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Full text of "Unter den naturvölkern Zentral-Brasiliens. Reiseschilderung und ergebnisse der zweiten Schingú-expedition, 1887-1888"

THE LIBRARY OF 
BROWN UNIVERSITY 




THE CHURCH 
GOLLEGTION 



The Bequest of 

GoLONEL George Earl Ghurch 

1835-1910 



TAF. 




ll. SlL-ilMM. /.rnu 



BORORO-HÄU PTLING 



Unter den 

l^afurvölkern Zenfral-Brasiliens. 

Reiseschilderung und Ergebnisse 

der 

Zvsreiten Öchingü-Expedition 

1887-1888 

von 

Karl von den Steinen 



Mit 

30 Tafeln (i Heliogravüre, 11 Ijchtdruckbilder, 5 Autotypien und 7 lithogr. Tafeln), sowie 160 Text- 
Abbildungen nach den PHOTOGRAPHIEN der Expedition, nach den Oiiginalaufnahmen von WILHELM 
VON DEN STEINEN und nach Zeichnungen von JOHANNES GEHRTS nebst einer Karte von 

Prof. Dr. PETER VOGEL. 



^3». ♦ 



BERLIN 1894. 

Geographische Verlagsbuchhandlung von DIETRICH REIMER 
Inhaber: HOEFER &. VOHSEN. 



Unter den 



]9atuiftJÖlkei[n ^entital -j^ifasiliens. 



Das Recht den Uebensetzung 

in fremde Sprachen und der Vervielfältigung 

vorbehalten. 



VORWORT. 



dma! — - du! 
Ural — ich! 

So lautet die einfache Formel, mit der man sich am KuUsehu einander 
vorstellt, und gern würde ich dem freundlichen Leser Weiteres ersparen, wenn 
ich ihn nicht auch bitten müsste, meine »jüngeren Brüder«, die Gefährten der 
Reise, zu begrüssen, und doch auch sonst noch Einiges auf dem Herzen hätte. 

Für »jüngeren Bruder« und »Vetter« haben die Indianer ein und dasselbe 
Wort; so trifft ihre Bezeichnung wirklich im vollen Sinn zu auf unsern Spezial- 
artisten Wilhelm von den Steinen aus Düsseldorf, da er zwar nach unsern 
Begriffen mein Vetter ist, aber gemeinhin für meinen jüngeren Bruder gehalten 
wird. Er war schon 1884 mit mir den Schingü hinabgerudert. 

Der Zweite, Dr. Paul Ehren reich aus Berlin, war ebenfalls kein Neuling 
in Brasilien, er hatte schon in Espiritu Santo die genauere Bekanntschaft der 
Botokuden gemacht, er hat nach Abschluss unseres gemeinsamen Unternehmens 
noch den Araguay und den Purus befahren und dürfte deshalb heute mehr als 
irgend ein anderer deutscher Reisender vom Innern des gewaltigen Reiches 
gesehen haben. Ihm sind die Photographien und die Körpermessungen zu 
verdanken. 

Die Wegaufnahme und astronomischen Bestimmungen waren nebst geo- 
logischen Untersuchungen von Professor Dr. Peter Vogel aus München über- 
nommen. Wir beide hatten 1882 — 83 auf der Deutschen Polarexpedition nach 
Südgeorgien, deren stellvertretender Leiter er war, während eines Jahres die 
enge Schlafkoje in Freud' und Leid geteilt, ihn zog es 1887 wieder mächtig 
hinaus, und so war er bereit, das Werk des Dr. Otto Clauss, unseres ant- 



arktischen Kollegen und des Geographen der ersten Schingü-Expedition, in neues 
Gebiet hinein fortzuführen. 

Professor Vogel veröffentlicht seine Ergebnisse gleichzeitig mit dem Er- 
scheinen dieses Buches in dem Organ der Gesellschaft für Erdkunde zu 
Berlin, die sich um unsere Reise das Verdienst erworben hat, ihn aus den 
Mitteln der Karl Ritter-Stiftung zu unterstützen. Dem Präsidenten, Herrn 
Geheimrat P'reiherrn von Richthofen, sage ich für die gütige P>laubnis, dass 
die von Herrn Dr. Richard Kiepert's bewährter Hand gezeichnete und redigierte 
Karte meinen Schilderungen beigegeben werde, verbindHchen Dank. Ich selbst 
habe durch die Humboldt - Stiftung der Königlich Preussischen Akademie 
der Wissenschaften zu Berlin eine wesentliche Förderung erfahren und 
bitte das Kuratorium, auch an dieser Stelle meinen ergebensten Dank ent- 
gegenzunehmen. 

Im Verlauf der Reise haben wir von Brasihern wie von Landsleuten in 
Brasihen und den La Platastaaten, sowohl von einfachen Privaten als von Personen 
in hohen Aemtern, zahlreiche Beweise der Gastfreundschaft empfangen, die uns 
auf's Tiefste verpflichtet haben. Wenn wir uns bei den Söhnen des Landes in 
gewissem Grade dadurch erkenntlich zeigen können, dass wir das Innere einer 
wenig erforschten Provinz aufschlieSjcn helfen, bleiben wir unsern Landsleuten 
gegenüber in voller Schuld; wollte ich nur die Orte nennen, in denen sie wohnen, 
müsste ich mit Ausschluss unserer Indianerpfade die ganze Route rekapitulieren. 
So rufe ich Allen, zu denen diese Zeilen den Weg finden, ob sie im Handel 
einführen und ausführen oder in politischer Stellung anführen, ob sie der Küste 
fern als wackere Kolonisten hausen, die herzlichsten Grüsse zu und wünsche 
ihrer Arbeit den Schutz des Friedens und geordneter Zustände. 

Sechs Mal schon hat der Mais geblüht, seit wir das Ouellgebiet des Schingü 
verlassen haben — >/Zwei zwei zwei« (iIh'kjc (iIkujc (iIkujo. rechnet der Bakairf und 
findet kein Wort in seiner Sprache, um eine griissere Zahl auszudrücken. Die 
Berichterstattung hat sich länger verzögert als mir lieb war; hauptsächhch bin 
ich durch sprachhche^^orarbeiten (»Die Bakairi-Sprache«, K. P\ Köhler, Leipzig 1893) 
aufgehalten worden, doch habe ich dabei auch Vielerlei gelernt und eine breitere 
und festere Grundlage gewonnen als mit dem in linguistischer und ethnographischer 
Hinsicht erheblich geringeren Material der ersten P.xpedition. Die Liebe zu 
dem Gegenstand ist mit der längeren Beschäftigung nur gewachsen, denn in 
gleichem Mass verstärkte sich notwendig die P^rkenntnis der von unserem hoch- 
verehrten Altmeister Adolf Bastian mit flammender Begeisterung gepredigten 
Wahrheit, dass der Untergang der geringgeschätzten Naturvölker den Verlust 
unersetzlicher Urkunden für die Geschichte des menschlichen Geistes bedeutet. 
An Beweisen fehlt es nicht in den folgenden Blättern. Und wie Jeder, der von 
einer Ueberzeung tief durchdrungen ist, sich auch getrieben fühlt, für sie 
Propaganda zu machen, so möchte auch ich mich nicht gern nur an den engen 
Kreis der Fachleute wenden und habe mir die P^reude gegönnt, gememver- 



ständlich zu schreiben. Dankbar muss ich hier den Mut und das Entgegen- 
kommen der Verlagshandhmg anerkennen, die meinen Wunsch, den Preis so 
niedrig zu bestimmen als irgend möghch, erfüllt und doch an der Ausstattung 
nicht gespart hat. 

Möge dem Leser der grosse zeithche Abstand nicht fühlbarer werden als 
er es mir ist, wenn ich mich in jene Tage zurück\ ersetze Es lässt sich nicht 
leugnen, mein Zeitsinn funktioniert ein wenig mangelhaft; ich wünschte nur, 
der Grund läge darin, dass es mir wirklich gelungen wäre, mich in die Seele 
unserer Naturvölker, dieser Kinder des Augenblicks, hineinzudenken — was zu 
versuchen meine eigentliche Aufgabe war. 

Neubabelsberg, 

Karaibenhof, Oktober 1893. 



Inhalts-Verzeichnis. 



