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Full text of "Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Mathematisch-Naturwissenschaftliche Classe"

KöHi 






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OF 



COMPARATIVE ZOÖLOGY, 



AT HARVARD COLLEGE, CAMBRIDGE, MASS. 



The gift of 4JU 

No. i*3a. 



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SITZUNGSBERICHTE 



DKI! KAISI.ltl l< IIKN 



IklDElllK DER WISSENSCHAFTEN. 



MATHEMATISCH-N ITURWISSENSCB IFTLICHE GL ISSE. 



STEBENUNDDRElSSIGSTER RANI». 



WIEN. 

AUS DER K. K. HOF- UNI) STAATSDRUCKEREI. 



IN COMMISSION BEI KARL REROLD'S SOHN. BUCHHÄNDLER DKB KAIS. AKADEMIE 
DER WISSENSCHAFTEN. 

1850. 



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AKADEMIE I)EK WISSENSCHAFTEN. 



s1ebenunddreissigster band. 

Jahrgang 1859 ' 17 bis 22 

(Hit 30 «affin.) 

— -**e£9 ® &*■*— 



WIEN. 

AUS DER K. K. HOF- ÜNÜ STAATSDRUCKEREI. 

IN COMMISSION BEI KARL UEROLD'S SOHN. BUCHHÄNDLER DER KAIS AKADEMIE 
DER WISSENSCHAFTEN. 



1859. 



I N II A L T. 



St'ite 

Sitzung' vom 7. Juli 1850 3 

Haidinger, Das zweite Jahr der Erdumsegelung Sr. Majestät 

Fregatte Novara 5 

Maly, Notiz über das vierfach molybdänsaure Amnion .... 25 

Kauer, Chemische Analysen einiger Mineralwässer 27 

Sachs, Physiologische Untersuchungen über die Keimung der 

Schminkbohne (Phaseolus multiflorus). (Mit 3 Tafeln.) . 5? 

Sitzung' vom 14. Juli 1859 121 

Hochstelter, Bericht über geologische Untersuchungen in der 

Provinz Auckland (Neu-Seeland) 123 

Butte, Über die Strasse von Prisren nach Scutari in Ober- 
Albanien 128 

Brücke, Beiträge zur Lehre von der Verdauung. (I. Abiheilung.) 131 

Suess, Über die Wohnsitze der Brachiopoden 185 

Schmidt, Das Elen mit dem Hirsch und dem Höhlenbären fossil 

auf der Grebenzer Alpe in Obersteyer. (Mit 1 Tafel.) 240 

Sitzung vom 21. Juli 1859 250 

Preisaufgaben 261 

Wcdl, Beiträge zur Pathologie der Blutgefässe. (Mit 3 Tafeln.) 265 
Sandberger, Einige Bemerkungen über den Nattt. umbilicatus 

Chemn., genabeltes Schiffsboot (lebende Art von den 

Mollucken) 286 

Fittinger, Untersuchungen über die Bacen der Hausziege. 

11. Abtheilung 280 

Hone, Über die wahre geognostische Lage gewisser, in Wien als 

Reibsand gebrauchter dolomitischer Breccien-Sande . . 356 
Vintschgau, 31. Cur. dt, Intorno dall' azione esercitata da 

aleuni gas sul sangue 366 



VI 

Seite 

Weiss, Die Krystallformen einiger chemischen Verbindungen. 

(Mit 1 Tafel.) 371 

v. Lang, Bestimmung der Hauptbrechungsquotienten von 

Galmei und unterschwefelsaurem Natron 370 

Kanal, Über die Krystallformen einiger chemischen Verbin- 
dungen. (Mit 1 Tafel.) 386 

Keil, Physikalisch-geographische Skizze der Kreuzkofel-Gruppe 

nächst Lienz in Tirol. (Mit 1 Tafel.) 393 

Stefan, Über ein neues Gesetz der lebendigen Kräfte in 

bewegten Flüssigkeiten 420 

Daubrawa, Zur Milchprobe 439 

Sitzung vom 6. October 1859 440 

Boehm, Über den Einfluss der Sonnenstrahlen auf die Chloro- 
phyllbildung und das Wachsthum der Pflanzen überhaupt 453 

Blaserna, Mach und Peterin, Über elektrische Entladung und 

Induction 477 

Tschermak, Untersuchungen über das Volumsgesetz flüssiger 

chemischer Verbindungen. (Mit I Tafel.) 525 

Basslinger, Rhythmische Zusammenziehungen an der Cardia 

des Kaninchenmagens (Cardiapuls) 569 

Tschudi, Über einige elektrische Erscheinungen in den Cor- 

dilleras der Westküste Süd - Amerika's 575 

Frit.sc/i, Instruction für phänologische Beobachtungen aus dem 

Pflanzen- und Thierreiche 591 

Sitzung' vom 13. October 1859 . . . , 637 

Geld, Süll' apparato cartilagineo delle valvole sigmoidee negli 

uccelli. (Con 4 tavole.) . 641 

Steindachner , Beiträge zur Kenntniss der fossilen Fisch-Fauna 

Österreichs. (Mit 7 Tafeln.) 673 

Wiesner, Untersuchung über die Lage der charakteristischen 

Riefen an den Axenorganen der Pflanzen. (Mit 2 Tafeln.) 704 

Diesing, Bevision der Bhyngodeen. (Mit 3 Tafeln.) .... 719 

toitziiiig' vom 20. October 1859 783 

Tschudi, J. J. v., Über ein meteorisches Phänomen .... 787 

Frauenfeld, Ausflug nach dem Adamspik auf Ceylon .... 789 
Haidinger, Mittheilungen von Herrn J. F. Julius Schmidt 

über Feuermeteore 803 

.Molin, Nuovi Myzelmintha raccolti ed esaminati ecc. (Con 3 tav.) 818 



SITZUNGSBERICHTE 



KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



MATHEMATISCH -NATURWISSENSCHAFTLICHE CLASSE. 



XXXVII. BAND. 



"SITZUNG VOM 7. JULI 1859. 



N217. 



XVII. SITZUNG VOM 7. JULI 1859. 



Herr Sectionsrath Hai ding er übersendet den zweiten Bericht 
des Herrn Dr. Karl Scherzer, Valparaiso, 29. April 1859: „Das 
zweite Jahr der Erdumsegelung Sr. Majestät Fregatte Novara". 

Von Herrn Prof. Gottlieb ist eingelangt eine: „Notiz über 
die Zusammensetzung des vierfach-molybdänsauren Ammons" , von 
Herrn R. Maly. 

Herr Dobner von Rautenhof, Ingenieur in Pressburg, über- 
sendet ein „Programm über die Erfindung einer neuen Triangulirungs- 
Methode". 

Vorgelegt wurden ferner folgende Abhandlungen: 

Von Herrn Prof. Ed. Suess, Custos-Adjunct am k. k. Hnf- 
Mineralien-Cabinet: „Über die Wohnsitze der Brachiopoden". 

Von Herrn A. Kau er: Chemische Analysen einiger Mineral- 
wässer, die im Laboratorium des Herrn Prof. Redtenbacher 
ausgeführt wurden und zwar: 

1. des Haller Jodwassers; 

2. des Rodisfurther Gemeinde- Sauerbrunnens, genannt 
der Wiesensäuerling; 

3. der Ferdinandsquelle bei Rohitsch. 

Nuovi Myzelmintha racolti ed esaminati dal Prof. Dr. R. Mol in. 

An Druckschriften sind eingelangt: 

Akademie der Wissenschaften, königl. Preussische. Monatsbericht. 
April und Mai. Berlin, 1859; 8°- 

1* 



Annalen der Chemie und Pharmacie, herausgegeben von F. Wo li- 
ier, J. Lieb ig und H. Kopp. Band CX, Heft 3, Juni. Leipzig 
und Heidelberg, 1859; So- 
Astronomische Nachrichten. Nr. 1199, 1200. Altona, 1859: 4«- 
Au stria. XI. Jahrgang, Heft 25, 26. Wien, 1859; So- 
Basel, Universitätsschriften. 1858/9. 
Cosmos. Annee VIII, vol. XIV, livr. 25. Paris, 1859; 8o- 
Hamburger Stadtbibliothek. Gelegenheitsschriften, 1859; 4°- 
Journal of the asiatic society ofBengal. Nr.CCLXIX, Nr.IV, 1858. 

Calcutta; 8°- 
Land- und forstwirtschaftliche Zeitung, allgemeine, redigirt von 
Prof. Dr. Arenstein. IX. Jahrgang, Nr. 19, 20. Wien, 1859; 8o- 
Mitth eilungen aus Justus Perthes geographischer Anstalt, von 

Dr. A. Petermann. 1859, Nr. V. Gotha; 4o 
Übersicht der bei dem meteorologischen Institute zu Ber- 
lin gesammelten Ergebnisse der Wetterbeobachtungen auf den 
Stationen des Preussischen Staates und benachbarter für den 
Zweck verbundener Staaten, für die einzelnen Monate des 
Jahres 1855. Berlin, 1859; 4«- (4 Ex.) 
Wiener medizinische Wochenschrift, von Dr. Witt e I shüfer. 

IX. Jahrgang, Nr. 26, 27. 1859; 4°- 
Zeitschrift, kritische, für Chemie und die verwandten Wissen- 
schaften und Disciplinen, als: Pharmacie, Technologie, Agri- 
cultur-Chemie, Physik und Mineralogie, herausgegeben von Dr. 
E. Erlenmeyer und Dr. G. Lewinstein. Heft 1, 2. Erlan- 
gen, 1859; 8o- 



MITTHEILUNGEN UND ABHANDLUNGEN. 



Das zweite Jahr der Erdumsegelung S. M. Fregatte Novara. 
Bericht von Herrn Dr. Karl Scherzer vom 29. April 1859, 

erhalten und vorgelegt in der Sitzung der mathem.-naturw. Classe der kais. Akademie der 
Wissenschaften am 7. Juli 18Ö9 

von dem w. M. W. Hai ding er. 



Y o r w o r t. 

Ich überreiche der hochverehrten Classe beifolgenden von 
Herrn Dr. Karl Scherzer unter dem 29. April 1859 datirten, 
von Valparaiso an mich freundlichst übersandten Bericht über die 
Ergebnisse der Erdumsegelung durch S. M. Fregatte „Novara", 
welcher sich an einen früheren aus den Gaspar-Straits vom 30. April 
1858 anschliesst der in den Mittheilungen der k. k. geographischen 
Gesellschaft (II. Jahrg. 1858, S. 305) erschien. 

„Wenige Tage, nachdem Herr Dr. Scherzer diese Übersicht 
an mich abgesandt, erreichten die neuesten Wiener Nachrichten und 
das amtliche Packet den Herrn k. k. Commodore von Wüllerstorf 
mit dem Dampfer von Panama. Der unmittelbar vorhergehende 
Dampfer hatte nur einzelne Briefe gebracht , aber wegen eiliger 
Abfahrt, da sich der Zug von Aspinwall nach Panama verspätet, die 
grösseren Packete zurückgelassen. Nun entschloss sich der Herr 
Commodore, was immer noch von Plänen zur Untersuchung an der 
Westküste von Südamerika vorlag, aufzugeben und rasch die Heim- 
fahrt anzutreten, was auch am 11. Mai vollzogen worden ist. Er 
wird nirgends mehr einlaufen und ohne Aufenthalt bis Gibraltar 
segeln. Man rechnet 80 Segeltage auf eine gute Durchschnittsfahrt. 
Dies würde für die Ankunft in Gibraltar den 31. Juli wahrscheinlich 



() Haidinger. Scherzer. 

machen. Aber bei der ausschliesslich der Wasserfahrt gewidmeten 
Zeit fehlt alle Möglichkeit, wissenschaftliche Forschungen derjenigen 
Richtung, der Ethnographie, Statistik, Eröffnung von Correspondenzen 
u.s.w. anzustellen, welche Herr Dr. Scherze r repräsentirt. Dieser 
entschloss sich daher, den Theil des Rückweges von Valparaiso bis 
Gibraltar getrennt von der „Novara" einzuschlagen, um doch die 
grösste Masse neuer Erfahrungen aus jenen Gegenden aufzusammeln, 
die für uns Österreicher durch die Erdumsegelung der „Novara" 
eröffnet sind. 

Herr Dr. Scherzer macht nun diesen Weg auf seine eigenen 
Unkosten. Er verliess Valparaiso am 16. Mai und erreichte Lima 
am 25. Dort fand er die für die k. k. Fregatte „Novara" bestimmten 
Packete, was zum Theil auch Veranlassung war, den Wunsch rege 
zumachen, dass ein Mitglied der Expedition nach Lima käme. Von 
dort erfreute er mich mit einem vom 27. datirten Schreiben. Er 
beabsichtigte am 12. Juni abzureisen über Guayaquil, Panama, 
Cartagena, um voraussichtlich am 15. oder 16. Juni in der regel- 
mässigen Dampfschiffverbindung in Southampton anzukommen, und 
mit dem dortigen Postdampfer am 25. Juli in Gibraltar zu sein. 

Durch den von unserem hochverehrten Freunde Herrn Dr. 
Scherzer, mit voller Beistimmung des Herrn Commodore von 
Wüllerstorf gefassten Entschluss dürfen wir nun daraufrechnen, 
dass auch der von ihm zusammenzustellende Schlussbericht ähnlich 
den beiden der ersten zwei Jahre reich und anregend ausfallen 
wird, eine gleichartige Ergänzung zu den Ergebnissen unserer Erd- 
umsegelung, welche sonst in dieser Richtung bei der durch die 
drohenden Zeitverhältnisse gebotenen raschen Rückfahrt uuver- 
hältnissmässig einförmig geblieben wäre. Wir dürfen also wohl in 
der Hälfte August der Ankunft der Fregatte „Novara" in Triest 
und gegen das Ende dem Eintreffen unserer hochverehrten und 
hochverdienten Freunde in Wien in freudiger Zuversicht entgegen- 
sehen. 



„Gleichwie zu Ende des ersten, so erlaube ich mir auch jetzt am 
Schlüsse des zweiten Jahres der Weltfahrt der „Novara" Rechenschaft 
abzulegen, auf welche Weise ich die Vortheile meiner Lage henützt 
habe, um mich der für mich so ehrenvollen Theilnahme an diesem 



Das zweite Jahr der Erdumsegelung S. M. Fregatte Novara. 7 

grossartigen vaterländischen Unternehmen nicht ganz unwürdig zu 
zeigen. 

Der Beginn des zweiten Novara-Jahres traf die kaiserliche Expe- 
dition unter Segel, auf der Fahrt von Singapore nach Rata via, wo 
dieselbe am 5. Mai 1858 anlangte. Im Laufe der letzten 12 Monate 
wurden die folgenden Punkte berührt: Batavia, Manila, Hongkong, 
Shanghae, Pouynipet (im Carolinen-Archipel), Sikayana (Stewarts- 
Gruppe), Sydney (Australien), Auckland (Neuseeland), Papeete 
(Tahiti), Valparaiso. 

Die lang genährte Hoffnung des hochverehrten Chefs der Expe- 
dition, die Insel Guaham (im Mariannen-Archipel) und einige Inseln 
der Salomonsgruppe besuchen zu können , scheiterte leider an der 
Ungunst der Witterungsverhältnisse, so wie an der Kürze der Zeit, 
welche uns nur mehr auf Grund der officiellen Instructionen für die 
noch zu berührenden Hafenplätze in Australien, Oceanien und Süd- 
Amerika übrig blieb. Am längsten verweilten wir in Batavia (24Tage) 
und in Sydney (32 Tage). Im Ganzen brachten wir im verflossenen 
Jahre 203 Tage unter Segel und 162 Tage am Lande zu. 

Die glänzende Aufnahme, die uns in den meisten der besuchten 
Orte von allen Ständen der Gesellschaft zu Theil wurde, die erhe- 
benden Sympathien, welche die Zwecke der kaiserlichen Expedition 
allenthalben, namentlich unter den Männern der Wissenschaft erweck- 
ten, hatten auf meine Arbeiten und Sammlungen den glücklichsten 
Einfluss. Unter dem Schutze einer europäischen Grossmacht, im 
Interesse wissenschaftlicher Forschungen die Erde umschiffend, be- 
durfte es nicht erst, wie beim einsamen Reisenden, eines längeren 
Aufenthaltes an einem Orte, oder der Gunst des Zufalls, um mit 
den einflussreichsten und hervorragendsten Persönlichkeiten bekannt 
und vertraut zu werden; fast überall beeilte man sich unsere Absich- 
ten kennen zu lernen, unseren Wünschen zuvor zu kommen. Wenige 
Wochen reichten oft hin, uns in den Besitz eines schätzenswerthen 
Materiales zu setzen, einen vorteilhaften Verkehr zwischen den 
wissenschaftlichen Instituten in den entferntesten Theilen der Erde 
und jenen der Heimath anzubahnen und mit gleichgesinnten For- 
schern Verbindungen zu knüpfen, welche für die Wissenschaft eben 
so vorteilhaft, als sie dem Herzen wohlthuend sind. Die Kürze des 
Aufenthaltes in den einzelnen Hafenplätzen, wodurch sich eine Erd- 
umsegelung so entschieden im Nachtheil befindet gegen andere 



$ H a i d i n g e r. S c li e r i. e r. 

wissenschaftliche, nach einem einzigen Brennpunkte der 
Untersuchung gerichtete Expeditionen, wurde durch die er- 
wähnte Gunst der Umstände minder fühlbar gemacht, und hinderte 
nicht die Erreichung so manches nachgestrebten Zweckes. 

Der warmen Theilnahme und Unterstützung von Gelehrten und 
Freunden der Wissenschaft in den meisten von uns besuchten Nie- 
derlassungen, muss ich es hauptsächlich Dank wissen, wenn es mir 
auch in dem eben verflossenen zweiten Novara-Jahre gelungen, auf 
dem Gebiete der Länder- und Völkerkunde einige neue Erfahrungen 
zu sammeln und die vaterländischen Museen mit manchen werth- 
vollen ethnographischen und anthropologischen Gegenständen zu 
bereichern . Aber nicht minder verpflichtet fühle ich mich gegen den 
wissenschaftsfördernden Chef der kaiserlichen Expedition , Commo- 
dore von Wü llersto rf-Urbair, für die wohlwollende Weise, in 
welcher derselbe durch die Macht und den Einfluss seiner Stellung 
meine Strebungen so kräftig fördern half. 

Die folgenden Blätter enthalten eine Aufzählung der sämmtli- 
ehen, im Laufe des zweiten Novara-Jahres über die besuchten Län- 
dertheile und deren Bewohner von mir verfassten Aufsätze, so wie 
eine Liste aller gleichzeitig erworbenen Gegenstände, und endlich 
ein Verzeichnis derjenigen Gelehrten und Freunde der Wissenschaft, 
welche sich mir im Interesse der Novara-Expedition besonders hilf- 
reich und nützlich erwiesen haben. 

I. Batavia (Aufenthalt vom 6. bis 29. Mai 1858). 
A. Aufsätze. 

i. Beitrüge zur Kenntniss der Sprachen und Völkerstämme Java's. 

2. Die handelspolitischen Verhältnisse Batavia's. 

3. Heilwissensehaftliche Notizen, gesammelt während meiner Reise um 
die Erde. V. Batavia. 

H. Für die Zwecke der Expedition erworbene Gegenstände : 

1. Vocabularium der malayischen Sprache (nach Ga 11 ati n's Systein), 

2. „ „ sundaischen Sprache. 

3. „ „ javanesischen Volkssprache (ngoko). 

4. „ „ „ Hof- oder ceremoniellen Sprache 
(Kromo). 

.t. Vocabularium der javanesischen Sprache mit chinesischen, lateinischen 

und japanesischen Buchstaben. 
6. Sprachproben der Bugis, Macassaren und Battaker. 



Das zweite Jahr Her Erdumsegelung S. M. Fregatte Novara. {) 

7. Javanesische Gedichte in der Kawisprache, auf Palmblätter ge- 
sehrieben. Gefunden am Berge Merbäbu. 0600 Fuss über dem Meere 
in der Provinz Kadii im Centrum Java's. 

8. Lithographien verschiedener japanesischer Gegenstände, vor meh- 
reren Jahren von der Gesellschaft der Künste und Wissenschaften 
in Batavia zur Veröffentlichung beabsichtigt, aber nicht herausge- 
geben. 

9. Botanik im Japanesischen mit Holzschnitten. 

10. Tjidsehrift der Vereeniging tot Bevordering der geneeskundipre 
Wetenschappen inNederlandsch Tndie 1851 — 1857, 1. — 3. Jahrgang. 

11. Omschrijving van het Sumnier-Zieken-Bapport der Civiel Genees- 
kundige Dienst of Java, Madura en de Buitlenbezittingen voer het 
Jaar 1856, opgemaakt door G. Was sink etc. 

12. De Oorlog op Java van 1823—30 door A. W. P. Weitz el, Breda, 
1832. 2. vol. 

13. Complete Sammlung sämmtlicher von Dr. P. Bitter von Bleeker von 
1844 — 1858 veröffentlichten wissenschaftlichen Abhandlungen und 
Werke. 9 Bände. 

14. Herinneringen uit den Levensloop van en indisch Ambtenaar van 
1815 tot 1851. Medgedeeld in Brieven door E. Francis. Batavia 
1856, 2. vol. 

15. Boegineesch Heldendicht op Daeng Kalabo, warin onder andere de 
dood van den Ambtenaar Baron Collot d'Escury en de Zege- 
praal der Hollandsche Wapenen bezon^en worden. Voor het eerste 
uitgegeven en verhaald door D. B. F. Mathe 8. Makassar 1858 
(das erste in Makassar auf Celebes auf der Buchdruckerpresse 
gedruckte Buch). 

16. Statistisch-politische Bemerkungen über Java, von einem Begierungs- 
Beamten. 

17. Handelspolitische Notizen und statistische Angaben über den 
Handelsverkehr der Inseln Java und Madura, im Jahre 1856. 

18. Statistick van den Handel en de Scheepvaart op Java en Madura, 

sedert 1825. Uit officieele bronen bijenverzameld door G. F. de 
Bruijn-Kops. Batavia 1857. 2 vol. 

19. Bericht des General-Gouverneurs von Holländisch-Indien an die 
zweite Kammer im Haag über den Zustand der Colonien, 1855. 

20. Publicationen der Gesellschaft öffentlicher Nützlichkeit in Batavia, 
1857. 

21. Verschiedene Schriften naturwissenschaftlichen und national-ökono- 
mischen Inhaltes von J. Münich. 

22. Glasperlengürtel der Bewohner der Engano-Inseln, westlich von 
Sumatra (5° südlicher Breite, 120° östlicher Länge). 

23. Lendengürtel aus Pflanzenfasern, von eben daselbst. 

24. Tjimaf oder Talisman von H ad j i-Wachia , einen der Anführer des 
Aufstandes in den Lampongs , an der Südspitze von Sumatra, im 
Jahre 1856. 



II .i i il i M g r i , Scherzet*. 

25. Erzählungen von H adj i-Wachia, im Arabischen, 12°, in den 
Lampongs erobert. 

26. Gesticktes Taschentuch aus den Lampongs, 1856. 

27. Nothpatronen aus Stein aus den Lampongs. 

28. Pulverhörner aus den Lampongs. 

29. Ani-Ani, eine Art Sichel zum Reismähen , von Java. 

30. Tschang-teng, Werkzeug zum Bemalen der Sarongs (einheimischen 
Röcke und Tücher). 

31. Sarongs (bemalte und unbemalte Stücke). 

32. Tschang-long, Pfeifen für Opium-Raucher. 

33. Zwei Hüte der Eingebornen Sumatra's. 

34. Modelle vonAckerbaugeräthen aus Sumatra (Pflug, Wasserrad, Egge, 
Häckselmaschine). 

35. Kris eines Häuptlings aus Borneo. 

36. Kris in vergoldeter Metallscheide aus Sumanäp auf der Insel Madura. 
vom alten Sultan Pakou-Nata-Ningrat. Die Klinge ist vom 
Sultan selbst verfertigt. 

37. Kris aus den Lampongs auf Sumatra. Familien-Waffe des Fürsten 
Mangko u - Negara, eines der Häupter des Aufslandes vom 
Jahre 1856. 

38. Kris eines Häuptlings aus Borneo. 

30. Brief in der Sprache der Battaker auf Bambus-Rohr geschrieben. 

40. Sammlung von 29 Stück seltener Münzen aus dem indischen Archipel. 

41. Fünf Toilettestücke aus Holz geschnitzt und reich verziert, welche 
die Javanesen einer Neuvermählten zum Geschenk zu machen pflegen. 

42. Figur aus Elfenbein geschnitzt, von der Insel Madura. 

43. Körbe von verschiedenen Formen aus der Preanger Regentschaft 
und von der Insel Madura. 

44. Schaufel (Gayöng) aus Palembang. 

45. Kopfputz aus Menschenzähnen, von den Dayakern auf Borneo. 
getragen. 

46. Halsgeschmeide von Wolfszähnen, aus dem DistrictSamhos auf Borneo. 

47. Kopfputz aus Vogel-Federn und Rotanggürtel eines Da yakers. 

48. Tableau sämmtlicher Wafl'en, Utensilien und landwirtschaftlicher 
Geräthe der Sundaneser auf Java. 

49. Panavar-Djambe, blutstillendes Heilmittel aus Borneo. 

50. Sieben Modelle von Häusern, ^Arbeitszeugen, Musik-Instrumenten und 
Geräthschaften der Javanesen. 

51. Tableau der Wafl'en der Sundanesen und Javanesen. 

52. Geräth zum Garnaufwinden , von Borneo. 

53. Lendengürtel aus Baumrinde der Poggi-Insulaner, westlich von 
Sumatra. 

54. Tätowir-Instrumente der Poggi-Insulaner. 

55. Tabakspfeife der Poggi-Insulaner. 

56. Biälter aus Baumrinde mit Chiffern (muthmasslicb Spielkarten) aus 
Tomari (Celebes). 



Das zweite Jahr der Erdumsegelung' S. M. Fregatte Novara. [ \ 

!>7. Bast, aus dem die Eingebornen von Tomari (Celebes) ihre Kleidungs- 
stücke verfertigen. 

!>8. Schädel eines Chinesen, welcher während des Aufslandes der Chine- 
sen auf Boi*neo im Jahre 1819 gelödtet wurde. 

39. Dayakerschädel aus Borneo nebst geflochtenem Korb, worin die 
Eingebornen Borneo's den Feinden abgehauene Schädel zu ver- 
wahren pflegen. 

60. Dayakerschädel als Trophäe aus Kampong Limbang auf Borneo. 

61. Vierundfünfzig Crania der verschiedenen Bacen des malayischen 
Archipels, so wie von Chinesen, südamerikanischen Indianern und 
Äthiopiern '). 

62. Menschenschädel, im Magen eines Haifisches in der Bhede von 
Batavia gefunden (muthmasslich der kaukasischen Baee angehörend). 

63. Zwei Orang-Utang-Schädel aus Borneo. 

64. Sammlung der wichtigsten Natnrproducte Java's a ). 

C. Personen, welche sich dem Gefertigten in Batavia in der Verfolgung 
seiner wissenschaftlichen Zwecke besonders hilfreich und nützlich 
erwiesen haben. 
Dr. P. Bitter von Bleeker. Präsident der Gesellschaft für Künste und 

Wissenschaften im Niederländisch-Indien u. s. w. 
Dr. G. Wassink, Chef des Medicinal- Wesens in Niederländisch- 
indien u. s. w. 
E. Netscher, Directionsmitglied der Gesellschaft für Künste und 

Wissenschaften u. s. w. 
Oberst W. C. von Schierbrand, Chef des Genie-Corps u. s. w. 
Dr. F. Junghuhn, Inspector der Chinapflanzungen auf Java. 
J. Münich, Directionsmitglied und Bibliothekar der Gesellschaft der 

Künste und Wissenschaften. 
A. Fräser, königl. grossbritannischer Consul. 
Dr. J. K. van der Broek. 
W. J. E. Teyssmann, Director des botanischen Gartens in Builenzorg. 

II. Manila (Aufenthalt vom 15. bis 24. Juni). 
.4. Aufsätze. 

1. Über die Eingebornen der Philippinen und ihre Idiome. 

2. Voeabularium der Tagalischen Sprache, wie dieselbe dermalen auf 
Luzon und den anderen Inseln des Philippinen-Archipels gesprochen 
wird. (Nach Gallatin's System.) 



l ) Kiese sowie die spater aufgezählten Crania wurden in Gemeinschaft mit Herrn 

Dr. E. Schwarz, erworben. 
'-) Die ineisten dieser für die Zwecke der kaiserlichen Expedition erworbene Bücher 

und ethnographischen Gegenstände wurden, insoferne sie vorläufig der Gefertigte 

nicht weiter zu seinen Studien und Arbeiten bedurfte , in fünf Kisten wohl verpackt 



I /C Hai il i n <* e r. S c li erze r. 

3. Handelspolitische Notizen über Manila. 

4. Über den Manilahanf (Abaca) f ) und dessen Wichtigkeit für maritime 
Zwecke. 

B. Erworbene Gegenstände. 

1. Diccionario geografico e stadistico-historico de las islas filipinas por 
C. M. ßuceta y f. Felipe Bravo. Madrid 1850. 2 vol. 

2. Vocabulario de la lengua Ygorrota segun se ha podido sacar de las, 
que continuamente bajan en este puehlo de Cavayan, anno de 1817 
(Manuscript). 

3. Vocabulario de los Ylongotes de la Provincia de Nueva Exija en el 
Norte de Luzon 1858 (Manuscript). 

4. Diccionario Ybanäg-Espainol. Manila 1854. 

5. Vocabulario de la lengua Tagala. Manila 1835. 

6. Vocabulario de la lengua Ylogana. Manila 184(1. 

7. Diccionario Bisaya-Espanol. Manila 1851. 

8. Arte nucvo de la lengua Ybanäg. Manila 1854. 

9. Arte de la lengua Bicol. Sampaloc 1795. 

10. Arte de la lengua Tagala y Manual Tagalog. Manila 1850. 

11. Arte de la lengua Bisaya-Hiliguayna de la isla de Panay. Manila 1818. 

12. Arte de la lengua Panipanya. Manila 1729. 

13. Compendio y Methodo de la suma de las reglas del arte del idioma 
Ylocano. Sampalac 1792. 

14. Diccionario Espanol y Mariano, con vna breva esplicacion del Modo 
eomo se debeti pronunciar las patabras elc. (Manuscript). 

15. Las islas Marianus en el Archipelago de San Lazaro etc. (Manuscr. ). 

16. Guia de forasteros en las filipinas, paro el ano 18öS. Manila. 

17. Balanza mercantü de la renta de Aduanas, J8S4 — SS. Manila. 

C. Personen, welche sich dem Gefertigten in Manila in der Verfolgung 
seiner wissenschaftlichen Zwecke besonders hilfreich und nützlich 
erwiesen haben. 

M. Giraudier, Kedacteur des Boletin oficial. 

H. W. Wood, Geolog. 

J. S. Steffan, Bremer Consul. 

P. Fray Joaquin Fonseca, Dominicaner. 

Doctor Fülle rton. 

III. Hongkong- (Aufenthalt vom 5. bis 17. Juli). 

A. Aufsätze. 

1. Ein Beitrag zur Ethnographie China's. 

2. Vocahularium desHakka-Dialektes, wie derselbe in derProvinzKong-si 
und in verschiedenen Kreisen der Provinz Kong-tung gesprochen wird. 



am 28. Mai 18,'58 Herrn Consul A. Fräser (Firma M a c I :i i n e Watsoii et Comp.) 
in Batavia zur Weiterbeförderung an die kaiserl. Akademie der Wissenschaften in 
Wien übergeben. 
1 ) Musa textilis der Botaniker. 



Das zweite Jahr der Erdumsegelung S. M. Fregatte Novara. 1 3 

3. Heilwissensehaftliche Notizen, gesammelt während einer Reise um 
die Erde. VI. Hongkong. 

4. Über verschiedene chinesische Nutz- und Nahrungs-Pflanzen, mit 
Rücksicht auf deren Verpflanzung nach Österreich. 

B. Erworbene Gegenstände. 

1. Chinese and English Dictionary, containing all the words in the 

Chinese Imperial Dictionary. Arranged aecording to the radicals by 
W. H. Medhurst, Missionary. Parapattan 1842. 

2. Vocabulary of the Canton Dialect, by R. Morrison, D.D. Part I. 
English and Chinese. Macao. China 1828. 

3. A Grammar of the Chinese Colloquial Language, commonly called 
the Mandarin Dialect. Shanghae 1857. 

4. The beginners first book, or Vocabulary of the Canton Dialect. By 
the R d . J. T. De van. Revised, corrected, enlarged and toned by the 
R d . W. L o b s c h e i d. Hongkong 1858. 

5. Systema Phoneticum scripturae sinicae. Auetore J. M. Galler y, 
missionario apostolico in Sinis. Macao 1841. 2 vol. 

6. Dictionary of the Fuvorlang dialect of the formosan language by Gil- 
bertus Happart, written in 1650. Printed al Parapattan 1840. 

7. Translation of a comparative vocabulary of the Chinese, Corean and 
Japanese languages, to which is added the thousand character 
classic in Chinese and Corean, etc. by P hi lo-Si nens i s ')• 

8. San-Kokf-Tsou-Ran-To-Sets, ou Aperfu general des 3 Royaumes. 
Traduit de 1' original Japonuis-chinois par W. J. Klaproth. Paris 1832. 

i>. The Chinese and their Rebellion, viewed in connection with their 
national philosophy, ethics, legislation and administration. With an 
Essai on civilisation by Tliom. Taylor Me a dows , Chinese Inter- 
preter in H. M. Civil Service. London 1856. 

10. China, its state and prospect, with especial reference to the spread 
of the gospel , containing allusions to the antiquity, extent, popu- 
lation, civilisation, literature and religion of the Chinese. By W. H. 
Medhurst. London 1838. 

11. Chinese Miscellany, designed to illustrate the Government Philo- 
sophy, Religion, arts, manufactures, trade, manners, customs, 
history and statistics of China. Shanghae 1849. 

12. Books of the Thae-Ping-Wang dynasty and trip of the Hermes to 
Nanking, also visit of Dr. Ch. Taylor to Chin-Koang. Shanghae 1853. 

13. The Chinese. A General description of the Empire of China and its 
inhabitants, by John Francis Esq. F. R. S. Lond. 1836. 2 vols. 

14. La Chine, par J. F. Davis, ancien President de la compagnie des 
Indes en Chine, traduit de l'anglais par A. Pichard; revu et 
augmente d' im appendice par Bazin aine, de la Societe asiatique 
a Paris. Paris 1837. 2 vol. 



l ) Unter diesen Pseudonamen schrieb bekanntlich der Missionar Gütztaff. 



\ 4 Haid inger. Scherier. 

15. A Journey Through the Chinese Empire. By W. Hue. 2 vols. 
N. York 18S5. 

16. Bladen over Japan, verzameld door J. H. Levyssohn, etc. 
s' Gravenhage 18S2. 

17. Treaty of Whanghia, the act of congress of August 11. 1848. and 
decrees and notifications issued for the guidance of consular eourts 
of the U. S. of America in China. Canton 18S6. 

18. Desultory notes on the Government and People of China and on the 
Chinese language, by T. T. Meadows. London 1847. 

19. An account of the cultivation and manufacture of tea in China, by 
Sam. Ball, late Inspector of (eas to the H. United East India Com- 
pany 1848. 

20. The Canton Chinese, or the American sojourn in the Celestial Empire, 
by 0. Teffany. Boston 1849. 

21. India, China and Japan, by Bayard Taylor. N. York 18SS. 

22. Geographisches Werk in chinesischer Sprache. 

23. Anatomisches Werk in chinesischer Sprache. 

24. Esops fables, «ritten in Chinese by the learned Mun-Mooy- 
Seen-Shang, and compiled in their present form with a free 
and literal translation by bis pupil Sloth. Canton 1840. 

25. Numismatisches Werk in chinesischer Sprache. 

26. Chinese Repository. Canton 1838. 

27. Asiatic Journal and Monthly Miscellany. 1844. 

28. Canton Miscellany. 1831. 

29. A description of islands in the western Pacific Ocean, North and 
South of the Equator together with their productions, manners and 
customs of the natives, etc. London 18S2. 

30. Ein Widder von Bronze, aus einer Pagode in Canton. 

31. Tabaksdose aus Jade-Stein, während der jüngsten Belagerung von 
Canton im Decemher 1857 von einem englischen Soldaten erobert. 

32. Lotosblume aus Holz geschnitzt, aus Canton. 

33. Silbermünzen aus Cochinchina. 

34. Sechs Crania vonEingebornen aus verschiedenen Provinzen China's i ). 

C. Personen, welche sich dem Gefertigten in Hongkong in der Verfol- 
gung seiner wissenschaftlichen Zwecke besonders hilfreich und 
nützlich erwiesen haben. 

B. W. Lobscheid, Missionär und Schul-Inspector. 

Ph. Winnes, Missionär der Baseler Missions-Gesellschaft. 



') Diese sämmtlichen Bücher und ethnographischen Gegenstände wurden, insoferne sie 
der Gefertigte vorläufig nicht mehr zu seinen Arbeiten benöthigte, theils in einer 
besonderen Kiste, theils der botanischen Sendung des Herrn Dr. Schwarz (Kiste 
Nr. 38) beigepackt, am lfi. Juli 1858 Herrn Consul A. <i. Wie ner (Firma Lindsa y 
ei Comp.) in Hongkong zur Weiterbeförderung an die kaiserl. Akademie der Wissen- 
schaften übergeben. 



Das zweite Jahr der Erdumsegelung S. M. Fregatte Novara. \ J) 

A. G. Wiener, k. k. österr. Consul. 
Gustav Overbeck, k. preuss. Viee-Consul. 

IV. Shanghae (Aufenthalt vom 27. Juli bis 14. August). 

A. Aufsätze. 

1. Über den Handel mit China. 

2. Heilwissenschaftliche Notizen, gesammelt während einer Reise um die 
Erde. VII. Shanghae. 

3. Vocabularium des Shanghae-Dialektes. 

4. The first Austrian Expedition of Circumnavigation and its scientific 
aspects. — Vortrag, gehalten in einer ausserordentlichen Versamm- 
lung der literarisch -wissenschaftlichen Gesellschaft von Shanghae, 
auf Aufforderung des Präsidenten und mehrerer Mitglieder der- 
selben. 

B. Erworbene Gegenstände. 

1. Tonic Dictionary of the Chinese language by S. Wells Williams. 
Canton 1856. 

2. Discoveries in Chinese, or the SymboJism of the primitive charac- 
ters of the Chinese System of writing, etc. by Stephens Pearl An- 
drews. N. York 1854. 

3. AncientChina, the Shoo-King or the historical classic, being the most 
ancient authentic record of the annals of the Chinese Empirp. 
Translated by W. H. Med hur st. Shanghae 1846. 

4. Chinese Miscellany. By Dr. W. H. Medhurst. Shanghae 1849, 
Nr. 1-4. 

5. Journal of the Shanghae Literary and scientific society. June 1858. 

6. A residence among the Chinese, inland, on the coast and at sea. By 
R. Fortune. London 1857. 

7. Physiology and Anatomy, translated into Chinese, by Dr. B. H o b s o n. 
Canton 1856. 

8. Shanghae Almanack and Miscellany for 1854 — 58. 

9. New tea table; schowing the cost of tea with all charges: as bought 
by the picul, compiled by P. Loureiro. Shanghae 1857. 

10. Statistische Tabelle über den Thee- und Seidenhandel China's, in den 
Jahren 1854—1858. 

11. Imperial Ediet confering honour on General Changkwo-Iiang and 
his ancestors. 

12. Ein Plakat der Rebellen (Thae-Ping-Wang). 

13. Eine Nummer der Peking-Staats-Zeitung. 

14. Das neue Testament in chinesischer Sprache, übersetzt von Dr. 
E. W. Syle. 

15. Das neue Testament in chinesischer Sprache, übersetzt von R J 
E. C. Bridgman. 

16. Eleventh Annual Report on the Hospital at Shanghae 1857. 



16 H a i d i n g e r. S e h e r z e r. 

17. Frühere chinesische Banknoten. 

18. Zwei Crania von Eingebornen aus Canton. 

19. Sämereien verschiedener Nutzpflanzen China's. Darunter Sorghum 
saccharatum und zwei neue Salat-Arten. 

20. Mehrere chinesische Heilmittel, darunter Ginseng. 

21. Proben von sogenanntem grünen Indigo (Rhamnus sp.J, Li-lu-shoo 
der Chinesen, vert chinois der Franzosen, greeu dye der Engländer. 

22. Proben von chinesischer Baumwolle (Gossypium hcrbaceumj. 

23. Wachsinsect - Strauch (Fruxinus sp.J nebst dem Insect (Coco 
ehinensis). 

24. Gewebe der Eingebornen der Insel Formosa. 

23. Kopf einer lebensgrossen Statue aus der berühmten neunstöckigen 
Pagode (Hwa-täh) in Canton. 

C. Personen , welche sich dem Gefertigten in Shanghae in der Verfol- 
gung seiner wissenschaftlichen Zwecke besonders hilfreich und 
nützlich erwiesen haben. 

B. Dr. E. C. Bridgman. 

B. E. W. Syle. 

Dr. Benjamin Hobson, M. D. 

B. W. Muirhead. 

C. de Montigny, k. franz. General-Consul. 
J. A. T. Meadows, Begierungs-Dolmetscher. 
W. Well Williams. 

D. B. Bobertson, königl. grossbr. Consul. 
James Hogg, Consul für die Hansestädte. 

V. Pouynipet (Carolinen-Archipel. Aufenthalt 18. September). 

A. Aufsätze. 

1. Die Insel Pouynipet im Archipel der Karolinen, und ihre Bewohner. 

2. Vocabularium der Sprache der Einwohner von Pouynipet 1 ). 

B. Erworbene Gegenstände. 

Fischangeln aus Muscheln, Tätowir- Instrumente, Färbestoffe, Lenden- 
gürtel aus Palmenblättern, Armbänder u. s. w. 

VI. Sikayana (Stewarts-Gruppe. Aufenthalt 17. October). 
A. Aufsätze. 

1. Ein Tag auf der Koralleninsel Sikayana. 

2. Vocabularium der Sprache der Eingebornen von Sikayana. 



1 ) Diese sämmtlichen Bücher, sowie die ethnographischen und sonstigen Gegenstände 
wurden, insoferne sie der Gefertigte vorläufig nicht weiter zu seinen Studien und 
Arbeiten henöthigt, am 13. August 1858 wohl verpackt Herrn Consul James Hogg 
(Firma L in dsay et Comp.) in Shanghae zur Weiterbeforderung an die kaiserl. 
Akademie der Wissenschaften übergeben. 



Das zweite Jahr der Erdumsegelung S. M. Fregatte Novara. \ 7 

B. Erworbene Gegenstände. 

Acht Stücke verschiedener ethnographischer Gegenstände , bestehend 
in Fischangeln aus Muscheln und Holz, Sehamgürtel, Instrumente zum 
Canoe-Aushöhlen , Fächer, Armbänder u. s. w. der Bewohner von 
Sikayana. 

VII. Sydney (Australien. Aufenthalt vom 6. November bis 
7. December). 

A. Aufsätze. 

1. Untersuchung über den Einfluss der Deportations-Systeme auf die 

Entwicklung der Colonie New-South-Wales in Australien. 

2. Zur Geschichte der deutschen Auswanderung nach Australien. 

3. Handelspolitische und nationalökonomische Notizen über die britische 
Colonie New-South-Wales. 

4. Weitere Mittheilungen über das chinesische Zuckerrohr f Sorghum sac- 
eharatum) mit Bezug auf dessen Cultur in Australien und Neuseeland. 

V). Ethnographisches aus Australien. 

6. Vocabularium des lllawarra-Dialektes, gesprochen von denUrbewoh- 
nern im südöstlichen Theile Australiens. 

7. Über Körpermessungen als Behelf zur Diagnostik der Menschenracen 
Entwurf eines Systems, welches den, während der Reise der kaiserl. 
österr. Fregatte Novara um die Erde an Individuen verschiedener 
Racen angestellten Messungen zu Grunde gelegt wurde. 

8. On Measurements as diagnostic means for distinguishing the human 
races. A systematic plan, established and investigated for the purpose 
of taking measurements on individuals of different races during the 
voyaye of H. I. R. M's fregate Novara round the world. Diese beiden 
letzten Aufsätze (sowohl das Original wie die englische Übersetzung) 
wurden vom Gefertigten gemeinsam mit Herrn Dr. E. Schwarz aus- 
gearbeitet. 

B. Erworbene Gegenstände. 

1. An Australian Grammai*, Comprehending the principles and natural 
rules of the language as spoken by the Aborigines in the vicinity of 
Hunter river, LakeMacquarie etc., byL.E.Threlkeld. Sydney 1834. 

2. An Australian spelling-book etc., by L.E.Threlke Id. Sydney 1836. 

3. A vocabulary of the dialects of South-Western Australia, by Captain 
George Grey, Governor of N. S. Wales. 1841. 

4. A key tu the structure of the aboriginal language spoken by the ab- 
origines in the vicinity of Hunter river, Lake Macquarie etc.; together 
with Comparisons of Polynesian and other dialects; by L. E. Threl- 
keld. Sydney 1830. 

'A. Vocabulary of dialects of aboriginal tribes of Tasmania, by J. Mel i- 
gan F. L. S. 
Sitzb. d. mathein. -natunv. CV. XXXVII. Bd. Nr. 17. 2 



18 Haidinger. Scher zer. 

6. Vocabularium der Sprache der Eingebornen der Yap-Insel (Caro- 
linen-Archipel). 

7. Vocabularium der Sprache der Eingebornen der Pelew-Inseln. 

8. Vocabularium der Sprache der Eingebornen der Eddystone-Insel 
(Neu-Georgien). 

9. Vocabularium der Sprache der Eingebornen der neuen Hebriden 
(Vocati-Insel, Steward' s Insel und Howe's Gruppe). 

10. Vocabularium der Sprache der Eingebornen der Loyalitäts-Inseln 
(Lifii und Nea). 

11. Official Report and Gazetteer of Central Polynesia, by Charles St. 
Julian, His Hawaiian Majesty's Commissioner and political and com- 
mercial Agent, to the independent States and tribes of Polynesia and 
Consul General for New-South-Wales and Tasmania. Sydney 1857. 

12. Narrative of an expedition undertaken under the direction of the 
late Assistant Surveyor E. B. Kennedy Esq. for the exploration of the 
country lying between RockinghamBay and Cape York, By W. Caron 
one of the Survivors of this Expedition. Sydney 1849. 

13. Berichte über die bisherigen Expeditionen zur Durchforschung des 
Landes (ExploTing-Expeditions) vonW. Stuart und A.C. Gregory 
so wie über die zur Aufsuchung der Dr. Leichhardt ausgesandte 
Expedition. September 1858. 

14. Catalogue of the natural and industrial products of N. S. Wales, 
exibited in the Australian Museum, by the Paris Exhibition Comissio- 
ners. Sydney 1854. 

15. Statistics of N. S. Wales from 1847—1853. 

16. Statistics of N. S. Wales from 1848—1857. 

17. Census of the Colony of New-South-Wales taken on the 1. of March 
1856 under the act of Council 19 Vict. Nr. 5. Sydney 1857. 

18. First and Second annual Report from the Register General. Syd- 
ney 1858. 

19. Report of the Postmaster General on the PostolYice. Sydney 1857. 

20. Laws and regulations relative to the waste lands in the Colony of 
New-South-Wales. Sydney 1858. 

21. Explanatory observations on the Immigration Remittance Regu- 
lations compiled bytheagent for immigration for general Information. 
Sydney 1858. 

22. Second Report to the H WB . the Secretary for funds and public works 
on the internal Communications of N. S. Wales. Sydney 1858. 

23. Memorandum of His Exe. the Governor General , respecting a System 
of secondary punishment. Sydney, Mai 1857. 

24. Report from the selectCommittee of the Legislative Council, appointed 
on the 26"' of May 1858, to inquire into the present system of Ger- 
man Immigration into this Colony. Sydney 1858. 

25. Regulations for the management of the Gold fields. Sydney 1858. 

26. Australian Almanack 1857—58. 

27. Sydney Magazine of Science and Art. Vol. I. 1858. 



Das zweite Jahr der Erdumsegelung S. M. Fregatte Novara. \ f) 

28. Freedom and independenee for the golden lands of Australia. London 
1852. By R d . J. D. Lang. 

29. The Statistical Register of Victoria, from the foundation of the 
Colony. By W. H. Archer. Melbourne 1854. 

30. Zwei Crania der Eingebornen von Brisbane river (Moreton-Bai, 
Australien). 

31. Zwei Crania der Eingebornen der Chatham-Inseln (Neuseeland). 

32. Sechsundachtzig Stücke diverse ethnographische Gegenstände, 
von denen 40 Stück Geschenke des australischen Museums in Syd- 
ney sind, während 46 Stücke für die kaiserliche Expedition angekauft 
wurden 1 ). 

C. Personen, welche sich dem Gefertigten in Sydney in der Verfolgung 
seiner wissenschaftlichen Zwecke besonders hilfreich und nützlich 
erwiesen haben. 

Seine Excellenz Sir William Denison, Gouverneur von New-South- 

Wales. 
Dr. George Bennett, Directionsmitglied des australischen Museums. 
R d . L. G. Threlkeld. 
Edward S. Hill. 

Charles Moore, Director des botanischen Gartens. 
Wilhelm Kirchner, k. preuss. Consul. 

VIII. Aucklaiicl (Neuseeland. Aufenthalt vom 23. December 

1858 bis 8. Jänner 1859). 
A. Aufsätze. 

1. Über den socialen Fortschritt bei den Antipoden. 

2. Das Volk der Maori's. Ein Beitrag zur Ethnographie von Neuseeland. 

3. Vocabularium der Sprache der Urbewohner Neuseelands. 

/?. Erworbene Gegenstände. 

1. Papers relative to the affairs of New-Zealand. Presented to both 
Houses of Parliament, by command of Her Majesty. April 10. 1854. 
London. 

2. Statistics of New-Zealand. for 1853 — 57, compiled from oflicial docu- 
ments. Aukland 1858. 

3. Statistics of New-Zealand, for 1857, Auckland 1858. 

4. The New-Zealand Constitution Act, together with correspondences 
between the Secretary of State for the Colonies and the Governor 



*) Diese sämmtlichen Bücher und ethnographischen Gegenstände wurden, in so ferne 
der Gefertigte dieselben vorläufig nicht weiter zu seinen Arbeiten benöthigte , am 
<>. December 18jS dem Herrn Consul Kirchner (Firma Wilhelm Kirchner et Co.) 
in Sydney zur Weiterbeförderung an das k. k. Marine-Commando in Triest übergeben. 

2» 



20 H a i d i n g e r. S c h e r z e r. 

in Chief of New-Zealand, in explorations thereof. Wellington, N. Z. 
1853. 

5. Auckland Waste-Land-Act , 1858. An act to regulate the sale, 
letting, disposal and oceupation of waste lands of the Crown within 
the province of Auckland. 

6. The laws of England, compiled and translated into the Maori lan- 
guage, by direction of His Exe. Col. Th. Gore Browne, Governor 
of New-Zealand 1858. 

7. The Southern districts of New-Zealand. A Journal with passing 
notices of the eustorns of the Aborigines. By Edward Short hl and 
London 1851. 

8. The New-Zealand scttlers guido. A sketch of the present state of the 
6 Provinces with a digest of the Constitution andland regulations and 
2. maps. By J. B. Co o per, Capt. 58. Beg. London 1857. 

9. New-Zealand Emigrants. Bradshaw, or Guide to the Britain of die 
South New-Zealand. 1858. 

10. A dictionary of the New-Zealand, language, and a concise gram- 
mar, to which is added a selection of colloquial senlences. By W. 
Williams D. C. L. London 1852. 

11. Proverbial and populär sayings of the Ancestors of the New-Zealand 
race. By Sir George Grey, K. C. B. etc. Capetown 1857. 

12. The first step to Maori Conversation, boing a collection of some of the 
inost useful nouns, adjeetives and verbs, with a series of useful 
phrases and elementary sentences etc. By H. Taey Kemp, Native 
Secretary. Wellington 1848. 

13. Maori Superstitions. A lecture by J. White. Auckland 1856. 

14. Ko Nga Mahinga a nga Tapuna Maori He Mea Kohikohi mai (Mytho- 
logy and traditions of the New - Zealanders) , by Sir George 
Grey, late Governor in Chief of the New-Zealand islands. London 
1854. 

15. A leaf from the Natural history of New-Zealand or a vocabulary of 
its dift'erent produetions etc. with their native Names. By Richard 
Taylor. Wellington 1848. 

l(i. He Pukapuka Whakaako ki te reopukeha (Lehrbächlein zur Erlernung 
der Maori-Sprache). Auckland 1847. 

17. Auszug aus der Kirchengeschichte in der Maori-Sprache. Auckland 
1849. 

18. Katechismus der anglikanischen Hochkirche in der Maori-Sprache. 
Auckland 1849. 

19. Das neue Testament in der Maori-Sprache. Auckland 1852. 

20. Geography for the use of children in New-Zealand. Auckland 1850. 
(Englisch und Maori.) 

21. Bobinson Crusoe, in the New-Zealand language. Wellington 1832. 

22. The renowned Chief Kaviti and other New-Zealand warriors. By 
Charles 0. B. Davis. Auckland 1855. 

23. Gesänge in der Sprache der Eingebornen von Neuseeland. 



Das zweite Jahr der Erdumsegelung S. M. Fregatte Novara. 2 1 

24. 18th General Report of the Emigration - Commissioners , 1858. 
Presented to both Houses of Parlament by Command of Her Maj. 
London 1858. 

25. Sechs Crania von Eingebornen von Neuseeland (aus den Höhlen 
in der Umgegend von Auckland) 1 ). 

26. Verschiedene ethnographische Gegenstände von Neuseeland und den 
Fidschi-Inseln. 

C. Personen, welche sich dem Gefertigten in Sydney in der Verfolgung 
seiner wissenschaftlichen Zwecke besonders hilfreich und nützlich 
erwiesen haben. 

Seine Excellenz Colonel Thomas Gore Browne, K. B. Governor in 

Chief of New-Zealand. 
Archdeacon G. A. Kissling. 
Rd. G. A. Purchas, clergyman at Onehunga. 
Thomas H. Smith, Native Department Oftice. 
Dr. Knight, F. L. S. 

Rd. H. H. Turton, Governor anddiaplain at Three kingsNative College. 
Charles Heaphy, Provincial Surveyor. 
Rd. J. C. Patterson, St. Johns College. 
Dr. C. F. Fischer, homöopathischer Arzt. 

IX. Papeete (Tahiti. Aufenthalt vom 10. bis 28. Februar). 

1. Tahiti unter französischem Protectorate. (Notizen über den der- 
maligen politischen und socialen Zustand dieser Insel.) 

von Tahiti, 
der Paomotu- Inseln. 



Vocabularium 

„, , I der Samoa - Inseln, 

der Sprache < , , 

, _,. . ! der Marquesas-Inseln. 

der Eingebornen i „ * . , . 

(). \ / von Neu-Caledonien. 



V der Isle of Pine (Neu-Caledonien). 

8. Das Gesetzbuch der Tonga- Insulaner. Ein Beitrag zur Entwicklungs- 
geschichte der Völker Polynesiens. 

!. Lois revisees dans l'assemblee des legislateurs au mois de Mars de 
l'annee 1848, pour Ia conduite de tous, sous le gouvernement du 
Protectorat dans les terres de !a Societe. Papeete 1848. 

2. Annuaire de Tahiti pour l'annee 1858. 

:{. .. ,. .. ,. „ 185!». 



l ) Diese sämmtlichen Bücher und ethnographischen Gegenstände wurden, in so ferne 
sie der Gefertigte vorläufig nicht weiter zu seinen Arbeiten benöthigt, in einer 
Kiste wohl verpackt, am 7. Jänner 1859 an Herrn J. J. Montefiore (Firma 
Brown and Camphell) in Auckland zur Weiterbeförderung an die kaiserliche 
Akademie der Wissenschaften in Wien übergeben und sollten Anfangs Februar mit 
dem Schilfe Ilarwood, Capt. Forsyth, nach London abgehen. 



2^ II a i d i n g e r. S c h e r z e r. 



4. Etudes sur quelques vegetaux de Tahiti. Par M. Cuzent Gilbert, 
pharmacien de la Marine etc. Tahiti 1857. (Herrn Dr. Schwarz 
übergeben.) 

5. Bibel und Hymnen. Büchlein in tahitischer Sprache. 

6. Tahitian and English dictionary with introductory remarks on the 
Polynesian language and a short grammar of the Tahitian dialect. 
Tahiti, Printed at the London Missionary Society Press. 1851. 

7. Report of the London Missionary Society 1857. 

8. Notes sur difterentes questions communiquees par M. Adam 
Kulczycki, directeur des affaires indigenes ä Tahiti. 

9. Answers to questions, by Rd. William Howe of the London 
Missionary Society. 

10. Te Akataka Reo Rarotonga, or Rarotonga and English Grammar, 
by the Rd. Aaron Buzakott, of the London Missionary Society. 
Rarotonga 1854. 

11. Essai de grammaire de la langue des isles Marquises, par un pretre 
de la societe de Picpus, Missionaire aux isles Marquises. Val- 
paraiso 1857. 

12. Petit dictionnaire Francais - Marquesien , par le Dr. Deplanche. 
Nukahiwa 1838. 

13. Croquis des principales iles de l'archipel des Marquises, par 
D. E. Grand. 

14. Ein Cranium von der Insel Tahiti. 

15. Zwei Crania von Nukahiwa (Marquesas-Inseln). 

16. Ein Cranium von der Insel Bligh (Paomotu-Gruppe). 

17. Zwei Crania aus Port de France (Neu-Caledonien). 

18. Verschiedene ethnographische Gegenstände von den Eingebornen 
von Tahiti und den Fidschi-Inseln. 

19. Ein Flacon mit einer krystallinischen Substanz, von einem auf Tahiti 
ansässigen deutschen Chemiker Namens N ollen berger aus der 
Kawa - Wurzel (Piper Metliysticum) extrahirt und von demselben 
„Kawain" genannt, deren dynamische Eigenschaften noch zu unter- 
suchen sind. (Herrn Dr. E. Schwarz übergeben.) 

Personen, welche sich dem Gefertigten in Manila in der Verfolgung 
seiner wissenschaftlichen Zwecke besonders hilfreich und nützlich 
erwiesen haben. 

Adam Kulczycki, Director der Angelegenheiten der Eingebornen. 
Rd. William Howe, von der Londoner Missionsgesellschaft. 
Dr. Nadeaud, Arzt und Botaniker. 
Dr. Emile Grand. 
Dr. E. Deplanche. 

X. Valparaiso (Aufenthalt vom 17. — 29. April inclus.). 

Da der Aufenthalt der k. k. Fregatte Novara in Valparaiso in 
das dritte Novara-.Iahr hinüberreicht und die, während desselben 



Das zweite Jahr der Erdumsegelung S. M. Fregatte Novara. 23 

von mir gesammelten Materialien noch nicht geordnet und bearbeitet 
werden konnten, so muss ich alle ausführlicheren Mittheilungen über 
Valparaiso und Santiago de Chile auf den Schlussbericht verschieben. 
Noch erlaube ich mir zu bemerken, dass mein werther Reise- 
college Herr Dr. Schwarz und ich im Laufe des zweiten Novara- 
Jahres in den von der kaiserlichen Expedition besuchten Orten an 
OOUrbewohnern verschiedener Racen zusammen gegen 7000 einzelne 
Körpermessungen nach unserem bereits erwähnten Systeme vorge- 
nommen haben. 

Und so schliesse ich diesen zweiten Jahresbericht mit dem 
beruhigenden Gefühle auch in der eben abgelaufenen Zeitperiode 
aufrichtig bemüht gewesen zu sein, um gleichfalls von meinem 
Standpunkte die edlen Intentionen dieses herrlichen Unternehmens 
verwirklichen zu helfen und in der beseligenden Hoffnung, dass mir 
Gott die Gnade verleihen möge, meine schwachen aber redlichen 
Kräfte der Novara-Expedition bis an's Ende ungestört widmen zu 
können. 

Valparaiso, 29. April 1859. 



24 



Hai dinger. Scherzet*. Das zweite Jahr der Novara. 



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M a 1 y. Notiz über das vierfach molybdänsaure Amnion. ^3 



Notiz über das vierfach molybdänsaure Ammon. 

Von Richard Maly. 

Behufs der Darstellung einiger Molybdän-Präparate wurde als 
Ausgangspunkt dieser, eine grössere Menge in Atzammoniak gelöster 
Molybdänsäure dem freiwilligen Verdunsten an der Luft überlassen, 
und die so in grossen durchsichtigen Krystallen erhaltene Verbin- 
dung einer vollständigen Analyse unterworfen. 

Die Krystalle gehörten dein hemiorthotypen Systeme an, und 

P 
war die gewöhnliche Combination folgende :P — oo. . P -f- oo. 

Pr -f- oo mit Abweichung in der kleineren Diagonale, also im 
Wesentlichen übereinstimmend mit denen dieDelffs (Annal. d. Che- 
mie und Physik, Bd. 85, p, 450) als auf gleiche Weise erhalten be- 
schreibt, und wahrscheinlich auch mit denen, die Svanberg und 
Struve (Journ. f. prakt. Chemie, Bd. 44, p. 282) „als grosse sechs- 
seitige Säulen mit zwei Abstumpfungsflächen" bezeichneten. 

Die Analyse ergab ein von allen früheren Analysen dieses Satzes 
abweichendes Resultat, und zwar der Formel NH 4 0, 4Mo0 3 -J- 2HO 
entsprechend, wofür weiter die analytischen Belege folgen. 

Unter im Allgemeinen denselben Bedingungen bei der Krystalli- 
sation erhielten : B e r z e 1 i u s neutrales molybdänsaures Ammon, Svan- 
berg und Struve ein Doppelsalz nach der Formel NH 4 0,2MoO a 
-fNH 4 0, 3MoOi-f-3HO zusammengesetzt, welches Resultat Berlin 
(Journ. f. prakt. Chemie, Bd. 49, p. 444) später bestätigt. 

D elffs hält das so dargestellte Salz für zweifachsaures als analog 
mit der unter gleichen Umständen sich bildenden Wolfram-Verbindung. 

Ich erhielt immer vierfachsaures Salz , dasselbe, welches B e r- 
lin erst durch Behandlung seines an der Luft krystallisirten Salzes 
mit Chlorwasserstoffsäure oder Salpetersäure bekam. 

Analyse des Salzes. 

A. Bestimmung der Moly bdänsiiure. 
Methode. Eine gewogene Menge loser Krystalle wurde im 
Platintiegel bis zur vollständigen Verflüchtigung des Ammoniaks und 



!2G M a 1 y. Notiz über Jus vierfach molybdansaure Aininon. 

Wassers erhitzt, wobei die Krystalle heftig decrepitirten. Im Falle 
der Bildung von blauem Oxyd wurde mit etwas Salpetersäure befeuch- 
tet und wieder erhitzt. 
Resultat: 

I. 1-985 Grm. Substanz gaben an Rückstand 1-715 Grm. = 86-39 Procente, 
II- 1673 „ „ „ „ „ 1-452 „ =86-79 „ 

III. 0-834 „ „ „ „ „ 0727 „ =8715 „ 

Das Mittel von diesen drei Versuchen gibt einen Gehalt von 
86-77 Proc. an Molybdänsäure. 

Ein Versuch mit dem durch Erkaltenlassen der heissen erhal- 
tenen Salze, das gewöhnlich in halbkugelförmigen, wavellitartigen 
Krystallgruppen auftritt, gab einen Gehalt von 86*90 Proc. Molyb- 
dänsäure, was auf eine mit dem anderen Salze gleiche Zusammen- 
setzung schliessen lässt. 

B. Bestimmung des Ammons. 

Methode. Eine gewogene Menge loser Krystalle wurde in 
einem Kölbchen mit Natronlauge gekocht, das entweichende Ammo- 
niak in ChlorwasserstotFsäure geleitet und als Platinsalmiak bestimmt. 

Resultat. 

2-692 Gramm Substanz gaben 1-848 Platinsahniak oder 0-2173 
Gramm Ammon, woraus sich der Procent-Gehalt zu 8-10 berechnet. 

Zusammenstellung der Resultate. 

Gefunden Berechnet 

4 At. Molybdänsäure. . . 8677 86-43 

1 ., Ammon 8-10 8-02 

2 „ Wasser 5 - ll (indireet) 5-55 



100-00 100-00. 



C. Bestätigung durch die Eiern entaranaly'se. 

1-235 Gramm Substanz geben 0-218 Gramm Wasser = 0242 
Gramm Wasserstoff =1*95 Procent. 

Der Wasserstoff des ganzen Salzes l'9ö Procent, 

davon der Wasserst, des Ammons nach d. directen Bestimmung 1-246 „ 
bleibt für das Wasser 0-704 Pro cent 

Wasserstoff, statt 0*616, was obiger Formel entspricht. 



Kau er. Chemische Analysen einiger Mineralwässer. 27 



Chemische Analysen einiger Mineralwässer. 

Ausgeführt im Jahre 1858—1859 im Laboratorium des Herrn Dr. .los, ßedtenbacher 
an der Wiener Universität 

von Anton Kauer. 



I. 

Chemische Analyse des Haller Jodwassers. 

1. $cfri)tcf)t[trf)c 3toft5cn ur JjafTct Oobqucffc. 

Die jod- und bromhaltige Salzquelle von Hall liegt wenige 
Schritte vom Sulzbache entfernt zwischen dem Pfarrdorfe Pfarr- 
kirchen und dem 1. f. Markte Hall in Oberösterreich. Diese Quelle 
dürfte eine der ältest bekannten Mineralquellen Österreichs sein, 
indem sie bereits im achten Jahrhunderte zur Salzgewinnung aus- 
gebeutet wurde. Herzog Thassilo II. von Baiern übergab sie dem 
frommen Stifte Kremsmünster im Jahre 777 als Eigenthum sammt 
drei dabei beschäftigten Salzsiedern. Da aber die Soole als solche 
ziemlich schwach war, so vernachlässigte man in der Folge ihren 
Betrieb. 

Diese Quelle gewinnt erst wieder eine Bedeutung, als sie als 
Heilquelle erkannt wurde. Man hatte die Wirksamkeit dieser Quelle 
schon viel früher erprobt, als man im Stande war die Ursache der- 
selben anzugeben: denn das Jod wurde bekanntlich erst im Jahre 
1812 entdeckt. Es wurde aber das „Haller Kropfwasser" schon viel 
früher häufig in Flaschen allseitig hin besonders aber nach Steier- 
mark versendet. Auch suchte man diese Wirksamkeit dem mit diesem 
Wasser bereiteten „Kropfbrode" einzuverleiben. Für wen es von 
Interesse ist, eine ausführlichere Geschichte vom Haller Wasser und 
dessen Wirkungsweise, mitunter erläutert durch allerlei specielle 
Vorkommnisse und Gebrechen jener, die dort ihre gründliche 
Heilung und überdies frischen Lebensmufh als Zugabe erhielten, zu 



2ö K a u e r. 

erfahren, den verweise ich auf die im Artikel „Literatur" angeführten 
Werke. Ich will hier nur den chemischen Theil der Geschichte und 
die zuletzt mit grossartiger Munificenz angebrachten Erweiterungen 
und Verbesserungen am Schachte der Jodquelle anführen, wie solche 
im letzten Decennium vorzüglich auf Betrieb Sr. Excellenz des Herrn 
Statthalters von Oberöstorreich Freiherrn von Bach ausgeführt 
wurden. 

Es wird nicht leicht ein Mineralwasser geben, an das die 
Chemie in allen ihren Phasen ihre Fragen so oft gestellt hat, als 
eben das Haller Wasser. 

Die erste bekannte Analyse hat ein berühmter Freiburger 
Professor Namens Med er er ausgeführt: sie soll äusserst unvoll- 
kommen sein, natürlich so unvollkommen, wie die damalige Chemie. 
Die Analyse findet sich in „Cranz's Gesundbrunnen der österrei- 
chischen Monarchie, Wien 1777." 

Im Jahre 1823 untersuchte Herr Joseph Scheichenf eller, 
chemischer Producten-Fabrikant in Hall, diese Quelle und wies darin 
das Jod nach. 

Im Jahre 1828 kamen zwei Chemiker aus Linz nach Hall und 
fanden, dass die Mineralquelle zu Hall eine eigentliche und zwar 
vieles Jod führende, schwache Salzquelle sei. 

Im Jahre 1830 analysirte Herr Dr. Bitter v. Holger das Haller 
Jod wasser, fand darin ohne Zweifel zu viel Jod aus Mangel einer 
besseren Methode und bestimmte darin auch das nachgerade bekannt 
gewordene Brom. 

Später untersuchte der ausgezeichnete Münchner Chemiker 
Fuchs das Haller Wasser vergleichungsweise mit der Adelheids- 
quelle zu Heilbronn und fand das Haller Wasser reicher an Jod als 
jenes, stellt aber das Resultat des Herrn Ritter v. H olger schon in 
Abrede. 

Im Jahre 1841 analysirte Herr Dr. Karl Sigmund die Jod- 
soole; er fand auch viel, wahrscheinlich zu viel Jod, von Brom hin- 
gegen nur Spuren. 

Im Jahre 1842 wurde die erste, wahrscheinlich beste Analyse 
von Dr. L. A. Bu ebner ausgeführt. 

Im Jahre 1853 erschien eine Analyse von Dr. Netwald. 

Vom Jahre 1856 bis 1859 Hess Herr Professor Dr. Joseph 
Redten b ach er in seinem Laboratorium das Haller Wasser mehrmals 



Chemische Analysen einiger Mineralwässer. 29 

analysiren, und es werden die dabei erhaltenen Resultate neben den 
Ergebnissen meiner im Jahre 1858/9 ausgeführten Analyse unten 
mitgetheilt. Vorzüglich beschäftigten sich damit Herr Prof. Hinter- 
berger und Herr Dr. Peters. 

Was nun die eigentliche Behausung der Quelle anbelangt, so 
hat diese seit zehn Jahren ebenfalls bedeutende Änderungen erlitten. 
Es ist bei Gründung eines Gesundbrunnens sonst nicht der Fehler 
derUnternehmer, dass sie sich zu wenig versprechen, und sehr häufig 
bleiben die Erfolge hinter den kühnen Erwartungen zurück; allein 
beim Haller Wasser, trotzdem es alle Jodquellen Deutschlands und 
Österreichs übertrifft, waren die Berechnungen zu gering angetragen, 
welche angenehme Enttäuschung immer und immer neue Schacht- 
bauten zur Folge hatte. 

Es wurde zuletzt die Quantität der Soole zu wenig, man suchte 
sie durch Bohrversuche zu vermehren und das gesegnete Tertiär- 
gebilde zwischen Hall und Pfarrkirchen gab bei jeder neuen Bohrung 
neue Jodsoole. Und so kam es, dass der anfangs etwa anderthalb 
Klafter tiefe und 4 Fuss weite (1834) ausgemauerte „Wiesen- 
brunnen" im Jahre 1848 in einen Schacht umgebaut wurde von 
33 Fuss Tiefe und über 4 Fuss Weite im Lichten, der an seiner Sohle 
eine eigene Abtheilung für die Hauptquelle und einen hölzernenSam- 
melkasten mit einer Steigröhre hatte , durch welche die Jodsoole in 
Folge des hydrostatischen Druckes in den Fussraum der Saugröhre 
an der Pumpe gelangte und von dort zu Tage gepumpt wurde. Der 
Schacht hatte eine Holzverkleidung und war vom Fusse bis zur Mün- 
dung ringsum mit Lehm ausgestampft, um das Tagwasser abzuhalten. 

Im Jahre 1853 machten sich die Sachverständigen wieder an 
den Jodschacht, nahmen die im Jahre 1848 am Fusse angebrachten 
Holzverschläge und Sammelkästen heraus, vertieften den Schacht 
nach unten und erweiterten ihn auch seitwärts durch einen horizontal 
gehenden Stollen. Die Tiefe des Schachtes beträgt nun gegen 
50 Fuss, denn seitdem wurde er nicht mehr vertieft. 

Schon damals trieb man an der Sohle des Schachtes zwei Bohr- 
löcher neben einander vertical in den Boden, so wie auch in schiefer 
Richtung aus dem Seitenbaue. Man erhielt allenthalben neue Jodsoole, 
die als starke oder gute Jodsoole angegeben wird. Wahrscheinlich 
wurde sie qualitativ auf Jod geprüft und man erlaubte sich aus der 
qualitativen Erscheinung eine quantitative Schätzung, die natürlich 



30 Ka«e r. 

unstatthaft ist; numerische Angaben fehlen allenthalben, was wohl 
auf die Unterlassung einer quantitativen Prüfung schliessen lässt, 
die bei einem so berühmten Jodwasser von den einzelnen Quellen 
oder doch vom gemischten Badewasser in umfassender Weise drin- 
gend nothwendig wäre. 

Übrigens diente der gewonnene Raum zugleich als Reservoir 
für die Jodsoole, die zum Badegebrauche diente, denn das unmit- 
telbare Ergebniss der Quellen reichte schon nicht mehr für den 
gesteigerten Bedarf aus. Die Zunahme der Hilfesuchenden wuchs 
mit jedem Jahre und schon im Jahre 1857 stellte sich das Bedürfniss 
nach mehr Jodsoole dringend ein. Man versuchte also dem Boden 
noch mehr Jodsoole abzugewinnen und sich gegen Mangel zu sichern, 
theils, dass man die alten Bohrungen vertiefte, theils neue und viel 
weitläufigere Seitenbauten anlegte und allenthalben in den verschie- 
densten Richtungen nach neuem Heilwasser bohrte; das tiefste Bohr- 
loch hat eine Tiefe von nahezu 90 Fuss. Der dadurch erlangte 
Gewinn an Jodwasser entsprach nicht mehr den gemachten Anstren- 
gungen , man suchte also das Reservoir zu vergrössern. Die dazu 
angelegten horizontalen Seitenbauten umgaben den Schacht in einer 
Tiefe von etwa 35 Fuss in einem Halbkreise, so dass an der Peripherie 
ein Stollen herumläuft, der an 6 Stellen durch radienartige Stollen 
mit dem verticalen Hauptschachte communicirt. Dadurch wurde nun 
das Reservoir für Badewasser bedeutend vergrössert. 

Als Endresultat dieser Bauten ergibt sich nun, dass nunmehr 
6 Quellen in den Schacht münden, wovon nur die 4 Klafter über der 
Sohle befindliche, sogenannte Thassiloquelle offen ist, die anderen 
an der Sohle des Schachtes befindlichen 5 Quellen aber stets ver- 
schlossen sind. 

Die Quelle Nr. 1 und 2 ist durch ihr bis zur Thassiloquelle 
reichendes Steigerohr leicht zugänglich und kann nöthigenfalls 
geöffnet werden. 

Das im Schachte sich sammelnde, zu den Bädern benützte Jod- 
wasser sickert und dringt aus den Schachtwänden und durch die 
Sohle des Schachtes in einer Ergiebigkeit von beiläufig 300 Eimern 
täglich. Die fünf unteren Quellen werden desshalb verschlossen 
gehalten, weil hiedurch die Thassiloquelle in ihrem Zuflüsse ver- 
stärkt wird, während sie fast verschwindet, wenn man auch nur Eine 
der unteren Quellen öffnet. 



Chemische Analysen einiger Mineralwässer. 3 1 

Das im Handel seit 181)0 vorkommende Jodwasser wird nur aus 
der Thassiloquelle genommen. Vor dem Jahre 1856 wurde das im 
Schachte sich sammelnde gemischte Jodwasser zur Flaschenfüllung 
verwendet und vor dem Jahre 1848 natürlich ebenfalls blos die 
Thassiloquelle. 

Nachstehende Analyse wurde auf Veranlassung des Herrn Prof. 
Redtenbacher in dessen Laboratorium von dem Gefertigten aus- 
geführt. Herr Prof. Redtenbacher Hess aus Interesse für die Jod- 
quelle ganz unabhängig von der Badeverwaltung zu Hall die Analyse 
mit aus den Apotheken gekauftem Jodwasser ausführen, während zu 
den früheren Analysen des Herrn Professors Hint erb erger und 
Dr. Peters das Jodwasser von der Badeverwaltung gesendet wurde. 



II. (Cfjcmifcfjc ilimfijfc. 

Zu dieser Analyse wurde „Haller Jodwasser" verwendet, wie es 
jetzt im Handel vorkommt, also die Thassiloquelle. Es ist in dunkel 
gefärbte Flaschen gefüllt, mit Korkpfröpfen und Harzüberzug ver- 
schlossen, darüber endlich ist eine Zinnkapsel gestülpt, welche 
ausser einem Wappensehilde auch die Umschrift: „Haller Jodwasser 
1858" enthielt. Es wurde zu verschiedenen Zeiten gekauft und daher 
mögen die kleinen Variationen der einzelnen Bestimmungen rühren. 

