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s 



DER 



STÄDTEBAU. 



MONATSSCHRIFT 

FÜR DIE KÜNSTLERISCHE AUSGESTALTUNG DER STÄDTE 
NACH IHREN WIRTSCHAFTLICHEN, GESUNDHEITLICHEN UND 

SOZIALEN GRUNDSÄTZEN. 



BEGRÜNDET 



VON 



THEODOR GOECKE und CAMILLO SITTE 
BERLIN. WIEN. 



ZWEITER JAHRGANG 




VERLAG VON ERNST WASMUTH A.-O. 

BERLIN W. 8, MARKGRAFENSTRASSE 35. 
1905 



NA 



Rooo 

an 
o / 

Sq. oi- 



Gedruokt bei Julius Sittenfeld in Berlin W. 



INHALTS -VERZEICHNIS. 



I. text-beiträge/ '" 

Abänderung und Fortführung 
des Bebauungsplanes von 
Triebes. Von A. Stiefelhagen 
in Gera (Reuß) .... loo 

Anlage eines LandhausVicrtel:i 
bei Hannover. Von G. Aen- 
geneyndt in Hannover . . io6 

Architekt oder Landmesser ? 
Von Rudolf Stölcker in 
Konstanz g 

Architektonisches in der Gar- 
tenkunst. Von Gartenarchi- 
tekt Kiehl in Aachen . . 15 

Aufgaben der Gartenkunst. 

Von F. Zahn in Steglitz . loi 

Ausbau des Badeortes Salz- 
hausen in Oberhessen. Von 
Hans Bernoulli in Berlin . 57 

Ausdruck im Städtebau. Von 
Dr. Hans Schmidkunz in 
Berlin-Halensee .... 91 

Ausgestaltung des Anlagen- 
platzes an der Valpichler- 
straße in München. Von 
Otto Lasne in München . 8 

Baulandumlegung, zur Frage 
der 133 

Baulinienplan für die Staut 
Friedberg bei Augsburg. Von 
Peter Andreas Hansen in 
München 85 

Bebauung des sogenannten 
„Sterngeländes" von Magde- 
burg. Von Peters in Magde- 
burg 64 

Bebauungsplan für den süd- 
lichen Teil der Stadt Flens- 
burg. Von Dr.-Ing.J. Stubben 
in Berlin-Grunewald ... 52 

— für Hruschau, Von Sieg- 
fried Sitte in Wien ... 63 

— der Beamten- und Arbeiter- 
kolonien Streiffeld und Kel- 
lersberg bei Aachen. Von 
Jansen und Müller, Berlin . 87 

— von Malmö. Von A.Nilsson 

in Malmö ....... 86 

Bebauungspläne, neue, Düssel- 
dorfs. Von C. Geusen in 
Düsseldorf 2g 

Berge und Wasserläufe im Be- 
bauungsgebiete der Städte. 
Von H. Chr. Nußbaum in 
Hannover 59. 77 

Bodenparzellierung, die Be- 
deutung für das Bauwesen. 
Von Dr. Rud. Eberstadt in 
Berlin 18 

Burgtor, das, und seine Um- 
gebung in Lübeck, in früherer 
und gegenwärtiger Gestalt. 
Von J. Baltzer in Lübeck . 155 

Einfamilien- Wohnhäuser. Von 

O. Grüner in Dresden . . 23 

Einleitung i 

Enteignung ui.d Umlegung. 
Von Dr.-Ing. J. Stubben in 
Berlin-Grunewald .... 38 

Gartenbau-Ausstellung, Nach- 
trägliches von der — inDarm- 
stadt.VonTh.Goecke in Berlin 157 

Großstadt, die, als Städte- 
gründerin. Von A. Abend- 
roth in Hannover . 24. 32. 49 

Kleinstadtbilder , Rheinische. 
Von Jacob Berns in Köln- 
Remscheid gg 

Konferenz, die XIV., der Zen- 
tralstelle für Arbeiterwohl- 
fahrtseinrichtungen in Hagen 
i. W 124 

Noch einmal ,, Billige Stadt- 
parke". Von F. Rud. Vogel 
in Hannover, Arch. B. D. A. 8g 



Parkanlagen, nordamerikan. . 

Parkpolitik. Von Joseph Aug. 
Lux in Wien-Döbling . . 

Stadt- und Haus-Gartenkunst. 
Von G. Ehe in Berlin . . 

Städtebau in Amerika und 
Asien. Von Otto Bartning 

Stadterweiterungspläne, soziale 
und wirtschaftliche Vor- 
arbeiten für — . Von Dr.- 
Ing. Forbät in Frankfurt 
a. M. — Budapest . 107. 131. 

Stadtparke, billige. Eine An- 
regung von Erwin Schlüren, 
Heilbronn a. N 

Stadtplanvergleich, ein. Von 
P. Hallman in Stockholm 

Stadtplänen, Sammlung von 
deutschen — auf der Dresdner 
Städteausstellung. Von R. 
Gerke in Dresden .... 

Wald- und Wiesengürtel und 
die Höhenstraße der Stadt 
Wien 

Wettbewerb um den Bebau- 
ungsplan für die Branden- 
burger Vorstadt zu Potsdam. 
Von Theodor Goecke in 
Berlin 

Wiederaufbau der Schafgasse 
zu Herbom. Von Ludwig 
Hofmann in Herborn 

Wilhelmsplatz in Posen, ein 
Vorschlag zur Umgestaltung. 
Von Johannes Bartschat in 
Posen 

Wohlfahrt, städtische, auf der 
Weltausstellung in Lüttich. 
Von Dr. Hans Schmidkunz 
in Berlin-Halensee . . . 

Wohnbaublöcke, Berliner 127. 

Zonenbauordnung, von den 
Beziehungen der — zum Be- 
bauungsplane. Von Theodor 
Goecke in Berlin .... 

Zur Abwehr! 



S.-itu 
113 

53 

71 

141 



148 

54 
105 

161 
138 

43 
79 



158 
143 



2 
80 



II. KLEINE 
MITTEILUNGEN. 

Ausgestaltung des Anlagen- 
platzes an der Valpichler- 
straße in München ... 27 

Bebauungsplan für das Bahn- 
hofsgelände in Wiesbaden 68 

Preisausschreiben über Her- 
stellung eines architektoni- 
schen Abschlusses am nord- 
östlichen Ende des Maxi- 
milianplatzes in München . 96 

Verhandlungen der Stadtver- 
ordneten - Versammlung zu 
Gelsenkirchen 27 

Wettbewerb des Eschweiler 
Bergwerkvereins .... 14 

Zonenenteignung und Grund- 
stücksumlegung vom Stand- 
punkte des Städtebauers . 14 



III. CHRONIK. 

Arbeiterwohnhaus im städti- 
schen Straßenbilde ... 69 

Architekten- und Ingenieur- 
Verein, Münchener ... 55 

Baudenkmal, ein mittelalter- 
liches 97 

Baugesetz, Handhabung des 

sächsischen 41 

Bauweise, städtische . . . 13g 

Bebauungsplan für die Stadt 

Salzburg 12 

Behandlung von Städtebau- 
fragen in der Öffentlichkeit 12 

Berichtigung 42-55 



Berücksichtigung ästhetischer 
Interessen im Königreich 

Sachsen 112 

Bodenpolitik der städtischen 

Verwaltung in Düsseldorf . 28 
Bodenreformer, Bund deutscher 140 

Bonn 84 

Briefkasten 14. 28. 42. 56. 125. 140 
Denkmal Camillo Sitte's . . 70 
Deutsche Gartenstadt - Gesell- 
schaft 42 

Düsseldorf 140 

Elbtunnel zwischen St. Pauli 

und Steinwärder . . . in 

Entwickelung, die bauliche — 

der Städte 12 

Erweiterung des Stadtgebietes 

Königsberg i. Pr g8 

Forbät, Dr. Ing. Emerich, 

Preiserteilung 125 

Gemeindebesteuerung des 

Grundbesitzes 13 

Gemeindeblatt, technisches . 42 
Großstadt, zur neuen — an 

der Ruhrmündung ... 84 
Hardenberg-Denkmal ... 70 
Häuserreihen, gegen die geraden 140 
Heiligenstädter Park in Wien 126 
Henrici, Dr. Ing. Karl, Ordens- 
verleihung 28 

Hercher , Ludwig , Doktor- 
prüfung 154 

Hoftheaterfrage, zur Stuttgarter 126 
Homburg v. d. Höhe, wichtige 

Änderungen 13 

Hygiene der Straßen ... 70 
Ideenwettbewerb um Entwürfe 
für die Umgestaltung der 
Kuranlagen in Wiesbaden . 154 

Innensquares 70 

Kieler Bahnhofsfrage ... 42 
Kinderunfälle im Berliner 

Straßenverkehr 12 

Krems, Stadtgemeinde ... 97 
Landesausschuß, Tiroler . . g8 
MarchjOtto, Kgl.Baurat, Ernen- 
nung zum Geheimen Baurat 28 
Martinspforte in Worms . . g7 
Monatsschrift für soziale Medizin 1 4 
Monatsschrift des Vereins für 

Volkskunst und Volkskunde 12 
Mors, Bebauungsplan-Skizzen 140 
Park, der letzte größere — 

Charlottenburgs . . . . 139 
Preisausschreiben zur Um- 
gestaltung des Münster- 
platzes in Ulm 140 

— zur Erlangung von Ent- 
würfen für Wohngebäude 
der mittleren Bevölkerungs- 
schichten III 

Rasenanlagen zwischen den 

Straßenbahngleisen . . . in 
Schaffung eines Industrie- 
viertels in Lübeck ... 70 
Schönheit, gärtnerische . . . 140 
Schutz der Denkmäler in Städten 154 
Stadtbauplan, ein künstlerischer 83 
Städtebau, moderner ... 42 

Städtebaukursus 70 

Städtebild, amerikanisches . . 69 
Städtetag, vierter preußischer 28 
Stellen, ausgeschriebene . g8. 112 
Stettiner Vorgärten .... 84 
Straßenbefestigung mit Maka- 

dam 27 

Uferstraßen 13 

Umgestaltung des New- Yorker 

Stadtplans . ■ . . . . 13 
Verein für öffentliche Gesund- 
heitspflege III 

Verkehrsverein für Barmen 

und das Bergische Land . 154 
Vororte, Einverleibung weiterer 
— in das Stadtgebiet Leipzig 84 



.Suite 
Vorortsbaupläne, Berliner . . 13g 
Wald- und Wiesengürtel um 

Wien 13. 84 

Wettbewerb zur Erlangung 
charakteristischer Gebäude- 
ansichtszeichnungen für die 
Stadt Bautzen 12 

— zur Erlangung von Ent- 
würfen für einen neuen 
Stadtplan der Stadt Helsing- 
borg in Schweden. . in. 125 

— betr. die Stadterweiterung 

von Karlsruhe 140 

— um den Bebauungsplan für 
die Umgebung des Schlosses 

in Mors 166 

— zur Herstellung eines archi- 
tektonischen Abschlusses am 
nördlichen Ende des Maxi- 
milianplatzes in München . in 

— den Bebauungsplan für die 
Brandenburger Vorstadt in 
Potsdam betr 12 

— die Umarbeitung des Be- 
bauungsplanes für St. Johann 

a. Saar betr in 

um die künstlerische Aus- 
gestaltung des Rautterplatzes 
in Villach 166 

— um Vorschläge zur An- 
lage eines Riesengartens in 
Worms 166 

Wiederbelebung niedersäch- 
sischer ländlicher Bauformen 68 
Wohnungsbeschaffung ... 56 
Zeitschrift für Wohnungswesen 42 

IV. LITERATUR. 

Beton und Eisen g8 

Der Profanbau g8 

Eberstadt, Dr. Rudolf, Das 
Wohnungswesen .... 11 

Fabarius, Viel Häuser und 

kein Heim g8 

Henrici, Karl, Beiträge zur 
praktischen Ästhetik im 
Städtebau; eine Sammlung 
von Vorträgen und Auf- 
sätzen g8. no 

Hercher, Ludwig, Großstadt- 
erweiterungen 66 

Lehmgrübner, Paul, Mittel- 
alterliche Rathausbauten in 
Deutschland 98 

Madjöra, Dr. Wolfgang, Der Ma- 
gistratsentwurf einer neuen 
Bauordnung für Wien . . 81 

Stiehl, O., Neuere technisch- 
künstlerische Bestrebungen 
im Backsteinbau .... 67 

Vorkink, P. & Wormser, Jac. 
Th., Jetzt oder nie! . . . 126 

Wagner, Die Tätigkeit der 
Stadt Ulm a. D. auf dem 
Gebiete der WohnungsfUr- 
sorge 81 

Wien am Anfange des XX. Jahr- 
hunderts 126 

Wuttke, Prof. Dr. Robert, Die 
deutschen Städte .... gS 

Zeitschrift für Bauwesen . . 98 

Zeuß, Gedanken über Kunst 
und Dasein von einem Deut- 
schen II 



V. VERSAMMLUNGEN 
UND KONGRESSE. 

Kongreß der öffentlichen Kunst, 
III. internationaler . . 126 

Verein Deutscher Gartenkünst- 
ler, 18. Hauptversammlung 126 

Wohnungskongreß, VII. inter- 
nationaler 126 



VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN. 



I. Stadt 
Platz- 
Tafel lo. 

24- 

» 39- 
„ 40. 

,. 56. 

., 57 58. 
59- 

,, 60. 
62. 
73- 
74- 

,. 75- 
85. 

„ 89/90. 
93- 
94- 
95- 

„ 96. 

Straße 



TAFELN. 

ebilder (Straßen-, 
und Parkbilder). 
Frankfurt a. O. 
Aus einer englischen 
Gartenstadt 
Heilbronn 
London 
Karlsruhe i. B. 
Mayen i. d. Eifel 

• » »t 

Rhöndorf 
Friedenau 
Berlin 



II. 



Tafel 



I. 

2. 

3 4- 

5- 

. 6. 

7- 
8. 

9- 
10. 

II. 

12. 

39- 
40. 

41- 

42. 
43. 
44. 
45. 
51- 
52- 
SS- 
SS- 
S6- 

S7/S8- 
59- 
60. 
61. 

65/66. 

67/68. 

69. 
70/71. 
72. 
73 
74- 
75- 
76. 

77- 

84. 

8S- 
86. 
87. 
88. 
91. 
92. 



Schöneberg 

Lübeck 

Köln a. Rh. 

Friedenau 

Düsseldorf 

Burtscheid 

n-, Platz- und Park- 
anlagen. 
Posen 
• München 



Streiffeld 
Kellersberg 
Düsseldorf 
Köln 

Frankfurt a. O. 
J Plauen i. V. 
^^ Birlinghoven 

»» 
Heilbronn 
London 
/ Elberfeld 
\^ Magdeburg 
Chemnitz 
Altenessen 
Plauen i. V. 
Düsseldorf 
Friedberg b. Augsburg 

Malmö 
Kellersberg 
Karlsruhe 
Mayen i. d. Eifel 

1» >» 

Rhöndorf 
Friedenau 

Columbia (farbig) 
j New- York 
( Boston 
New- York (farbig) 

») »» 

Chicago (farbig) 
Berlin 



I .. 

I Wilmersdorf b. Berlin 

Berlin 

Schöneberg 

Berlin 



Darmstadt 



Tafel 2. 

.. 3/4- 
5- 
6. 

7- 
„ 10. 

13- 

„ 14- 
IS- 
I6-. 
17- 

„ 18/19. 

„ 20/21. 

„ 2223. 
25. 

,. 26. 
27. 

.. 28. 
29. 

,. 30. 
3»- 

.. 32- 
33- 
34- 

.. 35/36. 

.. 37- 
38. 

,. 42- 
43- 
44- 
45- 

„ 46. 
48. 
49- 
51- 
52- 
53. 

.. 54- 
55- 

., 63 64. 
73- 

.. 74- 
75- 
76- 
77- 
78. 

„ 79/80. 



81/82. 



München 



Streiffeld 
Kellersberg 
Frankfurt a. O. 
Dresden 

»- 
Räcknitz 

Norton (farbig) 
Düsseldorf 



Potsdam 



83- 

84. 
86. 

87. 

88. 

89/90. 



Salzhausen 

Hruschau (farbig) 

Magdeburg 

Chemnitz 

Altenessen 

Plauen i. V. 

Düsseldorf 

Herborn 

Dippoldiswalde 

Friedberg 



Malmö 

Triebes 

Kellersberg 

Hannover 

Berlin 



Heddersdorf 
f Neuß 

\ Eilendorf 

(Valparaiso 
Iquique 
I Kyoto 
I Tokio 
( Kalkutta 
< Rangoon 
I Delhi 
Berlin 



Lübeck 



III. Bebauungspläne. 
Tafel I. Posen 



IV. Stadtpläne. 

Tafel 15. Räcknitz 

, 16. Norton (farb'g) 

, 17. Düsseldorf 

, 35/36. Salzhausen 

, 46. Herbom 

, 48. Dippoldiswalde 

> 49/50- Friedberg 



51- 
52. 

53- 
54- 

63/64- 



Tafal 78. 
„ 79/80. 



81/82. 



83. 

84. 
89/90. 



Heddersdorf 
(Neuß 
I Wetzlar 
y Eilendorf 

I Valparaiso 
Iquique 
j Kyoto 
\ Tokio 
( Kalkutta 
; Rangoon 
I Delhi 
Berlin 
Lübeck 



V. Naturaufnahmen. 

Tafel 8. Düsseldorf 

10. Frankfurt a. O. 

12. Birlinghoven 

24. Aus einer englischen 
Gartenstadt 

39. Heilbronn 

40. London 

4 1 . Magdeburg 
56. Karlsruhe 
62. Friedenau 
73. Berlin 
74- 
75 
84 

85 
91, 
92 
93 
94 
95 



Schöneberg 
Darmstadt 

Köln a. Rh. 
Friedenau 
Düsseldorf 
96. Burtscheid 



Seite 



VI. Wettbewerbsentwürfe. 



Tafel 6. 

7- 

25. 

26. 

27. 

28. 

29. 

30. 

3»- 

32. 
,. 33- 

34- 
„ 89/90. 



Streiffeld 

Kellersberg 

Potsdam 



Lübeck 



Malmö 
Triebes 
Hannover 



VII. Modelle. 
Tafel 13. Dresden 

»> 14- " 

„ 32. Potsdam 
41. Elberfeld 

TEXTABBILDUNGEN. 

I. Städtebilder (Straßen-, 
Platz- und Parkbilder). 
Saite 74, Abb. i. Plauen 
„ 76, ,, 2. Öynhausen 
„ 97. Nürnberg 
„ 97. Worms 

II. Straßen-, Platz- und Park- 
anlagen. 
Seite 8, Abb. 2. 

16, „ I. 
,, 16, „ 2. 

17. V 3. 

17. " 4- 

18, „ 5. 



Gelsenkirchen 

Berlin 

Düsseldorf 

,» 
Plauen i. V. 



Seite 



18, 


Abb. 6. Birlinghoven 


30, 


„ I. Düsseldorf 


30, 


.. 2. „ 


48, 


>. 3/5- Potsdam 


76, 


,, 3. Öynhausen 


96. 


München 


105. 


Monster (Schweden) 


114. 


Abb. I. Washington 


114, 


„ 2, 3, 4. Boston 


114, 


„ 5, 6, 7. Buffalo 


114, 


,, 8, 9, 10. Chicago 


118, 


„ 12. 


118, 


.. 13/14. 


119. 


,, 15. Philadelphia 


121, 


,, t6. Boston 


121, 


,. 17. 


121, 


„ 18. „ 


122, 


,, 19. Rochester 


123, 


,, 20. Buffalo 


125- 


Stuttgart 


127, 


Abb. I. Beriin 


128, 


,. 2. ,, 


129, 


3- 


147. 


.. I- » 


147. 


2. 


147. 


,. 3. 


III. 


Bebauungspläne. 


4. 


Abb. I. 


20, 


„ 1/2. Mannheim 


22, 


„ 3. Bremen 


25- 


Norton 


33. 




44. 


Abb. I . Potsdam 


47. 


2. 


48, 


„ 3/5- » 


52. 


Flensburg 


65- 


Magdeburg 


87. 


Malmö 


96. 


München 


105. 


Monster (Schweden) 


116, 


Abb. 1 1 . Washington 


125- 


Stuttgart 


127, 


Abb. I. Berlin 


128, 


.. 2. ,, 


129, 


„ 3- 


134- 


Wunstorl 


147. 


Abb. I. Berlin 


147. 


„ 2. „ 


147, 


„ 3- 



Seite 



Seite 



IV. Stadtpläne. 

44, Abb. I. Potsdam 

47. .. 2. „ 

48, „ 3/5- 
52. Flensburg 
87. Malmö 

96. München. 

105. Monster (Schweden) 

116, Abb. II. Washington 
134. Wunstorf 

V. Naturaufnahmen. 

97. Worms 
Nürnberg 

Abb. 15. 



97- 
iig, 

121, 

121, 
121, 
122, 
123. 



16. 

17- 
18. 
19. 
20. 



Philadelphia 
Boston 



Rochester 
Buffalo 



VI. Wettbewerbsentwürfe. 
Seite 47, Abb. 2. Potsdam 
48, .. 3/S- 
,, 96. München 



MITARBEITER. 



Seite 

Abefldroth, A., in Hannover 24. 

32. 49 

Aengeneyndt, G., in Hannover 106 

Baltzer, Th., in Lübeck . . 155 

Bartning, Otto, in Karlsruhe 141 

Bartschat, Johannes, in Posen 5 

Bemoulli, Hans, in Berlin . 57 

Berns, Jacob, in Köln-Remscheid 99 

Börje, J., in Hannover. . . 133 

Ebe, G., in Berlin .... 71 
Eberstadt, Dr. Rudolf, in Berlin 

18. iio 



Faßbender in Wien .... 139 
Forbdt, Dr.-Ing., in Frank- 
furt a. M. . . . 107. 131. 148 
Gerke, R., in Dresden . . . 161 
Geusen, C, in Düsseldorf . . 29 
Goecke, Th., in Berlin 2. 11. 

43- 81. 124. 130. 143. 157 
Goldschmidt, R., in Berlin . 128 
Grüner, O., in Dresden . . - 23 
Hallman, P., in Stockholm . 105 
Hansen, Peter Andreas, in 
München 85 



Seite 
79 
87 
81 
113 
15 



Hofmann, Ludwig, in Herbom 
Jansen & Müller in Berlin 
Kallsen, Ernst, in Flensburg . 
Kayser, H., in Charlottenburg 
Kiehl, Walther, in Aachen . 
Lasne, Otto, in München . . 8 

Lux, Joseph Aug., in Wien- 

Döbling 53 

Nilsson, A., in Malmö . . 86 
Nußbaum, H. Chr., in Han- 
nover 59- 77 

Peters in Magdeburg ... 64 



Seite 

Schlüren, Erwin, in Heilbronn 54 
Schmidkunz, Dr. Hans, in 

Haiensee .... 66. 91. 158 

Sitte, Siegfried, in Wien . . 63 
Stiefelhagen, A., in Gera 

(Reuß) i°° 

Stölcker, Rudolf, in Konstanz 9 

Strinz, C, in Bonn . . . . I35 
Stubben, Dr.-Ing. J., in Berlin 

38. 52. 81 

Vogel, F. Rud., in Hannover 89 

Zahn, F., in Steglitz . . . lOl 



2. Jahrgang 




MonAT^scriRrT 



FÜR- DiE- KÜNSTLER.iSC11EAUYQE5rAl! 
TUNQ DER. STÄDTE • n ACM- iHRmWlRT 
SCMAFTÜCMEN- QESUNDhEITUOIEN- UND 
SOZIALEN- GRUNDSÄTZEN: GEQRÜNDET-VON 

,TriEopoK nnrcKr ' C^MiLLq sjTrr 



ERLI^ 




INHALTSVERZEICHNIS : Zur Einleitung. — Von den Beziehungen der Zonenbauordnung zum Bebauungsplans. Von Theodor Goecke, Berlin. 
Ein Vorschlag zur Umgestaltung des Wilhelmplatzes in Posen. Von Johannes Bartschat, Posen. — Ausgestaltung des Anlagenplatzes an der Valpichler- 
straße in München. Von Otto Lasne, München. — Architekt oder Landmesser? Von Rudolf Stölcker, Konstanz. — Neue Bücher. Besprochen von 
Theodor Goecke, Berlin. — Chronik. — Kleine Mitteilungen. — Briefkasten. 



Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schriftleitung verboten. 



ZUR EINLEITUNG. 

Ein Jahr heißer Arbeit liegt hinter uns. — Herausgeber und Verleger haben sich bemüht, das 
Beste zu bieten und hoffen wenigstens, in der Fülle des Stoffes etwas geboten zu haben, das gegen- 
wärtiges Streben wiederspiegelt, zur Klärung streitiger Fragen beiträgt und zum Weiterschaffen 
anregt. Wir danken allen Mitarbeitern für die uns in reichem Maße zuteil gewordene Unterstützung. 
Auch im neuen Jahre soll unser Ziel dasselbe bleiben, wie es das Titelblatt andeutet: Der Erkenntnis 
die Wege zu bahnen, daß der Städtebau zu einer Städtebaukunst erhoben werden müsse, zu einer 
Kunst, die sich aufbaut auf der natürlichen Grundlage der wirtschaftlichen, gesundheitlichen und 
gesellschaftlichen Forderungen unserer Zeit. 

Neue Aufgaben sind damit dem Städtebau gestellt. Der alleinherrschende Fürstenwille hatte im 
XVII. und XVIII. Jahrhundert von einem künstlerischen Grundgedanken auf großartige Schau- 
wirkungen ausgehend, Straßen und Platzwandungen einheitlich gestaltet und zwar auf Grund eines 
geometrischen Lageplans, den die der Selbstverwaltung über den Kopf gewachsene Bodenspekulation 
des XIX. Jahrhunderts mit der Architekturmaske der Mietkaserne als willkommenes Erbe über- 
nommen hat. Individuelles und soziales Wohnbedürfnis war dabei nicht zu befriedigen. Darum 
war ein Rückblick auf das malerische Bild der mittelalterlichen Stadt notwendig, die, selbst noch 
im Barockgewande, den vom praktischen Zwecke auf eine ausdrucksvolle Gestaltung gerichteten 
Sinn unserer Altvordern erkennen läßt. Mit nichten sollen wir aber in romantischer Anwandlung 
den Stadtplan des Mittelalters nachahmen. Die Entwicklung der Industrie hat das wirtschaftliche 
Leben gewaltig gesteigert, und die Zusammendrängung der Stadtbewohner erfordert gesundheitliche 
Maßnahmen im Interesse der Gesellschaft. Wir werden daher die Großzügigkeit des landesfürst- 
lichen und die Wohnlichkeit des mittelalterlichen Städtebaues zu vermählen haben, um den Auf- 
gaben unserer Zeit gerecht zu werden. 

Dabei mitzuwirken, erbitten wir weiter tatkräftige Hilfe, und da bereits eine Anzahl wertvoller 
Abhandlungen vorliegt, zum Teil sogar schon seit längerer Zeit, so daß wir des verspäteten Ab- 
druckes wegen die Nachsicht der Herren Verfasser anrufen müssen, so erstreckt sich unsere Bitte 
namentlich auf die Einsendung von Beiträgen mit Plänen und Schaubildern, 



DER STÄDTEBAU 



VON DEN BEZIEHUNGEN DER ZONENBAU 
ORDNUNG ZUM BEBAUUNGSPLANE. 



Von THEODOR GOECKE, Berlin. 

Nachdem die wechselseitigen Beziehungen zwischen 
Wohnfrage und Bauordnung, zwischen Bauordnung und 
Stadtbauplan, zwischen Stadtbauplan und Stadtbild auf- 
gedeckt, ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ab- 
stufungen als die Grundlage für Stadtbaukunst erkannt, 
zum Teil erst wiedererkannt waren — denn früher hatte 
man auch schon etwas davon gewußt, und nur die 
Grundlage selber ist jetzt eine breitere, in ihren Einzel- 
heiten bereicherte, von oben her schärfer umrissene ge- 
worden — , regen sich auch nun allerwärts Kräfte zur Tat: 
Der freischaffende Architekt, der hinter dem Walle nüch- 
terner und nützlicher Einrichtungen die Kunst gewittert 
hat, so gut wie der sich von Amtswegen damit befassende 
Techniker, der zwar nicht immer Architekt genug und wenn 
schon, den in der Stadtvertretung sich geltend machenden 
Anschauungen gegenüber nicht immer stark genug ist, 
um der Stadtbaukunst zum Siege über die allmächtige 
Straßengeometrie zu verhelfen; der Landmesser, der den 
Städtebau schon allein zu bemeistern glaubte und nun in 
dem Buche „Der Landmesser im Städtebau" von seines- 
gleichen eines Besseren belehrt worden ist; ferner die Bau- 
polizei, die zur Einsicht gelangte, daß zu weit getriebene 
Einheitlichkeit der gesundheitlichen und bautechnischen 
Vorschriften unwirtschaftlich und unsozial wirkt; endlich 
der Laie, der im dunklen Drange, der Enge der Großstadt 
zu entfliehen, sich auf eigener Scholle anzubauen, oder 
wenn er Bodenreformer ist, ohne auf die großstädtischen 
Vorzüge verzichten zu wollen, sich in sogenannten Garten- 
städten auf erpachtetem Boden anzusiedeln strebt! Allmäh- 
lich hat nun in diese immer weitere Kreise ziehende Be- 
wegung, die auf eine naturgemäßere Wohnweise gerichtet 
ist, als sie der in Schematismus erstarrte Städtebau zu 
bieten vermochte, die Tagespresse eingegriffen, indem sie 
immer häufiger den Wünschen der Städtebewohner sowohl, 
als auch den Vorschlägen der Fachleute ihre Spalten öff- 
nete. Dieser Boden breitester Öffentlichkeit muß betreten 
werden, und ihn dazu vorzubereiten wird mit eine Haupt- 
aufgabe dieser Zeitschrift sein, wenn es gelingen soll, an- 
statt nach der Schnur gesetzter Steinhaufen wieder organisch 
gegliederte Heimstätten entstehen zu lassen. 

Die Bestrebungen gehen freilich noch vielfach ausein- 
ander; was die einen wollen, verdammen die andern. Der 
Kampf gegen die Mietkaserne hat auch ihre Freunde zum 
Streit aufgerufen, die krumme Linie wendet sich noch ver- 
geblich gegen die geraden parallelen Straßenwandungen, 
und den Fanatikern des Verkehrs gegenüber hält es oft 
schwer, die Erhaltung alter Baudenkmäler zu verteidigen. 
Über dem Haupte des Grundbesitzers, des Bodenspeku- 
lanten aber schwebt ebenso wie über dem des Architekten 
und des Bauunternehmers die Sorge vor jeder Änderung 
der Bauordnung wie ein Damoklesschwert. Die entschei- 
dende Bedeutung des Städtebauwesens für das Wohl und 
Wehe von Gemeinde und Privatmann, von Eigentümer und 
Mieter, von Bürger und Arbeiter erfordert aber ein Zu- 
sammenwirken aller Faktoren, um zu einem glücklichen 
Ziele zu gelangen. Technik und Verwaltung, Hygiene und 



Volkswirtschaft, Baukunst und Sozialpolitik müssen ein- 
ander durchdringen; friedlich wird es dabei nicht immer 
abgehen, wie wir noch vor nicht allzu langer Zeit in dem 
unter dem Schlachtrufe: „Hie offene, hie geschlossene Bau- 
weise" versteckten Kampfe gegen die Zonenbauordnung in 
Stuttgart gesehen haben. Im vergangenen Jahre*) ist aber 
auch nun in München um die neue Bauordnung heiß 
gestritten worden. Dort, wo sich zuerst im Deutschen 
Reiche wieder ein architektonischer Stadtcharakter aus- 
zubilden beginnt, wird über die Bauvorlagen mündlich und 
öffentlich vor der Baupolizei verhandelt. Es kann daher 
nicht überraschen, daß auch hier die öffentliche Meinung 
über den neuen Bebauungsplan und die neue Bauordnung 
in selten weitgehendem Umfange zu Worte gekommen ist. 
Die Frage, was leistet die Zonenbauordnung für den Be- 
bauungsplan, ist damit eine öffentliche geworden — sie 
kann nicht mehr im Rahmen akademischer und amtlicher 
Erörterungen gelöst werden. Namentlich sind es die Ver- 
handlungen des bayerischen Architekten- und Ingenieur- 
Vereins, die allgemeine Beachtung gefunden und zu ge- 
meinsamen Beratungen mit der Stadtverwaltung geführt 
haben. Der Hergang war kurz folgender: 

Die neue Staffelbauordnung unterscheidet a) geschlossene 
Bauweise in fünf Abstufungen und b) offene Bauweise in 
vier Abstufungen, bei örtlicher Begrenzung der einzelnen 
Staffeln. Besondere Gegnerschaft fand nun die so ent- 
stehende neunfache Staffelung. Wenn dieser aber dabei 
vorgeworfen wurde, daß sie z. B. die Westseite der Isma- 
niger Straße zur Maria -Theresiastraße hinüber die nie- 
drigere offene Bauweise mit nur zwei Stockwerken und 
Mansarden gebracht habe, während von der Ostseite her 
die drei- und vierstöckigen Mietburgen in geschlossener 
Reihe geringschätzig darüber hinwegsehen, so kann der 
unbefangene Beobachter doch fragen: ist dies, falls es über- 
haupt ein Fehler wäre, wirklich die Folge des Systems oder 
nur mehr die Folge eines zufällig unglücklichen Verlaufes der 
die Staffeln von einander trennenden Geltungslinie? Die be- 
klagte Buntscheckigkeit der Einteilung scheint der geschicht- 
lichen Entwicklung, den örtlichen Verhältnissen zu ent- 
sprechen und würde grundsätzlich schon deshalb dem nor- 
malen Zonenschema gegenüber einen großen Vorzug haben 

In einer Sitzung des bayerischen Architekten- und In- 
genieur-Vereins, in der Bauamtmann Bertsch, der Nach- 
folger Theodor Fischers, den einleitenden Vortrag hielt, 
meinte allerdings ein Redner, die neue Bauordnung sei 
lediglich eine Festlegung der bisherigen Zerfahrenheit, 
das heißt also doch wohl, sie nehme auf das tatsächlich 
Gewordene eine zu weitgehende Rücksicht?! Dem wurde 
von anderer Seite entgegengehalten, daß die Ordnung der 
Dinge eben um zehn Jahre zu spät komme, sich nun aber 
den gegenwärtigen Zuständen anbequemen müsse, wobei 
sich Mängel natürlich nicht vermeiden ließen. 

Es stand demnach in erster Linie die rein praktische 
Frage, in wie weit die Folgen einer mehr oder minder 



*) Der Aufsatz ist noch im Jahre 1904 geschrieben. 



DER STÄDTEBAU 



wilden Bebauung als unantastbar hinzunehmen sind, und 
da ist es gerade dieses wichtigsten Punktes wegen dankbar 
anzuerkennen, daß eine gemeinsame Aussprache zwischen 
Magistratsvertretern und einem vom Architekten- und 
Ingenieur-Vereine gewählten Ausschusse hat stattfinden 
können. Die Besprechung erstreckte sich aber auch noch auf 
andere Punkte, von denen der nächst wichtige in der von 
verschiedenen Rednern angeregten Frage lag, ob auch eine 
ausreichende Weiträumigkeit nach außen hin gewährleistet 
sei und ob nicht etwa dort, wo jetzt freiwillig weiträumig 
gebaut werde, für die Zukunft das Gegenteil in Aussicht 
stehe? Ein dritter erwähnenswerter Punkt betraf die 
Vorschrift zusammenhängender Höfe, die die Anlage von 
Rückgebäuden (Seitenflügeln und Hinterhäusern) geradezu 
herausfordere. 

Im Verlaufe der Erörterungen wurde namentlich vom 
Architekten Tittrich gefordert, die Anzahl der Staffeln zu 
verringern, innerhalb der Staffeln aber bei freiwilliger 
Baubeschränkung Erleichterungen zu gewähren, um das 
Einfamilienhaus zu fördern. Diese Vorschläge bewegen 
sich in derselben Richtung, die ich schon öfter als eine 
allgemein anzustrebende, meist auf eine soziale Differen- 
zierung hinauslaufende und noch zuletzt für den Ausbau 
der Berliner Vorortbauordnung als eine zweckmäßig ein- 
zuschlagende befürwortet habe. (Deutsche Bauzeitung 1901, 
Städtebaufragen mit besonderer Beziehung auf Berlin N0.36, 
37 und 40, Zeitschrift für Wohnwesen, 1903, Bauordnung 
und Bebauungsplan No. 14.) Bei ihrer Verfolgung könnte 
dadurch, daß das Untermaß an der Bauhöhe oder in der 
Geschoßzahl, daß die Einschränkung in der Anlage von 
Seitenflügeln und von umbauten Höfen in bebaubarer Mehr- 
fläche, besonders auch für selbständige Hinterhäuser 
durch Herabsetzung der Ansprüche an die Bauart je nach 
Zahl der Geschossse vergütet würde, auch das Bedürfnis 
der Industrie nach Fabrikanlagen (doch nur da, wo man 
sie etwa hin haben will) mit ihrem Gefolge von Arbeiter- 
wohnungen (in Kleinhäusern oder bei hoher Bebauung nur 
in Vorderhäusern) am besten und bequemsten befriedigt 
werden. Damit wäre schon einer schablonenhaften Be- 
bauung, die sich bei der Festsetzung unveränderlicher Bau- 
flächenregeln und Bauwichbreiten stets einstellen wird, 
so daß jeder Baustaffel immer nur ein Bautypus entspricht 
nach Möglichkeit vorzubeugen. 

In der gutachtlichen Äußerung des Vereins ist schließ- 
lich aber, wie die Tagesblätter berichten, doch keine Ein- 
wendung gegen die gewählte Anzahl von Staffeln erhoben 
worden, weil zunächst in ein erneutes Studium der so- 
genannten kubischen, also auf dem Raumausmaße der 
Bebaubarkeit beruhenden Bauordnung, (die seinerzeit in 
München von Rettig angeregt war) eingetreten werden solle. 
Die oben angefürten Vorschläge weisen ja schon auf eine 
ähnliche Regelung hin. Für die Anwendung der eigent- 
lichen kubischen Regel wurden, wie seiner Zeit von der 
Vereinigung Berliner Architekten in Berlin, wesentlich 
künstlerische Gründe geltend gemacht, insbesondere die 
damit dem Architekten zu gewährende größere subjektive 
Freiheit des Schaffens. Von der Staffelbauordnung meinte 
übrigens ein Mann, wie Gabriel von Seidl, daß die Vielheit der 
Staffeln schon eine reichere Abwechselung im Stadtbilde her- 
vorbringen könne. Die Annahme der kubischen Regel 
würde die Staffelung wohl vereinfachen lassen, ob aber 
in dem erhofften Umfange mag dahingestellt bleiben, denn 



es kann gar nicht erwünscht sein, vom alten Stadtkern 
als dem einzigen Mittelpunkte ausgehend, die Bauhöhe 
nach außen hin durchgängig, also zonenweise zu ver- 
flachen; es muß vielmehr darauf ankommen, neben dem 
Hauptmittelpunkt imUmkreise derStadt nochNebenmittel- 
punkte mit wieder steigender Bauhöhe zu erhalten, zu 
deren Schaffung die älteren, in die Stadterweiterung ein- 
bezogenen Niederlassungen den Ansatz bieten. 

Zu dieser schon von Henrici und Fischer vertretenen 
Anschauung hat sich auch ein ungenannter Architekt in 
den Münchener Neuesten Nachrichten bekannt. Am ersten 
könnte noch ein in den Straßenanlagen abgestufter Be- 
bauungsplan zur Verminderung der Staffeln beitragen, wie 
denn überhaupt in dessen Ausgestaltung immer die ent- 
scheidende Grundlage für die städtische Entwickelung, auch 
in künstlerischer Hinsicht, gegeben wird. Das Gelingen 
hängt also davon ab, ob der Bebauungsplan, der bekannt- 
lich von Theodor Fischer um viele schöne Lösungen be- 
reichert worden ist, in seinem ganzen Zusammenhange 
noch die Möglichkeit bietet, polizeiliche Eingriffe auf ein 
geringstes Maß zurückzuführen. Denn Eins gehört nun 
einmal zum eisernen Bestände jeder modernen Bau- 
ordnung, das Verbot, über eine genau festgelegte Flucht- 
linie hinauszubauen — darauf begründet sich der Be- 
bauungsplan. Auf den Verlauf der Fluchtlinie kommt es 
also unter allen Umständen an, oder richtiger gesagt, da 
der Verkehr i n den Straßen anderen Gesetzen folgt, als der 
Bau an den Straßen zu folgen braucht, auf den Verlauf 
einer zwiespältigen Fluchtlinie, die einerseits den Verkehrs- 
raum, andererseits die Wandungen der Straßen begrenzend 
sich zu einer die Bauflucht von der Straßenflucht scheiden- 
den Flucht fläche aus wachsen muß. — vergl. dieserhalb 
u. A. Deutsche Bauzeitung 1901, No. 36, 37 und 40. 

In einer ,,Wege und Ziele moderner Städtekunst" über- 
schriebenen, ebenfalls in den Münchener Neuesten Nach- 
richten erschienenen und später in einer sehr lesenswerten 
Broschüre (E. Mühlthalers Buch- und Kunstdruckerei A.-G., 
München 1903) herausgegebenen Abhandlung hat Herr Archi- 
tekt Tittrich diesen Gedanken in eine feste Formel zu fassen 
gesucht, deren Leitsatz: „Baulinien und Straßenlinien haben 
in der Regel divergierend zu verlaufen", in dieser allge- 
meinen Einschränkung jedoch kaum annehmbar erscheint. 

Im übrigen ist, wie die Verhandlungen in München 
erkennen lassen, auch dort schon das anliegende Gelände 
dermaßen von der Bodenspekulation verteuert, daß es immer 
schwerer hält, öffentliche Plätze in der erwünschten Zahl 
freizulegen und die Wälder als Windschützer und Luft- 
spender der städtischen Bevölkerung zu erhalten — ganz 
wie bei uns! 

Späteren Zeitungsnachrichten zufolge soll auf Anregung 
des Herrn Architekten Hecht aus Nürnberg die ganze An- 
gelegenheit im Architekten- und Ingenieur- Verein weiter 
verfolgt werden. 

Inzwischen hat nun die Staffelbauordnung rechtliche 
Gültigkeit erlangt (siehe das Werk vom Rechtsrat Stein- 
hauser, Verlag bei C. H. Beck in München). Wie aber 
Professor Theodor Fischer, der in jahrelanger Arbeit die 
Staffelbauordnung entworfen hat, in seinem Vortrage über 
Stadterweiterungsfragen mit besonderer Rücksicht auf 
Stuttgart (Stuttgart, „Deutsche Verlagsanstalt 1903") selber 
sagt, wäre es verfehlt, in derselben Weise auch unter 
anderen Verhältnissen vorzugehen; es sei eben ein Un- 



DER STÄDTEBAU 



glück, daß eine Stadt immer der anderen ihre Einrich- 
tungen abgucke und damit jene langweilige Gleichförmig- 
keit hervorbringe, die die modernen Städte im allgemeinen 
kennzeichne. Der Wert der Zonenbauordnung ist also 
für ihn nur ein bedingter. Gehen wir deshalb einmal den 
Bedingungen nach, unter denen sie berechtigt erscheint, 
zumal auch die bunte Musterkarte, mit der jetzt die Ber- 
liner Vororte beglückt worden sind, zu einer näheren 
Untersuchung auffordert. 

Obwohl die vielfache Abstufung nach der Bauhöhe 
einen Wechsel in der Bebauungsart gestattet, so wird es 
doch meist als eine gewaltsame und künstliche Maßrege- 
lung empfunden, wenn auch an breiten Straßen eine 
niedrigere Bebauung erzwungen und damit die Unter- 
scheidung zwischen Verkehrstraße und Wohnstraße in 
der Erscheinung der Häuserreihen aufgehoben wird. An 
den notwendig breiteren Verkehrstraßen sollte man auch 
höher bauen dürfen, und die Wohnstraßen mit niedriger 
Bebauung könnten schmäler gehalten werden. Damit 
kommen wir zum Kernpunkt der ganzen Frage, denn einer 
solchen Anforderung steht eine Bauordnung, die wirklich 
zonenweise nach Bauhöhe und Baufläche abstuft im allge- 
meinen entgegen und diesem Mangel abzuhelfen sind schon 
einige Städte (Halle, Magdeburg) dazu übergegangen, die 
höhere Bebauung an Hauptverkehrstraßen auch durch die 
Zonen mit niedrigerer Bebauung hindurchzuführen, d. h. 
die Zonenteilung zu durchbrechen und sich auf einige Ab- 
stufungen zwischen den Hauptverkehrstraßen zu beschrän- 
ken. Doch auch dieser Ausweg kann nur als ein Notbehelf 
angesehen werden. 

In der Abhandlung „Verkehr- und Wohnstraßen" in 
den Preußischen Jahrbüchern, Berlin 1903" hatte ich auf 
Anregung des Herrn Dr. Rud. Eberstadt für einen be- 
stimmten Fall das Schema einer Bebauung mit ver- 
schieden breiten Straßen dargestellt, das hier in der Ab- 
bildung noch einmal wiederholt sein möge, um jedem 
Wohn- und Verkehrsbedürfnisse Rechnung zu tragen, 
also nicht mit zonenweiser sondern mit straßenweiser 
Abstufung der Bauhöhen bei wechselnder Breite der 
Straße, wobei bis auf eine zweigeschossige Bebauung 
heruntergegangen war, um den leitenden Gedanken 
schärfer zu verdeutlichen — in Wirklichkeit wird unter 
großstädtischen Verhältnissen die dreigeschossige Bebauung 
die untere Grenze bilden; aus demselben Grunde war die 
schematische Darstellung gewählt. Dieses Grundrißschema 
hat, um einen Längschnitt bereichert, auch in den Ver- 
handlungen des Deutschen Vereins für öffentliche Gesund- 
heitspflege im Jahre 1895 zu Magdeburg Beachtung ge- 
funden, ist aber durch die Annahme der auf eine nach 
außen hin allmählich zunehmende Weiträumigkeit ge- 
richteten Leitsätze — in zonenweiser Abstufung sowohl der 
Bauhöhe als auch der Baufläche nach — ins Hintertreffen 
geraten. In diesem Schema bin ich von der geschlossenen, 
als der naturgemäß städtischen Bauweise ausgegangen, um 
vom Verkehre nur am Rande umbrandete, in sich abge- 
schlossene Wohnviertel zu bilden. Bei der Besprechung 
des Entwurfs zur neuen Bauordnung Wiens (Deutsche 
Bauzeitung 1904) habe ich dann weiter ausgeführt, daß die 
zonenweise Abstufung nur mehrere Schablonen an die 
Stelle der vorher einzigen setze und bei der Besprechung 
der Bauordnung Münchens vom Jahre 1895 die Anlage 
schmaler Wohnstraßen mit niedriger Anbauung neben 



breiten Verkehrstraßen mit höherer Anbauung, und zwar 
nicht allein in dafür ausgesuchten Stadtteilen, sondern 
womöglich überall in der ganzen Stadt als wünschenswert 
bezeichnet; endlich bei Besprechung der im Königreich 
Sachsen im Jahre 1897 erlassenen neuen Bauvorschriften 
hinzugefügt, daß eine Zonenteilung nur für geschlossene, 
halb offene und offene Bauweise erforderlich, daß inner- 
halb jeder Zone aber die Bebauung allein durch die 
Straßenbreite zu regeln sei. Gelegentlich der Mitteilung 
des Bebauungsplanes von Eisenach vomjahre 1899 der 
Deutschen Bauzeitung habe ich dann noch vorgeschlagen, 
um die Entstehung zu schmaler Straßen zu verhüten, so 
breite Vorgärten vorzusehen, daß Luft und Licht in aus- 
reichendem Maße zwischen den Baufluchten Einlaß finden. 
Professor Dr. Ing. R. Henrici hat in seinen Beiträgen zum 
„Zentralblatte der Bauverwaltung" Jhrg. 1901, 1903, Pro- 
fessor Ch. Nußbaum in seinem Leitfaden der Hygienie 



Fig. 1. 




W/Z/Mi 



Schnitt Dach A B 



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vom Jahre 1902 und Stubben in einer Abhandlung ,,die 
Großstadt der Zukunft" in der Wochenschrift ,,die Um- 
schau" ähnliche Grundsätze vertreten. 

Mit der damals in Magdeburg angenommenen Zonen- 
bauordnung wird allerdings gesundheitlichen Forderungen 
entsprochen, nicht aber auch so ohne Weiteres den wirt- 
schaftlichen und sozialen. Wo sollen z. B. bei einer Zonen- 
teilung die Arbeiter wohnen, in der geschlossenen Bebau- 
ung, oder in der offenen, in der hohen oder in der niedrigen 
Bebauung oder durcheinander überall? Diese Frage blieb 
neben vielen anderen ungelöst. Da innerhalb jeder Zone sich 
bei sonst gleich bleibenden Bedingungen immer wieder ein 
Bautypus ausbilden wird, ist die Zonenbauordnung also zu- 
nächst nur abgestufter Schematismus. Das Wohnhauj 



DER STÄDTEBAU 



für den kleinen Mann wird sich dabei grundsätzlich nicht 
von dem besseren Bürgerhause unterscheiden. Beispiele 
dafür hat die Städteausstellung im vorigen Jahre mehrfach 
gebracht. Weiträumig kann man aber auch bei geschlosse- 
ner Bauweise bauen, wie ich bei Besprechung der Druck- 
schrift von Dr. Abele „Weiträumiger Städtebau und die 
Wohnungsfrage" in der Deutsch. Bauztg. von 1900 ausge- 
führt habe. — ' Die offene Bauweise ist dazu kein unbe- 
dingtes Erfordernis. 

Was wir für Stadterweiterungen also gebrauchen, ist 
der Schutz der offenen Bauweise in Landhausvierteln 
mit geschlossen durchgehender Bebauung an den Hauptver- 
kehrstraßen als den natürlichen Geschäftstraßen und mit 
Gruppenbau zur Förderung der Eigenhäuser. Die Bau- 
höhe bedarf grundsätzlich keiner Beschränkung, soweit 
es sich um Einfamilienhäuser, nicht nur sogenannte 
Landhäuser, die noch Mietwohnungen enthalten, handelt. 
Warum soll nicht einmal ein mehrgeschossiges Schloß 
oder ein Turmhaus errichtet werden können, z. B. eine 
Burg, wie sie unlängst Professor Pützer vor den Toren 
Aachens geschaffen hat?! Der Abstand der Häuser von der 
Nachbargrenze — Bauwich — ist von der wirklichen Bau- 
höhe abhängig zu machen — wie Professor Nußbaum vor- 
geschlagen hat. Auch erscheint die Forderung eines Vor- 
gartens an Straßen, die zwischen den Fluchten ohnehin zum 
Einlaß von Luft und Licht breit genug sind, unnötig. Es mag 
dem individuellen Behagen überlassen bleiben, ob das Haus 
hinten ans Ende des Grundstückes, mitten in den Garten 
oder vorn an die Straße gesetzt wird. Dann entsprechen der 
offenen Bauweise auch am besten geschlungene Park- 
straßen. Die Gartenflächen müssen möglichst zusammen- 
gehalten werden, denn nichts sieht langweiliger aus, als 
freistehende Häuser in Reih und Glied ausgerichtet. 

Sonst hat die geschlossene Bauweise als Regel 
zu gelten, für die in Bezug auf die Bauhöhe wohl ein 
Höchstmaß festzusetzen ist, für die es jedoch keiner Ab- 
stufung nach der Bauhöhe bedarf, da diese allein durch 
die Straßenbreite geregelt werden kann, vorausgesetzt, daß 
die Gemeinden die Kraft und den Willen haben, den Be- 
bauungsplan mit verschieden breiten Straßen, dem Verkehrs- 
und Wohnbedürfnisse entsprechend festzusetzen. Je nie- 



driger die Bebauung ausfällt, eine um so viel größere Bau- 
fläche ist zuzulassen, wodurch die Erbauung von Eigen- 
und Einfamilienhäuser gefördert wird. 

Wie sich dabei die Entstehung kahler Brandgiebel ver- 
meiden läßt, ist eine Sache für sich, deren Schwierigkeit 
jedoch lösbar erscheint, worauf ich noch ein andermal, 
zurückzukommen gedenke. 

Industriebauten sind in den Landhausvierteln zu ver- 
bieten, im übrigen an dazu besonders geeigneten Stellen — . 
Wasserstraßen, Eisenbahnen usw. — durch Gewährung 
einer etwas größeren Baufläche zu begünstigen, mitten in 
den Wohngegenden aber durch Herabsetzung der sonst zu- 
lässigen normalen Baufläche zu erschweren. In der Nähe 
der Industrieviertel muß Gelegenheit zur Errichtung 
von Arbeiterwohnungen, nicht über drei Geschosse hoch 
und ohne Hinterhäuser geboten werden, unter Umständen 
in halboffener Bauweise zur Durchlüftung und mit Wirt- 
schaftswegen mitten durch den Baublock. 

Demnach ist in der Hauptsache eine Regelung durch 
den Bebauungsplan anzustreben, wozu einige ergänzende 
Bestimmungen in der Bauordnung zu treten haben. Dies 
ist aber nur möglich im Neulande, im Erweiterungsgebiete, 
wo entsprechende Bebauungspläne noch aufgestellt werden 
können oder erst aufgestellt werden sollen. Anders liegt 
es in alten Stadtteilen und in denjenigen Erweiterungs- 
gebieten, in denen bereits nach anderen Grundsätzen die 
Bebauungspläne bearbeitet sind. Hier wird die Zonenbau- 
ordnung nicht zu entbehren sein, als Aushilfsmittel, um 
eine zu weit gehende Wohndichtigkeit zu verhüten und 
nichts anderes übrig bleiben, um dabei einem unerwünschten 
Schematismus zu entgehen, als eine Teilung mit zahlreichen, 
den örtlichen Verhältnissen möglichst angepaßten, Unter- 
stufen. Daneben aber erscheint es dann erwünscht, für 
die Nachsuchung der Bauerlaubnis ein mündliches Verfahren 
nach Münchener Muster einzuführen, weil dabei Gelegen- 
heit gegeben ist auf Bauherren, sowohl als Bauausführende 
belehrend einzuwirken, um möglichst der Verhäßlichung 
unserer Städte. vorzubeugen. Wird dann noch der Baupolizei 
ein künstlerischer Beirat zur Seite gesetzt, so dürfte auch 
auf diesem Wege wieder eine künstlerische Ausgestaltung 
der Städte herbei zu führen sein. 



EIN VORSCHLAG ZUR UMGESTALTUNG DES 
WILHELM PLATZES IN POSEN. 



Von JOHANNES BARTSCHAT, Posen. 



Bei dem großen Interesse, das jetzt allerwärts unserer 
Ostmark entgegengebracht wird, dürfte es nur eine For- 
derung des guten Rechts sein, auch der Entwicklung des 
Städtebaues in diesen als rückständig verschrieenen Landes- 
teilen etwas mehr Beachtung zu schenken. 

Zumal Posen, die Provinzialhauptstadt, verdient es, daß 
ihr der Ruf einer langweiligen, uninteressanten Stadt ge- 
nommen wird. Posen ist eine moderne, kräftig aufstrebende 
Großstadt, die sich dank der eifrigen Bemühungen ihres 
vorigen Oberbürgermeisters in den letzten Jahren ganz 
ungeahnt entfalten konnte. Die Entfestigungsfrage ist gelöst 



und rüstig wird schon an der Beseitigung der Wälle und 
Gräben gearbeitet. 

Lange Zeit war ja Posen ein Stiefkind staatlicher Für- 
sorge; Posen galt nichts und hatte auch nichts, wodurch 
es anziehend und beachtenswert erscheinen konnte. Ab- 
gesehen von einigen alten Kirchen und dem schönen Rat- 
hause waren Kunstwerte kaum aufzufinden. Die neueren 
Bauten boten mit wenigen Ausnahmen ein Bild schema- 
tischer Architekturauffassung, wie es, ein Charakteristikum 
des 19. Jahrhunderts, wol an allen Orten zu finden ist. 
Ein tieferes Eingehen, Liebe und Verständnis für seine 



DER STÄDTEBAU 



bauliche Umgebung schien man ganz und gar verloren zu 
haben. Nun soll es anders werden. 

In allerjüngster Zeit ist ein bedeutender Umschwung 
zum Besseren eingetreten. Eine ganze Anzahl Monumen- 
talbauten, teils schon fertig, teils noch im Entwürfe, ver- 
sprechen Posen zu einer Stadt zu machen, die hinter keiner 
anderen deutschen Großstadt zurückzustehen braucht. Daß 
die neue Baupolizeiordnung und die sachgemäße Aufteilung 
des Festungsterrains wesentlich hierzu beitragen, versteht 
sich von selbst. 

Für die bauliche Entwicklung war — wie an vielen 
anderen Orten — der Zug nach dem Westen der maß- 
gebende. Verschiedene Umstände hatten es als eine zwin- 
gende Notwendigkeit erscheinen lassen, daß die Ausdehnung 
Posens nach Westen, nach dem höher gelegenen Teile er- 
folgte. Das alte Posen, die jetzige Unterstadt, lag in einer 
Wartheniederung und hatte unter den alljährlich wieder- 
kehrenden Überschwemmungen dieses Flusses viel zu lei- 
den. Was lag da näher, als daß sich der städtische An- 
bau das höher liegende und darum auch gesündere Gelände 
aussuchte. Zudem wurde durch Erbauung des Zentral- 
bahnhofs weit draußen im Westen der Stadt ein neuer 
Ausgangspunkt für den Verkehr geschaffen. Es bildete 
sich ein Straßenzug, der von hier ausgehend durch die 
ganze Stadt fortlief und bald die Hauptader für Handel und 
Wandel darstellte. Mit der Zeit verloren die in der Unterstadt 
befindlichen Verkehrssammelpunkte immer mehr an Wert. 
Von der Schrodka und der Wallischei hatte sich der Ver- 
kehr schon längst nach dem Alten Markte fortgepflanzt; 
und mit dem Erstarken des Deutschtums wurde in der 
Oberstadt der Wilhelmplatz der wichtigste Sammel- 
punkt für das nun großstädtisch auftretende Leben und 
Treiben. Als der bedeutendste und interessanteste Teil der 
erwähnten Verkehrsader bildet er sozusagen das Herz von 
Posen. 

Es verlohnt sich, sogleich einen Blick auf den bei- 
gefügten Lageplan (Tafel i) zu tun, der eine Übersicht 
über die ganze Anlage des Platzes gestattet. Wir sehen, 
es ist keiner von den sogenannten modernen Plätzen, die 
durch eine Anzahl auf einen Punkt zulaufender Straßen 
gebildet werden, wo durch mehr oder weniger spitzwink- 
lige Bebauungszwickel eine unruhige, gequälte Architektur 
zustande kommt. Nein, ein einfaches Rechteck, in das die 
Straßen natürlich und zweckmäßig einmünden, kein auf 
dem Reißbrett konstruierter Treffpunkt für die sechs — 
wenn man will — sieben Straßenzüge tritt uns entgegen. 
Schon das Bewußtsein dieser Natürlichkeit, der ungezwun- 
gene Eindruck sind etwas wert. 

Da sich der hauptsächliche Verkehrstrom in der Richtung 
von der Berliner Straße nach der Neuen Straße zu bewegt, 
so kann man den ganzen Platz als eine einseitige Ver- 
breiterung dieses Weges auffassen. Daß die Bedeutung des 
Wilhelmplatzes für Posen in den nächsten hundert Jahren 
und noch länger dieselbe bleiben wird, ist als feststehend 
anzusehen. Die Grenzen der Stadt können sich wohl weiter 
hinausschieben, aber als Mittelpunkt, als bevorzugtester 
Teil von Posen dürfte er seine Stellung in absehbarer Zeit 
nicht verlieren. Allein deshalb verlohnt es sich, diesen 
wichtigsten Punkt der östlichen Hauptstadt etwas näher an- 
zusehen und seine künstlerischen Anlagewerte (wie Camillo 
Sitte es so gern getan hat) einer Prüfung zu unterziehen. 
Günstige Größenverhältnisse sind vorhanden. Mit einer 



Breite von etwa 85 m läßt sich eine ganz schöne Wirkung 
erzielen. Die Länge ist zwar übermässig, doch kann dem 
abgeholfen werden. 

Vergegenwärtigen wir uns noch, daß Posen nur wenig 
interessante Platz- und Straßenbilder besitzt, daß sich nur 
selten ein schöner Ausblick auftut, so muß alles getan und 
jede Gelegenheit wahrgenommen werden, um eine Ver- 
besserung und Verschönerung im Stadtbilde eintreten zu 
lassen. Der Wilhelmplatz gehört mit zu den vornehmsten 
Gegenden und hat das meiste Anrecht, ja geradezu die 
Pflicht eine ästhetische Wirkung auszuüben. 

Kommt man von der Berliner Straße her — und das 
ist die gewöhnliche Laufrichtung — so erhält der Beschauer 
durchaus keinen fesselnden und erhebenden Eindruck. 
Wohl sieht die Platzanlage geschlossen aus, die erste An- 
forderung bei der künstlerischen Bewertung eines Stadt- 
platzes, aber das ist auch alles und läßt die anderen großen 
Mängel nicht zurücktreten. Der Platz ist, wie schon aus 
dem Lageplan ersichtlich, zu langgestreckt. Die Gebäude 
erscheinen in der weiten Perspektive etwas winzig und 
vermögen eine imposante Platzwandlung nicht abzugeben. 
Die architektonische Ausbildung der Häuserfronten entbehrt 
wie gewöhnlich des großen, einheitlichen Zuges. Das so 
notwendige Ein- und Unterordnen kennt der einzelne Haus- 
besitzer nicht. Und nur selten denkt der Architekt daran, 
daß er nur ein Glied in der ganzen Platz- oder Straßen- 
komposition zu schaffen hat. Er muß mit seiner Fassade 
die Nachbarn übertrumpfen, durch aufdringliche Turm- 
und Giebelaufbauten aus der Reihe der Häuser hervor- 
stechen — so will es der Bauherr. Als natürliche Folge 
ergibt sich dann ein unharmonisches Bild in der Gesamtheit. 

Der Wilhelmplatz in Posen ist so recht ein Beispiel 
hierfür. Man sieht da Türmchen und Giebel, deren heran- 
gequälte Formen durchaus nicht in den Rahmen und Cha- 
rakter einer großen Platzanlage passen und nur der Sucht, 
etwas Besonderes zu machen, entsprungen sind. Natürlich 
hat man Beispiele, wo die individuelle Bauweise eine male- 
rische Wirkung von hohem Werte schafft. Der Wilhelm- 
platz ist aber durch seinen ganzen Zuschnitt nie und nimmer 
der Ort hierfür. — Die verschiedenen Größen- und Höhen- 
verhältnisse der zum Teil ganz stattlichen Gebäude ver- 
mögen auch kein reizvolles, gediegenes Bild hervorzu- 
bringen. Es fehlt der Treffer, der im Schaubilde 
mächtig ins Auge springt. 

Eine solche Zuspitzung könnte natürlich nur durch 
ein Gebäude erreicht werden, das an der richtigen Stelle 
seinen Platz erhält. Es drängt sich hier förmlich das Be- 
wußtsein auf, daß die einzelnen unharmonisch umher- 
liegenden Teile zu einer Gesamtwirkung verbunden werden 
müssen, daß an diesem Orte eine selten hohe Wirkung er- 
zielt, eine Euphonie im Stadtbilde geschaffen werden kann. 

Die Architektur der Südseite als der eigentlichen Lauf- 
seite fällt weniger ins Auge. Die Fronten sind ziemlich 
nüchtern; doch verdienen die imposanten Eckabschlüsse 
gelobt zu werden. Mit den vornehmen Geschäftsräumen, 
den großartigen Schaufensteranlagen hierselbst bleibt Posen 
hinter keiner anderen Großstadt zurück. Das Hotel Bazar 
an der Ecke der Neuen Straße ist eine gute architektonische 
Schöpfung, mit der sich nur wenige Gebäude in Posen 
messen können. — Benachbart davon das Kaiser Friedrich- 
Museum, ein Monumentalbau, ganz in Sandstein ausge- 
führt, in wohlabgewogenen Verhältnissen, hat leider für die 



6 



DER STÄDTEBAU 



Platzabmessungen und für die umliegenden Gebäude keine 
genügende Höhenentwicklung, um als Leitmotiv für die 
ganze Anlage zu gelten. Die Raczynski'sche Bibliothek ist 
ein Bauwerk von klassischem Äußeren. Die schlanken 
korinthischen Säulen, die man sich aus Marmor denken 
muß, obwohl sie aus Gußeisen sind, die echte Patina des 
Daches und manches andere haben uns über kleinere 
Schwächen hinwegsehen und dieses Gebäude liebgewinnen 
lassen. — An der Nordseite des Platzes sind noch die 
Kommandantur und das Grand Cafe der Erwähnung wert. 
Letzteres ist ein ziemlich wirkungsvoller Barockbau, wie 
überhaupt die von der Renaissance abgeleiteten Stile in der 
Architektur des Platzes überwiegen. 

Auf dem Platze, und zwar an der Westseite, befindet 
sich der alte Musentempel von Posen, das Stadttheater. 
Gerade kein Kunstwerk, gab es doch eine Zeit, wo die 
Posener es mit Stolz zeigten und sich gar keine Kritik der 
äußeren Erscheinung erlaubten. Für die heutigen Bedürf- 
nisse ist es zu klein geworden und hat durch seine mangel- 
hafte innere Einrichtung häufige Klagen hervorgerufen. Ein 
zweckentsprechender Neubau wird geplant, für den ein 
Bauplatz auf dem ehemaligen Festungsgelände schon vor- 
gesehen ist. Sobald dann das neue Stadttheater seine 
Pforten öffnet, muß mit dem Abbruche des alten begonnen 
werden. Versuche, es für andere Zwecke umzubauen, 
sind wohl als gescheitert anzusehen. Ein derartiges Ge- 
bäude ist nur sehr schwer anderen Bedingungen anzu- 
passen, und die äußere Wirkung dürfte sich dann nie zu 
einer befriedigenden gestalten. 

Nach Beseitigung dieses Bauwerks wird die längliche 
Form des Wilhelmplatzes noch unangenehmer zu Tage 
treten. Ein solcher Tiefenplatz bietet, wie gesagt, kein an- 
ziehendes Bild. Die zwei Denkmäler, die auf dem Platze 
verbleiben, das Kaiser-Friedrich-Denkmal und das kurz 
als ,, Löwendenkmal" bezeichnete Monument haben auf die 
Gesamtwirkung keinen Einfluß. Letzteres wurde zur Er- 
innerung an den Feldzug des Jahres 1866 errichtet und 
zeigt auf einem Sockel einen Löwen, der sich über einer 
zerstörten Kanone erhebt. Man hat hier das Scherzwort: 
„Der Löwe ist über der Kanone und das Denkmal unter 
der Kanone." So schlecht ist es aber nicht. — Das andere, 
das Kaiser-Friedrich-Denkmal muß als eine durchaus ge- 
diegene Schöpfung bezeichnet werden. Die einheitliche 
Klarheit der Gesamtkomposition, die lebensvolle Schönheit 
der Gestalt machen es zu einem Kunstwerk ersten Ranges. 
Es würde vielmehr zur Geltung gelangen, mehr gewürdigt 
werden können, wenn es sich wirkungsvoll von einem 
Hintergrunde abhöbe. Leider fehlt dieser. Die Baum- 
und Strauchgruppen müßten schon eine beträchtliche Höhe 
erreichen, um diesen Zweck zu erfüllen. Als eine Schwäche 
hat ferner die Einseitigkeit der Anlage zu gelten; denn 
die Rückansicht, die über den ganzen Platz hin sichtbar 
ist, vermag durchaus keinen künstlerischen Eindruck her- 
vorzurufen. 

So haben wir im ganzen eine fehlerhafte Komposition 
des Aufbaues vor uns. (Die Platzanlage an und für sich 
ist gut.) Das Außerachtlassen der baulichen Umgebung 
hat sich schwer gerächt: Kein Bauwerk wurde mit dem 
Vorhandenen in Beziehung oder Übereinstimmung gebracht, 
und jetzt ist auch der Gesamteindruck ein unerfreulicher. 
Eine Verbesserung mit sogenannten kleinen Mitteln dürfte 
schwerlich einen Erfolg haben. 



Im folgenden soll nun der Versuch einer besseren 
Raumwirkung, einer einheitlichen Raumidee, wodurch eine 
Lösung all der aufgeworfenen Ausstellungen angebahnt 
werden könnte, kurz angedeutet werden. 

In der Längsaxe des Wilhelmplatzes gegenüber dem 
Museum erhebt sich ein zentraler mächtig aufragen- 
der Bau, der hart am Standbild Kaiser Friedrichs beginnt, 
und dem sozusagen dieses Denkmal vorgelagert ist wie 
das Bismarcks vor dem Reichstagsgebäude. Hierdurch 
würde dem Platze die fehlende Dominante gegeben, und 
das DenkmEd erhielte zugleich den so nötigen Hinter- 
grund. 

Wenn man in der Hauptlaufrichtung von der Berlinei 
Straße her kommt, so ist dies sicher der gegebene Ort 
für ein den Platz beherrschendes Gebäude. Die Ge- 
samtwirkung bleibt geschlossen und klar, die Häuserreihen 
ordnen sich wie von selbst unter, und der Beschauer wird 
durch den großzügigen Gesamteindruck gefangengenommen. 
Ein Bild würde uns hier entgegentreten, das an Kraft der 
Erscheinung kaum seinesgleichen hätte. 

Sollte nun jemand behaupten, daß das alte Stadttheater 
eigentlich auch diesen Zweck erfülle, es stehe nur auf der 
anderen Seite des Platzes, so ist das bedingt richtig. Ohne 
dasselbe würde der Gesamteindruck noch unbefriedigender 
sein. Aber von der Wilhelmstraße aus gesehen, erscheint es 
für den Platz nicht imposant genug. Die umliegenden Häuser 
überragen es fast. Außerdem wird der Einblick in die 
Berliner Straße noch vertieft, was einem geschlossenen 
Platzbilde Abbruch tut. 

Von der Berliner Straße aus kommend, hat man nur 
die nüchterne Kehrseite des Theaters vor sich. Und da 
dieser Bau dem Polizeipräsidium sehr nahe auf den Leib 
rückt, so entsteht ein toter Winkel, der durch seine Ver- 
wendung als Droschkenstand durchaus nicht verschönernd 
wirkt. 

Nun zurück zu unserem Vorschlage. 

Durch Aufführung eines massiven Gebäudes hinter dem 
Kaiser -Friedrich -Denkmale würde der Wilhelmplatz in 
zwei Teile zerlegt. Der nach dem Polizeipräsidium lie- 
gende Abschnitt wäre noch reichlich groß, um eine gute 
Platzwirkung zu sichern. Nach Beseitigung des alten 
Stadttheaters könnte das Polizeipräsidium eine neue Fassade 
erhalten und so ein würdiges Gegenüber abgeben. Baum- 
pflanzungen, vielleicht auch ein großes Brunnenbecken auf 
dem Platze, vervollständigen dann die Gesamtwirkung. 

Für den anderen Teil, der sich vor dem Museum be- 
findet, verbliebe noch immer eine annehmbare Größe. 
Man würde gezwungen sein, das Museum von einem 
nahen Standpunkte aus zu betrachten, was diesem Bau- 
werke von geringer Höhenentwicklung sehr zu gute käme. 
Der Eindruck wäre bei weitem wirkungsvoller als jetzt. 
Das Schaffen eines bestimmten Sehabstandes dürfte gerade 
hier sehr angebracht sein. Daß auch dieser zweite Teil des 
Wilhelmplatzes einen harmonischen Eindruck gewähren, 
ja durch feinabgestimmte Verhältnisse eins der schönsten 
Platzbilder im Norden Deutschlands werden kann, ist mit 
Gewißheit anzunehmen. 

Betrachten wir jetzt noch die praktische Seite des 
Vorschlages, so ist zu bemerken, daß nach Abbruch des 
alten Stadttheaters die große, unbebaute Platzfläche schon 
aus wirtschaftlichen Gründen eine Verwendung finden muß. 
Da die angrenzenden Straßen breit und luftig sind, und 



DER STÄDTEBAU 



den Anforderungen des Verkehrs in "weitestem Maße Ge- 
nüge geschieht, so ist gegen die Errichtung eines Gebäudes 
nichts einzuwenden. Daß Zweck und Bauart der vor- 
nehmen Lage angemessen gewählt werden müssen, ergibt 
sich aus dem Gesagten von selbst. Ein Odeon, eine 
Ruhmeshalle oder noch besser ein Börsengebäude oder 
Bankgebäude könnte hier seinen Platz erhalten. Es sind 
das alles Bauwerke, denen man sehr gut einen turmartigen 
Aufbau geben kann. 

Bei der Bewältigung der hier gestellten Aufgabe gilt es 
einmal, ein Werk zu schaffen, an dem die Architektur sich 
in ihrer größten Stärke zeigen kann. Nicht öde Zweck- 
dienlichkeit soll den Künstler bestimmen, nein, frei von 
allen unkünstlerischen Rücksichten muß er mit Begeiste- 
rung einem der höchsten Ziele zustreben, die Menschen- 



geist und Menschenhand sich zu stellen vermögen. Es gilt 
hier Gedanken in Wirklichkeit umzusetzen, starre, tote 
Formen zu meistern und hohe, erhabene Wirkungen 
auszulösen, wie sie sonst nur die Natur in ihren großen 
Schöpfungen zu wege bringt. Die Gelegenheit ist vorhan- 
den, etwas selten Großes und Schönes zu schaffen, das der 
Stadt zum Ruhme gereicht und ihr einen dauernden Glanz- 
punkt im Stadtbilde sichert. 

Reale Bedürfnisse finden stets die angemessene Be- 
achtung. Den idealen Forderungen des künstlerischen 
Städtebaues wäre ein gleiches Interesse zu wünschen, da- 
mit sich zu der wol nie versagten Anerkennung auch der 
Erfolg geselle, und die praktische Durchführung den Be- 
weis liefere, welche reichen Schätze hier gehoben werden 
können. 



AUSGESTALTUNG DES AN LAGEN PLATZES AN 
DER VALPICHLERSTRASSE IN MÜNCHEN. 



Von OTTO LASNE, München. 



Im ursprünglichen Entwürfe war statt der Baustellen 
10, 11, 12, 13 und 14 — siehe Lageplan auf Tafel 2 — ein 
öffentliches Gebäude mit geschlossener Wandung gegen die 
Parkanlage gedacht, eine Lösung, die der Verfasser dem 
heutigen Vorschlage weitaus vorziehen würde. Da jedoch 
eine Gewähr für die Errichtung eines solchen Bauwerkes 
nicht besteht, mußten Privatbauten entworfen werden. 

Rückgebäude waren, mit Rücksicht auf die Gesamtan- 
lage und wegen des Einblickes vom Park aus, hiefür aus- 
zuschließen; dagegen schien es wünschenswert, der Park- 
anlage auch an dieser Stelle Privatgärten anzuglie- 
dern, wie das schon bei den Baustellen 2, 4, 5, 6, 7, 8 und 
9 geschehen ist. Im Folgenden vergl. nun Tafeln 2—5. 

Die architektonische Ausgestaltung der ganzen An- 
lage ist mit den denkbar einfachsten Mitteln ver- 
sucht. Die Fassaden sollen mit rauh abgeriebenem Ver- 
putz versehen und in heller Sandsteinfarbe gestrichen wer- 
den (steingrau oder steingelb von gleicher Grundfarbe, 
jedoch mit leichter Abtönung für die einzelnen Gebäude). 
Ornamentaler Schmuck ist garnicht, die Anbringung von 
Gesimsen nur in sehr geringem Maße vorgesehen. Höl- 
zerne Jalousieläden mit Ölfarbenanstrich von gleicher 
Grundfarbe (grün, nicht schreiend oder giftig, dagegen ver- 
schieden abgetönt für die einzelnen Bauten) sollen den 
hauptsächlichen Fassadenschmuck bilden, der gegen 
die Parkseite noch vielfach durch farbige Holzspa- 
liere (roter oder grüner Anstrich) bereichert wird, an 
denen Schlingpflanzen emporranken oder Spalier- 
bäume gezogen werden, während an den Straßen- 
seiten nur einzelne Vorgartenstreifen von 1,00 m 
bis 1,20 m Breite aus schmalen Rabatten und eben- 
falls an Holzspalieren Rankengewächse in die Höhe 
senden sollen, um dadurch einige Wandflächen 
zu beleben. Bemerkt darf hier wohl werden, daß sich 
für die Nordseite Kletterrosen, Pfeifenkraut und weiße 
Waldrebe vornehmlich zu solcher Verwendung eignen. 

Für die Dachungen ist der Hauptsache nach das ein- 
fache Satteldach gewählt. Die Dachneigung ist im all- 



gemeinen mit 52'/=° angenommen. Ausnahmen bilden die 
Gartenpavillons und die nördliche Straßenüberbauung, für 
welche Dachneigungen von 60° vorgesehen sind. Die 
Eindeckung soll mit naturfarbenen, unglasierten 
Ziegeln erfolgen. 




Wünschenswerterscheint es, die Hauptgesimse und 
die Dachfirste nicht in durchlaufenden Horizon- 
talen auszubilden, wie es auch besser ist, nicht alle 
Fenster derselben Stockwerke in gleiche Höhen 
zu bringen. Es empfiehlt sich daher, sowohl in dem 
Gebäude — als in den Geschossen — mit den Höhen 



8 



DER STÄDTEBAU 



mäßig zu wechseln. In nebenstehendem Durchschnitt 
— siehe Textbild sind die Höhen - Unterschiede ein- 
geschrieben, wie sie der Verfasser für zweckmäßig hält, 
wobei jedoch bemerkt werden muß, daß sich diese Höhen- 
maße nicht auf Baustelle i beziehen, auf der eine Wirtschaft 
errichtet werden soll. (Siehe Vogelschaubild.) 

Eine Tiefe von rund 14,20 m, wie sie die Mehrzahl der 
Grundrißlösungen aufweist, dürfte für Wohnhäuser von 
dem Range, wie sie an dieser Stelle entstehen werden, 
vollständig genügen; schon aus dem Grunde, weil eine 
größere Gebäudetiefe übermäßige Zimmertiefen zum Ge- 
folge hätte oder Veranlassung zur Schaffung einer ver- 
mehrten Anzahl ungenügend beleuchteter Räume wäre. 
An der rückwärtigen Baulinie, wie sie nunmehr vor- 
gesehen ist, sollte demnach nichts geändert werden. Zum 
Ausgleiche wäre bei Baustelle 1 — 12 und dem größe- 
ren Teile von Baustelle 13 die Bebauung mit Erdgeschoß, 
I., II. und III. Stock zuzulassen, während ein Teil von 
Baustelle 13 und die Baustelle 14 nur mit Erdgeschoß, I. und 
II. Stock zu bebauen, überall aber zu gestatten wäre, daß 
das Dachgeschoß zur Hälfte für Wohnzwecke nutzbar ge- 
macht werde. 

Dagegen soll ein Zwang für die genaue Beibehaltung 
der Grundrisse nicht bestehen; z. B. soll es statthaft sein, 
Treppenhäuser — jedoch mit dem ausdrücklichen Vorbe- 
halt, daß sie nicht über die rückwärtige Baulinie hinaus- 
ragen — statt an die Straße, an die Parkseite zu legen, 
wie auch zu gestatten wäre, den Nebenräumen, also Küchen, 
Magd- und Speise-Kammern, Aborten usw. eine andere 
als die vorgesehene Lage zu geben, aber immer mit der 
Auflage, daß die Räume — ausgenommen Erd- und Dach- 
geschoß — hinter oder neben offene Loggien zu liegen 



kommen, wie in der jetzigen Lösung vorgesehen. Erdge- 
schossige Ausbauten, sowie einzelne Erkerausbauten sollen 
an der Parkseite zulässig sein, wenn dadurch der Bau- 
charakter nicht gestört wird. 

Die Einfriedigung gegen die Parkanlage ist als 
durchbrochene Mauer mit Holzgitter gedacht und 
wäre einheitlich durchzuführen. Die gemauerten 
Gartenhäuschen sollen Fenster gegen die Parkseite erhal- 
ten, die mit Eisengittern und hölzernen Jalousieläden zu 
versehen sind, ebenso soll gestattet sein, solche Fenster an 
den Gebäulichkeiten anzubringen, welche auf Baustelle 1 
längs der Parkseite errichtet werden. 

Die Parkanlage soll auch gegen die Straßen- 
seiten mit teilweise unterbrochener Mauer einge- 
friedigt werden, wie das im Vogelschaubilde dar- 
gestellt ist. Das erdgeschossige Häuschen beim südlichen 
Parkeingang ist als Wohnung für einen Parkwächter ge- 
dacht und soll außerdem eine öffentliche Abortanlage ent- 
halten. Der Thorbau an der Südwestecke des Parks neben 
Baustelle 1 wäre zur Aufnahme einer Gerätekammer 
bestimmt und hätte an der schmäleren Straßenseite hinter 
eisenvergitterter Nische eine Madonna oder eine Heiligen- 
figur zu bergen, die im Schatten einer kleinblätterigen 
Linde stehen soll, welche seitlich davor auf den Bürger- 
steig zu pflanzen wäre. Ebensolche Bäume sollten längs der 
südlichen Parkmauern innerhalb des Parkes gesetzt wer- 
den, sowie auch die Allee bilden, die vom Südportal zur 
nördlichen Straßenüberbauung gedacht ist. 

Der einheitliche Charakter der Gesamtanlage sollte 
übrigens auch dann beibehalten werden, wenn auf 
der Baustelle 10—14 ein öffentliches Gebäude errichtet 
würde. 



ARCHITEKT ODER LANDMESSER? 



Von RUDOLF STÖLCKER, Konstanz. 



In Nr. 8 und 9 des I. Jahrganges dieser Monatsschrift 
veröffentlichte Herr Abendroth unter obiger Überschrift eine 
scharfe Kritik der gegenwärtig landesüblichen Herstellungs- 
weise von städtischen Bebauungsplänen, um als Ergeb- 
nis seiner Darlegungen das Schema einer Arbeitsteilung 
zwischen Architekt uud Landmesser aufzustellen. Wenn 
nun auch gewiß jeder Einsichtige dem beachtenswerten 
Aufsatze des Verfassers in vielen Punkten gern zustimmen 
wird, so scheint mir doch eine Entgegnung sowohl hin- 
sichtlich des Arbeitsprogramms als auch der ihm zu Grunde 
liegenden Anschauung notwendig zu sein. 

Wenn Herr Abendroth „den Geist der Zeit erfassen 
— die wirtschaftlich Schwachen zu entlasten, 
dem Minderbegüterten die Möglichkeit eines Eigen- 
tums zu verschaffen und dabei Ästhetik und Hygiene 
nicht außer acht lassen — , aber die Natur, das ist 
die Wirklichkeit, sehen und erkennen, sie verschö- 
nern und doch erhalten als ,, die rechte Bebauungs- 
plankunst" erscheint, so muß diese Aufgabestellung als 
zu eng zurückgewiesen werden. Haben die Plangeometer 
sich zu sehr durch „das Schreckgespenst des Verkehrs" 
auf Kosten der Natürlichkeit und Schönheit beeinflussen 
lassen, so verfällt in obiger Erklärung der Verfasser und mit 



ihm mancher unter den Reformern des Städtebaues dem an- 
derenExtrem. Das Entwerfen von Bebauungsplänen ist 
nicht bloß eine künstleris ch-soziale, sondern auch 
eine hervorragend technische Aufgabe. „Großzügig- 
keit, Verkehr und Hygiene" sind durchaus nicht leere 
,, Schlagworte", sondern reale, unerläßliche Forderungen 
der neuzeitlichen Entwicklung des Städtewesens. Zugege- 
ben, daß seitens der „plangeometrischen" Schule jene Be- 
griffe inhaltlicn zu wenig vertieft oder gar unrichtig gefaßt, 
sowol zu falschen Forderungen führten, als auch häufig 
am falschen Ort angewendet zu wurden, sei es in großen 
oder insbesondere in kleineren Städten — wo jene „Groß- 
zügigkeit" wol oft als Ergebnis eines gelinden kommunalen 
Größenwahnes erscheint — , so haben sie darum ihre ge- 
waltige Bedeutung nicht eingebüßt. Wenn also Professor 
Baumeister, Stubben und andere als Hauptaufgabe eines mo- 
dernen Straßennetzes möglichste Verkehrserleichterung be- 
trachteten, so haben sie damit kein Schlagwort geprägt, 
sondern eine auch heute noch in unverändertem Maße 
geltende Forderung festgelegt. Selbst C. Sitte und Pro- 
fessor Th. Fischer, die eifrigsten Vorkämpfer für eine 
künstlerische Ausgestaltung der Städte haben, die Lösung 
dieser Aufgabe als das schwierigste Geschäft des Stadt- 



9 



DER STÄDTEBAU 



planfertigers bezeichnet, hinter dem mit unerbitterlicher 
Folgerichtigkeit selbst die schönsten künstlerischen Motive 
zurücktreten müßten, sofern sie sich nicht damit vereinigen 
ließen. 

Aber auch andere Aufgaben der Ingenieurtechnik: die 
Anlage von Bahnhöfen, die Linienführung von Haupt-, 
Stadt-, Vorort-, Straßen-, Hoch- und Untergrundbahnen, 
Kanalanlagen, Versorgung mit Wasser, Gas usw. stehen 
mit dem Straßennetz in solch innigem Zusammenhange, daß 
ihre Nichtbeachtung bei Fertigung von Bebauungsplänen 
zu den schwersten wirtschaftlichen Schädigungen der Ge- 
meinde führen müßten. Die gebührende, fachgemäße Ver- 
tretung solcher Interessen aber kann doch nur dem Inge- 
nieur zufallen. Hiermit ist auch dessen Stellung zum 
Programm des Herrn Abendroth zumal hinsichtlich größe- 
rer Anlagen gegeben. Zugegeben, daß die durch 
langjährige Kenntnis und genaue topographische 
Aufnahme vermittelte Intimität des Landmessers 
gegenüber dem zu bebauenden Gelände von hohem 
Werte für die Festlegung neuer Fluchtlinien sei, 
daß die Beiziehung eines künstlerisch hochstehen- 
den Architekten sowol hinsichtlich der gesamten 
Anlage als auch insbesondere bei der Einzelaus- 
bildung hervorragender Straßen und Plätze eine 
segensreiche Wirkung in ästhetischer Hinsicht ha- 
ben werde; zugegeben ferner, daß ein tüchtiger, 
ausgebildeter Vertreter jeder dieser beiden Berufs - 
klassen für sich allein vorzügliche Stadtbaupläne 
auch mit gerechter Berücksichtigung aller rein 
technischen Fragen schaffen könne, so bin ich doch 
überzeugt, daß bei einer Bebauungsplan-Kommis- 
sion, wie sie dem Verfasser vorschwebt, der Mit- 
wirkung des Ingenieurs unter keinen Umständen 
entraten werden könne. Mit welchem Rechte wollte 
sich eine Kommission von Geometern und Architekten den 
baulichen Forderungen des Fiskus bei Bahnhofs-, Eisen- 
bahn- und anderen Fragen entgegenstellen? Auch in rein 
verwaltungstechnischer Hinsicht wäre die Beiziehung des 
Ingenieurs als dritten Mannes erwünscht: bei Meinungs- 
verschiedenheiten fiele dem hinsichtlich der Ausbildung 
und häufig auch natürlicher Veranlagung zwischen den 
Berufen des Architekten und Landmessers stehenden In- 
genieur die ausgleichende Entscheidung zu. 

Ich teile den Unmut über so vieles Böse und Häß- 
liche, was die Schule der „Plangeometrie" in den letzten 
Jahrzehnten verbrochen hat, mit allen ästhetisch Empfin- 
denden. Allein haben wir Techniker nicht das Recht und 
die Pflicht, unsere Vorgänger vor unverdienten Vorwürfen 
zu schützen, indem wir auf die außerordentlich ungünstigen 
Umstände ihres Schaffens hinweisen? 

Als in den 60 er und 70 er Jahren des verflossenen Jahr- 
hunderts wie eine Hochflut die gewaltige Bevölkerungszu- 
nahme über unser Land hereinbrach, so daß innerhalb 
weniger Jahre für Millionen neue städtische Wohnungen 
beschafft werden mußten, traf diese Aufgabe die damit be- 
trauten Ingenieure und Architekten gleich überrascht und 
unvorbereitet. Die Architekten halfen sich mit dem Zins- 
kasten; die Ingenieure verfielen in haltlose Schablone 



oder schufen ihrer Ausbildung entsprechend Straßennetze, 
die den Erfordernissen des mit der Bevölkerungszunahme 
gleichen Schritt haltenden Verkehrs, der Hygiene und dem 
Tiefbau entsprechen sollten. Erst in zweiter Linie und 
nur mangelhafterweise konnten sie schönheitliche Bedürf- 
nisse befriedigen, zumal alle Überlieferungen der großen 
Zeiten der Städtebaukunst entschwunden und die Aufgaben 
völlig neuartige waren. Tout comprendre, c'est tout pardonner. 

Schlußbemerkung des Herausgebers: Selbstver- 
ständlich gehört zu den Sachverständigen der von A. Abend- 
roth vorgeschlagenen Plankommission auch der Ingenieur, 
insbesondere, wenn z. B. schwierige Wasserversorgungs- 
und Entwässerungsanlagen in bergigem Gelände bezw. bei 
schwachem Gefälle, wichtige Verkehrsrücksichten inbezug 
auf Steigung und Dammbefestigung oder inbezug auf 
Straßenbahnen, Eisenbahn- Ueber- und Unterführungen, 
Brücken- und Kaibauten usw. die Höhenlage und Linien- 
führung der Straßen beeinflussen. Dazu kommt ferner 
der Hygieniker, sei er nun Arzt oder Techniker, auch 
der Stadtgärtner, sobald Alleestraßen, Gartenplätze oder 
Parkanlagen mitzuplanen sind. Eine Kommission als 
solche kann jedoch niemals ein einheitliches Werk 
schaffen. Sie vermag nur vorzubereiten, das Programm 
aufzustellen, die Arbeit zu verteilen zur Beschaffung 
der Unterlagen (Vermessungskarten und Vorentwürfe 
für sondertechnische Dinge), den Beirat zu bilden für den 
eigentlichen Verfasser des Planes. Denn diesen selbst 
kann schließlich nur Einer machen. 

Was wir in der gegenwärtigen Praxis des Stadtbaues 
vielfach zu beklagen haben, ist eben die mangelnde Füh- 
lung zwischen den einzelnen dabei tätigen Faktoren. Es 
fehlt nur zu oft das geistige Band, das alle umschlingen 
sollte, und dieses Band kann, wenn wir zu einem künst- 
lerischen Ausdrucke des Städtebaus kommen wollen, nur ein 
Künstler unter den Technikern knüpfen. Auf künstlerische 
Motive in dem vom Verfasser obiger Entgegnung gemein- 
ten Sinne kommt es dabei nicht so sehr an, als vielmehr 
auf die künstlerische Erfassung und Erfüllung des prak- 
tischen Zweckes. Dieser ist lediglich die Voraussetzung 
für die Arbeit des Künstlers, dessen Auge das Medium 
bildet zur Erscheinung vollendeter Zweckmäßigkeit als 
Schönheit. Im allgemeinen liegt es daher wol nahe, einem 
Architekten, d. h. in diesem Falle einem künstlerisch 
sehenden Städtebauer sowol die Abfassung des Ge- 
samtplanes, als auch — unbeschadet aller Selbständigkeit 
technischer Sonderarbeit — die Führung der mitwirkenden 
Kräfte bei Bearbeitung der Einzelpläne anzuvertrauen. Wie 
notwendig dies ist, hat zuletzt wieder das merkwürdige 
Ergebnis des Wettbewerbs in Potsdam (wird demnächst 
noch besprochen!) gezeigt. Ein Zusammenarbeiten mit dem 
Landmesser und dem Ingenieur wird sich dabei meist 
schon von selber einstellen. 

In einfachen Fällen und kleineren Verhältnissen kann 
die Kommission übrigens wesentlich zusammenschrumpfen, 
wie denn ihre Zusammensetzung überhaupt sich nach 
keiner ein für allemal festzustellenden Regel, sondern je 
nach dem Vorwiegen besonderer Fragen zu der gerade 
vorliegenden Aufgabe zu richten haben wird. 



10 



DER STÄDTEBAU 



NEUE BUCHER. 



Besprochen von THEODOR GOECKE, Berlin. 



ZEUSS. GEDANKEN ÜBER KUNST UND DASEIN VON 
EINEM DEUTSCHEN. — Verlag von Ferd. Enke, Stuttgart 1904. 
Ein zum Nachdenken einladendes Buch, das dem Architekten wieder 
eine bessere Meinung von der in seiner \Wertschätzung mit der Zeit arg 
gesunkenen Ästhetik beizubringen vermag. Ausgestattet mit dem Rüst- 
zeuge des Philosophen geht der Verfasser doch in frischer, leicht ver- 
ständhcher Sprache all den Fragen zuleibe, die das gegenwärtige Kunst- 
schaffen aufwühlen. Die Architektur erhebt er wieder in die ihr fast schon 
aberkannte Stellung einer freien Kunst, weil, der Lehre der Mannheimer 
Ästhetikers Dr. Alt (System der Künste) folgend, der praktische Zweck 
lediglich die Voraussetzung für die Entstehung des Architekturwerkes sei, 
das ebenso aus einer Idee geschaffen werde, wie jedes andere Kunst- 
werk, — die Idee sei eben die Vorstellung des Zweckes. 

Schon das erste Kapitel zu lesen, das vom Künstler und der Mensch- 
heit handelt, und die oft umstrittene Frage, gibt es ewige Gesetze des 
Schönen?, gibt es dauernde Gesetze der Kunst?, L'art pour l'art?, zu be- 
antworten versucht, ist ein von keinem trockenen Schulbegrifife getrübter 
Genuß. Im zweiten Kapitel wird das Wesen des Genies erörtert, unter 
anderem der geniale Einfall, die Persönlichkeit des Genies, der Weg zur 
genialen Tat, der Jugendstil usw. — Im dritten Kapitel legt der Verfasser 
die Gründe für den Mangel an Kunstverständnis dar, wobei auch die Schul- 
bildung der Techniker, die Folgen des Mangels an ästhetischen Kenntnissen, 
das Verhältnis der Ästhetik zur Kunstschreiberei, die Kunstmoden zur Be- 
sprechung kommen. — Das vierte Kapitel handelt von den Gesetzen der 
Kunst, von der Schöpferkraft des Künstlers, vom Phantasiegesetze in der 
Architektur, von der Monumentalität der Kunst, von der nationalen Kunst, 
von Kunst und Können in Deutschland bis 1860, von der nord- und süd- 
deutschen Kunst und von der Freiheit der Kunst. — Dann kommt ,,das 
Ewig-Schöne" im Kapitel 5, und zwar das Ewig-Schöne des Menschenleibes, 
das Malerisch-Schöne, das Schöne der Landschaft und der Baukunst, die 
Volkskunst usw. Endlich im Kapitel 6 die erzieherische Bedeutung der 
Kunst, insbesondere der bildenden Künste. 

Dem Architekten und dem Städtebauer seien besonders empfohlen 
die Seiten : 

130 — ,,Der subjektive Individualismus ist der Verderb der Kunst, der 
objektive aber ihre Größe"; 

164, 165 — die Symmetrie in der Architektur und die malerische 
Architektur behandelnd ; 

184 bis 191 — Die moderne Eisenkonstruktion in der Architektur, ins- 
besondere ihre raumbildende Kraft, der neue Baustil, neuzeitliche Bestre- 
bungen auf antiquarischer Grundlage, Prinzip einer individuellen freien 
Verwendung alter Stile, mit besonderer Bezugnahme auf Semper, Wallot, 
Bruno Schmitz, das Moderne in der Architektur (in Holz nachgeahmte 
Eisenkonstruktion von van de Velde, Kugelgelenke von Pankok, eigen- 
artiger Steinschnitt als Stilmotiv von Herm. Obrist, Peter Behrens, Herm. 
Billing, Biedermeierstil von Schulze-Naumburg, der der Antike sich an- 
nähernde Dekorationsstil von Olbrich). Man mag in manchen der Betrach- 
tungen anderer Ansicht sein, jedenfalls weiß der Verfasser die seinige 
geistreich vorzutragen. 

Zum Schluß: 

Seite 214 — „Die Schönheit ist die sittliche Aufgabe der Kunst nach 
dem Vemunftgesetze. Unsere Einsicht führt dahin, daß die Menschheit 
hinaufgeführt werden müsse zu höheren Zielen, nicht hinab, daß wenigstens 
die Hoffnung auf die Erreichung eines höheren Zieles die unumgängliche 
Bedingung ist, damit die Menschheit diesen Kampf nicht aufgebe, daß 
mithin die aus der Kunst fließende Daseinsfreude ein Mittel ersten Ranges 
ist, um die Menschheit an die Erreichbarkeit höherer Ziele glauben und an 
diesem Leben nicht verzweifeln zu lassen, daß es also die Aufgabe der 
Kunst ist, ihr solche Ziele vor Augen zu stellen und sie dadurch zu diesem 
Kampf zu stählen", denn ,,Zeus, der ewig fortzeugende, der Vater des 
Dyonisos und AppoUon, der wirkend in nie versiegender Schöpferkraft die 
Ziele des Daseins durch die Kunst offenbart, hat uns nicht," wie das 
einleitende Vorwort des Buches sagt, „auf seine lichte Höhe hingestellt, 
sondern auf ein Schlachtfeld, wohin der Weg erstritten werden müsse". 



"p\AS WOHNUNGSWESEN, bearbeitet von Dr. Rud. Eberstadt, 
-*-^ Privatdozent an der Königl. Friedrich Wilhelms-Universität in Berlin. 

Besonderer Abdruck aus dem Handbuch der Hygiene; herausgegeben 

von Dr. Theod. Weyl in Berlin. Vierter Supplementband, Soziale 

Hygiene. Jena, Verlag von Gust. Fischer, 1904. 

Der Verfasser hat schon früher (1903) in demselben Verlage das für 
die Praxis des Wohnungswesens und des Städtebaues wichtige Buch: 
,, Rheinische Wohnverhältnisse und ihre Bedeutung für das Wohnungs- 
wesen in Deutschland" erscheinen lassen. — Das oben angekündigte neue 
Werk umfaßt die Darstellung des Wohnungswesens auf breiterer Grundlage. 
In vier Abschnitten werden die Entwicklung städtischer Bauweise, die 
Wohnungsstatistik, die gesundheitlichen Verhältnisse, die sozialen und ver- 
waltungstechnischen Maßnahmen im Wohnungswesen vorgeführt. Für die 
Geschichte des Städtebaues wichtig ist die scharfe Abgrenzung der drei 
Zeitabschnitte, in denen die Städte gegründet oder erweitert wurden; das 
Mittelalter, die landesfürstliche Bautätigkeit im 17. und 18. Jahrhundert und 
die Gegenwart. In ebenso klarer Anschaulichkeit wird der gegenwärtige 
Gemeindebesitz an Grund und Boden („öffentliche Parkanlagen entstammen 
meist der älteren Zeit"), die Hausform und Bodenbeschaffung (,,die Festungs- 
eigenschaft trägt nicht die Schuld an der unbefriedigenden Gestaltung der 
Wohnungsverhältnisse, fast die ganze Bevölkerung wohnt in Miets- 
kasernen"), die Mietspreise und deren Entwicklung (,,die Wohnungsteuerung 
in Deutschland kommt aus dem Osten") und die Bodenverschuldung (,,für 
1903 beträgt die Bodenverschuldung insgesamt rund 45 Milliarden Mark. 
Die Boden- und Häuserspekulation kann ihren Gewinn ausschließlich nur 
durch Bodenbelastung realisieren") dargestellt. Dazu kommt die Schilderung 
der Entwicklung, die die Wohnung auf den Gesundheitszustand ihrer 
Bewohner ausübt, durch die Art der Wohnungsbenutzung, wobei die Tuber- 
kulose eine wesentliche Rolle spielt, und durch Beschaffung der Wohnung 
an sich, — der Grundriß der Mietkaserne ist auf die herrschaftliche Vorder- 
wohnung zugeschnitten; für die kleinen Wohnungen dagegen ist er untauglich 
und schlechthin unverbesserlich. Ferner wird noch die Bautätigkeit unter 
Gewinnverzicht durch Reich, Staat und Gemeinde, durch Arbeitgeber und 
Stiftung dargestellt, um endlich unter den verwaltungstechnischen Maß- 
nahmen die Aufstellung von Bebauungsplänen nach sozialen, wirtschaft- 
lichen und politischen Gesichtspunkten hin zu fordern: 

1. Die Bearbeitung des städtischen Bebauungsplanes ist zu betrachten 
als eine Aufgabe der Bodenparzellierung; 

2. Die Anpassung der Bauordnung an die unterschiedlichen Bedürfnisse 
des Wohnungswesens — der richtige Zustand ist, daß die gedrängte Bau- 
weise von innen nach außen, falsch, daß sie von außen nach innen vor- 
dringt. 

3. Die Anlage der Straßen durch die Gemeinde ist eine der vor- 
nehmsten Aufgaben der Kommunalbodenpolitik. 

4. Zweckdienliche, einfache Ausführung der Wohnstraße, sozialpoli- 
tische Regelung der Straßenbaukosten, der Kanalisationsbeiträge und der 
Baupolizeigebühren. 

5. Verbesserung und etwaige Verbilligung der Verkehrsmittel. 

6. Maßnahmen der Besteuerung, wobei zu unterscheiden ist: Erhöhung 
des Bodenwertes durch nützliche Aufwendung (Meliorationen im weitesten 
Sinne, Häuserbau usw.) und Erhöhung ohne nützliche Aufwendung (Speku- 
lationen, immaterielle Wertsteigerung). 

7. Erwerb und etwaige Hergabe von städtischem Gelände. 

8. Organisation des Realkredits. 

9. Beaufsichtigung der Wohnungen — die Wohnungsreform ist die 
unerläßliche Voraussetzung für eine wirkungsvolle ^Vohnungsaufsicht. 

10. Städtischer Wohnungsnachweis und städtische Wohnungsaufsicht. 

Der reiche, durch mehrere Abbildungen erläuterte Inhalt ist übersichtlich 
geordnet und unter sorgfältiger Berücksichtigung der Literatur verarbeitet. 
Das Werk zeichnet sich vor vielen Erscheinungen auf diesem Gebiete durch 
eine wissenschaftliche Gründlichkeit und die Vertrautheit mit den praktischen 
Forderungen lobenswert aus. 



11 



DER STÄDTEBAU 




WETTBEWERB, den Bebauungsplan für die Brandenburger 
Vorstadt in Potsdam betr. Die Herren Verfasser der Entwürfe 
mit folgenden Kennworten No. 24 „Städtebau", No. 27 „Havel", No. 29 
„Camillo Sitte", No. 95 ,,Uebersichtlich" werden gebeten, ihre Namen 
der Schriftleitung bekannt zu geben. 

WETTBEWERB ZUR ERLANGUNG CHARAKTE- 
. RISTISCHER GEBÄUDEANSICHTSZEICHNUNGEN 

FÜR DIE STADT BAUTZEN. 129 Entwürfe waren eingegangen. 
Es sind zwei erste Preise von je 750 Mark dem Entwürfe „Bilderbogen" 
des Herrn Architekten Christian BaumüUer in Charlottenburg und dem 
Entwürfe „Architektion" des Herrn Architekt Wilhelm Brurein in Char- 
lottenburg, sowie zwei zweite Preise von je 600 Mark dem Entwürfe 
, .Anpassen, nicht nachahmen" des Herrn Architekt Otto Schnartz in 
München und dem Entwürfe „Bunte Reihe" des Herrn Architekt Walter 
Wiesinger in Leipzig -Plagwitz zuerkannt worden. Außerdem empfahl 
das Preisrichterkollegium den Ankauf von Blättern der Entwürfe mit den 
Kennworten: „Eh veracht, denn gemacht", „Herbststimraung", ,,0 Isis 
imd Osiris", „Durch", „Windmühle", „Mädchenkopf", „Ein Gedanke", 
„Wintersaat", „Heimatkunst", ,,Im Alten neu", ,,Dientzenhofer", ,, An- 
tragarbeit", „Der alten Sechsstadt", „Stadtbild", ,,Da domine incre- 
mentum", „Alt Bautzen", „Bürgerwiese", „Dem alten Guten", „Ludwig 
Richter" und „Büxgerstolz". 

Tn SALZBURG soll ein Bebauungsplan für die Altstadt beschafft 
•*• werden und zwar unter gehöriger Wahrung ihrer Eigenart. Zu dem 
Zwecke ist ein Sonderausschuß eingesetzt worden, dessen Antrag ange- 
nommen wurde: den Amtsvorstand zu ermächtigen, sich mit mehreren 
im Städtebau hervorragend tätigen Fachmännern ins Einvernehmen zu 
setzen, um ausführliche Gutachten über die Grundsätze zu erhalten, die 
bei der Beschaffung des Bebauungsplanes unter Wahrung des Charakters 
der Stadt, und unter Berücksichtigung der Verkehrs- und Gesundheits- 
anforderungen zu beobachten wären, die es aber auch der Stadtgemeiride 
ermöglichten, den Entwurf in bezug auf die Geldmittel durchzuführen. 

TAH. RUDOLF EBERSTADT weist in einer Abhandlung des 
•^-^ Technischen Gemetndeblattes in No. 10 des Jahrgangs VII auf die 
Kinderunfälle in Berlins Straßenverkehr hin, was er als eine unmittelbare 
Folge davon ansieht, daß die Straße der Spielplatz der Kinder geworden 
ist und der Bebauungsplan keine Scheidung zwischen Verkehrstraße und 
Wohnstraße kennt. Derselbe Verfasser hat sodann im I. Heft, XIX. Band 
des Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, herausgegeben von 
Werner Sombart, Max Weber und Edgar Jaffö, Verlag von J. C. B. Mohr 
(Paul Siebeck) in Tübingen und Leipzig, den Entwurf eines preußischen 
Wohnungsgesetzes, seine Vorgeschichte und seine Bedeutung behandelt, 
in einer von den meist bisher erschienenen Veröffentlichungen wesentlich 
abweichenden Art mit einem Anhange, der die Bedeutung der Boden- 
aufteilung veranschaulicht mit Beispielen aus Berlin und Bremen. Zum 
Studium sei daher allen, denen eine Gesundung des Wohnungswesens 
am Herzen liegt, auch diese Arbeit warm empfohlen. 

Die vom Architekten Zell geleitete MONATSSCHRIFT DES 
VEREINS FÜR VOLKSKUNST UND VOLKSKUNDE 

in München veröffentlicht fortgesetzt mit bildlichen Beigaben die Ver- 



stöße, die durch Neubauten gegen die heimische Bauweise und durch 
Bebauungspläne gegen Bauwerke am historischen oder künstlerischen 
Werte begangen werden. Größere Beiträge behandeln diese fortschreitende 
Erdrückung oder gar Zerstörung der Zeugen des älteren Städtebaus 
namentlich in Heft 2 ,,Aus Amberg" und in Heft 6 ,,das obere Tor in 
Weiden", beide von Dr. Julius Groeschel in München; die gedeihlichen 
Arbeiten dieses Vereins nach dieser Richtung sind in No. 1 1 der Zeitschrift 
auch an dem Beispiele in Erding, einem Landstädtchen bei München, 
vorgeführt worden. 

Zur BEHANDLUNG VON STÄDTEBAUFRAGEN IN DER 
ÖFFENTLICHKEIT wird im Anschluß an die in No. 11 der 
Zeitschrift an die Herren Mitarbeiter ergangene Bitte mitgeteilt, daß die 
Straßburger Post vom 11. September d. Js. eine „Heimatkunst" über- 
schriebene Abhandlung des Dr. Ing. Ernst Vetterlein in Darmstadt ge- 
bracht hat, in der näher ausgeführt wird, daß echter Kunst, der Heimat- 
kunst in den Städten, nur dann der Boden bereitet werden könne, wenn 
im Stadtplane dazu die Grundlage gegeben werde — in einer langen 
schnurgeraden Straße sei ein Individualisieren der einzelnen Häuser, ein 
Hervorheben bevorzugter Bauwerke schlechterdings unmöglich. Ferner 
veröffentlicht Herr Aug. H. Plinke im Hannoverschen Tageblatt 
vom 6. November einen Vorschlag zur Aufteilung der „Kleinen Bult" 
in Hannover mit einer Handskizze, die, von leicht einleuchtenden Worten 
begleitet, sehr beachtenswerte Gedanken bringt. Aber auch unter den 
Städtetagen ist der in No. 11 der Zeitschrift erwähnte Brandenburgische 
nicht der einzige in diesem Jahre gewesen, der etwas vom Städtebau auf 
seiner Tagesordnung gehabt hat. Auf dem Thüringer Städtetage hat 
sich der zweite Bürgermeister Schnitzer aus Sangerhausen in einem zwei- 
stündigen Vortrage „Städtebau und Kunst" eingehend über das Verhältnis 
der Kunst zum Volke verbreitet und daraus die Anforderungen an den 
Städtebau hergeleitet. Auf dem ostpreußischen Städtetage war es 
der Stadtverordnetenvorsteher Rönsch aus AUenstein, der über die Förderung 
des Schönheitssinnes, des Kunstgewerbes und der Kunst durch die Städte 
gesprochen und besonders zur Bearbeitung der Bebauungspläne die Heran- 
ziehung von Kunstverständigen gefordert hat. Man solle sich nicht vor 
krummen Straßen fürchten und mehr die Wirkung der Umrißlinie, das 
Mittel des Abschlusses schätzen lernen. 

T-\IE BAULICHE ENTWICKELUNG DER STÄDTE und 

^-^ der Ortschaften des platten Landes soll fortan in Preußen einer 
eingehenderen behördlichen Aufsicht unterliegen. An zuständiger Stelle 
ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß seitens der Gemeindevorstände 
bei Aufstellung von Bebauungsplänen nicht überall die dem heutigen 
Stande der Wissenschaft des Städtebaues entsprechenden Grundsätze be- 
achtet werden. Einer ministeriellen Weisung zufolge hat nun der 
Regierungspräsident von der Schulenberg in Potsdam jüngst angeordnet, 
daß ihm künftighin die Entwürfe von Bebauungsplänen und umfang- 
reicheren Fluchtlinienfestsetzungen vor Erteilung der ortspolizeilicheii Zu- 
stimmung zur Prüfung vorgelegt werden sollen. Vorher ist es Aufgabe 
der Landräte und selbständigen Polizeiverwaltungen, die Bebauungspläne 
selbst einer Vorprüfung zu unterziehen und ihre Prüfungsbemerkungen 
bei der Einreichung an den Regierungspräsidenten mitzuteilen. Ist anzu- 
nehmen, daß die Durchführung neu festzusetzender oder zu ändernder 
Fluchtlinien zu einer Beseitigung oder Veränderung kunsthistorischer 



12 



DER STÄDTEBAU 



Denkmäler, insbesondere auch künstlerisch oder historisch wertvoller 
Straßen- (auch Dorfstraßen-) Bilder führen wird, so ist darauf im Ein- 
reichungsbericht besonders hinzuweisen, damit von Seiten der Regisrung 
nötigenfalls nach Einholung einer gutachtlichen Äußerung des Provinzial- 
konservators darüber Entscheidung getroffen werden kann, ob im Interesse 
der Denkmalspflege eine Abänderung der geplanten Fluchtlinienfestsetzungen 
zu veranlassen ist. 

"piN WALDGÜRTEL UM WIEN. Bürgermeister Dr. Lueger 
* * hat nachstehenden Präsidialerlaß an den Magistratsdirektor Dr. Weis- 
kirchner hinausgegeben: „Im Interesse einer dauernden Sicherung der 
Gesundheitsverhältnisse unserer Stadt, sowie zur Erhaltung des landschaft- 
lich schönen Rahmens, der Wiens Grenzen schmückt, will ich einen 
Wald- und Wiesengürtel an der Peripherie der Stadt, angepaßt den heute 
dort bestehenden Verhältnissen, in entsprechender Breite von den Hängen 
des Leopolds- und Kahlenberges gezogen bis zur Donau im Bezirksteile 
Kaiser-Ebersdorf, für alle Zeiten festlegen. Hierbei ist auch auf die 
Anlage einer aussichtsreichen, mit Baumreihen versehenen Hochstraße 
Bedacht zu nehmen. Ich beauftrage daher Sie, Herr Magistratsdirektor, 
ungesäumt die nötigen Vorlagen ausarbeiten zu lassen, die eine Beurteilung 
dieses weitausgreifenden Planes in jeder Hinsicht voll ermöglichen und 
die geeignet sind, als Grundlage für die Beratungen der kompetenten 
Vertretungskörper zu dienen." 

T T FERSTRASSEN. Aus Tegelort bei Berlin wird mitgeteiU, daß 






der dort am Ufer des Sees bis zur Havel sich erstreckende Treidel- 



weg, der bisher als Strandpromenade gedient hat, unterbrochen sei durch 
die Anlegung eines Holzplatzes, der bis ans Wasser sich erstreckt. Dadurch 
sind neben örtlichen Unbequemlichkeiten Verhältnisse entstanden, die der 
schönen Ansiedlung schweren Abbruch tun, denn die Promenade am Wasser 
entlang war das schönste, was der Ort bieten konnte, obwohl der Wald 
dort noch etwas über dem Durchschnitt der Wälder in Berlins Umgegend steht. 

Wo soll es hin, wenn durch die private Bautätigkeit Schritt für Schritt 
das Publikum von den Ufern der Havel und Spree abgedrängt und zur 
Benutzung staubiger Vorortstraßen gezwungen wird, die sich hinter den 
mit Villen und Restaurationen bebauten Wassergrundstücken befinden? 
Meist sind unsere Wälder recht wenig üppig, den Hauptreiz bildet bei uns 
die Wasserlandschaft, als deren Umgrenzung auch weniger schöne Wälder 
lieblich und lockend ausschauen. Die Gemeinden an der Spree und an der 
Havel schneiden aber, statt schöne Uferstraßen herzustellen, die Grundstücke 
so zurecht, daß der Fremde im ganzen Orte nichts von der Wasserland- 
schaft sieht, es sei denn, er gehe in eine Kneipe, wo er still sitzen muß 
und Bier trinken, selbst wenn er keine Gelüste danach hat. Kommt man 
nach Friedrichshagen, so kann man nur dann vom Müggelsee etwas sehen, 
wenn man die Restaurationen aufsucht oder weiter vom Ort sich entfernt, 
wo noch nicht gebaut ist. Grünau ist in seiner ganzen Uferlänge mit 
Restaurationen besetzt; im südlichen Teile, wo die Baustellen noch leer 
stehen, ist der Zutritt zum Ufer durch Zäune verlegt. In Zeuthen kann 
man volle 30 Minuten auf schlechter Dorfstraße laufen, ehe man an frei 
gelegenes Ufer kommt; dort reiht sich Villa an Villa, ab und zu dazwischen 
eine Restauration. Selbst die neue Landhausansiedlung in Zehlendorf- 
West, die auf größere Vornehmheit zugeschnitten ist, hat die Wasserflächen 
in die Baublöcke eingeschlossen, was schon aus hygienischen Gründen 
verwerflich ist. 

Bei dieser Entwicklung kann man darauf rechnen, daß in 10 bis 20 
Jahren die schönsten Stellen in unserem Seen- und Flußgebiet durch Privat- 
bauten dem Publikum verlegt sein werden. Es ist nichts dagegen zu sagen, 
daß innerhalb eines bestimmten Gebietes, wo die Industrie der Wasser- 
straßen bedarf, die Ufer bebaut werden. Wohl aber sollte die Öffentlichkeit 
dagegen Stellung nehmen, daß überall auf weiteste Entfernungen hin das 
geschieht. Eigentlich sollten die Gemeinden selbst ein Interesse daran 
haben, das zu verhindern; denn ein Ort mit einer breiten Uferpromenade 
bietet allen Schönes und zieht stets neue Besucher an. 

T>as Bild des Kurortes HOMBURG V. d. HÖHE wird in abseh- 
-*-^ barer Zeit wichtige Änderungen erleiden, einerseits durch den in 
Angriff" genommenen Bau des neuen Hauptbahnhofes im Südosten der 
Neustadt, andererseits durch den viel besprochenen und nunmehr ge- 



nehmigten Durchbruch der Altstadt am entgegengesetzten Ende. Haupt- 
zweck des Durchbruches ist die Erschließung eines großen Baugeländes 
zwischen der Stadt und dem Taunusgebirge, das für Landhäuser sehr 
geeignet ist. Durch von langer Hand vorbereitete Ankäufe ist der gröCte 
Teil dieses Geländes in den Besitz der Stadt gebracht worden, die das 
Ganze aufteilen und mit geringem Nutzen an die Käufer abgeben wird. 

T JMGESTALTUNG DES NEW-YORKER STADTPLANS. 

^^ Das Aug^stheft der Monatsschrift Scribners Magazine, die neuer- 
dings in den Verlag von W. Heinemann in London übergegangen ist, 
enthält einen interessanten Aufsatz von Ernest Flagg über die Mängel 
der Stadtanlage von New- York und deren Abstellung. Der Verfasser geht 
mit den Urhebern des eintönig nüchternen Planes, nach dem New- York, 
d. h. die eigentliche Stadt auf der Manhattan-Insel, der Kern der ge- 
samten riesenhaften Städte-Anhäufung an der HudsonmUndung, im Laufe 
des vorigen Jahrhunderts sich ausgedehnt und entwickelt hat, sehr streng 
ins Gericht. Wonach New- York vor allem dringend verlange, seien 
Rasen-, Baum- und Gartenlagen in solcher räumlichen Anordnung, daß 
sie bequem von allen Einwohnern erreicht werden können. Der Zentral- 
park, eine fast i km breite und 4 km lange Gartenanlage sei vom süd- 
lichen Stadtende 8, vom nördlichen fast 9 km entfernt und bilde obendrein 
für die gebieterischen Verkehrsansprüche der Riesenstadt gerade durch 
seine zentrale Lage ein erhebliches Hindernis. Die langgestreckte Gestalt 
der Manhattan-Insel, auf der New- York erbaut ist, verlange eine andere 
Anordnung der Parkanlagen, wenn sie zugleich den gesundheitlichen und 
Erholungsbedürfnissen der Einwohner wie den Ansprüchen des Riesen- 
verkehrs genügen sollen. Flagg schlägt daher eine in der Längsachse 
der Insel liegende Parkstraße nach Art der Straße „Unter den Linden" 
in Berlin, der Pariser Champs-Elysees oder der Wiener Ringstraße vor, 
allerdings mit amerikanischen Größenverhältnissen, d. h. diese zukünftige 
Parkstraße und Hauptverkehrsader New- Yorks in der Richtung von Nord 
nach Süd würde 12 km lang und etwa 300 bis 400 m breit sein. Sie 
würde in gerader Linie vom Ufer des Harlem River bis zum Washington 
Square gehen und von da durch eine stumpfwinklig anschließende Avenue 
den Broadway bei City Hall erreichen. Die ungewöhnliche Breite der 
Straßenanlage würde reichlich Platz gewähren für mehrere Fahrbahnen, 
Tramgeleise, Reit- und Fußwege, sowie überdies für breite Baum- und 
Gartenanlagen auf beiden Seiten, und die grünen Erholungsstätten ünks 
und rechts, die sich in unabsehbarer Länge mitten durch die Stadt hin- 
zögen, würden von keinem ihrer Punkte weiter als höchstens 2 km ent- 
fernt, also für jedermann bequem zu erreichen sein. Diese riesige 
Park- und Gartenstraße denkt sich der Verfasser mit Brunnen, Teichen, 
Standbildern, Ruheplätzen usw. ausgeschmückt, so daß nach seiner 
Meinung die schönsten Avenuen der alten Welt im Vergleich damit ver- 
blassen müßten. Ohne den Plan näher zu kennen, kann man sich weiter 
kein Urteil über den Grundgedanken erlauben. Daß die Lage des Zentral- 
parks aber in der Mitte der Stadt ein Fehler sein solle, leuchtet ohne 
weiteres nicht ein. Viell sieht ist es neben den parallel angeordneten 
Hauptstraßen, die eine leichte Orientierung ermöglichen sollen, noch das 
einzig Gute an dem gegenwärtigen Stadtplane, dessen offenkundige Fehler 
nicht so leicht zu verbessern sein werden. 

■TN IE GEMEINDEBESTEUERUNG DES GRUNDBE- 

■^-^ SITZES nach dem Veranlagungsmaßstabe des gemeinen Wertes 
weiter auszudehnen, bezweckt ein gemeinsamer Erlaß des Finanzministers und 
des Ministers des Iimem in Preußen. Die seit 1899 gesammelten praktischen 
Erfahrungen haben bestätigt, daß das Grundwertsteuersystem geeignet ist, in 
zahlreichen Gemeinden, insbesondere in Ortschaften mit wachsender Be- 
völkerung und steigenden Grundwerten, eine erhebliche Entlastung der 
schonungsbedürftigeren Grundbesitzer durch wirksamere Erfassung der 
leistungsfähigeren herbeizuführen. Eine Zusammenstellung typischer Bei- 
spiele für die Wirkung der Grundwertsteuer aus Gemeinden, die diese Steuer 
eingeführt haben, veranschaulicht, nach welcher Richtung hin und in welchem 
Umfange Verschiebungen in der Belastung der einzelnen Kategorien bebauter 
und unbebauter Grundstücke durch die Veranlagung nach dem „gemeine 1 
Werte" gegenüber ihrer Heranziehung mit Zuschlägen zur staatlich ver- 
anlagten Grund- und Gebäddesteuer herbeigeführt worden sind. Gemeinde!, 
denen ihre wirtschaftliche Entwicklung eine Grundsteuerreform naheleg , 



13 



DER STÄDTEBAU 



bietet dieses statistische Material einen brauchbaren Anhalt. Die Bauplätze, 
die unter dem früheren Zuschlagsystem nur ungenügend getroffen wurden, 
konnten unter dem Wertsystem wesentlich schärfer herangezogen werden. 
Dies entspricht durchaus den Vorteilen, welche diese Grundstücke in Gestalt 
der Wertsteigerung aus der Entwicklung der Gemeinden ziehen, sowie der 
Leistungsfähigkeit ihrer Besitzer, die in der Regel die eines großen Teils 
der Hausbesitzer übertrifft. Der V/ert der Bauplätze ist fast ohne Ausnahme 
ein Vielfaches, nicht selten mehr als das Fünfzigfache der staatlichen Ver- 
anlagung. In größeren Städten, städtischen Vororten und industriellen 
Gemeinden, wo bei lebhafter Wohnungsnachfrage die Spekulation die Besitzer 
leicht veranlaßt, ihre an sich zur Bebauung reifen Flächen vom Baustellen- 
markte zurückzuhalten, ist die höhere Besteuerung der Bauplätze wohl 
geeignet, einer ungesunden Preissteigerung entgegenzuwirken. Aus einer 
Zusammentellung der Gemeinden, welche die Wertsteuer für Grundstücke 
bereits eingeführt haben, geht hervor, daß in der Umgebung von Berlin, 
abgesehen von den Städten Charlottenburg, Köpenick, Rixdorf, Schöneberg, 
Spandau, fast alle Landgemeinden zu der Wertsteuer übergegangen sind. 
Es sind deren 32, während auf die ganze übrige Monarchie nur noch 
21 Landgemeinden entfallen. Darunter befinden sich Binz, Göhren, Seilin 
auf Rügen usw. 

A US DER MONATSSCHRIFT FÜR SOZIALE MEDIZIN 

■^^ (Jena 1904) entnehmen wir der Abhandlung ,,Über die Notwendigkeit 
einer systematischen Dezentralisation unserer Großstädte in hygienischer, 
sozialer und volkswirtschaftlicher Beziehung" von Dr. med. Georg Bonne- 
Klein Flottbeck, folgende Leitgedanken (S. 496 — 498): 

1. Die Bevölkerung Deutschlands, insbesondere die Industriebevölkerung 
und diejenige der Städte, wächst reißend schnell. 

2. Somit ist Deutschland immer mehr in seiner Ernährung auf den 
Ertrag seiner Industrie, insbesondere seiner Ausfuhrindustrie, angewiesen. 

3. Es ist daher notwendig, daß unsere Industrie auf dem Weltmarkt 
möglichst wettbewerbsfähig bleibt. 

4. Dies ist nur möglich bei möglichster Ausbildung unserer Industrie- 
bevölkerung in körperlicher, geistiger und sittlicher Beziehung. 

5. Die fortwährende Steigerung der Löhne ist einmal unmöglich, da 
sonst der Wettbewerb unserer Industrie auf dem Weltmarkt unmöglich sein 
würde und zu zweit für das Wohlergehen unserer städtischen Industrie- 
bevölkerung, so wie die Dinge heute liegen, beinahe belanglos : 

a) da mit steigenden Löhnen sofort Hausbesitzer und Nahrungsmittel- 
händler ihre Preise steigern, 

b) nachgewiesenermaßen (s. Blocher, Alkohol im Haushalte . des 
Arbeiters u. a.) mit den steigenden Löhnen meist der Alkohol- 
verbrauch steigt, 

c) die höheren Löhne weder die übrigen sittlichen noch gesundheit- 
lichen Schäden der Großstadt für den Arbeiter ausmerzen können, 
die in Form von Krankheiten und Todesfällen infolge der 
schlechten Wohnungsverhältnisse an seinem Haushalte zehren. 

6. Daher: systematische Dezentralisation der Großstädte 

a) durch tunlichste Verlegung der Industrie aufs Land, 

b) durch tunlichste Aufschließung besonders der landwirtschaftlich 
unfruchtbaren Umgebung der Städte durch Haltestellen an bereits 
bestehenden Bahnen; Neubau von Kleinbahnen, Schwebebahnen, 
elektrischen Bahnen, 

c) durch Ansiedelung der großstädtischen Arbeiter in dieser aufge- 
schlossenen Umgebung in Arbeiterdörfern, in denen sie durch etwas 
Gartenbau und Viehzucht 

aa) geistig und körperlich gesunden, 

bb) mit Hilfe der ländlichen Arbeit die Frau ans Haus fesseln, 

cc) ihre Lebenshaltung verbessern durch ihre Kleinwirtschaft 
(200 bis 1000 qm pro Wohnung), 

dd) wirtschaftliche Krisen mit vorübergehender Arbeitslosigkeit 
besser überstehen, indem sie in solcher Zeit ihr kleines 
Heimwesen ausbauen und bewirtschaften. 

d) Um volle Freizügigkeit zu wahren, müssen die vorzugsweise auf 
genossenschaftlichem Wege mit Hilfe des Staates und der Arbeiter- 
versicherung zu errichtenden ^^o^inungen sowohl zu kaufen, als 
auch besonders zu mieten sein. • ' " • ; 



, e) Der Nutzen dieser systematisch durchgeführten Dezentralisation 
und Arbeiterfürsorge würde zugute kommen: 

aa) den Arbeitern selbst, die körperlich, geistig, sittlich und 

wirtschaftlich besser gedeihen würden, 
bb) dem Staat, der dadurch brauchbarere und ihr Vaterland um 

so mehr liebende Bürger gewinnen würde, 
cc) den Kommunen, die wesentliche Ersparnisse an Armen- 
lasten, Wasserversorgung (gebohrte Brunnen!) Kanali- 
sation (Befruchtung der Gärten durch die Brauchwässer!), 
Krankenhauskosten, Justizwesen usw. machen würden, 
dd) der Industrie, die ständig mit einer gesunden, intelligenten, 

wesentlich zufriedeneren Arbeiterschaft rechnen dürfte, 
ee) der Landwirtschaft, da das Wohnen der Industriearbeiter 
auf dem Lande erfahrungsgemäß am besten der soge- 
nannten Landflucht der Arbeiter entgegenwirkt, 
ff) der Bekämpfung des Alkoholismus, der venerischen Krank- 
heiten, der Tuberkulose, sowie der übrigen Volksseuchen, 
gg) der Reinhaltung der deutschen Gewässer infolge der Dezen- 
tralisation der Abfuhr, 
hh) der Landesverteidigung, da auf diese Weise die Gesund- 
heit einer ländlichen Bevölkerung mit der Intelligenz einer 
industriellen gepaart würde, 
f) Die Verwaltung dieser Kommunen gut bezahlter Industriearbeiter 
dürfte kaum so großen Schwierigkeiten begegnen, wie diejenige 
von ländlichen Kommunen mit kleinen bäuerlichen Besitzungen 
auf magerem oder mittlerem Boden, auf jeden Fall aber bei 
weitem weniger Kosten verursachen, als die Verwaltung unserer 
modernen Städte, insbesondere unserer ständig wachsenden Groß- 
städte, 
g) Die zu schaffenden Verkehrsmittel und -wege würden sich durch 
den lebhaften Verkehr gut verzinsen, und andererseits wird 
erfahrungsgemäß der Arbeiter das Fahrgeld gern zahlen wegen 
der übrigen Erleichterungen und Verbesserungen seiner wiit- 
schaftlichen Lage. 
7. Die Richtigkeit dieser Sätze ist bereits an so vielen Orten in 
Deutschland, England, Amerika, Belgien, Holland usw. seit Jahrzehnten 
erprobt, daß es wahrhaftig Zeit wird, daß sie zum Allgemeingut unserer 
Staatsbehörden, Städteverwaltungen und unserer Industriellen, wie ihrer 
Arbeiterschaften werden, zum Segen aller Beteiligten wie des gesamten 
Vaterlandes. 



KLEINE MITTEILUNGEN. 

Die im WETTBEWERBE DES ESCHWEILER BERG- 
WERKVEREINS (bei Aachen) ausgezeichneten Entwürfe — 
vergl. Chronik No. 11 des vorigen Jahrgangs — des Architekten Hermann 
Jansen zu Berlin werden auf Tafel 6 und 7 als vorbildliche Beispiele 
für die Anlage von Beamten- und Arbeiterkolonien mitgeteilt. Die von 
künstlerischen Gesichtspunkten aufgestellten Bebauungspläne haben in den 
beigegebenen schaubUdlichen Straßen- und Platzskizzen die trefflichste Er- 
läuterung gefunden. 

Die vielumstrittene Frage der ZONENENTEIGNUNG UND 
GRUNDSTÜCKS-UM LEGUNG VOM STANDPUNKTE 
DES STÄDTEBAUERS aus klären zu helfen, soll ein im 3. Hfefte 
erscheinender Beitrag von J. Stubben den Anlaß bieten. 



BRIEFKASTEN. 



H 



erm Architekt HERM. DÜRR in Augsburg. Besten Dank für 
die Berichtigung, die in No. 12 v. Js. bewirkt ist. 



Herrn Baumeister P. KROHN in Bremen. Die uns gegebene An- 
regung ist sehr dankenswert. Ob und inwieweit durchführbar, 
wird erwogen. 



Verantwortlich für die Schriftleitung: Otto Dom, Gr.-Lichterfelde-Berlin. — Verlag von Ernst Wasmuth, Berlin W., Markgrafenstraße 35. 
Inseratenannahme C. Behling, Berlin W. 66. — Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Berlin W. — Klischees von Carl Schütte, Berlin W. 



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2. Jahrgang 



1905 





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FÖR- DiE- KONSTLERlSChEAUyäKTAb 
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SCMAFTÜOIEM- GESUNDHEITÜOIEN- UND 
SOZiALEN-QRUND^ATZENiGEQRÜNDETVON 

THEODOR fiorrKF- c^MiLig siTTf 



INHALTSVERZEICHNIS : Architektonisches in der Gartenkunst. Von Kiehl, Gartenarchitekt, Aachen. — Die Bedeutung der Bodenparzellierung 
für das Bauwesen. Von Dr. Rud. Eberstadt, Berlin. - Einfamilien -Wohnhäuser. Von O. Grüner, Dresden. — Die Großstadt als Städtegründerin. Von 
A. Abendroth, Hannover. — Kleine Mitteilungen. — Chronik. - Briefkasten. 

Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schriftlei'.ung verboten. 



ARCHITEKTONISCHES IN DER GARTENKUNST. 



Von KIEHL, Gartenarchitekt, Aachen. 

Über die Berechtigung der architektonischen Garten- 
kunst ist und wird noch so mancher Streit zwischen Künst- 
lern und Landschaftsgärtnern ausgefochten werden. Zu 
wessen Gunsten sich schließlich der Kampf entscheiden 
wird, ist wohl unschwer zu sagen. Man kann nun die 
Streitenden in drei Lager teilen. Die Einen, heute noch 
vorwiegend Architekten, Bildhauer und Maler, stehen wohl 
ohne Ausnahme auf dem Standpunkt, daß nur der archi- 
tektonische, also regelmäßig angelegte Garten der allein 
berechtigte sei. Die anderen sprechen beiden Gärten das 
Wort und verlangen den regelmäßigen Garten da, wo er 
durch die Architektur des Hauses, oder bei öffentlichen 
Plätzen durch die umgebenden Bauten nach künstlerischen 
Ansichten bedingt ist. Die Dritten verdammen den regel- 
mäßigen Garten überhaupt, sie wollen nur Natur genießen, 
einerlei ob die zu behandelnde Fläche lo ooo qm oder nur 
100 qm groß ist. Weshalb wohl? Ich meine, es ist so 
furchtbar leicht, durch ein Stück Land ein paar Schlängel- 
wege kriechen zu lassen und Baum und Strauch hinein- 
zupflanzen, hier ein Beet und da ein Beet. So hat man 
doch die Gärten immer gemacht, das hat man gelernt von 
seinem „Meister". Das liebe Publikum fragt ja nicht viel 
danach, wenn der Garten nur schön grün ist. Warum 
also sich den Kopt zerbrechen, man nimmt die Schablone 
und pinselt die Sache durch. — An dieser Stelle sei mir 
ein Hinweis auf die Düsseldorfer Gartenbauausstellung ge- 
stattet. Haben sich die Erwartungen, die man mit Recht 
an diese Ausstellung zu stellen befugt war, erfüllt? Ich 
behaupte, nein! Und scheinbar mit Recht wird vielfach 
dem Verein Deutscher Gartenkünstler, der am meisten 
pazu berufen war, der Vorwurf gemacht, hier nicht mit 



allen Mitteln dafür eingetreten zu sein, das große Gelände 
selbst zu einer einheitlichen Anlage großen Stils auszuge- 
stalten. Es sei hier nun darauf hingewiesen, daß seinerzeit 
von der Ausstellungsleitung ein Preisausschreiben zur Er- 
langung von Plänen für die künstlerische Ausgestaltung 
des Ausstellungsgeländes erlassen wurde. Unter den preis- 
gekrönten Arbeiten, sämtlich von Mitgliedern des Vereins 
Deutscher Gartenkünstler herrührend, befanden sich ganz 
hervorragende Lösungen; besonders hervorzuheben ist der 
Entwurf des Gartenarchitekten Hoemann- Düsseldorf. 
Warum die Ausstellungsleitung trotzdem keinen der Ent- 
würfe zur Ausführung gebracht hat, sondern die Gestal- 
tung des Geländes einer Hamburger Firma übergeben hat, 
ist unklar. Das große Publikum, für das doch in erster 
Linie die Ausstellung da ist, kennt die preisgekrönten 
Entwürfe nicht; muß also annehmen, daß der Entwurf, 
nach welchem das Gelände jetzt gestaltet ist, ebenfalls eine 
der preisgekrönten Arbeiten ist. Auf der kürzlich in 
Düsseldorf stattgefundenen Hauptversammlung hat denn 
auch der Verein Deutscher Gartenkünstler ganz entschieden 
gegen die Gestaltung des Geländes Protest eingelegt und 
sein Bedauern ausgesprochen, daß die Ausstellungsleitung, 
ohne Rücksicht auf den Verein die Arbeiten vergeben hat. 
Hocherfreulich ist es, daß heute die Liebe zum Garten 
wieder allerorten erwacht. Auf allen freien Plätzen sehen 
wir jetzt Gartenanlagen; gut gepflegte Baumreihen durch- 
ziehen die Straßen, Vorgärten breiten sich vor den Häusern 
aus und in den Vororten schauen die Villen aus dem Grün 
heraus; und doch kann all' dieses einen künstlerisch 
empfindenden Menschen nicht befriedigen. Man sieht so- 
fort, daß hier zwei Punkte aufeinander stoßen. Anstatt 



16 



DER STÄDTEBAU 



Abb. I. 




Gartenanlage des Herrn Dr. Klostermann, Gelsenkirchen. Entworfen und ausgeführt von Hardt & Nauen, Gartenarchitekten, Düsseldorf. 



sich gegenseitig zu heben und zu schmücken, beeinträch- 
tigen sich Gartenkunst und Architektur, und doch sollten 
sich beide zu einem Kunstwerk vereinen. 

Mit Recht mag man den französischen Garten wegen 
seiner Steifheit und der nur zu oft gekünstelten Formen 
verurteilen, doch wird niemand leugnen können, daß in 
einer Anlage, wie die zu Versailles und ähnliche, der 
Garten mit dem Bauwerk in innigsten Einklang gebracht 
ist. Der Grundgedanke des architektonischen Gartens geht 
also dahin, die ganze Garten- und Parkanlage in regel- 
mäßigen und architektonischen Formen und Linien aus- 
zuführen, also gewissermaßen selbst zur Architektur zu 
machen. Ein großer Gedanke will hier Architektur und 
Natur vereinen. Neben dieser architektonischen Auffassung 
der Anlage im allgemeinen ist auch die architektonische 
Behandlung der Bäume und Sträucher nicht zu verwerfen. 
Buxbaum und Taxus wird man stets in geraden Linien 
und Formen pflanzen und schneiden dürfen, und jedem 
Künstler ist es erlaubt, besonders Linden, Rot- und Hain- 
buchen in regelmäßige Formen zu zwingen. Weiter wird 
man Schlinggewächse zu Laubengänge heranziehen oder 
zwischen Säulen und Bäumen ziehen, und ferner wird man 
nach Art der früheren Teppichbeete Muster aus niedrig- 
bleibenden Pflanzen bilden dürfen. 

Abb. 2 



SR%eaaflKJUj|;|iniv<><4^ '.' .tiüey"s&. 




Vorgarten für Herrn Böttcher, Berlin. Aus der „Gartenkunst". 



In das gerade Gegenteil verfiel der englische Garten 
des 18. Jahrhunderts, der in dem Bestreben, nur Natur zu 
bieten, so weit ging, die Schrecknisse der Wildnis, Berge 
und Täler, Schluchten, Felsen, Ruinen usw. in engem 
Räume zu vereinen. Man errichtete aller Art Tempel, Ein- 
siedeleien, Borkenhäuschen und Denkmäler und bevöl- 
kerte den Park mit Wild und Haustieren. So verwerflich 
auch diese Auswüchse waren, so steckte doch, ebenso wie 
in dem französischen Garten, ein vernünftiger Gedanke in 
diesem Naturgarten. Wie der französische Gartenarchitekt 
davon ausging, die Natur der Architektur unterzuordnen, 
so fand der englische Landschaftsgärtner seine Befriedigung 
in dem Garten, der als Schmuck der Landschaft diente. 

Wer von beiden nun Recht hatte, ist schwer zu sagen. 
Ist ein Park von Wald, Feld und Wiesen umgeben, mag 
man ihn im landschaftlichen Stil anlegen; je mehr aber 
der Garten von der Architektur beherrscht wird, wird er 
sich den regelmäßigen Formen anpassen müssen. In den 
Städten ist daher in den Vorgärten, den Gärten hinter den 
Häusern und in den meist sehr engen Höfen eine land- 
schaftliche Anlage, wie sie meist beliebt ist, ohne jede 
künstlerische Wirkung, ja sie ist durchaus ein Zeichen 
eines sehr ungebildeten Kunstempfindens. Hier ist fast nur 
der regelmäßige Garten am Platz (Abb. 1 -4 im Text und 
Tafel 9). 

Mit wie geringen Mitteln ließen sich hier durch die 
beim Bau gewonnenen Erdmassen kleine Terrassenanlagen 
schaffen. Die nötigen Treppen und Brüstungen ließen 
sich ebenso billig aus dem warmen, roten Backstein her- 
stellen, die Lauben im sogenannten Biedermeierstil, Bänke, 
Stühle und Tische in der einfachen, schlichten Art, wie sie 
jetzt z. B. von den Dresdner Werkstätten für Handwerks- 
kunst hergestellt werden. Grünberankte Gartenmauern, ein 
freundliches Gartentor werden ein anmutiges Bild geben. 
Von großen Bäumen ist hier Abstand zu nehmen, da sie 
den Zimmern Licht und Luft rauben und schon die Lauben 
hinreichend Schatten geben. Oft wird auch gegen die 
Rücksicht auf die Architektur verstoßen, deren Wirkung 
man durch starke Baummassen beeinträchtigt und die man 
dadurch von den Anlagen loslöst, anstatt beides zusammen 
wirken zu lassen. Als gutes Beispiel mögen auch die An- 
lagen an der Kölner Bismarcksäule gelten, die selbst bei 
hohem Alter die wuchtige Größe der Säule nie in ihrer 



16 



DER STÄDTEBAU 



Abb. 3. 



Garten-Anlage 
des Fräulein 

von Steffen 
in Düsseldorf. 




Entworfen und aus- 
geführt von Hardt & 
Nauen, Gartenarchi- 
tekten , Düsseldorf. 



Abb. 4. 




Wirkung herabsetzen werden. Bei Anlagen auf öffent- 
lichen Plätzen müssen die breiten Straßenzüge freigehalten 
werden, die ganze Anlage muß in jeder Beziehung über- 
sichtlich und mit den anliegenden Bauten gleichzeitig zu 
überblicken sein. 

Bei kleinen Plätzen wird man daher auf große 
Bäume verzichten müssen, da schon die Häuser genügend 
Schatten verbreiten, wogegen sich durch Laubengänge 
schattige Wege herstellen lassen. Bei derartigen Plätzen 
ist es geradezu erforderlich, dem Ganzen durch Anlagen 
von Treppen, Brüstungen, durch Aufstellen von Vasen, 
Statuen und Springbrunnen ein architektonisches Gepräge 
zu geben (Abb. a u. b auf Tafel 10). Auch bei vielen Denk- 
malplätzen ist eine solche Gartenarchitektur allein am Platze. 
Im Schnitt gehaltene Pflanzungen und Hecken, Mosaik- 
wege, kurz geschorener Rasen und Beete, nicht in der 
abgeschmackten, bunten Teppichbeetmanier, sondern in 
einfacher Linienführung und ruhiger Farbenwirkung klin- 
gen hier zu einem wahren Kunstwerke zusammen (Abb. c 
auf Tafel 10). 

In ähnlicher Weise ist der ein Schloß oder sonstiges 
monumentales Gebäude umgebende Park in dessen Nähe 
zu gestalten. Selbst bei Villen und Landhäusern verlangt 
die nähere Umgebung des Hauses in den meisten Fällen 
eine regelmäßige Behandlung des Gartens, die allmäh- 
lich, je weiter man sich vom Hause entfernt, in den land- 
schaftlichen Garten übergehen kann (Abb. a auf Tafel 11 
und Abb. 5 und 6 im Texte). Die einzelnen Teile werden 



je nach ihrer Bestimmung regelmäßig oder landschaft- 
lich zu behandeln sein und werden in einander übergehen 
müssen. Vor einer monumentalen Fassade werden starke 
Anpflanzungen meist zu vermeiden sein, um die Archi- 
tektur in ihrer Wirkung nicht zu schädigen. Hierhin ge- 
hören Terrassen, Parterres und kurz geschorene Rasen- 
flächen. Schattige Wege und Plätze sind an die weniger 
bedeutenden Schmalseiten des Hauses zu legen (Abb. b 
auf Tafel 12 und b auf Tafel 11). Im weiteren Umkreise 
des Hauses wird man dann die dem architektonischen 
Garten zur Verfügung stehenden Mittel anwenden, um die 
freien Flächen und Durchblicke damit zu schmücken oder 
einzurahmen. Dort, wo der Einfluß der Architektur nach- 
läßt, und wo Garten und Haus nicht mehr gleichzeitig zu 
übersehen sind, kann der Garten in die landschaftliche 
Anlage übergehen. In einzelnen Bäumen, Gruppen und 
großen Gehölzzügen werden sich nun die Anpflanzungen 
erheben, stets aber die großen Perspektiven freilassend, 
sie wie Kulissen begrenzend. Doch wollen wir nicht den 
sogenannten englischen Park nachahmen, der genau be- 
trachtet nur aus weiten Wiesenflächen mit schönen alten 
einzelstehenden Bäumen besteht, der nicht mehr als Kunst- 
gegenstand zu betrachten ist und mit der Zeit eintönig wird. 
Wir besitzen in Deutschland zahlreiche große Parks, die, 
um nur einige zu nennen, wie der Park zu Muskau, der 
englische Garten in München, der „große Garten" in 
Dresden, den landschaftlichen Stil, und die Schloß- 
parks zu Schwetzingen und Oliva bei Danzig, die den 



17 



DER STÄDTEBAU 



Abb. 5- 



Entwurf zu einem 
Stadtpark in Plauen 
im Vogtland. Ge- 
samtansicht. Garten- 
architekten Hardt & 
Nauen, Düsseldorf. 




architektonischen und den landschaftlichen Garten"^[zur 
höchsten Kunstentwicklung gebracht haben. 

Der künstlerische Gedanke muß überall walten in dem 
Zusammenwirken der Formen, Linien und Farben. Weiter 
kommen dazu die Erfordernisse des Nutzzweckes und der 
Annehmlichkeit der Lustwandelnden. Man wird für Bänke, 

Abb. 6. 




x"*^.. 






Park der Burg Birlinghoven. 
Entworfen und ausgeführt vom Gartenarchitekten Rausch, Köln. 



Lauben, Gartenhäuser, Brücken und ähnliche Dinge Sorge 
tragen müssen und erhält dadurch die Möglichkeit, auch 
im landschaftlichen Teil durch Farbeneffekte zu wirken, 
durch das Weiß und Rot der Steine und durch farbigen 
Holzanstrich. 

Die Nutzanwendung, die wir aus diesen Betrachtungen 
zu ziehen haben, ist in der Hauptsache die Wiederauf- 
nahme des regelmäßigen Gartens überall da, wo die 
Szenerie von der Architektur, nicht von der umgebenden 
Landschaft beherrscht wird. 

