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Full text of "Ungarische Rundschau für historische und soziale Wissenschaften"

UNGARISCHE 
RUNDSCHAU 

FÜR HISTORISCHE UND 
SOZIALE WISSENSCHAFTEN 

UNTER MITWIRKUNG VON VIKTOR 
CONCHA, FRIEDRICH RIEDL, LUDWIG 
VON THALLÖCZY HERAUSGEGEBEN VON 

Prof. Dr. GUSTAV HEINRICH 

GENERALSEKRETÄR DER UNG. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



IV. JAHRGANG - 1915 




VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT 

1' MÜNCHEN UND LEIPZIG <- 




Alle Rechte vorbehalten. 



90/ 



Altenburg 

Pierersche Hofbuchdruckerei 

Stephan Oeibel & Co. 



Inhalt des IV. Jahrganges. 

Aufsätze: 

Seite 

Aldäsy, Anton, Die Gesandtschaft des ungarischen Reichstages an Ladis- 

laus V, 1452 186 

Bischoff, Heinrich, Lenau und Lamartine 136 

Nikolaus Lenau in Amerika 509 

Nikolaus Lenaus «Waldlieder" 517 

Concha, Viktor, Zur Reform des Parlaments und Bindings Vorschläge. . 460 

Machiavellis Auferstehung 39 

Czäszär, Mich., Academia Istropolitana Die Universität des Königs Mathias 

zu Pozsony 907 

Czeke, Marianne, Das ungarische Shakespeare-Jahrbuch für 1914 515 

Eckhart, Franz, Das erste staatliche Archiv Ungarns 528 

Zur Geschichte des gemeinsamen Zollgebietes 896 

Földes, Bela, Ein unbekanntes Memorandum Friedrich Lists über das Ver- 
kehrswesen Ungarns 487 

Fraknöi, Wilhelm, König Matthias Corvinus und der deutsche Kaiserthron 1 

Bela IV von Sizilien 527 

König Matthias und die Hohenzollern 535 

Gragger, Robert, Deutsche Handschriften in ungarischen Bibliotheken . . 715 

Heinrich, Karl, Die Sage vom Wunderhirsch bei den Byzantinern .... 204 

Heinrich, Gustav, Der älteste deutsche Dichter Ungarns 524 

Herczeg, Franz, Zu Maurus Jökais Gedächtnis 27 

Karäcson, Emerich, Die Pforte und Ungarn im Jahre 1788 79 

Karäcsonyi, Johann, Das Land Borodnok 131 

Kohut, Adolph, Ein ungedruckter Brief K. M. Kertbenys aus dem Jahre 1848 526 

Marczali, Heinrich, Franz von Pulszky 1814—1897 630 

Molden, Ernst, Zur Geschichte der orientalischen Frage 148 

Molnär, Josef, Das albanische Problem 934 

Munkäcsi, Bernhard, Professor Hermann Vämbery, 1832—1913 (II. Teil) 88 

Professor Hermann Vämbery, 1832—1913 (III. Teil) 386 

Nagy, Gera, Zur Frage der künstlichen Hügel in Ungarn 409 

Osztern, S. P., Der «heilige Krieg- nach mohammedanischem Recht. . . . 673 

Patek, Franz, Die Jesuiten in Ungarn 143 

Räcz, Ludwig, Montesquieu in Ungarn 499 

Sieghart, Rudolf, Die Denkschrift Friedrich Lists über die Verbesserung 

des ungarischen Transportwesens (Mit 1 Abbildung) 745 

Sufflay, Milan von. Zu den ältesten kroatisch-ungarischen Beziehungen . 883 

Szentpetery, Emerich, Das Banat von Machow (Macsö) 873 

Takäts, Alexander von, Vezir Szokolli Musztafa Pascha (Der große 

Musztafa) 788 

Tarczai, Elisabeth, Hexenprozesse in Kroatien 193 

Thallöczy, Ludwig von, Johann Christian von Engel und seine Korre- 
spondenz 247 

Thienemann, Theodor, Goethes ungarischer Schüler 814 

Tolnai, Wilhelm, Etymologisches Wörterbuch der ungarischen Sprache. . 492 



IV Inhalt des IV. Jahrganges. 

Seite 
Trostler, Josef, Ungarische Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahr- 
hunderts ^57 

Vargha, Damjän (O. Cist), H. A. Seuse in der ungarischen Codex-Literatur 924 

Vonhäz, Stefan, Die deutsche Ansiedelung im Komitat Szatmär (I. Teil) 54 

Die deutsche Ansiedelung im Komitat Szatmär (11. Teil) 432 

Weber, Arthur, Über die Zipser Hunnensage Q17 

Wertheime r, Eduard von, Eine ungedruckte Charakteristik des Baron 

Nikolaus Wesselenyi 113 

Neue Beiträge zur Geschichte der ungarischen Altkonservativen .... 848 

Wertner, Moritz, Zur Familiengeschichte der Habsburger 179 

Kleine Beiträge zur deutschen Literatur: 

Bexa, Desider, Faust auf der ungarischen Bühne 952 

Qragger, Robert, Ungarisches zu Goethes Legende vom Hufeisen .... 938 

Kohut, Adolph, Emanuel Geibel und Ungarn 212 

Peisner, Ignaz, Das deutsche Theater in Budapest (bis 1812) 214 

Schwartz, Elemer, Der Name «Hienz» 946 

Trostler, Josef. Boeners «Rennbahn der Ehren» (1688) 207 

Weber, Arthur, Zur politischen Lyrik des Kriegsjahres 1809 218 

- — Ein deutsches Schmähgedicht auf die Kurutzen 942 



König Matthias Corvinus und der deutsche Kaiserthron. 
Von Bischof Wilhelm Fraknöi. 



D:IE ungarische Nation vermochte es jederzeit, die Be- 
1 strebungen des auf dem Boden unserer heutigen Heimat 
: geschaffenen Staates, welche auf die Sicherung der Unab- 

, j hängigkeit und des nationalen Charakters abzielen, mit 

den Anforderungen der eigentümlichen Situation in Einklang zu 
bringen, welche im europäischen Staatensystem, in der Einkeilung 
zwischen zwei kraftvollen Völkerrassen und zwei großen Reichen, 
gegeben sind. 

Dieser doppelte Gesichtspunkt leitete die Könige aus dem Hause 
der Ärpäden in der Schließung politischer — und Ehebündnisse, 
durch welche sie mit anderen Dynastien in Interessengemeinschaft 
traten; und veranlaßte die Nation, nach dem Erlöschen des Mannes- 
stammes der ungarischen Dynastie, durch anderthalb Jahrhundertc 
fremde Fürsten auf den Thron zu erheben. 

Die Überzeugung, daß Ungarn allein und isoHert, seiner Be- 
stimmung nicht gerecht werden könne, offenbarte sich gerade damals 
am auffallendsten, als in der einstimmigen Wahl Matthias Hunyadis 
zum König von Ungarn die Wiederherstellung des nationalen König- 
tumes in Erfüllung ging. 

Die Führer der sieghaften Partei, — erbittert durch die Fehler 
und Verbrechen der deutschen Herrschaft — drohten mit brutalem 
Ernst, daß «bevor noch ein Jahr seinen Lauf erfüllt hätte, die Pferde 
ungarischer Helden bis zu den Knien in deutschem Blute waten wür- 
den»i). Und dennoch war kein Jahr vergangen, als eine mächtige 
Partei den deutschen Kaiser zum ungarischen König proklamierte. 
Matthias aber, anstatt mit Waffen seinen Gegner zu bezwingen, 
schloß mit diesem ein Bündnis, ließ sich von ihm an Sohnes statt 
annehmer; und versprach, ihm Gefühle kindHcher Liebe entgegenzu- 
bringen; ja, in kürzester Frist bat er den Kaiser als gehorsamer 
Sohn, er möge für ihn, nach eigenem Ermessen eine Gattin wählen 2). 



1) In dem am 18. Februar 1458 an seinen Fürsten gerichteten Bericht des Ge- 
sandten von Mailand am kaiserlichen Hofe wird dieser Ausspruch der Mutter König 
Matthias' zugeschrieben. Fraknöi: Matthias Corvinus, König von Ungarn. (Frei- 
burg 1891), 67. 

2) Vergleiche die Abhandlungen des Verfassers vorliegender Zeilen «Die Adop- 
tierung König Matthias' durch Kaiser Friedrich», erschienen in der «Budapesti 
Szemle», Jahrgang 1910, Band 141. 

Ungarische Rundschau. IV. Jahrg., 1. Heft. 1 



2 Ungarische Rundschau. 

Aber die phrasenhaften Äußerungen der Selbstdemütigung waren 
nur die deckende Maske für einen stolzen Gedanken. Zwischen dem 
deutschen Reiche und dem ungarischen Staate sollte in der Weise 
eine innige Beziehung geschaffen werden, daß nicht der ungarische 
Staat einen deutschen, sondern vielmehr das deutsche Reich einen 
ungarischen Herrscher erhalte. 

Zweifellos war es ein ganz ungewöhnlicher Ehrgeiz, der in dem 
Enkel des Kleinadeligen aus dem Hunyader Comitate den Wunsch 
entfachte, über die Habsburger, Witteisbacher und Hohenzollern zu 
herrschen. Aber der Sohn des Erretters der Christenheit und Erbe 
seiner Mission durfte sich würdig fühlen, die höchste weltliche Würde 
zu bekleiden, welche das Christentum zu verleihen hatte. In seinem 
Unternehmen bestärkte ihn der Umstand, daß sein Zeitgenosse, 
Georg Podiebrad, König von Böhmen, der weder der Sprosse eines 
fürstlichen Hauses, noch aber auch deutscher Abkunft war, die Ab- 
sicht hatte, sich noch zu Lebzeiten des Kaisers zum Teilhaber und 
Erben des deutschen Thrones mit dem Titel eines römischen Königs 
erwählen zu lassen. Diesen Plan Podiebrads, welcher an dessen un- 
erschütterlicher Zugehörigkeit zur hussitischen Sekte scheiterte, 
wollte Matthias verwirkHchen. 

Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts übergaben die deut- 
schen Archive jene Briefwechsel der Öffentlichkeit, w^elche sich auf 
drei Versuche Matthias, die Kaiserkrone zu erwerben, beziehen. Hin- 
gegen sind die im herzoglich-ferrarischen Archive aufbewahrten 
diplomatischen Berichte, welche von einem vierten Versuche Kunde 
geben, bisher noch nicht in die Öffentlichkeit gedrungen. Diesen 
letzten Versuch König Matthias' im vorliegenden zu erörtern, ist 
meine Absicht. 

I. 

Das erstemal war zu Beginn des Jahres 1468 von der Wahl König 
Matthias' zum König von Rom die Rede; damals hatte Podiebrad 
die kirchliche Exkommunikation auf sich gezogen und mit seinen 
Scharen Österreich überschwemmt. Sowohl der Kaiser, wie auch 
der Papst wandten sich an den ungarischen König um Hilfe. Ihre 
Gesandten boten Matthias die Würde des Königs von Rom an. Er 
befreite nun den Kaiser von seinen Feinden und drang in Böhmen 
ein, um den glaubensabtrünnigen König seines Thrones zu berauben. 
Der Kaiser indessen weigerte sich nachträglich, sein Versprechen 
zu erfüllen. 

Da unternahm Matthias den Versuch, ohne seine Hilfe und gegen 
seinen Willen die Wahl durchzuführen. Er willigte in den Antrag 



Fraknöi: Matthias Corvinus und der deutsche Kaiserthron. 3 

des Königs von Böhmen ein, ihm die Stimmen der Kurfürsten zu 
verschaffen, wenn er seinerseits die eroberten böhmischen Gebiete 
zurückerstatte. An den Bemühungen Podiebrads, das geplante Ziel 
zu erreichen, nahm auch Matthias selbst teil; er trat mit dem Hause 
Hohenzollern in Verbindung, das von ihm zum ersten Male Worte 
vernahm, die zum Kampfe gegen die Habsburger aufmuntertein. 
Aber ihre Bemühungen scheiterten an dem ausgeprägten National- 
gefühl der deutschen Fürsten und deren unerschütterlicher Treue 
zum Kaiser. 

Und darum wandte sich Matthias zu Beginn des Jahres 1470 aufs 
neue an Kaiser Friedrich. Zu dieser Zeit war er bereits erwählter 
König von Böhmen, Mähren, Schlesien und der Lausitz und nahm 
als solcher unter den weltlichen Kurfürsten des Reiches die erste 
Stelle ein. Um durch Prachtentfaltung und den Zauber seiner per- 
sönlichen Liebenswürdigkeit zu wirken, stattete er dem Kaiser in 
Wien einen Besuch ab. Selbst das Opfer, sich mit der dreijährigen 
Erzherzogin Kunigunde zu verloben und so die Möglichkeit der 
Gründung einer Familie auf lange Zeit zu verzögern, dünkte ihm 
nicht zu hoch. Der Kaiser hingegen gelobte, daß falls er und sein 
Sohn keine Erben hinterlassen würden, Matthias die Nachfolge ge- 
sichert sei; der Kaiser versprach noch, mit ihm gemeinsam auf dem 
deutschen Reichstage zu erscheinen. Prahlend verkündete Matthias 
dem Gesandten von Mailand, daß er mit dem Kaiser «ein Leib und 
eine Seele» sei. Indessen verzögerte Friedrich die Sanktionierung des 
Übereinkommens von Tag zu Tag. Matthias aber, dem man den 
Glauben an ein gegen sein Leben geplantes Attentat einflößte, ver- 
ließ plötzlich, ohne Abschied zu nehmen, den Hof 3). 

Er überzeugte sich in Kürze davon, daß der Kaiser nicht nur seiner 
Machtvergrößerung feindlich gegenüberstand, sondern daß er sogar 
bemüht war, ihn seines Thrones zu berauben und sich zu diesem 
Zwecke mit den Jagellonen verbündete. 

Matthias sah sich gezwungen, die Hoffnung, daß er noch zu Leb- 
zeiten Friedrichs dessen erwählter Nachfolger werde, aufzugeben. 
Nunmehr konzentrierte er seine Bemühungen darauf, daß er nach 
des Kaisers Tode mit Aussicht auf Erfolg als Thronbewerber auf- 
treten könne. 

Während er einerseits bemüht war, den Kaiser zu demütigen und 
verhaßt zu machen, ergriff er mit unerschöpfhcher Invention jede 

3) Die auf diese drei Versuche bezüglichen Daten: «König Matthias Corvinus», 
151—233, dann «Die diplomatischen Beziehungen König Matthias' zu den Hohen- 
zollern». Erschienen in «Törtenelmi Szemle», Jahrgang 1Q14, 63—72. 



4 Unfiarischc Rtindschau. 

Gelegenheit, um die Fürsten und Stände Deutschlands sich zu ver- 
pflichten und für sich zu gewinnen. 

Er verlieh allen jenen, die der Kaiser in ihren Rechten und Inter- 
essen geschädigt hatte, seinen Schutz, so den unzufriedenen Herren 
von Österreich und den Bischöfen von Salzburg, Passau, Seckau und 
Lavant. Mit den Fürsten von Bayern, Brandenburg und Sachsen 
schloß er Bündnisse. Er legte Gewicht darauf, daß einzelne Glieder 
deutscher Fürstenhäuser in seinem Heere Kriegsdienste annahmen; 
bei den Markgrafen von Brandenburg blieben seine diesbezüglichen 
Schritte zwar erfolglos, aber Graf Ulrich von Württemberg und 
die bayerischen Herzöge Otto und Christoph nahmen sein An- 
erbieten gern an *). 

Als echter Vertreter der Renaissance war Matthias, dieser geniale 
Diplomat und siegreiche Heerführer, auch durchaus fähig, die Macht 
der öffentlichen Meinung entsprechend zu würdigen. Er erließ häufig 
Manifeste und versandte Briefe, in welchen er den Kaiser für die 
mit ihm geführten Kriege verantwortlich machte, seinem inbrünsti- 
gen Wunsche Ausdruck verHeh, mit diem heiligen deutschen Reiche 
und der deutschen Nation in Frieden zu leben und vereint mit ihnen 
seine Kräfte der Bezwingung des gemeinsamen Feindes der Christen- 
heit zu widmen. 

Zweifellos war Matthias der erste Fürst, welcher die Presse in 
Diensten politischer Agitation verwendete. Im städtischen Archiv 
von Straßburg ist ein kaiserlicher Erlaß aufbewahrt, welcher die 
Verbreitung und neuerliche Drucklegung einer im Auftrage des un- 
garischen Königs verfaßten, schmähenden Flugschrift verbietet-^). 

Das Ziel, welches Matthias vorschwebte, war sowohl Freunden 
als Feinden klar. Die italienischen Humanisten — so berichtet einer 
derselben in einem Werke — «erwarteten mit Ungeduld das lieran- 
brechen des Tages, an dem sie ihn als römischen König und als 
Kaiser feiern könnten»^). 

Der Kaiser hingegen versäumte nicht den deutschen Fürsten ab- 
schreckende Bilder von der Gefahr und dem Verderben zu machen, 
das ihnen bevorstand, wenn es Matthias gelingen würde sein Ziel 
zu erreichen. «Wenn der König von Ungarn sein Fürnehmen allein 
darauf stellet, seine kaiserliche Maiestät und die königliche Würde 



*) Bezüglich dieser Details verweise ich ebenfalls auf meine in obiger Rand- 
bemerkung zitierten Arbeiten. 

5) Vom 30. Oktober 1485 datiert. 

6) Carbo: «De rebus gestis Mathiae regis». «Ungarische literaturgeschichtliche 
Denkmäler.» (Magyar Irodalomtörteneti Emlekek), II. 214. 



Fraknöi: Matthias Corvinus und der deutsche Kaiserthvon. 5 

zu Böhmen zu verdrücken und ihre Lande in sein Gewaltsam zu 
bringen, und ihm damit Eingang in das heiUge Reich und deutsche 
Nation zu machen^).» 

II. 

Matthias rechnete darauf, den um zwanzig Jahre älteren Kaiser 
zu überleben; bei einer Gelegenheit ließ er diesem die Nachricht 
zukommen, er möge — trotz der Verkündigung seiner Astrologen — 
nicht auf seinen, Matthias', nahe bevorstehenden Tod rechnen, da 
er Nestors oder Methusalems Alter zu erreichen gedenke s). 

Matthias wartete daher mit Geduld den Zeitpunkt ab, da mit 
dem Tode des Kaisers der deutsche Kaiserthron frei würde. 

Friedrich klammerte sich nämlich an seine Machtstellung und 
erklärte wiederholt, daß er weder einen Teilinhaber der Macht, 
noch die Wahl eines Nachfolgers dulde. Sein Sohn, Erzherzog 
Maximilian, gab gern seine Einwilligung zu diesem Entschluß, da 
seine ganze Aufmerksamkeit sich der Sicherung des burgundischen 
Erbes zuwandte; seines Vaters klägliche Bemühungen und die be- 
drohte Lage der österreichischen Provinzen ließen ihn gleichgültig; 
ja, als er im Jahre 1485 mit der Leitung des deutschen Reichstages 
betraut wurde, versäumte er es zu erscheinen und verletzte dadurch 
die deutschen Fürsten aufs tiefste. 

Am 1. Juni desselben Jahres bemächtigte sich Matthias der Stadt 
Wien, nahm den Titel eines Herzogs von Österreich an und schloß 
einige Monate später mit den Türken einen Waffenstillstand, um 
die Eroberung der österreichischen Provinzen beschleunigen zu 
können. 

Indessen verursachten gerade diese Erfolge der Waffen, welche 
berufen schienen, ihm bei einem Thronwechsel die Kaiserwürde zu 
sichern, unerwartete Enttäuschungen. 

Der Kaiser sah ein und gestand es auch offen zu, daß seine eigene 
Kraft zur Errettung der Erblande nicht ausreiche. Sein Vertrauen 
dem deutschen Reiche gegenüber war durch die Enttäuschungen, 
die er von dieser Seite erfahren, erschüttert. Er zweifelte nicht 
daran, daß sein Sohn, Erzherzog Maximilian, nach seinem Tode auf 
die Stimme der Kurfürsten nicht rechnen könne, und daß mit dem 
Verluste der Kaiserkrone und der österreichischen Erblande das 
Haus Habsburg in seine einstige Bedeutungslosigkeit versinken 
müsse. 

^) Brief vom 2. Mai 1483 im k. k. Statthalterei-Archive Innsbruck. 
8) Brief König Matthias', 2. Februar 1485. Matyäs kiräly levelei. Külügyi 
Osztäly. II. 291. 



6 Ungarische Rundschau. 

Andererseits erfüllte den Kaiser die Hoffnung, daß im Falle der 
Wahl des Erzherzogs Maximilian zum römischen König, dieser den 
ihn erwartenden Pflichten genügen und durch den Einfluß seiner 
hervorragenden persönlichen Eigenschaften den Geist der Opfer- 
freudigkeit im deutschen Reiche anfachen würde. Der Kaiser 
rechnete auch darauf, djaß Maximilian im Interesse der Wieder- 
herstellung der habsburgischen Macht sich der reichen Einnahme- 
quellen der Niederlande bedienen werde-*). 

Insgeheim begann er Unterhandlungen mit den Kurfürsten, die 
um den Preis verschiedener Begünstigungen das Versprechen gaben, 
auf dem für den 20. Januar 1486 nach Frankfurt berufenen Reichs- 
tag Erzherzog Maximilian zum römischen König zu wählen. Das 
kaiserliche Einberufungsschreiben enthielt aber keine Erwähnung 
dieser Angelegenheit, denn der Kaiser wünschte, daß der König 
von Böhmen von dem Plane nichts erfahre, auf dem Reichstage nicht 
erscheine und an der Wahl nicht teilnehme. 

Es war nämlich vorauszusehen, daß Wladislaw von Böhmen, der 
auf Grund des mit Matthias im Jahre 1479 geschlossenen Vertrages 
die mit dem Besitze der böhmischen Königskrone verbundenen 
Rechte eines Kurfürsten ausüben konnte, falls er auf dem Reichs- 
tage erschiene, seinen Einfluß gegen Maximilian geltend machen 
würde; es war auch zu erwarten, daß Matthias durch drohendes 
Auftreten die Kurfürsten beeinflussen und dadurch die Wahl ver- 
eiteln könnte. Deshalb richtete der Kaiser erst nach Eröffnung des 
Reichstages, Anfang Februar die Aufforderung an die Kurfürsten, 
unverzüglich seinen Nachfolger zu wählen. Er begründete diese 
Dringlichkeit damit, daß in dem Falle des bei seinem Tode eintreten- 
den Thronwechsels während der Zeit, die bis zum Versammeln der 
Kurfürsten in Frankfurt verstreiche, das deutsche Reich dem König 
von Ungarn und dessen Verbündeten, den Türken, schütz- und wehr- 
los gegenüberstände. Ohne seinen Kandidaten zu benennen, wies 
er darauf hin, daß wenn der zukünftige Herrscher keine Wohl- 
gesinntheit für die österreichischen Erblande bekunde, diese für 
ewige Zeiten unter das Zepter fremder Nationen gelangen 
würden 10). 

9) H. Ulmann, Kaiser Maximilian I. (Stuttgart 1884), I. 7. 

10) «Man habe zu betrachten die grausam mächtige und schwere Übung des 
Kriegs, die der König in Ungarn und die Türken, so sich deshalben miteinander 
vereinet und vertragen hätten, und dadurch der König und Türken aus unnot- 
dürftiger leichtfertiger Übergab der Bischöfe zu Salzburg, Passau, Seckau und 
Lavant Schlösser, Städte und Befestigungen, die inmitten in Kaiserlicher Maiestät 
Erblande liegen, so ferne und tief in diesen dero Landen gewachsen sei, dass sie 



Fraknöi: Matthias Corvimts und der deutsche Kaiserthron. 7 

Der Erzbischof von Mainz setzte am 13. Februar den Akt der 
Wahl schon für den vierten Tag an. Die anwesenden drei welt- 
lichen und die drei geistlichen Kurfürsten gaben ihre Stimmen auf 
Erzherzog Maximihan ab. 

Die Reichsversammlung bestimmte danach die Aufstellung eines 
aus 34 000 bewaffneten Mannen bestehenden Heeres gegen Matthias 
und da ihr die dazu nötige Zeitpause zu lange dünkte, ordnete sie 
an, daß unverzüglich 4000 Bewaffnete in das kaiserliche Lager ent- 
sendet werden sollten; überdies votierte sie anderthalb hundert- 
tausend Gulden für Kriegszwecke. Maximihan versprach, sich an 
die Spitze des kaiserlichen Heeres zu stellen ii). 



III. 

Nach der stattgehabten Wahl sah Matthias die Hoffnung, nach 
des Kaisers Tode den Weg zum deutschen Kaiserthrone frei zu 
finden, vereitelt. Gleichzeitig drohte ihm die Gefahr, daß an die 
Stelle des unbeliebten und kraftlosen Kaisers in Person des genialen 
Sohnes ein gefährUcher Gegner treten wird. 

Dennoch wollte Matthias sich dem Drucke der vollzogenen Tat- 
sachen nicht beugen. Auch ihm widerfuhr das Schicksal vieler, vom 
Erfolge verwöhnter genialer Herrscher, deren sicheres und scharfes 
Urteil durch die Überschätzung der eigenen und die Unterschätzung 
der fremden Kräfte getrübt wird. 

Nicht ganz drei Wochen vor der Frankfurter Wahl war es ge- 
schehen, daß Matthias dem an seinem Hof weilenden ungarischen 
Hochadel und den fremden Diplomaten feierhch erklärte, daß er den 
Vater seiner Gattin, den König von Neapel gegen den Papst, der 
dem König den Krieg erklärt hatte, unterstützen werde und an ein 
Generalkonzil appelHere. Besonderen Nachdruck erhielten seine 



mit ihrer selbst Macht nich vorstehen möchte. Gleichwie nun diese ihrer Maiestät 
Lande die Pforte und Schild gegen den Türken und dermassen geschickt wären, 
wo die in der Feinde und fremder Nation Hände kämen, daß daraus das heilige 
Reich und Deutsche Nation, der für anderen durch das fremde Qezunge zugesetzt 
würde, schwerlichen bekrieget werden möchten.» Jo. Joachim Mülleri Reichs- 
tags Theatrum Maximilian! I. (Jena 1718), I. 5. Müller zitiert aus dem Krantz- 
schen Buche «Saxonia» die Behauptung, daß Matthias bemüht war, die Wahl zu 
vereiteln; es ist jedoch sicher, daß auf dem Reichstage kein ungarischer Ab- 
gesandter anwesend war. 

") Dieser Umstand ist uns aus den vom 25. November 1486 und 5. Januar 1487 
datierten Briefen des Kaisers an Maximilian bekannt. Victor von Kraus, Maxi- 
milians I. vertraulicher Briefwechsel mit  unter seiner Herrschaft stehende Schlesien 
und Mähren zugunsten des Königs von Böhmen. Um sich die böhmi- 
schen Herren zu verpflichten, erbrachte er in den" unter der Re- 
gierung von zwei Herrschern stehenden Ländern der böhmischen 
Krone einheitliche Maßregeln für die Geldprägung und die Gerichts- 
barkeit ^o). 

Den Ergebnissen der Iglauer Zusammenkunft maß Matthias sehr 
große Bedeutung zu; er verständigte seine Bundesgenossen von 
denselben in so überschwenglichen Worten, als ob es sich um 
einen errungenen glänzenden Sieg handeln würde. So schreibt er 
dem Herzog von Mailand: «In dem Bestreben Euer Hochgeboren 
das Gefühl der Wonne zu verursachen, theile ich Euch mit, dass Wir 
in den jüngst vergangenen Tagen mit unserem geliebten Bruder, 
König Wladislaw, eine Zusammenkunft hatten, . . . nebst Erledigung 
vieler nützHcher Fragen, mit ihm Bündnis schließend, in innigste 
freundschaftliche und brüderliche Beziehung getreten sind, so dass 
wir von nun an so zu sagen in eine Person verschmolzen sind.» «Ut 
penes unus homo videamur^i).» 

Ein Schreiben desselben Inhaltes wurde von Iglau nach Frankreich 
gesandtes). 

Alsbald begannen die Unterhandlungen, um Polen in das Bündnis 
einzubeziehen. Obzwar König Kasimir vor einigen Monaten noch 
im Bunde mit dem Kaiser die Republik Venedig zum Angriffe gegen 
Ungarn angespornt hatte, schickte er jetzt Gesandte an den Hof 
seines Sohnes nach Prag, die dem dort erschienenen ungarischen 
Gesandten die Hilfe des Königs von Polen anboten 33). 



2s) 28. September 1486. Diplomatiai Emlekek Mätyäs Kiräly Koräböl, III., 188. 
3ö) Pessina. Mars Moraviae (Prag 1677), 894. Archiv Cesky, X. 289. Scriptores 
rerum Silesiacarum. XIV. 109. 

31) 23. Oktober 1486. Mätyas Kiraly levelei. II. 310. 

32) Dies erwähnt in seinem Bericht vom 31. Dezember 1486 der Gesandte von 
Ferrara. Diplomatiai Emlekek. III. 374. 

33) Bericht des Gesandten von Ferrara vom 18. Oktober in Modena. 



Fraknöi: Matthias Corviniis und der deutsche Kaiserthron. 15 

VI. 

Um die Bestätigung des Pariser Vertrages zu beschleunigen, hatte 
der französische Hof in Begleitung des rückkehrenden Sankfalvi 
einen vornehmen, weltlichen Herrn, Christophe de Plailly, zu 
Matthias gesandt, welch letzterer dazumal in Niederösterreich mit 
nachdrücklicher Energie seinem Kriegsgeschäfte oblag und nach- 
einander Städte und Festungen einnahm. Matthias empfing den 
französischen Gesandten im Lager, behielt ihn länger als vier Monate 
bei sich und entüeß ihn dann, in den Ritterstand erhoben und frei- 
gebig mit Geschenken versehen, wieder in seine Heimat ^^). 

Matthias gedachte die Bundesgenossenschaft mit Frankreich nicht 
nur gegen Maximilian, sondern auch in anderer Richtung zu ver- 
werten. Während er seine Interessen in Deutschland verfocht, lebte 
unablässig der Gedanke in ihm, gegen die Türken die kriegerische 
Offensive zu ergreifen. Es bot sich hierzu eine günstige Gelegenheit, 
als der Neffe des Sultans Bajasid II., Herzog Dsem, gegen seinen 
Oheim als Thronprätendent auftrat, dann ins Ausland entfloh und 
nach Frankreich kam. Ihm hatte König Matthias in dem geplanten 
Feldzuge eine Rolle zugedacht. Ein von Iglau an den französischen 
Hof gesandter Eilbote vermittelte den Wunsch Matthias', man möge 



3*) Bonfinius, welcher zu dieser Zeit am Hofe des Königs Mathias sich auf- 
hielt, erwähnt, daß der französische Gesandte, den er «magnificus» betitelt, 
Christoph hieß. (Rerum Ungaricarum Decas IV. Liber VII.) Nachdem wir aber 
auf Grund eines Briefes, den Christophe de Plailly am 15. Oktober 1487 an den 
König von Frankreich richtet, wissen, daß er es war, der den Gesandten Matthias' 
auf seinem Wege in Frankreich begleitete und sich im Interesse des französisch- 
ungarischen Bündnisses betätigte (Pelicier, Lettres de Charles VIII. [Paris 1898], I. 
384.), kann kein Zweifel darüber herrschen, daß derselbe Christophe de Plailly 
der nach Ungarn beorderte Gesandte Frankreichs ist. In seinem an den Herzog 
von Mailand gerichteten, vom 23. Oktober datierten Brief erwähnt Matthias, 
daß der französische Gesandte «his diebus» angelangt ist. Cäsar Valentini be- 
richtet am 4. November, daß der französische Gesandte «mostra essere persona 
molto nobile e modesta, in Franza tiene cucora qualche bone castello». Des 
weiteren sagt er, daß ein «reverendo Abbate di questo regno, quäle bon tempo 
fä, ha habitato in Franza, religiöse certe e prelato di bona presenzia, ma de vita 
e costumi molto piü apparente e laudabile, quäle e stato quello che con la pru- 
dentia et astutia sua lo ha conducto di qua et salveza». (Es ist zweifelhaft, ob die 
Person dieses Abtes mit Sankfalvi für identisch zu halten ist.) Über die ge- 
pflogenen Unterhandlungen konnte der Gesandte von Ferrara sich nicht sichere 
Kunde verschaffen. (Diplomatiai Emlekek. III., 204.) Bonfinius wußte, daß der 
französische Gesandte «ad ineundum contra Maximilianum foedus» gekommen 
ist und daß «percussum inter Ungarum Gallumque foedus et fraterna inita est 
societas». In seinem Bericht vom 5. Februar 1487 schätzt Valentini die Geschenke 
des französischen Gesandten auf 3000 Dukaten. Diplomatiai Emlekek III., 256. 



16 UtiM'ciyisc/u' RmidscIiüK. 

Herzog Dsem seinen Aufenthalt in Ungarn anweisen. Die Antwort 
von Seiten des französischen Hofes war eine günstige. 

Im Jahre 1487, zu Beginn des Monates Februar, wurde der Bischof 
von Värad, Johann Filipecz mit der doppelten Betrauung nach Frank- 
reich geschickt, die feindliche Stimmung gegen Maximilian zu be- 
stärken und die Auslieferung Herzog Dsems zu erwirken. Er brachte 
dem König mit kostbarem Sattelzeug versehene türkische Pferde, 
der regierenden Herzogin prächtigen Schmuck, orientalische Stoffe 
und eine ganze Schlafzimmerausstattung als Geschenk mit. Um der 
Wichtigkeit seiner Sendung Nachdruck zu verleihen, mußte das Auf- 
treten des Boten von fürstlichem Glänze sein. Er erregte überall, 
wo er mit seinem Gefolge von hundertdreißig prächtig gekleideten 
Rittern auf purpurbedeckter Karosse erschien, größtes Aufsehen. 

In Frankreich wurde seine Ankunft ungeduldig erwartet. Der 
venetianische Gesandte berichtet, daß man sich am Hofe wiederholt 
bei ihm erkundigte, ob der ungarische Prälat schon in Venedig an- 
gelangt sei. Der italienische Diplomat gab seiner Überzeugung Aus- 
druck, daß man seinem Wunsche willfahren werde =^^). 

Der Bischof von Värad wurde auf seinem Wege und bei Hofe 
mit hohen Auszeichnungen überhäuft. 

Die Erfüllung der unterbreiteten Bitte fand indessen in den 
Gesandten des Papstes und der venetianischen Republik, welche 
wünschten, daß Herzog Dsem in Rom ausgeliefert werde, mächtige 
Gegner. Daher erhielt der ungarische Gesandte zwar Versicherungen 
der Geneigtheit, die Diplomaten jedoch wußten, daß man Herzog 
Dsem nur so lange in Frankreich halten würde «als der französische 
König des Königs von Ungarn bedurfte». Als daher am 27. Juli die 
Scharen Maximilians eine Niederlage erlitten, sank auf einmal der 
Wert des Bündnisses mit Ungarn ganz bedeutend. Der Bischof von 
Värad verließ Frankreich, wo er ein halbes Jahr zugebracht hatte, 
ohne Erfolgs*^). 

Zur selben Zeit setzte Nikolaus von Kökericz, der vor kurzem vom 
sächsischen Hof in die Dienste König Matthias' getreten war, bei 
dem Schweizer Bund die durch den Propst von Pozsony begonnene 
Aktion fort. Auch er erschien mit einem glänzenden Gefolge, ver- 
sprach und bezahlte mit verschwenderischer Freigebigkeit Jahres- 
renten. Auch schmeichelte sein Herr der Eitelkeit der stolzen 
Bürger. In einem seiner Briefe fordert er sie auf, Gesandte an den 



35) Diplomatiai Emlekek. III. 299. 

36) Thuasne, Le Sultan Djem. (Paris), 155—171. Pelicier. I. 228, 354. Diplo- 
matiai Emlekek. III. 299, 356, 381. 



Fraknöi: Matthias Corvimis und der deutsche Kaiserthron. 17 

ungarischen Hof zu schicken, um «ihnen die Absichten seines könig- 
Hchen Herzens, welche auf das Wohl der Christenheit, des heiligen 
Reiches und der deutschen Nation gerichtet sind, zu offenbaren». 
Unter letzterem konnten natürlich nur seine auf den deutschen Thron 
bezüglichen Pläne gemeint sein. 

Trotz all dieser Bemühungen schlössen fünf von den acht Kan- 
tonen am 14, September 1487 mit Maximilian ein Bündnis. Hin- 
gegen machte sich Luzern erbötig, den König von Rom in der An- 
werbung von Schweizer Söldnern zu hindern und bei dem Könige 
von Frankreich die Ausheferung des Herzogs Dsem zu erwirken; 
für diese Dienste aber erwartete es für jedes einzelne Mitghed des 
Rates eine Jahresrente und einen jährlichen Beitrag von «einigen 
tausend Gulden» in die Kantonskasse 37), 

Unterdessen bemühten sich Matthias und seine Bundesgenossen, 
denen es um die Annulherung der Frankfurter Wahl zu tun war, 
darum, die Anerkennung dieser Wahl bei dem heiligen Stuhle in 
Rom zu hintertreiben. 

In dieser Angelegenheit konnte Matthias selbst nicht vorgehen, 
denn er hatte durch die tatkräftige Unterstützung der Interessen 
des (Königs von Neapel den Groll Innocents VIII. auf sich gezogen ^s). 

Aber zu Anfang des Jahres 1487 ließ der König von Frankreich 
dem Papste zur Kenntnis gelangen, daß die Wahl Maximilians 
dessen Position Frankreich gegenüber festige, und «auch in anderen 
Ländern Wirren hervorrufe», weshalb die Sanktionierung dieser 
Wahl «zur Entstehung großer Ärgernisse führen würde 39)». Im 
Monat Mai gelangten die Gesandten des Königs von Böhmen in 
Rom an und erhoben vor dem Konsistorium der Kardinäle feierlich 
Einsprache gegen die Frankfurter Wahl und wandten sich mit der 
Bitte an den Papst, er möge an die deutschen Fürsten die Aufforde- 
rung ergehen lassen, daß sie «den König von Böhmen seines Rechtes 
nicht berauben und ihn zur Wahl zulassen mögen». 

Auf diese Erklärung antwortete der Papst nicht und verhielt sich 



3") über die diplomatische Tätigkeit des Kokericz enthalten ausführliche Mit- 
teilungen die Berichte des mailänder Gesandten in der Schweiz im königlichen 
Staatsarchiv Mailand. Teilweise veröffentlicht von E. Gagliardi. Dokumente zur 
Geschichte des Bürgermeisters Hans Waldmann. (Basel 1911.) 

38) Der vom 18. November 1486 datierte Bericht des venetianischen Gesandten 
an den Herzog von Mailand im Staatsarchiv Mailand. 

39) Der vom 4. Februar 1487 datierte Brief des Königs von Frankreich an Lorenz 
von Medici, und die am 17. Februar von seiten des letzteren an den römischen 
Gesandten geschickten Anweisungen teilt Agenore Galli im Archivio Storico 
Italiano mit. Terza Serie. XV. 289. 

Ungarische Rundschau. IV. Jahrg., 1. Heft. 2 



18 Ungarische Rundschmi. 

einige Zeit abwartend*^). Zu Anfang des Jahres 1488 indessen 
ermunterte er, beeinflußt durch die Republik Venedig, Maximilian, 
seine Huldigungs-Gesandtschaft nach Rom zu entsenden. 

Als der römische Gesandte des Königs Matthias, Johann Vitez 
Bischof von Szerem, davon erfuhr, daß die deutschen Gesandten 
unterwegs seien, forderte er zwar energisch, daß der Papst die- 
selben nicht empfangen möge, doch bUeb sein Bemühen ohne 
Erfolg 41). 

Bei ihrer Ankunft am 29. Januar wurde die deutsche Gesandt- 
schaft mit dem, königlichen Gesandten zukommenden feierlichen 
Zeremoniell in die Stadt geleitet, und als sie am 4. Februar vor dem 
Konsistorium die Huldigung ihres Herrn darbrachte, betitelte das 
über diesen Akt aufgenommene Protokoll Maximilian als «erwählten 
König von Rom*^)». 

Matthias war über diese Wendung der Dinge unsagbar empört. 
Dem an seinem Hofe weilenden päpstlichen Legaten gegenüber 
klagte er in heftiger Rede darüber, daß der Papst die Gesandten 
Maximihans der Republik Venedig zuHebe empfangen habe, trotzdem 
derselbe seinen Gesandten versprochen hatte, ihnen keine Audienz zu 
gewähren und trotzdem derselbe wußte, daß er sich «um die Annul- 
lierung dieser rechtlos und in ungewöhnlicher Weise erfolgten 
Königswahl bemühe». Später kehrte Matthias im Laufe des Ge- 
spräches auf diese Angelegenheit zurück, nannte das Vorgehen des 
Papstes ein «klägliches» und behauptete, der Papst hätte die deut- 
schen Gesandten nur deshalb ausgezeichnet, weil ihr Herrscher 
Venedigs Freund und sein Gegner sei*^). 



VII. 

Während Maximilian in Frankreich, der Schweiz und in Rom 
diplomatische Erfolge erzielte, mußte sein Vater in Deutschland 
den bitteren Kelch der Demütigungen bis zum Grunde leeren. 

Die Beschlüsse des Frankfurter Reichstages bHeben papierne 
Versprechungen. Die Vorbereitungen zur Ausrüstung des großen 
Reichsheeres unterblieben, die bewaffneten Scharen, welche drin- 



*o) Burchardi Liber Notarum. (Neueste Ausgabe in Citta di Castello.) 201. 
*i) Dies erfahren wir aus einer Äußerung Matthias' vor dem päpstlichen Legaten 
Ende Januar 1489. 
*2) Burchardus' zitiertes Werk, 221,222. 
*3) Matthias Corvinus, 251. 



Fraknöi: Matthias Corvinus und der deutsche Kaiserthron. IQ 

gend Hilfe bringen sollten, gingen nicht ab; kaum ein Drittel der 
zugesagten Geldsummen wurde abgeliefert*^). 

Mehr noch als die Gleichgültigkeit der Reichsstände schmerzte 
den Kaiser das Gebaren seines Sohnes. Maximilian nämlich, der 
seine ganze Aufmerksamkeit den Unternehmungen in Frankreich 
zuwandte, hatte der in Deutschland übernommenen Aufgaben voll- 
ständig vergessen. Kaiser Friedrich forderte in kraftvollen und 
rührenden Worten das Erscheinen seines Sohnes; er machte ihn 
aufmerksam, daß sein weiteres Fernbleiben deprimierend auf die 
Getreuen in Österreich wirken und die deutschen Fürsten in ihrer 
untätiger. Teilnahmslosigkeit bestärken müsse. Selbst vor der 
drohenden Äußerung schreckte er nicht zurück, daß er gezwungen 
sein werde, um dem vollständigen Ruin zu entgehen, einen Ausweg 
zu suchen, welcher für Maximilian nachteilige Folgen nach sich 
ziehen wird*^). 

Er erreichte indessen nichts. 

Auch die Kurfürsten, die er zu Ende des Jahres 1486 um sich ver- 
sammelte, konnten ihm keinen anderen Rat erteilen, als neuerlich 
den Reichstag einzuberufen und Wladislaw dem ungarischen König 
abtrünnig zu machen. 

Der Kaiser schickte Gesandte mit dem Anerbieten nach Prag, 
daß er eine Urkunde ausstellen werde, welche die Rechte der böhmi- 
schen Krone zur Krönungswahl sichert**^). Den Reichstag berief der 
Kaiser für den 3. Februar nach Nürnberg. In dem diesbezüghchen 
Einberufungsschreiben wies er auf die Gefahr hin, welche das 
deutsche Reich bedrohte ; denn — so hieß es — es sei zu erwarten, 
daß «das heilige Reich und deutsche Nation ganz unter des ge- 
meldeten Königs oder anderer fremden Herrschaft gewaltsam ge- 
drungen werde*')». 

Das Bewußtsein dieser Gefahr führte auf dem Reichstage zu dem 
bedeutungsvollen Plane, das deutsche Reich auf Grundlage der 
Bundesgenossenschaft zu reorganisieren. Der Urheber dieses Ge- 
dankens, der Erzbischof von Mainz, begründete die Notwendigkeit 
mit Hinweis auf «das Betrachten und Fürnehmen fremder Ge- 
zung wie sie vermeinen die Glieder des Reiches anzu- 



**) Die Rechnungen Beckensloers, des Verwalters der Reichscasse. Forschungen 
zur deutschen Geschichte. XXIV. 485—91. 

^'') Siehe Victor Kraus, zitiertes Werk. 

^6) Dies bezeugt ein am 1. Dezember 1487 an den Kurfürsten von Brandenburij 
gerichteter Brief des Kaisers. Forschungen. XXIV. 519. 

*^) Dieses Schriftstück vom 3. Februar 1487 befindet sich im Archiv der Stadt 
Frankfurt. 

2* 



20 Ungarische Rundschau. 

fechten, zu trennen und ferner mit der Zeit Ehre, Würde und des 
Reiches Oberkeit Deutscher Nation zu entziehen und in 
ihre Hände zu bringen ^s)». 

Indessen wandte sich Matthias zu diesem Zeitpunkte ebenfalls an 
die deutschen Kurfürsten. 

Er pflegte in seinem diplomatischen Verkehr die Waffen unver- 
hüllter Drohung und schmeichelnder Überredungskunst in oft über- 
raschender Weise wechselnd zu gebrauchen. Seinen großen Zielen 
zustrebend, hielt er es für überflüssig, in der Wahl der zum Ziele 
führenden Wege den Anschein der Inkonsequenz zu vermeiden. 

Das Schreiben drohenden Inhaltes, welches Wladislaw zur Unter- 
stützung seiner Forderungen nach Deutschland gesandt hatte, blieb 
ohne Wirkung. Auf Grund der zu Anfang des Jahres 1487 ab- 
gehaltenen Besprechung der Kurfürsten, erhielt der König von 
Böhmen einen Brief, in welchem man ihm versicherte, daß niemand 
seine Rechte zu schmälern gedachte, und daß man ihn bitte, seine 
Forderungen fallen zu lassen. Matthias aber wurde nicht einmal 
einer Antwort gewürdigt. 

Daher hatte sich die Situation seit der Iglauer Zusammenkunft 
nicht geändert. Trotzdem ließ Matthias die Kurfürsten nicht nur 
in Frieden, ja als er von der Einberufung und Bestimmung des in 
Nürnberg abzuhaltenden Reichstages erfuhr, trachtete er sogar sie 
zu beruhigen. An die Reichsstände richtete er Briefe, in welchen er 
die Angelegenheit der Königswahl vollständig mit Schweigen über- 
ging, dagegen aber bat, falls der Kaiser aufs neue gegen ihn Klagen 
erheben sollte, denselben nicht Glauben zu schenken und ihm nicht 
Hilfe zuzusagen. Des weiteren erklärte er sich bereit, nach Nürnberg 
oder wohin immer Gesandte zu schicken, welche sein dem Kaiser 
gegenüber befolgtes Vorgehen rechtfertigen würden-'^). 

Die Abgesandten der Fürsten und Städte wiesen dem Kaiser die 
Briefe Matthias'; welche sie zu gleicher Zeit erhalten hatten, vor; 
man ließ immerhin die sich darbietende Gelegenheit zur Wieder- 
herstellung des Friedens nicht unbenutzt vorübergehen. Die an- 
wesenden Kurfürsten boten Matthias in einem in freundlichem Tone 
verfaßten, gemeinsamen Schreiben ihre Intervention zu einem fried- 
lichen Ausgleich des obwaltenden Zwistes mit dem Kaiser an^^) 

Mit auffallender Schnelligkeit und Zuvorkommenheit nahm 



*8) Forschungen. XXIV. 497. 
*9) 18. April 1487. Mätyäs kiräly levelei. II. 314. 

50) Dieser nicht datierte Brief befindet sich im k. u. k. geh. Staats-, Haus- und 
Hofarchiv in Wien. 



Fraknöi: Matthias Corvinus und der deutsche Kaiserthron. 21 

Matthias das Anerbieten an, die Kurfürsten bittend, sie mögen die 
Mittel zur Befriedigung seiner gerechten und bilhgen Forderungen 
finden öl). 

Gleichzeitig mit diesem Schreiben langte in Nürnberg die Nach- 
richt an, daß die Besatzung und Bürgerschaft von Wiener-Neustadt 
mit Matthias einen Waffenstillstand geschlossen habe, in welchem sie 
sich verpflichteten, ihm, falls in neunundvierzig Tagen das Ersatz- 
heer nicht einträfe, die Tore der Stadt zu öffnen. 

Trotzdem, der Kaiser nicht hoffen durfte, bis zu dem anberaumten 
Tage die Stadt durch Entsendung von Hilfsscharen zu retten, er- 
klärte er, in trotziger Aufwallung, daß er mit dem Könige so lange 
nicht in Unterhandlung trete, bis dieser den Krieg nicht abgebrochen 
habe. Diese Entschließung des Kaisers wurde durch die Kurfürsten 
Matthias mitgeteilt. Letzterer griff in seiner Antwort den Kaiser 
heftig an, wies die Bedingung zurück, wiederholte aber den Kur- 
fürsten nochmals sein Anerbieten, zur Anbahnung der Verhand- 
lungen Gesandte zu entsenden, und beteuerte gern, daß er ihnen die 
Beweise seiner wohlwollenden und freundschafthchen Gesinnung 
erbringen wolle ^^^ 

Die Ausdauer und Konsequenz des Kaisers hatte den Erfolg, daß 
auf dem Reichstage endlich die kriegerische Tendenz die Oberhand 
gewann. Es wurden aufs neue die Ausrüstung von Truppen und 
die Aushebung von Steuern beschlossen. Herzog Albrecht von 
Sachsen übernahm die Führerschaft des gegen Matthias zu ent- 
sendenden Reichsheeres und schickte ihm am 9. August seine Kriegs- 
erklärung. 

In seiner darauf bezüglichen Antwort betonte der König ivon 
Ungarn nochmals, daß er dem heiligen römischen Reich niemals 
eine Beleidigung angetan, noch es angegriffen habe, daß er die 
deutschen Fürsten jederzeit als seine besonders geliebten Brüder 
und Freunde angesehen. Er mache den Kaiser, der seinen Ver- 
pflichtungen nicht nachgekommen sei und seine, Matthias', Recht- 
fertigung anzuhören sich geweigert habe, für den Krieg verantwort- 
lich. In Gottes gerechten Willen sich ergebend, hoffe er, daß den 
Herzog für sein tollkühnes Unternehmen die verdiente Strafe ereilen 
werde ö3)^ 

Tatsächlich fand Albrecht alsbald hinlänghch Ursache, sein Unter- 
nehmen zu bereuen, da die Reichsfürsten ihre Versprechungen, mit 



") 1. Juli 1487. Mätyäs kiräly levelei. IL 316. 

52) 29. Juli 1487. Mätyäs kiräly levelei. II. 318. 

53) 15. August. Ebendort. II. 321. 



22 Ungarische Rundschau. 

denen sie ihn zur Übernahme der Führung veranlaßt hatten, nicht 
erfüllten. 

Der Kaiser geißelte sie mit schonungslosen Vorwürfen und machte 
sie darauf aufmerksam, daß ihre Saumseligkeit verhängnisvolle 
Folgen haben werde. «Dadurch derselb König, dem wir aus unser 
selbst Macht, als ihr wisset, nicht widerstehn mögen, mit dem Krieg 
in unsere erbliche Lande so fern gewachsen, daß nun nicht anders 
daraus zu warten, dann sich dadurch in das heilige Reich, darauf 
der Anfang seines Krieges gesetzt ist, zu dringen und unter seine 
Gewalt zu bringen . . . Damit in unser gründliches Verderben . . . 
gesetzt habet. Ursacher seiet, daß der Deutschen Nation, die ihr 
Aufnehmen mit Männlichkeit überkommen und damit die Würde 
des heiligen Reiches in ihr Gewaltsam gebracht hat, bei allen anderen 
Nationen ein ewig Laster, Schmach und Verachtung bringen würde, 
ihren rechten Herrn und ihre selbst Ehre, Würde und Stand der- 
massen zu verlassen und unter Gewaltsam des gemeldeten Königs 
von Ungarn, der vom geringen Herkommen und ein 
sonder Feind und Hasser der Deutschen ist, zu 
wachsen 0*).» 

Um diese Gefahr zu verhüten, entschloß sich der Kaiser, seines 
hohen Alters und kränklichen Zustandes nicht achtend, im Frühling 
des nächsten Jahres die Führung des Reichsheeres selbst zu über- 
nehmen und er forderte die deutschen Fürsten auf, sich ebenfalls 
mit ihren Scharen persönlich in dem Lager von Augsburg einzu- 
finden. 

Unterdessen war Albrecht von Sachsen ganz auf sich selbst an- 
gewiesen. Er drang mit den aus eigenem Gelde geworbenen 
5000 Mann in die österreichischen Erblande ein; mußte sich aber 
auf die Verteidigung einiger kleinerer Festungen, die er mit Lebens- 
mitteln und Besatzung versah, beschränken. Nachdem es ein Ding 
der Unmöglichkeit war, gegen die vier- bis fünfmal stärkeren un- 
garischen Kriegsscharen Krieg zu führen, tat Albrecht bereits in 
der ersten Hälfte des September Schritte, um einen Waffenstill- 
stand zu erwirken und wünschte zu diesem Zwecke eine persön- 
liche Zusammenkunft mit seinem köinigHchen Gegner. 

Nach längerem Zaudern und Briefwechsel willigte Matthias in 
eine Begegnung mit Albrecht ein, die auch in der ersten Hälfte des 
Dezember in dem zu St. Polten nahe gelegenen Markersdorf er- 
folgte. Matthias trat hier mit einem überraschenden Projekt hervor. 

Er wünschte die Entscheidung dessen, ob sein mit dem Kaiser in 



5*) Vom 8. Oktober 1487. Forschungen. XXIV. 515. 



Fvaknöi: Matthias Corviniis und der deutsche Kaisevthron. 23 

den Erblanden geführter Krieg ein gerechter oder ungerechter sei, 
dem Papste anheimzustellen und erklärte, daß er sich dem Urteile 
des Papstes, auch wenn dieses für ihn ungünstig ausfallen sollte, 
unterwerfen werde. Hingegen stellte er — die Einwilligung des 
Kaisers zu diesem Projekte vorausgesetzt — die Bedingung, daß die 
deutschen Fürsten sich einzeln verpflichten, bei einer eventuell für 
den König von Ungarn günstigen Entscheidung, dem Kaiser in dem 
fortgesetzten Kriege nicht beizustehen. Gleichzeitig willigte er in 
den Waffenstillstand ein, der, falls der Kaiser den Vorschlag an- 
nehme, bis Anfang September, im entgegengesetzten Falle aber bis 
Anfang Juni dauern sollte. 

Auf Grund dieser Verhandlungen kam am 16. Dezember das Über- 
einkommen zustande ^''•'^). 

Die Situation auf dem Kriegsschauplatze war für Matthias so vor- 
teilhaft, daß sein Interesse die Abschließung des Waffenstillstandes 
durchaus nicht erforderte; dabei konnte kein Zweifel darüber herr- 
schen, daß der Kaiser den Vorschlag nicht annehmen werde. 

In dem Vorgehen Matthias' trat also die Absicht zutage, seiner 
des öfteren wiederholten Behauptung, daß er mit dem deutschen 
Reiche in freundschaftlicher Beziehung zu stehen wünsche, Nach- 
druck zu verleihen ; überdies wollte er sich ein angesehenes Mitglied 
des herzoglich-sächsischen Hauses verpflichten. Dies gelang ihm 
auch tatsächlich, denn einige Wochen später dankte Albrecht von 
der Führung des Reichsheeres ab. 

Zur selben Zeit begann Matthias mit dem bayerischen Herrscher- 
hause im Interesse eines neuen Bündnisses Verhandlungen zu pflegen. 
Die bayerischen Räte, welche in dieser Angelegenheit ihr Gutachten 
zu unterbreiten hatten, stellten in einem Memorandum alle Gründe, 
welche für das Bündnis oder gegen dasselbe sprachen, zusammen. 
Einerseits wiesen sie darauf hin, daß es Pflicht der deutschen Kur- 
fürsten sei, auf Seite des deutschen Kaisers zu stehen, und auch dar- 
auf, daß Matthias, nachdem er den Ruin des Kaisers herbeigeführt, 
in seiner Herrschsucht auch Bayern nicht verschonen werde; ande- 
rerseits ließen sie nicht unerwähnt, daß der König von Ungarn seit 
langem ein Freund des Hauses Witteisbach sei, der Kaiser hingegen 
ein Feind desselben; ersterer nehme eine machtvolle Stellung ein, 
letzterer aber biete das Bild der Hilflosigkeit ^ß). 

Gleichzeitig befaßte sich Matthias mit dem kühnen Gedanken, 
ein Mitglied des Hauses Habsburg, Erzherzog Sigismund, den Herren 

•''•'') Langenau, Herzog Albrecht der Beherzte. (Leipzig 1838.) 
■''^) Mitteilungen Höflers im Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen. 
XII. 367-369. 



24 Ungarische Riuidschaii. 

von Tirol, der mit dem Kaiser in Zwist lebte, für seine Pläne zu 
gewinnen. Er betraute den Bischof von Värad und den Ritter von 
Kökericz, Sigismund in Innsbruck aufzusuchen. Dieser aber war 
nicht geneigt, mit ihnen in Unterhandlungen zu treten ^^). 

Daran, die Markgrafen von Brandenburg, welche dem Kaiser un- 
bedingt zugetan waren, für seine Pläne zu gewinnen, konnte Matthias 
nicht denken. Um ihnen aber dennoch, was die Unterstützung des 
Kaisers anbelangte, Hindernisse in den Weg zu legen, nahm er ihnen 
gegenüber eine drohende Haltung an ; er bestimmte seinen Bundes- 
genossen, den König von Böhmen, zu Kriegsrüstungen. Kurfürst 
Johann benachrichtigte den Kaiser, daß es ihm unmöglich sei, im 
kaiserlichen Lager zu erscheinen. «Kaiserliche Maiestät weiss, 
— schreibt er — wie ich mit meinen Landen den Königen von Un- 
garn und Böhmen Gränzen besessen und in Unwillen stehe, und des 
Backenschlages täglich warten muss^^).» 

Während also Matthias den Kaiser vollständig isoliert hatte, traf 
er im Jahre 1487 Veranstaltungen, um Maximilian in seinen nieder- 
ländischen Erblanden anzugreifen. Zu diesem Zwecke gab er seinem 
in der Schweiz weilenden Gesandten den Auftrag, dort fünftausend 
Söldner anzuwerbend^). 

Eben in diesem kritischen Zeitpunkte traf das Haus Habsburg auch 
noch eine unerwartet hereinbrechende Katastrophe. 

VIH. 

Am 1. Februar 1488 nahmen die aufständischen Untertanen Maxi- 
milians, die Bürger der niederländischen Stadt Brügge, ihren Herren 
gefangen, bedrohten ihn mit dem Tode und vollstreckten an einigen 
seiner Räte das Todesurteil. 

Selbst dieser Schicksalsschlag konnte die Energie Kaiser Friedrichs 
nicht brechen. Er beschloß, die Truppen, welche der Reichstag zur 
Errettung der österreichischen Erblande bestimmt hatte, unter 
seiner persönlichen Führung zur Befreiung seines Sohnes und zur 
Bestrafung des Attentates zu verwenden. Um diese Absicht aus- 
führen zu können, mußte er sich erst darüber Sicherheit verschaffen, 
daß während seiner Abwesenheit von selten Matthias' kein An- 
griff erfolgen werde. Diese Not(wendigkeit trat mit dramatischer 

^') Die Berichte des mailändischen Gesandten in der Schweiz vom 24. De- 
zember 1487 und vom 14. Januar 1488 im Staatsarchiv Mailand. 

58) Forschungen. XXIV. 533 a. 

59) Bericht des mailändischen Gesandten in der Schweiz vom 18. Januar 1488 
im Staatsarchiv Mailand. 



Fraknöi: Matthias Corvinus und der deutsche Kaiserthron. 25 

Schnelligkeit in den Vordergrund der Ereignisse. Noch am 3. März 
Heß der Kaiser den Kurfürsten ein Schreiben zugehen, in welchem 
er erklärt, daß er den von Herzog Albrecht abgeschlossenen Waffen- 
stillstand nicht annehme, da der König von Ungarn denselben nur 
geschlossen habe, um sich das deutsche Reich je eher zu unter- 
werfen*''"). Schon am nächsten Tage, nachdem die Nachricht des 
Überfalles in Brügge eingetroffen war, mußte der Kaiser indessen 
zur Verlängerung dieses Waffenstillstandes Schritte tun. Aber 
selbst in dieser traurigen Lage hielt ihn sein Selbstbewußtsein da- 
vor zurück, mit Matthias unmittelbar in Verbindung zu treten. Er 
betraute den Erzbischof von Salzburg, Johann Beckensloer, seinen 
vertrautesten Rat mit der Vermittlung. 

Matthias empfing den Gesandten dieses Prälaten mit Zuvor- 
kommenheit und genehmigte die Verlängerung des von dem Her- 
zog von Sachsen geschlossenen Waffenstillstandes bis zum 1. Sep- 
tember ^i). So ermöglichte er dem Kaiser, seine Absicht verwirk- 
lichen zu können. 

Die dräuenden Wolken, welche sich über dem Hause Habsburg 
angesammelt hatten, verzogen sich in kurzer Zeit. Maximilian wurde 
aus der Gefangenschaft befreit; der König von Frankreich schloß 
mit ihm Frieden und der König von Böhmen anerkannte ihn als 
gesetzlich gewählten König von Rom. 

Matthias hatte durch seine Neutralität dem Hause Habsburg 
keinen geringeren Dienst erwiesen, als es vor zwei Jahrhunderten 
Ladislaus IV. getan, der in der Schlacht auf dem Marchfelde gegen 
Ottokar von Böhmen den Sieg dem Begründer dieses Hauses zu- 
sicherte. 

Matthias hätte durch feindliches Auftreten den Kaiser an seinem 
niederländischen Heereszuge verhindert, und wenn er den König 
von Frankreich in der Eroberung des burgundischen Erbes oder 
die Niederländer in der Erringung ihrer Unabhängigkeit .unter- 
stützt, den Niedergang der Macht des Hauses Habsburg hervor- 
rufen können. 

Ganz zweifellos beeinflußte den König von Ungarn, als er dieser 
Versuchung widerstand, zum Teile seine ritterliche Gesinnung, 
welche die Situation des in Gefangenschaft geratenen, kampf- 
unfähigen Gegners nicht ausnützen wollte, und das monarchische 
Empfinden, welches rebellischen Untertanen gegenüber die Soli- 

60) Dieses kaiserliche Schreiben befindet sich im Staatsarchiv in Wien. 

^^) Matthias schickt am 14. März Balthasar Batthänyi zu Beckensloer. (Mätyäs 
levelei. II. 339.) Die auf die Verlängerung des Waffenstillstandes bezüglichen 
Dokumente (21. Mai und 5. Juni 1488) befinden sich im Staatsarchiv in Wien. 



26 Unß:arisclie Riindschmi. 

darität der Herrscher befahl. Indessen traten doch politische Motive 
in den Vordergrund. 

Einige Tage vor der Annäherung des Kaisers empfing der König 
gleichzeitig die Nachricht von dem Empfange der Gesandten Maxi- 
milians am päpstlichen Hofe und die Berichte seiner aus der Schweiz 
und aus Frankreich heimkehrenden Gesandten. 

Er mußte einsehen, daß die durch den päpstlichen Stuhl sanktio- 
nierte Königswahl nicht ungültig erklärt werden konnte. Außerdem 
überzeugte er sich davon, daß er weder auf die Auslieferung Herzog 
Dsems, noch auf eine tatkräftige Unterstützung von selten Frank- 
reichs rechnen könne; das intime Bündnis aber, welches in Iglau mit 
dem König von Böhmen geknüpft worden war, hatte sich schon ge- 
lockert. 

Er ließ also den Plan seiner Wahl zum römischen König gan^ 
fallen und trachtete seiner Politik eine neue Richtung zu geben. 

Die deutsche Kaiserkrone war in seinen Augen ein Mittel und 
kein Endzweck gewesen. Ihr Besitz wäre ihm als Sicherstellung des 
nationalen Charakters des ungarischen Staates gegen Westen hin 
und zuriWahrung der territorialen Interessen nach Osten hin wichtig 
erschienen. 

Er gedachte dieses Ziel durch ein auf Staats- und Familien- 
interesse basierendes, permanentes Bündnis zwischen der ungari- 
schen Dynastie und dem Hause Habsburg zu erreichen. 

Matthias rechnete darauf, sich den ritterlich gesinnten, vornehm- 
denkenden MaximiHan zu Danke zu verpflichten. Durch seine Hilfe 
hoffte er die Thronfolge seines Sohnes in Ungarn zu sichern und 
einen lange und inbrünstig gehegten Wunsch zu realisieren, den, 
an der Spitze der vereinigten Heere aller christlichen Mächte in das 
türkische Reich einzudringen. 

Und er hatte sich nicht geirrt. Der König von Rom rechtfertigte 
das Vertrauen Matthias' durch Beweise dankbarer Anhänglichkeit. 
Als Maximilian im Frühling des Jahres 1489 nach Deutschland 
zurückkehrte, wünschte er eine persönliche Begegnung mit ihm. Er 
zeigte sich bereit, die Bedingungen des letzteren anzunehmen und 
den politischen Bund durch eine Doppelheirat zu festigen : Johann 
Corvin sollte seine Tochter heiraten, er gedachte ein Ehebündnis 
mit der Schwester der Königin Beatrix einzugehen 62). 



62) Schreiben des Kaisers an seinen Sohn vom 7. Juni 1489 im Staatsarchiv Wien. 
Bericht des päpstlichen Nuntius am ungarischen Hofe vom 25. Juni bei Theiner. 
(Monumenta Hungariam Sacram illustrantia. IL 523.) Berichte des Gesandten 
des Herzogs von Ferrara am mailändischen Hofe vom 11., 13., 18. August, 2. Ok- 
tober im Staatsarchiv Modena. 



Frans Hercseg: Zu Maiirus Jökais Gedächtnis. 27 

Kaiser Friedrich blieb indessen unversöhnlicli, da er an der Über- 
zeugung festhielt, König Matthias verfolge noch immer seine 
früheren Projekte. Der Kaiser bemühte sich Ende des Jahres 1488 
Wladislaw, den König von Böhmen davon zu überzeugen, daß «der 
König von Ungarn sein Fürnehmen allein darauf stellt, seine Maiestät 
und die königliche Würde von Böhmen zu verdrücken, und ihre 
Lande in sein Gewaltsam zu bringen und ihm damit Eingang in 
das heilige Reich und deutsche Nation zu mache n''^)». 
An den im Jahre 1489 abgehaltenen Frankfurter Reichstag richtete 
er die Aufforderung, Heere gegen die Könige von Frankreich und 
Ungarn auszurüsten, welche beide «die ganze deutsche Nation» sich 
unterwerfen wollen und wenn sie nicht auf Widerstand stoßen «das 
heilige römische Reich zerstören werden». In einem Ende desselben 
Jahres an den Herzog von Sachsen gerichteten Brief behauptet er, 
daß das «heilige Reich und Deutsche Nation (es seien), nach denen 
desselben Königs von Hungern Herz und Gemüt steht^"^)». 

Der einige Monate später erfolgte Tod König Matthias' ver- 
nichtete die Hoffnungen, welche letzterer, Hand in Hand mit Maxi- 
mihan, diesem ihm ebenbürtigen Rivalen, nach dem Ableben des 
Kaisers, den er zu überleben gedachte, verwirkHcht hätte. 

Was dieser mächtige Herrscher mit Waffengewalt erstritten, ging 
verloren, was sein Genie aufgebaut, sank in Trümmer; von unver- 
gänglichem Werte aber ist der Glanz seines Namens, der Ruhm 
seiner Taten, die er den Nachkommen als Erbe hinterlassen! 



Zu Maurus Jökais Gedächtnis. 

Festrede von Franz Herczeg, Ehrenmitglied der Akademie^). 



■ jEI alten Heidenvölkern war es Brauch, dem toten Fürsten, 

; I ) ; wenn er ins Grab versenkt wurde, Waffen und Kostbar- 

; I ) j keiten, Abzeichen der Macht und des Reichtums, mitzu- 
: : geben. 

Als vor nunmehr zehn Jahren Maurus Jökai gestorben war, haben 
wir ebenfalls etwas von dem Unseren mit ihm begraben, etwas, was 
uns teuer war: ein Stück von unser Aller Jugend. 

Er war der Sendbote des stürme- und blütenreichen Frühlings des 

63) Die vom 7. Dezember 1488 datierte Botschaft des Kaisers befindet sich im 
Staatsarchiv Wien. 

«*) Der vom 10. Dezember 1489 datierte, an den Herzog von Sachsen ge- 
richtete Brief im Hauptstaatsarchiv Dresden. 

1) Vorgetragen in der Festversammlung der Ungarischen Akademie der Wissen- 
schaften am 10, Mai 1914. 



28 Ungarische Rundschau. 

heutigen Ungarn. Wie am Straßenrand der Akazienbaum, über- 
schüttete er die Menschen mit Blüten und die wechselnden Ge- 
schlechter waren diesen Blütenregen von Märchen wie eine Natur- 
erscheinung gewöhnt. 

Ein Funke des magyarischen Ver sacrum hatte bis zu Ende in 
Jökais Tintenfläschchen phosphoresziert und als das Fläschchen ver- 
waiste und vertrocknete, da wurde das Leben in Ungarn etwas farb- 
loser und kälter, das Ungartum selbst etwas älter. 

Ungarn wird ja noch einen Lenz haben. Der künftige wird viel- 
leicht noch reichlicher blühen, als der vergangene — jedoch der Lenz, 
welcher die, in der dornigen Wildnis des Ständewesens schlafende 
Nation zu bewußtem Leben erweckte, kehrt nimmermehr zurück. 
Die beglückte Verwunderung, mit welcher die erwachende ungari- 
sche Gesellschaft die Welt und in der Welt sich selbst entdeckte, der 
von heiliger Einfalt getragene Glaube der Jugend, welcher Berge 
versetzen wollte, der großzügige Optimismus in Jökais Generation, 
welcher die ungarischen Pußten mit Städten aus Gold voll baute, 
all dies kann niemals wiederkommen. Ungarn können noch neue 
Dichter erstehen, aber ein Maurus Jökai kann ihm nicht mehr ge- 
boren werden. 

Eine Nation war an Asiens Grenze eingeschlafen und erwachte 
inmitten der Gedankenwelt Europas. Welch ein Erwachen! Die Luft 
war von Verlangen und Hoffen durchglüht, der Boden erzitterte im 
Fieber der Fruchtbarkeit. Was Kopf und Herz an Samen in sich 
trug, das begann zu keimen, zu knospen, zu blühen. 

In der Wüste des ungarischen Gemeinlebens erscheint ein Heer 
titanischer Arbeiter. Der große Wecker pocht mit zorniger Un- 
geduld an die verschlossenen Tore; der größte Ungar reißt mit 
scharfer Pflugschar die Schollen auf; der geniale Soldat hütet mit 
bewaffneter Hand die Saaten, in der Ferne aber bereitet der Weise 
der Nation schon die Speicher, um hier die Ernte einzubringen, so- 
fern sie vom Hagelschlag verschont bleibt. 

Was die Literatur der Reformepoche an Knospen und Versprechen 
brachte, das reifte plötzlich zu Frucht und Wirklichkeit und die 
Bäume ächzten unter ihrer goldenen Last. 

Dieses ganze Zeitalter zeigte ein Leben, als ob ein Jökai es ge- 
träumt hätte. In dieser großartigen Walpurgisfeier hatte das Gesetz 
der Schwere seine Geltung eingebüßt. Der Horizont füllte sich mit 
fliegenden Menschen. 

Ein Lumpen ist zum Segeln gut, 
Ein gutes Schiff ist jeder Trog; 
Der flieget nie, der heut' nicht flog — 
sagt der Dichter des Faust. 



■Frans Hercseg : Zu Matirus Jökais Gedächtnis. 29 

Nach Vörösmarty: Petöfi, Arany, Jökai . . . 

Woher kamen sie in so stolzer Reihe? Wo säumten sie bis dahin? 
Der Geist der Weltgeschichte könnte darauf antworten. Wir wissen 
nur, daß sie, sobald ihre Stunde schlug, mit der Pünktlichkeit eines 
Fürsten erschienen. 

Uns Schriftstellern steht es vielleicht am wenigsten an, die Be- 
deutung der Poesie im nationalen Leben zu überschätzen. Theseus, 
Herzog von Athen, sagt im «Sommernachtstraum»: «Das Beste in 
dieser Art ist nur Schattenspiel und das Schlechteste ist nichts 
Schlechteres, wenn die Einbildungskraft nachhilft.» 

Männer der Tat, die nach außen leben, wie auch Shakespeares 
Theseus, haben oft die Neigung, die nationale Erhaltungskraft 
solcher «dieser Art» geringzuschätzen. 

Der unbefangene Beobachter der historischen Ereignisse muß 
jedoch anerkennen, daß im Leben des Ungartums die Poesie einen 
nationalen Wirkungskreis von ungewöhnlicher Wichtigkeit auszu- 
füllen verstand. 

Die Nation wäre ja vielleicht aus ihrem asiatischen Traume gar 
nicht erwacht, wenn die Dichter ihr Hörn nicht schon im dunkeln 
Morgengrauen hätten ertönen lassen. 

Die Literatur gab dem aus dem Schlafe emporfahrenden Lande 
zur Verteidigung seiner nationalen Individualität eine fertige, herr- 
liche Waffe in die Hand — das war die neue ungarische Sprache. 

Die Gelehrten der praktischen Notwendigkeiten, also die Staats- 
männer, stießen mit jedem Schritt nach vorwärts auf die ehernen 
Schranken der Wirklichkeit; die Männer der unbeschränkten 
Möglichkeiten, d. h. die Dichter, lebten schon längst über das Haupt 
der erbärmlichen Wirklichkeit hinaus ein vollkommenes und un- 
abhängiges nationales Leben. Die damalige Literatur leuchtete am 
Horizont des damaligen Ungarns wie der Wiederschein festlich be- 
leuchteter Weltstädte, wo doch unten nur die Öllampen weniger 
ungarischer Kleinstädte matt glommen. 

Zur vollen Höhe ihrer politischen Sendung erhob sich die ungari- 
sche Literatur, als sie sich in der schweren Trauer des Landes der 
Nation als Trösterin zugesellte. In den fünfziger Jahren saß Jökai 
am Krankenlager Ungarns und führte alle strahlenden Phantome 
seiner Einbildungskraft gegen die Gespenster des Fiebertraumes ins 
Treffen. Er vertröstete den Schwerkranken mit dem Ruhme der 
Vergangenheit und mit den Hoffnungen der Zukunft. Den Feind, 
der mit Waffen nicht zu besiegen war, griff er mit dem Pfeilregen 
der Satire an und setzte, um dem Patienten ein Lächeln abzulocken. 



30 Ungarische Rundschau. 

die Schellenkappe auf. Diese lange Nacht hatte mehr Licht, als der 
Sonnenschein der Wochentage. 

Einen ungarischen Staat in politischem Sinne gab es nicht. Und 
eben damals hat die ungarische Literatur ihre Hegemonie so groß- 
artig fundiert, daß Ungarn seitdem in der Weltliteratur als unum- 
stößliche nationale Einheit fungiert. Noch nie hat der Geist über 
den Stoff einen vollkommeneren Sieg davongetragen. 

Wir können uns dem Eindrucke nicht verschließen, daß die Natur 
selbst Jökai zum Fabulisten bestimmt hat. Es war ein elementares 
Phänomen: ein Feuerquell entsprang dem Boden Ungarns und spru- 
delte gerade auf der Scholle Maurus Jökais in Revkomärom. Der 
Dichter selbst fühlte sich auch als Auserwählten des Schicksals, als 
Hüter und geweihten Priester der heiligen Quelle. Zufolge dieser 
ausgeprägten Einseitigkeit kam er sich in der Tageshelle aes realen 
Lebens immer einigermaßen fremd, wie ein Gast vor. Sein wahres 
Leben verrann dort, wo die heiligen Feuer der Erzählerkunst loderten. 
Dort offenbarte sich seine ganze Energie, seine Lebenswissenschaft 
und Menschenkenntnis. Das reale Leben war ihm ein Motiv, auf 
welchem er seine Rhapsodien aufbaute. Seine Romane sind die 
Paraphrase der Wirklichkeit. Die Urmelodie des Lebens war in 
seinen Liedern, außerdem aber noch etwas: Jökais Poesie. 