Beim Öffnen war mitunter ein unangenehmer Geruch zu ver- 
nehmen. Sonst war das Wasser klar, Hess geöffnet beim Stehen 
Kohlensäure entweichen und färbte sich nach und nach gelblich, 
wobei es auch leicht getrübt war. 

Die qualitative Analyse zeigte Kohlensäure, Chlor, Jod und 
Brom, Schwefelsäure aber nur in geringen Spuren an, von den 
Basen enthielt es Eisenoxydul, Thonerde, Kalk, Magnesia, Kali, Natron 
und Ammoniak. Die Untersuchungen auf Lithion gaben ein negatives 
Resultat. Es wurde bei den Gewichtsbestimmungen, wo es möglich 
war, die Massanalye angewendet und diese mitunter durch Gewichts- 
analyse controlirt. 

Specifisches Gewicht. 
Dieses wurde mittelst eines Picnometers zu 1*0096 bestimmt. 



32 K a ü e r. 

Fixer Rückstand. 

Es wurde eine bstimmte Menge Jodvvasser abgemessen und in 
einem Platintiegel nach Zusatz einer gewogenen Menge kohlensauren 
Natrons im Wasserbade abgedampft, zuletzt zwischen 120° bis 
140° Cent, getrocknet. Eine dreimalige Wiederholung mit je 50 
und 100 Cent, gab in 10.000 Theilen Wasser fixen Rückstand: 

i 131-117 Theile, 

2 131 117 „ 

3 130-432 „ 

Chlor, Jod u ml Brom. 

Es wurden gemessene Mengen Jodwasser nach Zusatz von 
chromsaurem Kali mit Zehntelsilberlösung austilrirt. 

1. 10 C. C. Jodwasser brauchen 22 -5 C. C. Silberlösung, 

2. 25 „ „ „ 56-4 „ 

110 99 • K 

4. U „ „ „ lö*ü „ „ 

Diese berechnen sich mit Berücksichtigung des später gefun- 
denen Jod- und Bromgehaltes auf Chlorsilber aus 10.000 Theilen 
Ha II er Wasser. 

1. reines Chlorsilber 321 -702 Theilp, 

2. „ „ 322-563 „ 

3. „ „ 321-702 „ 

4. „ „ 323 137 „ 

Von 2. wurde der titrirte Silberniederschlag gewogen und 
321-902 Grammen gefunden, was eine genaue Controle der Mass- 
analyse bietet, die wie jede Massanalyse bei tausendfacher Vermeh- 
rung des Fehlers einen kleinen Überschuss gibt. 

10.000 Theile Jodwasser enthalten also aus 4 Versuchen an 
Chlor im Mittel 79-689 Grm. 

Chlorbestimmungen, welche mit zu verschiedenen Zeiten gekauftem Jod- 
wasser vorgenommen wurden. 

10.000 Gramme Haller Wasser enthalten: 



( 73-226 ) 
Chlor . . i mn nnrx (dasselbe Wasser, 
( 73-300 | 



I 

2. „ . . . 81-511 
j 76-819 i 
" • • ' ) 76-960 < 



Chemische 


Analysen einiger 


Mineral wässer. 


4. Chlor 


74-940 dasselbe Wasser. 


5. „ . . 


78-240 


,, 


6 


j 77-110 | 




' j 77-050 j 


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7. „ . . 


. 78-730 


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j 81-620 > 
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9. ,. . . 


( 76-700 | 
' | 76-940 } 


n 


10. „ . . 


81-900 


91 » 



33 



Jod. 

Das Jod wurde durch Oxydation desselben mittelst unterchlorig- 
saurem Natron bestimmt, von welchem letzteren vor und nach der 
Operation der Titre mit einer Jodlösung genommen wurde, die in 
1 C. C. genau l Gramm Jod enthielt. Um zu erfahren, ob sich das 
Jod neben Brom auf diese Weise bestimmen lasst, habe ich bekannte 
Gemische von Jod- und Bromkalium gemacht, und immer nur die 
genau hineingegebene Menge Jodsalz erhalten, es bietet dieses also 
ein neues Mittel, die drei Haloide bequem neben einander zu be- 
stimmen. 

Menge des in Arbeit Menge des Jods 

genommenen Jodwassers in 10.000 Theilen 

zu verschiedenen Zeiten Jodwasser 

1 100 C. C. 0-405 Theile, 

2 100 „ 0-405 „ 

3 428 Grammen 3^5 „ 

4. . . . . 100 C. C 0-383 .. 

5 100 ,. 0-397 „ 

6 50 „ 0-401 „ 

Mittel . . 0-397 Theile. 

Gewichtsanalyse. 
Es wurden 855 Grammen Jodwasser nach Zusatz von kohlen- 
saurem Natron im Wasserbade zur Trockne gebracht, der trockene 
Bückstand mit starkem Alkohol ausgezogen, abermals abgedampft, 
der zweite Bückstaud zum dritten Male ausgezogen und getrocknet. 
Die trockene Masse wurde in Wasser und ein wenig Schwefelsäure 
aufgenommen und salpetersaures Palladiumoxydul in geringem Über- 
schusse zugegeben. Nach 24 Stunden wurde der Niederschlag von 
Palladiumjodür abfiltrirt, mit heissem Wasser und zuletzt mit Alkohol 

Sitzh. d. mathem. -natnrw. Cl. XXXVII. Bd. Nr. 17. 3 



34 Kaue r. 

und Äther ausgewaschen. Der trockene Niederschlag wurde geglüht 

und das zurückgebliebene Palladium wog 0-014 Grm. 

Diesem entspricht Jod 0*0329 „ 

Es enthalten also 10.000 Theile Jodwasser Jod . 0-390 Theile. 

Brom. 

Zur Brombestimmung wurde die Methode der Verdrängung der 
beiden Haloide Brom und Jod aus ihren Silberniederschlägen durch 
Chlor angewendet. Um den Jod- und Bromgehalt mehr zu concen- 
triren, wurde ähnlich dem Fehling'schen Verfahren für Brom- 
bestimmungen neben Chlor nur ein Theil der Haloide durch eine 
titrirte Silberlösung gefällt. Da Fehling die Richtigkeit durch par- 
tielle Fällung nur für Brom nachgewiesen hat, so wurde das Filtrat 
noch auf Jod untersucht, es zeigte keine Spur einer Jodreaction, so 
dass damit auch die Richtigkeit für Jodbestimmungen neben Chlor 
nachgewiesen ist. 

a) Zu 300 C. C. Jod wasser wurden 100 C. C. Zehntel normaler 
Silberlösung gegeben und der erhaltene Niederschlag wog 
1-4257 Grm. 

Dieser Niederschlag verlor bei der Behandlung mit Chlorgas 
an Gewicht 0-01705 Grm. 

b) Dieselbe Menge Wasser gab 1*4405 Grm. Silberniederschlag, 
der 001 712 Grm. an Gewicht verlor. 

Daraus berechnet sich nach Abzug des bekannten Jodgehaltes 
der Bromgehalt in 10.000 Grm. Jodwasser. 

a) 0-507 Grammen, 

b) . . . . . 0*510 
Brom im Mittel . 0*580 Grammen. 

Kohlensäure. 

Zur Bestimmung der Gesammtkohlensäure wurden einige Fla- 
schen mit Haller Wasser längere Zeit einer Temperatur von -J-1*5°R. 
ausgesetzt, bei dieser Temperatur geöffnet und gemessene Mengen 
in eine Mischung von Chlorbaryum und Ammoniak eingetragen. 
Der Niederschlag von kohlensaurem Baryt wurde mit ausgekochtem 
destillirten Wasser so lange ausgewaschen, bis das Waschwasser 
nicht mehr auf salpetersaure Silberlösung reagirte, dann in Salz- 



Chemische Analysen einiger Mineralwässer. 3Ü 

säure gelost, in der Platinschale abgedampft, schwach geglüht und 
mit zehntelnormaler Silberlösung titrirt. 

a) 202 C. C. Jodwasser brauchen 40-5 C. C. Silberlösung, 

b) 202 „ „ „ 40-5 „ 

Dieses gibt Kohlensäure in 10.000 Grm. Wasser 4366 Grm. 

Da keine Kohlensäure gebunden ist, so ist diese Kohlensäure 
als freie Kohlensäure enthalten und beträgt auf 1 Volum Wasser 
0-2218 Volumen Kohlensäure bei 0° und 760 Millim. Barom. 

Kieselerde, Eisen, Thoncrde, Kalk und Magnesia. 

Die Kieselsäure wurde auf die bekannte Weise mittelst Salz- 
säure abgeschieden und gewogen. 

2567 Grm. W 7 asser gaben Kieselerde 0064 Grm. 

daher 10.000 Grm. Jodwasser geben Kieselerde . . 0-249 

Im Filtrate der Kieselerde wurde das Eisenoxyd -f- Thonerde 
durch Ammoniak ausgeschieden und gewogen. 
2.567 Grm. Jodwasser geben: 

Eisenoxyd + Thonerde 00354 Grm. 

10.000 Grm. Eisenoxyd + Thonerde 0177 „ 

Das Eisenoxyd -f- Thonerde in Salzsäure gelöst, das Eisen- 
oxyd durch Zink zu Oxydul reducirt und mit Chamäleon gemessen. 

2.567 Grm. Wasser gaben Eisenoxydul 0-007 Grm. 

10.000 „ Jodwasser enthalten also Eisenoxydul . . 0*030 „ 
10.000 „ „ „ „ Thonerde . . . 0-146 „ 

im Filtrate von Eisenoxyd und Thonerde wurde der Kalk mit 
oxalsaurem Ammoniak gefällt und mit Chamäleon gemessen. 

a) 2567 Grm. Jodwasser gaben Kalk 0481 Grm. 

b) 201-8 „ „ „ 0-4144 „ 

c) 201-8 , „ „ „ ..... 0-4424 „ 

Es enthalten also 10.000 Grm. Jodwasser Kalk: 

a) 1-836 

b) 2-251 

c) 2-184 



Mittel .2-023 



3* 



36 K a u e r. 

Die Magnesia wurde als pyrophosphorsaure Magnesia gewogen : 

a) 2567 Grm. Jodwasser geben pyrophosphorsaure 

Magnesia 0-8332 Grm. 

b) 201-8 Grm. Jodwasser 06885 „ 

c) 201-8 „ „ 0-7654 „ 

Es enthalten also 10.000 Grammen Jodwasser Magnesia nach: 

a) 1168 

b) 1-229 

c) . . . . . 1-366 
Mittel . 1-2S6 

Kali, Natron nnd Ammoniak. 

Es wurden bestimmte Mengen Jodwasser eingemengt, mit Ätz- 
baryt versetzt , abfiltrirt und der überschüssige Baryt mit kohlen- 
saurem Ammoniak herausgefällt. Das Filtrat wurde nach Zusatz von 
Salzsäure getrocknet und geglüht, die Chloralkalien gewogen. Durch 
Zusatz von Platinchlorid wurde das Kali abgeschieden und aus dem 
Gewicht des reducirten Platins berechnet. 

a) 428 Grm. Jodwasser gaben metallisches Platin . 00225 Grm. 

b) 300 „ „ „ Platindoppelsalz . 00364 „ 

oder reducirtes Platin 001 43 „ 

Es enthalten demgemäss 10.000 Grm. Jodwasser Kali nach: 

aj 0*251 Grammen. 

bj • . . . 0-235 

Mittel .0-243 Grammen. 

428 Grm. Jodwasser gaben Chlorkalium -f- Chlornatrium 5-221 Grm., 

davon war Chlorkaliuni 0-013 

bleibt Chlornatrium 5208 „ 

Daraus findet man für 10.000 Grm. Jodwasser 
Natron 64491 

Ammoniak. 

Zur Ammoniakbestimmung wurde eine gemessene Menge in 
einen Destillirkolben gebracht und davon nach Zusatz von Ätzkali 
2 / 5 abdestillirt, das Destillationsproduct wurde mittelst eines Kühlers 
von Liehig abgekühlt und in einer Mohr'schen Absorptionsflasche 



Chemische Analysen einiger Mineralwasser. 37 

aufgefangen. Um die Vorlage gegen Ammoniakdämpfe des Labo- 
ratoriums zu schützen, war die Absorption mit einer U-förmigen 
Röhre verbunden, welche mit Schwefelsäure befeuchteten Bimsstein 
enthielt. Das Destillat wurde endlich nach Zusatz von Lackmus- 
Pigment mit zehntelnormaler Oxalsäure violet titrirt. 

Verbrauchte C. C. Ammoniak (NH 3 ) in 

Menge iles in Arbeit genommeneu Wassers zehntelnoriu. 10.000 Grammen 

a) 979 - 6 C. C. frisches und Reste aus 
Flaschen, die geöffnet und wieder 
verkorkt längere Zeit gestanden 

waren 144 C. C. 0-246 Grammen. 

b) '/ a Litre aus einer eben geöffneten 

Flasche mit Faulnissgeruch ... 7"4 „ 0-249 „ 

Mittel 0-247 Grammen. 

Es enthalten also 1 0.000 Gewichtstheile (Grammen) Jodwasser: 

Kali 0-243 Theile (Grammen), 

Natron 64-491 „ 

Ammoniumoxyd . . . 0-360 „ 

Kalk 2-023 „ 

Magnesia 1-244 „ 

Eisenoxydul .... 0-030 „ 

Thonerde 0-147 ,. 

Kieselerde 0-249 „ 

Chlor 79-689 „ 

Brom 0-508 „ 

Jod 0-390 „ 

Kohlensaure ... 4-366 ,. 

Nach H int erbe rger. Nach Peters. 
(1854) (1856) 



Kali . . . 


. 1787 


1-606 


Natron . . . 


. 62-280 


65 ■ 880 


Magnesia 


. t-436 


1-579 


Kalk . . . 


. 2010 


2-078 


Eisenoxydul 


. 0034 


049 


Thonerde 


. 0-208 


Spuren 


Kieselerde . 


. 0-312 


0-333 


Chlor . . . 


. 87-700 


82 • 080 


Brom . . 


. 0530 


0-487 


Jod . . , 


, • 388 


0-286 



3(S 



Kaue r. 



Wahrscheinliche Verbindungen dieser Säuren und Basen in 10000 Grammen 

Jodwasser. 

Chlorkalium 0-397 Grammen, 

Chlornatrium 121-700 „ 

Chlorammonium . 0-733 „ 

Chlormagnesium 2-426 „ 

Chlorcalcium 4 009 

Brommagnesium 0-584 „ 

Jodmagnesium . 0-426 „ 

Kohlensaures Eisenoxydul . . . .0-044 „ 

Thonerde 0-147 „ 

Kieselerde 0'249 __„ 

Summe der fixen Bestandteile . 130- 71ä Grammen. 

Fixer Rückstand direct bestimmt . . . 130 •{• 88 Grammen 
Freie Kohlensäure 4*366 „ 

oder 1 Vol. Wasser enthält 0*22 Vol. freie Kohlensäure aufgelöst. 

Menge dieser Salze 

a) in ein Civilpfund =7(jS0 Grane 
in Granen 

Chlorkalium 0-303 Grane, 

Chlornatrium 93-463 „ 

Chlormagnesium 1-489 „ 

Chlorcalcium 3-078 „ 

Chlorammonium 0-362 „ 

Brommagnesium 0-448 „ 

Jodmagnesium 0-327 „ 

Kohlensaures Eisenoxydul . 0-033 „ 

Thonerde 0-112 „ 

Kieselerde 191 

Fixe Bestandtheile . 



b) in einer ös 


terr. Mass 


in Granen 


• 762 G 


rane, 


233-662 


» 


3-722 


n 


7-693 


n 


1-403 


» 


1 • 120 


95 


0-817 


„ 


• 082 


» 


0-280 




0-477 





. . 100-010 Grane. 230-022 Grane. 

Chlor-, Jod- und Brombestimmungen im Haller Wasser. 



Analytiker 


Jahr der Untersuchung 


Chlor 


Jod 


Brom 




1830 


61-90 


6-096 


0-420 


Büchner . . . . 


1842 


89-65 


0-387 


0-504 


Netwald .... 


1833 


93-27 


0-406 


0-586 


Hinter berger . 


1834 


82-08 


0-286 


0-487 




1856 


78-7 


0-388 


0-530 




1858 

1859 

Geschöpft im April 


79-6re und zur Untersuchung der ent- 
weichenden Gase nöthigen Arbeiten wurden ebenfalls an der Quelle 
von dem Gefertigten ausgeführt. 

üuafttattnc «flnafose. 

Die qualitative Analyse zeigte die gewöhnlichen Basen: Eisen- 
oxydul, Thonerde, Kalk, Magnesia, Kali, Natron und Spuren von 
Ammoniak an, und die gewöhnlichen Säuren, Salzsäure, Schwefel- 
säure und Kohlensäure. Beim Offnen des Korkes entwich die Kohlen- 
säure mit Gewalt und entströmte längere Zeit in Form von aufsteigen- 
den Blasen durch das Wasser. 

Dieses und der säuerlieh prickelnde Geschmack des Wassers 
gaben sowohl über die Natur des Wassers, als Kohlensäuerling, als 



Chemische Analysen einiger Mineralwässer. 4-9 

auch über die Reichhaltigkeit desselben an freier Kohlensäure einen 
für Jedermann verständlichen Aulschluss. 

Auanfifafioc flnafnse. 

Specifisches Gewicht 1.0029 

Fixer Rückstand in 10.000 Grm. Wasser. 

a) 25 06 Grammen, 

b) 24-83 

Mittel . 24-945 Grammen. 

Bestimmung der Säuren. 

Schwefelsäure. 

Die Schwefelsäure wurde, an Baryt gebunden, gewogen: 

a) % Litre Mineralwasser gab schwefelsauren Baryt 0641 2 Grm. 

b) Dieselbe Menge 0-6325 „ 

Es enthalten also 10.000 Grm. Wasser an Schwefelsäure nach: 

a) 4-395 Grammen, 

b) 4-327 

Mittel . 4-361 Grammen. 

Chlor. 

Das Chlor wurde mit Zehntelsilberlösung titrirt. 
Es wurde in 10.000 Grm. Wasser gefunden: 

a) 0-200 Grammen, 

b) 0213 

Mittel . 0-206 Grammen. 

Kohlensäure. 

1. Gesammtkohlensäure. 
Die Gesammtkohlensäure wurde nach Friedrich Mohr's Angabe 
an der Quelle bestimmt, die Methode ist in den beiden vorangehen- 
den Analysen erläutert. 

202 C. C. Mineralwasser verbrauchten zehntelnormale Silber- 
lösung : 

a) 344-2 C. C. 

b) 344- 1 „ 

Es enthalten also 10.000 Grm. Wasser an Gesammtkohlensäure: 

a) 37-384 Grammen, 

b) . . . . . 37-366 

Mittel . 37-375 Grammen. 

Sit/.b. d. mathem.-naturw. Cl. XXXVII. Bd. Nr. 17. 4 



SO Kaue r. 

2. Ganz und halbgebundene Kohlensä ur e. 

Die Methode ist ebenfalls oben bei dem Rodisfurther Säuerling 
erläutert. 

a) y 3 Litre Wasser verbrauchte Normalsalpetersäure 17-3 C. C. 

bj „ „ „ y, n 17*5 „ 

Es enthalten also 10.000 Grm. Sauerbrunnen zu: 

a) Carbonaten gebundene Kohlensäure 7-590 Grm. 

zu Bicarbonaten gebundene Kohlensäure . . . 7590 „ 
Gesammtmenge der gebundenen Kohlensäure . 15-180 Grm. 

b) zu Carbonaten gebundene Kohlensäure .... 7-677 „ 
zu Bicarbonaten „ „ ... 7*677 „ 



Gesammtmenge der gebundenen Kohlensäure . 15-354 Grm. 

Mittel: 
Gebundene Kohlensäure 15-266 Grm. 

3. Freie Kohlensäure. 

10.000 Grm. Sauerbrunnen enthalten nach Abzug der gebun- 
denen Kohlensäure (2) von der Gesammtmenge der Kohlensäure (1) 
an freier Kohlensäure 22-109 Grm. 

Diese Kohlensäure beträgt bei einer Temperatur von 0° und 
einem Barometerstande von 760 Millim. ein Volumen von 11237*3 C. C 

Es enthält also 1 Volum Wasser 1-12 Volumen freies kohlen- 
saures Gas, ist somit mit Kohlensäure schwach übersättiget. 

Bestimmung der Basen der Kieselerde. 

Es wurde wieder nach den oben erläuterten Methoden mitZuhilfe- 
nahme der Mass-Analyse verfahren: 

Kieselerde. 

a) 4177 Grm. Wasser gaben Kieselerde .... 00962 Grm. 

b) 4194 „ „ „ „ .... 01196 „ 

Es enthalten also 10.000 Grm. Wasser Kieselerde nach: 

a) O-230 Grammen, 

b) .... . . 0-285 

Mittel . 0-257 Grammen. 



Chemische Analysen einiger Mineralwässer. JJ \ 

Eisenoxyrtul + Thonerde. 

a) 4177 Grm. Wasser gaben Eisenoxyd -f Thonerde 00586 Grm. 
6J4194 „ „ 00576 „ 

Es enthaltenalso 10.000 Grm. Sauerbrunnen Eisenoxyd -[-Thon- 
erde nach : 

a) 0*139 Grammen, 

b) 0137 

Mittel . 0-138 Grammen. 

Eisenoxydul wurde in 10.000 Grm. Sauerbrunnen mit Cha- 
mäleon gefunden 0-0961 Grm., welches mit 0-1068 Grm. Eisenoxyd 
äquivalent ist, es bleibt also für Thonerde 0-031 Grm. 

Kalk und Magnesia. 

a) 1 Litre Wasser gab Kalk (CaO) 4-166 Grm. 

b) 1 „ „ „ „ „ 41 10 „ 

Es enthalten also 10.000 Grm. W T asser Calciumoxyd nach: 

a) 4*154 Grammen, 

b) 4-099 

Mittel . 4-126 Graminen. 

a) 1 Litre Wasser gab pyrophosphorsaure Magnesia 0-5093 Grm. 

b) 1 „ „ » 0-518 

Es enthalten also 10.000 Grm. Sauerbrunnen Magnesia nach 

a) 1 • 830 Grammen, 

b) 1861 

Mittel . 1 • 845 Grammen. 

Kali ii ikI Natron. 

Die Alkalien wurden als Chloralkalien gewogen. 
300 C. C. Wasser gaben Chloralkalien 0-38 Grm. 
Das Kali wurde sodann durch Platinchlorid herausgefällt und 
zuletzt das reducirte Platin gewogen. 

Es wog das reducirte Platin 0-0184 Grm. 

Daraus berechnet man für 10.000 Grm. Wasser: 

Kali 0-292 Grammen, 

Natron .... 6-445 „ 

Intersuchnng der an der Quelle aufgefangeuen Gase. 

Von diesem Gase wurden von 100 Raumtheilen 81-8 Raumtheile 
durch Kalilauge absorbirt, waren also kohlensaures Gas, der Rest 
erwies sich als Stickstoff. 

Es enthalten demnach 100 Raumtheile des entweichenden 
Gases 8 18 Raumtheile Kohlensäure, 18*2 Raumtheile Stickstoff. 

4 » 



52 



K a u e r. 



Zusammenstellung der in 10.000 Grammen Sauerbrunnen gefundenen 
Säuren und Basen. 



Kali 




rammen, 


Natron . . . 


. 6-445 


n 


Ammoniak . . 


. Spuren 




Magnesia . . 


. 1*845 


n 


Kalk .... 


. 4-126 


n 


Eisenoxydul . 


. 0-096 


« 


Thonerde . . 


. 0030 


n 


Kieselerde . . 


. 0-257 


n 


Schwefelsäure 


. 4-361 


» 


Chlor .... 


. 0-206 


n 


Kohlensäure . 


. 37-375 





Verbindungen dieser Säuren und Basen. 

Kohlensaures Natron 5-221 Grammen, 

Kohlensaure Magnesia .... 3-874 „ 

Kohlensaurer Kalk 7-357 „ 

Kohlensaures Eisenoxydul . . 0*154 

Schwefelsaures Kali 0-539 

Natron . . . . 7-302 

Chlornatrium 0*351 

Thonerde 0-030 

Kieselerde 0-257 



Summe der fixen Bestandtheile 25*085 Grammen, 

Fixer Rückstand direct bestimmt a) 25*06 „ 

h) 24*83 

Gebundene Kohlensäure 15*266 „ 

Freie Kohlensäure 22-109 „ 

oder 1 Volum Wasser enthält 1*1 Volum Kohlensäure. 



Menge dieser Salze in einem Civilpfunde = 7680 Gran. 

Kohlensaures Natron .... 4*009 Grane, 

Kohlensaure Magnesia . . . 2*975 „ 

Kohlensaurer Kalk 5-650 „ 

Kohlensaures Eisenoxydul . . 0*118 „ 

Schwefelsaures Kali 0*413 „ 

Natron .... 5*607 „ 

Chlornatrium 0*269 „ 

Thonerde 0-023 „ 

Kieselerde 0-197 „ 

Fixer Rückstand 19*261 Grane, 

Gebundene Kohlensäure . . . 11-724 „ 

Freie Kohlensäure 16*979 



Chemische Analysen einiger Mineralwässer. 53 

Dieser Analyse zufolge gehört die „Ferdinandsquelle bei 
Rohitsch" in die Classe der erdig - alkalischsalinischen Säuerlinge 
mit ziemlich starkem Eisengehalte, welcher Säuerling seinem Charak- 
ter nach Ähnlichkeit mit dem Rohitscher Tempelbrunnen hat. 



Chemische Analyse eines Bitterwassers aus der 
Stadt Laa in Österreich. 

Das unter dem Namen „Laaer Ritterwasser" im April 1859 
geschöpfte und übersendete Wasser war klar und hatte einen schwach 
bitteren Geschmack. 

Einer qualitativen Analyse unterzogen, zeigte es die Reactionen 
der gewöhnlichen Säuren und Rasen, auffallend stark reagirte es 
auf Schwefelsäure und Magnesia. 

Das specifische Gewicht beträgt 1-0065 

Der fixe Rückstand auf 10.000 Grm. berechnet, ist 62- 1 Grm. 

Bestimmung der Säuren. 

Schwefelsäure . 

300 C. C. Litre Wasser gaben schwefelsauren Raryt: 

a) 3-1985 Grammen, 

b) 3194 

Daraus berechnet sich auf 10.000 Grm. Wasser Schwefelsäure 

nach : 

a) . . . 36-339 Grammen, 

b) . . . 36-289 

Mittel 36-314 Grammen. 

Chlor. 

Restimmt durch zehntelnormale Silberlösung, inlO.OOOGrm. Wasser: 

a) 0-352 Grammen, 

b) 0-369 

Mittel 0-360 Grammen. 

Kohlensäure. 

1. G esammtm enge. 

Nach der Methode von Friedrich Mohr. 

202 C. C. Litre Wasser erforderten zehntel normale Silber- 
lösung 104-4 C.C. 



£J4 K a u e r. 

Es enthalten also 10.000 Grm. Wasser Gesammt- 
kohlensäure 12*280 Grm. 

2. Gebundene Kohlensäure. 
y 3 Litre verbrauchte Normalsalpetersäure 

q) 5-3 C. C. 

b) 525 „ 

Es enthalten demzufolge 10.000 Grm. Bitterwasser 
zu Carbonaten gebundene Kohlensäure im Mittel . . . 2*393 Grm. 
„ Bicarbonaten „ „ „ „ . . . 2*393 „ 



Gesammtmenge der gebundenen Kohlensäure .... 4*786 Grm. 

3. Freie Kohlensäure. 

Nach Abzug der gebundenen Kohlensäure bleibt 
für freie Kohlensäure 7*494 Grm. 

Diese freie Kohlensäure beträgt bei 0° Temperatur 

und 760 Millim. Barometerstand 3841*2 C. C. 

Gas 

Es hatte also 1 Volum Bitterwasser 0*4 Volumen kohlensaures 
Gas aufgelöst. 

Bestimmung der Basen und der Kieselerde. 

Kieselerde. 

a) 7 Litre Bitterwasser gaben Kieselerde . . . . 0*185 Grm. 

b) 2 „ „ „ „ .... 0052 „ 

Es enthalten 10.000 Grm. Litre Wasser Kieselerde nach 

a) 0*262 Grammen, 

b) . . . . . 0*258 

Mittel 0*260 Grammen. 

Eisenoxyd + Thonerde. 

a) 7 Litre Bitterwasser gaben Eisenoxyd-f- Thonerde 0*008 Grm. 

b) 2 „ „ „ „ 00031 „ 

Es enthalten also 10.000 Grm. Bitterwasser Eisenoxyd + Thon- 
erde nach 

a) 0*010 Grammen, 

b) 0*015 

Mittel 0*012. Grammen. 



Chemische Analysen einiger Mineralwässer. 55 



Kalk and Magnesia. 

In y 3 Litre Bitterwasser gab Kalk (Ca.O) auf 10.000 Grm. 
Bitterwasser als Mittel zweier Versuche 6-660 „ 

y 3 Litre gab pyrophosphorsaure Bittererde auf 
10.000 Grm. Bitterwasser als Mittel zweier Versuche 13-693 „ 

Kali und Natron. 

300 C. C. Wasser gaben Chloralkalien .... 0-1S6 Grm. 
Daraus wurde das KO gefällt und aus Platinchloridchlorkalium 
durch Titriren des beim Glühen gebildeten Chlorkaliums bestimmt. 
Für 10.000 Theile Bitterwasser wurden gefunden 

Kali 0-266 Grammen, 

Natron .... 2-515 

Ammoniak. 

Bestimmt nach der Methode von Boussingault. 
1 Litre Wasser gab Ammoniak 

a) 0-01309 Grammen, 

b) 0-01326 

Es enthalten also 10.000 Grm. Wasser Ammoniumoxyd nach 

a) 0-200 Grammen, 

b) 0-202 

Mittel 0-201 Grammen. 

10.000 Grm. Bitterwasser enthalten also : 

Kali 0-266 Grammen, 

Natron 2-515 

Ammoniumoxyd 0-201 „ 

Magnesia 13-693 „ 

Kalk 6-660 

Eisenoxyd + Thonerde ... 0-012 

Kieselerde 0-260 

Schwefelsäure 36*314 „ 

Chlor 0-360 

Kohlensäure 12-280 



56 Kauer. Chemische Analysen einiger Mineralwässer. 



Wahrscheinliche Verbindungen dieser Säuren und Basen. 

Schwefelsaures Kali .... 0*488 Grammen, 

Natron ... 5-760 „ 
Schwefelsaure Magnesia . . .41 '079 „ 
Schwefelsaurer Kalk .... 8-760 „ 

Chlorcalcium 0-563 „ 

Kohlensaurer Kalk 4-944 „ 

Eisenoxyd + Thonerde . . . 0012 „ 

Kieselerde 0-260 

Summe der fixen Bestandteile 61-866 Grammen, 
Gebundene Kohlensäure . . . 4-786 „ 
Freie Kohlensäure 7-494 „ 

1 Volum Wasser enthält also 0-4 Volumen kohlensaures Gas. 



Sachs. Physiologische Untersuchungen über die Keimung etc. 57 



Physiologische Untersuchungen über die Keimung der 
Schminkbohne (Phaseollis multiflorus). 

Von Dr. Jnlias Sachs. 

(Mit 3 Tafeln.) 
(Vorgelegt in der Sitzung vom 3. März 1859.) 



§. 1. Der rnhende Same. 

Die Bohne ist von einer pergamentartigen Haut umhüllt. Diese 
besteht aus vier Schichten. Die äusserste Schichte besteht aus zwei 
über einander liegenden Zellenlagen, deren Zellen stabfürmig im 
Radius des Samens dicht neben einander aufgestellt sind. Die nach 
aussen liegenden Wände dieser Zellen, welche den Umfang der 
Bohne bilden, sind sehr stark verdickt, die Seitenwände von innen 
nach aussen dicker werdend, so dass der übrig bleibende Zellraum 
konisch, mit der Basis nach innen gekehrt ist. Die Zellen der zwei- 
ten Lage der äussersten Schichte sind dünner und noch stärker ver- 
dickt, so dass nur ein sehr kleiner mehr nach innen zu liegender 
kugliger Hohlraum übrig bleibt. Diese beiden Zellenlagen geben der 
Samenhaut die bedeutende Festigkeit und den Glanz. Die zweite 
Schichte besteht aus kleinen, rundlichen, nicht stark verdickten Zel- 
len , welche gleich denen der äussersten Schicht keine Zwischen- 
räume lassen. Die dritte Schicht besteht gleich der vorigen aus drei 
bis vier Lagen von Zellen, die aber mehrere Male grösser sind und 
lufterfüllte Zwischenräume übrig lassen. 

Bei den bunten Samen sind diese Zellen mit einem rothen Farb- 
stoff gefüllt, dieser bildet, da er durch die beiden äusseren Schich- 
ten hindurchscheint, den röthlichen Grundton, während die schwar- 
zen Flecken von dem in den äussersten stabförmigen Zellen enthal- 
tenen schwarzen Pigment herrühren. 

Endlich besteht die innerste Schichte aus unregelmässig zusam- 
mengequetschten Zellen, welche Luft führen. 



ÖO Sachs. Physiologische Untersuchungen 

Bei den weissen Bohnen enthält weder die äusserste noch die 
dritte Schichte Farbstoff. Es scheint, dass diese Albinos, gleich 
denen der Thiere, eine krankhafte Varietät sind. Ich habe mich 
bei meinen sehr zahlreichen Aussaaten von P. multiflorus, so wie 
von P. vulgaris wiederholt davon überzeugt, dass die weissschaligen 
Samen unsicher keimen; sie werden sehr leicht faulig, auch wenn 
sie nicht sehr feucht gehalten und sehr seicht in die Erde gelegt wer- 
den. Dagegen ist die Keimung der farbigen Varietät überraschend 
sicher, unter nicht allzu ungünstigen Verhältnissen keimt jede farbige 
Bohne, und dies macht diese Varietät zu physiologischen Versuchen 
ausserordentlich schätzbar, denn nicht alle grossen Samen haben diese 
für den Physiologen so nützliche Eigenschaft. 

Es wäre möglich, dass die Sicherheit der Keimung bei den 
bunten Bohnen von dem Gerbstoff in den Zellen der dritten Schichte 
herrührte. Behandelt man nämlich einen dünnen Querschnitt der 
Samenhaut oder diese in toto mit einem Eisensalz, so färben sich die 
den rothen Farbstoff führenden Zellen sogleich schwarz; mit Kali 
wird dagegen der rosige Farbstoff in eine ziegelrothe schmierige 
Masse verwandelt. Hierdurch ist die Gegenwart des Gerbstoffes in 
den Farbstoffzellen bewiesen. 

Es wäre nicht unmöglich, dass dieser Gerbstoff, gleich anderen 
leicht oxydirbaren Stoffen, den mit dem Wasser eindringenden Sauer- 
stoff ozonirte und so für die Keimung activer machte. Indessen ist 
dies eine blosse Vermuthung. 

Man könnte erwarten, dass ein so complicirtes Organ , wie die 
Haut der Bohnen, eine ganz besondere Bedeutung für die Keimung 
haben müsse, und sie hat auch eine solche; sie ist nämlich ein Hin- 
derniss derselben. Sehr viele Keimwurzeln verkrüppeln, weil sie sich 
bei der Durchbohrung der Schale beschädigen, zuweilen wachsen sie 
innerhalb derselben ein Stück hin , bevor sie sich durchbohren kön- 
nen; ich werde später zeigen, welch interessante Einrichtung den 
Keimstengel befähigt, dieses Hinderniss zu besiegen. Besonders ge- 
fährlich wird die Samenschale dem Keim, wenn der Same allzu seicht 
liegt oder die Erde austrocknet, nachdem das Leben im Keim schon 
begonnen hat. Dann trocknet auch die Schale aus, sie wird fest und 
hindert die Keimtheile am Austreten. Soll dies normal stattfinden, 
so muss der Boden so feucht sein, dass die Haut dehnsam und weich 
wird und bleibt. Daher keimen etwas tiefer liegende Bohnen, etwa 



über die Keimung - der Schminkbohne (Phaseolm muttiflorus). 50 

ein Zoll tief, zwar langsamer aber sicherer. Am sichersten aber 
keimt die Bohne, wenn man sie ihrer Hülle beraubt und den nackten 
Keim in die Erde legt. Das Abschälen muss aber geschickt gesche- 
hen, weil die Spitze des Würzelchens dabei sehr leicht beschädigt 
wird und dagegen ist jeder Keim, so weit ich es kenne, sehr empfind- 
lich; es ist merkwürdig, wie sehr man die Keime malträtiren kann, 
ohne ihr Leben zu gefährden, aber die geringste Verletzung der 
Wurzelspitze ertragen sie nicht. Ich habe Bohnen nahe am Keime 
quer durchgeschnitten und sie keimten, wurden gesunde, wenn auch 
kleinere Pflänzchen; ich habe den Keim beider Kotyledonen beraubt 
und dieser nackte Embryo begann den Entwickelungslauf und setzte 
ihn, so weit es seine Stoffmasse zuliess, fort. Es bildete sich eine 
kleine Wurzel und die Plumula wurde grün; das ganze Pflänzchen 
war aber kaum 2 Centim. lang und ging endlich ein. Aber nie sah ich 
einen Keim sich entwickeln , dessen Wurzelspitze verletzt war. Um 
dies beim Abschälen zu vermeiden, lässt man den Samen etwa 
2 — 3 Stunden im Wasser liegen, dann ist die Haut runzelig und lässt 
sich leicht abnehmen, der Keim selbst ist noch trocken. Solch nackte 
Keime keimten sehr sicher und, wie es mir schien, schneller. Dieser 
Versuch zeigt, dass die Samenhaut für den Keimungsact unnöthig 
und eher ein Hinderniss ist. Dagegen ist nicht zu leugnen, dass sie 
durch ihre Festigkeit den Keim schützt, besonders die Wurzelspitze, 
denn alle Keimtheile sind während ihres Ruhezustandes so ausge- 
trocknet, dass sie spröde sind. 

In der Samenhaut, und fest von ihr umschlossen, liegt der Keim; 
er besteht aus den beiden verhältnissmässig sehr grossen Kotyledonen 
und der Keimaxe mit den beiden Primordialblättern. An der Stelle, 
wo sich die beiden Kotyledonen rechts und links an der Keimaxe 
ansetzen, ist die Grenze zwischen dem auf- und absteigenden 
Wachsthum. Der unterhalb der Kotyledonen gelegene Theil der 
Keimaxe, gewöhnlich Würzelchen genannt, besteht nicht blos aus 
der Wurzel, sondern aus dem hypokotylen Stengelg liede, 
welches den grössten Theil dieses ovoidischen Zapfens ausmacht und 
aus der Wurzelanlage. Äusserlich ist eine Grenze dieser beiden 
Gebilde durchaus nicht zu erkennen. Dagegen ist sie auf Querschnit- 
ten mikroskopisch leicht festzustellen. Der oberhalb des Kotyledonen- 
ansatzes gelegene Axentheil besteht aus dem Stengelglied, wel- 
ches die Prim ordialbl ä tter trägt, zwischen denen die nackte 



ßQ Sachs. Physiologische Untersuchungen 

Terminalknospe liegt. An der Einsatzstelle der Kotyledonen ist 
die Axe knieförmig gebogen. Der hypokotyle Zapfen ist an die Unter- 
seite der beiden Kotyledonen angedrückt; äusserlieb ist die Stelle, 
wo die Wurzelspitze desselben liegt, durch ein kleines Grübchen 
(Mikropyle) neben dem Nabel der Samenhaut bemerkbar, während 
auf der entgegengesetzten Seite des Nabels zwei kleine Höcker lie- 
gen. Diese Lage des hypokotylen Zapfen macht, dass bei der Kei- 
mung die Wurzel nicht sogleich senkrecht hinabwächst. Auch das 
Stengelglied über den Kotyledonen verlängert sich nicht einfach bei 
der Keimung, ausser der schon im ruhenden Samen vorhandenen 
Kniebeugung treten an diesem Gliede noch andere Krümmungen auf. 
Durch diese Eigentümlichkeit gewinnen die verschiedenen Seiten 
des Samens eine charakteristische Bedeutung, welche auch an der 
älteren Pflanze noch wahrzunehmen ist. Um dies kurz zu bezeich- 
nen, nenne ich das Ende des Samens, wo die Keimaxe zwischen den 
Kotyledonen liegt, „hinten"; daraus folgt dann folgende Orientirung 
in Bezug auf die einzelnen Theile des Samens: ein rechter und ein 
linker Kotyledon mit dem Hinterende an die Axe befestigt; die Axe 
macht nach hinten ein vorspringendes Knie; die beiden Primordial- 
blätter sind mit den Kotyledonen gekreuzt, eines steht hinten, das 
andere vorne an das Stengelglied. Zur leichteren Orientirung 
werde ich im Folgenden das die Kotyledonen tragende Stengel- 
gebilde das hypokotyle Glied nennen , und die Zählung der Stengel- 
glieder über den Kotyledonen anfangen, so dass also das die Primor- 
dialblätter tragende Glied als erstes Glied bezeichnet wird. Es wird 
sich im Folgenden zeigen, dass der Unterschied von hinten und vorne, 
links und rechts auch in den Neubildungen sich geltend macht. 

Die Kotyledonen sind gleich gross, haben nach aussen eine ge- 
wölbte Fläche und nach innen gerichtet eine etwas concave, so dass 
zwischen beiden ein schmaler Hohlraum bleibt, in welchem die Pri- 
mordialblätter Baum für ihre erste Ausdehnung finden. An der Inser- 
tionsstelle trägt jeder Kotyledon zuweilen einen Lappen, zuweilen 
zwei, zuweilen gar keinen. Unter etwa 1500 Bohnen von Pk. mul- 
tiflorus, die durch meine Hände gegangen sind, fand ich zwei, wo 
statt zwei Kotyledonen deren drei, zwei seitliche und ein unterer 
vorhanden waren; in dem einen Falle trug das erste Stengelglied 
dem entsprechend auch drei Primordialblätter in einem Viertel, wel- 
cher mit dem Kotyledonenviertel abwechselnd stand. 



über die Keimung- der Schminkbohne (Phaseolus multiflorus). 61 

Bei Ph. vulgaris ist das Vorkommen von drei Kotyledonen viel 
häufiger, man kann auf hundert Samen einen solchen rechnen; hier 
fällt diese Abnormität auch eher auf, weil die Kotyledonen über die 
Erde gehohen werden. Bei dieser Art beobachtete ich einige Male 
zugleich mit drei Kotyledonen auch drei Primordialblätter im Quirl ; 
einmal waren die Kotyledonen in eine Spirale gestellt. 

Die Kotyledonen bestehen aus dreierlei Gewebeformen: der 
Oberhaut, dem Parenchym und den Zellensträngen. Die Oberhaut 
besteht aus ziemlich dünnhäutigen Zellen, welche auf der gewölbten 
Aussenfläche beinahe cuboidisch sind , auf der concaven Innenfläche 
aber in der Bichtung der Längsaxe des Samens lang gezogen sind. 
Die Oberhautzellen enthalten niemals Stärke, weder im ruhenden 
noch im lebendig gewordenen Samen. 

Sie haben jetzt noch keine Spur von Spalf Öffnungen; die Koty- 
ledonen von Ph. multiflorus zeigen besser als irgend ein anderes 
Organ, wie die Entstehung dieser interessanten Gebilde ganz von 
äusseren Bedingungen abhängt. Wo die Kotyledonen von Erde be- 
deckt oder von der Haut noch zum Theil umhüllt sind, da bleiben sie 
nicht nur farblos, sondern sie bilden auch keine Spaltöffnungen; an 
Stellen dagegen, wo sie entblösst sind, wo Licht und Luft freien 
Zutritt haben, entstehen Spaltöffnungen und in den äusseren Paren- 
chymzellen Chlorophyll. 

Das Parenchym der Kotyledonen ist das Nahrungsreservoir für 
den Keim. Die Zellen sind nach der Bichtung des Dickendurchmes- 
sers ein wenig länger; im Allgemeinen rundlich polyedrisch, sie 
lassen grosse Zwischenräume, welche auch im trockenen Samen mit 
Luft erfüllt sind. Die Wände sind stark verdickt, da wo zwei benach- 
barte Wände an einander liegen, zeigen sie grosse Tüpfel , ich habe 
mich überzeugt, dass sie jetzt und später durch die primäre Lamelle 
der Zellhaut verschlossen sind. Die Stellen der Zellhaut, welche die 
Zwischenräume begrenzen, sind verdickt und haben keine Tüpfel. 
In der Nähe der Epidermis werden die Zellen kleiner; in der unmit- 
telbaren Umgebung der Zellenstränge sind sie ebenfalls kleiner und 
schliessen fest an einander, indem sie so eine Art Scheide um jeden 
Strang bilden. Dieses Verhältniss ist zwar bei der Bohne gerade 
nicht sehr auffallend, aber ich hebe es hervor, weil auch an allen 
anderen Gefässsträngen das Parenchym ein ähnliches Verhalten zeigt 
und damit gewisse, später zu besprechende, physiologische Erschei- 



ß2 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

nungen zusammenhängen. Der ganze Raum der Parenchymzellen ist 
dicht angefüllt mit zweierlei optisch und chemisch verschiedenen 
Stoffen. Als Grundmasse die ganze Zelle erfüllend zeigt sich eine im 
Wasser, Alkalien und Säuren unlösliche, krümliche, gelblich durch- 
scheinende Materie; Jod färbt sie intensiv braun, mit CuOS0 3 
durchfeuchtet und in KOHO gekocht, löst sie sich zu einer dunkel- 
violetrothen Flüssigkeit; die Hauptmasse ist also ein Eiweissstoff, 
Casein, Legumin. Ich habe ihn in grösserer Menge dargestellt, er 
bildet im trockenen Zustande und gereinigt eine gelbliche feste Masse 
und gibt mit CuOS0 3 und KO eine violete Flüssigkeit gleich allen 
anderen Eiweissstoffen. 

In diesem vertrockneten Eiweissstoff liegen zahlreiche grosse 
Stärkekörner von eiförmiger Gestalt und im Innern mit grossen 
Rissen durchzogen. Je grösser die Zellen, desto grösser sind die 
Stärkekörner darin. Neben diesen grossen Körnern sind auch kleine 
zahlreich, zumal in den Zellen nahe der Oberhaut wiegen die kleinen vor. 

Die Zellenstränge in den Kotyledonen entspringen aus dem Ge- 
webe der Keimaxe und so wie sie durch die Basis der Kotyledonen 
hindurchgehen, beginnen sie sich vielfach zu verzweigen. An der 
Basis nur in einer Schichte liegend, werden sie nach vorne hin in 
zwei, eine innere und eine äussere Schichte geordnet; die Zweig- 
stränge sind sämmtlich nach vorne gerichtet. Sie bestehen aus sehr 
kleinen, langen, dünnhäutigen Zellen, welche niemals Stärke enthal- 
ten und mit Eiweissstoffen dicht angefüllt sind. Im trockenen Kotyle- 
don enthalten diese Stränge niemals eine Spur von Spiralgefässen; 
aber später bei der Keimung treten solche in ihnen auf. Dagegen 
ziehen sich durch die ganze Länge dieser Stränge einzelne Reihen 
von etwas grösseren Zellen, das sind dieGerbstoffgefässe; im trocke- 
nen Samen enthalten sie aber noch keinen Gerbstoff, sondern eine 
krümliche Materie, welche mit Eisensalzen nicht schwarz wird und 
mit KO kein rothes Oxydationsproduct gibt. Bei der Keimung füllen 
sich die Gerbstoffgefässe von der Basis nach vorne hin fortschrei- 
tend mit Gerbstoff. 

Die Keimaxe besteht aus der Epidermis, der Rinde, dem 
producirenden Gewebe und dem Mark, ferner dem Urparenchym der 
Terminalknospe und dem Urparenchym der Wurzelspitze. 

Die Epidermis überzieht die ganze Keimaxe unterhalb der Pri- 
mordialblätter, das ganze hypokotyle Glied und überzieht dann die 



über die Keimung der Schniinkhohne (Phascolus multiflorus ). 63 

junge Rinde der Wurzelspitze, indem sie sich bis unter die Wurzel- 
haube hinabzieht, so dass die Wurzelhaube von dem Wurzelrinden- 
parenchym durch diese Zellenlage getrennt erscheint. An allen die- 
sen Stellen besteht die Epidermis aus einer einzigen Zellschichte; 
die Zellen derselben sind in der Richtung des Radius 2 bis 3mal 
so lang als in der Richtung der Axe und in der Tangente, sie sind 
stabförmig, vierseitig prismatisch und schliessen mit den Seitenwän- 
den fest zusammen. Alle diese Zellen sind dicht gefüllt mit einem 
eiweissartigen Stoff, enthalten aber niemals Stärke. Anlagen zu 
Spaltöffnungen sind noch nicht vorhanden. 

Das Parenchym der Rinde und des Markes sind ganz gleich 
gebaut. Dieses Parenchym besteht aus tafelförmigen Zellen, deren 
radialer Durchmesser etwa doppelt so gross ist als ihre Höhe parallel 
der Axe. Je zwei bis fünf und sechs dieser Zellen sind in der Rich- 
tung der Axe zu einem grösseren Complex vereinigt, ihre Querwände 
schliessen dicht zusammen; jeder solcher Complex ist von einem luft- 
führenden Intercellularraum umgeben. Es ist nicht zu verkennen, dass 
diese Zellencomplexe die letzten Theilungsproducte einer Mutterzelle 
sind, deren Umrisse eben durch den Verlauf des Intercellularraumes 
angedeutet sind. Die einzelnen Zellen erscheinen wie Kammern einer 
längeren septirten Zelle. Bei den ersten Keimungsvorgängen ver- 
schwindet diese Anordnung, indem sich die Zellen bedeutend nach 
der Richtung der Axe verlängern. Oben geht das Rindenparenchym 
unmittelbar in das der Blattstiele über (Taf. I, L. I), an der Wurzel- 
spitze dagegen bildet dieses Gewebe ein offenes Rohr. Die Anzahl 
der Zellenschichten wird während der Keimung nicht vermehrt; sie 
besteht jetzt am hypokotylen Glied aus IS bis 16, am ersten Stengel- 
gliede aus 7 bis 8 radial angeordneten, peripherische Schichten bil- 
denden Zellenlagen. Die spätere Verdickung dieser Axentheile wird 
nur durch Dehnung der schon vorhandenen Zellen bewirkt ; jedoch 
findet man während der Keimung auch hin und wieder im Rinden- 
parenchym des ersten Gliedes Zellen in Theilung (Längswände pa- 
rallel dem Radius) begriffen. Das Markparenchym hört unmittelbar 
unter der Terminalknospe auf und geht bis an den Vegetationspunkt 
der Wurzelspitze (Taf. I, I. L. v). Auch hier sind die Zellen und 
Zellencomplexe in deutliche Längsreihen geordnet. Die Zahl der 
Markzellen wird während der Keimung ebenfalls nicht vermehrt, sie 
strecken sich gleich denen der Rinde in dem Masse, als die Axe sich 



(34 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

verdickt und verlängert. DieDehnung parallel dem Radius beträgt etwa 
das6fache, parallel der Axe steigt sie bis auf das 30 bis lOOfache; 
demnach ändern die Zellen ihre Gestalt; im trockenen Keim quer 
tafelförmig, sind sie in der ausgebildeten Axe dann lang gestreckt. 

Mark und Rinde sind mit albuminosen Substanzen gefüllt, ausser- 
dem findet sich aber auch Stärke in sehr kleinen, runden Körnchen. 
Die Quantität der Stärke in der Keimaxe ist sehr verschieden bei ver- 
schiedenen Samen. Bei den meisten findet sich nur in der Gegend, 
wo die Kotyledonen sich einsetzen, Stärke im Gewebe der Rinde und 
des Markes; ebenso enthält der oberste Tlieil des Markes unmittelbar 
unter der Terminalknospe immer ein wenig Stärke, endlich fehlt sie 
auch niemals in den Zellen zwischen dem Vegetationspunkt der Wurzel 
und der Wurzelhaube (siehe Taf. I, Fig. I, L. ein Längsschnitt des 
trockenen Keimes, die dunkel grundirten Stellen zeigen die Verthei- 
lung der Stärke). In manchen Keimen ist indessen das ganze Mark 
mit Stärke gefüllt. Ich habe im Keim anderer Pflanzen ähnliche Diffe- 
renzen beobachtet. In den Maiskeimen z. ß. ist gewöhnlich der Koty- 
ledon nur mit Fett gefüllt; an manchen Kolben enthalten aber alle 
Kotyledonen neben dem Öl auch noch Stärkekörner in denselben Zel- 
len. Ich habe mich überzeugt, dass dies kein krankhafter Zustand ist, 
denn solche Samen keimen ebenso gesund als die anderen. 

Als p roducirend es Gewebe bezeichne ich das zwischen 
Mark und Rinde liegende Gewebe der Axe. Bei flüchtiger Untersu- 
chung wäre man geneigt, es einfach als Cambium zu bezeichnen. Der 
Begriff des Cambiums ist aber für dieses Gewebe zu eng. Mit diesem 
Namen belegt man ein aus gestreckten Zellen, ohne Intercellular- 
räume bestehendes Gewebe, welches durch fortwährend erneuerte 
Zelltheilung diejenigen Elemente erzeugt, aus denen dann Bastzellen, 
Gefässe und Holzzellen hervorgehen. 

Das, was ich als producirendes Gewebe der Keimaxe bezeichne, 
enthält allerdings auch ein Cambium, d. h. eine Schicht von Zellen, 
welche die Elemente zur Verdickung des Stammes, zu Neubildungen, 
wenn derselbe sein Längswachsthum bereits beendet hat, liefern 
werden, aber das producirende Gewebe enthält noch viel mehr als 
dies. Die folgende Beschreibung wird hoffentlich die Einführung die- 
ses neuen Begriffes in die Wissenschaft rechtfertigen. 

Das producirende Gewebe bildet ein zwischen Mark und Rinde 
liegendes , oben und unten offenes Rohr, dessen Querschnitt in ver- 



über die Keimung der Schininkbohne (Phaseollis multiflorus). ß5 

schiedenen Höhen der Axe sehr .verschieden gestaltet ist. Innerhall) 
des ersten Stengelgliedes bemerkt man auf dem Querschnitte viele 
nach innen vorspringende Leisten, denen an der äusseren Seite Aus- 
bauchungen entsprechen (siehe Taf. I, Fig. I a ein Querschnitt von 
Fig. 1 L bei a genommen). Diese Leisten laufen von den Primordial- 
blättern bis zum Kotyledonen-Ansatz hinab, im hypokotylen Gliede ver- 
schwinden sie; weiter unten, und damit ist der Anfang der Wurzel 
bezeichnet, treten wieder vier im Kreuz gestellte Leisten an dem Rohre 
auf (vgl. Taf. 1, Fig. I a ein Querschnitt durch das hypokotyle Glied 
bei a. in Fig. I L und Fig. I ß ein Querschnitt durch die Wurzel bei 
ß in Fig. I L). 

Es wäre unrichtig, diese Leisten als die zukünftigen Gefäss- 
bündel zu bezeichnen, vielmehr entstehen nur die ersten Spiral- 
gefässe und getüpfelten Gefässe aus Zellreihen, welche innerhalb 
dieser Leisten liegen, und zwar nicht aus denen, welche dein Mark 
zunächst liegen, sondern die in Gefässe übergehenden Zellreihen 
durchziehen das Innere der Leisten, so dass dann die Gefässe von 
dünnhäutigem Gewebe, welches frei ist von Zwischenräumen, um- 
geben und von dem Mark getrennt sind (vergl. Taf. Hl, Fig. IV b, 
welche das Stück x in Taf. I, Fig. I a im weiter entwickelten Zu- 
stande zeigt, das Gewebe L der Leiste enthält jetzt Gefässe s un&ggf, 
welche nicht an das mit Lufträumen versehene Mark angrenzen). 
Die späteren, grösseren Gefässe verdanken dagegen dem später 
in Thätigkeit gesetzten Cambiumcylinder ihre Entstehung (vergl. 
Taf. III, Fig. IV b bei c das eben thätig gewordene Cambium). 

Das producirende Geweberohr besteht schon im Keim aus sehr 
verschiedenen Elementen, unter denen auch die Elemente der späte- 
ren Cambiumschichte schon zu bemerken sind; und gerade dieser 
Umstand macht es nöthig, dieses ganze Gewebe nicht als Cambium 
zu bezeichnen. 

Taf. I, Fig. 1 l zeigt einen Längsschnitt bei l in Fig. I L 
genommen, worin E die junge Epidermis, R und M das luftführende 
Gewebe der Rinde und des Markes und P das producirende Gewebe 
vorstellt. Der Schnitt geht radial durch das Rohr zwischen zwei Lei- 
sten; der radiale Längsschnitt einer Leiste würde die Schichte P 
doppelt so breit erscheinen lassen. Die kubischen Zellen st, zunächst 
der Rinde, sind der Längsschnitt des späteren Stärkeringes (vergl. 
Taf. III, Fig. IV b bei st); darauf folgen nach innen bei b die jungen 

Sitzb. d. matliem.-naturw. Cl. XXXVII. Bd. Nr. 17. 5 



60 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

ßastzellen, durch ihre parenchymatische Anordnung kenntlich; 
bei i) b eine Reihe viel grösserer Zellen , es sind die späteren Gerb- 
stoffgefässe (Taf. HI, Fig. IV a die schwarz ausgefüllten Stellen), 
welche jetzt noch keinen Gerbstoff führen; c bezeichnet die erst 
später thätig werdende Cambiumschichte, endlich h die jungen 
Holzzellen. 

Im hypokotylen Gliede und der Wurzel ist das Rohr dicker. In 
der Wurzel fehlen die Gerbstoffgefässe. Je näher gegen die Wurzel- 
spitze hin, desto mehr werden die Zellen des producirenden Gewe- 
bes kubisch. Alle Elemente des producirenden Gewebes sind sehr 
dünnhäutig, mit erstarrten Eiweissstoffen gefüllt; sie enthalten nie- 
mals eine Spur von Stärke. 

In allen Zellen der Epidermis, des Parenchyms und des produ- 
cirenden Gewebes sind Zellenkerne vorhanden; sie sind sehr klein 
und haben kein Kernkörperehen. 

An der Wurzelspitze geht das producirende Gewebe in das 
Urparenchymüber. Eine Terminalzelle, wie sie Hofmeister beiden 
Wurzeln der Kryptogamen überall nachgewiesen hat, konnte ich 
trotz aller Mühe und Sorgfalt weder in der Wurzelspitze des trocke- 
nen Keimes noch in späteren Zuständen auffinden. Dagegen habe ich 
immer eine ganze Schichte sehr kleiner, dünnhäutiger Zellen an der 
Wurzelspitze gefunden, deren Theilungswände quer gegen die 
Wurzelaxe stehen, also die Verlängerung der Wurzel herbeiführen. 

Im trockenen Keim ist die Wurzelhaube nicht so scharf von dem 
Gewebe der Wurzelrinde getrennt wie in späteren Zuständen; sie 
besteht aus grossen, langen, verdickten Zellen. In der Verlängerung 
der Wurzelaxe bilden die Zellen der Wurzelhaube einen Schwanz, 
der wohl nichts anderes sein kann, als der noch weiter ausgebildete 
Vorkeim; er besteht aus sehr grossen stark verdickten Zellen (siehe 
Taf. I, Fig. I L bei p). 

Die Terminalknospe (Taf. I, Fig. I /, bei ty) besteht aus sehr 
kleinen Zellen; sie schliessen ohne Zwischenräume zusammen und 
sind ebenfalls mit albuminosen Substanzen dicht gefüllt; drei bis 
vier Schichten abwärts treten Zwischenräume auf und die Zellen neh- 
men das Ansehen des Markparenchyms an. Die Oberfläche der Ter- 
minalknospe ist mit einem festen Häuschen überzogen. Es scheint, 
dass hier in der That nur eine Terminalzelle vorhanden ist, jedoch 
erlaubte mir die Kleinheit der Zellen auch hier kein sicheres Urtheil. 



über die Keimung der Schminkbohne fPhnsrolim mu(tiflnriis) . ß7 

Die Primardialblätter bestehen jetzt aus dem Stiel und der La- 
tniua; die Bewegungsorgane sind noch nicht vorhanden, sie gehören 
zu den späteren Bildungen des Keimungsprocesses ; ein solches 
Organ entsteht zwischen dem Stiel und der Axe durch eine intercal- 
lare Zellbildung, ein zweites zwischen Lamina und Stiel ebenso. Die 
beiden kleinen Stipulargebilde am oberen Ende des Stiels sind dage- 
gen schon am ruhenden Keim vorhanden, ebenso die Stipulae an der 
Basis der Stiele. 

Blattstiel und Lamina sind bereits von einer Epidermis über- 
zogen. Das Bindenparenchym des Blattstiels ist eine unmittelbare 
Fortsetzung der Stengelrinde. 

Die vordere und hintere grosse Leiste des producirenden Ge- 
weberohres des Stengels tritt je in einen Blattstiel und theilt sich 
dann in neun Stränge. Zwei derselben verlauten in den Bändern der 
Binne (Taf.L Fig. I d Querschnitt des Blattstieles), die sieben ande- 
ren stellen sich in die Peripherie eines Bohres und umschliessen so 
das Mark des Stieles, indem zwischen ihnen die Markstrahlen übrig 
bleiben. Vor dem Eintritt in die Lamina vereinigen sich die Stränge 
wieder und treten dann in drei Stränge getheilt in den Medianus und 
die beiden seitlichen Hauptnerven der Lamina. 

Die Blattnerven sind schon im ruhenden Keime der Hauptsache 
nach vollständig vorhanden. Der Medianus trägt o — 6 opponirte 
Seitennerven, die sich gegen den Band hin 1 — 2 Mal theilen; auch 
die beiden unteren seitlichen Hauptnerven tragen bereits 3 — 4 nach 
aussen (an den Band der Herzlappen der Blätter) verlaufende und 
am Bande mehrfach getheilte Seitennerven. Selbst einige Anastomosen 
zwischen den Seitennerven sind bereits vorhanden; die grössere An- 
zahl derselben entsteht aber erst während der Keimung durch mehr- 
fache Theilung gewisser Zellenläufe in der zweiten Zellschichte des 
Blattparenchyms. 

Jeder Blattnerv ist auf der Unterseite von einer Fortsetzung des 
Stielrindenparenchyms gebildet, in dessen Axe ein Strang produci- 
renden Gewebes verläuft; es enthält hier und im Blattstiel dieselben 
Elemente, wie in den Leisten des producirenden Rohres in der Axe; 
der Stärkering (ohne Stärke wie dort), die Gerbstoffgefässe (ohne 
Gerbstoff) und die Elemente des Cambium und der Gefässe sind in den 
producirenden Strängen der Blattnerven bereits deutlich zu erkennen. 
Das Bindenparenchym der Nerven enthält Stärke in kleinen Körnchen. 

5* 



ß$ Sachs. Physiologische Untersuchungen 

Die Lamina ist inclusive der Epidermis sechs Zellen dick. Die 
vier Parenchymschichteu bestehen aus kubischen Zellen; die der 
obersten und untersten Schichte lassen Lufträume zwischen sich, die 
beiden mittleren Schichten schliessen dagegen noch fest zusammen. 
In den Zellen der zweiten Schichte von oben sind sehr dünne Quer- 
wände vorhanden; während der Keimung wird diese Theilung vollendet 
und das Parenchym besteht dann aus fünf Lagen (excl. der Epider- 
mis). Jetzt ist der Unterschied zwischen dem Säulengewebe der Ober- 
seite und dem Schwammgewebe der Unterseite noch nicht vor- 
handen. 

Alle Zellen der Lamina sind mit Eiweissstoffen erfüllt, zeigen 
deutliche Zellkerne, enthalten aber jetzt keine Stärke. 

Von den epidermoidalen Gebilden, welche während der Kei- 
mung an Axe und Blättern hervortreten, ist jetzt noch nichts vorhan- 
den; diese Gebilde sind, sobald sie entstehen, echte Neubildungen. 
Die Epidermis trägt nirgends Spaltöffnungen, keine Haare; auch die 
Zellenleiste, welche auf der Oberseite der grösseren Blattnerven hin- 
läuft, ist noch nicht vorhanden; sie entsteht später durch Vermehrung 
der Epidermiszellen. 

Die eben gemachte Beschreibung des ruhenden Keimes wird, 
obwohl sie nur so viel enthält, als zum Verständniss des Folgenden 
durchaus nöthig ist, hinlänglich zeigen, ein wie complicirter Organis- 
mus der Keim der Bohne ist. 

Bei einer genauen Musterung der äusseren und inneren Ver- 
hältnisse macht die Keimaxe und die Blätter den Eindruck, als ob es 
ein in der besten Entwickelung plötzlich sistirter, erstarrter Lebensact 
sei, den man hier vor sich hat; die Keimung ist dann nur die Fort- 
setzung des früher allseitig Begonnenen. Die Kotyledonen dagegen 
machen den Eindruck fertiger Gebilde; an ihnen ändert die Keimung 
nichts mehr, als dass sie ihnen die aufgespeicherten Stoffe entzieht ; 
sie leben nur, insofern sie dem Keime dienen und sind nur nochMittel 
zum Zwecke. Das ist eine Eigenthümlichkeit der Keime mit dicken 
Kotyledonen ohne Endosperm; bei den blattartigen Kotyledonen der 
Endosperm führenden Samen ist das alles anders. Physiologisch ver- 
halten sich die fleischigen stärkeführenden Kotyledonen der endosperm- 
freien Samen, obwohl sie integrirende morphologische Elemente der 
Keimpflanze sind, doch ganz so, wie das Endosperm des endosperm- 
haltisren Samens. 



über die Keimung' Her Schminkbohne (Phaseolus multiflorusj . 



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Zum leichteren Verständniss des Folgenden erlaube ich mir noch 
folgende Übersicht über die Verhältnisse des ruhenden Keimes bei- 
zu fügen : 



fertige: 

Kotyledonen. 

Erste Anlage der Formelemente: 
Producirendes Gewebe, 
Stärkering, 
Bast, 

Cainbium, 
Holz, 
Gefässe, 
Gerbstoffgefässe, 
Epidermis. 



Formen: 

fertig bis zur Dehnung: 
Primordialblätter , Rinden - 

Mark-Parenchym der Axe. 
Noch gar nicht angelegte : 
Spaltöffnungen, 
Haare, 

Leisten auf den Blattnerven, 
die kleineren Anastomosen 

Blattnerven, 
Bewegungsorgane. 



und 



der 



Stoffe in den Zellen: 



Stärke und Eiweissstoffe: 
Parenchym des Kotyledon, 
„ der Rinde, 
„ des Markes, 

der Blattnerven. 



Eiweissstoffe ohne Stärke: 
Epidermis der Kotyledonen, 

„ .. Axe, 

„ . „ Blätter, 
das producirende Geweberohr, 
die producirenden Stränge, 
das Cotyledon, 
der Blätter, 
Urparenchym der Wurzelspitze 

und Stammspitze, 
Blattparenchym. 



LufterfülHe Zwischenräume 

sind vorhanden: sind nicht vorhanden: 

im ganzen Parenchym. in der Epidermis, 

„ dem producirenden Gewebe, 
„ „ Urparenchym. 
Stärke kommt nur in Geweben vor, welc'he luftführende Zwi- 
schenräume haben ; die geschlossenen Gewebe ohne Luft haben keine 
Stärke, mit einziger Ausnahme des Gewebes der Wurzelhaube. 



*7 f\ Sachs. Physiologische Untersuchungen 

§. 2. Äussere Fnigestaltung während der Keimung. 

Es ist schwer, im Laufe der Keimung eine Erscheinung oder 
eine Reihe von Erscheinungen als constant zu bezeichnen, um die 
nöthigen Anhaltspunkte für die Verständigung über das Stadium, wel- 
ches man bespricht, zu bekommen. Am wenigsten eignet sich die 
Angabe des Alters eines Keimes, um seinen Entwicklungszustand zu 
bezeichnen, denn der letztere hängt neben dem Alter 1 ) wesentlich 
von der Temperatur und dem Boden ab. Man müsste also, um den 
Entwickelungszustand zu bezeichnen, jedesmal die während der 
genannten Zeit stattgehabte Temperatur und die Feuchtigkeit und 
Lockerheit des Bodens angeben. Hierzu würde aber eine sehr lange 
Tabelle von Daten über den Zusammenhang dieser Erscheinungen 
nöthig sein; hätten wir eine solche vollständige Tabelle, so wäre 
das der beste Weg, um ein bestimmtes Entwickelungsstadium zu 
charakterisiren; in Ermangelung einer solchen muss man sich an 
die äussere Gestalt halten. Diese hängt ab von den äusseren Dimen- 
sionen der einzelnen Theile, von der Anzahl und Stellung der Neu- 
bildungen und von ihrer Richtung und Beugung. 

Wenn nur in jedem Entwickelungszustande ein völlig constantes 
Verhältniss dieser Bestimmungsmomente Statt hätte , so würde es 
genügen eines derselben anzugeben; wenn man z. B. sagte „ein 
Keim, dessen Hauptwurzel 10 Centim. lang ist, so würde sich 
daraus sogleich der Ausbildungsgrad des Stengels und der Blätter 
ergeben, wenn eine völlige constante Proportionalität der Theile in 
ihrer Entwickelung Statt fände. Das ist aber nicht der Fall. Zwar fin- 
det in der That für jede Species eine gewisse Proportionalität in der 
Entwickelung der Wurzel und des Stengels Statt, eine Proportiona- 
lität, welche für die betreffende Species einen sehr wesentlichen 
Charakterzug bildet, allein das Verhältniss der gleichzeitig gebilde- 
ten Theile ist viel zu schwankend, um zwei nahe gelegene Entwicke- 
lungsstadien damit scharf bezeichnen zu können. In dieser Dispropor- 
tionalität beurkundet sich eine gewisse Unabhängigkeit der einzelnen 
Theile, welche allerdings nur in ziemlich engen Grenzen möglich ist. 
Wenn man daher genau angeben wollte, welchen Entwickelungs- 
zustand eine Keimpflanze hat, von der man eben spricht, so müsste 



*) Ich nenne Aller eines Keimes die Zeit von dein Legen des trockenen Samens in 
feuchte Erde bis zu dem fraglichen Moment gerechnet. 



iilier die Keimung' der Schminkbohne (Phaseolua multiflorus) . t \ 

man eine Angabe über die Ausbildung' ihrer, einzelnen Theile bei- 
fügen. Durch vielfältige Beobachtung- aber kommt man dahin, gewisse 
Normalzustände der einzelnen Theile unterscheiden zu lernen, und 
es ist dann leicht an einer beliebigen Keimpflanze einen dispropor- 
tionirten Theil sich in Gedanken durch den normalen zu substituiren. 
Daraus ergeben sich dann einzelne Normalstadien, die man brauchen 
kann, um sich über den Keimzustand eines Samens deutlich aus- 
zudrücken. Ich werde im Folgenden eine Schilderung des Ent- 
wickelungsganges nach derartigen Normalzuständen , gewisser- 
massen nach Mittelwerthen aus verschiedenen Beobachtungen , ver- 
suchen und dabei die wesentlichsten Abweichungen erwähnen. 

Die erste äusserlich wahrnehmbare Veränderung eines Keimes, 
wenn der Samen ein bis zwei Tage bei mittlerer Temperatur in der 
feuchten Erde gelegen hat, ist eine bedeutende Ausdehnung des 
Wurzelzapfens und des Stengelgliedes mit den Primordialblättern, 
diese Theile turgesciren, früher gelblich, spröde, faltig sind sie jetzt 
durchscheinend weisslich, glatt. 

Die erste wesentliche Änderung findet nun an der Wurzel Statt: 
sie verlängert sich bedeutend und durchbricht dabei gewöhnlich die 
Samenschale sogleich, zuweilen wächst sie innerhalb derselben ein 
Stück hin. Wenn der Same mit dem Nabel nach abwärts lag, so 
senkt sich die wachsende Wurzelspitze sogleich abwärts. Die Wur- 
zelspitze ist jetzt schon wie später durch eine schleimige glatte Ober- 
fläche charakterisirt. Während nun die Wurzel 3 bis 4 Centini. 
hinabwächst, verlängert sich das hypokotyle Glied und verdickt sich 
dabei sehr bedeutend. Die Bildung der Wurzelhaare beginnt jetzt an 
der Grenze zwischen bypokotylem Glied und Wurzel, und diese 
Grenze wird dadurch leicht kenntlich. Die Papillenbildung schreitet 
in dem Masse abwärts, als die Wurzel sich verlängert, die jüngsten 
Papillen bleiben aber immer von der Spitze um 1 — 2 Centim. ent- 
fernt. Wenn die Wurzel 8 — 10 Centim. lang geworden ist, zeigen 
sich an ihrem obersten Theile grössere Protuberanzen, in senkrechte 
Beihen gestellt, eine hintere, zwei seitliche und eine vordere Beihe 
bildend, es sind die jungen Nebenwurzeln I. Ordnung, die noch 
innerhalb der Binde liegen. Um diese Zeit hat sich auch das erste 
Stengelglied auf 1 — 1*5 Centim. verlängert und dabei stärker nach 
vorwärts gebogen, die Primordialblätter sind über 1 Centim. lang 
geworden; alle Theile oberhalb des Kotyledon sind rauh; es beginnt 



72 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

überall gleichzeitig die Haarbildung. Dieses Stadium ist leicht kennt- 
lich und physiologisch dadurch charakterisirt, dass die Verlängerung 
der Hauptwurzel nun der Hauptsache nach vollendet ist und die seit- 
lichen Neubildungen begonnen haben (Fig. II auf Taf. I). Bei sehr 
hohen Temperaturen verlängert sich die Wurzel nicht so stark, schon 
wenn sie 5 Centim. lang ist, treten die Nebenwurzeln hervor, und hat 
der obere Keimtheil das Ansehen des Stadium II. 

Die nächste auffallende Änderung findet nun an den Nebenwur- 
zeln I. Ordnung Statt. Sie sind bereits im vorigen Stadium in grosser 
Anzahl angelegt worden und verlängern sich nun in kurzer Zeit 
(etwa in zwei Tagen) auf 6 — 8 Centim. bei mittlerer Temperatur 
(14 — 16° R.); dabei sind wieder die obersten die zuerst hervor- 
tretenden, die Bildung der Wurzeln geht von oben nach unten, und 
die jüngsten Nebenwurzeln bleiben immer um einige Centimeter von 
der Spitze der Hauptwurzel entfernt. Zugleich mit dieser Streckung 
der Nebenwurzeln beginnt eine bedeutende Streckung am untersten 
Theil des ersten Stengelgliedes . dabei erscheint so wie bei der 
Wurzelbildung die Hinterseite als die kräftigere; sie streckt sich 
stärker und dadurch wird der Stengel nach vorne gebeugt; während 
sich der untere Stengeltheil immer mehr verlängert und verdickt, 
wird auch diese Beugung immer stärker und endlich so, dass das erste 
Stengelglied nun aus einem aufrechtstehenden unteren Theil und 
einem abwärts gekehrten oberen, welcher die hängende Plumula 
trägt, besteht. Dieses Stadium ist besonders durch diese Beugung 
auffallend charakterisirt und durch den Umstand, dass in diesem 
Zustande des Keimstengels die Samenschale durchbrochen wird; der 
nach oben gewölbte Stengel hebt sie mit bedeutender Kraft von den 
Kotyledonen ab, oder zerreisst sie. Wenn der Stengel so, wie er im 
ruhenden Samen liegt, sich einfach verlängerte, so würden die jun- 
gen, sehr zarten Primordialblätter mit den Spitzen an die Samenhaut 
stossen und dabei zerdrückt werden. Es gibt nicht leicht eine so 
interessante Reihe von Erscheinungen, als die Art und Weise wie 
bei verschiedenen Samen der Keimstengel sich aus den Samenhüllen 
los macht und herauszieht. 

Die Kraft, welche zum Durchbrechen der Samenhaut nöthig ist, 
entwickelt sich in dem unteren Theil des Stengelgliedes, es ist die- 
selbe Kraft, welche die Dehnung desselben herbeiführt. Sobald die 
Haut durchbrochen ist, verlängert sich dieser Theil noch bedeutend 



über die Keimung der Sehminkbohne fPhaseolux mnltiflnrtts). 73 

in mehreren Stunden und hebt die hedeckende Erde empor. Erst 
dann, wenn die Primordialblatter in solcher Weise in freie Luft 
gesetzt sind , nehmen sie ihre bleibende Stellung- ein. Um die Zeit, 
wo die Verlängerung der Nebenwurzeln und des unteren Theiles des 
ersten Stengelgliedos beginnt, bilden sich die Bewegungsorgane der 
Blätter, die Anastomosen der Nerven, und im Parenchym der Blätter 
tritt die letzte Zellbildung ein. Ich bezeichne diesen Zustand als 
das dritte Stadium (Taf. I, Fig. III). 