Es werden ja hier und da die Gärten nach vorstehen- 
den Ideen ausgeführt, und sie zeigen, daß es auch unter 
den Landschaftsgärtnern bedeutende Künstler gibt, die aber 
verhältnismäßig selten zu Worte kommen und nur zu oft 
jedem beliebigen ,, Kunstgärtner" weichen müssen, da Kunst 
Geld kostet. Denn baut sich jemand ein Haus, so kostet 
es in der Regel bedeutend mehr, als es kosten sollte, da 
bleibt denn für den Garten nicht mehr viel übrig; die Aus- 
führung wird der mindestfordernden ,, Firma" übertragen 
und fällt demgemäß auch aus. Ja vielfach nimmt man den 
Garten als unvermeidliches Anhängsel des Hauses hin und 
ist zufrieden, wenn er nur grün ist. 

Mögen denn diese Ausführungen weiter dazu beitragen, 
Architekten und die Vertreter der Gartenkunst zu gemein- 
samen Arbeiten zu vereinen, und das Zusammenarbeiten 
beider wird um so schönere Erfolge zeitigen, je mehr sich 
die Gartenkünstler das Verständnis für Architektur und 
die Architekten für den Garten zu eigen machen. 



DIE BEDEUTUNG DER BODENPARZELLIE- 
RUNG FÜR DAS BAUWESEN. 



Von DR. RUD. EBERSTADT, Berlin. 

Die folgenden Darlegungen machen den Versuch, in 
knappen Zügen eines der wichtigsten unter den verwaltungs- 
technischen Problemen des Städtebaus zu erörtern; es ist die 
Aufteilung des Bodens für die Zwecke der städtischen Be- 
bauung. Eine Reihe von Maßnahmen des Städtebaus soll 



demnach in ihrem mittelbaren oder unmittelbaren Verhält- 
nisse zur städtischen Bodenparzellierung untersucht werden. 
In den älteren Zeiten wurde die Bedeutung der Bodenauf- 
teilung für den Städtebau nach ihrem vollen Werte ge- 
würdigt. Anders in der Gegenwart. Jahrzehntelang ist 



18 



DER STÄDTEBAU 



man achtlos an den Folgen der Bodenparzellierung vor- 
übergegangen und erst neuerdings ist es gelungen, die Auf- 
merksamkeit der Fachkreise auf diese grundlegende Frage 
des Städtebaus zu lenken. 

Das Gelände, das für den Bau oder für die Erweite- 
rung einer Stadt dienen soll, bedarf der Aufteilung, bevor 
es für den Häuserbau verwendbar wird. Eine Parzellierung 
der für die städtische Bebauung bestimmten Bodenflächen 
ist notwendig, gleichviel, ob sie den Eigentümern der 
Grundstücke selber überlassen wird, oder ob sie in weit 
ausschauender Weise nach einem großangelegten Plane er- 
folgt, oder ob sie endlich sich auf die nächsten Bedürfnisse 
der Stadterweiterung beschränkt. Bei dieser Bodenauf- 
teilung haben wir zwei Momente zu unterscheiden: die 
Aufteilung einerseits für öffentliche und andererseits für 
private Zwecke. Zu den öffentlichen Zwecken zählt die 
Anlage der Straßen, die Ausscheidung von Gelände für freie 
Plätze und öffentliche Bauten; die privaten Zwecke um- 
fassen die Aufteilung und Bereitstellung des Bodens für den 
eigentlichen Häuserbau. 

Stellen wir zunächst die Vorfrage, warum denn eigent- 
lich eine Bodenaufteilung stets im Städtebau erforderlich 
und in welchen besonderen Umständen ihre Bedeutung 
begründet ist. Die Ursache liegt darin, daß regelmäßig 
die Größe einer Hausparzelle verschieden ist von 
der Größe der aufzuschließenden Grundbesitz- 
flächen. Die einschlägigen Verhältnisse sind in der Ver- 
gangenheit wie in der Gegenwart immer dieselben. Es ist 
gleichgültig, ob wir uns eine völlige, planmäßige Neugrün- 
dung oder nur eine teilweise Stadterweiterung vorstellen; 
nur in den seltensten Fällen werden die zur Verfügung 
stehenden Grundbesitzflächen ohne weiteres identisch 
sein mit einer Hausparzelle. Regelmäßig wird vielmehr 
für den Häuserbau eine Bodenparzellierung in irgend einer 
Form erforderlich sein, sei es durch Straßenanlage oder 
durch Grundstücksteilung. Es fragt sich nun, mit welchen 
Zielen und mit welchen Mitteln die Parzellierung erfolgt. 
Werfen wir zunächst einen Blick auf die verschiedenen 
geschichtlichen Systeme, die in der Bodenaufteilung zur 
Anwendung gelangt sind. 

In unserem deutschen Städtebau haben wir drei scharf 
getrennte Perioden zu unterscheiden. Die erste ist die des 
zwölften und dreizehnten Jahrhunderts; es ist die Zeit, in 
der die Entwicklung des selbständigen städtischen Lebens 
beginnt. Die zweite Periode ist die der landesfürstlichen 
Bautätigkeit, die in Deutschland zu Ende des siebzehnten 
Jahrhunderts einsetzt und im achtzehnten Jahrhundert ihren 
Höhepunkt erreicht. Die dritte Periode ist die der Gegen- 
wart; sie beginnt um die Mitte des neunzehnten Jahrhun- 
derts etwa mit dem Jahr 1860 und steigert sich insbesondere 
seit 1870 zu ihrer größten Entfaltung. Gemeinsam ist allen 
drei Perioden des Städtebaus der mittelalterlichen, der 
landesfürstlichen und der gegenwärtigen daß sie jeweils 
hervorgerufen wurden durch ein außerordentliches Wachs- 
tum der Städte und des städtischen Lebens. Verschieden 
dagegen sind die Mittel, die Ziele und die Wirkungen auf 
dem Gebiete des Städtebaus. 

Unsere erste Periode, die des Mittelalters, charakteri- 
siert sich durch Stadterweiterungen größten Stils. Die ge- 
waltige Größe und Kühnheit der Unternehmung, die den 
Kirchenbau jener Zeit auszeichnet, findet sich ganz ebenso 
im Städtebau. Die rasch aufstrebenden Städte schritten im 



zwölften und dreizehnten Jahrhunder zu Stadterweite- 
rungen, die uns in ihren Entwürfen noch heute staunens- 
wert erscheinen. Als ein Beispiel der damaligen Anlagen 
erwähne ich, daß die Stadterweiterung von Köln im Jahre 
1180 fast genau den Ring gezogen hat, der bis zum Jahre 
1882, also volle sieben Jahrhunderte, bestand. In Magde- 
burg war schon im zwölften Jahrhundert das bis zum 
Jahre 1870 eingehaltene Gebiet festgelegt, abgesehen von 
zwei kleineren Erweiterungen des dreizehnten Jahrhunderts. 
Allenthalben wurden inmitten des schnellen Aufschwungs 
der Städte Erweiterungen großen Umfangs vorgenommen. 
Die weit hinausgeschobene Stadtmauer umschloß demnach 
große unbebaute Geländeflächen, die der Bebauung rasch 
zugeführt wurden. 

Es ist für den Architekten wie für den Nationalöko- 
nomen gleich interessant, zu untersuchen, in welchen 
Formen sich damals die Bodenparzellierung vollzog und 
durch welche Einrichtungen es gelang, in einer kapital- 
armen Volkswirtschaft das notwendige Kapital für die 
lebhafte Bautätigkeit zu beschaffen. Ueber die Vorgänge 
im einzelnen geben uns die in dieser Hinsicht noch wenig 
durchforschten Urkundenbücher der deutschen Städte ge- 
naue Auskunft. Für die vorliegende Erörterung genügt 
es, darauf hinzuweisen, daß die bauliche Nutzbarmachung 
der Grundstücke in unseren deutschen Städten sich voll- 
zog unter dem Grundsatze der rechtlichen Scheidung 
zwischen Boden und Bauwerk; der Wert des Gebäudes 
durfte sich nicht verschmelzen mit dem Werte der Bau- 
stelle, so daß schon hierdurch eine Bodenspekulation in 
den heutigen Formen verhindert war. 

Die Bodenspekulation als solche war dem Mittelalter 
nicht fremd '). Daß eine Bodenfläche einen Mehrwert ergab, 
wenn sie als Baustelle genutzt wurde anstatt als Hofland, 
Gartenland oder Rebland, war genau bekannt; ich konnte 
mehrfach Urkunden ermitteln, aus denen hervorgeht, daß 
man auf diesen Mehrwert rechnete. Aber jeder weitere, 
bestimmende Einfluß auf die Entwicklung der Grundstücks- 
werte und auf die Bebauung — Bodenspekulation im 
heutigen Sinne — war dem Bodenbesitzer durch die recht- 
liche Trennung von Boden und Bauwerk abgeschnitten. 
Die Baustelle wurde regelmäßig nicht verkauft, sondern 
gegen einen festen jährlichen Zins verliehen; der Erwerber 
hatte keinen Kaufpreis für den Boden aufzubringen, son- 
dern nur eine ewige Rente zu zahlen; die errichteten Bau- 
lichkeiten selbst wurden sein Eigentum. 

Die Straßenanlagen werden im Mittelalter unterschie- 
den nach Zweck und Bedürfnis in Verkehrstraßen und 
Wohnstraßen; die letzteren möchte ich zugleich genauer 
als Aufteilungsstraßen bezeichnen; denn ihre Aufgabe 
war vielfach, die größeren Grundbesitzflächen aufzuteilen. 
Zu diesem Zwecke wurden solche meist schmal gehaltenen 
Straßen in das städtische Bauland hineingetrieben als Wohn- 
straßen, Hofstraßen, Sackgassen. Die scheinbare Willkür 
der mittelalterlichen Stadtbaupläne erklärt sich durch diese 
Aufteilungsstraßen, die der Parzellierung der innerhalb der 
Mauer liegenden größeren Grundstücke, wie Höfe, Äcker, 
Weinberge usw. dienten und deren Anlage und Verlauf 
vielfach durch die Gestalt und Größe des aufzuteilenden 
Grundstücks bestimmt war. Die Aufteilung ihrer abseits 
der Hauptstraßenzüge belegenen Grundstückskomplexe 

') Die entgegengesetzte Meinung ist irrtümlich. 



19 



DER STÄDTEBAU 



blieb (wo nicht eine vollständige planmäßige Neugründung 
vorlag) den Grundbesitzern selber überlassen; wie es den 
Grenzen und dem Umfange des auszunutzenden Grund- 
stücks entsprach, verliefen dann diese oft krummen, 
winkligen oder in einen Sack endigenden „Aufteilungs- 
straßen". Großbürger, Patrizier, Adlige, Klöster bewirkten 
auf diese Weise die Parzellierung und gewinnbringende 
Verwertung ihres bebauungsfähigen Grundbesitzes. ') 

Während dieser Periode des Städtebaus wurde die 
selbständige Form des städtischen Kleinhauses ent- 
wickelt, die bis in die neuere Zeit allgemein verbreitet 
war und in einzelnen Teilen Deutschlands noch heute 
vorherrscht; es ist das schmale Reihenhaus, nach seiner 
charakteristischen äußeren Erscheinung — meist drei 
Fenster Straßenfronf — Dreifensterhaus genannt. In den 
Urkunden über die Parzellierungsgeschäfte des dreizehnten 
Jahrhunderts werden uns bereits die typischen Abmessungen 
des Dreifensterhauses, 15 Fuß Straßenfront und 60 Fuß 
Tiefe, überliefert, die sich vielfach bis in die Gegenwart 
erhalten haben. =) Die systematische Einführung des Klein- 
hauses in den Städtebau ist ein Vorgang von weittragender 
Bedeutung. Zunächst war es für die politische und wirt- 
schaftliche Entwicklung der mittelalterlichen.Städte geradezu 
eine Vorbedingung, daß der neue Bürgerstand in den rasch 
anwachsenden Gemeinden durch das Kleinhaus bezw. das 
Teilhaus mit eigenem Hausbesitz ausgestattet wurde. Auf 
dem Eigenbesitze beruhte in hohem Maße die Leistungs- 
fähigkeit der Bürger, wie auch die eigentümliche soziale 
Schichtung in den Städten durch die entsprechende Ver- 
teilung des Grundbesitzes bedingt war. Die Boden- 
parzellierung bietet auch hier, wie immer, ein getreues 
Spiegelbild des Zeitalters. — Die bodenpolitischen Schöp- 
fungen dieser ersten Periode unseres Städtebaus sind indes 

') Vgl. die Stadtpläne von Köln, Würzburg, Magdeburg u. a. In 
den Kolonialstädten des dreizehnten Jahrhunderts, deren gesamter Boden 
von einem Unternehmer (locator) einheitlich parzelliert wurde, fehlen die 
unregelmäßigen Aufteilungsstraßen, z. B. in Neubrandenburg. Die gerad- 
linige Straßenführung als solche steht indes der Anwendung unregelmäßig 
verlaufender Aufteilungsstraßen nicht entgegen; vgl. den hierfür beson- 
ders interessanten Plan von Rothenburg ob. d. T. 

^) Über die weitere Ausgestaltung des Dreifensterhauses und des 
Teilhauses vgl. meine ,, Rheinischen Wohnverhältnisse und ihre Bedeu- 
tung für das Wohnungswesen in Deutschland", Jena 1903 und ,,Das 
Wohnungswesen", Jena 1904, S. 10 ff. 



nicht nur für die eigene Zeit, sondern ebenso für die spätere 
Entwicklung bedeutsam geworden. Die Leistungen jener 
Periode, die einen dauernden Wert für die städtische Boden- 
entwicklung besitzen, lassen sich in vier Punkte zusammen- 
fassen: Differenzierung der Straßen nach Zweck und Be- 
dürfnis, Ausgestaltung des städtischen Kleinhauses, Auf- 
stellung von Rechtsätzen für die Verwaltung des Bau- 
wesens, Schaffung der Einrichtungen für den Immobiliar- 
Verkehr und die Kapitalisierung des Bodens. — 

Die zweite Periode des Städtebaus, die das siebzehnte 
und achtzehnte Jahrhundert umfaßt, steht unter der Herr- 
schaft des Absolutismus und seiner lebhaften Bautätigkeit. 
Die individualisierende Anlage des Mittelalters wird ver- 
lassen; einheitlich und planmäßig werden ganze Stadtteile 
entworfen. Die landesfürstliche Bautätigkeit brachte uns 
die schematische Richtung im Städtebau, die dem damals 
herrschenden Geschmacke, dem Geiste des Absolutismus 
und der zeitgenössischen Theorie des Städtebaus entsprach. 
Gleichartige, geradegezogene Sfraßen, geome- 
trische Baublockfiguren, straffe Ordnung und 
obrigkeitliche Regelung sind demnach die charak- 
teristischen Grundzüge der Bebauungspläne jener Zeit. 

Auch in den Hausformen tritt ein bemerkenswerter 
Umschwung gegenüber der voraufgehenden Periode ein. 
In ihren technischen — jedoch nicht in ihren administra- 
tiven Mitteln bedient sich die landesfürstliche Bautätig- 
keit in Deutschland ausländischer Vorbilder. Im Gefolge 
des fremdländischen Einflusses gelangte nunmehr als Form 
des besseren Bürgerhauses eine für Deutschland fremde 
Bauweise zur Einführung; es ist das in Italien und Frank- 
reich ausgebildete breitgestreckte Etagenhaus. Die 
neue Hausform mit ihrer breiten Straßenfront bildet den 
geraden Gegensatz zu dem schmalen Grundstücke des 
Mittelalters. Die Bodenparzellierung erfuhr hierdurch eine 
tiefgreifende und bedeutsame Veränderung; auch das 
Straßenbild als solches wurde in seiner äußeren Erschei- 
nung durch die neuen Bauformen wesentlich umgestaltet. 

Es würde nun der Auffassung des Absolutismus durch- 
aus widersprochen haben, wenn er die Entwicklung der 
Grundstücksparzellierung etwa sich selber überlassen hätte. 
Die Anschauung von den vorsorgenden Aufgaben der 
staatlichen Verwaltung verlangte vielmehr gerade auf 
diesem Gebiet ein entschiedenes Eingreifen der Staats- 



30 40 50 m 

I 1 1 1 1 



Abb. I — 2. 




Baublöcke C2 und D3 der Altstadt Mannheim. 



20 



DER STÄDTEBAU 



gewalt, und in der Tat hat der Absolutismus es sich ange- 
legen sein lassen, die Grundstückseinteilung genau und bis 
in die Einzelheiten zu regeln. Ich gebe hier die Abbil- 
dungen von zwei Baublöcken aus der Altstadt Mann- 
heim, die als typisch für das Bausystem dieser Periode 
gelten können. (Abbildung i und 2). 

Die Grundstücke sind nach der Bebauung des Jahres 
1900 eingezeichnet; die Höfe sind zum Teil überbaut 
worden; die ursprüngliche Grundstückseinteilung ist indes 
noch genau erhalten und erkennbar. Es zeigt sich, daß 
von jedem Häuserblock etwas weniger als die Hälfte auf 
größere Grundstücke entfällt, mit Höfen für kaufmännischen 
und gewerblichen Betrieb. Die zweite, größere Hälfte 
dagegen ist für kleine Parzellen vorbehalten, wobei die 
Einteilung bis zu den kleinsten Grundstücken herunter- 
geht. Die Absicht, den Kleinbürger und Handwerker und 
allgemein die minder wohlhabenden Klassen mit Grund- 
besitz auszustatten, geht aus der Blockeinteilung deutlich 
hervor. 

Die gleichen Absichten lassen sich in den anderen 
Stadtanlagen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts 
nachweisen, so in Berlin in der Friedrichstadt. Die Baublöcke 
der Friedrichstadt zeigen ebenfalls die gemischte Parzel- 
lierung, wenn auch nicht mit der gleichen Regelmäßigkeit 
durchgeführt wie in Mannheim; von den Nebenstraßen waren 
einzelne vorzugsweise zu kleinen Parzellen — Dreifenster- 
häusern — aufgeteilt, die jetzt allerdings zum großen Teil 
verschwunden sind. Doch der Absolutismus überwachte 
nicht nur die erste Einteilung der Grundstücke; er wollte 
die Parzellen auch dauernd erhalten und vor dem Aufkaufe 
geschützt wissen. Diesem Zweck diente eine (durch die 
Städteordnung aufgehobene) Vorschrift des Preußischen 
Allgemeinen Landrechts; sie bestimmte ,,daß die Zahl der 
Bürgerhäuser erhalten werden solle, auch deren mehrere, 
ohne besondere Erlaubnis, nicht in eins zusammenge- 
zogen werden dürfen."') 

Das System des landesfürstlichen Städtebaus unter- 
scheidet sich wesentlich von dem städtisch-mittelalterlichen. 
Infolge der einheitlich - gleichmäßigen Straßenanlage ist 
weggefallen die Scheidung zwischen Verkehrstraße und 
Wohnstraße, sowie die beliebige Aufteilung des Wohn- 
landes durch den einzelnen Grundbesitzer. Obrigkeitlich 
geregelt erscheint jetzt die gesamte Straßenführung; die 
alles ordnende Staatsgewalt drückt auch dem Straßenbild 
ihr Gepräge auf. Um so deutlicher tritt die dem Berufe 
des Staates entsprechende Aufgabe der sozialen Boden- 
parzellierung hervor, die jetzt mit bewußter Absicht und 
als amtliche Tätigkeit durchgeführt wird. Neben dem 
Etagenhause findet das Kleinhaus seine sicher verbürgte 
Stelle. Die Rechtsätze des Bauwesens, deren sich der 
Absolutismus bediente, entstammen im übrigen dem mittel- 
alterlichen Stadtrechte. 

Mit dem Aufschwünge der Städte und des städtischen 
Lebens seit 1860 setzt die dritte Periode des Städtebaus 
ein, die der Gegenwart; wiederum galt es, für eine starke 
Volksvermehrung und zuströmende Bevölkerungsmassen 
Unterkunft zu schaffen. Das neunzehnte Jahrhundert hat 
indes eine besondere Politik des Städtebaus zunächst über- 
haupt nicht gekannt. Erst als die neue Entwicklung der 

') ys'- Städtische Bodenfragen S. 100, 



Städte bis zu einem gewissen Grade vollendet war, brach 
sich die Erkenntnis der begangenen Fehler Bahn, und be- 
stimmte Forderungen für die Behandlung des Städtebaus 
wurden aufgestellt. Doch auch heute ist man in der All- 
gemeinheit noch weit davon entfernt, diesen wichtigen 
Gegenstand unseres öffentlichen Lebens die gebührende 
Aufmerksamkeit zuzuwenden. Der außerordentliche Um- 
fang der mit den heutigen Mißständen verbundenen mate- 
riellen Interessen sorgt zudem dafür, daß wir mit den not- 
wendigen Reformen nur schwer vorwärts kommen. Fragen 
wir nun, um welche Hauptgebiete in unserem Städtebau 
es sich hierbei handelt. 

Unser heutiges System des Städtebaus ist zweifellos 
der gegenwärtigen Periode eigentümlich; aber völlig aus 
dem neuen geschaffen ist es nicht. Der historische Zu- 
sammenhang ist in den Hauptpunkten nachweisbar; nach 
der formalen Seite sind uns wesentliche Institutionen des 
Städtebaus von den älteren Zeiten vererbt worden. An 
erster Stelle sind dies unsere Einrichtungen für die Kapi- 
talisierung des Bodens, die der mittelalterlichen Periode 
unseres Städtebaus, d. h. dem zwölften und dreizehnten 
Jahrhundert entstammen; materiell haben sie sich indes in 
ihr Gegenteil verkehrt. Nach deutschrechtlichen Grund- 
sätzen war der Wert des Bodens getrennt von dem Werte 
des Gebäudes (s. oben S. 19); heute dagegen fließen beide 
Werte in eine Summe zusammen. Die Wirkung ist, daß 
jede produktive Aufwendung an Kapital und Arbeit ledig- 
lich die Stellung des Bodenbesitzers verstärken muß. — 
An zweiter Stelle haben wir von dem landesfürstlichen 
Städtebau die einheitlich gleichmäßige Straßenanlage über- 
nommen. Das alte System ist indes in unserer Zeit zu 
einem Schematismus geworden, der den modernen Städte- 
bau zur Schablone gemacht hat. 

Völlig neu hinzugekommen ist dagegen in unserer 
eigenen Periode die Bodenspekulation; frühere Perioden 
haben diese Tätigkeit in der heutigen Form nicht gekannt. 
Wir haben die Einzelheiten der spekulativen Unternehmung 
hier nicht zu besprechen und zu untersuchen; bemerken 
will ich jedoch, daß die ursprüngliche und sachliche 
Grundlage der Bodenspekulation hergestellt wird durch 
das Parzellierungsgeschäft. Wie wir zu Eingang 
unserer Darlegung (oben S. 19) gesehen haben, ist für den 
Häuserbau eine Bodenaufteilung erforderlich, da regelmäßig 
die vorhandenen Bodenflächen nicht die Form und die 
Einteilung der Hausparzelle haben. Das Parzellierungs- 
geschäft ist somit eine Notwendigkeit, von der wir uns 
durchaus nicht befreien können. Aber diese Tätigkeit 
bildet leider nicht das Ziel der heutigen Bodenspekulation 
in Deutschland; sondern die Spekulation will und besitzt 
die Herrschaft über die gesamte Bodenwertbewegung, über 
den Häuserbau und das Baugewerbe. Durch diese 
völlig veränderte Stellung der produktiven Faktoren des 
Bauwesens scheiden sich vor allem die älteren Perioden 
des Städtebaus von der gegenwärtigen. 

Wenn die Bodenspekulation sich auf die notwendige 
und sachliche Aufgabe beschränkte, den Boden aufzu- 
teilen und in der vorteilhaftesten Weise für den Häuserbau 
bereitzustellen, so könnte sie nur segensreich wirken. Der 
Bodenbesitzer würde dann das Gelände der Bebauung 
möglichst rasch zuführen, anstatt es auszusperren; das 
Baugewerbe wäre, wie es der Natur der Dinge entspricht, 
der entscheidende Faktor in der Bautätigkeit. Die heutigen 



21 



DER STÄDTEBAU 



Zustände zeigen von alledem das Gegenteil. Heute be- 
herrscht die Bodenspekulation den Grundstücksmarkt, den 
Realkredit und die Entwicklung der Bodenwerte; wir 
haben hier die sinnwidrige, in keinem anderen Lande als in 
Deutschland anzutreffende Erscheinung, daß das städtische 
Bauland durch Nichtbenutzung Jahr für Jahr seinen Wert 
steigert. ') Das Baugewerbe dagegen ist in allen seinen 
Unternehmungen, soviel die Wohnungsproduktion angeht, 
von der Bodenspekulation abhängig. 

Diese Abhängigkeit des Baugewerbes ist eine kapi- 
talistische; sie ist bedingt durch die Frage der Kapital- 
beschaffung und auf diese Beziehungen müssen wir unser 
Augenmerk richten. Der Techniker muß sich hier — mag 
es ihm auch schwer fallen vertraut machen mit den 
administrativen Einrichtungen für den Grundstücksverkehr; 
denn Technik und Verwaltung sind hier untrennbar ver- 
knüpft. Die Grundlage für die Sonderstellung der Boden- 
spekulation wird gebildet durch die Einrichtungen für die 
Kapitalisierung des Bodens, d. i. unser Grundbuch- und 
Hypothekenwesen. ') Das deutsche Grundbuch ist nach 
der formalen Seite das vollendetste; nach der materiellen 
Seite aber leistet es das Gegenteil dessen, was es leisten 
sollte. Unser Grundbuchwesen macht, im Gegensatze zu 
dem deutschen Recht, aus dem es hervorgegangen ist, 
keinen Unterschied zwischen Boden und Bauwerk; nur nach 
dem Range der Eintragung, nicht aber nach dem Zweck 
und der Ursache der Verschuldung werden die Hypothe- 
ken getrennt. Ob die Belastung für produktive Zwecke, 
für die Kapitalaufnahme zum Hausbau, oder ob sie ohne 
den geringsten produktiven Zweck für eine spekulative 
Verschuldung erfolgt, ist heute für die Eintragung gleich- 
gültig. Durch dieses wirtschaftlich verfehlte System ge- 
winnt der Bodenspekulant die über seine eigentliche 
Tätigkeit weit hinausgehende Verfügung über das 
Baugewerbe und die Wohnungsproduktion. 

Der Bodenspekulant hat die erste Stelle; von ihm hängt 
es ab, unter welchen Bedingungen er für die Zwecke der 
Bebauung zurücktreten und wie weit er für die Kapital- 
aufnahme Priorität einräumen will. Nur hierdurch wird 
es ihm ermöglicht, seine hohen, oft nur fiktiven Gewinne 
zu realisieren und die Bautätigkeit unter seinen Einfluß zu 
bringen; denn nur durch die Bebauung wird das Gelände 
zu Wert gebracht. Nach der privatwirtschaftlichen Seite 
ist dies der Kernpunkt der Parzellierungsfrage; denn an 
dieser Stelle findet die wirtschaftswidrige Verkuppelung 
zweier verschiedenen Funktionen statt, des Parzellierungs- 
geschäfts und der Bautätigkeit, und zwar mit dem Erfolge, 
daß dem Bodenspekulanten die Verfügung zufällt über 
Werte, die er nicht geschaffen hat, und für deren Ent- 
stehung seine heutige bevorzugte Stellung ein schweres 
Hindernis bildet. Die Reform dieser nach jeder Richtung 
unbefriedigenden Zustände ist darin zu suchen, daß in der 
grundbuchlichen Behandlung derBodenbelastung wiederum, 
wie dies ursprünglich der Fall gewesen ist, unterschieden 
wird zwischen Boden und Bauwerk, in dem Sinne, daß 
die materielle Belastung des Bodens für die Zwecke des 

') Rheinische Wohnverhältnisse S. 41 u. 103. 

^) Wegen der hier nicht zu besprechenden Einzelheiten vgl. meinen 
deutschen Kapitalmarkt S. 219 ff. 



Häuserbaus getrennt wird von der spekulativen und 
nicht materiellen Verschuldung. Damit würde die Boden- 
spekulation beschränkt auf ihr wirtschaftlich berechtigtes 
Gebiet der Bodenparzellierung und die schädliche Verbin- 
dung mit der Bautätigkeit würde gelöst; die notwendige 
Kapitalbeschaffung für den Häuserbau wäre ermöglicht und 
das Baugewerbe würde unabhängig. 

In zweiter Linie gilt es, die Schabionisierung in der 
Bearbeitung unserer modernen Bebauungspläne zu be- 
seitigen. Auch hier wird, wie ich glaube, uns erst das 
geschichtliche Studium der älteren Perioden des Städtebaus 
die Einzelheiten zeigen, auf die es ankommt. Von dem 
Mittelalter haben wir auf diesem Gebiet zunächst zu lernen; 
allerdings muß dabei die Gefahr des Historismus und der 
mechanischen Nachahmung vermieden werden. Die Schei- 
dung der Straßen nach Zweck und Bedürfnis ist der 
Grundsatz von dauerndem Werte, den wir aus dem mittel- 
alterlichen Städtebau zu entnehmen haben. Diesen Grund- 
satz müssen wir jedoch verbinden mit dem Systeme der 
planmäßigen Anlage, das uns der landesfürstliche Städte- 
bau gelehrt hat. Die Individualisi-^rung muß Hand in Hand 
gehen mit der heute unvermeidlichen — Forderung der 
planmäßigen Regelung; denn dem Belieben des einzelnen 
Grundbesitzers können wir die Bodenaufteilung in den 
Großstädten nicht mehr überlassen. Daß unter den gegen- 
wärtigen Verhältnissen zureichende Lösungen zu erzielen 
sind, zeigt die beifolgende Skizze (s. Abbildung 3), die eine 
Bremer Parzellierung für Arbeiterviertel darstellt. 

Abb. 3 




Bremer Parzellierung für Arbeiterviertel. 

Die hier durchgeführte Einteilung der Straßen und der 
Grundstücke darf als eine sozial, technisch und wirtschaft- 
lich befriedigende bezeichnet werden. Wie die Bremer 
zeigt auch die Rheinische Parzellierung günstige und ins- 
besondere für das schwierigste Stück unseres Städtebaus, 
für die Kleinwohnung, vorbildliche Ergebnisse; das alte 
Dreifensterhaus ist in den rheinischen Industriestädten zu 
einem Kleinwohnungsgebäude umgeschaffen worden, das 
den berechtigten Anforderungen an ein modernes städtisches 
Miethaus im wesentlichen genügt. 

Es bedarf für unser Bauwesen nicht so sehr des Hin- 
weises auf ausländische, an sich schwer auf Deutschland 
übertragbare Verhältnisse; das Studium der deutschen 
Städte in Vergangenheit und Gegenwart, die Untersuchung 
unserer einheimischen Einrichtungen zeigt uns die Rich- 
tung, in der sich die Reform unseres Städtebaus zu be- 
wegen hat. 



22 



DER STÄDTEBAU 



EINFAMILIEN-WOHNHAUSER. 



Von O. GRÜNER, Dresden. 



Im Wohnungswesen haben uns die letzten zehn Jahre 
nach zwei Richtungen erhebliche Fortschritte gebracht, 
die an vielen Orten gleichzeitig zusammenwirken, von 
denen aber jeder für sich bedeutend genug ist, um sie als 
Meilensteine an der Kulturstraße zu bezeichnen. Der eine 
Fortschritt bezieht sich auf der Befreiung von dem 
akademischen Palaststile, der früher auch die einfachste 
Bürgerhausarchitektur beherrschte; die Wandlung, die sich 
auf dem Gebiete der Bauformen des Äußeren und Innern 
vollzogen hat, beschäftigt noch heute alle Architektur- 
blätter und braucht deshalb hier nicht weiter besprochen 
zu werden. Der andere Fortschritt betrifft die Art des 
Wohnens, der Bruch der Alleinherrschaft der Kasernen, 
die Rückkehr zum Einfamilienwohnhaus und die plan- 
und gesetzmäßige Erleichterung der Erbauung von Wohn- 
kolonien bei großen Städten. Davon ist noch lange nicht 
genug geschrieben worden, zum Schreiben noch lange 
nicht genug Veranlassung vorhanden. Nach den Er- 
mittlungen des Verfassers — über die er in Nr. 21 des 
Techn. Gemeindeblatts vom Jahre 1900 berichtetete — 
hatte München seit 1892 in Gern, Ludwigshöhe und Pasing 
sehr viel versprechende Anfänge mit ,, Villenkolonien" ge- 
macht; die Berichte über diese netten, bequemen und 
namentlich auch billigen eigenen Heims erweckten auch 
in Dresden bei einer Anzahl Herren, die des Kasernierungs- 
systems müde waren, den Wunsch nach einer Wohnung, 
darin sie wirklich ,,Herr im Hause" sein konnten und der 
Hinweis des Verfassers auf das Schanzengelände hinter der 
Waldschlößchen-Brauerei, das damals der Bebauung zu- 
geführt werden sollte, blieb nicht unbeachtet. Der Stadt- 
plan von Dresden läßt den mit der Lage einigermaßen Ver- 
trauten sogleich deren große Vorzüge erkennen. Wenn 
auch die vom Verfasser nachdrücklich empfohlene Bei- 
behaltung des Schanzenhügels mit seinen anmutigen Baum- 
kronen und der entzückenden Rundsicht nicht durchdrang 
— der Sandberg wird jetzt in langsamer Abfuhrarbeit dem 
Boden gleichgemacht — so ist doch die Umgebung und 
Aussicht noch reizend genug. Der Verkehr mit dem Innern 
der Stadt ist durch die elektrische Straßenbahn, die vom 
Postplatze weg, an der Kolonie dicht vorbei nach „Weißer 
Hirsch" und Bühlau führt, sehr erleichtert; auch die 
Dampfschiffe bieten Fahrgelegenheit. 

Das Übersichtsblatt, Abb. b auf Tafel 13, läßt er- 
kennen, in welcher Weise die künftige, vollständige Be- 
bauung gedacht ist; die Aufstellung dieses Planes machte 
nur um deswillen gewisse Schwierigkeiten, weil er über 
die Grenze des Stadtgebiets hinaus auf die Loschwitzer 
Flur hinübergreift; sie wurden aber durch die Unterstützung 
der Regierungsbehörde glücklich überwunden. Der Lage- 
plan, Abb. b auf Tafel 14, zeigt den gegenwärtigen Stand 
der Bebauung; dazu ist folgendes zu bemerken. 

Für die Bebauung maßgebend ist das Ortsgesetz vom 
7. November 1902, insbesondere dessen § 8, der für 
Gruppenhäuser u. a. folgendes vorschreibt. Sie dürfen 
allgemein bis zu 50 m Länge erhalten, größere Längen 
aber, wenn sie nur aus Einfamilienhäusern bestehen, nicht 
mehr als Erd- und Obergeschoß und ausgebauten Dach- 
raum enthalten und mindestens S'/a m seitlichen Abstand 



innehalten. Die Ausführung einer Gruppe muß gleichzeitig, 
nach einheitlichem Plan erfolgen. § 6 bestimmt außerdem, 
daß auf den meisten Bauflächen 6 m Abstand von der 
Straße (Vorgartentiefe) einzuhalten ist; an einzelnen 
Straßenzügen (wo aber keine Gruppenbauten zulässig sind) 
genügen auch 4 und 5 m Straßenabstand. Nach § 3 sollen 
die Einfriedigungen in der Regel aus Eisengitter auf 
Steinsockel bestehen; glücklicherweise herrscht die Aus- 
nahme von dieser Regel, d. h. der Holzzaun, fast allein 
vor. § 5 verlangt, daß Gebäude, die von allen Seiten ge- 
sehen werden, auch auf allen Seiten architektonisch aus- 
zugestalten sind, eine Forderung, die, so selbstverständlich 
sie erscheint, sich in unseren Vororten doch auch als ebenso 
notwendig erweist. § 5 behält die ästhetische Beurteilung 
der Neubaupläne der Baupolizei vor; den Charakter reiner 
Wohnungslage endlich verspricht § 2 zu schützen, insofern 
er Dampfkraftanlagen und gewerbliche Anlagen jeder Art 
im Plangebiet ausschließt. Kleine Händler und Hand- 
werker werden freilich auf die Dauer nicht ganz zu ent- 
behren sein. Was die Bildung der Einzelbauplätze betrifft, 
so läßt Plan b, Tafel 14 erkennen, daß es solche mit 7, 9, 10, 
12, 18 und 20 m Breite und 30, 36, 40 und 43 m Tiefe gibt; 
eine schätzungsweise Rechnung ergibt etwa 80 qm Grund- 
fläche auf 1 Kopf. Die Mehrzahl der im Plane dargestellten 
Häuser ist bereits bezogen; von dem Architekturcharakter 
der Baufläche 4 geben Tafel 13, Abb. a und Tafel 14, Abb. a, 
gute Bilder, die ungefähr vom Standpunkt y bezw. x des 
Lageplans zu b, Tafel 14 aus aufgenommen sind. 

Fast gleichzeitig mit den hier geschilderten Bemühungen 
um Gründung einer Villenkolonie in Dresden-Neustadt 
hatten auch solche für Dresden-Altstadt begonnen; hier 
war es die stadtseitige Umgebung des nun einverleibten 
Dorfes Räcknitz, die man zu dem Zwecke ins Auge faßte 
(siehe Tafel 15, c). Diese Lage gewährt zwar nicht alle 
die Vorteile der Waldschlößchenkolonie: der Wald fehlt 
in der Umgegend gänzlich; die Straßenbahn endet zur Zeit 
(und wohl noch für lange) beim Bergkeller, d. h. fast 
','2 km unterhalb der Neubauten. Dafür stehen diese aber 
zunächst dem Höhenzuge, der als Hauptlieferant frischer 
Luft für Dresden gilt; auch zeigte der frühere Besitzer 
des Baulandes beim Verkauf viel Entgegenkommen. 

Den Bebauungsplan für diese Ansiedlung ersieht man 
aus Abb. a u. b (b zeigt die Ausführung von Block 5) — 
Tafel 15 — auch die Parzellierung ist daraus zu erkennen. 
Die Bauvorschriften (Ortsgesetz vom 16. Dezember 1902) 
für Gruppenhäuser sind hier etwas anders, insofern 
solche nach § 14 zwar an allen mehr als 17 m breiten 
Straßen zugelassen werden, in der Regel aber nur aus 
drei Einzelhäusern bestehen sollen; soweit es sich nicht 
um Einfamilienhäuser handelt, sollen sie nur kleine 
Wohnungen von nicht mehr als vier nutzbaren Räumen, 
Küche, Vorraum und Zubehör, in jedem Geschoß enthalten. 
Die Länge ist auch hier in der Regel auf 50 m beschränkt, 
die Tiefe darf sich aber als 7'/^ m breite Vorlage bis auf 
18 m erstrecken. Die Höhe darf drei Geschosse, ohne 
Dachausbau, erreichen. Die Vorgartentiefe soll mindestens 
6 m betragen (an der 20 m breiten Friedrich -Wilhelm- 
straße hätten die Gebäude an die Straßenflucht gestellt 



23 



DER STÄDTEBAU 



werden dürfen); der seitliche Abstand von der Nachbar- 
grenze hat (bei Gruppenhäusern) mindestens lo m zu be- 
tragen. Gegen die Errichtung von Gruppenbauten an der 
„nur" 15 m breiten Kulmstraße wurden anfänglich, trotz der 
beiderseitigen 6 m tiefen Vorgärten und obgleich die Gebäude 
nur zweigeschossig werden sollten, aus § 14 des Gesetzes 
obrigkeitliche Bedenken abgeleitet, die aber dann im Inter- 
esse des nützlichen Unternehmens fallen gelassen wurden. 
Die Bebauung kann ja auch kaum weiträumiger gedacht 
werden, als Abb. a, Tafel 15 sie darstellt; die schätzungs- 
weise Rechnung (mit 6 Köpfen auf 1 Familie) ergibt hier, 
einschl. Straßenland, für die Familie durchschnittlich 829 qm, 
für den Kopf 135 qm. Gewerbliche Anlagen sind in diesem 
Plangebiete nur auf einer mäßig großen Baufläche (26) zu- 
lässig; Anlagen, die unter § 16 der Gewerbeordnung fallen, 
hohe Schornsteine erfordern oder anderweitig lästig fallen, 
sind aber (nach § 2 des Ortsges.) auch hier ausgeschlossen. 
Der Architekturcharakter ist hier dem der Wald- 
schlößchenkolonie ähnlich, da die meisten Entwürfe von 
demselben Architekten (Ernst Kühn) wie dort herrühren. 



Mit diesen beiden Einfamilienansiedlungen hat nun 
endlich auch Dresden angefangen, berechtigten Forde- 
rungen der Neuzeit Rechnung zu tragen. Wenn die finan- 
zielle Seite sich dabei auch nicht ganz so günstig heraus- 
stellt, wie z. B. in München, so scheint doch keiner der 
Teilnehmer an dem Unternehmen bisher den Schritt bereut 
zu haben; es ist zu hoffen und für die Gesundung unsrer 
Wohnungsverhältnisse jedenfalls zu wünschen, daß das 
Beispiel hier und anderwärts immer mehr Nachahmung 
finde und aus den noch etwas zaghaften und unsicheren 
Anfängen sich eine Gewöhnung im Bau des Einfamilien- 
hauses entwickle, wie sie z. B. Nordamerika schon längst 
besitzt. Die ungesuchte Einfachheit und Natürlichkeit des 
Äußern, die jetzt noch manchmal zu vermissen ist, wird 
sich immer mehr von selbst einstellen, je mehr solche 
Unternehmungen mit der übelangebrachten „Villentradition" 
brechen, den Charakter des Luxusbaus ablegen und zu 
wirklichen Bedürfnisbauten werden. Dem wird dann auch 
die Baugesetzgebung in Zukunft noch mehr Rechnung 
tragen müssen. 



DIE GROSSSTADT ALS STADTEGRUNDERIN 



Von A. ABENDROTH, Hannover. 



Es entspricht den Tatsachen und klingt doch absurd, 
wenn jemand behauptet, die moderne Großstadt sei eine 
Städtegründerin. 

Daß ringsum im Interessenbereiche jeder größeren 
Stadt neue Ansiedelungen entstehen, die jede für sich ein 
kräftiges Lebewesen darstellen, läßt sich nicht ableugnen. 
Und daß unter diesen Ansiedlungen nicht wenige sind, 
die ohne jeden geschichtlichen Vorgang plötzlich aus dem 
Nichts entstanden, ist ebenso wenig zu bestreiten. Es sei 
nur z. B. an Friedenau bei Berlin erinnert, einen der 
schönsten und wohlhabendsten Vororte Berlins von etwa 
16000 Einwohnern, der vor 30 Jahren noch häuserlose, 
ländliche Feldmark ohne jeden baulichen Zusammenhang 
mit den zwar angrenzenden, aber do/:h immerhin mehrere 
Kilometer entfernten Ortschaften Schöneberg, Wilmersdorf 
und Steglitz war. Und man denke ferner nur an Wannsee, 
Schlachtensee, Grunewald, Birkenwärder, Spindlersfelde 
usw. usw., alles Ortschaften, die durchaus Neugründungen 
mitten im Felde oder im Walde sind. Es ist nicht über- 
trieben, wenn man behauptet, daß in Deutschland seit 1870 
durch die Einwirkung der Städte wenigstens ebenso viele 
ganz neue, blühende Ortschaften entstanden, als inzwischen 
Jahre vergangen sind. 

Sich mit diesen Neugründungen näher zu befassen, 
ist aber nicht der Zweck der vorliegenden Arbeit. Man 
kann von ihnen sagen, sie sind ohne das Zutun der Städte, 
ja meistens sogar geradezu gegen ihren Wunsch und Willen 
entstanden und also nicht Schöpfungen der Großstadt, 
sondern Wucherungen, die oft genug den Charakter 
solcher offen zeigen, indem sie dem Körper der Stadt 
Kräfte entziehen, die für ihn sehr wichtig und notwendig 
sind. 

Wenn wir im Nachstehenden die Großstadt als Städte- 
gründerin näher ins Auge fassen wollen, so denken wir 
dabei nicht an die infolge der Großstadt entstandenen 



Neusiedlungen, sondern wir wollen solche betrachten, die 
durch die Großstadt, aus ihrem eigenen Antriebe heraus, 
ins Leben gerufen werden — können, denn noch sind ja 
keine vorhanden. Wir wollen die Großstadt nicht als 
unfreiwillige, sondern als bewußte, zweck- und 
planmäßig vorgehende Städtegründerin ansehen und 
festzustellen suchen, wie weit eine solche an sich 
durchaus neue Tätigkeit des Gemeindewesens mög- 
lich und ersprieslich ist. 



Auf dem ersten deutschenWohnungskongresse zuFrank- 
furt a. M. im Oktober dieses Jahres, der leider ohne jeden 
praktischen Erfolg verlaufen ist, trat zum erstenmale eine 
Gesellschaft in die breitere Öffentlichkeit, die gewiß noch 
recht wenigen bekannt war und darum vielleicht auf viele 
den Eindruck einer sich mit Utopien abquälenden Vereini- 
gung unpraktischer Schwärmer machte. Diese Gesellschaft 
ist die „Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft", die 
ihren Sitz in Schlachtensee (Berlin) hat und durch 
Flugschriften für die Gründung neuer Städte wirbt, die 
zum Teil nach kommunistischem Rezepte neu angelegt 
werden sollen. Der Hauptgrundsatz und das gesundeste 
an diesen Bestrebungen ist die unbedingte ,,Verstadt- 
lichung" allen Grund und Bodens und der Aus- 
schluß jeglichen Privateigentums an Land. Um den 
Standpunkt der Gartenstadt-Gesellschaft genau zu kenn- 
zeichnen, seien hierunter die ,, Thesen zur Wohnungs- 
und Ansiedlungsfrage" wiedergegeben, welche die Ge- 
sellschaft zum Wohnungskongresse 1904 aufgestellt hat. 

I. Eine durchgreifende Lösung der Wohnungsfrage ist nur im Zu- 
sammenhang mit einer methodischen Städtedezentralisation und plan- 
mäßigen Ansiedlungsbewegung möglich. 

Das Wohnungselend ist in gleichem Maße die Folge einer volks- 
wirtschaftlich falschen (jedenfalls heute nicht mehr zeitgemäßen) Ver- 



24 



DER STÄDTEBAU 



teilung der Bevölkerung und der Gewerbetätigkeit über das Land, wie die 
Konsequenz eines unzweckmäßigen Bodenrechts. 

II. Alle fortschrittlichen Bestrebungen auf dem Gebiete der Wohnungs- 
frage zielen auf eine Beseitigung der Auswüchse des Einzeleigentums an 
Grund und Boden oder dieses Einzeleigentums selbst ab. 

Dies gilt in gleicher Weise von den gesetzgeberischen Bestrebungen 
wie von denen der Selbsthilfe. 

III. Die gesetzgeberischen Bestrebungen haben den Vorzug, allen zu 
Gute zu kommen, sind jedoch durch notwendige Rücksichtnahme auf 
zurückgebliebene Teile der Allgemeinheit nicht in der Lage, weitgreifende, 
örtlich bereits mögliche Reformen allgemein zu verwirklichen. 

Dies trifft gleichmäßig für die Bemühungen der Gemeinden, der 
Einzelstaaten und des Reichs zu. 

Das Tempo des Fortschritts wird hier zudem durch das Gegen- 
gewicht mächtiger feindlicher Interessengruppen verlangsamt. 

IV. Die Selbsthilfe ist den gesetzgeberischen Bestrebungen gegenüber 
ein Pionier des Fortschritts. 

Sie vermag wirtschaftliche und soziale Neugestaltungen zu schaffen 
und liefert den Tatsachenbeweis für die Möglichkeit ihrer Verallgemeinerung. 
— Sie leistet ein qualitatives Mehr, als die Gesetzgebung es kann, aber 
dies im allgemeinen nur für wenige. — Eine der größten Hemmnisse 
ihrer Wirksamkeit ist die Höhe der Grundstückspreise in Stadt und Vorort. 

Was für die Selbsthilfe gilt, trifft auch für die Bestrebungen sozialer 
Fürsorge (gemeinnützige Baugesellschaften) zu. 

V. Die Gartenstadt ist berufen, die Vorteile der Selbsthilfe größeren 
Kreisen zugänglich zu machen. 

Sie ist als große gemeinnützige Bau- und Terraingesellschaft mit 
wichtigen volkswirtschaftlichen Aufgaben zu betrachten. 

VI. Eine Dezentralisation der Großstädte muß bestrebt sein, ge- 
schlossene Siedlungen, d. h. neue und neugeartete Stadteinheiten zu 
schaffen. 

Nur solche können in zweckmäßiger Form den vielgestalteten Be- 
dürfnissen städtischer Gewerbetätigkeit auf Arbeitsangebot, Absatzmarkt 
und Fühlung mit Nebengewerben gerecht werden, sowie grundlegende 
Anforderungen auf Bildung und Geselligkeit erfüllen. 

VII. Nur auf Grund und Boden, der möglichst zum landwirtschaft- 
lichen Nutzungswert erworben wird und genossenschaftliches Eigentum 
der Gesamtheit seiner Bewohner bleibt, ist eine wirklich durchgreifende 
Wohnungsreform und eine wahrhaft hygienische und ästhetische Stadt- 
gestaltung möglich. 

Nur hier sind auch zwei neue notwendige in der Gartenstadt ver- 
körperte Elemente der Städtebautechnik - Planmäßigkeit und Größen- 
beschränkung der Zahl und Ausdehnung nach von Beginn an zu 

erreichen. 

VIII. Neugründungen von Städten vollkommener Art im Sinne der 
Gartenstadt begegnen nicht größeren Schwierigkeiten als eine fortschritt- 
liche Stadtreform und Stadterweiterung. 

Die Höhe der Bodenpreise und feindhche Interessen sind letzteren 
starke Hemmnisse. Diese sind nicht geringer einzuschätzen als ein etwaiger 
Mangel an privater und genossenschaftlicher Initiative, wie sie die Garten- 
stadt verlangt. Der Entwicklungsgrad unserer Technik, unserer Verkehrs- 
verhältnisse und Verständigungsmittel sichert für Neugründungen einen 
Ausgleich der etwaigen günstigeren Lage bestehender Städte. 

IX. Die Gartenstadt ist die zweckentsprechendste Form einer Lösung 
der Wohnungsfrage und der Städtedezentralisation im Bereich der Selbst- 
hilfe und erschließt zu gleicher Zeit neue Horizonte für Industrie und 
Landeskultur. Sie ist berufen, zu einer Aufteilungsart des Landes zu 
werden und große volkswirtschaftliche Segnungen anzubahnen. Denn: 

a) Der industrielle Unternehmer findet in der Gartenstadt die günstigste 
Lösung der Raum- und Transportfrage (Anschlußgeleise, einstöckiger 
Fabrikbau etc.) bei bedeutender Ersparnis an der Werkstattmiete; der 
industrielle Arbeiter wohnt billiger und gesunder und wird dadurch als 
Produzent leistungsfähiger und als Konsument kaufkräftiger. Beides 
kommt wieder der Gesamtindustrie zugute, für die sich ein heimatlicher 
Markt von ungeahnter Ausdehnungsfähigkeit und großer Sicherheit er- 
schließt. 

b) Die Landwirtschaft auf den Geländen und in der Umgebung der 
Gartenstädte gewinnt für ihren Absatz alle Vorteile eines kaufkräftigen 



Nahmarkts und für ihre Produktion billige Dungstoffe sowie Anschluß an 
die Transporteinrichtungen und Kraftzentralen der Stadt für Hof und Feld, 
ohne die eine arbeitssparende Produktion sowie eine intensive Kultur nicht 
möglich ist. 

c) Die Gesamtvolkswirtschaft gewinnt eine ungleich nähere und 
engere Verbindung zwischen Landwirtschaft und Gewerben, durch die ein 
Zwischenhandel, soweit er unwirtschaftlich ist, erspart wird. 

X. Wie alle wirtschaftlichen und sozialen Neuerungen ist das Problem 
der Gartenstadt endgültig nur durch das Experiment zu lösen. 

Die technischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorbedingungen sind 
für ein solches gegeben. England, das Ursprungsland dieser Bewegung, 
hat bereits mit seinem ersten großen Experiment begonnen. 

Diese Leitsätze sind nicht einfach aus der Luft gegriffen, 
sondern der geistige Niederschlag einer jahrelangen ein- 
gehenden Beschäftigung mit dem Gegenstande und ein 
Auszug aus der Fülle der Broschüren und Flugschriften, 
welche der Verwirklichung des gesteckten Zieles gewidmet 
waren. 

Die Geschichte der Gartenstadt-Bestrebungen, soweit 
sie einen fest umgrenzten Charakter haben, beginnt mit 
Theodor Fritsch's „Die Stadt der Zukunft", Leipzig 1895, 
und dem Begleitschreiben dazu „Die neue Gemeinde". 
Die 1898 von einem Berliner Syndikate aufgenommenen 
Fritschschen Anregungen vermochten aber in Deutschland 
lange keinen Freund zu gewinnen. Erst nachdem der 
Engländer Ebenezer Howard in seinem eingehenden 
Buche ,, Garden eitles of to morrow", London, Swen Sonnen- 
schein & Co., 1898, die deutschen Ideen aufgenommen und 
in einem großen Kreise einflußreicher und vermögender 
Männer Freunde dieser Ideen gefunden hatte, welche die 
ersten Gartenstadt-Vereinigungen ins Leben riefen, erst 
darnach konnte in Berlin eine deutsche Gartenstadt-Gesell- 
schaft zu Stande kommen. 

Während aber in England bereits ,,the first garden 
city", die erste Gartenstadt, nach dem — übrigens sehr 
verbesserungsfähigen — Plane der Londoner Architekten 
Barry Parker & Raymond Unwin (vgl. Tafel 16) in der 
Feldmark der Ortschaft Norton, 60 km nördlich von 




London, im Entstehen begriffen ist, muß sich die deutsche 
Gesellschaft noch mit der bloßen Propaganda begnügen und 
dieses Schicksal mit den amerikanischen, französischen, 
niederländischen usw. Gesellschaften gleichen Namens 



25 



DER STÄDTEBAU 



teilen. Es ist eben außerordentlich schwer, genügend viele, 
zugleich einflußreiche und vermögende Männer zusammen 
zu kriegen, die Verständnis für die Aufgabe und Lust 
haben, sich mit eigenen Unternehmungen an ihrer Lösung 
zu beteiligen. 

Ich will hier auf die sorgfaltigen volkswirtschaftlichen, 
sozialen und ethischen Begründungen nicht weiter eingehen, 
auf welche die Gartenstadt-Gesellschaft ihre Bestrebungen 
stützt, sondern ich will versuchen, einen ebenso nahe- 
liegenden, wie meines Erachtens leicht zu betretenden 
Weg vorzuschlagen, der das gleiche Ziel verwirklicht und 
den bestehenden Großstädten die Möglichkeit gibt, 
eine gründliche Wohnungsreform und zugleich 
ganz neue Absatzgebiete zu erreichen. In meinen 
Darlegungen werde ich wiederholt auf die Veröffent- 
lichungen der Deutschen Gartenstadt - Gesellschaft und 
geistesverwandter Autoren zurückgreifen müssen und auf 
diese Weise deren bisherige Pionierarbeiten eingehender 

würdigen. , , 

* 

■ In fast allen Großstädten klagt man über ein Zurück- 
ebben des Zuzuges auf das flache Land und namentlich 
darüber, daß die größeren Industriebetriebe die Stadt ver- 
lassen und weit ab, dort, wo Eisenbahn- und Schiffahrts- 
anschluß es ermöglichen, neue Unternehmungen ins Leben 
rufen, bei denen auch die Beamten und Arbeiter des Be- 
triebes in seiner unmittelbaren Nähe angesiedelt zu werden 
pflegen. Daß der wesentlichste Grund zu dieser Rückwärts- 
bewegung in dem stetig wachsenden Bodenpreise und den 
ebenso stetig steigenden Mieten und Lebensunterhaltskosten 
zu suchen ist, darüber sind sich die Gelehrten überall 
einig; aber es besteht noch gar keine Einigkeit darüber, wie 
man diesen Notständen mit dauerndem Erfolge entgegen- 
wirken könne. Schon 1893 hat der Berliner Industrielle 
Heinrich Freese in seinem Aufsatze ,, Wohnungsnot und 
Absatzkrise" (Konrads Jahrbücher) nachgewiesen, daß 
auf den großstädtischen^.Industriearbeiter, wobei 
unter Arbeiter hier auch der Arbeitgeber mit- 
gemeint |ist, eine Bodenrente von jährlich je 
153 Mark kommt. 

Bekanntlich versteht man unter „Bodenrente" den 
Aufwand, den allein die Benutzung des Grund und Bodens 
an Jahreszinsen macht. Wenn also ein Wohnhaus- 
grundstück 100000 Mark kostet, wovon auf die Gebäude 
70000 Mark entfallen, so sind die Zinsen der für das 
eigentliche Bauland übrigbleibenden 30 000 Mark die 
Bodenrente, also bei 5% jährlich 1500 Mark und, wenn 
30 erwerbsfähige Personen im Hause wohnen, auf den Kopf 
50 Mark jährlich. Für alle Erwerbsmenschen kommen zu 
dieser Wohnungs-Bodenrente noch die Beträge gleicher 
Art, die aufzubringen sind für die Räume, in denen die 
„Arbeiter" ihrer Beschäftigung nachgehen, d. h. z. B.: be- 
trägt die Bodenrente einer Fabrik von 99 Angestellten und 
dem Fabrikanten, also von 100 ,, Arbeitern", jährlich 
10000 Mark, so kommen auf den' Kopf 100 Mark Rente 
dafür, daß die Gelegenheit zum Arbeiten in der betreffen- 
den Fabrik vorhanden ist, ' mithin für den Arbeiter ein- 
schließlich seiner Wohnungsbodenrente insgesamt 150 Mark 
auf den Kopf und das Jahr. 

Da der größte Teil dieser nie sich tilgenden Boden- 
rente in der Regel den Zinseinnahmen des ursprünglichen 
Grundbesitzes aus dem Gewinne entspricht, den er bei Ver- 



kauf seines Landes für Bauzwecke gehabt hat, und diese 
Zinseinnahmen in den überwiegend meisten Fällen nur zu 
verschwindend kleinen Teilen in Umlauf gebracht, meistens 
vielmehr zum Kapital des betreffenden Grundspekulanten 
geschlagen wurden, so ist die Bodenrente ein Betrag, der 
die Masse auf das Furchtbarste zu gunsten einer zweck- 
losen Kapitalanhäufung an ganz vereinzelten Sammelstellen 
drückt. Es ist ganz klar, daß eine so gewaltige Rente auf 
einen Kopf in erster Linie alle diejenigen treffen muß, die 
aus Industrie, Handel und Gewerbe unmittelbar ihren 
Lebensunterhalt bestreiten, und ebenso klar wird es sein, 
daß alle diese bewußt oder unbewußt darnach hindrängen, 
dieser Rente zu entfliehen oder sie doch möglichst gering 
zu machen. 

Der Arbeitnehmer drängt den Arbeitgeber, der ohnehin 
in den Großstädten nach Freeses Berechnungen schon 
40 '/o des sonstigen Reingewinns für Fabrik- und Werk- 
stättenmiete verausgaben muß, und der Arbeitgeber weiß 
sich schließlich nur dadurch zu helfen, daß er der auch 
sonst für seinen Betrieb mit allen möglichen Teuerungen 
und Unbequemlichkeiten verbundenen Stadt entflieht, sich 
weit draußen, wo er dicht an Eisenbahn oder Kanal liegt und 
nur eine ganz geringe Bodenrente zu tragen hat, ansiedelt 
und seine Arbeiter mit billigen Wohnungen und den 
mancherlei kleinen Annehmlichkeiten des Landlebens nach 
sich zieht. Diese Erscheinungen werden immer häufiger 
und können auch im Interesse der Industrie gar nicht 
häufig genug werden. Die großen Städte aber fühlen sich 
dadurch beunruhigt und bemühen sich auf das eifrigste, 
durch meines Erachtens oft ganz verkehrte Mittel die 
abziehende Industrie festzuhalten. Ich bin nun der 
Ansicht, daß die großen Städte es in der Hand 
haben oder doch wenigstens leicht in die Hand 
bekommen können, sich den Segen der Industrie, 
wenn nicht unmittelbar, so doch mittelbar zu 
erhalten und der Industrie mit ihrer Arbeiter- 
schaft ganz wesentliche Erleichterungen zu ver- 
schaffen, wenn die Stadtverwaltungen die Bestre- 
bungen der Gartenstadt-Gesellschaften zu ihren 
eigenen machen und die Verwirklichung dieser 
Bestrebungen auf Stadtkosten und zum Stadtwohle 
ermöglichen. Und das kann meines Erachtens folgender- 
maßen geschehen. 

» » 

• 

Wenn man in ein ruhiges Gewässer einen Stein wirft, 
dann bilden sich konzentrische Wellenringe, die nach 
außen hin, dem Mittelpunkte abgekehrt, von Ring zu 
Ring immer größer werdende Abstände zeigen. Wo sich 
eine Landzunge ihnen entgegenstreckt, da brechen sich die 
Wellenringe in einer mehr oder minder kräftigen Brandung, 
ziehen sich aber an den Seiten der Zunge hin weiter, bis 
sie sich allmählich in die Weite der Wasserfläche mit den 
ungebrochenen Ringteilen verlieren. Je weiter die Ringe 
vom Mittelpunkte entfernt sind, um so schwächer und 
weniger bemerkbar erheben sie sich über den Wasserspiegel. 
Genau, wie mit diesen Ringen, verhält es sich mit den 
Preisen des Grund und Bodens in einer Stadt. In ihrem 
Kerne sind scharf sich von einander abhebende, in ihrer 
Höhe verschiedene Bodenpreise, und nach außen hin, aus 
der eigentlichen Stadt hinaus, werden die Erhebungen über 
den landwirtschaftlichen Wert geringer und die Ringflächen 
gleicher Preise breiter und ausgleichend. Nur dort, wo 



26 



DER STÄDTEBAU 



die Vororte mit Hilfe der Chausseen ihre „Landzungen" 
in die Stadt hineinstrecken, dort an den Chausseen entlang 
sind „Preisbrandungen", die dem Bilde im Inneren der 
Stadt näher kommen. Je dichter die nach den Außenorten 
führenden Landstraßen, die Radialen, einander näher 
liegen, um so mehr werden die Preise der zwischen 
ihnen befindlichen Bodenflächen denjenigen der Innen- 
stadt gleichen, und nur dort, wo sich weite Bögen von 
einer Radialen zur anderen spannen, wird das Land den 



landwirtschaftlichen Charakter bewahren und die Fläche 
des Gewohnten zeigen. Diese, wie man richtig sagt, 
„vom Verkehr seitabgelegenen" Flächen haben so lange 
für das großstädtische Spekulantentum wenig oder nur 
geringen Reiz, als sie noch nicht „erschlossen" sind, d. h. 
als von der Stadt her noch keine Straßenverbindungen 
radialer oder ringförmiger Natur geplant und im Fest- 
setzungsverfahren gemeindeseitig für die Zukunft fest- 
gelegt sind. (Fortsetzung folgt in Heft 3.) 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



Der erste Bürgermeister hat uns einen Auszug aus den VERHAND- 
LUNGEN DER STADTVERORDNETEN- VERSAMM- 
LUNG ZU GELSENKIRCHEN am i. Dezember v. J. übersandt, 
aus denen hervorgeht, daß die heute nach Zusammenschweißung mit 
mehreren Nachbargemeinden auf rund 143 000 Einwohner angewachsene 
Industriestadt sich günstigerer hygienischer Zustände zu erfreuen habe, 
als das in dem bekannten Strafverfahren, das sich gegen die Direktoren 
des Wasserwerkes gerichtet hatte, von Herrn Professor Emmerich schrifthch 
erstattete Gutachten Glauben machen wolle. Kellerwohnungen und Hinter- 
häuser seien völlig vermieden, Hausgärten, namentlich in den Arbeiter- 
kolonien, vielfach dargeboten, viele Straßen mit insgesamt 12 000 Bäumen 
bepflanzt. Dazu kämen vier Volksgärten mit im Ganzen 42 ha Fläche; 
zwei weitere seien geplant. Die Sterblichkeitsziffer betrage 20,2 auf 1000, 
stehe also zwischen denen von Köln und Coblenz mit 19,6 bezw. 20,5. 
Höhere Ziffern weisen auf: Duisburg und Meiderich je 21,0, Eschweiler 21,1, 
Kalk 21,4, Oberhausen 21,9, Bochum 22,2, Hamm 22,4 und Neuß 24,6. 
Unglücklich sei nur die tiefe Lage des Stadtgebietes, die lange Zeit 



hindurch die Malaria sich habe einnisten lassen. Doch diese sei — dank 
den von der Industrie geschaffenen Abwässerungseinrichtungen usw. die auch 
einen Schutz gegen Überschwemmungen gegeben haben, jetzt verschwunden. 
Schwierig bleibe aber noch immer die Entwässerung, stellenweise in er- 
höhtem Maaße infolge der Bodensenkungen durch den Bergbau. Ver- 
schiedene Stadtteile seien trotzalledem kanalisiert — eine umfassendere 
Kanalisation habe jedoch erst nach der Eingemeindung der Nachbarorte 
ins Auge gefaßt werden können und sei gegenwärtig in Vorbereitung. 

Zur AUSGESTALTUNG DES ANLAGENPLATZES AN 
DER VALPICHLERSTRASSE IN MÜNCHEN tragen wir 

nach (vergl. Heft i), daß die ganze Anlage — ein Teil des Lasne'schen 
Baulinienentwurfes für die Umgebung der Westendstraße in München — 
inzwischen endgültig genehmigt worden ist; die plangemäße Ausführung 
soll durch Servitutbestellung zu Gunsten der Stadtgemeinde sichergestellt 
werden. Die Pläne sind im Auftrage der „Terraingesellschaft München- 
Friedenheim*' aufgestellt worden. 




STRASSENBEFESTIGUNG MIT MAKADAM. Nach den 
bisherigen Erfahrungen, die die Stadt Kottbus seit einer Reihe von 
Jahren mit dieser Befestigungsart gemacht hat, muß als erwiesen ange- 
sehen werden, daß es für Straßen mit minder starkem Verkehr die 
billigste und geeignetste ist. Vor dem Asphaltbelage hat es den Vorzug 
der Billigkeit und der rauheren Oberfläche voraus. Selbst bei andauerndem 
Regenwetter ereignen sich daher nicht die gefürchteten Unfälle der Zug- 
tiere und Fußgänger, die beim Asphaltbelage eine ständige Erscheinung 
sind. Ein weiterer Vorzug ist noch, daß auch die größte Hitze keinerlei 
Einwirkung auf die Makadamstraße hat und nicht die üblen Dünste auf- 
steigen läßt, wie sie den sonnendurchglühten asphaltierten Großstadtstraßen 
eigentümlich sind. Kottbus hat eine Anzahl Straßen aufzuweisen, die 
je nach dem Stande der Technik in der Herstellung des Makadam mehr 
oder minder gelungene Versuche in dieser Befestigungsart darstellen. Der 
Makadam wird in der Weise hergestellt, daß auf dem eingeebneten und 
mit Bordschwellen eingefaßten Straßengrund, in dem die erforderlichen 
Regendurchlässe, Kanalisationsleitung usw. vorgerichtet sind, eine schwach 
angefeuchtete Mischung von Grünsteinschlag und Zement geschüttet und 
festgestampft wird. Auf diese Unterlage wird eine ähnliche Mischung 



unter Verwendung von Wasser mit eisernen Bolzen unter dem Drucke 
schwerer eiserner Träger, die gleich einer Schablone das Profil der 
Straße bestimmen, festgestopft. Diese eiserne Schablone rückt durch eine 
besondere Zugvorrichtung je nach Fortschreiten der Arbeit vor. Es 
erübrigt sich dann nur noch mit flachen, bolzenartigen Werkzeugen die 
Oberfläche, die bereits bedeutende Festigkeit erlangt hat, zu glätten und 
nach leichtem Abtrocknen mit Sand zu bestreuen. Dieser ist dann einige 
Zeit feucht zu halten, um eine gleichmäßige und schnelle Erhärtung der 
Zementmischung zu ermöglichen. Nach einigen Wochen ist die Masse 
derartig erhärtet, daß ein Aufschlagen nur unter großer Kraftaufwendung 
erfolgen könnte. Die ersten Versuche zur Herstellung des Makadams vor 
Jahren führten allerdings zu nicht ganz befriedigenden Ergebnissen. Die 
Mischung des verwendeten Materials wurde anfangs mit der Hand vor- 
genommen und blieb unregelmäßig; eine Folge davon waren kleinere 
und größere, wenn auch nicht stark hervortretende Vertiefungen der 
Oberfläche der Straße. Auch bildeten sich infolge des Temperaturwechsels 
bald nach dem Abtrocknen der Straße quer verlaufende Risse. Diesem 
Uebelstande half man dadurch ab, daß der Unternehmer auf Rat des 
Stadtbaurats Bachsmann-Kottbus in Abständen von 15 — 18 m Temperatu' 



27 



DER STÄDTEBAU 



fugen quer über die Straßenfläche einfügte und diese mit einer Teer- 
pappenschicht ausfüllte. Durch gleichmäßigere Mischung des Zements 
mit dem Grünsteinschlag in besonders zu diesem Zweck gearbeiteten 
Maschinen ließ sich auch eine völlig gleichmäßige Oberfläche erzielen. 
Eine Versuchsstrecke, die ein Jahr lang den regelmäßigen Straßenbahn- 
verkehr aushalten mußte, soll völlig unbeschädigt geblieben sein. 

Auf dem VIERTEN PREUSSISCHEN STÄDTETAGE leitete 
der Berichterstatter über das „Fluchtliniengesetz und des damit in Ver- 
bindung stehenden Enteignungsgesetzes", Oberbürgermeister Wilms-Posen, 
seine Ausführungen mit dem Hinweise ein, daß im Bebauen der Städte 
eine unbeschränkte Freiheit zum allgemeinen Wohle nicht herrschen könne. 
Die sich darauf beziehenden Bestimmungen fasse das Fluchtliniengesetz 
zusammen, dessen Umgestaltung jedoch das dringende Bedürfnis der Ge- 
meinden sowohl als auch die zweckmäßige Verwertung und Bebauung des 
Grundbesitzes erfordern. Dafür stellte er folgende Leitsätze auf: 

1. Das Recht der Zusammenlegung und der Zonenenteignung ist ge- 
setzlich so zu regeln, daß es durch Ortsstatut eingeführt werden kann. 

2. Fluchtlinien können auch festgesetzt werden für Plätze, die für 
öffentliche Gebäude (Kirchen, Schulen, Museen usw.) vorgesehen sind. 

3. Die rückwärtige Baufluchtlinie ist ortspolizeilich bezw. gesetzlich 
zu regeln. 

/(. Fluchtlinienpläne für Grenzgebiete müssen spätestens bis zur ersten 
Offenlegung der benachbarten Gemeinde zur Äußerung mitgeteilt werden. 
Erhebt die Nachbargemeinde Einwendungen, so sind auch deren Interessen 
mit zu berücksichtigen. 

5. Die Aufnahme allgemeiner Grundsätze für den Bebauungsplan in 
das Fluchtliniengesetz ist zweckmäßig, die Aufnahme in ein allgemeines 
Baugesetz ist jedoch vorzuziehen. 

6. Den Gemeinden ist die Möglichkeit zu geben, auf eine architek- 
tonische Ausgestaltung des Straßenbildes hinzuwirken. 

7. Ausnahmen vom Bauverbot an nicht fertigen Straßen sowie über die 
Fluchtlinie hinaus sind nur mit Zustimmung des Gemeindevorstandes zulässig. 

8. Das Verbot des Bauens an nichtfertigen Straßen ist auszudehnen 
auf Gebäude zum Aufenthalt von Menschen, ebenso über die Fluchtlinie 
hinaus auf Einfriedigungen mit Fundament. 

9. Es entspricht der Billigkeit, daß über Einwendung von öflentlichen 
Behörden gegen den Bebauungsplan in einem geordneten Verfahren ent- 
schieden wird. 

10. Auch auf Grund älterer, vor dem Gesetz von 1875 gültiger Flucht- 
linien soll den Gemeinden das Enteignungsrecht des Straßenlandes zustehen. 

11. Das Verhältnis der endgültigen zur vorläufigen Baubeschränkung 
ist zu klären. Die Wirkungen des letzteren sind festzulegen. 

12. Der Wert der zu enteignenden Fläche soll nach der Zeit des 
Antrags der Gemeinde auf Festsetzung der Entschädigung bemessen werden. 
Der Standpunkt der neueren Rechtsprechung des Reichsgerichts, Ent- 
scheidungen Band 53, Seite 133 und 406, kann jedenfalls für unbebaute 
Grundstücke beibehalten werden und entspricht mehr der Billigkeit als die 
Bemessung der Entschädigung nach dem Wert zur Zeit der Fluchtlinien- 
feststellung. 

13. Bei Teilenteignung muß die Gemeinde das Recht haben, Ab- 
tretung des Grundstücks zu fordern, wenn es nicht bebauungsfähig bleibt, 
oder wenn eine Entschädigung wegen relativen Minderwerts gefordert 
wird. Wenn ein Gebäude angeschnitten und deshalb eine Entschädigung 
für die Restteile verlangt wird, so erstreckt sich die Enteignung nur auf 
diese Gebäudeteile, nicht auch auf den Grund und Boden unter ihnen. 
Der Mehrwert des RestgrundstUckes infolge der Straßenanlage ist auf einen 
etwaigen Minderwert anzurechnen, jedoch nicht auf die Entschädigung für 
die entzogene Fläche. 

14. Es muß die Möglichkeit geschaffen werden, nur Teile des in die 
Straße fallenden Grund und Bodens zur enteignen, um bebaute Flächen 
auszuschließen. Bei Straßenverbreiterungen und Straßendurchbrüchen ist 
die Möglichkeit des Überbauens in geeigneten Fällen auf Antrag der Ge- 
meinde oder des Eigentümers zu gewähren und bei Bemessung der Ent- 
schädigung zu berücksichtigen. 

15. Der Begriff der nichthistorischen Straße im Sinne des Bauverbots 
(§ 12) und der Erhebung der Anliegerbeiträge (§ 15) bedarf der näheren 
Klarstellung. 



16. Die Befugnis des Bauverbotes muß auch für solche Teile des 
Gemeindebezirkes gelten, für welche Fluchtlinien noch nicht vorgesehen 
sind. 

17. Es ist zu prüfen, ob neben dem bisherigen Verteilungsmaßstab 
für die Anliegerbeiträge nach der Länge der Straße noch ein anderer 
brauchbarer Maßstab (§10 des Kommunal-Abgabengesetzes) ortsstatutarisch 
eingeführt werden kann. 

18. Die Befugnis der Gemeinde, durch Ortsstatut oder Gemeinde- 
beschluß der Berechnung der Anliegerbeiträge an Stelle der wirklich ent- 
stehenden Kosten der einzelnen Straßen Einheitssätze nach den durch- 
schnittlichen Selbstkosten — insbesondere für die Entwässerungs- und Be- 
leuchtungsanlagen, die Kreuzungen der Straßen usw. — zu gründe zu 
legen, ist gesetzlich vorzusehen. 

19. Die Einziehung der Anliegerbeiträge für Straßen an Plätzen und 
die Berechnung bei Straßen von mehr als 26 m Breite ist zu regeln. 

20. In den Anliegerbeiträgen dürfen gesetzliche Zinsen und ferner 
die Kosten für Wasserleitung und Baumpflanzung in Rechnung gestellt 
werden. 

21. Zur Vermeidung von Härten beim Bau an unfertigen Straßen 
ist die Stundung der Anliegerbeiträge dadurch zu ermöglichen, daß die 
dringliche Haftung des Grundstückes für diese Beiträge als eine öffentliche 
Abgabe in Abteilung II des Grundbuches eingetragen werden darf. Den 
Gemeinden ist die Möglichkeit zu geben, nach Fertigstellung der Straßen 
die Beitragspflicht der Grundstücke ins Grundbuch oder ein vom Ge- 
meindevorstand zu führendes Lastenverzeichnis (Oblastenbuch) für jeden 
Dritten kenntlich zu machen. 

Auf demselben Städtetag wurde folgende, vom Oberbürgermeister 
Zweigert-Essen vorgeschlagene Kundgebung zum Wohnungsgesetz an- 
genommen: ,,Der preußische Städtetag erachtet ein Eingreifen der Gesetz- 
gebung zur Beseitigung der auf dem Gebiete des Wohnungswesens herr- 
schenden Übelstände für notwendig und erkennt an, daß die im Artikel 4 
und 5 des Gesetzentwurfs über den Erlaß von Wohnungsverordnungen 
und Einführung einer kommunalen Wohnungsbeaufsichtigung gegebenen 
Vorschriften eine geeignete Grundlage für eine gesetzliche Regelung dieser 
Gegenstände bilden können. Was dagegen die vorgeschlagenen Ab- 
änderungen des Fluchtlinien- und Kommunalabgabengesetzes anlangt, so 
kann denselben in ihrer jetzigen Fassung nicht zugestimmt werden. Sie 
sind nicht geeignet, die nach Lage der geltenden Gesetzgebung vorhandenen 
Hindernisse einer leichten und umfassenden Erschließung von Baugelände 
in dem erforderlichen Umfange zu beseitigen, und durch gerechte Ver- 
teilung der Straßenkostenbeiträge zu einer Besserung der Wohnungsver- 
hältnisse beizutragen. Die Beschränkung der Selbstverwaltung erweckt die 
größten Bedenken und würde in ihren Wirkungen dahin führen, daß die 
Gemeindeverwaltungen in ihren Plänen und Maßnahmen gelähmt und 
dadurch eine gedeihliche Stadterweiterung aufs äußerste gefährdet werden 
müßte." 

DIE BODENPOLITIK DER STÄDTISCHEN VERWAL- 
TUNG IN DÜSSELDORF scheint sich zu einer bedeutungs- 
vollen auszugestalten. Neben der Erwerbung der Anger -Waldungen 
(1850 Morgen) ist weiterhin die Erwerbung des fiskalischen Teiles des 
Hofgartens, dann aber auch noch der Ankauf umfangreicher Ländereien 
in der Nähe des neuen Hafens geplant, die sich heute im Privatbesitze 
befinden. 

Unseren Mitarbeitern: Geheimen Regierungsrat, Dr. ING. KARL 
HENRICI, Professor an der Technischen Hochschule zu Aachen 
und Kgl. Baurat OTTO MARCH, Architekt in Charlottenburg, ist der 
Königliche Kronenorden III. Klasse bezw. der Charakter als Geheimer 
Baurat verliehen worden. 



BRIEFKASTEN. 



Herrn DR. ING. FORBAT, Budapest. Besten Dank für die Mit- 
teilung über Ihre öffentliche Tätigkeit, von der der vom „Pester 
Lloyd" gebrachte Aufsatz ,, Städtebaufragen", sowie ein Bericht desselben 
Blattes über den Vortrag ,, Neuere Bestrebungen auf dem Gebiete des 
Städtebaus" erfreuliche Kunde geben. 



Verantwortlich für die Schrifüeitung : Theodor Goecke, Berlin. — Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Berlin W., Markgrafenstraße 35. 
Inseratenannahme C. Behling, BerUnW.66. — Gedruckt bei JuUus Sittenfeld, Berlin W. — Klischees von Carl Schütte, Beriin W. 



%^ 



DER STÄDTEBAU 

VERLAG VON ERNST WASMUTH, A.-G., BERLIN W. 8, MARKGRAFEN -STRASSE 35 



ANZEIGEN 



II. JAHRGANG 



1. MÄRZ 1905. 



HEFT 3 



Erscheint am 1. jedes Monats. Preis bei direkter postfreier 
Zusendung für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 20, — , 
für alle übrigen Linder Mk. 24, — pro Jahrgang. 



Alleinige Anzeigenannahme bei C. Behling, Institut für 
graphische Industrie, Berlin W. 66, Leipzigerstr. 13. 



Das Preisgericht, welches zur Beurteilung von Entwürfen für ein 

Bankgebäude der Hessischen Landes- Hypothekenbank in Darmstadt 

gebildet wurde, hat von 106 eingelaufenen Projekten 21 für die engere Wahl 
bestimmt und hiervon schliesslich 7 in die engste Wahl gezogen. 

Durch einstimmigen Beschluss wurde der I. Preis (2000 Mark) zu- 
erkannt dem Entwurf No. 36, Kennwort „Dasein und Wirken", V'erfasser 
Herr Paul Meissner, Architekt, in Darmstadt. 

Der II. und III. Preis von 1500 bezw. 1000 Mark wurden zusammen- 
gelegt, um daraus zwei II. Preise von je 1250 Mark zu bilden. Mit diesen 
beiden II. Preisen wurden ausgezeichnet: 

Entwurf No. 106, Kennwort „Bei Nacht", Verfasser die Herren 
Architekten Klass und Mack in Stuttgart; 

Entwurf No. 17, Kennwort „Platzwand", Verfasser Herr Privat- 
dozent Dr. ing. Vetterlein in Darmstadt. 
Zum Ankaufe (für je 500 Mark) gelangen 

Entwurf No. 98, Kennwort „Quousque tandem", Verfasser Herr 
Architekt Schmidt, Assistent an der technischen Hochschule in 
Stuttgart und 

Entwurf No. 13, Kennwort „Genio loci", Verfasser Herr Architekt 
Arthur Wienkoop, Lehrer der Baukunst an der Qrossh. Landes- 
baugewerkschule Darmstadt. 
Die sämtlichen eingelaufenen Entwürfe werden von Sonntag, 5. d. Mts. 
bis einschliesslich Samstag, 18. d. Mts., im 

östlichen Sammlungssaale des neuen Museums (dem sogenannten 
Oypssaale, Eingang gegenüber dem Theater) 
von 9— 12 Uhr vormittags und 2 — 5 Uhr nachmittags öffentlich ausgestellt 
Nach Ablauf dieser Frist stehen die nicht preisgekrönten und die nicht ange- 
kauften Entwürfe zur Verfügung der Herren Verfasser, die hiermit um An- 
gabe einer genauen Adresse für dje Rücksendung gebeten werden. 
Darmstadt, den 1. Februar 1905. 

Der Vorsitzende des Preisgerichtes 

Ewald, Ministerialrat. 



BeKanntmachung. 



Das zur Beurteilung der Entwürfe für ein IJankgebäude der Hessi- 
schen Landes- Hypothekenbank in Darmstadt gebildete Preisgericht hat 
in seiner letzten Sitzung weiterhin den Ankauf des Projektes No. 91 Kenn- 



zeichen 



|\ 




\ 



(gevierteiltes Quadrat) Verfasser: die Herren Architekten 



Paul Ludwig Troost und Peter Birkenholz in München beschlossen. 
Darmstadt, den 4. Februar 1905. 

Der Vorsitzende des Preisgerichts 

gez. Ewald, Ministerialrat. 

Im Verlag von Friedrich Brandstetter in Leipzig erschien; 

Die deutschen Städte 

Geschildert nach den Ergebnissen der ersten 

deutschen Städteausstellung zu Dresden 1903. 

Unter Mitarbeit hervorragender Fachmänner herausgegeben im Auftrag der 

Ausstellungsleitung von 

Prof. Dr. jr, et phil. Robert Wuttke. 

Zwei Bände. 

L Band: Text 950 Seiten Lexikonformat. 
IL Band: 827 Abbildungen (455 Seiten) Quartformat. 
Preis in Ganzleinen gebunden M. 30. 



Fast alle Verwaltungsgebiete der deutschen Städte zu Anfang des 20. Jahr- 
hunderts werden hier in lebendiger Darstellung geschildert. Ein Nachschlage- 
werk ersten Ranges für jede Gemeinde und deren Beamte, sowie für Archi- 
tekten, Techniker und Förderer des Gemeindewesens im allgemeinen. 




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Louis Herrmann, K. Hof!., Dresden. Papierkörbe für Anlagen, Promenaden- 
bänke, BaumschUtzer. 

Hess, Landeshypothekenbank, Darmstadt. Bekanntmachung. 

J. Heymanns, Köln a. Rh. Schieferplatten. 



Kunststeinwerk und 



H. Jungclaussen, Frankfurt a. O. Baumschulen. 

Heinrich Knab, Steinfels (Post Parksteinhütten-Bayem), 
baukeramische Fabrik. 

Ant. Kunz, K. K. Hof!., Mähr.-Weisskirchen. Wasserleitungen für Städte 
und Anstalten. 

A. F. Malchow, Leopoldshall-Stassfurt. Dachpappen, Holzcement, Theer- 
producte. 

Hans Reisert G. m. b. H., Köln a. Rh. Feinfiltration grosser Wassermengen. 

A. Siebel, Bauartikel-Fabrik, Düsseldorf-Rath und Metz. Bleiisolierung mit 
Asphahschutzschichten. 

Siemens & Halske Aktiengesellschaft, Berlin SW. Ozon-Anlagen, Wasser- 
messer. 

Josef Scherer, Berlin W. 15. Kirchliche und profane Glasmalerei. 

Carl Schütte, Berlin W., Leipzigerstr. 13. Graphische Kunstanstalt. 

A. Stiefelhagen, Ingenieur und vereid. Geometer, Gera (R.). Vermessungen 
und Studienpläne. 

Heinrich Timm, BerUn N. Dampfwaschmaschinen. 

W. Weiße, Hofl., Kamenz i. Sa. Baumschulen. 

E. Wendt jun., Niesky O.-L. Zeichentische. 



2. Jahrgang 



1905 



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3. Heft 



INHALTSVERZEICHNIS: Neue Bebauungspläne Düsseldorfs. ^Von C. Geusen, Düsseldorf. — Die Großstadt als Städtegründerin. Von A. Abend- 
roth, Hannover (Fortsetzung). — Enteignung und Umlegung. Von Dr. ing. J. Stubben, Berlin-Grunewald. — Chronik. — Briefkasten. 

Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schriftleitung verboten. 

NEUE BEBAUUNGSPLÄNE DÜSSELDORFS*). 

Von C. GEUSEN, Düsseldorf. 



Für die Stadterweiterung Düsseldorfs ist im Jahre 1884 
ein umfangreicher Plan aufgestellt worden (s. Tafel 17), der bei 
einer bebauungsfähigen Fläche von 2400 ha und unter An- 
nahme einer durchschnittlichen Wohndichte von 250 Seelen 
aui das Hektar für eine Bevölkerung von 600000 Seelen 
ausreicht. Die Bevölkerung der Stadt beträgt jetzt 240 000 
Seelen, die Bevölkerungsdichtigkeit etwa 244 Seelen auf das 
Hektar. Wenn die Bevölkerungszahl die Höhe von 
600000 in absehbarer Zeit auch nicht erreichen wird, er- 
schien es doch richtig, die Grenze des Planes so weit zu 
stecken. Die beiden früheren Bebauungs- und Stadterwei- 
terungspläne des vorigen Jahrhunderts aus den Jahren 1831 
und 1854 (auf Tafel 17 punktiert und strichpunktiert), durch 
die eine bebauungsfähige Fläche von 99 und 376 ha geschaffen 
wurde, hatten sich schon kurz nach ihrer Fertigstellung 
als zu wenig umfangreich erwiesen; insbesondere in den 
auf die Feststellung des Planes vom Jahre 1854 folgenden 
Jahren und Jahrzehnten wuchs die Stadt rasch über die 
Grenze dieses Planes hinaus und eine Reihe neuer Straßen 
und Stadtviertel entstanden damals ohne einheitlichen Er- 
weiterungsplan. Die Außenorte Flingern im Osten, Ober- 
bilk im Südosten, Unterbilk im Süden entwickelten sich 
sehr schnell und es lag die Gefahr nahe, daß bei nicht 
rechtzeitiger Aufstellung eines diese Vororte umfassenden 
Planes sich für Verkehr und Bebauung mißliche Zustände 
in der Nähe dieser Außengemeinden ausbilden würden. 
Das Straßen- und Fluchtliniengesetz vom Jahre 1875 gab 
sodann den äußeren Anlaß zur Aufstellung des Stadt- 
erweiterungsplanes, während die Ende der siebziger und 
Anfang der achtziger Jahre in Aussicht genommene Um- 



gestaltung der Eisenbahnanlagen in und bei Düsseldorf das 
Gewicht der für die Aufstellung eines umfassenden Planes 
sprechenden Gründe verstärkte. 

Die Stadt Düsseldorf zeigt eine von der Entwicklung 
anderer früherer Festungsstädte abweichende Entwick- 
lung; während solche Städte sich in der Regel konzentrisch 
im Anschluß an die früheren Festungswerke weiter aus- 
bauten, entstanden in Düsseldorf neue Stadtviertel ohne 
organischen Zusammenhang mit der früher von Festungs- 
werken umgebenen Stadt, die in ihrem ungefähren Um- 
fange durch die auf Tafel 17 punktierte Linie angedeutet 
ist. Diese gewissermaßen unorganische Entwicklung 
Düsseldorfs hat wohl ihren Grund darin, daß außer der 
Landstraße von Osten, aus dem bergischen Land, keine 
Landstraße von Bedeutung in das Herz der Stadt führte. 
Die große St-aße von Süden (Köln) nach Norden (Holland), 
die auf Tafel 17 schraffiert ist, lief in einer Entfernung von 
fast 1 km an der Stadt vorbei. Es kam daher in Düssel- 
dorf nicht zu der an solchen Landstraßen strahlenförmig 
nach außen fortschreitenden, später auf die Sektoren über- 
greifenden Bebauung, deren Abschluß durch weitere, den 
Festungswerken parallele Ringstraßen sich als natürliche 
Begrenzung der neu entstandenen Zonen ergibt. Die Rand- 
straßenzüge der beiden Stadterweiterungen aus den Jahren 
1831 und 1854 sind jetzt zu Durchgangsstraßen für die er- 
weiterte Stadt geworden und der Stadterweiterungsplan 
vom Jahre 1884 mußte zugleich die Lösung für eine bessere 



*) Mit teilweiser Benutzung eines Aufsatzes des Verfassers in dem 
Buche „Düsseldorf und seine Bauten". 



29 



DER STÄDTEBAU 



Verbindung der verschiedenen, ohne rechten Zusammen- 
hang entstandenen Stadtviertel geben, um eine organische 
Weiterentwicklung der Stadt zu ermöglichen. 

Auf Grund dieses allgemeinen Planes sind in der 
Folge für die einzelnen der Bebauung zu erschließenden 
Flächen besondere Bebauungspläne aufgestellt worden, bei 
denen indessen nur die Grundzüge und Grundgedanken 
des Planes beibehalten worden sind. Beibehalten sind 
insbesondere, wenn auch mit teilweiser Abänderung in der 
Führung, die beiden großen Ringstraßenzüge des Planes. 
Bei der Bearbeitung dieser Einzelpläne ist man nun, aller- 
dings nach dem Vorbilde des Gesamtplanes, in einen den 
Fehlern der früheren Bebauungspläne entgegengesetzten 
Fehler verfallen. Hat man bei diesen zu wenig für eine 
gute Verbindung der einzelnen Stadtteile gesorgt und die 
Forderungen des Verkehrs zu wenig berücksichtigt, so 
kann man bei dem Plane vom Jahre 1884 und den auf 
seiner Grundlage aufgestellten einzelnen Bebauungsplänen 
eine etwas zu einseitige Bevorzugung der Verkehrsrück- 
sichten feststellen. Die Folge hiervon ist eine für das 
werdende Stadtbild und für die Bebauung nicht immer 
günstige Gestsdtung der Pläne. Die einseitige Bevorzugung 
vermeintlicher Verkehrsinteressen hat zur Einlegung zahl- 
reicher diagonaler Straßenzüge geführt, die viele, oft den 
Schnittpunkt von fünf oder mehr Straßen bildende Knoten- 
punkte entstehen ließ und in vielen Fällen eine schlechte 
Lage und mangelhafte Gestalt der öffentlichen Plätze zur 
Folge hatte. Eine Reihe dieser Schrägstraßen kann aber 
unbeschadet der Verkehrsanforderungen fortfallen, wie die 
Entwicklung der Stadt gezeigt hat. Damit verschwinden, 
außer den vorhin genannten, auch die sonstigen Nachteile, 
die mit der Anlage dieser, die übrigen Straßen oft unter 
spitzen Winkeln schneidenden Schrägstraßen verbunden 
sind. Dies sind einmal die an den Schnittpunkten ent- 
stehenden großen leeren Räume, die den Genuß des Stadt- 
bildes verkümmern und die Raumwirkung der Bebauung 
beeinträchtigen, sodann die zahlreichen spitzwinkligen 
Baustellen, die bei den leider oft vorkommenden un- 
geschickten Grundrißlösungen, wo der von der Bebauung 
frei bleibende Platz der Baustelle an die eine, oft an beide 
Straßen stößt, ein Mißstand für die Bebauung bilden. 

Diese Erwägungen haben Anlaß gegeben, die be- 
stehenden Bebauungspläne umzuarbeiten. Diagonale 
Straßenzüge sollten dabei nur soweit angeordnet werden, 
als sie der Verkehr in Zukunft verlangen wird ; und zwar 
nur der durchgehende, von außen in die innere Stadt 
ziehende und der zwischen Verkehrsmittelpunkten und 
den einzelnen Stadtvierteln entstehende Verkehr, während 
es nicht als nötig erachtet wurde, daß jedes Fuhrwerk und 
jeder Fußgänger in jede Straße auf einem der Luftlinie 
möglichst gleichen Wege gelangt. Weiter sollte die Ge- 
stalt und Lage der öffentlichen Plätze nicht von der Zu- 
fälligkeit der Straßenkreuzungen abhängig gemacht und 
die Plätze sollten nicht Erweiterungen dieser Knotenpunkte 
werden, sie sollten vielmehr selbständige Raumgebilde im 
Stadtplane sein, was sie in früheren Zeiten stets gewesen 
sind und sein müssen, wenn der mit der Anlage von Plätzen 
erstrebte Zweck erreicht werden soll: Ruhepunkte im 
großstädtischen Verkehr zu bilden und Gelegenheit zur 
Aufstellung monumentaler Bauten zu geb-^n. Richtig lie- 
gende und ausgebildete Plätze finden sich aus früheren 
Zeiten auch in Düsseldorf; Beispiele geben die in Abb. 1 



Abb. I. 




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und 2 im Text dargestellten Plätze: der Marktplatz aus 
älterer Zeit und der Königsplatz aus den dreißiger Jahren 
des vorigen Jahrhunderts. 

Die Doppeltafeln 18 19, 20/21 und 22/23 zeigen die bis- 
her geltenden und die neu aufgestellten Bebauungspläne 
für einzelne Stadtviertel nebeneinander. Bevor die Pläne 
im einzelnen besprochen werden, möge noch über einige 
ihnen gemeinsame Eigenschaften das folgende Platz finden. 

Die für den Verkehr nötigen Schrägstraßen sind in 
den neuen Plänen vorgesehen, wenn es auch nicht immer 
für nötig gehalten wurde, sie in gerader Linie zu führen. 
Bestehende Wege sind, soweit es möglich war und nütz- 
lich schien, für die neuen Straßen beibehalten, die Gewann- 
und Eigentumsgrenzen in möglichst großem Umfange zu 
den Straßenzügen benutzt worden. Die Straßenkreuzungen 
sind, wo es nur irgend angängig erschien, auf den Schnitt 



Abb. 2. 




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30 



DER STÄDTEBAU 



zweier Straßen beschränkt worden, die freien Plätze so 
angeordnet, daß sie von Verkehrsstraßen nicht durch- 
schnitten werden, sondern seitwärts dieser Straßen liegen 
und möglichst wenig Lücken in den sie einschließenden 
Fronten zeigen. Spitzwinkelige Straßenkreuzungen sind 
vielfach durch gekrümmte Führung der Straßen vermieden, 
die sonst häufig verwendete gekrümmte Linie für die 
Straßenführungen ergab sich in vielen Fällen als natür- 
liche Folge der Benutzung vorhandener Wege. 

Sämtliche Straßen in den neuen Plänen, mit Ausnahme 
derjenigen, die später mit Geschäftshäusern bebaut werden, 
haben Vorgärten von mindestens 5 m Tiefe erhalten. Die 
Straßen ohne Vorgärten sind so breit angenommen, daß 
sie Mittelpromenade erhalten können. Der Nutzen der 
Vorgärten in hygienischer und ästhetischer Hinsicht braucht 
hier nicht des weiteren erörtert zu werden; man könnte 
gegen deren Anlage einwenden, daß sie da, wo sie nach 
der Bauordnung nicht als frei bleibende Fläche der Bau- 
stelle gerechnet werden, das Bauen verteuern, und daß sie 
besonders bei Miethäusern schlecht gepflegt werden. Das 
erste Bedenken kann man aber ohne weiteres dadurch 
ausräumen, daß man die Vorgärten auf eine gewisse Länge 
der Hausfront und bis zu einer gewissen Tiefe bebauen 
läßt und diese Bebauung nicht zur bebauten Fläche der 
Baustelle rechnet; es wird nicht als Mißstand anzusehen 
sein, wenn später, sofern aus Verkehrsrücksichten die 
Vorgärten fallen müssen und ihre Fläche zum Bürgersteig 
gezogen wird, einzelne Teile der Häuser in den Bürgersteig 
ragen. Das zweite Bedenken kann bei der großen Bedeutung 
der Vorgärten unbedenklich dadurch beseitigt werden, daß 
polizeilicher Zwang zu ihrer Instandhaltung angeordnet wird. 

Einer der Hauptvorzüge der Vorgärten ist der, daß man 
mit der Breite der eigentlichen Straße auf das geringste 
Maß herabgehen kann, das der Verkehr noch verlangt. 
Bei der Feststellung der Straßenbreiten in den neuen 
Plänen ist nun eine sorgfältigere Individualisierung vor- 
genommen worden, nach der Richtung hin, daß Straßen 
ohne durchgehenden V^erkehr, also reine Wohnstraßen, 
Straßen mit geringem durchgehenden Verkehr und Straßen 
mit großem durchgehenden Verkehr unterschieden wurden. 
Für Straßen, die nur Wohnzwecken dienen, ist eine Fahr- 
bahnbreite von 5 m, bei der noch zwei Fuhrwerke anein- 
ander vorbeifahren können, als ausreichend angenommen 
worden. Macht man die Summe der Bürgersteigbreiten 
gleich der Breite der Fahrbahn, so ergibt sich eine Ge- 
samtbreite von 10 m, zwischen den Straßenfluchtlinien, die 
für reine Wohnstraßen gewählt worden ist. Bei 5 m tiefen 
Vorgärten ergibt sich also ein Gesamtabstand der Bau- 
fluchtlinien von 20 m. In den Stadtvierteln, für welche die 
neuen Bebauungspläne gelten, dürfen nur Häuser mit zwei 
Obergeschossen gebaut werden, so daß eine mißständige 
große Höhe der Häuser nicht zu befürchten ist. 

Man könnte für reine Wohnstraßen mit den Maßen 
noch weiter heruntergehen. Eine Breite von 9 m zwischen 
den Straßenfluchtlinien (5 m Fahrbahn, je 2 m Bürgersteige) 
genügen auch, und wenn man die Vorgärten nicht bebauen 
läßt, genügt bei solchen Straßen eine Tiefe von 3 m für 
die Vorgärten. Man gelangt so zu einer Gesamtbreite von 
15 m zwischen den Baufluchtlinien. Für weitere Teilungs- 
straßen in den größeren Baublöcken dürfte dieses Maß ge- 
nügen, für die jetzt festzustellenden Straßen schienen die 
etwas größeren Maße erwünscht. 



Die Straßen mit geringem durchgehenden Verkehr 
haben eine Breite von 15 m zwischen den Straßenflucht- 
linien erhalten, die auch wieder je zur Hälfte auf die Fahr- 
bahn, und die beiden Bürgersteige verteilt sind. Straßen 
mit großem durchgehenden Verkehr haben eine Breite 
von mindestens 20 m erhalten: 10 m Fahrbahn, je 5 m 
Bürgersteige. 

Die neu aufgestellten Bebauungspläne zeigen von den 
herkömmlichen erhebliche Abweichungen; besonders die 
früher so beliebten, regelmäßigen, symmetrischen Platzfiguren 
sind ganz verschwunden. Die Regelmäßigkeit und Sym- 
metrie dieser Figuren kam aber gewöhnlich nur auf dem 
Papier zur Geltung, sie sind mit ihren vielen spitzen Ecken 
und Baublöcken für die Bebauung störend, sie gewähren 
keinen Genuß beim Aufenthalt und erschweren die Orien- 
tierung. Man wird nicht behaupten können, daß Platzaus- 
gestaltungen, wie beispielsweise die vor dem Oberbilker 
Friedhof (Tafel 17), sich bei der Ausarbeitung des Planes 
als notwendige und natürliche ergeben haben. 

Zu den Plänen ist im einzelnen noch das Folgende 
zu bemerken: 

Das durch den Plan (Tafel 18 19) zu erschließende 
Gebiet soll ruhiges Wohnviertel werden, wie dies die im 
Nordosten jenseits der Jan-Wellem- (äußere Ring-) Straße 
und im Südwesten angrenzenden Stadtviertel ebenfalls 
sind. Der für das Gebiet bestehende Fluchtlinienplan trug 
mit seinen zahlreichen Schrägstraßen und ungünstigen 
Platzanlagen dieser Forderung zu wenig Rechnung, die 
Abänderung erschien daher geboten. Die das Gebiet im 
Süden begrenzende Grafenberger Allee ist die vom Bergi- 
schen Land in die Stadt ziehende Landstraße mit großem 
Verkehr, die nördliche Grenzstraße, die Graf-Reckestraße 
ist eine in neuester Zeit angelegte Straße, die hauptsäch- 
lich dem Verkehre zum Stadtwald dienen soll, einen 
größern durchgehenden Lastfuhrwerksverkehr aber nicht 
erhalten wiid. Eine Verbindung dieser beiden Randstraßen 
durch Schrägstraßen ist daher für den Verkehr nicht un- 
bedingt nötig, sie ist aber durch die in gekrümmter Linie 
geführte Hans-Sachsstraße geschaffen. In größerem Um- 
fange ist in dem neuen Stadtviertel, wie in einem nord- 
östlich angrenzenden bereits geschehen, die offene Bau- 
weise vorgeschrieben, und zwar ist bei der Bestimmung 
der Fronten, die offen bebaut werden sollen, der Grund- 
satz festgehalten worden, daß nur an solchen Fronten die 
offene Bebauung gewählt wird, die Vorgärten haben, und 
daß, wenn ein Baublock an einer Seite geschlossen bebaut ist, 
auch die gegenüber liegende Seite geschlossen bebaut 
werden soll, damit man nicht durch die Lücken der einen 
Seite die Hinterhäuser der anderen Seite sieht. Nur bei 
tiefen Blocks, die voraussichtlich später noch durch wei- 
tere Straßen geteilt werden, ist dieser Grundsatz verlassen 
worden. 

Der im Südosten des Geländes liegende Baublock ist 
noch mit einer Anzahl von Fabriken besetzt und soll erst 
nach Verlegung dieser in den Bebauungsplan einbezogen 
werden. Der an der Grafenberger Allee zwischen Hans- 
Sachs- und Sohnstraße liegende Block bildet einen großen 
Privatpark, der in absehbarer Zeit nicht bebaut werden 
wird. 

Entsprechend der voraussichtlich eintretenden vorneh- 
men Bebauung des ganzen Viertels sind die Straßenbreiten 
und Vorgartentiefen zum Teil etwas größer gewählt worden, 



31 



DER STÄDTEBAU 



als bei den beiden anderen Plänen. Von diesen ist der 
auf Tafel 20 21 dsirgestellte für das im Norden der Stadt 
liegende, von der Landstraße nach Duisburg (Kaiserwerther- 
Straße) durchzogene und vom Rhein und der zum Nord- 
friedhofe ziehenden Roßstraße begrenzte Gebiet bestimmt. 
Der bestehende Plan enthält eine Reihe diagonaler Straßen- 
züge, die für den Verkehr nicht nötig sind, deren Anord- 
nung aber eine Anzahl schlecht gestalteter freier Plätze 
und spitzwinkliger Baublöcke zur Folge hatte. Die Haupt- 
diagonale mußte allerdings beibehalten werden, da sie 
für einen großen Stadtteil die Zugangsstraße zum Nord- 
friedhofe bildet, auch konnte die gerade Richtung der 
Straße nicht gut geändert werden; diese gerade Richtung 
ist auch nicht ohne Reiz, da die Achse der Straße auf die 
Kuppel des im Ausstellungsgelände neu erbauten Kunst- 
palastes gerichtet ist. Um die Straße jedoch etwas ab- 
wechslungsreicher zu gestalten, ist für ihre verschiedenen 
Teile ein abwechselndes Profil gewählt worden. Die neue 
große Straße am W^estrande des Gebiets wird in Zukunft 
Hophuferstraße am Rhein werden in der Fortsetzung der 
in den letzten Jahren vor der Altstadt hergestellten neuen 
Kaistraße. Die zum Teil zu großen Baublöcke sollen 
noch durch weitere schmale Straßen, deren Lage von den 
Grundstücksbesitzern vorgeschlagen werden soll, in kleinere 
Baublöcke geteilt werden. 

Die Abänderung des auf Tafel 22/23 dargestellten beste- 
henden Planes wurde nötig, weil zu dem im Bau befind- 
lichen städtischen Krankenhause eine neue Straße von dem 
Stadtbezirk Oberbilk her geschaffen werden mußte. Auch 
machte die an der Werstener Straße auf einem der Kirchen- 
gemeinde geschenkten Grundstücke neu geplante Kirche 
eine Abänderung des Planes erwünscht, die die Kirche in 
bessere Beziehungen zum Straßennetz brachte. Die Ver- 
bindungsstraße von Oberbilk ist auch hier in gerader 
Richtung auf das Verwaltungsgebäude des Krankenhauses 
zu geführt worden. Das Profil des Straße ist abwechselnd 
gestcdtet, in ihrem mittleren Teil hat sie die beliebte linsen- 
förmige Ausbildung erhalten. Die neue Kirche ist in Be- 
ziehung zu drei Straßen gebracht, trotzdem steht sie seit- 



wärts des Hauptverkehrs und wirkt, da an ihrer Nordseite 
nur eine schmale Straße liegt, an der die Wohnhäuser für 
die Geistlichen gebaut werden sollen, als angebaut. Diese 
Straße auf der Nordseite der Kirche wird in Zukunft etwas 
breiter werden und Vorgärten erhalten können, wenn die 
Kirchengemeinde die nördlich der alten Fruchtstraße lie- 
genden Grundstücke erworben hat, was beabsichtigt ist. 

Der auf Tafel 18 19 dargestellte neue Bebauungsplan 
ist bereits förmlich festgestellt und die Offenlegung einer 
Reihe von Straßen in diesem Gebiet ist in Kürze zu er- 
warten. Die neuen Pläne auf Tafel 20 '21 und 22/23 be- 
finden sich noch im Feststellungsverfahren; die gegen sie 
erhobenen Einsprüche beziehen sich jedoch nur auf Ein- 
zelheiten, deren Abänderung den Gesamtcharakter der 
Pläne nicht ändern wird. 

Die neuen Pläne mögen nicht allen Anforderungen der 
neuern Grundsätze über den Städtebau genügen; wer in- 
dessen in der Praxis des Städtebaus steht, wird häufig die 
Erfahrung gemacht haben, daß gerade bei Aufstellung von 
Bebauungsplänen sich das Wort bewahrheitet: ,,Doch hart 
im Räume stoßen sich die Dinge". Ein Bebauungsplan 
kann stets nur das Ergebnis eines Kompromisses zwischen 
den Anforderungen des Verkehrs, der Bebauung, der 
Ästhetik und der Wirtschaftlichkeit sein. Sicherlich würde 
die Bearbeitung interessanter und die Lösung eigen- 
artiger und befriedigender sein, wenn bei Aufstellung des 
Plans die Plätze für öffentliche Gebäude und anderer her- 
vorragender Baulichkeiten und die ungefähre Ausgestaltung 
dieser Bauten bekannt wäre; dies ist indessen nur aus- 
nahmsweise der Fall. Besonders die Bauplätze für Kirchen, 
die häufig den neu zu bildenden Kirchengemeinden ge- 
schenkt werden, sind vorher nie zu bestimmen. Nur 
selten ist es daher möglich, die Kirchenbauten in ange- 
messene Beziehungen zu den Straßen zu bringen, wie es 
in einem der neuen Pläne gelungen ist. Trotz etwaiger 
Einwürfe gegen die Gestaltung der neuen Pläne wird man 
indessen zugeben müssen, daß sie für die Bebauung zweck- 
mäßiger sind und ein besseres Städtebild ergeben, als die 
bestehenden Pläne. 



DIE GROSSSTADT ALS STADTEGRÜNDERIN. 



Von A. ABENDROTH, Hannover. 



(Fortsetzung aus Heft 2). 



Soll also der rein landwirtschaftliche Wert möglichst 
lange erhalten bleiben, so hat die Stadt oder die sonst in 
Frage kommende Gemeinde die Pflicht, die Festsetzung 
von Bebauungsplänen für diese „unerschlossenen" Gebiete 
möglichst lange hintenan zu halten, denn weder der Privat- 
mann, noch irgend eine sonst beteiligte Behörde kann gegen 
den Willen der Gemeinde Straßen planen und festsetzen, 
es sei denn, daß Kleinbahnen und dergleichen angelegt 
werden, an die aber kein Mensch mitten im weiten Felde, 
fern von menschlichen Wohn- und Arbeitsstätten, denken 
wird. 

Eine Eigentümlichkeit für diese unerschlossenen Gebiete 
ist es fast immer, daß sie einen geringen landwirtschaft- 
lichen Ertragswert haben; denn wo der Boden sehr er- 
giebig ist, haben sich die Menschen von altersher dichter 
beieinander angesiedelt, namentlich in der Nähe der Städte, 



wo Garten- und Gemüsebau weit lohnender sind, als bloße 
Landwirtschaft. Aus diesem Grunde werden auch die 
Eigentümer der entlegenen Ländereien vor allen anderen 
geneigt sein, ihren Besitz billig zu veräußern, denn er 
macht ihnen mehr Arbeit, als er Gewinn bringt. Der Er- 
trag solcher Flächen übersteigt nur selten einen Kapital- 
wert von 500-600 Mark für den Morgen, und wenn die 
benachbarte Stadt mit Rücksicht auf die Zwecke, die 
sie mit dem Lande verfolgt, höchstens die Hälfte dieses 
Wertes mehr bietet und die Kaufsummen bar auszahlt, 
kann sie immer leicht große, zusammenhängende Flächen 
erwerben und diese nach und nach zu ganzen Gemarkun- 
gen abrunden. Eine billige Verzinsung bleibt ihr dadurch 
gesichert, daß die bäuerlichen Vorbesitzer ihr ehemaliges 
Land gern gegen eine mittlere Pacht zurücknehmen. Ist 
es doch jetzt erst wirklich einträglich für sie geworden! 



32 



DER STÄDTEBAU 



Jede Stadt wird also in Anbetracht der eben geschil- 
derten Verhältnisse in erster Linie die Pflicht haben, dort, 
wo weit zusammenhängende landwirtschaftliche Gebiete in 
ihrer Gemarkung oder an ihrer Weichbildgrenze liegen, 
die wenig ertragsfähig sind, die Erschließung als Bauland 
so lange wie möglich fernzuhalten, und zweitens wird sie 
auf das eifrigste bemüht sein müssen, die Ländereien so 
rechtzeitig und so billig wie möglich zu erwerben. Dabei 
wird nur wenig auf die Bodengüte Rücksicht genommen 
zu werden brauchen, ja vielmehr überall da, wo die Ge- 
legenheit gegeben ist, landwirtschaftlich schlechtes Land 
für ein Geringes zu erstehen, da sollte die Stadt immer die 
erste sein, die sich dieses Landes annimmt, ganz beson- 
ders aber dann, wenn die Möglichkeit vorliegt, durch An- 
lage einer Wasserstraße an einen nicht zu entfernten 
Schiffahrtsweg heranzukommen. Und es ist auch gar nicht 
nötig, daß das zu erwerbende Land möglichst nahe an die 
schon vorhandenen Vorstädte angrenze; das ist für den 
vorliegenden Zweck nebensächlich, vielmehr ist es aus- 
schließlich Hauptsache, recht viel zusammenhängendes 
Gelände zu einem recht billigen Preise aufzubringen, 
namentlich dann, wenn es in der Nähe eines größeren 
fließenden Wassers und nicht zu weit von einer Bahn- 
strecke liegt. Für eine möglichst kurze Straßenverbindung 
des Geländes mit der nächsten Land- oder sonstigen Ver- 
kehrsstraße muß selbstverständlich rechtzeitig, wenn nötig 
durch Planfestsetzung, Sorge getragen werden. Die Ge- 
meinden müßten also in ihren entlegenen Außenbereichen 
gerade den umgekehrten Grundsatz verfolgen, als sie bisher 
getan haben. Für die ganz großen Städte ist das heutzutage 
schon beinahe unmöglich, denn sie haben es fast alle außer- 
ordentlich eilig gehabt, auch den entlegensten Winkel ihrer 
Feldmark mit Fluchtlinien zu versehen. Sie wollen wir 
weiter unten besonders behandeln und zunächst nur alle 
die Städte ins Auge fassen, die sich mit ihren Bebauungs- 
plänen nicht überstürzt haben und noch große „uner- 
schlossene" Gebietsteile oder unerschlossene Nachbar- 
schaftsgemarkungen haben. 

Ist es der Stadtverwaltung nach jahrelangem, zielbe- 
wußtem Streben gelungen, in geeigneter Lage ein paar 
hundert Hektar billigen Acker- oder auch nur Öd- und 
Unlandes zu erwerben, so kann sie an die Nutzbarmachung 
dieses Landes gehen zu gunsten der Industrie und zu gunsten 
einer praktischen Wohnungsreform. Wenn ein paar gering- 
fügiger Flächen fremden Landes dazwischen liegen, so 
macht das wenig aus, denn der Preis dieses Landes wird 
nicht wie bei Bebauungsplänen in die Höhe getrieben, 
sondern eher gedrückt, wenn seitens der Stadt der nach- 
folgende Weg eingeschlagen und festgehalten wird. Ich 
habe bereits in meiner Abhandlung „Bauland und Miete" 
unter D. III darzutun versucht, wie wichtig es für die 
Beschaffung billiger Wohnungen- und Industrieviertel ist, 
wenn die Stadt in ihren entlegenen Gemarkungsteilen nicht 
Bebauungspläne festsetzt, sondern von der durch das 
preußische Ansiedlungsgesetz gegebenen Möglichkeit 
Gebrauch macht. Das ist der Kernpunkt der ganzen 
Sache: es müssen nicht neue Stadtteile der Groß- 
stadt, sondern völlig in sich abgeschlossene neue 
Ansiedlungen, Kolonien, „Filialen" der Großstadt 
geschaffen werden, auf einem Grund und Boden, der 
unveräußerliches Eigentum der ansiedelnden Groß- 
stadt bleibt, und nach all den Gesichtspunkten, die 



bei der Neuanlage eines Ortes zu beachten sind.*) 
In dem letzten Punkte setzt die bisherige Tätigkeit der 
Gartenstadt-Gesellschaften anregend und fruchtbringend ein. 
Sowohl Fritsch wie Ebenezer Howard haben 
schematisch Pläne (vergl. Textbild, Fig. 13 aus Fritschs 
,, Stadt der Zukunft" Seite 25) für die von ihnen „Gartenstädte" 




genannten genossenschaftlichen Ansiedlungen ent- 
worfen, die das gemeinsam haben, daß bei ihnen von 
innen nach außen ein allmähliches Uebergehen aus der 
Stadt in landwirtschaftliche Betriebe vorgesehen ist, ähn- 
lich, wie man ja diese Erscheinung bei allen sich langsam 
entwickelnden Großstadtteilen und Vororten beobachten 
kann. 

Die Gartenstadt will allgemein folgenden Aufbau fest- 
halten: 

I. In der Mitte einen Platz, der Raum gibt für den 
allmählichen Anbau aller zur Verwaltung und kulturellen 
Entwickelung der Ansiedelung notwendigen öffentlichen 
Gebäude, 

II. Um diesen Platz eine Ringzone vornehmer 
Villen, 

III. Dann eine zweite Ringzone besserer Wohn- 
häuser, 

IV. Hiernach Wohn- und Geschäftshäuser und 
V. Kleinere Werkstätten und Arbeiterwohnungen, 

VI. An einem gemeinsamen Ringkanale und an ge- 
meinsamer Ringbahn Fabriken, Lager- und Bauhöfe 
und schließlich, allmählich ins platte Land übergehend, 
Gärtnereien, Friedhöfe, Mietgärten und Sommerwoh- 
nungen, Ackerbürgeransiedelungen und dergleichen. 

Auf die einzelnen Teile werden dann Schulen, Markt- 
hallen, Postannahmestellen, kleine Ladestellen für Eisen- 
bahn- und Schiffahrtsanschluß usw. zweckensprechend ver- 
teilt. Im großen und ganzen ähnelt also der Plan der neuen 
Ansiedlungen derjenigen Gestalt, welche die Großstädte 
durch jahrhundertelange Entwicklung allmählich ange- 
nommen hahen, nur daß man bei den Gartenstädten von 
vornherein die Platzverteilung so vornehmen will, wie sie 
die Entwicklungsgeschichte der Städte als zweckmäßig 



*) Anmerkung. Erst nach Ablieferung dieser Arbeit an die Schrift- 
leitung kam mir die Hercher'sche Arbeit „Großstadterweiterungen" 
zu Gesicht, die ja auch die Schaffung neuer Verkehrszentren an Stelle der 
bisherigen Schablonenerweiterungen vorschlägt. 



33 



DER STÄDTEBAU 



nachgewiesen hat, und daß die wirtschaftlich so tief ein- 
schneidenden Folgen der natürlichen Stadtentwicklung, 
nämlich die Bodenspekulation und das ziellose Hoch- 
schrauben der Boden- und Mietpreise, unmöglich gemacht 
werden sollen. Daß dieses Ziel wirklich erreichbar ist, 
will ich weiter unten nachzuweisen versuchen. Zunächst 
soll hier die technische Möglichkeit solcher An- 
siedlungsweise behandelt werden. 

* 

Will man das Ziel erreichen, zunächst der aus der 
Großstadt fliehenden Industrie zweckentsprechendes An- 
siedlungsgebiet anzuweisen und dabei zu gleicher Zeit 
neue Wohnstätten für Beamte und Arbeiter zu errichten, 
so ist es selbstverständlich, daß alle Grundbedingungen 
gegeben sein müssen, die zunächst für diese beiden Zwecke 
unerläßlich sind. Es muß also vor allen Dingen die Möglich- 
keit vorhanden sein, jedes einzelne Fabrikgrundstück an eine 
normalspurige Bahn oder einen ausreichend bemessenen 
Schiffahrtskanal anzuschließen. Liegt in der Nähe keine 
Bahn, so wird dennoch die Stadt in der Lage sein, einen 
Kleinbahnanschluß mit Normalgleisen an die entlegenere 
Hauptstrecke herzustellen, dessen Anlagekosten sich, wenn 
auch erst allmählich, verzinsen und tilgen. Dieser Bahn- 
anschluß wird zweckmäßig die Gestalt einer großen 
Schleife haben müssen, an deren Schleifenring entlang die 
Fabrikgrundstücke zu entwerfen sind. 

Ähnlich wird es sich mit dem Wasseranschlüsse ver- 
halten. Hierbei ist es unter Umständen gar nicht einmal 
nötig, daß der für die neue Ansiedlung vorgesehene Ring- 
kanal von vornherein für den Fernverkehr nutzbar gemacht 
wird, sondern es wird vielmehr dort, wo das Gelände 
allgemein sehr niedrig liegt und einer umfassenden Melio- 
ration bedarf, empfehlenswert sein, zugleich mit der An- 
lage der Straßen des Ansiedlungsplanes, soweit sie zu- 
nächst notwendig sind, den Ringkanal mit seinen Stich- 
kanälen und einen gemeinschaftlichen größeren Lösch- 
und Ladehafen auszuheben und mit einem für die Zufuhr 
frischen Wassers ausreichenden Zu- und Abfluß zu ver- 
sehen, damit mit dem gewonnenen Erdboden eine allge- 
meine Aufhöhung des Geländes, der Straßen und der Bahn 
und eine zweckmäßige Entwässerung beider möglich wird. 
Auch wird das geschaffene fließende Wasser für eine ganze 
Reihe industrieller Betriebe schon dann wesentliche Vor- 
teile bieten, wenn, wie gesagt, der Fernschiffahrtsverkehr 
vorderhand noch nicht erreichbar ist. 

Als ganz selbstverständlich braucht wohl kaum noch 
hervorgehoben zu werden, daß sich die Anlage dieser 
beiden Lebensadern der Ansiedlung ganz den gegebenen 
Verhältnissen anpassen muß. Eine Schematisierung muß 
ebenso selbstverständlich ausgeschlossen sein, wenn auch 
im allgemeinen der Grundgedanke der Ringbahn und des 
Ringkanales allenthalben in mehr oder weniger vollkom- 
menen Weise, je nach praktischer Durchführbarkeit, festzu- 
halten sein wird. Die Lage dieser beiden Anschlußwege der 
Industrie an die Außenwelt und das Vorhandensein be- 
sonderer Geländeeigentümlichkeiten an dem einen oder 
anderen Punkte des Ansiedlungsgebietes sind bestimmend 
für die Anordnung des ganzen übrigen Siedlungsplanes. — 

Die erste englische Gartenstadt (vergl. Tafel 16, Heft 2) 
hat auch nicht einfach die Schablone Fritschs oder Eben- 
ezer Howards übernommen, sondern sich den gegebenen 
Verhältnissen angepaßt. Hier liegen die Fabrikgrund- 



stücke, die Werkstätten und Arbeiterwohnungen, sowie 
die großen Lagerplätze im Osten an einem großen Güter- 
bahnhof, während sich die eigentliche Gartenstadt von 
dem im Mittelpunkte des Westfeldes belegenen Zentrum 
aus sowohl nach dem Fabrikviertel zu wie nach dem 
übrigen Gemarkungsteilen in der früher aufgezählten 
Zonenfolge aufrollt. Zwischen dem Fabrikviertel und der 
eigentlichen Stadt befindet sich eine lang gestreckte Grün- 
anlage mit Teichen und fließendem Wasser, der die großen 
Industriebetriebe anstelle des von Howard vorgeschlagenen 
breiten Straßengürtels (Große Avenue) von der Gartenstadt 
trennt. — 

Sobald nun mehrere Großbetriebe an den Anschluß- 
wegen angesiedelt sind, muß rechtzeitig darauf geachtet 
werden, die Unterbringung der nun gewöhnlich schnell 
nachziehenden Beamten, Arbeiter und Kleinbetriebe in den 
von vornherein für sie vorgesehenen Planvierteln durch- 
zusetzen, damit nicht Erscheinungen auftreten, die imstande 
sind, das geschlossene Bild vor seiner Fertigstellung un- 
heilbar zu zerreißen. Wenn die einzelnen Ansiedlungen 
nicht zu umfangreich bemessen werden und wenn eine 
möglichst ringförmige Anordnung der das Leben der An- 
siedlung bedingenden Großbetriebe befolgt wird, so wird 
der Wohnkern der geplanten Kolonie sich schnell ver- 
dichten und bald dem Planbilde näher kommen. Dabei 
braucht man für diese eigentliche Stadt innerhalb des 
Industrieringes gar keine großen Aufwendungen an 
Straßen- und Ent- und Bewässerungskosten zu machen. 
Denn ebenso wie die ansiedelnde Großstadt es ganz in 
ihrer Hand hat, jeden neu hinzuziehenden Großbetrieb un- 
mittelbar an den vorhergegangenen anzugliedern, ebenso 
braucht sie ja auch nur die zunächst von diesem Industrie- 
gelände aus nach dem zukünftigen Siedlungskerne hin- 
führende Radiale anzulegen und an ihr entlang das An- 
siedlungsprogramm durchzuführen, bis eben eine zweite 
und dritte Radiale notwendig und ein Zonenviertel nach 
dem anderen zwischen diesen Radialen in sich abgeschlossen 
wird. Die einzelnen Radial- und Ringstraßen werden 
also bei dieser Stadtanlage nicht von dem Stadt- 
innern nach außen hin, sondern genau umgekehrt 
angelegt und besiedelt. 

Sobald eine solche Ansiedlung das der Stadt zur Verfü- 
gung stehende Gemeindeland und denvonvornherein darnach 
aufzustellenden Plan angefüllt hat, geht die Verwaltung an 
eine neue Ansiedlung, die sie inzwischen durch Land- 
ankauf vorbereitet hat, und schafft auf diese Weise in ihrem 
Weichbilde oder doch in dessen Nähe einzelne selbständige 
kommunale Lebewesen, die aber alle mit dem großen ge- 
meinsamen Kerne der Mutterstadt wirtschaftlich verbunden 
sind und ihr den Segen ihrer zunehmenden wirtschaft- 
lichen Leistungsfähigkeit in dankbarer Erkenntlichkeit zu 
teil werden lassen. Dabei liegt es ja fast ausschließlich in 
dem Belieben der Mutterstadt, die Ansiedlungen der 
Tochterstädte größer oder kleiner zu machen, ganz 
so, wie sie es für sich und die Ansiedlungen selbst für 
zweckmäßig und vorteilhaft erachtet. 

Wir wollen nun an die finanzielle Betrachtung der 
,, Industriekolonien" gehen, die zwar für die „Garten- 
städte" allgemein schon durch Howard geschehen ist, aber 
für den vorliegenden besonderen Fall doch einer einge- 
henden Behandlung bedarf. 



84 



DER STÄDTEBAU 



Kostet die Erwerbung einer 500 ha großen 
Fläche im Zusammenhange für den preußi- 
schen Morgen oder für rund '1^ ha durch- 
schnittlich 500 Mark, so machen die Er- 
werbskosten dieser rund 2000 Morgen rund 1 000 000 M. 

aus. Hiervon entfallen auf Straßen, Plätze, 
Bahnen und Kanäle etwa 35"/o, welche 
der Bebauung entzogen werden, das sind 350000 ,, 

Nun kann man annehmen, daß die Straßen- 
pflasterungs- und sonstigen Anlagekosten 
für das Quadratmeter Straßen-, Bahn- 
und Kanalfläche usw. rund 5 Mark oder 
für 700 Morgen rund 9000000 Mark be- 
tragen, die aber nicht mit einem Male zur 
Verausgabung gelangen, sondern sich auf 
(angenommen) etwa 20 Jahre verteilen. 
Also kämen für die ersten Anlagekosten 
noch hinzu 450000 ,, 

sodaß von Anfang an insgesamt . . . . '. 1 800 000 M. 

und mit einem Zuschlage für Unvorherge- 
sehenes von 200000 „ 

alles in allem 2000000 M. 

zu verausgaben und dauernd zu verzinsen wären. 

Es sind demnach folgende jährlichen Aufwendungen 

zu machen: 

1) Zinsen der ersten Anlage mit 3,5 v. H. 70000 M. 

2) Tilgung und laufende Verwaltungs- 

kosten dieser Anlagekosten 1 v. H. . 20000 ,, 

3) für die Zeit vom 2. bis 20. Jahre, also 

für 19 Jahre, jedes Jahr an Zinsen 
und Tilgung mehr 450000x4,5%= . 

20250 Mark 20250 ,, 

und 4) für den Betrieb und die Instandhaltung 
der gemeinsamen Anlage jährlich 

rund 19750 » 

das sind zusammen jährlich = 130000 M. 
die also doch wenigstens vom 2. Jahre der Neuanlage ab 
aufzubringen wären. 

Es stehen insgesamt 1300 Morgen zur Verfügung, mit- 
hin hat jeder Morgen Land eine Schuldrate von 
jährlich 100 Mark aufzubringen, in welchen Betrag aber 
die Grundgemeindeabgaben mit eingeschlossen 
sind. Nimmt man an, daß die nutzbare Fläche von 1300 Mor- 
gen von insgesamt 5000 Menschen besiedelt wird, so entfällt 
auf den Kopf dieser Bevölkerung eine jährliche Schuldrate 
130000 



von • 



5000 



oder 26 Mark. 



Aber auch wenn man den ungünstigsten Fall setzt, daß 
wenigstens die Hälfte der mit 9 Millionen Mark veran- 
schlagten Gesamtanlagekosten von Anfang an mit 4,5' „ 
zu verzinsen und zu tilgen ist, daß also anstatt der 
130000 Mark p. a. von vornherein jährlich rund 300000 Mark 
aufzubringen sind, dann kommen immer erst auf den 

Kopf oder 60 Mark jährliche Schuldrate. 

5000 

Es verhält sich nun die Verzinsung und Tilgung des 

eigentlichen Bodenkapitales zu den durchschnittlichen 

jährlichen Gesamtausgaben wie — oder wie iia-a"*.., 

300 000 

mithin betragen die jährlichen Ausgaben für die Ausnützung 

des Bodens und die Instandhaltung der öffentlichen 

Betriebe, also die Grund- usw. Steuern auf den Kopf I 



42 Mark und die eigentliche Bodenrente nur 18 Mark. 
Die letztere verschwindet bei einer Tilgung von rund 
i"/„ in längstens 2 Generationen, also in rund 70 Jah- 
ren, ganz und von den verbleibenden 42 Mark pro 
Kopf würde ungefähr die Hälfte, als Verzinsungs- und 
Amortisationskote der Straßen- usw. Anlagekosten, eben- 
falls in annähernd der gleichen Zeit getilgt sein, so daß 
insgesamt an Bodenrente und Grund- etc. Abgaben nur 
noch 21 Mark für den Kopf übrig bleiben würden. 

Es sei aber angenommen, daß die wegfallende Kote 
von 21 Mark dauernd verbleibe für die Errichtung und In- 
standhaltung aller öffentlichen Anstalten, wie Schulen, Ver- 
waltungsgebäude, für Lehrer und Beamtenbesoldungen usw. 
usw. und daß sie in demselben Maße von Anbeginn an 
allmählich zu der Höhe von 21 Mark anwachse, wie die 
Tilgungsrente der Straßen- usw. Kosten abnehme, so bleibt 
also für jeden Fall eine dauernde Last an Ge- 
meindeabgaben von 42 Mark auf den Kopf, auch 
wenn die eigentliche Bodenrente von 18 Mark endgiltig ge- 
tilgt ist. Man wird dem überhaupt zu leistenden Durch- 
schnitte an Bodenrente und Gemeindeabgaben ziemlich nahe 
kommen, wenn man das Mittel der Anfangskote von 
60 Mark und das der Endkote von 42 Mark als durch- 
gängige Last von 51 Mark auf den Kopf setzt und somit 
eine bleibende Bodenrente von etwa 10 Mark für 
den Kopf der Bevölkerung festhält. 

Im Anfange unserer Abhandlung hatten wir ermittelt, 
daß auf die erwerbsfähige Person in der modernen Groß- 
stadt eine Bodenrente von rund 150 Mark entfällt. Das 
sind für den Fall, daß auf eine Familie im Durchschnitt 
4Personen kommen, auf denKopfderBevölkerung 37,5 Mark, 
also rund 4 mal so viel Bodenrente als für die Industrie- 
kolonie. Die jährlichen Ausgaben der Großstädte belaufen 
sich im Mittel auf etwa 57,5 Mark für den Kopf, was mit 
der ebenberechneten Bodenrente von 37,5 Mark zusammen 
rund 95 Mark gegen die oben ermittelten 51 Mark in 
max. und 42 Mark im Durchschnitt ausmacht. Eben- 
ezer Howard hat auf anderem Wege dieses Verhältnis 
für England auf 90 zu 40 Mark berechnet. Man kann 
also mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß die dau- 
ernden Lasten der Bevölkerung durch die In- 
dustriekolonie aui die Hälfte herabgesetzt werden, 
wozu nun aber noch alle ferneren Vorteile sowohl 
für die Ansiedler wie insbesondere für die an- 
siedelnde Großstadt kommen. 

Zunächst ist hervorzuheben, daß bei 5000 Einwohnern 
und rund 2000 Morgen Gesamtfläche auf den Einwohner 
0,4 Morgen oder etwa 1000 qm Fläche kommen, wenn die 
Kolonie vollständig besiedelt ist. Die Stadt Hannover, eine 
der mit öffentlichen Anlagen und Erholungsstätten am aller 
reichsten gesegneten, wird bei völliger Besiedlung des noch 
zur Verfügung stehenden Landes ungefähr 700 qm Fläche 
für den Einwohner haben, wobei aber die allein rund 
2500 Morgen umfassende Stadtforst mitberechnet ist, ohne 
diese dagegen nur rund 600 qm. 

Die oben als bleibend berechnete Bodenrente von 
10 Mark pro Einwohner entspricht einer durchaus abzugs- 
freien Pachteinnahme von 50000 Mark für die Gesamtfläche- 
oder von 25 Mark für das Jahr und den Morgen. Das ist 
ein Durchschnittswert, der selbstverständlich auf die 5 ein- 
zelnen Anziedelungszonen ganz nach dem Verhältnisse des 
Nutzens verteilt werden muß, den die einzelnen Zonen- 



35 



DER STÄDTEBAU 



bewohner aus dem Boden ziehen, bezw. nach dem idealen 
und realen Werte, den für sie der Boden hat. Wir wollen 
annehmen, daß der zonenmäßige Anteil an dem Durch- 
schnittswerte von 25 Mark Pacht für den Morgen 

1) in der äußersten, VI. Zone 5/10=12,5 M. für den Morgen 

2) „ „ „ V. „ 7,5/10=18,75 „ » „ 

3) ,. „ " IV. „ 10/10=25,00 „ „ „ 

4) „ 1, » III- „12,5/10 = 31,25 „ „ „ 
u. 5) „ „ „ II. „ 15/ 10=37,50 » „ „ 

im Durchschnitt=25,oo M. für den Morgen 
betrage, d. h. daß die innerste Wohnzone einen dreimal 
so hohen Pachtertrag vom Morgen bringe, als die äußerste. 
Dann haben die Gärtner und Landwirte noch nicht einmal 
die Hälfte der Pacht zu zahlen, die jetzt in der Regel er- 
hoben wird, haben aber das Absatzgebiet unmittelbar vor 
der Tür, und die Bewohner der vornehmsten Wohnklasse 
zahlen fast gar keine Pacht. Man könnte also ohne Be- 
denken die Gärtner, Landwirte und Arbeiter von jeder 
Bodenrente befreien, ihnen dafür aber Höchstpreise für 
ihre Marktware vorschreiben, und den besseren Wohn- 
viefteln und den Villenbewohnern in der Mitte die doppelte 
Durchschnittsrente auferlegen, ohne daß irgend wer im An- 
siedlungsgebiete die Bodenpacht sonderlich empfände und 
gegen diese Pachtverteilung etwas einwenden könnte. 

Da die von uns als bleibend angenommene 
dauernde Bodenrente von 50000 Mark im Jahr 
eine reine Einnahme bedeutet, so können die 
Zinsen des sich ansammelnden Kapitals zur Ver- 
minderung der Gemeindelasten verwendet werdeui 
wodurch ein allmähliches Heruntergehen dieser 
Lasten entstehen würde, bis schließlich die Zinsen 
der Bodenrente hinreichen würden, alle laufenden 
Ausgaben zu decken. Das durch die kleine Boden- 
pachtsich ansammelnde Kapital selbst aber würde 
eine nie versagende Einnahmequelle für die Be- 
gründerin der Ansiedelung, also für die Großstadt, 
werden. 

Es kommen aber noch weitere finanzielle und nicht 
zuletzt moralische und soziale, sowie städtebauliche Vor- 
teile für die Stadtgründerin in Frage. 

* 

Wenn die ansiedelnde Großstadt den Grundsatz festhält, 
die Industriekolonien, wie wir sie dauernd nennen 
wollen, nicht über eine bestimmte Größe hinaus anzu- 
legen, also angenommen etwa nicht über 5000 Einwohner, so 
wird sie in der Lage sein, eine Reihe solcher Ansiedlungen 
in ihrem Umkreise entstehen zu lassen, deren gemein- 
same Interessen in der Großstadt selbst zusammenfließen. 
Sie ist die Abnehmerin für alle Werte der Kleinindustrie, 
soweit sie ausgesprochen örtlichen Charakter trägt, und sie 
ist das Vermittelungskontor für die Erzeugnisse der 
umliegenden Industriekolonien nach der Außenwelt hin. 
Dadurch wird der Zusammenhang der Ansiedlungen mit 
der Zentralstelle ein andauernd inniger bleiben, sie ist für 
jene das Herz, während die Kolonien selbst die arbeitenden 
Organe, die heranschaffenden Glieder des Körpers „Groß- 
stadt" sind. 

Auch Howard sieht bei seinen Gartenstädten ein Ge- 
bilde vor, das die jetzige Großstadt ersetzen soll; er will 
eine Gruppe von Gartenstädten, die je 30000 Einwohner 
umfassen sollen, um eine gemeinsame Mittelstadt von etwa 
60000 Einwohner ansammeln und aus dieser Interessen- 



gruppe das machen, was als Großstadt unvermeidlich, aber 
dennoch wohl verbesserungsfähig ist. Die Gartenstadt- 
bewegung will durch diese ,, Sozial Cities" die vor- 
handenen Großstädte allmählich entvölkern und sie dadurch 
zur Annahme der Gartenstadtidee erziehen. 

Mein Vorschlag rechnet mit dem Bestehenden, er will 
nicht das Eine zerstören, indem er das Andere aufbaut, son- 
dern er will das Alte erhalten und verbessern und Neues 
und Altes gegenseitig nutzbar machen. Während also 
einerseits die Großstadt für ihre Industriekolonien so- 
zusagen die Lebenspenderin ist, wird andererseits jede 
einzelne der letzteren eine Stätte sozialer, moralischer 
und wirtschaftlicher Wiedergeburt für den kleinen Mann 
sein. Dieser wird in seiner Gartenstadt auf seiner kleinen 
friedlich bebauten Eigenscholle sitzen, die zwar nicht 
grundbuchlich sein Eigentum ist, die aber auch keinem 
anderen gehört, an der er ebensogut Mitbesitzer ist, als 
wie jeder andere um ihn her, und er wird sich freuen, 
nicht mehr für einen Hausagrarier und für einen kost- 
spieligen Gemeindehaushalt arbeiten zu müssen, sondern 
in jeder Hinsicht für sich selbst, für seine Familie und 
für seine ,, Genossen". Und dieser Geist der Zuiriedenheit 
wird aus den Industriekolonien in den angemorschten 
Körper der Mutterstadt ziehen und hier neues gesunderes 
Wesen werden lassen, er wird in der arbeitenden Be- 
völkerung die Zufriedenheit langsam heranreifen lassen 
und zugleich die Sehnsucht in jedem einzelnen, auch Mit- 
glied einer Industriekolonie werden zu können. 

Die Arbeitgeber aber werden sich diesen Regungen 
ebensowenig entziehen können, wie der wirtschaftlichen 
Einsicht, dort „draußen vor dem Tor" bessere Produktions- 
bedingungen und dadurch die Möglichkeit erlangen zu 
können, mit der Auslandsindustrie in erhöhten Wettbewerb 
zu treten. 

Und die Großstadt selbst, die Verwaltung, wird ein 
gutes Geschäft hierbei machen; denn erhöhte Produktivität 
und vermehrte Absatzgebiete stärken die Steuerkraft, und 
die Bodenrente, die jetzt in den nimmersatten Geldschrank 
von ein paar Kapitalisten fließt, entlastet nach und nach 
den Etat der Mutterstadt und hilft ihr, alte Schulden zu 
tilgen. 

Für den Städtebau entsteht eine ganz neue Aufgabe. 
Hier in der Industriekolonie kann er mit verminderten 
Kosten dennoch neues, eigenartiges schaffen ohne Rück- 
sicht auf Privatbesitz und auf alle zu dessen Gunsten die 
Arbeit des Künstlers und Technikers einschränkenden Ge- 
setze. Hier können die Erfahrungen der Großstädte für 
die Klein- und Mittelstadt in zweckentsprechender Weise zu 
Nutz und Frommen sowohl dieser selbst, wie jeder ein- 
zelnen Großstadt verwertet werden, und hier wird alles 
das vermieden werden können, was den Großstadtbürger 
gegen den Techniker einnimmt, in erster Linie die so oft 
beklagte und als kostspieliges Übel verschrieene ,,Straßen- 
buddelei". Schon Fritsch schlägt in seiner „Stadt der Zu- 
kunft" vor, bei den neuen Städten in jeder Straße einen 
Tunnel anzulegen, der alles das aufnimmt, was an Leitungen 
erforderlich ist, und dieser ist auch so naheliegend, daß 
ihn die Städtetechnik ohne weiteres für sich nutzbar 
machen wird. 

Aber namentlich dem Künstler wird eine ganz neue 
Aufgabe erwachsen. Schon allein der Bebauungsplan, der 
bis auf die durch Eisenbahn und SchifTahrtskanal und die 



36 



DER STÄDTEBAU 



Verbindung mit der Mutterstadt gegebenen Linien ein un- 
beschriebenes Blatt vor sich hat und nun nach Herzens- 
lust großen Ideen Raum geben kann. Der beiliegende 
Plan der ersten englischen Gartenstadt ist kein „Non 
plus ultra", aber er zeigt doch auch schon, daß ein 
ganz anderes zu schaffen ist, als bei der „Erweiterung" 
irgend einer verbauten Landstadt, die zur Industriestadt 
ausgewuchert ist, oder bei ähnlichen Aufgaben. Und 
dann in den Bauten selbst, in den öffentlichen Gebäuden 
sowohl wie in den kleinen „Eigenheims", welche Fülle 
von künstlerischen Aufgaben sind in ihnen enthalten, 
wo nicht mehr der teure Grund und Boden Sparsamkeit 
in schönheitlicher und gesundheitlicher Beziehung heischt! 

Auch in dieser Hinsicht hat die deutsche Gartenstadt- 
gesellschaft schon eine sehr bemerkenswerte Propaganda 
gemacht und zwar insbesondere durch die Flugschrift 
,, Gartenstadt und ästhetische Kultur" von H. Kampffmeyer, 
in der auch die hier ebenfalls beigefügten Abbildungen 
siehe Tafel 24, von Häusergruppen aus der englischen 
Arbeiterkolonie ,,Bournville", einer Gründung des Kakao- 
fabrikanten Cadbury enthalten sind. 

Ich will hier noch die Kampffmeyerschen Ausführungen 
über die allgemeine Kunstpflege in der Gartenstadt für 
sich selbst reden lassen. 

Es ssi mir nun gestattet, kurz auf einige der ästhetischen Aufgaben 
hinzuweisen, die schon gegenwärtig durch den Dürerbund, durch die freie 
Volksbühne und ?ndere Vereinigungen mit Glück gelöst sind und die aus 
den eben erwähnten Gründen in der Gartenstadt auf ganz besonders rege 
Anteilnahme rechnen dürfen. 

Ich sprach vorher von dem Stadtplan, den Gärten und Häusern. Es 
gälte nun die Wohnungen mit dem passenden Hausrat zu versehen, und 
es läge nahe, auch hier das genossenschaftliche Prinzip anzuwenden. Das 
würde am besten in der Form geschehen, daß man eine Organisation 
nach Analogie der Konsumgenossenschaften gründete, die sich Kunst- 
genossenschaft nennen könnte und in deren Vorstand auch einige Künstler 
zu wählen wären. Der Vorstand würde nun einfache und dabei schöne 
Möbel nach guten Entwürfen bei einer leistungsfähigen Möbelfabrik be- 
stellen und den Mitgliedern zum Selbstkostenpreis abgeben. Auch künst- 
lerischer Wandschmuck und Reproduktionen von guten Skulpturen könnten 
auf dieselbe Weise billiger beschadt werden. 

Diese Kunstgenossenschaft müßte ihre Wirksamkeit allmählich auf 
alle Gebiete ästhetischer Kultur ausdehnen. Jede neue Sektion würde ihren 
eigenen Vorstand haben, der gleichzeitig im Zentralausschuß säße und 
dadurch ein geschlossenes Zusammengehen der einzelnen Bestrebungen 
verbürgte. 

So würde sich bald das Bedürfnis nach einer guten Volksbücherei 
geltend machen, mit der einige Lese- und Gesellschafisräume sowie eine 
Verkaufsstelle guter Volkslitteratur zu verbinden wäre. Außerdem müßte 
ein geeigneter Raum für Ausstellungen aller Art geschaffen werden. Darin 
würde, ähnlich wie in dem erwähnten Ruskinhause in Bournville, die 
Veredelung des dilettantischen Kunstschaffens besonders berücksichtigt 
werden. Vor allem dadurch, daß mustergiltige Handarbeiten, geschmack- 
volle Kostüme, künstlerische Photographien und kunstgewerbliche Arbei:en 
aller Art gezeigt würden. Natürlich müßten regelmäßig tüchtige Künstler 
zur Veranstaltung von Sonderausstellungen eingeladen werden. 

Sobald die Stadt genügend herangewachsen wäre, müßte zum Bau 
geeigneter Konzert-, Theater- und Vortragsräume geschritten werden. 
Aehnlich wie es bei der , .Freien Volksbühne" der Fall ist, könnte auch 
hier der Vorstand mit den betreffenden Schauspielern und Musikern in 
direkte Verbindung treten und den Mitgliedern gediegene Kunstgenüsse 
für geringen Entgelt beschaffen. Die Verbilligung hätte hier wie auf den 
vorher genannten Gebieten seinen Grund darin, daß infolge einer zweck- 
entsprechenden Organisation von vornherein auf einen gefüllten Saal ge- 
rechnet werden darf und der einzelne Platz infolgedessen billiger zu stehen 
kommt. 



Auch für persönliche Kunstübung in Liebhabettheater-, Gesang- und 
Orchestervereinen würde Gelegenheit und Anregung zu schaffen sein. 

Um nun den rechten Boden für die Saatkörner zu bereiten, die in 
der Bibliothek und den Ausstellungen, in den Konzerten und Theater- 
vorstellungen verstreut werden, hätten Hand in Hand mit den jeweiligen 
Veranstaltungen regelmäßige Vorträge stattzufinden, in denen wissen- 
schaftliche wie ästhetische Probleme erörtert würden. 

Diese Bestrebungen würden kluger Weise von den Besitzenden, be- 
sonders von einsichtigen Fabrikinhabern nach Möglichkeit gefördert werden. 
Die Industriellen*), die ihre Fabriken aus der Großstadt hinaus verlegen, 
tragen schon jetzt dem Vergnügungsbedürfnis ihrer Arbeiter Rechnung 
und suchen ihnen durch Lesehallen, Bibliotheken und Musikkapellen edlere 
Vergnügungen zu bieten. Sie wissen, daß der Mensch nun einmal Lebens- 
freude nötig hat und dass er in Ermangelung von besseren Genüssen 
zum Schnaps greift, der seine Arbeitskraft und Zuverlässigkeit beein- 
trächtigt. 