Er war der geborene Erzähler, und wir brauchten unsere Phan- 
tasie nicht übermäßig anzustrengen, um ihn auf den Stufen des 
Moscheebrunnens zu Bagdad oder Damaskus zu sehen, wie er den 
Leuten der Straße Geschichte auf Geschichte erzählt. 

Der Soldat vergißt seines Dienstes, der Lehrjunge seines Meisters, 
der Bräutigam seiner Hochzeit — alle sitzen auf der Matte zu seinen 
Füßen und hören ihm mit gierigem Ohre zu. Das Auge des Erzählers 
erglänzt von demselben Feuer, wie das der Zuhörer, denn er wird 
von seinem eigenen Weine trunken und folgt schwankend dem 
Triumphzug des Gottes der Dichter. 

Das Angebinde des wahren Erzählers, die dichterische Phantasie, 
schütteten ihm die Musen stromweise in die Wiege. Hätte vorher 
nicht Ariosto den Hippogryph gesattelt: Jökai hätte es besorgen 
können. Wäre Shakespeare nicht auf den Grund des Meeres ge- 
taucht, um Percys untergegangene Ehre bei den Locken gefaßt zu 
retten: Jökai hätte es besorgen können. Und wenn Rabelais nicht 
die Glocken von Notredame heruntergeholt hätte, um sie als Glöck- 
chen der Stute Gargantuas um den Hals zu hängen: Jökai wäre 
dessen fähig gewesen. Diese Phantasie — sagt Jökai selbst, jedoch 
in anderem Bezüge — «bedeckt Länder und streut Wunderblumen 
und Goldfrüchte aus». Die Einbildungskraft ist nicht nur der große 



Frans Hercseg: Zu Maurus Jökais Gedächtnis. 31 

mildernde Umstand des Lebens, sondern auch das Senfkorn aller 
Art menschlicher Größe. Nie werden wir davon Kenntnis erhalten, 
welche Neigungen und Fähigkeiten in den süßen, schwülen Stunden 
befruchtet wurden, welche die Generationen von heute in dem 
Wundergarten Jökais verbrachten. Nie werden wir es erfahren, wie- 
viel in der Seele unserer Staatsmänner, Gelehrten, Soldaten, Kauf- 
leutc oder Ökonomen von dem Feuer glüht, welches der große 
Kesselheizer angefacht hat. 

Ich möchte nun an Maurus Jökai näher herankommen, muß aber 
geradezu fürchten, im Urwalde seiner Poesie von Schwindel erfaßt 
zu werden und in die Irre zu geraten. Seine schöpferische Kraft ließ 
in der Wüste der Wirklichkeit eine ganze blühende Wildnis erstehen. 

Ich wähle darum aus diesem Reichtum einen einzigen Roman : den 
Goldmenschen — den Roman, über welchen der Dichter selbst 
äußerte: «Ich muß gestehen, daß dieser Roman mir der liebste ist. 
Auch beim Lesepublikum ist er am meisten verbreitet ; er ist in die 
meisten fremden Sprachen übersetzt . . .» 

Er ist eines jener wenigen Dichterwerke, in deren kristallklarer 
Tiefe der Leser noch den Kristallisierungspunkt des ersten Ge- 
dankens zu erkennen vermag. Dieser Punkt ist die Niemands-Insel. 
Die neutrale Zone der Schönheit, Reinheit, des Friedens auf dem 
Kriegsschauplatze des Lebens. Ein Ort, wo nicht die Gesetze des 
Staates und der Gesellschaft, sondern die des Herzens und der Seele 
befehlen. Dieser Roman ist nichts anderes, als die Sehnsucht der 
Wochentage nach dem Sonntage. Der gemeinsame seelische Exkurs 
des, der gesellschaftlichen Lügen satten Dichters und Lesers. Die 
Niemands-Insel ist — wenn ich gerade will — die Poesie selbst. 
Sicherlich hat manches Mitglied der heutigen ungarischen Intelligenz 
während des Genusses von Jökais Roman seine eigene Niemands- 
Insel gefunden, wo Noemi die Züge von Jökais Muse trug. 

Die Phantasie des Dichters greift das Bild einer ungarischen 
Provinzstadt — Revkomärom — auf und erhebt es gleich einer Fata 
morgana über den Horizont der Wirklichkeit. Das Resultat, welches 
er erreicht, ist bedeutend : heute kennt bereits jeder gebildete Ungar 
zweierlei Städte mit dem Namen Komärom; die eine, das uralte 
Rev-Komärom 1), sonnt sich flach und bescheiden am Zusammen- 
flusse der Donau und der Vag, und über den Rauchfängen der- 
selben, hoch in den Lüften steht Jökais Stadt, Köd-Komärom, welche 



') R e V ist Hafen, Fähre, also Rev-Komärom etwa wie Bremer - hafen, Frank - 
fürt. Köd-Komärom ist eine kühne Neubildung des Vortragenden: Nebel- oder 
Traum-Komärom. 



32 Ungarische Rundschau. 

mit ihren regenbogenfarbigen Türmen kühn und stolz in den Himmel 
der Poesie dringt. Und auch diese Stadt der Einbildung ist ein Real- 
besitz der ungarischen Krone. 

Wieviele ungarische Städte gibt es, von deren Dächern noch der 
Abglanz Jökaischer Poesie strahlt. Über den Häuserriesen des heuti- 
gen Budapest, im Rauche der Fabriken, ahnen wir das verblassende, 
melancholische Bild von Jökais altem Pest, und wieviele Ungarn 
gibt es, die das Szekler Hochland, den Plattensee, die Zipserstädte, 
die Hortobägy oder das Eiserne Tor nur mit Jökais Augen zu er- 
schauen vermögen. 

Die suggestive Energie seiner Einbildungskraft ist so groß, daß 
oft, wenn er in seinen Schilderungen in einen unausgleichbaren 
Gegensatz zur Wirklichkeit gerät, das Gemeinbewußtsein für Jökai 
Partei nimmt. Um nur beim «Goldmenschen» zu bleiben : Schiffsleute 
der unteren Donau sind nicht imstande, die von den Reisenden ge- 
suchte Insel Noemi irgendwo auf der Landkarte unterzubringen, 
machen bald der einen, bald der anderen Donauinsel ihren ehrlichen 
alten Namen streitig, um dann dieselbe Niemands-Insel taufen zu 
können. 

Kehren wir nach Köd-Komärom zurück. Die Wolkenkolonie gleicht 
in allem der Mutterstadt am Donauufer, jedoch mit d em Unter- 
schiede, daß jeder Stein in Jökais Stadt vom Glänze der Phantasie 
erstrahlt. Denn Jökai ist der literarische König Midas: was er an- 
greift, erstrahlt. Das Auge des Dichters hat auch eine vergrößernde 
Linse: was er anblickt, das wächst. Die Kleinstadt wird zur städti- 
schen Republik, die raizischen Getreidehändler werden Plutokraten 
mit tyrannischen Neigungen, unter den, aus bauchigen Fenstergittern 
hervorguckenden Bürgerstöchtern findet sich gar manche Laura 
und Lukretia Borgia. 

Es gibt nichts Interessanteres, als die Gassen der Märchenstadt 
entlang zu schlendern. Hier wohnen nur originelle Menschen. An 
jeder Straßenecke begegnet uns eine Überraschung und unter jedem 
Haustore lauert uns ein Abenteuer auf. Der Oxygengehalt der Luft 
muß hier sehr groß sein, denn das Leben ist heiß und gierig pul- 
sierend, jedermanns Auge glänzt, wie ein Edelstein, das Blut musi- 
ziert in den Adern und die Leidenschaften brennen in lodernden 
Flammen. In Köd-Komärom können die Leute lieben und hassen, 
wie ^nirgends sonst auf der Welt. 

Der Held: Der Goldmensch. Ein typischer Jökai-Held; eigentlich 
ist ja jeder wahre Jökai-Held ein Goldmensch. Die väterliche Zärt- 
lichkeit des Dichters stattet den armen Schiffskommissar mit so viel 
geistiger und körperlichen Vorzügen aus, daß es zur Reformierung 



Frans Hercseg: Zu Maurus Jökais Gedächtnis. 33 

eines ganzen herrschaftlichen Besitzes oder zur Eroberung eines 
Reiches genügen würde. Diese hervorragenden Eigenschaften 
hält der Held geheim, erst in den Stunden der Entscheidung, wo er 
nicht mehr geheim tun kann, entzünden sich plötzlich die Schein- 
werfer seiner Seele, die Guten in Staunen, die Bösen in Schrecken 
versetzend. Die Überschwänglichkeit der väterlichen Liebe gereicht 
aber dem Helden oft zum Verderben; denn während die Neben- 
gestalten des Romans von Lebenskraft und Wahrhaftigkeit förmlich 
strotzen und strahlen, siecht der Goldmensch an dem unheilbaren 
Übel der inneren Unwahrheit. Unwahre Helden in realistischer 
Umgebung machen den Eindruck, als hätten sie sich aus einer fernen, 
fremden und höher entwickelten Welt in dieses irdische Jammertal 
verirrt. Jökais Helden benehmen sich auch oft so, als wären sie 
verbannte Erzengel. Sie sind die Wisser großer Geheimnisse und 
auf ihren Mienen sitzt der Ausdruck der Melancholie, als hätten sie 
Heimweh nach ihrer Sternenheimat. Man könnte an die geheimnis- 
vollen Gäste des irdischen Lebens denken, von welchen die Bücher 
Mosis sagen: «Die Söhne der Götter vereinigten sich mit den 
Töchtern der Menschen ...» 

Von den Töchtern der Menschen sind unserem Dichter besonders 
zwei lieb; die eine ist die Verkörperung der heißen Sünde und heißt 
im «Goldmenschen» Athalia, die andere die Vertreterin der kühlen 
Tugend, diesmal mit Namen Timea. Sie werden miteinander einen 
Kampf auf Leben und Tod bestehen und dieser wird ein Treffen im 
ewigen Feldzuge der Nacht mit dem Tage sein. Der schöne Dämon, 
welchen der Dichter zuweilen auch mit Charakterzügen von Ama- 
zonen auszustatten pflegt, findet ja endlich die verdiente Strafe, 
immerhin ist es offenbar, daß diese Gestalt dem Herzen Jökais näher 
steht, als die des schneeweißen, blutlosen Engels. 

Jökai befolgt in der Charakterzeichnung oft die Art der heutigen 
Meister des Zeichnens : er läßt die zufälligen und unwesentlichen 
Züge des Charakterkopfes weg und begnügt sich mit der Aus- 
arbeitung der charakteristischen Details. Entweder sind dann seine 
Menschen sehr edel oder ganz verachtenswert ; sprühend von Geist 
oder zum Lachen einfältig; Halbgötter oder ganz Tier. Diese drasti- 
sche Methode, welche er besonders bei Episodengestalten anwendet, 
bewährt sich gewöhnlich ausgezeichnet; mit wenigen Strichen 
schafft er ganze Menschen, die wir gern und für die Dauer in unseren 
Bekanntenkreis aufnehmen. 

.... Am schlammigen Flußufer Komäroms liegen einige Schlepp- 
schiffe. Das eine, ein Getreideschiff mit schneckenförmigem Schna- 
bel trägt den Namen Sankta Barbara. Wir kennen es; es ist uns eine 

Ungarische Rundschau IV. Jahrg. 1. Heft. 3 



34 Ungarische Rundschau. 

ebenso teure schwimmende Reliquie, wie den Engländern Nelsons 
Admiralsschiff. Die Sa. Barbara wird von Pferden den stillen Lauf 
der Donau hinaufgezogen, dabei aber auf mancher Reise von mehr 
Abenteuern und Gefahren bestürmt, als die Entdecker, welche als 
erste den Kongo in Afrika befuhren. 

Der Leser verfolgt den Weg der Sa. Barbara mit banger Erregung, 
denn er weiß, daß Jökais Schiff in seinen Getreidesäcken Gold, Edel- 
steine und Perlen befördert, und er ahnt, daß die Reisenden des 
Schiffes von einem geheimnisvollen und übermächtigen Feind mit 
tötlichem Hasse gesucht werden. 

Die Kritik hat den Dichter oft getadelt, weil er in der Erdichtung 
seiner Fabel in so großem Maße das Überraschende, Außerordent- 
liche, die Aufregung, oder, wie wir heutzutage sagen würden, die 
Sensation sucht. Dies ist aber seinerseits kein Zugeständnis an den 
Geschmack seiner Zeit und seines Publikums, vielmehr eine Kon- 
zession an seine eigene frische Fabulierungskunst. Er, der urwüch- 
sige Erzähler steht seiner eigenen Fabel selbst als Publikum gegen- 
über und überläßt sich oft in seliger Kritiklosigkeit der hinstürmen- 
den Flut. 

Einmal, im Alter von achtundsechzig Jahren, vielleicht eben darum, 
weil ihm die erwähnten kritischen Ausstellungen Bedenken erregten, 
schrieb er mit Verachtung aller Kunstgriffe der romantischen Effekt- 
hascherei, mit strenger Selbstdisziplinierung und mit den puritanen 
Mitteln der Kunst den Stolz unserer Erzählungsliteratur: «Die 
gelbe Rose». Jökai vermochte auch mit unterbundenen Schwin- 
gen zu fliegen. 

Aber auch wenn er Gift mischt und Testamente fälscht, wenn er 
verkleidet durch unterirdische Gänge schlüpft und mit titanischer 
Hand die empörten Kräfte der Natur bändigt, wenn er sein kleines 
Getreideschiff mit dem schneckenförmigen Schnabel sicher durch 
allerlei Scyllas und Charybdise steuert: auch dann kann der Leser 
seinen Wegen mit andächtiger Erregung folgen, weil Jökai der Sen- 
sation so viel Kunst, dem Abenteuer so viel Lebenswahrheit, der 
Erzählung so viel menschliches Empfinden beifügt, Menschen und 
Natur so plastisch malt, unser Interesse mit solcher unwidersteh- 
lichen schriftstellerischen Liebenswürdigkeit an seine Helden fesselt, 
daß wir uns am Ende nicht nur als die Leser, sondern auch als die 
Mitwirkenden des Romans fühlen. 

Seine Handlung schweift oft so abenteueriich ab, wie der Specht 
im Buchenwalde. Der Leser aber beklagt es selten, wenn er ihm 
auf seinen launenhaften Wegen folgt, denn wohin der Dichter ihn 
führt, gibt's Schätze oder blühen mindestens Blumen. Jökaische 



Frans Hercseg: Zu Maurtis Jökais Gedächtnis. 35 

Blumen, in deren Kelch Diamanttau glitzert; Märchenblumen, 
welche Harfe spielen, wenn die Sonne scheint und schluchzen, wenn 
das herbstliche Welken naht. 

Die klassifizierenden Schachtelmayer, welche auf ihrem Regale 
für jede literarische Erscheinung ein eigenes Fach haben, nennen 
manchmal Jökai mit den westeuropäischen, besonders französischen 
Romanschriftstellern seiner Zeit zusammen. Obwohl Jökai sich in 
seinen schriftstellerischen Äußerlichkeiten der westeuropäischen 
Mode niemals verschloß, dürften wir doch seine Seelenverwandten 
nicht im Westen, sondern in der östlichen Urheimat des Märchens 
suchen. 

Vor der schlechten Gesellschaft der französischen und deutschen 
Romanfabrikanten bewahrte ihn seine strahlende Phantasie und sein 
gottbegnadeter Humor. Dieser ist von fatalistischer Überlegenheit, 
zuweilen sanft melancholisch, oft kühn und beißend, aber immer von 
unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit. Diese schriftstellerische Gabe 
strömte ihm aus den Tiefen der Volksseele zu. Denn darüber müssen 
wir doch im klaren sein, daß keiner unser Volk besser kannte, mehr 
liebte, gründlicher verstand und lebhafter empfand, als Jökai. Seine 
Bauern, vom Alfölder Landwirt mit seiner ernsten Würde bis zum 
verschlagenen Szekler, vom Herrschaftsdiener bis zum Pußtenräuber 
sind alle, selbst in der Karikatur, durchaus wahr. 

Jökais Humor breitet sich über alles, wie glänzender Goldbrokat, 
bedeckt den Schmutz und die Risse des Lebens, stumpft die scharfen 
Ecken ab und macht die Welt schön, warm, wohnlich. 

Aus dem «Goldmenschen» zitiere ich aufs Geratewohl folgende 
Zeilen — nicht eben die belustigendsten, doch für Jökai überaus 
charakteristisch : 

«Der Salzschmuggel hatte dort seine Mode» (an der unteren 
Donau). «Der Staat verkaufte am türkischen Ufer für anderthalb 
Gulden das Salz, welches zu Hause sechshalb Gulden kostete; 
dasselbe brachte der Schmuggler vom türkischen Ufer zurück und 
verkaufte es für vierthalb Gulden. Und so hatte jeder seinen Ge- 
winn daran : der Staat, der Schmuggler und der Käufer. Ein freund- 
schaftlicheres Verhältnis, als dieses, läßt sich kaum vorstellen. Wer 
aber am wenigsten mit dem Gewinn zufrieden war, das war der 
Staat, der zu seinem Schutze das lange Grenzufer entlang Wächter- 
häuser aufstellte, hier die männlichen Bewohner der umliegenden 
Dörfer mit der Flinte einstellte, damit sie die Grenze bewachen. 
Jedes Dorf lieferte Grenzwächter und jedes Dorf hatte seine 
Schmuggler. Daher nur die eine Verfügung nötig war, daß, wenn 
die Jünglinge des einen Dorfes eben die Wache haben, die Alten 



36 Ungarische Rundschau. 

desselben Dorfes gleichzeitig ihr Schmuggelschiff in Bewegung 
bringen . . .» 

So hätte ein Deutscher oder ein Franzose diese Zeilen niemals 
schreiben können. Eher der Märchenerzähler in Bagdad oder Da- 
maskus. Die überlegene Devotion dem Leben gegenüber, der heitere 
Fatalismus, welcher sich beugt, jedoch mit dem Vorbehalt, zu 
lächeln, — das sind schon halb orientalische Züge. Jökai steht am 
Zusammenfluß des Morgen- und des Abendlandes, genau an dem 
Punkte, wo in den, seit Jahrhunderten einander begegnenden Strö- 
mungen das ungarische Temperament und die ungarische Denkweise 
sich vermengten. Darum ist er auch so sehr Ungar. 

Auch in seiner Sprache trachtete er die orientalische Kraft und 
Pracht mit der westlichen Feinheit und Vornehmheit zu vereinigen. 
Sein großer Und ewiger Ruhm bleibt die künstlerische Goldschmiede- 
arbeit, welche er an der ungarischen Literatursprache verrichtete. 

Daß die noch kürzlich so rauhe und schwerfällige Sprache klang- 
voll, kräftig, glänzend und so schmiegsam wurde, wie die edle orien- 
talische Schwertklinge, daß sie das ebenso geeignete, wie prächtige 
Ausdrucksmittel des rhetorischen Schwunges, der graziösen Unter- 
haltung, der verwickelten Determinationen der Fachwissenschaften, 
des geschäftlichen Verkehrs und der raffinierten dichterischen Wir- 
kungen geworden ist, können wir zum nicht geringen Teile der 
stählenden und polierenden Arbeit verdanken, durch welche die 
ungarische Sprache im Feuer der Jökaischen Poesie gegangen ist. 

In jedem Tropfen seines Blutes, in jedem Atemzuge war er ein 
ungarischer Schriftsteller — nicht programmgemäß, sondern weil 
er zufolge seiner Begabung und seines Temperamentes kein anderer 
sein konnte. Im Grunde genommen fühlte er sich allem verwandt 
und zu allem hingezogen, was ungarisch war; auch zu dem, was er 
im Leben der Nation als Übel und Gefahr erkannte und wogegen 
er im Interesse der Zukunft ankämpfte. Niemand geißelte energi- 
scher das alte ständische Ungarn, als er, und niemand errichtete 
dieser nunmehr entschwundenen Welt ein schöneres und dauernderes 
Denkmal, als er. 

Jökai hat eine phantastische Erzählung — welche übrigens nicht 
zu seinen gelungensten Schöpfungen gehört — mit dem Titel 
«Ä 1 m o d ä d , ein Märchen aus vorsintflutHcher Zeit». 

Älmodäd ist der Name der jüngsten und liebsten Enkelin Vater 
Noahs. Der Dichter erzählt, daß das strahlend-schöne Mädchen 
in einem kleinen Teiche baden will. 

«Dieser Teich aber,» heißt es weiter, «war kein Wasser, sondern 
der geheimnisvolle Bergkristall in der Zeit seines flüssigen Zu- 



Frans Hercseg: Zu Maurus Jökais Gedächtnis. 37 

Standes. Jetzt ist er noch eine Kieselsäure-Lösung; wenn auch nur 
ein aus der Luft herabgefallenes Insekt hineingerät, verdichtet er 
sich sofort plötzlich zum Kristall . . .» 

Für einen Augenblick eröffnet uns Jökais Phantasie ihren glühen- 
den Hochofen. Der Dichter mochte einmal ein Stück Bernstein be- 
trachtet haben, in welchem irgend ein urweltliches Insekt einge- 
schlossen war. Vielleicht eine Gelse. Seine Phantasie vergrößerte 
die Gelse — nicht zu einem Elefanten, sondern zu einer Schönheit. 

Denn auch um Älmodäd verhärtet sich plötzlich die Flüssigkeit 
und sie ist in ein ungeheuer großes, durchsichtiges Kristallprisma 
eingeschlossen. Die Augen zu, der Körper von ihrem Goldhaar be- 
deckt, die Hände auf der Brust gefaltet. «Sie begann ihren langön 
Schlaf; ihre lange Reise nach der Sonne aller Sonnen.» 

(Dem Motive der in einem Kristall eingeschlossenen Schönheit 
begegnen wir auch sonst noch bei Jökai.) 

Was mit Noahs lieblicher Enkelin geschah, das führte der Dichter 
selbst mit dem ständischen Ungarn aus: er schloß es in das riesige 
Kristallprisma seiner Kunst. So reist eine vergangene Welt in ewiger 
Schönheit nach «der Sonne der Sonnen», und wir betrachten sie in 
träumerischem Entzücken. 

Jökais Unersättlichkeit im Erzählen kreiste wie eine olympische 
Elster über dem Leben, und wenn sie drunten etwas Glänzendes 
gewahrte, stieß sie nieder, erfaßte es und brachte es in ihr Wolken- 
nest. Nicht nur über Rev-Komärom trug sie ein Köd-Komärom 
zusammen, — auch ein ganzes Fata-Morgana-Ungarn entstand in 
den Lüften. 

Sie flog überall hin, wo sie Beute vermutete. Von den Schönheiten 
des Alföld nahm sie ebenso Besitz, wie von den Farben der Perlen- 
muscheln im Plattensee, sie plünderte die Goldgruben Siebenbürgens 
ebenso, wie dessen Lager von schwarzen Diamanten. 

Sic war in den Klubs der vornehmen Herren, in den Boudoirs der 
vornehmen Damen, in der vom Betyärengesang schallenden Csärda; 
sie unterhielt sich mit den Ahnen, die das Land eingenommen, und 
trauerte mit den Kurutzen und lag mit den Rotkappen zu Felde: 
sie stieg in die Tiefen der Erde und erhob sich auf Maschinen eigener 
Konstruktion über die Wolken; sie drang zuerst bis zum Nordpol 
vor, sie geleitete Karawanen durch die Wüste, durchschweifte die 
Urwälder Afrikas, trieb sich auf fernen Inseln umher, wo ein dursti- 
ger blauer Himmel über den Palmen strahlt. Sie ging in die Ver- 
gangenheit zurück, in die Zeit der Mastodons und Saurier und fliegt 
der Zukunft voraus, in das Reich des menschhchen Intellekts. Es ist 



38 Ungarische Rundschau. 

uns keine Zeit und kein Ort erdenklich, wo wir den sprühenden 
Spuren ihrer Kometenbahn nicht begegnen würden. 

Auch was er aus dem Auslande brachte: in seiner Hand wurde es 
ungarisch. Wenn nach Koloman Mikszath das Blut der alten Stadt- 
richter von Löcse (Leutschau) eine bodengewinnende Kraft besaß, 
so hatte auch Jökais Tinte eine solche Kraft. Er eroberte dem Ungar- 
tuni neue Untertanen, Provinzen, Weltteile und Planeten. 

Es lohnt sich, zu beobachten, wie Jökai mit den fremden Nationen 
vorgeht. Seine Türken oder seine Franzosen haben einen gemein- 
samen Familienzug ,welcher sie zu lieben Verwandten macht; dieser 
Zug ist der ungarische Humor. Seine Türken sind beileibe nicht 
echte Osmanli, seine Pariser keine Vollblutfranzosen, und doch steckt 
viel dichterische Wahrheit in ihnen, sogar auch ethnographischer 
Wert, weil Jökai die Türken und Franzosen so beschreibt, wie sie 
der Ungar kennt, beziehungsweise sich vorstellt. Und dazu ist er ja 
am Ende berechtigt, denn in der Literatur ist ebenso, wie in der inter- 
nationalen Politik die Quelle jedes Rechtes die Macht. Und in diesem 
Falle ist die Macht in Jökais Händen. 

Jökais Poesie ist eine ganze ungarische Welt. Wenn eine neue Sint- 
flut Ungarn verschlingen würde, — Jökais Ungarn würde sein ein- 
sames Leben in der Arche über den Häuptern der Welt noch Jahr- 
hunderte hindurch weiterleben. 

Wenn wir uns heute, zehn Jahre nach dem Heimgange des Dich- 
ters, wieder — und vielleicht mit einiger pietätsvoller Sorge im 
Herzen — in den tropischen Urwald hineinwagen, mit welchem man 
das Resultat von Jökais Wirksamkeit am häufigsten und treffendsten 
zu vergleichen pflegt, dann beobachten wir mit seliger Erleichterung, 
daß ihrei die schwindende Zeit kaum etwas abgetragen. Hier und 
da ist das Laubgehege vielleicht gelichtet, stellenweise zuckt viel- 
leicht ein nüchterner Sonnenstrahl in das geheimnisvolle goldne 
Dämmerlicht, einige schwache Sprößlinge oder Schmarotzer, deren 
Samen der große Gärtner in der Hitze der fieberhaften Tätigkeit 
ohne Wahl gesät hat, sind vertrocknet und abgestorben: doch der 
erhabene Wald selbst lebt, blüht und prangt, über unsern Häuptern 
rauschen die immergrünen Baumpatriarchen, wie die Saiten einer 
Riesenharfe, die Wunderblumen sprießen und duften noch, die Vögel 
singen noch, die Schmetterlinge flattern noch. Auf fernen Lichtungen 
edle und liebe Menschenpaare : Jökais Helden, die dem Herzen des 
ungarischen Lesepublikums so viel süße Seligkeit und so viel noch 
süßeren Schmerz bereiteten. 

Es mögen Zeiten kommen, wo der stets wechselnde Tages- 
geschmack den Weg der, Zerstreuung und Ergötzung Suchenden 



Viktor Conclia: Machiavellis Auferstehung. 3Q 

für kurze Zeit ablenkt; sicherlich aber werden die Moden vergehen, 
während Jökais Poesie bleibt, als stolzer Schmuck und Reichtum 
der ungarischen Erzählungsliteratur. 

Von Maurus Jökai ist nichts gestorben, nur der Körper. Die 
Worte, welche Alexander Petöfi in den sehgen und glühenden Tagen 
ihrer jungen Freundschaft an ihn richtete, gelten für ihn auch heute 
noch : 

«Dort stehst du . . . nur du . . . allein für dich . . . 

Zu stürzen dich vermochte keiner.» 



Machiavellis Auferstehung. 

Von Univers.-Prof. Hofrat Viktor Concha. 

Aj LS unter den bisher noch niemals und noch von niemand 
I gehörten Flügelschlägen der Weltgeschichte in uns das 
: Bedürfnis der Reflexion, der Forschung, der seelischen 

, „: Orientierung und Einkehr erwacht, wendet sich unsere 

Seele, was auch der Gedanke erfassen mag, immer unwillkürlich 
dem gigantischen Ereignisse, dem gegenwärtig wütenden Welt- 
kriege zu und sieht sich vor allem dem großen Fragezeichen des 
Krieges gegenüber, auf welches die jüngste Vergangenheit in ihrer 
degenerierten, genußsüchtigen Empfindlichkeit, mit ihrer in die Irre 
geratenen Denkweise und kindischen Leichtgläubigkeit eine so apo- 
diktische, ihrer Meinung nach unappellable Antwort gegeben hat. 
Der Krieg, sagte der Pazifizismus, ist eine Schmach für die 
Menschheit, ein Triumph der Bestialität über die Menschlichkeit, — 
den Krieg können nur Barbaren führen, nicht aber die Elite der 
Menschheit, die Nationen Europas. 

Seit drei Monaten führen die ersten Nationen der Menschheit 
Krieg und ich frage: empfindet ihr Gewissen die Schmach, fühlen 
sie selbst den Sieg der Bestialität über ihre eigene Menschlichkeit? 
Erscheint ihrer Seele der Krieg trotz seiner Greuel, Leiden, körper- 
lichen, seelischen und wirtschaftlichen Verwüstungen nicht als etwas 
anderes, als wofür ihn die Weichheit der sich selbst verzärtelnden 
Eigenliebe, der falsche Irrlichtschein der in den Wolken schwärmen- 
den Einbildung ausgegeben hat? 

Wenn der Krieg keine Schmach ist, wenn das Verbluten auf dem 
Schlachtfelde, wie wir wenigstens glauben, ein ehrenvoller, glor- 
reicher Tod ist, wenn der Krieg keine Bestialität ist, weil das Tier, 



40 Ungarische Rundschau. 

die Bestie einer Selbstaufopferung nicht fähig ist, dies aber bereits 
eine positive Tatsache ist, und wenn es nicht minder Tatsache ist, 
daß zu solcher Selbstaufopferung die freien Bürger großer Nationen 
nicht mit der russischen Knute und nicht mit reichlichem englischem 
Sold, sondern von der freien Strömung ihrer Vaterlandsliebe ge- 
trieben werden, dann frage ich: was ist nun eigentlich der Krieg? 

Der Krieg ist in seinem Wesen eine sehr einfache Tatsache des 
menschlichen Lebens, in seinen Erscheinungen aber, unter welchen 
er in die Welt tritt, ist er unendlich verwickelt. 

Der Krieg ist die höchste, intensivste, die physischen, intellektu- 
ellen, wirtschaftlichen und moralischen Kräfte einer Nation in sich 
vereinigende Offenbarung des nationalen Willens. Und weil jeder 
Wille, welcher mehr als Absicht ist, sowohl Zweck und Idee, als 
auch physische Kraft darstellt, so ist der Krieg, als der Wille des 
Staates ebenfalls die gleichzeitige Bewegung des Leibes und der 
Seele, des Physikums und der Psyche einer Nation. 

Er gehört unzertrennlich zum Leben der Nationen, denn diese 
wohnen auch auf der Erde und nicht nur in der ätherischen Welt 
des Geistes. 

Ohne Krieg, d. h. ohne Geltendmachung ihres Willens durch 
physische Kräfte würden die Nationen sich zu Gespenstern, zu 
körperlichen Spukgestalten umwandeln. 

Die Träumer hegen den Glauben, daß der Krieg nur durch die 
Trennung der Menschheit in Nationen und Staaten verursacht werde 
und aufhören würde, wenn die Menschheit sich zu einem Staat, zu 
einer Nation vereinigen würde. Welch riesiger Irrtum! Jede Nation 
muß auch in ihrem eigenen Hause ihren Willen haben, und wenn 
diesem dort ihre eigenen Angehörigen widerstehen, bleibt ihr, um 
die Rebellen ihrem Willen zu beugen, kein anderes Mittel, als die 
Kraft der Waffen. 

Im IQ. Jahrhundert war der blutigste, vier Jahre lang währende 
Krieg in Nordamerika (1861—1865) ein Bürgerkrieg. Die nord- 
amerikanische Nation führte ihn — sozusagen ohne ständiges Heer, 
denn die Anzahl der regulären Soldaten war verschwindend im Ver- 
hältnisse zur Anzahl der Bürger — gegen ihre südlichen Teile, 
welche sich nicht nur der Aufhebung des Sklavenhandels wider- 
setzten, sondern zu dessen Aufrechterhaltung auch noch die Hilfe 
der anderen Teile, der ganzen Union beanspruchten. Gleichfalls im 
IQ. Jahrhundert war der schmählichste Krieg derjenige, den die 
Pariser Commune im Jahre 1871 gegen die französische Republik 
führte — auch ein Bürgerkrieg. Ich nenne ihn den schmähhchsten, 



Viktor Concha: Machiavellis Auferstehung. 41 

denn ihn führten gegen das von den Deutschen besiegte, gedemütigte 
Frankreich dessen eigene Söhne, die landesverräterische Gemeinde 
Paris, als der Feind das Land okkupiert in seiner Macht hatte. Vor 
langer Zeit sagt schon der ungarische Dichter: 

Bei Golt ist Erbarmen! 

Verzeihung der Sünden; 

Nur eine verzeiht er nie ... . 

Den Vaterlandsverrat! (Johann Garay.) 

Der Krieg ist also, wie immer man die Sache fassen mag, ein 
Wille, der Wille der Nationen, ohne welchen sie vollständig nie 
drauskommen, ja nicht einmal bestehen können. 

In anderem Bezüge läßt sich auch sagen, der Krieg sei der Wille 
des Staates, doch haben wir mit dem neuen Wort nur das vorige 
wiederholt, denn was ist der Staat für die mündig gewordenen, 
freien Individuen der gebildeten Menschheit im 20. Jahrhundert 
anderes, als die Tätigkeit der Nationen, mit welcher sie sich selbst 
lenken. Selbst der Zar oder der Sultan kann ohne den dienstfertigen, 
frohen, oder unmutig trotzenden Willen der russischen, respektive 
türkischen Nation nicht wollen. 

Jeder Wille auf der Welt, sei es nun der einer Nation oder eines 
Individuums, ist dem Gesetze des Gewissens, der Wahrheit, der 
Klugheit, der Zweckmäßigkeit unterworfen. Er kann aufrichtig, 
ehrlich oder falsch, berechtigt oder unberechtigt, vernünftig oder 
unvernünftig, zweckmäßig, entsprechend, zeitgemäß oder unpassend, 
unkorrekt oder unzeitig sein. Vom Gesichtspunkte der Bewertung 
kann er gleichzeitig von sehr verschiedenem, ja sogar von, aus ent- 
gegengesetzten Elementen gebildetem Werte sein. 

Wir wollen also die schwindelnd hohe und ebenso tiefe An- 
spannung des Willens der Nationen betrachten, von welcher wir 
Ungarn bis in die Wurzel unserer Existenz berührt sind, und welche 
größer ist, als sämtliche Kriege, welche die Menschheit bis auf den 
heutigen Tag erlebt hat. Denn unstreitig sind nicht nur die Di- 
mensionen, in welchen der große Kampf gekämpft wird, größer, 
als die Dimensionen aller, von der Menschheit bisher geführten 
Kriege, sondern auch die gegenwärtig auf dem Spiel stehenden 
Werte sind es. 

Die Kämpfe zwischen Xerxes und Griechenland, Rom und Kar- 
thago, Alexander dem Großen und dem Orient, zwischen Attila oder 
der Türkei und dem Christentum, Napoleon und Europa sind ja 
auch räumlich beengter, als der heutige Kampf, denn dieser berührt 
sämtliche Teile der Menschheit direkt oder indirekt zufolge des 
innigen Kontaktes, welcher zwischen den fünf Weltteilen in wirt- 



42 Ungarische Rundsclimi. 

schaftlicher, geistiger und sittlicher Beziehung zustande gekommen 
Ist. Die Menschenrassen, die Weißen, Gelben und auch die Schwar- 
zen wurden viel mehr in den Kampf hineingezogen, als je. Die 
Werte aber, um welche gekämpft wird, sind die durch die märchen- 
haften Fortschritte der vieltausendjährigen Kultur der Menschheit 
im IQ. Jahrhundert so sehr angewachsenen, sämtliche Schichten der 
Völker, auch die untersten emporhebenden, einem besseren Schick- 
sale zugeführten Werte. 

Das bessere, schönere, edlere Menschendasein, zu welchem wir 
uns Dank den Bemühungen des 19. Jahrhunderts durch die mensch- 
liche und bürgerliche Freiheit, durch die die Wunden der leidenden 
Klassen heilende, deren Kraft entwickelnde Arbeit der humanen 
Sozialpolitik, durch die Bereicherung des menschlichen Geistes er- 
hoben, und zwar nicht nur in den allgemeinen Errungenschaften 
der Wissenschaft, sondern auch in den originellen, reichen Früchten 
der psychischen Unterschiede der einzelnen Völker — um dieses 
Menscnendasein höheren Grades, um seine Werte wird der Kampf 
gekämpft. 

Diese großen Werte zu vernichten ist der Wille englischen Eigen- 
dünkels, russischer Tyrannei, serbischer Räuberhabsucht. 

Denn unsere Niederwerfung und die unseres deutschen Ver- 
bündeten würde nicht nur uns, sondern auch andere Völker der, die 
fremden Nationen als minderwertig betrachtenden englischen insu- 
laren Verblendung, dem russischen Servilismus, der serbischen Wild- 
heit zur Beute hinwerfen. 

Mit frommer Pietät und berechtigtem Stolze bhcken wir in un- 
seren Gedanken auf unseren Kampf auf Leben und Tod im Jahre 
1848/1849 zurück, und doch ist unser heutiger Kampf in seiner Trag- 
weite viel weiter gehend, denn nicht nur wir gingen darin unter, 
wenn wir unsere Kräfte nicht bis zum äußersten anzuspannen ver- 
mögen, sondern die ganze Menschheit würde ein unermeßlicher Ver- 
lust treffen und die, unsere Auferstehung verhindernde Steinplatte 
würde sich für ewig schließen. 

Diesem herzzerreißenden, ins Mark dringenden, leidensvollen 
Kampfe entsprießen unter einem die edelsten Blüten der Seelen- 
stärke. Die Todesverachtung, die Opferwilligkeit, die Selbst- 
verleugnung erreicht den höchsten Grad bei denen, welche im Feuer 
stehen, die Hingebung, das Dulden und Leiden, wie die Entsagung 
aber bei den Heimgebliebenen. Doch merkwürdigerweise erscheint 
bei letzteren und gerade bei den Edelmütigen auch eine, an sich 
unedle Eigenschaft: der Neid. 

Jawohl, die durch Alter oder Körperkonstitution vom Schlacht- 



Viktor Concha: Machiavellis Auferstehung. 43 

felde ferngehalten werden, blicken mit einer Art Beschämung und 
Neid auf diejenigen, denen es gegönnt ist, durch die Gefährdung 
ihres Lebens Zeugnis dafür abzulegen, was dem Menschen heilig 
ist: die in seine freie nationale Existenz gefaßte, ihm eigenste Welt 
der Phantasie, der Empfindung und Moral samt ihren Einrichtungen 
in Familie und Gesellschaft. 

Denn der Mensch wird nicht einfach von der Erde getragen, 
sondern von der Erde, die seine Seele gewählt hat, welche geweiht 
ist von dem Blute, Schweiße, von der Asche jener, die ihm heilig 
und teuer sind, die aus seiner Welt hervorgegangen waren. Denn 
der Mensch wird nicht einfach von leiblicher und geistiger Nahrung 
erhalten, sondern von der leiblichen und geistigen Nahrung, welche 
er sich auf seine eigene Weise verschafft, welche die Frucht seiner 
seelischen Arbeit, wie die seiner Vorfahren, seiner ihm eigentüm- 
lichen Kämpfe, seines besonderen Temperamentes, seiner Denk- 
art ist. 

So wie jedem seine eigene Seelenwelt ein Schatz und heilig ist, 
weil er außerhalb derselben nicht leben kann, ebenso ist es ihm auch 
die größere Seelenwelt, welche um ihn die nationale Existenz durch 
die festgesetzten Erfordernisse der Moral, des Rechtes, der Mensch- 
lichkeit, durch alte Erscheinungsformen des Schönen, durch die 
Gewohnheiten des alltäglichen Lebens errichteten. 

Diese größere Seelenwelt ist der Stützpunkt seines ganzen mensch- 
lichen Wesens, seiner moralischen Existenz, und er ist in seiner 
Menschlichkeit erschüttert, sobald er den Stützpunkt verliert. 
Doch ist diese besondere Seelenwelt etwas Einziges in seiner Art, 
welches zu ersetzen, mit einer anderen Seelenwelt zu vertauschen 
unmöglich ist. Die Qual der Verbannten oder durch einen anderen 
Schicksalsschlag heimatlos gewordenen, ihre Sehnsucht nach dieser 
eigenen Seelenwelt, nach deren Schauplatz, dem heimatlichen Boden 
erklärt am besten das Einzigsein, die Unersetzlichkeit dieser eigenen 
nationalen Welt. 

Die zum Sterben für die nationale Existenz entschlossene An- 
hänglichkeit hat ihresgleichen nur in der ganzen, vollen, bis übers 
Grab währenden Liebe, welche diesen Mann nur jener Frau, diese 
Frau nur jenem Mann für ewig, unzertrennlich verbindet. 

Dieses Einzigsein, man möchte sagen diese Unerklärlichkeit der 
nationalen Existenz hat der Anhänglichkeit an sie denselben Namen 
gegeben, welcher das den Mann fürs Leben an die Frau knüpfende 
Band Liebe nennt. 

Wie sittlich erhaben die hingebungsvolle, unerschütterliche Liebes- 
treue auch ist, sittlich noch höher steht die Vaterlandsliebe, denn 



44 Ungarische Rundschau. 

diese einzige Nation, welche die Grundlage und Trägerin unserer 
Seelenwelt ist, ist auch in ihrem Einzigsein für die ganze Mensch- 
heit ein viel entscheidenderer Faktor, als jedes hervorragende, ein- 
zige Menschenwesen. 

Der Neid der Heimgebliebenen darüber, daß wir unserer Nation 
nicht so dienen können, wie die, die in den Kampf gezogen, daß wir 
unsere Vaterlandsliebe nicht mit der Aufopferung unseres Lebens 
beweisen können, ist in ultima analysi, auch trotz dem äußeren 
Scheine, eine der edlen, moralischen Offenbarungen der Seele, welche 
unser Kampf, unser Kriegslager, d. h. unser aufs höchste gesteigerter 
nationaler Wille hervorruft. 

O, der Krieg ist bei allen seinen unaussprechlichen Übeln und 
Schlägen eine große Revelation: Die Offenbarung jenes großen 
Geheimnisses, von welchem Shakespeare in «Troilus und Cressida» 
(III. Aufz. 3. Sz.) spricht: 

Geheime Kraft wohnt in des Staates Seele 

Und ihre Wirksamkeit ist göttlicher, 

Als Wort und Griffel ihr kann Ausdruck leihn. 

Erst im Kriege, nur in ihm und durch ihn wird es wahrhaft klar, 
was der Staat ist, was die Nationen sind, die durch ihn ihr Gesamt- 
leben und das ihrer einzelnen Mitglieder lenken. 

Die kleinlichen, kurzsichtigen Auffassungen vom Staate fallen wie 
Kartenhäuser in sich zusammen, sobald zwischen den Nationen die 
Kriegstrompete erschallt. Da zeigt es sich am deutlichsten, daß die 
Staaten keine künstlichen Machwerke, sondern die natürlichen Fort- 
setzungen, Ergänzungen des menschlichen Lebens, die Krone des in- 
dividuellen Lebens sind und dem Leben des Individuums ebenso an- 
gehören, wie seine selbst- oder familienerhaltende, religiöse, men- 
schenfreundliche, künstlerische oder wißbegierige Tätigkeit. 

Im Kriege fallen die Schranken, welche das natürliche Erfordernis 
der menschlichen Bestimmung zwischen das Individuum und den 
Staat setzt, und der einzelne Bürger schmilzt in das Leben seiner 
Nation hinein, die in den Kampf ziehenden gänzlich, die Daheim- 
gebliebenen mit dem Herzen, aber mit dem größeren Teil ihrer 
Tätigkeil auch in höherem Maße, als in normalen, friedlichen Zeit- 
läuften. 

Auch heute wird pro aris et focis gekämpft und es gelangen solche 
Gesetze der sittlichen Weltordnung zur Anwendung, für welche die 
Friedenszeiten keine Fälle bieten. Nachdem es aber nur eine sitt- 
liche Weltordnung gibt, ist es klar, daß wie die einzelnen Menschen, 
so auch die Staaten mit ihrem Willen und ihren Handlungen, aus 
welchen die schreckliche Mechanik des Krieges entspringt, sittlichen 



Viktor Conchci: Machiavellis Auferstehung. 45 

Gesetzen untergeordnet sind. Der Krieg ist keine einfache Mechanik, 
keine leere Schlacht der Kanonen und anderer Waffen, er ist auch 
nicht bloß die Entscheidung eines Rechtsstreites, der Krieg ist eine 
Offenbarung der Moral und als solcher kann er von der einen oder 
anderen Seite oder auch von beiden Seiten gut oder schlecht sein. 

Mit einem Worte, im Kriege zeigt es sich am besten, wie sehr der 
Staat eine sittliche Gestaltung ist, da doch seine höchste Lebens- 
äußerung, der Krieg, den Gesetzen der Sittlichkeit untergeordnet ist. 

Ein Menschenleben hindurch lehre ich, — ich könnte sagen, gegen 
die allgemeine Auffassung, welche den Staat für eine mechanische 
und juristische Maschinerie ansieht, — daß im Leben des Staates 
die Sittlichkeit ein größerer Faktor ist, als das Recht. Dem Staate 
dient das Recht nur als Mittel, um das zu ermöglichen, was die 
Moral befiehlt. 

Die moralische Wesenheit des Staates ist in den Äußerungen 
seines alltäglichen Lebens für den ersten Blick nicht augenfällig, 
denn die Errichtung der Armee, die Besteuerung, der PoHzeizwang, 
die Strafhäuser, die Lizitationen, die Förderung der Gesundheit und 
des materiellen Wohlstandes sind Institutionen, deren Wurzeln tief 
in den Boden reichen. 

Wenn aber die Nation in ihrer staatlichen, hoheitlichen Wesen- 
heit zum höchsten Zielpunkte ihres Lebens, wenn sie zur Endursache 
ihrer Existenz, zur Geltendmachung ihres, ihre gesamte Energie 
konzentrierenden Willens gelangt, weil man sie an der Erreichung 
ihres Zieles von außen verhindern will, weil ihre Existenz im ganzen 
oder in ihrer Ausdehnung angegriffen wird, dann wird es klar, daß 
der Staat und das Volk, welches durch ihn sein eigenes Leben in 
der großen Gesellschaft der Menschheit lebt, in der tiefsten Tiefe 
und im tiefsten Innern ihrer Natur morahsche Wirklichkeiten sind, 
deren Taten und Verhalten oder, konventionell gesprochen, deren 
Politik in äußerster Linie doch gerade so den höchsten und innersten 
Gesetzen der Sittlichkeit untergeordnet sind, wie die des allerletzten 
gewöhnlichen Sterblichen. 

Das reine Recht vermag mit seinen formellen, äußerlichen Regeln 
die höchsten, entscheidenden Probleme dieses Verhaltens nicht zu 
lösen; es ist nur imstande, einzelne begrenzte Gebiete dieses Ver- 
haltens, z. B. in Friedenszeiten die Frage der Landesgrenzen, die 
Modalitäten des Verkehrs, der Kooperation der Staaten und ihrer 
Bürger, die Entschädigung für einander verursachte Schäden, im 
Kriege die Schranken der Kriegsführung zu Wasser und zu Land 
mit seinen Regeln zu umschreiben, 

Ist dagegen der Krieg eines Staates zu rechtfertigen, ist sein 



46 Uniiüyische Rundschau. 

Zweck, sein Dasein zu rechtfertigen? Kann er seinen Platz in der 
großen Gesellschaft der Menschheit behaupten oder muß er ihn 
einem neuen, noch nicht existierenden, nach einem Staatswesen erst 
noch strebenden Volke überlassen? ist er in seinen Existenz- 
interessen, in seiner Ehre verletzt? — Auf all diese überaus wichti- 
gen Fragen vermag nur mehr die Moral eine Antwort zu erteilen, 
welche über den inneren Wert der kämpfenden Parteien, über ihre 
Eignung, den Zielen der Gesamtmenschheit zu dienen, entscheidet. 

Betrachten wir nun etwas näher die Gesetze der das Leben der 
Menschheit beherrschenden moralischen und juristischen Welt- 
ordnung und ihre Anwendung auf die Ereignisse unserer Tage. 

Den Anfang dieser Ereignisse brauche ich wohl nicht des längeren 
zu wiederholen; er ist sattsam bekannt. Serbien, unser Nachbar, 
den wir verteidigt und geschützt haben, den wir aus der türkischen 
Herrschaft befreien halfen, in seinem Kriege gegen Bulgarien bei 
Slivnica vor der Vernichtung bewahrten, hat seinem vor zwei 
Jahren gegebenen feierlichen Versprechen entgegen die organisierte 
Verschwörung, welche Bosnien und die Herzegowina uns entreißen 
wollte und zu diesem Zwecke unseren Thronfolger mit seiner Ge- 
mahlin ermordete, geduldet, zugelassen und sogar unterstützt. 

Auf unsere Forderung, die Untersuchung gegen die Ver- 
schwörungsorganisation und gegen die Teilnehmer am Attentate 
mit unserer Mitwirkung durchzuführen und zur Verhinderung ähn- 
licher Anschläge in der Zukunft mit uns vereint ein gemeinschaft- 
liches Verfahren ins Leben zu rufen, hat Serbien einen abschlägigen 
Bescheid gegeben und uns in die Notwendigkeit der berechtigten 
Selbsthilfe versetzt, welche den Krieg zwischen den Nationen vor 
Gott und der Welt rechtfertigt. Rußland stellte unsere Forderung 
als Vernichtung Serbiens hin und begann sofort mit der MobiH- 
sierung, wo wir doch erklärt hatten, daß wir die territoriale Inte- 
grität Serbiens nicht zu berühren wünschen, sondern nur Garan- 
tien gegen die ständige Gefährdung unserer Sicherheit suchen. 

In voller Anerkennung unseres Rechtes stellte sich Deutschland 
auf unsere Seite und übernahm auf Englands Ersuchen die Ver- 
mittlung zwischen uns und Rußland. Während diese Vermittlung 
im Gange war und die russischen Staatsmänner auf Ehrenwort ver- 
sicherten, daß ihre Armee nicht mobilisiert würde, war die Mobili- 
sierung bereits mit ihrem Wissen oder ohne dasselbe vom Zaren 
angeordnet worden. Die Veröffentlichung des vertraulichen De- 
peschenwechsels zwischen dem deutschen Kaiser und dem Zaren 
war das einzige Mittel zur Entlarvung dieses unredlichen Treibens 
und ihre Folge waren die Kriegserklärungen, welche sowohl unser- 



Viktor Concha: Machiavellis Auferstehung. 47 

als auch deutscherseits wieder nur das Mittel der Selbstverteidigung 
gegen die Expansionsgelüste der russischen Macht waren. Damit 
war aber auch für Frankreich die Gelegenheit gekommen, den mit 
dem Zaren längst besprochenen und vierzig Jahre lang vorbereiteten 
Revanchekrieg gegen Deutschland zu beginnen, für welchen Frank- 
reich zu der russischerseits nötigen Ausrüstung seit fünfzehn Jahren 
seine Milliarden hinüberströmen ließ. 

An der deutschen Grenze seit vierzig Jahren bestens verschanzt, 
zwang Frankreich die deutsche Heeresmacht, den Angriff gegen 
Frankreich durch das neutrale Belgien — auch ohne dessen Er- 
laubnis — zu beginnen. 

Nachdem Deutschlands Versuch, Belgien durch alle nur möglichen 
Garantien zu beruhigen, auch die Versicherung, daß der Durchzug 
der deutschen Truppen weder Belgiens territoriale Integrität, noch 
seine Souveränität in irgendeiner Weise berühren oder gar beein- 
trächtigen wird, und daß jeder Schaden, den Belgien erleiden sollte, 
vergütet wird, erfolglos bheb, fiel Deutschland im Interesse seiner 
Selbsterhaltung und mit dem offenen Geständnis, eine Rechts- 
verletzung zu begehen, in Belgien ein. 

Darin suchte England, nachdem es Deutschlands Friedensanträge 
angehört und seine eigenen friedfertigen Bestrebungen eine Zeit- 
lang scheinbar noch fortsetzte, einen Vorwand, sich unter Aufgeben 
seiner Neutralität in den nicht gegen seine Macht gerichteten Krieg 
zu mischen. 

Der andere Rechtstitel war seine Freundschaft zu Frankreich, mit 
dem es, wenn schon nicht durch Vertrag, so doch durch das wohl- 
wollende Übereinkommen, daß sie in ihren gemeinsamen internatio- 
nalen Interessen zusammengehen, verbunden war, während die eng- 
lische Regierung im Parlament standhaft leugnete, ihre Bewegungs- 
freiheit in irgendeiner Weise gefesselt zu haben. 

Hierauf nahm England seinen japanischen Verbündeten in An- 
spruch, so daß diese asiatische Heidenrasse in den Krieg des christ- 
lichen Europas einbezogen wurde. 

Ob Deutschland einen Grund hatte, Belgien zu verdächtigen, daß 
es seine Neutralität gegen Frankreich nicht verteidigen werde, ja 
mit Frankreich bezüglich des Durchmarsches der Truppen bereits 
eine Vereinbarung getroffen habe, ist im Augenblicke noch nicht 
endgültig entschieden. Die Entscheidung ist aber auch gar nicht 
nötig, um über die Ursachen, den Anfang und den weiteren Ver- 
lauf des heutigen Weltkrieges der Stimme der sittlichen Welt- 
ordnung Gehör zu verschaffen. 

Und diese Stimme ist besonders niederschmetternd für die zwei 



48 Ungarische Rttnäschau. 

leitenden Nationen Europas, die sich stets rühmen, auf dem Boden 
der Gesetze der sittlichen Weltordnung zu stehen, für die Franzosen 
und ganz besonders für die Engländer, denn sie wurden die Mit- 
schuldigen Rußlands, des mächtigsten Gegenfüßlers der westlichen 
Kultur, und, was noch gravierender ist, sie nahmen in ihren Schutz 
Serbien, das an Größenwahn leidet, mit unmenschlicher Wildheit 
kämpft und den politischen Mord zum regelmäßigen instrumentuni 
regni seines Staatslebens erhob. 

Warum spreche ich immer von der sittlichen Weltordnung und 
nicht von der internationalen Rechtsordnung? — Weil wir von der 
letzteren eine Antwort auf die hier im Kampfe stehenden Ansprüche 
vergeblich erwarteten. Diese Ansprüche sind nämlich keine eigent- 
lichen Rechtsansprüche, sondern Ansprüche der geistigen Superiori- 
tät, der SittHchkeit, welche das Recht nicht ordnen und umschreiben 
kann, weil diese Ansprüche über die äußere Welt des Rechtes hinaus 
auf die geistigen Wertdifferenzen, auf die innere Würdigkeit des 
Charakters gegründet sind, deren Maße und Normen auch das Recht 
nicht aus sich heraus, sondern anderswoher, nämlich aus der Ord- 
nung der geistigen Welt schöpfen könnte, in welcher die Nationen 
nach ihrer geistigen Stärke rangieren, ferner aus jenen Regeln der 
anerkannten Gemeinmoral, bezüglich deren auf der ganzen Welt in 
der Auffassung der Menschen kein Unterschied besteht. 

Wovon ist nämlich in diesem Kampfe auf Leben und Tod die Rede? 
Davon, ob den Zwecken der Menschheit das um Bosnien, die Her- 
zegowina, Dalmatien, Kroatien, Istrien vergrößerte Serbien bessere 
Dienste leisten wird, — oder wir? Ob es für die Bestrebungen der 
Gesamtmenschheit dienlicher ist, — von den Dardanellen gar nicht 
zu sprechen, — wenn das über Serbien zum Adriatischen Meer ge- 
langende Rußland und das die deutsche Nation vom Weltmarkte ver- 
drängende England in der Welt zur Herrschaft gelangen oder wenn 
in diesen Bestrebungen wir und unsere Verbündeten entscheidend 
mitzureden haben? Ob es im Interesse der europäischen Zivilisation 
gelegen ist, daß in der Weltherrschaft Russe und Engländer sich 
teilen — denn die wahrhaft große, doch ihrer physischen Lebens- 
kraft bereits verlustige französische Nation wird ja in hundert Jahren 
zu einem Volke von 25—30 Millionen zusammenschmelzen — oder 
daß in der Lenkung des Geschickes der Menschheit jeder würdigen 
Nation der Welt der ihr gebührende Teil zukomme? 

Das sind lauter juristisch unbestimmbare, juristisch unmeßbare, 
wahrhafte Imponderabilien, und darum habe ich bei der Beurteilung 
unseres Weltkrieges nicht von der internationalen Rechtsordnung 
gesprochen. 



Viktor Concha: Machiavellis Auferstehung. 49 

Ich halte den in der Form des gegenwärtig ausgebrochenen Riesen- 
kampfes geführten internationalen Prozeß nicht aus dem Grunde 
für juristisch unentscheidbar, aus welchem Graf Albert Apponyi, der 
übrigens ein Anhänger der gerichtHchen Entscheidung internatio- 
naler Konflikte ist, sich diesmal auch für die Entscheidung durch 
die Waffen ausgesprochen hat. Seiner Meinung nach konnte man 
aus der Vorgeschichte des Konfhktes nicht auf die bona fides des 
Geklagten und seiner sich im Prozesse einlassenden Streitgenossen 
rechnen, daß sie sich vor dem gefällten Urteile beugen werden. Der 
Grund liegt, wie ich glaube, anderswo. Auch der privatrechtliche 
Richter entscheidet nicht, was die Moral befiehlt, wenn er über die 
turpis causa urteilt, sondern er übernimmt einfach die Norm der 
Gemeinmoral. Wo aber soll in diesem Weltprozesse das Haager, 
oder was immer für ein Schiedsgericht das Maß zur Entscheidung 
über die geistige Suprematie und die Würdigkeit des Charakteirs 
hernehmen, wenn nicht aus dem Maß- und Normensystem der geisti- 
gen und sittlichen Weltordnung? 

Darum beurteilen wir den grandiosen welthistorischen Zusammen- 
stoß nur aus dem Gesichtspunkte der sittlichen Weltordnung, wie 
wir diese nach unserem besten Wissen und Gewissen durch eine 
zweitausendjährige Bemühung der christlichen Menschheit fest- 
gestellt finden. 

Im Gegensatze zum Kodex unserer sittlichen Weltordnung öffnet 
sich aber im Jahre des Herrn 1914 plötzlich ein vor genau 400 Jahren, 
also 1514 geschriebener, aber nur mehr die Neugierde des Literar- 
historikers reizender Kodex, scheinbar voll unlösbarer Rätsel: der 
Kodex über die Pflichten des Staatsmannes unter dem Titel «Der 
Fürst» von Niccolö Machiavelli. 

Und im Wege der facta concludentia erklären Serbien, Rußland, 
Frankreich und England, daß es darin keine Rätsel gibt, daß die 
Kirche sehr übel getan, als sie den Kodex verdammte, Friedrich 
der Große gefehlt hat, als er ihn angriff, Macaulay einfältig war, 
als er darin Rätsel erblickte und einen Sinn suchte. 

Es finden sich keine Rätsel darin, sondern klare, einfache Wahr- 
heiten, welche die genannten Länder — gegebenenfalls — auch für 
befolgenswert halten. 

Hier zum Beispiel einige dieser einfachen, nicht mißzuverstehenden 
Wahrheiten. «Daß Romulus seinen Bruder tötete und dann der Er- 
mordung des Titus Tatius zustimmte,» sagt Machiavelli, könne nicht 
mißbilligt werden, «wenn man die Absicht betrachtet, welche zum 
Morde führte.» «Als allgemeine Regel muß gehalten werden, daß . . . 
wegen außerordentlicher Mittel niemand verdammt werden kann, 

Ungarische Rundschau. IV. Jahrg., 1. Heft. 4 



50 Ungarische Rundschau. 

wenn diese für die Ordnung eines Königreiches oder zur Gründung 
einer Republil< notwendig sind.» «Wenn aucli die Handlung ver- 
brecherisch ist, — hat sie nur Erfolg, gibt's keine Anklage.» «Wo 
von der Rettung des Landes die Rede ist, darf nicht darauf gesehen 
werden, was recht oder unrecht, milde oder grausam, schmählich 
oder lobenswert ist, — alle Rücksichten beiseite, muß zu dem Mittel 
gegriffen werden, welches ihm Leben oder Unabhängigkeit rettet.» 

Machiavelli hatte schon in seinem Werke über die Republik, in 
den Discorsi über die Geschichtsbücher des Livius sich offen zu 
dem Grundsatze bekannt, daß der Zweck die Mittel heiligt, daß der 
Staatsmann Fuchs und Wolf in einer Person sei, was er in seinem 
«Fürsten» in Fuchs und Löwe ändert. 

In letzterem Werke stellt er denen, die einen neuen Staat zu 
gründen wünschen, Cäsar Borgia als Muster hin und überhäuft 
dessen Heuchelei, Betrügereien und Morde mit Lobpreisungen. So 
verherrlicht er die Hinrichtung der Orsini in Sinigaglia: «Um von 
diesen nicht zugrunde gerichtet zu werden, half er sich mit der Ver- 
stellung und verstand es so gut, seine Gefühle zu verheimlichen, 
daß die Orsini wieder anfingen, ihm zu vertrauen, und dieses Ver- 
trauen strebte der Prinz in jeder Weise zu festigen, schenkte ihnen 
Juwelen, Kleider, Pferde, so daß ihm ihre Einfältigkeit in Sinigaglia 
alle Köpfe auslieferte.» «Und da er bemerkte, daß seine bisherige 
Strenge einigen Unwillen erweckte, gab er, um die Sorgen der 
Untertanen zu zerstreuen und seinen Einfluß nicht zu schwächen, die 
Erklärung ab, daß die Grausamkeiten in der Vergangenheit nicht 
von ihm, sondern von seinen Ministern begangen wurden. Um dies 
in einer, jeden Zweifel ausschließenden Weise zu erhärten, ließ er 
den Gouverneur — den er wegen seiner ungeheueren Erfahrung in 
Grausamkeiten mit ganzer Vollmacht ausgestattet hatte — auf dem 
Marktplatze von Cesena entzwei geschnitten zwischen blutigen 
Schwertern aufnageln.» 

Und nachdem Machiavelli im berüchtigten VII. Kapitel des 
«Fürsten» Cäsar Borgias sämtliche Niederträchtigkeiten und zur 
Gründung seiner Macht ausgeführte Greueltaten erzählt hat, 
schließt er seinen Vortrag mit den Worten: «Bei Behandlung der 
Laufbahn des Fürsten kann ich es nicht tadeln, ja ich muß dem, wie 
ich schon bisher getan, zustimmen, daß jeder sich den zum Beispiel 
nehmen soll, der durch Glück oder mit der Hilfe anderer zur Macht 
gelangt ist.» 

Er zeigt aber auch an solchen, die mit Hilfe von Verbrechen zur 
Macht gelangen, ohne daß er sie, wie er sagt, würdigen wollte, 
Beispiele denen, die einmal notgedrungen solche nachahmen müßten. 



Viktor Concha: Machiavellis Auferstehung. 51 

So stellt er Agathocles, den von unvergleichlichem Glück begleiteten 
sizilianischen Bürger dar, der König von Sizilien geworden ist. «Er 
war der Sohn eines Töpfers, sagt er, und trieb während seiner ganzen 
Laufbahn ein ehrloses Leben, führte aber seine Schandtaten mit 
solcher geistigen und körperhchen Geschicklichkeit durch, daß er 
sich bis zur Monarchie erheben konnte. Fragen wir, wie Agathocles 
imstande war, sich nach so vielen niedrigen Verbrechen in der 
Macht sicher zu behaupten? — Dies hängt nur von der richtigen 
oder unrichtigen Anwendung der Grausamkeit ab. Die richtig an- 
gewendete Grausamkeit ist die, welche der betreffende im Interesse 
seiner Sicherheit einmal verübt, unrichtig aber ist sie, wenn er sie 
auch späterhin fortsetzt.» 

«Die Erfahrung unserer Zeit beweist es, daß die Fürsten großes 
geleistet haben, die sich um ihr Wort, ihr gegebenes Versprechen 
nicht kümmerten, es aber verstanden, den Leuten mit Schlauheit 
den Kopf zu verdrehen und schließlich über die Ehrlichen trium- 
phierten . . . Der Fürst muß den Löwen und den Fuchs vor Augen 
halten, denn der Löwe ist nicht imstande, der Schlinge auszuweichen, 
und der Fuchs vermag nicht den Kampf mit dem Wolf zu bestehen. 
Er muß also ein Fuchs sein, um die Schlinge zu erkennen, und ein 
Löwe, um die Wölfe zu vertreiben. Die nur den Löwen spielen 
wollen, gehen zugrunde.» 

«Ich kann kühn behaupten : es ist sehr nachteilig, immer ehrlich 
zu sein, dagegen fromm, treu, menschHch, gottesfürchtig scheinen 
ist sehr nützlich . . . Denn die Menschen urteilen im großen und 
ganzen mehr mit ihren Augen, als mit ihren Gefühlen. Die Augen 
hat jeder offen, wenige haben ein richtiges Gefühl. Jeder sieht, was 
du zu sein scheinst, aber wenige sehen, wie du bist . . . Der Fürst 
soll daran denken, sich Leben und Macht zu sichern, die Mittel dazu 
wird man immer achtenswert finden und loben, weil die Menge sich 
immer nach dem Schein und dem Erfolg richtet. Auch gegenwärtig 
spricht ein Fürst, der besser ungenannt bleibt, immer nur vom 
Frieden und vom Worthalten und ist beider Feind, seine Macht 
und seinen Ruhm aber hätte er schon längst verloren, wenn er ihnen 
treu geblieben wäre.» 

Doch schließe ich nun meine Zitate mit diesem kennzeichnendsten 
Kapitel aus Machiavellis «Fürsten» und mit dem letzten Satze dieses 
Kapitels, welcher nach vierhundert Jahren noch ebenso wahr ist, 
wie er es vor vierhundert Jahren war. Auch ich brauche keinen 
Namen zu nennen, jedermann weiß, wer mit dem Munde der 
Friedensherold war, ich brauche auch die übrigen Analogien von 
Heuchelei, Wortbruch, Grausamkeit und Mord nicht mit Namen 

4* 



52 Ungarische Rundschau. 

anzuführen, welche die drei führenden Staaten Europas teils in 
eigener Person, teils aber als Mitschuldige Serbiens, der Mörder 
Michaels und Alexanders Obrenovics und Franz Ferdinands, be- 
gangen haben. 

Das Resultat, zu welchem wir aus dem Gesichtspunkte der sitt- 
lichen Weltordnung bezüglich der Ereignisse unserer Tage gelangen, 
ist, daß die drei führenden Nationen Europas auf der Basis der vor 
vier Jahrhunderten verkündeten, empörenden politischen Moral 
Machiavellis stehen, und daß das sich als Fahnenträger des mensch- 
lichen Fortschritts gebärdende Frankreich, das scheinheilige Rußland 
und das heuchlerische England in ihren Taten diese Machivellische 
Moral verwirklichen. 

Die Menschheit aber, welche sich unter den wuchtigen Folgen 
dieser Taten krümmt, geht der traurigsten Zukunft entgegen, wenn 
es nicht gelingt, diesen Machiavelli in den Bücherschrank des Literar- 
historikers zurückzusperren. Nach unserem nationalen Gewissen 
— und wir haben keinen anderen Kompaß, können keinen anderen 
haben — dürfen wir eine solche Zukunft nicht zulassen. 

Die individuelle Gewissensfreiheit ist ein Gemeingut der ge- 
bildeten Menschheit. Im heutigen Kampfe handelt es sich um die 
politische Gewissensfreiheit der Nationen, welcher das politische 
Glaubensbekenntnis, die politische Moral Machiavellis aufgezwungen 
werden soll. Unser Kampf ist darum wahrhaftig ein heiliger Krieg 
um die reine politische Moral. 

Der moralisch tiefe Fall nämlich, welchen die Protegierung des 
Serajevoer Attentates und das durch dieselbe erfolgte Hineinzerren 
Europas in den gigantischen Kampf bedeutet, ist viel größer, als er 
auf den ersten Blick scheint: es ist dies ein wirklicher Rückfall 
noch weit über Machiavelli zurück. Denn dieser hatte eine Ent- 
schuldigung, als er seine haarsträubenden moralischen Lehren er- 
sann. Es war verbrecherisch, aber sein Verbrechen wird durch mil- 
dernde Umstände vermindert. 

Italien, Europas Lehrmeister, die Wiege der europäischen Zivili- 
sation befand sich vor vierhundert Jahren, als Machiavelli sein Werk 
beendete, in dem bedauernswertesten Zustande. Es war die Beute 
roher Gewalttätigkeit, arger Sittenverderbnis, kleiner Tyrannen und 
des Einbruches ausländischer Staaten, die Heimat vollkommener 
Anarchie. 

Machiavelli, der eifrige Forscher alter Geschichten, der an den po- 
litischen Ereignissen seinerzeit beteiligte Denker, wird von seinem 
starken italienischen Nationalgefühl irregeführt und in seiner patrio- 



Viktor Concha: Machiavellis Auferstehung. 53 

tischen Verzweiflung entwirft er seine unsittliche Politik, in der Mei- 
nung, die Anarchie werde — mit welch unsittlichen Mitteln auch 
immer — in Italien endHch aufhören, und wenn sein Volk sich in 
einem starken Staate zu vereinigen vermag, werde dieser ihm die 
auch Machiavelli so teuere Freiheit, die Ordnung, das Recht, die 
Moral zugänglich machen. 

Seine Nachfolger aber, Serbien und Rußland, haben keine Ent- 
schuldigung, wenn sie unter dem heiligen Vorwand einer nationalen 
Staatengründung Machiavellis Ratschläge befolgen. Dem Verlangen 
Machiavellis, daß die Italiener sich zu einem Staate zusammenzu- 
schließen, bot die größte Kulturkraft des damaligen Europas die 
Grundlage. Serbiens Kultur steht im Zeichen der Morde, Rußland 
aber, welches die Kriegserklärung mit Berufung auf das Prinzip des 
serbischen Nationalstaates abgab, vernichtet in seinem eigenen 
Staate unbarmherzig selbst die geringste Geltendmachung des natio- 
nalen Prinzips den Finnen, Polen, Kleinrussen, Rumänen und vielen 
anderen Nationalitäten gegenüber. 

Das Serajevoer Attentat nebst allem, was ihm vorausging, war 
allerdings nur eine Gelegenheit zum Ausbruch dieses großen 
Ringens, dessen wahre Triebfeder in ultima analysi das Streben nach 
Gestaltung des Nationalstaates, nach Geltendmachung der bestehen- 
den Nationen, nach Erhaltung und Ausbreitung ihrer Macht war. 

Immerhin wäre es ein Fehler, sich deswegen über diese Gelegen- 
heit und ihre Vorgeschichte hinwegzusetzen, denn ohne Kritik des 
Serajevoer Attentates und der damit zusammenhängenden voraus- 
gegangenen und nachfolgenden Ereignisse läßt sich über die heutige 
internationale Moral kein Urteil bilden. 

Auch das deutsche Volk hat sich zu einem Volke zusammen- 
geschlossen, auch das italienische erkämpfte sich seine einheitliche 
politische Existenz im Jahre 1870, jedoch ohne Mord, Wortbruch, 
Betrug und Lüge. 

Die ins Gewissen greifenden Fälle der politischen Moral oder kurz: 
die der Politik sind viel verwickelter, als die der Privatmoral. Auch 
Cavour, der Moses Italiens, rief, wie man sagt, während des poHti- 
schen Aufbaues seiner Nation wohl des öfteren aus: bin ich ein ehr- 
licher Mensch oder werde ich ein Schurke? 

Doch bei den Handlungen Serbiens und deren Gutheißung durch 
seine Protektoren ist von solchen casus conscientiae nicht die Rede. 
Es ist nicht nötig, sich auf den hohen Standpunkt der rigorosen Moral 
zu stellen, es ist von prima facie evidenten Verbrechen die Rede — 
und damit unter einem von der Zukunft der Menschheit, ob sie auf 



54 Ungarische Rundschmi. 

das moralische Niveau des Machiavellismus zurücksinken will, oder 
gar noch darunter? 

Unsere Heere kämpfen in den Steppen Rußlands und Galiziens 
und in den Bergen Serbiens nicht nur für unsere nationale Existenz, 
sondern auch für das moralische Niveau der Menschheit gegen den 
Kodex Machiavellis. 

Und weil die Bürger Ungarns und Österreichs von einem Willen 
durchdrungen sind, wird der Sieg uns und der reinen politischen 
Moral zufallen, denn heute gilt noch in größerem Maße, als im Jahre 
1849 Petöfis Verheißung: 

Ein Herz, eine Seele, ein Arm sind wir: 

Wann siegtest du, Ungar, wenn nicht hier? 

Das Vaterland ein Mann — und dieser zu sterben bereit. 

Drum, teures Volk, bestehst du in aller Ewigkeit! 



Die deutsche Ansiedelung im Komitat Szatmär. 

Von Professor Stefan Vonhäz. 



W ......<■■- "jährend des Räköczischen Freiheitskrieges vermin- 
: derte sich die Bevölkerung der nördlichen und nord- 
: östlichen Teile Ungarns in großem Maße. Das un- 

„ : glückliche Volk litt nicht nur unter den Schrecken des 

Krieges, sondern auch an Seuchen, die dem Kriege folgen. Dazu 
kamen noch Elementarschäden, wie Überschwemmungen, Feuers- 
brunst, Hungersnot. Das Komitat Szatmär teilte das Schicksal der 
erwähnten Landesteile, und war vielleicht von all diesem Elend viel 
mehr heimgesucht, als die übrigen Komitate. Inmitten von einge- 
äscherten und zerstörten Dörfern unterzeichneten die kriegführen- 
den Parteien am 30. April 1711 den Frieden von Szatmär. 

Kaum hatten sich die Kurutzen von der Ebene Nagymajteny zer- 
streut, beschäftigte sich Alexander Kärolyi, der heldenmütige Feld- 
herr der Kurutzen, schon mit dem Gedanken, wie er die unbewohnten 
Dörfer bevölkern und die in Trümmern liegenden Gemeinden auf- 
bauen könnte. Die ungarische Bevölkerung bewies sich unzulänglich, 
die großen Flächen von Brachfeldern zu bebauen. Deshalb faßte 
Kärolyi den Entschluß, aus Deutschland Schwaben hereinzurufen, 
die infolge der Unfruchtbarkeit ihres heimatlichen Bodens ihr Vater- 
land ohnedies verlassen mußten. 

Seine Absicht gab er der Hofkanzlei, wie auch dem Hofkriegsrate 



VonJiäs: Die deutsche Ansiedelung im Komitat Ssatmär. 55 

in je einem lateinischen Gesuciie desselben Inhaltes zur Kenntnis i). 
Das Datum der Gesuche fehlt, aber ihr Inhalt beweist, daß es die 
ersten Eingaben dieser Art sind. Sie beziehen sich gewiß auf die 
erste, von Alexander Kärolyi veranstaltete schwäbische Ansiedelung, 
welche im Juni 1712 stattfand. So müssen die fraglichen Gesuche 
vor Juni 1712 eingereicht worden sein. In diesen Gesuchen wird 
Alexander Kärolyi folgerichtig «Graf» genannt, da ihm aber der gräf- 
liche Titel erst am 5. April 1712 verliehen wurde, konnten diese 
Schriften nur nach dem 5, April 1712 verfaßt worden sein. Unsere 
zwei Gesuche entstanden also zwischen April und Juni 1712. In diesen 
weist der Graf auf die Notwendigkeit der schwäbischen Ansiedelung 
von wirtschaftlichem Gesichtspunkte hin und betont den großen 
Nutzen, den die katholische Religion daraus ziehen würde. Er bittet 
die Hofkanzlei und den Kriegsrat, diese anzusiedelnden Schwaben 
unterwegs von den Mauten und Dreißigstzöllen, in Ungarn aber 
einige Jahre hindurch von der allgemeinen Steuerpflicht, der Rekru- 
tierung und der Einquartierung zu befreien. Zur Sicherung all dieser 
Vorrechte verlangt er einige Freiheitsbriefe. 