Sobald die Primordialblatter an das Licht getreten sind, werden 
sie in kurzer Zeit grün, was aber ganz und gar von der Beleuchtung 
abhängt. Bisher mit den Seiten der Laminae zusammengeschlagen, 
beginnen sie nun sich auszubreiten; was nothwendig mit einer Aus- 
dehnung des Gewebes auf der Oberseite des Medianus zusammen- 
hängt. Zugleich dehnt sich die Binnenseite (Oberseite) der Stiele 
ein wenig und dadurch treten die Blätter, die bisher mit ihren Bän- 
dern in einander griffen, nun aus einander. Unterdessen streckt sich 
der Stengel ganz gerade, die Oberseite der nun geöffneten Blätter 
wird dem Lichte zugekehrt, zwischen ihnen bemerkt man nun schon 
das auf 2 — 3 Millim. verlängerte zweite Stengelglied mit einer dicken 
Knospe; dieser Theil ist völlig neu gebildet, denn im Samen war die 
Terminalknospe nur ein kleiner nackter Kegel. Die Streckung des 
ersten Gliedes fand zuerst unten Statt, dann streckt sich der nächst 
obere Theil, endlich der oberste, wie man sich durch schwarze 
Zeichen, welche man in gemessenem Abstände mit Farbe aufträgt, 
leicht wahrnehmen kann. Mit der Längsdehnung hängt auch immer 
die Verdickung des betreffenden Theiles zusammen. Im Stadium III 
war der unterste Stengeltheil der dickste, jetzt ist es der oberste. 
Vor der Ausdehnung ist jeder Stengeltheil gelblich und undurch- 
sichtig , nach der Dehnung ist er durchscheinend und grünlich. 
Ich habe mich vielfach davon überzeugt, dass jedesmal diejenige 
Stelle des ersten Stengelgliedes, welches in Streckung begriffen ist, 
von den Lichtstrahlen am stärksten gebeugt wird. Sobald die 
Streckung aufgehört hat, ist dieser Theil für das Licht unempfindlich, 
und der nächst obere kommt an die Beihe sich zu biegen. Wäh- 
rend dieser Periode finden an der Wurzel keine so bedeutenden 
Änderungen mehr Statt. Die Nebenwurzeln wachsen auf das 
Doppelte und Dreifache ihrer frühern Länge, die untersten strecken 
sich der Beihe nach, das Wachsthum der Hauptwurzel ist so gut 



7 4 

* "* Sachs. Physiologische Untersuchungen 

wie beendet. Hiedurch ist das vierte Stadium charakterisirt (Taf. I. 
Fig. IV). 

Es dürfte überraschen, dass ich noch den in Figur V angedeu- 
teten Zustand als Keimungsstadium bezeichne. Er gehört in der That 
noch zur Keimung, denn bis zu diesem Stadium hin sind die Koty- 
ledonen frisch; erst dann faulen sie ab, erst jetzt erhalten die Pri- 
mordialblätter ihre letzte Dehnung, erst jetzt ist die ganze Reserve- 
währung der Kotyledonen in die Keimpflanze übergegangen und darin 
völlig verarbeitet, wie ich später zeigen werde. Während sich die 
ersten neugebildeten Blätter entfalten, brechen die Nebenwurzeln 
II. Ordnung hervor. 

Die Keimung der Bohne bietet äusserlich folgendes Bild dar: 
zuerst vorwiegend Wurzelbildung; dann vorwiegend Streckung und 
Ausbildung der schon vorhandenen Stengeltheile des Keimes, end- 
lich der Übergang zur selbstständigen Vegetation durch Vollendung 
des Wurzelsystems und völligen Verbrauch der Reservenahrung. 

Ich habe die fünf Normalstadien so abgebildet, dass die schon 
im Keim angelegten Gebilde einfach in grauen Umrisseu gegeben 
sind, während Alles was seit dem Beginn der Keimung neu gebildet 
wurde, schwarz ausgefüllt ist, um recht auffallend die gleichzeitigen 
Neubildungen hervorzuheben; man bemerkt, dass dieselben an allen 
Tlieilen des Keimes stattfinden; aber vorwiegend am unterirdischen. 
Das ganze Wurzelsystem ist eine Neubildung. 

Morphologisch findet sich keine scharfe Grenze zwischen der 
Keimung und der selbstständigen Vegetation der Bohne, aber physio- 
logisch ist diese Grenze scharf gezogen. Das Ende der Keimung ist 
durch den Moment bezeichnet, wo die Kotyledonen völlig entleert 
sind ; so lange diese noch Nahrung enthalten und an den Keim abge- 
ben können, ist diese noch, so zu sagen, im Zustande des Säuglings, 
er nährt sich von den Assimilationsproducten der Mutter. Bei der 
Sehminkbohne bleiben die entleerten Kotyledonen so lange am Sten- 
gel, bis sie verfaulen bei der gemeinen Bohne, wo sie über die Erde 
empor gehoben werden, fallen sie nach der Entleerung sogleich ab. 

§. 3. Experimente über die äusseren Bedingungen der Reimnng. 

a) Temperatur. 
Jeder Same hat zwei Nullpunkte der Temperatur für seine Kei- 
mung, d. h. es gibt für jeden Samen eine niedrigste und eine höchste 



über die Keimung der Schminkbohne (Phaseolus multiflorus). 7o 

Keimungstemperatur; unterhalb der niedrigsten, sowie oberhalb der 
höchsten verdirbt der Same im feuchten Boden ohne zu keimen. 

Es gehören viele Experimente dazu, um einen dieser Nullpunkte 
genau zu bestimmen; ich habe beide für die Schminkbohne annä- 
hernd zu bestimmen gesucht. 

In den folgenden Versuchen wurden die trockenen Samen in 
lockere, feucht gehaltene Erde mit dem Nabel nach unten, einen 
Centimeter hoch bedeckt, eingelegt. 

1. Bei 5-9° B. im Mittel (das Thermometer, dessen Kugel in 
gleicher Tiefe mit dem Samen steckte, zeigte unter 40 Beobachtun- 
gen nur einmal 7° und einmal 3° B., sonst zwischen 5 und 65° B.) 
waren die Samen in 19 Tagen verfault. 

2. Bei 54° B. Mittel (Maximum = 6°, Minimum = 2-3«) 
waren die Samen binnen 34 Tagen verschimmelt. 

3. Bei 5-5« B. Mittel (Max. = 6», Min. = 5°) waren die 
Samen in 18 Tagen nur aufgequollen. 

4. Bei 4-82<> r. Mittel (Maxim. = 7», Min. = 23« B.) 
waren die Samen in 16 Tagen aufgequollen. 

Diese Versuche beweisen, dass die Bohne unter 6° B. nicht 
keimt. 

5. Bei 6-91° B. Mittel (Max. = 8°, Min. = 5) hatte sich bin- 
nen 8 Tagen das Wiirzelchen nicht geregt. 

6. Bei 7-5<> B. Mittel (Max. = 8°, Min = 62°) war binnen 
6 Tagen die Wurzel herausgetreten, binnen 12 Tagen 4 Centim. 
lang geworden und die ersten Nebenwurzeln unter der Binde ange- 
legt, bei vier Samen gleichförmig, keine verdarb. 

7. Bei 8'2«B. Mittel (Max. = 11-8°, Min. ä-8» B.) war binnen 
8 Tagen das Würzelchen aus der Samenschale hervorgetreten. 

Demnach liegt das Minimum derKeimungstemperatur der Bohne 
gewiss unterhalb 8° B., aber wahrscheinlich oberhalb 7° B. Hält 
aber eine solche Temperatur länger an, dann verdirbt der schon 
hervorgetretene Keim, er wird abnorm, indem die Hauptwurzel 
sich nicht weiter verlängert und Nebenwurzeln ausbrechen zu einer 
Zeit, wo die Plumula noch lange nicht die normale Grösse für dieses 
Studium hat. Daher nehme ich als die niedrigste Temperatur, wo 
noch eine gesunde Keimung möglich ist, 8° B. an. 

Um das Maximum der Keimungstemperatur oder den oberen 
Nullpunkt zu finden, wendete ich einen Apparat an , der durch 



( 6 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

Heizung beliebig temperirt und ziemlich gut regulirt werden kann. Die 
Samen liegen in feuchter Erde und haben freien Luftzutritt. 

8. Bei 34-30 R. Mittel (Max. = 37» R. während vier Stunden) 
fand noch Keimung binnen 48 Stunden Statt, die Wurzel abnorm. 

Dieser Versuch zeigt, dass der obere Nullpunkt gewiss über 
34° R. liegt, und dass eine Temperatur von 37° R. binnen 4 Stun- 
den den Keim nicht tödtet, denn diese Temperatur fand um die Mitte 
der Versuchszeit Statt. 

Demnach liegt also die Möglichkeit zum Keimen für 
die Schminkbohne innerhalb der Grenzen 7°R. und 
3 5 ° R. ; aber eine normale Keimung findet an diesen Grenzen 
nicht Statt. 

Ich legte mir nun die Frage vor, wie der Entwicklungsgang bei 
verschiedenen Temperaturen vor sich geht und welches die beste 
Temperatur ist, um eine normale und rasche Keimung hervorzurufen. 
Ich theile hier meine zahlreichen Versuche mit, ohne die Sache für 
abgeschlossen zu halten. Auch hier ist die Zeit immer von dem 
Moment des Legens trockener Samen in feuchte Erde gerechnet. 

9. 48 Stunden bei 34<> R. Mittel (zwischen 37 — 31» R.). 
Länge der Wurzel (vom Ansatz der Kotyledonen angemessen) 
57, 5-5 mm , 8 mm , 8 ra , 10"\ Mittel = 7-3"'. 

Länge derPlumula 7 m , 8 m , 7 m , 7 m , 8-5 m , Mittel = 7-5'". 

10. 48 Stunden bei 30-6» R. (zwischen 34<>, 5 und 26» R.). 
Länge der Wurzel 21"', 19 m , 25 m , 23 m , Mittel = 22 m . 

„ Plumula 12 m , 9 m , 9 m , ll m , Mittel = 10-25 m . 

11. 48 Stunden bei 27-70° R. Mittel (zwischen 26-8 und 29-5°). 
Länge der Wurzel 28 m . 

„ „ Plumula nicht bestimmt. 

12. 48 Stunden bei 26-6» R. (zwischen 22 — 31 -o°). 
Länge der Wurzel 25™, 35 m , Mittel = 30 m . 

„ Plumula 10"', ll m , Mittel = 1 l-ß m . 

13. 48 Standen bei 266° R. (zwischen 22 — 29<>). 
Länge der Wurzel 18 ra , 24 m , 33 m , 45 m , Mittel = 30'". 

„ Plumula 9 m , 10'", 10'", 13 m , Mittel = 105 m . 

14. 48 Stunden bei 22-8° (zwischen 21 5 — 23-8»). 
Länge der Wurzel 23 m , 33'», 30™, 51 ra , Mittel = 34-2'". 

„ „ Plumula 10'", 10 m , 12", 13'", Mittel == Ll-2". 



über die Keimung der Schminkbohne (Phaseolus multiflorus). 77 

15. 48 Stunden bei 21-04° R. (zwischen 21 —23»). 
Länge der Wurzel 60 m , 37 ,n , 46 m , Mittel = 47-7'". 

„ Plumula 13 m , 10"\ 10"', Mittel = 11"'. 

16. 48 Stunden bei 206<> R. (zwischen 17 — 23«). 

Länge der Wurzel = 37 m , 30 m , 40 m , 40'", Mittel = 39"'. 
„ Plumula 11"\ 8 m . 11'", 10'", Mittel = 10'". 
Diese acht Versuche zeigen deutlich, dass die Geschwindigkeit 
der Keimung ein Maximum hat, welches nicht mit dem Maximum der 
Temperatur zusammenfällt, d. h. es gibt eine beste Keimungstempe- 
ratur und diese liegt etwa bei 21° R. Denn in 48 Stunden erreicht 
die Wurzel 

bei 34° R. eine Länge von 7'", 
„ 30-7o m m 22", 

„ 27-6« „ „ ,. „ 28 m , 
„ 26-6o n n n n 30-, 
„ 22-8« „ „ „ „ 34'", 
21 -0° 47"' 

„ 206« „ „ „ „ 39"\ 
Würde man also die binnen 48 Stunden erreichten Wurzel- 
längen als Ordinaten einer Curve betrachten, deren Abscissenlinie 
die Temperaturen sind, so würde der höchste Punkt der Curve über 
21° R. liegen; und von hier aus würde die Curve einerseits bis zu 
34° R., andererseits bis zu einer gewissen niederen Temperatur (nahe 
8° R.) sich auf die Abscissenlinie hinabsenken. 

Demnach liegt die beste Keimungstemperatur bei 21° R. für die 
Schminkbohne, also beinahe in der Mitte zwischen der höchsten und 
der niedrigsten Keimungstemperatur. 

In diesen Versuchen wurde das Keimungsstadium als eine Func- 
tion der Temperatur behandelt; es soll nun umgekehrt bei gleichen 
Temperaturen das Keimungsstadium als Function der Zeit auftreten. 

17. Rei 27<> r. binnen 27 Stunden Wurzellänge = 6 m . 

„ 27-7° „ „ 48 = 28 m . 

* 27-So „ „ 61 „ = 52 m . 

Also bei 27° im Laufe des ersten Tages 4"', im Laufe des zwei- 
ten 22 m und im Laufe des dritten 24 m Längenzuwachs. 

1 8. Rei 32o R. binnen 23 Stunden Wurzellänge = 5'". 
„ 31o „ „ 48 = 30 m i 



78 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

19. Bei 11" R. binnen 2 mal 48 Stund. Wurzellänge = 6 m . 
„ il-6« m m 3 w 48 „ n = ti-g- 

„ ll-6o „ „ 4 „ 48 „ „ = 17 m . 

„ ll-7o „ „ 5 „ 48 „ „ = 54 m . 

„ ll-7o „ „ 6 „ 48 „ „ = I00 m . 

Für die ersten 2 Tage ist also der Zuwachs (6 — 2 m ) = 4 m . 

„ zweiten 2 „ (11-5 — 6 =) 5-5 m . 
„ „ dritten 2 „ (17 — HS =) 5-5 m . 
„ „ vierten 2 „ (54 —17 =) 37 m . 
„ „ fünften 2 „ (100 — 54 =) 46 m . 
Wenn man also die Zeit zur Abscissenlinie macht und die Wur- 
zellängen als Ordinaten darauf betrachtet, so zeigt sich, dass für 
gleiche Abscissen die Zuwachse sehr verschieden sind; ist 2 Tage 
= x, so ist für x x das Ai/ = 4 m , 
„ x z „ Ay = 5-5'", 
„ x 3 „ Ay = 5-5 m , 
„ x k n Ay = 37 m , 
„ x 5 „ Ay = 46 m . 
Die täglichen Längenzuwachse (Ay) werden demnach immerfort 
grösser, d. h. mit andern Worten es findet eine Erstarkung Statt, 
an jedem folgenden Tage gewinnt die organische Thätigkeit an Kraft. 
Da es bei physiologischen Experimenten, zu denen die Schmink- 
bohne in so hohem Grade geeignet ist, oft wünschenswerth wird, 
im Voraus zu wissen, wie weit eine Pflanze binnen einer bestimmten 
Zeit bei einer gegebenen Temperatur entwickelt sein wird, so füge 
ich noch folgende Angaben bei: 

Das auf Taf. I dargestellte Stadium II wird 
bei 15° Bodentemperatur in etwa vier Tagen; 
„11° „ „ „ zwölf Tagen erreicht. 

Das Stadium III wird 
bei 15° Bodentemperatur in etwa sechs Tagen ; 
„11° „ „ „ vierzehn Tagen erreicht. 

Das Stadium IV wird 
bei 15° Bodentemperatur in etwa zehn Tagen; 
„11° „ „ „ fünfundzwanzig Tagen erreicht. 

Das Stadium V wird 
bei 15° R. binnen zwölf bis vierzehn Tagen; 
,, 11° R. binnen vierzig Tagen erreicht. 



über die Keimung- der Sehminkbohne (Phaseolus multiflorus) . 79 

Bei 8° ist das Wachsthum so langsam, dass man selbst in einer 
Woche an den oberirdischen Theilen keine auffallende Änderung merkt. 

Interessant sind die Störungen in denNormalproportionen durch 
excessive Temperaturgrade. Eine acht Tage alte Bohne hatte bei 29° 
R. Bodentemperatur eine Wurzel von 2 Cent. Länge und ein erstes 
Stengelglied von 8 Cent. Länge über dem Boden entwickelt, diePrimor- 
dialblätter noch zusammen gefaltet; dagegen hatte eine 12 Tage alte 
Bohne bei 11° B. eine 7 Cent, lange Wurzel mit einigen oben aus- 
brechenden Nebenwurzeln und eine kaum 2 Cent, lange Plumula, die 
noch zwischen den Kotyledonen lag. Jene hatte also bei fast völlig 
unterdrückter Wurzel die Plumula bedeutend ausgebildet, diese um- 
gekehrt bei stark entwickelter Wurzel die Plumula wenig entwickelt. 

Zum Schlüsse möchte ich diesen Temperaturangaben nur noch 
die Bemerkung beifügen, dass sie sämmtlich ganz speciell nur für 
die Schminkbohne gelten und einer etwaigen Verallgemeinerung 
nicht fähig sind; mit den Bohnen zugleich wurden immer mehrere 
andere Arten untersucht, und es zeigte sich, dass sie mit den Tem- 
peraturen nach ganz anderen Relationen verknüpft sind. 

Wenn das Boussinga ult'sche Gesetz: „Das Product aus der 
mittleren Temperatur in die Vegetationszeit ist für eine Species eine 
constante Grösse", richtig wäre, so müsste es offenbar auch für ein- 
zelne Vegetationsperioden richtig sein, d. h. es würde daraus der Satz 
folgen : ein bestimmtes Entwickelungsstadium wird immer durch 
eine und dieselbe Zahl repräsentirt, wenn man die Zeit mit der Tem- 
peratur bei und binnen welcher dieses Stadium erreicht wurde, mul- 
tiplicirt. Das ist aber nicht nur nicht bei der Bohne, sondern auch 
bei keiner andern von mir untersuchten Species der Fall. 

Eine Bohne hatte bei 11-7° R. binnen 12 Tagen das Normal- 
stadium II (Taf. I) erreicht, eine andere binnen 2 Tagen bei 266° 
hatte sich eben so weit entwickelt; bei jener war das Product aus 
der Zeit in die Temperatur = 140, bei dieser 73. 

Eine Reihe Bohnen bildete binnen 2 Tagen bei 22*8° B. eine 
Wurzel von 34-2 m Länge, eine andere binnen 10 Tagen bei 11-7° 
bildete sich bis zu demselben Stadium aus; das Product aus 10. 11 7 
= 117, das aus 2.228 = 45-6. 

So ungenau auch immer derartige Versuche ihrer Natur nach 
sind, so liegen dennoch so bedeutende Abweichungen von dem prä- 
tendirten Gesetz bei weitem ausserhalb der Beobachtungsfehler. 



$0 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

Wenn der Vegetationsprocess, wie es das Bon ssingault'sche 
Gesetz will, dem Produet aus Zeit und Temperatur proportional 
wäre, so müsste ein Stadium, welches bei 22° binnen 2 Tagen 
erreicht wurde, dann bei 11° binnen 4 Tagen erreicht werden (weil 
2-22« = 4 11o), es wird aber bei 11° erst in 10 Tagen erreicht, 
ich habe überhaupt bei meinen vielfachen Untersuchungen über die- 
sen Gegenstand immer gefunden, dass, wenn man gleiche Entwicke- 
lungsstadien , welche bei verschiedenen Temperaturen gebildet wur- 
den, bezüglich ihres Alters vergleicht, jedesmal für ein bestimmtes 
Sinken der Temperatur die Zeit in einem viel grösseren Verhältniss 
steigt, als es dem B o u ss in ga ulf sehen Gesetz nach sein müsste; 
z. B. Wenn die Temperatur auf die Hälfte sinkt, so müsste die Zeit 
auf das Doppelte steigen, aber sie steigt auf das Vier-, Fünf- bis 
Mehrfache. 

In der That ist auch gar nicht zu erwarten, dass ein so compli- 
cirter Vorgang wie die Entwickelung einer Pflanze in einer so ein- 
fachen Relation zur Temperatur stehen sollte. Eine genauere Betrach- 
tung des Vegetationsprocesses führt vielmehr zu dem Schluss, dass 
die Temperaturen in Bezug auf die Entwickelung der Pflanze nicht 
nur als verschiedene Grade wirken, sondern wie qualitativ verschie- 
dene Kräfte. Ich hoffe demnächst alle diese Sätze durch verglei- 
chende Untersuchungen an vielen Gattungen allgemein beweisen zu 
können. 

b) Licht. 

Wenn man Bohnen in völliger Dunkelheit keimen und weiter 
wachsen lässt, so zeigen sie gewisse Eigenthümlichkeiten, die zum 
Theil den Einfluss des Lichtes auf die Vegetation allgemein beweisen, 
zum Theil aber die Bohne speciell charakterisiren. 

Die Unterschiede der im Dunkeln und im Hellen keimenden 
Pflanzen können natürlich erst von dem Moment an hervortreten, wo 
der Stengel die Erdoberfläche durchbricht. 

Ich habe Bohnen in völliger Finsterniss bis zu dem Stadium V 
(Taf. I) sich entfalten sehen , jedoch mit Abweichungen von dem 
normalen Gange der Entwickelung, die sich bereits zwischen den 
Stadien III und IV geltend machen. 

Die Pflanzen nehmen nicht den geringsten Schein von grüner 
Färbung an, erscheinen vielmehr intensiv gelb an den Stellen, wo 



über die Keimung der Schminkbohne (Phuseolus nndtiflorus). 81 

noch Neubildung stattfindet; die sich streckenden Stengel dagegen 
erscheinen farblos, sind jedoch nicht so durchscheinend wie die im 
Licht gestreckten. 

Während die mittlere Länge des ersten vollständig gestreckten 
Stengelgliedes im Lichte etwa 10 Centim. erreicht, erhebt es sich 
im Dunkeln bis 15 und 20 Centim. Diese bedeutende Streckung 
kommt hauptsächlich auf Rechnung des unteren Theiles; der Ober- 
theil dieses Gliedes behält lange Zeit sein embryonales Aussehen und 
die nickende Stellung; merkwürdig ist der Umstand, dass gegenüber 
der vermehrten Ausdehnung des Stengelgliedes diePrimordialblätter 
nicht einmal das Mass der gewöhnlichen normalen Dehnung errei- 
chen; sie bleiben klein und zusammengefaltet, die Streckung der Blatt- 
stiele findet in viel geringerem Masse Statt als im Lichte. Zu einer Zeit, 
wo schon das zweite Stengelglied sich auf 5 — 6 Centim. gestreckt hat 
(wie im Stadium V), bleiben die Primordialblätter noch zusammenge- 
faltet. Dieses Unterbleiben von Entfaltung und Streckung ist eine Eigen- 
thümlichkeit, welche nicht allen im Dunkeln erzogenen Arten gemein- 
sam ist; bei dem Mais z. ß. entfalten sich die Blätter wie im Licht 
und nur die gelbe Farbe unterscheidet sie von normalen Keimpflanzen. 

Wenn man so ohne Licht erzogene Keime, die etwa das Sta- 
dium IV erreicht haben, dann dem Lichteinfluss aussetzt, so werden 
sie je nach der Intensität des Lichtes in einem oder in 2 — 3 Tagen 
grün; und zwar erfolgt das Grünwerden zuerst in der Nähe der 
grossen Nerven; Pflanzen, welche sich bis zum Stadium V im Finstern 
entwickelten, zeigen sehr deutlich, dass in ihnen bereits eine 
durch die verlängerte Nacht herbeigeführte Zersetzung begonnen. 
In den Primordialblättern zeigen sich einzelne Stellen des Paren- 
chyms abgestorben, es entstehen Löcher in der Blattsubstanz; in 
diesem Zustande dem Lichte ausgesetzt, werden zuerst die jungen 
noch unentfalteten Blätter des zweiten und dritten Gliedes grün; erst 
später beginnt an einigen Stellen der Primordialblätter derselbe Pro- 
cess, jedoch bleiben einzelne Stellen besonders am Rande gelb und 
erweisen sich als absterbend; es dauert auch bei hellem Lichte 
mehrere Tage, bis diese durch zu langen Lichtmangel erkrankten 
Blätter grün werden; dabei richten sich auch die Stiele auf und die 
Blätter bekommen ihre normale Stellung. 

Es gibt nicht leicht eine Gelegenheit, welche den gewaltigen 
Einfluss des Lichtes auf die Vegetation so schlagend zeigte, als wenn 

Sitzb. d. inathem.-natuiw. Cl. XXXVII. Bd. Nr. 17. G 



§2 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

man eine bis zum Stadium V im Finstern und eine solche im Lichte 
herangewachsene Bohnenpflanze vergleicht. 

Die Thatsache, dass die jüngeren Theile einer vergeilten 
Pflanze zuerst grün werden, wenn sie an das Licht kommt, ist der 
Bohne nicht eigentümlich, sondern allgemein; besonders deutlich 
tritt dies bei den Blättern vergeilter Maiskeime hervor; wenn die- 
selben in diesem Zustande ein gewisses Alter erreicht haben, ist der 
älteste Theil, die Spitze, bereits unfähig grün zu werden, während 
die jüngeren Theile desselben Blattes gegen die Basis hin, gleich 
den später entstandenen noch gerollten Blättern schnell grün werden. 

Man kann diese Thatsache in folgender Weise theoretisch aus- 
drücken : Der Lichtmangel hindert die Anlage und erste Ausbildung 
der Organe nicht, und während einer gewissen Zeit behalten die im 
Finstern gebildeten Theile die Fähigkeit grün zu werden : bei län- 
ger fortgesetzter Dunkelheit aber tritt zuerst die Unfähigkeit noch 
grün zu werden und endlich sogar eine Zerstörung der Gewebe ein. 
Diese Zerstörung macht sich zuerst nur im Blattparenchym geltend, 
endlich ergreift sie aber auch den Stengel , und die ganze Pflanze 
bietet einen eigentümlichen Krankheitszustand, der in einer Art 
Fäulniss besteht, dar; zuletzt erfolgt völliger Tod aller Theile. 

Ich habe noch keine Bohne im Dunkeln sich weiter entwickeln 
sehen als bis zum Stadium V, d. h. bis zu dem Zustande, wo die 
Kotyledonen den Keim noch mit Nahrung versorgen. Dies zeigt deut- 
lich, dass die ganze oberirdische Neubildung dieses Stadiums noch 
zum Keimungsprocess gehört, d. h. noch auf Kosten der in den Koty- 
ledonen enthaltenen Assimilationsproducte der Mutterpflanze statt- 
findet. 

Das Wurzelsystem vergeilter Keime schien mir immer sehr ver- 
kümmert; zumal scheinen solche Wurzeln sehr arm an festen Stof- 
fen, denn sie trocknen beinahe auf nichts zusammen. Wenn sich dies 
bei weiteren Untersuchungen mit der Waage bestätigt, so wäre dies 
ein neuer und sehr directer Beweis für die Ansicht, dass die Wur- 
zeln von den in den oberirdischen Theilen unter dem Einflüsse des 
Lichtes gebildeten Stoffen sich nähren. 

c) Feuchtigkeit. 

Wenn der Same einmal mit Wasser bis zur Turgescenz aller 
Theile angesogen ist, dann hat für die ersten Keimungsstadien die 



über die Keimung- der SchminHohne fPtioseohis multifiorus). 83 

Feuchtigkeit des Bodens keinen wesentlichen Einfluss mehr, sie wirkt 
nur insofern sie das Entweichen des schon aufgenommenen Was- 
sers verhindert. Dass in der That das zuerst bis zur Turgescenz auf- 
genommene Wasser hinreicht, die Wurzel zur Entwicklung und, 
was mehr sagen will, zur Streckung zu bringen, geht aus folgenden 
Versuchen hervor. Ich nahm Bohnen, deren Keimwurzel eben 
die Schale durchbrach und hing sie an einem Faden in ein Gefäss, 
auf dessen Boden ein wenig Wasser war, und das dann mit einem 
Deckel luftdicht verschlossen wurde. 

So im dampfgesättigten Räume schwebend entwickelte sich die 
Wurzel nicht nur, sondern auch die ersten Nebenwurzeln bis zu 
mehreren Centim. Länge; andere Samen, welche eben ihre Wurzel 
1 — 2 Centim. herausgestreckt hatten, wurden mit den Kotyle- 
donen in einen Halter eingeklemmt, der auf einem mit Wasser bedeck- 
ten Teller stand und das Ganze mit einer grossen Glasglocke bedeckt. 
So entwickelten sich die Keime im dampfgesättigten Räume bis zu 
einem zwischen III und IV(Taf. I) liegenden Stadium, dann fingen sie 
an zu faulen. Es ist unmöglich zu bestimmen, ob hierbei Aufnahme von 
Wasserdampf durch die Wurzeln stattfand, denn während dieses 
Entwickelungszustandes findet bei der Keimung ein bedeutender 
Gewichtsverlust durch Verbrennung Statt. Ich habe ähnliche Experi- 
mente mit anderen Samen mit gleichem Erfolge gemacht. 

Sehr bemerkenswert!^ ist der Einfluss feuchter Luft auf die nor- 
male Ausbildung der oberirdischen Theile. Trockene Luft macht, 
dass die Blätter klein bleiben, aber sie hindert die Bildung der 
Blätter nicht. Wahrscheinlich ist der Wasserverlust aus der Blatt- 
fläche so bedeutend , dass keine genügende Turgescenz eintreten 
kann, um die Dehnung der Zellen zu vermitteln; es ist auch denkbar, 
dass bei der raschen Abgabe des Wassers durch die Oberflächen und 
folglich bei eben so rascher Zuführung desselben innerhalb der Zellen 
die chemischen Vorgänge nicht ruhig thätig sein können, dass somit 
die Ausbildung der Blattsubstanz gehindert wird. Die trockene und 
durch Heizung immerfort in Bewegung begriffene Luft eines im 
Winter geheizten Zimmers genügt, um die Fläche der ersten Blätter 
auf 2 — 3 Quadrat-Centim. zu reduciren, während sie bei derselben 
Temperatur unter einer Glasglocke in feuchter Luft 30 — 40 Quadrat- 
Centim. Fläche bieten, wenn die Pflanzen das Stadium V erreicht haben. 
Die retardirende Wirkung in der Entwicklung der Blattfläche macht 

6* 



§4 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

sich sogleich nach dem Heraustreten der Keimblätter an die Luft 
bemerklich, und bei feuchtem warmen Boden und warmer aber 
trockener Luft kann es durch den Mangel an Wasserdampf in der- 
selben so weit kommen, dass diePrimordialblätter völlig vertrocknen. 
Diese Empfindlichkeit gegen trockene Luft oder, genauer aus- 
gedrückt, diese Fähigkeit so rasch zu verdampfen ohne dem ent- 
sprechende Wasserzufuhr von unten, ist eine Eigenthümlichkeit der 
Bohne; andere Keimpflanzen, in denselben Töpfen, unter gleichen 
Bedingungen, bleiben dabei gesund. 



§. 4. Experimente über den physiologischen Zusammenhang der 
verschiedenen Keimtheile. 

u) Über die Function der Kotyledonen. 

Ich erwähnte schon Eingangs, dass eine Art Keimung stattfin- 
det, wenn man einem trockenen Keime beide Kotyledonen abbricht 
und ihn dann in feuchte Erde steckt; dass aber solche Keime nur 
sehr wenig wachsen, kaum 2 Centim. lang werden ; die Primordial- 
blätter werden gar nicht entfaltet, obgleich sie, wenn sie nicht von 
Erde bedeckt sind, grün werden. Ganz anders ist es, wenn man 
nur einen Kotyledon abbricht; dann keimt die Pflanze schnell und 
wächst weiter als ob nichts geschehen wäre, aber sie bleibt 
schmächtig und alle Theile kleiner. Schneidet man eine trockene 
Bohne in der Mitte quer durch, ohne die Keimwurzel zu beschädigen, 
so keimt sie wie vorhin und liefert eine, wenn auch kleine, so doch 
gesunde und wachsthumsfähige Pflanze. 

Hat man in demselben Boden mehrere keimende Bohnen von 
gleichem Alter und schneidet man einigen derselben vorsichtig, ohne 
den zarten Stengel zu verletzen, beide Kotyledonen ab, so bemerkt 
man schon am nächsten Tage einen Stillstand oder eine Verlang- 
samung des Wachsthums bei den operirten Keimen, welche mehrere 
Tage anhält; dann erholen sie sich wieder und wachsen gesund wei- 
ter, aber die Pflanzen behalten längere Zeit ein zwergartiges sehr 
zierliches Aussehen, alle Theile sind auf kleinere Maasse reducirt, 
aber normal gebildet. Dieser Effect macht sich in sehr verschiede- 
nem Grade geltend, je nach dem Eutwickelungszustande, in welchem 
sich der Keim bei der Operation befindet; je jünger der Keim, desto 



über die Keimung der Schminkbohne (Phaseolua multiflorus) . 85 

störender wirkt sie; schneidet man die Kotyledonen im Alter II ab, 
so erholen sich die Keime erst nach I — 2 Wochen so weit, um merk- 
lich weiter zu wachsen. Die Operation im Zustand III oder zwischen 
111 und IV vorgenommen, bedingt einen Stillstand von nur wenigen 
Tagen; bei Pflanzen vom Stadium IV und älteren wird die Wirkung 
schon unmerklich. Folgendes Beispiel wird einen genaueren Begriff 
von der Wirkung dieser Operation geben: 

Eine Pflanze in der Mitte zwischen dem Stadium III und IV ste- 
hendwurde, ohne aus dem Boden genommen zu werden, ihrer Kotyle- 
donen beraubt; in demselben Topfe mit ihr blieb eine andere, gleich- 
alterige Pflanze. Als die letztere bis auf 75 Centim. Stengelhöhe 
herangewachsen war, war jene erst 18 Centim. hoch; die Fläche 
eines Primordialblattes bei der nicht operirten mass jetzt 120 Qua- 
drat-Centim., die eines solchen bei der operirten mass 30 Quadrat- 
Centim.; jene hatte bereits fünf hochgestreckte Stengelglieder, diese 
erst eines über den Primordialblättern gebildet; das erste gedreite 
Blatt der operirten war in demselben Entwickelungsstadium wie 
das fünfte der gesunden. In demselben Grade war die Wurzelbildung 
retard irt. 

Es findet ein wesentlicher Unterschied Statt, je nachdem die 
operirten Pflanzen in einem Topfe stehend dem zerstreuten Himmels- 
licht eines Nordfensters oder im freien Lande dem Sonnenscheine 
ausgesetzt sind. Jene behalten ihr zwerghaftes Aussehen immer bei, 
noch nach drei Monaten erkennt man die operirten an ihrem schwäch- 
lichen Aussehen; die im freien Lande dagegen werden in 2 — 3 Wo- 
chen so stark, dass man sie von den nicht operirten nicht mehr 
unterscheiden kann; ich sah viele solcher Bohnenpflanzen , die ich im 
Frühjahr der Kotyledonen beraubt hatte, als sie im Stadium 111 stan- 
den, im Spätsommer reife grosse Früchte trugen, deren Samen völlig 
normal und keimfähig waren. 

Ich ziehe aus allen diesen Erscheinungen den Schluss, dass die 
in den Kotyledonen enthaltenen Stoffe während der Keimung in die 
junge Pflanze übergehen und ihre schnelle Vergrösserung und die 
rasche Folge der Neubildungen bewirken; dass dieser Übertritt der 
Nahrungsstoffe aus den Kotyledonen in die Pflanze eine verschiedene 
Bedeutung hat in den ersten und in den letzten Stadien derKeimung: 
in den ersten Stadien ist die Pflanze von diesen Assimilationsproduc- 
ten der Mutterpflanze ganz und gar abhängig; in den letzten Stadien 



ÜQ Sachs. Physiologische Untersuchungen 

hingegen dienen dieselben nur dazu, ihr mehr Kraft zu geben; es geht 
ferner aus diesen Versuchen hervor, dass die Keimpflanze schon zu 
einer Zeit, wo die Kotyledonen noch sehr viel Nahrungsstoffe enthal- 
ten, im Stande ist, selbstständig zu assimiliren, denn wäre dies nicht 
der Fall, so müssten die im Stadium III operirten Pflanzen später ein- 
gehen; ferner: die Pflanze wird um so stärker und grösser, je mehr 
sie von der mütterlichen Mitgift zu verzehren hat; eine solche von 
zwei Kotyledonen ernährt, wird grösser als eine von einem Kotyledon 
ernährte, und eine solche wieder stärker als eine, die man frühzeitig 
beider beraubte; es folgt ferner, dass unter dem Einflüsse der direc- 
ten Sonnenstrahlen die Assimilation der Keimpflanze energischer statt- 
findet, bis zu dem Grade, um die Wirkung der Operation ganz auf- 
zuheben. 

b) Über die Function der Plumula. 

Wenn man einem Keim, welcher so eben die Erde durchbricht, 
das erste Stengelglied mit den Primordialblättern abschneidet, so 
tritt eine merkwürdige Erscheinung ein. Die in den Achseln der 
Kotyledonen befindlichenKnospen nämlich fangen in kurzer Zeit an zu 
treiben, aber sie bilden sich nicht zu normalen Zweigen aus, diese 
Zweige werden so breit, dass sie bandartig aussehen, und tragen 
eine grosse Zahl von Vegetationspunkten, an denen sich eine Menge 
sehr kleiner Blättchen entwickelt; dabei wird gewöhnlich eine Seite 
stärker, so dass sich die bandartigen Zweige wurmförmig krümmen ; 
zuweilen geht dies so weit, dass von der dadurch veranlassten Span- 
nung das Gewebe quer durchreisst; in anderen Fällen gewinnt der 
primäre Vegetationspunkt endlich das Übergewicht, es bilden sich 
normale Blätter und indem sich der zugehörige Theil der Fasciation 
verstärkt und streckt, wird der übrige Theil der fleischigen Masse 
zerrissen und bleibt in Fetzen an dem nun erstarkten untersten Gliede 
des Achseltriebes hängen. 

So viel mir bekannt, ist dies das erste Beispiel von willkür- 
licher Production dieser Fasciation und es liegt nahe, die Ursache 
dieser wunderlichen Missbildung in einem Übermass von Nahrungs- 
zufuhr in die noch sehr jugendlichen Achselknospen der Kotyledonen 
zu suchen, was nur dann geschieht, wenn der Mitteltrieb (die Plu- 
mula) weggenommen ist; so lange diese verbanden ist , findet die 



über die Keimung der Sehminkbohne (Phaseolus multiflorus). 37 

aus den Kotyledonen herbei geführte Nahrung ihren natürlichen Ver- 
brauch zum Theil in der Ausbildung der schon vorhandenen Organe, 
zum Theil in der Neubildung von solchen; fehlt dagegen der Mittel- 
trieb, so treten die schon assimilirten Stoffe der Kotyledonen in die 
noch ganz unfertigen Achselknospen, und da sie hier noch keine ange- 
legten Organe finden, so veranlassen sie eine ungeregelte und über- 
mässige Neubildung. Zur Wiederholung dieser interessanten Experi- 
mente empfehle ich es als besondere Bedingung des Gelingens, dass 
man die Plumula zerstöre, so lange sie noch zwischen den Kotyle- 
donen liegt. 

Nimmt man den Mitteltrieb später weg, so tritt gewöhnlich 
keine solche Fasciation mehr auf. und die beiden Achselknospen der 
Kotyledonen entwickeln sich dann zu normalen kräftigen Zweigen 
mit gedreiten Blättern. Dies zeigt, dass die in den Kotyledonen ent- 
haltenen Stoffe allein im Stande sind, eine normale Stamm- und Blatt- 
bildung zu erzeugen, ohne dass dabei die Aufnahme von Gasen und 
die ganze Blattthätigkeit mitwirken muss. 

Nimmt man den Mitteltrieb über den Primordialblättern etwa im 
Stadium IV hinweg, so treiben dieAchselknospen derselben aus, aber 
ich beobachtete in diesem Falle niemals eine Missbildung. 

c) Blätter. 

Schneidet man die Primordialblätter gleich nach dem Auftau- 
chen des Keimes ab, so wächst der Mitteltrieb weiter; er ist jedoch 
geschwächt und erholt sich erst langsam; nimmt man dann noch die 
folgenden Blätter der Reihe nach ab, wie sie sich zu entfalten begin- 
nen, so dass die Pflanze zu keiner Zeit eine erhebliche Blattfläche 
hat, so wird sie dadurch in eben so hohem Grade geschwächt, als ob 
man ihr die Kotyledonen genommen hätte. 

Die Wirkung dieserOperation erstreckt sich sogar auf die Wur- 
zelbildung, welche dadurch auf ein Minimum herabgedrückt wird. 

Meine Versuche in dieser Richtung sind noch zu wenig zahl- 
reich, um zu einem bestimmten Schlüsse zu führen. 



88 Sachs. Physiologische Untersuchungen 



§. 5. Mikroskopische and chemische Veränderungen während der 

Keimung. 

In diesem Paragraphe, der den Hauptgegenstand dieser Arbeit 
behandelt, habe ieb nicht die Absicht, die Entwicklungsgeschichte 
der Zellen, Gefässe, ihrer Häute und Verdickungen, ihrer Theilun- 
gen und Streckungen durcb neue Thatsachen im Sinne einer „allge- 
meinen Botanik" zu vermehren. Die Botanik ist reich an meister- 
haften Arbeiten dieser Art, und ich hätte diesen Reichthum wohl noch 
durch einige kleine Zuthaten vermehren können. Meine Absicht geht 
aber dahin, in möglichst einfachen Zügen einGesammtbild der gleich- 
zeitigen Entwickelungsvorgänge im Bohnenkeim zu entwerfen. Ich 
habe den Versuch gemacht, zu zeigen, wie die morphologischen Ver- 
änderungen mit den chemischen Hand in Hand gehen, die Auflösung, 
Wanderung und endliche Ablagerung der mütterlichen Assimilations- 
producte während der ersten Ausbildung des neuen Individuums. Ich 
habe mich, was die chemischen Veränderungen anbetrifft, nur auf die 
Angabe solcher Erscheinungen beschränkt, mit denen sich eine 
bestimmte Vorstellung verbinden lässt, alles kleinliche Detail, wel- 
ches in keiner unmittelbaren Beziehung zum Gesammtbilde steht, hier 
ausgelassen. Speciell habe ich dagegen meine Aufmerksamkeit auf 
dieVertheilung der sicher nachweisbaren Stoffe gelenkt; denn dieser 
bisher so sehr vernachlässigte Gegenstand ist, wie mir scheint, am 
ehesten geeignet eine klare physiologische Einsicht vorzubereiten ; 
einerseits muss man zugeben, dass der Lebensprocess gerade in den 
Stoffen des Zelleninhaltes unmittelbar stattfindet, wogegen die erstarr- 
ten Formen der Zellhäute nur als die jeweiligen Producte desselben 
anzusehen sind; andererseits müssen aus der Art und Weise, wie die 
Stoffe neben und nach einander erscheinen , sich gewisse Beziehun- 
gen offenbaren, aus denen man auf ihren Ursprung und auf ihre Wir- 
kungen im Entwicklungsgänge des Gesammtlebens scbliessen kann; 
es ist sogar möglich, dass durch eine genaue Kenntniss der Art und 
Weise, wie die Stoffe in den Geweben auftreten, sich vertheilen und 
endlich verschwinden, dem Chemiker ein Criterium geboten wird, 
wonach er seine im Laboratorium studirten Stoffe nun als Bestand- 
teile eines lebendigen Organismus beurtheilen kann. Das genaueste 
Studium der Zersetzungsproducte, Umwandlungen, die Kenntniss der 



über die Keimung der Schminkbohne (Phaseolus multifiorus). §C) 

rationellen Formeln ist doch immer nur Chemie, keine Physiologie; 
der Chemiker kann uns nur sagen , was in der Pflanze möglich ist ; 
welcher von den möglichen Fällen stattfindet, kann dagegen nur durch 
directe Beohachtung entschieden werden. Gerade die höchsten orga- 
nischen Verbindungen, an denen sich unmittelbar der Gestaltungs- 
process der Pflanze vollzieht, die Eiweissstofle und Kohlehydrate, die 
allgemein verbreiteten Zellstoffe haben der Chemie bisher so viele 
Schwierigkeiten gemacht , dass wohl der Gedanke erlaubt ist, 
die Physiologie könne hier der Chemie auf die rechte Bahn ver- 
helfen. Was ich in dieser Beziehung zu bieten im Stande bin, 
ist allerdings nur ein erster Anfang, und wenn ich diesen sehr 
zeitraubenden und mühsamen Arbeiten einen Werth beilegen darf, 
so liegt er weniger in den neuen Thatsachen , als in der Methode 
sie zu finden und darzustellen. Hätte ich hier die sehr zahlreichen 
Farbenskizzen über die morphologischen und chemischen Zustände 
der Gewebe beifügen können, so hätte diese Arbeit wohl an Über- 
sichtlichkeit und Genauigkeit gewonnen, sie wäre aber allzu umfang- 
reich geworden; ich muss daher bitten, die beigegebenen Tafeln 
nur als beispielsweise zur notdürftigsten Orientirung dienend zu 
betrachten. 

a) Das erste Erwachen des Lebens im Keime 

macht sich lange vorher im Inhalt der Zellgewebe geltend , ehe 
noch das Austreten des Würzelchens aus der Samenschale als 
äusseres Kennzeichen des Keimungsactes auftritt. Wenn man einen 
trockenen Samen in feuchte Erde von 15 — 20° R. gelegt hat, so 
findet man schon nach vierundzwanzig Stunden das ganze Gewebe 
des Markes und der Rinde, das Blattparenchym und die Zellen der 
Blattstiele mit unzähligen sehr kleinen Stärkekörnchen angefüllt. 
Schon nach 18stündigem Liegen in der Erde bemerkt man in der 
Nähe der Kotyledonen- Ansätze eine beträchtliche Zunahme des 
Stärkegehaltes der Zellen in Rinde und Mark. Die Stärke verbreitet 
sich von den Kotyledonen ausgehend theils nach oben in das erste 
Stengelglied, theils nach unten bis zur Wurzelspitze. Diese über- 
raschend schnelle Wanderung der Stärke ist notwendiger Weise mit 
einer theilweisen Auflösung der in den Kotyledonen enthaltenen Kör- 
ner und nachherigem Niederschlag dieses aufgelösten Stoffes in den 
Zellen der Axe verbunden. Ich kam auf den Gedanken, dass es 



yQ Sachs. Physiologische Untersuchungen 

möglich wäre, bei diesem Vorgange gelöste Stärke in den Zellen, 
welche diese Wanderung vermitteln, aufzufinden ; aber alle ange- 
wandte Mühe blieb vergeblich; man findet jetzt wie später die Stärke 
immer nur in Körnchengestalt, und dennoch muss sie in Gestalt 
einer Lösung von Zelle zu Zelle gehen. Man kann hieraus zweierlei 
Vermuthungen ziehen; einmal ist es möglich, dass die Stärke, so- 
bald sie sich löst, eine andere chemische Constitution annimmt, also 
keine Stärke mehr ist, dass aber dieser neue Stoff im Stande ist, 
sogleich wieder als Stärke in Körnerform sich niederzuschlagen; 
andererseits scheint mir die Annahme zulässig , dass in der That im 
Keim ein Lösungsmittel für Stärke vorhanden ist, wobei die Stärke 
ihre chemische Formel nicht ändert, dass aber die gelöste Varietät 
dieses Stoffes auf Jod nicht reagirt; diese Ansicht würde sich mit 
der Lieb ig'schen Theorie, dass die Jodstärke eine blos mechanische 
Verbindung sei, recht wohl vertragen. 

Besonderes Gewicht glaube ich auf den Umstand legen zu müs- 
sen, dass weder jetzt noch später in den Zellen des producirenden 
Gewebes und in der Epidermis Stärke zu finden ist. Auch in den aus 
producirendem Gewebe bestehenden Strängen der Kotyledonen findet 
man niemals eine Spur von Stärke. 

Der Erguss von Stärke aus den Kotyledonen in die Keimaxe 
dauert nun fort während der ganzen Keimungsperiode, und in dem 
Masse als der Keim wächst, nimmt die Stärke in den Zellen der Koty- 
ledonen ab; jedoch wird diese Abnahme erst im III. und IV. Stadium 
an mikroskopischen Schnitten bemerklich. Man überzeugt sich leicht, 
dass die Autlösung und der Abtluss der Stärke zuerst in den Zellen 
des Kotyledons, die der Keimaxe zunächst liegen, stattfindet. An der 
Basis der Kotyledonen findet man nicht nur die meisten in Auf- 
lösung begriffenen Stärkekörner, sondern in den späteren Stadien 
(IV — V) ist die Basis dieser Behälter bereits ganz leer von Stärke, 
während in den Vordertheilen derselben noch zahlreiche und nicht 
corrodirte Körner liegen. 

In Bezug auf die Function der verschiedenen Gewebeformen 
und der in ihnen enthaltenen Stoffe ist der Umstand von Gewicht, 
dass die Stärke zuerst in denjenigen Zellen des Kotyledonparen- 
chyms aufgelöst wird und verschwindet, welche am weitesten von den 
Strängen des producirenden Gewebes entfernt sind, in dert grossen 
Zellen, welche zwischen diesen Strängen und zwischen ihnen und 



über die Keimung: der Schminkbohne (Phascolus multiflorus) . 91 

der Epidermis liegen. Im Stadium IV findet man diese Zellen bereits 
völlig entleert, dagegen sind die Zellen, welche die produciren- 
den Stränge unmittelbar umlagern, noch dicht angefüllt mit gros- 
sen und nicht corrodirten Stärkekörnern. Man kann in diesem 
Zustande den Kotyledon bezeichnen als eine leere Parenchymmasse, 
welche durchzogen ist von den Strängen producirenden Gewebes, 
die ihrerseits umhüllt sind von einer aus Parenchymzellen bestehen- 
den Scheide, deren Zellen voll Stärke sind; erst ganz zuletzt im 
Stadium V verlieren auch diese Zellen ihre Stärke, jedoch nicht 
immer vollständig ; denn selbst in den schon abgefaulten Kotyledonen 
findet man zuweilen um die Bündel herum noch einzelne Körner in 
den Zellen. 

Ich glaube, dieses Verhalten liefert den strengsten Beweis dafür, 
dass die aufgelöste Stärke in den Parenchymzellen selbst fortgeleitet 
und in den Keim übergeführt wird; denn wären die Zellenstränge die 
Wege dieser Fortführung, so bliebe es ganz unbegreiflich, warum 
gerade in ihrer Nähe die Körner am längsten liegen bleiben. 

Die Fig. IV C auf Taf. II zeigt den vergrösserten Umriss eines 
Kotyledons mit zwei in denselben eingezeichneten Querschnitten 
1 und 2. An der Basis bei 2 ist die Stärke bereits ganz ver- 
schwunden; an der Spitze bei 1 ist dagegen jedes Gefässbündel 
noch von Stärke umgeben, was durch die dunkle Grundirung ange- 
deutet ist. 

Die Auflösung der Stärkekörner findet bei der Bohne von innen 
nach aussen Statt, ein Verhalten, welches dem bei der Auflösung 
der Stärkekörner im Endosperm des türkischen Weizens gerade 
entgegengesetzt ist. 

Die erste Veränderung, welche sich in den Stärkekörnern der 
Kotyledonen bei der Keimung zeigt, besteht darin, dass sich der 
innere Spalt mit Flüssigkeit füllt (siehe Taf. III, Fig. IV, S 1). 
Alsdann vergrössert sich das Lumen des Spaltes (2), seine Bänder 
nehmen ein zerfressenes Aussehen an (3, 4) und häufig sieht man 
von der inneren Höhlung aus einzelne Canäle nach aussen verlaufen 
(55); endlich wird die innere Höhlung so gross und die Canäle 
dringen bis zur Oberfläche (6, 7, 8), dass nun das Korn zerfällt 
zuweilen in grössere Stücke (8, 6), zuweilen sogleich in viele 
kleine zerbröckelt (7, 8). Solche Bröckchen grösserer corrodirter 
Körner findet man in grosser Anzahl in den Zellen der Kotyledonen- 



92 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

basis in dem Stadium ü — IV. Eben solche findet man jederzeit in 
den Spitzen der Kotyledonen. Man sieht in derselben Zelle immer 
ganze Körner mit zerfressenen zusammen , und zwar ist die Anzahl 
der letzteren im Verhältniss zu jenen immer gering, ein Umstand, 
der mir darauf hinzuweisen scheint, dass einerseits der Stoff, 
welcher die Lösung bewirkt, immer nur in geringer Quantität zu- 
gegen ist, während andererseits die einmal aufgelöste Stärke sogleich 
weiter geführt wird. 

Während dieser äusseren Veränderungen findet auch eine innere 
chemische Änderung Statt. Die Körner des trockenen Samens näm- 
lich färben sich mit Jodlösung dunkel violet bis zum Undurchsich- 
tigen; die Körner eines keimenden Samens dagegen nehmen mit der- 
selben Lösung in derselben Menge versetzt, eine weinrothe helle 
Färbung an. — Durch diese Reaction wird in der That nur dieser 
Übergangszustand bezeichnet, denn die im Keime wieder deponirte 
Stärke reagirt auf Jod wieder dunkelviolet mit derselben Jodlösung. 

Zugleich mit der Stärke, werden auch die im Parenchym der 
Kotyledonen enthaltenen Eiweissstoffe aufgelöst und fortgeführt. An 
Quer- und Längsschnitten derselben, welche man nach der von mir 
angegebenen Methode mit CuOS0 3 und dann mit KOHO behandelt, 
überzeugt man sich, dass die albuminosen Materien im IV. Stadium 
bereits aus dem Parenchym der Kotyledonen fast ganz verschwunden 
sind, während die Epidermiszellen und die Stränge noch damit 
gefüllt sind , diese werden violet. 

Auch eine Wanderung der mineralischen Stoffe der Kotyledonen 
in den Keim findet Statt. Wenn man dünne Schnitte aus dem Kotyle- 
don einer im Stadium II befindlichen Pflanze auf einem Platinblech 
ausgebreitet und dann von unten mit einer Spiritusflamme stark 
erhitzt, so bleibt ein weisses ziemlich voluminöses Aschenskelet aller 
Zellen übrig, welches unter der Loupe einen sehr zierlichen Anblick 
darbietet; ein eben so dicker Schnitt aus dem Kotyledon einer Pflanze 
im Stadium V dagegen binterlässt nach dem Verbrennen auf dem Pla- 
tinblech gewissermassen nur einen Hauch von Asche. Da, wie ich 
noch später zeigen werde, die Asche in den Zellhäuten selbst einge- 
lagert ist, so geben also auch diese bei der Keimung etwas zur Neu- 
bildung der Organe her. 

Zucker und Dextrin tritt in der Keimaxe auf, schon wenn 
der Same erst 24 Stunden in warmer feuchter Erde lag und wenn 



über die Keimung der Schminkbohne (Phaseolus multiflorus). 93 

die Wurzel noch nicht ausgetreten ist. Behandelt man einen Längs- 
schnitt der Keimaxe erst mit CuOS0 3 und kocht ihn dann in KOHO 
Lösung, so findet in den Zellen des Markes zwischen den Kotyledon- 
Ansätzen, im Mark und in der Rinde des ersten Gliedes ein reich- 
licher Niederschlag von rothem Cu 2 Statt. 

Dass die Stärke der Kotyledonen bei ihrer Auflösung und Wan- 
derung nicht in Zucker und nicht in Dextrin übergeht , erkennt man 
daran, dass man in den Kotyledonen niemals einen Niederschlag von 
rothem Cu 3 bekommt, nur in späteren Zuständen, wo die ganze 
Axe Zucker enthält, findet man auch in der Basis der Kotyledonen 
Spuren davon, niemals in der Mitte oder Spitze derselben. Sobald 
die Keimwurzel um 1—2 Millim. aus der Schale herausgetreten ist, 
enthält Mark und Rinde der ganzen Axe Zucker. 

Um diese Zeit füllen sich auch die Gerbstoffgefässe des produciren- 
den Gewebes zwischen den Kotyledonen mit Gerbstoff; von hier 
aus steigt dieser Process einerseits gegen die Terminalknospe hin, 
andererseits verbreitet er sich in die Stränge der Kotyledonen 
hinein. 

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, was in dem Samen 
stattgefunden hat bis zu dem Moment, wo die Wurzelspitze die Haut 
durchbricht, ein Moment, den man bisher als den Beginn der Kei- 
mung bezeichnete, so finden wir, dass unterdessen alle Zellen des 
Samens thätig gewesen sind ; das ganze Parenchym der Axe hat sich 
mit Stärke gefüllt, im Mark und Rinde ist Zucker und Dextrin ent- 
standen, und im producirenden Geweberohr haben sich die Gerbstoff- 
gefässe mit Gerbstoff gefüllt. Dagegen hat bis zu diesem Moment 
noch keine Neubildung stattgefunden, und nur das hypokotyle Glied 
hat sich gestreckt. 

b) Veränderungen bis zum Stadium II. 

Zu der Zeit, wo die Keimwurzel 2—3 Centim. lang geworden 
ist, erhebt sich auch die Terminalknospe schon ein wenig und rechts 
und links zeigen sich Hügel, die jungen Blattanlagen. Die weitere 
Ausbildung derselben geht rasch fort, und sobald man die ersten 
Spuren der Seitenwurzeln in der Binde der Hauptwurzel bemerkt, ist 
auch schon das erste gedreite Blatt mit seinen drei Theilen fertig 
angelangt, und mehrere neue Blattanlagen umgeben den Vegetations- 
punkt. Unterdessen sind auf der Oberhaut des hypokotylen Gliedes 



94 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

und der ganzen Plumula, auf beiden Blattseiten und auf den Ober- 
flächen der neuen Blattanlagen die Haare gleichzeitig an allen diesen 
Theilen entstanden; sie erscheinen sämmtlich um die Zeit, wo die 
Wurzel 2 — 3 Centim. lang und die ersten Blattanlagen auftreten in 
Gestalt von einfachen Papillen; im Stadium II sind dieselben schon 
der Gestalt nach fertig angelegt; die einen bestehen aus einer lan- 
gen hakenförmig gekrümmten Zelle, die anderen aus einem vierzelli- 
gen Ballen, der auf einem dreizelligen Stiele sitzt; beide Formen 
sind ungesetzmässig an allen Theilen unter einander gemischt. 

Gleichzeitig mit den Haaren sind in den Leisten desproduciren- 
den Geweberohres die ersten sehr engen Spiralgefässe entstanden. 
Wenn die Wurzel 2 — 3 Centim. lang ist, kann man sie vom hypo- 
kotylen Gliede bis hinauf in die Nerven derPrimordialblätter verfolgen, 
und in den producirenden Strängen ber Kotyledonen steigen sie von 
der Basis aus bis etwa zur Mitte ihrer Länge. Auf dem Punkte ange- 
langt, den ich als Stadium II bezeichne, durchziehen die Spiralgefässe 
alle Leisten und Stränge des producirenden Gewebes und gehen 
bereits bis in die neugebildeten Blattanlagen hinein. 

Unterhalb des hypokotylen Gliedes, also in der eigentlichen 
Wurzel, gibt es keine Spiralgefässe. 

Hier treten gleich anfangs getüpfelte Gefäss*e auf, welche in 
dicht gedrängten Bündeln die vier Leisten des producirenden Wurzel- 
gewebes durchziehen und ziemlich weit oberhalb der Wurzelspitze 
endigen. Die auf der äusseren Seite der producirenden Wurzelleisten 
entstandenen Nebenwurzeln I. Ordnung sind noch ohne Gefässe. Die 
Spiralgefässe des Stengels und der Blätter führen schon Luft; die 
getüpfelten der Wurzel sind viel weiter und enthalten noch Flüssig- 
keit, denn sie werden sich noch um das zwei- bis dreifache aus- 
dehnen. 

Während diese Neubildungen bis zum Stadium II auftraten, fin- 
den nun auch wesentliche Änderungen in den Stoffen der verschie- 
denen Gewebeformen Statt. Als die Wurzel eben die Schale durch- 
brach, enthielt alles Parenchym viel kleinkörnige Stärke; in dem 
Momente aber, wo der oberste Theil der neugebildeten Wurzel sich 
streckt, verschwindet beinahe alle Stärke aus diesem Theile, nur die 
das producirende Gewebe desselben umgebende Zellschichte ist 
noch voll davon. Die Wurzelhaube, das Mark und die Binde der 
Wurzelspitze, alles Parenchym des hypokotylen Gliedes und der 



über die Keimung der Sehminkbohne fPhaseohis multiflonis). 95 

Plumula ist noch voll von Stärke; besonders hervorzuheben ist es, 
dass die Stärke bis in die jüngsten eben erst angelegten Blätter hin 
eingeht, und in den von Zwischenräumen umgebenen Zellen des Mar- 
kes unmittelbar unter der Terminalknospe niemals fehlt. In der Ober- 
haut und ihren Haaren, in demproducirenden Gewebernhr und in den 
Strängen findet man auch jetzt keine Stärke; dagegen sind alle Zel- 
len dieses von Luft führenden Zwischenräumen freien Gewebes mit 
Eiweissstoffen angefüllt, sie sind nach Behandlung mit CuOS0 3 und 
KOHO mit einer violeten Flüssigkeit gefüllt. 

Der Zucker und das Dextrin scheinen sich während dieser 
Periode in der Binde der ganzen Axe bedeutend gemehrt zu haben, 
auch ist das Mark von der Wurzelspitze bis hinauf zu den Blättern 
reich an diesen Stoffen. Weder jetzt noch später lässt sich in dem 
producirenden Gewebe, in der Epidermis und ihren Haaren, noch in 
der Terminalknospe oder in den Wurzelanlagen eine Spur von Zucker 
nachweisen; alle diese Theile werden mit CuOS0 3 und KOHO 
dunkelviolet und geben keinen Niederschlag von rothem Cu a O. 

Der Gerbstoff erfüllt jetzt alle Gerbstoffgefässe, welche schon 
im ruhenden Samen vorhanden waren, und schon haben sich neue 
solcher Gefässe in der Terminalknospe gebildet und mit Gerbstoff 
gefüllt, sie setzen die Reihen der älteren nach oben fort; nach unten, 
d. h. unterhalb des hypokotylen Gliedes werden keine Gerbstoff- 
gefässe gebildet ; die eigentliche Wurzel führt bei der Bohne nie- 
mals Gerbstoff. 

Die Ablagerung von Cellulose in den Bastzellen hat noch 
nicht angefangen, die Bastzellen des Stengels sind noch sehr dünn- 
wandig und die der Wurzel werden eben erst angelangt; in der 
Wurzel entstehen dieBastbündel zwischen den Leisten innerhalb des 
producirenden Geweberohres. 

Das Cambium ist im Stadium II schon überall in Thätigkeit 
im hypokotylen Gliede und im Stengel ist dieZellenschichte zwischen 
den Gerbstoffgefässen und den Spiralgefässen in Theilungen (parallel 
der Peripherie) begriffen ; in der Wurzel dagegen sind es nur vier 
Zellenstränge innerhalb des producirenden Rohres, welche zwischen 
den Leisten innerhalb der jungen Bastbündel liegen; aus diesen vier Cam- 
biumsträngen gehen die vier neuen secundären Gefässbündel hervor. 

Während das Mark um diese Zeit durch den Gehalt an Stärke, 
Zucker und Dextrin, die Rinde durch Stärke allein, die produciren- 



96 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

den Gewebe durch Eiweissstoffe charakterisirt sind , ist es die 
Epidermis und ihre Zellen durch einen anderen unbekannten Stoff, 
welcher mit KOHO sowohl als mit c. c. S0 3 HO eine intensiv 
schwefelgelbe Flüssigkeit gibt. Dieser Stoff tritt in der Epidermis 
und den Haaren schon vor dem Stadium II auf und bleibt darin wäh- 
rend der ganzen Lebensdauer. 

Die Primordialblätter enthalten im Stadium II Stärke in 
allen den Zellen, zwischen welchen Luft führende Räume verlaufen. 
Haare, Epidermis und producirendes Gewebe, so wie auch die in 
Theilung begriffene und noch fest zusammenschliessende zweite 
Parenchymschichte sind frei davon; Zucker und Dextrin sind hier 
nicht nachzuweisen. 

In den Blättern, die noch ganz zwischen den Kotyledonen lie- 
gen, ist bis jetzt kein Chlorophyll; die Zellen sind mit einem farblosen 
Plasma gefüllt, welches die Zellwände auskleidet und die Kerne um- 
gibt. Wenn man dünne Schnitte aus diesem Gewebe mit c. c. 
S0 3 H0 behandelt, so färbt sich das Plasma in kurzer Zeit schön 
spangrün in den Zellen der beiden oberen Schichten. Ich habe in 
der ersten Nummer des Lotos 1859 zu zeigen gesucht, dass diese 
Reaction das Vorhandensein eines farblosen Chromogens anzeigt, 
aus welchem sich das Chlorophyll durch einen Oxydationsprocess bil- 
det; dieses Chromogen ist also schon jetzt vorhanden; in der That 
werden auch schon jetzt Blätter grün, wenn man sie dem Lichte 
aussetzt. 

Ich füge hier eine Übersicht bei , welche im Anschlüsse an die 
frühere das Stadium II kurz charakterisiren und die seit dem Legen 
des Samens (Stadium I) stattgefundenen Veränderungen besonders 
hervorheben soll. 



STADIUM II. 
Formen 

unverändert: in Veränderung durch Dehnung 

heg riff en: 
Gewebe der Kotyledonen. Gewebe der ganzen Plumula, beson- 

ders der untere Theil des ersten 
Gliedes. 



über die Keimung der Sehmiakbohne (Phaseolus multiflorusj . 



97 



Die definitive Streckung haben erreicht: 
Hypokotyles Glied und der obere Theil der Wurzel. 

Erste Ausbildung der Formelemente von I. Neubildungen 



Bast, noch dünnhäutig. 
Cambium, beginnende Theilung. 
Holz, erste Verdickung. 
Spiralgefässe, Spiralfaser. 
Epidermiszellen. 



Der grüsste Theil der Pfahl- 
wurzel. 
Die Nebenwurzeln I. Ordnung. 
Haare auf der Wurzel. 
Bast der Wurzel. 
Gefässe der Wurzel. 
Haare der Epidermis. 
Leisten auf den Blattnerven. 
Anastomosen des Blattnerven. 
Bewegungsorgane. 
Blätter der Terminalknospe. 



Noch nicht angelegt: 
die Spaltöffnungen. 



Stoffe in den Zellen: 



Stärke und Eiweissstoffe : 
Parenchym der Kotyledonen. 
Binde der Wurzelspitze. 
Mark der Wurzelspitze. 
Wurzelhauben. 



Eiweissstoffe ohne Stärke: 
Epidermis überall sammt ihren 

Anhängseln. 
Alles producirende Gewebe ausser 

dem Stärkering. 



Binde und Mark der Terminal- Urparenchym der Terminalknospe 



knospe. 
Binde im oberen Theil des ersten 

Gliedes. 
Binde der Blattstiele, Blattnerven 

und Bewegungsorgane. 
Untere Schichte des Blattparen- 

chyms. 
Die Stärke ist schon verschwunden: 
im gestreckten Theil des Wurzel- Zucker und Dextrin. 

parenchyms. Gelbwerdender Stoff in der Epi- 

dermis. 
GerbstoffindenGerbstoffgefässen. 
Rother Farbstoff in den Gerb- 
stoffgefässen. 

Sitzh. d. mathem.-naturw. Cl. XXXVII. Bd. Nr. 17. 7 



der Wurzelspitze und der jun- 
gen Nebenwurzeln. 

Theile. welche Stärke enthalten und 
aus denen die Eiweissstoffe ver- 
schwunden sind: 
Mark und Rinde des hypokotylen 
Gliedes. 

Neu entstandene Stoffe: 



9ö Sachs. Physiologische Untersuchungen 

Stärke vorhanden in: Zuckerund Dextrin in: 

Wurzelhaube. — 

Rinde und Mark der Wurzelspitze 

Rinde und Mark der sich stre- 
ckenden Wurzel. 
Rinde und Mark des hypokotylen Rinde und Mark des hypokotylen 

Gliedes. Gliedes. 

Rinde und Mark des unteren Thei- Rinde und Mark des unteren 

les des ersten Gliedes. Theiles des ersten Gliedes. 

Rinde des obern Theiles. Mark des obern Theiles. 

Rinde und Mark des zweiten N 

Gliedes. 1 

Mark des dritten Gliedes, / 

Rinde und Mark der Rewegungs- [ enthalten keinen Zucker und 

organe, kein Dextrin. 

Rinde der Stiele, 
Rinde der Nerven, 
Unterseite des Blattparenchyms 

Luft ist vorhanden in 

den Zwischenräumen des Mark-, den Spiralgefässen des ersten 
Rinden- und Blattparenchyms. Stengelgliedes. 

c) Veränderungen bis zu Stadium IV. 

Die Zeit zwischen dem Stadium II und IV ist hauptsächlich 
durch die Ausdehnung der schon angelegten Neben wurzeln I. Ord- 
nung , durch die Streckung und Aufrichtung des Stengels charak- 
terisirt; in der Hauptwurzel finden jetzt keine wesentlichen Änderun- 
gen Statt. 

Während die Nebenwurzeln I. Ordnung die Rinde der Haupt- 
wurzel durchbrechen und sich strecken, tritt in den schon angeleg- 
ten vier Gefässbü n dein Erweiterung der schon vorhandenen 
und Neubildung anderer Gefässe ein (Taf. III, Fig. IV ß zuerst ent- 
standenen, umgekehrt wie im Stengel-Querschnitt der Wurzel im 
Stadium IV bei ß in Fig. IV, Taf. II genommen); die Gefässe ver- 
dicken sich rasch; ihre Wände sind getüpfelt; sie füllen sich 
gegen das Stadium IV mit Luft. 



über die Keimung' der Schminkhohne (Phuseolus multiflorm). 99 

Die Zellen der ebenfalls schon angelegten vier Bastbündel ver- 
dicken sich sehr schnell; bis zum Stadium IV findet keine Anlage 
neuer Bastbündel Statt. 

Die innerste Schichte des Wurzelrindenparenchyms fängt 
gegen IV hin an sich dadurch auszuzeichnen, dass in ihren Zellen 
grosse Kr y stalle von schwefelsaurem Kalk sich ablagern, ein Vor- 
gang, der nur dieser Zellschichte eigen ist (Taf. III, Fig. IV ß). 

Der innere Bau der Nebenwurzeln I. Ordnung ist dem der 
Hauptwurzel gleich, sie treten horizontal oder ein wenig abwärts 
gerichtet hervor und erst bei weiterem Wachsthum biegen sie nach 
unten. 

Im hypokotylen Gliede bildet sich jetzt ein aus getüpfel- 
ten Gefässen und schnell sich verdickenden Holzzellen bestehender 
Cylinder. 

Das erste Stengelglied streckt sich, wie erwähnt, zuerst 
im unteren Theile, und dann Schritt für Schritt in den nächst oberen 
Theilen; die Parenchymzellen ändern dem entsprechend ihre Grösse 
und Gestalt; in dem Masse, wie in einem Querschnitt die Streckung 
aufhört, findet Verdickung der schon angelegten weiten Gelasse 
Statt, die sich nun zu getüpfelten ausbilden; gleichzeitig damit ver- 
dicken sich die ebenfalls schon vorhandenen Holzzellen zwischen den 
Gefässbündeln und den Bastzellen; diese letzteren jedoch verdicken 
sich im Stengel viel langsamer als in der Wurzel. Überhaupt haben 
Gefässbündel, Holz, Bast im Stengel im Stadium IV noch ein jugend- 
liches Aussehen, während diese Theile in der Hauptwurzel bereits 
ihre definitive Bildung besitzen; und je höher man im Stengelglied 
von unten nach oben geht, desto jugendlicher sind die Elemente. 
Taf. III, Fig. IV b ist ein Theil des Querschnittes von Fig. IV auf 
Taf. II bei b; L die schon im ruhenden Keime vorhandene Gewebe- 
leiste, in welcher die Spiralgefässe (S) bereits vor dem Stadium II 
entstanden sind, während erst jetzt die getüpfelten Gefässe (g g k) 
und die Holzzellen (h) sich verdicken; der Bast (b) ist noch ziem- 
lich dünnhäutig. 

An den Blattstielen bilden sich zwischen den Stadien II und IV 
die Bewegungsorgane aus; sie sind anfangs dünner als der Stiel, 
erst nach dem Stadium IV werden die unteren dicker. 

In den Blattstielen und Nerven sind die Elemente der Gefäss- 
bündel des Bastes noch jugendlicher als im oberen Stengelglied. 



100 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

In den beiden oberen Parenchymschichten der Lumina finden 
bis dahin die letzten Theilungen (senkrecht zur Fläche) Statt, daraus 
geht das Säulengewebe, aus sehr schmalen, langen Zellen bestehend, 
hervor; erst nach dem Stadium IV erhalten diese Zellen ihre letzte 
Dehnung. 

Die Epidermiszellen haben sich während der sehr bedeu- 
tenden Streckung der Theile, welche sie überziehen, nicht wesent- 
lich vermehrt; sie haben sich in demselben Masse wie die Rinden- 
zellen ausgedehnt; am Stengelglied hat diese Ausdehnung vorzüg- 
lich im Sinne der Längsaxe stattgefunden; hier wie bei anderen 
Geweben ist der definitiv grösste Durchmesser der Zellen derjenige, 
welcher nach beendigter Theilung der kleinste war. 

Die Haare, schon vor dem Stadium II angelegt, verdicken sich 
jetzt ein Wenig. 

Auch die Oberhautzellen der Lamina, obwohl sich diese sehr 
ausdehnt, vermehren sich seit dem Stadium II nicht mehr. Die Aus- 
dehnung dieser Oberhautzellen in verschiedenen Richtungen ist aber 
verschieden, anfangs grenzten sie mit ebenen Wänden an einander ; 
nach und nach werden diese Ebenen wellig, und im Stadium IV grei- 
fen die Oberhautzellen der Lamina mit stark ein- und ausspringen- 
den Winkeln in einander. Auf den Nerven dagegen behalten sie die 
ebenen Wände wie am Stengel. 

Die Leisten auf der Oberseite der Nerven sind Oberhautgebilde, 
sie entstehen schon vor dem Stadium II und erhalten ihre Vollendung 
bis zum Stadium IV. 

Die Spaltöffnungen sind die letzte Neubildung auf den 
im ruhenden Keime schon angelegten Theilen; sie entstehen erst 
zwischen den Stadien III und IV; es ist, so viel mir bekannt, eine 
noch unbekannte Thatsache, dass sie auf den vergeilten Theilen 
einer im Dunkel erwachsenenBohne nicht entstehen. Ihre Anlage und 
Aushildung dauert lange Zeit fort, noch zwischen IV und V bilden 
sich neue auf der Lamina zwischen den schon fertigen Spalt- 
öffnungen. 

Die Stärke fährt fort aus dem Kotyledon in die Keimaxe 
überzugehen. Mark und Rinde des hypokotylen Gliedes sind seit dem 
Beginn der Keimung bis zum Stadium IV immerfort damit erfüllt 
(vgl. hier und im Folgenden Taf. II, alles schwarz Grundirte bedeutet 
Stärke in den Gewehen, je dunkler, desto mehr Stärke). Im gestreck- 



über die Keimung der Schminkbohne fPhaseolus multißorus) . j \ 

ten Theil der Hauptwurzel ist dagegen die Starke ganz verschwun- 
den. Mark und Rinde der Wurzelspitze aber enthalten noch ein 
wenig; die Nebenwurzelt) enthalten niemals Stärke in Mark und Rinde, 
dagegen sind ihre Wurzelhauben gleich der Wurzelhaube derHaupt- 
wurzel jetzt und während des ganzen Lehens mit Stärke erfüllt. Die 
untere Hälfte des sich streckenden Stengelgliedes verliert ihre Stärke 
aus Mark und Rinde schon zwischen den Stadien I) und III (Taf. II). 
Um diese Zeit enthält die Rinde und die äusseren Markzellen des 
oberen noch ungestreckten Theiles des Gliedes noch viel Stärke; 
aber auch hier verschwindet sie , sobald dieser Theil sich streckt 
und gerade aufrichtet (vergl. Taf. II, Fig. II, III mit Fig. IV). So 
lange die Blätter noch zusammengefaltet sind und die Stiele noch 
nicht auseinander gebogen sind, enthalten Mark und Rinde derselben 
viel Stärke, sobald dieses aber stattgefunden hat, ist auch die Stärke 
hier verschwunden; um dieselbe Zeit, wo die Dehnung der Lamina 
anfängt bedeutender zu werden, verschwindet auch aus den unteren 
Schichten ihres Parenchyms die Stärke. Zuletzt enthält nur noch 
Mark und Rinde des neu entstandenen Stengelgliedes und die jungen 
Blätter eine Spur von Stärke, die aber auch zugleich mit beginnen- 
der Streckung dieser Theile verschwindet. 