Seite 

I. Kapitel. Reise nach Cuyaba und Aufbruch der Expedition. 

Rio de J aneiro. »Cholera im Matogrosso.« Bei D.Pedro II. Nach Sta. Catharina. 
Sambakis. Deutsche Kolonien. Nach Buenos Aires. Museum in La Plata. 
Nach Cuyabä. Veränderungen seit 1S84. Der gute und der böse Hauptmann. 
Martyrios - Expe di tionen. Die neuen Reisegefährten. Ausrüstung. AVjmarsch i — 15 

II. Kapitel. Von Cuyabä zum Independencia-Lager I. 

Plan unditinerar. Andere Routen als 1884. Kurze Chronik. Hochebene 
und Sertäo. Die »Serras« ein Terrassenland; seine Physiognomie und topo- 
gr.iphische Anordnung. Campos. Ansiedler. Lebensbedingungen und Kultur- 
stufe. Ein flüchtiges Liebespaar. Zahme Bakairi. Die von Rio Novo auf Reisen. 
Dorf am Paranatinga. Besuch und Gegenbesuch der wilden Bakairi 1886. Kunde 
von den Bakairi am Kulisehu 16 — 25 

III. Kapitel. Von Cuyaba zum Independencia-Lager II. 

Marsch. UnserZug. Aeussere Erscheinung von Herren und Kameraden. Maultier- 
treiber- und Holzhackerkursus. Zunehmender Stum]5fsinn. Die Sonne als Zeitmesser. 
P'reuden des Marsches. Früchte des Sertäo. Nachtlager und Küche. Ankunft. 
Ungeziefer. »Nationalkoch;; und Jagdgerichte. Perrot's Geburtstagfeier. Nacht- 
stimmung. Gewohnheitstraum des Fliegens. Aufbruch am Morgen. Rondon- 
strasse und letzter Teil des Weges. Sertäopost. Im Kulisehu-Gebiet. 
In d ependencia. Schlachtplan 26 — 45 

IV. Kapitel. Erste Begegnung mit den Indianern. 

Rindenkanus. Indianerspuren. Meine Fahrt mit Antonio und Carlos. Tierleben. 
Träumerei vor dem Abendessen. Einmündung des Ponekuru. Katarakte. Die 
Anzeichen der Besiedelung mehren sich. Der Häuptling T umaya ua. Nacli dem 
ersten Bakairidorf. Ankunft des »Karaiben« 46 — 54 

V. Kapitel. Bakairi -Idylle. 

I. Auskunft über Kulisehu und Kuluene. Antonio und Carlos zurück. Ein 
Weltteil, in dem nicht gelacht wird. Dorfanlage. Vorstellung der Personen. 
Mein Flötenhaus. In Paleko's Haus. Bewirtung. Bohnenkochen und Tanzlieder. 
Aeussere Erscheinung der Indianer. Nacktheit und Schamgefühl. Essen und 
Schamgefühl. Tabakkollegium. Pantomime: Flussfahrt, Tagereisen, Stämme, 
Steinbeilarbeit. Vorführung von »Mäh und Wauwau«. Tabakpflanzen. Fisch- 
fang in der Lagune. Kanubau 55 — 74 

II. Psychologische Notizen über das Verhalten dem Neuen gegenüber, (irenzen 
des Verständnisses. Studien mit dem Dujourhabenden. Schwierigkeiten der Ver- 
ständigung und der sprachlichen Aufnahme: Substantiva, Verba, über- 
geordnete Begriffe 75 — ^^ 

VI. Kapitel. 

I. (Gemeinsamer Aufl)rucli und Besuch der drei Bakairitlörf er. 
Independencia während meiner Abwesenheit. Vorbereitungen zur Abreise. Nach 
dem ersten Bnkairidorf. Photographiercn. Puppe üljerreicht. Nach dem zweiten 
Bakairidorf. Flussfahrt. Gastfreundschaft, \ermummung zum Holen der Speisen. 
Nachttanz. Fries im Häuptlingshaus. Nach dem dritten Bakairidorf. Begrüssungs- 
reden. Sammlung. Der erste Nahuqud. Körpermessung und Perlen .... 82 — 94 



~ IX — 

Seite 

II. Zu den N all u qua. Verkehr von Bakairi und Nahuquä. Ueberraschte 
im Hafen. Merkwürdiger F^nipfang. Dorf ausgeräumt. Ein Yaurikumä. Ueber 
Nacht. Mehinakü im Dorf. Tänze. Traurige Aussichten für Professor Bastian. 
Ich voraus zu den Mehinakü. Besserung der Verhältnisse. Botschaft über die 
Schlacht zwischen den Suya und den Trumai 94 — lOl 

III. Zu den Mehinakü. Allein voraus. Ankunft und Empfang. Festhütte. 
Gestörte Eintracht und Versöhnung. Wohlhabenheit. Fliegende Ameisen. Ethno- 
graphische Sammlung 102- -107 

IV. Zu den Aueto. Fahrt. Empfang im Hafen und im Dorf. Wurfbretter. 

Masken. Künstlerhütte. Verkehrszentrum. DieWaurd. Ringkampf .... 107 — lli 

V. Zu den Yaulapiti. Die Arauiti im Auetodorf. Fahrt durch Kanäle und 
über die Uyä-Lagune. Ein armes Dorf. Der Zauberer Moritona. Empfang des 
blinden Häuptlings. Zurück zu den Auetö und wieder zu den Yaulapiti. Zweites 
Yaulapitidorf 111 — 115 

VI. Zu den Kamayura, Empfang. Freude über unsere .Sprachverwandtschaft. 
Nachrichten von den Arumä. Gemütlicher Aufenthall. Kamayura und Trumai 

1884 zusammen. Einladung nach Cuyabä. Diebereien 115 — 120 

VII. Trumai-Lager und Aueto-Hafen. Vogel's Plan, Schingü-Koblenz 
zu besuchen. Ueber die Yaulapiti zurück. Zusammentreffen mit den Trumai. 
Studien mit Hindernissen. Arsenikdiebstahl. Die zerstörten Trumai'dörfer. Zum 
Auetohafen. Namenstausch. Kanus erworben. Diebstähle. Yanumakapü-Nahuquä. 
Abschied 120—127 

VIII. Rückkehr nach Independencia. Vogel's Fahrt nach Schingü- 
Koblenz. Ab vom Auetohafen. Besuche der Dörfer. Begleitung durch die Indianer. 
Rheinischer Karneval am Kulisehu. Abschiedszene in Maigeri. Die Bergfahrt: 
Rudern, Beschwerden, Fieber. Independencia: Ruhetag, Feierlicher Abschied 

von den Bakairi 127 — 137 

VII. Kapitel. Independencia — Cuyaba. 

Route. Transport und Beschwerden in der Regenzeit. Perrot und Januario 
verirrt. Hunger. Ankunft am Paranatinga und in der Fazenda S. Manoel mit 
Hindernissen. Weihnachten im Sertäo. Ankunft in Cuyabä 138 — 152 

VIII. Kapitel. 

I. Geographie und Klassifikation der Stämme des Schingü- 
Quellgebiets • . 153— 159 

II. Anthropologisches 159 — 172 

IX. Kapitel. 

I. Die Tracht: Haar und Haut. Vorbemerkung über Kleidung und Schmuck. 
Das Haar. Haupthaar, Körperhaar, Wimpern. Die Haut. Durchbohrung. 
Umschnürung. Ketten. Anstreichen und Bemalen. Ritznarben. Tätowierung 173 — 190 

II. Sexualia. DieVorrichtungen bei Männern undFrauen sind keine Hüllen. 
Schutz der Schleimhaut und sein Nutzen bei eintretender Geschlechtsreife. Ursprung 
aber bei den Frauen als Verband und Pelotte, bei den Männern als gym- 
nastische BehandlungderPhimose 190 — 199 

III. Jägertum, Feldbau und »Steinzeit«-Kultur. Bevölkerungszahl. 
Page der Dörfer. Vereinigung von uraltem Feldbau und Weltanschauung des 
Jägertums. Jagd und Fischfang müssen den metalllosen Stämmen, für die der 
Ausdruck »Steinzeit« unzutreffend ist, die wichtigsten Werkzeuge liefern. Stein beil- 
monopol, Zähne, Knochen, Muscheln, Federn, Aufzählung der Nutz- 
pflanzen und Verteilung nach Stämmen. Keine Bananen. Pflanzennamen 
als Zeugen für stetige Entwickelung. Fehlen berauschender Mehlgetränke beweist, 
dass Einfachheit nicht gleich Degeneration. Vereinigung von Jagd und Feldbau 
ermöglicht durch Arbeitsteilung der Geschlechter. Indianerinnen schaffen 
den Feldbau; sie erfinden die Töpfe zum Ersatz der Kürbisse, die Männer 
braten, die Frauen kochen. Durch fremde Frauen Kultur des Feldbaues, der 

Töpfe, der Mehlbereitung verbreitet und nach Kriegen erhalten, namentlich durch 
Nu-Ariiakfrauen 200 — 219 

IV. Das Feuer und die Entdeckung des Holzf e uerzeuges. Einleitung. 
Kampl)rände und Verhalten der Tierwelt. Uralte Jagd. Die »Queimada<.< eine 
Kulturstätte. Die Schauer des primitiven Menschen. Der Mythus von der Be- 
lehrung durch den Sturmwind, Feuererzeugung und Arbeitsmethoden. Verfahren 



— X — 

Seite 
am Schingu. Ursprung des Holzreibens. Stadium der Unterhaltung des Feuers 
und Zundertechnik. l'raehistorische Vagabunden und I'rometheus. Bestätigung 

durch den Versuch 219 — 228 

\'. Waffen, Geräte, Industrie. Bogen und Pfeile. Wurfbrett. Keule. 
Kanu. Fischereigerät. Flechten und Textilarbeiten. Biiriti- und Baumwoll- 
hängematten. Kürbisgefässe. Töpferei 228 — 242 

X. Kapitel. 

I. Das Zeichnen. Ursprung aus der zeichnenden Geberde. Beschreil^endes 
Zeichnen älter als künstlerisches. Sandzeichnungen. Bleistiftzeichnungen. 
Erklärung der Tafeln. Profilstellung. Proportionen. Fingerzahl. Rinden- 
zeichnungen 243 — 25S 

II. Zei chen Ornamente. ( )rnam e nla 1 er Pries der Bakairf. Mereschu 
und Uliiri. Die Auetü-Ornam ante. Folgerungen. Verwendung der (Ornamente. 
Kalabassen, Beijüwender, Spinnwirtel. Bemalung der Töpfe 258 — 277 

III. Plastische Darstellung und Keramik. Einleitung. Ketten- 
figürchen. Strohfiguren. Lehmpuppen. Wachsfiguren. Holzfiguren 
(Tanz-Vögel und-Fische,Mandioka-Grabhölzer,Beijüwender,Kämme, Schemel ). Töj^f e. 277 — 292 

IV. Verhältnis des Tiermotivs zur Technik 293 — 294 

XL Kapitel. Maskenornamentik und Tanzschmuck. 