Nach günstiger Erledigung der Gesuche langte die erste Gruppe 
der schwäbischen Ansiedler an. Der Briefwechsel des sich in Preß- 
burg aufhaltenden Alexander Käroly und seiner Gemahlin Chri- 
stine Barköczy enthält den genauen Verlauf der ersten Ansiede- 
lung 2). Am 16. Juni 1712 fuhr der herrschaftliche Beamte Johann 
Kereskenyi mit den Schwaben aus Preßburg nach Nagykäroly. Mit 
den ersten Ansiedlern kam auch ihr Pfarrer, dessen Jurisdiktion (Be- 
vollmächtigung) auf die Gemeinde Kaplony lautete. Die Gräfin 
wartete ungeduldig auf die Ankömmlinge; sie rechnete höchstens 
auf hundert Personen. Desto größer wurde ihre Angst, als sie aus 
dem Briefe ihres Gatten erfuhr, daß mehrere Hunderte ankommen 
werden. Wie wird sie imstande sein, eine so große Menge in dieser 
teueren Zeit zu erhalten! Eifrig Heß sie in Olcsva^) und Szatmär 
das Mehl mahlen, wie ihr Gemahl brieflich befohlen hatte. Auch 
für geistige Getränke mußte sie Sorge tragen. «Wo die Schwaben 
sich aufhalten werden, lasset Wein, Bier und Branntwein feil 
haben, mein Herz, weil sie, an das Wasser nicht gewohnt, davon zu 
Grunde gehen.» Mit Herrn Eötvös besuchte sie der Reihe nach die 



') Sämtliche Urkunden, Konskriptionen und Namensregister, auf welche ich mich 
berufen werde, befinden sich im Archiv der Grafen Kärolyi, Budapest, unter dem 
Titel «Acta Svevorum« (Ladula S^s). 

2) Der erste ungarische Brief dieses Inhaltes ist vom 16. Juni 1712, der letzte vom 
21. September 1712 datiert. 

") Kleingemeinde im Komitat Szatmär, nördlich von Mäteszalka. 



56 Ungarische Rundschau. 

für die Ansiedler bestimmten Dörfer, besah die ihnen angewiesenen 
Gassen und Häuser. 

Am 14. JuH 1712 langte der Sohn des Preßburger Hauswirtes des 
Grafen mit einem Teile der Schwaben zu Nagykäroly an. Der andere 
Teil blieb aus Mangel an Wagen unter der Aufsicht des herrschaft- 
lichen Beamten Johann Kereskenyi in Debreczen zurück; ungefähr 
hundert Personen wurden noch aus Debreczen nach Olcsva geschickt. 
Am 21. Juli war Kereskenyi auch schon in Nagykäroly, aber einen 
Teil seiner Schwaben mußte er, wieder aus Mangel an Fuhrwerken, 
dem herrschaftlichen Beamten Andräsi anvertrauen und in Debreczen 
zurücklassen. Endlich am 27. JuH konnte Christine Barköczy ihrem 
Gemahl berichten, daß auch Herr Andräsi mit seinen Leuten ange- 
kommen sei, und so war nun die in drei Gruppen angelangte erste 
schwäbische Kolonie beisammen. Die am 14. Juli angekommene 
erste Gruppe wünschte sich in Erdöd niederzulassen, aber die Gräfin 
wollte sie nicht so weit von sich fortlassen. Die Gemeinden Nagy- 
käroly*), Csanälos, Kaplony und Csomaköz wurden die Wohn- 
sitze der bisher erwähnten schwäbischen Ansiedler. In Csomaköz 
ließ sich ein Teil der mit Andräsi Angekommenen nieder, nach 
Olcsva übersiedelten die Handwerker, nach Majteny die Müller. 

Die Lage der schwäbischen Ankömmlinge muß in den ersten Mo- 
naten ihrer Ankunft nicht beneidenswert gewesen sein. Christine 
Barköczy schHdert deren Elend in den Briefen an ihren Gemahl mit 
verzweiflungsvollen Farben. Die edelmütige Gräfin trachtete zwar 
die Ansiedler zu unterstützen, das Korn gab sie ihnen zum Abernten 
gegen einen bestimmten Anteil, sie ließ Mehl und Brot unter die 
Armen verteilen, aber infolge ihrer großen Anzahl konnte sie ihnen 
weder genug Arbeit geben, noch hinreichende Nahrungsmittel ver- 
schaffen. Die Ansiedler waren gezwungen, zu ihrem mit sich ge- 
brachten geringen Bargelde zu greifen, um ihre Familie vor der 
Hungersnot zu retten. Vergeblich mahnte sie die Gräfin zur Spar- 
samkeit, vergeblich riet sie ihnen, für ihr Geld Vieh zu kaufen. Das 
augenblickliche Bedürfnis war größer, als das Verständnis für ihr 
künftiges Fortkommen! Sie klagten wohl, daß, wenn sie sich jetzt 
keine Ochsen verschaffen und im Herbst nicht säen können, sie im 
nächsten Jahre ebenso arm sein werden. Sie wollten aber, daß die 
Herrschaft ihnen Vieh kaufen sollte. Im Jahre 1712 hatten sie nur 
provisorische Häuser, zum Schutze gegen die Kälte des Winters. 
Schöne, große, standhafte Häuser beabsichtigten sie erst im künf- 



*) Die Parochie blühte schon vor 1333, hörte 1545 auf, wurde aber 1723 von den 
Katholiken zurückerobert. Matrikeln seit 1734. Einwohner IQIO: Rom. Kath. 5932, 
Griech. Kath. 3893, Ref. 3500, Isr. 3491, Evang. 230, Griech. Orient. 25. 



Vonhäs: Die deutsche Ansiedelung im Komitat Ssatinär. 57 

tigen Frühling zu bauen. Es ist also kein Wunder, daß die Anzahl 
der Flüchtlinge unter ihnen so groß war! Besonders die deutschen 
Soldaten entführten viele von den schwäbischen Ansiedlern. 

Inmitten dieses vielfachen Elendes verständigte Alexander Kärolyi 
am 21. Juli 1712 seine Gattin, daß Ajtai an diesem Tage aus Preßburg 
mit einer neuen Gruppe von Schwaben abfahren werde. In seinem 
Briefe vom 23. schrieb er ihr, daß der herrschaftliche Beamte Gra- 
barics mit den Ansiedlern schon nach Nagykäroly aufgebrochen sei. 
Der Graf bedauerte zwar, daß er auch diese Gruppe wegschickte, 
aber er bekam den Klagebrief seiner Gemahlin schon zu spät. Er 
empfahl also, den überflüssigen Teil der Schwaben nach Värad 
(-- Groß wardein), Diöszeg, Micske oder Szekelyhid zu senden. Er 
ließ deshalb eine so große Menge auf einmal aus Deutschland her- 
führen, weil er der Meinung war, daß sich eine so günstige Ge- 
legenheit zwei oder drei Jahrhunderte lang nicht mehr bieten werde. 
Ihm allein hätten auch 100 oder 200 Familien genügt; diese große 
Menge aber schickte er nicht nur für sich, sondern zur Besiedelung 
des ganzen Komitats. 

Wir sind kaum imstande, die Anzahl der im Sommer von 1712 
angekommenen schwäbischen Ansiedler genau zu bestimmen. Wir 
können uns darüber nur beiläufig äußern. Ein undatiertes Ver- 
zeichnis enthält nämlich die Namen und die Anzahl der vorhandenen, 
gestorbenen und entflohenen schwäbischen Männer in den Gemein- 
den Nagykäroly, Kaplony, Csomaköz und Csanälos. Dies undatierte 
Verzeichnis ist jedenfalls vor 1714 entstanden, da wir aus diesem 
Jahre andere Konskriptionen haben, welche ohne Zweifel jünger sind, 
als das fraghche Verzeichnis. Wir können mit Zuversicht behaupten, 
daß unser Namensregister aus dem Jahre 1712 herrührt und nach 
der endgültigen Verteilung der schwäbischen Ankömmlinge verfaßt 
wurde. Auf 1712 läßt uns auch die Genauigkeit schHeßen, mit wel- 
cher die Lebenden, Toten und FlüchtHnge aufgezählt werden. Dem- 
nach waren im Jahre 1712 in: 

Nagykäroly 75 schwäbische Männer, gestorben 16, entflohen 33=124 
Kaplony 30 „ „ „ 5, „ 28= 63 

Csomaköz 27 „ , „ 7, „ 30= 64 

Csanälos 42 „ (diese fehlen) = 42 

Zusammen 174 schwäbische Männer, gestorben 28, entflohen 91 -=293 

Wenn wir in Csanälos die Anzahl der fehlenden toten und ent- 
flohenen schwäbischen Männer, mit den übrigen Gemeinden ver- 
glichen, auf 37 setzen, so erhalten wir zusammen 330 Mannspersonen. 
So hätte Graf Alexander Kärolyi im Jahre 1712 etwa 330 schwäbi- 
sche Familien im Komitat Szatmär angesiedelt. Wenn man eine 



58 l')/Li(n-!<c//c l\ii)i;{s( hmt. 

Familie durchschnittlich aus 4 Personen bestehend berechnet, so sinid 
es 1320 Seelen. Dies wäre also die schwäbische Bevölkerung der 
vier Gemeinden im Jiahre 1712 gewesen. Wenn zu dieser Anzahl 
noch jene 100 Personen hinzugerechnet werden, welche nach dem 
Briefe der Christine Barköczy vom 14. Juli 1712 aus Debreczen 
nach Olcsva hinübergeführt wurden, können wir als Endergebnis 
feststellen, daß Kärolyi im Laufe des Jahres 1712 ungefähr 1400 
Personen aus dem Schwabenlande nach Ungarn kommen ließ. 

Ein deutscher Vergleich, welchen Kärolyi am 25. Juni 1712 in Preß- 
burg mit einigen schwäbischen Familien einging, berichtet auch über 
die Bedingungen, unter welchen die Ansiedler ihre alte Heimat ver- 
ließen. Laut dieses Vergleiches werden die Ankömmhnge von den 
herrschaftlichen Lasten drei Jahre, von den öffentlichen oder Komi- 
tatslasten aber sechs Jahre lang frei sein. Nach Verlauf der drei 
Jahre müssen sie der Herrschaft ebenso Steuer zahlen und arbeiten, 
wie die übrigen Fronbauern. Sie werden unter der Verwaltung 
deutscher herrschaftlicher Beamten stehen und eine eigene Ge- 
meinde ohne ungarische Einwohner bekommen. Sie sollen einen 
selbsterwählten Magistrat und einen eigenen Geistlichen haben. Da- 
mit sie die Schwierigkeiten des Anfangs desto leichter überwinden 
können, borgt die Herrschaft jedem Bauern zwei Ochsen, eine Melk- 
kuh, 12 Kaschauer Viertel Getreide zur Saat. Für ein Viertel Ge- 
treide zum Verbrauch müssen sie einen rheinischen Gulden zahlen. 
Sie bekommen das Korn der Herrschaft zum Abernten und 
Dreschen. Ihrem Wunsche gemäß wird ihnen die Gemeinde Erdöd 
in der Nähe der Stadt Szatmär überlassen werden. Sie müssen sich 
aber verpflichten, an ihrem Wohnorte beständig zu verbleiben. So 
wird der Graf sie seines Schutzes und seiner Gnade teilhaftig machen. 

Obwohl der Vergleich vom 25. Juni 1712 den Anfangszeilen nach 
nur mit einigen schwäbischen Familien zustande gekommen ist, ist 
es wahrscheinlich, daß sämtliche schwäbische Ansiedler sich unter 
ähnlichen Bedingungen in den Kärolyischen Besitzungen niederge- 
lassen haben. Die Ankömmhnge verpfHchteten sich zu beständigem 
Aufenthalte ; um so überraschender ist die große Anzahl der Flücht- 
linge. Laut des obenerwähnten Namensverzeichnisses aus dem Jahre 
1712 sind von den 251 Männern der Gemeinden Nagykäroly, Kaplony 
und Csomaköz 91 entflohen, also mehr als ein Drittel. Aufklärung 
über diese große Anzahl der Entweichungen gibt uns ein deutsches 
Gesuch, welches die Gesamtheit der Nagykärolyer Schwaben am 
12. Dezember 1712 an den Grafen gerichtet hat. Die neuen Ein- 
wohner klagen darin, daß sie infolge der Nachlässigkeit der herr- 
schaftlichen Beamten nicht in den Besitz jener Hilfsmittel (Vieh und 



VonJids: Die deutsche Ansiedelung im Komitat Ssatmär. 5Q 

Nahrungsmittel) gelangen können, ohne welche ihr weiterer Aufent- 
halt im Lande ausgeschlossen ist. Sie legen die vom herrschaftlichen 
Beamten Ivänyi (vielleicht Szentivänyi?) zusammengestellten Fron- 
pflichten bei und bitten um deren Milderung, da es unmöglich sei, 
sie zu erfüllen. Für diejenigen aber, welche in ihre alte Heimat zu- 
rückkehren wollen, flehen sie um Entlassung und Reisepaß. Zwei 
wichtige Ursachen hatten also die Entweichungen: das Ausbleiben 
der versprochenen Hilfe und die UnerträgHchkeit der Urbariallasten. 

Die Flucht und Zurückwanderung muß in den Jahren 1713 und 1714 
ein noch größeres Maß angenommen haben. Von den 75 Männern 
Nagykärolys blieben nach der Konskription vom 21. April 1714 nur 
noch 29. Weder Kaplony, noch Csomaköz kommen in den späteren 
Konskriptionen als schwäbische Gemeinden vor. Aus Kaplony gingen 
10 Männer nach Csanälos über, und samt diesen hatte Csanälos nach 
der Konskription vom 30. März 1714 nur 35 Männer gegen 42 vom 
Jahre 1712. Und 1716 ist nur noch Csanälos^) die einzige schwäbi- 
sche Gemeinde im Komitat. Inzwischen übersiedelten auch die Nagy- 
kärolyer dorthin (26 Männer), und in der Konskription vom 17. Juni 
1716 hatte Csanälos 62 erwachsene männliche Einwohner. In Groß- 
wardein waren 17, in Nagykäroly 2, in Csomaköz 3 Männer. Eine 
Csanäloser Konskription aus dem Jahre 1717 weist 65 Männer aus 
als die Vertreter der ganzen schwäbischen Bevölkerung, gegen 174 
des Jahres 1712. Dies ist fürwahr ein trauriges Ergebnis nach dem 
großartigen Beginn ! 

Alexander Kärolyi bedurfte aber der Fronbauern, und so setzte 
sich das Werk der schwäbischen Ansiedelung fort. Eine Ansiede- 
lung, welche der des Jahres 1712 ähnlich wäre, sehen wir innerhalb 
eines Jahrzehnts nicht. Seine Agenten werden die Ankömmlinge 
wohl in kleinen Gruppen befördert haben. So kamen nach einem 
summarischen Ausweise vom 29. September 1726, auf welchen wir 
uns im Laufe unserer Abhandlung häufig berufen werden, 1719 neun 
schwäbische Bauern samt ihren Famihen nach Csanälos. Eine 
größere Aufmerksamkeit verdient die Ansiedelung des Jahres 1720. 
Nicht die Anzahl der Ansiedler verleiht dieser Ansiedlung eine Wich- 
tigkeit — es handelt sich nämlich im besten Falle nur um 28 bis 30 
Familien — , sondern ein glückhcher Zufall. Unter den Schriften 
dieser Ansiedlung befinden sich nämlich zwei von den ausgesendeten 



'•) Kleingemeinde im Komitat Szatmär, nordwestlich von Nagykäroly in dessen un- 
mittelbarer Nachbarschaft. Pfarre seit 1725, Matrikeln infolge eines Feuerbrandes 
nur seit 1832. Einwohner: röm. kath. Schwaben 1594; griech. kath. 125, Ref. 29, 
Isr. -. 



60 Ungarische Rundschau. 

Agenten herrührende Kostenrechnungen, welche über den Ur- 
sprungsort der schwäbischen Ansiedler Licht verbreiten. 

Die ungarische Kostenrechnung, deren Aussteller unbekannt ist, 
enthält vom 15. April 1720 bis 28. Juni 1720 von Tag zu Tag detail- 
lierte Ausgaben. Der Gesamtbetrag der Ausgaben ist 140 rheinische 
Gulden und 33 Kreuzer, von welcher Summe der Junker Palocsay 
auf Befehl des Grafen dem Aussteller 100 rheinische Gulden schon 
am 15. April 1720, also am Tage des Reiseantrittes, im voraus aus- 
zahlte. Die Kostenrechnung gibt uns das treue, chronologische Bild 
jenes Weges, welchen der mit der Führung der Schwaben beauf- 
tragte Agent machte. Am 15. April 1720 reiste er aus Preßburg ab, 
am 18. war er in Wien, wo er drei Tage auf die nötigen Reisepässe 
warten mußte. Am 20. April verließ er Wien zu Schiffe, und, an 
den Städten Passau, Straubing, Neustadt, Engelstadt, Neuburg vor- 
beifahrend, respektive in diesen und noch anderen Ortschaften mehr 
oder weniger Zeit verbringend, kam er am 30. April in Ulm an. 
Vom 1. Mai bis 12. Juni bereiste er den östlichen Teil des heutigen 
Württemberg von Biberach bis Ravensburg hinunter. So war er 
am 1. Mai in Ringschnait und Ochsenhausen, am 3. in Biberach, 
dann in den Gemeinden Ellmannsweiler, Stein, Laupertshausen, 
Schweinhausen. Am 10. Mai sehen wir ihn in Waldsee, am 12. in 
Weingarten, am 14. in Ravensburg. Von hier wendete er sich wieder 
nach Norden, besuchte am 15. Mai Füramoos, am 16. Reinstetten, 
am 18. Maselheim; vom 18. bis 29. hielt er sich im Heggbacher 
Kloster der Bernhardinerinnen auf. Am 2. und 3. Juni war er von 
neuem in Biberach, am 6. in Sulmingen, am 8. in Ergeidorf (Uigen- 
dorf?), am 9. in Ersingen, am 11. in Gutenzeil. Am 12. Juni langte 
er in Ulm an. In den erwähnten schwäbischen Städten und Dörfern 
ließ er die Patente des Grafen Kärolyi verkündigen und trachtete 
je mehr Leute von den Vorteilen der Auswanderung nach Ungarn 
zu überzeugen. Am 15. Juni ging er mit seinen Schwaben in Ulm 
an Bord und kam auf der Donau am 22. nach Wien, am 24. nach 
Preßburg, am 26. nach Komärom und endlich am 28. nach Pest. 

Der Aussteller der zweiten, lateinischen Kostenrechnung ist Anton 
Elmajer, schwäbischer Einwohner von Csanälos. In den Anfangs- 
zeilen der Rechnung bittet er den Grafen, ihm die Kosten seiner 
Reise in das Schwabenland, nach Abzug des im vorigen Jahre er- 
haltenen Vorschusses von 100 rheinischen Gulden, je eher auszahlen 
zu wollen. Seine sämtlichen Ausgaben machen 190 rheinische Gulden 
und 20 Kreuzer aus. Das Datum der Rechnung fehlt; aus den An- 
fangszeilen erfahren wir im ganzen nur sp viel, daß Elmajer den 
Vorschuß von 100 Gulden ein Jahr vor Zusammenstellung der 



Vonhüs: Die deutsche Ansiedelung- im Komitat Ssatmär. 61 

Kostenrechnung empfing. Obwohl die Jahreszahl in der Rechnung 
nirgends erwähnt wird, fällt die Reise Elmajers nach Schwaben 
doch in das Jahr 1720. Einem Posten nach lieh nämlich Elmajer 
unterwegs einem gewissen Josef Heiler 2 Gulden, und einem andern 
Posten nach einem gewissen Johann Schneider 3 Gulden. Josef 
Heiler und Johann Schneider waren aber beide neu angekommene 
Schwaben und gelangten 1720 in die Gemeinde Feny, wie die Kon- 
skription dieser Gemeinde vom 16. Januar 1729 beweist. Wir sind 
ferner im Besitze eines undatierten ungarischen Briefes, in welchem 
Michael Kenzli und Genossen, Einwohner von Feny, den Grafen ge- 
meinschaftlich bitten, einen gewissen Anton, Schwaben von Csanälos, 
zur Rückerstattung jener 150 Gulden zu zwingen, welche er von ihnen 
damals entlehnte, als er sie aus ihrer Heimat hierher brachte. Sie 
seien in sehr großer Not, da sie bis jetzt auf diesem fremden 
Boden noch gar nichts besitzen. Michael Kenzli kam laut der Kon- 
skription vom 16. Januar 1729 ebenfalls im Jahre 1720 nach Feny; 
der Schwabe Anton aus Csanälos ist offenbar kein anderer als Anton 
Elmajer. Und so müssen wir behaupten, daß sich die Kostenrechnung 
Anton Elmajers ebenfalls auf eine, im Jahre 1720 stattgefundene 
schwäbische Reise bezieht. 

Elmajer brachte der Rechnung nach in Gesellschaft des Fleisch- 
hackers 40 Tage auf schwäbischem Boden zu, wo sie Ansiedler such- 
ten und, für die tägliche Verpflegung einer Person 20 Kreuzer ge- 
rechnet, während der 40 Tage 26 rheinische Gulden und 40 Kreuzer 
für sich beide ausgaben. Am 5. Juni traten sie den Rückweg nach 
Ungarn an, und so müssen sie am 26. April 1720 im Schwabenland 
angelangt sein. Zu Schiffe auf der Donau kamen sie mit den schwäbi- 
schen Ansiedlern von Ulm herunter; sie waren am 13. und 14. Juni 
in Wien, am 15. in Preßburg, am 21. in Pest. 

Die Ergebnisse beider Kostenrechnungen zusammenfassend, kön- 
nen wir feststellen, daß sowohl der unbekannte Agent als Elmajer aus 
Preßburg auf der Donau nach Ulm und von dort auf schwäbischen 
Boden fuhren. Der unbekannte Agent zählt mit auffallender Pünkt- 
lichkeit jene schwäbischen Städte und Dörfer auf, aus welchen er 
Ansiedler brachte. Biberach, Ochsenhausen, Heggbach, Wald- 
see, Weingarten und Ravensburg sind jene großen Mittelpunkte, 
wo er seine Schwaben sammelte. Elmajer gibt keine Ortschaften 
an, er spricht nur im allgemeinen vom Schwabenland; wir können 
aber mit Bestimmtheit behaupten, daß er auch dasselbe Gebiet be- 
reiste wie sein anonymer Genosse. Beide brachten schwäbische An- 
siedler auf der Donau von Ulm bis Pest mit sich und beförderten sie 
dann weiter nach Nagykäroly. Es ist also Tatsache, daß die im Jahre 



52 Ungarische Rundscluui. 

1720 angekommenen Schwaben aus dem östlichen Teile des heutigen 
Württemberg, und zwar aus dem Gebiete zwischen Biberach und 
Ravensburg, ausgewandert sind. Daß die vor und nach 1720 ange- 
langten schwäbischen Ansiedler ebenfalls aus dieser Gegend stam- 
men, werden wir später zeigen. 

Sämtliche im Sommer 1720 angelangten neuen Schwaben ließen 
sich in der Gemeinde Feny'') nieder und waren die ersten schwäbi- 
schen Ansiedler dieses Dorfes. Was ihre Anzahl anbelangt, erwähnt 
der Ausweis vom 29. September 1726 nur 17 Familien, die Kon- 
skription der Gemeinde Feny vom 16. Januar 172Q aber 27. Die 
höhere Zahl ist die wahrscheinHchere. Mit den Ansiedlern kam auch 
ihr Pfarrer; Elmajer erwähnt ihn in seiner Kostenrechnung. Es 
scheint Brauch gewesen zu sein, daß der Geistliche seine Gläubigen 
in ihre neue Heimat begleitete und mit ihnen hier blieb. Kärolyi 
spricht in seinem Briefe vom 16. Juni 1712, wie wir oben gesehen 
haben, auch von einem solchen Geistlichen. 

Charakteristisch für die Lage der neuen Ansiedler ist der ungari- 
sche Brief, welchen sie einige Monate nach ihrer Ankunft an den 
Grafen richteten. Sie wissen noch nicht bestimmt, ob sie endgültig 
in Feny bleiben dürfen oder ob sie anderswohin übersiedeln müssen. 
'Und doch nähere sich schon der Winter, und es sei bedenkHch, auf 
der Heide ohne ordentliche Häuser zu bleiben. Mehrere unter ihnen 
haben diesen Sommer auf den Feldern der Gemeinde Csanälos Korn 
geerntet, und von diesen verlange jetzt der herrschaftliche Beamte 
Herr Andräsi je zwei Groschen Sichelgeld. Sie seien es noch nicht 
schuldig, da sie sich erst jetzt niederlassen wollen. Sie flehen also 
um dessen Nachlaß. Nach dem Beispiele der alten Schwaben, bitten 
sie die Herrschaft auch um je eine Melkkuh; das Geld sei ihnen 
ganz ausgegangen, da sie unterwegs alle Unkosten selbst haben be- 
streiten müssen. Ihr Führer Lorenz habe außer den 30 Gulden für 
Wagen von Ofen bis hierher nichts gezahlt. Das Datum des Briefes 
fehlt, aber sein ganzer Inhalt und auch der Name des Führers be- 
weisen, daß er im Herbst 1720 geschrieben wurde. Es ist darin von 
Lorenz Zarnöczi die Rede, der dem Anton Elmajer bei der schwäbi- 
schen Reise 1720 von Preßburg bis Nagykäroly behilf Hch war, und 
dessen Name auch in der Kostenrechnung häufig vorkommt. 

Über die folgende Ansiedelung von 1721 wissen wir außer den 
Zahlangaben gar nichts. Nach dem Ausweise vom 29. September 



^) Mezöfeny, Kleingemeinde, westlich von Nagyi<äroly (7—8 km), Erbbesitz der 
Familie Kärolyi. Die alte Pfarre (aus 1332) wurde von Alexander Kärolyi 1720 
wieder hergestellt. Matrikeln seit 1724. Einwohner: röm. kath. Schwaben 1724, 
griech. kath. 33, Ref. 13. 



Vonhäs : Die deutsche Ansiedelimi>- im Komitat Ssatmdr. 63 

1720 kamen im Jahre 1721 nach Csanälos 10, nach Feny 9 schwäbi- 
sche Bauern. Andere Konskriptionen der Gemeinde Feny geben die 
Ankunft von 15 schwäbischen FamiHen für 1721 an, so daß sich in 
diesem Jahre über 20 neue Familien in den zwei Dörfern nieder- 
gelassen hätten. 

Unter den Ansiedelungen nach 1712 war der Anzahl der Ankömm- 
linge nach die von 1722 die größte. Laut des Ausweises vom 29. Sep- 
tember 1726, kamen 1722 nach Csanälos 7, nach Feny 20 und nach 
Nagymajteny') 37 schwäbische Familien. Die Angabe hinsichtlich 
Fenys kann richtig sein, da die Konskription dieser Gemeinde vom 
16. Januar 1729 für das Jahr 1722 von 17 neuen Ansiedlern spricht; 
der Unterschied ist also unbedeutend. Die Nagymajtenyer 37 Fami- 
lien halten wir aber für zu wenig, da in der Konskription dieser Ge- 
meinde vom 15. Juni 1723 von 55 alten schwäbischen Bauern die 
Rede ist, die nur im Jahre 1722 nach Nagymajteny kommen konnten. 
Diese Gemeinde hat nämlich erst seit 1722 schwäbische Einwohner. 
Es scheint unwahrscheinlich, daß aus Csanälos oder Feny fast 
20 Bauern (Unterschied zwischen 37 und 55) nach Nagymajteny hin- 
übergezogen wären, nachdem das Werk der Ansiedelung auch in 
diesen Gemeinden noch nicht vollendet war. Wenn wir betreffs 
Nagymajteny die größere Zahl (55) annehmen, kamen 1722 mehr 
als 80 schwäbische Familien in die drei Gemeinden. Über Nagy- 
majteny lesen wir in einer Konskription von 1723, daß die Felder 
und Wiesen noch nicht verteilt worden seien, weil die Einwohner 
erst im vorigen Jahre, d. h. 1722 angelangt seien und sich größten- 
teils jetzt niederlassen. 

Die Flucht war noch immer gebräuchhch unter den schwäbischen 
Ansiedlern. Das läßt sich nach der lateinischen Instruktion ver- 
muten, welche Kärolyi am 26. Feber 1723 eigenhändig an seinen 
Leutnant richtete. Der Graf will seinem Versprechen nach Getreide 
zu Brot, Korn zur Frühlingssaat, Ochsen und Kühe unter die Schwa- 
ben verteilen. Er ordnet eine strenge Untersuchung gegen diejenigen 
an, welche entfliehen wollen, er verlangt ihre Verhaftung samt den 
Aufwieglern, damit sie nicht eventuell nach Verteilung der Hilfs- 
mittel mit den empfangenen Gütern entfliehen. Diejenigen, welche 
schon den Eid geleistet, beständig zu verbleiben, sollten nach Csa- 
nälos gehen, sich dort Häuser bauen, und ein jeder von ihnen sollte 
auch ein Stück Weingarten bekommen. Die den Eid nicht leisteten 
und fortgehen wollten, oder sogar schon Reisepässe erhalten haben, 



'') Kleingemeinde, seit 1711 der Familie Kärolyi gehörig. Die uralte Pfarre (1333) 
wurde 1724 wiederhergestellt. Matrikeln auch seit 1724. Einwohner: röm. kath. 
Schwaben 1759; griech. kath. 269; Ref. 45. 



54 Ungarische Rundschau. 

dürften nur dann wegziehen, wenn sie die auf sie verwendeten Kosten 
durch Taglöhnerarbeit, tägHch 12 Kreuzer gerechnet, abarbeiteten. 
Auf ähnUche Weise hätten auch die Zurückgebliebenen die auf sie 
verwendeten Kosten und den verursachten Schaden zu erstatten. 

Die nächste Ansiedelung erfolgte im Juni 1723, wie die schon er- 
wähnte Konskription vom 15. Juni 1723 beweist. Auf diese Ansiede- 
lung bezieht sich eine eigenhändige ungarische Instruktion des Kä- 
rolyi, welche uns aus mehreren Gesichtspunkten interessiert. Ihr 
Datum fehlt, aber aus dem Inhalte geht hervor, daß sie vor der 
Verteilung der 1723 angekommenen Schwaben geschrieben wurde. 
Der erste Teil der Instruktion enthält Fragen, welche der die Kon- 
skription verfertigende herrschaftliche Beamte an die neuen An- 
siedler richten sollte. Solche Fragen sind : Aus wessen Besitztum ist 
er gekommen und wer war sein Grundherr? Hat er einen Ent- 
lassungsschein und Empfehlungsbrief, einen Tauf- und Heirats- 
schein? Ist er verheiratet oder ledig? Hat er ältere oder jüngere 
Brüder, Söhne? Wie alt sind diese? Hat er Verwandte m Feny oder 
Csanälos? Will er sich in diesen Gemeinden niederlassen oder nach 
Majteny gehen? Der zweite Teil der Instruktion umfaßt Anordnun- 
gen über die Verteilung der neuen Schwaben in die einzelnen Dörfer. 
Von den in Preßburg angelangten 58 Paar Eheleuten (220 Personen) 
sollen 21 Paare nach Feny gehen ; samt den früheren 59 Bauern 
werden dann dort 80 sein. In Majteny sollen sich 34 Paare nieder- 
lassen; mit den früheren 55 Bauern zusammen werden dort 89 sein. 
In Nagykäroly sollen 3 Paare bleiben. Nach Csanälos dürfen keine 
Bauern mehr gehen, dort seien schon genug. 

Auf Grund dieser Instruktion wurde meiner Meinung nach die 
Konskription vom 15. Juni 1723 verfertigt. Und wie wir aus dieser 
Konskription ersehen, hielten sich die Beamten betreffs der Ver- 
teilung der Ansiedler fast wörtlich an die Anordnungen des Grafen. 
Von den 58 neuen Paaren gingen 20 nach Feny und 38 nach Majteny. 
Die erwähnte Konskription gibt das Namensregister sämtlicher alten 
und neuen schwäbischen Bauern in den drei Gemeinden an. Dem- 
nach waren am 15. Juni 1723: in Csanälos 76 alte, in Feny 58 alte 
und 20 neue, in Nagymajteny 55 alte und 38 neue schwäbische 
Bauern, in den drei Gemeinden zusammen 247 Bauern. 

Die Konskription vom 15. Juni 1723 ist aber nicht nur wegen ihres 
genauen Namensreigsters und ihrer Zahlangaben wichtig. Un- 
schätzbar wird sie durch jene zwei Rubriken, welche den schwäbi- 
schen Ursprungsort und den gewesenen Grundherrn eines jeden 
(alten ebenso wie neuen) Bauern mitteilen. Über die 1720 angekom- 
menen Schwaben wußten wir nur im allgemeinen so viel, daß sie 



Vonhds: Die deutsche Ansiedelung im Komitat Ssatmär. 65 

aus dem Gebiete zwischen Biberach und Ravensburg stammen, 
nachdem der Agent diese Gegend bereist hatte. Unsere Konskrip- 
tion aber erwähnt jeden einzelnen schwäbischen Bauern namentUch 
und gibt dessen schwäbischen Wohnort und dortigen Grundherrn 
an. Dadurch wurde uns das Gebiet bekannt, weiches für die bis- 
herigen Ansiedelungen die Menschenmenge lieferte. 

Die angeführte Rubrik unserer Konskription erwähnt 127 auslän- 
dische Ortschaften als Ursprungsorte von 237 angesiedelten Fami- 
lien. (Bei 10 FamiHen steht kein ausländischer Wohnort.) Die 
große Mehrheit dieser Ortschaften (97 von 127) Hegt im Gebiete 
des heutigen Königreichs Württemberg, und ganz natürUch kam 
auch der größte Teil der Ansiedler (von 237 FamiUen 199) aus diesen 
Gemeinden. Wir nehmen die einzelnen Oberämter des heutigen 
Württemberg nach der Zahlengröße der angegebenen Gemeinden, 
respektive der ausgewanderten Familien 8). 

Oberamt Biberach: 24 Ortschaften mit 66 Familien: Assmannshardt 
(nordwestlich von Biberach) 8; Äpfingen (nordöstlich von Biberach) 3; 
Bebenhaus (südwestlich von Rottum) 1; Biberach 2; Ellmannsweiler (süd- 
lich von Laupertshausen) 2; Englisweiler (südöstlich von Rottum) 2; Frey- 
berg (südwestlich von Hürbel) 1; Grodt (südwestlich von Biberach) 2; 
Heggbach (östlich von Äpfingen) 5; Hirschbronn (südlich von Steinhausen 
an der Rottum) 2; Hürbel (nordöstlich von Biberach) 3; Kirchberg (an der 
Hier) 1; Laupertshausen (nordöstlich von Biberach) 3; Maselheim (nord- 
östlich von Biberach) 4; Mettenberg (nordöstlich von Biberach) 2; Mittel- 
biberach (südwestlich von Biberach) 1 ; Muttensweiler (südwestlich von 
Biberach) 8; Ochenhausen (südöstlich von Biberach) 4; Reute (südwest- 
lich von Biberach) 4; Rindenmoos (südlich von Biberach) 3; Ringschnait 
(südöstlich von Biberach) 2; Risseg (südöstlich von Biberach) 1; Rottum 
(an der Rottum, südöstlich von Biberach) 1 ; Ummendorf (südöstlich von 
Biberach) 1. 

Oberamt Ravensburg: 21 Ortschaften mit 42 Familien: Altdorf (nord- 
östlich von Ravensburg) 4; Baienfurt (nordöstlich von Weingarten) 1; 
Berg (nordwestlich von Ravensburg) 1 ; Blitzenreute (nordwestlich von 
Ravensburg) 2; Danketsweiler (nordwestlich von Zogenweiler) 3; Hasen- 
weiler (nordwestlich von Ravensburg) 2; Karsee (südöstlich von Vogt) 1; 
Luft (nördlich von Zogenweiler) 1 ; Mochenwangen (südöstlich von Wol- 
pertschwende) 1 ; Mühlenreute (östlich von Schlier) 1 ; Oberhofen (nördlich 
von Ober-Eschach) 1 ; Ramsee (östlich von Zogenweiler) 1 ; Ravensburg 2; 
Ringgenweiler (südwestlich von Zogenweiler) 1 ; Schweinberg (südlich 
zwischen Karsee und Leupolz) 1 ; Staig (südöstlich von Blitzenreute) 1 ; 
Waldburg (südöstlich von Ravensburg) 1 ; Wechsetsweiler (nordwestlich 
von Zogenweiler) 6; Weingarten (nördlich von Ravensburg) 9; Wolkets- 
weiler (westlich von Ravensburg) 1 ; Wolpertschwende (nördlich von 
Ravensburg) 1. 

«) Die nach dem Ortsnamen stehende Ziffer bezeichnet die Anzahl der Familien. 
Ungarische Rundschau. IV. Jahrg., 1. Heft. 5 



66 Ungarische Rundschau. 

Oberamt Waldsee: 15 Ortschaften mit 38 Familien: Aulendorf (nord- 
westlich von Waldsee) 7; Eisenfurt (nordwestlich von Thannweiler) 1; 
Engenreute (nordwestlich von Bergatreute) 3; Enzisreute (südlich von 
Reute) 2; Hedelberg (nordöstlich von Eberhardzeil) 1 ; (Ober- und Unter-) 
Hornstolz (östUch von Eberhardzeil) 1 ; Ingoldingen (nordöstlich von 
Schussenried) 5; Kürnbach (südöstlich von Schussenried) 1; Oberluizen 
(nordwestlich von Dietmanns) 2; Reute (südwestlich von Waldsee) 1; 
Rugetsweiler (südöstlich von Aulendorf) 1 ; Schussenried (nordwestlich von 
Waldsee) 4; Steinhausen (nordöstlich von Schussenried) 6; Volkertshaus 
(südwestlich von Mittel-Urbach) 1 ; Wolfegg (südöstHch von Waldsee) 2. 

Oberamt Leutkirch: 10 Ortschaften mit 14 Familien: Albers (nord- 
östlich von Wurzach) 1 ; Arlach (an der Hier, östlich von Tannheim) 1 ; 
Bauhöfen (südöstlich von Wurzach) 1 ; Ellwangen (nordwestlich von Leut- 
kirch) 1 ; Limberg (südlich von Seibranz) 1 ; Mettenberg (nördlich von Roth, 
an der Roth) 1 ; Oberopfingen (an der Hier, östlich von Berkheim) 1 ; Roth 
(an der Roth, nördlich von Leutkirch) 2; Seibranz (nordwestlich von Leut- 
kirch) 3; Zeil (Schloß-Zeil und Unter-Zeil, nordwestlich von Leutkirch) 2. 
Oberamt SaUjljgau: 3 Ortschaften mit 9 Familien: Altshausen (süd- 
östlich von Saulgau) 7; Ebersbach (südöstlich von Saulgau) 1; Reichen- 
bach (östjiich von Saulgau) 1. 

Oberamt Laupheim: 6 Ortschaften mit 8 Familien: Baustetten (südlich 
von Laupheim) 1 ; Burgrieden (nordösthch von Laupheim) 1 ; Gögglingen 
(an der Donau, südwesthch von Ulm) 1 ; Mietingen (südöstlich von Laup- 
heim) 2; Schnürpflingen (nordöstlich von Laupheim) 1; Schwendi (süd- 
östlich von Laupheim) 2. 

Oberamt Riedlingen: 5 Ortschaften mit 8 Familien: Buchau 4; Dür- 
mentingen 1 ; Dürnau 1 ; Heudorf 1 ; Oggelshausen 1 (sämtliche südöstlich 
von Riedlingen). 

Oberamt Tettnang: 4 Ortschaften mit 4 Fami/lien: Feurenmoos (süd- 
östlich von Liebenau) 1 ; Neuhaus (nördlich von Ober-Theuringen) 1 ; 
Neukirch ö) (östlich von Tettnang) 1; Ober-Theuringen (nordwestlich von 
Tettnang) 1. 

Oberamt Ehingen: 3 Ortschaften mit 3 Famijjen: Moosbeuren (südlich 
von Ehingen) 1 ; Ober-Marchtal (südwestlich von Ehingen) 1 ; Risstissen 
(südöstlich von Ehingen) 1. 

Oberamt Wangen: 2 Ortschaften mit 3 Familien: Holzmajer (Hof, 
bei Prasberg, nördlich von Wangen) 1 ; Reute (nördlich von Leupolz) 2. 

Oberamt Ulm respektive die Stadt Ulm mit einer Familie. 

Oberamt Mergentheim: eine Ortschaft mit einer Fami;lie: Markeisheim 
(im fränkischen Norden, südöstHch von Mergentheim). 

Bei einer Familie steht die Ortsangabe: Landvogtei; ihr Grundherr 
war der Graf Königsegg, was so zu verstehen ist, daß die Grafen Königsegg 
zugileich Landvögte waren, und aus ihren Besitzungen stammt die frag- 
liche Familie. Bei einer andern Familie lesen wir den allgemeinen Aus- 
druck: aus dem Lande Württemberg. 

Außer dem Gebiete des heutigen Württemberg finden wir in der 
obenerwähnten Rubrik der Konskription vom 15. Juni 1723 noch 



^) Ais Grundherr ist die kaiserliche Stadt Tryberg (im Schwarzwald) angegeben 
und so ist die Ortsbestimmung unsicher. 



Vonhäs: Die deutsche Ansiedelung im Komitat Ssatmdr. 67 

die Namen von badischen, bayerischen, schweizerischen und hohen- 
zollernschen Gemeinden. 

Im heutigen Großherzogtum Baden (liegen die folgenden 13 angegebenen 
Ortschaften mit 20 Familien. 

Ahausen (nordwestUch von Markdorf) 2; Hepbach (südöstlich von Mark- 
dorf) 1; Illiwangen (südlich von Illmensee) 1; Konstanz (am Bodensee) 2; 
Langgassen (südöstlich von Pfullendorf) 1 ; Limpach (nördhch von Mark- 
dorf) 1; Meersburg (am Bodensee) 2; Pfullendorf (südlich von Sigmarin- 
gen) 1 ; Überlingen (am Bodensee) 4. 

Eine Ortsangabe lautet : Bodensee mit einer Familie ; der Grundherr war 
der Fürst von Meersburg, was beweist, daß irgendwelche, jetzt gewiß badi- 
sche Ortschaft in der Nähe von Meersburg am Bodensee gemeint ist. Es 
kommen noch vor in Baden: Breisach (Alt-Breisach, am Rhein, nord- 
westHch von Freiburg) 1 ; Philippsburg (am Rhein, nordwestlich von Bruch- 
sal) 1 ; Tryberg (im Schwarzwald, nordöstlich von Freiburg) 2. 

Im heutigen Königreich Bayern 7 Ortschaften mit 8 Familien: 

Altusried (östlich von Leutkirch, neben der liier) 1 ; Bachhagel (nord- 
westlich von Lauingen an der Donau) 1 ; Hittistetten (südöstlich von Neu- 
Ulm) 1 ; Lauben (an der Hier, nördlich von Kempten) 1 ; Rechtis (süd- 
westUch von Kempten) 1; Stras (an der Roth, östlich von Neu-Ulm) 2; 
Volkhngs (Amtsgericht Lindau, östlich von Roggenzeil) 1. 

In der heutigen Schweiz 2 Ortschaften mit 2 Familien: Sankt-Gallen 
(Abtei) 1; Waldkirch (nordwestlich Sankt-Gallen) 1. 

In den Hohenzollernschen Landen: Sigmaringen mit einer Familie. 

Folgende 7 Ortsnamen (mit 7 Familien) waren bisher trotz aller Be- 
mühungen nicht zu identifizieren: Altfons (kaiserl. Besitz) 1; Kailer (Be- 
sitz des Grafen Aufburg?) 1 ; Kelcherwerk (Besitz des Grafen Kelcher- 
werk?) 1; Paksinhofen (den Augsburger Nonnen gehörig; Pitzenhofen?) 
1 ; Rainan (Besitz des Grafen Mittelbiberach) 1 ; Troberneg (Besitz des 
Grafen Stamis?) 1; Zagizize (zu böhmisch Sinfeld) 1. 

Wir kommen also nach sorgfältiger Durchsicht sämtlicher ange- 
gebenen Ortschaften und ausgewanderten Famihen zu den folgenden 
Endresultaten: von den 127 Ortschaften liegen 97 (mehr als drei 
Viertel) im heutigen Württemberg, 23 in benachbarten Ländern (in 
Baden 13, in Bayern 7, in der Schweiz 2, in den Hohenzollernschen 
Landen 1) und 7 Ortschaften sind unbekannt. Von den 237 Familien 
stammen 19Q (mehr als fünf Sechstel) aus dem heutigen Württem- 
berg, 31 aus den benachbarten Ländern (aus Baden 20, aus Bayern 8, 
aus der Schweiz 2, aus den Hohenzollernschen Landen 1) und 7 Fami- 
lien aus unbekannten Ortschaften. Von den 199 Famihen der 97 
württembergischen Ortschaften kamen 160 Familien aus 70 Ge- 
meinden der Oberämter Biberach, Ravensburg, Waldsee und Leut- 
kirch. Die meisten Ansiedler gab das Oberamt Biberach (66 Fami- 
lien aus 24 Ortschaften) ; bedeutend weiter zurück stehen die Ober- 
ämter Ravensburg (42 Familien aus 21 Gemeinden) und Waldsee 
(38 Familien aus 15 Ortschaften); am schwächsten unter den vier 

5* 



58 Uii.ii(in's(//c J^iDidschaii. 

ist das Oberamt Leutkirch vertreten (14 Familien aus 10 Gemein- 
den). Aus jedem der obenerwähnten übrigen Oberämter Württem- 
bergs stammen weniger als 10 Familien (Saulgau 9, Laupheim 8, 
Riedlingen 8, Tettnang 4, Ehingen 3, Wangen 3, Ulm 1, Mergent- 
heim 1). Die Oberämter Biberach, Ravensburg, Waldsee und Leut- 
kirch lieferten also die Hauptmasse der von 1712 bis 1723 in Nagy- 
käroly und dessen Umgebung angesiedelten Schwaben. Wenn wir 
die geographische Lage der angegebenen Ortschaften in diesen vier 
Oberämtern betrachten, so können wir uns das Auswanderungs- 
gebiet der Hauptmasse als ein Viereck vorstellen, in welches auch 
die östlichen Hälften der Oberämter Riedlingen und Saulgau hin- 
einfallen. Im Vierecke befinden sich genau 79 Ortschaften, welche 
für unseren Zweck in Betracht kommen, also jedenfalls die große 
Mehrheit sämtlicher (127), nicht nur württembergischer (97) Ge- 
meinden. ' 

Die nördHche Seite dieses Viereckes geht von RiedHngen bis zum 
Fluß Hier, die südliche Seite von Ravensburg auch bis zur Hier, die 
östUche Seite ist der Fluß Hier selbst, die westliche Seite zieht von 
Riedlingen durch Königseggwald bis in die Höhe von Ravensburg. 
Die Bewohner des beschriebenen Gebietes sind heute ebenso gute 
Katholiken, wie ihre Vorfahren vor zwei Jahrhunderten, und wir 
halten es für ganz selbstverständlich, daß der glaubenseifrige Kä- 
rolyi seine Agenten nach katholischen Gegenden um Ansiedler 
schickte, auch wenn wir es in seinen Patenten nicht lesen. Es sei 
noch bemerkt, daß die schwäbischen FamiUennamen des Szatmärer 
Komitats in den erwähnten sechs württembergischen Oberämtern 
zu den gebräuchlichsten Familiennamen gehören. Außer den ge- 
schichtlichen Angaben und den übereinstimmenden Familiennamen 
weist auch die Sprache der Szatmärer Schwaben auf das beschrie- 
bene Gebiet. Die Behandlung dieser Frage gehört nicht in den 
Rahmen dieses Artikels und wird den Gegenstand einer besonderen 
Abhandlung bilden. Hier sei nur soviel erwähnt, daß ich auf Grund 
selbstgemachter Erfahrung, d. h. persönlicher Bereisung dieser würt- 
tembergischen Gegend, behaupten kann, der Dialekt der Szatmärer 
Schwaben sei mit der Sprache dieser Gegend identisch, d. h. aus 
den Elementen dieser Sprache hervorgegangen lo). 

Unter den Schriften Kärolyis aus dem Jahre 1724 befinden sich 
zwei Vergleiche, aus welchen wir die Urbarialpflichten der schwäbi- 
schen Ansiedler erfahren. Den ersten Vergleich schloß der Graf mit 



") Jedenfalls sind die Bestandteile unseres Szatmärer Dialektes innerhalb des ge- 
schilderten Vierecks zu suchen. 



Vonhäs: Die deutsche Ansiedelung im Komitat Ssatmär. 6Q 

den Csanäloser Schwaben, den zweiten mit sämtlichen Einwohnern 
der drei schwäbischen Gemeinden. Der mit den Csanälosern ein- 
gegangene Vergleich ist in zwei Exemplaren vorhanden : mit einem 
kürzeren ungarischen Texte vom 28. April 1724 (eigene Handschrift 
des Grafen) und mit einem längeren lateinischen Texte. Der In- 
halt beider Exemplare ist im wesentlichen identisch. Interessant ist 
die Vorgeschichte des Vertrages. Die Bauern von Csanälos zahlten 
der Herrschaft von Anfang an nach einem ganzen Grunde 4, nach 
einem halben Grunde 2 rheinische Gulden Grundsteuer. Die An- 
zahl der Frontage war jährlich 25, von jedem Bodenerzeugnis führten 
sie das Neuntel ab. Diesen ursprünglichen Vertrag änderte Kärolyi 
am 20. Juni 1723 ab und erhöhte die jährliche Grundsteuer auf 
Q Gulden. Die Csanäloser hielten diese Steuer für zu hoch und 
zahlten ein Jahr lang weder Steuern, noch leisteten sie Frondienst. 
Der Graf Heß darauf einen Teil ihrer Haustiere mit Beschlag be- 
legen und gab sie nur gegen den obenerwähnten Vertrag vom 28., 
respektive 30. April 1724 zurück. Die Einwohner von Feny und 
Nagymajteny mußten aber Bürgschaft leisten, daß die Csanäloser 
diesen Vergleich treu beobachten werden. Die Grundsteuer wurde 
wieder auf 4, respektive nach einem halben Grunde auf 2 rheinische 
Gulden herabgesetzt, auch die Anzahl der Frontage fiel von 25 auf 20. 
Das Neuntel blieb, wie es war. Nebenbei sei bemerkt, daß Kärolyi 
die Gültigkeit dieses Vertrages auf die Bauzeit des Kollegiums der 
Nagykärolyer Piaristen außer Kraft setzte, weil sowohl die Ein- 
wohner von Csanälos, als auch die von Feny und Nagymajteny ihren 
Urbarialpflichten durch Teilnahme an dem Bau nachkamen. In- 
zwischen ging er mit der Gesamtheit der Bauern der drei schwäbi- 
schen Gemeinden den obenerwähnten zweiten Vergleich ein. 

Das Original dieses lateinischen Vertrages ist vom 28. August 1724 
datiert, die vorhandene Kopie vom 11. September 1731. DieUrbarial- 
lasten der schwäbischen Ansiedler verminderten sich wieder: die 
Grundsteuer wurde nach einem ganzen Grunde zu 3 rheinischen 
Gulden festgestellt; Frondienst sollte ein Bauer jährHch nur 15 Tage 
hindurch leisten, das Neuntel mußte er gerecht abführen. Diese 
Verbindlichkeiten bestanden fast unverändert den ganzen Zeitraum 
hindurch, der in den Kreis unserer Abhandlung fällt. 

Unbedeutend sind die Ansiedelungen der Jahre 1724 und 1725. 
In Csanälos ließen sich am 10. Juni 1724 vier fränkische (!) Fami- 
lien nieder, in Nagymajteny am 10. Juli 1724 auch vier neue Fami- 
lien, wie die Anhänge der Konskription vom 15. Juni 1723 zeigen. 
Etwas bedeutender ist die Ansiedelung vom 19. Mai 1725, an welchem 
Tage nach Feny 6, nach Majteny aber 12 schwäbische Familien ge- 



70 Ungarische Rundschau. 

langten. Die Konskription von demselben Tage gibt auch den Ur- 
sprungsort und den gewesenen Grundherrn der neuen Ansiedler an. 
So kamen aus Weingarten 8, aus der vorderösterreichischen (ober- 
schwäbischen) Landvogtei 6, aus Ravensburg 1, aus Altshausen 
(Oberamt Saulgau) 1, aus Waldhausen (Oberamt Saulgau, südöstlich 
von Königseggwald) 1, aus Bettenreute (Oberamt Ravensburg, bei 
Fronhofen) 1 Familie. Von 18 waren 12 die Fronleute des Bene- 
diktinerabtes von Weingarten. 

Eine wichtige Rolle spielt in der Reihe der Ansiedelungen die vom 
16. Mai 1726. Die Agenten des Grafen waren Franz Pelagius Settele 
und sein Genosse, Einwohner von Feny; Josef Fischer und Kaspar 
Felber, Einwohner von Nagymajteny. Franz Settele hatte sich am 

15. Juni 1723 in Feny als neuer schwäbischer Ansiedler niederge- 
lassen, und wie aus seinem lateinischen Gesuche an den Grafen zu 
ersehen ist, verbrachte er ein halbes Jahr mit dem Herabbringen 
von Schwaben. Auf seiner schwäbischen Reise gab er auch von 
seinem eigenen Gelde viel aus, und darum bittet er um zweijährige 
Steuerfreiheit. Das Datum des lateinischen Gesuches fehlt, auf der 
Rückseite steht aber die ungarische Antwort des Grafen vom 7. Juli 
1726, und hieraus wissen wir, daß es sich um die Ansiedelung vom 
Mai 1726 handelt. Aus der Antwort erfahren wir noch, daß Settele 
nicht allein um Ansiedler aus war; sein Genosse entfloh aber nach 
Ankunft der neuen Schwaben. Der Graf gewährt die zweijährige 
Entlastung, wenn Settele seinen Leuten auf die Spur des Flüchthngs 
hilft. 

Josef Fischer und Kaspar Felber waren beide am 19. Mai 1725 
aus dem Schwabenland angekommen und wohnten demnach erst seit 
einigen Monaten in Nagymajteny, als Kärolyi sie um neue schwäbi- 
sche Ansiedler sandte. Wie in ihren zwei ungarischen Gesuchen an 
Franz Kärolyi, Alexanders Sohn, zu lesen ist, ging ihnen das Geld 
auf dem Rückwege aus, so daß sie 31 deutsche Gulden entlehnen 
mußten. Um die Rückerstattung dieses Betrages flehen sie in ihren 
Gesuchen, deren Datum zwar fehlt, aber aus den Antworten Franz 
Kärolyis vom 7. und 29. Januar 1727 annäherungsweise bestimmt 
werden kann. Obwohl die Gesuche hiernach im Januar 1727 ein- 
gereicht wurden, beziehen sie sich doch auf die Ansiedelung vom 

16. Mai 1726. Der Güterdirektor Georg Horväth war nämHch trotz 
der günstigen Antwort Franz Kärolyis nicht geneigt, den zwei 
Schwaben die 31 Gulden zu vergüten. Sie richteten also auch an 
den Güterdirektor ein undatiertes ungarisches Gesuch, in welchem 
sie unter anderem erwähnen, daß sie zwei allein bis Preßburg die 



Vonliäs: Die deutsche Ansiedehmg im Komitat Ssatmdr. 71 

Führer von 500 Personen waren. Eine so große Ansiedelung fand 
aber in den zwanziger Jaiiren nur 1726 statt. 

Alexander Kärolyi wählte demnach mit großer Umsicht und Plan- 
mäßigkeit von den angesiedelten Schwaben diejenigen aus, die er 
mit Beschaffung und Herabbringung von neuen Ankömmlingen be- 
auftragte, da er gut wußte, daß ein Blutsverwandter auf das schwä- 
bische Volk eine viel größere Anziehung ausüben werde, als ein 
Fremdling. 

Laut der in Preßburg am 16. Mai 1726 verfertigten Konskription 
fuhren an diesem Tage 107 schwäbische Familien, respektive 414 
Personen mit 85 Kisten aus Preßburg nach Nagykäroly ab. Nach- 
träglich wurden noch 3 Bauern {= 8 Personen) in die Konskription 
eingeschaltet, so daß eigentlich 110 schwäbische Familien (= 422 
Personen) Preßburg verließen. Von vorneherein waren 6 Bauern 
entflohen. Nach dem Namen eines jeden Bauern steht in der Kon- 
skription der Anfangsbuchstabe jener Gemeinde, in welcher er sich 
niederlassen wird. Der Plan der Einteilung wurde also schon in 
Preßburg entworfen. Nur die Anfangsbuchstaben der bisherigen 
drei schwäbischen Gemeinden kommen vor (Csanälos, Feny, Maj- 
teny). Der Anhang der Konskription zählt die Namen der Hand- 
werker, respektive derjenigen, die ein Handwerk verstehen, mit Be- 
zeichnung des Handwerkes, noch einmal auf; es sind ihrer 38. 

Die am 16. Mai 1726 zusammengeschriebenen schwäbischen An- 
siedler finden wir in einer Konskription vom 7. Juli 1726 schon in 
Gemeinden verteilt. Laut dieser Konskription gingen nach 

Nagymajteny 64 Bauern, respektive 233 Personen mit 53 Kisten 
Feny 30 „ „ 98 „ „ 20 „ 

Csanälos 10 49 „ „ 6 

Zusammen 104 Bauern, respektive 380 Personen mit 79 Kisten 

Die übrigen sind inzwischen gestorben oder entflohen. 

Die Ansiedelung von 1726 setzt einen Grenzstein in die Geschichte 
der drei schwäbischen Gemeinden; mit ihr vollendet sich die Be- 
siedelung dieser Gemeinden. Die folgenden Ansiedelungen betreffen 
andere, bisher noch nicht erwähnte Gemeinden. Nach Wiederher- 
stellung der Ruhe finden wir das Bestreben der schwäbischen An- 
siedler selbstverständlich, ihr Verhältnis zu ihrem Grundherrn zu 
ordnen. Der erwähnte Urbarial vertrag vom 28. August 1724 hatte 
eine erhebliche Besserung ihrer Lage zur Folge gehabt. Das Neuntel, 
die Grundsteuer von 3 Gulden, der 15tägige Frondienst waren nicht 
unerträgliche Lasten. Wenn auch hie und da Nachlässigkeiten in 
der Abführung des Neuntels vorkamen, und die deshalb erfolgten 
strengen Exekutionen zu einigen Klagen Anlaß gaben, können wir 



72 Ungarische Rundscluu(. 

im allgemeinen behaupten, daß unsere Schwaben ihren Fronpflichten 
tüchtig Genüge leisteten. Größeres Mißverständnis entstand nur bei 
der Deutung des 15tägigen Frondienstes, dermaßen, daß Alexander 
Kärolyi selbst zwischen den zwei streitenden Parteien, den herr- 
schaftlichen Beamten und der Bevölkerung der drei schwäbischen 
Gemeinden, Gerechtigkeit üben mußte. In seiner lateinischen An- 
ordnung vom 20. Dezember 1726 gab er den Beamten recht. Auch 
seiner Meinung nach ist jeder Zugvieh besitzende Bauer ver- 
pflichtet, einen Pflug allein beizustellen und damit jährlich 15 Tage 
zu pflügen. Auf keinen Fall erlaubt er, daß zwei, drei Bauern, ihr 
Zugvieh zusammenspannend, einen Pflug beistellen, und so diese 
zwei oder drei zusammen 15 Tage pflügen. 

Die Gesamtheit der schwäbischen Bauern antwortete auf die An- 
ordnung des Grafen in einem lateinischen Gesuche. Das Datum des 
Gesuches fehlt, aber sein ganzer Inhalt, besonders aber sein Schluß 
beweisen, daß es in den letzten Tagen des Monates Dezember 1726 
verfaßt wurde. Die Gesuchsteller wünschen nämlich in den Schluß- 
zeilen dem Grafen gelegentlich des nahenden Neujahrs Glück und 
Zufriedenheit. Was den strittigen 15tägigen Frondienst anbelangt, 
argumentieren sie, daß sie laut Urbarialvertrag nur mit so viel Vieh 
15 Tage lang zu arbeiten schuldig seien, wie viel sie hätten. Sie 
seien nicht verpflichtet, zum Frondienst Vieh zu entlehnen oder für 
Geld zu mieten, wenn sie auch ähnliches zum Anbauen ihres eigenen 
Feldes täten. Wenn also ein Bauer mit seinem Vieh selbständig 
einen Pflug beizustellen vermöge, so müsse er allein 15 Tage arbei- 
ten; wenn er aber für einen Pflug nicht hinreichendes Vieh habe, 
so dürfen, der Notwendigkeit nach, zwei oder drei Bauern zusammen- 
spannen und seien zusammen ebenfalls nur 15 Tage lang zu pflügen 
schuldig. 

Die obenerwähnte gräfHche Anordnung vom 20. Dezember 1726 
spricht auch von solchen Urbarialpflichten der schwäbischen An- 
siedler, von welchen bisher noch keine Rede war. Unter diesen Ver- 
bindlichkeiten sind die zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten ge- 
bräuchlichen Schenkungen zu verstehen. Jede Gemeinde ist ver- 
pflichtet, zu diesen Feiertagen je einen Zentner Talg, Wachs und 
Butter abzuführen. Jeder Bauer ist außerdem jährHch drei Wagen 
Brennholz, drei Hennen und neun Eier schuldig. Lasten-, respek- 
tive Steuerfreiheit kann nur derjenige neue Ansiedler genießen, wel- 
cher sich auf leerem, ohne Gebäude stehenden Grunde niedergelas- 
sen hat. Kauft sich aber der neue Ansiedler für Geld ein fertiges 
Haus, so hat er keinen Anspruch auf die dreijährige Lasten- respek- 
tive Steuerfreiheit. 



Von/iäB: Die deutsche Ansiedelung im Komitat Ssatmdv. 73 

In das Jahr 1726 fällt auch die Besiedelung der Stadt Erdöd^i) mit 
schwäbischen Einsiedlern. Ihre ersten Ansiedler waren größtenteils 
eben aus der Reihe der am 16. Mai 1726 aus Preßburg abgereisten 
Schwaben hervorgegangen. Laut der Erdöder Konskription vom 
28. November 1726 gingen am 1. August desselben Jahres aus Nagy- 
majteny 18, aus Feny 8 und aus Csanälos 4 solche schwäbische 
Bauern nach Erdöd, welche sich erst im Monate Mai 1726 in den er- 
wähnten drei Gemeinden niedergelassen hatten. Außer diesen zogen 
auch alle Schwaben aus den drei Gemeinden nach Erdöd hinüber, 
so daß diese Stadt am 28. November 1726 schon 53 schwäbische 
Bauern zählte. Jeder Bauer erhielt ein Stück Weingarten; die Ver- 
teilung der Felder blieb auf nächsten FrühHng. Vieh wurde ihnen 
aus Nagymajteny, Feny und Csanälos hinübergetrieben, und laut 
der Konskription sind sie für je ein Paar Ochsen oder Kühe zwei 
Tagwerke schuldig. Beide Tage dürfen aber nicht in dieselbe Woche 
fallen. 

Die Konskription vom 28. November 1726 enthält außer den 
Erdöder Schwaben auch die Namen der in der Gemeinde Rezteleki-') 
wohnenden Franken. Wann aber diese Franken nach Reztelek 
kamen, darüber fehlen uns die Angaben. Sie waren ihrer 22 Män- 
ner, von welchen 8 aus Csehii^) zurückgebracht wurden. Das 
Namensverzeichnis der Flüchtlinge ist auch angegeben, und zwar 
mit Bezeichnung des Zufluchtsortes. Es waren 14 Flüchtlinge, dar- 
unter 12 Handwerker. 

Die Erdöder Ansiedlung setzte sich im folgenden Jahre fort. Eine 
undatierte partiale Konskription, die aber ohne Zweifel aus dem 
Jahre 1727 herrührt, berichtet über die Ankunft von 32 neuen schwä- 
bischen Bauern, von welchen 25 aus dem Auslande und 7 aus den 
übrigen schwäbischen Gemeinden kamen. Interessant ist, daß diese 
ungarische Konskription die leeren, ohne Gebäude stehenden Gründe 
Nagyerdöds aufzählt, womit sie andeuten will, wie viel schwäbische 
Bauern sich dort noch niederlassen könnten. Demnach waren in 
Nagyerdöd 26 ganze, 3 halbe leere Gründe, und mit den 16 leeren 
Gründen, welche die Ungarn im Besitze haben, zusammen 45 Gründe, 
Die Konskription gibt auch die Namen und Anzahl der Erdöder unga- 

") Großgemeinde; die uralte Pfarre (1216) wurde von Alexander Kärolyi 1737 
wiederhergestellt. Matrikeln auch seit 1737. Die Kirche ließ Bartolomäus Drägffy, 
Woiwode von Siebenbürgen, 1482 erbauen. Einwohner: röm. kath. Schwaben 2388, 
griech. kath. 1488, Ref. 541, Isr. 182. 

*2) Kleingemeinde, nordöstlich von Erdöd, in dessen unmittelbarer Nähe. 

'^) Kleingemeinde im Komitat Nyitra, südöstlich von der Stadt Nyitra, in der 
Richtung der Nagyemöke. 



74 Ungarische Ri()idi>(ha7(. 

Tischen Adeligen, Freien und Bauern an. In Nagyerdöd waren 35, 
in Kiserdöd 29. 

Die Erdöder Schwaben litten sehr viel von diesen Ungarn. Rüh- 
rend ist in seiner Einfachheit und Unmittelbarkeit der lateinische 
Klagebrief, den die Ansiedler am 25. August 1728 an Alexander 
Kärolyi richteten. Ihre einzelnen Klagen nennen sie sehr treffend 
«Elend» und sprechen vom ersten, zweiten, dritten Elend. Weder 
Heu, noch Holz können sie sich in hinreichender Menge verschaffen ; 
die angebauten Felder nehmen ihnen die ungarischen Herren weg; 
ihre auf die gemeine Weide getriebenen Pferde spannen sie ein. Die 
Ansiedler müssen bei jeder Gelegenheit drei, vier Tage in der Mühle 
verbringen, denn sobald ein Ungar ankomme, werde dessen Ge- 
treide gemahlen. Sie flehen inständig, der Graf möge ihnen ent- 
weder einen anderen Ort anweisen, wo sie sich ein neues Dorf grün- 
den könnten, oder er geruhe sie in Erdöd von den Ungarn abzuson- 
dern. Es seien von ihnen schon 11 oder 12 Paare entflohen und es 
möge den Grafen nicht wundernehmen, daß im laufenden Jahre so 
wenig neue Ansiedler gekommen seien. Die Flüchtlinge hatten in 
ihrer alten Heimat das Elend der Zurückgebliebenen kundgegeben. 
Dieser Brief erklärt uns, warum wir in der ungarischen Konskrip- 
tion vom 6. Januar 1729 so wenig neue Ansiedler finden (aus dem 
Auslande 3, aus den schwäbischen Gemeinden auch 3). Laut dieser 
Konskription befanden sich 60 schwäbische Bauern in Erdöd, ge- 
storben sind 7, entflohen 10. 

Der Wunsch der Erdöder Schwaben ging in Erfüllung; der Graf 
sah auch ein, daß ihre Lage unter den Ungarn unerträglich sei und 
wies ihnen eine andere Gemeinde an. Im Inventarium und Urba- 
rium der Gemeinde Beltek vom 13. Februar 1731 ist zu lesen, daß 
die hier benannten Schwaben im Monate Mai 1730 aus Erdöd nach 
Beltek übergesiedelt wurden. Damit sie aber Häuser bauen und an 
Vermögen zunehmen könnten, seien sie der Herrschaft drei Jahre 
weder Frondienst, noch Steuer schuldig. Laut der lateinischen Kon- 
skription vom 12. Juni 1730 wohnten in Beltek schon 47 schwäbi- 
sche Bauern, von welchen 41 aus Erdöd, 4 aus anderen Gemeinden 
und nur 2 aus dem Auslande gekommen waren. 

In Erdöd blieben fast keine schwäbischen Einwohner. Das er- 
wähnte Urbarium vom 13. Februar 1731 gibt in Erdöd 15 schwäbi- 
sche Bauern und in Reztelek 10 Franken an. Die partiale Konskrip- 
tion vom 30. Dezember 1732 erwähnt in Erdöd nur noch 6 Schwa- 
ben und in Reztelek 5 Franken. Die übrigen zogen nach Beltek oder 
in andere schwabische Gemeinden. Die Erdöder Ansiedelung von 



Vonhäs: Die deutsche Ansiedelung im Komitat Ssatmär. 75 

1726 schlug also fehl. Statt dessen entstand eine blühende neue 
schwäbische Gemeinde: Belteki^). 

Die Ansiedelungen von 172Q— 1731 knüpfen sich an den Namen 
des gewesenen Leutnants Reinhard Lang, der Alexander Kärolyis 
Agent wurde. Diese Ansiedelungen sind nicht wegen des erreichten 
Erfolges nennenswert; der Erfolg war nicht bedeutend; es han- 
delt sich höchstens um die Herabführung von 40—50 Familien. Es 
wird aber über manche Fragen, welche mit der Ansiedelung zu- 
sammenhängen, und über den ganzen Verlauf der Ansiedelung bis 
in die kleinsten Einzelheiten Licht verbreitet. Vom kaiserlichen 
Patent angefangen bis zur Verteilung der neuen Ansiedler in die 
ihnen angewiesenen Gemeinden, können wir alles mit Aufmerksam- 
keit verfolgen. Die ganze Tätigkeit des ausgesendeten Agenten 
spielt sich vor unseren Augen ab. 

Der Name Längs kommt zuerst in einem deutschen kaiserlichen 
Patent vom April 1729 vor, in welchem Karl VL, Kaiser und König, 
dem Alexander Kärolyi gestattet, deutsche Ansiedler aus dem 
Reiche herabzubringen. Das Patent sichert Lang, als dem Agenten 
des Grafen, freies Geleit. Im Besitze des kaiserlichen Patentes, gab 
Kärolyi seinem Agenten im September 1729 einen deutschen Reise- 
paß zur Herabführung von Handwerkern aus Österreich und Schwa- 
ben. In diesem Reisepaß zählt der Graf die verschiedenen Hand- 
werke auf, welche die neuen Ansiedler verstehen sollten. Er wünscht 
deren Ankunft in drei Gruppen: im Mai 1730, zu Pfingsten und 
zur Erntezeit. Die Ankömmlinge müssen sich in Nagykäroly, Nagy- 
majteny oder Erdöd niederlassen. Von den Lasten des Komitates 
sollen sie 15 Jahre, von den herrschaftlichen Lasten ein Jahr frei 
sein. Die Handwerker seien der Herrschaft nach einem Bauern- 
grunde 15 rheinische Gulden, die Nichthandwerker 3 Gulden und 
lötägigen Frondienst, beiderlei Ansiedler außerdem noch das Zehntel 
schuldig. Wegziehen dürfe nur derjenige, welcher für sich einen ent- 
sprechenden Vertreter stelle: der Handwerker einen Handwerker, 
der Bauer einen Bauern. 

Diesen Reisepaß ergänzt eine Instruktion, welche Kärolyi am 1. De- 
zember 1729 aus Suräny an den Leutnant Lang richtete. Die Instruk- 
tion ist in deutscher, lateinischer und ungarischer Sprache vor- 
handen; der letztere Text ist die Handschrift des Grafen. In den 
ersten Punkten spricht er von den am kaiserlichen Hofe zu besor- 



") Krasznabeltek, Großgemeinde, südlich von Erdöd, ehemals Besitztum der Dragffy, 
seit 1700 der Familie Kärolyi gehörig. Die Parochie wurde 1724 wiederhergestellt. 
Matrikeln infolge eines Feuerbrandes erst seit 1795. Einwohner: röm. kath. Schwaben 
1704, griech. kath. 541, Ref. 62, Isr. 40. 



76 Ungarische Rundschau. 

genden Patenten, in den späteren von den Ansiedlern. In der Um- 
gebung von Wien soll Lang nur Handwerker suchen, Bauern soll 
er aus Schwaben bringen. Die letzteren müssen Entlassungsschein, 
wie auch Tauf- und Heiratsschein haben und mindestens 100 Gulden 
Bargeld bei sich führen. Sowohl die Handwerker, als auch die 
Bauern müssen katholisch sein. Der Agent melde sich bei den Grund- 
herren, lasse das Patent durch die Pfarrer von der Kanzel verkün- 
digen, sorge für den Druck und die Kundmachung der Patente. Im 
künftigen Frühling bringe er 50 Bauern, vor Pfingsten und zur Ernte- 
zeit eben so viel. Bis Pest werden die, Ansiedler auf eigene Kosten 
kommen, in Preßburg müssen sie sich im Hause des Grafen melden 
und die mit Längs Unterschrift versehenen Familienregister vor- 
legen. 

So ausgerüstet machte sich der Agent des Grafen auf den Weg 
nach Österreich und Schwaben, um dort Handwerker, respektive 
Bauern zu suchen. Seine zwei lateinischen Kostenrechnungen geben 
eine treue Rechenschaft über seine Reisen. Die erste, undatierte 
Rechnung enthält Ausgaben vom 13. Juli 1729 bis 24. September 
1729, ihr Gesamtbetrag ist 70 rheinische Gulden und 8 Kreuzer. 
Laut dieser Rechnung verHeß Lang am 23. JuH 1729 Wien und fuhr 
zu Wagen nach Augsburg, Donauwörth, U^m und in die um- 
liegenden Dörfer um die gewünschten FamiUen. In den 63 Tagen 
gab er für Verpflegung, täglich 30 Kreuzer berechnet, 31 rheinische 
Gulden und 30 Kreuzer aus. Die zweite Kostenrechnung ist vom 
20. Juni 1731 aus Wien datiert und enthält Ausgaben vom 23. Juni 
1730 bis 17. Juni 1731. Der Gesamtbetrag macht 333 rheinische 
Gulden 53 Kreuzer aus. Uns interessiert die Reise des Agenten, 
welche er diesmal am 27. Oktober 1730 begann. An diesem Tage 
reiste er aus Wien ab und begab sich zu Wagen nach Augsburg, 
Ulm, Memmingen, Biberach und in die umliegenden Dörfer, 
wo er die Patente verkündigen ließ. So bereiste Lang laut beiden 
Kostenrechnungen Ulm und dessen Umgebung; die zweite Rech- 
nung erwähnt noch Biberach und die umliegenden Dörfer. Wir 
müssen seine Reisen in diesen Ortschaften besonders hervorheben, 
um unseren oben bewiesenen Satz zu bekräftigen. Wir können mit 
Zufriedenheit konstatieren, daß Kärolyi seine schwäbischen An- 
siedler auch diesmal aus derselben Gegend bringen ließ, woher sie 
seit 1712 immer kamen. 