So ist im Stadium IV ausser dem hypokotylen Gliede alles 
Parenchym frei von Stärke (Taf II, Fig. IV); aber im Kotyledon ist 
noch eine bedeutende Quantität desselben enthalten, die fortwährend 
in das hypokotyle Glied übertritt. Von hier aus scheint sie durch 
eine einzige Zellschichte in die oberen Theile hinaufgeführt zu wer- 
den; diese Zellschichte umgibt das producirende Geweberohr des 
Stengels und dieAussenseite derproducirenden Stränge in den Blatt- 
stielen und Nerven; sie ist dieselbe Schichte, welche schon im ruhen- 
den Keime aus kubischen Zellen bestehend (Taf. I, Fig. I l bei st) 
das producirende Gewebe von dein Rindenparenchym abgrenzte. 
Diese Zellen haben sich jetzt gestreckt, sind aber kleiner als die 
Rindenzellen, und machen sich noch jetzt dadurch, dass sie ohne 
Zwischenräume aneinander schliessen, als ein Glied des produciren- 
den Gewebes geltend (Taf. III, Fig. IV b bei st). 

Diese Zellenschichte habe ich bei allen von mir untersuchten 
Keimen wiedergefunden , überall führte sie noch Stärke zu einer 
Zeit, wo sie aus allen anderen Geweben verschwunden war, und was 
besonders merkwürdig ist, sie führt bei der Keimung ölhaltiger 



|Q2 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

Samen die Stärke, welche sich aus dem öl bildet. Daher nenne ich 
diese Schicht den Stärkering oder Stärkecylinder. 

Eine ähnliche Schichte umgibt auch das producirende Gewebe- 
rohr der Wurzel bei allen phaneroganien Keimen, die ich bisher 
untersucht hahe, jedoch verschwindet in der Wurzel die Stärke auch 
aus dieser Schichte schon sehr früh. Der Stärkecylinder setzt sich 
auch in die neu angelegten Stengelglieder und Blätter hinauf fort. 
Ich halte den Stärkecylinder für dieselbe Schichte, welche Caspari 
als Schutzzellenscheide bezeichnet. 

Der Stärkecylinder führt nur so lange Stärke als im Kotyledon 
und im hypokotylen Gliede noch solche enthalten ist; erst dann, 
wenn derKotyledon entleert ist, verschwindet sie auch allmählich aus 
dem Stärkerinsr ; dies geschieht um die Zeit des Stadium V, wo die 
ganze Bohnenpflanze von disponibler Stärke befreit ist. 

Aus dem Umstand, dass die Stärke aus dem Stärkecylinder erst 
dann verschwindet, wenn auch in den Kotyledonen keine Stärke 
mehr ist, aus dem Umstände ferner, dass diese Zellschicht während 
der Zeit (Stadium IV"), wo die angelegten neuen Stengelglieder und 
Blätter ihre Dehnung und Kräftigung erhalten sollen (also zwischen 
Stadium IV und V), die einzige Verbindung zwischen dem stärkeführen- 
den Kotyledon und den Theilen, welche noch der letzten Ausbildung 
bedürfen, herstellt, ferner aus dem Umstände, dass aus dieser Schicht 
die Stärke verschwindet, wenn die neugebildeten Blätter sich aus- 
gedehnt haben, schliesse ich, dass der Stärkecylinder das Organ der 
Forlleitung dieses Stoffes ist, und dass die in ihm enthaltenen Stärke- 
körner in fortwährendem Entstehen und folgender Auflösung und 
Weiterleitung nach oben begriffen sind. Erst zur Zeit, wo die Blü- 
thenknospen entstehen, also mehrere Wochen später, entsteht neue 
selbst erzeugte Stärke in der Pflanze, und dann erscheint sie merk- 
würdiger Weise nur im Stärkering der Stengelglieder und sammelt 
sich in dem Parenchym der Wurzel und des hypokotylen Gliedes, 
so dass es wahrscheinlich wird, dass gegen das Ende der Vegeta- 
tion dieselben Zellen , welche während der Keimung die Stärke von 
unten hinaufführten, sie nun von oben hinunter führen. 

Merkwürdiger Weise bleibt bei dem gänzlichen Verschwinden 
der Stärke aus dem Parenchym die Stärke in den Wurzelhauben 
und in den Spaltöffnungszellen verschont; diese Zellen führen zu 
allen Zeiten Stärke; das ist zumal bei den Spaltöffnungszellen über- 



über Hie Keimung der Schminkhohne fPhaseolus multiflorus) . \ f)3 

raschend, da alle anderen Elemente der Oberhaut niemals Stärke 
führen. Es wäre möglich, dass die Spaltöffnungszellen stärkebildende 
Organe vorstellen, aus denen die Stärke in dem Masse als sie 
entsteht, in die inneren Gewebe überführt wird; bekanntlich 
steht die Respiration mit dem Vorhandensein der Spaltöffnun- 
gen und noch weniger mit ihrer Anzahl in keinem nachweisbaren 
Verhältnisse; dagegen findet auch hier das allgemeine Gesetz An Wen- 
dung, dass Stärke nur in Zellen vorkommt, zwischen denen Luft 
enthalten ist; denn alle zusammenschliessenden Zellen der Epider- 
mis sind frei davon, nur die mit dem Zwischenräume versehenen 
Spaltöffnungszellen halten Stärke und zwar erst dar.'.i , wenn die 
Wände aus einander weichen. So wunderlich es auf den ersten Augen- 
blick auch aussehen mag, die Spaltöffnungszellen als stärkebildende 
Organe zu bezeichnen, so gewinnt der Gedanke bei näherer Betrach- 
tung doch an Wahrscheinlichkeit. Nicht nur bei der Bohne, sondern 
auch bei allen andern Samen endigt die Keimung damit, dass die 
Stärke, welche von der Mutterpflanze herstammt, völlig aufgezehrt 
wird, dann tritt ein.<e längere Periode, die erste eigentliche Vegeta- 
tionsperiode ein, wo gar keine Stärke im Parenchym ist; nun ent- 
stehen gerade während dieser Zeit die meisten Blätter und mit ihnen 
die meisten Spaltöffnungen; jede Spaltöffnungszelle enthält gleich 
nach dem Entstehen der Öffnung mehrere Stärkekörnchen; da nun 
in der ganzen Pflanze keine Stärke mehr vorhanden ist, so muss jene 
offenbar in. den Spallöffnungszellen selbst gebildet werden. Bis hier- 
her ist in dem Gedankengange offenbar nichts Überraschendes; wenn 
nun eine Spaltöffnungszelle im Stande ist, o — 6 Stärkekörner zu 
erzeugen, warum soll sie nicht im Stande sein, deren hundert und 
mehr ^u produciren, wenn die jeweilig gebildeten aufgelöst und in's 
unterliegende Parenchym übergeführt werden. 

Wenn man zugibt, dass eine Spaltungszelle 5 — 6 Stärkekörner 
bildet, so kann man auch zugehen, dass sie dasselbe zu wiederholten 
M?Aen thut. Wenn man ferner bedenkt, dass eine Zelle auf diese 
Weise contimiirlich Stärke erzeugen kann, und dass die Zahl dieser 
Organe eine so bedeutende ist, so ist es dann auch nicht mehr über- 
raschend, dass aus so kleinen Organen eine so grosse Menge Stärke 
«im Ende der Vegetation hervorgehen kann. 

Der Zucker und das Dextrin, welche bis zum Stadium H 
■las Mark erfüllten, breiten sich bis zum Stadium III auch in die 



I Q4 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

Rinde des hypokotylen Gliedes des Stengels und der Wurzel aus; 
sowohl in den eben erst entstandenen Nebenwurzeln I. Ordnung als 
in dem ganz ersten Glied erhält man mit CuOSO« und kochendem 
KOHO starke Niederschläge von rothem Cu 2 0; in den Kotyledonen 
entsteht der Niederschlag nur an der Basis; frei von Zucker ist 
nur die Wurzelspitze, die Terminalknospe und das Parenchym der 
Blätter (vergl. Taf. II , Fig. II — III, die quer schraffirten Stellen 
bezeichnen die Orte, wo man mit CuOS0 3 und KOHO rothen Nie- 
derschlag bekommt). Die Stellen, wo kein Niederschlag von Cu 3 
entsteht, die Wurzelspitzen, die Terminalknospe, die Achselknospen 
und das ganze producirende Gewebe in allen Theilen, sind diejenigen 
Orte, wo Neubildung an Zellen (Wurzelspitze und Terminalknospe) 
oder Ablagerung von org?.nisirter Materie (Holz, Bast, Gefäss) 
stattfindet. An allen diesen Orten erhält man mit CuOS0 3 und KOHO 
eine die Zellen erfüllende dunkelvio'iete Flüssigkeit; Reaction auf 
Eiweissstoffe. 

Es ist wahrscheinlich, dass auch an diesen Orten Spuren von 
Zucker sind, da jaZellstoffbildung hier stattfindet, jedenfalls ist es aber 
sehr wenig, denn die Production des Cu 3 findet schon bei äusserst 
geringen Quantis von Zucker und Dextrin in den Zellen Statt. Wahr- 
scheinlich wird an den genannten Bildungsherden das gelöste Kohle- 
hydrat in dem Masse verarbeitet, als es dahin gelangt. Gegen das 
Stadium IV hin verschwindet Zucker und Dextrin aus dem Parenchym 
der ganzen Wurzel (Taf. II, Fig. IV) und der Nebenwurzeiu 1. Ord- 
nung. Dagegen bleibt alles Mark- und Rindenparenchym der ober- 
irdischen Theile davon erfüllt. Wenn man die Stadien II, HI und 
IV auf Taf. II vergleicht, so bemerkt man, dass aus dem zweiten 
Stengelgliede die Stärke verschwunden, dagegen Zucker entstanden 
ist, dass ebenso in den nun zur Streckung bereiten Blattstielen 
Zucker an die Stelle der Stärke getreten ist. Merkwürdiger Weise 
konnte ich bis zum Stadium IV in den Bewegungsorganen niemals 
einen Cu 3 0- Niederschlag bekommen. Gesetz ist, dass Zucker lind 
Dextrin nur in den Geweben zu finden ist, wo vorher Stärke war, dass 
der Zucker niemals vor, sondern immer nach der Stärke erscheint, 
dass er an allen Orten, wo Neubildungen oder Stoffablagerungen 
stattfinden, fehlt oder in sehr geringer Menge zugegen ist; die Epi- 
dermis und alle ihre Anhängsel, das producirende Gewebe und seine 
Derivate enthalten niemals nachweisbaren Zucker , dagegen jeder- 



über die Keimung der Schminkbohne fPhaseoliis multiflorus). 105 

zeit so viel Eiweissstoffe , um mit CuOS0 3 und KOHO eine blaue 
Flüssigkeit zu geben. Der Gerbstoff erfüllt jetzt so wie früher die 
Gerbstoffgefässe; er lässt sich mit Eisensalzen, mit KO, NaO mit S0 3 
bis in die jungen Blatter und in die kleinen Nerven der alten verfol- 
gen. Die Gerbstolfzellen obwohl gleich den Gefässzellen in senkrechten 
Heihen geordnet, sind niemals communicirend, auf Längsschnitten 
sind sie oben und unten geschlossen (vergl. Tat*. II, Fig. II, III und 
Fig. IV, wo die unterbrochenen schwarzen Linien in den schema- 
tischen Längsschnitten die Gerbstoffzellenreihen bedeuten, auf den 
Querschnitten sind sie durch schwarze Punkte angedeutet; Taf. III, 
Fig. IV b zeigt die Gerbstoffgefässe mit ihrer Umgebung, sie sind 
schwarz ausgefüllt). 

Der mit KO oder mit c. c. S0 3 gelb werdende Stoff nimmt im 
Oberhautsystem immer mehr überhand. 

Das Plasma in den Zellen unter der Oberhaut des Stengels , in 
denen, welche die Gerbstoffgefässe und die eigentlichen Gefässe 
umgeben, ballt sich zu kleinen Klümpchen zusammen, diese werden 
grün; es bildet sich in den genannten Zellen Chlorophyll. 

Das Plasma, welches die Wände der Blattparencbymzellen über- 
zieht, zerfällt in grössere Körner und wird gleichzeitig grün. 

Im Dunkeln erzogene, vergeilte Pflanzen bilden nicht nur kei- 
nen grünen Farbstoff, sondern auch ihr Plasma zerfällt nicht in Kör- 
ner; die Zellen im Biattparenchym solcher Pflanzen sind noch im Sta- 
dium IV, mit dem farblosen Plasma ausgekleidet. Diese Substanz 
scheint zu fluoresciren; denn wenn man nur eine einzige Zellscliichte 
unter dem Mikroskope hat, so sieht der Plasmaiiberzug der Inuen- 
w.md der Zellen bläulich aus; liegen dagegen mehrere Schichten 
übereinander, so erscheint dieser Stoff gelb. Bringt man die vergeil- 
ten Pflanzen an's Licht, so zerfällt die Plasmaauskleidung der Zellen 
in kurzer Zeit in grüne Körner. 

Die mineralischen Stoffe scheinen während der ganzen Keimung 
eine sehr wichtige Bolle zu spielen. Ich habe Quer- und Längs- 
schritte ans den verschiedensten Theilen aller Stadien auf Platinblech 
geglüht, und erhielt immer vollständige Aschenskelete der Zellen, 
bei vergeilten Pflanzen ebenso. Es ist auf diese Weise, und je dün- 
ner die Schnitte sind desto besser, leicht sich davon zu überzeugen, 
dass die Zellhäute sämmtlich junge und alte mit Aschentheilen im- 
prägnirt sind. 



I Ob Sachs- Physiologische rntersuchiinjjen 

Besonderer Aufmerksamkeit scheint Her Umstand werth. dass 
auch die jüngsten Theile der Terminalknospe Aschenskelete liefern, 
in denen man die Gestalt der Zellen erkennt. Es seheint hieraus her- 
vorzugehen., dass diese mineralischen Stoffe zur Bildung der Zell- 
häute wesentlich sind, dass der Gestaltungsprocess der Zellhäute 
nicht sowohl in der Cellulose, als vielmehr in einem Gemenge von 
dieser mit unorganischen Substanzen vor sich geht. Wie fest die 
Mineralstofle mit der Cellulose verbunden sind, zeigt ja der Umstand, 
dass auch das reinste Filtrirpapier noch Asche liefert, dass sie selbst 
durch oft wiederholtes Waschen der Leinwand und Baumwolle nicht 
entzogen wird. 

Gegen das Stadium IV hin beginnt in der Wurzel schon die 
Ablagerung von Gypskrystallen (Taf. III, Fig. IV ß) in der innersten 
Schichte desBindeuparenchyms. Schon vorher und noch in allen Ent- 
wiekelungszuständen nachher kann man die Gegenwart von Kalk- 
salzen in dem ganzen Rinden- und Markparenchym der Bohne nach- 
weisen: setzt man auf dünne Schnitte dieser Gewebe c. c. S0 3 HO, 
so werden gleichzeitig mit der Auflösung der Zellhäute in jeder Zelle 
eine grosse Anzahl von Gypskrystallen gebildet, welche aus langen 
Nadeln, zuweilen auch aus Tafeln bestehen. 

Die c. c. S0 3 HO ist sehr geeignet die verschiedenen Zustände 
der Zellhäute in den verschiedenen Gewebeschichten zu charakteri- 
siren. Setzt man auf einen dünnen Schnitt aus dem Stengel einen 
Tropfen englische Schwefelsäure, so lösen sich in wenig Secunden 
alle Rindenzellen, eben so die äusseren Markzellen und die Leisten 
des producirenden Gewebes: dagegen bleiben die Zellhäute der 
Oherhaut und der nächst unteren Schichte ungelöst; auch das Bast 
löst sich erst nach längerer Zeit und bevor dies geschieht, w r erden die 
Zellhäute intensiv fleischroth, jedoch nur die älteren äusseren Schich- 
ten; die inneren jungen Zellstoffschichten derselben Zellen bleiben 
farblos; wie sehr verschieden die Holzsubstanz und die der Gefässe 
von der des Bastes ist, geht daraus hervor, dass an demselben Schnitt 
wo die Bastzellhäute roth werden, die Häute der Holzzellen und der 
getüpfelten Gefässe sich intensiv grün färben; hievon ist wieder die 
Faser der Spiralgefässe verschieden, sie färbt sich mit c. c. SO.HO 
intensiv karminroth. 

In dem Verhalten gegen SO. unterscheidet man demnach im 
Stengel im Stadium IV sechs verschiedene Varietäten von Zellstoff: 



Zu Suite KIT. 



Tabelle zu Stadium IV. 



Wurzel- 
spitzen. 



[ Wurzelhaube voll Starke. 

\ Äussere Rindenschicht; . keine Starke; Eiweiss. 

, Rindenparenchym „ „ 

J Producirendes Gewebe . . , 

f Mark „ 

Äussere Rindenschicht. ) 

Haare. 

Rindenparenchym. 

Innerste Schicht; Kry stalle. 



' Alle Zellen noch in Theilung begriffen; initCuOS0 3 
und KOHO das ganze Gewebe violet. 



Enthalten keine Starke, keinen Zucker, kein Dextrin; mit CuOSO« 
und KO Zellhäute hellblau. 



Gestreckte 
Wurzeltheile 



•\ 



Producirendes Gewebe enthalt 



Hypokotyles 
Stengel-Glied. 



Producirendes Ge- 
webe. 



starkering voll Marke 
[ Bastzellen enthalten E 
] Bast verdickt, mit Cu I 



Erstes 
Stengel-Glied. 



Äusserste Schicht. / Enthalten nach Behandlung mit CuOS0 3 und 
Leitzellen. \ KO eine violete Flüssigkeit; Eiweissstoff. 

Bast; Haute stark verdickt, mit CuOS0 8 und KO blau. 
Getüpfelte Gelasse, verdickt, enthalten Luft; mit CuOSOj und KO 

gelb; mit S0 3 HO grün. 
Cambium; enthält Eiweissstoffe; mit CuOS0 3 und KO violet. 
Mark; keine Stärke, keinen Zucker, kein Dextrin: mit CuOSO, und KO hellblau. 

Epidermis. } Enthalten keine Stärke, keinen Zucker und kein Dextrin; werden mit SO, und KO 

Haare. j gelb; mit CuOS0 3 1 KO violet. 

i Spaltöffnungen enthalten Stärke. 

I Rindenparenchym enthält Stärke, Zucker, Dextrin; Häute von SO.IIO farblos gelöst. 
Stärkering voll Stärke. 

Eiweissstoffe, werden mit CuOS0 3 und KO violet. 
OSO, und KO blau; mit S0 3 HO fleischroth. 
( Gerbstoffgefässe enthalten Gerbstoff. 

Cambium; Eiweissstoffe mit CuOS0 8 und KOHO violet. 

Holz. ) ..,.„, 

„ .... > Stark verdickt: mit SO™, c. c. grün: mit CuOSO. und KO treib 

Uelasse. \ • fe 

Mark enthält Stärke, Dextrin, Zucker; Häute von SO s HO farblos, langsam gelöst. 

Epidermis. ) Enthalten keine Stärke, keinen Zucker, kein Dextrin; «erden mit c. c. S0 3 gelb; im 

Haare. j CuOSO, und KO violet. 

Spaltöffnungen enthalten Stärke. 

Rindenparenchym; keine Stärke, viel Zucker und Dextrin, wenig Chlorophyll. 

Stärkering voll Stärke. 

I Bast verdickt; mit SO, c. c. äuss. Verdick. Schichte roth; mit CuOS0 3 und KO. 

„ . . \ Leitzellen enthalten gelöste Eiweissstoffe, mit CuOSO. und KO violet; wenig 

Producirendes Ge- ,,,,,, b 

( hlüi'uphyll. 

Cambium; Eiweissstoffe mit CuOSO, und KO violet. 

Getüpfelte Gefässe, die älteren führen Luft; Wände mit so. c. c. intensh grün; 

mit CuOSO, und KO gelb. 



webe. 



Sitib. i. malhe 



i I. XXXV II. B.i. Nr I" 



über Hie Keimung der Schminkhohne CPhaseohts multiflorut). 10? 

1. Oberhaut farblos, sehr langsam gelöst; 2. Bindenparenehym farb- 
los, schnell gelöst; 3. Bast fleisehroth, langsam gelöst; 4. Holz und 
getüpfelte Gefässe grün, sehr langsam gelöst; 5. Spiralfaser karmin- 
roth, ziemlich schnell gelöst; 6. inneres Mark farblos, langsam 
gelöst. 

Ich habe diese Reactionen sehr oft wiederholt und immer mit 
demselben Resultat. Besonders interessant sind die Längsschnitte von 
getüpfelten Gefässen ; die e. c. S0 3 HO färbt nur die verdickten 
Stellen intensiv grün, die Tüpfel bleiben farblos. Ahnliche Reactio- 
nen finden in anderen Keimpflanzen Statt, und zwar zeigen allgemein 
die gleichnamigen Elemente in der ganzen Länge einer Keimaxe die 
gleiche Reaction; es geht hieraus der Schluss hervor, dass jedes 
Gewebe nicht nur durch die Gestalt seine Zellen, und wie ich schon 
früher nachgewiesen , durch die Inhalte , sondern auch durch eine 
bestimmte Varietät von Zellstoff charakterisirt ist. Es geht ferner ans 
meinen Untersuchungen hervor, dass die c. c. S0 3 HO auf gleich- 
namige Elemente verschiedener Pflanzenarten verschieden reagirt; 
die getüpfelten Gefässe der Bohne werden grün, die der Maispflanze 
intensiv braunroth, die von Ricinus grün, die in dem Mandelkeim 
prachtvoll violet u. s. w. 

Diese charakteristischen Schwefelsäurereactionen der Häute ge- 
winnen noch an Bedeutung dadurch, dass ihnen das Verhalten gegen 
andere Reagentien, z. B. Jod und CuOSO- mit KOHO parallel geht. 

Auf der folgenden Tabelle versuche ich eine übersichtliche 
Charakteristik des IV. Stadiums, um die gleichzeitige Gegenwart der 
morphologischen und chemischen Bestandteile zu zeigen : 

(Siehe nebenstehende Tabelle.) 

Zur Vergleichung mit Stadium II führe ich noch folgende Über- 
sieh! an: 

STADIUM IV. 
Formen: 

unverändert seit Stadium It: in Veränderung durch Ausdehnung 

Parenchym der Kotyledonen. begriffen: 

Unverändert seit Stadium II: Zweites und drittes Stengelglied 

Parenchym der Hauptwurzel. mit ihren Blättern. 

Stiele der Primordialblätter. Lvt- 
minae derselben. 



\ 0<S S a c h s. Physiologische Untersuchungen 

Die definitive Streckung haben erreicht : Ausgebildete Formelemente: 

Pfahlwurzel. Alles was in den fertig gestreck- 

Hypokotyles Glied. ten Theilen vorhanden ist mit 

Erstes Stengelglied heinahe. Ausnahme der cambialen Neu- 

bildungen. 

Neubildungen seil Stadium II. 

Spaltöffnungen auf der ganzen Oberhaut. 
Chlorophyllkörner in Rinde und Blattparenchym. 

Stoffe in den Kellen: 

Stärke und Eiweissstoffe Eiweissstoffe ohne Stärke: 

sind nirgends mehr in denselben Im Urparenchym der Vegetations- 
Zellen vereinigt. punkte. 

Cambium und Leitzellen der pro- 

ducirenden Gewebe. 
Parenchym der Bewegungsor- 

gane. 
Blattparenchym. 
Die Stärke ist verschwunden: Neu entstandene Stoffe seitdem Stad. II : 

Im Parenchym der ganzen Pflanze Der grüne Farbstoff der Chloro- 
mit Ausnahme von Mark und phyllkörner. 
Rinde des hypokotylen Gliedes. Rother Farbstoff in manchen Thei- 
len der Epidermis. 
Kalkkrystalle in der Wurzel. 
Stärke ist vorhanden: Zuckerund Dextrin sind verschwunden : 

In den Wurzelhauberi. Aus dem Wurzelparenchym. 

In dem Stärkering. Zuckerund Dextrin sind vorhanden: 

In Mark und Rinde des hypokotylen In Mark und Rinde des Stammes 
Gliedes. und der Blattstiele. 

liiifl i-< vorhanden: 

In den Zwischenräumen des Mark- In den Spiralgefässen und den 
und Binden parenchyms. fertigen getüpfelten Gelassen 

der Wurzeln und der oberirdi- 
schen Theile. 
Ich habe für diese und die früheren Übersichten noch zu bemer- 
ken, dass ich die Eiweissstoffe aus einem Gewebe als verschwunden 



über die Keimung der Schminkbohue (Phaseolus multiflorits). 109 

betrachte, wenn auf keine Weise mehr mit CuOS0 3 und KOHO eine 
violete Flüssigkeit in den Zellen erhalten werden kann: dass ich 
ebenso die Abwesenheit von Zucker da voraussetze, wo mit demsel- 
ben Reagens kein rothes Cu 3 in den Zellen entsteht. 

Als Leitzellen bezeichne ich die dünnhäutigen gestreckten Zel- 
len, welche ursprünglich im producirenden Gewebe vorhanden 
waren, nicht zu Bast oder Gefässen oder zu Cambium umgewandelt 
sind, und Eiweisslösungen enthalten; sie unterscheiden sich wesent- 
lich von den Parenchymzellen dadurch, dass sie niemals Lufträume 
zwischen sich lassen, keine Kohlehydrate führen, überhaupt den Cha- 
rakter des producirenden Gewebes beibehalten, ohne neue Formele- 
mente zu produciren, sie bilden die Grundmasse der producirenden 
Gewebe, sie umgeben die Gerbstoltgefässe und die Gefässe. 

d) Beendigung der Keimung bis zum Stadium V. 

Die schon im Keim vorhandenen Primordial blätter erhalten erst 
jetzt ihre definitive Ausdehnung, die Stiele strecken sich noch auf 
das Dreifache ihrer Länge im Stadium IV. Die Bewegungsorgane 
derselben erhalten erst jetzt ihre bleibende Gestalt und Grösse und 
erst jetzt werden sie fähig die periodischen Bewegungen zu machen. 

Das Wurzelsystem vermehrt seine Organe noch durch Bildung 
der Nebenwurzeln II. Ordnung. 

Mit den Nebenwurzeln II. Ordnung und der Entfaltung der ersten 
gedreiten Blätter, kann man sagen, beginnt die eigentliche, selbst- 
ständige Vegetation. 

Diese beiden Erscheinungen fallen in dieselbe Zeit, wo 
die letzte Stärke aus den Kotyledonen verschwindet; auch die 
EiweissstofFe sind sämmtlich aus den Kotyledonen in die Keimaxe 
übergegangen; wenn man Schnitte der Kotyledonen mit CuOS0 3 
und KOHO behandelt, so weiden sie nicht mehr violet, sondern 
hellblau, eine Färbung, welche der erweichten Cellulose des Paren- 
chyms angehört. 

Die Stärke im Stärkecylinder verschwindet nun auch voll- 
ständig. 

Zucker und Dextrin lassen sich im Stadium V noch im 
Mark des Stengels von den Kotyledonen bis zur Knospe hinauf nach- 
weisen, aber nur in den axilen Zellenreiben; in den Stielen der 
Primordialblätter sind sie in Mark und Rinde vorhanden; auch jetzt 



J () S :i o li s. Physiologische Untersuchungen 

findet sich merkwürdiger Weise in den Bewegungsorgauen kein Zucker 
oder Dextrin , dagegen noch reichliches Ei weiss, sie werden mit 
C11OSO3 und KOHO violet. 

Diese geringen Quantitäten Zucker und Dextrin sind die letzten 
Kesle des Zehrpfennigs , den die Mutterpflanze dem Keime mitge- 
geben hatte, er lebt nun ferner von selbst aufgenommenen und zube- 
reiteten Stollen. 

In den Geweben finden bis zum Stadium V keine wesentlichen 
Änderungen Statt; die Holzzellen vermehren sich noch durch Thätig- 
keit des Cambiums, die Gefässe fangen erst später wieder an, sich 
zu mehren. Der Bau der gleichnamigen Organe, welche sich aus der 
Terminalknospe schon gebildet haben und demnächst bilden, stimmt 
mit dem ersten Stengelglied und dem Bau der Primordialblätter völlig 
überein; Stärkering, Bast, Gerbstoffgefässe, Holz, Gefässe treten 
im zweiten Gliede als Fortsetzungen der nämlichen Gewebe des 
ersten Gliedes auf. 

Der mit KOHO gelb werdende Stoff, welcher das Oberhaut- 
system zwischen den Stadien II und IV charakterisirte, scheint gegen 
V hin zu verschwinden. 

§. 6. Einige Folgerungen aas §. 5. 

a) Zur Charakteristik der Slofl'e. 
Während des ganzen Keimungsprocesses verhalten sich die 
nachweisbaren Stoffe auf zwei ganz verschiedene Weisen ; die 
Einen sind in fortwährender Veränderung ihrer Eigenschaften 
und ihres Ortes begriffen; dies sind die Kohlehydrate und Eiweiss- 
stoffe. Abgerechnet die kleine Quantität, welche in der Keimaxe 
zugegen war, ist alle Stärke, Zucker und Dextrin der Keimpflanze 
aus den Kotyledonen gekommen; diese drei Stoffe zeigen eine innige 
Beziehung- zu den Neubildungen und den Ausdehnungen der Organe: 
wo ein Glied sich streckt, da verschwindet die Stärke aus den Zel- 
len, dafür tritt Zucker auf und sobald die definitive Dehnung erreicht 
ist, verschwindet auch dieser; und in dem Masse als Stärke und 
Zucker verschwinden, nehmen die Zellstoffablagerungen in den Ele- 
menten des producirenden Gewebes zu; man kann mit grosser Wahr- 
scheinlichkeit annehmen, dass die ganze Masse der Zellhäute, welche 
in dem Stadium V vorhanden sind, im Stadium I inGestalt vonStärke- 
kürnern das Kotyledonengewebe erfüllte. 



über die Keimung der Schminkbohne (Pkaseolus multiflomsj. 

Die Eiweissstoffe der Kotyledonen, in die Keimaxe eingetreten, 
scheinen sich nur im producirenden Gewebe zu verbreiten und haupt- 
sächlich gegen die Vegetationspunkte hinzuziehen; in dem Mark- 
und Kindenparenchym und in der Epidermis werden sie in dem 
Masse seltener, als diese Theile sich ausdehnen, und haben sie ihr 
delinitives Volumen erreicht, so scheinen auch die in ihnen enthal- 
tenen Eiweissstoffe verschwunden zu sein ; in diesen Theilen ist 
dann mit CuOS0 3 und KO keine violete Flüssigkeit mehr zu erzeu- 
gen. Es ist wahrscheinlich, dass die ganze Masse der in den Koty- 
ledonen enthaltenen Eiweissstoffe in der Anlage neuer Wurzeln und 
Blätter ihre Verwendung finden; auch die Primordialblätter müssen 
den grössten Theil ihres Plasma's aus den Kotyledonen beziehen; 
denn das, was sie im Samen enthielten, kann unmöglich hinreichen, 
um das Material zu den zahlreichen Chlorophyllkörnern herzugeben. 

Wenn die Kohlehydrate und Eiweissstoffe in ihrer leichten Be- 
weglichkeit übereinstimmen, so unterscheiden sie sich dagegen durch 
die Wege, auf denen sie sich bewegen, sehr auffallend; die Stärke 
und ihre Derivate sind jederzeit nur im Parenchym der Rinde und 
des Markes zu linden, zwischen dessen Zellen luftführende Räume 
liegen. Die Eiweissstofle dagegen sind nach dem Stadium II nur in 
dem producirenden Gewebe, dessen Zellen ohne Lufträume an einan- 
der schliessen, und in den jungen uugestreckten Geweben zu finden, 
zumal in der Wurzel tritt es deutlich hervor, dass die Eiweissstoffe 
ihre Wanderung zu den entfernten Vegetationspunkten nur im produ- 
cirenden Gewebe fortsetzen; in der Rinde und im Mark der fertigen 
Wurzeln, die aber an der Spitze noch weiter wachsen, findet man 
mit CuOS0 3 und KO niemals eine Spur von violeter Flüssigkeit, 
alles was die Vegetationspunkte an Eiweissstoffen bedürfen, wird 
durch das producirende Gewebe dahin geführt. 

Den leicht beweglichen Kohlehydraten und Eiweissstoffen gegen- 
über bilden der Gerbstoff und die Farbstoffe eine Gruppe träger Ele- 
mente, die da, wo sie einmal entstanden sind, liegen bleiben. Diese 
beiden Gruppen sind in der That physiologisch in jeder Hinsicht ver- 
schieden; Kohlehydrate und Eiweissstoffe sind im ruhenden Keime 
vorhanden, sie sind nicht das erste, sondern das letzte Assimila- 
tionsproduct der Mutterpflanze, ein für die Nachkommen aufgespartes 
Capital ; Gerbstoff und Farbstoffe dagegen treten auf an den Stellen 
wo die Vegetation beginnt, wo jene Assimiiationsproducte der Mutter- 



112 Sachs. Physiologische Untersuchungen 

pflanze nun in neue Formen übergehen. Der Gerbstoff und der mit 
ihm in denselben Zellen enthaltene Farbstoff seheinen Nebenpro- 
ducte des Chemismus im producirenden Gewebe, der gelb werdende 
Stoff in dem Epidermissystem ein Nebenproduct des ßildungspro- 
cesses der Haare zu sein. Das Chlorophyll entsteht in dem Plasma, 
wenn dieses für die Zellbildung schon überflüssig geworden ist und 
nun einen selbstständigen Bildungsprocess beginnt, wobei es in ein- 
zelne Kugeln zerfällt, deren jede einen Theil des gleichzeitig ent- 
standenen Chlorophylls als Pigment enthalt. 

Kohlehydrate und Eiweissstoffe kommen zur Ruhe unter neuen 
Formen, die Pigmente entstehen indem Masse, als diese neuen For- 
men sich bilden. Gerbstoff und rother Farbstoff erscheinen nur in 
der Nähe der Neubildungen, der gelb werdende Stoff ebenfalls; im 
Parenchym, wo keine Neubildungen stattfinden, tritt weder Gerbstoff 
noch Pigment auf. 

bj Zur Charakteristik der Gewebe. 

Im ruhenden Keime wurde die Axe von drei verschiedenen Ge- 
webeformen, welche ein conaxiales Röhrensystem bilden, zusammen- 
gesetzt; die äussere Grenze wurde von einer Schichte dicht schlies- 
sender Zellen, deren Läugsaxe quer gegen die Pflanzenaxe stand, 
gebildet; darin steckte das Rohr des Rindengewebes, charakterisirt 
durch die tafelförmigen, mit luftführenden Zwischenräumen angren- 
zenden Zellen, darin steckte ein drittes Rohr, das producirende 
Gewebe, aus dicht schliessenden Zellen gebildet, welche mit Aus- 
nahme der äussersten Schichte (Stärkecylinder) in der Richtung der 
Pflanzenaxe gestreckt sind; endlich wurde das producirende Rohr 
noch ausgefüllt durch das Markparenchym, welches von dem Rinden- 
parenehym nicht wesentlich verschieden ist. Im ruhenden Keim wa- 
ren diese drei Gewebeformen nur durch die Gestalt und Verbindung 
der Elemente charakterisirt; sobald die Keimung beginnt, zeigt es 
sich, dass sie sich auch in Bezug auf die Stoffe und die Streckungs- 
erscheinungen wesentlich unterscheiden. 

Die äusserste Schichte erhält sich lange in einem jugendlichen 
Zustande; sie führt keine Stärke, keinen Zucker, kein Dextrin : ein- 
zelne ihrer Zellen wachsen papillenartig heraus und bilden an der 
Wurzel Wurzelhaare, an den oberirdischen Theilen Haken- und 
Drüsen Haare; die zwischen den Haaren liegenden Zellen der ober- 



über die Keimung' der Sohminkbohne (Phaseotus mitltiflorus). 11»} 

irdischen Theile beginnen viel später einen eigenen Bildungsprocess, 
es entstehen die Spaltöffnungen; endlich erlischt diese lang dauernde 
Lebensthätigkeü, es tritt Verdickung und eine besonders in den Haa- 
ren vorwiegende Imprägnation mit mineralischen Stoffen ein; wäh- 
rend dieser Gestaltungsprocesse findet sich in dem oberirdischen 
Theile dieses Gewebes ein mit KO gelb werdender Stoff ein. 

Das Rindenparenchym zeigt dagegen gar keine oder eine ganz 
untergeordnete zellbildende Thätigkeit; ihre Zellen sind der Zahl 
und Lage nach bestimmt schon im ruhenden Keime vorhanden, sie 
dehnen sich nur aus. Ebenso die Markzellen. In beiden findet die 
Bewegung der Stärke, ihre Auflösung in Zucker und Dextrin und 
ihre Fortleitung in die von den Kotyledonen entfernten Theile hin 
Statt. Mark und Rinde sind gewissermassen nur die Laboratorien, 
in denen die Stärke der Kotyledonen in die geeigneten Formen über- 
geführt wird, um der Erzeugung neuer Formelemente in der Ober- 
haut und im producirenden Gewebe zu dienen. 

Im producirenden Gewebe findet eine sehr rege und lang 
dauernde Thätigkeit Statt; hier werden aus ursprünglich gleich- 
artigen Elementen die verschiedensten Zellformen hervorgebildet, 
theils durch blosse Ausdehnung und Verdickung, theils durch ganz 
neue Anlage der Elemente; und zwar ordnen sich die gleichartigen 
Formen wieder in conaxiale Röhrensysteme; zu äusserst der Bast, 
dann die Cambiumschichte, zu innerst die Gefäss- und Holzschichte; 
mit dieser morphologischen Sonderung tritt zugleich eine chemische 
hervor; im Bastcylinder lagert sich die reinste Cellulose ab, im 
Holz-Gefässcylinder die mit eigenthümlichen Stoffen (Xylogen) 
imprägnirte; in den dünnhäutigen Zellen des Cambiums bleiben 
die Eiweissstoffe lange thätig, die Gerbstoffgefässe scheinen nur 
die Reservoire von unthäfig gewordenen Secreten zu sein, und 
die Leitzellen die Saftführung zu besorgen. Stärke, Zucker, Dextrin 
lassen sich in diesen Geweben niemals nachweisen , dafür treten 
aber im Holz und Bast die letzten Metamorphosen dieser Stoff- 
reihe als Verdickungsschichten der Zellen auf; während die Kohle- 
hydrate in dem Marke und der Rinde nur fortgeleitet und zubereitet 
wurden , kommen sie in Holz und dem Bast unter bestimmten For- 
men zur Ruhe. Es ist gewiss physiologisch merkwürdig, dass sowohl 
da, wo das producirende Gewebe an das Mark, als auch da, wo es 
an die Rinde grenzt, also überall, wo das producirende, Eiweissstoff 

Sitzb. d. matbem.-naturw. Cl. XXXVII. Bd. Nr. 17. 8 



14- Sachs. Physiologische Untersuchungen 

führende Gewebe mit dem Zucker und Dextrin führenden in Berüh- 
rung kommt, grosse Quantitäten von Cellulose niedergeschlagen wer- 
den. Besonders erscheint der Stärkering gewissermassen als ein 
Reservoir für das Material , aus dem die langdauernde Verdickung 
der Bastzellen bestritten werden soll. 

Sobald die Gefässe ausgebildet sind, enthalten sie Luft, hierin 
scheint ein Ersatz für die luftführenden Zwischenräume zu liegen, 
welche dem producirenden Gewebe von Anfang bis zu Ende fehlen. 

c) Zur Charakteristik der Organe. 

Zuerst macht sich der Unterschied zwischen den Kotyledonen 
und der Keimaxe geltend; jene geben nur her, diese nimmt nur auf; 
in jenen findet nur Auflösung und Fortführung der mütterlichen 
Stofle, in dieser dagegen Umwandlung und Ablagerung unter neuen 
Gestalten Statt. Auch in den Kotyledonen treten einige Neubildun- 
gen (Gerbstoff und Spiralfasern) auf; jedoch in höchst untergeord- 
netem Grade. 

Bei der Keimung macht sich nun zuerst der Unterschied zwi- 
schen absteigender und aufsteigender Axe geltend. In jener beginnt 
sogleich eine lebhafte Zellenbildung und gleich darauf eine energische 
schnelle Streckung. Wenn die aufsteigende Axe eben an das Licht 
tritt , ist bereits ein grosser Theil des Wurzelsystems fertig. 

In der Art, wie die Neubildungen an der Wurzel und am Sten- 
gel auftreten, liegt ein sehr auffallender Unterschied; die jungen 
Wurzeln entstehen immer weit über der Wurzelspitze an schon vor- 
handenen Leisten des producirenden Gewebes, die bereits auf der 
Innenseite Gefässe enthalten; oder anders ausgedrückt, die Neubil- 
dung der Wurzeln findet an dem schon fertig gestreckten Theile der 
Hauptwurzel Statt. 

Die Neubildungen des Stammes dagegen treten in nächster Nähe 
der Spitze auf; sie entwickeln sich nicht aus dem producirenden 
Gewebe, welches an der Terminalknospe noch gar nicht vorhanden 
ist, sondern aus den äusseren Schichten desUrparenchyms; indem sie 
sich weiter bilden, bildet sich auch erst der Stammtheil, dem sie ent- 
sprossen sind aus, er differenzirt sich in Rinde, producirendes Gewebe 
und Mark ; erst wenn das neue Gebilde der Hauptsache nach fertig 
ist, beginnt die Streckung des tragenden Stengelgliedes. Die Bildung 
der Gefässe des Stengelgliedes findet hier immer viel später Statt 



über ilie Keimung- der Schminkbohne (Phaseolus multiform). 1 1 Ü 

als die Anlage des zugehörigen Blattes, also genau umgekehrt, wie 
bei der Wurzel. 

Der Stengel bildet zuerst Spiralfasergefässe, dann getüpfelte 
Gefüsse, die Wurzel fängt gleich mit getüpfelten an und bildet nie- 
mals Spiralfasern; der Stengel bildet zwischen den Gefässbündeln 
in der innersten Schichte des pruducirenden Gewebes Holz, die 
Wurzel nicht. Die Gefässe des Stengels werden, je weiter nach aus- 
sen liegend, desto weiter, die der Wurzel desto enger. 

Alle Theile der aufsteigenden Axe machen eigenthümliche 
Biegungen, bevor sie in ihre definitive Lage kommen, welches 
von einer Differenz der Ernährung und Spannung der verschie- 
denen Seiten herrührt; die Wurzeln nehmen ihre definitive Lage 
sogleich ein. 

Das Wurzelsystem ist nach vorne und hinten, links und rechts 
völlig symmetrisch, von oben nach unten erscheint es verjüngt; eine 
Metamorphose der Nebenwurzeln gleicher Ordnung von oben nach 
unten findet nicht Statt. Der Stengel ist in eine vordere und eine hin- 
tere symmetrische Längshälfte getheilt; die ihnen entsprechenden 
Blätter sind symmetrisch; die Neubildungen des Stengels sind dage- 
gen in keiner Weise symmetrisch; sie zeigen von unten nach oben 
eine Metamorphose der gleichnamigen Theile. 

Die Nebenwurzeln sind blosse Wiederholungen der Hauptwur- 
zel, die Blätter dagegen sind von dem tragenden Stengel wesentlich 
verschieden. 

Alle oberirdischen Theile schliessen sich durch Cuticula-Bildung 
gegen aussen fest ab; dagegen unterbleibt ein solches Absehliessen 
bei den Wurzeltheilen. Durch ein sehr einfaches Experiment kann 
man sich von diesem wichtigen Unterschiede überzeugen; legt man 
eine im Stadium II (oder später) befindlichePflanze in eine sehr ver- 
dünnte violete Lösung von übermangansaurem Kali, so bedecken 
sich alle Wurzeltheile in kurzer Zeit mit einem Niederschlag von 
reducirtem Manganhyperoxyd, während alle Stengeltheile frei davon 
bleiben; die Oberflächen der Wurzelzellen sind mit gelösten organi- 
schen Stoffen imprägnirt und diese zersetzen die Übermangansaure, 
die Stengeltheile und Blätter dagegen sind durch die Cuticula abge- 
schlossen, ein Eindringen von Flüssigkeit findet nicht Statt, auch in 
den frühesten Keimstadien nicht. Die Wurzeloberfläche verhall sieh 
wie ein innerer Stengeltheil gegen übermangansaures Kali. 



16 Sachs. Physiologische Untersucht! ngen 

d) Zur Charakteristik der Keimpflanze. 

Die chemischen Processe und die Leitungsvorgänge in den 
GeweLen der Keimpflanze unterscheiden sich wesentlich von denen 
der herangewachsenen selbstständig gewordenen Pflanze. 

So lange derKotyledon noch Nahrungsstoffe enthalt, d.h. also so 
lange die Keimung dauert, ist die Stelle des Stengels zwischen den Koty- 
ledonen, oder vielleicht genauer das hypokotyle Glied das Centrum 
der physiologischen Processe; von dem hypokotylen Gliede aus gehen 
die Stoffe gleichzeitig nach oben und nach unten. Wir sehen Stärke, 
Dextrin, Zucker von hier aus sowohl im Mark als in der Rinde zur 
Terminalknospe hinauf und zu der Wurzelspitze hinunter steigen, 
und zwischen beiden die Eiweissstoffe gleichzeitig dieselben und 
die entgegengesetzten Richtungen verfolgen. 

Sowie die Kotyledonen entleert sind, hört dies auf; während 
der selbstständigen Vegetation der herangewachsenen Pflanze müssen 
in denselben Geweben ganz andere Processe, ganz andere Leitungs- 
erscheinungen stattfinden. 

Während der Keimung enthalten alle Gewebe, besonders in 
den ersten Perioden, bedeutende Quanta fester und gelöster Stoffe; 
später findet dies nur in den thätigen Vegetationspunkten noch Statt, 
die Zellinhalte sind dann sehr wässerig, zumal in der Wurzel. 

Während der Keimung finden Neubildungen und Streckungen 
in allen Theilen Statt; das Leben des Keimes erwacht an allen Punk- 
ten von der Wurzelspitze zur Terminalknospe hin auf einmal, sowohl 
im ganzen producirenden Gewebe wie auf der ganzen Oberhaut fin- 
den sich neue Formelemente und Stoffe gleichzeitig in Rildung be- 
griffen; jemehr sich aber die Pflanze dem Ende der Keimung nähert, 
desto mehr verschwindet diese simultane Thätigkeit aller Theile, und 
am Ende der Keimung sehen wir die Herde der Neubildung auf die 
Stengelspitze, die Blattachseln und die Leisten des producirenden 
Wurzelgewebes beschränkt. 

e) Eine praktische Folgerung. 
Alles Vorhergehende wird hinlänglich gezeigt haben, wie wesent- 
lich die Keimung an der Vegetation sich unterscheidet, wie die 
Keimung der Bohne gewissermassen nichts anderes ist als eine 
Umgestaltung der Stoffe , welche die Mutterpflanze in den Koty- 
ledonen abgelagert hatte. Hieraus lässt sich für physiologische Expe- 



über die Keimung' der Sch'minkbohne (Phaaeolus mulHfiorus) . \ J (" 

rimente die Kegel ableiten, dass, wenn man Versuche über Ernährung, 
Assimilation, über Leitung der Gewebe machen will, man dazu keine 
Keimpflanzen benützen darf, welche mit grossen nahrungsreichen 
Kotyledonen versehen sind. Solche Versuche dürfen erst dann an- 
fangen, wenn die Pflanze ihre Kotyledonen bereits abgeworfen hat, 
oder man muss Keimpflanzen nehmen, welche sehr wenig mütterliche 
Nahrungsstoffe mit bekommen. 

Wenn es darauf ankommt zu untersuchen, ob ein Stoff geeignet 
ist, als Pflanzennahrung zu dienen, so dürfte man folgenden Weg 
mit Vortheil betreten. Man liesse die Keimung so weit fortschreiten, 
bis die Pflanze ein hinlängliches Wurzelsystem entwickelt hat, dann 
schnitte man die Kotyledonen ab, und nun könnte man versuchen, ob 
der von den Wurzeln aufgenommene fragliche Stoff im Standeist, die 
Keimung weiter zu führen, d. h. ob er im Stande ist, die assimilirte 
Nahrung der Kotyledonen zu ersetzen; dessen wäre natürlich nur 
ein leicht assimilirbarer Stoff fähig. 

Prag, den 12. Februar 1859. 



Erklärung der Abbildungen. 
TAFEL I. 

Fig. I — V Normalstadien der Keimung: die aus dem ruhenden Keime durch 
hlosse Ausdehnung entstandenen Theilc sind grau eontourirt, die durch Neu- 
bildung entstandenen Theile schwarz ausgefüllt. Die zweispitzigen Pfeile 
bedeuten, dass der Theil, bei dem sie sich befinden, in Ausdehnung begrif- 
fen ist. 

hc =a hypokotyles Glied. 

pr = Primordialblätter. 

Jnv = Bewegungsorgane derselben. 

Fig. I L ist ein Längsschnitt durch die ganze Axe des ruhenden Keimes, 
schwach vergrössert. 

p =s Schwanz der Wurzelspitze (Vorkeim). 
r = Vegetationspunkt der Wurzelspitze. 
/ = Vegetationspunkt des Stengels. 

pr = Primordialblattstiele. 

E = Epidermis. 

R = Rinde. 

P= Producirendes Gewebe. 

iT/=Mark. 



] ö Sachs. Physiologische Untersuchungen 

Die dunkle Gruadiruag in dieser Figur bedeutet den Stärkegehalt der Gewebe, 
je dunkler, desto mehr Stärke. 

I d = Querschnitt des Stieles eines Primordialblattes bei d in I L. 
I a = Querschnitt des Stengels bei a in I L. 
I a = Querschnitt des hypokotylen Gliedes bei a in 1 L. 
I ß — Querschnitt der Wurzel bei ß in I L. 
in diesen Figuren bedeutet: 

P sas producirendes Gewebe. 

gb = Gerbstoffgefässe in demselben noch ohne Gerbstoff. 
w — Leisten der producirenden Gewebe, auf denen die Nebenwurzeln 
entstehen. 
Fig. I / ist das Stück l in Fig. I L stark vergrössert. 
E = Epidermis. 
R = Rinde. 
M = Mark. 

P = producirendes Gewebe. 
st = Stärkering. 
b = Bast. 
gb = Gerbstoffgefässe. 
c = Cambium. 
h = Holzzellen. 

In dieser Figur bedeuten die dicken schwarzen Linien die Zwischenräume, 
welche mit Luft gefüllt sind. 

TAFEL TL 

Fig. II — III Längsschnitt eines Keimstadiums zwischen II — III der vorigen 
Tafel, die Wurzel verhältnissmässig zu kurz. 

Fig. IV Längsschnitt des Stadium IV der vorigen Tafel. 

Die Figuren IV a, b, c, d, bw, a, ß sind an den ebenso bezeichneten Stellen 
von IV genommene Querschnitte. 

Fig. IV C ein Kotyledon im (Jmriss , mit zwei eingezeichneten Querschnitten 
\ und 2. 

In allen diesen Figuren bedeutet die dunkle Grundirung die in den Gewe- 
ben enthaltene Stärke, je dunkler, desto mehr Stärke. 

Alle grau schraffirten Stellen enthalten Zucker und Dextrin (es entsteht nach 
Liegen in CuOS0 3 und nachherigem Kochen in KOHO-Lösung ein lebhaft 
rother Niederschlag von Cu 3 in den betreffenden Zellen. 

Auf den beiden Längsschnitten bedeuten die unterbrochenen schwarzen Linien 
im producirenden Gewebe die mit Gerbstoff gefüllten Gerbstoffgefässe: 
auf den Querschnitten sind sie durch schwarze Punkte im weissen Felde 
bezeichnet. 
E = Epidermis. 
R = Rinde. 



über die Keimung- der Schminkbohne (Phaseolus multiflorus). \ \ J) 

P = producirendes Gewebe. 
M = Mark. 
st = Stärkering. 
gb = Gerbstoft'gefässe. 
gf = Gefässbündelleisten des produeirenden Gewebes. 

h = Bast. 
kr = Krystallschichte in der Kinde der Wurzel (IV ß). 
toh = Wurzelhauben. 
wk = Wurzelknospen. 

v = Vegetationspunkt der Wurzel. 

h bis h = hypokotyles Glied. 
}jv = Stiele der Primordialblätter. 
hi = Axenknospen. 

t = Terminalknospen. 
sp = Stipulae. 
bw = Bewegungsorgane. 

TAFEL III. 
Fig. IV 6 Querschnitt des Stengels des Stadium IV bei b (s. vorige Tafeln) 
genommen (der aus Fig. I a auf Taf. I entstandene Theil). 
„ IV ß Querschnitt der Wurzel bei ß in Fig. IV der vorigen Tafel. 
» 'V f Querschnitt durch das Blattgewebe des Stadium IV a Anastomose. 
„ IV S Stärkekörner des Kotyledonenparenchyms des Stadium IV in Auf- 
lösung begriffen. 
Die luftführenden Zwischenräume des Parenchyms sind schwarz ausgefüllt. 
„ Gerbstoffgefässe in Fig. IV b sind schwarz ausgefüllt. , 
.. mit Zucker und Dextrin gefüllten Zellen des Parenchyms sind horizontal 
grau sehraffirt. 
E = Epidermis. 
wh = Wurzelhaare. 
R = Binde. 

P = producirendes Gewebe. 
st = Stärkering. 
6 = Bast, 
c = Cambium. 
h = Holz. 
fffjf = getüpfeltes Gefäss. 
s — Spiralfaser-Gefässe. 

L = Gefässbündelleisten des produeirenden Gewebes. 
// = Leitzellen. 



Sachs Physiologische Untersuchung'™ über iIip Keimung der Schminkbohne 



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SiUunfrh i k Akad.d Vmalki.ntur«-('l .XXX VUBAN'l'i 1859. 



Sachs Physiologische Untersuchungen über die Keimung der .Srhminkbohn e 



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Sachs. Physiologische Untersuchungen über die Keimung der .Schminkbohne . 

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SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



MATHEMATISCH - NATURWISSENSCHAFTLICHE CLASSE. 



xxxvh. band. 



SITZUNG VOM 14. JULI 1859. 



N2 18. 



121 



XVIII. SITZUNG VOM 14. JULI 1859. 



Das hohe k. k. Marine -Obercommando übersendet einen für 
die Akademie bestimmten Bericht des Herrn Dr. Ferd. Hochstetter 
über seine geologischen Untersuchungen in der Provinz Auckland, 
ddo. 28. Februar. 

Herr Hofrath A. Au er ladet zur Besichtigung seines neuerfun- 
denen , in der k. k. Hof- und Staatsdruckerei in Betrieb stehenden 
Verbindungsapparates der Schnellpresse mit der Papiermaschine ein. 

Herr Prof. Oscar Schmidt in Gratz übersendet eine Abhand- 
lung: „Das Elen mit dem Hirsch und dem Höhlenbären fossil auf 
der Grebenzer Alpe". 

Herr Prof. Brücke überreicht die erste Abtheilung seiner 
„Beiträge zur Lehre von der Verdauung". 

Herr Prof. Unger spricht über: „Die Pflanzen des alten 
Ägyptens", welche Abhandlung die vierte Fortsetzung seiner „Bota- 
nischen Streifzüge auf dem Gebiete der Culturgeschichte" bildet. 

Herr Dr. Boue liest eine Notiz: „Über die Strasse von 
Prisren nach Scutari in Ober- Albanien", welche in den Sitzungs- 
berichten erscheinen wird. 

Herr Prof. Ed. Suess legt zwei Abhandlungen vor: 

1. „Beiträge zur Kenntniss der fossilen Fische Österreichs", 
(II) von Herrn Franz Steindachner. 

2. „Über eine der Kreideformation angehörige Süsswasser- 
bildung in den nord-östlichen Alpen", von Herrn Ferd. 
Stoliczka. 

Herr Dr. Blaserna, Assistent am k.k. physikalischen Institute 
bespricht eine Arbeit über: „Elektrische Entladung und Induction", 



122 

die er gemeinschaftlich mit den Herren E. Mach und J. Petrin 
durchgeführt hat. 

Herr Prof. Dr. Molin überreicht eine Abhandlung: „Cephalo- 
cotylea e Nematoidea". 

An Druckschriften wurden vorgelegt: 

Astronomische Nachrichten, Nr. 1201. Altona, 1859; 4°- 
Au stria. XI. Jahrgang, 27. Heft. Wien, 1859; 8»- 
Constitution and By-laws of the New-Orleans Academy of scien- 
ces together with a list of fellows, honorary and corresponding 
membres. New-Orleans, 1859; 8 0> 
Cosmos, VIII. annee, vol. XV, livr. 1, 2. Paris, 1859; 8°- 
Istituto Veneto, I. R. di scienze, lettere ed arti. Memorie. Vol. VII, 
parte 3. 1859; 4°- - - Atti, Tomo IV, serie III, dispensa 6, 7. 
1858—59; 8«- 
Land- und forstwirthschaftliche Zeitung, redigirt von Dr. S. Aren- 
stein, IX. Jahrgang, Nr. 21. Wien, 1859; 8»- 
Wiener medizinische Wochenschrift, redigirt von Dr. Wittels- 
höfer, IX. Jahrgang, Nr. 28. 1859; 4«- 



123 



ABHANDLUNGEN UND MITTHEILUNGEN. 



Bericht über geologische Untersuchungen in der Provinz 
Auckland (Neu-Seeland). 

Von Dr. Ferdinand Hochstetter, 

Geologen am Bord S. M. Fregatte Novara. 

Ich habe die Ehre zu berichten, dass in wenigen Tagen, am 
2. März, das Schiff Harwood, Capitän William Forsayth, mit einer 
ansehnlichen Anzahl von Kisten, „Novarasammlungen" enthaltend an 
Bord von Auckland um Cap Hörn direct nach London absegeln 
wird. Nach wahrscheinlicher Berechnung wird das Schiff Ende Juni 
oder Anfang Juli in London ankommen. 

Durch die Berichte und Briefe, welche mit der Post Ende 
Januar von hier abgegangen sind, ist die kaiserliche Akademie der 
Wissenschaften in Kenntniss von dem Beginne meiner Arbeiten in 
Neuseeland in der Zeit während die k. k. Fregatte Novara noch im 
Aucklandhafen vor Anker lag. 

Meine nächste Aufgabe , nachdem ich von meinen bisheri gen 
Reisecollegen Abschied genommen, war eine geologische Aufnahme 
des Districtes Auckland. Ich freue mich, berichten zu können, dass 
die geologische Karte der Gegend von Auckland, 40 — SO engli- 
sche Meilen im Umkreis, in einem ziemlich detaillirten Maassstabe 
(1 englische Meile =i englischer Zoll) fertig vor mir liegt und ein 
geologisch höchst merkwürdiges Terrain zur Anschauung bringt. 

Die auf dieser Karte unterschiedenen Formationen sind fol- 
gende; 



J 24 Hochstetter. 

1. Quarzige Urthonscliiefer , mit Urwäldern bedeckte circa 
1500 Fuss hohe Bergketten zu beiden Seiten des Wairoa-Flusses im 
Osten von Auckland bildend, die älteste Formation, welche im 
Aucklanddistrict auftritt. 

2. Kreideformation mit verschiedenen Gliedern : 

a) Untere Abtheilung : 

a) Kohlenführendes Schichtensystem. Wenig mächtige Koh- 
lenflötze an der Westküste südlich von der Mündung 
des Waikato -Flusses, eingebettet zwischen fossilien- 
reiche Sandsteine, Mergel und Schieferthon, gehören 
dieser Abtheilung an. Die bezeichnete Localität ist ein 
ausgezeichneter Fundort sehr schön erhaltener fossiler 
Farren. — Die ersten fossilen Farren, welche in Neu- 
seeland gefunden und gesammelt wurden. 

ß) Belemnitenmergel, graue Mergel mit zahlreichen 
Belemniten aus der Familie der Canaliculati am Waikato 
South Head mit Exogyren und Terebrateln. 

b) Mittlere Abtheilung : 

a) Grünsande mit grossen Austern und Cyprinen. 

ß) Plattige Korallen und Foraminiferenkalke reich an Ver- 
steinerungen, besonders grosse Terebrateln. 

An der Westküste südlich vom Waikatofluss und in 
den Hunua-Bergen, östlich von Auckland. 

c) Obere Abtheilung: 

Mächtige Sandsteinbänke, vollkommen ähnlich den böh- 
mischen Pläner- und Quadersandsteinen , im Ganzen 
petrefactenarm , mit vereinzelten Echiniten und Tere- 
brateln; ebenfalls an derWesIküste südlich vom Waikato. 

3. Tertiäre Formationen. 

a) Waitemata-Sandstein und Thonmergel. 

Die horizontalen Bänke dieser Formation bilden ringsum 
die Uferwände des Auckland- oder Waitemata-Hafens, arm 
an Petrefacten, nur einzelne Foraminiferen und bryozoen- 
reiche Schichten, und in Lignit verwandelte Treibholzstücke. 

b) Braunkohlenformation bei Drury (vergleiche meinen ge- 
druckten Rapport, welchen ich mit der Januarpost einzusen- 
den die Ehre hatte). 



Bericht über geologische Untersuchungen in der Provinz Auckland etc. 125 

4. Quartäre und vulcanische Formationen. 

a) Lignitformation der Manukau flats mit mächtigen Kieseiguhr- 
Ablagerungen rings um den Manukauhafen im Süden von 
Auckland. 

b) Bunte conglomeratische Thone, die wahrscheinlich als zersetzte 
trachytische Tuffe aufzufassen sind, in den östlichen Vorbergen 
des Küstengebirges zwischen dem Manukau und Waitakerc, 
westlich und nordwestlich von Auckland. 

c) Trachytbreccie, durchsetzt von zahlreichen trachytischen und 
phonolithischen Gängen , ein schroffes Felsgebirge bildend, an 
der Westküste von Manukau North Head bis zum Waitakere- 
fluss. 

d) Basaltische Conglomerate und Breccien mit eruptiven Basalt- 
massen, ohne deutliche vulcanische Kegel- und Kraterbildung 
zu beiden Seiten des Waikatoflusses an seinem Unterlaufe. 

e) Die Auckland-Vulcane; die Karte enthält in einem Umkreis von 
10 englischen Meilen von Auckland mehr als 50 erloschene 
Vulcane. 

Es sind Vulcane im kleinsten Massstabe, indem der höchste nur 
900 Fuss über das Meer sich erhebt, aber es sind wahre Modelle 
vulcanischer Kegel- und Kraterbildung mit weithin ausgeflossenen 
Lavaströmen. 

Ich habe auf der Karte bei jedem einzelnen Vulcane , den 
inneren Schlackenkegel mit dem Eruptionskrater, den äusseren Tuff- 
kegel oder Erhebungskrater im Sinne von Leop. v. Buch, und die 
Lavaströme unterschieden, ausserdem aber von dem merkwürdigsten 
dieser kleinen Vulcansysteme, die einen ausserordentlich interes- 
santen Stoff zum Studium bilden, besondere Detailkarten entworfen. 

Die Auckland-Vulcane sind von ganz neuem , ohne Zweifel 
historischem Datum. 

5. Jüngste noch fortdauernde Bildungen: 

a) Bimsstein-Alluvium am Waikatoflusse. 

b) Dünnen-Bildungen aus Magneteisen führendem Flugsande an 
der Westküste. 

c) Muschelsandablagerungen, gehobene und sich hebende Strand- 
bildungen. 

Meine Zeit, die. nachdem ich von meinen Excursionen zurück- 
gekehrt, durch Arrangiren meiner Sammlungen, Kartenzeichnen und 



( \ H o e h 8 t e 1 1 e r. 

Vorbereitungen zu neuen Reisen ausserordentlich in Anspruch ge- 
nommen ist, erlaubt mir nicht weiter einzugehen auf die Resultate 
meiner bisherigen Untersuchungen. — Meine Sammlungen wachsen 
täglich theils durch das, was ich selbst sammle, theils durch das, 
was mir von allen Seiten und aus allen Theilen der Colonie zuge- 
schickt wird. Ich habe neben mineralogischen und geologischen 
Sammlungen, auch botanische und zoologische begonnen, die schon 
manche neuseeländische Rarität enthalten. 

Mein nächstes Vorhaben ist nun eine längere zweimonatliche 
(März und April) Reise in südlicher Richtung nach dem Herzen der 
Insel zu den thätigen Vulcanen und den viel beschriebenen, aber nie 
wissenschaftlich untersuchten heissen Seen. Ich hoffe bis zum Taupo- 
See und Tongariro-Vulcan vordringen zu können, dann Roto rua und 
Roto mahana zu besuchen, und über Tauranga an der Ostküste 
zurückzukehren. 

Alle notwendigen Vorbereitungen sind getroffen. Seine Excellenz 
der Gouverneur von Neuseeland hat den Hauptmann Hrn. Dru mm o nd 
Hay beauftragt, mich als Dolmetscher zu begleiten. Die Provinzial- 
Regierung hat in zuvorkommendster Weise meinen Wunsch, einen 
Photographen auf der Reise mitzuhaben, erfüllt indem sie einen der 
besten Photographen in Auckland, Herrn Hamel, für mich engagirt 
hat. Ein junger Deutscher, Herr Koch, wird mich als Zeichner und 
zur Mithilfe bei den Sammlungen begleiten und 15 Eingeborne sind 
als Träger für Zelte und Provisionen für die Dauer der Reise auf- 
genommen. Ich werde wahrscheinlich am 4. März aufbrechen, und 
gedenke Ende April wieder in Auckland zurück zu sein. 

Während meiner Abwesenheit auf dieser Reise sollen die in 
meinem Kohlenrapport von mir vorgeschlagenen Bohrungen aus- 
geführt werden, damit ich selbst noch Augenzeuge von dem Resul- 
tate derselben sein kann. 

Im Monate Mai dann bin ich aufgefordert, das Goldvorkommen 
auf der Halbinsel Coromandel und die Kupferminen auf der Insel Great 
Barrier zu untersuchen. Damit soll ein Ausflug auf die kleine Barrier- 
Insel verbunden werden, wenn es irgend das Wetter erlaubt, um hier 
Kievi-Kievi's zu fangen. Kleinbarriera ist die einzige Localität, wo 
der seltene merkwürdige Vogel noch in grösserer Anzahl vorkommt. 
Im Monate Juni hoffe ich meine Arbeiten in der Provinz Auck- 
land zu beschliessen , und dann mit dem Dampfer nach Nelson 



Bericht über geologische Untersuchungen in der Provinz Auckland etc. 1 2T 

(mittlere Insel) zu gehen, um einer dringenden Einladung der 
Provinzialregierung daselbst , die dortigen Kohlen- und Kupfervor- 
kommnisse zu untersuchen, Folge zu leisten. Ende Juli oder Anfangs 
August werde ich in Sydney zurück sein, und von da meine Rück- 
reise nach Europa je nach Umständen über Californien oder über 
Süd-Amerika antreten. 

Leider erlaubte mir die kurze Zeit meines Aufenthaltes in Neu- 
seeland, von der ich die wenigen guten Herbstmonate, auf die ich 
noch rechnen kann (März und April) zur Reise in das Innere der 
Insel benützen muss, nicht, die freundliche Einladung Sr. Excellenz 
des Gouverneurs, ihn auf der königl. britischen Kriegsfregatte „Iris" 
nach den verschiedenen Häfen im Süden der Nordinsel zu begleiten 
anzunehmen. 

Die Fregatte ist vor wenigen Tagen abgesegelt und wird gegen 
Ende April wieder nach dem Aucklandhafen zurückkehren. 

Ich hielt es aber den Zwecken wegen, zu deren Erreichung ich 
von dem Commando der Erdumsegelungs-Expedition Sr. Majestät 
Fregatte „Novara" hier zurückzubleiben beauftragt wurde, angemes- 
sener, meine Reobachtungen auf einem zusammenhängenden Gebiete 
so weit möglich zu einem Resultate zu führen , dass es ein Ganzes 
bildet, während die Reise am Rord der königl. Fregatte „Iris" mir 
nur Gelegenheit geboten hätte, mehrere fern von einander gelegene 
Küstenpunkte zu sehen und bei kurzem Aufenthalte flüchtig zu unter- 
suchen. Ich habe desshalb Sr. Excellenz dem Gouverneur für die 
freundliche Einladung gedankt. 



128 



Über die Strasse von Prisren nach Scutari in Ober-Albanien. 
Von dem w. M. Dr. Ä. Boae. 

Am Ende des vorigen Jahres gab der französische Consnl zu 
Scutari Hr. Hecquard eine „Histoire et Description de la haute 
Albanie ou Guegarie" sammt Karte in Octav heraus. Dieses Werk 
scheint leider mehr historischen und ethnographischen als geogra- 
phischen Werth zu haben. 

Unter anderen Verschiedenheiten zwischen meiner und seiner 
Karte zeichnet sich die Strasse von Prisren nach Scutari so auffallend 
von unserer aus, dass ich mich bewogen fühle diese Anomalie hier 
zu erläutern. Diese Erklärung wird um so notwendiger, da der sehr 
genaue Dr. Grisebach so wie auch Dr. Müller diesen Strassenzug 
wenigstens zwischen Prisren und Spass auf ähnliche Weise beschrieben 
und ich schon mit Herrn Vi squesnel darüber einst einen brieflichen 
Strauss zu bestehen hatte. In Kiepert's Karte derTürkei vom Jahre 
1849 ist die Strasse auch auf diese Weise aufgetragen. Visquesnel 
gab aber beide Strassen im Jahre 1843 schon an. Die Trace-Ver- 
schiedenheiten im Strassenzuge von Prisren nach Spass rühren von zwei 
Umständen her. Erstlich gibt es wirklich zwei Wege von Prisren bis 
zum Han Keuprisi und zweitens war mir nicht so sehr daran gelegen 
gerade nach Han Keuprisi von Prisren aus zu kommen, als im Gegen- 
theil durch einen Umweg in das Thal des schwarzen Drin zu 
gelangen, wohin noch kein europäischer Reisender von Norden aus 
gedrungen war. 

Wer sich die Lage dieser Strasse in der Verbnitzer Niederung 
oder in dem Sattel zwischen dem hohen und steilen Koridnik und Jalesch 
südlich und dem hohen und noch viel steilern Schale-Schoss oder 
Gebirge der Hassi recht versinnlicht und bedenkt, dass der weisse 
Drin mittelst einer tiefen Spalte am Fusse der Schale-Schoss-Wand 
fliesst, der wird es kaum glaublich finden, dass man da zwei Strassen 
hat anlegen können, was doch der Fall ist. 



Über die Strasse von Prisren nach Seutari in Ober-Albanien. 129 

Wenn man namentlich einen Umweg nicht fürchtet und am 
Fusse des.Talesch sich bewegt, so steigt das Verbnitza-Thal allmählich 
gegen SW. , wo der Sattel endlich durch eine ungeheure eruptive 
Masse von Serpentin gebildet wird. Von dieser Höhe aus führen 
mehrere enge, geschlängelte Hohlwege in das Thal des schwarzen 
Drin. Wir wählten einen der am südlichsten gelegenen und er- 
reichten endlich den Thalgrund , indem wir in der Mitte dieser 
wilden mit Eichen bedeckten Abhänge einige Menschen- Wohnungen 
bemerkten und passirten. Einige Frauen flüchteten sich selbst vor 
uns aus denselben. Nachher, anstatt dem geraden Wege zu folgen, 
ritten wir von N. nach S. längs dem schwarzen Drin auf seinem 
rechten und flachen Ufer bis endlich eine ungeheure Felsenwand 
des unteren Jalesch unser weiteres Vordringen unmöglich machte. 
Der Fluss fliesst ziemlich tief in einem mauerartigen Kalkfelsencanal 
und wir sahen, dass nur auf seinem linken Ufer weiter südlich zu 
kommen wäre. Wir kehrten dann um und kamen endlich in der 
nördlichen Richtung zu der Brücke des Schivan-Keuprisi oder 
Ura - Scheit, welche nur aus einem grossen und kühnen Mittel- 
Bogen sammt zwei kleinern besteht, unter welchen SO bis 60 Fuss 
tief das Wasser schäumend läuft. Auf der linken Seite des Flusses 
steht ein viereckiger Wachthurm , wo ein Dervisch sammt ein oder 
zwei bewaffneten Albanesen unsern Reisepass forderten. 

Dann ging es eine gute halbe Stunde im Thalgrunde in nord- 
westlicher und westlicher Richtung bis zur merkwürdigen zweiten 
Terzi-Keuprisi-Brücke fort. Sie besteht aus zwei erhöhten drei- 
eckigen Theilen, welche auf einem dicken mit einer Öffnung ver- 
sehenen Mittelpfeiler ruhen, wie ich es umständlich im 2. Bande 
meiner Turquie d'Enrope S. 385 beschrieben habe. Der Drin ist da 
schon viel breiter, weil die Vereinigung des weissen mit dem schwar- 
zen Drin ungefähr eine Viertelstunde unterhalb des Schivan- 
Keuprisi stattfindet. Doch von der Strasse bleibt diese Vereini- 
gung etwas fern und nördlich sind nur steile Kalkmauern , welche 
von Terzi -Keupr isi an das linke Ufer so nahe rücken, dass man 
zur Anlegung dieser Brücke gezwungen wurde. 

Von letzterer bis zur dritten Drin -Brücke, kurz weg 
Keuprisi genannt, ist der Weg zwischen dem Wasser und dem 
nördlichen Kalkfelsen eingezwängt. Diese letzte, auch von mir 
beschriebene steinerne Brücke zerfällt ebenfalls in zwei Theile, 



130 Boue. Über die Strasse von Prisren nach Scutari in Ober-Albanien. 

dessen höchster 60 Fuss hoch über den FIuss reicht. Dieser Weg 
scheint der längere und ältere und vielleicht in gewissen Zeiten 
durch Überfluthnngen gefährlich zu sein, darum hat man es der 
Mühe werth gefunden die enge Spalte des weissen Drin von dem 
letzten Viertheile des Verbnitza - Thaies an durch einen kühnen 
steinernen Bogen zu überbrücken. Diese letztere Brücke sah ich 
auch von Ferne und bemerkte daselbst ebensowohl eine Kula oder 
albanesischen Wachthurm als ein Thor. Von da aus muss der Weg 
auf den Kalkhöhen bis gegen Keuprisi-Han fortgehen und dieser ist 
derjenige welchen Dr. Griesba eh und Müller folgten und welchen 
H. Hequard auf seiner Karte angab. Darum konnten sie meine 
Terzi-Keup risi- Brücke nicht sehen. So hat Niemand geirrt 
oder selbst gelogen. 

Zwischen Spass und Dukhian-Han im Mirditenlande fand Herr 
Hequard denStrassenzug ausserordentlich geschlängelt. Dass er aber 
der Natur nicht treu geblieben ist und möglich selbst die Strasse nicht 
einmal zurückgelegt hat, scheinen einige Ortsnamen- Versetzungen, 
so wie die ganz falsche Biegung des Weges zwischen Vlet und 
Latinhan über dem Kiapha-Mala zu beweisen. Den bekannterweise 
westlich liegenden Puchaberg versetzte er östlich am Kiapha-Mala; 
von meinem Biesen des Ibalea gegenüber des Jalesch weiss er nichts. 
Die Strasse von Spass an führt er stark süd und südwestlich, was 
nur in viel geringerem Massstabe der Fall ist. Derjenige Theil der 
Strasse, welche in westnordwestlicher Richtung zu Vlet-Han führt und 
dann in nordwestlicher Richtung den kleinen Pass des Kiapha-Mala 
erreicht und in etwas südwestlicher Richtung von da heruntergeht, 
zeichnet er in ganz verkehrter Richtung von NO. zu SW. und dann 
von SW. nach NO. Auch über die wahre Richtung einiger kleinerer 
Wässer gegen N. erlaube ich mir bescheidene Zweifel zu erheben, 
und ich glaube mich dazu um so mehr berechtigt, als der Herr Consul 
augenscheinlich von physikalischer Geographie sehr wenig zu ver- 
stehen scheint und das meiste geographisch Angegebene nach 
Hörensagen von Geistlichen nur dürftig beschrieben hat. Seine 
Nomenclatur aber möge ihre volle Richtigkeit haben , da er die 
albanesische und nicht die slavische gewählt hat. 