Vorbemerkung 295 

I. Masken. Tanzen und Singen. »Idole?« Gelage und Einladungen. Teil- 
nahme der Fratien. Arten der Vermummung. Bakairi-Tänze (Makandri) 
und -Masken. Nahuqua (Fischnetz-Tanz). Mehinakü (Kaiman-Tanz). Auetö 
(Koahalu-, Yakufkatü-Tanz). Kamayura (Hüvat-Tanz). Trumai 296 — 319 

IL Gemeinsamer Ursprung der Masken und des Mere s chu-Mus tcrs. 
Die Aueto als Erfinder der Gewebmaske und des Mereschu-Ornaments .... 319 — 324 

III. Sonstiger Festapparat. Kamayurä-Tänze. Tanz-Keulen. Schmuck- 
wirtel etc. Musikinstrumente. .Schwirrhölzer, h'ederschmuck. Diademe. 
Spiele der Jugend 324 — 329 

XII. Kapitel. 

I. Recht und Sitte. Eigentum. Verwandtschaft. Ehe. Moral. Tausch- 
verkehr. Namen. tJehurt. Couvade und deren Erklärung. Begräbnis . . jj'^ — 339 

IL Zauberei und Medizinmänner. Plexerei in verschiedenen Stadien und 
auf verschiedenen Kulturstufen. Traumerlebnisse. Pars pro toto. Gute iind böse 
Medizinmänner. Ihre Methoden. Sterben in der Narkose. Der Medizinmann im 
Himmel. Tabak. Wetterbeschwörung 339 ~ 347 

XIII. Kapitel. Wissenschaft und Sage der Bakairi. 

I. Die Grund anschauung. Der Mensch muss nicht sterben. Wissen von 
der Fortdauer nach dem Tode. Naturerklärung durch Geschichten. Tiere 
= Personen. Tiere liefern wirklich die Kultur, daher gleiche P>klärung auf 
unbekannte Herkunft übertragen. Entstehung der erklärenden Geschichte. Ge- 
stirne, die ältesten Dinge und Tiere. Bedeutung der Milchstrasse. Verwand- 
lung. Männer aus Pfeilen, Frauen aus Maisstampfern. Keri und Käme und 
die Ahnensage. Die Namen Keri und Käme. Die Zwillinge und ihre Mutter 

sind keine tiefsinnigen Personifikationen 34*^ — 37 2 

II. Die Texte. Die Eltern von Keri und Käme. Entstelning und Tod 
der Mutter. Letzterer gerächt. .Sonne, .Schlaf und Buriti -Hängematte. 
Himmel und Erde vertauscht. Feuer. Flüsse. Zum Salto des Paranatinga. 
Haus, Fischfang, Festtänze, Stämme. Abschied von Ken und Käme. 
Tabak itnd Baumwolle. Mandioka; Rehgeweih. Der hässliche 
Strauss. Keri und der Kampfuchs auf der Jagd. Der Jaguar und der 
.\meisenbär 372 — 386 

XIV. Kapitel. Zur Frage über die Urheimat der Karaiben. 

I. Geschichtliches von den Bakairf 387- — 395 

IL Verschiebung der Karaiben nach Norden 395 — 404 

XV. Kapitel. 

I. Die Zählkunst der Bakairi und der Ursprung der 2. Die Zahl- 
wörter der übrigen Stämme. — Namen der Finger. Hersagen der Zahlwörter 



— XI — 

Seite 
mit Fingergeberden. Zählen von Gegenständen über 6; idem unter 6. Die 
rechte Hand tastet. Fälle des praktischen Gebrauchs und Fehlen gesetzmässiger 
Zahlen. Fingergeberde nicht mimisch, sondern rechnend. Rätsel der »2".. 
»5« =7 »Hand« kein Vorbild, sondern eine (späte) Erfahrungsgrenze. Ent- 
stehung der »2« durch Zerlegung eines Ganzen in seine Flälften. Die Dinge 
liefern die Erfahrungsgrenze der »2 «-Geberde. Abhängigkeit vom Tastsinn. 
Bestätigung durch die Etymologie 405 — 418 

II. Farbenwörter. Vorhandene FarbstolTe. Uebereinstimmend die Zahl der 
Farbenwörter. Sonderbare Angaben durch Etymologie verständlich. Farbe älter 
als Bedürfnis nach Farbenwörtern. Verwendung bei Tier- und Pflanzennamen. 

Grün niemals = blauschwarz 418 — 423 

XVI. Kapitel. Die Paressi. 

Zur Geschichte der Paressi und ihnen verwandter Stämme. • Unser Besuch. 
Sprache. Anthropologisches. Zur Ethnographie (Tracht, ethnographische Ausbeute, 
berauschende Getränke, Tanzfeste). Lebensgang. Beerdigung. Medizinmänner. 
Die Seele des Träumenden und des Toten. Firmament. Ahnensage. Schöpfung. 
Ursprung der Kulturgewächse. Abstammung der Bakairi. Das Lelien im Himmel. 
Fluss- und Waldgeister. Heimat der Paressi 424 —440 

XVII. Kapitel. Zu den Bororo. 

I Geschichtliches. Gründung der Kolonien. Bororö da Campanha 
und do Cabagal. »Coroados« = Bororö. Verwirrung in der Literatur. Der kleine 
Sebastian. Martius. Beendigung der Fehde und Katechese. Raubwirtschaft in 
den Kolonien 44 1 — 44^ 

IL Bilder aus der Katechese. Nach dem S. Lourengo. (Erste Bekannt- 
schaft mit Täuflingen in Cuyaba. Reise.) Die Bewohner (demente) und die 
Anlage der Kolonie. Europäische Kleidung. Feldbau. Unsere Eindrücke. Streit 
und Weiberringkampf (Maria). Heischverteilung. Nächtliches Klagegeheul. 
Vespergebet. Skandal mit Arateba. Charfreitag. Totenklage. Halleluja-Sonnabend 
(Judas). Kayapö. Drohende Auflösung der Kolonie. Schule. Die feindlichen 
Brüder. Disziplin. Duarle's Ankunft. »Voluntarios da ]ialria«. Frühstück 
und Serenade 44^ — 467 

III. Beobachtungen. Anthropologisches. Tracht (Haar. Sexualia. Künst- 
liche Verletzungen. Bemalung. Schmuck). Die Aröe. Jagd und Feldbau. Waffen. 
Arbeiten im Männerhaus und Technik. Nahrung; .Einsegnung« durch die Baris. 
Tanz und Spiel. Musikinstrumente; Schwirrhölzer. Zeichenkunst. Recht und 
Heirat (Sitten der Familie und des Männerhauses). Geburt; Namen. Totenfeier. 

Seele und Fortdauer nach dem Tode. Himmlische Flöhe; Meteorbeschwörung . 468 — 518 

XVIII. Kapitel. 

NachCuyabäundheimwärts 5^9 — S^i 

Anhang. 

I. Wörterverzeichnisse der i. Nahuqua, 2. Yanumaka pü-Nah U(|uä, 
3. Mehinakü, 4. Küste naü, 5. Waurd, 6. Yaulapiti, 7 Aueto, 

8. Kamayurd, 9. Trumai, 10. Paressi, 11. Bororö 523 — 547 

II. Die ma togrossenser Stämme nach cuyabaner Akten .... 548 — 552 
m. Volksglaube in Cuyabd 553 — 502 



Verzeichnis der Text - Abbildungen. 