Der Erfolg von Längs Bemühungen ist am besten aus den Briefen 
Kärolyis, Längs und der herrschaftHchen Beamten zu ersehen. So 
verständigt Lang den Grafen am 1. Mai 1730 aus Regensburg, daß 
er mit 17 Handwerkern (= 70 Personen) in dieser Stadt ange- 



Vonhds: Die deutsche Ansiedelung im Koniitat Ssatrndr. 77 

langt sei. Er hoffte mit diesen Leuten am 15. Mai in Pest zu landen; 
deshalb sollen dort 5—6 Wagen zur Weiterbeförderung der An- 
siedler bereitstehen. Lang war am 17. Mai 1730 mit den Hand- 
werkern in Komärom, einige Tage später schon in Nagysuräny, wo 
der Graf sie ansiedeln wollte; am 26. Mai erhielt aber Lang in 
Nagysuräny 18 Gulden zur Beförderung derselben nach Nagykäroly. 
Und doch gelangten Längs Handwerker nie nach Nagykäroly! Alles 
erklärt uns der ungarische Bericht, den der herrschaftliche Beamte 
Josef Prileczky-Gombkötö dem Grafen am 9. Juni 1730 aus Pest 
schrieb. Ihn hatte nämlich Kärolyi nach den aus Nagysuräny ab- 
gefahrenen Schwaben geschickt. Laut dieses Berichtes traf Gomb- 
kötö die Ansiedler nicht mehr in Farkasdi^) ; er erreichte sie aber 
in Guta^*^^')- ^O" hier kam er mit ihnen durch Komärom nach Pest. 
Schon unterwegs war ihr Sinn fortwährend auf die Flucht gerichtet, 
und während er in der Stadt Wagen suchte, mieteten sie in aller 
Eile ein Schiff und fuhren die Donau hinunter. Nur ihrer drei fanden 
sich wieder: ein Zimmermann, ein Töpfer und ein Schuster. Aus 
deren Geständnis erfuhr er die Flucht der übrigen. 

Der Güterdirektor Franz Schillinger erwähnt in seinem ungari- 
schen Briefe vom 22. Juni 1730 diese Entweichung ebenfalls. Er 
verständigt nämlich den Grafen aus Nagykäroly, daß nur zwei Fami- 
lien angekommen seien: ein Töpfer und ein Schuster; diese habe 
er nach Beltek übergesiedelt. Er berichtet, daß er mit Lang die 
Verrechnung gemacht habe. Nach Längs Äußerung lauere man in 
Pest und anderswo auf die schwäbischen Ansiedler und locke sie 
weg. Der Agent wisse, wo die Flüchtlinge seien, und werde dem 
Grafen ihren Zufluchtsort verraten, aber damals habe er ihnen 
wegen seiner Krankheit nicht nachgehen können. Lang spricht auch 
selbst in seinen lateinischen Briefen vom 27. Juni und 27, August 
1731 von der Flucht dieser Ansiedler. In diesen schreibt er dem 
Grafen aus Wien, daß er die Leute in Ordnung bis nach Suräny ge- 
führt habe; er könne nicht dafür, daß man sie dort so lange ver- 
weilen und Geld ausgeben ließ (sie hatten 2730 rheinische Gulden 
bei sich). Wenn man sie sofort nach Nagykäroly befördert hätte, 
wären sie nicht entflohen. 

Kärolyi erwähnt in den Briefen an seinen Sohn Franz auch die An- 
kunft einer anderen Gruppe von Schwaben. Diese Ansiedler fuhren 
vor den entflohenen Handwerkern Längs und standen unter der Lei- 
tung des Beamten Gombkötö. Über ihre Anzahl haben wir keine An- 



^^) Am Ufer des Flusses Waag, nordwestlich von Ersekujvar, im Komitat Pozsony. 
'^) Im Komitat Komärom, an der Mündung der Waag bei der Donau, südwestlich 
von l&rsekujvÄr. 



78 Lhigiirisclif l\'iiiuls(li(iii. 

gaben. Die Belteker Konskription vom 12. Juni 1730 zeigt auf keinen 
Fall die Ankunft einer größeren Gruppe von Ansiedlern aus dem 
Auslande, sondern im ganzen nur zweier Familien. 

Vom 27. Oktober 1730 bis Anfang Januar 1731 währte Längs 
zweite schwäbische Reise. Als Erfolg seiner Reise meldet er am 
23. März 1731 aus Wien, daß aus 309 Personen bestehende 60 Fami- 
lien bereit seien, im nächsten Mai herunterzukommen; jede Familie 
habe 200 Gulden bares Geld bei sich. Sie bitten aber den Grafen, 
ihre Reisekosten bis Pest zu zahlen, da auch andere ungarische 
Herren, wie zum Beispiel Graf Schönborn, so zu verfahren pflegen. 
Sie verpflichten sich, diesen Betrag zu vergüten und werden von 
Pest angefangen auf eigene Kosten weiterfahren. Der Schiffer ver- 
lange einen Gulden und 30 Kreuzer für eine Person, und so fielen 
463 Gulden und 30 Kreuzer auf die 309 Personen. Die Hälfte dieses 
Betrages müßte vor Beginn der Reise gezahlt werden, die andere 
Hälfte aber nach Vollendung der Reise in Wien. Lang selbst möchte 
sich während des Sommers in Deutschland aufhalten, damit diese 
Familien um so mehr Vertrauen zu ihm fassen. 

Sowohl in diesem, als auch in späteren Briefen erwähnt Lang 
Wiener Handwerker, die geneigt wären, sich in Ungarn niederzu- 
lassen, wenn sie nur die Patente des Grafen sehen könnten. Er bittet 
also um einige deutsche Patente, welche er auch bekommt. Über 
die Ankunft dieser Wiener Handwerker haben wir keine Angaben, 
aber schwäbische Ansiedler kamen wirklich an. Lang verständigt 
den Grafen in einem deutschen Briefe vom 26. April 1731 aus Wien, 
daß er am 22. April ein Schiff mit schwäbischen Ansiedlern zum 
herrschaftlichen Beamten Munkäcsi nach Preßburg abgehen ließ. 
Über diese Ankömmlinge schreibt der Graf seinem Sohne Franz am 
1. Mai 1731 aus Nagysuräny, daß Johann (d. h. Munkäcsi) die Schwa- 
ben zu jeder Stunde erwarte. Lang erwähnt in seinem Briefe vom 
27. August 1731 wiederholt, daß er am 22. April 12 Familien zu 
Munkäcsi nach Preßburg abgesendet habe. 

Das gute Verhältnis, in welchem Alexander Kärolyi mit seinem 
Agenten stand, nahm im Monate Juni 1731 plötzlich eine schlimme 
Wendung. Am 21. Juni 1731 schreibt der Graf dem Agenten, daß 
er ihn nicht beauftragt habe, aus Deutschland Ansiedler zu bringen 
und so viel Kosten zu verursachen. Er habe aus der bisherigen Tätig- 
keit Längs noch keinen Nutzen gezogen, aber desto mehr Schaden 
erlitten. Der Leutnant antwortete darauf am 27. Juni 1731, der Graf 
möge einmal jene Patente durchlesen, welche er seinem Agenten 
geschickt habe. Warum habe er neulich noch Patente zur Herab- 
führung von Wiener Handwerkern gesendet? Der letzte Brief Längs 



Kardcson: Die Pforte und Ungarn im Jahre 1788. 79 

ist vom 27. August aus Wien datiert, und in diesem gibt er, der 
Behauptung des Grafen gegenüber, die Anzahl der von ihm geschick- 
ten FamiHen an. So habe er 1730 nach Suräny 25, nach Pest 5, am 
22. April 1731 aber nach Preßburg 12 Familien gesendet. Mehr habe 
er deshalb nicht herabgebracht, weil der Graf es ihm verboten habe. 
So seien jene 309 Personen draußen geblieben, welche er in seinem 
Briefe vom 23. März 1731 erwähnt habe. 

(Schluß folgt.) 



Die Pforte und Ungarn im Jahre 1788. 
Von Emerich Karäcson in Konstantinopel (f 7. Mai IQll). 

N """""": ACH dem Verrauschen der Räköczi-Bewegung war eine 
: geraume Zeit verstrichen bis zum Türkenkriege vom 
I Jahre 1788, in welchem Kaiser Josef als Verbündeter Ruß- 

...„„: lands die Türkei angriff. Ungarns Bevölkerung nahm den 

Krieg gleichgültig, teilweise sogar unfreundlich auf. Keine Spur mehr 
von Rachegelüst oder Feindseligkeit gegen die Türken, welche einst 
zur Zeit der Hunyadi und noch Jahrhunderte lang bis auf die Zrinyi 
die Nation zu erbitterten Kämpfen auf Leben und Tod begeistern 
und einen Krieg gegen die Türken populär machen konnten. Ander- 
seits aber fehlte auch, oder konnte kaum in Betracht kommen die 
türkenfreundliche Empfindung und Tendenz, welche, zur Zeit König 
Johanns beginnend und dann fortwährend zunehmend, mit der An- 
kunft Räköczis in der Türkei ihren Höhepunkt erreichte, als (die 
Besten der Nation vom türkischen Waffenglücke eine günstige Wen- 
dung im Schicksale Ungarns und mit türkischem Protektorat die 
Neuerrichtung des selbständigen, freien und unabhängigen Ungarns 
erhofften. 

Unter der langen Regierung Maria Theresias war eine neue Gene- 
ration herangewachsen, und diejenigen, die auf das Schicksal der 
Nation Einfluß hatten, waren in einer Welt wesentlich anderer Ideen 
und Aspirationen erzogen worden. Der damals schon längst heim- 
gegangene Räköczi, ebenso Thököly und mit diesen die übrigen 
Helden der Kurutzenbewegung begannen bei den leitenden Kreisen 
des Ungartums in Vergessenheit zu geraten und mit ihnen auch die 
von ihnen vertretene politische Richtung. 

Mit dem Frieden von Poscharewatz (Passarowitz), welcher die 
Türken gänzlich von ungarischem Gebiete verdrängte, war jegliche 
Einmischung der Pforte in die Angelegenheiten Ungarns und Sieben- 
bürgens endgültig ausgeschlossen. Die Sonderstellung des Fürsten- 



30 Ungarische Ruiidsclum. 

tums Siebenbürgen hatte aufgehört, die Verbannten der Räi<öczi- 
Zeit waren alle gestorben und so riß nach und nach jeder Faden 
einer Verbindung zwischen der Pforte und der ungarischen Nation. 

In solchem Zustand befand sich die ungarische Nation, als nach 
einem lange andauernden Frieden die Feindseligkeit zwischen dem 
Wiener Hofe und der Pforte aufs neue ausbrach. 

In dem vollkommen ungeordneten Archiv des Serails von Stambul 
habe ich aus den Jahren 1788 und 1789 einige, ganz unmittelbar 
Ungarn betreffende türkische Dokumente gefunden, welche uns ein 
bisher vollkommen unbekanntes Ereignis aufrollen, indem sie Licht 
verbreiten über einen Plan der Pforte mit den Ungarn zu einer 
Zeit, als die unmittelbare Verbindung der leitenden ungarischen 
Elemente mit der türkischen Regierung längst aufgehört hatte. 
Unter der langen Regierung Maria Theresias bestand zwischen der 
Pforte und dem Wiener Hofe dauernd das beste Einvernehmen, 
welches sich jedoch bei der Thronbesteigung Kaiser Josefs änderte. 
Die auswärtige Politik des Kaisers, besonders die beginnende 
Freundschaft mit Rußland, wurde von den Türken mit mißtraui- 
scher Aufmerksamkeit verfolgt. Gleich im Jahre 1781, als der Sohn 
der Zarin Katharina II. sich zum Besuche des Kaisers auf den Weg 
machte, schickte Ahmed, der Beg von Tuzla, im Auftrage der Pforte 
einen gewandten Spion aus Bosnien nach Ungarn, der die südlichen 
Teile des Landes bereiste ; über seine Erfahrungen erstattete Ahmed 
den Bericht nach Konstantinopeli). 

Die deutsch-russische Freundschaft wurde nach dem Friedens- 
schluß von Kainardschi noch fester und für die Türken noch be- 
drohlicher. Die Russen bedrängten die Pforte mit immer mehr For- 
derungen, und auch Kaiser Josef gab darin nicht nach, indem er 
von der Pforte sogar Bosnien forderte. Die abschlägige Antwort der 
Pforte war nur geeignet, das Bündnis des Kaisers mit den Russen 
zu kräftigen. 

Kaiser Josef hegte den Plan, die Balkanprovinzen, welche einst 
zum Königreiche Ungarn gehörten, der Türkei wegzunehmen, — 
wohl nicht mit der Absicht, dieselben Ungarn anzugliedern und 
auf diese Weise den alten Glanz und die alte Macht des ungarischen 
Königreiches wieder herzustellen, sondern um sie dem von ihm ge- 



^ Das Original des Spionagebericlites im Archiv des Serails. Der Bericht ist vom 
23. Dschemazi-ül-ewel 1195 oder nach unserer Zeitrechnung vom 16. Mai 1781 
datiert. Das große Archiv des Serails, wo ich die einschlägigen Schriftstücke ge- 
funden, befindet sich im zweiten Hofe des Serails, innerhalb der Heilspforte neben 
dem alten Kubbe-alti. Neuestens ist ein Teil des Schriftenmaterials in die Hohe 
Pforte verlegt worden. 



Kuräcson: Die Pforte und Ungarn im Jahre 1788. 81 

planten einheitlichen Habsburgreiche einzuverleiben. Zum Beweise 
seines Rechtes auf die Balkanprovinzen hatte er schon im Jahre 

1787 Georg Pray betraut, die Ansprüche der ungarischen Krone 
auf Bosnien, Serbien, die Walachei und Bessarabien mit historischen 
Belegen auszuarbeiten. In demselben Jahre besuchte er auch die 
Zarin Katharina in Rußland, als zwischen den Russen und den Türken 
die Spannung bereits so groß war, daß beide Teile sich ernstlich 
mit der Kriegsrüstung beschäftigten und der Krieg selbst nicht mehr 
zu vermeiden war. Dieser russisch-türkische Krieg ist bekannthch 
im August desselben Jahres tatsächUch ausgebrochen, aus welchem 
Anlasse auch Kaiser Josef seine Heeresmacht nach jeder Richtung 
mobilisierte; in Konstantinopel aber war man noch immer nicht 
sicher, ob der Kaiser den Krieg beginnen werde. Ismail Pascha, der 
Kommandant von Khotin, erhielt den Befehl, den Zweck der 
deutschen MobiHsierung auszukundschaften. Ismail Pascha be- 
traute mit dieser Aufgabe den Dolmetsch Ibrahim und den Mustafa 
von Fertislam aus der Walachei. Die Berichte dieser beiden waren 
aber über die Absicht der Deutschen, den Krieg zu beginnen, noch 
sehr unbestimmt. Das Original der Berichte habe ich nicht gefunden, 
doch ist die auf Grund derselben abgefaßte Unterbreitung des Groß- 
wesirs 2) vorhanden, auf welche der Sultan eigenhändig die folgen- 
den Worte setzte: «Die Schriften des Kommandanten von Khotin 
habe ich zur Kenntnis genommen. Ich wünsche, besonders zu wissen, 

ob die Deutschen dem Frieden oder dem Kriege zuneigen ?» — 

Was der Sultan besonders zu wissen wünschte, erfuhr er amtlich 
im Februar 1788 aus der Kriegserklärung des Kaisers, worauf auch 
die Feindseligkeiten alsbald begannen. 

Die ungarische Nation, welche unter Maria Theresia mit so großer 
Bereitwilligkeit auch in ferne Länder für das Herrscherhaus zu 
kämpfen eilte, leistete jetzt, wo der Krieg an der Grenze Ungarns 
ausgebrochen war und auch über die Grenze auf ungarisches Gebiet 
drang, nur gezwungen das, was unbedingt geleistet werden mußte, 
und faßte beinahe mit Besorgnis die Möglichkeit ins Auge, daß das 
kaiserliche Heer siegen könnte. Der Grund davon ist zur Genüge 
bekannt und auch begreifhch. Kaiser Josefs Regierung hätte unter 
anderen Verhältnissen genügt, um das Land in die Revolution zu 
treiben, nur war die Zeit Maria Theresias, die dem Herrscherhause 
eine von ihren Vorfahren nie erreichte Popularität zu schaffen wußte, 
noch zu frisch in der Erinnerung. Anderseits wieder wäre das Jahr 

1788 überaus günstig gewesen zur Erfüllung jener Begehren und 

*) Das Original im Archiv des Serails; - ohne Datum. Am unteren Teile die 
eigenhändige Aufzeichnung des Sultans, von welcher aber ein Wort unlesbar ist. 
Ungarische Rundschau. IV. Jahrg., 1. Heft. 6 



82 Uuf^arische Rundschau. 

politischen Bestrebungen, welche in der Kurutzenzeit einen großen 
Teil der Nation hingerissen und unter Räköczi sozusagen die ganze 
Nation vereinigt hatten. Jetzt besaß diese Epoche keinen Räköczi. 
In den untern Schichten lebte wohl noch Raköczis Name und 
die Tradition seiner politischen Richtung, aber es gab in Ungarn 
keine geeignete Persönlichkeit, welche imstande gewesen wäre, die 
politische Richtung der Räköczi-Zeit gehörig zu vertreten und ihr 
mit ihrer Individualität Volkstümlichkeit und Ansehen zu verschaffen. 
Die autokratische Regierung Kaiser Josefs erweckte nun die Ideen 
und Wünsche der Kurutzenzeit, denn während des Feldzuges vom 
Jahre 1788 wurde an vielen Orten Ungarns den türkischen Waffen der 
Sieg gewünscht, ja, sogar der Einmarsch der türkischen Heeresmacht 
nach Ungarn wurde erwartet'^). Noch fühlbarer äußerte sich der 
neuerwachte Kurutzengeist und der Deutschenhaß auf dem Schlacht- 
felde, wo sie die Tätigkeit der kaiserlichen Armee lähmten. Die 
ungarischen Soldaten begannen teils einzeln, teils in kleineren Trup- 
pen ins türkische Lager zu desertieren, und diese Deserteure brachten 
den Türken die Nachricht, daß sämtliche ungarische Soldaten die 
Deutschen in solchem Maße hassen, daß sie alle bereit sind, zu deser- 
tieren und sich mit den Türken zu vereinigen*). 

Diese ungarischen fahnenflüchtigen Soldaten wurden von den Tür- 
ken mit großer Freude aufgenommen, mit Gunstbezeugungen über- 
häuft und auch ermuntert, die im Lager befindlichen ungarischen 
Soldaten brieflich zur Flucht aufzufordern ; auch versprach ihnen die 
türkische Regierung, sie zu schützen und ihnen, wenn es nötig wer- 
den sollte, in der Türkei Wohnorte zu Niederlassungen anzuweisen. 
Auf der Pforte machte man sich große Hoffnungen, daß die massen- 
hafte Desertion der ungarischen Soldaten «die zusammengelaufenen 
Truppen der Deutschen gänzHch auflösen und zerstören» werde s). 
Dem walachischen Wojwoden wurde besonders aufgetragen, die 
fahnenflüchtigen ungarischen Soldaten auch seinerseits zuvorkom- 
mend zu behandeln ; wer aber von den Deserteuren «um andere zur 
Flucht zu überreden, einen Brief schreiben will, möge beachten, 
daß er davon unbedingt verschiedene Vorteile haben wird». Der 



3) Diesbezüglich bietet sehr interessante Daten der Bericht des im Jahr 1791 nach 
Preußen geschickten türkischen Gesandten Ahmed Aznii über seine Erfahrungen in 
Ungarn. Mitgeteilt in meinem Werke: Ket török diplomata Magyaroszägröl a XVIU. 
szäzadban. Budapest 1894. Besonders die Bewohner von Szeged und Kecskemet 
wünschen den Einmarsch der Türken. 

*) Brief im Archiv des Serails vom 22. Schaban 1202 (28. Mai 1788). Enthält ver- 
trauliche Weisungen an den walachischen Wojwoden und detaillierte Mitteilung der 
Ereignisse und Nachrichten, welche von den ungarischen Deserteuren verbreitet 
wurden, 

^) Aus dem angeführten Brief zitiert. 



Karäcson: Die Pforte und Ungarn im Jahre 1788. 83 

walachische Wojwode erhielt von der Pforte noch die Weisung: 
«Handle klug und trachte, zwischen den Deutschen und den Ungarn 
Grund zur Trennung und zum Zerfall herbeizuführen.» 

Im kaiserlichen Heere herrschte auch Hunger und Entbehrung^), 
ein größeres Übel aber war die schlechte Leitung, weshalb das kaiser- 
liche Heer auf der ganzen Linie, besonders aber die Donau entlang, 
überall geschlagen wurde. Die Siege steigerten in hohem Maße das 
Selbstgefühl der Türken, und da inzwischen die Zahl der ungarischen 
Deserteure im türkischen Lager immer zunahm, glaubte nach den 
Reden der letzteren die Pforte bereits, daß nicht nur die ungarischen 
Soldaten zur Desertion, sondern auch das ganze Ungarn zur Em- 
pörung bereit sei. Zur Erforschung der Wahrheit waren die Spione 
der Kommandanten der türkischen Grenzbezirke in den verschiede- 
nen Gegenden des Landes tätig. Unter den, im Khazine-i-Humäna, 
unterirdischen Lokalitäten der kaiserlichen Schatzkammer aufbewahr- 
ten Dokumenten, fand ich in einem ziemlich feuchten Lokale einen 
dieser Berichte, welcher aber infolge der Feuchtigkeit leider zur Hälfte 
schon verfault ist^). Der noch vollkommen lesbare Teil lautet (nach 
der ungarischen Übersetzung) : «Erhabener, ruhmreicher, gefürch- 
teter, mächtiger, gnädiger Herr und Sultan! — Schon lange war 
es zu hören, daß das ungarische Volk das deutsche haßt, darum habe 
ich jüngst durch Vermittlung des zu den walachischen Untertanen 
gehörenden Bojaren Cserness einen Priester beauftragt und zur Er- 
forschung der Wirklichkeit nach Ungarn geschickt. Bisher ist aber 
von ihm noch keine Nachricht eingetroffen. Wie ich schon früher 
gemeldet, habe ich in dieser Angelegenheit auch den walachischen 
Wojwoden und den Kommandanten von Krajova, Ibrahim Pascha, 
beschäftigt. Nach unseren gegenwärtigen glänzenden Siegen müssen 
wir die Ungarn für das hohe Reich gewinnen, wie immer es nur mög- 
lich ist; dies habe ich dem walachischen Wojwoden anbefohlen. So- 
bald ich darüber eine Nachricht erhalte, werde ich sie unverzüglich 
Eurer Schah-Majestät melden.» 

Die Meldungen, welche über die Aufwiegelung der Ungarn an die 
Pforte gelangten, besagen alle, daß es gelingen werde, die Ungarn mit 



«) Auch die Deserteure meldeten dies den Türken. Übrigens ist es bekannt, daß 
das ungarische Volk der kaiserlichen Armee nicht einmal für Geld Getreide liefern 
wollte, so unbeliebt war Kaiser Josefs Herrschaft. 

■') Aus der Schatzkammer im dritten Hofe des Serails, innerhalb des Tores der 
Glückseligkeit, wurden mir auf ein Irade des Sultans vier Kisten mit Dokumenten, 
zumeist aus der Zeit Napoleons, zur Verfügung gestellt. Die auf Ungarn sich be- 
ziehenden habe ich kopiert. Mehr Schriftstücke gibt es dort nach Aussage des 
Khaznetjar überhaupt nicht, wovon ich mich aber nicht überzeugen konnte, da mir 
der Eintritt in die unterirdischen Räume unter keiner Bedingung gestattet wurde. 

6* 



84 Ungarische Rundschau. 

den Deutschen zu entzweien und für die Türken zu gewinnen ; man 
müsse die Ungarn nur gut behandeln und ihnen mit freundlichen 
Worten schön tun. Auf Grund dieser Meldungen schickte die Pforte 
an die Wojwoden der Walachei und der Moldau gleichlautende Er- 
lässe, in welchen es heißt: «Zwischen den Deutschen und den ihnen 
untergeordneten Ungarn ist seit einiger Zeit eine Uneinigkeit und 
Entfremdung eingetreten, und aus den von dort eintreffenden Briefen, 
aus den Meldungen der gefangenen oder in die Armee des Sultans 
eingetretenen Ungarn, sowie aus den Berichten anderer verläßHcher 
Personen zeigt es sich, daß das ungarische Volk, wenn ihm vonseiten 
des hohen Reiches zuvorkommende Freundlichkeit erwiesen würde, 
sich von den Deutschen gänzlich abwenden und dem hohen Reiche 
zuneigen würde 8).» Beiden Wojwoden trug die Pforte auf, mit 
jedem, bei dem sie es für nötig halten, in Verbindung zu treten und 
jedes Mittel anzuwenden, um die Ungarn dem Herrscherhause ab- 
wendig zu machen und für die Türkei zu gewinnen. Über die Anzahl 
der zu den Türken desertierten Ungarn fand ich keine näheren An- 
gaben, doch glaube ich nicht, daß dieselbe die numerische Kraft 
der kaiserlichen Armee ernstlich berührt hätte. Diese Deserteure 
hegten aber sanguinische Hoffnungen bezügHch der Empörungslust 
der DaheimgebHebenen und gaben auch den Türken maßlose Ver- 
sicherungen. In Konstantinopel war man auch davon gut unter- 
richtet, daß in Ungarn Komitatskongregationen voll Unruhe und 
Gärung stattfinden, und in diesen Erscheinungen erblickte man den 
Beweis dafür, daß in Ungarn die Revolution — sobald sich eine Ge- 
legenheit dazu bietet — mit ganzer Gewalt ausbrechen werde. 

Auf dem Schlachtfelde hatten die Türken die ungarische Grenze 
bereits überschritten, und da hielt man auf der Pforte die Zeit für 
gekommen, den bisher schwankenden Vorsätzen eine bestimmte 
Form zu geben. Die Erinnerung an die von Räköczi vertretene politi- 
sche Richtung war bei den Türken noch lebendig und die Pforte, er- 
mutigt durch die Erfolge der türkischen Waffen, hielt den Augen- 
blick für gekommen, jene Pläne, an welchen sie zur Zeit Franz Rä- 
köczis und dessen Sohnes Josef Räköczi erfolglos gearbeitet hatte^), 
endlich auszuführen. In Konstantinopel war man der Meinung, daß 
in Ungarn noch immer der Geist der alten Zeit lebe, und daß das 
Land noch immer von den türkischen Waffen die bessere Zukunft 



8) Den Text des Erlasses vom 15. Serval 1202 (19. Juni 1788) habe ich im Archiv 
des Serails gefunden. 

^) Der Vertrag der Türkei mit Josef Räköczi, detailliert bei Koloman Thaly: 
Szäzadok (Ungar, histor. Zeitschrift), 1890. Wie ich vermute, ist derselbe mit 
einigen Abänderungen nach dem für Franz Räköczi ausgestellten Vertrage aus- 
gearbeitet. 



Kardcson: Die Pforte und Ungarn im Jahre 1788. 85 

erhoffe. Auf Grund dieser Meinung hat sich die Pforte — um für 
den österreichischen Angriff Rache zu nehmen — im Jahre 1788 mit 
dem überraschenden Plan beschäftigt, mit türkischer Waffengewalt 
das gesonderte, unabhängige Ungarn mit einem nationalen 
König an der Spitze und das gesonderte Fürstentum Sieben- 
bürgen gleichfalls mit dinem nationalen Fürsten herzustellen. 
Mit der Ausführung dieses Planes wollte die türkische Regierung 
den schwersten Schlag gegen den Kaiser führen, gleichzeitig aber 
eine Scheidewand zwischen dem deutschen Kaiserreich und der 
Türkei ziehen. 

Im Archiv des Serails habe ich ein interessantes Dokument vom 
7. Zilkade 1202 (9. August 1788) gefunden, ein intimes Schreiben des 
Sultans Abd-ul-Hamid I., welches den ganzen Plan und dessen Aus- 
führung auseinandersetzt. Das Interessanteste an der Sache ist, daß 
die Pforte für das Fürstentum Siebenbürgen bereits einen Kandi- 
daten oder wenigstens bezüglich der Wahl eines solchen einen 
Wunsch hatte. Die Pforte hoffte, daß die Siebenbürger zum Fürsten 
ein Glied der Familie Bethlen wählen werden. «Zweifellos — sagt 
des Sultans Brief — werden sie einen aus dem unter ihnen so ange- 
sehenen und dem hohen Reiche von jeher freundschaftlich gesinnten 
Geschlechte der Bethlen zum König wählen.» Daß die Familie 
Bethlen oder einer ihrer Sprossen wegen Erreichung des Fürsten- 
tums Siebenbürgen mit der türkischen Regierung insgeheim in Ver- 
bindung getreten wäre, davon findet sich nirgends eine Spur ; wenig- 
stens enthalten die Bibliotheken in Konstantinopel darüber nicht 
einen Buchstaben; auch dafür fehlt jeder Beweis, daß ein Bethlen 
in Siebenbürgen an der Anstiftung einer Empörung gearbeitet hätte. 
Die Kandidierung ist also ohne Wissen der Familie Bethlen erfolgt. 
Der Grund ist leicht zu erraten, wenn man an den mächtigen Fürsten 
von einst, Gabriel Bethlen, denkt, dessen gewaltige Individualität 
und ungemeines Ansehen bei der türkischen Regierung so tiefe 
Spuren hinterließ, daß noch nach anderthalb Jahrhunderten den Tür- 
ken vor allem der Name Bethlen einfiel. 

Für die Person des zu wählenden ungarischen Königs hatte die 
Pforte überhaupt keinen Kandidaten. Unter den ungarischen Magna- 
ten gab es keine so hervorragende Individualität, welche die Pforte 
zu einer so revolutionären Rolle hätte in Betracht ziehen können; 
es gab aber unter den Familien von historischer Bedeutung auch 
keine, deren Vorfahren mit den Türken in einem besonders freund- 
schaftlichen Verhältnisse gestanden hätte. Dieser Umstand erklärt 
es auch, warum die Pforte trotz ihrer vielen, in Ungarn tätigen 
Spione mit den Ungarn keinerlei engere Beziehungen hatte. 



35 Ungarische Rundschau. 

Der Plan des Sultans war durchaus ernst gemeint, doch gar nicht 
vorbereitet. Den Ernst beweist das große Versprechen, welches der 
Sultan für den Fall des Gelingens dem walachischen Wojwoden 
Mavrogani gab : «Die walachische Wojwodschaf t schenke ich als wür- 
digen kaiserlichen Lohn dir, deinen Kindern und Kindeskindern für 
ewige Zeiten.» (Dies und die folgenden Zitate sind aus dem erwähn- 
ten Brief des Sultans vom 9. August 1788.) Nach dem Plane sollte 
zuerst das selbständige Fürstentum in Siebenbürgen hergestellt wer- 
den. «Sobald in Siebenbürgen ein König bestellt ist, wird nach diesem 
Beispiele und in dieser Richtung auch das ungarische Volk aus seiner 
Mitte einen König wählen.» Zur Wiederherstellung des Fürstentums 
Siebenbürgen «soll in Siebenbürgen Militär in genügender Anzahl ein- 
marschieren», dessen Kommandant diese Nachricht zu verbreiten hat, 
mit der Erklärung: «Unsere Absicht ist nur, euch von den Deutschen 
zu trennen, von deren Tyrannei und Willkür zu befreien und unter 
dem Schutze des hohen Reiches über euch einen König zu setzen, 
wie es seinerzeit war.» Angegeben ist auch, in welcher Richtung die 
einmarschierende Armee ziehen und was sie zunächst okkupieren 
soll. «.Vom Vulkan her oder wo es sonst zweckmäßiger ist, muß der 
Sitz der Statthalterei, Szeben, eingenommen werden, weil die vor- 
nehmsten der Siebenbürgischen Leute, der Bojaren, an der genannten 
Festung interessiert und mit ihr in Verbindung sind, denn ihre Ämter 
befinden sich dort, und auch die, die auswärts wohnen, gehen dort 
fortwährend aus und ein.» In Konstantinopel lebte man in dem Glau- 
ben, daß die Türkei mit der Einnahme von Nagyszeben gewonnenes 
Spiel haben werde. «Sobald in diesen Tagen Szeben mit leichter 
Arbeit eingenommen und mit Gottes Hilfe in den Besitz des Islams ge- 
langt ist, wird der erwünschte Abfall des ungarischen und des sieben- 
bürgischen Volkes ganz gewiß plötzlich und leicht gelungen sein.» 

Was man sich in Konstantinopel so leicht dachte, war eine über- 
aus schwere Sache. Vergeblich hatte der Sultan dem walachischen 
Wojwoden das erbliche Fürstentum versprochen, vergeblich erteilte 
er ihm Vollmacht zur Aufstellung eines Heeres ; weder die Truppen 
des Wojwoden, noch die der Türken vermochten in Siebenbürgen 
einzumarschieren, hauptsächlich aber waren sie weder in Sieben- 
bürgen, noch in Ungarn imstande, eine Revolution zu entfachen. So 
unzufrieden auch Ungarns Volk war, der Unwille machte sich nir- 
gends Luft. 

Der Großwesir Jussuf Pascha hatte noch einen anderen Plan. Als die 
türkischen Streitkräfte von Mehadia und Pancsova her in das Gebiet 
der drei südungarischen Komitate eindrangen, hatte der Großwesir 
die Absicht, Pancsova, Mehadia oder wenigstens ein kleines Gebiet 



Kardcson: Die Pforte und Ungarn im Jahre 1788. 87 

am linken Donauufer der Türkei zu unterwerfen lo). Die zuchtlosen 
türkischen Truppen wollten jedoch nicht erobern, sondern nur rau- 
ben, und streiften, trotz dem Verbote des Großwesirs, plündernd 
und mordbrennend umher, und weil die Operationen gegen die Rus- 
sen nicht eben glücklich waren, gab der Großwesir seine Eroberungs- 
pläne auf und zog die türkischen Truppen vom linken Donauufer 
zurück. 

Die Wiedererrichtung des ungarischen nationalen Königreiches 
war aber damals von den Türken noch nicht aufgegeben. Auf der 
Pforte hatte man sich in den Gedanken hineingelebt, daß die Ungarn 
den Gang der historischen Ereignisse umkehren werden und den 
längstvergangenen Zustand, ein ungarisches Königreich und ein 
siebenbürgisches Fürstentum unter türkischem Protektorat, wieder 
herstellen wollen. Anfangs 1789, als auch von einer preußischen 
Mobilisierung gegen Kaiser Josef gesprochen wurde, gelangten noch 
immer neuere Berichte über die Insurrektionsneigungen der Ungarn 
nach Konstantinopel 11). Der Belgrader Serasker Abdi Pascha, so- 
wie der Walipascha von Rumelien sandten solche Meldungen an die 
Pforte, woher dann immer die ungeduldigen Fragen zurückkamen: 
«Wie gestaltet sich die Sache? In welchem Zustande befinden sich 
die Ungarn gegenwärtigii) ?» Noch immer hoffte man, daß eines 
schönen Tages sämtHche ungarischen Soldaten desertieren werden, 
Ungarns Volk aber gegen den Kaiser zu den Waffen greifen werde i^). 
Von den ungarischen Deserteuren erfuhren die Türken auch den 
leidenden Zustand- des Kaisers i^), was der Wahrheit entsprach. Da- 
gegen wurde ein anderes Gerücht niemals zur Wahrheit, daß nämlich 
das ungarische Volk gegen den Kaiser zu den Waffen greifen und 
von dem Herrscherhause offen abfallen will. Darüber erhielt im 
Jahre 1789 die türkische Regierung volle Gewißheit und unterließ 
jedes weitere Pläneschmieden zur Wiedererrichtung des ungarischen 
nationalen Königtumes. 

Die Nation hatte die politische Richtung der Kurutzen-Epoche 
längst verlassen. Sie wollte sich nicht mehr von Habsburg losreißen, 
sondern unter der Herrschaft der Habsburger ihre Verfassung und 
ihre gesetzHche Freiheit ungeschmälert erhalten. 

1") Vgl. Mustafa Paschas Werk: »Netaids-ül-vukuät«, IV. Bd. 19 S. (Jahre lang nur 
im Manuskript, Veröffentlichung durch den Druck erst 1910 von der Zensur gestattet.) 
1') Brief im Archiv des Serails vom 12. Rebi-ül-akhir (9. Januar 1789). 
'2) Brief vom 12. Ramazan 1203 (5. Juni 1789). 

'^) Antwort an den Serasker von Belgrad Abdi Pascha vom 22. Ramazan 1203 
l (15. Juni 1789). 



88 Ujignrisc/ic RiiikIscIkiu. 

Professor Hermann Vämbery, 1832—1913. 

Von Dr. Bernhard Munkäcsi. 



D 



"AS Durchforschen des uralten uigurischen Sprachschatzes 
: hatte Vämberys Kenntnis bezügHch der osttürkischen Dia- 
: lekte beträchtHch erweitert, so daß er sich nun jener Auf- 
l.^T^^..J gäbe widmen konnte, deren außerordenthche Bedeutung 
für die ungarische Urgeschichte und Sprachforschung er schon seit 
einem Jahrzehnt betonte und die ihn in seiner asiatischen Studien- 
reise als Hauptmotiv leitete: der ungarisch-türkischen Sprachver- 
gleichung. Auch die ungarischen Sprachforscher erwarteten von 
Vämbery, als dem berufensten Manne auf diesem Gebiete, die Lösung 
dieser Aufgabe, da besonders nach dem Erscheinen des Budenzschen 
Werkes «A magyar es finn-ugor nyelvekbeli szöegyezesek» (Die 
Wortübereinstimmungen der ungarischen und finnisch-ugrischen 
Sprachen in Nyelvtud. Közlem. VI.— VII. Bd., 1867— Q), ein Fordernis 
des ferneren ersprießlichen Fortschrittes die Klarstellung der türki- 
schen Elemente in der ungarischen Sprache war. Vämbery beeilte 
sich dieser Erwartung zu entsprechen und verfaßte noch während 
der Herausgabe der «Uigurischen Sprachmonumente» im Jahre 1869 
seine Arbeit «Magyar es török-tatär szöegyezesek» (Ungarische und 
turko-tatarische Wortübereinstimmungen), welche im Jahre 1870 er- 
schienen ist (ebenda, VIII. Bd.). Viele unHebsame Folgen entstanden 
später aus dieser Arbeit, welche, statt die sich gesetzte Aufgabe 
gemäß der richtig erkannten Bedeutung derselben mit der nötigen 
linguistischen Vorbereitung und der gehörigen kritischen GründHch- 
keit zu behandeln, ohne Überlegung und Auswahl nur jene ober- 
flächlichen etymologischen Einfälle zusammenstellte, auf welche der 
Verfasser während seiner Studien im Laufe der Jahre geraten war. 
Den Grund dieser lexikalischen Übereinstimmungen, beziehungs- 
weise das Verhältnis der ungarischen und türkischen Sprachen faßt 
Vämbery im großen und ganzen derart auf, wie Paul Hunfalvy in 
seinem Werke «Land und Volk der Wogulen» (1864), obwohl die 
hier ausgeführte Ansicht nach dem Erscheinen der obenerwähnten 
grundlegenden Arbeit von Budenz teilweise schon überholt war. 
Auch nach Vämbery «gehört die ungarische Sprache in ihren primi- 
tivsten Bestandteilen zum ugrischen Stamme der turanischen Spra- 
chen» und dieser ugrische Stamm bildet «die Vermittlung zwischen 
den finnischen und türkischen Sprachen» (ebenda, VIII., 116). Er 



Mimkäcsi: Professor Hermann Vämbery, 1832—1913. 8Q 

gibt zu, daß «die ungarische Sprache in erster Linie bloß mit den 
finnisch-ugrischen Sprachen, und zwar mit dem WoguHschen nächst- 
verwandt ist», doch bezeichnet er das Verhältnis des Ungarischen 
zu den turko-tatarischen Sprachen ebenso wie Hunfalvy und vorher 
Budenz auch als «Verwandtschaft», wenn auch «in zweiter Linie» 
(ebenda 114). Das Verwandtschaftsverhältnis der ungarischen 
Sprache zur türkischen kann seiner Meinung nach «eher als ein jün- 
geres, als ein geringeres bezeichnet werden, das heißt, dieses Ver- 
wandtschaftsverhältnis ist das Resultat einer späteren Berührung 
oder gar Verschmelzung, welche zwischen den im ugrischen Volks- 
stamm sich schon abgesonderten Ungarn und zwischen den rein 
türkischen Volkselementen stattgefunden hatte» (ebenda 116). Es 
ist aus diesen Erörterungen ersichtlich, daß Vämbery die türkische 
Schichte der ungarischen Sprache mit vollkommen richtiger Einsicht 
als eine neuere historische Formation auffaßt, und wenn er trotz- 
dem das Verhältnis der ungarischen und türkischen Sprachen als 
«Verwandtschaft» bezeichnet, so ist dies seinerseits nur ein unzu- 
treffender Ausdruck für jene Ansicht, welche in seinen späteren 
Werken oft behandelt wird, wonach nämlich das Ungarische im 
Grunde genommen eine «Mischsprache» sei, zu deren Entstehung 
das Türkische ebensolch wichtige Bestandteile beigetragen hat, als 
das Finnisch-ugrische, obwohl letzteres ohne Zweifel den ursprüng- 
lichen Grundstock der Sprache bildete. Darum betont er schon in 
dieser Arbeit, daß «ein derartiges Verwandtschaftsverhältnis, wie 
es zwischen dem Ungarischen und den turko-tatarischen Sprachen 
besteht, bei keiner anderen uns bekannten Sprache beobachtet werden 
kann». Die Eigentümlichkeit dieses Verhältnisses besteht laut den 
weiteren Ausführungen Vämberys darin, daß, obgleich das Ungari- 
sche unstreitig eine finnisch-ugrische Sprache ist, kann es trotzdem 
«einem in linguistischer Hinsicht nicht genügend geschulten Beob- 
achter auf Grund einer Vergleichung mit den türkischen Dialekten 
entschieden als eine zu den türkischen Idiomen gehörende Sprache 
erscheinen», insofern «nicht bloß eine beträchtliche Zahl von Haupt- 
und Zeitwörtern, sondern auch zahlreiche Sprachformen und beson- 
ders die Wortbildung auf eine solche Stufe der näheren Verwandt- 
schaft hinweisen» (ebenda 114). Doch weiterhin behauptet er, daß 
«die Theorie, laut welcher die ungarische Sprache ihrem Ursprünge 
nach ugrisch ist, jedoch infolge späterer ethnischer Berührungen und 
historischer Veränderungen gleicherweise ugrischen und türkischen 
Charakter angenommen hätte, unumstößlich sei» (ebenda 120). 

Diese unwissenschaftliche Ansicht ist keine selbständige Erfindung 
Vämberys, da dieselbe in engem Zusammenhange mit jenem schon 



gO Ungarische Rundschatt. 

obenerwähnten Gedanken Hunfalvys steht, wonach das Ungari- 
sche eine «Mittelstellung« zwischen den finnischen und den tür- 
kischen Sprachen einnimmt, woraus natürlicherweise folgt, daß 
der Verwandtschaftsgrad nach beiden Richtungen gleich ist, 
beziehungsweise daß, laut den Worten Vämberys, die unga- 
rische Sprache «gleicherweise ugrischen und türkischen Cha- 
rakter hat». Von dieser Idee konnten sich Budenz und Hunfalvy 
infolge der kühlen SachHchkeit ihrer Forschungen leichten Herzens 
lossagen, jedoch keineswegs Vämbery, dem auf seiner literarischen 
Laufbahn von Anfang an der Gedanke vorschwebte, daß es ihm ge- 
lingen wird, den Ursprung der ungarischen Sprache und des ungari- 
schen Volkes aus dem Türkentume nachzuweisen und dem darum 
die Ansicht nicht gleichgültig sein konnte, nach welcher die aus dem 
Orient herstammenden alttürkischen Elemente in der ungarischen 
Sprache ebensolche Fremdlinge wären wie die slawischen und deut- 
schen Bestandteile, Budenz hat in seiner Kritik dieses Vämberyschen 
Werkes mit Recht darauf hingewiesen, daß der Verfasser sich «in 
der Behandlung des Verhältnisses der ungarischen und türkischen 
Sprachen nicht mit der gehörigen Unbefangenheit ans Werk gemacht 
hat» (ebenda, X: 70), da aus einem jeden Teile seines Aufsatzes das 
Streben ersichtHch ist, die türkisch-ungarischen Wortvergleichungen 
in möglichst vorteilhaftem Lichte aufzuweisen, wenn auch auf Kosten 
der offenkundigen Wahrheit. Die türkisch-ungarischen Wortver- 
gleichungen scheinen hier mit den finnisch-ugrischen wie in einem 
Wettstreite um die Palme des Sieges zu kämpfen. Es wird viel Ge- 
wicht auf die möglichst gleiche Zahl der beiderseitigen Wortver- 
gleichungen gelegt, und wenn Vämbery gegenüber den von Budenz 
angeführten 859 finnisch-ugrischen Übereinstimmungen mit großer 
Mühe bloß 711 türkische anführen kann, so soll der also entstandene 
Mangel der letzteren durch die Versicherung gedeckt werden, daß 
nach dem vollständigen Erscheinen der Werke Radioffs die Zahl der 
türkischen Wortübereinstimmungen «dieselbe Stufe erreichen wird», 
wie diejenige der anderen Partei (ebenda, VIII: 120). Er bekennt 
wiederholt, daß das Ungarische zur engeren Verwandtschaft der 
finnisch-ugrischen Sprachen gehört, und trotzdem läßt er die sicher- 
sten finnisch-ugrischen Entsprechungen außer acht und führt an 
deren Stelle wertlose türkische Vergleichungen an. Er schätzt den 
schwachen Zusammenklang der ungarischen Wörter hal «fisch», hat 
«sechs», fül «Ohr» und eb «Hund» mit den türkischen Wörtern 
balyk, alty, kulak und it höher als jene regelrechten Lautent- 
sprechungen, welche zwischen diesen ungarischen Wörtern und 
den wogulischen ^ul, /at, päl', ämp, mordwinischen kal, kota, 



Munkäcsi: Professor Hermann Vämbäry, 1832—1913. Ql 

pilä etc. Formen vorhanden sind. Unter den vielen, aus unmethodi- 
schem Verfahren und mangelhafter Fachkenntnis stammenden Feh- 
lern, welche in der Budenzschen Kritik dieser Arbeit Vämberys 
nachgewiesen werden, ist die Bemerkung besonders gewichtig, daß 
die Lautform oder die Bedeutung der verglichenen türkischen Wörter 
oftmals nicht den Tatsachen entsprechend angeführt sind, um durch 
diese Änderung das betreffende türkische Wort dem ungarischen an- 
zugleichen. So schreibt Vämbery z. B. das türkische Verbum öbül- 
,sich abnützen, abwetzen' in der Form obul- um es dem ungari- 
schen Worte avül- , veralten, altern' (von ö ,alt') phonetisch näher 
zu bringen; desgleichen behauptet er hinsichtlich des ungarischen 
Wortes tart- ,halten, fassen', daß das türkische Wort tart- ,halten, 
dauern, ziehen' und das mit dem ungarischen Worte csombök 
, Knoten' verglichene türkische dzumbak , Knoten, Haufen, Rätsel' 
bedeutet, wo doch türk. tart- nur die Bedeutung ,ziehen' und 
dzumbak nur die Bedeutung , Rätsel' hat. Es ist jedoch eine Über- 
treibung, diese Unrichtigkeiten einem Mangel der bona fides zuzu- 
schreiben, oder sie sogar als bewußte «Fälschungen» zu qualifi- 
zieren, da der Verfasser mit diesen offenbar die Annehmbarkeit oder 
Möglichkeit jener tatsächlich nicht nachweisbaren Formen oder Be- 
deutungen andeuten wollte, also nur die besondere Bezeichnung die- 
ser nicht belegbaren, sondern nur erschlossenen Angaben (wie dies 
in den modernen linguistischen Arbeiten mit einem angelegten Stern- 
chen * geschieht) unterließ. 

«Herrgott, du hast Regen gegeben, aber Dankwürdiges ist nichts 
darin» — mit diesem ungarischen Spruche faßt Budenz zusammen 
das Endergebnis seiner Kritik über die ungarisch-türkischen Wort- 
vergleichungen Vämberys (ebd. X: 128); mit dem ruhigeren Urteil 
der Gegenwart können wir jedoch getrost behaupten, daß etwas 
Dankwürdiges sich auch in dieser mißlungenen Arbeit Vämberys 
vorfindet. Das Material dieser Wortvergleichungen lieferte für 
Budenz die Grundlage zum ersten zuverlässigen Verzeichnis der 
türkischen Lehnwörter im Ungarischen, sowie auch zur Sammlung 
derjenigen Belege, welche hinsichtHch der ugrisch-türkischen Ur- 
verwandtschaft hauptsächlich in Betracht kommen können, und es ist 
sehr beachtenswert, daß Budenz selber in diesem Ausweise viel mehr 
als ein Drittel des Vämberyschen Materials (aus 715 Wortverglei- 
chungen 268) als stichhältig anerkannte. Wir müssen dieses Resultat 
als sehr schätzbar bezeichnen, wenn wir in Betracht nehmen, daß 
diese von Budenz als richtig anerkannten Wortvergleichungen mit 
wenigen Ausnahmen ihre Stichhältigkeit bis heute nicht eingebüßt 
haben, und daß wir anderseits kaum zu einem günstigeren Ergebnis 



Q2 Ungarische Rundschau. 

gelangen könnten, wenn wir feststellen wollten, wie viel etymolo- 
gisches Material sich in den Werken Budenz' bis heute noch als gül- 
tig erhalten hat. Eine gerechte Kritik muß auch jenes Verdienst 
des Vämberyschen Werkes anerkennen, daß die osttürkischen, sibi- 
rischen und Wolga-Dialekte hier zuerst in größerem Maße als 
Quellen der ungarisch-türkischen Wortvergleichung gebraucht wer- 
den, ferner daß Vämbery das kaum bekannte Material der bisher 
erschienenen Arbeiten hier mit ungefähr 50 ganz neuen und als 
richtig anerkannten Wortvergleichungen vermehrte. Wenn also diese 
Arbeit Vämberys auch keine befriedigende Lösung der gestellten 
großen Aufgabe darbietet, so muß sie trotzdem anbetrachts ihres 
reichen und wertvollen Materials als eine bedeutende Vorarbeit an- 
erkannt werden. 

Vämbery ließ vorläufig die niederschlagende Kritik von Budenz 
ohne Antwort, da ihn in der ersten Hälfte der siebziger Jahre andere, 
sich zum Teil mit den Tagesfragen der Weltpolitik befassende Werke 
in Anspruch nahmen. Diese waren: «Rußlands Machtstellung in 
Asien» (Leipzig, 1871), «Zentralasien und die englisch-russische 
Qrenzfrage» (Leipzig, 1873) und «Der Islam im 19. Jahrhundert» 
(Leipzig, 1875). Auch das zweibändige Buch «Geschichte Bokharas» 
(Stuttgart, 1872), das auch in engHscher und russischer Über- 
setzung erschienen ist, sowie die «Sittenbilder aus dem Morgenlande» 
(Berlin, 1876) gehören dieser Periode an. Da wir uns hier nur die 
ethnologische und linguistische Wirksamkeit Vämberys zu schildern 
zur Aufgabe stellten, führen wir bloß den Titel dieser letztgenannten 
Werke an. Die nächste Arbeit Vämberys auf dem Gebiete der türki- 
schen Sprachforschung war das «Etymologische Wörterbuch der 
turko-tatarischen Sprachen», erschienen im 13. Band der Zeitschrift 
«Nyelvtudomänyi Közlemenyek», und auch als Sonderabdruck (1877), 
ferner in deutscher Sprache zu Leipzig im Jahre 1878. Eine werte 
Grundlage zu dieser Arbeit bot das vom russischen Gelehrten 
L. Budagow herausgegebene «Vergleichende Wörterbuch der turko- 
tatarischen Dialekte» (Sravnjitjelnyj slovarj turecko-tatarskich nare- 
cij, St. Petersburg, 1869—71), aus dessen reichem und geordnetem 
Material Vämbery bequem die zur Vergleichung geeigneten Wörter 
auswählen konnte, so daß zu diesen bloß noch die jakutischen und 
tschuwaschischen Entsprechungen hinzugefügt werden mußten, zu 
welchem Behufe ihm in den Wörterbüchern von Böhtlingk und 
Zolotnjickij auch ausgezeichnete Behelfe zur Verfügung standen, da 
in denselben selbst die etymologischen Beziehungen gewissenhaft 
nachgewiesen sind. Vämbery hätte die dankbare Anerkennung der 



I 



Munkdcsi: Professor Hermann Vdmbery, 1832—1913. 93 

Wissenschaft verdient, wenn er sich gemäß der eigentlichen Bestim- 
mung eines etymologischen Wörterbuches der türkischen Sprachen 
auf die methodische Darstellung der einander entsprechenden Wort- 
formen beschränkt hätte ; er war jedoch weit über die Grenzen dieser 
Aufgabe auch darauf bestrebt, womöglich das Etymon, d. h. die 
latente Grundbedeutung der Wörter, zu entdecken, zu welchem 
Zwecke er die einzelnen Wörter mit Anwendung aller möglichen 
und unmöglichen linguistischen Spitzfindigkeiten in Wortfamilien 
gruppierte, was ihm in solchem Maße gelungen war, daß er fast den 
ganzen ursprünglichen Wortbestand der türkischen Sprachen in 232 
Stammgruppen zusammendrängen konnte. So z. B. begnügt er sich 
nicht damit, die Varianten des osmanischen Wortes äv 'Haus' im 
altaisch - tatarischen ab und osttürkischen öj, üj aufgefunden zu 
haben; sondern er sucht auch die Vorgeschichte der Bedeutung 
'Haus' derart, daß er die Form ö j mit den Wörtern oj 'Tal' und oj- 
'graben' verbindet, weiterhin aber (da einem türkischen in- und aus- 
lautenden j im Jakutischen manchmal t entspricht), sogleich auch das 
jakutische Wort üt 'Loch' hierher zieht, dann fügt er noch willkür- 
licherweise der Bedeutung 'Loch' die Übersetzung 'Grube' hinzu 
(offenbar um eine Annäherung der Bedeutungen mit oj 'Tal' zu er- 
zielen), endlich setzt er auch das osttürkische Wort otag, osman. oda 
'Zelt, Zimmer' hieher und gelangt so zu dem Resultate, daß das türki- 
sche Wort äv, ab 'Haus' ursprünglich 'Vertiefung, Loch' bedeutete, 
da die Menschen in der Urzeit in Höhlen wohnten. Dieses ganze Luft- 
gebäude fällt sogleich auseinander, wenn wir ledighch bedenken, 
daß im Sumerischen ab die Bezeichnung von 'Haus' ist, und daß 
mehrere türkische Kulturwörter aus dem uralten, vorderasiatischen 
Kulturkreise herstammen. «Der Reiz der Entdeckung,» so äußert 
sich Vämbery über die Entstehung dieses seines Werkes, «übte eine 
solche Wirkung auf mich, daß die türkischen Wortstämme Monate 
hindurch Tag und Nacht mir nicht aus dem Sinn gingen, und es 
gereichte mir zu wahrem Vergnügen, die Veränderungen und Um- 
bildungen eines und desselben Begriffes möglichst weit zu verfol- 
gen und den Zusammenhang derselben festzustellen.» (Meine Kämpfe, 
326.) Dieses gewaltsame Vorgehen hatte eine Menge Fehlgriffe zur 
Folge, zu deren Rechtfertigung wir bloß darauf hinweisen können, 
daß Vämbery mit seinem etymologischen System eigentlich den an- 
gesehenen Meister der Wortforschung, Budenz, nachahmte, freilich 
derart, daß er die Mängel der Vergleichungsmethode des letzteren 
maßlos übertrieb. Wenn für Budenz, so meinte wohl Vämbery, rich- 
tig und erlaubt war, die ungarischen Wörter tat- 'öffnen' und 



94 Ungarische Bundschau. 

szäj *Mund', sowie ungar. csap- 'hauen' mit mordwin. tap- 
'schlagen' zu vergleichen, warum wäre es ihm verboten, die türki- 
schen Wörter tere- und ser- 'ausbreiten' (Etym. Wörter- 
buch, 167—8), tük- 'herausfallen' und sökü- 'herabfallen' (ebd. 
192), tal-la-, tal-gala- 'schaukeln, hin und her bewegen' und 
sal- 'werfen, schleudern' (ebd. 146—7), tob 'Haufen, Bündel' und 
cobul- 'verwickeln, vermengen' (ebd. 184), tok 'voll, satt' und 
cok 'viel' (ebd. 184—5), tögre- und cevir- 'drehen, umkeh- 
ren' (ebd. 176— Q) in etymologische Verbindung zu bringen? Und 
wenn Budenz von den angeblich 'gehen, schreiten' bedeutenden 
doppeiförmigen finnisch - ugrischen Wortwurzeln kogo-, kege- 
und jogo-, jege- eine ganze Schar von Wörterfamilien her- 
leiten durfte, warum hätte es ihm verwehrt sein sollen, aus den 
gleichartigen türkischen Wortstämmen kab-, keb-, kob-, köb- 
«auf stehen» (ebd. 74), tak-, tek-, tik-, tok- «schneiden» (ebd. 
164), tam,tem,tim,tom,töm,tum,tüm etc., «versammelt, 
eng, fest» (ebd. 170), und bag, beg, bog, bik, buk etc. 
«Band» (ebd. 197) auch weitverzweigte Sprößlinge hervorgehen zu 
lassen?! Da also die vielfache Möglichkeit der Lautveränderungen 
die kühnen, etymologischen Zusammenstellungen wenig störte, 
konnten für diese bloß die Schranken der Bedeutung hie und da 
hinderlich sein; jedoch war mit Annahme einer vorgeschichtlichen 
Bedeutung auch dieses Hindernis leicht wegräumbar, was an sich 
kein Fehler gewesen wäre — ist doch dies in jedem etymologischen 
Werke üblich — , doch hat Vämbery, wie in seiner früheren Arbeit, 
auch hier die Unachtsamkeit begangen, die tatsächlichen und nur 
supponierten Bedeutungen ohne Unterschied zu vermischen, wes- 
halb die Authentizität seiner Angaben immer aus den ursprüng- 
lichen Quellen kontrolliert werden muß. Aus diesen Gründen hat 
auch dieses Werk seinem Verfasser nicht viel Ruhm gebracht. Die 
ungarische Literatur nahm kaum Notiz davon und auch in der 
ausländischen befaßt sich damit bloß Radioff ausführlicher an meh- 
reren Stellen seines Werkes «Phonetik der nördlichen Türkspra- 
chen, 1882» (S. 141—3, 146—151, 166, 182—4), indem er die phoneti- 
schen Ansichten Vämberys widerlegt und besonders das Unmetho- 
dische seines etymologischen Verfahrens, sowie die mangelhafte 
Zuverlässigkeit seiner Angaben in scharfer Weise tadelt. Es ist 
interessant, wie Vämbery selbst von dem wissenschaftlichen Werte 
seiner Etymologien de nkt : «Auf diesem schlüpfrigen Gebiete», 
schreibt er mit Hinweis auf seine Wortvergleichungen, «wo selbst 
die größten Autoritäten der Wissenschaft ausgleiten und durch ihren 
plumpen Sturz die Fachgelehrten entrüsten und alle Welt belustigen. 



Mimkäcsi: Professor Hermann Vdmhdry, 1832—1913. 95 

habe ich infolge der mir mangelnden unentbehrlichen Fachkennt- 
nisse noch größere und mehrere Fehltritte gemacht; trotzdem aber 
können selbst meine grimmigsten Feinde nicht bezweifeln, daß es 
mir gelungen ist, das Etymon einer ganzen Menge von türkischen 
Wörtern zu ermitteln und die konkrete Bedeutung abstrakter Be- 
griffe aufzuklären.» (Meine Kämpfe, 326.) Wer geneigt ist, nicht 
bloß die Mängel in Vämberys Wirksamkeit zu bemerken, muß zu- 
geben, daß, wie der Vordersatz, auch die letzte These dieser Selbst- 
kritik treffend ist, denn in der großen Masse jenes wertlos schei- 
nenden Schuttes, den Vämberys etymologisches Wörterbuch aus 
dem Schachte des uralten türkischen Sprachschatzes zutage geför- 
dert und zusammengehäuft hat, gibt es auch Edelmetall in Fülle. 
Diese wertvollen Bestandteile wird ein Mann der Zukunft, der 
die Aufgabe eines etymologischen Wörterbuches der türkischen 
Sprachen mit gründlicherer Fachkenntnis wieder in Angriff nehmen 
wird, gewiß auffinden und dankbar würdigen. 

Die türkischen etymologischen Forschungen veranlaßten Vambery 
zur Verfassung des Werkes «Die primitive Kultur des turko-tata- 
rischen Volkes» (Budapest 1879), welches in seiner wissenschaft- 
lichen Wirksamkeit den Übergang vom Gebiete der Linguistik zur 
Volkskunde bezeichnet. Diese Arbeit gehört zu den gelungeneren 
Werken Vämberys, deren Ergebnisse oft mit Anerkennung ange- 
führt werden. Sie behandelt die Hnguistische Paläontologie des Tür- 
kischen, eine Aufgabe, welche hinsichtlich der finnisch-ugrischen 
Völker durch das Werk von Ahlquist «Die Kulturwörter der west- 
finnischen Sprachen» (1875) schon früher für seine Zeit mit sehr 
schönem Erfolge gelöst war. Vämberys Arbeit ist, wie es auch das 
Vorwort betont, hauptsächlich unter dem Einflüsse dieses Werkes 
entstanden, jedoch ist darin auch das Studium einiger Werke glei- 
chen Inhaltes aus dem indogermanischen Gebiete, so insbesondere 
der Werke von Theodor Pösche «Die Arier, ein Beitrag zur histo- 
rischen Anthropologie» (Jena, 1878), Viktor Hehn «Kulturpflanzen 
und Haustiere» (Jena, 1870) und Curtius «Grundzüge der griechi- 
schen Etymologie» (Leipzig, 1858) bemerkbar. In den lehrreichen 
Ausführungen der Einleitung weist V. darauf hin, wie sehr jener 
starre Konservativismus, welcher das Volksleben der Türken cha- 
rakterisiert, auch in der Sprache bemerkbar ist, so daß infolge- 
dessen die Sprache des uigurischen Sprachmonumentes Kudatku 
Bilik aus dem XI. Jahrhundert oder die eines kumanischen Kodex 
vom Anfang des XIV., einige geringe Dialekteigenheiten abge- 
rechnet, kaum irgendeine Abweichung von der heutigen Sprache auf- 
weist, und daß darum hier von einer Sprachgeschichte in dem Sinne, 



96 Ungarische Rundschau. 

wie bei anderen Sprachen, kaum die Rede sein kann. Vielleicht hängt 
mit diesem Umstände jene merkwürdige Eigenheit des türkischen 
Sprachschatzes zusammen, daß der etymologische Bau viel deut- 
licher und durchsichtiger ist, als in anderen Sprachen ; so daß selbst 
in den ältesten Elementen der Sprache in vielen Fällen die Grund- 
bedeutung und Bildung ebenso deutlich zu erkennen ist, wie in den 
ganz neuen Gebilden der Sprache. Diesbezüglich bieten die Namen 
der Körperteile ein interessantes Beispiel, bei denen wir z. B. im 
Ungarischen hinsichtlich der Wörter k e z «Hand», 1 ä b «Fuß», s z e m 
«Auge», fül «Ohr», fog «Zahn» usw., selbst durch Heranziehung 
der verwandten Sprachen die ursprünglichere Bedeutung nicht er- 
mitteln können, wohingegen es kaum zu bezweifeln ist, daß das tür- 
kische ajak, adak «Fuß» eine Ableitung des Grundwortes von 
a d - y m «Schritt», a t - 1 a - «schreiten» ist, also «den Schreitenden» be- 
deutet, ebenso wie köz «Auge» nach dem Zeugnisse der Wörter 
kör- «sehen», köz-ät-, kös-tür- «zeigen (sehen lassen)» «den 
Sehenden», ferner tutkak, dudak «Lippe» als Bildung von tut-, 
dut- «halten, fassen» «den Fassenden» (S. 28). Gleicherweise kann 
unter den Benennungen der Familienmitglieder nachgewiesen wer- 
den, daß katyn «verheiratete Frau, Weib» aus dem Zeitworte kat- 
«beifügen, verbinden» gebildet ist, also eigentlich «die zur Lebens- 
gefährtin gegebene» bedeutet, und mit derselben Endung bedeutet 
k ä 1 i n «Schwiegertochter, Schwägerin», aus dem Zeitworte k ä 1 - 
«kommen» gebildet, «(zum Hause) gekommen» Person (S. 67); wo- 
hingegen z. B. die ungarischen Wörter nö «Weib» und meny «Schwie- 
gertochter» oder die gleichbedeutenden wogulischen n e und m ä n j 
hinsichtlich ihrer Grundbedeutung, wenigstens nach unserem heuti- 
gen Wissen, nicht analysierbar sind. Treffend betont Vämbery auch 
jene Eigenart des türkischen Sprachschatzes, daß die Begriffe und 
Gegenstände der primitiven Kultur hier meistens mit ursprüngUchen 
Ausdrücken bezeichnet werden, wohingegen in den finnisch-ugrischen 
Sprachen zu diesem Zwecke bloß Lehnwörter zur Verfügung stehen. 
So sind z. B. die Bezeichnungen von «Acker», «Pflug», «Lamm», 
«Huhn», «Kessel», «Geld» usw. im Finnischen (pelto, atra,lam- 
mas, kana, kattila, penninki) skandinavischen oder lithaui- 
schen Ursprungs; im Ungarischen sind diese Wörter (tarlö, eke, 
bäräny, tyük, katlan, penz) türkischen oder slawischen Ur- 
sprungs, dagegen sind die entsprechenden türkischen Bezeichnungen 
(tarlak,sapan,kuzu,tauk,kazan,tängkä) rein türkische, 
genuine Wörter (S. 23). Die allgemeine Wahrheit dieser Behaup- 
tung kann kaum in Zweifel gezogen werden, wenn auch leicht mög- 
lich ist, daß die spätere Forschung von manchen der für echt tür- 



Mimkdcsi: Professor Hermann Vdmbäry, 1832—1913. Q7 

kisch gehaltenen Kulturwörter einen arischen oder vorderasiatischen 
Ursprung nachweisen wird. Auf den ersteren weist schon Vämbery 
hin, indem er, obzwar ohne jede Begründung, die Meinung äußert, 
'daß es einzig und allein die arische, resp. die altiranische Kulturwelt 
war, die schon im grauen Altertum auf das Türkenvolk den ersten 
bildenden Einfluß ausgeübt hatte', wie dies die Sprache beweist, in 
welcher 'die Namen der aus südlichen Breitengraden in die vermut- 
liche Urheimat importierten Gegenstände, Kleider oder Tierarten 
nie in chinesischen, aber durchweg in iranischen Fremd- und Lehn- 
wörtern anzutreffen sind' (S. 35). In den folgenden Abschnitten be- 
handelt der Verfasser einzeln alle jene Wörter, welche die Begriffs- 
kreise: Mensch und menschUcher Körper, Geschlecht und Alters- 
stadien, Familie, Haus und Hof, Hausgerät, Kleider und Stoffe, Spei- 
sen und Getränke, Jagd und Ackerbau, Handel und Gewerbe, Waffen, 
Krieg und Friede, Stände und Regierung, Poesie, Musik, Tanz und' 
Spiel, Welt, Himmel, Sterne, Sonne und Mond, Witterungsverhält- 
nisse und Himmelserscheinungen, Land und Wasser, Tier- und 
Pflanzenreich, Farben, Gott und Religion, Sittlichkeit und andere ab- 
strakte Begriffe bezeichnen, und erwähnt bei jedem einzelnen Worte 
die etymologischen Beziehungen und die aus diesen hervorgehende 
ursprüngliche Bedeutung, resp. Auffassung. An diese Ausführungen 
knüpfen sich Bemerkungen aus dem Kreise des Volkslebens und der 
Natureigenschaften Mittelasiens, welche zumeist auf persönlichen Be- 
obachtungen des Verfassers beruhen und den wertvollsten Teil des 
Werkes bilden. In den etymologischen Erklärungen wiederholen 
sich freilich oft die Fehlgriffe des Etymologischen Wörterbuches, 
und es ist ein noch größerer Übelstand, daß auch hier, wie in den 
früheren linguistischen Werken Vämberys, stellenweise imaginäre 
Angaben vorkommen. Eine solche ist z. B. das angebliche türkische 
Verbum kul- 'hören', welches, in diesem Werke in der Reihe der 
tatsächlichen sprachlichen Daten ohne Unterscheidung angeführt 
(S. 28), den Glauben erweckt, daß es in der Sprache gleichfalls wirk- 
lich vorhanden ist, wo doch aus dem betreffenden Artikel des Ety- 
mologischen Wörterbuches (Nr. 99) hervorgeht, daß es in Wirk- 
lichkeit nicht existiert, sondern bloß aus dem türkischen kul-ak, 
uigurisch k u 1 - g a k «Ohr» abstrahiert ist, unter der Voraussetzung, 
daß dessen Grundwort mit finn. k u u 1 e - , tscherem. k o 1 - , wogul. 
;j 6 1 -, ung. hall- 'hören' usw. identisch sein mag. Mehrere Autoren 
wurden durch die Behauptung Vämberys irregeführt, daß der 
'Köcher' im Türkischen einen genuinen, seiner Beschaffenheit ganz 
entsprechenden Namen habe, nämlich das kirgis. tigis von tik- 
m e k 'hineinstecken', welches Vämbery auch mit ung. t e g e z 

Ungarische Rundschau. IV. Jahrg., 1. Heft. 7 



98 Ungarische Rundschau. 

'Köcher' identifiziert (S. 120). Dieses kirgisische Wort icommt 
nämlich weder im «Cagataischen Wörterbuche», noch unter den 
ungarisch-türitischen Wortvergleichungen Vämberys vor; es ist 
auch den kirgisischen und sonstigen orientalischen Wörterbüchern 
unbekannt, in welchen überall s a d a k als türkische Bezeichnung des 
'Köchers' angegeben ist, ja selbst im Etymologischen Wörterbuche 
Vämberys ist es nicht zu finden, wo es doch wenigstens zwischen 
den Ableitungen der Verbalwurzel t i k - 'stecken' (Nr. 202) ange- 
führt sein müßte. Unter solchen Umständen kann man nicht den 
Verdacht für unberechtigt halten, daß dieses kirgisische t i g i s 
'Köcher' vielleicht nur ein Phantasiegebilde oder ein Gedächtnis- 
fehler des Verfassers ist, d. h. seine Existenz nur der Annahme ver- 
dankt, daß das ungarische Wort tegez 'Köcher' auf türkischem 
Boden durch das türkische Verburn tik- «hineinstecken» gut erklärt 
werden könnte. Wir könnten über diese Frage lange nachsinnen, 
wenn uns Vämbery selbst nicht auf die Spur führen würde da- 
durch, daß er auf eine Stelle, wo das betreffende kirgisische Wort 
vorkommt, folgendermaßen verweist : «kirg. t e g e s = 'Köcher' (vgl. 
Radioff Kirg. Sprichwörter, Text, Band III, S. 1), eigentlich: 
Geschirr, in welches man irgendetwas hineinlegt, entstammt aus der 
Wurzel tig-, teg-, tik- 'hineinstecken'» (Ursprung der Ma- 
gyaren, S. 635). Indem wir die zitierte Stelle nachschlagen, finden 
wir daselbst richtig das Wort t eg ä s, doch zu unserer Überraschung 
wird als Bedeutung desselben nicht 'Köcher', sondern 'Schale' an- 
gegeben (vgl. Budenz: Nyelvtud. Közl. 18:10); die Übersetzung des 
kirgisischen Textes lautet: 'Trittst du bei Vornehmen ein, wird 
vor dem Mächtigen Speise in den Napf gegossen, as kujundu 
tegäskä'. Auch ist uns eine Version dieses kirg. teg äs 'Schale' 
(vgl. Radioff: Wörterbuch der türk. Dialekte, 111:1033) im tobol- 
skisch-tatarischen tigäc 'Schale, Schüssel' (ebd. 111:1353 und in 
Budagows Wörterbuch, 1:416) bekannt, sowie ein anderes Wort aus 
demselben Stamme im kirgisischen t e g ä n ä , kumanischen t ä g ä n ä 
'große Holzschale' (ebd. 111:1031), ferner im osmanischen und ost- 
türkischer täknä 'großes Holzgeschirr, Trog', welch letzteres 
Wort als Entlehnung im ungarischen t e k n ö 'Trog' vorliegt. Ein 
solches Verfahren in der Mitteilung von sprachlichen Angaben kann 
bei den Fachkundigen Mißtrauen hinsichtlich aller jener Angaben 
Vämberys erwecken, welche aus sonstigen Quellen nicht bekannt 
sind, wenn dahinter irgend etwas linguistisch Interessantes steht. 
Derartig ist z. B. auch jene Behauptung, daß die Özbegen der drei 
Khanate statt der gemeintürkischen Zahlwörter s e k i z «acht» und 
t o k u z «neun» diese Ausdrücke benützen : i k e k e m o n «zehn weni- 



Munkäcsi: Professor Hermann Vdmbäry, 1832—1913. 99 

ger mit zwei» und bir kemon «zehn weniger mit eins» (S. 115), wo 
es doch kaum anzunehmen ist, daß die Herausgeber der Wörterbücher 
und Sammler des osttürkischen Sprachmaterials diese außerordent- 
Hch interessanten und lehrreichen Ausdrücke außer acht gelassen 
hätten, wenn dieselben irgendwoher in der Literatur nachgewiesen, 
oder in der Gemeinsprache bekannt wären. Vämbery vertraute all- 
zusehr seinem Gedächtnisvermögen, und es ist sehr leicht möglich, 
daß in diesem Falle und in anderen ähnlichen Fällen hierin die Ur- 
sache seiner Fehlgriffe war ; oder aber hatte seine Phantasie unter 
der Einwirkung seiner Lektüre das Ungewisse zur Wirklichkeit belebt. 

Während dieser linguistischen Studien interessiert sich Vämbery 
lebhaft auch für die osttürkische Literatur. Dies bezeugt eine eben- 
falls im Jahre 1879 erschienene Abhandlung «Über die Sprache der 
Turkomanen», in der 30 Gedichte und Fragmente aus dem Divan 
des turkomanischen Volksdichters Mahdumkuli aus dem XVIIL Jahr- 
hundert nebst Übersetzung und Anmerkungen mitgeteilt sind 
(Nyelvtud. Közl. Bd. XV). Die Einleitung charakterisiert den Dichter 
und sein Werk und gibt eine kurze Schilderung über die Sprache 
der Turkomanen, nach welcher dieser türkische Dialekt in seinen 
Haupteigenschaften mit dem osmanisch-türkischen übereinstimmt. 
Dieser Umstand wäre ein Zeugnis dessen, daß der gemeinsame Ur- 
sprung dieser beiden Völkerschaften, der Turkomanen und Osmanen, 
im historisch berühmten Stamme der Seldschuken zu suchen ist. 