Brücke. Beiträge zur Lehre von der Verdauung. 131 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung. 
Von dem w. M. Prof. Ernst Brücke. 



ERSTE ABTHEILUNG. 

1. Äiifjudjtiiii) itnb JSpfliiumuiig bc-s ppp|ins. 

Das Ziel, welches mir vorschwebte als ich meine Versuche über 
Verdauung begann, heischte zunächst eine Methode, um selbst die 
kleinsten Mengen von Pepsin mit Sicherheit auffinden zu können. 
Wenn ich hier von Pepsin spreche, so bitte ich den Leser darunter 
nicht einen jener nach verschiedenen Methoden dargestellten Körper 
zu verstehen , welche man bisher mit diesem Namen belegt hat, 
sondern das seinem Wesen nach unbekannte Agens, welches den 
Labdrüsen des Magens entstammend in seinen sauren Lösungen die 
geronnenen Eiweisssubstanzen sowohl im Magen selbst als auch 
ausserhalb desselben aufzulösen im Stande ist. Nicht alle eiweiss- 
artigen Substanzen sind gleich passend , um diese Eigenschaft des 
Pepsins zu erproben. Aus den Versuchen, die mein zu früh ver- 
storbener junger Freund Knoop Coopmans in meinem Labora- 
torium angestellt hatte , wusste ich , dass die Eiweisskörper der 
Pflanzen für meinen Zweck keine Vortheile darboten, ich wendete 
mich also zu denen der Thiere. Unter diesen schloss ich das rohe 
und gekochte Muskelfleisch sofort aus. Es ist ein Gemenge von 
eigentlicher Muskelsubstanz, Bindegewebe, Nerven und Gefässen. 
Abgesehen davon wirken Säuren und Verdauungsflüssigkeit nicht auf 
alle Theile der eigentlichen Muskelsubstanz gleichmässig ein; indem 
die Zwischensubstanz rascher angegriffen wird *) als die Disdia- 



J ) Rollet, Untersuchungen zur näheren Kenntniss des Baues der quergestreiften 
Muskelfasern; diese Berichte Bd. XXIV, S. 291. 



132 Brücke. 

klastengruppen »). Ich schloss ferner das Casein aus, weil es schon 
durch die blosse Säure zu bald gelöst wird. Es blieb mir demnach 
das durch Hitze coagulirte Eiweiss und das Blutfibrin. Von diesen 
wählte ich zunächst das letztere, weil dadurch die Zeit jedes einzelnen 
Versuches sehr bedeutend abgekürzt wird. 

Es ist mehrfach behauptet worden , dass das Blutfibrin schon 
durch verdünnte Säuren allein gelöst werde, während andere angeben, 
dass es nur darin aufquelle. Ich muss hier auf diese Frage zurück- 
kommen, weil es sich eben darum handelt, Wirkungen des Pepsins, 
selbst wenn sie schwach sind, noch von denen der blossen Säure zu 
unterscheiden. Ich habe schon früher angeführt 3 ), dass verdünnte 
Säuren, mit denen man durch Schlagen aus dem Blute gewonnenes 
und wohlgewaschenes Fibrin infundirt, aus demselben einen Eiweiss- 
körper ausziehen; dabei aber behalten die angequollenen Fibrin- 
flocken ihre Gestalt ohne wie ein löslicher Körper, den man in 
Wasser gelegt hat, an der Oberfläche abzuschmelzen. So kann man 
die kleinste Fibrinflocke geraume Zeit in einem Meer von verdünnter 
Säure liegen lassen, ehe man in ihrem Ansehen eine Veränderung 
wahrnimmt. Erst später tritt ein Zerfallen des Fibrins ein, in Folge 
dessen es sich in der Säure vertheilt. Dieser Verflüssigungsprocess 
verläuft dann ziemlich rasch , und zwar wenn viel Fibrin in der 
Flüssigkeit liegt nicht langsamer, sondern eher schneller, als wenn 
nur einzelne Flocken eingelegt waren. Er erscheint danach mehr 
als die Wirkung secundärer Zersetzung, denn als directe Auflösung 
des Fibrins durch die Säure. Oft wird reichliche Pilzbildung dabei 
beobachtet; doch muss ich hinzufügen, dass bei einer Temperatur 
von 35 — -38 Grad Cels. die Auflösung viel schneller und ohne Pilz- 
bildung von Statten geht. 

Bei Anwendung von Salzsäure, deren ich mich bei allen in 
diesem und dem folgenden Abschnitte beschriebenen Versuchen be- 
dient habe, tritt diese Auflösung bei der Zimmerwärme von 18 bis 



1 ) E.Brücke, Untersuchungen über den Bau der Muskelfasern mit Hilfe des pola- 
risirten Lichtes angestellt. Denkschriften Bd. XV. 

2 ) Ursache der Gerinnung des Blutes im „British and foreign med. and chir. quart. 
rev. Januar 1857". — Archiv für pathologische Anatomie, herausgegeben von 
R. Virchow. Bd. XII. 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung. 133 

20 Grad stets erst nach mehreren Tagen , oft erst nach mehreren 
Wochen ein und die Geschwindigkeit, mit der selbst kleine Pepsin- 
mengen bei dem richtigen Sauregrade das Fibrin auflösen, ist so 
gross, dass von einer Verwechslung mit der blossen Säurewirkung 
nie die Rede sein kann. Überdies habe ich bei allen meinen Ver- 
suchen Controlversuche eingerichtet, bei denen Fibrin der Einwir- 
kung von Wasser mit einem dem der Pepsinlösung gleichen Salzsäure- 
gehalte ausgesetzt war. 

Das Fibrin, dessen ich mich bei allen Versuchen bediente, war 
durch Schlagen von Ochsenblut gewonnen. Die nächste Frage, welche 
ich mir zu stellen hatte, war die: Welches ist der für die künstliche 
Verdauung von Fibrin günstigste Säuregrad? Die Angaben früherer 
Beobachter gingen ziemlich weit aus einander, so dass es nöthig war 
neue Versuche darüber anzustellen. Ich ermittelte zunächst den Gehalt 
einer bestimmten verdünnten Salzsäure durch Fällen mit salpeter- 
saurem Silberoxyd und Wägen des geschmolzenen Chlorsilbers. 
Dann mischte ich aus dieser und destillirtem Wasser mittelst Mass- 
cylindern und Büretten die Säuren wie ich sie zu meinen Versuchen 
gebrauchte. Ich werde als Säuregehalt das Gewicht des Chlor- 
wasserstoffes, der in einem Litre Flüssigkeit enthalten war, aus- 
nahmslos in Grammen angeben. Ich nenne also Flüssigkeit vom 
Säuregrad 1 solche, welche 1 Gramm C1H im Litre enthält, Flüssig- 
keit vom Säuregrad 2 solche, die 2 Gramm C1H im Litre enthält etc. 
Die Versuche sind, wo keine besondere Temperaturangabe gemacht 
ist, in einem den Tag über auf 18 — 20 Grad Cels. geheizten Zimmer 
angestellt. 

Es lag mir daran, erst eine Übersicht im Grossen und Ganzen 
über den Einfluss zu haben, den der Säuregrad auf die Verdauungs- 
zeit ausübt, und ich stellte desshalb zuerst 8 Reagirgläser mit je 
20 Kubikcentimeter Verdauungs-Flüssigkeit auf, in deren jedes ich 
eine Fibrinflocke gelegt hatte. Sie hatten alle gleichen Pepsin- 
gehalt aber der Säuregehalt stieg von 1 — 8 um je 1-15 Gr. C1H im 
Litre. Die folgende Tabelle stellt die Versuchsreihe übersichtlich 
dar. 



134 



Brücke. 



Nummer 
des Glases 


Säure-Gehalt 


Verdauungszeit 
in Stunden 


1 


115 


v a 


2 


2-30 


1 


3 


3-45 


3 


4 


4-60 


4 


5 


5-75 


5 


6 


6-90 


7 


7 


8-05 


14 


8 


9-20 


— 



Das achte Glas hatte am Abende 14 Stunden nach Beginn des 
Versuches noch einen kleinen Rest, am anderen Morgen war aber 
auch dieser verschwunden. Daneben hatten 8 Controlgläser mit den- 
selben Säuregraden aber ohne Pepsin gestanden. In keinem war die 
Fibrinflocke gelöst, aber um so stärker aufgequollen, je schwächer 
die Säure war. 

Ich stellte nun eine zweite ganz ähnliche Versuchsreihe mit 
Pepsinlösungen von noch höheren Säuregraden zusammen, welche 
die folgende Tabelle ersichtlich macht. 

Nr. des Glases Säuregehalt 

1 9-20 

2 10-35 

3 11-50 

4 12-65 

5 13-80 

6 14-95 

7 1610 

8 17-25 

Von diesen Gläsern hatte Nr. 1 nach 18, Nr. 2 nach 24 Stunden 
verdaut. Nach 41 Stunden fand ich Nr. 3 und Nr. 4 verdaut, nach 
120 Stunden Nr. 5. Obgleich 6, 7 und 8 noch nach 120 Stunden, 
ja selbst nach 8 Tagen nicht verdaut hatten , so war doch ihr Säure- 
grad nur ein solcher, dass er die Wirkung des Pepsins in hohem 
Grade hemmte, nicht auf die Dauer vernichtete, denn ich habe kauf- 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung. 135 

liches Pepsin mit Salzsäure infundirt, welche 00224 Gr. CHI im 
Litre enthielt und dann durch Verdünnen der abfiltrirten klaren 
Flüssigkeit mit dem 29 fachen Volum Wasser noch eine gut ver- 
dauende Flüssigkeit erhalten , wenn ich es aber mit Salzsäure von 
0-224 Gr. C1H im Litre infundirte, so zeigte die mit dem 299- 
fachen ihres Volums Wasser verdünnte Flüssigkeit keineSpur von Ver- 
dauungsvermögen. Von den acht Controlgläsern zeigte keines sein 
Fibrin gelöst und es war um so weniger aufgequollen und durch- 
scheinend, je höher der Säuregehalt war. 

Ich richtete hierauf ganz nach Art der zwei vorherbeschriebenen 
noch zwei neue Versuchsreihen ein. Die erste derselben stellt sich 
in folgender Tabelle dar. 

Nr. des Glases Säuregrad 

1 0-22 

2 0-44 

3 0-86 

4 1-6G 

S 204 

6 2-90 

7 . . 3-70 

8 4-48 

Von diesen acht Gläsern hatte Nr. 3 zuerst verdaut, dann Nr. 2, 
4 und 5, dann 6 und 7, dann S und 1. Von den acht Controle- 
gläsern, die nur bis zu denselben Graden angesäuertes Wasser ent- 
hielten, zeigte Nr. 8 seine Fibrintlocke am wenigsten aufgequollen, 
am stärksten 3, 2 und 1, aber bei dem letzten war das Aufquellen 
viel langsamer von Statten gegangen als bei den übrigen. 

Die zweite der erwähnten Versuchsreihen stellt sich in der 
folgenden Tabelle dar. 

Nr. des Glases Säuregrad 

1 0-23 

2 0-45 

3 0-76 

4 0-88 

5 1 30 

6 1-70 

7 2-46 

8 3-83 

Sitzb. d. mathera.-naturw. Cl. XXXVII. Bd. Nr. 18. M 



\ 3 ß R r ii p k c 

Am schnellsten verdaute Nr. 4, dann 3, dann 2. dann 8, dann 
die übrigen und zwar zeigte 8 den letzten Rückstand. In den Con- 
trolegläsern quollen die Fibrinflocken am stärksten auf in Nr. 1, 2, 
3 und 4. aber in 1 viel langsamer als in den übrigen. Von 5 bis 8 
nahm die Quellung mit dem steigenden Säuregebalte ab. 

Diese beiden Versuchsreihen zeigten also die schnellste Ver- 
dauung bei Säuregraden von 0*86 und 0*88 Gramm im Litre, bei 
einer Steigerung auf 1, 3 nahm die Geschwindigkeit schon ab. Beim 
Sinken des Säuregrades nahm sie anfangs langsam ab bis 0-44 und 
045. Bei einem Säuregrade von nur 022 und 0-23 Gramm. GH 
im Litre war die Verdauung schon bedeutend in die Länge gezogen. 
Es zeigte sieh ferner, dass da am raschesten verdaut wurde, wo das 
Fibrin am stärksten aufquoll und der Quellungsprocess zugleich 
noch rasch von Statten ging, bei zu niedern Säuregraden erfolgte 
die Quellung zu langsam, bei zu hohen war sie weniger stark. 

Schon Theodor Schwann fand bei seinen Untersuchungen, 
dass eine Verdauungsmischung, wenn man ihren Säuregehalt mittelst 
kohlensauren Natrons prüfte, zu Ende der Verdauung nicht mehr 
und nicht weniger Säure ausweise, als zu Anfang, dass es aber doch, 
wenn viel Eiweiss gelöst werden soll, gut ist, während des Versuchs 
nachzusäuern, weil sieh die Verdauung nach einiger Zeit verlangsamt 
oder stille steht, aber durch Nachsäuern wieder angeregt werden 
kann. Man erklärt dies so , dass das gebildete Verdauungsproduct 
einen Theil der Säure für sich in Anspruch nimmt, gewissermassen 
beschäftigt, und dadurch für die weitere Verdauung unwirksam 
macht. Ohne auf diese Erklärung weiter einzugehen schöpfen wir 
aus der jetzt jedem, der sich mit Verdauungsversuchen beschäftigt 
hat, bekannten Thatsache, zunächst die Lehre, dass es gut sein wird 
für empfindliche Pepsinproben stets im Verhältnis* zur Flüssigkeits- 
menge nur sehr kleine Fibrinmengen anzuwenden, damit nicht das 
Verdauungsproduct selbst störend auf den weiteren Gang der Ver- 
dauung einwirke. Auch lösliches Eiweiss das noch nicht der Ein- 
wirkung einer Verdauungsflüssigkeit ausgesetzt war, heischt eine 
Erhöhung des Säuregrades. 

Ich neutralisirte mit Wasser verdünntes Hünereiweiss und fügte 
dann noch so viel Säure hinzu, dass die Menge des freien C1H ein Gr. 
im Litre betrug. Dies mischte ich dann zu gleichen Theilen mit einer 
Pepsinlösung, deren Säuregrad ebenfalls =1 war, und füllte von der 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung. 137 

Mischung je lOKubikcentimeter in zwei Reagirgläser A und B. Dann 
mischte ich dieselbe Pepsinlösung zu gleichen Theilen mit verdünnter 
Salzsäure von dem Säuregrad = 1 , und füllte auch von dieser 
Mischung je lOKubikcentimeter in zwei Reagirgläser C und D. Dann 
legte ich in alle Fibrinflocken. In C und D quollen sie sofort auf, 
in A und B aber nicht. Ich säuerte nun B vorsichtig so lange nach 
bis die Fibrinflocke darin aufquoll. Die Menge der verbrauchten 
titrirten Säure zeigte , dass ich den Säuregrad auf 2-28 gebracht 
hatte. Bis auf denselben Grad erhöhte ich nun auch die Säure von 
D und beobachtete dann den Gang der Verdauung. C verdaute am 
schnellsten, dann, aber viel später, D, dann B. In A quoll das Fibrin 
nicht auf und zeigte noch keinerlei Veränderung, als es in B schon 
verdaut war. 

Man kann sich überhaupt zur Regel machen, wenn die Fibrin- 
flocke in der zu prüfenden Flüssigkeit bei einem Säuregrade = I 
ganz unverändert und undurchsichtig bleibt, vorsichtig nachzusäuern, 
bis auf der Oberfläche und an den Kanten eine durchscheinende 
Schicht entsteht, denn so lange diese nicht sichtbar ist, hat man auf 
keine, oder doch eine unverhältnissmässig langsame Verdauung zu 
rechnen. 

Ein zweites Beispiel bietet die folgende Doppelreihe. Die mit 
1, 2, 3, 4 und I, II, III, IV bezeichneten Flüssigkeiten correspon- 
dirten in Rücksicht auf Pepsinmengen und Säuregrade vollkommen, 
aber in den mit deutschen Ziffern bezeichneten war etwas lösliches 
Eiweiss zugegen, in den mit römischen Ziffern bezeichneten nicht. 

A. 

Nr. des Glases Säuregrad 

1 . 0-47 

2 0-90 

3 1-74 

4 : . . 323 

B. 

1 0-47 

II 90 

III 1-74 

IV 3-23 

10* 



| 38 B '• ö c k e. 

Am frühesten hatte II verdaut, dann III, dann 3 und I, dann IV 
und 2, dann 4. — 1 verdaute gar nicht. 

Von den Versuchen ohne Eiweiss hatte also der vom Säuregrad 
0-9 am schnellsten verdaut, von den Versuchen mit Eiweiss der vom 
Säuregrad 1-74. Ebenso gut als dieser hatte bei den Versuchen ohne 
Eiweiss der Säuregrad 0-47 verdaut, bei den Versuchen mit Eiweiss 
hatte aber der Säuregrad 047 gar nicht verdaut. 

Als ich den Einfluss solcher Beimischungen näher kennen ge- 
lernt hatte, stieg in mir der Verdacht auf, dass durch die oben mit- 
getheilten vier Versuchsreihen vielleicht der Säuregrad für die 
möglichst schnelle Verdauung von Ochsenblutiibrin nicht richtig be- 
ziffert worden sei. Sie waren mit dem neutralen wässerigen Auszuge 
eines Präparates angestellt, das ich von Herrn Dr. Stefan erhalten 
hatte, der es im Grossen durch Auspressen des Labdrüsensaftes und 
Eintrocknen bei einer Temperatur unter 40 Grad C. darstellte. 

Jenen wässerigen Auszug hatte ich in bestimmten Verhältnissen 
mit Wasser und verdünnter Chlorwasserstoffsäure gemischt und so 
Verdauungsflüssigkeiten von verschiedenen Säuregraden erzielt. Die 
anderweitigen Bestandtheile des ausgepressten Saftes konnten also 
störend eingewirkt haben; ich konnte als den besten einen höheren 
Säuregrad gefunden haben, als ihn mir eine reinere Pepsinlösung 
gegeben haben würde. 

Dem war indessen nicht so. Ich habe geraume Zeit nachher ein 
Verfahren kennen gelernt, durch das ich mir mit Leichtigkeit und 
in beliebiger Menge eine Pepsinlösung darstellen konnte, so rein 
wie sie nur jemals erhalten sein mag. Mit dieser wiederholte ich die 
Versuche, indem ich folgende Reihe zusammenstellte. 

Nr. des Glases Säuregrad 

1 10 

2 0-9 

3 0-8 

4 0-7 

5 0-6 

G 0-5 

1 und 2 verdauten am schnellsten, dann folgten der Keihe nach 
und ziemlich schnell 3, 4 und 5, zuletzt 6. Man findet also in der 



Beitrage zur Lehre von der Verdauung 1 . \ 3JJ 

That, dass eine Menge von 0-8 bis I Gramm freie CIH im Litre 
für die Blutfibrinverdauung am günstigsten ist, dass sich dies aber 
gleich bei jenen ersten Versuchen deutlich gezeigt hatte, lag daran, 
dass ich bei ihnen nur einen sehr verdünnten Auszug des (dien 
erwähnten Präparats angewendet hatte. Nahm ich denselben con- 
centrirter, so fiel der passendste Säuregrad höher aus, und als ich 
sie sehr concentrirt genommen hatte, musste ich eine Verdauungs- 
flüssigkeit von Sauregrad = 1 nachsäuern , um sie überhaupt zur 
Action zu bringen. Der oben für möglichst reine Pepsinlösung er- 
mittelte Sauregrad gilt desshalb auch keinesweges für natürlichen 
Magensaft, wie er etwa durch eine Magenfistel gewonnen wird; 
dieser kann je nach seiner Zusammensetzung und Concentratiou 
einen bedeutend höheren erheischen. 

Ausserdem wiederhole ich , dass alle diese Versuche (so wie 
die später mitzutheilenden analogen auf das geronnene Hühner- 
eiweiss bezüglichen) in der Temperatur eines den Tag über auf 
18 — 20 Grad Celsius geheizten Zimmers angestellt sind, so dass 
ihre für einen ganz speciellen Zweck gewonnenen Resultate nicht 
ohne weiteres auf die höhere Temperatur des menschlichen Körpers 
übertragen werden dürfen. 

Nicht weniger als den Säuregrad muss man bei Pepsinproben, 
bei denen man Blutfibrin, wenn ich mich so ausdrücken darf, als 
Reagens anwendet, auf den Cohäsionszustand desselben achten. 
Man muss die harten Klumpen vermeiden, die sich darin finden, 
weil sie schlecht aufquellen und nur weiche und dünne Flocken 
hineinlegen. Man muss ferner dafür sorgen, dass das Fibrin nicht 
mechanisch am Aufquellen gehindert sei, weil dies die Verdauung 
sehr verzögert. Ich hatte ein Bündel Fibrinflocken mittelst eines 
Seidenfadens nach Art einer Garbe zusammengebunden und in Ver- 
dauungsflüssigkeit gehängt. Der frei aufquellende Theil wurde rasch 
verdaut, dann hing aber noch geraume Zeit in der Schlinge eine 
Kugel halb aufgequollenen Fibrins, das sich nur langsam löste. Ein 
anderes Mal hatte ich Fibrin eng in einem Beutel von Cannevas ein- 
geschlossen und dann in Verdauungsflüssigkeit gehängt; es quoll 
zwischen den Fäden hervor und wurde dann gelöst, aber der im 
Beutel zurückbleibende und noch im Quellen behinderte Best wider- 
stand hartnäckig, so dass zuletzt auf der Oberfläche Pilzbildung ein- 
getreten war. Anderes Fibrin, welches gleichzeitig in derselben 



140 Brücke. 

Verdauungsflüssigkeit lose in einem Cannewasbeutel lag, hatte sich 
rasch gelöst. 

Man hat oft Gelegenheit zu beobachten, dass Flocken, die an 
der Oberfläche schwimmen, langsamer verdaut werden, als solche, 
die am Hoden liegen, und könnte desshalb glauben, dass die Ver- 
dauung in den tieferen Schichten energischer von Statten gehe, als 
in den oberen, vielleicht weil sich bei der Verdauung wirksame, 
unsichtbare kleine Theilchen als specifisch schwerer herabsetzten. 
Das ist aber nicht der Fall. Ich habe in einem 2Fuss hohen Cylinder 
Fibrinflocken in verschiedenen Höhen aufgehängt, sie wurden alle- 
gleich schnell verdaut. Die Fibrinflocken, welche an die Oberfläche 
steigen, thun dies, weil ihnen Gas adhärirt, und das ist auch der 
Grund, wesshalb sie langsamer verdaut werden. 

Endlich bleibt es uns noch übrig, den Einfluss zu untersuchen, 
den die Menge des Pepsins ausübt, welche in einem bestimmten 
Volum Verdauungsflüssigkeit enthalten ist. Diese lässt sich zwar vor 
der Hand nicht absolut aber doch relativ bestimmen. Man mischt aus 
Büretten eine Pepsinlösung vom Säuregehalt =1 mit bis zu demsel- 
ben Grade angesäuertem Wasser und stellt sich so Verdauungs- 
flüssigkeiten dar, deren Pepsinmengen sich unter einander verhalten 
wie ax, bx, ex etc. 

Eine solche Reihe ist die folgende: 

Nr. des Glases Pepsingehalt 

1 

2 x 

3 2x 

4 kx 

5 8x 

6 ißx 

7 32a; 

Nr. 7 hatte in weniger als 1 % Stunden verdaut, 6 in 3 Stun- 
den und 5 in 3 1 / 3 Stunden, 4 in 7 Stunden; 3 hatte zu dieser Zeit 
noch einen Rest, 2 einen grösseren. Ich sah dann die Gläser erst 
13 Stunden später, also 20 Stunden nach Beginn des Vesuches 
wieder. Jetzt hatten auch 3 und 2 vollständig verdaut, 1 aber 
natürlich nicht, da es kein Pepsin, sondern nur Säure enthielt. 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung. 141 

Eine andere Versuchsreihe war folgende: 

Nr. des Glases Pepsingehalt 
1 X 

2 2x 

3 Lv 

4 8a; 

5 16a; 

Als ich den Versuch nach Verlauf von einer Stunde wieder sah, 
hatten 4 und 5 hereits vollständig verdaut. Im Verlaufe der zweiten 
Stunde beendete auch 3 seine Verdauung, nach Ablauf von drei 
Stunden war auch die Fibrinflocke in 2 vollständig gelöst, aber 1 
hatte noch einen ziemlich beträchtlichen Rest. 

In diesen Versuchsreihen ist also der Einfluss , der in einem 
gegebenen Volum Flüssigkeit enthaltenen Menge von Pepsin, sehr 
auffällig, es gibt aber eine obere Grenze, an der er sich verwischt. 
Bei Pepsinlösungen , welche ihre Fibrinflocken in einer Temperatur 
von 18° bis 20° C. binnen weniger als 30 Minuten verdauen, ist der 
Zeitunterschied selbst bei beträchtlicher Verschiedenheit des Pepsin- 
gehaltes so gering, dass man die Fibrinflocken kaum gleichmässig 
genug aussuchen kann, um ihn deutlich hervortreten zu lassen. 

Dies zeigte sich z. B. bei der folgenden Doppelreihe von Ver- 
suchen, bei denen die der ersten Reihe mit denen der zweiten, so weit 
es in der Macht des Experimentators lag, an Pepsin und Säuregehalt 
vollkommen gleich zugerichtet waren und auch bei derselben Tem- 
peratur angestellt wurden , so dass der Unterschied nur in dem ver- 
schiedenen Widerstände der einzelnen Fibrinflocken gesucht werden 
kann. 

Erste Reihe. 

Nr. des Glases Pepsingehalt Verdauungszeit in Minuten 

1 x' 45 

2 Ix' 30 

3 4a;' 20 

4 Sx' 20 

Zweite Reihe. 

1 x' 45 

2 2a?' 20 

3 ia/ 15 

4 8x' 10 



\ 42 B r » c k p. 

Pepsinlüsungen, die mit viel fremdartigen Substanzen, Eiweiss- 
körpern, Salzen etc. geschwängert sind, verdauen oft im concen- 
trirtem Zustande ihr Fibrin entschieden langsamer als im verdünnten, 
weil trotz zweckmässigem Nachsäuerns die relative Menge der fremd- 
artigen Substanzen mehr hindert, als die relative Menge des Pepsins 
beschleunigt. Es erklärt sich hieraus eine Beobachtung von Schwann, 
welche er in Müller's Archiv. Jahrgang 1836 auf Seite 100 beschreibt. 
Er fand bei einer Versuchsreihe , in der er seine Verdauungsflüssig- 
keit in verschiedenen Graden mit Wasser von demselben Säure- 
grade vermischte, dass die ursprüngliche Flüssigkeit nicht besser 
verdaute als das Gemisch, welches nur ein Procent davon enthielt, 
ja langsamer als die Gemische die 4 und 8 Procent davon enthielten. 

Die Pepsinprobe mittelst Fibrin. 

Hat man irgend einen festen Körper, sei es ein Organ, von 
dem man vermuthet , dass es eine Verdauungsdrüse sein könne, sei 
es ein künstliches Präparat, das auf seinen Gehalt an Pepsin unter- 
sucht werden soll, so übergiesst man dasselbe, nachdem es mecha- 
nisch hinreichend zerkleinert ist, mit destillirtem Wasser, lässt es 
damit unter öfterem Umrühren einige Zeit stehen und filtrirt. Ist 
das Filtrat alkalisch, so sättigt man mit verdünnter Chlorwasser- 
stoffsäure und fügt dann davon zur neutralen Flüssigkeit noch so viel 
hinzu, dass sie im Litre ein Gramm freies C1H enthält, wirft eine 
Fibrinflocke hinein und wartet, wenn dieselbe alsobald aufquillt, 
den Erfolg ab; quillt sie nicht auf, so setzt man tropfenweise und 
in Pausen verdünnte Chlorwasserstoffsäure hinzu, bis die Kanten 
und freien Fäserchen der Flocken durchscheinend werden, ein 
Zeichen, dass nun das Aufquellen beginnt. 

War das Filtrat von vorn herein sauer, so wirft man die Fibrin- 
flocke hinein und beobachtet, ob sie aufquillt. Geschieht dies, wie 
es in der Regel der Fall sein wird, nicht, so säuert man in der 
oben beschriebenen vorsichtigen Weise bis zum beginnenden Auf- 
quellen nach und beobachtet nun bei gewöhnlicher Zimmertempera- 
tur den Gang der Verdauung. 

Das was auf dem Filtrum zurückgeblieben war, schüttet man 
in ein Becherglas und übergiesst es mit Salzsäure vom Säuregrad 
= 1 (d. h. 1 Gramm CHI im Litre); damit lässt mau es 24 Stunden 



Beitrüge zur Lehre von der Verdauung. 1 4 !i 

unter öfterem Umrühren stehen oder digerirt es 1 l / 2 his 2 Stunden 
in einer Temperatur von 38 bis 40°, dann filtrirt man und verführt 
mit dem Fillrat ganz wie oben mit dem his zum Säuregrad =\ 
angesäuerten wässerigen Auszüge. 

Die suecessive Prüfung des wässerigen und des Salzsäuren Aus- 
zuges schreibe ich desswegen vor, weil es, wie wir in der Folge 
sehen werden, oftmals wesentlich ist, zu unterscheiden zwischen 
Pepsin, das bereits ausserhalb der Secretionszellen der Labdrüsen 
und in Wasser leicht löslich ist, und solchem, das sich noch in jenen 
Zellen befindet und durch Wasser oft schwer, durch verdünnte 
Chlorwasserstoffsäure aber leichter ausgezogen wird. In Fällen, in 
denen zugleich lösliche Eiweisskörper in einiger Menge zugegen 
sind, hat es überdies den Vortheil, dass dieselben mit dem Wasser- 
extracte grösstenteils entfernt werden. 

Wo solche Rücksichten nicht in das Gewicht fallen, kann man 
das zerkleinerte Object sofort mit verdünnter Salzsäure vom Säure- 
grad 1 übergiessen, ja kleine Gegenstände, z. B. Speicheldrüsen 
von Insecten (verg. S. Bas eh das chylopoetische und uropoetische 
System der Bhdta orientalis. Diese Berichte Bd. XXXIII, S. 257) 
kann man gleich mit der Fibrinflocke in die verdünnte Salzsäure 
legen und den Erfolg abwarten. 

Ist das zu untersuchende Object eine Flüssigkeit, z. B. aus 
einer Fistelöffnung ausfliessendes Secret, so filtrirt man es und ver- 
fährt dann ganz so wie es oben für den wässerigen Auszug vorge- 
schrieben ist. Den vom Filtrum genommenen Rückstand übergiesst 
man mit Salzsäure vom Säuregrad =1, um auch seine verdauenden 
Eigenschaften in der früher beschriebenen Weise zu untersuchen. 

Nach den Erfahrungen, welche mehrere Beobachter über den 
Pancreassaft und seine Fähigkeit in schwachsaurem Zustande geron- 
nene Eiweisskörper zu lösen gemacht haben, würde man die wirk- 
same Substanz desselben bei dieser Probe mit dem Pepsin ver- 
wechseln können; aber in den meisten Fällen, in denen man die 
Probe anstellt, wird dies von keiner praktischen Bedeutung sein. 
Es geschieht dies wesentlich in zwei Fällen : 

1. Man hat mit den Labdrüsen oder einer daraus gewonnenen 
Flüssigkeit irgend eine Procedur vorgenommen und will wissen, ob 
man nach derselben ein Product vor sich hat, welches das Pepsin 
noch als wirksame Substanz enthält. liier kann von einer Vcrvvechs- 



144 



B r ii c k e. 



hing der wirksamen Substanz des Pancreassaftes mit dem Pepsin 
natürlich keine Rode sein. 

2. Man will bei einem wirbellosen Thiere die Function irgend 
einer Drüse untersuchen, welche ihren Inhalt in den Tractus intesti- 
nalis ergiesst; d. h. man will wissen, ob ihr Secret im Stande ist, 
geronnene Proteinsubstanzen aufzulösen oder nicht. Dieser Zweck 
wird offenbar erreicht. Gibt die Probe ein positives Resultat und 
kommt das Drüsensecret mit der thierischen Nahrung unter saurer 
Reaction in Berührung, so können wir sicher sagen, dass die 
Drüse eine Verdauungsdrüse sei, eine nähere Bezeichnung ist aber 
unstatthaft, weil die anatomischen Analogien des Wirbelthierty.pus 
bei den Wirbellosen nicht mehr geltend gemacht werden dürfen, 
und weil wir nicht wissen, in wie weit ihre Verdauungssäfte mit 
denen der Säugethiere und des Menschen chemisch übereinstimmen. 
Die Frage, die uns hier die Probe beantwortet, ist also von vorn 
herein keine andere, als die, ob etwa das Drüsensecret Pepsin oder 
auch eine andere Substanz, die unter ähnlichen Bedingungen wie 
das Pepsin verdaut, enthalte, und diese Frage wird sicher und 
unzweideutig beantwortet. 

Die Pepsinprobe mittelst Eiweiss. 

Da Eiweiss in der Regel schneller und leichter zu beschaffen 
ist als Blutfibrin, so mag es wünschenswerth sein, auch das erstere 
als Reagens auf Pepsin kennen zu lernen. Die Eiweissprobe liefert 
aber viel später als die Fibrinprobe ein Resultat, und hat vor ihr, 
wo es sich nur um qualitative Bestimmung handelt, keinerlei Vor- 
züge. Es wird bekanntlich von einigen angegeben, dass durch 
Hitze coagulirtes Eiweiss in verdünnten Säuren ganz unlöslich sei, 
während andere angeben , dass es sich langsam darin löse. Uns 
interessirt hier zunächst nur sein Verhalten zur verdünnten Chlor- 
wasserstoffsäure. In dieser kann man Scheiben des weissen von 
hartgekochten Hühnereiern sehr lange Zeit ohne Veränderung ihres 
Aussehens aufbewahren, aber von dem Niederschlage, den man 
durch Erhitzen des mit Wasser verdünnten Hühnereiweisses erhält, 
löst sie bald einen Theil auf, und in je nach dem Säuregrade und 
der Temperatur kürzerer oder längerer Zeit zerfallen die Flöckchen 
und bilden mit der Säure eine trübe Flüssigkeit. Auf den Zustand, 
indem das Eiweiss in derselben enthalten ist, werde ich in einer 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung. 145 

anderen Abtheilung dieser Beiträge näher eingehen. Hier will ich 
nur erwähnen, dass dies Zerfallen mit dem Gehalt an freiem Alkali 
zusammenhängt, der sich |in allem Hühnereiweiss findet. Desshalb 
und weil die Ungleichheit jenes Alkaligehaltes eine genaue Bemes- 
sung des Säuregrades hindert, stelle man das geronnene Eiweiss, 
das zur Pepsinprobe dienen soll, folgendermassen dar. Man setze 
zu mit Wasser verdünntem Hühnereiweiss so viel Essigsäure, dass 
es blaues Lackmuspapier violet, aber nicht sofort roth färbt, dann 
liltrire man von dein entstandenen Niederschlage ab, untersuche die 
Beaction des Filtrats noch einmal und corrigire sie wenn es not- 
wendig ist. Dann coagulire man im Wasserbade, und wasche den 
so erhaltenen Niederschlag mit destillirtem Wasser aus. So darge- 
stelltes Eiweiss erhält sich in verdünnter Chlorwasserstoffsäure so 
lange, dass die blosse Säurewirkung zu keinerlei Irrthum bei der 
Pepsinprobe Veranlassung geben kann. 

Ich gehe nun zu den Versuchen über, welche ich angestellt 
habe, um den passenden Säuregrad zu ermitteln. 

Erste Reihe. 

Nr. des Glases Säuregrad 

1 0-80 

2 1-60 

3 3-21 

4 6-41 

5 12-82 

6 . . 2004 

Zweite Reihe. 

1 0-80 

II 1-60 

III 321 

IV 6 41 

V 12-82 

VI 2004 

Beide Beihen waren in Bücksicht auf den Pepsingehalt völlig 
gleich, aber die erste verdaute allgemein langsamer, weil zu ihr 
Schnitte des weissen von einem hartgekochten Ei verwendet wurden, 
die eine grössere zusammenhängende Masse darboten, während zur 



146 B r ü c k e - 

zweiten Coagulationsflocken von neutralisirter und durch Hitze eoa- 
gulirter Eiweisslösung dienten. Am schnellsten verdaute II, dann I, 
dann III, dagegen verdaute in der ersten Reihe zuerst 2, dann 3, 
dann I, und zwar wenig schneller als 4. Die übrigen Gläser beider 
Reihen verdauten um so langsamer, je mehr Säure sie enthielten. 
Die erste Reihe brauchte also etwas mehr Säure als die zweite, was 
daher rührte, dass für sie Eiweiss benutzt war, dessen freies Alkali 
ich nicht vorher neutralisirt hatte. 

Ich richtete ferner folgende Versuchsreihe ein: 

Nr. des Glases Säuregrad 

1 0-80 

2 . . • 1-20 

3 1-60 

4 200 

5 2-40 

6 2 81 

7 3 21 

8 361 

Hier verdaute zuerst 2 dann 3, dann I und 4 ohne sehr bedeu- 
tenden Unterschied, dann 5 schon beträchtlich langsamer; die 
übrigen mit wachsendem Säurezusatz immer langsamer. Der Ver- 
such war wieder mit Coagulationsflocken von neutralisirtem Eiweiss 
angestellt, für diese also finden wir den passenden Säuregrad etwa 
zwischen 1*2 und 1*6 Grammen CIH im Litre , mithin etwas höher 
als beim Fibrin. Dass beim Fibrin ein geringerer Säuregrad (08 
bis 1 Gramm im Litre) rascher verdaut, mag darin seinen Grund 
haben, dass der Grad der Quellung, der hier so wesentlich auf die 
Abkürzung der Verdauungszeit einwirkt, allmählich abnimmt, wenn 
man den Säuregehalt von 1 Gramm CIH im Litre überschritten hat. 

Bei der letzten Versuchsreihe waren 8 Gegenversuche mit 
blosser Säure den Graden der Verdauungstlüssigkeit entsprechend 
aufgestellt worden. In ihnen war das Eiweiss noch nach 23 Tagen 
nicht gelöst. Nur die Flüssigkeit von 1, d. h. die mit dem schwäch- 
sten Säuregrad (0*8), in der sich auch Pilze gebildet hatten, wurde 
von Blutlaugensalz getrübt, in dem übrigen brachte nur Tannin eine 
leichte Trübung hervor. 



Beitrüge zur Lehre von der Verdauung. 147 

Man sieht also, dass auch hei der Pepsinprohe mittelst Eiweiss 
eine Verwechslung mit der blossen Säurewirkung nicht zu befürchten. 
Übrigens verfährt man bei ihr, abgesehen von der Darstellung der 
Eiweissflocken und dem veränderten Säuregrade, ganz wie bei der 
Probe mittelst Fibrin. 



Die quantitative Bestimmung des Pepsins. 

Du das Pepsin niemals rein dargestellt worden ist, so kann es 
sich natürlich nicht darum handeln, absolute Quantitäten, desselben 
zu bestimmen, sondern nur um Bestimmung relativer Mengen, um 
ein Verfahren durch das man z. ß. ermitteln kann, von zwei gegebe- 
nen Flüssigkeiten enthalte eine etwa zwei-, drei-, viermal etc. so viel 
Pepsin als die andere enthält. Ich sage Lösungen, denn nur das gelöste 
oder doch leicht lösliche Pepsin lässt sich ohne weiteres quantitativ 
bestimmen , das noch in den Labzellen abgelagerte ist so schwer 
vollständig zu extrahiren, dass es nur durch ganze Versuchsrei- 
hen und auch dann nur ziemlich ungenau bestimmt werden könnte. 

Mein Verfahren besteht einfach darin, die Menge des Pepsins 
aus der Grösse seiner Wirkung zu messen. Es seien zwei Flüssig- 
keiten gegeben, die ich vergleichend untersuchen soll, so bringe ich 
sie zunächst auf den Säuregrad = 1 , fülle jede in eine Bürette und 
messe von jeder nach einander in verschiedene Beargirgläser 16; 
8; 4; 2; 1; 05; 0-25 Kubikcentimeter ab: dann giesse ich in 
dieselben Beagirgläser noch so viel Salzsäure vom Säuregrad = 1, 
dass jedes gerade 16 Kubikcentimenter Flüssigkeit enthält und werfe 
in alle möglichst gleichmässig ausgewählte Fibrinflocken. Ich habe 
dann eine Versuchsreihe, die sich in folgender Weis e tabellarisch 
darstellen lässt: 

I. 

Pepsinlösung vom Wasser vom 

G' as Säuregrad = 1 Säuregrad = 1 

2~ . . . ^T\q\~7 . . s ~HiP"" 

B 8 8 

C 4 12 

D 2 14 

E 1 15 

F 0-5 ... . 15-5 

G 0-25 . . . 15-75 



1 48 B r u e k e. 

II. 

Pepsinlosung vom Wasser vom 

"' as Säuregrad = 1 Säuregrad = 1 

a 16 

b 8 8 

c 4 12 

d 2 14 

e 1 15 

f 05 ... . 15-5 

g 25 . . . 15-75. 

Es soll nun die Flüssigkeit II z. B. viermal so viel Pepsin ent- 
halten haben wie die Flüssigkeit I, so wird c mit A,d mit B, c mit C, 
f mit D und g mit E bei der Verdauung gleichen Schritt halten und 
dies wird auf das relative Verhältniss des Pepsingehaltes in beiden 
Flüssigkeiten schliessen lassen. Mau wird indessen oft bemerken, 
dass zwischen den Angaben der einzelnen Gläser die Übereinstim- 
mung mangelt, dass z. B. c mit B oder gar a mit A gleichen Schritt 
hält, während in derselben Versuchsreihe f und D und g und E 
ziemlich gleich schnell verdauen. In solchen Fällen sind es stets 
die verdünnteren Lösungen, nach denen man den relativen Pepsin- 
gehalt abschätzen muss und zwar aus mehreren Gründen. Erstens 
nehmen bei verdünnten Lösungen mit abnehmendem Pepsingehalte 
die Verdauungszeiten rascher zu als dies bei concentrirten der Fall 
ist; ja wir haben oben gesehen, dass bei unreinen Pepsinlösungen 
die concentrirtere Flüssigkeit oft viel schlechter verdaut als die ver- 
dünntere. 

Zweitens ist der Säuregrad sicher für die verdünnten Lösungen 
passend, für die concentrirteren aber vielleicht unpassend. Viel- 
leicht enthält die eine Flüssigkeit noch einen Eiweisskörper und 
verlangt desshalb in den concentrirten Mischungen einen höheren 
Säuregrad und doch darf man nicht nachsäuern, weil sonst die Ver- 
gleichbarkeit der Versuche aufhören würde. 

Ich verweise hierüber auf das, was im ersten Abschnitte über 
den Einfluss, den verschiedene Umstände auf die Verdauungszeit 
ausüben , gesagt worden ist. Findet sich nicht in jeder Versuchs- 
reihe ein Glas in dem die Fibrinflocken, obgleich sie rasch und gut 
aufgequollen, wenigstens einige Stunden liegt, ehe sie verdaut wird. 



Reiträn-e zur Lehre von der Verdauung. 1 49 

so muss man neue Versuchsreihen mit verdienteren Lösungen zu- 
sammenstellen. 

Bei der quantitativen Bestimmung des Pepsins habe ich auch die 
Probe mittelst Eiweiss beschrieben, aber hinzugefügt, dass sie vor 
der mittelst Fibrin angestellten keinerlei Vorzüge habe, sondern nur 
langweiliger sei. In Bücksicht auf die quantitative Bestimmung kann 
ich nicht dasselbe sagen. Wenn ich nicht recht gut geschlagenes 
Fibrin habe, aus dem sich die Flocken gleichmässig auswählen 
lassen; so ziehe ich es vor, mir auf die früher beschriebene Weise 
coagulirtes Hühnereiweiss darzustellen oder das Weisse von frischen, 
hart gekochten Eiern in kleine Würfel oder viereckige Plättchen zu 
schneiden und mit diesem unter dem entsprechenden Säurengrade 
die Bestimmung ganz wie sonst mittelst des Fibrins auszuführen. 

Für die Wahl des Säuregrades hat man hier einen weiteren 
Spielraum als beim Fibrin, besonders wenn man die Verdauung im 
Brütofen anstellt, denn bei einer Temperatur von 38 Grad wird 
Eiweiss, wie ich dies in mehreren Versuchsreihen gesehen habe, bei 
allen Säuregraden von 1 — 7 nicht nur gut, sondern sogar ziemlich 
gleich gut verdaut; erst wenn man 7 überschreitet, nimmt die Ver- 
dauungszeit mit dem wachsenden Säuregrade stetig zu. Der Würfel 
oder Plättchen aus dem Weissen frischer Hünereier darf man sich 
bedienen, weil bei ihrer Kleinheit und dem stärkeren Säuregrade 
etwa 4, den man hier wählen wird, ihr Alkaligehalt als solcher nicht 
in Betracht kommt, und auch, wenn die Eier frisch und gut sind, 
während der Zeit, die der Versuch in Anspruch nimmt, sicher 
kein Zerfallen derselben in blosser verdünnter Salzsäure eintreten 
würde; denn das gekochte Eiweiss erhält sich, verschieden vom 
Fibrin, auch in der Brutwärme in verdünnter Salzsäure sehr lange. 
Aber eines muss man wohl beachten, dass die Stückchen so genau 
als möglichst gleich gross genommen werden. Es ist dies hier viel 
wichtiger als beim Fibrin. Quillt dies einmal rasch und gleichmässig 
auf, so beginnt auch die Veränderung in allen Theilen der Flocke 
und schreitet in ihnen, wenn auch nicht ganz gleichförmig, fort. Die 
Eiueissstückchen aber werden allmählich von aussen nach innen ver- 
zehrt und ein Grössenunterschied wirkt somit hier viel entschiedener 
auf die Verdauungszeit ein. Ich schneide eine mittelst eines breiten 
flachen Messers abgeschnittene Eiweissplatte von etwa 1 Millimeter 
Dicke mittelst paralleler und rechtwinklig auf einander stehender 



150 Brück e. 

Messerzüge in Plättchen von etwa 2 Millimetern im Quadrat, und 
lege je eines in jedes Probeglas. So kleiner Eiweissstücke be- 
diene ich mich, wenn ich mit kleinen Flüssigkeitsmengen arbeite, 
damit ihre Zusammensetzung und Wirksamkeit nicht durch das sich 
auflösende Eiweiss alterirt werden. Sind die Flüssigkeitsmengen 
grösser, so dass man dies nicht zu befürchten hat, so kann man 
grössere Eiweissstücke anwenden, doch bin ich nie über Würfel von 
drei Millimeter Seite hinausgegangen. 

Es ist auch hier bei der Pepsinbestimmung mittelst Eiweiss 
zu beherzigen, dass die Anzeigen der verdünnteren langsamer ver- 
dauenden Lösungen mehr Werth haben, als die der rascher ver- 
dauenden; denn bei gewissen Concentratiousgraden zeigt sich kein 
Unterschied in der Verdauungszeit. Enthält eine Verdauungsflüssig- 
keit einmal so viel Pepsin, dass sie mit ihrem Eiweisswürfel von 
3 Millim. Seite in weniger als 3 Stunden fertig wird, so thut es ihr 
auch eine andere nicht nothwendig zuvor, in der drei-, vier- ja lOmal 
so viel Pepsin auf dieselbe Flüssigkeitsmenge kommt. Ich ziehe zur 
Bestimmung der relativen Pepsinmenge gleichgehende Gläser zu 
Rathe, in denen die Verdauung unter gleichen Umständen 6 und 
mehr Stunden in Anspruch nimmt. 

Wird bei der Verdauung Pepsin gebildet! 

Bekanntlich lehrt die herrschende Theorie der Verdauung, dass 
das Pepsin ein sogenanntes Ferment sei und dass es als solches 
die Eiweisskörper auflöse und in Peptone verwandle. Dieser Theorie 
folgtauch G. J. Mulder in seiner Abhandlung : „Die Peptone- 
in Donder's und Berlin's Archiv für holländische Beiträge etc. *) 
und gibt ausserdem an , dass sich unter Umständen bei der Ver- 
dauung, ja selbst bei der blossen Digestion gewisser Eiweisskörper 
mit verdünnter Salzsäure Pepsin bilde. Die Sache ist folgende : 
M ulder findet, dass die Eiweisskörper, wie dies bekannt, unter der 
Einwirkung von Verdauungsflüssigkeit ihr Verhalten gegen gewisse 
Reagentien verändern, er findet, dass sie nach kürzerer oder längerer 
Zeit von Salpetersäure, kohlensaurem Ammoniak, essigsaurem Blei, 
gelbem Blutlaugensalz, Sublimat und schwefelsaurem Natron nicht 



») Bil. II, Seite I. 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung. 151 

mehr ausgefüllt werden. Nun findet er, dass Legumin nach blosser 
Digestion mit verdünnter Salzsäure sich auch so verhält; er nimmt 
ohne Beweis an , dass diese Veränderung nur durch Pepsin hervor- 
gebracht werden konnte und schliesst desshalb, dass sich auf Kosten 
eines Theiles des Lugumins Pepsin gebildet habe. Seine Worte 
(Seite 21) sind folgende: 

„Da man nicht berechtigt ist anzunehmen, dass die Wirkung 
der Salzsäure sich weiter erstrecke als aufzulösen, so ist man zur 
Erklärung der Peptoabildung durch verdünnte Salzsäure auf die 
Hypothese hingewiesen, dass ein Theil des zu verändernden Körpers 
sein eigenes Pepsin werde, ebenso wie bei der Hefenbildung, ohne 
Hinzufügung von Hefe, ein Theil der gebildeten Hefe zur 
Entstehung von mehr Hefe und Hefenbildung Veranlassung gibt." 

Ferner heisst es auf Seite 22: „Was von dem Legumin gesagt 
ist, hat überhaupt mehr allgemeine Geltung : das Legumin hat aber 
eine bedeutende Verdauungswirkung. Ein Theil eines jeglichen in 
Pepton übergehenden Eiweisskörpers wirkt auf die übrigen Eiweiss- 
körper zurück, dass sie ähnlich verwandelt werden. Das eigentliche 
sogenannte Pepsin leitet die Wirkung ein und regt sie 
kräftig an; sobald dies aber einmal geschehen ist, wirkt das in 
Umwandlung verkehrende auf das noch unveränderte so zurück, wie 
anfangs das Pepsin auf die ruhende Masse." 

Endlich auf Seite 27: „Die verdünnte Säure ist also you bedeu- 
tendem Einfluss auf die Verwandlung von nicht coagulirtem Eiweiss 
zu Pepton; die sich in Bewegung befindende organische Gruppe 
(Pepsin) unterstützt diese Wirkung, vermag sie aber nicht allein 
ohne Säure zu Stande zu bringen. Was schon früher erwähnt 
wurde, wiederholt sich mithin auch in diesem Falle, dass nämlich 
ein Theil der Eiweisskörper in der sauren Lösung als Pepsin wirkt". 
Die Analyse dieser Theorie muss ich, so wie alle theoretischen 
Betrachtungen über die Verdauung, auf einen späteren Theil dieser 
Beiträge verschieben. Ich kann dies desshalb tlmn, weil es sich für 
unseren Zweck nicht darum handelt, zu entscheiden, ob sich während 
der Verdauung ein Körper bildet, der gewisse Veränderungen der 
gelösten Eiweisskörper anregt oder beschleunigt, sondern nur 
darum, ob sich ein Körper bildet, mittelst dessen salzsaurer Lösung 
man Eiweisskörper unter Umständen auflösen kann, unter denen 
sie sich in der verdünnten Salzsäure allein nicht gelöst haben 
Sitzb. d. mathem.-naturw. LI. XXXVII. Bd. Nr. lö. 11 



1 52 Brücke. 

würden. Ich finde nicht, dass Mulder hierfür irgend welche 
Erfahrung aufbringt und mir seihst ist es auch nicht gelungen eine 
solche zu machen. 

Die mittelst Digestion von Legumin mit verdünnter Salzsäure 
erhaltene Flüssigkeit habe ich in dieser Beziehung völlig wirkungs- 
los gefunden. Ich habe den Versuch zu vier verschiedenen Malen 
bei Säuregraden von 1 — 3 angestellt. Ich muss hinzufügen, dass 
es mir gar nicht gelungen ist, eine Flüssigkeit zu erhalten, die die 
Eigenschaften von Mul der'sPeptonlösungen zeigte, sie wurde immer 
noch stark von Blutlaugensalz gefällt, obgleich ich sie länger als 
Mulde r in der Blufwärme erhalten hatte. Wenn ich aber auch eine 
solcheFiüssigkeit erhalten hätte, würdeich, solange sie nichtFibrin 
und Eiweiss löste, nicht geschlossen haben, dass Pepsin gebildet sei, 
sondern nur, dass sie ohne dasselbe gewisse Veränderungen erlitten 
habe. Ich stellte ausserdem noch folgenden Versuch an: Ich verdaute 
Blutfibrin mittelst Pepsinlösung vom Säuregrad = 1 , von der so 
erhaltenen Flüssigkeit goss ich einen Theil in ein zweites Glas, in 
dem ich vorher Fibrin in verdünnter Salzsäure vom Säuregrade = 1 
hatte vollständig anquellen lassen. Nachdem auch dieses Fibrin ver- 
daut war, goss ich von der so erhaltenen Lösung wiederum einen 
Theil in ein drittes Glas, in welchem ich Fibrin in Salzsäure vom 
Säuregrad = 1 hatte anquellen lassen. Hätte sich bei der Verdau- 
ung Pepsin gebildet, so hätte ich dieses Verfahren begreiflicher- 
weise für unbestimmte Zeit mit Erfolg fortsetzen können, aber das 
war nicht der Fall; die Verdauungszeiten wuchsen schnell und bald 
erzielte ich keine andere Wirkungen mehr, als die, welche die 
blosse verdünnte Säure auch hervorbringt. 

Ich muss desshalb mit der grossen Masse der früheren Beob- 
achter der Ansicht sein, dass kein Theil der verdauten oder zu ver- 
dauenden Eiweisskörper in Pepsin umgewandelt wird. Ich habe 
diesen Punkt hier erörtern müssen, weil man begreiflicherweise das 
Pepsin aus seinen Wirkungen nicht quantitativ würde bestimmen 
können, wenn sich während der Verdauung neues bildete. 



Beitrüge zur Lehre von der Verdauung'. 153 



II. Jilirt öte Jlrt wir Öpr 3Ragenfaff nfigefonDert nritu. 

Man nimmt jetzt allgemein an, dass der Magensaft mit saurer 
Reaction secernirt werde, nicht dass er dieselbe erst im Magen an- 
nehme, obgleich man nicht in Abrede stellt, dass er daselbst durch 
Zersetzung von Kohlenhydraten .häufig einen beträchtlichen Zuwachs 
an Säure erhalte. Die Beweise für die an sich saure Reaction des 
Magensaftes sind folgende : 

1. Es wird ein sauer reagirender Magensaft gewonnen, auch 
wenn keine solchen Substanzen in den Magen gebracht sind, die 
zur Säurebildung das Material liefern können. 

2. Bidder undSchmidt haben gefunden, dass die Summe der 
im Magensafte enthaltenen Basen nicht hinreicht, um die darin enthal- 
tene Salzsäure zu sättigen, und die Salzsäure kann doch keinenfalls 
aus den in den Magen gebrachten Kohlenhydraten entstanden sein. 

3. Man hat den auf mechanische Reizung der Magenschleim- 
haut hervordringenden Saft sauer gefunden. Über letzteren Punkt 
sind indessen die Autoren nicht einer Meinung, indem einige den 
durch mechanische Reizung enthaltenen Saft als neutral beschreiben. 

Nichts desto weniger ist in neuester Zeit wiederum die Ansicht 
verfochten worden, der Magensaft werde stets mit neutraler Reaction 
secernirt. 

Boudanlt sagt in seinem Aufsatze über das Pepsin ') : 
Une grand nombre de savants ont admis que le suc gastrique 
et neutre, lorsqu' il etait se'cre'te, dautres au contraire ont admis 
<jk' it etait secrete neide. Abordant cette question avec les secours 
combines de la chintie et de la physiologie nous avons eherche ä 
examiner la premiere de ces questions. Cette partie du snc gastri- 
que est eile secre'te aeide? Des animaux en pleine digestion ont 
ete tue's; on a separe la muqueuse avec le plus grand soin: nous 
a vom enleve avec un filet d' eau destillee toutes les matteres 
solub/es jusqu' ä ee que le papier bleu de toumesol ne rougisse 
plus, alors la caillette a etö racle'e, les eellules brisees et nous 
avons receuifli en lavant de nouveau avec V eau destillee im 
liquide purf'aitement neutre. Ce liquide a ete mis en eontact avec 



') Mem. sur la pepsine Journ. de med. de Bruxelles, Dec. 1856. 

11* 



154 Brück e. 

de la fibrine pendant plusieurs heures, ä une temperature de 40°, 
il n y a pas eu digestion. Mais ä une märe quantite de ce liquide 
mis dans les memes conditious, nous avons ajoute une petite pro- 
portion d'acide lactique et au baut de deux heures, nous avons 
obtenue une digestion complete. De cette experience repetee un 
grand nombre de fois , sur des cornivores es sur des herbivores. 
il est facile ä conclure que la pepsine est secretee neutre. Er zeigt 
nun, dass nach seinen Versuchen nicht nur der saure Magensaft, son- 
dern auch der neutrale die Fähigkeit hesitze Milchsäuregährung 
einzuleiten, dass somit derselbe im Stande sei, sich selbst aus den 
Kohlenhydraten der Nahrung die zur Verdauung nöthige Säure zu 
bereiten etc. 

Hätte Boudault das Resultat seines Versuches unbefangen mit 
den anderweitig wohl constatirten Thatsachen verglichen, so würde 
er den erwähnten Schluss nicht gezogen haben. Er würde gesagt 
haben: Mein Erfolg lässt sich auch ohne die Annahme, dass der 
Magensaft neutral secernirt werde, noch auf zweierlei Art erklären: 

1. Der saure Magensaft ist nicht hinreichend ausgewaschen. 
Die Menge, die davon in der Schleimhaut zurückgeblieben, ist zwar 
so gering, dass der Auszug blaues Lackmuspapier nicht röthet, aber 
das noch darin enthaltene Pepsin ist doch noch hinreichend , eine 
Verdauung einzuleiten. 

2. In den Drüsen findet sich neutrales, durch Wasser aus- 
ziehbares Pepsin abgelagert, wenn dasselbe auch während des Lebens 
und im normalen Zustande nicht neutral in den Magen gelangt, son- 
dern vorher in den Drüsen selbst von einer sauren Flüssigkeit auf- 
gelöst wird. 

Ich habe mich nun durch eine Reihe von Versuchen überzeugt, 
dass das letztere in der That der Fall ist. Ich präparirte von vier 
Schweinemägen, nachdem dieselben gut ausgewaschen waren, die 
Drüsenschleimhaut im Zusammenhange ab und wusch sie mit Wasser 
bis sie darauf gedrücktes Lackmuspapier nicht mehr röthete, dann 
liess ich sie mit dem Gängelmesser ganz fein zerkleinern, band den 
so erhaltenen Brei in ein starkes Leinentuch und knetete ihn unter 
Wasser, in ähnlicher Weise, wie man Weizenmehl unter Wasser 
knetet, um Stärke und Kleber von einander zu sondern. Hierbei 
drängten sieh die aus ihrem Zusammenhange gerissenen Zellen durch 
die Maschen des Tuches und ich erhielt eine frühe Flüssigkeit, die 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung. I 55 

nach längerem Stehen ein flockiges Sediment absetzte. Von diesem 
wurde sie abgehoben und durch Wasser ersetzt, dem etwas reines 
magnesiafreies Kochsalz beigemischt war, und das nach mehr- 
maligem Umrühren und wieder Absetzen erneuert wurde. Der Zu- 
satz von Kochsalz war gemacht , um die Eiweisskörper besser in 
Lösung zu erhalten. Nachdem auf diese Weise einige Male ge- 
waschen worden war, wurde an die Stelle der verdünnten Salzlösung 
blosses Wasser gesetzt und so das Chlornatrium wieder heraus- 
gewaschen. Das Ganze dauerte zehn Tage lang, während welcher 
Zeit das Gefäss immer in einer Temperatur zwischen und 5° C. 
gehalten wurde. Nun wurde ein Theil des so gewaschenen Sedi- 
ments herausgenommen, das Wasser davon abfiltrirt und die eine 
Hälfte in einem Gylinderglase mit reinem Wasser, die andere mit 
solchem, welches im Litre 1 Gramm CIH enthielt, übergössen. 
Beides digerirte ich durch zwei Stunden in einer Temperatur von 
35 — 38° C. und filtrirte. Nachdem ich das neutrale Filtrat durch 
Zusatz von verdünnter Chlorwasserstoffsäure gleichfalls auf den 
Säuregrad = 1 gebracht hatte, warf ich in beide Filtrate Fibrin- 
flocken und beobachtete nun , dass sie Pepsin in sehr ungleichen 
Mengen aufgenommen hatten; denn die Flüssigkeit, welche vor der 
Digestion mit den Labzellen angesäuert war, brauchte nur den neunten 
Theil der Zeit, um seine Fibrinflocken aufzulösen; die andere, die erst 
nach der Digestion angesäuert war, musste in der That sehr wenig 
aufgenommen haben. Als ich aber dieselben mit Wasser extrahirten 
Labzellen mit neuem Wasser übergoss und so lange stehen Hess, 
bis sich ein fauliger Geruch einstellte, gab das Filtrat angesäuert 
wieder eine ziemlich wirksame Verdauungsflüssigkeit; es hatte im 
Beginn der fauligen Zersetzung das Wasser auch ohne Säure wieder 
mehr Pepsin aufgenommen. Hier war also erstens, nachdem alle 
Säure längst ausgewaschen , noch Pepsin vorhanden und zweitens 
war dasselbe unter übrigens gleichen Verhältnissen von der sehr 
verdünnten Chlorwassersäure in viel reichlicherer Menge als vom 
Wasser extrahirt worden. Das letztere war auch der Fall bei Lab- 
zellen, die sehr lange im trockenen Zustande aufbewahrt worden. 
Ich fand, dass der unlösliche Bückstand, den ein von den Herren 
Stephan und La matsch fabricirtes, bei mir schon fast drei Jahre 
aufbewahrtes Pepsin beim Behandeln mit Wasser hinterliess, grossen- 
theils aus Labzellen bestand. Diesen wusch ich erst mit sehr ver- 



| g ß Brücke. 

dünnter Kochsalzlösung, dann mit Wasser anhaltend aus und verfuhr 
dann ganz wie beim vorigen Versuche. Schon nach einer Stunde 
fand ich die Fibrinflocke in der vor der Digestion mit dem ausge- 
waschenen Pepsinrückstande angesäuerten Flüssigkeit aufgelöst; die 
andere, welche in der erst nach der Digestion angesäuerten Flüssig- 
keit lag, zeigte noch keine Veränderung: am anderen Morgen fand 
ich sie aber auch verdaut. Bei einem anderen übrigens ganz gleichen 
Versuche vertheilteich die vor der Digestion mit den Labzellen ange- 
säuerte Flüssigkeit in mehrere Gläser, in denen sie, wie die folgende 
Tabelle zeigt, in verschiedenen Verhältnissen mit Wasser verdünnt 
waren, das 1 Gramm CIH im Liter enthält: 

. ... Verdünnte Salz- 

Nr des Pe P. s '» l0SU, 'S ™ m säure vom Säure- 

Nr. aes Sauregrad = i „ rad _ { 

Glases. in Kubikcent. jAubikcent. 

1 16 

2 8 8 

3 4 12 

4 2 14 

5 1 15 

In alle Gläser wurden Fibrinflocken gelegt und ebenso in die 
erst nach der Digestion mit den Labzellen angesäuerte Flüssigkeit. 
Die letztere hielt bei der Verdauung nahezu gleichen Schritt mit dem 
Glase Nr. 4. Sie war um ein Geringes hinter demselben zurück. Ihr 
Pepsingehalt verhielt sich also zu dem der vor der Digestion ange- 
säuerten Flüssigkeit etwa wie 1 zu 8, und doch hatte ich die für beide 
verwendeten Mengen von Flüssigkeit und Pepsinrückstand gleich 
gross genommen. Man glaube übrigens nicht, dass es sich hier um 
geringe Reste von Pepsin handelt, welche das Wasser nicht ausge- 
zogen hat, und die nun durch die Säure gewonnen werden. Im 
Gegentheil, ein solcher vorläufig mit Wasser ausgewaschener Pepsin- 
rückstand ist bisweilen eine wahre Quelle trefflicher Verdauungs- 
tlüssigkeit. Wenn man auf eine gegebene Menge desselben kein zu 
grosses Volum der verdünnten Salzsäure einwirken lässt und die- 
selbe dann abfiltrirt, so verzehrt sie eine hineingeworfene Fibrin- 
Hocke bei 20° in 10 bis 20 Minuten, sie leistet also fast das Äus- 
serste, was in dieser Beziehung bis jetzt überhaupt erlangt worden 



Beitrage zur Lehre von der Verdauung 1 O / 

ist *). Je öfter man die Extraction wiederholt, um so verdünnter, 
aber auch um so reiner wird die Pepsinlösung, so dass dies ein 
schätzbares Hilfsmittel bietet für die Erforschung der chemischen 
Eigenschaften des Pepsins, von denen in einer anderen Abtheilung 
gehandelt werden wird. Auffallend ist es wie lange man die Ex- 
traction fortsetzen kann, ohne das Präparat vollständig zu erschöpfen, 
wenn man ihm nicht auf einmal zu viel Pepsin entzieht. Ich hatte 
einen solchen mit Wasser ausgewaschenen Rückstand auf dem 
Filtrum. Ich verstopfte den Trichter unten mit einem Kork und goss 
verdünnte Salzsäure auf. Nachdem ich dieselbe am andern Tage 
abgelassen und auf ihre Verdauungskraft geprüft hatte, wusch ich 
aus bis das Waschwasser Lackmuspapier nicht mehr röthete, ver- 
stopfte den Trichter, goss wieder Salzsäure auf, und so fort. Auf 
diese Weise konnte ich durch mehrere Monate immer noch Flüssig- 
keiten von, wenn gleich schwachen, doch vollkommen deutlichen ver- 
dauenden Eigenschaften erhalten. Dieser Versuch zeigt, dass auch 
unter der Einwirkung der Salzsäure keinesweges alles Pepsin sofort 
derartig in Lösung übergeht, dass es durch darauf folgendes Aus- 
waschen mit ausgespült werden müsste, sondern dass es nur allmählich 
angegriffen wird, so dass neue Säureportionen noch immer neues 
Pepsin vorfinden. 

Ein ähnlicher Versuch, der mit den Labdrüsen von Kälbermägen 
angestellt wurde, hatte einen von dem bisher beobachteten verschie- 
denen Erfolg. 

Die Schleimhaut im Abomasus der Kälber ist bekanntlich sehr 
weich und zerreisslich; ich präparirte sie desshalb nicht ab, sondern 
Hess sie mit einem hölzernen Messer von 4 gewaschenen Kalbsmägen 
abschaben, um die so erhaltenen flockigen Massen dann auf die früher 
beschriebene Weise auszuwaschen. Die Cylinderzellen quollen da- 
bei stark auf, lösten sich von ihrem Mutterboden und wurden nach 
und nach mit der schleimig trüben, sich schlecht absetzenden Flüs- 
sigkeit abgehoben. Die sich rasch senkenden Lappen zeigte die 



') Ich habe päter aus frischen Schweinsmägen Pepsinlösung dargestellt . welche 
Fibrinflocken bei 20° in noch kürzerer Zeit auflöste, aber ich kann nicht sagen, 
oli der l'ntersehied durch die Verdauungsflfissigkeil oder durch das Fibrin beding! 
war, indem man beim Schlagen von Ochsenblut bald Fibrin erball, das rascher, 
bald solches das langsamer verdaut wird. 



158 Brücke. 

mikroskopische Untersuchung bald als die Membrana proprio, der 
Drüsenschleimhaut, mit den Lahzellen in den Schläuchen und etwas 
bindegewebiger Stroma zwischen denselben. Trotzdem, dass ich 
das Auswaschen bis gegen das Ende der zweiten Woche fortsetzte, 
zog blosses Wasser noch immer beträchtliche Mengen Pepsin aus, 
wenn jene Lappen damit in einer Temperatur von 3ö — 38° 0. 
digerirt wurden und zugleich eine Quantität Schleim, die sich beim 
Ansäuern durch die entstehende Trübung zu erkennen gab. 

Frehrichs, der bekanntlich schon vor Jahren Pepsin aus den 
Labzellen erhalten hat *)> gibt an, dass sich dabei die Reaction, ohne 
dass er Säure zusetzte, wochenlang schwach sauer erhalten habe. 
Ohne dies zu bestreiten, kann ich versichern , dass in meinem Falle 
jede Spur von saurer Reaction verschwunden war. 

Ich presste nun eine Portion jener Lappen zwischen Leinwand 
und Fliesspapier in einer starken Schraubenpresse trocken aus und 
digerirte dann die eine Hälfte mit Wasser, die andere mit Salzsäure 
vom Säuregrad = 1. Das Wasser hatte noch wiederum Schleim 
und Pepsin, wenn auch weniger als die Säure, doch immer noch in 
beträchtlicher Quantität aufgenommen, wie die kräftige Verdauung 
zeigte, die sich mit Fibrin durch Ansäuern der Flüssigkeit einleiten 
Hess. War dieses Resultat hierdurch auch den früheren unähnlich, 
so zeigte es doch wieder ebenso wie sie, dass man Pepsin in Menge 
aus den Labzellen extrahiren kann, lange nachdem jede Spur von 
saurer Reaction geschwunden ist. Wenn wir also auf diese Ver- 
suche und die anderer Reobachter zurückblicken, so können wir 
sicher schliessen, die organische Substanz, durch welche die Magen- 
verdauung zu Stande kommt und die wir bis jetzt, ohne etwas Näheres 
über sie auszusagen, Pepsin nennen, ist in beträchtlichem Vorrathe 
als neutrale Verbindung in den Labzellen abgelagert. Sie ist durch 
Wasser , das 1 Gran C1H im Litre enthält , stets leicht daraus zu 
gewinnen, lässt sich aber durch nicht angesäuertes Wasser nur 
theilweise mit einiger Leichtigkeit extrahiren. Soll während des 
Lebens der saure Magensaft abgesondert werden, so wird sie also 
wahrscheinlich durch eine saure Flüssigkeit aufgelöst und gelangt 
so mit dieser als Magensaft aus den Drüsen in die Höhle des Magens 
selbst. 



l ) R. Wagn er's Handwörterbuch d. Physiol. Art Verdauung. 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung. 159 

Die nächste Frage ist dann: Woher kommt diese saure Flüs- 
sigkeit? Ehe wir aber diese zu beantworten trachten, müssen wir 
doch untersuchen, ob wir denn jene saure Flüssigkeit, welche in den 
Drüsen das Pepsin auflösen soll, in denselben nachweisen können. 
Es wird sich zeigen, dass dies zwar gelingt, dass aber die Gelegen- 
heit dazu keinesweges so häufig ist, als man vermuthen sollte. Ver- 
suchen wir es zunächst bei den Vögeln , bei denen die einzelnen 
Drüsen mit blossen Augen sichtbare und leicht mittelst Schere und 
Messer isolirbare Körper sind. 

Wenn man eine Taube mit Flügeln und Beinen rücklings auf 
ein gewöhnliches kleines Vivisectionsbrett bindet, so kann man ihr 
mit Leichtigkeit und fast ohne einen Tropfen Blut zu verlieren, den 
Kropf öffnen. Man findet die innere Oberfläche desselben stets 
alkalisch oder höchstens neutral, niemals sauer 4 ), derKropf mag leer 
sein oder gefüllt. Eben so verhält es sich mit dem Ösophagus, in 
den man leicht von der Kropfwunde aus ein Lackmuspapier mittelst 
einer stumpfen, dünnschnabligen Schieber-Pincette einführen kann ; 
sobald man aber bis in den Drüsenmagen gelangt, beginnt ganz 
plötzlich und scharf abgegrenzt stark saure Reaction. Dieselbe 
hängt nicht ab von Milchsäure, die sich aus der Stärke des Körner- 
futters gebildet hat, denn es findet sich jene saure Reaction, und 
zwar anscheinend ungeschwächt, noch bei Tauben, die vier, ja fünf 
Tage lang nur mit reinem getrockneten Blutfibrin , Kochsalz und 
Quarzstückchen gefüttert sind und keine Spur von vegetabilischem 
Futter im Kropf und Magen haben; ja bei solchen, welche dieselbe 
Zeit hindurch vollständig fasteten. Die Säure stammt also offenbar 
aus den Drüsen des Drüsenmagens. Man sollte also auch erwarten, 
sie dort in Menge angehäuft zu finden; das ist aber durchaus nicht 
der Fall. Man tödte die Taube, öffne sie schnell, löse von einer 
Stelle des Drüsenmagens die Muskelhaut ab, schneide dann mit der 
gekrümmten Schere ein Stück aus den darunter liegenden Drüsen- 
körpern, ohne die Schleimhaut mitzufassen, und zerquetsche dieses 
Stück zwischen blauem Lackmuspapier, man wird sehen, dass es 
neutrale oder doch nur äusserst schwach saure Reaction zeifft. Selbst 



') Man darf sieh nicht dadurch täuschen lassen, dass hei getödteten Tauben auch das 
Innere des Kropfes sauer reagirt. Uies rührt von saurer Flüssigkeit her, die wäh- 
rend des Todeskampfes aus dem Magen heraufgestossen worden ist, 



160 Brücke. 

wenn das Thier in voller Verdauung ist, verhält sich die Sache 
nicht anders. Wenn also auch Säure in den Drüsen ist, so ist es 
doch so wenig, dass sie in Vermischung mit den (ihrigen Elementen 
des Drüsenparenchyms ganz oder doch nahezu neutralisirt erscheint. 
Es ist sicher eine höchst auffallende und überraschende Thatsache, 
im Innern des Magens eine verhältnissmässig so grosse Säuremenge 
zu finden, deren Quelle, wie ich ohen gezeigt habe, unzweifelhaft 
die Labdrüsen waren, und in denselben auch während der Verdauung 
neutrale oder nur sehr schwach saure Reaction. Wenn man freilich 
den Magen eines Säugethieres längere Zeit nach dem Tode unter- 
sucht, so findet man das Drüsenparenchym entschieden sauer, aber 
das rührt nur von Leichenimbibition mit Magensaft her, die sich durch 
die ganze Dicke der Magenwaud und bekanntlich oft noch viel weiter 
fortsetzt. 

Ich nuiss hier an eine interessante Beobachtung von Ber nard 
erinnern, die sich in den Lecons sur les proprietes pkysiologiques 
et les alterations pathologiques des liquides de V organisme T. II, 
p. 375 findet. Hier heisst es: 

Experiences sur le suc gastrique (janvier I8;i0). Sur nn 
lapin ayant peu mange, ou a injecte dans la veine jugulaire wie 
dissolution de lactate de /'er, puis wie dissolutiou de prussiate de 
potasse, les deux dissolutions etaient tiedes. 

Trois quarts dheure apres, V animala e'te sacrifie, et ä I au- 
topsie on na constate la coloration bleue dans le tissu d'aucun 
organe. Les urines elles-memes , qui etaient alcalines et troubles, 
u etaient pas bleues, quoiqu elles continssent du prussiate de 
potasse et du sei de fer, car il suffisait d' ajouter quelques gouttes 
d'acide chlorhydrique ou sulfurique pour faire apparaitre imme- 
diatement la coloration du bleu de Prusse. V instuntuucite de In 
reaction et son intensite ne permettent pas de confondre cette 
reaction avec Celle qui se produirait lentement par suite de V actio u 
de V acide energiqne sur le jirussiate de potasse lui-meme. En 
ouvrant ensuite le canal intestinal, on trouva une coloration bleue 
sur la surface muquense de V estomac, et particulicrement sur la 
partie qui repond ä la petite courbure de cet organe. Mais cette 
coloration e'tait tont ä faxt superficiale; ce n etait qu ä la surface 
de la membrane muqueuse qu existaicnt des parcclles de bleu de 
Prusse: et t examen microscopique ne pcrmit pas de constater la 



Beitr;if(f zur f. ehre von Her Verdauung, 161 

presence du bleu de Prusse dans les glandules stomacales. Cette 
experience ävait ete instituee afin de dSterminer exactemenl les 
glandes qui se'cretent le suc gastrique dans V estomac. On admet, 
en c/fet. qu'il g a deux especes de glandes dm/s la membrane 
muqueuse stomacale, les unes destinSes ä la säcrStion du mucus, 
/es untres a celle du suc gastrique : mais c est lii une pure suppo- 
sition anatomique plutot qunn fait physiologiquement etab/i. Or, 
voici d' apres quel raisonnement favais inst/tue {'experience pre- 
ccdente. V Observation nous ayant montre qu' et/ injectant dans 
le s/mg du lactate de fer et du prussiate de potasse, la combinaison 
de ces deux substances nc peut pas s' effectuer dans le saug qui 
est im milieu alcalin, contenant en outre des substances albumi- 
noides qui genent les reactions. Ce n est que lorsque ces deux 
substances viennent a passer du sang dans une sccretion acide que. 
trouvant les conditions favorables de la reaction, il g a formation 
de bleu de Prusse. 