An Anregungen für die genannten Bestrebungen wird es nicht fehlen. 
Schon jetzt haben wir eine Anzahl von Künstlern und Kunstfreunden in 
der Gartenstadtgesellschaft. Es werden sich ihnen hoffentlich noch neue 
Freunde zugesellen. Denn nur durch die rege Beteiligung künstlerisch 
gebildeter Menschen kann das für unsere ästhetische Kultur so wichtige 
Unternehmen die Entwickelung erhalten, die ich mit wenigen Strichen 
skizzierte. 

Zudem liegt es ja im eigensten Interesse der KUnstler, sich hier ein 
Wirkungsfeld für ihre Ideen zu schaffen, wie es unter anderen Verhält- 
nissen kaum erreicht werden könnte. Ob die Entwicklung ganz meiner 
Darstellung folgen wird, das kann erst die Zukunft lehren. Der Zweck 
meines Aufsatzes ist erreicht, wenn er den Leser überzeugte, daß durch 
die Gartenstadt der Kunst ein weites fruchtbares Gebiet erschlossen wird. 
Hoffen wir, daß dem Felde die Arbeiter nicht fehlen. 

Es soll nun noch kurz der Fall besprochen werden, 
der bei ganz großen Städten gegeben sein wird, wo in 
der Nähe der eigentlichen Stadt und überhaupt innerhalb 
des Weichbildes oder dicht an seiner Grenze keine Mög- 
lichkeit mehr besteht, zu landwirtschaftlichen Preisen das 
erforderliche Gelände zu erwerben. Hier sind in der Regel 
ausgezeichnete Bahn- und SchifFahrtsverbindungen mit den 
entlegeneren Vororten vorhanden, die auch meistens die 
großstädtische Industrie schon veranlaßt haben, sich weit 
ab von der Zentrale anzusiedeln. Dabei spielen oft 20 bis 
30 km weite Entfernungen nur eine geringe Rolle. 

Auf den gleichen Standpunkt kann sich nun auch die 
Großstadt stellen: kein Spekulationsland, sondern Acker- 
land, billiges und billigstes Land, erwerben, ganz gleich» 
ob es ein paar Kilometer mehr oder weniger von der 
Stadt ab ist, wenn es nur an der Eisenbahn liegt und in 
der Nähe einer Station. Die Verbindung mit der Großstadt 
ist ja nur für die Gesamtheit der Kolonie als solche, nicht 
aber für jeden Ansiedler Lebensbedingung. Der empfängt 
seine wirtscnaftliche Existenz nicht von der Mutterstadt, 
sondern aus der Kolonie selbst heraus und kann also einer 
besonders nahen und innigen Verbindung mit jener ent- 
raten. Die Industriekolonien bei den ganz großen Städten 
werden zu Anfang in einem ähnlichen Verhältnisse zur 
Großstadt stehen, wie die näheren Provinzialkleinstädte zur 
Provinzialhauptstadt, nur daß alle Vorteile, die der Klein- 
stadt erwachsen, für die Hauptstadt unmittelbar eine er- 
höhte Einnahme im Gefolge haben. 

Ich komme jetzt zu einem Punkte, der für das Zu- 
standekommen solcher kommunalen Industriekolonien 
von besonderer Wichtigkeit ist, nämlich zu der Schwierig- 
keit, die großstädtische Industrie möglichst schnell und 



■) Es sei hier nur an die Wohlfahrtseinrichtungen von Krupp und 
Schwartzkopff erinnert. 



37 



DER STÄDTEBAU 



dann auch dauernd für die Idee zu gewinnen, in Zukunft 
nicht mehr auf Eigenland zu sitzen, sondern sozusagen 
nur Pächter der Großstadtgemeinde zu sein. 

Die Industrie, namentlich die Großindustrie, besitzt ja 
jetzt überall in den Städten gewaltige Grundflächen, die 
Riesenvermögen bedeuten, wenn sie als Fabrikland frei und 
als Bauland verwertbar werden. Aus dem Ertrage dieser 
Flächen gewinnt bei ihrer Erschließung für Bauzwecke 
der bisherige Eigentümer leicht die Möglichkeit, außerhalb 
der Stadt große Ländereien zu erwerben, auf denen er als 
eigener Herr nach Belieben schalten und walten kann. 
Und das ist eben die größte Gefahr für die Großstadt schon 
jetzt sowohl wie dann, wenn sie selbst „Städtegründerin" 
wird. Man wird aber dieser Gefahr aus dem Wege gehen 
können, und die Großstädte werden in der Lage sein, trotz- 
dem die Auswanderung der Industrie auf das Land für sich 
nutzbar zu machen, wenn sie etwa wie folgt verfahren. 

Das Hauptmittel zur Erreichung dieses Zweckes bietet 
wieder der Bebauungsplan der Stadt. So lange über 
die in der Stadt belegenen Fabrikgrundstücke hinweg 
noch keine Straßen vorgesehen sind, hat das Gelände 
nicht viel Wert. Der Spekulationswert kommt erst, wenn 
das Gelände durch gemeindeseitige Fluchtlinienfestsetzung 
in Straßen und Baublöcke aufgeteilt und der Erschließung 
als Bauland zugänglich gemacht wird. Diese Festsetzung 
hängt aber ganz von dem Willen der Stadtgemeinde 
ab, kein Mensch kann sie — wenigstens bei der gegen- 



wärtigen Gesetzgebung — zwingen, Straßen in ihren Be- 
bauungsplan aufzunehmen, die sie nicht haben will. 
Deshalb werden sich die Fabrikbesitzer, wenn sich aus 
irgend einem der vielen Gründe die Anlage eines neuen 
Fabrikunternehmens außerhalb der Stadt als notwendig er- 
wiesen hat, zunächst wegen der Erschließung ihres gegen- 
wärtigen Besitzes zu Bauland mit der Stadtverwaltung ver- 
ständigen, um darnach ihren eigenen Bauplan und die 
Rentabilitätsberechnung des neuen Unternehmens aufstellen 
zu können. 

Nun kann die Stadt, die selbst genügend Land besitzt 
und dieses besonders für die Anlage von Industriekolo- 
nien verwerten will, ihre Gegenbedingungen machen, und 
diese Bedingungen werden in der Regel — wenn sie aus 
unseren bisher entwickelten Gesichtspunkten aufgestellt 
werden ~ für den Unternehmer so in die Augen springend 
vorteilhafte sein, daß es einfach seine Pflicht gegen sich 
selbst und gegen seine Arbeiter sein muß, ihnen näher zu 
treten. Wenn der Industrielle, anstatt Hunderttausende im 
Landerwerb festlegen zu müssen, gegen eine ganz geringe 
Bodenpacht die Möglichkeit einer neuen Ansiedlung mit 
allen zu erwartenden Verkehrs- usw. -Annehmlichkeiten 
gewinnen und durch das Eingehen auf diese Möglichkeit, 
durch ihr Ausnutzen, seinen alten, sonst unverzinst brach- 
liegenden Grundbesitz der Verwertung zugänglich machen 
kann, dann wird er sich nicht lange besinnen und sich mit 
der Stadt zu einigen suchen. (Schluß folgt in Heft 4). 



ENTEIGNUNG UND UMLEGUNG. 



Von Dr. ing. J. STUBBEN, Berlin -Grunewald. 



Im abgelaufenen Jahrgange dieser Zeitschrift ist mehr- 
mals versucht worden, das Recht der Städte auf Enteig- 
nung und Umlegung von Grundstücken zu Gunsten der 
Ausführung festgestellter Bebauungspläne als entbehrlich 
darzustellen. Diese Auffassung, welche einem in den 
deutschen Städten, namentlich in den Städten des Westens, 
fast täglich hervortretenden Bedürfnisse widerspricht, scheint 
ihre Erklärung in dem Umstände zu finden, daß über 
Begriff und Zweck der Enteignung und Umlegung ein ge- 
wisses Dunkel herrscht. Es möge in den nachfolgenden 
Zeilen versucht werden, dieses Dunkel zu lichten und die 
Bestrebungen von Stadtvorständen und Sozialpolitikern in 
der Enteignungs- und Umlegungsfrage kurz darzulegen 
und zu begründen. 

Enteignung. 

Bei der Enteignung auf Grund festgestellter Flucht- 
linienpläne handelt es sich um zweierlei, nämlich erstens 
um die Entziehung des Eigentums an solchen Grundflächen, 
die zur Anlage oder Erbreiterung von Straßen und freien 
Plätzen in Anspruch genommen werden; zweitens um 
die Entziehung des Eigentums an Grundflächen, welche 
nicht zu Straßen und Plätzen verwendet werden sollen. 
Die letzteren Grundflächen lassen sich unterscheiden in 

a) Grundflächen für öffentliche Gartenanlagen (Erho- 
lungsplätze, Spielplätze, Parks), 

b) Grundstücksteile, welche, selbst nicht bebauungs- 
fähig, die Bebauung anderer Grundstücke verhin- 
dern, (Prellstreifen, Masken usw.). 



c) Zusammenhängende, imwesentlichen bebaute Grund- 
flächen in alten Stadtteilen, 

d) Zusammenhängende, im wesentlichen unbebaute 
Grundflächen im Stadterweiterungsgelände, 

e) Grundflächen zur Errichtung öffentlicher Gebäude, 
Anlage von Schlachthöfen, Märkten, Abwässer-Reini- 
gungsanstalten u. dgl. 

Zur Enteignung der erstgedachten Straßen und Platz- 
flächen ist den Stadtgemeinden sowohl in Deutschland als 
im Auslande fast überall das gesetzliche Recht zuerkannt 
und in fortwährender Uebung. In einzelnen wenigen 
Staaten ist das Recht nicht ein kommunales, sondern dem 
Ermessen der Staatsbehörden auf Antrag der Gemeinde 
vorbehalten. Es wird wohl niemand auf den Gedanken 
gekommen, diese Gattung der Eigentumsentziehung als 
entbehrlich zu bezeichnen, da der Ausbau einer Stadt, ins- 
besondere auch die Schaffung neuer Verkehrstraßen und 
die Erbreiterung alter Straßen und Wege, unmöglich in 
das Belieben des einzelnen Grundbesitzers gestellt werden 
kann. 

Die zweite Art des kommunalen Enteignungsrechtes 
besteht in Deutschland zurzeit im allgemeinen nicht. 

Die unter a erwähnte Ausdehnung des Rechtes zur 
Fluchtlinienfestsetzung und Enteignung für öffentliche 
Gartenanlagen ist im neuen preußischen Wohnungsgesetz- 
entwurfe vorgesehen, indem der Begriff der Straßen- und 
Platzflächen auf derartige Anlagen erweitert ist. Ohne 
diese Erweiterung hat die Festsetzung öffentlicher Pflan- 



38 



DER STÄDTEBAU 



Zungen in Bebauungsplänen keine öfTentlichrechtliche 
Wirkung, weder wenn sie von Straßen umgeben sind, 
noch wenn sie in das Innere von Blöcken verwiesen 
werden sollen, wie es beispielsweise in dem Bebauungsplane 
für Marienberg (Oktoberheft 1904) vorgeschlagen wird. 

Die Forderung, das kommunale Enteignungsrecht auf 
die unter b genannten Flächen auszudehnen, entspringt den 
schlimmen Erfahrungen, welche in sehr zahlreichen Fällen 
mit sogenannten Prellstreifen, Vexierflächen, Masken und 
anderen Zwerggrundstücken gemacht werden, die entweder 
schon früher aus der Teilung und Zersplitterung größerer 
Grundstücke entstanden oder durch die Linien des Be- 
bauungsplanes gebildet worden sind. Selbst nur von ge- 
ringem Werte, sind sie in der Hand eigennütziger Besitzer 
oft ein Mittel, die Bebauung ganzer Blöcke hintanzuhalten 
und dadurch die bauliche Erweiterung der Stadt und die 
Wohnungsfürsorge zu erschweren. Daß der Übelstand 
besteht, kann nicht geleugnet werden. Geht doch im 
Westen Deutschlands die Parzellierung der Felder oft bis 
auf Flächeninhalte von 20 oder 30 qm und bis auf Land- 
streifen von 1 m Breite hinab. Auch in guten Bebauungs- 
plänen, deren Verfasser selbstredend die Entstehung von 
Prellstreifen zu umgehen bestrebt sind, läßt sich bei zer- 
splittertem oder sehr unregelmäßig geformtem Landbesitze 
die Abhängigkeit mancher Grundstücke von davorliegen- 
den ,, Masken" nicht vermeiden. Beispiele einfacher Art 
zeigen die Blöcke Xa, XII b und XX des im Dezemberhefte 
mitgeteilten Entwurfes zu einem Bebauungsplane für Flens- 
burg. Die Enteignung allein wird freilich die behindernde 
Eigenschaft der in Rede stehenden Zwergflächen nicht auf- 
heben; die Forderung geht deshalb dahin, nicht blos die 
Enteignung zu Gunsten der Gemeinde zu ermöglichen, 
sondern die letztere zugleich zur Abgabe des ,, Prell- 
streifens" an den behinderten Baulustigen, gegen Erstat- 
tung der Selbstkosten, zu verpflichten. Je nachdem man 
das Eigentumsrecht mehr nach deutscher oder mehr nach 
römischer Auffassung betrachtet, je nachdem man die 
soziale Bestimmung des Baulandes für Wohnungszwecke 
oder aber die Freiheit des einzelnen Eigentümers in den 
Vordergrund stellt, wird man zu einer Anerkennung oder 
einer Ablehnung dieser Enteignungsforderung gelangen. 

Die unter c aufgeführte dritte Art der erweiterten Eigen- 
tums-Entziehung, gewöhnlich Zonenenteignung genannt, 
besteht zu Gunsten der Gemeinden in zahlreichen Staaten 
des Auslandes, so in Belgien, Holland, Frankreich, Italien. 
Sie ist durch besondere Akte der Gesetzgebung auch in 
Oesterreich-Ungarn, England und in Hamburg verwirklicht; 
in Preußen kann sie nur angewendet werden auf Grund 
Königlicher Kabinettsorder. 

Der Umbau gesundheitswidriger und verkehrswidriger 
alter Stadtteile vollzieht sich, wie gegenwärtig in Hamburg, 
so besonders in belgischen, französischen und englischen 
Städten dadurch, daß der in Betracht kommende Aus- 
schnitt der Altstadt nebst den aufstehenden Baulichkeiten, 
selbstverständlich gegen volle Entschädigung, den Eigen- 
tümern entzogen wird, um alsdann das neue Straßennetz 
anzulegen und die Blöcke aufs neue einzuteilen und sach- 
gemäß zu bebauen. 

Aber auch für bisher unbebautes Gelände im Stadt- 
erweiterungsfelde, oben zu d aufgeführt, wird in Belgien 
die Zonenenteignung in dem Sinne angewandt, daß die 
bisherigen Feldgrundstücke zum zeitigen Werte in das 



städtische Eigentum genommen und nach Anlage der 
Straßen für den Bau von Wohnhäusern verkauft werden. 

Handelt es sich im Falle c, d. h. in der Altstadt, 
mehr um ,, Sanierungsmaßregeln", so ist bei der Zonen- 
enteignung im Außengelände die Wohnungsfürsorge im 
allgemeinen und die Bereitstellung von Baugelände zu 
mäßigem Preise im besonderen der leitende Gedanke. 

Unter den Begriff der Zonenenteignung fällt es indes 
auch, wenn man, wie in Punkt e angegeben, zwangsweise 
durch den Bebauungsplan Privateigentum zu Bauplätzen 
für öffentliche Gebäude in Anspruch nehmen oder das 
Innere sehr geräumig angelegter Baublöcke für ,, Eislauf- 
und Radfahrplätze, Parkhöfe, größere Werkstätten und 
Fabrikanlagen, Badeanlagen, Wäschereien, Schulhäuser, 
Markt- und Schlachthausanlagen" bestimmen und für 
die Gemeinde bereit halten will. In Preußen hat eine 
solche Planung, wie sie beispielsweise der Bebauungs- 
plan für Marienberg im Oktoberhefte zeigt, zur Zeit keine 
rechtliche Wirkung. Die Vorschrift eines inneren Bau- 
wichs oder, besser ausgedrückt, einer hinteren Baulinie, 
ist eine recht unsanfte, weil entschädigungslose Maßregel. 
Sie ist zwar ein geeignetes Mittel zur Freihaltung des Block- 
innern, hat aber keine die Enteignung vorbereitende Kraft, 
sondern stellt nur eine polizeilich gezogene, von Baulich- 
keiten nicht zu überschreitende hintere Grenze dar. 

Ob man die Zonenenteignung im Inneren wie im 
Äußeren der Städte im Sinne der Punkte c, d und e für 
nötig, nützlich oder entbehrlich hält, das richtet sich haupt- 
sächlich nach der Beantwortung der Frage: Soll die Be- 
seitigung von Wohnungsschäden und die Schaffung neuer 
Wohnungen mehr vom öffentlichrechtlichen Gesichts- 
punkte betrachtet oder aber der privaten Spekulation über- 
lassen werden; soll ferner der Privatbesitz zwangsweise 
in Anspruch genommen werden zu Gunsten öffentlicher 
Bauanlagen, wie Kirchen, Schulen, Schlachthäuser, Bäder, 
Radfahrplätze udgl.? 

Zu Gunsten der Zonenenteignung im Inneren alter 
Städte hat sich sogar der Zentralverband deutscher Haus- 
und Grundbesitzer-Vereine auf seiner Stettiner Versamm- 
lung vor einigen Jahren ausgesprochen; für die Sozial- 
und Gemeinde -Politiker ist es wohl nur fraglich, ob 
vorzuziehen sei, auftretende Bedürfnisse dieser Gattung 
von Fall zu Fall durch besonderes Gesetz (oder besondere 
landesherrliche Verordnung) zu regeln, oder den Gemein- 
den derartige Aufgaben, selbstredend mit den nötigen 
Schutzmaßregeln, durch ein allgemeines Gesetz zu er- 
leichtern. 

Die kommunale Zonenenteignung im Außengelände 
wurde namentlich vom Oberbürgermeister Adickes in 
seinem bekannten ersten Gesetzentwurfe vorgeschlagen; sie 
wird von manchen Sozialpolitikern und namentlich von 
den sogenannten Bodenreformern empfohlen, um den nach- 
teiligen Folgen der Bodenspekulation auf das tatkräftigste 
entgegenzutreten. Es läßt sich indes nicht verkennen, daß 
die Forderung, Baugelände für neue Wohnungen durch 
Entziehung des Privatbesitzes zu schaffen, etwas stark 
Sozialistisches an sich hat, und es ist deshalb zu verstehen, 
daß auch manche fortgeschrittenen Köpfe vor dieser Maß- 
regel zurückschrecken. 

Auf starke Bedenken scheint endlich eine allgemeine 
gesetzliche Regelung auch derjenigen Art der Zonenent- 
eignung zu stoßen, die sich darauf beschränkt, Privatland 



39 



DER STÄDTEBAU 



für öffentliche Bauten in Anspruch zu nehmen, möge dies 
schon bei Feststellung des Bebauungsplanes, möge es erst 
später bei eintretendem Bedürfnisse geschehen. Bis auf 
weiteres sind die Gemeinden auch für diese Art der Ent- 
eignung auf landesherrliche Anordnung im Einzelfalle an- 
gewiesen. 

Unsere Darlegungen über die Enteignungsfrage möchten 
wir dahin schließen, daß die Notwendigkeit der gewöhn- 
lichen Eigentums-Entziehung an zukünftigen Straßen- und 
Platzflächen wohl von Niemand bestritten, daß ferner die 
Zonenenteignung zu Gunsten der Sanierung alter Stadtteile 
und der Schaffung neuer Gartenanlagen eine große Schar 
von Freunden hat, während der Ruf nach Zonenenteignung 
im unbebauten Gelände, sei es für Wohnzwecke, sei es 
für öffentliche Bauanlagen und nach Enteignung von Prell- 
streifen zurzeit aussichtslos erscheint. Die zuletzt genannte 
Enteignungsart wird übrigens durch die gesetzliche Ordnung 
der Umlegung gegenstandslos. 

Außer Acht geblieben sind hier die vielfach hervor- 
getretenen, auf Verbesserung des Enteignungs-Verfahrens 
gerichteten Wünsche, die eine Beschleunigung einerseits 
und eine gerechtere Bemessung der Entschädigung an- 
dererseits zum Ziele haben. 

Umlegung. 

Es ist bekannt, daß das Umlegungsbedürfnis in 
manchen Fällen gesteigert oder herbeigeführt worden ist 
durch eine rücksichtslose Legung der Fluchtlinien für 
neue Straßen. Die wirklich guten und tadelfreien Ent- 
würfe sind im Städtebau vermutlich ebensosehr in der 
Minderzahl wie in anderen Zweigen des Bauwesens. Gute 
Bebauungspläne sind bestrebt, die neuen Straßen derart 
den Grundstücksgrenzen anzupassen, daß Prellstreifen, wie 
schon vorhin bemerkt, vermieden werden und möglichst 
viel Eigentumsgrenzen senkrecht zu den Fluchtlinien 
stehen. Dadurch wird das Umlegungsbedürfnis einge- 
schränkt, aber keineswegs beseitigt. Man denke nur an 
die zahlreichen Landstraßen, die allmählich der städtischen 
Bebauung einverleibt und oft auf langen Strecken von den 
bisherigen Grundstücksgrenzen in spitzen Winkeln ge- 
schnitten werden; man denke an die in der Rheinprovinz 
vielfach vorkommende Bildung von Landstreifen, deren 
Breite von 5 m bis zu 1 m, wie schon erwähnt, hinab- 
geht; man denke endlich an das mitunter verwirrende 
Gemenge von Eigentumsgrenzen in der Nähe dörflicher 
Vororte oder im freien Ackerfelde. Der städtische Be- 
bauungsplan würde nicht einmal dann allen solchen 
Grenzlinien sich anpassen können, wenn er sich nur dieses 
Ziel steckte; er kann es um so weniger, je mehr sonstige 
Gesichtspunkte von oft größerer Bedeutung in den Vorder- 
grund treten. 

Unter „Umlegung" versteht man nun diejenigen an 
Eigentumsgrenzen vorzunehmenden Veränderungen, welche 
nötig sind, um aus den zu schmalen, zu langen, mißge- 
stalteten oder ganz verschlossen liegenden Feldparzellen 
brauchbare Baustellen zu machen oder sie in solche 
einteilen zu können. Im Januarhefte des vorigen Jahr- 
gangs ist versucht worden, gewisse Ausschnitte aus den 
Bebauungsplänen von Köln und Hannover in akade- 
mischer Weise so umzugestalten, daß das Umlegungs- 
bedürfnis verschwinde. Trotz Außerachtlassung anderer 
Gesichtspunkte gelang dies nicht, wie auf Seite 38 und 



Seite 128 des genannten Jahrgangs nachgewiesen wurde. 
Wohl wurden die Fälle nötiger Umlegung an Zahl einge- 
schränkt, aber es blieben Parzellen von 100 bis 200 m 
Tiefe, von 6 bis 4 m Breite und Reststücke von dreieckiger 
Form übrig. Auch in dem Bebauungsplane für Marienberg 
im Oktoberhefte des vorigen Jahrganges, besteht trotz der 
ungewöhnlichen Größe und Regelmäßigkeit der Feldpar- 
zellen eine große Zahl von Fällen, wo erst durch Land- 
austausch benachbarter Besitzer die Bebauungsfähigkeit 
hergestellt wird. Der im Dezemberheft veröffentlichte 
Flensburger Plan würde, außer in den bereits genannten 
Blöcken, behufs sachgemäßer Bebauung Umlegungen er- 
fordern in den Blöcken VII, VIII, XI, XVII u. a., obschon 
die Eigentumsverhältnisse sehr wenig verwickelt sind. 
Die „freiwillige" Grenz -Umlegung ist deshalb ein bei 
den meisten Stadterweiterungen sich fortwährend wieder- 
holender Vorgang, bei welchem der Mächtige und Rück- 
sichtslose das Uebergewicht hat über den Schwachen. 
Das aber ist nicht das nachteiligste; sondern der öffent- 
liche Schaden beruht darauf, daß ein Eigentümer, der mit 
Überlegung oder gar mit böswilliger Absicht die Um- 
legung ablehnt, es oft in der Hand hat, eine ganze Gruppe 
von Besitzern an der Verwertung und Bebauung ihrer 
Grundstücke zu verhindern. Ja, wenn jemand dazu über- 
geht, hindernde Grundstücke in mehreren Teilen der 
Stadterweiterung anzukaufen, so ist er unter Umständen 
stark genug, die Entwicklung dort in großem Umfange zu 
hemmen und seinem an anderer Stelle gelegenen Besitze 
zuzuführen. In der Denkschrift des Verbandes deutscher 
Architekten- und Ingenieurvereine vom Jahre 1897 ist auf 
Seite4 bis 10 geschildert, wie in solcher und ähnlicher Weise 
namentlich der kleine Besitzer von dem großen vergewaltigt 
werden kann und wie der schließliche Nachteil die All- 
gemeinheit trifft, indem der Markt an fertigen Baustellen 
verkümmert und die Wohnungsfürsorge erschwert wird. 
Es ist deshalb seit Jahrzehnten die Frage erörtert 
worden, ob es in sozialpolitischem Sinne zulässig ist, durch 
den Einzelnen die Allgemeinheit wehrlos benachteiligen zu 
lassen, ob es nicht vielmehr öffentlichrechtlich geboten er- 
scheint, durch ein gesetzlich geordnetes Umlegungsverfahren 
den Schädigungen vorzubeugen. Schon in R. Baumeisters 
„Stadterweiterungen" vom Jahre 1876 wurde die Notwen- 
digkeit gesetzlicher Umlegung hervorgehoben. Als aber 
Adickes im Jahre 1893 mit seinem ersten Gesetzentwurt 
an den preußischen Landtag herantrat, stieß seine Umle- 
gungs-Forderung bei großen politischen Parteien auf Ver- 
ständnislosigkeit. Der Gesetzentwurf wurde in den Kom- 
missionsverhandlungen des Abgeordnetenhauses begraben. 
Besseren Erfolg hatte er mit seinem erneuten auf den 
Bezirk der Stadtgemeinde Frankfurt a./M. beschränkten 
Vorstoß im Jahre 1901, aber auch dieser Erfolg wurde aus 
Mangel an Einsicht mit möglichst vielen Erschwerungen 
umgeben. Inzwischen ist die Erkenntnis dessen, um was 
es sich handelt, in immer weitere Kreise gedrungen, und 
zahlreiche Schriftsteller wie Politiker fordern aus soziaden 
und volkswirtschaftlichen Gründen die gesetzliche Ord- 
nung der städtischen Grundstücksumlegung. Sie können 
sich mit Recht darauf berufen, daß die Umlegung (Feld- 
bereinigung, Verkuppelung, Separation) zu Gunsten länd- 
lichen Besitzes längst besteht und daß die mit dem städti- 
schen Baulande verknüpften Interessen mindestens ebenso 
wichtig sind, wie die landwirtschaftlichen. 



40 



DER STÄDTEBAU 



Die Grundbesitzervereine haben sich bisher dem Um- 
legungszwange abhold gezeigt; sie fürchten, obschon 
Niemand zu bestreiten vermag, daß die Umlegung an sich 
allen nützlich und keinem schädlich ist, ein ihren Inter- 
essen nachteiliges Anvsrachsen der jetzt schon großen Macht 
der Gemeinde gegenüber dem Grundbesitz. Kann man 
auch die Grundbesitzervereine nicht als unbefangene 
Sachverständige für die Maßregeln des Städtebaus heran- 
ziehen, so mag es doch mit Recht bedenklich erscheinen, 
den Stadtverwaltungen die Leitung des amtlichen Umlege- 
Verfahrens aufzutragen, namentlich dann, w^enn sie selbst 
über großen Besitz verfügen. Im Frankfurter Gesetz ist 
deshalb eine Regierungskommission mit der Umlegung 
betraut; Küster und andere empfehlen die ländlichen 
„Generalkommissionen" als Leiter des Verfahrens, 
Abendroth hat schon früher eine staatliche Behörde nach 
Art dieser Generalkommissionen vorgeschlagen. Auch 
darüber kann man verschiedener Meinung sein, ob es 
vorzuziehen sei, die Agrargesetzgebung zum Zwecke der 
städtischen Umlegung zu ergänzen oder ein allgemeines 
neues Gesetz zu schaffen, wie es in Baden und in der 
Schweiz geschehen ist, oder aber eine provinzielle Rege- 
lung eintreten zu lassen. Sachsen und Hamburg haben 
die Frage bei Gelegenheit des Erlasses allgemeiner Bau- 
gesetze geordnet. In Wien bedarf es vor der Erteilung 
der Bauerlaubnis der amtlichen Genehmigung der Bau- 
platz-Einteilung. Für München wurde vom dortigen Archi- 
tekten- und Ingenieur-Verein dieselbe Forderung erhoben. 
Dadurch wird das Bauen auf ungeregeltem Gelände ver- 
hindert und auf die Umlegung der Grenzen ein amtlicher 
Druck ausgeübt. 

Alle diese rechtstechnischen Erwägungen über den 
besten Weg zum Ziele sind nicht eigentlich Sache 
des Bautechnikers. Der Städtebauer wird mit jeder 
Rechtsgestaltung zufrieden sein, welche die herrschenden 
Übelstände und Schwierigkeiten beseitigt; er wird aber 
eines unbedingt fordern müssen: daß nämlich der 



Umlegung die Feststellung des Bebauungsplanes 
voraufgeht und daß sowohl beim Bebauungsplan 
als beim Umlegen dem Sachverständigen die 
nötige Einwirkung gewährleistet wird. 

Die Enteignung von Prellstreifen und Masken fällt bei 
der amtlichen Umlegung im allgemeinen fort, weil auch 
aus mißgestalteten, zerschnittenen und verschlossen lie- 
genden Flächenteilen bebaubare Grundstücke gebildet 
werden; die Eigentumsentziehung gegen Schadloshaltung 
kommt nur noch in Frage für solche Zwergflächen, die 
wegen ihrer Kleinheit weder selbständig, noch mit andern 
Flächen desselben Besitzers vereinigt, in bebaubare Grund- 
stücke umgewandelt werden können. Sie sind zu enteignen 
und gelangen mit zur Verteilung unter die in die Um- 
legung einbegrifTenen Besitzer. 



Für Enteignung und Umlegung gilt der Satz, daß die 
besten Gesetze diejenigen sind, welche wirken, ohne an- 
gewandt zu werden. Der gütliche Erwerb und die frei- 
willige Umlegung werden aufs kräftigste gefördert, wenn 
dem aus Eigennutz Widerstrebenden bekannt ist, daß es 
gegen unbillige Ansprüche Rechtsmittel gibt. Liegen in 
einzelnen Städten und Gegenden, z. B. im Osten Preußens, 
infolge günstiger Verteilung des Grundbesitzes die Ver- 
hältnisse so, daß die amtliche Umlegung entbehrlich ist, 
so ist das kein Grund, das gesetzliche Rechtsmittel dem 
Westen und Süden vorzuenthalten. Ein guter Bebauungs- 
plan hat, wie andere Weiterungen, so auch das Bedürfnis 
der Umlegung und Enteignung nach Möglichkeit zu ver- 
meiden; aber das verbleibende Maß von Schwierigkeiten 
sollte nicht sich selbst überlassen bleiben. Die Städtebau- 
techniker sollten an der Erleichterung der Stadterweiterun- 
gen mitarbeiten, nicht aber gesetzgeberischen Fortschritten 
sich entgegenstellen, welche die bessere Erschließung neuen 
Baulandes, die Bekämpfung des Wohnungselendes und die 
Förderung der Wohnungsfürsorge zum Ziele haben. 




ZUR HANDHABUNG DES SÄCHSISCHEN BAU- 
GESETZES. Die Amtshauptmannschaft Chemnitz hatte die Ab- 
sicht ausgesprochen, um der starken und unangemessenen Ausnutzung des 
Baugrundes entgegenzutreten, den Bau von Mietkasernen nicht mehr zu 
gestatten; auch hatte sie den Einbau von mehr als zwei selbständigen 
Wohnungen in jedem Geschoß und mehr als eine selbständige Wohnung 
im Dachgeschosse verboten. Aus dem Kreise der Bauunternehmer wandte 
man sich hiergegen beschwerdeführend an Regierung und Zweite Kammer 
und beide traten heute der Auffassung der Bauunternehmer bei. Die 
Regierung will die Beschränkung der Chemnitzer Amtshauptmannschaft 



nur da angewendet wissen, wo die Bodenpreise niedrig sind und trotz der 
amtshauptmannschafUichen Bestimmungen Kleinwohnungen so billig her- 
gestellt werden können, daß sie der Arbeiter bezahlen kann. Bei offener 
Bauweise hat die Regierung gegen den Einbau von 3 — 4 Wohnungen in das 
Geschoß keine Bedenken, bei geschlossener nicht gegen drei Wohnungen, 
wenn ordentlich gelüftet werden kann. Die Zweite Kammer stellte sich 1 
auf den Standpunkt, daß man durch den Bau großer und teurer Wohnungen 
nur das Zusammenziehen mehrerer Familien in eine Wohnung und das 
Schlafburschenwesen fördere. Die gute Absicht der Chemnitzer Behörde 
und die Mißstände im sächsischen Wohnungswesen wurden bei dieser 



41 



DER STÄDTEBAU 



Verhandlung viel zu wenig beachtet. Die Amtshauptraannschaft hat die 
Überzeugung, daß durch ihre Bestimmung das Bauen keineswegs nennens- 
wert verteuert, dagegen die spekulative Hinauftreibung des Bodenpreises 
verhindert und manchem Übelstande im Wohnungswesen abgeholfen wird. 
Wie es mit diesem in Sachsen bestellt ist, zeigt eine Erhebung, die vor 
einiger Zeit die sächsischen Baupolizeibehörden auf Veranlassung der 
Regierung angestellt haben. Das Ministerium des Innern faßt das Ergebnis 
dieser Untersuchung wie folgt zusammen: ,, Zählt man die Bevölkerungs- 
ziffern der städtischen und amtshauptmannschaftlichen Bezirke, für welche 
Mißstände berichtet sind, so erhält man, auch nach sehr mäßigem Ansatz 
der Bezirke, die nur zum Teil ungünstig sind, ein Gebiet, das mehr als 
die Hälfte aller Untertanen des Königreichs umfaßt." 

Die DEUTSCHE GARTENSTADT - GESELLSCHAFT 
(Schlachtensee) hielt ihre Generalversammlung ab. Bei der Neu- 
wahl der Geschäftleitung wurde Herr Adolf Otto-Schlachtensee zum ersten 
Vorsitzenden, Herrn B. Kampffmeyer-Garzau b. Rehfelda zum zweiten 
Vorsitzenden und Herr Paul Schirrmeister-Karlshorst zum Geschäftsführer 
gewählt. Der Geschäftsbericht zeigte, daß sich die Mitgliederzahl der Ge- 
sellschaft im letzten Jahre verdoppelt hat, und jetzt rund i8o beträgt. Der 
Jahreshaushalt der Gesellschaft beläuft sich auf etwa 1700 Mark. Die 
Propagandatätigkeit war im Vergleich zum ersten Jahre eine ungleich 
rührigere. Dem Mangel an Aufklärungslitteratur wurde durch eine Her- 
ausgabe von Flugblättern und Brochüren nach Möglichkeit begegnet. An 
solchen wurden in diesem Jahre sechs an Zahl herausgegeben und in je 
einigen Tausenden verbreitet. Eine Umfrage in der Industrie zur Er- 
mittelung derjenigen Industriezweige, die am leichtesten die Großstadt 
Verlassen und auf dem Lande angesiedelt werden könnten, mußte trotz 
getroffener Vorbereitungen aus Mangel an Mitteln fallen gelassen werden. 
Am Wohnungskongreß beteiligte sich die Gesellschaft durch die Ent- 
sendung zweier Abgeordneten sowie durch die Veranstaltung einer Aus- 
stellung daselbst. Auch gab sie zu dieser Veranlassung ,, Leitsätze zur 
Wohnungs- und Ansiedlungsfrage" heraus, we!che die Stellung der Garten- 
stadt im Rahmen der Wohnungsreform-Bestrebungen kennzeichnen. Eine 
monatlich regelmäßig erscheinende Zeitungskorrespondenz erhält die .Zei- 
tungen und Mitglieder auf dem Laufenden über die Entwicklung der 
Gartenstadtbewegung und der ihr verwandten Bestrebungen in den ver- 
schiedenen Ländern. Für den Winter ist eine eifrige Propaganda mit 
Lichtbildervorträgen in Vereinen sowie die Veranstaltung einer größeren 
Vortragsreihe in Berlin ins Auge gefaßt. Außerdem liegen schon einige 
Vereinbarungen mit Kiel, Hamburg, Königsberg und mehreren anderen 
Städten vor. 

Die seit Jahren schwebende KIELER BAHNHOFSFRAGE ist 
durch eine Entscheidung des Ministers der öffentlichen Arbeiten 
zum Abschluß gebracht: Die Staatsregierung hat das Angebot der Stadt 
Kiel von i"/a Millionen Mark für den Erwerb des eisenbahnfiskalischen 
Geländes des alten Bahnhofes angenommen. Die Stadt wird jetzt die 
alten Gebäude niederlegen, das Gelände ebnen und Straßen durchlegen. 
Sie kann jetzt auch die südlichen Stadtteile durch Verlängerung der 
Friedrich- und Ziegelteichstraße in unmittelbare Verbindung mit dem 
Hafen bringen, sowie das Sophienblatt und die Kaistraße erheblich er- 
weitem. Auch der Fiskus gewinnt bei dieser Neuordnung: Die Zufahrts- 
wege zum Bahnhofe werden vermehrt und erweitert werden. Auf dem 
alten Gelände wird ein ganz neuer Stadtteil entstehen und hoffentlich 
wird die Besiedelung bald gelingen, wenn der Durchschnittspreis für den 
Grund und Boden auch sicher nicht unter 100 Mark für den Quadratmeter 
betragen wird, da für die Auslegung der Straßen und Plätze ein großer 
Teil der Fläche in Anspruch genommen werden muß. 

MODERNER STÄDTEBAU. Eine in Frankfurt a. M. entstandene 
Baugesellschaft will eine neue Stadt, allen gesundheitlichen und 
künstlerischen Aufforderungen entsprechend gründen. Nahe bei Frankfurt 
auf dem Gebiete des hessischen Städtchens Sprendlingen soll der Gedanke 
verwirklicht werden durch das Entgegenkommen der hessischen Regierung, 
die ein 30 ha großes Waldgebiet aus dem großherzoglichen Familien- 



besitze mit Genehmigung des Großherzogs zur Verfügung gestellt hat und 
durch Verträge dafür Sorge trug, daß Spekulationsgeschäfte und Boden- 
wucher ausgeschlossen bleiben. Nach einheitlicher Grundidee soll die 
neue Anlage emporwachsen unter Berücksichtigung der notwendigen 
öffentlichen Gebäude, schöner Straßenzüge und Plätze und aller derjenigen 
Einrichtungen des Städtebaues, die für Gesundheit und Wohlbefinden der 
Einwohner die weitgehendsten Bürgschaften bieten. Von diesen Gesichts- 
punkten aus hat der Professor der Architektur an der technischen Hoch- 
schule zu Darmstadt, Pützer, den Lageplan für die neue Stadt entworfen; 
wenn die Einheitlichkeit der oberen Leitung gewahrt bleibt und die Be- 
dingung einer geschmackvollen und praktischen Bauweise durchgeführt 
wird, so darf man allerdings gespannt sein, in welcher Art die Idee, eine 
Musteranlage des Städtebaus zu gründen, sich in die Wirklichkeit über- 
setzen läßt. 

Tm TECHNISCHEN GEMEINDEBLATT, (Zeitschrift für die 

■*■ technischen und hygienischen Aufgaben der Verwaltung, herausgegeben 
von Professor Dr. H. Albrecht, Groß-Lichterfelde) No. i 1904, befindet 
sich ein lesenswerter Aufsatz von Dr. M. Brandts, Direktor der Provinzial- 
Feuer -Versicherungs -Anstalt der Rheinprovinz, Düsseldorf: „Die Er- 
schließung von Baugelände und die Herbeiführung einer zweckmäßigen 
Gestaltung von Baugrundstücken durch Umlegung". 



D 



ZEITSCHRIFT FÜR WOHNUNGSWESEN, heraus- 
gegeben von Professor Dr. H. Albrecht, Groß-Lichterfelde, bringt 
in No. 3 des Jahres 1904 einen literarischen Nachweis, der auch einiges für 
den Städtebau Bedeutungsvolles enthält: „Bodenreform und Wohnungs- 
frage (Die Selbstverwaltung 1904, No. 32), 

Dr. C. Gurlitt, Geh. Hofrat, Professor: „Der deutsche Städtebau". 
(In Wuttke, Die deutschen Städte, I. Bd., Leipzig 1904, Seite 23 — 45), 

Heimatschutz und Bodenreform (Volksgeselligkeit, Dresden 1904, No. 9). 

Dr. ing. Herm. Muthesius, Regierungsrat: ,, Unsere Wohnungen". 
(In seinem Buche: , »Kultur und Kunst" Leipzig, Diederichs 1904). 

"DERICHTIGUNG zur Abhandlung des Herrn Kiehl, Aachen, im 
■*-^ Heft 2 des II. Jahrganges: Die Originalzeichnung zu Tafel 9 „Ent- 
wurf zu einem Parterre im Garten des Herm Generalkonsul C. StoUwerck 
in Köln" ist nach einer Skizze zu einem Lageplan und einem Längs- 
profil des Prof. Bruno Schmitz, Berlin-Charlottenburg angefertigt. Die 
Originalzeichnung zu Tafel 10 unter C, Entwurf zum Friedrich Wilhelm- 
Platz in Frankfurt a. O. ist nach einer Planskizze desselben Architekten 
ausgeführt. Zur Abbildung 3 der Gartenanlage des Fräulein von Steffen 
in Düsssldorf ist nur der Entwurf von den Gartenarchitekten Hardt & Nauen 
gefertigt. 



BRIEFKASTEN. 

Herrn Regierungsbaumeister A. BOHRER in Köln a. Rh. 
Verbindlichen Dank für die Zusendung des als geschmackvolle 
Broschüre im Verlage von J. P. Bachern, Köln a. Rh. 1904 erschienenen 
Sonderabdruckes (aus Heft V u. VI unserer Monatsschrift) Ihrer Ab- 
handlung: „Vom Kölner Dom und seiner Umgebung". Wir wünschen 
guten Erfolg der guten Sache ! 

Herrn Stadtbaumeister CLEMENS, Leiter des Sladterweiterungs- 
bureaus in Königsberg i. Pr. Wir freuen uns über die Wirkung 
unserer Zeitschrift und danken für die übersandten Ausschnitte der Königs- 
berger Allgem. Zeitung. Der Erfolg kann Ihren Bestrebungen nicht 
fehlen, da Sie Herrn Oberbürgermeister Körte für sich und die Bezirks- 
verwaltung des Deutschen Technikerverbandes hinter sich haben. Schreiben 
Sie einmal etwas dann für uns ! 



H 



errn Architekt W. SCHUPP, Holzminden. Mit Interesse haben 



natürliche Stadt" auch in weiteren Kreisen Propaganda machen. Besten Dank 
und Gruß! 



Verantwortlich für die Schriftleitung : Theodor Goecke, Berlin. ~ Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Beriin W., Markgrafenstraße 35. 
Inseratenannahme C. Behling, Berlin W. 66. — Gedruckt bei JuUus Sittenfeld, Berlin W. — Klischees von Cari Schütte, Berlin W. 



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DER STÄDTEBAU 

VERLAG VON ERNST WASMUTH, A.-G, BERLIN W. 8, MARKGRAFEN -STRASSE 35 



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1. APRIL 1905. 



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Erscheint am 1. jedes Monats. Preis bei direkter postfreier 
Zusendung für Deutscliland und Oesferreich-Ungarn Mk. 20, — , 
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2. Jahrgang 



1905 



4. Heft 





ManAT^5CnRIFT> 



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TUNQ DER -STÄDTE • hAQI- IHREN- WIRT 
SOIAFTÜCMEN- QESl/NDhEITüQIEN- UND 
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.THEODOR fiorrKr- c^MiLLg siTTf^ 

baa VERLAQ^°TRNp' WA\MUTri,BERÜN.l^ 




INHALTSVERZEICHNIS : Der Wettbewerb um den Bebauungsplan für die Brandenburger Vorstadt^zu^Potsdam.^Von Theodor Goecke, Berlin. — Die Großstadt 
als Städtegründerin. Von A. Abendroth, Hannover (Schluß). — Bebauungsplan für den]südlichen^Teil der^Stadt^Flensburg. Von_Dr.'ing. J. Stubben, Berlin-Grune- 
wald. — Parkpolitik. Von Joseph Aug. Lux, Wien-Döbling. — Billige Stadtparke. Eine Anregung von Erwin Schlüren, Heilbronn a. N. - Chronik. — Briefkasten. 

Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schriftleitung verboten. 



DER WETTBEWERB UM DEN BEBAUUNGS- 
PLAN FÜR DIE BRANDENBURGER VORSTADT 
ZU POTSDAM. 



Von THEODOR GOECKE, Berlin. 

An dem Wettbewerbe, dessen Ergebnis bereits unter 
der Chronik des Heftes 12 v. J. kurz mitgeteilt ist, hatten 
sich nicht weniger als 95 Entwürfe beteiligt, darunter 
eine große Anzahl, deren Verfasser Architekten waren und 
damit den Beweis erbrachten, welche Anziehungskraft der 
Aufgabe in künstlerischer Hinsicht innegewohnt hat. Um 
so weniger hat das Urteil des Preisgerichts befriedigt, wie 
mehrere, an die Schrittleitung gelangte Äußerungen, münd- 
liche und schriftliche, z. T. in längeren Ausführungen dartun. 

Der Wettbewerb war gut vorbereitet, und verdient die 
Stadtgemeinde für seine, gerade 600 Jahre nach Gründung 
der Stadt, den Städtebauern gewissermaßen als Festgabe 
gebotene Ausschreibung ungeteilte Anerkennung. Doch 
wurde beklagt, daß das von ihr bestellte Preisgericht unter 
seinen technischen Mitgliedern außer dem Stadtbaurate 
keinen eigentlichen Städtebauverständigen hatte, auch keinen 
anerkannten Architekten, obwohl der Wettbewerb im 
wesentlichen auf die Gewinnung von Ideen ausgegangen 
war. 

Potsdams Altstadt, auf einer von der Havel bespülten 
Halbinsel gelegen, und im Rücken vom Ruinen- und vom 
Pflngstberge gedeckt mit dem Kranze Königlicher Gärten, 
hat als Residenzstadt der preußischen Könige seinen archi- 
tektonisch-historischen Charakter namentlich von Friedrich 
Wilhelm I. und von Friedrich dem Großen aufgeprägt er- 
halten, nicht nur durch die öffentlichen Gebäude, Kirchen 



und Schlösser, sondern auch in seiner Gesamtanlage durch 
das holländische Viertel, dem grachtenähnlichen Kanal, 
die z. T. hinter Palastfassaden versteckten Wohnhäuser 
nach bekannten Vorbildern von Renaissance- und Barock- 
meistern oder im Friederizianischen Stile. Im Gegensatze 
zu diesem geschlossenen Ganzen haben sich fünf Vor- 
städte, davon die Teltower jenseits der Havel am Fuße 
des Brauhausberges, mit einer vorwiegend landhausmäßigen 
Bebauung angegliedert, die anfangs vielfach der Schinkel- 
schen Überlieferung folgte, später aber immer mehr einer bau- 
geschäftlichen Unkunst verfallen ist. So entstand auch dicht 
vor dem Bri-ndenburger Tore, zwischen der Alten Luisen- 
straße und der nach dem Garten von Sanssouci führenden 
Straße, ein in letzter Zeit teilweise geschlossen bebautes 
Vorstadtdreieck, das bis zum Schafgraben reicht und so- 
mit den Winkel zwischen dem Garten von Sanssouci und 
dem diesem weiterhin vorgelagerten Parke von Charlottenhof 
ausfüllt — der östliche Teil der Brandenburger Vorstadt. 
Immerhin ist durch diese Entwicklung der gegenwärtig 
60000 Einwohner zählenden Stadt kein zwingender Anlaß 
gegeben, nun in dem westlichen, jetzt zu bebauenden Teile 
der Brandenburger Vorstadt ein Kleinstadtidyll schaffen zu 
wollen, wie es mehrere Wettbewerbspläne trotz den dies 
erschwerendenBedingungen des Programms versucht haben. 
Das der Bebauung neu zu erschließende Gelände, zur 
Zeit eine von Handelsgärtnereien durchsetzte, stellenweise 



43 



DER STÄDTEBAU 



Abb. 




von Sandgruben zerklüftete Feldflur, umfaßt 190 ha, etwa 
den 7. Teil des gesamten Stadtgebietes (1350 ha); vergleiche 
den Übersichtsplan im Texte auf Seite 44 (Abb. 1). Es er- 
streckt sich vom Schafgraben ab, als abgestumpftes Dreieck 
zwischen der Havel und der Königlichen Villa Ingenheim 
einerseits und dem Parke zu Charlottenhof mit der Fasa- 
nerie andererseits, bis zum Wildparke nebst der Pirschheide, 
und ist von zwei mit Landhäusern bebauten Hauptstraßen, 
z. T. mit Straßenbahnen durchzogen, erstens von der innerhalb 
des Stadtgebietes Neue Luisenstraße genannten alten Berlin- 
Magdeburger Provinzialstraße in fast schnurgerader Lihie, 
mit etwa 120 bis 350 m Abstand dem stark ausgebuchteten 
Havelufer folgend, auf dessen stärkstem Vorsprunge der 
Garten der Villa Ingenheim bis an die belebte W^asser- 
straße reicht, und zweitens von der Viktoriastraße am 
Rande des Königlichen Parkes von Charlottenhof, zu Anfang 
ziemlich gleichlaufend mit der Berlin-Magdeburger Eisen- 
bahn in etwa 80—140 m Abstand, dann mit dieser am 
Bahnhofe Wildpark, da, wo das Floraportal die Einfahrt 
zur Straße nach dem Neuen Palais (Sommerwohnung des 
Kaisers) betont, im spitzen Winkel zusammenschneidend. 
Für den Bebauungsplan kommen ferner inbetracht der 
von der Neuen Luisenstraße abzweigende Mittelweg und, 
von der Viktoriastraße abgehend der Werdersche Weg, 
beide zum Königlichen Wildparke hin. Fabriken und 



größere Gewerbebetriebe fehlen hier wie in Potsdam über- 
haupt; nur dicht an der Havel, bezw. am hafenartig er- 
weiterten Schafgraben bei seinem Einflüsse in die Havel 
befindet sich das städtische Elektrizitätswerk nebst der 
Kläranlage für die städtischen Abwässer und das könig- 
liche Proviantamt. 

Wichtig sind namentlich die Eisenbahnverhältnisse, die 
das Programm unter den „Allgemeinen Bemerkungen" er- 
läutert: In der Brandenburger-Vorstadt befinden sich zwei 
Haltestellen der Berlin-Magdeburger Eisenbahn, „Char- 
lottenhof • und die schon genannte Station „Wildpark", die 
beide sowohl dem Berliner Vorortverkehre als auch dem 
Fernverkehre dienen. In den Bahnhof Wildpark mündet, 
aus nördlicher Richtung kommend, die Nauener Bahn ein. 
Die Berlin-Magdeburger Eisenbahn durchschneidet das Vor- 
stadtgebiet nahezu in gleicher Höhe mit dem Gelände. 
Dieser Zustand erschwert in vieler Beziehung die Ent- 
wicklung der Stadt, so daß seine Beseitigung durch Hoch- 
legung der Bahn und die Unterführung sämtlicher Straßen- 
züge an den Kreuzungspunkten angestrebt wird und zwar 
unter Verbreiterung des Bahnkörpers an seiner Südseite. 
Dann soll der Bahnhof Charlottenhof in unmittelbare Ver- 
bindung mit der Alten Luisenstraße gebracht und der 
kaiserliche Hofbahnhof zu Wildpark auf der Waldparzelle 
nordwestlich vom Floraportal errichtet werden. Im übrigen 



44 



DER STÄDTEBAU 



wird der Bahnhof Wildpark ziemlich unverändert bleiben, 
jedoch in der Richtung nach dem Gärtnerwege zu einen 
Personentunnel erhalten, von dem aus über Treppen die 
Bahnsteige zu erreichen sind. Eine dritte Bahnlinie, die 
zukünftige Verlängerung der Nauener Bahn nach Treuen- 
brietzen, soll vom Bahnhofe Wildpark in südöstlicher 
Richtung abzweigen und, sich nach Südwesten wendend, 
die Neue Luisenstraße an der Scheidegrenze zwischen 
dem königlichen Wildpark und der Pirschheide schief 
überschneiden, und zwar als zweigleisige Hochbahn auf 
einer Dammschüttung. 

Hierzu kam eine Reihe sehr eingehender Bedingungen 
für den Wettbewerb, so daß inbezug auf die Gesamtan- 
ordnung des Planes allzuviel Bewegungsfreiheit nicht ge- 
stattet war. 

Soweit die Vorschriften durch gegebene Verhältnisse 
geboten waren, mußten sie wie diejenigen über die Eisen- 
bahnen, bereits festgesetzte Fluchtlinien usw. eben hin- 
genommen, oder auch wie diejenigen über zu schonende 
Bebauung, vorhandene Straßen und öffentliche Wege gar 
willkommen geheißen werden. Darüber hinaus erschien 
aber z. B. die Bestimmung über die Zuschüttung des 
Schafgrabens von der Viktoriastraße bis zur Luisenstraße 
zur Gewinnung von Straßenland als kein unbedingtes Er- 
fordernis, und besonders die vorherigeFestlegung der meist 
schmalen Straßenunterführungen im Zuge der Eisenbahnen 
als ein Erschwernis, das nur wenige Entwürfe sich durch 
Verschiebungen und Verbreiterungen zu erleichtern gewagt 
haben. 

Wie sollte ferner der Schematismus in den Straßen- 
anlagen vermieden werden, wenn die geringste Straßen- 
breite auf 15,2 m festgesetzt wurde, auch da, wo Vorgärten 
hinkommen und diese überall anzuordnen waren, wo die 
Örtlichkeit es gestattet, auch über das gesetzliche Tiefen- 
maß von 3 m hinaus?! Da für das von der Magdeburger 
Eisenbahn, der Neuen Luisenstraße und der Wildpark- 
grenze gebildete Dreieck auf die geschlossene Bauweise 
als die voraussichtlich vorherrschende hingewiesen war, 
wogegen mit Rücksicht darauf, daß die Magdeburger Eisen- 
bahn den unmittelbaren Zusammenhang des Geländes mit 
dem Königlichen Parke von Charlottenhof unterbindet, 
nichts einzuwenden ist, so konnte die Folge keine andere 
sein, als die Annahme einer ziemlich gleichmäßigen Be- 
bauung, die nun, um sie malerisch zu gestalten, wie ge- 
wünscht wurde, zuweilen zu vertrackten Straßenführungen 
und gekünstelten Blockbildungen verführt hat. Denn gleich- 
breite Straßen ziehen gleichtiefe Baublöcke nach sich, 
wenn ein gleichartiges Wohnbedürfnis vorausgesetzt wer- 
den muß, und große Straßenbreiten ziehen auch große 
Blocktiefen nach sich, wenn nicht die Gesamtfläche von 
Straßen- und von Bauland in ein Mißverhältnis zu ein- 
ander geraten soll. Es mußte also zwischen zwei Übeln, 
einem Übermaß an Blocktiefe und einem Zuviel an Straßen, 
hindurchgesteuert werden; dabei sind viele Bewerber mit 
ihrer Kunst aut eine Sandbank geraten — am Normal- 
Profil, mit und ohne Bäume, saßen sie fest. Die Architekten 
wählten meist die an sich richtige Form langgestreckter 
Baublocks, die bei reichlicher Tiefe den Bau von Miet- 
kasernen herausfordern und bei geringerer die Zahl der 
Längsstraßen häufen; die Ingenieure und Geometer bevor- 
zugten dagegen tiefe, kurz abgehackte Blocks von trapez- 
förmiger, vier- und dreieckiger Grundform mit vielen 



Querstraßen, die, obwohl Nebenstraßen, doch nun den 
wichtigeren Längsstraßen gleichwertig waren. Bei schärfe- 
rer Unterscheidung zwischen Verkehr- und Wohnstraßen 
hätte sich dies vermeiden lassen, durch die Möglichkeit, 
auch schmalere Straßen, eine niedrigere Bebauung als die 
anscheinend viergeschossig vorausgesetzte, also auch die 
für Bürgerhäuser so zweckmäßig dreigeschossige vorzu- 
sehen, um auf natürlicher Grundlage zu einer Abwechs- 
lung in den Straßenbildern zu kommen. Der Verfasser 
des Entwurfs ,, Städtebau" (siehe Tafel 29) ist deshalb ab- 
weichend von der Vorschrift mit der Breite von Wohn- 
straßen wenigstens bis auf 12 m heruntergegangen, wodurch 
er sich aber um eine sonst wohlverdiente Anerkennung 
gebracht haben dürfte. Mindestens hätte dies für die offene 
Bauweise zugelassen werden müssen, die Landhausbe- 
bauung, die meist an der Wildparkgrenze entlang ange- 
nommen worden ist, wodurch die Eintönigkeit der Bebau- 
ung hier wenigstens ein Ende erreichen würde. 

Nun wäre eine geschlossene Bebauung sicherlich auch 
auf Grund einer gleichmäßigen Aufteilung des Geländes 
künstlerisch zu bewältigen, durch eine möglichst einheit- 
liche Gestaltung der Straßenwandungen, durch eine her- 
vorragend architektonische Betätigung überhaupt. Darauf 
ist aber doch unter den herrschenden Verhältnissen sobald 
kaum zu rechnen; ein bescheidenes Einpassen in das 
Straßenbild hindert die Sucht, den Nachbarn zu über- 
trumpfen, und das gewerbsmäßige Herstellen der Miet- 
häuser drängt den eigentlichen Künstler besonders in den 
mittleren und kleineren Städten in den Hintergrund. 

Eine, die freie Entschließung beengende Unklarheit lag 
endlich darin, daß den Bewerbern die Auswahl von Plätzen 
für gewerbliche Zwecke am Havelufer frei gestellt wurde, 
während die dort befindlichen großen Parkflächen von der 
Entwurfsbearbeitung ausgeschlossen waren, in Zukunft doch 
wohl als solche erhalten bleiben sollen, was sich bei der 
Nähe von Gewerbebetrieben kaum durchsetzen lassen 
dürfte. Hier wäre mit Ausnahme des unmittelbar an den 
Schafgraben anschließenden Teiles, an dessen Ufer wohl 
die geforderten Anlegeplätze für den Fracht- und Per- 
sonenverkehr zu schaffen wären, die offene Bauweise die 
von selbst gegebene Bebauungsart, auch mit Rücksicht auf 
einen möglichst freien Ausblick von der Neuen Luisen- 
straße über das Vorland der Havel hinweg auf die schöne 
Wasserfläche. 

Größere Freiheit gewährte dagegen das Programm für 
die Einzelausbildung des Planes; aber gerade darin lag eine, 
wenn nicht gar die Hauptschwierigkeit des Wettbewerbes 
verborgen, nämlich die Lösung der Frage, wie die das Ge- 
lände durchschneidenden Bahnkörper dem Bebauungsplane 
am besten einzuverleiben seien. Von der Treuenbrietzener 
Bahn war ausdrücklich gesagt, daß sie auf einer Damm- 
schüttung nach dem Bahnhofe Wildpark geführt werden 
solle; auch der nach der Südseite der Magdeburger Bahn- 
linie zu verschiebende und hochzulegende Fernbahnkörper 
war auf dem Lageplane mit Böschungsstrichen bezeichnet, 
während vom Schafgraben ab ein anderer Unterbau ge- 
plant zu sein scheint. Zweifelhaft konnte es nur bleiben, 
ob die zukünftige auf dem gegenwärtigen Planum der 
Magdeburger Bahn zu erbauende Hochbahn für den Ber- 
liner Vorortverkehr mit Dammschüttung gedacht sei. Die 
spätere Verbindung der Treuenbrietzener Bahn mit dem 
Ferngleise der Magdeburger Bahn in der Richtung auf 



45 



DER STÄDTEBAU 



Potsdam zu sollte jedenfalls als eiserner Viadukt inmitten 
einer in ihrem Zuge anzulegenden Straße angenommen 
werden. Nun pflegen Bahndammböschungen im Stadtge- 
biete keinen erfreulichen Anblick zu gewähren; man müßte 
denn Bäume davorstellen, wie es der mit dem II. Preise 
bedachte Entwurf „Heimatsinn" (Tafel 26) vorgeschlagen hat; 
gärtnerische Anpflanzungen auf den Böschungen selber sind 
der Gefahr ausgesetzt, Flugfeuer von der Dampflokomotive 
zu fangen. Doch wären lebende Hecken am Böschungsfuße 
wohl zulässig. Immerhin bleibt die einseitig bebaute 
Straße eine kostspielige Anlage, die den Gemeindesäckel 
belastet, zumal ihr Wert durch den Lärm des Bahnverkehrs 
noch beeinträchtigt werden kann. Bei der Ausdehnung 
der Bahndämme war daher zu überlegen, wie weit man 
mit den Begleitstraßen gehen könne, ob und wo insbeson- 
dere noch über das Verkehrsbedürfnis hinaus. Die Vor- 
schläge erschöpften in ihrer Mannigfaltigkeit fast alle Mög- 
lichkeiten. Es scheint fast so, als ob der mit dem I. Preis 
ausgezeichnete Entwurf „Videant consules" (Tafel 25) dem 
Umstände seinen Erfolg zu verdanken hat, daß er beide 
Seiten der Treuenbrietzener Bahn (nach „Wildpark" hin) und 
die 'Fernbahnseite der Magdeburger Linie fast gänzlich zu 
verbauen angenommen hatte. Man könnte dagegen ein- 
wenden, daß die Höfe hinter den Häusern dem Reisenden 
keine angenehme Einblicke gewähren. Doch ist zu beden- 
ken, daß sich die Bahn nicht nachträglich ihren Weg durch 
eine etwa vorhandene Bebauung gewaltsam zu brechen 
braucht, die nachfolgende Bebauung sich vielmehr nach 
der Bahn richten kann, die Entstehung kahler Brandgiebel 
also keine Notwendigkeit sein würde, und dies umsoweniger, 
wenn hier, wo bessere Wohnungen schwerlich gesuchte 
sein werden, vielleicht die Erbauung von Hinterhäusern 
für kleinere gewerbliche Betriebe dadurch gefördert wer- 
den könnte, daß an der Eisenbahn entlang schmale Wirt- 
schaftswege angelegt würden. An der Vorortbahnseite der 
Magdeburger Linie (Nordseite) wäre aber selbst bei Aus- 
führung eines Viaduktes eine Verbauung erwünscht, um 
den Streifen bis zur Viktoriastraße für sich behandeln, die 
Bebauung möglichst schonen und damit die Gartengrund- 
stücke gegenüber dem Parke von Charlottenhof erhalten 
zu können, zumal hier die offene Bauweise zu fordern 
wäre. Hierin liegt vermutlich der Grund für den Vorzug 
des mit dem III. Preise gekrönten Entwurfes „Victoria 
Luise" (Tafel 27) und des diesem vielfach ähnlichen zum 
Ankauf empfohlenen Entwurfes „Übersichtlich" (siehe Text- 
bild 2). Auch der Entwurf ,, Havel" zeigt dieselbe An- 
ordnung. Eine besondere Schwierigkeit hat dabei die Be- 
handlung des Zwickels in der Gabelung der beiden Eisen- 
bahndämme und des sich nach der Straße hin öffnenden 
Viaduktes. Der mit dem II. Preise gekrönte Entwurf hatte 
ebenso wie der Entwurf „Havel" hier Gartenanlagen vor- 
gesehen, der Entwurf „Camillo Sitte" (siehe Tafel 28) im 
ganz entgegengesetzten Sinne Plätze für gewerbliche An- 
lagen. Die meisten Bewerber wollten aber auch hier 
eine Bebauung durchgeführt wissen, die im Entwürfe 
,, Städtebau" z. B. als offene, überwiegend jedoch als ge- 
schlossene gedacht war. Die Verfasser des Entwurfes 
„Heimatsinn" haben sich im Erläuterungsberichte näher 
mit dieser Frage befaßt, indem sie die verschiedenen Mög- 
lichkeiten zu ihrer Lösung erörterten. Danach wurde von 
der vollständigen Bebauung als nicht empfehlenswert Ab- 
stand genommen, weil das Wohnen zwischen den Eisen- 



bahnen zweifellos wenig angenehm sei. Die Beschränkung 
der geschlossenen Bebauung aber auf die Südostseite und 
eine Bebauung mit einzelnen Gebäuden zwischen Baum- 
gruppen in den dahinter liegenden Zwickeln könne zwar 
den Bedürfnissen z. B. einer Hospitalanlage entsprechen, 
deren Errichtung an dieser Stelle jedoch des Lärmes wegen 
nicht angehe. Eine Parkanlage sei einfach, aber kost- 
spielig und, man darf wohl hinzufügen, angesichts der be- 
nachbarten ausgedehnten Kgl. Gärten auch ziemlich über- 
flüssig und für den Ruhe suchenden Spaziergänger kaum 
verlockend. Deswegen hatte der Entwurf eine einheitliche 
Frontbebauung vorgesehen und zwar für Geschäftsräume 
der Eisenbahnverwaltung oder auch wohl für einige Privat- 
häuser, während dahinter Erholungsplätze für Erwachsene 
und Spielplätze für Kinder angelegt werden sollen, die 
mitten in dem neuen Stadtteil und unmittelbar an der 
Straßenbahn gelegen sein würden. 

Ein letzter Punkt von Bedeutung betraf die Einziehung 
weiterer Verkehrstraßen. Dazu war der ungefähre Verlauf 
des bereits im Eingange der Besprechung erwähnten 
Mittelweges ohne weiteres gegeben. Dann kam wohl die 
Königliche Villa ,, Ingenheim" als Ausgangspunkt für einen 
Straßenzug in Frage, der entweder nach einer ungefähr 
inmitten des Bebauungsgebietes verlangten Platzanlage oder 
als Schrägstraße nach dem Bahnhofe „Wildpark" hin zu 
richten gewesen wäre. 

Ersteres ist in den Entwürfen „Heimatsinn" und ,, Keine 
Grundstücksumlegung" (siehe Tafel 34) geschehen, letzteres 
in den Entwürfen „Victoria Luise" und „Übersichtlich", 
weniger stark ausgeprägt auch in dem Entwürfe ,, Bran- 
denburg" (Tafel 31 u. 32), besonders schön aber in dem 
Entwürfe ,, Neues Palais-Villa Ingenheim" (Tafel 30). Diese 
Diagonale könnte, wenn nur Verkehrsrücksichten zu 
nehmen wären, auch etwas unterhalb der Villa Ingenheim 
von der Neuen Luisenstraße ausgehen, wie dies z. B. 
der Entwurf „Camillo Sitte" zeigt. Andere haben die Ab- 
zweigung noch weiter nach Westen hin verschoben und 
schließlich auf eine Diagonale überhaupt verzichtet, um 
sich mit einer auch in den genannten Entwürfen außerdem 
vielfach vertretenen Straße zu begnügen, die annähernd 
parallel zur Wildparkgrenze verläuft, wobei allerdings die 
geforderte Straßenbahnschleife zu einem großen Umwege 
führt. Eine gute Diagonale war übrigens auch im Ent- 
würfe ,, Licht, Luft, Leben" zu sehen und zwar in tadel- 
losem Anschlüsse an die Stadt. 

Daß sich unter der großen Zahl von Entwürfen auch 
unreife Arbeiten gefunden haben, kann nicht auffallen, 
kommt dies doch immer in allgemeinen Wettbewerben vor, 
umsomehr also dann, wenn eine Aufgabe gestellt war, 
die sich fast jeder, der Zirkel und Lineal zu handhaben 
gelernt hat, zutraut, ohne viel Federlesens lösen zu können. 

Deshalb kann es auch nicht Wunder nehmen, daß die • 
Straßengeometrie zum Teil mit merkwürdigen Anläufen, 
auch in Kunst machen zu wollen, überwogen hat. Plätze, 
für die gerade die Überbleibsel schematisch zugeschnittener 
Baublöcke gut genug gewesen sind, wahre Irrgärten und 
Wurmgänge statt Straßen waren zahlreich vertreten. An- 
dere Bewerber, wie eine an die Schriftleitung gelangte Zu- 
schrift ausführt, hatten, ebenfalls unter Verzicht auf fast 
jede rechtwinklige und geradlinig umrissene Blockform, 
schwungvolle Linien auf das Papier geworfen mit möglichst 
vielen Symmetrieaxen (die meist die Bahndämme abgaben) 



46 



DER STÄDTEBAU 



Abb. 2. 






VUmftwMtn'Z- -fe«tK>Htf 




^'^W 



Zum Ankauf empfohlen : Allgemeine Städtereinigungsgesellschaft zu Wiesbaden. 



und Symmetriemittelpunkten, unbekümmert um jede Besitz- 
grenze und willkürlich gegen die Verkehrsansprüche. So 
waren Entwürfe mit einer Schar zu den Bahnkrümmungen 
gleichlaufender Straßenzüge zu sehen, durchkreuzt von 
einem Büschel von Radialstraßen — und das Spinngewebe 
war fertig! 

Selbst in die engere Wahl gekommene Entwürfe waren 
von derartigen Fehlern nicht frei, darunter z. B. einer mit 
durchweg quer zur natürlichen Richtung verlaufenden 
Längsstraßen, ein anderer mit einer zwar groß gedachten 
Platzaxe, die jedoch mittendurch schief von einem Bahn- 
damme durchschnitten wurde, ein dritter, sonst nicht übler 
mit einem 400 m langen ovalen Kirchplatze, der sich der 
Krümmung der Treuenbrietzener Bahn anschmiegend, wie 
eine Rennbahn gestaltet und im Abstände einer Blockbreite 
von einem gleichförmigen Straßenringe umschlossen war. 
Dagegen sind bessere vom Preisgerichte übergangen wor- 
den, z. B. der Entwurf ,, Residenzstadt" mit zwei guten 
Plätzen, leider nur mit Straßenzügen, die ohne Rücksicht 
auf die sie schief durchschneidenden Eisenbahnen in ge- 
rader Linie durchgezogen waren, oder der Entwurf „Groß- 
stadtflucht" mit gutem Kirchplatze, klaren Straßenzügen 
und durchdachten Ecklösungen. Ferner der bereits er- 
wähnte Entwurf „Havel", der Entwurf „Cosi" und weitere 
fünf, die zu den besten des ganzen Wettbewerbes gehörten: 



„Städtebau", „Neues Palais-Villa Ingenheim", „Branden- 
burg", „Flurgrenzen-Bauplatzgrenzen" und „Keine Grund- 
stücksumlegung". 

Nach gemeinsamer Besichtigung der Entwürfe durch 
den Herausgeber der Zeitschrift und einen im Städtebau 
wohlerfahrenen Geometer kamen wir zu dem Ergebnisse, 
daß der mit dem IL Preise gekrönte Entwurf unbedingt an 
die erste Stelle gehört hätte. Im übrigen vermochten wir 
uns nicht des Eindruckes zu erwehren, als ob die in die 
engere Wahl gelangten Entwürfe dies zum Teil der einen 
oder anderen guten Idee zu Liebe, die vielleicht für die 
weitere Bearbeitung des Bebauungsplanes als brauchbar 
erschien, zum Teil aber auch der wohlwollenden Absicht 
zu verdanken gehabt hätten, jeder der im Wettbewerbe 
vertreten gewesenen Städtebaurichtungen gerecht zu wer- 
den. So haben je eine Geometer-, eine Architekten- und 
eine Ingenieurarbeit Preise erhalten, sind je eine Architek- 
ten- und eine Ingenieurarbeit zum Ankaufe empfohlen wor- 
den, Arbeiten von überaus verschiedenem Werte. Eine 
Beurteilung der einzelnen Entwürfe hat das Preisgericht 
nicht bekannt gegeben. 

Indem wir uns nun den einzelnen, auf den Tafeln 25 
bis 34 bezw. dem im Texte mitgeteilten Entwürfen zuwenden, 
bedarf es nur noch weniger Worte; vorab sei aber dem 
Magistrate der Stadt Potsdam unser Dank für die freund- 



47 



DER STÄDTEBAU 

Abb. 3-5. 




Abb. 3 

Kirchplatz 

und 

Umgebung. 

Abb. 4 

Führung der 

Viktoriastr. 

am 
Floraportal 

Abb. 5 
Marktplatz 



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Zu Tafel 33 
gehörig. 

Architekt : 

Hans 
BemouUi- 

Berlin. 












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liehe Überlassung der in sein Eigentum übergegangenen 
Pläne zum Zwecke unserer Veröffentlichung hiermit abge- 
stattet und zu den außerdem dargestellten Plänen noch die 
Bemerkung gestattet, daß es versehentlich verabsäumt 
wurde, den auch in engerer Wahl gewesenen Entwurf 
„Cosi" aufzunehmen; er ist zwar weniger gut durchge- 
bildet als der ihm nahestehende Entwurf ,, Städtebau", 
verdient aber doch hier noch einmal ausdrücklich erwähnt 
zu werden. Die Abbildung des Entwurfs ,,Uebersichtlich" 
mußte aus Mangel an Platz in den Text aufgenommen 
werden. 

Der mit dem I. Preise ausgezeichnete Entwurf des 
Geometer Rudolf Linkenheil zu Mannheim (Tafel 25) 
zeigt zwar klare Hauptstraßenzüge, aber auch viele Stern- 
oder Halbsternplätze. Eine recht fleißige Arbeit in sauberer 
Darstellung, doch ohne Verständnis für die architektonische 
Gestaltung der Straßen- und Platzwandungen. Zwar meinte 
Verfasser in seinem vom Verkehrsgeiste erfüllten Erläute- 
rungsberichte, auch möglichste Rücksicht auf die vorhan- 
denen Grundstücksgrenzen genommen zu haben. Dem ent- 
spricht jedoch der Entwurf nicht, der im Gegenteil die 
Grundstücke arg zerstückelt hat. 

Von dem Entwürfe des Bauingenieurs Adolf Knispel 
in Wiesbaden, der den III. Preis errungen hat (siehe 
Tafel 27), ist im wesentlichen dasselbe zu sagen, wenn 
auch die durchgehenden Verkehrslinien großzügiger ge- 
dacht und die Platzanlagen besser geformt sind. Die 
reichlich beigegebenen Schaubilder verraten zwar eine 
architektonisch geschulte Hand, bieten inhaltlich jedoch 
weiter nichts als die üblichen Mietkasernen und eine 
geschmacklos aufgestellte Kirche. 

Der zum Ankauf empfohlene, hier im Texte mitgeteilte 
Entwurf ,, Übersichtlich" der „Allgemeinen Städte- 
reinigungsgesellschaft" zu Wiesbaden ähnelt stark 
dem vorgenannten, doch ist die Blockteilung schematischer; 
selbst die rechtwinkligen Ecken sind durchweg verbrochen. 
Die übermäßige Straßenbreite wird durch die beigegebenen 
Schaubilder, namentlich bei offener Bauweise, treffend als 
verfehlt illustriert. 

Hieran sei gleich auch der Entwurf „Havel" der 
Geometer Schumacher & Locher in Stuttgart gefügt, 
der größere Rücksicht auf die Grundstückgrenzen ge- 
nommen hat. Der Kirchplatz ist mißlungen, ein Park- 
streifen mit Reitweg an der Treuenbrietzener Bahn entlang 
jedoch sehr beachtenswert. 

Zu Tafel 26 zurückkehrend wird der mit dem II. Preise 
gekrönte Entwurf der Regierungsbaumeister Robert 
Weyrauch (Bauingenieur) in Frankfurt a. M. und Martin 
Mayer (Architekt) in Hamburg, beide jedoch aus Stutt- 
gart stammend (aus der Schule von Theodor Fischer?), 
mit dem Bemerken vorgeführt, daß die geschickt durch- 
geführten Straßenzüge und die langgestreckten Baublocks 
den Verhältnissen gut angepaßt sind. Der Platz vor dem 
Bahnhofe „Wildpark" ist zu lang geraten, worunter seine 
Ausbildung leidet. Dagegen sind gute Architekturplätze 
für öffentliche Gebäude vorgesehen. Einige zu lang durch- 
laufende Wohnstraßen könnten noch durch Versetzung ge- 
winnen. Mehr dem Prunke und der Erholung soll die von 
der Villa Ingenheim nach dem Kirchplatze, der besonders 
schön angeordnet ist, führende Straße dienen. Eine Ver- 
minderung der Straßenbreite ist im Erläuterungsberichte 
warm befürwortet worden. 



48 



DER STÄDTEBAU 



Auf Tafel 28 ist der angekaufte Entwurf „Camillo 
Sitte" des Architekten Anton Käppier in Leipzig dar- 
gestellt mit klaren Straßenzügen und guten Blockformen; 
der Hauptplatz ist übermäßig groß ausgefallen. 

Die nun folgenden Pläne seien lose aneinander gereiht. 
Auf Tafel 29 zunächst der in engerer Wahl gewesene Ent- 
wurf „Städtebau" des Baumeisters Franz Schulz in 
Dresden (Architekt im städtischen Tiefbauamt). Von 
künstlerischer Auffassung getragen ist der Verfasser in der 
Absicht, anheimelnde Wohnstraßen zu schaffen, in ein 
bischen zu viel Winkelei hineingeraten. Lobenswert sind 
die vielfach hübschen Ecklösungen mit platzartigen Er- 
weiterungen; das Bestreben, sich streng und geschickt 
an die Grundstücksgrenzen zu halten, zeigt deutlich die Be- 
bauungsfähigkeit ohne viel Umlegung. 

Tafel 30: „Neues Palais -Villa Ingenheim" des 
Architekten Hermann Jansen in Berlin. Die Diagonale, die 
dem Entwurte das Motto gegeben, ist bereits hervorgehoben 
worden. Überhaupt sind die von der Havel nach dem 
Wildparke hinstreichenden Straßenzüge gut gedacht, wenn 
sie auch vielfach zu spitzwinkligen Ecken geführt haben. 
Sonst gute Baublocks, wenn auch zum Teil überlang, wo- 
durch allerdings die Möglichkeit späterer Zwischenteilung 
durch Nebenstraßen geboten wird. Hierbei sei noch ein 
zweiter Entwurf desselben Verfassers ,, Natürliches 
Empfinden" ausdrücklich erwähnt. 

Auf den Tafeln 31 und 32 erscheint der Entwurf „Bran- 
denburg" des Architekten P. Andreas Hansen in München 
mit dem schönen Schaubilde der künstlerisch empfundenen 
Kirchplatzgruppe. Leider ist der Verfasser beiAnnahme einer 
nur zweigeschossigen Bebauung wohl von einer irrtümlichen 
Voraussetzung ausgegangen. Der Plan leidet an der Un- 
ruhe von zu viel Straßen, unter denen trotzdem eine durch- 
gehende Linie nach dem Bahnhofe Wildpark fehlt. Große 
Liebe ist aber unter Beachtung der Grundstücksgrenzen der 
Durchbildung der Baufluchten — sägeförmige bei schiefer 
Durchschneidung der Grundstücke! — gewidmet worden, 
auch den Vorgärten, die zum Teil nur an einer Straßen- 
seite, jedoch in wenigstens 6 m Tiefe geplant sind. 

Der Entwurf „Flurgrenzen=Bauplatzgrenzen" auf 
Tafel 33 nebst den Schaubildern Abb. 3—5 im Text rührt 
von einem anderen Mitarbeiter unserer Zeitschrift, Hans 
BernouUi, Architekt in Berlin, her. Wie das Motto 
besagt, ist die enge Anschmiegung an die vorhandenen 
Grundstückgrenzen das Leitmotiv gewesen, wobei aller- 
dings die Verkehrslinien etwas ins Gedränge gekommen 
sind und namentlich die Straßenbahnschleife arg ver- 
drückt ist. Doch hat der Verfasser den Mittelweg zu 
einer vortrefflichen Hauptstraße umgewandelt, die, eine 
schöne Doppelplatzanlage überquerend, an der Nordseite 
bis zum Bahndamme hin, von Laubengängen begleitet 
wird. Die Baublöcke sind in der Voraussetzung, daß ver- 



schiedenartige Wohnbedürfnisse zu befriedigen seien, auch 
in wechselnder Größe angenommen und gut geformt mit 
fast durchweg rechtwinkligen Ecken, die Eisenbahndämme 
sind meist eingebaut und die Straßenvermittlungen sorg- 
sam durchgebildet. Das Floraportal will der Verfasser 
durch ein säulengetragenes Halbrund von dem höher liegen- 
den Bahnhofe Wildpark trennen, hinsichtlich dessen Lage 
die Programmbestimmungen allerdings außerAcht geblieben 
sind. Diese Lösung, sowie einige Platzbilder werden hier 
im Texte wiedergegeben (Abb. 3 bis 5). 

Der Diplomingenieur Oskar Krzymowski in Ulm a.D. 
(städtisches Tiefbauamt) hat gleichfalls einen mit vielen 
Vorzügen ausgestatteten Entwurf eingesandt — siehe Tafel 
34 (NB. diesem Hefte sind 2 Tafeln mehr beigegeben, so 
daß dem 5. Hefte nur 6 Tafeln verbleiben!). Das architek- 
tonische Mittel der Staffelung schief über die Grundstücke 
verlaufender Fluchtlinien hat ein bischen zu oft Anwendung 
gefunden. Der Verfasser ist dazu wohl in dem Bestreben 
gekommen, das in seinem Motto „Keine Grundstücks- 
umlegung" bezeichnete Ziel, zu erreichen. Er hat die 
Besitzgrenzen fast bis in alle Einzelheiten hinein festge- 
halten und sich durch Einzeichnung der künftigen Gebäude 
an schwierigen Stellen die Möglichkeit einer Bebauung ohne 
Umlegung nachzuweisen bemüht. Bei Berücksichtigung 
der Verkehrsanforderungen hat er ferner auf eine monu- 
mentale Ausgestaltung der Hauptstraße anstelle des Mittel- 
wegs Bedacht genommen. Die Straße bildet selbst einen 
länglichen, von Laubengängen umrahmten Platz, über den 
im Hintergrunde die mächtige Kuppel und die beiden Türme 
einer an einem ruhigen Plätzchen gelegenen Kirche her- 
überragen, bei deren Gruppierung mit verhältnismäßig ge-. 
ringen Mitteln die Großartigkeit der fürstlichen Städte- 
anlagen aus der Barockzeit angestrebt wird. Bei der vor- 
geschrittenen Bebauung längs der Neuen Luisenstraße sind 
einige Straßendurchbrüche derart geplant, daß keine kahlen 
Grenzfronten entstehen, d. h. in einem Abstände von etwa 
einer Zimmertiefe von der Nachbargrenze, eine Ausbildungs- 
art, die auch bei einer schmalen Straße gleiche Anwendung 
gefunden hat. Den architektonischen Charakter der Altstadt 
Potsdam hat dieser Entwurf wohl am meisten zu berück- 
sichtigen versucht, wenn auch die Darstellung der beige- 
gebenen Schaubilder zu wünschen übrig ließ. 

Es wäre dringend zu wünschen, daß die Stadtgemeinde 
Potsdam sich die Vorzüge solcher Pläne zu Nutze machen 
möge, indem sie noch nachträglich von dem Vorbehalte, 
weitere Entwürfe durch Ankauf zu erwerben, Gebrauch 
macht. Anderen Stadtverwaltungen aber sei bei dieser Ge- 
legenheit als Mahnung ans Herz gelegt, daß die Städtebau- 
kunst nicht als etwas Nebensächliches anzusehen ist, sondern 
als so wichtig, daß gerade nur die allertüchtigsten Kräfte 
für die Planverfassung sowohl als auch als Sachverständige 
herangezogen werden sollten. 



DIE GROSSSTADT ALS STADTEGRÜNDERIN. 



Von A. ABENDROTH, Hannover. 



(Schluß aus Heft 3). 



Schwieriger wird die Sache schon, wenn — was leider 
durch die jahrzehntelang gepflegte Manie, jedes größere 
Grundstück durch neue Verkehrslinien (wie sie genannt 
werden) mit papiernen Straßen zu versehen, sehr häufig, 



ja viel zu häufig der Fall sein wird — wenn also auf dem 
Bebauungsplane der Stadt schon Straßenentwürfe für die 
alten Fabrikgrundstücke bestehen und der Unternehmer 
nun darauf dringt, diese ausbauen und seinen Grundbesitz 



49 



DER STÄDTEBAU 



durch Spekulation ausschlachten zu dürfen. Doch ist auch 
hier die Gelegenheit für die Stadt gegeben, diese Aus- 
schlachtung zu hindern oder doch lange hinzuhalten, indem 
sie einfach die Genehmigung für den Ausbau der Straßen 
nicht zu erteilen und sie nicht für anbaufähig zu er- 
klären braucht. 

In beiden Fällen wird die Möglichkeit vorliegen, die 
Industrie für die Absichten der Stadt zu gewinnen und 
außerdem die Bodenpreise für das innerhalb der Stadt von 
Fabrikanlagen freiwerdende Land auf eine erträgliche Höhe 
hinabzudrücken. Ja, häufig genug wird der Fall eintreten, 
daß unter diesen besonderen Umständen der Industrielle 
sein altes Land der Stadt gegen einen mäßigen Preis zur 
Verfügung stellt und auf diese Weise allen Schwierigkeiten 
aus dem Wege geht, zugleich aber auch das erforderliche 
Kapital gewinnt, um draußen in der Kolonie auf städtischem 
Grund und Boden mit städtischem Gelde neue musterhafte 
Industriewerkstätten schaffen zu können. Um von vorn- 
herein bei dem Vorhaben, Industriekolonien anzulegen, 
sicher zu gehen, empfiehlt sich für die Stadtverwaltung 
noch folgender Weg. Sie beschafft sich zunächst in ge- 
eigneter Lage einen gehörigen Grundstock an Landbesitz, 
arbeitet dann einen Ansiedlungsplan aus und erläßt an 
der Hand dieses vorläufigen Planes eine vertrauliche Um- 
frage bei allen größeren Industriellen in der Stadt und 
Umgebung, von denen anzunehmen ist, daß sie über kurz 
oder lang an eine Auswanderung aufs Land gezwungen 
sein werden. In dieser Rundfrage müßte auf alle die vielen 
wirtschaftlichen, sozialen, hygienischen und moralischen 
Vorteile der geplanten Ansiedelungsart hingewiesen werden, 
es darf aber auch nicht versäumt werden, den Interessenten 
in kluger Weise zu verstehen zu geben, welche Nachteile 
ihnen entstehen könnten, wenn sie sich dem Plane feind- 
lich gegenüberstellen würden. Und dann muß alsbald eine 
Art Sammelliste beigefügt werden, in die sich die freund- 
lich Gesinnten einzutragen haben. 

Erst nachdem diese Vorarbeiten erledigt sind, kann 
die Stadt an eine gesunde zweckmäßige Propaganda 
gehen und den Plan eingehender bearbeiten. Wir haben 
aus allen bisherigen Betrachtungen gesehen, daß beiden 
Parteien, sowohl der Industrie, wie den Großstadtver- 
waltungen, ausschließlich Vorteile erwachsen, wenn die 
letzteren die Gründungen von geeigneten Kolonien auf 
städtischem Grund und Boden ohne Veräußerung und Ver- 
äußerlichkeit ihres Landes bewirken. Es soll nun zuguter- 
letzt noch untersucht werden, wie weit der Staat bei 
dieser bedeutenden wirtschaftlichen Aufgabe mitwirken 
kann und wie weit er eine so neue und gesunde 
Bodenpolitik der Gemeinden unterstützen und 
fördern kann. 



Seitens der Regierungen in den verschiedenen Staaten 
ist in neuerer Zeit wiederholt den Städten und größeren 
Landgemeinden nahegelegt worden, sich einer zweckent- 
sprechenden Bodenpolitik zu befleißigen, um durch sie 
einerseits den Staat in seiner geplanten Wohnungsreform 
zu unterstützen und die Schuldenlasten der Gemeinden 
anderseits erträglicher zu machen. Gewiß haben die 
meisten Gemeindeverwaltungen bisher viel zu gleichgiltig 
der Bodenfrage gegenübergestanden, ja sie häufig noch 
verschlimmern helfen, aber die Schuld daran dürfte der 



Staat nicht weniger haben als die Stadt. Wenn heute 
der preußische Wohnungsgesetzentwurf in vielen Punkten 
als eine unbegreifliche Härte für die Gemeinden em- 
pfunden wird und zum Teil empfunden werden muß, so 
liegt das weniger an ihm selber, als vielmehr daran, 
daß er viel zu spät erscheint. Er hätte schon ein Jahr- 
zehnt früher auf die Bildfläche treten und dazu etwas 
bringen müssen, was er auch jetzt noch verabsäumt hat, 
nämlich viel ein- und weitgehendere Bestimmungen über 
das Enteignungsrecht der Städte. 

Ich will hier ganz von der Anwendung des Enteignungs- 
rechtes auf den Bebauungsplan absehen; über diesen Punkt 
läßt sich streiten; aber es gibt so viele andere Dinge, die 
von ungemein wirtschaftlicher, hygienischer und sozialer 
Bedeutung sein könnten, wenn ihre Verwirklichung den 
Gemeinden mehr erleichtert würde. Man denke nur z. B. 
an Land, das zur Errichtung von Wassergewinnungsan- 
lagen (Grundwasserbrunnen, Talsperren usw.) nötig ist, an 
große, sonst unfruchtbare und darum unbrauchbare Strecken, 
die sich ausgezeichnet zu Rieselfeldern u. dergl. eignen; 
wird hier nicht den Städten der Erwerb solchen Landes 
viel zu sehr erschwert? Und wie sollen die Stadtverwal- 
tungen in ihren eigenen vier Pfählen gesunde Bodenpolitik 
treiben, wenn alles Land innerhalb des Stadtgebietes in 
festen Händen liegt und kein Recht besteht, auf Grund 
dessen die Gemeinden sich genügendes Gelände gegen 
angemessene Bezahlung erwerben können? Ich meine: 
wenn nun einmal ein Wohnungsgesetz geschaffen, und 
wenn den Gemeinden die Pflicht zu einer besseren Boden- 
politik auferlegt werden soll, dann muß auch zugleich 
das Recht geschaffen werden, nach dem die Gemeinden 
dieser, ihrer Pflicht, gerecht zu werden, die Kraft er- 
halten. 

Legt man den Kommunen, was nach unseren obigen 
Darlegungen wünschenswert erscheinen muß, durch das 
Wohnungsgesetz nahe, Land zu Wohnungs- oder noch 
besser Industriekolonien zu erwerben und es umsonst oder 
billigst für die genannten Zwecke herzugeben, dann soll 
man sich auch nicht scheuen, ihnen ein möglichst weit- 
gehendes Enteignungsrecht zu verleihen. Man kann sich 
ja staatlicherseits das Recht vorbehalten, die Ansied- 
lungspläne auf das sorgfältigste zu prüfen und sie erst zu 
bestätigen, bevor der betreffenden Gemeinde in dem Einzel- 
falle das Recht zugesprochen wird, nach diesem Plane im 
Enteignungswege das erforderliche Land aufzukaufen und 
einzurichten. Aber gerade dieser Weg, das Verfahren, muß 
viel mehr, als es jetzt der Fall ist, erleichtert und gekürzt 
werden und eine weitergehende Anwendbarkeit erhalten. 

Ein zweiter Punkt, wo der Staat einsetzen kann, ist 
die Gewährung eines größeren Kredites an die Gemeinde 
und zwar gerade für den Zweck einer gesunden Boden- 
politik. Just für diese mit so geringer Bodenrente rech- 
nenden kommunalen Industriekolonien wäre es meines 
Erachtens möglich, einen Fonds verwendbar zu machen, 
der von den Arbeitern gesammelt wird und ihnen darum 
auch in weitgehendster Weise zugute kommen muß, das 
ist das Kapital der Landesversicherungsanstalten, soweit 
es nicht schon anderweit in Anspruch genommen wird. 
Wenn mit seiner Hilfe die Industriebevölkerung der 
Städte zu kostenlosem Eigentum und zu einem gesunden 
Leben ohne alle Gemeindesteuern gelangen könnte, so 
würde man hierdurch der Sozialdemokratie eine weitere 



50 



DER STÄDTEBAU 



scharfe Waffe entwinden nnd das Kapitel „Sozialpolitik" 
ganz wesentlich weiterfördern. 

Dann müßte allerdings die Arbeiterschaft in den Kolo- 
nien, die ja den größten Teil der Bewohnerschaft aus- 
machen wird, von vornherein von jeder direkten Boden- 
rente und vielleicht auch von jeder direkten Gemeinde- 
steuer befreit bleiben. Aber die Pacht für alle die übrigen 
Ansiedler ist ja so außerordentlich gering, daß der Ausfall 
bei den Arbeitern auf diese anderen durch eine vernünftige 
Pacht- und Steuerordnung so verteilt werden kann, daß 
Bodenrente und Kommunalsteuern immer noch eine ge- 
ringe Höhe erhalten. Und außerdem kann ja die Gemeinde 
aus dem Staatskredite die erforderlichen Arbeiterhäuser 
alle selber bauen und die doch viel geringere Miete, als 
die Arbeiter sie bisher gewohnt waren, mit einem kleinen 
Aufschlage versehen, der den Renten- und Steuerausfall 
in ganz unmerklicher Weise ausgleicht. Ganz abgesehen 
davon, daß ja gerade die Steuern in den Industriekolonien, 
weil deren Wachstum eine Höchstziffer nicht überschreiten 
darf, durch das anwachsende kommunale Bodenrenten- 
kapital und seine Verzinsung allmählich überhaupt in 
Wegfall kommen, wie bereits früher dargelegt ward. — 



Ich komme jetzt zum Schluß meiner Abhandlung, die 
selbstverständlich nur eine Anregung iür das Eingreifen der 
Großstädte bei der Errichtung von Industriekolonien sein 
soll. 

Während des Niederschreibens dieses Artikels ist mir 
bekannt geworden, daß man sowohl in der Nähe der Stadt 
Frankfurt a. M. wie der Großherzoglichen Residenz Darm- 
stadt nach den Plänen des Professors Pützer in Darmstadt 
je eine kleine Gartenstadt anlegen will und zwar aus Pri- 
vatmitteln. Nun, die englische Gartenstadtgesellschaft 
ist eine Genossenschaft und auch die Propaganda der 
anderen Gesellschaften gleicher Tendenz strebt auf die Ver- 
wirklichung ihrer Pläne mit Hilfe von Genossenschaften 
zu. Und doch scheint mir das nicht der richtige Weg zu 
sein. Bei der Begründung der Gartenstädte und ihrer 
ersten Einrichtung läßt sich die rechtliche Form einer Ge- 
nossenschaft ohne Zweifel leicht festhalten. Will man nun 
aber jeden neu hinzuziehenden Arbeiter und sonstigen An- 
siedler gleichfalls zum Genossenschaftsmitglied machen 
und ihn wieder streichen, wenn er aus irgend einem 
Grunde aus der Ansiedlung wegziehen muß, und wie will 
man das Abrechnungswesen für alle derartigen oder ähn- 
lichen Wechselfälle gestatten? Wenn der Gedanke der 
Gartenstadt in seiner ursprünglich reinen Gestalt bei- 
behalten werden soll, wird man doch mit jedem Hinzu- 
und Abziehenden als Genossenschaftsmitglied rechnen 
müssen, sonst bleibt das ganze Unternehmen alles in 
allem nichts anderes als eine neue Gestalt der Boden- 
spekulation, die nur den paar Leuten zugute kommt, welche 
die Genossenschaft bilden und das l2and zur Ansiedlung 
hergegeben haben. 

Es ist doch m. E. viel zweckmäßiger, diejenigen Ge- 
nossenschaften in allererster Linie bei der Anlage neuer 
Ansiedlungen heranzuziehen, die wirtschaftlich am stärksten 



und in ihrer Organisation am einfachsten sind, nämlich 
die Städte, deren Bürgerschaften doch im Grunde ge- 
nommen nichts anderes sind als von gleichen Interessen 
ihrer Mitglieder getragene Genossenschaften. 

Die Entwicklung der Städte aller Länder hat gezeigt, 
daß die Gemeinde als solche die vollendetste Form des 
Genossenschaftswesens und der Selbstverwaltung ist. Wes- 
halb will man sie nur bei einer vom idealen wie wirt- 
schaftlichen Standpunkte so gleich vollkommenen Kultur- 
aufgabe nicht heranziehen, wie die Anlage von Industrie- 
kolonien sind? Wenn eine starke Stadtgemeinde an die 
Verwirklichung dieser Idee geht, so ist von vornherein die 
Sicherheit gegeben, daß aller Gewinn der Allgemeinheit 
zufließt. Denn, wo ist die Bürgervertretung, die nicht sofort 
nach Steuer- und Gebührenermäßigung schreit, sobald ein 
Ueberschuß im Gemeindehaushalt wahrzunehmen ist!? 
Bei einer gewöhnlichen Genossenschaft, die außerdem 
viel weniger kapitalkräftig ist als eine Stadt, wird die 
gleiche Sicherheit nicht immer vorhanden sein. — 

Nun sei noch zuguterletzt an alle diejenigen Stadtver- 
waltungen, welche bereits großen landwirtschaftlichen 
Grundbesitz haben, die Bitte gerichtet, sich mit den vor- 
stehend gemachten Vorschlägen eingehender beschäftigen 
zu wollen und, wenn sie ihnen durchführbar erscheinen, 
ihrerseits einmal einen, wenn auch erst kleinen. Versuch 
zu machen. Namentlich möchte ich mich hierbei an meine 
Vaterstadt Berlin mit ihren gewaltigen Liegenschaften 
wenden, die jetzt zu Rieselfeldern benutzt werden. Sollte 
sie aus irgend einem Grunde ein oder das andere dieser 
Felder größeren Umfanges seiner eigentlichen Bestimmung 
entziehen wollen, so möge sie bei der Erwägung, wie die 
Ländereien anders zu verwerten seien, auch an die „In- 
dustriekolonie" denken. Vielleicht ist es auch nicht 
ausgeschlossen, die großen Güter, welche für 
Rieselzwecke neu erworben werden, von vorn- 
herein nach dem Gartenstadt- alias Industrie- 
koloniesystem aufzuteilen und auf diese Weise für 
die landwirtschaftlichen und gärtnerischen Be- 
triebe von anfang an durch eine großartig ange- 
legte Be- und Entwässerung die wesentlichste 
Kultivierungsbedingung zu schaffen? 

Auch alle anderen Städte, die für ihre Stadtentwässe- 
rung die Erwerbung von Rieselfeldern allen anderen Klär- 
anlagen vorziehen würden, wenn sie nicht vor der großen 
Kapitalanlage und der schlechten Verzinsbarkeit zurück- 
schrecken würden, mögen sich einmal mit dem Vorschlage 
näher beschäftigen. Wenn hiergegen nun auch sicher 
allerhand hyj^ienische Bedenken laut gemacht werden 
würden, ebenso so sicher dürfte sein, daß sich diese Be- 
denken überall dort, wo sie bereits gemacht worden sind, 
in der Regel als verfrüht und wenig stichhaltig erwiesen 
haben. Liegen doch gerade bei Berlin rings um die mäch- 
tigsten Rieselanlagen herum die beliebtesten Villenkolonien. 
Sollte sich nicht darum auch Industriekolonie und Ent- 
wässerungsfeld, beides auf städtischem Boden zu 
städtischem Wohle, vereinigen lassen!? 

Ich würde mich freuen, wenn meine vorstehende Ar- 
beit zu einer weiteren Erörterung dieser und der sonst 
aufgeworfenen Fragen Anlaß geben würde. 



61 



DER STÄDTEBAU 



BEBAUUNGSPLAN FÜR DEN SÜDLICHEN 
TEIL DER STADT FLENSBURG. 



Von Dr. Ing. J. STUBBEN, Berlin -Grunewald. 

Im Dezemberheft des vorigen Jahrgangs hat Herr Ge- 
heimrat Prof. Dr. Ing. Henrici einen von ihm für die Grund- 
besitzerfirma R. gefertigten Entwurf veröffentlicht, der keine 
Veranlassung zu diesen Zeilen geben würde, hätte der Ver- 
fasser es unterlassen, von den ,, Zumutungen" zu sprechen, 
die in dem im Auftrage der Stadt Flensburg von mir ent- 
worfenen Bebauungsplan enthalten sein sollen. Dieses Wort 
kann beim Leser einen Eindruck hervorrufen, gegen den 
es mir als Pflicht erscheint, die Flensburger Stadtverwaltung 
und mich zu verwahren. 

Durch die Stadt Flensburg zieht sich von Norden nach 
Süden eine Mulde, welche die Verlängerung der Föhrde 
bildet und bisher in einem von hohen schattigen Hängen 
und freundlichen Spazierwegen umgebenen See, dem so- 



genannten Großen Mühlteich, ihren Abschluß fand. Es war 
ein natürlicher Wunsch des Magistrats und der Bevölkerung, 
bei der vorrückenden Bebauung die schöne Wasserfläche, 
das „Auge der Landschaft" nach Möglichkeit zu erhalten, 
während es umgekehrt bekannt war, daß die Eigentümerin 
des Sees die Zuschüttung und völlige Bebauung des ganzen 
dadurch zu gewinnenden Talgrundes anstrebte. So ent- 
stand mein auf der Dresdner Ausstellung von der Stadt 
vorgeführter Entwurf, nach dem von 1622 ar Wasserfläche 
der tiefere Teil als 448 ar großer Zierteich erhalten und an 
den oberen seichteren Rändern mit landschaftlichen An- 
lagen umgeben werden soll. Diese Wasser- und Park- 
anlage ist so gedacht, daß sie von der Altstadt einen ein- 
ladenden Zugang hat und daß ringsum der Eigentümerin 




52 



DER STÄDTEBAU 



nach Abzug von Straßen, Plätzen und Pflanzungen Bau- 
grundstücke von 650 ar Größe in zweckmäßiger Bebauungs- 
tiefe verbleiben. Die aus der städtischen Schmuckanlage 
erwachsende Wertsteigerung des Bodens würde sonach 
der Grundbesitzerin in vollem Maße zugute kommen. 
Das sind die „Zumutungen", gegen die sie, die schon einen 
Plan für die dichte Bebauung des ganzen Seegrundes in 
Bereitschaft hatte, die Hülfe des Herrn Prof. Henrici an- 
rief, noch bevor in eigentliche Verhandlungen über die 
Ausführungsbedingungen eingetreten war. Daneben spielten 
Meinungsverschiedenheiten über Bebauungsdichtigkeit und 
Wasserführung eine Rolle, die aber mit dem Plan in nur 
losem oder keinem Zusammenhang stehen. Mein Entwurf sei 
in kleinem Maßstabe, leider ohne Besitzgrenzen, nach der 
Veröffentlichung im Ausstellungswerke „Die deutschen 
Städte" hier in Abbildung wiedergegeben. Cornelius Gurlitt, 
der Berichterstatter über den Städtebau im genannten Werke 
sagt: „Es handelt sich um die Aufteilung eines Tales, in 
dessen Grund ein Teich liegt. Von Bedeutung war der Blick 
von der Stadt aus über denTeich weg auf ein auf einen Hügel 
aufgestelltes Festhaus. Durch das Tal selbst ist größerer Ver- 
kehr nicht zu erwarten, die Hauptstraßen führen um das Tal 
herum, das als stilles Wohnviertel dienen soll." Gurlitt 
spricht ferner von den „naturgemäß lebhaft geschwungenen 
Linien" desEntwurfs, „ebenso wie dies bei Bergstraßen über- 



all der Fall ist." Er sagt endlich an anderer Stelle: „Die Kunst 
des Städtebauers bewährt sich darin, daß er unter das Einerlei 
verwandter Linien doch wieder einen Zug von Größe bringt, 
indem er einzelne Stadtteile und Denkmalbauten heraus- 
hebt. Man sehe, wie ein Bergkopf im Plan von Flensburg 
für ein größeres Bauwerk vorbehalten und wie hier zwischen 
reich geschwungenen Linien mit Recht die Gerade ein- 
geführt wird." Henricis Entwurf unterscheidet sich in 
diesem Punkte von dem städtischen dadurch, daß er 
nicht 448 ar, sondern nur 170 ar Wasserfläche in zwei ge- 
trennten Becken erhalten, daß er ferner die gärtnerischen 
Anlagen mehr auf andere Grundstücke verweisen und für 
die Firma R. 910 ar Baugelände gewinnen will. Aber auch 
diesen Plan hat die Eigentümerin nicht etwa den städtischen 
Behörden zur Ausführung angeboten, sondern sie hat, in dem 
Widerstreben gegen die auf möglichste Erhaltung einer land- 
schaftlichen Schönheit gerichtete Absicht des Magistrats, es 
vorgezogen den See größtenteils zuzuschütten und völlig 
trocken zu legen. Übrig geblieben ist nur eine von einem 
Entwässerungsgraben durchzogene Wiese, die von der Be- 
sitzerin durch Schuttabladung aufgehöht wird. Um Zu- 
schüttungsboden zu gewinnen, sind seitliche Anhöhen, da- 
runter namentlich der von C. Gurlitt hervorgehobene Berg- 
kopf, abgetragen worden. An die Stelle eines lachenden 
Landschaftsbildes ist eine Wüste getreten. 



PARKPOLITIK. 

Von JOSEPH AUG. LUX. Wien-Döbling. 

Die Parkpolitik ist eine Angelegenheit der Großstädte; 
sie entspringt der Naturfreude und dem Naturbedürfnisse, 
die dem Städter umso stärker zum Bewußtsein kommen, 
je mehr er ihrer entbehren muß. Die Ausbreitung der 
Großstädte, das Verschwinden der Hausgärten, die vorteil- 
hafte Ausnützung der Bauflächen haben die Parkpolitik 
in den Vordergrund der Stadtinteressen gerückt, und zur 
Tagesfrage gemacht. Alle größeren Städte geben annähernd 
das gleiche Bild. Drei Arten von; Park- und Gartenkultur 
sind überall vereinigt. 

Die erste Art bilden jene alten barocken Gartenschöp- 
fungen, einem Palast oder Schlosse zugehörig, und der 
Benutzung des Publikums freigegeben. Gesundheitlich 
und baukünstlerisch gehören sie gewöhnlich zu den wert- 
vollsten Gütern einer Stadt, deren Physiognomie sie 
wesentlich mitbestimmen. Sie überliefern einen Schatz 
vorbildlicher gartenarchitektonischer Grundsätze hinsicht- 
lich der Anlage der Beete, Treppen, Wege und der 
geschnittenen Laubwände, die gradlinig auf einen zentralen 
Punkt zulaufen, darin sich eine schöne Statue, ein Brunnen, 
eine Gartenplastik wie von einem Hain umschlossen 
erhebt. 

Die zweite Art bodenständiger Gartenkultur liegt an 
der Peripherie der Städte, in den Vororten, wo städtische 
und ländliche Kultur einander begegnen. 

Als grüner Gürtel mit einem ungeheuren Komplex an 
Wald-, Feld- und Gartengrund ziehen sie um die Stadt 
herum, und geben, sofern sie zur Stadt gehören, dieser 
eine besondere Schönheit, nicht nur als Naturkranz, sondern 
auch als Hüter und Bewahrer der älteren heimatlichen 
Baukunst, die nun freilich einerseits durch städtische 
Mietkasernen, anderseits durch moderne Landhäuser täglich 



mehr verdrängt wird. Diese halb ländlichen Vororte ent- 
halten jene feinen Beispiele alter Gartenkunst, die auf 
einen beschränkten Raum am Hause angewiesen ist; sie 
überliefern beachtenswerte Lösungen heimischer Vorgärten 
und Hausgärten. 

Mit den kleinen Vorgärten sehen die Bauern- und 
Winzerhäuser aus wie schmucke Landmädchen mit einem 
Blumenstrauße vor die Brust gesteckt. Ein hölzerner 
Zaun geht vor der niederen Fensterreihe hin, und läßt 
einen schmalen Fußweg zwischen den ebenfalls schmalen 
Beeten an Hauswand und Zaun frei, nicht mehr. Das 
ganze Vorgärtchen ist ans Haus gedrückt. Aber der 
schmale Streifen birgt eine üppige Blumenwildnis. Bux 
dient gewöhnlich zur Einfassung der Beete; am Zaune 
steht blühender Phlox in dichten Ständen, die Kapuziner- 
kresse, die Ringelblume; Pelargonien, Lobelien und Betu- 
nien liefern die lebendigen Farben an der Hausmauer und 
in den Beeten, wo die Rosenbäume blühen. Ahorn, von 
der Schere gebändigt, bildet eine grüne Architektur als 
Hecke und Torbogen über der Zauntür. Auch eine Laube 
kann man gelegentlich vor dem Hause finden und wenn 
nicht hier, dann sicherlich hinter dem Hause in dem 
eigentlichen Hausgarten, eine gemütliche Laube, von Wein, 
Geißblatt oder Kletterrosen überwachsen, ebenso wie den 
Laubengang oder die Pergola, als Spender des Schattens. 
Im übrigen ist es ein Blumengarten wie vorne am Hause, 
mit rechteckigen Beeten und bunten Glaskugeln, die ein 
leuchtendes Farbenspiel in die Blumenpracht setzen. Die 
heimatliche Flora liefert den Bestand an Bauernblumen. 

Einen gewissen Gegensatz zu den vornehmen höfischen 
Gartenschöpfungen der Barocke und zu den volkstümlichen 
und in ihrer Art nicht weniger vortrefflich gelösten alten 



53 



DER STÄDTEBAU 



Hausgärten, den sogenannten Biedermeiergärten, bildet die 
dritte Art, die neuen „städtischen Park- und Garten- 
anlagen". 

Die Schablone ist tiberall dieselbe. Eine Verquickung 
französischer und englischer Gartenbaugrundsätze, die zu 
keinen glücklichen Ergebnissen geführt hat. Von arm- 
seligen Drahtgittern eingehegt, stellt ein Rasenfleck die 
Wiese, eine unruhige stockige Zusammenstellung von 
Büschen gleichsam den Wald vor. Französische Teppich- 
beete und krumme Wege, die gänzlich aus der Richtung 
führen, charakterisieren die Planlosigkeit der Anlage, die 
infolge dessen auch vielfach ihre Zweckmäßigkeit einbüßt. 
Dasselbe kehrt in den neueren Villengärten wieder, und 
lassen diese im Vergleich zu den Gartenschöpfungen der 
älteren Kultur vielfach ungemütlich erscheinen. 

Es ist sehr zu beklagen, daß in der dritten Kategorie 
von Gartenanlagen nicht die bodenständige Überlieferung 
sorgfältiger berücksichtigt worden ist, damit sich das Neue 
dem Alten würdiger anschließe. Bei öffentlichen Anlagen, 
bei. denen es sich oftmals nur um die gärtnerische Aus- 
bildung eines kleinen Fleckes Erde inmitten des Straßen- 
gewirres handelt, wäre die Beachtung des alten Beispieles 
besonders vorteilhaft, denn es lehrt, daß eine Gartenanlage 
umso strenger architektonisch durchgeführt werden muß, 
je kleiner sie ist. Die Barockgärten mit den geschnittenen 
Laubwänden geben ein schönes Vorbild. Der kleinste 
Fleck mag groß erscheinen, eine grüne Einsamkeit bilden, 
die irgend ein Kunstwerk wie ein Juwel umfaßt und mitten 
im Großstadtlärm das Gefühl der Entrücktheit gewähren 
kann. Aber wo ist in unseren öffentlichen Anlagen die 



Laubwand oder die geschnittene Hecke zu finden, wo das 
heimatliche Gartenmotiv, die gemütliche Laube? 

Von instinktiven Erkenntnissen geleitet, treibt es den 
Großstädter in die freundlichen Gartenvororte hinaus, wo 
sich die alte Kultur fortfristet und er sucht dort seinem 
Natur- und Schönheitsbedürfnisse Nahrung zu geben, weil 
sie ihm die Stadt versagt. Sie wird trotz des größeren 
Komforts anscheinend immer unwohnlicher, sofern ästhe- 
tische Eigenschaften zur Wohnlichkeit gehören. Die Bau- 
spekulation, die in den Peripherien die trostlosen Miets- 
kasernen errichtet, steht natürlich nicht vor den alten 
Kulturwerten still. 

Durch die andauernden Verwüstungen in den nächsten 
Umgebungen der Städte ist die Parkfrage dringlich geworden. 
In Wien wird die „Schaffung eines Wald- und Wiesen- 
gürtels um Wien" erwogen, in anderen Städten wird sich 
die Parkpolitik mit ähnlichen Fragen zu beschäftigen haben. 
In allen Fällen aber soll es sich vernünftigerweise nicht 
so sehr um Neu-Schaffungen, als vielmehr um Erhaltung 
des bestehenden Guten, also um eine Art „Heimat- 
schutz" handeln. In diesem Sinne hat die Parkpolitik so 
ziemlich in allen Städten eine wichtige und zeitgemäße 
Kulturaufgabe zu erfüllen. Mit der Schaffung neuer An- 
lagen sollte namentlich in den halbländlichen und oftmals 
entzückend schönen Vororten lieber gewartet werden, bis 
die guten, alten Motive der heimatlichen Überlieferung, auf 
die in diesem Zusammenhange hingezeigtwurde, künstlerisch 
so verarbeitet sind, daß endlich wieder neue Gärten ent- 
stehen, die ebenso wie die alten, nach einem Worte von 
Bacon of Verulam, die Quelle reinster Freuden sind. 



BILLIGE STADTPARKE. 

Eine Anregung von ERWIN SCHLÜREN, Heilbronn a. N. 

Der Dörfler und noch mehr die Dörflerin geht nicht 
ohne stilles Grauen nachts an einem Gottesacker vorüber, 
besonders in einer Gegend, wo noch an Winterabenden 
der alte Spinnstubengebrauch gepflegt wird, sich grusliche 
Gespenstergeschichten zu erzählen. In kleineren Städten, 
selbst in Mittelstädten, in denen die Häuserblöcke all- 
mählich um die Friedhöfe herumwachsen (die Ersatzfried- 
höfe werden auch hier so weit wie möglich hinaus- 
geschoben), mag es wohl meist noch der Fall sein, daß es 
den Wert einer Wohnung herabsetzt, wenn sie hinter dem 
alten Friedhofe gelegen ist, oder gar aus vielen Fenstern 
nur den Blick auf Kreuz und Leichenstein bietet. 

Das Mittelalter hatte ein derartiges Bedenken offenbar 
nicht gekannt, denn auch die im Innersten der Wohn- 
plätze gelegenen, bescheidenen und vornehmen Kirchen 
waren alle mit „Kirchhöfen" umgeben gewesen. Nehmen 
wir z. B. Stuttgart, so ist der ehemalige Kirchhof um die 
Stiftskirche als Begräbnisplatz unkenntlich geworden. 
Etwaige Grabdenkmäler sind beseitigt, oder hier, wie 
bei der Hospital- und Leonhardskirche im Innern 
der Kirche untergebracht. Der einst weit vor dem 
Büchsenthor, im Gewand Hoppenlau gelegene Ersatz- 
friedhof hat lange Zeit den Wert des jenseitigen Bau- 
geländes vermindert. Je mehr aber sein Zustand park- 
artig wird durch Eingehen vieler Gräber, desto mehr wird 
das Wohnen mit Aussicht auf ihn, und das Benützen des 
Wegs in die Stadt durch ihn, als eine Annehmlichkeit 



empfunden. Für den Großstadtmenschen ist es bereits 
eine Wohlthat, auf diese Weise in der Häuserwüste eine 
grüne Oase zu haben, und die Gräberreste verhindern nicht 
mehr, daß der Blick ins Grüne für die umliegenden Woh- 
nungen bereits wertsteigernd wirkt. Es sollte, wenn irgend 
möglich, dann darauf Bedacht genommen werden, diese 
Friedhöfe als Parke dauernd zu erhalten, damit man nicht 
wie am Hospitalplatze noch nach Jahrhunderten beim Haus- 
oder Dohlenbau Knochen vielleicht ehedem berühmter 
Menschen durcheinander werfen sieht. Häufig erlaubt dies 
allerdings das Verkehrsbedürfnis nicht. Während in Frank- 
furt und Hannover (offenes Grab und Grab der Lotte Buff- 
Kestner) es bei manchen Kirchhöfen möglich war, merk- 
würdige Gräber liebevoll zu schonen, hat dies in Berlin 
betreffs des einst so einsamen Waldgrabes Heinrich v. Kleist's 
bereits Schwierigkeiten gemacht. In Leipzig erhielt man 
Geliert's Grabplatte, aber wie stimmungslos liegt dieser 
„Ruheplatz" inmitten des Häusergewirrs und Straßen- 
gewühls. In Berlin mußten die Gebeine Fichte's an einen 
andern Platz gebracht werden, als aus der Kommunikation 
am neuen Thor eine Straße gemacht wurde, und wo der 
Denker und seine Gattin geruht, stehen jetzt die Glaskästen 
des Leichenschauhauses. Muß der Großstadtmensch also 
nun verschmerzen lernen, daß er über Massen von Gräbern 
radelt, fährt und geht, oder daß sein Zinshaus auf der 
Asche unzähliger vermoderter Vorfahren lastet, so könnte 
er ohne Zweifel auch kein Grauen empfinden bei dem Ge- 



MA 



DER STÄDTEBAU 



danken, daß auf freien Plätzen der Stadt da und dort nicht 
bloß Denkmäler tiberhaupt stehen, sondern bisweilen ein 
wirkliches Grabmonument. Unsere Massenfriedhöfe haben 
etwas den Schönheitssinn und das Gefühl Verletzendes, 
selbst wenn sie noch so monumental ausgestattet sind, 
etwa nach italienischen Vorbildern. Der Römer drängte 
seine Grabmonumente nicht auf größere oder kleinere 
Rechtecke zusammen, sondern ließ sie den belebtesten 
Landstraßen entlang laufen, als deren Einfassung wir nun 
allerdings unsere Obstbäume vorziehen möchten. Aber 
das bleibt doch wahr: Die Massenfriedhöfe um die Städte 
herum wirken unschön und beklemmend, und in abseh- 
barer Zeit werden auch die Kolumbarien ihrem lawinen- 
artigenAnschwellen noch nicht fühlbaren Einhalt tunkönnen. 

Sollte man da nicht dem Wunsch entgegen kommen, 
den jetzt viele begüterte Menschen nur deshalb unter- 
drücken, weil er z. Zt. unerfüllbar ist, dereinst womöglich 
nicht in diese Reihengräber eingebettet zu werden? Gehört 
einer zu den Glücklichen, die irgendwo ein Rittergut be- 
sitzen, so mag er dort seine Gruft oder sein Privatfried- 
hötchen sich anlegen. Diese wenigen Glücklichen werden 
keine fühlbare Entlastung bringen; ein klein wenig mehr 
mit der Zeit vielleicht diejenigen, von denen ich nun reden 
möchte. 

Ich möchte nämlich ein Gesetz vorschlagen, welches 
das unbedingte Verbot, sich anderswo als auf dem öffent- 
lichen Reihengräberfeld mit oder ohne konfessionellen 
Charakter bestatten zu lassen, einigermaßen durchbrechen 
soll. Ich denke mir da etwa einen Zusatzartikel: ,,Wer ein 
Grundstück, sei es innerhalb, sei es außerhalb Etters, nah 
oder fern von menschlichen Wohnungen, besitzt, darf sich 
inmitten desselben bestatten lassen und ein, der Umgebung 
entsprechendes, würdiges Grabmal darauf errichten, bezw. 
eine Gruftkapelle bauen, wenn von diesem Mittelpunkt aus 
die Entfernung von den übrigen Grundstücken noch min- 
destens, sagen wir etwa lo oder 15 Meter nach jeder 
Richtung hin beträgt, und wenn er die letztwillige Ver- 
fügung trifft, daß dieses ganze Grundstück für ewige Zeiten 
öffentliches Eigentum werden soll." 

Durch Ortsstatut könnte die Größe des erforderlichen 
Grundstücks jeweils nach den Umständen bemessen werden; 



auch könnte man ja von dem Erblasser verlangen, daß er 
die näheren Bedingungen, unter welchen er das, sein Grab 
umgebende Grundstück letztwillig der Gemeinde zum 
Eigentum überweisen kann, vorher vertragsmäßig mit der 
zuständigen Behörde zu vereinbaren habe. Diese würde 
darauf zu achten haben, daß sie die Erlaubnis nur für 
solche Plätze erteilt, die sich dereinst zu öffentlichen Er- 
holungsplätzen, Anlagen, Aussichtsplatten u. dergl. eignen, 
und würde so eine hoffentlich immer rascher zunehmende 
Menge solcher grünen Oasen, sei es in ihrem zukünftigen 
Häusermeer, sei es in dessen näherer oder fernerer Um- 
gebung, völlig kostenlos erhalten. Wohl werden über 
meinen Vorschlag viele die Köpfe schütteln, doch beweist 
das nichts gegen seine Brauchbarkeit oder mindestens Er- 
wägbarkeit. Würde dadurch auch nicht jedesmal ein 
Areal von der Schönheit und Größe des Leipziger Johanna- 
parkes einer Stadt zufallen, so könnten doch recht an- 
sehnliche städtische Parke, Lüftungen, „Lungen" für ganze 
Stadtteile schenkungsweise allmählich in den Besitz der 
Städte übergehen, falls darauf Bedacht genommen würde, 
daß man die betreffenden reichen Leute veranlaßt, solche 
Plätze möglichst groß zu bemessen und dieselben wo- 
möglich angrenzend an schon vorhandene zu erwerben. 

Ich denke, daß die örtlichen Verschönerungsvereine in 
erster Linie berufen wären, die durch obige Zeilen von 
mir gegebene Anregung zu prüfen, zu erwägen und der 
Ausführung näher zu bringen. 

Alle Bedenken und Einwände, die vorgebracht werden 
könnten, sind so leicht zu widerlegen, daß ich in dieser 
Hinsicht dem eigenen Nachdenken meiner verehrten Leser 
nicht einmal vorgreifen möchte. Mindestens ließe sich gar 
nichts sagen, z.B. gegen Beisetzung von Leichenbrandresten. 

Man könnte eine kein düsteres Gefühl weckende 
Denkmalsform vorschreiben: Altarbau, Exedra, Monumental- 
brunnen u. dergl. Ich glaube, die Bildhauer zu allererst 
sollten für meinen Einfall sich begeistern. Schwerlich 
würden viele Schönheiten, wie einst der selige Rentner 
Blad der Stadt Berlin, die Bedingung stellen, naturgetreu und 
lebensgroß aufgestellt zu werden; geschmackvolle Schenker 
könnten der Idealplastik wieder eine Fülle neuer Aufträge 
zu teil werden lassen. 



CHRONIK. 



"DERICHTIGUNG. In der Abhandlung von Alfred Abendroth: 
■'—' „Die Großstadt als Städtegründerin", muß es auf Seite 35 
(Heft 3) Spalte links, vierte Zeile von unten, statt 



gooo goooo 

heißen : 



300000 



300000. 



Der MÜNCHENER ARCHITEKTEN- UND INGENIEUR- 
VEREIN hat bei dem Magistrat eine durchgreifende Abänderung 
der Münchener Bauordnung vom 2g. Juli iSgs in Vorschlag gebracht. 
Die von dem Verein gebildete Kommission hat einen Entwurf für die Ab- 
fassung einer neuen Bauordnung aufgestellt auf Grund folgender all- 
gemeiner \ Ausführungen : 

I. Als grundsätzlicher Mangel der bestehenden Bauordnung wird in 
erster Linie die Regelung der Bebauungsdichtigkeit nach Flächenvor- 
schriften empfunden. 

Das System von gegenseitigen Abständen und Hofraumfiächen schafft 
eine jeglicher; Entwurfsarbeit vorausgehende, ganz bestimmte Flächen- 
umgrenzung des Baugegenstandes, in welche der Entwerfende gezwungen 
ist, seine Baugedanken hineinzuzwängen. Hierdurch ist die Anlage einer 
wohldurchdachten ungezwungenen Raumgruppierung außerordentlich er- 



schwert und vielfach unmöglich gemacht. Ja, es hat den Anschein, als 
ob die jetzige Art der Vorschrift dem Entstehen schablonenhafter Grund- 
risse förmlich Vorschub leiste. Ganz ähnlich erscheinen die Massen des 
Aufbaues in starre Grenzen eingeschlossen, die ohne empfindliche Verluste 
in bezug auf die Gesamtbebauungsdichtigkeit - zu welchen sich selten 
ein Bauherr entschließt — nicht durchbrochen werden können. 

Dieser Unbeweglichkeit und Starrheit der Vorschriften soll durch 
eine unmittelbar räumliche Bemessung abgeholfen werden, welche die 
Flächenvorschrift nur in den allerunentbehrlichsten Mindestmaßen bei- 
behält, daiüber hinaus eine plastische Verschiebbarkeit der Raummaße 
zuläßt. Die Befürchtung der Komplikationen, welche dem kubischen 
System als geläufigster Einwand entgegengesetzt zu werden pflegt, kann 
für jene Techniker, welche überhaupt befähigt erscheinen, Pläne zu 
machen oder zu beurteilen, nicht in Frage kommen, diese werden es viel- 
mehr freudigst begrüßen, wenn der Baugegenstand gleich von vornherein 
an räumliche Gedanken gebunden ist, welche in der Durchführung irgend 
eines Bauprogrammes eine so große Mannigfaltigkeit zulassen, und gewiß 
kann der Umstand kein Nachteil sein, daß eine wirklich zweckmäßige 
Ausbeutung der zulässigen Baudichtigkeit nunmehr an eine höhere In- 
telligenz gebunden erscheint. 



55 



DER STÄDTEBAU 



Die Beweglichkeit der Vorschrift durch einfache Variation der jeder 
räumlichen Bemessung zu Grunde zu legenden Konstanten würde die 
ganze Staffelbauordnung ohne weiteres mit hinein nehmen lassen. 

Die unschätzbaren Vorteile einer solchen Regelung würden mit einem 
Schlage dem bürgerlichen Wohngebäude sein individuelles Gepräge und 
dem StädtebUd den Reiz vergangener Zeiten wieder geben. 

Der Entwurf der einzelnen Bestimmungen, der von der Kommission 
des Oberbayerischen Architekten- und Ingenieur -Vereins in bezug auf die 
bebaubare Fläche aufgestellt ist (vgl. No. i, S. 15), lautet wie folgt: 

§ 49. Von dem über jedem Grundstück ^sich befindenen Luftkubus 
darf mit Rücksicht auf die Gesundheit nur ein bestimmter Teil der Um- 
bauung zugeführt werden. 

Jedoch soll eine den Bedürfnissen der Feuersicherheit und des Ver- 
kehrs entsprechende Fläche des Grundstücks, deren Größe in jedem ein- 
zelnen Falle nach der Zweckbestimmung, sowie dem Umfang und der 
Höhe der Gebäude zu bemessen ist, als Hof unüberbaut bleiben. 

§ 50. Jedes Grundstück, welches tiefer als 22 m ist, zerfällt der 
Fläche nach in zwei Zonen : 

a) in die Zone der Vordergebäude, d. i. auf eine Tiefe von 22 m 
senkrecht zur Baulinie und von dieser ab gemessen, 

b) in die Zone der Rückgebäude, d. i. der Rest der Grundstücksfläche. 
§ 51. I. Vordergebäude müssen mit ihrer Rückfront von der Grenze 

mindestens 3,50 m entfernt bleiben, sofern nicht unmittelbar an die Grenze 
gebaut werden will. 

Vordergebäudeflügel haben einen Abstand von mindestens 3,50 m 
von der Grenze zu wahren, wenn sie nicht an die Grenze gebaut werden 
wollen. 

II. I. Rückgebäude müssen von Vordergebäuden, Flügelbauten und 
anderen Rückgebäuden des Grundstücks, sofern sie mit solchen nicht zu- 
sammengebaut werden, mindestens so weit entfernt sein, als die Höhe 
des niedrigeren Bauwerkes beträgt. Treppenhausvorbauten können bei Be- 
rechnung des AbStandes außer Betracht gelassen werden, wenn ihre Länge 
5 m und ihr Vorsprung 1,50 m nicht überschreitet und außerdem die Be- 
stimmungen in § 48 gewahrt bleiben. 

Stehen sich Umfassungsmauern ohne Fenster gegenüber, so genügt 
ein Abstand von 3,50 m. 

2. Rückgebäude, welche nicht an die Grenze gebaut werden wollen, 
haben von dieser einen Abstand gleich der halben Höhe, mindestens aber 
3,50 m einzuhalten. 

3. Für industrielle Zwecke im allgemeinen und Türme im besonderen 
sind größere Höhen als 22 m für RUckgebäude zulässig, wenn solche Bau- 
lichkeiten einen Abstand von der Grenze einhalten, bei welchem zu dem 
gemäß Ziffer 2 sich ergebenden Maß von um noch das volle Maß der 
Höhenüberschreitung zuzuzählen ist. 

§ 52. I. Der nach § 4g zulässige Teil der Umbauung, der Baukubus, 
wird nach folgender Formel bestimmt: Baukubus '/j f' h' -f- ^3 f' h'. 

Hierbei bedeutet: f' die Fläche der Vordergebäudezone und f* die 
Fläche der Rückgebäudezone des Grundstückes, h ■ ist die Vordergebäude- 
höhe, welche sich nach § 45 Absatz I und II') berechnet; h' ist Rück- 
gebäudehöhe, welche stets mit 16 m, gleichviel ob die beabsichtigte Höhe 
größer oder kleiner ist, in die Berechnung des Baukubus gezogen wird. 

II. Der sich gemäß Abs. I ergebende Baukubus kann auf dem Grund- 
stücke beliebig verteilt werden, sofern die Bestimmungen des § 51 gewahrt 
bleiben. 

III. Bei Eckhäusern wird der Baukubus nach folgender Formel be- 
rechnet: Baukubus 7/9 f" h' -f- '/s f^ h^ 

IV. I. Der Raum, welchen Dächer bis zu einer Neigung von 45 Grad 
einschließen, bleibt bei der Berechnung unberücksichtigt. 

2. Hingegen hat der Baukubus zu enthalten: Den Raum, welchen 
steile Dachflächen mit einem 45 Grad Dach einschließen, femer den Raum 
von Risaliten, Treppenhausvorbauten, Loggien, sowie den Raum unter 



*) Danach soll die Höhe der Vordergebäude die mittlere Breite des 
vor dem betreffenden Gebäude liegenden Straßenteils einschließlich etwaiger 
Vorgärten nicht überschreiten; sie darf nicht mehr als 22 m betragen. In 
Straßen unter 12 m Breite kann eine Höhe bis zu 12 m gestattet werden. 



Hof Überdachungen und offenen Schutzdächern; bei Flügelbauten an der 
Grenze auch den Raum, welcher erstens von der Grenzlotebene, zweitens 
von der Dachfläche und drittens durch eine von der Grenze weg in Höhe 
des Hauptgesimses unter 45 Grad ansteigenden Ebene umschlossen wird. 
Durch Vereinbarung der Nachbarn kann diese Einschränkung fallen ge- 
lassen werden. 

3. Der Kubus örtlicher Aufbauten und Ausbauten, wie Giebel, Attiken, 
Erker, Türme, Dachfenster, Dachreiter und Kamine, sofern er den zehnten 
Teil des zulässigen Baukubus nicht überschreitet, kommt nicht in Betracht. 
Der dieses Maß überschreitende Teil ist bei Ermittlung der Umbauung in 
Ansatz zu bringen. 

II. Diese größere Freiheit in der gesetzlich unentbehrlichen Ge- 
bundenheit wird auch angestrebt durch die Forderung einer bestimmt aus- 
gesprochenen Trennung von Straßen- und Baulinie. 

Wie nach innen soll auch nach außen hin eine größere subjektive 
Bewegungsfreiheit ermöglicht werden. Erst dann kann die Reformbewegung 
der Stadterweiterung eine ausdrucksvolle werden, wenn die häufig mit 
Zwang verknüpfte Baulinie einer Beweglichkeit innerhalb gewisser enger 
Grenzen fähig ist, erst dann können sich praktisch und künstlerisch gleich 
wertvolle Baugedanken auch nach außen en' falten. 

Während die Festsetzung der Straßenlinie auf amtliche oder private 
Anregung immer von Amts wegen zu erfolgen hätte, zugleich mit der 
Bestimmung eines Mindestabstandes von der Baulinie, wäre die Fest- 
setzung des letzteren von Fall zu Fall an die Einreichung und Vor- 
bescheidung der Baupläne gebunden. 

"T^ie WOHNUNGSBESCHAFFUNG wird in der englischen Gar- 
^"^ tenstadt durch verschiedene Umstände große Erleichterungen erfahren. 
Wir konnten schon seiner Zeit berichten, dass eine englische Baugenossenschaft 
(The Permanent Cooperative Building Society) 400 000 Mk. für Häuserbau 
in der Gartenstadt ausgeworfen hatte. Die englischen Cooperative Building 
Societies entsprechen nicht dem, was wir unter Baugenossenschaft ver- 
stehen. Es sind vielmehr gemeinnützige, auf genossenschaftlicher Grund- 
lage beruhende Kreditorganisationen, die den Mitgliedern den Erwerb von 
Häusern erleichtern. Zu der oben erwähnten Cooperative Building Society 
ist nun kürzlich in der Gartenstadt eine „Tenants Society" oder eine Miets- 
genossenschaft getreten. Die Bewegung der Mietsgenossenschaften, die 
im wesentlichen unserer Baugenossenschaft mit gemeinschaftlichem Eigentum 
entsprechen, ist in England eine junge. Es bestehen mit der soeben neu- 
begründeten , .Garden City Tenants Society" erst fünf solcher Genossen- 
schaften. Die wenigen, einige Jahre bestehenden Genossenschaften sollen 
sehr erfolgreich gewesen sein, besonders die „Ealing Tenants Society". 
Der Unterschied zwischen unserer Baugenossenschaft mit gemeinschaft- 
lichem Eigentum und der englischen Mietsgenossenschaft besteht darin, daß 
die englische Genossenschaft die Wohnung bzw. das Haus zu ortsüblichen 
Preisen, also nicht billiger, vermietet. Die Gewinne, die gemacht werden, 
werden hier den einzelnen Genossen wie bei den Konsumgenossenschaften 
im Verhältnis zur gezahlten Miete berechnet. Sie werden aber nur gut- 
geschrieben, nicht ausgezahlt. Für den einzelnen sammelt sich somit ein 
Kapital an, über das er Anteilscheine und von dem er bescheidene Zinsen 
erhält. Die Anteilscheine sind übertragbar. Die Erfahrungen, die mit 
diesem System bisher gemacht wurden, sollen die denkbar besten sein. 
Die Genossenschaft erleichtert sich die Kapitalsbeschaffung, und das Interesse 
des Genossenschafters an der Genossenschaft und dem genossenschaftlichen 
Eigentum wird durch die eingeführte Gewinnbeteiligung erhöht. Zur 
Förderung dieser Bewegung hat sich ein „Copartnership Tenants Housing 
Council" in London gebildet. 



BRIEFKASTEN. 

T Terrn Ingenieur KÖLZOW in Jena: Besten Dank für die weiteren 
-'- -^ Nachrichten über die beabsichtigte Regelung der Saale und die 
Camdorfer Brücke Wir werden die Sache im Auge behalten. 



Verantwortlich für die Scbriftleitung : Theodor Goecke, Berlin. — Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Berlin W., Markgrafenstraße 35. 
Inseratenaimahme C. Behling, Berlin W. 66. — Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Berlin W. — Klischees von Carl Schütte, Berlin W. 



5^ 



DER STÄDTEBAU 

VERLAG VON ERNST WASMUTH A.-G, BERLIN W. 8, MARKGRAFEN -STRASSE 35 



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II. JAHRGANG 



1. MAI 1Q05. 



HEFT 5. 



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2. Jahrgang 



1905 



5. Heft 





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INHALTSVERZEICHNIS: Ausbau des Badeortes Salzhausen in Oberhessen. Von Hans BernouUi, Berlin. — Berge und Wasserläufe im Be- 
bauungsgebiete der Städte. Von H. Chr. Nußbaum, Hannover. — Bebauungsplan für Hruschau. Von Siegfried Sitte, Wien. — Die Bebauung des so- 
genannten „Sterngeländes" von Magdeburg. Von Peters, Magdeburg. — Neue Bücher. Besprochen von Dr. Hans Schmidkunz, Berlin-Halensee. — 
Kleine Mitteilungen. — Chronik. 

Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schriftleitung verboten. 



AUSBAU DES BADEORTES SALZHAUSEN 
IN OBERHESSEN. 



Von HANS BERNOULLI, Berlin. 

Im Frühjahre 1902 veranlaßte das hessische Ministerium 
der Finanzen Professor Pützer in Darmstadt zur Aus- 
arbeitung einer Skizze für den Ausbau des Badeortes Salz- 
hausen. Es war beabsichtigt, durch stärkere Ausnützung 
der bestehenden Lithion- und Stahlquellen und durch Neu- 
bohrungen dem kleinen Badeorte die Bedingungen zur 
Weiterentwickelung zu schaffen. Der Ausbau des Bade- 
ortes wird außerordentlich begünstigt durch den Umstand, 
daß der größte Teil des Grund und Bodens dem Fiskus 
und der Krone gehört, wodurch alle Privatspekulation aus- 
geschlossen und alle Verbesserungen und gemeinnützigen 
Anlagen mit der dadurch verbundenen Wertsteigerung des 
Bodens der Gemeinde zugute kommen würden. Ebenso 
wäre die Möglichkeit vorhanden, fähige Architekten heran- 
zuziehen und ein unvergleichlich harmonisches Gesamt- 
bild zu schaffen. 

Die Skizze im Maßstabe von 1 : 2500 wurde vom Mi- 
nisterium genehmigt und es erfolgte die Bearbeitung im 
Maßstab 1 : 1000 (Original der beiliegenden Doppeltafel 35/36), 
welche dem Schreiber dieser Zeilen zufiel. 

Das Kurhaus Salzhausen liegt in einer fast rings ge- 
schlossenen Talmulde am tiefsten Punkte der Landstraße 
Geis-Nidda. Die Sohle der Mulde ist sumpfig, das 
Wasser sammelt sich an der etwa 80 Meter breiten 
Lücke der Umrandung, um südwärts als kleiner Bach ab- 



zufließen. Der Nordabhang, an dem sich das Kurhaus 
anlehnt, ist bewaldet. Der Südabhang ist durch starke, 
terassenförmige Absätze gegliedert; im Osten und Westen 
schließen wellige Erhebungen die Senkung. Im Südwesten 
springt ein etwa 14 m hoher Hügel in das Tal vor. Die 
Höhenränder erheben sich 10 bis 30 m über die Sohle, 
deren Längenausdehnung etwa 600 m, deren Breite etwa 
400 m beträgt. 

Außer dem Kurhaus und dem Gartentanzsaal, einfach vor- 
nehmen Bauten aus dem 1. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, 
stehen erst -venige Gebäude; in nächster Nähe des Haupt- 
baues, hüben und drüben von der Landstraße, einige ältere 
Häuser, freundlich und ansprechend; weiterhin längs der 
Landstraße einige weniger erfreuliche moderne Villen. Die 
Bahnverhältnisse sind für die Entwicklung des Ortes sehr 
günstig. Die Zweigbahn Friedberg-Nidda umgeht die Tal- 
senkung auf der Nordseite. Für das Kurhaus besteht zur 
Zeit eine Haltestelle Salzhausen, auf Fußwegen durch den 
Kurpark erreichbar. Die Landstraße nimmt die Höhe lang- 
samer und mündet an der größeren Station „Geis". In 
östlicher Richtung vom Kurhause her, durch den Soder- 
weg erreichbar, liegt die Haltestelle Nidda, eine Station der 
Strecke Gießen-Gelnhausen. 

Die Aufstellung des Bebauungsplanes wurde von dem 
Gedanken geleitet, den schon erwähnten, im Südosten ein- 



Ö7 



DER STÄDTEBAU 



springenden Hügel geschlossen zu bebauen, die Abhänge 
ringsum für einzelne Villen und kleinere Wohnhaus- 
gruppen auszunutzen, die sumpfige Sohle aber vollständig 
frei zu halten. Das neue Verkehrsnetz ergab sich durch 
den Ausbau vorhandener Wege und Straßen, durch Um- 
führung der Sumpfwiesen, als der natürlichen inneren Be- 
bauungsgrenze, durch Anlage von leichten Zufahrtswegen 
zu den neuen Baustellen, wobei auf die Steigungsverhält- 
nisse peinlich Rücksicht genommen ist. 

Auf die leichte Erreichbarkeit der etwa 20 Minuten 
entfernten Station Nidda wurde Bedacht genommen. Als 
einzig neuer Hauptverbindungsweg wurde eine Straße an- 
gelegt, die im NO. am höchsten Punkte der Straße Geis- 
Nidda abzweigt, mit leichtem Gefälle neu zu erschließendes 
Bauland durchschneidet, den Soderweg kreuzt und in 
den Straßenring einmündet, der die Sumpfwiesen um- 
schließt. Die Haltestelle Salzhausen ist durch eine ost- 
wärts abzweigende Straße mit dem nordöstlichen Viertel 
in Verbindung gebracht. Die Umgebungsstraßen der 
Sumpfwiesen bilden für die Badegäste engere und weitere 
Promenaden, die nicht das leidige hin und her der üb- 
lichen Badepromenaden aufweisen, sondern einen ge- 
schlossenen Umlauf ermöglichen. 

Die Quellen haben neue Fassungen erhalten, die Stahl- 
quelle einen architektonisch ausgebildeten Zugang von der 
Landstraße her und eine Auszeichnung durch eine mäch- 
tige Baumgruppe, die einen kleinen Brunnenhof über- 
schattet; an der Schwefelquelle ist eine kleine Halle an- 
geordnet; die Lithionquelle ist überbaut gedacht. Zwei 
Teiche in der Ostecke der Sumpfwiesen, Landgrafen- und 
Rolandsteich, von hohen Bäumen umgeben, sind in die 
Promenade einbezogen. Auf der Landzunge zwischen den 
Teichen ist ein Tempelchen oder Pavillon gedacht. 

Der natürliche Mittelpunkt des Verkehrsnetzes bleibt 
das alte Kurhaus. Die Erweiterungsbauten und Bade- 
hallen gruppieren sich an das bestehende Gebäude an, 
unter Schonung der schon bestehenden Nebengebäude. 
Zwei kleine Eckpavillons mit Mansarddächern konnten 
als Flankierungsbauten für den Hauptzugang verwendet 
werden. Die südwärts abzweigende Allee mit zum Teil 
alten Bestände, führt am Musikpavillon vorbei zum Sport- 
platze, der zwischen dem hier steil abfEillenden Hang und 
dem einspringenden Hügel gebettet ist. Die zum Teil un- 
bebaubare Anhöhe kann leicht zur Tribüne umgeschaffen 
werden: Die umliegenden Straßen sind doppelreihig be- 
pflanzt und mit Pavillons besetzt Außer dem Kurhause 
sind noch ein Hotel großen Stils und ein Sanatorium vor- 
gesehen. Das Sanatorium liegt in einer Bodenfalte des 
Nordabhanges, weitab von der Landstraße, im Rücken und 
zu beiden Seiden von Wald gedeckt, nach Süden gegen 
einen Terrassengarten offen. Das sumpfige Gelände gegen 
Garten und Landstraße ist zum Teich umgewandelt, wo- 
durch die ganze Anlage eine schöne Abrundung gewinnt. 
Das Hotel legt sich als Talsperre zwischen die Landstraße 
und das Gehölz, das die nordöstliche Begrenzung des 
Sanatoriumgrundstückes bildet. Zu beiden Seiten der 
Straße Kaufläden, wie solche auch in der Nähe des Kur- 
hauses auf einem ungenutzten Geländezwickel sich erheben. 

Neben den Hotels sind für die Kurgäste und für 
ständige Einwohner Einzelwohnhäuser und Villen ge- 



plant. Die Aufteilung dieser Grundstücke, wie 
sie im Bebauungsplan angegeben ist, kann nur 
als Vorschlag betrachtet werden. Nur ein ge- 
ringer Teil davon ist bisher parzelliert. Im Westen 
gruppiert sich eine solche Ansiedlung um den alten 
Steinbruch, der leicht zu gärtnerischen Anlagen um- 
gewandelt werden kann. Die ringsum führenden Land- 
straßen weisen alle Bepflanzung auf. Die Zufahrtswege 
im Innern des Viertels sind als etwa 5 m breite kleine 
Gartenstraßen gedacht, ohne Bürgeisteig. Die Häuser sind 
nicht durchweg im gleichen Abstände von der Straße ge- 
dacht. Es ist vielmehr eine Gruppierung des ganzen 
Straßenbildes ins Auge gefaßt und außerdem darauf Be- 
dacht genommen, daß die Häuser sich gegenseitig mög- 
lichst wenig die Aussicht nehmen. Um keine zu große 
Gleichförmigkeit autkommen zu lassen, sind auch Doppel- 
villen eingeschoben. 

Eine Anzahl von Villen nutzt die geschützte Lage des 
Sanatoriums aus, eine weitere Gruppe bildet sich zwischen 
dem großen Hotel, der Landstraße und der Bahn. Hier 
ist längs der Bahn geschlossene Bebauung angenommen, 
um gleich von vornherein auch kleinere und billigere 
Wohnungen möglich zu machen. Am höchsten Punkte 
der Landstraße, in der Nähe der Bahnkreuzung führt die 
kleine Straße mit der einseitig geschlossenen Bebauung zu 
einer Kapelle, die den Weg zum Friedhofe weist. Eine 
weitere Betonung dieses als Wasserscheide und Abschluß 
der Bebauung wichtigen Punktes bildet die Anlage einer 
Restauration. Ähnliche Bedingungen wie das nördlich der 
Landstraße gelegene Gelände weist der südliche Abschnitt 
nach dem Soderweg zu auf. Jenseits des Soderweges 
beginnt der Niddaer Hang, der einen schönen Blick aul 
das ganze Tal bietet, mit den Kurhausanlagen im Mittel- 
grund und dem Wald als abschließenden Saum. Der 
starke Abfall des Geländes läßt nur einreihige Bebauung 
zu. Die Zufahrtstraßen sind denn auch hier nur 5 m breit 
angenommen. Die lange Reihe der Villen wird durch 
einen reich ausgebildeten Aufstieg £ur Anhöhe unter- 
brochen, die von einer Gloriette bekrönt wird. 