Mit eifrigem Interesse beschäftigte sich Vämbery zu dieser Zeit 
auch mit den Fragen der ungarischen Ethnologie, welche er mit den 
einleitenden Bemerkungen seiner «Ungarisch - turkotatarischen 
Wortvergleichungen» durchaus nicht für erledigt betrachtete. Schon 
hier hat er seine Grundansicht angedeutet, nach welcher das ungari- 
sche Volk, ebenso wie die ungarische Sprache, aus einer Verschmel- 
zung finnisch-ugrischer und türkischer Elemente entstanden ist, also 
eine derartige Formation darstellt, wie das aus türkisch-slawischer 
Mischung entstandene bulgarische Volk oder der in den Hindukusch- 
tälern wohnhafte Volksstamm der Hezaren, welcher, durch Timur 
daselbst angesiedelt, seine ursprüngliche mongolische Sprache mit 
der persischen vertauschte (Nyelvtud. Közlem. VIII :117). Die aus- 
führliche Begründung dieses Gedankens bildet das Hauptthema in 
dem großzügigen Werke Vämberys «Der Ursprung der Magyaren. 
Eine ethnologische Studie. Leipzig 1882» («A magyarok eredete. 
Ethnologiai tanulmäny. Budapest, 1882»), welches trotz zahlreicher 
Fehler zu den bedeutendsten Schöpfungen auf dem Gebiete der 
ungarischen Urgeschichte gehört. Die Einleitung dieses Buches be- 
handelt den Ursprung der Skythen und Saken, die die Türken des 



100 Ungarische Rundschau. 

Altertums gewesen sein sollten, sowie auch der Hunnen, Awaren, 
Bulgaren, Chasaren und Petschenegen, mit besonderer Berücksichti- 
gung nicht bloß der diesbezüglichen Berichte der orientalischen und 
byzantinischen Schriftsteller, sondern auch der in den Personen- und 
Ortsnamen sowie in den Würdentiteln erhaltenen Sprachdenkmäler, 
aus welchen klar hervorgeht, daß die Hauptmasse und die regierende 
Klasse dieser Völker türkisch war. In ihrem ethnischen Charakter 
gleichen die Ungarn vollkommen den übrigen Stämmen der Völker- 
wanderung, und ihr Türkentum kann um so weniger bezweifelt wer- 
den, da Ibn Rosteh ganz deutlich bezeugt, daß «die Ungarn zum Ge- 
schlecht der Türken gehören» und Constantinus der Purpurgeborene 
sie gar nicht anders als bloß Tovqxoi benennt. Viele ehemalige unga- 
rische Personennamen und einige Würdenbezeichnungen können 
gleichfalls am geeignetsten aus dem Türkischen erklärt werden. Als 
dieser Ansicht widersprechender Umstand kann höchstens nur die 
heutige ungarische Sprache in Betracht kommen, deren finnisch- 
ugrischer Ursprung nämlich durch die wissenschaftliche Forschung 
der letzten Jahrzehnte einstimmig und mit voller Entschiedenheit 
festgestellt wurde. Nach Paul Hunfalvy folgt hieraus mit unbe- 
dingter Bestimmtheit, daß auch das ungarische Volk finnisch-ugri- 
schen Ursprunges sei, denn wie er in seinem berühmten Werke 
«Ethnographie Ungarns» (1876) betont, 'ist die Sprache die Seele 
der Nation, die Geschichte der Sprache ist die Geschichte des Volks- 
geistes; zugleich deutet die Sprache die Z/ugehörigkeit, Verwandt- 
schaft, Stellung eines Volkes zu den andern Völkern in unfehlbarer 
Weise an' (in der ungarischen Ausgabe S. 221). Demgegenüber be- 
hauptet Vambery, sich auf Peschel und andere Autoritäten berufend, 
daß die Sprache als Grundlage der ethnischen Klassifizierung durch- 
aus nicht von ausschlaggebender Bedeutung ist, vielmehr 'ist die 
Zahl derjenigen Kulturvölker, welche im Laufe ihrer historischen 
Entwicklung ihre Sprache entweder ganz umändert oder mit frem- 
dem Wortschatze bereichert haben, viel größer als die Zahl der- 
jenigen Völker, welche ihre mit historischer Bestimmtheit nach- 
weisbare ehemalige Nationalsprache bewahrten» (S. 217). Die 
Zeugenschaft der Sprache kann hinsichtlich der Frage nach dem Ver- 
wandtschaftsverhältnisse zwischen den Völkern bloß als ein Moment 
in Betracht kommen, jedoch sind wir keineswegs berechtigt, bloß 
aus dem Gepräge der heutigen Sprache irgend eines Volkes auf die 
Urzeit oder auf den Ursprung dieses Volkes in allen jenen Fällen 
Schlußfolgerungen zu ziehen, in welchen die Zeugnisse der Ge- 
schichte und die ethnographischen Erscheinungen den Zeugnissen 
der Sprache widersprechen. Nach Vämberys Meinung kann der tür- 



Mimkäcsi: Professor Hermann Vämb&ry, 1832—1913. 101 

kische Ursprung des ungarischen Volkes infolge der zweifellosen 
geschichtlichen und ethnographischen Beweise auch in dem Falle als 
sicher betrachtet werden, wenn man die Sprache auch tatsächlich 
mit einer jede andere Annahme ausschließenden Gewißheit als 
finnisch-ugrisch bezeichnen müßte; er bestreitet jedoch, daß diese 
Gewißheit so fest wäre, daß sie durch keinerlei Zweifel und Ein- 
wände wankend gemacht werden könnte (S. 220). Deshalb beginnt 
er einen titanenhaften Streit mit den beiden anerkannten Größen 
der ungarischen Linguistik, Hunfalvy und Budenz, und obzwar seine 
Kampfrüstung unvergleichlich schwächer als diejenige seiner Gegner 
ist, trifft er oft die verwundbaren Stellen derselben. Seine Beschul- 
digung richtet sich hauptsächlich gegen die ungarischen Sprach- 
forscher, die nach seiner Meinung in ihren Wortvergleichungen 'dem 
finnisch-ugrischen Sprachschatze viel mehr Aufmerksamkeit als dem 
turko-tatarischen zugewendet haben' und demzufolge sie auch ihr 
Urteil hinsichtlich des Ursprungs der ungarischen Sprache Mn ein- 
seitiger und übereilter Weise' gebildet haben (S. 240—41). Nach 
einer kurzen Übersicht der phonetischen und morphologischen Eigen- 
schaften der ungarischen Sprache gelangt er zu dem Schlüsse, daß 
diesbezügliche Übereinstimmungen im Türkischen in gleichem Maße 
nachgewiesen werden können als in den finnisch-ugrischen Spra- 
chen; infolgedessen muß die ungarische Sprache schon aus diesem 
Grunde 'streng genommen als ein ergänzender Teil der beiden 
Hauptgruppen betrachtet werden, und man kann sie hinsichtlich 
eines engeren Verwandtschaftsgrades weder zur einen noch zur 
anderen Gruppe hinzurechnen', mit anderen Worten: sie ist 'eine 
Mischsprache' (S. 230). In dieser Auffassung wird Vämbery noch 
mehr bestärkt durch die etymologische Untersuchung des Sprach- 
schatzes, zu welchem Zwecke er in einem voluminösen Anhang 
seines Werkes das Material des Budenzschen Ungarisch-ugrischen 
vergleichenden Wörterbuches einer strengen Kritik unterzieht, und 
nachdem er einen beträchtlichen Teil desselben als unhaltbare Ver- 
gleichung verwirft, kommt er zu dem Schlüsse, daß 'ungefähr zwei 
Drittel des ungarischen Wortschatzes in engem Zusammenhange mit 
dem türkischen Wortschatze steht, und kann bloß mit Hilfe des letz- 
teren etymologisch analysiert und aufgeklärt werden'. Dieser Um- 
stand beweist nach seinem Dafürhalten 'unverkennbar, daß der 
ungarische Wortschatz in einem näheren und engeren Verwandt- 
schaftsverhältnisse zum turko-tatarischen, als zum finnisch-ugrischen 
Wortschatze steht' (S. 252). Zur Begründung dieser Behauptung 
dient jener meisterhaft bearbeitete und den Laien vollends be- 
stechende Abschnitt seines Werkes, in welchem er die Kulturwörter 



102 Uw^ arische Rundschau. 

nach ihren Begriffskreisen gruppiert darstellt und nachweist, daß 
die Ausdrücke der primitiven Beschäftigungen, insbesondere des 
Ackerbaues, der Viehzucht sowie des Nomadenlebens im Ungari- 
schen größtenteils türkischen Ursprungs sind, und zwar sind diese 
Ausdrücke nach seiner Ansicht nicht Lehnwörter, wie es die Ver- 
fechter der finnisch-ugrischen Herkunft behaupten, sondern ur- 
sprüngliche, angestammte Wörter aus der längstverflossenen Ur- 
zeit der Sprache (S. 275). 

Infolge all dieser Gründe behauptet Vämbery, daß das ungarische 
Volk türkischen Ursprungs ist, als solches 'gleich einem Wachtposten 
in den nördlichen und nordöstlichen Grenzgebieten der turko-tatari- 
schen Stämme auf dem Berührungspunkte mit den ugrischen Völ- 
kern wohnte, daher tiefgehende Spuren des Verkehrs mit ugrischen 
Völkern aufweist' (S. 419. Seine Meinung weicht also wesentlich 
von der Ansicht Hunfalvys ab, wonach das ungarische Volk gerade 
im Gegenteil finnisch-ugrischen Ursprungs ist, als solches im süd- 
östlichen Winkel des ugrischen Völkergebietes in der unmittelbaren 
Nachbarschaft der Türken wohnte und infolge des anhaltenden und 
innigen Verkehrs mit diesen prägnante Spuren des türkischen Ein- 
flusses zeigt. Aus dem Umstände, daß die Übereinstimmungen der 
finnisch-ugrischen Elemente der ungarischen Sprache in der ganzen 
finnisch-ugrischen Sprachgruppe zerstreut, d. h. teils im Wogulisch- 
Ostjakischen, teils im Finnisch-Lappischen, teils anderwärts vor- 
kommen, folgert Vämbery, daß die türkisch-ungarische Sprache 
'diesen finnisch-ugrischen Wortschatz bloß in jener, aller histori- 
schen Berechnung fernstehenden Urzeit sich angeeignet haben 
konnte, als die Zweige der heute und gewiß auch schon vor Christi 
Geburt abgesondert und geographisch weit von einander zerstreut 
lebenden finnisch-ugrischen Stämme noch eine Volkseinheit bildeten» 
(S. 420). Der Mischcharakter der ungarischen Sprache ist also un- 
gemein alt. 

Mit dieser Theorie sucht Vämbery nicht bloß die Urzeit des unga- 
rischen Volkes, sondern auch dessen geschichtliche Entwickelung, 
sowie dessen Charakter und Geisteswelt zu erklären. Selbst die 
Grundlagen der Zukunft der ungarischen Nation erblickt Vämbery 
hierin. In den letzten Ausführungen seines Werkes weist er mit 
gleichsam dichterischem Schwünge auf jene Liebe und Anhänglich- 
keit hin, mit welcher das Ungartum seine nationale Eigenart infolge 
jener sittlichen Kräfte, welche es aus der Nomadenzeit seiner türki- 
schen Urahnen erbte, treu bewahrt hat, in einer Weise, Svie es bei 
keiner anderen Nation der Fall ist, welche aus der asiatischen 
Steppenwelt in die kultivierten Gegenden Asiens und Europas ver- 



Munkdcsi: Professor Hermann Vätnbery, 1832—1913. 103 

pflanzt wurde'. 'Jene sittliche Kraft, so lauten seine Worte, welche 
die Ungarn über Petschenegen, Kumanen, Chasaren und die übrigen 
Stammverwandten und Fremden in Pannonien zur Herrschaft ge- 
langen ließ, dieselbe Kraft lebt in den Magyaren, welche sich in- 
mitten der ihnen an Zahl überlegenen Volkselemente der Slawen, 
Rumänen und Germanen erhalten haben, auch nach tausend Jahren 
ungeschwächt. Das Talent zur Bildung eines Staates fehlte zwar 
auch bei den anderen Völkern turko-tatarischen Ursprungs nicht; 
saßen doch bis zur Neuzeit auf den Thronen Asiens von China 
bis zum Balkan hauptsächlich turko-tatarische Herrscher, und solche 
nehmen teilweise noch heutzutage diese Throne ein; jedoch bewahrte 
bloß das Ungartum seine staaterhaltende Macht. Das Ungartum 
hatte sich, trotzdem es asiatischen, resp. turko-tatarischen Ur- 
sprungs ist, in Europa eingebürgert, hatte sogar diesem Erdteile 
wichtige Dienste geleistet und ist dazu berufen, während der un- 
ausbleiblichen Umgestaltungen im Osten unseres Erdteiles noch 
wichtigere Dienste zu leisten' (S. 457). — Eine weitblickende poli- 
tische Prophezeiung ist in diesen Worten ausgesprochen! 

Es ist wohl verständlich, daß dieses Werk eine begeisterte Auf- 
nahme bei dem ungarischen Publikum gefunden hat. Jene Ehrun- 
gen, welche Vämbery bei seiner Rückkehr von seiner asiatischen 
Reise von seiner Nation erhofft hatte, wurden ihm erst jetzt zuteil, 
als er, das Versprechen seiner Jugend erfüllend, bewiesen hatte, 
daß seine osttürkischen Studien tatsächHch viele und bedeutende 
Resultate zur Aufklärung der ungarischen Urgeschichte ergaben. 
Die Tageszeitungen priesen Vämberys Buch als ein nationales Er- 
eignis, und unter den ungarischen Gelehrten waren insbesondere 
die Historiker höchhch erfreut, daß ein Schriftsteller von europäi- 
schem Ruf statt der kleinen und unbedeutenden finnisch-ugrischen 
Völkerchen das kriegerische und welterobernde türkische Volk in 
die nächste Verwandtschaft des Ungartums stellte. Die blendende 
Wirkung, welche im Werke Vämberys die tendenziös einseitige 
Gruppierung der historischen, ethnographischen und sprachlichen 
Beweise, sowie die anziehende Leichtigkeit des Vortrags ausübte, 
wurde noch dadurch ungemein gesteigert, daß die ganze Richtung 
des Buches der nationalen Eitelkeit huldigte, ja sogar mit patheti- 
schem Schwünge jene historischen Träumereien verteidigte, deren 
Unhaltbarkeit die historische Forschung längst bewiesen hat. Trotz 
der in mehreren Arbeiten dargelegten triftigen Beweise Hunfalvys, 
nach welchen sämtliche Angaben der alten ungarischen Chronisten 
über eine historische Verbindung der Ungarn mit den Hunnen, 
nichts weiter als Märchen und ebenso alle ihre diesbezüglichen Er- 



104 l'ugarische Rundschau. 

Zählungen Erdichtungen sind, welche nicht aus einer ungarischen 
mündlichen Tradition, sondern aus deutschen literarischen Quellen 
herrühren: unterrichtet uns Vämbery in seinem neuen Werke dar- 
über, daß Hunnen und Magyaren Abkömmlinge desselben Volks- 
stammes sind, daß die Teilnahme der Ungarn an den Wanderungen 
der Hunnen 'kaum zweifelhaft sein kann', daß — wie es in der Chro- 
nik heißt — in den Sagen und Liedern der landnehmenden Ungarn 
das Andenken der ruhmvollen Taten ihrer mit Attila in den Krieg 
ziehenden Vorfahren fortdauerte, daß es sogar 'überhaupt undenk- 
bar' wäre, daß diese Überlieferung 'bei den Ungarn verblaßt, oder 
gar in Vergessenheit geraten, und nicht eine der Beweggründe ge- 
worden wäre, als sie ihre Urheimat verließen und eine neue Heimat 
suchten' (S. 424). Durch derartige Behauptungen schmeichelte 
Vämbery außerordentlich dem ungarischen Rassenbewußtsein, und 
es ist kein Wunder, daß die erste Auflage seines Werkes angeblich 
schon binnen drei Tagen vergriffen war, weshalb in Bälde eine zweite 
Auflage herausgegeben werden mußte, aus welcher jedoch der fach- 
wissenschaftliche und das große Publikum weniger interessierende 
linguistische Anhang weggelassen wurde. Auch die Ungarische Aka- 
demie der Wissenschaften würdigte die populäre ethnologische 
Theorie einer Anerkennung, als sie Vämbery betraute, in ihrer Fest- 
sitzung im Jahre 1886 über einen, mit dem Ursprung der Ungarn in 
Beziehung stehenden Gegenstand einen Vortrag zu halten. 

Dieser tobende Taumel erweckte im Kreise der gelehrten Anhänger 
Hunfalvys und der Schüler Budenz' Verstimmung und Überraschung, 
und ohne jede vorherige Verabredung erachteten es unter ihnen alle, 
die sich mit dem Studium des Türkentums befaßt haben, als ihre 
Pflicht, die Ehre ihrer wissenschaftlichen Bestrebungen und die 
bestrittenen Wahrheiten ihrer angegriffenen Meister zu verteidigen. 
Aus der kleinen Schaar der Verfechter der türkengegnerischen Mei- 
nung begann als erster der Schreiber dieser Zeilen den Kampf gegen 
Vämberys Theorie mit einem im Feuilleton der Tageszeitung «Pesti 
Naplö» vom 23. September 1882 unter dem Titel «Es beginnt der 
Krieg!» erschienenen Artikel, welcher in der Tagespresse eine Ent- 
rüstung hervorrief, wie wenn ein festverderbendes Attentat be- 
gangen worden wäre. Alsbald wurde der Streit mit mächtigeren 
Kampfesmitteln weitergeführt. In der Akademie der Wissenschaften 
begann Budenz in der Novembersitzung 1882 eine Reihe von Vor- 
trägen unter dem Titel: «Antwort. Linguistische Bemerkungen zum 
Werke Vämberys über den Ursprung der Ungarn», in welchen er 
das kritische Verfahren seines Gegners in scharfer Weise beleuchtet 
und hauptsächlich darauf hinweist, daß 'ein bedeutender Teil seiner 



Mimkäcsi: Professor Hermann Vämbery, 1832—1913. 105 

türkischen Angaben teils hinsichtlich der Wortform, teils hin- 
sichtlich der Bedeutung von der bisherigen Kenntnis des Türkischen 
abweicht, und zwar derart, daß durch diese Abweichung die betref- 
fende Angabe in allen Fällen zur Vergleichung mit dem Ungarischen 
geeigneter wird, als es laut den bisherigen Kenntnissen war'. Gleich- 
zeitig erschien eine Reihe von Artikeln über Vämberys Buch von 
mir in der Zeitschrift «Magyar Nyelvör» (1882—83) unter dem Titel 
«Der Ursprung der ungarischen Sprache». Zu Anfang des Jahres 
1883 tritt auch Hunfalvy in die Kämpferlinie mit der akademischen 
Abhandlung «Ist die ungarische Nation ugrischen oder turko-tatari- 
schen Ursprungs?», welche mit mehreren Zusätzen auch deutsch er- 
schienen ist unter dem Titel «Vämberys Ursprung der Magyaren» 
(Wien und Teschen, Verlag von Karl Prochaska, 1883). Die letzte 
Veröffentlichung wurde durch die deutsche Ausgabe des Vämbery- 
schen Werkes veranlaßt und hatte zum Zwecke, das in dieser Streit- 
frage zur Stellungnahme aufgeforderte deutsche Publikum in ent- 
sprechender Weise zu orientieren. 

In diesen Arbeiten beschwert sic.i Hunfalvy erbittert darüber, daß 
Publikum und Tagespresse fortwährend eine ungerechtfertigte Ab- 
neigung gegen die Idee der finnisch-ugrischen Sprachen- und 
Stammesverwandtschaft bekunden. Sodann zur Kritik der Beweise 
Vämberys übergehend, findet er, daß die Theorie vom türkischen 
Ursprünge der Ungarn sich hauptsächlich auf drei Argumente stützt. 
Das erste ist, daß die orientalischen und byzantinischen Quellen die 
Ungarn als Türken bezeichnen; dieses grundlegende Argument 
entkräftet jedoch Vämbery selber, indem er an einer anderen Stelle 
seines Werkes (S. 145) darauf hinweist, daß Mm XII. und XIII. Jahr- 
hundert die Muselmanen Europa und deren Bewohner bloß mit dem 
Sammelnamen Frends oder Efrends bezeichneten, welche Be- 
zeichnung aus einer Reminiszenz auf das fränkische Reich Karls des 
Großen entstanden ist', und fügt dieser Bemerkung hinzu, daß 'zur 
Zeit Konstantins und Leos auch der Volksname «Turk» derart an- 
gewendet wurde, und dies mag die einzige Ursache gewesen zu sein, 
derzufolge die damals noch unbekannten Ungarn mit dem ihnen zu- 
kommenden Sammelnamen als «Türken» bezeichnet wurden'. Das 
zweite Argument folgt aus jenem ethnischen und gesellschaftlichen 
Gegensatze »welcher zwischen den 'friedliebenden, mit Fischerei und 
Wieseljagd beschäftigten' Ugriern und zwischen den nomadischen, 
kriegerisch gesinnten Magyaren so auffallend ist und welcher den 
türkischen Ursprung der letzteren in solch entschiedener Weise be- 
kräftigt, daß 'eine entgegengesetzte, den finnisch-ugrischen Ur- 
sprung behauptende Meinung aus dem Kreise der Kombinationen 



106 L')iii<irisclic Rit)i(lscli(iii. 

vollends auszuschließen ist'. Demgegenüber weist Hunfaivy darauf 
hin, daß auch die Vorfahren der Ungarn, laut den übereinstimmenden 
Zeugnissen der orientalischen Quellen und der ungarischen Chroni- 
sten, sich mit Fischerei und Jagd beschäftigten, und auch in ihrer 
gegenwärtigen Heimat erwarben sie anfangs ihren Lebensunterhalt 
eher durch Fischerei, Jagd und Viehzucht, als durch den Ackerbau. 
Anderseits ist jedoch auch jene Auffassung durchaus irrig, wonach 
irgendein Volk unter veränderten geographischen und gesellschaft- 
lichen Verhältnissen bloß jene Lebensweise fortführen könnte, an 
welche es sich in seiner ursprünglichen Heimat gewöhnt hatte. Die 
Nachkommen des Dschingiz-Chan in Peking und der Osmanen in 
Stambul bedienen sich nicht derselben Gebräuche, Sitten und Institu- 
tionen wie ihre Vorfahren auf den mittelasiatischen Steppen. Anderer- 
seits kann auch das nicht angenommen werden, daß die auf einem 
weiten geographischen Gebiete sich verbreitenden finnisch-ugrischen 
Völker sämtlich und zu jeder Zeit dieselbe Lebensweise geführt hät- 
ten, und daß zwischen ihnen, ebenso wie bei anderen Völkerschaften, 
friedliche und kriegerische, starke und schwache Volksstämme nicht 
gleicherweise existiert hätten. Das dritte Argument, aus welchem 
Vämbery den türkischen Ursprung der Ungarn folgert, ist das Zeug- 
nis der Sprache. In der Theorie schätzt Vämbery die Sprache als 
Grundlage und Mittel einer Klassifizierung der Völker sehr gering 
und betont öfters, daß mit Hilfe der Sprache der Ursprung und 
die Urheimat eines Volkes nicht ermittelt werden kann. In der 
Praxis dagegen schätzt er die ethnologischen Zeugnisse der Sprache 
sehr hoch ein, ja, sogar der überwiegende Teil seines Werkes be- 
steht aus Linguistik, aus welcher Quelle er seine schätzbarsten Be- 
weise schöpft dafür, daß der Stamm der Ungarn türkisch ist, wie 
auch seiner Ansicht nach Mer ungarische Wortschatz in einer näheren 
und engeren Verwandtschaft zum turko-tatarischen als zum finnisch- 
ugrischen Wortschatze steht'. Doch fällt Hunfaivy ein sehr ungünsti- 
ges Urteil über den Wert dieser türkisch-ungarischen Sprachver- 
gleichung. Nach diesem ist Vämbery 'in der ungarischen Sprach- 
wissenschaft unbewandert' und 'verfährt leichtfertig auch mit den 
türkischen Sprachen' ; infolgedessen kann er 'seinen Etymologien und 
Kulturklügeleien, von woher immer das Material zu diesen geschöpft 
sein möge, nicht viel Vertrauen schenken'. In seiner deutschen Arbeit 
knüpft Hunfaivy an diese Erörterungen noch fünf einleitende Kapitel, 
in welchen die auf die Skythen, Hunnen, Awaren und Bulgaren be- 
züglichen Abschnitte kritisiert und insbesondere die gewaltsamen 
Erklärungen der Personennamen mißbilligt werden. Dieser ergän- 
zende Teil behandelt außerdem einen Zeitungsartikel von Aurel 



Mimkäcsi: Professor Hermann Vämbery, 1832—1913. 107 

Török, in welchem anläßlich des Erscheinens des Vämberyschen 
Werkes die Tendenz desselben mit großer Anerkennung besprochen 
und auf die Wichtigkeit der anthropologischen Erforschung in ethno- 
logischen Fragen hingewiesen wird. Hunfalvy ist der Meinung, daß 
die anthropologischen Umstände bei ethnologischen Forschungen 
nicht von Bedeutung sein können, da sie bloß den physischen Bau 
des Menschen bestimmen, wo doch mit derselben Sprache und der- 
selben Kultur sich Menschen zu einer einheitlichen Nation zusammen- 
schließen können, bei denen Schädelumfang, Auge, Haupthaar, Haut- 
farbe, Körperbau große Verschiedenheiten und Abweichungen auf- 
weisen. Wenn auch die Anthropologie bei Finnen, Esten und Basch- 
kiren zwei verschiedene Typen feststellt und wenn sie auch die 
Szekler von den Ungarn absondert, so bilden doch diese unzweifel- 
haft eine einheitliche Nation. 

Nun traten von beiden Seiten neue Kämpfer auf dem Kriegsfelde 
auf. Josef Szinnyei veröffentlicht im Jahrgang 1883 der Zeitschrift 
«Philologiai Közlöny» unter dem Titel «Der Ursprung der ungari- 
schen Sprache» seine lehrreichen Bemerkungen zum linguistischen Teile 
des Vämberyschen Werkes und beweist ausführlich, daß das in dem- 
selben befolgte etymologische Verfahren unmethodisch ist, und daß 
auch die Angaben nicht verläßlich sind, da sie in vielen Fällen im 
Interesse der Vergleichung willkürlicherweise umgestaltet sind. 
'Vämbery konnte das auf festem Fundamente stehende Gebäude, 
welches er umstürzen wollte, nicht einmal wankend machen' — so 
lautet sein zsammenfassendes Urteil. 'Vämberys Buch — heißt es 
an einer anderen Stelle — gefiel dem PubHkum nicht darum, weil 
es die Frage nach dem Ursprung der Ungarn auf wissenschaftlicher 
Grundlage behandelt, sondern weil es diese Frage in einer der natio- 
nalen Eitelkeit schmeichelnden Weise löste. Anderseits aber — so 
fährt er fort — ist Vämberys Buch so geschickt verfaßt, daß es den 
Laien vollständig überzeugt ; die türkische Verwandtschaft der unga- 
rischen Sprache ist darin so evident und handgreiflich dargestellt, 
daß der Leser darüber erstaunen und sich über diejenigen verblen- 
deten Gelehrten ein sehr sonderbares Urteil bilden muß, welche seit 
drei vollen Jahrzehnten die ungarische Sprache in jeder Richtung 
durchforscht und auch die türkischen Sprachen studiert haben, und 
trotz der glänzenden Beweise der letzteren hartnäckig an ihrer Mei- 
nung festhalten, daß die ungarische Sprache nicht türkischer, son- 
dern ugrischer Art ist.' In der Polemik nimmt ferner Ferdinand 
Barna teil mit seiner gehaltvollen Abhandlung «Kritik einiger Behaup- 
tungen des Vämberyschen Werkes über den Ursprung der Magya- 
ren» (1884), welche in der Akademie der Wissenschaften verlesen 



108 Ungarische Riinci schau. 

wurde. Als Verfechter des Vämberyschen Standpunktes treten auf: 
Karl Pozder, der in einer Rezension (Philologiai Közlöny, 1883) das 
Vämberyschc Buch «epochemachend» nennt und insbesondere die 
«achtunggebietende Unparteilichkeit» des Verfassers hervorhebt; 
ferner Joseph Thury, der in seinen Abhandlungen «Die Methoden 
unserer Ethnologie» (ebd.), «Die ugrisch-ungarische Theorie» (ebd. 
1884) und «Die Apologie des türkischen Wortschatzes» (ebd. 1885) mit 
gründlichen Kenntnissen die türkische Theorie verteidigt und über die 
Richtung der Forschungen von Hunfalvy und Budenz wiederholt das 
Todesurteil ausspricht mit den Worten Catos : Censeo Carthaginem 
esse delendam! Endlich würdigt Heinrich Marczali im Jahrgang 1883 
der Zeitschrift «Budapesti Szemle» aus historischem Gesichts- 
punkte Vämberys Werk, welches er ^außerordentlich wertvoll', 
'ausgezeichnet und geistvoll' nennt und darin insbesondere den Ab- 
schnitt über die 'Kultuimomente' hervorhebt, durch welchen *Väm- 
bery sich einen vornehmen Platz unter den berufensten Forschern 
des ungarischen Sprachgeistes erworben hat'. Bezüglich der histori- 
schen Teile des Werkes lautet das Urteil Marczalis minder beifällig. 
'Die historische Methode des Werkes ist strengen Anforderungen 
eben nicht entsprechend' — so urteilt er an einer Stelle und bemän- 
gelt am meisten, daß Vämbery trotz seiner Grundansicht, die 
Sprache könne hinsichtlich der Verwandtschaft nicht entscheiden, 
seine Hauptargumente doch aus der Sprache schöpft. 'Daß die 
Awaren, Hunnen, Chazaren usw. ebenso wie die Ungarn türkischen 
Ursprungs sind, wird aus rein sprachlichen Gründen bewiesen. Wenn 
auch stellenweise schöne und zutreffende Bemerkungen über das 
Leben auf der Steppe und über die Völker Mittelasiens mitgeteilt 
sind, wird dennoch das Hauptgewicht auch hier auf die sprachlichen 
Erscheinungen gelegt. In den historischen Quellen interessieren ihn 
am meisten die Namen, aus welchen er den türkischen Ursprung der 
Ungarn beweist; anderseits tritt auch in der Charakteristik der 
Kulturzustände die Sprache, die Erörterung der Namen immer in 
den Vordergrund.' Marczali schätzt die Beweiskraft der ethnographi- 
schen Analogien nicht hoch ein, denn 'beinahe alle Ausführungen 
Vämberys zur Charakteristik des mittelasiatischen Türkentums 
machen auf ihn den Eindruck, als ob alle diese Angaben für die Mon- 
golen, ja sogar für die finnisch-ugrischen Stämme ebenso zutreffend 
wären, wie für die Türken'. An diese Kritik Marczalis, welche unter 
dem Titel «Vämberys Werk über den Ursprung der Magyaren» er- 
schienen ist, knüpfte Hunfalvy, ebenfalls im Jahrgange 1883 der 
«Budapesti Szemle» einige Bemerkungen, in welchen er einige Be- 
hauptungen des ersteren mißbilligt. 



Mtmkäcst: Professor Hermann Vämbery, 1832-1913. 109 

Jedoch unterließ es auch Vambery nicht, seinen Gegnern zu ant- 
worten .Im folgenden Jahre, 1884, verlas er in der Akademie zwei 
ausführliche Abhandlungen unter dem Titel «Der Ursprung der Ma- 
gyaren und die finnisch-ugrische Sprachwissenschaft», in welchen er 
sich mit den kritischen Bemerkungen Hunfalvys und Budenz' aus- 
einandersetzt. Vämbery Hefert auch in diesen Abhandlungen 
Meisterstücke schriftstellerischer Kunst und gewandter Dialektik, 
und wer diese Streitschriften nicht sehr aufmerksam und mit ent- 
sprechender Fachkenntnis durchlas, mußte aus denselben den Ein- 
druck gewinnen, daß hier sämtliche, bisher gewonnenen Resultate 
der ungarischen vergleichenden Sprachwissenschaft und ethnologi- 
schen Forschung einer vernichtenden Kritik anheimgefallen sind. Auf- 
fallend ist der scharfe und gereizte Ton, den Vämbery in dieser Pole- 
mik gegen seine Widersacher anschlägt. Nachdem er alles nieder- 
gestampft, faßt er sein Endurteil im Ausdruck seiner ^festen Über- 
zeugung zusammen, es werde eine Zeit kommen, in welcher die 
ungarische Wissenschaft beschämt auf diese ihre Epoche zurück- 
blicken wird' — auf jene nämlich, in welcher Hunfalvy und Budenz 
wirkten. Am Ende wendet sich Vämbery mit folgenden Worten an 
das Publikum: 'Der Unglaube und die Antipathie, mit welcher die 
Mehrheit des ungarischen Publikums die von Hunfalvy erreichten 
Resultate empfing, war im Grunde durchaus gerechtfertigt, und die 
Ursache hievon war nicht irgendein Eitelkeitsgefühl, sondern die 
nüchterne Einsicht, das instinktive, auf nationalen Traditionen be- 
ruhende, richtigere Urteil. Ich hoffe — so setzt er fort — , daß meine 
Kompatrioten auch künftighin behutsam sein werden und ihre aus 
geheiligter nationaler Tradition entsprungene und durch nüchterne 
Einsicht gebilligte Überzeugung den Hirngespinsten theoretisieren- 
der Gelehrten nicht aufopfern werden; denn gleichwie hinsichtlich 
der Frage des ethnischen Ursprunges der Glaube und die Über- 
zeugung des ungarischen Volkes triumphiert, wird auch hinsichtlich 
der Sprachenfrage sein Urteil stichhältig sein. Beide Urteile werden 
einander ergänzen und dann werden die auf den Ergebnissen der 
modernen Wissenschaft beruhenden unvoreingenommenen .Ansichten 
nicht zulassen ein Vorgehen wie jenes, welches Hunfalvy inauguriert 
und befolgt hatte, wodurch er nämlich alle führenden Fackeln der 
nationalen Tradition zu verlöschen und somit die ungarische Ur- 
geschichte all ihres Glanzes zu berauben bestrebt war.' 

Diese Äußerungen mußten Hunfalvy, den greisen Gelehrten, sehr 
schmerzlich berühren. Er war darauf gewiß nicht gefaßt, daß seine 
beinahe durch vier Jahrzehnte mit so großer Begeisterung und mit 
so vielem Fleiße ausgeübte Wirksamkeit an seinem Lebensabende 



110 Ungarische Rundschau. 

eine derartige Würdigung erfahren werde. Während Budenz von den 
'donnernden Worten' nicht eingeschüchtert wurde und unter dem 
Titel «Ein kleiner Widerhall auf die Antwort des Herrn H. Vämbery» 
(1885) den ihm versetzten Hieb mit leichter Ironie abwehrte, unter- 
blieb diesmal die Antwort Hunfalvys, wahrscheinlich darum, weil 
ihm eine weitere Polemik zwecklos erschien und er kein Vertrauen 
mehr hatte, daß seine wissenschaftlichen Gründe weder Vämbery 
noch dessen Anhänger überzeugen könnten. Er äußerte sich bloß 
noch einmal in dieser Streitfrage, als Vämbery unter dem Beifalls- 
klatschen des Publikums in der Festsitzung der Ungarischen Aka- 
demie im Jahre 1886 unter dem Titel «Charakteristik der land- 
nehmenden Ungarn» einen Vortrag hielt (Akad. Jahrbücher, 
Bd. XVII). Diese kleine Abhandlung kann, vermöge ihres Inhaltes, 
eher für eine patriotische Rede, oder eine auf die Epoche der Land- 
einnahme bezügliche phantastische Zeitschilderung, als für eine auf 
ernste Beweise gegründete historische Studie gehalten werden ; dar- 
um gefiel sie auch der Hörerschaft ungemein, erregte jedoch in 
Hunfalvy lebhaftes Mißfallen. Schon nach zwei Wochen verlas Hun- 
falvy in der Akademie seine diesbezügliche Kritik, welche in der Zeit- 
schrift «Budapesti Szemle» (Jahrg. 1886, Bd. 47) unter dem Titel: 
«Anmerkungen zur Vämberyschen Charakteristik der landnehmen- 
den Ungarn» mit dem Motto: «Große Worte, kleiner Sinn» er- 
schienen ist. Nachdem er im Lichte der positiven geschichtlichen 
Forschungen die wichtigeren Behauptungen der wirkungsvollen Rede 
Vämberys dargestellt, gibt er seiner Meinung Ausdruck, daß die- 
selben großenteils geistreiche Einfälle und Ahnungen sind, welche 
mit den beglaubigten Daten und den Erfahrungstatsachen nur in 
lockerem Zusammenhange stehen. Zum Schlüsse äußert er sich auch 
darüber, wodurch er dazu bewogen wurde, in dieser ungewohnten 
Weise eine akademische Festrede nachträglich zu kritisieren und so- 
gar zu verurteilen. 'Eine derartige Charakteristik — so lauten Hun- 
falvys Worte — wie sie Vämbery über die landnehmenden Ungarn 
gegeben hat, ist dadurch, daß sie der nationalen Eitelkeit schmei- 
chelt, dazu geeignet, wenn auch unabsichtlich, der geistigen Lüm- 
melei Vorschub zu leisten, d. h. einer Denkweise, welche in einer 
grundlosen Selbstüberhebung und ebenso grundloser Verachtung 
anderer besteht. Bei uns tritt auf so manchen Gebieten des Lebens 
die Neigung zur geistigen Lümmelei zutage, und dies ist eine ge- 
fährliche Krankheit; darum bedaure ich es, wenn ich wo immer und 
bei welcher Gelegenheit immer bemerke, daß irgendjemand die gei- 
stige Lümmelei nicht bekämpft, sondern ihr Vorschub leistet.' 'Die 
Ungarische Akademie der Wissenschaften — so fährt er fort — 



Munkäcsi: Professor Hermann Vänibery, 1832-1913. \\\ 

repräsentiert gleichsam offiziell die ungarische Wissenschaft. Der 
Umstand, daß Vämbery seine Charakteristik der landnehmenden 
Ungarn in der Generalversammlung der Akademie verlas, muß bei 
den Fremden, die unsere Akademie ihrer Aufmerksamkeit würdigen, 
den Glauben erwecken, daß Vämberys Äußerungen die Meinung der 
Akademie, d. h. der ungarischen Wissenschaft darstellen; ich aber 
erachtete es als meine unerläßliche Pflicht, diesem Glauben ent- 
gegenzutreten und ihn zu zerstören.' Mit vor Erregung bebender 
Stimme hatte Hunfalvy diese harten Worte gegen Vämbery ge- 
richtet, der bei dieser Sitzung anwesend war und ebenfalls in er- 
regtem Tone replizierte. 

Eingehender hat Vämbery seine Bemerkungen bezüglich der letz- 
teren Abhandlung Hunfalvys in einem akademischen Vortrag unter 
dem Titel: «Urgeschichte und nationale Eitelkeit» ausgeführt, wel- 
cher gleichfalls in der Zeitschrift «Budapesti Szemle» erschienen ist 
(Jahrg. 1887, Bd. 49), und damit endigte «der ugrisch-türkische 
Krieg», welcher, großen Staub aufwirbelnd, beinahe vier Jahre hin- 
durch die gelehrten Kreise und die öffentliche Meinung beschäftigt 
hatte. In den Schlußworten der letzterwähnten Abhandlung bekennt 
Vämbery freimütig, welche Beweggründe ihn zu seinem merk- 
würdigen Angriffe veranlaßten. 'Ich werde jene Idee — so äußert 
er sich — , welche ich schon in meinen Jugendjahren faßte, welcher 
ich die schönsten Jahre meines Lebens aufopferte und für welche ich 
mich in so viele Abenteuer stürzte, so viel Entbehrungen litt, so 
viel Selbstverleugnung mir auferlegte: ich werde und kann diese 
Idee nicht fahren lassen, bloß weil meine Forschungen zu einem 
Ergebnisse geführt haben, welches den Meinungen des Herrn Hun- 
falvy schnurstracks widerspricht; denn ich bin fest überzeugt, daß 
die Resultate meiner Forschungen durchaus begründet sind. Ich er- 
achte es daher als meine Lebensaufgabe, auch künftighin nicht zu 
rasten, bis ich die völlig unbegründete und auf durchaus irrige An- 
sichten basierte finnisch-ugrische Theorie endgültig widerlegt und 
aus dem Wege geräumt habe; denn ich will und darf es nicht zu- 
lassen, daß dieser in der Geschichte der wissenschaftlichen For- 
schung beispiellos dastehende Irrtum gerade im Glauben meiner 
Nation Wurzel fassen soll.' Diese Androhung war jedoch bloß ein 
trockner Blitz, welcher zuckte und donnerte, jedoch nicht einschlug. 
Überhaupt fügte Vämbery der finnisch-ugrischen Theorie in wissen- 
schaftlicher Hinsicht wenig Schaden zu, im Gegenteil — wie wir 
weiter unten sehen werden — hat sich Vämbery selbst kurz 
nach dem Tode Hunfalvys und Budenz', wenigstens hinsichtlich der 
ungarischen Sprache, die Qrundansicht der Genannten angeeignet. 



"[12 Cnffarisc/w A'iok/sc/k///. 

Obzwar solcherart der leidenschaftlich geführte «ugrisch-türkische 
Krieg» zu keinen wesentlich neuen Resultaten führte, war er doch 
von nützlicher Wirkung, insofern der Sturm der Kritik die Luft in 
den Revieren der ungarischen vergleichenden Sprachwissenschaft 
reinigte und die Aufmerksamkeit auf viele Einseitigkeiten und Miß- 
stände lenkte. Auch die Anhänger der finnisch-ugrischen Schule 
mußten zugeben, daß Vämbery öfters Recht hatte, als er die Ety- 
mologien Budenz' wegen ihrer kühnen phonetischen und semasio- 
logischen Verbindungen tadelte, wie denn auch die heutige Wissen- 
schaft diese von Vämbery beanstandeten Wortvergleichungen in den 
meisten Fällen verwirft. Auch jener Einwand Vämberys erscheint 
heute gerechtfertigt, daß die Erforschung der türkischen Elemente 
der ungarischen Sprache nicht mit demselben Eifer vollführt wurde, 
wie es mit den finnisch-ugrischen Bestandteilen geschah, und daß 
Budenz in mehreren Fällen (so in der Erklärung der Wörter o r s ö 
«Spindel», o 1 c s ö «billig», ö 1 «Stall», e s z «Verstand», e r ö «Kraft», 
e p «unversehrt» und e r - «reichen») den zweifellos türkischen Ur- 
sprung wegdisputieren wollte (vgl. Urspr. der Magy. und die finn.- 
ugr. Sprachwiss. 11:55—56). Ein sehr wichtiger Streitpunkt war der 
Ursprung der iranischen Elemente in der ungarischen Sprache. Hin- 
sichtUch dieser Elemente ging die ältere, Auffassung dahin, daß sie 
durch Vermittlung des Türkentums in die ungarische Sprache ge- 
langten selbst in solchen Fällen, wenn die betreffenden Wörter in 
den türkischen Sprachen unbekannt waren. Demgegenüber betont 
Vämbery wiederholt, daß «die alten Magyaren in den Gegenden 
nördlich vom Kaukasus eine längere Zeit hindurch in unmittelbarer 
Berührung teils mit den Persern, teils mit den Osseten gestanden 
haben» («Budapesti Szemle», Jahrg. 1887, S. 85; Akad. Jahrb. 
XVII: 19), und auch die heutige Wissenschaft vertritt diesen Stand- 
punkt. Auch in mehreren ethnologischen Fragen hat die öffentliche 
Meinung der Gelehrtenwelt den Ansichten Vämberys beigepflichtet. 
Heutzutage behauptet z. B. niemand mehr, daß Hunnen, Awaren und 
Bulgaren Völker finnisch-ugrischen Ursprungs waren; es ist sogar 
so sehr offenkundig, daß die Bulgaren ursprünglich Türken waren, 
daß die Linguisten die alten türkischen Lehnwörter der ungarischen 
Sprache gewöhnHch als «altbulgarisch» bezeichnen. Ebenso wurde 
auch jene, vielfach bestrittene These Vämberys allgemein anerkannt, 
wonach die herrschende Klasse der landnehmenden Ungarn haupt- 
sächlich aus türkischen Stämmen bestand, demzufolge die metho- 
disch vorgehenden Forscher heutzutage die Erklärung der nicht- 
christHchen alten ungarischen Personennamen in erster Reihe auf 
türkischem Sprachgebiete suchen. Hinsichtlich dieser Gedanken ge- 



Wertheimer: Eine ungedruckte Charakteristik des Baron Wesselänyi. 113 

bührt zwar Vämbery nicht der Ruhm der Erfindung; trotzdem ist 
es sein Verdienst, daß er nach den früheren Schwankungen die Gel- 
tung dieser Gedanken durch neue Beweisgründe befestigte, und 
dieses Verdienst wird dadurch nicht beeinträchtigt, daß in seinem 
Werke über den Ursprung der Magyaren und in den diesbezüg- 
Uchen Streitschriften, sowie auch in vielen anderen Arbeiten Väm- 
berys die zahlreichen wertvollen und anregenden Partien mit viel- 
leicht noch zahlreicheren wertlosen und leichtfertig geäußerten Ein- 
fällen abwechseln. (Schluß folgt.) 



Eine ungedruckte Charakteristik des Baron Nikolaus 
Wesselenyi. 

Von Professor Eduard von Wertheimer. 

: ^„"'JU den Männern, die sich seit dem dritten Jahrzehnt des 
I ^ \ vorigen Jahrhunderts unvergängliche Verdienste um die 
I X \ Wiederbelebung und Erstarkung des nationalen Lebens in 
•„„ [ Ungarn erwarben, gehört unstreitig Baron Nikolaus Wes- 
selenyi. Er war eine urkräftige, originelle Natur, in der sich alle 
Vorzüge seines Volkes in gesteigertem Maße offenbarten. Höher als 
alle Güter der Erde stand ihm die Erhaltung seiner Nation, für die 
er gerne bereit war, die größten Opfer zu bringen. Als Abgott der 
«Landtagsjugend»!) und Haupt der Opposition, in deren Interesse 
er mit dem lebendigen Wort und der Feder stritt, war er längst dem 
Wiener Hof mißHebig. 

Eine von derartigem Streben erfüllte Persönlichkeit, die man auch 
beargwöhnte, in Verbindung mit der «revolutionären Propaganda» 
zu stehen, mußte unbedingt über kurz oder lang in Konflikt mit 
den auf die Zentralisation der Monarchie hinsteuernden Tendenzen 



^) Zum vormärzlichen ungarischen Reichstag gehörten als wesentlich inter- 
grierender Teil die «Juraten«, die man unter dem Sammelnamen »Landtagsjugend« 
zusammenfaßte. Als «geschworene (jurati) Notare» der königlichen Tafel, die 
während der Dauer der Reichstagsverhandlungen ihren Sitz in Pozsony (Preßburg) 
hatte, strömten die jungen Juristen zahlreich nach der alten Krönungsstadt, um vor 
diesem Gerichtshofe die Advokatursprüfung — Zensur genannt — abzulegen. Kein 
der vermögenderen Klasse angehöriger junger Mann durfte sich, wofern er nicht 
als minderwertig angesehen sein wollte, diesem Examen entziehen. Auf dem Reichs- 
tage erhielten die Juraten ihre letzte Ausbildung Aus diesem Kreise gingen die 
künftigen Abgeordneten hervor. Sie versahen das Amt von Sekretären der Reichs- 
tagsabgeordneten; bei den Verhandlungen des Reichstages waren sie zugegen und 
suchten durch Beifall oder Tadel, den sie den einzelnen Rednern spendeten, das 
Schicksal der Abstimmung über wichtige Fragen zu beeinflussen. 

Ungarische Rundschau. IV. Jahrg., 1. Heft. 8 



114 Ungarische Rundschau. 

der Wiener Regierung geraten, in deren Augen die Pflege ungari- 
scher Sprache und ungarischen Wesens gleichbedeutend mit Sepa- 
ration und Lostrennung von Österreich galten. Es kann nicht 
wundernehmen, daß das Wiener Ministerium und dessen ungarische 
Vertrauensmänner das Wirken Wesselenyis und der mit ihm ver- 
bündeten Genossen mit sehr scheelen Blicken verfolgten und darin 
vom ersten Augenblick an die Spuren eines Hochverrats zu sehen 
meinten. Nichts war daher den Wiener Ministern, die damals nach 
ungarischer Auffassung ein «Regiment des Degens» 2) zu begründen 
trachteten, mehr erwünscht, als wenn Wesselenyi und dessen An- 
hänger solche Handlungen begingen, die sich als Verbrechen des 
Hochverrates bezeichnen ließen — geeignete Handhaben dafür, um 
jene Männer unschädlich und mundtot zu machen. Es dauerte tat- 
sächlich nicht lange, daß Baron Wesselenyi den auf eine Gelegen- 
heit zum Einschreiten gegen ihn Lauernden das Mittel bot, ihr Ziel 
zu erreichen. Am 9. Dezember 1834 hielt er in Nagykäroly (Szath- 
märer Komitat) seine berühmte Rede, in der er, unerschrocken wie 
er war, die Regierung beschuldigte, daß sie 9 Millionen Bauern das 
Mark ausgesogen habe. Wegen dieses Ausspruches wurde gegen ihn 
die Anklage auf Hochverrat erhoben. Bei dem großen Einflüsse, den 
Wesselenyi auf seine Landsleute ausübte, mußte der Wiener Regie- 
rung viel daran gelegen sein, genaue Auskunft über Charakter, Tun 
und Lassen des Führers der Opposition zu erhalten. Sie legte großes 
Gewicht darauf, über ihn von einem Manne, der viel mit Wesse- 
lenyi verkehrt und dessen Vertrauen besessen, eingehende Nach- 
richten zu erlangen. Polizeirat von Ferstl, einer der tüchtigsten Be- 
amten der Wiener Polizeihofstelle, der sich eine umfassende Kenntnis 
Ungarns erworben und auch im Hochverratsprozeß der Juraten^) 



2) Bericht Ferstls an Oraf Sedlnitzky, Pest 4. Juni 1836. Alle hier für diese Arbeit 
benutzten Akten sind ungedruckt. 

^) 1834 war in Pozsony nach dem Muster der Lafayetteschen »Societe des droits 
de rhomme« ein «Juratenverein gegründet worden, der sehr bald den Argwohn 
der Regierung erregte. Die angekündigte Pflege der Literatur in dem Verein hielt 
man nur für ein Aushängeschild, um die wahren revolutionären Ziele zu verdecken. 
Lapsänszky, der seit April 1835 als faux frere und geheimer Berichterstatter der 
Polizei über den Juratenverein fungierte, lieferte das Material zu der Mai 1836 er- 
folgten Verhaftung einiger der vornehmsten Mitglieder desselben, wie des Ladislaus 
und Franz Lovassy, des Johann Tormässy. Außerdem wurde zum Schein auch der 
Verräter Lapsänszky gefangen genommen. Zum Schein, um ihn für einige Zeit ver- 
schwinden zu machen, und seinen Verrat zu verhüllen, wurde auch Lapsänszky, 
gleich Ladislaus Lovassy 22. Febniar 1837 zu zehnjährigem Kerker, Tormässy zu 
IV2 jährigem Kerker vom Tage der Verhaftung an gerechnet, verurteilt. Franz 
Lovassy wurde in Freiheit gesetzt. Man rechnete ihm die verbüßte Untersuchungs- 
zeit als Strafe an. Siehe über den Juratenprozeß meine in ungarischer Sprache in 
der Zeitschrift < Budapesti Szemle» erschienene Abhandlung. 



Wertheimer .- Ei)ie ungedruckte Charakteristik des Baron Wesselätiyi. \ 1 5 

eine hervorragende Rolle spielte, hatte die Aufgabe, einen solchen 
Mann ausfindig zu machen. Seine Bemühungen waren von Erfolg 
gekrönt. Am 20. Dezember 1836 vermochte er seinem Chef, dem 
Grafen Sedlnitzky, Präsidenten der PoHzeihofstelle, eine: «Manches 
über Wesselenyi» betitelte Denkschrift vorzulegen, die er mit fol- 
genden Worten einbegleitete: «Die beigegebenen Notizen über 
Niklas Baron Wesselenyi dürften von Bedeutendheit sein; die 
Schriftzüge derselben müssen aber ebenfalls geheim bleiben. Ich 
glaube, an diesem Herrn von Hormayer ein brauchbares Individuum 
gefunden zu haben^).» 

Doch Hormayer — nicht zu verwechseln mit dem berühmten öster- 
reichischen Geschichtsforscher Freiherr von Hormayr — ist nur ein 
Deckname, um den des wirklichen Verfassers der Charakteristik nicht 
preiszugeben, der allen Grund hatte, seine Entdeckung zu scheuen. 
Es ist uns gelungen, den wahren Namen des sogenannten Herrn von 
Hormayer zu enträtseln. Es ist dies der Ablegatus absentium Paul 
von Harsänyi, der sich seinerzeit als Schriftsteller und Journalist be- 
merkbar gemacht. Aus einem begeisterten Anhänger Wesselenyis 
und Kossuths hatte er sich mit der Zeit in einen geheimen Vertrauten 
der Wiener Polizeihofstelle verwandelt. Es erscheint nötig, sich hier 
auf Grundlage der uns zur Verfügung stehenden Daten etwas ein- 
gehender mit der Persönlichkeit Harsänyis zu befassen, umsomehr, 
als in den über ihn vorhandenen Nekrologen nichts von dem steht, 
was wir hier über ihn zu sagen haben. 



Paui von Harsänyi hatte 1806 in Gyüre (Szabolcser Komitat) das 
Licht der Welt erblickt, als Sohn des gleichnamigen, 1818 verstor- 
benen Advokaten und Grundbesitzers. Nachdem er seine juridische 
Praxis vollendet und 1830 die Advokatursprüfung bestanden, suchte 
er sich in Pest zu etablieren. Bald jedoch verlor er die Loist am 
Advokatenstande und fand mehr Geschmack an der Tätigkeit eines 
Schriftstellers. Zur Bestreitung seines Unterhaltes gab er nach Art 
des «Vaterländischen Pilgers» unter dem Titel «Honni-Vezer» («Hei- 
mischer Führer») einen Kalender, sowie einige Erzählungen: «Mulat- 
tatö» («Unterhaltungsblatt») heraus, die bei dem Pester Buchdrucker 
Landerer erschienen 5). Mit dem von seinen Schriften erhaltenen 



*) Ferstl an Sedlnitzky, 20. Dezember 1836. 

^) Der «Mulattatö' war eine schönliterarische Sammlung, die — nach Szinnyei 
von 1832-33 in 12 Bänden erschien. 

8* 



116 Ungarische Rundschau. 

Honorar und dem ihm aus seiner Heimat gesandten Gelde lebte er 
zwei Jahre in Pest. 

Während seines Aufenthaltes in der ungarischen Hauptstadt 
machte er die Bekanntschaft des in ungarischen literarischen Kreisen 
wohlbekannten Josef von Orosz, des nachmaligen Herausgebers des 
von der Regierung unterstützten offiziösen «Hirnök» («Bote»). 
Orosz, der der nationalen Sprache nicht vollständig mächtig war, be- 
nützte Harsänyi, damit er ihm seine ungarisch geschriebenen Artikel 
durchsehe und verbessere. Als 1832 der Reichstag nach Pozsony 
(Preßburg) einberufen wurde, machte Graf Wartensleben, den er 
schon von früher her kannte, dem Harsänyi den Antrag, ihn auf 
demselben, wie üblich, als ablegatus absentium zu vertreten. Mit 
größter Bereitwilligkeit ging er auf diesen Vorschlag ein, der ihm 
um so erwünschter kam, als er bereits mit dem Pester Buchdrucker 
Landerer, dem Herausgeber der Landtagsakten, ein Übereinkommen 
betreffs deren Korrektur abgeschlossen hatte. Die Stellung eines 
ablegatus absentium lockte ihn auch schon deswegen, weil damit 
die Begünstigung einer freien Wohnung in Pozsony verbunden war. 
Außerdem hoffte er, aus dem öffentlichen Leben während der Dauer 
des Reichstages bedeutenden Nutzen für seine politische Ausbildung 
und seine schriftstellerischen Arbeiten ziehen zu können. 

Sieben oder acht Monate nach Eröffnung des Reichstages suchte 
Orosz den Harsänyi zu bereden, gemeinschaftlich mit ihm die Heraus- 
gabe einer Landtagszeitung, zu der schon alle Anstalten getroffen 
worden waren, zu übernehmen. Voll Eifer ging Harsänyi hierauf 
ein. Er und Orosz besoldeten zu diesem Behufe einige Schreiber. 
Die Zahl der Abonnenten stieg rasch auf 70—80 Pränumeranten, 
ein für die damaligen Verhältnisse recht ansehnlicher Erfolg. Wie 
es heißt, erzielten sie aus der Landtagszeitung einen erheblichen 
Gewinn, den sie untereinander aufteilten. 

Als jedoch 1834 der Sohn des Wiener Buchdruckers Anton von 
Schmid nach Pozsony kam' und da für seine Rechnung eine Buch- 
druckerei ankaufte, trat eine Wendung in Harsänyis Schicksale als 
Journalist ein. Schmid hatte für die Redaktion des von ihm nach dem 
Muster des Leipziger «Pfennigmagazin» zu begründenden Wochen- 
blattes «Fillertär» («Pfennigmagazin») zuerst den Neophiten Simon 
Eckstein gewonnen, der jedoch der ungarischen Sprache vollkommen 
unmächtig war. Der vielen, hieraus entspringenden Mißlichkeiten 
wegen sah sich Schmid, der gleichfalls nichts vom Ungarischen ver- 
stand, schon nach dem Erscheinen der vierten Nummer genötigt, 
einen Wechsel in der Redaktion vorzunehmen. Er bestellte für diese 
den Orosz, der allerdings in der ungarischen Sprache auch nur halb- 



Wertheimer : Eine ungedruckte Charakteristik des Baron WesseUnyi. 117 

wegs bewandert war. Orosz zog daher den Harsänyi an sich heran, 
der das nationale Idiom volllcommen beherrschte '5). TatsächHch ob- 
lag ihm von nun an sowohl die Führung des «Fillertär» wie auch 
der Landtagszeitung. Im Sinne gemeinsam getroffenen Übereinkom- 
mens, behielt Orosz für sich den Ertrag des «Pfennigmagazins», wäh- 
rend dem Harsänyi, als Ersatz hiefür, das Eigentumsrecht an der 
Landtagszeitung zufieP). 

Infolge der Intimität mit seinem bisherigen Kompagnon kam Har- 
sänyi auch in engere Berührung mit Kossuth, der in Gemeinschaft 
mit Orosz seine damals mit wahrer Gier gelesenen «Törvenyhatösägi 
Tudösitäsok» («Jurisdiktionelle Berichte») verfaßte und nach allen 
Gegenden Ungarns versandte. Der rege Verkehr mit Kossuth und 
Orosz hatte Harsänyi längst vor den höheren Behörden verdächtig 
gemacht. Dem ungarischen Hofkanzler Grafen Reviczky erschien es 
daher nicht unglaublich, daß der, wie es heißt, wegen seiner be- 
denklichen Grundsätze und seines verderblichen Einflusses auf die 
Jugend berüchtigte Mann^), ins Ausland gesandt werden solle, um 
dort als Werkzeug der Umsturzpläne der ungarischen Opposition 
zu wirken-'). Besonders aber besorgte man, daß er mit der Mission 
betraut sei, einige gegen die Regierung gerichtete, sehr gefährliche 
Manuskripte des Kossuth über die Grenze zu schmuggeln, um sie 
in Deutschland drucken zu lassen lo). Wie hätte auch Reviczky einer 
solchen Anzeige nicht zugängHch sein sollen, wenn sie ihm gerade 
von einem der Intimsten des Harsänyi zukam? Denn niemand 
anderer als Orosz selbst war es, der dem ungarischen Hofkanzler 
genaue Mitteilungen über diese Reise und deren angebliche Ziele 
machteii). Ihm, der schon seit einiger Zeit im geheimen Solde des 



•') Ferstl an Sedlnitzky, Preßburg 19. Oktober 1834. In dem mit ihm am 6. August 
1836 vom Wiener Polizeidirektor Hofrat von Amberg angestellten Verhöre hat 
Harsänyi den Sachverhalt anders dargestellt. Da gab er an, daß Schmid ihn zum 
Redakteur des "Fillertär bestellt habe, daß aber Orosz, kaum daß er Wind davon 
bekommen, alles in Bewegung setzte, um als dritter in den Bund aufgenommen 
zu werden. In dieser Beziehung verdient aber Ferstl mehr Glauben als Harsänyi, 
der sich augenscheinlich in diesem Verhöre ein wenig herausstreichen wollte. 

') Alle Angaben über den Lebenslauf Harsänyis mit Ausnahme der Qründungs- 
geschichte des 'Fillertär» auf Grundlage eines Berichtes des Wiener Polizeidirektors 
Hofrat von Amberg an Graf Sedlnitzky, Wien 6. August 1836. Harsänyi hatte selbst 
dem Amberg in dieser Weise sein Leben geschildert. 

"") Ferstl an Graf Sedlnitzky, Preßburg 4. Februar 1836. 

") Sedlnitzky, 30. Januar 1836. «Harsänyi hat solchergestalt die Rolle des Emissärs 
einer der Regierung pflichtwidrig entgegenstehenden Partei übernommen.» 

'") Es waren dies die Schriften: <Vallässzabadsäg («Glaubensfreiheit») und: 
«Orszäggyülesi tärgyaläsok» («Verhandlungen des ungarischen Reichstages»). 

") Graf Reviczky an Graf Sedlnitzky, 4. Juni 1836. «Der (Orosz) mir die 

Ew. Exzellenz über dessen (Harsänyi) Reise und Absichten früher eröffneten 
Notizen im geheimen anvertraute.» 



118 Ungarische Rundschau. 

ungarischen Hofkanzlers stand 12), schien jetzt die passende Ge- 
legenheit gekommen zu sein, um seinem Auftraggeber einen wich- 
tigen Beweis seiner VerläßHchkeit zu geben. Er schreckte daher 
nicht vor dem Verrat am Freunde zurück, um sich dadurch das Ver- 
trauen des Hofkanzlers noch mehr zu erwerben. Graf Reviczky 
nahm die Eröffnungen des Orosz mit großer Befriedigung entgegen, 
da sowohl ihm wie auch Metternich ungemein viel daran gelegen 
war, die Drucklegung der Kossuthschen Schriften in Deutschland 
um jeden Preis zu verhindern i^). 

Bald erfuhr man denn auch, daß Harsänyi ernstliche An- 
stalten zur Abfahrt treffe, daß er sich unter Verschweigung 
seines Adels und der Vorspiegelung, ein Weinhändler zu sein, 
bei der ungarischen Statthalterei einen Auslandspaß erschlichen 
habei*). Es wurde nun angeordnet, ihn von Wien aus, wo er 
scharf beobachtet wurde, ruhig nach Linz abreisen zu lassen. 
In der österreichischen Hauptstadt hatte der dortige Polizei- 
direktor dafür Sorge zu tragen, daß ein geschickter Beamter von 
angenehmen Formen gleichzeitig mit Harsänyi in demselben Eil- 
wagen die Fahrt nach Salzburg antrete; durch Liebenswürdig- 
keit und Entgegenkommen hatte er dessen Vertrauen zu erwerben, 
um auf diese Weise in sein geheimes Vorhaben einzudringen. Außer- 
dem sollte unter dem Vorwand einer sogenannten Bankalvisitation 
bei der Saalbrücke vor Salzburg das ganze Gepäck Harsänyis unter- 
sucht werden. Als Ergebnis der amtlichen Visitation hätte ihm dann 
gesagt werden sollen, daß er gar kein Weinhändler sei, sich daher 
im schriftlichen Wege von der ungarischen Hofkanzlei die Bestäti- 
gung des angegebenen Charakters zu verschaffen habe. Bis zum 
Einlangen der Rückantwort mußte er in strengen, wenn auch an- 
ständigen Gewahr genommen werden, der allen brieflichen Ver- 
kehr mit Ungarn wie jeden Fluchtgedanken zur Unmöglichkeit 
macheiö). Doch sollte alles vermieden werden, was auf die Be- 
hörden auch nur den geringsten Schatten von Verdacht lenken 
könnte, daß sie von der Reise Harsänyis Kenntnis gehabt und ihn 
trotzdem fahren Heßen, um ihn dann in dem ihm gestellten Netze 
fangen zu können ^^). Die Verfügungen Metternichs und Reviczkys 
wurden pünktlich befolgt. Nachdem sich Harsänyi am 13. Februar 



'2) Ferstl an Sedlnitzky, 10. Januar 1837. 

*^) Metternich an die Gesandten und Vertreter in Deutschland, 25. Januar 1836. 

'*) Metternich an Sedlnitzky, Wien 1. Februar 1836. Idem an die Gesandten in 
Deutschland und den Generalkonsul in Leipzig 25. Januar 1836. 

*'') Metternich an Sedlnitzky, Wien 1. Februar 1836. Reviczky an Sedlnitzky, 
30. Januar 1836. 

'^) Reviczky an Sedlnitzky, 4. Juni 1836. 



Wertheimer : Eine ungedruckte Charakteristik des Baron Wesselenyi. \ IQ 

nach Linz begeben, wo sich ihm der Vertraute, Ludwig von Löwen- 
fels, am 14. anschloß, wurden er und seine Effekten am 16'. tat- 
sächlich bei dem k. k. Grenzzollamt an der Saalbrücke, kaum eine 
Stunde vor Salzburg, einer sehr eingehenden mautämthchen Unter- 
suchung unterworfen. Sie hatte, wenigstens nach dem Berichte des 
Wiener Polizeidirektors, Hofrat von Amberg, zum Ergebnis, daß 
bei dem angehaltenen Reisenden die «bedenklichsten» Schriften ent- 
deckt wurden und er in dem mit ihm aufgenommenen Protokoll «den 
Zweck seiner Reise eingestehen und sofort in strengen Verhaft ge- 
nommen werden mußte^")». 

Kaum hatte Metternich die Nachricht von der gelungenen An- 
haltung und dem Erfolge der mautämtlichen Visitation erhalten, als 
er auch schon Sedlnitzky anwies, «die vorhegenden Daten rriit aller 
Klugheit zu verfolgen und dessen (Harsänyis) Verbindungen und 
eigentliche Absichten im Auslande, dann die revolutionären Um- 
triebe im allgemeinen und die speziellen Verhältnisse zu Ungarn so 
genau als möglich zu ermitteln.» Dieses Geschäft sollte einem der 
«gewandtesten und verläßlichsten» Beamten übertragen werdeni^). 

Allein die im ersten Moment gehegten Erwartungen, in der 
Person Harsänyis einen guten Fang gemacht zu haben, erfüllten 
sich nicht. Anfangs hatte wohl Hofrat Amberg, dem die endgültige 
Untersuchung gegen Harsänyi anvertraut worden, auf Grundlage 
der Berichte der PoHzeikommissäre von Linz und Salzburg auf er- 
giebige Ausbeute gerechnet. Aber selbst das schärfste Kreuzverhör 
brachte keine solch belastende Momente zutage, die zu einem wei- 
teren Einschreiten und einer Verurteilung die Rechtsgrundlage ge- 
boten hätten. Unter den beschlagnahmten Manuskripten hatte sich 
weder das Werk Kossuths über Religionsfreiheit, noch jenes von 
ihm über den letzten Reichstag vorgefunden. Die Schriften ent- 
hielten nichts, was nicht schon längst bekannt und verbreitet ge- 
wesen wäre 19). Der einzige Grund zur Verdächtigung Harsänyis 
bestand in der Erschleichung des Passes und seiner anscheinend 
engen Verbindung mit dem, ,wie es heißt, «als ultraliberal bezeich- 
neten ungarischen Schriftsteller Orosz»^«). Wenn Amberg infolge- 
dessen die Bedenklichkeit des Harsänyi auch nicht in Zweifel zog, 
so mußte er doch offen bekennen, daß es an jeder gesetzlichen Hand- 
habe fehle, ihn noch ferner seiner Freiheit zu berauben. Er war da- 
her der Ansicht, den Gefangenen, der sein Vergehen schon hin- 



") Amberg an Sedlnitzky, Wien 18. Februar 1836. M. d. J. 

1») Metternich an Sedlnitzky, 3. März 1836. 

•*) Reviczky an Sedlnitzky, 4. Juni und id. an Ainberg, 19. Juni 1836. 

20) Amberg an Sedlnitzky, Wien 6. August 1836. 



120 Ungarische Rundschau. 

länglich durch die Untersuchungshaft gebüßt, zu entlassen und nach 
seiner Heimat zu senden, wo er unter Aufsicht gestellt werden 
solle^i). Gemäß dem Antrage des Wiener Polizeidirektors, wurde 
Harsänyi in Freiheit gesetzt, ihm aber gleichzeitig bedeutet, daß er 
keinen Anspruch auf Schadenersatz erheben könne, da er durch sein 
Vergehen hinlänglichen Anlaß zu Bedenken gegen seine Person ge- 
geben habe 22). 

In dem Moment jedoch, als der aus der Haft Entlassene in seine 
Heimat zurückkehren sollte, erhielt Amberg kurzer Hand von Graf 
Sedlnitzky die Weisung, ihn unbeirrt in Wien zu lassen. Erst am 
19. September begab er sich nach Pozsony^^). Hier traf er wieder 
mitOrosz zusammen, von dessen Verrat er keine Ahnung hatte. Aller 
Wahrscheinlichkeit nach im Auftrag der Polizeihofstelle, mit der 
Orosz schon innigere Verbindungen unterhielt, suchte dieser den 
Harsänyi dahin zu bringen, daß er sich ruhig in sein Schicksal füge 
und von seiner Affäre nichts verlauten lasse. Denn daß Orosz im 
Einverständnis mit der PoHzeihofstelle handelte, beweist seine Mel- 
dung an diese vom 20. September, daß seine anfangs erfolgreichen 
Bemühungen zur Beschwichtigung des Harsänyi gänzHch zu Wasser 
geworden seien. An diesem Tage kam nämUch Harsänyi in größter 
Aufregung zu Orosz. Er sagte ihm, daß er sich unverzüglich nach 
Pest begebe, um, wie er sich ausdrückte, die Geschichte seiner Ein- 
kerkerung im Klub des Kossuth und Wesselenyi kundzumachen und 
von diesen Rat für sein weiteres Verhalten in dieser Angelegenheit 
zu verlangen. Außerdem erklärte er, die Absicht zu haben, mittels 
eines Schreibens alle Komitate aufzufordern, ihm Schutz gegen die 
in seiner Person verletzten adeligen Rechte zu gewähren und ihm 
eine Entschädigung für die ihm angetane Kränkung zu erwirken. 
Als ihn Orosz fragte, was denn diese plötzliche Umwandlung seiner 
bisherigen Haltung erzeugt habe, antwortete er, daß ihm wohl der 
Hof kanzler eine rasche Erledigung seines Gesuches um Hilfe zugesagt 
habe ; er sehe jedoch, daß man ihn trotzdem schon wochenlang ohne 
Bescheid lasse und durch Verzögerung desselben mürbe machen 
wolle. 

Orosz, der, wie es gar keinen Zweifel erleidet, hier im Auftrage 
des Grafen Sedlnitzky seine Hand im Spiele hatte, geriet durch das 
ungestüme Vorgehen Harsänyis in große Verlegenheit. Er befürch- 
tete, daß für den Fall, als dieser wirkHch sein Vorhaben ausführen 
sollte, man ihn für das MißHngen und den dadurch veranlaßten Skan- 



21) Amberg an Sedlnitzky, 6. August 1836. 
--') Sedlnitzky an Amberg, 2. September 1836. 
2=») Amberg an Sedlnitzky, 7. Oktober 1836. 



Wevtheimcr: Eine ungedriicktc Charakteristik des Baron Wesselenyi. 121 

dal verantwortlich machen werde. Nun bot er alles auf, um Harsänyi 
von seinem Vorsatze abzubringen, was ihm auch nach eindringlichen 
Vorstellungen gelang. Mit Mühe entriß er ihm das Versprechen, 
sich noch einige Zeit in Geduld zu fassen. Höchste Zeit aber schien 
es Orosz, daß auch die Behörden ein Entgegenkommen bezeigen und 
des Harsänyi Wünsche erfüllen, wobei er von dem ganz richtigen 
Grndsatz ausging, daß, mag in dieser Sache am Ende wer immer 
persönlich kompromittiert sein, die Regierung unter allen Umständen 
kompromittiert wird. Würde es doch jedenfalls ans Tageslicht kom- 
men müssen, daß sie, anstatt sofort einzugreifen, als sie die erste 
Nachricht von der Reiseabsicht des Harsänyi erhielt, ihn förmlich 
in die Falle lockte, um eine ergiebige Ausbeute machen zu können. 
Seine Ausführungen beschloß Orosz mit folgenden Worten: «So 
stehen die Sachen im allgemeinen. Vielleicht wäre die Affäre durch 
ein paar tausend Gulden abzutun und dadurch einem ärgerlichen 
Lärm vorzubeugen-'^).» 

Orosz hatte ein starkes persönliches Interesse an der baldigen Ord- 
nung dieser Angelegenheit. Wollte er doch den Harsänyi als vor- 
nehmsten Mitarbeiter für den eben von ihm in Pozsony ins Leben zu 
rufenden «Hirnök» gewinnen. Zu seiner großen Überraschung stieß 
er aber bei diesem auf entschiedene Ablehnung. Orosz brachte dies 
in Zusammenhang mit der unter der Jugend und den «Literatoren» 
herrschenden Opposition gegen die Regierung. Harsänyi machte ihm 
auch den Eindruck, daß er entschlossen sei, der Aufforderung einiger 
Komitate Folge zu leisten, die ihn damit betrauen wollten, daß er 
unter ihrer Garantie an Stelle des seit 5. Mai 1837 verhafteten Kos- 
suth eine seiner verbotenen ähnliche Zeitung herausgebe. «Für diesen 
Fall,» schrieb Orosz an Sedlnitzky, «wird er wahrscheinlich, um Auf- 
merksamkeit und Teilnahme zu erregen, seine Klage wegen Arresta- 
tion außer dem Lande, in der Pester oder Szabolcser Komitatsver- 
sammlung vorbringen, wobei zu bedauern, daß ihm hinsichtlich der 
verlangten Entschädigung mehrseitige Verheißungen gemacht und 
wiederholt Rekurse verlangt wurden, die gänzHch unerledigt geblie- 
ben und nun zu gehässigen Auslassungen Anlaß geben dürften^^).» 

Die Befürchtung des Orosz, daß Harsänyi zum Nachfolger Kossuths 
bestimmt sein könnte, um dessen Zeitung fortzusetzen, war höchst 
überflüssig. Gleich ihm, ohne daß er nur die geringste Kenntnis 
davon besaß, hatte auch Harsänyi den Weg zum geheimen Dienst 
der Polizeihofstelle gefunden. Dies teilte Graf Sedlnitzky dem Fürsten 



2*) Das Ganze auf Grundlage des Schreibens des Orosz an den Hofkonzipisten 
der Polizeihofstelle Ferdinand von Wernekingh, Preßburg 20. September 1836. 
'^^) Orosz an Sedlnitzky, Wien 22. Mai 1837. 



122 Ungarische Rundschau. 

Metternich mit folgenden Worten mit: «Die ausgesprochene Be- 
sorgnis (des Orosz), er (Harsänyi) dürfte in die Fußstapfen des Kos- 
suth treten ,hat um so weniger Grund, als er im hierortigen Dienst- 
vertrauen steht, und daß die Ablehnung des ihm von Orosz gemach- 
ten Antrages um so entsprechender erscheint, als er bei seiner ge- 
nauen Kenntnis der Umtriebe der Oppositionspartei als vertrauter 
Korrespondent in Pest nützlichere Dienste leisten kann als es bei 
seiner Teilnahme an der gedachten Zeitung und bei seinem dadurch 
bedingten Aufenthalt in Preßburg der Fall wäre^'-).» 

In der Eigenschaft eines geheimen Polizeivertrauten verfaßte dann 
auch Harsänyi seine hier nachfolgende, unseres Wissens bisher un- 
gedruckte Charakteristik Wesselenyis. Ohne Zweifel enthält sie viel 
des Neuen und Interessanten. Doch fordert ihr Inhalt auch zur Vor- 
sicht auf. Man kann wohl mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß un- 
serem Autor zuweilen der Groll gegen den großen Oppositionsmann, 
zu dessen Getreuen er einst gehörte und von dem er nun abgefallen 
war, die Feder geführt habe. Böswillige Verleumdung ist es, wenn in 
der vorliegenden Denkschrift Wesselenyi ein harter, unbarmherziger 
Bedrücker der Bauern genannt wird, wenn sie ihn als geizig und 
als keinen guten Patrioten schildert, der infolgedessen um seine 
frühere Volkstümlichkeit gekommen sei. War ja doch gegen Wesse- 
lenyi gerade wegen seiner warmen Parteinahme für die ungarischen 
Bauern der Hochverratsprozeß angestrengt worden! Bei einiger 
Zurückhaltung und Vorsicht von seiner Seite hätten ihn die Richter 
nicht zu mehrjähriger Kerkerstrafe verurteilen können. Aber wie 
für das Wohl der Bauern, kämpfte er auch rücksichtslos für die Frei- 
heit der Rede, die zu jener Zeit so sehr bedroht war. Und welchen 
Opfermut entfaltete er nicht, als Pest im Jahre 1838 von einer ver- 
heerenden Überschwemmung heimgesucht wurde! Nirgends findet 
sich auch nur eine Andeutung darüber, daß er, wie ihn dessen Har- 
sänyi beschuldigt, geizig oder knickerisch gewesen wäre. Vollends 
ist es unstichhältig, daß er seine Volkstümlichkeit verloren hätte. 
Nichts zeugt gewiß mehr für ihn, als daß er sich der Hochachtung 
Franz Deäks erfreute, der 1839 eigens nach Wien reiste, um dort 
für den zum Kerker verurteilten Freund wohl nicht Gnade zu er- 
flehen, sondern Aufschub der Kerkerstrafe zu erwirken, damit dieser 
in die Lage versetzt werde, in der Gräfenberger Heilanstalt Linde- 
rung seines Augenleidens zu finden^?). Wesselenyi genoß aber nicht 



2«) Sedlnitzky an Metternich. Zur eigenhändigen Eröffnung. Wien 24. Juni 1837. 