Abbildung Seite 

1. Briefkasten im Sertäo 42 

2. »Eva«, Tumayaua's Tochter 58 

3. Vogelkäfig 88 

4. Nahuquä 95 

4.* Mehinakiifrau 102 

5. Aiieto-Häuptling Auayato 108 

6. Geflechtraaske, Wurfhölzer und Wurfpfeile der Aueto 109 

7. Kamayurä-Lagune • .... 117 

8. Indianer als Europäer maskiert 131 

9. Unser Fremdenhaus in der Independencia 136 

10. Auetö 164 

11. Bakairi'-Mädchen 175 

12. Holzmaske der Bakairi mit Ohr- und Nasenfedern iSo 

13. Nasenschmuckstein der Bakain'frauen 181 

14. Kamayurä mit Muschelkette 183 

15. Wundkratzer 188 

16. Kamayurdfrau mit Ritznarben 189 

17. Penisstulp der Bororö 192 

18. Uluri 194 

19. Hockende Bakairi 197 

20. Steinbeil 203 

21. Quirlbohrer 204 

22. Feuerauge-Piranya 205 

23. Hundsfisch 206 

24. Piranya 206 

25. Vorderklauen des Riesengürteltiers 206 

26. Kapivara-Zähne 206 

27. Messermuschel und Hobelmuschel , . . . 207 

28. Wurfbrett und Spitzen von Wurfpfeilen 232 

29. Bakairi'-Ruder 234 

30. Bratständer (Trempe) 236 

31. Tragkorb 237 

32. Feuerfächer 238 

33. Bleistiftzeichnung von Flüssen 247 

34. Matrincham-Sandzeichnung 24S 

35. Rochen- und Pakü-Sandzeichnung 248 

36. Sandzeichnung der Mehinakü 248 

37. Rindenfigur der Bakairi 256 

38. Rindenfiguren der Nahuquä 256 



— XIII — 

Abbildung Seite 

39. Pfostenzeichnungen der Aueto 257 

40. Flöte der Mehinakü mit zwei Affen 257 

41. Tokandira-Ameise 257 

42. Mereschu 260 

43. Mereschu-Muster mit Bleistift gezeichnet 261 

44. Holzmaske mit Mereschu-Muster 262 

45. Holzmaske der AuetÖ 263 

46. Tuchmaske der Aueto 263 

47. Spinnwirtel der Mehinakü 263 

48. Rückenhölzer der Bakairi mit den Mustern: Mereschu, Uluri, Fledermaus und Schlange . 265 

49. Rückenholz mit Heuschrecke 266 

50. Rückenholz mit Vögeln 26b 

51. Ruder der Bakairi 269 

52. Trinkkürbis (Bakairi) mit Mereschu- und Fledermausmuster 271 

53. Federkürbis (Bakairi) mit Mereschumuster 271 

54. Beijüwender a. der Kamayurä, b. der Yaulapiti 272 

55. Spinnwirtel mit Mereschumuster (Mehinakü) 272 

56. Spinnwirtel der Kamayurä mit Mereschu- und Ulurimuster 273 

57. Spinnwirtel mit Mereschu- und Ulurimuster 273 

58. Schmuckwirtel der AuetÖ mit Mereschumuster 273 

59. Spinnwirtel der Kamayurä mit Mereschumuster 274 

60. Schmuckwirtel der Aueto mit Wirtelmotiven 274 

61. Schmuckwirtel der Kamayurä 275 

62. Geschnitzter Holzwirtel der Aueto 276 

63- Vogelfigur aus Muschelschale 278 

64. Kettenfigürchen 279 

65. Kröte. Nahuquä 280 

66. Reh. Nahuquä 280 

67. Frauen- und Männerfigur. Bororö 280 

68. Aufforderung zum Tanz. Bakairi 281 

69. Maisfigur: Harpya destructor. Bakairi 281 

70. Lehmpuppe. Bakairi 282 

71. Thonpuppe. Auetö 2S2 

72. Wachsfigur: Nabelschwein. Mehinakü 283 

73. Wachsfigur: Karijo-Taube. Mehinakü 283 

74. Holzfiguren; Falk und Massarico 284 

75. Holzfisch der Batovy-Bakairi 284 

76. Mandiokagraber als Rückenholz 284 

77. Grabwespen-Motiv der Mandiokahölzer. Mehinakü 285 

78. Beijüwender und Mandiokaholz. Mehinakü 2S5 

79. Kamm. AuetÖ 2S6 

80. Kamm mit Jaguaren. Mehinakü 286 

81. Schemel 286 

82. Tujujü-Schemel. Kamayurä 287 

83. Nimmersatt-Schemel. Mehinakü ...-.., 287 

84. Doppelgeier-Schemel. Trumai 288 

85. Affen-Schemel. Nahuquä 288 

86. Jaguar-Schemel. Mehinakü 288 

87. Eidechsen-Topf 291 

88. Reh-Topf 291 

89. Suyä-Kröten-Topf 292 

90. Imeo-Tänzer. Bakairi 299 

91. Wels-Maske. Bakairi 3°! 

92. Makanäri der Bakairi 3^2 



— XIV — 

Abbildung Seite 

93. Netzgeflechl-Maske mit Piava-Fiscli. liakniri 303 

94. Papadüri-Taube. Bakaüi 304 

95. Alapübe-Vogel. Bakairi 304 

96. Waldhahn. Bakairf 304 

97. Tüwetüwe-Vogel. Bakairi 304 

98. Kualöhe-l'änzer mit Tüwetüwe-Maske. Bakairi 306 

99. Nahuquä-Maske 307 

00. Guikurü-Maske 307 

01. Mehinakd-Maske mit rot bemaltem Grund 308 

02. Mehinakü-Maske mit Zinnenband 308 

03. Grosse Mehinakü-Maske ■ 309 

04. Kaiman-Masken. Mehinakü 310 

05. Kaiman-Maske. Mehinakü 310 

06. Kaiman-Masken. Mehinakü 311 

07. Koahdlu-Masken. Aueto 311 

08. Koahälu-Maske. Aueto 312 

09. Koahälu-Maske. Holzplatte. Aueto 312 

10. Yakuikatü-Holzmasken der Aueto 314 

11. Yakui'katü-Masken mit Flügelzeichnungen. Aueto 315 

12. Gewebmaske der Kaniayura 316 

13. Hüvat-Maske. Kamayura 316 

14. Hüvat-Maske. Kamayurd 316 

15. Holzmaske mit Fischbildern. Kamayura 317 

16. Trumai'-Maske, schwarzrot 318 

17. Trumai'-Maske mit Mereschumuster 318 

18. Trumai-Masken, schwarzweissrot 319 

19. Tanzkeule. Kamayura 324 

20. Hundsfisch-Tanzstab. Kamayura • 325 

21. Schwirrholz. Mehinakü 327 

22. Schwirrhölzer (Inschform). Nahuqua 327 

23. Ohrfedern. Kamayurd 328 

24. Daihasü, Paressi 431 

25. Paressf-Mädchen , 432 

26. Bororö-Mädchen 452 

27. Bororofrau 455 

28. Bororö-Jungen 462 

29. Mutter und Tochter. Bororö 473 

30. Lippenkette. Bororö 475 

31. Lippenbohrer. Bororö 475 

32. Kratzknochen. Bororö 475 

33. Parfko-Federdiadem. Bororö 47^ 

34. Arara-Ohrfeder. Bororö 479 

35. Brustschmuck aus Gürteltierklauen. Bororö 479 

36. Kopfschmuck aus Jaguarkrallen. Bororö 480 

37. Bogen und Pfeile. Bororö 484 

38. Schiessender Bororö 485 

39. Kapivara-Meissel. Bororö •...-. 487 

40. Hobelmuschel. Bororö 4^7 

41. Bororofrau mit Brustschnüren und Armbändern 488 

42. Wassertopf und Topfschale. Bororö 49° 

43. Maisball und F'ederpeitsche. Bororö 49^ 

44. Totenfiöte. Bororö • . . . . 496 

45. Schwirrhölzer. Bororö 498 



Verzeichnis der Tafeln. 



No. Seite 

1. Bororö-Häuptling Titelbild 

2. Die Herren i6 

3. Die Kameraden 32 

4. Tumayaua-Bucht 48 

5. Bakairi-Frauen 64 

6. Bakairi (Luchu und Tumayaua) .... 72 

7. Fischnetetanz der Nahuquä 96 

8. Demonstration einer Vogelpfeife bei den Mehinakü 104 

9. Kamayurd-Frauen 112 

10. Transport eines Rindenkanus durch die Auetö 120 

11. Kulisehu-Reise 128 

12. Independencia-Küchenplatz 136 

13. Bakairi »Itzig« 160 

14. Mehinakü 176 

15. Kochtöpfe und AuetÖgrali 240 

16. Originalzeichuungen vom Kulisehu I 248 

17. Originalzeichnungen vom Kulisehu II 248 

18. Originalzeichnungen der Bororö I 248 

19. Originalzeichnungen der Bororö II 248 

20. Bakairi-Ornamente I 256 

21. Bakairi-Ornamente II 256 

22. Auetü-Ornamente 264 

23. Keramische Motive I 288 

24. Keramische Motive II ' " 288 

25. Vor dem Männerhaus der Bororö 448 

26. Bororö 464 

27. Bororö mit Federn beklebt ..,..•• 472 

28. Schiessender Bororö 480 

29. Bororö-Totenfeier 504 

30. Meteor-Beschwörung bei den Boi-orö 512 



I. KAPITEL. 



Reise nach Cuyabä und Aufbruch der Expedition. 

