wir zunächst diese Frage für kinetische Po- 
tentiale erster Ordnung erörtert und die Form aller hierher gehörigen 
Differentialgleichungen festgestellt; doch bedarf das Resultat einer 
wesentlichen Ergänzung. Wenn das kinetische Potential H von der 
zweiten Ordnung, also eine Function der Grössen t,, t^, p, p^^\ p^'K, 
p<"', j9'"\ ^7'"* ist , so wird im allgemeinen die zugehörige LAGEANGE'sche 
partielle Differentialgleichung 

dH d dH d 2H d' dH d' dH d' dH 



(30) -ä-„--:^5iT7T-:^!üjiy + : 



dp dt.dp^'^ dt^dp^'^ dt]dp^''^ dl.dt^dp^''^ dtldp^'^^ 

von der vierten Ordnung sein, aber man überzeugt sich leicht, dass 
in dem Falle, in welchem H in den zweiten partiellen Differential- 
quotienten von j7 linear i.st, diese Differentialgleichung sich wiederum 
auf eine zweiter Ordnung reducirt, und es muss daher dieser Fall 
noch näher untersucht werden , um alle Differentialgleichungen zweiter 
Ordnung der mathematischen Physik aufstellen zu können, welche in 
dem erweiterten Sinne eine mechanische Deutung zulassen. 

Ist nämlich das, der Kürze halber von den Variabein i, und 4 
unabhängig angenommene, kinetische Potential von der Form 

(31) H =f,{p,p^'\ ^'^')J9<"> -\-2fAp,p^'\ p^"^)p^"^ +/3 (p , p<", jP''>) j9'"> +f{p ,p^'\ p^ 

so gellt die zugehörige LAGRANGE'sche Differentialgleichung (30), wie 
eine leichte Rechnung zeigt, in 



(32) ( — '-^—p ^^+F — W 2^^ ]p' 

,3/»*'* ?jf.>'''d^ 8y''8p 3^<''3p dp 

sy (0 9!/; u) H ^% 3/3 \ ,. 

^+pW -^ ^W -11 2 ~ 2^^ IjO* 

8^*'' 9^*'' 8^ 8p''* 3p dp^'^dp dpj 



V' 8p")^ 8p<"8p(') 



\ (p(.-y-)_y")=) 



dp^P 8p3;y-)^^ 3p 3p'') P 3p' ^P P df P V'- 

über, und es wird somit, wenn ein aus den ersten und zweiten par- 
tiellen Differentialquotienten zusammengesetzter Ausdruck N ein durch 
die Form (31) gegebenes kinetisches Potential besitzen, oder die Diffe- 
rentialgleichung i\'= o eine Lagrange'scIic Differentialgleichung für ein 
so beschaffenes H sein .soll, N die Form haben 



K(ii:Mn,si!i:R(iER: Die partiellen nifferenti;il;;leicliui)i;eii d. all,u;eiii. Mecliaiiik. 259 

-hF,(p. p^'\ ;?'=') (p*-y"' — p''^'') + F{p , p<", p(^>) , 
wülireiid sich die 4 Functionen 

/AP, p^'\ p*'') • fAp,P^'\ y^>) , Aip. p^'K /''=') , Ap,p^'\ ;'•'') 

so bestimmen lassen müssen, dass der Gleichung (32) gemäss die Be- 
ziehungen 

(34) ^•'-- — j3*'' , — — + j3*'' -^'^ 2J9''> ^i^^ 2 --- = i^, 

8j9*'' dp'''^dp dp^^^dp dp^'''dp dp 

Bp'"'* 8p''' 3p 3p'^'3p 3p''' 3p 3p 

9y. 3y. 973 

^^' 3p'^'' 3p'" 3^5'=' 3pc>' 

*^ ' 8p ^^ 3p<"8p^^ 8p<^'8p -^ 8p' ^^ 8p' '' 8p' 

identiscJi befriedigt werden. 

Differentiirt man nun (38) nacli p''*, so dass sich 

m 37 „, 37 „,37 ,3>3'/; ,,. 8y. 

(39) p'"' ; hp''' -^^^ 2p''' -^^ — 2p''' -•— — p'"' ^^-^ 

8p'''^3^ 3p''' 3p''' 3p 8p' 3p' 8p^3p''' 

^ ^ 3p^3p"' -^ 8p=8p"' 8p'" 

ergiel)t, und addirt die nach p difi'erentiirten und mit p''*, bez. p'" 
multiplicirten Gleichungen (34) und (35). woraus die Beziehung 

u, 3y ,. 8y ,,.. 3y. ,., ,. 83/: 



(40) r';r-^+p"' ,^^ -,^^^ r' v7;tVt-2F^'' 



8p'''''8p 8p''' 3p*'' 3p 8p''' 3p' 3p''' 3p' 

8p''* 8p' 3p' 8p' 8p 3p 

folgt, so erhält man aus (39) und (40) die nothwendig zu erfüllende 
Bedingung 

und ebenso durch Differentiation von (38) nach />''', ferner durch Addi- 
tion der nach p differentiirten uiul mit //'', bez. p"' multiplicirten 
Gleichungen (35) und (36), 



260 GesammtsiUung vom 16. Februar 1905. — Mittlieilung vom 2. Februar. 

Diflerentiirt man endlich (34) nach j?''* und (35) nach p^'\ so er- 
hält man 

8^. _ 9'/ ,.., 3'/^ ._ 9!/-' ^pi, 3'/ 



3y''3^ 3p*''3y^>8p dpdp 



(^) 



3|y'' 3y'*'3^^ 3^'^'3j) dp"'' dp'-"'' dp 3y'''3j3 3p<''3j5 

und durch Subtraction vermöge (37) 

dF, _ dF, _ („ J^ 
^4^' "3^ l^~-^'~3^' 

und ähnlich aus (35) und (36) die Beziehung 

^ ^ dF, dF, (,, 3F. 

(44) -^Jr-''^-zj^=P''- 



Um nun zu ermitteln , welche in den zweiten Differentialquotienten 
linearen partiellen Differentialgleichungen zweiter Ordnung ein kine- 
tisches Potential zweiter Ordnung besitzen , haben wir i^^ = o zu setzen, 
und sehen unmittelbar, dass die Bedingungsgleichungen (43) und (44) 
mit den Gleichungen (8), die Beziehungen (41) und (42) mit (9) zu- 
sammenfallen, wenn dort /, und /, von t^ und 4 unabhängig voraus- 
gesetzt werden, so dass andere Fälle als die oben für ein kinetisches 
Potential erster Ordnung aufgestellten sich auch hier nicht für ein 
kinetisches Potential zweiter Ordnung ergeben, wenn nicht die partielle 
Differentialgleichung zweiter Ordnung noch den Posten 2'*"*_p'"' — />'"'^ 
enthalten soll. 

Die linearen partiellen Differentialgleichungen zweiter 
Ordnung werden also dann und nur dann aus dem erweiter- 
ten HAMiLTON'schen Princip entspringen oder eine Lagrange- 
sche partielle Differentialgleichung für ein kinetisches Po- 
tential irgend welcher Ordnung darstellen, wenn sie von der 
Form sind 

/. {t,,k,p, p"' , p^'')p"" -+- 2/; {t, ,t,,p, p'" , jy'><"» 

+./; (/, ,/,,;;, ^*" , ^">);j<"' +f[t, ,t,,p, ^y , p^'^) = o , 
worin f, . f^, f^. f den Bedingungen unterliegen 



Koenigsberger: Die partiellen Diflereiitiülgleicliiingeii d. ;illgein. Mechanik. 201 



(45) 



3/ 


3/. 3/. 3/3 


3p<^> 


~ 3p<'> ' 3p<=' ~ 3p<'» 


3/ 

3pw ~ 


3/. +^' 3p + 34 ^^ 3p 


3/ 

3p<^> ~ 


dt, ^^ dp ^ 34 ^ 3p 



und es wird das zugehöri^'e kinetische Potential in allen 
Fällen von der ersten oder linear von der zweiten Ordnung- 
gewählt werden können. 

Um die Existenzbedingungen eines allgemeinen kinetischen Po- 
tentials zweiter Ordninig aufzustellen, oder die Frage zu beantworten, 
unter welchen Bedingungen eine partielle Difl'erentialgleichung dritter 
oder vierter Ordnung sich auf die Form 

dH _ d dH _ d dH d' dH cf dH d' 3g 

l)p dt, 3p<" ~ rf4 3p<^» "^ ~df\ Ip^ "^ ~di^^ lp(^ "^ 'dt: Ij^ 
reduciren lässt, wenn das kinetische Potential 

-H"(4, , L,P, P^'^ , y , P*"' , p'"' , p("') 
von der zweiten Ordnung ist, werde zunächst bemerkt, dass sich der Glei- 
clumg (45) gemäss die Differentialgleichung in die Form setzen lassen muss 

(46) N = fy^ +/,p'^" +/3p'-> +/,p"^' +/,p(-> -*- c;..^^")^ + </,,p(->^ 

-4- 4/,p<"y "> -4- •^/jP*'"^'"'* + ^'öp'^y"'' + c<j,p<3o) _^ j^^^(3i) 

+ ÜJjP'"* + W^p*°^' + 0) =: O , 

worin hier der Kürze halber, abweichend von den früheren Bezeich- 
nungen, welche mit Rücksicht auf mehr als zwei unabhängige Variable 
gewählt worden, 

dt-dif ~P 

gesetzt ist, und die Functionen/, cp , 4^ , w von t, , f, , p , p^'°'' , p^°'\ 
p(M , p<"' , p<°=') abhängen. 

Durch Vergleichung von (45) und (46) ergeben sich zunächst die 
Beziehungen 

(47) f, = , /, =: 2 , /j = 2 1 -, 

^^ dm dm 

33ii dm dm 

(48) (/), = , </J. = 2 rH -, 

^' ^ 3p<^°)^^ 3p<^°*3p("> 3p<°=>3p(^°)^ 

S^iZ" 3^if 3'il 

-♦-2 ; , <*. = 



9^(-)2^(o=)' 3p<'"'3p(°^' ' 3/ 



262 Gesainiiitsit/.uiig vom 16. Februar 1905. — Mittheiluug vom 2. Februar. 

dm , dm dm 

^. = 3 ^ - -.. ,-. ' V. = 2 ^ . ,_ . . + 



, , dm , dm dm 

(49) (^3 = ^ („.n ,„,,. ,,„. ' ^4 = 5 . ..-..-. . + 



3j9'"' 9^'°''' 3^9*' 



3^(-)3^(")3p(o.) 3^y.x)- 



8'7j dm , B^i? 

Vs = 2 , ,..,,^ ,,_. + ^ ,..,.^ ,„., . V6 = 3- 



oder, wie unmittelbar zu sehen, 



8^'"*8p'°' 



(50) 



(51) f/'. 

und 






3p(") ~ 3;>(^°) ^ 3p(°^> ' 3^9«°^' "■ 3jo(^°> ' 

3/, __3/;_ J/L _ ^ i^4_ _ 3/5 

3p(-) ' «^^ - 3^(..) + 3^yo.) ' l', - 3^-) +-3^(-) > '/'4 - 3^(0., 



. , 3/. , 3/3 , . 3/3 



, _ 3/3 _^ 3 3/. j, _ 3/3 , _ ^ 3/s 

vvälirend to, , w^ , uo^, w^ durch die Gleichungen bestimmt sind 

\3/, 3j9^ 3/»*'°'-^ 3jj*°'>^ 

x/3/= 3/, , , 3/; ,,, 3/, , , 

3y; 3/; , , 3/; , , 3/; , , 

vi, öj) dp'' ' i'p^ ' 



(5: 



3/, 3;.^ ^3y-'^ ^3/°"^ 



= (|-|'""'-|^'^'"'-|^-'"') 



■d-l^- 



3/. .,.. . 3/, 



7br"-4 



3;)"°>^ 3^*°-) 



r3/'s 3/; , , 3/, , , 3/; ,„, 



34 "" 3;? '^ "" 3;/->-^ ^ 3;/-> ^ 



^'V34^3^^ ^3;;<-)-^ ^dp^-^P 
und, nhnlicli wie in (14), wenn zur Abkürzung 



Koenigsiiebgkr: Die paitiellen DitVerenti.ilf^leicliiingeii d. iiUgeiii. Mcclianik. 2().) 



d^H 



•P" 



d'-H 



i(^°) _ 



d^H 



(54) 









^ +;>'"> .-^.^~=L, 









-pV 



dp^'^^dp' 






-jP*' 






gesetzt wird, w durch den Ausdruck gegeben ist 



= X, 



(55) . = -^ + y.o)^ + y^o).^_^_^. 






■/' 



(20) 



dH 



■P 



,(■■) 



az, 8z, 



3j9 3j9*'°'8^, 

— 1^ 



c)^i7 , . d'H 

p 



(o.) 



3i>, 



3A 

3if, ^ 
9i 



(.0) 



9Z, 






l(>o) 



(o.)_ 



9=il 



äp öp 

(.0) a^^ 



(>■) 






•i^ 



9;>(°" 
9=F 



(o=) 



Nun ergiebt sieJi aus den beiden ersten und letzten der Gleichungen 
(47) mit Hülfe von (50) 



4I>=/^.*"-'- 



/.■ 



A¥- 



(50) 



|)=v/y:^^^- 



37^ 

3iJ 

3p<°^ 



=v ./;^"-' 









P'' 



■i\ip^'''Kp,P^'°Kp^°% 



worin die Functionen O, , i\, i1^, welche jede nur je einen der 
zweiten Diflerentialquotienten entlialten , wie sogleich näher erörtert 
werden soll, durch die Bedingungen der Integrabilität und durch die 
vermöge der Beziehungen (50) stets erfüllbare dritte der Gleichungen (47) 



(57) 



/3 = 2 



d'H 



d^H 



ay-)9^,M 3^..)^ 



bestimmt sind. Da nun vermöge eben dieser Beziehungen die rechten 
Seiten der Gleichungen (56) der Bedingung der Integrabilität ge- 
nügen, so wird sich hieraus wieder der Werth des kinetischen Po- 
tentials durch Quadraturen ergeben , für welche die hinzutretenden 
willkürlichen Functionen von t,, t^, p, ^*'°', /»*°'*, genau wie oben für 
kinetische Potentiale erster Ordnung, den Bedingungen (51), (52), (53) 
und (55) gemäss bestimmt werden. 

Es folgt wiederum unmittelbar, dass, weil für /, = f^ ^/s =./4 
= /\ = o vermöge (51), (52) und (53) auch sämmtliche ^ , \t- und w. 



264 Gesamiiitsitzung vom 10. Februar 1905. • — Mittheilung vom 2. Februar. 

verschwinden, eine partielle Differentialgleichung dritter Ord- 
nung nie aus dem HAMiLTON'schen Princip für ein kinetisches 
Potential zweiter Ordnung sich ergeben- kann. 

Für den Fall, dass wieder die Coefficienten der vierten partiellen 
Ableitungen in der Differentialgleichung (46) nur von p abhängen sollen, 
sind für beliebige Functionen dieses Parameters die Bedingungsgleichun- 
gen (50) von selbst erfüllt, und während in Folge der Gleichungen (51) 
und (52) die sämmtlichen (/>- und %//- Functionen verschwinden, werden 
sich für die w,- Functionen die Werthe ergeben 

t^. = 2f^iP)P^'°^ ■+■ { fl{p)P°\ t^. = 7 fUp)P^'°^ +fi{P)P^°'^ 

<^,=f:ip)p''°'+i-f:ip)p'"\ "*. = 2f:{p)p'-^+{f:ip)p^-'. 

Das kinetische Potential, welches wiederum die unabhängigen Variabein 
t, und 4 nicht explicite enthalten soll, wird in diesem Falle den Glei- 
chungen (56) gemäss durch die Beziehungen bedingt sein 

dH 

3^ = ~Up)p''°^ + {.f\{p)p'°''-^^\{p'''\p,p"''\p^''''), 

7\ ff 

3^ = TMp)p'"'+fAp)p''"' + 'Mp''°',p,p"'"p'°"), 

so dass der Integrabilität gemäss i2, und O3 nur von p , j)*'°' , p'°'' ab- 
hängen dürfen, und sich vermöge (5 7) daraus für das kinetische Potential 
der Werth ergiebt: 

H=-:\Mp)p''''''+fAp)p''''p^'°'+fAp)p''''^+fAp)p''''p'°''-^fAp)p'°'''\ 
■+- p., ip , ^<'°> , ja'°")y> + n^ip , i)'"°' , j9<°'>)|j'°^> -i-^{p , i^'"' , p'°"'), 

worin jetzt il,, ^, ü willkürliche Functionen der in ihnen enthaltenen 
Grössen bedeuten. 

Bemerkt man endlich, dass nach (54) 

i. =p'~'7/.'wp'"'+y"'/,'(i')y°"+p'"':/;wp'-" 

folgt, woraus sich nach (55) der Werth für w unmittelbar ergiebt, so 
finden wir, 

dass sämmtliche partiellen Differentialgleichungen 
vierter Ordnung, welche aus der Variation eines Doppel- 



(58) 



Koenigsberger: Die partiellen Differentialgleichungen d. aligeni. Mechanik. 2()5 

integrales entstehen oder welche sich auf die erweiterte 
LAGRANGE'sche Form 

3H_rf dH _d dH d' dH d' dl£^ d' dH _ 

Ip df, V"°* dt, dp^'^dt]dp^^'^dtMW^^~*~dtl V^> ~ °' 

reduciren lassen, vorausgesetzt, dass die Coef'ficienten der 
vierten partiellen Differentialquotienten nur von p abhängen 
sollen, in der Form enthalten sind 

/. (p)p'"" +/. ip)p'''' +./; (p)p'"' +/4 {p)p^"' +fs ip)p'"' 
+ ( \ f:(p)p"°' +f:{p)f"')p'''' + (/;(p)y '"' + if:{p)p"''')p'''' 

+(2/;(^)p'->+:/;(;?)y'><°^> 

+ } if:ip)p^'°'^ -^f:ip)p""'' +fi{p)p^'''^ -*-f:{p)p'"'¥"' +f:ip)p""'p''") 

d^ii^{p,p^"'\p^-^) . 9^".(i',/'^'^p'°->)\,^,„)'_^M^(c 



.(■o)^ 



dp^'^-y- 



■y-' j f:'{p)p'°^'-^ : f:'iP)p'-'p""' +;>*-" ^^"^^1^— 



-I— '>'n^°^' = = - —' o - = = > 

,.„,, 9-^^.(;>,y'°>,;)'°") ^ ,„,^. 8- ^ (p , j><'°' , ;?'°'> ) d^^jp, ;?<'°> , j^'"" ) 

_ („,)8'Jl(p,j9''°',j9<°')) 8^(^,;?<'°', ;)<"') _ 
3^3^^°'' 3^? 

worin i\,ü,^,n willkürliche Functionen der in ihnen vor- 
kommenden Grössen bedeuten, dass diese Differentialglei- 
chungen also sämmtlich auch in den dritten partiellen Ab- 
leitungen linear und in den zweiten Ableitungen vom zweiten 
Grade sind, und zwar lautet für alle diese Differentialglei- 
chungen das kinetische Potential 

Sitzmigsbericlite 1905. 24 



2Gfi Gesammtsit7.unR vom 16. Kehriirir 1905. . — Mittheiliing vom 2. Felirii.ir. 

+ fi, (jD , j9*'°* , jj<°'>)p<=°> + 123 ip ' i'*'"' ' ^'°'')i>*°'' + i^ {p , p*'°' , i>*°"^) • 

Für d§n Fall constanter Goefficienten der vierten par- 
tiellen Differentialquotienten werden auch die dritten par- 
tiellen Differentialquotienten aus der Differentialgleichung 
herausfallen und dieselbe, von dem Gliede p^"^'' — jo'^°'p'°-> ab- 
gesehen, in den zweiten Differentialquotienten linear sein; 
sind fij und i\ Constanten und ist i2 eine reine Function 
von p, so lautet die Differentialgleichung 

a^p^'*°^ -h a^p^^'^ -h a^p''"'' -{- a^p'''^^ -h a^p^°^^ ■+/(!}) = o 

und das zugehörige kinetische Potential 

H = ^ (öoP''"'' ■+■ a^p^"^p^'°^ -h fl,p<"'' + a^p^"^p^°^^ -+- ß^j?*"''') ■+-Jf(p)dp . 

Nach den in meiner oben erwähnten Arbeit durchgeführten Unter- 
suchungen wird das durch die Gleichung 

TT— Uo)( ^^ ^I.I^^l'L '^^\_ (o,)/ ^H , d dH d dH \ 

P^\dp^ "d[,dp^ ~dt,dp^"^) ^ V3^ ^~d[,dp^ di^d^j 

P 8^,(=o, P 9^(..) P g^(o.) - ^ 

definirte Energieprincip , in welchem H die unabhängigen Variabein 
t, und t^ nicht explicite enthalten sollte, für den Fall der oben auf- 
gestellten partiellen Differentialgleichung (58) vermöge (59) die Form 
annehmen 

+;>'^" ( : A p'-°' + ',Apn +P'"' (tAp''^' + -lA p'°'0 +p'°'' {jAp"°' ^Ap^ 



• i><"> I i/.>'""^ +/3>"°'i'*°" +i''-' |j'., +P<"" ^' 



(Ol) 



(..=. 1^ - /;;/'><"-) H_/;^(--.= _^(.o) .^1^ _j. ^\ 



und alle in der Form 

entlialtcnen Integrale desselben genügen auch der partiellen Diflerential- 
gleicliung (58). Sollen aber sänimtliche Integrale des Euergieprincips 



Küenigsberger: Die partiellen DiftereutiMlgleiclmngen il. nllgciu. Meclianik. 267 

jene Gleichung befriedigen, so muss, wie ich dort gezeigt liabe, das 
kinetisclie Potential in j^'-"' , p'"' ,p<°''' linear von der Form 

H = FAp, y'°>, ;)<"■') ;j'^°' -\-2F,(p, j/'"^ , 2)('"')y ■' 

-i-F^(p, ;)C°> , j9(°'');y°^' + F(p, ;/■">,;/'■>) , 
und die Bedingungen 

dF, _ dF, dF^ _ 3^ 

identisch befriedigt sein, und es würde somit für die oben gefundene 
Form (59) des kinetischen Potentials 

du da 

/. =.A =./3 =./4 =./ä = o , ^ ,;„ = o , ^ = o 

sein; wir finden somit der Gleichung (58) gemäss, dass es keine 
partielle Differentialgleichung vierter Ordnung giebt, wel- 
che auf eine erweiterte Lagrange'scIic Differentialgleichung 
reducirbar ist, in der die Coefficienten des vierten par- 
tiellen Differentialquotienten nur von j9 abhängen und wel- 
cher sämmtliche Integrale des zugehörigen Energieprincips 
Genüge leisten. 

Wesentlich anders gestaltet sich die Behandlung der Frage, wann 
ein simultanes System partieller Differentialgleichungen eine mechani- 
sche Deutung in dem Sinne erlaubt, dass es als ein erweitertes La- 
GRANGE'sches partielles Difterentialgleichungssystem oder als Lösung des 
erweiterten HAMiLxoN'schcn Princips sich darstellen lasse, oder auch, 
da diese Frage identisch ist mit der Aufsuchung der nothwendigen und 
hinreichenden Bedingungen für die Existenz eines kinetischen Poten- 
tials, unter welchen Bedingungen es für ein simultanes partielles Diff'e- 
rentialgleichungssystem vter Ordnung von p unabhängigen und jw ab- 
hängigen Variabein t, , i, , . . . t,, p, , p^ , . . . p^ 

N, = o . N, = o , . . . N^ = o 

eine Function H giebt, vermöge deren sich die jj. Dilferentialgleichun- 
gen in die Form setzen lassen 

^Ps -r'8^. 3i?f* ■^r-'SÄ^pf' o (.s-.,2,...H), 

wenn jetzt wieder, wie in dem ersten Tiieil der vorliegenden Untersucliung, 

^_:pi_ = .(—3..-.) 

3/!„^ 84^ 943 .. . 34. 
gesetzt wird. 

Für ein kinetisches Potential erster Ordnung von zwei Parametern 
p, und p^, und zwei unabhängigen Variabein i, und 4 

2-4* 



268 Gesammtsitzung vom 16. Februar 1905. — Mittheilung vom 2. Februar. 

lauten die LAGKANGE'schen Gleicliungen 

Si? d dH d W^_ _3ir d^'dH^ d dl£^ 

~dp,~^dt, 3^"^^ 9^ "~ °' '^P^~^ dt, 9pi'>"^ dt^ dp':^ ° 
oder 

(6o) dH d^H ,,, d'H ,., d'H .. d'H ,„, d^H 
^ ' I h»*' i-k' \-p\' \-p[' 

dp, dp\'^dt, ^ M^dp, ^ dp'-^dp, ^ 8pw^ dp['^dp^:^ 



II „,, 3=// ,„. d'H 



,(") 



^ 3p</>32jW a^w a;?<;'3j9i=' 



und 



3^, dpi'^dt, dpi'^dp, dpi'^dp, dpi'^dp['^ dp^f 



■P'^' ^xJT,-^^^ + ^Pr' ö-ün-T;) + '^-T^yrr +Pi ' ^.i^ +i^= 



3pW3j9W ^' 3i)W3p(^> 3;)i^>34 ^' 3j)</>3p. ^= 3^<^>3^, 

und soll ein simultanes System von zwei partiellen Differentialgleichungen 
zweiter Ordnung 

\N, = F, (t, ,t,,p,,p,, p['^ , ^<;' , pi'"' , p*'' , p["^ , p<"'' , p<"' , /»!"* , pi"'' , p^r^) = o , 
^ ' ) iv, = i'; (/. ,k,p,,p., p['^ , i?<;' , p^^ , p^^ , i^'/" , p^r^ , p^r^ , pT^ , pi^'^ , p^r^) = o 

die eben bezeichnete LAGRANGE'sche Form annehmen, so ist zunächst 
wieder unmittelbar zu sehen, dass N, und N, in den zweiten partiellen 
Difierentialquotienten von p, und p, linear und die Coefficienten 
von pT\p^r\p^r^ ii'' -^i denen von p["^ , p["\ p[^^'' in iV, gleich sein 
müssen, so dass sich für die beiden partiellen Diflterentialgleichungen 
(62) als noth wendig die Form ergiebt 

N, = f,p'^''^ ■+- 2f,p['^^ -^fiP^r^ + </'iP*"' + 2 (p^p^r^ ■+■ (p^pi""^ +/ 



^^^^ » iV, = (p,p["^ + 2(/),^<"> + <i>^p[''^ ■+- F,pi''^ + 2 J'.jsi"' + F^pi"^ + F. 

Die Zusammenstellung von (63) mit den LAGKANGE'schen Gleichungen 
liefert für die von t,,t,,p,,p^, p'^f' , p[''' , p['^ , p'C^ abhängigen Coefficienten 
in N, und N, die Beziehungen 

(6 ) f, = -^-^ = J^!^ i;^ = ^l^- 

und somit, wie leicht zu sehen, für diese Coefficienten unter einander 
die nothwendig zu erfüllenden Bedingungsgleichungen 



KoENiGsnERGER: Die iiartielliMi Diflereiitialgleicluingen d. allgeni. Meclianik. Znü 

(65) 
(66) 



(67) 



während die Vergleicliung der von den zweiten partiellen Ableitinigen 
freien Glieder in iV, und N^ mit denen in (60) und (61) zuniichst nur 
die Bedingungen 

_8fl' d'H^ (0^'^ (.) 3'Ä' 





3/. 3/ 8/ 8/3 






8^w ~ 8p(;) ' 8j9';' ~ dp['^ 






dF, 8F, 8i^, 8F3 






8/)W ~ 8;5W ' dpi'> ~~ dpi'^ 




3^1 
8pi" ~ 


3/ 8</>. . / 8/ ^ 3/ \ 8<;>3 

dpi'^' 8p<" "~ ' \dp['^ 8i)(-»;' 8y," 


3/. 

— dpi^^ 


8(/), 

8j9W "^ 


3/. 3<^. . / 3/3 8/ \ 8c/,3 
8^1') ' 8p<;> ~ ' \ 8^i'> ' 8jr)i=7 ' 8j9i^' 


_ 3/3 

8;?<^> 


8(/), 


8i^, 8</., ,/8F, dFA 8(^3 


3i^. 


3^~ 


~ 3;j1'> 


3^, 


82^. 8</,, ,/8F3 8i^A 8(/,3 


_3^3 


8pW "" 


8j9l')' 8j9<'' ■" ^ V8;j<'>"^ dp['Y 3M^' 


~ 8i9<;> 



8p, 8p<-'8/, '' 8j9<-)8;>, ^^ dp['^dp. 



d'H ,^) ^iZ"_ (^) 8'g 
8y/)84"*"^" 8^'"8^"^^^ 8^F3Fa 



^^^^ ^^ ,, 8ff 8=il n 3=iy , , d^H 



dpi'^di]'^^' dp^dp,~^p' ^p^'^p. 

ergiebt. 

Um die Beziehungen (68) von dem kinetischen Potential frei zu 
machen, differentiire man die erste dieser Gleichungen nach pi'\ die 
zweite nach p['\ und erhält so durch Addition derselben 

8/ oF /3^, (i)3</'i (i) 3^1 3(^j (2)3^j (2)3(/)j 



(^9) 8^) + 8^=^ 



1, dt, ^^' 8p, ^^^ 8p, ^ 8<, ^^' 8p. ^^^ 8pJ ' 
und mittels älinlichen Verfahrens die analogen Beziehungen 

8pw ~ 8/,^^- 8p,^^^ 8p,^8<,^^' 8p.^^^ 8;,, 

"dF dF, ,,dF, ,,dF, dF, ,,dF, ,,dF, 

8p<,^'~ 8^,^^' 8p, ^^' 8;>, 8/.^^' dp.^P' dp, 

dF 8F, .,8F, ,,8F, 8i^3 , 8i^3 ,JF^ 

w = ^"^^- äp;-^^' sp:"^^"^^' 8p. -^^''8;.; 



270 Gesammtsitzung vom 16. Februar lOOf). — Mittheiliing vom 2. Felirnar. 

und 

„,. 3/ . ^F _ (d^- ,d^ ,,dj^ d^, dj>^ dj>^ 

^^'^ d^'^d^^-\d{, ^^' dp, ^P' dp^ ^ 34 ^P' dp, ^^'^ dp. 



so dass die sämmtlichen bisher gefundenen Bedingungen durcli die 
Gleichungen (65), (66), (67), (69), (70), (71) dargestellt werden. 

Nun ist aber auch unmittelbar zu sehen, dass sich vermöge der 
Bedingungsgleichungen (65), (66), (67) das kinetische Potential aus den 
Gleichungen (64) in der Form ergiebt 

(72) i? = F, + P.„y;' + i2,,|?i'' + i2,,pi'> + 0„pW + Q. , 

,\vorin H, in bekannter Weise, da die Integrabilitätsbedingungen für 
(64) erfüllt sind, durch Quadraturen dargestellt ist, während rj„ , 0,^ , 
i2j, , f2„ , Q nur von t,,t,,p,, p^ abhängen, und den Bedingungen (69), 
(70), (71) unterworfen sind, welche wiederum für dieselben die Integra- 
bilitätsbedingungen erfüllen ; wir finden somit 

dass die nothwendigen und hinreichenden Bedingungen 
dafür, dass zwei simultane partielle Differentialgleichungen 
zweiter Ordnung iV, = o, iV, = o zwei aus dem erweiterten 
HAMiLTON'schen Princip entspringenden LAGKANGE'schen par- 
tiellen Differentialgleichungen äquivalent sind, oder dass 
für die beiden Ausdrücke N, und N, ein kinetisches Potential 
existirt, erfordern, dass die beiden Differentialgleichungen 
in den zweiten partiellen Differentialquotienten linear von 
der Form sind 

iV, = (p,p["^ ■+■ 2 (p,p["^ -+- <p^p["'' -+- F,p["^ -+■ 2 ^3^*"=' + -Fjjol"' + F, 

worin die Functionen /". cp, F von /,, t,, p,, p,. p['\ p['\ p^^\ j-j'/' 
den Gleichungen (65), (66), (67), (69), (70), (71) unterliegen, 
oder, wie unmittelbar zu sehen, iV, und N^ in der eben auf- 
gestellten Form den Bedingungen unterworfen sind 

3iV, _±^ d_dN^__dN^ 

"8^ ^~df,p^ ~df, S^ — ~ c)^ 

8iV, _^dN^ d 8iV, _ aiv, 

T^ ^ rf^ ?yA^ ~dt[ 3^ "" ~ 3p? 
für X = I, A = 2 und >c = 2 , A = i. 

So werden die beiden partiellen Difterentialgleichungen 
iV, := 2 pl'*'p*i"' + 2 p''^''j)[''>p["'> + 2 ;4''p'/'pl"* +i'l''' — 2 p^plpi'^ 
iV, = 2 p'/*p*'V*"' + 2p<'y/>p*"' + 2 p'/>j9<''p<"' — 2 />,;4"' + 2 p,p]p['^ — 2 p*''j9i'' 

den angegebenen Bedingungen unterliegen und für das kinetische 
Potential 



Koknigsberokr: Die partiellen Difrereiitialuleiclmiinen <1. allf;eiii. IMeeliaiiik. 2/1 

sich in die Form transformiren lassen 

_dH _d dH _d dH 7^ _ ^// d dH _d dH 

'~df. dt] dp^:^ df/dp^^' '~ dp,~df, dpf^ ~ dt^ dj^ • 

Nclimen wir wieder an, dass die Differentialgleichungen die un- 
abhängigen Variabein t, und 4 nicht explicite enthalten, und die 
Coefficienten der vierten partiellen Diflerentialquotienten in iV, und N, 
nur von den Parametern p, und p^ selbst abhängen, so werden die 
Bedingungen (65), (66), (67) von selbst befriedigt sein, während die 
Gleichungen (70) die Ausdrücke liefern 

■^- ^P' dp, ^ = P' dp, ^P' P' ?;;, ^P' P' dp, 

F = -p['> 7^ + V P2 s^ ■+- PzPz yv" ■+-P\^'P2 ^ 
dp, öp^ dp, dp, 

dF dF dF 

dp^ dp, dp. 

Setzt man aber diese Werthe für / imd F in die nocli zu be- 
friedigenden Bedingungsgleichungen (69) und (71) ein, so erhält man 



i'l" 


8/. 

dp. 


-^"•'1- 


8w „,8F, ^^^dF, 3ü 
9p<" "^^^ 3^., ' P' dp, ' 8p<" 


















.> Sc/), 




'-i-2p[ 


dp 


M'' 




-^''■■'1- 


duj ,.8F, ..BJ', 


3S2 


















t-^^' 


^-^2p-^ 
dp. 


dp. 


woraus 


durch Difl 


['erentiation nach pi''' , pi"' , 


p','*,y,'' folgt, 


dass 








8'ü) 


?(/), 


dF, d^'u) 


8</), 


dF, 










3M"' 


-2 


dp, dp^^''d])['^ 


?2'2 


dp. 










8^iJ 


(') 


dj), dp, 8/?',"*' 




dp. 








?p("?/j 





ist, und somit nach den obigen Gleicliungen 



(73) 



272 Gesamintsitziing vom 16. Februar 1905. — Mittheiliing vom 2. Februai'. 



8tt) _/ dcp, dF, 
8^1'' \ dp^ dp, 

du ( d(p, 3/, 



dp^ dp, ) 



dp\ 
woraus sich 



4^1 (p. , p^. 



3p, 



3^ 
3p, 



_/ 3</,, _3i^,\pr / 3^ 
\ 3^2 3p, y 2 \ 3p, 

\ 3p, 3p3y 2 \ 3p, 3p, 



(■)^{-) , 



2;>''p: 



S«?», 



it')' 



^/'iV/'+f^ 



8^ 

3p2 3p,y 2 

3p, 3pj/ 2 
— ■4',p<,'' + -v^.p',"* + %, 

ergiebt, wenn "4/,, -J/^, %,, %, willkürliche Functionen vonp, undp, bedeuten. 
Fassen wir die so gewonnenen Resultate zusammen , so finden wir, 
dass alle Systeme von zwei partiellen Differential- 
gleichungen zweiter Ordnung, welche aus der Variation 
eines Doppelintregrales entspringen oder dem Systeme 
zweier von den unabhängigen Variabein freien Lageange- 
schen partiellen Differentialgleichungen äquivalent sind, 
in welchen die Coefficienten der zweiten partiellen Diffe- 
rentialquotienten nur von den beiden Parametern p, und p^ 
abhängen, die Form besitzen 



iV, =/,j 



3(/), 3F, 
3pj 3p, 



V 2~r^ 



i^f.L 



3p, 



p^l'^P^'^- 



:^A 

3pj 



w«('). 



p\'p\ 



+ 2(/)3P^'^'-+-(/)3P^"' 

3p2 3p, j 

dp, 



-pWpi"'- 



WnW. 



-p\ p 



N^ = <p,p["^ -4- 2(p^p[" 

3p, 



3(/), 
3p 






■^s^'l^ 



iW«''). 



dF^ 
^P-P'^ 

dp, dp,, 



dF, 



dp. 



PI P 



' 3p, ^' 
3p, 

_3jf; 

3p, 

-P, Pl' H 



3p, 



Pf' 



-|^,vy,-. 



'*,'*p*^' + \f/,p^' 

3w 
3p, 



o 



3F, 



,(')«(■) 



PVP 



W»i(=) 



' 3p, ^^^= ■ 3p, 

'jp',V-v|.,pl'^ + x^,pW- 



3p, 

3p;-^''^ 

du) 
3p, 



Koenigsrerger: Die partiellen niilVrentialgleichungen d. allu;eiii. M(!(!li;niik. 273 

worin die Functionen ,/",(/), F, \i/ , w willkürlich von ^;, und p, 
abhängen dürfen, so dass die Differentialgleichung nur 
linear in Bezug auf die zweiten Differentialquotienten und 
vom zweiten Grade in Bezug auf die ersten sein kann, und 
zwar ist dann das den LAGRANGE'schen. Differentialglei- 
chungen zugehörige kinetische Potential 

(74) H = l/p'.""' -hj\p['^p['^ + -jyf + jF.p'^^' -+- F, j9';'7_)<;' -h^F^pf- 

+ «„/»','* + »,,/);" + orj,,;//' + w,,pl'' + O) , 

worin g eine beliebige Function von p, und p^, und die 
Functionen w„ , w„ , »3, , w,, von p, und p^ den Bedingungen 
unterliegen 

dp^ dp, ' ' dp^ dp^ 

Für den Fall, dass die CoefHcienten der partiellen Differential- 
quotienten zweiter Ordnung in den beiden partiellen Differentialglei- 
chungen Constanten sein sollen , ergiebt sich als die nothwendige und 
hinreichende Form für die Reduction derselben auf LAORANGE'sche 
Differentialgleichungen 

N, = a,p\"^ -+- 2^3//,"' -I- «3^'^' + Kpi"^ -+■ 2b,p["'' -+- b^p'-^"^ -+- \^,p','' — ■4'^p'i'' — 7=— =0 

N, = b^p["^- -+- 2Lj)["^ -+- hjj'"'' -+■ c,;//"' + 2r,p^^''> -+- c^p^^'^'^ — ■d'.pi'^ ■+■ •^'^jt?'/' — ^ ^ o , 

worin die , b , c beliebige Constanten und 4/, , \1/, , w beliebige Functio- 
nen von p, und p, bedeuten, wälirend das zugehörige kinetische Po- 
tential durch 

H =1 ~ a,|?';>^+ a^p)''pp^^'>+ 3- Ö3/'i'''-l- 7 c,p[''^^-{-c^pPp^p-+- \ c^p^p' + h,pPi)'-p-{-2b^pPpP 
-\- b^p^pp^;''-{-%{pPpP—p''ppP) -+■ üJ„i?i''-l- w,3;y/'+ w,,;?^''-!- «,^^<3''h- 

dargestellt wird, worin m„ , w^^ , w^j , w,^ mit -4/, und -^^ durch die oben 
angegebenen Gleichungen verbunden sind, und '^ eine willkürliche 
Function von p^ und p-, bedeutet. 

Was das den vorher aufgestellten, auf LAGRANGE'sche Gleichun- 
gen reducirbaren partiellen Differentialgleichungen (73) zugehörige 
Energieprincip' 

• ^ ^'' 8^w ^' dpP P' 8^w ^' 3i>« - 



' In der nhen annefülirten Arbeit »Das Energiepriiicip usw.« 3. Gl. (32). 
Sit7.uii>',sl)criolite 1905. 25 



274 Gesaniintsitzung vom 16. Februar 1905. — Mittlieilung vom 2. Februar. 

betrifft, so existirt, wie nachgewiesen worden, ein solches für alle 
Integrale der beiden Differentialgleichungen N, = o,K=:o, welche 
als Functionen von t^-hut^, worin o6 eine beliebige Constante ist, aus- 
drückbar sind, und Avelche, wenn man 

t,-i-cit, = t, p, = ./; (/, + dt) = q, , 2'>2 = /= (^x + o^t^) = 92 
gesetzt wird, den beiden totalen Differentialgleichungen genügen 
d{H)_d_d(H)^ djI{)_d^d(Hl^^ 

dq, dl dq', ~ 8?^ dt dql, 

Avährend das zugehörige Energieprincip die Form annimmt 
,d(H) MH) , 

^"^-^-^:-'^-2q:=^^ 

worin (H) nach dem oben für das kinetische Potential H aufgestell- 
ten Werthe (74) den Werth annimmt 

und die Functionen /, i^, </), w nur von q, und q^ abhängen. Da nun 
die beiden totalen LAGRANGE'schen Ditlerentialgleichungen nach den für 
iV, und iV, oben gefundenen Ausdrücken (73) in 

„f. 9/". , 3/", 9/;\ r- 

(/; -1- 2^/,.+/,) q[ + (c^. + 2^ (/>, + </.3) q^ + (^v y ^- + T ^^ ^^ + ^ g--j ?. 

ac/,, , BF, ?(/), <:i= 92^, 3^ BFA „ 

7s^^ ^ 1- ci' ^ T^ -+- 20. ^— — et „— q^ 

öq^ dq^ öq^ 2 öq^ äq^ öq^J 



3/;\ , , , , , 3w 



'9^ 


. 9/ 




903 


^9?. 


^99. 


+ ct 


H 


3i^, 


^'9i^3 




dFÄ 

HP 


9.." 


2 Bg, 


+ a£ 



,9^, 9^, 

((/), -i-2ci(lK,-\- a." ip-) (/,"+ (F, + 2äF, + a' /''J 5^"-+- 

-^"?v:-^'"9-g:-"3^j^'-^i= 

/BF, BF, BF, 9F\ , , , , , , , Bo) 

\dq, öq, dq, äqj ^ äq, 

ül)ergehen, so wird für alle hieraus sich ergebenden Integralfunctionen 
q, und q^ als Functionen von t, oder für die entsprechenden Integral- 
functionen von (73) p, und J9, als Functionen von t,-i-uf, das Energie- 
princip, wie leicht zu sehen, die Form annehmen 

i (/_pWV2/;p(-y;)-i-/3y5-t- F,M'*' + 2F,pi'»i>i'' + F3p<='') — ^ (^'»i^w — y/'pW) 

Dass andere Integrale der LAGK.\NGE'schen Gleichungen dem Energie- 
princip nicht genügen, war früher gezeigt worden. 



Koenigsherger: Die ]),Trtiell(;ii niflV'roiitialgleichungen <1. .•illj;oiii. Mecliaiiik. 275 

Zur Ergänzung der hier und in meinen frülieren Arbeiten über 
die Principien der Mechanik durchgeführten Untersuchungen mag noch 
eine allgemeine Bemerkung hinzugefügt werden, die auf dem Satze 
beruht*, dass die nothwendige und hinreichende Bedingung (hifür, dass 
eine Function H von p unabh.ängigen Variabein t,, t,, . . . t^, fj. abhän- 
gigen Variabein Pi, Ih ■ • • P„ und deren partiellen Ableitungen bis zur 
v''" Ordnung hin sich als die Summe von p bez. nach t,, L, . . . t^ ge- 
nommenen totalen Differentialquotienten von Functionen derselben un- 
abhängigen und abhängigen Variabein und deren partiellen Differential- 
quotienten ebenüills bis zur /"" Ordnung hin darstellen lassen soll, die 
ist, dass die Function den Hauptgleichungen 2 v'" Ordnung der gleich 
Null gesetzten Variation des p- fachen Integrales der Function //iden- 
tiscli Genüge leistet. 