Im Gegensatze zu den locker aufgebauten Ansiedlungen, 
die rings die Abhänge beleben, steht der im Südwesten 
vorspringende Hügel mit seiner geschlossenen Bebauung. 
Auf dem höchsten Punkte steht die Kirche, die Breitseite 
gegen das Tal gestellt, den Turm gegen den Talausgang. 

Durch eine Zufahrt mit mäßigem Gefälle ist der Kirch- 
hügel mit der nach Geis führenden Landstraße verbunden. 
Diese Zufahrtstraße sowie der untere Saum und die Kuppe 
des Hügels sind geschlossen bebaut. An der dem Kur- 
hause nächstgelegenen Ecke erhebt sich ein öffentliches Ge- 
bäude für Post und Feuerwehr. Auf der Höhe gruppieren 
sich um die breitgelagerte protestantische Kirche das Rat- 
haus, die katholische Kirche und die Schule. Arkaden 
umfassen den Platz und öffnen sich zwischen Rathaus und 
katholischer Kirche. Für die Kirch- und Schulbesucher 
führen drei Fußwege zur Höhe. Es ist angenommen, daß 
sich an diesem Hügel die seßhaften Leute, auch die Hand- 
werker und Gewerbetreibenden anbauen werden. Die 
dichte Ansiedlung und starke Bekrönung dieses Hügels ist 
für eine eigenartige Entwicklung des Talbildes von aus- 
schlaggebender Bedeutung. 



58 



DER STÄDTEBAU 



BERGE UND WASSERLAUFE IM BEBAUUNGS 
GEBIETE DER STÄDTE. 



Von H. CHR. NUSSBAUM, Hannover. 

Berge und Wasserläufe bilden im ästhetischen Sinne 
für den Bebauungsplan die wichtigsten Geländeteile. Bei 
richtiger Durchbildung vermögen sie die beherrschenden 
Punkte des Stadtbildes zu werden, ihm einen Reiz zu 
verleihen, der künstlich nie geschaffen werden kann. 

Der Ingenieur scheint ihnen dagegen weniger hold zu 
sein. Denn wir finden in manchen deutschen Städten 
solche Geländeteile oft vollständig vernachlässigt oder falsch 
behandelt. Selbst neuere Bebauungspläne haben vielfach 
unrichtige Lösungen der durch bergiges Gelände oder 
Wasserläufe gestellten Aufgaben gebracht, obgleich eine 
gute Lösung sich eigentlich von selbst ergibt, sobald man 
ausreichende Studien an vorhandenen Vorbildern gemacht 
hat, die große Lehrmeisterin Natur zu verstehen und zu 
würdigen vermag und — den Plan erst fertigt, nachdem 
man die Oertlichkeit bis in alle Einzelheiten kennen ge- 
lernt hat, ihr ihn anschmiegt. 

Immerhin wird es von einigem Nutzen sein, die 
wichtigeren Grundsätze für die Behandlung dieser be- 
deutungsvollen Gebietsteile zusammenzustellen, damit jene 
großen Fehler künftig vermieden werden, die gegenwärtig 
den deutschen Städtebildern zum Schaden gereichen und 
eine vorzügliche Gelegenheit zum Schaffen der reizvollsten 
Parkanlagen ungenützt lassen. 

I. Die Erschließung von Bergen und Hängen für 
die städtische Bebauung. 

Soll ein Berg, ein Hang oder ein Hügel für die Be- 
bauung erschlossen werden, dann wird es sich stets zu- 
nächst darum handeln, Verkehrstraßen vom Tale zu 
seinem Gipfel zu führen. Für diese gilt es in erster Linie 
ein sanftes Gefälle zu gewinnen, weil anderenfalls für alle 
Zukunft Verkehrschwierigkeiten entstehen, die zugleich 
den Wert des erschlossenen Baugeländes ganz erheblich 
vermindern. Ebenso notwendig ist es aber, diese Ver- 
kehrstraßen derart zu führen, daß sie, nebst ihren etwa 
erforderlichen Verbindungsstraßen, alle für die Bebauung 
wertvollen Hangteile zugänglich machen und daß zwischen 
den Windungen der Verkehrstraßen Bauland von genau 
solcher Tiefe verbleibt, wie die zu gewärtigende Art der 
Besiedlung sie erheischt. Für nur einseitige Bebauung 
der Hänge bedarf man einer verhältnismäßig geringen Ent- 
fernung der Straßenwindungen, während sie für beider- 
seitige Bebauung fast doppelt so weit auseinander gerückt 
sein müssen. Im übrigen soll die Tiefe sich nach der orts- 
üblichen Bauweise richten und man wird für die oberen 
Hangteile in der Regel eine Besiedlung der wohlhabenden 
oder doch leidlich begüterten Bevölkerung gewärtigen 
können, weil das Haus eine reizvolle Aussicht bietet und 
weithin sichtbar ist, während namentlich an steileren 
Hängen die Baukosten sich hoch zu stellen pflegen, also 
weniger Wohlhabende abgeschreckt werden. 

Je steiler ein Berghang ist, um so leichter werden 
jene drei Bedingungen vereint gelöst werden können, weil 
die Straßen langsam bergan steigen und dabei ausgedehnte 



Hangflächen erschließen. Für sanft geneigte Hänge pflegt 
es dagegen erforderlich zu sein, mehrere Verkehrstraßen 
nebeneinander an den Hängen emporzuführen, damit für 
den bergauf und bergab gerichteten Verkehr nicht unnötig 
weitere Wege entstehen. Unter sich müssen diese Ver- 
kehrstraßen in voller Verbindung stehen, damit man von 
jeder Stelle des Tales aus ohne wesentliche Umwege sämt- 
liche Teile der Ansiedlung zu erreichen vermag und um- 
gekehrt. 

Da ferner bei irgend erheblicher Neigung der Hänge 
die Grundstückwerte vom Tale nach der Höhe abzunehmen 
pflegen, so ist es in der Regel geboten, die Verkehrstraßen 
nahe dem Tale mit schwächster Neigung zu führen, so daß 
ihre Windungen sich verhältnismäßig nahe liegen, damit 
die Zugänglichkeit eine günstige wird und die Grundstück- 
tiefe nicht über das zur Bebauung angemessene Maß hinaus 
wächst. Denn hierdurch wird entweder der Wert des 
Quadratmeters gewonnenen Baulandes verringert oder eine 
übermäßig starke Ausnutzung des Grund und Bodens er- 
forderlich. Die Grundstückerschließung pflegt an Berg- 
hängen ganz erhebliche Kosten zu erfordern, die an sich 
bereits ungünstig auf die Grundstückwerte zurückwirken 
oder den Grundstückpreis in die Höhe schnellen. 

An den oberen Hangteilen pflegen dagegen die Grund- 
stückwerte abzunehmen. Ihre Bebauung wird selten nur 
mit Zinshäusern erfolgen, sondern es bietet sich hier zu- 
meist willkommene Gelegenheit zur Errichtung von frei 
im Park gelegenen Landhäusern oder Landhausgruppen. 
Daher pflegt hier eine größere Grundstücktiefe am Platze 
zu sein. 

Völlig anders wird wieder die Wegeführung, sobald 
nahe dem Tale eine beiderseitige, näher dem Gipfel nur 
einseitige Bebauung der Hangstraßen stattfinden soll, weil 
dann die Entfernung ihrer Windungen unten größer sein 
muß als oben. 

Bestimmend für sie wird häufig auch der Wunsch 
oder Anspruch werden, von jedem Punkte der oberen, 
nur einseitig zu bebauenden Hangstraßen freien Ausblick 
über das Tal zu erhalten. In diesem Falle muß die Tiefe 
der Grundstücke derartig bemessen werden, daß ihr von 
Gebäuden freibleibender rückwärtiger Teil der zulässigen 
Haushöhe (samt Dach) und der Hangneigung entsprechend 
groß bleibt. Durch Auftragen des Querschnitts der Hänge 
samt ihren Gebäuden läßt sich diese Tiefe ohne Schwierig- 
keit ermitteln. Sie wird nur selten völlig gleichmäßig sich 
festsetzen lassen, weil die Hangneigung am gleichen Berg 
zu wechseln pflegt. 

Endlich wollen auch die Grundstückgrenzen bei der 
Straßenführung berücksichtigt werden, damit wirtschaft- 
liche Schädigungen der Anlieger vermieden werden und 
keine unbebaubare Grundstückabschnitte an den Straßen 
entstehen. 

Eine ganze Reihe wichtiger Anforderungen erheischen 
also die Aufmerksamkeit des Planverfassers und sie er- 
schweren die Lösung dieser so einfach erscheinenden Auf- 



59 



DER STÄDTEBAU 



gäbe um so mehr, als vielfach auch die Geländeformen 
die Straßenführung stark beeinflussen. Infolgedessen ist es 
nicht immer möglich, den Hangstraßen überall das aller- 
günstigste Gefäll zu geben. Gleichförmigkeit ist hier je- 
doch auch nur selten eine Notwendigkeit, sondern es geht 
in der Regel sehr wohl an, langen schwach geneigten 
Strecken kurze etwas steilere folgen zu lassen, solange 
und soweit wenigstens der Lasttierverkehr noch als maß- 
gebend betrachtet werden kann. Für Motorfuhrwerke aller 
Art, Straßenbahnen, Motorräder u. dergl. verdient allerdings 
eine nahezu gleichmäßige Steigung der Hangstraßen den 
Vorzug. 

Der Aesthetiker muß von der Bergerschließung vor 
Allem fordern, daß der oberste Teil der Hänge genügend 
weit von jeder Bebauung freibleibt, um für den Blick vom 
Tale aus als grünes, möglichst unregelmäßig geformtes 
Band wirken zu können. Denn nur hierdurch bleibt der 
Berg als solcher für das Stadtbild erhalten. Dagegen 
pflegt eine vollständige Bebauung des Fußes der Berge bis 
hinauf zu jenem Bande ohne Schaden für die Fernwirkung 
zu • sein, während die Bergeshöhe durch eine machtvoll 
wirkende Gebäudegruppe bekrönt werden sollte, die male- 
risch in jenes grüne Band gebettet erscheint. Die Wahl 
einer bedeutenden Gebäudehöhe für wichtige Teile jener 
Gruppe ist ästhetisch hier oben nur von Vorteil, weil sie 
die Bergeshöhe wieder ergänzt, indem sie ihr oben das 
hinzufügt, was die Talgebäude ihr für die Außenerscheinung 
und Formwirkung genommen haben. Ein hygienischer 
Mißstand braucht hierdurch nicht zu entstehen, weil man 
auf freier Höhe mit den Nachbargebäuden leicht soweit ab- 
rücken kann, daß der Hausabstand jener Höhe entspricht, 
also der für das betreffende Ortsklima wünschenswerte 
Lichteinfallswinkel gewonnen wird. 

Eines der reizvollsten Vorbilder für diese Behandlung 
der Berge bietet Marburg. Aus dem Tale empor zieht sich 
das Häusermeer den Hang hinauf, steile Dächer und Giebel 
ragen in den wirkungsvollsten Überschneidungen in das 
Grün der Kuppe hinein, für welche die unregelmäßige 
Form vereint mit den malerischen Laubholzstreifen 
und -Gruppen eine entzückende Linienführung schafft, 
während das herrliche Schloß sie in wirkungsvollster Weise 
bekrönt. 

Eine weitere Forderung der Ästhetik ist das innige 
Anschmiegen nicht nur der Wege sondern auch der Be- 
bauung an die Form des Geländes. Nichts wirkt un- 
schöner als seine wesentliche Veränderung zwecks Ge- 
winnung ebener Flächen für den Fuß des Gebäudes, für 
seine Terrassen oder seine allernächste Umgebung. Ab- 
tragungen von mäßigem Umfange pflegen noch keine allzu 
nachteiligen Folgen zu haben, während Auftragungen oder 
beide vereint oft ein Zerrbild gerade dort schaffen, wo 
zuvor die Natur ihre Gaben verschwenderisch ausgestreut 
hatte. Namentlich das Bauwerk selbst nebst seinen 
Terrassen und Altanen muß aus dem Gelände heraus- 
wachsen, wenn es ihm zur wahren Zierde gereichen soll. 
Ebene Plätze dürfen eher in einiger Entfernung vom Ge- 
bäude geschaffen werden, ohne zur Störung des Bildes zu 
werden. Straßen und Wege, die an seinem Fuße geführt 
werden, sollen dagegen tunlichst etwas tiefer liegen als 
dieser, damit ein schmaler Hangstreifen zwischen beiden 
bleibt. Denn in seinem Anschmiegen an das Gebäude liegt 
ein hoher, durch nichts wieder zu ersetzender Reiz. 



Der geschilderten Geländeerschließung und Verkehr- 
straßenführung hat die Bauordnung helfend zur Seite 
zu stehen, um die angestrebte Wirkung im Stadtbilde auch 
wirklich zu erreichen. 

Für die tieferen Hangteile und diejenigen Hangflächen, 
welche für die Außenerscheinung nebensächlich sind oder 
wenigstens nicht bedeutungsvoll zu werden vermögen, kann 
ohne irgend welchen Schaden die beiderseitige Bebauung 
der Hangstraßen gestattet werden, um die hohen Kosten 
der Geländeerschließung einigermaßen günstig verteilen zu 
können und zur Besiedlung gut geeignete Gebiete nicht zu 
vergeuden. 

Für die etwas höher gelegenen Teile der vom Tale 
aus sichtbaren Hänge ist dagegen in der Regel die ein- 
seitige Bebauung der Verkehrstraßen vorzuschreiben, 
weil einerseits die Erscheinung des Berges durch den Blick 
auf die Gebäuderückseiten ungünstig beeinflußt zu werden 
pflegt und anderseits einem Teil der Anwohner wie den 
auf den Straßen verkehrenden Leuten der Ausblick ge- 
raubt wird. Mindestens ist zu fordern, daß die für die 
Erscheinung des Berges im Stadtbilde in Betracht kommen- 
den Gebäudeseiten eine künstlerische Durchbildung er- 
fahren. Sie kann ja mit den einfachsten Mitteln und be- 
scheidenstem Kostenaufwand erzielt werden. Denn es wird 
sich stets nur um die Wirkung der Gebäudemassen handeln, 
namentlich um eine feinfühlige Ausmittelung und Durch- 
bildung der Dächer und höchstens noch darum, eine zu 
hohe oder sonst unschöne Erscheinung der Wandflächen 
durch ihre teilweise Bekleidung mit Schlingpflanzen oder 
anderem Grün zu verdecken. 

Der oberste Hangteil ist mit Bauverbot zu belegen und 
im Erfordernisfall von der Stadt anzukaufen, um ihn als 
öffentliche Anlage verwerten und so gestalten zu können, 
daß er dem Stadtbild zur wahren Zierde gereicht. 

Hinter der Höhe darf eine etwas dichtere Bebauung 
stattfinden, da sie hier weder gesundheitliche noch ästhe- 
tische Nachteile hervorzurufen pflegt. Auf den vom Tale 
aus sichtbaren Höhenzügen oder deren Kanten ist die Ent- 
stehung malerisch und zugleich machtvoll wirkender Ge- 
bäudegruppen zu fördern, indem man z. B. außer der 
offenen Bauweise nur solche freiliegende Gruppen ge- 
stattet. Sie sollen unter einander wie mit Einzelgebäuden 
einen ihrer Höhe entsprechenden Abstand halten. Doch 
wird dessen Ausfüllung mit hohen, reizvoll ausgebildeten 
Umfriedungsmauern, über welche das Gartengrün hervor- 
lugt, Terrassen u. dergl. eher vorteilhaft als nachteilig 
wirken. Es empfiehlt sich ferner, öffentliche Gebäude, 
z. B. Kirchen und Schulen, hierher zu legen und ihnen 
eine dem Gelände angepaßte Außengestaltung zu geben, 
indem man z. B. mehrere Schulen zu einer malerisch und 
groß wirkenden Gruppe zusammenfügt, ihre gemeinsame 
Aula in das Dachgeschoß emporführt und hier als Mittel- 
punkt der Anlage zu hoheitsvoller Erscheinung bringt. 

Bildet der Berggipfel eine Hochebene oder schließt 
sich sanft geneigtes Gelände den Höhenzügen dort oben 
an, dann ist derartiges Hinterland ganz besonders geeignet, 
dem bescheidenen Einfamilienhaus als Stätte zu dienen, 
während das vornehme Einfamilienhaus die sichtbaren 
Teile der Hänge und Höhen sowie die dem Stadtmittel- 
punkte näher gelegenen Gebietsteile zu bevorzugen pflegt. 
Darum müssen der Bebauungsplan und die Bauordnung 
jenem Hause sich anpassen. Die Grundstücktiefen dürfen 



60 



DER STÄDTEBAU 



z. B. im allgemeinen nicht zu hoch gewählt werden, wenn 
sie auch eine gewisse Vielseitigkeit aufweisen müssen, 
weil die Ansprüche auch der hier in Betracht kommenden 
Ansiedler an die Größe ihres Gartens oder Gärtchens er- 
heblich zu wechseln pflegen. Je preiswerter das Gelände 
ist und erhalten werden kann, um so weiträumiger darf 
die Bebauung vorgesehen werden, während die Straßen, 
abgesehen von den Hauptverkehrsadern, unter allen Um- 
ständen eine sehrgeringeBreitenbemessung erhalten müssen, 
weil der Wagenverkehr in ihnen stets ein bescheidener 
bleiben wird, die Gebäudehöhen gering ausfallen und es 
gilt, die Geländeerschließung mit dem geringsten Kosten- 
aufwand durchzuführen, um die Grundstückwerte niedrig 
halten zu können. Denn nur in diesem Falle vermag das 
bescheidene Einfamilienhaus zu gedeihen. 

Um den verschiedenartigen Wünschen der Ansiedler 
an die Lage des Eigenheims gerecht zu werden und das 
Bild dort oben sich beleben zu sehen, empfiehlt es sich 
ferner, zwischen den Grundstücken für freistehende Einzel- 
häuser auch solche anzuordnen, die zum Zusammenfassen 
einer erheblichen Zahl von Einfamilienhäusern zu ,, künstle- 
risch" oder malerisch angeordneten Gruppen sich eignen. 
Denn sie geben Gelegenheit, auch kleinere billige Häuser 
in einer vor Wind, Wetter und Wärmeübertragung ge- 
schützten Lage zu erstellen, deren bescheidene Gärten 
durch die größeren der Nachbarn in ihrem Reiz gehoben 
werden. Die Gesamtwirkung der Ansiedlung erleidet hier- 
durch nicht etwa einen Schaden, sondern sie entgeht der 
Gefahr der Einförmigkeit und pflegt sich nicht nur ab- 
wechslungsreicher, sondern auch reizvoller zu gestalten. 
Anderseits soll man trachten, das meist öde wirkende An- 
einanderstellen von zwei, drei oder mehr Häusern, die 
ohne inneren Zusammenhang bleiben, sowie die Anlage 
von Reihenhäusern reizloser Art hintanzuhalten, weil sie 
das Gesamtbild schädigen. 

Auch hier müssen Bauordnung und Bebauungsplan 
zusammenwirken, wenn das Ziel vollkommen erreicht 
werden soll. Während die Bauordnung gegen Übergriffe 
namentlich der Bauspekulation Schutz zu gewähren hat, 
muß sie dem Bürger möglichst viel Freiheit gewähren, sein 
Heim sich ganz seinen Wünschen und Neigungen ent- 
sprechend zu gestalten. Der Bebauungsplan vermag da- 
gegen jene vielseitigen Ansprüche am ehesten dadurch 
vereint zu erfüllen, daß die Straßen eine stark bewegte 
Führung erhalten, ähnlich denen eines Parkes. Hierdurch 
entstehen nicht nur Grundstücke der verschiedensten Form 
und Größe, sondern es wird zugleich für jedes Haus und 
für jede Gebäudegruppe eine vorteilhafte Wirkung von 
vornherein sicher gestellt und es werden die Nachteile der 
einzelnen Himmelsrichtungen für die Hauslage wie für die 
Straßenlage nach Möglichkeit hintangehalten, während man 
ihre Vorzüge durch geschickte Grundplangestaltung aus- 
zunutzen vermag. Allerdings ist es an dieser Stelle be- 
sonders notwendig, den Grundstückgrenzen die Wege- 
führung anzuschmiegen, weil jede unvorteilhafte Er- 
schließung des Baulandes den Zweck zu vereiteln vermag, 
dem es hier dienen soll. 

Die Hangstraßen bedürfen der sorgsamsten Durch- 
bildung, wenn eine das Auge erfreuende Anlage geschaffen 
und wirtschaftliche Nachteile vermieden werden sollen. 
Bisher sind bei ihrer Durchbildung vielfach Fehler be- 
gangen. 



Die Breite der Hangstraßen darf unter keinen 
Umständen größer gewählt werden, als der in absehbarer 
Zeit zu gewärtigende Verkehr sie erfordert, weil die An- 
lagekosten mit der Breite eher im geometrischen als im 
arithmetischen Verhältnis wachsen und große Breiten un- 
günstige Eingriffe in die Geländeform erforderlich zu 
machen pflegen. Im allgemeinen bleibt der Hangverkehr 
dauernd ein beschränkter, er entspricht der Größe der 
Besiedlung, der Durchgangsverkehr pflegt zu fehlen. Nur 
dort, wo die Hangstraße ein weites Hinterland erschließt, 
wird sie zur eigentlichen Verkehrsader und bedarf dann 
allerdings einer entsprechend großen Breite. 

Wo beiderseitige Bebauung der Hangstraße stattfindet, 
wird das untere Haus entweder unmittelbar an die Straße 
geschoben, um ihre Futtermauer als Grundmauer aus- 
nutzen zu können und die Zugänglichkeit des Hauses zu 
erleichtern, oder es wird zwischen dem Haus und der 
Straße ein Lichtgrabengelassen, dessenBreitederBöschungs- 
höhe der Straße annähernd gleich sein muß. Der Zugang 
zum Haus erfolgt dann entweder durch eine Brücke, die 
unmittelbar zum Treppenhause führt, durch abwärts ge- 
richtete Freitreppen oder durch beide. 

Ein Vorgarten ist hier zwecklos und pflegt mehr Nach- 
teile als Vorteile hervorzurufen, weil er die Zugänglichkeit 
zum Haus erschwert, den Hauswänden Feuchtigkeit zu- 
führt und die Straße des Schattens beraubt. Der Licht- 
graben wird dagegen an Hängen von irgend erheblicher 
Steilheit meist erforderlich, weil andernfalls zwei oder 
mehr Geschosse an der Rückseite des Hauses der Tages- 
lichtzuführung entbehren müssen. (Seiner Entwässerung 
ist selbstverständlich die entsprechende Sorgfalt zu widmen.) 

Der für den Tageslichteinfall erforderliche Gebäude- 
abstand muß, namentlich an schmalen Straßen, daher in 
der Regel durch Abrücken des oberen Hauses von der 
Straße gewonnen werden. Dadurch entsteht für dieses ein 
Vorgarten oder eine Terrassenanlage. Schematische Vor- 
schriften hierüber zu geben, z. B. behördlich zu bestimmen, 
daß ein Vorgarten belassen werden muß, ist in ästhetischer 
Beziehung von Übel. Es muß dem Baukünstler sowohl 
wie dem Hausbesitzer vielmehr die erforderliche Freiheit 
bleiben, diesen Geländestreifen nach seinem Geschmack 
und Gefallen auszubilden, weil die Lösung der Gelände- 
form angepaßt werden muß, wenn eine reizvolle Gestal- 
tung entstehen soll. Einheitliche Lösungen für das ganze 
Gebiet sind erstens nur selten durchführbar, ohne dem Ge- 
lände Zwang aufzuerlegen und es dadurch seines Reizes 
zu berauben ; zweitens führen sie meist zu einer Gleich- 
förmigkeit, die dem Gesamtbilde schädlich wird, ihm unter 
Umständen den Stempel der Öde aufdrückt. Ferner sollte 
dem Hausherrn die Freiheit bleiben, diesen Streifen soweit 
auszunutzen, wie es ohne Schädigung der Außenerscheinung 
angeht. Denn er gehört zu seinem Besitztum, und man 
nimmt dem Bürger durch solche Eingriffe in seine Rechte 
oft die Lust, ein reizvolles Heim hier zu erstellen oder 
veranlaßt ihn, sein Grundstück an Bauspekulanten zu ver- 
äußern, deren Werke den Ästhetiker nur selten zu be- 
friedigen vermögen. 

So geht es sehr wohl an, den Unterbau der Terrassen 
zur Anlage von Stallungen und Wagenremisen auszunutzen, 
neben oder zwischen denen die Freitreppen emporführen. 
Gerade an dieser Stelle bietet sich die richtigste Gelegen- 
heit zum Unterbringen der Zugtiere. Ebenso können aus- 



61 



DER STÄDTEBAU 



gedehnte Weinkeller hier ohne Schaden untergebracht 
werden, während die Faßbeförderung durch diese Lage 
ganz wesentlich erleichtert wird. 

Gesundheitlich reicht die Vorschrift aus, daß kein Ge- 
bäudeteil des oberen Hauses den Lichteinfallswinkel*) für 
die tiefer gelegenen Gebäude verkümmern darf. Auf 
schmale Gebäudeteile, wie Türme, Giebelspitzen und Dach- 
erker braucht diese Vorschrift sich nicht zu erstrecken, 
da der von ihnen ausgehende „Schatten" hygienisch be- 
deutungslos ist. 

Für die Vorgartenanlage empfiehlt es sich aus ästhe- 
tischen Gründen, den ihr dienenden Hangstreifen nicht zu 
ebnen, sondern in seiner ursprünglichen Form zu erhalten, 
weil er dann für die Vorübergehenden zur Wirkung ge- 
langt und das Gebäude aus ihm in reizvollerer Art empor- 
wächst. Aus dem gleichen Grunde sollten die Einfriedi- 
gungen die Futtermauer nur wenig überhöhen oder aus 
Gitterwerk u. dergl. bestehen, das von Ranken umsponnen 
wird. Umfriedungen der Gärten baupolizeilich anzuordnen, 
ist an dieser Stelle noch weniger am Platze wie anderen- 
orts: Eher sollte man trachten, ihre Anlage hintanzuhalten. 
Für das zur Sicherheit Erforderliche wird der Hausbesitzer 
schon selbst Sorge tragen. Je niederer die Einfriedigung 
ist, um so mehr kommt der Vorgarten für das Stadtbild 
zur Geltung, während hohe Einfriedigungen die Straßen- 
erscheinung geradezu trostlos zu gestalten vermögen, falls 
ihre Ausbildung nicht in anheimelnder Weise erfolgt. 
Gleich ungünstig wirkt das Einebnen der Vorgärten, weil 
von unten nur Mauerwerk sichtbar zu werden pflegt und 
die Gebäudeperspektive Schaden leidet, falls nicht ein sehr 
geschickter Künstler die Anlage geplant hat 

Sehr angenehm wirkt es, wenn zwischen den Futter- 
mauern oder den hier entwickelten Terrassen und der 
Straße ein schmaler Hangstreifen verbleibt, weil ihre Wände 
sich dann malerisch aus ihm erheben und jener steife 
Linienzug vermieden wird, den neuzeitige Hangstraßen so 
häufig aufweisen. Das Einschneiden hoher Freitreppen 
vor der Mitte des Gebäudes in den dort hohen Hang wirkt 
meist ebenfalls nicht besonders günstig, obgleich es be- 
deutende Kosten erfordert. Weit zweckdienlicher und 
reizvoller ist es, die Stufen an der tiefst gelegenen Stelle 
des Grundstücks anzuordnen und von hier einen Weg zur 
Haustür anzulegen, oder von dort eine Vorfahrt ausgehen 
zu lassen. Von ihr können dann mit Vorteil einige Stufen 
zur Tür emporleiten. 

Die symmetrischen Anlagen passen selten zu den be- 
wegten Formen der Hänge. Meist wirken sie gezwungen 
und steif inmitten dieser Natur und rauben ihr den Reiz, 
statt ihr neuen hinzuzufügen. Gerade die symmetrischen 
Terrassen- und Freitreppenbauten haben den Berghang- 
anlagen des vorigen Jahrhunderts so häufig das Gepräge 
des Unerfreulichen aufgedrückt, während bescheidene, der 
Natur sich anschmiegende ländliche Hangbauten das Auge 
zu entzücken pflegen. 



*) Je nach dem Ortsklima soll dieser Winkel eine Neigung von 30» 
bis 45 => und mehr gegen den Horizont aufweisen. Und zwar darf, ia soll 
man ihn in Süddeutschland steiler wählen als in Mittel- und Norddeutsch- 
land, weil der Lichtreichtum dort ein wesentlich größerer ist und man im 
Sommer des Sonnenschutzes in weit höherem Maße bedarf. Die einheit- 
liche Festsetzung dieses Winkels auf 45°, welche für ganz Deutschland 
üblich geworden ist, beruht auf irrtümlichen hygienischen Annahmen; es 
fehlt ihr daher jede Berechtigung. 



An stellen, wo die Straße durch Aufhöhung ihre Ein- 
ebnung erfahren hat, Futtermauern für den oberen Teil 
daher fortfallen, sind weder Einfriedungen noch Freitreppen 
u. dergl. notwendig. Hier wirkt es stets am erfreulichsten, 
wenn der Hang in seiner vollen Natur belassen wird, nur 
Wege von ihm zu den Gebäuden emporführen. 

Wird die Straßenebene halb durch Auftrag halb durch 
Abtrag erzielt, dann werden in der Regel die Futtermauern 
nur eine mäßige Höhe erfordern, deren Erscheinung durch 
eine schmale Anschüttung an ihrem Fußpunkte sich noch 
niedriger gestalten läßt, so daß nachteilige Wirkungen wohl 
stets vermeidbar sind. 

Nur dort, wo die Einebnung der Straße vollständig 
durch Abtrag erfolgt, sind so hohe Futtermauern erforder- 
lich, daß an ihre Stelle vorteilhafter Terrassenbauten treten, 
die zugleich die oben angedeutete wirtschaftliche Aus- 
nutzung des Vorgeländes gestatten. Denn die Vorgarten- 
wirkung wird in diesem Falle nur dann eintreten, wenn 
das Gebäude verhältnismäßig weit von der Straße zu- 
rücktritt. 

Bei nur einseitiger Bebauung der Hangstraßen 
ist die Anordnung von Vorgärten vom hygienischen 
Standpunkt zwecklos, in verkehrstechnischer, wirtschaft- 
licher und ästhetischer Beziehung kann sie nachteilig 
werden und bietet sie nur in seltenen Einzelfällen Vor- 
züge: 

Der Straßenseite des Gebäudes strömen Licht und Luft 
ungehindert zu; eines Vorgartens bedarf es zu diesem 
Zwecke nicht. Durch die unmittelbare Verbindung des 
Hauses mit der Straße wird dagegen eine Reihe von Vor- 
zügen geboten. Die Zugänglichkeit wird nicht nur er- 
leichtert, sondern sie wird auch der Gefahr entkleidet, die 
bei Glatteis und Schneefall bedeutungsvoll zu werden ver- 
mag, an Steilhängen auch sonst für alte oder gebrechliche 
Leute und kleine Kinder zu gewärtigen ist; teuere Frei- 
treppenanlagen fallen fort; die Ausnutzung des Unterge- 
schosses für die Eintrittshalle mit ihren Nebenräumen, wie 
Dienerzimmer, Kleiderablagen und Toiletten wird durch 
das Heranrücken des Hauses an die Straße zur naturgemäß 
gegebenen; die Futtermauern werden für diese Gebäude- 
seite entbehrlich oder können dort, wo sie bereits vor- 
handen waren, als Grundmauern und Sockelmauern Ver- 
wendung finden; die Architektur des Hauses kommt voll 
zur Geltung, ungünstige Überschneidungen durch die Futter- 
mauern und Einfriedungen des Vorgartens können nicht 
zu Stande kommen. Ästhetisch spricht gegen die Vor- 
gartenanlage meist aber der bedeutungsvolle Umstand, daß 
sie ein Höherrücken des Hauses am Hang hervorruft, wo- 
durch der Ausblick von den Hangstraßen talabwärts ver- 
hindert oder in seiner Schönheit ganz wesentlich beein- 
trächtigt wird. Je flacher die Hangneigung ist und je 
größer die Gebäudehöhe im Verhältnis zur Grundstücktiefe 
gewählt wird, um so mehr tritt dieses Bedenken hervor. 
In der Mehrzahl der Fälle dürfte ein Verbot der Vorgarten- 
anlage hier daher eher am Platze sein als ihr Gebot.*) Bei 



*) Schlagend hat das Beispiel Stuttgarts die Richtigkeit dieser Be- 
hauptung gezeigt. Dort war seinerzeit die Anlage von Vorgärten für die 
einseitig bebauten Hangstraßen vorgeschrieben. Gleichzeitig wollte man 
aber talabwärts den Ausblick von jedem Punkte der Straßen freihalten. 
Es wurde daher die weitere Forderung aufgestellt, daß die Dachneigung 
so flach gewählt werden müsse, um den Ausblick frei zu lassen. Die 
Folge war die Verunzierung sämtlicher am Hang gelegenen Villen durch 



62 



DER STÄDTEBAU 



einer im Verhältnis zur Hangneigung großen Grundstück- 
tiefe kommt dieser Umstand weniger in Betracht. Ebenso 
wird an sanften Hängen die Zugänglichkeit des Hauses in 
weniger ungünstiger Weise durch eine Vorgartenanlage 
beeinflußt. Der Einzelfall bedarf daher stets einer gründ- 
lichen Durcharbeitung. Schematisches Vorgehen in der 
einen wie in der anderen Richtung ist hier, wie fast über- 
all, nur von Übel. 

Das Heranrücken der Gebäude an die Straße pflegt 
ferner bedeutungsvoll in gesundheitlicher Beziehung zu 
werden, weil sie die einzigen Gegenstände an der Hang- 
straße sind, von denen ausgiebiger Schatten für den Ver- 
kehr geboten wird. Werden sie im Verhältnis zur Hang- 
neigung weit von der Straße abgerückt, dann fehlt jeglicher 
Schatten oder wird durch das Grün der Vorgärten nicht 
in ausreichender Weise geboten. Die Anlage von Baum- 
reihen an Hangstraßen aber ist zu kostspielig, weil es deren 
Verbreiterung nötig macht, und pflegt für den Blick talauf- 
wärts unschön zu wirken. 

Dagegen ist es ästhetisch und hygienisch meist von 
Vorteil, wenn zwischen der Straße und dem Gebäude 
schmale Vorgärten oder auch nur Beete von 0,30 m bis 
0,60 m Breite belassen werden, aus denen Schlingpflanzen 
am Gebäude sich emporzuranken vermögen. Sie. pflegen 
namentlich für das Untergeschoß und die über ihm er- 
richteten Veranden, Hallen oder Altane einen hohen Reiz 
zu bilden und werden an Sonnenseiten gesundheitlich wert- 
voll, sobald man die Wandflächen sich völlig mit ihnen 
umspinnen läßt, weil sie gegen Sonnenstrahlung hohen, 
gegen Wärmezuleitung erheblichen Wärmeschutz bieten. 



flache Blechdächer. Sie bilden jetzt den unerfreulichen Vordergrund des 
sonst so reizvollen Bildes, das überall von den Hangstraßen sich bietet. 
Hätte man die Gebäude an die Straße gerückt, dann wären die Dächer 
dem Auge der auf der Hangstraße Verkehrenden ausreichend entrückt, 
ihre Fläche durch Baumschlag und anderes Grün genügend unterbrochen 
oder verdeckt, und es hätten die reizvollsten Dachausbildungen erfolgen 
können, ohne eine Behinderung der Aussicht befürchten zu müssen. 



Das Laubwerk läßt Wärmestrahlen nicht hindurch, sondern 
verbraucht große Wärmemengen teils zum Aufbau der 
Zellen, teils zur Wasserverdunstung, die um so lebhafter 
stattfindet, je mehr Wasser den Wurzeln zugeführt wird.*) 

Ein weiterer hygienischer Vorzug solcher schmaler 
Vorgärten oder Beete liegt in der Trennung der Hauswand 
vom harten Körper der Straßenbefestigung durch eine Erd- 
schicht, die bekanntlich für Schallwellen nur eine geringe, 
für Erschütterungen nur eine mäßige Durchlässigkeit be- 
sitzt. Die Übertragung dieser Nachteile des Straßenverkehrs 
auf das Haus wird daher gemildert. 

Wird der Straße durch die Anordnung tiefer Vorgärten 
der Schatten entzogen, dann wirkt dies nicht nur auf den 
Verkehr ungünstig zurück, sondern es erhöht auch die 
Staubbildung auf ihr in der Regel recht wesentlich. Aus 
beiden Gründen empfiehlt es sich sogar, die etwa ange- 
ordneten Gebäudewiche mit Umfriedungen, über welche das 
Grün des Gartens weit emporragt, oder mit hohem Busch- 
werk und Baumschlag soweit abzuschließen, daß sie der 
Straße Schatten zu spenden vermögen. Er ist für das Auf- 
wärtsbewegen der Fußgänger, Radfahrer und Lasttiere 
ganz besonders notwendig, hält die Straße feucht und kühl, 
da an windstillen Tagen stete Luftbewegung dort entsteht, 
wo beschattete Flächen besonntenFlächen nahe gelegen sind. 

Im übrigen gelten auch für diese Vorgärten die weiter 
oben gegebenen Darlegungen. (Schluß folgt in Heft 6 ). 

*) Als Wärmeschutz eignet sich ganz besonders der , .spanische 
Kletterwein", eine Abart des „wilden Weines", da er in wenigen Jahren 
hohe Flächen völlig überwuchert, ohne irgend welcher Vorkehrungen zum 
Haften an ihnen zu bedürfen. Seine Saugwurzeln reichen zu diesem 
Zweck aus. Nur an getünchten Flächen vermögen sie keinen Halt zu 
finden, weil die Farbe unter dem Einfluß der Saugwurzeln abblättert und 
beide nun herabfallen. 

Die durch das Kühlhalten der Wandflächen bei hoher Luftwärme 
hervorgerufene Schwitzwasserbildung an ihnen läßt sich unschädlich machen 
durch ihre für Wasser undurchlässige oder das W^asser abweisende Aus- 
bildung oder Bekleidung. Sie ist zur Fernhaltung des Schlagregens aus 
den nach Wetterseiten gerichteten Umfassungswänden sowieso geboten. 



BEBAUUNGSPLAN FÜR HRUSCHAU, 



Von SIEGFRIED SITTE, Wien. 



Hruschau gehört ebenso wie Privoz- Oderfurt und 
Marienberg zu jenen Gemeindewesen, die in engem An- 
schlüsse an Mährisch-Ostrau, Polnisch-Ostrau und Witt- 
kowitz liegen und mit diesen äußerlich ein großes zu- 
sammenhängendes Stadtgebiet von über 100 000 Einwohner 
darstellen. 

Der auf Tafel 37 gegebene Bebauungsplan bezieht sich 
nur auf den innersten Teil von Hruschau. Die Plan- 
verfassung für das übrige Gemeindegebiet mußte bis zur 
ausständigen Entscheidung über die Lage des Donau- 
Oder-Kanales vertagt werden. Im folgenden seien in Kürze 
die hauptsächlichsten Anordnungen des vorliegenden Teil- 
planes näher beschrieben. 

Erster Grundsatz war: möglichste Schonung der in 
dem Unterlagsplane gegebenen Besitzgrenzen und der zu 
erhaltenden bestehenden Gebäude bei gleichzeitiger Be- 
rücksichtigung einer möglichst guten Verbauung und Auf- 



teilung der Grundstücke. Durch die geringe Anzahl der 
Eigentümer, sowie die geringe Ausdehnung des Gebietes 
war diese Aufgabe wesentlich erleichtert und konnte da- 
her nach eingehenden Besprechungen den Wünschen der 
Beteiligten in weitgehender Weise nachgekommen werden. 
Abgesehen von den für Straßen und Plätze abzutretenden 
Grundflächen, treten Änderungen in dem Besitzstande nur 
in ganz verschwindender Zahl ein und beschränken sie 
sich in zwei, im Plane mit a bezeichneten Fällen auf die 
Übernahme von ganz kleinen Dreiecksflächen (rund 30 qm), 
die mit Rücksicht auf den niedrigen Bodenpreis wohl 
kaum irgend welche Schwierigkeiten bilden können und 
deren Verbauung für das künftige Straßenbild wünschens- 
wert ist, schlimmsten Falles aber ohne weitere Änderungen 
auch weggelassen v/erden könnten; weiter auf drei durch 
stärkere Schraffierung angegebene Fälle (c, d u. e), in denen 
eine Änderung der Grundstücksgrenzen mit Rücksicht auf 



63 



DER STÄDTEBAU 



den künftigen Anbau erwünscht wäre und durch die gleiche 
Größengestaltung zweier Dreiecksflächen von sehr ge- 
ringem Ausmaße im Tauschwege zu beiderseitigem Nutzen 
gewiß leicht durchführbar ist. 

Ferner ist Rücksicht genommen auf günstige Eckhaus- 
grundstücke — schlecht verbaubare spitze Winkel sind 
vermieden — , sowie insbesondere auch auf Erzielung 
möglichst vieler Gebäudefronten mit größerer Fensteraus- 
sicht längs einer Straße und dergl. Der letztere, sehr 
wertvolle Zweck ist erreicht durch Versetzen der Straßen- 
einmündungen, bezw. durch Vermeiden der auch aus ver- 
kehrstechnischen und anderen Gründen entschieden 
schlechten Straßenkreuzungen, und durch kleine platzartige 
Erweiterungen mit tangentialer Straßeneinmündung. Des 
weiteren ergibt sich daraus für den Verkehr die wünschens- 
werte Verästelung des Straßennetzes, bei Vermeidung von 
Knotenpunkten vieler konzentrisch zusammenlaufender 
Straßen usw., während gleichzeitig dem Durchblasen des 
staubaufwirbelnden Windes möglichst viele Schranken ge- 
setzt sind. 

Die Form des in der Mitte des Gemeindegebietes an 
der 'gewünschten Stelle belassenen Platzes ist völlig aus 
den früher erwähnten Rücksichten auf Besitzgrenzen und 
gute Verbauung der anliegenden Grundstücke hervor- 
gegangen, woraus sich eine etwas mannigfaltigere Gliede- 
rung der Platzwände ganz von selbst ergeben hat und, 
ohne den gegebenen Verhältnissen irgend welchen Zwang 
anzutun, eine schablonenhafte Rechtecksform mit glatt 
gehobelten Baufluchten vermieden werden konnte. Ganz 
nebenbei sei hier bemerkt, daß die ziemlich verbreitete 
Ansicht, die nur die Rechtecksform als allein brauchbar 
hinstellt, entschieden unrichtig ist und daß vielmehr viele 
scheinbar unregelmäßige Grundformen für den Wohnhaus- 
bau weit günstiger sind. Davon ein anderesmal. Die vier 
Zufahrtsstraßen münden tangential in den Platz ein; die 
etwaige Anordnung von Baumgruppen, Brunnen u. dergl. 
ist aus dem Plane ersichtlich. 



Der Kirchenplatz : Die Lage der Kirche an der Haupt- 
verkehrstraße ist besonders geeignet, an dieser Stelle mit 
geringen Mitteln eine schöne Platzbildung entstehen zu 
lassen, nur müßten hierzu auch andere öffentliche Ge- 
meindebautrn herangezogen werden, um eine monumen- 
talere Wirkung zu erzielen. Durch die Anordnung eines 
neuen Gemeindehauses in Verbindung mit dem geplanten 
Anbau an die Kirche und einem mehrteiligen Durchfahrts- 
tor wird links von der Kirche eine geschlossene Platzwand 
geschaffen, in der namentlich das Gemeindehaus selbst bei 
einfachster Durchbildung zur Geltung kommen würde. 
Rechts von der Kirche ist eine Parkanlage mit Brunnen, 
Mariensäule oder ähnlichem angeordnet. Die entsprechende 
Verbauung des anschließenden schmalen Grundstreifens 
ist aus dem Plane ersichtlich. Sie weicht von der üblichen 
geschlossenen Baublockform ab. Der ästhetich notwen- 
dige Übergang soll, um nicht nackte Feuermauern ent- 
stehen zu lassen, durch zwei villenartig einseitig an- 
gebaute Wohnhäuser mit Gartenanlagen geschaffen und 
muß selbstredend auch den Rückseiten der Gebäude eine 
architektonische, würdige Gestaltung gegeben werden. 

Die Anordnung von Innenhöfen u. dgl. ist in der Plan- 
beschreibung enthalten und bedarf hier erst keiner weiteren 
Begründung. 

Inbetreff der Straße b-b, welche die große Scheune, 
deren Erhaltung vorläufig gewünscht wird, durchschneidet, 
ist zu erwähnen, daß ihre Ausführung zwar noch lange 
nicht notwendig sein wird, dennoch aber ihre Änderung 
vorgesehen ist. Diese kann jedoch erst im Zusammen- 
hange mit dem angrenzenden Gebiete entworfen werden. 
Das Gleiche gilt inbetreff der im Plane stark gestrichelten 
gezeichneten Straßenfluchten. 

Die Breite der Wohnstraßen konnte möglichst gering 
angenommen werden, da infolge der ausgedehnten Kohlen- 
bergwerke die Bodenverhältnisse selten eine höhere Über- 
bauung als die landesübliche von zwei bis drei Ge- 
schoßen gestatten. 



DIE BEBAUUNG DES SOGENANNTEN „STERN 
GELÄNDES" VON MAGDEBURG. 



Von PETERS, Magdeburg. 



Zwischen das südliche Ende der Altstadt Magdeburg 
und die Vorstadt Buckau schob sich der erst in den sieb- 
ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, d. h. also erst 
vor etwa drei Jahrzehnten hergestellte gewaltige 
Festungsgürtel in seinem südlichen Verlaufe bis zur 
Stromelbe ein, indem er hier den berühmten „Stern", ein 
in sich bisher vollkommen abgeschlossenes Festungswerk 
anschnitt, bezw. sich mit ihm vereinte. Nachdem der ge- 
samte, mit einem Kostenaufwand von vielen Millionen 
Mark hergestellte Befestigungswall von etwa 6 km Länge, 
welcher auch das damals nach Westei! und Süden erheb- 
lich erweiterte Magdeburg immer noch einschnürte und 
von den Vorstädten trennte, jetzt endgültig aufgegeben ist, 
wurde es nach langwierigen Verhandlungen der Stadt mit 
der Militärbehörde ermöglicht, das von dem Sternwerk 



eingenommene Gelände, von etwa 9 ha Größe durch Aus- 
tausch mit städtischem Gelände in der „Nordfront" — 
das bereits nach einem früheren Vertrage in den Besitz 
der Stadt übergegangen war — zu erwerben, um es der 
Bebauung zu erschließen. Für die Verbindung der süd- 
lichen Altstadt mit Buckau sind damit die hemmenden 
Fesseln endlich gefallen, und es ist jetzt ein organisches 
Zusammenwachsen der beiden Stadtteile durch einen Be- 
bauungsplan in die Wege geleitet, dessen Verwirklichung 
augenblicklich in Angriff genommen ist. Es kommt dazu, 
daß außer der im Jahre 1903 dem Verkehr übergebenen 
,, Königsbrücke" ein zweiter Brücken-Neubau hier im 
Süden der Altstadt geplant ist, über dessen genaue Lage 
zwar bisher eine Einigung im Schöße der städtischen Be- 
hörden noch nicht hat erzielt werden können, auf den 



64: 



DER STÄDTEBAU 



aber notwendig für die Zukunft Rücksicht genommen 
werden mußte. Der Bebauungsplan, wie er endgültig an- 
genommen ist und hier mitgeteilt wird, ist also lediglich 
aus Verkehrsinteresse entstanden und hat somit den 
zahlreichen, sehr schwierigen, örtlichen Verhältnissen, in 
Angliederung an eine vollzogene Bebauung und in Er- 
gänzung gegebener Verkehrsbedingungen Rechnung zu 
tragen. Dabei ist den Verhältnissen des kolossalen 
Festungswerks zu entsprechen gewesen, indem die 
Führung der Straßen aus praktischen Rücksichten mög- 
lichst der Richtung der tiefen Wallgräben folgen 
sollte. 

Daß das letztere bei der ganz regelmässigen Sterngestalt 
des Festungswerks ziemlich schwierig war, versteht 
sich von selbst; es ist die vollständige Einverleibung der 
Wallgrabenzüge, d. h. ihrer am tiefsten eingeschnittenen 
Teile, an denen sich auch naturgemäß die starken, massiven 
,,Revetements" befinden, nicht durchzuführen möglich 
gewesen, da der Bebauungsplan eine wunderbare Gestalt 
erhalten haben würde. 

Wie verzwickt trotz einfachster Grundanlage der aus 
dem Anfang des 18. Jahrhunderts entstammende, unter 
Friedrich Wilhelm I. begonnene, unter Friedrich IL, dem 
Großen, vollendete Befestigungsbau ausgeführt ist, mit 
welcher Berechnung sich die Form des aus rechteckigem 
Grundriß entwickelten Sterns bis in das weitverzweigte 
Minensystem zur Verteidigung des Glacisgeländes fortsetzt, 
zeigt die beigegebene Abbildung des Lageplanes, der in- 
folge der jetzt beendeten Rasierung und der begonnenen Ein- 




richtung des Geländes zu Bauzwecken natürlich nicht mehr 
als Kriegsgeheimnis angesehen zu werden braucht. Es ist 
aber geradezu erstaunlich, mit welch kolossalen Mauer- 
und Gewölbemassen die damalige Kriegskunst sich glaubte 
einrichten zu müssen, noch dazu unter Durchführung 
eines Verteidigungssystems gegen einen nach mathema- 
tischem Problem auf einen gewissen Angriffspunkt los- 
rückenden Feind — hier handelte es sich um vier bzw. 
acht solcher Angriffsrichtungen. Aus dem Bau ersieht 
man übrigens deutlich, wie der in den 70er Jahren herge- 
stellte neue Hauptgürtel der Festung die bisherige voll- 



kommene regelmäßige Gestalt des Sterns anschnitt, wobei 
die für die allgemeine Vorflut des Festungsgeländes wichtige 
Grabenentwässerung mittelst unterirdischen Lünettenkanals 
durch den Innenhof der Sternschanze hindurchgeleitet 
werden mußte. 

Alles in Allem war der ,, Stern" von Magdeburg als 
ein höchst interessantes Beispiel der Befestigungskunst 
nach den Vaubanschen Vorbildern anzusehen, und mag es 
von diesem Standpunkt aus bedauerlich erscheinen, daß 
diese imponierenden Befestigungsbauten, die sich übrigens 
äußerlich nicht im mindesten kennzeichneten abgesehen 
vom Hauptportal, das denn auch pietätvoll erhalten bleiben 
soll — so ganz dem Erdboden gleich gemacht werden 
sollten! Eine irgend wie zu rechtfertigende Verwertung 
war aber nach Aufgabe des Kriegswerks seitens der Mili- 
tärverwaltung und Erwerb des Geländes durch die Stadt 
geradezu ausgeschlossen. Des Kuriosiums halber mag er- 
wähnt werden, daß allerdings aus Bürgerkreisen heraus 
die Anregung erging, man möchte die riesigen Stern- 
kasematten als Lagerräume verwenden, alsReservelazareth, 
sogar als Sehenswürdigkeit bewahren und nach Ein- 
brechen von Lichtöffnungen in die bombensicheren Ge- 
wölbe zu einer Art von Kriegsmuseum gestalten! 

Die verschiedenen Vorschläge, die gewaltigen Kase- 
mattengewölbe, wenn irgend möglich, zu erhalten, zeugen 
immerhin von dem außergewöhnlichen Eindrucke, den sie 
auf das Publikum machten, wennschon bei dem teueren 
Preise des Geländeerwerbs und gegenüber dem aus- 
gesprochenem Zwecke, diese Erwerbung seitens der Stadt 
nur im Interesse des Verkehrs und der organischen Ent- 
wicklung des Bebauungsplanes zu bewirken, die laien- 
haften Wünsche wohlmeinender Bürger nicht die geringste 
Berechtigung haben konnten. Das Gelände war übrigens 
von der Militärverwaltung ursprünglich selbst als Bauplatz 
für ein großes Militärlazarett bestimmt, dessen Errich- 
tung an dieser Stelle für die Entwicklung der Stadt recht 
unerwünscht gewesen wäre. Dank dem persönlichen Be- 
mühen des kommandierenden Generals wurde noch 
im letzten Augenblicke eine anderweitige Lage dafür 
in Aussicht genommen; aber Niemand dachte je daran, 
die ungeheuren Gewölbebauten des „Sterns" als der Er- 
haltung würdig, der Nachwelt zu überliefern. Nachdem 
die Stadt glückliche Besitzerin zufolge des Austausch- 
geschäftes mit dem Militärfiskus geworden war, konnte der 
Provinzial- Konservator für die Erhaltung der Denkmäler 
nicht umhin, auf den Charakter des „Sterns" als Monu- 
mentalbauwerk aufmerksam zu machen, und es fehlte 
nicht viel, daß die Einstellung der bereits in Ausführung 
begriffenen Abbruchs- und Einebnungsarbeiten tatsächlich 
erfolgt wäre! 

Glücklicherweise entschied sich das maßgebliche Mi- 
nisterium im anderen Sinne, so daß keine weitere Schwie- 
rigkeit entstand. In welche Verwicklungen man übrigens 
geraten wäre, wenn nach Verfügung des einen Ministeri- 
ums das Sterngelände hätte erhalten bleiben müssen, das 
von dem anderen, dem Kriegsministerium, bereits als Be- 
bauungsland abgeschätzt und veräußert war, das soll nur 
nebenher angedeutet werden! 

Die Bemühungen der Denkmalspflege sind ja durch- 
aus anerkennenswert, aber die Anforderungen können 
auch über das Ziel des Erreichbaren hinausschießen, zu- 
mal bei dem vorliegenden plumpen Kriegsbauwerk durch 



65 



DER STÄDTEBAU 



die neueren Ausführungen der 70 er Jahre der Zustand des 
ursprünglichen „Sterns" so einschneidend verändert war, 
daß man z. B. nicht mit einer einzigen ursprünglichen 
Fenster- oder Schießschartenöffnung mehr zu tun hatte. 
Die Kunst hatte sich nur an dem Portal betätigt, dessen 
Erhaltung, etwa in der Art der sehr gelungenen Aus- 
bildung der Stettiner Festungsportale ins Auge gefaßt ist. 
Sonst darf vielleicht nur noch der Kasematte des berühm- 
ten Freiherrn von der Trenck Erwähnung geschehen, 
ohne daß der betreffende Bau auf die Bedeutung eines 
historischen Denkmals natürlich Anspruch hätte erheben 
dürfen. Bekanntlich hatte Friedrich der Große dem Taten- 
drang des immerhin interessanten und für seine Zeit charak- 
teristischen Abenteurers hie ein vorläufiges Ziel gesetzt, 
nachdem mehrere Ausbruchsversuche Trencks aus der Zita- 
delle noch im letzten Augenblick vereitelt waren. Ein fester 
überwölbter Bau, wurde im Wallgraben des „Stern" auf 
Befehl des Königs errichtet, und in einem winzigen, nur 
spärlich beleuchteten Räume durfte der durch alle Schick- 
salschläge keinen Augenblick entmutigte Mann über seine 
leichtsinnigen Streiche etwa 10 Jahre lang nachdenken, 
deren Art übrigens bis jetzt unaufgeklärt geblieben ist; 
Trenck selbst schweigt sich vorsichtiger Weise in seinen 
„Denkwürdigkeiten" darüber aus. Gleichzeitig beherbergte 
der „Stern" einen anderen Gefangenen von Bedeutung, den 
Ingenieurgeneral von Wallrave, den eigentlichen Erbauer 
des „Sterns", der wegen seiner Unterschleife auf Befehl 
des Alten Fritzen festgesetzt wurde, zum großen Ärger des 
minder begünstigten Leidensgenossen Trenck sich aber 
eines ziemlich lustigen Lebens erfreute. 

Die Beseitigung der mehrere Meter dicken Futter- 
und Widerlagsmauern wie der meterstarken Bruchstein- 
gewölbe ist mit erheblichen Schwierigkeiten und Kosten 
verknüpft; letztere sind beim Austauschgeschäft zwischen 



Militärfiskus und Stadt in Berücksichtigung gezogen. Da 
mit der gewöhnlichen Handarbeit nichts zu schaffen sein 
würde, ist das Magdeburger Pionierbataillon Nr. 4 ersucht 
worden, durch Sprengungen die Abbruchsarbeiten zu er- 
leichtern. Die hier vorliegenden Aufgaben bildeten vorzüg- 
liche Studien für den Mineur, wie sie sonst nur im Kriegs- 
fall geboten werden, so daß dem Antrage der Stadt in 
bereitwilligster Weise entsprochen wurde. 

Der für das ,, Sterngelände" aufgestellte Bebauungsplan 
(siehe Tafel 38) zeigt eine Fortsetzung der Sternstraße, 
welche die Verlängerung des ,, Breiten Wegs" bildet, ferner 
die Augustastraße, die vornehmste Wohnstraße von Magde- 
burg, deren Charakter durch Anordnung einer gärtneri- 
schen Anlage in der Mitte und beiderseitiger Alleebäume ge- 
wahrt bleiben soll. Für die Verbindung zur beabsichtigten 
südlichen Eibbrücke mußte die Rücksicht auf möglichste 
Schonung der prächtigen Parkanlagen des Friedrich- Wil- 
helmsgartens maßgebend sein. Da die Sternallee und 
die Schönebecker Straße behufs Überführung über die 
Gleise der Verbindungsbahn erheblich angehoben werden 
müssen, ergibt sich von selbst eine lebhafte Bewegung 
für das Gelände des Bebauungsplans, der auch insofern 
abwechslungsreich genug erscheint, als die nördlichen 
Baublöcke für altstädtische viergeschossige Bebauung 
bestimmt sind, während die südlichen, jenseits der 
Brückenstraße der Baubeschränkung hinsichtlich Gebäude- 
höhe, Zahl der Wohngeschosse übereinander, Anordnung 
des Bäuwichs usw. unterliegen sollen. Von den, das Stern 
gelände im Süden und Osten umgebenden herrlichen Park- 
anlagen soll auf diese Weise ein allmählicher Übergang 
zur geschlossenen Bauart stattfinden. Nach der ganzen 
Lage wird mit Bestimmtheit auf das rasche Entstehen 
eines neuen bevorzugten Stadtteils von Magdeburg auf 
diesem ehemaligen Kriegsgelände zu rechnen sein. 



NEUE BUCHER. 

r^ ROSSSTADTERWEITERUNGEN. Ein Beitrag zum heutigen 
^-^ Städtebau. Mit einem Plane und zwei Abbildungen im Text. Von 
Ludwig Hercher, Regierungsbaumeister in Bonn. Göttingen, Verlag 
von Vandenhoek & Ruprecht, 1904. 46 Seiten Oktav. 

Der Verfasser des vorliegenden Büchleins gilt als ein tüchtiger und 
strebsamer junger Baumeister und als geistiger Urheber des neuen großen 
Straßenzuges von der verbreiterten Bismarckstraße in Charlottenburg nach 
Döberitz. Seine Schrift zerfällt in drei Teile: einen kritischen, einen 
historischen und einen exemplarischen. Die Kritik geht aus von einer 
Übersicht über die gewaltige Bevölkerungszunahme unserer Großstädte, 
der diese namentlich in ihren Außenteilen nicht genügend nachkommen. 
Der geschichtliche Überblick über die ,, Bestrebungen zur Beseitigung der 
Mißstände" ist eine gute Zusammenfassung dessen, was bisher auf diesem 
Gebiet einer speziellen Moderne geleistet worden ist. Mit Recht erwähnt 
der Verfasser auch die Mängel in der Ausbildung des Stadtbaukünstlers, 
geht aber unseres Erachtens in diesem uns besonders wichtig scheinenden 
Punkte nicht weit genug. Und wenn es bisher ein stillschweigendes 
Übereinkommen der an jenem Fortschritt Beteiligten war, aus Zweck- 
mäßigkeitsgründen die ästhetische Seite der Sache hinter ihre technische 
zurückzustellen, so dürfte dieser Opportunismus heute doch nicht mehr 
nötig sein. Mindestens eine Feststellung der hier auftauchenden ästhe- 
tischen Probleme würde von einem solchen Schriftchen ebenfalls zu 
erwarten sein. Schließlich möchten wir auch hier noch mehr Gewicht 
gelegt sehen auf den großen Vorteil, den für die ganze Angelegenheit die 
Erforschung der Geschichte des Städtebaues haben dürfte. 



Besprochen von Dr. HANS SCHMIDKUNZ, Berlin-Halensee. 

Der Hauptbestandteil von Hercher's Broschüre ist ,,Ein Vorschlag 
zur praktischen Ausführung", in welchem angenommen wird, daß eine 
Großstadt sich um ein Gebiet für etwa 50000 Einwohner erweitem soll. 
Der beigefügte Lageplan läßt drei Hauptmerkmale hervortreten: erstens 
mehrere sogenannte Stadtzentren, zweitens große Hauptstraßen zwischen 
ihnen, und drittens Nebenstraßen in den Zwischenbezirken. Unter anderem 
sind inmitten von Baublöcken ein Volkspark und ein Sportplatz vorgesehen, 
was auf eine Anregung von Camillo Sitte zurückzuführen ist. Von Theodor 
Goecke stammt bekanntlich das Drängen nach Unterscheidung größerer, 
mittlerer und kleinerer Straßen mit einer solchen Gestaltung der Baublöcke, 
daß deren Durchschnitt eine allmähliche Senkung nach innen zeigt. Die 
Broschüre von Adickes und Genossen aus dem Jahre 1895: „Die Not- 
wendigkeit weiträumiger Bebauung . . ." hatte (Seite 17 ff.) speziell diese 
Prinzipien Goecke's als besonders wertvoll hervorgehoben. Auch bei 
Hercher kehrt (Seite 39) das Schema der Hauptstraßen mit hoher Bebauung 
und der Nebenstraßen mit mittelhoher und niederer Bebauung wieder. 

Im übrigen scheinen uns die Erklärungen Hercher's nicht immer ganz 
klar zu sein. Jene Stadtzentren sollen (Seite 34) im Gegensatze zu den 
früheren Sternplätzen den Verkehr so behandeln „wie die Bahnhöfe in 
allmählichem Zusammenmünden der Einzelwege und mit geeigneter 
Trennung durch Fußsteige". In welcher Weise ist diese Trennung gedacht 
oder möglich ? Der Verfasser, der sonst die Errungenschaften des modernen 
Städtebaues in seinem MusterbUde zusammenfassen will, scheint immer 
noch die Offenheit der früheren Plätze nicht ganz überwunden zu haben 
und sagt selber (Seite 33), daß auf geschlossene Platzbildung hier der 



66 



DER STÄDTEBAU 



geringere Wert gelegt ist. Auch seine Bahnverbindungen sind nicht ganz 
klar zu verstehen. Wohl aber hat er sonst die Gefahr der Straßen- 
kreuzungen zu vermeiden gesucht, namentlich durch das besonders von 
K. Henrici benutzte Mittel, die Mündungen gegeneinander etwas zu ver- 
schieben. Weiterhin fällt uns auf, daß er eine noch eigens fortschrittliche 
Idee, die nicht nur von dem kleinen Referenten, sondern auch von dem 
großen Werner Siemens vertreten wurde, so gut wie nicht berücksichtigt: 
die Mehrheit der Verkehrsniveaus, also insbesondere die Entlastung der 
Straßenflächen durch höher gelegte Fußsteige. — Großenteils aber ist sein 
Entwurf von idealer Vollkommenheit. Namentlich seine Führung von 
überdeckten Bürgersteigen oder Laubengängen und die Ausschließung 
einer benachbarten Dorfidylle von den Fluten des Verkehres verdienen 
Rühmung. 

Der Verfasser gehört zu denen, die das Heil der Sache in Gesetzen, 
noch dazu in einheitlichen, sehen, obwohl er natürlich die Einzeldurch- 
bildung je nach den individuellen Verhältnissen gestaltet wünscht. Wir 
glauben nun doch, daß der springende Punkt nicht in Gesetz und Ein- 
heitlichkeit zu suchen ist; und zwar namentlich deshalb, weil heutzutage 
Gesetze im wesentlichen doch nur der Ausdruck von dem sein können, 
was sich in der Sache selber entwickelt hat. Diese Entwicklung gilt es 
zu fördern; und wenn es ohne Enteignungsgesetze und Polizeivorschriften 
geht, so ist es um so besser. Jedenfalls sind die schönsten und zweck- 
mäßigsten Städte aus einem schöpferischen Können, nicht aus Paragraphen 
hervorgegangen. 

In diesem Sinne scheint uns auch das Lob, das dem Büchlein in 
der ,, Deutschen Städtezeitung" I/2 und von einer Autorität wie J. Stubben 
im „Zentralblatt der Bauverwaltung" XXIV/89 zu Teil geworden ist 
(„großherzige, weitblickende Auffassung" usw.), etwas zu stark zu sein. 
Immerhin aber kann man wünschen, daß das viele Gute in Hercher's 
Darlegungen und Darstellungen fruchtbar wirken möge. 



NEUERE TECHNISCH -KÜNSTLERISCHE BESTRE- 
BUNGEN IM BACKSTEINBAU. Vortrag des Herrn Stadt- 
bauinspektor O. Stiehl, gehalten auf der 40. Hauptversammlung des 
Deutschen Vereins für Ton-, Zement- und Kalkindustrie E. V. am 23. Fe- 
bruar 1904. Preis 50 Pf. Verlag der Tonindustrie-Zeitung, Berlin NW. 5. 
30 Seiten Oktav. (Sonderabdruck aus der „Tonindustrie-Zeitung"). 

Die Fortschritte des Ziegelbaues und mit ihm der Bau-Keramik in 
unserer Zeit gehören zu den auch für den Städtebau wichtigsten Stücken 
der raschen Entwickelung, in der wir uns befinden. Auf diesen Wegen 
geschehen wichtigere Dinge, als es die typischen Modernitätsrufe sind. Der 
Süddeutsche allerdings, der an seinem Hausteinbau gewöhnt ist, lebt sich 
in den norddeutschen Ziegelbau, trotz einiger Beispiele auch aus Süd- 
deutschland, nicht leicht ein; und in der Tat wird eine gewisse Nüchtern- 
heit und Härte von dieser Bauart wohl immer unzertrennlich sein. 

Die letzte Zeit brachte uns technische Fortschritte, die für die sozu- 
sagen keramische Bauweise von einer besonderen und noch wenig 
gekannten Bedeutung sind. So die Erfindung einer sehr festen Majolika 
als Material insbesondere für Deckenkonstruktionen, die Regierungsrat 
Max Hasak gemacht und das kaiserliche Tonwerk in Cadinen ausgeführt 
hat. Der Erfinder gibt Nachricht davon in einer Artikelserie der,, Keramischen 
Monatshefte" seit Oktober 1904, und zwar sowohl bezüglich der Elementar- 
stufe der Zieglerkunst, wie auch bezüglich ihrer nächsthöheren Stufe, der 
Terracotta. Neben jenem Tonwerk im Osten ist auch die Porzellan- 
Manufaktur zu Berlin eifrig mit ähnlichen keramischen Fortschritten 
beschäftigt. 

Das Streben nach härterem keramischen Material bringt uns eine 
immer größere Ausdehnung der bekannten Gruppe der dichten, völlig 
gesinterten Tonwaren, die bisher nur durch Porzellan, Steinzeug (engeren 
Sinnes) und Klinker vertreten war. Im Kunstgewerbe haben die Mutz- 
Keramiken ein solches Material für Gefäßkunst eingeführt; natürlich 
abgesehen von sonstigen Fortschritten der Keramik, die auch mit poröserem 
Material gemacht werden, und bei denen namentlich einige Karlsruher 
Künstler fruchtbar wirken. Im Baugewerbe, sowohl für Tiefbau wie für 



Hochbau, treten jetzt Belagplatten auf reichliche ^Ve^se in Fabrikation 
und Gebrauch ein. Unter den daran beteiligten Firmen ist Villeroy und 
Boch in Mettlach seit langem berühmt. Der neuesten Zeit gehört die 
,,Marienberger Mosaikplattenfabrik" zu Marienberg im sächsischen Erz- 
gebirge an. Sie hat bereits an zahlreichen öffentlichen Gebäuden mitgewirkt 
und rühmt an ihrem Material namentlich dies, daß es stahlhart, voll- 
kommen gesintert, säurebeständig sei, keinen Schmutz und fast keine 
Feuchtigkeit annehme. Besonders sollen sich diese Platten für Fassaden 
und Trottoirs eignen; für letztere werden die Farben grauweiss und rot- 
braun gebraucht. Zahlreiche auch formal hübsche Muster für beides 
liegen uns vor, und die schon erwähnten ,, Keramischen Monatshefte" von 
Juli und August 1904 bringen näheres über diese Belagkunst. 

Dabei tritt besonders eine Polemik gegen den Putzbau und gegen 
die Malerei auf Putzgrund hervor, die aus technischen und ästhetischen 
Gründen besser durch farbige Fliesen zu bewerkstelligen sei. Selbst gegen 
die Sandsteinbauten wird, und zwar gerade von M. Hasak, polemisiert. 
,,Der Sandstein ist das Grab für die Eigenart des Baukünstlers geworden. 
Daher zurück zu unserem angeborenen Ziegelbau." Dazu möchten wir 
noch hinweisen auf die Bedeutung, welche in der neuen Kunst überhaupt 
die Fläche gegenüber der Linie, speziell die Silhouette gegenüber der 
Kontur, gefunden hat. 

Gedanken wie die hier vorgebrachten waren es ersichtlich auch, die 
den bekannten Ziegelbaukünstler O. Stiehl bei der Abfassung des vor- 
liegenden Vortrages geleitet haben. Er rühmt (Seite 16) als den unver- 
kennbar größten Vorzug des Backsteinbaues den „ruhigen gediegenen 
Ernst der zusammenhängenden tiefen Färbung", der durch allzuweite 
Auflösung der Flächen zu kurz komme. So ist ihm (Seite 2i f.) das 
^.dauernd Wertvolle und Bleibende der neueren Kunst nicht nur im Back- 
steinbau": ,,der Zug zur schlichten, sachlichen Auffassung der äußeren 
Architekturen". Gegenüber dem früheren Zerteilen der Flächen habe man 
jetzt „Freude am ruhigen Zusammenhang ununterbrochen durchgeführter 
Flächen, denen man, wenn überhaupt Schmuck beliebt wird, wenige, dafür 
aber um so sorgsamer gebildete Zierraten gegenüberstellt". Hier sei der , 
Punkt, an dem die neuere Kunstrichtung auf die technische Stoff bearbeitung 
Einfluß gewonnen habe und gewinnen werde — wobei uns allerdings die 
Wechselwirkungen zwischen Form und Technik, an die der Verfasser 
wohl denkt, auch noch im näheren interessieren würden. 

Über das Maß der schmückenden Bearbeitung der Fläche werden die 
Meinungen immerhin auseinandergehen. Trotz eines ausdrücklichen Ein- 
tretens des Verfassers für ein ,, höheres Maß eigenartiger Durchbildung" 
der Fläche (Seite 25) scheint uns doch im Ziegelbau eine für süddeutschen 
Geschmack zu große Anspruchslosigkeit zu bestehen. So dürfte das 
Wohnhaus des Klostergymnasiums Berlin, das der Verfasser unter zahl- 
reichen Abbildungen vorführt (Seite 8), etwas überschätzt sein: der 
Hauptteil ist ziemlich nüchtern und wird durch den reicheren Giebel erst 
recht gedrückt; wozu noch kommt, daß eine Bevorzugung höherer Bau- 
teile vor niedrigeren doch im allgemeinen etwas statisch nicht ganz Plau- 
sibles ist (auch dürfte gerade diese Abbildung nicht zu den besten 
gehören). — Neben den vielen Beispielen, die der Verfasser von modernen 
Backsteinbauten bringt, möchten wir noch auf die zahlreichen Postgebäude 
hinweisen, die in unseren Landen wohl auch schon dem an diesen Dingen 
weniger Interessierten aufgefallen sind. In Berlin brauchen wir Beispiele 
nicht erst suchen. Aber auch Städte wie Frankfurt a. O., Greifswald u. a. 
besitzen hübsche Beispiele dafür, und der Eingang des Postamtes zu 
Marienberg i. S. gibt ein charakteristisches Beispiel für die moderne 
Belagkunst. 

Mit Recht weist O. Stiehl (Seite 17) die Übertragung von Formen, 
die sich in einem anderen Stoff entwickelt haben, auf den Ziegelbau ab 
und bemerkt dazu noch eigens, (Seite 18), daß er gerade der Schulung 
in der schlichten und doch sorgsamen Durchbildung von Bedürfnisbauten 
(wie etwa der Wagenschuppen im Krankenhaus Moabit-Berlin einer ist) 
einen wesentlichen Wert beilegt „wenn die Wiedergewinnung des dem 
künstlerischen Backsteinbau verloren gegangenen Bodens erstrebt werden 
soll." So kehren wir also auch hier zu dem Thema von der künstlerischen 
Bildung zurück. 



67 



DER STÄDTEBAU 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



In WIESBADEN hat sich vom November v. Js. bis Ende Februar d. Js., 
um den auf Tafel 67 des I. Jahrgangs mitgeteilten Bebauungsplan für 
das Bahnhofs gelände, (gebäude hatte daraus der Druckfehlerteufel 
gemacht), ein Kampf abgespielt, dessen Ergebnis davor warnt, immer 
nur den Verfasser des Bebauungsplanes für die Langeweile in gleicher 
Breite gerade durchgeführter Straßenzüge verantwortlich machen zu 
wollen. 

Wieder einmal hat der Verkehr als tönendes Schlagwort das Feld- 
geschrei abgeben müssen, unter dem zunächst der Verein „Süd- 
Wiesbaden", dann weitere Bezirksveriine, endlich die Stadtverordneten 
fast das ganze Bürgertum zum Kampfe gegen den Magistrat aufgeboten 
haben. 

Zugegeben, man könne über manche Einzelheit des Planes ver- 
schiedener Meinung sein, zugegeben ferner, dieser oder jener Einspruch 
der Anlieger bedürfe einer sorgfältigen Prüfung und das in seiner Kritik 
bekundete Interesse der Bevölkerung verdiene dankbare Anerkennung, so 
ist doch der Bebauungsplan nicht in dem Sinne ein öffentliches Gut, daß 
nun nach Belieben hier ein Fetzen herausgerissen und dort ein Flicken 
hineingesetzt werden könnte ! Als ob nicht auch ein solcher Plan wie 
aus-einem Gusse sein müßte! Leider wird dies oft verkannt vor einer 
geschlossenen Leistung, vor der sachverständigen Persönlichkeit sollte 
man aber eine gewisse Zurückhaltung beobachten. Änderungen ergebsn 
sich ohnehin im Laufe der Zeit oder während der Ausführung meist von 
selbst, schaden dann jedoch auch nichts, wenn der Organismus des Ge- 
samtplanes gewahrt bleibt. 

Der Wiesbadener Magistrat hat sich tapfer gewehrt, schließlich aber 
wenigstens in einem Punkte, der eben zu dieser Warnung Anlaß gibt, 
nachgeben müssen, weil ihm die Gemeinde nach den ,, Wiesbadener 
Nachrichten" auch in einer anderen, wichtigeren Sache aufsässig zu 
werden drohte. Aufrecht gestanden hat bis zuletzt namentlich der Stadt- 
baurat, unter dessen Leitung, wie hier ergänzend nachgetragen sein möge, 
der oben erwähnte Bebauungsplan vom städtischen Oberlandmesser Born- 
hofen ausgearbeitet worden ist, und zwar in Bezug auf den Vorplatz des 
neuen Bahnhofes als eine wesentliche Verbesserung gegenüber der s. Zt. 
von der kgl. Eisenbahn -Direktion aufgestellten Planskizze, die von einer 
geometrischen Sternform ausgegangen war, obwohl der Verlauf der Ver- 
kehrslinien keineswegs zu einer symmetrischen Ausbildung des Knoten- 
punktes drängte, und die als Symmetrieaxe die Nikolasstraße gewählt hatte, 
obwohl die über Eck einmündende, prächtigere Kaiserstra3e den Schwer- 
punkt der ganzen Anlage stark seitlich verschiebt. Deshalb hat der 
Magistrats-Entwurf auch die Nikolasstraße aus der Platzmitte herausgerückt 
und ihr im Gegensatze zur 50 Meter breiten Kaiserstraße nur eine Ein- 



mündungsbreite von 28 Meter gegeben; dadurch erhielt der Platz erst 
eine geschlossenere und den gegebenen Verhältnissen besser entsprechende 
Form, zumal die Front des neuen Bahnhofsgebäudes schief am Platzrande 
steht und die Schulter in der Richtung auf die Kaiserstraße hin als Straßen- 
abschluß und Zielpunkt stark hervorkehrt. 

Die Gegnerschaft hatte aber gerade ihre Freude an der schönen 
Geometrie der Eisenbahnverwaltung und lief Sturm gegen die Magistrats- 
kunst. Der Bahnhofsplatz sei nicht groß genug, nicht so groß wie in 
Frankfurt a. M., und die Nikolasstraße sei nicht breit genug, denn die 
Kaiserstrasse in Frankfurt genüge dem Verkehr auch nicht! Dabei ist der 
Bahnhofsplatz schon so ausgedehnt, daß gärtnerische Anlagen seine freien 
Flächen ausfüllen müssen, und da er. noch weiter verlängert, erhebliche 
Höhenunterschiede aufzuweisen gehabt haben würde, hat der Magistrat 
in diesem Punkte Recht behalten. Um so eigensinniger wurde am zweiten 
Punkte festgehalten, nämlich an der geraden Durchführung der weiterhin 
zwischen den Baufluchten einschl. der Vorgärten 36 Meter breiten Nikolas- 
straße bis zum Platze — der Engpaß von 28 Meter Breite müsse fallen ! 

In Wirklichkeit kann jedoch von einer Verengung gar keine Rede 
sein, denn der Verkehr der Nikolasstraße spaltet sich an der schräg ein- 
fallenden Eitelfritzstraße; doch selbst wenn man darauf kein allzugroßes 
Gewicht legt, bleibt doch immer zu erwägen, daß die Strecke bis zum 
Platze ohne Vorgärten angelegt werden sollte, und daß die Nikolasstraße 
nach der anderen Seite über die Rheinstraße hinweg durch eine nur 
etwa 17 Meter breite Straße fortgesetzt wird, während die vorher schräg 
zur Stadt abgehende Kronprinzenstraße eine durchgängige Beseitigung 
der Vorgärten in der Nikolasstraße sicherlich nicht erfordert. Es bleibt 
also als Leitmotiv nur die Vorliebe für die schnurgerade Straßenflucht, 
die die Nachgiebigkeit des Magistrats erzwungen hat. Mit diesem Opfer 
wurde zugleich ein dritter Punkt abgegolten, der die Beseitigung der Eitel- 
fritzstraße und die Durchführung der Joachimstraße bis zum Bahnhofs- 
platze hin verlangte. Der Verlauf der ganzen Angelegenheit ist so 
bezeichnend für den Städtebau, dessen Schwierigkeiten der Städtebauer 
oft machtlos gegenübersteht, daß wir geglaubt haben, darauf näher ein- 
gehen zu müssen. Nur unausgesetzte Aufklärung des Publikums läßt 
hierin für die Zukunft eine Änderung zum Besseren erhoffen. 

I Aie Tafeln 39 und 40 geben das Straßenbild des an der NeckarbrUcke 
-L^ beim Eingange der Stadt HEILBRONN vortrefflich aufgestellten 
Bismarckdenkmals bezw. der Turner-Buildings in LONDON, 
ein Gegenstück zu den Ruskin-Buildings mit guter Ecklösung — die Ecke 
ist nicht senkrecht zur Halbierungslinie des spitzen Winkels, sondern recht- 
winklig zur Flucht der wichtigeren Straße verbrochen. 




TTBER DIE WIEDERBELEBUNG NIEDERSÄCHSI- 
*^ SCHER LÄNDLICHER BAUFORMEN kam es in der 

Sitzung des 3. Niedersachsentages zu Hildesheim zu einem bemerkens- 
werten Meinungsaustausche. Es sind vielfach Zweifel geäußert worden, 
ob es auf die Dauer möglich sein werde, den eigenartigen Stil der alten 



niedersächsischen Bauernhäuser zu erhalten. Eine Zeitlang war man in 
dem Bestreben, ländliche Bauformen zu schaffen, auf verkehrte Bahnen 
geraten, indem man den Schweizerhausstil in die gar nicht zu ihm passende 
norddeutsche Landschaft zu übertragen suchte. Neuerdings ist es nicht 
ohne Erfolg unternommen worden, bei der Landbevölkerung das Verstand- 



68 



DER STÄDTEBAU 



nis für den Wert und die Schönheit der alten Bauformen wieder zu wecken. 
So hat sich jetzt, angeregt durch die Erfolge des Scheeßeler Trachtenfestes, 
in Bremen ein Verein gebildet, der sich das Ziel gesteckt hat, zunächst 
in dem beschränkten Räume des nördlichen Niedersachsens für die Er- 
haltung und Ausbreitung des niedersächsischen Bauernhauses tätig zu sein. 
Architekt \A^agner (Bremen) leg^ an der Hand von praktisch ausgeführten 
Entwürfen dar, in welcher Weise heute solche Häuser anzulegen und ein- 
zurichten sind, um dabei einerseits den Stil zu wahren, andererseits aber 
auch den veränderten Ansprüchen zu genügen. Manches Althergebrachte 
muß fieilich geopfert werden, so die offene Herdstelle und leider auch der 
Fachwerkbau, da es an Bauholz von hinreichender Stärke gebricht. Dagegen 
kann und muß das hohe Dach mit seiner glatten, nicht durch Giebelausbau 
unterbrochenen Fläche beibehalten werden und im Zusammenhange damit die 
möglichst niedrigen Seitenwände des Hauses. Architekt Dr. Schäfer (Bremen) 
ergänzt die Ausführungen des Vorredners nach verschiedenen Richtungen 
hin. Die große Wohndiele des Bauernhauses muß in ihrer zierenden Wir- 
kung und ihrer Behaglichkeit erhalten bleiben. Die ländlichen Bauhandwerker 
müssen femer darin beeinflußt werden, daß sie davon ablassen, Baustoffe zu 
verwenden, die in unseren Gegenden nicht heimisch sind, wie den Schiefer, 
die weißen Kunststeine, Zementsteine usw. Ziegelrohbau oder Putzbau sind 
die einzig beizubehaltenden Bauarten, Regierungsbaumeister Niemeyer (Han- 
nover), der die ,, Baustelle" der hannoverschen Landwirtschaftskammer leitet 
und die Aufgabe hat, den Landwirten beim Bau ihrer Häuser mit Rat und 
Tat zur Seite zu stehen, weiß von vielen glücklichen Erfolgen zu berichten. 
Die Landbevölkerung komme seinen Bestrebungen sehr entgegen, aber bei 
den Handwerksmeistern stoße er auf riesiges Mißtrauen; diese hätten so- 
gar, wenn auch ohne Erfolg, an den Minister sich gewandt, weil ihnen die 
Landwirtschaftskammer angeblich Wettbewerb mache. 

TC^ inem Vortrage des Regierungsbaumeisters Dr. Ing. Blum entnehmen 
-*—' wir: Chicago mit seinen recht schlechten, schnurgeraden Straßen, 
seinen Himmelskratzern und kleinen Holzhäuschen, seinem Gewirr von 
Eisenbahnen, seinem ganzen einfarbigen Eindruck ist eins der besten Bei- 
spiele des AMERIKANISCHEN STÄDTEBILDES. Die schach- 
brettartige Straßenanlage erleichtert zwar das Zurechtfinden, erschwert aber 
manche Verkehrsbeziehungen und ist auch geeignet, den Eindruck der 
Langeweile hervorzurufen; vielfach führt sie zu sehr unzweckmäßigen 
Gesamtanordnungen und auch zu Unschönheiten, da man bei der Durch- 
führung des Grundsatzes vollständiger Regelmäßigkeit auf die natürlichen 
Verhältnisse, auf Flüsse, Häfen und Anhöhen nicht Rücksicht genommen hat. 
Die nordamerikanischen Großstädte gliedern sich scharf in ein dicht 
zusammengedrängtes Geschäftsviertel mit Riesenbauten und eine sehr 
weitläufige Wohnstadt mit kleinen, ein- und zweistöckigen Einfamilien- 
häusern; die dadurch entstehende ungeheure Ausdehnung vieler Städte 
entschuldigt auch bis zu einem gewissen Grade den sehr schlechten Zu- 
stand der Straßen. Beherrscht wird das Städtebild von den Himmels- 
kratzern, den Riesen-Geschäftsgebäuden bis zu 30 Stockwerken, die aber 
durchaus nicht immer unschön wirken, da es den Architekten jetzt gelungen 
ist, den spröden Stoff zu meistern und leidlich befriedigende Fassaden zu 
schaffen. Wenn man mit manchem nicht zufrieden sein mag, was das Städte- 
bild Nordamerikas bietet, so kann man den Parkanlagen und besonders 
den Friedhöfen das Lob nicht vorenthalten, die in ihrer Gesamtanlage und 
den ruhigen, einfachen vornehmen Grabmälern unsere europäischen Kirch- 
höfe oft weit übertreffen. 

"pvAS ARBEITERWOHNHAUS IM STÄDTISCHEN 

•'"^ STRASSENBILDE. Unverkennbar hat sich in der Erscheinung 
der Arbeiterwohnviertel unserer Industriestädte in den letzten 30 Jahren 
ein Wandel zum Bessern vollzogen. Die allgemeine Zunahme des Volks- 
wohlstandes ist auch an ihnen nicht spurlos vorübergegangen. Der Fall, 
daß das Arbeiterwohnhaus nur die kümmerlichste, notdürftigste äußere 
Form erhält, gehört seit längerer Zeit schon zu den Ausnahmen. In erster 
Linie ist es unsere Industrie, die große Mittel aufwendet, um ihren Arbeiter- 
kolonien ein freundliches und wohnliches Aussehen zu geben. Darin zeigt 
sich der allgemeine Fortschritt in unsern gewerblichen Verhältnissen, daß 
es jetzt möglich ist, über das Notwendigste sich zu erheben. Dem allge- 
meinen Zuge nach Verschönerung der Arbeiterwohnhäuser sind auch die 
gemeinnützigen Baugesellschafien gefolgt, ferner die Baugenossenschaften | 



der Arbeiter und schließlich auch der einzelne Arbeiter, der sich selbst ein 
Häuschen bauen oder erwerben will. Und dennoch bieten trotz dieser 
erfreulichen Gesamtentwicklung die Arbeiterwohnviertel unserer Industrie- 
städte einen außerordentlich unerquicklichen und unbefriedigenden Anblick 
dar. Die Gründe dafür liegen in der Geschmacksrichtung, die unsere äußern 
Bauformen in den letzten 30 Jahren genommen haben. Sie tritt uns im 
Gesamtbilde unserer Städte überhaupt auf Schritt und Tritt in unschöner 
Weise entgegen, und sie macht sich noch störender bemerkbar in den 
Straßen der Arbeiterwohnviertel, wo die geringern Baustoffe die Gegensätze 
zwischen Schein und Sein um so stärker zum Ausdruck kommen lassen 
und in denen außerdem die weniger künstlerisch geschulte Hand sich be- 
tätigt. Der Fehler liegt in der Übernahme von Baumotiven, die aus andern 
Bedürfnissen hervorgegangen und andern Verhältnissen angepaßt gewesen 
sind. Die Pracht alter Paläste und Schlösser ist auf das bürgerliche Wohn- 
haus übertragen worden; jedes städtische Wohnhaus soll ein herrschaft- 
liches Gebäude, ein Prachtbau sein. Fehlt es an den Geldmitteln, um die 
Prunkformen aus echtem Material herzustellen, so nimmt man einfach 
seine Zuflucht zu unechten Baustoffen. Die kleinen Landstädte übernehmen 
Stil und Bauweise der Großstädte, natürlich gewöhnlich in unechten Bau- 
stoffen, und bringen einen ganz verkehrten Ausdruck in das kleinstädtische 
Straßenbild. Erst recht ist dieses in den Arbeiterwohnvierteln der Industrie- 
städte der Fall. Es ließen sich zahlreiche Beispiele anführen von Arbeiter- 
wohnhäusern mit kanellierten Pfeilern und Häusern, korinthischen Kapitalen, 
gotischen Spitzbogen usw. Daneben finden sich die nüchternsten Bauformen 
der Verblendsteinarchitektur, die, weil sie nicht aus sich selbst heraus 
entwickelt ist, zu zahlreichen Geschmacklosigkeiten verleitet. Der Wille 
ist unstreitig gut, aber bedauerlich ist die Verkehrtheit solcher Bauweisen 
und das schlimmste ist, daß auf Kosten jener sogenannten ,, reichen" 
Fassaden die innere Einrichtung notleidet. Denn die Miete läßt es nicht 
zu, daß auch das Innere mit gleichen Kosten ausgestattet wird. 

Dem Übelstande kann nur dadurch Abhülfe verschafft werden, daß 
sich die Erkenntnis Bahn bricht, dem Äußern des Arbeiterwohnhauses den 
Charakter des kleinbürgerlichen Wohnhauses mit gemütlichem, wohnlichem 
Ausdruck verschaffen zu müssen. Das Äußere soll dazu führen, das Innere 
behaglich zu empfinden und auszugestalten. Ein Hauptgebot muß die 
sinngemäße Anwendung des Materials sein. Die Fassade soll auch 
provinzielle oder landschaftliche Überlieferungen der Bauweise berück- 
sichtigen, z. B. in ländlichen Bezirken Westfalens das westfälische Haus 
usw. und, wo solche nicht vorhanden sind, dem Charakter der Stadt, 
der Landschaft oder der Umgebung, Rechnung tragen. Andererseits muß 
auf hohe Stockwerke gehalten werden, die Licht und Luft in die Wohnungen 
bringen. Weder um der Fassade noch um einer traulichen Stube willen, 
die in niedrigen Abmessungen von der heutigen Architektur leider nur zu 
oft angestrebt wird, darf dem Hause Licht und Luft genommen werden. 
Die Errungenschaften jahrhundertelanger Arbeit, hohe und luftige Zimmer 
als allgemeinen Grundsatz des Wohnhausbaues durchzusetzen, dürfen keiner 
äußerlichen Rücksicht zum Opfer fallen. Die heute so vielfach wieder in 
Aufnahme kommenden niedrigen Fenster sind von diesem berechtigten 
Gesichtspunkte aus ein Fehler, an dem auch nicht viel durch ihre zahlreiche 
Nebeneinanderreihung verbessert wird. Besonderes Gewicht ist auf die 
Verbesserung des gesamten Straßenbildes zu legen. Es nützt nicht viel, 
wenn nur vereir zelte Häuser eine schöne zweckentsprechende Fassade be- 
sitzen, sondern es ist ein gleichmäßig schön ausgebildetes Straßenbild 
zu erstreben. Allein dadurch wird das Gesamtbild der Städte ein freund- 
licheres Aussehen gewinnen. Unsere Industriestädte haben allen Anlaß, auf 
ein solches Ziel ihren Blick zu richten, damit sich die Annehmlichkeit und 
Behaglichkeit des Aufenthalts in ihren Mauern erhöhe. 

Diesen Forderungen gegenüber erscheint es besonders zeitgemäß, daß 
die Zentralstelle für Arbeiter- Wohlfahrtseinrichtungen in Berlin beschlossen 
hat, auf ihrer nächsten Konferenz die Wohnungsfrage unter den oben an- 
gegebenen Gesichtspunkten zu behandeln. Sie hat ,,die Gestaltung des 
Arbeiterwohnhauses" auf die Tagesordnung gesetzt und bereits eine Reihe 
der in der Bewegung führenden Männer als Berichterstatter gewonnen. 
Die Konferenz wird in den ersten Tagen des Juni in Hagen i. W. statt- 
finden und mit einer Ausstellung im Folkwang-Museum des Herrn Car 
Ernst Osthrus verbunden sein. In der Ausstellung sollen architektonisch 
mustergültige Arbeiterwohnhäuser und Beispiele einfacher guter Häuser 
aus allen Teilen Deutschlands in Photographien und Zeichnungen darge- 



69 



DER STÄDTEBAU 



stellt werden. Durch das Wohlwollen eines Hagener Fabrikanten wird es 
auch möglich sein, in Hagen selbst für die Konferenz ein Arbeiterwohnhaus 
durch einen Künstler erbauen zu lassen, wodurch die Durchführbarkeit 
der auf der Konferenz zu erörternden Forderungen praktisch dargetan 
werden soll. 

'7^'''^"BS"'"^linchten zufolge hat die Berliner Parkdeputation be- 
^"^ schlössen, von der Suche nach einem Platze für das neu zu errich- 
tende HARDENBERG-DENKMAL abzusehen, bis ihr der Entwurf 
des Denkmals bekannt geworden sei. Wie man reden hört, hatten näm- 
lich vorher schon Verhandlungen über den Aufstellungsort stattgefunden, 
die sich auf den Dönhoffplatz erstreckten, vielleicht wegen der Beziehungen 
des weiland Staatskanzlers zum abgebrochenen Abgeordnetenhause und 
zum Steindenkmal, das man in seiner gegenwärtigen Stellung so schön 
vom Straßenbahnwagen aus betrachten kann. Wenn irgendwann, so wäre, 
falls dieser Platz in der Tat in Frage kommen sollte, jetzt die günstige 
Gelegenheit zur Versetzung des Steindenkmals gegeben. Dieserhalb wird 
auf den Beitrag „Berliner Prachtstraßen und Plätze", Seite 151 und Tafel 80 
des I. Jahrgangs unserer Zeitschrift, verwiesen. Dann könnte wol auch 
ein Ort für ein zweites Denkmal auf demselben Platze gefunden werden. 
Wo sollte dieses aber unter den bestehenden Verhältnissen hin? Auch 
an eine Randstraße des Platzes oder gar in den Zwickel, der auf die 
Kommandantenstraße weist. Dann bekäme man entweder in dieser 
belebten Verkehrstraße immer nur die Rückseite des Denkmals zu sehen 
oder man müsste bei umgekehrter Aufstellung jede Beziehung zur Platz- 
anlage vermissen! Der Fragen und Zweifel ließen sich noch mehr 
erheben. Hoffentlich findet der mit ihrer Lösung beauftragte Unteraus- 
schuß für Platzanlagen, dem hervorragende Künstler angehören, den 
richtigen Ausweg! 

I "\ie Anlage von sogenannten „INNENSQUARES" für städtische 
■*--' Wohnhäuser, die ja vor den üblichen offenen, dem Wind und Straßen- 
staub ausgesetzten, gärtnerischen Anlagen manchen Vorteil bieten, gewinnt 
immer weitere Verbreitung. So wird neuerdings derartige Gärten auch der 
, .Bauverein zur Beschaffung preiswerter Wohnungen in Leipzig" anlegen 
bei der Bebauung seines großen, auf der Schönefelder Flur bei Leipzig 
gelegenen Geländes. Die Anlage selbst, deren Durchführung der Unter- 
stützung des Reiches zu danken ist, wird nach Fertigstellung gleichsam 
einen Stadtteil für sich bilden, der sich in 14 einzelne Häuserblocks teilt. 
Alle diese Blocks werden ausnahmslos von Vorgärten von 5"/i m Tiefe 
eingefaßt und im Innern mit Gartenanlagen ausgestattet. Jeder Mieter 
kann auf Wunsch seinen eigenen Garten beim Hause erhalten; außerdem 
ist aber noch eine parkartige Gartenanlage zur allgemeinen Benutzung vor- 
gesehen. Einzelne der 20 m breiten Hauptstraßen erhalten überdies Baum- 
reihen. Der ganze Plan gründet sich im Übrigen auf den Gedanken der 
Bodenreform. Die zu schaffenden W^ohnungen sollen zum Selbstkostenpreis 
abgegeben werden, was wiederum nur möglich und durchführbar ist, wenn 
ein Weiterverkauf der Grundstücke nach den Satzungen des Vereins aus- 
geschlossen ist. Aus demselben Grunde kann auch im Laufe der Zeit eine 
Mietzinssteigerung einzelner Wohnungen nicht stattfinden. 

Tm AuiFtrage des Senates von Lübeck hat Obarbaudirektor Rehder einen 
•*■ Plan ausgearbeitet, dessen Durchführung in den weitesten Kreisen der 
Lübecker Bevölkerung schon seit einer Reihe von Jahren gewünscht wird. 

Es handelt sich um die SCHAFFUNG EINES INDUSTRIE- 
VIERTELS. Die Kosten werden von dem Oberbaudirektor auf rund 
4'/i Millionen Mark veranschlagt. Trotz dieser hohen Summe, die bei 
der gegenwärtigen schlechten finanziellen Lage Lübecks doppelt schwer 
ins Gewicht fällt, dürfte die Vorlage weder im Senat noch in der Bürger- 
schaft auf Widerstand stoßen. Es zeigt sich eben auch hier, daß der- 
jenige, der A gesagt hat, auch B sagen muß. Ohne ein Industrieviertel 
ist nicht daran zu denken, hier Großindustrielle zur Ansiedelung zu ver- 
anlassen, und ohne große Fabrikanlagen am Orte wird sich der Elbe- 
Travekanal nur schwer verzinsen, zum mindesten schlechter verzinsen, als 
sonst. Der Kanal, der im Interesse von Handel und Schiffahrt gebaut 
wurde, kostet zusammen mit der Hafenvertiefung unserer Stadt rund 
30 Millionen. Lübeck brachte dies Opfer gern, weil es erkannt hatte, daß 



nur der Kanal Lübecks Handel emporbringen konnte. Ebenso bereitwillig 
werden auch jetzt die 4'/2 Millionen hergegeben werden. Gerade in Lübeck 
liegen die Verhältnisse für eine Großindustrie sehr günstig. Die Arbeits- 
löhne sind nicht allzu hoch, während andererseits durch den Kanal ein 
gewaltiges Hinterland erschlossen worden ist. Wenn trotzdem in den 
letzten Jahren nur wenige industrielle Großbetriebe auf Lübecker Gebiet 
sich angesiedelt haben, so ist das allein auf den Mangel von geeignetem 
Gelände zurückzuführen. Die Verzögerung des Industrieviertelplans ist 
allerdings nicht Schuld der Behörden. So lange nicht die genauen Pläne 
des Bahnhofsumbaues vorlagen, konnte auch nicht an die Ausarbeitung 
der Pläne für das Industrieviertel geschritten werden. Das neue Fabrik- 
gelände soll sowohl Wasser- als auch Bahnverbindung haben. Es wird 
sich unmittelbar an der Trave hinziehen, sodaß die Versendung der fertigen 
Erzeugnisse und der Bezug der Rohstoffe auf dem Wasserwege möglich 
ist. Die hohen Kosten des Fabrikviertels erklären sich durch die not- 
wendigen langen Kaistrecken, die verschiedenen langen Bahnstrecken, die 
Entwässerungsanlagen usw. 

t'tBER die HYGIENE DER STRASSEN hielt im Verein 
^^ für Volkshygiene im Bürgersaal des Rathauses Herr Geh. Rat 
Prof. Waldeyer einen bemerkenswerten Vortrag, in dem er auf eine 
ganze Reihe von notwendigen Forderungen, denen die Verwaltungen 
größerer Städte im Interesse des Allgemeinwohles zu entsprechen hättsn, 
aufmerksam machte. Nach einer geschichtlichen Einleitung über das alte 
Rom im Vergleich zu Berlin, London, Newyork und Peking in ihren 
räumlichen Ausdehnungen, der Anhäufung ihrer Bevölkerung und ihrem 
Verkehre, verglich Redner die moderne Stadt mit einem großen Organismus, 
mit seinen Nerven- und Blutgefäßleitungen. Wie dessen Leben bei Unter- 
brechung dieser Leitungen nicht bestehen kann, so ist auch eine Stadt 
mit dem ganzen vollen Leben der Neuzeit undenkbar, ohne das Bestehen 
der vielen Draht- und Röhrenleitungen über, auf und unter der Erde. 
Durch alles dies ist aus der alten Stadt mit ihrem einfachen, fast geräusch- 
losen und langsamen Verkehre die neue Stadt geworden, mit ihrem Hasten 
und Jagen, wo niemand mehr Zeit hat. Die verkehrsreichen Straßen der 
Großstadt sind auf dem besten Wege, sich zu einer Qual für die Anwohner, 
wie für die Straßengänger selbst zu gestalten. Wenngleich die Neuzeit 
vieles verbessert hat, so könnte doch noch vieles besser sein. Die Gefahren, 
die der so aussergewöhnliche Straßenverkehr mit sich bringt, bedrohen 
in erster Linie unsere Atmungsorgane, und zwar durch den aufgewirbelten 
Staub und den von den zahllosen rauchentwickelnden Fahrzeugen und 
Schornsteinen erzeugten Ruß. Die von dieser Seite drohenden Gefahren 
können möglichst vermieden werden durch sorgfältige Reinigung der 
Straßen, durch schnelle Wegschaffung der Abfälle und auch des Schnees 
— liegen gebliebene Schneehaufen werden leicht zu Kehrichthaufen ! 
Ferner kann eine sorgfältig geregelte (nicht nach Kalendermonaten) und 
reichliche Sprengung, gute Müllabfuhr, gutes Pflaster und eine rauch- 
verzehrende Feuerung manchen Schutz schaffen. Ob all diesen Forde- 
rungen in Berlin, das sich gern die sauberste Großstadt nennen hört, 
vollauf entsprochen worden ist, ließ der Vortragende unerörtert. So be- 
zweifelte er, daß in allen großen Städten die Schnee-Kehrichthaufen in den 
stilleren Straßen, wo die ärmere Bevölkerung wohnt, und in denen sich 
zuerst die seuchenartigen Krankheiten entwickeln, so schnell weggeschafft 
worden, wie in den besseren, breiteren gut gelüfteten Straßen. Und doch 
sollte man jene Straßen als die natürlichen Herde der Volkskrankheiten 
zuerst bedenken. Ferner droht durch die allzu grelle Beleuchtung mit künst- 
lichem Licht unseren Augen Gefahr und es frag^ sich, ob unsere 
Geschäftsläden in gegenseitiger Übertreibung nicht schon des Guten zu 
viel tun. 



E" 

zu Be 

A" 



kommunale Baubeamte hat wieder an der Technischen Hochschule 
zu Berlin vom 27. März bis zum 8. April d. J. stattgefunden. 



m 17. d. M. fand die feierliche Enthüllung des Denkmals statt, 
das dem unvergeßlichen Mitbegründer unserer Zeitschrift CAMILLO 
SITTE auf dem von der Stadt Wien gestifteten Ehrengrabe gesetzt 
worden ist. 



Verantworüich für die SchrifUeitung : Theodor Goecke, Berlin. — Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Beriin W., Markgrafenstraße 35. 
Inseratenannahme C. Behüng, BerünW.66. — Gedruckt bei JuUus Sittenfeld, BerUn W. — Klischees von Cari Schütte, Berlin W. 



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DER STÄDTEBAU 

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2. Jahrgang 



1905 



6. Heft 




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DER STÄDTEBAU 




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.THEODOR nnrcKF- c^MiLiq ^^m 



INHALTSVERZEICHNIS: Stadt- und Hausgartenkunst. Von G. Ebe, Berlin. — Berge und Wasserläufe im Bebauungsgebiete 
der Städte. Von H. Chr. Nußbaum, Hannover (Schluß). — Wiederaufbau der Schafgasse zu Herborn. Von Ludwig Hofmann, Herbom. — Zur Ab- 
wehr! — Neue Bücher. Besprochen von Theodor Goecke, Berlin. — Chronik. 

Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schriftleitung verboten. 



STADT- UND HAUS -GARTEN KUNST. 

Von G. EBE, Berlin. 



Gegen das Empfinden, das uns unsere Städte, diese 
künstlichen und nach Möglichkeit auch kunstvollen Ge- 
bilde aus Stein und Mörtel tot und kalt erscheinen und 
der lebensvollen Zutat des Pflanzenwuchses sowie des be- 
wegten Wassers bedürftig erscheinen läßt, wird sich niemand 
verschließen wollen. Die Städte des Altertums umschlossen 
prachtvolle Palast- und Tempelgärten, die wir zwar nicht 
mehr in Wirklichkeit schauen können, deren Reize wir 
jedoch aus den Berichten der Schriftsteller und erhaltenen 
Abbildungen ahnen. Der Ruf der hängenden Gärten von 
Babylon hat sich bis heute fortgepflanzt; die Gärten der 
Ägypter sind aus den Wandbildern wenigstens einiger- 
maßen bekannt; die Gärten des Museumviertels in Alex- 
andria, die Tempelhaine in Griechenland und Kleinasien 
kennen wir wieder nur aus den Schriftstellern. Die groß- 
artigen Kaisergärten Roms sind wenigstens in den Haupt- 
zügen in den in Marmor gegrabenen Plänen erhalten. 
Alle diese antiken Gartenanlagen standen im genauen Zu- 
sammenhange mit der umgebenden Architektur, und waren 
im Anschlüsse an diese im Stile der jedesmaligen Epoche 
ausgebildet. 

Die mittelalterlichen befestigten Städte des Nordens 
besaßen, wenn sie nicht zufällig Fürstenschlösser ein- 
schlössen, nur die Hausgärten und im günstigsten Falle 
einige von Bäumen beschattete Brunnen auf den öffent- 
lichen Plätzen; erst außerhalb der Ringmauern dehnten 



sich die Pflanzungen aus, ähnlich wie sich die Zwinger- 
gärten an die innere Burgmauer lehnten. Es gab sicher in 
den Burggärten lauschige Lauben und schattige Bäume; 
auch an Beeten mit Rosen, Lilien, Flieder und anderen 
Pflanzen mit duftenden Blüten dürfte es nicht gefehlt haben, 
aber die Enge des Raumes verbot hier, wie in den ähnlich 
behandelten Hausgärten, eine eigentlich landschaftliche Ent- 
faltung und schrieb eine an die umfassenden Mauern und 
Baulichkeiten gebundene Einteilung vor. Noch strenger in 
der Linienführung mußten sich die Gärten in den Kreuz- 
gängen der Klöster gestalten, während umfangreichere An- 
lagen innerhalb des Klosterbereiches die Anfänge zu den 
botanischen Gärten der Neuzeit gaben, indem in ihnen 
ausländische Pflanzenarten und vor allem Heilkräuter ge- 
zogen wurden. 

Erst mit dem Einzüge der Renaissance tritt die Land- 
schaftsgärtnerei seit dem Altertume von neuem wieder als 
Kunst ins Leben. Es erweitern sich die Städte, Licht und 
Luft in breiten Massen einlassend; es findet sich Raum für 
die Anlage öffentlicher Gärten. Selbstverständlich sind die 
Städte in dieser Periode mehr als früher bedacht, sich 
Stücke der freien Natur, Laubmassen und Blumenbeete 
einzuverleiben, und diese, soweit es die örtliche Lage zu- 
läßt, möglichst in Verbindung mit Wasserläufen und 
Brunnenwerken zu setzen. — In den Prachtgärten der 
italienischen Villen des i6. Jahrhunderts erstand die alt- 



71 



DER STÄDTEBAU 



römische Gartenkunst wieder zu voller Blüte. Zugleich über- 
boten sich in diesen Anlagen die besten Künstler der Zeit in 
immer neuen, phantasievollen Erfindungen. Es waren 
Architekten, die den Spuren alter Römerkunst nachgingen, 
in der Vorliebe für breite, schattige, mit Statuen besetzte 
Baumalleen, für weite, sich in deren Perspektive öffnende 
Fernsichten, daneben für wohlgepflegte Rasenflächen, ein- 
gekränzt von hohen Zypressen. Aber diese Künstler taten 
noch von dem Ihrigen hinzu, in der Anlage von Terrassen 
und Grotten, von tief versteckten, durch Treppen zugäng- 
lichen Wasserbecken, von Wasserstürzen, sprudelnden 
Quellen und Fontänen. 

Die Länder diesseits der Alpen, England, Frankreich, 
die Niederlande und Deutschland, machten sich die neue 
italienisch-klassische Gartenkunst erst im weiteren Ver- 
laufe der Renaissance und der darauf folgenden Barock- 
periode zu nutze, nicht ohne ihr einige der jedesmaligen 
Landesart entsprechende Schattierungen hinzuzufügen. Der 
flandrische, in der Ebene sich ausbreitende Garten be- 
wahrt noch etwas von der mittelalterlichen Vorliebe für 
Blumen, die uns aus den Miniaturen der niederländischen 
Buchmaler so entzückend entgegenleuchten. Die Taxus- 
hecken vertreten die architektonische Regelmäßigkeit. Die 
französische Gartenkunst gewann erst unter Ludwig XIV. 
durch das Wirken Lenotres ihre eigene, zwar von der 
italienischen abgeleitete, aber doch eigenartige Ausprägung; 
sie verbreitete sich in der Folge über ganz Europa. Hatte 
der ältere französische Gartenstil sich mit dem Gegensatze 
weiter offener Flächen zu kleinen grünen Kabinetten, 
Laubengängen und Wasserkünsten begnügt, und sich bis 
zu spielerischer Kleinheit verloren, so vollzog sich seit 
Lenotre die Umwandlung ins Große mit weiten Durchsichten, 
mächtigen Terrassen, großartigen, durch Bildwerke ge- 
schmückten Teichen, Kaskaden und Springbrunnen in 
Verbindung mit langen, geradlinigen Baumalleen und 
Heckenwegen. Die gesamten Anlagen hielten sich jedoch 
im engsten Bezüge zu ihrem baulichen Mittelpunkte: die 
Gärten des Schlosses von Versailles geben für diesen Stil 
das typische Bild. Die deutschen Gärten der Barockzeit 
folgten ganz dem französischen Muster, erheben sich indes 
in einzelnen Fällen über das Maß von Versailles, wie bei- 
spielsweise in den von der Bodenbildung begünstigten groß- 
artigen Terrassen- und Kaskadenanlagen von Wilhelms- 
höhe bei Kassel. — Die Ausbildung des freilandschaft- 
lichen englischen Parkstils, auf die weiter unten zurück- 
zukommen ist, gehört einer späteren Zeit an. Noch in der 
Barockperiode ahmten die Engländer den französisch- 
niederländischen Stil nach. 

Wenn nachstehend der Versuch gemacht werden soll, 
die zweckmäßige, den modernen Anforderungen ent- 
sprechende Anlage städtischer Gärten für öffentliche und 
private Zwecke zu erörtern, so kann es sich nicht um die 
weiten, vor den Toren einiger Hauptstädte sich ausbrei- 
tenden großen Parks handeln, die sich aus gdten Wald- 
beständen gebildet haben, ebensowenig um das Bepflanzen 
der Straßenzüge mit Baumreihen, sondern um die größeren 
und kleineren das Gewirr der Straßen unterbrechenden 
grünen Oasen, die mit Bäumen und Gesträuchen bestanden, 
mit Blumenbeeten, Brunnen und Bildwerken geschmückt, 
oft mit Recht als die Lungen der Stadt bezeichnet worden 
sind. Sie gleichen durch ihre ruhige Absonderung gegen 
den lauten Verkehr der Idylle inmitten des Dramas. 



Das Renaissancezeitalter, zu dessen glänzenden Lei- 
stungen wir noch einmal zurückkehren, wird durchaus 
von dem mächtigen Drange nach plastischer architekto- 
nischer Gestaltung beherrscht; und diese geistige Richtung 
wird von den Dichtern genährt und poetisch verklärt. 
Schon Dante bildet seine Hölle als einen ungeheuren 
Trichter, in dem mit architektonischer Regelmäßigkeit 
sich nach unten immer mehr verengende Kreise um Kreise 
schlingen. Auch Tasso läßt den Zaubergarten der Armida 
von einer kreisrunden Mauer eingeschlossen sein und 
schildert ihn mit den bezeichnenden Worten: „Es scheint, 
als ob Natur den Garten angelegt, und sich bestrebt, der 
Kunst ihn nachzubilden, die immer sonst ihr nachzubilden 
pflegt." Einen Nachklang dieser Auffassung des Zauber- 
gartens bringt Goethe in seinem Knabenmärchen: es 
schließen sich wieder Kreise um Kreise und in der Mitte, 
des Gartens erhebt sich, von mächtigen Bäumen umkränzt, 
der Zentralbau des Sylphidenschlosses. 

Die Gärten der vornehmen italienischen Villen geben 
zwar kein unmittelbares Vorbild für die Anlagen städti- 
scher Gärten, aber man kann von ihnen lernen, wie der 
höchste landschaftliche Reiz sich ungezwungen mit einem 
architektonisch-regelmäßigen Grundplane zu vermählen 
vermag, besonders dann, wenn die malerische Wirkung 
durch Bodenerhebungen unterstützt wird. Ein überzeu- 
gendes Beispiel dieser Art bietet der Terrassengarten der 
Villa d'Este bei Tivoli, welcher kaum die regelmäßig- 
symmetrischen Wiederholungen in der Anlage der Wege 
ahnen läßt. Die Aufstiege, durch Grotten und Becken mit 
strömendem Wasser belebt, gehen von einem unteren feier- 
lichen Zypressen-Rondell aus. 

Paris umschließt eine größere Anzahl Stadtgärten, von 
denen einige, ungeachtet ihrer architektonischen Anordnung, 
des eindringlichen Stimmungselements nicht entbehren. 
Der alte Park Monceaux, anfangs königliches Privateigen- 
tum, später dem Publikum geöffnet, eine Schöpfung des 
Dichters und Garten-Architekten Carmontelle, verdankt 
seinen Hauptreiz der geschwungenen korinthischen Säulen- 
halle, die den träumerisch stillen Teich umsäumt, dann 
der Brücke, der über künstliche Felsen herabstürzenden 
Kaskade, der mit Stalaktiten ausgekleideten Grotte, und 
endlich dem Bestände an Bäumen und Ziersträuchern, 
unter denen sich viele bemerkenswerte ausländische befinden. 
Die schon oben erwähnten architektonisch-regelmäßigen 
Gärten von Versailles mit ihrem Übermaße beschnittener, 
geradlinig geführter Heckenwände mögen gegen die oben 
erwähnten poesievollen Anlagen im Lichte des leeren, 
langweiligen Prunks erscheinen; aber ist es deshalb zu- 
treffend, daß ein jeder im Stile Lenotres angelegte Garten 
unter allen Umständen ebenso langweilig sein muß? Geg^n 
eine solche Annahme spricht die Erfahrung. 

Man möchte sogar andrerseits behaupten, daß gewisse 
tiefgehende seelische Regungen vorzugsweise durch regel- 
mäßige Anlagen ausgelöst werden. Der feierliche Zauber 
eines Rondells von mächtigen Linden oder Eichen ist 
kaum durch anderes zu ersetzen; eine Allee von unten 
beschnittenen Buchen, deren obere Zweige sich zu einem 
dichten Schattendach zusammenwölben, auf deren mit 
weichem Sande beschüttetem Boden der Tritt des Wan- 
delnden unhörbar verhzdlt, verwirklicht das, was man 
öfters als „Poetenweg" bezeichnet hat. Kann man einen 
schöneren Tummelplatz für eine heitere Gesellschaft er- 



72 



DER STÄDTEBAU 



sinnen, als eine sanft aufsteigende Rasenfläche, beiderseits 
von kulissenartig angeordneten, nach oben näher zusammen- 
tretenden Baum- und Gebüschgruppen eingerahmt? Die 
auf dem grünen Hintergrunde leicht vorbeischwebenden, 
bald sich verbergenden, bald wieder auftauchenden Ge- 
stalten erinnern an den Traum des Glücks, an ein neu- 
geschenktes Arkadien. 

Die empfindsame Zeit um die Wende des 18. Jahr- 
hunderts, von den Ideen Jean Jacques Rousseaus für die 
Rückkehr der Menschen zum Naturzustande angekränkelt, 
brachte ein neues Gartenideal in Aufnahme: eine feine 
Wiese, ein echter Wald, Wasser, in dem sich der blaue 
Himmel spiegelt, alles möglichst unberührt von der ord- 
nenden Hand des Menschen: mit einem Worte, den eng- 
lischen Landschaftspark, belebt durch Rudel friedlich 
äsenden Hochwilds. Die geometrische Regelmäßigkeit des 
französischen Gartens ist nun vollständig beseitigt, die 
Wege sind in natürlichen Windungen den Bewegungen 
des Bodens angepaßt. Doch fehlen in nächster Nähe der 
Gebäude selten die Übergänge durch kunstvoll geschnittene 
Bäume und Hecken, Blumenbeete, Statuen und Vasen. 
Man sieht jedoch leicht, daß der englische Parkstil zu 
seiner vollen Entfaltung große Flächen verlangt und sich 
engen städtischen Verhältnissen schwer anpassen läßt, 
abgesehen davon, daß der dem Menschen unablenkbar 
innewohnende Kunsttrieb immer bestrebt sein wird, die 
Bauwerke mit der umgebenden Landschaft mehr in Über- 
einstimmung zu setzen, als dies der englische Stil in der 
Regel leistet. 

In Deutschland besonders verstreute man in die nach- 
geahmte englische Parkwildnis häufig Einsiedeleien in 
Form von Borkenhäuschen und Tempelchen, letztere oft 
sehr profanen — bisweilen nicht ganz geruchlosen — 
Zwecken dienend. 

Die neuere deutsche Landschaftsgärtnerei, wie sie sich 
seit dem grundlegenden genialen Eingreifen des Fürsten 
Hermann Pückler entwickelt hat, erscheint befreit von den 
Auswüchsen des Sentimentalen im nachgeahmten eng- 
lischen Geschmack, aber auch fern von der leeren franzö- 
sischen Steifheit; sie bildet ein Kompromiß zwischen dem 
italienisch-französischen und dem englischen Gartenstil; 
sie will die Landschaft nach vorschwebenden künstle- 
rischen Ideen gestalten und legt Wert auf die perspek- 
tivische Abwechslung in den Bildern, die durch die in 
Biegungen geführten Wege hervortreten. Zugleich soll die 
Art der Bepflanzung als wesentliches Stimmungsmittel 
wirken; geometrisch geradlinige und symmetrisch sich 
wiederholende Partien sind keineswegs ausgeschlossen, 
falls es sich um den Anschluß an Bauwerke handelt. 

Indes mangelte in der Ausführung nur allzuhäufig das 
feinere Verständnis für den Kern des neuen Stils, und die 
schön geschwungenen Kurven der Wege arteten gelegent- 
lich unter den Händen mancher Garten-Architekten zu 
Übungen im Planzeichnen aus. Bei dem Durchschreiten 
des Gartens kamen jedoch die auf dem Papier bedächtig 
abgezirkelten Linienzüge nicht im geringsten zur land- 
schaftlichen Geltung, allenfalls hätten sie für den Blick 
aus der Vogelschau einigermaßen von Bedeutung sein 
können. 

Die großartigen und lieblichen Parkschöpfungen Fürst 
Pücklers in Muskau und Branitz geben noch immer Zeugnis 
von der alle Schwierigkeiten besiegenden genialen Schöpfer- 



kraft ihres Urhebers. Allerdings kam es dem Fürsten 
zustatten, daß er auf seinen Reisen die landschaitlichen 
Schönheiten einer halben Welt kennen gelernt hatte; aber 
doch konnte ihn nur der ihm innewohnende Künstlergeist 
befähigen, nicht etwa das Geschaute nachzuschaffen, sondern 
Neues und Originelles unter teilweise recht erschwerenden 
Umständen ins Leben zu rufen. Der Park von Branitz, 
seine letzte Meisterschöpfung, aus einer Sandwüste her- 
vorgezaubert, zeigt die Verwendung aller der Mittel, die 
den neuen Stil der Landschaftsgärtnerei begründen halfen. 
Zu diesen gehören: die geschickte Benutzung gegebener 
ferner Hintergründe zu reizvollen weitreichenden Aus- 
blicken, die Aufschüttung künstlicher Hügel, das Aus- 
graben größerer und kleinerer Teiche, die dann durch ein 
Flüßchen verbunden werden, die Biegung der Wege, um 
immer neue Aussichten zu eröffnen, die zweckmäßige Be- 
pflanzung in Gruppen, die durch die Eigenart ihrer Fär- 
bung zu einander in Gegensatz treten, und endlich der 
sinnige Bezug sämtlicher Anlagen auf das Herrenhaus und 
die sonstigen zugehörigen Baulichkeiten, die jedesmal ihre 
Bestimmung schon durch ihre äußere Erscheinung kennt- 
lich machen. Angesichts der erreichten Schönheiten über- 
sieht man gern die barocke Idee der Einführung von 
pyramidenförmigen Sandhügeln. 

Die mehr oder minder zutage tretende Beachtung der 
im obigen entwickelten Leitsätze für die Gestaltung der 
modernen städtischen öffentlichen und privaten Garten- 
anlagen läßt sich am besten an vorhandenen Ausführungen 
oder deren Nachbildungen studieren. Einiges sich hierauf 
beziehende, vom Herausgeber dieser Zeitschrift gesammeltes 
Material von den in letzter Zeit veranstalteten Aus- 
stellungen, der Gartenbauausstellung in Düsseldorf und 
der Deutschen Städteausstellung in Dresden, soll hier als 
Unterlage der kritischen Betrachtungen mitbenutzt werden. 

Die schöne neue Haardtanlage zuElberfeld bildet 
einen Flachpark von beträchtlicher Ausdehnung in durch- 
aus malerischer Anordnung, die einige Baulichkeiten in 
sich einschließt und von anderen am Rande begrenzt wird 
(Abb. a auf Tafel 41). Schön gebogene, nicht für die Wir- 
kung auf dem Papier berechnete Wege durchschneiden 
anmutige, teils freie, teils mit Baumgruppen eingefaßte und 
besetzte Rasenflächen. Zur Erhöhung des romantischen 
Reizes sind an einem Hauptwege künstliche Felsmassen 
aufgetürmt. Von den Gebäuden im Park und von denen 
an seinem Rande ergeben sich schöne Ausblicke. Übrigens 
hat eine besondere Anpassung des Parks an die Baulich- 
keiten durch geometrisch angeordnete Übergänge nicht 
stattgefunden. — Bei dem Stadtpark auf dem Rotehorn 
zu Magdeburg waren keine eingeschlossenen oder an- 
grenzenden Baulichkeiten zu berücksichtigen; es ist eine 
rein landschaftliche, von dem Wasserlauf der Elbe durch- 
zogene, zwischen der Stromelbe und der Alten Elbe einge- 
schlossene vollständig ebene Anlage von gefälliger Wirkung 
(Abb. b bis e aufTafel4i). Der mittlere Hauptweg übersetzt 
den Wasserlauf mit einer steinernen, im flachen Bogen 
gesprengten Brücke; der Wasserlauf selbst, sowie die ge- 
bogenen, aber nicht verkünstelten Wege bieten schöne 
Ausblicke über die nur mäßig bepflanzten Rasenflächen 
und in die Ferne. 

Die Verbindung der öffentlichen Stadtgärten mit Fest- 
und Spielplätzen führt näher an eine der vornehmsten Auf- 
gaben dieser Anlagen, die Sorge für die Volkswohlfahrt, 



73 



DER STÄDTEBAU 



Abb. I. 




C0MCERT3AALBAU 



indem nicht nur die Gelegenheit zu Spaziergängen ge- 
boten, sondern auch für festliche Versammlungen und 
Bewegungsspiele eine geeignete Stätte in schöner land- 
schaftlicher Umgebung bereitet werden soll. (Tafel 42). 
Der Küchwaldpark in Chemnitz bietet in dieser Art 
eine bemerkenswerte Leistung. Der ebene Boden des 
Parks wird von sich kreuzenden, teils geraden, teils ge- 
bogenen Baumalleen und ebenfalls mäßig geschlängelten 
Wegen durchzogen; die Bepflanzung läßt für freie Rasen- 
flächen Raum, schließt aber auch in angenehmer Ab- 
wechslung dicht bestandene kleine Waldpartien in sich 
ein. Ein großer von Baumreihen umzogener Festplatz 
öffnet sich unmittelbar an der Ringstraße; für Tennis- und 
andere Spiele sind kleinere kreisrunde, ovale oder sonst 
geometrisch geschnittene Plätze ausgespart. Außerdem 
sind zwei Wirtschaften angelegt, um dem Bedürfnisse nach 
leiblichen Erfrischungen zu genügen, die eine im un- 
mittelbaren Anschluß an den Festplatz. Die ganze Anlage, 
in ihrer Verbindung des frei Landschaftlichen mit den in 
regelmäßigen Formen gehaltenen Plätzen gibt ein schönes 
Beispiel des neueren deutschen Gartenstils. 

Ähnlichen Zwecken wie der vorige ist der vom Garten- 
architekten M. Reinhardt in Düsseldorf entworfene Volks- 
park zu Altenessen gewidmet (Abb. a und b auf Tafel 43). 
Den Schwerpunkt der Anlage bildet ein umfängliches 
Wirtschaftsgebäude, von einer Terrasse umgeben, die 
ihrerseits in unmittelbarer Verbindung mit einem Restau- 
rationsplatz unter Bäumen steht. Ein Teich mit einer 
Fontäne liegt in einer Ecke des Parks dem Wirtschafts- 
gebäude schräg gegenüber. An der seitlich vorbeiführenden 
Straße ist ein größerer Spielplatz ausgespart, wieder von 
Bäumen eingefaßt. Die Linienführung der Wege erscheint 
etwas willkürlich und nicht hinreichend durch die Be- 
pflanzung begründet auch der Spielplatz hätte vielleicht 
eine architektonisch regelmäßigere Form erhalten sollen. 

Der hier mitgeteilte Entwurf zu einem Stadtparke für 
Plauen i. Vogtl., aus einem Wettbewerbe hervorgegangen 



und von dem Garteningenieur Carl Vohburger in München 
herrührend (Abb. 1 im Texte, sowie a und b Tafel44), erfüllt 
die Bedingungen eines wirklichen Volksparkes. Es soll eine 
Restauration mit großem Saal und abgeschlossenem Konzert- 
garten geschaffen werden, dann Spielplätze für Erwachsene 
und Kinder, außerdem ein Schulgarten. Der Entwurf hat 
diese Aufgabe mit Benutzung der Bodenerhebungen, der 
vorhandenen Wasserläufe und Teiche in geschickter Weise 
gelöst. Das im Mittelpunkte der Gesamtanlage angeord- 
nete, als vornehme Stadtgartenwirtschaft gedachte Kon- 
zerthaus bezeichnet den höchst gelegenen Punkt des Parks 
und läßt die volle Aussicht über den See genießen. Das 
Gebäude hebt sich wirksam aus zwei Terrassen hervor, 
von denen die obere, an drei Fronten herumgeführte, eine 
Beherrschung des ganzen Geländes und des Stadtbildes 
zuläßt und vorzugsweise Restaurationszwecken dienen soll. 
Die untere, bedeutend ausgedehntere Terrasse, 3 m über 
dem Promenadenweg gelegen, ist als Konzertplatz gedacht 
und wird an den Ecken durch einen Gesellschafts- und 
einen Musikpavillon flankiert; an die hintere Ecke schließt 
sich eine Kegelbahn an. Der Platz ist mit Linden in 
regelmäßiger Anordnung bepflanzt, schließt sich somit 
organisch den Linien der Bauwerke an, und bildet den 
angemessenen Übergang zu dem freilandschaftlich behan- 
delten Teile des Parks. Der Schnitt durch Konzertsaal 
und Terrassen ist zur Übersicht der Höhenverhältnisse 
von Interesse, wenn auch die Darstellung des Gebäudes 
selbst den architektonischen Anforderungen kaum genügen 
dürfte; worauf es aber in diesem Falle nicht ankommen 
kann. 

Die beiden vorhandenen Tennerateiche sind durch 
einen Dammdurchstich vereinigt, in den Uferlinien zweck- 
mäßig erweitert, und teilweise durch eine Ufermauer gegen 
das Gelände abgeschlossen, welche Mauer mit Bedacht 
auf malerische Wirkung mit einer zum Wasser führenden 
Treppe endigt. In demselben Sinne ist der Teichabfluß 
mit einer Pergola überbaut. 



74 



DER STÄDTEBAU 



Ein Spielplatz für die Schuljugend, daneben ein Linden- 
rondell als Aufenthaltsort für kleinere Kinder sind hinter 
dem Restaurationsgebäude vorgesehen, und an diese Plätze 
schließt sich der Schulgarten. Für das Tennisspiel ist am 
östlichen Ende des Parks ein Raum abgesondert. Der 
Park selbst ist durch Anlage einer Grotte im alpinen 
Charakter, eines Tempels und mehrerer Aussichtsplätze 
bereichert. Die Führung der Wege in flüssig gebogenen 
Linien trägt den Bodenverhältnissen Rechnung; die vor- 
gesehene Bepflanzung ist nicht so dicht, um nicht größere 
freie Rasenflächen zur Geltung kommen zu lassen. 

Der Berliner Zoologische Garten kann eine hervor- 
ragende Bedeutung als Volkspark beanspruchen. Denn, 
abgesehen von der das allgemeine Interesse in Anspruch 
nehmenden hier aus allen Erdteilen zusammengebrachten 
Tierwelt, und obgleich in reichem Maße für Restaurations- 
hallen und Säle, sowie für Musikpavillons gesorgt ist, so 
erhebt sich doch die schöne landschaftliche, von Teichen 
unterbrochene Gesamtanlage weit über den gewöhnlichen 
Gesellschafts- und Schaugarten. — Der Viktoriapark am 
Kreuzberge in Berlin wird durch den etwas aufdringlich 
in die Achse der Großbeerenstraße gerückten Wassersturz 
zu einem romantischen Effektstück, indes sind die ab- 
wechslungsreiche hügelige Gestaltung und die tiefein- 
geschnittene sogenannte Wolfsschlucht für sich von eigenem 
landschaftlichen Reiz. Paris hat sich im Sinne moderner 
Romantik in dem Parc des Buttes Chaumont ein noch 
viel ausgiebigeres Spektakelstück geleistet: künstliche 
Felsen aus Zement, Gips und Ton täuschen eine Schweiz 
im kleinen vor, ein ziemlich beträchtlicher, im Grunde 
sorgfältig betonierter See umgibt ein Felseneiland, das ab- 
laufende Wasser stürzt in einen Abgrund, sprudelt unter 
einer Felsenbrücke fort und verschwindet in einer von 
Pflanzenwuchs umwucherten Grotte. Es fehlt nicht an 
einer Nachbildung des Vestatempels von Tivoli und an 
mehreren Erfrischungsstätten. 

Wie schon oben gesagt, schließen wir für diesmal die 
großen wald- und wiesenartigen Parks, wie sie sich in der 
Nähe einiger europäischer Hauptstädte finden, von unserer 
Betrachtung aus; so das Bois de Boulogne bei Paris, den 
Tiergarten bei Berlin, den Hydepark in London, obwohl 
letzterer seiner umbauten Lage wegen noch am meisten 
die Bezeichnung eines Stadtparks im engeren Sinne ver- 
dienen möchte. 

Bevor wir noch andere, besonderen städtischen Zwecken 
gewidmete Gartenanlagen schildern, wäre mit Nach- 
druck auf die Notwendigkeit hinzuweisen, namentlich 
für die größeren Städte Kinderspielplätze einzurichten, 
die eigens für diesen Gebrauch bestimmt wären. Der- 
artige Plätze müßten zwar dem Strome des Verkehrs 
entrückt, aber doch nahe genug den Stadtvierteln gelegen 
sein, um sie in kürzester Zeit von den Wohnungen aus er- 
reichen zu können. Von Fahrstraßen durchquerte Plätze 
würden sich durchaus nicht zum Aufenthalte von Kindern 
eignen; auch sind aus demselben Grunde die baumbestan- 
denen Mittelpromenaden unserer beliebten modernen Pracht- 
straßen für diesen Gebrauch nicht zu benutzen, wie man 
denn tatsächlich wenig Kinder darauf antrifft. Wenn für 
irgend was, so wären die in England und auch in Frank- 
reich sogenannten Squares, zwar landschaftlich ohne Be- 
deutung für das Stadtbild, aber doch als vom Straßengewühl 
abgesonderte kleine Plätze, sehr geeignet für die Kinder 



bestimmt zu werden, wie es namentlich in Paris vielfach 
mit Erfolg durchgeführt ist. Eine monumentale bauliche 
Umgebung ist für diese bescheidenen lauschigen Plätze 
nicht gerade erforderlich. Aber vielleicht wäre es eine 
dankbare Aufgabe, die bei uns aufgekommenen Lauben- 
kolonien, die selbst den weniger Bemittelten den Naturgenuß 
näher rücken, mit Kinderspielplätzen zu verbinden. 

Eine hervorragende Bedeutung hat die landschaftliche 
Ausgestaltung der städtischen Friedhöfe. Der stille Zauber 
der Dorfkirchhöfe mit ihrer in der Regel einsam stehenden 
mächtigen Linde ist in den großbemessenen Stadtfriedhöfen 
überhaupt nicht zu erreichen, muß aber möglichst durch 
kunstmäßige Anlagen ersetzt werden. Der bekannte Cime- 
tiere du Pere Lachaise in Paris ist in dieser Art kein Muster; 
er ist zu dicht mit monumental ausgebildeten Grabstätten 
überdeckt, um noch viel Raum zur Entfaltung landschaft- 
licher Reize zu gewähren. Vorteilhaft wirkt bei ihm das 
Aufsteigen des Bodens von der Eingangs- nach der Hinter- 
seite, da hierdurch wenigstens ein malerisch wirkender 
Überblick von der Höhe aus ermöglicht wird. — Unter den 
deutschen Städten behauptet München den Vorrang in 
Bezug auf künstlerisch monumental und landschaftlich 
ausgebildete Friedhöfe. Der östliche Friedhof in München 
(vergl. M. V. Lasser, München 1902) ist nicht allein durch 
seine großartige, reichgeschmückte Kuppelhalle für die 
Trauerversammlungen und die ebenso zweckmäßig wie 
monumental durchgebildeten Leichenhallen, beides Schöp- 
fungen Hans Grässeis, bemerkenswert, sondern auch durch 
die landschaftliche Behandlung des Gräberfeldes. Der 
erste Abschnitt des Friedhofs enthält Grabstätten gewöhn- 
licher Art, aber der zweite Abschnitt ist als Landschafts- 
garten mit geschwungenen Wegen, Baumalleenund Gruppen- 
pflanzungen, welche die Mitte der Abteilungen ausfüllen, 
angelegt, und verbindet sich mit einem großen freien Platze 
vor dem Leichenhause, der an der inneren Linie von 
Ehrenbegräbnisplätzen umsäumt wird, vor denen Kugel- 
akazien die einzelnen Abteilungen begleiten, während hoch- 
stämmige Eichen und Unterholz den Hintergrund bilden. 
Die Fläche des Platzes wird durch Blumenbeete, steinerne 
Blumentröge und Vasen noch mehr geschmückt. Längs 
der Friedhofsmauer erstrecken sich Einzelgrüfte, und da- 
hinter ist eine die Mauer verdeckende, durchlaufende Tuja- 
hecke angepflanzt. Der dritte Abschnitt ist zu einer quer 
über den ganzen Friedhof gehenden Erdterrasse mit Grab- 
reihen benutzt, welche von Fontänen, Wasserfällen und 
Ruheplätzen unterbrochen werden. Das leise Murmeln 
strömenden Wassers erhöht den friedlich weihevollen Ein- 
druck der ernsten Stätte. Von diesem Haine des Todes in 
München darf wohl gesagt werden, daß er in vorzüglich 
geschickter Weise das architektonische Element mit dem 
landschaftlichen vereinigt. — Der Entwurf eines Südwest- 
friedhofes bei Düsseldorf, von Chr. H. Roselius in 
Bremen, wie er auf der Düsseldorfer Ausstellung durch 
Zeichnungen vertreten war (Abbildg. a und b auf Tafel 45), 
sucht wie der Münchener Friedhof, wenn auch in viel 
kleineren Abmessungen, die geometrisch geplante Umgebung 
einer Begräbniskapelle mit den den übrigen Raum ein- 
nehmenden freien parkartigen Anlagen zu verbinden. Es 
hat aber doch den Anschein, als ob einer der wichtigsten For- 
derungen für die Einrichtung moderner Friedhöfe, die mög- 
lichste Ausnutzung des gegebenen Raumes zu gewährleisten, 
in dem vorliegenden Plane zu wenig Rechnung getragen sei. 



75 



DER STÄDTEBAU 



Abb. 2. 




Gartenarchitekt : R. Hoemann, Düsseldorf. 



Abb. 3. 








Für die Gesellschafts- 
häuser der großen, nicht 
minder der kleinen Kur- 
und Badeorte bildet die 
Umgebung mit Garten- 
anlagen eine notwendige 
Zugabe, die indes we- 
gen der in der Regel 
freien Lage dieser Ge- 
bäude meist den Cha- 
rakter eines ausgedehn- 
ten Parks gewinnt. Im- 
merhin wird für die nä- 
here Umgebung der Ge- 
bäude eine stilisierte Be- 
handlung am geeignet- 
sten sein, der sich wei- 
terhin eine freiere land- 
schaftlich bewegte Ge- 
staltung des Parks an- 
schließen mag. Die von 
dem Gartenarchitekten 
R. Hoemann in Düssel- 
dorf entworfene Kon- 
zertgarten - Anlage 
für Bad Oeynhausen 
erinnert durch die Kas- 
kaden - Anlage einiger- 
maßen an die Wasser- 
künste von Wilhelms- 
höhe oder St. Cloud 
(Abbildung 2 und 3 
im Texte). Der Konzert- 
garten wird durch zwei 



getrennte Terrassen gebildet; auf der oberen sind in 
seitlich halbrund vorspringenden Ausbauten zwei Spring- 
brunnen angeordnet, und auf dem Absätze der nach 
unten führenden breiten Freitreppe erhebt sich der 
Musikpavillon, durch seine Stellung geeignet, die Musik 
nach beiden Terrassen hin hörbar zu machen, aber 
eben deswegen einer besonderen Resonanzfläche ent- 
behrend. Die untere, beiderseits im Halbrund abge- 
schlossene Terrasse, durch zwei Leuchtfontänen geschmückt, 
wird nach unten in einer langgestreckten Kaskadenreihe 
fortgesetzt. Allerdings bringt das Zusammentreffen der 
schräg ansteigenden Kaskadenlinie mit der oberen wage- 
rechten Fläche der Terrasse eine plastisch unschöne 
Wirkung hervor, und hätte es einer architektonischen 
Vermittelung bedurft. Die Seitenwände des ganzen archi- 
tektonisch stilisierten Gartenteils sind von Laubengängen 
eingefaßt, die zum schattigen Aufenthalt der Kurgäste und 
zur Vermittelung des Fahrstuhlverkehrs dienen. Mit diesen 
Laubengängen verbinden sich in verschiedener Höhenlage 
des gleichmäßig nach dem Kurhause zu steigenden Bodens 
die gebogenen Wege des ausgedehnten Landschaftsparks. 

Mindestens in dieselbe Kategorie mit den Gärten der 
öffentlichen Gebäude, wenn auch ähnlich den Kurhaus- 
gärten ihrer Bestimmung nach den Vergnügungsstätten 
näher stehend, gehören die Ausstellungsparks, wie sie bei- 
spielsweise im vorigen Jahre in Düsseldorf und Dresden 
zur Ausführung gekommen waren. 

Der Düsseldorfer Park wurde bereits in Heft 8 des 
„Städtebau" durch Prof. Th. Goecke in seinen Hauptzügen 
geschildert und kann deshalb an dieser Stelle übergangen 
werden. Der Dresdener Ausstellungsgarten, vom Archi- 
tekten Kreis entworfen, zeigte eine strenge Stilisierung 
durch die Bepflanzung mit geradlinig und kreisförmig ge- 
stellten Baumreihen, sowie mit hinteren von Pavillonbauten 



76 



DER STÄDTEBAU 



unterbrochenen Laubengängen, welche sich an der einen 
Seite hinzogen. In der Mittelaxe der Anlage traf man auf 
einen Grottenbau, in Verbindung mit Wasser, das in zwei 
abgestufte Becken und endlich über die Muschel eines 
Putto in ein weites Becken fiel. Ein umgebendes Halb- 
rund war mit Sitzbänken versehen, außerdem waren tiber- 
all Statuen und leuchtende Blumenbeete verteilt, so daß 
der Garten, der infolge der stilisierten Anordnung größer 
erschien als er in Wirklichkeit war, einen behaglichen 
stimmungsvollen Aufenthaltsort bot. 

Es wäre nun noch ein Wort über die Anlage der 
Hausgärten zu sagen, die doch besonders unseren Vorstadt- 
villen erst ihren intimen Charakter verleihen und deren 
unentbehrliches Zubehör bilden. Wenn irgendwo, so ist 
in diesen Gärten von meist kleineren Abmessungen die 
Stilisierung in Plan und Bepflanzung geboten, da es sich 
um ein Anschmiegen des Gartens an den baulichen Mittel- 
punkt, um eine Fortsetzung der inneren Wohnräume in 
der freien Natur handelt. Ohne deshalb in Starrheit ver- 
fallen zu müssen, hiögen in nächster Nähe des Gebäudes 
Teppichbeete auf Terrassen, Heckenwege und Lauben 
ihren Platz finden und allmählich den Übergang in freie 
landschaftliche Bildungen vorbereiten. Jedenfalls wäre 



jedoch die spielerische Verwendung englischer Garten- 
kunst auf kleinen Flächen zu vermeiden. — - Das Beispiel 
eines durchweg stilisierten Hausgartens hatte Prof. Behrens 
auf der Düsseldorfer Gartenausstellung in einer ansprechen- 
den Ausführung zur Anschauung gebracht (vergl. Tafel 8 
in No. 1 d. Jahrg.), allerdings abends durch die elektrische 
Beleuchtung in seiner traulichen Wirkung beeinträchtigt. 
Die architektonische Gliederung der Umgebung eines Hauses 
machte sich eindringlich in den geschorenen Lindenreihen, 
den Hecken, den abgerundeten Lauben, überhaupt in dem 
geometrischen Zuschnitt des Ganzen geltend. Die Marmor- 
bänke an den Wegen, das eingebaute Aquarium, der Ab- 
schluß des Gartens durch eine Pergola und endlich die 
Bereicherung der Bepflanzung durch ausländische Sträucher 
und Blumen waren nur geeignet, den Eindruck des Kunst- 
mäßigen zu verstärken. 

Die hohe soziale Bedeutung der Gartenkunst für öffent- 
liche und private Zwecke dürfte wohl allseitig als erwiesen 
anzunehmen sein; es bliebe nur für ihre Anwendung ein 
vertrauteres Zusammenarbeiten zwischen Architekten und 
Gartenkünstlern zu wünschen übrig, um den neueren 
deutschen Gartenstil überall, frei von fremden Einflüssen, 
erfolgreich zur Geltung zu bringen. 



BERGE UND WASSERLÄUFE IM BEBAUUNGS 
GEBIETE DER STÄDTE. 



Von H. CHR. NUSSBAUM, Hannover . 

Querstraßen zwischen den Hangstraßen anzuordnen, 
ist nur dort von Nutzen, wo es sich um sanft geneigte 
Halden handelt, weil an steileren Hängen das Bauland durch 
die Hangstraßen vollständig ausgenutzt werden kann und 
die Querstraßen zu Verkehrserleichterungen nur wenig 
zu dienen vermögen. Ihre Anlage bedeutet daher an Hängen 
von irgend erheblicher Neigung eine Verteuerung der Ge- 
ländeerschließung. An sanft geneigten Halden wird meist 
das Gegenteil erreicht werden können, weil die Querstraßen 
nur einer sehr geringen Verkehrsbreite bedürfen, beste 
Ansiedlungsgelegenheit in ruhiger, staubfreierer Lage bieten 
und beiderseitige Bebauung zulassen. 

Für die Querstraßen tritt die hygienische Bedeutung 
der Vorgärten in ihr Recht, auf preiswerte Weise einen 
für den Tageslichteinfall ausreichenden Gebäudeabstand 
schaffen zu können. Die Vorgärten müssen hier sogar 
eine im Verhältnis zur Gebäudehöhe große Tiefe erhalten, 
weil die Straßenbreite aus dem eben angeführten Grunde 
gering zu bemessen ist. Über 8 m wird sie nur in Aus- 
nahmefällen betragen müssen. Der für das betreffende 
Ortsklima im Verhältnis zur Haushöhe wünschenswerte 
Gebäudeabstand ergibt dann die erforderliche Vorgarten- 
tiefe. 

Wichtig ist es für diese Querstraßen, daß sie in aus- 
reichend starken, dem Gelände sich anschmiegenden Kurven 
bergaufwärts geführt werden, damit sie eine für leichten 
Wagenverkehr noch geeignete Neigung erhalten. Zugleich 
entsteht hierdurch eine gefällige Erscheinung des Straßen- 
bildes, die an den Ecken zu packender Wirkung gesteigert 
werden kann. 



(Schluß aus Heft 5.) 

An Flachhängen werden einige dieser Straßen zweck- 
mäßig zu Hauptverkehrsadern gestaltet, weil sie den 
nächsten Weg vom Tal zum Gipfel bilden. Sie bedürfen 
dann einer entsprechenden Breite sowie einer besonders 
sorgfältigen Führung, während die Abmessungen der Hang- 
straßen gering gewählt werden können. Die Geländeer- 
schließung wird hierdurch unter Umständen mit einem 
Mindestmaß an Kosten bewerkstelligt und es gewinnen die 
Hangstraßen durch die Verkehrsruhe für manche Ansiedler 
an Wert. 

An steileren Hängen, welche die Anlage von Quer- 
straßen nicht mehr vorteilhaft erscheinen lassen, wird es 
sich unter Umständen empfehlen, einen oder einige Fuß- 
wege zwischen den Hangstraßen emporzuführen, die eine 
raschere Ersteigung des Gipfels ermöglichen und nament- 
lich einen Weg darstellen, auf dem man das Tal in kürzester 
Frist zu erreichen vermag. Besonders dann, wenn der 
oberste Hangstreifen als öffentlicher Park ausgebildet wird, 
ist dieses Vorgehen ratsam. Die Wegeführung ist dann 
derart auszumitteln, daß sie das Aufwärtsschreiten noch 
ohne übermäßige Kraftanstrengung zuläßt, den Talweg zu 
einem ebenfalls bequemen aber möglichst kurzen macht. 