Rio de Janeiro. »Cholera im Matogrosso«. Bei D. Pedro II. Nach St. Catharina. Sambaki's. 
Deutsche Kolonieen. Nach Buenos Aires. Museum in La Plata. Nach Cuyabä. Ver- 
änderungen seit 1884. Der gute und der böse Hauptmann. Mar tyrios-Ex peditionen. Die 
neuen Reisegefährten. Ausrüstung. Abmarsch. 

Rio de Janeiro war noch viel schöner als vor drei Jahren. Als wir damals 
Abschied nehmen mussten, waren wir vom Fieber erschöpft und abgespannt an 
Geist und Körper; in unserm Zustand reizbarer Schwäche schwelgten wir zwar 
mit vielleicht gesteigerter Erregung in dem traumhaft schimmernden Bilde der 
»vielbesungenen Inselbucht«, aber der Rest von Energie, den wir noch besassen, 
setzte sich doch in das ungeduldige Verlangen um, dem verderblichen Zauber- 
kreis der Tropenglut so rasch wie möglich zu entrinnen. Jetzt kehrten wir 
zurück, neugestärkt in der heimatlichen Erde, eine wieder normale Milz und 
einen guten Vorrat von Arsenikpillen mitbringend, vor Allem aber geschwellt 
von froher Unternehmungslust. Entzückt genossen wir das wimdervolle Schauspiel 
der Einfahrt luid grüssten auch ihren gewaltigen Wäciiter, den steil aus der 
Meerflut aufragenden Granitturm des Zuckerhuts, mit herzlicher Vertraulichkeit, 
als ob er die ganze Zeit hindurch nur auf uns gewartet hätte. 

Schon war ein minder unzugänglicher Freund dienstfertig zur Stelle und 
hiess uns noch an Bord willkommen, Herr Weber, unser stets getreuer Berater. 
Er entführte mich in seine gastliche Lagunen- Wohnung draussen vor dem bo- 
tanischen Garten am Fuss des Corcovado, des grotesken, selbst die jähen Ab- 
stürze empor von ewigem Waldgrün umhüllten Bergkolosses. Nebenan in dem 
reizendsten Junggesellenheim, das die Erde zwischen den Wendekreisen kennt, 
nahmen die Nachbarn meinen Vetter Wilhelm auf und Hessen ihm ein urkräftiges 
Tahahä! Tahahä! entgegenschallen, das noch unvergessene Empfangsgebrüll 
unserer Suyä-Indianer von 1884. Vogel und Ehrenreich richteten sich in einem 
Pensionat an der Praia de Botafogo häuslich ein. 

Schlechte Nachrichten waren uns vorbehalten. Im Matogrosso, dem zu- 
künftigen Schauplatz unserer Thaten, herrschte die Cholera. Die Dampferver- 
bindung mit der fernen Binnenprovinz — über Buenos Aires den La Plata- 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. I 



Paraguay aufwärts, nach der Hauptstadt Cuyabd — war abgebrochen. Noch am 
Tage unserer Ankunft, den 26. Februar 1887, suchten wir, um Zuv'erlässiges über 
unsere Aussichten zu erfahren, den Chef des Telegraphenwesens, Herrn I^aron 
de Capanema auf, der als Milchbruder und Freund Dom Pedros grossen Einfluss 
besass. P"r empfahl uns, möglichst bald eine Audienz bei Sr. Majestät zu erbitten, 
damit uns von Seiten der Behörden die Wege geebnet seien, und war auch so 
liebenswürdig, uns sofort durch eine Depesche anzumelden. Der Kaiser war 
zum Staatsrat in Rio anwesend, fuhr aber den nächsten Morgen in die Sommer- 
residenz Petropolis und bestellte uns dorthin. Wir durchkreuzten also schon am 
folgenden Tage wieder die herrliche Bai nach dem am Nordufer gelegenen Mauä, 
wo der Zug der Gebirgsbahn die Dampferreisenden aufnimmt. 

Unserm Boot nicht weit voraus fuhr die kaiserhche Yacht. Ein lieber 
Freund begleitete uns, Herr Haupt, Senhor Octavio genannt, der in Petropolis 
wohnte und sich zur Erfüllung seiner Berufspflichten täglich nach der Stadt be- 
gab; er steht initer denen, die uns durch kleine und grosse Dienstleistungen nur 
die Annehmlichkeiten unseres Aufenthaltes empfinden liessen, in erster Reihe 
und ist unserm Unternehmen von unendlichem Nutzen gewesen. 

Auf der Landungsbrücke wartete der Zug. Dort stand auch der Kaiser 
mit dem Marquez de Paranagua, dem Vorsitzenden der geographischen Gesellschaft, 
und winkte uns heran, als wir vorbeischreiten wollten. Er befahl uns auf 12 Uhr 
in den Palast. Pünktlich traten wir an und pünktlich erschien der beste aller 
Brasilier. Mit freundlichen W^orten dankte er mir für die Widmung des Buches 
über die erste Schingü-Expedition, erkundigte sich in seiner lebhaft eindringen- 
den Art nach den neuen Plänen und entliess uns mit guten Wünschen, deren 
Verwirklichung zu unterstützen die Behörden angewiesen werden sollten. 

Von dem Kaiser gingen wir zum Ackerbauminister Prado. Mit ihm, einem 
Paulisten, wurde eingehend die MögHchkeit erörtert, durch die Provinz Sao Paulo 
über Land nach dem Matogrosso zu gehen. Allein von dem an und für sich 
verlockenden Plan mussten wir wegen unserer zahlreichen Kisten und Kasten, 
deren Transport äusserst schwierig und kostspielig gewesen wäre, ohne Weiteres 
Abstand nehmen. Bei Prado trafen wir auch zum ersten Male mit dem soeben 
zum Senator des Kaiserreichs eru'ählten Herrn d'EscragnoUe Taunay, dem 
glänzendsten Schriftsteller und Redner des Instituto Historico zusammen, der von 
jenem Tage an unser Unternehmen gefördert hat, so oft wir mit einer Bitte zu 
ihm kamen. Endlich machten wir pflichtschuldigst dem deutschen Gesandten, 
Herrn Grafen Dönhoff, unsere Aufwartung; wir fanden seine Wohnung nicht 
ohne längeres Umherirren, da wir nach dem »ministro allemäo« gefragt hatten 
und irrtümlicher Weise nicht zu dem Diener des Staates, sondern zu dem Geist- 
lichen, dem Diener des Herrn, gewiesen wurden. 

Am nächsten Morgen waren wir wieder in Rio; die Hoffnung nach Cuyaba 
zu kommen, mussten wir vorläufig aufgeben. Es war eine traurige Geschichte. 
Anfang März mit dem fahrplanmässigen Dampfer abreisend, wären wir im April 



— 3 — 

in Cuyabä gewesen, hätten um Mitte Mai aufbrechen und die ganze Trockenzeit, 
die dort von Mai bis September gerechnet wird, und die sich allein zum Reisen 
mit einer Tropa eignet, voll verwerten können. Zwar gab es in Rio im Museo 
Nacional und in der Bibliotheca Nacional die Hülle und Fülle für uns zu thun, 
und leicht hätten wir ein paar Monate mit grossem Nutzen verbleiben können. 
Allein wir waren ungeduldig, und die schönen Indianersachen, die wir in den 
Glasschränken sahen, oder von denen wir in den alten Büchern lasen, trieben uns 
hinaus, statt uns zu halten. Wir beschlossen nach der Provinz St. Catharina zu 
gehen, dort unseren Dampfer, der in der Hauptstadt Desterro anlaufen würde, 
abzuwarten und mittlerweile Sambakis zu studieren sowie die deutschen Kolonien 
aufzusuchen. 

Die Untersuchung der Sambakis, der den europäischen Kjökkenmöddingern 
entsprechenden Muschelhaufen indianischer Vorzeit, war ein altes Lieblingsthema 
der Anthropologischen Gesellschaft in Berlin; so konnte uns nichts näher liegen 
als eine Exkursion zu jenen primitiven Kulturstätten, die gute Ausbeute an Stein- 
geräten und Skeletteilen versprachen. 

Am 8. Februar hatte ich noch die Ehre, in einer Sitzung der geographischen 
Gesellschaft unseren Expeditionsplan zu entwickeln, und am lo. Februar dampften 
wir ab gen Desterro. Fast 2^/2 Monat haben wir dort gewartet. Hätten wir von 
Anfang an mit einem so langen Aufenthalt rechnen dürfen, was hätten wir nicht 
alles unternehmen können! 