Die Existenz des F^nergieprincips in der Mechanik einer oder 
mehrerer unabhängiger Variabein setzt bekanntlich voraus, dass das 
kinetische Potential H eben diese nicht explicite enthält; es ist aber 
nicht unwesentlich, die Frage zu beantworten, wie alle kinetischen 
Potentiale beschaffen sein müssen, wenn nur die Hauptgleichungen 
selbst von den unabhängigen Variabein frei sein sollen. Dass dies der 
Fall ist, wenn das kinetische Potential selbst diese Variabein nicht 
enthält, ist selbstverständlich, auch leuchtet es nach dem eben an- 
geführten Satze unmittelbar ein, dass, wenn ein von den unabhängigen 
Variabein nicht freier Ausdruck des Potentials die von eben diesen 
Veränderlichen unabhängigen Hauptgleichungen liefert, alle die unend- 
lich vielen Formen des kinetischen Potentials, welche sich von der ursprüng- 
lichen nur um totale Differentialquotienten der bezeichneten Functionen 
nach den einzelnen Variabein genommen unterscheiden, wiederum die- 
selben, A'on den unabhängig Veränderlichen freien Hauptgleichungen lie- 
fern werden; es ist somit nur die Frage nach der Form aller kinetischen 
Potentiale zu beantworten, Avenn die Hauptgleichungen oder die erwei- 
terten LAGRANGE'schen partiellen Differentialgleichungen 2/" Ordnung 
d dH _ d dH _ d' dH d' dH _ _ 

"^3^i^ W^'dp^ '"'^dti'dp^'^di^^d^~*~'"~'"^^ ^'~'' 

die unabhängigen Variabein f,, i^, . . . t, nicht explicite enthalten sollen. 
Da diese Gleichung somit der Forderung gemäss nach <, partiell diffe- 
rentiirt identisch erfüllt sein soll und die identische Befriedigung von 
.8if ^dH ^dH ^dH „8F 

dt^ d dt> d 3^ d' 8/,, d' df, _ 

' Vergl. meine Arbeit »Die Principien der Mechanik für mehrere unabhängige 
^'arial)le■'. Journal fiir Matliemalik, Bd. 124. 



A 



f) 



276 Gesammtsitzuiig vom KJ. Februar 190:"). — Mittheilung vom 2. Februar. 
nach dem eben erwähnten Hülfssatze die Beziehung 

3iJ dwy. rfw„ ^tt),, 

U,, dt, dt, dt^ 

nach sich zieht', worin m,, w,, . . . w^ wiederum von t,, t,, . . . i^, p,, p,, 
. . . j9„ und deren partiellen Ableitungen bis zur v*'" Ordnung liin ab- 
hängen, so folgt zunächst 

d 

dt. 



''=i(^-^^^^ir-^'^ 



w>,cl/. 



H, 



worin H, noch von allen übrigen Grössen, i^ ausgenommen, abhängen 
wird. 

Da sich aber aus dieser Gleichung durch partielle Differentiation 
nach 4 

3H d rdui,,. 



'K-dt'j'dt, ^^'-^'dt, ) ?r^'' 



jT'^'' 



ergiebt, welche mit 



dH 

'dt: 



du)^. du.>, 

^, -^ "• 

dt, dL 



d 
du)^ 






zusammengestellt, 



.-l^a. 



dH, _ d 
^ '~~dt, 

liefert, so folgt wie oben 
d 



H, = 



dt. 



dt. 



-dt,. 



dt. 



.,-- dt, 
dt. 



d 
dt. 



dt. 



'r-'-dt. 



dt 



df^-hH 



'':'- dt. 



Avorin H, wiederum von denselben unabhängigen und abhängigen Va- 
riabein und deren partiellen Ableitungen, nur nicht von /, und 4 ex- 
plicite abhängt. 

Schliesst man so weiter, dann ergiebt sich unter der oben ge- 
machten Annahme, dass die erweiterte LAGRANGE'sche partielle Diffe- 
rentialgleichung die unabhängigen Variabein t,, t^, . . . t^ nicht explicite 
enthalten soll, die nOthwendige und, wie oben gezeigt worden , hin- 
reichende Form 

dJÜ., du, du. 



H = 



H, 



dt, dt, ■ dt^ 

worin il, , il,, . . . ü^ alle unabhängigen und abhängigen Variabein und 



' Vergl. die oben angefiiiirte Arbeit im .lournal für Mathematik und »Die 
I'rinei])ien dei' Mechanik« S. 7. 



KoENiciSüERGER: Die partiellen Difl'cientialgieicliungen d. ailijein. Mccliaiiik. '2 t t 

(leren partielle Ableitungen enthalten, während die unabhängigen 
Variabein t^, ...t^ in H nicht explicite enthalten sind, und es ist zu- 
gleich ersichtlich, class der von den unabhängigen Variabein freie 
Ausdruck H auch als kinetisches Potential für die Hauptgleichungen 
der Variation geAvählt werden darf. 

Wir finden somit, 

dass, wenn die in der Form 

öH _ d dH _d ?//_ d^ dH d' dH _ _ 

dargestellten Hauptgleichungen der gleich Null gesetzten 
Variation 

^ i ' i ■ I ''Hdt,dt^_, . . . dt. 



die unabhängigen Variabein t,,L,...t^ nicht explicite ent- 
halten sollen, es stets einen von eben diesen Variabein 
freien VVerth H für das kinetische Potential giebt, welcher 
auf eben diese Hauptgleichungen führt,.während alle anderen, 
auch von den unabhängigen Variabein abhängigen Werthe 
desselben sich in der Form 

JS2, du, di\ ~ 

H — ~-^ + — ^ -t- ... + —-• + i/ 

dt, dt, dt, 

darstellen, worin ^,,i\, . . . Vt, Functionen aller unabhängi- 
gen und abhängigen Variabein und deren partiellen Ablei- 
tungen sind. 

So wird z. B. für ein kinetisches Potential zweiter Ordnung von 
einer abhängigen und zwei unabhängigen Variabein 

+ 2t,p^'^-{-tlpp^'^p^"^+2tJ,p^p^'^p^"'l-^t,p^p^''^'-\-p^^-'^*-+-t\pp^^^p^"^-\-p^-p^''P^''\ 

welches die von t, und t, freie Lagrange^scIic partielle Differential- 
gleichung 

liefert, sich nach der eben angegebenen Methode 

„ dUlpp^'^p^'^-htXp^^'^') d{t,p-htlp^'^ + jtl) - 

H = — ^^ - — — - -H ,- — -+■ H 

dt, dt^ 

ergeben , worin 

Sitzungsberichte 1905. 26 



278 üesamintsit/.ung vom lli. Fobriiar 1905. — Mitllieiluiig vom "J. I'ebiiiar. 

ist uikI selbst wieder ein a'ou t, und /, freies kinetisclios Potential 
derselben LAGRANGE'sclien partiellen ÜiHerentialgleicliung darstellt. 

Man erkennt unmittelbar, dass, wenn das kinetische Potential in 
einer unabhängigen Variabelu t und u abhängigen Variabein j9,,j92, ■ ■ -p^ 
von der i»''" Ordnung ist und t explicite enthält, dagegen die zuge- 
hörigen LAGRANGE"schen totalen Diflerentialgleichungen 

?i/ rf ?fl" d^ dH d' du 

(>p, dt vp, dt f'p, dt c'/;', ' 

von i frei sind, das in der Form' 

,^ ^ ,(dll d dH ^ d-' dH 



dpi dt dp'^ "" ' ' dt'-' dpt'^ 
^. JdH _ d dH _ .._,d-^ dH 

~ T'^' W ~ dt d^' +■••■ + (-'• dt^^d^) 

dargestellte Energieprincip nicht melir gültig ist, dass jedoch , da sieh 

nach der obigen Auseinandersetzung das kinetische Potential dann 

stets in die Form setzen lässt 

du) — 
H=-~-^H, 

dt 

worin H von t imabhängig ist und wiederum als kinetisches Potential 
aufgefasst derselben LAGRANGE'sclien Gleichung genügt, das Energie- 
princip die frühere Gestalt annimmt, wenn H durch H ersetzt wird. 
Dasselbe gilt für die früher gefundene Form des Energieprincips 
kinetischer Potentiale von mehreren unabhängigen Yariabeln. 



' Siehe -Die Piuncipien der Mecliaiük" S. 56. 



Ausgegeben am 23. Februar. 



r.lrufkt In .1fr R.'i.l.Mlni.kf 



SITZUNGSBERICHTE 



DKR 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEfflE DER WISSENSCHAFTEN. 



IX. X. 



23. Februar 1905. 



BERLIN 1905. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEIMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§1. 

2. Diese erscheinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Octav regelmässig Donnerstags acht Tage nach 
jeder Sitzung. Die sämmtlichen zu einem Kalender- 
jahr gehörigen Stücke bilden vorläufig einen Band mit 
fortlaufender Paginirung. Die einzelnen Stücke erhalten 
ausserdem eine durch den Band ohne Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nuramer, und zwar die Berichte über Sitzungen der physi- 
kalisch-mathematischen Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch -historischen Classe ungerade 

Nummei'n. 

§2. 

1. Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Übersicht über 
die in der Sitziuig vorgetragenen wissenschaftlichen Blit- 
thcilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschüitlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten, und zwai' in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
(Iruckfertig üb ergebenen, dann die, welche in früheren 
Sitzungen mitgetlieilt , in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. Mittheilungen, 
welelie nicht in den Berichten und Abhandlungen er- 
scheinen, sind durch ein Sternchen (*) bezeicluiet. 

§5. 

Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secretar zusammen, welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secretar führt die Oberaufsicht über die Rcdac- 
don und den Dnick der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftlichen Arbeiten. 

[§ 6. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
theilung' in die Sitzungsberichte gelten neben § 41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmimgen. 

2. Der Umfang der Mittheilmig darf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittheilungen von Verfassern , welche 
der Akademie nicht angehören, sind auf die Hälfte dieses 
Umiangcs beschränkt. Überschreitung dieser (rrenzen ist 
nur nach ausdriicklicher Zustimmung der Gesaramt-Aka- 
demie oder der betreffenden Classe stattliaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzusclial- 
tendcn Holzschnitten sollen Abbildungen auf durchaus 
Nothwendiges besclu-änkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen, wenn die Stöcke der in den 
Text einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erfovilerliche 
Auflage eingeliefei*t ist. 

§7. 

1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Mittheilimg dai'f in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 
nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausfühnmg , in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen ^vissen- 
scbaftlichen Mittlicilung diese anderweit früher zu ver- 



öffentlichen beabsichtigt, als ilini dies nach den gellen- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedaa-f er dazu der Ein- 
willigung der Gesammt - Akademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 
5. Auswäi'ts werden Correcturen nur auf besonderes 
Verlangen vei*schickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer Mittheilungen nach acht Tagen. 

§11. 

1. Der V^erfasser einer unter den .Wissenschaftlichen 
Mittheilungen, abgedruckten Arbeit erhält unentgelthcli 
iünfzig Sonderabdrücke mit einem Umsclilag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsbericlite mit Jahreszahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, dariuiter der 
Titel der Mittheilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Blittheilungen , die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, lallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Einem Verfasser, welcher Mitglied der Akademie 
ist, steht es frei, aui' Kosten der Akademie weitere gleiche 
Sonderabdrücke bis zm* Zahl von noch hundert, und 
auf seine Kosten noch weitere bis zur Zahl von zwei- 
hundert (im ganzen also 360) zu unentgeltliclier Ver- 
theilung abzielien zu lassen, sofern er diess rechtzeitig 
dem redigirenden Secretar angezeigt hat; wünscht er auf 
seine Kosten noch raehr Abdriicke zur Vertheilung zu 
erhalten, so bedarf es der Genehmigung der Gesammt- 
Akaderaie oder der betreffenden Classe. — Nichtmitglieder 
erhalten 50 Freiexeraplai*e und dürfen nach rechtzeitiger 
Anzeige bei dem redigirenden Secretai' weitere 200 Exem- 
plare auf ihre Kosten abziehen lassen 

§ 28. 

1. Jede zur Aulhahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Nichtmitglieder, haben hierzu dieVermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen auswäi'tiger oder corre- 
spondirender Mitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen , so hat sie der Vorsitzende 
Secretar selber oder durch ein anderes iMitglied zum 
Vortrage zubringen. Mittheiltmgen , deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören , hat er einem zunächst geeignet 
seheinenden INlitgliede zu übenveisen. 

[Aus Stat. § 41, 2. — Für (he Aufnalime bedarf es 
einer ausdrücklichen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Classen. Ein dai'auf gelichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt imd sogleich zur Abstimmung gebracht werden.] 

§ 29. 
1. Der reridirende Secretai' ist für den Inhalt des 
geschäftliclien Theils <ler Sitzungsberichte, jedoch nictit 
für fhe dai-in aufgenommenen kurzen Inlialtsangaben der 
geleseneu Abhandlungen verantwortlich. Für diese M'ie 
für alle übrigen Theilc der Sitzungsberichte sind 
nach jeder Richtung nur die Verfasser verant- 
wortlich. 



Die Akademie versendet ihre 'Sitzungsberichte' an diejenigen Stellen , mit denen sie im Schrißverkehr steht, 
wofern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Hälfte des Monats Mai, 
' Mai bis Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 
■ ■ October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers. 



J 



279 

SITZUNGSBERICHTE i^^os. 

IX. 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADE.AIIE DER AATSSENSCIIAFTEN. 

23. Februar. Sitzung der philosophisch -historischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen. 

*1. Hr. Koser las Ȇber die Haltung Kurbrandenburgs in 
dem Streite zwischen Imperialismus und reichsständischer 
Libertät seit 1648«. 

Ausgehend von dem Streit zwischen Reinking, Chemnitz (Hippohthus a Lapide) 
und Pufendorf über das Wesen der Reichsverfassung, erörtert der X'ortragende die 
MittelsteUung des Grossen Kuifürsten zvvisclien dem Kaiser und den Ijeiden Garanten 
des Westfälischen Friedens; die hrandenburgische Opposition auf dem Reichstag unter 
Friedrich 1., die ])uljlicistische Thätigkeit seines Comitialgesandten Henniges und die 
tendenziösen Geschichtsconstructionen von H. von Coeceji und J. P. von Ludewig; die 
Contlicte Friedrich Wilhelm's 1. mit dem Reichshofrath; die Auffassung Friedrich's Tl. 
von der neueren deutschen Geschichte und die ausgesprochene Wiederaufnahme dei- 
antikaiserhehen Tendenzen des »Hippolithus« durch die preussische Publicistik des 
Siebenjährigen Krieges. 

2. Hr. W. Schulze legte eine Mittheilung des Hrn. Dr. F. N. Finck 
in Berlin vor: »Die Grundbedeutung des grönländischen Sub- 
jelctivs.« 

Die Doppelfunction des sogenannten Subjectivs, der sowohl den Thäter wie den 
Besitzer bezeichnen kann, wird aus der Einheit ursprünglicher Dativbedeutung abgeleitet. 

3. Hr. RoETHE legte von den »Deutschen Texten des Mittelalters« 
Band V Volks- und Gesellschaf'tslieder des XV. und XVI. Jahrhunderts. 
I. Die Lieder der Heidelberger Handschrift Pal. 343 herausgeg. von 
A. Kopp, Berlin 1905, vor. 



• Erscheint nicht in den Schriften der Akademie. 

Sitzungsberichte 1905. 27 



280 Sitzung Aer pliilosopliiscli-liistoi-isclien Clnssp, vom 23. Februiir 1905. 

Die Grundbedeutung des grönländischen 
Subjektivs. 

Von Dr. F. N. Finck 

in Rcrliii. 

(Vorgelegt von Hrn. W. Schulze.) 



Ucr N;ime Subjektiv für jene uns wundersam anmutende Kasusform, 
zu deren Wiedergabe wir bald eines Nominativs, bald eines Genitivs 
bedürl'en, ist eine Scliöpfuns;' Samuel Kleinschmidts', und ohne Zweifel 
hat ilin bei dieser BcMieiuuui!;- das Bestreben g'eleitet, seine Darstellunj;- 
der grönläiidisclien Sjtrache nach Möglichkeit von dem irrefülirenden 
Vorbild der Grammatiken indogermanischer Idiome zu befreien. Aus- 
drücklich wird dies zwar nirgends bemerkt. Aber die ganze Anlage 
seines Werkes drängt zu dieser Annahme und obendrein auch die auf 
das ganze Werk gemünzte Äußerung der Vorrede, daß der Ausgangs- 
punkt seiner Darlegung niclit europäisch, sondern grönländiscli 
sei.^ Auch Paul Egede, der Bahnbrecher auf dem Gebiete der esUimoi- 
schen Sprnclikunde, liatte schon erkannt, daß die grönländische Sprache 
eine ilirer Eigenart angemessene Behandlung erfordert. 'Lingua itaque 
Groenlandica' , so heißt es,* 'nobis redditur difficilis; quod enim lin- 
guas quasdam caeteris faeiliores reddit est communis illarum cum nos- 
tra lingua origo etc. : si ab una eademque originem non trahant oni- 
nes Europaeae linguae, ope tarnen negotiationum una alterave emergit 
similitudo, cum certae quaednin linguae ea, qua iniperantes, libertate 
gaudeant, ut aliis praescribere possint regulas; lingua aiitem Groen- 
landica proprias suas habet affectiones non immutatas.' Aber er liatte 
sich doch noch nicht von der seine Zeit beherrschenden Zwangsvor- 
stellung befreien können, das lateinische Kasussystein auf alle Fälle 
in das fremde Idiom hineingeheimnissen zu müssen, und demgemäß 
die eine fremdartige Form im Einklang mit den indogermanischen 



' Gnuiiinatik der grönlänflisclien Sprache (Berlin 1851) § 16 und § 38. 

" y. Klkinschmidt, Gi'animntik der grönländischen Sprache S.V. 

" Paulus Kgede, Granunatica Groenlandica Danico-Latina (Havniae 1760) S. \'II f. 



F. N. FiNCK : Die OriirKnxHliMitiitii; des gi'önländisclien Subjektivs. 281 

Eutsprccliungen als zwei vcrsdiiodciu' Kasus auftreten lassen.' Dieser 
recht äußerlichen AulVassuni^- S'eft'enüber erscheint Kleinschmidts Namen- 
fi'ebung als ein seihst im Falle unzweckmäßiger Benennung achtens- 
werter Versucli, für die eine Form auch eine einheitliche Bezeich- 
nung zu Schäften, um das. was eben nur nach unserer einseitigen 
Anscliauuiig zweierlei zur Darstellung bringt, den Täter im Gegensatz 
zum Tatziel und den Besitzer im Gegensatz zum Besitz, was aber 
für den Grönländer, weil es eben nur eine Form ist, auch immer 
nur eins besagt, auch als Einheit darzustellen. Wohl weniger in 
vollbewußter Anerkennung der hierin zutage tretenden wissenschaft- 
lichen Leistung als wegen des Wunsches, möglichst nicht an einmal 
Bestehendem zu rütteln, hal)en dann die dänischen Missionare Cnu. Ras- 
MUssEN und P. 11. SöiiENsEN dic Bezeichnung Subjektiv in ihre wesentlich 
für praktische Zwecke bestimmt(ni, innerhalb dieser Umgrenzung übrigens 
vortreft'lichen Lehrbücher'"' übernommen. Daraufweist wenigstens der 
Umstand, daß beide durchaus darauf verzichten , die Grundbedeutung 
des im Anschluß an KLEiNscirainT benannten Kasus genauer zu be- 
stimmen, die Bezeichnung Subjektiv vielmehr nur als einen bequemen 
zusammenfassenden Namen für die beiden, vom indogermanischen 
Standpunkte geschilderten,'' mithin ganz verschieden erscheinenden 
Funktionen beibehalten. Die mehr auf die theoretische Behandlung 
des Grönländischen bedachten Forscher haben dagegen fast alle die 
von Kleinschmidt geschafiene Bezeichnung wieder fallen lassen, haben 
aber meines Krachtens bei diesem Schritt nicht die wünschenswerte 
Richtung eingeschlagen. Franz Misteli verwendet einmal^ den Aus- 
druck Genitiv -Nominativ . die UnvereinbarkcMt der beiden Funktionen 
durch das schlecht geleimte Kompositum offenbar nicht aus der Welt 
schaffend, dann'' auch, und das wohl im Ansclduß an A. V. Pott", die 
ersichtlich einseitige Benennung 'transitiver Nominativ'. Mit beiden 
Bezeichnungen tritt er in einen die Sache kaum fördernden Gegen- 
satz zu IT. Steinthal, dem eigentlichen Schöpfer des von Misteli über- 
arbeiteten Werks, der in Ermangelung eines besseren Namens Klein- 
schmidts Ausdruck mit Recht unverändert übernommen hatte. Über- 



' Paiii.us Eoede, a. a. O. S. 23: 'Nominativus sinsi;iil;iris ((u.Tiido verbiiiii cum 
siiffixo habet, tuiic h in fine ncpipit' . . . . 'Genitiviis in finc haltet 1). 

^ Clin. Rasmi'S.sen, (irunlaiidsk 8proghiere. IvJBhenh.ivn 1888 und 1'. U.Shrensen, 
100 Timer i Uronhindsk. Kjnheidiavn 1900. 

' \'k1. Chr. Ras.mus.sen, Grunlandsk Sproglaere §5 und !'. II. S0ren,sen, 100 Timer 
i Gr^nlandsk S. 23- 

* Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachhaus (Berlin 1893) S. 146. 

' Charakteristik S. 148. 

" ,\. F. Po IT. Unterschitid eines transitiven und intransitiven Nominativs. Hoi- 
triige zur vei-gleichenden Sprachforschung.... hrsg. von A. Kuhn, üd. 7. 

27* 



282 Sitzung (lei- ])liiln.s()|)lii.sch-liistorisclien Classe vom 23. Februar 1905. 

raschenderweise nennt FRiEnmcn Müllkk, o1)W()1iI er keinen Zweifel 
an (lern possessiven Gliarakter des ^rönläiuliselien Verbalnonieiis heut, 
den von Kleinschmidt als Subjektiv angeführten Kasus dauernd ein- 
fach Nominativ, nieiit nur in dem i88i erschienenen Bande seines 
Grundrisses', aus dem diese merkwürdige Benennung dann auch un- 
besehen in Wilhelm Wundts fern von allen Quellen entstandene Völker- 
psychologie" übernommen worden ist, .sondern auch noch in den 
6 Jahre später veröffentlichten Nachträgen.^ James Byrne* endlich 
und W. 'Phalbitzer"' bezeichnen die in Frage kommende Kasusform als 
Genitiv, was im Hinblick auf den unleugbar possessiven Charakter 
des transitiven Verbalausdrucks berechtigter erscheint, alxM* — wie 
sich meiner Ansicht nach zeigen läßt — tatsächlich doch der eigent- 
lichen Natur des grönländisclien Verbalnomens widerspricht. 

Die praktische Grammatik unterscheidet im Grönländischen intran- 
sitive und transitive Verba , die aber, da die Grundbedeutung ja nocli 
nicht feststellt, vorläufig nur nach dem ganz äußerlichen Kennzeichen 
geschieden werden mögen, daß letztere im Gegensatz zu ersteren eine 
in den meisten Fällen ohne weiteres erkennbare Zusammenfügung bzw. 
Verschmelzung A-^on zwei Possessivsuffixen aufweisen, wobei die Frage 
ganz außer acht gelassen werden <larf, wieweit sonst noch ursprüng- 
liche Zusammensetzungen irgendwelcher Art in den Suffixen vorliegen. 
Man vergleiche beispielsweise üldp-imga 'ich komme', Hkip-ulit "du 
kommst', ükip-OK 'er kommt', Uk'ip-ugut 'wir kommen', tikip-use 'ihr 
kommt', Ukip-ut 'sie kommen' mit lakiw-a-ra 'ich sehe ihn (sie, es)', 
eigentlich 'Gesicht -sein -mein' (vgl. iydlu-a 'sein Haus' und arna-ra 
'meine Mutter'), takuv-o-t 'du siehst ihn (sie, es)', eigentlich 'Gesicht- 
sein-dein' (vgl. Igdlu-a 'sein Haus' und igdlu-t 'dein Haus"), takuv-d 'er 
sieht ihn (sie, es)', kontrahiert aus *takuv-a-a 'Gesicht- sein -sein' (vgl. 
igdlu-a 'sein Haus'), takuv-a-rput 'wir sehen ihn (sie, es)', eigentlich 'Ge- 
sicht-sein-unser' (vgl. igdlu-a 'sein Haus' und ana-rput 'unsere Mutter'), 
takuv-a-rse 'ihr seht ihn (sie, es)', eigentlich 'Gesicht-sein-euer' (vgl. 
igdlu-a 'sein Haus' und ana-rse 'eure Mutter'), takuv-dt 'sie sehen ihn 
(sie, es)', kontrahiert aus *takuv-a-at 'Gesiclit-sein-ihr' (vgl. igdlua-a 

' FniKORiCR IMüixER, Ünuidriß der Sprachwissenschaft 11. iid., I. Abt. [Www 
1882) S. 167. 

' Wilhelm Wundt, Völiverpsychologie 1. Bd., II. T. (Leipzig 1900), S. 85. 

» Friedrich Müller, Grundriß der Spraclnvissenscliaft 1\". Bd., I. Abt. (Wien 
1888) S. 139 ff. 

* James Byrne, General Princijjles of tlie Structiire of Language' Bd. 1 
(LoadoD 1892), S. 143. 

' W. TiiALiurzER, Studiet af et priniitivt sprog. Förhandlingar vid sjätte nor- 
diska filülogmötet i Uppsala 1902 (Uppsala 1903) S. 60 und A Phonetical Study of the 
Eskimo Lauguage (Ivopeuliagen 1904) S. 243. 



F. N. Finck: Die Grundbedeutung des grönländisclien Subjektivs. 283 

'sein Haus' und igdlu-at 'ihr Haus'). Es verschlägt nichts, daß sich 
nicht alle Formen gleich bereitwillig enthüllen. Es liegt genug des 
ohne weiteres Klaren vor, um die geäußerte Auffassung zu recht- 
fertigen. 

In Verbindung mit einem derartigen, durch zwei Suffixe be- 
stimmten Verbalnomen nun erscheint die Stammform eines Wortes, 
die man vielleicht besser als Absolutiv' bezeichnete, uns, sofern wir 
eben auf dem Boden indogermanischer Anschauung stehen, als Objekts- 
kasus. teriangnioK'^ takuv-a-ra, wörtlich 'Fuchs Gesicht-sein-mein', d.h. 
'Fuchs mein sein -Gesicht' heißt nur 'ich sehe (oder ^ah) den Fuchs'. 
H. Steinthal^ glaubt den Grund für diese Bedeutungsentwickelung 
darin gefunden zu haben , daß das Objekt den Mittelpunkt des Satzes 
bilde, da es sich dem Gröidänd(!r lebhafter als alles andere ins Be- 
wußtsein dränge. Diese Bemerkung mag richtig sein und ist meines 
Erachtens auch unbedingt richtig, soweit damit dem Grönländer mehr 
Neigung für die Beobachtung der realen Objekte, der Dinge der 
Außenwelt zugeschrieben wird als für die Beobachtung des diese 
Dinge verwertenden Handelns, des dieses Handeln Ausübenden. Soll 
die Bemerkung aber auch besagen, daß diese Objekte der VVirklicli- 
keit auch spraehlieli als Objekte erscheinen, soll damit also dem i^rön- 
ländi.schen Absolutiv ein dem indogermanischen Objektskasus eigener 
Charakter beigelegt werden, so widerstreitet dies dem Gebrauch des 
Absolutivs in Verbindung mit dem sogenannten intransitiven Verb. In 
einem Satze wie ujarak mnngerpoK 'der Stein ist hart' beispielsweise 
kann doch wohl von einem objektiven Charakter des Absolutivs keine 
Rede sein. Da ließe sieh noch eher eine Nominativbedeutung unter- 
schieben. Doch es liegt auf der Hand, daß die grönländische Stamm- 
form in Wahrheit keins von beiden ist, kein Subjekts- und kein Ob- 
jektskasus, daß sie vielmehr ein Ding ohne irgendwelchen Gedanken 



' Und zwar namentlich mit Rücksicht auf die zahlreichen Wörter, deren so- 
genannte Stammform (Kkeinschmidts Objektiv des Singular) einen bei den Ableitungen 
schwindenden Endkonsonanten aufweisen, wie beis{)ielsweise ÄrfÄB-ir'Berg' (Subjektiv: 
KaKa-p, Pltiralis: KÜKa-t) gegen nuna 'Land' (Subjektiv: nuna-p, Pluralis: nu7ia-t), 
o«(/M< 'Mann' (.Subjektiv: amjut-i-p, Pluralis: anyut-i-t) und andere, deren Endkon- 
sonant also offenbar irgend etwas vom bloßen Stamm abweichendes andeutet. Den 
Namen A])solutiv gebraucht übrigens auch schon VV. Thalbitzer, A phonetical Study 
of the Eskimo Language S. 242. 

^ In Kleinsch.midts Grammatik durchgehends terianiaK geschrieben (z. B. § 16, 
§73), in seinem Wörterbuche jedoch (Den Gnrnlandske Ordbog, Kjftbenhavn 187 1), 
wie jetzt allgemein iiblich, teriartt/nias: Der Lautwert des schwankenden Komplexes 
ist der eines langen n. V'gl. W. THAi.turzEU, A phonetical .Study &c. S. 273 und 
auch die Schreibung terrkennia/c bei Friedrich Erdmann, Eskimoisches Wörterbuch, 
Budissin 1864. 

' Charakteristik der hauptsiiehlichsten Typen des Sprachl)aus (Berlin 1860), S. 226. 



284 Sitzung der philosophisch - historischen Classe vom 23. Februar 1905. 

an irgendeine Beziehung einfach hinstellt. Der tatsächlich vorlie- 
gende Sinn eines teriangniaK takuv-a-ra muß sich demnach aus der 
Auffassung des durch tahiv-a-ra dargestellten Vorgangs erklären. 
Diesem taJcuv-a-ra nun kommt offenkundig die ihm vom Indoger- 
manen leicht wider Wissen und Wollen zugeschriebene aktivische 
Bedeutung nicht zu, wie dies auch schon von W. Thalbitzer' her- 
vorgehoben worden ist. Wenn der genannte Forscher nun aber sagt: 
'Grundforestillingen er snarere af passiv end af aktiv karakter; det 
er ikke: han ser mig, men snarere: min bliven set af ham', so legt 
er durch diese Betonung des passivischen Charakters doch noch 
zuviel des Indogermanischen hinein. So wenig teriangniaK deshalb für 
einen Nominativ erklärt werden darf, weil es nachweisbar kein Akku- 
sativ ist, so wenig darf takuvara für ein Passivum ausgegeben werden, 
weil es nachweisbar kein Aktivum ist. Es hat als Nomen mit den 
dem subjektiven indogermanischen Verb entnommenen Anschauungen 
des Aktivs und Passivs überhaupt nichts zu schaffen, so wenig 
wie irgendein deutsches Substantiv, das einen Vorgang bezeichnet, 
etwa "Krieg', 'Ton', 'Schrei' u. dgl. Was takuv-a-ra außer der 
einfachen Angabe des Vorgangs einer Gesichtsvorstellung noch an- 
deutet, ist, da es dazu zwei Suffixe verwendet, allem Anschein nach 
noch des bezeichneten Vorgangs Ausgangspunkt und Ziel. Mehr 
vorauszusetzen ist unberechtigt. Nimmt man nun an, daß der Aus- 
gangspunkt als das Näherliegende durch das unmittelbar folgende Pos- 
sessivsuffix angedeutet wird, was ja allerdings nicht nötig, aber doch 
hochgradig wahrscheinlich ist, so ergibt sich als eigentliche Bedeu- 
tung des Satzes teriangniaK takuv-a-ra: 'Fuchs Gesicht- sein mein' oder 
'Fuchs -sein -Gesicht [ist] meins', d. h., da 'Gesicht' nicht als ein vom 
Fuchs ausgehendes Sehen aufgefaßt werden darf, 'Fuchs-seine-Er- 
scheinung [ist] meine' oder in freierer Übertragung: 'der Fuchs er- 
scheint mir'. 

Diese Art der Darstellung eines Vorgangs, zu der die weite Welt 
der Sprachen nicht wenige mehr oder minder genaue Entsprechungen 
liefert," hat im vorliegenden Falle nichts Merkwürdiges an sich. 
Findet der Sachverhalt im angeführten Beispiele doch eine unanfecht- 
bar richtige realistische Schilderung. Das Objekt, das den mein Auge 
treffenden physikalischen Reiz ausübt, erscheint auch sprachlich als 
Ausgangspunkt, und ich, der ich von diesem Reiz betroffen werde, 



' Studiet af et primitivt sprog S. 6o f. 

" Vgl. besonders Heinrich Winkler, Zur Sprachgeschichte (Berlin 1887) S. 75ff.; 
Hugo Schuchardt. Basldsche Studien (Wien 1893) I 44; Über den passiven Charakter 
des Transitivs in den kaukasischen Sprachen, Wien 1895, und Jäschke -Wenzel, 
Tibetaii Grammar (London 1883) S. 40 f. 



F. N. Finck: Die Grundbedeutung des grönländischen Subjektivs. 285 

erscheine auch sprachlich als Ziel. Wendungen wie das lateinische 
taedet ?ne, das deutsche 'es friert mich' und ähnliche legen Zeugnis 
davon ab, wie natürlich diese Auffassung ist. Denn der Indogermane 
huldigt bekanntlich im allgemeinen einer durchaus anderen Anschau- 
ung. Wundersam mutet es uns nur an, daß sich diese Art der Dar- 
stellung im Grönländischen nicht auf den Kreis der Empfindungs- 
verben beschränkt, sondern allen eigen ist; aber es wundert uns 
auch nur, weil wir Indogermanen sind. Wir nehmen Anstoß daran, 
daß man sagt orssoK nerivd 'Speck -sein -Futter [ist] sein' statt 'er 
frißt den Speck', aber die nicht weniger unrealistische Darstellung 
'er sieht den Blitz' erregt kein Befremden. 

Bezeichnet also im Grönländischen das Wort, das die indoger- 
manische Sprache durch den Objektskasus wiedergeben muß, in Wahr- 
heit den Ausgangspunkt des im Satze geschilderten Vorgangs, so muß 
(las, was wir durch den Subjektskasus übersetzen, Kleinschmidts Sub- 
jektiv, in Wahrheit eine Angabe des Ziels enthalten. Ein Satz, wie 
teriangniap orssoK takuvd, 'der Fuchs sieht (oder sah) den Speck', würde 
sich also bei möglichst getreuer Wiedergabe der Grundbedeutung 
folgendermaßen gestalten: 'Fuchs [= Ziel der im folgenden erwähnten 
Erscheinung] Speck-seine-Erscheinung seine [nämlich des Fuchses]', 
d. h. 'die Speckerscheinung [ist] Fuchs -seine'. 

Es fragt sich nun nur noch, ob dies heißt 'der Speck erscheint 
dem Fuchs', oder 'die Speckerscheinung ist des Fuchses', ob dieser 
Kasus des Ziels unserem Genitiv näher steht oder unserem Dativ. 
Denn irgend etwas anderes, etwa ein Terminalis oder sonst ein Kasus 
von ausgeprägt lokalem Charakter kann nicht in Frage kommen , da für 
die Darstellung derartiger Verhältnisse besondere Formen vorhanden sind. 

Im Hinblick auf Sätze, in denen der soeben als Kasus des Ziels 
bezeichnete Subjektiv den Besitzer andeutet, wie beispielsweise teri- 
angniap orssua ajorpox 'des Fuchses Speck ist schlecht', scheint auf 
den ersten Blick Byrnes und Thalbitzers Deutung als Genitiv fraglos 
die einfachste, natürlichste zu sein. Sein Gebrauch würde dann 
ziemlich genau der Verwendung des kasikumükischen (lakischen) 
auf / auslautenden Kasus entsprechen, wenn auch nicht ganz genau, 
wie H. ScHucHAKDT angibt \ und das schon deshalb nicht, weil der 
grönländische Subjektiv auch noch den kasikumükischen Dativ bei 
Empfindungsverben wiedergibt, der einen Form also zwei gegenüber- 
stehen. Ganz abgesehen davon nun aber, daß der kasikumükische auf l 
auslautende Kasus sich wahrscheinlich aus einem Instrumental ent- 
wickelt hat, dessen sonst unbesetzte Rolle er auch noch zuweilen 



Über den passiven Charakter des Transitivs in den kaukasischen Sprachen S. 21. 



286 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 23. Februar 1905. 

übernimmt', kann er dem grönländischen Subjektiv auch hin.sichtlich 
seiner Verwendung als Possessiv nicht gleichgestellt werden. Denn 
dem grönländischen Kasus kommt die possessive Bedeutung an sich 
überhaupt nicht zu. Sie wird vielmehr nur durch das auf den Sub- 
jektiv bezogene Suffix geschafien. Man vergleiche das kasikumükische 
I],a qini Tsi?iÄJia Hacpynn naj i^a nexjaji syManiyH iyny ypi" 'eines 
Tages kam der Molla Nasr-ed-din (u^-^i j^), spazieren gehend, an 
das Ufer eines Flusses' mit dem grönländischen teriangniap orssu-a 
ajorpoK 'des Fuchses Speck ist schlecht', d. h. 'Fuchs Speck-. sein ist 
schlecht'. Hätte teriangniap schon kraft seiner Form die possessive 
Bedeutung, die dem kasikumükischen Hexja.a in Verbindung mit dem 
folgenden Dativ eigen ist, so müßte teriangniap orssoK in dem Satze 
teriangniap orssoK takuvd einen Sinn wie 'des Fuchses Speck' ergeben, 
der Satz also bedeuten 'er sieht des Fuchses Speck'. Da dies aber 
nicht der Fall ist, so verliert auch die Deutung als Genitiv ihren 
eigentlichen Halt, und man wird — übrigens in Übereinstimmung 
mit den Erfahi-ungen , die auf Gebieten mit ähnlich- oder gleich- 
gearteten Verbalausdrücken gewonnen sind — den grönländischen 
Subjektiv für einen Dativ erklären müssen. Daß ein solcher in Ver- 
bindung mit einem Possessivj^ronomen auch die Darstellung eines 
Besitzverhältnisses übernehmen kann, liegt auf der Hand, und volks- 
tümliche Wendungen wie 'dem Fuchs sein Speck' für 'des Fuchses 
Speck' zeigen, wie nahe auch uns ein solcher Bedeutungsübergang 
liegt.' Auffälliger mag schon der Umstand erscheinen, daß der Dativ, 
so geeignet er offenbar ist, bei Empfindungsverben das Ziel anzu- 
geben, auch da fungiert, wo unserem Gefühl nach nur eine Andeu- 
tung des Urhebers am Platz ist. Aber Ziel und Urheber treten nach- 
weislich im sprachlichen Leben so leicht in Berührung miteinander, 
daß die Verallgemeinerung des ursprünglich nur eins von beiden be- 
dingenden Verbaltypus nicht wundernehmen kann. Das Georgische 
beispielsweise, das für die Bezeichnung des Urhebers und des Ziels 
je ehie lautlich deutlich gekennzeichnete Form hat, macht die Ver- 
wendung desselben vom Tempus'' abhängig, so daß das, was im 

' Hugo Schuchardt, Über den passiven Charakter usw. S. 22. Man beachte 
auch den teilweisen Zusammenfall des Instrumentals und Genitivs im Tibetischen 
(Jäschke-Wenzel, Tibetan Granimar S. 22). 

^ n. K. yejiapt, JlaKCKÜf nsuK-b. diHorpa^iü KaBKasa. HsbiKosHame. IV. 
(TH*jmc'b 1890) S. 216. 

' Vgl. Heinrich Winkler, Germanische Kasussyntax (Berlin 1896) S. 544ff. 

* Vgl. hierzu und zu den entsprechenden Erscheinungen der verwandten Sprachen 
H. Schuchardt, Über den passiven Charakter des Transitivs in den kaukasischen 
Sprachen S. 34ff. Vgl. hinsichtlich des Tscherkessischen auch noch JI. .lonainHCKifi, 
TpaMMaTniccKia samliTKii. CoopHBK'B MaTepiajioB'i. ^jia oimcaHiii lutcTHOCTeii n njicmeat 
Kaitiiasa XXI (Tn*jinc'B 1896), II, 302 — 327. 



F. N. Kinck: Die Griindhedentimg des grönländischen Subjektivs. 28/ 

einen Falle als Urheber aufgefaßt wird, im anderen als Ziel darge- 
stellt werden muß. Um wieviel leichter kann sich da die Ver- 
schmelzung in einer Sprache vollziehen, bei der die lautliche Scheidung 
weniger scharf" ist. 

Darf man also annehmen, daß der von Kleinschmidt als Subjektiv 
bezeichnete Kasus ein Dativ ist, so müssen naturgemäß aucli die mit 
ihm auf eine Linie gestellten subjektiven Suffixe als dativische Formen 
aufgefaßt werden. Kleinschmidts zu einiger Berühmtheit gelangtes 
Walfischbeispiel arferup sarpi-ata umiap suju-a agtorp-d 'der Schwanz 
des Walfisches berührte des Bootes Vorderteil' würde also folgender- 
maßen aufzufassen "sein : 'Dem -Walfisch seinem -Schwanz [wurde] dem- 
Boot sein -Vorderteil seine-Berührung-seine', d. h. 'des Boot-Vorder- 
teils Berührung traf den Walfisch'. 

Ist die hiermit entwickelte Ansicht richtig, so liegt also im Grön- 
ländischen eine der indogermanischen Verallgemeinerung der Tatverben 
('ich töte ihn', danach 'ich sehe ihn') ähnliche, aber eben bedeutend 
weitergehende, zur Alleinherrscliaf't führende Ausbreitung der Empfin- 
dungsverben ('er erscheint mir', danach 'er stirbt mir') vor, die vor- 
stellbar bleibt, solange ein passendes Wort die Anschauung ver- 
mittelt ('er stirbt mir' = 'ich töte ihn'), darüber hinaus aber nur 
noch begriffen werden kann. Aber diese einseitige Weltanschauung 
kann nicht auffallen bei einem Volk, das infolge des ihm nun einmal 
zugefallenen Wohnsitzes die es umgebende Natur nicht in größerem 
Umfange dienstbar machen kann, das auf stets allen Zufällen preis- 
gegebener Jagd warten lernt , bis der als Nahrung dienende Seehund 
erscheint, und sich so daran gewöhnt, die ganze Welt aus dieser 
einseitigen Jägerperspektive anzusehen und alles Geschehen für ein 
ihm Widerfahren zu halten. 



Ausgegeben am 2. März. 



289 

SITZUNGSBERICHTE 1^05. 

X. 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

23. Februar. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Walde yer. 

Hr. Fischer las: Ȇber das Verhalten verschiedener Poly- 
peptide gegen Pankreasferment« , das er in Gemeinschaft mit 
Dr. E. Abderhalden untersucht hat. 

Die Prüfung von 12 synthetischen Polype[)tiden, von denen 7 durch Pankreassaft 
gespalten werden, ergab, dass die Wirkung des Fermentes sowohl von der Natur der 
Aminosäuren als auch von der Struetur und Configuration des Moleküls abhängig ist. 



290 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe v. 23. Februar 1905. 



Über das Verhalten verschiedener Polypeptide 
gegen Pankreasferment. 

Von EaiiL Fischer und Emil Abderhalden. 



INi ach Beobachtungen von E. Fischer und P. Bergell ' zeigen die künst- 
lichen Dipeptide den Fermenten des Pankreas gegenüber scharfe Unter- 
schiede. Die einen, wie Glycylglycin , werden nicht in nachweisbarer 
Menge angegrifi'en, während andere, wie das Glycyl-1-Tyrosin, da- 
durcli eine rasche Spaltung in die Componenten erfjihren. Besonders 
interessant gestaltete sich der Versuch heim racemischen Leucylalanin; 
denn die Hydrolyse erfolgt hier asymmetrisch, d. h. sie beschränkt 
sich auf den einen optisch -activen Componenten des Racemkörpers. 
Die Ausdehnung dieser Untersuchungen auf die complicirteren Poly- 
peptide wurde damals durch die schlechte Beschaffenheit des käuf- 
lichen Pankreasfermentes und die dadurch bedingte Schwierigkeit, die 
Producte der Hydrolyse zu isoliren, verhindert. Durch die Güte des 
Hrn. Prof. Pawlow in St. Petersburg sind wir inzwischen in den Besitz 
von reinem Pankreassaft, der von Hunden mittelst einer Pankreas- 
fistel entnommen war, gelangt, und wir haben mit Hülfe dieses über- 
aus wirksamen Fermentes eine ganze Reihe von Polypeptiden prüfen 
können. Wir fassen die Resultate in folgende kurze Übersicht zu- 



sammen : 



Hydrolysirbar Nicht hydrolysirbar 

Glycyl-1-Tyrosin Leucylprolin 

Leucyl-1-Tyrosin Glycylphenylalanin 

Dialanylcystin Glycylglycin 

Dileucylcystin Diglycylglycin 

"^Alanylleucylglycin Triglycyiglycin 
Tetragiycylglycin 
Triglycylglycinester 
(CuRTius' Biuretbase) 



Ber. d. D. ehem. Ges. 36. 2592 {1903) und 37, 3103 (1904). 