Or, c est pre'cise'ment ce qui a Heu pour le suc gastrique, qui 
est constamment acide, et dans lequel le sei de fer et le prussiate 
de potasse peuvent facilement donner du bleu de Prusse apres 
avoir ete entraines par la secretion. Si le suc gastrique s'Stait 
forme dans certaines glandules avec ses proprie'te's acides caracte- 
ristiques, on devait avoir dans la glande meme un precipite de bleu 
de Prusse indiquant par sott siege /' Organe secreteur du suc 
gastrique. Le resultat de l experience na pas permis de juger ht 
question, puisque le bleu de Prusse, que nous avons rencontre 
n existait pas dans les glandules e/les-memes, mais seulcment a la 
surface de la membrane muqueuse stomacale. Cela permettrail-il 
de supposer que le suc gastrique n'acquiert ses proprie'te's qu en 
dehors des glandes par son melange avec les untres liquides de 
Vestoniac? Sans entrer a ce s/tjet dans aucune Hypothese, nous 
nous bornons ä signaler le fait. 

Es ist für unsern Zweck nicht nöthig, den Versuch in dieser 
Weise zu wiederholen. Man tödte ein Kaninchen durch einen Schlag 
in's Genick, öffne es rasch, löse eine Strecke weit die Muskelhaut des 
Magens ab, und schneide dann vorsichtig mit einer feinen, nach der 
Fläche gekrümmten Schere ein Stück des Drüsenparenchyms weg. 
Ist man dabei nirgends bis zur inneren Oberfläche vorgedrungen, so 
wird man sich überzeugen, dass man es zwischen blauem Lackmus- 



1 62 Brücke. 

papier zerquetschen kann, ohne einen rothen Fleck zu erzeugen, 
wahrend die geringste Spur von eben jener inneren Oberfläche einen 
solchen hervorruft. Um nun zu untersuchen, ob vielleicht, wie dies 
Bernard andeutet, der Labdrüsensaft erst durch Vermischung mit 
einem andern Secret sauer werde, wusch ich den Drüsenmagen einer 
seit vier Tagen mit Fibrin gefütterten Taube so lange mit Wasser aus, 
bis er keine saure Reactiou mehr zeigte, und steckte ihn dann in eine 
der Seitentaschen des Kropfes einer lebenden Taube. Die Taube war 
gefesselt und der Drüsenmagen wurde durch eine künstliche Öffnung 
nachdem ich mich vorher überzeugt, dass im Kropf nirgends saure 
Reaction sei, in denselben eingebracht. Als ich ihn nach zwei Stun- 
den herauszog, zeigte er deutlich saure Reaction , und eben so die 
Stelle des Kropfes, an welcher er gelegen hatte. 

Ich tödtete nun eine Taube, die seit vier Tagen mit Fibrin 
gefüttert war, und legte den bis zum Verschwinden der sauren Reac- 
tion ausgewaschenen Drüsenmagen mit einem Stück des Kropfes in 
ein Probirglas, übergoss ihn mit so viel Wasser, dass er bedeckt war, 
digerirte bei 38° C, und die saure Reaction trat wieder ein. Jetzt 
machte ich denselben Versuch ohne Kropfstücke mit blossen Drüsen- 
mägen, von denen ich auch den Ösophagus vollständig getrennt hatte. 
Das Resultat war dasselbe. Ich musste nun noch den Verdacht ent- 
fernen, als ob etwa im Innern der Drüsen docli noch freie Säure vor- 
handen gewesen, die bei der Digestion an die Oberfläche gekommen 
wäre. 

Ich zerrieb desshalb Drüsenmägen von Tauben mit Steinschnei- 
derquarz in einer Achatschale, um die Säurebildung in dem so erhal- 
tenen Brei zu beobachten; es gelang mir nicht, diesen letzteren in 
vollkommen neutralem Zustande zu erhalten. Obgleich die einzelnen 
Drüsenkörper zwischen blauem Lackmuspapier zerquetscht keinen 
rothen Fleck gaben und obgleich die Oberfläche bis zum Verschwin- 
den der sauren Reaction gewaschen war, so röthete der erhaltene 
Brei doch immer, wenn auch sehr schwach, Lackmuspapier; wahr- 
scheinlich weil sich schon während des Verreibens wieder etwas 
Säure bildete. Diese nahm freilich durch Digestion deutlich zu, aber 
ich wünschte doch in Besitz eines schlagenderen und netteren Ver- 
suches zu sein. Zu dem Ende fütterte ich ein Huhn vier Tage lang 
mit Fibrin, fesselte es, öffnete ihm den Kropf, spritzte ihm durch den 
Ösophagus gebrannte Magnesia mit Wasser in den Drüsenmagen und 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung. 163 

tödtete es noch ehe ich die Spritze wieder herauszog. Darm öffnete 
ich es schnell, befreite den Drüsenmagen von den anhängenden Thei- 
len, löste die Muskelhaut ab und zerrieb nun die Drüsen sammt der 
Schleimhaut mit Steinschneiderquarz. Der so erhaltene Brei mit den 
darin vertheilten noch nnzerkleinerten Fetzen zeigte keine Spur 
saurer Reaction. Ich leerte das Ganze in ein Probirglas und brachte 
dies in ein Wasserbad, das ich auf 38° C. erwärmte. Dann liess ich 
es, da es Abend war und ich das Laboratorium verlassen musste, in 
der Nähe des Ofens stehen, damit es noch einige Zeit seine erhöhte 
Temperatur behalte. Arn andern Morgen reagirte die Masse deutlich 
und entschieden sauer, indem sie ein hineingetauchtes blaues Lack- 
muspapier unverkennbar röthete. 

Bei der äusserst geringen Menge der so gewonnenen Säure 
konnte ihre Natur begreiflicher Weise nicht direct ermittelt werden. 
Ich kochte desshalb den Drüsenmagen von Tauben , die durch vier 
Tage kein anderes Futter als wohlgewaschenes Blutfibrin erhalten 
hatten, mit verdünnter Schwefelsäure, und sättigte mit reinem kohlen- 
sauren Kalk, der durch Fällen von Chlorcalciurnlösung mit kohlen- 
saurem Natron erhalten war. Zu der abfiltrirten Flüssigkeit wurden 
einige Tropfen kohlensauren Natrons gesetzt und nochmals filtrirt. 
Das Filtrat, mit Ätzkali versetzt, bräunte sich beim Erwärmen und 
reducirte schwefelsaures Kupferoxyd und basisch salpetersaures VVis- 
muthoxyd. Da das wässerige Decoct der Drüsensubstanz durchaus 
keine reducirenden Eigenschaften besitzt und im Magensaft Milch- 
säure gefunden ist, so Hessen diese Reactionen vermuthen, dass in 
den Drüsen ein Körper abgelagert sei, der mit Schwefelsäure gekocht 
Zucker, durch freiwillige Zersetzung in der Drüse bei einer Tempe- 
ratur von einigen dreissig Graden Milchsäure bilde; die Darstellung 
eines solchen Körpers aus der Magenschleimhaut oder den Magen- 
drüsen von Tauben und Hühnern ist mir aber bis jetzt nicht gelungen. 
Immerhin blieb das Factum, dass in den Drüsen selbst die Elemente 
zur Bildung einer Säure gegeben seien, und ich habe endlich später 
Gelegenheit gehabt, trotz der vorerwähnten negativen Erfolge, mich 
unmittelbar zu überzeugen, dass in der That der saure Magensaft als 
solcher im Innern der Drüsen gebildet wird und dass der Mangel 
an saurer Reaction, den der Durchschnitt der Drüsen 
in der Regel zeigt, nur daher rührt, dass das saure 
Secret eben sehr vollständig ausgestossen ist. Die 



1 64 B r ii c k e. 

zusammengesetzten Drüsen des Hühnermagens sind verhältnissmässig 
gross und haben in ihrem Innern eine beträchtliche Höhle, in die 
sämmtliche Tubuli einmünden. Hierin habe ich nun bisweilen stark 
saure Reaction, wie sie der Magensaft selbst zeigt, beobachtet. Sie 
war nicht überall gleichmässig verbreitet, sondern zeigte sich nur in 
einzelnen Gruppen, und die Drüsen, an denen sie beobachtet wurden, 
zeichneten sich vor den übrigen durch ihren Reichthum an flüssigem 
Inhalte aus. Ich habe diesen sauren Saft im Innern der Drüsen selbst 
an einem Huhne beobachtet, das sechs Tage lang nur mit Fibrin 
gefüttert war und dessen Magen ich unmittelbar vor dem Tode in 
der oben erwähnten Weise mit Maguesiamilch ^Magnesia asta mit 
Wasser) ausgespritzt hatte, so dass die Schleimhaut-Oberfläche keine 
saure Reaction zeigte. 

Es kann also kein Zweifel mehr darüber bestehen, das Secret 
der Labdrüsen ist sauer schon im Innern der Drüsen noch ehe es mit 
anderen Flüssigkeiten in Rerührung kommt, und wenn das Innere der 
Drüsen, wie dies allerdings meistens der Fall ist, wenig oder gar 
nicht sauer gefunden wird, so liegt dies eben nur daran, dass wenig 
oder gar kein Secret darin enthalten ist. 

Da wir zugleich gesehen haben, dass sich im Drüsenparenchym 
eine Substanz befindet, welche auch nach dem Tode und ausserhalb 
des Organismus zur Säurebildung Veranlassung gibt, so könnte sich 
die Vorstellung von der Bereitung des Magensaftes auf den ersten 
Anblick sehr einfach gestalten. Man könnte denken : In den Labzellen 
wird Pepsin und säurebildende Substanz abgelagert, die letztere geht 
eine freiwillige Zersetzung ein, die so gebildete Säure löst einen Theil 
des Pepsins auf und transsudirt mit ihm in das Lumen der Drüse, 
von wo sie als succus gastricus in den Magen gelangt. Bei näherer 
Betrachtung wird sich aber die Unzulänglichkeit dieser Vorstellung 
leicht ergeben. 

Zunächst würde die so gebildete Säure doch nur eine organi- 
sche, wahrscheinlich Milchsäure, sein können. Schmidt hat aber 
nachgewiesen, dass im Magensafte, wenigstens bisweilen, so viel 
Chlor enthalten ist, dass die vorhandenen Metalle nicht ausreichen, 
um dasselbe vollständig in Chlormetallen zu binden, dass man also 
hier das Vorhandensein von freier Chlorwasserstofl'säure annehmen 
muss. Wollten wir diesen Zustand aus der oben erwähnten Vor- 
stellung erklären, so müssten wir annehmen, dass die Milchsäure 



Beitrüge zur Lehre von der Verdauung. 161) 

Chlormetalle zersetzt habe, die so gebildeten milchsauren Salze ganz 
oder theilweise resorbirt worden seien, während die freie Chlorwas- 
sers toffsäur e im Magen zuriiekblieb; ein Vorgang, dessen Mechanik 
sieb keineswegs ohne weitere Voraussetzung begreifen lässt. 

Ein zweiter bedenklicher Punkt ist das Missverhältniss der 
Säuremenge, welche man durch Digestion der gewaschenen Magen- 
schleimhaut erhält , und derjenigen, welche im Leben abgesondert 
wird. Erstere ist unverhältnissmässig gering. Im günstigen Falle ist 
es eben so viel, dass blaues Lackmuspapier deutlich und entschieden 
geröthet wird, während andererseits bekannt ist, welche Säuremen- 
gen im Leben in verhältnissmässig kurzer Zeit von der Magenschleim- 
haut abgesondert werden können. Schreibt man ferner der Säure 
keine besondere Tendenz zu, an die innere Oberfläche zu gelangen, 
so wird bei der steten Diffusion mit dem alkalischen Blute, das die 
Membrana proprio, der Labdrüsen bespült, offenbar der grössteTheil 
der gebildeten Säure für die Secretion verloren gehen und es würde 
desshalbnoch weniger zu begreifen sein, wie eben diese Secretion an 
Säure so reich sein kann. Unmittelbar nach dem Tode finden wir die 
zerquetschten Pepsindrüsen in der Regel neutral oder doch sehr 
schwach sauer, einige Zeit nach dem Tode dagegen ist nicht allein 
die Schleimhaut, sondern auch die Muskelhaut von Säure durchtränkt, 
die sich bereits den Nachbargebilden mitgetheilt hat; ja wir kennen 
Fälle, in denen der ganze Magen und ein Theil der anliegenden Ein- 
geweide verdaut war. Bernard sah an Thieren, die in der Ver- 
dauung getödtet und bei einer Temperatur, die sich der Blutwärme 
näherte, aufbewahrt waren, die halbe Leber, die Milz und selbst 
einen Theil des Darmcanals zerstört. Welche Mengen von Säure 
müssten hiernach bei der Verdauung gebildet und welche Mengen in 
das Blut resorbirt werden, wenn im Leben wie nach dem Tode zwi- 
schen der Säure und der alkalischen Säftemasse, dem stets in neuen 
Mengen durch die Schleimhaut strömenden alkalischen Blute, freie 
Diffusion stattfände, wenn nicht die Säure durch eine besondere Ein- 
wirkung nach innen von den Labzellen festgehalten würde, und wie 
klein ist dagegen die Menge von Säure, welche wir thatsächlich durch 
Digestion der gewaschenen Schleimhaut erhalten, seihst wenn wir 
zugeben, dass vielleicht ein Theil derselben durch gleichzeitig gebil- 
dete basische Zersetzungsproducte verdeckt war! 



jßß Brücke. 

Wir sehen uns also genöthigt, der Säure eine besondere Ten- 
denz nach der Innenseite der Schleimhaut zuzuschreiben , wenn wir 
uns auch vorläufig keine Rechenschaft geben können, wie dieselbe 
zu Stande kommt. 

Wenn wir uns aber einmal dieser unabweisbaren Anforderung 
der Einführung einer unbekannten Grösse gefügt haben, so sind da- 
mit auch die wesentlichen Schwierigkeiten überwunden. Es begreift 
sich dann die Möglichkeit, dass die saure Reaction auf die Innenseite 
der Drüsen beschränkt bleibt, ohne dass man annimmt, es dringe 
zwar fortwährend Säure in Menge tiefer in die Gewebe ein, werde 
aber sofort durch das Blut neutralisirt und ausgewaschen. Man 
begreift ferner wie die zerquetschten Drüsen unmittelbar nach dem 
Tode neutral oder doch nur ganz schwach sauer sein können. Sie 
haben ihr Secret entleert und das Gewebe selbst ist nicht mit saurer, 
vielleicht gar mit alkalischer Flüssigkeit getränkt, so dass durch 
diese noch ein etwaiger Rest sauren Inhaltes neutralisirt werden kann. 

Man begreift aber auch, dass die im Mageninhalte des in der 
Verdauung getödteten Thieres in grosser Menge enthaltene Säure 
nach dem Tode, wenn eben jener Einfluss, der sie nach der 
Innenseite der Schleimhaut zu bannte, nicht mehr vorhanden ist, 
die Gewebe durchdringt und sie unter Mitwirkung des Pepsins zer- 
stören kann. 

Es macht dann auch das Vorkommen von freier Chlorwasser- 
stoffsäure im Magen keine Schwierigkeit mehr, denn wenn wir ein- 
mal annehmen, dass hier Kräfte wirksam sind, welche die Säuren 
nach der einen, die Basen nach der anderen Seite treiben, so ist 
auch die Entstehung der Chlorwasserstoffsäure aus den in Menge 
vorhandenen Chlormetallen leicht begreiflich *). 

Endlich muss noch darauf aufmerksam gemacht werden, dass 
nicht unwahrscheinlich gerade aus der Anhäufung der Säure an der 



') Unter den an sauren Secreten wirbelloser Thiere gemachten Erfahrungen, die 
meiner Ansieht nach dieselhe Hypothese unabweislich zu ihrer Erklärung- erheischen, 
will ieli hier nur eine anführen, die mir besonders schlagend scheint. Aissich 
Johannes Müller undTroschel im Herbste 1SH3 in .Messina befanden, sah 
letzterer, dass der (sogenannte) Speichel, den ein kraftiges Exemplar von 
Doliutn galea Lam. auf die Kalksteinplatten des Estrichs sprit/.te . auf demselben 
sofort in Schaum verwandelt wurde. Er sammelte von einer Menge Exemplaren 
der dort häutigen Schnecke eine ziemliche Quantität Flüssigkeit, die Boedecker 
analvsirte. 



Beitrüge zur Lehre von der Verdauung. 1 ()7 

Innenseite des Labdrüsensystems eine Hilfe für die Secretion als 
mechanischen Act entsteht, indem dadurch zugleich die Diffusions- 
verhältnisse wesentlich und vielleicht in dem Sinne geändert werden, 
dass das in der sauren Flüssigkeit leicht lösliche Pepsin mit dieser 
als Magensaft reichlich aus der Drüse quillt, dass somit der wirk- 
same Magensaft reichlicher abgesondert wird, als es unter übrigens 
gleichen Umstanden ohne jene Anhäufung der Säure der Fall sein 
würde. 

Aber woher sollen wir die Kräfte ableiten, welche hier trennend 
wirken? 

Wir wissen aus vielfältiger Erfahrung , dass die Secretion des 
Magensaftes unter dem Einllusse des Nervensystemes steht, wir 
wissen, dass die innere Oberfläche des Magens im nüchternen 
Zustande bei Säugethieren oft neutral und seihst alkalisch reagirl, 
dass aber sofort saurer Magensaft zuflicsst, wenn Speisen eingenommen 
werden, ja dass derselbe schon durch mechanische Reizmittel er- 
halten werden kann; wir müssen also jene Einwirkung, deren (Quelle 
wir suchen, zunächst vom Nervensystem ableiten, wenn wir diesem 
damit nicht etwas zumuthen was es keinenfalls zu leisten im Stande 
ist. Das Letztere scheint mir nicht der Fall zu sein. Wir wissen, 
dass das Nervensystem im Zusammenhang mit gewissen Structuren, 
die wir Muskeln nennen, deren elektromotorische Eigenschaften 
plötzlich und wesentlich verändert und dabei beträchtliche mecha- 
nische Kräfte zur Wirksamkeit bringt; wir wissen, dass das Nerven- 
system in Verbindung mit gewissen anderen Structuren dieselben 
plötzlich in heftig wirkende elektrische Apparate verwandelt; können 
wir es hiernach bei dem nahen und unmittelbaren Zusammenhange 
der elektrischen Erscheinungen mit denen der chemischen Zer- 
setzung so unw ahrscheinlich linden , dass ein Theil des Nerven- 
systems in Verbindung mit den Labdrüsen die Fähigkeit besitze, 



Sic ergab in 100 Theilen : 
ii 4 freie wasserfreie Salzsäure (II. Cl), 

2-7 freies Schwefelsäurehydral (HO. SO 3 ) = 2-2 Proc. wasserfreie Schwefelsäure, 
1-4 wasserfreie, mit Basen /.u neutralem Snl/.e verbundene Schwefelsäure, 

IG Magnesia. Kuli. Natron, etwas Ann i;ik sehr wenig K ulk. nebsl organischer 

Substanz, 
93-9 Wasser, 



LOO ii 

PoggendorfT's Annalen X» III. tili 

.ui. . ,1. inalhein.-naturw. Cl. WWII Bd. Ni I 1 - t'i 



1 68 ' ! '■ » «■ k '■• 

die Sauren nach deren innerer Oberfläche, die Basen nach der ent- 
gegengesetzten Richtung hin zu dirigiren? Man kann sich dann, 
wie oben erwähnt, denken, dass durch diesen Vorgang und durch 
die Veränderung, die er in den Löslichkeits- und Diffusionsverhält- 
nissen hervorruft, die Absonderung des Magensaftes, wie wir sie im 
Leben beobachten, vom Nervensystem aus eingeleitet wird. Dies 
scheint mir die Richtung zu sein, nach welcher sich unsere For- 
schung zunächst zu wenden hat; wir müssen nur, ehe wir hier weiter 
vorzudringen suchen, die Sicherheit haben, dass keine Thatsache 
bekannt ist, welche sich mit der eben entwickelten Vorstellung 
unvereinbar zeigt. Ich kenne keine solche. Man könnte anführen, 
dass Bidder und Schmidt Hunde, deren Vagi am Halse durch- 
schnitten waren, noch sauren Magensaft absondern sahen J ) . ja dass 
dessen gewogene Menge und durch Sättigen mit Kali bestimmter 
Säuregehalt grossentheils gar nicht unbeträchtlich war; aber solche 
Erfahrungen beweisen offenbar nur, dass es die eben hier durch- 
schnittenen Nervenbahnen nicht waren, auf welchen die Impulse 



') Ich habe mehrere Versuche über den Einfluss der Vagi auf die Seeretion \<>n saurem 
Magensaft au Tauben angestellt und will liier beispielsweise nur einen mittheilen, 
dessen Resultat laut genug für sieh selber spricht, leb hatte eine junge aber starke 
und ausgewachsene Haustaube fünf Tage lang mit gut gewaschenem Blutlibrin gefüt- 
tert; dann durchschnitt ich ihr beide Vagi , die leicht von der Rückseite des Halses 
von einer median angelegten Hautwunde erreicht werden. Hierauf liess ich sie 
noch fünf Tage auf Fibrinfutter. Sie war frisch und inunter, aberstark abgemagert 
und als ich sie auf das Vivisectionsbrett band , um eine Kropffistel anzulegen, spie 
sie eine grosse Menge neutraler trüber Flüssigkeit mit der ihr Kropf angefüllt 
gewesen war. Es ist dies eine schon durch Bernard (Syst. nerv. II. 4'iS) bekannte 
Erscheinung, die daher rührt, dass die Thiere wohl aus dem Schnabel in den Kropf, 
aber nicht aus dein Kröpfe in den Magen schlingen können. Nach Anlegung der 
Fistel fand sich auch eine beträchtliche Menge von unverdautem Fibrin im Kröpfe 
das in den Seitentaschen desselben angehäuft war. Als ich ein Lackmuspapier durch 
die Fistel in den Ösophagus einbrachte, fand ich, dass da, wo der Drüsenmagen 
anfing, auch saure Reaction begann. 

Ich kannte diese Stelle aus früheren Versuchen an gesunden Tauben sehr genau. 
indem ich den Schnabel einer Frick'sehen l'ineette mit einem Streifen blauen Lack- 
muspapiers umwickelte und ihn sicis iiis zur selben Tiefe einführte. Nun tödtete 
ich das Thier, öffnete den Drüsen- <u\<\ Muskelmagen und fand in letzterem auch 
nicht eine Spin- einer verdaulichen Substanz, sondern nur Steine und ausserdem 
eine sehr grosse Menge einer stark stark sauren durch beigemischte Galle 
grün gefärbten Flüssigkeit, eine so grosse Menge, wie ich sie bei gesunden Tauben 
seihst während der rollen Verdauung nie gesehen halte. Auch bei anderen Tauben, 
deren Wagen ich kürzere oder längere Zeil nach Diirchschneidung der Vagi geöffnetj 
habe ich den Inhalt nie neutral oder alkalisch, sondern immer stark sauer gefunden, 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung-. 160 

für die Absonderung geleitet werden: man kann sich auf sie nicht 
stützen, um den Nerveneinfluss im Allgemeinen in Abrede zu stellen, 
was übrigens von Seiten der genannten Autoren auch keinesweges 
geschieht. 

In der Thal hat Pinkus 1 ) nach Durchschneidung der Vagi im 
Foramen oesophageum den Magensaft alkalisch gefunden, aber die 
operativen Eingriffe waren so bedeutend, die beobachteten Erschei- 
nungen so complicirt und die Thiere erlagen den Versuchen in so 
kurzer Zeit, dass dieselben für unseren Zweck nicht ohne weiteres 
verwerthet werden können. 



III. Jilit'r Üic )mii)urtt\ raefdje (jjiijjiieretroeijj miö JM'iidtliriii liei der 
lüiiifduljeii tfprluiuumj gelini. 

Ich hatte die Absicht, die Verdauungsproducte erst in einer 
spateren Abtheilung dieser Beiträge zu behandeln, aber zwei Publi- 
cationen der neueren Zeit bestimmten mich, ihnen schon jetzt ein 
Capitel zu widmen, wenngleich dadurch die natürliche Reihenfolge 
der Dinge etwas gestört erscheint. Es waren die Abhandlungen 
J. G. Mulder 8 ) über Peptone und die Untersuchungen über die 
Verdauung der Eiweisskörper von G. Meissner 3 ). 

Letzterer spricht sich dahin aus, dass die Verdauungsproducte 
eines jeden Eiweisskörpers Pepton und Parapepton seien. Als letz- 
teres bezeichnet er den Körper, der beim Neutralismen der sauren, 
die Verdauungsproducte enthaltenen Flüssigkeit herausfällt, und 
gibt an, dass durch Zusatz von Chlorkalium zu der (Chlorwasser- 
stoff) sauren Lösung salzsaures Parapepton gefällt werde. 

Dass aus den Flüssigkeiten, in denen geronnene Eiweisskörper 
mittelst künstlicher Verdauung gelöst worden sind, gleich nach 
erfolgter Lösung durch Neutralisation oder, wie Meissner richtig 
angibt, schon vor derselben beim Abstumpfen der Säure ein eiweiss- 
artiger Körper gefällt wird, ist sicher und ausser Zweifel. Schon 
Theodor Schwann stiess auf denselben, als er die Verdauungs- 



'I Mci-sniM-'s Bericht über die Fortschritte der Physiologie im Jahre iJS.'iti. s. 35 2 tr. 
-') Archiv für die holländischen Beiträge zur Natur- und Heilkunde (1858), Bd, II. S. 1. 
*) Zeitschrift für rati Ile Medicin. Dritte Reihe. Bd. VII. 

12 ' 



J70 " >' " ° k e - 

producte des Fibrins untersuchte, und bei Mulder finden wir ihn 
wieder als Niederschlag der durch kohlensaures Ammoniak erzeugt, 
beim Überschuss desselben wieder aufgelöst wird. Aber Meissner 
schreibt ihm eine neue Eigenschaft zu, nämlich die, dass er von der 
Verdaiiungsflüssigkeit zwar aufgelöst , aber nicht weiter verändert 
werde, indem er sich durch Neutralisation vollständig und unver- 
ändert wieder daraus fällen lasse. Er befindet sich hierdurch im 
Widerspruch mit mehreren älteren Angaben und insonderheit mit 
den Resultaten jener neueren Arbeit von Mulder, der angibt, dass 
er durch blosse Einwirkung der Verdauungsflüssigkeit alle Eiweiss- 
körper so weit verändert habe, dass durch Neutralisation mit kohlen- 
saurem Ammoniak kein Niederschlag mehr erzeugt werden konnte. 
Dieser Widerspruch muss zuerst gelöst werden. 

Obgleich mir die progressiven Veränderungen, welche die 
Eiweisskörper in der Verdaiiungsflüssigkeit erleiden , aus früheren 
Versuchen bekannt waren, so wollte ich doch, da Meissner mit 
französischem Pepsin gearbeitet hatte, was ich in der Regel nicht 
getliau 1 ), da er ferner mit Kali neutralisirt hatte, während ich mich 
des Ammoniaks bediente etc., noch einen Versuch anstellen. 

Ich mischte Hühnereiweiss mit Wasser, fügte Chlorwasserstoff- 
säure hinzu, bis sich blaues Lackmuspapier violet färbte, filtrirte 
von den Flocken ab, und coagulirte das Filtrat im Wasserbade. Das 
so gewonnene geronnene Eiweiss verdaute ich mittelst französi- 
schen Pepsins und Chlorwasserstoffsäure zu 1 Gramm CHI im Litte 
Wasser. 

Ich Hess die Verdauung nicht in der Wärme, sondern bei 
gewöhnlicher Lufttemperatur vor sich gehen, weil ich schon aus 
Erfahrung wusste, dass dann der Körper, den Meissner Parapepton 
nennt, in grösserer Menge erhalten wird, als beim Digeriren in der 
Wärme, da in letzterer die weitere Zerlegung rascher fortschreitet. 
Die filtrirte Flüssigkeit gab denn auch mit Kali ein reichliches Neu- 
trali sationspräeipitat und wurde durch Chlorkalium und ebenso durch 
Kochsalz und schwefelsaures Natron gefällt. Nun brachte ich sie in 



■) Ich hatte meine Versuche begonnen mit dem unter II erwähnten Pepsin, das ich von 
den Herren DD. Stefan und Lamatsch erhalten hatte, und von dorn ich je nach 
l mständen wässerige oder salzsaure Atiszüge bereitete, später habe ich mir meine 
Verdauiingsflüssigkeil ;m>. frischen Schweinsmägen dargestellt 



Beiträge zur Lehre vod der Verdauung. 

einen Brütofen, in dem sie zwischen 3I> und 38° Cels. gehalten 
wurde. Von Zeit zu Zeit herausgenommene Proben zeigten, dass 
das Neutralisationspräcipitat abnahm. Nach 15 Stunden konnte es 
nicht mehr erhalten werden, und auch Chlorkalium, Chlornatrium etc. 
fällten die Flüssigkeit nicht mehr. 

Das sogenannte Parapepton konnte also weder als solches, noch 
als salzsaures Parapepton gefällt werden. Ich habe ferner das Neu- 
tralisationspräcipitat von durch Hitze coagulirtem und mittelst fran- 
zösischem Pepsin, nach Meissners Angabe, verdautem Hühner- 
eiweiss in neuer Verdauungsflüssigkeit gelöst und durch Digestion 
mit derselben in der Wärme so weit verändert, dass es weder durch 
Neutralisation noch durch Chlorkalium mehr gefällt wurde. 

Meissners Angabe über die l T n Veränderlichkeit des soge- 
nannten Parapeptons in Verdauungsflüssigkeit rührt wahrscheinlich 
daher, dass er seine Versuche bei zu niedriger Temperatur angestellt 
hat. Bei solcher hält sich allerdings der durch Neutralisation fällbare 
Eiweisskörper oft lange Zeit in der Verdauungsflüssigkeit. In meinem 
Tagebuche finde ich unter dem 28. März 1857 einen Verdauungs- 
versuch mit durch Hitze coagulirtem Hühnereiweiss beschrieben, bei 
dem es vom Neutralisationspräcipitat heisst : „Dieses Präcipitat 
erschien noch in einer Portion, die 8 Tage lang am kühlen Orte 
gestanden hatte". 

Wenn man einerseits die eben besprochene Angabe Meiss- 
ners nicht aufrecht erhalten kann, so wird man sich andererseits 
nicht gedrungen fühlen Mulder's Ansicht beizupflichten, dass alle 
zur Resorption kommenden Eiweisskörper erst in das zerfällt werden, 
was er Peptone nennt, das heisst in Körper, die aus der sauren 
Lösung nicht gefällt werden durch: 

Kochen, 
Alkohol, 
Salpetersäure. 
Carbonas Ammoniae, 
Acetas plumbi neuter, 
Gelbes Blutlaugensalz. 
Sulphas Sodae '). 



') M ii 1 de r I. c. p. .'i. 



| 7 2 i; p ü c k o. 

lin diese Veränderungen hervorzubringen, setzte Mulder die 
Eiweisskörper in der Regel 4 Tage der Einwirkung der Verdauungs- 
Hüssigkeil aus, während der sie täglich durch 8 Stunden bei einer 
Temperatur von 40° Celsius erhalten wurden. Diejenigen, welche 
die Lehre von den Peptonen, ihrer ausschliesslichen Resorptions- 
fähigkeit und ihrer Regeneration oder Recomposition zu Eiweiss, 
Fibrin etc. autgestellt oder angenommen haben, sind in der That mit 
befremdender Leichtigkeit hinweggegangen über die Langsamkeit, 
mit der die Peptonbildung erfolgt, oder, wie wir uns lieber aus- 
drücken wollen, über die Langsamkeit, mit der die Reactionen der 
gelösten aber als solcher noch vorhandenen Eiweisskörper ver- 
schwinden; denn nur aus diesem Verschwinden schliesst man auf 
Bildung sogenannter Peptone, da für sie bekanntlich keine positiven 
Reactionen existiren. Fragen wir uns, wie lange im Körper des 
Menschen Zeit zur Peptonbildung gegeben ist? 

ßeaumont gibt nach seinen Beobachtungen an St. Martin für 
sehr volle Mahlzeiten allerdings die Zeit der Magenverdauung auf 
6 und 6y z Stunden an, bei massigen Mahlzeiten war sie aber geringer, 
ja es kommen Beobachtungen wie folgende vor: 

Zweite Beihe, Exp. 43. Um I IVa Uhr zwei gebackene Eier und 
drei reife Äpfel, nach 40 Minuten anfangende Digestion, um \2 l / z übr 
per Magen leer. Exp. 44. An demselben Tage um 2 Uhr geröstetes 
Schweinfleisch und Vegetabilien; um 3 Uhr halbe Chymification, um 
4 Uhr nichts mehr im Magen. Dass diese Zeiten nicht hinreichen die 
Eiweisskörper der gebackenen Eier und des gerösteten Bindfleisches 
vollständig in sogenannte Peptone überzuführen, wird jedem einleuch- 
ten, der sich mit Verdauungsversuchen beschäftigt hat, namentlich 
wird er wissen, dass dies in Versuch 44 nicht um 4 Uhr der Fall sein 
konnte, wenn um 3 Uhr erst halbe Chymification beobachtet wurde. 

Hören wir ferner W. Busch in seinem so lehrreichen Beitrage 
zur Physiologie der Verdauungsorgane *). Er beobachtete die Zeit 
nach der die genossenen Nahrungsmittel in einem im oberen Theile 
des Dünndarms befindlichen anus 'praeternaturalis zum Vorschein 
kamen. Er sagt: „Wurde ein Nahrungsmittel gegessen, welches 
leicht wieder zu erkennen war, wie Fleisch, Eier oder ein Gemüse, 
Brod etc., so sah man durchschnittlich zwischen lö und 30 Minuten 



') Virchow's Archiv, Bd. XIV. (lS.'iS.) S. 140. 



Beiträge zur Lehre \un der Verdauung 173 

die ersten Nahrungsbrocken zum Vorschein kommen. Um aus der 
grossen Menge von Beobachtungen Beispiele zu gehen , folgen hier 
einige, in welchen die kürzeste und längste Frist, welche überhaupt 
beobachtet wurde, enthalten sind. 

Gekochte Eier nach 26 Minuten, 



» n n 


20 


,, 


3S 


Kohl nach . . . 


10 


,, ... 


1o 


Fleisch nach . . 


30 


w » 


22 


Mohrrüben nach . 


12 


Kartoffeln „ . 


lö 



„ II. s. w. 

Wenn eine reichliche Mahlzeit genommen war, so dauerte es 
durchschnittlich 3 — 4 Stunden bis alles entfernt war. Einzelne kleine 
Spürchen fanden sich zwar auch noch später vor, erscheinen dann 
aber als verirrte Partikeln in der Masse des neugenossenen. Die ein- 
zige Ausnahme bildete hiervon, dass wenn Abends eine grosse Portion 
von Nahrungsmitteln verzehrt wurde, diese nur zum Theil des Abends 
abgingen, während der andere Theil erst am frühen Morgen zum 
Vorschein kam". 

Wenn Fleisch und Eier in der Fistelöffnung noch als Brocken 
erkannt wurden, so konnten sie selbstredend nicht in Peptone um- 
gewandelt sein, im Gleichen fand schon Gme lin im Dünndarm durch 
Hitze gerinnbares Eiweiss wieder und Busch hat dies bestätigt. 

Mulder erkennt selbst an, dass die Peptonbildung im Magen 
nicht vollendet werden könne, aber er meint sie werde im Darm- 
canal fortgesetzt. 

Die Versuche über künstliche Verdauung lehren, dass dieselbe 
mit dem Schwinden der sauren Beaction aufhört und einem ganz 
anderen Zersetzungsprocesse Platz mach). Im Dünndarm aber nimmt 
der Speisebrei durch die Zumischung alkalischer Secrete sehr bald 
neutrale, dann alkalische Beaction an. Versuche über künstliche Ver- 
dauung lehren ferner, dass die Galle, in einiger Menge derVerdauungs- 
Qüssigkeit zugemischt, ihre Wirkung völlig aufhebt, auch wenn das 
Gemenge sauer reagirt. Die hierüber gemachten Angaben sind voll- 
kommen richtig. Im Duodenum nun wird dem Speisehrei die Galle 



174 Brück e. 

in reichlicher Menge zugemiseht; die Annahme, dass im weiteren 
Verlaufe des Dünndarms die Poptonbildung noch fortgesetzt werde, 
wird also durch unsere künstlichen Verdauungsversuche keineswegs 
wahrscheinlich gemacht. Es ist kein Zweifel , dass noch weiter und 
weiter ein Auflösungs- und Umwand lungsprocess stattfindet, dass 
alter die Producte desselben identisch seien mit denen, welche die 
andauernde Einwirkung des sauren Magensaftes hervorbringt, diese 
Annahme ist, wenn man die Verschiedenheit der Pieaction und die 
Verschiedenheit der wirkenden Agentien berücksichtigt, vor der Hand 
in so weit ganz willkürlich, als jene Peptone wirklich, wie dies 
Mulder von den seinen aussagt, Producte der chemischen Zer- 
setzung, nicht blos Producte der Auflösung und des mechanischen 
Zerfalls sein sollen. 

L. Corvisart lehrt freilich geradezu, dass der suecus pancrea- 
ticus die Eiweisskörper in wahre Peptone verwandle; die Gründe, 
welche er dafür angibt, sind aber nicht genügend. Prüfen wir sie 
einzeln : 

1. DasVerdauungsproduct soll bei derT rommer'schen Zucker- 
probe die Rednction des Kupferoxyds zu Oxydul gehindert haben, 
wie dies nach Longe t die aus der Magenverdauung hervorgehenden 
Körper (sogenannte Peptone) thun. Dieser Grund ist schon desshalb 
ohne alle Bedeutung, weil Longe t's Angabe, wie schon Meissner 
richtig bemerkt, auf einem Irrthum beruht. Die Rednction des Kupfer- 
oxyds geht ungestört vor sich, aber das gebildete Oxydul bleibt, wo 
es nicht in sehr grosser Menge vorhanden ist, in Lösung. Dies kann 
erlab rungsmässig durch so viel verschiedene Körper bedingt sein, 
dass niemand im Ernste daran denken wird, hieraus einen diagno- 
stischen Charakter zu machen. 

2. DasVerdauungsproduct, das aus coagulirtem Eiweiss erhalten 
war, gerann in der Hitze nicht. Kennt man denn bis jetzt irgend 
ein Lösungsmittel, durch das man aus durch Hitze geronnenem 
Eiweiss eine Flüssigkeit erhielte, die beim Kochen noch einmal 
gerinnt ? 

3. Eine Reihe von Reagentien . nämlich: Kali, Essigsäure, 
Salpetersäure, Pikrinsäure, schwefelsaure Thonerde, Platinbichlorür 
brachten in beiden Flüssigkeilen (der, in welcher geronnenes Eiweiss 
mit Pepsin, und der, in der es mit sogenanntem Pankreatin verdaut war), 
die übrigens vorher aufgekocht und liltrirt waren, keinen Nieder- 



Beiträge Mir Lehre von der Verdauung. | < ,) 

schlag hervor. Es ist k;tiiin nöthig zu bemerken; dass dergleichen 
negative Charaktere nicht die chemische Identität zweier Lösungen 
beweisen können, so hinge nicht die Verbindungen, welche möglicher 
Weise darin enthalten, der Zahl nach begrenzt und einzeln in ihrem 
Verhalten gegen die erwähnten Reagentien bekannt sind. 

4. Quecksilberdeutochlorür, essigsaures Blei- und salpetersaures 
Silberoxyd brachten in beiden Flüssigkeiten Fällungen hervor. — 
Die Niederschläge sind nicht auf ihre Identität untersucht und können 
desshalb nichts beweisen. 

5. Galle brachte in beiden Flüssigkeiten, wenn sie sauer waren, 
Trübungen hervor, die in einen Überschuss von Galle sich wieder 
autlösten. 

Es ist schwer zu begreifen, wie der Verfasser diese Reaction 
unter denen aufführen kann, welche die Identität beider Verdauungs- 
produete beweisen soll, da er selbst auf Seite 28 mit voller Berech- 
tigung sagt: Nous avons reconnu precedemment que le preeipite 
forme au contact de la bile et du chyme n'etait point forme par les 
aliments digeres ou peptones, puisqu'il se forme on leur absence 
absolue. 

Liest man endlich, dass schon das Ansehen der beiden Flüssig- 
keiten vor der Filtration verschieden war, indem die eine als laiteux, 
die andere als sirupeux beschrieben wird, so sieht man nicht ein, was 
ihn bewogen hat, die Identität beider Arten von Verdauungsproducten 
so zuversichtlich zu behaupten. Meissner sagt zwar auch, sie seien 
einander so ähnlich, dass man sie nicht, unterscheiden könne, aber er 
führt nicht an, dass es ihm gelungen sei, irgend einen positiven 
Charakter zu entdecken, auf den man einigen Werth legen könnte. 
Auch erhielt er überhaupt nur Verdauung mit saurem Pancreasinfus. 
während bekanntlich der Chymus im Dünndarm normaler Weise nur 
kurze Zeit sauer bleibt, dann neutral und später alkalisch wird. 
Wenn also wirklich, was keineswegs bewiesen ist, die wirksame 
Substanz des Pancreassaftes bei saurer Reaction dieselben 
Verdauungsproducte wie das Pepsin lieferte, so würde damit die Zeit 
für die Peptonbildung durchaus nicht auf die ganze Dünndarm- 
verdauung ausgedehnt sein, sondern nur auf den Anfang derselben. 
Wie sollen wir endlich dieldentität dieser oder jener Verdauungs- 
producte mit den, sogenannten Peptonen nachweisen, so lange wir 
eben jene Peptone seihst nicht besser kennen? Wie es mit unseren 



?() 



li r N u k e. 



Kenntnissen von denselben steht, wird auch dem Uneingeweihten 
durch eine blosse Vergleichung der Angaben von Lehmann, Corvi- 
art und Mulder klar werden. 

So wünschenswerth uns nun auch eine genauere Kenntniss 
dieses Gegenstandes sein würde, so scheint mir doch zugleich aus 
dem bisher Gesagten hervorzugehen, dass die Körper, welche sich 
durch andauernde Einwirkung saurer Pepsinlösungen auf Eiweiss- 
körper bilden, für die Lehre von der Verdauung erst in zweiter 
Reihe in Betracht kommen und wir uns zunächst mit den Producten 
beschäftigen müssen, welche unmittelbar bei der Auflösung 
der Eiweisskörper durch den sauren Magensaft entstehen , denn 
diese sind es , welche zunächst und immer im Magen des lebenden 
Menschen gebildet werden. Wenden wir uns unter diesen zuerst 
zu dem Neutralisationspräcipitat, welchem Meissner den Namen 
Parapepton gegeben hat. Dieser Name muss die Vorstellung erwecken, 
dass das Pepsin bei der Bildung des sobenannten Körpers ein wesent- 
licher und notwendiger Factor sei. Das ist aber durch nichts 
bewiesen, im Gegentheil man erhält die Erscheinungen ganz so wie 
sie Meissner beschreibt auch wenn man frisch ausgewaschenes 
Blutfibrin in Wasser, das 1 Gramm CIH im Litre enthält, zerfallen 
lässt und filtrirt. Beim Abstumpfen der Säure des Filtrats wird man 
die Entstehungeines reichlichen Neutralisationspräcipitats nicht über- 
sehen können. Man versetze ferner Hünereiweiss mit Wasser und so- 
viel verdünnte Chlorwasserstoffsäure, dass blaues Lackmuspapier eben 
violet gefärbt wird, und Gltrire dann von der entstandenen flockigen 
Trübung ab; man wird finden, dass das Filtrat weder durch sehr 
verdünnte Salzsäure noch durch verdünnte Alkalien gefällt wird. Nun 
bringe man es aber auf den Säuregrad 1 (1 Gramm CIH im Litre 
Flüssigkeit) und überlasse es der Digestion ohne Pepsin. Man wird 
linden, dass nach einiger Zeit bei Abstumpfung der Säure ein reich- 
liches Neutralisationspräcipitat entsteht. Hat man aber vor der Dige- 
stion auch noch Pepsin hinzugesetzt, so erhält man kein Neutralisations- 
präcipitat, höchstens eine schwache Trübung. Hier wird also Meiss- 
ner Parapepton erhalten ohne Pepsin und wenn unter übrigens ganz 
gleichen Umständen Pepsin mit in Thätigkeit gesetzt worden ist, so 
erhält man es nicht. 

Meissner führt unter den wesentlichen Eigenschaften des 
Parapeptons auf, dass es aus der salzsauren Lösung durch Chlor- 



Beitrage zur Lehre von der Verdauung. 1 ] 7 

kalium gefällt werde und bezeichnet den so entstandenen in Wasser 
löslichen Niederschlag als salzsaures Parapepton. Er erwähnt nicht, 
dass man. wie dies ohnehin allgemein bekannt, auch ans Eiweiss- 
lösungen, die gar nicht der Einwirkung von Verdauungsflüssigkeit aus- 
gesetzt worden sind, durch Ansäuern und Zusatz von Chlorkaliuni 
oder einem anderen löslichen Chlormetalle oder Neutralsatze einen 
solchen Niederschlag enthält. So wird auch die saure Flüssigkeit, 
welche man durch Zerfallen von Fibrin in verdünnter Salzsäure ohne 
Mitwirkung von Pepsin erhält, durch Salzlösungen gefällt, im gleichen 
die saure Flüssigkeit, welche man erhält, wenn man lösliches Eiweiss 
mit blosser verdünnter Salzsäure ohne allen Zusatz von Pepsin 
digerirt. 

Ich will hier auf die chemische Constitution dieser Nieder- 
schläge nicht näher eingehen, sondern nur die Beziehung erörtern, 
in der sie zu den Quellungserscheinungen der Eiweisskörper stehen. 

Man übergiesse zwei frisch ausgewaschene Fibrinproben A und 
B mit derselbeu Kochsalzlösung und beachte, dass sie darin etwas 
schrumpfen, dann füge man zu B Essigsäure oder verdünnte Chlor- 
wasserstoflsäure, wodurch in Wasser aufgeschwemmtes Fibrin be- 
kanntlich aufquillt, und man wird bemerken, dass es hier noch stärker 
schrumpft. Man lasse andererseits eine Fihrinflocke in verdünnter 
Salzsäure anquellen und füge dann Kochsalzlösung hinzu, und man wird 
finden, dass sie schrumpft, weiss und undurchsichtig wird. Man 
kann durch Anwendung anderer Säuren und anderer Salze die Ver- 
suche noch vielfältig variiren und kommt schliesslich zu dem Resul- 
tate, dass Chlornatrium, Chlorkalium, Salmiak, Glaubersalz, Salpeter 
u.s. w. dem in Säuren angequollenen Fibrin stark Wasser entziehen, 
während das frische Blutfibriu in alkalischen Salzlösungen bekanntlich 
trüb durchscheinend wird, nach und nach zerfällt und sich aullöst. 
Auch dein von inirdurch langsame Zersetzungdes Lieb erküh n'schen 
Kalialbutninats erhaltenen Eiweisskörper •) entziehen, wenn er in ver- 
dünnten Säuren angequollen ist, Salzlösungen energisch Wasser, so 
dass er nieder fest, weiss und undurchsichtig wird. 

Wenn dabei die Säure etwas von dein Eiweisskörper aufgelöst 
hat, so wird sie durch die Salzlösung getrübt. Man kann sich also 



') E. Brücke über die Ursache der Gerinnung des Blutes. Virchow's Archiv, XII. 1 18.'i7.) 
s. L93. 



178 B r ü c k e 

das Entstehen des Präcipitats in saurer Lösung so denken, dass in 
derselben kleine stark aufgequollene Eiw eisspartikeln enthalten sind, 
denen durch das Salz Wasser entzogen wird, und die desshalb anfangs 
die Flüssigkeit trüben, dann sieh in Form eines feinflockigen Nieder- 
schlages zu Boden setzen. 

Ich inuss übrigens bemerken, dass sieh unter den Verdauungs- 
producten der Eiweisskörper auch solche finden, die durch Salze 
aus der sauren Lösung, aber nicht durch Neutralisation gefällt wer- 
den. So dass also die Eiweisskörper, welche Meissner als Para- 
pepton bezeichnet, möglicher Weise verschieden sein können, je 
nach dem Fällungsmittel das er anwendet. Wenn man frisch ausge- 
waschenes Blutfibrin verdaut, die filtrirte Flüssigkeit neutralisirt, 
vom Neutralisationspräcipitat (Meissners Parapepton) abfiltrirt, 
mit Kochsalz oder Chlorkalium versetzt und wieder mit Salzsäure 
ansäuert, so entsteht ein neuer Niederschlag. Hier war also erst 
durch Neutralisation Meissner's Parapepton als solches ausgefällt 
worden, und dann wurde durch Chlorkalium und Salzsäure aus dem 
Filtrat ein neuer Niederschlag erhalten, der nach den Anschauungen 
von M eissner wieder salzsaures Parapepton sein müsste, was offen- 
bar nicht sein könnte, wenn anders das Parapepton durch Neutrali- 
sation vollständig gefällt wird. Es ist indessen in der That ziemlich 
wahrscheinlich, dass diese beiden Eiweisskörper, wenn sie auch 
den Namen Parapepton nicht verdienen, doch identisch sind. Das 
Neutralisationspräcipitat vom verdauten Blutiibrin ist nämlich in Sal- 
zen löslich, und was später durch Chlorkalium und Salzsäure gefällt 
wird, mag nur der durch die Salze der Flüssigkeit in Lösung erhal- 
tene Rest sein. Stellt man denselben Versuch mit durch Hitze coagu- 
lirtem Hühnereiweiss an, so erhält man keinen zweiten Niederschlag, 
höchstens eine unbedeutende Trübung. 

Meissner sagt ferner von seinem Parapepton: „Es löst sich 
in Wasser, welches etwa 3 Procent HCl enthält. Ist aber mehr freie 
Säure vorhanden (ähnlich ist das Verhalten auch bei Salpetersäure), 
so wird das Parapepton gefällt, löst sich aber dann wieder bei einem 
gewissen Überschuss in den concentrirten Mineralsäuren". 

Auch hier findet sich eine Analogie zwischen anseheinend 
gelösten und blos aufgequollenen Ei weisskörpern. Blutfibrin quillt 
bekanntlich in verdünnter Chlorwasserstoffsäure auf, setzt man aber 
dann stärkere hinzu, so schrumpft es, wird weiss und undurchsichtig, 



Beitrüge zur Lehre von der Verdauung. 170 

quillt aber in concentrirter Chlorwasserstoffsäure wieder auf, um sieh 
allmählich darin unter Zersetzung zu lösen. 

Ebenso verhält sich der oben erwähnte, von mir durch lang- 
same Zersetzung desLieberkühn'schen Kalialbuminats dargestellte 
Eiweisskörper. Es muss übrigens wiederum bemerkt werden, dass 
dies Verhalten gegen Salzsäure keineswegs für M e i s s n e r'sParapepton 
charakteristisch ist, dass es sich bei Eiweisskörpern wieder findet, 
die nie mit Pepsin in Berührung gekommen sind. 

So wird die durch Zerfallen von Fibrin in verdünnter Salzsäure 
erhaltene Flüssigkeit durch Neutralisation gefällt, das Neutralisations- 
präcipitat durch schwache Salzsäure gelöst, durch concentrirtere 
wieder gefällt, endlich durch noch concentrirtere wieder gelöst. 
Ebenso verhält sich das Neutralisationspräcipitat, welches man von 
löslichem Eiweiss erhält, das nicht mit Verdauungsflüssigkeit, son- 
dern nur mit verdünnter Salzsäure ohne Pepsin digerirt worden ist. 

Meissner sagt: „Nicht coagulirtesAlbumin liefert ganz diesel- 
ben Verdauungsproducte (wie durch Hitze coagulirtesHühnereiweiss), 
eignet sich aber nicht so gut zu Versuchen, weil sich das nicht ver- 
daute schwerer erkennen und trennen lässt". Dieser Angabe kann 
ich nicht beitreten. Man verdünne frisches Hühnereiweiss mit Wasser 
und neutralisire es mit sehr verdünnter Chlorwasserstoffsäure, oder 
besser, man füge davon so viel hinzu, dass die Eiweisslösung gut 
bereitetes blaues Lackmuspapier eben violet färbt und filtrire von dem 
entstandeneu Niederschlage ab. Die eine Hälfte des Filtrats coagu- 
lire man im Wasserbade, die andere nicht. Dann versetze man jede 
von beiden mit gleich viel Pepsin , bringe sie beide auf denselben 
Säuregrad und überlasse sie der Digestion in ein und derselben Tem- 
peratur. 

Nachdem das geronnene Eiweiss gelöst ist, untersuche man 
beide Flüssigkeiten. Man wird finden, dass die vom geronne- 
nen Ei weisse herrührende ein Neutralisationspräci- 
pitat (Meissners Parapepton) gibt, die andere aber nicht, 
höchstens eine schwache Trübung, die durch einige Tropfen Koch- 
salzlösung wieder geklärt wird. 

Nun erhitze man eine Probe dieser zweiten neutralisirten Flüs- 
sigkeit, und man wird bemerken, dass sie sich beim Kochen trübt 
und ein flockiges Präcipitat ausscheidet. Sie enthält also noch lös- 
liches, in der gewöhnlichen Weise coagulirbares Albumin, das sich 



\ 80 B r ü e k e. 

unter den Verdauungsproducten des durch Hitze geronnenen Eiweis- 
ses nicht nachweisen lässt. Erhitzt man die Verdauungsproducte des 
löslichen Eiwcisses vor dem Neutralisiren, so tritt keine Gerinnung 
ein (nur wenn man relativ zu der Verdauungsflüssigkeit sehr viel 
Eiweiss genommen hat, kann die Flüssigkeit gelatinös werden, indem 
dann die von Magendie zuerst heohachtete in der Wärme schmel- 
zende Gallerte entsteht, zu deren Bildung das Eiweiss in sauren 
Lösungen Veranlassung gibt) , aber wenn man die Flüssigkeit erkal- 
ten lässt und dann neutralisirt, so erhält man ein Präcipitat. Also 
erst verdauen und dann kochen hat zu demselben Resultat geführt, 
wie erst kochen und dann verdauen. 

Verdaut man den durch langsame Zersetzung des Lieberkühn- 
schen Kalialbuminats erhaltenen Eiweisskörper , den ich in meiner 
Abhandlung über die Ursache der Gerinnung des Blutes ') beschrieben 
habe, so erhält man davon ein reichliches Neutralisationspräcipitat, 
und die davon abfiltrirte Flüssigkeit bleibt beim Kochen ebenso unver- 
ändert, wie wir dies beim durch Hitze coagulirten Hühnereiweiss 
gesehen haben. Anders verhält es sich mit dem Blutlibrin, das die- 
sem Eiweisskörper in mancher Beziehung so ähnlich ist. Wenn man 
frisch ausgewaschenes Blutlibrin verdaut, so gibt die Lösung beim 
Neutralisiren auch ein Präcipitat. Ist dasselbe durch Ammoniak her- 
vorgebracht, so löst es sich, was, wie wir später sehen werden, 
keineswegs eine allgemeine Eigenschaft der von uns betrachteten 
Neutralisationspräcipitate ist, hei Zusatz von Kochsalzlösung leicht 
und vollständig wieder auf, ganz wie der Eiweisskörper, den man 
aus Blutserum oder Hühnereiweiss durch Neutralisation und Wasser- 
zusatz fällen kann. Löst man das Neutralisationspräcipitat nicht 
wieder auf, sondern liltrirt von demselben ab, so erhält man eine 
Flüssigkeit, welche, wie dies schon Theodor Schwann beob- 
achtete, beim Kochen reichliche Flocken von geronnenem Eiweiss 
ausscheidet. Es ist bekannt, dass das Fibrin in Salpeterlösung oder 
durch Faulen in Wasser gelöst ebenfalls eine in der Hitze gerinnende 
Flüssigkeit gibt und ich habe früher gezeigt, dass, wenn man 
frisches Blutplasma erst ansäuert und später wieder neutralisirt, 
das Fibrin darin als in der Hitze gerinnbares Eiweiss gelöst bleibt'-). 



') Virchow's Archiv, XII. (18S7.) S. I!t:i. 

'i Über die Ursache der Gerinnung- des Blutes, Virchow's Archn I. <■. 



Beiträge zur Lehre von <ler Verdauung. 1 8 1 

Nach allem diesen kann man wohl nicht zweifeln, dass im Fibrin 
Albumin von derjenigen Modification enthalten ist, die wir gewöhn- 
lich als lösliches Eiweiss bezeichnen, wenn es sich auch hier nicht 
ohne weiteres löst. Nicht so in dem durch langsame Zersetzung des 
KaJialbuminats erhaltenen Eiweisskörper. Dieser hatte beim Verdauen 
kein gewöhnliches Eiweiss gegeben, sondern nur solches, das beim 
Abstumpfen der Säure gefällt wird, und als ich denselben Körper 
faulen Hess, erhielt ich wiederum kein gewöhnliches durch Neutra- 
lismen oder Ansäuern nicht fällbares aber in der Hitze gerinnendes 
Eiweiss, sondern nur solches, das beim Ansäuern der alkalischen 
Lösung gefällt wurde. 

Ich machte mich nun daran, zu untersuchen,' ob sich das Fibrin 
durch Kochen oder durch Behandlung mit Kali in derselben Weise, 
wie das Eiweiss modificiren lasse. 

Ich kochte zunächst frisch ausgewaschenes Blutfibrin und ver- 
daute es dann mittelst Pepsinlösung. Es war bedeutend schwerer 
verdaulich als rohes Blutfibrin. Die nach erfolgter Lösung erhaltene 
Flüssigkeit gab ein reichliches Neutralisationspräcipitat und das davon 
ahfiltrirte gerann beim Kochen nicht. Eben so wenig konnte ich 
durch Fäulniss oder Maceration in Salzlösungen aus gekochtem Fibrin 
eine in der Hitze gerinnbare Flüssigkeit erbalten. Das Eiweiss also 
war in dem Fibrin in ähnlicher Weise durch die Siedhitze verändert 
wurden, wie es sich verändert, wenn man lösliches Hühnereiweiss 
durch Hitze coagulirt. Die Veränderung also, die das Eiweiss durch 
die Hitze erleidet, ist, in so weit sie hier erforscht worden, unab- 
hängig vom Process des Gerinnens, denn vorher sahen wir sie ein- 
treten, ohne dass das gelöste Eiweiss gerann, hier sehen wir sie 
eintreten nach der freiwilligen bei gewöhnlicher Temperatur erfolg- 
ten Gerinnung. 

Ich löste ferner Fibrin bei gewöhnlicher Temperatur und im 
verschlossenen Gefässe in verdünnter Kalilauge auf und fällte mit 
verdünnter Salzsäure. Den so erhaltenen wohl ausgewaschenen 
Niederschlag, der sich übrigens auch in blosser verdünnter Salzsäure 
löste, digerirte ich mit Verdauungsfiüssigkeit. Die dadurch erhaltene 
Lösung gab ein reichliches Neutralisationspräcipitat, und das von 
demselben ahfiltrirte gerann beim Kochen nicht. 

Ich Hess ferner Fibrin in Kalilösung nur anquellen, dann in sehr 
verdünnter Essigsäure das Kali sich wieder mit dieser verbinden und 



\$'> Brück .-. 

wusch das Fibrin aus. Der so erhaltene Körper wurde verdaut; die 
erzielte Flüssigkeit gab ein reichlicheres Neutralisationspräcipitat, 
als dies bei frischem Fibrin der Fall ist, und das davon abfiltrirte 
trübte sich zwar beim Kochen, aber schied doch ohne Vergleich 
weniger Eiweiss aus, als man unter übrigens gleichen Umstanden 
von rohem Fibrin erhalt, das nicht mit Kali behandelt worden ist. 
Das Kali wirkte also hier auf das Albumin im Faserstoff in ähnlicher 
Weise wie bei der Bereitung des Kalialbuminats auf das Albumin im 
löslichen Eiweiss. 

Alles bisher Gesagte zeigt einerseits, dass die in Meissner 's 
Abhandlung aufgestellten Ansichten nicht haltbar sind, andererseits, 
dass uns die Einwirkung des sauren Magensaftes zunächst Producte 
gibt, denen theilweise der Stempel der Muttersubstanzen noch deut- 
lich aufgeprägt ist. Ja wir erkennen einzelne dieser Körper geradezu 
als Producte des mechanischen Zerfalls. 

Meissner sagt mit Recht, dass die Flüssigkeiten, ehe das 
Parapepton ausgefällt ist, opalisiren, während die vom Parapepton 
(Neutralisationspräcipitat) abfiltrirte Flüssigkeit vollkommen klar sei. 
Das Opalisiren ist meiner Erfahrung nach am stärksten in Flüssig- 
keiten, in denen in der Hitze coagulirtes Eiweiss verdaut ist, und 
stärker wenn die Verdauung bei gewöhnlicher Temperatur als wenn 
sie im Brütofen von Statten gegangen war. Das Opalisiren rührt 
bekanntlich immer davon her, dass im Inneren der Substanz, die 
man opalisirend nennt. Licht zerstreut wird. Dies zerstreute Licht 
kann entweder herrühren von Fluorescenz, dann ist es nicht polari- 
sirt, oder es kann herrühren von der Reflexion an im Inneren ver- 
teilten Körpern von anderem Brechungsindex als die Substanz selbst: 
dann ist das Licht polarisirt. Keine Flüssigkeit kann in ihrem Inneren 
polarisirtes Licht zerstreuen, wenn nicht in ihr Partikeln einer 
-.Inders brechenden Substanz vertheilt sind, an deren Oberflächen 
das Licht reflectirt wird. Bereiten wir nun unsere Flüssigkeit mit- 
telst Verdauung von geronnenem Eiweiss. Lassen wir die Verdauung 
hei gewöhnlicher Temperatur, 'nicht im Brutofen vor sich gehen, 
weil wir aus Erfahrung wissen , dass wir den durch Neutralisation 
fällbaren Eiweisskörper (Meissners Parapepton) dann in grös- 
serer Menge erhallen und mithin die Flüssigkeit auch stärker opali- 
sirt. Leiten wir mittels! einer Sammellinse einen Kegel concentrir- 
ten Sonnenlichtes hinein, er wird sich vermöge des von ihm ausge-t 



Beiträge zur Lehre von der Verdauung:. 183 

lienden zerstreuten Lichtes sichtbar machen. Wir untersuchen das- 
selbe mittelst eines vor dem Auge sich langsam drehenden Nikol- 
schen Prisma's und finden, dass es polarisirt ist. 

Es müssen also in der Flüssigkeit das Licht reflectiren.de Par- 
tikeln enthalten sein, und diese sind Ei Weisspartikeln , die in der 
verdünnten Säure aufgequollen sind; stumpft man die Säure ab, so 
schrumpfen sie wie eine in verdünnter Salzsäure aufgequollene 
Fibrinflocke, die Opalescenz geht in stärkere und stärker« Trübung 
über, endlich setzt sich ein Präcipitat zu Boden und die davon 
abfiltrirte Flüssigkeit ist nun vollkommen klar und ohne eine Spur 
von Opalescenz. Ferner bemerkt Mülder mit Recht, dass die 
Eiweisskörper ihre charakteristischen Eigenschaften bei der Ver- 
dauung nicht alle gleichzeitig, sondern eine nach der andern ver- 
lieren. Wenn die Verdauungsflüssigkeit schon so lange eingewirkt 
hat, dass kein Neutralisationspräcipitat mehr entsteht, so kann 
durch Blutlaugensalz noch Eiweiss erhalten werden, und wenn es 
durch Blutlaugensalz nicht mehr gefällt wird, so gibt es mit Sal- 
petersäure gekocht noch Xanthoproteinsäure. Wir haben, wenn wir 
uns der Ampere'schen Nomenclatur anschliessen, in dem der Ver- 
dauung unterliegenden Eiweiss eine Masse, die in Partikeln zer- 
fällt, die Partikeln in Molecule, die Molecule in Atome, durch 
deren Austausch oder Lagenveränderung dann die eigentlich chemi- 
schen Veränderungen hervorgebracht werden. 

Dies Zerfallen in Partikeln, die als solche noch die Charaktere 
der Muttersubstanz an sich tragen, stimmt nicht überein mit der 
Vorstellung, dass das Eiweiss als homogene Substanz durch die 
sogenannte Fermentwirkung des Pepsins unter Veränderung der 
Anordnung seiner kleinsten Theile aufgelöst werde, denn nach dieser 
Vorstellung müsste die chemische Veränderung gleichen Schritt 
halten mit der Auflösung, und was einmal aufgelöst ist, müsste 
die Charaktere darbieten, die man den sogenannten Peptonen zu- 
schreibt. 

Das Zerfallen in Partikeln stimmt ferner auch nicht mit der 
Vorstellung, dass das Eiweiss als homogene Substanz durch den 
Magensaft zunächst einfach gelöst werde, denn eine homogene Sub- 
stanz zerfällt bei ihrer Lösung nicht in Partikeln, sondern in Mule- 
keln, die als solche mit dem Menstruum eine klare Lösung geben 
müssen und nicht als in ihr suspendirte Körperchen pnlarisirtes 
Sitzb. d. mathem.-naturw. Cl. XXXVII. Bd. Nr. 18. 13 



j$4 15 rücke. Beitrüge zur Lehre vuu der Verdauung. 

Licht reflectiren können. Dagegen kann das Verhalten des geron- 
nenen Eiweisses auf zweierlei Art erklärt werden. 

1. Man nimmt an, dass das geronnene Eiweiss ein mechani- 
sches Gemenge von zweierlei chemisch verschiedenen Substanzen 
sei, wovon die eine leichter, die andere schwerer aufgelöst wird. 

2. Man nimmt an, dass das Eiweiss zwar nicht ein Gemenge 
zweier chemisch verschiedenen Substanzen, dass es aber mechanisch 
nicht homogen sei, das heisst, dass die Molecule gruppenweise 
fester unter einander verbunden sind , so dass es bei der Verdauung 
desshalb zunächst in Partikeln, d. h. Moleculgruppen, zerfällt, die 
dann erst weiter aufgelöst werden. 



S u e s s. Über die Wohnsitze der Brachiopoden. loi) 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 
Von Eduard Soess. 

(Vorgelegt in der Sitzung d. malh.-nalurw. Cl. v. 7. Juli 1859.) 

In einem Werke, welches zu den schönsten Zierden der geolo- 
gischen Literatur gehört 1 ), wird der kleine Streifen jurassischer 
Gesteine , welcher im Pays de Bray in Folge einer späteren Erhe- 
bung aus den jüngeren Ablagerungen herauftaucht, ein „Regard 
naturel" genannt. Von Osten, von Süd und von West her senken 
sich die Ablagerungen der Jurazeit der Mitte der weiten Bucht von 
Paris zu, nur an ihren Rändern sichtbar, während die tiefere Mitte 
von jüngeren Schichten verdeckt ist; aber nahe am Centrum des 
grossen Halbkreises zeigt sich diese kleine Aufbruchslinie und ver- 
räth die Beschaffenheit, welche einige oberjurassische Schiebten in 
der Mitte der Bucht besitzen. 

Die Alpen, und namentlich die österreichischen Alpen, können 
als ein solcher „n a türlicher Einblick" in die Mitte des grossen 
südgermanischen Meeres der Secundärzeit betrachtet werden. Die 
Ränder der Ablagerung sind am Jura, in Schwaben, in Franken und 
in Mähren. Während das Pays de Bray nur wenige jurassische Lagen 
hlosslegt und diese mit den Bildungen an den Bändern sehr nahe 
übereinstimmen, ist hier die Verschiedenheit eine bedeutende. Alle 
Glieder der Jura- und Triasformation sind heraufgebrochen und 
man hat es im Allgemeinen mit viel mächtigeren und in einer 
grösseren Meerestiefe gebildeten Schichten zu thun als an den Rän- 
dern 2 ). Nichtsdestoweniger scheint mir der glückliche Ausdruck der 



') Du freu oy et Elie de Beaumont, Explikation de la carte geologique de la 

France. II, p. 591. 
2 ) Man tindet eine scharfsinnige Andeutung dieser Ansicht von Re y rieh in Ka rs t en's 

Archiv, 1844, Bd. XVIII, p. 76. 

13* 



1 8() S u e s s. 

französischen Gelehrten recht gut auf unser Hochgebirge zu passen, 
und am besten die Schwierigkeiten anzudeuten, welche der Paläon- 
tologe zu überwinden hat, der alpine Ablagerungen mit jenen der 
Ränder vergleichen will. Es handelt sich nämlich darum, Faunen 
mit einander zu vergleichen , welche zwar mit einander gleichzeitig 
sein und demselben Becken angehören mögen, jedoch unter ver- 
schiedenen Verhältnissen gelebt haben. 

Diese Aufgabe habe ich seit längerer Zeit verfolgt, und mich 
dabei insbesondere auf eine Thierclasse, die Brachiopoden, gestützt, 
welche so ziemlich in allen Lagen unserer alpinen Secundärgebilde 
vertreten ist, und in solcher Mannigfaltigkeit auftritt, dass sie 
hierin kaum einer anderen Ciasse, vielleicht selbst nicht von den 
Cephalopoden übertroffen wird. Dabei kömmt die Mehrzahl der 
Arten schaarenweise vor, wodurch eine bedeutendere Sicherheit 
in ihrer Abgrenzung möglich ist. Die Zahl der mit jenen von 
Schwaben und Franken identischen Arten ist jedoch verhältniss- 
mässig gering, und man würde nur zu kargen und wenig anregen- 
den Ergebnissen gelangen, wenn man sich damit begnügen wollte, 
hier Namensverzeichnisse mit einander zu vergleichen, und wenn 
man die Versteinerungen nicht als die Reste einer an tausenderlei 
äussere Bedingungen geknüpften Thierwelt, sondern nur als todte 
Münzen betrachten wollte. 

In keiner Thierclasse scheinen so viele Arten angeführt zu wer- 
den, welche durch mehrere Formationen hindurchreichen 1 ), und 
wenn auch diese Angaben in einzelnen Fällen, wie z. B. bei Retzia 
trigonella, auf Unrichtigkeiten beruhen, so bleiben doch einige andere 
kaum zu bezweifelnde Fälle zurück. Auch ist es sicher, dass diese 
Classe sich in ihrem Auftreten von den meisten übrigen Thier- 
classen etwas unterscheidet, und zuweilen übereinstimmende Formen 
in ziemlicher Menge zeigt, wo die anderen Abtheilungen des Thier- 
reiches nur eine sehr geringe Anzahl von Identitäten aufweisen. 
Herr Bar ran de hat hievon in einer meisterhaften Schrift, von 
welcher ausführlicher die Rede sein wird 2 ), ein klares Beispiel 
gegeben. 



!) Von den Entomostraeeen und Infusorien sehe ich liier ab , da ihre Fossilreste viel- 
leicht doch nicht hinreichen mögen, uro alle Arten vollständig- abzugrenzen. 

2 ) Parallele entre les depöts siluricus de Boheme et de Scaudinavie. Ahh. kön. 
böhro. Ges. d. Wiss. V. Folge, IX. Bd. 185«. 



Über die Wohnsitze der Braehiopoden. 187 

Diese Umstände haben mich zu der Überzeugung gebracht, 
dass die Ciasse der Braehiopoden erst dann zum Stützpunkte weiter 
greifender geologischer Schlüsse werden könne, wenn ihre jetzigen 
äusseren Existenzbedingungen etwas genauer studirt sein werden, 
da diese allein den Schlüssel zur Erklärung der scheinbaren Abnor- 
mitäten in ihrem Auftreten liefern können. Es ist der Zweck dieser 
Schrift, zuerst die auf das Auftreten der lebenden Braehiopoden 
bezüglichen Erfahrungen zu vereinigen, und dann, so mangelhaft 
sie auch noch sein mögen, ihre Anwendung auf fossile Vorkomm- 
nisse zu versuchen. 

Diese Thierclasse tritt schon in den ältesten versteinerungs- 
führenden Ablagerungen auf, und war von da an in jeder geologi- 
schen Epoche durch eine beträchtliche Anzahl von Arten vertreten. 
Die fossilen Schalen der Braehiopoden enthalten oft zarte Eindrücke 
von Weichtheilen, sie zeigen die Haftstellen der Muskel, ver- 
schiedene Abänderungen in der Schalenstructur, und ausser einer 
bedeutenden Mannigfaltigkeit in ihrer äusseren Gestalt besitzen sie 
in sehr vielen Fällen auch noch in ihrem Inneren ein complicirtes 
kalkiges Gerüste, das ebenfalls einer ganzen Reihe von Abänderun- 
gen fähig ist. Man findet also hier mehr Anhaltspunkte als bei den 
meisten übrigen Mollusken, um Sippen, selbst ganz erloschene, natur- 
gemäss abzugrenzen, und man ist in der That im Laufe der letzten 
Jahre, insbesondere durch die vortrefflichen Arbeiten des Herrn 
Davidson, zu einer viel klareren Übersicht des zahlreichen Heeres 
fossiler Braehiopoden gelangt. 

Es hat sich bei den mannigfachen Veränderungen, welche die 
Abgrenzung der Sippen erlitten hat, dennoch bestätigt, dass, wie 
viele frühere Autoren hervorgehoben haben, diese Classe Sippen 
von ausserordentlicher verticaler Ausdehnung besitze, ja dass es 
sogar zwei Sippen gebe, welche seit der Primordialzeit gelebt 
haben und heute noch unsere Meere bevölkern. Wenn nun diese 
Sippen, wie es in der That der Fall ist, heute nur unter eigenthüm- 
lichen äusseren Verhältnissen leben, so ist hierdurch ein neuer 
Ausgangspunkt zum Studium der älteren Vorkommnisse geboten. 

Von den hier als selbstständig anerkannten Sippen mag einem 
oder dem andern Forscher vielleicht nicht jede eines eigenen 
Namens würdig erscheinen; mag man hierüber welche Ansicht immer 
haben, so steht es doch fest, dass jede dieser Gruppen durch eine 



1 88 S e s s. 

Anzahl ihr eigenthümlicher Merkmale charakterisirt und daher in der 
That naturgemäss sei. Ehen diese schärfere Scheidung der natur- 
gemässen Gruppen, und die Möglichkeit, ihre Kennzeichen auch an 
den fossilen Vorkommnissen aufzufinden, würde hei den Brachio- 
poden eine besonders günstige Gelegenheit bieten, um den Zusam- 
menhang zwischen dem geologischen Alter und der 
heutigen geographischen Verbreitung der einzelnen 
Sippen zu studiren, wenn die Zahl der lebenden Sippen nicht allzu 
gering wäre. Diese beläuft sich nur auf 14. Es kann daher hier 
höchstens ein sehr kleiner Beitrag zu diesen interessanten Unter- 
suchungen geliefert werden, welche ohnehin mit der Hauptfrage, 
die ich mir beim Beginne dieser Arbeit gestellt habe, nicht in direc- 
tem Zusammenhange steht. 

Das Auftreten analoger Arten an entfernten Punkten, sagt 
E. Fo rb es, hängt von Gesetzen ab, das Auftreten i dentischer 
Arten an entfernten Punkten aber von Ereignissen. Dieser Satz, 
der für die horizontale Ausbreitung organischer Wesen wahr ist, 
wird sich, meine ich, auch auf ihre verticale Verbreitung mit ziem- 
licher Bichtigkeit anwenden lassen, und man wird sogar sagen können, 
die verticale Erstreckung einer Art hänge von Ereignis sen, jene 
einer Sippe aber von Gesetz en ab. Unter dem Worte „Gesetze" 
wird in dem einen und dem anderen Falle nur jenes seinem Wesen 
nach gänzlich unbekannte Band gemeint sein können, welches die 
Arten einer und derselben naturgemässen Gruppe zu geographischen 
und geologischen Einheiten macht. Das Wort „Ereignisse" aber 
wird nur Veränderungen in den äusseren Lebensverhältnissen der 
Arten bezeichnen können , und um über einige solche Ereignisse 
etwas Licht zu erhalten, habe ich die Arbeit unternommen, deren 
Ergebnisse ich hieinit dem freundlichen Urtheile meiner Fachgenos- 
sen empfehle. Sie haben mich in Bezug auf die Methode der Alters- 
bestimmung der Gebirge in Ansichten bestärkt, welche, wie man 
aus dem zweiten Abschnitte ersehen wird, von den herrschenden 
Ansichten etwas abweichen, zu welchen jedoch, wenn ich nicht irre, 
die genauere Betrachtung des jetzigen Thierlebens hinführt. 