Wenige Tagereisen von den Kolonien sind in den sogenannten »Bugres«, 
die, wenn sie auch den Ges-Stämmen gehören, leider mit Unrecht als :^Botokuden« 
bezeichnet zu werden pflegen, noch ansehnliche Reste der indianischen I-5evölkerung 
vorhanden. Sic bedürfen dringend der Untersuchung. Alljährlich fällt eine An- 
zahl dieser armen Teufel den Büchsen vorgeschobener Kolonistenposten, besonders 
der Italiener, zum Opfer. Im Regierungsgebäude von Desterro traf ich mit einem 
biedern Alten von der »Serra''< zusammen, der dort, wie ich selbst, irgend ein 
Anliegen hatte, und benutzte die Gelegenheit, mich zu erkundigen, ob er mir 
vielleicht Indianer-Schädel verschaffen könne. Der gute Greis, der mich für einen 
höheren Beamten zu halten schien, sah mich zu meinem Befremden misstrauisch 
an und erwiederte nach einigem Zögern: >;Die Schädel könnte ich Ihnen schon 
besorgen. Aber ich muss dann erst mit meinen Nachbarn sprechen, ob sie dabei 
sind.« Das liess tief blicken. 

In zwei Monaten wäre es uns vielleicht geglückt, in freundlichere und 
nützlichere Beziehungen zu den Bugres zu treten. Aber wie die Sache lag, 
mussten wir ängstlich Sorge tragen, uns nur für kurze Strecken von der Tele- 
graphenlinie zu entfernen; unter solchen Umständen kam nur Flickwerk zu Stande. 

Den März widmeten wir ausschliesslich den Sambakis; wir haben im Ganzen 
ihrer 14 untersucht und am genauesten diejenigen in der Umgebung von Laguna, 
einem kleinen Hafen südwestlich von Desterro, kennen gelernt. Ehrenreich allein 
besuchte die Sambakis in S. P>ancisco. 



^ 4 — 

Da aber der vorliegende Bericht auf die Schilderung unserer Schingü-Ergeb- 
nisse abzielt, möchte ich dem freundlichen Leser nicht dieselbe Verzögerung zu- 
muten, die wir von den Sambakis erfahren haben.*) Ich müsste ihn sonst auch 
bitten, uns in die deutschen Kolonien zu begleiten, über die sich die Reisege- 
fährten in verschiedenen Richtungen während des April und der ersten Hälfte 
des Mai zerstreuten. Unser vortrefflicher Freund Ernesto Vahl in Desterro 
stattete uns mit wertvollen Empfehlungen aus und unterstiatzte eifrig unsere 
Propaganda zu Gunsten des Berliner Museums für Völkerkunde. In seiner Ge- 
sellschaft durchritten Ehren reich und ich ein paar ebenso fröhliche wie lehrreiche 
Tage die Kreuz und Quer das liebliche Revier von Blumenau; der »Immigrant« 
veröffentlichte einen Aufruf von mir, wir organisirten Sammelstellen und ritten 
von Gehöft zu Gehöft, wo immer wir einen Landsmann im Verdacht hatten, dass 
er auf alten Steinbeilklingen seine Messer schleife oder mit einer der prächtigen 
Steinkeulen, die häufig beim Ausroden der Pflanzungen gefunden werden, pietät- 
los Kaffeebohnen stampfe. Und Abends buk Mutter Lungershausen Kartoffel- 
puffer aus Mandiokamehl, tranken wir »Nationalbier« und fühlten uns iiuiiitten 
aller der treuherzigen, ehrenfesten Gesichter so zu Hause, dass wir den Gedanken, 
im Kaiserreich Brasilien zu sein, kaum fassen konnten. Dort weilte aber auch 
eine Zierde der deutschen**) Wissenschaft, der »naturalista« Dr. Fritz Müller, 
dessen Wert nur von seiner Anspruchlosigkeit und Bescheidenheit übertroffen wird; 
die Spaziergänge im »Urwald« von Blumenau, auf denen uns der verehrungs- 
würdige, jugendlich lebhafte Greis an seinem innigen Verkehr mit der Natur teil- 
nehmen liess, sind eine meiner edelsten Reiseerinnerungen. 

Vogel und mein Vetter durchstreiften fünf Wochen meist zu Fuss die 
südlicher gelegenen Kolonien, deutsche wie itahenische. Sie besuchten die etwas 
zweifelhaften Kohlenminen am Fuss der ,,Serra", erkletterten das Hochplateau 
mit seinem Araukarienwald, wo sie bei einer Temperatur, deren sie sich im Land 
des südlichen Kreuzes nicht versehen hätten, von vier Grad Kälte im Freien 
kampiren mussten, und stiegen wieder in das Tiefland hinab. Sie fuhren mit der 
Bahn nach Laguna und entschieden sich, an der Küste entlang nach Porto Alegre 
zu reiten. Sie waren jedoch noch nicht drei Tage unterwegs, als sie am i6. Mai 
in der Kolonie Ararangua zu ihrem Schmerz mein nichtsdestoweniger freudiges 
Telegramm erhielten, dass der langersehnte Dampfer endlich in Sicht sei. 

Am 24. Mai waren wir wieder alle in Desterro vereinigt und Pfingstmontag 
den 29., nachdem wir gerade noch Zeit gefunden hatten, unsere Sambaki-Sammlung 
zu ordnen und nach Berlin zu entsenden, sagten wir der malerischen Bucht von 



*) Eine vorläufige Mittheilung über unsere Arbeiten enthält ein Reisebrief an Herrn Geh. Rath 
Virchow in den Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft. Vergl. Sitzung vom 
16. Juli 1887. 

**) Ich würde sagen der ,, brasilischen" Wissenschaft, wenn die neue Regierung seines Adoptiv- 
vaterlandes, dem er seit 1852 angehört, nicht mittlerweile auf seine Dienste verzichtet und ihn des 
keineswegs überreichlich besoldeten Amtes als ,, naturalista viajante" des Museums in Rio enthoben hätte. 



— 5 — 

St. Catharina Lebewohl. Die ,,Rio Grande", ein gutes Vorzeichen, stand unter 
dem Kommando desselben Kapitäns, der uns 1884 nach Cuyabä gebracht hatte. 

Den 31. Mai verbrachten wir in der Hafenstadt Rio Grande, fuhren den 
folgenden Tag mit einem Abstecher nach Pelotas und kamen am 4. Juni in 
Montevideo an. Mein Vetter und ich stiegen sofort auf einen argentinischen 
Dampfer, den mit raffinirtem Luxus ausgestatteten »Eolo« um, begierig so manches 
herzliche Wiedersehen, das unserer in Buenos Aires wartete, zu beschleunigen; 
bald folgten auch Ehrenreich und Vogel. 

Fast zwei Wochen hatten wir in der Hauptstadt von Argentinien zu ver- 
weilen; erst dann kam der eigentliche Matogrosso-Dampfer. Wir benutzten den 
Aufenthalt, um einige Indianerstudien zu machen. In dem 11. Bataillon der Linien- 
infanterie wurden zwei Matako und ein Toba linguistisch und anthropologisch auf- 
genommen sowie photographirt. Einer ganz ausserordentlichen Liebenswürdigkeit 
hatten wir uns des deutschen Gesandten, des Freiherrn von Rotenhan, zu erfreuen, 
dessen Empfehlung wir auch die Erlaubniss verdankten, die Soldaten zu untersuchen. 

Unter seiner Führung lernten wir die merkwürdige, durch Zauberschlag aus 
der Erde gestampfte Stadt La Plata kennen, das heisst eine »Stadt«, wo das 
Bürgertum noch so gut wie fehlte, planmässig verteilt aber die grossartigsten 
Paläste und Regierungsgebäude bereits fertig in der Pampa standen. Leider liess 
die Ornamentik die fabrikmässige Herstellung nirgends verkennen. Köstlich er- 
schien uns Spöttern die Kathedrale, die aus Backstein gebaut zu schwindelnder 
Höhe emporsteigen soll: ein ungeheures Areal, mit den Ziegeluntersätzen der 
Pfeiler bestellt, und inmitten ein einsamer Arbeiter, der Kalk anrührte, während 
aus der Ferne ein Zweiter sinnend zuschaute. Wir wanderten staunend von 
Strasse zu Strasse oder richtiger von Gebäude zu Gebäude, verschafften uns einen 
flüchtigen Eindruck von den grossartigen Hafenanlagen, auf deren Ausführung 
die Zukunft der Stadt beruht, und gelangten durch einen überall durchscheinenden, 
mit entsetzlicher Regelmässigkeit gepflanzten, aber wegen der silbrig schimmernden 
Blätter dennoch hübschen Eucalyptuswald — vor unserm geistigen Auge dämmerte 
trotz der exotischen Bäume etwas wie die Landschaft von Teltow und Lichterfelde 
auf — zu dem neuen Provinzialmuseum. Freskogemälde in frischen glänzenden 
Farben schmückten die Vestibülrotunde: der Amerikaner der Vorzeit in Gesell- 
schaft fossiler Geschöpfe, moderne Pampasindianer, Eingeborene nach dem ersten 
Segelschiff ausschauend, das den Fluss heraufkam, andere Feuer durch Reibung 
entzündend, und Cordilleren- Landschaften. Die schönen Säle enthielten bereits 
eine Fülle von Schätzen: ausser einer modern naturhistorischen eine reiche pa- 
läontologische Sammlung von niedern Tieren und in besonderm Glanz zahlreiche 
Exemplare von Dinosaurium, Megatherium, Glyptodon, Toxodon, Macrauchenia 
und wie die Arten der tertiären patagonischen Säugetiere oder der Uebergangs- 
fauna nach dem Quartär hinüber alle heissen mögen, — eine imposante Sammlung 
von Schädeln und Skeletten der ältesten menschlichen Einwohner bis zu den 
Patagoniern, die der Direktor Francisco P. Moreno für die letzten vorgeschichtlichen 



Einwanderer hält, und zu den modernen Pampasindianern hinunter, eine ethno- 
logische Sammlung mit massenhaftem prähistorischem Material, mit den einfachen 
Steingeräten des Feuerlandes bis zu den herrlichen Vasen der Peruaner und der 
Calchaqui. Um dieses Institutes willen allein dürfen wir dem seltsamen Ex- 
periment der Stadtgründung vollen Erfolg wünschen. 