Der oberste Hangstreifen eignet sich außer zum 
,, Stadtpark" besonders gut zur Aufteilung für Kaffehaus- 
und Gasthausgärten, kann aber auch zur einen Hälfte als 
Rückgarten der obersten Hanghäuser, zur andern Hälfte 
als Vorgarten für die Gipfelrandgebäude dienen, der dann 
einen parkartigen Charakter erhält und die vornehme Er- 
scheinung dieser für das Stadtbild bedeutsamsten Bauwerke 
zu steigern vermag. Je unregelmäßiger die Grundform 



77 



DER STÄDTEBAU 



dieser Gärten sich anordnen läßt, um so besser ist es für 
das Gesamtbild. Unter Umständen wird die vielgestaltige 
Art der Grundstückgrenzen willkommene Gelegenheit zu 
einer derartigen Ausbildung des „Hangparks" bieten. Jeder 
Versuch einer Begradigung dieser Grenzen würde jeden- 
falls zum Schaden der Bergerscheinung ausfallen. 

II. Die Behandlung der Wasserläufe und Wasser- 
becken im Bebauungsplan der Städte. 

Die das Weichbild der Städte kreuzenden Wasserzüge 
sind im vergangenen Jahrhundert vielerorts in geradezu 
unverständlicherweise vernachlässigt. Zwischen den Rück- 
seiten der Grundstücke führen sie den größeren Teil ihrer 
spiegelnden Fläche ungesehen oder nur von wenigen An- 
wohnern beachtet dahin, während sie berufen wären, dem 
Stadtbilde den denkbar höchsten Reiz zu verleihen, wie es 
Dresden unvergleichlich vor Augen führt, wenn der Blick 
von der Brühischen Terrasse über die Eibufer schweift. 
Dieses Beispiel zeigt zugleich, daß unter günstigen Gelände- 
verhältnissen selbst ausgedehnte Verkehrsanlagen am Ufer 
der schiffbaren Ströme gewonnen werden können, ohne 
den Reiz des Stadtbildes zu beeinträchtigen oder den Be- 
wohnern genußreiche Promenaden zu verkümmern. 

Als Grundsatz sollte es daher gelten, innerhalb sämt- 
licher Wohngebiete die Ufer der kleinen wie der großen 
Wasserläufe und sonstigen Wasserflächen von der Be- 
bauung beiderseits bezw. ringsum so weit freizulassen, daß 
sowohl Parkstreifen oder Promenaden wie Verkehrsanlagen 
von angemessener Breite zwischen ihnen und den nur einer- 
seits mit Gebäuden zu besetzenden Uferstraßen gewonnen 
werden können. 

Dabei sollen die Uferstraßen dem Wasserlaufe oder 
dem Wasserbecken nur soweit sich anschmiegen, wie es 
für den Verkehr und die beste Geländeerschließung richtig 
erscheint, damit die Parkstreifen eine abwechslungsreiche 
Gestalt von verschiedenartiger Breite erhalten. Nicht aber 
darf man in den Fehler der Bebauungspläne aus den letzten 
20 Jahren des vorigen Jahrhunderts verfallen, die in der 
Regel eine vollständige Begradigung des von der Uferstraße 
begrenzten Geländeabschnitts aufweisen, ohne dadurch auch 
nur den geringsten Vorteil für die Lage der Grundstück- 
grenzen zur Straße oder für die Baulanderschließung auf- 
zuweisen, während diese beklagenswerten Eingriffe in die 
Natur zu trostlosen Zerrbildern der Städtebaukunst geführt 
haben. 

Ein vollständiges Anschmiegen der Uferstraßenführung 
an die Grundstückformen und Grenzen bei ausreichender 
Wahrung der Verkehrsinteressen führt in der Regel zu- 
gleich zu den reizvollsten Lösungen für den Uferpark, weil 
seine Formen ungezwungen und abwechslungsreich bleiben. 

Der gleiche Erfolg wird meist erreicht, wenn man die 
dem Überschwemmungsgebiet zugehörigen Geländeab- 
schnitte dem Park überläßt, die Uferstraße aber so führt, 
daß sie selbst und die von ihr der Erbauung erschlossenen 
Grundstücke vor Überflutung gesichert sind, falls das Ufer- 
gelände die hierzu erforderliche Erhebung aufweist. Man 
vermag hierdurch häufig umfangreiche Erdarbeiten und 
Böschungsbefestigungen zu vermeiden, deren Minderkosten 
die Mehraufwendung für das Parkland vollständig aus- 
gleichen. 

Auch hier führt in der Regel die Erzielung größter 
Zweckmäßigkeit im Grundplane zur höchsten künstlerischen 



Vollendung des Aufbaues, während die naheliegende aber 
wenig durchdachte Planung der Straßen parallel zum Ufer 
oder als Begradigung desselben im späteren Aufbaue die 
Gedankenarnfmt des Verfassers in seiner Öde nur allzu- 
deutlich erkennen läßt. 

In den Geschäftsvierteln und Gewerbegebieten ist die 
Sachlage eine andere. Hier treten Nützlichkeitserforder- 
nisse anderer Art in den Vordergrund, welche es in der 
Regel werden zweckmäßig erscheinen lassen, die Grund- 
stücke mit ihrer Rückseite unmittelbar an die Ufer der 
Wasserläufe heranzuführen, um sie für Verkehrszwecke 
vollkommen ausnutzen zu können. Ihnen gegenüber dürften 
Ansprüche ästhetischer Art zumeist in den Hintergrund 
treten, namentlich in den Gewerbegebieten, deren wenig 
erfreuliche Bilder auch durch eine reizvolle Gestaltung der 
Wasserzüge kaum wesentlich gewinnen würden. Im Ge- 
schäftsviertel geben dagegen die häufigen Kreuzungen der 
Straßen mit den Wasserläufen ausreichend Gelegenheit zu 
künstlerisch hervorragenden Gestaltungen, und ihre Hafen- 
oder Kaianlagen vermögen bei richtiger Durchbildung ganz 
wesentlich dazu beizutragen, die Erscheinung der Wasser- 
züge und Wasserbecken zu einer reizvollen oder würdigen 
zu machen. Nahe den Verkehrsmittelpunkten, Markthallen 
und Viehhöfen wird das letztere der Fall sein, während 
sonst häufig Warenlager und Werkstätten unmittelbar an 
den Ufern errichtet werden dürften, um den Warenverkehr 
auf billigstem Wege zu ihnen leiten zu können. Im Ge- 
werbeviertel werden im allgemeinen zu dem gleichen Zweck 
die Höfe an die Wasserflächen gelegt werden, deren Krahne 
und Gleisanlagen die Beförderung der Waren vom und zum 
Schiff übernehmen. 

Die Parkstreifen, welche mit ihren Wegen an den 
beiderseitigen Ufern der Wasserläufe sich entlang ziehen, 
vermögen den Bürgern nicht nur zum Ergehen, zur Er- 
holung und zur Augenweide zu dienen, sondern bilden zu- 
gleich die von der Natur gegebenen Zugangsstraßen für die 
Umgebung der Stadt, deren etwaige Naturschönheit sie in 
reizvollster Weise erschließen. Ferner werden sie in der 
Regel Anregung bieten zur Errichtung von Landsitzen an 
den Uferstraßen und in ihrer nahen Umgebung, welche die 
Stadt allmählich mit den Nachbarorten oder Dörfern ver- 
binden. 

Solche Gebiete sollen daher im allgemeinen von vorn- 
herein zum Landhausviertel erklärt werden, und es wird 
sich zumeist empfehlen, an den Uferstraßen und in ihrer 
nächsten Nähe außer dem rings freiliegenden Haus nur die 
„künstlerisch" oder malerisch ausgebildete Gebäudegruppe 
zu dulden, damit dem Reize dieser Geländestreifen nicht 
durch ihre Bebauung Eintracht zugefügt werden kann 
und der Blick auf die Ufer möglichst frei erhalten wird. 

Geländeeigentümlichkeiten können jedoch Ausnahmen 
von dieser Grundregel am Platze erscheinen lassen, z. B. 
dort, wo das Ufer in mehreren Terrassen sich aufbaut, 
deren ebenes Hinterland für die Erscheinung des Bildes 
nicht mehr oder wenig in Betracht kommt, während seine 
Lage zur Stadt auf eine starke Ausnutzung als Bauland 
hinweist. Vielfach wird derartiges Hinterland auch zur 
Erschließung für bescheidene Familienhäuser eine will- 
kommene Gelegenheit bieten, die in größeren Gruppen, in 
Reihen oder in rings geschlossen umbauten Blöcken er- 
richtet werden müssen, um sie preiswert halten und zweck- 
entsprechend gestalten zu können. Unter Umständen wird 



78 



DER STÄDTEBAU 



auch der Sturmanfall für derartiges hochgelegenes Gelände 
eine geschlossene Bebauung als allein zweckentsprechend 
erscheinen lassen. 

Für die Ausbildung der Parkstreifen kommen 
drei Hauptgesichtspunkte in Betracht. Erstens will man 
den Wasserlauf von möglichst vielen Punkten aus über- 
blicken können, und seine spiegelnde Fläche soll allseitig 
zur Wirkung gelangen. Zweitens braucht man schattige 
Wege, die an Sommertagen im Vereine mit der bewegten 
Wasserfläche Kühlung bieten, zum Aufenthalt, zumW andern 
und zum Ergehen einladen. Drittens sind von Baumschlag 
freie oder nur wenig unterbrochene Wege ein Erfordernis, 
um an schwülen Sommerabenden Erquickung in der Nähe 
der Flußufer finden zu können. Zumeist wird für sie eine 
hohe Lage dienlich sein, weil die Luftbewegung dadurch 
verstärkt wird und Schutz vor der Mückenplage geboten 
ist, die abends in nächster Nähe der Ufer andernfalls recht 
arg auszufallen vermag. 

Jene drei zum Teil sich entgegenstehenden Ansprüche 
werden dadurch am ehesten vereint sich lösen lassen, daß 
man das eine Flußufer als Wiesenfläche ausbildet, die nur 
durch einzelne Baumgruppen, niederes Buschwerk u. a. 
abwechslungsreich und wirkungsvoll gestaltet wird, 
während der gegenüberliegende Parkstreifen eine dem 
Wald ähnliche Durchbildung erfährt, dessen geschlossene 
Bestände in unmittelbarer Nähe des Ufers von Zeit zu Zeit 
durch Aussichtspunkte, freie Terrassen u. dergl. unter- 
brochen werden. Der Hauptweg zieht sich aber besser im 
Baumschatten seitlich hin. 

Im Einzelfalle wird selbstverständlich die Eigenart des 
Geländes stets volle Berücksichtigung erheischen und bald 
geringe, bald stärkere Abweichungen von diesen Grund- 
regeln erforderlich machen. 

So wird man am Ufer sich hinziehende Terrassen an 
ihren Hängen bewalden, während auf ihrer Höhe ein Weg 
frei sich hinziehen soll, um volle Aussicht zu gewähren. 
Er ist an schwülen Sommerabenden besonders geeignet, 
die ersehnte Kühlung zu gewähren, kann aber an seiner 
dem Ufer abgekehrten Seite von Baumwuchs umsäumt 
werden, ohne in jener Eigenschaft Einbuße zu erleiden. 

Dagegen wird man Überschwemmungsgebiete haupt- 
sächlich als Wiesenflächen ausbilden und sie nur durch ein- 
zelne Baumgruppen, Weidenbuschwerk u. dergl. beleben, 
um die befruchtende Wirkung des Flußschlammes aus- 
nützen und die Wiesen im Winter als Eisfläche benutzen zu 
können. Die hierzu erforderlichen Staubäche werden zur 
Belebung der Flächen einen willkommenen Beitrag liefern. 



Steht der Stadt nur das eine Flußufer zur Verfügung 
oder ist hier ein Überschwemmungsgebiet von ausreichen- 
der Breite vorhanden, dem die erforderlichen Wege und 
schattenspendenden Bestände durch Hochlegen sich abge- 
winnen lassen, dann darf zur Not das gegenüberliegende 
Ufer auch als Rückgarten der Anwohner dienen. Doch 
ist für ihre Häuser möglichst die offene Bebauung zur 
Durchführung zu bringen und baupolizeilich festzusetzen, 
daß ein Uferstreifen von ausreichender Breite, z. B. gleich 
der doppelten Gebäudehöhe oder die halbe Grundstück- 
tiefe von jeder Bebauung frei bleiben muß. Auszunehmen 
sind von dieser Bestimmung natürlich kleine Bauwerke, 
die zur Verschönerung des Ufers bestimmt sind oder bei- 
zutragen vermögen, wie Terrassen, Freitreppen, Garten- 
häuschen oder Kahnhäuschen, Denkmale und dergl. Im 
übrigen ist parkartige Durchbildung von diesem Uferstreifen 
zu fordern. 

Ein Vorzug der letzteren Uferausbeutung liegt in der 
Ersparnis der Kosten einer zweiten Uferstraße und des 
Fortfalls der von ihr ausgehenden für die Wirkung des 
Parks und für seine Besucher schädlichen Staubbildung. 
Die erst jenseits der Häuser geführte Straße dient dem 
Verkehr in gleich guter Weise, ihre Kosten lassen sich auf 
beiderseitige Anlieger verteilen und ihr Staub trifft den 
Uferpark nicht mehr, weil Gebäude, Gärten und Wasser- 
fläche eine Trennung bilden, welche als Staubschutz selbst 
unter ungünstigen Ortsverhältnissen ausreichen wird. Da- 
gegen geht ihr der Reiz verloren, den eine nur einseitig 
bebaute Uferstraße den auf ihr Verkehrenden bietet. Auch 
breite Gebäudewiche, die Ausblick auf die Wasserfläche 
und den Uferpark gestatten, vermögen ihn nicht zurück- 
zugewinnen, sondern nur einen schwachen Ersatz seines 
Verlustes zu gewähren. 

Je nach dem Reize des Geländes, seinem Geldwert, dem 
Mangel oder dem Überfluß an Straßen und Wegen, die 
Augenweide bieten, wird bald die eine, bald die andere 
Ausbildung den Vorzug erhalten. Im allgemeinen empfiehlt 
sich aber die Erfüllung der oben gegebenen Grundregel, 
beide Uferseiten als öflFentlichen Park den Bürgern zu er- 
halten und sie als reizvolle Zugangswege zur Stadtum- 
gebung auszunützen. Je größer die Stadt wird, um so 
wertvoller dürfte die Gestaltung für ihre Erscheinung, für 
das Wohlbefinden und das Wohlbehagen ihrer Bürger 
werden. Fehler, welche die Mittelstadt oder die Vororte 
nach dieser Richtung begehen, dürfte die Großstadt zu be- 
klagen haben, die aus der ersteren sich entwickelt oder 
die letzteren in ihr Weichbild aufnimmt. 



WIEDERAUFBAU 

DER SCHAFGASSE ZU HERBORN 



Von LUDWIG HOFMANN, Herborn. 



In dem Landstädtchen Herborn (dem Geburts- und 
Wohnorte des Verfassers), das neben Resten der mittel- 
alterlichen Stadtbefestigung noch eine größere Anzahl von 
Gebäuden aus dem 16. und 17. Jahrhundert von künst- 
lerischem Reize besitzt, hatten größere Brände am 
18. August V. J. einen Baublock freigelegt, der sich an 



der östlichen Stadtmauerseite entlang zieht und von einer 
untergeordneten, dem Zuge der Mauer folgenden Straße, 
der Schafgasse, begrenzt wird (vergl. den Lageplan auf 
Tafel 46). Die abgebrannten Gebäude sind meist Scheunen 
gewesen, aber auch kleinere Wohnhäuser, die hier und 
da wohlerhaltene Arbeiten aus früherer Zeit gezeigt hatten. 



79 



DER STÄDTEBAU 



In der Mitte der Brandstätte steht ein alter Turm, durch 
dessen enge Öffnung eine Straße hindurchführte; ebenso 
werden die beiderseits anschließenden Mauerteile am Ende 
von Türmen flankiert. 

Wie war nun die Neubebauung vorzubereiten? Zu- 
nächst handelte es sich darum, zweckentsprechende Bau- 
plätze und Straßenzüge zu schaffen und diese mit den 
vorhandenen Straßenmündungen und den zu erhaltenden 
Türmen in organischen Zusammenhang zu bringen. So- 
dann war Bedacht darauf zu nehmen, daß innerhalb der 
Fluchtlinien und Grundstücksgrenzen wieder Hauswesen 
entstehen könnten, die dem Bedürfnisse der neubauenden 
Bewohner entsprechen. Schließlich — und das war das 
Schwierigste — sollte der gesammten Neuschöpfung ein 
einheitliches Gepräge gegeben werden, das nicht allein 
künstlerischen Ansprüchen genügt, sondern auch ein wür- 
diges Gegenstück zu den Straßenbildern abgibt, die der 
Stadt zum Glück noch erhalten sind. 

Nach diesem Programm sind die hier mitgeteilten 
Vorschläge (siehe Tafel 47) gemacht worden, die vom 
Altertumsvereine der Stadt und von der Königl. Regierung 
zu Wiesbaden unterstützt wurden. Wenn auch von der 



Stadtmauer selbst nicht viel erhalten bleibt und man damit 
rechnen mußte, daß sich die Bebauung der Hausgrund- 
stücke vielfach anders gestalten wird, so sind doch die 
Straßenlinien und die Platzanlagen an den drei Türmen 
nach jenen Vorschlägen festgelegt worden. 

Der Turm des Schaubildes A ist wieder durch einen 
Helm ergänzt worden und auch zur Wiederherstellung des 
Mittelturmes (auf dem Schaubilde B) werden im Auftrage 
der Königl. Regierung unter stiller Mitwirkung des Ver- 
fassers Pläne ausgearbeitet. Inzwischen ist auch die 
Brandstätte wieder bebaut worden und zwar mit verein- 
zelten kleinen Wohnhäusern, leider mit empfindlichen 
Fehlgriffen. Ob sich die Straßenfront mit der Zeit noch 
schließen wird, läßt sich nicht voraussehen. Da fast jedes 
Grundstück an der Rückgrenze ein Wirtschaftsgebäude 
erhalten hat, und auch der Abbruch der Stadtmauer sich 
trotz aller Bemühungen, Vorträge und Zeitungskämpfe unter 
der Ungunst der städtischen Verwaltung nicht mehr hatte 
aufhalten lassen, so ist das gegenwärtige Bild allerdings ein 
recht unbefriedigendes. Immerhin bleibt es ein Trost, daß 
wenigstens die im Bebauungsplane festgelegten Fluchtlinien 
gesichert und die alten Stadttürme erhalten worden sind. 



ZUR ABWEHR! 

Die im 4. Heft dieser Zeitschrift auf Seite 52 53 erschie- 
nene Entgegnung des Herrn Geheimen Baurats Dr. Ing. 
J. Stubben, den Bebauungsplan des südlichen Teiles der 
Stadt Flensburg betreffend, enthält so viele Irrtümer, daß 
eine Richtigstellung notwendig erscheint. 

Stubben spricht von dem großen Mühlenteiche als von 
einem ,, bisher von hohen schattigen Hängen und freund- 
lichen Spaziergängen umgebenen See", den er als ,,das 
Auge der Landschaft" bezeichnet. In Wirklichkeit bieten 
aber die kahlen, unbewaldeten Hügel der Umgebung des 
Teichbeckens, mit Ausnahme eines mit Bäumen alleemäßig 
bepflanzten Fußweges am westlichen Hange, keinen Schatten 
dar. Sie sind mit Getreidefeldern und mit Gärten der in 
dem benachbarten Arbeiterviertel wohnenden Leute be- 
deckt. Ein nennenswerter Baumwuchs ist nirgends vor- 
handen und höchstens kann hier und da von einigem Ge- 
strüpp die Rede sein. 

Stubben sagt am Schluß seiner Ausführungen: 

„Aber auch Henricis Entwurf hat die Eigentüme- 
rin nicht etwa den städtischen Behörden zur Ausfüh- 
rung angeboten, sondern sie hat in dem Widerstreben 
gegen die auf möglichste Erhaltung einer landschaft- 
lichen Schönheit gerichtete Absicht des Magistrates 
es vorgezogen, den See größtenteils zuzuschütten und 
völlig trocken zu legen. Übrig geblieben ist nur eine 
von einem Entwässerungsgraben durchzogene Wiese, 
die von der Besitzerin durch Schuttabladung aufgehöht 
wird. Um Zuschüttungsboden zu gewinnen, sind seit- 
liche Anhöhen, darunter namentlich der von C. Gur- 
litt hervorgehobene Bergkopf, abgetragen worden. An 
die Stelle eines lachenden Landschaftsbildes ist eine 
Wüste getreten". 
Diese Äußerungen widersprechen vollkommen den 
Tatsachen. 



1. Das Angebot des Henricischen Entwurfes ist tat- 
sächlich im April 1902 erfolgt. — Die Schrift, mit welcher 
die Firma R. den Bebauungsplan von Henrici der Stadt 
überreichte, schließt mit folgendem Satze: 

„Wenn die Stadt sich mit diesem Entwurf ein- 
verstanden erklärt, die Festlegung desselben bewirken 
und anerkennen will, daß ich, meine etwaigen Mit- 
besitzer oder Besitznachfolger dauernd den ungehin- 
derten und freien Abfluß aller Wässer genießen sollen, 
die von meinem jetzigen Grundbesitz kommen, dann 
bin ich bereit, unter Vorbehalt einiger unbedeutender 
Nebenbedingungen auch auf meine sämtlichen Gerecht- 
same und Privatrechte zu Gunsten der Stadt zu ver- 
zichten". 
(Die Nebenbedingungen, welche die Firma R. bei ihrem 
Angebot des Henricischen Entwurfes machte, waren durch 
Meinungsverschiedenheiten über die Ableitung von privaten 
und öffentlichen Abwässern verursacht.) 

2. Der von C. Gurlitt hervorgehobene Bergkopf ist 
bereits im März 1901, also noch ehe Stubben seinen Ent- 
wurf fertiggestellt und abgeliefert hatte, abgetragen gewesen. 

3. Zu den weiteren Zuschüttungen ist nicht ein Sand- 
korn von den seitlichen Hängen benutzt worden. 

4. Die Zuschüttung ist noch nicht soweit vorge- 
schritten, wie Stubben sie nach seinem eigenen Plane 
erlauben will. Die „an die Stelle eines lachenden Land- 
schaftsbildes getretene Wüste" hätte vorübergehend, also 
auch unter Zugrundelegung des Stübbenschen Entwurfes 
entstehen müssen. 

Der Versuch, die Firma R. für die „Verwüstung 
der Gegend" verantwortlich zu machen, muß mit 
aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden. 

Die Firma hat wiederholt der Stadt die Absicht zur 
Trockenlegung des für ihren Wassermühlenbetrieb fast 



80 



DER STÄDTEBAU 



wertlosen, in seiner Bestanderhaltung aber sehr kostspie- 
ligen Teiches rechtzeitig mitgeteilt. Die Trockenlegung ist 
erst dann erfolgt, nachdem von der Stadt — nach monate- 
langen Verhandlungen über den Stübbenschen und Henri- 
cischen Bebauungsplan — erklärt war, daß seitens der 
Stadt die Festlegung eines Fluchtlinienplanes bezw. 
Bebauungsplanes für das Teichgelände im öffent- 
lichen Interesse z. Zt. überhaupt nicht gewünscht 
werde! — Durch diese bündige Erklärung sind die Ver- 
handlungen vom Magistrat, nicht aber von der Eigen- 
tümerin abgebrochen worden. 

Die Wiederherstellung des Teiches ist zu jeder Zeit 
möglich. Sie ist ausschließlich abhängig von dem Willen 
und dem Entgegenkommen der Stadt sowie ihres mut- 
maßlichen Beraters in Bebauungssachen, des Herrn Stubben, 
dem der Beweis wohl schwerlich gelingen dürfte, daß der 
von der Firma R. der Stadt angebotene Henricische Be- 
bauungsplan die landschaftlichen Reize des Mühlenteich- 
geländes weniger liebevoll behandle als der Stübbensche. 

Ernst Kallsen 
als bevollmächt. Vertreter der Firma N. Ringe in Flensburg. 



Erwiderung. 
Ich halte meine Angaben in vollem Umfange auf- 
recht. Soweit sie nicht auf eigener Kenntnis beruhen, 
stützen sie sich auf ausdrückliche Mitteilungen der 
Stadtverwaltung. Wäre der See nicht aus freien Stücken 
von der Eigentümerin vernichtet worden, so brauchte 
er nicht wiederhergestellt zu werden. Im übrigen ist 
diese Zeitschrift kaum der geeignete Ort zur Ausein- 
andersetzung mit einer Grundbesitzerfirma, die, wie 
es häufig vorkommt, ihr Gelände stärker ausschlachten 
möchte, als es von der zuständigen Behörde für statthaft 

erachtet wird. 

J. Stubben. 



Nachdem die kurze Erwiderung auf Wunsch un- 
veränderte Aufnahme gefunden hat, ist das Interesse der 
Zeitschrift an dieser Sache erschöpft. 

Die Schriftleitung, 



NEUE BUCHER. 



DIE TÄTIGKEIT DER STADT ULM A. D. AUF DEM 
GEBIETE DER WOHNUNGSFÜRSORGE. Für Arbeiter 
und Bedienstete, (Häuser zum Eigen-Erwerb). Von Oberbürgermeister 
Wagner, 1903. Druck und Verlag von J. Ebener, Ulm a. D. 

Die Stadtgemeinde Ulm betreibt bereits seit einer Reihe von Jahren, — 
und damit steht sie in Deutschland fast einzig da, — den Bau von 
Arbeiterwohnungen zum eigenen Erwerb unter Beschränkung des Rechtes 
der Wiederveräußerung, und somit unter Ausschluß der Spekulation nach 
einem Systeme, das mit seinen Erfolgen in der obengenannten Schrift dar- 
gestellt wird. Die Wohnungsnot hatte zunächst zur Erbauung eines Hauses 
für städtische Beamte, dann zur Begründung eines Wohnungsvereins 
geführt, der bei aller Unterstützung durch die Gemeinde, aus Mangel an 
Kapital jedoch nicht Arbeiterwohnungen genug beschaffen konnte, so daß 
die Gemeinde selber zum Bau von Häusern überging und zwar für 
Arbeiter und Beamte zum Eigenerwerb. Die Zahl der so entstandenen 
Häuser beträgt schon 65. 

Die Schrift teilt nun auf 2 Tafeln Schaubilder von den Häusern des 
Wohnungsvereins, auf 3 weiteren Tafeln Schaubilder der Arbeiter-Eigen- 
häuser nebst einer Gesamtansicht des damit geschaffenen Stadtteiles, sowie 
im Text zahlreiche Grundrisse und Ansichten mit. Ein Schaubild der 
Stadt Ulm nebst Lageplan vervollständigt die Abbildungen in willkommener 
Weise. Der Verfasser schildert ferner die Beschaffung der Geldmittel, die 
Tilgung der Schulden durch die Hauseigentümer, die Sterblichkeitsverhält- 
nisse in den Arbeitervierteln usw. und gibt dann in den Kapiteln 8 und 12 
eine interessante Abhandlung über städtische Bodenpolitik auf Grund der 
in Ulm gesammelten Erfahrungen nebst den Bedenken und Einwendungen, 
die gewöhnlich gegen den Wohnungsbau und besonders gegen den des 
Eigenhauses erhoben werden. Allen, die praktisch in der Wohnungs- 
fürsorge tätig sind, besonders aber denen, die bisher noch zweifelten, ob 
der zu Ulm eingeschlagene Weg ein richtiger sei, kann das Studium dieses 
Büchleins sehr warm empfohlen werden. 

DER MAGISTRATSENTWURF EINER NEUEN BAU- 
ORDNUNG FÜR WIEN. Die kurze Erwähnung des Ent- 
wurfes in Nr. 5 des vorigen Jahrganges unserer Zeitschrift ist auf einen 
Vortrag zurückzuführen, den der Magistrats-Oberkommissär und Schrift- 
steller Dr. Wolfgang Madj^ra im Januar v. J. in der sozial-politischen 
Abteilung der „Leo-Gesellschaft" in Wien über diesen Gegenstand gehalten 
hat. Damit ist die geplante Reform der Wiener Bauordnung vor die 



Besprochen von THEODOR GOECKE, Berlin. 

Öffentiichkeit gebracht, und zwar, wie der im Verlage der Manzschen 
K. K. Verlags- und Universitätsbuchhandlung in Wien 1904 gedruckt 
erschienene Vortrag erkennen läßt, von einem hohen, die Sorge um 
das Gemeinwohl gleichermaßen, wie die möglichste Rücksicht auf den 
einzelnen Bürger umfassenden Standpunkte aus der Bevölkerung vorgeführt 
worden. Der Verfasser sagt in der Einleitung: ,,Da sind hygienische 
Erledigungen in die erste Linie zu stellen, dann folgen ästhetische Anfor- 
derungen, dann, ebenso -berechtigt, jene des Verkehrs — der übrigens 
heutzutage eine Art Abgott bildet und von manchen Seiten in einer Weise 
in den Vordergrund gedrängt wird, die nicht nur alle historische Pietät 
über den Haufen wirft, sondern auch der Gemeinde ganz unerhörte und 
überflüssige Geldopfer zumutet. Denn das sind weitere Punkte, die bei 
Schaffung einer Bauordnung erwogen werden müssen: die historische Ent- 
wicklung und die ökonomischen Rücksichten; die ganze bauliche Aus- 
gestaltung einer Stadt wandelt auf den Bahnen ihrer Geschichte." 

Die geltende Bauordnung, von der nur einige Bestimmungen durch 
ein Landesgesetz vom Jahre 1890 abgeändert, bezw. den Verhältnissen des 
erweiterten Gemeindegebietes — nach Eingemeindung der Vororte — 
angepaßt wurden, stammt aus dem Jahre 1883 und ist im Grunde 
genommen selbst nur eine Abänderung und Erweiterung früherer Bauord- 
nungen, die im wesentlichen auf der geschlossenen Bauweise der alten 
Festungstadt fußten. Der Magistrat hat nun, der Entwicklung der Stadt 
folgend, den Entwurf einer neuen Bauordnung ausarbeiten lassen, als 
dessen Verfasser der Baureferent des Magistrats, Dr. Franz Sauer genannt 
wird. Weit ausgreifende Vorarbeiten des Stadtbauamtes und des österr. 
Ingenieur- und Architekten- Vereins sind dabei benutzt worden; dazu ist 
das Studium reichsdeutscher Bauordnungen, namenüich auch der Berliner 
gekommen. In seiner Besprechung des Entwurfes stellt Dr. Madj^ra nun 
den Satz voran: 

„Die Entwicklung der Stadt vollzieht sich teils nach dem von der 
Gemeinde erlassenen Regulierungsplan, teils nach dem im einzelnen Falle 
zutage tretenden freien Willen des Grundbesitzers. Demgemäß enthält 
der Bauordnungsentwurf einerseits Bestimmungen über jenen Regulierungs- 
plan, andererseits Vorschriften, innerhalb deren sich die Bautätigkeit 
im einzelnen zu halten hat." 

Dies klingt so selbstverständlich, daß man meinen möchte, es würde 
immer und überall darnach verfahren. Dem ist aber nicht so, obwohl alle 
Bauordnungen in der Luft schweben, die nicht auf einem Bebauungsplan 
fußen. Denn die Straßenanlagen müssen den Baubedürfnissen der 



81 



DER STÄDTEBAU 



gewohnten Bauweise entsprechen ; umgekehrt müssen also die Vorschriften 
über die Abstufung der Bebauung, die Zonenteilung sich dem Bebauungs- 
plan anpassen. Das Wiener Gemeindegebiet soll in 5 Bauzonen geteilt 
werden, die aber nach der Beschreibung nur z. T. eigentliche Zonen 
bilden, im übrigen deshalb besser Baustufen oder Staffeln genannt würden. 
Die erste Bauzone umfaßt die alte Stadt und die damit unmittelbar zu- 
sammenhängenden Teile der Umgebung, die bereits ebenso engräumig 
bebaut sind. Hier werden durchweg 6 Wohngeschossse zugelassen mit 
der Beschränkung, daß der Fußboden des obersten Geschosses höchstens 
21 m über dem Erdboden liegen darf. Die Gebäudehöhe soll das i'/a fache 
der Straßenbreite nicht überschreiten. Die zweite Bauzone, mit nur 
5 Wohngeschossen legt sich um die erste ringförmig herum, strahlt dann 
aber nach außen hin auch an den Hauptverkehrsstraßen entlang aus. In 
ihr dürfen nur 5 Wohngeschosse errichtet werden mit einer Gebäudehöhe, 
die das i 'j^ fache der Straßenbreite erreicht. Die zwischen den Straßen 
der zweiten Bauzone sich erstreckenden Flächen bilden die dritte Bauzone, 
in der nur noch 4 Wohngeschosse hoch gebaut werden darf. In diesen 
drei Zonen herrscht die geschlossene Bauweise, in der dritten Zone unter 
Umständen mit Anlage von Vorgärten. Die vierte Zone mit höchstens 
3 Wohngeschossen umfaßt jene Gebiete, in denen in der Regel Vorgärten 
anzulegen, oder überdies die Häuser freistehend zu errichten sind. Hier 
sind belästigende Gewerbebetriebe ausgeschlossen — Landhausviertel. Die 
Gebäudehöhe darf in der dritten und vierten Zone das Maß der Straßen- 
breite nicht übersteigen. Die fünfte Zone endlich ist vorzugsweise Handel- 
und Industriezwecken vorbehalten; dazu bestimmte Gebäude dürfen, wie 
. es bisher im allgemeinen zulässig war, beliebig viele Geschosse erhalten. 
Im übrigen werden hier aber nur 3 Wohngeschosse gestattet. Die an 
der Straßenfront zulässigen Gebäudehöhen gelten auch für die Hofseiten. 
Für die Abmessung der Hofräume wird unterschieden zwischen der 
Wiederbebauung bereits bebaut gewesener Grundstücke und der völligen 
Neubebauung. Bei ersterer soll die Breite des Hofraumes vor dem 
Fenster in der ersten Zone die Hälfte, in der zweiten Zone '3, in den 
übrigen Zonen ebensoviel als die Höhe der gegenüberliegenden Wand 
betragen und zwar der gegenüberliegenden Wand desselben Hauses. Wo 
der Abstand von Nachbargrenzen in Betracht kommt, wird die Höhe der- 
jenigen Wand zum Maßstab genommen, in der sich die Fenster befinden. 
Bei Wiederbebauungen sind die Anforderungen geringer und zwar begnügt 
man sich dort in der ersten Zone mit 'j^, in der zweiten Zone mit '/j, in 
den übrigen Zonen mit der Hälfte der bereits erwähnten Höhenmaße. 
Hierzu spricht Dr. Madjera den Wunsch aus, auch für die zweite, die aus- 
gedehnteste Zone, das Hälfteverhältnis vorzuschreiben. 

Abgesehen von dieser Zonenteilung hat der Bebauungsplan noch zu 
enthalten : die Bezeichnung der für militärische Zwecke bestimmten Flächen 
unter Angabe etwaiger Beschränkungen für die Benutzungsart ihrer Um- 
gebung; der für öffentliche Plätze, Grünanlagen und Anstalten (z. B. Kirchen, 
Schulen, Spitäler, Markthallen, Friedhöfe, Gartenanlagen) in Aussicht 
genommenen Teile des Gemeindegebietes; die Bezeichnung der vor- 
handenen und noch zu schaffenden Verkehrswege, einschl. der Wasser- 
straßen usw. 

Wie hieraus zu ersehen, hängt in der Hauptsache alles vom Bebau- 
ungsplan ab; mit der Aufstellung eines solchen allgemeinen Planes für 
„Groß- Wien'' war auch bereits begonnen ; unseren Lesern wird erinnerlich 
sein, daß dieserhalb vor einer Reihe von Jahren ein Wettbewerb aus- 
geschrieben war, jedoch sind die Arbeiten später ins Stocken geraten, was 
vielleicht als kein Unglück angesehen werden dürfte, da inzwischen erst 
die soziale Bedeutung des Bebauungsplanes erkannt worden ist, der nun- 
mehr noch Rechnung getragen werden kann und soll. Offenbar steht ja 
auch der ganze Magistratsentwurf der neuen Bauordnung im Zeichen 
sozialer Fürsorge, unter gleichzeitiger Berücksichtigung der hygienischen 
Anforderungen. Darauf beziehen sich dann die weiteren Vorschriften über 



das geringste Lichtmaß und den mindesten Flächenraum der ^A^ohnräume 
usw., über Errichtung der Gebäude in Bezug auf die herrschende Wind- 
richtung und notwendige Besonnung. Einen bedeutenden Fortschritt muß 
man in dem teilweisen Verbot der Keller-Wohnungen erblicken, in dem 
der Entwurf sagt: 

„In Räumen, deren Fußboden nicht mindestens 30 cm, (wenn nicht 
unterkellert) bezw. 15 cm (wenn unterkellert) über der anstoßenden Erd- 
fläche liegt, darf keine selbständige Wohnung hergestellt werden. Wohl 
wird gestattet, daß einzelne, nicht als Schlafräume verwendete Bestandteile 
einer Wohnung im Keller unter gewissen Bedingungen untergebracht werden ; 
die wichtigste lautet, daß der Fußboden dieser Räume nicht tiefer als i '/^ m 
unter dem höchsten Punkte der anstoßenden Erdoberfläche liegen darf, der 
betreffende Raum aber 3 m lichte Höhe erhalten muß, und dann der Keller 
überhaupt als Wohngeschoß zu gelten hat. 

Der Verfasser berührt dann auch in seinem Vortrage die Absicht, 
einen Waldgürtel um Groß-Wien herum zu erhalten, um der Bevölkerung 
ein Stück unverfälschter Natur anstatt künstlicher Parkanlagen zu bieten. 
Die Ausgestaltung des Bebauungsplanes betreffend, würdigt er dann die 
Verdienste von Camillo Sitte, der auf diese Weise noch nach seinem Tode 
in Wien zur vollen Anerkennung gelangt, denn die neue Bauordnung 
trachtet entschieden darnach, eine malerische Belebung und Bewegung 
der Straßenfront zu begünstigen, in der Hoffnung, daß der Erfindungs- 
geist der Architekten die gegebene Anregung ausnutzen wird. Sie be- 
rücksichtigt ferner die Schonung historisch und künstlerisch wertvoller 
Denkmäler. 

Der Entwurf wagt es auch bis zu einer gewissen Grenze den 
Geschmacklosigkeiten der Bebauung entgegenzutreten, die zu begehen, wie 
der Verfasser sagt, bisher als ein unantastbares Menschenrecht gegolten 
habe und die schon so manches Straßenbild in barbarischer Weise zerstört 
haben. Er ermächtigt nämlich die Gemeinde nach Vernehmung der Grund- 
besitzer, in besonderen Fällen, sowie allgemein auf Grund des 
Bebauungsplanes, für die Konstruktion und die äußere Erscheinung der 
Gebäude Vorschriften zu erlassen, um öffentlichen Verkehrsflächen einen 
einheitlichen Charakter zu geben und zu erhalten. An öffentlichen Verkehrs- 
flächen dürfen ferner keine Gebäude errichtet werden, die nach dem Aus- 
spruche von Sachverständigen, (hier kommt also der schon öfter geforderte 
künstlerische Beirat zu seinem Rechte), die Straße oder den Platz verun- 
zieren, oder einer Verkehrsfläche auffällig widersprechen würden. Dabei 
wird auf die Umgestaltung des Karlsplatzes als ein lebendiges Beispiel 
verwiesen. — 

In wirtschaftlicher Hinsicht läßt der Entwurf die Bebauung bisher 
noch nicht bebauten Bodens nur dann zu, wenn die Gemeinde ihn aus- 
drücklich vorher als Baugrund anerkannt hat. Dies bringt die unentgelt- 
liche Abtretung des Straßenlandes mit sich. Muß der Grundbesitzer bei 
einem Neubau hinter die frühere Flächenlinie zurückgehen, so wird er für 
den abgetretenen Boden allerdings schadlos gehalten. Diese Schadlos- 
haltung soll aber berechnet werden nach dem Unterschiede der 'Werte, den 
das Grundstück, abgesehen von den darauf befindlich gewesenen Baulich- 
keiten vor und nach der Abtretung gehabt hat, bezw. erhalten hat und da- 
bei soll die, durch die Straßenabänderung und Zurückschiebung des Baues 
entstehende Wert-Vermehrung für das übrig bleibende Grundstück, sowie 
der etwaige Gewinn an Straßenfront besonders in Rechnung gestellt werden. 
Ergibt sich dann eine überwiegende Wertvermehrung, so ist keine Schad- 
loshaltung zu gewähren. Weitere Bestimmungen betreffen dann noch die 
Beitragsleistungen der Grundbesitzer zu den Straßenbaukosten usw. auf die 
hier näher einzugehen aber wohl verzichtet werden kann. 

Im Ganzen macht sich in dem Entwürfe ein frischer, von Bureau- 
kratismus freier Geist bemerkbar, dem aber auch der günstige Umstand zu 
gute kommt, daß der Bebauungsplan als die Grundlage der Bauordnung 
dienen soll. 



82 



DER STÄDTEBAU 




■piN KÜNSTLERISCHER STADTBAUPLAN. In der Sitzung 
* ' des Ausschusses zur Pflege heimatlicher Kunst und Bauweise in 
Sachsen und Thüringen am 2i. Januar d. J. berichtete der Vorsitzende 
Oberbaurat Schmidt über einen beachtenswerten Vorgang in der Stadt 
Dippoldiswalde, der das Schicksal vieler geschichtlich und landschaftlich 
bemerkenswerter Städte bevorstand, nämlich auf dem Wege eines nach 
den Grundsätzen der Straßengeometrie gefertigten Baufluchtenplanss alles 
das zu verlieren, was ihr besonderen Reiz verleiht. Noch in letzter 
Stunde hatte sich die Stadtgemeinde aber an den Ausschuß gewandt mit 
der Bitte um fachmännische Unterstützung bei der Aufstellung eines 
zweckentsprechenden Bebauungsplanes. Dieser Bitte hatte der Ausschuß 
bereitwilligst entsprochen; die Herren Architekten Professor Tscharmann 
und E. Kühn stellten gemeinsam einen Baufluchten- und Bebauungs- 
plan auf, der noch vor Schluß des Jahres 1904, von einem kurzen Be- 
richte des Architekten Herrn Kurt Diestel begleitet, überreicht werden 
konnte. (Hierzu Tafel 48.) 

Von der ursprünglichen Annahme einer Baufluchtenfeststellung für 
die innere Stadt ist nach diesem Berichte abgegangen worden, da der 
Durchgangsverkehr teils oberhalb, teils unterhalb der Stadt vorbeiführt und 
somit einen Einfluß auf die Straßenverhältnisse der inneren Stadt nicht zu 
äußern vermag. Eine Verbreiterung ist nur für die dem Markte zunächst 
gelegene Hälfte der Wassergasse beibehalten worden. Die Durchführung 
eines weitergreifenden Straßenverbreiterungs- Planes, insbesondere unter 
dem Gesichtswinkel der ,, Begradigung", würde einen durch keine be- 
sonderen Verkehrs- und Wohnungsbedürfnisse bedingten Eingriff in über- 
lieferte örtliche Zustände bedeuten und entgegen § 18 (i) des allgemeinen 
Baugesetzes lediglich eine Verunstaltung der bestehenden Straßen und 
Plätze herbeiführen. Dies wäre um so mehr zu bedauern, als die Stadt 
Dippoldiswalde in baulicher Hinsicht unter den uns überkommenen alten 
Städten Sachsens eine Sonderstellung einnimmt, die bei Aufstellung von 
Bauordnungen und Bebauungsplänen auch eine Sonderbehandlung zu 
rechtfertigen scheint. 

Arm an nennenswerten Werken der Baukunst, wie sie den Wert 
etwa der Städte Meißen, Pirna, Zittau und anderer bestimmen, überragt 
sie diese trotz ihrer geringen Ausdehnung durch die Einheitlichkeit ihrer 
baulichen Grundstimmung und die Planmäßigkeit ihrer Gesamtanlage. 

Die Zweckmäßigkeit der Straßenführung, die räumlichen Abmessungen 
der Plätze und die Maßverhältnisse der sie begrenzenden, fast schmuck- 
losen Häuser stellen eine wohlüberlegte stadtbaukünstlerische Leistung 
dar, die mit großem Geschick gesteigert wird durch gelegentlich mit 
feinem Takt getroffene Ausnutzung der wenigen architektonisch hervor- 
tretenden Bauwerke zur Schmückung von Straßenfernblicken und kleinen 
Plätzen. 

Besonders bemerkenswert erscheint das Verschieben der Straßenein- 
mündungen gegen einander mit ihren wirtschaftlichen und verkehrs- 
technischen Vorzügen. Jedem der vier Eckhäuser wird ein freier Ausblick 
gewährt, dem Straßenverkehr aber eine Übersichtlichkeit gegeben, wie sie 
bei regelmäßiger Straßenkreuzung nicht zu erreichen wäre. (Vergl. hierzu 
als beachtenswertes Beispiel die Kreuzung der Galerie- und Frauenstraße 
in Dresden.) 

Vom baugeschichtlichem Standpunkte ist die Stadt Dippoldiswalde 
insofern bemerkenswert, als sie anscheinend völlig unberührt geblieben 
ist von dem für manch eine Stadt verhängnisvollen Einflüsse der die 



letzten dreißig Jahre beherrschenden Stilwechsel. Fast wie ein Lehr- 
beispiel für die auf Einfachheit und Sachlichkeit hinzielenden Bestrebungen 
des modernen Bauwesens erscheint uns heute die Stadt Dippoldiswalde 
als ein vorbildliches Ganzes, das dem Schutze einer einsichtigen Bürger- 
schaft wie der hohen Staatsbehörden wärmstens empfohlen werden kann. 
Handelt es sich doch um Werte, deren Nutznießung heute noch jedem 
einzelnen zu Gebote steht, ohne daß er sich dessen bewußt werde, die 
vielleicht langsam, aber gewiß und unwiederbringlich verloren gehen 
würden, sobald dieses Ganze mit seiner Harmonie von Straßen und 
Plätzen einem Straßenerweiterungsplane überantwortet werden sollte, 
dessen längst überholte, schon von der nächsten Generation nicht mehr 
verstandene Anschauungen dann auf weitere zwei bis drei Jahrhunderte 
hinaus verschleppt würden. 

Für die in Frage kommende Bebauung des zwischen der alten Stadt 
und der Weisseritz liegenden Geländes sei bemerkt, daß angesichts der 
nur langsam zunehmenden Bautätigkeit die Schaffung eines auf weit über 
hundert Jahre ausreichenden Bebauungsplanes leicht durch eine genaue 
geometrische Geländeaufnahme, sowie eine den örtlichen Verhältnissen 
und den neuzeitlichen baufachlichen Anschauungen angepaßte Ortsbau- 
ordnung hätte ersetzt werden können. Es muß jedoch zugegeben werden, 
daß den Nachteilen eines Bebauungsplanes, dessen Zustandekommen er- 
fahrungsgemäß zuvörderst ganz andere und bedenklichere Kräfte auszu- 
lösen pflegt, als sie der gesunden baulichen Entwicklung einer Stadt 
dienlich sind, die Vorzüge einer klaren Übersicht über die Beschleusungs- 
verhältnisse mindestens gleich zu achten sind. Die bauliche Erschließung 
auch dieses Stadtteiles bedurfte zur Vermeidung wirtschaftlicher Mißgriffe 
eingehende Beachtung der örtlichen Boden- und Besitzverhältnisse, sowie 
der etwa vorhandenen landschaftlichen Werte. 

Der vorliegende Bebauungsplan nimmt, soweit ersichtlich, auf alle 
Anforderungen des Verkehrs und der Hygiene vollauf Rücksicht, und 
wenn auch seine ganze Wirksamkeit erst bei völlig planmäßiger Aus- 
nutzung zur Geltung kommen kann, so werden seine Vorzüge voraus- 
sichtlich schon im Anfangstadium seiner Durchführung klar erkennbar 
sein. Als wesentliche Vorzüge wären zu bezeichnen : wohlüberlegte Ver- 
kehrswege, unter besonderer Berücksichtigung der Eigentümlichkeiten des 
Geländes, sowie bestehender und künftiger Verkehrsbedürfnisse, strenge 
Scheidung zwischen Wohn- und Verkehrstraße, unter Anwendung ange- 
messener Straßenbreiten. Auf die richtige Bemessung der Straßenbreiten im 
vorliegenden Plane sei hier besonders hingewiesen, da ihr die Erfahrung zu 
Grunde liegt, daß übermäßige Straßenbreiten lediglich die Mütter der 
Bauspekulation zu sein pflegen und vergeudetes Nationalvermögen 
bedeuten, sofern sie für die Anwohner nicht noch gesundheitliche Nach- 
teile im Gefolge haben. 

Sollte es noch gelingen, die örtlichen Bauvorschriften, die den 
Bebauungsplan wirksam ergänzen und seine zeichnerischen Rätsel zu lösen 
haben — der Entwurf wurde ebenfalls vom Ausschüsse zur Verfügung ge- 
stellt — , zur Annahme zu bringen, so dürfte in Dippoldiswalde erstmalig 
bewiesen werden, daß das in so vielen Bauordnungen ersichtliche Miß- 
verhältnis zwischen ihrem Inhalte und den von der Örtlichkeit einerseits 
und den allgemein anerkannten technischen, gesundheitlichen und bau- 
künstlerischen Grundbedingungen andererseits, weniger auf unabweisbarer 
Notwendigkeit als auf dem zu weit gehenden Schutze des örtlichen 
Bauordnungs-Dilettantismus beruht. 



83 



DER STÄDTEBAU 



STETTINER VORGÄRTEN. Als die Stadtverwaltung die Be- 
bauungspläne für die neuen Stadtteile vor dem Berliner und dem Königs- 
tore festlegte, wurden nicht nur große Plätze für öffentliche Anlagen heraus- 
geschnitten, sondern man sah auch Straßenzüge mit Vorgärten vor und 
gab in den baupolizeilichen Bestimmungen Vorschriften über Größe, Um- 
wehrung und allgemeine Anordnung der Vorgärten. Durch Vorgärten 
wollte man den neuen Stadtteilen ein freundliches und wohnliches, auch 
für das Auge wohltätiges Gepräge geben. Bei einer Wanderung durch 
die neuen Stadtteile wird man aber leider mit wenig rühmlichen Ausnahmen 
die Beobachtung machen, daß die Vorgärten einen recht trostlosen Anblick 
gewähren. Dies ist um so bedauerlicher, als manche der neuen Straßen, 
die schon durch schablonenmäßige Fassaden in ihrer Gesamtwirkung stark 
gelitten haben, wie z. B. die sonst herrlich angelegte Bamimstraße, auch 
noch der ihnen durch Anlage von Vorgärten zugedachte gärtnerische 
Schmuck verloren geht. 

Geht man den Ursachen dieser auffallenden Vernachlässigung der 
Vorgärten nach, so muß einerseits der wüsten Bauspekulation, die auch 
jene als Schmuckstraßen gedachten Straßenzüge nicht verschont hat und 
bei deren Art zu bauen für die Vorgartenanlage wenig übrig bleibt, 
andererseits dem Umstände Schuld gegeben werden, daß die Vorgärten 
vielfach von Nichtfachleuten angelegt werden und daß von den Besitzern 
der Vorgärten für ihre weitere Ausgestaltung und die harmonisch und der 
Lage entsprechende Bepflanzung herzlich wenig getan wird. 

Es ist mit großer Freude zu begrüßen, daß nunmehr der Stettiner 
Gartenbau -Verein , in dem Herr Garten - Inspektor Schulze über die Be- 
deutung der Vorgärten auf das Straßenbild unter besonderer Berücksichtigung 
der Stettiner Verhältnisse sprach, einer Anregung dieses, mit anerkennens- 
wertem Geschicke bei der Verschönerung und der Anordnung unserer 
städtischen gärtnerischen Anlagen tätigen Fachmannes gefolgt ist und 
beschlossen hat, wegen Ausschreibung von Vorgärten- und Balkon- 
wettbewerben mit den Bezirksvereinen, dem Grundbesitzerverein und den 
Behörden in Verbindung zu treten. 

Xn BONN hat sich bei Behörden wie auch in der Bürgerschaft stets 
■*• das Bestreben geltend gemacht, bei Neubauten das historische Charakter- 
bild der Stadt möglichst unversehrt zu lassen. Erfreulicherweise tritt dieses 
Bestreben auch bei industriellen Anlagen kräftig zu Tage. Bonn verfügt 
ja nur über verhältnismäßig wenige Fabriken; alle diese aber zeigen ein 
dem Charakter der Stadt angepaßtes Äußere. Erst neuerdings ist hier die 
Schreibmöbelfabrik F. Soennecken erstanden, die sich mit ihren gefälligen, 
das typische Bild der Fabrik vermeidenden Formen harmonisch in das 
Stadtbild einfügt. Es ist ja richtig, daß derartige ästhetische Rücksichten 
den Eigentümern der Fabrikanlagen größere finanzielle Opfer zumuten als 
ein nüchterner Zweckbau. Trotzdem wird man hoffen dürfen, daß das 
Beispiel der Bonner Industriellen nicht nur weiter in ihrer Stadt, sondern 
auch in anderen rheinischen Städten Beachtung und Nachahmung finden 
wird. Wenn irgendwo sich die Rücksichtnahme auf das Landschaftsbild 
bei Neubauten von selbst gebietet, so ist es am Rhein mit seinen male- 
rischen Schönheiten. 

|_i"'ür die Schaffung eines WIEN umgebenden Wald- und ^Viesen- 
■*■ gürteis wird ein Zeitraum von lo Jahren angenommen. Vorerst 
handelt es sich darum, das Bauverbot für die Gürtelzone zu erwirken und 
Vorkehrungen zu treffen, durch welche das Abholzen der in Betracht 
kommenden Waldungen verhindert werden soll. Die Architekten der 
Gemeinde beschäftigen sich gegenwärtig mit den Einzelheiten der Aus- 
schmückung des Wienflußbettes, die bis zum Jahre 1906 vollendet 
sein soll. Zwei breite, von antiken Säulen flankierte Steintreppen sollen 
zur überwölbten Plattform emporführen, auf der ein dekorativ zu gestal- 
tendes Portal die Gartenlandschaft des Stadt- und Kinderparkes abschließt. 
Um vom Stadtpark aus die Aussicht auf die angrenzenden Straßen zu ver- 
hindern, wird eine natürliche Hecke in großer Höhe gepflanzt, die wieder 
durch eine ornamental ausgeschmückte Mauer von der Straße geschieden 
ist. Zu beiden Seiten des Tunnels sind halbrunde Becken gedacht, die 
Wasserkünste beleben sollen. Längs des jetzt unzugänglichen Landstreifens 
an der Stadtbahn werden Promenaden angelegt. Im Laufe des Monats 
Mai sollen verschiedene Gartenanlagen, der Heiligenstädter Park, der 
Simmeringer Park, die Elisabeth-Promenade, die Anlagen am Sterneck- und 



am Ilg- Platz und endlich das neue Palmenhaus im städtischen Reserve- 
garten im Prater der öffentlichen Benutzung übergeben werden. 

DIE EINVERLEIBUNG WEITERER VORORTE IN DAS 
STADTGEBIET LEIPZIG. Die Leipziger Einverieibungs- 
frage scheint wieder aufzutauchen, und zwar handelt es sich wieder um 
jene Vorortsgemeinden, die bereits bei der ersten Einverleibung 1890 in 
Vorschlag gebracht waren. Das schon im Jahre 1888 festgelegte Maß, 
daß der Umfang der Stadt Leipzig entsprechen soll einem Halbmesser von 
5 Kilometer vom Marktplatz aus gerechnet, ist schon seinerzeit nicht will- 
kürlich gewählt worden. Es bezeichnet in der Hauptsache diejenigen 
Gemeinden, deren wirtschaftliche Entwickelung sie mit der Stadt in engere 
Beziehungen gebracht hat. 

Die Ortschaften, die damals „ihrer ethnographischen Zusammen- 
setzung nach ihren ländlichen Charakter noch nicht verloren hatten", sind 
innerhalb eines Zeitraumes von 15 Jahren dazu reif geworden; sie haben 
sich entsprechend entwickelt, sind mehr ausgebaut und mit städtischen 
Einrichtungen versehen. Vorortsgemeinden wie Stötteritz und Leutzsch, 
Möckern und Schönefeld haben in der Erkenntnis, daß unter der Lässig- 
keit in der Befriedigung kommunaler Bedürfnisse nicht bloß das Wohl- 
befinden der jetzigen Generation, sondern auch eine etwaige Einverleibung 
leidet, innerhalb der letzten Jahre wirtschaftliche Einrichtungen getroffen, 
die eine Einverleibung nur begünstigen können und die von diesem 
Standpunkt aus auch jederzeit die Billigung der Aufsichtsbehörden ge- 
funden haben. 

Es erwachsen aber den Vorortsgemeinden, die schon äußerlich mehr 
einen städtischen Charakter an sich tragen, als politisch losgelöste Bruch- 
teile des ganzen Wirtschaftsgebietes immer mehr Schwierigkeiten, die 
Anforderungen der inneren Verwaltung auf dem Gebiete der Wohlfahrts- 
und Sicherheitspolizei, der Schul- und Armenpflege aus eigener Kraft selbst 
zu befriedigen. 

Die Raum- und Wohnungsverhältnisse der inneren Stadt nötigen 
heute fast genau so wie vor 15 Jahren einen großen Teil der minder- 
bemittelten Klassen, in die Vororte zu ziehen, und zweifellos wird dadurch 
der natürliche Ausgleich in den Gemeindeleistungen desselben Wirtschafts- 
gebietes verschoben. Der Rat der Stadt vermochte deshalb schon in den 
Jahren der ersten Einverleibung den aus den Vororten erhobenen Klagen 
hierüber die Berechtigung nicht ganz abzusprechen, und der in jenen 
Verhandlungen wiederholt ausgesprochene Satz : ,, Im Interesse des Ganzen 
ist es besser, wenn die wirtschaftlich zusammengehörigen Bevölkerungs- 
bestandteile auch politisch in einem Gemeindekörper vereinigt sind", ist 
zu einem Grundsatze geworden, dessen volle 'Wahrheit nicht bloß hier in 
Leipzig, sondern auch in zahlreichen Großstädten infolge vorgenommener 
Einverleibungen erbracht worden ist. 

ZUR NEUEN GROSSSTADT AN DER RUHRMÜNDUNG. 
Plötzlich, gleichsam über Nacht, ist im rheinischen Industrie-Gebiete 
eine Großstadt aufgetaucht. Es handelt sich um nichts weniger als die 
Schaffung einer das gesamte Mündungsgebiet der Ruhr mit den riesigen 
Hafenanlagen und den zahlreichen großartigen industriellen Werken um- 
fassenden Großstadt, die aus den Gemeinden Ruhrort, Meiderich, Hamborn 
und Duisburg gebildet werden soll und bei rund 10 000 Hektar Bodenfläche 
etwa eine Viertelmillion Einwohner zählen würde. Duisburg ist zwar im 
Laufe dieses Jahres bereits in die Reihe der Großstädte eingetreten, auch 
Ruhrort hat sich weiter ausgedehnt, indem es erst in diesem Jahre Beeck 
eingemeindete, und hat mit Meiderich, ohne hier jedoch bei der von alters 
her bestehenden Feindschaft Gegenliebe zu finden, Vereinigungsverhand- 
lungen angeknüpft. Was dadurch Duisburg angeht, so kann man wohl 
annehmen, daß der Stadt die riesigen Kosten für die unbedingt notwendigen 
Erweiterungsanlagen (16 Millionen Mark) des städtischen Hafens erspart 
blieben. Ruhrort wird weniger zu empfangen als zu geben haben. Gelände 
zur Ausdehnung hat die Stadt nach der Eingemeindung von Beeck noch 
nicht nötig und wird sie auch kaum erlangen, da die Stadt, die im Süden 
durch die Hafenanlagen abgeschlossen ist, nach Norden für sich entwickelt. 
Die günstigsten Eisenbahnverbindungen gehen jetzt schon durch den Duis- 
burger Bahnhof. Es wird also der Hauptverkehr stetig dorthin gezogen, 
zumal auch die Zentralbehörden nach Duisburg, dem größeren und älteren 
Kulturzentrum, gehen werden. 



Verantwortlich für die Schriftleitung : Theodor Goecke, Berlin. — Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Berlin W., Markgrafenstraße 35. 
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2. Jahrgang 



1905 



7. Heft 




FÜR- DiE- KÜNSTLElilSChEAUJQESrAl! 
TUNQ- DER -STÄDTE- MACH- iHRm-WlRT 
SOIAFTÜCIIEN- QESUNDMEITUOim- UNO 
SoZlALEN-öRUND^TZENiGEQRÜNDET-VON 

THEODOR finrrKr- c^MiLLo .siTrr 

^SvErWö^''-ERN^ WA\MUrri.BERliN. 




INHALTSVERZEICHNIS: Der Baulinienplan für die Stadt Friedberg bei Augsburg. Von Peter Andreas Hansen, München. — Zum Bebau- 
ungsplane von Malmö. Von A. Nilsson, Malmö. — Bebauungsplan der Beamten- und Arbeiterkolonieen Streiffeld und Kellersberg bei Aachen. (Preis- 
gekrönt 1904). Von Jansen und Müller, Berlin. — Noch einmal „Billige Stadtparke". Von F. Rud. Vogel, Hannover. Arch. B. D. A. — Ausdruck im 
Städtebau. Von Dr. Hans Schmidkunz, Berlin-Halensee. — Kleine Mitteilungen. — Chronik. — Bücherschau. 

Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schrifüeitung verboten. 



DER BAULINIENPLAN 

FÜR DIE STADT FRIEDBERG BEI AUGSBURG. 



Von PETER ANDREAS HANSEN, München. 

Früher, noch bis zum Anfange des vergangenen Jahr- 
hunderts war der kleine Ort bekannter als heute; gingen 
doch die Erzeugnisse seines Gewerbefleißes weit über die 
Grenzen Deutschlands hinaus in ferne Länder, denn Fried- 
berger Uhren waren geschätzt und wurden überall gern 
gekauft. Als aber dann das Handwerk zurückging und 
der Verkehr andere Bahnen einschlug, sank auch die 
Bedeutung des Ortes, und das, was blieb, ist jene Ruhe 
und Beschaulichkeit alter kleiner Städte, mit einer Ein- 
fachheit und Natürlichkeit aller Verhältnisse, die umso 
wohltuender berühren, je mehr sich unsere größeren Städte 
dem Hasten und Treiben der Neuzeit hingeben. Diese 
neue Zeit hat an unserem Friedberg in seinem alten Teile 
keine allzugroßen Änderungen hervorgebracht, und wer 
die Straßen und Gäßchen auf und ab geht, dem treten 
Bilder aus alter Zeit lebendig vor Augen. Behäbig reiht 
sich Giebel an Giebel und auf dem sanft ansteigenden 
Platze fast inmitten der Stadt erhebt sich das mächtige 
Rathaus (3 auf dem Lageplane, Tafel 49/50) in der Formen- 
gebung des berühmten Meisters Elias HoU. 

In fast regelmäßigem Vierecke ziehen sich noch die 
alten Mauern ~ deren Gräben in unseren Tagen der Un- 
verstand einzelner Bewohner einzufüllen anfängt, — um 
die Stadt herum, und als die Tortürme, ihr schönster 
Schmuck, noch standen, mag sie wohl zusammen mit dem 



festen Schlosse trotzig vom hohen Berge hinabgeblickt 
haben auf das breite Lechtal bis hinüber zu den Augs- 
burgern, deren Händelsucht dem Herzog Ludwig dem 
Strengen den Gedanken eingab, hier eine Schutzwehr für 
das Bayernland zu errichten. (Vergl. Übersichtskarte im 
Heft 8, I. Jahrg.) Nicht allzuviel hat sich die Stadt über 
jene alte Anlage hinaus ausgedehnt. Im Westen hindert 
daran ein sumpfiger Untergrund, es bleibt also fast nur 
der Süden und Osten, da iür einen großen Teil des Nordens 
das Schloß (4) — jetzt Rentamt und Museum — mit tiefem 
und breitem Graben der Ausbreitung im Wege steht. 

Wenn jetzt die Neuzeit ihre Rechte doch geltend macht, 
wenn der Gewerbefleiß und der Verkehr wieder ihren 
Einzug halten, und mit ihnen zugleich sich das Bedürfnis 
nach neuen Wohnungen fühlbar macht, so wäre es wohl 
nicht das Richtige, die Verhältnisse größerer Städte ohne 
weiteres auf diesen kleinen Ort zu übertragen, der heute 
nur 3000 Einwohner zählt. Das Leben und Treiben wird 
sich hier immer nur in ruhigen und bescheidenen Grenzen 
abspielen können, umsomehr da ein alteingesessener, Land- 
wirtschaft treibender Bevölkerungsstamm seine Bedeutung 
auch für die fernere Zukunft bewahren wird. 

Im Osten wird die weitere Ausdehnung ohne Schwierig- 
keiten vor sich gehen; das Gelände bietet wenigstens 
keine, allerdings auch keine Eigenheiten, die der Bebaunug 



85 



Der STÄDTEBAU 



ein besonderes Gepräge verleihen könnten. Von Alters 
her besteht hier eine Straße, die nach der berühmten Wall- 
fahrtskirche „Zu unseres Herrn Ruhe" führt; von dieser 
zweigt ein Feldweg ab. Die Gabelung ist in der Weise 
ausgebildet gedacht, daß die eine Straße sich staffelförmig 
abzweigt, und daß gegenüber dieser Stelle zwei niedrige 
Wohnhäuser mit Gärten ihren Platz finden, hinter denen 
sich geschlossen gebaute Häuserfronten erheben. (S. A 
des Lageplans und Schaubild Tafel 51). Zugleich soll sich 
hier an einer anschließenden Straßenverbreiterung ein 
größeres Schulhaus (Präparandenschule 9) mit Neben- 
gebäuden erheben. Außerdem will die Stadt in dieser 
Gegend im Anschluß an das alte Krankenhaus (6) ein 
neues unter Zuhilfenahme eines vorhandenen Gartens er- 
richten (12). — Als Mittelpunkt dieser ganzen Gegend im 
Osten ist eine Platzanlage im Vereine mit einer Kirche (8) 
samt Pfarrhaus gedacht. 

Nicht so einfach wie in dieser Gegend, dafür aber 
wesentlich reizvoller sind die Verhältnisse im Süden. Wenn 
auch der tiefe Eisenbahneinschnitt einen unmittelbaren 
Anschluß des Neuen an das Bestehende verhindert, so ist 
doch die Möglichkeit gegeben, eine günstige Verbindung 
herzustellen, die aus der Mitte der Stadt in die neu zu er- 
schließende Gegend führt, als deren gegebener Mittelpunkt 



die alte Kirche zu St. Stephan (2) anzusehen ist. Was 
wäre natürlicher, als im Anschluß an diese zwar einfache, 
aber reizvolle Kirche die für den neu entstehenden Stadt- 
teil erforderlichen öffentlichen Gebäude auf einem kleinen 
Höhenzuge zu errichten, die Mulde, die sich westwärts 
zum Tale der Ach hinabzieht, mit einer Terrasse abzu- 
schließen und mit Bäumen anzupflanzen, dann die Straßen, 
dem Zuge der vorhandenen Wege folgend, auszubauen 
(s. Schaubild Tafel 52), um auf diese Weise gewisser- 
maßen eine neue kleine Stadt entstehen zu lassen, die 
dann später, wenn das Bedürfnis es erfordert, statt des 
Steges (13) eine vollständige Brücke zur Verbindung mit 
dem alten Orte erhalten kann. — 

Weiter nach Osten hin ist im Anschluß an die be- 
stehende Brücke (7) und im Hinblicke auf die Beschaffen- 
heit und den Preis des Geländes geplant, Baublöcke ent- 
stehen zu lassen, die zur Aufnahme von gewerblichen 
Unternehmungen dienen sollen. — 

Spielplätze (14, 15) sind im Osten und Süden je einer 
im Inneren eines Gebäudeblockes vorgesehen ; für die alte 
Stadt ist die Anlage eines solchen nicht so dringend nötig, 
weil hier die Jugend an dem mit hohen Bäumen be- 
wachsenen Westabhange die herrlichste Gelegenheit hat, 
sich umherzutummeln. 



ZUM BEBAUUNGSPLANE VON MALMÖ. 



Von A. NILSSON, Malmö. 



Die Stadt Malmö vergrößert sich sehr schnell. Während 
der letzten 50 Jahre hat die Einwohnerzahl um das Sechsfache 
zugenommen; gegenwärtig beträgt sie 71000. Allein in derZeit 
von 1891 — 1902 wurde eine Fläche von 70 ha bebaut. Das zur 
Stadt gehörige Gebiet umfaßt im Ganzen 1900 ha, wovon 900 ha 
Gemeindeeigentum sind. Diesen Besitz noch zu vermehren, 
sind in der nächsten Umgebung der städtischen Bebauung 
Ankäufe beabsichtigt. Die Fläche des festgesetzten Be- 
bauungsplanes beträgt bis jetzt 600 ha, dazu treten nun 
weitere 138 ha. 

Im Verlaufe der letzten 10 Jahre war für die geplante 
Erweiterung der Stadt schon der Ausbau mehrerer großer 
Straßenzüge beschlossen, darunter der südlichen Zollstraße 
(Södra Tullgatan) und ihrer Verlängerung, der südlichen 
Vorstadtstraße (Södra Förstadsgatan) , der alten Land- 
straße nach Ystadt und Trelleborg bis an die Grenze des 
Stadtgebietes (siehe Übersichtsplan im Text), sowie der 
östlichen Vorstadtstraße (östra Förstadsgatan) Erweiterung 
der Lundstraße (Landstraße nach Lund) usw. Hierzu sind 
weiterhin Beschlüsse über die Bebauung mit Landhäusern, 
Arbeiterwohnungen und sonstigen Wohngebäuden in der 
äußeren Umgebung gekommen. Eine große Erweiterung 
des Hafens mit zwei Dampfer-Anlegeplätzen nach dem 
Plane des Geheimrats Kummer ist mit einem Kostenauf- 
wande von 2500000 Kronen ausgeführt worden; die Anlage 
des Schloßparkes hat 160 000 Kronen erfordert. Die Wasser- 
werke sind vergrößert, ein Elektrizitätswerk, ein Gaswerk 
und ein Schlachthof neu geschaffen, an öffentlichen Wohl- 
fahrtsanstalten ein Arbeits- und Versorgungshaus, sowie ein 
Krankenhaus erbaut. Die Neuvermessung des Stadtgebiets 



ist nach der Dreiecksmethode vom Ingenieur Curt Schade 
aus Erfurt ausgeführt. Ferner sind beschlossen: 

a) Die Anlage elektrischer Straßenbahnen (früher Pferde- 
bahnen im Besitz einer privaten Gesellschaft) Kosten: 
1)573 000 Kronen. 

b) Der Neubau einer Realschule, an dem im Stadtplane 
bereits vorgeschlagenen Platz in Hästhagen (Roßweideplatz) 
Kosten: 890000 Kronen. 

c) Die Anlage einer unterirdischen Entwässerungsleitung. 
Kosten: 1,450000 Kronen. 

d) Der Neubau eines Epidemiekrankenhauses am vor- 
geschlagenen Platze, südlich vom Allgemeinen Kranken- 
hause. Kosten: 738000 Kronen. 

In Aussicht genommen ist endlich die Errichtung einer 
Fabrikanlage nach einem vom Verfasser ausgearbeiteten 
Vorschlag in der Lommabugt (Lommaer Bucht) mit 
Kanälen und Eisenbahngleisen in unmittelbarer Verbin- 
dung mit dem Hafen und dem Staatseisenbahnhofe. Das 
Gebiet umfaßt 200 ha. Die Mitteltiefe des Wassers im 
genannten Gebiet ist ungefähr '/^ Meter, weshalb die 
Kosten nicht besonders groß werden. Eine bedeutende 
Industrie ist vorhanden. 

Auf Tafel 53 ist ein Ausschnitt der südlichen Stadt- 
erweiterung nach dem vom Verfasser aufgestellten und von 
der Stadtgemeinde angenommenen Plane dargestellt, der 
besondere Fabrikviertel, Spielplätze unter Verlegung einiger 
Eisenbahnlinien vorsieht. Dazu ist folgendes zu bemerken : 
Das Gelände Qv 22, Eigen, ist im Besitze der mechanischen 
Werkstätten-Aktiengesellschaft Kockums, kann aber zur 
Durchführung des Stadtplanes gegen ein Gelände am west- 



86 



DER STÄDTEBAU 



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liehen Hafen, wo die Gesellschaft ebenfalls schon Grundbesitz 
hat, ausgetauscht werden. Das Gelände von Hästhagen 
(Roßweideplatz) ist zum größten Teile Eigentum der Stadt- 
gemeinde, was auch mit Ausnahme einiger Landhaus- 
grundstücke südlich vom Rönneholmsweg auf dem Ge- 
lände von Magistratsvängen der Fall ist. Die Richtung 
der Aschebergstraße ist dadurch mitbedingt worden, daß 
der 70 m hohe Turm in der St. Johanneskirche in der 
Straße sichtbar wird. 

Ein Teil des Geländes von Magistratsvängen, der west- 
lich am Pildamswege liegt, war zuerst zum Landhaus- 
viertel bestimmt, ebenso wie die nächste Umgebung der 
Regimentstraße; da jedoch der Bodenpreis hier durch- 



schnittlich meistens 35 Kronen für 1 qm beträgt, wurde 
geschlossene Bebauung vorgesehen, zumal diese Viertel 
von einem Parke und einer breiten Straße umgeben 
sind und sich dadurch zu einer dichteren Bebauung 
eignen. 

Um das Interesse für die Bedeutung der Stadtpläne zu 
wecken, hat der Verfasser über seine Vorschläge zur Um- 
gestaltung des früher aufgestellten Planes und zur weiteren 
Bearbeitung des neuen Planes öffentliche Vorträge und 
zwar im Ingenieurklub von Schonen, im Industrie- und 
Gewerbeverein von Malmö, und in einer in Malmö statt- 
gehabten Sitzung des schwedischen kommunaltechnischen 
Vereins gehalten. 



BEBAUUNGSPLAN DER BEAMTEN- UND AR- 
BEITERKOLONIEEN STREIFFELD UND KEL- 
LERSBERG BEI AACHEN, (preisgekrönt 1904.) 



Von JANSEN und MÜLLER, Berl in. 

Trotz aller Aufklärung über das wahre Wesen der 
Baukunst und des künstlerischen Städtebaues sind, wenn 
nicht u. a. bald das Gesetz mit aller Schärfe einsetzt, ge- 
schlossene künstlerische Städteanlagen im Sinne der histo- 
rischen Schöpfungen vorläufig kaum oder gar nicht, wenig- 
stens nicht in größerer Ausdehnung selbst für den noch so 



anspruchslosen Optimisten zu erwarten; es fehlt eben da, 
wo die Stadterweiterung einsetzen soll, der einheitliche 
Gedanke in Grundplan und Aufbau, die einheitliche Richt- 
schnur für die Wirkung der Haupt- und Nebenmomente. 
Kann es also Wunder nehmen, daß bei dieser un- 
günstigen Sachlage unsere Architekten, sobald sich die 



87 



DER STÄDTEBAU 



seltene Gelegenheit bietet, mit Freude an diese dankbare 
Aufgabe herantreten! Wenn es auch keine vollständigen 
Städte zu errichten gilt, wozu selbst unsere schnell 
schaffende Zeit Jahrzehnte benötigt, sondern auch nur 
kleinere, dafür um so intimeren Reiz bietende Kolonien 
für Beamte und Arbeiter gegründet werden sollen, da als- 
dann Straßenanlagen und Hochbauten von einer einzigen 
Hand gleichzeitig geschaffen und bei der Ausführung auf 
ihre gegenseitige Wirkung fort und fort geprüft und ver- 
bessert werden können. 

Vor eine solche ideale Aufgabe größeren Umfanges — 
handelte es sich doch um eine Anlage von mehreren 
Millionen — stellte vor Jahresfrist der Eschweiler Berg- 
werksverein die deutsche Architektenschaft, die ihrerseits 
mit einer Fülle von Vorschlägen und Anregungen ant- 
wortete, die gerade diesen Aufgaben bislang unbekannt 
war. 

Verlangt war der Ausbau von zwei räumlich getrenn- 
ten Kolonien, einer größeren, Streiffeld von 38 ha und 
einer kleineren, Kellersberg von etwa 13 ha, letztere nur 
für Arbeiterhäuser. Zu beiden Kolonien gehörten die 
üblichen gemeinsamen öffentlichen Gebäude wie Volks- 
schulen mit Lehrerwohnungen, Verwahrschulen nebst 
Kindergarten und Spielplätzen, Konsumanstalten, Bäckerei, 
Metzgerei mit Schlachthaus, Bade- und Waschanstalt, 
Erholungsheim mit großem Saalbau, ferner öffentliche 
Gartenanlagen, Plätze, Brunnen usw. Die einzelnen Haus- 
grundstücke für die Arbeiterwohnungen sollten einschließ- 
lich des Gartens eine Grundfläche von 200 — 220 qm um- 
fassen, diejenigen für die Beamtenwohnungen etwa 400 
bis 500 qm je nach Größe der Wohnung und für die Ober- 
beamten fast 800 qm. 

Die Arbeiterhäuser waren teils als freistehende 
Einzelhäuser, teils in Gruppen von 2—5 aneinander ge- 
reihten Bauten, teils auch als geschlossene Reihenhäuser 
zu errichten, jedoch sollte das Einzelhaus nur in ganz be- 
schränkter Zahl zugelassen werden, da man sich seiner 
vielen Nachteile gerade für eine kleine Wohnung durchaus 
bewußt war. Die einzelnen Häuser sollten bei jeder Kolonie 
zu 7io drei, zu ^/lo vier, zu ^/,„ fünf und zu '/i. sechs Räume 
einschließlich Küche umfassen, zudem Keller, Boden, 
Stallung und einen nach dem Grubensystem außerhalb der 
Häuser zu errichtenden Abort. Gewünscht waren ferner 
ein Erdgeschoß mit 3,10 m lichter Höhe und ein Ober- 
geschoß oder ausgebautes Dachgeschoß mit 3 m lichter 
Höhe, je ein besonderer Hauseingang und ein kleiner 
Vorgarten. 

An Beamten Wohnungen wEiren 40 verlangt und zwar 
nur für die größere Kolonie Streiifeld; hiervon erhalten 
zwei Wohnungen — für die Oberbeamten — je 8, zehn je 
7 und die übrigen je 6 Räume nebst üblichem Zubehör. 
Während für die Oberbeamten jedenfalls freistehende 
Einzelhäuser bestimmt waren, konnten die anderen Häuser 
u. a. als Doppelhäuser angenommen werden; sämtliche 
Gebäude waren möglichst gruppiert zu legen und zwar 
getrennt von den Arbeiterwohnungen auf den westlichen 
Teil jenseits der beiden Gutshöfe bei A und D (vergl. Tafel 6 
in Heft 1 d. Jahrg.). Von den drei zurzeit das Gelände 
Streiffeld schneidenden Wegen durfte der westliche, der 
von der Landstraße zu den Gütern führt, verlegt werden, 
während der Weg von WNW. nach OSO., der das Gelände 
fast hadbiert, im wesentlichen beizubehalten war. Auch 



waren die die Gutshöfe umschließenden Wiesen möglichst 
zu schonen und zugänglich zu erhalten. 

Bei der Aufteilung des Grundstückes schwebte den 
Verfassern der Gedanke vor, zunächst den ländlichen 
Charakter zu betonen, und da die zukünftigen Bewohner 
alle sich aus der Landbevölkerung zusammensetzen, ein 
Arbeiter dorf zu schaffen, den einzelnen Gebäuden ein 
möglichst schlichtes Gepräge zu geben und sie vorwiegend 
in dem Rahmen der umgebenden Natur zur Geltung zu 
bringen; ein nicht geringer Vorzug vor der Mehrzahl 
unserer bisherigen Arbeiteransiedlungen. Der ganzen An- 
lage sollte der Stempel der so heimatlich anmutenden, 
ewig reizvollen Vorstadtstraßen und Gäßchen unserer Land- 
städtchen mit ihren anspruchslosen kleinen Häuschen auf- 
gedrückt werden, die sich besonders in Süddeutschland 
sowohl wie in unseren Küstenstädten bis zur Niederlande 
hin in zahlreichen Typen erhalten haben. Mehr Poesie 
als diesen Schmuckkästchen eigen, kann und braucht der 
heutige Architekt nicht zu erstreben. 

Zu schlicht, wie besonders kluge Pharisäer so oft 
meinen, können diese vor allem durch Farbe und Kontur 
wirkenden Häuschen niemals wirken; nicht jedes einzelne 
Haus soll wirken, — ein Fluch, der auf allen unsern 
neuen Straßenzügen lastet — sondern stets eine Gruppe; 
2—3 Typen solcher kleiner 5—7 m breiter einstöckiger 
Häuser genügen vollständig, in Einzelheiten braucht nur 
ein wenig gewechselt, die Fensterteilung geändert, die Tür 
verschoben zu werden, der rauh angeworfene bezw. an- 
geschlemmte Bewurf in wenig Tönen anders gefärbt zu 
sein, dort die Fensterladen braun, hier weiß, dort Blumen- 
bretter, hier zierliche Gardinchen, dort die Mauerfläche 
mit grünen Schlingpflanzen belebt zu sein; dies genügt 
alles, genügt vollkommen und dies ist das Mittel und die 
Sprache des mit dem Gemüte schaffenden Architekten. — 
Fort mit allen kleinlichen Sächelchen und Dächelchen, 
muß man immer wieder rufen, fort mit der Stilmeierei, 
redet und bauet wie euch der Schnabel gewachsen ist, 
so, wie es unsere Vorfahren taten, als sie alle die heute 
in der Heimatkunst so laut gepriesenen naiven Bauten in 
Stadt und Land aufführten. 

Während Dachfirst und Dachtraufe sich zwanglos in 
gleicher Höhe aneinander reihen, nur ab und zu an mar- 
kanten Punkten wie Straßenkrümmungen, Mündungen usw. 
ein oder mehrere kleine Giebelchen die Linie unter- 
brechen sollen, ist die Stelle des Hauses selbst in der 
Straße von entscheidender Wichtigkeit hier, wo gleich die 
geringste Verschiebung sich bemerkbar macht und dem 
Straßenbilde seinen Charakter leiht. Fügen sich weiterhin 
noch Vorgärten an der einen oder andern Seite ein oder 
ein hübsch ausgebildetes Gartentor, das zu den hinteren 
Gärten führt, oder eine Baumgruppe schließt das ganze 
Bild harmonisch ab, so fragt man sich wirklich, warum 
noch immer so ängstlich und unbeholfen nach trivialen 
Architektur motiven ge ucht wird. Würde weniger „in 
Architektur gemacht", stände es um unsere Baukunst und 
Städtebau weit erfreulicher, denn Hochbau- und Straßen- 
führung sind nun einmal der Wechselwirkung unterworfen. 

Als empfehlenswertester Typus für die Arbeiterhäuser 
hat sich das Reihenhaus erwiesen, weshalb es in beiden 
Kolonien fast vorherrschend ist; denn nicht nur in der 
Ausführung ist es wohlfeiler, sondern es bietet auch durch 
den gegenseitigen Schutz, durch Erhaltung der Wärme 



88 



DER STÄDTEBAU 



und besonders durch das Fernhalten von Staub- und Zug- 
wind unendlich viel mehr Vorzüge als die so lang ge- 
priesene offene Bebauung, die selbst bei den vornehmeren 
Straßen durch nichts sich mehr empfiehlt, es müßte denn 
ausgesprochenes Villenviertel sein. Bei beiden Kolonien 
ist eine große Ringstraße vorgesehen, die als Erholungs- 
promenade mehr oder weniger bepflanzt, durch ent- 
sprechende Einzelgestaltung für Auge und Ziel reiche Ab- 
wechselung bietet. Allenthalben, wo ein Zugang von der 
Hauptverkehrstraße in die Kolonie hineinführt, ist ein 
Vorplatz geschaffen, der mit seiner malerischen Gruppierung 
zum Besuch der Kolonien einladet, ohne dem flüchtigen, 
hastenden Vorübergehenden gleich das ganze innere Bild zu 
enthüllen; wer eben die Kolonie mit ihrem Leben und Treiben 
sehen will, soll sich Muße dazu nehmen und eintreten, 
um von den verschiedenen Gesichtspunkten das Ganze auf 
sich einwirken zu lassen. 

Die gemeinsamen Gebäude sind an einem Platze zu- 
sammengelegt, der besonders in der Richtung vom Haupt- 
eingange her ein wirkungsvolles Bild ergeben dürfte. Die 
Wirkung wurde noch erhöht, indem das rückwärtige Ge- 
lände im Zuge dieser Straße entgegen einer Forderung im 
Ausschreibungsprogramm nicht abgetragen, sondern in 
seiner jetzigen Steigung von 56 m belassen wurde, so 
daß der hinter dem Erholungsheim liegende Garten mit 
seinen hochragenden Baumgruppen das ganze Platzbild 
nach Norden hin abschließt, während östlich die auf dem 
höchsten Punkte liegende Badeanstalt die Dominante bildet. 
Diese Anordnung der öffentlichen Gebäude an der ge- 
nannten Mittelstraße hat außer dem Vorteil der ziemlich in 



der Mitte befindlichen Lage den der guten Erreichbarkeit 
der Beamtenhäuser. In der Südwestecke sind der geringen 
Breite des Geländes halber nur zwei Längsstraßen an- 
gelegt, die zum Teil offen bebaut sind, um ab und zu 
einen interessanten Durchblick von der Landstraße aus 
zu schaffen; die sogenannten Rückfronten zu zeigen, lag 
kein Bedenken vor, da einerseits zu der Kolonie mit ihren 
verhältnismäßig wenigen öffentlichen Zugängen nur eben 
diese von sämtlichen Bewohnern benutzt werden sollten, 
andererseits von der vielfach so verpönten ,, Rückfront", 
wenn überhaupt, so am wenigsten bei ländlichen Bauten, 
so lange sie logisch sich aufbauen, gar nicht die Rede 
sein kann, im Gegenteil durch das gleichzeitige Sehen 
von Rückfronten mit ihren malerisch vorgelegten kleinen 
Anbauten und von Vorderfronten auf der anderen Seite 
der schmalen Gasse das Bild nur abwechslungsreicher 
werden dürfte. 

Bei der kleineren Kolonie, Kellersberg (siehe Tafel 7 in 
Heft 1, wo es heißen muß Kellersberg, nicht VüUersberg, 
wie versehentlich gedruckt), liegt der Hauptzugang an der 
Nordecke, woher der Weg zur benachbarten Grube des 
Bergwerksvereins führt; Platz und Straßen sind ähnlich 
denen der anderen Kolonie angelegt. Das Gelände steigt 
ungefähr 3 m nach Süden hin, um an der Nachbargrenze 
dann scharf zum Teich hin abzufallen. Der kleine Wald, 
an dem auch die Schulen liegen, ist der Kolonie nach 
Möglichkeit erschlossen und ist eine entsprechende Zahl 
Wege dorthin geleitet; die übrigen Absichten sind aus dem 
Entwürfe leicht herauszulesen, von dem auf Tafel 55 noch 
einige charakteristische Lösungen folgen. 



NOCH EINMAL „BILLIGE STADTPARKE". 



Von F. RUD. VOGEL, Hannover. Arch. B. D. A. 

Im Anschluß an die Anregung: ,, Billige Stadtparke" 
des Herrn Erwin Schlüren in Nr. 4 dieses Jahrganges mag 
es angebracht sein, auf die etwas eigentümlichen dort ent- 
wickelten Ideen näher einzugehen und sie auf ihren 
praktischen Wert hin zu beleuchten. Zunächst mag her- 
vorgehoben werden, daß die von Herrn Schlüren ge- 
wünschten gesetzlichen Bestimmungen nicht recht er- 
kennen lassen, was der Verfasser eigentlich will. Ebenso 
wenig scheint er sich genügend Rechenschaft über die 
Folgen derartiger Bestimmungen gegeben zu haben. 

Es ist sicherlich sehr erfreulich, daß die Stimmen für 
weiträumigere Bebauung unserer Städte und Schaffung 
von Luftadern durch Parks und Ähnliches sich mehren 
und Vorschläge aller Art auftauchen, das Versäumte auf 
möglichst günstigem Wege für den Säckel der Städte nach- 
zuholen. Bedauerlich bleibt es aber, daß manche Stadtver- 
waltungen ihre Ohren diesen Stimmen verschliessen und 
in kurzsichtiger Finanzwirtschaft um einer augenblicklichen 
kleinen Einnahme willen, morgen das Vielfältige dieses 
Gewinnes aufwenden müssen, um das Versäumte nach- 
zuholen und Luftadern künstlich zu schaffen, soweit dies 
überhaupt noch möglich. Man sollte kaum glauben, daß 
Festungsstädte wie Spandau, Küstrin, Posen ähnlich, wie 
Magdeburg vor nicht langer Zeit, Grundstückshandel mit 
den Bodenflächen der in Wegfall kommenden Wallanlagen 
treiben. Sie lassen mit großen Kosten die Wälle in die 



Gräben stürzen und Alles einebnen, um die Innenstadt mit 
den Vorstädten zu einem unheimlichen Häusermeer zu- 
sammenzuschweißen. Und alles um des schnöden augen- 
blicklichen Gelderwerbs willen, der sich nachher als das 
Gegenteil herausstellt. Das eingeebnete Gelände hätte sich 
mit wenig Prozenten der Kosten, die die Einebnung erfor- 
derte, in die reizvollste Parkanlage mit Hügel und Tal, 
Rasenhängen, Wasserläufen und Seeenbildungen herrichten 
lassen. Die angrenzenden Landstreifen würden zu der ge- 
suchtesten Wohnlage geworden sein, aus der die Stadt- 
verwaltung n^ehr herausgeschlagen haben würde, als aus 
dem aufgefüllten Boden. Infolge des Füllbodens ist dieser 
für Bauzwecke fast wertlos geworden, weil die Gründungs- 
kosten zu hohe werden. Zieht man von dem hieraus sich 
ergebenden geringen Erlös den großen der Auffüllungs- 
kosten ab, so ergibt sich aller Voraussicht nach schon ein 
Minus gegenüber dem Erlöse aus dem Verkaufe des die 
Wallanlage umschließenden Geländes, ungerechnet den 
idealen Wert der eigenartigen hügeligen Parklandschaft 
als Stadtverschönerung und Luftader. 

Wie viele Städte haben noch bis in das erste Drittel 
des vergangenen Jahrhunderts hinein ihre Wälle gehabt 
und wie wenige können heute so schöne Anlagen dieser 
Art, wie z. B. Bremen aufweisen, um die es jetzt von jenen 
beneidet wird. Das dürfte auch wohl von Magdeburg an- 
zunehmen sein, wie der dort neuerdings wehende Wind 



89 



DER STÄDTEBAU 



zur Genüge beweist, indem man versucht, durch Ausge- 
staltung der Außenforts in diesem Sinne wenigstens in 
etwas das Versäumte nachzuholen. Und wie wenig Jahre 
ist es her, daß Magdeburg noch dieser Einebnungsmanier 
huldigte. Auch die Beerdigungsfrage, die in einem ge- 
wissen Zusammenhange hiermit steht, ist eine ungemein 
wichtige, deren Lösung für die Großstädte, wie für die 
Städte überhaupt nicht schnell genug herbeigeführt werden 
kann. Denn jedes verlorene Jahr läßt den Wert des 
Grund und Bodens steigen und fordert später um so 
höhere Geldopfer. Schön wäre es ja, wenn man diese 
beiden Fragen, das Großstadtgrün und die Anlage der 
Friedhöfe verschmelzen und zu beider Befriedigung lösen 
könnte. Darauf zielt der Vorschlag des Herrn Schlüren 
ja hin. 

Wie wenig größere Besitztümer gibt es überhaupt 
innerhalb einer Großstadt, wo eine derartige Beerdigung 
nach seinem Vorschlage und von Erbbegräbnissen, denn 
um solche würde es sich natürlich nur handeln können, 
in Bezug auf die Grundfläche möglich wäre. Wie denkt 
sich der Verfasser hier bei dem Hintergarten eines Ein- 
familienhauses die Schenkung an die Gemeinde und die 
Zugänglichmachung als „Großstadtgrün"? Soll das Wohn- 
haus mit geschenkt und niedergerissen werden? Und was 
wird aus all denen, die nicht in der glücklichen Lage 
sind, Besitzer von Einfamilienhäusern zu sein, denen, die 
zur Miete wohnen? Wo werden sie ihre letzte Ruhestätte 
finden, wenn die Friedhöfe aufhören sollten? 

Weshalb übrigens Herr Schlüren 10—15 "i Abstand 
von der Nachbargrenze für die Grabstätten auf dem Privat- 
besitze verlangt, ist unverständlich, da doch wasserdichte 
Grabkammern kaum bedenklicher sein dürften, als ge- 
mauerte Abortgruben, bei denen auch nur 1 m vorge- 
schrieben wird. 

„Und dunkel ist der Rede Sinn" — wenn derVerfasser 
vom eigenen Boden und dessen Schenkung spricht und daran 
anknüpfend von der jeweilig zu bemessenden Größe der 
Begräbnißstätte, und daß die reichen Leute möglichst an 
einander angrenzend ihre Plätze erwerben sollen. Wo 
soll innerhalb der Städte, im Gewirre der Großstadtstraßen 
Platz für solche Grabstätten gefunden werden und wo 
genügende Zurückgezogenheit, um den Angehörigen Ge- 
legenheit zu stiller Andacht zu gewähren? Aber dem 
Herrn Verfasser scheint es ja mehr um prächtige Denk- 
mäler, als um andächtige Stimmung zu tun zu sein. 

Wir müssen daher fast glauben, daß Herr Schlüren 
von der Idee der römischen Gräberstraßen ausgehend, 
meint, man solle an bestimmten Straßen, natürlich außer- 
halb der Städte, Flächen für den Ankauf solcher künstle- 
risch und durch gärtnerischen Schmuck auszustattenden 
Begräbnisstellen in größerem Maße für Bserdigungszwecke 
frei geben. Wo bleibt da aber das „Großstadtgrün"? Auch 
denke man nur, daß ein solches Verfahren, selbst wenn 
man mit den Denkmälern so dicht zusammenrücken 
wollte, wie bei den Gräberstraßen im alten Rom oder die 
steinerne Geschichte Preußens in der Siegesallee, unsere 
heutigen Kirchhöfe nicht überflüssig machen würde, denn 
diese dienen in der Hauptsache den Unbemittelten, die 
doch auch das Recht haben müßten, irgendwo die letzte 
Ruhe zu finden. Oder sollte eine Trennung zwischen 
Reich und Arm im Tode eintreten? — Ruhmeshalle und 
Armenkirchhof! — Dann würde auch noch der letzte 



Rest von Poesie von unsern Massengräbern genom- 
men werden, deren Eintönigkeit durch schöne zwischen- 
gestreute Grabdenkmäler, wohlgepflegte Gräberstätten und 
den Hauch der Andacht und Wehmut einigermaßen 
erträglich wird. 

Die würdige undbrauchbareAusgestaltung unserer Fried- 
höfe ist ohne Zweifel eine brennende Frage, die sich mit der 
Städteverschönerung in gewissen Einklang bringen läßt. 
Weshalb legt man nicht nach Art der nordamerikanischen 
Begräbnisweise die Totenstadt weit außerhalb der Städte 
mit guter Eisenbahnverbindung oder sonstigem bequemen 
Verkehrsmittel an und schafft auch bei uns Parkgebiete, 
wie z. B. Greenwood Cemetery bei New-York und Mount 
Auburn bei Boston und unzählige ähnliche? Hier wäre 
bei dem entlegenen und billigen Grund und Boden mit ver- 
hältnismäßig wenig Mitteln für Parkanlagen größten Stils 
Gelegenheit gegeben. Hier ließen sich Berg und Tal, 
Bäche und Seen auf Kosten nicht der Gemeinde, sondern 
aus dem Erlöse der besser und bevorzugter gelegenen Be- 
gräbnisstellen schaffen. An den diese Gräberparks durch- 
schneidenden Straßen und Wegen könnten ähnlich, wie bei 
der Gräberstraße Roms, die reicheren Denkmäler in die 
Parklandschaft eingefügt werden und die etwas verborgener 
liegenden Massengräber parzellenweise mit Zuhilfenahme 
von Gebüsch und Laubengängen umschließen. Bei be- 
quemer Dampf- oder elektrischer Bahnverbindung nach 
solch entlegenem Totengarten würden die Begräbnisse 
kaum mehr Zeit in Anspruch nehmen, als heute die 
Leichenzüge bei den weiten Entfernungen in der Groß- 
stadt erfordern. So würde die Anhäufung organischer 
Verwesungsstoffe aus der Nähe der Stadt entfernt und un- 
schädlich gemacht und gleichzeitig dieser Totengarten 
ein Schmuck und willkommener Anziehungspunkt für die 
Ausflüge der Großstadt sein, wie Amerika als Beispiel be- 
weist. 

Solche Begräbnisplätze haben ihre kleinen Bahnhöfe, 
die sinnig im Charakter dem Zweck entsprechend ausge- 
stattet, die Überleitung zur letzten Ruhestätte bilden. Sie 
stellen einen würdigen Bauvorwurf für den Architekten 
dar, um die ernste Stimmung entsprechend vorzubereiten. 
Trotz Eisenbahn und dem Realismus des Schnellverkehrs 
läßt sich hier im stillen Erdenwinkel ein viel würdigerer 
Rahmen für den Totenkultus schaffen, als die Nähe der 
lärmenden Großstadt solchen zuläßt. Es würde hier selbst- 
verständlich Vorbedingung sein, daß die Beförderung der 
Leiche und des Leichenzuges mit der Bahn unbehelligt 
vom übrigen Verkehr und, wo solches nicht anginge, in 
sonst entsprechender Weise glatt vor sich gehen könnte. 
Dies würde sich bei einer regelmäßig, täglich häufiger 
wiederkehrenden Beförderung ganz von selbst heraus- 
bilden. Auch selbst bei abseits der Bahnverbindung 
liegenden Friedhöfen solcher Art würde die Einrichtung 
eines Schnellbetriebes wohl für den Unternehmer einträg- 
lich sein. Die täglich wiederkehrenden Leichenzugs- 
beförderungen, das Hinausströmen zahlloser Menschen bei 
hohen Festtagen, wie Totenfest und ähnlichen, die Be- 
förderung der Vielen, die des Sonntags dem Weltverkehr 
entfliehen und in stiller Andacht der Ihrigen auf dem Kirch- 
hof gedenken wollen, an den Alltagen die schaulustige 
Menge, die diesen herrlichen Park mit allen seinen Kunst- 
werken und Denkmälern als Ausflugsort wählt, würden 
I genügen, um die Kosten mit Gewinn zu decken. 



90 



DER STÄDTEBAU 



Die Parkfriedhöfe der Großstädte Amerikas, die in 
weiser Voraussicht in ihren ersten Anfängen mehr denn 
ein halbes Jahrhundert zurück, meist in Abmessungen von 
über 200 amerikanischen Morgen groß angelegt wurden, 
sind häufig auf hügeligem Gelände mit weitem Ausblick 



gelegen, und Begräbnisorte, wie sie schöner nicht gedacht 
werden können. Hier verliert der Tod allen Schauer unter 
dem lieblichen Gewände der Schönheit von Natur und 
Kunst, wie es die bedeutendsten amerikanischen Architek- 
ten und Landsfchaftsgärtner, wie Olmstedt, gewoben haben. 



AUSDRUCK IM STÄDTEBAU, 

Von DR. HANS SCHMIDKUNZ, Berlin -Haiensee. 



Innerhalb der täglichen Einzelarbeit an den praktischen 
Aufgaben des Städtebaues vergessen wir nur zu leicht, daß 
dieser ebenso wie andere menschliche Betätigungen ein 
Gegenstand nicht nur der Praxis, sondern auch der Theorie 
ist, und daß beide, Praxis und Theorie, gut daran tun, sich 
beizeiten mit einander zu vertragen. Sofern nun der 
Städtebau als eine künstlerische Angelegenheit aufzufassen 
ist, gehört eine Theorie von ihm zu demjenigen Wissens- 
gebiete, das längst unter dem vielberufenen Namen der 
Aesthetik bekannt ist. Aesthetik, oder wie immer man 
auch dieses Gebiet nennen mag, ist zuförderst lediglich 
Sache der Erkenntnis, eine Befriedigung des menschlichen 
Wissenstriebes, eine Theorie schlechtweg ohne irgend ein 
Absehen auf praktischen Nutzen, ein Selbstzweck ebenso, 
wie es im Wesen jeglicher anderen Wissenschaft liegt. 
Nun weiß man aber aus Erfahrung, daß eine Theorie, 
wenn sie nur für einen Selbstzweck wirklich gut ist, doch 
auch häufig oder immer den Nebenerfolg hat, praktisch 
förderlich zu wirken. Gerade je „reiner" sie ist, desto 
mehr kann man sich auf sie verlassen, während eine von 
vornherein auf praktische Anwendung ausgehende Theorie 
bereits dem Verdacht ausgesetzt ist, daß sie im Dienst 
irgend welcher praktischer Rücksichten steht. Kurz, es 
stellt sich das heraus, was man besonders in der Praxis 
und Theorie der Pädagogik seit langem schon weiß: das 
Praktischeste ist und bleibt eine gute Theorie. 

Daß nun für jegliche Theorie die Wirklichkeit oder 
die Praxis im weitesten Sinne der unentbehrliche Haupt- 
gegenstand der Forschung ist, weiß man ebenfalls schon. 
In dem Maße nun, als dies richtig ist, wird für jegliche 
Theorie, in unserem Fall also für die Aesthetik, eine 
Materialsammlung möglichst weiten Umfanges nötig; und 
zwar nicht nur historisch und geographisch, sondern auch 
systematisch, zumal insofern, als allgemeine Typen aus 
der Fülle des verschiedentlichen Einzelnen herausgearbeitet 
werden sollen. 

Nun hat sich die Aesthetik, oder die Lehre vom 
Schönen oder die Lehre von der Kunst und dergleichen, 
seit mehreren Jahrzehnten trotz aller Verdienste ihrer 
Klassiker doch in Richtungen bewegt, welche wenig Aus- 
sicht geben, daß sie den einzelnen Teilen ihres Gebietes 
theoretisch gerecht und praktisch förderlich werden kann. 
Es ist hier nicht der Ort, über die Einseitigkeiten einer 
idealistischen und einer formalistischen und anderer 
Aesthetiken zu sprechen. Nur zwei Seiten der Sache 
müssen hier festgehalten werden. Erstens erschöpft sich die 
bisherige Aesthetik fast immer nur in der Beobachtung und 
Erklärung des Eindruckes, den ein ästhetischer Gegenstand 
auf den ihm entgegentretenden Menschen macht; an die 
produzierenden Mächte sowie an die Eingliederung dieses 



Produzierens in größere Komplexe der Welt, kurz ge- 
sprochen : an den Künstler und an das Künstlertum, denkt 
man hier am wenigsten. Damit steht in engem Zusammen- 
hang ein zweites Versäumnis, das allerdings aus der 
Praxis insofern eine Bestätigung zu bekommen scheint, 
als es ja viele angebliche Künstler gibt, die nichts zu 
„sagen" haben. Wir meinen die Versäumung der Erkennt- 
nis, daß alle Kunst Aussprache eines seelischen Inneren 
ist; aber eine Aussprache freilich, die über den natura- 
listischen Charakter alltäglicher Vorgänge des Aussprechens 
dadurch hinausgeht, daß sie mit einem besonderen Inter- 
esse an den Formen dieses Aussprechens geschieht. Damit 
ist die Forderung aufgestellt, an die Stelle der bisherigen 
Aesthetiken eine Aesthetik des Ausdruckes zu setzen und 
diese Betrachtung auch auf die Erkenntnis und Förderung 
von Einzelgebieten anzuwenden, bei denen es bisher noch 
nicht geschehen ist. 

Wenn nun jedes wirkliche Kunstwerk Ausdruck ist, 
und zwar einer, der mit der höchstmöglichen Vollkommen- 
heit der Formensprache geschieht, so liegt darin auch 
schon dies, daß jedes wahre Kunstwerk den allbekannten 
Stempel des Individuellen trägt; der Künstler kann gar 
nicht anders, als seine Sache zu machen, wie sie eben 
aus seinem eigenen, nicht aus einem anderen Innern 
kommt. Man weist auf diese Charakteristik alles Künst- 
lerischen besonders gerne dann hin, wenn es gilt, Kunst 
einerseits und Handwerk oder Gewerbe und Industrie 
andererseits von einander zu unterscheiden. Man sagt in 
solchen Fällen: Ein künstlerisches Werk ist dasjenige, 
das individuell gearbeitet ist. Darin liegt natürlich nichts 
Unrichtiges und etwas überaus Wichtiges. Indessen ist 
noch nicht alles Individuelle künstlerisch; es gibt ja auch 
auf anderen als den künstlerischen Gebieten individuelle 
Leistungen. Wir möchten die Unterscheidung des Künst- 
lerischen um' des Handwerklichen und dergleichen folgen- 
dermaßen machen. Es handelt sich bei diesen Unter- 
scheidungen um eine andere als die sogenannte reine 
Kunst, um die Gebrauchskunst, oder wie man sie nennen 
will; also um Architektonisches, Kunstgewerbliches und 
dergleichen mehr. Alle diese Werke dienen einem Zweck 
und sollen ihn eben auf eine möglichst zweckdienliche 
Weise erfüllen. Kommt weiter nichts hinzu, so liegt ledig- 
lich ein technisches Werk vor. Nun kann aber bei der 
Produktion eines solchen Werkes außerdem noch das Be- 
dürfnis walten, diesen Zweck und seine Erfüllung in einer 
möglichst anschaulichen, sinnfälligen, reichlichen, voll- 
kommenen, eigenartigen Weise auszusprechen, von ihm 
zu singen und zu sagen. So können wir auf dem Gebiete 
der sogenannten Gebrauchskunst behaupten, daß jedes 
hierhergehörige Stück eine Zweckbefriedigung ist, aber 



91 



DER STÄDTEBAU 



nur diejenigen eine künstlerische Zweckbefriedigung sind, 
welche einen solchen Ausdruck an sich tragen. Keines- 
wegs also zerfällt diese Gruppe in Zweckwerke und 
Schönheitswerke; sond<?rn Zweckwerke sind alle hierher- 
gehörigen, Schönheitswerke sind einige von ihnen. Und 
erhalten sie einen Ausdruck, dann sind sie auch individuell. 

Wie nun in unserer Wortsprache eine große Fülle 
biologischer Momente zusammenwirkt, um die und die 
Mittel der Aussprache zu schaffen und uns im einzelnen 
Falle zu der und der Aussprache zu bringen: ebenso 
findet sich auch überall anderswo in der Welt des Aus- 
druckes eine große Komplikation der Ursachen, auf die 
das einzelne Werk zurückzuführen ist. Was drängt nicht 
alles in uns zur Aussprache; und welche große Menge 
von Faktoren ringen nicht dabei miteinander, daß der eine 
mehr zur Geltung komme als der andere! Die Trägheits- 
wirkung der Gewohnheit, die Nachahmungswirkung der 
Mode, die Suggestionswirkung des Sehens von dem, was 
man glaubt: alles dies wirkt in einer kaum entwirrbaren 
Weise zusammen. Darum ist es auch mit den Kunststilen 
keine so einfache Sache, wie es meist den Anschein hat: 
es wirkt gar zu vieles zusammen, als daß man die 
Werke einer Periode durch ein paar lineare Grundformen 
bestimmen könnte. Führt man gar in die bisherige Kunst- 
geschichte z. B. auch eine Geschichte des künstlerischen 
Städtebaues ein, so verlangt die Charakterisierung der 
einzelnen Stile abermals mancherlei Ergänzung. Und ge- 
rade auf einem solchen Gebiete kommen dann Dinge wie 
das Verhältnis des Menschen zu der umgebenden Natur, 
zu den Verkehrsbedingungen und dergleichen mehr in Frage, 
so daß man schließlich auch die Anthropogeographie nicht 
mehr entbehren kann. 

Nun hat es aber die Aesthetik nötig, nicht bloß solche 
Verwicklungen als Ganzes zu betrachten, sondern auch 
die entscheidenden Faktoren als einzelne Bestandteile des 
Ganzen für sich zu erkennen. Eins und vielleicht das 
elementarste Prinzip des ästhetischen Schaffens und des 
ästhetischen Wohlgefallens ist das der Wiederholung. 
Im Schaffen wie im Genießen gewährt das gleichmäßige 
Fortsetzen des einmal Angefangenen eine Befriedigung; 
und unser Seelenleben ist, insbesondere durch das Ge- 
dächtnis, in so weitem Maß auf Wiederholungen angewiesen, 
daß sich dies auch in der künstlerischen Welt ausprägen 
muß. Als Sonderfälle oder als Steigerungen des Prin- 
zips der Wiederholung erscheinen dann die bekannten 
Formen der Symmetrie, des goldenen Schnittes, und der- 
gleichen mehr. Das sind elementare Formen, die nicht 
überschätzt und nicht unterschätzt werden dürfen. Sie 
können ästhetisch sehr wertvoll werden, aber sie können 
auch zum ästhetischen Verderb werden. Sie sind eben 
elementar, und der weite Reichtum der ästhetischen Welt 
ist gar nicht möglich, ohne daß über sie, auch wenn sie 
vielleicht noch erhalten bleiben, hinausgegangen wird. Es 
gibt nicht bald eine für den theoretischen Kunstkenner und 
für den praktischen Kunstarbeiter reizvollere und gewich- 
tigere Sache, als eine so recht gelungene Ueberwindung der 
Symmetrie. Schließlich kommt es auf die sehr einfache 
Einsicht hinaus, daß wir neben dem Prinzip der Wieder- 
holung auch das der Abwechslung brauchen, und daß wir 
für beider Zusammenwirkung kaum eine bessere Formel 
haben, als die allbekannte und immer neubewährte von 
der „Einheit in der Mannigfaltigkeit". 



Nun aber noch eine ganz besondere elementare Ange- 
legenheit der Aesthetik! Keine wirkliche Aussprache geht 
gleichmäßig vor sich. Jede bewegt sich mehr oder weni- 
ger in Akzenten, zwischen denen das weniger Betonte 
steht. Und zwar findet zu diesen Akzenten hin eine Stei- 
gerung statt, und von ihnen weg hinwiederum ein Nach- 
lassen. Allerdings ist der Grad dieses Betonens sehr ver- 
schieden. Man beachte, wie im gewöhnlichen Sprechen 
die Menschen sich durch ihr mehr oder minder starkes 
Akzentuieren unterscheiden. Es ist vielleicht keine vor- 
schnelle Verallgemeinerung, wenn man erfahren zu haben 
glaubt, daß der Süddeutsche in seinem Sprechen mehr 
akzentuiert als der Norddeutsche; und vielleicht hängt 
damit auch zusammen, daß Süddeutschland in manchen 
hierhergehörigen Kunstdingen besser daran ist als Nord- 
deutschland. Musikalischer Vortrag ist, wenn er über- 
haupt künstlerisch sein will, ohne Akzente unmöglich; und 
eine musikalische Vortragslehre hat die Aufgabe, geradezu 
eine Naturgeschichte und eine technische Lehre von den 
verschiedenen Akzenten herzustellen. Daß wir auch im 
Kunstgewerbe mit Akzenten zu rechnen haben, versuchte 
der Verfasser anderswo darzutun („Kunst und Kunsthand- 
werk", Wien, August 1903, VI/6, 7). 

Dies gilt jedenfalls von allen Künsten. Nun gibt es 
aber einige Künste, die als die sogenannten darstel- 
lenden mehr nur vorhandene oder als vorhanden gedachte 
Objekte wiedergeben, wie besonders die Malerei und die 
Plastik, während andere sozusagen freier gestalten. Ab- 
gesehen von der Poesie, die durch ihren Inhalt mehr der 
ersten, durch ihre Sprachform mehr der zweiten Gruppe 
angehört, sind es insbesondere die oft in vorschneller 
Weise aneinandergereihten Künste der Musik und der 
Architektur, die sich durch einen Gegensatz gegen die 
eigentlich darstellenden Künste auszeichnen. Die Musik 
bildet mit der Dichtkunst in dem vorhin angedeuteten 
Sinn und mit der in weitester Bedeutung gefaßten Tanz- 
kunst die Gruppe der sogenannten redenden Künste. Alle 
diese Künste sind von der oben auseinandergesetzten 
Akzentuierung ganz wesentlich abhängig. Indem nun zu 
diesen Akzenten hinauf- und von ihnen hinabgegangen 
wird, bilden sich Formelemente mit je einem oder mehreren 
Akzenten als Mittelpunkte; und selbst ohne jene Akzent- 
lehre würde sich diese „Formenlehre" als eine notwendige 
Seite der Kunsterkenntnis durchführen lassen. Unsere 
Mimik gliedert sich in einzelne Gruppen von Gesten und 
in die elementaren Gesten selber; die Zusammensetzung 
dieser Gesten aus Bewegungen geht dann wohl nur mehr 
die Physiologie, nicht mehr die Kunstlehre an. Unsere 
Wortsprache und Schriftsprache gliedert sich, wenigstens 
wenn sie wirklich ausdrucksvoll ist, in Absätze, Satz- 
gruppen, Perioden, Sätze und Sätzchen; wahrscheinlich 
ist das Richtige, hier zu schließen und die einzelnen 
Worte, aus denen die Sätzchen bestehen, lediglich als 
Bausteine, nicht mehr als Formelemente der Sprache zu 
betrachten. Die Musik im eigentlichen Sinne des Wortes 
besteht jedenfalls nicht aus Tönen, die ja als solche ledig- 
lich Sache der Physik sind. Sie besteht vielmehr auch 
ihrerseits aus letzten Formelementen, d. h. hier aus 
Motiven, und weiterhin aus den Gruppierungen dieser 
Motive zu Sätzchen, Perioden usw. So geht jegliches 
Stück einer redenden Kunst auf Formelemente höheren 
und niederen Grades zurück. Diese Gliederung kann aber 



92 



DER STÄDTEBAU 



unmöglich anders bestehen als dadurch, daß die einzelnen 
Glieder für sich relativ abgerundet und abgeschlossen sind. 
Zwischen ihnen müssen sich naturnotwendigerweise 
Partieen finden, die wir kurz als negative Formpartieen 
bezeichnen können: man mag sie tote Intervalle, Cäsuren, 
Einschnitte und dergleichen mehr nennen. In der Schrift- 
sprache und neuerdings auch in der Tonsprache bekommt 
man mit den sogenannten Interpunktionen zu tun, also 
den Kennzeichnungen der Einschnitte je nach ihrem ver- 
schiedentlichen Wert. Eine interpunktionslose Rede in 
Wort oder Schrift ist bekanntlich namentlich den an- 
spruchsvolleren Hörern und Lesern unsympathisch; und 
es wird den Frauen, auch den gebildeteren unter ihnen, 
vorgeworfen, daß ihr Stil und ihre Schrift meist ohne die 
sonst so willkommenen Einschnitte und Interpunktionen 
ablaufen. — 

Mit diesen allgemeinen ästhetischen Auslassungen sind 
wir bereits unserem besonderen Thema vom Städtebau 
und seiner Ausdrucksbedeutung ganz nahe gekommen; es 
handelt sich nun darum, das Allgemeine auf den beson- 
deren Fall anzuwenden. Der Städtebau ist eine eigene 
Verwendungsart der architektonischen Kunst. Er gehört 
dadurch zu den im weitesten Sinne tektonischen Künsten, 
gruppiert sich also mit dem größten Teil des Kunst- 
gewerbes und der dekorativen Kunst zusammen. Infolge- 
dessen findet auf ihn auch das Anwendung, was wir von 
dem Verhältnisse zwischen künstlerischen und nichtkünst- 
lerischen Werken der Zweckmäßigkeit gesagt haben. 
Ebenso wie eine Zimmerausstattung unter allen Umständen 
einem Zwecke dient, diesem Zweck aber entweder bloß 
in nützlicher oder auch in schöner Weise dienen kann: 
ebenso ist der Städtebau unter allen Umständen eine 
Nutzenssache, kann aber außer dieser Nutzbedeutung auch 
noch eine künstlerische Bedeutung bekommen, wenn er 
das Nutzverhältnis in der oben beschriebenen Weise zur 
Aussprache bringt. Desgleichen kehrt hier die Frage der 
individuellen oder der nichtindividuellen Gestaltung wieder: 
wie ein Möbel rein handwerklich sein kann, so kann es 
auch ein Stadtteil oder eine Stadtanlage sein, und diese 
können hinwieder auch den bekannten Stempel des künst- 
lerisch Individuellen tragen. Andererseits gehört der 
Städtebau nicht wie Malerei und Plastik zu den darstellen- 
den, sondern so, wie gemäß einem Musterbeispiel die 
Musik, zu den freigestaltenden Künsten. Dadurch gewinnt 
in ihm alles das einen besonderen Wert, was wir über 
Akzente und Formgliederungen, besonders über Abrundung 
der Formteile und über Cäsuren gesagt haben. Die Klagen, 
die sich gegen unseren bisherigen Städtebau so oft und 
mit wehmütigem Zurückblicken auf bessere Zeiten erhoben 
haben, bekommen eine festere Gestalt, sobald wir er- 
kennen, wie sehr es in unserer Behandlung der Städte 
an Akzenten und Gliederungen und Cäsuren und Inter- 
punktionen fehlt. 

Allerdings wird nun auch hier, ebenso wie in der 
Ästhetik überhaupt, eine Materialsammlung als Grundlage 
der Kritik des Bestehenden sowie der Vorschläge zum 
Bessermachen nötig sein. Das hauptsächliche Material 
bilden hier Stadtpläne. Sie sind jedoch nicht nur bisher 
in zu geringer Anzahl vorhanden, sondern sie gehen ge- 
wöhnlich gerade auf das nicht ein, was wir hier brauchen. 
Vor allem sind größere Maßstäbe nötig. Bei den gewöhn- 
lichen Maßstäben werden zwar die Baublöcke zur Not 



kenntlich; von den Straßen und Plätzen jedoch erkennt 
man lediglich ihre Lage, Richtung und dergleichen, nicht 
jedoch ihre Ausgestaltung im Einzelnen. Wir wollen doch 
außer der Breite und Länge auch die Ausfüllung der Platz- 
und Straßenflächen mit den verschiedentlichen Denk- 
mälern, Rasenanlagen und dergleichen mehr kennen lernen, 
womöglich auch die Pflasterung usw. Das Querprofil 
einer Straße ist natürlich aus den Horizontalprojektionen 
der Stadtpläne nicht abzulesen, bedarf vielmehr eigener 
Vertikalprojektionen. Und zwar wird für manche Straße 
mehr als ein einziges solches Querprofil darzustellen sein, 
da die Erweiterungen der Straßen, ihre Kreuzungen und 
dergleichen mehr ganz besonders entscheidende Momente 
des Städtebaues ergeben. Mit Plätzen verhält es sich 
entsprechend. 

Abgesehen von dieser Seite der Sache handelt es sich 
nun um eine wirkliche Geschichtsforschung des Städte- 
baues. Bisher ist darin auffallend wenig geschehen. Viel- 
leicht der einzige nennenswertere Beitrag dazu stammt 
von dem Altmeister J. Stubben: „Der Bau der Städte in 
Geschichte und Gegenwart. Rede zum Schinkelfeste des 
Architekten-Vereins in Berlin, am 13. März 1895" (,, Zentral- 
blatt der Bauverwaltung", Berlin 1895, XV. Jahrgang, 
No. 11—^13; auch in Sonderabzug). Die nicht eigentlich 
historische, sondern systematische Litteratur über den 
Städtebau ist immerhin beträchtlicher. Wir können sie 
hier nicht anführen, möchten aber doch erwähnen, daß in 
den neueren Auflagen von Meyer's Konversationslexikon, 
namentlich in den Ergänzungs- und Jahressupplement- 
bänden, manches Wertvolle darüber mit einigen geschicht- 
lichen Ausführungen zu finden ist. 

Die Reichlichkeit der Materialforschung wird umso- 
mehr nötig sein, jemehr wir auch im Städtebau mit der 
Verwicklung der verschiedensten Ursachen zu tun haben. 
Allerdings läßt sich nicht jeder Punkt dieses Gebietes 
durch anschauliche Darstellungen erweisen. Die Macht 
der Mode, der Gewohnheit, der Suggestion festzustellen, 
ist mehr kritische als Sammlungsarbeit. Ein Beispiel für 
den allgemein verbreiteten Glauben an die ästhetische Not- 
wendigkeit großer Räume im Städtebau ist die landläufige 
Ansicht, daß unsere großen Plätze besser wirken würden, 
wenn die sie umschließenden Gebäude weiter auseinander- 
gerückt wären. Man kann hier nun freilich schwer mit 
dem Experiment eingreifen und beispielsweise die Grenz- 
gebäude eines Platzes zur Probe enger zusammenrücken. 
Allein man kann doch Aufnahmen von Plätzen in Vertikal- 
projektion so nebeneinanderstellen, daß notorisch schöne 
kleine Plätze, wie z. B. der Markusplatz in Venedig, der 
Rathausplatz in Lübeck, oder der Kapitolplatz in Rom 
ihren wohltuenden Gegensatz zeigen gegen unsere typi- 
schen Riesenplätze, wie z. B. der Königsplatz in Berlin, 
der Rathausplatz in Wien, der Augustusplatz in Leipzig. 
Fördert man dann noch die Erkenntnis, daß in aller 
künstlerischen Ausdruckssprache die letzten Formelemente 
der Gliederung immer nur von einer mäßigen Ausdehnung 
sein dürfen, während erst Zusammenfassungen solcher 
Elemente eine größere Ausdehnung gestatten, so ist auch 
die Hoffnung vorhanden, daß wir den allgemeinen Glauben 
an den Wert übergroßer Plätze und überlanger, sowie 
überbreiter Straßen erschüttern. 

Was wir über Wiederholung und Abwechslung, über 
Symmetrie und ihre Überwindung und dergleichen mehr 



98 



DER STÄDTEBAU 



gesagt haben, kehrt hier alles in einzelner Anwendung 
wieder. Daß sich bei den vielgerühmten mittelalterlichen 
Städten mit ihrer reichen Abwechslung auch allzuviel Ab- 
wechslung, allzuviel Mannigfaltigkeit finden kann, ist 
ebenfalls schon bekannt geworden. Städte wie Aachen, 
Münster, Kassel enthalten, wie es heißt, in ihren alten 
Partien doch wohl zu viel Mannigfaltigkeit und zu wenig 
Einheit. Sonst aber ist das Übermaß an Einheit über der 
Mannigfaltigkeit der gemeinsame Jammer des bisherigen 
Städtebaues der neuesten Zeit. 

Wenn wir nun versuchen, für die Kunst des Städte- 
baues ebenso die letzten und die weiteren Formen wieder- 
zufinden, wie sie für die Wortsprache, die Gebärden- 
sprache, die Tonsprache gefunden worden sind; und wenn 
wir wissen wollen, was denn eigentlich im Städtebau so- 
wohl eine Wiederholung, wie auch eine Abwechslung in 
der Wiederholung verlangt: so kommen wir zu zwei 
Arten von Formelementen, einer primären und einer sekun- 
dären. Die grundlegende, eigentliche, letzte Einheit im 
Städtebau ist nicht etwa die Straße oder der Platz, sondern 
der Baublock. Dieser Baublock wird allermeistens eine 
Gruppe von Bauten sein, wird aber auch aus einem ein- 
zigen Bau bestehen können. Eine solche Formeinheit 
verlangt nun nach dem, was wir früher gesagt haben, eine 
gewisse Abrundung, Abschließung, eine Abhebung von 
anderen solchen Einheiten. Die Cäsuren, die sich da- 
durch ergeben, sind aber diesmal nicht nur Cäsuren, nicht 
bloße tote Intervalle, sondern ebenfalls positive Bestand- 
teile des Ganzen, Sie sind als solche technisch gefordert 
durch die Ansprüche an den Verkehr, an Gesundheit usw. 
Wir meinen die Straßen und die Plätze. Diese können 
wir im Gegensatze zu jenen primären Einheiten als sekun- 
däre Einheiten betrachten. Sie werden, obwohl sie von 
vornherein allen Anschein eines blos Negativen haben, zu 
positiven und sehr anspruchsvollen Gebilden. Gerade 
daran fehlt es in unserem Städtebau, daß die Straßen und 
Plätze positiv behandelt werden sollen und es nicht werden. 
Man tut gewöhnlich, als seien sie eigentlich nur ein 
Ausfall an Bauplätzen. Da dieses Gefühl für das Po- 
sitive der Straße oder des Platzes fehlt, so fehlt nun 
noch mehr, als es sonst schon der Fall sein würde, 
das Gefühl für all das, was einem solchen Formelement 
an Betonung, an Steigerung und Nachlassung, an Ab- 
schließung nötig ist. Daher wiederum die Überlänge der 
Straßen u. s. w., das formlose Weitermachen in unbe- 
dachten Raumgrößen, insbesondere jedoch das traurige 
Verkennen dessen, daß Straße und Platz, wenn sie Aus- 
druckselemente sein wollen, irgendwie anschaulich ge- 
schlossen sein müssen. In jenem geschichtlichen Aufsatze 
(Seite 126) betont Stubben insbesondere das Feingefühl 
Michel Angelos für Abschließung der Plätze, das uns um 
so mehr überrascht, als für ihn selbst die mittelalterlichen 
Marktplätze wohl noch zu wenig geschlossen waren. Der 
Gegensatz zwischen den besseren alten und den schlech- 
teren neuen Zeiten des Städtebaues zeigt sich nun auch 
darin, daß in dem gleichmäßigen Fortlaufen der Wände 
einer Straße ungefähr gleiches geleistet wird wie bei der 
Musik in dem gleichmäßigen, akzent- und interpunktions- 
losen Fortlaufen des Vortrages. Gerade der Städtebau 
verfügt über so mannigfache Mittel der Abwechselung, der 
Unterbrechung, der Betonung von Hauptstellen, der loseren 
Behandlung von Nebenstellen u. s. w., daß jedenfalls nicht 



die Einrede eines Mangels an Hilfsmitteln gemacht werden 
kann. Die ungenügende Abstufung der verschiedenen Arten 
von Straßen, die geradezu verkehrte Anlegung von Straßen- 
ungetümen in den Linien des kleinsten Verkehres und dergl. 
mehr sind Dinge, über die wir hier kein weiteres Wort 
verlieren brauchen. 

Jede Stadt ist eine Individualität für .sich, und ist es 
auf Grund geologischer, klimatischer, anthropologischer, 
historischer und zahlreicher sonstiger Faktoren. Diese 
Faktoren erzwingen sich nun auch ihre technische Berück- 
sichtigung trotz aller oft sehr wirksamen Gegenstemmungen. 
Sie erzwingen sich außerdem, aber ersichtlich schon weniger 
erfolgreich, eine künstlerische Aussprache dieser ihrer 
individuellen Situationen. Wie weit sie es bisher wirklich 
getan haben, muß unsere weitere Materialforschung lehren; 
und wie weit die Stadtbaumeister in einer Berücksichti- 
gung dieser Situationen zurückbleiben, muß unsere durch 
diese Studien geförderte praktische Einsicht sein. Die 
Bedeutung des Ortsgefühles im Städtebau hat noch vor 
kurzem Ch. Buls im VI. Heft unserer Zeitschrift gezeigt. 
Tatsächlich fehlt es an diesem Gefühle so sehr, daß nicht 
einmal das Gelände genügend berücksichtigt wird. Das 
Bedürfnis, in einem Gegensatze zum Gelände zu bauen, 
läßt nun auch nicht viel Hoffnung darauf zu, daß es dem 
Stadtbaukünstler daran liege, die vorhandenen Tatsachen, 
seien es nun Bodenverhältnisse oder geistige Verhältnisse, 
recht anschaulich auszusprechen. Eine Stadt ist endlich 
nicht nur örtliche, sondern auch geschichtliche Indivi- 
dualität. Sie hat ihre Überlieferungen, und sie bietet sie 
auch gerne dar, auf daß sie vom Künstler zum Gegenstande 
seiner Ausdruckssprache gemacht werden. 

Nun ist im Zusammenhange mit diesen historischen 
Betrachtungen viel Mühe darauf verwendet worden, die 
Städte nach bestimmten Typen zu sondern. Stubben und 
andere haben in diesem Sinne mit manchem Richtigen, 
verschiedene Arten von Städten und von Stadtplätzen zu 
unterscheiden gesucht. So hören wir z. B. von Städten, 
die lediglich dem Schutze gegen Angriffe dienen sollen 
(Schutztypus), von Städten als Mittelpunkten des Verkehres 
(Verkehrstypus), dann von Städten als Kunstwerken und 
etwa noch von Städten der Niedergangszeiten. Ebenso 
werden die Stadtplätze in ähnliche Arten eingeteilt: Ver- 
kehrsplätze, Nutzplätze und Architekturplätze, von denen 
etwa wieder noch eigens sogenannte Schmuckplätze unter- 
schieden werden. Nach dem früher Gesagten müssen wir 
hier einen wesentlichen Irrtum feststellen. Eine Stadt ist 
immer ein Nutzwerk und ein Platz ist es ebenfalls immer. 
Es bleibt nur die Frage, ob wir lediglich mit einem Nutz- 
werke zu tun haben, oder mit einem Werke, bei dem zum 
Nutzen auch noch der künstlerische Ausdruck seiner tek- 
tonischen Bedeutung hinzukommt. Architekturplätze oder 
Schmuckplätze lediglich als solche darf es gar nicht geben, 
ja kann es gar nicht geben. Verlegen wir uns durchaus 
darauf, sie herzustellen, so erhalten wir größtenteils eben- 
solche unmotivierte Schmuckstücke, wie es in der 
Architektur die aufgeklebten Fassadenelemente oder in 
der Zimmerausstattung die vielberufenen rein luxuriösen 
Schmuckgegenstände sind. 

Auf einem fruchtbareren Boden befinden wir uns mit 
dem Versuch, militärische, aristokratische, demokratische 
und sonst derartige Stadtformen zu unterscheiden. Nament- 
lich das allmählige Zurücktreten und doch noch Weiter- 



94 



DER STÄDTEBAU 



wirken des militärischen Charakters unserer Großstädte, 
das Anwachsen eines demokratischen Strebens usw. geben 
viel Gelegenheit zu historischer Erkenntnis und zu prak- 
tischen Folgerungen aus ihr. Die Mischung aus Militärischem 
und Aristokratischem einerseits, aus Bürgerlichem und 
Demokratischem andererseits in unseren Städten spricht 
sich künstlerisch in der so merkwürdigen Verbindung 
mittelalterlicher Engräumigkeit und neuzeitlicher Weit- 
räumigkeit aus, an der unser Städtebau leidet. Wir 
wohnen mehr als mittelalterlich, und wir wandeln im 
Freien mehr als neuzeitlich. Wir wollen freie Demokratie 
auch in der Stadt haben und tyrannisieren doch das Stadt- 
leben in einer Weise, als gelte es, eine Armee alter Zeit 
zu kommandieren. 

Dazu kommt noch das verschiedentliche Verhältnis 
einer Stadt zum eigentlichen Lande. So weit sich ein 
europäischer Stadtypus mit einem außereuropäischen ver- 
gleichen läßt, dürfte sich der europäische Typus ganz 
besonders durch seine schärfere Abhebung von allem 
Ländlichen kennzeichnen. Die Versuche, wirklich Länd- 
liches in die Stadt hineinzubringen, sind nur ein Miß- 
verständnis. Mit dem städtischen Grün ist bisher wohl 
mehr Schaden als Nutzen, wohl mehr falsche als wahre 
Schönheit erreicht worden. Eine Stadt will nun einmal 
Stadt sein und verlangt auch eine Aussprache dieser ihrer 
Eigenheit. Die hygienische Unentbehrlichkeit eines Verkehres 
mit der freien Natur ist nicht dadurch zu erfüllen, daß man 
diese in die Stadt hineinzwängt, sondern vielmehr dadurch, 
daß man das Leben der Stadt, soweit es nicht dieser 
selbst angehört, aus ihr hinausführt. Das ist ja auch eine 
ständig wiederkehrende Klage gegen unseren Städtebau: 
das Aufgezwungene, das nicht aus dem wirklichen Leben 
der Stadt entspringt, sondern künstlich ausgedacht wird. 
Ihm steht fortwährend ein Aufbäumen gegenüber, das 
natürlich national und lokal verschieden ist. Nur daß 
dieses Aufbäumen selber wieder eingeschränkt wird durch 
den Mangel an Erkenntnis der Fehler, insbesondere durch 
all jene Mode, Gewohnheit, Suggestion usw., von denen 
wir gesprochen haben. So läßt das Volksgefühl zu, daß 
die wenigst gewichtigen Bestandteile unseres Lebens im 
Städtebau ihren Ausdruck finden, und daß man die wich- 
tigsten Faktoren, statt sie auszusprechen, mit Vorliebe ver- 
hüllt. Wir zeigten, wie die Straßen und Plätze mit Vor- 
liebe als bloße Negationen behandelt werden; das Wort 
„Aussparung" als tadelnde Charakterisierung eines Platzes 
ist in diesen Zusammenhängen bereits gebraucht worden. 

Und trotz dieser Behandlung der freien Flächen als 
bloßer Negationen überwiegt in unseren Stadtanlagen doch 
wieder das Netz der Straßen und Plätze, nicht der Bau- 
block. Es ist, als wollte man erst Löcher, und dann das 
nötige darum herum machen. Die Baublöcke müssen zu- 
sehen, wie sie sich in die übrigbleibenden Rechtecke, 
Dreiecke, Zwickel (insbesondere zwischen den Ausläufern 
von Sternplätzen) hineinfinden. Die ältere europäische 
Stadt und wohl auch die ältere asiatische Stadt geht, wie 
selbst ein nur flüchtiger Blick auf ihre Pläne lehrt, von 
den Gebäuden und Gebäudegruppen aus und läßt das 
Übrige sich als Produkt der somit gegebenen Gestaltungen 
bilden. Wir gehen von dem Straßennetz aus und sind in 
ihm gefangen. 

Es ist hier nicht möglich, auf alle diese Fälle, besonders 
eines verkehrten, verfahrenen Ausdruckes im Städtebau, 



einzugehen. Daß man z. B. seine eigene Macht und Größe 
u. s. w. durch möglichst weite Plätze aussprechen will, ist 
doch einfach eine Verkehrtheit, wie sie lächerlicher kaum 
gedacht werden kann. Eher würde auf diesem Wege nach 
einer geringeren Ausdehnung zu streben sein, die ja durch 
ihren Gegensatz gegen das in ihr Waltende ähnlich wirken 
würde, wie in der darstellenden Kunst ein Rahmen, den 
die Komposition zu sprengen scheint. Nun noch mehr! 
Wenn aller Verkehr von einem Punkt einer Stadt zu 
irgend einem anderen auf der Erdoberfläche geführt wird, 
und wenn die Stadtbauformen dies in aller Deutlichkeit 
aussprechen, so ist damit gesagt, daß wir uns durch- 
schnittlich in eben dieser Höhe befinden. Tatsächlich 
aber ist die durchschnittliche Höhe unseres Wandels in 
der Stadt beträchtlich weiter vom Erdboden nach oben 
entfernt. Ziehen wir den Durchschnitt zwischen der Höhen- 
lage unseres Wohnens, unseres Zusammenseins außer- 
halb des Hauses u. s. w., so ergibt sich vielleicht eine Ent- 
fernung von, sagen wir: 5—10 m über dem Erdboden. Um 
also das Getriebe einer Stadt nicht nur tatsächlich mit der 
meisten Krafter sparung zu fördern, sondern auch ein an- 
schauliches Bild von ihm zu geben, müßte unser durch- 
schnittlicher Verkehrsboden namentlich für Fußgänger un- 
gefähr in der Höhe des ersten Stockwerkes stattfinden. 
Sollen ferner Baublock und Verkehrsfläche, oder kürzer 
gesprochen: Haus und Straße, in möglichst bequemer und 
inniger und zugleich zu anschaulichem Ausdruck ge- 
brachter Wechselwirkung stehen, so ist das Hinabsteigen 
aus der durchschnittlichen Höhe des Wohnens auf die 
Straßenfläche und dann wieder das Hinaufsteigen von 
diesem zu jenem ein Widerspruch gegen die Tatsachen. In 
der englischen Stadt Chester kommen, wie ich dem Text- 
buch von Anton Springer zu den kunsthistorischen Bilder- 
bogen (Leipzig 1881, 2. Auflage Seite 313) entnehme, in meh- 
reren Straßen Holzhäuser mit fortlaufenden offenen Gängen 
im mittleren Stockwerk vor, sogenannten rows. Ich weiß 
nicht, ob es sich hier lediglich um Privatbalkone handelt; 
architektonisch ist aber jedenfalls eine Form gegeben, die 
im Vereine mit der endlichen technischen Durchführung 
des Prinzipes vom mehrfachen Verkehrsboden einer Stadt 
dazu führen konnte, unseren Verkehr der Erdoberfläche 
nach zu erleichtern und getreulicher auszusprechen. 

Daß manche Bestrebungen des Städtebaues die Aesthetik 
lediglich vorschieben, um andere Zwecke zu verdecken, 
gehört anhangsweise ebenfalls hierher, zumal weil es dazu 
beiträgt, das Urteil über Stadtbauverhältnisse zu verwirren. 
Manche sogenannte Domfreiheit ist vielleicht (und ich 
hörte diese Behauptung mit tatsächlichem Bezug auf die 
Stadt Köln) in der Hauptsache dadurch zu Stande ge- 
kommen, daß die Eigentümer der wegzuräumenden Häuser 
ein möglichst gutes Geschäft machen wollten. Auf diesem 
Weg ist freilich unschwer der Schein zu erwecken, als sei 
eine Domfreiheit notwendiger Ausdruck der Eigenart einer 
städtischen Baulage und der Gefühle, welche die Be- 
wohner zu ihren Kunstwerken hegen. — 

Soweit unser Versuch, eine Aesthetik des Ausdruckes 
auf den Städtebau anzuwenden. Es konnten nur skizzen- 
hafte Linienzüge sein, und nur allmählig vermag eine nähere 
Erkenntnis des Ausdruckes auf diesem Gebiet annähernd 
vollendet zu werden. Um aber auf dem theoretischen und 
dann auch auf dem praktischen Wege weiterzuschreiten, 
scheint uns kein Mittel geeigneter zu sein, als daß wir 



95 



DER STÄDTEBAU 



die Heranbildung der künftigen Stadtbaumeister von vorn- 
herein in dem Sinne des von uns Gesagten leiten. Nun 
wird man einwenden, falls man nicht alle Aesthetik 
überhaupt ablehnen will, daß eine solche doch in der 
Ausbildung bequem nach Abschluß der gewöhnlichen 
Studien nachgeholt werden kann. Allein gerade da- 
gegen müssen wir uns besonders aussprechen. Was 
nachgeholt werden soll, wird eben nicht nachgeholt. Es 
ist mit diesen kunstpädagogischen Dingen gerade wie mit 
musikpädagogischen. Im Musikunterrichte wird gewöhn- 
lich gesagt: „Erst Technik, dann Vortrag!" So richtig 
daran dies ist, daß die sogenannte Technik nicht durch 
anderweitige Einflüsse geschädigt werden darf, was natür- 
lich für baukünstlerischen Unterricht ebenfalls gelten muß, 
so falsch ist doch der Weg zu welchem jener Ausspruch 
meistens führt. In der Kunst bedeutet ja die Technik 
lediglich die Herstellung der Mittel, um künstlerisch 



etwas zu sagen. Bleibt nun die Aufmerksamkeit auf 
diese Mittel eingeschränkt, so bekommen wir dann 
freilich Künstler, die nichts aus sich zu sagen haben. 
Wenn wir ferner daran denken, daß die künftigen Stadt- 
baumeister auf Hochschulen gebildet werden, so müssen 
wir uns erinnern, daß zu einer Hochschule nicht die 
Isolierung der einzelnen Fächer, sondern eine Zusam- 
menfassung und, soweit möglich, einheitliche Be- 
handlung von ihnen allen gehört, eine universitas litterarum 
oder universitas artium. Und gerade der Städtebau berührt 
sich so sehr mit allen übrigen Künsten, sowie schließlich 
mit sämtlichen Faktoren des höheren Kulturlebens, daß 
wir uns die Ausbildung seiner Jünger nicht anders denken 
können, als daß sie auf die Grundlage einer Aesthetik 
gestellt wird, wie wir sie eingangs im allgemeinen und 
dann weiterhin in konkreter Anwendung darzulegen ver- 
sucht haben. 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



"PREISAUSSCHREIBEN des Magistrats der königlichen Haupt- 
■^ und Residenzstadt München über Herstellung eines architek- 
tonischen Abschlusses am nordöstlichen Ende des Maximili- 
anplatzes betr. Ein Münchener Bürger hat durch Vertrag der Stadt- 
gemeinde München aus seinem dereinstigen Nachlasse ein Vermächtnis 
in Höhe von 200 000 Mark zu dem Zwecke zugewendet, am nordöstlichen 
Ende des Maximilianplatzes einen architektonischen, monumentalen Ab- 
schluß, der schon bei Vollendung der Anlagen in Aussicht genommen 
war, herstellen zu lassen. 

Behufs sofortiger Erlangung von Entwürfen bezw. Modellen hat der 
Stifter jetzt schon die Summe von 10 000 Mark für einen Wettbewerb 
zur Verfügung gestellt, an der sich nur Münchener Künstler oder Künstler 
bayerischer Abstammung beteiligen können. 

Diese werden hiermit zur Teilnahme an diesem Wettbewerb einge- 
laden, wobei Folgendes zu beachten ist: 




Bei Anlage des architektonischen Abschlusses ist zu berücksichtigen, 
daß er nach der Absicht des Stifters ein Erinnerungszeichen an die glor- 
reiche Regierung Seiner Königlichen Hoheit des Prinz-Regenten Luitpold 
von Bayern bilden soll und etwa in Form eines Tempels mit anschließen- 
den Arkaden gedacht ist. Jedoch sind Lösungen des Gedankens auch in 
anderer Form durchaus nicht ausgeschlossen. 

Ebenso ist die Verwendung des Wassers zulässig und wird insbeson- 
dere bildnerischer Schmuck gewünscht. 

In dem Kostenbetrage von 200 000 Mark ist eine etwaige Wasser-Zu- 
und Ableitung, sowie die Gründung nicht inbegriffen; diese Arbeiten wer- 
den von der Gemeinde übernommen. 

Vorbezeichnete Kostensumme darf nicht überschritten werden. Der 
Künstler übernimmt die Haftung, daß sein Entwurf um den Betrag von 
200 000 Mark ausgeführt werden kann. 

Die Zeichnungen sind im Maßstabe i : 20, die Modelle im Größt- 

maßstabe von 1:10, die Grundrisse im Maßstabe von 

I : 100 herzustellen. Auch ist ein Lageplan 1 : 500 
beizufügen. 

Ein Hinausrücken in den freien Platz (Fahrbahn) 
ist aus Verkehrsrücksichten nicht zulässig. 

Den mit einem Motto zu versehenden Entwürfen 
ist ein versiegeltes Kuvert beizufügen, das den Namen 
des Künstlers nebst Wohnungsangabe enthält und als 
äußere Aufschrift neben dem Motto die Bezeichnung 
,, Architektonischer Abschluß am nordöstlichen Ende 
des Maximilianplatzes" zu tragen hat. 

Die Entwürfe und Modelle sind spätestens am 
2. Januar 1906, abends 6 Uhr, im alten Rathause ab- 
zugeben, wo sie nach erfolgter Entscheidung des Preis- 
gerichtes öffentlich ausgestellt werden. 

Die hierzu notwendigen Untergestelle usw. sind 
von den Bewerbern zu liefern. 

Für die drei besten Entwürfe werden Preise im 
Betrage zu 5000, 3000 und 2000 Mark bestimmt. Das 
Preisgericht, das den Wettbewerb zu leiten, die Preise 
zu verteilen und den zur Ausführung sich eignenden 
Entwurf auszuwählen hat, besteht aus den Herren 
Kommerzienrat Friedrich Seyboth, I. Vorstand des 
Gemeindekollegiums; Reichsrat Ferdinand von Müller, 
Kgl. Direktor der Akademie der bildenden Künste; 
Kgl. Professor Wilhelm von Ruemann; Kgl. Pro- 
fessor Adolf von Hildebrandt; Kgl. Professor Rudolf 



96 



DER STÄDTEBAU 



von Seitz; Kgl. Professor Dr. Gabriel von Seidl; Kgl. Professor Martin 
Dülfer; Kunsthändler Hermann Heinemann und I. Bürgermeister 
Dr. Wilhelm von Borscht. 

Ihnen steht das Recht zu, die Preise auch gleichheitlich festzusetzen 
oder die Gesamtsumme in mehr als drei Preise einzuteilen. 

Entwürfe, die schon einmal preisgekrönt wurden, sind von dem Wett- 
bewerb ausgeschlossen. 

Die Ausbezahlung der Preise erfolgt sofort, eine endgiltige Vergebung 
des Auftrages erst nach dem Ableben des Stifters. 



Die Zuerkennung eines Preises gibt kein Recht auf die Ausführung, 
es entscheidet vielmehr das Preisgericht endgültig über die Vergebung 
der Arbeit. 

Die preisgekrönten Entwürfe gehen in das Eigentum der Stadtgemeinde 
München über, die in beliebiger Weise frei darüber verfügen kann. 

Die anderen Entwürfe werden den Einsendern zurückgegeben. 



D 



IE ERLÄUTERUNG zu Tafel 54 folgt in Heft 8. 
wird ein modernes Straßenbild beigegeben. 



Auf Tafel 56 



CHRONIK. 



DIE „MARTINSPFORTE" IN WORMS. Die Stadtgemeinde 
Worms hat einen höchst beachtenswerten Neubau errichtet: die 
,, Martinspforte", durch die ein altes Wahrzeichen der Stadt wieder her- 
gestellt ist. Nach den Zeichnungen des Peter Hammann war die alte 
Martinspforte ein reich ausgebauter Torturm, über dessen gotischem Tor- 
bogen sich ein offener hölzerner Erker und über diesem zwei weitere Ge- 
schosse erhoben, die wohl dem Torwächter zur Wohnung dienten. Bei 
der neuen Martinspforte, die vom Stadtbauamt entworfen und ausgeführt 
wurde, sind dieselben Motive wieder verwandt, die nur wegen des gänzlich 




Hofphotogr. Herbst. 
Die wiedererstandene ,, Martinspforte" in Worms. 



im Erdgeschoß liegen Geschäfts-, in den 
etwas verändert werden mußten. 



anderen Zweckes des Baues 
Obergeschossen Wohnräume 

Als vortreffliche Ecklösung bietet die wiedererstandene Martinspforte 
ein schönes >traßenbild auch im modernen Sinne. 