2'') Siehe meinen Artikel: «Franz Deäk in Wien im Jahre 1839. Nach ungedruckten 
Akten». Pester Lloyd 31. MärzlQOO. Als wertvolle Ergänzung hiezu der Artikel Fourniers: 
>»Franz Deäks erste Ausgleichsaktion« in: «Historische Studien und Skizzen', 



Wertheimer : Eine ungedruckte Charakteristik des Baron Wesselänyi. 123 

nur die Hochachtung Deäks, sondern auch die Verehrung und Liebe 
der Bedeutendsten seiner Zeitgenossen ^s). Als am Abend der Ver- 
kündigung des Urteilsspruches über Wesselenyi ein Ball im Pester 
adeligen Kasino stattfand, erschienen nur wenig Gäste, «denn» — wie 
es in einem Berichte aus jenen Tagen heißt — «der Geist des Ver- 
gnügens schien der Trauer für Wesselenyi gewichen zu sein 23).» 
Von einem Manne, dem so allgemeine Hochschätzung zuteil wurde, 
kann sicher nicht gesagt werden, daß er sich durch angebliche üble 
Charaktereigenschaften um sein Ansehen bei der Mitwelt gebracht 
habe. Am wenigsten durfte das ein Harsänyi behaupten, dessen 
Hauptgeschäft in der Vergiftung der Beziehungen zwischen der 
ungarischen Nation und der Regierung bestand, dem es aber trotz- 
dem bis an sein Lebensende gelungen ist, Ungarn über seinen wahren 
Charakter zu täuschen. 1848 schrieb er für Kossuths «Hirlap», und 
von 1857—58 war er Mitarbeiter der von Karl Meszäros begrün- 
deten «Magyar Evlapok» («Ungarische Jahrbücher»). Auch be- 
kleidete er das Amt eines Direktionspräsidenten der «Kepzömü- 
veszeti Tärsulat» («Gesellschaft für bildende Künste»). Verblendet 
von seinem Ehrgeiz, suchte er sich gleichfalls der Ungarischen Aka- 
demie der Wissenschaften zu nähern, der er noch bei Lebzeiten 
testamentarisch sein beiläufig 40 000 Gulden betragendes Vermögen 
vermachte. Diese Großmut reute ihn bald ; er widerrief zugunsten 
seiner Pflegerin sein Testament und, um jeden dagegen erfolgenden 
Schritt von vorneherein wirkungslos zu machen, übergab er dieser 
sofort sein Vermögen. Da die Akademie der Wissenschaften sich 
in keinen, mit ihrer Würde unvereinbaren Prozeß einlassen wollte, 
entsagte sie freiwilHg jedem Anspruch auf die 40 000 Gulden^o), 

Die Charakteristik selbst ist in deutscher Sprache verfaßt und wir 
geben sie hier, ohne irgendwelche stilistische Änderung, getreu nach 
dem Original. Sie beweist, daß Harsänyi der deutschen Sprache 
nicht vollkommen Herr war. Es mag noch bemerkt werden, daß 



III. Serie, S. 293. Doch beruht es auf einem Versehen, wenn Fournier daselbst 
sagt, daß die von mir benutzten Akten für den Aufenthalt Deäks in Wien dem 
großen Quellenwerk Könyis über Deäk entnommen sind. Ich muß konstatieren, 
daß die Akten nicht Könyi entnommen sind, in dessen Sammlung sie nicht enthalten 
sind, sowie, daß bis zum Erscheinen meines Artikels es überhaupt unbekannt war, 
daß Deäk 1839 in Wien geweilt und dort eine größere Aktion eingeleitet hatte. 

'^^) Siehe hierfür die Belege bei Samuel Kardos: 'Bärö Wesselenyi Miklös elete 
es munkäi'' ("Leben und Werke des Baron Nikolaus Wesselenyi«), II. Band, 
11. Kapitel, S. 404-496. 

29) Siehe den erwähnten Artikel im »Pester Lloyd« 31. März 1900. 

^^) A Magyar Tudomänyos Akademia Ertesitoje (»Anzeiger der Ungarischen 
Akademie der Wissenschaften) 1886, S. 149, Direktionssitzung vom 8. Mai. 



124 Ungarische Rundschau. 

die in der Deni<schrift erwähnten Persönlichkeiten stets nur mit dem 
Anfangsbuchstaben bezeichnet werden. Ein jedoch von der Hand 
Ferstls geschriebener, der Denkschrift aufgeklebter Zettel bietet die 
Auflösung und nennt die einzelnen Personen. 

Die Charakteristik, die dem Vortrage Sedlnitzkys vom 2Q. Dezem- 
ber 1836, Nr. 4131, beiliegt, wie auch die für die Einleitung ver- 
werteten Dokumente befinden sich im Archiv des k. k. Ministeriums 
des Innern in Wien. Für die Erlaubnis der Benützung der Archiva- 
lien sprechen wir an dieser Stelle den wärmsten Dank aus. 



Manches über Wesselenyi. 

Pest, 17. Dezember 1836. 

Um diesen Mann, wirklich von politischer Wirklichkeit, genau kennen zu 
lernen, scheint desto schwerer zu sein, je näher man ihn kennt. Denn 
er versteht sich meisterhaft darauf, in einem jeden seiner Geschäfte nur 
einen einzigen Menschen zu gebrauchen oder doch wenigstens so wenige, 
als nur immer möglich ist. Daher kommt es, daß selbst der intimste Ver- 
traute zu ihm nicht alle seine Geschäfte weiß, denn er offenbaret ein jedes 
Geschäft nur demjenigen,- den er in dem nämlichen Geschäfte gebraucht, 
und höchstselten einen zweiten, was nur dann geschieht, wenn er Gehülfe 
braucht oder einen guten Rat zu hören wünschet. So wird er in der Oppo- 
sition zu einem Mittelpunkt, der selbst alles weiß und das Ganze leitet, 
um den aber alle andern nur einzelne Geschäfte wissen und im Vergleich 
mit ihm klein sind, wie die Sterne um den Mond. 

Aus dieser Eigenheit stammt die zweite her: nämdich, daß er sich ganz 
untätig zu zeigen versteht. Einer seiner Vertrauten täuscht sich so weit, 
indem er nur eines seiner Geschäfte kennt, daß er meint, der Wesselenyi 
tue gar nichts und er sei fast gar nicht bekümmert um die politische Welt. 
Indessen geschieht in Ungarn und Siebenbürgen nichts ohne seine Mitwir- 
kung, das Meiste aber nimmt gerade von ihm den Impuls. Auf diese Art 
ist er ziemlich gesichert vor jeder Entdeckung und Verrat, da kein einziger 
alles von ihm weiß und auch selten vermutet, denn ein jeder wurde von 
ihm auf eine feine Art in den Wahn gesetzt, als wäre er einzig und allein sein 
Freund und Vertrauter und bestünde alles nur darin, was er weiß, die übrigen 
führeten aber nur den leeren Titel des Freundes vom W(esselenyi). Zugleich 
gewinnt er durch diese Männer so viel, daß er leicht denjenigen erratet, 
der ihn verraten hat, indem er weiß, was einem jeden in seiner Umgebung 
anvertraut war und folglich, was dieses oder jenes ausplaudern konnte. 
Daher ist im Gebrauche aller Notizen über ihn die größte Vorsicht von 
einer Behörde zu beobachten, wenn die Bemerkungen bei ihm gelingen 
sollen. Um von jeder Entdeckung desto gesicherter zu sein, führt er eine 
wichtige Korrespondenz nie unter seinem eigenen Namen, sondern er läßt 
die Briefe durch einen unbedeutenden Mann in dem Namen dieses selbst 
auf die Post setzen und per Recepisse oder Estafette befördern. Die Briefe 
sind aber wiederum an einen unbedeutenden Mann, öfters noch an Frauen- 



Wertheimer : Eine ungeäruckte Charakteristik des. Baron Wesselänyi. 125 

zimmern adressiert, die sie dann einzuhändigen '^i) wissen. Was aber in 
diesem Kunstgriffe am meisten täuscht, ist die pfiffige Invention, daß solche 
Briefe sehr oft an Personen adressiert sind, die bekannterweise als Roya- 
listen oder Royahstinnen figurieren, von denen also niemand eine ähnliche 
Korrespondenz vermutet. Die Antworten kommen gerade auf diesem Wege 
zurück. So geschah (es) z. B. in Preßburg, daß manche Korrespondenzen 
zwischen Pest und Preßburg, dann zwischen Preßburg, Pest und Klausen- 
burg durch die Gräfin und Dame du palais von Th(urn)'^^), durch die 
sonst unbedeutende Madame von B(ärtfay)'^'^) und durch einen unbekannten 
Kaßner (sie) in Siebenbürgen geführt wurden. In Preßburg nämlich ließ 
die Gräfin oder sonst ein Freund die Briefe, die in einander gelegt wurden, 
unter eigenem Namen an die Madame B(ärtfay) per Estafette auf die Post 
nach Pest setzen. Hier bekam sie Madame B(ärtfay), und unter einem 
neuen Couvert gab sie sie wieder auf die Post an den Kassner N. nach 
Siebenbürgen. Der Kassner N. verteilte sie an die respectiven Individuen. 
Die Antworten sammelte er zu sich, legte sie in einander, adressierte sie 
nach Pest an die Frau von B(ärtfay). Diese machte wieder einen neuen 
Couvert, adressierte sie an die Gräfin Th(urn) oder an die Fräuln von 
Sch(arlach), von denen sie der W. dann persönlich erhielt. Ich erfuhr 
dieses Geheimnis zufällig, obwohl ich schon selbst ein vertrauter Freund 
von W. war. Später aber kam die Reihe auch an mich, so daß ich selbst 
manche Briefe auf diese Art beförderte. 

Um die allerwichtigsten Korrespondenzen vor jeder Entdeckung sicher 
zu stellen, werden sie in Chiffren geführt. Die eigens von W. erfundene 
Chiffrierkunst ist diese : Es wird ein Brief geschrieben von gleichgültigem 
Inhalt; die inhaltschweren Wörter werden in verschiedenen Zeilen so an- 
gebracht, daß sie nach dem Inha,lte des Briefes gerade dahin passen, wo 
sie stehen, so daß derjenige, der nicht eingeweiht ist, unmöglich etwas ver- 
muten kann, da der Sinn des Briefes für sich selbst vollkommen klar ist 
und nichts Wichtiges zu bedeuten hat. Es wird zugleich der Inhalt des 
Briefes so konzipiert, als wenn die Rede von irgend einer Rechnung oder 
von einem Konto wäre. Diese Rechnmng oder Konto wird nun in den 
Brief gelegt. Die Positionen in der Rechnung haben nichts zu bedeuten, 
diese schreibt der Korrespondent, wie es ihm einfällt, aber die Rubriken 
des Florins und des Kreuzers, die sind die Schlüssel, um das Verborgene 
lesen zu können. Denn die Rubrik des Florins bedeutet die Zeile und die 
in dieser Rubrik stehenden Ziffern bedeuten die Zahlen der Zeilen des 
Briefes, so daß, wenn nach einer gewissen Position in der Rubrik die 
Zahl 5 fl. stehet, diese Zahl bedeujtet die fünfte Zeile des Briefes und so 
weiter. Die Rubrik der Kreuzer ist die Rubrik der Wörter; die in dieser 
Rubrik vorkommenden Kreuzerzahlen bedeuten also das wievielste Wort 
zu nehmen sei in der Zeile des Briefes, die schon durch die in der Rubrik 
der Florenen vorgekommene Zahl angedeutet worden ist. Auf diese Art 
werden die Wörter aus einem Briefe ausgesucht, nach einander ausgehoben 



'*') Es steht: z.u einhändigen. 

^^) Es kann das nur die mit Georg Grafen von Thiirn-Valsässina 1833 vermählte 
geb. Emiiie Gräfin Chorinsky sein, die 1888 starb. 

•"') Die Frau des Ladislaus von Bärtfay, der den Schriftsteilernamen Vändorfy 
führte. 



126 Ungarische Rundschau. 

und obwohl zu kurz, doch von den allerwichtigsten Affären benachrich- 
tigt. Da der Brief außerdem durch solche Menschen angefertigt ist und 
durch solche Hände geht, zu denen er nach dem Inhalt vollkommen paßt, 
so kann selbst derjenige nichts darin vermuten, der ihn vielleicht in Ver- 
dacht zog und aufmachte, denn der Brief wird durch diese Kunst so über 
allen Zweifel gesetzt und unwichtig gemacht, daß ihn niemand beachtet 
und niemand sieht, daß der Hase da liegt. Es wird z. B. ein Schneider 
ausgesucht und ihm ein so verfertigter Brief vorgelegt, der an einen lieder- 
lichen Herrn gerichtet ist. Der Schneider schreibt den Brief ab, worin 
er den liederlichen Herrn ersucht, langweilig lamentierend, daß er ihn 
endlich für die gelieferten Schneiderarbeiten befriedigen möge. Zugleich 
schließt er in den Brief seine Rechnung, die der liederliche Herr vor- 
geblich zu tilgen hätte. Der Schneider tut dieses alles aus Gefälligkeit gegen 
den W., denn er weiß gar nicht, was er tut, kann höchstens nur das nicht 
begreifen, wie er zu dieser seiner nagelneuen Prätension gekommen sei, da 
er den liederlichen Herrn noch nie zu Gesicht bekommen hat, ja, nicht 
einmal seinen Namen jemals gehört hat. Da ihm aber diese Prätension eher 
nützen als schaden kann und er gern gefälHg gegen den W. sein will, so 
macht er den Spaß mit und schickt den Brief ab. Der liederliche Herr 
verstehet aus diesem Briefe mehr, als der Schneider verstanden hat, der 
ihn kopierte, und weiß damit umzugehen. Er antwortet dem Schneider, 
daß er ihm seine Prätension sdhon lange vorher bezahlt hat, er schließt so- 
gar zum Beweise eine alte Rechnung bei, die schon saldiert ist, obwohl 
nicht durch die Hand des Meisters, sondern durch die Hand vielleicht eines 
seiner Gesellen oder Lehrlinge, und obwohl das eine andere Rechnung sei 
und nicht die nämlichen Positionen enthalte. Der Schneider bekommt 
diesen Brief, teilt ihn dem W. mit, der ihn darum sorgfältig befragte. Der 
Schneider geht mit leeren Händen davon, da ihm seine Prätension durch- 
gefallen ist, aber der W. liest davon etwas Wichtigeres als eine Schneider- 
Prätension. Dieser Briefwechsel geschieht jedoch mit unzähligen Varia- 
tionen; dieser einzige Fall ist als Charakteristik angeführt worden, um die 
Kunst deutlicher darzustellen. 

Diese Kunst erfuhr und lernte ich von W. selbst, da er sie mir einmal mit- 
zuteilen unumgänglich notwendig hatte. Ob diese Schreibart vielen seiner 
Freunde bekannt sei, kann ich noch nicht genau bestimmen, vermuten läßt 
es sich aber sehr natürlich. 

Seine Bekanntschaften und Verbindungen sind seltsam ausgedehnt, denn 
es gibt keine Klasse der Bevölkerung Ungarns und Siebenbürgens, in 
welcher er nicht seine Freunde und Anhäng'er hätte; alle diese kennen 
sich aber gegenseitig nur selten, auch meint ein jeder, wie schon bemerkt 
worden ist, daß nur er allein der Vertraute zu ihm sei, und so dient ein 
jeder, wenn es die Notwendigkeit erheischt, ihm bloß zum Werkzeuge. 
Der Handelsstand steht ihm besonders zum alltäglichen Dienste, denn durch 
Handelsleute kann er seine Geldmanipulation, seine häufigste Korrespon- 
denz und den Druck seiner Werke betreiben. In unmittelbare persönliche 
Berührung kommt er jedoch nur mit Wenigen, durch diese übt er dann 
seinen Einfluß in die übrigen, die gleichsam aus der zweiten Hand von ihm 
den Impuls erhalten, den sie weitergeben auf eine viel ausgedehntere dritte 
Hand, und so fort. 

Durch seine unermeßlichen Bekanntschaften kann er auf das Gesamte 



Wertheimer : Eine ungedriickte Charakteristik des Baron Wesselenyi. 127 

der Nation von verschiedenen Punkten (aus) einwirken. Wo er selbst ist, 
dort gibt er den ersten Impuls, er mag in Preßburg^ in Pest, in Klausen- 
burg oder wo immer auf dem Lande sich aufhalten. Dieser Impuls ist sehr 
unbedeutend, wie die Quelle eines Flusses, aber in einer gewissen Ent- 
fernung wird er zum Strome, und nicht dort, (von) wo die erste Wirkung 
ausgeht, sondern in der Ferne ist erst sein Einfluß bemerkbar. Da er den 
ersten Impuls so meisterhaft zu geben versteht, entfernt er sich gewöhnlich 
von da, wo er einwirken will, damit er sogar den Schein von sich abwälze, 
denn, wo er immer ist, braucht er zu seinem Zwecke nur wenige Individuen, 
denen er seine Absicht nicht im mindesten merken läßt, und die es folglich 
nicht einmal vermuten, daß sie zu seinen Werkzeugen dienen, auch scheint 
er mit ihnen kein Geheimnis zu unterhalten; indessen arbeiten sie fast 
unbewußt an seine Hand, und die Wirkung erfolgt. Aus dieser Fähig- 
keit zieht er sehr viele Vorteile; erstens scheint er in der Welt nur mäßig 
sein Leben zuzubringen ; zweitens macht er sich keinem Menschen ver- 
bindlich, denn er scheint alle entbehren zu können; drittens ist er nicht 
genötigt, die nämlichen Individuen in alle seine Geschäfte einzumischen; 
viertens, er zeigt sich so, als wenn er keine Verbindungen hätte, denn selbst 
diejenigen, die die nächsten zu ihm sind, sind nur manchmal um ihn, da 
er sich bald hier, bald dort aufhaltet. 

So wirkt er z. B. auch jetzt in Pesit, obwohl er 'sich im Oktober von hier 
wegbegeben hat. Er forderte nämlich durch den jungen Advokaten 
K(oväts) den Advokaten P(erger) auf, daß dieser den Vater des eingesperr- 
ten L(ovassy) nach Pest einberufen soll, um durch ihn den Zustand der 
eingesperrten Jünglinge 3*) erfahren zu können. Zu seiner Aushaltung, da 
er nicht Vermögen genug besitzt, auf eine längere Zeit hier verweilen zu 
können, resolvierte er alle Unkosten, so daß der L(ovassy) gar keine Sorge 
tragen soll um seinen hiesigen Aufenthalt. Nachdem er angekommen war, 
wurde ihm vermittels K(ossuth)35) alles vorgeschrieben, was er zu tun 
habe. Es ist ihm unter anderem aufgetragen worden, die Klagepunkte des 
k. Fiskus aus dem Gefängnisse zu stehlen; nachdem aber dieses Unter- 
nehmen mißlungen ist, wenigstens im Gedächtnisse alle diese Punkte gut 
einzuprägen, um sie ihnen mitteilen zu können. Der Vater tat es, wie er 
konnte, und der W. bekam die Punkte, durch K(ossuth) aufgesetzt, in seine 
Hände, um sie zu seiner Zeit gebrauchen zu können. Nämlich, wenn die 
Jünglinge verurteilt werden sollten, dann werden diese Klagepunkte im 
ganzen Lande veröffentlicht, im entgegengesetzten Falle der Angeber ad 
poenam talionis zitiert, und da die Klagepunkte ohnehin nicht wichtig 
genug sind, der k. Fiskus soll prostituiert werden, der die unglücklichen 
Opfer der Verfolgung in so hartem Gefängnisse schmachten läßt. Dann 
setzte der W. die Grundsätze auf, nach denen der K(ossuth) des Vaters 
L(ovassy) zweiten und dritten Rekurs verfertigte, die der Vater dem Per- 
sonal 3^) einreichte. Zugleich hieß er ihn, durch K(ossuth) verlangen die 
Gründe, warum der L(apsanszky) auch eingesperrt sei, da er aus den Klage- 



•'••) Bezieht sich auf die schon erwähnten verhafteten Juraten. 

^^) Ludwig von Kossuth. 

"**) So lautete die Bezeichnung für den Präsidenten der unteren Ständetafel des 
ungarischen Reichstages. Der Personal war gleichzeitig Vorsitzender der könig- 
lichen Tafel, des zweithöchsten ungarischen Gerichtshofes. 



128 Ungar i sehe Kundschau. 

punkten Verdacht geschöpft hat, daß der Angeber der Jungen der 
L(apsanszky) und dieser nur zum Schein eingesperrt sei. Da der k. Fiskus 
keine Gründe vorgab und auf dieses Verlangen sogar etwas bestürzt wurde, 
so glaubt jetzt der W. schon auf der wahren Spur des Angebers zu sein. 
Kurz, alles, was der Vater L(ovassy) während seines hiesigen Aufenthaltes 
tat, geschah auf Ws Anstiften, der ihn hier zugleich aushaltet. 

Wenn er in Pest ist, kommen seine Freunde beim B(ärtfay)3^) zusammen, 
wo der Hauptsitz aller Wesselenyi-Angelegenheiten sich befindet. Dort 
ist alles ä la Wesselenyi und selbst die Frau B(ärtfay), die eine der Haupt- 
rollen führt. Sie ist enthusiastisch eingenommen für Wesselenyi und aus 
lauter Patriotism mehr für diesen als für ihren Mann geneigt. Da sie eine 
geborene PoHn ist, so will sie sich in Patriotism von keinem Mann zuvor 
tun lassen, und obwohl sie sonst eine gebildete, kluge und verständige Frau 
ist, vergißt sie sich soweit, wenn die Rede von Wesselenyi ist, daß sie 
ganz erhitzt, keinen andern Diskurs mehr führen kann. Eine Anekdote wird 
hier nicht überflüssig sein. Neulich machte sie eine Visite bei der Gräfin 
W(artensleben)'^8)^ wohin sie öfters zu gehen pflegt. In der Hitze des 
Diskurses äußerte sie ohne Rückhalt, daß sie unter allen Regierungsformen 
die republikanische am meisten schätzt; eine monarchische würde sie nur 
dann vorziehen, wenn der Wesselenyi der Monarch wäre. Der Graf 
W(artensleben) machte ihr das Kompliment, daß er den Wesselenyi unter 
allen Sterblichen auch am ersten zum Könige wählen würde. Da er bei 
dieser Äußerung etwas innehielt, machte die Frau B(artfay) eine so hei- 
tere und vergnügte Miene, als wäre sie ganz entzückt. E)enn, fügte der 
Graf W(artensleben)'59) hinzu, dann würden alle Menschen, Männer und 
Weiber, ja, selbst die schönsten Mädchen, nackend herumgehen, und das 
wäre nur ein Jux. Wir lachten hoch auf, aber die Frau B(ärtfay) wurde 
hochrot und konnte keine Silbe mehr vorbringen. 

Was diesen Sitz der Musen beim B(ärtfay) betrifft, davon das Nähere 
(ein) andersmal. 

Der Wesselenyi hat ganze Sammlungen von Landes- und Privatbeschwer- 
den, noch mehr aber von solchen Fällen, wo die Regierung mißgegriffen 
hat, oder wo die Rechte des einzelnen Staatsbürgers beleidigt worden sind. 
Auch sammelt er Notizen von verschiedenen Verfahrungs- und Behand- 
lungsarten der Regierung, so daß diese Sammlung schon ziemlich ange- 
wachsen ist und im Falle, wenn sie herausgegeben werden sollte, eine 
unberechnebare Sensation verursachen würde, da sie unter dem Titel : 
«Felfedezett despotismus» («Die entlarvte Despotie) wirklich imposante 
Data enthaltet. Er hat auch meine Geschichte ^o) sich ausgebeten für diese 
Sammlung, die ich ihm auch versprach, aber noch nicht übergab, sondern 
ihn auf seine Wiederkehr vertröstete. 

In seinem Processe will er mehrere Grundsätze gewinnen *i), sonst würde 



^^) Ladislaus von Bärtfay war früher Gutsverwalter Wesselenyis, mit dem ihn 
intime Freundschaft verband. 

^^) Geborene Barbara Patay, vermählt mit August Wilhehn Ladislaus Graf von 
Wartensleben. 

'*) Der bereits erwähnte Gemahl der Barbara Patay. 

*<*) Bezieht sich auf die Verhaftungsgeschichte des Harsänyi. 

") Soll wohl heißen: feststellen. 



Wert heimer: Eine ungedruckte Charakteristik des Baron Wesselänyi. 12Q 

er ganz anders verfahren ; er will unter anderem den Grundsatz gewinnen^ 
daß durch keine Rede im Lande eine Nota zu inkurrieren möglich sei, denn 
wenn er diesen Grundsatz gewinnt, dann wird er, und auch ein jeder sonst, 
mit einer ganz andern Miene in solchem Falle auftreten können, wie der 
jetzige Fall der Jungen ^2) ist; auch bei dem Landtage und in den Komitats- 
kongregationen soll dann eine andere Sprache geführt werden. Er mode- 
riert sich aber jetzt, wie er sich ausdrückt, wegen dieses Grundsatzes, sonst 
wäre er schon auf dem Landtage aufgetreten und nachher in Komitats- 
Kongregationen, um Reden zu halten, woraus in seinen Umständen natür- 
Uch ein Feuer entstanden wäre, da endlich der Erzherzog-Palatinos) Gewalt 
zu gebrauchen gezwungen worden wäre, um ihn aus der Sitzung hin- 
ausführen zu lassen, er aber sich widersetzt hätte, bis endlich ein ganzes 
Feuer hätte auflodern müssen. 

Bei 00) allen seinen Unternehmungen und patriotischen Rollen, fängt er je- 
doch an, seine Popularität merklich zu verlieren, denn neben den ctUchen 
guten Eigenschaften hat er viel mehr schlechtere, die ihn auf eine längere 
Zeit nicht nur nicht beliebt, sondern sogar unausstehlich machen. Er ist 
nämUch zu herrschsüchtig; nicht nur seine Untergebenen, sondern oft auch 
seine Vertrauten will er unumschränkt beherrschen und geht mit ihnen 
oft ohne Schonung um. So z. B. ist er der grausamste Grundherr, der nur 
existieren kann, gegen seine Untertanen, denen er Mark und Bein aussaugt, 
und sie fast schinden möchte. Seine Urbarial-Prozesse belaufen sich wenig- 
stens auf 6. Dann hat er eine unersättliche Glanzsucht. Er will keinem 
eine Ehre oder einen Ruhm gönnen, er will nur der einzige Wesselenyi 
sein, außer sich will er weder Talente noch Verstand noch Tugenden in 
einem andern finden, obwohl er sich in diesem Punkte sehr behutsam aus- 
drückt, da er nicht umhin kann;, auch andere zu gebrauchen. Was aber 
bei einem politischen Manne der größte Fehler ist, ist seine Knickerei; 
denn nicht nur, daß er sich von einem jeden umsonst bedienen lassen will 
und er nie einen Dienst belohnt, sondern vielmehr lebt er selbst sehr gern 
auf den Kosten Anderer. So z. B. lebte er im ganzen Sommer auf 
dem Tische B(ärtfay) und bewohnte dessen Quartier, ohne seine gar nicht 
reiche Familie auch im Geringsten auf irgend eine Art belohnt zu haben. 
Auf dem Landtage in Klausenburg war ihm der St(uller) die rechte Hand, 
zog ihn in viele Unannehmlichkeiten, so daß jener endUch flüchten mußte; 
da verläßi ihn der Wesselenyi ganz und belohnte nie seine Dienste, ob- 
wohl jener nicht das tägüche Brot hatte. Es könnten viele ähnliche Fälle 
aufgezählt werden, die dem Publico nicht unbekannt blieben, allein es ist 
genug zu bemerken, daß ihn sein Geiz zu einer tätigen politischen Rolle 
unfähig macht, seine Anhänger hat er daher nur ihren eigenen Enthu- 
siasmen und Patriotismen zu verdanken, die ihn aber natürlich verlassen, 
sobald sie die Not hernimmt. Seine übrigen Leidenschaften aber setzen es 
außer Zweifel, daß er kein echter Patriot ist, und eben aus diesen Gründen 
fängt er an, seine Popularität zu verlieren. 

Der Graf R(aday)45) redete ihn im vorigen Sommer an, um ein Jagd- 



*2) Prozeß der Juraten. 
*") Erzherzog Joseph. 
**) Soll wohl heißen: trotz. 
*^) Gedeon Graf Räday. 
Ungarische Rundschau. IV. Jahrg., 1. Heft. 



130 Ungarische Rundschau. 

pferd. Mit einer Mäklerlobrede versprach er, ihm ein herrliches zu liefern, 
welches er ihm, als seinem Freunde, nur um 300 fl. C. M, nach P{eczel) 
hinauszuschicken versprach, indem er den Preis voraus aufnahm. Nach 
ein paar Wochen aber schickte er ein Bauernpferd um den Preis von 300 fl. 
C. M., das nicht 50 fl. W. W.. wert war. Der Graf R(haday), höchst ent- 
rüstet über eine solche Schmutzerei, schickte ihm das Pferd zurück, ohne 
das Geld wieder zu verlangen, aber im Kasino erzählte er öffentlich den 
Streich. Diese Woche geschah es, daß im Gasthause zur großen Pfeife 
manche Juraten wacker dem Vater Bacchus opferten bei ihrem Abendmahl. 
Der Juraten Streich wurde so stürmisch, daß alle Anwesenden verstummen 
mußten. Einer unter ihnen stand einmal auf mit einem vollen Glase in der 
Hand, grüßte den Wesselenyi, indem er für ihn sein Glas leeren wollte, 
allein seine Kameraden, obschon gut aufgeräumt und erhitzt, erwiederten 
seinen Toast nur mit Stillschweigen. > Darüber wurde der Redner sehr auf- 
gebracht und schimpfte empörend (sie) gegen seine Kameraden, die für 
den Wesselenyi nicht trinken wollten; um ihn zu beruhigen, nahm dann 
ein zweiter auch das Glas und trank mit, aber mit einem Fluch gegen 
Wesselenyi. Da der Redner auf diese Art für den Wesselenyi nichts aus- 
richten konnte, ging er mit schreckUchem Schimpfen über seine Kame- 
raden, die sich, wie er sich ausdrückte, umgetauscht haben, davon. 

In der Fechtschule *6) stiftete der Wesselenyi auch eine Aktie, wofür er 
das Recht hätte, einen Lehrling einzuführen; allein, er hat mehr als sechs 
eingeführt und dadurch mehrere andere Stifter auffallend verkürzt in ihren 
Rechten, da er auch ihre Stiftungen mit Lehrlingen besetzt hat und sich 
um die Apprehension nicht viel bekümmerte. Es ist in dieser Fechtschule im 
Gebrauche, daß die Stifter nach der Reihe Assauts geben. Der Assautgeber 
pflegt dann die Lehrlinge mit Schnitzel, Rostbraten etc. und mit einem Glas 
Wein zu bewirten. Der Wesselenyi gab, als er noch da war, auch ein 
Assaut. 27 Lehrlinge haben sich mit ihm müde gekämpft, ohne daß er 
auch nur eine Minute ausgeruht hätte. Die jungen Leute bewunderten 
seine Bravour, sahen sich um die Schnitzel und Rostbraten um, da sie 
aber von allem diesem nichts bemerkten, schlichen sie sich heimlich nach 
einander davon und ließen den Helden ganz allein da. Bei der vormaligen 
Popularität des Wesselenyi pflegten solche Anekdoten nicht zu geschehen. 



Die Verehrung, die jeder Ungar dem Andenken Wesselenyis zollt, 
konnte uns nicht abhalten, eine ihm auch weniger günstige Beur- 
teilung hiemit der Öffentlichkeit zu übergeben. Die historische Ob- 
jektivität macht es zu einem Gebot der Gerechtigkeit, daß wir die 
Größen unserer Geschichte auch in der gegnerischen Beleuchtung 
kennen lernen. Vor allem aber erscheint es nötig, zu wissen, in 
welcher Weise den maßgebenden Stellen die bedeutenderen Männer 
Ungarns geschildert wurden, und wie dann jene von ihnen denken 
mußten. Manches, was später geschehen, erklärt sich aus solchem 



*®) Hierüber ist mir nichts Näheres bekannt geworden. 



Kardcsonyi: Das Land Borodnok. 131 

Vorgange. All das gehört heute der Geschichte und einer unmöglich 
wieder auflebenden Vergangenheit an. Noch mehr als 1867, als erster 
Stufe hiezu, haben die eben sich vor unseren Augen abspielenden 
gewaltigen Ereignisse sie mit ewigem Schutt bedeckt. Aus den 
Kämpfen der Gegenwart, die wir nun durchleben, wird es der jetzi- 
gen Generation, dies- und jenseits der Leitha, immer klarer bewußt, 
daß wir unsere Kräfte nur in gemeinsamem Wirken entwickeln und 
nur mit vereinter Kraft unser Dasein zu retten vermögen. Das 
System Sedlnitzky, das sich noch manchmal in unserer Geschichte 
regte und dessen tiefste Wurzel in der Verdächtigung der ungari- 
schen Nation ruhte, dürfte nunmehr, zum Heile sowohl Ungarns wie 
auch der Monarchie für immer aus der Welt geschafft sein. 



Das Land Borodnok. 

Von Johann Karäcsonyi, Domherr in Nagyvärad. 



H-AT es denn auch ein solches gegeben? — wird wohl man- 
: eher fragen. Und wenn schon — was hat die Geschichte 
: der ungarischen Nation damit zu tun? werden wohl noch 

...j mehr weiter fragen. Im folgenden will ich den Beweis 

versuchen, daß es ein solches Land tatsächUch gegeben hat, und 
daß die Feststellung dieser Tatsache auch für die Geschichte der 
ungarischen Nation von Nutzen ist. 

Mit dem Namen Brodnik hat sich bisher sozusagen Paul Hun- 
falvy allein befaßt (Geschichte der Walachen I. S. 329—330), weil 
dieser Name mit der Einwanderung der Walachen einigermaßen zu- 
sammenhängt. Nur ließ Hunfalvy sich durch eine fehlerhafte Kopie 
irreführen, weshalb er die Brodniks für identisch mit den Walachen 
nimmt, wie aus seiner Auseinandersetzung ersichtlich wird: 

«Papst Honorius bestätigte in demselben Jahre (1222) das wieder- 
holte und erneuerte Geschenk des Königs, und zwar Wort für Wort; 
nur der Ausdruck: ,ad terminos Protnikorum' lautet: ,ad terminos 
BlacorumS und statt des Ausdruckes: ,cum per terram Siculorum 
aut per terram Blacorum transierit' heißt es: ,cum per Siculorum 
terram transierint, aut Valachorum^ 

«Die Urkunde des Königs und des Papstes aus dem Jahre 1222 ist 
für uns aber darum wichtig, weil die Gebiete diesseits der Donau 
betreffend dort die Rumänen zum ersten Male mit dem Namen Vlak, 
Blak bezeichnet werden. Und diese Namen will auch das Wort 
protnik erklären, dessen slawische Herkunft schon durch die 
Bildungssilbe nik erhärtet wird; prot ist offenbar = brod (der 

9* 



132 Ungarische RtDid schau. 

Hafen, die Fähre) und kommt auch in Ortsnamen vor, wie Nemet- 
Bröd, Magyar-Bröd (Deutsch-Brod, Ungarisch-Brod) im westlichen 
Ungarn ; ein B r o d gibt es auch in Slawonien. B r o d n i k bedeutet 
also Fährmann. Dem slawischen brod entspricht das ungarische 
rev (Rev-Komärom, Nagy-rev) und das deutsche fürt: Frankfurt, 
Querfurt, Schweinfurt usw. Die Fähren und Fährleute waren zur 
Zeit, als über die größeren Flüsse noch keine Brücken führten, von 
ungleich größerer Wichtigkeit als später. 

«Das Wort brod, als Zeitwort broditi, bedeutet aber auch so 
viel, wie hin- und hergehen, umherlaufen, dann noch: mit dem 
Netze fischen. Brodnik kann somit auch einen Umherziehenden, 
Herumstreichenden oder einen Fischer bedeuten. Es ist nicht sicher, 
welche Bedeutung auf die «brodnik»s paßt, die Urkunden verstehen 
jedoch ganz gewiß darunter Walachen, mögen sie nun Fährleute. 
Fischer oder Nomaden gewesen sein.» So weit Hunfalvy. 

Die Identifizierung von brodnik und b 1 a c h stützt sich also dar- 
auf, daß der Brief des Papstes Honorius II. blach schreibt, wo 
die ungarische KönigHche Kanzlei von brodnik spricht. Doch 
kommt der Ausdruck «usque ad terminos Blachorum» für <'usque 
ad terminos Prodnicorum» nur bei Fejer: Cod. Dipl. III. 1. S. 432 
vor; im Original des päpstHchen Briefes heißt es ebenso, wie im 
Brief des Königs «usque ad terminos Prodnicorum» (Urkunden- 
buch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen I. p. 23. Fejers 
Mitteilungen sind überhaupt sehr fehlerhaft; so schreibt er u. a. 
Szerzylon für Tertilou). Somit entfällt die ganze Übereinstimmung. 
Ebensowenig Glück hat Hunfalvy mit der Bemerkung, daß der im 
Briefe vom Jahre 1223 erwähnte Brodnik-Boden «entweder von Sla- 
wen oder von Walachen bewohnt ist; ich würde ihn am Olt suchen, 
so, wie ich die Brodniks früher an der Bodza suchte» (I. S. 331). 
Dieses Brodnik oder Prodnik erhielt aber — wie die Urkunde deutlich 
sagt (Urkbv I. p. 27) — der Propst von Szeben als Ersatz für Kis- 
Disznöd; nun klagt aber Propst Paul von Szeben im Jahre 1359, 
daß «quandam possessionem suam Prepostfalva alio nomine 
Prodnik nuncupatam, quae semper et ab antiquo ad dictam eccle- 
siam Zebeniensem pertinuisset», die Sachsen von Nagysink-szek in 
Besitz nahmen (Urkb. IL p. 170). Daraus geht also hervor, daß 
der im Jahre 1223 erwähnte Brodnik-Boden nichts anderes ist, als 
das heutige Prepostfalva im Komitate Nagy-Küküllö, nördlich von 
Szent-Ägota, von jedem Flußwasser weit entfernt, infolgedessen er 
auch mit dem Laufe des Olt nichts zu tun hat. 

Wir müssen demnach einen andren Weg einschlagen, wenn wir das 
Land der Brodniks finden wollen. Die sicherste Orientierung bietet 



Karäcsonyi: Das Land Borodnok. 133 

diesbezüglich König Bela IV. resp. die ungarische Königliche Kanzlei 
im Jahre 1254. Wenn irgendwo, so mußte man doch in der ungari- 
schen Königlichen Kanzlei Kenntnis davon haben, wo diese Brod- 
n i k s sind und wo sie wohnen, denn niemanden in der damaligen 
ziviHsierten Welt ging dieses Volk näher an, als die ungarische 
Nation. Am 11. November 1254 stellte die ungarische Königliche 
Kanzlei zu Potoka einen, an den Papst Innozenz IV. gerichteten und 
seiner hohen Bedeutung wegen mit goldenem Siegel beglaubigten 
Brief aus. Gewiß wurde jedes Wort darin wohlerwogen, bat man 
doch den päpstlichen Stuhl um rasche und tatkräftige Hilfe gegen 
die Tataren und hätten doch im Falle von Unwahrheiten oder leicht 
nachweisbaren Übertreibungen die den Brief überreichenden ungari- 
schen Gesandten statt der Hilfe nur Beschämung nachhause gebracht. 
In diesem Briefe sind die damaligen Nachbarn Ungarns wie folgt 
beschrieben : «Regnum Hungariae . . . diversis infideHum generibus 
circumspectum, utpote Ruthenorum, Brodnicorum a parte orientis, 
Bulgarorum et Boznensium hereticorum a parte meridiei, Aleman- 
norum vero a parte occidentis et aquilonis^).» An dieser Stelle läßt 
die Stilisierung des Briefes den Verdacht zu, daß das Wort Brodni- 
corum nur ein Attribut zu «Ruthenorum» sein könnte. Diese Ver- 
mutung wird jedoch durch die bald darauf folgende Aufzählung der 
südöstlichen Nachbarländer zerstreut: «Tartaris . . . tributarias se 
constituerunt . . . regiones, sicut Ruscia, Cumania, Brodnici, Bulgaria, 
quae in magna parte antea nostro dominio subiacebant^).» 

Brodnici ist hier von Ruscia durch Cumania vollkommen getrennt, 
und so unterliegt es keinem Zweifel, daß die ungarische Königliche 
Kanzlei mit dem Worte Brodnici ein selbständiges Land bezeichnete, 
wie (Rot-) Rußland oder Bulgarien. Aus den beiden Beschreibungen 
geht auch hervor, daß das Land Brodnik östlich von Ungarn zwi- 
schen Rotrußland und Bulgarien zu Hegen kam. Es konnte also 
nichts anderes, als das spätere Moldavia (die Moldau) sein. Die 
südöstlich liegende spätere Walachei war von der ungarischen König- 
lichen Kanzlei nicht dazugerechnet, weil die Walachei im XIII. Jahr- 
hundert von den Ungarn immer Cumania (Kunorszäg, das Land der 
Kumanen) genannt wurde. Die Sonderstellung des Landes Brodnik 
zeigt sich auch aus der Geschichte des vor dem Einfalle der Mon- 
golen errichteten, aber alsbald zugrunde gegangenen kumanischen 
oder Milköer Bistums. Vor dem 31. August 1227 machte sich Erz- 
bischof Robert von Esztergom auf die Reise ins Heilige Land ; unter- 
wegs aber erschien vor ihm der Sohn des kumanischen Fürsten mit 
der Bitte, nach Kumanien zu kommen, da sie geneigt wären, sich 

*) Theiner, Monumenta Hungariae I, 30. -) Das. I, 231. 



134 Ungarische Rundschau. 

zum Christentume zu bekehren. Robert unterbrach sogleich seine 
Reise und erbat sich rasch von Papst Gregor IX. die Vollmacht eines 
päpstlichen Nuntius: «ut in Cumania et Brodnic, terra illa vicina, 
de cuius gentis conversione speratur . . . potestatem habeat predi- 
candi, baptisandi, edificandi ecclesias, ordinandi clericos necnon et 
creandi episcopos^).» Auch hieraus erhellt, daß das Land Brodnik 
(terra, regio) östlich von Ungarn gelegen u^ar und so nur zwischen 
den Flüssen Patna, Szeret und Pruth liegen konnte, mit anderen 
Worten, die spätere Moldau war. 

Das Land Brodnik kommt noch an einer anderen Stelle vor — ein 
Datum, welches eine noch pünktHchere Orientierung und auch eine 
interessante Aufklärung für die Geschichte der Besiedelung unseres 
Vaterlandes bietet. Im Jahre 1222 hat Andreas II. im Besitze des 
Burzenlandes die deutschen Ritter nicht nur bestätigt, sondern ihr 
Gebiet auch vergrößert. «Addidimus etiam postmodum castrum, 
quod Cruceburg nominatur, quod fratres praedicti de novo con- 
struxerant, et a fine terre Cruceburg terram, que radit usque ad 
terminos Prodnicorum*).» Noch früher, imjahre 1211, bestimmte der 
König ganz klar, daß das Land der deutschen Ritter nur bis an den 
Bach Präsmär (Tartlau, Tertylon) reicht. Die deutschen Ritter 
wollten sich aber schon im Jahre 1222 weiter nach Osten ausbreiten. 
Darum erbauten sie am Tatrang-Bach beim Dorfe Nyen die Cruce- 
burg-Kreuzburg. Wenn also der König das Gebiet von der Ge- 
markung Nyens bis zum Lande der Brodnik ihnen schenkte, so er- 
klärte er damit, daß er die Besiedelung und Verwaltung des Ge- 
bietes zwischen Tatrang und der späteren Moldau, d. h. zwischen 
dem Ufer des Feketeügy (Schwarzbachs) und den Bergen den 
deutschen Rittern überträgt. Folglich war im Jahre 1222 der Teil 
des Komitates Häromszek am linken Ufer des Feketeügy noch voll- 
kommen unbewohnt. Hätten sich die deutschen Ritter dort einge- 
nistet, so wäre dieses Gebiet ebenso von deutschen Bewohnern be- 
setzt worden, wie das Burzenland. Doch schon nach drei Jahren 
vertrieb Andreas II. die unfähigen deutschen Ritter, denen auf diese 
Weise die Zeit genommen war, um das erhaltene große Stück Land 
mit Deutschen zu bevölkern. Die Besiedelung dieses Teiles von 
Häromszek konnte also erst nach dem Jahre 1225 begonnen haben, 
wenn sie überhaupt schon um diese Zeit begonnen hat. Doch diese 
Schenkung vom Jahre 1222 macht es evident, daß das Land der 
Brodnik östlich vom heutigen Komitate Häromszek, also in das Ge- 
biet der späteren Moldau fällt. Nördlich aber erstreckte sich dieses 
Land nicht so weit, wie die Moldau im XIV.— XVII. Jahrhundert, 

3) Das. I, 87. *) Urkundenbuch I, 19. 



Karäcsonyi: Das Land Borodnok. 135 

denn im Jahre 1228 grenzt das Hochland Kelemen oberhalb Bor- 
szeks, resp. die Herrschaft Szeplak bereits an Rußland (Ruscia), so 
daß die heutige Bukowina, einst ein ergänzender Teil der Moldau, 
im XIII. Jahrhundert noch zu Rotrußland und nicht zum Brodnik- 
land gehörte^). 

Von diesen Brodniks sind einzelne Haufen in Ungarn eingewan- 
dert, ebenso wie von den Russen oder Petschenegen (Bissenern). 
Ein solcher Brodnikhaufe machte also auch auf dem Gebiete des 
heutigen Prepostfalva Halt, infolgedessen dieses Dorf im XIII. Jahr- 
hundert Brodnik, der ungarischen Aussprache besser angepaßt: 
Borotnik (Borodnok) genannt wurde. Jedoch nicht nur haufenweise, 
sondern auch einzeln kamen Hirten recht häufig und ließen ihre 
Herden auf dem noch unbewohnten Gebiete von Häromszek weiden. 
Ihnen sind die, besonders im südlichen Teile von Häromszek, so 
zahlreich vorkommenden slawischen Ortsnamen zuzuschreiben, wie 
Lisznyö, Borosnyö, Szacsva, Koväszna, Papolcz, Zägon, Osdola, 
Piliske, Csemernye usw. 

Wie lange das Land Brodnik bestanden hat, wissen wir nicht genau. 
In den Jahren 1227—1254 ist es nachweisbar. Erst erkannte es die 
Oberhoheit des ungarischen Königs an, seit 1238 war es den Tataren 
tributpflichtig. Wenn der Sitz des kumanischen Bistums Milkö tat- 
sächlich in der Gegend des heutigen Foksän stand, dann ist das 
Land Brodnik um 1270 gänzHch vernichtet worden, denn die, auch 
unter den Tataren herumkommenden Franziskaner schicken 1278 an 
den apostoHschen Stuhl die Meldung: «civitas de Milko posita in 
confinibus Tartarorum destructa fuerit«).» Wenn aber Milkö damals 
nicht mehr in der Nähe der Brodniks, sondern der Tataren lag, so 
ist dies ein Zeichen dafür, daß das Land Brodnik zu bestehen auf- 
gehört hatte. Einen ähnHchen Schluß können wir aus der Urkunde 
des Königs Ladislaus IV. vom Jahre 1288 ziehen, denn er sagt, daß 
er die im Jahre 1282 geflüchteten Kumanen «de finibus et terminis 
Tartarorum ultra Alpes» zurückgebracht hat^), — auch ein Beweis 
dafür, daß in der späteren Moldau und Walachei schon damals aus- 
schließlich die Tataren die Herren waren, so daß selbst der Name 
Brodnik verschwunden ist. Nach alledem können wir mit Bestimmt- 
heit behaupten, daß das Land Brodnik 1263 von den Tataren ver- 
nichtet worden ist^). 

Es ist nämlich sicher, daß die Tataren im Jahre 1262, auf die Er- 
munterung (per incitationem vicinorum) der Nachbarn sich gegen 
Ungarn rüsteten und Stefan V., dem jugendlichen Könige, bereits 

5) Cod. Dipl. Patr. VI, 23. «) Theiner I, 337. 

^) Fejer, Cod. Dipl. V, 3, 410. «) Wenzel, Cod. Dipl. Arp. Cont. XII, 6—7. 



136 • Ungarische Rundschau. 

den Krieg erklärt hatten^). Glücklicherweise gelang es dem klugen 
Gesandten Stefans V., Banus Miskolcz Panyit, den Einbruch zu ver- 
hüten; doch der ganz gut informierte päpstliche Hof schreibt doch 
am 14. Oktober 1263: «Tartari partes Hungariae conterminas a 
diebus non longe preteritis crudelissime destruxerunt^o). Diese, 
Ungarn benachbarten und von den Tataren ins Verderben gestürzten 
Provinzen können nur das Land Brodnik und die alte kumanische 
Walachei gewesen sein. Der Fürst Danilo von Rotrußland unter- 
warf sich dem Kaiser der Tataren und entkam so der Vernichtung. 
Unterhalb Rotrußlands gab es bis Bulgarien kein anderes, an Ungarn 
grenzendes Land, als Brodnik und das alte Kumanien. Diese aber 
wurden von den Tataren nicht nur verwüstet, sondern auch in Be- 
sitz genommen, und daher kommt es, daß die Tataren sich schon 
1263 als Nachbarn in die Angelegenheiten Bulgariens mengten. 

Aus dem Vorausgeschickten wird es klar, daß das Wort brodnik 
nicht Fährmann bedeutet (sonst müßte es ja b r o d ä r lauten) ; da- 
gegen kann es Wanderer oder Verbannten bedeuten; was es wirklich 
bedeutet, mögen die Slawisten entscheiden. 

Traurig genug ist es, daß die walachischen (rumänischen) Schrift- 
steller von dem Märchen, als ob die Walachen ewig in diesen 
Gegenden ansässig gewesen wären, derart befangen sind, daß selbst 
Männer, wie z. B. Nikolaus Jorga, von der Geschichte der Moldau 
im XIII.— XIV. Jahrhundert keinen Begriff haben. Sie wissen nicht, 
daß dort zuerst die Brodniks ein Land gründeten, dann die Tataren 
daselbst herrschten und die Walachen erst am Ende des XIV. Jahr- 
hunderts anfingen, sich nach und nach einzufinden. 



Lenau und Lamartine. 
Von Heinrich Bischoff, Professor a. d. Universität Lüttich. 



WSIE Klopstock, Hölty, Voß und Miller, gefiel sich der 
j junge Lenau in der Behandlung des Themas von der 
j künftigen GeHebten. Seine Gedichte «An Mathilde», 

: «An die Ersehnte», «An der Bahre der Geliebten» 

sind durch die Dichter des Hainbundes angeregt und stark von ihnen 
beeinflußt, namentlich von Klopstock und Hölty, die überhaupt die 
Hauptvorbilder von Lenaus Jugenddichtung waren i). Ist es dem 



«) Das. XH, 7. '0) Theiner I, 250. 

^) Dies wird ausführlich dargelegt in meinem demnächst im Verlage der Weid- 
mannschen Buchhandlung, Berlin, erscheinendem Werke: Lenaus Lyrik. Ihre 
Geschichte, Chronologie und Textkritik. 



% Bischoff: Lenau und Lamartine. ' 137 

Zufall oder, was wahrscheinlicher, dem deutschen Einfluß, vielleicht 
Klopstocks, zuzuschreiben, daß auch Lamartine die künftige Ge- 
liebte, die «divine inconnue», wie er sie nennt, besungen? Sein Ge- 
dicht «A Laurence», das im Jahre 1823 in den «Nouvelles medita- 
tions poetiques» erschien, ward das Vorbild von Lenaus Versen 
«An die Ersehnte». 

Umsonst! du bist auf immer mir verloren! 
klagt Lenau, den Lamartineschen Vers 

Retour perdu vers Pimpossible 

umschreibend. Auf immer verloren ist die wahlverwandte Ersehnte, 
weil sie «dieser Erde noch nicht geboren ist». Diese grundlegende 
Vorstellung findet sich auch bei Lamartine : 

Oh! pourquoi, divine inconnue, 
Pourquoi si tard es-tu venue 
Du ciel, de Fair ou d« la nue, 
Passer et luire devant moi? 
Du regard je t'aurais suivie! 
Oh Dieu! qui me rendra ma vie! 
Ma part de temps me fut ravie, 
Puisque je vecus avant toi. 

In der Zukunft Schattengängen, dichtet Lenau, schlummern noch 
die Stunden, die das Mädchen mit ihrer Bürde von Seligkeiten durchs 
Erdental geleiten. Eine dieser Schläferinnen wird eines Tages das 
Mädchen, in stilles Sinnen versenkt, an das Grab des Dichters locken. 

Ces heures, en cercle enchainees, 
Qui dansaient au seuil des annees, 
Sortent du choeur decouronnees. 
Et leur aspect se rembrunit; 
La derniere vers moi s'avance. 
Et du doigt me montre en silence 
La couche oü le sommeil commence 
Sur un oreiller de granit. 

Dieses Grab ist ein moosig vergessener, mit Zypressen bepflanz- 
ter Hügel. Lamartine nennt es ein 

. . . petit cercle d'ombre 

Que decrit sur un tertre sombrc 

La fleche d'un jeune cypres. 

Wie offenbar die Nachahmung auch ist, so ist sie doch keine 
sklavische. Von Ausschreiberei kann keine Rede sein, wenn ein 
Dichter sein Vorbild so umbildet und verklärt. 

Früh ward Lamartine in Wien bekannt, seine «Nouvelles medi- 
tations poetiques» namentlich sofort nach ihrem Erscheinen. 



138 Ungarische Rundschau. 

Lenaus Freund J. G. Seidl übersetzte einige Gedichte bereits im 
Jahrgange 1824 der Wiener «Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater 
und Mode» und gab im Jahre 1826 eine Übertragung der Elegien 
heraus. Spätere Freunde Lenaus, wie M. L. Schleifer und Gustav 
Schwab, waren glühende Verehrer und Übersetzer Lamartines. Daß 
Lenau ihn kannte, geht unmittelbar aus einer, freilich recht derben 
Bemerkung dem Freunde L. A. Frankl gegenüber hervor, die er 
durch den Zusatz milderte: «Der Lamartine kann schon etwas 
machen, aber ich kann es besser.» 

Zu den Jugendgedichten, die sich auf den «unheilbaren Riß» be- 
ziehen, den die Untreue Berta Hauers bewirkte, gehört «An die 
Hoffnung». Lenau schloß es seit 1837 aus, vielleicht, weil er es 
als zu wenig selbständig empfand. Die Quelle des Gedichtes sind die 
Stances von Lamartine in den «Nouvelles meditations poe- 
tiques». «Kein holder Wahn täuscht» Lenau wie Lamartine, die 
«Sterne sind gefallen»: 

Et j'ai dit dans mon coeur : <Que faire de la vie ? 

Irai-je encor 

Imiter des mortels l'immortelle folie?» 

Der eine, singt Lamartine, sucht Schätze im Meere. 
Et la vague engloutit ses voeux et son navire. 

So ergehts dem Lenauschen Eroberer, Bonaparte, den sein Ver- 
hängnis ergreift: 

Schleudert ihn ins Meergefängnis; 
Bald verschlingt ihn dort sein Grab. 

Beim Meergefängnis hat vielleicht Lenau Lamartines Vers im 
Gedichte «Bonaparte» vorgeschwebt: 

Un tombeau pres du bord par les flots depose. 
Unschwer ist in Lenaus zweiter Strophe: 

Dieser streckt nach einer Krone 
Seine Hand verwegen aus; 
Doch ihn stoßt der Tod mit Hohne 
In sein enges, kühles Haus^), 

die Umschreibung von Lamartines Vers: 

Celui-ci fonde un trone et monte pour tomber 

zu erkennen. Dem Eroberer 

Le guerrier frappe et tue, 



2) Vgl. Schiller, «Die Räuber», V. Aufzug, 2. Auftritt. Auch die Elegie auf 
den Tod eines Jünglings, Vs. 37. 



Bischoff: Lenau und Lamartine. 139 

gelten bei Lenau die 3. bis 6. Strophe. Und nun führt Lenau noch 
den Lamartineschen Gelehrten: 

Le savant pense et lit, 
und den Liebenden vor: 

Dans des pieges plus doux aimant ä succomber, 
Celui-ci lit son sort dans les yeux d'une femme. 

Sie sind sämtHch «ombres fugitives». Welches ist ihr Los? 

Oü vont-ils cependant? Ils vont oü va la feuille 
Que chasse devant lui le souffle des hivers. 

Ähnlich schließt Lenau: 

All dein Wort ist Windesfächeln, 
Hoffnung! 

Auf die Gedichte, die mehr oder minder Bezug auf das Verhältnis 
zu Berta Hauer haben, folgt chronologisch eine ganze Reihe ali- 
gemein-pessimistischen Inhalts. Einen logischen Abschluß dieser 
düsteren Poesie bildet die Phantasie «Die Zweifler», ein Gedicht 
auf die alles umfassende Herrschaft des Todes. Die Rede des ersten 
der beiden Zweifler berührt sich stark mit derjenigen, die Lamartine 
im Gedichte «LMmmortalite», das sich in den «Premieres medi- 
tations poetiques» findet, den Materialisten in den Mund legt: 

Insense, diront-ils, que trop d'orgueil abuse, 
Regarde autour de toi : tout commence et tout s'use, 
Tout marche vers un terme et tout nait pour mourir: 
Dans ces pres jaunissants tu vois la fleur languir, 

Tu vois dans ces forets le cedre au front süperbe 
Sous le poids die ses ans tomber, ramper sous l'herbe; 
Dans leurs lits desseches tu vois les mers tarir; 
Les cieux meme, les cieux commencent ä pälir; 

Vergänglichkeit! wie rauschen deine Wellen 
Dahin durchs Lebenslabyrinth so laut! 



ich seh erbleichen 

Die Sterne selbst und zitternd rückwärts weichen. 

Die ganze Natur weiß, daß sie dem Tode verfallen, nur der Mensch 
glaubt an seine Unsterblichkeit: 

Et l'homme, et l'homme seul, 6 sublime folie! 
Au fond de son tombeau croit retrouver la vie. 
Et dans le tourbillon au neant empörte, 
Abattu par le temps, reve Feternite! 

Wenn auch die Wellen ihre Ufer fressen 
Und du zum Meer hinwucherst, unermessen : 



140 Ungarische Rundschau. 

Doch stehn an deinem Ufer frohe Toren, 
In ihren Traum ,UnsterbHchkeit' verloren. 

Auch das Bild der «zitternd rückwärts weichenden Sterne», die 
«nicht sicher sind auf ihren Bahnen» und schließlich «heruntersinken», 
findet sich bei Lamartine : 

Pour moi, quand je verrais dans les Celestes plaines 
Les astres, s'ecartant de leurs routes certaines, 
Dans les champs de l'ether, Tun par Tautre heurtes, 
Parcourir au hasard les cieux epouvantes; 

Die Rede des zweiten Zweiflers läßt sich auf eine Stelle in La- 
martines Gedicht «La foi», auch in den «Premieres meditations 
poetiques» zurückführen. Offenbar hat Lenau, namenthch bei den 
Versen : 

Solang dies Herz auf Erden schlug, 
Hab' ich erlebt genug, genug. 
Um ein Vergehen, ein Verschwinden — 
Ein Los der Sehnsucht wert zu finden 

der berühmte Erguß vorgeschwebt: 

J'ai vecu, j'ai passe ce desert de la vie, 

Oü toujours sous mes pas chaque fleur s'est fletrie; 

Oü toujours l'esperance, abusant la raison, 

Me montrait le bonheur dans un vague horizon; 

Oü du vent de la mort les brülantes haleines 

Sous mes levres toujours tarissaient les fontaines. 

Qu'un autre, s'exhalant en regrets superflus, 

Redemande au passe ses jours qui ne sont plus, 

Pleure de son printemps l'aurore evanouie. 

Et consente ä revivre une seconde vie: 

Pour moi, quand le destin m'offrirait, ä mon choix, 

Le sceptre du genie ou le trone des rois, 

La gloire, la beaute, les tresors, la sagesse, 

Et joindrait ä ces dons l'eternelle jeunesse: 

J'en jure par la mort, dans un monde pareil, 

Non, je ne voudrais pas rajeunir d'un soleil; 

Je ne veux pas d'un monde oü tout change, oü tout passe; 

Oü, jusqu'au souvenir, tout s'use et tout s'efface; 

Oü tout est fugitif, perissable, incertain; 

Oü le jour du bonheur n'a pas de lendemain. 

Lenau ist fest überzeugt, daß die Qualen dieser Erde mit in ein 
etwaiges Jenseits hinüberwandern. Lamartine stellt in «La Foi» die 
Frage : 

Ame, qui donc es-tu? flamme qui me devore, 
Dois-tu vivre apres moi? dois-tu souffrir encore? 



Bischoff: Lenau und Lamartine. 141 

Den finsteren, grausamen Gott, der seine Schöpfung, die Welt, 
verächtlich von sich stößt, sie dem fahnden Schicksal, dem Unglück, 
als Beute überläßt, schildert Lamartine in «Le Desespoir». Auch in 
«La Fol» ruft der Verzweifelnde zum grausamen Gott: 

Reponds-moi, Dieu cruel! S'il est vrai que tu sois, 
J'ai donc le droit fatal de maudire tes lois! 

In einer seiner «Harmonies poetiques et religieuses», nämlich 
in «Novissima verba», nennt Lamartine das Leben: 

Une derision d'un etre habile ä nuire, 

Qui s'amuse sans but ä creer pour detruire, 

Ou qui de nous tromp^r se fait un divin jeu! 



und noch : 



Un sarcasme amer d'une aveugle puissance. 



Zu dem Schönsten, was Lenau gedichtet, gehören die im Monate 
Mai 1834 geschreibenen Faustszenen «Maria» und «Der Maler». 
Voll bestrickender Anmut sind namenthch die Verse, in denen der 
Dichter die Frauenschönheit preist, wozu ihm die Wirklichkeit in 
den Gestalten der Gräfin Marie von Württemberg und Sophie 
Löwenthal zwei glänzende Vorbilder bot, die sich in seiner Phantasie 
verschmolzen. In «stummer Wonnetrunkenheit» sitzt Faust vor der 
holden Königstochter, wie Lenau vor Sophie gesessen. Hier sollte 
er «schmerzhch inne werden» : 

Der wahren Frauenschönheit holder Macht 
Kann widerstehen keine Macht auf Erden. 

Heftig ergreift ihn die Sehnsucht, «das süße Urbild zu umarmen»: 

Doch, wie auch flammt des Wunsches Leidenschaft, 

Die Ehrfurcht hält ihn fest in scheuer Haft. 

O Frauenschönheit! Vieles ist zu preisen 

An dir, in ewig unerschöpften Weisen; 

Das ist dein Schönstes: daß in deiner Nähe 

Auch wilde Sünderherzen weicher schlagen. 

Daß ein Gefühl sie faßt mit dunklem Wehe 

Aus ihrer Unschuld längst verlor'nen Tagen. 

Mag auch des Sünders Herz zur Lust entflammen. 

Wenn er in deine Zauberfülle blickt, 

Doch sieht er auch dein Ewiges und schrickt 

An dir, du Himmelsabgrund! scheu zusammen. 

So preist auch Don Juan als besonderen Reiz der Frauenschön- 
heit den 

Duft von Ewigkeit 
Der über einem Frauenherzen schwebt. 



142 Ungarische Rundschau. 

Genau entspricht dieser Zug dem Lamartineschen «parfum de vie 
immortelle», den allein die Frau über das Menschenleben ausströmt : 

Ce que la vie humaine a d'amer et de doux, 

Ce qui la fait brüler, ce qui trahit en eile 

Je ne sais quel parfum de vie immortelle, 

Cest vous seules! (Novissima verba.) 

Eine ähnliche Schilderung der Frauenschönheit, auch in «Novis- 
sima verba», hat Lenaus Preislied auf Maria im «Faust» beeinflußt. 
Man vergleiche mit den Lenauschen : 

Wie diese sanftgehauchte Jugendglut, 
Ein Traum von Rosen, auf den Wangen ruht. 
Vom Morgenrot ein fernes Widerscheinen, 
Das einst gestrahlt den Paradieseshainen, 

die Lamartineschen Verse : 

A la pourpre qui teint sa joue 
On dirait que l'aurore s'y joue, 
Ou qu'elle a fixe pour toujours. 
Au moment qui la voit eclore, 
' Un rayon glissant de Taurore 
Sur un marbre aux divins contours?, 

deren Einwirkung auf das in Amerika verfaßte Gedicht «Die schöne 
Sennin» nicht minder sichtUch ist: 

Du Alpenkind, wie mild und klar 

Strahlt mir dein blaues Augenpaar! 

Wohl ist in diesen Himmelsnähen 

Ein stilles Wunder einst geschehen. 

In deiner Lämmer frohem Kreise 

Hinknietest du, zu beten leise, 

In heller Frühlingsmorgenstunde; 

Mit Kindesblicken, innigfrommen. 

War all dein Herz zu Gott geklommen: 

Da sandte, freundlich dir begegnend. 

Und deine fromme Seele segnend, 

In's holde Auge dir zurück 

Der Himmel einen vi^armen Blick, 

Der sich vertieft in seinen Schimmer, 

Geblieben ist, und scheidet nimmer. 

O Sennin, sterbHch! scheidet nimmer? — 



Patek: Die Jesuiten in Ungarn. 143 



Die Jesuiten in Ungarn. 
Von Dr. Franz Patek. 

Der mächtige Kampf, den in der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts 
die katholische Kirche — jetzt schon als aggressiver Teil — gegen die 
Reformation führte, und dessen hervorragendsten Kämpen auf der katholi- 
schen Seite die Jesuiten waren, ließ zwar naturgemäß seine Wirkung im 
ganzen damaligen Christentum spüren, entzündete sich aber doch am mäch- 
tigsten auf den Gebieten, wo von den kämpfenden Parteien keine die 
nötige Übermacht hatte, einen leicht errungenen, sicheren und entschei- 
denden Sieg über den Gegner davonzutragen. Belgien, Mittel- und Süd- 
deutschland, die österreichischen Provinzen, Böhmen, Polen und Ungarn 
gaben die Hauptschauplätze des Kampfes her. In Ungarn komplizierten 
noch Momente der äußeren Politik, das Vordringen der Türken und natio- 
nale Gesichtspunkte den ohnedies schon heftigen und schweren Kampf; 
die Türkenherrschaft begünstigte scheinbar den Protestantismus ; der Aus- 
treibung der Türken aber folgte — der Zeit nach, wenn auch nicht dem 
Grunde nach — die Erstarkung des Katholizismus auf den Spuren. Außer 
religiösen wirkten noch andere, sehr verschiedene Momente mit, die Kämpfe 
der Reformation und Gegenreformation in Ungarn schwer, ja, oft drama- 
tisch zu gestalten, wobei die Hauptrollen auch hier den Jesuiten zufielen. 

Nicht lange nach der Begründung des Jesuitenordens führten die Väter 
Lefevre, Lejay und Bobadilla denselben auch in Deutschland ein, wo bald 
darnach eine unter- und eine oberdeutsche Provinz sich ausbildete. Aus 
der letzteren schied sich die österreichische Provinz aus, wo die Entwicke- 
lung so rasch und energisch erfolgte, daß es nötig war, Polen schon im 
Jahre 1574 zu einer selbständigen Provinz zu machen. Dieses schnelle 
Emporkommen ist zum guten Teil dem Wiener Ordenshaus zuzuschreiben, 
das schon als erste Rektoren solche hervorragende Köpfe wie Lejay, De- 
lanoy und Vittoria aufwies, von denen man den ersten mit vollem Recht 
mit dem Ehrennamen «Pater provinciae Austriae» ausgezeichnet hatte. Aus 
diesem Ordenshaus löst sich der Zweig ab, welcher in Ungarn dann sein 
selbständiges, zwar einstweilen kurzatmiges Leben beginnt. 

Um die Mitte des XVI. Jahrhunderts herum stand es mit der Sache der 
Katholiken wirklich schlecht. Die schweren inneren Wirren nach der 
Mohäcser Schlacht und das Vordringen der Türken haben das Umsich- 
greifen des Protestantismus sehr erleichtert; die Geistlichkeit, in der Zahl 
bedeutend vermindert, ihres Vermögens zum größten Teil beraubt, konnte 
dem mit jugendlicher Kraft vorwärtsdringenden Protestantismus keinen 
Einhalt bieten. Der Primas von Esztergom (Gran), der vielwissende und 
umsichtige Nikolaus Oläh, hoffte im neuen Orden der Jesuiten eine mäch- 
tige Stütze zu finden; deswegen ließ er schon im Jahre 1555 die Idee der 
Einführung der Jesuiten laut werden, und bald darauf, im Jahre 1560, mit 
der Einwilligung des Generals Laynez, beschloß er, sie in Nagyszombat 
(Tyrnau), in seine Residenzstadt, wirklich einzuführen. 

Das Kolleg selber entstand erst ein Jahr später, als Vittoria, der Rektor 
des Wiener Ordenshauses, die ersten Väter des Kollegs herschickte. Unter 
den letzteren befindet sich schon ein Ungar. Reichliche Geschenke sollten 



144 Ungarische Rundschau. 

für die Zukunft des jungen Instituts sorgen, auch taten die Patres ihr Bestes, 
dasselbe sowohl durch Schulen, wie durch ihre berühmten Redner weit 
und breit bekannt und berühmt zu machen. Trotz alledem blieb dieses erste 
ungarische Unternehmen nur kurze Zeit. Die Gaben und Geschenke bil- 
deten oft nur auf dem Papier das Eigentum des Ordens, in der Wirklich- 
keit verfügte ein mächtiger Adliger über sie; das weltliche Priestertum und 
die Tyrnauer Lehrerschaft sah wiederum die großen Erfolge des Ordens 
mit scheelen Augen an. Auch ließ das Verhalten der Jesuiten ihren Geg- 
nern gegenüber oft vieles an Korrektheit und Vorsicht zu wünschen übrig. 
Das Unglück voll zu machen, verheerte Feuer das neue, eben im Bau 
begriffene Kolleg samt dem größten Teil der Stadt. Unter solchen Um- 
ständen beschloß der General, der heilige Franz von Borgia, den Orden 
im Sommer 1567 aufzulösen. 

Nach einem glücklicheren Anfang endete ebenso traurig die erste 
siebenbürgische Jesuitenkolonie. Da war ihr Zustand insofern schwieriger, 
da hier die Protestanten das führende Element waren, und die Jesuiten 
konnten nur durch die Unterstützung des Fürstenhauses Bäthory einstweilen 
bestehen. Stephan Bäthory lernte die Jesuiten in Wien kennen im Jahre 
1565, als er bei Gelegenheit seiner Gesandtschaft gefangengenommen 
wurde. Unter den Wiener Jesuiten war besonders ein Ungar, namens 
Szäntö, den er später liebgewann; derselbe hat auch in der Begründung 
des römischen Collegium Hungaricum große Verdienste. Der Fürst trug 
sich schon gleich nach seiner Erwählung mit dem Plane der Einführung 
des Jesuitenordens, konnte aber erst als König der Polen im Jahre 
1579 denselben verwirklichen, während auf dem Throne Transsylvaniens 
Christoph Bäthory saß. 

Die nach Siebenbürgen gesandten 12 Jesuiten ließen sich zuerst in Kolos- 
monostor nieder, versetzten aber bald darauf ihre Hauptresidenz nach Ko- 
lozsvär (Klausenburg), wo sie auch Kollegium und Seminar begründeten. 
Auch anderswo: in Gyulafehervär und Nagyvärad (Großwardein) ent- 
standen Ordenshäuser. Diese eifrige Tätigkeit des Ordens, seine großen 
Erfolge, und gewiß auch sein Einfluß, den er im Fürstenhause genoß, 
reizte den zum größten Teil protestantischen Adel zu einer energischen 
Standnahme den Jesuiten gegenüber. Ihr mächtiger Schutzherr, Stephan 
Bäthory, starb, in Siebenbürgen folgte der schwache Sigismund seinem 
Vater Christoph auf dem Throne, der auf dem Medgyeser Landtag die Ein- 
willigung sich erzwingen ließ, die Jesuiten aus dem Lande zu treiben. In 
den folgenden stürmischen Jahren tauchen sie noch hie und da, wie das 
veränderliche politische Schicksal mit sich brachte, auf; zu einer dauernden 
Existenz kamen sie nie wieder. Lange Zeit hielt sie dann das Verbot 
Bocskays aus dem Jahre 1606 von Siebenbürgens Grenzen fern. 

Ebenfalls durch Bocskays Aufstand', näher durch den Beschluß des 
Szerencser Landtages, wurden ihre Kollege in Zniöväralja und Vägsellye 
vernichtet. Glücklicher gestaltete sich die Sache mit dem Agramer Ordens- 
haus, das, im Jahre 1606 entstanden, einer ruhigen Entwicklung entgegen- 
ging. 

Im XVII. Jahrhundert, namentlich nach der Wiedereröffnung des Tyr- 
nauer Kollegs 1615 (die der Erzbischof von Esztergom, Franz Forgäch, er- 
möglicht), erfolgt in Ungarn für die Jesuiten die Periode eines mächtigen 
Aufschwungs und einer allgemeinen Ausbreitung. Natürlich geht es auch 



Patek: Die Jesuiten in Ungarn. 145 

jetzt nicht ganz ohne heftige Angriffe und Verfeindungen — in Kassa leiden 
noch 161Q zwei Patres S. J. den Märtyrertod — , doch wurden die Hinder- 
nisse durch die rasche Ausbreitung, durch ihre erfolgreiche und einfluß- 
volle Tätigkeit siegreich überwunden, so daß weiterhin die Existenz des 
Ordens hier schon nicht mehr gefährdet war. 

Eben diese rasche Ausbreitung macht aber anderseits unmöglich, daß 
man hier die Begründung und das Schicksal der Ordenshäuser im Ein- 
zelnen und bis ins kleinste Detail verfolge. Die hervorragendste Gestalt 
dieses Zeitalters ist ohne Zweifel Peter Päzmäny. Einer protestantischen 
Familie entsprossen, wurde er durch seine Talente nach seiner Bekehrung 
aus einfachem Jesuitenpater zum Primas von Esztergom erhoben, und 
wurde in seiner hohen Würde einer der mächtigsten Führer seines Ordens 
und seiner Nation. Außer seiner sehr bedeutenden literarischen Tätigkeit, 
erwarb er hauptsächlich durch die Begründung zahlreicher Seminare, Kon- 
vikte und Kollege großes Verdienst. So verdanken zum Beispiel auch das 
Tyrnauer Seminar, das Wiener Pazmaneum, die Preßburger und Raaber 
Kollegien ihm ihre Entstehung, welche letzteren — natürlich teilweise in 
veränderter Form noch heute bestehend — auf das gesamte Bildungswesen 
Ungarns und auf die Verbreitung des KathoHzismus von unüberschätzbarem 
Wert waren. Seine monumentalste Schöpfung bleibt aber die Tyrnauer 
Universität, deren Grund er am Ende seines Lebens durch ein Geschenk 
von 100 000 Gulden gelegt hatte. Obzwar ihr einstweilen die juristische 
und medizinische Fakultäten fehlten, erwies sie sich lebensfähiger, als die 
früheren ungarischen Universitäten; es erfolgt für sie vor allem durch 
das Protektorat der Primase von Esztergom eine mächtige Entwickelung. 
Die Freigebigkeit derselben Schutzherren ermöglicht im Jahre 1667 die 
Eröffnung der juristischen Fakultät. Nach der Abschaffung des Jesuiten- 
ordens verlegt die Universität ihren Sitz nach Ofen und bald darauf 
nach Pest, und wird dort die Grundlage der jetzigen Budapester Univer- 
sität. 