Unfreundlicher sprach sich Professor Burmeister in Buenos Aires aus, dessen 
herzerquickende Grobheit freilich nicht geringeren Ruf genoss als seine Gelehrsam- 
keit. Zu unserer Freude lasen wir im Diario, dass »el sabio Murmeister«, wie 
der Druckfehlerteufel wollte, von seiner Reise in die Provinz Misiones gerade 
zurückgekehrt sei, und beeilten uns, ihn vor der Abreise noch zu begrüssen. Wir 
trafen den alten Herrn in vortrefflicher Stimmung und wurden mit orangerotem 
Muskateller aus Valencia bewirtet, der mit der kräftigen Herbheit seines Wesens 
seltsam kontrastirte. Man hatte sein Museum nach La Plata übersiedeln wollen 
und den Werth auf 20,000 Nacionales veranschlagt. P2r erklärte aber, dass es 
nicht angehe, kostbare P^xemplare wie sein prächtiges Megatherium dem Transport 
auszusetzen und sie in dem neuen Gebäude verderben zu lassen; so kaufte schliess- 
lich die Bundesregierung das Museum der Provinz Buenos Aires für 25,000 Na- 
cionales ab, und es konnte an seinem Ort verbleiben. Leider hatte es nur dunkle 
alte Räume und war gefüllt wie ein Stapelraum, doch hoffte Burmeister, dass ihm 
im Laufe der Zeit das Universitätsgebäude zur Verfügung gestellt werde. La Plata 
war in seinen Augen reiner Schwindel; er spottete über die Bilder, wo ein Lidianer 
an einem Glyptodonknochen kaue — »so erzählt man mir, denn ich bin natürlich nie 
dagewesen und werde nie hingehen;« er habe trotz Ameghino nicht den geringsten 
Beweis für das Dasein des Menschen in dieser Epoche entdecken können — 
ein Urteil, das er später nicht mehr aufrecht gehalten haben soll. Als ich zum 
■Abschied wünschte, dass wir ihn in voller Gesundheit wiederfänden, erwiderte er 
mit seinem grimmigen Humor: »ich habe die Ueberzeugung erlangt, dass ich, 
wenn auch nicht geistig, so doch wenigstens körperlich unsterblich bin.« Es ist 
ihm leider nicht mehr lange vergönnt gewesen, sich dieser Ueberzeugung zu freuen. 

Am 17. Juni wurde es endlich Ernst; der brasilische Dampfer, die »Rio 
Parana«, erschien luid mit den bei niederem Wasserstand ortsüblichen Umständ- 
lichkeiten — von der Landungsbrücke in einen Karren, von dem Karren in ein 
Boot — gelangten wir an Bord. 

Unter den Reisegefährten fanden wir einen alten Cuyabaner P'reund, den 
Postdirektor Senhor Andre Vergilio d' Albuquerque. Derselbe erzählte uns, 
dass man mit der Cholera ziemlich gnädig davongekommen sei. In Corumbä 
seien allerdings über 100, in Cuyabä nur wenige Personen gestorben. Viele 
hätten sich auf's Land geflüchtet. Er selbst hatte Sonderbares erlebt. Nach 
Aufhebung des Dampferverkehrs hatte er die Post auf dem alten Wege der 
Tropas nach Rio befördern wollen; als er jedoch nach langem Ritt in der ersten 
Bahnstation S. Paulos erschien, hiess es, er habe die Quarantaine durchbrochen: 
obwohl Cuyabä bei seiner Abreise noch seuchenfrei gewesen war und er inzwischen 



— 7 — 

eine Strecke von 2300 Kilometern zu Pferde zurückgelegt hatte, wurde er ver- 
haftet und zur Desinfektion, die in dem kleinen Nest mit allen Schikanen aus- 
zuführen unmöglich war, auf einer zweitägigen Reise mit Bahn und Dampfer 
und ohne Isolirung von den übrigen Passagieren nach Ilha Grande, der Qurantaine- 
Insel von Rio de Janeiro, gebracht, um dort, ich weiss nicht wie viele Tage, aus- 
gelüftet zu werden. 

Am 20. Juni Abends erreichten wir Santa Helena, die P'abrik des Kemme- 
richschen Fleischextraktes. Sie gehört dem Haus Tornquist in Buenos Aires, 
dessen Associe Herr Lynen sich das höchst dankenswerte Verdienst um unsere 
Reise erworben hatte, ihr eine Sendung von F'leischextrakt, Bouillonextrakt und 
Pepton zu stiften, und auch, wie wir bald erfuhren, so liebenswürdig gewesen 
war, uns hier anzumelden. Denn zu unserer Ueberraschung erklang aus einem 
Nachen, der in der Dunkelheit heranglitt, plötzlich die Frage herauf, ob die 
deutsche Expedition an Bord sei, und trat auch gleich darauf Herr Dr. Kemmerich 
in Person auf Deck mit einem Blumenstrauss und einer neuen inhaltsschweren 
Kiste ausgerüstet. Erfreulicher Weise musste der Dampfer Kohlen aufnehmen 
und blieb bis Mitternacht. Nur zu bereitwillig ergriffen wir die Gelegenheit, 
das Klaviergeklimper, Kartenspiel und die schrecklichen deklamatorischen Vor- 
träge des Kajütensalons mit einer behaglichen Familienstube zu vertauschen und 
folgten der Einladung des Gastfreundes. Zur grösseren Feierlichkeit hatte der 
Mayordomo auf den am Ufer aufgetürmten Knochenhügeln der Schlachtopfer 
zwei mächtige Pechfeuer angezündet, so dass die Fabrik in romantischer Be- 
leuchtung prangte. Damals »nur« 200 Ochsen täglich mussten hier ihr Leben 
lassen, doch war die Anstalt in gutem Aufschwung begriffen und sollte bald zu 
grösseren Verhältnissen erweitert werden. Herr Kemmerich hatte ein neues 
Präparat ersonnen, ein gelbliches, unter hydraulischem Druck hergestelltes Fleisch- 
mehl, in dem so viel Nährstoffe — feingepulvertes Bratenfleisch, Speisefett, Peptone, 
Extrakt — vereinigt waren, dass 100 gr dem Nährwerte von 500 gr frischen 
Fleisches entsprechen, und dass ein Mann ausschliesslich von dem Inhalt einer 
etwa spannenlangen zilindrischen Blechbüchse 3 — 4 Tage leben könne; er bat 
uns, dieses leicht transportable Gemenge von Kraft und Stoff auf der Reise in 
Form von Suppe zu versuchen. Wie ich schon hier anführen darf, sind uns die 
»Fleischpatronen« von solchem Nutzen gewesen, dass wir die Stunde segnen 
dürfen, wo wir sie erhielten. 

In Corrientes mussten wir von unserm schönen, elektrisch beleuchteten 
Dampfer Abschied nehmen und auf den bescheideneren und kleineren »Rapide« 
übersiedeln. Dennoch war der Tausch ein guter, denn bei dem »Rio Parana« 
drohte das Auffahren auf den Sand chronisch zu werden. 

Den 28. Juni Asuncion, den 29. Juni weiter. Wir überstürzten uns niemals. 
Am 30. Juni stoppten wir eine gute Weile, um für einen Ochsen, den wir mit 
uns führten, Gras zu schneiden. Bequemer wäre es noch gewesen, ihn sich am 
Lande satt fressen zu lassen. 