FiscHFR 11. E. Abderhalden: Über das Vei'halten verschiedener Polypeptide. 291 

Boi dem auf der linken Seite befindliehen, dureli ein * markirten 
Alanylleucylglyein konnte a.symmetriseher Verlauf der Hydrolyse fest- 
i^estellt werden. Wie der Vergleich zwischen den beiden Reihen er- 
giebt, ist der Angriff des Pankreasfernaentes durch recht verschiedene 
Ursachen bedingt. Von den Dipeptiden sind die Derivate des Tyrosins 
und Cystins leicht spaltbar, dagegen stehen auf der anderen Seite als 
nicht spaltbare Dipeptide Leucyl])rolin , Glycylphenylalanin und Glycyl- 
glycin. Besonders interessant ist der Vergleich der verschiedenen 
Glycinkörper. Glycylglycin , Diglycylglycin und Triglycylglycin werden 
nicht angegriffen, w.ährend beim Tetragiycylglycin eine unverkenn- 
bare Spaltung eintritt. Bemerkenswertherweise schliesst sich ihm die 
Biuretbase an, die nach den neuen Untersuchungen von Curtius' der 
Aethylester des Triglycylglycins ist. Auf die älteren Beobachtungen 
von ScnwARZscHiLD" bezüglich der Spaltung dieser Base durch Trypsin 
werden wir später zurückkommen. Man ersieht aus diesem Vergleich, 
dass einerseits die Länge der Glycinkette, andererseits aber auch die 
Veränderung des Carboxyls von Einiluss auf die Hydrolyse sind. 
Neben diesen Momenten und der Qualität der einzelnen Aminosäuren 
spielt dann die Configuration des Moleküls eine wesentliche Rolle, 
wie das bei der asymmetrischen Natur des Fermentes leicht begreif- 
lich ist. Die Beobachtungen bestätigen auch unsere Erwartung, dass 
die Prüfung mit Pankreassaft ein Mittel sei, die grosse Zahl der künst- 
lichen Polypeptide in biologisch verschiedene Classen einzutheilen 
und dieser Vortheil wird noch mehr hervortreten, sobald es gelingt, 
eine grössere Zahl der optisch-activen Polyj^eptide in gleicher Weise 
zu untersuchen. 

Der uns von llrn. Prof. Pawlow gelieferte Pankreassaft war durch 
die neue von Pawlow erfundene Fistel entnommen und daher frei 
von Darmsaft. Er war für den Transport mit einer geringen Menge 
Thymol versetzt. Bekanntlich ist der frische Pankreassaft anfangs 
hydrolytisch kaum wirksam. Er muss dann activirt werden. Wir 
haben zu dem Zwecke 5 Procent Darmsaft zugesetzt, der uns ebenfalls 
von Prof Pawlow überlassen war. Um dem Einwände zu begegnen, 
dass durch den Zusatz des Darmsaftes andere hydrolytische Fermente 
in die Flüssigkeit gelangt seien , die möglicherweise die Hydrolyse 
der Polypeptide bewirken könnten, so haben wir für einige ty]>isehe 
Fälle spontan activ gewordenen Pankreassaft benutzt und dabei die 
gleichen Resultate erhalten. Der verwendete Pankreassaft war eine 
wasserklare Flüssigkeit und enthielt im Cubikcentimeter 0'.''03 — 0°.''04 



Ber. d. D. ehem. Ges. 37, 1284 (1904). 

Beiträge zur chemischen Physiologie und Pathologie, 4, 155 (1903) 



292 Sitzung der pliysikalisch-matlKMiiatiscIien Classe v. 23. Fel)ruar 1905. 

Trockensubstanz, die zum 'Jlieil noch aus anorganischen Stoßen l)e- 
stand und wegen ihrer geringen Menge die Untersuchung der hydro- 
lytisclien Producte kaum erscliwerte. Abgesehen von diesem Vortheil 
ist der Pankreassaft auch in Bezug auf den Ci ehalt an Ferment wohl 
einlieitlicher als das käufliche Trypsin oder Pankreatin, die durch 
Auslaugen der Pankreasdrüse gewonnen werden, mid die neben den 
tryptischen Enzymen aucli antolytische enthalten können. Wir halten 
deshalb die mit dem Pankreassaft erzielten Resultate für eindeutiger 
und dai-um für biologisch interessanter. 

Mit Rücksicht auf die Mühe, die die Darstellung der künstlichen 
Polypeptide macht, haben wir nur verhältnissmässig kleine Mengen 
dieser Stofle verwenden können. In Folge dessen war es nicht mög- 
lich , alle Producte der Hydrolyse zu isoliren. Wir haben uns des- 
halb in der Regel damit begnügt, das charakteristische Spaltproduct 
zu gewinnen. Die Einzelheiten der Beobachtung finden sich bei jedem 
Beispiel erwähnt. 

Spaltung des Glycyl-l-Tyrosin.' 

I '■■ Glycyl-l-Tyrosin wurde in 20""" Wasser gelöst, mit 3""'activirtem 
Pankreassaft versetzt und nach Zugabe von Toluol im Brutraum bei 36° 
aufbewahrt. Nach 8 Stunden zeigte sich bereits eine deutliche Trübung 
der Lösung und ein leichter Bodensatz, der nach 12 Stunden sich stark 
vermelirt hatte. Nach 24 Stunden betrug die Menge des bei 100° ge- 
trockneten Niederschlages o^.''4. Das Filtrat gab nach weiterem Stehen 
im Brutraum eine neue, ziemlich beträchtliche Krystallisation , die nach 
2 Tagen o^.''2 5 wog. Aus der Mutterlauge konnten trotz erneutem Zusatz 
von Pankreassaft und achttägigem Stehen im Brutraum nur noch o^.''04 
desselben Productes gewonnen werden. Das Rohtyrosin wurde durch 
Umkrystallisiren aus heissem Wasser unter Zusatz von etwas Thier- 
kohle gereinigt. 

0^1768 Subst. gaben o^'ogyß H,0 und o'^.''3874 CO^ 

Berechnet für C^H^NO, 59.66 Procent C und 6.07 Procent H 
Gefunden: 59.7 6. 11 

Die Ausbeute an reinem Product betrug o'/ö 2 oder 81 .6 Procent 
der Theorie. 

Um das gleichzeitig entstandene GlykokoU nachzuweisen, wurde 
die vom Tyrosin abfiltrirte Lösung im Vacuum unterhalb 40° zur 



• E. FiscHKR. ßcr. d. D. clu'iii. des. 37. 2495 ('V04)- Vergl. auch E. Pascher und 
P. ÜERGEi.L, Ebenda 37, 3104 (1904). 



Fischer u. E. Ahderhalden: Über das Verlialten verscliiedciici- Polypeptide. 203 

Trockene verdampft, und der Rückstand mit 3''"" eiskaltem Wasser 
ausgelaugt. Beim Verdampfen des Filtrates blieben o~''2 8 zurück. Da 
dem Glykokoll noch amorphe Producte beigemengt waren , die die 
Krystallisation erschwerten, so diente zum endgültigen Nachweis sein 
Ksterchlorhydrat. Es wurde deshalb die Masse ge2)ulvert. mit 3"'"' 
absohitem Alkohol übergössen, und unter Eiskühlung mit Salzsäin-e- 
gas gesättigt. Um die Veresterung zu verv(jllständigen, wurde zum 
Schluss die leicht getrübte Lösung noch 1 — 2 Minuten erwärmt und 
dann sofort wieder abgekühlt. Nacii Impfen mit einem Kryställchen 
von GlykokoUesterchlorhydrat schied die in einer Kältemischung 
stehende Lösung ziemlich rasch einen dicken Krystallbrei ab, der nach 
dem Absaugen, Waschen und Trocknen über Kalk und Schwefelsäure 
bei 144° schmolz und alle Eigenschaften des GlykokoUesterchlorhy- 
drats besass. Seine Menge betrug 0'.'"32 = o~'\'] Glykokoll oder 
54.8 Procent der Theorie. 

Leucyl-1-Tyrosin. 

Zur Verwendung kam das amorphe Präparat, dessen Einheitlich- 
keit nach der früheren Beschreibung' nicht sichergestellt ist. 0'.''5 wur- 
den in 30"™' Wasser gelöst und mit 2°™' Pankreassaft sowie Toluol 
bei 36° aufbewahrt. Nach 4 Tagen war eine reichliche Menge (o".''25) 
von Krystallen abgeschieden, die nach dem Umkrystallisiren aus 
heissem Wasser o^^i^ ziemlich reines Tyrosin gaben. Die vom Tyrosin 
möglichst befreite Mutterlauge gab nach dem Verdünnen und Kochen 
mit Kupferoxyd ein in blassblauen Blättchen krystallisirendes Kupfer- 
salz, das die grösste Ähnlichkeit mit dem Leucinkuj^fer zeigte. 

Dialanylcystin." 

Eine Lösung von i'' in 15"" Wasser, die mit Toluol und 4°"'" 
Pankreassaft versetzt war, zeigte nach 12 stündigem Stellen bei 36° be- 
reits einen deutlichen Bodensatz, und nach 4 Tagen betrug die Menge 
des krystallisirten Niederschlages 0^35. Das Filtrat gab nach weiteren 
5 Tagen im Brntraum noch O".""! und aus der etwa auf die Hälfte 
eingeengten Mutterlauge fielen beim Abkühlen noch on^iS aus. Der 
Niederschlag bestand zum grössten Theil aus Cystin. Zur Reinigung 
wurde er in wenig warmem loprocentigem Ammoniak gelöst, und die 
erkaltete Flüssigkeit durch Essigsäure gefällt. Die Menge des so er- 
haltenen Cystins betrug o°^5 oder 79 Procent der Theorie. Die Rein- 
heit wurde durch eine Schwefelbestimmuna: festgestellt. 



' E. Fischer, a. a. O. S. 2498. 

^ E. Fischer und ü. Suzuki, Ber. d. D. ehem. Ges. ZT, 4579 ('904). 



294 Sitzung der i)hysikalisch-inatlieiiiatischen Classe v. 23. Februar 1905. 

0'''20i2 Suhst. gaben o'^.'"39i5 Ba SO^ = o"''0538 S 
Berechnet für CJi^N.S.O, 26.66 Procent S 
Gefunden: 26.74 

Dilency Icystin.' 

Leider stand un.s nur eine selir geringe Menge Material zur Ver- 
fügung. Immerhin dürfte der Versuch in der Hauptsache entschei- 
dend sein. o^.''2 amorphes Leucylcystiu in io°°° Wasser gelöst und 
mitToluol und i°°" Pankreassaft versetzt, gab bei siebentägigem Stehen 
bei 36° o^.''i krystallinischen Niederschlag. Dieser wurde in der üb- 
lichen Weise gereinigt und so 0'.''o6 eines Präparats erhalten, das die 
charakteristische Krystallform und auch sonst die Eigenscliaften des 
Cystins zeigte. 

Alanylleucylglycin. 

Die von Hrn. Brunner im hiesigen Institut dargestellte Verbin- 
dung ist racemisch und sclieinbar einheitlich. Die Beschreibung ihrer 
Darstellung wird später erfolgen. Die Hydrolyse durch Pankreassaft 
erfolgt asymmetrisch, denn die Lösung wird im Laufe des Versuchs 
optisch stark activ und als Producte der Hydrolyse konnten einerseits 
d-Alanin und andererseits optisch actives Leucylglycin isolirt werden. 
Es scheint demnach, dass von dem Racemkörper nur die eine Hälfte 
durch Ferment angegriffen wird. Man müsste mithin als drittes Pro- 
duct der Hydrolyse ein optisch actives Alanylleucylglycin erwarten. 
Aus Mangel an geeigneten Trennungsmethoden ist uns aber die Iso- 
lirung dieses Körpers bisher nicht gelungen. 

. 2^' racemisches Tripeptid werden in 20"" W' asser gelöst, mit 
Toluol und 5"™ Pankreassaft versetzt und 8 Tage im Brutraum auf- 
bewalirt. Die vom Toluol getrennte, kurz aufgekochte und filtrirte 
Lösung drehte dann im i''°'-Rohr 2?2 nach rechts. Sie wurde im 
Vacuum unterhalb 40° zur Trockne verdampft, und der Rückstand 
mit 4°°°' eiskaltem Wasser ausgelaugt. Das wässerige Filtrat hinter- 
liess beim Eindampfen o^'jg, die jetzt nur mit i""" eiskaltem Wasser 
verrieben wurden, wobei o'^!^ in Lösung gingen. Der beim Ver- 
dampfen des Filtrats verbleibende Rückstand enthielt das durch die 
Hydrolyse entstandene d -Alanin. Für seine völlige Reinigung haben 
wir die Verwandlung in den Ester angewandt. Die trockene Sub- 
stanz wurde mit i°™5 absolutem Alkohol zerrieben und durch Ein- 
leiten von trockenem Salzsäuregas bis zur völligen Lösung verestert. 

' Emil Fischer und U. Suzuki, a. a. O. S. 4580. 



FiscitKR II. K. Ai!Di:i)iiAi,i)EN : über das \'ei'lialten versohindener Polypeptide. 21)5 

Diese Flüssigkeit gnb auch bei längerem Stellen in einer Kältemischung 
und nach p]inimpfen eines Kryställchens von Glykokollesterclilorhydrat 
jiur eine äusserst geringe Abscheidung. Sie enthielt also jedenfalls 
nur Spuren von GlykokoU. Zur Isolirung des Alaninesters wurde die 
filtrirte Flüssigkeit im Vacuum bei 35° zur Trockne verdam])ft, und 
der Ester in der gewöhnlichen Weise, aber mit grosser Vorsicht in 
Freiheit gesetzt. Bei der kleinen Menge von Alaninester war die 
erhaltene ätherische Lösung sehr verdünnt. Da beim Abdani])fen 
einer solchen Lösung ein erheblicher Theil des leicht Üüchtigen Amino- 
esters mit übergeht, so haben wir diese Eigenschaft direct zur Reini- 
gung unseres Präparats benutzt. Wir verdampften nämlich die äthe- 
rische Lösung bei gewöhnlicher Temperatur unter stark vermindertem 
Druck und soi-gten durch starke Abkühlung der doppelten Vorlagen 
mittels einer Kältemiscluing für möglichste Condensation des Destillats. 
Im Destillationsgefäss blieb unter diesen Bedingungen nur ein ganz 
geringer Rückstand, der aber noch deutlich nach Aminoester roch. 
Das ätherische Destillat Avurde zur Isolirung des Alaninesters mit 
verdüimter Salzsäure sorgfaltig durchgescliüttelt, und die salzsaure 
Lösung auf dem Wasserbad zur Trockne verdampft. Der Rückstand 
war salzsaures d- Alanin und wog o^.''2 669 oder 55 Procent der Theorie, 
wenn man annimmt, dass nur die eine Hälfte des racemischen Tri- 
peptides völlig gespalten wird. 

o^''20i4 in 5°"" Wasser gelöst, drehten im Decimeterrolir Natrium- 
licht o?37 nach rechts, mithin [d]D^-+-9?5. 

Aus dem salzsauren Salz wurde in der üblichen Weise durch 
Kochen mit Bleioxyd das freie Alanin bereitet. Es zeigte bei raschem 
Erhitzen den Schmelz- und Zersetzungspunkt 296° (corr.) und die 
Zusammensetzung des Alanins: 

0'.''i3i7 Subst. gaben 0'.''i959 CO^ und 0'."'0953 H^O. 
Berechnet für CjHjNO^ 40.45 Procent C und 7.87 Procent H 
Gefunden: 40.56 8.04 

Die durch Auslaugen mit 4°"'" eiskaltem Wasser von d-Alanin be- 
freite Masse enthielt das Dipeptid und noch andere stark active Sub- 
stanzen, wahrscheinlich das active Tripeptid. Als die ganze Menge 
nämlich in 30"°'" Wasser gelöst war, drehte diese Flüssigkeit im i'"'"- 
Rohr i?2 nach rechts. Wir haben uns damit begnügt, aus dem Ge- 
menge das Leucylglycin zu isoliren. Zu dem Zwecke wurde das trockene 
Gemiscli bei gewöhnlicher Temperatur mit 4"'" Wasser sorgfältig aus- 
gelaugt, wobei der grössere Teil in Lösung ging. Der Rückstand ent- 
hielt (las gesuchte Dipeptid. Er wurde in wenig heissem Wasser gelöst, 
die Flüssigkeit durch Aufkochen mit Thierkohle entfärbt, und das 
Sitziin-shciichie liln.S. 2s 



296 .Sit/iing der pliysikaliscli -niatlieniatischen Classe v. -23. Feliniar 1905. 

Filtrat eingedampft. Der Rückstand wog 0'.'i6i3 >ind zeigte ungefähr 
die specifische Drehung — 3?7. Er wurde nochmals in wenig heissem 
Wasser gelöst, und die Flüssigkeit im Exsiccator eingeengt. Dabei 
schied sich die Substanz »als farbloses, krystallinisclies Pulver ab. Nach 
der Analyse ist das Product ein Leucylglycin : 

o'^.'i4o6 Subst. gaben o-.''26i6 CO^ und o'^.'ioyy ILO 
Berechnet für CsH.^O^N, 51.06 Procent C und 8.51 Procent H 
Gefunden: 50-74 8-5 1 

Allerdings ist es fraglich , ob wir das Product bei der geringen 
Menge und der unvollkommenen Art der Isolirung ganz rein gehabt 
haben. Im Capillarrohr rasch erhitzt, begann das Präparat gegen 228° 
zu sintern, färbte sich dann braungelb und schmolz unter starkem Auf- 
.schäumen bis gegen 238° (corr. 246°). Die geschmolzene Masse er- 
starrte beim Erkalten zu mikroskopisch feinen Nädelchen, die wahr- 
scheinlich das Anhydrid des Dipeptides sind. 

Polypeptide des Glykokolls. 

Untersucht wurde Di-, Tri-, Tetra- und Pentnpeptld sowie der 
Aethylester des Tetrapejitids (Biuretbase von Th. Curtius). Eine sicht- 
bare Veränderung war nur bei den beiden letzten Substanzen zu er- 
kennen. Als specielle Probe haben wir zum Nachweis der Hydrolyse 
die Isolirung des Glykokolls als Esterchlorhydrat benutzt. 

Triglycylglycinii thylester (Biuretbase von Curtius). 

Das Verhalten der Base gegen Trypsin ist bereits von M. Schwarz- 
scniLD* untersucht worden. Er fand, dass bei der Einwirkung des Fer- 
mentes die Biuretreaction verschwand, und dass dann in der Flüssig- 
keit Glykokoll enthalten war. F^r glaubte ferner die Base als den Aethyl- 
ester des Hexaglycylglycins betrachten zu dürfen. In einer km'zen 
Kritik der Versuche und Schlussfolgerungen von Schwarzschild hat der 
eine von uns in Gemeinschaft mit Bergell^ darauf aufmerksam gemacht, 
dass die Structur der Base auch durch die Versuche von Schwarz- 
schild keineswegs festgestellt sei , und dass durch den Nachweis des 
Glykokolls die Hydrolyse der Base nicht bewiesen werde, da diese 
nach den älteren Versuchen von Curtius und Goebel selbst leicht in 
Glykokoll verwandelt werden könne. Inzwischen hat Th. Curtius^ ge- 



.\.,i.O. 

Vh'V. (1. I). clicin. (ifS. 36, 2607 (1903). 

licr. (1. I). clieiii. (ies. 37. 12H4 (1904). 



Fi.sciiKi! II. K. Ani)KRiiAi.[ir:N : Vhcy (l:is \'erli;iltcn xcrschicileiii'r l'()ly|M'|]ti(lr. 21'/ 

zeigt, da.ss die ix'ine Biuretbase der Aetliylester des 'rriglycylglyeins 
ist, und dass das von Schwarzschild benutzte Präparat sehr stark mit 
Glycinanliydrid verunreinigt war. Unter die.sen Umständen schien eine 
Wiederliolung des liydrolytischen Versuches unter Anwendung von Pan- 
kreassaft wünschenswerth . 

I'' Base, die nach der neuen Vorscliril't von Cuinius hergesteUt 
war, wurde in 30""" Wasser gelöst, mit Toluol und 4"'"" Pankreassaft ver- 
setzt und im Brutraum aufbewahrt. Nacli 14 Tagen war die Biuret- 
reaction nocli deutlicli vorlianden. Im Laufe der dritten Woelie wurde 
sie aber schon recht schwach und nach vier Wochen war sie eben 
noch wahrnelimhar, während eine Controlprobe der Base ohne Ferment 
bei gleicher Behandhmg nach sechs Wochen noch .sehr starke Biuret- 
reaction zeigte. Wenn Schwarzschild bei seinen Versuchen die Biuret- 
reaction schon am 5. oder 6. Tage verscliwinden sali, so liegt dies 
vielleicht an der grösseren Menge oder auch an der verschiedenen Be- 
schaffenheit seines Fermentes, das aus Rinderpankreas nach 5 — 6- 
tägiger Autodigestion gewonnen und mittels der Uranylacetat-Methode 
gereinigt war, aber vielleicht trotzdem neben den pankreatischen aucli 
autolytische Fermente enthielt. 

Zum Nachweis des Glykokolls wurde die biuretfreie Flüssigkeit 
vom Toluol getrennt, kurz aufgekocht, filtrirt, dann unter stark ver- 
mindertem Druck unterhalb 40° zur Trockne verdampft, und der Rück- 
stand mit 2""' eiskaltem Wasser sorgfältig ausgelaugt. Beim Verdunsten 
hinterliess diese Lösung o".''354 Rückstand. Er wurde gepulvert, mit 
3"""' absolutem Alkohol versetzt und durch Einleiten von trockenem 
Salzsäuregas anfangs unter Kühlung bis zur Sättigung verestert. Da 
ein geringer Rückstand blieb, so wurde die alkoholisclie Lösung fil- 
trirt. Beim längeren Stehen des Filtrates in einer Kältemischung nach 
Impfung mit einem winzigen Kryställchen von GlykokoUesterchlorhy- 
drat begann eine reichliche Krystallisation , die nadi 12 Stunden ab- 
filtrirt und mit kaltem Alkohol gewaschen 0'.''2045 betrug und nach 
dem Schmelzpunkt 142° und den sonstigen Eigenschaften salzsaurer 
(ilykokollesterchlorhydrat war. 

Unsere Resultate bestätigen also die Beobachtungen von Schwarz- 
schild über die Zerstörung der Biuretbase durch das Pankreasferment 
und geben ausserdem den sicheren Beweis, dass dabei GlykokoU 
entsteht. Allerdings ist seine Menge so gering, dass als Haupt- 
product andere Substanzen entstehen müssen. In der That bleibt 
beim Auslaugen des Glykokolls mit eiskaltem Wasser ein erheb- 
licher Rückstand, der uns aus den abiureten Polypeptiden des Gly- 
kokolls zu bestehen scheint, den wir aber noch nicht genügend unter- 
sucht hMb(Ml. 



298 Sitzung der physikaliscli-mathe.niatisclien Clnsse v. 23. Felaunr 1905. 

Tctragiycylgly ein.' 

D;i,s Pentapeplid ist in kaltem Wasser so schwer löslich, dass 
wir für den Versuch eine nur iprocentige Lösung anwenden nuissten. 
loo"'" da-von blieben mit 4"'" Pankreassaft und mit Toluol im ßrut- 
raum bei 36° stehen. Nach 3 Wochen war die Biuretreaction zwar 
noch nicht vollständig verscli wunden, aber doch sehr viel schwächer 
geworden als die der (-"ontrolprobe oder einer frischen iprocentigen 
Lösung des Pentapeptids. Die Flüssigkeit wurde nun zum Nachweis 
des GlykokoUs genau in denselben Weise behandelt wie im vorigen 
Beispiel. Die Menge der in 2"°" eiskaltem Wasser löslichen Substanz 
betrug o°.''3i22, und daraus wurden 0^3014 GlykokoUesterchlorhydrat 
vom Schmelzpunkt 144° gewonnen. 

0'.''i976 Subst. gaben o''.''2 500 CO^ imd o"'"i2 90 H^O 

Berechnet für C^Hj^^NO^Cl: 34.43 Procent C und 7.18 Proeent H 
Gefunden: 34-50 7.25 

Die übrigen Producte der Hydrolyse sind auch hier noch nicht 
genügend untersucht. 

Die drei anderen oben erwähnten Polypeptide des Glycins zeigten 
unter ähnlichen Bedingungen keine nachweisbare Hydrolyse. Am sorg- 
fältigsten sind die Versuche mit dem Tetrapeptid"^ ausgeführt, weil 
dieses einerseits die der Biuretbase entsprechende freie Säure ist und 
andererseits auch wie jene die Biuretreaction giebt. Wegen der geringen 
Löslichkeit konnte nur eine 2-^procentige Lösung verwendet werden. Wir 
haben drei Versuche ausgeführt mit einer Lösung von je i^'' Triglycyl- 
glycin in 40'^°'° Wasser, die mit Toluol und 3"" Pankreassaft versetzt war 
und bei 36° aufbewahrt wurde. Bei der ersten Probe wurde die Flüssig- 
keit nach 10 Tagen untersucht. Die beiden anderen blieben je 4 Wochen 
im Brutraum stehen. Nach dieser Zeit war die Biuretreaction der 
Flüssigkeit nicht merklich vermindert, und es gelang auch nicht, nach 
dem oben angegebenen Verfahren in der Flüssigkeit GlykokoU nach- 
zuweisen, denn es entstand bei der Veresterung nur eine äusserst ge- 
ringe Menge einer Abscheidung, die nicht einmal eine Schmelzpunkt- 
bestimmung gestattete. Jedenfalls war der allergrösste Theil des Tetra- 
jjeptids unverändert. 

Beim Glycylglycin ist die Resistenz gegen das gewöhnliche 
käufliche Trypsin schon früher' beobachtet worden. In Übereinstim- 
mung damit steht das Verlialten gegen Pankreassaft. Eine Lösung 



' E. Fischer, Ber. d. I). ehem. Ges. 37, 2507 (1904). 
^ E. Fischer. Bericht d. d. ehem. Ges. 37, 2501 (1904). 
ä F.. Fischer und P. BERfiELi., Ebenda 36. 2598 (190.^). 



FiscHKiJ II. K. AnniatiiAiDEN : über das N'i'rhnlten verschirdciUM- Pi)lv[)eiitidc. 21)'.) 

von i"^'" in 25°'"" Wasser wurde mit 3"'"' Pankreassaf'l uiul Toliiol Ncrsctzt. 
Nach I4tägigem Stellen bei 36° war keine wägbare Menge von (ilylco- 
koll nacliweisbar. 

Ebenso negativ war das Resultat beim Diglycylglycin', wo 
eine Lösung von i^'' in 35"'" Wasser mit Toluol und 3'"" Pankreas- 
saft 14 Tage im Brutraum gestanden hatte. 

G 1 y e y 1 j> h e n y 1 a I a n i n .'" 

Angewandt i"'' Dipeptid, 20"'" Wasser. 3°"" Pankreassal't und 'i"o- 
luol. Nach vierwöchigem Stehen bei 36° zeigte die Lösung keine 
Drehung des polarisirten Lichtes. Sie wurde dann im Vacuum zur 
Trockne verdampft und der Rückstand mit 2""'" eiskaltem Wasser 
ausgelaugt. Diese Lösung hinterliess beim Verdampfen o^.''i902 Rück- 
stand, aus dem kein Glykokollesterchlorhydrat gewonnen werden konnte. 
Es war also keine nachweisbare Hvdrolvse eingetreten. 



R a c e m i s (' h e s L e u c y 1 [) r 1 i n .' 

Eine Lösvnig von i"" in 10'"'" Wasser blieb nach Zusatz von 'i'o- 
luol und 3'''"" Pankreassaft bei 36° stehen. Nach 3 Wochen zeigte die 
Elüssigkeit keine Drehung des polarisirten Lichtes, und eine Probe 
blieb nach dem Kochen mit Ku])feroxyd völlig farblos. Damit ist 
unzweideutig bewiesen , dass keine Hydrolyse des Dipeptides statt- 
gefunden hatte, denn die Spaltungsproducte, die dabei entstellen 
müssten, Leucin und Prolin, geben beide stark blau gefärbte Kupfer- 
salze. Die ursprüngliche Flüssigkeit wurde dann nochmals mit 3'"" 
Pankreassaft versetzt und wiederum 3 Wochen im Brutraum aufbe- 
wahrt. Auch jetzt blieb die Kupferprobe negativ, und man kann 
deshalb sagen, dass das Dipeptid von dem Pankreassaft gar nicht 
angegrifi'en wird. Ob das an der eigentümlichen Structur der Ver- 
bindung liegt, die wahrscheinlich auch das abweichende Verhalten 
gegen Kupferoxyd bedingt, oder ob ihr stereochemischer Aufbau dem 
Ferment nicht passt, müssen wir vor der Hand unentschieden lassen, 
denn das zweite von der Theorie vorgesehene stereoisomere Leucyl- 
prolin ist noch unbekannt, und man kann a priori über sein Ver- 
halten gegen Pankreasferment nichts sagen. 

Positive Zeichen der Hydrolyse durch Pankreasferment haben wir 
noch beim racemischen Leucylisoserin und dem racemischen Leu- 

' E. Fischer. Ebenda 36. 2983 (190,5). 

- II. Lf.icus und U. Suzuki, Ber. d. D. cliein. Ges. 37. 3313 (1904). 

^ E.Fischer und Emil .Abderhalden, ebenda 37. 3074 (1904). 

Sitzungsberichte 1905. 29 



300 yit/.unu,- der pliysikaliscli-nialheuiaüsclieii Classe v. 23. Feliniar 19<).">. 

fylglycylglycin' beobachtet, denn hier wird die Flüssigkeit beim 
längeren Stehen mit dem Ferment ziemlich stark optisch activ. Da 
aber die Producte der Hydrolyse noch nicht isolirt sind, so können 
wir den Versuch nicht als abgeschlossen betrachten. Auffallend ist, 
daß im Gegensatz zu dem vorgenannten Tripeptid das so ähnlich zu- 
sammengesetzte Dileucylglycylglycin' bei der Behandlung mit 
dem Ferment keine optisch active Lösung gab, und demnach wahr- 
scheinlich nicht angegriffen war. 

U^ber diese Beobachtungen und das Verhalten mancher anderer 
künstlicher Polypeptide gegen das Pankreasferment werden wir in 
einer zweiten Mittheilung berichten. 



' E. Fischer, Ber. d. D. choiii. Ges. 36, 2990 (1903). 
- Derselbe, ebenda 37, 2506 (1904). 



Ausgegeben am 2. März. 



.ler Kci.'liMiri 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCriEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



XI. XII. XIII. 



2. 9. März 1905. 



BERLIN 1905. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN, 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 



ir 



Auszug- aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§1- 

2. Diese crsclieinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Octav rejsclinässig Doniierstasrs acht Ta^e nach 
jeder Silziliij;-. Die sämmtlichen zu einem Kalender- 
jahr gehörigen Stücke bilden vorläufig einen Band mit 
fortlaufender Paginirung. Die einzelnen Stücke erhalten 
anssenkm eine durch den Band oliue Unterschied der 
Kategorien der Sitiungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nummer, und zwar die Berichte üher Sitzungen der physi- 
kalisch - matbeniatisclicn Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen iler philosopliiscli-histori'ichcn Classe ungerade 
Nummern. 

§2. 

1. Jeden Sitzimgsbericht eröffnet eine Übersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen mssenschaftlieben IMit- 
thcilungen und über ilie zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten, 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten , und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
druckfertig übergebenen, dann die, welche in früheren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. Mittheilungen, 
welche nicht in ilen Berichten und AbhaniUuiigen er- 
scheinen, sind durch ein Sternchen (') bezeichnet. 

§5. 
Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secrct^ai* zusammen, welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secret,ar führt die Oberaufsicht Ober die Redac- 
tion und den Drack der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftlichen Arbeiten. 

i|6. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftlichen Mit- 
theilung iu die Sitzungsberichte gelten neben §41, 2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittlieilung daj-f 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittlieilungcn von Verfassern , welche 
der Akademie nicht angehören, sind auf <lie Hälfte dieses 
Umfanges beschränkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Gesammt- Aka- 
demie oder der betreffenden Classe stattliaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf durchaus 
Nothwcndiges beschränkt werden. Der Satz einer Mit- 
Cheilung wird erst begomien, wenn die Stöcke der in den 
Text einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefeit ist. 

§7. 

1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Mittheilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 
nur auszugsweise oiler auch in weiterer Ausführung» in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittheilung diese anderweit früher zu ver- 



öffentliclien beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Gesammt- Akademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 
5. AuswäiTs werden Correctui'cn nur auf besonderes 
Verlangen verschickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer Mittheilungen nach acht Tagen. 

§11. 

1. Der Verfasser einer unter den •Wissenschaftlichen 
Mittheilmigen» abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlich 
tünfzig Sonderabdrücke mit einem Umsclilag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte nüt Jahreszahl, Stiick- 
nummcr, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung uud der Name <lcs Verfassei-s stehen. 

2. Bei Mittheilungen , die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel lücht über zwei 
Seiten füllen, fallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Einem Verfasser, welcher Mitglied der Akademie 
ist, steht es frei, auf Kosten der Akademie weitere gleiclie 
Sonderabdrücke bis zur Zahl von noch hundert, und 
auf seine Kosten noch weitere bis zur Zahl von zw^ei- 
hundert (im ganzen also 350) zu unentgeltlicher Ver- 
theilung abziehen zu lassen, sofern er diess rechtzeitig 
dem redigirendcn Secretar angezeigt hat; ^vünscht er auf 
seine Kosten noch mehr Abdrücke zur Vertheilung zu 
erhalten, so bedarf es der Genehmigung der Gesammt- 
Akademie oder der betreffenden Classe. — Nichtmitglicder 
erhalten 50 Freiexemplai-e und dürfen nach rechtzeitiger 
Anzeige bei dem redigirendcn Secretar weitere 200 Exem- 
plare auf ihre Kosten abziehen lassen 

§ 28. 

1. .Icdc zur Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Nichtmitglicder, haben hiei-zu dieVermittelung eines ilirem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
"Wenn schriftliche Einsendungen auswärtiger oder coiTC- 
spondirender Mitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen, so hat sie der Vorsitzende 
Secrctai- selber oder durch ein anderes Mitglied zum 
Vortrage zu bringen. Mittheilungen , deren Verfasser der 
Ak.ademie nicht angehören , hat er einem zunächst geeignet 
seheinenden Mitgliede zu übenveisen. 

[Aus .Stat. § 41, 2. — Für die Aufnahme bedarf es 
einer ausibficklichen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Cl.issen. Ein darauf gerichteter Anti-ag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.] 



1. Der reridirende Secretar ist für den Inhalt des 
geschäftlichen Tbeils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kurzen Inlialtsangaben der 
gelesenen Abhandlimgen verant\vortUch. Für diese wie 
für alle übrigen Theile der Silzungsberichlc sind 
nach jeder Richtung nui- die Verfasser Terant- 
wortlich. 



Die Akademie versendet ihre -Sitzungsberichte' an diejenigen Stellen, mit denen sie im Schriftverkehr .steht, 
wofern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Haltte des Monats Mai, 
• • • Mai bis Juli in der ersten Hälfie des Monats August, 

• • October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers. 



301 

SITZUNGSBERICHTE i905. 

XL 

KÖNIGLICH PREUSSISCIIEN 

AKADEI\IIE DER WISSENSCHAFTEN. 

2. März. Gesammtsitzuiisr. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Walde yer. 

*1. Hr. Müller -Breslau las Beiträge zur Lehre vom Gleich- 
gewicht sandförmiger Massen. 

F.s wird ein einfaclu's Nälierungsverfahren zur Bestimmung des Drucks an ge- 
krüuunten Gleitfläclien angegeben und zur Berechnung des Erddrucks auf Stützmauern 
verwerthet. Daran scliliessen sich Mittheilungen über Versuche, die Gestalt der Gleit- 
lläche photographisch zu bestimmen. 

2. Hr. DiLTHEY legte eine erste Studie zur Grundlegung der 
Geisteswissenschaften vor. (Ersch. später.) 

Dieselbe behandelt zunächst Aufgabe, Methode und Anordnung der Grundlegung, 
dann erörtert sie weiter descriptive Vnrbegriffe, die für die Tlieorie des Wissens er- 
forderlich sind, und hiernach entwickelt sie die allgemeinen Eigenschaften des psychischen 
Structurzusammenliangs. 

3. Die Akademie genehmigte die Aufnahme einer in der Sitzung 
der philosophisch -historischen Classe A^om 23. Februar 1905 von Hrn. 
Sachau vorgelegten Abhandlung: »Die arabisclien Lehrbücher der 
Augenheilkunde. Kin Kapitel zur arabischen Litteraturgeschichte. 
Unter Mitwirkung von J. Lippert und E. Mittwoch bearbeitet von 
J. HiKscHBERG.« in dcu Anhang zu den Abhandlungen 1905. 

Auf Grund der vorhandenen gedruckten und handschriftlichen Litteratur wird 
das ophthalmologische Wissen und Können der Araber zunächst in seiner Abhängig- 
keit von den Griechen , sodann in seiner besonderen nationalen Entwickelung imter- 
sucht und dargelegt. Von etwa dreissig Lehrbüchern der Augenheilkunde aus der 
arabischen Litteratur, über die wir Nachricht haben, sind die folgenden dreizehn erhal- 
ten und in der Arbeit berücksichtigt worden: i. Hunain's Bücher vom Auge (Bagdad, 
gegen 870 u. Z.); 2. 'Ali b. Isa's Erinnerungsbuch (Bagdad, nach 1000); 3. 'Ammär's 
Auswahl (Aegypten, um das Jahr 1000); 4. Zarrin-d ast's Licht der Augen (Persien, 
um 1088); 5. Gäfiqi 's Führer in der .\ugenheilkunde (Spanien, 12. Jahrh.); 6. Alcoati. 
vom Auge (Spanien, 1160); 7. und 8. Anonym. L Escor. Cod. 876; Anonym. IL Escor. 
Cod. 894; 9. Qaisi's Ergebniss (Aegypten, um 1250); 10. JJalifa's Genügendes von 
der Augenheilkunde (Syrien, 1256); 11. Saläh ad-din's Licht der Augen (Syrien, 

* erscheint nicht in den akademischen Schriften. 

SitzuiiKsbei'ichte 1905. ' 30 



302 Gesaninitsitzung vom 2. März 1905. 

1296); 12. Öains ad-din's Aufdeckung (Aegypten, gegen 1348); 13. SädilTs augen- 
ärztliclie Stütze (Aegypten. nach 1350). 

4. Folgende Druckschriften wurden vorgelegt: von Hrn. Müller- 
Breslau seine Werke : Die neueren Methoden der Festigkeitslehre und 
der Statik der Baukonstruktionen. 3. Aufl. Leipzig 1904; Die gra- 
phische Statik der Baukonstruktionen. Band i . 4. Auü. Stuttgart 
1905; Beiträge zur Theorie der Windverbände eiserner Brücken. LH. 
Berlin 1904. 05. Sep.-Abdr. ; vom Vorsitzenden: J. Thomsen, Syste- 
uiatisk gennemforte tcrmokemiske Unders0gelsers numeriske og teo- 
retiske Resultater. Kobenhavn 1 905 , und das mit Unterstützung der 
Akademie erschienene Werk: A. Hagenbach und H. Konen, Atlas der 
Emissionsspektren der meisten Elemente. Jena 1905. 

5. Die Akademie hat durch die physikalisch -mathematische Classe 
Hrn. Prof. Dr. Walther Bergt in Dresden zu einer geologisch -petro- 
graphischen Untersuchung des »Hohen Bogens« bei Fürth im Bayeri- 
schen Walde 750 Mark und durch die philosophisch-historische Classe 
Hrn. Prof. Dr. Hans Glagau in Marburg für einen Aufenthalt in Paris 
zur Fortsetzung seiner Forschungen über Ludwig XVL und die fran- 
zösische Revolution 1000 Mark bewilligt. 



Se. Majestät der König haben den Secretaren der Akademie gol- 
dene Ehreuketten, welche als Amtsauszeichnungen getragen werden 
sollen, verliehen. Diese Ehrenketten wurden von Sr. Excellenz dem 
vorgeordneten Minister Hrn. Dr. Studt bei Eröffnung der Festsitzung 
zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät und des Friedrichs -Tages am 
26. Januar d. J. der Akademie mit einer Ansprache übergeben. Der 
Vorsitzende Secretar drückte den Dank der Akademie für diesen aber- 
maligen Beweis Königlicher Huld und Gnade aus, auf den er nachher 
noch in seiner Festrede Bezug nahm, und dankte auch Sr. Excellenz 
für die bei diesem Anlasse der Akademie bewiesene warme Antheilnahme. 

Se. Majestät der Kaiser und König haben darauf am 20. Februar 
dem Secretariate die aus diesem Anlass erbetene Audienz ertheilt und 
den Dank der Akademie huldvollst entgegenzunehmen geruht. 



Die Akademie hat in der Sitzung am 16. Februar den Professor 
an der Universität Marburg Dr. Benedictus Niese und den Professor 
an der Universität Leipzig Geheimen Hofrath Dr. Ludwig Mitteis zu 
correspondirenden Mitgliedern der philosophisch -historischen Classe 
gewählt. 



Ausgegeben am 16. März. 



BOB 

SITZUNGSBERICHTE i^^^ 

XII. 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCIIEN 

AKADElAIlE DER WISSENSCHAFTEN. 

9. März. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyer. 

* 1 . Hr. Vogel las über im verflossenen Jahre auf dem Astrophy- 
sikahschen Observatorium zu Potsdam ausgeführte Untersuchungen 
an den spectroskopischen Doppelsternen Algol und Mizar, 
sowie über neuere Untersuchungen im Laboratorium über die Spectra 
seltener Erden. 

Die Beobachtungen an Algol und Mizar führten zu Resultaten, die sich in voll- 
koninieiiem Einklänge mit den in den Jahren 1889 bez. 1901 in Potsdam erhaltenen 
befanden. 

2. Hr. van't Hoff legte einen weiteren Beitrag zu seinen Unter- 
suchungen oceanischer Salzablagerungen vor. XLI. Die Bil- 
dungstemperatur des Kaliumpentacalciumsulfats. 

Gemeinschaftlich mit Hrn. Voerman imd Blasdale wurde die Bildungsteniperatur 
des Kaliumpentacalciumsulfats aus Syngenit und Gips auf 32° festgestellt. Diese Tem- 
peratur wird durch die begleitenden Salze bei natürlicher Bildung derart herabgesetzt, 
dass voraussichtlich diese noch nicht als Mineral aufgefundene Verbindung überall dort 
auftritt, wo Syngenit und Gips bez. Anhydrit sich zu einander gesellen. 

3. Hr. Vogel legte vor eine Mittheilung des Hrn. Prof. Hartmann 
in Potsdam Ȇber monochromatische Aufnahmen des Orion- 
nebels«. (Ersch. später.) 

Dem Verf. ist es gelungen, auf Grund spectroskopischer Beobachtungen durch 
Verwendung passender Farbenfilter photographische Aufnahmen des Orionnebels her- 
zustellen, die den Beweis liefern, dass die in dem Nebel anzutreffenden Stoffe nicht 
in allen Theilen des Nebels gleichmässig vertheilt sind. 

4. Hr. Kohlrausch legte eine Arbeit der HH. L. Holborn und 
F. Henning in Charlottenburg vor: Über die Lichtemission und den 
Schmelzpunkt einiger Metalle. 

Für Platin , Gold und Silber wurde in weiten Temperaturgrenzen das Absorp- 
tionsvermögen dieser Metalle im sichtbaren Gebiet von der Temperatur unabhängig 

* erscbetiit nicht in den akademischen Schrillen. 

30' 



304 Sitzung der physiknliscli-iiiatlieniatisclien Classe v. O.März 1905. 

gefunden. Auf Grund dieses Ergebnis.se.s , welches die Photometrirung hoher Tenij)e- 
rnluren vereinfacht, werden die Schmelzpunkte von Platin und Palladium neu be- 
.stimmt. 