Päzmäny, der in den Jesuiten die mächtigste Stütze des ungarischen 
Katholizismus erblickte, stand in dieser seiner Überzeugung nicht allein. 
Es fanden sich auch andere, die den Orden in der Begründung neuer An- 
siedelungen unterstützten. So entstanden das Fiumer und Ungvärer Kolleg; 
dies letztere ist eigentlich das alte Homonnaer Kolleg, dessen Sitz 
der Graf Johann Drugeth nach Ungvär verlegt hatte. Außerdem entstanden 
noch andere Residenzen und Missionsstationen, welche berufen waren, 
unter dem Volk den katholischen Glauben zu erhalten und zu befestigen. 
Auch die von Päzmäny erzogenen oder wenigstens unter seinem Geist 
stehenden Prälaten finden sich vielfach unter den freigebigen Patronen des 
Ordens. So begründete zum Beispiel Georg Lippay, Primas von Esztergom, 
das Trencsener, Graf Georg von Draskovich das Ödenburger Kolleg. Das 
Kassaer Kolleg und Akademie verdankt dem König Ferdinand III. und dem 
Bischof Benedikt Kisdy, die Särospataker Residenz dagegen der Frei- 
gebigkeit der Fürstin Sophie Bäthory ihr Entstehen. 

In der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts gewinnt das Habsburger 
Königshaus viel durch die siegreichen Kämpfe gegen die Türken: einer- 
seits erstarkt mächtig seine Herrschaft über die schon vorher ihm ange- 
hörigen ungarischen Gebiete, anderseits kamen noch neue Eroberungen 
dazu. Eine solche Machterweiterung des streng katholischen Königshauses 

Ungarische Rundschau. IV. Jahrg., 1. Heft. 10 



146 Ungarische Rundschau. 

kam naturgemäß auch den Jesuiten zugute. Sie litten zwar in den oft sich 
erneuernden Kriegsgefahren, besonders in den Jahren 1683—86 und zur 
Zeit des Thöi<ölyschen Aufstandes vielfach mit, doch kann man sagen, 
daß nach 1664 die Zukunft des Jesuitenordens und des Katholizismus end- 
gültig, und seit dem Landtage im Jahre 1687 auch gesetzlich gesichert 
und beschützt war. 

Dieser ununterbrochene Entwickelungsprozeß ist schon aus der Ver- 
größerung der Anzahl der Ordenshäuser zu konstatieren. Nach Löcse, 
eigentlich schon im Jahre 1604 hier eingeführt, halten die Jesuiten im 
Jahre 1673 ihren endgültigen Einzug. In Neusohl halten sie ihr Kolleg 
und Gymnasium kraft der königlichen Begründung im Jahre 1688 auf- 
recht, in Schemnitz entwickelt sich ihre schon früher begründete Missions- 
kolonie immer mehr; im Jahre 1689 kommt noch Residenz und Gymna- 
sium dazu. In Rozsnyö wird die frühere Missionsstation zur Residenz um- 
gestaltet, in Gyöngyös beginnen sie sogleich mit einer Residenz. Die 
Zsolnaer Missionskolonie wird im Jahre 1684 durch den Primas Szelepcsenyi 
zur Residenz entwickelt. In Szakolca entwickelt sich aus der früheren Mis- 
sionskolonie in denselben Jahren eine Residenz und bald auch ein Kolleg. 
Aus der Residenz zu Köszeg gestaltet sich Kolleg und Gymnasium, aus 
der Varasdiner Draskovich-Gründung ebenfalls ein bis zu Ende des Zeit- 
alters wichtiges Kolleg. 

Außer den hier erwähnten und anderen beständigen Ansiedelungen liegt 
der Jesuitenorden besonders auf denjenigen Gebieten mit gesteigertem 
Eifer seiner Pflicht — das Seelenleben des Volkes zu überwachen — ob, 
wo infolge der unsicheren politischen Verhältnisse oder wegen des allzu 
primitiven Zustandes der kirchlichen Institutionen das Volk einen bestän- 
digen geistUchen Führer entbehren mußte. So entstanden ihre siebenbürgi- 
schen, kroatisch-slawonischen und türkischen Missionen. Außerdem sen- 
dete der Orden auch in die Lager Missionsväter, die dort sozusagen in 
beständiger Lebensgefahr den seelischen Bedürfnissen der Soldaten ent- 
gegenkamen. Leicht zu verstehen ist also, daß zu der im Jahre 1687 er- 
folgten endgültigen und gesetzlichen Rezeption des Ordens außer dem 
Überhandnehmen der regierenden katholischen Partei, auch die eigenen 
Verdienste des Ordens vielfach beigetragen haben. 

Von da aus ist der Entwicklungsweg der Institutionen des Jesuitenordens 
im ganzen Jahrhundert bis zu der im Jahre 1773 erfolgten Abschaffung 
des Ordens glatt und eben. Der Räköczische Aufstand, unter einem streng 
katholischen Fürsten geführt, verursachte während seiner verhältnismäßig 
kurzen Dauer keine gefährlichen Erschütterungen. Siebenbürgen gelangte 
auch unter die Habsburger Herrschaft, und so kann man in ganz Ungarn 
und Siebenbürgen kaum eine einzige größere Stadi finden, wo die Jesuiten 
sich nicht eingebürgert hätten, so daß schon die einfache Aufzählung der 
verschiedenen Ordenshäuser allzu langwierig und mühsam wäre. 

Die Wirksamkeit des Ordens ist in diesem friedlichen Zeitalter beinahe 
ausschHeßlich von kulturellem Charakter. Auf diesem Gebiet erlangt er 
aber eine mächtige und tiefe Bedeutung, die ohne Übertreibung einfach 
beispiellos in der Geschichte dasteht. Die gesamten Wissenschaften des 
ungarischen Geisteslebens: Theologie, Philosophie, Geschichte, Literatur- 
wissenschaft, Linguistik und Naturwissenschaft sind ihm Dank und Achtung 
schuldig. Von den Geschichtsschreibern erwähnen wir nur die Namen 



Patek: Die Jesuiten in Ungarn. 147 

Gabriel Hevenesi, Georg Pray, Stephan Katona, Timon, Palma, Schmidt, 
Koller, Wagner^ von den Pflegern der schönen Literatur Franz Faludi, 
Joseph Räjnis und David Szabö von Baröth, von den Linguisten Johann 
Sajnovics, von den Naturforschern Max Hell. Nicht von geringerem Wert 
ist, was die Jesuiten auf dem Gebiet der Kunst leisteten: ihre Kirchen 
gehören zu^eifellos zu den allerbedeutendsten Schöpfungen des damaligen 
Ungarn. Und was die Vertiefung und Verinnerlichung der Religiosität 
betrifft, kann man gewiß keinen anderen Orden neben den Jesuitenorden 
stellen. Der Umstand, daß in Ungarn, in diesem, so mannigfachen reli- 
giösen Einflüssen ausgesetzten Lande, der Katholizismus der Zahl nach 
heute überwiegt, ist vielleicht in erster Reihe den Jesuiten zuzuschreiben. 
Das größte leisteten sie aber ohne Zweifel auf dem Gebiete des Unter- 
richts. Ihre Schulen zeichneten sich vor allen anderen damaligen aus. Der 
Grund, auf dem sie auch in Ungarn ihren einheitlichen Lehrorden ent- 
wickelten, war auch hier die Ratio Studiorum. 

Ladislaus VeUcs S. J. preßt in drei Hefte seines eben erschienenen 
Werkes!) mehr als zwei Jahrhunderte aus der Geschichte des Jesuiten- 
ordens hinein. Seine Leistung verdient ohne Zweifel alle Achtung; besaßen 
wir doch trotz der bedeutenden und wichtigen Rolle, die die Jesuiten 
bei uns spielten, keine einzige brauchbare ungarische Monographie über 
sie. Zu bedauern ist nur, daß der Verfasser sich nicht eine gründlichere^ 
größere Geschichte des Jesuitenordens zum Ziel setzte, wodurch er wirklich 
einem fühlbaren und dringenden Bedürfnis entgegengekommen wäre. 

Das Ziel des Verfassers war aber — wie auch er selber sagt — vielmehr, 
skizzierend die Vergangenheit der ungarischen Jesuiten uns vorzuführen; 
Musterbilder seinen jüngeren Ordensbrüdern vor die Augen zu stellen, 
um vielleicht einige unter ihnen zur Fortsetzung und Vervollkommnung 
seiner Arbeit zu begeistern. Zur Erbauung seiner Ordensbrüder hat er 
das Lebens- und Charakterbild vieler hervorragenden ungarischen Jesuiten 
in sein Werk verwoben. Er erleichtert sehr die Arbeit seiner Nachfolger 
dadurch, daß er von vielen, schwer zugänglichen Denkmälern des Ordens 
oder Handschriften Gebrauch macht, und so uns die Kenntnis einiger 
wertvoller Daten vermittelt. So gibt also das Werk mehr, als es zu geben 
verspricht, weniger aber, als eine ausführliche, vollkommene Ordens- 
geschichte, die wir so sehnlich gewünscht haben. Dies fällt besonders in 
der Art und Weise der Benützung der bisherigen Literatur ins Auge. Da 
gebraucht er oft gründlich solche — zum guten Teil handschriftliche — 
Quellen, die für den Orden wichtig sind, und übersieht oder benützt kaum 
Ausgaben, die die Rolle der Jesuiten in der ungarischen politischen und 
Kirchengeschichte gut beleuchtet hatten. So schleichen hie und da Fehler 
und Ungenauigkeiten in das Buch ein; einige Ereignisse kommen in eine 
nicht ganz richtige Beleuchtung. Kein Übel übrigens, dem nicht abgeholfen 
werden könnte. Hie und da stört uns eine etwas einseitige Stellungnahme, 
wie zum Beispiel in der Polemik mit Finäczys wertvollem Buch, eine allzu 
sparsame Bezugnahme auf die Produkte der nicht kirchlichen Geschichts- 
literatur; doch hat das wertvolle Werk Vorzüge genug, um uns in der 
Überzeugung zu befestigen, daß wir es hier mit einem vielversprechenden 



Väzlatok a magyar jezsuitäk multjäböl (Skizzen aus der Vergangenheit der 
ungarischen Jesuiten). Budapest 1912—1914, zusammen 425 S. 

10* 



148 Ungarische Rundschau. 

Anfang und Vorboten einer gründlichen und großzügigen ungarischen 
Jesuitengeschichte zu tun haben. 

Es wäre wirkhch zu wünschen, daß eben VeUcs sich zu diesem wichtigen 
Unternehmen entschüeße, der in seiner eben besprochenen Arbeit schon 
so viele wertvolle und achtungerregende Quaütäten zeigt. 



Zur Geschichte der orientalischen Frage. 
Von Ernst Molden. 

Die türkische Großmacht in Europa, die habsburgische Großmacht und 
die Selbständigkeit des russischen Reiches sind — ein eigentümlicher Zu- 
fall! — etwa gleich alt. Aber während der Staat der Sultane und der der 
Habsburger sogleich in erbittertem Kampf aneinanderstoßen, treffen sich 
Russen und Türken und dann Russen und Österreicher erst nach der Zurück- 
drängung des polnischen Reiches an gemeinsamen Grenzen. So tritt denn 
das, was wir die orientalische Frage nennen, trotz der religiösen 
und verwandtschafthchen Beziehungen zum alten zertrümmerten Byzanz, 
unter allen europäischen Staaten an Rußland am spätesten heran. Es be- 
tritt das Feld der orientalischen Politik erst in dem Augenblick, da sein 
türkischer Gegner, innerlich schon geschwächt, angesichts seines letzten 
Ziels, der Eroberung des kaiserlichen Wien, auch äußerlich zusammen- 
bricht, in dem Augenblick zugleich, da sein österreichischer Rivale die 
siegreiche Straße zu den Erfolgen von Karlowitz und Passarowitz betritt. 
Anfangs scheint die Politik der beiden Konkurrenten demselben Ziele zu- 
zustreben; sie ist — unter Eugen von Savoyen und Peter, später noch 
einmal unter Josef II. und Katharina — Aggressivpolitik; später erkennt 
man in Wien die Unmögüchkeit, neben der italienischen Front, die durch 
Frankreich, neben der deutschen, die neuestens überdies durch Preußen 
bedroht ist, nach einer dritten Seite offensiv aufzutreten, erkennt zugleich 
den hohen Wert der türkischen Nachbarschaft, und erkennt damit die Not- 
wendigkeit, um jeden Preis zu verhindern, daß Rußland sich um die 
Donaumündung und am Balkan festsetze. Damit war — vor anderthalb 
Jahrhunderten — das neue, nun alte, aber im wesentlichen immer giltige 
Programm für die Orientpolitik der Monarchie aufgestellt, das Programm, 
für das der alte Kaunitz, um es zu wahren und die moldowalachische 
Ebene von den Russen freizuhalten, eine Armee mobilisierte und eine 
Allianz mit der Türkei abschloß, das Metternich nur zeitgemäß modifizierte, 
wenn er für den Fall des Untergangs der Türkei an ihre Stelle auf ethno- 
graphischer Grundlage unabhängige Kleinstaaten — auch Albanien fehlte 
schon damals nicht in ihrer Reihe — setzen wollte, das Andrässy ver- 
teidigte, indem er die Abmachungen von San Stefano zerriß. Rußland 
aber, das während dieser ganzen Zeit entschiedene Offensivpolitik machte, 
und in vier Türkenkriegen zweimal bis vor die Mauern Konstantinopels 
vordrang, sah sich schließlich auf die sehr unfreiwillige Rolle des Be- 
freiers der Balkanchristen beschränkt. Der moralische Wert dieser Rolle 
war gewiß kein kleiner, gemessen aber an den heißen Wünschen einer 
Politik, die schon vor mehr als hundert Jahren einen neuen orthodoxen 



Molden: Zur Geschichte der orientalischen Frage. 140 

Konstantin für das wiederzubegründende Kaisertum von Byzanz bereithielt, 
deren Sprecher am SuUanshof, die Stroganovv, Menschikow, Ignatiew, als 
Herren und Gebieter aufzutreten liebten und deren Blutzeugen so zahl- 
reich auf den Schlachtfeldern an der Donau und am Balkan lagen, war 
das ein herzlich geringer Erfolg. Die politische Karte der Balkanhalbinsel 
zeigt deutlich genug, bei wem der Erfolg und bei wem der Mißerfolg war. 

Wir wurden zu diesen Gedanken über die orientalische Frage und ihre 
Geschichte neuerdings wiedier angeregt durch das Werk über «Rußlands 
Orientpolitik», das vor kurzem als Publikation der Gesellschaft für neuere 
Geschichte Österreichs aus der Feder Hans Uebersbergers, des Wiener 
Professors für osteuropäische Geschichte, erschienen ist^). Der Mangel, 
der gerade auf diesem Gebiete der Geschichtsschreibung an ernsten, wissen- 
schaftlichen Arbeiten herrscht, läßt uns das Buch, das in seinem ersten 
Band neben einer reich bemessenen Einleitung das ganze achtzehnte Jahr- 
hundert umfaßt, umso freudiger begrüßen. Die verdienstvolle Arbeit von 
Sax2) über den Machtverfall der Türkei, jüngst bis in unsere bewegten 
Tage fortgesetzt, verfolgt naturgemäß ganz andere Ziele, und so war denn 
der der russischen Sprache unkundige Leser neben dem Werk Driaults^) 
noch immer allein auf den Band der Beerschen «Orientpolitik Öster- 
reichs»*) und dessen leider meist ganz wüst geschichtetes Material ange- 
wiesen, wenn er es nicht mit der Fülle der Monographien, wie die von 
Sorel, Rosen, Ringhoffer, Friedjung, Bamberg, aufnehmen wollte. Von 
allen diesen Werken hat das Uebersbergersche den Vorzug, daß seinem 
Autor Hilfsquellen zur Verfügung standen, die für eine Arbeit gerade über 
die russischen Dinge von der größten Bedeutung sein mußten, ja, sie 
überhaupt erst möglich machten: wir meinen neben den ausgedehntesten 
Sprachkenntnissen jene ausgezeichnete Sammlung russisch-historischer 
Literatur, die, durch die Munifizenz des Fürsten Franz Liechtenstein der 
Wiener Universität für ein Seminar für osteuropäische Geschichte ge- 
schenkt, der Grundstock der reichen Bibliothek dieses Seminars geworden 
ist. Dieses große bibliographische Material hatte Uebersberger schon in 
seinem Buche über die Beziehungen zwischen «Österreich und Rußland»^) 
auf das glücklichste verwertet, und damit war auch zugleich die Vorarbeit 
für das vorliegende ausgezeichnete und überaus wertvolle Buch getan. 

Die ersten Beziehungen zwischen der Türkei und dem moskowitischen 
Reich standen im Zeichen der gemeinsamen Feindschaft gegen Polen, und 



^) Rußlands Orientpolitik in den letzten zwei Jahrhunderten. Auf Veranlassung 
Seiner Durchlaucht des Fürsten Franz von und zu Liechtenstein dargestellt von Hans 
Uebersberger. Veröffentlichung der Gesellschaft für neuere Geschichte Österreichs 
Stuttgart 1913. 1. Band (bis zum Frieden von Jassy). 

2) C. Ritler von Sax, Geschichte des Machtverfalls der Türkei bis Ende des 
19. Jahrhunderts und die Phasen der orientalischen Frage. Wien 1908. Die Fort- 
führung bis über den letzten Krieg erschien ebenda 1913. 

") E. Driault, La question d'Orient depuis ses origines jusqu'ä nos jours. 4. edit. 
Paris 1909. 

♦) A. Beer, Die orientalische Politik Österreichs seit 1774. Prag 1883. 

^) Uebersberger, Österreich und Rußland seit dem Ende des 15. Jahrhunderts, Ver- 
öffentlichung der Kommission für neuere Geschichte Österreichs, 1. Band (1488 bis 
1605). Wien 1906. 



150 Ungarische Rundschau. 

erst als dessen Macht mehr und mehr zusammenschmolz und den Russen 
gegen die Tartaren — deren Khan noch 1571 Moskau einzuäschern ver- 
mocht hatte — in den Kosaken tätige Helfer — eine freiwillige Avantgarde 
nennt sie Uebersberger — erstanden, änderte sich das vorher freundschaft- 
liche Verhältnis. Nach dem russisch-polnischen Friedensschiuli von An- 
drussow, der Rußland einen Teil der Ukraine samt Kiew überließ und 
einen mehr als hundertjährigen Frieden zwischen den beiden Staaten ein- 
leitete, und nach dem Türkensieg Sobieskis bei Chocim, begegnen Türken 
und Russen einander im Sommer 1677 zum erstenmal in offener Feld- 
schlacht vor der Festung Cirigin, der alten Residenz des Zaporoger 
Kosakenhetmans. Der Sieg, den die Russen hier gewannen, verschaffte 
ihnen die Erlaubnis der ungehinderten Wallfahrt zu den heiligen Stätten 
Palästinas. Man war froh, der unwillkommenen Last eines Krieges in jenen 
unwirtlichen Steppen ledig zu sein, und für all das, was einzelne Träumer 
den Herrschern in Moskau von ihrer heiligen Mission, von der Wieder- 
aufrichtung des griechischen Kreuzes auf der Hagia Sophia zuflüsterten, 
war in der russischen Politik der gesunden Praxis kein Raum : trotz der 
Ehe des dritten Iwan mit der Tochter des unglücklichen letzten byzantini- 
schen Konstantin, trotz der Bemühungen der Päpste, trotz der Allianz- 
anerbietungen der deutschen Kaiser. Das Gefühl der Verwandtschaft zwi- 
schen Russen und Balkanchristen — der relij^iösen Verwandtschaft, denn 
von Nationalität ist noch lange keine Rede — war noch nicht erwacht, und 
es zu erwecken, bedurfte es erst der intensivsten Suggestion durch das Aus- 
land und der geduldigsten Arbeit durch die Südslawen selbst. Venetianer 
waren es, die zuerst dem Zaren von einer Erhebung der ihm ergebenen 
Balkanchristen sprachen, ein päpstlicher Gesandter (Komulovic) erklärte 
das Erbrecht der Moskowiter auf das byzantinische Reich und die Süd- 
slawen bauten ihre Hoffnung, die alten Ideale der Bulgaren- und Serben- 
zaren auf die Ersetzung des griechischen durch ein slawisches Byzanz, 
nun auf die Moskauer Großfürsten und übertrugen — wie P. Miljukow in 
seinen Skizzen zur russischen Kulturgeschichte sagt — die alten Prophe- 
zeiungen auf sie, bekränzten sie mit der Aureole der Rechtgläubigkeit 
und machten aus Moskau ein neues Rom und Konstantinopel. Konstantin 
— verkündete ein Metropolit von Moskau — schuf Zarigrad, das neue 
Rom, Iwan Wasiljevic, der Herr und Selbstherrscher aller Russen, legte, 
ein neuer Konstantin, den Grund zu einem neuen Konstantinopel in 
Moskau. Und in denselben Tagen entstand der bekannte Satz: Zwei Rom 
sind gefallen, das dritte steht, ein viertes aber wird es nicht geben. Schon 
begannen auch — im sechzehnten Jahrhundert — die Spenden reichlich 
in die Taschen der Balkanmönche zu fließen und schon sprach ein russi- 
scher Zar — es war Alexei Michailovic, der zweite Romanow — Worte, 
wie diese: Er habe von Gott die Verpflichtung übernommen, sein Heer, 
seine Schätze und selbst sein eigenes Blut zum Opfer zu bringen, um die 
Balkanchristen, die unter dem Joch der Ungläubigen seufzen, zu befreien. 
Aber das waren nur Worte, und vorderhand ging man nicht über sie hinaus. 
Sah man doch überhaupt die Mission Rußlands weit mehr als in der Be- 
freiung der Balkanchristen, in der Stellung Moskaus und des Moskowiter- 
tums als einziger Hüterin wahrer Rechtgläubigkeit^). 



*) Uebersberger, Rußlands Orientpolitik, 17 f. 



Molden: Zur Geschichte der orientalischen Frage. 151 

In den Augen der orientalischen Christen aber wuchs das orthodoxe 
Rußland immer weiter zu mystischer Größe, und der griechisch-lateinische 
Gegensatz in der Levante, durch die fortwährenden Streitigkeiten um das 
heilige Grab zur größten Heftigkeit genährt, stärkte die Stellung des 
Zarentums noch mehr. Die Sympathien der griechischen Geistlichkeit 
waren keineswegs auf Seiten des römisch-katholischen Habsburgers, dessen 
Heere damals in immer neuen Siegen die Donau abwärts zogen, ihre 
Hoffnungen waren im Lager der Russen, deren Zarewna, Sofja Alekse- 
jewna, Peters des Großen hervorragende Schwester, von Wasily Wasil- 
jevic Goücyn beraten, im Mai 1686 der großen antitürkischen Liga bei- 
getreten war. Der Metropolit von Skoplje-Üsküb und der serbische Archi- 
mandrit vom Paulskloster am Athos, erschienen in Moskau, vor dem 
drohenden Joch der römischen Kirche Hilfe suchend, das noch härter 
werden würde als das des Halbmondes. Auch die Türken — versicherten 
sie — würden sich dem Zaren lieber als dem «Deutschen» ergeben, stamm- 
ten sie doch alle von Serben, Bulgaren und andern rechtgläubigen Völkern 
ab. Freilich, mit alledem fand man in Moskau kaum Gehör und der russi- 
schen Politik war es vorderhand das wichtigste, die Küste des Schwarzen 
Meeres zu erreichen. Der neue Zar (Peter) rüstete eine Flotte und schloß 
mit dem Kaiser und Venedig ein neues Bündnis. Im Sommer 1698 er- 
schien er selbst in Wien, um die schon begonnenen türkisch-österreichi- 
schen Friedensverhandlungen zu vereiteln, aber er fand bei Leopold I. 
und seinen Ratgebern, die ihren Vorteil wohl zu wahren verstanden, ge- 
ringes Entgegenkommen. Man habe — bekam er zu hören — , ehe noch 
der Zar das Schwert gezogen, bis jetzt schon durch volle fünfzehn Jahre 
Millionen und Millionen hingeopfert und habe nun ein Recht auf den 
Frieden, den auch die ganze Christenheit herbeisehne. 

So mußte Rußland, da es die Unterzeichnung des Karlowitzer Trak- 
tates nicht zu verhindern vermocht hatte und selbst für die schwedischen 
Angelegenheiten — wie der Kaiser für die spanischen — freie Hand sehr 
nötig hatte, auf seine Hauptforderung nach der Handelsfreiheit auf dem 
Schwarzen Meer verzichten und sich, wie groß auch der Eindruck ge- 
wesen sein mag, den damals, im September 1699, das Erscheinen des 
ersten russischen Kriegsschiffes im Bosporus hervorrief, im Konstanino- 
peler Friedensvertrag vom Juli 1700 mit der Abtretung von Asow be- 
gnügen. Vom Schwarzen Meer, dieser «reinen und unbefleckten Jungfrau», 
wollten die Staatsmänner der Pforte den mächtigen Gegner unter allen 
Umständen fernhalten, und sie waren eifrig bemüht, dessen Flotte nicht 
nur im Asowschen Meer völlig einzusperren, sondern sie auch von hier 
wieder zu verdrängen. 

Dazu bot sich ihr Gelegenheit, als es, im Zusammenhang mit dem großen 
Nordischen Krieg und mit dem Erscheinen des bei Poltawa geschlagenen 
Karl XII., zum neuerlichen Kampf mit dem Zaren kam. Hatte die Pforte 
schon in den Friedensjahren, da der nachmals berühmte Peter Andrejevic 
Tolstoj als erster russischer Diplomat in Konstantinopel residierte, in 
steter Furcht vor geheimen Beziehungen ihrer christlichen Untertanen zu 
den Russen gelebt, so sah sie nun durch das Kriegsmanifest Peters vom 
Jahre 1711 und durch zahlreiche gleichzeitige Kundgebungen diesen Arg- 
wohn gerechtfertigt. Selbst außerstande, zugleich an der Ostsee und im 



152 Ungarische Rundschau. 

Süden beiden Gegnern mit starken Kräften zu begegnen, suchte der Zar 
seinen Feldzugsplan im Süden auf anderer Basis aufzubauen und die 
christlichen Balkanvölker gegen den Feind aufzurufen. Die roten Fahnen, 
mit denen die Garderegimenter ins Feld rückten, trugen das Kreuzes- 
zeichen wie einst die Legionen des großen Konstantin, und in Monte- 
negro und an den Donaumündungen erschienen zarische Abgesandte. Aber 
die Hoffnung, bei den Glaubensgenossen starken tätigen .Beistand zu finden, 
mußte umso rascher schwinden, je weniger das schwache russische Heer, 
das der Zar selbst nach Jassy und dann den Pruth abwärts führte, Ver- 
trauen in den Sieg der christlichen Befreier erwecken konnte. Das Unter- 
nehmen der Russen endete bekanntlich auf das kläglichste, der Kaiser 
sah sich samt seinem Heer von einem weit überlegenen Gegner auf das 
höchste bedroht, ja schon fast völlig eingeschlossen, und die Friedens- 
bedingungen, die man den Türken zu bieten bereit war: die Übergabe 
aller eroberten und auf erobertem Gebiet neuerbauten Städte, der Verzicht 
auf alle Erwerbungen im schwedischen Gebiet, ausgenommen Ingerman- 
land, eine territoriale Entschädigung für dieses und die Wiedereinsetzung 
Leszczynskis, zeigen den ganzen Ernst der Lage. Den türkischen Unter- 
händlern und Ministern sollte der russische Bevollmächtigte außerdem 
große Geldsummen, insgesamt etwa eine Viertel Million Rubel, ver- 
sprechen. Dieses letzte Opfer erwies sich als das wertvollste, und die be- 
stochenen Türken brachten, indem sie sich mit der Abtretung Asows, der 
Schleifung einiger Festungen und dem russischen Verzicht auf eine diplo- 
matische Vertretung in Konstantinopel zufrieden gaben, ihr Vaterland um 
die letzte günstige Gelegenheit, den gefährlichen Feind in seine alten engen 
Grenzen zurückzuwerfen. 

Es scheint dem Zaren keinen sonderlich schweren Kampf gekostet zu 
haben, auf die Hoffnungen im Süden zu verzichten, noch weniger, die 
Rajah im Stich zu lassen, die er allein aus Gründen der Opportunität auf- 
gerufen hatte '^). Nichts berechtigt, — sagt Uebersberger — Peter als den- 
jenigen hinzustellen, der die «historische Mission» Rußlands am Balkan 
als die wichtigste Aufgabe russischer Politik betrachtet hätte. Wie viel 
wichtiger war es dem Zaren, nun für den Krieg im Norden wieder freie 
Hand zu haben und alle Kräfte dem Ausbau und der Sicherung der neuen 
Hauptstadt zu widmen, die ihr Antlitz nach dem europäischen Westen 
und nicht nach dem griechischen Orient wandte! An den Vorteilen der 
österreichischen Siege, die schließlich zum Passarowitzer Frieden führten. 



■') Den Montenegrinern, die unter der türkischen Rache schrecklich litten, gab 
man eine schriftliche Bescheinigung (!) ihrer Tapferkeit und außer kirchlichen Ge- 
wändern und Büchern das Recht auf ein Almosen von 500 Rubel jedes dritte Jahr. 
Die Christen der Moldau soUten sich damit zufrieden geben, daß ihr Hospodar in 
Rußland eine zweite Heimat fand. Es ist weniger bekannt, daß Hospodar Kantemir 
nahe daran war, durch seine Tochter Maria zum Schwiegervater Peters zu avancieren, 
der nach der Tragödie mit seinem Sohn Alexej einen männlichen Erben wünschte. 
Die Zarin verstand aber mit Hilfe eines bestochenen Arztes den Sohn jener Maria 
noch im Mutterieibe zu töten und verhinderte so nicht nur das Emporkommen der 
Rivalin, sondern auch die politischen Folgen, die eine Verbindung des Zaren mit 
einem der Führer der Balkanchristen hätte zeitigen können. (Uebersberger, a. a. O. 
119 nach Majkov, Prinzessin Maria Kantemir.) 



Molden: Zur Geschichte der orientalischen Frage. 153 

hätte er freilich gerne teilgenommen, aber man blieb auf Eugen von 
Savoyens Rat in Wien seinen Anerbietungen gegenüber taub. Man kannte 
den Russen schon als beschwerlichen Bundesgenossen, «dessen mehrere 
nachbarschaft, absonderlich respectu seines in Oriente ob rationem religionis 
habenden großen anhang gar zu bedenklich» sei, und dessen «demarchen 
absonderlich in Wallachey und Moldau» man fürchtete^). 

So versuchte sich die russische Politik in den nächsten Jahren mehr 
und mehr an Frankreich anzuschließen, und es w^ird erzählt, daß bei Peters 
Tod der Entw^urf eines französisch-russischen Bündnisses auf dem Schreib- 
tisch des Zaren gefunden worden sei. Als man aber in Frankreich deutlich 
merken ließ, wie man eine Familienverbindung mit den Moskowitern als 
Mesalliance empfinden würde und in seiner türkenfreundlichen Haltung 
zu keinerlei Konzessionen bereit sei, erfolgte die für die Politik des ganzen 
achtzehnten Jahrhunderts so entscheidende Wendung Rußlands zur Allianz 
mit Österreich, die nach kurzen Verhandlungen am 6. August 1726 in 
Wien unterzeichnet wurde und in der beide Teile die nötige Rücken- 
deckung für ihre Politik zu finden hofften. Wie ein Jahrhundert später, 
sah sich Österreich im Interesse seiner europäischen Politik genötigt, Ruß- 
land im Orient gewisse Zugeständnisse zu machen. Hier drohten neue 
Verwicklungen, seit der Einfluß des französischen Gesandten, Marquis de 
Villeneuve, und des als Armeereorganisator berufenen Bonneval — er 
hatte einst im Heere Eugens von Savoyen gedient und war aus persön- 
lichen Gründen zum Feind übergegangen — immer mehr anwuchs und 
seit mit dem Tod Auglilsts II. neuerdings der Streit um die polnische 
Krone ausgebrochen war. Es ist bekannt, wie Österreich in dem Ende 
der dreißiger Jahre ausbrechenden Türkenkrieg nur sehr ungern mittat; 
aber es galt, sich den russischen Verbündeten zu erhalten gegenüber allen 
den Feinden, die den Tod des letzten männHchen Habsburgers mit Un- 
geduld erwarteten, um über sein Reich herzufallen; es galt, nicht zurück- 
zubleiben angesichts der Möglichkeit, die Verluste im Westen durch Er- 
oberungen im Osten wettzumachen; es galt nicht zuletzt, die russischen 
Pläne zu überwachen, indem man an ihnen teilnahm. Die Verbündeten 
gingen mit großen Erwartungen in diesen Krieg: die Russen gedachten 
im ersten Jahr die asowsche Küste, im zweiten die Krim, im dritten Bess- 
arabien und die Molda'u zu erobern und im vierten Konstantinopel zu er- 
reichen, und der Österreicher Baron Talmann schlug seinem Kaiser den 
raschen Marsch über Nisch nach Saloniki vor, um sich so den Besitz der 
größten westlichen Hälfte des Balkan und die kurze günstige Grenze 
Kavala-Rustschuk zu sichern. Man weiß, wie kläglich nach solchen Hoff- 
nungen der Krieg geendet hat^). Er endete in den traurigen Friedens- 
schlüssen von 1739, traurig insbesondere für Österreich, das die Errungen- 
schaften von Passarowitz, vor allem das wichtige Belgrad, wieder ein- 



*) Uebersberger, a. a. O. 122 nach Hormuzaki, Dokumente VI, 163. 

') Uebersberger teilt mit (a. a. O. 185 ff), daß Kaiser Karl die Schwächen des 
russischen Operationsplanes wohl erkannte, der die russische Kraft teilte, statt die 
ganze Macht in die Moldau zu werfen, sich an der Donau mit den Österreichern 
zu vereinigen und so hier den Krieg zu entscheiden. Er hat aber aus Entgegen- 
kommen für die Zarin diese Einwendungen nicht mit der nötigen Energie vertreten. 



154 Ungarische Rundschau. 

büßte, traurig aber auch für Rußland, das nicht einmal die einst von Peter 
dem Großen erreichten Grenzen wiederzugewinnen vermochte und weiter 
vom Meere abgeschlossen blieb. Indirekt freilich wurde die Niederlage 
Österreichs zu einem russischen Erfolg, indem sie das österreichische 
Prestige, das in den Kämpfen eines Menschenalters durch die Siege Karls 
von Lothringen, Ludwigs von Baden, vor allem Eugens von Savoyen ge- 
schaffen worden war, aufs schwerste schädigte. Den wahren Sieg aber 
hatte durch seinen Botschafter Villeneuve Frankreich errungen, das — wie 
Uebersberger sagt^o) — als erste europäische Macht die Erhaltung des 
türkischen Reiches in Europa als Notwendigkeit des europäischen Gleich- 
gewichtes proklamierte und durch die klug inszenierte Friedensvermitt- 
lung seine eigene Autorität bei der Pforte nur noch gestärkt hatte. 

Eines aber war der französischen Diplomatie nicht gelungen: die für 
sie so gefährUche Allianz zwischen den beiden mächtigen Nachbarn der 
Türkei bestand weiter, ja, sie wurde — nun freilich mehr ein Schutz- 
bündnis gegen das übermütig emporstrebende Preußen Friedrichs II. — 
mit für den Wiener Hof günstigen Modifikationen erneuert. An einen An- 
griffskrieg gegen die Türkei dachte man vorderhand nicht, und Baron 
Penkler, der Internuntius, — er hatte eine Zeitlang zugleich auch die Ge- 
schäfte der russischen Botschaft geleitet — und Alexej Obreskow, des 
antiösterreichischen Vesnjakow Nachfolger, vereinigten ihre Bemühungen, 
auch die Türkei von einem Angriffskrieg, wie ihn nun neben Frankreich 
auch Preußen riet, abzuhalten. Nur eine Zeitlang drohte die Frage der 
nördlich der Donau eingewanderten Serben die österreichisch-russische 
Intimität zu lockern. So mißtrauisch die Wiener Regierung schon zu 
Peters des Großen Zeit auf die russische Propaganda in jenen Gebieten 
gebückt hatte, sie verstand es doch nicht, ihr in der richtigen Weise den 
Boden zu entziehen. Die «slawische Schule» des Maksin Suvorov in Kar- 
lowitz (seit 1726) und die wegen des österreichischen Verbotes mit russi- 
schem Geld in Venedig errichtete cyrillische Druckerei waren Pflanz- 
stätten russisch-slawischer Gesinnung, und die fortwährenden Zwistig- 
keiten der Eingewanderten mit den Eingesessenen und die religiösen Klein- 
lichkeiten vergrößerten die Spannung. Der Versuch einiger Abenteurer 
aus dem Offizierkorps der aufgelösten serbischen Grenztruppen, ganze 
Regimenter zur Ansiedlung in der Ukraine nach Rußland zu führen, zog 
auch die Petersburger Regierung mit in diese Frage. 

Indeß machte zu gleicher Zeit das Abschwenken Englands zu Preußen 
und die neue Versailler Allianz zwischen Frankreich und Österreich, die 
die Stellung dieses Reiches wesentlich verstärken mußte, den Russen das 
Bündnis mit dem Wiener Hof noch wertvoller. Erst als mit dem Tod der 
Zarin Elisabeth die russische Politik die plötzliche Schwenkung vollzog, 
sich unter Peter III. den preußischen Plänen ganz zur Verfügung stellte, 
auch nach dessen raschem Sturz in den ersten Jahren Katharinas, unter 
dem Einfluß des Grafen Nikita Iwanovic Panin, mehr auf der antiöster- 
reichischen Seite blieb und die polnische Thronfolgefrage im engsten Ein- 
vernehmen mit Friedrich II. zugunsten Stanislaus Poniatowskis erledigte, 



»0) a. a. O. 210, 



Molden: Zur Geschichte der orientalischen Frage. 155 

löste sich die alte Allianz, während zugleich ein Türkenkrieg immer weniger 
zu vermeiden schien. Als im Kampf gegen die Barer Konföderation der 
antirussischen Polen Kosaken eine Grenzverletzung begingen, versagten 
auch die reichen Bestechungsgelder des geschickten Obreskov, und aus 
einer letzten Audienz beim Sultan, der längst zum Krieg entschlossen war, 
wurde der Russe direkt in das berühmte Gefängnis der sieben Türme 
geführt. Der Krieg fand beide Teile ohne Verbündeten und unvorbereitet; 
aber eine Fülle unerhörter Glücksfälle kam den Russen zu Hilfe: der 
kriegerische Khan der Krim starb nach dem ersten erfolgreichen Beutezug 
und nach hundert taktischen Fehlgriffen errang der Zufall dem schon ab- 
gesetzten Fürsten Golicyn einen Sieg am Dnjestr, der den Russen den 
Weg in die Donaufürstentümer öffnete. Der Einäugige blieb gegen den 
Blinden Sieger — wie Friedrich von Preußen sagte. Während die Be- 
völkerung der Moldau und Walachei, durch zarische Emissäre aufgewiegelt, 
die Truppen der Kaiserin aufs beste aufnahm, zeigten sich mit dem Er- 
scheinen einer russischen Flotte im griechischen Meer — sie errang bald 
darauf den Seesieg von Tschesme — auch die Folgen der Agitation unter 
den Christen jener Gegenden. Alexej Orlov, der Anreger dieser Idee, 
hatte von ItaHen aus mit moreotischen und rumelischen Führern Ab- 
machungen getroffen, und die wohlwollende Neutralität Englands ermög- 
lichte die unbehinderte Fahrt der staunenswert rasch zugerüsteten balti- 
schen Flotte. Freilich, von außen ungenügend unterstützt, endete der Auf- 
stand der Moreoten bald mit einem fürchterüchen Blutbad unter den 
Griechen, wie er mit einem nicht weniger fürchterlichen unter den Türken 
begonnen hatte. Rußland heß die Betrogenen im Stich; lag doch seinen 
Herrschern und ihren Ministern nichts ferner als der Gedanke an eine 
«Befreiungsmission» gegenüber diesen Unglücklichen. 

Die russischen Siege änderten die Haltung des Preußenkönigs, der weder 
ein zu sehr gestärktes Rußland, noch eine zu sehr geschwächte Türkei 
wollen konnte. Die persönlichen Begegnungen Friedrichs mit dem jungen 
Kaiser Josef fielen in eine Zeit österreichischer Truppenkonzentrierungen 
in Siebenbürgen zum Schutz des Gleichgewichtes im Orient und der 
Allianzverhandlungen des neuen begabten österreichischen Gesandten 
Thugut in Konstantinopel. Auf Grund der Erklärungen des Fürsten Kaunitz 
konnte Friedrich der Zarin versichern, daß man in Wien nie und nimmer 
in ein russisches Moldowalachien und eine russische Mittelmeer-Flotten- 
station willigen werde. Die Lage war bedrohlich, bis die gemeinsame 
Politik der polnischen Erwerbungen, wie sie der Vertrag vom 25. Juli 1772 
sanktionierte, die Lösung erleichterte. Doch war noch der unmittelbare 
Druck der siegreichen Armee Rumjancevs notwendig, um von den türki- 
schen Unterhändlern den Frieden zu erlangen. Der Wert der Bestim- 
mungen, die in dem Dorfe Kütschük Kainardsche schließlich vereinbart 
worden waren, war vor allem Zukunftswert. Die die Moldau und Walachei 
betreffenden Paragraphen schienen Rußland den Weg zu den fruchtbaren 
Ebenen der unteren Donau und darüber hinaus zu eröffnen, andere Artikel 
boten die Möglichkeit, unter der Flagge der Handelsfreiheit geheim 
armierte Schiffe bis in die innersten Gewässer des türkischen Reiches zu 
senden, lieferten die «unabhängig» gewordene Krim dem Zaren aus oder 
gaben, wie die berühmten Artikel 7 und 14, Gelegenheit, durch eine kühne 



156 Ungarische Rundschau. 

Interpretation sich die Einmengung in innertürkische Verhältnisse anzu- 
maßen n). 

Bald auch schon trat Rußland in der türkischen Hauptstadt gegen die 
Zulassung vor allem französischer Schiffahrt im Schwarzen Meere auf und 
offenbarte damit jenes politische Ziel der Folgezeit, die Meerengen wohl 
für die anderen Nationen zu sperren, für sich selbst aber offen zu halten. 
Und es ist bekannt, wie es, fünf Jahre nach dem Friedensschluß, durch 
eine besondere Konvention (von Ainali Kawak) alle strittigen Fragen in 
seinem Sinne zu erledigen wußte, und wie es endlich 1783 durch einen 
Ukas der Zarin die Annexion der Krim erklärte. Vergebens suchte Fried- 
rich II. auch diesmal wieder, wie ein Dezennium früher, wie die weitere 
Stärkung seines russischen Nachbarn, so die weitere Schwächung der 
Türkei zu hindern, und ein Plan, der damals in türkischen Kreisen auf- 
tauchte und einer russisch-preußisch-türkischen Tripelallianz das Wort 
redete, war wohl durch ihn inspiriert. Die Zarin aber war hierfür nicht 
zu haben, sie trug sich mit den weitesten Plänen. Es war die Zeit, da sie 
ihren zweitgeborenen Enkel auf den Namen Konstantin taufen ließ, ihm 
so im Geist die Erbschaft der Byzantiner Krone schon zusprechend. Für 
alle diese Pläne schien ihr ein Anschluß an die österreichische Politik 
weit geeigneter als das Zusammengehen mit dem eigenwilligen greisen 
Preußenkönig, der ein sehr unbequemer AUiierter war. Josef II., Kaunitz 
und der neue Gesandte in Petersburg, Graf Ludwig Cobenzl, kamen diesen 
Gedanken bereitwillig entgegen und die Entrevue zwischen Kaiser und 
Zarin (1780) beschleunigte den Abschluß einer förmlichen Allianz. Aus 
dem Briefwechsel zwischen den beiden Monarchen, den Arneth veröffent- 
licht hati2), kennen wir den engen Gedankenaustausch, in dem damals 
die orientalischen und europäischen Projekte Rußlands und Österreichs 
erörtert wurden. Wir wissen, wie diese Pläne die ganze Balkanhalbinsel 
umfaßten und wie die Zarin an nichts als an die Errichtung zweier ortho- 
doxer Staaten von Rußlands Gnaden dachte, deren einer — Dazien, aus 
Bessarabien und Moldowalachien bestehend — ihrem getreuen Potemkin 
zufallen, während ihr Enkel Konstantin von Konstantinopel aus den andern 
beherrschen sollte. Wir wissen, wie Josef diesen Plänen nur sehr bedingt 
zuzustimmen geneigt war und wie er und Graf Cobenzl auch bei Ge- 
legenheit der zweiten Zusammenkunft mit Katharina in ihrer Zurück- 
haltung verharrten. Er könne — deutete damals der Kaiser dem fran- 
zösischen Diplomaten Grafen Segur an — eine Festsetzung der Russen 
in Konstantinopel nicht dulden. Trotzdem ging die Zarin mit den weite- 
sten Hoffnungen in den neuen Türkenkrieg, an dem auch Österreich gemäß 
des Allianzvertrages teilnahm. Es ist bekannt, wie weni^ wieder die Er- 
gebnisse den Hoffnungen entsprachen. Die Monarchie fühlte sich durch 
die russische Agitation an ihren Südgrenzen, die mit besonderem Eifer 
antiösterreichische Hetze betrieb, bedroht, und durch die größere Last 



") Es ist nicht uninteressant, daß in der Zeit der Friedensverhandlungen Katha- 
rina einmal in einer selbst entworfenen Instruktion schrieb, Österreich könne Ruß- 
land nicht zum Nachbar haben wollen, da ihm hieraus mit der Zeit viele Mühen 
mit Rücksicht auf seine an der Grenze wohnenden Untertanen russischen Glaubens 
erwachsen könnten. 

^2) Arneth, Josef II. und Katharina von Rußland. Ihr Briefwechsel. Wien 1869. 



Trostler: Ungar. Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahrh. 157 

des Krieges beschwert, suchte sie nach Josefs Tod einerseits Annäherung 
an Preußen, andererseits einen Sonderfrieden mit den Türken auf Grund 
des Status quo ante bellum. Rußland selbst, das einige Monate später 
als Österreich in Jassy seinen Frieden mit dem Sultan machte, mußte am 
Dnjestr stehen bleiben und die Christen des Orients blieben wieder ihrem 
Schicksal preisgegeben. Für Europa aber war das russische Streben nach 
dem Besitz der Donaumündung und der Meerengen noch deutlicher offen- 
bar geworden!'^). Zugleich konnte es erkennen, wie selbst ein mit dem 
Zaren verbündetes Österreich diesem Streben aus seinen eigensten Inter- 
essen heraus Widerstand leisten mußte. Von den zwei Richtungen, die 
in der orientalischen Politik des Wiener Hofes am Ende des achtzehnten 
Jahrhunderts bemerkbar waren, sah es schließlich die eine, die schon in 
den Erklärungen Kaunitzs während des ersten Türkenkrieges der Katharina 
und dann in den Worten Josefs zu Segur angedeutet war, siegreich bleiben. 
Der erste Band des Uebersbergerschen Werkes läßt uns die Geschichte 
dieser Entwicklung bis hieher verfolgen. Wir sind gespannt, den zweiten 
Band in die Hand zu bekommen, dessen Erscheinen uns für die nächsten 
Monate versprochen ist. Die orientalische Frage wird im neunzehnten 
Jahrhundert, noch weit mehr als sie es in den früheren war, eine europäi- 
sche Frage. Ihre Probleme vermehren und komplizieren sich, je mehr 
sie sich ihrer Lösung nähern, und sie komplizieren damit auch die Dar- 
stellung. Indes durchzieht der Gegensatz zwischen der Wiener und der 
Petersburger Politik das ganze neunzehnte Jahrhundert, und jene Pro- 
bleme gruppieren sich meist um ihn, also daß wir in der Geschichte 
der russischen Orientpolitik des neunzehnten Jahrhunderts die Geschichte 
des österreichisch-ungarisch-russischen Gegensatzes zu finden hoffen 
dürfen. 



Ungarische Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahr- 
hunderts 
Von Dr. Josef Trostler in Temesvär. 

Das Überfluten der deutschen Literatur des XVII. Jahrhunderts mit unga- 
rischen Stoffen ist nicht bloß durch die Furcht vor der drohenden Türken- 
gefahr, das Interesse an den Ereignissen des türkisch-ungarischen Kriegs- 
schauplatzes und durch den geistigen Austausch zwischen Deutschland und 
Ungarn, der eine ununterbrochene Kette persönlicher Beziehungen zur Vor- 
aussetzung hat, bedingt. In nicht geringerem Maße kommen dafür stofflich- 
technische Gründe in Betracht. Die zeitgenössischen Schwankbücher und 
Anekdotensammlungen, die zunächst den altern Stoffbestand deutsche^, 
italienischer und französischer Vorlagen modernisieren, sind außerstande, 
dem ungeahnten Stoffhunger des Publikums, das sich an den blutlosen 
Abenteuern der Amadisromane sattgelesen hatte, den schäferisch ver- 
mummten Helden galanter Dichtung kalt, den schüchternen psychologi- 
schen Versuchen Zesens, Kindermanns und Grimmeishausens verständnis- 
los gegenübersteht, den Sensationen der «Neuen Zeitungen» aber mit un- 



") Ooriainov, Le Bosphore et les Dardanelles, Paris 1911. 



158 Ungarische Rundschau. 

verhohlenem Entzücken lauscht, für die Dauer ohne Erweiterung des über- 
lieferten Gebietes vollständig zu genügen. Sie müssen nach neuen Quellen 
Umschau halten. Die verwilderte, von dampfendem Blut und Kanonen- 
gebrüll genährte Phantasie des Jahrhunderts, die, von der rationalistischen 
Bevormundung der Reformationszeit plötzlich befreit, mit gieriger Hast 
alles, Himmel und Hölle, Meere und Wunder, Farben und Dunkelheiten, 
Könige und Henker, Söldner und Bauern in sich aufzunehmen sucht, be- 
sitzt zwei fixe Punkte: den Orient und Ungarn. Besonders das letztere 
stattet sie mit allem Reichtum barocker Ornamentik aus. Den skrupel- 
losen Aneignern fremden Eigentums aber erscheint dieses Land als ein 
willkommener Tummelplatz, eine noch unausgebeutete terra incognita un- 
begrenzter MögHchkeiten. Die historischen Ereignisse sind ihnen nicht 
bloß Sensation, sondern, wie der Scholastik, Gleichnis, und jeder Stoff 
besitzt für sie nur insofern einen Wert, als sich daraus eine morahsche Be- 
lehrung herausschälen läßt. In dieser Hinsicht bietet Ungarn eine reiche 
Ausbeute. Interessante Episoden seiner älteren und jüngeren Geschichte 
werden nicht nur im Wetteifer mit den «Neuen Zeitungen» geschäftig her- 
angezogen, sondern, pedantisch nach Schlagworten eingeordnet, zur Be- 
leuchtung christlicher Moral benützt. Wir wollen uns in den folgenden 
Artikeln mit einigen, auch kulturhistorisch bemerkenswerten Stoffen be- 
fassen 1), deren Verbreitung in den Schwanksammlungen ein ungeschwäch- 
tes Fortleben in der späteren deutschen Dichtung zur Genüge erklären 
mag, zugleich aber auch auf die Geschichte des literarischen Geschmacks, 
dieses vernachlässigte Teilgebiet der literarhistorischen Forschung^), einige 
SchlagHchter fallen läßt. Sie sind gewissermaßen jenen stofflichen und 
formellen Entlehnungen gegenüberzustellen, für welche die ältere unga- 
rische Literatur der deutschen verpflichtet ist. 

I. 

Geo r giu s Dösa^). 

Georg Dösa, der Führer des blutig niedergerungenen Bauernkrieges von 
1514, diente noch vor einigen Jahrzehnten zum Ausgangspunkte histori- 
scher Übertreibungen und gewaltsamer Konstruktionen. Es ist das Ver- 
dienst des Historikers A. Märki, den Schlüssel für das richtige Verständnis 
seines Schicksals gefunden zu haben^), allein der Versuch, die zerfließenden 
Äußerungen zu einer großzügigen Charakteristik zu verdichten, mußte an 
der Unzulänglichkeit der Quellen, die sich über persönliche Züge fast voll- 
ständig ausschweigen, zerschellen. Aus der erdrückenden Fülle verarbei- 
teten Materials entfaltet sich nur das äußere Bild der ersten großen wirt- 
schaftlichen Krise Ungarns, die in das Seelenleben entfesselter Massen 
ungeahnte Einblicke gewährt und notgedrungen zum Zusammenbruch von 



*) Ausführlich handle ich darüber in dem Programm der Staatsoberrealschule in 
Temesvär. 1913/1914. 

2) Vgl. M. Landau, Zschr. für vergj. Literaturg. I. S. 470ff.; L. L. Schücking, 
GRM. V. S. 561 ff. 

^) Vgl. Trostler, J., Dösa Gy. a XVH. szäzad nemet irodalmäban. Temesvär 1913. 

*) Märki, Dösa György. Budapest. 1913. (Ausgabe der Ung. Histor. Gesellschaft.) 
Die erste Auflage des Werkes erschien 1883. 



Trostler: Ungar. Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahr h. 15Q 

Mohäcs führt. Dösa selbst, ein tüchtiger Krieger, dem historischen Götz 
von Berlichingen oder Florian Geyer nur typisch verwandt, ist nichts 
weniger, als eine PersönHchkeit von geschlossener tragischer Größe. Vomi 
König Wladislaus II. ausgezeichnet, wird er mehr durch das glückliche Zu- 
sammentreffen günstiger Umstände, als den eigenen Willen an die Spitze 
der vom Fürstprimas Baköcz im Auftrage des Papstes (Leo X.) gegen die 
Türken aufgebotenen Kreuzer gestellt. Zum offenen Krieg wider den Adel 
gedrängt, verschwindet er zeitweilig vollends hinter den Ereignissen. Nur 
einzelne Ausbrüche seiner wild überschäumenden Leidenschaftlichkeit und 
sein männlich ertragener, qualvoller Tod in Temesvär bieten der Betrach- 
tung sichere Anhaltspunkte. Die Grausamkeiten der Kreuzer, das Ein- 
äschern von Gehöften, Dörfern und Städten sind typische Erscheinungen. 
Dösa ist aber weder ein Bösewicht, zu dem ihn die konservative Geschichts- 
schreibung verzerrt, noch ein bewußter Vorläufer des modernen Sozia- 
lismus, zu dem ihn radikale Einseitigkeit stempeU, und umgekehrt ist es 
romantisch gesteigerte und verklärte Wirklichkeit, die in dem schönen 
Bildnis von V. Madaräsz oder in dem Versuch K. Samuels zum Ausdruck 
gelangt. Der Dichtung erscheint er als ein willkommenes Gefäß, das die 
Verquickung von Romantik und jungem Deutschland bei Eötvös, die revo- 
lutionäre Ungeduld Petöfis, das romantische Pathos Jökais, die Schwär- 
merei des Lyrikers Josef Kiss und den Sozialismus des Agitators A. Csiz- 
madia restlos in sich aufzunehmen vermag. Andererseits geht Märki zu 
weit, wenn er seinem Helden jede Gemeinschaft mit den Münzer, Bockold, 
Matthys, Knipperding und Konsorten absprechen möchte. Das Czegleder 
Programm E)ösas läßt mit seinen, auf die Abschaffung des Adels, über- 
haupt die Änderung der Weltordnung gerichteten Tendenzen einen engeren 
Zusammenhang vermuten, ohne indessen zwingende Schlüsse zu ermög- 
lichen. Eine Hterarische Rückwirkung auf den Bauernaufstand in Deutsch- 
land halte ich aber umsoweniger für wahrscheinUch, da sich diese An- 
nahme im besten Falle nur auf zwei gleichzeitige deutsche Flugschriften, 
das «Ain gross Wunderzaichen» (1514) und den «Auffrur» (1514) stützen 
mag. Die wichtigsten Quellen, wie das antikisierende Gedicht «Stauro- 
machia» des Taurinus (1519), Brutus, Jstvänfi, die späteren italienischen 
und lateinischen Berichte kommen hier nicht in Betracht. Für das deutsche 
Publikum haben im übrigen diese Probleme mehr nur eine nebensächUche 
Bedeutung. Sein Interesse gilt der Hinrichtung Dösas, und die Schrift- 
steller des XVll. Jahrhunderts wissen diese grauenvolle Szene mit einer 
Virtuosität herauszuarbeiten, die an Derbheit und Grelle nichts zu wün- 
schen übrig läßt. 

1. Der Schwankdichter Casp. Michael Lundorf, der die Reihe der 
deutschen Bearbeiter eröffnet, geht auf den Bauernkrieg nur mit einigen 
Worten ein^). Epigrammatisch, alles in wenige Sätze gedrängt, berichtet 
er mit kühler Sachlichkeit: «Im Jahr Christi tausendt fünffhundert vnnd 



**) Wissbadisch Wisenbrünlein. Das ist Hundert schöne kurtzweilige, zum theil 
neue, zum theil aber auss etlichen Lateinischen Scribenten zusammengelesene und 
verdeutschte Historien. Anjetzo zum ersten mal in Truck gegeben. Raphael 
Sulpicius ä Munscrod Qermanus. Franckfurt. In Verlegung Nicolai Bassaei Erben. 
Im Jahr Christi 1610. Nt. 91. S. 188f.: Von Georg Zeckeln einen Auffrührer, vnd 
seiner grausamen vnd erschröcklichen Straff. 



160 Ungarische Rundschau. 

viertzehn hat Georg Zeckelus sich wider seine ordentUche Obrigkeit auff- 
gelehnet, und einen Auffruhr erreget, d'er ist solcher massen an Leib vnd 
Leben gestraffet worden. Man hat jhn bloss vnd nackend aussgezogen, 
mit Ketten gebunden, ein eysene glüend Cron auff sein Haupt erhoben^ 
darnach hat man jhm etliche Adern geschlagen, vnnd hat sein Bruder 
Lucatius, der mit ihm vnnd bey der Auffruhr gewesen, das Blut seines 
Bruders sauffen müssen. Ferners als man jhm die Adern widerumb ver- 
bunden, hat man zwantzig seiner Gesellen, denen man zuvor in dreyen 
Tagen nichts zu fressen geben vnnd also wol ausshungern lassen, vber 
jhn geschicket vnd dieselbe getrungen vnd gezwungen, dass jhn Georgen 
Zeckeln, als der Auffruhr Principalen vnd Capitän, mit jhren Zähnen zer- 
reissen, vnd was sie abgerissen, fressen müssen: zuletzt hat man jhm 
das Eyngeweyde herausgerissen, vnd was noch vom Leib übrig gewesen, 
in Stück gehauen, zum theil gebraten, zum theil aber gesotten, vnd seine 
Gesellen dasselbe zu fressen getrungen : hernacher seynd auch sie als Mit- 
consorten vnd interessirte beneben seinem dess Prinzipals Auffrührers, 
Bruder Lucatio auffs grewlichste hingerichtet worden [Auss einer Braun- 
schweigischen Predigt gehalten vor der Straff eines Vbelthäters. Anno 
1604. den 17. Septembris].» 

Lundorfs gewissenhafte Quellenangabe ist nicht ohne Belang, da sie 
auf eine frühe Verbreitung des Stoffes schließen läßt. Die Schreibart 
Zeckelus für Dösa ist den meisten zeitgenössischen Schriftstellern ge- 
läufig (Märki, Dösa, S. 5), nicht minder die Verwechslung von Dösas 
Brüdern Gregor und Lucatius. Die glühende Krone — im Grunde ge- 
nommen ein eiserner Maulkorb — , die dem Bauernkönig aufs Haupt ge- 
setzt wird, ist keine Erfindung einer grausam-raffinierten Phantasie. Sie 
gehört zu den bewährten Requisiten mittelalterlicher Überlieferung, und 
wurde Henne am Rhyn zufolge (Geschichte des Rittertums, S. 152, vgj. 
Märki, a. a. O. S. 486) als Strafe jjenen Rittern zuerkannt, die in offener 
Empörung wider ihre Herrscher sich dies Thrones zu bemächtigen suchten. 
Ein ähnlicher Fall wird vom Historischen Bilder-Saal (IV, 318; vgl. 
Märki, S. 486) unter Kaiser Heinrich VI. bezeu^gt. Dem deutschen Prediger 
haben die Flugschriften ohne Zweifel vorgelegen. Seine Bekanntschaft 
mit der Chrono logia des Ortelius, die 1603 in Nürnberg erschienen war, 
von ihm also schon genutzt werden konnte, vermag ich nicht nachzuweisen. 
Für die meisten Züge kommen gewiß lateinische Quellen in Betracht. Auf- 
fallend ist die Übereinstimmung in der Schilderung der Marter mit dem 
viel späteren M. Milesschen Siebenbürgischen Würgengel (Her- 
mannstadt, 1670, 9). 

2, Weniger kühl und wortkarg fällt Richters Spectaculum Histori- 
cum^) mit seiner «Unerhörten Grausamkeit» aus dem Rahmen des Anek- 



^) Spectaculum historicum, Historisches Schauspiel, so auf dem Schau-Platz dieser 
Welt von Gott, von der Natur, von guten und bösen Engeln, von Frommen und 
Gottlosen Menschen, in natürlichen Dingen und Politischen Welthändeln, meisten- 
theils in dem XVI. Seculo nach Christi Geburt ist gespielet worden. Dargestellet in 
Vierhundert gesamieten Wunder-Historien. Von einem Liebhaber der Weltgeschichte. 
Jena. 1661. LXXV. S. 40 ff. Vgl. F. Gerhard, Joh. P. de Meniels Lustige Gesell- 
schaft. Halle a/S. 1893. S. 13f. 



Trostler: Ungar. Stoffe in der deutschen Literatur des XVIL Jahrh. 161 

dotischen: «Im Jahr Christi 1514 entstünde in Ungarn eine schreckliche 
Aufruhr und Tod-schlagen der Kreutzbrüder. Es gieng ein gemein Ge- 
schrey wider den König und die Obersten des Königreichs, darum dass 
man sich nicht bemühete, die Oerter und Plaetze, so die Türeken einge- 
nommen, wiederum zu erobern, weil sie damahls anderer Orten mit Kriege 
gehindert waren. 

Aber der König Ladislaus, der die ruhe liebete, Hess sich dieses gantz 
nicht anfechten: Und die grossen Herren regirten ihn also, dass er ihnen 
nichts befahl noch anordnete. 

Unterdessen last des Pabstes Legat Ablass predigen vor alle diejenigen, 
die das Kreutz annehmen, und wieder die Türeken in Krieg ziehen wollen. 

In geschwinder Zeit kam aus allen Winckeln des Ungerlandes ein 
Hauffen räuberisches Gesindleins zusammen: Ingleichen machten sich 
grosse Truppen Bauren auf: Welche die grossen Drangseligkeiten und 
insolentien des Adels, und sonderlich der Bischöffe nicht mehr ertragen 
kunten : Dieselben /rottirten sich von allerley Orten zusammen. 

Die Nachlässigkeit des Königs hatte grosse Verwegenheit, unordent- 
liches Leben, und unerträgliche Grausamkeit der Herrschaften wider ihre 
arme[nl Unterthanen lassen einwurtzeln. 

Diese Armee der Bauren wehlete ihr einen Obersten, breitete sich un- 
versehens aus, streiffete, raubete, und plünderte unerhörter massen fast 
durch gantz Ungarn : Sie erschlugen alle Edelleute und Bischöfe, die sie 
kunten ergreifen. Die sehr reichen und hohen Standespersonen wurden 
lebendig gespiesst. 

Als diese grausame Unsinnigkeit so wärete, wachte der König auf, ließ 
aus den Besatzungen der Städte Volk leichtern, und unter dem Obersten 
Bornemisso zu dem Adel stossen; derselbe hielt etliche Treffen, in welchen 
eine grosse Anzahl der Kreutzbrüder auff dem Platze blieb, und viel ge- 
fangen worden, welche in der Hauptstadt des Königreichs hingerichtet 
worden. 

Endlich schlug Johannes des Woiwoden Stephani Sohn, welcher sich 
hernach des Königreichs bemächtigte, diese Kreutzbrüder in einer Schlacht: 
Und nachdem er sie meistentheils niedergemetzelt, nahm er ihre Oberste|n 
gefangen, und Hess sie so grausamen Todes hinrichten, dass einem alle 
Haare gen Berge stehen, wenn man nur dran gedencket. 

Denn den General der Bauren, mit Nahmen Georgius, Hess er nackend 
ausdehnen: Welchem der Hencker eine Krone von glühendem Eisen auf 
den Kopf setzte: Darnach öffnete er ihm etliche Adern, und das Blut, so 
herauslief, muste Lucatius, des Georgii Bruder, trincken. 

Darnach brachte man herzugeführet die vornehmsten unter den Baueren, 
welche drey Tage ungessen waren verwahret worden: Und man zwang 
sie, dass sie musten mit ihren Zänen den Georgium, so noch lebte an- 
fallen, und iedweder ein stucke davon reissen, und fressen. 

Mitten unter dieser grausamen Pein schrye Georgius garnicht, sondern 
bat nur, man wolle seinem Bruder Lucatius gnade erzeigen, welchen er zu 
diesem Kriege genötigt hätte. 

Als nun Georgius zu stücken zerissen, zerrete man ihm das eingeweide 
heraus, das ward in Stücken zerhauen, und theils gesotten theils gebraten : 
Und darauf zwang man die Gefangene, dass sie musten eine Mahlzeit 
davon halten. 

üngarisdie Rundschau. IV. Jahrg., 1. Heft. 1 1 



162 



Ungarische Rundschau. 



Als dieses geschehen, wurden sie alle, so viel ihrer waren, mit lang- 
wiriger Marter hingerichtet, so arg, als mans erdencken kunte. 

Man wird kaum ein exempel grösserer Grausamkeit finden, seint die 
Welt Welt gewesen ist.» 

Die Quellen des Spectaculums gehören in denselben Kreis, wie 
die des braunschweigischen Predigers. Das reichste Material fließt aus 
Istvänfi (Historiarum de rebus UngariCis Hbri XXXIV. Coloniae Agrip- 
pinae. 1622), der trotz dem Parteigeist, von dem sein Werk durchdrungen 
ist, mit seinem Mitleid nicht zurückhalten kann. Die Darstellung von Dösas 
Peinigung ergibt eine Übereinstimmung im Wortlaut mit Peter de Rewa 
(Revai)7). 

3. Weit über die ersten unbeholfenen Ansätze des Spectaculums hinaus 
geht der schreibselige Erasmus Francisi in der novellistischen Ausgestal- 
tung des Stoffes (Der Zweyte Trauer-Saal steigender und fallender Herren : 
Oder Auf- und Untergangs der Grossen Andrer Theil. Im Jahr. 1687: Die 
XXII. Geschieht von Georgio und Gregorio Dosa, Gebrüdern, wie auch 
Bischoff Johannes Ch'aqui und andren). Die fast gehässige Beurteilung 
des Bauernkrieges ist durch den Standpunkt .seines Gewährsmannes, des 
Aristokraten Istvänfi, von vornherein bestimmt. Sie ist aber auch natürlich 
bei einem Schriftsteller, der vom Ertrage seiner Feder lebt und in erster 
Reihe den konservativen Adel und das Publikum der Städte vor Augen 



■') Vgl. De monarchia et sacra 
Corona regni Hungariae centuriae 
Septem, auctore Petro de Rewa ed 
Franc, de Nadasd. Francofurti 
MOCLIX. CenturiaVl. S.62: 

. . .^ Cujus eventus tuit quod 
magna rebellentium multitudo Duce 
Joanne Scepusio caesa et primarii 
capti, novoque & inaudito genere 
supplicii affecti sunt. Ipse enim 
Georgius Zekel nudus catenis 
vinctis coronaque ferrea candenti 
redimitus ... & per venas con- 
cisus est, quem sanguinem frater 
Lucas potare debuit. Venis iterum 
clausis, missi sunt in eum viginti 
ex sociis, triduo inediä macerati, 
qui dentibus eum laceratum 
vorarunt. Tandem extractis vis- 
ceribus extenteratur , corpus in 
frusta concisum ahenis coctum, 
verubus tostum , comedendum 
reliquis appositum est, & demum 
isti omnes hoc modo satiati, tragi- 
cum acceperunt exitum. 



. . . Endlich schlugjohannes des Woiwoden 
Stephani Son . . . diese Kreutzbrüder in einer 
Schlacht: Und nachdem er sie meistentheils 
niedergemetzelt, nahm er ihre Obersten gefangen, 
und Hess sie so grausamen Todes hinrichten, dass 
einem alle Haare gen Berge stehen . . . Denn 
den General der Bauren, mit Nahmen Georgius, 
Hess er nackend ausdehnen: Welchem der 
Hencker eine Krone von glüenden Eisen auf den 
Kopf setzte: Darnach öffnete er ihm etliche 
Adern, und das Blut, so herauslieft, muste Lu- 
catius des Georgü Bruder trincken. Darnach 
brachte man herzugef ühret die vornehmsten unter 
den Baueren, welche drey Tage ungessen waren 
verwahret worden : Und man zwang sie, dass sie 
musten mit ihren Zänen den Georgium, so noch 
lebte, anfallen, und iedweder ein stucke davon 
reissen und fressen . . . Als nun Georgius in 
stücke zerissen, zerrete man ihm das eingeweide 
heraus, das ward in Stücken zerhauen, und theils 
gesotten, teils gebraten : Und darauf zwang man 
die Gefangenen, dass sie musten eine Mahlzeit 
davon halten. Als dieses geschehen, wurden sie 
alle . . . mit langwiriger Marter hingerichtet. . . 



Trostler: Ungar. Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahrh. 163 

hält. Die antidemokratische Tendenz ist das Ergebnis einer Entwicklung, 
die mit dem siegreichen Vordringen der Antireformation einsetzt und in 
dem katholischen Absolutismus des Sonnenkönigs ihren Höhepunkt er- 
reicht. Diese Entwicklung spiegelt sich im Roman nicht weniger, als in 
den loyalen Übertreibungen der galanten Gelegenheitsdichtung. Ein Zeit- 
genosse des volkstümUchen Grimmeishausen, Lassenius (Bürgerliche Reiss- 
und Tischreden. Nürnberg. Anno MDCLXII) zitiert mit Entrüstung das 
alte Reimpaar : 

Als Adam hackt und Eva spann / 

Wo war damals ein Edelmann? 

Die kühne Verspottung des gewalttätigen Adels und der Kirche ist in 
den Schwanksammlungen viel leisern Tönen gewichen, und während Grim- 
melshausen den Knaben Simplizius freudig das Lob des «Bauren-Stand»s 
anstimmen läßt (Kögel, Kap. III. S. 12), verlegt sein Nachfahr, Huber, 
die Handlung des Symplizianischen Welt-Kuckers (1677) vollends in 
adelige Umgebungen, und auch der verwahrloste Ungarische Simpli- 
zissimus (1683), ein Zögling des Waisenhauses zu Breslau, brüstet sich 
mit den erlogenen Heldentaten seiner adeligen Ahnen. Francisci selbst 
hat für die gequälten Leibeigenen, die schon durch den Gedanken an 
freie Bewegung wie umgewandelt erscheinen, kein Wort des Mitleids übrig. 
In peinlicher Abhängigkeit von seiner Vorlage gestattet er sich nur formale 
Änderungen am Stoff, und sucht durch kleine Zusätze, durch Bilderreich- 
tum, der aber niemals anschauliche Bildlichkeit wird, und überaus häufige 
Anwendung des schmückenden Beiwortes, den Schein der Selbständigkeit 
zu erwecken. Der breitangelegte Hintergrund ist nur eine dunkle Staffage, 
von der sich flammend und gespensterhaft die Krönung Dösas abhebt. — 
Kardinal Thomas zieht in Rom mit großer Pracht ein, allein sein Plan, 
den Papst, Julius IL, für einen Krieg wider die Türken zu gewinnen, 
wird durch dessen Tod vereitelt. Der neue Papst, Leo X., versagt ihm 
zwar jede materielle Unterstützung, erteilt ihm aber die Befugnis, den 
Kreuzzug gegen die Ungläubigen zu predigen. Zum Führer der Kreuzer 
wird Georgius Dösa ernannt, den der König für seine Tapferkeit unlängst 
mit güldener Halskette, purpurnem Kleid', Schwert und Sporen ausge- 
zeichnet hatte. Die Grundherrn sehen die Bauern nur ungern in das Lager 
ziehen und suchen sie daran zu hindern. Unzufriedenheit und Empörung 
ist die Folge davon. Der Priester Laurentius reizt auch Dösa zum Wider- 
stand. Feuer und Blut bezeichnet den Weg der Kreuzer, Furcht und Grauen 
geht ihnen voraus. Ein ansehnliches Heer wird vom Adel unter der An- 
führung des siebenbürgischen Woiwoden Johannes aufgeboten. Borne- 
misza zerstreut die in der Umgebung der Stadt Pest lagernden Kreuzer 
und kehrt im Triumph nach Ofen zurück. Dösa zieht indessen nach dem 
Süden und wendet sich nach siegreichen Treffen auf den Rat des Lauren- 
tius gegen Temesvär. Schon naht aber Johannes Szapolyay und vernichtet 
das Heer der Belagerer. Georg und sein Bruder Gregor fallen in Ge- 
fangenschaft; ihr böser Dämon, Laurentius, ergreift die Flucht. An den 
Gefangenen wird grausame Rache genommen. Francisci findet die Strafe 
Dösas allzustreng, das hindert ihn aber keineswegs daran, sie mit einer 
behaglichen Breite Istvänfi nachzuerzählen. Ihn interessiert augenscheinlich 
das Schauspiel des Grauens, der auf dem glühenden Throne kauernde 

11* 



164 Ungarische Rundschau. 

Rebell, die sechs totgehungerten armen Bauern, die den «schmauchenden» 
Körper ihres Königs in Stücke reißen: «Unterdessen werden von den 
Peinigern und Angstmännern, aus rohem Eisen ein Thron, Cron und 
Scepter verfertiget: auf selbigen eisernen Stul ward Georgius nacket und 
bloss inthronisirt, und ihm die aus dem Feuer genommene Cron glühend 
aufs Haupt gesetzt. Hiernechst führte man die neun übergebüebene, halb 
todt gehungerte, und Schattenähnliche Gefangene herzu, und gebot ihnen, 
die mit glühenden Eisen gebraute zischende und schmauchende Glieder 
Georgii, mit den Zähnen zu zerbeissen, herab zureissen, und zu verschlin- 
gen; oder gewärtig zu seyn, dass die Büttel und Henckerknechte, so mit 
Schwerdten ihnen den Tod droheten, sie auf der Stelle niedermachten. 
Ihrer sechs die Heber fressen als sterben wollten . . . haben solches gethan, 
und seynd darauf ledig gelassen. Drey aber, die den abscheulichen Bissen 
verschmäheten, wurden augenblicks gesäbelt . . . Das alles stund Georgius, 
ohn eintziges Zehrlein, Geschrey und Zittern aus. Man hörte ihn auch 
nichts sagen; ausbenommen, dass er die, welche ihm de gebrannten 
GHeder also bissen und zerkäueten, zum Verweiss, die jungen Hunde 
nannte, so von ihm wären auferzogen. Wornechst er weiter kein Wort 
geredt. Nach solcher Pein zwickte und riss man ihn, mit feurigen Zangen, 
immer mehr und mehr, so lange biss er von übermachter Marter und 
Schmertzen todt bUeb . . .»8) 

4. Mehr Moralist, als Francisci, unbeholfener in der Form und weniger 
lebhaft im Erzählen, greift Jacob Daniel Ernst (Das neuauffgerichtete 
Historische Bilderhauss / In dessen zweyen Gemächern/als dem Laster- und 
Trauer-Zimmer / Ein ansehnHcher Vorraht ausserlesener Geschichten und 
sonderlicher Begebenheiten... Altenburg. 1685. S. 643—644: Georg Dosa 
wird unerhörter massen hingerichtet.) aus der Darstellung Istvänfis nur 
die Episode von Temesvär heraus. Der Umstand, daß er sich einfach 
auf die Übersetzung des lateinischen Textes beschränkt, enthebt uns der 
ausführlicheren Besprechung. Er soll bloß die Lücken der stoffgeschicht- 
lichen Überlieferung überbrücken helfen. 