Es zerfällt die Schrift in zwei Abschnitte, zuerst in die Betrach- 
tung der Wohnsitze der lebenden Brachiopoden , und dann in die 
Untersuchung einzelner Vorkommnisse fossiler Brachiopoden mit 
Hilfe der im ersten Abschnitte gewonnenen Resultate. 



UI>er die. Wohnsitze der Brachiopoden. ISiJ 

I. Abschnitt. 

Die Wohnsitze der lebenden Kraehiopoden. 

Die Classe der Brachiopoden zerfällt in acht Familien; eine 
neunte, jene der Calceolidae, welche man hisher noch hinzuzufügen 
pflegte, scheint sich durch die Structur ihrer Schale und ihren 
Schlossapparat wesentlich von ihr zu entfernen. Von diesen acht 
Familien zeigen sich siehen schon in ziemlicher Mannigfaltigkeit in 
der silurischen Epoche und erreichen hier oder in den darauffolgen- 
den devonischen Bildungen das Maximum ihrer Sippenzahl. Drei von 
ihnen, die Strophonieniden, Spiriferiden und Productiden, erlöschen 
nach dem heutigen Standpunkte unserer Kenntnisse mit dem Lias. 
Die vier anderen, nämlich die Bhynchonelliden, Craniaden, Disci- 
niden und Linguliden, setzen jedoch durch alle Formationen fort und 
sind noch in den heutigen Meeren durch je eine Sippe vertreten. 

Eine andere und sehr eigentümliche Vergangenheit bietet die 
achte Familie, jene der Terehratuliden. In silurischen Bildungen 
noch nicht mit voller Sicherheit nachgewiesen , zeigt sie sich in den 
devonischen mit einer nicht unbedeutenden Anzahl von Sippen, unter 
denen zwei , welche grosse und sehr ausgezeichnete Arten umfassen, 
Stringocephalus und Meganteris, auf diese Formation beschränkt 
bleiben. Andere, Terebratula und die nach neueren Nachrichten auch 
hier schon auftauchende Waldheimia , reichen dagegen durch alle 
Formationen durch, und an sie schliesst sich nach dem Schlüsse 
der paläozoischen Ablagerungen noch eine beträchtliche Anzahl neuer 
Sippen. So tritt in der Trias Thecidium, im Jura Terebratulina, Tere- 
bratella, Megerlea, Argiope und Hynniphoria, in der Kreide Magas, 
hier oder in derTeitiärformation Morrisia, und vielleicht erst in der 
neuesten Zeit Kraussina und Bouchardia hinzu. Die meisten dieser 
Sippen setzen bis in die heutigen Meere fort, und so kommt es, 
dass heute die eine Familie der Terebratuliden 10 Sip- 
pen zählt, während die vier anderen Familien, wie 
gesagt, nur durch je eine Sippe vertreten sind. 

Schon vor längerer Zeit *) habe ich Gelegenheit gefunden , in 
einer kleinen Tabelle zu zeigen, wie auffallend diese Substitution 



l ) 1856. In der deutsehen Bearbeitung von Ü a v i d s o n 's Classification der Brachio- 
poden, p. 34. 



100 S u e s s. 

aller anderen Familien durch die Terebratuliden sei, und wenn auch 
durch die neuesten Untersuchungen der Herren J. Hall und Bil- 
lings ») die Zahl der devonischen Terebratulidensippen vermehrt 
wird, bleibt die Erscheinung doch ihrer Hauptsache nach richtig. — 
Es lässt sich noch folgende Bemerkung daran knüpfen. 

Einzelne Sippen, welche in früheren Zeiten, umgeben von ver- 
wandten Thierformen, gelebt hatten, zeichnen sich von diesen durch 
eine sehr auffallende und durch keine erkennbare Eigenthümlichkeit 
ihrer Organisation bedingte Langlebigkeit aus. Nautilus ist ein 
bekanntes Beispiel hiefür. Rhynchonellu, Crania, Discina und hin- 
gula sind nicht minder auffallend; seit dem Beginne der mesozoischen 
Zeit sind sie die einzigen Vertreter ihrer Familien und stehen in allen 
mittleren und jüngeren Zeiten vereinzelt da wie entblätterte Wipfel. 

Die einzige unter den älteren Familien, in welcher neue gene- 
rische Typen noch nach dem Schlüsse der paläozoischen Epoche auf- 
tauchen, ist, so weit wir heute wissen, jene der Spiriferiden. Man 
führt nämlich eine Sippe, Konincldnu, an, welche in der Trias, und 
eine andere, Suessiu, welche im Lias zuerst erscheinen soll. Aber von 
der ersteren scheint sich die devonische Sippe Anoplotheca kaum 
durch hinreichende Merkmale zu unterscheiden, und die andere, 
Suessia mag leicht durch irgend welche der kleinen Spiriferiden älterer 
Schichten schon in der paläozoischen Epoche vertreten gewesen sein. 

Die Familie der Terebratuliden ist die einzige, 
in welcher seit dem Ende der paläozoischen Ablagerun- 
gen neue generische Typen fortfuhren in grösserer 
Anzahl zu erscheinen, ja sie ist sogar vielleicht übe r- 
haupt die einzige, in welcher seitjen erZeit neueSippen 
auf tau chten. 

Man kennt heute 14 Sippen mit etwa 76 sicheren und 7 zweifel- 
haften Arten lebender Brachiopoden; diese hohe Zahl ist erst in den 
letzten Jahren, und zwar vorzüglich durch die Anstrengungen briti- 
scher und amerikanischer Naturforscher erreicht worden. Sie würde 
noch höher sein, wenn ich mich nicht veranlasst gesehen hätte, eine 
kleine Anzahl von Arten als nicht selbstständig aufzulassen. 

Eine kurze Liste der lebenden Brachiopoden ist im Jahre 1852 
von Herrn Th. Davidson in die Annais and Magazine of nat. bist. 



1) The Canadian Naturalist. i859. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 191 

eingerückt worden; diese Liste, welche das Verdienst hat , einer 
bedeutenden Anzahl von Arten zuerst ihre richtige generische 
Stellung angewiesen zu haben, umfasst 67 Arten. Ich bin in dem 
kritischen Verzeichnisse lobender Brachiopoden nur in sehr wenigen 
Fallen von dem Urtheile meines ausgezeichneten Freundes abge- 
wichen, und die Verschiedenheit zwischen diesem Theile der vor- 
liegenden Schrift und der Liste vom Jahre 1852 besteht fast nur in 
der Hinzufügung des seither Bekanntgewordenen und in den , dem 
speciellen Zweck dieser Schrift entsprechenden, ausführlicheren 
Angaben über die Wohnsitze der einzelnen Arten. Ein Blick auf diese 
Zuthaten wird jedoch zeigen, dass ich einen bedeutenden Tb. eil der- 
selben der unermüdeten Gefälligkeit des Herrn Davidson selbst 
verdanke, welcher, um meinen Versuch zu vervollständigen, öffent- 
liche und Privatsammlungen in London zu Bathe gezogen, oft meine 
Zweifel gelöst und durch die vielfachen Mitteilungen, mit denen 
er mich erfreute, mich von Neuem zum herzlichsten Danke ver- 
pflichtet hat. Eine wesentliche Vervollständigung hat diese Schrift 
auch durch Herrn Dr. A. A. Gould in Boston erfahren, welcher 
mir mit seltener Liberalität nicht nur die auf diese Classe bezüglichen 
Figuren aus dem noch unveröffentlichten Atlas zum conchyliologi- 
schen Theile von W i I k e s' Exploring Expedition und eine nicht geringe 
Anzahl neuer Daten über die Verbreitung einzelner Arten brieflich 
initgetheilt, sondern mir auch Skizzen und Diagnosen von vier ganz 
neuen Arten übersandt hat, von denen drei eine Frucht der letzten 
amerikanischen Expedition nach Japan sind. Unter ihnen ist eine 
Megerlea und eine neue Rhynchonella. Diese beiden Herren haben 
also sehr wesentlich dazu beigetragen, wenn das Bild der heutigen 
geographischen Verbreitung dieser Thierclasse, welches ich hier 
entwerfen will, in der That ungefähr dem heutigen Standpunkte 
unserer Erfahrungen entspricht. 

Dennoch wird dasselbe von Seite der Fachmänner ein noch 
grösseres Mass von Nachsicht für sich beanspruchen dürfen , als 
jenes ist, das man ohnehin jeder thiergeographischen Untersuchung 
heutzutage zugestehen muss. Vielerlei Quellen mussten benützt 
werden, und es war nicht immer möglich den Grad von Glaub- 
würdigkeit zu ermessen, den sie verdienen; desshalb muss die Zuver- 
lässigkeit solcher Zusammenstellungen hinter jener von Localfaunen 



192 S u e s s. 

zurückbleiben, wo die Quellen weniger zahlreich sind und man das 
Entstellen einzelner Sammlungen verfolgen kann. 

Leider muss ich gleich anfangs auf einige auffallendere Lücken 
aufmerksam machen , welche ich auszufüllen ausser Stande war. 

1. Herr Gwyn Jeffreys, welcher mich durch seine Mitthei- 
lungen ebenfalls zu Dank verpflichtet hat, hat in der letzten Zeit an 
den Küsten des Canals Ia Manche einen sehr kleinen Brachiopoden, 
T. Capsula 3., entdeckt, dessen generische Stellung noch unbekannt ist. 

2. Bei mehreren anderen Arten, wie z. B. bei Waldh. Cali- 
forniana und Crania radiosa (bei Disc. striata} bedürfen die Angaben 
der Bestätigung. Es ist nicht zu leugnen, dass nicht wenige von den 
umfassenderen , besonders den älteren conchyliologischen Werken 
bei allen ihren sonstigen Vorzügen doch in Bezug auf die Wohnsitze 
sehr mangelhaft und unzuverlässig sind. 

A. Die jetzigen Wohnsitze der einzelnen Arten. 

Farn. Terehratuliclae. 

Sippe: Terebratula Lhwyd. 

Aus den silurischen Ablagerungen sind bis jetzt noch keine 
sicheren Vertreter dieser Sippe bekannt, sobald man dieselbe in 
jener Beschränkung auffasst, in der sie allein auf den Namen einer 
naturgemässen Abtheilung Anspruch machen kann. In den devoni- 
schen Ablagerungen sind dagegen bereits zwei oder drei echte 
Terebrateln entdeckt worden und ihre Zahl nimmt etwa bis zur 
Mitte der secundären Epoche zu; das Maximum der Sippe dürfte 
in die Jurazeit fallen. Es vermindert sich von da an ihre Mannigfal- 
tigkeit wieder und man hat in den jetzigen Meeren erst drei Arten 
gefunden, welche folgendermassen vertheilt sind : 

1. Terebratula vitrea Linn. sp. — Mittelmeer (hauptsächlich 

das westliche) und bis in die Vigo-Bucht. 

2. „ minor Sss. — Mittelmeer. 

3. „ uva Brod. — Tehuantepec. 

T. vitrea wurde von Forbes *) im Ägäischen Meere nur in 
todten Exemplaren in 92 — 250 Fad. gefunden; Deshayes be- 



l ) Report on Aegaean Invert. p. 141, im Rep. Brit. Assoc. 1843; Woodward, 
Manual, p. 438, 4;t!>. 



Über tue Wohnsitze der Brachiopoden. 193 

schrieb sie als fossil auf Morea vorkommend *)> Philippi 8 ) lebend 
aus den Busen von Palermo und Neapel ; Petit de la Saussaye 
nennt sie 3 ) von den französischen Mittelmeerküsten, endlich ist sie 
in der letzten Zeit nach einer freundlichen Mittheilung des Herrn 
Davidson von den Herren Wo o d ward undM. Andrew in derVigo- 
Bucht (an der galicischen Westküste, südlich vom Cap Finisterre) 
mit dem Schleppnetze gefischt worden. 

T. minor nenne ich jene kleinere Art mit stumpfen Bändern 
und stärkerer Schale, welche Philippi Taf. VI, Fig. 18 im ersten 
Bande der Enum. Moll. Sicil. vortrefflich abgebildet und im Texte 
als T. vitrea minor von der vorhergehenden Art unterschieden hat. 
Es ist auffallend, dass Philippi diese Art nie lebend, sondern nur 
fossil gefunden hat , obwohl mir bereits zu wiederholten Malen 
Exemplare mit dem Thiere von der Insel Lipari zugekommen sind. 

T. nva ist nach Broderip's Angabe*) von Capt. Dare im 
Busen von Tehuantepec an eine todte Bivalve angeheftet in einer 
Tiefe von 10 — -12 Fad. auf sandigem Schlamm gefunden worden, 
als er daselbst nach Meleagrinen fischte. Es scheinen seither mehr 
Exemplare davon in dieser Bucht gefunden worden zu sein; in der 
4. Ausgabe von Jay's Katalog wird sie ebenfalls angeführt. 

Sippe: Terebratulina d'Orbigny. 

Diese Sippe taucht in der Jurazeit zum ersten Male auf und 
hält bis zur Jetztzeit an; ihre meisten Vertreter scheint sie in der 
Kreideformation zu haben. Man kennt fünf oder sechs lebende Arten; 
sie sind : 

1. Terebratulina caput serpentis Gme\. sp. Nördl. u.westliches 
Europa, westl. Mittelmeer, Massachussetts. 
(2. „ abyssicola? Ad. et Reeves sp. — Cap der 

guten Hoffnung.) 

3. „ Cumingi Davids. — China. 

4. „ Japonica Sow. sp. — Japan. 



1 ) Expedit suientif. de Moree, III, 1- p. 128. Die hier gemachte Angabe , dass T. vitrea 
häutig im indischen Meere lebe, beruht wohl auf einer Verwechslung. 

2 ) Enum. Moll. Sicil. I. p. 95, tab. VI, f. G und II, p. 66. 

3 ) Journ. de conchyl. II. p. 393. 

4 ) Zoolog. Proced. 1833. I, p. 124; siehe Sowerhy, Thesaur. Coneh. pl. 70. 
f. 53 — 35. 



|94 S u e s s. 

5. Terebratul'ma cancellata Koch. sp. — Wahrscheinlich aus 

West-Australien. 

6. „ ? Patagouica Gld. — Patagonien. 

T. capttt serpentis ist von diesen bei weitem die wichtigste und 
verbreitetste Art, und es wird nothwendig sein, von ihrem Auftreten 
mit etwas mehr Ausführlichkeit zu handeln. T. Chcmnitzi Küster, 
T. costata Lowe, T. aurita F 1 e m. und T. septentrionalis Couth. 
sind ihr alle beizuzählen. Ihr nördlichster Fundort ist Spitzbergen *). 
Sie kommt häufig an den norwegischen Küsten vor und zwar nach 
Loven von Bohus bis Finnmark, nach Sars zu Bergen, nach B arrett 
in einer Tiefe von 30 — 150 Fad. (nach späterer Angabe 30 — 100), oft 
an Oculinen befestigt und hat dort in der neuesten Zeit den Zoologen 
viel Gelegenheit zu interessanten Beobachtungen 2 ) gegeben. In den 
britischen Meeren, in denen sie nach F orbes und Hau 1 ey zuerst 
von Fleming aufgefunden wurde, sind durch den regen Auf- 
schwung, welchen die marine Zoologie in diesem Lande in den 
letzten Jahren genommen hat, zahlreiche und genaue Daten über 
die Standorte der T. Caput serpentis erlangt worden, von denen 
viele bis zum Jahre 1853 in F orbes und H an 1 ey's British Mollusca 
gesammelt, die neueren aber zum grössten Theile in den Beports of 
tlie British Association zu finden sind; es wird hier die Angabe einiger 
der wichtigsten hinreichen. Die nördlichsten Punkte gehören den 
Zetland-Inseln an; von der Ling-Bank, 40 Miles westl. von dieser 
in 50 Fad. und auf der Höhe von Fitful Head in 40 Fad. wird sie 
von M'Andrew und Edw. Forbes in den Brit. Moll. p. 353, 356 
angeführt. An den Küsten der Orkneys scheint unsere Art noch nicht 
entdeckt worden zu sein , aber um so häufiger zeigt sie sich an der 
schottischen Westküste. Von Ullapool in Loch Broom stammte das 
erste Exemplar des Dr. Fleming. In der Gegend der Hebriden 
wird sie besonders häufig angeführt; so nennt sie M'Andrew 
lebend auf Steinen in 15 — 20 Fad. auf der Höhe von Armadale 
(Sund von Skye) 3 ), und von anderen Punkten im selben Sund in 



x ) List of species of Moll, ohtained by Prof. Goodsir from Spitzbergen. Ann. Mag. 
uat. hisl. 1855, XVI, p. 465. 

2 ) Besonders L. ßa r ret t in Annais Mag. of nat. hist. 1855, und 0. Schmidt in 
Zeitschr. f. d. ges. Naturw. 1854. III, p. 325. 

3 ) Report Brit. Ass. 1850, p. 212, 214. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 195 

18 und 30 Fad.; nach Forbes und Hanley findet man sie 
ferner in 20 — 90 Fad. auf der Höhe von Mull und in 30 Fad. auf 
der Höhe von Raza , so wie vielfach in der Umgegend der kleinen 
Insel Lismore im Loch Linnhe und von Oban *)• 

Nicht weniger häufig tritt T. caput serpentis im Gebiete des 
Clyde-Busens auf. Edw. Forbes fand sie bei Tarbet an der West- 
küste des Loch Fyne in 30 Fad. 3 ), Bar lee auf der Insel Arran 3 ) ; 
der „Dredging Report, Früh of Clyde" für 1856 *) führt sie vom 
Nordende der Holy Island (östlich von Arran) auf. — An den nord- 
östlichen Küsten Irlands ist T. Caput serpentis ebenfalls bekannt. 
In den British Mollusca wird bereits ein einzelnes von W.Thompson 
an der irischen Nordküste gefundenes Exemplar angeführt und seit- 
her hat Hyiulman 5 ) unsere Art ausserhalb und besonders nördlich 
von der Bucht von Belfast in bedeutender Tiefe gefunden, stellen- 
weise in 70 — 100 Fad. In der Bucht selbst finden sich im Muschel- 
sande todte Klappen davon durchaus mit Schalen von solchen Arten, 
die auf eine bedeutende Tiefe hinweisen. — Dickie 6 ) hat sie sehr 
selten im Strangford Lough lebend in 12 — 15 Fad. gefischt. End- 
lich soll sie auch von Dr. Armstrong in der Bantry-Bay am süd- 
westlichen Ende Irlands entdeckt worden sein 7 ). 

In seinem meisterhaften Berichte über die Schleppnetz -Unter- 
suchungen in England 8 ) nennt E. Forbes Terebratulina caput 
serpentis unter jenen Arten, „welche im Norden einen bedeutenden 
verticalen Verbreitungsbezirk besitzen, indem sie durch die zweite 
und dritte, theilweise sogar in die vierte Tiefen-Region hindurch- 
greifen , wahrend sie im Süden nur in begrenzten Gebieten tiefen 
Wassers vorkommen". Diese Arten sollen der Hauptsache nach 
Glieder der borealen oder Glacial-Fauna sein und ihre Ausbreitung 



») Häufig in 20— 30 Fad. Brit. Moll. — Besonders häufig in 23 Fad. E. Forbes in 
Rep. 1830, p. 214. 

2 ) Report Brit. Ass. 1830, p. 212; häufig daselbst in 30 — 30 Fad. Brit. Moll. 336. 

3) Jeffreys in Annais mag. nat. hist. 1838, I, p. 44. 

4 ) In dem Rep. Brit. Ass. für dasselbe Jahr. 

5 ) Report of the Belfast Dredging Committee in Rep. Brit. Ass. für 1837, p. 223. 

6 ) Report on the Marine Zoology of Strangford Lough, County Down u. s. \v. in Rep. 
Brit. Ass. für 1837, p. 109. 

7 ) British Mollusca, p. 356. 

8 ) Report on the Invesligation of Brit. Marine Zool. by means of the Dredge, 
Part I. in Rep. Brit. Ass. für 1830, p. 230. 



1 96 s H «■ s s. 

nach Südes von der einstigen Ausdehnung des Eismeeres abhängt g 
sein, da sie in von einander getrennten Tiefen und gemischt mit 
Conchylien von mehr celtischem und noch südlicherem Charakter 
etwa in ähnlicher Weise auftreten, wie die alpine Flora auf verein- 
zelten Höhen. So geistreich und so richtig im Allgemeinen diese 
Ansicht auch sein mag, darf man in diesem Falle doch nicht über- 
sehen, dass T. caput serpentis auch im Mittelmeere nicht nur häufig 
lebend zu finden ist, sondern nach den subfossilen Vorkommnissen 
zu urtheilen, gewisse Theile desselben schon seit sehr langer Zeit 
bewohnt. 

Petit de 1 a Saus s a y e nennt T. caput serpentis von der Nord- 
und Westküste, seltener von der Mittelmeer-Küste Frankreichs i ), 
und M'Andrew hat sie in der Vigo-Bucht gefunden. Es ist auffal- 
lend, dass sie hier wie in den britischen Wässern fast immer zu- 
gleich mit Crania anomala angeführt wird. — Im Mittelmeere 
kömmt sie häufig, insbesondere an den sicilischen Küsten vor, wo 
sie auch fossil zu finden ist 3 ); Deshayes nennt sie fossil aus 
Morea. Im östlichen Theile des Mittelmeeres ist sie jedoch noch nie 
lebend gefunden worden 3 ). 

Unsere Art ist in früherer Zeit mehrfach als mit Vorkommnissen 
der Kreideformation übereinstimmend betrachtet worden; neuere 
Untersuchungen scheinen diese Ansicht nicht zu bestätigen. Sie 
scheint dagegen in der That identisch zu sein mit mehreren jung- 
tertiären Vorkommnissen, z. B. aus dem Serpentinsande der Turiner 
Berge und dem Coralline Crag von Sutton. In dem so gründlich aus- 
gebeuteten Becken von Wien hat sie sich eben so wenig gefunden, 
als ihre gewöhnliche Begleiterin Crania anomala. — Forbes führt 
sie unter den fossilen Vorkommnissen der Glacialzeit an. 

Ausser allen diesen europäischen Vorkommnissen findet sich 
T. caput serpentis schliesslich noch lebend an der Küste von Maine 
(Massachussetts), von wo sie zuerst von Couthouy unter dem 
Namen T. septentrionalis beschrieben wurde 4 ). Herr Mi dd en- 
do r ff hat in seinem grossen Beisewerke 5 ) die Gründe für die Ver- 



*) Journ. de Conch. II, p. 393. 

2 ) Philippi, Enum. Moll. Sic. I, p. 94; II, p.66. 

s ) Forhes, Report on Aegaean Inveit., p. 141. 

4 ) Boston Journ. of nat. hist. II, p. 65, t. III, f. 18. 

s ) II, p. 327; vergl. auch Philippi, Zeilsehr. f. Malakozool. 184ä, p. 73 u. s. w. 



Über die Wohnsitze der Itrachiopoden. 197 

einigung dieser Art mit Terebratulina Caput serpentis hinreichend 
auseinandergesetzt. — Herr Gould hat die Güte mir mitzutheilen, 
dass sie von Willis auf Sable Island und von Stirnpson in 
grosser Menge in ganz seichtem Wasser im Grand Menau 
an der Mündung der Fundy-Bay gefunden worden ist. 

Nach allen diesem lässt sich also von Terebratulina Caput 
serpentis sagen, dass sie bereits zur Miocenzeit das mittlere Europa 
bewohnt, später an vielen Punkten des Mittelmeeres fortgelebt und 
sich zugleich im englischen Crag gezeigt habe, dass ihr Verbrei- 
tungsbezirk schon zur Diluvialzeit bis Schweden gereicht habe und 
sie jetzt in der arktischen, östlichen borealen, der celtischen, virgi- 
nischen und einem Theile der lusitanischen Provinz mit dem west- 
lichen Theile des mittelländischen Meeres zu finden sei und dabei 
wenigstens in den nördlicheren Theilen dieser Provinzen eine bedeu- 
tende verticale Verbreitung zeige. 

Terebratulina abyssicola Ad. und Reeves sp. *) soll am Cap 
der guten Hoffnung in einer Tiefe von 120 Fad. leben ; sie ist gelb- 
lich von Farbe und in ihrem Äusseren der vorhergehenden Art sehr 
ähnlich. Ich muss gestehen, dass mir diese Art etwas zweifelhaft 
erscheint und auch Herr Davidson hat in seinem Verzeichnisse 
lebender Brachiopoden erwähnt, dass sie weiterer Untersuchung 
bedürfe. Mir ist die Angabe aufgefallen, dass diese Art zusammen 
mit T. Capensis gefischt sein soll ; nun ist aber T. Capensis A d. 
und Reeves keineswegs Kr. Capensis anderer Autoren, sondern 
Kr. Deshayesi Dav., die sonst von Korea angegeben wird. Es mag 
also wohl hier eine Verwechslung vorgefallen sein ; beide Vorkomm- 
nisse mögen von Korea oder Japan herrühren und T. abyssicola mag 
dann vielleicht nur eine ähnliche Varietät der T. Japonica sein, wie 
T. angusta es ist. 

Terebratulina Cumingi Dav. 3 ) ist eine kürzere gewölbtere 
Form aus China. 

Terebratulina Japonica Sow. sp. 3 ) aus Japan ist dagegen 
wieder eine jener schlankeren, der T. Caput serpentis verwandten Arten. 



*) Voyage of the Samarang, p. 72, t. XXI, f. 5. 

2 ) Proceed. zool. soc. 1852. abstr. p. 5, t. I, f. 17—19. 

3 ) Thesaur. Conch. pl. 68, f. 7, 8 (1846, Terebratulci) ; Terebratulina id. Davids. 
Ann. mag. Dat. bist. 18ä2, p.366; 1850 T. Japonica Reeves inVog. of the Samarang. 
p. 71, t. XXI, f. 1. Wahrscheinlich gehört hierher auch T. antjusta, R e e v e s, I. c. 
welche ebendaher stammt. 



198 S u e s s. 

Terebratulina canccüata Koch sp. <) wurde von Küster als 
aus West-Australien stammend besehrieben; Sowerby nahm sie 
in den Thesaurus Concliyliorum auf, aber man findet hier (p. 358) 
statt des Wohnortes nur die Notiz: „In Mr. Cuming's Collection." 
Dieser Angabe ist es wohl zuzuschreiben, dass spätere englische 
Autoren ebenfalls die Angabe Küster's übersehen haben und das 
Vaterland unserer Art als unbekannt angaben 2 ). 

Terebratulina'? Patagonica Gld. 3 ). Nur mit Zweifel stelle 
ich zu den Terebratulinen eine kleine Art, deren Schleife unbekannt 
ist und deren Äusseres nach einer von Herrn Gould freundlichst 
eingesandten Zeichnung am meisten sich den Arten dieser Sippe 
nähert. Diese Art lebt an der Küste Patagoniens. 

In einem der letzterschienenen Hefte der Annais and Magaz. of 
nat. bist. 4 ) hat Herr Jeffreys unter dem Namen T. Capsula einen 
sehr kleinen Brachiopoden von rundlich-ovalem Umrisse und mit 
zerstreuten Wärzchen auf der Oberfläche der ausserordentlich fein 
gestreiften Schale beschrieben, welcher in der Bay von Belfast und 
in etwa 25 Fad. an der Küste von Etretat in der Normandie gefun- 
den worden ist. Dieser Brachiopode soll nicht die Brachialvorrich- 
tung von Argiope besitzen , sondern zu irgend einer andern Tere- 
bratuliden-Sippe, wahrscheinlich zu Terebratulina gehören. Bei der 
abweichenden äusseren Gestalt und der Kleinheit der Dimensionen 
dieser Form habe ich vorläufig Anstand genommen, ihn in die Liste 
der echten Terebratulinen aufzunehmen. 

Sippe: Waldheiinia King. 

Diese Sippe ist von der Trias an, in welcher sie eine Anzahl 
gut charakterisirter Arten zeigt, bekannt und zählt Vertreter in allen 
Hauptgruppen von Meeresablagerungen bis in die Jetztzeit. Es ist so- 
gar wahrscheinlich, dass schon einige paläozoische Vorkommnisse 
hieher zu zählen sind, wenn auch alle die gefalteten, punktirten 



i) Küster, Chemn. VII, p. 33, t. II b, f. 11 — 13. 

2 ) Gray, Cat. Moll. Brit. Mus., Davids. Ann. May. nat. hist- 1832. 

3 ) 1859. 3. ser., vol. HI, p. 43, t. II, f. 7. 

4 ) 1852, Wilkes U. S. Explor. Exped. vol. XII. Mollusca, p. .469; auchGould iu 
Proc. Boston soc. nat. hist. 1850, III, p. 347. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 199 

Formen, welche der Waldh. cardium ähnlich sehen, wie T. serpen- 
tina, T. Haidingeri, T. prominula u.s. w. zu der Familie der Spiriferi- 

den gehören. 

Ich meine namentlich zwei Arten: T. hastcrformis Kon., eine 
schöne und seltene Art von Tournai, welche ausser] ich ganz und gar 
die Charaktere einer Waldheimia an sich tragt !)» "nd dann die 
seltene Form aus dem unteren Zechsteine von Pössneck, welche 
Geinitz in dem Werke über die „Versteinerungen des Zechstein- 
gebirges und Rothliegenden," Taf. IV, Fig. 27, als eine Varietät der 
T. elongata Schloth. abgebildet hat, welche jedoch, wie mich ein 
Exemplar, das h. Ei sei in Gera an das k. Museum gesandt hat, lehrt, 
von dieser verschieden und dafür der Waldh. Engend Buch, jener 
Zierde des nordfranzösischen Lias, verwandt ist. Von keiner dieser 
beiden Arten kennt man die Schleife und es lässt sich daher jetzt 
nur, wenn auch mit einiger Zuversicht, vermuthen, dass es paläo- 
zoische Waldheimien gegeben habe. — In einer neuen Schrift des 
Herrn James Hall 2 ) werden noch einige paläozoische Waldheimien 
ihrem Äusseren nach aus Nordamerika beschrieben. 

Es gibt zehn lebende Arten von Waldheimia, von denen jedoch 
eine, Waldh. globosa Lam. sp., noch zweifelhaft ist. 

Herr G o u 1 d hat mir gütigst mitgetheilt, dass Waldh. globosa von 
Capt. Stevens im Meere von Ochotsk in 36 Fad. gefunden worden 
sei; ich habe nur darum unterlassen diese interessante Thatsache in 
die Listen aufzunehmen, weil Herr Davidson, welcher bekannt- 
lich die Lamarck'sche Brachiopoden-Sammlung zum Gegenstände 
einer speciellen Untersuchung gemacht hat, einige Zweifel über die 
Lamarck'sche Species äussert. 

Die neun übrigen leben ganz zerstreut in den verschiedensten 
Zonen, von den norwegischen Küsten bis zur Magelhaens-Strasse. 
Das Mittelmeer und die lusitanische Provinz , selbst die celtische 
Provinz Europa's, ja alle atlantischen Küsten mit Ausnahme der 
boreal-europäischen , besitzen keine Waldheimia, eine Thatsache, 
welche um so auffallender ist, als in den jüngeren Küstenablagerungen 
Siciliens wenigstens eine, Waldh. euthyra Phil, sp., zu finden ist. 



1 ) Mit ihr zu vergleichen ist T. fusiformis Murch. Vern. Keys. II, t. IX, f. 8, 
aus russischem kuhlcnkalke. 

2 ) Descriptions of new spec. of Palaeoz. Fossils etc., in Rep. of the Regunts of the 
Univ. of Albany, 18.i7. 

Sitzb. d. mathem.-naturw. CI. XXXVII. Bd. Nr. 18. 14 



200 S u e s s. 

Zwei Waldheimien wohnen an den borealen Küsten Europa's, 
eine in Java, eine in Korea undJapan, eine an der Südküste Australiens 
und in Neu-Seeland, eine in Neu-Seeland, eine im nordwestlichen 
Amerika, eine inCalifornien (sehr zweifelhaft) und eine in derMagel- 
haens-Strasse. 

Waldh. septlgera Lov. sp. *) mit zurückgebogenem Vorder- 
theile der Rückenklappe, ganz an jurassische Formen erinnernd, lebt 
nach Loven vom mittleren Norwegen bis Finnland; 0. Schmidt 
glaubt sie in Oexfjord gesehen zu haben und deutet auf ihreÄhnlichkeit 
mit T. septata Phil. hin. Sie ist in den britischen Meeren noch nicht, 
ja noch nicht einmal an den Zetland'schen Inseln entdeckt worden. 

Waldh. craniüm Müll. sp. 2 ) lebt zwar auch hauptsächlich in 
Norwegen (ßohuslehen — Finnland nach Loven; sehr häufig im 
Komagfjord nach Sars 3 ); Drontheim — Finnland, M'Andrew und 
Barrett in 15 — 200 Fad., lebend in 25 — 160 Fad.) *) ist jedoch 
bei Zetland gefunden worden. Dr. Fleming war der erste, welcher 
vor längerer Zeit aus der Stockfischfängerei , östlich von Bressay in 
Zetland aus tiefem Wasser eine Gruppe von drei Individuen erhielt, 
von denen eines an Leach und eines an Montagu gegeben wurde. 
Der Letztere veröffentlichte im 11. Bde. der Linnean Transactions 
eine Note über diesen Fund, welche auch in Chenu's Bibl. conch. 
p. 258 zu finden ist. So selten war aber diese Art noch im Jahre 
1853 in England, dass die Herausgeber der „British Mollusca" ihre 
Abbildung nach einem norwegischen Stücke anfertigen mussten, und 
dass sie erst im Supplement zu ihrem herrlichen Werke anführen 
konnten, dass es Hrn. Barlee gelungen sei, vier neue Exemplare 
30 Miles östlich von Bressay zu fischen 5 ). An die schottischen 
Küsten reicht auch diese Art, wie es scheint, nicht herab. M'An- 
drew weist ihr 6 ) folgende Heimath an: Nordland und Finnmark, 
in 35 — 200 Fad.; Maximum: Nordland in 40 Fad. Auf Kies und 
Steinen ; häufig. 



*) Loven Ind. Moll. Scand. 1846, p. 29, vortrefflich abgebildet von Davidson 
in Ann. Mag-. 1855, b, t. X, f. i. 

2 ) Davids eod. loc. t. X, f. 2. 

3 ) 18.'i0. Reise i Lofoten etc. p. 57 (Mag-, for Naturw.). 

4 ) Ann. Magaz. nat. bist. 1856, XVII, p. 382. 

5 ) Forb es and II a n I e y , Brit. Moll. II, p. 357 und IV, p. 257. 

6 ) Rep. on the North-East Atlant, in Rep. Brit. Ass. 1856, p. 114. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 201 

Waldh. picta Chemn. sp., eine ovale durch ihre grell roth 
und weiss gezeichnete Schale kenntlich , wird von den Autoren und 
in den Sammlungen als von Java stammend angeführt. Doch dürfte 
mit ihr auch T. erythroleuca Quoy et Gaim. 1 ) identisch sein, 
welche auf Tonga-Tabu gefunden wurde. 

Waldh. Grayi Dav. 3 ) eine schöne, reich gefaltete und mit 
rothen Bändern gezierte Art wurde als von der Küste von Korea 
stammend, beschrieben. Nach einer brieflichen Notiz des Hrn. Gould 
hat Stimpson diese Art in der Hakodadi - Bucht an der Insel 
Jesso in 8 — 15 Fad. an Muscheln geheftet auf kiesreichem Grunde 
gefunden. 

Waldh. flavescens Lam. sp. muss wohl zugleich T. dentata 
Lam., T. australis Quoy et Gaim. und die nur mit Zweifel davon 
abgetrennte T. recurva Quoy et Gaim. mit umfassen; es ist dies 
eine jener Brachiopoden-Arten, welche man noch am häufigsten in 
den zoologischen Sammlungen antrifft. Quoy und Gaimard sagen 
in ihrem grossen ßeisewerke s) über ihr Vorkommen folgendes : T. 
australis findet sich in enormer Menge im Port Western in der Bass- 
Strasse ; bei jedem Zuge den wir mit dem Schleppnetze in einigen 
Faden Tiefe an unserem Ankerplatze thaten , brachten wir Hun- 
derte davon herauf, welche durch ihren cylindrischen und sehnigen 
Byssus an einander gruppirt oder an Muschel-Fragmente befestigt 
waren. — Wir glauben wohl, dass dies dieselbe Art ist, welche 
wir auf unserer ersten Beise an einer der kleinen Inseln des Port 
Jackson fanden und welche wir bei dem Schiffbruche der Urania 
verloren. Sie war nur in 4FussTiefe gewesen. W r ir haben 
sie seither gesucht , aber vergebens. " Ich habe bereits erwähnt, 
dass T. recurva hieher zu ziehen sei; von dieser haben die Herren 
Quoy und Gaimard ein Exemplar im Port Boi-Georges, oder King 
Georges Sound, ein anderes in Neuseeland gefunden. Der Wohn- 
bezirk dieser Art dürfte daher die Südküste Australiens und die Ost- 
küste bis Port Jackson in sich begreifen und bis Neuseeland reichen. 



1 ) Voyage de i'Astrolabe, Moll. 111, p. 557, t. 85, f. 9, 10. Im Text wird gesagt, die 
Schleife dieser Art sei unbekannt, während die Tafel die Einrichtung einer Wald- 
heimia zeigt. 

2 ) Proceed. zool. soc. 1852, abstr. p. 2, t. I, f. 1 — 3. 

3 ) Moll. III, p. SSI. 

14* 



202 S « e s s. 

Es ist dies nicht der einzige Brachiopode, der zugleich von Australien 
und von Neuseeland angeführt wird. 

Waldh. lenticularis Desh. sp. *), eine grosse, ovale, glatte 
und fast gleichförmig pfirsichroth gefärbte Art wird von D es ha y es 
aus der Foveaux-Strasse, von Davidson 2 ) von der Cook's-Strasse 
aus einer Tiefe von 15 Fad., beide Male also aus Neuseeland ange- 
führt. Nach Davidson kömmt sie auch fossil auf dieser Insel vor. 

Waldh. pulvinata Gld. 3 ) eine abgerundet dreieckige, etwas 
linsenförmige Art mit scharfen Schnabelkanten, mit deutlicher Zu- 
wachsstreifung, besitzt, wie die von ihrem ersten Beschreiber mit- 
getheilte Zeichnung lehrt, eine lange, zarte Waldheimien-Schleife 
und ein Dorsalseptum, das lang, und kurz vor seinem Ende wie bei 
Terebratellen auffallend erhöht ist. Diese Waldheimia , zuerst vom 
Puget Sound im Oregon bekannt gemacht, soll nach einer neueren 
brieflichen Notiz des Herrn Gould vom Capt. Bodgers im arkti- 
schen Meere innerhalb der Behrings-Strasse in 30 Fad. auf Kies- 
grund gefunden worden sein. 

Waldh. Californiana Koch sp. *) wird sowohl von Küster 
als von Sowerby, von ersterem nach Koch, von letzterem nach 
C uming, als eine Bewohnerin der californischen Küsten genannt; aus 
dem umfassenden Berichte des Herrn Phil. Carpenter über die 
Mollusken der nordamerikanischen Westküste geht jedoch hervor 5 ), 
dass sie unter den Früchten der grossen Aufsammlungen , welche in 
den letzten Jahren in diesen Gegenden vorgenommen worden sind, 
sich nicht befand; Waldh. Californiana wird daher in diesem Berichte 
unter jene Arten gezählt, über welche die vorliegenden Angaben 
zwar dürftig, jedoch a priori correct sind. Herr Gould meint in 
der That, dass sie nicht in Californien, sondern am Cap Hörn hei- 
misch sei ; ihr Wohnsitz ist also zweifelhaft. Diese Art ist der 
Waldh. lenticularis nahe verwandt; es fehlt ihr die schöne Färbung. 



*) 1839, Revue zool. par la soc. Cuvierienne, p. 359; 1841, Deshayes in Guerin, 
Mag. de zool. p. 41. 

2 ) Ann. and Mag. nat. hist. 1852, b, p. 36Ö. 

3 ) 1850. Gould in Proe. Koston Soe. nat. hist. III, p. 347 und 1852 in Wilkes, 
U. S. Explor. Exped. XII. Mollusca, p. 467. Hieher gehört ohne Zweifel '/'. pulvilla 
in Carpenter 's Report. 

4 ) Küster, Chemnitz, Conch. Cab. p. 38. t. II, b, f. 21 — 23. (1843.) 

5 ) Rep. Brit. Ass. 1856, p. 159; vgl. p. 298. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 203 

Waldh. dilatata Lam. sp. *) ist in der Strasse von Magelhaens 
heimisch; T. eximia Phil, ist ihr sehr ähnlich. 

Sippe: Terebratella d'Orbigny. 

Die Terebratuliden mit doppelt angehefteter Schleife, welche 
diese Sippe bilden , werden nicht aus älteren Ablagerungen als 
dem Jura angeführt; aber selbst von diesen zeigen mehrere der 
auffallendsten Formen , wie T. pectunculus und T. pectunculoides 
in der That nicht die typische Terebratellen - Schleife, sondern 
jenen verwickeiteren Bau, welcher die Sippe Megerlea kenn- 
zeichnet. Diese Bemerkung gilt auch für jene grössere der T. pec- 
tunculus verwandte Art aus Na tt heim, welche ich kürzlich 3 ) 
Meff. Ewaldi genannt habe. Von den älteren Formen, welche 
manche Autoren zu Terebratella gerechnet haben, wie T. subpeji- 
tagona Koch und Dunk. 3 ) aus dem Lias *) oder T. hemisphaerica 
Sow. aus dem Gross-Oolith 5 ) sind die inneren Einrichtungen noch 
nicht bekannt geworden. Dagegen hat Herr Davidson gezeigt, dass 
einige Arten die Kreideformation , wie T. Menardi D e fr. und Tri- 
gonosemus elegans Kön. 6 ) die typische Terebratellen-Schleife be- 
sitzen. In Folge dessen kann man es als eine festgestellte Thatsache 
ansehen, dass diese Sippe schon zur Secundärzeit, wenn auch viel- 
leicht erst in den späteren Perioden derselben, Vertreter besass, 
und diese Erfahrung reicht hin für die Erörterungen, welche hier 
daran geknüpft werden soll. 

Es sind siebzehn Arten bekannt, welche diese Sippe in den 
heutigen Meeren repräsentiren, eine Zahl, welche viel grösser ist, 
als jene der Arten, welche man aus irgend einer früheren Zeitepoche 
kennt. Aber es darf hier nicht übersehen werden, dass diese sieb- 
zehn Arten die Summe dessen darstellen, was uns heute die Meeres- 
Fauna der ganzen Erde bietet, während die fossilen Vorkommnisse 
jüngerer Bildungen fast nur in Europa mit einem gewissen Grade von 
Genauigkeit untersucht sind, dass aber, wie sich sogleich zeigen wird, 



1 ) Thes. Couch, pl. 70, f. 48, 49. 

2 ) Brachiop. d. Stramberger Schichten p. 4. 

;i ) Beitr. Ool. p. 21, t. I, f. 8; zu Terebratella gezählt bei d'Orbigny, Prodr. I, p, 221. 

4 ) Nach Koch und Dunk er in dem Gryphitenkalke des Heinbeiges, nach Bornemann 
(Liasform v. Götting. p. 57) aber in der Belemnitenschicht zu Hause. 

5 ) Zu Terebratella gestellt von Davidson, Brit. Brach.!, Jur. p. 64. 

6 ) Brit. Foss. Brach. I; Cret. Form. t. III, f. 41, t. IV, f. 4. 



204 S u e s s. 

gerade die mittleren Provinzen Europa's sich durch ihren Mangel 
an Terebratellen auszeichnen. Schon zur Tertiärzeit scheint diese 
Sippe an europäischen Küsten nicht gewohnt zu haben ; sie ist in 
Tertiärbildungen noch nicht nachgewiesen. 

Wenn man also den verticalen oder geologischen Verbrei- 
tungsbezirk dieser Sippe graphisch darstellen wollte, so würde 
sich dieser als eine zur Tertiärzeit unterbrochene Linie darstellen 
und ein oberflächlicher Beobachter könnte verleitet werden, an einen 
wirklichen Mangel an Einheit in der geologischen Aufeinanderfolge 
der Terebratellen zu denken. Aber der eine Theil dieser Linie, näm- 
lich der der späteren Secundärzeit entsprechende, würde ganz und 
gar auf mitteleuropäischen, der der Jetztzeit entsprechende Theil 
jenseits der Unterbrechung dagegen auf aussereuropäischen Erfah- 
rungen beruhen. Es ist möglich, dass das Maximum der Arten dieser 
Sippe zu keiner Zeit in der Gegend unseres heutigen Welttheiles 
lag. 

Unter den siebzehn lebenden Arten ist eine, deren Heimath 
unbekannt ist, Terebratella Bouchardi Dav. *); die sechzehn ande- 
ren leben auf eine merkwürdige Weise in allen Klimaten zerstreut, 
vom arktischen Gebiete bis zum Feuerland, hauptsächlich an der 
Ostküste Asiens und in Neuseeland. Sie vertheilen sich folgender- 
massen : Eine Art wohnt in Spitzbergen, eine in Ochotsk, eine in La- 
brador, eine in derAlgoa-Bucht, eine in Java, eine auf den Philippinen 
und Sandwich-Inseln, eine wird von Sta. Cruz und Korea genannt, eine 
lebt im Archipel von Korea, eine in Japan, vier in Neu-Seeland, eine 
in Oregon, eine in Valparaiso und eine an der Südspitze Süd-Amerika's. 

T. Spitzbergcmis Dav. 2 ), die Vertreterin dieser Sippe in Spitz- 
bergen, besitzt ein dünnschaliges, ovales Gehäuse und nach David- 
son eine verhältnissmässig kurze Schleife; diese Art ist erst in den 
letzten Jahren durch die Bemühungen meines unermüdeten Freundes 
bekannt geworden. 

T. frontalis Midd. sp. 3 ) , gleichsam die Bepräsentantin der 
T. Spitzbergensis im nördlichen Theile des stillen Weltmeeres, ist 



*) Proceed. zool. soc. 1852, abstr. p. 2, t. I, f. 4—6. 

2 ) Proc. zool. soc. 1852, abstr. p. 4; Ann. and Magaz. of Nat. hist. 1855, b, t. X, f. 16. 

3 ) Middendorff, Beiträge zu einer Malacozool. Rossica, 1849, II. in den Me'm. 
Acad. imp. S. Petersbourg, VI. p. 518; und Reise in d. äusserst. Norden und Osten 
Sibiriens, 1851, II, p. 241, t. XVIII, f. 9—14. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 205 

dagegen eine breitere Gestalt, mit starker Schale und, wie die vor- 
treffliche Abbildung von Middendorff lehrt, mit einem auffallend 
tief gelegenen Querstücke der Schleife und, wie es scheint, mit ver- 
wachsenen Schlossplatten versehen, wie sie bei der noch nicht 
veröffentlichten Terebratida Hoernesi des Wiener Beckens vorkom- 
men. Sie bewohnt die Südküste des Meeres von Ochotsk. — Es ist 
möglich , dass diese Art mit Terebratida transversa S o w. *) iden- 
tisch sei, einer Art, welche nach Herrn Davidson zu Terebratella 
gehört, deren Wohnort jedoch unbekannt ist. 

T. Labradorensis S o w. sp. 2 ) ist eine kleinere, leicht gefaltete 
Form, von Goodsir in Labrador aufgefunden. 

T. Algoensis So w. sp. 3 ) aus der Algoa-ßucht ist nur durch 
eine einzige grössere Klappe bekannt, welche sich im britischen 
Museum befindet; es muss daher ihre generische Stellung noch 
einigermassen zweifelhaft bleiben. 

T. rubella Sow. sp. ist ebenfalls durch den Thes. Conchyl. 
zum ersten Male bekannt geworden und zwar als von Java stam- 
mend. Herr Da vidson hat darauf aufmerksam gemacht, dassSo- 
werby's Angabe, die Schleife sei nur einfach angeheftet, unrichtig 
sei und dass diese Art zu den Terebratellen gehöre. Ich habe eben- 
falls an einem im kaiserl. zoologischen Museum befindlichen Stücke das 
Querstück der Schleife gefunden , welches ausserordentlich zart 
ist; dieses Exemplar trägt, vielleicht nur durch Verwechslung, die 
Bezeichnung: Japan. 

Das Innere der T. sanguinea Chemn. sp. nähert sich nach 
Davidson jenem einer Megerlea. Diese schöne, durch ihre eigen- 
tümliche rothe Zeichnung kennbare Art wurde zuerst durch Chem- 
nitz bekannt gemacht. Küster besass bei der neuen Herausgabe 
von Chemnitzer! s Conchylienwerk das Originalstück dieser Art 
nicht und hat eine Abbildung und Beschreibung des ersteren Autors 
copirt *). Chemnitz führt als Wohnort die ostindischen Meere 
auf, aber bei der grossen Unzuverlässigkeit dieser älteren Angaben 



1) 1846. Thesaur Conchyl. t. 72, f. 114, HS, zu Terebratella gestellt von Hrn. David- 
son, Ann. Mag. Nat. hist. 1852, p. 368. 

2) Sowerby, Ann. and Mag. 1846, XVIII, p. 466, Thes. Conch. p. 362, pl. 71, 
f. 89, 90 gehört nach David son Ann. and Mag. 18ä2, b, p. 368 zu Terebratella. 

3 ) An denselben Orten wie T. Labradorensis beschrieben. 
*) Conchyl. Cab. VII. p. 33, t. II, f. 9, 10. 



206 S u e s s. 

und speciell bei der Unbestimmtheit dieses Wohnortes habe ich vor- 
gezogen unter diesen älteren Daten nur den von Sowe rby im Thes. 
Conch. und später von Davidson in der oft citirten Aufzählung 
der lebenden Brachiopoden genannten Fundort anzuerkennen, näm- 
lich die Insel Zebu, eine der Philippinen, wo T. sanguinea an 
Korallen befestigt, von Herrn Cuming gefunden worden ist. Auf die 
Autorität des Herrn Gould hin füge ich hinzu, dass sie sicher und 
zwar in Menge, auf den Sandwich - Inseln vorkommt. T. erythro- 
leucu Quoy scheint mir nicht, wie Herr Sowerby meint, hieher, 
sondern zu Waldh. picta zu gehören. 

T. crenulata Sow. sp. wird im Thes. Conchyl. nur von 
Sta. Cruz, von Davidson aber von Sta. Cruz und von Korea citirt; 
Angaben über Vorkommen derselben Art an so entfernten Punkten 
bedürfen aber wohl immer einer ganz speciellen Bestätigung und 
eine solche liegt hier noch nicht vor. Diese Art besitzt nach Herrn 
Davidson eine hohe Dorsalplatte. 

T. Coreanica Reeve sp. *) , eine glatte Art mit einer 
Dorsalklappe von abgerundet rautenförmiger Gestalt und mit zarten 
radialen Purpur -Streifen geziert, wurde im Archipel von Korea 
gefunden. 

T. miniuta Gould ined. Schale gross, solid, rhombisch oval, 
etwas hinter der Mitte am breitesten, korallen-roth (carmin), nur 
mit Zuwachslinien und einem Netzwerk von Punkten gezeichnet; 
Ventral -Klappe bauchig, besonders gegen das Schloss, mit einer 
Depression oder einem Canal, der zur Mitte der Basis herabläuft 
und einer entsprechenden Erhöhung der anderen Klappe, so dass 
von der Seite eine bedeutende Beugung der Klappenränder sichtbar 
ist. Durchbohrung von mittlerer Grösse, leicht unterbrochen durch 
den Scheitel der kleinen Klappe. Die Brachialvorrichtung geht von 
einer langen, subulaten Apophyse aus; die Äste erweitern sich 
plötzlich in breite Bänder, erheben sich und beugen sich zurück; 
die Mitte der kleinen Klappe entlang läuft ein scharfer Kamm, an 
welchen die Äste befestigt sind. Länge iy 8 Zoll, Tiefe 7 / 8 Zoll. 
Wurde von Stimpson in der Hakodadi-Bucht (Insel Jesso) an 
Gerolle geheftet, in 30 Fad. auf reinem, kiesreichen Boden gefunden. 

(Mittheilung des Herrn Gould.) 



l ) Adams, Voy. of the Sainarang, 18a0, p. 71, f. XXI, f. 3. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 207 

T. Zelandica Desh. sp. *) eine grosse, schöne, rothgefärbte 
Form ebenfalls zuerst von Davidson zu Terebratella gestellt, 
wurde von Deshayes, als ausNeu-Seeland stammend, beschrieben; 
eine genauere Localität gab Sowerby nach Cuming im Thes. 
Conchyl. an, nämlich: Cook's-Strasse in Neu-Seeland in 15 Fad. — 
Es scheint mir T. sanguinea bei Quoy und Gaimard 2 ) nicht 
zur echten T. sanguinea Chemn. sp., sondern hieher zu gehö- 
ren; während ihre Abbildung eine Waldheimien- Schleife zeigt, 
geht aus dem Texte hervor, dass man es mit einer Terebratella zu 
thun habe. Als Fundort wird genannt: Anse de l'Astrolabe dans la 
baie de Tasman, Nouv. Zelande. 

Zwei andere schöne Arten von Terebratellen sind ebenfalls 
nur von Neu-Seeland bekannt, nämlich die gefaltete T. Evansi 
und die durch die eigentümliche Lage ihrer Öffnung für den Haft- 
muskel und den abweichenden Bau der Schleife ausgezeichnete 
T Cumingi, welche beide zuerst durch Herrn Davidson in den 
Proceed. zool. soc. für 1852 bekannt gemacht worden sind. 

T. rubicunda Sow. sp. scheint einen etwas weiteren Ver- 
breitungsbezirk zu bewohnen. Während sie nämlich von Sowerby 3 ) 
als an den Molukken lebend, beschrieben wurde 4 ), nennt sie Herr 
Davidson nur als häufig in den Meeren um Neu-Seeland lebend 
und fügt bei, sie sei identisch mit T. inconspicua Sow. (deren 
Wohnort unbekannt ist) und sei zuweilen lebhaft roth gefärbt, zu- 
weilen weiss. 

T. caurina Gould 5 ) eine schöne Art mit etwa 12, zuweilen 
gespaltenen, scharfen Radialfalten, stammt vom Puget-Sound, Oregon. 
Es ist bisher nur ihre Beschreibung veröffentlicht worden; Herr 
Gould hat die Güte gehabt, mir Skizzen nicht nur der äusseren 
Gestalt, sondern auch der Schleife zu senden, welche keinen 
Zweifel darüber lassen, dass man es mit einer echten Terebratella 
zu thun habe. 



') 1839. Revue Zoolog, par la soc. Cuvierienne, p. 359. — 1841. Deshayes in G ueri n, 

Mag. de Zoolog, t. 42. 
') \ og. de TAstrolabe, Moll. III, p. 556, t. 85, f. 7, 8. 

3) Thesaur. Conch. t. 70, f. 45—47. 

4 ) Ann. and Mag. Nat. hist. 1852, b, p. 367. 

5 ) 1852. Wilkes, U. S. Explor. Exped. vol. XII, Mollusca, p. 468. 



208 S u e s s. 

T. Chilensis Brod sp. *) wurde von Herrn Cuming in der 
Bucht von Valparaiso in 60 — 90 Fad. gefunden ; die älteren Indi- 
viduen waren an Steine, die jüngeren an Korallinen und Tange 
geheftet; sie ist der folgenden sehr verwandt. 

T. dorsata Lam. sp. , zu welcher ich auch T. Sowerbyi 
King und T. flexuosa King 2 ) hinzuziehe, lebt in Menge in der 
Magelhaens-Strasse, nach King in der Nähe von Port Famine in tiefem 
Wasser (T. flexuosa) , nach Gould im Orange Harbour (Feuer- 
land), wo Couthouy sie entdeckt haben soll, nach Küster auch 
an den Falklands-Inseln. 

Sippe: Megerlea King. 

Diese Sippe zeigt ibre ersten Vertreter in der Jura-Formation 
und scheint hier und in der Kreideformation die grösste Mannigfal- 
tigkeit erlangt zu haben. In der Tertiärzeit ist sie nur auf sehr karge 
Weise repräsentirt und bietet in den heutigen Meeren drei Arten, 
deren eine das Mittelmeer und die west- und nordwest-europäischen 
Küsten bewohnt, die zweite an den Philippinen und die dritte an der 
Insel Jesso entdeckt worden ist. 

M. truncata Linn. sp. ist in grösseren Tiefen des Mittel- 
meeres häufig zu finden und zwar auch in dem östlicheren Theile 
desselben. So fand sie Forbes 3 ) im Agäischen Meere zwischen 
55 und 105 Fad., lebend zwischen 60 und 105 Fad. auf Nulliporen- 
grund. Über ihr Vorkommen an der dalmatinischen Küste besitzt 
man eine gute Nachricht vom Abbe Fortis, die schon aus dem 
Jahre 1776 stammt 4 ). Dieser aufmerksame Beobachter führt sie als 
„Terebratul von Sebenico" auf; er fand sie im Canal S. Antonio bei 
Sebenico in einer Tiefe von 180 Fuss und noch tiefer. An den 
sicilischen Küsten ist M. truncata häufig 5 ) , und sie ist bei Toulon 
von Herrn Thorrent gefunden worden 6 ). Mehrere Autoren erwäh- 
nen sie von den canarischen Inseln 7 ). Zuerst scheint sie hier von 



») Broderip, Zool. proc. 1833, I, p. 124; Sowerby, Thes. Conch. t. 68, f. 18, 19, 

als Terebratella bei Davidson, Ann. Mag. 1852, b, p. 367. 
2 ) Zool. .lourn. V, 1835. 
s ) Rep. Aeg. Invert. in Rep. Brit. Ass. 1843, p. 141. 

4 ) Fortis, Reise in Dalmatien, I. p. 233, t. VII, f. 1—4. 

5 ) Philippi, Enum. Moll. Sic. I, p. 95, t. VI, f. 12. 

6 ) Petit de la Saussaye, Journ. de Conch. 1851, II, p. 393. 

7 ) Forbes, Rep. Aeg. Invert. p. 141: M' Andrew, Rep. N. E. Atlantic in Rep. 
Brit. Ass. 1856, p. 141 



Über die Wohnsitze der Braehiopoden. 209 

den Herren Webb und Bertbelot, und zwar auf Korallen zu Oro- 
tava auf Teneriffa entdeckt worden zu sein (Vogaye, Moll, par 
d'Or bigny, p. 109). Angaben über die nördlicheren Vorkommnisse 
sind viel spärlicher; sie beschränken sich, so weit meine Erfahrun- 
gen reichen, auf das Auffinden derselben am Cap Finisterre durch 
Herrn Collard-Deschenes *)» welches durch Herrn W o o d w a r d 
bestätigt worden ist und in den britischen Meeren bei Torbay durch 
Turton, ein Factum, welches, durch längere Zeit in Zweifel 
gezogen, durch die Versicherung des Herrn Jeffreys neuerlich an 
Autorität gewonnen hat 2 ). 

Das Mittelmeer bildet also heute in seinen tieferen Stellen vor- 
züglich die Heimath der 31. truncata und die ausserhalb der Strasse 
von Gibraltar bekannten Vorkommnisse können als Ausläufer betrach- 
tet werden. Es kann dieses Meer aber mit um so mehr Recht als 
die ursprüngliche Heimath derselben betrachtet werden , da sie sich 
öfters fossil an den Küsten desselben gefunden hat, so in Morea 3 ), 
in Sicilien 4 ) und bei Gibraltar 5 ). 

M. oblita Mi cht., eine Art, welche in den Tertiär-Ablagerun- 
gen Turins und Tortona's vorkommt und kürzlich in dem nördlichsten 
Theile der Wiener Bucht von Professor Reuss entdeckt wurde, ist 
öfters und sogar von Herrn Michelotti selbst mit der lebenden 
M. truncata verwechselt worden; sie lässt sich jedoch, wie ich in 
der Abhandlung des Herrn Beuss über die marinen Tertiärverstei- 
nerungen Böhmens gezeigt habe, von derselben durch mehrere Ein- 
zelnheiten der Sculptur unterscheiden. 

M. pulchella Sow. sp. ist, an lebende Korallen befestigt, zu 
Calapan auf der Insel Mindoro gefunden worden 6 ). Ich stelle sie auf 
die Autorität des Herrn Davidson hin zu Megerlea. 

M. transversa G ould ined. Schale quer, nierenförmig , mehr 
oder minder verzogen, blass röthlich-braun , mit breiten , scharfen 
Radialfalten , welche sich gelegentlich gabeln ; die oberen Kanten 
des Schnabels bilden am Schnabel einen sehr stumpfen Winkel. 



*) Petit de la Saussaye, I. c. p. 393. 

2 ) Ann. Mag. nat. hist. 1838, b, p. 123. 

3) Deshayes, Expe'd. scientif. III, 1, p. 129. 

4 ) P h i 1 i p p i , I. c. I, p. 95, II, p. 69. 

5 ) Davidson, Ann. Mag. nat. hist. 1832, b, p. 369. 

6 ) Thesaur. Conch. pl. 71, f. 103—107. 



210 S u e s s. 

und beinahe einen rechten mit den Randkanten. Schnabel sehr wenig 
vorgezogen. Durchbohrung gross, mit einer schmalen Area an jeder 
Seite, über welche sich die obere Kante der kleinen Klappe erhebt 
und so eine tiefe Furche längs der Schlosskante hervorbringt. Untere 
Ränder mannigfaltig verbogen. Breite 1 Zoll, Länge */ 5 Zoll. Klei- 
ner, breiter, gröber gerippt und weniger auffallend gefärbt als Kr. 
rubra. In der Hakodadi-Bucht (Jesso) von Stimpson entdeckt 
(Mittheil. d. Hrn. Gould). Die auffallende äussere Gestalt dieser Art 
findet nur bei Kraussina und Megerlea ihres Gleichen. Aus einer 
Skizze des Herrn Gould erfuhr ich, dass absteigende Äste mit con- 
vergirenden Fortsätzen von den Schlossplatten ausgehen und eine 
Längswand sich am Grunde der kleinen Klappe vorfindet; hienach ist 
man wohl berechtigt, sie zu der letzteren dieser beiden Sippen zu 
stellen. Es ist dies die erste Megerlea, welche sich durch ihre 
scharfe Faltung an die secundären Arten anschliesst. 

Sippe: Boochardia Dav. 
Diese ziemlich abweichende Sippe ist im fossilen Zustande gar 
nicht bekannt und besitzt auch heute nur einen einzigen Vertreter, 
B. tulipa Blainv. sp. ')> mit welcher T. rosea Humphr ey und 
ohne Zweifel auch T. unguis Küster 2 ) vereinigt werden müssen. 
Diese lebt bei Rio Janeiro, nach M'Gillivray in 10 Fad., nach 
Anderen in 13 Fad., und scheint daselbst nach den vielen Exemplaren, 
welche man in den Sammlungen zerstreut findet, sehr häufig zu sein. 

Sippe: Kranssina Davidson 3 ). 

Diese Sippe ist im fossilen Zustande noch nicht aufgefunden 
worden ; man zählt hieher fünf lebende Arten, welche an den südli- 
chen und östlichen Küsten der alten Welt zwischen dem Cap der 
guten Hoffnung und Japan und in Australien und Neuseeland wohnen; 
drei davon sind im südlichen Afrika heimisch. 

Kr. rubra Pall. sp. umfasst Anomia rubra Pallas vom Jahre 
1766, An. striata promontorii bonae spei Chemnitz 1785, An. 



i) Davidson, Bull. soc. geol. 1849, p. 63, t. I, f. 1—6; auch Ann. Mag. 1SÖ2, 
p. 372 u. s. w. 

2 ) Chemn. Conch. Cab. VII, p. 3a, f. 8—10. 

3 ) Es ist dies dieselbe Sippe, welche bisher unter dem Namen Kraussia in den 
Werken erschien, da jedoch dieser Name um dieselbe Zeit (1852) von Dana einer 
Crustaceen - Gattung verliehen worden ist , ist derselbe mit Zustimmung des Hrn. 
Davidson in Kraussina verwandelt worden. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 211 

Capensis Gmelin 1788, Terebratula Capemis Küster 1843 und 
Krauss 1848, aber wie Herr Davidson sehr richtig bemerkt 1 ), 
nicht T. Capensis Sow., Thes. Couch, t. 68, f. 9— 11 , welche T. 
Zelandica darstellt und ganz identisch ist mit t. 72, f. 111 — 113 
desselben Werkes. Sie lebt in der Nähe des Cap der guten Hoff- 
nung; so hat sie z. B. Stimpson nach einer brieflichen Notiz des 
Herrn Gould in der St. Simons-Bay daselbst aufgefunden. 

Kr. pisum L a m. sp., von Davidson im Jahre 1852 in diese 
Sippe eingereiht, ist, wie schon von mehreren Seiten erwähnt wurde, 
dieselbe Art wie T. Natalensis Krauss. Von mehreren Autoren 
wird das Cap als ihre Heimath genannt; Krauss hat sie von Port 
Natal mitgebracht und Sganzin nennt sie als sehr selten und in 
grosser Tiefe in der Baie du Tombeau (Isle-de-France) vorkom- 
mend 2 ). Forbes führt sie in Johnston's Phys. Atlas von Mada- 
gascar an, und Sowerby sagt, sie komme auch in Sidney vor; diese 
letztere Angabe mag aber wohl auf einer Verwechslung mit Kr. La- 
marckiana beruhen. 

Kr. cognata Chemn. sp., zuweilen röthlich und zuweilen blass 
gelblich, soll in Südafrika leben. 

Kr. Deshayesi Dav. 3 ) stammt nach diesem Autor von Korea. 
Dieselbe Art ist von Beeve 4 ) unter dem Namen T. Capensis abge- 
bildet und als am Cap der guten Hoffnung in einer Tiefe von 
120 Fad. gefunden, angeführt worden. Es sind bereits bei Terebra- 
tulina abyssicola die Gründe angegeben worden, welche mich ver- 
anlassen, hier eine Verwechslung von Fundorten zu vermuthen. 

Kr. Lamarckiana Dav. 5 ) stammt von Sidney und Neu-Seeland. 

Sippe : Morrisia Davidson. 

Diese kleine Sippe ist durch einige Exemplare aus der engli- 
schen Kreide nach Herrn Davidson 6 ) vielleicht scbon in der 
Secundärzeit vertreten; tertiäre Arten waren bisher nicht bekannt, 



*) Ann. and Mag. of nat. hist. 1852, p. 370. 

z ) Catalogue des Coquilles trouvees aux lies de France, de Bourbon et de Madagasear, 
p. 12; in Me'm. Soc. du Mus. d"hist. Nat. de Strasb. 1840. 

3 ) Proc. zool. soc. 1852, p. 6, t. I, f. 20, 21. 

4 ) Adams, Voy. of the Samarang, p. 71, t. XXI, f. 4. 

5 ) Proc. zool. soc. 1832, p. 5, t. I, f. 22, 23. 

6 ) Classific. of Brachiop. in Monogr. Brit. Brach. I, p. 72. 



212 S ii e s s. 

doch habe ich mich seither überzeugt, dass eine der jetzt lebenden 
Arten, M. anomioides , auch fossil im Tegel von Lapugy in Sieben- 
bürgen zu finden sei und unter den kleinen Brachiopoden, welche 
mir Herr Rolle kürzlich aus dem steirischen Leithakalke mitgetheilt 
hat, befindet sich wahrscheinlich noch eine andere Art. Man kennt 
heute zwei oder drei lebende Morrisien, welche alle dem Mittelmeere 
angehören. 

M. anomioides Scacc. sp. lebt, wie es scheint, hauptsächlich 
an den sicilischen Küsten *) ; Forbes hat sie im Agäischen Meere 
in 95 Fad. sehr selten auf Nulliporen- Grund gefunden und als 
T. appressa aufgeführt. Sie findet sich, wie eben erwähnt wurde, 
fossil in Siebenbürgen. 

M. Davidsoni Desl. 3 ) wurde auf Stücken von CaryoplujUia 
ramea gefunden, welche vermuthlich aus den Korallenfischereien 
von Tunis stammten. 

M. lunifera Phil. sp. 3 ) ist mir weniger genau bekannt; Phi- 
lippi hat keinen näheren Fundort angegeben. Forbes citirt sie 
unter den Mollusken des Agäischen Meeres als sehr selten in 95 Fad. 
vorkommend. 

Sippe: Argiope Deslongchamps. 

Die ältesten Formen, welche dieser Sippe beigezählt werden, 
stammen aus dem Lias der Normandie; es sind dies drei Arten, 
welche von Herrn Eugen Deslongchamps bekannt gemacht wor- 
den sind, jedoch alle drei ihrer inneren Einrichtung nach unbekannt 
sind und sich durch eine eigentümliche äussere Gestalt von den 
typischen Formen dieser Sippe einigermassen entfernen. Näher 
steht dieser die bisher nur durch eine Ventralklappe bekannte A. spe- 
ciosa aus dem oberen Jura von Stramberg, deren Beschreibung ich 
kürzlich veröffentlicht habe *) , und man kann daher wohl annehmen, 
dass Argiope wenn nicht in den Meeren der Liaszeit, so doch in dem 
späteren Theile der Jura-Periode vertreten gewesen sei. Die Zahl 
der Kreide- und Tertiär-Arten, welche bisher entdeckt worden sind, 
ist nicht bedeutend und in den heutigen Meeren trifft man fünf 



1) Enum. Moll. Sic. II, p. 69, t. XVIII, f. 9. 

2 ) Annals and Mag. nat. hist. 1835, b, pl. X, f. 20. 

3 ) L. c. I, p. 97, t. VI, f. 16 und II, p. 69. 

*) Brach. Stramb. Schicht in Hauer, Beitr. z. Paläont. Österreichs, I, p. 49. 



Über die Wolmsit/.e der Brachiopoden. 213 

lebende Arten. V r ier von diesen (A. Neapolitana, decollata, euneata, 
und cistellula) bewohnen europäische Küsten , während die fünfte 
A. Valenciennesi, in Neu-Seeland ihre Heimath hat. 

Arg. Neapolitana Scacc. sp. *), mit welcher T. senünulum 
Phil. 3 ) vereinigt werden muss , lebt nach Forbes im Ägäischen 
Meere zwischen 60 und 105 Faden auf Nulliporen- Grund; todte 
Schalen fanden sich bis in eine Tiefe von 45 Faden herauf. Phi- 
lipp i fand sie „im tiefen Meere" bei Trapani, von M'Andrew wird 
sie als im Mittelmeere und an den canarischen Inseln in 45 — 50 Fad. 
auf Sand und Steinen selten vorkommend, angeführt 3 ). Man trifft 
sie an mehreren Punkten in den jüngeren Tertiärablagerungen 
Österreichs und auch fossil in noch jüngeren Bildungen auf der Insel 
Rhodus. 

Arg.decollataChemn. sp., auch unter dem Namen Arg. detrun- 
cata bekannt 4 ), ist die grösste lebende Art dieses Geschlechtes. Im 
Ägäischen Meere wird sie nach Forbes zwischen 27 und 110 Fad. 
und zwar lebend von 45 — 105 Fad. auf Nulliporengrund gefun- 
den; Philippi erhielt sie selten zu Tarent und aus tiefem Meere 
bei Trapani, M'Andrew aber seither 5 ) zu Syracus und Catania 
todt auf sandigem Grunde in 30 — 45 Fad.; lebend an der Südseite 
der Insel Pantellaria am steilen Ufer in 35 — 50 Fad. auf Kies, Sand 
und Nulliporen, todt im Golf von Cagliari, südöstlich vom Colombo- 
Point in 20 — 25 Fad., endlich todt an der Insel Zembretta bei der 
Mündung des Golfes von Tunis in 35 Fad. Um so auffallender ist die 
Angabe des Herrn Petit de la Saus saye 6 ), dass diese Art eben 
so wenig a\sArg. euneata, Neapolitana und Morrisia lunifera je noch 
an der französischen Mittelmeerküste gefunden worden sei. 

Arg. decollata ist nicht auf das Mittelmeer beschränkt. Herr 
M'Andrew hat sie auch an den Küsten von Madeira und den canari- 
schen Inseln gefunden, und in der neuesten Zeit ist sie durch Herrn 
Jeffreys aus dem Canal la Manche, von der Insel Guernsey bekannt 



1 ) Osserv. Zool. II, p. 18. 

2 ) Enum. Moll. Sicil. I, p. 97, t. VI, f. lö ; vom Verfasser spater selbst auf Arg. Neapo- 
litana vereinigt. Moll. Sic. II, p. 69. — Auch Arg. Forbesi Dav. Ann. Mag-. 1852 
gehört hieher 

3 ) Rep. on the N. East — Atlantic in Rep. Brit. Ass. 1856, p. 114. 

4 ) Nach Philippi gehören auch T. apperta B I v. und T. dimidiutu Scacc. hieher. 
6 ) Notes on the Distribution etc. in Rep. Brit. Ass. 1830, p. 289, 292, 296, 300. 

6 ) Journ. de Conch. 1851, II, p. 393. 



214 S u e s s. 

geworden. Das grösste hier gefundene Stück, sagt Herr Jeffreys 1 ) 
misst fast i / 3 ". Die hiesigen Stücke haben nicht die normale Form 
der Species und gleichen mehr einem Hufeisen, indem sie länglich 
oval , anstatt wie die Mittelmeer-Vorkommnisse quer-oval sind und 
die Rippen sind viel schwächer und erstrecken sich nicht bis zum 
Stirnrande. Dieselbe Form, doch kleiner, hat Herr M' Andrew von 
Madeira." Es ist mir nun aufgefallen, dass eine ganz ähnliche Varie- 
tät an einigen tertiären Localitäten sich erkennen lässt, so nament- 
lich an Stücken, welche mir Herr Semper von S. Frediano bei 
Lari mitgetheilt hat. 

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass Arg. decollata das 
Gebiet von Guernsey bis zu den canarischen Inseln und bis in das 
Agäische Meer bewohnt und sich dabei an das tiefere Wasser hält; 
es erübrigen nun noch einige Bemerkungen über ihr fossiles Auf- 
treten. — Nach mir vorliegenden Stücken findet sich diese leicht 
kennbare Art fossil sehr selten in dem Nulliporen- Mergel beim Grü- 
nen Kreuz unweit Nussdorf bei Wien (Lukasch), häufig im Tegel 
von Rudelsdorf in Böhmen (Reuss), sehr selten in dem Leithakalke 
angehörigen Lagen am Dexenberge südlich von Wildon in Steier- 
mark (Rolle), im Tegel von Lapugy in Siebenbürgen, im Serpen- 
tinsande von Turin (Mich elotti), in grosser Menge und nament- 
lich in einer mehr halbrunden Varietät zu San Frediano bei Lari 
zwischen Livorno und Volterra (Semper) und häufig am Monte 
Pellegrino bei Palermo. Philipp! führt sie ausserdem auch als bei 
Pezzo in Calabrien fossil vorkommend an. Im englischen Crag wird 
sie nicht genannt. 

Arg. cuneata Riss, sp., eine Art, welche mit eben so viel Recht 
Arg. pera Mühlf. sp. genannt wird 2 ), fand Forbes im Agäischen 
Meere in 28 — 69 Fad. auf Nulliporen-Grund; Philip pi traf ein 
Exemplar zu Trapani im Sande, zwei bessere im Fucus, selten auch 
bei Neapel; M' Andrew erhielt lebende Exemplare in 40 Fad. zu 
Syracus und Catania und auf der steilen Südseite der Insel Pautella- 



*) Ann. and Magaz. of nat. bist. 18S8, II, p. 124. 

2 ) Die Namen von Risso und Mühlfe Id stammen beide aus dem Jahre 1S29, denn schon 

in diesem Jahre hat Mühlfeld in die Verhandl. d. Gesellsch. Naturforsch. Freunde 

zu Berlin, I.Band, eine Beschreibung- und eine gute Figur dieser Art eingerückt. 

Risso's Text und Abbildung stehen diesen bei weitem nach. T. Soldaniana Riss 

gehört ebenfalls hiebet*. 



Über ilie Wohnsitze der Brachiopoden. 215 

ria in 35 — 50 Fad. l ). Derselbe unermüdliche Forscher hat sie 
jedoch seither auch an den canarischen Inseln gefunden, und gibt im 
Report Brit. Ass. für 1856 „Mittelmeer und Canarien, in 45 bis 
50 Fad." als ihre Heimath an. Philip pi hat sie fossil in Tarent 
gefunden, aber die Exemplare einer kleinen ihr verwandten Argiope 
aus den Tertiärablagerungen, welche ich im k. k. Hof-Mineralien- 
Cabinete von Lapugy, Rudelsdorf (Reuss), Steiermark (Rolle) und 
Podolien vor mir habe, zeichnen sich durch einen längeren Sehloss- 
rand und eine etwas grössere Anzahl von Falten aus; sie dürften den 
Namen Arg. squamata Eichw. sp. 3 ) verdienen. 