5. Vorgelegt wurden die Lieferungen 17 bis 30 des Werkes: Die 
Schmetterlinge Europas. Von Arnold Spuler, sowie desselben Werk : 
Die Raupen der Sclinietterlinge Europas. Stuttgart 1903 — 05. Der 
Verfasser ist für diese Studien von der Akademie unterstützt worden. 



305 



Untersuchungen über die Bildungsverhältnisse 
der ozeanischen Salzahlagerungen. 

XLI. Die Bildungstemperatur des Kaliumpentacalciumsulfats. 

\''on J. H. van't Hoff, G. L. Voerman und W. C. Blasdale. 



Inwieweit das Auftreten der Kalksalze in den Salzablagerungen eine 
Temperaturandeutung enthält, ist schon für Tachhydrit und Anhydrit 
festgestellt. Ersterer bildet sich aus Calcium- und Magnesiumchlorid 
bei 2 2°, unabhängig von den begleitenden Salzen'; letzterer aus Gips 
bei 60°, welche Temperatur jedoch stark von den begleitenden Salzen 
beeinllußt wird, so daß Chlornatrium allein dieselbe schon auf 35° 
herabdrückt, Chlormagnesium weit unterhalb 0°.' Vom Syngenit hat 
sich inzwischen gezeigt, daß derselbe auch ohne begleitende Salze 
von den tiefsten Temperaturen an aus Gips und Kaliumsulfat entsteht 
und sein Auftreten also keine Temperaturandeutung enthält. Das vor 
kurzem beschriebene Kaliumpentacalciumsulfat^ zeigt dagegen eine Bil- 
dungstemperatur unweit 32°, wie aus den nachstehenden Versuchen 
hervorgeht. 

Die Entstehung vollzieht sich nach der Gleichung: 

K,Ca(SOJ,H=0 + 4CaSO,.2H,0 = K,Ca5(S0,)6H30-j- 8H3O 

aus Syngenit und Gips unter Wasserabspaltung und wurde bei einer 
früheren Gelegenheit noch bei 83° von Geiger beobachtet*, während 
bei gewöhnlicher Temperatur, allerdings langsam, das umgekehrte 
stattfindet. Zwischen beiden liegt also die zu bestimmende Um- 
wandlungstemperatur. 

Die Anwendung des Dilatometers erlaubte schon, die Grenzen be- 
deutend einzuschränken. Beschickt mit einer Mischung von Syngenit 



' Diese Sitzungsberichte 1897, 508. 

" Zeitschr. für physik. Chemie (1903) 45 , 257. 

•' Diese Sitzungsbericlite 1904. 935. 

' Darstellung und Bildungsverhältnisse des Krugits, Innujjiii-.iUlissertatiiiii, Berlin 
1904. 



306 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe v. 9. März 1905. 

und Gips (am besten in der reaktionsfähigen Form, wie man den- 
selben aus Alabastergips und überschüssigem Wasser erhält) im Mole- 
kularverhältnis 1:4, unter Zusatz von einer kleinen Menge Pentasidiat, 
und mit einer Lösung ioooH,03.5K3SO^ (welche bei 25° mit Gips 
und Syngenit in Gleichgewicht ist'; bei 60° steigt das Kaliumsulfat 
auf 5 Mol.) als Sperrllüssigkeit, zeigte sich die Pentasulfatbilduiig 
durch eine bedeutende Ausdehnung. In der bekannten Weise arbei- 
tend, war es dadurch möglich, die gesuchte Temperatur zwischen 25° 
und 50° einzuschränken: 

bei 50° Niveausteigung von 2"" in 50 Stunden; 
» 25° Niveausenkung von 2'"."5 »33 » 

Da ohne sehr bedeutenden Zeitaufwand weitere Einschränkung 
der Temperaturgrenzen nicht möglich war, wurde als zweite Methode 
die Löslichkeitsbestimmung benutzt, die sich in diesem Fall sehr einfach 
gestaltet. Die beiden Lösungen nämlich , gesättigt an Pentasulfat und, 
einerseits Gips, andererseits Syngenit, die bei der Umwandlungstempe- 
ratur zusammenfallen, sind Lösungen von Kaliumsulfat neben un- 
wesentlichen Gipsmengen. Bei 83° liegen dieselben nach den erwähn- 
ten Versuchen von Geiger ziemlich auseinander: 

Pentasulfat und Gips (Anhydrit): lOOoH.O i.3K,S0^; 
Pentasulfat und Syngenit: 1000H3O9.9K3SO4. 

Bei 60° fanden wir dann: 

Pentasulfat und Gips: 1000H3O2.4K3SO4: 

Pentasulfat und Syngenit: lOOoH.Oö.SK^SO^. 

Die Werte sind also einander bedeutend nähergerückt, und eine 
Extrapolation zeigt, daß die gesuchte Temperatur noch unterhalb 40° 
liegt, was der direkte Versuch bestätigte: 

Pentasulfat und Gips: ioooH,03.8K,SO,; 

Pentasulfat und Syngenit: 1000H3O4.4KJSO4. 

Die Temperatur, bei der die Lösungen zusammenfallen, ließ sich 
dann sehr scharf mit dem BREMER-FROwiciNschen Diflferentialtensimeter 
feststellen. Offenbar handelt es sich ja um zwei Kaliumsulfatlösungen, 
deren Zusammensetzung bei einer zwischen 40° und 25° liegenden 
Temperatur gleich wird, und beim Überschreiten dieser Temperatur- 
grenze einen Unterschied im umgekehrten Sinne zeigt, falls es gelingt, 
den Zerfall des Pentasulfats vorzubeugen, was bei der großen Zähig- 



Diese Sitzungsberichte 1900, 1143. 



van't Hoff: Oceanisclie Salzalilngoninj;«'!]. XI. 1. 307 

Iceit dieses Körpers oline weiteres gescliielit. Diese Ersclieiiiuiin- muß 
sich in den Tensionen wiederspiegeln. 

So wurde dann das Diiferentialtensinieter, einerseits mit Penta- 
sulfat und Gips, andererseits mit Pentasulfat und Syngcnit, beschickt, 
beiderseits angefeuchtet mit einer Lösung 100011,04X280^, unter An- 
wendung von Paraffinöl als Meßflüssigkeit. Die erwartete Erscheinung 
zeigte sich sehr scharf durch einen Überdruck von mehreren Zenti- 
metern in entgegengesetztem Sinne, je nach der Temperatur. Gleich- 
heit besteht zwischen 31° und 32°, wie aus nachstehenden Zahlen 
hervorgeht: 

bei 31?! Überdruck an der Syngenitseite von 4'".°'5; 
» 32?2 >> » » Gipsseite von 6™". 

Das Tensimeter war auch nach längerer Zeit noch im gleichen Zu- 
stand, und ein paar Monate nach der obigen Bestimmung wurde mit 
demselben 3i?8 als Umwandlungstemperatur festgestellt. 

Die Löslichkeitsbestimmung entsprach dem Ergebnis des Tensi- 
meterversuchs vollständig, indem die Löslichkeit von Pentasulfat, Syn- 
genit und Pentasulfat, Gips (sowie auch Syngenit, Gips) bei 3i?8 den- 
selben Wert ioooHj0 3.7KjS04 aufweist. 

Um den Einfluß anderer Salze auf diese Umwandlungstemperatur 
vollständig übersehen zu können, ist nunmehr die Gleicligewichtstension 
in der Umwandlung: 

K,Ga(SO,),H,0-t-4CaSO,-2H,0 = K,Ca5(S0^),H,0 + 8H,0 

ermittelt. Für die Umwandlungstemperatur entspricht derselben die 
Tension der erwähnten Kaliumsulfatlösung. Letztere wurde deshalb 
bestimmt. 

Die dazu verwendeten Tensimeter enthielten einerseits Wasser, 
andererseits bzw. Pentasulfat, Syngenit und Pentasulfat, Gips, ange- 
feuchtet mit der letzterwähnten Kaliumsulfatlösung. Bei 3i?8 wurde 
eine Tensionsdifferenz von bzw. 4'"."'5 und 4'"."4 Paraffinöl beobachtet, 
w^as beim spezifischen Gewicht 0.86 des letzteren bei 3i?8, in Queck- 
silber 

4.45-0.86 



15-59 



= o".'"2 8 



entspriclit. Indem die Tension des Wasserdampfs 34"™97 bei 3i?8 
beträgt, ist die gesuchte Gleichgewichtstension bei der erwähnten Tem- 
peratur 3 4"'° 7. 

Zum selben Schluß führt eine Rechnung, welche nach Raoult die 
Tensionserniedrigung ergibt, unter Berücksichtigung, daß der /-Wert 



308 Sitzung der physikalisch -matlieniatischen Classe v. 9. März 1905. 

für die betreftende Kaliumsulfatlösimg' nach dem Gefriorpuiilvt 2.2 
beträgt': 

34.97- 3-7 • 2.2^ ^_^g 
1000 

Um auch bei einer zweiten Temperatur diese Gleichgewicbtstension 
und so durch Rechnung für zwischenliegende Temperaturen kennen zu 
lernen, wurde die Umwandlungserscheinung bei einer durch einen Fremd- 
körper veranlaßten tieferen Umwandlungstemperatur verfolgt: als solcher 
zeigte sich Weinsäure geeignet. 

Ein Difterentialtensimeter, in der früheren Weise beschickt, unter 
Zusatz von Weinsäure und angefeuchtet mit gesättigter Weinsäurelösung 
in den beiden Abteilungen, zeigte einen Tensionsschnittpunkt, also eine 
Umwandlungstemperatur, bei — 2?2. 

Die Tension der Lösung bei dieser Temperatur wurde bestimmt, 
indem einerseits ein Tensimeter mit der obigen Füllung gegen Phos- 
phorpentoxyd, andererseits ein mit Wasser gegen Phosphorpentoxyd 
beschickt wurde, mit Paraffinöl als Meßflüssigkeit. Der Quotient beider 
Tensionen zeigte sich zwischen 8° und o?3 von der Temperatur un- 
abhängig als 1.36. Indem die Tension des Wassers 3'°.°'9 bei — 2?2 
beträgt, ist die gesuchte Gleichgewichtstension: 

1.36 

Um auch für andere Temperaturen dieselbe zu kennen, ist die 
Beziehung: 

dl-p q 

benutzt, unter Anwendung, einerseits auf die eben erwähnte Tension 
Ps, anderseits auf diejenige des Wassers p„; durch Subtraktion ent- 
steht dann: 

dl-p^ dl'p^ q, — q^ 

~df df~ "^ Tr^ 

oder, nach Integration, unter Annahme der Konstanz von q^ — q^, und 
Einführung von gewöhnlichen Logarithmen: 

^og'Ps — \og-p,. = 5 — — . 

Die zwei obigen Bestimmungen ergeben: 

A = 315.7 B= 1.0325. 



Arrhenius, Zeitschr. für physik. Chemie (i888) 2, 496. 



van't Hoff: Oceanisclie Salzablagcrungen. XLI. 



309 



Die nunmelirige Bekanntheit der Gleichgewichtstension erlaubt, das 
Aufireten des Pentasuliats auch bei Anwesenheit beliebig anderer Kör- 
])er zu überbl)i.'ken. Aus Syngenit und Gips wird dasselbe sich bilden 
in jeder Lösung, die eine kleinere Tension als diese Gleichgewichtstension 
bei der betreifenden Temperatur aufweist. 

In erster Linie geht daraus hervor, daß bei 25° in den Salzlngcrn 
Pentasulfiit durchweg zwischen Syngenit und Gips bzw. Anhydrit auf- 
treten muß. Die Gleichgewichtstension ist 22""" bei 25°. Sämtliche 
Lösungen, die im früheren Diagramm' mit Syngenit und Gips in Be- 
lührung sind, haben aber eine bedeutend kleinere Tension; die höchste, 
bei gleichzeitiger Anwesenheit von Syngenit, Gips, Chlornatrium und 
Glauberit (a im betreffenden Diagramm), beträgt nur i •]'"!" j. 

Da das Gebiet des Pentasulfats bei 25° immerhin ein wenig aus- 
gedehntes ist, dürfte das durch die nachstehende Figur (von dem frülie- 
ren" nur durch Zusatz von der Grenzlinie ac abweichend) dargestellte 
Diauramm ein Bild der Paragenese darbieten: 





Bischofit 






KicM^rii 


Z 


Cai 


lall.t 


MgSÜ4 6H2 


Y 
X 

w 


R 

Kaiiiit 
k 


Q 

P 
P 

N 

M 


CIK 


1, 

MgS0 4 7H.O 

V 




Leo nit 
1 


" u 

Astra kaiiit 

T 




Sohöiiit 


S 




Na, SO4 







G F 

Anhydrit Adh 

Glauberit Cdbe 

Syngenit Beinlac 

Polyhalit nibkl 

Pcntasulfat .... aehk 



Diese Sitzungsberichte 
Ibid. 1009. 



1903, 1007. 



HIO Sitzung der pli)'sikaliscli- mathematischen Classe v. 9. März 190Ö. 

Bei ansteigender Temperatur dehnt sich das Gebiet des Penta- 
sulfats aus; umgekehrt bei abnehmender, jedoch nicht derart, daß 
diese Verbindung ganz zum Verschwinden kommt. Dies würde der 
Fall sein in Berührung mit der Lösung kleinster Tension, in p, bei 
gleichzeitiger Anwesenheit von Chlornatrium, Kainit und Chlorkalium; 
jedoch behält auch diese Lösung bei den tiefsten Temjjeraturen eine 
Tension, die kleiner als die Gleichgewichtstension ist. 

Somit würde dieses als Mineral noch nicht aufgefundene Salz über- 
all dort zu erwarten sein, wo Syngenit und Gips bzw. Anhydrit neben- 
einander vorkommen, oder vielmehr sich zwischen diesen einschieben. 



311 



Über die Lichtemission und den Schmelzpunkt 
einiger Metalle. 

Von Prof. L. Holborn und Dr. F. Henning 

in Charlottenburg. 



(Mitteilung aus der Physikalisch -Technischen Reichsanstalt. Vorgelegt von 
Hrn. Kohlrausch.) 



Uie Angaben ojitischer PjTometer pflegt man auf die Strahlung des 
schwarzen Körpers zu beziehen, deren Abliängigkeit von der Tempe- 
ratur und Wellenlänge bekannt ist. Außerdem ist diese Temperatur- 
skale durch den elektrisch geheizten schwarzen Körper sicher repro- 
duzierbar. 

Daher beobachtet man mit dem Pyrometer »schwarze Tempe- 
raturen«, die sich bei der Mehrzahl der Körper je nach deren Strah- 
lungsvermögen von den wahren Temperaturen (in der Celsiusskale) 
mehr oder weniger unterscheiden. Der Fortschritt in der optischen 
Pyrometrie hängt also davon ab, daß man die Emission verschiedener 
Stofie in ihrem Verhältnis zur schwarzen Strahlung in großen Tempe- 
raturgrenzen bestimmt. 

Hierfür empfehlen sich zunächst die PZdelmetalle, einmal der I^in- 
fachheit halber, weil sie sich beim Erhitzen an der Luft nicht ändern; 
sodann tragen die Metalle viel zu unserer Kenntnis bei, weil ihre 
Strahlung von der schwarzen stark abweicht. Es wurde Platin, Gold 
und Silber untersucht. 

Hierbei ergab sich nun, daß für eine bestimmte Wellenlänge 
im sichtbaren Gebiet das Verhältnis der Teilstrahlung des 
blanken Metalls zu der des schwarzen Körpers, beide auf 
dieselbe Temperatur bezogen, d.h. daß das Absorptionsver- 
mögen des Metalls von der Temperatur innerhalb der Ver- 
suchsfehler xinabhängig ist, und zwar emittiert im roten 
Licht Platin etwa '/ß, Gold '/s und Silber '/14 der schwarzen 
Strahlung. Der genaue Wert des Bruches hängt von der Wellen- 
länge ab und nimmt nach dem violetten Ende des Spektrums hin zu. 



312 



Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe v. 9. März 1905. 



Da für die sichtbare Strahlifng das WiENSche Gesetz gilt, so be- 
stellt bei konstantem Absorptionsvermögen die Beziehmig 

wo C eine Konstante bedeutet, T die wahre absolute Temperatur des 
frei strahlenden Metalls und S die des schwarzen Körpers, wenn er 
in der bestimmten Farbe dieselbe Helligkeit ausstrahlt wie das Metall, 
d.h. dessen »absolute schwarze Temperatur«. 

Das Ergebnis steht im Einklang mit den Untersuchungen über 
die Veränderung des Retlexionsvermögens mit der Temperatur. So 
fanden u. a. Zeeman' und Königsberger^ bei Gold und Silber bis 360°, 
bei Platin bis 800° keinen merklichen Wechsel des Reflexions Ver- 
mögens. 

Lichtemission. 

Platin. — Die Schwierigkeit, welche die Beobachtung des 
Emissionsvermögens von frei strahlenden glühenden Körpern bietet, 
liegt in der Temperaturmessung der strahlenden Oberfläche. Für Platin 
sind früher Beobachtungen mit der Anordnung von Lummer und Kurl- 
baum' angestellt worden.* Hierbei wurde die Temperatur eines elektrisch 
geheizten dünnen Platinbleches mit einem isolierten Thermoelement ge- 
messen, dessen Lötstelle kastenförmig von dem Blech umgeben ist. 

In der folgenden Tabelle sind die Beobachtungen an naheliegenden 
Punkten zu Mittelwerten zusammengefaßt; t bedeutet die wahre Tenipe- 



beob. 


t 
beob. 


t 
ber. 


At 


V 
ber. 


Af 


641° 


esi" 


685° 


+4° 


683° 


+ 2 


742 


792 


797 


+5 


794 


+ 2 


766 


817 


824 


+7 


820 


+ 3 


908 


980 


983 


+3 


979 


— I 


1057 


"53 


"53 





"47 


- 6 


1233 


1366 


■358 


-8 


'35° 


-16 


1417 


'573 


1575 


+2 


1566 


- 7 



ratur (in der Celsius.skale), s die entsprechende beobachtete schwarze 
Temperatur für rotes Licht (A := 0.643 M)- Unter t ber. sind die Werte 
aufgeführt, die aus der Gleichung 



273 



273 



= — — -^— 0.0000507 



' P. Zeeman, Communications from the laboratory of Leiden 1895 und Aich. 
Neei'l. 4, 314. 1900. 

^ J. KöNiGSBERGEH, Verh. der Deutsch Phys. Ges. i, 247. 1899. 

' O. Lummer und F. Kurlbaum, Verh. der Phys. Ges. 17, 106. 1898. 

* L. lIoLBORN uud F. Kurlbaum, Ann. der Phys. 10, 240. 1903. 



T>. Hoi.r.oBN u. F. Henning: Licliteiiiission ii. Scliinelzjuinkte von Metallen. Bl I> 

folgen. Die Unterschiede A^ zwiselien Beobaclituiig und Rechnung 
liegen innerhalb der Fehlergrenze. Auch reicht die Genauigkeit nicht 
liin, um dem kleinen Gang, den die Werte von At noch zeigen, eine 
Bedeutung beizulegen. 

D;i8 Verhältnis der Helligkeiten E„, und E, des Metalls und des 
gleich temperierten schwarzen Körpers berechnet sicli hieraus nach 
dem WiENschen Gesetz: 

fE^\ 14500 / I I \ , E„, 
lognat(^-j = -,-(^^-^j oder -^- = 0.319. 

Dieser Wert ist aus Beobachtungen zwischen 700° und 1600° G. 
abgeleitet. Für Zimmertemperatur ergibt er sich nach dem Kirchhoff- 
schen Gesetz 

| = .., = .-i=,. 

aus dem Retlexionsvermögen 7?,,,, für das wir uns auf die Zahlen von 
Hagen und Rubens^ beziehen. Diese ergeben für die Wellenlänge 0.643 
den Wert (i — 2?,„) = 0.340. In welchem Maße die für t berechneten 
Zahlen sich ändern, wenn man E„,l E^ ^= o.^^o anstatt 0.319 setzt, 
zeigen die beiden letzten Spalten {t' und A^') der Tabelle. 

Um ungefähr die Selektion von Platin bei hoher und tiefer Tem- 
peratur zu vergleichen, führen wir eine Einstellung im grünen und 
blauen Licht an. Diese beiden Farben des optischen Pyrometers sind 
freilich noch weniger homogen als die rote, wie die folgende Zu- 
sammenstellung der Durchlässigkeit zeigt: 

Grenzen Seliwcrpunkt 

rot 0.694 0.602 0.643 /[.t 

grün 0.656 0.446 0-550 

blau 0.513 0.396 0.474 

Es ist aber von Interesse, aus dem Beispiel einen Anhalt für den 
Einfluß entnehmen zu können, den die Unhomogenität des Glases auf 
die Temperaturmessung ausübt. 

Es wurde die schwarze Temperatur s eines konstant glühenden 
Platinbleches für die drei Farben gemessen. Aus der Beobachtung in 
rot berechnen wir die wahre Temperatur t nach der obigen Gleichung, 
während grün und blau neue Werte für C und E,„jE, liefern: 

Em 

1702° 0.0000507 0.319 
(1702) 0.0000409 0.340 
{1702) 0.0000327 0.368 

E. Hagen und H. Rluens, Ann. der Pliy.s. 8,16. 1902. 



rot 


1522' 


grün 


1554 


blau 


1582 



B14 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe v. 9. März 1905. 

Geht man umgekehrt von den HAGEN-RuBENSschen Werten (i — R,„) 

für den Schwerpunkt der Farben aus, so erhält man für dieselben 
schwarzen Temperaturen : 

i-y>'„, c V 

rot 0.340 0.0000478 1690° 

grün 0.389 0.0000358 1682 

blnii 0.434 0.0000273 1681 

Gold. — Um die Strahlung des Goldes zu messen, haben wir 
eine andere Methode verfolgt, weil der Metallkasten wegen des tieferen 
Schmelzpunkts weniger weit auf die Temperatur geheizt werden kann, 
wo die Strahlung einen guten Ausgleich bewirkt, und weil außerdem 
infolge der großen Leitfähigkeit eine starke Ableitung nach den Klemm- 
backen des Kastens erfolgt. 

Offenbar ist die Temperatur der frei strahlenden Oberfläche am 
genauesten während des Schmelzens oder Erstarrens zu bestimmen, 
wenn die Schmelztemperatur schon anderweitig bekannt ist. Eine 
Menge von 45O' reinen Goldes wurde in einem Porzellantiegel in dem- 
selben elektrischen Ofen erhitzt, der früher zu Schmelzjjunktbestim- 
mungen mit dem Thermoelement gedient hatte.' Der Tiegel stand 
in dem Heizrohr, das eine Wickelung aus Platinband besaß, höher 
als früher, und beide Deckel waren entfernt, so daß man mit dem 
optischen Pyrometer von oben in den geneigten Ofen hineinsehen 
konnte. 

Bei passend regulierter Heizung lassen sich in dieser Weise Schmelz- 
und Erstarrungskurven beobachten, ähnlich wie mit dem Thermoelement. 

Die Zustandsänderung des Metalls ist von keinem merklichen 
Wechsel in der Helligkeit begleitet, wie sich am deutlichsten zeigt, 
wenn die Oberfläche teils fest, teils flüssig ist. Sie leuchtet dabei so 
gleichmäßig, daß man die Grenzen der beiden Phasen nur durch Er- 
schüttern des Tiegels erkennen kann. 

Folgende Werte haben wir für die schwarze Temperatur im roten 
Lichte beobachtet: 

Erstarrungspunkt Schmelzpunkt 
5 = 918° 919° 

922 922 

916 916 

916 914 

Im Mittel ist für rot 5^918°, für grün fand sich 5^978°. 
Mit dem blauen Glas läßt sich wegen der geringen Intensität nicht 



L. IIüLiiuRN iiikI A. Dav, Ann. der Phys. 2, 523. 1900 und 4. 99. 1901. 



L. IIoi.iiORN u. F. Henning: Lichtemission u. Scliiiielzjiiiiikte von Metallen. 315 

mehr messen. ITiei'fius folgt, da die wahre Schmelztemperatur 1064° 
beträgt : 

rot 918° 0.0000916 0.127 

grün 978 0.0000514 0.258 

Umgekehrt berechnet sich aus den Hagen -RuBENsschen Werten 
für das Rellexionsvermögen die wahre Temperatur in befriedigender 
Übereinstimmung : 

I -/.'«, C" /' 

rot o. 116 0.0000955 1071° 

grün 0.260 0.00005 1 I '063 

Silber. — In derselben Weise wurde Silber in einer Menge von 
420" geschmolzen. Bei diesem Metall tritt freilich nach dem Erstarren 
ein helleres Aufleuchten ein, das aber auf die sekundäre Erscheinung 
des Spratzens zurückzuführen ist. Schaltet man die darauf bezüglichen 
Ablesungen aus, was an der Hand der Erstarrungskurven sicher aus- 
zuführen ist, so erhält man auch optisch übereinstimmende Schmelz- 
und Erstarrungspunkte. 

Es wurde gefunden im roten Licht: 

Erstarrungspunkt Schmelzpunkt 

s = 8ii° 811° 

808 807 

im Mittel s= 809 und für grün s = 823°. 

Die wahre Schmelztemperatur t, die etwas kleiner ist als bei 
Sauerstoft'abschluß, wurde durch ein in das Silber tauchendes Thermo- 
element kontrolliert. Sie ergab sich in Übereinstimmung mit frü- 
heren, unter ähnlichen Bedingungen angestellten Versuchen im Mittel 
zu 958°. 

Hieraus folgt: 

rot 809° 0.0001119 0.080 

grün 823 0.000 1 001 0.071 

Aus dem bei Zimmertemperatur A'on Hagen und Rubens beobachte- 
ten Retlexionsvermös:eii berechnet sich: 





l-Em 


C 


t' 


rot 


0.066 


0.0001205 


971 


grün 


0.073 


0.0000992 


957 



316 Sitzung der physikalisch -inatlicmatisclien Classe v. 9. März 1905. 

Schmelzpunkte. 

Platin. — Nach einem früher angegebenen Verfohren' läßt sieh 
die schwarze Temperatur des Schmelzpunktes messen, indem man 
mit dem optischen Pyrometer die Helligkeit eines elektrisch ge- 
glühten Bleches im Augenblick des Durchschmelzens bestimmt. Für 
schmelzendes Platin ergibt sich auf diese Weise für rot im Mittel 
s = 1545°. Nehmen wir an, daß nach Analogie von Gold und Silber 
auch das Absorptionsvermögen von Platin bis zum Schmelzpunkt kon- 
stant bleibt, so folgt nach den oben abgeleiteten Beziehungen für die 
wahre Schmelztemperatur : 

t= 1729° und t' = 1718°. 

Zur Kontrolle haben wir die wahre Schmelztemperatur aus den 
Angaben des Thermoelements Platin/Platinrhodiura dadurch bestimmt, 
daß der Platindraht durchgeschmolzen wurde. Dieser Versuch läßt 
sich bequem unter Verwendung ehier elektrisch geheizten Iridiumröhre 
anstellen , wie sie neuerdings von der Firma W. C. Heraus angefertigt 
werden. Auf diesem Wege fanden wir 

t = 1710°. 

Hierbei ist zu bemerken, daß bis jetzt das Thermoelement nur 
bis 1150° mit dem Gastliermometer verglichen worden ist. Höher 
hinauf wurden die Werte durch Extrapolation gewonnen." 

Palladium. — Entsprechend seinen Leitvermögen für Wärme 
und für Elektrizität hat Palladium annähernd dieselbe Lichtemission 
wie Platin. Wenigstens konnte von uns bei Versuchen mit einem 
Palladiumkasten kein merklicher Unterschied gegen Platin gefunden 
werden. Nun ist die schwarze Temperatnr des schmelzenden Palla- 
diums bei Anwendung von rotem Licht im Mittel 5^1395°. Hieraus 
folgt, wenn wir das Emissionsvermögen gleich dem des Platins an- 
nehmen, 

t= 1549° und t' = 1540°. 

Eine direkte Bestimmung der wahren Schmelztemperatur geschah 
mit dem Thermoelement, in dessen Lötstelle ein kurzer Draht aus 
Palladium eingefügt wurde. Zum Durchschmelzen genügt hier ein 
elektrisch geheiztes Platinrohr. Auf diese Weise ergab sich 

t= 1535°- 



' L. lIoLBORN und F. KuRLBAUM, a.a.O. S. 237. 

^ L. H01.BORN und A. Dat. Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1899, .S. 691 uud 
Ann. der Phys. 2. 519, 1900. 



L. llni.iiDRN 11. F. Hknninc: LiL'liti'iiiissuin u. Scliniel/.|mnkti' von Mctiillcn. ;}17 

AiK'li für Rliodiiim bzw. Iridium konnten die sclnvarzcn Schmelz- 
tomperaturcn zu 1650 bzw. 2000° bestimmt werden. Es fehlen aber 
noeli die Untersucliunnen über die Strahlung.svermögen , die .sieh, wenn 
man aueh hier aus dvn Leitvermögen schließen darf, von denen des 
Platins und des Palladiums walirscheinlich unterscheiden. 

Von Bedeutung wird es sein, das Rellektionsvermögeu des Iri- 
diums bei gewöhnlicher Temperatur zu kennen. Wenn dies der Fall 
sein wird, .so besteht Aussieht, mit Hilfe der Strahlungsgesetze die 
Temperaturskale über 2000° hinaus auf experimentell einfacherem 
Wege fortzusetzen, als es zur Zeit mit dem schwarzen Körper mög- 
lich ist. 



Ausgegeben am 16. März. 



Sitzungsberichte 1905. 31 



:U9 

SITZUNGSBERICHTE i^os. 

Xlll. 

DER 

KÖNIGLICH PREÜSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

9. März. Sitzung der philosophisch -historischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen. 

*1. Hr. VON WiLAMOWiTz-MoELLENDORFF lasübcr die A t Iiena von 
Ilion. 

Der Athenatempel von Ilion ist auf Grund der Geschichten des jüngeren Epos 
im 6. Jahi'hundert gegründet; Ende des Jahrhunderts hat ein Orakel die Lokrer ver- 
anlasst, Jungfrauen in diesen Tempel zu schicken. In die Zeit des jüngeren Epos 
gehört das Zeta der Ilias , das weder von dem seit Jahrhunderten zerstörten Ilios noch 
von dem noch nicht gegründeten Ilion etwas wissen kann. 

2. Hr. Erman legte eine Mittheilung des Hrn. Dr. L. Bokchardt 
über einen Fund in Theben vor. 

Bei Grabungen, die auf Kosten des Mr. Davis im Thale der Königsgräber vor- 
genommen wurden, ist das Grab der Eltern der Königin Tii gefunden worden, und 
es hat sich gezeigt, dass diese berülimte Gemahlin Amenophis' III. und Mutter Ame- 
nophis" IV., wirklich, so wie man es schon früher vermutliet hatte, von niederer Her- 
kunft, die Tochter eines Priesters gewesen ist. 



Ausgegeben am 16. März. 



' Erscheint nicht in den Schriften der Akademie. 

Berlin, sedruokl in Jer Reii-l,scl.uc-ke; 



HSHsasHSHSHsasasHSHSHSHsasasaHaHasHSHSHsasasHE 



SITZUNGSBERICHTE 



KÖNIGLICH PREUSSISCIIEN 



AKADEfflE DER WISSENSCHAFTEN. 




HsasÜ 



hl. - 



Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§ 1- 

2. Diese erscheinen in einzebien Stücken in Gross- 
Octav repelinässiy Donnerstass acht Ta^c nach 
jeder Sitzung. Die sämmtlichen zu einem Kalender- 
jahr geliSrigcn Stücice bihien vorläulig einen Band mit 
fortlaufender Paginirung. Die einzelnen Stücke erhalten 
«usserdem eine durch den Band ohne Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufen<le römische Ordnungs- 
nuinmer, und zwar die Berichte über Sitzungen der physi- 
kalisch -niathcmatisclicn Classc allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosophisch -historischen Classe ungerade 

Nummern. 

§2. 

1 . Jeden Sitzungsbericht eröfiriet eine Übersicht Ober 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftlichen Arbeiten , und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzung, zu der das Stück gehört, 
druckfertig übergebenen, dann die, welche in früheren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen koimtcn. Mittheilungen, 
welche nicht in den Berichten und Abhandlungen er- 
scheinen, sind durch ein Sternchen (') bezeichnet. 

§5. 
Den Bericht .über jede einzelne Sitzung stellt der 
Secretar zusammen, welcher dai-in den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secretai- Iwhrt lUc Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Druck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenscliaftlichen Arbeiten. 

§6. 

1. Kür die Auln.ihme einer wissenscliaftlichen Mit- 
tbeilung in die Sitzungsberichte gelten neben §41, 2 der 
Statuten imd § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung darf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übci-steigen. Mittlieilungen von Verfassern , welche 
der Akademie nicht angehören, sind auf fUe Hälfte dieses 
Umfangcs beschränkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrücklicher Zustimmimg der Gesajumt-Aka- 
demie oder der beti-effendcn Olasse statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschrjtten sollen Abbildiuigen auf durchaus 
Notliwcndigcs besclu'änkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird ei-st begonnen, wenn die Stöcke der in den 
Teit einzuscluiltenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeliefert ist. 

§7. 

1. Eine tur die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Mittheilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 
nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schat'tlichen Mittheilung diese anderweit früher zu ver- 



öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
\villigimg der Gesammt- Akademie oder der betreffenden 
Classc. 

§8- 
5. Auswäi'ts werden Correctmen nur auf besonderes 
VerL-mgen vei'schickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer Mittheilungen nach acht Tagen. 

§11- 

1. Der Verfasser einer unter den »Wissenschaftlichen 
Jlitthcihmgen" abgedi'uckten Arbeit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonderabdi'ücke mit einem Umschlag, auf welchem 
der Kopf der Sitzmigsberichie mit Jahreszahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, dai*imter der 
Titel der Mittheihmg und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittheilimgen , die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten lullen, fallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Einem Verfasser, welcher Mitglied der Akademie 
ist, steht es frei, auf Kosten der Akademie weitere gleiche 
Sondci-abdrücke bis zur Zahl von noch hundert, und 
auf seine Kosten noch weitere bis zur Zahl von zwei- 
hundert (im ganzen also 350) zu unentgeltlicher Ver- 
theilung abziehen zu lassen, sofern er diess rechtzeitig 
dem rcdigirenden Seci*etar angezeigt hat; wünscht er auf 
seine Kosten noch mehr Abdi-ücke zur Vertheilung zu 
erhalten, so bed.irf es der Genehmigung der Gesammt- 
Akademie oder der beti*effenden Classe. — Nichtmitglieder 
erhalten 50 Frciexemplaie imil dürfen nach rechtzeitiger 
Anzeige bei dem redigii-enden Secretar weitere 200 Exem- 
plare auf ihre Kosten abziehen lassen. 

§28. 

1. Jede zui' Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte ölittheilung muss in einer akademischen Sitzimg 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Nichtmitglieder, haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen auswäi-tiger oder corre- 
spondirender Jlitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen, so hat sie der Vorsitzende 
Secretai' selber oder durch ein anderes Jlitglicd zum 
Vortrage zubringen. Mittheilungen, deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören , hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Mitgliede zu überweisen. 

[Aus Stat. § 41, 2. — Für die Aufnahme bedarf es 
einer ausdrücklichen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Classen. Ein darauf gerichteter Antrag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.) 

§29. 
1. Der ^e^^dirende Secretar ist für den bihalt des 
geschäftlichen Theils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kurzen Inhaltsangaben der 
gelesenen Abhandlungen verant\vortlich. Für diese wie 
für alle übrigen Theile der Sitzungsberichte sind 
nach jeder Richtung nur die Verfasser rerant- 
wortlich. 



Die Akademie versendet ihre •Sitzunffsherichte- an diejenigen Stellen , mit denen sie im Schriftverkehr steht, 
wofern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Hälfte des Monats Mai, 

• Mai bis Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 

• October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers. 



321 

SITZUNGSBERICHTE i905. 

DER ^* ' • 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

16. März. Gesammtsitzung. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyer. 

*1. Hr. Kekule VON Stradonitz las »tlber römische Kunst«. 
Die eigenthümliclie Stellung und die Epochen der Kunst in der Kaiserzeit von 
Augustus an werden an einzelnen Beisiiielen dargelegt. 

2. Folgende Druckschriften wurden vorgelegt: L. Koenigsberger, 
Carl Gustav Jacob Jacobi. Festschrift zur Feier der hundertsten Wieder- 
kehr seines Geburtstages. Leipzig 1904, und E. Picard, Sur le deve- 
loppement de l'analyse et ses rapports avec diverses sciences. Paris 1905. 

3. Die Akademie hat durch die philosophisch -historische Classe 
Hrn. Prof. Dr. Ludwig Radermacher in Greifs wald zur Untersuchung 
vaticanischer Handschriften für eine von ihm beabsichtigte neue Aus- 
gabe der Institutio oratoria des Quintilian 700 Mark bewilligt. 



Sitzungsberichte 1905. 



322 Gesainintsitzuiig vom l(i. Mäiv. 1905. — Mittheilung vom 2. März. 



Studien zur Grundlegung der Geistes- 
wissenschaften. 

Von W. DiLTHEY. 



(Vorgetragen am 2. März 1905 [s. oben S. 301].) 



Erste Studie. 

JUie Geisteswissenschaften bilden einen Erkenntniszusammenliang, wel- 
cher eine gegenständliche und objektive Erkenntnis der Verkettung 
menschlicher Erlebnisse in der menschlich -geschichtlich -gesellschaft- 
lichen Welt- zu gewinnen strebt. Die Geschichte der Geisteswissen- 
schaften zeigt ein beständiges Ringen mit den hier entgegentretenden 
Schwierigkeiten: allmählich werden sie in gewissen Grenzen über- 
wunden und die Forschung nähert sich, wenn auch noch von ferne, 
diesem Ziel, das jedem einzelnen wahren Forscher unablässig vor- 
schwebt. Die Untersuchung der Möglichkeit einer solchen gegenständ- 
lichen und objektiven Erkenntnis bildet die Grundlage der Geistes- 
wissenschaften. Ich lege einige Beiträge zu einer solchen im fol- 
genden vor. 

Wie uns die menschlich -geschichtliche Welt in den Geisteswissen- 
schaften entgegentritt, ist sie nicht gleichsam eine Abschrift einer außer 
ihnen befindlichen Wirklichkeit. Eine solche kann das Erkennen nicht 
herstellen: es ist und bleibt an seine Mittel des Anschauens, Verstehens 
und begrifflichen Denkens gebunden. Und die Geisteswissenschaften 
wollen auch eine solche Abschrift nicht herstellen. In ihnen wird 
vielmehr das, was geschehen ist und geschieht, dies Einmalige, Zu- 
föllige und Momentane zurückbezogen auf einen wert- und sinnvollen 
Zusammenhang: in diesen sucht die fortschreitende Erkenntnis immer 
tiefer einzudringen: immer objektiver wird sie in seiner Erfassung: 
ohne doch jemals ihr Grundwesen aufheben zu können, daß sie eben 
das, was ist, immer nur nachfühlend, nachkonstruierend, verbindend, 
trennend, in abstrakten Zusammenhängen, in einem Nexus von Be- 
griffen erfahren kann. Und es wird sich zeigen, wie auch die histo- 
rische Darstellung des einmal Geschehenen nur auf der Grundlage 
der analytischen Wissenschaften der einzelnen Zweckzusammenhänge 



DiLTHEv: Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften. 323 

sich einer objektiven Erfassung ihres Gegenstandes in den Grenzen 
der Mittel des Verstehens und denkenden Erfassens nähern kann. 

Solche Erkenntnis der Vorgänge selbst, in denen die Geistes- 
wissenschaften sich ausbilden, ist zugleich die Bedingung für das Ver- 
ständnis ihrer Geschichte. Von ihr aus erkennt man das Verhältnis der 
einzelnen Geisteswissenschaften zu der Koexistenz und Folge des Erlebens, 
auf welchen sie fundiert sind. Man sieht in ihr Zusammenwirken zu 
dem Zweck, in ilirer Totalität den wert- und sinnvollen Zusammenhang 
verständlicli zu machen, der dieser Koexistenz und Folge des Erlebens 
zugrunde liegt, und dann aus ihm das Singulare faßlich. Und zu- 
gleich versteht man nun von diesen theoretischen Grundlagen aus, wie 
die Bewußtseinslage und der Horizont einer Zeit jedesmal die Voraus- 
setzung dafür sind , daß diese Zeit die geschichtliche Welt in einer be- 
stimmten Weise erblickt : die Möglichkeiten der Standpunkte histori- 
schen Sehens werden gleichsam in den Epochen der Geisteswissenschaften 
durchlaufen. Und ein letztes wird verständlich. Die Entwicklung der 
Geisteswissenschaften muß begleitet sein von ihrer logisch -erkenntnis- 
theoretischen Selbstbesinnung — nämlich dem philosophischen Bewußt- 
sein darüber, wie aus dem Erleben dessen, was geschehen ist, der 
anschaulich -begriffliche Zusammenhang der menschlich -gesellschaftlich- 
geschichtlichen Welt sich bildet. Für das Verständnis dieser und an- 
derer Vorgänge in der Geschichte der Geisteswissenschaften hoifen die 
folgenden Erörterungen sich nützlich zu erweisen. 



L 

Aufgabe, Methode und Anordnung der Grundlegung. 

I. Die Aufgabe. 

Für die Grundlegung der Geisteswissenschaften ist selbstverständ- 
lich kein anderes Verfahren möglich als das in der Grundlegung des 
Wissens anzuwenden ist. Gäbe es eine Theorie des Wissens, welche 
zu allgemeiner Anerkennung gelangt wäre, so würde es sich hier nur 
um die Anwendung derselben auf die Geisteswissenschaften handeln. 
Aber eine solche Theorie ist eine der jüngsten unter den wissen- 
schaftlichen Diszij^linen, Kant zuerst erfaßte ihr Problem in seiner All- 
gemeinheit, der Versuch Fichtes, die Lösungen Kants zu einer voll- 
ständigen Theorie zusammenzufassen, war verfrüht, und auf diesem 
Gebiet stehen sich heute die Versuche genau so unversöhnlich gegen- 
über als auf dem der Metapliysik. So bleibt nur übrig, aus dem ganzen 
Gebiet der philosophischen Grundlegung einen Zusammenhang von 

32* 



324 Gesanimtsitzimg vom 10. März 1905. — Mittheilung vom 2. Mär/.. 

Sätzen aii.szu.sondern, welcher der Aufgabe der Begründung der Geiste.s- 
wissenschaften genugtut. Der Gefahr der Einseitigkeit in diesem Ent- 
wickelungsstadium der Theorie des Wissens kann kein Versuch ent- 
gehen. Das Verfahren wird ihr indes um so weniger ausgesetzt sein, 
je allgemeiner die Aufgabe dieser Theorie gefaßt und je vollständiger 
alle Mittel seiner Lösung hinzugezogen werden. 

Und eben dies ist zugleich durch die eigentümliche Natur der 
Geisteswissenschaften gefordert. Ihre Grundlegung muß sich auf 
alle Klassen von Wissen beziehen. Sie muß sich auf das Gebiet 
der Wirklichkeitserkenntnis, der Wertsetzung wie der Zweck- 
bestimmung und Regelgebung erstrecken. Die einzelnen Geistes- 
wissenschaften setzen sich zusammen aus dem Wissen über Tatsachen, 
über giltige allgemeine Wahrheiten, über Werte, Zwecke und Regeln. 
Und das menschlich -gesellschaftlich -geschichtliche Leben geht in sich 
selbst beständig von Auffassung der Wirkliclikeit zu Wertbestimmungen 
und von diesen zur Zwecksetzung und Regelgebung vorwärts. 

Wenn die Geschichte einen historischen Verhiuf darstellt, so 
geschieht dies immer durch Auswahl aus dem in den Quellen Über- 
lieferten, und diese ist stets von einer Abschätzung des Wertes der 
Tatsachen bestimmt. 