5. Bemerkenswerter und für das zähe Festhalten an den sagenhaften 
Zügen einer älteren Überlieferung charakteristisch ist die Erzählung in 
P. C. Balthasar Hans Kompilation (Alt- und Neu-Pannonia Oder Kurz- 
Verfasste Beschreibung des Uralten Edlen Königreichs Hungarn. Nürn- 
berg. 1686. S. 224—227), die alle dem Istvänfi entlehnten historischen 
Tatsachen nur als Rahmen benützt. — Die Kreuzer leisten der Aufforde- 



^) Vgl. Istvänfi, Historiarum liberv. S. 46: . . . Interea ab iisdem tortoribus rudi 
e ferro solium, & Corona sceptrumque regia insignia conflantur; in quod Georgius 
nudus infertur, coronaque igne candenti replendens capiti impositur; adducuntur 
novem illi infelices, qui supererant, luridi fame erecti, semineces, umbris hominum 
similes, ac ut artus Georgii, qui ignito ferro tacti, stridorem quendam cum nidore 
emittebant, dentibus ac morsu appetant, simulque diglutiant, jubentur, ni faciant 
strictis ensibus minabundi carnifices, & statim occisuri imiminent. Quod ubi mortis 
metu fecere, dimissi quidem fuere . . ., sed tres, qui abominabilem offam non 
deglutiverant, illico caesi fuerunt. Georgius non flere, non ejulare, non horrescere : 
tantum catulos caninos abs se educatos probrose appellans conticuit; ac forcipibus 
ignitis identidem lancinatus, postremo cum intolerandos dolores ferre amplius non 
posset, animam efflavit. , . 



Trostler: Ungar. Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahrh. 165 

rung des Kardinals Thomas, in Frieden heimzukehren, keine Folge. Von 
entlaufenen Geistlichen ermutigt, halten sie Rat, wählen einen König und 
Großgrafen, und fassen den Beschluß, nicht eher von hinnen zu ziehen, 
«bis alle 14. Bisthümer / ohn eines / abgethan wären/. So war auch dieses 
rottirten Volckes Vornehmen, dass sie allen Adel . , . samt Weib und Kin- 
dern erwürgen / und nur allein 4. Graven / welche dem König in Hun- 
garn dienen solten / übrig lassen wolten. Sie beschlossen auch / dass sie 
König Uladislao alles / was ihm lieb erweisen wolten / doch dass er auch 
nichts wider sie vornehmen solte.» Ihr neuerwählter König nennt sich: 
«Melchior Mauser von Gottes Gnaden König des gesegneten Volks der 
Creutzer ein Freund und Unterthan des Königs von Hungarn.» Schon 
das Titelblatt der Flugschrift «Ain gross Wunderzaichen» (Märki, a. a. O. 
S. 181) trägt die Aufschrift: «melchior Bankwr ein könig des genedeyten 
Volks des Creitzs, Aber underthenig dem könig zu Vngern . . .» und wir 
haben es auch hier mit jenem geheimnisvollen Namen zu tun, der in merk- 
würdigen Varianten, bald als Banser (Birken, 1668), Mausser (ebda. u. 
Hist. Bilder-Saal IV. 318), bald' als Mouder (Janus Vitahs, um 1514) auf- 
taucht. Der Großgraf führt den Titel : «Zeckel-Jörg / Ein Unterthan des 
Durchleuchtigsten Königs in Hungarn /ein Erwählter des H. Vatters 
Thomae / Cardinais von S. Martin zu Bergen / ein Hauptmann des ge- 
segneten Volks der Creutzer / ein Feind der Bischöfe / Prälaten und Edlen,» 
was letzten Endes auf den Italiener Janus Vitalis zurückgehen mag^). Das 
Volk läßt ihnen einen vergoldeten Wagen machen, mit schwarzem Samt 
füttern und mit sechs schönen weißen Pferden bespannen. Es verehrt 
ihnen «je eine silberne Credenz / von 40. Schüsseln / Tellern / Bechern / 
Kannen /», — und durchzieht unter ihrer Führung das Königreich Ungarn. 
Den unbefestigten Städten wird Geld und Proviant abgefordert, jlie 
Schlösser werden verwüstet, die Kirchen und Klöster beraubt, der Adel ge- 
spießt : «Wie dann jedem der beeden Obristen / zu Behuf dieser Grausam- 
keit/ein Wagen mit Spiessen nachgeführet worden.» Als der Erzbischof 
von Gran den Zeckel-Georg ermahnt, er möge doch von seinem unchrist- 
lichen Treiben abstehen und seinen «Adelichen Stand» nicht also beflecken, 
zwingt er den Boten, den Brief zu verschlingen ; dem Erzbischof aber ent- 
bietet er : «Er solte / so bald er ihn ergreifen würde ' sich nur des Spießes 
versehen / weil er sein Zusatz nicht halte und allein den frommen König 
verführe.» An den Bischof von «Colocza» (Kalocsa) schreibt er um Geld 
und läßt auf den Brief einen Spieß taalen. Den Bischof zu Csanäd, Johannes 
Chaqui, läßt er nach qualvoller Peinigung spießen, dem Stephano Teleg- 
dino einen «Strick durch das Gemachte ziehen, ihn also aufhencken /und 
alsdann mit Pfeilen und Büchs-Kugeln zu todt schiessen.» «Bathor Istvan» 
entkommt ihm nur mit Not. Nicht lange indessen freut sich Zeckel-Georg 
seiner Freveltaten. Sein Heer wird vor Temesvär vernichtet, er selbst stirbt 
eines grausamen Todes. Der letzte, größere Abschnitt des Hanschen Be- 
richtes bringt in engem Anschluß an Istvänfi eine Beschreibung dieses 
Todes. Der fahle Stich, der die Hinrichtung Dösas veranschaulicht und 
mit früheren bildlichen Darstellungen des Auffruhrs, der Stauromachia 



") Vgl. Märki, Dösa, S 181: Melchior Dei gratia rex benedicti populi Cruciferorum, 
amicus et subjectus Ladislai Ungariae Regis et electus Sancti Martini in Montibus, 
initnicus Praelatorum et omnium Pannonio praesidentium regno. 



166 Ungarische Rundschau. 

(1519, ed. Engel, Wien 1809.) und des Hist. Bilder-Saals (IV. 319) eine 
typische Ähnlichkeit zeigt, besitzt trotz der unbeholfenen Ausführung bei 
der Armut der Dösa-Galerie einigen Wert. Im Vordergrunde auf dem 
Throne sitzend, wird der Bauernkönig von zwei Marterknechten mit Ketten 
festgehalten, während zwei andere ihm Krone und Szepter aufnötigen. 
Unter diesem Bilde, das mit unwesentlicher Änderung in Ricaut-Sagredos 
Neu-eröffnete Ottomanische Pforte (Augsburg. 1694. II. S. 106) Auf- 
nahme fand, steht der Vierzeiler: 

Zöckel-Georgs grausames Marterspiel, 

Schau was die Auffruhr kan, derselben Straff und Lohn! 
Von Eisen glühend-heiss : ein Scepter, Krön und Thron, 
Darauf der Zöckel-Jörg wird', als ein Kön'g gesetzt. 
Weil er durch Auffruhr hat die Majestät verletzt. 



Die Eroberung der Festung Muräny. 

1. Das Wort «Curiös» dient im Sprachgebrauch des XVII. Jahrhunderts 
zur Bezeichnung des Exotischen, Merkwürdigen und Überraschenden. Ver- 
wirrungen des Herzens, Liebesgeschichten, die Aufsehen erregen, Aben- 
teuer, die einen unerwarteten Abschluß finden, tragen den Stempel des 
Curiösen an sich. Als «Curiös» in diesem Sinne erscheint die Eroberung 
der in Oberungarn gelegenen Festung Muräny im Jahre 1644 durch den 
königlichen Kommandanten von Fülek und nachmaligen Palatin, Franz 
Wesselenyi, der mit der Festung zugleich die Hand der berühmtesten 
ungarischen Frau des Jahrhunderts errang. Es ist aber kein romantischer 
Liebesbund, sondern eine fast nüchterne Vernunftehe, zu der die etwa 
zweiunddreißigjährige Maria Szechy, nachdem sie ihren ersten Mann durch 
den Tod verloren, von dem zweiten aber sich aus freiem Willen hatte 
scheiden lassen, ihre Zuflucht nahm, und es waren am wenigsten politi- 
sche Gründe, sondern in erster Reihe die Furcht vor den Intriguen hab- 
gieriger Verwandten, die sie die Festung in die Hände Wesselenyis spielen 
ließen 10). Die Phantasie der Zeitgenossen hat sich dann des Ereignisses 
bemächtigt. Der ungarische Dichter Stefan Gyöngyösi, der zu Wesselenyi 
in nahen Beziehungen stand, setzt den ganzen Olymp, den reichen Apparat 
antiker und barocker Epik in Bewegung, um den an und für sich unbe- 
deutenden Stoff zu epischer Bedeutsamkeit zu steigern (Die Venus von 
Muräny im Verkehr mit Mars, Kassa. 1664) und weiß durch die galante 
Zierlichkeit seiner Verse noch die Leser des XVIII. Jahrhunderts zur Be- 
wunderung für die schöne Frau hinzureißen. Selbst der Verrat, den sie 
an der Wesselenyischen Magnatenverschwörung schmähUch geübt und 
später schwer hat büßen müssen, hat den Glanz ihrer Schönheit nicht 
zu verdunkeln vermocht. Die größten Lyriker (Petöfi, Tompa), Epiker 
(Arany), Dramatiker und eine endlose Reihe von Unterhaltungsschrift- 
stellern der ungarischen Literatur haben diese Schönheit darzustellen ver- 



^^) Über den historischen Hintergrund des denkwürdigen Ereignisses vgl. J. Acsädy, 
Szechy Maria. Budapest, 1885, S, 79 ff. 



Trostler: Ungar. Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahrh. 167 

sucht 11). In die Weltliteratur wurde Wesselenyis Waffentat von einem 
Franzosen eingeführt. 1646 weilte jene glänzende Gesellschaft, die unter 
der Führung der Marquise Guebriant 1645 der Herzogin Maria Gonzaga, 
der Gemahlin des polnischen Königs Ladislaus IV., bis Warschau das Ge- 
leite gegeben hatte, einige Tage in Pozsony (Preßburg), um von da den 
Rückweg nach Frankreich anzutreten. Jean de Laboureur, ein Höfling 
Ludwigs XIV,, der an der Gesandtschaft teilgenommen hatte, wurde hier 
mit Wesselenyi bekannt und ließ sich von ihm die Geschichte seiner Heirat 
erzählen. Zeugen und urkundhche Belege, die ihm von Wesselenyi zur 
Verfügung gestellt wurden, benahmen ihm jeden Zweifel an der Glaub- 
würdigkeit des Berichts, den er als «la plus memorable de notre siecle» 
in seiner Relation du voyage de la Royne de Pologne... (Paris. 
1647) ausführlich wiedergab. 

Laboureurs Beschreibung hat Erasmus Francisci, dessen feinem Spür- 
sinn der dankbare Stoff nicht entgehen konnte, einer Erzählung in seiner 
«Aller-Edelsten List der Gantzen Welt Vermittelst eines anmuthigen und er- 
bauHchen August-Monat-Gesprächs / Worinnen vorkommen / 1. Die Me- 
chanische Bau- und Schau-Liste. 2. Die Kriegs-List. 3, Die Weiber-List. 4. Die 
Hoff-List. 5. Die Regenten- oder Staats-List.» (Frankfurt am Mayn. 3. Aufl. 
1703. S. 143 — 154) zugrunde gelegt. Das zierliche Bändchen ist als be- 
wußte Nachahmung von Joh. Rists berühmten Monat-Gesprächen, die 
in späteren Auflagen zum Teil unter dem zusammenfassenden Titel: 
«Zweyer Weltberühmten Gelehrten Hn. Joh. Risten und Hn. Erasmi Fran- 
cisci / Curieuses Recreations-Jahr» erschienen, Rist selbst zugeschrieben 
worden (Goedeke, Grundriß, 3, 86). Franciscis Autorschaft steht aber übe;- 
jedem Zweifel (vgl. Einleitung und Verzeichnis meiner Erasmi Fran- 
cisci / biss hero gedruckter Schriften. Nürnberg. 1691. S. 11. 
Nr. XXII). Die Rahmentechnik der Gespräche hatte Rist nach dem Vor- 
gange Harsdörfers (Frauenzimmer Gespräch-Spiele 1641— 164Q), der sich 
an spanische (Antonio de Torquemada, deutsch 1626, A. de Esiava, vgl. 
Bobertag, 11. a. S. 139), italienische und französische Vorlagen anschloß, 
geschickt angewendet und weitergebildet. Francisci erweist sich als ge- 
lehriger Schüler. — In einem schattigen Garten des Barock, am Ufer der 
vielbesungenen Pegnitz, unterhält sich die fröhliche Gesellschaft galanter 
Herren über die wunderlichsten Dinge und «curiösen» Geschehnisse der 
Welt. Man spricht mit unerschöpflicher Kompilationslust über Arten der 
Blumen und Melonen, über Gartenbau und Architektik, über Schauspieler, 
Gaukler, Mechaniker und die suggestive Wirkung ihrer Kunst. Nun kommt 
die Kriegslist an die Reihe. Belagerungen und Schlachten werden vor 
uns in Szene gesetzt. Wir suchen Finnen und Lappen auf, lassen den 
Chinesen Tientanus mit Kühen den König Jen in die Flucht schlagen, 
erobern mit den Türken das Schloß Algo in Ungarn, kämpfen mit König 
Hachon gegen die Dänen, bereisen Polen, die Niederlande und Deutsch- 
land, steigen zu Schiff wider die Türken, wandeln auf den Spuren Hanni- 
bals, lagern mit Kaiser Max vor Milano, entrüsten uns über die Spitz- 



") Die literarhistorischen Aufsätze K. Karpäts (A Muränyi Venus a magyar 
költeszetben 1886, J. Viszota's (Szecsi Maria a drämai költeszetben 1892) und St. 
Jeszenszkys (Szechy Maria a magyar irodalomban. 1896) haben den Stoff kreis nicht 
erschöpft. 



168 Ungarische Rundschau. 

findigkeit parthischer Kriegführung und besiegen mit den Schweden vor 
Jankau das leichtsinnige kaiserliche Heer. Ein Mitglied der Gesellschaft, 
Lysander, macht auf eine besondere Art von Kriegslist aufmerksam : «Man 
findet auch in den Geschichten /dass ettliche Könige und Fürsten /sich 
gegen ihres Feindes Gemahlin / oder Tochter verliebt gestellet / und durch 
solches Mittel Städte oder Vestungen /ohne Blut /und Einbuss einiger 
Mannschafft / zu ihrem Willen gebracht /als die rechte Dame /darum sie 
fürnemUch gebuhlet. Ich mag mich in den alten Begebenheiten nicht ver- 
tief fen ; will nur eine / di sich / zu unseren Lebzeiten / recht seltsam und 
possirlich zugetragen / fürbringen.» Er verweist also auf das alte Motiv 
<um Städte werben», wiederholt aber bloß den mit romanhaften Zügen 
durchwobenen knappen Bericht Gottfried Schultzens (Neu-augirte Und 
Continuirte Chronica. Lübeck / In Verlegung August Beckers. Anno 
MDCLX12). Der Widmung zufolge ein Auszug aus dem Theatr. Euro- 
paeum). Ein anderer Herr, Sophocard', hält die angeführten Quellen 
(Zeiller, Theatrum Europaeum V. S. 544) für unzulänglich, läßt daher die 
ausführlichere Darstellung Laboureurs folgen. — Graf Wesselini, der 
Gubernator von Filleck (Fülek) sinnt Tag und Nacht vergebUch auf Mittel 
und Wege, wie die Eroberung des Schlosses Muran (Muräny) zu be- 
werkstelligen sei. Als er nun einmal des Nachts sich mit diesem Ge- 
danken abquält, da tritt ein grauer Mann zu ihm vors Bette, greift ihm 
mit der Hand an die Brust und spricht: «Wesselini! Muran ist dein: 
Aber eine Frau muß dirs gewinnen!» Mit offenen Augen sieht Wesse- 
lini das Gespenst zur Türe hinausschleichen, ohne indessen den geheimen 
Sinn seiner Worte enträtseln zu können. Am folgenden Tage wird ein 
Diener der Schloßherrin gefangen vor ihn gebracht. Wesselenyi behält 
den Gefangenen bei sich, behandelt ihn aufs beste und ist bereit, ihm die 
Freiheit zu schenken, wenn er seiner Herrin ein Schreiben insgeheim in 
die Hände spiele. Der Diener sagt zu und kehrt in kurzer Zeit mit der 
Antwort Marias zurück. Eine Zusammenkunft wird verabredet und findet 
in dem nächst dem Schloß gelegenen Wäldchen statt. Von der Erschei- 
nung Wesselenyis und seiner Liebenswürdigkeit bezaubert, geht Maria ohne 
Zögern auf seine Bedingungen ein. Die Eroberung des Schlosses soll 
gleichsam der Brautring sein, «womit diese Bündniss versigelt würde». 
Man bereitet alles zur kühnen Unternehmung vor. An der jäh empor- 
steigenden Felsenwand wird ein Eckfenster ausfindig gemacht, zu dem 



^2) Neu-augirte Chronica (S. 405— 406) berichtet: [Stratagema]. Das Schloss Maran 
in Ungarn war mit des Fürsten Ragoczi Völckern besetzt / der Käyseriiche Gubernator 
in Villeck hätte selbiges Schloß gerne Käyserlicher Majestät wieder gegönnet / brauchte 
derohalben dieses Stratagema : Es hielte sich auf diesem Schloss Maran eine junge 
Gräfliche Dame auff / an diese schrieb der Gubernator, wie das ihm ohnlängst seine 
Liebste gestorben / und er gesonnen were / sich zu veränderen ' hätte derowegen 
seine Affection auff sie geworffen / dieselbe Affection jhr desto besser darzuthun I 
bete er jhm die hohe Ehre zu gönnen / und in dem nechst am Schloss angelegenem 
Holtz zu gewisser Zeite zu kommen / welches denn geschähe / da sie auch von der 
Ragotzischen Besatzung etzliche mitbrachte / Nun hatte der Gubernator gute Prae- 
paratoria die Gäste zu empfangen bey sich ' machte die Gesellschaft truncken/und 
zog mit der vermeinten Braut unbekandter Weise auff das Schloss / machte mit den 
Seinigen die Ragoczische Besatzung nieder / und brachte also dieses Schloss Maran 
wieder an seinen Herrn / den Römischen Käyser. 



Trostler: Ungar. Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahr h. löQ 

ein steiler Weg hinaufführt, und das die Überrumpelung der Besatzung 
ermöglicht. Wesselenyi wagt den beschwerlichen Gang; ein Dutzend 
kühner Leute folgt ihm auf dem Fuße. Die Hoffnung auf eine köstliche 
Belohnung wird ihm zum Fähnrich, die Begierde zum Sporn; sie lassen 
ihn die Gefahren und Hemmnisse des Weges überwinden. «Wie er bey- 
nahe die höchste Spitze erreicht,» heißt es dann weiter, «geschieht im 
Schloss ein Schuss/und jagte ihm keinen geringen Schrecken ein: weil 
er nicht wissen kunte / ob es ein Freuden- oder Warnungs-Schuss wäre. 
Dennoch beschloss er / vollends sich hinauf f zu wagen / in Hoffnung / sein 
schöner Liebes- und Leit-Stern würde ihn nicht übel anführen. Bey sothaner 
DupHrung seiner Hertzhafftigkeit aber /fand er auch die Mühe verdoppelt: 
angesehn ihm die noch übrige Klippen sehr hart das Obstatt hielten / und 
sein Laquay ihn / über seine Schultern / zuletzt muste lassen etliche grosse 
Steine hinaufsteigen / biss er an Ort und Stelle kam / da ein befehUchter 
Diener seiner wartete / und ihn sampt seiner Gesellschaft zu der Gräffinnen 
führte. Diese Hess hierauff die Wacht im Schloss / durch einen spendirten 
guten Trunck / weitlich bezechen / und den Commendanten zu sich er- 
bitten / unter dem listig-wahren Vorwand / es wäre eine Verrätherey vor- 
handen : Wesswegen derselbe sich bald einstellete. Kaum war er aber / in 
ihr Zimmer getretten ; so wischet der Wesselini gähling herfür / mit seinen 
Leuten / greif ft ihn bey der Hand /und spricht: Kennst du den Wesse- 
lini? Ergieb dich ihm /oder dem Tode! Nachdem dieser sich also 
gefangen gegeben / und in einen besondern Gemach versperret ; wurden 
mit gleicher List /noch einige andre von den Ober-Officiren ins Netze 
gelocket; endüch die besoffene Wachten caput gemachet /und nach ge- 
gebener Losung /die Völcker des Wesselini in das geöffnete Schloss-Thor 
eingelassen. Und also hat Graf Wesselini Muran / und zugleich die Gräfin 
ehelich bekommen.» — 

Franciscis Bestreben, die französische Grazie Laboureurs ins Deutsche 
zu übersetzen, ist nur nach der sprachlichen Seite hin gelungen. Man stößt 
überall auf Lücken, Unebenheiten in der Handlung, auf eine Erstarrung 
der Bewegungen zu leeren Gesten, die dem Grafen und der Gräfin ein 
theatralisches Gepräge aufdrücken. Francisci läßt alles, was nur im ent- 
fernten an ein Problem gemahnt, lässig fallen. Die Eroberung der Festung« 
schrumpft zu einem galanten Abenteuerchen zusammen, dessen Helden 
— ein liebenswürdiger, ruhmsüchtiger Soldat und eine galante Dame, der 
eine ein Witwer, die andere eine Witwe, — , die, des Alleinseins müde, 
nur des priesterlichen Segens harren, um, von Amoretten umschwärmt, 
das reichgeschmückte Brautbett zu besteigen. Ein echter Dichter der 
galanten Zeit hätte dieses Segens nicht bedurft. Dem Zeitgeschmack ent- 
sprechen die epischen Requisiten : Wesselenyis Traum, der geheimnisvolle 
Alte, der Diener als Vermittler und die Anhäufung retardierender Momente, 
die Francisci allerdings nicht genügend ausgenützt hat. In Marias Ge- 
stalt vermissen wir jene Monumentalität, welche ihr Gyöngyösi ange- 
dichtet hat, wie denn überhaupt die Menschen von dem stofflich Inter- 
essanten in den Hintergrund gedrängt werden. 

2. Aus Francisci schöpft Jac. Dan. Ernst (Lectiones historico-morales 
Curiosae oder Curiöse Historische Blumen-Lese / darinnen ein herrlicher 
Vorrath von mancherley seltzamen Begebenheiten / anmuthigen Erzeh- 
lungen / sinnreichen Reden /Seltenheiten der Natur / erbaulichen Discursen/ 



170 



Ungarische Rundschau. 



Glück und Unglück berühmter /Leute /Tugend- Schand- und Laster- 
Thaten / auch vieler andern zu einer schönen Wissenschafft gehörigen 
Sachen / fürgestellet wird . . . Leipzig. Verlegt von Fr. Lankischens seel. 
Erben. Druckts Immanuel Tietze. 1694. S. 1450 ff.). Er selbst nennt 
seine Quelle, die er so treu und gewissenhaft ausschreibt^ daß, von einer 
belanglosen Einleitung abgesehen, nur sprachliche Änderungen auf seine 
Rechnung zu setzen sind. Das Verhältnis der beiden Schriftsteller möge 
die Gegenüberstellung folgender Stellen beleuchten: 



Francisci, S. 150. 

Graf Wesselini (also hiess besagter 
Gubernator in Filleck) war sehr be- 
kümmert / dass die Natur das Schloss 
Muran über alle offenbare Gewalt- 
thätigkeit erhöhet / und selbst geforti- 
ficirt / in dem sie es umher mit gäben 
Hügeln befelset hatte. Dennoch kunte 
er dasselbe nicht aus dem Sinne schla- 
gen . . . sondern speculirte Tag und 
Nacht / auf Mittel und Wege / zu einer 
so unwegsamen Eroberung. Was be- 
giebt sich? als er einsmals / zu Mitter- 
nacht / in gleichen Gedancken und 
Nachsinnen wachet; siehe! da tritt 
ein langer / grauer / und weisser Mann 
zu ihm vors Bette / greifft ihm mit 
der Hand an die Brust / und spricht : 
Wesselini ! Muran ist dein ! Aber eine 
Frau muss dirs gewinnen! Diss ge- 
sagt / tritt der alte Greyss wieder ab : 
und meldet der Scribent / Graf Wesse- 
lini habe selber / mit wachenden Augen 
gesehen / wie das Gespenst wieder 
zur Thür hinaus gegangen ; sonst 
solte man ehe glauben / es wäre ein 
Traum-Gesicht gewesen ... so hat 
dies Nacht-Gesicht mehr Verwunde- 
rung / als Verstand und Erklärung / 
ihm gegeben / wie doch solches zu- 
gehen möchte / das ein Frauenbild 
ihm solte das veste Muran gewinnen / 
welches doch allerdings den Männern 
zu starck wäre. 

Folgenden Tags aber bringen ihm 
seine Leute einen Gefangenen auss 
dem Schloss : Welcher bekennet / dass 
er einer Gräflichen Jungen Witwen / 
nemlich der Frauen S[z]etski / so in 
der Burg / als Erbin / residirte / Diener 
wäre. Bey Nennung dieser Witwen / 
fällt ihm sein Gesicht oder Traum 
wieder ein. Er mutmasset / dieser Ge- 



Ernst, S. 1450. 

. . . und war der Käyserliche Guber- 
nator zu Silleck sehr bekümmert / dass 
die Natur besagtes Schloss über alle 
offenbahre Gewalt erhöhet und selbst 
forticifiret / in dem sie es umher mit 
jähen Hügeln befelset hatte. Dennoch 
kunte er sich dasselbe nicht aus dem 
Sinne schlagen / sondern speculirte 
Tag und Nacht auf Mittel und Wege / 
zu einer so unwegsamen Eroberung. 
Was begiebt sich 7 als er einsmals zu 
Mitternacht / in gleichen Gedancken 
und Nachsinnen wachet / siehe / da 
tritt ein langer grauer und weisser 
Mann zu ihm für das Bette / greiffet 
ihm mit der Hand an die Brust / und 
spricht: Wesselini / Muran ist dein / 
aber eine Frau muss dirs gewinnen / 
Diss gesagt / tritt der alte Greiss wieder 
ab / und meldet der Scribent / Graff 
Wesselini habe selber mit wachenden 
Augen gesehen / wie das Gespenst 
wieder zur Thüre hinausgegangen. 

Der Graf aber befand mehr Ver- 
wunderung als Verstand bei sich / wie 
doch solches zugehen möchte / dass 
ein Frauenbild ihm solte das veste 
Muran gewinnen / welches doch aller- 
dings den Männern zu starck wäre. 
Folgenden Tags aber bringen ihm 
seine Leute einen Gefangenen / welcher 
bekennet / dass er einer Gräfflichen 
jungen Wittben / nemlich der Frauen 
Setski so in der Burg / als Erbin re- 
sidierte / Diner wäre. Bey Nennung 
dieser Wittben fället ihm sein Gesicht 
wieder ein. Er muthmasset / dieser 
Gefangene habe ihm vielleicht die 
Erläuterung gebracht / hält derhalben 
denselben gar ehrlich / und accom- 
modiret ihn auffs beste / fragte ihn 
auch einsmahls ob ihm auch etwas 



Trostler: Ungar. Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahrh. 171 

fangene habe ihm vielleicht die Er- mangelte? Der Gefangene antwortete 

klärung gebracht : hält derhalben den- nechst demüthiger Dancksagung vor 

selben gar ehrlich / accommodirt ihn alle genossene Gnade /dass ihm weiter 

aufs beste: fragt ihn auch einsmals / nichts mangele ohne die Freyheit und 

ob ihm auch etwas mangelte? so solte Erlaubnis wiederum zu seiner gnädigen 

er nur sprechen. Der Gefangene ant- Frauen zu reisen. Welches ihm Wes- 

wortete / nechst demütiger Danck- selini verhiess / mit Bedingung / dass 

sagung vor alle genossene Gnade / er seiner Gräffin ein Schreiben allein 

dass ihm weiter nichts mangelte / ohne in die Hand lieffern solte. Solches 

die Freyheit und Erlaubniss wiederum gelobte jener an / und richtete es red- 

zu seiner gnädigen Frauen zu reysen. lieh aus. 
Welches ihm Wesselini verhiess mit 
Bedingung / dass er seiner Gräfin ein 
Schreiben allein in die Hand liefern 
solte. Solches gelobte jener an / und 
richtete es redlich aus. 

in. 

Der Tod des Dichters Zrinyi. 

Der Tod des Dichters Zrinyi, über dessen nähere Umstände die Leser 
dieser Zeitschrift genügend orientiert sein dürften i^)^ gehört, wenn auch 
im tragischen Sinne, nicht weniger dem Gebiet des «Curiösen» an, als die 
Eroberung der Festung Muräny. Der jähe Zusammenbruch einer glän- 
zenden militärischen Laufbahn, deren große Bedeutung den Zeitgenossen 
in historischen Werken, Flugschriften und Gedichten völlig zum Bewußt- 
sein gekommen war, mußte bei den moralisierenden Unterhaltungsschrift- 
stellern, die über die Unbeständigkeit des Glückes gerne und breitspurig 
zu sprechen pflegen, in höchstem Maße Anspruch auf Interesse erheben. 
Briefe und Gesandtschaftsberichte tragen die Nachricht von der verhängnis- 
vollen Wildschweinjagd über den ganzen Kontinent, finden in einer Reihe 
von Gelegenheitsdichtungen ihren oft unbeholfenen künstlerischen Nieder- 
schlag und befruchten die schöpferische Phantasie des Volkes. Die unga- 
rischen Lieder des XVII. Jahrhunderts, die deutschen Naenia Melpomenes 
Schillingianae (Wien, 1664), die mehrsprachige Anthologie Dömötöris 
(Honor Posthumus. Tübingen. 1664) i*), die Klag-Gedichte eines Un- 
genannten (1664, Apponyi, Hungarica, II. S. 126. Nr. 910), die den Himmel 
selbst klagen und den Winter seinen Schnee in den Lüften verstecken 
lassen, die lateinische Elegie des Jesuitenkollegs zu Valencia (Dignos im- 
mortali gloria manes fortissimi Herois Nicolai Esdrini), das steife Sonett 
des Italieners Peter Gvadagni (Szechy, a. a. O. S. 176), die klassischen 
Reminiszenzen des Joh. Baptista Nigrovius (Bellum Pannonicum. Vtini. 
MDCLXVI. Buch IL) u. a. m. geben der gleichen schmerzvollen Be- 
wunderung und trostlosen Ergriffenheit Ausdruck. 



18) A. deBertha, Nikolaus Zrinyi, der Dichter, Ung. Rundschau, 11 (1913). S. 346 ff. 
und A. Weber, Tod des Dichters Zrinyi. Ebenda, III (1914). S. 186ff. - Der zu- 
sammenfassende Aufsatz Maria Lßcseys in der ung. Zeitschrift Irodalomtörtenet 
I (1912), S. 449 ff. bringt Bekanntes aus der großen Zrinyl-Biographie K. Sz^chys. 
Bd. V. (1902) S. 164 ff., das sie durch kleine Zusätze ergänzt. Vgl. dazu Weber, in 
der histor. Zeitschrift, Szäzadok, 1913. S. 221—223. 

") Vgl. Bleyer, Irodalomtörteneti Közlem^nyek, 1900, S. 45 ff. 



172 Ungarische Rundschau. 

Unter den bisher bekanntgewordenen deutschen Oedächtnisschriften ist 
eine Rede, welche der Wiener KarmeHtermönch Andreas am 6. Dezember 
1664 zu München in Gegenwart des fürstlichen Hofes gehalten hatte, lite- 
rarisch am höchsten zu werten i-^). Sieht man von der mit Bildern über- 
ladenen Rhetorik, den weithergeholten Gleichnissen und allzu gewagten 
Wortspielen, dem künstlich gesteigerten Pathos ab, welches sich aus dem 
Überschwang der Gefühle von selbst ergibt, so erscheint die Persönlich- 
keit des Feldherrn klar durchleuchtet vor unseren Augen. Im Vordergrunde 
steht der Türkenschläger», eine Leuchte christlichen Heldentums sonder 
Fehl und Makel, der zu jeder Zeit im Frieden dem Gebete lauschend, über 
seine Bücher gebeugt und im Lager wider sichtbare und unsichtbare Feinde 
ankämpft. 

Der Tag und Nacht gantz unverzagt 

Mit Türken hat gestritten. 

Sein Blut und Leben oft gewagt 

Und nie kein Gefahr geütten: 

Nun ist er hin der Graf Zerin. 

Begehrst du mehr zu wissen? 

Ein wilde[s] Schwein (Ach! wie kann's sein) 

Hat ihn endlich zerrissen. 

Ein Schrecken der Türken, mit dessen Namen türkische Mütter ihre 
Kinder einschüchtern, hat er sich des Vergleiches mit den größten Helden 
der Weltgeschichte nicht zu fürchten. Ein gläubiger Christ, der im Namen 
des Herrn zum Angriffe vorgeht und seinen Waffen die Hilfe der Jung- 
frau erfleht, ein Verteidiger des Glaubens, zeigt er sich j,ener Ehrungert 
und Auszeichnungen, die ihm vom Papst und den Fürsten Europas zuteil 
wurden, durchaus würdig. Es wird erzählt, die Türken hätten die Ge- 
beine Skanderbegs ausgegraben, um sich dessen Tapferkeit anzueignen. 
Die Christenheit hätte nichts zu befürchten, wenn mit den irdischen Über- 
resten Zrinyis sich die Tugenden des Feldherrn auf die Nachwelt ver- 
erbten. 

1. Nimmt Andreas den Todesfall gewissermaßen nur zum historischen 
Vorwand seiner idealisierenden Charakteristik, so beschränkt sich Erasmus 
Francisci auf die Jagd und weiß sie, jede Einzelheit auf ihre Wirkung 
hin prüfend, mit blumiger Feder novellistisch aufzubauschen. (Der Hohe 
Traur-Saal oder Steigen und Fallen grosser Herrn. 1. Nürnberg 1670. 
S. 1 157ff. Die LVIIL Geschieht von dem HerrnGrafen Niclas Serini ' Römisch 
Keyserl. Maj. weiland geheimen Raht/etc. Ban in Croatien/und Ungari- 
schem Feldherrn). Voll unbegrenzter Bewunderung für seinen Helden, gibt 
er einen skizzenhaften ÜberbUck der politischen und historischen Zustände 
und erzählt, Zrinyi habe sich, unzufrieden mit der erfolglosen Belagerung 
von Kanizsa, verstimmt über den Fall von Zerinvär und den Friedensschluß 
von 1664, in dumpfem Groll auf sein Schloß zu Csäktornya zurückgezogen. 
In trüber Stimmung trifft ihn hier die Einladung des Kaisers nach Wien. 



") Tugendriechender Blumen-Büschel under die Press gelegt und verfertiget hat 
der ehrwürdige P. F. Andreas von S.Theresia, Barfüsser-Carm eliter .. . Gedruckt.. 
München. 1679. Vgl. dazu den Aufsatz Fr. Salamons in der Zeitschrift Budapest! 
Szemle. XLVII. (1886. S. 404ff.) 



Trostler: Ungar. Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahrh. 173 

Die Vorbereitungen zur Reise werden getroffen. Tags zuvor begibt sich 
Zrinyi mit einigen kroatischen Edelleuten auf die Jagd. Über Tisch bringt 
man die Nachricht, in der Nähe befänden sich viele Wildschweine, dar- 
unter ein besonders großer Eber. Der Graf springt vom Tische auf, eilt 
hinaus, feuert sein Gewehr auf das Wild ab, welches indessen verwundet 
in wilder Hast davonstürzt, mit seinen Zähnen einem Bauern den Leib 
aufschlitzt, einen Weidmann verwundet und einen Dragoner über den 
Haufen rennt. Zrinyi nimmt zu Pferde, von einem Pagen begleitet, die 
Verfolgung des Ebers auf, und kaum hat er ihn auf morastigem Boden im 
Gebüsche liegend erblickt, so steigt er im Glauben, das Tier sei, vom 
Blutverlust entkräftet, hingefallen, vom Pferde, um ihm den Garaus zu 
machen. In diesem AugenbUcke aber fährt es wie ein Blitz von seinem 
Lager auf, geht wider den Grafen los, stoßt ihn zu Boden, fängt an, 
fürchterlich über ihn zu wüten und schlägt ihm eine Wunde über die andere. 
Es reißt ihm den Leib auf, daß das Eingeweide herausdringt, zerbeißt ihm 
den Hals, zerzaust und reißt ihm fast alle Haare aus. Schon klafft eine 
tiefe Wunde auf dem edlen Haupte des Grafen, daß man drei Finger 
hätte hineinlegen können, da eilt der Page herbei, legt auf das wütende 
Tier an, allein seine Pistole versagt, und als er mit dem Degen darauf 
eindringt, ergreift es endlich die Flucht. Nun werden Diener herbeigerufenr, 
die wehklagend den kläglichen Zustand ihres Herrn bejammern, während 
dieser, über und über von Blut beströmt, sich aufrichtet und spricht: 
«Stille, Stille! Es hat keine Gefahr! Es wird schon gut werden! Es wird 
bald ganz gut werden.» Eine Zeitlang verharrt er in sitzender Lage, Hoch 
über den Kopf springt ihm das Blut aus den geöffneten Adern, und kraft- 
los sinkt er wieder zu Boden. «Wo ist die Wunde? fragte er nicht wis- 
send / dass sein gantzer edler Leib allenthalben voll Wunden. Inmittelst 
merckte einer von seinen Edelleuten / dass mit dem häuf f igen Verlust des 
Bluts die Kräffte sich auch bey ihm zu verlieren / und je länger je tödt- 
lichere Schwachheiten hergegen einzufinden beginneten : darum ermahnete 
er ihn /er solte seine Seel/in wahrer Reu und Leid über seine Sünden/ 
Gott dem Herrn befehlen ; und betete ihm vor. Worauf er geantwortet : 
Er wisse sich zwar / seyt seiner jüngsten Beicht / keiner Tod-Sünden eigent- 
lich zu erinnern; nichtsdestoweniger solten sie doch fleissig für ihn beten/ 
und seiner herzliebsten Gemahlinn / samt seinem letzten Gruss und neh- 
mendem Urlaub diese Bitte hinterbringen / dass sie seiner in ihrem Gebet 
stets eingedenck leben möchte. — Nach diesem gesegnete er sie alle/wandte 
sich mit kurtzen aber inbrünstigem Gebet und Hertzens-Seufftzern zu 
seinem Erlöser /und klopffte dreymal (zur Nachfolge des bussfertigen 
Zöllners) an seine Brust : aus welcher der Allmächtige Gott / die Seele 
dieses streitbaren Ungarischen Ritters / nachdem sie bey einer guten 
Viertheil Stunde in ihrem verwundeten Körper auf ihn geharret /endlich 
abgefordert . . .» Eine «Grabschrift» verherrlicht den toten Helden : 

Hie liegt Croatiens sein allerkühnster Held/ 

Graf Niclas von Serin ! Verwundre dich / o Welt ! 

Der /welchen Gog/die Forcht der Erden /selbst gescheuet; 

Der Magogsgrimme Zucht /die Horden /hat gebläuet 

So redlich an der Muhr; Fünffkirchen in den Brand/ 

Und Essecks Wunder-Brück' in Glut und Flut gesandt/ 



174 Ungarische Rundschau. 

Da wo die strenge Trab mit schnellen Wellen trabet. 

Den Wien / Madritt / Paris / und Rom / geehrt / begäbet/ 

Weil er so ritterlich und glückhafft sich gewagt: 

Den hat der Tod zuletzt auf einer Jagt erjagt. 

Den Leuen / welcher nie vor Sebeln hat gebebet/ 

Hat noch ein Sebel-Zahn des wilden Schweins entlebet. 

Wer solches nicht beschmertzt ; ist wilder / als das Schwein/ 

So diesen Held erschlug. Sein edelstes Gebein 

Ruht nun in Tschakathurn. Streu Leser /eh du weichest 

Cypress und Lorbeer drauf: Wer weiss/ wie du erbleichest?. . 

Es handelt sich hier offenbar um die phantastische Ausschmückung, 
keineswegs aber um die gewaltsame Verzerrung historischer Wirklichkeit. 
Anschaulichkeit ist dieser Darstellung, die, auf unmittelbare Wirkung be- 
dacht, sogar die Synonyma nicht willkürlich, sondern in bewußter Aus- 
wahl aufeinander folgen läßt, ebensowenig abzusprechen, wie ein Hauch 
menschlichen Mitgefühls, das, trotz der unverkennbaren Freude an der 
Schilderung des Gräßlichen, zuweilen durch die kalten, barocken Sätze 
zittert und in besonderer Weise dazu geeignet ist, das Interesse für den 
Stoff wach zu halten. Szechy (Zrinyi, V. S. 178) sieht in der Erzählung 
Franciscis, die er im Auszug ungarisch widergibt, einfach die märchen- 
hafte und kühne Erweiterung jenes knappen, bloß einige Zeilen um- 
fassenden Berichts, der den Karmelitermönch zum Verfasser hat. Wir 
kennen aber die mechanische Phantasie des Nürnberger Schriftstellers, 
welche immer wieder fremder Nahrung bedarf, um in Bewegung gesetzt 
zu werden, selbst in sprachlichen Einzelheiten sich durch Vorlagen be- 
stimmen läßt und unabhängig von diesen niemals über das Bereich histo- 
rischer Tatsachen hinausgeht. Aus dürftigen Sätzen selbständig eine breite 
Erzählung zu entwickeln, ist nicht seine Sache. Ihm standen in histori- 
schen Werken reichere Fundorte zur Verfügung. Daß die Münchener Pre- 
digt schon 1664 im Druck erschien, ist in diesem Falle ohne Belang, selbst 
wenn wir Franciscis Bekanntschaft mit ihr — seine große Belesenheit 
spricht dafür, nicht ohne weiteres von der Hand weisen dürfen. Wahr- 
scheinlicher aber ist die Annahme einer gemeinsamen Quelle, die von 
Andreas nur exzerpiert, von Francisci dagegen unverkürzt wiedergegeben 
wird. Ich möchte vor allem auf die Frankfurter Relationen von 1665 
nachdrücklich verweisen. 

2. Obwohl die umfangreichste unter den Bearbeitungen des Stoffes, findet 
Franciscis Erzählung einstweilen kaum Beachtung. Die kurze historische 
Anekdote wird noch immer bevorzugt, wie das Hans Alt- und Neu- 
Pannonia (S. 455 f.) zur Genüge bezeugt. Han greift auf die Frank- 
furter Relation zurück und läßt die Jagd «2. Meilen von Tschekathum 
ohnweit der Muer / nicht fern von dem Ort / allwo der Herr Grav Strozzi 
vor ohngefähr einem halben Jahr / von einem im Kopf empfangenen 
Schuss / seinen tapferen Helden-Geist aufgeben müssen,» vor sich gehen. 
Der kroatischen Edelleute, welche sich in Zrinyis Nähe befinden, geschieht 
hier keine Erwähnung. Das verwundete Wild', welches vom Grafen zu 
Roß verfolgt wird, wiegt sechs Zentner. Der Page, ein Franzose, macht 
sich auch hier vergeblich mit Pistole und Degen zu schaffen. Die Ver- 
letzungen des Grafen am Haupt und Hals, an der Brust und dem Unter- 



Trostler: Ungar. Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahrh. 175 

leib werden flüchtig registriert, zum Schluß die Quelle ausdrücklich ge- 
nannt : «Der Herr Verfasser der Frankfurter Relation / hat diesem tapfem 
Helden Graven zu Ehren / folgende vier Reimzeilen / statt einer Grab- 
schrifft gesetzet: 

Dem nichts ein ganzes Heer der Türeken an-kunt haben, 
Wie wohl sie Hauffen-weiss denselben offt umgaben; 
Den mordet schändtlich jetzt im Feld ein Wildes-Schwein. 
O unverdienter Fall! Ein Heide solt es sejn!» 

Han bietet also stofflich kaum mehr, als die Schultzsche Chronica 
(p. 164)16), und an ihm gemessen, mutet uns Franciscis Darstellung bei- 
nahe wie eine schriftstellerische Leistung an. 

3. In ähnHcher Weise, nicht aber ohne einige Zusätze und mit einer 
freieren Einrahmung, die zuweilen an die Denkrede des Karmelitermönchs 
gemahnt, nutzt Jac. Daniel Ernst (Lectiones historico-morales Curiosae 
[1694] I, S. 559 — 562) die Relation. Wie im Traur-Saal, veranschaulicht 
auch bei ihm die Jagd die Eitelkeit alles Irdischen, und die Beschreibung 
des Jubels, welcher dem siegreichen Feldherrn aus ganz Europa entgegen- 
schallt, wird nur vorausgeschickt, damit die Hinfälligkeit des Glücks um 
so schärfer hervortrete. Die Erzählung selbst ist nichtsdestoweniger ebenso 
dürftig und nur anekdotisch ausgestaltet, wie bei Han. In derselben Reihen- 
folge und mit den gleichen sprachlichen Wendungen wird von der Ver- 
folgung des verwundeten Wildes, seiner Auffindung in dem Gebüsch und 
dem unerwarteten Angriff auf den Grafen, von den Wunden, dem Tode 
des letzteren und der Freude der Türken über das Unglück berichtet. 
Die Abhängigkeit von Han ist, trotz der Berufung auf d ie Relation, 
wenigstens in sprachlicher Hinsicht, unschwer zu erkenneni'^). 



'«) Vgl. Qraff Nicklas von Serin kommt umb. Aberder Herr Orafe Nicklas 
von Serin satzte die seinige in grosse Traurigkeit / indem er sich mit etlichen an- 
deren Croatischen Edelleuten auf! einer Schwein-Hatz / zwo Meilen von Tschacka- 
thum / nicht weit von der Muhr ergötzte / und einen grossen Hauer / oder Eber / all- 
zuweit von der Gesellschaft / gantz alleine nur mit einem Paschen / nachsatzte / von 
dieser wilden und erzörnten Bestie aber / als er ihr noch einen guten Fang mit 
dem Säbel zu geben vermeynte / in einem Laufte zu Boden gefället / und dermassen 
jämmerlich zerzauset / zerrissen und verwundet ward / dass er in einer vierthel 
Stunde hernach / in beysein der sämmtlichen Gesellschafft / unter schmertzlichen 
Weinen und Wehklagen derselbigen / in christlicher Andacht und Bussfertigkeit / 
seinen tapffern und sonst allezeit gegen alle und jede Feindes-Gefahr / unüberwind- 
lich gewesenen Geist darüber auffgeben muste. 

^^) Vgl. Han: Als er nun die Spur Ernst: Als er nun endlich die Spuhr 

desselben gefunden /und in einem Busch des Thieres wahrgenommen /und in einem 

ersehen / ist er von seinem Pferdt ge- Busch salviret befunden / ist er von seinem 

stiegen willens der Bestien den Fang zu Pferde abgestiegen / in Meinung dem- 

geben; welches aber übel gerathen. Indem selben einen Fang zu geben / welches 

das Thier alsobald auf ihn grimmig loss- aber übel gerathen: In dem das Thier 

gangen / ihn zu Boden gerissen / , . wie- alsobald auf ihn mit grosser Grimmigkeit 

wohl nun einer seiner Pagen / so ein lossgegangen / und zu Boden geworffen. 

Franzoss / Dem Geschrey des wilden Wiewohl nun einer seiner Pagen / so ein 

Schweins nachgeeilet / auch solches noch Franzos / dem Geschrey dieses wilden 



176 Ungarische Rundschau. 

4. Mit größeren Erwartungen tritt man an den berühmten Romanschrift- 
steller des Jahrhunderts, Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen 
(Täglicher Schau-Platz der Zeit. Frankfurt. 1695. 2. p. 1391—92), heran. 
TatsächHch aber verrät sich der Verfasser der Asiatischen Banise, dieser 
Virtuose effektvoller Verwicklungen und Überraschungen, diesmal bloß 
durch eine zierUchere Sprachkunst und den leichteren Fluß der Erzählung. 
So ergibt der Vergleich mit Francisci, der zwar nicht genannten, aber 
sorgfältig ausgeschriebenen Quelle Zieglers, trotz der restlosen stofflichen 
Übereinstimmung, einige Unterschiede. Zeitwort und Epitheton wird durch 
ausdrucksvollere, neue ersetzt, an die Stelle des einfachen Hauptwortes 
tritt oft das Kompositum. Eine kurze Probe mag das näher beleuchten: 
«Die Jagt-Begierde oder vielmehr sein unglückUch Verhängnis / trieb sofort 
unsern Graf fen von der Taf fei / und kaum hatte er die Bestie erblicket / so 
gab er ihr einen Schuss / mit welchem sie doch durchgieng / und im Lauffe 
einen Bauern /mit den Ungeheuern Waffen /einen solchen Hieb in den 
Leib versetzte / dass ihm das Gedärme auff die Erde fiel. Ingleichen 
rennete diese ergrimmete Bestie einen Dragouner übern Häuf fen / und 
blessirte über dieses noch einen Jäger an beyden Schenkeln; Welches 
alles den Graffen umso viel destomehr anspornete / möglichste Rache an 
diesem unvernünfftigen Tyrannen zu nehmen / und selbigen nur in Be- 
gleitung eines einigen Pagens / so lange zu verfolgen / biss er das ange- 
schossene Thier in einem Morastischen Gepüsche liegen sähe. Hier meinte 
nun der gute Herr /das Schwein wäre von dem empfangenen Schusse 
gefallen / dannenhero er abstieg /demselben den letzten Fang zu geben. 
Aber /Ach! was geschieht? die lauschende Bestie fuhr aus ihrem Lager 
wie ein Blitz /rennete den Grafen /der sich dessen am wenigsten ver- 
sehen / übern Häuf fen / und schlug demselben eine tödtliche Wunde nach 
der andern. Sie riss ihm den Leib auff /dass das Gedärme hervordrang/ 
zerbiss ihm den Halss / und zausete ihm fast alle Haare aus / darüber das 
Haupt eine solche Verletzung empfing / darein man drey Finger legen 
kunte. Sein Page hätte diesem Mörder gerne ein Pistol auff die Borsten 

über seinem Herrn / dem Grafen starck Schweins nachgeeilet / auch solches noch 

wütend und schlagend gefunden / die über seinem Herrn starck wütend und 

Pistoll / in Meinung der Bestia eine Kugel schlagend gefunden / auch seine Büchse / 

in die Haut zu jagen /auf sie angeschlagen/ in Meinung solches zu fällen / und den 

sie aber versagt / darauf er nach dem Grafen noch zu erretten / angeschlagen / 

Degen gegriffen / um den Tier einen Fang so ihm aber versagt. Dessen ungeachtet / 

zu geben / welches aber solchen nicht er gleichwohl mit seinem Degen / diesem 

erwartet / sondern die Flucht genommen / Thier einen Fang geben wollen / welches 

worauf er sich bald zu seinem Herrn ge- aber solchen nicht erwartet / sondern die 

macht / denselben aber allbereit halb todt Flucht genommen / worauf er sich also- 

und übelzugerichtet gefunden / massen bald zu seinem Herrn gemacht / denselben 

er von dem Schwein unterschiedliche aber allbereit halbtodt und übel zugerichtet 

tödtliche Schläge als einen ins Haupt / in befunden / indem die Bestie ihm unter- 

den Halss / in die Brust / und in den schiedliche tödtliche Schläge / als eine ins 

Unter-Leib / dass das Eingeweyde heraus- Haupt / in den Hals / in die Brust / und 

gelauffen / empfangen / welcher auch in den Leib / dass das Eingeweide heraus- 

ohngefehr eine halbe Stunde hernach gehangen / gegeben / welcher auch in 

seinen Geist aufgeben müssen. einer halben Stunde hernach vollends 

verschieden. 



Trostler: Ungar. Stoffe in der deutschen Literatur des XVII. Jahrh. m 

gebrennt / das treulose Pistol aber versagte ihm / darum grieff er nach dem 
Degen / und wolte dem Hauer eins versetzen / der aber unterdessen darvon 
Heff. Hier bheb nun dem beängstigten Pagen kein Mittel übrig /als eine 
klägliche Stimme / die zurückgebUebenen herbey zu rufen . . .» In ähnlicher 
Weise wird Francisci auch in den folgenden sprachlich modernisiert. Dem 
Stoff gewinnt Ziegler keinen neuen Zug ab und legt sich aus den ersten 
und letzten Zeilen des breiten Epitaphiums im Traur-Saal eine kürzere 
Grabschrift zurecht (S. 1392): 

Hier ruht Croatiens sein allerkühnster Held/ 
Vor dem der Muselmann / wie er /vorm Schweine fällt/ 
Sein Ruhm erfüllt die Welt. Streu / Leser / eh du weichest/ 
Cypressen auff die Grufft; wer weiss /wie du erbleichest. 

5. Literarhistorisch bedeutsamer, als die bisher angeführten Bearbei- 
tungen, harrt in chronologischer Folge eine Episode in Paul von Wincklers 
Roman, dem Edelmann (Frankfurt u. Leipzig/ In Verlegung Christoph 
Riegels. Anno 1696. S. 517 ff. vgl. Bobertag, Gesch. des Romans, IIa, 
S. 144 f.) unserer Besprechung. Der Edelmann, welchem die Ehre wider- 
fuhr, von Scherer (Geschichte der deutschen Literatur. 12. Aufl. [1910] 
ed. Edw. Schröder, S. 384) aus der großen Zahl ähnlicher Schriften her- 
ausgegriffen zu werden, stellt eine eigenartige Verschmelzung von Chr. 
Weises politischer Manier und dem Reiseroman der Happelschule dar. 
Die Fiktion der Reise, deren Richtung durch belehrende Tendenz und 
geographische Kenntnisse bestimmt wird, gibt Winckler Gelegenheit, seine 
Leser mit dem Zettelkasten einer äußerHch angelesenen Gelehrsamkeit zu 
überschütten, fremde Länder, ferne Menschen und Sitten an ihren Augen 
vorübergleiten zu lassen und sie in weitschweifende Gespräche über die 
wunderlichsten Dinge der Welt hineinzuziehen. Diesmal wird aber kein 
Ritter auf Reisen geschickt, und an Stelle glänzender Aufzüge und Zwei- 
kämpfe im fernen Orient treten die einfachem Verhältnisse des schlesi- 
schen Adels. Charakteristisch ist schon das Motto des Wincklerschen 
Romans: «Edel / und Unedel Blut ist von einer Farbe / ist nun unsere 
Wiege nicht edel gewesen / so last uns dahin trachten / dass unser Grab 
durchleuchtig werde.» 

Florisson, der Sohn eines reichen holländischen Kaufmanns zu Amster- 
dam, der nach Abschluß seiner Universitätsstudien Europa bereist hatte, 
begibt sich nach Deutschland, um den politischen und sozialen Umwäl- 
zungen seines Vaterlandes zu entgehen. Er durchquert Polen. Auf der 
Reise nach Wien, die über Schlesien führt, nimmt sein Wagen Schaden 
und zwingt ihn, in der Nähe von Belissa (Breslau) seine Reise für eine 
kürzere Zeit zu unterbrechen. Hier findet er in dem Hause eines Herrn 
Kronhof, mit dessen Sohne er in Frankreich Freundschaft geschlossen hatte, 
freundliche Aufnahme und gerät mitten hinein in die uns wohlbekannte 
belesene und geistreichelnde galante Gesellschaft, welche, aus mehreren 
Herren bestehend, ihn in d€n Kreis endloser Diskurse zieht. Die fünf Welt- 
teile, Rechtsgeschichte, Politik, Liebe, Logik, Philosophie, Naturgeschichte, 
Aberglauben, Sage, verfängliche Schwanke, Heldentaten und galante Aben- 
teuer, Reflexionen über Schrift und Sprache, Proben lateinischer und 
deutscher Gedichte, werden wirr und scheinbar ohne jeden Plan durch- 
einander gemischt. Happel und Francisci bieten unerschöpflich Stoff und 

Ungarisdie Rundschau. IV. Jahrg., 1. Heft. 12 



178 Ungarische Rundschau. 

Daten. Im dritten Teile überwiegen geographische und historische Exkurse. 
Hier verüert sich die letzte, flüchtige Spur romanhafter Handlung und 
Einkleidung. Eine Gallerie, welche alle namhaften Städte Europas von 
Warschau bis Lissabon umfaßt, füllt mehrere Kapitel. Bei der Beschrei- 
bung Wiens wird natürlich auch der Sensation des Tages — wir sind um 
1670 — 71 — , der ungarischen Magnatenverschwörung, gedacht, die, wenn 
auch nur oberflächlich, bereits Happel in seinem Europäischen Toroan 
(1676. I. Kap. 21, S. 344 ff.) verwoben hatte. Die Ansicht der Gesellschaft 
geht dahin, die Verschwörer hätten ihr Leben verwirkt. Ihre loyale Ge- 
sinnung und Ehrfurcht, mit der sie zum Kaiser aufbhckt, läßt keine mil- 
dernden Gründe walten. Nur der alte Kronhof stimmt einen versöhn- 
licheren Ton an. Er nimmt den Bruder Nikolaus Zrinyis, Peter, in Schutz, 
erinnert an die großen Dienste des letzteren im Kampfe der Christenheit 
wider die Türken und entlehnt dem Franciscischen Traur-Saal (III. XLVI. 
S. 1139 ff.) ein pathetisches Gnadengesuch (S. 494 ff.), um schHeßHch doch 
in das verdammende Urteil der übrigen mit einzustimmen. Da im Gnaden- 
gesuch auch auf die Heldentaten des älteren Zrinyi Bezug genommen 
wird, gerät das Gespräch allmählich auf die Jagd in dem Csäktornyaer 
Wald. Aus Anspielungen und Bemerkungen geht hervor, daß sagenhafte 
Verbildungen der Wildschweinjagd früh in Umlauf kamen. Aber ebenso 
überzeugend und sicher bürgt für die Glaubwürdigkeit historischer Über- 
lieferung der Umstand, daß die Ansicht, Zrinyi sei das Opfer eines ihm 
«abgünstigen» Ministers geworden, kaum aufgetaucht, sogleich entschieden 
abgelehnt wird. Wir wollen dieses merkwürdige Gespräch mit einigen 
Kürzungen wiedergeben : «Dieser Vogel singt viel anders als der vorige/ 
sagte der Herr Gbrist-Lieutenant / das macht /dass er im Gebauer sitzt/ 
antwortete der Herr von Kronhof /wäre er aber noch in Krabatischer 
Lufft / so würde er sonder Zweif fei den Schnabel gar anders spitzen / und 
ob zwar diese Verantwortung ziemlich weitläufftig / und darinnen nichts 
vergessen ist / was zur Herausstreichung der alten Serinischen Dienste/ 
und Vorruckung des Kayserlichen Worts / vonnöthen gewest / so scheinets 
doch / dass der gute Kerl sich besser auf den Säbel und etwan ein paar 
Poeten /als unsern Herrn Cornelius verstehet / der ihm denn gar andere 
Regeln vorschreiben wird / wie man mit seinem Fürsten umgehen / und 
sich keineswegs mit ihm foppen solte/dafern man es ja glauben sol/dass 
seine Rebellion nur ein Spiegel-Fechten gewesen. Gegen Fürsten sol man 
allemal mit Respect verfahren / und wie der weise Mann saget / wenn man 
auch nur mit ihnen redet / ein Messer an die Kehle setzen ... Ich bin selber 
dieser Meinung / sagte der Herr Obriste-Lieutenant / solte es aber gewiss 
seyn / dass der Niclas Serini von einem natürlichen wilden Schweine sein 
letztes bekommen? Denn so viel ich mich erinnere /waren damals gar andre/ 
und viele der Meinung /dass ihm ein grosser dergleichen abgünstiger Mini- 
ster diesen Fang geben lassen.» Man thut diesem hierinnen so weit un- 
recht/sagte der Licentiat/dass ich selbst dabey bey Hofe gewesen/ 
und e^s aus einer versicherten teutschen Person Mund habe /die 
mit auf der Jagd gewesen /und solches mit angesehen /dass es ein 
rechtes / aufs wenigste so gestaltes Schwein / gewesen / und nur dieses 
darbey zu beobachten ist / dass ob es gleich schon vorhin angeschossen 
gewesen / man es hierauf aus der Jagd verlohren / und der Gräfe viel Jahre 
hero im Gebrauch gehabt /dass er des Nachts auf gestanden / eine guten 



Wertner: Zur Familiengeschichte der Habsburger. 17Q 

Säbel nebenst einer Bärenhaut zu sich genommen / und gantz alleine nacH 
diesem Walde gegangen / von dannen aber des Morgiens mit solcher Müdig- 
keit wiederkommen / als wenn er sich die gantze Nacht mit einer Troup 
Feinde herumgeschlagen hätte. Wolte nun jemand herausschliessen / dass 
dieser Käuler etwan auch aus einerley Forste / mit der Pommerischen ein- 
äugigen wilden Sau gewesen / und GOTT offtmals stumme Sünden mit 
offener Straffe züchtige /dem will ich seine Meinung nicht widerstreiten.» 
6. Zwar schon am Anfang des XVIII. Jahrhunderts, aber ohne den un- 
mittelbaren Anschluß an die Überlieferung des XVII. zu verlieren, erzählt 
J. C. Beer den Todesfall. (Neue-eröffnete Trauer-Bühne Der vornehmsten 
unglückHchen Begebenheiten / welche sich in dem vergangenen Seculo von 
1601. biss 1700. in der ganzen Welt/theils mit Regenten /und hohen 
Staats-Personen / theils auch mit andern Mittelmässigen und Geringem er- 
eignet und zugetragen... II. 1709. Nürnberg. LXXXVII. S. 556—560. 
Die vierdte Traurige Begebenheit des 1664sten Jahrs. Der dapffere 
Hungarische Graf Niclas von Serin/kommet auf der Jagdi durch 
ein wild Schwein elendiglich um sein Leben.) Die unglückliche 
Wildschweinjagd des ungarischen Grafen gilt dem belesenen Verfasser als 
Schulbeispiel für die Gefährlichkeit des Jagens überhaupt. Sie ist ihm 
das letzte Glied einer langen Kette von Unglücksfällen, denen fürstHche 
Persönlichkeiten zum Opfer gefallen waren, und die nun von dem Tode 
des Guilielmus Rufus, dem Todessturze Marias, der Gemahlin Maximi- 
lians 1., an bis auf den Unfall des Herzogs Ernst in Schwaben sorgfältig 
verzeichnet werden. Zrinyis Tod wird dem Traur-Saal Franciscis nach- 
erzählt. Beer übernimmt alles ohne Bedenken, und die Änderungen, welche 
er sich zuweilen gestattet, dürfen nicht als Verbesserungen gelten. Wenn 
er das verwundete Wild sich in einem «mit Buchholtze bewachsenen Morast- 
lagern läßt, von den Wund'en an der «Gurgel» und den Nieren berichtet, 
so ist das freilich auf seine Rechnung zu bringen, ohine uns indessen über 
seine Unselbständigkeit hinwegzutäuschen. 



Zur Familiengeschichte der Habsburger. 

Von Dr. Moritz Wertner in Pärkäny. 

Die Quellen unseres Wassers fließen nicht immer genügend rein und 
vermengen sich im Laufe der Zeit so sehr mit den verschiedenartigsten 
schmutzigen und gefährlichen Bestandteilen, daß man sie von Zeit zu Zeit 
einer gründlichen Reinigung unterwerfen muß. So ergeht es uns auch mit 
unseren schriftlichen Geschichtsquellen, gleichviel ob sie aus Chroniken, 
Urkunden oder Briefen bestehen. Die unerläßliche Bedingung jeder Oe- 
schichtsquelle ist ihre unanfechtbare Glaubwürdigkeit, und hieraus ergibt 
sich der Schluß, daß selbst der anscheinend kleinste Fehler oder Mangel 
manches in das Gebiet der Geschichtsforschung einschwärzen kann, was 
sich nur auf dem Wege langjährigen Bemühens endgültig ausmerzen läßt. 
Gewisse Irrtümer und fehlerhafte, selbst falsche Angaben lassen sich selbst 
heute noch nur schwer und stellenweise überhaupt nicht ausrotten, und 
es ist durchaus nicht als lobenswerter Fortschritt unserer Forscher zu be- 
zeichnen, daß dasjenige, was der eine heute selbst in den gelesensten 

12* 



180 Ungarische Rundschau. 

Organen als Resultat der allerneuesten Forschung mit vollständigster Ver- 
läßlichkeit veröffentlicht, von dem anderen, der bald darauf denselben 
Gegenstand bearbeitet, mit «vornehmer» Gleichgültigkeit übersehen wird 
und der alte abgedroschene Irrtum abermals zur teilweisen Geltung ge- 
bracht wird. 

Die Unrichtigkeiten, Fehler und Mängel unserer schriftlichen Geschichts- 
quellen sind auf zweierlei Ursachen zurückzuführen. Es kann bereits beim 
Entstehen der Quelle vorkommen, daß der Herausgeber, Konzipient oder 
Abschreiber aus welchem Grunde immer irgendeinen Fehler begeht; dies 
kann aber in den meisten Fällen, wenn wir das Original dem Seziermesser 
der Kritik unterziehen, irgendwie noch richtiggestellt werden. Bedeutend 
mehr Schaden und Irreführung verursachen aber die späteren Übernehmer 
(Transsumptoren), Um- und Abschreiber, die Veröffentlicher und — was 
am öftesten geschieht — die Druckereien, die in den meisten Fällen dem 
Grundsatze, daß der beste Korrektor doch immer nur der Verfasser selbst 
bleibt, gern huldigen. Gutenbergs Erfindung haben wir es zuzuschreiben, 
daß die meisten Menschen selbst die unwahrscheinlichsten Dinge glaub- 
würdig finden, weil sie gedruckt sind, und deshalb ist es im höchsten Grade 
notwendig, daß wir die gedruckten Quellen nur nach der gewissenhaftesten 
Vergleichung benützen und jede auf diesem Gebiete gefundene Unregel- 
mäßigkeit der besonderen Aufmerksamkeit des Forschers empfehlen sollen. 
Daß dies nur dort von besonderem Erfolg begleitet sein kann, wo eine 
Vergleichung mit dem Originale möglich ist, bedarf keiner näheren Be- 
weisführung. 

Daß sich kaum glaubliche Fehler selbst in die verläßlichsten Quellen ein- 
geschlichen, ist durch zahlreiche Beispiele sichergestellt. Aus älterer 
Periode will ich nur auf das im ungarischen Reichsarchive (in Budapest) 
unter D. L. 26 aufbewahrte Urkundenstück hinweisen, welches von dem 
Kapitel zu Pecs (= Fünfkirchen) ausgestellt wurde, allgemein als un- 
bedingt echt gehalten wird und in welchem wir klar und deutlich lesen, 
daß es im Jahre 1191 ausgestellt worden. Und doch ist diese Angabe un- 
richtig; das betreffende Stück wurde nicht 1191, sondern erst 1251 aus- 
gestellt. Wer würde z. B. glauben, daß in den Wiener Hof- und Burg- 
kirchenbüchern der nachstehende Fehler nachweisbar ist. In den Sterbe- 
matrikeln dieser Bücher finden wir nur j'ene Angaben, die sich auf die 
Mitglieder der regierenden Familie beziehen, und in dem einen Bande* 
derselben erscheint folgende Eintragung: «Anno 1780 die 29. Octobris. 
Maria Theresia Walburga Amalia Christina Caes. Reg. Apostolica Majestas 
Imperatrix vidua, omnibus sacramentis moribundorum provisa, ante horam 
nonam vespertinam pie in Deo objit et tertia X-bris vesperi hora T^a ad 
Capucinos et ad tumulum aulicum ibidem deposita fuit»i). Dies hat somit 
auf die Kaiserin-Königin Maria Theresia Bezug, von der wir aber bestimmt 
wissen, daß sie nicht am 29. Oktober, sondern um einen Monat später, am 
29. November, gestorben ist. Die meisten Fehler sind auf dem Gebiete der 
familiengeschichtlichen Zeitrechnung zu finden; doch steht dies durchaus 
nicht vereinzelt. 

Wenn von einer auf einem engeren Räume sich bewegenden Familie 
oder von einzelnen Gestalten die Rede ist, deren Vergangenheit noch nicht 



i) Jahrbuch des Wiener «Adler» 1902: V. 3. 



Wertner: Zur Familiengeschichte der Habsburger. 181 

in jeder Richtung genügend beleuchtet ist, darf es uns durchaus nicht 
wundernehmen, wenn wir in der auf sie bezügUchen FamiHengeschichte 
Lücken und Gebrechen finden; von der Vergangenheit regierender Fami- 
Hen sind wir aber gewohnt vorauszusetzen, daß wir in den auf sie bezüg- 
Uchen Kenntnissen weder Mängel noch unaufgeklärte Fragen finden. Doch 
ist dies eben nicht überall der Fall. So viele es ihrer gibt, bleibt fast bei 
jeder derselben irgendein lebensgeschichtlicher Punkt zurück, der dem 
späteren Forscher noch immer Arbeitsstoff bietet. Von den Mängeln und 
Gebrechen, an denen manche an einzelnen Stellen veröffentlichten Mit- 
teilungen und Monographien leiden, kann in diesen Zeilen nicht aus- 
führlich die Rede sein. 

Die zur Genüge bekannte und mächtige Familie Habsburg ist schon 
unzählige Male Gegenstand eingehender familiengeschichtlicher Forschung 
gewesen, und trotzdem läßt sich doch nachweisen, daß auf ihrem Stamm- 
baume und in ihrer Geschichte noch immer manche Punkte zu finden sind, 
die einer ausgiebigeren Beleuchtung bedürfen, die sich nicht nur auf die 
Anfänge, sondern auch auf spätere Zeiträume der Familie beziehen. Von 
den letzteren seien in folgendem einige hervorgehoben, die teils chronolo- 
gische Bestimmungen bieten, teils aber einen Druckfehler richtigstellen. 



I- 

DieVermählungdesHerzogsAlbrechtV. 

Im Jahrgange 1913 (Seite 254) der historischen Zeitschrift <Szäzadok» 
(= Jahrhunderte) lesen wir, daß des Kaiser-König Sigmund Tochter Eli- 
sabeth im Jahre 1421 ihr zwölftes Lebensjahr erreicht und im Sinne der 
Kirchengesetze heiratsfähig geworden. «Damals, zu Ende des Sommers, 
erhielt ihr Ehebündnis mit Albrecht in Pozsony (= Preßburg) 
den kirchlichen Segen.» Wenn hier die Jahreszahl auf keinem Druck- 
fehler beruht, können wir diese Angabe nicht gutheißen. Die Jahreszahl 
ist unrichtig; der Monat und der Tag der Vermählung ist überhaupt nicht 
hervorgehoben. 

Daß Herzog Albrecht V., der spätere König von Ungarn und Kaiser (IL) 
von Deutschland, obige Elisabeth im Jahre 1422 zur Gattin genommen, ist 
allbekannt, nachdem dies, von Hübner angefangen bis Voigtel-Cohn und 
Ottokar Lorenz, jedes familiengeschichtliche Werk bestätigt, so daß deshalb' 
jede eingehende Beweisführung überflüssig erscheint. Weniger bekannt 
ist das Tagesdatum der Vermählung. In den mir zur Verfügung stehenden 
größten genealogischen Tafeln suchen wir diesen Tag vergebens. Aller- 
dings habe ich die allerneuesten Erscheinungen auf diesem Gebiete nicht 
zu Rate gezogen, doch halte ich es für unwahrscheinlich, daß sie den Tag 
kennen. Aber gesetzt den Fall, daß ich hier selbst einen schön bekannten 
Punkt behandle, dürfte es doch nicht ganz unnütz erscheinen, wenn ich 
auch hier eine auf Tag und Monat der Eheschließung bezügliche ungar- 
ländische urkundliche Angabe mitteile. 

Im Archive der Stadt Sopron (== ödenburg)^) wird ein von Albrecht 
an die Stadt gerichtetes Schreiben aufbewahrt, welches unsere Frage voll- 



2) Unter K. IV. 210. Veröffentlicht in Hazai okmänytär (= Vaterländisches Ur- 
kundenbuch) V, 219. 



182 Ungarische Rundschau. 

kommen zufriedenstellend beantwortet. Albrecht schreibt dem Stadtrate: 
«Wann wir mit der durchleichtigsten Fürstin Frawn Elzbeten des Aller 
durchleichtigsten Fürsten vnsers lieben genedigen Hern Swehers, vnd 
Vaters hern Sigmunds Römischen etc. Kunigs Tochter, vnser lieben Oe- 
maheln, an heutigen tag, Hochzeit gehabt haben,» und daß ge- 
legentlich der Hochzeit (der Österreicher) Peter von Retz, Beamter des 
Leopold V. Krayg, ihm zahlreiche gute Dienste geleistet, weshalb er ihn 
mit der Überreichung dieses Schreibens betraut und ihn der Wohlneigung 
der Stadt anempfehle. Die Datierung des Schreibens lautet: Geben zu 
Wienn, an des heiligen Kreuczstag Inuencionis, Anno etc. vicesimo se- 
cundo.» Aus diesem Schreiben ist nun ersichtlich, daß die Hochzeit in 
Wien am 3. Mai 1422 abgehalten wurde. Zu bemerken ist jedoch, daß 
Sigmunds vom 3. Mai 1422 datierte Urkunden in Pozsony (= Preßburg) 
ausgestellt sind, was allerdings die Möglichkeit dessen nicht ausschließt» 
daß er sich an diesem Tage in dem von Pozsony nicht ferngelegenen Wien 
aufgehalten. Seine Erlässe konnte die königliche Kanzlei trotz seiner Ab- 
wesenheit ganz gut und allen vorgeschriebenen Formen entsprechend in 
Pozsony erledigen. 



Die Geburtszeitder älteren Tochter Kaiser Albrechts II. 

Aus Albrechts mit Siegmunds Tochter Elisabeth geschlossener Ehe 
stammt eine Tochter Anna, von der wir wissen, daß sie sich am 20. Juni 
1446 mit Wilhelm III., Landgrafen von Thüringen (f 17. Dezember 1482) 
vermählt hat und am 13. November 1462 gestorben ist. Über ihr Ge- 
burtsjahr ist nur soviel bekannt, daß es auf 1432 fällt, doch kennen wir 
weder den Tag, noch den Monat, bzw. die betreffende Hälfte des Ge- 
burtsjahrs. Diesbezüglich haben wir nachstehende annäherungsweise An- 
gabe. 

Bertrandon de la Broquiere, Herr von Vieux-Chäteau, Rat des Burgunder- 
herzogs Philipp II. (t 9. Mai 1459), der im Jahre 1432 eine Reise nach 
Palästina unternahm, kam im Laufe des Jahres 1433 auch nach Ungarn 
und von hier nach Österreich. Während seines Aufenthaltes in Pest hatte 
er Gelegenheit, mit dem österreichischen Herzoge Albrecht, der sich da- 
mals mit seiner Gattin Elisabeth dort befunden, bekannt zu werden. Vor 
seiner Abreise stellte man ihn der Herzogin Elisabeth vor, von der er 
sagt : «qui estoit tres belle dame et grande et fille heritier de lempereur du 
Royaulme de Honguerie et de Behaigne et des autres Segneeuries qui 
en dependent et navoit que vng peu quelle estoit relevie dune belle 
fille, et plus non avoit eu encoires etc.» Aus dieser letzteren Stelle 
ist ersichtlich, daß die Herzogin damals kurz zuvor ein schönes 
Mädchen geboren, und daß sie damals noch keine andere Toch