Arg. cistellula Wood 3 ) gehört fast ganz den britischen Mee- 
ren an und erst in der allerletzten Zeit will man sie auch im Mittel- 
meere entdeckt haben. Sie galt noch vor wenigen Jahren für höchst 
selten, ist jedoch seither an mehreren Orten in Menge entdeckt worden. 
Diese Art erreicht in Zetland ihren nördlichsten Punkt, wo sie von 
Barlee im Jahre 1849 in den Tiefsee-Fischereien *) und 40 Miles 
östlich von der Insel gefunden wurde. Im Gebiete der Insel Skye 
haben sie Jeffrey s undBarlee in 40 Fad. erlangt 5 ), während 
M'Andrew an der Insel Croulin im Sund von Skye (östlich von Raa- 
say) in 30 Fad. mehrere Exemplare auf einem Steine aufsitzend an- 
traf G ). Exmouth in South-Devon galt bis vor kurzem als der süd- 
lichste Punkt ihres Verbreitungsbezirkes. Clark hat sie dort in 
13 Fad. gefunden 7 ), aber seither kennt man sie von viel südlicheren 
Standpunkten, denn nicht nur hat Herr Lukis in der Korallinen- 
Zone zu Guernsey an einem einzigen Steine etwa 200 angeheftete 
Individuen gefunden s ) und Herr Jeffreys 9 ) im vergangenen Jahre 
ihr Auftreten bei Etretat an der Küste der Normandie nachgewiesen, 
sondern der letztgenannte Forscher, welchem man so viel Nachrich- 
ten über die Verbreitung dieser Thiere verdankt, meint sie sogar in 
Sardinien gefunden zu haben und vermuthet, dass ein Theil der von 



») Rep. Brit. Ass. 1830, p. 296 und 292. 
-) Lethaea Rossiea I, p. 54, t. III, f. 12. 

3 ) Annals et Magaz. of nat. hist. 1840, VI, p. 25:;. 

4 ) Forbes and Hanley, Brit. Moll. II, p. 361, auch Suppl. IV, p. 257. 

5 ) Brit. Moll. 1. c. 

6 ) Rep. Brit. Ass. 18Ö0, p. 214; 1856, p. 114. 

7 ) Annals and Magaz. of nat. hist. 1850, VI, p. 464, Note. 

8 ) .Mitlheilung des Hra. Th. Davidson. 

9 ) Jeffreys in Annals and Magaz. of nat. hist. 1858, b, p. 124. 
Sitzh. d. mathem.-naturw. Cl. XXXVII. Bd. Nr. 18. lö 



216 8 u e s 8. 

P li i 1 i p p i unter Orthis seminulum begriffenen Stücke hieher zu 
zählen sei *). 

Bevor diese Art noch lebend bekannt war, war sie von Herrn 
Wood fossil im Coralline-Crag von Sutton entdeckt und als neu 
beschrieben worden; die vortrefflichen Abbildungen, welche seither 
Herr Davidson 3 ) von ihr gegeben hat, zeigen, wie unbeständig 
ihre äussere Gestalt ist und werden es erklären, wenn ich hier 
nicht mit Sicherheit zu entscheiden wage, ob unter den vielen klei- 
nen Stücken, welche mir aus verschiedenen Tertiärablagerungen 
vorliegen und welche von den Autoren als Terebratula pusilla 
Eichw. oder T. pygmaea Bronn aufgeführt werden, hier aber zu 
A. Neapolitana gezählt wurden , eines oder das andere zu A. cistel- 
lula gehöre oder nicht. Herr Jeffreys hat kürzlich die Unterschiede 
zwischen diesen beiden Arten ausführlich erörtert 3 ). Die geringere 
Breite der Öffnung und die geringere Anzahl und stärkere Ent Wicke- 
lung der Körner am Innenrande der Klappen bei A. Neapolitana 
dürften die Zuverlässigsten unter denselben sein. 

Arg. Valenciennesi Dav. 4 ), die fünfte und letzte Art dieser 
kleinen Sippe ist in Neu-Seeland zu Hause. 

Sippe: Tlimdimn Defrance. 

Diese in der Trias mit Sicherheit nachgewiesene, nach einer 
vereinzelten Angabe aber sogar schon aus der Steinkohlenformation 
datirende Sippe 5 ) ist in den Meeren der Jetztzeit erst in einer ein- 
zigen Art nachgewiesen worden. Die Kleinheit und Unansehnlichkeit 
ihrer Gehäuse lässt jedoch hoffen, dass fernere Untersuchungen noch 
weitere lebende Arten kennen lehren werden. 

Thec. mediterraneum R i s s o 6 ) lebt im Mittelmeere. Philip pi 
hat es Korallen und zwar hauptsächlich der rothen Koralle anhängend 
an den sicilischen Küsten gefunden; Petit de la Saussaye 
führt es aus der Gegend von Toulon an. Im westlichen Theile 
des Mittelmeeres dagegen hat Forbes diese Art nie gefunden 7 ). 

l ) Annais and Magaz. of nat. hist. 1859, III, p. 43. 

~) Monogr. Brit. foss. ßrachiop. in den Acts of the Palaeont. Soc. I, p. 10, t. I. f. 2. 

3 ) Annais and Magaz. of nat. hist. 1858, II, p. 124. 

4 ) Waltonia id Annais and Magaz. of nat. hist. 1850, V, pl. 5, f. 1. 

5 ) Theo, filicis Keyserling, Hüllet, soc. geolog. X, 1853, p. 248. — Th. producti- 
fonnc Sehaur. aus dem Zechsteine scheint mir nicht hieher zu gehören. 

6 ) 1826, Hist. nat. de l'Eur. merid. IV, p. 394. — Th. spondylca Sc acc. 

7 ) Rep. Aegaean Invert. p. 141. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 217 

Farn. Rhj -nchoiiellidae. 

Sippe: Rhynchonclla Fischer. 

Diese Sippe lässt sich mit voller Sicherheit in den mannig- 
faltigsten Formen bis in die silurischen Ablagerungen hinab verfolgen; 
die meisten Arten bietet sie wohl in den jurassischen Schichten, ob- 
wohl auch die silurischen und devonischen reich an solchen sind. Eine 
kritische Übersicht der zahlreichen Rhynchonellen ist leider noch 
nicht ausgearbeitet; ihre Zahl muss wohl heute schon einige Hunderte 
betragen; sie nimmt in den tertiären Bildungen bedeutend ab und in 
den heutigen Meeren sind nur vier lebende Vertreter dieser grossen 
Sippe bekannt. Diese vier Arten zeigen die grösste Verschiedenheit 
in Bezug auf das Klima, in dem sie leben; eine von ihnen ist nämlich 
eine arktische, circumpolare Art , eine lebt an der Insel Jesso, eine 
an den Fidschi-Inseln und eine an den Küsten von Neuseeland. 

R. psittacea Linn. sp. Diese lange bekannte und weit ver- 
breitete Art, die Anomia rostrum psittaci älterer Schriftsteller, lebt 
im arktischen Meere rings um den Pol und reicht in Europa bis 
in die britischen Meere, in Nord-Amerika einerseits bis an die Küste 
von Massachussets , andererseits bis zur Insel Sitka herab. In Nach- 
folgendem habe ich aus den zahlreichen Angaben, welche über die 
Wohnorte dieser Art vorliegen, einige der wichtigsten hervorgehoben. 

An den arktischen Küsten der alten Welt wurde R. psittacea 
von Baer und Middendorff 1 ) beobachtet; nach M'Andrew und 
Barrett kommt sie dort im Kies in 40 — 150 Fad., und zwar lebend 
in 40 — 50 Fad. vor 2 ); an den norwegischen Küsten ist sie häufig zu 
finden, Sars führt sie hier aus 30 — 40 Fad. von mehreren Punkten 
an (1850, Beise i Lofoten etc. p. 57), L. Barrett und Andere haben 
hier interessante Beobachtungen über ihre Lebensweise angestellt. 
Forbes und Han ley geben 3 ) folgende Nachrichten über ihr Auf- 
treten in den britischen Gewässern: „Sie wurde zuerst von Prof. 
King als eine sicher britische Species nachgewiesen, indem dieser 
sie 25 Miles von der Nordküste von Northumberland aus einer Tiefe 
von 30 Fad. heraufholte. Herr Maclau ren hat sie an der Küste von 



1 ) Middendorff, Beiträge zu einer Malacozool. Boss.; Mem. de l'Acad. imp. de 
S. Petersb. 1849, Bd. VI, p. 317, t. XI, f. 11—17. 

2) Ann. Magaz. nat. hist. 1856, XVII, p. 382. 

3 ) Brit. Mollusca. II. p. 348. 

ili* 



218 S u e s s. 

Berwickshire, an den Netzen der dortigen Fischer hängend, erhalten 
Laskey fand eine Unterklappe am Strande der Aherlady-Bay zur 
Ebbezeit und später ein ganzes Exemplar mit dem Schleppnetze in 
den Tiefen des Frith of Forth. Die angeblich aus dem südlichen Eng- 
land und der Bay von Dublin herrührenden Stücke sind zweifel- 
hafter; in der That ist aller Grund da, zu vermuthen, dass sie 
exotisch waren; Herr Aus ten benachrichtigt uns, dass Exemplare 
im südlichen Devon von Fischern verkauft wurden, welche in den 
Neufundland-Fischereien beschäftigt waren und welche dieselben, 
wie sich in Folge einer Nachfrage herausstellte, von den Bänken 
von Neufundland mitgebracht hatten". 

In der neuen Welt wird diese Art nördlich vom Cap Cod in Massa- 
chussetts 1 ) in Neufundland, im Schlamm an der Küste, im seichten 
Wasser in Labrador 2 ), in der Davis-Strasse (Küster), an der Mel- 
ville-Insel (Griffith) und durch das ganze nordamerikanische Polar- 
Meer vom seichten Wasser bis zu 100 Fad. von Davidson, an der 
Insel Sitka von Mi ddendorff (nach Wosnessenskj) angeführt. 
Nach Gould haben sie Willis undDawson im Golf von St. Law- 
rence gefunden. 

Es hat R. psittacea zur Diluvialzeit bereits existirt und die 
Südgrenze ihrer Ausbreitung war damals, wenigstens stellenweise, 
weiter nach Süden gerückt. Man trifft ihre Gehäuse in den Glacial- 
Bildungen des Clyde- Busens 3 ) und in ganz ähnlichen Ablagerungen 
zu Beauport in Canada, an dem östlichen Ufer eines Flusses gleichen 
Namens, welcher sich unter dem 47. Breitengrade von Norden her 
in den St. Lawrence ergiesst *). Nach Hrn. Davidson soll sich diese 
Art sogar schon in Crag von Norwich finden. 

Es scheint mir rathsam, eine sehr ähnliche Rhynchonella, welche 
zuerst von Brocchi unter der Benennung Anomia bipartita 5 ), 
beschrieben worden ist (und mit welcher T. inflexa Desh. fi ) ver- 
einigt werden muss), nicht mit R. psittacea zu vermengen, wie dies 



») De Kay in Nat. hist. of the State of N. York, V, Moll., p. 167. 

2 ) Davidson, Ann. Mag. 1832, b, p. 374; Sowerby, Thes. Conen. 

3 ) Davidson, Ann. Mag. nat. hist. 1832, b, p. 374, Monogr. Brit. Foss. Brach. I. 
und insbesondere Edw. Korbes in Mein, of the geol. Survey, Office, I. 

4 ) Beck in Lyell, On fossil and recent Shells, collected by Capt. Bayfiel.l in 
Canada; Trans, geol. Soc. 1841, VI, i, p. 137. 

5 ) Conch. foss. subapp. II. 

6 ) Expedit, scientif. de Moree, III, 1, p. 21, t. XXIII, f. 1—3. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. J> j U 

von mehreren Autoren gethan worden ist. R. bipartita , von welcher 
mir eine beträchtliche Anzahl von Stücken vorliegt und von der ich 
durch die gütige Vermittlung des Hrn. Cornalia BrocchTs Original- 
stücke im Museo civico zu Mailand zu vergleichen Gelegenheit hatte, 
ist eine glatte, niemals radial gefurchte und im Allgemeinen etwas 
breitere Form als die echte R. psittacea. Diese im Gegentheile 
ist mir wenigstens bisher nur in fein radial gefurchten Exemplaren 
vorgekommen, und obwohl ich nicht übersehen habe, dass nach Beck 
und Sowerby die Stücke aus den oben erwähnten Diluvial-Ablage- 
rungen Canada's sich von den lebenden dadurch unterscheiden, dass 
sie kaum Spuren dieser Radial-Furchen zeigen und dass Midden- 
dorff von den Vorkommnissen des russischen Eismeeres und der 
Insel Sitka sagt „sie seien in seltenen Fällen vielleicht ungestreift, 
die jungen seien glatt, oft sehe man die Streifen nur unter der 
Loupe", — glaube ich dennoch, dass das stete Fehlen derselben 
bei den von Brocchi An. bipartita genannten Vorkommnissen, ver- 
bunden mit dem etwas breiteren Umrisse, nicht ignorirt werden darf. 
Diese beiden Kennzeichen wiederholen sich bei allen fossilen Stücken 
aus den italienischen Tertiär-Ablagerungen und aus den jüngeren 
Küstenbildungen am Mittelmeere, z.B. von Sicilien,Morea undRhodus. 
Es wird also, wenigstens vorläuiig, eine ausgestorbene Art des Mittel- 
meer-Gebietes, nämlich R. bipartita, und eine lebende, nordische 
Art, R. psittacea, zu unterscheiden sein. 

R. lucida Gould ined. Schale fast kreisförmig, sehr dünn 
und durchsichtig, wässerig weiss; Klappen bauchig, etwa gleich 
stark gewölbt, nicht punktirt. Foramen klein, ganzrandig; Oberfläche 
sehr schwach radial gestreift; Schnabel der Bauchklappe spitz. Keine 
Apophysen im Inneren des untersuchten Exemplars. Grösse etwa 
Vi Zoll. Könnte auf den ersten Blick für T. vitrea angesehen werden. 

Von Capt. Stevens an der japanesischen Küste mit dem Loth 
aus einer Tiefe von 110 Fad. von sandigem Grunde heraufgebracht. 
— Breite 30« 35' N., Länge 130<> 40' 0. (Mitth. d. Hrn. Gould). 

R. Grayi Woodw. J ), eine nach Art der fimbriaten Terebrateln 
nur am Rande gefaltete Art, ist von Hrn. M'Gillivray an den Fidschi- 
Inseln entdeckt worden. 



*) Annais and Mag. of nat. hist. ISüü, b, pl. X, f. 10. 



220 S u e s s. 

R. nigricans Sow. sp. i ), die vierte der in den jetzigen Meeren 
bekannten Rhynchon eilen, -wurde zuerst von Hrn. Sow erb y nach 
einem ohne Angabe des Fundortes in einer Privat- Sammlung auf- 
gefundenen Stücke beschrieben. Die neueren Publicationen David- 
son's zeigen jedoch 2 ) dass sie seither von Evans in der Foveaux- 
Strasse und zwar etwa 5 Miles nordöstlich von den Ruapuke-lnseln 
in 19 Fad. gefunden worden ist. 

Farn. Craniadae. 

Sippe: Crania Lam. 

Obwohl in neuerer Zeit Hr. M'Coy versucht hat, einen Theil 
der paläozoischen Cranien zu einer selbstständigen Sippe zu ver- 
einigen, scheint es doch, dass dieser Vorschlag bis jetzt nicht allge- 
meinen Beifall gefunden hat und selbst wenn dies der Fall wäre, 
würden dennoch mehrere Arten , z. B. in den devonischen Ablage- 
rungen, übrig bleiben, deren Zuständigkeit zur Sippe Crania bisher 
noch nicht angefochten worden ist. Es ist dies also eine geologisch 
alte Sippe, aber da sie in keiner einzelnen Formation eine bedeuten- 
dere Formen-Mannigfaltigkeit zeigt, ist es nicht möglich, irgend 
eine Zeit als die ihrer grössten Bliithe zu bezeichnen. 

Die Zahl der bekannten lebenden Cranien beträgt nur vier; 
sie hat sich also trotz des grossen Aufschwunges , welchen die 
Erkenntniss der Meeresbewohner in den letzten drei Jahrzehnten 
erfahren hat, seit dem Jahre 1828, in welchem Hoeninghaus seine 
Monographie dieser Sippe veröffentlichte, auch nicht um eine einzige 
Art vermehrt. Eine von diesen vier Arten lebt an den nordwestlichen 
Ufern Europa's von Norwegen bis zur Bucht von Vigo hinab, zwei 
Arten leben im Mittelmeere und eine in Indien; aber leider besitzt 
man nur über zwei dieser Arten etwas ausführlichere Beobachtungen. 

C. anomala Müll., auch unter dem Namen C. norvegica 
bekannt, bietet die Eigentümlichkeit in ihrer Verbreitung, dass sie 
an den nordwestlichen Küsten Europa's in der Regel und zwar man- 
chesmal aufrecht auffallende Weise, mit Terebratulina Caput ser- 
pentis vergesellschaftet ist, dieser zwar nach Spitzbergen, aber den- 



i) Thesaur. Conch. !, p. 342, t. 71, f. 81, 82. 

2 ) Proceed. zool. soc. 1832, abstr. p. 7, t. 1, f. 30, 31. 



Über ilii' Wohnsitze <ler Brachiopoden 221 

noch weder nach Nord- Amerika noch in'sMittelmeei' folgt, sondern die 
Vigo-Bucht als den südlichsten bisher bekannten Standort aufweist. 
C. anomala wurde von Professor Goodsir todt in Spitzber- 
gen gefunden *)• Sie lebt an den norwegischen Küsten und zwar 
nach L oven von Bohuslehen bis Finnmark, nach Barrett 3 ) zwi- 
schen Drontheim und Tromsoe in 40 — 150 Fad. M'Andrew und 
Barrett führen sie ebendaher in 25 — 100 Fad. an und fügen hinzu, 
sie werde im Nordlande äusserst selten und komme nicht in Finn- 
niark vor 3 ), während Sars ausdrücklich angibt, dass er sie auch 
hoch oben in Finnmark im Kommagfjord häufig auf Steinen in 
30—40 Fad. getroffen habe (Reise i Lofot. etc. 1850, p. 57). Von 
den Zetland-Inseln führte sie Sowerby schon im Jahre 1818 an; 
seither ist sie dort auf den Ling- Banks (mit T. caput serpentis) 
in 50 Fad.*), bei Fitful Head (mit T. caput serpentis, ein Stück) 
in 40 Fad., Fair Island (mit T. caput serpentis, beide todt) in 
45 Fad. und in den Fischgründen, westlich von Zetland, in 60 Fad. 
gefischt worden. Nach Forbes und Hanley soll Fleming der 
erste gewesen sein, der sie da entdeckte. 

Die folgenden Angaben über die Vorkommnisse der C. anomala 
an der schottischen West- und der irischen Ost- und Südküste 
sind, wo nicht besondere Citate angegeben sind, aus Forbes und 
Hanley's British Mollusca und aus den „Dredging Papers" gezogen, 
deren Analyse Ed. Forbes seinem Berichte über die marine 
Zoologie Gross-Britanniens 5 ) beigefügt hat. Ich habe alle die ein- 
zelnen Standorte hier angesetzt und jene, an denen zugleich T. caput 
serpentis mit dem Schleppnetze heraufgebracht wurde, mit einem 
Sternchen bezeichnet, um zu zeigen, wie allgemein dieser Fall ist 6 ) : 

1. Im nordwestlichen Schottland: 
* Ullapool im Loch Broom (Je ffr.). 



!) Ann. Magaz. nat. hist. 1835, XVI, 46ö. 
2 ) Ebendaselbst, p. 239. 

s ) Ann. Magaz. nat. hist. 1836, XVIi, p. 382. Diese Angaben stimmen nicht vollstän- 
dig mit einander überein. 

4) Brit. Moll. II, p. 367, Rep. Brit. Ass. 1830. 

5 ) Im Rep. Brit. Ass. 1830, p. 196. 

6 ) Die Zahl dieser Punkte wäre noch grösser, wenn ich nicht jene übergangen 
hätte , von denen einfach gesagt wird , Brachiopoda hätten sich gefunden und 
die wahrscheinlich, so weit sie diese Gegend betreffen, alle hieher gehören. 



222 - s " •• 8 v 

2. Im Gebiete der Ilebriden: 

*Bei Croulin Island im Sund von Skye, in 30 Fad. 

Im Loch Carron (Jeffr.), und an der Nordseite des *) Loch 
Kishon hier in 20—25 Fad. 

Loch Alsh (Jeffr.). 
*Bei Armadale im Sund von Skye in 15 — 20 und in 25 Fad. 

Bei Copenhaw Head (Westseite der Insel Skye). 
*Bei Mull in 20—90 Fad. 
*Am Nordende der Insel Lismore in 20 — 30 Fad. 

* Zwischen Lochnell-Point und Lismore in 20 — 30 Fad. 
*Bei Oban (Jeffr.). 

3. Im Gebiete des Clyde-Busens: 

*Ira Loch Fyne bei Tarbet in 30—80 Fad. 
*Bei der Insel Arran (Smith) in 20 Fad. 

4. An der irischen Ostküste: 

*In der Bucht von Belfast, todt, selten in Muschelsand aus 
tiefem Wasser J ). 

* Turbot-Bank bei Belfast, im tiefen Wasser. 
*Maideu-Lighthouses, nördlich ausserhalb der Bucht in 70 bis 

90 Fad. 

*In dem nur durch eine enge Strasse bei Portaferry mit dem 
offenen Meere in Verbindung stehenden Strangford Lough, dessen 
Faunasich, mit jener des nahen offenen Meeres verglichen, durch 
die Abwesenheit lusitanischer oder süd-britischer Typen auszeich- 
net; in nur 12 — 15 Fad. 2 ). 

5. An der irischen Südküste: 

Bei Youghal (B. Ball) und bei Cork (Humphreys). 
Man kennt jedoch einen noch weit südlicheren Standpunkt der 
Cr. anomala; schon im Jahre 1849 hat Hr. M'Andrew ein Exem- 
plar in der Tiefe von 25 Fad. am Eingange der Vigo-Bucht gefun- 
den 8 ), wo seither auch T. caput serpentis, dabei aber auch eine Art 
des Mittelmeeres, T. vitrea, beobachtet worden ist. Diese Bucht bie- 
tet jedoch im Gesammtcharakter ihrer Fauna mehr Ähnlichkeit mit 



') Hyndman, Rep. on the Proceed. of the Belfast Dredging Comittee, in Rep. Br 

Ass. 18Ö7, p. 223, 231, 234. 
2 ) Dickie, Rep. on the Marine Zoology of Strangford Lough, County Down etc. in 

Rep. Br. Ass. 1857, p. 104, 108, 110. 
■'<) M'Andrew, Notes on the Distribution etc. in Rep. Br. Ass. 1850, p. 265. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden 223 

jener der britischen Meere, als mit jener der lusitanischen Provinz 
(1. c. p. 268). 

In typisch lusitanische Gegenden und in's Mittelmeer folgt also 
C. anomaia der T. caput serpentis nicht. Es ist bekannt, dass 
T. caput serpentis schon in den Meeren der Tertiärzeit lebte und 
sogar während der Glacialzeit an einigen Küsten der damaligen nord- 
europäischen Inseln ausharrte. Auch im fossilen Zustande findet sich 
C. anomaia nicht neben ihr und, wie schon früher erwähnt wurde, 
begleitet sie dieselbe auch nicht an die Küste von Massachussetts. 
Es scheint daher, als sei C. anomaia eine Art von jüngerem Alter als 
T. caput serpentis und als habe sie die Ereignisse nicht erlebt, welche 
der T. caput serpentis eine so weite Ausbreitung möglich machten . 

C. ringens Hoen. *) gehört ganz dein Mittelmeere an. Sie 
findet sich bei Toulon auf Korallen und Steinen 2 ), scheint im corsi- 
schen Meere häufiger als bei Neapel, lebt häufig zu Messina, kömmt 
daselbst auch fossil vor 3 ) und wurde von Forbes im Agäischen 
Meere vielfach auf Nulliporengrund in 40 — 90 Fad. lebend und 
bis ISO Fad. todt angetroffen 4 ). Die Angabe, dass diese Art auch 
bei Sidney in N. S. Wales gefunden worden sei, beruht höchst wahr- 
scheinlich auf einer Verwechslung von Zetteln. 

C. rostrata Hoen. 5 ) , angeblich aus dem Mittelmeere, wird 
in den neueren Arbeiten, welche man über dieses Meer besitzt, nicht 
erwähnt; doch liegt vielleicht eine Bestätigung dieser älteren Angabe 
in den Worten des Thes. Conch. I, p. 369: Aus dem Mittelmeere; 
in Hrn. Cuming's Sammlung. 

C. personata Lam. 6 ), auch in der Monographie von Hoe- 
ninghaus enthalten, soll aus Indien herrühren; ausführlichere 
Nachrichten über diese Art fehlen jedoch gänzlich, und es ist dies 
um so mehr zu beklagen, da dies die einzige Art wäre, welche nicht 
an den Küsten Europa's heimisch wäre. Forbes hat sie auf der von 
ihm in Johnston's physikalischem Atlas veröllentlichten Karte im 
indischen Meerbusen notirt. 



J ) H o e n i n g h a u s , Monogr. d. Gatt. Crania, 1828, p. 3, f. 2. 

2 ) Petit de la Saussaye, Journ. de Couch. 1851, II, p. 294. 

:i ) Philipp!, En. Hill. Sic. I, p. 100; II, p. 70. 

•») He|». p. 141. 

5 ) H o e ii i n <, r h ;i u s , I. c. p. 3, f. 3. 

f> ) Lamarck, Anim. s. vertebres. 



224 S u e a 8. 

I um. Disciniclae. 

Sippe: Discina Lamarck. 

Diese Sippe reicht bis in die ältesten Abtheilungen der siluri- 
schen Zeit Zurück und bietet noch in den heutigen Meeren nicht 
weniger als 1 — 1 1 Vertreter. Von einer der lebenden Arten, D.tenuis 
Sow. *), ist der Wohnort noch nicht ermittelt; die übrigen 9 — 10 
Arten gehören durchaus Wässern der warmen oder wärmeren ge- 
mässigten Zone an, sind jedoch in denselben auf eigenthümliche 
Weise vertheilt. Eine Art lebt nämlich in West-Afrika, eine in der 
Gegend von Bombay, eine zu Singapore und an den Philippinen, 
nicht weniger als vier, vielleicht fünf Arten werden von der ameri- 
kanischen Westküste, zwei von den Antillen und eine von Rio ange- 
führt; über diese letztere liegen jedoch nur unvollständige Anga- 
ben vor. 

Es zeigt sich, dass gerade in jenen Gegenden, in denen die 
Terebratuliden ihre grösste Mannigfaltigkeit entwickeln, die Discinae 
selten sind, denn man kennt an den europäischen Küsten keine und 
in der weiten Region, welche Korea, die Philippinen, Neu-Holland 
und Neuseeland in sich begreift, nur eine einzige Discina (zu Singa- 
pore und an den Philippinen). Andererseits zeigt sich diese Sippe 
in Meeren, welche gar keine Terebratuliden aufzuweisen haben, wie 
in West-Afrika, in Ostindien und im Antillen-Meere. Ihr Fehlen an 
den europäischen Küsten ist um so auffallender, als sie noch in der 
jüngeren Tertiärzeit in unseren Meeren vertreten war 8 ). An dem 
warmen und gemässigten Theile der amerikanischen Ostküste, welcher 
ausser den Discinen und der Bouchardia gar keine Brachiopoden 
besitzt, war dagegen dieses fast ausschliessliche Auftreten von Discina 
schon in die Tertiärzeit angedeutet. Ich brauche nur daran zu erin- 
nern, dass die beiden einzigen Brachiopoden , welche in dem Pracht- 
werke von Tuomey und Holmes über die pliocenen Fossilien 
von Süd-Carolina 3 ) erwähnt werden, zu Discina gehören und dass 
auch von Rio schon eine tertiäre Discina bekannt ist 4 ). 



>) Thes. Conch. I, t. 73, f. 4, 5. 

2 ) Im Coralline Crag von Sutton findet sich eine Discina. Davidson, Brit. tert. 
Brach, p. 7, t. I, f. 9. 

3 ) Tuomey and Holmes, Fossils of South-Carolina. 4°. 

4 ) B o rn e m a n n in Ermann*s Arch. f. naturw. Kunde in Russl. 1855, XIV, p. 155, 1. 1, f. 17. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 22 5 

D. striata Sow. sp. wurde bereits im Jahre 1818 vom älteren 
Sowerby im XIII. Bande der Linnaean Transactions beschrieben; 
diese ersten Stücke waren mit Ballast in der Nähe von London 
zur Ausbesserung der Strassen aufgeschüttet worden. Forbes 
und Hanley verwahrten sich gegen die von Dr. Fleming, wenn 
auch nur mit Zweifel , versuchte Einbeziehung dieser Art in die 
britische Fauna. Hr. Carpenter dagegen hat in seinem schon 
mehrfach angezogenen Berichte über die Molluskenfauna der nord- 
amerikanischen Westküste D. striata als westafrikanische Art auf- 
geführt 1 ). Hiermit stimmt Folgendes überein. 

In dem XII. Bande der grossen „U. S. Exploring Expedition 
by Capt. Wilkes", welcher die Beschreibung der Conchylien von 
Hrn. Gould enthält, findet sich pag. 465 ein Brachiopode als 
„Crania radiosa" aufgeführt, welchen jedoch der Verfasser selbst in 
neuerer Zeit zu Discina stellt. Es stammen die Stücke vom Cap Palmas, 
Liberia und die Beschreibung der Aussetifläche und eine mir gütigst 
gesandte Zeichnung stimmen so weit mit der (nach Carpenter eben- 
falls westafrikanischen) D. striata über ein, dass ich sie noch nicht 
als selbstständige Art hier einzuführen wage. Hr. Gould fügt seiner 
Beschreibung in dem genannten Prachtwerke noch folgende Bemer- 
kung bei: Ein einzelnes Stück wurde von Hrn. Couthouy zu Bio 
gefunden und theilweise untersucht. Es ist scheinbar dasselbe wie 
die hier beschriebenen Schalen, welche Dr. G. H. Perkins am 
Cap Palmas, Liberia, gesammelt hat. Die Identität ist jedoch nicht 
sicher und die Beschreibung muss als auf die afrikanischen Vor- 
kommnisse bezüglich angesehen werden. Ich habe es hier für sicherer 
gehalten, die Art von Rio vorläufig abgesondert von dieser hier auf- 
zuzählen. 

D. Stella Gld. ined. Klein, zusammengedrückt, planoconvex, 
rundlich-oval, dünn, hornartig; Wirbel leicht excentrisch, stumpf 
abgerundet, glatt, mit scharfen, erhabenen, gedrängt strahlen- 
förmigen Streifengegen den Rand. Untere Klappe weitaus die kleinere, 
flach , an der Schlossgegend abgestumpft, mit einer breiten herz- 
förmigen Anheftungsscheibe; derLimbus mit zahlreichen, erhabenen, 
scharfen Strahlen versehen, welche von einem Punkte aus divergiren, 
der vor der Mitte liegt, und welche, vergrössert , kettenförmige 



V) Rep. Brit. Ass. 1836, p. 366. 



220 S H e s a 

Verdickungen zeigen. Spalte klein, mit erhabenen Lippen. Ränder 
gefranst. Grösse etwa */ 4 Zoll. An Muscheln geheftet in den chinesi- 
schen Meeren. Kleinen Stücken fehlen die strahlenförmigen Streifen 
ganz. (Mitth. d. Hrn. Gould.) 

Hr. C uming hat in der Nähe von Bombay eine Discina gesam- 
melt, welche nach Hrn. Gould sich durch ihre doppelte Grösse von 
D. stellet unterscheidet , möglicher Weise aber auch dieser Art 
angehört. Es ist dies ausser der zweifelhaften C. pcrsonata der 
einzige Brachiopode, welcher bisher an den ostindischen Küsten ent- 
deckt wurde. 

D. spec. ined. Ich verdanke meinem unermüdeten Freunde Herrn 
Davidson die Nachricht, dass sich in der Sammlung des Herrn 
Cum in g Stücke befinden, welche der D.strigataBvod. sehr ähnlich 
sehen, jedoch durch einige Details sich von dieser unterscheiden 
mögen, und welche Herr Cuming selbst zu Singapore und an 
den Philippinen mit dem Schleppnetze gesammelt. Auf sie ist wohl 
die Angabe „Malakka" in Broderip's und „Corregidor" (eine der 
Philippinen, südwestlich von Luzon) in Sowerby's Beschreibung 
der westamerikanischen D. strigata zu beziehen. 

In Australien und Neuseeland sind noch keine Arten dieser 
Sippe gefunden worden, aber jenseits des stillen Weltmeeres sind, 
wie schon erwähnt wurde, an der amerikanischen Westküste vier 
oder fünf Discinae bekannt. Es sind dies folgende: 

D. Evansi Dav. i ), eine sehr eigentümliche Art mit kleinem, 
fast centralen Spalt in der Unterklappe, lebt bei Bodegas in Ober- 
Californien, nördlich von S. Francesco. 

D. Cumingi B r o d. sp. a ) ist nach der Angabe des Herrn 
Broderip von Herrn Cuming zu St. Elena (Nicaragua), Panama 
und Payta (im nördlichsten Theile von Peru) an die Unterseite von 
Steinen geheftet, in sandigem Schlamm und zwar im seichten Wasser, 
in einzelnen Fällen in einer Tiefe von 6 Fad. gefunden worden. Es 
ist dies der einzige Brachiopode, welchen die grosse Beigen'sche 
Sammlung aufweist, die 676 Arten in Mazatlan vorkommender Con- 
chylien umfasst, und selbst dieser einzige ist selten 3 ); in Panama 



») Proceed. zool. soc. 1852, al.str. p. 7, t. I, f. 32—34. 

2) Proceed. zool. soc. 1833, I, p. 124 : Thes. Conch. I. t. 73, I. (». 

3 ) Carpenter, I. c. p. 244. 



Über di(T Wohnsitze der Brachiopoden. 227 

dagegen muss er häufiger sein, denn dort konnte Hr. C. B. Adams 
in 38 Tagen 50 Exemplare davon bei niedrigem Wasserstande sam- 
meln. Auch von da her ist kein anderer Brachiopode bekannt ! )- 

D. strigata Brod. sp. trägt in der von Broder ip in den 
ersten Band der Zoological Transactions eingerückten Beschreibung 
blos folgende Angaben über ihren Aufenthalt: „Hab. ad Guatemalae 
oras (Ins. Cana). Hr. Cuming fischte zwei Individuen dieser Spe- 
cies in der Tiefe von 18 Fad. Sie waren an Felsen geheftet." — 
Diesen Fundort muss man wohl vorläufig als den einzig zuverlässigen 
betrachten. Die verschiedenen , später für dieselbe Art genannten 
Fundorte (Philippinen, Malakka u. s. w.) gehören, wie schon erwähnt 
wurde, wahrscheinlich einer anderen Art an. Malakka ist der kür- 
zeren Notiz von Broderi p's Beschreibungen in den Proceedings 
der zoologischen Gesellschaft dem hier genannten Fundorte beige- 
fügt, fehlt aber, wie gesagt, in den Transactions. 

D. lamellosa Brod. sp. 3 ) wurde nach der Angabe des Hrn. 
Brod er ip von Cuming zu Iquiqui und in der Bay von Ancon 
gruppenweise gefunden, „wobei in manchen Fällen die Individuen 
schichtenweise über einander gehäuft waren, auf sandigem Grunde, 
in einer Tiefe von 5 — 9 Fad. Zu Ancon waren sie an todte Mu- 
scheln befestigt und hafteten auch an dem Wrack eines spanischen 
Fahrzeuges von etwa 300 Tonnen, welches etwa 12 Jahre zuvor in 
der Bucht gesunken war. Die gesunkenen Balken (denn die Verklei- 
dung war zu Grunde gegangen) waren mit diesen Gehäusen auf 
eine ähnliche Weise überdeckt, wie Balken am Lande sich häufig 
mit flachen, parasitischen Schwämmen bedecken. Zu Iquiqui fanden 
sie sich an einem lebenden Mytilus haftend". 

D. laevis G. Sow. sp. 3 ), zuerst vom älteren Sowerby schon 
im Jahre 1818 nach Stücken beschrieben, welche auf dem Ballast 
aufsassen, der zur Ausbesserung der Strassen in der Pfarrei Lambeth 
bei London diente, wurde seither nach der Angabe des jüngeren 
Sowerby (im Thesaur. Conchyl.) lebend von Hrn. Cuming auf 
der Höhe von Concepcion in Chili in einer Tiefe von 6 Fad. an 
Mytili befestigt gefunden. 



*) Ebendas. p. 280. 

2 ) Proceed. zool. soc. 1833. I, p. 124; Sowerb y , Thes. Concb. I, l. 73, f. 1. 

3 ) Trans. Linn. soc. 1818, vol. XIII, p. 4Ga, auch in C henu, ßibl. Conch., p. 274; 
Thes. Conch. t. 73, f. 2, 3. 



228 8 .. e s s. 

Au der amerikanischen Ostküste kennt man 2 oder 3 lebende 
Discinae; es sind dies folgende: 

D. Antillarium d'Orb. J )> auf einer Madrepore sitzend, von 
der Insel Cuba. 

D. sp. ined. — HerrDavi dson schreibt mir, dassHerrCumin g 
eine neue , von D. Antillarium verschiedene Art von La Guayra 
besitze. 

D. sp.? Es ist bei D. strigata davon die Rede gewesen, 
wie durch die Angaben des Hrn. Gould über Crania radiosa 
G. das Vorkommen einer Art von Discina bei Rio wahrscheinlich 
wird. 

Farn. Linguliclae. 

Sippe: Liogula Bruguiere. 

Es ist bekannt, dass diese Sippe wie die vorhergehende schon 
in den ältesten versteinerungsführenden Ablagerungen in nicht ganz 
geringer Artenzahl auftritt, ja dass sie in England und Nord-Amerika 
schon zur Primordialzeit existirte. Seit jener Zeit hat sie sich durch 
alle Formationen hindurch bis auf den heutigen Tag erhalten, ohne in 
irgend einer Zeitepoche ein auffallendes Maximum zu zeigen. Würde 
man die bis heute bekannt gewordenen Lingulae in einer Liste sam- 
meln , so würde sich vielleicht in den ältesten Zeiten ein auffallen- 
derer Reichthum derselben zeigen. In den jüngeren Formationen 
würde man nur je eine, zwei oder höchstens fünf Arten aufzuzählen 
im Stande sein und würde dann staunen, in den heutigen Meeren 
nicht weniger als 8 oder 9 Arten zu treffen. Es muss aber hiebei 
bemerkt werden, dass wahrscheinlich zu keiner Zeit die Vertheilung 
dieser Sippe in den Meeren eine gleichförmige gewesen ist. Die 
fossilen Lingulae , welche aus mittleren und jüngeren Ablagerungen 
bekannt sind, stammen, wenn ich mich nicht täusche, ohne Ausnahme 
aus Europa ; hier trifft man noch in der jüngeren Tertiärzeit einige 
Arten, wie z. B. L. Dumontieri im belgischen und britischen Crag 
und eine Art in den Küstenbildungen des Beckens von Wien. Und 
beschränkt man sich, die Vergleichungen verfolgend, auf das Gebiet 
von Europa, so zeigt sich, dass die ebengenannten in unsern Gegenden 



*) d'Orb igny in Ramon de la Sagra, Hist. de l'Ile de Cuba, 18ü3, Moll. I, 
p. 368, Atl. I. XXVIII, f. 34—36. 



Über die Wohnsitze der Braehiopoden. 220 

die letzten Vertreter ihrer Sippe waren. Es lebt keine Lingula in den 
europäischen Meeren, ja es ist sogar im ganzen atlantischen Ocean 
noch keine Art dieser Sippe entdeckt worden. 

Von den 8 — 9 lebenden Arten ist der Wohnort zweier unbe- 
kannt, während die anderen alle den Ufern des stillen Weltmeeres 
und zwar nur den warmen Theilen derselben, angehören; es ist nicht 
unwahrscheinlich , dass uns einst paläontologische Untersuchungen 
lehren werden , dass auch schon vor längerer Zeit das Maximum 
dieser Sippe ferne von Europa war. 

L. Aiitoni Kiist. *) mag vielleicht berechtigt sein, als selbst- 
ständige Art betrachtet zu werden. Ich habe nie Stücke davon ge- 
sehen; der Wohnort ist unbekannt. 

An den ostasiatischen Inseln scheinen drei Lingulae zu leben. 

L. spec. ; Herr Heine hat eine kleine Lingula an der Insel 
Ou-Sima (N. 0. von Formosa) auf sandigem Grunde bei hohem 
Wasserstande in 6 Fad. getroffen 2 ). Möglicher Weise ist hiedurch 
eine neue Art angedeutet. 

L. anatina Lam. 3 ), die bekannteste Art dieser Sippe, wurde 
von Herrn Cuming an der Insel Siquijor bei niedrigem Wasser- 
stande im Sande und an den Mollukken gefunden 4 ); Küster nennt 
sie von sandigen Küsten an den Philippinen und an Amboina. 

L. tumida Reeves 5 ), die grösste bisher entdeckte Lingula, 
stammt von Neu -Holland. Nach Sowerby 6 ) soll L. compressa 
Reeves nur auf ein schlecht erhaltenes Exemplar derselben Art 
sich beziehen; diese stammt von Masbate (Philippinen). Die Ver- 
schiedenheit der Fundorte spricht gegen diese Annahme , es fehlen 
mir jedoch alle weiteren Anhaltspunkte , um hierüber zu ent- 
scheiden. 

Lj. hians Swains. 7 ), anfangs ohne Angabe des Fundortes 
beschrieben, findet sich nach Herrn Davidson im Port Essington 



!) Küster, Cheran. Conch. Cab. VII, p. 14, t. I, f. 7 — 9. 

2 ) Heine, Expedition in die See"n von China, Japan und Ochotsk; deutsche Ausg. 
18ÖS, I, p. 137. 

3 ) Anim. s. vertebres. 

4 ) Thes. Conch. p. 337. 

5 ) Zool. Proceed. 1841, p. 100. 

6 ) Thesaur. Conchyl. I, p. 339, t. 67, f. 7. 

7 ) Philosoph. Mag. 1823, vol. 42. 



230 S u e s s. 

an der Nordwest-Spitze Neu -Hollands. L. Chemnitzi Küst. x ) von 
zweifelhaftem Fundorte, ist ihr sehr ähnlich. 

Gleichsam die Brücke zu den ostpacifischen Vorkommnissen 
bildend, zeigt sich an den Sandwich -Inseln L. ovalis Recves 2 ), 
von C uming daselbst entdeckt. Diese Art wird ihren Namen ändern 
müssen, da derselbe bereits früher vonSowerby an eine jurassische 
Lingula vergeben wurde. 

Die drei folgenden Arten sind westamerikanische. 

L. albida Hinds 3 ) lebt in der Magdalenen-Bucht in Califor- 
nien, in 7 Fad. in sandigem Schlamm. 

L. semen Brod.*) sammelte Herr C uming an der Insel Plata 
in West-Columbien in 17 Fad. in feinem Korallensand; keine Lingula 
ist aus einer grösseren Tiefe bekannt; diese Art zeichnet sich durch 
die Stärke ihrer Schalen aus. 

L. Audebardi Feruss. 5 ) fand ebenfalls Herr Cuming an der 
Insel Punam in der Bai von Guayaquil in Peru und zwar etwa zur 
Zeit der halben Ebbe in einem ausgedehnten Boden von grobem 
Sand , 4 — 6 Zoll unter dessen Oberfläche. Die Ausdehnung des 
Sandes betrug ungefähr 12 (engl.?) Meilen der Länge und 2 Meilen 
der Breite nach." 

B. Geographische Gruppirung der jetzigen Wohnsitze. 

Aus den in den vorgehenden Seiten aufgezählten Thatsachen 
ergeben sich folgende allgemeinere Besultate über die geogra- 
phische Verbreitung der Brachiopoden in den heutigen Meeren. 

Es leben Brachiopoden unter allen Zonen von Spitzbergen und 
der Melville-Insel bis unter die Tropen und bis an die Strasse von 
Magelhaens. Ebenso leben sie in den verschiedensten Meerestiefen 
vom Küstensande bis in eine Tiefe von mehr als 200 Fad. — Ver- 
folgt man nun die Küsten der alten und der neuen Welt, so zeigen 
sich die einzelnen Arten in folgender Weise an einander gereiht: 

I. Zuerst trifft man in der arktischen Zone, wo man dieselbe 
auch betrachten mag , die circumpolare Rhynchonella psittacea. 



*) Che mit. Couch. Lab. VII, p. 13, t. I, f. 4—6. 

2 ) Zool. Proceed. 1841, p. 100. 

3 ) 1844, Voyage of the Sulphur; Moll. p. 71, t. XIX, f. 4. 

4 ) Zool. Proceed. 1833, I, |). 123 u. Zool. Trans. I, p. 144. 

5 ) 15 r o d e r i p, ebendas. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 231 

In Spitzbergen gesellt sich zu ihr Terebratella Spitzbergensis, 
und mit ihr treten auch hier schon als Ausläufer südlicherer Gegenden 
Terebratulina caput serpentis und Crania anomala auf. 

Am Ostrande der Atlantis zeigt sich nun zunächst die 
I) o r e a 1 e f i n n i s c h - n o r w e g i s c h e Küste mit folgenden Brachio- 
poden: 

Terebratulina caput serpentis, 

Waldheimia septigera, 
„ cranium, 

Iihynchonella psittacea, 

Crania anomala. 

Die erste der beiden Waldheimien, Waldh. septigera, bleibt ganz 
auf diese Küste beschränkt und die andere, Waldh. cranium, reicht 
nur bis zu den zetländischen Inseln herab ; die drei anderen Arten 
bewohnen weitere Bezirke ; die eine R. psittacea , ist ein arkti- 
scher Gast, die beiden anderen, T. caput serpentis und Cr. anomala, 
erreichen hier oder in dem zunächst südlich folgenden Bezirke ihr 
Maximum, aber eine von diesen beiden, T. caput serpentis, ist ein 
Best aus früherer Zeit. 

Die mit so grossem Fleisse erforschte Fauna der britischen 
Meere weist folgende Arten auf: 

Terebratulina caput serpentis, 
Waldheimia cranium, 
Megerlea truncata, 
Argiope cistellula, 
„ decollata, 
Rhynchonella psittacea, 
Crania anomala, 

in der That eine sonderbare Vergesellschaftung und einer näheren 
Analyse werth. 

1. T. caput serpentis findet sich schon in mitteleuropäischen 
jüngeren Tertiär-Ablagerungen und im englischen Crag, hat während 
des strengeren Diluvialklima's im nördlichen Europa ausgeharrt und 
bewohnt jetzt ein weites Gebiet, von Massachussetts bis Spitzbergen, 
Norwegen, England und das Mittelmeer. 

2. Waldh. cranium ist ein Gast aus borealen Wässern und 
kömmt in der That nur bis Zetland herab. 

Sitzb. (I. inathem.-naturw. Cl. XXXVII. Bd. Nr. 18. 16 



232 s » e s ,. 

3. 31. truncata dagegen ist ein lusitanischer Gast aus dem 
Mittelmeere und reicht nur bis an die südwestliche Verlängerung 
Englands (Torbay) herauf. 

4. A. cistellula kömmt im Crag fossil vor, fehlt in den Diluvial- 
Ablagerungen, und erscheint heute wieder an den britischen Küsten. 
Sie ist also höchst wahrscheinlich jenen Arten zuzuzählen, welche 
nach Forbes durch die Kälte der Diluvialzeit in die lusitanische 
Provinz zurückgedrängt wurden, und bei dem Wiedereintritte gün- 
stiger Verhältnisse von Neuem nach Norden gewandert sind. Es 
spricht hiefür, dass sie, obwohl im Norden bis Zetland reichend, 
doch ihr Maximum im südwestlichsten Theile des Gebietes (Guernsey) 
zu haben scheint und dass Herr Jeffreys vermuthet, sie lebe auch 
im Mittelmeere. 

5. A. decollata findet sich in jüngeren Tertiär- Ablagerungen 
Mittel-Europa's, aber nicht im Crag. Heute kömmt sie als lusitanischer 
Gast auch nur bis Guernsey herauf. 

6. R. psittacea ist ein Ausläufer , oder nach Forbes ein 
Theil der Rückhnt der zurückgedrängten arktischen Fauna. 

7. C. anomala scheint mir von allen diesen Arten in Bezug 
auf ihre Verbreitung sonderbar abzuweichen. Ich habe bereits bei 
der Aufzählung ihrer Fundorte gezeigt, wie diese Art fast stets mit 
T. caput serpentis zu finden sei, in Spitzbergen, in Scandinavien und 
Grossbritanien bis in die Vigo- Bucht, wie sie also ganz denselben 
äusseren Bedingungen zu entsprechen scheine, — wie sie aber doch 
der T. caput serpentis weder in das boreale Nord -Amerika, noch 
in das wärmere Mittelmeer folgt. Nun kömmt T. caput serpentis in 
tertiären Ablagerungen und in Diluvial - Ablagerungen fossil vor. 
Cr. anomala dagegen kennt man noch nicht im fossilen Zustande, und 
ich habe daher vermuthet, dass ihre Entstehung in eine jüngere Zeit 
falle und sie jene Erscheinungen nicht erlebt habe, welche es der 
T. caput serpentis möglich gemacht haben, nach Nord-Amerika zu 
kommen und welche in einem fortlaufenden Uferrande oder einer 
zusammenhängenderen Inselkette zwischen diesem Welttheile und 
dem unsrigen bestanden zu haben scheinen. Dagegen deutet ihr 
Auftreten in der Vigo-Bucht darauf hin, dass sie den allmählichen 
Rückzug der nördlichen Bevölkerungen aus dem mittleren Europa 
wenigstens theilweise mitgemacht habe. — Diese eine Art von jün- 
gerem Datum scheint allein ihr Maximum in den celtischen Bezirken 



Über die Wohnsitze der ßrachiopoden. 233 

zu haben; M'Andrew gib! an, sie werde im nördlichen Scandinavien 
selten, aber die Beobachtungen von Sars bestätigen dies nicht. 

Vom Norden kommen also W. cranium und Rh. psittacea, von 
Süden M. truncata, A. decollata und wahrscheinlich A. cistellula, 
eine weitere Verbreitung besitzt T. caput serpentis, ihr Maximum 
hat hier oder vielleicht etwas weiter im Norden Cr. anomala. 

Es verdient hier anhangsweise die sehr kleine und erst kürzlich 
entdeckte T. Capsula Jeff, genannt zu werden; sie ist bisher nur 
in der Bai von Belfast und an der Küste der Normandie gefunden 
worden. Man weiss noch nicht, welcher Sippe sie beizuzählen ist 
und bei ihrer ausserordentlichen Kleinheit wird sie vielleicht noch 
an vielen Punkten gefunden werden, wo sie bisher übersehen wurde; 
dann erst wird man ihre Verbreitung beurtheilen können. 

Aus der lusitanischen Provinz, insbesondere aus dem Mittelmeere, 
sind nicht weniger als 15 Arten von Brachiopoden bekannt; sie sind: 

Terebratula vitrea, 
„ minor, 

Terebratulina caput serpentis, 
Megerlea truncata, 
Argiope Neapolitana, 

„ decollata, 

„ cuneata , 

„ cistellula ? 
Morrisia anomioides, 

„ Davidsoni, 

„ lunifera, 
TJiecidium mediterraneum, 
Crania ringens, 

„ rostrata, 

„ anomala. 

Eine von diesen Arten, C. anomala, reicht jedoch, wie schon 
erwähnt wurde, nur als Gast bis in die Vigo-Bucht , wenigstens 
fünf andere sind Überreste der mitteleuropäischen jüngeren Tertiär- 
Bevölkerungen, und zwar T. caput serpentis, A. Neapolitana, decol- 
lata, cistellula und Morrisia anomioides, und eine, C. rostrata, 
mag zweifelhaft sein. Es bleiben aber immer noch acht eigenthüm- 
liche Arten. 



234 S u e s s. 

Leider ist diese Provinz ausserhalb des Mittelmeeres noch wenig 
untersucht; erst Herr M'Andrew hat begonnen sich diese, für 
das Studium der jüngsten Tertiärbildungen so wichtige Aufgabe zu 
stellen. Man weiss jetzt, dass , wie schon erwähnt wurde, M. truti- 
cata und A. decollata bis in den südwestlichsten Theil der eng- 
lischen Gewässer reichen, dass A. cistellula dort schon vielfach 
gefunden ist, ja selbst bis Zetland reicht, während ihr Vorkommen 
im Mittelmeere noch nicht bestätigt ist , dass T. vitrea bis in die 
Vigo-Bucht reicht, und dass Meg. truncata, Arg. decollata, A. Nea- 
politana und A. cimeata auch an den canarischen Inseln leben. 

An den europäischen Küsten wohnen also 19 *) Arten 
von Brachio poden; keine von ihnen hat eine hornige 
Schale; alle lieben die Tiefe. 

Die westafrikanische Küste, berühmt durch die Pracht 
ihrer Conchylien, ist sehr arm an Brachiopoden; Disc. striata ist 
in der That die einzige Art, welche man von hier kennt, voraus- 
gesetzt, dass Disc. radiosa Gld. von Liberia mit ihr identisch sei. 

Der südlichste Theil von Afrika, vom Cap bis in die 
Algoa-Bucht und Port Natal , bietet mehr Mannigfaltigkeit , doch 
fehlen hier die Arten mit hornartiger Schale. Hier leben: 

Terebratella Algoensis, 
Kraussina rubra, 
„ cognata, 

„ pisum. 

Die letztere soll ausser in Port Natal auch in Madagascar und 
sogar an Mauritius vorkommen. Terebratulina abyssicola scheint mir 
zu zweifelhaft, um hier mitgenannt zu werden. 

Es folgt nun wieder ein weites brachiopodenarmes Meer. 
Schon der Katalog der Mollusken, welche an den Seychellen leben, 
von Dufo, nennt keine einzige Art und ich wüsste weit nach Osten 
keine zu nennen, wenn mir mein unermüdeter Freund Herr David- 
son nicht mitgetheilt hätte, dass sich in der Sammlung des Herrn 
Cuming eine Discina von Bombay unter der Benennung D. Stella 
Gould befände. Diese vereinzelte Art hat also wieder eine hornige 
Schale, während jene im südlichen Afrika alle kalkige Gehäuse 
besitzen. 



*) Mit Cr. rostrata. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 235 

Cr ania per Sonata Lam. dürfte noch als zweifelhaft zu betrach- 
ten sein. 

Es zeigen sich also in dem hier betrachteten Ge- 
biete drei hauptsächliche Ansammlungen von Brachio- 
poden: eine an den scandinavischen Ufern, eine im 
Mittelmeere und eine im südlichen Afrika. 

II. Gehen wir nun zu den paci fischen Küsten und zu 
Australien über. Hier trifft man schon hoch im Norden eine nicht 
unbedeutende Anzahl von Brachiopoden. Im Eismeere, innerhalb 
der Behringsstrasse findet sich nach Gould die auch aus Oregon 
citirte Waldh. pulvinata. Am Ost-Cap der Behringsstrasse ist nach 
Dr. Gould von Capt. Bodgers in 30 Fad. auf Kies ein anderer 
Terebratulide gefunden worden, über den keine weiteren Angaben 
vorliegen. Rhynch. psittacea zeigt sich an mehreren Punkten, östlich 
bis Sitka herab. Im Meerbusen von Ochotsk lebt Terebratella fron- 
talis und nach Gould Waldh. globosa. 

Die südlicher an der Ostküste der alten Welt folgenden Gebiete 
sind reich an Brachiopoden. In Japan findet man: 
Terebratulhia Japonica, 
Waldheimia Grayi, 
Terebratella miniata, 
Megerlea transversa, 
Rhynchonella lucida. 
Von Korea und den benachbarten Inseln nennt man 4 Arten, 
und zwar: 

Waldheimia Grayi, 

Terebratella crenulata (vielleicht etwas zweifelhaft), 

„ Coreanica, 

Kraussina Deshayesi. 
An der kleinen Insel Ou-Sima, südlich von Formosa lebt eine 
Lingula 1 ); aus China ist Terebratulina Chinensis beschrieben 
Morden. 

An den Philippinen, zum Theile auch an der benachbarten 
Küste von Malakka leben 5 Brachiopoden-Arten, nämlich: 
Terebratella sanguinea, 
Megerlea pulchella, 



i ) Die Art ist mir unbekannt. 



230 8 u e s s. 

Discina (strigatac pars), 
Lingula anatina, 

„ compressa. 
An den javanischen Küsten nennt man Waldh. picta, welche 
vielleicht auch in Tonga-Tabu lebt, und Terebratella rubella. 

An den Molukken wird die auch von Neu-Seeland angeführte 
Terebratella rubicunda genannt. 

Von Australien kennt man, nach Vereinigung mehrerer 
Abarten, noch immer 5 Arten; sie heissen: 

Terebratulina cancellata (nicht ganz sicher), 
Waldheimia flavescens, 
Kraussina Lamarckiana, 
Lingula tumida, 
„ hians. 
Von Neu-Seeland führen die Naturforscher nicht weniger 
als 9 Arten an, und zwar: 

Waldheimia flavescens, 

„ lenticularis, 

Terebratella Zelandica, 
„ Evansi, 

„ Cumingi, 

„ rubicunda, 

Kraussina Lamarckiana, 
Argiope Valenciennesi, 
Rhynchonella nigricans. 
So mangelhaft unsere Kenntniss der Meeres -Fauna dieser 
Gegend auch sein mag, so sieht man doch in dieser kleinen Liste die 
Verwandtschaft dieser Fauna mit jener Australiens durch das Auf- 
treten der in Australien sehr häufigen W. flavescens und der Kr. 
Lamarckiana angedeutet, wahrend, wie schon erwähnt worden ist, 
T. rubicunda auch an den Molukken vorkommen soll. Hoffentlich 
werden uns die nächsten Jahre noch manche neue Brachiopoden aus 
diesen Gegenden bringen, welche heute schon einen so grossen 
Reichthum an solchen Thieren aufzuweisen haben. 

Von vereinzelten Vorkommnissen schliesst sich hier noch an 
den Fidschi-Inseln Rhynchonella Grayi und weit draussen im 
Weltmeere an den Sand wich -Inseln Terebratella sanguinea 
(wie an den Philippinen) und Lingula ovalis an. 



Über die Wohnsitze der Brachiopoden. 237 

Es dürfte nach dem jetzigen Stande unserer Kenntnisse schwer 
sein zu erkennen, welche unter den hier genannten Gegenden als 
besonders reich an Brachiopoden hervorgehoben werden sollten. 
Japan und Korea, die Philippinen und Australien mit Neu-Seeland 
könnten vielleicht als besonders begünstigte Gebiete betrachtet wer- 
den; vielleicht stellt sich aber die Sache anders, wenn die Erfor- 
schung dieser Meere eine allgemeinere sein wird. Wir müssen uns 
in dieser Beziehung mit dem Besultate begnügen, dass zwischen 
Japan, Java, Neu-Seeland und den Fidschi-Inseln 
nicht weniger als 29 — 30 eigenthümliehe Arten die- 
ser Classe entdeckt worden sind. 

III. Das westliche Amerika mit der Magelhaens- 
Strasse zeigt die Rh. psittacea bis an die Insel Sitka herab- 
gehend. Es reiht sich hieran eine Anzahl von Vorkommnissen , die 
längs der Küste vertheilt sind und welche an und für sich keinen 
Anhaltspunkt zur Gruppirung bieten würden. Für einen bedeutenden 
Theil dieses Gebietes ist jedoch eine solche Gruppirung der ge- 
sammten Mollusken -Fauna von Herrn Carpenter vorgenommen 
worden und in dieser können die Brachiopoden auf folgende Weise 
erscheinen : 

Im r e g o n - D i s t r i c t : 

Waldheimia pulvinata Gld. (auch arktisch), 
Terebratella caurina Gld. 
In Ober-Californien: 

Waldheimia Caüfornica (zweifelhaft), 
Discina Evansi. 
In Unter- Californien: 

Lingula albida. 
Im tropischen Bezirke: 
Terebratula uva, 
Discina Cumingi, 
„ strigata i ). 
An den Küsten von Ecuador und Peru tritt D. Cumingi eben- 
falls noch auf, ebenso D. lamellosa, hing. Audebardi und L. semen. 
Aus Chili sind Terebratella Chilensis und Diso, laevis bekannt. 



*) Wood ward führt (Manual, p. 376) unter der Aufschrift: „Panama Shells" folgende 
Arten an: Disc. strigata, D. Cumingi, Idng. semen, L. albida, L. Audebardi. 



238 Suess. 

Die südlichsten Theile Amerikas, Patagonien mit der 
Magelhaens-Strasse besitzen wenigstens 3 Arten, und zwar 
Terebratulina Patagonien, Waldh. dilatata und Terebratella dor- 
sata, welche letztere an mehreren Punkten sehr häufig ist und auch 
an den Falklands-Inseln gefunden wurde. 

An der westamerikanischen Küste findet man also 
in den wärmeren und gemässigter en Bezirken 12 ein- 
heimische Brachiopoden-Arten, unter denen nicht 
weniger als 7 Arten eine hornige Schale besitzen. 
Die südlichsten Theile dieses Continentes mit 3 Arten 
von Terebr atuliden deuten ein ähnliches selbststän- 
digeres Gebiet an, wie die südlicheren Gegenden 
Afrika's. Es scheinen die Falklands-Inseln zu diesem Gebiete sich 
so zu verhalten, wie Madagascar und Mauritius zur afrikanischen 
Südküste, oder wie die Canarien zum Mittelmeere. 

Die Ostküste Amerika 's zeichnet sich durch ihre auffallende 
Armuth an Brachiopoden aus. Ausser Rh. psittacea findet sich hier 
in den höheren Breiten Terebratella Labradorensis. An den so 
genau erforschten Küsten von Massach ussetts geht T. Caput ser- 
pentis, deren eigentliche Heimath die boreale Provinz Europa's ist, 
bis zur Fundy Bai, die circumpolare Rh. psittacea bis zum Golf von 
St. Lawrence und Neufundland herab. In den südlicheren Theilen 
der Vereinigten Staaten ist noch gar kein Brachiopode gefunden 
worden und selbst im westindischen Meere, wo die letzte 
Pleurotomaria lebt 1 ) und man hoffen dürfte, sie von einigen Stamm- 
verwandten ihrer zahlreichen Gefährten aus der Jurazeit begleitet 
zu sehen, sind bisher nur 2 Arten, beide Discinae, entdeckt wor- 
den, nämlich D. Antillariiim und eine noch unbeschriebene Art. 

Die Ostküste Süd- Am erika's ist eben so arm und zeigt 
nur bei Rio einen Terebratuliden von sehr abweichender Organisa- 
tion , nämlich die Rouchardia tulipa und dabei wieder eine Discin 
weitem nicht so klar. Im Gegentheile bemerkt man, dass, wenn von 
den beiden Sippen Thecidium und Bouchardia abgesehen wird, 
welche nur je eine lebende Art besitzen, von den 12 übrigen Sippen 
nur die Arten von zweien in einem irgendwie einheitlichen Bezirke 
beisammen wohnen, während jene der übrigen auf eine höchst 
befremdende Weise in die entferntesten Meere zerstreut sind: 

I. Es gibt heute nicht weniger als 10 sporadische Brachio- 
poden-Sippen, und zwar: 

1. Terebratula. — Mittelmeer. Tehuantcpec. (Devon.) 

2. TerebratuUna. — Scandinavien. Australien. Japan. Pata- 
gonien. (Jur.) 

3. Waldheimia. — Finnland. Java. Korea. Ochotsk. Behrings- 
Strasse. Australien. Neu-Seeland. Californien? Strasse von 
Magelhaens. (Sil.? — Devon.) 

4. Terebratclla. — Spitzbergen. Cap. Philippinen. Japan. 
Korea. Ochotsk. Labrador. Neu-Seeland. Valparaiso. Strasse 
von Magelhaens. (Jur.) 

5. Mcgerlea. — Mitteln). Philippinen. Japan. (Jur.) 

6. Argiope. — Mittelm. Neu-Seeland. (Jur.) 

7. Rhynchonella. — N. Eismeer. Japan. Fidschi-Ins. Neu-See- 
land. (Sil.) 

8. Crania. — Scandinav. Mittelm. Persischer Meerbusen. (Sil.) 

9. Discina. — West-Afrika. Ostindien. Philippinen. Califor- 
nien bis Chili. West-Indien. (Sil.) 

10. Lingula. — Ou-Sima bei Formosa. Philippinen. Australien. 
Sandwich-Insel. Californien. Peru. (Sil.) 
Diese letzte Sippe scheint zwar auf die warmen und gemäs- 
sigten Ufer des stillen Oceans beschränkt zu sein, aber die That- 
sache, dass sie zur Zeit des Crag noch im nordwestlichen Europa 
vertreten war, reiht sie ohne Zweifel zu den sporadischen. 

Die zehn sporadischen Brachiopoden -Sippen be- 
sitzen sämmtlich ein bedeutendes geologisches Alter 
und es reicht jede von ihnen mindestens bis in die 



Über die Wohnsitze der Braeliiopoden. 247 

Jurazeit zurück J ). Zwei von ihnen» Discina und Lingula, sind auf 
die warmen und die gemässigten Zonen beschränkt; sie reichen bis 
in die Primordialzeit zurück; aber nicht damit steht ihre klimatische 
Beschränkung in Verbindung, sondern wahrscheinlich mit dem aus 
dem vorhergehenden Abschnitte sich ergebenden Umstand, dass sie 
fast ohne Ausnahme Strandbewohner sind. Andere Sippen sind in 
ihrer Yertheilung offenbar ganz unabhängig vom Klima; alle die vier 
Sippen, welche in dem arktischen Meere vorkommen , nämlich Tere- 
bratulina, Terebratella, Rkynchonella und Crania, sind auch in den 
Wässern der tropischen Zonen vertreten und dies ist um so auf- 
fallender, als die Artenzahl oft sehr gering ist. Es sind z. B. nur 
vier Rhynchonellen bekannt; eine ist eine arktische, eine ist eine 
gemässigte, zwei davon sind tropische Arten. 

II. Nur zwei Sippen deuten auf einen beschränkten Verbrei- 
tungsbezirk und können als endemische angesehen werden. Die 
erste von ihnen ist Kraussina; sie umfasst 4 Arten, welche in Süd- 
Afrika und Korea wohnen, nebst einer die zugleich in Australien und 
Neu-Seeland lebt und treten daher wenigstens nicht weit über die 
Grenzen der grossen indo-pacifischen Provinz hinaus. Diese Sippe 
ist noch nicht fossil aufgefunden worden. — Die zweite endemische 
Sippe ist Morrisia; die drei lebenden Arten sind dem Mittelmeere 
eigen; fossile Morrisien kenne ich nur aus den jungtertiären Abla- 
gerungen Österreichs; Davidson deutet sie mit Zweifel aus der 
englischen Kreide an. 

Die beiden endemischen Sippen besitzen also ein 
geringes geologisches Alter. 

III. Zwei Sippen sind in den heutigen Meeren nur durch je eine 
einzige Art vertreten. 

Eine von diesen, Bouchardia tulipa, wohnt isolirt von anderen 
Terebratuliden in geringer Tiefe zu Rio. Diese Sippe ist noch nicht 
fossil gefunden worden. 

Die andere, Thecidium mediterraneum, bewohnt, wie ihr Name 
andeutet, das Mittelmeer. Sie ist der einzige heute bekannte Rest 
einer Sippe, welche seit der Trias in jeder geologischen Epoche ver- 
treten war, aber, wenn ich nicht irre, gehören alle 24 — 26 fossilen 
Arten, welche bisher entdeckt worden sind, Europa an. Es lässt sich 



') Nur bei Terebratella ist der Beweis noch nicht ganz hergestellt. 
Sitzb. d. mathem.-naturw. Cl. XXXVU. Bd. Nr. 18. \1 



^48 S u e s s. Über die YVolmsiUe der Braciiiopoden. 

also nicht entscheiden, ob diese Sippe seit jener lernen Zeit fort- 
während auf ein verhältnissmassig so enges Gebiet beschrankt 
geblieben ist, oder ob diese eine lebende Art der Rest einer in den 
jüngeren Formationen sporadischen Sippe ist. Es bleibt dies um so 
mehr zweifelhaft, als alle Thecidien nicht nur ziemlich klein sind, 
sondern, auf fremde Gegenstände aufgewachsen, wenig von diesen 
abstechen , oft sogar die Faltungen dieser Gegenstände nachahmen 
und daher von den Beobachtern gar leicht übersehen werden können. 

Im Allgemeinen zeigt sich also bei den Sippen, welche heute 
mehr als eine einzige Art umfassen , dass die geologisch alten spora- 
disch auftreten, die beiden geologisch jüngeren dagegen nur in 
begrenztem! Gebieten leben. Dieses Resultat stimmt vollkommen mit 
den Erfahrungen überein, welche man über die geographische Ver- 
breitung anderer, sowohl land- als meerbewohnender Thierclassen 
besitzt, unter denen einzelne Sippen sich eines bedeutenderen geo- 
logischen Alters rühmen können. „Die ältesten Thiertypen ," sagt 
Prof. Heer, auf seine Untersuchungen fossiler Insecten gestützt *)> 
„scheinen auch die grösste Verbreitung auf unserer Erde zu haben, 
so dass die Grösse der Verbreitungs-Bezirke jetzt lebender Wesen 
wenigstens einzelne geologische Winke geben kann." 

Aber ich darf hier eine speciell die Brachiopoden betreffende 
Bemerkung nicht unterdrücken. In jenem Theile des nächsten Ab- 
schnittes, in welchem die ältesten Wohnsitze dieser Classe besprochen 
werden sollen, wird es sich zeigen, dass einzelne Sippen schon in sehr 
früher Zeit eine bedeutende geographische Ausdehnung besessen haben. 
Es wird, glaube ich, hieraus hervorgehen, dass entweder geogra- 
phisch von einander sehr entfernte Ablagerungen, welche beide Fos- 
silien von paläozoischem Charakter einschliessen , darum nicht dem- 
selben Zeitabschnitte angehören müssen, — oder dass, vielleicht in 
Folge gleichförmigerer äussererer Verhältnisse, damals generische 
Bezirke weiter waren, als es heute bei jungen Sippen der Fall zu 
sein pflegt. Beide Vermuthungen werden ihre Anhänger finden und 
haben sie zum Theile schon gefunden, aber ich fürchte, dass man mit 
ihnen ein Gebiet betritt, wo die grosse Lückenhaftigkeit der heutigen 
Erfahrungen dringender zur Vermehrung der Beobachtungen, als der 
Betrachtungen auffordert. 



*) Leonhard u. Bronn 's Jahrb. 1850, p. 33. 



Schmidt. Das Elen mit dem Hirsch und dem Höhlenbären etc. 249 



Das Elen mit dem Hirsch und dem Höhlenbären fossil auf 
der Grebenzer Alpe in Obersteier. 

Von Oscar Schmidt. 

(Mit I Tafel.) 

Sieht man von einem vereinzelten Vorkommen in der Lom- 
bardei ab, so ist, so viel mir bekannt geworden, das Elen noch 
von Niemand fossil in Österreich nachgewiesen; der Fund, über 
den ich berichten will, gewinnt aber ausser dem rein vaterlandischen 
Interesse noch dadurch an Bedeutung, dass noch nie das fossile 
Elch unter so eigenthümlichen Lagerungsverhältnissen und in so 
vielen Skelettheilen schön erhalten vorkam. 

Die hauptsächlichsten Untersuchungen über das fossile Elen 
und sein Verhältniss zum lebenden dürften folgende sein. 

Von den neueren Paläontologen, welche darübergeschrieben, 
ist die Abhandlung des als Antiquarius bekannten J. Hermann, 
Pfarrer in Massel im Fürstenthum Oels-Bernstädt, unberücksichtigt 
geblieben *). Relatio historicoantiquaria de sceleto seu ossibus 
Alcis Masslae detectis etc. Hirschberg 1729. Ansehnliche Reste, 
Schädeltheile, die beiden sehr beschädigten Geweihhälften, Rippen, 
Extremitäten-Knochen u. a. kamen beim Einsturz der Uferränder des 
dortigen Flüsschens zum Vorschein in einer Tiefe „von drei Mann". 
Abbildung und Beschreibung lassen keinen Zweifel aufkommen, dass 
wirklich ein fossiles Elen vorliege. 

Weder Cuvier in den Ossements fossils noch Goldfuss in 
seiner schönen Abhandlung über den Riesenhirsch (Nov. Acta Acad. 
Caes. Leop. 1821. II) wussten, dass Cervics alces fossil vorkomme. 
Gol d fuss verglich sehr gründlich das Geweih des Cervus euryceros 
mit dem des lebenden Elchs und stellte schärfer als Cuvier die 
unterscheidenden Merkmale der beiden Arten fest. 



*) Mich hat Herr Professor E. S uess darauf aufmerksam gemacht. 

17 



250 Schmidt. Das Elen mit ilem Hirsch uiul dem 

Erst Hermann v. Meyer (Beitrage zur Petrefactenkun.de. Nov. 
Act. Acad. Leop. 1833. II) bestätigte oder begründete vielmehr das 
fossile Vorkommen des Elen nach Geweihresten, stammend aus den 
Diluvialschichten der Lombardei, Irland und bei Schweinfurt. Die 
Unterschiede erschienen zu unerheblich, um das fossile Thier als Art 
vom lebenden zu trennen, jedoch, meint Meyer, seien in Folge des 
verschiedenen geologischen Alters kleine Abweichungen vorhanden 
gewesen. Er nannte es Cervus alces fossilis. 

Kurz darauf gab der Graf Sternberg (Verhandlungen der 
Gesellschaft des vaterländischen Museums in Böhmen in der zwölften 
allgemeinen Versammlung, Prag 1834) die Beschreibung und Abbil- 
dung eines noch in Verbindung mit dem muthwillig verstümmelten 
Schädel stehenden Geweihes aus dem Rhein. Seine Ansicht geht 
dahin, dass man das Auffinden eines ganzen Skeletes abwarten 
müsse, um das fossile Thier als Art zu unterscheiden. 

G. Pusch (über die beiden fossilen Hirscharten etc. Jahrbuch 
für Mineralogie, 1840), unbekannt mit vonMeyer's und St er n- 
berg's Leistungen, suchte aus den Differenzen in den Geweihbil- 
dungen fossiler und lebender Elche, so wie aus einigen anderen 
Abweichungen eines ihm vorliegenden sehr schönen Fossils aus den 
diluvialen Uferwänden des Bug bei Wyszkow und eines andern, 
gefunden bei Johannisberg in Preussen, nachzuweisen, dass der 
fossile Elch als wirkliche Species, Alces leptocephahis, vom leben- 
den, dem Alces platycephahis, zu scheiden sei; wogegen 

Caup (einige Bemerkungen über die von Herrn Pusch 
beschriebenen zwei Hirscharten. Jahrbuch für Mineralogie , 1840) 
auftrat. Er zeigte, dass solche Unterschiede theils nicht existirten, 
theils zu geringfügig als Speciescharaktere seien, meinte aber, das 
fossile und lebende Elen seien eo ipso wegen der geologischen 
Altersepoche zweierlei, auch wenn man keine sichtbaren Unter- 
schiede zeigen könne. Gegen diese eigentümliche Philosophie hat 
sich gleich damals Bronn verwahrt. 

Interessant ist ein fossiler Elenschädel mit monströsem Geweih 
aus einer Mergelschichte Ingermanland's, welchen Berthold be- 
schrieben (Nov. Act. Acad. Leop. XXII. 1845). Auch er, so wie andere 
mehr oder minder vollständige aus den Torfmooren von Bornholm, 
Seeland, Fünen haben sich von dem des lebenden Elchs specifisch 
nicht trennen lassen. 



Höhlenbären fossil auf der Grebenzer Alpe in Obersteier. 25 1 

Die Abhandlung von Roui liier über die fossilen Elenarten 
(Fischer de Waldheim, Jubilaeum semisaeculare, Mosquae 
1847) ist mir nicht zugänglich. In Wien findet sich diese Gelegen- 
heitsschrift nicht, und es wird vom Zufall abhängen, ob der eine 
oder andere Paläontolog sie benützen kann. Ich ersehe nur aus 
dem Jahrbuche für Mineralogie, 1851, dass die lebende Art, Alces 
Äntiquorum Rüpp.