Noch deutlicher ist dies Verhältnis in den Wissenschaften, Avelche 
die einzelnen Systeme der Kultur zu ilirem Gegenstande haben. Das 
Leben der Gesellschaft gliedert sich in Zweckzusammenhänge, und ein 
Zweckzusammenhang verwirklicht sich jedesmal in Handlungen, die 
an Regeln gebunden sind. Und zwar sind diese systematischen Geistes- 
wissenschaften nicht nur Theorien, in denen als Tatsachen der gesell- 
schaftlichen Wirklichkeit Güter, Zwecke und Regeln auftreten, sondern 
wie die Theorie selber aus der Reflexion und dem Zweifel über die 
Eigenschaften dieser Wirklichkeit, über die Wertung des Lebens, über 
das höchste Gut, über die überlieferten Rechte und Pflichten entstanden 
ist, so ist sie zugleich der Durchgangspunkt zu dem Ziel, Zweck- 
bestimmungen und Normen für die Regelung des Lebens zu gewinnen. 
Die politische Ökonomie hat ihre logische Grundlage in der Wertlehre. 
Die Rechtswissenschaft muß von den einzelnen positiven Rechtssätzen 
zu den in ihnen enthaltenen allgemeinen Rechtsregeln und Rechts- 
begriffen vordringen, schließlich trift't sie auf die Probleme, welche 
die Bezieliungen von Wertschätzung, Regelgebung und W'irklichkeits- 
erkenntnis auf diesem Gebiet betreffen. Ist in der Zwangsmacht des 
Staates der ausschließliche Rechtsgrund der rechtlichen Ordnung zu 
suchen? Und wenn allgemeingültige Prinzipien im Recht eine Stelle 
haben sollen, haben sie ihre Begründung in einer dem Willen im- 
manenten Regel seiner Bindung oder in der W^ertgebung oder in der 



Dii.they: Studien zur r.riindlegung der Geisteswissenschaften. 325 

Vernunft? Und dieselben Fragen kehren auf dem Gebiet der Moral 
wieder, ja der Begrifl' einer unbedingt gültigen Bindung des Willens, 
die wir als Sollen bezeielinen , bildet recht eigentlich die Hauj^tfrage 
dieser Wissenschaft. 

So bedarf die Grundlegung der Geisteswissenschaften der- 
selben Ausdehnung auf alle Klassen von Wissen, wie sie in der all- 
gemeinen philosophischen Grundlegung zu fordern ist. Denn diese 
letztere muß sich auf jedes Gebiet erstrecken, in welchem das Bewußt- 
sein das Autoritative abgeschüttelt hat und durch den Standpunkt der 
Reflexion und des Zweifels zu gültigem Wissen zu gelangen strebt. 
Die philosophische Grundlegung muß zunächst das Wissen im Gebiete 
des gegenständlichen Auffassens rechtfertigen. Denn das naive 
Bewußtsein über eine gegenständliche Wirklichkeit und deren Beschaffen- 
heiten wird überschritten, die wissenschaftliche Erkenntnis sucht aus dem 
in den Sinnen Gegebenen eine gegenständliche Ordnung nach Gesetzen 
abzuleiten, und schließlich entsteht das Problem, für die Verfahrungs- 
weisen der Wirklichkeitserkenntnis und ihre Ergebnisse den Nachweis 
ihrer objektiven Notwendigkeit zu erbringen. Aber auch unser Wissen 
von Werten bedarf einer solchen Grundlegung. Denn die Lebenswerte, 
die im Gefühl auftreten , werden der wissenschaftlichen Reflexion 
unterworfen, und aus dieser entsteht auch hier die Aufgabe, ein 
objektiv notwendiges Wissen hervorzubringen; das Ideal seiner Voll- 
endung wäre erreicht, wenn die Tlieorie nach einem festen Maß den 
Lebenswerten ihren Rang zuwiese — die alte viel erörtei'te Frage, 
welche zunächst als die nacli dem höchsten Gut aufgetreten ist. Endlich 
ist für das Gebiet der Zwecksetzung und Regelgebung eine solche 
philosophische Grundlegung nicht minder notwendig, als auf den beiden 
anderen Gebieten. Denn auch die Zwecke, die das Wollen sich setzt, 
sowie die Regeln, an die es sich gebunden findet, wie sie zuerst aus 
der Tradition der Sitte, der Religion und des positiven Rechts dem Men- 
schen zufließen, werden von der Reflexion zersetzt, und der Geist 
muß aus sich selbst ein gültiges Wissen auch hier hervorbringen. 
Überall führt das Leben zu Reflexionen über das, was in ihm gesetzt 
ist, die Reflexion zum Zweifel, und soll sich diesem gegenüber das 
Leben behaupten, so kann das Denken erst endigen in gültigem Wissen. 

Hierauf beruht der Einfluß des Denkens in allen Verhaltungs- 
weisen des Lebens. Immer wieder vom lebendigen Gefühl und von 
der genialen Intuition bekämpft, setzt dieser Einfluß sich siegreich 
durch: entspringt er doch aus der inneren Notwendigkeit, in dem 
unsteten Wechsel der Sinneswahrnehmungen, Begierden und Gefühle 
ein Festes zu stabilieren, das eine stetige und einheitliche Lebens- 
führung möglich macht. 



326 Gesamintsitzung vom 16. März 1905. — Mittheilnng vom 2. März. 

Diese Arbeit wird in allen Formen von wissenschaftlichem Nach- 
denken vollbracht. Schließlich aber ist es die Funktion der Philo- 
sophie, diese wissenschaftliche Besinnung über das Leben zusammen- 
fassend, verallgemeinernd und begründend zu vollenden. So erhält 
das Denken dem Leben gegenüber seine bestimmte Funktion. Das Leben 
in seinem unruhigen Fluß bringt Realitäten aller Art beständig hervor. 
Mannigfaltig Gegebenes wird von ihm an die Küsten unseres kleinen 
Ich herangespült. Derselbe Wechsel läßt in unserem Gefühls- oder 
Triebleben Werte aller Art zum Genuß gelangen — sinnliche Lebens- 
werte, religiöse, künstlerische. Und in den wechselnden Verhältnissen 
zwischen Bedürfnissen und den Mitteln der Befriedigung entsteht der 
Vorgang der Zwecksetzung: es bilden sich Zweckzusammenhänge, die 
durch die ganze Gesellschaft hindurchgehen und jedes Glied derselben 
umfassen und bestimmen: Gesetze, Verordnungen, Religionsvorschriften 
wirken als zwingende Mächte und bestimmen den einzelnen. Da ist es 
nun immer wieder das Geschäft des Denkens, die im Bewußtsein in und 
zwischen diesen Realitäten des Lebens bestehenden Beziehungen aufzu- 
fassen und von dem so zu klarem und deutlichem Bewußtsein gelangten 
Singularen, Zufalligen, Vorgefundenen zu dem in ihm enthaltenen not- 
wendigen und allgemeinen Zusammenhang fortzuschreiten. Das Denken 
kann nur die Energie des Bewußtwerdens .steigern in bezug auf die Reali- 
alitäten des Lebens. An das Erlebte und das Gegebene ist es durch 
innere Nötigung gebunden. Und Pliilosophif ist nur die höchste Energie, 
bewußt zu machen: als Bewußtsein über jedes Bewußtsein und Wissen 
von allem Wissen. So macht sie sich denn schließlich die Gebundenheit 
des Denkens an Formen und Regeln und andererseits die innere Nötigung, 
die das Denken an das Gegebene bindet, zum Problem. Das ist die 
letzte und höchste Stufe der philosophischen Selbstbesinnung. 

Faßt man das Problem des Wissens in diesem Umfang, dann 
wird seine Lösung in einer Theorie des Wissens als philosophische 
Selbstbesinnung zu bezeichnen sein. Und diese wird zunächst die 
ausschließliche Aufgabe des grundlegenden Teils der Philosophie sein; 
aus dieser Grundlegung erwachsen die Enzyklopädie der Wissenschaften 
und die Lehre von den Weltansichten, und in diesen beiden vollendet 
sich die Arbeit der philosophischen Selbstbesinnung. 

2. Die Aufgabe der Theorie des Wissens. 
Diese Aufgabe löst die Philosophie sonach zunächst als Grund- 
legung oder als Theorie des Wissens. Das Gegebene für sie sind 
alle die Denkprozesse, die von dem Zweck bestimmt sind, giltiges 
Wissen hervorzubringen. Ihre Aufgabe liegt schließlich in der Be- 
antwortung der Frage, ob und wiefern Wissen möglich sei. 



DiLinEv: Stiiilien zur Gnindlegiing der Geisteswissenschaften. 327 

Bringe ich mir zum Bewußtsein, was icli unter Wissen meine, 
so unterscheidet dasselbe sieh von dem bloßen Vorstellen, Vermuten, 
Fragen oder Annehmen durch das Bewußtsein, mit welchem ein In- 
haltliches hier auftritt: in diesem ist objektive Notwendigkeit als der 
allgemeinste Charakter des Wissens enthalten. 

In diesem Begriff' der objektiven Notwendigkeit liegen zwei Mo- 
mente, und diese sind nun die Ausgangspunkte für die Theorie des 
Wissens. Das eine liegt in der Evidenz, welche den richtig voll- 
zogenen Denkprozessen anhaftet, und das andere ist in dem Charakter 
des Inneseins der Realität im Erlebnis oder in dem der Gegebenheit, 
der uns an eine äußere Wahrnehmung bindet, enthalten. 

3. Die hier angewandte Methode der Grundlegung. 

Die Methode der Lösung dieser Aufgabe besteht in dem Rück- 
gang von dem Zweckzusammenhang, der auf die Erzeugung des 
objektiv notwendigen Wissens in seinen verscliiedenen Gebieten ge- 
richtet ist, zu den Bedingungen, unter welchen die Erreichung dieses 
Zieles steht. 

Eine solche Analyse des Zweckzusammenhangs, in welchem das 
Wissen hervorgebracht werden soll, ist von derjenigen unterschieden, 
die in der Psychologie vollzogen wird. Der Psychologe untersucht 
den psychischen Zusammenhang, auf Grund dessen Urteile auftreten, 
Wirklichkeit ausgesagt und Wahrheiten von allgemeiner Geltung aus- 
gesprochen werden. Er will feststellen, wie dieser Zusammenhang ist. 
In dem Verlauf seiner Zergliederung der Denkprozesse hat natürlich 
die Entstehung des Irrtums so gut ihre Stelle als die der Aufhebung 
desselben; der Prozeß des Erkennens könnte ja ohne diese Mittel- 
glieder von Irrtum und Aufhebung desselben weder beschrieben noch 
in seiner Entstehung aufgeklärt werden. So ist in gewisser Hinsicht 
sein Gesichtspunkt derselbe wie der des Naturforschers. Sie wollen 
beide nur sehen, was ist, und haben nichts zu tun mit dem, was sein 
soll. Dabei besteht aber zwischen dem Naturforscher und dem Psycho- 
logen ein wesentlicher Unterschied, und zwar ist dieser durch die 
i]igenschaften des ihnen Gegebenen bedingt. Der psychische Struktur- 
zusammenhang hat einen subjektiv immanent teleologischen Charakter. 
Darunter verstehe ich, daß indem strukturellen Zusammenhang, dessen 
Begriff" uns ausführlich beschäftigen wird, eine Zielstrebigkeit an- 
gelegt ist. Über objektive Zweckmäßigkeit ist hiermit noch nichts 
ausgesagt. Dieser subjektiv immanent teleologische Charakter des Ge- 
schehens ist der äußeren Natur als solcher fremd. Die immanente ob- 
jektive Teleologie wird in die organische Welt, als physische, nur als 
Auffassungsweise aus dem Seelenerlebnis hineingetragen. Dagegen ist 



328 Gesainmtsitzung vom 16. März 1905. — Mittheiliing vom 2. März. 

ein subjektiv immanent teleologischer Charakter in den psychischen Ver- 
haltungswcisen wie in den strukturellen Beziehungen derselben inner- 
halb des psychischen Zusammenhangs gegeben. Kr ist in dem Nexus 
der Vorgänge selber enthalten. Innerhalb des gegenständlichen Auf- 
fassens als des grundlegenden psychischen Verhaltens macht dieser Cha- 
rakter des Seelenlebens, nach welchem in dessen Struktur eine Ziel- 
sti-ebigkeit angelegt ist (meine Abb. über Beschr. Ps. 1377 ff. [ögff.]), in 
den beiden Hauptformen des Auffassens, nämlich der von Erlebnissen 
und von äußeren Gegenständen, sowie in der Stufenfolge der Formen 
von Repräsentation sich geltend. Denn die Formen der Repräsentation 
sind dadurch als Stufen in einem Zweckzusammenhang verbunden, daß 
in ihnen das Gegenständliche zu immer vollständigerer, bewußterer 
Repräsentation kommt, die den Auffassungsforderungen des gegen- 
ständlichen Erfassens immer besser entspricht und immer mehr die 
Einordnung des einzelnen Gegenstandes in den primär gegebenen Ge- 
samtzusammenhang ermöglicht. So enthält schon jedes Erlebnis un- 
seres gegenständlichen Auffassens eine im Gesamtzusammenhang des 
psychischen Lebens begründete Tendenz auf Erfossung der Welt. Da- 
mit ist schon im psychischen Leben ein Prinzip der Auswahl gegeben, 
nach welchem Repräsentationen bevorzugt oder verworfen werden. Und 
zwar je nachdem sie sich der Tendenz auf Ei-fassung des Gegenstandes 
in seinem Zusammenhang der Welt, als welcher in dem sinnlichen 
Horizont des Auffassens primär gegeben ist, einordnen. So ist in der 
psychischen Struktur schon ein teleologischer Zusammenhang gegrün- 
det, welcher auf Erfassung des Gegenständlichen gerichtet ist. Und 
dieser wird dann in der Theorie des Wissens zu klarem Bewußtsein 
erhoben. Damit aber begnügt sich die Theorie des Wissens nicht. Sie 
fragt, ob die im Bewußtsein angelegten Verhaltungsweisen wirklich ihr 
Ziel erreichen. Ihre Kriterien hierfür sind die obersten Sätze, welche 
abstrakt das Verhalten ausdrücken, an welches das Denken gebunden 
ist, soll es seinen Zweck tatsächlich realisieren. 

4. Ausgangspunkt in einer Deskription der Vorgänge, in 
welchen das Wissen entsteht. 

So zeigt sich , wie die Aufgabe der Wissenschaftslehre nur gelöst 
werden kann auf Grund einer Anschauung des psychologischen Zu- 
sammenhangs, in welchem empirisch die Leistungen zusammenwirken, 
an welche die Erzeugung des Wissens gebunden ist. 

Hiernach entsteht das folgende Verhältnis zwischen psychologi- 
scher Deskription und Theorie des Wissens. Die Abstraktionen der 
Theorie des Wissens beziehen sich zurück auf die Erlebnisse, in denen 
das Wissen in zwiefacher Form und durch verschiedene Stufen hin- 



Dilthey: Studien zur Grundlegung der Geisteswissenscliaften. 329 

durch sich ausbiklet. Sie setzen die Einsiclit in die Prozesse voraus, 
durch welche auf Grund der Wahrnehmungen Namen ,ü:egehen, Be- 
grifie und Urteile gebildet werden, und so das Denken allmählich 
vom Einzelnen, Zufälligen, Subjektiven, Relativen und darum mit Irr- 
tümern Versetzten zum objektiv Gültigen fortschreitet. Es ist sonach im 
einzelnen festzustellen , welches Erleben stattfindet und begrifflich be- 
zeichnet werde, wenn wir von dem Vorgang des Wahrnehmens, von der 
Gegenständlichkeit, der Namengebung und Bedeutung der Wortzeidien, 
des Urteils und seiner Evidenz und des wissenschaftlichen Zusammen- 
hangs reden. In diesem Sinne habe ich in der ersten Ausgabe der 
Geisteswissenschaften (XVII, XVIII) und in der Abhandlung über be- 
schreibende Psychologie (1316 [8]) hervorgehoben, daß die Theorie 
des Wissens einer Beziehung auf die Erlebnisse des Erkenntnisprozesses 
bedarf, in denen das Wissen entsteht (13 18 |io]), und daß diese 
psychologischen Vorbegriffe nur Deskription und Zergliederung dessen 
sein dürfen, was in den erlebten Erkenntnis2)rozessen enthalten ist (10). 
Daher schien mir in einer solchen beschreibend -zergliedernden Dar- 
stellung der Prozesse, innerhalb deren das Wissen entsteht, eine nächste 
Aufgabe als Vorbedingung der Theorie des Wissens zu liegen (eben- 
daselbst). Von verwandten Gesichtspunkten gehen nun die ausgezeich- 
neten Untersuchungen von HussERL aus, welche »eine streng deskriptive 
Fundierung« der Theorie des Wissens als »Phänomenologie des Er- 
kennens« und damit eine neue philosophische Disziplin gescliaffen 
haben. 

Ich habe nun weiter behauptet, daß die Anforderung strenger 
Gültigkeit der Theorie des W'issens durch ihre Beziehung auf solche 
Deskriptionen und Zergliederungen nicht aufgelioben werde. Es wird 
ja in der Deskription nur ausgesprochen, was im Prozeß der Hervor- 
bringung des Wissens enthalten ist. Wie ohne diese Beziehung die 
Theorie, die doch aus diesen P>lebnissen und deren Verhältnissen zu- 
einander abstrahiert ist, gar nicht zu verstehen ist, wie die Frage 
nach der Möglichkeit des Wissens auch die Erledigung der anderen 
Frage voraussetzt, auf welche Art Wahrnehmen, Namen, Begriffe, Ur- 
teile sich auf die Aufgabe beziehen , den Gegenstand zu erfassen : so 
ist nun das Ideal einer solclien begründenden Deskription, daß sie auch 
wirklich nur Sachverhalte ausspreche und feste Wortbezeichnungen für 
dieselben schaffe. Die Annäherung an dieses Ideal ist davon abhängig, 
daß nur die im entwickelten Seelenleben des historischen Menschen, 
wie der beschreibende Psychologe es in sich selber vorfindet, enthal- 
tenen Tatsachen und Beziehungen von solchen aufgefaßt und zergliedert 
werden. Es gilt zumal immer weiterzugehen in der Ausschließung der 
Begriffe von Funktionen des Seelenlebens, welche gerade hier besonders 



330 Gesamintsit/.nnj; vom 16. März 1905. — IMittheilung vom 2. März. 

gefährlich sind. Die Arbeit an die.ser ganzen Aufgabe liat erst be- 
gonnen. Erst allmählicli kann die Annäherung an den genauen Aus- 
druck für die Zustände. Vorgänge und Zusammenhänge erreicht werden, 
um welche es sich handelt. Und so erweist sich freilich sciion hier, 
daß die Aufgabe einer Grundlegung der Geisteswissen.schaften noch 
keineswegs in für jeden Mitarbeiter überzeugender Weise wird auf- 
gelöst werden können. 

Einer Bedingung der Auflösung des Problems können wir wenig- 
.stens jetzt schon genügen. Die Deskription der Prozesse, welche 
das Wissen erwirken, ist nicht am wenigsten davon abhängig, daß 
das Wissen in allen seinen Gebieten umfaßt werde. Und dies ist 
auch die Bedingung, an welche das Gelingen einer Theorie des Wissens 
gebunden ist. So ist das Ideal des folgenden Versuches ein gleich- 
mäßiger Blick auf die verschiedenen Zusammenhänge von Wissen. 
Ein solcher wird aber nur dadurch möglich, daß die besondere 
Struktur der großen Zusammenhänge erforscht wird, welche durch 
die verschiedenen Verhaltungsweisen des Seelenlebens bedingt sind. 
Hierauf kann sich dann ein vergleichendes Verfahren in der Theo- 
rie des Wissens gründen. Dieses vergleichende Verfahren ermög- 
licht, die Analysis der logischen Formen und Denkgesetze bis zu 
dem Punkte zu führen, an welchem der Schein einer Unterordnung 
des Erfahrungsstofi's unter das Apriori von Formen und Denkge- 
setzen gänzlich schwindet. Dies geschielit nach folgender Methode. 
Die Leistungen des Denkens, welche ohne Zeichen an Erlebnis und 
Anschauung sich vollziehen, lassen sich in elementaren Operationen 
wie Vergleichen, Verbinden, Trennen, Beziehen darstellen: diese 
sind in bezug auf ihren Erkenntniswert als Wahrnehmungen höhe- 
ren Grades anzusehen. Und die Formen und Gesetze des diskur- 
siven Denkens können nun nach ihren Rechtsgründen aufgelöst wer- 
den in die Leistungen der elementaren Operationen, in die erleb- 
bare Funktion von Zeichen und in das in den Erlebnissen von An- 
schauen, Fühlen, Wollen Enthaltene, auf welches sich Wirklichkeits- 
auffassen, Wertgebung, Zweckbestimmung und Regelsetzung in ihrer 
Gemeinsamkeit wie nach ihren formalen und kategorialen Eigentüm- 
lichkeiten gründen. Ein solches Verfahren ist auf dem Gebiet der 
Geisteswissenschaften rein durchführbar, und so kann nach dieser Me- 
thode die objektive Giltigkeit des Wissens auf diesem Gebiete be- 
gründet werden. 

Hierdurch ist nun bedingt, daß die Deskription die Grenzen der- 
jenigen Erlebnisse, die sich als gegenständliches Auffassen darstellen, 
überschreiten muß. Denn wenn die folgende Theorie das Wissen in 
dem Erkennen der Wirkliddveit, den Wertschätzungen, Zwecksetzungen 



Dilthey: Studien zur Grundle^uug der fieisteswissenscliaften. 831 

und Regeigebungen gleichmäßig umfassen möeiite: so bedarf sie auch 
der Rückbeziehung auf den Zusammenhang, in welchem diese ver- 
schiedenen seelischen Leistungen miteinander verknüpft sind. Es ent- 
steht ferner in der Wirkliehkeitserkenntnis und \'('rbindet sich mit den 
Erkenntnisvorgängen in einer eigentümlichen Struktur das Bewußtsein 
von Normen, an die der Vollzug des Erkenntniszweckes gebunden 
ist. Zugleich aber kann aus dem ('harakter der Gegebenheit äußerer 
Objekte die Beziehung auf das willentliche Verhalten nicht fortgeschafft 
werden: hieraus folgt noch von einer anderen Seite die Abhängigkeit 
der abstrakten Entwickelungen der Wissenstiieorie von dem Zusammen- 
hang des ganzen Seelenlebens. Dasselbe ergibt sich aus der Zergliede- 
rung der Vorgänge, in denen wir andere Individuen und ihre Schöpfun- 
gen verstehen: diese Vorgänge sind grundlegend für die Geisteswissen- 
schaften, sie selber aber gründen sich in der Totalität unseres Seelen- 
lebens (meine Abhandlung über Hermeneutik in den Sigwart gewid- 
meten Abhandlungen 1900). Aus diesem Gesiclitspunkt habe ich früher 
immer wieder die Notwendigkeit betont, das abstrakte wissenschaftliche 
Denken in seinen Bezügen zu der psychischen Totalität aufzufassen 
(Geistesw. XVII, XVIII).^ 

5. Stellung dieser Deskription im Zusammenhang der 
Grundlegung. 

Eine solche Beschreibung und Zergliederung der im Zweck- 
zusammenhang der Erzeugung giltigen Wissens auftretenden Prozesse 
bewegt sich ganz innerhalb der Voraussetzungen des empirischen Be- 
wußtseins. In diesem wird die Realität äußerer Gegenstände und 
fremder Personen vorausgesetzt, und es ist in ihm enthalten, daß 
das empirische Subjekt von dem Milieu, in welchem es lebt, be- 
stimmt wird und wiederum auf dasselbe zurückwirkt. Indem die 
Deskription diese Verhältnisse als in den Erlebnissen enthaltene Be- 
wußtseinstatsachen beschreibt und zergliedert, ist natürlich damit über 
die Realität der Außenwelt und fremder Personen oder über die Ob- 
jektivität der Relationen von Tun und Leiden nichts ausgesagt: die 
auf die Deskription gebaute Theorie soll ja erst eine Entscheidung 
über die Berechtigung der im empirischen Bewußtsein enthaltenen 
Voraussetzungen herbeizuführen suchen. 

Eben so selbstverständlich ist dann, daß die Erlebnisse, die be- 
schrieben werden und der Zusammenhang derselben, der aufgezeigt 
wird, hier nur unter dem von der Wissenschaftslehre geforderten 
Gesichtspunkt betrachtet wei'den. Das Hauptinteresse liegt in den 
Beziehungen, in denen Leistungen zueinander stehen, in denen dann 
diese Leistungen von Bedingungen des Bewußtseins und von Gegeben- 



332 Gesamintsit7.iing vom 16. März 190'). — Mittheilung vom 2. März. 

heiten abhängen und in denen schließlich die einzelnen Vorgänge, die 
in dem Prozeß der Erzeugung des Wissens auftreten , von diesem Zu- 
.sammenhang bedingt sind. Denn der subjektive und immanent teleo- 
logische Charakter des psychischen Zu.sammenhangs, kraft dessen Vor- 
gänge in demselben zu Leistungen zusammenwirken und so eine Ziel- 
strebigkeit in iiim besteht, ist ja die Grundlage für die Auswahl 
gültigen Wissens von Wirklichkeiten, Werten oder Zwecken aus dem 
Gedankenverlauf. 

Fassen wir das Ergebnis über die Stellung der Deskription inner- 
halb der Grundlegung zu.sammen. Sie begründet die Tlieorie, und 
diese bezieht sich auf sie zurück. Ob nun die Deskription der Er- 
kenntnisprozesse und die Theorie des Wissens in den einzelnen Teilen 
der Theorie aufeinander bezogen werden, oder ob die zusammen- 
hängende Deskription der Theorie vorausgesandt wird, ist eine Frage 
der Zweckmäßigkeit. Die Theorie selbst empfängt von der Deskription 
des Wissens die beiden Merkmale, an welche dessen Gültigkeit ge- 
bunden ist. Jedes Wissen steht unter den Normen des Denkens. Zu- 
gleich bezieht es sich nach diesen Denknormen auf ein Erlebtes oder 
Gegebenes, und die Beziehung des Wissens auf das Gegebene ist näher 
die des Gebundenseins an dasselbe. Alles Wissen steht nach dem Er- 
gebnis der Deskription unter der obersten Regel, daß es in dem Erlebten 
oder wahrnehmungsmäßig Gegebenen nach den Normen des Denkens 
gegründet ist. Hiernach werden die beiden Hauptprobleme der Grund- 
legung der Geisteswissenschaften sich sondern. In die Behandlung der- 
selben werden die vorliegenden Studien zur Grundlegung der Geistes- 
wissenschaften die Theorie des Wissens zusammenziehen, da sie für 
die Begründung der Möglichkeit einer objektiven Erkenntnis entscheidend 
sind. Die nähere Bestimnmng dieser beiden Probleme kann erst auf 
der Grundlage der Deskription abgeleitet werden. 



II. 

Deskriptive Vorbegriffe.' 

I. Die psychische Struktur. 

Der empirische Verlauf des psychischen Lebens besteht aus Vor- 
gängen: denn jeder unserer Zustände hatte einen Anfang in der Zeit, 
ändert sich in ihr und wird auch in ihr wieder schwinden. Und zwar 



' Dieser deskriptive Teil der Untersuchung ist eine Fortbildung des in meinen 
früheren Arbeiten eingenommenen 8tand])unktes. Diese Arbeiten waren darauf ge- 
richtet, die Möglichkeit einer objektiven Erkenntnis der VV'irklichkeit und innerhalb 
dieser Erkenntnis insbesondere die gegenständliche objektive Erfassung der psychischen 



Dii.they: Studien zur Grundlegung der Geisteswissenscliaften. 333 

bildet (lieser Verlauf des Lebens eine Entwicklung; denn so ist das 
Zusammenwirken der seelischen Regungen geartet, daß es die Tendenz 
erwirkt, einen zunehmend bestimmteren psychischen Zusammenhang 
herbeizuführen, wie er mit den Lebensbedingungen übereinstimmt — 
gleichsam eine Gestalt dieses Zusammenhangs. Und dieser erworbene 
Zusammenhang ist wirksam in jedem psychischen Vorgang: er bedingt 
das Auftreten und die Richtung der Aufmerksamkeit, die Apperzeptionen 
hängen von ihm ab, und die Reproduktion der Vorstellungen ist be- 
stimmt von ihm. Ebenso ist von diesem Zusammenhang das Auftreten 
von Gefühlen oder von Begehrungen oder die Entstehung eines Willens- 
entschlusses abhängig. Nur mit dem Tatsächlichen in diesen Vorgängen 
hat es die psychologische Deskription zu tun, physiologische oder 
psychologische Erklärung der Entstehung oder des Bestandes eines 
solchen erworbenen psychischen Zusammenhangs liegen außerhalb ihres 
Gebietes (Beschr. Psych. S. 39 ft'.). 

Das einzelne individuell geartete Seelenleben in seiner Ent- 
wicklung bildet den Stoff der psychologischen Forschung, ihr nächstes 
Ziel ist aber die Feststellung des Gemeinsamen in diesem 
seelischen Leben der Individuen. 

Hier heben wir nun einen Unterschied heraus. Im Seelenleben be- 
stellen Regelmäßigkeiten, welche die Aufeinanderfolge der Vorgänge be- 
stimmen. An diesen Regelmäßigkeiten besteht der Unterschied, der 
hier zu erörtern ist. Die Art der Beziehung zwischen Vorgängen oder 
Momenten desselben Vorgangs ist in dem einen Fall ein charakteristi- 
sches Moment des Erlebnisses selbst: so entstehen die Eindrücke von Zu- 
sammengehöi'igkeit, Lebendigkeit im seelischen Zusammenhang. Die 
anderen Regelmäßigkeiten in der Aufeinanderfolge i)sychischer Vorgänge 
sind nicht charakterisiert durch die Erlebbarkeit ihrer Verbindungs- 
weise. Das verbindende Moment ist nicht im Erlebnis aufzuweisen. 



Wirklichkeit zu begründen. Hierbei ging ich im Gegensatz zu der idealistischen Ver- 
Muiiftlehre nicht auf ein Apriori des theoretischen Verstandes oder der praktischen Ver- 
nunft, das in einem reinen Ich gegründet wäre, sondern auf die im psychischen Zu- 
sammenhang enthaltenen Strukturbeziehungen zurück, die aufzeigbar sind. Dieser 
Strukturzusammenhang "bildet den Untergrund des Erkenntnisprozesses« (Beschr. Psych. 
S. 1321 [13]). Die erste Form dieser Struktur fand ich in der »inneren Beziehung 
der verschiedenen Seiten eines N'erhaltens . (S. 1374 [66]). Die zweite Form von Struktur 
ist die innere Beziehung, welche die auseinanderliegenden Erlebnisse innerhalb eines 
^'erhaltens verbindet: so etwa Wahrnehmungen, erinnerte \'orstelIungen und an die 
Sprache gebundene Denkprozesse (ebd.). Die dritte Form bestellt in der inneren 
Beziehung der Verhaltiuigsweisen aufeinander im ])sychischen Zusammenhang ([67] 
1375). Suche ich nun hier diese meine Grundlegung einer realistisch oder kritisch 
objektiv gerichteten Erkenntnistheorie fortzubilden , so muß ich ein für allemal im 
ganzen darauf hinweisen, wie vieles ich den in der Verwertung der Deskription für 
die Erkenntnistheorie epochemachenden "Logischen Untersuchungen» von Husserl 
(1900. 1901) verdanke. 



334 Gesainiiitsitznns vom IH. März 1905. — Mittlieilung vom 2. März. 

Das Bedingtsein wird erschlossen. Wir verhalten uns sonach hier ähn- 
lich wie gegeuühcr der äußeren Natur. Daher der Charakter des Un- 
lebendigen und Äußerlichen in diesen Zusammenhängen. Die Regel- 
mäßigkeiten dieser letzteren Art stellt die Wissenschaft fest, indem .sie 
aus dem Nexus der Vorgänge einzelne Prozesse aussondert und an ihnen 
Regelmäßigkeiten induktiv erschließt. Assoziation, Reproduktion, Ap- 
perzeption sind solche Prozesse. Die an ihnen festgestellte Regelmäßig- 
keit besteht in Gleichförmigkeiten, die den Gesetzen der Veränderungen 
in der Sphäre der äußeren Natur entsprechen. 

Und zwar können die verschiedenartigen Faktoren in dem gegen- 
wärtigen Bewußtseinsstande auch da den nächsten Bewußtseinsstand 
bedingen, wenn sie zusammenhangslos wie Schichten in dem seelischen 
Bestände (status conscientiae) übereinander gelagert sind. Ein Eindruck, 
der von außen auf eine gegenwärtige seelische Lage eindringt, als 
ein ihr ganz Fremdes, ändert dieselbe. Zufall, Zusammengeratensein, 
Übereinandergeschichtetsein — solche Verhältnisse machen sich in dem 
Bewußtseinsstande eines gegebenen Moments und in der Entstehung 
der seelischen Veränderungen beständig geltend. Und Prozesse wie 
Reproduktion oder Apperzejition können von allen diesen Momenten des 
Bewußtseinsstandes bedingt werden. 

Von diesen Gleichförmigkeiten unterscheidet sich eine andere Art 
von Regelmäßigkeit. Ich bezeichne diese als psychische Struktur. 
Und zwar verstehe ich unter psychischer Struktur die Anordnung, 
nach welcher im entwickelten Seelenleben psychische Tatsachen von 
verschiedener Beschaffenheit regelmäßig durch eine innere erlebbare 
Beziehung miteinander verbunden sind (Beschr. Psych. S. 1374 [66]). 
Die Beziehung kann Teile eines Bewußtseinsstandes oder auch Er- 
lebnisse, die zeitlich auseinanderliegen, oder in solchen enthaltene Ver- 
haltungsweisen miteinander verbinden (Beschr. Psych. S. 137411t'. [66ff| 
1376IV. [68ff]). Diese Regelmäßigkeiten sind also verschieden von den 
Gleichförmigkeiten, die an den Veränderungen des psychischen Lebens 
festgestellt werden können. Die Gleichförmigkeiten sind Regeln, die 
an Veränderungen aufgezeigt werden können ; jede Veränderung ist so 
ein Fall, der in dem Verhältnis der Unterordnung unter die Gleichförmig- 
keit steht. Die Struktur dagegen ist eine Anordnung, in welcher 
p.sychische Tatsachen durch innere Beziehung miteinander verknüjift 
sind; jede der so aufeinander bezogenen Tatsachen ist ein Teil des 
Strukturzusammenhangs; so bestellt hier die Regelmäßigkeit in der 
Beziehung der Teile in einem Ganzen. Dort handelt es sich um das 
genetische Verhältnis, in welchem die psychischen Veränderungen von- 
einander abhängen, hier dagegen um die inneren Beziehungen, die am 
entwickelten Seelenleben aufgefaßt werden können. Struktur ist ein 



Dilthey: StudiMi zur Grunillegiinp; der Geistpswisseriscliaften. '5H5 

Inbegriff von Verhältnissen, in welchen mitten in dem Wechsel der 
Vorgänge, mitten in der Zufälligkeit des Nebeneinanderbestandes 
psychischer Bestandteile und der Abfolge })sychischer Erlebnisse ein- 
zelne Teile des psychischen Zusammenhangs aufeinander bezogen sind. 

Was unter diesen Bestimmungen zu verstehen sei, wird deutlicher 
durch den Hinweis darauf, welclie psycliischen Tatsachen solche innere 
Beziehungen zeigen. Die Bestandteile des sinnlich Gegenständlichen, 
das im Seelenleben vorgestellt wird, wechseln beständig nach den 
Einwirkungen der Außenwelt, und von diesen ist die dem einzelnen 
Seelenleben gegebene Mannigfaltigkeit abhängig. Die Verhältnisse, die 
so zwischen ihnen entstehen, sind z. B. Zusammensein, Trennbarkeit, 
Unterschied, Ähnlichkeit, Gleichheit, Ganzes und Teile. Dagegen tritt 
im psychischen Erlebnis eine innere Beziehung auf, in welcher dieser 
Inhalt zu gegenständlicliem Auffassen, oder zu Gefühlen, oder zu einem 
Streben steht. F.s ist augenscheinlich, daß diese innere Beziehung in 
jedem dieser Fälle eine andere ist. Die Beziehung einer Wahrnehmung 
auf einen Gegenstand, der Schmerz über ein Ereignis, das Streben 
nach einem Gute — diese Erlebnisse enthalten deutlich von einander 
unterschiedene innere Beziehungen. Jede Beziehungsart konstituiert 
nun weiter in ihrem Bereich regelmäßige Beziehungen zwischen zeitlich 
getrennten Erlelmissen. Und endlich bestehen zwischen den Beziehungs- 
arten selber regelmäßige Beziehungen, durch welche sie einen psychi- 
schen Zusammenhang ausmachen. Ich nenne diese Beziehungen innere, 
weil sie in dem i)sychischen Verhalten als solchem gegründet sind; Be- 
ziehungsart und Verhaltungsweise entsprechen einander. Eine solche 
innere Beziehung ist diejenige, in welcher im gegenständlichen Auffassen 
ein Verhalten zu einem inhaltlich Gegebenen steht. Oder diejenige, in 
welcher in der Zwecksetzung ein Verhalten zu inhaltlich Gegebenem 
als der Objektvorstelhmg der Zwecksetzung steht. Und innere Be- 
ziehungen zwischen den Erlebnissen innerhalb einer Verhaltungsweise 
sind das Verhältnis des Repräsentierten zum Repräsentierenden oder 
des Begründenden zum Begründeten im gegenständliclien Auffassen, 
oder die von Zweck vmd Mittel, von Entscldießung und Bindung im 
willentlichen Verhalten. Diese Tatsache der inneren Beziehung ist 
wie die ilir übergeordnete der Einheit eines Mannigfachen dem psychi- 
schen Leben ausschließlich eigen. Sie kann nur erfahren und auf- 
gewiesen, aber nicht definiert werden. 

Die Theorie der Struktur hat es mit diesen inneren Beziehungen 
zu tun. Und zwar nur mit ihnen, dagegen gar nicht mit den Ver- 
suchen einer Einteilung des Seelenlebens nach Funktionen oder Kräften 
oder Vermögen. Sie behauptet weder, noch bestreitet sie, daß es etwas 
dergleichen gebe. Sie präjudiziert auch nicht der Frage, ob das Seelen- 



33n Gesammtsitziing vom 16. März 1905. — Mittheiliing vom 2. März. 

loben sich aus einem Einfacheren zu dem Reichtum der strukturellen 
Beziehungen in der Menscldieit oder im Individuum entwickele. Solche 
Probleme liegen ganz außerhalb ihres Bereichs. 

Die psychischen Vorgänge sind durch diese Beziehungen zu dem 
strukturellen Zusammenhang verknüpft, und diese strukturelle Be- 
schaffenheit des seelischen Zusammenhangs hat, wie sich zeigen wird, 
zur Folge, daß Erlebnisse wie Leistungen zu einem Gesamteffekt zu- 
.sammen wirken. Dem strukturellen Zusammenhang wohnt zwar nicht 
Zweckmäßigkeit im objektiven Sinne inne, aber ein Zweckwirken in 
der Richtung auf bestimmte Bewußtseinslagen. 

Dies sind die Begriffe, durch welche hier vorläufig bestimmt wird, 
was unter psychischer Struktur zu verstehen sei. 

Die Strukturlehre erscheint mir als ein Hauptteil der beschrei- 
benden Psychologie. Sie könnte als ein eigenes, umfangreiches Ganze 
entwickelt werden. In ihr liegt vor allem die Grundlage der Geistes- 
wissenschaften. Denn die in ihr zu entwickelnden inneren Beziehun- 
gen, welche die Erlebnisse konstituieren, die alsdann zwischen den 
Gliedern der Reihe von Erlebnissen innerhalb einer Verhaltungsweise 
bestehen und die endlich den strukturellen Zusammenhang des Seelen- 
lebens ausmachen, ferner das Verhältnis, in welchem hier einzelne 
Leistungen zu einem subjektiv teleologischen Zusammenhang zu- 
sammenwirken, vmd schließlich die Relation von Wirklichkeiten, 
Werten und Zwecken sowie die von Struktur zur Entwickelung — 
all dieses ist begründend für den ganzen Aufbau der Geisteswissen- 
schaften. Sie sind ebenso grundlegend für den Begriff der Geistes- 
wissenschaften und für ihre Abgrenzung von denen der Natur. 
Denn die Strukturlehre zeigt bereits, daß die Geisteswissenschaften 
es mit einer Gegebenheit zu tun haben, von der in den Naturwissen- 
schaften nichts vorkommt. Die Bestandteile des sinnlich Gegenständ- 
lichen sind, unter der Beziehung zum psychischen Zusammenhang auf- 
gefaßt, dem Studium des Seelenlebens angehörig; dagegen konsti- 
tuieren die sinnlichen Inhalte nach ihrer Beziehung auf äußere Gegen- 
stände die physische Welt. Nicht machen diese Inhalte die physische 
Welt aus, sondern diese ist der Gegenstand, auf den wir im auffas- 
senden Verhalten die sinnlichen Inhalte beziehen. Aber unsere An- 
schauungen und Begriffe von der physischen Welt drücken nur den 
Sachverhalt aus, der in diesen Inhalten als Beschaffenheiten des Gegen- 
standes gegeben ist. Naturwissenschaften haben mit dem Verhalten 
gegenständlichen Auffassens , in welchem sie entstehen, nichts zu tun. 
Die inneren Beziehungen, in denen die Inlialte im psychischen Er- 
lebnis stehen können, Akt, Verhalten, struktureller Zusammenhang, 
sind ausschließend Gegenstand der Geisteswissenschaften. Sie sind ihr 



DiLriiiov: Studien zur CiruiuUegiuij; der Ueisteswissenscliaften. )]37 

Herrschaftsbereich. Und diese Struktur sowie ferner die Art, wie [)sy- 
chisclier Zusammenlian^' in uns erlebt und an anderen verstanden wird 
— sclion diese Momente reidien aus, um die besondere Natur der logi- 
schen Verfahrungsweisen in den Geisteswissenscliaften zu begründen. 
Es wird dabei bleiben: der Gegenstand und die Art der Gegebenheit 
entscheidet über das logische Verfahren. 

Welche Mittel haben wir nun, um zu einer einwandfreien Auf- 
fassung der Strulvturverhältnisse zu gelangen? 



2. Die Auffassung der psychischen Struktur. 

Mit dem Wissen vom Strukturzusammenhang hat es eine eigene 
Bewandtnis. In der Sprache, dem Verständnis anderer Personen, der 
Literatur, den Äußerungen der Dichter oder der Historiker tritt uns über- 
all ein Wissen von den regelmäßigen inneren Beziehungen entgegen, um 
die es sich handelt. Ich habe Kummer über etwas, ich habe Lust etwas 
zu tun, icli wünsche das P^intreten eines Ereignisses — diese und hundert 
ähnliche Wendungen der Sprache enthalten solche inneren Beziehun- 
gen. Ich drücke in diesen Worten einen inneren Zustand aus, ohne 
mich über ihn zu besinnen. Immer ist es die innere Beziehung, die 
darin zum Ausdruck kommt. Ebenso verstehe ich, wenn jemand so 
zu mir spricht, sofort auch was in ihm vorgeht. Und die Verse der 
Dichter, die Erzählungen der Geschichtschreiber von den frühest zu- 
gänglichen Zeiten ab, vor aller psychologischen Reflexion, sind erfüllt 
von denselben Ausdrücken. Ich frage nun, worin dieses Wissen be- 
gründet sei. Das Gegenständliche, sofern es aus Sinnesinhalten be- 
steht, Gleichzeitigkeit oder Abfolge in demselben, logische Verhält- 
nisse zwischen diesen Inhalten können nicht Grund eines Wissens 
dieser Art sein. Schließlich muß dasselbe irgendwie in dem Erleb- 
nis gegründet sein, das ein solches Verhalten in sich faßt — eine 
Freude über etwas, ein Verlangen nach etwas. Das Wissen ist da, 
es ist ohne Besinnen mit dem ErlelTen verbunden, und es ist auch 
kein anderer Ursprung und Grund desselben auffindbar als eben in 
dem Erleben. Und zwar handelt es sich hierbei um Rückschlüsse von 
Ausdrücken auf das Erlebnis, nicht um ein Hineininterpretieren. Die 
Notwendigkeit der Beziehung zwischen einem bestimmten Erlebnis und 
dem entsprechenden Ausdruck des Psychischen wird unmittelbar er- 
lebt. Es ist die schwierige Aufgabe der Strukturpsychologie, Urteile 
zu vollziehen, welche die strukturellen Erlebnisse mit dem Bewußt- 
sein der Adäquation wiedergeben, die in einem Deckungsverhältnis 
zu bestimmten Erlebnissen stehen. Als unentbehrliche Grundlage 
dienen ihr dazu die in tausendjähriger Arbeit ausgebildeten und ver- 
Sitzungsberichte 1905. 3o 



3B8 Gesammtsitziing vom 16. März 1905. — Mittheilung vom 2. März. 

feinerten Ausdruclcsformen des Psychischen, die sie weiter auszubilden 
und generell zu fassen hat, indem sie wiederum die Adäquation dieser 
Ausdruclvsformen an den Erlebnissen selbst prüft. Fassen wir einen 
Augenblick die Äußerungen des Lebensverkehrs und der Literatur in 
ihrem ganzen Umfang ins Auge. Denken wir uns eine Auslegungs- 
kunst, welche auf die Interpretation derselben gerichtet ist: und es 
ist sogleich deutlich , daß das , worin diese Hermeneutik alles vorhan- 
denen geistigen Verkehrs sich gründet, eben die festen strukturellen 
Beziehungen sind, welche regelmäßig in allen geistigen Lebensäuße- 
rungen auftreten (meine Abhandlung über Hermeneutik, Sigwart- Ab- 
handlungen 1900). 