"piN MITTELALTERLICHES BAUDENKMAL. Das von 

-*— ' der Stadt Nürnberg erworbene und wiederhergestellte Grolandhaus 
in Nürnberg als schöne Lösung einer spitzwinkligen Straßenecke. 



Die STADTGEMEINDE KREMS hat nach Abschluß der vor- 
ausgegangenen Verhandlungen beschlossen, die Katastralgemeinde 
Weinzierl in das Gemeindegebiet von Krems als fünfte Vorstadt — unter 
Belassung des Namens Weinzierl — einzubeziehen. Weinzierl, das örtlich 
bereits mit Krems zusammengebaut ist und eine Verlängerung der Hohen- 
steinstrasse bildet, hat 73 größere Häuser, 624 Einwohner und einen 
Flächeninhalt von 6,39 Quadratkilometern. Für Weinzierl bedeutet die 
Vereinigung einen wesentlichen Vorteil, da es nunmehr statt 75 Prozent 
bloß 25 Prozent an Umlagen aufzubringen haben wird und Anschluß an 
das Kanalnetz und die Tiefquellenleitung von Krems, sowie eine ent- 
sprechende Gasbeleuchtung erhält. Für Krems ist die Vereinigung insofern 
von Vorteil, als es sich mfolge der bestehenden Verhältnisse nur gegen 
Weinzierl zu baulich ausgestalten kann. 



97 



DER STÄDTEBAU 



ERWEITERUNG DES STADTGEBIETES KÖNIGS- 
BERG I. PR. Der Gesetzentwurf über die Eingemeindung der 
Vororte Königsbergs besagt: „Das jetzige städtische Gebiet reicht nicht 
aus, das Wohnungsbedürfnis zu befriedigen. Die Festungswerke hindern 
den Ausbau. Infolge der \A/'ohnungsnot steigen Bodenpreise und Wohnungs- 
mieten stark. Die Einwohner ziehen in die Vororte und vermindern so 
die Steuerkraft der Stadt, auch die Industrie macht diesen Wegzug mit. 
Es sollen deshalb die betreffenden Gemeinden der Stadt einverleibt werden. 
Auch die Entfestigung kann nicht durchgeführt werden, ehe die Ein- 
gemeindungsfrage nicht gelöst ist. Die Verhandlungen über die Ent- 
festigung sind soweit gediehen, daß sie einen erwünschten Abschluß in 
naher Zukunft erwarten lassen. Die Stadt Königsberg kann die Opfer, die 
die Entfestigung ihr auferlegt, nicht auf sich nehmen, solange sie nicht 
die Sicherheit hat, sie in der Steuerkraft der zukünftigen Bewohner des 
Entfestigungsgeländes zu finden. Durch die Eingemeindung erhält Königs- 
berg einen Zuwachs von 2401 Hektar mit 20000 Einwohnern; die Stadt 
wird also nach der Eingemeindung 4440 Hektar, mehr als doppelt so viel 
wie jetzt, haben und 222 000 Einwohner zählen. 

DER SÜDDEUTSCHEN BAUZEITUNG (Schriftleiter Archi- 
tekt Franz Zell, München) entnehmen wir: Der Tiroler Landes- 
ausschuß hat gelegentlich der in den letzten Tagen erfolgten Genehmi- 
gung des von Architekt O. Lasne, München, verfaßten Kufsteiner Stadt- 
erweiterungsplanes ausgesprochen : 

„Endlich muß der Landesausschuß im vollen Einverständnisse mit 
der K, K. Statthalterei dem Stadtmagistrate aufs eindringlichste und wärmste 
empfehlen als Baubehörde I. Instanz strenge darauf zu achten, daß die 
Bauherren bei Ausführung von Neubauten oder Vornahme von größeren 
Veränderungen an ihren Häusern sich solcher Stilformen und Bauweisen 
bedienen, welche nicht nur der Stadt zum Schmucke gereichen, sondern 
auch in das idyllische Landschaftsbild Kufsteins mit seinen ganz besonders 
anziehenden Naturschönheiten harmonisch hineinpassen. Der weit über 
die Grenzen unseres Vaterlandes berühmte und nachgeahmte Stil unserer 
alten heimischen Baukünstler ist in dieser Hinsicht besonders vorbildlich, 
da dieselben nicht nur etwas an und für sich Schönes herstellten, sondern 
auch etwas zum Vorhandenen Passendes und harmonisches Ganze stets zu 
schaffen gesucht haben. 

Der § 2g dieser Bauordnung gibt in dieser Hinsicht den Baubehörden 
eine entsprechende Handhabe. Bei dem anerkennenswerten Bestreben 
der Stadterweiterung, das Bild von Kufstein so schön als möglich auszu- 
geetalten und bei den großen Opfern, welche der Stadtmagistrat hierfür 
gebracht hat, ist es nicht nötig, ausdrücklich darauf aufmerksam zu 
machen, daß eigenmächtige Abweichungen von dem einmal genehmigten 
Regulierungsplane nach den Bestimmungen der §§ 59 u. folg. nicht nur 
für den Bauherrn, sondern auch für die Baubehörden absolut verboten 
und von Straffolgen begleitet ist." 

Den in vieler Beziehung anregenden Bebauungsplan wird Herr Lasne 
alsbald in unserer Zeitschrift veröffentlichen. 



Ausgeschriebene Stellen, 

aus verschiedenen Zeitschriften zusammengestellt. 



Stellung 



Art der 
Beschäftigung 



Antritt 



Anerbieten 
an 



Dauer 



Gehalt 



Stadtbaurat 



Städtische 
Bauten 



baldigst 



^Stellvertret.? 
Stadtverord- 
neten-Vor- 
steher, Justiz- 
rat Dr. Schiff- 
mann in 
Oppeln 
bis I. 7. 05. 



M.6000, — 
steigend 



Architekt und 
Baumeister 
mit Hoch- j 

Schulbildung ' 



Zeichnen und 
Entwerfen 



sofort 



Expedition jj 
der Deutschen 1 
Bauzeitung, j 
Berlin u. O 
io8g 



Hochbau- 
techniker 



Staatsbauten, 
Werksteinbau 
im Stile deut- 
scher Renais- 
sance 



Königl. Land- 
bauinspektor 
Otte in Stettin, 
Speicher- 
straße g III 



Ingenieure 



Aufstellung 

von Kanali- 

8ations-Ent- 

würfen 



sofort 



Knoch & Kall- 

meyer in Halle 

a. S. 



Gemeinde- 
baumeister 



Baupolizei, 
Straßenaus- 
bau, Kanali- 
I sations- und 
Wasser- 
leitungs- 
arbeiten, Be- I 
handlung von | 
i Fluchtlinien- 1 
planen 



mög- 
lichst 
bald 



Bürgermeister 

Young in 
Bredeney a. d. 

Ruhr 
bis 25. 6. 05 



M.3500,— 
steigend 



Regierungs- 


Neubau des 


sofort 


Militär-Bau- 


2</, 




oder Militär- 


Garnison- 




amt Halle 


Jahre 


— 


baumeister 


lazaretts 










Bautechniker 


Strassen- und 


sofort 


Stadtbauamt [ 




M. 200, — 




Wegebau, 




Osnabrück 


— 


p. Monat 




Kanalisation 











Ingenieur 



Eisenbeton- 
bauten 



sofort 



Nr. 1088 a. d. 

Expedition 

der Deutschen 

Bauzeitung, 

Berlin 



M.5000, 



BUCHERSCHAU. 

Zeitschrift für Bauwesen, herausgegeben im Ministerium der öffent- 
lichen Arbeiten. Schriftleiter Otto Sarrazin und Friedrich Schultze. 
Jahrgang 55. Berlin igos, Verlag von Wilhelm Ernst & Sohn. 

Die deutschen Städte, geschildert nach den Ergebnissen der ersten 
deutschen Städteausstellung zu Dresden 1903. Im Auftrage der Aus- 
stellungsleitung herausgegeben von Professor J. H. Dr. jur. et phil. 
Robert Wuttke, Dresden. 2 Bände. Verlag von Friedrich Brand- 
stetter, Leipzig igo4. 

Beton und Eisen, internationales Organ für Betonbau, neuere Bau- 
weisen und Bauwerke, herausgegeben vom k. k. Baurat Dr. ing. 
Fritz von Emperger. Verlag von WUhelm Ernst & Sohn, Berlin. 
Preis des Jahrganges 16 Mark, des Heftes 2 Mark. 

Mittelalterliche Rathausbauten in Deutschland. Von Paul 

Lehmgrübner, kgl. Bauinspektor. I. Teil: Fachwerkhäuser mit 34 



Tafeln und zahlreichen Textbildern. 
Sohn, Berlin. 



Verlag von Wilhelm Ernst & 



Der Profanbau, Zeitschrift für moderne Geschäfts-, Industrie- und 
Verkehrsbauten. Schriftleiter: Architekt Hermann Haas, Leipzig. 
Verlag von J. S. Arnd, Leipzig 1905. Erscheint Anfang und Mitte 
des Monats. 3 Mark vierteljährlich. 

K. Henrici, Beiträge zur praktischen Aesthetik im Städtebau, eine Samm- 
lung von Vorträgen und Aufsätzen. Verlag von Georg D. W. Call- 
wey in München. Broschiert 4 Mark, 

Viel Häuser und kein Heim. Zur Naturgeschichte des städtischen 
Wohnhauses von Fabarius, Stadtbauinspektor. Cassel igos, Verlag 
von Max Siering. 



Verantwortlich für die Schriftleitung : Theodor Goecke, Berlin. — Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Berlin W., Markgrafenstraße 35. 
Inseratenannahme C. Behling, BerUnW.66. — Gedruckt bei Julius Sittenfeld, BerUn W. — Klischees von Carl Schütte, BerUn W. 

Cf9 



DER STÄDTEBAU 

VERLAG VON ERNST WASMUTH A.-G, BERLIN W. 8, MARKGRAFEN-STRASSE 35 



II. JAHRGANG 



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1. AUGUST 1905. 



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rirsclieint am 1. jedes Monats. Preis bei direl<ter postfreier 
Zusendung für Deutscliland und OesteiTeicli-Ungarn Mk. 20,—, 
für alle übrigen Länder Mk. 24, — pro Jahrgang. 



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Cementrohre,Trottoirbeläge u. Bordsteine 
Treppenstufen, Säulen und Fassaden 

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Husführung aller Betoneisenbauten, 

Viktoria-Decken, D.R.P. 

Übernahme 




Ilildesheim 



'rlM 



Leipzig 18P7 



Komplett. Kanalisationen 
und Brückenbauten 

Weitgehendste Gewährleistung 






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Actien-Gesellschaft für Beton- und Monierbau, Berlin W. 9. 

Baumhold & Co., Hildesheim, C 3mentwarenfabrik, Beton- u. Tiefbaugeschäft. 

Bautechnische Privatschule (Architekt Spenger), München. 

Bayer. Metall-Industrie Tobias Forster & Cie., München und Berlin. Selbst- 
spülende Closets „Isaria". 

A. Benver, Hofl., Berlin NW. 40. Promenadenbänke, Canalisations-Armaturen. 

Franz Birnstiel, Coburg, Garten- und Veranda-Möbel. 

Christoph & Unmack, Aktiengesellschaft, Niesky, Ob. Lausitz. Transportable 
Häuser und Barackenbau. 

Deutsche Glasraosaik- Gesellschaft Puhl & Wagner, Hoflief., Rixdorf- Berlin. 

Deutsch- Osterreichische Mannesmann - Röhren -\A/erke , Düsseldorf. Strom- 
zuführungs- und Beleuchtungsmaste. 

W. Fitzner, Blechschweisserei, Kesselschmiede, mechanische Werkstätten, 
Laurahütte O.-S. Dückerleitungen, Rohrleitungen, Rohrmasten. 

Herrmann Fritzsche, Leipzig. Kunstschmiedewerk. 

Göhmaim & Einhorn G.m.b.H., Dresden, Gesundheitstech. Anlagen u. Apparate. 

J. Haack Nachf. R. Köhler, Steglitz. Gartenarchitekt. Baumschulen. 

J. Hegmanns, Köln a. Rh. Schieferplatten. 



Louis Herrmann, Kgl. Hofl., Dresden. Papierkörbe für Anlagen, Promenaden- 
bänke, Baumschützer. 

Hildesheimer Sparherdfabrik A. Senking, Hildesheim. 

Körner & Brodersen, Landschaftsgärtner, Steglitz. 

Peter Lambert, Großherzogl. Hoflieferant, Trier. Rosenschulen, Garten- und 
Parkanlagen. 

A. W. Remy & Co., Neuwied a. Rh. Lehrmittelanstalt und Schulbankfabrik. 

A. Siebel, Bauartikel-Fabrik, Düsseldorf-Rath und Metz. Bleiisolierung mit 
Asphaltschutzschichten. 

Siemens & Halske Aktiengesellschaft, Berlin SW. Ozon-Anlagen, Wassermesser. 

Josef Scherer, Berlin W. 15. Kirchliche und profane Glasmalerei. 

I'ranz Schlüter, Spezial-Geschäft für Beton und Monierbau, Dortmund. 

Constanz Schmitz, Berlin NW. 52. Consult. Ingenieur für maschin. Anlagen 
in Schlachthöfen, Krankenhäusern. 

A. Stiefelhagen, Ingenieur und vereid. Geometer, Gera (R.). Vermessungen 
und Studienpläne. 

Heinrich Timm, Berlin N. Dampfwaschmaschinen. 

Wichulla, Ingenieur für Kultur und Gartenbau, Berlin-Friedenau. 



2. Jahrgang 



1905 



8. Heft 




PER STÄDTE BAU 




M°nflT^5CnRIPT' 

FÜR- DJE- KÜNSTLEHlSaiEAUYQESTAb 
TUNQ DER -STÄDTE hAQI- JhRmWlRT 
SCnAFTÜQlEN- QESUNDHEITüaiEN- UND 
SoZiALENöRUISD^TZENiGEöRÜNDETVON 

.THEODOR nnrcKF <^MiLLq siipr 

^SVERWQ^°"ERN\T WAWTri.BERliN.I^ 




INHALTSVERZEICHNIS: Rheinischs KleinstadtbilJer. \on Jacob Berns, Köln-Remscheid. — Abänderung und Fortführung des Bebauungs- 
planes von Triebes. Von A. Stiefelhagen, Gera (Reuß). — Aufgaben der Gartenkunst. Von F. Zahn, Steglitz. — Ein Stadtplanvergleich. Von P. Hall- 
man, Stockholm. — Anlage eines Landhausviertels bei Hannover. Von G. Aengeneyndt, Hannover. — Soziale und wirtschaftliche Vorarbeiten für Stadt- 
erweiterungspläne. Von Forbät, Frankfurt a. M.-Budapest. — Neue Bücher. Besprochen von Dr. Rud. Eberstadt, Berlin. • Chronik. 

Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Scbrütleitung verboten. 



RHEINISCHE KLEINSTADTBILDER. 



Von JACOB BERNS, Köln-Remscheid. 



Das abgelaufene Jahrhundert mit den zeitlich schnell 
aufeinandergefolgten Erfindungen und mit dem bis dahin 
ungewohnten, gewaltig emporgeschnellten Reiseverkehre, 
welcher die Stadt dem Lande näher brachte, hatte es 
unter anderem im Gefolge, daß dem Volke allmählich aber 
stetig der Sinn für das Schöne und Bodenständige ab- 
handen ging, und daß dieser Verlust an Schönheitssinn in 
allen Dingen, so auch bei dem Bauen zum Ausdruck kam. 
Wenn heute hierin zum Teil auch schon ein Wandel zum 
Besseren eingetreten ist, so ist die Allgemeinheit dennoch 
weit davon entfernt, das Maß von Schönheitsgefühl ihr 
eigen zu nennen, wie es unseren Altvorderen, und selbst 
noch unseren Großvätern zur Biedermeierzeit, gleichsam 
in Fleisch und Blut steckte. Mit Freude erfüllt es uns 
daher, wenn die Werke der Vergangenheit unversehrt auf 
uns überkommen sind, und es ist unsere heilige Pflicht, 
bei Eingriffen, die durch die moderne Entwicklung be- 
dingt werden und die es zum Zwecke haben, das Alte oder 
seine Umgebung mehr oder weniger neuzeitlichen Forde- 
rungen anzupassen, mit Takt und Pietät zu verfahren. 

Ein taktvoller Baumeister muß der Erbauer des alten 
Rathauses in Mayen i. d. Eifel (Doppeltafel 57/58) gewesen 
sein, denn als ihm die Aufgabe gestellt wurde, an dem 
Marktplatz ein Rathaus zu -errichten, setzte er seinen Bau 
einfach und schlicht, der kleinen Stadt würdig, in die vor- 
handene Umgebung hinein, so daß das geschaffene Ganze 
jeden Beschauer entzücken muß. Man hätte es nun als 
selbstverständlich ansehen sollen, daß dem genannten 



Werke mit gleicher Rücksicht begegnet würde, ads es sich 
um eine Veränderung des Geschaffenen handelte, und mit 
aufrichtigem Bedauern sehen wir heute das schöne Bild 
zerstört, lediglich durch jenes Nachbarhaus, das der Bau- 
meister des Rathauses ehemals so beachtete. 

Die Laien sehen freilich den Neubau mit ganz anderen 
Augen an, als der Fachmann und Kunstverständige; werden 
erstere doch in ihren Anschauungen vielfach durch die 
Ortsblätter bestärkt, die mit Freuden feststellen, daß wieder 
ein alter Kasten einem Neubau weichen mußte, der der 
Stadt zur Zierde und seinem Erbauer zur Ehre gereicht. 

Angesichts solcher Tatsachen ist jeder Einspruch eines 
Andersdenkenden ein Stich in ein Wespennest, und man 
hat seine liebe Not, den Leuten beizubringen, daß gerade 
mit dem Alten ein gut Teil Schönheit und Poesie verloren 
gegangen ist. Derartige Erfahrungen macht man in der 
kleinen Stadt und draußen auf dem Lande Tag für Tag. 
Da baut man, wo es seit altersher üblich war, die Fronten 
in Fachwerk zu verzimmern oder mit Schiefer zu ver- 
kleiden, auf einmal ohne zwingenden Grund einen Rohbau 
in jener verdammenswerten Art, wie Schulze-Naumburg 
sie als Gegenbeispiele in seinen Kulturbildern abgebildet 
hat. Leider gehen die Behörden hierbei sehr oft mit 
schlechtem Beispiel voran, namentlich wo es üblich ist, 
den Privatarchitekten bei behördlichen Arbeiten auszu- 
schalten und alles durch die angestellten Beamten auszu- 
führen, die bei der kleinen und mittleren Stadt und auch 
auf dem Lande nicht allein Verwaltungstechniker des 



99 



DER STÄDTEBAU 



Straßen- und Tiefbaues, sondern auch Architekten und 
Künstler sein sollen. 

Allein hierdurch ist es erklärlich, daß neue Straßen- 
und Platzbilder entstehen, die ohne jede Charakteristik 
sind, und Rathäuser und Schulen, die stark an Kasernen 
oder Fabriken erinnern und sich durch einen übermäßigen 
Aufwand von Giebeln, Türmchen, Erkern u. dgl. meist am 
falschen Platze nur von letzteren unterscheiden. 

Dem besprochenen Rathausplatze fügen wir noch 
2 Abbildungen des Brückentores aus gleicher Stadt an. 
(Siehe Tafel 59.) Seine Umgebung hat durch die ange- 
fügten Neubauten auch schon etwas von dem früheren 
Reiz verloren; wenngleich das Giebelhäuschen auf der 
Innenseite die rechts an das Tor anschließenden Bauten 
glücklicherweise nicht so stark mitsprechen läßt, so ist es 
doch geboten, daß das ganze Bild nicht weiter verun- 
staltet wird. 



Zwei Abbildungen eines Kapellchens aus Rhöndorf 
a. Rhein (auf Tafel 60), angesichts des Siebengebirges, an 
einer Wegekreuzung gelegen, mögen diese kurze Mittei- 
lung beschließen. Es ist ein anspruchsloses, einfaches 
Bauwerk, wie man es in dieser Gegend häufig findet, be- 
scheiden am Wege liegend und in landläufigem Material 
erbaut, spricht es im Verein mit seiner Umgebung so recht 
zu Herzen. Wie anders möchte es sich wohl ausnehmen, 
wenn es aus dieser Umgebung losgelöst auf einem freien 
Platze errichtet wäre oder wenn die jetzige Umgebung 
verschwände und es von Schablonenbauten benachbart 
würde, wie sie sich leider in diesem Ort auch schon 
allenthalben finden. Hoffen wir jedoch, daß man hier so- 
wohl als anderwärts an leitender Stelle zeitig auf das vor- 
handene Schöne achte und es nicht frivol vernichte; es 
kann vieles erhalten bleiben, wenn nur der gute Wille 
vorhanden ist. 



ABÄNDERUNG UND FORTFÜHRUNG DES BE 
BAUUNGSPLANES VON TRIEBES*). 



Von A. STIEFELHAGEN, Gera (Reuß). 

Der zwischen den beiden Residenzstädten Gera und 
Schleiz im anmutigen Triebestal gelegene Ort Triebes 
hatte vor etwa 25 Jahren kaum 1500 Einwohner. 

Erst nach Erbauung der Eisenbahn Weida Mehlteuer, 
die mitten durch den Ort Triebes führt, und nachdem die 
Geraer Jute -Spinnerei und Weberei eine Fabrik erbaute, 
in der jetzt rund 1800 Arbeiter lohnende Beschäftigung 
finden, vermehrte sich die Einwohnerzahl, so daß Triebes 
heute etwa 5000 Einwohner zählt. 

War schon die topographische Lage des Ortes und 
der Flur, da das Tal (an einigen Stellen kaum 70 m breit) 
sehr eng ist und die Berge steil ansteigen, für die Bebauung 
eine recht ungünstige, so wurde sie durch den Bau der 
Eisenbahn, die inmitten des Ortes die größte Fläche der 
ganzen Talsohle einnimmt und den Ort auch in 2 Hälften 
teilt, für Straßenanlagen nicht gebessert. Die beiden durch 
die Eisenbahn getrennten Ortsteile sind durch 4 Übergänge 
in Schienenhöhe miteinander verbunden, die nur mit großen 
Kosten durch Straßenüberführungen zu ersetzen wären, 
wozu der sächsische Eisenbahnfiskus vorläufig auch nicht 
bereit ist. 

In der ersten Zeit des für Triebes bedeutsamen wirt- 
schaftlichen Aufschwunges wurde dort planlos gebaut. 
Jede Straße mußte möglichst die kleinen vorderhand in 
Betracht kommenden Parzellen so teilen, daß ohne Rück- 
sicht auf Straßensteigungen nur genügend Bauplätze heraus- 
kamen. Nachdem die Ortsbehörde einsah, daß bei dieser 
Art der Ortserweiterung nur die Interessen des Grund- 
stücksbesitzers, aber nicht das allgemeine Interesse be- 
rücksichtigt werden konnte, wurde an Aufstellung eines 
Bebauungsplanes gedacht. Dieser wurde auch im Jahre 
1886 unter Mitwirkung des Bauausschusses, aber nur als 



•) Ein Beispiel, wozu der gedankenlose Schematismus im bergigen 
Gelände führt, und wie auch unter schwierigen Verhältnissennoch nachträglich 
ein zweckmäßiger Bebauungsplan geschaffen werden kann. D. H. 



Lageplan, ohne jedes Nivellement aufgestellt, und zwar 
mit möglichst sich rechtwinklig schneidenden Fluchtlinien. 
Daß hierdurch zu große Steigungen, oder sehr hohe At- 
und Aufträge entstanden, kam nicht in Frage. Man war 
zufrieden, so einen billigen und für die Abschneidung von 
Bauplätzen praktischen Bebauungsplan zu haben. 

Nach diesem Plane ist die stärkste Steigung in den aus- 
gebauten Straßen einmal 1 : 5,2, viermal 1 : 6 bis 1 : 6,2, je 
einmal 1 : 7,5, 8, 5, 9,5 und 11,1, zweimal 1 : 12 und diese sind 
wegen der bereits ausgeführten Bebauung vorläufig als un- 
abänderlich zu betrachten. Außer diesen sehr starken 
Steigungen zeigen aber die Profile der Straßen auch wag- 
rechte Strecken, wie auch solche mit Gegengefälle. Alle 
übrigen Straßenpläne sind glücklicherweise noch nicht zur 
Ausführung gekommen; wenn sich auch die Grundstücks- 
spekulation bereits darauf eingerichtet hatte. 

Von den nicht zum Ausbau gelangten Straßen wären 
die meisten nur mit Treppenanlagen oder mit Ab- und 
Aufträgen von 5 bis 10 m Höhe ausführbar. Eine Straße 
z. B. liegt in einer Geländesteigung von i : 3,5. Die 
Ortsteile Lerchenhügel, Leidenflur, Kühbergsflur, Grenze 
mit Forstrevier Neuärgerniß, Sandberg und Bodenäcker 
sind von der Talsohle aus mit beladenem Wagen kaum 
zu erreichen. Die Zufuhrstraßen haben alle eine Mindest- 
steigung von 1 : 6,5. Für die Entwicklung und praktische 
Anlage des Ortes ist man heute also nicht besser daran, 
als wenn, wie früher, planlos weiter gebaut worden wäre; 
vielleicht noch schlechter, denn dann wäre doch noch ein- 
mal durch Zufall eine fahrbare Straße entstanden. 

Nach diesen für die Ortsbehörde und Einwohner gleich 
schmerzlichen Erfahrungen wurde im Jahre 1902 be- 
schlossen, einen neuen Bebauungsplan, aber mit Höhen- 
plan, fertigen zu lassen, und wurde dem Verfasser, der 
bereits unter Leitung des Professor Th. Goecke ähnliche 
Aufgaben bearbeitet hatte, der Auftrag hierzu erteilt. Die 
vorhandenen Flurkarten im Maßstab 1 : 2500 wären wol 



100 



DER STÄDTEBAU 



zu einem allgemeinen Bebauungsplan-Entwürfe, nicht aber 
für die Bearbeitung und „Tracierung" der einzelnen 
Straßen geeignet gewesen. Es mußte dieserhalb eine Neu- 
aufnahme der bestehenden Straßen, Wege und Grenzen 
und eine Kartierung im Maßstab i : looo stattfinden. Alle 
Nebengebäude und nicht aufgenommenen Grenzen wurden 
nach den Flurkarten eingetragen. Die Höhenlagen der 
bestehenden Straßen wurden durch Nivellements, und die 
des offenen Geländes durch Tachymeteraufnahmen, be- 
rechnet, auf N.N. festgelegt und in den Lageplan einge- 
tragen, sodann die Höhenkurven in i m Abstand auf dem 
Studienplane konstruiert. 

Nach Erledigung dieser geometrischen Vorarbeiten, 
die wegen der vorhandenen Steinbrüche und des stark 
eingeschnittenen Geländes auch einige interessante Auf- 
gaben bot, wurden die Grundsätze, nach denen der neue 
Bebauungsplan aufzustellen war, festgesetzt. Durch das 
Fürstliche Landratsamt war die Höchststeigung für fahr- 
bare Straßen auf i : 15 bestimmt. Außer einigen durch 
Grenz- und Gefällverhältnisse entstandenen kleinen Bau- 
blocks ist eine durchschnittliche Blocktiefe von 55 m bis 
60 m angenommen worden. 

Für die Höhenlagen der Straßen war maßgebend, daß 
hier nur billig herzustellende Straßen in Frage kommen 
konnten, da auch der Wert der entstehenden Neubauten 
sich in den bescheidensten Grenzen hält. Ein zweistöckiges 
Wohnhaus mit 100 qm Bodenfläche darf die Bausumme 
von 8—9000 M. nicht überschreiten, sonst ist eine Rente 
nicht zu erzielen. 

Der südliche und östliche Teil des Ortes, wie Leiden- 
flur, Kühbergsflur und Sandberg hat felsigen Untergrund, 
und zwar befindet sich schon 1 m unter der Erdoberfläche 
zum Teil harter, schlechtlösender Felsen. In diesem Teile 
wäre ein Straßenauftrag bis zu 1 m wünschenswert ge- 
wesen, doch woher diese Auftragsmasse nehmen? Der 
Schutt ist in Triebes nicht sehr häufig zu haben und auch 
der starken Straßensteigungen halber im Transport zu 
teuer. Deshalb wurden die Straßen so geplant, daß mög- 
lichst wenig Ab- und Auftrag auszuführen ist. Einige 
Strecken, auf denen 1—2 m Ab- und Auftrag entstehen, 
waren bei Einmündungen in vorhandene Straßen und bei 
Überschreitung kleiner Senkungen nicht zu vermeiden. 
Bei einigen Straßenteilen, wie in den Straßen 1, 3, 6, 11 
und 14, die von den Steigungsverhältnissen nicht abhängig 
sind, wurden die Grenzverhältnisse berücksichtigt. 

Um Zufuhrstraßen zu den bestehenden Ortsteilen 
Leidenflur, Kühbergsflur zu schaffen, wurden von der 
Schützenstraße aus die Straßen 44, 44a, 42, 34 und von der 
Südstraße aus die Straßen 40 mit der Steigung 1 : 15, und. 



um wieder von diesem Berge ins Tal nach der Greizer Straße 
zu kommen, die Straßen 33 und 32 mit dem Gefälle von 
1 : 15 mit möglichst geringem Auf- und Abtrag entworfen. 
Alle übrigen Straßen in diesem Teile sind für die Teilung 
in gut zu verwendende Baublocks und soweit nicht mit 
,, Fußweg" beschrieben, auch alle fahrbar, d. h. mit 1 : 15 
geplant worden. 

Die Zufahrt zum Sandberge ist von der Greizer Straße 
aus bis zur Geraer Straße durch Straße 31, und von hier 
aus bis zur bestehenden Nordstraße durch Straße 23 mit 
der erlaubten Steigung und ohne große Erdbewegung 
ausführbar. Da das Sandberg-Gelände von der Direk- 
tion der Jutespinnerei für Arbeiterwohnungen vorgesehen 
ist, so wurde mit ihrem Einverständnisse zwischen 
Straße 23, 23 a und dem Sandberge ein Kinderspielplatz 
angelegt. 

Die Hauptverbindung von der Talsohle zu den Boden- 
äckern wird durch die Straßen 20, 19 und 18 hergestellt. 
Über die Einmündung der Straße 19 in den Anger und 
den Abgang der Straße 18 vom Anger über die Linden- 
straße mußte wegen der außergewöhnlich schwierigen 
Bodenverhältnisse ein Sonderplan mit Querprofilen im 
Maßstabe 1 : 200 aufgestellt werden. 

Das Gelände zwischen Bodenäcker und Gartenäcker 
ist weniger bewegt, und wurden hier die Straßen den 
Grenzen anpassend entworfen. Um eine gute Auffahrt von 
der Aumaischen Straße nach den Straßen 10 und 11 zu 
erhalten, ist der obere Teil der Aumaischen Straße so 
verlegt worden, daß die 4-5 m hohe Böschung an der 
rechten Seite bei beiden Einmündungen mit einem Abtrage 
von nur 2— 3 m durchschnitten werden konnte. Durch 
Verlegung des oberen Teiles der Aumaischen Straße 
wird diese auch auf beiden Seiten bebauungsfähig. 

Die Durchschnittsbreiten der Straßen wurden mit 8 m 
für Nebenstraßen, 10 m für Durchgangsstraßen ange- 
nommen. Im steil abfallenden Gelände wurden auch 
Durchgangsstraßen mit 8 m Breite angenommen. Vor- 
gärten sind mit 4— 5 m Breite, im steilen Gelände nur 
einseitig, an der Bergseite, vorgesehen. Die Bebauung 
innerhalb des Orts ist geschlossen, wohingegen außerhalb 
des jetzigen Ortes nur offene Bebauung, bis zu 2 Häuser 
aneinander, zugelassen werden soll. 

Die Bearbeitung eines derartigen Bebauungsplanes, bei 
dem es besonders auf eine billige „Tracierung" der 
Straßen ankommt, ist eine recht interessante und unter 
Umständen dankbare Aufgabe, wenn auch bis zur end- 
gültigen Fertigstellung viele Varianten der Straßenzüge in 
Längenprofilen und unter Umständen auch in Querprofilen 
dargestellt werden müssen. 



AUFGABEN DER GARTENKUNST. 



Von F. ZAHN, Steglitz. 



Es wird der Gartenkunst gar häufig vorgeworfen, sie 
stände still, böte nichts Neues und brächte nur das seit 
Jahren Gewohnte mit geringen Abweichungen. Das ist 
auch wohl der Grund, weshalb von Künstlern, die außer- 
halb des Faches stehen, häufig versucht wird, in die Gar- 



tenkunst den ihrer Meinung nach fehlenden frischen Zug 
hineinzubringen. Daß in diesem Streben, gewaltsam etwas 
Neues zu schaffen, manchmal über das Ziel hinaus- 
geschossen wird, ist erklärlich, ist aber auch — und dies 
sei ganz besonders betont — notwendig. Man sieht so am 



101 



DER STÄDTEBAU 



besten, wo die Grenze der Möglichkeit liegt, die nicht 
überschritten werden darf, wenn das Kunstwerk selbst 
nicht darunter leiden, seinen Wert verlieren soll. 

Anregend zu wirken, sei der Zweck nachstehender 
Zeilen. Wenn auch bei diesen Vorschlägen über das Ziel 
hinausgegangen wird, sich diese nur bis zu einem ge- 
wissen Grade als durchführbar erweisen sollten, so wird 
doch die Grenze der Möglichkeit leicht gefunden werden 
können. 

Aus dem großen Kreise der gartenkünstlerischen Auf- 
gaben greife ich zunächst die Vorgärten heraus. Vor- 
gärten, ein Schmerzenskind gar vieler Städte und Haus- 
besitzer. Wie viel Worte und Tinte sind ihretwegen 
schon verschwendet Vorden und doch ist das Ergebnis, 
so lange nicht eine durchgreifende Änderung im Stadtbau- 
plane vorgenommen wird, immer dasselbe. Der Polizei- 
Vorgarten, der schmale zwischen Straße und Haus einge- 
keilte Streifen, läßt durch seinen gleichmäßigen Schnitt, 
durch die meist gleichmäßige Bebauung der Häuser- 
reihe wenig Abwechslung, wenig Entfaltung gartenkünst- 
lerischer Tätigkeit zu, zumal wenn die Straße noch mit 
Bäumen bestanden ist, die dem Gedeihen der Pflanzung 
im Vorgarten wenig vorteilhaft sind. Über den Wert oder 
Unwert, die Berechtigung oder Nichtberechtigung der 
Vorgärten sei an dieser Stelle nicht gesprochen, vielmehr 
sei ihre Berechtigung als feststehend angenommen, ver- 
sucht aber, darzustellen, wie sie künstlerisch ausgestaltet, 
der Straße ein freundliches Gesicht, den Gebäuden eine 
wertvolle Rahmung liefern können dadurch, daß sie Platz 
bieten für Baum und Strauch, für Bäume mit malerisch 
entwickelten Kronen und ausladenden Ästen. 

Eine Unterbrechung der geraden, am Lineal gezogenen 
Linie der Gebäudeflucht durch Vorspringen und Zurück- 
treten einzelner Bauteile und Gebäude ist hierzu durch- 
aus notwendig. Der gleichmäßig breite Streifen wird ver- 
schwinden und Abwechslung ist leichter zu erzielen. 

Wenn auch noch nicht in der gewünschten Vollkom- 
menheit sich darstellend, so erscheint doch der Vorgarten 
einer Baugruppe in Schöneberg, an der Ecke Stier- 
straße und Friedenauer Straße und seine Verbindung mit 
dem Gartenhofe als ein nachahmenswerter Versuch, wert 
weiter ausgebildet zu werden. Das Ideal allerdings wäre 
es, wenn man es erreichen könnte, daß die Vorgärten nicht 
Stück für Stück angelegt, sondern wenn die Vorgärten 
eines ganzen Baublockes, einer ganzen Straße als eins 
behandelt würden, als eine Gartenfläche sich darstellten, 
in welche die Häuser gesetzt sind. Groß sind aber die 
Schwierigkeiten, die zu überwinden sind, die Grundstücks- 
besitzer unter einen Hut zu bringen. Boden- und Bau- 
gesellschaften, die einen ganzen Block mit einem Male be- 
bauen, müßten mit gutem Beispiel vorangehen. Ein Versuch 
würde zweifellos Nachahmer finden. 

Ob bei einer derartigen Anlage der regelmäßigen oder 
der landschaftlichen Anordnung der Vorzug zu geben ist, 
muß abhängig gemacht werden von der Gesamtumgebung, 
von etwa bereits vorhandenem Baumbestande, den Boden- 
verhältnissen, der Art der Gebäude usw. Erklärend sei 
eingefügt, daß unter der Bezeichnung „landschaftlich" 
nicht etwa eine Anlage zu verstehen ist, die sich durch 
gekrümmte und gewundene Wege auszeichnet, sondern es 
bezieht sich in der Hauptsache auf die Anordnung der 
Pflanzung und den Bodenwurf. Ein landschaftlicher 



Garten kann ebenso gut einen graden als einen in einer 
Krümmung geführten Weg aufweisen. Die Pflanzung 
ist auch nicht als ein Gemisch aller möglichen Sträucher 
zu verstehen, die möglichst dicht gepflanzt und alljährlich 
zu Besen zusammengeschnitten werden, sondern in freier 
ungezwungener Form sollen sich Einzelsträucher, Bäume 
und Gruppen zeigen, sollen sich an die Gebäude anlehnen, 
die Architektur der Fassaden durch ihr Grün, durch teil- 
weises Verdecken und kräftige Schattenwirkungen male- 
rischer gestalten. 

Daß oft ein Baum an richtiger Stelle von vortrefflicher 
Wirkung ist, dafür sind sicher Beispiele zur Genüge be- 
kannt. Daß die Pflanzung zur Hebung und Verstärkung 
der Architektur notwendig ist, den Beweis sehen wir auf 
allen Architekturbildern, deren Gebäuden Baum und 
Strauch zugesellt werden, erbracht. 

Bedingen die Verhältnisse auch gelegentlich eine vor- 
wiegend landschaftliche Anordnung, so soll diese doch von 
architektonischen Teilen unterbrochen werden. Diese 
werden sich an besonders hervorragende Bauteile anzu- 
gliedern haben, sollen Hauptgebäude hervorheben und 
betonen. In Übereinstimmung mit Stil und Haltung des 
Gebäudes sind sie auszugestalten, so daß auch hierdurch 
die Einheit und Zusammengehörigkeit zum Ausdrucke ge- 
bracht wird. Die trennenden Gitter der einzelnen Vor- 
gärten hätten fortzufallen, die Unterhaltung müßte in einer 
Hand ruhen, damit auch hierin die Zusammengehörigkeit 
zu einem großen Ganzen gewahrt und ausgedrückt wird. 

Diese Lösung der Vorgartenfrage bedingt allerdings 
eine Änderung der bisher gewohnten Bebauungspläne, 
ließe sich den heutigen Bestrebungen vorzüglich einreihen, 
muß ja doch bei Durchführung des „Städtebaues nach 
künstlerischen Grundsätzen" so wie so eine Änderung der 
Baupolizeiordnung vorgenommen werden. 

Nun die Stadtplätze. 

Zwei Arten von Plätzen sind zu unterscheiden: „Rein 
architektonische Plätze" und „Erholungsplätze". 
Den ersteren gebührt der Platz vor Monumentalgebäuden, 
deren wuchtige architektonische Massen im Platze selbst 
eine Fortsetzung finden sollen, vor architektonischen 
Denkmalsaulbauten, wie es z. B. das Bismarck- Denk- 
mal in Köln ist. In scharf umschnittenen Linien, nicht 
in weichen ausladenden Aestchen und Zweigen soll 
sich die Pflanzung zeigen, daher die Verwendung von 
Alleen, Hecken und gradlinigen Rabatten. Durch Bö- 
schungen, Wasserbecken, und regelmäßig umschlossene 
ruhige Wasserflächen, in dem sich Architekturstück und 
Pflanzung in scharfen Linien spiegeln, kann die Wir- 
kung noch gesteigert werden. Sind diese Plätze nur 
des Gebäudes oder des Denkmals wegen da, so hat die 
zweite Gruppe, die der Erholungsplätze, ganz andere Be- 
dingungen zu erfüllen. Der Name schon sagt, welchem 
Zweck sie dienen sollen; daher sei Ruhe erste Bedingung. 
Kein Verbindungsweg führe darüber hinweg. Der Ver- 
kehr stört die Ruhe, er wird um den Platz geführt oder 
besser, um begangene Fehler nicht zu wiederholen: Im 
Bebauungsplan werde die Lage des Platzes so gewählt, 
daß jeder Verkehr über den Platz ausgeschlossen ist, d. h. 
drei Wände des Platzes seien geschlossen; an der vierten 
führe die Straße entlang. Der Platz sei eine Straßener- 
weiterung, eine Bucht, an welcher der Verkehr vorbei, 
nicht darüber hinweg geht. Die offene Seite werde ge- 



102 



DER STÄDTEBAU 



deckt durch dichte Pflanzung, erhalte einen Abschluß 
durch eine kräftige Baumreihe oder, wenn die Mittel vor- 
handen, einen architektonischen Abschluß wie der Lust- 
garten in Potsdam. Dann ist Ruhe gewährleistet, dann 
ist der Verkehr vom Platze fern. Wie der Platz im 
Übrigen auszubauen ist, richtet sich ganz nach seiner 
Form, Größe und Umgebung, ferner danach, ob er in der 
Hauptsache ein Spielplatz sein, ob er Gelegenheit zum 
Spazierengehen bieten soll oder gar ein Denkmal aufzu- 
nehmen bestimmt ist, ein Denkmal, das keine archi- 
tektonische Umgebung, sondern eine stille Stelle verlangt, 
sich hier heraushebend aus dem umschlingenden Grün, 
der Eigenart dessen, dem es gesetzt ist, an Ruhe und Ein- 
fachheit entsprechend. Regelmäßige oder landschaftliche 
Anordnung und Gestaltung ist ebenfalls von den genannten 
Bedingungen abhängig. Beides kann natürlich auch neben- 
einander, das eine das andere dadurch kräftig zur Geltung 
bringend, bestehen. 

Wie ein Platz angelegt werden kann, bei dem eigent- 
lich alle Bedingungen zugleich zu erfüllen sind, außerdem 
noch ein nach Möglichkeit zu schonender dichter Bestand 
vorhanden ist, möge der Entwurf des Maybachplatzes in 
Friedenau erläutern. (Vergl. Tafel 61 u. 62). An Bedin- 
gungen, die notwendig zu erfüllen waren, sind gestellt: 

1. Möglichste Schonung des vorhandenen Birkenbe- 
standes. 

2. Rücksicht auf das Gymnasium als beherrschenden 
Monumentalbau. 

3. Erhaltung der Schrägverbindung von der Lauter- 
straße zur Handjerystraße, wegen des Verkehrs nach dem 
Bahnhofe; gestattet war eine geringe Verschiebung. 

4. Anlage eines großen Kinderspielplatzes. 

Unter strengster Befolgung dieser Bedingungen ist 
vorliegender Entwurf entstanden. Der Diagonalweg ist 
um einige Meter nach Westen gerückt, gedacht als gerade 
Waldschneise, an deren Ende der Turm des Gymnasiums 
als „point de vue" steht. Die Birken bilden den Rahmen 
und die seitlichen Wände, nicht feste, scharf geschnittene 
Wände, sondern, wie die Waldschneise es zeigt, mit einigen 
überhängenden ausladenden Aesten, die durch ihre lockere 
und leichte Form nichts verdecken, sondern zur maleri- 
schen Wirkung beitragen werden. Wo die Wand sehr 
gelockert ist, sollen dunkellaubige Erlen, die schnell 
wachsen, die Lücke ausfüllen. Zwischen den hellen 
Stämmen der Birken finden Taxus Platz; die Streifen längs 
des Weges erhalten Waldblumen und Staudenschmuck, 
ebenso wie die übrige Pflanzung unter den Birken sich 
völlig dem Charakter des Birkenwaldes anpaßt. 

Das Gymnasium ist in seinem Mittelbau mit dem 
Portal besonders herausgehoben durch ein in der Axe 
vorgelagertes Becken, dessen Rand aus Sandsteinplatten, 
die in Rasenhöhe liegen, besteht. Der seitliche Abschluß 
wird durch Taxushecken gebildet, über welche die Birken 
mit ihren hellen Stämmen hinwegragen. Die Querseite, 
dem Gymnasium gegenüber, nimmt ein um 3 Stufen erhöht 
liegender architektonischer Sitzplatz auf. 

Die übrigen Teile sind mehr nebensächlich. Die 
Hähnelstraße findet gewissermaßen eine Fortsetzung in 
der Anlage durch regelmäßige Baumanpflanzung und ein 
mit vertiefter Mitte in Straßenbreite angelegtes Rasenstück. 
Sitzplätze sind, um auch den Bedürfnissen eines Erholungs- 
platzes zu genügen, an geeigneten Stellen vorgesehen. Die 



sehr wenig benutzte Schrägverbindung von Südwesten 
nach Nordosten vermittelt unter Benutzung des bereits 
vorhandenen Weges ein Pfad durch den Wald. Als Rasen- 
tal gedacht ist der längs des Turnplatzes gelegene von 
Bäumen nicht bestandene Teil, der in Straßenbreite an- 
gelegt nach dem ehemaligen Bebauungsplan als Straße 
ausgebaut werden sollte. Dies Rasental wird an der Süd- 
seite begrenzt durch das Birkenwäldchen, an der Nord- 
seite durch den Turnplatz. Der die Verlängerung des zur 
Direktorwohnung führenden Bürgersteiges bildende Weg 
ist ein wenig in das Birkenwäldchen einschwingend ge- 
führt worden. Hierdurch wird einmal ein völlig schattiger 
Weg erzielt, dann aber auch ist es möglich, das hohe, den 
Turnplatz umschließende Drahtgitter durch entsprechende 
Pflanzung zu verdecken und den Turnplatz selbst den 
Blicken Vorübergehender zu entziehen. Der Eingang 
zum Turnplatz ist auf die verbrochene Ecke gelegt. Auf 
dem Spielplatze wird der Birkenbestand erhalten, nur die 
Überständigen und Unterdrückten werden der Axt zum 
Opfer fallen. Ein dichter Ring von Unterholzpflanzung 
umgibt den Platz und schließt ihn völlig ab gegen die 
übrige Anlage. Wie im einzelnen die Auswahl und An- 
ordnung der Gehölze usw. gedacht ist, darauf einzugehen 
erscheint mir hier nicht nötig, ist auch, als völlige Klein- 
malerei, ohne Belang für die Hauptanordnungen. 

Ich glaube damit den Beweis geliefert zu haben, daß 
selbst unter so schwierigen Verhältnissen eine alle Be- 
dingungen erfüllende Anlage geschaffen werden kann. 

Auf eine sehr häufige Form von Plätzen, wenn sie 
überhaupt die Bezeichnung Platz verdienen, möchte ich 
noch hinweisen, nicht als Muster, sondern mehr als ab- 
schreckendes Beispiel. Das sind die „Verlegenheits- 
dreiecke an Straßenkreuzungen". Es gibt Städte, die eine 
ganze Sammlung solcher Dreiecke aufweisen. Daß diese 
Ecken zu gärtnerischem Schmuck gekommen sind, war 
sicher gerade so wie ihre Anlage, in den meisten Fällen 
Verlegenheit. Man empfand die große Pflasterfläche unan- 
genehm, namentlich, wenn sie von der Sonne hell beschienen 
wurde und fand in der Begrünung eine willkommene Ab- 
hilfe. Gerade diese Anlagen sind so recht dem Winde von 
allen Richtungen her ausgesetzt und erfordern einen im 
Verhältnisse zur Größe hohen Aufwand an Unterhaltungs- 
kosten. 

Man hätte in einzelnen Fällen besser getan an Stelle 
der Beete einige große malerische Bäume hainartig mit 
Rasenuntergrund zu pflanzen. Es würden hierdurch, da 
diese eine Fortsetzung der Straßenflucht bilden, die großen 
Flächen als solche weniger in Erscheinung treten und 
der Charakter einer Straße auf einer längeren Strecke 
durch die seitlichen Wände gewahrt werden. Vielfach lag 
allerdings die Ausstattung mit Blumen im Interesse der 
Hausbesitzer, die dann die Aussicht auf einen „Schmuck- 
platz" bei der Miete sich mit bezahlen lassen, während 
einfache Bäume nicht so hoch im Preise stehen. Dem 
Straßenbilde kommen aber derartige Baumgruppen mehr 
zugute, da sie es auf größere Entfernung verschönern, 
als die nur in der Nähe wirkenden Blumenbeete und 
Rasenflächen. 

Ruhe war als das unumgängliche Erfordernis von Er- 
holungspläten bezeichnet. Schutz gegen Wind und Staub 
beansprucht der Mensch, der Erholung sucht, aber auch 
die pflanze, wenn sie gedeihen soll. Beides finden wir 



103 



DER STÄDTEBAU 



bei den „Innenanlagen". Daß diese sich bisher so wenig 
eingebürgert haben, hat wohl nicht zum geringsten seinen 
Grund darin, daß man sich zu schwer ftir etwas Neues, 
selbst wenn es besser als das Alte ist, entschließt. 

Mit großer Freude habe ich in Heft lo (Jahrg. I) den Be- 
bauungsglan von Marienburg von C. Sitte gesehen, der hier 
fast sämtliche Anlagen als Erholungsplätze in die Bau- 
blöcke verlegt hat. Der gegen Innenanlagen häufig ange- 
führte Grund: es sei kein Vergnügen, die wenig ansprechend 
ausgestattete Rückseiten der Häuser betrachten zu müssen, 
ist nicht stichhaltig. Abhülfe ist leicht zu schaffen, indem 
man die Anlage mit einer dichten Grenzpflanzung, der hoch- 
gehende Bäume in genügender Zahl beigemischt sind, um- 
gibt. Dann haben wir auch in den Schlingpflanzen ein vor- 
treffliches und vielfach nicht genug gewürdigtes Mittel, die 
glatten Hauswände angenehm zu unterbrechen und aufzu- 
teilen. Die nach hinten angebauten Wirtschaftsbalkons 
werden bei der Wertschätzung, der sich auch namentlich 
in Großstädten die Pflanzen erfreuen, in reichem Maße be- 
grünt werden, und auch so die Eintönigkeit der Hausrück- 
seiten beleben helfen. 

Ob es gut ist, außer den notwendigen öffentlichen Zu- 
gängen von der Straße her, noch Durchgänge von den 
einzelnen Häusern für die Bewohner zu schaffen, wage 
ich im Augenblick nicht zu entscheiden. Bequem sind 
diese zweifellos und gerade in der leichten und jeder- 
zeitigen Erreichbarkeit des Erholungsplatzes liegt ja mit 
der große Wert. Unvermeidlich ist allerdings eine häufige 
Durchbrechung der Grenzpflanzung, die jedoch kaum ins 
Gewicht fallen dürfte, da die Kronen der Bäume sich 
über dem Wege schließen, und so die Deckung nach 
oben in keiner Weise gestört wird. Durch Zusammen- 
legung je zweier Zugänge an die Grenze der benachbarten 
Grundstücke kann die Anzahl auf die Hälfte verringert 
werden. 

Ein Spielplatz ist stets erforderlich; seine Größen- 
abmessungen seien nicht zu klein gewählt; zugunsten 
etwaiger größerer Rasenflächen darf hieran durchaus nicht 
gespart werden. Läßt die geringe Ausdehnung der Innen- 
anlage keinen ausgedehnten Rasen und Anpflanzungen zu, 
so beschränke man diese auf das Mindestmaß, namentlich 
dann, wenn in größerem Umkreise diese Anlage die ein- 
zige und die Zahl der Kinder eine hohe ist. In groß- 
städtischen Verhältnissen mit hohen Grundwerten und 
dichter, namentlich Arbeiterbevölkerung, wird eine weise 
Beschränkung des Schmuckes zugunsten des Spielplatzes 
wol die Regel bilden müssen. 

Was in größeren Anlagen mit mehreren Durchgängen, 
die gleichzeitig auch als Verbindungswege benutzt werden, 
die Lage der Spielplätze betrifft, so muss diese nach Mög- 
lichkeit so gewählt werden, daß sie abseits dieser Ver- 
kehrslinien liegen, und nicht dazu verleiten, den Weg 
zwischen die spielenden Kinder hindurch zu nehmen. 
Für beide Teile, Vorübergehende wie Kinder, ist es 
störend. 

Daß außer Bänken auch Unterstandshallen, Brunnen 
usw. sehr zur Vervollständigung und Bequemlichkeit bei- 
tragen, bedarf keines besonderen Hinweises. Wenn man 



die Frage aufrollt, ob der regelmäßigen oder landschaft- 
lichen Anordnung der Vorzug zu geben sei, so muß diese 
Entscheidung für jeden einzelnen Fall getroffen werden. 
Beides hat seine Vorzüge. Letzteres verdient den Vor- 
zug, wenn es sich darum handelt, gleichzeitig die botani- 
schen Kenntnisse der Kinder und schließlich auch der 
Erwachsenen zu fördern. Es läßt sich bei landschaftlicher 
Anordnung, da man durch keine Gleichmäßigkeit ge- 
bunden ist, eine größere Anzahl verschiedener Gehölze 
und Pflanzen verwenden. 

Die weitere Ausnutzung des Blockinnern für Schulen, 
Badeanstalten usw. liegt außerhalb meiner Aufgabe. Nicht 
nur in geschlossenen Blocks ist die Innenanlage wertvoll, 
sondern auch in Landhausvierteln mit offener Bebauung, 
wofür der Königin-Luise-Garten in Magdeburg das hervor- 
ragendste mir bekannte Beispiel ist. Hier war es aller- 
dings auch das überaus interessante und reizvolle Ge- 
lände, das geradezu zu einer derartigen Lösung heraus- 
forderte. In freier ungezwungener Lage gruppieren sich 
um diesen Anlagen -Mittelpunkt die Gärten mit ihren 
Villen, in ihrer Gesamtwirkung wie aus einem Guß er- 
scheinend, hineinkomponiert in die gärtnerische Um- 
gebung. 

Die Frage, ob wir hier in den aufstrebenden Villen- 
vororten der Reichshauptstadt ähnliches schaffen können, 
ist entschieden mit einem kräftigen „Ja" zu beantworten. 
Der Einwand, daß ein landschaftlich so günstiges Gelände 
hier fehlt, ist nicht stichhaltig. Unsere Berliner Um- 
gebung weist eine Fülle solcher Gelände auf; sogar in 
allernächster Nähe, in Dahlem. 

Es war eigentlich meine Absicht, Bestehendes nicht in 
den Kreis meiner Betrachtungen zu ziehen. Hier kann ich 
aber nicht umhin, von dem Standpunkte des Gartenkünstlers 
aus dem Bebauungsplane zur Aufteilung der Domäne Dahlem 
meine Zustimmung versagen zu müssen. Ich kann wohl 
sagen, es tut weh, zu sehen, wie gerade die Teile mit dem 
günstigsten Bodenwurfe, mit den alten Wasserlöchern von 
schnurgeraden Straßen durchquert, wie die Löcher aus- 
gefüllt werden, die doch als öfTentliche Anlage oder inner- 
halb eines Privatbesitzes ein Schmuck ersten Ranges 
hätten werden können. Fast scheint es, als sei nur maß- 
gebend gewesen, möglichst viel Bauplätze herauszu- 
schneiden. Wäre man bei dem Entwürfe der Straßen mehr 
den Höhenkurven des Geländes als dem Lineal gefolgt, dann 
hätte sich vielleicht ein kleiner Verlust an Bauplatzzahl 
ergeben, aber auch eine Ersparnis an Erdarbeit — vor 
allem der Gewinn künstlerischer Wirkung, die hier in der 
Reißbrettarbeit vollständig untergegangen ist. 

Gerade zur Mitarbeit an Bebauungsplänen für Villen- 
kolonien scheint mir ein landschaftlich geschulter Beirat 
ebenso wichtig zu sein, als der Architekt und der Ingenieur. 

So schließe ich denn meine Ausführungen in der 
Hoffnung, ein wenig anregend gewirkt zu haben, gleich- 
zeitig aber auch mit dem Wunsche, daß gemeinsame 
Arbeit Architekt und Gartenkünstler zusammen führen 
möge, um mit vereinten Kräften dem einen Ziele zuzu- 
streben: ,,der künstlerischen Durchbildung von Stadt und 
Haus und Garten." 



104 



DER STÄDTEBAU 



EIN STADTPLANVERGLEICH. 



Von P. HALLMAN, Stockholm. 



Im Auftrage der schwedischen Stadt Monster ist für 
ein fast unbebautes Gelände in der Nähe des Eisenbahn- 
hofes (in der Mitte des unteren Planrandes im Textbilde) 
zum Vergleiche mit dem aus dem vorigen Jahrhundert 
stammenden alten Plane ein den gegenwärtigen Anschau- 
ungen entsprechender neuer Plan ausgearbeitet worden. 
Die wenigen bereits bebauten Teile (an den beiderseitigen 
Planrändern) sind besonders kenntlich gemacht; über das 
Gelände führen zwei Landstraßen, die der ältere Plan ver- 
nachlässigt hat, während sie im neueren die Richtung für 
eine Ringstraße bezw. für eine schräge Hauptverbindung 
bestimmen. 

Die Bebauung war früher durchweg mit Wohnhäusern 
an 18 m breiten Straßen angenommen. Jedoch soll sie 
nur in den Hauptstraßen eine ähnliche, in den Neben- 
straßen aber und an den Gartenanlagen und Spielplätzen, 
die innerhalb großer Baublocks geplant sind, eine niedri- 
gere werden, für Eigenhäuser, Einfamilienhäuser, Arbeiter- 
häuser. 

Im schematischen alten Plane war auf den Verkehr 
keine besondere Rücksicht genommen im Gegensatze zum 
neuen, der insbesondere dem Ring- und dem Bahnhofs- 
verkehre Rechnung zu tragen sucht. Die Stellung öffent- 
licher Gebäude bietet ebenfalls charakteristische Unter- 
schiede nach dem Plane des vorigen Jahrhunderts sollten 
monumentale Bauwerke, mit Ausnahme vielleicht der 
Kirche, in die Straßenflucht eingereiht werden, während 
der moderne Plan dafür monumental gedachte Plätze 
oder hervorragende Stellen dazu geeigneter Straßenzüge 
ins Auge gefaßt hat. 



Im neuen Plane haben wir also die Annehmlichkeit 
einer wohlgeordneten Gliederung der Wohnstätten, in dem 
alten Plane die altgewohnte Langeweile des Schematismus, 
in dem neuen nach den Verkehrsrichtungen hin gelegte 
Straßen, im alten die übliche Straßengeometrie, in dem 
neuen die Berücksichtigung vorhandener Wege und der 
bereits bebauten Ortsteile, im alten deren schroffe Unter- 
drückung oder Vernichtung dem Plansysteme zuliebe, im 
neuen endlich die schönheitliche Ausgestaltung der prak- 
tischen Anforderungen, im alten poesielose Nüchternheit, 
die nicht einmal praktisch ist. 

Daraus ergeben sich aber auch wirtschaftliche Vor- 
teile, wie folgende Tabelle zeigt: 



Gebäudeflächen 

Hofflächen . . . 

Hausgärten . . . 

Gesamtfläche . . 
Öffentliche Gebäude 

Hauptstraßen . . 

Nebenstraßen . . 

Pachtgärten . . . 

Öffentliche Plätze . 



1800 

qm 



1 37 600 
76500 

214 100 

4700 

117 600 



31 000 



1900 

qm 



1 38 000 

105 600 

4 400 

248 000 

11 600 

76600 

27800 

20 500 

37000 





105 



DER STÄDTEBAU 



Die bebaute Fläche für Wohnhäuser ist also in beiden 
Plänen fast die gleiche, ein wenig höher sogar noch im 
neuen Plane, der besondere Wohnstraßen vorsieht. Nicht- 
destoweniger bleiben für öffentliche Gebäude und Plätze, 
Gärten und Höfe ungefähr 67000 qm Fläche mehr übrig. 
Die Grundfläche für viergeschossige Bebauung ist zwar 
um rund 33200 qm kleiner geworden; dafür sind aber 
33 600 qm Grundfläche für eine niedrigere Bebauung ge- 
wonnen. Werden im Durchschnitt für eine Feuerstelle 
35 qm gerechnet, so bot der alte Plan, wenn das Erd- 
geschoß als Wohngeschoß mitgerechnet wird, rund 19660 
Feuerstellen. Nach dem neuen Plane ergeben sich da- 
gegen 14920 Feuerstellen in viergeschossigen Häusern und 
1500 in kleineren Häusern, zusammen 16420; der Unter- 



schied beträgt also 3200. Die Kosten für die Anlage 
der Straßen und zwar für 1 qm der Hauptstraßen und 
der öffentlichen Plätze zu 10 Kronen und für 1 qm der 
Nebenstraßen zu 5 Kronen angenommen, würden nach 
dem älteren Plane aber auch rund 2 026 000 Kronen 
ausgegeben werden, nach dem neueren nur 1 275 000, also 
750 000 Kronen weniger. Auf eine Feuerstelle bezogen, 
im ersten Falle 103 Kronen, im zweiten Falle etwa 
72 Kronen. 

Durch diese soziale und wirtschaftliche Plangliederung 
wird außerdem erzielt, daß eine größere Anzahl von 
Häusern in die Nähe kleiner Gartenanlagen rückt, die Er- 
satz bieten für größere Garten- und Platzanlagen, deren 
Anordnung nicht zur Aufgabe diese Planes gehörte. 



ANLAGE EINES LANDHAUSVIERTELS 
BEI HANNOVER. 

Von G. AENGENEYNDT, Hannover. 



Der Anbau von Einfamilienhäusern in Hannover war 
im Vergleiche zu anderen Städten bisher nur ein spärlicher. 
Das Miethaus, mit abgeschlossenen Wohnungen in jedem 
Geschoß, in Größe und Ausstattung den verschiedenen 
Bedürfnissen angepaßt, wurde weitaus bevorzugt. Erst in 
den letzten beiden Jahrzehnten machte sich der Anbau von 
Eigenhäusern im Stadtgebiete und in einigen benachbarten 
Vororten in wachsendem Umfange bemerkbar. Bei einer 
im Jahre 1894 vorgenommenen Umarbeitung der städtischen 
Bauordnung wurden in richtiger Erkenntnis der zunehmen- 
den Beliebtheit der Einzelhäuser erleichternde Vorschriften 
für die Erbauung derartiger Häuser erlassen, und besondere 
Teile des Bebauungsplanes als sog. Landhausviertel fest- 
gesetzt. Dabei wurden Landhausviertel mit Bauwich und 
solche ohne Bauwich unterschieden. Bei Bestimmung der 
für Landhausviertel festzusetzenden Flächen ist selbst- 
verständlich auf passende Lage und Umgebung möglichste 
Rücksicht genommen. Namentlich sind die in der Nähe 
des Stadtwaldes „Eilenriede" liegenden, für die Bebauung 
geeigneten Flächen zu Landhausvierteln bestimmt. — 

Das auf der Doppeltafel 63 und 64 dargestellte Land- 
hausviertel ist auf einem Gelände angelegt, das sich mit 
Ausnahme der Provinzial-Blindenanstalt ganz im Eigentume 
der Stadtgemeinde befand. Es ist am Rande der Eilen- 
riede anmutig gelegen und von der Stadtmitte nur etwa 
3 km entfernt. Eine vorzügliche Straßenbahnverbindung, 
mit einer für großen Verkehr zweckmäßig eingerichteten 
Haltestelle zwischen der städtischen Waldwirtschaft 
„Pferdeturm" und einem Haupteingange zur Eilenriede, 
macht es von allen Seiten leicht erreichbar. Der Be- 
bauungsplan für das Gelände vor der Blindenanstalt ist 
bereits im Jahre 1892 von dem Verfasser aufgestellt 
und mit einigen nicht wesentlichen Abänderungen für die 
Ausführung beibehalten. Dieses Gelände gehört zu den 
Landhausvierteln ohne Bauwich, mit der Einschränkung, 
daß längst der lebhaften Kirchröder Straße die Häuser mit 
drei vollen Geschossen, anstatt der sonst nur zulässigen zwei 
vollen Geschosse, erbaut werden dürfen. Das hinter der 
Blindenanstalt gelegene, nicht zur Eilenriede gehörende 
Waldgelände wurde im vergangenen Jahre auch zum 



Aufschluß für die Bebauung bestimmt und durch einen 
neuen Bebauungsplan an das vorerwähnte Gelände ange- 
schlossen. Das Waldgelände soll in seinem ganzen Um- 
fange mit Bauwich und in besonderer, durch Verkaufs- 
bedingungen sicher gestellter Weiträumigkeit bebaut 
werden, um auch denjenigen Baulustigen, welche Wert auf 
einen großen Garten legen, passende Gelegenheit zur An- 
siedlung zu geben. Die auf dem Plane dargestellte vor- 
läufige Bauplatzeinteilung, die für die einzelnen Plätze 
nicht unter 1300 qm hinuntergeht, zeigt, daß diese Plätze 
nach Tiefe und Frontmaß viel reichlicher bemessen sind, 
als diejenigen in dem vorderen Teile. Auch sind die Bau- 
platzpreise geringer angesetzt; sie sollen hier etwa 16 bis 
18 M. für das qm, frei von allen Straßen- und Kanalbau- 
kosten, betragen, während in dem vorderen Teile, ent- 
sprechend der größeren Ausnutzung 23—28 M. für das qm 
bezahlt werden. 

Der Bebauungsplan zeigt eingangs des Geländes einen 
größeren Kirchplatz, auf dem inzwischen durch den 
Architekten E. Hillebrand die Petrikirche in gotischen 
Formen mit Sandstein-Fassaden erbaut worden ist. Die 
Stadtgemeinde hat nicht nur den Kirchplatz frei her- 
gegeben, sondern auch noch einen erheblichen Beitrag zu 
den Baukosten geleistet, um eine monumentale Ausführung 
des Kirchenbaues zu erreichen. Die schön gestaltete Kirche 
bildet einen wirkungsvollen Abschluß der breiten Allee- 
straße ,,Misburgerdamm" und gibt mit den umgebenden 
Gartenanlagen dem Eingange zum Landhausviertel ein 
sehr willkommnes vornehmes Gepräge. Der weiterhin 
am Treffpunkte der Scheide- mit der Kirchröder Straße — dem 
lebhaftesten Verkehrspunkte des anschließenden Vorortes 
Kleefeld — angeordnete Kantplatz ist als zukünftiger 
Marktplatz gedacht; er ist vorläufig mit Gartenanlagen 
versehen, da zunächst ein Bedürfnis für einen Marktverkehr 
noch nicht vorliegt. 

Durch die dem Rande der Eilenriede folgende Kaul- 
bachstraße haben die beiden Viertel, außer der Zuwegung 
durch die Kirchröder Straße, noch eine namentlich für den 
Fußgängerverkehr bestimmte durchgehende Verbindung 
mit einander erhalten. Hinter der Blindenanstalt verläßt 



106 



DER STÄDTEBAU 



die Kaulbachstraße den Waldrand und legt sich in das 
Blockinnere, wird aber endlich dem Walde wieder zu- 
geführt, um später eine Verlängerung der Waldrandstraße 
zu ermöglichen. 

Die Bauplätze im Waldgelände südlich der Kaulbach- 
straße sollen nur einseitig und zwar nach dieser Straße 
hin bebaut werden. Die Straßenbreiten des Landhaus- 
viertels sind möglichst gering bemessen; nur an einzelnen 
Stellen sind zur Belebung des Straßenbildes, Erweiterungen 
mit Bepflanzungen vorgesehen. Alle Straßen sind mit Vor- 



gärten von wechselnden Breiten ausgestattet. Als Straßen- 
befestigung wird Kleinpflaster auf Schotterunterlage ver- 
wendet. Die Fußsteige werden, mit Ausnahme der Prome- 
nade am Waldrande, mit Asphalt belegt. — 

Die Bebauung des Landhausviertels ist im vorderen 
Teile innerhalb zweier Jahre für hiesige Verhältnisse sehr 
rasch vorgeschritten. Fast durchweg sind ansprechend 
gestaltete Häuser entstanden. Hoffentlich nimmt die 
weitere Entwicklung, auch des im Waldgelände ge- 
legenen Teiles dieses Landhausviertels, einen guten Fortgang. 



SOZIALE UND WIRTSCHAFTLICHE VORAR- 
BEITEN FÜR STADTERWEITERUNGSPLÄNE 



Von Dr. Ing. FORB AT, Frankfurt a. M.- Budapest. 

I. Allgemeines. 

Die Lehre vom Städtebau wird in letzter Zeit immer 
mehr zu dem, was sie eigentlich sein soll, nämlich zur 
Wissenschaft der Wohnung- und Arbeitstättenversorgung. 
Von allen Beteiligten, voran von denen, die es mit der 
künstlerischen Gestaltung neu werdender Stadtteile ernst 
meinen, wird es immer lauter betont, daß als erste und 
hauptsächlichste Bedingung jedes Stadtplans seine von 
aller Schablone befreite Zweckmäßigkeit betrachtet werden 
müsse. Ohne Zweckmäßigkeit keine Schönheit. Und 
wenn schon die Schönheit mit der Zweckmäßigkeit geht, 
so ist dies in noch erhöhtem Maße der Fall bei allen 
andern Anforderungen, die an einen Stadtplan berechtigter- 
weise gestellt werden können. 

Um eine Aufgabe, vor die man gestellt wird, zweck- 
mäßig lösen zu können, muß man vor allem über den zu 
erreichenden Zweck eindeutig und vollständig im klaren 
sein. Der Zweck eines Stadtbauplanes ist aber unbestritten 
der, den Rahmen für die Unterbringung der vorhandenen 
und in Zukunft zu erwartenden städtischen Bevölkerung 
so zu gestalten, daß schon die Art dieser Unterbringung 
dazu beiträgt, das geistige und materielle Wohl der Be- 
völkerung nicht nur zu schützen und zu erhalten, sondern 
auch möglichst zu fördern. Der Stadtbauplan soll daher 
in erster Linie dafür sorgen, daß den Anforderungen des 
heutigen Kulturstandes entsprechende Wohn- und Arbeit- 
stätten in einer der Zahl und Zusammensetzung der Be- 
völkerung angemessenen Art, Menge und Verteilung recht- 
zeitig und ungehindert bereitgestellt werden können. 

Wer bei Aufstellung eines Stadtbauplanes von dieser 
Grundlage ausgeht, wird mit den Grundsätzen, nach denen 
der Städtebaukünstler verfahren wird, um bei aller 
Zweckmäßigkeit gleichzeitig auch ein schönes Städtebild 
zu erreichen, niemals in Widerspruch geraten können. 
Die Führung und Abstufung der Straßen in ästhetisch be- 
friedigender Weise, die Verteilung und Ausbildung der 
Plätze als künstlerischer Ruhe- und Mittelpunkte, die 
Gliederung der baulichen Massen nach Herrschendem und 
Beherrschtem, die Steigerung des Charakteristischen in der 
Landschaft durch entsprechende Anordnung hervorragen- 
der Architekturwerke und alles, was sonst noch von den 
Künstlern im Städtebau für angebracht erachtet werden sollte. 



um eine schöne Wirkung zu erzielen, läßt sich unge- 
zwungen mit einem Stadtplan erreichen, der in seiner all- 
gemeinen Grundanordnung trotzdem in erster Reihe der 
möglichst vollkommenen Erreichung seines ureigenen 
Zieles, nämlich der zweckmäßigen Unterbringung der 
Bevölkerung, angepaßt erscheint. Wenn demnach dem 
Verfasser eines Stadterweiterungsplanes die Schönheit des 
Städtebildes nach der Natur der zu lösenden Aufgabe auch 
nicht als Selbstzweck erscheinen kann, so wird diese 
dennoch nicht Not leiden müssen, wenn nur bei der Be- 
arbeitung des Planes Kunst und nüchterne Erwägung 
neidlos Hand in Hand gehen. 

Zur Vorbereitung eines Stadtbauplanes ist vor allem 
eine möglichst vollkommene Karte und die genaue örtliche 
Kenntnis des in Betracht kommenden Geländes erforderlich, 
nach dessen natürlicher Beschaffenheit schon eine Gliede- 
rung des Bebauungsgebietes nach seinen verschiedenen 
Verwendungszwecken erfolgen kann, bei ausgesprochener 
Eigenart einzelner Gebietsteile oft auch bereits erfolgen 
muß. Die Orientierung über die in der Nachbarschaft 
vorhandenen und durch das neue Bebauungsgebiet in 
organischem Anschlüsse weiter zu leitenden, sowie über 
die sonst noch etwa erforderlich werdenden bedeutenderen 
Verkehrswege führt zur Festlegung der Hauptlinien des neuen 
Straßennetzes, die das Gerippe des Erweiterungsplanes zu 
bilden berufen sind. Erst nach diesen, gewissermaßen 
topographischen Vorarbeiten kann an die weitere Be- 
arbeitung des Planes geschritten werden, welche die Auf- 
teilung der zwischen den Hauptverkehrszügen gelegenen 
Gebiete im einzelnen zum Ziele hat. 

Um diese Aufteilung in einer dem tatsächlichen Be- 
dürfnisse entsprechenden Weise vornehmen zu können, 
handelt es sich nunmehr vor allem darum, festzustellen, 
was auf dem Erweiterungsgebiet eigentlich untergebracht 
werden soll. Und da ergibt sich aus dem Studium einer 
großen Anzahl von Stadterweiterungsplänen auch aus 
neuester Zeit die Wahrnehmung, daß, während sowol die 
Anpassung an die Eigentümlichkeiten des Geländes als 
auch die möglichst günstige Ausgestaltung der Verkehrs- 
verhältnisse fast ohne Ausnahme zum Gegenstand ein- 
gehender Vorarbeiten und sorgfältiger Erwägungen ge- 
macht worden sind, die Frage nach der Beschaffenheit 



107 



DER STÄDTEBAU 



der auf dem Erweiterungsgebiet unterzubringenden Be- 
völkerung die gleich gründliche Behandlung nicht immer 
erfahren hat. Denn wenn sich der Verfasser eines Stadt- 
erweiterungsplanes nur ganz allgemein darüber Rechen- 
schaft zu geben sucht, wieviel Einwohner er bei einer 
gewissen angenommenen Wohndichte auf dem in Frage 
stehenden Erweiterungsgebiet unterzubringen imstande ist, 
so ist dies für die weitere Bearbeitung des Planes als hin- 
reichende Grundlage wohl noch nicht zu betrachten. Dazu 
sind die auf den Bebauungsplan Einfluß nehmenden Be- 
dürfnisse der auch in kleineren Gemeinden und innerhalb 
enger begrenzter Bebauungsgebiete niemals ganz homogenen 
Bevölkerung denn doch viel zu wechselnd, als daß auf 
Grund von nur die Zahl der Bewohner berücksichtigenden 
Erwägungen das Richtige getroffen werden könnte. Um 
so weniger wird dies bei Festlegung der Grundzüge für 
die bauliche Ausgestaltung der Stadterweiterung in großen 
Städten der Fall sein, deren Charakter weniger von der 
Zahl, als von der sozialen und wirtschaftlichen Lage der 
unterzubringenden Bevölkerung bedingt sein muß. 

Die Stadterweiterung wird andere Formen annehmen, 
wenn wir es mit einer Bevölkerung zu tun haben, die 
hauptsächlich dem Handel und Gewerbe nachgeht, andere, 
wenn die Zahl der Beamten und in freien Berufen tätigen 
Einwohner überwiegt, und wieder andere, wenn auch noch 
die Bedürfnisse eines ausgedehnten Fremdenverkehrs oder 
einer großen Anzahl lediglich von ihrem Vermögen oder 
ihrer Pension lebenden Privatleute berücksichtigt werden 
müssen. Die Gestaltung der Wohnviertel wird schon in 
der Grundrißausbildung des Stadtbauplanes verschieden 
ausfallen, je nachdem man — unbeschadet der für alle 
Wohnungen in gleicher Weise zu stellenden gesundheit- 
lichen Anforderungen — den verschiedenen Ansprüchen 
der mehr oder weniger bemittelten Bevölkerungsschichten 
gerecht werden will, und man muß über die wirtschaft- 
liche Zusammensetzung der unterzubringenden Bevölkerung 
wenigstens annähernd unterrichtet sein, wenn man die 
Ausdehnung der diesen verschiedenen Ansprüchen ange- 
paßten Wohnviertel irgendwie richtig einzuschätzen in der 
Lage sein soll. Ebenso muß man über den voraussicht- 
lichen Umfang, den Industrie und Handel, namentlich auch 
der Großhandel in dem neu zu erschließenden Gebiet an- 
nehmen können, Untersuchungen anstellen, wenn man bei 
Bemessung der Größe der für diese Zwecke auszu- 
scheidenden Bauviertel nicht vollständig im Dunkeln tappen 
und alles dem Zufall überlassen möchte. 

Die gleiche, wenn nicht noch höhere Bedeutung hat 
die Kenntnis von der Zusammensetzung der zu erwarten- 
den Bevölkerung für die Aufstellung einer Bauordnung, 
welche die Ausfüllung des durch den Stadterweiterungs- 
plan geschaffenen Rahmens in einer Weise sicher stellen 
soll, die den auf Förderung der allgemeinen Wohlfahrt 
der Bevölkerung gerichteten Bestrebungen des Bebauungs- 
plans kräftige Unterstützung gewährt. Die engen Wechsel- 
beziehungen, die zwischen Bauordnung und Bebauungs- 
plan bestehen, bedingen, daß man sich schon beim Ent- 
würfe des letzteren wenigstens über die Grundzüge der 
für die einzelnen Stufen in Aussicht zu nehmenden bau- 
polizeilichen Bestimmungen im großen und ganzen klar 
sein muß. Gerade diese baupolizeilichen Bestimmungen 
werden aber nur papierne Weisheit bleiben, wenn sie 
nicht verständnisvoll in den Dienst eines gesunden sozialen 



und wirtschaftlichen Fortschritts gestellt werden, was 
wieder nur möglich ist, wenn man sich vorher über die 
verschiedenartige Zusammensetzung der Bevölkerung und 
die sich daraus ergebenden verschiedenartigen Bedürf- 
nisse in den einzelnen Bauvierteln Klarheit zu verschaffen 
gesucht hat. 

Eine Stadterweiterung wird ihrer vielseitigen Aufgabe 
nur dann gerecht werden und gleichzeitig auch in schön- 
heitlicher Hinsicht befriedigen können, wenn zwischen ihr 
und dem Charakter der innerhalb des zugehörigen Ge- 
bietes unterzubringenden Bevölkerung ein eben solcher 
innerer Zusammenhang besteht, wie er zwischen der 
äußeren Erscheinung eines Architekturwerkes und dem 
Zweck, für den das Gebäude errichtet worden ist, vor- 
handen sein muß, wenn ein befriedigender Eindruck er- 
zielt werden soll. Für die Gestaltung einer Stadt- 
erweiterung ist daher neben der Rolle, die der Architekt 
der einzelnen Gebäude des Erweiterungsgebietes hierbei 
spielt, und die vom Verfasser des Stadtbauplanes un- 
mittelbar nur wenig beeinflußt werden kann und auch 
gar nicht beeinflußt werden soll, die Art des Bebauungs- 
planes sowie der Bauordnung von ausschlaggebender 
Bedeutung, welche wieder, wie wir gesehen haben, der 
Zusammensetzung der im Erweiterungsgebiet zu er- 
wartenden Bevölkerung Rechnung tragen müssen. Hieraus 
geht hervor, daß mit den für die Aufstellung eines Stadt- 
bauplanes erforderlichen sonstigen Vorarbeiten not- 
wendigerweise auch Untersuchungen über die Beschaffen- 
heit des eigentlichen Trägers der Stadterweiterung, der 
Bevölkerung der neuen Stadtteile, verbunden werden 
müssen. Daß solche Untersuchungen immer nur eine ge- 
wisse Annäherung an die in der Zukunft eintretenden tat- 
sächlichen Verhältnisse zu ergeben imstande sein werden, 
beeinträchtigt deren Wert durchaus nicht, da es sich bei 
diesen Vorarbeiten nur um die Festlegung der Grundzüge 
des Erweiterungsplanes handelt, bei dessen Bearbeitung 
im einzelnen Veränderungen, die sich gegenüber den 
zugrunde gelegten Annahmen im Laufe der Zeit ergeben 
haben sollten, immer noch berücksichtigt werden können. 

Die vom Stadtschultheißenamt in Stuttgart herausge- 
gebene, in dieser Zeitschrift bereits besprochene Sammlung 
der auf die Stadterweiterung von Stuttgart bezüglichen 
Pläne und Gutachten gibt ein lehrreiches Beispiel dafür, 
wieviel besser man alle für die Ausarbeitung eines Stadt- 
erweiterungsplanes maßgebenden Verhältnisse übersehen 
kann, wenn sich die Untersuchung auch auf die berufliche 
und wirtschaftliche Zusammensetzung der Bevölkerung und 
auf die hieraus sich ergebende wirtschaftliche Leistungs- 
fähigkeit der Gemeinde erstreckt. Jeder unbefangene 
Leser wird zugeben, daß die bezüglichen Untersuchungen 
Dr. Rettichs neben den von ingenieurtechnischer und 
künstlerischer Seite angestellten Vorarbeiten und Er- 
wägungen viel dazu beigetragen haben, den Stadterwei- 
terungsplan von Stuttgart so zu gestalten, daß nunmehr 
mit Hilfe einer dem Bebauungsplane organisch angepaßten 
Bauordnung in den Erweiterungsgebieten der Stadt eine 
Bebauung zu erwarten ist, die allen berechtigten An- 
forderungen Rechnung tragen wird. 

Den Ausgangspunkt der bei Aufstellung von Stadt- 
erweiterungsplänen erforderlichen sozialen und wirtschaft- 
lichen Vorarbeiten bildet die Ermittlung der Zusammen- 
setzung und Unterbringung der Bevölkerung in dem bereits 



108 



DER STÄDTEBAU 



bewohnten Stadtgebiete und, soweit dies auf Grund des 
vorhandenen Materials durchführbar ist, auch die. Er- 
forschung der Schwankungen, denen diese Zusammen- 
setzung im Laufe der Jahre unterworfen gewesen ist. Die 
Kenntnis dieser Tatsachen ist in zweierlei Hinsicht von 
Bedeutung. Erstens bilden sie die einzige Unterlage, aus 
welcher — unter Berücksichtigung der vom Verfasser des 
Planes mit Bezug auf die Besiedelung des Erweiterungs- 
gebietes gewollten Unterscheidungen — auf die wahr- 
scheinliche Zusammensetzung der zukünftigen Bevölkerung 
in den neu zu erschließenden Stadtteilen geschlossen 
werden kann, zweitens bieten sie dem Verfasser die ge- 
eignete Handhabe zur Beurteilung derjenigen Verhältnisse 
in dem bereits ausgebauten Stadtgebiet, deren Verbesserung, 
bezw. Beseitigung anläßlich der Stadterweiterung ebenfalls 
mit vorgesehen werden muß, wenn die in den neueren 
Vierteln angestrebten vollkommeneren Zustände in bezug 
auf Verkehr, öffentliche Gesundheit usw. allmählich auch 
in den älteren Stadtteilen erreicht werden sollen, was un- 
bedingt als eine in den Rahmen einer durchdachten Stadt- 
erweiterungspolitik gehörige Aufgabe betrachtet werden 
muß und in neuerer Zeit auch bereits allgemein als solche 
betrachtet wird. 

Im nachfolgenden soll nunmehr zunächst die Zu- 
sammensetzung der Bevölkerung in verschiedenen solchen 
Städten zum Gegenstand der Betrachtung gemacht 
werden, in welchen sie in der einen oder anderen Richtung 
eigenartige Merkmale aufzuweisen hat. Die statistischen 
Angaben entstammen zum größten Teile den verschiedenen 
Jahrgängen des „Statistischen Jahrbuchs deutscher Städte". 
Zum Teil wurden auch die Angaben einzelner Zeitschriften, 
namentlich der „Sozialen Praxis" verwertet. 

Tabelle i. 

Zusammensetzung der Bevölkerung einiger Städte 

nach den verschiedenen Berufsarten. 







Von 1000 


Einwohnern entfielen 


auf 




Ein- 


Land- 








Bür- 






wohner- 


wirt- 


In- 




Häus- 


gerl. u. 


Ohne 


Stadt 


zahl im 


schaft, 


dustrie 


Handel 


lichen 


kirchl. 
Be- 
amte, 


be- 




Jahre 


Gärt- 


ein- 


und 


Dienst 


stimm- 




1895 bzw. 


nerei, 


schl. 


Ver- 


Tage- 


Mili- 


ten 




1882 


Fi- 
scherei 


Bauge 
werbe 


kehr 


lohn 
usw. 


tär, 
Freie 
Berufe 


Beruf 


Barmen 


126 992 


15 


745 


147 


8 


37 


48 




95521 


24 


755 


135 


12 


35 


39 


Essen 


96 218 


4 


707 


161 


II 


49 


66 




60 087 


5 


715 


152 


22 


49 


57 


Bochum .... 


53842 


4 


675 


162 


41 


59 


59 




— 


6 


738 


146 


17 


49 


44 


Chemnitz .... 


161 015 


8 


662 


200 


12 


68 


50 




97716 


6 


666 


201 


12 


71 


44 


Crefeld 


107 245 


18 


558 


172 


41 


41 


70 




77998 


25 


666 


158 


8j 


31 


37 


Dortmund .... 


III 232 


7 


653 


200 


31 


49 


60 




71 079 


15 


658 


196 


23 


45 


63 







Von 1000 


Einwohnern entfielen auf 




Ein- 










Bür- 






wohner- 


Land- 


In- 




Häus- 


gerl. u 






zahl im 


wirt- 


dustrie 


Handel liehen 


kirchl 


Ohne 


Stadt 


Jahre 


schaft 
Gärt- 


ein- 


und 


Dienst 


Be- 
amte, 


be- 
stimm- 




1895 bzw 


nerei, 


schl. 


Ver- 


Tage- 


Mili- 


ten 




1882 


Fi- 


Bauge 


kehr 


lohn 


tär, 


Beruf 






1 werbe 

scherei] 




usw. 


Freie 
















Berufe 




Hamburg") . . . 


625552 


9 


406 


399 


34 


77 


75 




— 


2 


440 


382 


67 


54 


55 


Frankfurt a. M. . . 


229 279 


25 


416 


332 


52 


88 


87 




140 066 


35 


370 


349 


40 


94 


112 


Lübeck 


69874 


37 


419 


319 


45 


80 


100 




51948 


49 


394 


334 


42 


80 


lOI 


Mannheim .... 


97780 


12 


503 


318 


17 


88 


62 




54643 


23 


473 


316 


17 


98 


73 


Stettin 


140 724 


13 


41g 


318 


48 


108 


94 




go 816 


13 


339 


299 


133 


129 


87 


Bremen 


141 133 


22 


477 


316 


16 


£9 


80 




114 140 


21 


495 


307 


21 


79 


77 


Metz 


59 794 


8 


349 


181 


41 


348 


73 




51 343 


13 


350 


202 


40 


308 


87 


Potsdam .... 


58455 


23 


346 


158 


82 


248 


143 




48 883 


34 


352 


142 


72 


256 


144 


Kiel 


85 666 


14 


430 


197 


57 


223 


79 




46 782 


24 


455 


217 


39 


202 


63 


Straßburg ... 


135 608 


39 


401 


218 


35 


218 


89 




104 477 


54 


423 


218 


28 


194 


83 


Freiburg i. Br. . . 


53 118 


37 


433 


186 


21 


130 


193 




— 


53 


406 


182 


33 


140 


186 


Wiesbaden . . . 


74133 


27 


371 


217 


76 


130 


179 




50 164 


33 


356 


196 


90 


137 


188 


Darmstadt .... 


63747 


29 


384 


195 


31 


212 


149 




— 


28 


383 


194 


33 


210 


152 


Karlsruhe i. B. . 


84 030 


9 


438 


221 


19 


185 


128 




51039 


10 


392 


217 


20 


221 


140 


Berlin 


I 677 034 


6 


535 


256 


43 


go 


70 




I 156945 


8 


543 


246 


38 


97 


68 


München .... 


407 307 


I6 


477 


235 


30 


III 


131 




234 129 


20 


446 


219 


42 


127 


146 


Dresden .... 


336 440 


12 


481 


235 


25 


135 


112 




222 241 


II 


452 


238 


32 


146 


121 


Stuttgart .... 


158 321 


27 


472 


240 


17 


134 


HO 




117 343 


47 


458 


228 


16 


137 


114 



") Die Zählung im Jahre 1882 umfaßte nicht die Vorstädte und 
Hafengebiete. 



109 



DER STÄDTEBAU 



II. Die Zusammensetzung der städtischen Be- 
völkerung nach den verschiedenenBeschäftigungs- 

arten. 
Die letzten zwei Volkszählungen, die die Ermittlung 
der beruflichen Zusammensetzung der Bevölkerung zum 
Ziele hatten, wurden in Deutschland in den Jahren 1882 
und 1895 vorgenommen. Im Statistischen Jahrbuch 
deutscher Städte sind die Ergebnisse dieser Volkszählungen 



für 53 Städte mit mehr als 50000 Einwohnern zusammen- 
gestellt. Der Auszählung der städtischen Bevölkerung 
wurden hierbei folgende Berufsklassen zugrunde gelegt: 
1. Landwirtschaft, Gärtnerei, Fischerei; 2. Industrie einschl. 
Baugewerbe; 3. Handel und Verkehr; 4. Häuslicher Dienst, 
Tagelohn u. dergl.; 5. bürgerliche und geistliche Beamte, 
Militär, freie Berufe; 6. ohne besondere Beschäftigung, also 
Rentner, Pensionäre usw. (Forts, folgt in Heft 10.) 



NEUE BUCHER. 



KARL HENRICI, BEITRÄGE ZUR PRAKTISCHEN 
ÄSTHETIK IM STÄDTEBAU; EINE SAMMLUNG 
VON VORTRÄGEN UND AUFSÄTZEN, München (Callwey) 1904. 

Ist die Kunst mehr als Form oder mehr als Inhalt aufzufassen? Diese 
Frage bietet sich immer wieder bei der Betrachtung des modernen 
Städtebaus. Gewiß hat noch keinem Zeitalter ein solcher Reichtum der 
Fcftmen zur Verfügung gestanden wie der Gegenwart, und in der ausgie- 
bigsten Verwendung der Kunstformen übertreffen wir jede ältere Periode. 
Trotzdem wird die künstlerische Gestaltung des modernen Städtebaus all- 
gemein für unbefriedigend gehalten. Ein Hauptübel unseres Städtebaus 
ist gewiß darin zu erblicken, daß es nicht gelingen will, die virtuos 
gehandhabten Formen mit dem Inhalt in Einklang zu bringen und für die 
Aufgaben der Zeit den richtigen Ausdruck zu finden. 

Das beste, was die Wissenschaft in einem solchen Zeitalter zu bieten 
vermag, ist, daß sie den Städtebauer zum Nachdenken über die ihm ob- 
liegenden materiellen Aufgaben anregt und ihm die Wege zeigt, auf denen 
er zu selbständigen Lösungen auf seinem Gebiete gelangen kann. Karl 
Henrici hat sich mit seiner ganzen Persönlichkeit in den Dienst dieser 
Bestrebungen gestellt, und es ist ein erfreuliches und willkommenes Unter- 
nehmen, daß Henrici die Arbeiten von anderthalb Jahrzehnten uns jetzt 
in einem stattlichen und geschmackvoll ausgestatteten Bande vorlegt. 

Das Buch Henricis ist keine Systematik des Städtebaus; es ist aus 
Einzelstudien und Vorträgen entstanden und behandelt einzelne Probleme. 
Ich möchte darin in diesem Falle beinahe einen Vorzug erblicken. Der 
Techniker wird heute geradezu erdrückt von Systemen und Formeln; er 
wird demgegenüber bei dem Lesen des Henricischen Buches dankbar 
gewahr werden, daß er sich der Freiheit des Denkens und der Selbstän- 
digkeit der Auffassung an keiner Stelle zu begebet! braucht. Wenn ich 
nun hier den Versuch mache, meinerseits die Darlegungen Henricis nach 
Stofigebieten einzuteilen und sie gewissermaßen unter Rubriken zu ordnen, 
so würde ich sie nach drei Gesichtspunkten zusammenfassen: i. Anlage 
der Straßen und Einteilung des Baulandes, 2. Gestaltung der öffentlichen 
Plätze, 3. Stellung der Monumentalbauten. Auf diesen drei Gebieten be- 
wegen sich die meisten der Untersuchungen Henricis, während die einzel- 
nen Abhandlungen den Stoff jeweils von einer besonderen Seite behandeln. 

Für die Straßenanlage stellt H. den wichtigen Satz auf: „schon in den 
Großstädten selbst sollte in nicht zu großer Entfernung vom Mittelpunkt 
der Stadt das großstädtische Wesen aufhören (S. 130)". Der Satz ist 
treffend geformt und wie dazu geschaffen, daß der Städtebauer 
ihn sich einprägt und ihn zu weiteren Folgerungen verwendet. Es zeigt 
sich hierbei auch deutlich, daß über gewisse Ziele im modernen Städtebau 
allgemeine Übereinstimmung unter den verschiedenen Schulen besteht und 
daß nur über die anzuwendenden Mittel die Meinungen auseinandergehen. 
Ich möchte dem H'schen Satze noch hinzufügen, daß die heute in Deutsch- 
land herrschende Anschauung über ,, großstädtisches Wesen" im Städtebau 
durchaus undeutsch und durch fremdländische Einwirkungen hervorgebracht 
ist; über die geschichtlichen Einzelheiten gedenke ich in späteren Arbeiten 
genauere Angaben beizubringen. — Was die Straßenführung anlangt, 
so will Henrici keinerlei Zwangsregel anerkennen; weder der Grimdsatz 



Besprochen von Dr. RUD. EBERSTADT, Berl in. 

der ,, geraden Straße" noch der der „krummen Straße" darf zu einer 
Schablone werden (S. 8g u. 166). Für die Führung der Straßen in Einzel- 
fällen werden zahlreiche Beispiele und Lösungen, sowohl für ebenes wie 
für unebenes Gelände, gegeben. Die übermäßigen schematischen Straßen- 
breiten, deren schädliche Wirkungen in Wohnvierteln heute wohl all- 
gemein anerkannt sind, werden von H. entschieden und mit zutreffenden 
Gründen bekämpft (S. 175). 

Hinsichtlich der Einteilung der Bau blocke, eine der wichtigsten Maß- 
nahmen im Städtebau, wendet sich H. gegen den das Spekulantentum 
fördernden Schematismus und verlangt nachdrücklich die ,, Mannigfaltigkeit 
in der Eigenart der Baugrundstücke" (S. 8 u. 28). Hiermit ist eine der 
wesentlichen Anforderungen, denen der Städtebautechniker zu genügen hat, 
in programmatischer Weise ausgesprochen. Das längliche rechtwinklige 
Viereck ist im übrigen nach H. als die normal günstigste Planfig^r des Bau- 
blocks anzusehen; der gestreckten Figur des Baublocks ist gegenüber der 
gedrungenen der Vorzug einzuräumen (S. 70 u. 71). 

Der Wert ernster entwicklungsgeschichtlicher Studien, die sich auf 
unsere deutsche Vergangenheit beziehen, wird von Henrici in vollem 
Maße gewürdigt, während der epigonenhafte ,, Historismus" kräftig zurück- 
gewiesen wird. Besonders sympathisch berühren die Sätze, die Henrici 
aus einem Lehrbuche des deutschen Städtebaus — ich meine die Stadt 
Rothenburg a. d. T. — mit klarem Blicke herausgelesen und knapp gefaßt 
hat. Die Einfachheit der Mittel und die gewaltige Größe der Wirkungen 
des alten Städtebaus werden von H. treffend in Gegensatz gestellt zu dem 
umgekehrten Verhältnis — dem Superlativ der Mittel und der Kleinheit 
der Wirkung in der Gegenwart (S. 246). Mit Recht erkennt deshalb H., 
daß „die Grundlage des heutigen Städtebaus nicht auf Notwendigkeit, nicht 
auf gesunder Entwicklung, sondern auf ganz fremden Beeinflussungen 
beruht" (S. 15). 

Ich möchte es bei diesen Beispielen bewenden lassen und bezüglich der 
anderen Gebiete ■ — Gestaltung der Plätze und Anordnung der Monumen- 
talbauten — auf das Buch selber verweisen. Henrici hat, wie er im 
Vorwort bemerkt, die Abhandlungen in ihrer ursprünglichen Form belassen 
und keine Überarbeitung vorgenommen; wegen verschiedener Einzelheiten, 
in denen die Anschauungen Henricis mit den meinigen nicht überein- 
stimmen, beziehe ich mich deshalb auf die von uns im Zentralblatte der 
Bauverwaltung XXII Nr. 47, S. 290 und XXIII Nr. 65 S. 408 geführten 
Erörterungen, die, wie ich wohl annehmen darf, zu einem Ausgleiche ge- 
führt haben, und die man u. a. zur Ergänzung heranziehen mag. Wenn 
ich noch einen Wunsch aussprechen möchte, so wäre es der nach einer 
schärferen Scheidung zwischen Wohnbauten und Geschäftsbauten. Die 
Trennung der Geschäftsviertel und Wohnviertel, der Geschäftslagen und 
Wohnlagen bildet eines der Momente, durch die der Städtebau der Gegen- 
wart gekennzeichnet und von dem der früheren Perioden geschieden wird. 
Auch die amerikanischen Haustürme (sogen. Wolkenkratzer) dienen ledig- 
lich Geschäftszwecken und nicht Wohnzwecken. 

Der praktische Wert des Buches wird erhöht durch zahlreiche Abbil- 
dungen, die teils bemerkenswerte Städtebilder, teils Beispiele von Straßen- 
führungen, Geländeerschließungen, Blockeinteilungen wiedergeben. Das 
Buch sei dem eingehenden Studium angelegentlichst empfohlen. 



110 



DER STÄDTEBAU 




Der ursprünglich nur auf di; Sachverständigen des Kreises Saarbrücken 
beschränkte WETTBEWERB, die Umarbeitung des Be- 
bauungsplanes für St. Johann a. Saar betreffend, ist jetzt allen 
deutschen Städtebauern zugänglich gemacht worden. 

I. Preis 1000 Mark, II. Preis 600 Mark und III. Preis 400 Mark. Für 
den Ankauf von zwei weiteren Entwürfen sind je 200 Mark zur Verfügung 
gestellt. Die überwiegende Mehrheit des Preisgerichts bilden: Geheimer 
Regierungsrat Prof. Dr. ing. Henrici -Aachen, Prof. Theodor Fischer- 
Stuttgart, Ingenieur Rexroth, Eisenbahn-Bau- u. Betriebsinspektor Hüter 
und Stadtbaumeister Kulemann in St. Johann, Ablieferungstermin: I.Ok- 
tober d. Js. Unterlagen vom Bürgermeisteramt gegen 15 Mark, die nach 
Einlieferung eines Entwurfes zurückgezahlt werden. 

^UM WETTBEWERBE zur Herstellung eines architekto- 
^^ nischen Abschlusses am nördlichen Ende des Maximilians- 
platzes in München betreffend, wird — abweichend vom ersten Aus- 
schreiben — vom Stadtmagistrat bestimmt; Die Übersichtszeichnungen, 
Ansichten und Grundrisse sind im Maßstabe i : 100, die Einzelheiten im 
Maßstabe i : 20 anzufertigen. Etwaige Übersichtsmodelle erhalten eine 
Größe vom 1:50, Einzelheiten 1:20; den Zeichnungen und Modellen ist 
ein Lageplan im Maßstab i : 500 beizufügen. 

■\ X 7ETTBEWERB zur Erlangung von Entwürfen für einen 
"• neuen Stadtplan der Stadt Helsingborg in Schweden- 
Drei Preise sind ausgesetzt: ein i. Preis von 4000 schwedischen Kronen, 
ein 2. Preis von 2500 Kronen und ein 3. Preis von 1500 Kronen. Den 
Preisrichtern ist das Recht vorbehalten, die beiden letzten Preise zu 
ändern, jedoch muß deren Summe 4000 Kronen, und darf der kleinste 
Preis nicht weniger als 1000 Kronen betragen. Die Entwürfe sollen 
spätestens am 15. Dezember, vor 12 Uhr mittags, eingereicht sein. 
Programme nebst Plänen usw. werden gegen Einsendung von 15 Kronen 
vom Sekretär der Stadtverordneten von Hlradshölding K. E. Norrsell, 
abgegeben. 

PREISAUSSCHREIBEN. Zur Erlangung von Entwürfen für 
Wohngebäude der mittleren Bevölkerungsschichten, sowie 
für eine günstige Aufteilung eines etwa 7,4 ha großen in Königsberg, 
Mittelhafen, nahe dem Gutshofe Hardershof gelegenen Baugeländes schreibt 
die Boden -Aktiengesellschaft Tiepolt- Hardershof zu Königsberg i. Pr. 
unter Mitwirkung des ostpreußischen Architekten- und Ingenieur-Vereins 
unter den Architekten Ostpreußens einen Skizzen- oder Ideen -Wettbewerb 
aus. Erster Preis 500 Mark, zweiter Preis 300 Mark, dritter Preis 200 Mark. 
Die Preise gelangen auf alle Fälle zur Verteilung, jedoch bleibt dem 
Preisrichteramt unbenommen, bei Einstimmigkeit eine andere Verteilung 
vorzunehmen. Vorbehalten bleibt, nicht preisgekrönte Entwürfe für den 
Preis von je 100 Mark anzukaufen. Praisrichteramt: i. Körte, Ober- 
bürgermeister der Stadt Königsberg, 2. Brzezinski, Rechtsanwalt, Vorsitzender 
des Aufsichtsrats, 3. Brust, Kaufmann, Mitglied des Aufsichtsrats; ferner 
seitens des Ostpreußischen Architekten- und Ingenieur -Vereins: 4. Baehcker, 
Intendantur- und Geheimer Baurat, 5. MUhlbach, Stadtbaurat, 6. Wolf, 
Professor und Direktor der Baugewerkschub, 7. Sandmann, Architekt, 



8. Clemens, Stadtbaumeister. Nähere Bedingungen und sonstige Unter- 
lagen sind vom Bureau in Königsberg i. Pr., Vordere Vorstadt 53, kostenlos 
zu beziehen. Die Entwürfe sind bis zum 16. September 1905 nachmittags 
6 Uhr abzuliefern. 

DEUTSCHER VEREIN FÜR ÖFFENTLICHE GESUND- 
HEITSPFLEGE. Auf die Tagesordnung der diesjährigen Ver- 
sammlung, die am 13. bis 16. September in Mannheim stattfinden wird, 
ist u. a. die Verhandlung über „die Bedeutung öffentlicher Spiel- und 
Sportplätze" gesetzt. Hoffentlich wird den Stadtverwaltungen, die mit der 
Anlage derartiger Plätze im Rückstande geblieben sind, ein kräftiger An- 
stoß gegeben. 

"DASENANLAGEN ZWISCHEN DEN STRASSENBAHN- 

-'■^ GLEISEN. Ein interessanter Versuch wird in Charlottenburg 
gemacht. Die Hardenbergstraße hat bei ihrer Verbreiterung einen beson- 
deren Fahrdamm für die Straßenbahn erhalten. Die beiden Bahngleise 
befinden sich in der Mittj der Straße. Sie werden nach den beiden 
Fahrdämmen links und rechts durch einen Rasenstreifen abgegrenzt. 
Zwischen den Schienen befindet sich ein Pflaster aus Kopfsteinen, das 
aber weder begangen noch befahren wird. Am Anfange der Hardenberg- 
straße, unmittelbar am Zoologischen Garten, hat man nun das Pflaster 
zwischen den Gleisen herausgenommen und durch Rasen ersetzt. Die 
beiden Rasenstreifen an den Fahrdämmen sind so zu einer verhältnis- 
mäßig breiten Rasenfläche vereinigt. Durch die Vermehrung der grünen 
Fläche gewinnt die Straße ungemein an Freundlichkeit. Dieser Versuch 
erinnert den Herausgeber an eine etwa vor zwei Jahren stattgehabte 
Unterhaltung, in der unser Mitarbeiter, Herr M. George Ellsworth Hooker 
erzählte, daß man in Chicago mit dem Gedanken umgehe, das bereits 
vom Kraftwagen arg bedrängte Pferdefuhrwerk völlig aus den Straßen 
zu verbannen und die Straßendämme in Rasenflächen umzuwandeln. 

TA ER ELBTUNNEL ZWISCHEN ST. PAULI UND STEIN- 
■*-^ WÄRDER wird, nachdem der zur Prüfung der Senatsvorlage 
eingesetzte bürgerschaftliche Ausschuß nach nahezu einjähriger Beratung 
zu einer Ablehnung der Vorlage gekommen war, in voraussichtlich nicht 
sehr langer Zeit den Ausschuß von neuem beschäftigen. Es wird ver- 
sichert, daß der Senat eine neue Vorlage ausarbeiten lassen will, die den 
verkehrstechnischen Anforderungen besser entspricht, als die vom Aus- 
schusse abgelehnte. Denn die zu geringe Höhe des Tunnels und die un- 
genügenden Abmessungen der Aufzüge in den Tunnelzugängen hätten eine 
Beschränkung in der Beladung der Lastfuhrwerke notwendig gemacht. 
Die dadurch hervorgerufene Verteuerung in der Beförderung des Stückgutes 
wäre nach den Erklärungen der Fuhrwerksbesitzer der Kaufmannschaft 
zur Last gefallen. 

Hierzu kommt die Frage der für die Benutzung des Tunnels etwa zu 
erhebenden Gebühren. Diejenigen Mitglieder des Ausschusses, die für eine 
von Abgaben befreite Benutzung sind, wurden in ihrer Meinung bestärkt 
durch die Erfahrungen, die sie gelegentlich der Besichtigungsreise des 
Ausschusses in London machten. In London, wo die großen Personen- 
aufzUge des Tunnels 70 bis 80 Personen aufnehmen, ist die Benutzung 



111 



DER STÄDTEBAU 



des Tunnels für die Fußgänger völlig kostenfrei. Wie sich der Ausschuß, 
nachdem ihm der bald zu erwartende erweiterte Entwurf zugegangen ist, 
schließlich zu dieser Frage stellen wird, läßt sich bei den gegenwärtig 
herrschenden Meinungsverschiedenheit :n noch nicht beurteilen. Die vom 
Ausschusse abgelehnte Senatsvorlage hatte die Kosten auf M. 8200000 ver- 
anschlagt. Durch die in Aussicht genommene Vergrößerung des Tunnels 
und seiner Schächte wird dieser Kostenvoranschlag nicht unerheblich 
überschritten werden. 

BERÜCKSICHTIGUNG ÄSTHETISCHER INTERESSEN 
IM KÖNIGREICH SACHSEN. Verschiedentlich ist in Orts- 
bauordnungen bestimmt, daß festgesetzte Bebauungspläne ohne Zustimmung 
der Beteiligten nur dann abgeändert werden sollen, wenn gewichtige öffent- 
liche Interessen vorliegen (ähnlich auch in § 28 des Sachs. Allgem. Bau- 
gesetzes). Hierzu hat das Sachs. Oberverwaltungsgericht die für die Bau- 
polizeibehörden äußerst wertvolle grundlegende Entscheidung gegeben in 
einem Falle, in dem die Gemeinde an Stelle der bestehenden geschlossenen 
Bauweise die offene einführen wollte, daß das ästhetische Interesse in 
Fällen der Erschließung von Baugelände von der Baupolizeibehörde ebenso 
sehr beachtet werden müsse, wie die sonstigen Interessen, und daß das 
Interesse an freier und schöner Entwicklung der Stadt als ein gewichtiges 

öfffentliches Interesse anzuerkennen sei. 

Baupo'izeiliche Mitteilungen. 



Ausgeschriebene Stellen, 
aus verschiedenen Zeitschriften zusammengestellt. 



Stellung 


Art der . Anerbieten 1 „ 1 
Beschäftigung antritt ^„ j Datier || Gehalt 


.^bteilungs- 


Kommunale Oberbürger- i 1 M.4800,— 


vorsteher im 


Bauten etc. 


— meister Marx ;1 — 


steigend 


Baupolizeiamt 




in Düsseldorf l 




Architekt oder 


Wiederher- Kgl. Kreis- i Jahr 


Regierungs- 


Stellungsar- 


:! bauinspektor , 




bauführer 


beiten der ka- 


in Lauenburg 








tholischen 


~ 






— 




Kirche in 












Lauenburg 










Stadt- 


Städtische I. IX.05 Magistrat in 1 


M.4000,— 


baumeister 


Bauten. Ne- Herne i 


steigend 




benarbeiten ;! 








verboten. 


1, 


Architekten 


Lehrer ander I. XI.05 Direktor L. i| IM. 250, — 


und j^tlerzogl. Bau- Haarmann, j, [i bis 300, 
Ingenieure ■»•(.pgewerkschule Regierungs- steigend 




Holzminden 




baumeister 




p. Monat 



Schluß des redaktionellen Teils. 



DIE ZWANZIGKLASSIGE BARACKENSCHULE DER 
STADT BERLIN. „Die Not ist der beste Baumeister". Das 
ist die Devise des Barackenbaues, und läßt sich dieses Wort besonders im 
Hinblick auf die in den letzten Jahren zu einer staunenswerten Vollkom- 
menheit ausgebildeten transportablen Schulpavillons anwenden. 

Vor wenigen Jahren erst begannen schüchtern und vereinzelt ver- 
schiedene Stadtbehörden zur Abhilfe unerwartend auftretender Schulnot 
transportable Schulbaracken zu errichten, und war es die einzige und älteste 
Spezialfabrik auf diesem Gebiete die Firma Christoph & Unmack, Aktien- 
gesellschaft in Nissky, welche die Herstellung solcher Baulichkeiten über- 
nahm und auf Grund ihrer weitgehenden 25 jährigen Erfahrungen sofort 
beziehbare, gesunde, reichbelichtete und dabei doch leicht zerlegbare sowie 
gut transportable Schulräume nach dem bewährten System Docker schuf. 

In neuerer Zeit hat man derartige Schulpavillons auch zu großen 
selbständigen Schulkörpern vereinigt, und wurde die größte und bisher 
einzige Pavillonanlage dieser Art auf dem Kontinent zu Anfang dieses 
Jahres von der oben genannten Firma im Auftrage der Stadt Berlin auf 
dem Grundstück an der Nazarethkirche in ca. 70 Arbeitstagen errichtet. 

Es ist eine vollständige zwanzigklassige Schulanlage nebst Turnhalle, 
aus 10 zweiklassigen transportablen zerlegbaren Döckerschen Schulpavillons 
und einer transportablen zerlegbaren Döckerschen Tur-'- •■' bestehend, und 
möchten wir Gelegenheit nehmen, diese neuzeitliclie Tiberaus praktische 
Einrichtung heute unseren Lesern vorzuführen."'- 

Jeder dieser 10 Döckerschen Schulpavillons enthät bei einer Länge 
von ca. 27 m und einer Breite von ca. 6 m zwei Klassenzimmer für je 
50 Schiller mit sich daranschließenden Kleiderablagen, während sich in 
der Mitte ein Lehrerzimmer mit davor gelagertem Flur befindet. Die Be- 
lichtung der Klassenzimmer erfolgt durch 7 große zweiflügelige Fenster, 
die Beheizung durch Doppelmantel-Dauerbrandöfen neuester Art, und die 
sehr ergiebige Luftzuführung durch Luftklappen in der Hinterwand, obere 
Kippflügel der Fenster und Luftkanäle auf dem First. Ein besonders wich- 
tiger schulhygienischer Vorzug dieser Schulpavillons dürfte der sein, daß 
sie völlig glatte, leicht abwaschbare und durchaus säurebeständige Innen- 
wandflächen aufweisen, so daß einerseits das Quellen und Schwinden 
reiner Holzwandlungen vermieden ist, anderseits eine ebenso leichte wie 
gründliche Beseitigung des Schulstaubes und eine zuverlässige Desinfi- 
zierung gewährleistet wird. Als sehr zweckmäßig zeigt sich auch das 
Döckersche Doppeldach, das diese Pavillons tragen. Zwischen dem äußeren 
und dem unteren Dach, welch letzteres zwecks Schaffung eines möglichst 
großen Luftraumes als gewölbte Decke ausgebildet ist, befindet sich eine 
starke Luftschicht, die im Sommer infolge ständiger Zirkulation kühle 
Innenräume schafft, und im Winter durch Schließen der Luftklappen in 
eine stehende verwandelt, einen sicheren Schutzmantel gegen Luft- sowie 



Winterkälte bietet. Da außerdem auch die Umfassungswände und zwar 
diese noch in Verbindung mit Korksteineinlagen sowie auch der doppelte 
Fußboden eine resp. mehrere starke Luftschichten in sich birgt, ist eine 
absolut sichere Isolierung gegen Temperatureinflüsse gegeben. 

Die transportable zerlegbare Döckersche Turnhalle enthält bei einer 
Länge von ca. 19 m und einer Tiefe von ca. 10 m einen diesen Ab- 
messungen entsprechenden Turnsaal, an den sich in besonderen Giebel- 
anbauten Klosettanlagen und Geräteräums anschließen. 

Wenn wir selbst von der sehr praktischen und unter Berücksichtigung 
aller hygienischen Bedingungen getroffenen inneren Einrichtung dieser 
Schulanlagen absehen, so gewährt sie äußerlich einen baulich so kom- 
pakten und vortrefflichen Eindruck, daß man die Möglichkeit nicht ver- 
muten sollte, einen derartigen Gebäudekomplex in der kurzen Zeit von ca. 
10 Wochen herzustellen, sowie gebrauchsfertig zu errichten, und ander- 
seits schnell abzubrechen und ohne irgend welche Beschädigung an einem 
anderen Orte wieder aufzustellen. 

Jedenfalls dürften sich in nächster Zeit verschiedentlich Kommunal- 
behörden dieser zweckmäßigen und im Verhältnis wenig kostspieligen 
Schulunterkunftsmaterials gern bedienen, zumal in den letzten vier Jahren 
allein etwa iio Stück Döckersche transportable Schulpavillons verschie- 
denster Gestaltung mit etwa 190 Klassen in staatlichen wie städtischen 
Schulbetrieben verwendet werden. 

"TA er allseitige Bedarf an SCHLÄUCHEN steigt im Hochsommer 
■'-^ erfahrungsgemäß bedeutend. Namentlich die Kommunalbehörden 
werden für Zwecke der Parkdeputationen, Straßenreinigung etc. einen 
großen Mehrbedarf haben. Die Firma Chr. Berghöfer & Co. in Kassel 
bietet allen Interessenten hierin etwas wirklich gutes mit ihren bekannten 
und bewährten Metallpanzerschläuchen, die bis zu den größten Dimen- 
sionen auch im Betriebe der Feuerwehren erprobt und sich als zweck- 
dienlich erwiesen haben. Ferner liefert die Firma Apparate zum Be- 
sprengen der Rasenflächen in Anlagen, Parks und Gärten. Wir verweisen 
unsere Leser auf die der heutigen Nummer beiliegende Preisliste der 
Firma, die einen Überblick über die außerordentliche Mannigfaltigkeit der- 
artiger zur Verwendung kommender Fabrikate bietet. 



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Chemische Fabrik Gräbschen unter dem Namen Black-Varnish- 
Koh-i-noor in den Handel. Dasselbe ist aus unverseifbaren Kohlenwasser- 
stoffen hergestellt, für Eisen, Mauerwerk, Holz, Dachpappe, Gewebe usw. 
zu verwenden und gegen sämtliche äußeren Einflüsse widerstandsfähig. 
Wir machen unsere Leser auf den beiliegenden diesbezüglichen Prospekt 
der Firma ganz besonders aufmerksam. 



Verantwortlich für die Schriftleitung : Theodor Goecke, Berlin. — Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Berlin W., Markgrafenstraße 35. 
Inseratenannahme C. Behling, Berlin W. 66. — Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Berlin W. — Klischees von Carl Schürte, Berlin W. 



DER STÄDTEBAU 

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ffir den Bau eines Kursalons und Heilbades 
in der Badestadt Teplitz-Schönau. 

Das Preisgericht hat in der am 29. Juli 1. J. abgehaltenen Schlußsitzung 
zwei erste Preise von je Kr. 4000 dea Entwürfen 

„Stadtwappen Teplitz" (Zeichen), Verfasser: Architekt 
Gustav Jirsch, Teplitz-Schönau und Edmund 
Armin, Potsdam und 
„Avalen", Verfasser: Architekt Marcell Kammerer, 
Wien, 
zwei zweite Preise von je Kr. 1250 den Entwürfen 

„Quisisana", Verfasser: Architekt Emil Hoppe, Wien 

und 
„Heil Teplitz", Verfasser: Architekt Robert Stübchen- 
Kirchner, Teplitz-Schönau 
zuerkannt und die Entwürfe 

.jElatzgestaltung und Raumfolge", 
„Zwei Plätze" und 
„Aquae mattiacae" 

zum Ankaufe empfohlen. 

Die öffentliche Ausstellung der sSmmtlichen 34 Entwürfe findet in der 
Zeit vom 9. bis 16. August 1. J. täglich von 9 Uhr vormittags bis 
I Uhr nachmittags im hiesigen Realschulgebäude statt. 

Die Herren Verfasser der zum Ankauf empfohlenen Entwürfe wollen 
dem Stadtrate bis 15. September 1. J. ihre Zustimmung zukommen lassen. 

Die Herren Verfasser der nicht preisgekrönten und nicht zum Ankauf 
empfohlenen Entwürfe werden gebeten, dem Stadtbauamte Teplitz-Schönau 
bis 15. September 1 J. mitzuteilen, an welchen Bestimmungsort der Entwurf 
gesandt werden soll, anderenfalls werden die Herren Verfasser aus den Brief- 
umschlägen ermittelt werden, 

Teplitz-Schönau, am 31. Juli 1905. 

Der Stadtrat. 

Husak, Bürgermeister. 



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2. Jahrgang 



1905 



9. Heft 




FÜR.- DJE- KÜNSTLElilSaiEAUyäESrAl! 
TUIMQDERSTADTE- fiAOI JHRENWiRT 
SCHAPTLiChEN- QESUNDMEITÜQIEN- UND 
SOZIALEN- QRUISD^TZEN: QEQRÜNDETVON 

,TriEopoR finrrKF <^MiLLq si^r 

^^VERLAQ^'"'ERNP WA^MUTri.BERÜN.l^ 



INHALTSVERZEICHNIS : Nordamerikanische Parkanlagen. Von H. Kayser, Charlottenburg. — Die XIV. Konferenz der Zentralstelle für Arbeiter- 
wohlfahrtseinrichtungen in Hagen in W. Von Theodor Goecke, Berlin. — Chronik. — Versammlungen und Kongresse. — BUcherschau. — Briefkasten. 

Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schriftleitung verboten. 




NORDAMERIKANISCHE PARKANLAGEN. 

Von H. KAYSER, Charlottenburg. 



A. Allgemeines. 

Eine sehr beachtenswerte Erscheinung in der Entwick- 
lung der amerikanischen Großstädte ist die weitgehende 
Fürsorge der Stadtverwaltungen für öffentliche Parkan- 
lagen und Parkwege. 

Das Bedürfnis der amerikanischen Bevölkerung nach 
Parkanlagen hängt einerseits mit den klimatischen Ver- 
hältnissen des Landes, andererseits mit der großen Vor- 
liebe des Amerikaners für Sport, insbesondere für Pferde- 
und Wagensport, zusammen. Der Sommer in den Ver- 
einigten Staaten ist außerordentlich heiß und bringt sehr 
viel höhere Temperaturen, als im Durchschnitt die deut- 
schen, französischen und englischen Städte aufweisen. Es 
macht sich daher das Bedürfnis nach Schatten und Er- 
holung spendenden Parkanlagen in weit höherem Maße 
geltend. Die Grundlage für die Parks vieler Städte bildeten 
die Anlagen der Wasserversorgung. Diese sind meistens 
nach unseren deutschen Anforderungen, die wir in gesund- 
heitlicher Hinsicht an solche Anlagen zu stellen gewöhnt sind, 
höchst einfach. In der Regel wird das Oberflächen- und 
Flußwasser in große Sammelteiche, die häufig nicht einmal 
überdeckt sind, geleitet und hier lediglich einer mechani- 
schen Klärung unterzogen, indem durch die Verminderung 
der Geschwindigkeit des Wassers in den Absetzbecken 
sich die mitgeführten Schlamm- und Sandteile zu Boden 
setzen. Bei dem außerordentlich großen Wasserverbrauche 
der amerikanischen Städte mußten diese Sammelteiche 
einen bedeutenden Umfang erhalten. Um die Sammelteiche 
selbst und ihre Umgebung tunlichst vor Verunreinigungen 



zu schützen, umgab man sie mit gärtnerischen An- 
lagen, die im Laufe der Zeit zu Parkanlagen ausgebaut 
wurden. Ein typisches Beispiel bildet in dieser Hinsicht 
der Zentralpark in New -York. Einen weiteren Anlaß zur 
Schaffung von Parks gab die Anlage von botanischen und 
zoologischen Gärten, die in der Regel öffentlich städti- 
sche Einrichtungen sind und als solche dem Publi- 
kum während des größten Teils des Jahres unentgeltlich 
zur Verfügung stehen. Den Parkanlagen werden in der 
Regel die Spielplätze für die Schuljugend hinzugerechnet, 
welche in großer Zahl über die Stadtfläche verteilt sind 
und welche, wo die Bodenverhältnisse es irgend gestatten, 
mit Gras und Bäumen bepflanzt werden. 

Die Parkanlagen selbst schließen sich den natürlichen 
Bodenverhältnissen möglichst an; alte Bach- und Flußläufe, 
Seen, Teiche oder Niederungen bilden die Mittelpunkte der 
Anlagen. Weitgehend ist die Fürsorge der Gemeinden für 
die spätere Entwicklung der Parkanlagen. Über das ganze 
Stadtgebiet werden häufig geeignete Flächen für Parkan- 
lagen von vornherein bestimmt und von der Bebauung 
ausgeschlossen. Wenn die Machtbefugnis der Gemeinden 
nicht mehr ausreicht, tritt die Staatsverwaltung ein und 
bildet im weiten Umkreise der Städte außerhalb der städ- 
tischen Weichbildgrenze ,, Reservationen" für Parks. Alle 
diese einzelnen Anlagen werden, und das ist das 
Charakteristische der amerikanischen städtischen 
Parkanlagen, zu Systemen vereinigt. Der sport- 
liebende Amerikaner hat das Bedürfnis, zwischen den ein- 
zelnen Parks gute Reit- und Fahrwege zu erhalten, die 



113 



DER STÄDTEBAU 




Abb. 1. Savannoh Paricway in Washington. 





Abb. 2. Common Wealth Avenue in Boston. 



Abb. 6. Humboldt-Avenue in Buffalo, zwischen Park- und Mainstreet. 




Abb. 7. Humboldt-Avenue in Buifalo, östlich der Delavarestreet. 




Abb. 3. Rivcrway in Boston. 

a) FahistraSc für Lastfuhrwerke. 

b) „ „ leichte Fuhrwerke. 



Abb. 8. Garfield-Boulevard in Chica^. 



^ 




i 1 ^ 

flu 



JL^ 



I 



» — *-n.-^*- 



Abb. 4. Anduban und Riverway in Boston. 

a) FahistraBe für schwere Fuhrwerke. 

b) „ „ leichte „ 



i n in 



I t 4 i..f ti 



-«-^t- 



Abb. 9, Midway-Plaisance in Chicago. 





Abb. 5. HumboMt-Avenne in BtifTalo, östlich der Mainstreet. 




Abb. 10. Ogden-Boulevaid in Chicago. 



Abb. 1 — 10. Querschnitte amerikanischer Parkstraßen. 



möglichst schattige Verbindungen der Parks darstellen. 
Diese Parkwege bestehen in der Regel aus einer sehr gut 
chaussierten und unterhaltenen Fahrstraße, einem Reit- 
weg und mehreren Promenadenwegen. Zwischen den 
einzelnen Verkehrstreifen befinden sich Rasenstreifen mit 
Bäumen und Buschwerk verziert. Die Abbildungen 1—10 
geben eine Anzahl Querschnitte von Parkwegen inWashington, 
Boston, Buffalo und Chicago. Die Breite dieser Peirkwege 
(parkways) ist sehr verschieden und erreicht für die neueren 
Parkwege in Bronx (New-York) das ansehnliche Maß 
von 400 Fuß = rd. 122 m. Auf diese Weise ist in der Mehr- 
zahl der amerikanischen Großstädte ein vollständiges 
System von Parkanlagen geschaffen, das aus Parks 
und den sie verbindenden Parkwegen besteht. Bei großen 
Stadtgebieten ist dieses System ringförmig nach der Peri- 



pherie der Stadt vergrößert und wiederholt. Die einzelnen 
Ringsysteme sind unter sich wieder durch Radialpark- 
straßen verbunden. Am ausgeprägtesten läßt sich dieses 
System bei den Anlagen von Boston erkennen. Für die 
geplanten Erweiterungen der Parkaoilagen in Washington 
hat dieses System ebenfalls Anwendung gefunden. Als 
Muster für die Ausbildung der Anlagen selbst haben in 
der Regel englische und französische Vorbilder gedient. 
Sachverständiger und Autorität für die meisten neueren 
Anlagen in Amerika war Mr. Olmsted sen. und dessen 
Sohn in Boston. 

Über den Umfang der Fürsorge einer größeren Zahl 
amerikanischer Großstädte für städtische Parkanlagen mag 
die folgende Tabelle, welche den Berichten der Staats- 
regierung entnommen ist, Aufschluß geben. 



U4 



DER STÄDTEBAU 

Vergleichende Tabelle über Parkanlagen verschiedener amerikanischer Städte. 
(Nach den Berichten der Staatsregierung vom Jahre 1901.) 



Geschätzte 

Be- 
völkerung 



Umfang 
des Stadt- 
gebiets 



ha 



Parkfläche 



städtisch 



m 
anderem 
Eigentum 



ha 



Ausgaben 

fUr 
Parks igoi 



Ausgaben fUr 

Parkunterhaltung und 

Betrieb 



im Ganzen 



für 1 Kopf 
der Be- 
völkerung 



New- York . 
Chicago . . 
Philadelphia 
St. Louis . 
Boston . 
Baltimore . 
Cleveland . 
Buffalo . . 
St. Franzisko 
Cincinnati . 
Pittsburg 
New-Orleans 
Detroit . . 
Milwaukee . 
Washington 



3 583 930 
1 800 000 
1 335 00° 
595 000 
573 579 
520 000 
390 000 
370 000 
350 c 00 
3^0 000 

333500 
30 j 000 
300 000 
297 500 
287 000 



83687 
46065 
33336 
15710 
10499 
7716 
8416 

10753 
u 904 
10 024 

7268 

*) 

7389 
5682 
15368 



2 735 04 
874.33 

1 602,38 
873,36 

1 0(8,00 
513,73 
575,27 
419 60 

478,97 
215,60 
364,00 
209,06 
479,60 
201,20 
1218,32'") 



0,4 



•) 



642,80 



88,00 
34,14 

998,18 



5385514,00 
448 030,00 
372 930,00 

92 571,00 

94 456,00 

458 88t,oo 

112 476,00 

87 700,00 

1 542,00 

159 674,00 

30 000,00 

84 910,00 

11 400,00 

11 800,00 



1 367 086,00 
759 332,00 
449 963,00 
115370,00 
419 903,00 
208 158,00 

77358,00 
foo 257,00 
i65 876,00 

45 651,00 

162 784,00 

8 867,00 

108 713,00 

53 346,00 

81 502,00 



0,38 
0,42 

0,34 
o,H 

0,73 
0,40 

0,20 

o 54 
0,48 

0,13 
0,49 
0,03 
0,36 
0,18 
0,28 



*) Nicht angegeben. 
**) Nachgetragen aus dem Berichte der Park-Kommission. 



Nach diesen allgemeinen Darlegungen über die Park- 
anlagen amerikanischer Städte mögen einige Einzelbe- 
schreibungen folgen, die sich auf die Städte Washing- 
ton, New-York, Boston und Chicago beziehen und die 
Art und den Umfang städtischer Fürsorge auf diesem 
wichtigen Gebiete näher beleuchten. 

B. Die Parkanlagen in Washington. 

Der neueste Standpunkt der amerikanischen Garten- 
architekten wird am besten durch den Bericht der Park- 
Kommission des Distriktes von Columbia gekennzeichnet. 
Dieser Bericht, betitelt „The improvement of the park 
System of the district of Columbia" wurde als Denkschrift 
dem 57. Kongreß des Senates im Jahre 1902 vorgelegt und 
enthält eine Fülle interessanter Mitteilungen über Park- 
anlagen im allgemeinen und über die Verbesserung der 
öffentlichen Parks des Distriktes von Columbia (Washihg- 
ton) im besonderen. Dieser Bericht ist durch eine be- 
sonders eingesetzte Park-Kommission, die zum Studium 
der einschlägigen Verhältnisse Reisen nach europäischen 
Ländern unternommen hatte, dem Senate des Kongresses 
erstattet. Die folgenden Mitteilungen über die Parkver- 
hältnisse in Washington sind zum Teil diesem Berichte 
entnommen, zum Teil beruhen sie auf eigener Anschauung, 
welche bei Gelegenheit einer Studienreise nach Amerika 
im Jahre 1903 gewonnen wurden. 

Der Distrikt von Columbia hat eine ganz eigenartige, 
von den übrigen amerikanischen Städten weit abweichende 
Verwaltung. Bei seiner Bildung durch den Kongreß erhielt 
er eine Größe von 10x10 Quadratmeilen = 25600 ha. 
Er wird unmittelbar vom Kongresse verwaltet. Von dem 
ursprünglichen Distriktsgebiete wurde der südlich des 
Potomacflusses gelegene Teil an den Staat Virginia abge- 
treten, sodaß die jetzige Größe des Distrikts nur etwa 
15 368 ha beträgt. An der Spitze der Verwaltung stehen 



drei Kommissionäre, und zwar zwei Verwaltungsbeamte 
und ein Ingenieuroffizier, die vom Präsidenten ernannt 
und vom Senate bestätigt werden. Die städtische Ver- 
waltung ist also im Gegensatze zu der aller übrigen 
amerikanischen Städte vollständig unabhängig von lokal- 
politischen Strömungen. Dieses Stadtgebiet war sonach 
ganz besonders geeignet, um einen allgemeinen, groß 
angelegten Plan für Parkanlagen aufzustellen. Der Cha- 
rakter von Washington, als Regierungshauptstadt, legte 
den Gedanken nahe, die architektonische und gärtne- 
rische Ausgestaltung der Stadt nicht als eine Aufgabe von 
örtlichem, sondern als ein Werk von nationalem Interesse 
zu betrachten und zu behandeln. 

Die beabsichtigte Erweiterung der Parkanlagen von 
Washington ist ganz besonders durch die klimatischen 
Verhältnisse der Stadt begründet. Von Mitte Mai bis An- 
fang Oktober herrscht eine außerordentliche Hitze, und 
häufig tagt der Kongreß in dieser Jahreszeit bis Mitte Juli, 
Bis jetzt ist in Washington für die Erholung und Gesund- 
heit der Bevölkerung während der heißen Jahreszeit weniger 
getan worden, als in anderen Städten Amerikas, deren 
klimatische Verhältnisse diese Fürsorge weniger ver- 
langen. Ganz besonders erachtet man es für nötig, durch 
Springbrunnen und andere künstliche Wasseranlagen für 
Erholung und Abkühlung Sorge zu tragen. Ergänzt sollen 
diese Anlagen durch eine Reihe öffentlicher Bäder und 
Turnhallen werden. 

Als die Stadt Washington unter der unmittelbaren Leitung 
von Washington und Jefferson angelegt wurde , galt als 
Grundlage des Bebauungsplanes die gegenseitige Beziehung 
der öffentlichen Gebäude und insbesondere die Verbindung 
zwischen dem Kapitol und dem Weißen Hause (vergl. die 
Lagepläne Textbild 11 und Doppeltafel 65 66). Sichtpunkte und 
Axenwirkungen, Plätze für Denkmäler und Museen, Parks 
und Vergnügungsplätze, Springbrunnen und Wasserläufe, 



115 



DER STÄDTEBAU 




Abb. lt. Lageplan der Mall mit zukünftiger Erweiterung und Lage der öffentlichen Gebäude. 



kurz alles, was eine Stadt verschönert und zur künstleri- 
schen Wirkung des Städtebaues beiträgt, war als not- 
wendig in den Stadtplan aufgenommen, der von L'Enfant 
unter Leitung von Washington und seinem Staatssekretär 
aufgestellt worden war. L'Enfant fußte auf dem großen 
Franzosen Lenötre, dessen Werke nicht nur in Frankreich, 
sondern auch in England, Deutschland und Italien rühm- 
lich bekannt sind und benutzte als Vorbilder die Be- 
bauungspläne von Paris, Amsterdam, Frankfurt a. M., 
Karlsruhe, Straßburg, Orleans, Turin und Mailand und 
anderer europäischer Städte. Diese alten Stadtpläne von 
L'Enfant (1791) wurden durch das Komitee, das am 
8. März 1901 durch den Senat des Kongresses eingesetzt 
worden war, als Grundlage für ihre weiteren Vorschläge 
für die Entwickelung von Washington aufgestellt. Als 
erste Aufgabe trat an die Kommission die Lösung der 
Eisenbahnfrage heran. Seit dem Jahre 1872 durchschnitt 
die Pennsylvaniabahn die gärtnerischen Anlagen zwischen 
Kapitol und Weißem Hause, die „Mall" (vergl. den 
Lageplan 11). Die Verhandlungen mit der Bahngesell- 
schaft führten zu einer Verständigung dahin, daß die 
Bahnanlage, ohne deren Beseitigung eine befriedigende 
Lösung der Ausbildung der Mall nicht gefunden werden 
konnte, verlegt und daß alle in Washington einmündenden 
Bahnstrecken in einen gemeinschaftlichen Hauptbahnhof 
zusammengeführt werden sollen. Dieser soll an Größe 
und Ausstattung alle Bahnhöfe der Welt übertreifen. Der 
Bahnhofsbau erhält eine Front, die um 2,60 m länger ist, 
als diejenige des Kapitols, und soll in romanischem Stil 
und ganz aus Marmor erbaut werden. Er soll auf einem 
Platze stehen, der 180 m lang und 360 m breit ist und 
der zur Abhaltung von Truppen- und anderer Volks- 



versammlungen dienen soll. Nachdem die Bahnfrage ge- 
löst war, konnte an die Bearbeitung der Pläne der Um- 
gestaltung der Mall herangegangen werden. Die Mall, 
die von den Gründern der Stadt als eine einheitliche 
Verbindung des Kapitoles und des Weißen Hauses gedacht 
war und auf welcher im wesentlichen nur öffentliche Ge- 
bäude errichtet werden sollten, war ihrem ursprünglichen 
Zwecke im Laufe des verflossenen Jahrhunderts allmählich 
entfremdet worden. Einzelne Grundstücke waren ver- 
kauft, andere waren ohne Beachtung des großen einheit- 
lichen Planes des Gründers bebaut worden. Dieses Mall- 
system soll nunmehr unter Aufwendung ganz bedeutender 
Opfer wieder freigelegt und nach einem neuen einheitlichen 
Plane mit öffentlichen Gebäuden und Parkanlagen in groß- 
artigem Maßstabe ausgestaltet werden. Die Anlagen können 
sogar im Westen durch Hinzunahme der Anschwemmungen 
des Potomacflusses noch ganz wesentlich erweitert werden. 
Der Mittelpunkt des Parksystems von Washington, die 
Mall, soll entsprechend dem amerikanischen Grundgedanken 
bei der Ausführung derartiger Anlagen mit einer Reihe von 
Parkwegen mit allen anderen größeren Parkanlagen der 
Stadt in Verbindung gebracht werden. Diese Parkwege, 
welche als Promenade, Reit- und Fahrwege für den leich- 
ten Wagenverkehr ausgebildet werden, verbinden die Mall 
nach Norden mit dem großen Rock-Creek-Park, nach 
Süden mit dem Potomac-Park und den Parkanlagen beider- 
seits des Anacostia-Flusses. Auf dem Plane (Tafel 65/66) 
sind alle in Vorschlag gebrachten Parkanlagen im weite- 
sten Umkreise der Stadt kenntlich gemacht. Rechnet man 
noch zu den Parkanlagen die Parkflächen größerer öffent- 
licher Gebäude, Krankenhäuser, Invalidenanstalten und die 
Kirchhöfe, welche alle dem Publikum zu gewissen Zeiten 



116 



DER STÄDTEBAU 



unentgeltlich zugänglich sind, hinzu, so ergibt sich, daß 
Washington bei einem Stadtgebiet von 15368 ha zur Zeit 
2216,50 ha Parkfläche hat, d. h. 14% des gesamten Stadt- 
gebietes sind für Parkanlagen verwendet. Nachdem die 
durch die Kommission des Kongresses in Vorschlag ge- 
brachten Ergänzungen der Parkanlage zur Durchführung 
gekommen sein werden, soll die Gesamtparkfläche der 
Stadt 3230 ha betragen, d. h. der Prozentsatz der Park- 
flächen zum gesamten Stadtgebiet wird danach 20 be- 
tragen. 

Nähere Einzelheiten über die Größe der jetzt vor- 
handenen und der zukünftigen Parkanlagen sind dem 
Lageplane Tafel 65/66, sowie der nachfolgenden Tabelle 
zu entnehmen: 

Parkanlagen in Washington im Jahre 1903 und 
Erweiterungen nach den Vorschlägen der Kommission. 

A. Zur Zeit vorhandene Parkanlagen: 



Klasse A kleinere Parks : 

1. Parkreservationen 
größer als i acre . 

2. Parkreservationen 
kleiner als 1 acre . 

3. Gesamtsumme aller 
kleineren Parkreser- 
vationen (Klasse A) 

Klasse B größere Parks : 
1. Zentrale Gruppe (Ka- 
pitol, Mall, Präsi- 
dents-Park usw.) 

2. Zoologischer Garten 

3. Rock-Creek-Park 

4. Potomac-Park 

5. Gesamtsumme an 
Parks der 

Klasse B und 
Klasse C . . . 
Anlagen, welche mit 
öffentlichen Anlagen 
oder Gebäuden in 
Verbindung stehen 
und anfangs für andere 
Zwecke bestimmt wa- 
ren, aber jetzt mit 
gewissen Einschrän- 
kungen dem Publikum 
zugänglich sind 

Gesamtfläche der Grup- 
pen ABC. . . 

Fläche, welche gewöhn- 
lich dem Publikum 
zugänglich ist . . . 

Fläche der Gruppe A 
und B 



An- 
zahl 



26 
275 



301 



25 



Gesamtfläche 



ha 



121,70 
42,23 



163,93 



366,60 
170 
»605,9 
739,4 



2881,90 



2495,48 



554', 31 

1105,25 
3045,83 



65,60 



1152,70 



998,20 



2216,50 

442,0 
1218,30 



acres *) 



Fläche 
frei von 
Bauten 



i'5,90 
42,23 



»58,13 



356,21 



2473,43 



Durch- 
schnittl. 
Größe 



4,68 
0,16 



36,66 



99,81 



') 1 acre = 0,40 ha. 



B. Vorgeschlagene Vergrößerungen: 








Gesamtfläche 




Anzahl 










acres 


ha 


Klasse A 








Kleine Parks 




364,00 




Klasse B 








Große Parks 




1707,00 




Klasse C 








Anlagen in Verbindung mit öffentlichen 








Gebäuden und Werken 




70,40 




Summa ABC 




2141,40 


857 


Klasse D 


Länge 






Parkwege und Parkverbindungen . 


65,30 
Meilen 






Vergrößerungen 








des Zoologischen Garten 




33,00 




des Rock Creek-Park . 




302,55 




Hierzu bereits vorhandene Anlagen 




2476,95 


990,78 


Gesaratfläche der Parks nach ihrem 








vollen Ausbau 




554»,3t 


2216,50 


Parkwege und Verbindungen .... 


65,30 


8018,26 


3207,28 


(Stadtgebiet : etwa 15 368 ha.) 


Meilen 







Also würden nach deren vollem Ausbau die Park- 
flächen in Washington etwa 20% des gesamten Stadtge- 
bietes ausmachen. 

C. Die Parkanlagen in New- York. 
Die Parkanlagen von Groß - New - York unterstehen 
der Parkverwaltung (Park Board), die aus drei Kom- 
missionären, den Vorständen der einzelnen Bezirke, zu- 
sammengesetzt ist. Die gesamte Stadt ist bezüglich der 
Parkanlagen in drei Bezirke geteilt: 

1. Borough von Manhattan und Richmond, 

2. ,, ,, Brooklyn und Queens, 

3. „ „ Bronx. 

Die Größe der Parkflächen der verschiedenen Bezirke 
ergeben sich aus der folgenden Zusammenstellung: 

acres = rd. ha. 



oug 


h von Manhattan \ . 


. . 1415,209 


566,08 


»» 


,, Richmond | . 


. . 2,740 


1,08 


1, 


„ Brooklyn \ . 
,, Queens / . 


, . 1026,875 


410,75 


n 


. . 550,843 


220,33 


), 


,, Bronx . . . 


. . . 3866,590 


1546,63 



im ganzen 6862,257 2744,87 

Der Parkverwaltung unterstehen außerdem eine Reihe 
von Parkwegen, Straßen, Avenues usw., deren Größe aus 
der folgenden Tabelle hervorgeht: 

Länge : 
Borough von Manhattan ) 
„ „ Richmond | 

„ „ Brooklyn | 

„ Queens / 

„ „ Bronx 3321 1 „ 

zusammen 321561 Fuß. 



61398 Fuß 
226952 „ 



117 



DER STÄDTEBAU 



Die erwähnten drei Bezirke der New-Yorker Park- 
anlagen stehen örtlich in keinem engeren Zusammenhange. 
Ihre Trennung ist sowohl durch die topographische Lage 
der betreffenden Stadtteile, als auch durch ihre geschicht- 
liche Entwicklung bedingt. Die ältesten Stadtgebiete von 
New- York, die Halbinsel Manhattan ist von den Stadt- 
teilen Brooklyn und Queens durch den etwa 1200 m breiten 
East-River, von dem Stadtteile Bronx im Norden durch 
den Harlemfluß getrennt. Die Parkanlagen in Richmond, 
das stidlich von Manhattan liegt und von diesem durch 
die New- York -Bay getrennt ist, sind ganz bedeu- 
tungslos. Die Einteilung der Parkbezirke entspricht der 
geschichtlichen Entwicklung der Stadt insofern, als solche 
Stadtteile zusammengefaßt sind, die vor der vor we- 
nigen Jahren erfolgten Eingemeindung zu Groß-New-York 
selbständige Städte waren. 

Die Parkanlagen der verschiedenen Stadtbezirke sind 
daher als vollständig selbständige Anlagen aufzufassen und 
sollen in folgendem getrennt von einander besprochen 
werden. 

I. Die Parkanlagen in Manhattan. 

Während im Süden der Halbinsel Manhattan nur eine 
Reihe kleinerer Park- und Platzanlagen sich befindet, bildet 
den Mittelpunkt der übrigen Parks des Stadtteils Manhattan 
der Zentralpark (vgl. Lageplan, Abb. a auf Doppeltafel 67/68. 
Dieser hat eine rechteckige Begrenzung und liegt zwischen 
der 5. und 8. Avenue und der 59. und 110. Straße. Seine 
Flächengröße beträgt 843,019 acres = rd. 337 ha. Die Ein- 
richtung dieses Parkes erfolgte auf Grund von Beschlüssen 
der Stadtverwaltung aus dem Jahre 1853 in den nächstfol- 
genden Jahren unter der Leitung des bedeutendsten ame- 
rikanischen Gartenarchitekten Mr. F. L. Olmsted und unter 
Mitwirkung von Mr. Vaux und Mr. J. W. Mould. In der 
Mitte dieser großen Parkanlage liegen die offenen Behälter 
(Teiche) der New-Yorker Wasserversorgung. Diese großen 
Behälter haben den Zweck als Absetzbecken zu wirken und 
gleichzeitig als Aufspeicherungsbehälter zu dienen. An 
diese Teiche, welche mit Rücksicht auf den Zweck, dem 
sie dienen, naturgemäß der Benutzung durch das Publikum 
vollständig entzogen und durch Einfriedigungen ringsum 
abgeschlossen sind, schließen sich nördlich und südlich 
die eigentlichen Parkanlagen an. Breite Fahrwege und 
Reitwege werden durch Rasenflächen und Baumgruppen 
von den schmalen, sich den Höhenkurven des Geländes an- 
schließenden Fußwegen getrennt. Größere Rasenflächen, 
die als Spielplätze für Tennis und Golf benutzt werden, 
und Bachläufe, die in malerisch gelegene Teichflächen 
einmünden, vervollständigen die reizvolle Anlage. Als Be- 
sonderheit fällt in die Augen, daß Fahrwege und Fußwege 
sich in der Regel nicht in gleicher Höhe kreuzen, weil mit 
Rücksicht auf die außerordentlich rasch fahrenden Luxus- 
fuhrwerke und Rennwagen des sportliebenden Amerikaners 
diese Kreuzungen zu Gefährdungen des Fußgänger- und 
Wagenverkehrs Veranlassung geben könnten. Die hier- 
durch erforderlichen Brückenbauten bieten Gelegenheit 
zu malerischen Anlagen. Die Fahrwege werden in diesem 
Parke, wie ganz allgemein in Amerika, durch eine sehr 
sorgfältig angelegte und unterhaltene Chaussierung be- 
festigt. Es ist auffällig, in wie hervorragend gutem 
Zustande sich diese Chaussierungen befinden, insbesondere 
im Vergleiche mit den meisten übrigen, nach deutschen 
Anforderungen sehr mangelhaft hergestellten und unter- 




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Abb. 12. Bewässerung einer größeren Parkanlage 
und Befestigung eines Parkweges. 

haltenen Straßenbefestigungen. Die Fußwege werden in 
gewöhnlicher Weise mit Kies oder an hervorragenderen 
Stellen des Parks durch Gußasphalt auf Packlageunter- 
bettung befestigt (vgl. Abbildung 12 im Texte). 

Einen ausgezeichneten Eindruck machen durchweg 
die Rasenflächen, sowohl in den Parkanlagen selbst, als 
auch in den Parkstraßen. Es scheint, als übe für das 
Gedeihen der Rasenflächen in Amerika das Klima einen 
sehr günstigen Einfluß aus. Trotz der außerordentlichen 
Hitze im Sommer bleiben die Rasenbeete fast in allen 
Parkanlagen frisch und grün. Hierzu trägt freilich auch 
die sorgsame Pflege des Grases wesentlich bei. In New- 
York erhalten viele größere Rasenflächen der Parks eine 
unterirdische Bewässerung (vgl. die Abbildung 12), in- 
dem ein weit verzweigtes Drainrohrnetz an die Wasser- 
leitung durch Vermittelung gemauerter Brunnen und 
Schieber angeschlossen wird. Auch die Bäume der Park- 
straßen, deren Stämme mit kleinen Rasenbeeten um- 
schlossen werden, werden vielfach künstlich unterirdisch 
bewässert (vgl. dieAbbildungeni3U.i4). Neben jedem Baume 
wird in solchen Fällen ein kleiner Brunnen gebaut, der 
mit Wasser gefüllt wird. Ein Drainrohrsystem, das in 
etwa 1 m Tiefe um den Baumstamm herum verlegt ist, 
verteilt das Wasser in dem Boden und führt es den 
Wurzeln zu. Derartige Bewässerungsanlagen sind in eini- 
gen Straßen in der Nähe des Zentral-Parkes ausgeführt 
und sollen sich gut bewährt haben. Allerdings sind die 
Kosten derartiger Anlagen nicht unbedeutend. Diese sind in 
der Regel nur an besonders hervorragenden Straßen und für 
kleine Rasenflächen ausgeführt. Die größeren Rasenflächen, 
insbesondere die Spielplätze der Parks, werden lediglich 
durch eine oberflächliche Besprengung mit Wasser gepflegt 
und trotzdem befinden sie sich im Vergleich mit den Rasen- 
flächen deutscher Parks in auffallend gutem Zustande. 

Westlich vom Zentralpark und mit ihm durch eine 
Reihe von Parkstraßen verbunden, liegt der Riverside-Park 



h 







Abb. 13 u. 14, Unterirdische Bewässerung von Baum anlagen, Nähe Zentral- 
park, New- York. Schnitt und Grundriß. 



US 



DER STÄDTEBAU 



und der Morningside-Park. Mit den Parkanlagen der übrigen 
Stadtbezirke stehen die Parks von Manhattan in keiner un- 
mittelbaren Verbindung. Eine Übersicht über die Parkflächen 
der Halbinsel Manhattan gibt der Lageplan, Abb. a auf 
Doppeltafel 67/68. Die jährlichen Ausgaben für die Parks der 
Stadtteile Manhattan und Richmond betrugen 1902 434000$. 

II. Die Parkanlagen in Brooklyn und Queens. 
Die größte und am besten ausgestaltete Park- 
anlage ist Prospect - Park mit einer Flächengröße von 
516,167 acres oder etwa 206,50 ha (vgl. Tafel 69). Der 
Park enthält mehrere große Seeflächen, Wiesengründe 
und einen Quäker-Kirchhof. Strahlenförmig vom Prospect- 
Park gehen eine große Zahl von Parkwegen aus, die 
die Verbindung mit den übrigen kleinen Anlagen und mit 
den Küsten des Atlantischen Ozeans, sowie den Ufern des 
East-River bilden. Südwestlich vom Prospect-Park, an 
der Küste der Gravesandbay liegt der Dyker Beach-Park 
mit einer Flächengröße von 144 acres 57,6 ha; nordwest- 
lich in dem Stadtteile Queens liegt Brooklyn-Forst mit 
einer Flächengröße von 536 acres 214,4 ha. Außerdem 
enthält Brooklyn eine große Zahl kleinerer Park- und 
Platzanlagen, deren Lage und Größe, sowie deren verbin- 
dende Parkwege aus dem Lageplan Tafel 69 zu entneh- 
men sind. 

Die jährliche Ausgabe für Unterhaltung und Ergänzung 
der Parkanlagen, ausschließlich der Ausgaben für die Ver- 
waltung betrug im Jahre 1902 452000 $. 

III. Die Parkanlagen in Bronx. 
Verhältnismäßig am reichlichsten mit Parkflächen ist der 
Stadtteil Bronx im Norden von Groß-New-York ausgestattet 
(vergl. Lageplan auf Doppeltafel 70/71). Hier sind große 
Waldflächen als Parkanlagen ausgebaut oder in Aussicht 
genommen. Der Stadtteil Bronx ist jetzt in außerordent- 
lich rascher Entwickelung begriffen und hatte im Jahre 
1900 etwa 200 000 Einwohner. Seine Flächengröße beträgt 
etwa 10000 ha, wovon auf Park- oder Forstanlagen 
3866,590 acres 1547 ha entfallen. Hierin sind nicht die 
Parkwege eingeschlossen. Die größten Parks dieses Stadt- 
teils mit über 100 acres 40 ha Größe sind 



Bronx-Park . . . 
Crotona-Park . . 
Pelham-Bay-Park . 
Van Cortlandt-Park 



661,60 acres 


264,4 ha 


154,60 „ 


= 61,84 „ 


1156,00 „ 


702,40 „ 


1132,35 „ 


452,940 „ 



Die Verbindungswege dieser Parks haben eine außer- 
gewöhnlich große Breite erhalten und sollen mit Fahr- 
wegen, Reitwegen und Promenaden ausgestaltet werden. 
Die Breitenabmessungen und Längen dieser Parkwege, 
die für die Entwicklung der amerikanischen Park- 
systeme bereits vorbildlich waren, und in Zukunft in hohem 
Maße vorbildlich wirken werden, mögen der folgenden 
Tabelle entnommen werden: 



Parkwege in Bronx (New-York) 








Fläche in 
ha einschließ- 


Name 


Länge 


Breite 


lich der 
durchschnei- 
denden Quer- 




m 


m 


straßen 


Crotona-Parkway .... 


544,5 


60 m 


4,8 


Spuyten-Duyvil-Parkway . . 


3450 


18—48 m 


d,8o 


Mosholu-Parkway .... 


1810,5 


180 m 


32,0 


Bronx- and Pelham-Parkway 


3558,3 


120 m 


38,0 






84,60 ha 



Teilweise sind die Parkanlagen in Bronx noch nicht 
vollständig angelegt, sondern bestehen noch aus den un- 
geregelten Wiesen und Waldflächen. Nur Bronx-Park ist 
im Laufe der letzten Jahre durch Anlegung eines städti- 
schen botanischen und zoologischen Gartens pairkmäßig 
ausgestaltet worden. Die im Jahre 1902 für die Parkanlagen 
von Bronx aufgewendeten Kosten mögen der folgenden 
Zusammenstellung entnommen werden: 



Bezeichnung 


veranschlagter 
Betrag 


Verwaltung 1902 


13500 $ 

241510 $ 

9 360 $ 

1500 $ 

10 000 $ 


Unterhaltung 

Konstruktion 


Unvorhergesehenes . . 




Unterhaltung des botanischen Gartens .... 
Unterhaltung des zoologischen Gartens . . . 


65 000 $ 
85 000 $ 


zusammen : 


425870 $ 




D. Die Parkanlagen in Boston. 
Ein sehr umfangreiches und für die weite Zukunft berech- 
netes Parksystem hat Boston. Soweit die städtischen Grenzen 
reichen, sind Parkanlagen geschaffen oder Ländereien, Bach- 
läufe,Teiche oder Seen als Mittelpunkte 
der später zu schaffenden Anlagen vor- 
gesehen. Außerhalb der Grenzen des 
Gemeindegebietes hat die Staatsver- 
waltung im umfangreichen Maße da- 
für Vorsorge getroffen, daß eine auf 
viele Jahrzehnte hinaus ausreichende 
Vergrößerung und Ergänzung der 
städtischen Anlagen dem Anwachsen 
des Stadtgebietes und der Bevölke- 
rung entsprechend möglich ist. Den 
Umfang und die Größe der im Stadt- 
gebiet belegenen Anlagen ergibt die 
folgende Tabelle, die außer der Über- 
sicht der Parkanlagen und ihrer Größe 
auch die dafür aufgewendeten Kosten 



Abb. 15. Straße am Zoologischen Garten in Philadelphia. 



enthält. 



119 



DER STÄDTEBAU 



Park-Statistik von Boston bis 31. Januar 1903. 



Parkanlagen 



Haupt- Park-System: 
Commonwealth aveniie . . . 

Kens 

Riverway 

Olmsted-Park 

Arborway 

Arnold Arboretum 

West Roxbury-Parkway . . 

Franklin-Park 

Marine-Park-System: 

Columbia-Road 

Dorchesterway . . . . • 



Strandway .... 
lylarine-Park . . . 
Castle Island . . 
Wood Island-Park . 



Charlesbank . 
Trinity Triangle 



Charlestown Heights 



Charlestown-Spielplatz 



Dorchester-Park 
Franklin Field 



North End Beach 



Copp's Hill Terraces . . 

Chestunt Hill-Park . . . 

North Brighton-Spielplatz 
Neponset-Spielplatz . . . 
Billings Field .... 
First Street-Spielplatz . . 
Freeport Street Triangle . 



Piince Street-Spielpatz 



Mystic Spielplatz .... 
Fellows Street-Spielplatz . . 
Christopher Gibson-Spielplatz 

Columbus Avenue-Spielplatz 
Ashmont-Spielplatz . . . 
Savin Hill-Spielplatz . . . 



Roslindale-Spielplatz .... 
Forest Hills-Spielplatz . . . 

Rogers-Park 

Berners Square .... 

4 Oak^Square ..... 

Spielplatz, Ward 2 

Land für Spielplätze usw. . . 
Playgrounds, Investigating Sites 



Jahr 

der 
Einrichtung 



1894 

1879 

1890 

l8go und 1892 

1892 

1882 und 1895 
189» 

1883 und 1884 

1899 

1892 
1890, 1892 
1897 and 

1901 

1883 

1890 



1882 und 1891 

1883 
1885 

1891 



189t 

1891 und 1903 
1892 

1893 

»893 
/ 1898, 1899 ) 
I und 1902 / 

1894 

1896 

1896 

1897 

1897 
( 1897, 1899 \ 
\ und »901 j 

1897 

1897 

1897 
1899, 1900 I 
\ 1901, 1902 f 

1899 

1899 

1899 
1902 
1899 
1901 
1902 
1902 



Kosten bis heute 



Land 
1 $ = - 4,20 M. 



« 596 254.49 

457 457,53 

1 081 947,60 

245 584,25 

79 343.65 

135 265,29 

1 551 196,63 

396 371,07 
63 735,54 

566 446,17 
232 972,57 



132 800,00 

373 916,99 
30 000,00 

50 538,02 



172 923,31 

63 955,37 
157 341,22 

328 364,44 

90 858,19 

85 193,54 

22 107,12 
24804,39 

47 068,98 

4000,00 
180 474,70 

50 125,00 
14 503,72 
37 709.58 

327 503.84 
43 990,09 
27 147,30 

24825,11 
25 166,75 



47 002,32 
168,79 
24,00 



Konstruktion 
1 $ = 4,20 M 



$ 109 450,36 

2 138 674,08 

667 371,20 

726 782,94 

380 441,96 

380 352,44 

21 183,19 

2 375 143,30 

332 776,83 
65 187,12 

339 340,20 

1 052 726,33 

32 685,55 

248 7»7,ai 
313229,88 

102 991,38 

15 392.01 

11 529,97 
91 035,72 

169 262,27 

31 980,96 

5 112,24 

10 503,27 

11 189,35 

16 737-57 
10 017,86 

33,90 

1 717,99 

1 496,28 

10 042,75 

5 922,89 

5 536,14 
5 5<>7,3i 

2010,50 
159,45 
320,51 



Im ganzen 
1 S - 4,20 M. 



$ 109450,36 

2 734 928,57 
1 124 828,73 
1 808 730,54 

626 026,21 
459 696,09 
156 448,48 

3 926 339,93 

729 147,90 
128 922,66 

905786,37 

1 285 698,90 

32 685,55 

381 517,21 

687 146,87 
30000,00 

153 529,40 

188 315,32 

75 485,34 
248 426,94 

497 626,71 

122839,15 

90 305,78 

32 610,39 
35 993,74 
63 806,55 
10 017,86 
4 000,00 

180 508,60 

51 842,99 
16 000,00 

47 752,33 

333 426,73 
43990,09 
32683,44 

30 422,42 

25 166,75 
2 010,50 

159,45 

320,51 

47 002,32 

168,79 

24,00 



Fläche 
lacre — 0,4 ha 



Länge 

der 

Fahrwege 

Meilen 



30 acres 

115 „ 

40 „ 

180 „ 

36 „ 

223 „ 

150 „ 

527 „ 



f 94 „ land 
(200 „ flats/ 

34 ,, land) 

ll50 ,, flats J 

( 21 „ land» 

( 83 „ flats ( 

/ 46 „ land| 

\l65 „ flats/ 
10 „ 
0,12 acre 
f 4acresland| 

l 6 „ flats] 

(14 „ land 

l 4 „ flats/ 

26 

7? 
(2,7 
l 4 



land 
flats 



0,6 acre 

55 4 acres 

14 
18 
11 .. 

4,6 „ 

0,14 „ 

0.4 ., 

2,3 , 
0,85 ,. 

5.8 „ 

5,0 „ 

2,2 „ 
f 6 acresland 

\l2,C) ,, flats 

3,7 „ 
9,6 „ 

6.9 „ 
1,2 .. 
0,2J „ 

3,85 „ 



4 
1,4 

2,7 
3,4 
3,4 
2,8 

7,3 



4,2 



0,5 



0,3 



Länge 

der 

Fußwege 

Meilen 



2,8 miles 4,13 miles 



1,4 



6,7 

2,8 

5,8 

1,25 

5,65 

4,3 

14,5 



4,5 



1,3 



1.5 

0,4 

0,6 



0,11 



0.4 



Länge 

der 

Reitwege 

Meilen 



Fläche der 

Teiche 
und Flüsse 

lacre 0,4 ha 



1,1 miles 


28 


acres 


1.2 ., 


8 


.» 


1.6 „ 


77 


,. 


1,4 „ 








0,6 


.. 


2,4 „ 






1 


7,4 


1, 



4.4 



$7769087,56 



Allgemeine Rechnung . . . 

Baumschule 

Ausgaben für Verbesserung , 



9692 702,91 
73 987,50 
29 947,07 
13 356,10 



.<; 17461790,47 

73 987,50 
29 947 07 

13356,10 



$ 7769 087,56 1$ 9809 993,58 



S 17579 081,14 [2 406,18 acres 



34,2 miles 



56,04 miles 



8,7 miles 



125,4 acres 



120 



DER STÄDTEBAU 



Aus der Tabelle ist zu entnehmen, 
daß die Stadt Boston in den Jahren 
1879-1903, also in 24 Jahren 17,6 Mil- 
lionen Dollars, rund 74 Millionen Mark 
für Grunderwerb und Anbau ihrer Park- 
anlagen aufgewendet hat, d. h. in einem 
Jahre durchschnittlich 3,1 Millionen 
Mark. Boston hatte im Jahre 1901 eine 
Einwohnerzahl von 573579 und wen- 
dete in diesem Jahre für die Unter- 
haltung und den Betrieb von Park- 
anlagen $ 419903, rund 1 760000 Mark 
auf, d. h. für 1 Kopf der Bevölkerung 

1760000 ,,.„.. O.. JX 

3,00 Mark. Bei einem Stadt- 

573579 

gebiete von 10499 ha betragen die Park- 
flächen 1048 ha oder rund 10%. Her- 
vorragend ist in Boston die Fürsorge 
der Stadtverwaltung für öffentliche Spiel- 
plätze. Diese bestehen in Flächen von 
1 bis 6 acres 0,4 bis 2,4 ha Größe und 
sind möglichst gleichmäßig über das 
Stadtgebiet verteilt. Ihre Ausstattung 
ist sehr verschiedenartig. Wo die Bo- 
denverhältnisse günstig sind, werden die 
Flächen mit Rasen bepflanzt, an ande- 
ren Stellen sind sie lediglich mit Kies 
befestigt. Sie sind mit Turngeräten ver- 
schiedener Art, zum Teil sogar mit 
überdeckten, jedoch seitlich offenen 
Turnhallen ausgestattet. 

Die Bostoner Parkanlagen geben 
schon ein Bild davon, in welcher Weise 
sich in Amerika die Parksysteme der 
Zukunft entwickeln werden. Ring- 
förmig um den Mittelpunkt der Stadt 
werden sich Parkanlagen in verschie- 
denen Abständen ausdehnen. Die ein- 
zelnen Flächen der Ringe sind durch 
Parkwege verbunden und außerdem 
wird in radialer Richtung durch breite 
Parkstraßen eine Verbindung der ein- 
zelnen Parkringe erzielt (vgl. den Lage- 
plan des Parksystemes vom Common- 
Park bis zum Franklin-Park, Abb. b 
auf Doppeltafel 67/68). 

Bei der Ausgestaltung der Parks wird 
Wert darauf gelegt, daß der natürliche 
Charakter der Anlagen möglichst er- 
halten bleibt und daß die Parkflächen 
nicht durch überflüssige Wegeanlagen 
zerstückelt werden. Diese Beschrän- 
kung in der Anlage von Wegeflächen 
trägt auch wesentlich zur Verminderung 
der Kosten bei. Der Baumbestand der 
Parks ist licht gehalten, so daß die 
Rasenflächen gedeihen und zur Wirkung gelangen können. 
Einzelne Bäume sind durch Vermittlung von Buschwerk zu 
Gruppen zusammengefaßt und durch geschickte Grup- 
pierung zur Wirkung gebracht. Die natürliche Boden- 
gestaltung und die vorhandenen Bachläufe und Seeflächen 
werden zur Ausgestaltung der Parks herangezogen. Von 




Abb. 16. Beaconstreet in Boston. 




Abb. 17. Arborway bsi Boston. 




Abb. iP. Arborway in Boston. 

den Fuß- und Fahrwegen aus werden Ausblicke und 
Perspektiven geschaffen. Eine Abgrenzung der Rasen- und 
Parkflächen irgend welcher Art oder gar ein Verbot des 
Betretens der Anlagen findet nirgends statt. 

Einige Querschnitte der Bostoner Parkwege sind in 
den Abbildungen 2 bis 4 gegeben. 



121 



DER STÄDTEBAU 




Abb. 19. East-Avenue in Rochester. 

E. Die Parkanlagen in Chicago. 
Die Parkanlagen Chicagos unterstehen nicht der städti- 
schen Verwaltung, sondern sind auf Grund eines Staats- 
gesetzes vom Jahre 1869 einer selbständigen Behörde, der 
Board of Park Commissioners, unterstellt. Diese Behörde 
ist berechtigt, zur Deckung ihrer jährlichen Ausgaben 
einen gewissen Prozentsatz der städtischen Steuer für ihre 
Bedürfnisse zu erheben. Die Folgen dieser eigenartigen 
Verwaltung, die sehr viel unabhängiger von politischen 
Verhältnissen ist, als die Stadtverwaltung, waren für dfe 
Entwicklung der Parkanlagen Chicagos sehr segensreich. 
Die Parks und die zugehörigen Parkstraßen (vgl. den Lage- 
plan der Parkanlagen West-Chicagos auf Tafel 72) sind 
asphaltiert und größtenteils mit elektrischem Licht be- 
leuchtet. 

Die drei selbständigen Verwaltungen der Chicagoer 
Parkanlagen 

South-Park Board 

Lincoln-Park Board 

West-Park Board 
haben ihre eigenen Treib- und Gewächshäuser, ihre eigenen 
Stallungen für Wagen und Pferde, ihre eigenen Kraft- 
zentralen für die Erzeugung des elektrischen Lichtes, so- 
wie ihre eigenen Reparaturwerkstätten. Sämtliche Ein- 
richtungen sind so getroffen, daß jede einzelne Verwaltung 
so unabhängig wie möglich und so selbständig wie mög- 
lich arbeiten kann. Da den Parkverwaltungen reichliche 
Mittel zur Verfügung stehen, so unterscheiden sich die 
Parkstraßen sehr vorteilhaft von den übrigen städtischen 
Straßen Chicagos. Der Fremde, der die Anlagen der Stadt 
besichtigt, wird meist außer den mit leidlich gutem Pflaster 
versehenen Straßen der Geschäftsstadt nur die Parkstraßen 
und die zugehörigen Parkanlagen zu sehen bekommen. 
Der Gesamteindruck der Stadt wird daher für viele Be- 
sucher Chicagos ein sehr viel günstigerer sein, als ihn der- 
jenige erhält, der von den großen Parkstraßen seitwärts 



den Schmutz und den schlechten Zu- 
stand der Seitenstraßen gesehen und be- 
obachtet hat, in wie mangelhafter Weise 
in den, dem großen Verkehr entzogenen 
Stadtvierteln für die Unterhaltung der 
Straßen und deren Reinigung und Be- 
leuchtung gesorgt wird. 

Einzelne Querschnitte der Parkstraßen 
geben die Abbildungen 8 bis 10. Die 
vorhandenen Parkflächen und Park- 
straßen werden zielbewußt dauernd 
vergrößert und ausgebaut, da man in 
Amerika schon lange den großen Nutzen 
öffentlicher Parkanlagen in hygienischer 
Beziehung erkannt und gewürdigt hat. 
Sehr interessant ist in dieser Hinsicht, 
was im 31. Jahresbericht der ,, West- 
Chicago - Park - Commissioners" vom 
Jahre 1899 über die Parkausdehnung von 
Chicago gesagt wird. Es möge daher 
ein kurzer Auszug aus diesem Berichte 
im nachfolgenden gegeben werden: 

,,Die Bestrebungen derjenigen, welche 
sich in den letzten Jahren mit der Ent- 
wicklung der Parkanlagen der amerika- 
nischen Großstädte befaßt haben, sind 
nach zwei verschiedenen Richtungen auseinandergegangen. 
Die eine Richtung war bestrebt, in den Außenteilen der 
Stadtgebiete möglichst große Flächen lür die Parkanlagen 
zu sichern, die anderen hatten sich die Aufgabe gestellt, in 
den dicht bebauten Innengebieten offene Plätze, kleine 
Parks und Spielplätze für die Jugend einzurichten. 

,,Die Gründe derjenigen, welche große Parkflächen 
befürworten, sind mannigfache und stützen sich auf weit- 
gehende Forschungen. Zur Unterstützung der Theorie, 
daß Parkflächen ein wichtiges Mittel bilden, um der Ver- 
breitung von Epidemien in großen Städten vorzubeugen, 
wird angeführt, daß, solange die Pontinischen Sümpfe von 
Rom durch einen Wald getrennt waren, der anschließende 
Teil der Stadt gesund und frei von Malaria war. Später, 
als der Wald beseitigt wurde, brach Fieber aus und der 
betreffende Teil der Stadt ist noch jetzt fortdauernd unge- 
sund. Ein ähnliches Beispiel stammt von Alabama (Stadt 
im Süden der U. S.), wo eine Negerkolonie in der Nähe 
eines Flusses lebte, ungestört durch Malaria, solange Bäume 
im Überflusse zwischen ihnen und dem Flusse wuchsen. 
Aber in demselben Sommer, als die Bäume beseitigt waren, 
wurden die Neger von der Malaria befallen. Die Ver- 
legung der Kolonie, und zwar nicht weiter vom Fluß, 
als daß ausreichend Bäume zwischen ihr und dem Fluße 
wuchsen, brachte wieder Immunität vom Fieber. Während 
einer Epidemie in Jowa (Staat und Stadt westlich von 
Chicago) wurde durch das Gesundheitsamt die Beobachtung 
gemacht, daß ganz allgemein diejenigen Familien der An- 
steckung entgingen, welche in Häusern lebten, die von 
Bäumen umgeben waren. 

„Bäume dienen dazu, sagt man, das Klima gleichmäßig 
zu machen, im Sommer kühler und im Winter wärmer. 
Die Wirkung des Laubes im Sommer ist die, daß es 
Feuchtigkeit abgibt und diese die Luft kühlt, während im 
Winter die Äste als Wärmeleiter vom Untergrunde dienen, 
der wärmer ist als die umgebende Luft und daher den 



122 



DER STÄDTEBAU 



Überfluß an Wärme abgibt. Versuche, 
die in dieser Hinsicht in der Nähe von 
Chicago angestellt wurden, zeigten Ver- 
änderungen in der Temperatur von 
einem bis sieben Grad mehr in den 
mittleren Teilen der Wälder gegenüber 
der Temperatur an den äußersten End- 
punkten. Der Unterschied wechselte 
je nach atmosphärischen Bedingungen, 
der Stärke und der Richtung des Windes 
usw. Wälder, die in flacher Ebene eine 
Stadt wie Chicago von drei Seiten um- 
geben, tragen dazu bei, die Temperatur 
gleichmäßiger zu gestalten. Park- 
anlagen und Fahrwege zwingen eine 
Stadt, sich über große Flächen auszu- 
dehnen und wirken als Lungen und 
Ventilatoren der Stadtgegenden, in denen sie liegen." 

Man hat auch versucht, statistisch nachzuweisen, daß 
die Parkanlagen für die Sterblichkeit der umliegenden Stadt- 
teile von günstigem Einflüsse sind, und ist hierbei zu auf- 
fallend günstigen Ergebnissen gekommen, die beweisen 
sollen, daß tatsächlich durch die Einwirkung der Park- 
anlagen die Sterblichkeit eine merkliche Verringerung er- 
fährt. Wenn auch die letzten Schlüsse nicht einwandsfrei 
scheinen und zweifellos im Interesse einer guten Sache zu 
sehr verallgemeinert wurden, so ersieht man doch aus 
der ganzen Art der Verteidigung der Parkanlagen, ein wie 
weitgehendes Interesse und wie große Fürsorge gerade in 
Amerika die Pflege der Parks und die Bestrebungen für 
deren dauernde Vergrößerung genießen. 

Der Umfang der Parkanlagen Chicagos ergibt sich aus 
der folgenden Zusammenstellung: 



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1 


1 





Abb. 20. Lincoln-Parkway in Buffalo. 

Leider standen mir Angaben über die Ausgaben für 
die Parkanlagen Chicago-Linkoln nicht zur Verfügung. 

Die vorstehenden Beschreibungen amerikanischerPark- 
anlagen enthalten einen kurzen Überblick der Eindrücke, 
die ich auf einer Studienreise nach verschiedenen amerika- 
nischen Großstädten im Jahre 1903, bei der ich der Einrich- 
tung städtischer Parkanlagen ein besonderes Augenmerk 
zuwandte, gewonnen habe. Hierbei wurde ich durch das 
außerordentlich liebenswürdige Entgegenkommen der ame- 
rikanischen Fachgenossen unterstützt, die durch persön- 
liche Mitteilung und durch Überreichung der meist sehr 
ausführlichen und inhaltreichen Jahresberichte ihrer Ver- 
waltungszweige meine Studien ganz wesentlich erleichterten. . 
Zu besonderem Danke bin ich in dieser Hinsicht dem 
Chef- Ingenieur der New -Yorker Parkverwaltung Herrn 
Ed. A. Miller, ferner dem Präsidenten der West-Chicagoer 





Zahl 

der großen 

Parks 


Fläche 

der großen 

Parks 

ha 


Zahl 

der kleinen 

Parks 


Flache 

der kleinen 

Parks 

ha 


Zahl 

der 

Boulevards 


Meilen 

der 
Boulevards 


Stadtfläche 
qkm 


Bevölkerun g 


Chicago-Süd 

Chicago-Linkoln 

Chicago-West 


5 
i 

3 


472 

X23 

230 


2 
6 


3,8 
14,8 


10 

13 
12 


17,28 

8,48 

21,75 


484 


1 750 000 


Chicago zusammen 


9 


825 


8 


18,6 


35 


48,51 


484 


1 750 000 



Die Ausgaben für die Parkanlagen in Chicago -West 
betrugen nach dem Jahresberichte vom Jahre 1899 

für Unterhaltung 370 813 .$ 

für Verbesserung 205611 $ 

für Verschiedenes 306485 $ 



im ganzen: 882909 $ 

Die Gesamtausgaben für die Parkanlagen von West- 
Chicago bis zum 1. Januar 1900 betrugen rund 10500000 $ 
für Landerwerb, Einrichtung und sonstige Ausgaben. 

Die Ausgaben für die Parkanlagen Süd-Chicagos be- 
trugen vom 1. Dezember 1901 bis 29. November 1902 

für Unterhaltung 494 859 $ 

für Verbesserung 452 803 $ 

im ganzen : 947 662 $ 



Parkkommission Herrn Fred. A. Bangs, sowie dessen Ver- 
waltungssekretär Herrn Walter Fieldhouse verpflichtet. 
Im Gegensatze zu vielen anderen städtischen Einrich- 
tungen bieten gerade die Parkanlagen nordamerikanischer 
Großstädte vieles Beachtens- und Nachahmenswerte. Die 
Fürsorge der Verwaltungen für die Einrichtung städtischer 
Parks und die Bereitstellung geeigneter Ländereien im 
weiten Umkreise der Städte für Parkanlagen, welche in 
ferner Zukunft zur Ausführung gelangen sollen, ist überall 
unverkennbar. Wenn bei begrenzten Stadtgebieten die 
Machtbefugnis der Gemeinden nicht ausreicht entsprechende 
Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen, so hält es die 
Staatsverwaltung für ihre Pflicht, Maßnahmen zu finden, 
die eine gesunde Entwicklung der städtischen Parkanlagen 
ermöglichen. Die Abbildungen 15—20 sind aus Möller's 
Deutscher Gärtner-Zeitung— Erfurt entnommen. 



123 



DER STÄDTEBAU 



DIE XIV. KONFERENZ 

DER ZENTRALSTELLE FÜR ARBEITERWOHL- 

FAHRTSEINRICHTUNGEN IN HAGEN IN W. 



Von THEODOR GOECKE, Berlin. 

Die diesjährige Versammlung zahlreicher Vertreter 
der auf dem Gebiete des Wohlfahrtswesens tätigen Reichs- 
und Staatsbehörden, Landesversicherungs-Anstalten, städ- 
tischen Gemeinden, gemeinnützigen Vereine, Bergwerks- 
und Industriebetriebe usw., insbesondere auch vieler 
Architekten, hat in der, von einem besonderen Ausschusse 
wohl vorbereiteten Tagesordnung des 6. Juni eine Frage 
behandelt, deren Lösung besonders in den Großstädten 
und Industrieorten von wesentlicher Bedeutung für das 
Stadt- und Landschaftsbild ist, nämlich die Gestadtung des 
Arbeiterwohnhauses, also der großen Masse von kleinen 
Wohnungen, die ganze Straßenzüge und Ortschaften zu 
bilden pflegen. 

Am 4. Juni war zu diesem Zwecke eine Besichtigung der 
von der Firma Friedrich Krupp in Essen geschaffenen Wohl- 
fahrtseinrichtungen vorausgegangen, insbesondere der an 
Umfang das alte Stadtgebiet Essen weitübersteigenden 
Arbeitersiedlungen Westend, Kronenberg, Alfredshof, Fried- 
richshof, Altenhof und Baumhof, die teils halb städtisches, 
teils fast ländliches Gepräge haben, und mit Herbergen, 
Bierhallen, Lese- und Festsälen, Haushaltungsschulen, Kon- 
sum- und Badeanstalten, Kapellen usw. reichlich ausge- 
stattet, doch weder Städte noch Dörfer sind. Sie sind 
eben Gründungen der Großindustrie, ebenso wie die 
Niederlassungen der wohlhabenden Bevölkerung in Land- 
hausgemeinden einem neuzeitlichen Wohnbedürfnis ent- 
sprungen. 

Die Fahrt durch diese Ansiedlungen bot eine ge- 
schichtliche Entwicklungsreihe. Die älteren, Westend, 
Schederhof, Kronenberg, in den 70 er Jahren des vorigen Jahr- 
hunderts angelegt, sind mit dreistöckigen ,, Mehrfamilien- 
häusern" bebaut, die in Kronenberg z. B. trotz ihrer Ein- 
fachheit an den grün belaubten, vielleicht nur wegen der 
hoch entwickelten Baumkronen zu schmalen Straßen einen 
bescheiden freundlichen Eindruck gewähren. Durch 
einen helleren Anstrich der in düsteren Feldbrandziegeln 
errichteten Hausmauern könnte dieser Eindruck wohl 
noch wesentlich gehoben werden. In der Mitte des Markt- 
platzes dieser Kolonie, den einerseits eine Bierhalle nebst 
Festsaal mit Bühne, andererseits ein öffentlicher Garten 
begrenzen, befindet sich eine Rundhalle für öffentliche 
musikalische Darbietungen. Nur die ebenfalls im Jahre 
1871 begonnene Niederlassung Baumhof ist anfangs in 
mehr ländlicher Weise, später aber, 1890, auch mit 
großen Wohnhäusern bebaut; dagegen der Alfredhof im 
Jahre 1894 durchweg mit kleineren Häusern angelegt wor- 
den. Eigenartig ist die Anlage des 1899 begonnenen Fried- 
richhoies, mit großen, reich ausgestatteten 2—3 Stockwerke 
hohen Häuserblocks, an weiten Höfen mit gärtnerischen 
Anlagen und Spielplätzen in geschlossener Grundform mit 
überbauter Einfahrt. Eine besondere Stellung nimmt unter 
den Siedlungen der Altenhof ein, als eine Stiftung für in- 
valide Arbeiter und für Arbeiterwitwen, mit kleinen 



Häusern, die in dem Streben nach malerischer Gruppierung, 
eben wegen ihrer Kleinheit etwas anspruchsvoll und un- 
ruhig erscheinen. Doch ist man in den zuletzt gebauten 
Pfründnerhäusern wieder zu einfacherer, wirkungsvollerer 
Form zurückgekehrt. Die neuesten Häuser der Firma 
werden übrigens wieder größer ausgeführt, mit ruhigen 
Dach- und Wandflächen. 

So ließ sich die Entwicklung des Arbeiterwohnhauses 
von allzu nüchterner Einfachheit und derber Geschlossen- 
heit durch eine reichere Gruppierung und überfeinerte 
Auflösung zu einer wieder einfacheren und geschlosseneren, 
doch mehr künstlerischen Gestaltung verfolgen. Als be- 
häbige Land- und Vorstadthäuser sind die Beamtenwoh- 
nungen an der Hohenzollernstraße ausgestaltet. Dem ver- 
dienten Leiter des Bauwesens, Baurat Schmohl stehen 
mehrere tüchtige Architekten zur Seite. 

Die Sitzung des 6. Juni fand in den Räumen der ge- 
schlossenen Gesellschaft Konkordia in Hagen statt. An 
Vorträgen brachte sie: 

1. Zur Einführung eine feinsinnige Betrachtung von 
Herrn Karl E. Osthaus in Hagen i. W. über „Das Haus 
in seiner erzieherischen Bedeutung", mit der Forderung, 
daß die Neuschöpfung des deutschen Hauses das be- 
reicherte Wissen und Können der Neuzeit mit dem Leben 
in Harmonie setzen müsse; dann die fesselnden Aus- 
führungen des Landesgewerberats Dr. ing. Muthesius aus 
Berlin, über „die Entwicklung und den heutigen Stand des 
Arbeiterwohnhauses", besonders im Hinblick auf die weiter 
vorgeschrittene Wohnhauskultur in England, die im bür- 
gerlichen Wohnhause, im Landhause begonnen, und sich 
dann auf das Arbeiterwohnhaus — siehe Port Sunlight — 
erstreckt habe, während man in Deutschland mit der 
Wohnreform im Arbeiterwohnhaus anfange. 

2. „Das wirtschaftliche Problem", in lebhafter Frische 
vom Direktor der rheinischen Provinzial-Feuer-Sozietät 
Dr. M. Brandts aus Düsseldorf behandelt, mit dem Nach- 
weise der Wahrscheinlichkeit, daß eine künstlerische Aus- 
gestaltung des Arbeiterwohnhauses keine wesentlich 
höheren Kosten verursachen dürfte, und mit Betonung der 
vorbildlichen Wirkung gemeinnütziger Bautätigkeit für den 
Privatbau. 

3. Die Gestaltung des Arbeiterwohnhauses: „Das 
Bauernhaus in seiner vorbildlichen Bedeutung" von Pro- 
fessor Schultze-Naumburg aus Saaleck bei Kosen mit 
Lichtbildern, ferner „Grundriß und Außenbau, Innenaus- 
bau und Einrichtung" von Architekt R. Riemerschmied 
aus München-Pasing, der in schlichten, naiv anmutenden, 
und doch wohldurchdachten Sätzen ebenfalls die Harmonie 
zwischen Haus und Mensch als erstrebenswertes Ziel hin- 
stellte, auch rednerisch eine vorzügliche Leistung. Weiter 
„die Arbeiterkolonien" von Geh. Reg. -Rat Professor Dr. 
ing. K. Henrici aus Aachen mit Bezug auf einen zur Aus- 
führung bestimmten Entwurf, der eine eigentümliche Art 



124 



DER STÄDTEBAU 



von Wohnstraße, bezw. von Wohnhof vorführt, nämlich 
zwischen je 2 m breiten Vorgärten nur 5 m breite Wege, 
beiderseits mit je 5 Doppelhäusern besetzt, wovon die 
beiden in der Mitte gegenüberstehenden hinter die Flucht 
zurückgeschoben sind, um einen stillen Platz zu bilden, 
nach dem hin die Wohnküchen des Hauses gerichtet sind, 
damit die Mutter bei ihrer Arbeit die Kinder im Auge be- 
halten kann. Der Redner betonte, daß es nicht auf Grund- 
sätze für die künstlerische Gestaltung ankomme, sondern 
auf die künstlerische Tat selber, auf die Gewinnung tüch- 
tiger Architekten, auch für den Bau für Arbeiterwohnungen. 

Endlich die ,, Gärten", über deren Anlage an Stelle 
des verhinderten Professor Dr. Lichtwarck aus Hamburg, 
der städtische Gartendirektor Encke aus Cöln in dem auch 
von unserer Zeitschrift vertretenen Sinne sprach. 

Im ganzen eine Fülle geistvoller Anregungen, die 
unterstützt wurden durch eine Ausstellung vortrefflicher 
Zeichnungen und Modelle für Arbeiterwohnhäuser im 
Folkwang-Museum des Herrn K. E. Osthaus, der in dieser 
seiner, der Stadt Hagen, zugute kommenden Gründung die 
Hebung künstlerischer Kultur anstrebt und in seinen, von 
dem Architekten van de Velde ausgestalteten und ausge- 
statteten Räumen die Teilnehmer der Versammlung mit 
liebenswürdiger Gastfreundschaft empfing. Herr Osthaus 
hat sich nicht allein den Dank seiner Mitbürger, sondern 
auch aller Teilnehmer der Konferenz durch die Anregung 
erworben, die Versammlung in Hagen abzuhalten. 

Außer dem bereits erwähnten Entwürfe von Henrici, 
waren noch die reizvoll flott dargestellten Pläne des Ernst- 
Ludwigvereins zu Darmstadt, und zwar ein mit dem 



I. Preise gekrönter für Ein-, Zwei-, Zwillings-, sowie 
Vier- und Sechsfamilienhäuser, mit allerdings sehr kleinen 
Räumen und sehr mäßigen Baukosten, sowie ein mit dem 

II. Preise bedachter für Doppel- und Vierfamilienhäuser 
in einfacherer Weise, dazu die Modelle eines der ange- 
kauften Entwürfe ausgestellt. Ferner die Modelle von 
Arbeiterhäusern für Sinn in Nassau von Schultze-Naum- 
burg in einfacher Bauernhausform, die Pläne des Hoch- 
bauamts der kgl. bayerischen Staatsbahnen, insbesondere 
der Lageplan für eine Ansiedlung auf dem Verschub- 
Bahnhofe zu Nürnberg, mit etwas gekünstelten Straßen- 
zügen, das Modell der vorhin schon erwähnten Kolonie 
Altenhof von Krupp mit Platzanlage und der geplanten 
Erweiterung, weiter der Lageplan zur Ansiedlung Marga- 
retenhof, der Friedrich -Alfredhütte mit Platzanlage, die 
an zwei Seiten von Lauben zur Verbindung der Bade- und 
Konsum-Anstalten, Lesehallen und Kleinkinderschulen um- 
zogen ist, endlich die Lagepläne der Gelsenkirchner Berg- 
wergs -Aktiengesellschaft für die Ansiedlungen Zollern, 
Grimberg und Westhausen. Dazu war eine Sammlung 
von Aufnahmen gefügt, die von Studierenden der Tech- 
nischen Hochschule unter Leitung des Professors Henrici, 
und auch von diesem selbst in der Umgegend von Aachen 
gemacht worden sind, die eine Reihe schöner Beispiele 
charakteristischer Bauernhäuser und Höfe, Dorfstraßen 
(z. B. Verlautenheiden) darstellen. An solchen einfachen 
Beispielen werden die jungen Architekten am ersten kom- 
ponieren lernen. 

Den einen oder anderen der ausgestellten Entwürfe hofft 
die Zeitschrift demnächst noch veröffentlichen zu können. 




Unser Mitarbeiter, DR. ING. EMERICH FORBAT, Zivilinge- 
nieur in Budapest, hat im internationalen Wettbewerbe einen Preis 
von 8000 Kr. für seinen Entwurf zur Wasserversorgung und Entwässerung 
der Stadt Vama in Bulgarien erhalten. 

DEM WETTBEWERBE UM EINEN STADTPLAN FÜR 
HELSINGBORG liegt ein ausführliches Programm zu Grunde, 
dessen sich auf die Bebauung beziehenden Sätze in Folgendem mitgeteilt 
werden : Die Baugesetze für die Städte des Reiches sowie die Bauordnung 
der Stadt Helsingborg sind zu befolgen, jedoch steht es den Bewerbern 
frei, dem Plane auch einen Entwurf beizufügen, welcher auf solchen Ge- 
bieten, die ausschließlich für nach besonderen Vorschriften auszuführende 
Wohnhäuser vorgesehen sind, Straßen von weniger als zwölf Meter Breite 
aufnehmen kann. Der Entwurf ist im Maßstab i : 2000 auszuführen und 
hat die im Plane einbegriffenen Viertel in solcher Anordnung aufzu- 
nehmen, daß die darauf befindlichen Grundstücke am zweckmäßigsten be- 



baut und drainiert werden können. Ist dem Entwürfe für größere oder 
kleinere Stadtteile eine bestimmte Bauplatzeinteilung zu Grunde gelegt, 
welche damit in unmittelbarem Zusammenhange steht, so ist diese Bau- 
platzeinteilung gleichfalls in den Entwurf einzutragen. Für öffentliche 
Gebäude geeignete Grundstücke oder Bauplätze sind vorzusehen, ebenso 
ein grösseres Feld mit Anpflanzungen für Ausstellungen, sportliche Zwecke, 
Spielplätze usw. Der Plan soll ebenfalls besondere Gebiete oder Viertel 
für Villengebäude, Arbeiterwohnungen, Fabriken u. dgl. umfassen. Be- 
sonderes Gewicht ist darauf zu legen, daß den einzelnen Stadtteilen in 
möglichst großer Ausdehnung freie Aussicht über den Sund bereitet wird. 
Dazu kommen die Anforderungen an die Straßen- und Entwässerungsan- 
lagen; die Hauptzuwege der Stadt sind genau bezeichnet, ferner die zur 
Bebauung mit öffentlichen Gebäuden, zu Parkanlagen, zu Landhaus- und 
Fabrikvierteln geeigneten Gebiete. Dem Programm liegen außer der Bau- 
ordnung zahlreiche Karten bei mit Höhenkurven, Grundbesitzangaben und 
Entwürfen zur Umlegung der WestkUstenbahn bzw. zur Ausfüllung des 



125 



DER STÄDTEBAU 



Öresundes, in zwei Exemplaren auch die Karten, in die der Plan ein- 
getragen werden soll. Der so wohlvorbereitete Wettbewerb verdient eine 
zahlreiche Beteiligung. Für Berliner Bewerber, die vorher das 
Materia] einsehen wollen, bietet sich dazu Gelegenheit bei der 
Firma E. Wasmuth A.-G., Berlin W. 8, Markgrafenstr. 35. 

ZUR STUTTGARTER HOFTHEATERFRAGE. Oberbaurat 
von Reinhardt hat eine neue Lösung vorgeschlagen, die der beige- 
fügte Lageplan zeigt. Danach ist der Theaterbau vom Schloß etwa 
25 m abgerückt und die Schloßgartenstraße in einem flachen, gegen den 
Marstall konvexen Bogen um die Rückseite des Theaters herumgeführt. 




Für den Verkehr zwischen Schloßplatz und Schloßgartenstraße ist sowohl 
auf der Nordwestseite des Neubaues als auch zwischen diesem und dem 
kgl. Privatgarten eine Verbindungsstraße vorgesehen. Dann würde sich 
der Theaterbau auf dem alten Platz ermöglichen und die Lücke, die der 
Schloßplatz jetzt zeigt, durch einen Monumentalbau wieder schließen lassen. 
Um das Übergreifen des Theaterneubaues auf die Schloßgartenstraße und 
die Ausbiegung dieser tunlichst einzuschränken, könnte die Entfernung 
des Theaters vom Residenzschloß, ohne irgend welche Bedenken in- 
betreff der Feuersgefahr noch herabgemindert werden, da gerade in 
dem dem Schlosse zunächst liegenden Gebäudeteil die massiven Treppen, 
die Wandelgänge usw. untergebracht würden, die einem Schadenfeuer 
keine Nahrung bieten, sondern eher als Schutz dienen. Zu diesem Vor- 
schlage wurde folgende Erklärung angenommen : 

,,Der württ. Verein für Baukunde begrüßt in den von Oberbaurat 
von Reinhardt vorgelegten Plänen für den Bau eines Opernhauses, unter 
Benützung des alten Platzes, auch in der neuesten Umarbeitung, bei der 
auf die Durchführung der König -Wilhelmstraße verzichtet ist, eine Lösung, 
deren Weiterverfolgung vom ästhetischen Standpunkt aus dringend er- 
wünscht ist. Anderseits ist der Verein der Ansicht, daß die durch einen 
Theaterneubau auf dem Waisenhausplatz bedingte Aufhebung der unmittel- 
bar durchgehenden Verbindung zwischen Charlottenstraße und Planie in 
verkehrstechnischer Hinsicht große Bedenken gegen sich hat." 

■pvER HEILIGENSTÄDTER PARK IN WIEN ist feierlich 
■*— ^ eröffnet worden. Er ist aus dem ehemaligen Köglerparke am Ab- 
hänge, der von der Hohen Warte zur Grinzinger Straße hinabführt, hervor- 
gegangen, indem der alte Baumbestand möglichst geschont und nur der 
obere Teil des von der Gemeinde im Jahre igoo für 260000 Kronen er- 
worbenen Grundstückes mit einer Fläche von rund 6500 qm der Bebauung 
zugeführt wurde. An der tiefsten Stelle der neuen Anlage, die im ganzen 
1 5 000 qm umschließt, ist ein Kinderspielplatz von 4000 qm Größe angelegt. 
Geschickt angeordnete Wege führen in sanfter Steigung zur Höhe der 
Hohen Warte herauf. 



VERSAMMLUNGEN UND KONGRESSE. 



■p\ER VEREIN DEUTSCHER GARTENKÜNSTLER hält 
■*-^ seine XVIII. Hauptversammlung am 22.-25. August in Darm- 
stadt ab, wo eine allgemeine Gartenbau -Ausstellung stattfindet. Auf 
der Tagesordnung befinden sich folgende Vorträge von weiter reichendem 
Interesse, insbesondere auch für den Städtebau : 

1. des Professors Olbrich in Darmstadt über den ,,FarbengaTten", 

2. des Malers Leipheimer in Darmstadt über seinen in der Aus- 
stellung geschaffenen ,, Sondergarten", 

3. des Architekten Ludwig J. Fuchs in Darmstadt über den „Bürger- 
lichen Garten und städtischen Ziergarten", 

4. des Direktors des Zentralfriedhofes in Ohlsdorf-Hamburg, W. Cordes 
über „Das Nützliche und Schöne in der Gartenkunst", 

5. des städtischen Gartendirektors Heicke in Frankfurt a. M. über 
„Die rückständige Gartenkunst". 

Auskunft erteilt Garteninspektor Stapel in Darmstadt, Emilstr. 19. 

^u den Verhandlungsgegenständen des am 15.— 21 September d. J. in 
^^ Lüttich tagenden III. INTERNATIONALEN KONGRESSES, 
der öffentlichen Kunst befindet sich das insbesondere für den Städtebau 
wichtige Thema : Von der Kunst im öffentlichen Leben, ihren Anwendungen 
hinsichtlich der Anlegung von Städten, Straßen und Plätzen, neuen Stadt- 
teilen; von öffentlichen und privaten Bauten, Denkmälern und der Aus- 
schmückung öffentlicher Gebäude. 

^u dem vom 7 — 10. August in Lüttich tagenden VII. INTERNA- 
^-' TIONALEN W^OHNUNGSKONGRESSE wurden auf Grund 
von Vorberichten verhandelt: Thema I, Eingreifen der öffentlichen Gewalten 
in die Wohnungsfrage, Prof. Dr. H. Albrecht-Gr.-Lichterfelde ; Themall, 



Besteuerungsfrage, Beigeordneter Schmitz-Cöln ; Thema III, Wohnungs- 
polizei, Beigeordneter Dominicus, Straßburg i. E. ; Thema IV, Bebauungs- 
plan, Geh. und Oberbaurat Dr. Ing. Stübben-Grunewald ; Thema V, Woh- 
nungsstatistik, Dr. C. Singer-München; Thema VI, ästhetische Seite der 
Wohnungsfrage, Dr. R. v. Erdberg-Charlottenburg; Thema VII, Arbeiter- 
gärten, Geh. Regierungsrat Bielefeldt-Berlin, 



BUCHERSCHAU, 



Wien am Anfange des XX. Jahrhunderts. Ein Führer in 
technischer und künstlerischer Richtung. Herausgegeben vom Öster- 
reichischen Ingenieur- und Architekten -Verein. Redigiert von In- 
genieur Paul Kortz, Stadtbaurat. I. Band: Charakteristik der 
Städtischen Ingenieurbauten. Wien 1905, Verlag von Gerlach & 
Wiedling. 

Jetzt oder nie! Die Dammfrage gelöst — mit 3 Plänen von P. Vor- 
kink & Jac. Th.Wormser, Buchhandlung, vorm. Hovecker & Wormser, 
Amsterdam, Pretoria, Potchefstroom. 



BRIEFKASTEN. 



STADTBAUAMT ZU ISERLOHN. Die VeröffentUchung einiger 
der s. Z. preisgekrönten Entwürfe zum Generalbebauungsplane von 
Brunn ist schon seit längerer Zeit beabsichtigt, hat sich bisher nur aus 
verschiedenen Gründen noch nicht verwirklichen lassen. Wir hoffen, dies 
alsbald nachholen zu können. 



Verantwortlich für die Schriftleitung : Theodor Goecke, Berlin. — Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Berlin W., Markgrafenstraße 35. 
InseratenanniOune C. BehUng, Berlin W. 66. — Gedruckt bei Julius Sittenfeld, BerUn W. — Klischees von Carl Schütte, Berlin W. 



DER STÄDTEBAU 

VERLAG VON ERNST WASMUTH A.-G, BERLIN W. 8, MARKGRAFEN -STRASSE 35 



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1. OKTOBER 1905. 



HEFT 10. 



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2. Jahrgang 



1905 



10. Heft 




DER STÄDTEBAU 




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INHALTSVERZEICHNIS : Berliner Wohnbaublöcke. — Soziale und wirtschaftliche Vorarbeiten für Stadterweiterungspläne. Von 
Frankfurt a. M.-Budapest (Fortsetzung). — Zur Frage der Baulandumlegung. — Der Wald- und Wiesengürtel und die Höhenstraße der 
Chronik. — Briefkasten. 



Dr. ing. Forbät, 
Stadt Wien. — 



Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schriftleitung verboten. 



BERLINER WOHNBAUBLÖCKE. 



In der Altstadt von Berlin haben, wie in allen 
älteren Städten, die Baublöcke, und auch die ein- 
zelnen Blockgrundstücke meist nur bescheidene 
Abmessungen. Größere Bauplätze wurden an den 
Hauptstraßen abgeteilt, kleinere an den Neben- 
straßen. Die Entwicklung der Altstadt zu einem 
modernen Geschäftsviertel hat es mit sich gebracht, 
mehrere Grundstücke zusammen legen zu müssen, 
zur Erbauung von Großgeschäfts- und Waren- 
häusern, zumal die Vorschriften der Bauordnung 
die selbständige Bebauung kleiner Grundstücke 
jetzt unvorteilhaft erscheinen lassen. Ein Stück 
eines der größten Baublöcke aus älterer Zeit ist im 
Textbilde i wiedergegeben; an der Probstgasse 
Abb. I. sind noch die kleinen 

Grundstücke erhalten, 
während an der Span- 
dauer- und an der Kö- 
nigstraße der umfang- 
reiche Bauplatz für 
das Israelsche Waren- 
haus durch Zusam- 
menlegung gewonnen 
worden ist. Die Blockseite an der Spandauer- 
straße hat die schon recht stattliche Länge von 
93 m. Im Gegensatze dazu hatte man geglaubt, als 




:;i'AmAutR ■ siRASSt. 



die Stadt sich vor dem früheren Mauerringe aus- 
zuweiten begann, weit größere Baublöcke schaffen 
zu müssen, wohl in der Annahme, daß das Innere 
des Blocks zur Anlage von Gärten ausgenützt werde, 
oder daß die weitere Aufteilung des Blocks durch 
Zwischenstraßen der Privatunternehmung über- 
lassen bleiben könne. Beides ist auch eingetroffen, 
doch ersteres nur vorübergehend und letzteres in 
durchaus unzureichendem und unvollkommenem 
Maße. Mit dem Steigen der Bodenpreise wurde 
das Blockinnere nach und nach verbaut, wie die 
Textbilder 2 und 3 auf Seite 128 und 129 erkennen 
lassen, die einen rund 220 auf 240 m großen Block 
im Westen der Stadt um das Jahr 1850 und um das 
Jahr 1900 darstellen*). Zunächst wurde der Rand 
bebaut, dann kamen einige Gartenhäuser hinzu, 
endlich siegten die üblichen Seitenflügel, Quer- 
gebäude und Hinterhäuser mit einer großen Zahl 
von Hofwohnungen. Nicht überall ist jedoch eine 
derartige Verbauung die Folge gewesen. Das Be- 
dürfnis nach ruhig gelegenen W^ohnungen, ohne 
doch eigentliche Hofgebäude zu bilden, auch nach 
schärfer von einander getrennten W^ohnungen, wie 
sie nur Einfamilienhäuser bieten, endlich das Be- 
dürfnis nach besseren Kleinwohnungen, als Seiten- 

*) Uns freundlichst von Herrn Dr. R. Eberstadt überlassen. 



127 



DER STÄDTEBAU 



flügel und Berliner Zimmer zu schaffen vermögen, 
haben zu vielfachen Versuchen und auch einigen 
geglückten Lösungen geführt, die im folgenden 
besprochen werden sollen. 

I. Anlage einer Privatstraße am Schöneberger 
Ufer von R. Goldschmidt, Berlin. 
Am Schöneberger Ufer, in der Nähe der Potsdamer 
Brücke, befindet sich zwischen den Häusern No. 36 und 37 
eine Privatstraße, die schon vor einer Reihe von Jahren 
zur Aufschließung des tiefen Hinterlandes angelegt worden 
ist. An dieser Straße sind von dem Verfasser zwei Häuser, 
No. 36a und 36al, im Zusammenhange mit dem am Schöne- 
berger Ufer selbst liegenden Hause No. 35, errichtet wor- 
den; die übrigen Häuser haben bereits bestanden. Die 
Straßenanlage gibt ein Beispiel, wie man Hinterland nutz- 
bringend aufschließen und selbst dicht an einem der be- 
lebtesten Punkte Berlins ruhige, dem Verkehr entrückte 
Wohnstätten mit Luft und Licht, von Gärten umgeben, 



schaffen kann. Auf Tafel 73 ist die Grundrißanordnung 
der drei Häuser zu ersehen. 

Sie enthalten in den Hauptgeschossen Wohnungen von 
8—10 Zimmern mit Zubehör. Die Geschosse des Hauses 
No. 36al enthielten ursprünglich je 2 Wohnungen, eine von 
7 Zimmern und eine Junggesellenwohnung von 3 Zimmern 
mit den nötigen Nebenräumen. Da sich aber Mieter für 
die Geschosse im Ganzen fanden, ist die Teilung aufgegeben 
worden; die dritte jetzt überflüssige runde Hintertreppe er- 
innert noch daran. Im Erdgeschoß der Häuser liegen außer 
einigen Geschäftsräumen durchgängig Wohnungen von 
12 Stuben nebst Küche. Obwohl die alten Baulichkeiten 
der Privatstraße nicht gerade zur Zierde gereichen, sind 
die Wohnungen in den Neubauten doch recht beliebt ge- 
worden, so daß sie stets Mieter zu guten Preisen gefunden 
haben. Die Privatstraße hat eine Breite von 7,5 m. Bei 
einem beiderseitigen Fußsteige von je 1,6 m bleibt eine 
Fahrbahn von 4,3 m übrig, die sich als ausreichend für 
das Umkehren der meisten Fuhrwerke erwiesen hat. Für 
besonders lange Wagen, wie Möbelwagen usw., ist vor der 

Abb. 2. 




188 



DER STÄDTEBAU 



Einfahrt von No. 36a der Fußsteig weggelassen worden. 
Für unsere Großstädte mit dem riesig anwachsenden Ver- 
kehre sind solche ruhig und abgesondert liegenden Wohn- 
stätten ein großes Bedürfnis, besonders für diejenigen, die 
wegen ihrer geschäftlichen Tätigkeit in den Vororten nicht 
wohnen können. Der Lärm und das unangenehme Ge- 
räusch der elektrischen Bahnen in den Straßen greifen die 
Nerven der Menschen auch in den Zeiten an, wo sie von 
der anstrengenden Arbeit des Tages ausruhen sollten. Des- 
halb ist die Schaffung solcher Anlagen, wie die beschrie- 
bene, sehr zu empfehlen, besonders da sie auch eine gute 
Verzinsung des Anlagekapitals in Aussicht stellen. Leider 
erschwert aber eine merkwürdige Auffassung der Baupolizei- 
behörde die Ausführung solcher Privatstraßen derart, daß 
wohl schon manche geplante Anlage deswegen unterbleiben 
mußte. Nach der Bauordnung wird bekanntlich die Aus- 



nutzungsfähigkeit des Grundstückes nach Zonen festgesetzt, 
die von der Baufluchtlinie ab rechnen. Jeder Unbefan- 
gene würde nun wohl bei der vorliegenden Anlage die 
Grenze der Privatstraße und Baugrundstücke als die ge- 
gebene Baufluchtlinie angesehen. Anders die Polizei. Nach 
ihr ist die Baufluchtlinie nur eine Straßenfluchtlinie, die 
in dem Bebauungsplane von Berlin Aufnahme gefunden hat. 
Da die genannte Privatstraße aber nicht darin aufgenom- 
men ist, auch kaum aufgenommen werden kann, so ist 
ihre Bauflucht der Zonenberechnung für die Bebauung 
nicht zu gründe zu legen. Für diese kommt nur die nächst- 
liegende durch den Bebauungsplan festgelegte Bauflucht- 
linie, d. h. die des Schöneberger Ufers in Betracht. Da 
nun die zu bebauenden Grundstücke über 50 m von der 
Bauflucht entfernt liegen, geraten sie in ihrer ganzen Aus- 
dehnung in die ungünstigste letzte Zone und dürfen nur 



Abb. 3. 




129 



DER STÄDTEBAU 



zur Hälfte bebaut werden. Rechnet man hierzu noch den 
entsprechenden Verlust an Bauland, den doch die Privat- 
straße selbst mit sich bringt, so geht die Bebauungsfähig- 
keit gar auf 40° o der Grundstücksgröße herab, d. h. auf 
ein Maß, das in den meisten Fällen eine nutzbringende 
Aufschließung des Hinterlandes in der gedachten Weise 
ausschließt. 

Aber noch eine andere große Unannehmlichkeit kann 
diese Auffassung von dem Wesen der Privatstraßenflucht- 
linie dem Bauherrn bereiten. Gilt nämlich die Fluchtlinie 
der Privatstraße nicht als solche, so sinkt sie in den Augen 
der Behörde zu einer gewröhnlichen Grenzlinie herab, an 
der man Giebelwrände von unbeschränkter Höhe, nur ab- 
hängig von den Abmessungen des Hofes errichten kann. 
Da die Polizeibehörde es bisher stets nach einer von dem 
Ortsausschuß eingehaltenen Ausnahmeerlaubnis gestattet 
hat, Fenster in einer solchen Giebelwand nach der Straße 
hinaus anzulegen, kann jeder beliebige Anlieger der Privat- 
straße an der nur 7,5 m breiten Straße ein fünfstöckiges 
.Gebäude mit über 25 m Höhe errichten, eine Aussicht, die 
wohl manchen davon abhalten wird, eine Privatstraße zu 
schaffen, um daran ein behagliches Wohnhaus zu er- 
bauen. 

Zum Schlüsse dieser Ausführungen sei es dem Verfasser 
gestattet, noch kurz auf die Gartenanlage der Privatstraße 
einzugehen. Bei ihrer Anpflanzung wurde ein sehr nahe- 
liegender, aber meist unberücksichtigter Leitgedanke be- 
folgt. Es sind nämlich derartige Pflanzen ausgesucht wor- 
den, daß der Garten auch in den Wintermonaten, wenn 
die Sommergehölze keine Blätter und Blüten mehr haben, 
wenigstens noch grün erscheint und nicht den traurigen 
kahlen Eindruck macht, wie ihn die meisten sonstigen Gärten 
und angepflanzten Plätze im Winter zu bieten pflegen, 
besonders wenn in Stroh und alte Teppiche eingepackte 
empfindliche Gewächse Vogelscheuchen ähnliche Gebilde 
abgeben. Betrachtet man die Gärten Roms in den Winter- 
monaten, so kommt man bald zur Einsicht, daß ihre über- 
raschende Wirkung, die der des Sommers fast gleicht, nicht 
so sehr von den günstigeren, klimatischen Verhältnissen 
abhängt, als von der Verwendung immergrüner Gewächse 
im größten Umfange. Daß hierin ein seit der Renaissance- 
zeit geübter Kunstgriff liegt, kann gar nicht bezweifelt wer- 
den. Wenn wir hier im Norden auch nicht gleich oder 
überhaupt nicht dasselbe erreichen können, was in Rom 
auf Grund einer langjährigen Kultur und der wärmeren 
Witterungsbedingungen möglich ist, so ist doch zu hoffen, 
daß wir, den erwähnten Leitgedanken im Auge behaltend, 
mit der Zeit auch Gartenanlagen schaffen werden, die das 
trübselige Bild der heutigen Gärten im Winter verdrängen. 
Wir haben bereits eine große Anzahl von immergrünen 
Pflanzen, die sich für die Verbesserung unserer Gärten in 
diesem Sinne trefflich eignen. 

Ich nenne nur: Efeu, Koniferen jeder Art, unsere ge- 
wöhnliche Rottanne, Hex, Lärche, Buchsbaum, Rhododen- 
dron, Mahonien, Eispflanzen, endlich gut gehaltener Rasen, 
der aUerdings Sonne haben muß. Ihre Zahl ließe sich 
zweifellos noch wesentlich vermehren, besonders wenn 
man weitere Versuche auch mit ausländischen Pflanzen 
machen würde. Muß man Pflanzen im Winter eindecken, 
so soll man dazu statt der genannten häßlichen Materialien 
Tannenzweige nehmen, die den ganzen Winter über grün 
bleiben. Geht man hiervon bei der Anlage der Gärten, 



Vorgärten, öffentlichen Plätze usw. grundsätzlich vor, ohne 
natürlich dabei dem Aussehen der Gärten im Sommer 
Eintrag zu tun, so werden diese bald auch im Winter 
den Menschen eine Freude und den Gebäuden eine Zier 
sein, was von ihnen heutzutage meist nicht zu sagen ist. 
Um zu zeigen, wie weit man mit Anpflanzungen dieser 
Art kommen kann, sei auf die Vorgärten vor dem Haupt- 
tore des Schlosses von Charlottenburg hingewiesen. Dieses 
ausgezeichnete Beispiel lehrt zugleich, daß man mit Winter- 
gehölzen auch schöne Farbenschattierungen erreichen 
kann. 

II. Zur Aufschließung übergroßer, besonders zu 
tiefer Baublöcke von Theodor Goecke, Berlin.*) 
Bevor man an die Erweiterung der Stadt, an die Er- 
schließung neuen Baugeländes herantritt, wird man sich 
immer die Frage vorzulegen haben, für wen sollen Woh- 
nungen beschafft werden, für den Arbeiter, oder für den 
wohlhabenden Mann, für den Beamten oder Gewerbe- 
treibenden?**) 

Von der Beantwortung dieser Frage hängen Form und 
Größe der Bauplätze ab, von der Art der Bodenaufteilung 
aber Form und Größe der Baublöcke; hierüber muß man 
sich klar sein, bevor Straßen festgelegt werden. Leider ist 
häufig gerade umgekehrt verfahren worden, so daß nun der 
schematisch zugeschnittene Baublock, einem Prokustes- 
bette gleich, den allerverschiedensten Wohn- und Ge- 
schäftsbedürfnissen zu viel oder zu wenig, selten das ge- 
rade passende bietet. Dies trifft besonders bei zu großer 
Tiefe zu, wenn davon abgesehen wird, das Innere des 
Blocks von der Bebauung freizuhalten. Hier bleibt dann 
schwer zugängliches Hinterland, dort vielleicht ein quer 
durchgehendes zu schmales Grundstück übrig, beide 
schlecht ausnutzbar. Hier lassen sich nur Hofwohnungen 
erbauen, deren man ohnehin schon genug hat, dort aber 
keine Einfamilienhäuser, die gerade erwünscht sind. Hier 
möchte man ruhige Wohngelegenheiten haben, ohne Hof- 
wohnungen zu sein, dort dagegen Geschäftsläden, weil der 
Verkehr dazu herausfordert. Alle diese Verlegenheiten 
entstehen im Blockinnern, und die Mittel aus ihnen heraus 
zu kommen, wirken nur in besonders günstigen Fällen auf 
die äußere Erscheinung des Baublocks zurück. Dadurch 
geht viel für das Straßenbild verloren. Dieses wird aber 
geradezu verunstaltet, wenn noch eine zu schmal oder 
falsch abgestumpfte Ecke, eine schiefe Überschneidung der 
Grundstücksgrenzen hinzukommt, wie es die über Gebühr 
beliebten Schrägstraßen mit dem baupolizeilichen Zwange 
mit sich bringen, in der Baufluchtlinie oder parallel dazu 
bauen zu müssen. Wie aus Textbild 3 ersichtlich, wird 
der Kern des Blockinnern von Schulhäusern gebildet. 
Man wird zugeben müssen, daß gerade diese Gebäude 
hier besonders zweckmäßig liegen. Mehr nach dem 
Rande hin — an der Potsdamer Straße — ist aber auch 
eine Kirche in einen Hof versteckt; ähnlich liegt eine 
Synagoge in einem benachbarten Baublocke. Auf diese 
Weise wird die Stadt ihrer schönsten Schmuckstücke 
beraubt. (Fortsetzung folgt in Heft 11,) 



*) Für Wohnzwecke, für Geschäftszwecke, Passagen usw. bleibt 
einer besonderen Behandlung vorbehalten. D. H. 

**) Aus einem Vortrage des Verfassers auf dem Brandenburgischen 
Städtetage zu Kottbus 1904. 



130 



DER STÄDTEBAU 



SOZIALE UND W^IRTSCHAFTLICHE VORAR- 
BEITEN FÜR STADTERWEITERUNGSPLÄNE. 



Von Dr. Ing. FORBÄT, Frankfurt a. M.- Budapest. 

Von diesen 53 Städten sind in Tabelle 1 gruppenweise 
diejenigen Städte zusammengefaßt worden, in welchen 
gegenüber den anderen Städten die eine oder andere 
Berufsklasse am stärksten hervorgetreten ist. Von den 
zu jeder Stadt gehörigen zwei Reihen der Tabelle enthält 
die obere die Ergebnisse der Volkszählung von 1895, die 
untere die von 1882. 

In den 6 Städten der ersten Gruppe waren im Jahre 
1895 auf dem Gebiete der Industrie beschäftigt 65,3—74,5% 
der Bevölkerung, auf dem Gebiete von Handel und Verkehr 
14,7-20%; insgesamt lebten daher von Industrie, Handel 
und Verkehr 83—89,2% der Bevölkerung. Wir haben es 
hier demnach mit einigen typischen Beispielen deutscher 
Industriestädte zu tun. 

Die Städte der zweiten Gruppe haben nach der Zu- 
sammensetzung ihrer Bevölkerung den Charakter von 
Handelstädten. Numerisch stehen zwar auch in diesen 
Städten die von der Industrie Beschäftigten an erster 
Stelle, aber die Verhältniszahl der im Handel und Verkehre 
tätigen Einwohner war in ihnen größer als in den andern 
Städten uud betrug im Jahre 1895 31,6—39,9%. Es ist be- 
merkenswert, daß alle Städte dieser Gruppe zu den be- 
deutenderen See- bezw. Binnenschiffahrtshafenplätzen ge- 
hören. Neben den drei Hansestädten finden wir hier 
Mannheim mit seinem größten kontinentalen Binnenschiff- 
fahrtshafen, ferner Stettin und Frankfurt, in welchen ein 
großer Teil des Handelsverkehrs ebenfalls auf die Aus- 
nutzung der Wasserwege zurükzuführen ist. Wir werden 
Gelegenheit haben, bei Besprechung der wirtschaftlichen 
Verhältnisse der städtischen Bevölkerung auf diesen Um- 
stand noch einmal zurückzukommen. 

In den vier Städten der dritten Gruppe beträgt der auf 
die bürgerlichen und kirchlichen Beamten, das Militär und 
die freien Berufe entfallende Prozentsatz der Bevölkerung 
21,8—34,8 °/o gegenüber 3,7—6,8 % bei den Städten der 
ersten und 7,7 — 10,8% bei denjenigen der zweiten Gruppe. 
Der Hauptanteil an diesem Prozentsatz entfällt unter den 
angeführten drei Berufsarten wohl auf das Militär, da wir 
es bei den Städten dieser Gruppen ausschließlich mit be- 
deutenderen Garnisonplätzen des Land- und Seeheeres zu 
tun haben. 

Die Städte der vierten Gruppe weisen neben einer 
immerhin beträchtlichen Anzahl von Angehörigen der für 
die dritte Gruppe charakteristischen Berufsarten 12,8 bis 
19)3 % solcher Einwohner auf, die keinenm ausgesprochenen 
Berufe nachgehen, sondern von ihrer Rente oder Pension 
leben. In den angeführten Industriestädten betragen die 
entsprechenden Zahlen 4,8—7,0%, in den Handelstädten 
6,2 — 10,0%, in den Städten der dritten Gruppe 7,3 — 14,3%. 
Wir finden in dieser Gruppe neben Wiesbaden, das so- 
wohl als Bäderstadt, wie durch seine sonstigen Vorzüge 
eine besondere Anziehungskraft besitzt, die Hauptstädte von 
Baden und Hessen, die als gesellschaftliche, künstlerische 
und wissenschaftliche Mittelpunkte für die Ansiedlung 
der in Frage stehenden Bevölkerungsklasse zweifelsohne 
in hohem Grade geeignet erscheinen. 



(Fortsetzung aus Heft 8). 

Die letzte Gruppe der Tabelle 1 zeigt endlich die 
Zusammensetzung der Bevölkerung in den Hauptstädten 
der vier größten deutschen Bundesstaaten. An erster Stelle 
steht auch in diesen Städten die Industrie mit 47,2 — 53,5 %, 
an zweiter der Handel mit 23,5—25,6%. Die Verteilung 
der Bevölkerung auf die einzelnen Berufsarten ist in diesen 
Städten bis auf Berlin, wo die Industrie etwas stärker 
hervortritt, eine ziemlich gleichartige. Der Umstand, 
daß die bauliche Entwicklung dieser Städte bei dem 
großen Aufschwünge der jüngsten Vergangenheit einige 
besondere Eigentümlichkeiten in gleicher Weise aufzu- 
weisen hatte, entbehrt daher nicht einer gewissen inneren 
Begründung. 

Die Betrachtung der in Tabelle 1 zusammengestellten 
Zahlen zeigt, daß die auf dem Gebiete von Handel und 
Industrie beschäftigten Einwohner auch in denjenigen 
Städten den stärksten Prozentsatz der Bevölkerung aus- 
machen, in welchen die Zahl der Beamten, Soldaten, in 
freien Berufen und ohne bestimmte Berufe Lebenden 'ver- 
hältnismäßig am stärksten hervortritt, daß mithin, wie 
nicht anders zu erwarten war, Handel und Industrie die 
vorherrschenden Berufe innerhalb der städtischen Be- 
völkerung überhaupt bilden. Ihr Prozentsatz bildet auch 
in der dritten und vierten Gruppe der in der Tabelle an-r 
geführten Städte immer noch 50,4-62,7 bezw. 57,9—61,9% 
gegenüber 30,2—42,1 bezw. 30,9—36,1 °/<, von Angehörigen 
der ersterwähnten Berufe. In den Industrie- und Handels- 
städten ist der Unterschied zwischen den anteiligen 
Prozentsätzen naturgemäß noch größer. In der ersten 
Gruppe der Tabelle gehören zu Handel und Industrie 
83—89,2%, zur Klasse der Beamten, Soldaten usw. 8,5 bis 
11,8%. In der zweiten Gruppe entsprechend 73,7-82,1, 
bezw. 15,0—20,2%. Beim Bearbeiten des Entwurfes einer 
Stadterweiterung werden diese Tatsachen nicht außer 
Acht gelassen werden dürfen. 

Um aber die aus der beruflichen Zusammensetzung der 
Bevölkerung sich ergebenden Maßnahmen beim Aufstellen 
des Bebauungsplanes in ihrem ganzen Umfang richtig treffen 
zu können, ist für den Städtebauer nicht nur die Kenntnis 
von der Zusammensetzung der bereits vorhandenen Bevölke- 
rung von Wichtigkeit, sondern auch die Kenntnis derjenigen 
Veränderungen, denen diese Zusammensetzung in Zukunft 
voraussichtlich unterworfen sein wird, da er sich nur bei 
Berücksichtigung dieser Veränderungen ein möglichst zu- 
treffendes Bild von der auf dem Bebauungsgebiete zu er- 
wartenden Bevölkerung zu machen in der Lage sein wird. 
Um sich über die voraussichtlichen zukünftigen Verände- 
rungen ein Urteil bilden zu können, ist es weiter erforder- 
lich, die in dieser Beziehung in der Vergangenheit einge- 
tretenen Veränderungen zu untersuchen, da unter gewöhn- 
lichen Umständen, ohne gewaltsame äusere Einwirkung, 
die Entwicklung der Städte ebensowenig plötzlich ihre 
Richtung ändern wird, wie irgend ein anderer natürlicher 
Entwicklungsvorgang, mithin aus den auf die Vergangen- 
heit bezüglichen Beobachtungen auch in diesem Falle 
Schlüsse auf die Zukunft gezogen werden können. 



131 



DER STÄDTEBAU 



Die Ermittlung der in der Vergangenheit vor sich 
gegangenen Veränderungen in der beruflichen Zusammen- 
setzung der Bevölkerung wird von Fall zu Fall ebenso 
den Gegenstand besonderer, eingehender Studien bilden 
müssen, wie die Ermittelung der beruflichen Zusammen- 
setzung der städtischen Bevölkerung überhaupt. Immer- 
hin gewährt die Tabelle i dadurch, daß sie die sich auf die 
zwei Berufszählungen von 1882 und 1895 beziehenden Zahlen 
einander gegenüberstellt, die Möglichkeit, sich inbezug auf 
die angeführten Städte wenigstens allgemein darüber zu 
unterrichten, in welcher Richtung diese Veränderungen im 
großen und ganzen vor sich gegangen sind. Da der Auf- 
schwung, den die Städte in der zwischen den zwei Zäh- 
lungen liegenden Zeit fast ohne Ausnahme genommen 
haben und der sichtbar vor allem in der bei manchen 
Städten ganz außergewöhnlich großen Zunahme der Be- 
völkerungsziffern zum Ausdruck kommt, hauptsächlich 
auf die stets wachsende wirtschaftliche Bedeutung von 
Handel und Industrie zurückzuführen ist, findet auch die 
in derselben Zeit eingetretene Verschiebung in der Zu- 
sammensetzung der Bevölkerung im allgemeinen in einer 
Zunahme des Prozentsatzes derjenigen Einwohner ihren 
Ausdruck, die ihr Brot auf dem Gebiete von Handel und 
Industrie verdienen. Diese Veränderung ist verhältnis- 
mäßig weniger stark und zeigt in vereinzelten Fällen so- 
gar eine Abnahme bei den ausgesprochenen Industrie- 
städten, in welchen, wie wir gesehen haben, die fraglichen 
Einwohnerkategorien ohnedies schon 80 90 v. H. der ge- 
samten Bevölkerung ausmachen, eine weitere Zunahme 
dieses Prozentsatzes daher nur mehr in sehr beschränktem 
Maße möglich ist. Sie hält sich ferner in engeren Grenzen 
bei Städten, die am heißen wirtschaftlichen Kampfe der 
Zeit — oft mit Absicht — nicht in vollem Maße teilnehmen 
oder auf Grund einer alten, geschichtlich begründeten Ent- 
wicklung zu einer gewissen Abgeschlossenheit in der Zu- 
sammensetzung ihrer Bevölkerung gelangt, und Verände- 
rungen innerhalb dieser Zusammensetzung nur schwer zu- 
gänglich sind. Besonders merklich ist sie dagegen bei 
Städten, deren Bevölkerung sich zwar schon früher auch zum 
größeren Teile mit Handel und Industrie beschäftigte, aber 
nicht in so überragendem Maße wie in den Industriestädten 
der ersten Gruppe; ferner bei solchen Städten, die die Füh- 
rung im wirtschaftlichen Leben an sich zu nehmen bestrebt 
und berufen sind, also bei den in der letzten Gruppe der 
Tabelle angeführten Hauptstädten. 

Die Zahlen der Tabelle 1 zeigen die relativen Ver- 
änderungen, die in der prozentualen Zusammensetzung 
der Bevölkerung im Laufe der in Betracht kommenden 
13 Jahre eingetreten sind. Sie zeigen vor allem ganz all- 
gemein, daß die ohnedies schon schwach vertretenen 
landwirtschaftlichen Berufe eine weitere, zum Teil recht 
bedeutende Abnahme erfahren haben. Während im Jahre 
1882 der höchste Prozentsatz dieser Berufsarten noch 5,4 
in Straßburg, 5,3 in Freiburg i. B., 4,9 in Lübeck und 4,7 
in Stuttgart betrug, sank die Höchstziffer im Jahre 1895 
bereits auf 3,9 % in Straßburg, 3,7 in Lübeck und Frei- 
burg und 2,9 in Darmstadt. Für die Gestaltung des Stadt- 
bauplanes sind diese Ziffern allerdings nicht von Bedeu- 
tung, da es im Rahmen einer modernen Stadterweiterung nur 
mehr noch selten möglich sein wird, auch auf die Bedürfnisse 
von Landwirtschaft und Gärtnerei Rücksicht zu nehmen; 
sie sind aber als Zeichen der innerhalb der Gemarkungs- 



grenzen der Städte stets weiter vorschreitenden Umwand- 
lung von Ackerland in Bauland immerhin beachtenswert. 

Von größerer Bedeutung für die Aufstellung des Stadt- 
bauplanes sind die Schwankungen in der anteiligen Stärke 
der Industrie- und Handelsbevölkerung. Ein Zusammen- 
hang zwischen Schwankungen dieser zwei Berufsarten 
ist in vielen Fällen nicht zu verkennen. Die meist 
relativ geringe Abnahme des Prozentsatzes der Industrie- 
bevölkerung in den Städten der ersten Gruppe der Tabelle 
wird durch die Zunahme der Handelsbeflissenen in diesen 
Städten zum Teil wieder ausgeglichen. Dasselbe ist der 
Fall in Bremen und Berlin, während in einigen anderen 
Städten, wie Frankfurt a. M. und Lübeck, die prozentuale 
Zunahme der Industriebevölkerung, wie aus der Tabelle 
ersichtlich, zum Teil wieder auf Kosten der Handelsbe- 
völkerung geht. 

An ziffernmäßigen Beispielen für die Schwankungen 
der in Frage stehenden zwei Berufsarten verdient hervor- 
gehoben zu werden die Zunahme der Industriebevölkerung 
in Stettin von 33,9 auf 41,9, in Mannheim von 47,3 auf 
5o,3, in München von 44,6 auf 47,7, in Karlsruhe von 39,2 
auf 43,8 ° , , wobei in diesen Städten gleichzeitig auch 
die Handelsbevölkerung eine mehr oder weniger starke 
Zunahme aufweist. Ein gleichzeitiges Anwachsen des 
Prozentsatzes der Handels- und Industriebevölkerung 
zeigen ferner die Städte der Gruppe 4 der Tabelle, sowie 
Stuttgart, während bis auf die vier Garnisonorte der 
dritten Gruppe, sowie vereinzelte Städte der anderen 
Gruppen, wie Bochum und Bremen, in allen anderen 
angeführten Städten die eine oder andere der zwei Berufs- 
arten prozentual zwar abnimmt, zusammen aber immer 
noch ein Anwachsen der zwei Berufsarten zu verzeichnen 
ist. Die relative Zunahme der in Handel und Industrie 
beschäftigten Einwohner kann daher als allgemeines Merk- 
mal der Entwicklung der städtischen Bevölkerung für 
den betrachteten Zeitraum angesehen werden. Ein ab- 
soluter Rückgang ihres Prozentsatzes findet sich haupt- 
sächlich in den Militärstädten, die den mit Bezug auf die 
Zusammensetzung der Bevölkerung in den übrigen Städten 
maßgebenden Gesetzen überhaupt nur zum Teil unter- 
worfen sind. 

Es kann für den Städtebauer gegebenenfalls von Inter- 
esse sein, zu bestimmen, wie groß die absolute Zunahme 
der einzelnen Berufsarten in einem bestimmten Zeiträume 
gewesen ist. Aus der Verschiebung der relativen Zu- 
sammensetzung der Bevölkerung zu Gunsten von Handel 
und Industrie, die wir im vorhergehenden für die Mehr- 
zahl der Städte nachgewiesen haben, ergibt sich, daß der 
Prozentsatz der absoluten Zunahme dieser Berufsarten im 
allgemeinen größer sein wird, als der der städtischen Be- 
völkerung überhaupt, und zwar umsomehr, je stärker die 
Zunahme der Gesamtbevölkerung selbst ist. Bei einem 
Rückgange des prozentualen Anteils der einen oder anderen 
Berufsart kann bei entsprechend großem Wachstume der 
Gesamtbevölkerung eine absolute Zunahme immer noch 
stattgefunden haben, der Prozentsatz dieser Zunahme wird 
aber in diesem Falle hinter demjenigen der Gesamtbevöl- 
kerung naturgemäß zurückbleiben müssen. Bei genügend 
großem Rückgange kann aber selbst bei starkem Anwachsen 
der Gesamtbevölkerung eine absolute Abnahme der be- 
treffenden Berufsklasse eintreten, wie wir dies z. B. bei der 
landwirtschaftlichen Bevölkerung Stuttgarts finden werden. 



132 



DER STÄDTEBAU 



Um das Verhältnis der relativen und absoluten Zu- 
nahme an einem Zahlenbeispiel zu zeigen, sei angeführt, 
daß die Zunahme der Gesamtbevölkerung Mannheims in 
den 13 Jahren zwischen 1882 und 1895 rund 80 °/o betrug. 
Infolge der Erhöhung des Prozentsatzes der Industriebe- 
völkerung von 47,3 auf 50,3 betrug demgegenüber die ab- 
solute Zunahme dieser Bevölkerungsgruppe 
97780 X 503 - 54 643 '473 



mithin 11 



54 643 • 473 
mehr. 



X 100 = rund 91 %, 



In ähnlicher Weise wurden die Zahlen der nachfolgen- 
den Tabelle 2 ermittelt, welche die absolute Zunahme so- 
wohl der Gesamtbevölkerung wie der einzelnen Berufs- 
arten für die in der letzten Gruppe der Tabelle 1 ent- 
haltenen 4 Hauptstädte zusammenstellt. Aus der Tabelle 
geht hervor, daß auch bei diesen Städten die absolute 
Zunahme der Handels- und Industriebevölkerung meist 
größer war als die Zunahme der Gesamtbevölkerung, 
während diejenige der anderen Berufsarten hinter der 
letzteren meistens zurückblieb. Die Zusammenstellung 
zeigt auch den bereits vorhin erwähnten absoluten Rück- 
gang der in Landwirtschaft und Gärtnerei tätigen Be- 
völkerung Stuttgarts. 

Die Kenntnis von der Art des zu erwartenden und 
auf dem Stadterweiterungsgebiet unterzubringenden Be- 
völkerungszuwachses, die sich aus der Zusammensetzung 
der in den ausgebauten Stadtgebieten vorhandenen Be- 
völkerung unter Berücksichtigung der voraussichtlichen 
Verschiebung in den anteiligen Stärkeverhältnissen der 
einzelnen Berufsarten annähernd bestimmen läßt, ist bei 
Aufstellung des Stadterweiterungsplanes hauptsächlich von 
Wichtigkeit, um diejenigen Viertel richtig anordnen und 
bemessen zu können, die mit Rücksicht auf die be- 
sonderen Bedürfnisse einzelner Berufsarten von vorn- 



Tabelle 2. 



Stadt 



Berlin . . 
München 
Dresden . 
Stuttgart . 



Zu- 
nahme 
der 
Be- 
völke- 
rung 
1882 
bis 
1895 

zus. °/o 



45 
74 
51.5 
35 



In derselben Zeit betrug die absolute Zunahme 
der einzelnen Berufsarten in "/o 



Land- 
wirt- 
schaft, 
Gärt- 
nerei, 
Fische- 
rei 



10,7 
39 
65 
22,4 



In- 
dustrie 
einschl. 

Bau- 
gewerbe 



42,5 
86 

57 
39 



Handel 

und 
Verkehr 



50.5 
87 
49.4 
■»2,5 



Häus- 
licher 
Dienst, 
Tage- 
lohn 
usw. 



64 
24.5 

18,4 
43.4 



Beamte, 
Militär, 

freie 
Berufe 



41 
52 
40,6 
31.2 



Ohne 
be- 
stimm- 
ten 

Beruf 



49 
56 
39.8 
30,8 



herein entsprechend vorgesehen werden müssen, wenn 
der Stadtbauplan der zukünftigen Entwicklung der Stadt 
keine Hindernisse in den Weg legen soll. Allgemeine Ge- 
setze über die berufliche Zusammensetzung der städtischen 
Bevölkerung und deren Veränderung lassen sich aus den 
im vorhergehenden angeführten Zahlen und Betrachtungen 
nicht herleiten. Für jede Stadterweiterung werden die 
betreffenden Untersuchungen auf Grund des vorhandenen 
oder zu beschaffenden Materials nach wie vor von Fall 
zu Fall besonders angestellt werden müssen. Immerhin aber 
können die vorstehenden Erwägungen als eine allgemeine 
zahlenmäßige Begründung für die in neuerer Zeit wieder 
mehr betonte Notwendigkeit angesehen werden, daß im 
Rahmen der Stadterweiterung auch dem Handel und der 
Industrie eine der Zunahme dieser Berufsarten ent- 
sprechende Gelegenheit zu weiterer ungehinderter An- 
siedlung geboten werden müsse. 

(Fortsetzung folgt in Heft ii.) 



ZUR FRAGE DER BAULANDUMLEGUNG. 



I. Die Verkoppelung eines Teils der Feldmark 
Wunstorf*) von Börje, Hannover. 

Die Altstadt liegt nördlich der Grabenaue; die späteren 
Bauten erstrecken sich an der Süd- und Bahnhofstraße 
entlang bis zum Bahnhofe. In der Altstadt ist wesentlich 
der Sitz der Landwirtschaft treibenden Einwohnerschaft. 
Durch Anlage einer Kleinbahn vom Bahnhofe Wunstorf, 
die die Bahnhof- und Südstraße entlang zum Steinhuder 
Meer und weiter führt, ist der Verkehr auf der Südstraße 
so erheblich gestiegen, daß darauf Bedacht genommen 
werden mußte, diese von dem Verkehre zur Altstadt, so- 
wie von dem landwirtschaftlichen Verkehre zu entlasten. 

Zu diesem Zwecke wurde, um eine neue Weganlage 
auf dem einfachsten und am wenigsten teueren Wege 
herzustellen, die Verkoppelung des sogenannten Südfeldes 
beantragt. Dieser Feldteil wird begrenzt durch die Süd- 
aue und die Straße nach Duendorf bis zur Gemarkungs- 
grenze. Die Abb. 1 u. 2 im Texte enthalten eine Darstellung 
1. des alten und 2. des durch die Verkoppelung geschaffenen 
neuen Zustandes, soweit eine spätere Bebauung gedacht ist. 



*) Als Beispiel des Verfahrens, nicht des diesem zu Grunde gelegten 
Bebauungsplans. D, H. 



Aus Plan 1 (Seite 134) ist ersichtlich, daß sämtliche landwirt- 
schaftliche Fuhren von der Altstadt zu dem sogenannten 
Südfelde und den nicht unwesentlichen Wunstorfer Acker- 
ländereien südlich des Barne -Grabens, durch die gesamte 
Altstadt über die Südstraße geleitet werden mußten. 

Die Aufgabe war: 

Erstens: eine Verbindung der Altstadt mit den südlichen 
Ländereien zu schaffen; dies ist erreicht durch den Weg 1 
unter zweimaliger Überbrückung der Auen. Aus dem 
Herzen der Altstadt sind die Ländereien nunmehr auf dem 
kürzesten Wege zu erreichen. 

Zweitens : Die Verbindung der Altstadt mit dem Bahnhol 
unter Ausfall der Südstraße. Dies ist erreicht durch denWeg2 
in Verbindung mit 1. Beide Wege haben eine Breite von 
12 m erhalten, wovon 2 m Bankett von jeder Seite und 8 m 
zur Fahrbahn ausgebaut sind. 

Da Wunstorf in fortwährender, wenn auch mäßiger 
Vergrößerung begriffen ist, die Altstadt aber derart als 
Insel zwischen den Auen und ihrem Überschwemmungs- 
gebiete liegt, daß ein weiterer Ausbau nicht möglich ist, 
lag es auf der Hand, den durch die Hauptwege neu auf- 
geschlossenen Teil zur Bebauung durch Wege aufzuschließen. 
Dies ist durch die Wege 3 bis 6 und 8 geschehen, während 



133 



DER STÄDTEBAU 




die Wege 7 und 9 zur Aufschließung der weiteren Feld- 
ländereien dienen. Weg 3 ist so angelegt, daß er bei Er- 
fordernis durch Überbrückung der Auen mit einer vor- 
handenen Straße der Altstadt in Verbindung gebracht 
werden kann. Die zur Bebauung dienenden Wege sind 
zunächst nur 7 m breit ausgelegt, mit je 1 'j-, m Bankett an 
beiden Seiten und 4 m Fahrbahn. An beiden Seiten dieser 
Wege sollen je 3 m breite Vorgärten liegen bleiben, damit, 
wenn sich später das Bedürfnis herausstellt, eine Verbreite- 
rung der Straßen durch die Vorgärten eintreten kann. Mit 
wenigen Ausnahmen dienten sämtliche Grundstücke der 
Gartenkultur; nur wenige waren auch mit Wohnhäusern 
besetzt. 

Nach dem Verkoppelungsgesetze für Hannover können 
eingefriedigte Gärten in Stadtgemeinden nicht durch Majo- 
ritätsbeschluß, sondern nur unter ausdrücklicher Zu- 
stimmung der Beteiligten zum Verfahren herangezogen 
werden. 

Um die Gartenbesitzer zu veranlassen, dem Beschlüsse 
zur Verkoppelung beizutreten, erbot sich der Magistrat, 
von seinem privaten Besitze, der in Abb. 1 mit p be- 
zeichnet ist, den Mehrbedarf zur Anlage der Wege 1 und 
2 herzugeben, der nach Anrechnung der einzuziehenden 
alten Wege erforderlich ist, doch unter der Bedingung, 
daß der am Wege 5 mit p bezeichnete Platz in guter Form 
dem Magistrate zur Anlage eines Elektrizitätswerkes ver- 
bleibe. Alle übrigen Wege sollten nach dem in die Ver- 



koppelungsmasse gegebenen Besitze aufgebracht werden. 
Nach langen Verhandlungen, namentlich erst nach Vor- 
legung eines Entwurfes über die etwaige Form der späteren 
Grundstücke, schlössen sich die Gartenbesitzer dem An- 
trage zur Verkoppelung an. Besondere Entschädigungen 
mußten 1 e und 1 m wegen der schon vorher günstigen 
Lage in i'/^facher Fläche zugebilligt werden; auch diese 
Entschädigungen trug der Magistrat. 

Hierauf konnte zu dem eigentlichen Verfahren ge- 
schritten werden. Die Wege und Abfindungen wurden in 
die örtlichkeit übertragen. Sämtlichen Beteiligten sind die 
neuen Grundstücke angewiesen und von allen ohne Wider- 
spruch angenommen. Die gesamte Arbeit, einschließlich 
der Offenlegung und des Ausbaues der Straßen, d h. ohne 
Befestigung, ist in Jahresfrist erledigt worden. 

Von der Generalkommission wird für derartige Ar- 
beiten je nach der Lage eine Kostenpauschsumme von 6 
bis 27 M. pro ha erhoben. Dafür wird die gesamte tech- 
nische Arbeit übernommen, einschließlich der Termine und 
sonstigen Verhandlungen, sowie der Neuübernahme in das 
Kataster. Dieses ist ein so billiger Preis, selbst wenn der 
höchste Satz angenommen wird, daß ein jedes andere Ver- 
fahren ganz bedeutende Mehrkosten verursacht und das 
ganze Verfahren auf Jahre verschleppt wird. 

Der Vorteil gegen das Enteignungsverfahren, ohne das 
ein Plan wie der vorliegende nicht durchführbar gewesen 
wäre, besteht außer der Kostenersparnis im wesentlichen 



134 



DER STÄDTEBAU 



noch darin, daß alle Grundstücke in der neuen Form un- 
mittelbar zur Bebauung geeignet sind; dadurch werden 
spätere Austauschungen nicht mehr erforderlich, und jeder- 
mann kann unabhängig von seinem Nachbarn sein Grund- 
stück beherrschen. 

Der Erfolg des im Jahre 1898 ausgeführten Verfahrens 
hat sich auch bereits dadurch herausgestellt, daß etwa 
20 Neubauten entstanden und die Grundstückspreise min- 
destens um das 40 fache gestiegen sind. 

II. Die gesetzliche Regelung der Baulandumlegung 
von C. Strinz, Bonn. 
Die Frage der Umlegung städtischer Grundstücke ist 
letzthin in Zeitschriften und Broschüren nach der tech- 
nischen und juristischen Seite hin mehrfach erörtert wor- 
den, ohne daß eine völlige Klärung der Ansichten erzielt 
wäre. Während einerseits die von den Freunden der Um- 
legung zu ihren Gunsten geltend gemachten Gründe nicht 
widerlegt werden konnten, gelang es andrerseits auch nicht, 
die von den Gegnern erhobenen Bedenken zu entkräften. 
Von diesen Bedenken möchte ich hier zwei herausgreifen, 
die rein technischer Art sind; es sind dies: 

1. die Lageplanfrage und 

2. das technische Verfahren bei der Umlegung. 

Es ist das Verdienst Sittes, in überzeugender Weise 
darauf hingewiesen zu haben, wie gerade durch die sorg- 
fältigste Berücksichtigung der Eigentumsgrenzen neben der 
wirtschaftlich besseren Ausnutzung des Baulandes, reiche 
Abwechslung und großer Reiz in den Straßenbildern er- 
zielt wird. Er fürchtet, daß unter der Herrschaft eines 
Umlegungsgesetzes der kaum überwundene Schematismus 
der schablonenmäßigen geometrischen Planverfassung wie- 
der neu aufleben werde. Wie sehr diese Befürchtung be- 
rechtigt ist, zeigen die auf Tafeln 78— 80 wiedergegebenen 
Beispiele ausgeführter Umlegungen. Sie sind einer Schrift 
des Wirklichen Geheimen Oberregierungsrats Küster in 
Düsseldorf entnommen, die sich mit dem Entwurf eines 
Umlegungsgesetzes beschäftigt. Dem Zustande nach aus- 
geführter Umlegung ist der frühere Bestand gegenüber ge- 
stellt und das hier einskizzierte Straßennetz mit möglich- 
ster Berücksichtigung der Eigentumsgrenzen entworfen. 
Die Richtigkeit der Ausführungen Sittes tritt dabei augen- 
scheinlich hervor; es zeigt sich allerdings auch, worauf 
schon von anderer Seite aufmerksam gemacht wurde (Heft 3 
des lfd. Jahrgangs dieser Zeitschrift), daß hierdurch die 
Umlegung keineswegs überflüssig gemacht wird. Es ist 
eben unmöglich, bei der Plangestaltung allen Grundstücken 
zugleich gerecht zu werden; diese selbstverständliche Wahr- 
heit ist sicherlich auch Sitte nicht unbekannt gewesen. Der 
Schwerpunkt der Umlegung liegt dagegen außer in der 
Schaffung zweckmäßig geformter Baugrundstücke in der 
gerechten Heranziehung aller Grundstücke zur Abgabe 
des Straßenlandes und in der allen in gleicher Weise zu 
teil werdenden Bebauungsfähigkeit. Wenn trotzdem Sitte 
die Umlegung nur als Ausnahme gelten lassen will, so kann 
dies nur daran liegen, daß ihm die Vorteile der Umlegung 
durch die Preisgabe des an die Berücksichtigung der Eigen- 
tumsgrenzen gebundenen Lageplans als zu teuer erkauft 
erscheinen. 

Um diese Bedenken zu beseitigen und die einander 
entgegenstehenden Auffassungen zu vereinigen, kann es 
sich nur darum handeln, Mittel und Wege zu finden, um 



die Berücksichtigung der Eigentumsgrenzen bei der Plan- 
verfassung trotz der Möglichkeit einer späteren Umlegung 
zu sichern. Um diesen Zweck aber so vollständig und 
wahrscheinlich noch besser zu erreichen, als es bis jetzt 
ohne eine gesetzliche Regelung der Umlegung möglich war, 
dürfte es genügen, unter die Vorbedingungen, nach denen 
die Umlegung statthaft sein soll, außer der Forderung nach 
vorheriger Feststellung sachgemäß aufgestellter Bebauungs- 
pläne auch die Bestimmung aufzunehmen, daß diese Pläne 
so beschaffen sein müssen, daß eine für die Bebauung 
günstigere Plangestaltung durch bessere Anpassung der 
Straßenzüge an die vorhandenen Eigentumsgrenzen unter 
gleichzeitiger Erfüllung der Bedingungen, die im Interesse 
des Verkehrs, der Gesundheit und der Schönheit zu stellen 
sind, nicht ausführbar ist. 

Man könnte versucht sein, zu behaupten, eine solche 
Bestimmung sei unvernünftig, weil es doch keinen Sinn 
habe, bei der Planlegung Eigentumsgrenzen zu berücksich- 
tigen, die bei der zu erwartenden Umlegung sich doch 
ändern. Wer dies behauptet, befindet sich aber sehr im 
Irrtum: Es ist bekannt, daß bei jeder Umlegung eine der 
ersten Forderungen die ist, daß die neuen Grundstücke 
ihren Platz möglichst an der Stelle der alten erhalten; es 
liegt aber auf der Hand, daß dieser Forderung um so eher 
genügt werden kann, je mehr schon bei der Planverfassung 
die Eigentumsgrenzen berücksichtigt werden. Folglich ist 
schon allein aus diesem Grunde eine dahingehende Bestim- 
mung berechtigt. 

Ein weiterer Gegengrund, daß nämlich diese Bestim- 
mung wirkungslos bleiben werde, ist ebenfalls nicht stich- 
haltig. Wahrscheinlich würde doch ein derartiger Hinweis 
in einem so bedeutsamen Gesetze genügen, um die Ge- 
meinden und die Planentwerfer zu veranlassen, auf die Be- 
rücksichtigung der vorhandenen Eigentumsgrenzen größere 
Aufmerksamkeit zu verwenden, um nur ja der Wohltaten 
des Gesetzes teilhaftig zu werden. Das preußische Flucht- 
liniengesetz vom 2. Juli 1875 fordert im § 3 die Berücksich- 
tigung des Verkehrs, der Gesundheit und Feuersicherheit; 
auch soll darauf geachtet werden, daß keine Verunstaltung 
der Straßen und Plätze eintritt. Warum sollte nicht in 
dem neuen Umlegungsgesetze Veranlassung genommen 
werden, diese doch recht dürftigen Vorschriften in der oben 
vorgeschlagenen Weise zu ergänzen? Man kann ruhig be- 
haupten, daß auf diese Weise wahrscheinlich bessere, 
d. h. die Grenzverhältnisse mehr berücksichtigende Lage- 
pläne erzielt werden, als ohne Umlegungsgesetz. Der Mangel 
eines solchen hat bisher sehr viele Planverfasser durchaus 
nicht davon abgehalten, die Eigentumsgrenzen in ungün- 
stigster Weise zu durchschneiden, und ausgeführt werden 
solche Entwürfe auch, wenn auch unter Schwierigkeiten. 
Ohne Umlegungsgesetz würde dies auch weiter so bleiben, 
während ein Umlegungsgesetz mit der angeführten Be- 
stimmung in jeder Hinsicht nur bessernd wirken könnte. 
Jedenfalls aber würde eine solche Bestimmung den Gegnern 
der Umlegung bei vorkommender Gelegenheit eine wert- 
volle Handhabe bieten, um gegen das Verfahren Einwen- 
dungen zu erheben. Damit erscheint aber auch der prak- 
tische Zweck, die tatsächliche Berücksichtigung der Gren- 
zen, viel gesicherter, als dies durch Lehre und Beispiel 
allein zu erreichen wäre. Alles in allem ist also eine 
solche gesetzliche Bestimmung als Vorbedingung für die 
Zulässigkeit der Umlegung recht wohl geeignet, die be- 



135 



DER STÄDTEBAU 



fürchteten Nachteile eines Umlegungsgesetzes für die Plan- 
verfassung aufzuheben. Ein gewichtiges Bedenken gegen 
eine gesetzliche Regelung der Umlegung würde in dieser 
Weise aus dem Wege geräumt. 

Das zweite Bedenken, welches das technische Ver- 
fahren bei der Umlegung betrifft, ist nicht so einfach zu 
beseitigen. Es kommen dabei vornehmlich zwei Punkte 
in Betracht, einmal die Behandlung des Straßenlandes und 
dann die Neuverteilung des Baulandes. Was den ersten 
dieser Punkte betrifft, die Behandlung des Straßenlandes, 
so gehen die Meinungen darüber auseinander, ob und bis 
zu welchem Betrage es an die Gemeinde abzutreten ist 
bezw. diese dafür Entschädigung leisten soll. Da die Frage 
schon eingehender an andern Orten, z. B. in einer Denk- 
schrift des Verbandes Deutscher Architekten und Ingenieur- 
vereine (Heft 2, die Umlegung städtischer Grundstücke und 
die Zonenenteignung von R. Baumeister, J. Classen, J. Stubben) 
behandelt worden ist, so beschränke ich mich hier darauf, 
zu bemerken, daß bei bisher unbebautem Gelände — und 
nur hierauf sollen sich diese Ausführungen beziehen — 
abgesehen von wenigen besonderen Fällen, die entschädi- 
gungslose Abtretung des Straßenlandes, sei es sofort oder 
später, beim Straßenausbau, durchaus der Billigkeit ent- 
spricht. Damit dies in einer allen Beteiligten gleichmäßig 
gerecht werdenden Weise geschieht und damit alle Grund- 
stücke in gleicher Weise zur Beitragsleistung am Straßen- 
lande herangezogen werden, empfiehlt es sich, das folgende, 
von dem in der Denkschrift empfohlenen nur wenig ab- 
weichende Verfahren einzuschlagen. 

Die Gesamtheit der in das Verfahren einzubeziehenden 
Grundstücke bildet die Masse, an der die Eigentümer nach 
Maßgabe des Wertes ihrer eingeworfenen Grundstücke be- 
teiligt sind. Dieser Wert ist natürlich ohne Berücksichti- 
gung des neuen Bebauungsplans festzusetzen. Es wird also 
gleichsam eine Genossenschaft oder Gesellschaft m. b. H. 
gegründet. Nach Ausscheidung des Straßenlandes wird 
dann das übrig bleibende Bauland unter die Mitglieder nach 
Maßgabe ihrer festgestellten Anteile verteilt. 

Abgesehen von den Bewertungs- und Verteilungsschwie- 
rigkeiten, die nachher untersucht werden sollen, entsteht 
hier die Frage, bis zu welchem Betrage das Straßenland 
entschädigungslos an die Gemeinde abgetreten werden soll? 
Die Antwort auf diese Frage geben die bestehenden Ge- 
setze. Nach dem preußischen Fluchtliniengesetze z. B. ist 
das Straßenland bis zur Straßenbreite von 26 m unentgelt- 
lich abzutreten. Bei Baublöcken von 80 m Breite und 
160 m Länge — gewiß sehr reichlichen Abmessungen — 
ergibt dies eine Straßenfläche von rd. 35° o der ganzen 
Fläche. Man wird also auch im Umlegungsgesetze je nach 
den bereits bestehenden gesetzlichen Bestimmungen das 
eine ödere ander.e Maß festsetzen. Für das diesen Satz 
überschreitende Straßenland wird dann die Gemeinde an 
die Masse bezw. an die Gesellschaft Entschädigung zu 
leisten haben. Diese wird so ermittelt, daß zunächst Platz- 
flächen, sodann die Innenflächen breiterer (über 26 m hinaus) 
Straßen ausgesondertwerden,bisdasübrigbleibende Straßen- 
land den Höchstsatz nicht mehr überschreitet. Die Ent- 
schädigungssumme für die ausgesonderten Flächen ist dann 
dem bereits früher festgestellten Werte der an ihrer Stelle 
befindlichen alten Grundstücke entsprechend zu ermitteln. 
Auf diese Weise wird erreicht, daß der Planverfasser bezw, 
die Gemeinde Platzflächen und breitere Straßen nach Mög- 



lichkeit an solche Stellen des Umlegungsgebiets verlegt, 
die den geringsten Bodenwert besitzen, was ja auch wirt- 
schaftlich als das richtigste anzusehen ist. 

Die einzige wesentliche Schwierigkeit, die das geschil- 
derte Verfahren bietet, liegt in der Bewertung der Grund- 
stücke vor und nach der Umlegung. Die erstere, vor der 
Umlegung, hat den Zweck, die Anteile der Gesellschafter 
an der Masse festzustellen; die zweite soll den Nachweis 
erbringen, daß die Werte der neuen Besitzstücke in dem- 
selben gegenseitigen Verhältnisse stehen, wie die früher 
festgestellten Anteile. Es ist klar, daß diese beiden Auf- 
gaben ganz verschiedener Natur sind. Bei der Bewertung 
der alten Grundstücke hat man es in der Regel mit Land zu 
tun, das nicht als Bauland angesehen werden kann. Es 
wird zwar meist schon einen höheren Wert haben, als reines 
Acker- oder Gartenland; indessen werden die Werte der 
einzelnen Besitzstücke in der Regel einfach im Verhält- 
nisse zur Flächengröße stehen, abgesehen von den Wert- 
unterschieden, die sich aus Verschiedenheiten des Bau- 
grundes, der örtlichen Lage, besonders der Höhen- oder 
Tiefenlage oder der größeren oder geringeren Entfernung 
von der Stadtmitte ergeben. Jedenfalls wird es, bei rich- 
tiger Begrenzung des Umlegungsgebietes, dem Ortskun- 
digen nicht schwer fallen, diese Werte in richtigem gegen- 
seitigen Verhältnisse zu bestimmen; und solche Leute stehen 
immer und überall zur Verfügung, wie man es auch in der 
Hand hat, den Kreis der umzulegenden Grundstücke zweck- 
mäßig zu begrenzen. Bei erheblichen Wertverschieden- 
heiten wird man die Schwierigkeit der genauen Bestim- 
mung des gegenseitigen Wertverhältnisses in der Regel 
einfach dadurch beseitigen können, daß das ganze Um- 
legungsgebiet in zwei oder mehrere Teile zerlegt wird, die 
jeder für sich und vollständig getrennt von einander be- 
handelt werden. Man wird also zwei oder mehrere Ge- 
sellschaften bilden; bebaute Flächen sind dabei, wie schon 
oben bemerkt, vollständig auszuschließen. Auch diese 
Möglichkeit der Zerlegung wird, wie leicht zu erkennen 
ist, sehr gefördert, wenn die Straßen dem Zuge der Grenz- 
linien sich anpassen. 

Ganz anders, als mit dieser ersten Bewertung des 
vorhandenen Besitzstandes, deren Schwierigkeiten sich auf 
die beschriebene Weise immer verhältnismäßig leicht 
heben lassen, verhält es sich mit der nun folgenden, die 
den Nachweis erbringen soll, daß die Werte der neuen 
Besitzstücke in demselben gegenseitigen Verhältnisse stehen, 
wie die früher festgestellten Anteile. Es sei hier nur wieder- 
holt, was Sitte in richtiger Erkenntnis der Schwierigkeiten 
über diesen Gegenstand ausführt: 

„Noch schwieriger gestaltet sich die Wertbestimmung 
nach der Zusammenlegung. Den Wert der neu aufgeteilten 
Bauparzellen nur nach dem Plane zweifelsfrei zu be- 
stimmen, ist ganz unmöglich. Bekanntlich sind Eckbau- 
plätze mehr wert, als in der Straßenflucht liegende; von 
diesen aber wieder solche mit längerer Straßenflucht und 
geringerer Tiefe mehr wert, als andere mit geringerer 
Flucht und größerer Tiefe ; Bauplätze in belebteren Straßen 

mehr wert als in verkehrslosen Seitenstraßen; nur 

empfindungsmäßig lassen sich die Abstufungen dieser Wert- 
schwankungen erraten, aber niemals durch was immer 
für eine Formel berechnen. Am allerfernsten steht einer 
solchen Empfindungsmöglichkeit aber der junge vielleicht 
sogar von auswärts hergekommene Techniker, der am 



136 



DER STÄDTEBAU 



Bauamte die Teilung der Parzellen im Bebauungsplane so 
vornehmen soll, daß die neuen Parzellen nach Größe und 
Lage sich genau im Verhältnis nach den Wertabstufungen 
der alten Parzellen richten. Das ist eine schlechterdings 
unlösbare Aufgabe . . . ." 

Die Hindernisse, die einer wertgerechten Verteilung 
entgegen stehen, sind also zweierlei Art. Sie sind be- 
gründet: Erstens in dem Umstände, daß die neuen Besitz- 
stücke je nach ihrer Frontlänge und Tiefe trotz sonst 
gleicher Lage verschieden zu bewerten sind; zweitens 
darin, daß die neuen Straßenanlagen je nach Bedeutung 
und Charakter der einzelnen Straße dem angrenzenden 
Baugelände verschiedenen Wert verleihen. Zunächst folgt 
daraus, daß die gesamte Baulandmasse nach der Straßen- 
auslegung einen ganz anderen Wert besitzt, als vorher. 
Bei der Bestimmung dieses neuen Gesamtwerts treten die- 
selben Schwierigkeiten ein, wie vorher, nur daß anstelle 
der verschiedenen Frontlängen und Tiefen der neuen Einzel- 
grundstücke die verschiedene Form, Eckausbildung und 
Tiefe des einzelnen Blocks tritt. Um diese Umstände bei 
der Wertbestimmung zu berücksichtigen, ist vorgeschlagen 
worden, innerhalb der Baublöcke durch Linien parallel 
den Straßenfluchten eine Zonenteilung vorzunehmen mit 
Werten, die von der Straßenfront ab nach der Tiefe zu ab- 
gestuft sind. Es ist klar, daß auf diese Weise der Einfluß 
der Frontlänge wie der Tiefe zur Geltung gebracht wird, 
daß ferner eine solche Verteilung der Bodenwerte den 
wirklichen Verhältnissen entspricht, ist eine längst bekannte 
und wohl auch allgemein anerkannte Tatsache; es fragt 
sich nur, wie diese Abstufung zu bemessen ist, um jenen 
Einfluß der Wirklichkeit entsprechend richtig zu treffen. 
Zur Beantwortung dieser Frage ist eine besondere 
Untersuchung notwendig, die sich vor allem auf ein mög- 
lichst reichhaltiges Zahlenmaterial, langjährig gesammelte 
Preisbeobachtungen, stützen muß. Ordnet man eine größere 
Anzahl von Kaufpreisen für Grundstücke gleicher Lage 
und Beschaffenheit, auf die Bodeneinheit berechnet, nach 
ihrer Tiefe in eine Reihe, so bemerkt man, daß die Preise 
mit wachsender Tiefe abnehmen. Diese Preise sind aber 
nicht die Bodenwerte selbst, sondern Mittelwerte, gewonnen 
aus der Teilung des Kaufpreises durch die ganze Fläche. 
Jeder dieser Mittelwerte enthält daher die höheren Boden- 
werte an der Front sowohl wie die niedrigeren im Hinter- 
lande. Wie man aus einer Beobachtungsreihe von Kauf- 
preisen bezw. Mittelwerten die Bodenwerte für die ver- 
schiedenen Tiefen ableitet, ist eine rein mathematische 
Aufgabe, die über den Rahmen dieser Darstellung hinaus- 
geht. Es mag dem Verfasser gestattet sein, in dieser Be- 
ziehung auf seine Abhandlung: .„Die Wertermittlung der 
Baugrundstücke und die Umlegung solcher Grundstücke auf 
Grund ihres Wertverhältnisses" (Zeitschr. für Vermessungs- 
wesen 1905, Heft 10 u. 11, Verlag von Konrad Wittwer 
in Stuttgart) zu verweisen, da ihm andere Versuche einer 
Lösung dieser Aufgabe nicht bekannt geworden sind. Hier 
genüge es, zu bemerken, daß es keineswegs notwendig ist, 
eine solche Untersuchung in jedem Umlegungsfalle neu 
anzustellen. Es handelt sich hier nur um die Gewinnung 
eines Ausdrucks für die relative Abnahme der Boden- 
werte mit der Entfernung von der Fluchtlinie, nicht um 
ihre absolute Höhe. Diese relative Abnahme, das Gefäll- 
verhältnis hängt aber durchaus nicht von der absoluten 
Größe der Bodenwerte ab, sondern richtet sich lediglich 



nach der Benutzungsart, die sich in der Regel für ein be- 
schränktes Umlegungsgebiet mit ziemlicher Sicherheit vor- 
aussehen läßt. Überall, wo annähernd gleiche Bauord- 
nung und Benutzungsart herrscht, ist das Wertgefälle an- 
nähernd dasselbe, so daß es vollkommen genügt, seine 
Größe dort zu bestimmen, wo genügend zahlreiche Preise 
gesammelt sind. Das Wertgefälle ist eine Konstante, die, 
einmal irgendwo bestimmt, später überall Anwendung fin- 
den kann, und deren Größe nur von der Benutzungsart 
abhängt. 

Durch die Wahl eines größeren oder geringeren Ge- 
fällverhältnisses der Bodenwerte kann also auch der künf- 
tigen Benutzungsart des Baulandes Rechnung getragen 
werden; auf diese Weise kommt zum Ausdruck, ob ein 
Grundstück bezw. eine Blockfläche oder Straße Geschäfts- 
zwecken dienen kann, oder der Wohnhausbebauung, offener 
oder geschlossener, oder endlich industriellen Zwecken. 
Denn für jeden dieser Zwecke ist das Wertgefälle ein an- 
deres. Die Abstufung der Bodenwerte, wenn sie auf diese 
Weise bestimmt und angewendet wird, ist somit ein vor- 
zügliches und einwandfreies Mittel, den von diesen Um- 
ständen abhängigen Einfluß des Frontbesitzes und der 
Tiefenverhältnisse bei der Bewertung und Verteilung des 
umgelegten Baulandes rechnerisch zu berücksichtigen. 

Die Hauptschwierigkeit für die wertgerechte Neuver- 
teilung des Baulandes ist damit gefallen. Denn was nun 
noch bleibt, die Berücksichtigung der absoluten Wert- 
verschiedenheiten, die eine Folge der verschiedenen Ver- 
kehrsbedeutung und des verschiedenen Charakters der 
neuen Straßen sind, ist lange nicht so schwierig, als es 
auf den ersten Blick scheint. Es handelt sich nämlich 
hierbei offenbar weniger um die richtige Erfassung der 
absoluten Höhe dieser Werte, als vielmehr um das gegen- 
seitige Wertverhältnis gleicher Grundstücke anden ver- 
schiedenen Straßen, und hierfür lassen sich aus dem 
Bebauungsplan allein und der Kenntnis der Verkehrsver- 
hältnisse genügend zutreffende Verhältniszahlen aufstellen. 
Selbstverständlich wird in vielen Fällen die tatsächliche 
Entwicklung von dieser Vorausberechnung mehr oder 
weniger abweichen; wenn aber hierdurch auch der eine 
oder andere Beteiligte einen größeren oder geringeren Vor- 
teil bei dem Verfahren findet, als der strengen Gerechtig- 
keit entspricht, so werden doch diese Ungleichheiten bei 
weitem nicht so groß und zahlreich sein, als die, welche 
ohne Umlegung der reine Zufall der örtlichen Lage her- 
vorruft. Denn es entspricht doch am allerwenigsten der 
Billigkeit, daß ein Grundstück, für das zufällig der Be- 
bauungsplan sehr günstig ausfällt, nun um so viel besser 
wegkommt, als ein anderes in vielleicht nächster Nähe, 
für welches der Bebauungsplan zufällig weniger günstig 
liegt. Das Umlegungsverfahren bietet daher immer noch 
bedeutend mehr Aussichten für eine gerechte Verteilung 
des durch die Baulanderschließung erzielten Vorteils, als 
ohne Umlegung der sorgfältigst aufgestellte Bebauungsplan 
allein bieten kann. 

Außerdem gibt es noch ein Mittel, diese unvermeid- 
lichen Schätzungsfehler möglichst unschädlich zu machen; 
es besteht darin, daß die neuen Grundstücke nach Mög- 
lichkeit an die Stelle der alten gelegt werden. Dies wird 
um so eher geschehen können, je mehr schon bei der Auf- 
stellung des Bebauungsplans auf eine günstige Lage der 
Besitzgrenzen zu den neuen Straßen die erforderliche Rück- 



137 



DER STÄDTEBAU 



sieht genommen wurde. Der Erfolg dieses Mittels ist der, 
daß alle von der späteren Entwicklung abhängigen nicht 
vorauszusehenden Vor- und Nachteile denselben Grund- 
stücken zufallen, denen sie auch ohne Umlegung zuteil 
geworden wären. Wenn man will, kann man daher auf 
die Berücksichtigung dieser durch die neuen Straßenanlagen 
entstehenden Wertverschiedenheiten, sofern sie nicht mit 
Sicherheit vorausbestimmt werden können, unter Um- 
ständen überhaupt ganz verzichten. Es kommt darauf an, 
ob man es als der Billigjceit mehr entsprechend ansieht, 
daß alle durch die bauliche Erschließung gewonnenen 
Vorteile der Gesamtheit dar Umlegenden zukommen, oder 
nur den Beteiligten, deren Grundstücke zufällig in Be- 
ziehung auf das neue Straßennetz die vorteilhafteste Lage 
haben. Im ersten Falle wird man die betreffenden Wert- 
verschiedenheiten bei der Verteilung berücksichtigen, im 
anderen Falle kann man davon absehen, sofern man nur 
den heuen Grundstücken möglichst die Lage der alten 
zuweist. 

Wie man sieht, lassen sich die Bewertungsschwierig- 
keiten bei dem beschriebenen Verfahren in jedem Falle 
so überwinden, daß berechtigte Bedenken wohl nicht mehr 
erhoben werden können. Es gibt übrigens noch andere 
Wege um diese Schwierigkeiten, besonders für die Neu- 
verteilung der Grundstücke zu vermeiden. Dies kann z. B. 
auf folgende Weise geschehen: Nachdem die Anteile der 
Gesellschafter, dem Werte der von ihnen zur Masse ein- 
gebrachten Grundstücke entsprechend, festgestellt sind und 
das Straßenland ausgeschieden ist, werden die einzelnen 
Baublöcke ganz beliebig in Baugrundstücke von der orts- 
üblichen und zweckdienlichen Größe eingeteilt. Diese 
Grundstücke versteigern dann die Beteiligten unter sich. 
Der Erlös wird nach Maßgabe der festgestellten Anteile 
unter die Gesellschafter verteilt. Dies Verfahren entspricht 
theoretisch den strengsten Anforderungen eines gerechten 
Ausgleichs; Wertbestimmungsschwierigkeiten gibt es dabei 
nicht. Die Beteiligten übernehmen dies Geschäft selbst; 
es ist jedem unbenommen, die einzelnen Grundstücke so 
hoch oder so niedrig einzuschätzen, wie es ihm beliebt. 
Praktisch wird allerdings derjenige, der die Verhältnisse 
am zutreffendsten zu beurteilen vermag, wahrscheinlich 
den größten Vorteil davontragen. Ferner würde es un- 
vermeidlich sein, mit Geld zu rechnen; wer mehr Land er- 
steigerte, als nachher seinem Anteil am Erlöse entspräche, 
müßte herauszahlen und umgekehrt. Ich möchte daher 
diesen Vorschlag auch nicht unbedingt empfehlen. 

Jedenfalls geht aus dem oben angeführten hervor, daß 
die technischen Schwierigkeiten, die das Umlegungsver- 



fahren bietet, sicherlich eine befriedigende und der For- 
derung eines gerechten Ausgleichs entsprechende Lösung 
finden können. Ebenso wenig, wie die Wissenschaft sich 
bei einem ignorabimus beruhigt, sondern an Hand der 
Hypothese und des Versuchs zu weiterer Erkenntnis fort- 
schreitet, ebensowenig darf der Technik eine Aufgabe als 
unlösbar erscheinen, solange nicht alle möglichen Mittel 
zur Lösung versucht sind. Einwürfe und Bedenken können 
daher, anstatt die Lösung zu hindern, nur dazu dienen, 
dem gesuchten Ziel mit besseren Mitteln und u. A. auf 
anderem Wege näher zu kommen. 

In diesem Sinne sind auch die von Sitte gegen die 
Umlegung aufgeworfenen Bedenken für die Sache selbst 
keineswegs nachteilig, sondern eher geradezu förderlich. 
Es ist nicht zweifelhaft, daß die bestehenden Umlegungs- 
gesetze sehr verbesserungsfähig sind und die bereits aus- 
geführten Umlegungen vielfache Mängel aufweisen. Um 
bessern zu können, ist es aber in jedem Falle zuerst nötig, 
die wunden Stellen bloß zu legen und Sitz und Ursache 
des Übels nachzuweisen. Den Freunden der Umlegung 
kann es daher nur recht sein, werfn dies von berufener 
Seite so gründlich wie möglich versucht wird. 

Zusammenfassend können wir zwei Forderungen auf- 
stellen, die ein Umlegungsgesetz enthalten muß, um be- 
rechtigte Ansprüche erfüllen zu können: 

1. Der als Vorbedingung des Verfahrens zu fordernde 
förmlich festgestellte Bebauungsplan muß so beschaffen 
sein, daß eine für die Bebauung günstigere Plangestaltung 
durch bessere Anpassung der Straßenzüge an die vor- 
handenen Eigentumsgrenzen unter gleichzeitiger Erfüllung 
der Bedingungen, die im Interesse des Verkehrs, der Ge- 
sundheit und der Schönheit zu stellen sind, nicht ausführ- 
bar ist. 

2. Der Anteil der Beteiligten an der Masse ist durch 
eine Einschätzung der Grundstücke nach dem vorhandenen 
Zustande festzustellen. 

Der Wert der neuen Masse ist zu ermitteln unter sorg- 
fältiger Berücksichtigung der verschiedenen Werte, welche 
die Baugrundstücke an den neuen Straßen infolge ihrer 
Lage, ihres Frontanteils und ihrer Tiefe haben werden. 

Die Masse ist so zu verteilen, daß die Werte der 
neuen Abfindungen, ermittelt wie im vorigen Absätze, in 
demselben gegenseitigen Verhältnisse stehen, wie die fest- 
gestellten Anteile der Beteiligten. Die neuen Grundstücke 
sind, soweit möglich, an derselben Stelle, wo die alten 
lagen, auszuweisen. 

Die Technik ist imstande, diese Forderungen zu er- 
füllen. 



DER WALD- UND WIESENGÜRTEL UND 
DIE HÖHENSTRASSE DER STADT WIEN. 



Die Ausführungen des Stadtbauinspektors H. Golde- 
mund in der Deutschen Bauzeitung Nr. 60, 9. Jahrg. bedürfen 
folgender Berichtigungen bezw. Ergänzungen: 

1. Die jetzt Höhenstraße genannte Aussichtsstraße 
ist im Wettbewerbe um den Generalbebauungsplan für 
Wien vom Jahre 1893 nicht allein von Stubben, sondern 
auch von Lasne und Heindl in München vorgeschlagen 



worden. Diese wollten gleichzeitig damit eine bequemere 
Verbindung einer Anzahl im Wiener Walde gelegener und 
durch Höhenzüge von einander getrennter Vororte unter 
sich herstellen, während jener lediglich eine ,,viale dei 
colli" zumeist auf der Höhenkote von + 280 m durchzu- 
führen beabsichtigte. Aus diesem Grunde hatte C. Sitte 
s. Zt. den Vorschlag von Lasne & Heindl als den besseren 



188 



DER STÄDTEBAU 



bezeichnet. Der Plan des Stadtbauamtes unterscheidet 
sich von beiden' Vorschlägen dadurch, daß er die Straße 
streckenweise noch etwas weiter nach dem Wiener Walde 
hinaufschiebt. 

2. Der Wald- undWiesengürtelistin seinem Grund- 
gedanken ebenfalls schon im Wettbewerbe um den Gene- 
ralbebauungsplane von 1893 und zwar vom Baurat Faß- 
bender vorgeschlagen worden, der einen breiten Gürtel 
Landes um Wien herum unverbaut lassen und mit öffent- 
lichen Parks und Gartenanlagen ausstatten wollte. Diesen 
Gedanken hat dann derselbe Verfasser in einem Druck- 
schriftchen „Ein Volksring für Wien" im Jahre 1898 



näher ausgeführt — unter Beigabe eines farbigen Planes. 
(Kommissionsverlag von R. Lechner [Wilh. Müller], k. u. k. 
Hof- und Universitäts-Buchhandlung). Der Plan des Stadtbau- 
amts schiebt diese Zone mit Grünanlagen unter Mitbenutzung 
vorhandener Wälder um etwa 1 bis i\U km weiter hinaus. 
Die erwähnten Wettbewerbspläne befinden sich sämt- 
lich, da sie mit Preisen ausgezeichnet waren, im Besitz 
der Stadtgemeinde Wien. Bei der großen Bedeutung, die 
nicht nur das Zustandekommen des großartigen Planes, 
sondern auch seine Entwicklungsgeschichte für den Städte- 
bau hat, wird die Zeitschrift die Angelegenheit in nächster 
Zeit noch ausführlicher behandeln. 




Gegen die STÄDTISCHE BAUWEISE bei ländUchen Kirchen-, 
Pfarrei- und Schulbauten wendet sich die großherzoglich sachsen- 
weimarische Regierung. Zunächst wird ausgeführt, wie durch die Ein- 
führung der städtischen Bauweise ein Mißverhältnis zwischen den öffent- 
lichen Bauten und der Örtlichkeit entsteht, wie beispielsweise ein einziges 
flaches Dach das Bild einer Ortschaft dauernd zu beeinträchtigen vermag. 
Es werden daher für die ländlichen Ortschaften die altbewährten steilen 
Satteldächer empfohlen. Bei zweistöckigen Schulhäusern soll im Ober- 
geschoß möglichst der althergebrachte Fachwerkbau angewandt werden. 
„Es erscheint angezeigt, daß beim Entwerfen von Dorfkirchen, Pfarreien 
und Schulhäusern ausdrücklich die Beachtung der üblichen Bauweise zur 
Pflicht gemacht und namentlich die Anwendung städtischer Bauformen 
untersagt werde. Bei Kirchenbauten wird zunächst festzustellen sein, was 
vom alten Bau etwa erhalten werden kann, und danach wird sich die 
weitere Entwurfsbehandlung zu richten haben. Die Freilegung der Kirchen 
durch Beseitigung alter Kirchhofsmauem, nahestehender Gebäude oder 
großer Bäume wird vorher genau zu prüfen sein, weil in vielen Fällen 
durch diese Freilegung die Erscheinung der Kirche nicht gehoben, sondern 
eher beeinträchtigt werden kann. Die Pfarrei soll an die Kirche zwar 
nicht unmittelbar angebaut, aber mit dieser, wenn tunlich, zu einer Bau- 
gruppe vereinigt werden, doch so, daß das Pfarrhaus mit seinen Naben- 
gebäuden nicht allzu sehr hervortritt. Es wird daher, namentlich wenn 
die Pfarrei zwei Stockwerke erhalten soll, sorgfältig zu beachten sein, daß 
die Gebäudehöhe im richtigen Verhältnis zur Höhe der Kirche stehe." 
Endlich wendet sich die Bekanntmachung noch gegen das Eisengitter, das 
städtisch sei. Die Gemeinden möchten lieber bei ihren Hof- und Tor- 
mauern oder Lattenzäunen bleiben. Manches in diesen Ratschlägen ver- 
dient deshalb Beachtung, als zahlreiche Dorfbilder davon zeugen, daß der 
Sinn für die Schönheit des Althergebrachten den Dörflern immer mehr 
verloren geht. Es fehlt eben an guten Vorbildern. Aus demselben Grunde 
hat der Regierungspräsident von Minden einen Wettbewerb ausgeschrieben 
zur Erlangung mustergültiger Entwürfe für die gebräuchlichsten ländlichen 
und bürgerlichen Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Die ausgewählten Ent- 
würfe sollen veröffentlicht und Baulustigen billig zugänglich gemacht 
werden. Die Regierung des Fürstentums Schaumburg -Lippe hat sich 
diesem Vorgehen angeschlossen. 



T>ER LETZTE GRÖSSERE PARK CHARLOTTEN- 

■*-^ BURGS ist leider dem Erdboden gleichgemacht, um Raum zu 
geben für moderne Bauten. Es ist das dem ebenfalls verschwundenen 
Floragarten gegenüber gelegene Grundstück der v. Wartenbergschen Familie, 
das mit seinem uralten Baumbestand und dem vornehmen, mit der Front 
nach dem Luisenplatze gerichteten Landhause unwillkürlich die Blicke des 
Vorübergehenden auf sich lenkte. Niemals ist der Wartenbergsche Park 
der Schauplatz großer Festlichkeiten gewesen wie der Florapark, niemals 
sind um ihn so visle Worte gefallen, wie um den jetzt gleichfalls aus- 
gerodeten und der Bebauung erschlossenen Park Witzleben. Doch jetzt 
macht er von sich reden, denn er dient als Zeuge für die außerordent- 
liche Steigerung, die in den letzten hundert Jahren die Preise für den 
Grund und Boden in Charlottenburg erfahren haben. Das etwa vierund- 
zwanzig Morgen große Grundstück bildete im achtzehnten Jahrhundert 
einen Teil des königlichen Küchengartens, der zum Schlosse gehörte. In 
den Nöten der Napoleonischen Zeit, also vor nunmehr hundert Jahren, 
verkaufte Friedrich Wilhelm III. das Grundstück für 4000 Taler'; jetzt ist 
es von einer Baufirma für zwei Millionen Mark erstanden, nachdem die 
Stadtgemeinde, die d»s Grundstückes zur Durchlegung der Kaiser Friedrich- 
straße bedurfte, bereits das Enteignungsverfahren eingeleitet hatte. Leider 
sind dabei die alten Bäume unnötiger Weise sämtlich vernichtet worden, 
imd auch der Fluchtlinienplan läßt zu wünschen übrig. 

"DERLINER VORORTSBAUPLÄNE. Die Bodengesellschaft 

•^-~^ am neuen botanischen Garten muß den Raum für zwei öffentliche 
Plätze frei hergeben. Der eine, 2,5 ar große Platz liegt am Eingange zum bo- 
tanischen Garten, der andere, 2,6 ar große, an der Potsdamer Provinzial- 
straße, deren Fluchtlinienplan gleichzeitig mit dem Bebauungsplane der Bo- 
dengesellschaft aufgestellt wird. Diese Straße erhält ohne Vorgärten eine 
Breite von 32 m. Die übrigen Straßen werden 18, 15 und I2 m breit. Zum 
Neubau der Brücke in der Moltkestraße und zum Umbau der Brücke an 
der Dahlemer Straße hat die Gesellschaft 75000 Mark Zuschuß zu leisten. 
Außerdem muß sie noch ein 5 ar großes Grundstück für Gemeindezwecke 
hergeben. Darin liegt ein gesunder Fortschritt. In der schärferen Heranziehung 
der kapitalistischen Bau- und Bodengesellschaften zu den Kosten der allge- 
meinen Einrichtungen neuer Gemeinden lieg^ ein gut StUck Städtebaureform. 



139 



DER STÄDTEBAU 



DASS GÄRTNERISCHE SCHÖNHEIT durchaus nicht immer 
erwünscht ist, wenn man ihr den Tummelplatz der Jugend opfert, 
kann man jetzt in der Gneisenaustraße zu Berlin sehen, deren breiter Pro- 
menadenweg nun auch auf der Südseite mit Blumen und Sträuchern be- 
pflanzt ist. Diese Seite mit ihren Sandhaufen diente bisher den schier 
zahllosen Kindern als sehr beliebter Spielplatz. Die Anwohner würden auf 
die Verschönerung gern verzichtet haben, zumal die Gneisenaustraße schon 
den Schmuck stattlicher Bäume besitzt. Jedenfalls müßte nun für einen 
besonderen Spielplatz gesorgt werden. 

DER BUND DEUTSCHER BODENREFORMER hat den 
Charlottenburger Magistrat um die Einführung einer Wertzuwachs- 
steuer, und die Sicherung des Wertzuwachses bei der künftigen Verwertung 
des städtischen Geländes im Grunewald gebeten und zwar durch eine pro- 
gressive Steuer auf den unverdienten Wertzuwachs, zunächst vom unbe- 
bauten Gelände und ferner dadurch, daß das der Stadt Charlottenburg als 
Entschädigung für die bei der Verbreiterung der Bismarckstraße erwach- 
senden Kosten zugefallene Gelände im Grunewald nicht, wie beabsichtigt, 
aufgeteilt und veräußeit, sondern nur in einer Form an Baulustige fort- 
gegeben wird, die der Stadt den zukünftigen \Vertzu:vachs sichert. Zur 
Begründung wird u. a. folgendes ausgeführt : Die Anhäufung der Bevöl- 
kerung in den Großstädten hat eine Reihe von Anforderungen an die Ge- 
.meinden gestellt, die in kleinen Orten nicht vorkommen. Die Stadtver- 
waltungen müßten daher nach geeigneten Steuerobjekten suchen. Eine 
Steuerquelle, welche niemand belastet, sondern nur die durchaus ungerecht- 
fertigte Bereicherung von einzelnen auf Kosten der Arbeit anderer ein- 
schränkt, erblicken die Bodenreformer in der Besteuerung der arbeitlosen 
Wertsteigerung, die den Besitzern des städtischen Bodens durch die zu- 
nehmende Bevölkerung zufällt. In Charlottenburg sei der \Vert des Grund 
und Bodens und der Gebäude in den Jahren 1865 bis 1903 von 16 auf 
994 Millionen Mark gestiegen. Ferner heißt es; Die der Stadt verkauften 
400 Morgen Gelände im Grunewald seien als Bauland nach Verlauf von 
vielleicht zehn Jahren auf insgesamt 60 ooo 000 Mark zu bewerten. Diesen 
künftigen Wertzuwachs würde die Stadt beim Verkauf in die Tasche von 
einzelnen Besitzern fliessen lassen. Würde von einer Veräußerung des 
Geländes abgesehen, so sei für die Verzinsung und Tilgung der Kosten 
der Bismarckstraße anderweitige Deckung zu schaffen. Diese ergäbe sich 
aus der vorgeschlagenen Steuer vom unverdienten Wertzuwachse, deren 
Erträge die erforderlichen Summen mit Leichtigkeit liefern, auch wenn 
nicht, wie in Frankfurt a. M., bis zu 20 v. H. in Ansatz kämen. 

r:* EGEN DIE GERADEN HÄUSERREIHEN. Die Münchener 
^^ Architekten haben sich gegen die Langweile der geraden Häuserreihen 
in einer Eingabe an die zuständige Behörde gewendet. Es wird darin 
nach der ,, Deutschen Bauhütte" empfohlen, die BauUnie nicht mehr genau 
parallel mit der Straßenflucht zu führen, sondern ihr ein eigenes Leben zu 
gönnen, um Giebel und Erker des Hauses durch Hochführung kräftig be- 
tonen zu können. Deshalb wird in der Eingabe vorgeschlagen, eine Min- 
destbreite der Straßen festzusetzen — für Verkehrstraßen 18 Meter, für 
Wohnstraßen 10 Meter — aber den einzelnen Grundstucksbesitzer nicht 
unbedingt zu zwingen, seinen Bau bis an die Grenze heranzurücken. Viel- 
mehr soll man dem Besitzer gestatten oder ihm geeignetenfalls sogar vor- 
schreiben, den Neubau mit seiner Front mehr oder weniger hinter die 
Straßenfluchtlinie zurückzulegen, sodaß also das ganze Straßenbild mehr 
Leben erhält und durch diese freie Beweglichkeit die einzelnen Bauten 
auf eine charakteristische räumhche Wirkung berechnet werden können. 
Gleichzeitig wäre dann der Architekt auch in der Ausbildung der Giebel 
und Aufbauten nicht mehr so sehr durch die Vorschriften über die Ge- 
bäudehöhen beengt. Der Platz, der durch das Zurücktreten eines Hauses 
entsteht, bleibt im Besitze des Hauseigentümers, der einen gewissen 
Prozentsatz mit Freitreppen, Erkern oder Terrassen überbauen darf, während 
der Rest zum Fußgängersteig gezogen wird. 

■^J ach Verhandlungen mit den Ministerialinstanzen sind in DÜSSEL- 
DORF große öffentliche Bauten geplant, die für das Stadtbild von 
Bedeutung werden. Die Grundstücke für diese Bauten scheiden sich in 
zwei Gruppen. Zunächst besitzt die Stadt auf dem Gebiete der ehemaligen 
Ausstellung ein großes Baugelände, auf dem sich eine Villenvorstadt er- 



heben soll, die den auf dem Ausstellungsgelände zu schaffenden Kaiser- 
Wilhelm-Park an der Ostseite einrahmen soll. Hier werden sich, und zwar 
beginnend an der Stelle, wo im Jahre 1902 die große Maschinenhalle stand, 
folgende große Neubauten erheben : An der Ecke der Krefelder Straße zu- 
nächst die Dienstwohnung des Regierungspräsidenten im Stile des Benrather 
Schlosses. Daneben in zwei großen Blöcken das neue Regierungsgebäude, 
das bedeutend größer wird, als das Oberlandesgerichtsgebäude, das sich 
an das Regierungsgebäude anschließen soll. Diese drei Bauten nehmen 
die ganze Länge zwischen der Krefelder Straße und der Klever Straße ein. 
An der gegenüberliegenden Ecke der Klever Straße wird die Dienstwohnung 
für den Oberlandesgerichtspräsidenten errichtet, die dann die erste Villa 
des neuen Villenviertels wird. Sobald das Dienstgebäude der Regierung 
und die Dienstwohnung des Präsidenten fertiggestellt sein werden, wird 
der Teil des jetzigen Regierungsgebäudes an der Mühlenstraße in der Alt- 
stadt, in dem sich die Dienstwohnung des Präsidenten befindet, nieder- 
gelegt, und auf diesem sehr großen Grundstück, das auch einen herrlichen 
alten Park enthält, ein neues Gebäude für das Land- und Amtsgericht 
Düsseldorf errichtet und zwar für die Zivilgerichtsbarkeit, während die 
Strafgerichtsbarkeit in dem alten Gerichtsgebäude am Königsplatze bleibt. 
Sodann fehlt noch ein der Stadt würdiges Rathaus, das anstelle des gegen- . 
wärtigen errichtet werden dürfte. 

PREISAUSSCHREIBEN ZUR UMGESTALTUNG DES 
MÜNSTERPLATZES IN ULM an alle deutschen Architekten. 
Verlangt wird die Einzeichnung gärtnerischer und architektonischer Vor- 
schläge in den Lageplan, ein Schaubild und, soweit dies zur Begründung 
der Vorschläge nötig ist, ein Erläuterungsbericht. 

Ablieferungstermin: i. Januar 1906. 

Preise: 3000, 1500 und 1000 Mark. 

Preisgericht: Professor Th. Fischer-Stuttgart, Professor C. Hocheder- 
München, Geh. Oberbaurat Professor Hofmann-Darmstadt und Oberbürger- 
meister Wagner sowie Dekan Knapp in Ulm. 

IN DEM WETTBEWERBE, DIE STADTERWEITE- 
RUNG VON KARLSRUHE betreffend, der bekanntlich auf 
Karlsruher Fachgenossen beschränkt war, hat das Preisgericht folgende 
Preise verteilt: 2500 Mark an Professor H. Billing und W. Vittali, 1500 
Mark an Betriebsdirektor E. Giebne und Architekt E. Deines, je 1000 Mark 
an Professor A. Neumeister, an Regierungsbaumeister M. Weizel zusammen 
mit Ingenieur-Praktikant E. Bronner und an Professor B. Koßmann. 

I "\ie Stadt MORS hat zur Erlangung von Bebauungsplan-Skizzen 
^•^ für die, einen großen Teil der Innenstadt ausfüllenden Parkanlagen 
einen engeren Wettbewerb ausgeschrieben und zu diesem die Herren Stadt- 
bauinspektor Aengeneyndt-Hannover, Architekt Bonatz-Stuttgart, Obergeo- 
meter Halbach-Köln, Regierungsbaumeister Hercher-Münster in W., Pro- 
fessor Pützer- Darmstadt, Architekt Schreiterer-Köln und Gartendirektor 
Trip-Hannover eingeladen. Außer einer jedem Bewerber zu zahlenden 
Entschädigung von 300 Mark sind Preise im Betrage von 1000, 750 und 
500 Mark vorgesehen. Das Preisgericht besteht aus den Herren Bürger- 
meister Craemer-Mörs, Professor Frentzen-Aachen, Landrat a. D. Dr. John 
von Haniel-Schloß Landonvillers, Kreisbaumeister Lauken-Mörs, Stadtbau- 
meister Rößler-Mörs, Geheimer Regierungsrat Professor Schupmann-Aachen 
und Ober- und Geheimer Baurat Dr. ing. Stübben-Berlin. Die Skizzen im 
Maßstabe r : 1250 sind bis zum 29. Oktober, mit einem Kennworte ver- 
sehen, einzureichen. Alle Entwürfe gehen in das Eigentum der Stadt 
Mors über, die sie für ihre Zwecke nach Gutfinden benutzen kann. 

Auf die Vorgeschichte dieses Wettbewerbes zurückzukommen, behalten 
wir uns noch vor. Es ist ein reiner Ideenwettbewerb, der hohe Anforde- 
rungen an die Selbstverleugnung der Bewerber stellt, zumal im Preis- 
gerichte sich nur ein Städtebauer von Ruf befindet. 



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2. Jahrgang 



1905 



11. Heft 




ManAT^5CnRIFT' 

FÜR- DiE- KÜNSTLElZlSaiEAUJöESrAb 
TUNQ DER STÄDTE • h ACM- iHREISWiRT 
SCMAFTÜCMEN- QESUNDHEITÜQIEN- UNO 
SOZlALENöRUND^TZENiGEGRÜNDETVON 

THEODOR finrcKr- c^MiLLo ^iTr 




INHALTSVERZEICHNIS: Vom Städtebau in Amerika und Asien. Mit sieben Planskizzen. Von Otto Bartning. - Berliner Wohnbaublöcke. 
(Fortsetzung und Schluß). — Soziale und wirtschaftliche Vorarbeiten für Stadterweiterungspläne. Von Dr. Ing. Forbät, Frankfurt a. M.-Budapest (Fort- 
setzung und Schluß). — Chronik. 

Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schriftleitung verboten. 

VOM STÄDTEBAU IN AMERIKA UND 
ASIEN. MIT SIEBEN PLANSKIZZEN. 

Von OTTO BARTNING. 



Vielerlei bekommt der Weltreisende zu sehen und 
vielerlei kann er erzählen. Doch würde ich solches Er- 
zählen in den vorliegenden Heften, die mit ernster Arbeit 
so bestimmte Ziele verfolgen, kaum vsragen, wenn ich nicht 
hoffte, für den Weg zu eben diesen Zielen einiges Inter- 
essante geben zu können. Die beigefügten Planskizzen 
habe ich teils nach der „Jeografia descriptiva de Chile por 
Enr. Espinoza", teils nach „John Murrays Handbüchern" 
ausgearbeitet. Bei der vielleicht etwas sprunghaften Aus- 
wahl der Beispiele ließ ich mich natürlich durch den eigenen 
Reiseweg und die Rücksicht auf längeren persönlichen 
Aufenthalt bestimmen. 

Was mir die Pläne der Betrachtung wert erscheinen 
ließ, ist die Möglichkeit, an ihnen zu beobachten, wie die 
Kultur im Orient unabhängig von uns ihre Städte aus- 
gebildet und wie unsere eigene Kultur auf dem freien und 
gesetzlosen Boden Amerikas sich entwickelt hat. 