Aber ebenso sicher als das Wissen über diese strukturellen Be- 
ziehungen auf unser Erleben zurückgeht und als es andererseits unsere 
Interpretation aller geistigen Vorgänge möglich macht — ebenso schwie- 
rig ist es nun, die Verbindung festzustellen zwischen diesem Wissen 
und dem Erleben. Nur unter sehr eingeschränkten Bedingungen verbleibt 
ja der inneren Beobachtung das Erlebnis selber präsent. Auf sehr ver- 
schiedene Art bringen wir das Erlebnis zu distinkt konstatierendem Be- 
wußtsein. Bald in diesem, bald in jenem Wesenszuge. Wir distin- 
guieren an den Erinnerungen. Wir heben in der Vergleichung innere 
regelmäßige Beziehungen heraus. Wir probieren in der Phantasie in 
einer Art von psychischem Experiment. An dem direkten Ausdruck 
des Erlebens, den die Virtuosen desselben, die großen Dichter und 
Religiösen gefunden haben, können wir die ganze Inhaltlichkeit des 
Erlebens ausschöpfen. Wie arm und dürftig wäre unsere psychologische 
Kenntnis der Gefühle ohne die großen Dichter, welche die ganze Ge- 
fühlsmannigfaltigkeit ausgesprochen und oft in überraschender Weise 
die strukturellen Beziehungen in dem Universum der Gefühle heraus- 
gehoben haben! Auch hier ist es Avieder ganz gleichgiltig für solche 
Deskription, ob ich von meinem Subjekt den Band Gedichte von Goethe 
oder dessen Person sondere: die Deskription hat es nur mit dem Er- 
lebnis zu tun und gar nicht mit einer Person, in welcher dasselbe 
stattfindet. 

Sollen diese Probleme weiterverfolgt werden, so handelt es sich 
dabei für den Psychologen immer um die sorgfältige Unterscheidung 
dessen, was unter Erleben, Selbstbeobachtung, und Reflexion über 
die Erlebnisse zu verstehen sei und was nun in diesen verschiede- 
nen Weisen von Strukturzusammenhang gegeben ist. W^as hierüber 
für die Grundlegung des Wissens zu sagen notwendig ist, kann 
nur bei der Erörterung der einzelnen Verhaltimgsweisen aufgeklärt 
werden. 



DiLTHEy: Studien i^ur Grundlegung der Geisteswissenschaften. 339 

3. Die strukturellen Einheiten. 

Jedes Erlebnis enthält einen Inhalt. 

Unter Inhalt verstehen wir hier nicht die in einem übergreifenden 
Ganzen enthaltenen Teile, die im Denken aus diesem Ganzen ausge- 
sondert werden können. So gelaßt wäre der Inhalt der Inbegriff des 
Unterscheidbaren, das im Erlebnis enthalten und wie in einem ein- 
schließenden Gefäße imifaßt wäre. Vielmehr wird hier von dem am 
Erlebnis Unterscheidbaren nur ein Teil als Inhalt bezeichnet. 

Es gibt Erlebnisse, in denen nichts bemerkbar ist als ein psy- 
chischer Zustand. In den physischen Schmerzgefühlen kann das lo- 
kalisierte Brennen oder Stechen unterschieden werden von dem Gefühl, 
aber in dem Erlebnis selbst sind sie ununterschieden, daher besteht 
zwischen ihnen keine innere Beziehung, und eine Auffassung des 
Erlebnisses, welche das Gefühl hier als eine Unlust über das Nagende 
oder Bohrende auffassen würde, täte dem Sachverhalt Gewalt an. 
Ebenso treten im Triebleben Zustände auf, in denen keine bestimmte 
Objektvorstellung mit dem Streben verbunden ist, und so ist auch 
hier im Sachverhalt nichts von einer inneren Beziehung zwischen 
Akt und Gegenstand enthalten. So darf man wol die Möglichkeit 
von Erlebnissen nicht ausschließen, in denen eine Beziehung eines 
Sinnesinhaltes auf einen Akt, in welchem er für uns da ist, oder 
auf einen Gegenstand oder eine Beziehung eines Gefühls oder Strebens 
auf diesen Gegenstand nicht enthalten ist.' Dies mag man sich nun 
zurechtlegen wie man will. Man mag sagen, daß diese Erlebnisse 
die untere Grenze unseres Seelenlebens bilden, daß über ihnen sich 
diejenigen aufbauen, in denen in Wahrnehmen oder Fühlen oder 
Wollen ein Verhalten zu einer Inhaltlichkeit, auf welche dies Ver- 
halten sich bezieht, als ein Unterscheidbares enthalten sind. Für die 
Feststellung der strukturellen Einheit in Erlebnissen, die hier unseren 
Gegenstand bildet, genügt der ausgedehnte Bestand von inneren Be- 
ziehungen zwischen Akt — dies Wort im weiteren Sinne genommen — 
und Inhalt an Erlebnissen. Und daß solche Sachverhalte im weitesten 
Umfang bestehen, kann nicht bezweifelt werden. So ist der Gegen- 
stand in dem Erlebnis der äußeren Wahrnehmung bezogen auf den 
Sinnesinhalt, in dem er mir gegeben ist. Dasjenige, worüber ich 



' Diese Sätze wollen nur die höchst schwierigen Fragen, welche bei Einordnung 
der angegebenen Tatsachen unter den Begritl' des Verhaltens entstehen, ausschließen; 
denn von ihrer Beantwortung ist der hier entwickelte Begriff von Struktur unabhängig. 
Zumal für die erkennfnistheoretische Grundlegung scheint mir nicht von Belang, ob 
eine genauere deskriptive psychologische Untersuchung eine solche Einordnung ablehnt 
oder, wenn sie dieselbe annimmt, wie sie dann den Sachverlialt sich zurechtlegt. 

33' 



340 Gesamintsitzung vom 16. März 1905. — Mittheilung vom 2. März. 

Unlust empfinde, ist bezogen auf das Unlustgefiilil selbst. Die Objekt- 
vorstellung in der Zweeksetzung ist bezogen auf das willentliche Ver- 
lialten, Avelclies auf die Verwirklichung des Objektbildcs tendiert. Wir 
nennen das Gesichtsbild, die Harmonie oder das Geräuscli den Inhalt 
eines Erlebnisses, und von diesem Inhalt ist unterscliieden und auf ihn 
bezogen das Verhalten, das diesen Inhalt vermutet oder behauptet, 
fühlt oder wünscht oder will. Ich stelle vor, urteile, fürchte, ha.sse, 
begehre: dies sind Verhaltungsvveisen, und immer ist es ein Was, 
auf das sie sich beziehen, so wie ein jedes Was, jede inhaltliche Be- 
stimmtheit in diesen Erlebnissen nur für ein Verhalten da ist. 

Ich gewahre eine P\arbe, ich urteile über sie, sie erfreut mich. 
ich begehre ihre Gegenwart: mit diesen Ausdrücken bezeichne ich 
verschiedene Verhaltungsweisen, welche sich auf dieselbe Inhaltlich- 
keit im Erlebnis beziehen. Und e})enso kann dasselbe Verhalten des 
Urteils wie auf die Farbe sich auch auf andere Gegenstände beziehen. 
So entscheiden weder die Verhaltungsweisen über die Anwesenheit 
von Inhalten, noch die Inhalte über das Auftreten von Verluütungs- 
weisen. Wir sind daher berechtigt, diese beiden Bestandteile des Er- 
lebnisses voneinander zu sondern. Und zugleich finden wir dieselben 
im Erlebnis zu einer strukturellen Einheit verbunden. Denn zwischen 
dem Akt und dem Inhalt bestellt eine im Verhalten gegründete Be- 
ziehung. Wir nennen sie eine innere, weil sie erlebbar imd in einer 
Regelm<äßigkeit des Verhaltens gegründet ist. 

So erweisen sich Erlebnisse als strukturelle Einheiten, und aus 
ihnen baut sich dann die Struktur des Seelenlebens auf. 

Nun aber tritt ein weiterer bedeutsamer Beziehungspunkt in dem 
Erlebnis auf. Wie dasselbe Inhaltliches auf die Gegenstände bezieht, 
so scheint es nach der anderen Seite auf ein Ich sich beziehen zu 
müssen, das sich verhält. In dem Erlebnis ist dieser zweite Be- 
ziehungspunkt keineswegs in der Regel enthalten. Je mehr die Hin- 
wendung auf das Gegenständliche in dem Auffassen oder Streben vor- 
wiegt, desto weniger ist im Erlebnis von einem Ich bemerkbar das 
auffaßt, ja selbst von einem solchen das strebt. Wenn Hamlet auf 
der Bühne leidet, ist für den Zuschauer sein eigenes Ich ausgelöscht. 
In dem Streben, eine Arbeit zu vollenden, vergesse ich im wört- 
lichen Verstände mich selbst. Wol ist in dem Lebensgefühl, in dem 
eine Lage zur Umwelt in Lust oder Unlust, in Haß oder Liebe ge- 
fühlt wird, diese Beziehung immer gegenwärtig. Und je entschiede- 
ner das Wollen sich der Welt in eigenen Zweckbestimmungen ent- 
gegensetzt, je stärker seine Einschränkung empfunden wird: desto 
entschiedener tritt die Beziehung seines Verhaltens ebenso wie auf 
Gegenstände, so auch auf das, das sich verhält, das wünscht, be- 



Dii.tuey: Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften. B4l 

gehrt oder will, hervor. Aber das Hinzutreten der Ich Vorstellung in 
diesen Vorgängen kann verschieden psychologisch interpretiert werden. 
Tritt man jedoch vom Erleben auf den Reflexionsstandpunkt, dann 
wird die Beziehung des Verhaltens auf dasjenige, welches sich ver- 
hält, unvermeidlich. Ehen dies wird auf dem Reilexionsstandpunkt 
auch durch die Anwendung des Begriffes von Beziehung gelordert. 
Ist in dem Verhalten eine Art der Beziehung enthalten, dann fordert 
die Reflexion, ein Ich hinzuzudenken, das in einer bestimmten Be- 
ziehung zu den mannigfachen Inhalten steht oder zu einem Ix'stinnnteii 
Inhalt in mannigfachen Beziehungen. 

So wird auf dem Standpunkte der Vergegenständlichung des Er- 
lebnisses und der Reflexion über dasselbe das neue Erlebnis in Ver- 
hältnis gesetzt zu meiner Kenntnis eines psychischen Zusammenhangs, 
welchem unter anderen Erlebnissen auch dies gegenwärtige angehört. 
Das innere Strukturgefüge, das so für die Reflexion entsteht, ist das 
des psychischen Zusammenhangs, der Zugehörigkeit des neuen Er- 
lebnisses zu diesem Zusammenhang und endlich eines Verhaltens dieses 
psychischen Zusammenliangs in diesem wie jedem anderen Erlebnis 
zu einer gegenständlichen Welt. Nenne ich diesen Zusammenhang 
mein Ich oder mein Subjekt, dann steht dieses in bestimmten Be- 
ziehungen zur gegenständlichen Welt: ich sehe Gegenstände, leide 
unter ihnen oder will sie haben. Diese Ausdrucksweise ist für das 
gegenständliche Denken auch dann richtig, wenn von einem Ich in 
dem Einzelerlebnis selbst nichts vorkommt. 

4. Der Strukturzusammenhang. 

Wir fiissen jetzt die Beziehungen ins Auge, welche zwischen den 
in Erlebnissen aufgefaßten Struktureinheiten bestehen. Wir finden 
in bestimmten Erlebnissen eine innere Beziehung zwischen Akt und 
Inhaltliclikeit. Der Charakter dieser Beziehung ist ein Verhalten zu 
der Inhaltlichkeit. Das Verhalten steht hier zu der Inhaltlichkeit 
nicht in einem nur zeitlichen oder einem logischen Verhältnis. Weder 
laufen hier nur gleichsam verschiedene Schichten geistiger Tatsachen 
als Inhalte und Verhaltungsweisen nebeneinander her, noch ist hier 
nur von einem logischen Verhältnis die Rede, das in der Reflexion 
auf diese beiden entsteht, sondern zwischen beiden besteht die innere 
Beziehung, die wir als Struktureinheit bezeichnet haben. Das Ver- 
hältnis von Trennbarem in einem Ganzen, das diese Beziehung aus- 
macht, ist sui generis: es tritt nur im psychischen Leben auf. Und zwar 
ist es der einfachste Fall psyclü.scher Struktur (Beschr. Ps. 1374 [66]). 

Zugleich sind nun aber alle die Erlebnisse, in denen dasselbe Ver- 
halten gesj-enüber Inhaltlichkeiten stattfindet, nicht nur hierin ein- 



342 Gesammtsitzung vom IG. März 1905. — Mittheilnng vom 2. März. 

ander verwandt, sondern es treten auch zwischen ihnen solche 
Beziehungen auf, wie sie in der Natur der Verhaltungsweise ge- 
gründet sind. 

Endlich stehen die Verhaltungsweisen selber in inneren Bezie- 
hungen zueinander und machen so ein zusammengesetztes Ganze aus. 
So entsteht der Begriff eines strukturellen seelischen Zusammen- 
hanges. 

Und hier tritt nun ein weiterer merkwürdiger Zug der Struktur 
auf. Dieselbe verwebt auch in sich Walirnehmen, Gefühl, Wollen 
zu Zusammenhängen durch Verbindung mehrerer innerer Beziehungen 
zu dem Ganzen eines Vorganges oder Zustandes. Das Erkennen ist 
in dem Forscher ein Zweckzusammenhang: hier ist die Beziehung, 
die wir Wollen nennen, mit der die wir als gegenständliches Auffassen 
bezeichnen, zu der Struktureinheit Eines Verlaufs verbunden, und in 
diesem ganzen Zweckzusammenhang wirken Einzelleistungen zusammen 
zur Herbeiführung von Zuständen, die irgendwie im Bewußtsein einen 
Wert- oder Zweckcharakter haben. 

Diese Struktur des psychischen Zusammenhanges zeigt augen- 
scheinliclie Ähnlichkeiten auf mit der biologischen Struktur. Verfolgt 
man aber diese Ähnlichkeiten, so gelangt man doch nur zu vagen 
Analogien. Die Wahrheit ist vielmehr, daß eben in diesen Eigen- 
schaften des Seelenlebens, nach welchen es ein struktureller Zusammen- 
hang ist, der Unterschied beruht zwischen dem, was uns im Erlebnis 
sowie in der Reflexion über dasselbe gegeben ist und den physischen 
Gegenständen, die wir auf Grund der gegebenen Empfindungskom- 
plexe konstruieren. 

5. Die Arten der strukturellen Beziehung. 
Die Mannigfaltigkeit des Inhaltlichen ist grenzenlos. Aus ihm 
setzt sich die ganze gegenständliche Welt zusammen, auf die wir uns 
in unserem Verhalten beziehen. Und auch was wir als Verhalten zu 
diesen Inhalten bezeichnen, stellt sich zunächst der Zahl nach als 
unbestimmt dar. Fragen, Meinen, Vermuten, Behaupten, Lust, Bil- 
ligung, Gefallen und ihr Gegenteil, Wünschen, Begehren, Wollen sind 
solche Modifikationen des psychischen Verhaltens. Seine Unterschiede 
können nicht aus dem Wechsel des Inhaltlichen abgeleitet werden, 
auf das ein Verhalten sich bezieht; denn bei dem Wechsel der In- 
halte kann dasselbe Verhalten fortbestehen. Zwischen den Modifika- 
tionen des Verhaltens bestehen Verwandtschaften. Indem man aber 
diese Modifikationen vergleicht, gelangt man auf ein Verhältnis wie 
das von gegenständlichem Auffassen und Gefühl: diese beiden sind 
nur darin verwandt, daß sie eben ein Verhalten sind. Auch zeigt 



Dilthey: Studien zur Gnindlegung der Geisteswissenschaften. B43 

sich, (laß bei der Änderung äußerer Bedingungen eine solche Modi- 
fikation übergeht in eine andere. Wenn die Umstände, von denen 
die Verwirklichung eines Begehrens abhängt, in Wegfall kommen, so 
kann das Begehren in einen Wunsch übergehen. Und wenn die Be- 
ziehung eines Empfindungskomplexes auf einen Gegenstand sicli als 
irrig erwiesen hat, so wandelt die Aussage über den Gegenstand sich 
um in Zweifel oder in Frage. 

p]in Prinzip, das in diese Mannigfaltigkeit des Verhaltens Ordnung 
bringt, liegt nur in der Unterscheidung der Arten von innerer oder 
struktureller Beziehung, welche in ihr vorgefunden werden. Es gilt 
sonach, dies Prinzip an den gegebenen psychischen Sachverhalten zur 
Anwendung zu bringen. 



Ausgegeben am 23. März. 



Berlin, gtiiruckl 



^ 




SITZUNGSBERICHTE 



KÖNIGLICH PREUSSISCIIEN 




AKADEI\IIE DER WISSENSCHAFTEN 



XV. XVI. 



• 23. März 1905. 



BERLIN 1905. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AIvADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 




Auszug aus dem Reglement für die Redactiou der » Sitzungsljerichte « . 



§1- 

2. Diese erscheinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Octav rcjtcliilässig Doimcrsfass acht Ta^e nach 
jeder Sitzung. Die sämmtlictien zu einem Kalender- 
jahr gehSrigen Stücke bilden vorläufig einen Band mit 
fortlaufender Paginirung. Die einzelnen Stücke erhalten 
Ausserdem eine durch den Band ohne Unterschied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaul'ende römische Ordnungs- 
nummer, und zwar die Berichte üher Sitzungen der pliysi- 
kaliscli- mathematischen Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen der pliilosopliisch- historischen Classe ungerade 

Nummern. 

§2. 

1. Jeden Sitzungsbericht eröffnet eine Übersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und iil>er die zur Veröffentlichung geeigneten 
geseh.äftlichen Angelegenheiten. 

2. Darauf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen mssenschaftlichen Arbeiten , und zwar in der 
Regel zuerst die in der Sitzimg, zu der li.as Stück gehört, 
druckfertig übergebenen, daim die, welche in früheren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. Mittheilungen, 
welche nicht in den Berichten und Abhandlungen er- 
scheinen, sind durch ein Sternchen (') bezeichnet. 

§5. 
Den Bericht über jede einzelne Sitzung stellt der 
SecreUar zusanunen, welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secrctar führt die Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Di'uck der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftlichen .\rbeiten. 

? 6. 

1. Für die Aufnahme einer mssenschaftlichcu Mit- 
theiliuig in die Sitzungsberichte gelten neben §41,2 der 
Statuten und § 28 dieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Blittheilung dai'f 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittljeilungen von Verfassern , welche 
der Akademie nicht .angehören, sind auf die Hälfte dieses 
Umfanges beschränkt. Üljerschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrückUchcr Zustimmung der Gesammt- Aka- 
demie oder der betreffciulcn Classe statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschnitten sollen Abbildungen auf durchaus 
Nothwcndiges besclu'änkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen, wenn die Stöcke der in den 
Text einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erforderliche 
Auflage eingeUefert ist. 

§ 7. 

1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Mittheilung darf in keinem Falle vor der Aus- 
gabe des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 
nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausfühnnig, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn der Verfasser einer aufgenommenen wissen- 
schaftlichen Mittheilung diese anderweit früher zu ver- 



öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den RcchWregeln zusteht, so bedarf er dazu der Kiii- 
willigung der Gesammt - Akademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 
5. Auswärt« werden CoiTectureii nur auf besouilercs 
Verlangen verschickt. Die Verfasser v*ei*zichten damit 
auf Ersclieinen ihrer Mittlieilung^en nach acht Tag' n. 

§11. 

1. Der Verfasser einer unter den •Wissenschaftlichen 
IMitthcilungeu' abgedruckten Arbeit erhält unentgeltlicli 
fünfzig Sonderabdrücke mit einem Umschhog, .auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahreszahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittheilungen , die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem .angemessenen Titel nicht über zwei 
Seiten füllen, fällt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Einem Verfasser, welcher Mitglied der Ak.ademie 
ist, steht es frei, auf Kosten der Akademie weitere gleiche 
Sonderabdrücke bis ziu- Zahl von noch hundert, und 
auf seine Kosten noch weitere bis zur Zahl von zwei- 
hundert (im ganzen also 350) zu unentgeltlicher Ver- 
theilung abziehen zu Lassen, sofern er diess reclitzeitig 
dem redigirenden Secretar angezeigt liat; wünscht er auf 
seine Kosten noch mehr Abdrücke zur Vertheilung zu 
erhalten , so bedarf es der Genehmigung der Gesamrat- 
Akademie oder der betreffenden CKasse. — Nichtmitglieder 
erhalten 50 FreiexempLai'e imd dürfen nach rechtzeitiger 
Anzeige bei dem redigirenden Secretar weitere 200 Exem- 
plare auf ihre Kosten abziehen Lassen. 

§ 28. 

1. Jede zur Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, some alle 
Nichtmitglieder, h.aben hierzu die Vcrmittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Blitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftUche Einsendungen auswärtiger oder corre- 
spondircnder Mitglieder direct bei der Akademie oder bei 
einer <ler Classen eingeben, so hat sie der Vorsitzende 
Secretar selber oder durch ein anderes Mitglied zum 
Vortr,age zubringen. IVIittheilungen, deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören, iiat er einem zunächst geeignet 
scheinenden INlitgliede zu überweisen. 

[Aus St.at. § 41, 2. — Für die Aufn.ahme bedarf es 
einer ausrlriicklichcn Genehmigung der Akademie oder 
einer der Classen. Ein darauf gerichteter Antr.ag kann, 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.) 

§29. 
1. Der reaidirende Secretar ist für den Inhalt iles 
geschäftlichen Theils der Sitzungsberichte , jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kurzen Inlialtsangaben der 
gelesenen Abhiondlungen verantwortlich. Für diese wie 
für alle übrigen Thcile der Sitzungsberichte sind 
nach jeder Richtung nur die Verfasser verant- 
wortlich. 



Die Akademie versendet ihre -Sitzungfiberichte- an diejenigen Stellen , mit denen sie im Schrißverkehr steht, 
wofern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich : 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Hälfte des Monats Mai, 
• • • Mai bis Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 

... October bis December zu Anfang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers, 



345 

SITZUNGSBERICHTE i905. 

XV. 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

23. März. Sitzung der philosophisch -historischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen. 

*1. Hr. Lenz las über die Entstehung der Statuten der Ber- 
liner Universität. 

Die Entwürfe des provisorischen Reglements vom 24. November 18 10 und der 
Statuten vom 31. October 1817, sowie die mit ihnen zusammenhängenden Verfügungen, 
Anschreiben und Eingaben seitens des Ministeriums und der Universität werden der 
Reihe nach bestimmt und besprochen, der Antheil der Mitarbeiter nach den Concepten 
festgestellt und einige besonders charakteristische Unterschiede hervorgehoben. 

2. Hr. ToBLER setzte die Mittheilung der früher (1902 S. 1072 
bis 1092) gegebenen Vermischten Beiträge zur französischen 
Grammatik fort. 

Die diesmal vorgelegten beziehn sich auf Einzelheiten des heutigen Sprachge- 
brauchs: I. auf den Gebrauch des (natürlich ohne il auftretenden) Gerundiums subject- 
loser Verba (n'y ayant rien de plus natnrel), 2. auf den von einigen missbilligten satz- 
adverbialen Ausdruck aussi bien («denn auch«, »ja auch«), 3. auf die viel eher an- 
fechtbaren und früher als im 17. Jahrhundert kaum nachzuweisenden Verbindungen 
von der Art von rien que de naturel u. dergl., die von niemand beanstandet werden. 

3. Hr. DiLTHEY legte eine zweite Studie zur Grundlegung 
der Geisteswissenschaften vor. (Erscli. später.) 

Dieselbe behandelt das gegenständliche Auffassen und untersucht den structu- 
rellen Charakter der Auffassungserlebnisse und die Beziehungen zwischen ihnen, durch 
welche sie einen Zusammenhang ausmachen. 

4. Derselbe legte die photographische Aufnahme eines Jugend- 
briefes von Kant (28. October i 759) vor, den Hr. Dr. Groethuysen 
auf der Bibliotheque Victor Cousin vorgefunden und Hr. Emile Cha- 
telain, Mitglied des Instituts, gütigst hat photographiren lassen und 
unsrer Akademie für die KANT-Ausgabe zur Verfügung stellt. 

5. Vorgelegt wurde das mit Unterstützung der Akademie er- 
scheinende Werk A. Fischer, Das deutsehe evangeliselie Kirchenlied 
des 17. Jahrhunderts. Herausgegeben von W.Tümpel. Band 2. Güters- 
loh 1905. ^ 

i j [Sitzungsberichte 1905- 34 



H4() Sitzung der pliilosophiscli- historischen Classe vom 23. März 1905. 



Vermischte Beiträge zur französischen G-rammatik.' 

Von A. TOBLER. 



iV'y ayunt rien de plus naturel que ceci. 

Von dem , absolut' d. h. nicht in klar erkennbarem Kasusverhältnis 
zumVerbum des Hauptsatzes auftretenden Gerundium ist viel gehandelt 
worden, sowohl von den Fällen, wo es von einem Substantiv zur Be- 
zeichnung des Subjekts für die im Gerundium angegebene Handlung 
begleitet ist (les mededns ayant permis que . ., on transporta le malade . .), 
wie von denjenigen, wo in gleicher Funktion ein betontes Pronomen 
sich mit ihm verbindet {lui-meme fe derohant, on interrogea la famille), 
von denen auch, wo eines Subjektes gar nicht ausdrücklich gedacht 
ist {humainement parlantj generalement parlant, s. Littre u. parier 30"^), 
gar nicht zu gedenken derer, wo das Gerundium von der Präposition 
en begleitet auftritt. Fast nirgends aber ist davon die Rede, ob solcher 
Gebrauch auch für subjektlose Verba bestehe, bei denen ein Subjekt 
auch nicht in der unbestimmten Weise vorgestellt werden kann, wie 
es bei generalement parlant doch immer noch der Fall ist. Und wo die 
Sache berührt ist, scheint es mir nicht immer mit der nötigen Vor- 
sicht und Umsicht geschehen zu sein. Von denen ganz zu schweigen, 
die selbst zur Sache schweigen, während man erwarten durfte, sie 
würden sich darüber äußern, erwähne ich den trefl'lichen Holder, der 
S. 469 von dem Falle handelt, wo ,das Subjekt das unpersönliche il 
ist" oder docli, hätte er besser gesagt, ein solches il auftreten würde, 
wenn ein Verbum finitum zur Anwendung käme, während neben dem 
Gerundium, wie Holder richtig sagt, ,das Subjekt des verkürzten Ad- 
verbialsatzes gar nicht ausgedrückt ist'. Er hat dabei nicht auseinander 
gehalten die Fälle, wo ein Subjekt tatsächlich doch vorhanden, nur 
daß es in Form eines dem Verbum nachfol senden statt eines ilim vor- 



' Siehe Sitzungsberichte 1902 S. 1072 — 1092. 

^ Vgl. quante cofe helle !■ neceffario die fieno mandate a male, volendo ßabilire 
queßo nuovo ordine (.wenn man diese neue Ordnung eiiilühren will'), Leopardi, II 
Copernico Sc. I. 



Tobler: Vermischte Beiträge zur französischen Grammatik. 347 

angelienden Substantivs oder auch in Form eines nachfolgenden Sub- 
jektsatzes gegeben ist und deshalb nach neufranzösischem Gebrauche 
dem Verbum finitum ein // vorangehen würde, und andererseits die- 
jenigen, wo wirkliche Subjektlosigkeit besteht. Die beiden Arten, von 
Fällen haben soviel allerdings gemein, daß das im Altfranzösischen 
noch nicht erforderte //, das heutiger Gebrauch dem Verbum finitum 
gemeiniglich zum Begleiter gibt, vor dem Gerundium ausbleibt, wie es 
denn da auch gar nicht stehn kann, weil das Gerundium von einem 
Pronomen als seinem Subjekt nur die betonte Form neben sich duldet, 
zu dem neutralen il aber eine solche nicht besteht. Sonst aber sollten 
ne lui reftantplus aucune efperance und etant etabli que c'etait affez nicht mit 
y ayant heaucoup de chojes zusammengefaßt werden. Daß .diese An- 
wendung des Partizips (Gerundiums) nicht mehr gebräuchlich' 
sei, ist nicht richtig, wie sich aus unten beizubringenden Stellen er- 
geben wird. Lücking, Schulgramm. (1880) §361 Zus. 2, Ayer, Gramm, 
comp. (1882) S. 523 fügen nichts hinzu und behaupten gleichfalls, die 
in Rede stehende Ausdrucks weise sei veraltet, was wenigstens Seeger I, 
S. 144,6 nicht wiederholt. Eingehender und unter Anführung zahl- 
reicher Beispiele handelt von der Sache Haase, Franz. Synt. des XVII. 
Jahrh. §95D (S.235 der sorgfaltigen Übersetzung), wo allerdings die 
Scheidung zwischen Fällen wirklicher Subjektlosigkeit und solchen 
bloßer Nachstellung des in einem Substantivum oder in einem Infinitiv 
oder in einem abhängigen Satze gegebenen Subjektes auch nicht voll- 
zogen, aber docli die Behauptung nicht wiederholt ist, das Gerundium 
des subjektlosen Verbums komme nicht mehr vor. Das Verdienst, die 
Belege für die in Betracht kommenden Erscheinungen zusammengetragen 
zu haben, wird auch hier zum größeren Teil den Verfassern der Jn- 
trodudions grammaticales in den Ausgaben der Grands ecrivains gebühren. 
(Diesen haben sich 1900 auch die Herren Desfeuilles für Moliere zu- 
gesellt.) 

Hier folgen noch einige Beispiele, die zeigen sollen, daß das 
Gerundium ohne vorangehendes substantivisches Subjekt immer noch 
üblich ist. Es sollen aber die Fälle, wo ein Subjekt doch vorhanden 
ist, geschieden werden von den andern: 

n' etant pas probable que nous ecMppions Jamals ä la necefßte 
de mourir, nous fommes en prefence ici d'une caufe de pefßmlfme, 
Rev. bleue 1886 I 141b; le perfonnage ou le portrait (des Onuplire 
bei La Bruyere) f'eloigne de la realiter . . n' etant point humain 
que Tartuffe n' alt point de defaut h fa cuiraffe, Brunetiere eb. 1891 
II 791b; on ne f'expUque pas d'abord pourquol an a falt com- 
mencer ainfi rette pagination^ etant d'ailleurs certaln qu'il n'y a 
aucune lacune, Romania XV 167. In anderer Weise liegt ein 

34* 



348 Sitzung der philosopliiscli- historischen Classe vom 23. März 1905. 

Subjekt vor, wenn gesagt wird: les aveugles fönt gais, on l'a re- 
marque. Ils h fönt — en generale n'etant pas tous couk's au meme 
fnoukj et f'en pouvant rencontrer d'humeur tadturne et ren- 
fermee, Rev. bl. 1902 II 336b, wo en ein Substantivum mit 
jTeilungsartikel' vertritt. 

Wirkliclie Subjektlosigkeit liegt dagegen vor, wenn Bossuet sagt: ne 
pouvant pas y avoir grande difference entre de la boue et de la 
boue, Serm. Sept., wo pouvoir dadurch, daß ein subjektloser In- 
finitiv von ihm abhängt, selbst subjektlos wird; il n'etalt pas 
d'avis qu'on le regutj en etant des poetes comme des femmes; 
quand il y en a deux dans une maifon, il y en a une de trop, 
Scarron, Rom. com. III, Kap. 3;' am häufigsten stößt man auf 
das Gerundium von il y a, wovon Beisj^iele aus dem siebzehnten 
Jahrhundert schon öfter gegeben sind, aber auch aus späterer 
und aus neuester Zeit nicht fehlen: en effet, n'y ayant aucun 
rapport entre chaque fenfation et Vobjet qui V occafionne j, ou du 
moins auquel nous le (1. la) rapportons^ il ne paralt pas qu'on puiffe 
trouver, par le raifonnementj, de paffage poffible de l'un ä l'autrej 
D'Alembert, Disc. prelim. 8; il poffedait une inftruction tres variee 
et tres profonde^ qu'il laiffait entrevoir dans fes articles plus qu'il 
ne la deployait^ n'y ayant pas chez lui ombre de pedanterie , Sarcey 
in Rev. bl. 1890 II 740a; n'y ayant pas de ,terrain\ fi je 
puis ainfi parier^ plus favorable au developpement des paffions que 
l'dme des grands et des puiffants de ce monde^ il n'y a donc pas 
non plus d'ämes plus tragiques, Brunetiere eb. 1891 II 677a; on 
ne louera Jamals trop Vexpofition de Tartuffe, n'y ayant rien peut- 
etre au thedtre ni de plus large, ni de plus ßmple, ni de plus hahile, 
ders. eb. 1891 II 790b; la femme eft presque toujours confervatrice, 
ce dont je ne fange pas ä la bldmer, n'y ayant rien de plus na- 
turel que ceci, que l'homme ait rinitiative et la femme le iempera- 
ment et la prudence, Rev. bl. 1902 I 609 b. 
Daß im Italienischen in Fällen, wo das Subjekt nur unbestimmt 

vorgestellt wird (generalmente parlando) oder in Form eines Infinitivs 

' Unter den Bemerkungen über guten Sprachgebrauch, die Frl. Samfirefco aus 
Conrarts Nachlaß mitteilt (Festgabe für Brunei, 1904, S. 307), findet sich eine, die 
ü en va, il n'en va pas durch il m eft, il n'en eft pas ersetzt wissen will (es handelt 
sich dabei, ohne daß es ausgesprochen wird, nur um die subjektlosen Ausdrücke mit 
der Bedeutung ,es geht damit', ,es ist damit'). Er gibt als Beispiel des Nichtguten 
Flus nous fvyons notre mort, plus toft achevons-nous la courfe de noftre vie; allant d'elle 
proprement come d'une lampe, oii plrts le Ivmignnn eclaire, et plus toft l'huile t/ defaut, und 
fügt hinzu: Cet allant d'elle n' e.it pas fupportahle , c'eft encore il en eft d'elle qu'il 
faudroit. Warum ersetzt er nicht Gerundium durch Gerundiums' Man sollte denken, 
en etant d'elle hätte ihm noch nicht so ungebräuchlich vorkommen müssen, wie es 
heutigen Franzosen erscheinen darf. 



TonLER: Vermischte Beiträge zur französischen Grammatik. 349 

oder eines Nebensatzes hinzugedacht werden kann (bifognando , occor- 
rendo) oder wirklich völlig fehlt, das Gerundium durchaus üblich ist, 
lehrt Vockeradt § 323 Anm. i, wo aber Beispiele für echte Imper- 
sonalia vermißt werden. Daß deren reichlich zu finden sein müßten 
{piovendo, nevicando), darüber ließ mir eigenes Erinnern keinen Zweifel. 
Nun hat die Dienstwilligkeit meines lieben Kollegen Hecker mich mit 
reichlichen Belegen aus der Literatur versehen, wie sie sich in Tom- 
maseo-Bellini zusammensuchen ließen: 

E anco, effendo piovigginato alquanto, fpruzzolava ancora un poco, 
Varchi, Storie X 314; effendo il freddo gründe e nevicando tuttavia 
forte, Decam. II 2 (Fanf. I S. 89); grandinando tuttavia, eb. V 7 
(Fanf. II S. 49); lampando alla fpeffa e piovendo fortemente, Guido 
G. A. Hb. 3 I ; heftia da donne gravide e piovanij e bifognando ^ beftia 
rarrettiera, Gigli, Gazz. La mula di Pitti; verremo occorrendo, 
Tommaseo-B., Bd. III, i S. 567. An den beiden letzten Stellen 
und bei dem heute noch ganz gewöhnlichen a Dio piacendo ,wenn 
es Gottes Wille ist" wird von eigentlicher Subjektlosigkeit nicht 
zu reden sein, sondern nur von unausgesprochenem Subjekte. 

6. 

au/Tfi bien. 

Verdient es wirklich als .Verunstaltung der französischen Sprache' 
gebrandmarkt zu werden, wie Emile Deschanel geurteilt hat, wenn 
man auffi bien da braucht, wo allenfalls auch das bloße auffi genügen 
würde? {Les deformations de la hngue frangaife, Paris 1898 S. 31). 
Er hatte dabei natürlich nicht das auffi im Auge, das vor Adjektiven 
oder Adverbien stehend Gleichheit des Grades einer Eigenschaft oder 
einer Modalität mit einem bereits bekannten oder sogleich zu be- 
stimmenden Grade anzeigt, sondern jenes andere, das als sogenanntes 
, Satzadverbium' einen zweiten Sachverhalt als ganz entsprechend einem 
zuvor festgestellten ersten einführt, in der Weise entsprechend, wie 
die natürliche Wirkung ihrer Ursache oder umgekehrt die erklärende 
Ursache der aus ihr zu erklärenden Wirkung entspricht. Ganz zu- 
treffend und zugleich in glücklicher Kürze sagt der Dictionnaire general, 
dieses auffi bedeute conformement ä ce qui vient d'etre exprime, wozu 
man höchstens als Erläuterung, aber nicht als unentbehrlich, den Hin- 
weis auf die zwei Arten wünschen könnte, in welchen, dem eben 
Gesagten gemäß , jene conformite verwirklicht sein kann. Deschanel 
war der Meinung, von den zwei nach seiner Ansicht unerlaubterweise 
A'ermengten Arten der Satzverbindung {aussi und aussi bien) bedeute 
die eine c'eft pourquoi (sie würde also immer die Wirkung an die 



350 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 23. März 1905. 

Ursache reihen). Die andere bedeute d'ailleurs; sie würde also viel- 
leiclit einführen, was dem vorher Gesagten zur Begründung, Er- 
klärung dienen soll, wenn des Verfassers Meinung nicht eher dahin 
ging, es werde damit eine bisher noch gar nicht in Betracht gezogene, 
zu anderem hinzutretende, auch ihrerseits vorher Gesagtes recht- 
fertigende Tatsache angereiht, wie dies auch Sachs zu glauben scheint, 
wenn er aufß hien mit ,o]mehin', ,so wie so' übersetzen heißt. Letzte- 
res nun trifft ohne Zweifel in manchen Fällen zu (man sehe z. B. die 
von den Hrn. Desfeuilles aus Moliere gesammelten Beispiele) , aber 
keineswegs immer. In folgenden Sätzen z. B. handelt es sich nicht 
um weitere Begründung für bereits verständlich Gemachtes, sondern 
um einfache Zurückführung einer Tatsache auf eine andere: eile voit 
qu'il (ihr Hund) eß borij et eile aime la honte. Aussi bien (,ja doch', 
,auch wirklich') la bonte eß-elle une choß douce ä rencontrer, AFrance, 
PNoziere 66; es ist von gewissen paillettes inquietantes die Rede ge- 
wesen , qui ßallument parfois dans le regard de Loiiißtte . . . Aufßi bierij 
les paillettes navaient-elles pas trompe M'"' Voulnois; Louijette a im aniant, 
das Auffallen jener leuchtenden Blicke war also berechtigt, Rev. bl. 
1896 II 600a. Bei Corneille sagt Prusias zu seinem Sohn, da der 
Gesandte Roms empfangen werden soll: Vous Vecoulerez, prince, et 
repondrez pour moL Vous etes auß'i bien le veritable roi^ Je n'en ßiis 
plus que l'omhre (hier ohne Inversion), Nicom. II 2 ; bei Racine sagt 
Hermione, entschlossen den Tod des Pyrrhus, der sie verschmäht, 
herbeizuführen: qu'il perifje ! aufßi bien il ne vit plus pour nous; (gleich- 
falls ohne Inversion), Androm. V i, und ähnliches lehren verschiedene 
der von Littre unter aussi 6 beigebrachten Stellen und solche, die 
man bei ihm im Historique (aus dem 16. Jahrh.) findet, z.B. aus 
Rabelais, wo dieser von der Gleichgültigkeit aller Menschen gegen- 
über dem Ergehn dessen handelt, der nie andern geborgt hat: il aura 
beau crier ä raide_, au ßu^ ä Veau, au meurtre: perfonne ne ira ä ß- 
cours . ., perßnne n'a intereß en ß conflagration ^ en ßn naufrage, en 
sa ruinej en sa mort. Aussi bien ne preßoit il rien, III 3.* Aber auch 



' Ein Sonett Sainte-Beuves (von 1841, mitgeteilt von Leon Seche in seinem 
Buche über den Dichter und Kritiker 1904, Bd. II S. 200) beginnt: Puistiu'avjyi bien 
iout pq/fe et que Vamour a lui, Pwisqu apres le ßambeau ce n'eft plus qne la cendre, ... 
Si le loifir du chant me revient aujmird'hui, Qt^en faire, Mufe aimee! Man könnte daraus 
den Schluß ziehn wollen, es brauche, wo ein Satz mit auffi hien eingeleitet wird, die 
Anknöpfung an Vorangehendes gar nicht stattzufinden. Der Schluß würde übereilt 
sein. Die Anknüpfung besteht auch hier, bloß diesmal an etwas unausgesprochen 
Gebliebenes, an das die Seele des Dichters unablässig quälende Bewußtsein, seine 
warme Neigung sei unerwiedert geblieben , eine frohe Hoffnung könne sich nicht er- 
füllen. Die sciinierzliche Tatsache wird auch hier auf ein Allgemeines zurückgefüiirt, 
auf den Satz , daß nichts Bestand hat. 



Toblkr: Vermischte Beiti'äge zur fiaiizösischen Grammatik. 351 

die andere Art der conformite tritt bei guten Schriftstellern, durch 
aufj'l hien angedeutet, entgegen, die zwisclien der im zweiten Satze 
angegebenen Tatsache und der im ersten Satze zum Ausdrucke ge- 
brachten, von denen jene als natürliche Folge von dieser hingestellt 
werden soll, so daß beim Übersetzen ins Deutsche zu dem ,denn auch', 
,aber auch', das wie aussi blcn beide Arten der conformite andeutet, 
in diesem Falle ein , infolgedessen' gefügt werden kann: tous les parents 
de JuUette Lornher . . et /es amis en exprimalent (n.ämlich des idees gene- 
rales) ä qiii mieux mieux^ et d'excellenteSj qui^ o.ufß hien (weil sie von 
so vielen verschiedenen Seiten stammten), etaient contradictoires , Rev. 
1)1. 1902 I 763 a; eile (la France) f'apereevra bientöt que fa feule puiffance 
J'olide et durable fut dans fes orateimSj, fes philofophes^ fes ecrivains et 
fes favants. Auffi hien^ faudrn-t-il qu'elle reconnaiffe un jour que la 
forcc du nomhre . . . hii echappc deßnitivement et qu'il eft temps pour eile 
de fe refigner ä la gloire que lui affurent Vexercice de Vefprit et l'usage 
de la raifon, AFrance, Sur la pierre blanche 234. 

Daß für die Einführung des auffi hien in gleichem Sinne wie 
aufß Jules Janin die Verantwortlichkeit zu tragen habe, wie Deschanel 
meint, ist keinesfalls riclitig; der Gebrauch ist, wie wir gesehen haben, 
viel älter. Es scheint aber auch gegen ihn sich weiter gar nichts 
einwenden zu lassen, als daß neben auffi, das jene beiden Arten der 
fTbereinstimmung oder Entsprechung schon für sich allein zum Aus- 
drucke zu bringen vermag, ein hien allenfalls entbehrt werden könnte. 
Darum ist es jedoch nicht müßig. Es bringt als ,Satzadverbium' 
zum Ausdrucke, daß an dem Sachverhalte, der den Inhalt des mit 
auffi eingeleiteten Satzes bildet, nicht zu zweifeln sei, daß er , wirk- 
lich', ,in der Tat' bestehe; und der vorangehende Satz, der durch den 
nachfolgenden seine Erklärung erhalten oder nach seinen Folgen ge- 
kennzeichnet werden soll, empfängt unzweifelhaft dadurch ebenfalls 
erhöhtes Gewicht, daß dieser zweite nachdrücklich durch hien bekräf- 
tigt wird. Es bewährt sich darin eine Kraft, die hien auch sonst in 
sich hat und in beliauptmiden oder auch in fragenden Sätzen bewährt, 
ohne daß man sich immer darüber Rechenschaft giebt, wie es dazu 
kommt, und ohne daß man nach weiterem sucht als etwa nach dem 
deutschen Adverbium, das unter gleichen Umständen Dienste leisten 
könnte, das aber vielleicht durch eine von der französischen weit ab- 
liegende Gedankengestaltung gerechtfertigt ist. Behauptend: 

je ne veux pas que ce miferablej qui m'a abandonnee, ait en plus 
für moi l'avantnge de m'empecher de vivre. II vit bien^ lui (d. h. 
daran ist nicht zu zweifeln, daß er lebt; er lebt ja doch, warum 
sollte ich sterben?), Prevost, Jardin secret 157; dites donc tout! 
Je parle bien^ moi! (Sie sehn doch, daß ich offen bin), Vogüe, 



352 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 23. März 1905. 

Les morts qui parlent 285; j'ai perdu Ja tete. — C'eft hien de 
cela que Je ine plains, (das ist in der Tat der Gnmd meiner Un- 
zufriedenheit), Hermant, Carriere I 5. 
Fragend: veux-tu hien finirf Meilhac u. Halevy, Belle Helene I 3; 
qu'eft-ce qu'il peut donc hien y avoir dans ces lettres-läf Rev. 
bl. 1897 I i68a; ü eft partage entre une affez grande fatisfactlon 
de cette abfence et une inquietude für la queftion de favoir oü eile 
peut hien etre, eh. 1898 II 5366; il fe demande avec un Jerrement 
de ccnur ce que pourra bien faire M"'" Aubert pendant ce temps-lä, 
eb. 537a; madame vous a bien donne tous les ordres pour Varrivee 
de M""" Gallardon? — La cJiambre eft prete, eb. 1898 II 80 li; 
qu'eft-ce qu'il peut bien avoir ä me dire, celui-lä? eb. 8016. Man 
kann wohl sagen, gerade durch die Anwendung des bien erhalte 
die Frage den Charakter gesteigerter Unsicherheit, komme die 
Unwissenheit des Fragenden zu lebhafterem Ausdruck. Das ändert 
aber nichts daran, daß durch bien die Wirklichkeit, die Tatsäch- 
lichkeit angezeigt wird; die Unsicherheit verrät sich nur dadurch, 
daß der Sprechende andeutet, es wären für ihn viele verschiedene 
Antworten denkbar, und er wünsche zu wissen, was er denn nun 
,in Wirklichkeit', , tatsächlich' als das richtige anzunehmen habe. 
Auf gleichem Wege wird das deutsche ,wohr zu der entsprechen- 
den Verwendung gekommen sein. 

Zu zeigen, daß auch schon im Altfranzösischen derartige Verwen- 
dung von bien unter verschiedenen Umständen begegnet (z. B. Por ce le 
me doiz bien do?ier Quejel te cuit guerredoner, RCharr. 291 1 ; li peres fan 
rioit [wenn der Junge stahl] . . et difoit . . que d'amhler fe garderoit il 
hien [,schon'!], quant il feroit granz, Phil. Nov. QT 9), würde wohl 
verlohnen, da es doch Wörterbücher der alten Sprache nicht gibt, 
die Auskunft über dergleichen gewähren', würde aber hier nicht an 
seiner Stelle sein. Über den dazu gehörigen Gebrauch von bien in 
altfranzösischer Frage und Antwort handelt mit lobenswerter Umsicht 
Alfred Schulze, der altfranzös. direkte Fragesatz, Leipzig 1888 S. 82 fl". 
und 269. Aussi ohne hinzutretendes hien trifi't man in der alten Zeit 
schon häufig zur Einführung eines Sachverhaltes, der einem zuvor 
hingestellten zur Begründung oder Erklärung dient, seltener wohl 
eines solchen, den man als natürliches Ergebnis des voi-angestellten 
will erscheinen lassen: 

diex m'aime seue merci, Quant ceft bei oir que je voi ci Nous con- 
fent ainß a avoir; Aufi n'avions nou^s nul oir^ Mont. Fabl. I S. 163: 
J'enprendrai a furnir la voie, Auffi ne me caut il de. moi Rien,s 
nule, Ch. II esp. 569; N'i a mais a la par defcouffe (l. pareftrouffe 
nach Zts. f. rom. Phil. II 143) Fors ke me mete en aventure. Aufi 



Tom.ER: Vermischte Beiträge zur französisclien Grainiiiatik. 35H 

n'ont dl Chevalier eure De furnir ceft douteuK afaire, eb. 564; Que 
vous foiez li mal X)enuz; Auffi ne vint chevalkrs nuz Pie^a vers 
nouz que tant häij'fe Ne a qui pluz de mal roßffe, Escan. 9049; 
Car me tranche la teße, que plus ne puis garir; Auß ne pourais 
tu a mon corps avenir, Ne jai n'avrais poußmce certes de moi ovrir 
(mir die Schenkel zu öifnen), Orson 2012; Si en ales, fi ßres 
bien. Auffi oi je cJii venir yent, Rob. u. Mar. 306; Met ten jupeL 
Perrete, avant; Auffi eft il plus hlans du mien, eb. 759; EntreSj 
V Hains j, en cele foffe, Auffi eftoit li chartre feule, Th. frQ. 178 
(JBodel); car fuß il miens (der fermail, der vor Trunkenheit be- 
wahrt).' Auß boi je trop tote jor, GDole 1831. 
Da nun der hier in Betracht kommende Gebraucli von auffi und 
nicht minder der von bien aueli der sorglichen Satzanalyse gegenüber 
dui'chaus standhält und ganz und gar berechtigt erscheint, beide Ge- 
brauchsweisen auch in die Jugendzeit der Sprache hinauf sich nach- 
weisen lassen, so ist nicht zu erkennen, was dem Nebeneinandertreten 
der beiden Adverbien, die in ihrer Funktion durchaus nicht zusammen- 
fallen, im Wege stehn, warum ihre Paarung, wenn sie gleich nicht 
eben viel zum Sinne des bloßen auffi hinzubringt, als deformation de 
la langue, als , Sprachdummheit" gelten sollte. Elier noch könnte man 
dagegen etwas einwenden wollen, daß man heutzutage das Adverbien- 
paar sehr oft zu puisque hinzufügt. Auffi führt ja doch, wie wir 
gesehn haben, in Form eines Hauptsatzes den Ausdruck eines Sach- 
verhaltes ein, der zu einem vorher festgestellten die ausreichende Er- 
klärung in sich tragen soll, eines solchen, bei dessen Bekanntsein 
jener erste Sachverhalt ohne weiteres verständlich wird; und in ganz 
ähnlicher Weise ist puisque die Einleitung eines Nebensatzes, aus 
dessen Inhalt, sobald er nur in Erinnerung oder zur Kenntnis ge- 
bracht ist, der des Hauptsatzes sieh nach der Meinung des Sprechenden 
als gar nicht abzulehnende Folge ergibt. So könnte es denn scheinen, 
als ob in dem gleichzeitigen Gebrauche der beiden Wörter (zu denen 
dann bien noch hinzutreten kann) ein tadelnswerter Pleonasmus liege, 
und als ob man nicht sagen sollte: 

puisque aujfi bien j'ai affaire ä un homme du metier_, laifj'ez-moi 
vous avouer ce qui m'intereffe partieulierement dans ces romans con- 
temporains, Rev. bl. 1895 I 361 o; il eft fans doute temps encore de 
parier du pauvre Louis Sautumier. puisque^ (luffi bien. fa fuccefßon 
eft ouverte, et que fa dramatique aventure peut etre un objet de me- 
ditations utiles, eb. 1896 II 732 6; le inieux nous femble des lors 
d'accepter h fait accompli et d'envifager hardiment les problewes ä 
refoudre, puisque ^ (^ufß bien, on ne peut plus nier que ces problemes 
exiftent, eb. 1897 I 194 i^; cet etonnement ferait maljuftifie^ puisque 



354 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 23. März 1905. 

auffi hien cex predications pafßonnees que dans dautres milieux on 
a entreprlfes contre Varmee, rCont Jamals trouve le plus faihle ecJio 
parmi nous, eb. 1897 II ii4f/; puisque auffi bien ces mois detefont 
vides de premieres (erste Aufführungen)^ on me permettra peut-etre 
de reparier de L' enfant malade, eb. 1897 II 251a; und ganz 
ähnlicli : M'"" Hahnemann meprifait foncierement les Schwartzpflanz, 
rnmme^ auffi hien^ eile meprifait le genre humain en bloc, Veber, 
Amour 249. Man bear-hte dabei, daß das e \on puisque m^TasXs 
elidiert ist, was ebenso, wie in einigen Fällen das Einschließen 
des auffi hien zwischen Kommata, darauf hinweist, daß letzteres 
Wortpaar satzadverbial gebraucht, als eine Parenthese dem mit 
puisque oder comme eingeleiteten Satze einverleibt ist. 
Aber gerade wo es sich um Andeutung feinerer, leicht verkenn- 
barer Beziehungen zwischen Sätzen handelt und um Andeutungen durch 
Wörter, deren Funktionen manchmal recht verschiedenartig sind (wie 
dies von hien oder von auffi gilt), tut die Sprache (wenn nicht die 
dichterische, so doch die Prosa) gern ein übriges. Auch war Deutschen 
lassen uns in manchen Fällen an einem einfachen ,da' oder ,ja' 
nicht genügen, sondern schreiten leicht zu .da ja doch' vor, und 
selbst wer in ungenügsamer Kumulation die in der Tat überschwäng- 
liche Fülle von ,da nun ja doch eben einmal" erreichen sollte, würde 
unter Menschenfreunden kaum Schlimmeres als ein Lächeln zu be- 
fahren haben. 

Übrigens wird auch dieser Wendung Zulässigkeit durch Achtung 
gebietende Gewährsmänner verbürgt. Schon La Rochefoucaidd hat 
gesagt: ils fe rontenterent de ne f'y oppofer poi?it. puisque auffi hien ils 
ne la pouvoienf empecher, II 206, und La Fontaine: Un komme . . S'imagina 
qu'il feroit hien De fe pendre et finir lui-meme fa mifere, Puisqw aufß 
hien f ans lui la faim le viendroit faire , Fabl. IX 16, 6; und altfranzösisch 
finden wir, wenn nicht puis que, wenigstens das die Grundangabe 
einleitende rar oder que mit dem ebenfalls die Erklärung einführenden 
auffi zusammengestellt: Mis vol morir qiien France repairer^ Car aufi 
fai que li rois m'a Juge, Og. Dan. 382; firej, et je l'olroi^ Car de moi 
aufß ne me chaut, Gh. II esp. 2205; Et je liernent le prendrai . ., Car 
il m'eft auj'i grans meftiers, eb. 3596; aooec moi venes Anuit mais et 
l'oftel prenes . ., Car aufi eft il pries de nuit, Perc. 40287; dift que la 
vhamhre verra eile, puis que veoir le (ßo\) veult, car auffi en fönt il moult 
pres, Merlin II 194; Foudre, car vien do ciel de jus, Si fier en cefte tor 
quarree, Si que la niort me foit donee, Qu'avfi ne feit on que je fui, 
Joufr. 1424. 



ToBLER : Vermischte Beiträge zur französischen Grammatik. H55 

7. 
Rien que (fordinaire. 

Motto: ie ne veoii le tout de rien, 
Montaigne, Essais I, Kap. 50. 

Die Gesamtheit dessen, was um einer gemeinsamen Eigenschaft 
willen zu einer P'inheit zusammengefaßt werden kann und soll, kann 
französisch durch das vom bestimmten Artikel begleitete Adjektivum 
im Singular bezeichnet werden, das jene Eigenschaft bedeutet: k vrai, 
le jufte, Varüficiel u. dgl., durch ein zum Substantivum werdendes Ad- 
jektivum und zwar männlichen Geschlechtes, wie das Altfranzösische 
vmverkennbar zeigt (Verm. Beitr. II 178). Soll eine nicht bestimmt 
begrenzte Menge dessen gedacht werden , was von jener Gesamtheit 
umfaßt wird, so tritt ein de hinzu, und man hat mit dem nicht eben 
glücklich so genannten »Teilungsartikel" zu tun: du vrai, du jufte, de 
l'artißciel. Wird durch eines der sogenannten ,Mengewörter" eine ge- 
wisse, allerdings nur wenig bestimmte Umgrenzung der auszusondern- 
den Menge gegeben oder auch jede denkbare Menge ausgeschlossen 
(heaucoup, peu, plus, moins: ne . . rien, ne . . point u. dgl.), so wird 
neben dem unentbehrlichen de der Artikel in der Regel wegbleiben; 
denn es kann nicht darauf ankommen zu sagen, eine große oder ge- 
ringe oder kleinste Menge werde gedacht von der vollen Gesamt- 
heit dessen, was das substantivierte Adjektivum mit Artikel bedeutet, 
sondern eine so oder so bemessene Menge von solchem, was zu jener 
Gattung gehöre {peu de vrai, heaucoup d'artificiel, ne . . rien de nouveau). 
Damit dürfte ausreichend an die jedem geläufigen Tatsachen des Sprach- 
gebrauches erinnert sein, die für die nachfolgende Darlegung in Be- 
tracht kommen ; die ganze Lehre vom partitiven de mit oder ohne 
Artikel abzuhandeln, würde zwar vielleicht nicht überflüssig, hier aber 
nicht angebracht sein. 

Ist dem nun so, wie im Vorstehenden gesagt ist, so wird man 
eine Aussage des Inhalts, es liege irgendwo Neues vor, schwerlich 
in anderer Form erwarten können, als in der: il y a du nouveau , und 
so trifft man in der Tat jeden Augenblick j'y trouve du vrai, on y voit 
du juße, und andererseits bei , Mengewörtern' qu'y a-t-il de nouveau? 
il dit heaucoup de vrai, je n'y vois rien de furprenant. Wenn nun 
aber j'y trouve du connu und daneben je n'y trouve rien de connu, 
auch/e ne vois que du noir, JJRousseau, CEuvres XII 203, ohne weiteres 
gerechtfertigt sind, gilt denn ein gleiches auch von je n'y trouve rien 
que de connu"^ Hier besteht doch wahrlich keinerlei Beziehung zwi- 
schen dem ,Mengewort' rien und dem zu meinem Finden einzig zu- 
gelassenen Objekte des Bekannten; und setzen wir an die Stelle von 



356 Sitzung der philosophisch - historischen Classe vom 23. März 1905. 

connu ein wirkliches Substantivum , so wird dieses den vollen ,Teilungs- 
artikel" zu sich nehmen: je n'y trouve rien que des lieux communs, 
während bei direkter syntaktischer Beziehung zwischen Mengewort 
und Substantivum bekanntlich de ohne Artikel eintritt: point de lieux 
communSj pas d'erreur {rien in solcher Verbindung ist nicht möglich). 
Und doch ist jene dem überlegenden Betrachter höchst auffallige Aus- 
drucksweise heute ganz gewöhnlich : 

ces vues n'ont rien que de louable, JJ Rousseau, ffiuvres XI 4: il 
ne feft rien paffe que de tres-ordinaire et de tres-naturel, GSand, 
Jacques 9 2 ; fecoutai, et faifis tout au hin le fon d'une mufette qui 
rne parut n'avoir rien qu£ de naturel, ders. Maitres sonneurs 46; 
il ne feft rien paffe que d'ordinaire pendant cette foiree , Th Gautier, 
Romans et contes 63 ; la prefence. d'Esquiros n'avait rien que de 
fort explicahle, eb. 419; peut-etre auffi n'y a-t-il lä rien que de 
naturel, eb. 210: il n'y a jamais rien que de tres-fimple dans les 
evenements les plus extraordinaires , Bourget, Idylle trag. 380; la 
perfpective de tirer quelques halles für quelques Arabes n'a rien que 
de divertiffant , ders., Recommenc. 149; en difant ,je l'avais'^ il 
n'affirmait rien que de vrai, Pailhes, Chateaubr. 32; dans le mouve- 
ment de paffion qui Ventraine (Marguerite Gautier) vers Armand 
Duval, il n'entre rien que de tres- noble j fallais dire de tres-pur, 
Schroeder, L'abbe Prevost 293; fon idealifme n'a rien que de fuper- 
fidel et de factice, Pellissier, Etudes de litt, contemp. II 253; tu 
n'aurais rien fait que de tres-naturel en prevoyant ce qui ne pouvait 
manquer d'arriver, Lavedan, Les Jeunes 200; en es -tu donc si 
furpris? Rien lä que de naturel, Vogüe, Morts qui parlent 224: 
derriere les vitrines du fellier, de l'emballeurj du luthie?\ rien n'etait 
que de connu, Paul Adam, Troupeau de Clar. 2; . . ä quoi vous 
ne voyez fans doute rien que de tres- legitime, Rev. bleue 1896 I 
567 a; rintrigue (de la nouvelle) en foi n'a rien que de banal, eb. 
1896 I 7996; fi puiffants qu'on les fuppofe . ces liens n'ont rien 
que d'artificiel, eb. 11 6456; mon hiftoire n'a rien que de vulgaire, 
eb. 1897 II lojb; combien de directeurs de journaux ont refufe des 
articles oü ils ne trouvaient rien que de vraij en alleguant la crainte 
de perdre des lecteurs! eb. "j^ia: y a-t-il lä rien que de fortuitf 
eb. 1900II i22ff; le paffage ä la caferne. dans les conditions ac- 
tuelles. n'a rien que de tres-bon pour la jeuneffe, eb. 403 &; en 
matiere d' orthographe ^ de fyntaxe et meine de style . ces grands mots 
de conmrrence vitale ou de felection 7iaturelle 71' ont jamais rien enve- 
loppe que d'imaginaire ou d' hypothetique , Rev. d. d. mondes i. Sept. 
1900, 143; la rinie de ^herlmfe' et de .arofe' n'a rien que de naturel, 
Romania XXXIII 44 2 ; l'empereur Julien avait, ä bien peu de chofe 



Tobi.er: Verniisclite Beiträge zur fianzösisclicii Grammatik. 35^ 

prt'S^ la merne morale que Saint Gregolre de Naziance. Rien ä cela 
que de naturel et d' ordinaire , A France, Sur la pierre blanclie 177; 
und mit unwesentlicher Abweichung: ä quoi hon lui parier f que 
lui dire finon d'inutile et de fuperfluf Rev. bl. 1903 II ^i\h. 
Wie weit hinauf mag solcher Sprachgebrauch reichen? Die freund- 
liche Hilfe eines ehemaligen Schülers verweist mich auf Corneilles 
Horace, wo man V 7 liest: tout ses traits rüauront rien que de doux^ 
fi je les vois pariir de la main d'un e'poux. Livets Lexique de la langue 
de Moliere führt aus dem Depit amoureux an: qu'un diable en cet inftant 
M' empörte^ ß fai dit rien que de tres-conftant! und so mag sich aus 
dem siebzehnten Jahrhundert wohl noch das eine oder andere Bei- 
spiel solcher Redeweise beibringen lassen; aus früherer Zeit aber 
schwerlich. Und das ist auch leicht zu erklären, rien hat im sechs- 
zehnten Jahrhundert von seiner ursprünglich substantivischen Natur 
noch mehr an sich als später und verbindet sich demgemäß gewöhn- 
lich mit einem noch durchaus attributiven Adjektivum und wohl nur 
seltener unter Hinzutritt eines de mit einem substantivierten. Mon- 
taigne sagt zwar: il n'y a rien d'inutile en nature, Essais III Kap. i 
(S. 499, Ausg. Hachette 1860); aber es lierrschen bei ihm Verbin- 
dungen vor wie il n'eft rien fi doulx que Voccupation des lettres, eb. II 
Kap. 12 (S. 304); // n'eft rien fi ordinaire que de rencontrer des traiets 
de pareille temerite, eb. (S. 305); ä chafque chofe il n'eft rien plus eher 
et plus eftimahle que fon eftre, eb. (S. 333); und bei seinen Zeitgenossen 
stößt man sehr häufig auf il n'eft rien plus heau, il n'y a rien ß vray, 
s. Darmesteter et Hatzfeld, Le seizieme siecle, erster Teil § 226, 2 
und Littre unter rien 14, wie denn noch heute nach Littre unter de 
S. 9586 il n'y a rien tel ebenso gut ist wie il n'y a rien de tel und 
nach demselben Gewährsmann rien moins oder rien moindre neben rien 
de moins (moindre) »nichts Geringeres' tadellos ist. Aus einer Zeit, 
wo solche Verbindungen ohne de die gewöhnlichen waren, darf man 
nicht erwarten ne . . rien que de naturel zu finden; da würde ne . . rieii 
que naturel das einzig Natürliche gewesen sein, und derartiges wird 
sich wohl auch finden, wenngleich ich es im Augenblick nachzuweisen 
nicht in der Lage bin. Und je weiter wir in die Vergangenheit hin- 
aufsteigen, um so weniger werden wir die Verbindung auftreten zu 
sehn vermuten können; denn um so entschiedener macht sich die sub- 
stantivische Natur von rien auch insofern geltend, als es noch sehr 
häufig, wenngleich durchaus nicht immer, sein weibliches Geschlecht 
zeigt, so daß altfranzösisch am ehesten ne . . (nule) rien fors hele, que 
hele, fe hele non zu gewärtigen ist. 

Wenn mit einer Wendung, die sich ohne weiteres selbst recht- 
fertigt, Rousseau gesagt hat je ne vois que du noir (s. oben), so ist 



358 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 23. März 1905. 

.schwer zu erkennen, warum beim Hinzutreten eines rien, das doch 
zu dem je ne vois jenes Satzes kaum etwas hinzubringen würde, auf 
einmal de noir das Richtige sein soll. Dies ist aber augenscheinlich 
das dem heutigen Gebrauch Entsprechende, und ist es so sehr, daß in 
langer Zeit, während deren ich auf die Sache achte, ich nicht mehr als 
ein einziges Beispiel dessen getroffen zu haben mich erinnere, von dem 
man annehmen möchte, es müsse die Regel bilden. La Revue ne donne 
rien que de r'medlt lese icli auf dem Umschlag der Zeitschrift ,Humanite 
nouvelle\ Hs sei wiederholt, daß zwischen dem , Menge wort" rien und 
dem nachfolgenden substantivierten Adjektivum keinerlei grammatische 
Beziehung besteht, und daß, wenn gegen .nicht das Geringste von 
Un gedrucktem' nichts einzuwenden ist, , nicht das Geringste als (außer, 
es sei denn) von Ungedrucktem' dem Gedanken niclit zu entsprechen 
scheint, der zum Ausdruck gebracht werden soll. Wie in zahlreichen 
andern Fällen hat aucli hier eine syntaktisclie Form über die Grenze 
hinaus gegriffen, innerhalb deren sie zunächst allein statthaft war; 
es hat die Gewöhnlichkeit von rien de vor einem Adjektivum ein 
rien que de nach sich gezogen, das Bedenken erregen muß. Es würde 
durchaus unzutreffend sein, wenn man sagen wollte, ne, . . rien que 
sei grade so ein ,Mengewort' wie ne . . rien; denn über die zu den- 
kende Menge dessen , was das nachfolgende substantivierte Adjektivum 
bezeichnet, wird bei ersterem Ausdruck durchaus nichts ausgesagt, 
die Menge bleibt genau so unbestimmt, wie es eben sonst nur beim 
Gebrauche des vollen ,Teilungsartikels' der Fall ist. 



Ausgegeben am 30. März. 



359 

SITZUNGSBERICHTE i^^s. 

XVI. 

DER 

KÖNIGTJCH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

23. März. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Auweks (i.^'.). 

*1. Hr. Frobenius las: Zur Theorie der linearen ülcicliungen. 
In einem System homogener linearer Gleichnngen und einem vollständigen System 
ihrer Lösungen theile man die Variabelen in zwei Abtheilungen und entsprechend die 
Matrizen aus den Coefficienten der Gleichungen imd den Elementen der Lösungen. 
Ist dann in einer dieser Theilmatrizen der Rang kleiner als der giösste mögliche 
VVerth, so ist er in der complementären Theilmatrix um eben so viel kleiner. 

2. Derselbe legte ferner eine Abhandlung des Privatdocenten 
an der hiesigen Universität Dr. Issai Schur vor: Neue Begründung 
der Theorie der Gruppencharaktere. 

Der Verf. theilt eine neue elementare Darstellung der von Hrn. Frobenius be- 
gründeten Theorie der Grujipencharaktere mit. 



360 Sitzung der phys.-math. Classe v. 23. März 1905. — Mittheilung v. 9. März. 



Monochromatische Aufnahmen des Orionnebels. 

Von Prof. Dr. J. Hartmann 

in Potsdam. 



(Vorgelegt von Hrn. Vogel am 9. März 1905 [s. oben S. 303].) 



Uie eingehende Unter.suchung des phy.sikalisclien Zustandes und der 
Bewegungen der Nebeltlecke i.st .sowohl für die Erkenntnis des Baues 
des Weltalls, als auch seiner Entwicklungsgeschichte von grundlegender 
Bedeutung, und sie bildet daher eine der Hauptaufgaben der astro- 
physikalischen Forschung. Die Beobachtung dieser Himmelsobjekte 
wird jedoch durch deren Lichtschwäche meistens so erschwert, daß 
die Anwendung ganz besonderer Beobachtungsmethoden und licht- 
starker Apparate notwendig ist, und dies ist besonders dann der 
Fall, wenn durch spektrale Zerlegung des Lichts noch beträchtliche 
Lichtverluste herbeigeführt werden. Im folgenden will ich nun einige 
Mitteilungen über eine für die Beurteilung der Konstitution der Nebel 
wichtige Erscheinung machen, deren Nachweis mir mit verhältnis- 
mäßig einfachen Hilfsmitteln gelungen ist. 

Bekanntlich sind die in den Spaltspektrographen eintretenden 
Lichtverluste so groß , daß bei Verbindung dieser Apparate mit 
einem Refraktor nur wenige Prozent des in das Fernrohrobjektiv ein- 
fallenden Lichts die photographische Platte erreichen. Da die An- 
wendung des Objektivprismas in dieser Hinsicht viel günstiger ist, 
so habe ich vor einigen Jahren versuchsweise und daher in kleinen 
Dimensionen einen auf diesem Prinzip beruhenden Spektrographen 
konstruiert , der zur Erreichung der größten Lichtstärke folgender- 
maßen zusammengesetzt ist. Zur möglichsten Vei-minderung der Licht- 
absorption in den optischen Teilen wurden diese aus Quarz hergestellt 
und ihre Anzahl wurde auf das Minimum reduziert. Der Apparat ent- 
hält deshalb nur ein CoHNusches 6o°- Prisma und als Kameraobjektiv 
eine einfache Quarzlinse, die bei 40°"" Öffnung 320""" Brennweite, also 
das Öffnungsverhältnis i : 8 hat; die sphärische Aberration wurde von 
Hrn. Dr. Steinueil durch Retusche beseitigt. 



J. Hartmann: Monochroinatisclie Aufnahmen des Orioniiebels. 3G1 

Dieser kleine und liaudliclie Quarzspektrograpli hat sich nun in der 
Tat, insbesondere für die ultravioletten Teile des Spektrums, als äußerst 
lichtstark erwiesen. So zeigt beispielsweise eine 150 Minuten belichtete 
Aufnahme des Nebels G-.C. 4373 (IV 37) fünfzehn Linien des Nebel- 
spektrums, während die mit dem großen So""" -Refraktor verbundenen 
Spaltspektrographen in der gleichen Belichtungszeit nie mehr als vier 
Linien abbilden. Ein besonders interessantes Resultat ergaben alier 
die Aufnahmen des Orionnebels mit dem besprochenen Apparate, in- 
dem sie zeigten, daß die einzelnen Teile des Nebels Licht von ver- 
schiedener Zusammensetzung aussenden, und daß namentlich ausge- 
dehnte und charakteristisch geformte Gebiete fast nur in dem ultra- 
violetten Licht von der Wellenlänge 3727 leuchten. 

Die einzelnen monochromatischen Bilder, in welche das Licht des 
Nebels durch das Objektivprisma zerlegt wird, sind wegen der kurzen 
Brennw^eite der Kameralinse natürlich sehr klein; ein Millimeter auf 
der photographischen Platte entspricht einem Bildwinkel von nahe 
10 Bogenminuten. Diese Größe genügt jedoch, um die Gestalt des 
Nebels deutlich erkennen zu lassen. Während sich mm die den 
übrigen Spektrallinien entsprechenden Bilder ziemlich gleichen, weicht 
das durch die Strahlen von der Wellenlänge 3727 entworfene Bild 
ganz auffallig von ihnen ab , indem es mit intensiven und gut be- 
grenzten Teilen um mehr als 10' über das Gebiet der anderen Bilder 
hinausgreift. Auf den ersten Anblick hat es den Anschein, als ob 
der Nebel im Lichte der Wellenlänge 3727 eine gänzlich andere Form 
hätte als im Lichte der übrigen Farben, und erst bei schärferem Nach- 
sehen kann man auf lange belichteten Aufnahmen eine Andeutung der 
erwähnten Gegenden auch in dem Lichte anderer Linien, insbe- 
sondere der beiden ei-sten Nebellinien (iV, und N^) von der Wellen- 
länge 5007 und 4959, auffinden. Jedenfalls überwiegt die Intensität 
der Strahlen von der Wellenlänge 3727 so stark , daß man von einem 
fast monochromatischen, ultravioletten Lichte der betreffenden Gebiete 
sprechen darf. 

Eine so auffällige Erscheinung konnte nun bei den sehr zahl- 
reichen früheren Beobachtungen des Spektrums des Orionnebels nicht 
ganz verborgen bleiben. Huggins\ der das Vorhandensein der Linie 
\3727 im Spektrum des Orionnebels im Jahre 1882 zuerst nachwies, 
sowie Campbell, der die eingehendsten Studien über dieses Spektrum 
ausgeführt hat, benutzten Spaltspektrographen und konnten daher nur 
über das Spektrum desjenigen schmalen Streifens etwas ermitteln, dessen 
Bild während der Spektralaufnahme gerade auf den Spalt fiel. Dieser 



' Proc. R. Soc. London ^^, S. 425. 
Sitzungsbericlite 1905. 35 



362 Sitzung der phys.-math. Classe v. 23. März 1905. — Mittlieilung v. 9. März. 

Streifen hatte bei den Aufnahmen von Huggins eine Länge von 2.5 Bo- 
genminuten, enthielt also nur einen Querschnitt durch die hellste Gegend 
des Nebels, die sogenannte HuYGENSsche Region; auch Campbells Auf- 
nahmen, bei denen der Spalt einen Bildwinkel von etwa 7' umfaßte, 
reichten nicht bis an die von mir beobachteten ultravioletten Zweige 
heran, die mehr als 10' vom Trapez entfernt sind. Aus demselben 
Grunde haben auch die anderen Beobachter, welche Spaltspektrographen 
benutzten, nichts von der Erscheinung bemerkt. 

Günstiger lagen die Verhältnisse bei den mit spaltlosen Spektro- 
graphen ausgeführten Beobachtungen, von denen hier die folgenden 
beiden zu erwähnen sind. W. H. Pickeking machte in den Jahren 1888 
und 1890 unter Anwendung des Objektivprismas zwei Aufnahmen des 
Orionnebels , die er in den Annais of the Observatory of Harvard College 
XXXII, Parti, p. 75 beschreibt. Er bemerkte, daß die Linie A3727 
besonders intensiv war »längs des südöstlichen Randes der Huygens- 
schen Region und in dem Teile westlich vom Trapez«. Nach diesen 
Worten liegen die von Pickering bezeichneten Stellen dicht an der 
HuYGENsschen Region, so daß es kaum möglich sein dürfte, dieselben 
mit den von mir beobachteten ultravioletten Gebieten zu identifizieren. 
In gutem Einklang mit meiner Beobachtung befindet sich dagegen die 
Angabe, welche Mitchell' über das von ihm mittels eines Konkav- 
gitters von 50°" Brennweite direkt aufgenommene Spektrum des Orion- 
nebels macht. Er sagt, die Linie X3727 habe die größte Ausdehnung; 
die feinen äußeren Gegenden zeigen in dieser Linie eine größere In- 
tensität und größere Ausdehnung als in Hß\ die HuYGENssche Region 
erscheine ungefähr gleich hell in A3727 und Hß. Hiernach unterliegt 
es wohl keinem Zweifel, daß auch Mitchell gewisse Teile des Nebels 
nur im Lichte der Linie A3727 gesehen hat, obwohl er über deren 
Lage keine genaueren Angaben macht. 

Nachdem ich das Vorhandensein der ultraA'ioletten Nebelteile durch 
mehrere Aufnahmen mit dem Quarzspektrographen unzweifelhaft fest- 
gestellt hatte, suchte ich auf einem anderen Wege deren Form und 
Lage genauer zu ermitteln und die Erscheinung weiter zu verfolgen: 
ich fand ein für diese Untersuchungen sehr geeignetes Verfiihren in 
der Anwendung von Farbenfiltern bei direkten photographischen Auf- 
nahmen des Nebels. 

Die Benutzung von Strahlenfiltern bei astrophotographischen Ar- 
beiten wurde schon wiederholt zu dem besonderen Zwecke vorge- 
schlagen, um mit einem für die optischen Strahlen achromatisierten 
Refraktor scharfe photographische Aufnahmen zu erhalten. Über der- 



Astrophysical Journal 10, 8.29, 



■I. Hartmann; Monochroinatisclie Aufnalimcn des Orionnebels. HG3 

artige Aufnahmen berichteten Lohse im Jahre 1886', Spitaler 1890'', 
und im Jahre 1900 stellte Ritchey^ nach diesem Verfahren prächtige 
Aufnahmen mittels des großen Yerkes -Refraktors her. Der einzige 
Versuch, ein Farbenfilter zur Untersuchung des Intensitätsverhältnisses 
der verschiedenen Spektrallinien im Orionnebel zu verwenden, wurde 
von Keeler* im Jahre 189g mit dem Crossley -Reflektor der Lick- 
Sternwarte ausgeführt. Er machte einerseits durch ein Filter, wel- 
ches nur die beiden ersten Nebellinien sowie Hß durchließ, eine Auf- 
nahme auf einer orthochromatischen Platte, andererseits ohne Filter eine 
Aufnahme auf einer gewöhnlichen Platte und zog dann aus der Verglei- 
chung beider Platten den Schluß, daß an denjenigen Stellen des Nebels, 
die sich auf der zweiten Aufnahme relativ intensiver abgebildet hatten, 
das Licht der Linie Hy sowie der übrigen Wasserst off linien, und folg- 
lich auch Hß, intensiver sein müsse als die beiden Nebellinien N, und 
i\",. Dieser Schluß ist jedoch, wie meine gleich zu besprechenden Auf- 
nahmen ergeben haben, nicht zutrefiend, da die große photographische 
Helligkeit der von Keeler namhaft gemachten Stellen nicht von Hj, 
sondern von der Linie \3727 herrührt. Für den Grundgedanken der 
IvEELERschen Arbeit, nämlich den Nachweis, daß das Licht nicht an 
allen Stellen des Nebels dieselbe spektrale Zusammensetzung hat, ist 
jedoch dieses Versehen, wie ich ausdrücklich hervorheben will, ohne 
Bedeutung. 

Für die Filteraufnahmen teilt man das Spektrum des Nebels am 
besten in drei Abschnitte, deren erster die drei Linien iV, , iV, und 
Hß, also die Gesamtheit des bei optischen Beobachtungen wirksamen 
Lichts, umfaßt. Der zweite Abschnitt erstreckt sich von Hß etwa 
bis zur Wellenlänge 3900 oder 3800 imd enthält die Reihe der Wasser- 
stofl'linien. Im dritten Abschnitte, jenseits von \3800, liegt als einzige 
Hauptlinie die erwähnte ultraviolette Linie A3 7 2 7. Von den wenigen 
außer den hier aufgeführten noch im Spektrum des Orionnebels vor- 
kommenden Linien kann wegen deren äußerst geringer Intensität, eben- 
so wie von dem schwachen kontinuierlichen Spektrum des Nebels ab- 
gesehen werden. 

Ich habe nun Filter herzustellen gesucht, welche für je einen 
der drei Abschnitte möglichst durchlässig sind, während sie die 
beiden übrigen absorbieren, und bin nach längeren Versuchen bei den 
folgenden stehen geblieben, die den genannten Zweck sehr gut er- 
füllen und überall leicht zu beschaffen sind. 

' Astronomische Nachi-ichten J 15. S. i. 

' Annalen der k. k. Universitätssternwarte in Wien 7. S. 202. 

' Astrophysical Joui'nali2. S. 352. 

* Astrophysical Journal 9, S. 133. 

35* 



3fi4 Sitzung der phys.-math. Classe v. 23. März 1905. — Mittheilung v. 9. März. 

1. Pikrinsäurefilter. Man fixiert eine unbelichtete photographische 
Platte aus und badet sie dann einige Minuten in einer konzentrierten 
Lösung von Pikrinsäure. Die Gelatineschicht färbt sich intensiv gelb 
und absorbiert von A = 4800 an alle kürzeren Wellenlängen vollständig, 
während die größeren "Wellenlängen, speziell also die Linien iV, , N^ 
und Hß, fast ungeschwächt durchgelassen werden. 

2 . Chininkobaltfilter. Man badet in gleicher Weise eine Gelatineplatte 
in Chininsulfat und verwendet sie zusammen mit einem blauen Kobaltglase. 
Diese Kombination läßt nur den Spektralbereich zwischen X :=■ 3880 und 
A = 4740 ziemlich gut durch und absorbiert alle anderen Strahlen. 

3. Nitrosofilter. Badet man eine Gelatineplatte in konzentrierter 
Lösung von Nitrosodimethylanilin, so nimmt dieselbe eine dem Pikrin- 
säurefilter fast völlig gleichende Gelbfärbung an, unterscheidet sich 
aber von demselben erheblich in ihrer absorbierenden Wirkung. Der rote, 
der gelbe und der grüne Teil des Spektrums werden fast ungeschwächt 
durchgelassen. Die Absorption beginnt etwa bei A ^ 5050 und steigt 
dann rasch an, so daß Hß schon vollständig absorbiert wird; die 
Linien iV, und iV^ werden, wenn auch geschwächt, noch durchge- 
lassen. Die starke Absorption erstreckt sich bis A = 4000; von 
da an nimmt die Durchsichtigkeit rasch zu, und A3727 wird wieder 
gut durchgelassen. Die geringe Durchlässigkeit dieses Filters für iV, 
und N^ macht man dadurch unschädlich, daß man für die Aufnahmen 
eine an dieser Stelle unempfindliche Plattensorte wählt, während man 
umgekehrt für die Aufnahmen hinter dem Pikrinsäurefllter im Blau- 
grün mögiiclist empfindliche Platten anwenden wird. 

Durch gleichzeitige Benutzung des ersten und dritten Filters 
kann man auch Aufnahmen herstellen, bei denen nur N, und N, zur 
Wirkung gelangen, während Hß ausgeschlossen wird. 

Diese Filter habe ich nun verwendet, um mit Hülfe eines Steinheil- 
schen Spiegels von 24°"" Öffnung und 90°™ Brennweite eine Reihe von 
Aufnahmen des Orionnebels zu machen. Leider war in den letzten 
Wintermonaten die Witterung so ungünstig, daß ich die geplante Unter- 
suchung nicht im vollen Umfange durchführen konnte; unter Aus- 
nutzung jeder zur Beobachtung nur einigermaßen brauchbaren Gelegen- 
heit erhielt ich innerhalb zweier Monate nur die folgenden Aufnahmen: 

belichtet 



bitte 3. 


1905 


Januar 


23- 


Nitrosofilter 


45' 


■■ 5- 




- 


25- 




120 


» 7- 




Feliruar 


13- 


rhiniiikol)altfilter 


30 


. 8. 




. 


13- 


Pikrinsäurefilter 


7 


. 9. 






26. 


. 


120 


• 10. 




.. 


27. 


Cliininkobaltfilter 


56 


» II. 




. 


28. 


„ 


10 



März t i. » 60 



J. Hartmann: Monnchrom.itische Aufnahmen des Orioiinebels. 



805 



Nur am 25. Januar war der Himmel völlig klar; an allen an- 
deren Abenden störte, wie die teilweise sehr kurzen Beobaelitungs- 
zeiten zeigen, aufziehender Dunst die Aufnahmen. Doch auch diese 
wenigen Aufnahmen haben schon zu einigen interessanten Resultaten 
geführt, auf die ich an der Hand der beigefügten Skizze hier nur kurz 




hinweisen will, da zu einer genaueren Besprechung eine photographi- 
sche Reproduktion der Aufnahmen unerläßlich ist. Ich bemerke je- 
doch , daß das als Negativ gezeichnete Kärtchen in keiner Weise das 
Aussehen des Nebels genau darstellen, sondern lediglich die Identifizie- 
rung der betreffenden Gegenden ermöglichen soll; der Maßstab ist 
1"°' = 40". 

Zunächst ist die außerordentlich große Intensität der ultravioletten 
Linie A3727 in allen Teilen des Nebels bemerkenswert. Die mit dem 
Nitrosofilter in zweistündiger Belichtung erhaltene Aufnahme 5. zeigt 
ein Bild des Nebels von 45' Durchmesser, welches eine Menge Einzel- 



36fi Sitzung der phys.-matli. Classe v. 23. März 1905. — Mittheilung v. 9. März. 

heiten der Struktur erkennen läßt. Icli habe den Eindruck gewonnen, 
daß .sich die Verdiclitungen der Nebelma.sse , welche dem Orionnebel 
das eigentümlich bewegte Aussehen verleihen, am schärfsten unter 
Anwendung dieses Filters darstellen, während das Licht der Wasser- 
stofflinien mehr einen gleichmäßigen Untergrund zu bilden scheint. 

Neben dieser allgemeinen Verbreitung und Intensität des ultra- 
violetten Lichts , die eine vollständige Aufnahme aller Teile des Nebels 
durch das Nitrosofilter ermöglicht, tritt dieses Licht aber an einigen 
Stellen noch besonders intensiv hervor. Die auffälligste Erscheinung 
ist in dieser Beziehung die in der Karte mit AB bezeichnete Reihe 
von bogenförmigen Streifen 14' westlich vom Trapez, welche den schon 
mit dem Quarzspektrographen aufgefundenen ultravioletten Teil bilden. 
Das Licht der Linien N, und N^ sowie der Wasserstofflinien ist in 
diesem Teile so schwach, daß derselbe für das Auge völlig unsicht- 
bar ist, während er auf jeder mit einem ReÜektor gemachten Auf- 
nahme eines der auffälligsten Objekte bildet. Keeler schrieb das 
Licht dieser Partie, wie oben erwähnt, irrtümlich den Wasserstofl- 
linien\ also besonders Hy zu. 

Die zweite von Keeler auf seiner Aufnahme mit dem Crossley- 
Reflektor aufgefundene Stelle, der mit CD bezeichnete zu dem großen 
Bogen DE (Proboscis major) parallele Streifen, leuchtet ebenfalls nicht 
im Lichte der Wasserstoff linien, sondern vielmehr der Linie ^37 2 7 so 
intensiv, daß dieser Teil auf der mit dem Nitrosofilter gemachten Auf- 
nahme gänzlich anders aussieht als auf den nach Okularbeobachtun- 
gen ausgeführten Darstellungen des Nebels oder auch auf Platten, die 
mit Objektiven, die ja stets das Ultraviolett schon stark absorbieren, 
aufgenommen sind. Auf letzteren ist die Proboscis major DE mit 
ihrer scharfen Begrenzung auf der westlichen Seite stets auffällig und 
bildet namentlich in dem flachen Bogen, der den bei D liegenden 
Stern Bond 784 umzieht, eine charakteristische Figur, während der 
KEELERSche Streifen CD kaum sichtbar ist. Im ultravioletten Lichte 
ist dieser Streifen dagegen mindestens ebenso hell wie die intensiv- 
sten Teile der Proboscis major, und er fließt bei D mit letzterer der- 
maßen zusammen, daß der genannte Stern völlig überdeckt wird. 

Andere durch ultraviolette Strahlung ausgezeichnete Teile habe 
ich in der Skizze durch Verstärkung der horizontalen Schraffierung 
angedeutet; es sind, wie man sieht, hauptsäciilich die äußeren Teile 
der HuYGENsschen Region , insbesondere die bogenförmige nördliche Be- 
grenzung, die sich vom Trapez nach F hinzieht, sowie ein vom Trapez 
nach A führender Streifen. Auch in den äußersten, dinx'h Punktie- 



' Astrophysical Journal 9, S. 142. 