Valparaiso (Abb. a, Doppeltafel 8i 82) wurde 1543 von 
Pedro deValdivia, dem Abgesandten und Statthalter Pizarros, 
gegründet als „Hafen für den Handel des Landes und der Stadt 
Santiago". Die ältestenTeile derStadt haben wirwohl im Süd- 
westen zu suchen; an der schmalen Küste entlang, und in die 
Talöffnung im Südosten hinein entwickelte sie sich allmählich 
und ist heute einer der bedeutendsten Hafenplätze an der 
Westküste. Die von der Natur mit heilsamem Zwange 
gestellten Aufgaben sind folgerichtig gelöst. Lang hin- 
gezogene Straßenzeilen folgen der Meeresbucht, fließen 
ineinander, wo die Hügel sich dem Wasser nähern, teilen 
und erweitern sich zu Promenaden, wo jene zurückweichen. 



Die Hügel sind entweder von bedeutenden Gebäuden 
bekrönt oder steile Gassen ziehen sich mit geschickten 
Windungen hinauf, die unwegsamen, von Regenströmen 
zerrissenen Schluchten bleiben unbebaut. Freilich bei der 
Mündung des Flusses (im Südosten des Planes), wo die 
Berge eine kleine Ebene gegen die See offen lassen, zeigt 
sich sofort die Neigung zu schematischer Quadrierung der 
Häuserblöcke. 

Unbeschränkter noch konnte diese Neigung sich weiter 
landeinwärts in der großen Ebene am Fuße der Anden 
entwickeln, wo der schon genannte Eroberer Pedro de 
Valdivia im Jahre 1541 Santiago, die jetzige Hauptstadt 
Chiles, gründete. Er legte zunächst 10 Straßen von Ost 
nach West und 8 von Nord nach Süd an. Eines der 
Gevierte blieb frei, die „Plaza", auf der allabendlich zur 
Musik die zum Flirt fähige Bevölkerung der Stadt ,, prome- 
niert", sich vorführt, wie das Fremdwort es hübsch 
bezeichnet. Solche Plaza, in der Mitte angepflanzt, von 
einem breiten Weg und Bänken umzogen, fand ich in 
jeder Stadt, in jedem Dorfe. Diese an sich schöne Bauan- 
lage, die gefälligen Sitten, die ihr entsprechen, auch einen 
gewissen monumentalen Barockstil für die Kathedralen 
und öffentlichen Gebäude hat das Mutterland seinen Kolo- 
nisten damals mitgegeben, offenbar aber wenig von der 
Städtebaukunst, die doch gleichzeitig in der alten Welt 
Anlagen entstehen ließ, die für uns heute vorbildlich sind. 

Wohl das traurigste Bild von diesem Mangel liefert unsere 
zweite Abbildung b derselben Tafel, der Plan von Iquique, 
Es besteht seit der spanischen Einwanderung, hat aber erst 



141 



DER STÄDTEBAU 



mit der vom Jahre 1887 ab schnell sich steigernden Ausbeu- 
tung der Salpeterwüsten einen Aufschwung genommen, der 
wohl gerade durch seine Schnelligkeit diese gedankenlose 
Stadtanlage hervorgebracht hat. Nimmt man hinzu, daß 
Iquique in einem Landstriche liegt, wo seit 10 Jahren kein 
Tropfen Regen gefallen und kein grünes Blatt aufgesproßt ist, 
wo auf der Plaza nur drei kümmerliche Bäumchen auf Stadt- 
kosten erhalten werden, wo man auf Holzstegen durch die 
Straßen geht, um nicht knöcheltief im Flugsande zu waten, 
so wird man sich vielleicht einen Begriff machen von 
dieser Stadt von 33000 Einwohnern, erbaut im Sonnenbrand 
auf Wüstensand, man wird sich aber auch sagen, wie 
völlig gedankenlos es war, die Stadt dem gefürchteten 
Wüstenwind und dem Sonnenbrand in dieser Weise zu 
öffnen. 

England z. B. hat zum Schutze gegen die Tropensonne 
viele Straßen Hongkongs als schmale Schachte angelegt 
zwischen ununterbrochenen Lauben, über denen fünf- und 
sechsstöckige Gebäude sich erheben. 

Nicht viel geistreicher als der Grundriß Iquiques ist 
der Limas, der sonst so herrlichen Hauptstadt Perus und 
Gräbstätte Pizarros, oder des heute wieder vielgenannten 
Fiebernestes Panama. 

Auch der nicht ausschließlich spanische, der gemischte 
Einbruch der Goldsucher nach Californien, brachte nichts 
Besseres hervor. 1776 gründeten Franziskaner an der 
Stelle des heutigen San Franzisko die „Mision dolores"; 
eine Militärkolonie schloß sich an. 1833 verfiel die Missi- 
onsstation, es blieb eine kleine Ansiedlung von Abenteurern, 
die 1848 mit beginnender Einwanderung der Goldsucher 
auf 1000 Köpfe anwuchs. Vier Jahre später, 1852, zählt 
San Franzisko schon 35000 Einwohner, und heute das Zehn- 
fache. Und was hat auch hier der unnatürlich schnelle 
Aufschwung gezeitigt? Gedankenloseste Quadrierung. Alle 
durch den Boden gegebenen Motive sind versäumt; wie 
ein nasses Tuch scheint das gleichmäßige Netzwerk über 
die Hügel der schönen Halbinsel herabgesunken, so daß 
zuweilen zwei steilabfallende Straßen sich rechtwinklig 
überkreuzen, nur die Kreuzung selbst horizontal lassend. 
Sausen durch beide noch elektrische Bahnen in amerika- 
nischem Zeitmaße herab, so wird der Verkehr der Stadt 
dadurch nicht eben angenehmer oder schöner. Diese Qua- 
drierung ist vielleicht auf die ursprüngliche Gassenteilung 
des Blockhauslagers, jedenfalls auf die völlige Ideen- und 
Lieblosigkeit dieser nur auf schnelle materielle Bereiche- 
rung erpichten Ansiedler zurückzuführen und wirkt schon 
dadurch abstoßend. 

In der Wirkung selten besser, der Beachtung aber eher 
wert ist eine solche schematische Anlage, wenn mit eben 
diesem Schema ein gewisser Gedanke sich verbindet. (Man 
erinnere sich an Städte wie Mannheim oder Karlsruhe.) 

Von Kyoto, der alten Hauptstadt Japans, erzählt die 
Geschichte, daß es an Stelle eines kleinen Fischerdorfes 
in den Jahren 793/94 "• Chr. ziemlich plötzlich emporwuchs, 
als der damsdige Mikado seine Residenz von Nara dorthin 
verlegte. „Bei der ersten Anlage maß der Stadtgrund 
nahezu 3 (engl.) Meilen von Ost nach West und ungefähr 
3'/, Meilen von Nord nach Süd. Der Palast, der beiläufig ein 
Fünfzehntel des Stadtgebietes einnahm, lag in der Mitte der 
Nordseite, und eine schöne 280 Fuß breite Straße führte 
vom großen Tor hinab zum südlichen Stadttore. Neun 
breite Straßen teilten die Stadt von Ost nach West, die 



breiteste von ihnen 170 Fuß, die schmälste etwas weniger 
als die Hälfte messend." Was aus dieser immerhin groß 
gedachten Anlage im Lauf der Jahrhunderte, erleichtert 
durch häufige Feuersbrünste, geworden ist, zeigt die kleine 
Skizze Abbildung c. Der Geist ist verschwunden, das 
Schema ist geblieben. 

Nicht solcher plötzlichen Gründung, sondern allmäh- 
lichemWachstum verdankt Tokio, die heutige Hauptstadt des 
Kaiserreiches, seine Entwicklung. 1456 ward Yedo an der 
Stelle eines Fischerdorfes als Seefeste begründet und rückte 
1590 zum Sitz des Shogunats, der militärischen und ver- 
WEdtenden Obermacht, auf, während Kyoto Residenz des 
Mikados und damit der Hierarchie blieb. Mit der wach- 
senden Macht der Shogune dehnte Yedo sich aus und 
wurde endlich 1868, im Jahre der großen Restauration, 
als der jetzige Mikado den letzten Shogun gewaltsam ab- 
setzte und das Land der europäischen Kultur öffnete, aus 
Yedo zu „Tokio", der „Hauptstadt des Ostens" (Abb. d.) 

Gibt nicht schon der Grundplan gewissermaßen den 
Typus der Residenz mit seinem Palastgebiet im Mittel- 
punkte? Wassergraben und starke Bollwerke umschließen 
den Palast und ein ausgedehntes, grün angepflanztes Ver- 
teidigungsfeld, das im Notfall alle Einwohner aufnehmen 
soll. Beiläufig eine Viertelstunde fährt man in der Rick- 
shah von Tor zu Tor. Fürstliche Mausoleen, Shogungräber 
verhalfen der Stadt zum Shibapark (im Südwesten) und 
zum Uenopark, einem bewaldeten Hügel am Rande des 
Shinobazu no ike, eines Lotosteiches. Im Schatten des 
Parkes liegen friedliche Grabstätten von Shogunen, ein 
buddhistischer Tempel und eine Buddhastatue, eine fünf- 
stöckige Pagode, ein Museum, die Akademie der Künste, 
sowie Teehäuschen und Bazare, allnachmittäglich belebt 
von der kindlich vergnügungslustigen Bevölkerung. 

In 15 Stadtteile ist die Häusermasse recht übersicht- 
lich eingeteilt durch Wasserarme oder breite Straßen. 
Man beachte, wie die Straßenbreite sich dem Verkehrs- 
bedürfnis in lebendigem Wechsel anpaßt. Und daß dieser 
Verkehr an manchen Stellen ganz bedeutend ist, wird man 
begreifen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Tokio 
gegen 2 Millionen Einwohner zählt. Die innere Aufteilung 
der einzelnen Stadtviertel ist interessant; Versetzung der 
Straßenmündungen gegeneinander, deren Vorteil für den 
Verkehr wir erst jetzt wieder zu erkennen beginnen, sieht 
man vielfach angewandt. Es sei mir erlaubt, mit kurzem 
Seitensprung auf die Anwendung derselben Straßenverset- 
zung schon im alten Pompei hinzuweisen. 

Am glattesten durchgeführt ist dieser Gedanke der großen 
Einteilung und kleinen Aufteilung zu sehen an Abbildung a, 
Tafel 83, dem Plane von Kalkutta, das mir überhaupt das 
am unmittelbarsten lehrreiche Beispiel zu sein scheint. 

Die kürzeste Verbindung von Punkt zu Punkt, vie sie 
auf größere Strecken der Verkehr fordert und immer 
fordern wird, bleibt die gerade Linie. Dem entsprechen 
die geraden oder leicht geschwungenen Hauptstraßen, die 
sich auf unserem Plane deutlich abheben und in Wirk- 
lichkeit dem Stadtbilde große, bedeutende Perspektiven 
geben. Zwischen ihnen bleiben große Blocks (ähnlich 
unsern Berliner Riesenblocks), die aber hier in der inter- 
essantesten Weise aufgeteilt sind. Der Durchgangsverkehr 
wird solches Gewinkel nie aufsuchen, darum bleiben diese 
Blöcke stille Inseln inmitten der großen Ströme; ja sogar 
gegen Einblicke sind sie geschützt durch einen ersten Knick, 



142 



DER STÄDTEBAU 



mit dem, wie man erkennen wird, die Gassen häufig von 
der Hauptstraße aus beginnen. Der innere Verkehr in 
diesen schmalen Gassen aber ist durch all die Kunstgriffe 
und Motive, die wir unsern alten Städtchen in jüngster 
Zeit wieder ablernen, möglich und angenehm gemacht. 

Die große unbebauteFläche im Umkreis desForts, mitder 
zusammen das Stadtgebiet zwischen Ringkanal, Ringweg 
und Gangesfluß 23 qkm beträgt, ist mit ihren herrlichen Alleen 
und weitausgedehnten, englischem Bedürfnis entsprechen- 
den Sportfeldern nicht minder bemerkenswert für uns. 

Wie jedoch andern Ortes europäische Kolonisten eine 
Stadt dem Gelände anzupassen wußten, dafür gibt Abbil- 
dung b ein betrübendes Beispiel. Rangoon wurde 1852 
gegründet und ist heute mit seinen 200000 Einwohnern der 
Hauptausfuhrhafen Burmahs. Aber was hat solches Schach- 
brett aus vollen und angesägten Rechtecken zu tun mit 
dieser herrlichen Halbinsel am Zusammenfluß zweier großer, 
schiffbarer Ströme? 



Um nicht mit solch traurigem Beispiel zu schließen, 
bitte ich Abbildung c, dem Plane der altindischen Königs- 
stadt Delhi einige Aufmerksamkeit zu schenken; ich muß 
an mich halten, um jetzt nicht zu schwärmen von den 
Kostbarkeiten der hochgelegenen Königsburg, von Indra- 
pat, Ferozabad und den andern tausendjährigen Trümmer- 
stätten rundum, von den märchenhaften Bazaren der Stadt, 
in den?!n man um tausend Jahre sich zurückversetzt fühlt. 
Ich erwähne nur, was diese Stadt für unser Thema inter- 
essant macht, und das ist die Art und Weise, wie sie die 
ihr gestellten Aufgaben gelöst hat. Es handelt sich um 
eine Festung. Von den Toren strahlen die Karawanen- 
und Heerstraßen ins Land hinaus, die äußere und innere 
Verbindung der Tore untereinander ist hergestellt, die 
Häuserblocks zwischen den innern Verkehrsadern sind in 
der zuvor besprochenen Weise aufgeteilt, kurz die durch 
Wall und Graben gegebene Aufgabe ist glatt und einfach 
erfüllt. 



BERLINER WOHNBAUBLOCKE. 



(Fortsetzung und Schluß aus Heft 10). 



Die Mittel zur besseren oder anders gearteten Ausnutzung 
bestehen in der Einlage von Zwischenstraßen, sei es nun 
öffentlichen oder Privatstraßen, undvonWohnhöfenverschie- 
dener Art, in der Einbuchtung der Baufluchtlinie und in der 
hufeisen- oder mäanderförmigen Gestaltung der Straßenfront. 

Das einfachste Mittel bestände ja in der Einziehung 
von öffentlichen Zwischenstraßen und zwar da, wo 
kleine Wohnungen errichtet werden sollen, in solcher An- 
zahl, daß möglichst nur Vorderhäuser entstehen. Darauf 
hat Professor Messel zuerst hingewiesen, allerdings gleich 
mit der Einschränkung, daß, wenn der an diese Aufteilungs- 
straße abzutretende Boden bereits als Bauland bezahlt 
worden sei, die Ausführung dieses Gedankens meist un- 
möglich sein würde. Doch nicht allein dadurch. Wie 
die vergleichende Berechnung für einen beliebigen Bau- 
block ergibt, geht dabei auch soviel an Wohnfläche ver- 
loren, daß die Bebauung des ungeteilten Blockes (mit nur 
°/ro der inneren Zone) für den Besitzer immer vorteilhafter 
bleibt, obwohl sich durch passend gelegte Zwischenstraßen 
die 5/10 Bebauung völlig in eme '/, Bebauung umwandeln 
ließe. Aus demselben Grunde hat auch die von der Bau- 
ordnung gewährte Möglichkeit, " ,0 der inneren Zone zu 
bebauen, wenn die Bauhöhe 10 m nicht übersteigt, wenig 
Aussicht auf allgemeinen Erfolg, denn hierbei verliert man 
sogar noch mehr an Wohnfläche. Die nachträgliche Ein- 
ziehung öffentlicher Zwischenstraßen ist also für den Grund- 
besitzer ein schlechtes Geschäft. Dieses Mittel wird daher 
nur unter besonders günstigen Umständen in Frage kommen, 
z. B. bei der Durchführung bereits vorhandener Sack- 
straßen, wie der gegenwärtig hinter der Apostelkirche 
nach der Frobenstraße hin durchgeführten Querstraße. 
Dann überhaupt für bessere Wohnungen, deren Mietertrag 
den kostspieligenStraßendurchbruchbezahltmacht. Nament- 
lich der Drang nach Einfamilienhäusern, den alle Groß- 
stadtsucht auch in Berlin noch nicht hat ersticken können, 
wie die Sackgassen auf den früher Kielganschen Ländereien 
an der Kurfürsten-, Derfflinger- und Maaßenstraße beweisen. 
Diesem Drange folgend, ist seinerzeit auch die Englische 



Straße in Charlottenburg als öffentliche Straße angelegt 
und an einer Seite mit kleineren Reihenhäusern bebaut 
worden. Da aber die Breite der Straße eine höhere Be- 
bauung gestattet, sind auf der gegenüberliegenden Seite 
später die üblichen Mietkasernen entstanden. 

In dem für eine niedrigere Bauweise mangelnden 
Schutze mag auch der Grund liegen, daß eine an der 
Marchstraße entstandene Reihe von Dreifensterhäusern 
keine weitere Fortsetzung gefunden hat. 

Anders liegt es mit der Aufteilung durch Privat- 
straßen. Diese werden im baupolizeilichen Sinne jetzt 
als Höfe angesehen. Welche Tücken ihre Anlage in- 
folgedessen in sich birgt, hat die voraufgegangene Mit- 
teilung des Herrn Regierungsbaumeisters Goldschmidt auf- 
gedeckt. Trotzdem bildet sie oft den einzigen Ausweg, 
um den üblichen schematischen Gartenwohnungen zu ent- 
gehen. Ein vornehmes Beispiel mit herrschaftlichen Miet- 
wohnungen, bietet dafür die von der Baugesellschaft ,, Pots- 
damer Straße" angelegte (Architekten Cremer & Wolffen- 
stein), und von der Potsdamer Straße No. 121 ausgehende, 
im Haken nach der Lützowstraße umgeknickte Privatstraße, 
deren Lageplan hier mit einer Naturaufnahme auf Tafel 74 
(siehe Heft 10) viedergegeben wird. Die Straße stößt dicht 
an die rechtseitige Nachbargrenze, gegen deren Bebauung 
mit einer hohen, kahlen Grenzmauer die schöne Anlage aller- 
dings nicht gesichert erscheint. Hoffentlich übt der Fiskus als 
glücklicher Besitzer des anstoßenden Parkgrundstücks 
nachbarliche Rücksicht. Der Straßendamm ist etwa 4 m 
breit und hat vor den Hauseingängen Ausbuchtungen zum 
Vorfahren, die den Fußsteig unterbrechen, wodurch sich 
aber bei dem geringen Verkehr einer derartigen Straße, 
keine Übelstände ergeben haben. Die Vorgärten bilden 
streckenweise zusammenhängende, größere Flächen, da 
die Bebauung bis an die linksseitige Nachbargrenze heran- 
gerückt ist. Der Ausgang nach der Lützowstraße bildet 
eine überbaute Toreinfahrt. 

Ist diese Anlage eine einseitige, so stellt der Goethe- 
park in Charlottenburg (von der Schöneberger Baugesell- 



143 



DER STÄDTEBAU 



Schaft gegründet) eine beiderseitig bebaute Anlage in ein- 
facherer Ausflihrung, für Mittelwohnungen, ohne Vor- 
gärten dar, so daß ein Wohnhof entstanden ist mit Mittel- 
garten und seitlichen Fahrwegen nebst Fußsteigen — Ein- 
und Ausfahrt dieses Wohnhofes sind überbaut. Während 
im ersten Beispiele die Bebauung noch mit der üblichen 
Haustiefe durchgeführt werden konnte, bilden hier durch- 
gehende Seitenflügel eine Bebauung mit halben Haustiefen, 
also eine aus gesundheitlichen und wirtschaftlichen Grün- 
den ungünstigere Bebauung, ohne Querlüftung und mit den 
Kosten einer hohen und nur einseitig genutzten Grenz- 
wand belastet. Nur besondere Umstände können eine der- 
artige Anlage rechtfertigen, die nur der Vorzug gewährt, 
daß sie in ihrer Abgeschlossenheit nicht durch die Be- 
bauung der Nachbargrundstücke geschädigt werden kann. 
In ähnlicher Weise ist das unregelmäßig geformte Hinter- 
land zwischen der Hussiten- und der Strelitzer Straße 
vom Vaterländischen Bauvereine für Kleinwohnungen 
ausgenutzt worden — die Versöhnungsstraße geht mit- 
ten hindurch, versöhnt aber nicht mit den noch be- 
sonders flach geratenen Räumen der Seitenflügel -Bauart. 
Besser ist die Aufgabe für größere und Mittel -Wohnungen 
in einer älteren Anlage, in Riehmers Hofgarten, gelöst, 
der von der Yorkstraße 84 bis zur Hagelsberger Straße 10 
reicht und eine Abzweigung nach der Großbeerenstraße 
hat. Nach der Hagelsberger Straße hin ist die Anlage 
ganz offen, wie eine öffentliche Straße und mit Vorgärten 
ausgestattet; nach der Großbeerenstraße und nach der 
Yorkstraße hin sind die Öffnungen als hohe Einfahrten 
überbaut und die Hofstraßen mit Grünanlagen in der Mitte 
geschmückt. Die seitliche Bebauung ist eine zum Teil 
hufeisenförmige mit gärtnerisch behandelten Vorhöfen. 
Im Ganzen eine großzügige Anlage, in der die Zusammen- 
legung der Höfe zur einheitlichen Wirkung gebracht ist. 
Ein weiteres Beispiel bildet die wieder einseitige Bebauung 
mit kleinen zweistöckigen Wohnhäusern (Abb. auf Tafel 76) 
auf dem Grundstücke Prinzenalle 46a, die durch größere 
Vorgärten von dem an der gegenüberliegenden Grenze ent- 
lang geführten Fahrwege von nur 2,3 m Breite nebst dem 
Fußsteige getrennt sind. Diese Straße endet als Sackgasse 
mit einem Wendeplatz. (Architekten Salinger & Breslauer, 
deren Gefälligkeit die Abbildung zu verdanken ist). 

Eine der ersten in Berlin entstandenen Privatstraßen 
war die Hildebrandtstraße, zwischen Tiergarten- und Kö- 
nigin-Augustastraße mit etwa 5 m Dammbreite und je 1 m 
breiten Fußsteigen an den Vorgärten, die anfangs nur eine 
niedrige Bebauung mit z. T. freistehenden bescheidenen 
Häuschen gezeigt hat. Diese Straße war in der Absicht 
angelegt, sie später der Stadt als öffentliche Straße zu über- 
eignen. Aus welchem Grunde es dazu nicht gekommen 
ist, mag ebenso dahin gestellt bleiben, wie die Beantwor- 
tung der Frage, ob nicht die auffällige Tatsache, daß sie in 
den letzten Jahren eine höhere Bebauung erhalten hat, damit 
im Zusammenhange steht?! Zur Unterhaltung dieser Straße 
ist jeder der darin wohnenden Eigentümer mit verpflichtet. 
Das Bedürfnis nach einer weitergehenden Aufteilung, hat 
aber auch zu anderen Lösungen geführt, die nicht ohne Reiz 
sind, zu Wohnhöfen mit nur einer Zufahrt, z. B. dem in der 
Potsdamerstr.113 und noch besser in derGenthinerstr.il an- 
fangs der siebziger Jahre vorigen Jahrhunderts von E. Klin- 
genberg mit Wendeplatz und Hausgärten angelegten, in 
ruhiger Zurückgezogenheit mit Einfamilienhäusern, die 



Vor- und z. T. auch Hintergärten haben (siehe Tafel 75, 
Abb. a u. b). In neuerer Zeit ferner z. B. zu der Sackgasse 
mit Wendeplatz, von der Tiergartenstr. 7/8 ausgehend, in den 
großen Gärten wohlhabender Grundbesitzer, die aber noch 
nicht reich genug zu sein scheinen, um sich ihre Gärten unge- 
schmälert zu erhalten. Landhausartige Wohnhäuser besetzen 
hier das Blockinnere. Die Entwicklung der Bebauung 
in der Tiergartenstraße bietet übrigens ein lehrreiches Bei- 
spiel für die Unsicherheit in der Lösung städtebaulicher 
Aufgaben. Die Straße schneidet mit einer sanften Krüm- 
mung schief über die Grundstücke. Die älteren Land- 
häuser waren aber, wie im ganzen älteren Städtebau über- 
haupt, senkrecht zu den Grundstücksgrenzen errichtet, 
stehen also schief zur Straßenflucht. Anstelle der alten 
Landhäuser oder dawischen sind nun später auch höhere 
Wohnhäuser eingedrungen, die bis an die Nachbargrenze 
gerückt, die sägeförmige Bauflucht mit den sich vorschie- 
benden Brandmauern verunzieren. 

Wohnhöfe waren im Mittelalter sehr beliebt, beson- 
ders für Kleinwohnungen. Berlin hat noch ein Beispiel 
im sogenannten „Großen Jüdenhofe" mit offener Einfahrt 
von der Jüdenstraße her. 

Damit könnten wir die Privatstraßen und die straßen- 
ähnlichen oder mit den öffentlichen Straßen nur einseitig 
verbundenen eigentlichen Wohnhöfe verlassen, um noch 
den geschlossenen, zu Wohnzwecken angelegten Hinter- 
höfen eine kurze Betrachtung zu widmen. Doch kann die 
allgemeine Schlußbemerkung nicht unterdrückt werden, 
daß die Anlage von Privatstraßen mehr Förderung verdiente. 
Dabei wäre zu unterscheiden, ob es sich um ein einziges 
zusammenhängendes Grundstück handelt, das in einer 
Hand liegt und bleiben soll, oder, ob mehrere selbstän- 
dige Grundstücke geschaffen werden sollen, denen eine 
gemeinsame Verbindung mit der öffentlichen Straße sicher- 
zustellen ist. Im ersten Falle trifft in der Tat die polizei- 
liche Auffassung vom Hofe zu, immerhin wäre es er- 
wünscht, da die Privatstraße gegenüber der üblichen Be- 
bauung mit geschlossen umbauten Hinterhöfen eine bessere 
Verteilung der Bebauung an offenen Wohnhöfen mit sich 
bringt, die aber jetzt nur unter besonders günstigen Um- 
ständen, bei passenden Grundstücksformen, bei weiträu- 
miger Bauweise usw., möglich ist, daß irgend welche Er- 
leichterungen dieser Bebauungsart Vorschub zu leisten ver- 
möchten. Im zweiten Falle erscheint jedoch eine andere 
Auffassung vom Wesen der Privatstraße geboten. Es liegt 
ein Widerspruch darin, daß im rechtlichen Sinne mehrere 
Grundstücke vorhanden sind, im polizeilichen Sinne 
aber die dazu notwendige Straße als solche nicht aner- 
kannt wird. Die Anlieger werden im gewissen Sinne sogar 
dafür bestraft. Denn_ der Baupolizei genügt schon eine 
Grundstücksdurchfahrt von 2,3 m Breite. Während diese 
aber bei der Ermittlung der bebaubaren Fläche miteinge- 
rechnet wird, wird die von der Privatstraße eingenommene 
Fläche, die naturgemäß ein selbständiges Grundstück bildet, 
von vornherein ausgeschieden. Durch diese schlechtere 
Behandlung der Privatstraße unterstützt die Baupolizei 
mittelbar die schablonenhafte Bebauung großer Grund- 
stückskomplexe. Es dürfte wohl möglich sein, den Begriff 
der Fluchtlinie auch für die Privatstraße wieder herzu- 
stellen, wobei man ja vielleicht eine Mindestbreite von 
etwa 8 m oder bei geringerer Breite eine gewisse Vor- 
gartentiefe zur Bedingung stellen, als Gegenleistung aber 



144 



DER STÄDTEBAU 



auch dieselbe oder wenigstens annähernd dieselbe Bebau- 
barkeit gewähren könnte, die an der öffentlichen Straße 
zulässig ist. In dieser Beziehung sei an die vor mehreren 
Jahren veröffentlichte Anlage des vom Geheimen Baurat 
O. March geschaffenen Amalienparks in Pankow (siehe Abb. c 
der Tafel 84) erinnert, wo ein früher für Hochbebauung be- 
stimmtes Gebiet später in die Landhausklasse versetzt worden 
ist, so daß, um eben Landhäuser errichten zu können, die 
Aufteilung eines außergewöhnlich großen Parkgrundstücks 
geboten war und zwar durch eine Doppelprivatstraße mit 
zwischengelegten Gartenanlagen, derart, daß deren Fläche 
bei Ermittlung der Bebaubarkeit miteingerechnet wurde, 
obwohl dadurch jedem für sich eingefriedigten Grundstück 
eine geringere Freifläche verblieb, als sonst vorgeschrieben 
ist. Dadurch, daß diese Privatstraßenanlage von der Ge- 
meinde übernommen wurde, bleibt der Zustand unver- 
ändert und damit die bebaute Fläche im Ganzen in den 
polizeilichen Grenzen. 

Die Nachteile der vorhin schon erwähnten, an die 
Grenzwand geklebten Halbhäuser lassen den Berliner 
Spar- und Bauverein auf diese Art der Bebauung mög- 
lichst verzichten, indem er freistehende Gartenhäuser in 
den Hof hineinstellt, wie die (siehe auf Tafel 75, Abb. c^ 
Heft 10) Ansiedlung an der Stargarder Straße erkennen läßt. 
Leider kann diese Bebauungsart innerhalb der engräumigeren 
Bauzonen für den Privatunternehmer keine vorbildliche sein, 
weil sie keine volle Ausnutzung des Baugrundes gestattet. 
Denn ein Nebenzweck, den dieser Verein verfolgt, verlangt 
große zusammenhängende Höfe, um den Kindern der Nieder- 
lassung Spielplätze zu bieten und um die Hofwohnungen 
zu wirklichen Gartenwohnungen umzugestalten. Immer 
läßt sich hierbei die Anordnung Berliner Zimmer nicht 
vermeiden, wie die Abbildung a auf Tafel 77 von den 
neuesten Bauten dieses Vereins am Nordufer erkennen 
läßt. Ähnliche Wege geht der Beamten-Wohnungsverein, 
von dessen Niederlassung in Wilmersdorf Abbildung b 
auf Tafel 77 ein Bild gibt, wobei man sich allerdings die 
Frage vorlegen darf, warum man hier nicht mit der Auf- 
teilung durch Privatstraßen weiter gegangen ist. Die Aus- 
buchtungen des Hauptwohnhofes ergeben jedoch eine Be- 
bauungsart, die wir weiterhin noch als eine vorteilhafte 
für öffentliche Straßen kennen lernen werden. Zum Ver- 
gleiche ist es von Interesse zu sehen, wie der Privatunter- 
nehmer die tiefen Baublöcke üblichen Zuschnitts für Klein- 
wohnungen aufteilt. Durch gütige Vermittlung des Herrn 
Baurat Höpfner habe ich den Plan erhalten, nach dem der 
Baumeister Kurt Berndt ein Grundstück in der Schön- 
hauser Allee mit 3 Quergebäuden und 4 Seitenflügeln 
hintereinander bebaut hat (Abb. b auf Tafel 88). Das 
Grundstück ist 117,3 ni tief, die Höfe sind rund 20 m 
lang, was den anliegenden Gebäudehöhen entspricht bei 
12,5 m Breite; aber auch die Seitenflügel haben freie 
Höfe vor sich, da von der Vergünstigung der Hofgemein- 
schaft Gebrauch gemacht wurde. Nur dem letzten Hofe 
ist diese Gemeinschaft nicht zu Gute gekommen, weil 
nach der Auffassung des Kgl. Polizei-Präsidium „die 
grundbuchliche Eintragung zur Bildung von Hofgemein- 
schaften nur dann rechtswirksam ist, wenn die beteiligten 
Grundstücke nicht einem und demselben Eigentümer ge- 
hören, da die Begründung und der Erwerb einer Grund- 
dienstbarkeit, als welche sich die hier in Betracht kom- 
mende Hofgemeinschaft nach § 1018 des am 1. Januar 1900 



in Kraft getretenen Bürgerlichen Gesetzbuches darstellt, zu 
gunsten eines anderen Grundstücks desselben Eigentümers 
nicht erfolgen kann und daher ihrem Inhalte nach unzu- 
lässig ist. Die Motive zum Entwurf eines Bürgerlichen 
Gesetzbuches Bd. III, S. 480 sprechen dies ausdrücklich 
aus, weil die Möglichkeit eines Vertrages mit sich selbst 
nicht anzunehmen sei und die Zulassung eines gleich wirk- 
samen einseitigen Stiftungsaktes weder im bisherigen Recht 
auszusprechen, noch durch ein praktisches Bedürfnis er- 
fordert werde. Ob dieses letztere Bedürfnis den Berliner 
Baupolizeivorschriften gegenüber tatsächlich besteht, muß 
dahin gestellt bleiben." Liegen Grundstücke also in einer 
Hand, so ruht die eingetragene Hofgemeinschaft so lange, 
bis das Nachbargrundstück zur Bebauung einen anderen 
Eigentümer bekommen hat. Dem Laien fällt es schwer, 
dieser Auslegung beizutreten, da es gerade dann am 
leichtesten erscheint, eine Hofgemeinschaft durchzuführen, 
wenn eben zwei benachbarte Grundstücke in einer Hand 
liegen. Es dürfte dies sonst geradezu Scheinverkäufe 
herausfordern. In dem vorliegenden Falle hätte man nur 
wünschen mögen, die Grundstücke wären noch umsoviel 
breiter bemessen werden, daß man anstatt der Seitenflügel 
hätte Mittelflügel anordnen können, den nach beiden 
Seiten hin Hofgemeinschaft zu gewähren gewesen wäre. 
Wenn man die Hofwohnungen mit in den Kauf nimmt, 
von der Verteuerung des Baues durch Seitenflügel und 
von der geringeren Brauchbarkeit der Berliner Zimmer 
für Kleinwohnungen absieht, so erscheint diese Lösung 
unter den gegebenen Verhältnissen sonst als eine wohl- 
gelungene. 

Endlich müssen wir noch einer Bebauungsart gedenken, 
die durch streckenweises Zurücksetzen der Bauflucht, 
durch Vorhöfe und straßenartige Einschnitte, also nach 
vornehin offene Wohnhöfe wieder zur Belebung des Straßen- 
bildes beiträgt. Ein im Jahre 1903 vom Berliner Archi- 
tekten-Verein veranstaltetes Preisausschreiben für die Be- 
bauung eines Blocks in Schöneberg stellte folgende Be- 
dingungen: 

1. Die bisher übliche Bodenaufteilung führt regelmäßig 
zur Errichtung von Seitenflügeln und Quergebäuden mit 
einer Reihe von geschlossen umbauten Hofanlagen, deren 
Flächen selbst dann, wenn mehrere Höfe zusammenstoßen, 
für eine ausgiebige Durchlüftung und Belichtung des Block- 
innern nicht groß genug sind. Zur Verhütung dieses Übels 
soll der Block so aufgeteilt werden, daß die unbebaut 
bleibenden Flächen ein zusammenhängendes Ganzes bilden. 

2. Die ba iliche Ausnutzung der Grundstücke darf nicht 
hinter dem zurückbleiben, was nach dem für den Block 
geltenden polizeilichen Höchstmaße zulässig ist. Die Ge- 
bäude sollen durchweg fünf Wohngeschosse erhalten. 

Dem Verfasser ist es unbekannt geblieben, ob diese Auf- 
gabe gelöst worden ist. Deshalb sei hier auf ein anderes Bei- 
spiel verwiesen (B. A. W. 1901, wiedergegeben auf Tafel 84, 
Abb. a u. b), das zur Vermeidung von Seitenflügeln an Hinter- 
höfen eine hufeisenförmige Grundrißanlage für die Häuser 
20, 21 in der Luitpoldstraße (von Lenz & Pohle, Architekt: 
Paul Jatzow) gewählt hat. Die Hauptflächen der Höfe 
sind mit im ganzen 16 m Front nach vorne zusammen- 
gelegt und zum Schmuckgarten umgestaltet; während 
hinter den Häusern Wirtschaftshöfe verblieben. In diesem 
Falle handelte es sich allerdings nicht um einen besonders 
tiefen Baublock; das Grundstück hat nur 30 m Tiefe, doch 



145 



DER STÄDTEBAU 



ist damit ein Fingerzeig gegeben, wie auch bei großen 
Tiefen vorgegangen werden kann. Die Einbuchtung der 
Fluchtlinie ist hier eine freiwillige, und hat deshalb den 
Vorzug, daß das Vorgartengitter als Leitlinie für das Auge 
durchläuft, im Gegensatze zu den durch den Bebauungsplan 
festgelegten Ausbuchtungen der Fluchtlinie, z. B. in der 
Heilbrunner Straße, wo auch die Straßenflucht die Ausbuch- 
tung mitmacht und inmitten der so verbreiterten Straße ein 
kleiner Gartenfleck angelegt worden ist (vergl. Tafel 85). 
Der Berliner Spar- und Bauverein beabsichtigt seine, 
in Charlottenburg an der Straße 35 gelegenen Grundstücke 
in der Weise zu bebauen, daß vordere Wohnhöfe geschaffen 
werden als Schmuckhöfe, während die daneben verbleiben- 
den Hinterhöfe zu Kinderspielplätzen und wirtschaftlichen 
Zwecken bestimmt sind; um eine möglichst zweckmäßige 
Grundlage für diese Ansiedelung zu erhalten, waren auf 
Grund der nachfolgenden Bedingungen Regierungsbau- 
meister R. Goldschmidt, Th. KampfFmeyer & Co. und der 
Verfasser zur Bearbeitung von Plänen aufgefordert. 

,,Die Baugenossenschaft will für ihre Mitglieder billige, 
•gesunde, praktische und gemütliche Wohnungen schaffen. 
Die Bauten bleiben dauernd im Besitze der Genossen- 
schaft, doch ist wegen der Beleihung notwendig, daß 
Block A in mindestens drei selbständig zu bebauende 
Grundstücke geteilt wird. Die Teilung der Blocks B und 
C in je zwei selbständige Grundstücke ist erwünscht, aber 
nicht erforderlich. Die nach dem Innern der Baublocks 
gelegenen Wohnungen sollen -von gleichartigen Mietern 
bewohnt werden, wie die Wohnungen, die an der Straße 
liegen, dürfen also nicht minderwertiger sein. Eine aus- 
giebige Durchlüftung und Beleuchtung des Innern der 
Baublocks, welche Gartenanlagen und Kinderspielplätze 
enthalten sollen, ist unbedingt erforderlich. Aus diesem 
Grunde soll, obwohl an sich eine größere Ausnutzung 
des Baulandes erwünscht ist, zugelassen werden, daß nur 
die Hälfte des Baulandes bebaut wird. Es müssen jedoch 
auf dem Bauplatze mindestens 900 Wohnungen errichtet 
werden, und zwar etwa 300 Wohnungen mit 1 Zimmer, 
etwa 500 Wohnungen mit 2 Zimmern und etwa 100 Woh- 
nungen mit 3 bis 4 Zimmern. Außer den Wohnungen 
sind auf dem Gelände noch zu errichten: 

1. Ein Vereinshaus für die Mitglieder der Baugenossen- 
schaft, enthaltend einen Saal von 600 qm, nebst kleineren 
Räumen und einer Gastwirtschaft von 150 qm, sowie den 
dazu gehörenden Wirtschaftsräumen (Küche usw.). Die 
gesamten Vereinsräume sollen eine bebaute Fläche von 
etwa 1000 qm ausmachen. Es ist erwünscht, daß der 
Saal durch verschiebbare Trennwände in kleine Abteilun- 
gen zerlegt werden kann. 

2. Eine Bäckerei nebst Laden in Größe von insgesamt 
200 qm. 

3. 20 Läden verschiedener Größe, insgesamt 600 qm ohne 
Wohnung ausmachend, nebst den dazu gehörenden Woh- 
nungen." 

Die eingegangenen Lösungen sind aus den Abbildungen 
auf Tafel 86 ersichtlich. Goldschmidt ist wieder auf die 
geschlossene Frontbebauung zurückgegangen, in dem er 
die für den Spar- und Bauverein so charakteristischen 
Gartenhäuser noch vermehrt, so daß die Zahl der Berliner 
Zimmer auf ein Mindestmaß heruntergedrückt wird. 

Bei Kampffmeyer & Co. sind die Berliner Zimmer da- 
gegen reichlich vertreten, und, unter Beibehaltung des Ge- 



dankens der Vorhöfe, Querhäuser angeordnet, offenbar, 
um eine bessere Ausnutzung zu erzielen. Der Verfasser 
hat auf verschiedene Weise der Aufgabe beizukommen ge- 
sucht in dem Bestreben, die bebaubare Fläche zu sichern. 

Zu den Abbildungen auf Tafel 87 wird folgendes be- 
merkt: Die Vorderhöfe, die sich nach der Straße hin öffnen, 
setzen die daran liegenden Wohnungen in Beziehung zur 
Straße. Durch diese Anordnung wird auch die Zahl der 
unmittelbar an der Straße liegenden Balkone vermindert, 
der Wert des Balkons aber erhöht, indem die Balkone an 
den straßenwärts geöffneten Höfen einen besseren Wind- 
schutz genießen. Auch wird dadurch ein Verlust an Vor- 
land für einspringende Balkonanlagen, wie sie die Abbil- 
dung a auf Tafel 77 (Heft 10) erkennen lässt, vermieden. 
Im nördlichen Bebauungsblocke des Vorentwurfes (Abb. a, 
Tafel 86) sind nur zwei solcher Höfe vorgesehen. Ohne 
etwas an der Bebauungsfläche zu verlieren, könnte 
man noch weiter gehen und, wie Abb. a, Tafel 87 zeigt, 
deren drei anordnen. Die Zahl der eigentlichen Hof- 
wohnungen, der Hinterwohnungen, würde damit noch 
weiter vermindert. Während im ersten Falle die be- 
baute Fläche rund 6646 qm beträgt, würde sie sogar im 
zweiten Falle noch etwas mehr, nämlich 6670 qm be- 
tragen, also reichlich den Verlust durch eine dann noch 
weitere erforderliche Durchfahrt ausgleichen. Man könnte 
die bebaute Fläche noch darüber hinaus vermehren, ohne 
den Entwurf zu verschlechtern, nämlich durch Erbauung 
von Hinterhäusern an der Grenzwand in den straßenwärts 
geöffneten Höfen, so daß diese hufeisenförmig umbaut wür- 
den, wodurch im ganzen eine mäanderförmig sich ab- 
wickelnde, auf mehr als das Doppelte verlängerte Straßen- 
front zu schaffen wäre. Das so zu gewinnende Mehr an 
Baufläche würde etwa rund .363 qm betragen. Im ganzen 
ständen dann 7033 qm Baufläche zur Verfügung. Dadurch 
würde auch die kahle Grenzmauer gegen den Nachbar hin 
gedeckt, der Einblick in den Hof also um vieles freund- 
licher gemacht. 

Dieser Bebauungsart steht nun die übliche mit ge- 
schlossener Straßenfront gegenüber, die sich nach Abb. b, 
Tafel 87 mit 7066 qm in bezug auf die Ausnutzung ebenso vor- 
teilhaft stellt. An Stelle straßenähnlicher Höfe treten hier in- 
nere Schmuckhöfe, die durch eine breite offene Toreinfahrt 
mit der Straße verbunden sind, also wieder innere Wohn- 
höfe. Die Zahl der eigentlichen Straßenwohnungen wird 
dadurch erheblich vermehrt, allerdings mit der üblen Folge, 
daß auch zahlreichere und weniger geschützte Balkone an 
die Straße zu liegen kommen; die übrigen Wohnungen 
dürften mit denen in Abb. a gleichwertig sein. Der Privat- 
unternehmer, der den Baugrund völlig ausnutzen muß, 
kann aber nicht so bauen; er wird zu einer größeren 
Zahl umbauter Höfe greifen müssen, denn die Tiefe des 
Baublocks ist schon eine viel zu große, um noch zu 
einer hygienisch und wirtschaftlich gleich guten Aus- 
nutzung zu führen. In Abb. c ist deshalb noch eine 
Lösung dargestellt, die den Block durch einen straßen- 
artigen Hof parallel zur Hauptstraße aufteilt, so daß sich 
an der hinteren Grenzmauer wieder eine Art Wohn- 
hof bildet. Für diesen Fall ist die Baublocktiefe aber wie- 
der zu gering, um eine durchweg gleich hohe Bebauung 
durchführen zu können. Wenn man dem vorderen Teil 
noch eine Tiefe von 16 m lassen will, kann diese hintere 
Wohnstraße nicht mehr als 12 m Breite erhalten, und 



146 



DER STÄDTEBAU 



würde demgemäß die Bebauungshöhe zu beiden Seiten 
dieser Straße, wenigstens aus hygienischen Gründen, frei- 
willig oder, falls die Straße als eine öffentliche angelegt 
werden sollte, auf Grund der polizeilichen Bestimmungen 

Abb. I. 




auf drei Geschosse eingeschränkt werden müssen. Diese 
Art der Bebauung ergibt noch 6360 qm fünfgeschossige und 
2433 qm dreigeschossige Bebauung, also 39 296 qm Wohn- 
fläche gegen 35 165 qm des Vorentwurfes und gegen 41 295 qm 
bezw. 38 895 des Entwurfes nach Abb. a u. b. Es fragt sich 

Abb. 2. 



währen, Privatstraßen und Wohnhöfe anlegen zu können. 
Dazu gehörte aber eine andere Regelung der Rechtsver- 
hältnisse und dementsprechende baupolizeiliche Hand- 
habung. Im übrigen sind kleinere Baublöcke für die ver- 
schiedenen Wohnformen vorzuziehen. 

Große Blöcke im freigehaltenen Blockinnern sind in 
gesundheitlicher Beziehung zweifellos vorteilhafter, als 
Bauwiche bei hoher Bebauung. Ein älteres Beispiel aus der 
Landgrafenstraße sei im Textbilde 1 zur Erläuterung wieder- 
gegeben, ohne es jedoch damit empfehlen zu wollen (Römer 
& Herbig). Da die Bauwiche nur 2'/^ ni breit sind, konnten 
noch große zusammenhängende Höfe geschaffen werden. 
Jetzt müssen aber die Bauwiche 6 m breit sein; was dabei 

Abb. 3. 

t ^ 1 

^ Manenstraße 




iXvJ...^ 


- ^U^C 




..... .... w...i-J. 


■'4^ . '" 





I'l 

nun, ob ein derartiger Vermittlungsvorschlag zur Folge 
haben könnte, daß ihn das Baugewerbe folgen würde, an- 
derenfalls bleibt der Entwurf der Baugenossenschaft der 
bessere. Die Baugenossenschaft hat schließlich den Plan laut 
(Abb. a, Tafel 88) zur Ausführung angenommen, zumal der 
Nachbar, der Militärfiskus, wünschte, daß die Höfe durch 
eine hohe Mauer gegen das Kasernengrundstück abge- 
schlossen würden. 

Wie aus allem hervorgeht, kann die Freihaltung des 
Blockinneren, die Anlage und dauernde Erhaltung von 
inneren Gärten, abgesehen von den Fällen, wo durch frei- 
willige Beschränkung der Bebauung zur Anlage von Spiel- 
plätzen und Erholungsanlagen, zur Luftversorgung usw. 
nur die rückwärtige Baufluchtlinie verhelfen. Ein 
geglücktes Beispiel aus einem rheinischen Orte soll dem- 
nächst im „Städtebau" veröffentlicht werden. In diesem 
Falle sind große Baublöcke zu empfehlen. W^ünschens- 
wert wäre es jedoch, daneben die Möglichkeit zu ge- 




herauskommt, zeigt der im Wettbewerbe um die Bebauung 
von Neu-Westend mit dem I. Preise bewertete Plan von 
Reinh. Koch (Textbild 2). Von Hof und Garten ist da keine 
Rede mehr, und doch sollen die Hinterwohnungen Garten- 
wohnungen sein. Wie viel mehr wäre hier gewonnen, 
wenn die Bauwiche zur Vergrößerung eines frei zu 
lassenden Blockinnern hätten verwendet werden können. 
Unter Umständen kann es überdies erwünscht sein, 
daß die Gärten des Blockinnern, soweit sie nicht öffent- 
liche sind, durch einen in der Mitte hindurchgehenden 
Wirtschaftsweg miteinander verbunden werden. Das dies 
zeigende Textbild 3 ist aus Öhmcke „Gesunde und weit- 
räumige Stadtbebauung" entnommen; die Anlage rührt aus 
dem Jahre 1892 vom Architekten Hinz her, und besteht 
aus Dreifensterhäusern und Hintergärten. 



147 



DER STÄDTEBAU 



SOZIALE UND WIRTSCHAFTLICHE VORAR- 
BEITEN FÜR STADTERWEITERUNGSPLÄNE. 



Von Dr. Ing. FORBÄT, Frankfurt a. M.- Budapest. 

III. Die Gliederung der städtischen Bevölkerung 
nach der Höhe des Einkommens. 

Die Kenntnis von der Gliederung der Bevölkerung 
nach der Höhe des Einkommens ist vor allen Dingen 
wichtig für die Ausgestaltung der Wohnviertel. Die 
Zunahme der Bevölkerungsziffer, bezw. die Zahl der unter- 
zubringenden Familien gibt zwar Aufschluß über die Zahl 
der Wohnungen überhaupt, die im Stadterweiterungs- 
gebiete vorgesehen werden müssen, nicht aber über die 
Höhe der Mietpreise, denen sich diese Wohnungen anzu- 
passen haben, wenn der Endzweck jeder Stadterweiterung 
und Wohnungspolitik erreicht werden soll, daß nämlich 
jeder Familie eine sowohl den gesundheitlichen, als auch 
den vielen anderen Anforderungen modernen Kulturlebens 
Rechnung tragende Wohnung zu einem Preise zur Ver- 
fügung gestellt werden kann, der keinen unverhältnis- 
mäßig großen Teil des der Familie zu Gebote stehenden 
Einkommens in Anspruch nimmt. 

Der Bebauungsplan gibt sowohl für sich, als auch in 
Verbindung »mit der Bauordnung den Leitern der städti- 
schen Verwaltungen verschiedene Mittel in die Hand, mit 
welchen sie zur Ermäßigung der Wohnungspreise wirk- 
sam beitragen können, namentlich wenn sich einer dieses 
Ziel stets vor Augen haltenden Entwurfsbearbeitung auch 
eine rechtzeitige, zielbewußte und umsichtige Art der Aus- 
führung des Bebauungsplanes zugesellt. Die Fürsorge 
der öffentlichen Gewalten wird sich hierbei, wie Dr. Rettich 
mit Recht betont, in erster Reihe den ärmeren Bevölke- 
rungsschichten zuwenden müssen, deren Einkommen- 
verhältnisse nur einen geringen Aufwand für Wohnungs- 
miete gestatten, und die, wie wir sehen werden, selbst in 
den reichsten Städten den weitaus überwiegenden Teil der 
Bevölkerung ausmachen. Während es mitbezug auf die 
Unterbringung der wohlhabenderen Kreise im allgemeinen 
genügen wird, wenn entsprechend gelegene und ausge- 
gestattete Viertel in genügender Ausdehnung rechtzeitig 
bereitgestellt werden, und alles andere, einschließlich der 
Preisbildung, solange diese keine unvernünftigen Formen 
annimmt, ruhig der Privattätigkeit, beziehungsweise den 
zukünftigen Bewohnern dieser Viertel überlassen werden 
kann, erwachsen denBehördenweitgehende Verpflichtungen, 
wenn sie die in materieller Hinsicht hilfloseren Schichten 
der Bevölkerung vor Wohnungsverhältnissen bewahren 
wollen, die geeignet sind, jede noch so gut gemeinte, auf 
die Besserung der Lage der unteren Volksschichten ab- 
zielende Bestrebung von vornherein zu vereiteln. 

Außer der unmittelbaren Wohnungsfürsorge ist gerade 
in den Gegenden, in welchen vorzugsweise die ärmere 
Bevölkerung untergebracht werden soll, bereits bei Auf- 
stellung des Bebauungsplanes auch allen übrigen Maß- 
nahmen erhöhte Sorgfalt zuzuwenden, die dazu beitragen 
können, das Wohnen in einem bestimmten Stadtgebiete ge- 
sund und behaglich zu gestalten. Gärten und Parkanlagen, 
Kinderspielplätze, Gelegenheit für öffentliche Musikauf- 
führungen und sonstige Einrichtungen, welche die leib- 
liche und geistige Gesundheit und Erholung und dadurch 



(Fortsetzung und Schluß aus Heft lo). 

mittelbar auch die Leistungsfähigkeit der sie benutzenden 
Bevölkerung fördern, sind in diesen Vierteln von viel 
größerer Bedeutung, als in denjenigen der reicheren Volks- 
schichten, die sich den wohltuenden Einfluß eines Spazier- 
ganges in freier Natur oder des Spielens der Kinder in 
frischer Luft gegebenenfalls leichter verschaffen können, 
als die mit einem kleinen Einkommen haushaltenden 
ärmeren Familien. 

Wenn sich der Verfasser eines Stadterweiterungs- 
entwurfs diesen Verpflichtungen gegenüber den ungünstiger 
gestellten Teilen der Bevölkerung bewußt wird und ihnen 
bereits bei Aufstellung des Stadtbauplanes Rechnung zu 
tragen bestrebt und fähig ist, kann er zur Hebung der all- 
gemeinen Lage der einer solchen Hebung am meisten be- 
dürftigen Teile der städtischen Bevölkerung wesentlich 
beitragen und dadurch ein gutes Stück praktischer sozialer 
und wirtschaftlicher Arbeit verrichten. Um in der hieraus 
sich ergebenden Belastung der wohlhabenderen Einwohner 
nicht über das notwendige Maß hinauszugehen, aber auch 
nicht dahinter zurückzubleiben, ist es für den Verfasser 
des Erweiterungsplanes unerläßlich, sich über die wirt- 
schaftliche Lage der unterzubringenden Bevölkerung von 
vornherein möglichst genau zu unterrichten. 

Den Ausgangspunkt der Untersuchungen bildet auch 
in diesem Falle die Ermittlung der wirtschaftlichen 
Gliederung der in dem bereits bebauten Stadtgebiete 
wohnenden Bevölkerung, woran sich auch hier eine Unter- 
suchung über die Veränderungen anschließen soll, denen 
diese Gliederung seither unterworfen war, um hieraus auf 
die in Zukunft weiter zu erwartenden Veränderungen 
schließen zu können. Da für uns, wie bereits ausgeführt, 
hauptsächlich die Kenntnis der Lage der ärmeren Volks- 
schichten von Wichtigkeit ist, soll im folgenden, bevor 
auf die Besprechung der Einkommenverhältnisse der 
städtischen Bevölkerung eingegangen wird, auf Grund 
eines vom Freiherrn von Berlepsch gehaltenen und in 
Jahrgang 1903 der „Sozialen Praxis" abgedruckten Vor- 
trages zunächst einiges über die kleinen Einkommen in 
Deutschland überhaupt gesagt werden, da die vom Statisti- 
schen Jahrbuch deutscher Städte mitgeteilten und in 
Tabelle 3 zusammengestellten Zahlen sich nur auf die 
Städte mit über 50 000 Einwohnern beziehen, aus den auf die 
Gesamtbevölkerung der einzelnen Staaten sich beziehenden 
Zahlen aber hervorgeht, daß die Einkommenverhältnisse 
auch auf dem Lande so beschaffen sind, daß auf eine 
möglichst wirksame Verbilligung der Wohnungen ab- 
zielende Maßnahmen auch bei der Bearbeitung von Be- 
bauungsangelegenheiten in kleineren Städten und auf dem 
Lande vollauf begründet erscheinen. 

Die Ausweise über die Einkommensteuer zeigen näm- 
lich auf den ersten Blick, wie groß die Anzahl der Ein- 
wohner mit einem kleinen Einkommen überhaupt ist. 
In Preußen hatten im Jahre 1892 70,27%, im Jahre 1900 
62,41 °/o der Bevölkerung ein kleineres Einkommen als 
900 M. In Sachsen besaßen ein kleineres Einkommen als 
500 M. im Jahre 1879 51,52 %, 1894 36,59%, 1900 28,29%, 



148 



DER STÄDTEBAU 



Tabelle 3. Angaben, betreffend die wirtschaftliche Lage 
einiger Städte. 





Auf 
1000 


Im Jahre 1895 entfielen 


Im Jahre 1896/97 




auf den Kopf 


der Be- 


entfielen in % der 




Ein- 


völkerung 


rn Ein- 


Steuerzahler auf die 




woh- 


kommensteuer 


Einkommen von M. 


Stadt 


ner 
ent- 
fielen 
Steuer- 
zahler 
■) 


Steuer- 
betrag 


Steuer- 
pflich- 
tiges 
Ein- 
komm. 


Durch- 
schnitt- 
liches 
Ein- 
kommen 


900 

bis 

3000 


3000 

bis 

6000 


über 
6000 




M. 


M. 


M. 








Barmen .... 


113 


7,3 


314 


350—400 


83,7 


10,1 


6,2 


Essen 


161 


12,4 


401 


500—550 


88,8 


6,7 


4,5 


Bochum .... 


230 


6,3 


366 


400—450 


92,8 


4,2 


3,0 


Chemnitz . . . 


365 


9,9 


554 


550—600 


— 


— 


— 


Crefeld .... 


96 


6,4 


275 


350—400 


81,2 


II, I 


7,7 


Dortmund . . . 


i86 


7,7 


349 


450 500 


90,3 


5,9 


3,8 


Hamburg . . . 


242 


21,7 


613 


700-750 


— 








Frankfurt a. M. . 


171 


26,1 


792 


1000 


73,7 


13,9 


12,4 


Lübeck .... 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Mannheim . . . 


283 


— 


713 


750 — 800 


— 


— 


— 


Stettin .... 


129 


9,9 


366 


450—500 


79,5 


11,5 


9,0 


Bremen . . , . 


257 


22 


687 


700—750 


— 


— 


— 


Meu 











_ 





_ 


_ 


Potsdam .... 


139 


11,4 


450 


550—600 


71,1 


18,9 


10,0 


Kiel 


136 


4,8 


241 


350—400 


83,3 


10,6 


6,1 


Straßburg . . . 


— 


— 


— 


— 


— 


— 




Freiburg i. Br. . . 


239 


— 


542 


550—600 











Wiesbaden . . . 


170 


18 


669 


800 — 850 


68,0 


16,7 


15,3 


Darm Stadt . . . 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Karlsruhe i. B. 


260 


— 


612 


600 — 650 


— 


— 


— 


Berlin 


202 


13,7 


532 


650—700 


87,1 


6,7 


6,2 


München .... 


- 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Dresden .... 


475 


16 


841 


800 — 850 


— 


— 


— 


Stuttgart .... 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


Mittel aus den 33 
preuß. Städten mit 
über 50 000 Ein- 
















148 


9-8 


431 


— 


— 


— 


— 


wohnern 

















während die Zahl der ein kleineres Einkommen als 800 M. 
besitzenden Einwohner in denselben Jahren 76,39, 65,3 und 
55,69 "/„ betrug. 

Was nun insbesondere die Einkommenverhältnisse der 
Lohnarbeiter betrifft, so verdiente im Jahre 1901 in der 
deutschen Textilindustrie ein Arbeiter im Mittel 634 bis 
695 M., in der Ziegelfabrikation 548 M., in den Tabak- 
fabriken 657 M., im Schornsteinfegergewerbe 689 M. usw. 
Der Verdienst der gewöhnlichen, ungelernten Arbeiter be- 
trug nur in 5 Zählbezirken mehr als täglich 3 M., in zahl- 
reichen Bezirken dagegen nur 2 M. Bei einem Tagelohne von 
2,50 M. und 300 Arbeitstagen ergibt sich ein jährliches 
Einkommen von 750 M., wovon jedoch infolge von Arbeits- 
losigkeit und Krankheit ein beträchtlicher Teil abgezogen 
werden muß. Die in manchen Gegenden immer noch 

') In dem Jahre, auf das sich vorstehende Tabelle bezieht, be- 
trug das steuerpflichtige Mindesteinkommen in Preußen 900 M., in den 
Hansastädten 600 M., in Hessen und Baden 500 M. und in Sachsen 
300 M. Dies erklärt die großen Unterschiede in der Anzahl der Steuer- 
zahler in den Städten der verschiedenen Bundesstaaten. 



recht zahlreichen Hausarbeiter haben zum Teil noch ein 
viel geringeres Einkommen aufzuweisen. 

In Tabelle 3 sind nun einige sich auf die wirtschaftliche 
Lage derselben Städte beziehende Angaben enthalten, die 
auch in Tabelle 1 angeführt worden sind. Die ersten 
4 Kolonnen der Tabelle geben ein vergleichendes Bild des 
durchschnittlichen Reichtums der angeführten Städte, 
während inbezug auf die Verteilung der verschieden großen 
Einkommen innerhalb der steuerpflichtigen Bevölkerung 
die letzten 3 Kolonnen Aufschluß geben. Inbetreff der 
angegebenen Durchschnittszahlen ist auch hier der allen 
solchen Berechnungen anhaftende Mangel zu betonen, daß 
eine ganz kleine Anzahl ausnahmsweise großer Werte, 
wofern sie nicht vor der Berechnung ausgeschieden werden, 
schon eine erhebliche Verschiebung des Durchschnitts zur 
Folge haben können, ohne daß dies in der allgemeinen 
Lage der Bevölkerung begründet wäre. Die bedeutende 
Höhe des durchschnittlichen Einkommens für 1 Kopf der 
Bevölkerung z. B. in Frankfurt a. M. dürfte wohl auf 
diesen Umstand zurückzuführen sein. 

Wenn demnach die in der 4. Kolonne der Tabelle 3 
angegebenen durchschnittlichen Einkommen für 1 Kopf der 
Bevölkerung, die überdies auf Grund des zur Verfügung 
stehenden statistischen Materials nur schätzungsweise er- 
mittelt worden sind, auch nur ein annähernd zutreffendes 
Bild von dem vergleichsweisen Reichtume der angezogenen 
Städte zu geben imstande sind, so ergibt sich aus dem 
Vergleiche der Zahlen dieser Kolonne dennoch eine Tat- 
sache, die der Aufmerksamkeit auch des Städtebauers in 
hohem Maße wert ist. 

Die höchsten Ziffern sowohl für das steuerpflichtige, 
als auch für das durchschnittliche Einkommen finden wir 
nämlich bei den in der zweiten Gruppe der Tabelle zu- 
sammengefaßten Handelstädten, welche, wie wir gesehen 
haben, durchweg See- oder Binnenhafenplätze sind. 
Während von den sechs Städten der ersten Gruppe der 
Steuerbetrag und das steuerpflichtige Einkommen für 
1 Kopf der Bevölkerung den aus den 33 größten preußischen 
Städten berechneten Mittelwert nur in einem Falle erreichten, 
bleibt von den Städten der zweiten Gruppe nur eine hinter 
diesem Mittel zurück. Auch das durchschnittliche Ein- 
kommen für 1 Kopf der Bevölkerung ist am größten bei 
den Städten der zweiten Gruppe. Diese Beobachtung trägt 
bei zur Begründung der Behauptung, daß der durch die 
modernen Hafenanlagen mit bedingte Aufschwung im 
Handelsverkehr auf die wirtschaftliche Entwicklung der 
Städte einen günstigen Einfluß ausübt, daß mithin bei 
solchen Städten, für welche die Möglichkeit der Ausnutzung 
einer Wasserstraße gegeben ist, der Verfasser des Stadt- 
bauplanes die Erzielung einer leichten und lebhaften 
Wechselwirkung zwischen Land- und Wasserverkehr in 
möglichst ausgedehntem Maße ali eine seiner wichtigsten 
Aufgaben betrachten und bereits bei Aufstellung des Ent- 
wurfes berücksichtigen muß. 

Die drei letzten Kolonnen der Tabelle 3 zeigen die 
Verteilung der verschieden großen Einkommen unter der 
steuerzahlenden Bevölkerung der in Preußen gelegenen 
Städte der Tabelle, in welchen das steuerpflichtige Mindest- 
einkommen zu der Zeit, auf welche sich die Zusammen- 
stellung bezieht, 900 M. betrug. Es entfielen nach Maß- 
gabe dieser Zahlen auf die unterste Stufe des steuer- 
pflichtigen Einkommens von '900— 3000 M. in den ver- 



149 



DER STÄDTEBAU 





Tabelle 4. 








Im Jahre 1892, bezw. 1898 


entfielen in °; 


der Steuer- 




Zahler auf die Einkommen von 


M. 


Stadt 


300 — 800 




2200 — 5400 


mehr als 5400, 




bezw. 


800— 2200 


bezw. 


bezw. mehr 




400 800 




2200 5300 


als 5300 


T • ■ / 


44.4 


44.2 


7,7 


3.7 


Leipzig . . . j 


36,3 


51.25 


8,52 


4.0 


Dresden . . . J 


45.4 
38,8 


40,9 
47.5 


8,9 
9,1 


4,4 
4,6 


Chemnitz. , . | 


53,2 
42.9 


36,2 
46,0 


7.3 
7.7 


3.3 
3.4 



schiedenen Städten 68— 92,8°/o und dementsprechend auf 
die größeren Einkommen als 3000 M. nur 32 — 7,2° „ der 
steuerzahlenden Bevölkerung. In den sächsischen Städten 
liegt die Grenze des steuerpflichtigen Einkommens niedriger 
als in den preußischen, mithin gibt die vorstehende, auf 
einige sächsische Städte bezügliche Tabelle 4 auch Beispiele 
für die anteilige Stärke derjenigen städtischen Bevölkerung, 
die ein noch geringeres Einkommen als 900 M. aufzu- 
weisen hat. Von den zu jeder Stadt angeführten zwei 
Zeilen der Tabelle 4 bezieht sich die obere auf das Jahr 
1892, in dem das steuerpflichtige Mindesteinkommen 
300 M., und die untere auf das Jahr 1898, in welchem es 
400 M. betrug. Die Grenzen der einzelnen Steuerstufen, 
die von denjenigen in den preußischen Städten ebenfalls 
verschieden sind, können aus dem Kopf der Tabelle 4 er- 
sehen werden. 

Es hatten daher in den sächsischen Städten im Jahre 
1898 ein Einkommen von weniger als 2200 M. 86,3-88,9% 
der Steuerzahler, wobei 36,3 — 42,9% nur ein Einkommen 
von unter 800 M. aufwiesen. 

Wenn nun auch sowohl aus den Zahlen der Tabelle 4, 
als aus den weiter oben für die kleineren Einkommen der 
ganzen Bevölkerung Preußens und Sachsens in ver- 
schiedenen Jahren angegebenen Prozentsätzen zu ersehen 
ist, daß der Prozentsatz der kleineren Einkommen in 
Deutschland zu Gunsten der größeren allmählich zurück- 
geht, so erhellt aus dem im vorhergehenden angeführten 
Zahlenmaterial dennoch, daß der weitaus überwiegende 
Teil der steuerzahlenden städtischen Bevölkerung mit einem 
Einkommen zu rechnen hat, das weniger als 3000, bezw. 
2200 M. im Jahr beträgt, wobei aus den Zahlen der 
Tabelle 4 weiter geschlossen werden kann, daß die Mehr- 
zahl dieser kleinen Einkommen sich in den meisten Städten 
näher an 900 bezw. 800, als an 3000 bezw. 2200 M. halten 
wird. Wenn wir gleichzeitig berücksichtigen, daß, wie 
aus Kolonne 1 der Tabelle 3 geschlossen werden kann, 
ein beträchtlicher Teil der städtischen Bevölkerung selbst 
das steuerpflichtige Mindesteinkommen nicht aufzuweisen 
vermag, so ersehen wir die große Tragweite jeder Maß- 
regel, die dazu beizutragen geeignet erscheint, daß der 
von der ärmeren Bevölkerung für die Miete einer ent- 
sprechenden Wohnung aufzuwendende Betrag nach Mög- 
lichkeit ermäßigt und damit ein umso größerer Teil des 
Einkommens für die Befriedigung der übrigen Bedürfnisse 
des Lebens frei gemacht werde. Da den Stadtverwal- 
tungen zur Erreichung dieses Zieles eine große Anzahl 
wirksamer Mittel zu Gebote stehen kann, wenn sie die 
Stadterweiterung in richtiger Erkenntnis und Würdigung 
der sozialen und wirtschaftlichen Lage der vorhandenen 



und zu erwartenden Bevölkerung planen und ausführen, 
so geht hieraus für den Verfasser eines Stadterweiterungs- 
entwurfes von neuem die Notwendigkeit hervor, sich 
gleichzeitig mit den Verhältnissen inbezug auf die Zu- 
sammensetzung der Bevölkerung auch mit all den Maß- 
nahmen vertraut zu machen, die eine dem Bedarf ent- 
sprechende, ausgedehnte Tätigkeit auf dem Gebiete der 
Herstellung billiger Wohnungen zu fördern imstande sind, 
um diesen schon bei Aufstellung des Entwurfs in jeder 
Weise Rechnung tragen zu können. 

IV. Die Wohnungsfrage in ihrem Verhältnis zur 
wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung. 

Zu den Vorarbeiten, die vor Aufstellung des Er- 
weiterungsplanes einer Stadt erledigt werden müssen, ge- 
hört, wie wir bereits zu erwähnen Gelegenheit hatten, 
auch die Untersuchung der Art und Weise, in welcher die 
vorhandene Bevölkerung innerhalb des bereits bebauten 
Stadtgebiets untergebracht ist. Daß die Verhältnisse in 
dieser Beziehung in der großen Mehrzahl sowohl der 
großen als auch der kleinen Städte namentlich mitbezug 
auf die Unterbringung der ärmeren Bevölkerungskreise 
keineswegs als zufriedenstellend betrachtet werden können, 
ist bei den Lesern dieser Zeitschrift als ebenso bekannt 
anzunehmen, wie die schlimmen Folgen, die aus diesem 
Umstände hervorgehen. Umso notwendiger ist es, bei 
Aufstellung des Stadterweiterungsplanes die Anpassung der 
Wohnungsverhältnisse an die wirtschaftliche Leistungs- 
fähigkeit der Bevölkerung wenigstens im Erweiterungs- 
gebiet in weitgehendem Maße zu berücksichtigen und 
gleichzeitig auch di«; Beseitigung der Mißstände im alten 
Stadtgebiete nach Möglichkeit anzustreben. 

Wie groß das Mißverhältnis zwischen der Höhe der 
Mietpreise und derjenigen der kleineren Einkommen werden 
kann, dafür liefert manche moderne Großstadt traurige 
Beispiele. In Berlin betrug in den letzten Jahren der 
mittlere Preis der kleinsten Wohnungen 300 M., mithin 
ein Drittel eines Einkommens von 900 M. Dabei wurden 
4000 Wohnungen gezählt, die nur aus einer Küche be- 
standen. Die Folge dieses Mißverhältnisses ist naturgemäß 
die Überfüllung einer großen Anzahl kleiner Wohnungen. 
Es wurden 27000 Wohnungen gezählt, die in zwei 
heizbaren Zimmern mehr als 11, in einem Zimmer mehr 
als 6 Personen beherbergten. 7 % aller Wohnungen, etwa 
30 000, sind Kellerwohnungen. 6 % der Bevölkerung sind 
überhaupt nicht in der Lage, ein Zimmer zu mieten, 
sondern übernachten in Schlafstellen. Mehr als 4000 
Mädchen schlafen in einem Zimmer mit der Familie des 
Wirtes, mehr als 600 in einem Zimmer mit fremden 
Männern. Eine schwere gesundheitliche und moralische 
Schädigung ist die unmittelbare und unausbleibliche Folge 
solcher Wohnungszustände. 

In anderen Großstädten sind die Verhältnisse nicht 
besser. In Budapest wurden 155000 Wohnungen mit 
295000 Zimmern gezählt. 59% der Wohnungen hatten 
nur ein Zimmer. In München wurde im Jahre 1903 probe- 
weise die genaue Ermittlung der Wohnungsverhältnisse in 
einigen Straßenzügen vorgenommen. Die Aufnahme er- 
streckte sich auf 4774 Wohnungen. Von diesen wohnten 
in annähernd 10% der Einzimmerwohnungen 4-7 Per- 
sonen, in 5,5% der Zweizimmerwohnungen 7—11, in 
6,2 % der Dreizimmerwohnungen mehr als 8 Personen, 



150 



DER STÄDTEBAU 



Wenn man den für eine Person erforderlichen Mindest- 
luftgehalt mit lo cbm in Rechnung stellt, so waren 3,9 "/o 
der untersuchten Zimmer überfüllt und in diesen über- 
füllten Zimmern wohnten 9,5 % der in Betracht zu ziehen- 
den Bevölkerung. 

In Stuttgart hat Dr. Rettich im Jahre 1898 die Zahl 
der leer stehenden Wohnungen in ihrem Verhältnisse zur 
wirtschaftlichen Zusammensetzung der Bevölkerung einer 
Untersuchung unterworfen. Das Ergebnis der Unter- 
suchung zeigt die folgende Tabelle 5. 

Zum Verständnisse der Tabelle sei bemerkt, daß die 
leeren Wohnungen so eingeteilt werden, wie sie den an- 
gegebenen Einkommenstufen etwa entsprechen. Der 
I. Klasse wurden die 1 Zimmer, der II. die 2, der III. die 
3—4, der IV. die 5 und der V. die mehr als 5 Zimmer 
enthaltenden Wohnungen zugezählt. Die Zahl der leeren 
Wohnungen war zur Zeit der Aufnahme in Stuttgart schon 
im ganzen zu klein, um den Wohnungsuchenden eine ent- 
sprechende Auswahl zu sichern, da sie nur 0,68 "/„ aller 
Wohnungen betrug gegen 1,51 ° „ in Leipzig, 8,i "/o in 

Tabelle 5. 



Wohnungen aus 1 oder 2 Zimmern, 24% aus 3 oder 4 
Zimmern und nur 14% aus mehr als 4 Zimmern. Die 
Ergebnisse in bezug auf die Wohndichte sind in der 
folgenden Tabelle 6 zusammengestellt. 

Tabelle 6. 













Zahl der 


Klasse 


Höhe des Ein- 
kommens 
M. 


Zahl der 
Personen 
ohne An- 
gehörige 


ino/c 


Zahl der 
leeren 
Woh- 
nungen 


leeren 
Woh- 
nungen, 
die er- 
forderlich 
gewesen 
wäre 


I 


500 — 1000 


19723 


45.39 


10 


112 


11 


1000 — 3000 


12750 


29.34 


26 


73 


III 


2000 — 3500 


5526 


12,72 


104 


31 


IV 


3500 — 6000 


2 821 


6.49 


90 


16 


V 


mehr als 6000 


2636 


6,06 


17 


15 



Breslau, 5,65 % in München und 3,43 % in Frankfurt a. M. 
Die letzten zwei Kolonnen der Tabelle 5 zeigen aber außer- 
dem, daß sich der Mangel an leeren Wohnungen für die 
ärmere Bevölkerung in verstärktem Maße fühlbar machte. 
Während in der vorletzten Kolonne die wirklich ge- 
zählten leeren Wohnungen angegeben sind, enthält die 
letzte Kolonne die Zahl der leeren Wohnungen, die in den 
einzelnen Klassen hätte vorhanden sein müssen, wenn sie 
in richtigem Verhältnisse zu den einzelnen Einkommenstufen 
verteilt gewesen wären. Wir sehen hieraus, daß bei 
richtiger Verteilung 112 Ein- und 73 Zweizimmerwohnungen 
hätten leer stehen müssen, während in Wirklichkeit nur 
10 bezw. 26 solcher Wohnungen zur Verfügung standen. 
Dementsprechend waren andererseits an größeren leeren 
Wohnungen mehr vorhanden, als der anteiligen Stärke 
der zugehörigen Einkommenstufen entsprochen hätte. 

Auch in den mittleren und kleinen Städten sind die 
Verhältnisse inbezug auf die Unterbringung der ärmeren 
Volksschichten nur selten zufriedenstellend. Es sei in 
dieser Hinsicht auf eine Auszählung hingewiesen, die im 
Jahre 1903 in 60 mittelgroßen österreichischen Städten in- 
betreff der Größe und Dichte der Wohnungen vorgenommen 
wurde. Die Auszählung, die sich auf die Alpen-, Sudeten- 
und Karpathenländer erstreckte, ergab, daß die kleinen 
Wohnungen auch hier zum großen Teile l^überfüUt waren, 
in den^Alpenländern weniger, in den Karpathenländern, 
also in Galizien und der Bukowina, am meisten. In den 
60 in Betracht gezogenen Städten bestanden 62 % aller 



Anzahl der 
Wohnungs- 
bestandteile 


Auf einen solchen Bestandteil ent- 
fielen Personen in den 
Alpen- Sudeten- Karpathen 
ländern ländern ländern 


I 


2,74 


3,65 


4,16 


2 


1,85 


2,18 


2.53 


3 


1,46 


1.59 


1,86 


4 


1,21 


1.30 


1.52 


5 


1,02 


1,07 


1.23 


6—10 


0,85 


0,90 


1.95 


mehr als lo 


0,63 


0,60 


0,58 



Während also in den Alpenländern auf die Einzimmer- 
wohnung 2,74 Bewohner entfielen, wohnten in den östlichen 
Provinzen Österreichs im Mittel 4,16 Personen in einer 
solchen Wohnung. Wenn man bedenkt, daß die tatsäch- 
liche Wohndichte diese mittlere Zahl in vielen Fällen 
naturgemäß noch übersteigt, wird man zugestehen müssen, 
daß die ungünstigen Gesundheitsverhältnisse der Bevölke- 
rung dieser Provinzen durch ihre mangelhafte Unterbringung 
zum großen Teile mit verschuldet sind und eine gründliche 
Besserung ohne gleichzeitige Umänderung des Wohnungs- 
wesens kaum zu erwarten sein dürfte. 

Wenn im Vorhergehenden an einigen Beispielen ge- 
zeigt wurde, daß die Wohnungsverhältnisse namentlich in 
bezug auf Zahl, Größe und Mietpreis der kleinen Woh- 
nungen der wirtschaftlichen Zusammensetzung der Be- 
völkerung nicht entsprechen, so läßt sich dasselbe auch 
hinsichtlich der Wohnungsform behaupten, auf deren 
zweckmäßige und bei gleichem Mietpreise möglichst voll- 
kommene Gestaltung der Verfasser eines Stadtbauplanes 
ebenfalls einzuwirken in der Lage und auch verpflichtet 
ist, wenn er der Aufgabe, in seinem Wirkungskreise zur 
Hebung der allgemeinen Lebenshaltung der unteren 
Schichten der Bevölkerung beizutragen, gerecht werden 
will. 

Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte führte in einer 
großen Anzahl von Städten zum Massenmiethause als der 
gebräuchlichsten Form der Unterbringung namentlich der 
ärmeren Volksschichten. Die aus dem Mietkasernensystem 
den Bewohnern erwachsenden Nachteile sind bekannt 
genug, um an dieser Stelle nur kurz erwähnt zu werden. 
Ein abgeschlossenes Familienleben ist sehr erschwert. 
Abgesehen davon, daß oft mehrere Wohnungen nur einen 
gemeinschaftlichen Abort, Wasserhahn usw. besitzen, 
macht sich die nachbarliche Neugierde in solchen Häusern 
nur zu leicht unangenehm geltend. Ein innigeres Ver- 
hältnis zwischen Hausbesitzer und Mietern, das die sorg- 
fältige Instandhaltung und Verschönerung des Gebäudes 
als gemeinsames Interesse erscheinen lassen könnte, kann 
noch schwerer aufkommen als bei anderen Mietwohnungen. 
Ein beträchtlicher Teil der Bewohner, der in seiner 
Wohnung von der Straße zurückgedrängt und lediglich 
auf einen oft nicht sehr erfreulichen Hof angewiesen ist, 
wird sich des Gefühls sozialer Zurücksetzung nur schwer 
erwehren können. Diese und noch manche andere Miß- 
stände haben zur Folge, daß die Bewohner ihrer eigenen 



161 



DER STÄDTEBAU 



Tabelle 7. 



Stadt 



Im Jahre igoo waren unter looo bewohnten Grundstücken solche mit 
2 I 3 I 4 I S I 6 -10 I II — 15 I 16 — 20 21-30 |mehrals30 

Wohnungen 



Gesamtzahl 
der bewohn- 
ten Grund- 
stücke 



Altona . , , 
Berlin . . . 
Breslau . 
Charlottenburg 
Cöln . . . . 

Elberfeld . . 
Essen . . . 
Frankfurt a. M. 
Görlitz . . . 
Halle .... 

Hamburg , . 
Kiel . . . . 
Lübeck . 
Magdeburg . . 
München 

Rixdorf . . . 

Schöneberg . . 

Straßburg . . 

Stuttgart . . . 



197 


122 


31 


26 


55 


44 


77 


74 


287 


162 


270 


136 


232 


131 


145 


108 


86 


69 


12g 


107 


305 


93 


ig6 


107 


306 


342 


III 


90 


128 


77 


64 


50 


46 


30 


253 


167 


114 


94 



102 

25 

45 
147 

108 
144 
149 
81 
117 

61 

102 

213 

79 

71 

21 

21 

142 

139 



106 

31 

40 

30 

135 

"5 

126 

205 

86 



52 
94 
65 
76 

71 

27 

24 
126 

153 



67 
31 
47 
28 

85 

80 

77 

128 

88 

85 

45 
59 
29 
60 
56 

20 

16 

92 

164 



296 

151 
214 
167 
156 

250 
269 
218 
337 
3" 

215 
350 
38 
286 
286 

117 
123 
178 
279 



62 
173 
221 
207 

22 

37 
18 

35 
177 

97 

90 

65 

4 

159 

162 

198 

192 

29 

45 



23 

142 

161 

123 

3 

4 

2 

8 
60 
25 

44 

21 

2 

71 

83 

146 
166 

8 
9 



15 

202 

144 

158 

2 



3 

14 

6 

54 
5 
I 

55 
54 

221 

239 

4 

2 



10 

188 

33 

91 

I 



I 

2 
I 

41 



13 

12 

136 
143 



6 531 

25 224 

8 276 

3 209 

24 010 



9590 

2 968 
6 164 

20974 

8 412 

14 088 

I 324 
I 32g 
8562 
7890 















Tabelle 


8. 






























Auf ein 










Im Jahre 


1900 waren unter lOOO bewohnten Grundstücken solche mit 






Grund- 




Stadt 


1—5 


6 — 10 


II — 20 


21—30 31—40 


41-50 


51—75 


76 — 100 loi — 150 


151 — 200 


mehr als 
200 


stück 
entfielen 
durch- 
schnitt- 


Zahl 

der Ein- 
wohner 












Einwohner 






lich Ein- 
wohner 




Altona . . . 


124 


193 


245 


151 


III 


75 


61 17 


14 


7 


2 


25,6 


160 727 


Berlin . . . 


58 


73 


80 


91 


95 


348 


160 


63 


32 


76.9 


I 864 785 


Breslau . . . 


37 


62 


103 


124 


117 


III 


222 1 128 


77 


12 


7 


52,8 


417 282 


Charlottenburg . 


146 


104 


90 


91 


87 


320 


115 


32 


15 


59.6 


184 000 


Cöln .... 


170 


260 


325 


142 


54 


24 


20 


2 


I 


2 


16,1 


367 000 


Danzig . . . 


83 


193 


317 


178 


84 


53 


55 


21 


12 


2 


2 


25,4 


139530 


Dresden . . . 


54 


lOI 


i6g 


174 


184 


138 


128 


30 


14 


3 


— 


34.4 


393 550 


Elberfeld 


158 


221 


275 


163 


92 


52 


36 


2 


I 


— 


— 


18,7 


155 900 


Erfurt . . . 


130 


223 


313 


174 


94 


41 


21 


4 


— 


— 


— 


18,8 


84570 


Essen . . . 


112 


igg 


304 


206 


III 


44 


19 


4 


I 


— 


— 


19.4 


183 749 


Frankfurt a. M. 


107 


i8g 


334 


184 


91 


48 


85 


8 


3 


I 


_ 


20,5 


294 000 


GörUtz . . . 


68 


123 


242 


213 


142 


91 


99 


17 


3 


I 


I 


28,1 


80434 


Halle .... 


8g 


171 


277 


168 


120 


75 


6g 


21 


8 


I 


I 


25.9 


158940 


Hamburg . . 


157 


213 


153 


lOI 


92 


73 


135 


46 


17 


13 


35,6 


716 880 


Kiel , . . . 


92 


178 


243 


16S 


145 


92 


63 


14 


6 


— 


2 


25,8 


III 620 


Leipzig . . . 


55 


90 


168 


176 


166 


137 


14g 


42 


15 


I 


I 


35.3 


462 676 


Lübeck . . . 


26g 


395 


271 


48 


10 


4 


2 


I 


— 


— 


— 


10,1 


83525 


München 


92 


122 


175 


143 


129 


96 


igg 


37 


4 


3 


36,6 


503 000 


Rixdorf . . . 


i( 


J3 


67 


60 


71 


82 


332 


188 


47 


14 


69,4 


— 


Schöneberg . . 


i 


5i 


66 


63 


87 


94 


379 


160 


47 


9 


72,4 


— 


StraßbuTg . . 


174 


261 


304 


148 


58 


24 


19 


5 


3 


I 


3 


18 


152834 


Stuttgart . . . 


64 


140 


340 


238 


119 


57 


35 


6 


I 


— 


— 


23.2 


183 823 



Wohnung oft fremd gegenüberstehen, und auf diese Weise 
der veredelnde Einfluß, den der Begriff des eigenen Heims 
auszuüben in der Lage ist, verloren geht. 



All diese Übelstände verschwinden oder erscheinen 
doch wenigstens wesentlich gemildert, wo, wenn auch 
nicht jedes Haus, so doch mindestens jedes Stockwerk nur 



152 



DER STÄDTEBAU 



von 1 oder 2 Familien bewohnt wird. Es wird daher die 
Aufgabe des Städtebauers sein, schon durch die Gestaltung 
des Stadtbauplanes die weitere Errichtung von Massen- 
miethäusern möglichst zu erschweren und die von 
Familienhäusern vorerwähnter Art nach Kräften zu fördern. 
Denn daß es sich bei der Entwicklung zum Massenmiet- 
hause keineswegs um eine naturnotwendige Folge der 
neueren städtischen Entwicklung überhaupt handelt, daß 
es vielmehr bei richtiger und zielbewußter Behandlung der 
baulichen Angelegenheiten, vor allem des Stadtbauplans 
und der Bauordnung, auch in den neueren Teilen einer 
modernen Großstadt wohl möglich ist, statt des Massen- 
miethauses den Typus des nur eine beschränkte Anzahl 
von Wohnungen enthaltenden Familienhauses auch für die 
Unterbringung der ärmeren Bevölkerung zum vor- 
herrschenden zu machen, geht aus dem Beispiel vieler 
englischer, belgischer und auch deutscher Städte hervor. 

In Tabelle 7 und 8 sind die sich auf die Bebauungsdichte 
beziehenden Daten einiger deutscher Städte zusammen- 
gestellt. Tabelle 7 zeigt die Dichte der bebauten Grund- 
stücke nach Wohnungen, Tabelle 8 nach Einwohnern. 
Das Massenmiethaus ist, wie aus den Tabellen ersichtlich, 
am stärksten in Berlin und seinen Vororten verbreitet. 
Wenn wir hierunter ein Haus verstehen, in welchem mehr 
als 15 Wohnungen enthalten sind, so waren im Jahre 1900 
in Berlin 53,2 %, in Charlottenburg 37,2 "/„, inRixdorf 50,3° o 
und in Schöneberg 54,8 " „ aller bewohnten Grundstücke 
mit Massenmiethäusern bebaut. Die nächsthöchsten Ziffern 
zeigen Breslau mit 33,8 7 > München mit 14,9, Magdeburg 
und Hamburg mit 13,9 "/„, die niedrigsten Lübeck und 
Essen mit 0,3, Elberfeld mit 0,4, Cöln mit 0,6, Stuttgart 
und Frankfurt mit 1,2 und Straßburg mit 1,3 %. Dement- 
sprechend sind auch in Berlin und den nach seinem Vorbilde 
bebauten Nachbarorten verhältnismäßig die meisten Grund- 
stücke mit einer zu großen Einwohnerzahl vorhanden. 
Die von mehr als 100 Personen bewohnten Grundstücke 
betrugen in Berlin 25,5 "o, in Charlottenburg 16,2 %, in 
Rixdorf 24,9 °l„ und in Schöneberg 21,6 "/o aller bewohnten 
Grundstücke. Wenn wir demgegenüber finden, daß in 
Lübeck und Erfurt so dicht bewohnte Grundstücke über- 
haupt nicht vorhanden waren, während in neun von den 
20 übrigen Städten der Tabelle 8 ihre Zahl unter 1 "/o blieb, 
so sehen wir hierin, namentlich unter Berücksichtigung 
der in technischer Hinsicht infolge der ebenen Lage un- 
gemein leichten Bebaubarkeit Berlins und seiner Vororte, 
eine Bestätigung des vorhin Gesagten, daß für die Ent- 
wickelung zur Mietkaserne eine innere Notwendigkeit 
kaum vorhanden sein könne. 

Die Erforschung der in einer Stadt herrschenden 
Wohnungsverhältnisse, für die ein Erweiterungsplan 
entworfen werden soll, ist für den Städtebauer von weit- 
gehendem Interesse, wenn auch für die Wohnviertel jeder 
Stadterweiterung ohne Ausnahme die das leibliche und 
geistige Wohl der Bevölkerung nach Möglichkeit am besten 
wahrende Form der Bebauung angestrebt werden sollte, 
unabhängig davon, ob auf dem alten Stadtgebiet das Massen- 
miethaus bereits verbreitet ist oder nicht. Die Unter- 
suchung darf sich jedoch hierbei nicht bloß auf die Er- 
mittlung der vorhandenen Wohnungsverhältnisse be- 
schränken, sondern sie muß, um nutzbringend zu sein, auf 
die Ursachen ausgedehnt werden, die zu der vorhandenen 
Entwicklung geführt haben. Wenn man hierbei für Städte 



mit ungünstiger baulicher Entwicklung in manchen Fällen 
finden wird, daß die rein technischen Maßnahmen des Be- 
bauungsplanes, wie Bemessung der Blocktiefen, Straßen- 
breiten usw., sowie die eine übermäßige Ausnutzung 
der Grundstücke nicht verhindernden Bestimmungen der 
Bauordnung wesentlich zu derjenigen Gestaltung der Ver- 
hältnisse mit beigetragen haben, die im Stadterweiterungs- 
gebiet nach Möglichkeit vermieden werden sollen, so wird 
diese Erkenntnis die gegenüber den seither üblichen vor- 
zuschlagenden veränderten Maßnahmen nicht nur leichter 
entwerfen, sondern gegenüber dem etwaigen Widerstand 
mancher interessierter Kreise auch leichter durchführen 
lassen. 

V. Schlußbemerkungen. 

Die in den vorstehenden Zeilen enthaltenen Angaben 
können und wollen keine erschöpfende Darstellung all der 
Fragen geben, die bei der Vorbereitung von Stadterweite- 
rungsplänen in bezug auf die soziale und wirtschaftliche 
Lage der unterzubringenden Bevölkerung auftauchen 
können. So erstrecken sie sich z. B. nicht auf einen Um- 
stand, der gerade für die Wohnungsfrage von großer Be- 
deutung ist, nämlich auf die wechselnde Stärke der ein- 
zelnen Familien in den zu den verschiedenen, namentlich 
aber zu den niedrigeren Einkommenstufen gehörigen 
Schichten der Bevölkerung, obschon es klar ist, daß auf 
Grund der Größe des Einkommens allein die Frage nach 
der Größe der Wohnung, die für die zugehörige Familie 
erforderlich ist, nicht beantwortet werden kann. Eine 
kinderreiche Familie wird auch bei gleich großem Ein- 
kommen eine größere Wohnung haben müssen, als eine 
kinderlose, wenn sie ein gleich inniges und gemütvolles 
Familienleben zu führen in der Lage sein soll. Es ist nach 
dem Ausgeführten eine offene Frage, inwieweit und aut 
welche Weise der Verfasser eines Stadtbauplanes diesem 
Umstände bei seinen auf die zweckmäßige Ausgestaltung 
der Wohnungsverhältnisse abzielenden Maßnahmen Rech- 
nung tragen kann. Ebenso mußte, da es sich für uns nur 
um die Vorarbeiten zu Stadterweiterungsplänen handelte, 
von einer Besprechung all der Mittel abgesehen werden, 
die dem Städtebauer in rein technischer, rechtlicher, finanz- 
politischer und verwaltungstechnischer Hinsicht teils bereits 
zu Gebote stehen, teils noch zur Verfügung gestellt werden 
müßten, um ihm bei Erreichung seines Zieles, der Schaffung 
befriedigender Verhältnisse in bezug auf die Unterbringung 
der Bevölkerung, mittelbar und unmittelbar behilflich zu 
sein. Hierüber ist ja in letzter Zeit wiederholt ausführlich 
berichtet worden. 

Es handelte sich bei den vorstehenden Ausführungen 
lediglich darum, darauf hinzuweisen, daß die behandelten 
sozialen und wirtschaftlichen Vorarbeiten nicht zu ent- 
behren sein werden, wenn man bei Aufstellung eines Stadt- 
erweiterungsentwurfes das zu befriedigende Bedürfnis an 
Wohn- und Arbeitsstätten nach Zahl, Form, Größe und 
Preislage richtig zu beurteilen in der Lage sein will. Na- 
türlich werden diese Vorarbeiten im Einzelfalle eingehender 
und ausführlicher erfolgen können, als dies im Vorstehenden 
für die angeführten Städte auf Grund des allgemein zu- 
gänglichen Materials durchzuführen war. Erst die wieder- 
holte gründliche Durcharbeitung des fraglichen Gebietes 
in einzelnen Fällen der Praxis, welche für die Zukunft 
durch diese Zeilen mit angeregt werden sollte, wird alle 
Lücken aufdecken, die in dem zur Verfügung stehenden 



163 



DER STÄDTEBAU 



statistischen Material mit Rücksicht aut die Vorbereitung 
von Stadtbauplänen noch vorhanden sein dürften, und es 
könnte aus dem Zusammenarbeiten der Städtebauer mit 
den Statistikern vielleicht mancher wertvolle Fingerzeig 
dafür gewonnen werden, in welcher Weise bei den näch- 
sten Volks- und Berufszählungen auch den Bedürfnissen 
des Städtebauers am besten Rechnung getragen werden 
könnte. 

Gleichzeitig sollte die vorliegende Arbeit zeigen, wie 
groß selbst in den reichsten Städten der Prozentsatz der 
wirtschaftlich schwachen Bevölkerungsschichten ist, die 
einer erhöhten Fürsorge in jeder Richtung, mithin auch 
hinsichtlich der Wohnungsfürsorge, bedürfen. Es liegt 
nicht in der Macht der städtischen Verwaltungen, und noch 
wehiger in der des Verfassers eines Stadterweiterungs- 
entwurfs, auf die Gestaltung der von der allgemeinen 
wirtschaftlichen Lage abhängigen Erwerbsverhältnisse 



durchgreifenden Einfluß auszuüben. Wohl aber sind diese 
Faktoren in der Lage darauf einzuwirken, daß der für die 
Wohnungsmiete aufzuwendende Anteil des Einkommens 
namentlich der ärmeren Familien ein möglichst geringer 
werde, und daß die der Bevölkerung zur Verfügung stehen- 
den Wohnungen trotzdem zur Gesundheit und Erholung 
von Körper, Geist und Gemüt und dadurch mittelbar auch 
zur Hebung der Erwerbsfähigkeit nach Möglichkeit bei- 
tragen. Es kann daher nicht als nutzlose Arbeit bezeichnet 
werden, wenn auf die so notwendige und, wie ja nicht be- 
stritten werden soll, an manchen Orten ohnedies schon sehr 
rege Betätigung des ,, sozialen Gewissens" aller maßgebenden 
Kreise in dieser Hinsicht auch von technischer Seite immer 
wieder von neuem hingewiesen wird, zumal ein großer Teil 
der Verantwortung für den sozialen und wirtschaftlichen 
Fortschritt wie auf allen Gebieten, so auch auf diesem von 
den Technikern übernommen und getragen werden muß. 




yUU SCHUTZE DER DENKMÄLER IN STÄDTEN soll 
^^ nunmehr ein Gesetzentwurf fertiggestellt sein, der dem Landtage im 
Herbst zugehen wird. Das neue Gesetz wird den Städten die Möglichkeit 
geben, in Form eines Ortsstatuts bestimmte Vorschriften über die Erhaltung 
der Denkmäler zu erlassen. Die Selbständigkeit der Kommunen bleibt da- 
mit gewahrt. Um jedoch auch zu weitgehenden Eingriffen in das Privat- 
recht vorzubeugen, sieht das Gesetz drei Instanzen vor, eine Kommission 
der städtischen Körperschaft, die Provinzialverwaltung und die Provinzial- 
verbände zum Schutze heimatlicher Denkmäler. 

T>er „VERKEHRSVEREIN FÜR BARMEN UND DAS 

-•■^ BERGISCHE LAND" hat eine Eingabe an die Stadtverwaltung 
gerichtet mit der Bitte, auf eine künstlerische Beeinflussung des 
Baustils in Barmen hinzuwirken. Er empfiehlt zu diesem Zweck ein 
Preisausschreiben an alle deutschen Architekten (etwa im Betrage von 
20 ooo Mark) zur Lieferung von Bauplänen zu Wohnungen, Warenhäusern, 
Läden, Fabriken usw. in dem Stile des Barock oder im Bergischen Stil. 
Die als brauchbar angenommenen Pläne sollen öffentlich ausgestellt werden, 
um die Baulust anzuregen und im Sinne der Vereinsbestrebungen zu be- 
einflussen, dann aber zu mäßigen Preisen an Bauunternehmer abgegeben 
werden. Die Begründung weist darauf hin, daß Bauten auch einen weiteren 
Zweck zu erfüllen haben, als lediglich praktischen Bedürfnissen zu dienen, 
daß sie sowohl erzieherisch auf den Geschmack der Einwohner, insbesondere 
der Jugeha, als 'auch unmittelbar auf kunstgewerblichem Gebiet durch die 
damit verknüpften Aufträge wirken sollen. Es wird femer gezeigt, daß 
der Erfolg nicht ausbleibt, sobald die Stadtverwaltungen für die nötigen 
Vorbilder sorgen, , wobei an Bremen, Hildesheim, Nürnberg, Braunschweig 
erinnert wird. „ In Barmen hat sich in gleicher erfreulicher Weise der 
Baustil in neuer Zeit den schönen Formen des Barock wieder zugewandt, 
wie solche iii vergangener Zeit mit so großem Erfolg gerade in unserer 
Gegend angewandt wurden. Der Name ,,Bergischer Stil" ist ein durch- 
aus berechtigter, und es wäre zu wünschen, wenn er in der Folge in 
noch viel stärkerem Maße' zum Programm gemacht würde. Was sich aus 



diesem Stil in modernisierter Form machen läßt, haben auswärtige Künstler 
überraschend bewiesen. Da ist es nun eine Ehrenpflicht derjenigen Stadt, 
welche diese Bauform am längsten bewahrt hat, diese auch fernerhin zu 
bewahren und nicht untergehen zu lassen. Moderne Städte bieten zu 
häufig den Anblick des Fabrikmäßigen in den Bauten, es fehlt jeder 
Charakter. Städte mit eigenen charakteristischen Formen in ihren Bauten 
und Straßen haben stets die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. In ihnen 
ist die „Kunst auf der Straße" in innigster Beziehung mit dem Volke. 
Es ist selbstverständlich, daß eine solche volkstümliche Kunst nachhaltiger 
wirkt, als das beste Kunstgewerbe-Museum." 

IDEENWETTBEWERB UM ENTWÜRFE FÜR DIE UM- 
GESTALTUNG DER KURANLAGEN IN WIESBADEN 

und zwar der Parkanlagen südlich und östlich des neuen Kurhauses bis 
zum sogenannten Chaisenwege unter tunlichster Schonung des Baumbe- 
standes. Der Konzertplatz auf der Ostseite des Kurhauses ist durch teilweise 
Zuschüttung des Weihers um 15 m erweitert worden. Auf diesem Platze 
sollen 2 Musikbühnen errichtet werden. Eine Erweiterung des Weihers 
nach Osten ist freigestellt. Etwaiger Ab- und Auftrag sollen sich möglichst 
decken. Auf Wasserversorgungs-, Entwässerungs- uud Beleuchtungsanlagen 
ist Rücksicht zu nehmen. Der nördliche Teil des Platzes am Kurhause 
und am Weiher gegen die Sonnenberger Straße zu soll durch gedeckte 
Hallen geschlossen werden. Frist bis zum 6. Dezember. Drei Preise von 
1200, 1000 und 750 Mark. Außerdem behält sich der Magistrat vor, weitere 
Entwürfe zum Preise von je 300 Mark anzukaufen. Preisrichter: Ober- 
bürgermeister von Wiesbaden oder sein gesetzlicher Stellvertreter, Garten- 
baudirektor Siebert in Frankfurt a. M., Schröder in Mainz, Enke in Cöln 
und Ries in Karlsruhe, sowie der Beigeordnete Körner, Stadtbaurat Frobenius 
und Kurdirektor von Elmeyer in Wiesbaden. 

"D egierungsbaumeister LUDWIG HERCHER in Münster i. W^. 
■*-^ hat am 24. Juli an der Großherzoglich Technischen Hochschule zu 
Darmstadt unter Einreichung seiner Arbeit „Großstadterweiterungen" 
die Doktorprüfung mit dem Prädikate „Gut" bestanden. 



Verantwortlich für die SchrifUeitung : Theodor Ooecke, Berlin. — Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Berlin W., Markgrafenstraße 35. 
iMeratenannabmc C. Behling, Berlin W. 66. — Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Berlin W. — Klischees von Carl Schütte, Berlin W. 



2. Jahrgang 



1905 



12. Heft 



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INHALTSVERZEICHNIS: Das Burgtor und seine Umgebung in Lübeck, in früherer und gegenwärtiger Gestalt. Von J. Baltzer, Lübeck. — 
Nachträgliches von der Gartenbau-Ausstellung in Darmstadt. Von Theodor Goecke, Berlin. — Städtische Wohlfahrt auf der Weltausstellung in Lüttich. 
Von Dr. Hans Schmidkunz.^Berlin-Halensee. — Die Sammlung von deutschen Stadtplänen auf der Dresdener Städteausstellung. Von R. Gerke, Dresden. — 
Mitteilungen. — Chronik. 

Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schriftleitung verboten. 



DAS BURGTOR UND SEINE UMGEBUNG 
IN LÜBECK, IN FRÜHERER UND GEGEN- 
WÄRTIGER GESTALT. 



Von J. BALTZER, Lübeck. 

Überall, wo in unsern alten malerischen Städten die 
neuere Bebauung, die ihren Grund in den Bedürfnissen der 
Gegenwart hat, älteren Gebäuden, deren Lebens- und Da- 
seinsbedingungen der Vergangenheit angehören, nahe- 
rückt und wohl gar ihren Bestand gefährdet, ergibt sich 
ein Widerstreit, der einer glücklichen Lösung die größten 
Schwierigkeiten in den Weg legt. 

Ein Beispiel dafür ist das Lübecker Burgtor mit seiner 
näheren Umgebung, eine Stätte, wie keine zweite in der 
alten Hansestadt von Sagen und geschichtlichen Erinne- 
rungen umwoben, in seiner äußeren Erscheinung eines der 
malerischsten Architekturbilder, die wir in Norddeutsch- 
land besitzen, siehe Textbild i. Jeder, der Lübeck besucht 
hat, kennt auch das Bild, das der hochaufstrebende reich- 
gegliederte Torturm mit seiner schöngezeichneten Renais- 
sancehaube und den kleinen malerischen Nachbarhäusern 
als Abschluß der Großen Burgstraße bildet. 

Dieses Tor, das schon vor unserer Zeit die mannich- 
fachsten Veränderungen erfahren hat, ist nur der Rest 
einer größeren Anlage, eines dreifachen Torbaues, von 
dem der bestehende Turm der stadtseitige Abschluß war, 
wie dies auf dem großen Holzschnitte mit der Ansicht der 
Stadt Lübeck aus dem Jahre 1555 zu sehen ist. 

Als die Außentore gefallen waren und als auch die 
nachträglich vorgelagerte Erdbastion ihre Bedeutung für 



die Befestigung verloren hatte, veränderte sich das Bild 
des Äußeren nicht in günstigem Sinne; doch zwei kleine 
Vorbauten, die der Torwache dienten, im Verein mit wun- 
derbarem Baumbestand in dem Garten der alten Brauer- 
wasserkunst, welcher der östlich sich an das Tor an- 
schließenden Stadtmauer vorgelagert war, schufen mit dem 
Torturme wieder ein neues malerisches Bild, das wir 
aus verschiedenen Zeichnungen und Photographien des 
vorigen Jahrhunderts kennen und dem gegenwärtigen Zu- 
stande vorziehen. 

Weitere Änderungen hat das Bild des Tores in den 
letzten Jahrzehnten erfahren. Stadtseitig wurde zunächst 
auf der Stelle des alten Burgklosters unter Benutzung ein- 
zelner seiner Teile ein Gerichtsgebäude erbaut, in seinen 
Formen an ältere Lübecker Bauten anschließend, aber in 
seiner Baumasse für den Blick von der Burgstraße her so 
beherrschend, daß die Bedeutung des Tores unter dieser 
Nachbarschaft leidet. 

An Stelle des kleinen Wachtgebäudes wurden außen 
an das Tor drei Wohnhäuser angebaut, die mit ihren 
flachen Dächern und ihrer nüchternen Architektur das 
früher schöne Bild wesentlich beeinträchtigen. 

Hier ist allerdings in Zukunft ein Wandel zum Besseren 
zu erhoffen, da der Staat diese Häuser angekauft hat mit 
der ausgesprochenen Bestimmung, sie seiner Zeit nieder- 



1Ö6 



DER STÄDTEBAU 



Abb. I. 




zulegen. Die größte Änderung aber für das Tor und zwar 
in seinem Vorlande hat der Bau des Elbetravekanals ge- 
bracht, bei dem der Damm, der hier Trave und Innen- 
wakenitz schied, für die Kanalmündung durchstochen, und 
vor dem Tore eine große feste Brücke, und neben dieser eine 
mehrfach geteilte Hubbrücke hergestellt wurde. Es wäre 
dies eine Gelegenheit gewesen, um aus den alten Tor- und 
Mauerbauten in Verbindung mit den Brücken eine Neuan- 
lage zu schaffen, die ihres gleichen suchen konnte. Die 
Gelegenheit ist verpaßt, die eiserne Bogenbrücke über die 
Kanalmündung und die danebenliegenden Hubbrücken mit 
ihren unruhigen Umrißlinien, ihrem dünnen Maschenwerke 
der Eisenträger und dem wenig glücklichen Turme für die 
maschinelle Anlage haben das Bild nicht verbessert, sondern 
zeigen nur, wie schwer es ist, für unsere modernen Bauten 
des Ingenieurs eine monumentale Lösung zu finden. 

Mit dem Bau des Kanals sind dann auch die Gebiete 
östlich des Tores, die früher an der Innenwakenitz und 
der am wenigsten verkehrsreichen Seite der Stadt lagen, 
dem Verkehr erschlossen worden. Der hier angelegte 
Kanalhafen mit seinen breiten Uferstraßen hat die Verhält- 
nisse geändert und fängt an, seinen Einfluß auf die Bau- 
tätigkeit zu üben. Das zunächst der Stadtmauer gelegene 
Grundstück eines früheren Sommertheaters sollte der Bebau- 
ung zuerst erschlossen werden, und der Staat, der hier das 
Interesse verfolgte, vom Kanalhafen her eine bequeme 
Fahrstraße nach dem hochgelegenen Burgtore heraufzu- 
führen, bot durch Geländeaustausch die Hand zur Aus- 
führung dieses Planes. (Vergl. den Lageplan auf Doppel- 
tafel 89/90.) 

In dem mit den Besitzern abgeschlossenen Vertrage 
wurden gewisse Bedingungen inbetreff der schönen Aus- 
bildung der für das Bild des Äußeren und die Erhaltung 
der Stadtmauer wichtigen Bauten festgesetzt. Die neue 
Straße selbst, die einen Durchbruch der Stadtmauer be- 



dingte, wurde durch den Brauerpark zur Höhe des Tores 
hinaufgeführt und der Brauerpark selbst zu einer kleinen 
gärtnerischen Anlage umgestaltet. 

Die Entwicklung der Bebauung auf dem Gebiete, von 
welchem Textbild 2 eine Darstellung gibt, ließ aber bald die 
Befürchtung gerechtfertigt erscheinen, daß die Bedingung des 
genannten Vertrages nicht volle Gewähr für eine glückliche 
Lösung der Gestaltung der Bauten geben würde. Es ist 
deshalb von der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger 
Tätigkeit mit Unterstützung des Staates und der Besitzer 
des Baugeländes ein Wettbewerb ausgeschrieben worden, 
der wegen seiner örtlichen Eigenart auf Lübecker Archi- 
tekten beschränkt war. 

Der Wettbewerb, zu dem 14 Entwürfe eingingen, ist 
Anfangs Mai durch den Spruch des Preisgerichts entschie- 
den worden, wonach der erste Preis dem Landbauinspektor 
E. Blunck in Nicolassee bei Berlin, zwei gleiche weitere 
Preise den Architekten Glogner & Vermehren in Lübeck 
und dem Reg.-Bauführer Eggeling in Charlottenburg ver- 
liehen wurden. 

Die Schwierigkeit der architektonischen Lösung war 
eine doppelte. Es galt einmal für das Gebäude, das sich 
unmittelbar an die Stadtmauer anlehnen soll (Restauration 
mit Wohnhaus) für die ein ausführliches Bauprogramm ge- 
geben war, eine glückliche Gruppierung zu finden und 
sodann den Häusern an der Kanalstraße eine solche Ge- 
staltung zu geben, daß dieser Baublock, in dem nach der 
Bauordnung der Bau von vierstöckigen Häusern gestattet 
ist, dem Gesamtbilde nicht zu sehr Eintrag tut. 

Grade in letzterer Forderung lag der Schwerpunkt der 
Aufgabe und man kann nach dem Ergebnisse des Wett- 
bewerbes zweifelhaft sein, ob eine ganz einwandfreie Lö- 
sung unter den vorliegenden Vorbedingungen überhaupt 
möglich war. Eine Gliederung dieser großen Baumasse 
neben der alten Stadtmauer, die in ihrer Höhe unver- 
ändert bleiben soll, so daß der Eindruck nicht geschädigt 
wird, ist sehr schwer, vielleicht kaum möglich, und es 
sind daran die meisten Teilnehmer am Wettbewerbe ge- 
scheitert. Auch in einem der preisgekrönten Entwürfe 
liegt ein für die Ausführung allseitig reifer Plan kaum vor. 
(Abb. a und b.) 

Der Bluncksche Entwurf zeichnet sich durch eine vor- 
zügliche Grundrißlösung des Hauses am Turm aus. Der 
Aufbau, der sich in seinen Formen an Lübecker Ziegel- 
bauten der Barockzeit anschließt, ist malerisch gestaltet, 
und mit dem Eckturme der Stadtmauer so gut zusammen 
gearbeitet, daß eine gute Gruppe gebildet wird, in der 
man doch eine bestimmte Scheidung der alten und neuen 
Bauteile erkennen läßt. Gerade der letzte Umstand ist 
von dem Preisgericht in der Beurteilung des Entwurfes 
besonders lobend hervorgehoben. Es ist dies dadurch er- 
reicht, daß in den Turm, der nach dem Programme voll- 
ständig in den Bau einbezogen werden konnte, nur Neben- 
räume eingebaut sind, so daß seine Mauer durch schlitz- 
förmige Öffnungen durchbrochen den alten Charakter be- 
wahrt, und daß über dem alten Turmstumpfe, der durch 
einen etwas eingezogenen Ring abgeglichen ist, das Dach 
des anstoßenden Neubaues übergreift, ihn dadurch in die 
ganze Gruppe auf glückliche Weise einbeziehend. Sehr gut 
ist ferner die Bedeutung der Stadtmauer dadurch gewahrt, 
daß das obere Geschoß des Hauses nur als ausgebautes 
Dachgeschoß ausgebildet ist. Auch die Gestaltung des 



156 



DER STÄDTEBAU 



Abb. 2. 




Restaurationsgartens, dessen Terrasse ebenso wie in ver- 
schiedenen anderen Entwürfen amEnde mit einem zierlichen 
Pavillon abgeschlossen ist, der in gewisser Weise ein Aus- 
klingen der Stadtmauer bedeutet, ist als sehr gelungen zu 
bezeichnen. 

Nicht das gleiche kann man von der Lösung der 
Fassaden an der Kanalstraße sagen. Der Entwurf zeigt 
hier, daß mit einer gleichmäßigen Teilung der Häuserfront 
nichts zu erreichen ist. Nur eine großzügige Gliederung, bei 
der die Einzelheiten mehr zurücktreten und durch die hori- 
zontale Teilung möglichst eine scheinbare Verminderung 
der Häuserhöhen erreicht wird, kann hier zum Ziele führen. 

Soweit dies unter den gegebenen Verhältnissen mög- 
lich war, ist es in dem Eggelingschen Entwurf (Abb. c.) 
erreicht worden, der im Anschluß an Lübecker Barock- 
formen mit den verhältnismäßig einfachsten Mitteln, aber 
in allen Einzelheiten wohlüberlegt, ein gutes Bild geschaffen 
hat. Die in der Höhe springende horizontale Gliederung 
und das Herausheben einzelner Giebelhäuser sind die Haupt- 
mittelgewesen, die den ungefügen Baublock gegliedert haben. 

Auch hier kann man noch zweifelhaft sein, ob nicht 
die ganze Baumasse neben der Stadtmauer zu gewaltig 



und erdrückend wirken wird, und man möchte vielleicht 
eine Gliederung wünschen, wie sie in einem der nicht mit 
einem Preise ausgezeichneten Entwürfe (Abb. d.) versucht 
ist, bei dem durch Anordnung eines offenen Hofes in dem 
Nachbargrundstücke neben dem Restaurationsgebäude, 
dieses im Aufbau durch einen kräftigen Einschnitt von den 
Wohnhausbauten an der Kanalstraße getrennt wird. 

Es ist die Masse der ungegliederten, glatten Front des 
Baublocks an der Kanalstraße neben den malerischen alten 
Mauerresten, welche kaum zu meistern war. Wäre es 
möglich gewesen, den Wettbewerb früher auszuschreiben, 
und auch die Gesamtbebauung des Blockes in die Aufgabe 
mit einzubegreifen, so hätte man vielleicht ein gün- 
stigeres Ergebnis erwarten können, bei dem schließlich 
auch die Ausnutzungsmöglichkeit der Grundstücke, worauf 
natürlich von den Eigentümern der größte Wert gelegt 
wurde, zu ihrem Rechte hätte kommen können. 

Für die Ausführung ist der Bluncksche Entwurf der 
Anschlußbauten an die Stadtmauer und der Eggelingsche 
Entwurf für die Fassaden der Häuser an der Kanalstraße 
gewählt worden. Den Verfassern soll die weitere Be- 
arbeitung ihrer Entwürfe übertragen werden. 



NACHTRÄGLICHES VON DER GARTENBAU 
AUSSTELLUNG IN DARMSTADT. 



Von THEODOR GOECKE, Berlin. 



Anders wie sonst und wie namentlich auch die Düssel- 
dorfer des Jahres 1904 stellte sich im verflossenen Sommer 
die allgemeine Gartenbau-Ausstellung in Darmstadt dar. 
Schon die prächtigen Baumalleen des Großherzoglichen 
Orangeriegartens (zu Bessungen, einem mit Darmstadt jetzt 
verwachsenen Vororte) boten einen außergewöhnlichen 
Rahmen und die mit Kübelorangen eingefaßten Wege des 



Gartenparterres, das hinten eine Terrasse gleich einer Bühnen- 
rampe abschließt, den einheitlichen Grundplan für die Dar- 
bietungen der einzelnen Aussteller. Die einstige, durch einen 
Brand zerstörte Symmetrie der im französischen Gartenstile 
geschaffenen Anlagen war einigermaßen durch die Gruppe 
der schönen Henkeischen Sonderausstellungen als Gegen- 
stück zu dem einen noch verbliebenen Orangeriegebäude 



157 



DER STÄDTEBAU 



wiederhergestellt. Diese Regelmäßigkeit im Grundriß und 
Aulbau mußte naturgemäß Form und Farbe der Ausstellung 
beeinflussen und kam somit der wieder aufgelebten Idee 
des architektonischen Gartens von selbst entgegen. 
Schlängellinien und Bretzelwege waren verbannt. 

Der Behrenssche Garten (siehe Tafel 8 des Jahrgangs) 
in Düsseldorf hatte zahlreiche Nachfolger in den Haus- 
gärten verschiedenster Art gefunden und wenn darin auch 
oft der Motive zuviel und vielerlei gehäuft, praktischer 
Brauchbarkeit und billiger Unterhaltung zu wenig Rechnung 
getragen war, so boten sie doch eine Sammlung heiter wie 
nachdenklich stimmender Gartenbilder, die der ganzen 
Ausstellung das Gepräge gegeben haben. Den Garten als 
Wohnung im Freien, als luftiges Raumgebilde zu gestalten, 
hatten Architekten, Maler und Gärtner zusammengewirkt. 
Die Lehren von Lichtwark, Muthesius u. a. sind also nicht 
nutzlos verhallt und wenn sie in Zukunft nur das Eine be- 
wirken sollten, daß sich Schöpfer von Garten und Haus 
immer mehr zu gemeinsamer Arbeit zusammenfinden, so 
wäre schon viel gewonnen. Im übrigen ist damit noch 
nicht das letzte Wort gesprochen über den auch in der 
diesjährigen Hauptversammlung des Vereins deutscher 
Gartenkünstler weiter verfolgten Streit, ob der Hausgarten 
architektonisch oder landschaftlich zu behandeln sei. Bei 
geschlossener Häuserreihe, auf der Ebene, in engem Räume 
wird sicherlich die regelmäßigere Geschlossenheit siegen, 
bei offener Bauweise, an der Berglehne, auf weiter Fläche 
sich aber auch die malerische Bewegung behaupten. Es 
verhält sich damit fast ebenso, wie mit den geraden und 
krummen Straßen des sich den örtlichen Verhältnissen 
anpassenden Bebauungsplanes. Nur romantische Natur- 
nachahmung und spielerische Teppichgärtnerei haben wohl 
auf keiner Seite Freunde mehr. Wichtig ist dies be- 
sonders auch für das städtische Gartenwesen und damit 
für den Städtebau. 

Als Schmuckstück der Ausstellung prangten auf der 
großen Gartenterrasse in verbundener Gruppe Olbrichs ver- 
senkte Farbengärten, von denen zunächst nur die sie nach 
vorn verdeckenden Umwallungen und Erdterrassen des 



offenen grünen Gartens zu erblicken waren, wenn man von 
unten herkam — mit einer vor dem roten Garten ange- 
ordneten Sitznische, die die Hauptaxe des Orangeriegartens 
abschloß. Dem liebenswürdigen Entgegenkommen ihres 
Schöpfers ist die Wiedergabe einiger, auf Tafel 91 und 92 
dargestellter Abbildungen zu verdanken, die seiner dem- 
nächst erscheinenden größeren Veröffentlichung dieser An- 
lage entnommen sind. (Olbrich, Neue Gärten. Verlag von 
Ernst Wasmuth A. G., Berlin). Ovale Fenster in den die 
drei Gärten miteinander verbindendenLauben gewährtenvon 
der Terrasse aus überraschende Einblicke und von den 
rückwärts gelegenen Eingängen führten mehrere Stufen in 
die Abgeschiedenheit der Gartenräume, deren Boden ein- 
farbig blühende Teppiche deckten und deren Wandungen teils 
berankte Futtermauern (gegen die vorderen Erdwälle und 
Plattformen, von denen aus ein prächtiger Überblick zu 
genießen war) bildeten, teils von fensterartigen Öffnungen, 
von Pfeilerstellungen, von Säulchenbrüstungen durch- 
brochen waren. Die Ausstattung bestand aus Teehäuschen 
und Lauben, Sitzbänken und Bildwerken, Wasserbecken 
usw., im ganzen mehr zum Anschauen, als zum Verweilen 
einladend. Der plötzliche Einblick von oben her, der ge- 
heimnisvoll schimmernde Durchbruch der Umfassungen, 
die Farbenpracht in der Tiefe ließen in einem solchen 
Garten ein Prunkstück entstehen, das verborgen in einer 
landschaftlichen Umgebung, in einem weitgedehnten Parke 
den Wanderer als Mittelpunkt und Endziel anlockt und 
darum sei die Idee allen städtischen Parkverwaltungen 
auf das wärmste empfohlen. 

Gegenüber diesen Leistungen fiel die Ausstellung von 
Gartenplänen im Orangeriegebäude stark ab — sie ist 
auch weit hinter der Düsseldorfer Planausstellung zurück- 
geblieben. Doch seien die Arbeiten eines Poeten unter den 
Gartenkünstlern, Friedrich Bauer in Magdeburg, auch hier 
wieder besonders herausgehoben. In der Laube der Bürger- 
gärtchen von Hans Dietrich Leipheimer ist mir auch ein 
Vogelschaubild des Luftkurorts Hochwaldhausen von 
Ludwig Hofmann aufgefallen. Der Katalog der Aus- 
stellung war musterhaft. 



STÄDTISCHE WOHLFAHRT AUF DER WELT- 
AUSSTELLUNG IN LÜTTICH. 



Von Dr. HANS SCHMIDKUNZ, Berlin-Halensee. 



In den Wettbewerb um die Weltausstellungen ist nun 
auch eine Stadt eingetreten, von der man diesen Stolz nicht 
sobald erwartet hätte. Daß die belgische Stadt Liege eine 
interessante Lage in einem Flußtal unterhalb mächtiger 
Anhöhen besitzt, und daß sie über eine mehr als tausend- 
jährige Geschichte verfügt, würde wohl noch immer nicht 
genug sein. Dazu kommt aber der Umstand, daß sie der 
Hauptsitz eines sehr lebhaften romanischen Stammes ist, 
der in der Weltindustrie und im Weltverkehr einen der 
allerersten Plätze mit Recht beansprucht: der Wallonen. 
Die Gegend hat einige Analogie mit unserem deutschen 
Gebiete der rheinischen Industrie und Kirchengeschichte. 
Wie hier, so gruppieren sich dort um uralte Bischofssitze 
gewaltige moderne Anlagen in Kohlenbau, Metallindustrie, 



und was nur immer noch dazu gehört; gar nicht zu sprechen 
von dem altüberlieferten Textilgewerbe Belgiens. 

Schon geringe Einblicke in das belgische Land zeigen 
eine eifrige und vielgestaltige Tätigkeit zugunsten der 
öffentlichen Wohlfahrt, zumal für die in der Industrie Be- 
schäftigten. Auf diese Weise soll der unvermeidliche Fluch 
des großindustriellen Arbeitens durch Segen aus der Mitte 
dieser Welt selber heraus überwunden werden. Ob nun 
so die Industrie wirklich an Stelle des Krummstabes in 
dem Sinne getreten ist, daß auch unter ihr ebensogut woh- 
nen sei, wie unter jenem, läßt sich daraus noch nicht end- 
gültig folgern. Noch schärfer zeigen sich diese Verhält- 
nisse in dem städtischen Aufbau Lüttichs. Ähnlich wie 
Aachen sieht es um seinen alten gothischen Kern mit den 



168 



DER STÄDTEBAU 



herrlichen Kirchen, mit den in vernünftiger Weise bald 
etwas weiteren und bald etwas engeren Straßen, sowie mit 
seinen wirklich als ruhevolle Unterbrechung wirkenden 
Plätzen, die zum Teil eine zusammenhängende Reihe bil- 
den, immer enger und enger den industriellen Stadtring 
sich schließen. Das sind allerdings nicht die mitteleuro- 
päischen Mietkasernen, die als würfelförmige Kästen so und 
so viele Stockwerke und Rückgebäude enthalten; das sind 
vielmehr meist nur mäßig hohe Häuser, die einen Übergang 
von unseren Unterkunftsstätten für zahlreiche Menschen zu 
dem englischen Einfamilienhause bilden. Innerhalb dieses, 
allerdings den größten Teil der Stadt einnehmenden Bau- 
ringes fehlen dann natürlich nicht die ganz typischen 
großen öffentlichen Gebäude und die ihnen gleichstreben- 
den Privatbauten. 

Gegen das Steinmeer der Wohnhausmassen ist die Stadt 
allerdings auf der einen Seite durch ihre Anhöhen und auf 
der anderen Seite durch die Gewässer geschützt, obschon 
die massigeren Wohnviertel sich bereits weit über diese 
Wasserlinien hinaus erstrecken. Die jetzige Stadt wird 
durchflössen — oder die ältere Stadt wird auf der einen 
Seite begrenzt durch den breiten Flußlauf der Maas (Meuse). 
In diese mündet, eine kurze Strecke vor der Berührung 
des alten Stadtkernes durch die Maas, die Ourthe. Genau 
an dieser Stelle zweigt aber ein künstlicher Wasserlauf, die 
sogenannte „Derivation", ab und führt ganz nahe dem 
Laufe der Maas weiter bis ungefähr zum Ende der Stadt, 
wo sie die Maas erreicht. Da diese inzwischen einen 
kleinen Bogen gemacht hat, so bedeutet jener künstliche 
Flußlauf eine kleine Verkürzung für den Verkehr von der 
Ourthe zu den unteren Teilen der Maas. Ein älteres Bett 
der Ourthe, die ,,Riviere", mündet etwas unterhalb der 
vorerwähnten Hauptmündung in die „Derivation", wäh- 
rend diese Hauptmündung den geregelten Hauptlauf auf- 
nimmt. So ergibt sich ein eigentümliches System von 
Wasserläufen, Inseln, Halbinseln und Landzungen, natür- 
lich mit einer Reihe von Brücken. Am wichtigsten wird 
dabei die von der Maas und der „Derivation" gebildete 
sehr spitze Landzunge, welche zwei öffentliche Gärten ein- 
schließt, den Jardin d'acclimatation und den Parc de la 
Boverie. 

Diese Gegend, samt noch weiteren Stücken Landes, ist 
nun Ausstellungsplatz geworden, wobei das Hauptgebäude 
an jenem stumpfen Winkel liegt, mit welchem die Ourthe 
in die „Derivation" übergeht. Kaum eine bessere Gele- 
genheit, das Schönste an Augenblicksarchitektur und an 
Dekoration zu leisten! Daß nun innerhalb der vielen Mühe, 
die man sich dort gegeben, und innerhalb der nicht weni- 
gen Erfolge, die man dabei erreicht hat, für besondere Bau- 
interessen sowie für das Problem öffentlicher Dekoration 
nichts eigentlich Neues abfällt, ist bedauerlich, wird aber 
immerhin durch den günstigen Natureindruck, den selbst 
die Ausstellungsbauten nicht zerstören können, einiger- 
maßen überwunden. Die Klage darüber, daß mit der Bau- 
kunst der Ausstellungsgebäude nichts neues erreicht ist 
und daß nur wiederum die bekannte Übertragung wuch- 
tiger Palastformen auf derlei andersartige Dinge zustande 
gekommen ist, sei lediglich kurz verzeichnet; wahrschein- 
lich würde ein näheres Eingehen darauf auch für die 
nächstkommende Weltausstellung nichts helfen. 

Wie in diesen Dingen, so finden wir dort auch in an- 
deren Dingen nicht die Belehrung, welche wir gerade von 



unseren stadtbaulichen Interessen heraus erhoffen dürfen. 
Wir denken an die Bedeutung von Ch. Buls für den Brüsse- 
ler Stadtbau und für die Ästhetik des Städtebaues über- 
haupt, finden aber auch in der Stadt selber trotz ihrer vielen 
Boulevards und Avenuen und trotz einer ersichtlichen 
Mühe, welche sich die Stadt mit ihrem Bauwesen gibt, 
keinen Beitrag etwa zur Frage der Ausgestaltung von Ave- 
nuen. Beträchtlicher ist die Ausbeute an architektonischen 
Einzelheiten. Nicht daß wir den alten Bauten hier nochmal 
ein Loblied singen wollten. Aber auch im neuesten Bau- 
wesen ist manches interessant: beispielsweise der Typus 
des Kleinhauses, mäßig hoch und ziemlich schmal, mit 
freier moderner Verwertung gothischer Formen. Eine Be- 
sonderheit fiel uns auf durch die Verzierung mancher Roh- 
ziegelbauten mit eingelegten kleinen Streifen oder Qua- 
draten oder dergl. von einfarbigen oder ornamental be- 
malten Friesen in der Fassade, und zwar nicht nur, wie 
manchmal bei uns, als Fries oder als Felderfüllung. Gelb- 
liche Färbung ist dabei besonders häufig. An mehreren 
Punkten der Stadt sieht man diese hübschen Fassaden. 
Ein besonderes Beispiel davon fand ich an der jenseits der 
Derivation zum Haupteingange der Ausstellung führenden, 
sonst recht idyllischen Kleinstraße ,,Quai Mativa": drei ein- 
ander benachbarte und zusammenstimmende Privatgebäude 
aus dem Jahre 1903, bei denen der durch die Fayence- 
ornamente hervorgerufene günstige Eindruck noch durch 
schöne Holzerker verstärkt wird. Manche andere Bei- 
spiele zeigen statt der Fayencestreifen auch kleine Mo- 
saiken. 

Mit diesem Beispiel aus den Ausstellungsgegenständen 
würden wir bereits mitten in dem eigentlichen Ausstellungs- 
berichte für unsere Fachinteressen stehen. Allein ohne 
eine kleine Enttäuschung geht es dabei nicht ab. Wie 
schon angedeutet, finden wir dort nicht eigentlich das, was 
wir an Beiträgen zu unseren hauptsächlichen Aufgaben, 
insbesondere zu der Anlageweise der Städte, zu der Ge- 
staltung ihres Straßennetzes usw., erwarten. Landpläne, 
auch unter der Erde, sind auf der Ausstellung zahlreich 
vorhanden, Stadtpläne nur spärlich; und unter diesen 
findet sich kaum ein solcher, der in unserem Sinne über 
besondere Geschicklichkeiten einer städtischen Uranlage 
oder einer Stadterweiterung Aufschluß gibt. Natürlich kann 
der Berichterstatter, dessen Zeit und Kräfte ja auch be- 
schränkt sind, innerhalb der sogar im buchstäblichen Sinne 
des Wortes unbegrenzten Menge von großen und kleinen 
Ausstellungsgegenständen manches übersehen haben; aber 
schon der Umstand, daß er etwas übersieht, läßt mit einiger 
Wahrscheinlichkeit schließen, daß es nicht im Vorder- 
grunde steht. Zudem war die Ausstellung bei unserem 
Besuche noch lange nicht fertig. 

Das kleine friedliche Belgien rückt diesmal sogar mit 
einer eigenen Militärausstellung auf und legt eine große 
Menge von seinen Generalstabskarten aus, die anscheinend 
in Fachkreisen sehr geschätzt sind. Bekanntlich kann je- 
doch keine Generalstabskarte, und selbst kein Meßtisch- 
blatt für eine solche, vonwegen des verhältnismäßig klei- 
nen Maßstabes einen genügenden Einblick in die Konstruktion 
einer städtischen Bauwelt geben. Eigentliche Stadtpläne 
sind doch erst dort vorhanden, wo der Maßstab bis auf eins 
zu wenigen Tausenden gestiegen ist; und Einzelheiten im 
Ausbau der Straßen, Plätze, Denkmalsstellungen usw. sind 
wohl erst bei 1 : 1000 erkennbar darzustellen. Stadtpläne 



159 



DER STÄDTEBAU 



dieser Art glaube ich auch auf jener Militärausstellung 
nicht gefunden zu haben. 

Nicht wenige, mindestens mittelbare Anregungen bietet 
die, jedenfalls im übrigen reichhaltige, neuere Kunstaus- 
stellung (neben der eine Altkunstausstellung ebenfalls ein 
eigenesGebäude einnimmt.) Zahlreiche Gruppen huldigen 
hier dem Interesse an Malerei usw.; für die Architektur 
fällt kaum mehr ab, als ihr sonst auf Kunstausstellungen 
eingeräumt wird. Nur Belgien und Frankreich bringen 
derartige Zeichnungen, jenes 17, dieses 24 an Zahl. Meist 
sind es einzelne Bauwerke, nicht diejenigen Gruppen von 
solchen, die zu unserem Gebiete gehören. 

Aus der französischen Architektur machte sich uns 
nur ein, allerdings recht interessanter Entwurf bemerkbar: 
die Vorlage zu einer Restaurierung der Tiberinsel in Rom, 
von R. Patrouillard-Demoriane aus Paris, vom Jahre 1904. 
Die Gebäude jener Insel tragen jetzt vorwiegend den Cha- 
rakter der französischen Renaissancezeit, während die in 
der Umgebung der Insel liegenden Gebäude vorwiegend 
antik sind. Nun will unser Architekt auch die Gebäude 
■ der Insel in antike Formen bringen. Soweit sich aus den 
zwei dargebotenen Entwürfen entnehmen läßt, würde die 
Zusammenstimmung der Insel mit ihrer Umgebung aller- 
dings glücken. Eine andere Frage ist die, ob wir mit 
dieser Stilreinheit etwas so wertvolles erreichen, daß sich 
die jedenfalls weitgreifenden Mühen der Umgestaltung 
lohnen. Gerade aus einer Stadt wie Lüttich kommt man 
am ehesten mit einer Achtung vor den geschichtlichen Tat- 
sachen zurück, welche nun einmal sehr verschiedenes 
neben einander stellen. 

Wenden wir uns von dem Gebäude der Kunstaus- 
stellung den etwas weiten Weg zurück zu dem Hauptge- 
bäude, das die Industrien usw. enthält, so finden wir in 
einem rückwärtigen Teile desselben, aber mit einem be- 
trächtlichen Umfange, die Fachausstellungen für wissen- 
schaftliche, pädagogische und verwandte Dinge. Eigene 
Abteilungen sind den ,, Sciences" gewidmet, dann der 
„Economie sociale", sodann der ,,Sociologie", ferner der 
„Economic politique" usw. Die Geologie spielt natürUch 
in jenem Bergbau- und Metall-Land eine besondere Rolle. 

Diesen Ausstellungsraum benutzt großenteils das bel- 
gische Ministerium der öffentlichen Arbeiten. Von ihm 
gehen mehrfache Landkarten usw. aus, darunter auch ein 
Kartogramm über den zivilen Fachunterricht (,,L'enseigne- 
ment professionel bourgeois"). Auch andere Landpläne und 
dergl. treten uns entgegen; so insbesondere über die bel- 
gischen Ölbecken, beispielsweise mit einem nordsüdlichen 
Schnitt durch das ,, Bassin Mouillier du Borinage". Eher 
interessieren uns schon die den Namen jenes Ministeriums 
tragenden Vorführungen wichtiger Baumaterialien. In„Beton 
arme" wurde z. B. eine Brücke über die mehrerwähnte 
Derivation aufgeführt, mit einer GesamtöfTnung von 80 m, 
ausgeführt durch die , Societe de fondation, en Beton arme, 
Systeme Hennebique". Ferner finden wir „Asphalte arme", 
„Ciment-amiante", „Ciments armes" und „Ciments Port- 
land artificiels de l'Indo-Chine" und dergl. Noch mehr 
interessiert uns die ganz besonders reichhaltige, eine eigene 
große Gruppe füllende, hygienische und speziell hygienisch- 
architektonische AusstellungBelgiens (Klasse 111 „Hygiene"). 

Weit lebhafter als durch all diese, mehr noch an der 
Grenze unserer Interessen liegenden Dinge werden wir 
befriedigt, wenn wir uns zu dem wenden, was Belgien 



und Frankreich für die Wohlfahrt des Wohnhauses ärme- 
rer Bevölkerungsschichten getan haben. In Belgien besteht 
seit dem 9. August 1889 ein eigenes Gesetz für die Anlage 
von Arbeiterwohnungen. Die eigentliche Durchführung 
dieser Dinge ist dann allerdings Privatsache. 

Die Ausstellung hat eine eigene Klasse (106) und noch 
etwas darüber den ,,Habitations ouvrieres" gewidmet, einer- 
seits für Belgien, andererseits für Frankreich; letzteres 
kommt dabei noch besser weg als ersteres. In Belgien 
spielen die Hauptrolle die „Comites de patronage des habi- 
tations ouvrieres". Sie berichten, daß sie bisher im ganzen 
130000 Scheine ausgegeben und dadurch mehr als 100000 
Familien, ungefähr dem zehnten Teile der gesamten Be- 
völkerung, die Möglichkeit erschlossen haben, die Vorteile 
jenes Gesetzes von 1889 zu genießen. Dabei fällt auch 
einiges, allerdings nicht viel, für die Ästhetik des Häuser- 
baues ab. Hübsche Typen von mehr städtischen Häusern 
zeigt z. B. das betreffende Komitee des Kreises („arrondisse- 
ment") von Ostende. Mehr im Stile von sehr einfachen 
Bauernhöfen läßt das Komitee des Kreises Nivelles (südÜch 
von Brüssel) seine Arbeiterhäuser bauen. Daran reihen sich 
gleichartige Komitees von Verviers (auch für ,,institutions 
de prevoyance") usw. Die Gesellschaft ,, Eigen Heerd" in 
Antwerpen hat bereits um mehr als drei Millionen Francs 
derartige Gebäude samt Innenausstattung hergestellt. 

Im weiteren Verfolge dieser verschiedenen sozialen 
Einrichtungen, bei denen wir allerdings nähere Erklärun- 
gen der Einzelheiten vermissen, finden wir auch Landkarten 
zur Vorführung dieser Werke, ausgegeben von der ,,Charite 
privee" und ebenso von der ,,Charite hospitaliere". Eine 
eigene Firma, Vve Louis de Naeyer et Cie. in Willebroeck 
zeigt ihre „Institutions realisees pour l'amelioration du sort 
de la Classe ouvriere". Sie schließt in ihre Unterneh- 
mungen auch Beamtenwohnungen ein, zeigt aber durch- 
gängig recht einfache Bauten. Eine besondere Gesellschaft 
für die Verbesserung der Arbeiterwohnungen, unter dem 
Ehrenpräsidium des Herzogs von Flandern, macht (in 
Klasse 109) auf ihre Bestrebungen aufmerksam. Sie will 
namentlich gegen das Ungesunde in diesen Wohnungen 
ankämpfen, will das Heim des Arbeiters verbessern und 
verschönern, indem sie durch Darreichung von Möbeln 
für Ordnung und Nettigkeit sorgt, will auf dem Wege des 
Geschenkes oder des Darlehens den Anlagefonds zur 
Erwerbung eines in Raten abzuzahlenden Heimes her- 
geben, will schließlich die Arbeiterfamilien dazu bringen, 
sich den in Belgien zahlreichen Gesellschaften für gegen- 
seitige Hilfe und für Altersversorgung anzuschließen, und 
wendet sich zu diesem Zwecke an Gönner. Sie hat (mit 
dem Sitz in Brüssel) bereits mehr als 150000 Franks für 
ihre Zwecke ausgegeben. 

Nicht gar zu weit entfernen wir uns von diesen Din- 
gen, indem wir uns von dem Brüsseler ,, Institut de Socio- 
logie" seine Bestrebungen und Leistungen vorführen lassen. 
Im Jahre 1902 von E. Solvay gegründet, will es haupt- 
sächlich ein „Laboratorium" für soziologische Forschun- 
gen sein. Wir lernen auch das hübsche Institutsgebäude 
kennen, mit seinem Lese- und Bibliotheksaal (15000 Bände), 
seinen vier wissenschaftlichen Kabinetten für Statistik, An- 
thropologie, Technologie und Geschichte usw. Direktor 
ist der auf diesem Gebiete bereits wohlangesehene Uni- 
versitätsprofessor E. Waxweiler. Die Veröffentlichungen 
des Institutes sind mehrfacher Art. Den Verlag haben Misch 



160 



DER STÄDTEBAU 



und Thron in Brüssel, mit Auslieferungen in Leipzig (Hos- 
pitalstraße lo) und in Paris. Unter den Veröffentlichun- 
gen nennen wir die von M. Ansiaux: ,,Que faut-il faire de 
nos industries ä domicile?"; sodann: „Assurance et assi- 
stance mutuelles au point de vue medical", von L. Quer- 
ton; endlich die Sammelarbeit Mehrerer: „Enquete socio- 
logique dans une usine moderne", mit 6000 kinemato- 
graphischen Abbildungen. 

Als letztes in dieser belgischen Abteilung erwähnen 
wir eine Privatarbeit des Architekten Emile Demany, der 
mehrere Typen von ziemlich städtischen Häusern für Ar- 
beiter vorführt; sie verdienen etwas mehr Beachtung, als 
manche der übrigen Typen. 

Gehen wir nun zu dem Analogen in Frankreich über, 
so finden wir vor allem das Erfreuliche von etwas aus- 
führlicheren Erläuterungen der vorgeführten Gegenstände. 
Da tritt uns z. B. entgegen die Gesellschaft ,,La mutuelle 
habitation, cooperative d'habitation a bon marche" in Paris 
(quai de Jemappe 2). Sie zeigt recht hübsche einstöckige 
Häuser. Im Jahre 1900 mit einem Kapitale von 60000 Frcs. 
gegründet, hatte sie im nächsten Jahre bereits über ein 
Kapital von 120000 Francs und hat derzeit über 250000 
Francs zu verfügen, mit einer gleichbleibenden Dividende 
von 4 °/o. Im Jahre 1901 war die Zahl ihrer Häuser auf 
:o gestiegen, jetzt beträgt sie bereits 36. 

Die „Societe anonyme cooporative de construction de 
maisons ä bon marche" in der Stadt Villeneuve St. Georges, 
mit dem Schlagworte „Le Foyer villeneuvois", zeigt recht 
hübsche Häuschen in rotbraunen Tönen. Sie verzeichnet 
ihre Selbstkostenpreise der Häuser, von 4075 Francs 19 Cen- 
times bei einer Fläche von 82, 87 qm angefangen bis zu 
6589 Francs 88 Centimes bei 134,90 qm. 

Das „Bureau de bienfaisance de Nancy, Assistance 
par l'habitation avec jardin" zeigt seine ,,Groupe de la 
Teulotte", nämlich fünf Häuser mit vier Wohnungen und 
vier Häuser mit zwei Wohnungen. Jede der Wohnungen 
geht nach zwei entgegengesetzten Seiten (wenn ich das „jouit 
d'une douple orientation" richtig verstehe) und umfaßt einen 
eigenen Eingang, zwei Wohngebäude parterre und zwei 
im ersten Stock, Keller, Speicher und Garten von 3 Ar. Die 
Fläche einer Wohnung beträgt 65,45 qm, der Inhalt des 
Luftraumes 186 Kbm. Der Herstellungspreis eines Wohn- 
hauses von vier Wohnungen beträgt 20000 Francs, die mo- 
natliche Miete anscheinend 20 Francs für jede Wohnung, 



wobei der Bewohner noch durch Weitervermietung unge- 
fähr 10 Francs ersparen kann („Deduction du secours de 
loyer"). Nur ist auch da für den Häuserbau nicht viel 
Ästhetik gewonnen. 

Die industriellen Etablissements von Carmichael & Gie. 
in der Stadt Ailly an der Somme zeigen am Ufer dieses 
Flusses zwischen d'Abbeville und Amiens 92 Häuser zu je 
3000 Francs Herstellungspreis; jedes Haus umfaßt vier 
Räume für Familien von vier Köpfen, mit der Durch- 
schnittsmiete von 1,70 Francs wöchentlich, und zwar ab- 
gabenfrei (,,net d'impöts"). Auch diese Reihe macht keinen 
besonders ästhetischen Eindruck. Zahlreiche Typen von 
Arbeiterhäusern usw. zeigt weiterhin das Provinzialkomitee 
für billige Wohnungen im Departement Seine, mit dem 
Sitz im Pariser Rathaus. Eine andere kooporative Gesell- 
schaft jener Art betitelt sich: ,,Le Toit familial d'Argenteuil". 
Die Häuschen sind, wie es ja fast immer geschieht, ziem- 
lich symmetrisch gehalten, braun mit hellgrün. Acht Typen 
werden uns vorgeführt, mit Gesamtkosten von 5820 Francs 
angefangen bis zu 6345 Frans 30 Centimes. Als Architekten 
werden genannt die Gebrüder Leseine in Colombe (Seine, 
rue de Poutoise 8). 

Als eine besondere Merkwürdigkeit dürfen wir wohl 
hervorheben eine eigene ,, Association des Cites-Jardins de 
France". Sie hat ein Buch herausgegeben: „La Cite jardin", 
verfaßt von G. Benoit Levy, mit einem Vorworte von Ch. 
Gide, Verlag Jouve in Paris (rue Racine 15. Der Sekretär 
der Gesellschaft ist in Paris, rue de Rocher 43). 

Das ästhetisch Merkwürdigste an Privathäuschen bringt 
Architekt Leon Meriot in Chatillon (Seine, rue Gambetta 10). 
In elf Typen führt er Schweizerhäus'chen und kleine Villen 
(,, Chalets et petites Villas") vor, die in den Jahren 1903 
und 1904 am Meeresstrande von Mesnil-Val (Seine infe- 
rieur) erbaut worden sind. Der Architekt macht darauf 
aufmerksam, daß zur Erbauung lediglich Materialien von 
Ort und Stelle verwendet wurden. Die Herstellungskosten 
gehen von 4200 Francs bis 10800 Francs. Die Formen 
streben auf anmutige Weise in die Höhe, zum Teil mit 
kleinen Türmchen usw. In ihrer Anlage herrscht eine an- 
sprechende Unsymmetrie; wir erinnern uns, daß bei solchen 
Häuschen meist das Gegenteil beliebt ist. Die Farben sind gut 
getönt, mit einem besonderen Hervortreten von Violetblau. 

Damit hätten wir einige stärker hervorstechende Bei- 
spiele aus einer nicht sobald aufzählbaren Fülle gegeben. 



DIE SAMMLUNG VON DEUTSCHEN STADT 
PLÄNEN AUF DER DRESDENER STÄDTE- 
AUSSTELLUNG. 



Von R. GERKE, Dresden. 



In Heft 9, S. 137 des vorigen Jahrganges dieser 
Zeitschrift hat der verstorbene Sitte unter obiger Über- 
schrift über die Anlage eines ,, Deutschen Stadtplan- 
buches" sich näher ausgesprochen und vor allem die 
Wichtigkeit eines solchen betont, um vergleichende Stadt- 
planstudien anstellen zu können. 

Bei der hierbei erfolgten Besprechung einer auf der 
Deutschen Städteausstellung ausgelegten Sammlung von 



Adreßbuchplänen deutscher Städte ist Sitte von der An- 
sicht ausgegangen, daß die betreffende Plansammlung für 
die Zwecke des Studiums von Bebauungsplänen ausgestellt 
worden sei und knüpfte hieran seine weiteren Betrach- 
tungen. Sitte legte sehr großen Wert darauf, daß für Studien- 
zwecke Stadtpläne gesammelt werden und gibt daher in 
einer Zusammenstellung der ausgestellten Pläne die Ver- 
leger bezw. die Druckereien