J. Hartmann: MoiiOL'hroinatisclie Aufiialiinen des Orionnebels. 367 

rung angedeuteten Teilen des Nebels scheint das ultraviolette Licht 
zu überwiegen; in welchem Maße dies jedoch der Fall ist, konnte 
ich bisher noch nicht ermitteln, da ich im Lichte der Wasserstofl- 
linien mit dem Chininkobaltfilter noch keine hinreichend lange Auf- 
nahme ausfuhren konnte. 

Noch auf zwei weitere Erscheinungen will ich hier kurz hin- 
weisen. Erstens fehlt in dem Nebel G.G. 1180 (V 30), der 35' nörd- 
lich vom Trapez den Stern c Orionis umgibt, das Licht der Linien 
N, und N^ fast vollständig. Auf den durch das Pikrinsäurefilter ge- 
machten Aufnahmen ist auch bei zweistündiger Belichtung kaum eine 
Spur dieses Nebels erschienen, während er auf den anderen Platten, ins- 
besondere auf der ultraA'ioletten Aufnahme 5. sehr schön abgebildet ist. 
Da dieser Nebel jedoch auch die Wasserstofl'linien zeigt, so ist er trotz 
der Schwäche von iV, und N^ auch für das Auge gut wahrnehmbar. 

Die zweite Bemerkung bezieht sich auf die Intensität der Stern- 
scheibchen, die auf den verschiedenen Filteraufnahmen äußerst starke 
Unterschiede zeigt. So sind selbst auf der zweistündigen Ultraviolett- 
aufnahme 5. von manchen Sternen kaum Spuren erschienen, die schon 
auf der nur 7 Minuten belichteten Aufnahme 8. im grünen Teile des Spek- 
trums deutlich abgebildet sind; als Beispiele mögen hier nur die Sterne 
Bond 402 und 430 erwähnt werden. Eine vollständige Durchmusterung 
nacli derartigen Objekten soll erst später vorgenommen werden, wenn 
aucli für den mittleren Abschnitt des Spektrums eine gleich gute Auf- 
nahme wie für die äußeren Teile vorliegt. Man kann sich das Verhal- 
ten dieser Sterne wohl nur aus ihrem Spektraltypus erklären; während 
man bisher annahm, daß auch die schwächeren in der Nähe des Orion- 
nebels stehenden Sterne analog den helleren, deren Spektra unter- 
sucht werden konnten, dem ersten Typus angehörten, deutet obige 
Beobachtung darauf hin , daß auch Sterne vom zweiten oder gar vom 
dritten Typus in dieser Gegend vorkommen. 

Durch die hier mitgeteilten Beobachtungen wird zunächst die schon 
von HüGGiNS vermutete und später namentlich von Campbell unzweifel- 
haft bewiesene Tatsache, daß das Licht des Orionnebels nicht homogen, 
sondern an den verschiedenen Stellen von wechselnder Zusammensetzung 
ist, aufs neue bestätigt. Die Schlüsse, die sich bisher aber nur auf das 
verschiedenartige Verhalten der Nebellinien iV, und N^ gegenüber der 
Wasserstoff linie Hß bezogen, sind nunmehr auch auf die Linie \3727 
ausgedehnt worden. Nach allen bisherigen Schätzungen ist das Intensi- 
tätsverhältnis der beiden Linien N^ und N^ in allen Nebeln und auch an 
den verschiedenen Stellen des Orionnebels konstant, und dies wurde 
auch durch die Messunaen von Wilsing und Scheiner ' auf das sicherste 



Astronom. Nachr. 159, S. 181, 1902. 



368 Sitzung der pliys.-niatli. Classe v. 23. März 1905. — Mittheilung v. 9. März. 

bestätigt. Schloß man hieraus, daß diese beiden Linien dem Spektrum 
desselben Gases angehören, und wurde es durch ihr wechselndes In- 
tensitätsverhältnis zu der Wasserstofflinie wahrscheinlich gemacht, 
daß dieses Gas vom Wasserstoff verschieden sei, so ist nunmehr durch 
das von den genannten beiden Liniengruppen wiederum abweichende 
Verhalten der Litensität der Linie ^3727 mit derselben Wahrschein- 
lichkeit nachgewiesen, daß außer jenen beiden Gasen mindestens noch 
ein drittes teils mit ihnen vermischt, teils aber auch räumlich getrennt 
in den Nebeln vorkommt. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß dieses 
dritte Gas der Sauerstoff' sei, der bei X^ 3727.5 eine ziemlich kräftige 
Linie hat, während die bisher beste Bestimmung von Wright' für die 
Wellenlänge der Nebellinie den Wert 3726.4 ergeben hat; da diese 
Bestimmung jedoch nocli nicht sehr siclier ist, dürfte es angebracht 
sein, eine möglichst scharfe Wellenlängenmessung beider Linien vor- 
zunehmen. 

Es ist schon wiederliolt darauf hingewiesen worden und wird 
auch durch die hier besprochenen Beobachtungen wieder bestätigt, daß 
es zum Nachweis etwaiger Veränderungen oder Bewegungen in einem 
Nebel unerläßlich ist, nur unter ganz gleichartigen Bedingungen her- 
gestellte Abbildungen des betreffenden Objekts miteinander zu ver- 
gleichen. Gerade zur Herstellung dieser konstanten Bedingungen sind 
nun die Stralilenfllter vom größten Werte, da man durcli dieselben 
alle von der Farbenempfindlichkeit der zur Aufnahme verwendeten 
Plattensorte sowie von der selektiven Absorption in den optischen 
Teilen des Instrumentes und in der Atmosphäre herrührenden Fehler- 
quellen unschädlich machen kann. Werden beispielsweise durch das 
Nitrosofilter belichtete Platten von nahe demselben Empfindlichkeits- 
gradienten gleich dicht entwickelt, so sind sie direkt miteinander ver- 
gleichbar, und eine derartige Vergleichung, die eventuell mit dem Zeiss- 
sclien Stereokomparator ausgeführt werden kann, wird, wenn auch erst 
nach vielen Dezennien , zur Ermittelung der bis jetzt noch gänzlich 
unbekannten Bewegungsvorgänge in den Nebeln führen. 



Astropliysical Journal 16, S. 53, 1902. 



Ausgegeben am 30. März. 



Berlin, pedrurkt In der Relrhsdruokei 



SITZUNGSBERICHTE 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



XVII. 



30. März 1905. 



BERLIN 1905. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 




Auszug aus dem Reglement für die Redaction der »Sitzungsberichte«. 



§ 1. 

2. Diese erscheinen in einzelnen Stücken in Gross- 
Octav regelmässig' Donnerstags acht Tage »ach 
jeder Sitzung. Die sämmtlichen zu einem Kalender- 
jahr geliSiigcn Stücke bilden vorläufig einen Band mit 
fortlaufender Paginining. Die einzelnen Stücke erhalten 
»usserdem eine durch den Bajid ohne Untei-schied der 
Kategorien der Sitzungen fortlaufende römische Ordnungs- 
nummer, und z\v;ir die Berichte über Sitzungen der physi- 
kalisch-mathematischen Classe allemal gerade, die über 
Sitzungen der philosoplüsch- historischen Classe angerade 
Nummern. 

§2. 

1 . Jeden Sitziuigsbericlit eröfl^et eine Übersicht über 
die in der Sitzung vorgetragenen wissenschaftlichen Mit- 
theilungen und über die zur Veröffentlichung geeigneten 
geschäftlichen Angelegenheiten. 

2. Dai'.iuf folgen die den Sitzungsberichten über- 
wiesenen wissenschaftlichen Ai'beiten , und zwar in der 
Regel zuerst die in der .Sitzung, zu der das Stück gehört, 
fhiicki'ertig übergebenen, dajm die, welche in ft'üheren 
Sitzungen mitgetheilt, in den zu diesen Sitzungen gehö- 
rigen Stücken nicht erscheinen konnten. Mittheilungen, 
welclie nicht in den Berichten und Abbandlungen er- 
scheinen, sind diu'ch ein Sternchen (*) bezeichnet. 

§5- 
Den Bericht über Jede einzelne Sitzung- stellt der 
Secretar zusammen, welcher darin den Vorsitz hatte. 
Derselbe Secretar fiihrt die Oberaufsicht über die Redac- 
tion und den Dnick der in dem gleichen Stück erschei- 
nenden wissenschaftlichen Arbeiten. 

§6. 

1. Für die Aufnahme einer wissenschaftliclien Mit- 
theilung in die Sitzungsberichte gelten neben §41,2 der 
Statuten und § 28 <lieses Reglements die folgenden beson- 
deren Bestimmungen. 

2. Der Umfang der Mittheilung ilarf 32 Seiten in 
Octav in der gewöhnlichen Schrift der Sitzungsberichte 
nicht übersteigen. Mittlieilungen von Verfassern , welche 
der Akademie nicht angehören, sind auf die Hälfte dieses 
Umfanges besclu-änkt. Überschreitung dieser Grenzen ist 
nur nach ausdrückhcher Zustimmung der Gesanimt- Aka- 
demie oder der betreffenden Classe statthaft. 

3. Abgesehen von einfachen in den Text einzuschal- 
tenden Holzschrjtten sollen Abbildungen auf durchaus 
Notliwendiges beschränkt werden. Der Satz einer Mit- 
theilung wird erst begonnen, wenn die Stöcke der in den 
Text einzuschaltenden Holzschnitte fertig sind und von 
besonders beizugebenden Tafeln die volle erfonlerUche 
Auflage eingehefert ist. 

§7. 

1. Eine für die Sitzungsberichte bestimmte wissen- 
schaftliche Mittlieilung daif in keinem Falle vor der Aus- 
g.abc des betreffenden Stückes anderweitig, sei es auch 
nur auszugsweise oder auch in weiterer Ausführung, in 
deutscher Sprache veröffentlicht sein oder werden. 

2. Wenn iler Verfasser einer aufgenommenen \vissen- 
schaftlichen Mittlieilung diese anderweit Irülier zu ver- 



öffentlichen beabsichtigt, als ihm dies nach den gelten- 
den Rechtsregeln zusteht, so bedarf er dazu der Ein- 
willigung der Gcsammt- Akademie oder der betreffenden 
Classe. 

§8. 
5. Auswärts werden Con-ecturen nur auf besonderes 
Verlangen verschickt. Die Verfasser verzichten damit 
auf Erscheinen ihrer Mittheilnngen nach acht Tagen. 

§11. 

1. Der Verfasser einer unter den »Wissenschaftlichen 
Mittheihmgen« abgednickten Ai'beit erhält unentgeltlich 
fünfzig Sonderabdrücke mit einem Umschlag, auf welchem 
der Kopf der Sitzungsberichte mit Jahreszahl, Stück- 
nummer, Tag und Kategorie der Sitzung, darunter der 
Titel der Mittheilung und der Name des Verfassers stehen. 

2. Bei Mittheihmgen, die mit dem Kopf der Sitzungs- 
berichte und einem angemessenen Titel niclit über zwei 
Seiten lullen, fallt in der Regel der Umschlag fort. 

3. Einem Verfasser, welcher Mitglied der Akademie 
ist, steht es frei, auf Kosten der Akademie weitere gleiche 
Sonderabdrücke bis zur Zahl von noch hundert, und 
auf seine Kosten noch weitere bis zur Zahl von zi-vei- 
hiindert (im ganzen also 350) zu unentgeltlicher Vcr- 
theilung abziehen zu lassen, sofern er diess rechtzeitig 
dem redigirenden Secretar angezeigt hat; wünscht er auf 
seine Kosten noch mehr Abdiücke zur Vertheilung zu 
erhalten, so bedai'f es der Genehniigung der Gesammt- 
Akademie oder der betreffenden Classe. — Nichtmitglieder 
erhalten 50 Freiexemplare und dürfen nach rechtzeitiger 
Anzeige bei dem redigirenden Secretar weitere 200 Exem- 
plare auf ihre Kosten abziehen lassen. 

§ 28. 

1. Jede zur Aufnahme in die Sitzungsberichte be- 
stimmte Mittheilung muss in einer akademischen Sitzung 
vorgelegt werden. Abwesende Mitglieder, sowie alle 
Nichtmitglieder, haben hierzu die Vermittclung eines ilirem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
Wenn schriftliche Einsendungen auswärtiger oder corre- 
spondirender Mitglieder (Urect bei der Akademie oder bei 
einer der Classen eingehen, so hat sie der Vorsitzende 
Secretai- selber oder durch ein anderes Mtglied zum 
Vortrage zu bringen. Mittheilungen, deren Verfasser der 
Akademie nicht angehören , hat er einem zunächst geeignet 
scheinenden Mitgliede zu übenveisen. 

[Aus Stat. § 41, 2. — Für die Aufnahme bedarf es 
einer ausdrücklichen Genehmigung der Akademie oder 
einer der Classcn. Ein darauf gerichteter Antrag kaim» 
sobald das Manuscript druckfertig vorliegt, 
gestellt und sogleich zur Abstimmung gebracht werden.] 

§29. 
1. Der revidirende Secretar ist für den Inhalt des 
geschäftlichen Theils der Sitzungsberichte, jedoch nicht 
für die darin aufgenommenen kurzen Inlialtsangaben der 
gelesenen Abhandlungen verantwortlich. Für diese wie 
flir alle übrigen Theile der Sitzuiigsherichfe sind 
nach jeder Richtung nur die Verfasser verant- 
wortlich. 



Die Akademie versendet ihre "Sitzunf^sberichte* an di^enigen Stellen, mit denen sie im Schrißverkehr steht, 
u-ojern nicht im besonderen Falle anderes vereinbart wird, jährlich drei Mal, nämlich: 
die Stücke von Januar bis April in der ersten Hälfte des Monats Mai, 
- Mai bis Juli in der ersten Hälfte des Monats August, 
• October bis December zu Anjang des nächsten Jahres nach Fertigstellung des Registers, 



369 

SITZUNGSBERICHTE i905. 

XVII. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

30. März. Gesammtsitzung. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Walde yer. 

1. Hr. Hektwig las: Kritische Betrachtungen über neuere 
Erklärungsversuche auf dem Gebiete der Befruchtungslehre. 

Der Vortragende spricht über Versuche von Loeb und anderen Forschern , die 
Befruchtung als einen chemisch -physikahschen Vorgang zu erklären und führt eine 
Reihe von Gründen an, welche zeigen, dass auf diesem Wege eine Lösung des Pro- 
blems zur Zeit nicht zu erreichen ist und dass alle derartigen Erklärungsversuche das 
eigentUche Wesen der Sache gar nicht berühren. 

2. Vorgelegt wurde das Werk: H. Rosenbusch, Mikroskopische 
Physiographie der Mineralien und Gesteine. 4. Aufl. Bd. i. Hälfte i. 
Stuttgart 1904. 

3. Die Akademie hat durch die philosophisch -historische Classe 
Hrn. Dr. Josef Karst aus Strassburg i. Eis., z. Zt. in Venedig, zur Voll- 
endung seiner Ausgabe des Armenischen Rechtsbuches 700 Mark be- 
willigt. 



Sitzungsberichte 1905. 36 



370 Gesainmtsitzung vom 30. März 1905. 



Kritische Betrachtungen über neuere Erklärungs- 
versuche auf dem Gebiete der Befruchtungslehre. 

A^on Oscar Hertwig. 



In neuerer Zeit beginnen wieder bei der Erklärung des Befruchtungs- 
processes Ansichten hei-vorzutreten, welche schon einmal vor 6o Jahren 
erörtert wurden. Damals hatten die Biologen noch sehr unvollständige 
Kenntnisse und Vorstellungen vom Organismus der Zelle, namentlich 
aber war der Verlauf des Befruchtungsprocesses, wie er sich mikro- 
skopisch bis in feineres Detail hinein jetzt leicht feststellen lässt, noch 
ganz unbekannt. Um so mehr suchte man durch Speculation sich eine 
Vorstellung von den Aufgaben und dem Wesen der Befruchtung zu 
bilden, und wie es bei biologischen Fragen, von denen man am 
wenigsten weiss, so häufig geschieht, wollte man die Erklärung gleich 
auf chemischem oder physikalischem Gebiete finden. 

So bemerkte Leuckaet im Jahre 1853 in Wagnee's Handwörter- 
buch der Physiologie: »Die Samenkörperchen wirken entweder auf 
die Eier durch Übertragung ihrer Materie nach den Gesetzen der 
chemischen Affinität, oder sie wirken wie Fermentkörper durch Über- 
tragung ihres inneren Zustandes nach den Gesetzen des sogenannten 
Contactes«. 

Die Contacttheorie wurde besonders von dem Embryologen Bischoff 
vorgetragen , welcher auf sie durch die chemischen Arbeiten und Theo- 
rien von Liebig hingeführt worden war. In seiner 1847 erschienenen 
»Theorie der Befruchtung« erklärte er: »Der Samen wirkt beim Contact, 
bei Berührung, durch katalytische Kraft, d. h. er constituirt eine in 
einer bestimmten Form der Umsetzung und inneren Bewegung be- 
griffene Materie, welche Bewegung sich einer iinderen Materie, dem 
Ei, die ihr nur einen höchst geringen Widerstand entgegensetzt, oder 
wie wir auch sagen können, in dem Zustande der grössten Spannung 
oder der grössten Neigung zu einer gleichen und ähnlichen Bewegung 
und Umsetzung sich befindet, mittheilt und in ihr eine gleiche und 
ähnliche Lagerungsweise der Atome hervorruft«. 



Heriwio: Krkläriinp;svei\siiclu' zur Befruchtiiiif^slelire. 8(1 

Solche und älinliclie chemisch -])Iiysikalische SpecuLntionen, denen 
übrigens von mancher Seite, wie z. B. von Rudolph Wagner, schon 
dam;ils bereclitif^te Einwände entgegengeh;dten wurden, traten melirerc 
Jahrzehnte in den Hintergrund, als es glückte, durch mikrosko})ische 
Beobachtungen tieiere Einblicke in die feineren Vorgänge bei der Be- 
fruchtung des Eies zu gewinnen. Aber jetzt regen sie sich , wie gesagt, 
wieder von Neuem, und zwar in Folge biologischer Experimente, 
welche an und fiir sich von grossem Interesse, aber nach meiner 
Meinung zum Ausgangspunkt unrichtiger Schlussfolgerungen gemacht 
worden sind. 

Seit einer Reihe von Jahren haben verschiedene Forscher ver- 
sucht, durcli künstliche Eingriff'e reife Eizellen von geeigneten \"er- 
suchsthieren auch ohne Befruchtung zur Entwicklung zu bringen. 
Richard Hertwir fand, dass in Seeigeleiern Kerntlieilungsfiguren ent- 
stellen, wenn geringe Dosen von Strychnin dem Meerwasser hinzu- 
gefügt werden. Morgan, Yves Delage, Loeb stellten künstliche Salz- 
gemische her, in welche sie Eier von Echinodermen für ein oder 
mehrere Stunden vorübergehend einlegten und dann wieder in nor- 
males Seewasser zurückbrachten , um ihnen auf diese Weise einen 
Anstoss zur Entwicklung zu geben. MgCP, KCl oder CaCP wurden 
gewöhnlich zur Herstellung geeigneter Mischungen hierbei verwandt. 

Ein ausgezeichnetes Mittel fand Yves Delage in der Kohlensäure, 
durch deren Verwendung es ihm gelang, die Mehrzahl der Eier von 
Seesternen bis zum Stadium der Bipinnarialarve zu züchten. Dasselbe 
Ergebniss erzielte bei dem gleichen Object Matthews durch einen 
mechanischen Eingriff, durch einfaches, vorübergehendes Schütteln 
der Eier in einem mit Meerwasser gefüllten Gefäss. Wieder andere 
Forscher, Pieri und Winkler, haben aus den Samenfäden einen Extract 
hergestellt, von dem Gedanken ausgehend, dass ein fermentartig wir- 
kender, chemischer Körper das befruchtende Princip in den Samen- 
körpern sei. Auch berichtet Winkler, dass er durch Zusatz von 
Spermaextract zum Meervvasser wenigstens einige von vielen Seeigel- 
eiern zu einzelnen Theilungen habe veranlassen können. 

Mehr als alle genannten Forscher hat sich indessen Loeb, der 
bekannte Physiologe der Berkeley-Universität in Californien, seit längerer 
Zeit und in einer grösseren Anzahl experimenteller Arbeiten mit der 
Frage, das Ei künstlich zur Entwicklung zu bringen, beschäftigt. 
Gerade auf die Versuche und Ansichten dieses Forschers aber halte 
ich es fiir nothwendig, etwas näher einzugehen, da, wie Boveri mit 
Recht bemerkt, »vielfach und besonders in wissenschaftlichen Kreisen, 
die der Biologie ferner stehen, die Meinung herrscht, Loeb habe durch 
seine Versuche die Befruchtung als einen chemisch-physikalischen Vor- 

36' 



372 Gesammtsitzung vom 30. März 1905. 

gang nachgewiesen und damit die Lösung der Frage in einer ganz 
anderen Richtung gefunden, als in der man sie bisher gesucht hatte«. 
Auch liat LoEB sich am häufigsten darüber ausgesprochen, wie er sich 
vorstellt, dass die Befruchtung als chemisch -physikalischer Vorgang 
aufeufassen sei. 

In seinen ersten Arbeiten, die mit dem Jahre 1899 beginnen, 
hat der americanische Forscher festgestellt, dass unbefruchtete See- 
igeleier sich zu Plutei entwickeln, wenn sie ein bis zwei Stunden in 
eine näher ausprobirte Mischung von MgCF und Meerwasser gebracht 
worden sind. Er folgert hieraus , dass schon das unbefruchtete Ki 
alle wesentlichen Elemente für die Bildung eines vollkommenen Pluteus 
besitzt, und dass Entwicklung nur deswegen nicht eintritt, weil das 
normale Seewasser entweder nicht die genügende Menge von Ionen 
(Mg, K, HO oder andere) besitzt, welche für den Mechanismus der 
Zelltheilung erforderlich sind, oder dass in ihm zu viel schädliche Ionen 
enthalten sind. Diesen Gedanken weiter verfolgend, sucht Loeb die 
Rolle der Spermatozoen bei der Befruchtung durch die Annahme zu 
erklären, dass sie geeignete Ionen in das Ei hineintragen. 
»The ions and not the nucleins in the Spermatozoon are essential to 
the process of fertilization«, 1899 p. 137. 

Durch weitere, vielfach variirte Versuche konnte bald darauf er- 
mittelt werden, dass für das Gelingen des P^xperimentes die wesent- 
liche Bedingung die Erhöhung des osmotischen Druckes der 
Lösung ist, und dass es hauptsächlich darauf ankommt, dem Ei ein 
bestimmtes Quantum Wasser zu entziehen. Da nun aber höher con- 
centrirte Salzlösungen gleichzeitig auf die Eier auch schädigend ein- 
wirken, wenn sie lange Zeit in ihnen verweilen, müsse man sie recht- 
zeitig wieder in normales Seewasser zurückbringen, damit sich nor- 
male Larven entwickeln können (1900 p. 182). Auf diesem zweiten 
Studium seiner Experimente versucht Loeb seine Ergebnisse zur Er- 
klärung der Befruchtung durch die Annahme zu verwerthen, dass das 
Spermatozoon die Entwicklung in derselben Weise wie in den Ver- 
suchen mit concentrirten Salzlösungen anregt, dass es also mehr Salze 
oder einen höheren osmotischen Druck als das Ei besitzen muss. 
»There is no reason,« bemerkt er, »why the Spermatozoon should 
not bring about the same eft'ects, that we produce by reducing the 
amount of water in the egg in some different way. At present, how- 
ever, the only light that can be thrown upon the nature of the process 
of fertilization must be expected from an analysis of the effects of 
a loss of water upon the egg (1900 p. 182).« In mehreren seiner 
Publicationen gebraucht daher Loeb auch den Ausdruck »osmotische 
Befruchtung« (osmotic fertilization, 1900 und 1902 p. 312, 313). 



Hertwig: Erkläriingsversuclie zur Befruchtungslehre. 373 

Später hat Loeb seine Versuche auf die Eier eines Anneliden, 
des Chaetopterus , ausgedehnt und gefunden, dass man bei diesem Ob- 
ject mit zwei verschiedenen Metlioden zum Ziele kommt. Die eine 
Methode ist dieselbe wie bei den Echinodermeneiern: Erhöhung der 
Concentration des Meerwassers (osmotic fertilization). Die zweite 
Methode, welche als chemische Befruchtung (chemical fertilization) 
bezeichnet wird, besteht in einer Veränderung der chemischen Zu- 
sammensetzung des Meerwassers ohne Erhöhung seiner Concentration. 
So genügte schon der Zusatz einer kleinen Menge eines Kalisalzes 
(KCl), um das Ei ohne Samen zur Entwicklung zu bi-ingen, welche 
bis zum Trochophorastadium verfolgt werden konnte. Dagegen war 
ein entsprechender Zusatz von NaCl wirkungslos, woraus sich schliessen 
lässt, dass für Chaetopterus die K-Ionen specifisch wirken. 

Seiner Auffassung vom Wesen des Befruchtungsprocesses hat Loeb 
in Folge der neuen Experimente abermals eine andere Fassung ge- 
geben. Er nimmt an, dass jedes Ei die Fähigkeit hat, sich parthe- 
nogenetisch zu entwickeln, dass es aber unter normalen Verhältnissen 
abstirbt, ehe es Zeit zur Weiterentwicklung gehabt hat. Daher, meint 
er, dürfe man den Samenfaden nicht länger als die Ursache oder den 
Reiz für den Entwickelung-sprocess halten, sondern nur als ein Agens, 
welches einen Process beschleunigt, welcher auch ohnedem vor sich 
zu gehen vermag, nur viel langsamer. Substanzen, welche chemische 
oder physikalische Processe beschleunigen, welche auch ohne sie er- 
folgen würden, werden katalytische genannt. Nach dieser Definition 
nimmt Loeb an, dass der Samenfaden eine katalytische Substanz in das 
Ei hineinträgt, welche die Entwicklung beschleunigt, die sonst auch, 
aber viel langsamer beginnen würde. Docli er lässt es dahingestellt, ob 
die katalytischen Substanzen, welche durch den Samenfaden eingeführt 
werden, mit den im Experiment verwandten identisch sind. 

In vielen Kreisen haben die Speculationen , welche Loeb an seine 
Experimente geknüpft hat, wie es scheint, Zustimmung erfahren. So 
messen ihnen Korschelt und HEroER in ihrem Lehrbuch eine grosse 
Bedeutung bei und meinen, dass Loeb »unter Anwendung der lonen- 
theorie auf die EiAveisskörper zu einer förmlichen chemischen Theorie 
der Befruchtung geführt worden sei«. Durch seine Versuche sehen 
sie bewiesen, »dass der Stimulus des eindringenden Spermatozoons 
auch durch andere Reize ersetzt werden könne«. Abderhalden hoft't, 
dass es auf dem von Loeb betretenen Weg gelingt, wenigstens den 
rein äusseren Process der Entwicklung der Eier physikalisch -chemisch 
zu erklären (1904 p. 663). 

Dem Urtheil von Korschelt, Heider, Abderhalden und Anderen 
kann ich nicht zustimmen. Zwar erblicke ich auf der einen Seite in 



374 Gesammtsitzung vom 30. März 1905. 



n 



den Experimenten von Loeb und anderen hier nur zum Theil aufge- 
führten Forschern eine interessante Vermehrunej unserer Erfalirung'en 
über Parthenogenese und finde es ganz passend, von der natürUchen 
Parthenogenese, wie sie regelmässig in einigen Thierabtheilungen, na- 
mentlich bei Blattläusen, Bienen, Daphniden u. s. w. beobachtet wird, 
jetzt eine experimentell erzeugte oder eine künstliche zu unterscheiden. 
Auf der anderen Seite aber muss ich die von Loeb gemachten chemisch- 
physikalisclien Erklärungsversuche als verfehlte betrachten, besonders 
aber erblicke ich in dem Versuch, das Wesen der Befruchtung auf 
diesem Wege unserem Verständniss näher zu bringen, keinen Fort- 
schritt, sondern eine Rückkehr zu Ideengängen, die schon vor 6o Jahren 
in den Schriften von Bischoff und Leuckart geherrscht haben und sich 
entschuldigen Hessen, weil man von den feineren Vorgängen bei der 
Befruchtung damals noch keine Kenntniss hatte. Merkwürdigerweise 
hat Loeb letztere bei seinen Erklärungsversuchen aucli ganz unberück- 
sichtigt gelassen. Indem er den Physiologen vorhält, dass sie ein wenig 
mehr Beachtung der unorganischen Chemie zuwenden müssten (1899 
p. 138), stellt er selbst eine chemisch-physikalische Erklärung eines 
biologischen Vorgangs auf, ohne sich die Frage vorzulegen, ob sie 
überhaupt auf die biologisch bereits ermittelten Verhältnisse zutrift't 
und sie unserem Verständniss näher bringt. Dass dies nicht der Fall 
ist, lässt sich leicht zeigen. 

Denn worin besteht das Wesen der Befruchtung? Doch vor allen 
Dingen darin, dass sich zwei Individuen derselben Art, von denen das 
eine weiblich, das andere männlich ist, vereinigen, um ein drittes zu 
erzeugen, welches Eigenschaften von beiden in sich vereinigt, also ein 
Mischproduct ist. Die Befruchtung ist, wenn wir ein von Weismann 
eingeführtes Fremdwort gebrauchen wollen, eine Amphimixis, eine 
Vermischung oder Verschmelzung der Eigenschaften zweier elterlicher 
Erzeuger. Bei niederen einzelligen Organismen geht die Amphimixis 
in unmittelbarster Weise vor sich , indem die Eltei-n in dem durch ihre 
Verschmelzung entstandenen kindlichen Organismus ganz aufgehen. Bei 
höheren vielzelligen Organismen werden zu dem Zweck nur einzelne 
Zellen, Eier und Samenfäden, in welchen die Eigenschaften der Eltern 
als Anlagen repräsentirt sind, abgetrennt, da eine Amphimixis nur im 
Zustand der Zelle möglich ist. Die Befruchtungsfrage hängt daher 
untrennbar mit dem Problem der Vererbung zusammen, ja sie geht 
eigentlich in ihm auf Ei- und Samenfaden sind die Träger der von 
Vater und Mutter auf das Kind übertragenen Eigenschaften. Das wird 
besonders bei der Bastardzeugung offenbar, wenn auf ein Ei die Eigen- 
schaften einer ihm fernerstehenden Species durch den Samenfaden 
übertragen werden und wenn in Folge dessen aus ihm ein Bastard, 



Hertwio : Erklärungsversuclie zur Befruclitungslehre. ."5/5 

ein fremdartiger Organismus, mit veränderten Specieseigenscliaften 
hervorgellt. 

Wie sollten auf das Ei durch Osmose oder durdi Ionen oder 
durch katalytische Substanzen Eigenschaften des Vaters übertragen 
■werden? Wie kann man Angesichts dieses Thatbestandes von einer 
osmotischen oder chemischen Befruchtung sprechen? Die Befruchtung 
ist ein biologischer Vorgang, von dem sich zur Zeit nicht erwarten 
lässt, dass er mit den Denkmitteln und der Experimentirkunst des 
Chemikers und Physikers sich in einen chemisch-pliysikalischen Process 
wird auflösen lassen. Sie beruht auf der Verschmelzung zweier Orga- 
nismen zu einem dritten Organismus. Unzweifelhaft besteht der normale 
Gang der Naturwissenschaft darin, dass man zuerst nach den näheren 
Ursachen eines Ereignisses fragt, nicht aber mit der Frage nach den 
Endursachen beginnt. Dieses elementare naturwissenschaftliche Princip 
sollte man bei Erklärungsversuchen nicht ausser Acht lassen, daher auch 
nicht zu Physik und Chemie greifen, um einen organisatorischen Vorgang 
zu erklären, der noch ganz dem Erklärungsgebiet der Biologie angehört, 
und zwar einem sehr schwierigen Gebiet, auf welchem die biologische 
Forschung gerade eine Reihe der wichtigsten Ergebnisse aufzuweisen 
hat. Denn man hat die bei der Befruchtung sich vollziehende Ver- 
schmelzung der beiden Zellorganismen mikroskopisch in ihren Einzel- 
heiten verfolgen und feststellen können, dass hierbei der wichtigste 
Vorgang die Verschmelzung ihrer Zellkerne zu einem gemischten Kern 
ist; man hat ermittelt, dass Ei- und Samenkern eine Substanz enthalten, 
das Chromatin, das wieder bei der Karyokinese eine sehr wichtige 
Rolle spielt und in genau äquivalenten Mengen dem Zeugungsproduct 
von den Eltern zugeführt und wahrscheinlich auch in äquivalenten 
Mengen allen späteren Kerngenerationen, die vom Keimkern abstam- 
men, weitergegeben wird. Man hat sich hierdurch veranlasst gesehen, 
das Chromatin bei der Frage nach der Übertragung der erblichen Eigen- 
schaften besonders hoch zu bewerthen und es mit einem von Nägeli 
eingeführten Namen als Idioplasma zu bezeichnen. Mit immer neuen 
comjjlicirten und der grössten Beachtung werthen Erscheinungen ist 
man bei weiteren Studien bekannt geworden. Ich erinnere nur an die 
Erscheinungen des sogenannten Reifeprocesses, durch welchen geraume 
Zeit vor der Befruchtung Ei- und Samenzelle gewissermassen für ihre 
spätere Aufgabe vorbereitet werden. 

Wieder ist es das Chromatin des Kerns, welches bei der Reife 
besonders betroffen ist, indem es in beiden Geschlechtern in iden- 
tischer Weise eine Reduction erfährt. Durch die Reduction der Kern- 
substanz, welche bei der Reife der Geschlechtsproducte vor sich geht, 
wird verhütet, dass bei der Befruchtung eine Verdoppelung oder Sum- 



37ß Gesamnitsitzung vom 30. März 1905. 

mirung der Kernmasse durch die Verschmelzung zweier Kerne herbei- 
geführt wird. Indem gewissermaassen zwei Halbkerne verschmelzen, 
entsteht wieder ein einfacher Normalkern, ein Umstand, der für die 
Bedeutung des Chromatins wieder schwer in die Wagschale fällt. Hier 
ist noch zum tieferen Verständniss der Erscheinungen das Studium der 
complicirten Karyokinese und das hierbei ermittelte Zahlengesetz der 
Chromosomen heranzuziehen. 

Wenn in den mitgetheilten Thatsachen wesentliche Bestandtheile 
des Befruchtungsprocesses gegeben sind, so wird Jeder zugeben müssen, 
dass zu ihrer Erklärung mit der Behauptung, die Befruchtung sei ein 
osmotischer Process oder beruhe auf der Einführung besonderer Ionen 
oder katalytischer Substanzen in das Ei, nichts beigetragen, ja noch 
nicht einmal ein Weg eingeschlagen wird, auf welchem sich die An- 
bahnung eines Verständnisses in Zukunft erhoffen liesse. 

Zum Schluss sei noch die Frage aufgeworfen, wie in Loeb und 
anderen Forschern die Ansicht entstehen konnte, dass durch die oben 
mitgetheilten Experimente »die Befruchtung als ein chemisch -physi- 
kalischer Vorgang nachgewiesen und damit die Lösung der Frage in 
einer ganz anderen Richtung gefunden sei, als in der man sie bisher 
gesucht hatte«. Die Erklärung hierfür ist darin gegeben, dass viele 
Forsclier eine nebensächliche Erscheinung des Befruchtungsprocesses 
für das Wesentliche an ihm gehalten haben. Bei den meisten thierischen 
Eiern ist die erste, in die Augen springende Folge der eingetretenen 
Befruchtung der sofortige Beginn des Entwicklungsprocesses. Die 
reifen Eier, die bis dahin theilungsunfähig zu sein schienen und ohne 
Befruchtung bald abgestorben sein würden, werden durch den Zutritt 
des Samenfadens zu Theilungen angeregt. Insofern spielen die Samen- 
fäden bei der Befruchtung auch die Rolle eines Entwicklungs- 
erregers, wie es Richard Hertwig ausgedrückt hat. Durch dieses 
Moment ist Loeb, wie schon früher Bischoff und Leuckart, in seinem 
Urtheil offenbar so sehr bestimmt worden, dass er das eigentliche 
Wesen des Befruchtungsprocesses, welches in der Amjihimixis besteht, 
verkannt und übersehen hat. Nun lehrt aber strengere Prüfung, dass 
die Entwicklungserregung nur eine Art Begleiterscheinung der Be- 
fruchtung ist, welche häufig beobachtet wird, aber ebenso gut auch 
fehlen kann. Denn wie an vielen verschiedenartigen Beispielen sich 
zeigen lässt, kann das Ei befruchtet werden, ohne dadurch den un- 
mittelbaren Anstoss zur Entwicklung empfangen zu haben. So tritt 
bei den Wintereiern der Daplmiden und Aphiden nach der Befruchtung 
ein Ruhestadium ein, Avelches viele Monate dauert. Desgleichen ist 
bei Algen und vielen niederen, einzelligen Organismen das Resultat 
der Befruchtung bekanntlich eine Dauerspore, ein Product, welches 



Heriwio: Erklärungsversuche zur Befruchtiingslelire. Ott 

erst längere Zeit, mitunter vielleicht Jahre, ruht, ehe es zu keimen 
beginnt. Auch bei den Infusorien hat die Conjugation , bei welcher 
es zu einem Austausch von Kernsubstanzen, daher zu einer gegen- 
seitigen Befruchtung kommt, nach der Trennung der Paarlinge keine 
Vermehrung zur unmittelbaren Folge, sondern ein längeres Ruhe- 
stadium, in welchem eine Reorganisation des Organismus vor sich geht. 

Entwicklungserregung gehört also, wie die angeführten Beispiele 
gelehrt haben, nicht zum Wesen der Befruchtung, sondern kann nur 
als etwas ihr unter Umständen Hinzugeselltes bezeichnet werden. Auch 
kann ja das Ei sich theilen und entwickeln, ohne überhaupt befruchtet 
worden zu sein. Das lehren die zahlreichen Fälle von Parthenogenese, 
überhaupt die Thatsache, dass die Mehrzahl pflanzlicher und thierischer 
Organismen sich sowohl auf imgeschlechtUchem als auf geschlechtlichem 
Wege, oft in regelmässig alternirenden Cyklen. fortpflanzen. Mit Recht 
hat daher Richard Hertw-ig bemerkt: Wie es Befruchtung ohne Ent- 
wicklungserregung giebt, so giebt es Entwicklungserregung ohne Be- 
fruchtung (die Partlienogenese). 

Durch unsere Erörterimgen sind wir zu dem Ergebniss gelangt, 
dass die Experimente von Loeb das Wesen der Befruchtung gar nicht 
berühren und daher auch zu ihrer Erklärung nichts beitragen können. 
Wir werden durch sie nur mit einigen Agentien bekannt gemacht, 
durch welche Eizellen zur Theilung und zu einer bald mehr, bald minder 
weit vor sich gehenden Entwicklung, welche meist eine pathologische 
oder anormale* ist, angeregt werden. Hier tritt noch eine letzte Frage 
an uns heran: Ist auf diesem Wege zu erhoffen, dass es gelingt, wie 
Abderhalden meint, wenigstens den rein äusseren Process der Ent- 
wicklung der Eier physikalisch -chemisch zu erklären? Auch auf diese 
Frage ist mit einem »Nein« zu antworten. Meine Stellung zu ihr 
werde ich am raschesten durch einen Vergleich erläutern. Nehmen 
wir ein sehr complicirt gebautes mechanisches Kunstwerk, z. B. eine 
Uhr, die verschiedenen Zwecken dient und deren Gang daher auf dem 
kunstgerechten Ineinandergreifen vieler Rädchen beruht und auf dem 
richtigen Functioniren der verwandten Triebkräfte, dem Spannungs- 
grad der Federn oder dergleichen. Wenn ein solches mechanisches 
Werk nicht geht, so kann dies, und zwar je complicirter es gebaut 



' Bei den früher erwähnten Experimenten beginnt immer nur ein bald grösserer, bald 
kleinerer Theil der zum Versurh verwandten Eier sich zu furchen. Nach Durchlaufung 
der ersten Entwicklungsstadien sterben häufig die Eier früher oder später nachträglich 
ab. Nicht selten zeigt der Furchungsprocess Abnormitäten, wie Knospenfurchung u.s. w. 
Bei Chaeiopiems trennen sich bei einem grossen Theil der Eier die zuerst gebildeten 
Embryonalzellen in 2 oder 3 Gruppen, die sich getrennt von einander weiter ent- 
wickeln , so dass aus einem Ei mehrere Zwerglarven hervorgehen. 

Sitzungsberichte 1905. 37 



378 Ge.sanimtsitzung vom 30. März 1905. 

ist, um SO mehr auf den verschiedensten Ursachen oft sehr gering- 
fügiger Art beruhen, entweder darauf, dass ein Sandkörnchen sich 
zwischen zwei Zähnchen eingeklemmt und das Räderwerk zum Still- 
stand gebracht hat, oder darauf, dass eine Feder nicht mehr ge- 
nügend angespannt ist, um die erforderliche Triebkraft zu liefern, oder 
auf anderen derartigen Umständen, deren man sich noch viele je nach 
der complicirten Structur des Werkes ausdenken könnte. Je nachdem 
das eine oder andere der Fall ist, würde man durch sehr verschiedene 
Eingriffe das Werk wieder in Gang bringen können. Ein Verständniss 
der Uhr, einen Einblick in die Ursachen, warum die Uhr in der be- 
stimmten Weise gesetzmässig geht, würde man jedoch durch diese 
Eingriffe nicht gewinnen, wenn die in einem Gehäuse eingeschlossenen 
Structurtheile der Uhr und ihr Ineinandergreifen uns unbekannt blieben. 

Nicht anders verhält es sich mit dem lebenden Zellenorganismus, 
welcher ein noch viel complicirteres Naturwerk und zugleich auch 
unserem Verständniss viel feiuier gerückt ist, weil sein Leben vor- 
zugsweise auf dem Ineinandergreifen chemischer Processe von ausser- 
ordentlich zahlreichen und verschiedenartigen chemischen Bestandtheilen 
beruht. 

Eine der fundamentalen Grundeigenschaften des Organismus , welche 
mit seinem ganzen Bau zusammenhängt, ist seine Fähigkeit, sich durch 
Theilung zu vermehren, wie es eine Eigenschaft der Uhr ist, mit 
dem Zeiger die Stunden anzuzeigen. Ob eine Zelle oder ob das Ei 
sich zu einer Theilung anschickt, das hängt von vielerlei begleiten- 
den Umständen ab, von Ursachen oft sehr geringfügiger Art im Ver- 
gleich zu dem complicirten Ursachencomplex, der in der Organisation 
der Zelle selbst gegeben ist. Wir können durch sehr verschiedene 
äussere Eingriffe den Theilungsprocess, zu dem in der Organisation der 
Zelle Alles vorbereitet ist, in Gang bringen, und dabei erfahren wir 
durch die Natur des Eingriffes über die Organisation der Zelle und 
über die in ihr gelegenen Ursachen, durch die jetzt ihre Theilung 
erfolgt, nicht das Geringste. Durch Schütteln wird das Ei der See- 
sterne, durch Osmose, welche einen Wasserverlust von Seiten des Eies 
herbeiführt, das Ei der Seeigel, durch Kaliverbindungen in geringer 
Menge das Ei von Chaetopterus , durch Temperaturgrade von 30 — 40 C. 
das befruchtete Vogelei, welches sich bei 15° C. trotz Befruchtung 
nicht entwickelt und abstirbt, zu Theilungea und eventuell auch zu 
weiterer Entwicklung veranlasst. Wie die Eizellen verhalten sich auch 
die übrigen Gewebszellen; sie können durcli äussere Eingriffe, welche 
man in der Pathologie gewöhnlich als P]ntzündungsreize zusammen- 
fasst, zu Teilungen von uns veranlasst werden, Hornhautzellen durcli 
Ätzung der Hornhaut mit dem Silberstift, Pflanzengewebe durch den 



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Stich von Insecten, welche Gallenbildung zur Folge haben. Durch 
alle derartigen Elrfahrungen, die etwas Gemeinsames haben und dem 
Gebiet der ReizjDliysiologie angehören, erweitern wir unsere Kennt- 
nisse über die Reactionsweise der lebenden Substanz gegen äussere 
Kingriffe, die mechanische, chemische, thermische, elektrische u. s. w. 
sein