Paraguay verlassend kamen wir nun endlich wieder nacii Brasilien. In 
Corumba trafen wir den 4. Juli in der Morgenfrühe ein und hatten den »Rapide« 
nunmehr abermals mit einer noch kleineren Ausgabe, dem »Rio Verde«, zu ver- 
tauschen, der am 5. Juli Morgens abfuhr. Am 11. Juli 3 p. m. kam das ersehnte 
Cuyabä in Sicht. Ein Vierteljahr später, als wir gerechnet hatten. Vor Freude, 
dass wir nun glücklich so weit waren, fuhren wir in diesem Augenblick noch 
einmal und zum letzten Mal mit Vehemenz auf den Sand. So setzten wir im 
Boot einen Kilometer oberhalb des Hafens an's Ufer und pilgerten zu Fuss nach 
dem Städtchen. Dort hatte man auch schon die Geduld verloren; Freunde 
kamen uns entgegengeritten, begrüssten uns mit Lachen und Händeschütteln und 
geleiteten uns zu einer gastlichen Wohnung, die uns beherbergen musste, bis 
wir am andern Tag — ein Gasthof, der doch nichts getaugt haben würde, war 
glücklicher Weise noch nicht vorhanden — ein leerstehendes Haus in der Rua 
Nova gemietet hatten. 

Cuyabä. Es erregte ein allgemeines Schütteln des Kopfes, als wir er- 
klärten, dass wir spätestens in drei Wochen auf dem Marsche sein müssten. In 
der That ist es nicht so leicht, in kürzester Frist die nötigen Maultiere zu er- 
halten, ohne dass man auf das schmählichste betrogen wird, und die nötigen 
mit dem Leben in der Wildnis vertrauten Begleiter, die sogenannten »Camaradas«, 
sagen wir Kameraden, zu finden, ohne dass man Gefahr läuft, eine Anzahl un- 
brauchbarer Menschen zu mieten, die später das Wohl und den Erfolg der 
Expedition in Frage stellen. Wir waren im Grunde selbst erstaunt, dass es uns 
gelang, die Vorbereitungen in siebzehn Tagen zu erledigen. 

Der Umstand, dass wir im Jahre 1884 den ganzen Kursus schon einmal 
durchgekostet hatten, kam uns in einem Sinne natürlich sehr zu Statten: wir 
kannten die Sprache und hatten viele persönliche Beziehungen. Auf der andern 
Seite aber war damit auch ein schwerer Nachteil verbunden, dessen Gewicht 
uns erst allmählich klar wurde. Bekanntlich sind — oder waren? ich rede 
natürlich von den vergangenen Tagen des Kaisertums — fast alle Brasilier der 
besseren Klassen praktische Politiker, sie wollen von Staatsämtern leben und 
müssen, da die vorhandenen Stellen für alle Anwärter nicht ausreichen, sich in 
die beiden grossen Lager spalten derer, die im Besitz sind, und derer, die etwas 
haben wollen. Die eine Partei triumphirt, die andere windet sich in oppositionellem 
Grimme, die eine nennt sich, Niemand weiss warum, konservativ, die andere liberal. 
1884 waren wir auf das Gasstreundlichste und Liebenswürdigste von der guten 
Gesellschaft aufgenommen worden, und da sie in jener Zeit der herrschenden 
Richtung gemäss konservativ war, während man auf die Liberalen geringschätzig 
herabblickte, galten auch wir für konservativ. Da aber 1887 die Liberalen an der 
Reihe waren, und jetzt ihrerseits die Mitglieder der konservativen Partei schlecht be- 
handeln durften, so mussten auch wir schlecht behandelt werden. Mit grosser Re- 
serve kamen uns die Liberalen entgegen, um sich auf keinen Fall etwas zu vergeben. 



Ein ganz besonders drastisches Beispiel dieser Verhältnisse trat in einer An- 
gelegenheit zu Tage, die auf das Innigste mit unserer ersten Expedition verknüpft 
war. Unserer militärischen Eskorte waren zwei Hauptleute beigegeben gewesen, 
Herr Tupy und Herr Castro. Der Erstere war als der Aeltere der Kommandant, 
er hatte aber an der Expedition leider nur das persönliche Interesse gefunden, 
die ihm vom Präsidenten zur Verfügung gestellten Gelder für seine Spielschulden 
zu verwenden, anstatt den Proviant und den Sold der Soldaten zu bezahlen. 
Unterwegs entdeckten wir, dass die Lebensmittel nur bis zum Paranatinga reichten, 
und da auch eine Anzahl Soldaten ganz unbrauchbar war, mussten wir Herrn Tupy 
mit einem Teil der Leute zurücksenden, wenn wir nicht das übliche Schicksal der 
von Cuyabä ausgehenden Expeditionen teilen und unverrichteter Sache heimkehren 
wollten. So baten wir Herrn Castro das Kommando zu übernehmen, setzten die 
notwendige Scheidung in einer dramatisch bewegten Lagerscene energisch durch 
und vollendeten dann unsere Reise programmgemäss mit glücklichem Erfolg. 

Herr Tupy schlug nach seiner Rückkunft in Cuyabä einen fürchterlichen 
Lärm, erklärte uns in den Zeitungen für Schwindler, die sich für Mitglieder der 
»illustrissima sociedade de geographia de Berlim« ausgäben, in Wirklichkeit aber 
die Martyrios, die sagenhaften Goldminen der Provinz, auskundschaften und aus- 
beuten wollten, und klagte seinen Gefährten Castro des Vergehens der Insub- 
ordination unter erschwerenden Umständen an. 

Während der ganzen Zeit unserer Abwesenheit in Deutschland hat sich die 
lustige Geschichte fortgesponnen. Im Anfang war sie für Castro, der es seiner- 
seits an kräftigen Erwiderungen nicht fehlen liess, nicht ungünstig verlaufen, nahm 
jedoch bei dem Sturz der konservativen Partei eine ernsthafte Wendung, als 
Herr Tupy plötzlich einen Gesinnungswechsel verspürte und sich zu den Ueber- 
zeugungen der neuen Partei bekannte. Castro wurde vor ein Kriegsgericht ge- 
stellt; die von Tupy beigebrachten Zeugen erklärten eidlich, dass jener mit uns 
gemeinschaftliche Sache gemacht habe, um den kommandirenden Offizier aus dem 
Wege zu räumen. Ueber mich selbst erfuhr ich aus den Akten, dass ich mit 
den Revolver in der Hand Herrn Tupy's Leben bedroht habe. Der Spruch des 
Kriegsgerichts lautete gegen Castro. Wir fanden ihn in Haft, doch war insofern 
noch nicht alle HolTnung verloren, als gerade mit dem Dampfer, mit dem wir 
gekommen waren, die Prozessakten zur letzten Entscheidung an den obersten 
Militair- Gerichtshof in Rio befördert werden sollten. Noch in der Nacht unserer 
Ankunft setzte ich mich hin und schrieb eine kurze klare Auseinandersetzung des 
wahren Sachverhalts, die mein Vetter Wilhelm und ich als eine Erklärung an 
Eidesstatt unterzeichneten. Wir schickten dieselbe an die Deutsche Gesandtschaft 
in Rio mit der Bitte, sie dem Supremo Tribunal zu übermitteln. Ich füge schon 
hier an, dass wir nach der Rückkehr von der zweiten Expedition noch in Cuyabä 
von Herrn Grafen Dönhoff die Nachricht erhielten, Castro sei einstimmig freige- 
sprochen worden, und dass er später, nachdem ich in Rio persönlichen Bericht 
erstattet, Verdientermassen auch dekorirt wurde. 



lO — 

Während der konservative Castro im Arrest sass, hatte man den Hberalen 
Herrn Tupy auf eine ehrenvolle Expedition zur Untersuchung des Rio das Mortes 
ausgeschickt, doch haben ihn die Indianer nicht freundhch behandelt, sie über- 
fielen seine kleine Truppe und brachten ihm mit einem Keulenschlag eine schwere 
Schädelwunde bei. Er kehrte aber lebendig und mit ein paar abgeschnittenen 
Indianerohren (»Affenohren« behaupteten die Widersacher) nach der Hauptstadt 
zurück, genas, wurde nach Rio Grande do Sul versetzt, womit er einen guten 
Tausch machte, und dort bald zum Major befördert. Als er von Cuyabä abfuhr, 
verteilte man unter die Passagiere des Dampfers ein Flugblatt »An das Heer 
und die Flotte«, das weit und breit versandt, und in dem Jedermann vor dem 
»infamen, ekelhaften Kapitän Antonio Tupy Ferreira Caldas« gewarnt wurde. 
Seine Stirn sei von Gott doppelt gezeichnet, einmal mit dem angeborenen Kains- 
mal, dann mit der Schädeldepression, die nicht von der Keule der Indianer, sondern 
von dem Comblain -Büchsenkolben eines seiner Soldaten herrühre. Er sei »Ver- 
schleuderer der öffentlichen Gelder, Zwischenträger, Intrigant, Spieler von Beruf, 
Verleumder, Speichellecker, Lüderjahn, Spitzbube, Schwindler, Verräter, Ueber- 
läufer, einem Reptil oder widerlichem Wurm ahnlich, kurz eine Eiterbeule in 
menschlicher Gestalt und mit allen Lastern behaftet, die man im Universum nur 
kenne und ausübe«. In diesem Ton hatte man hüben und drüben die ganze 
Fehde geführt, es waren, wie ich zu meinem Erstaunen erfuhr und nachträglich 
sah, Zeitungsartikel erschienen, unterzeichnet ,,Dr. Carlos" oder auch mit meinem 
vollen Namen, in denen ich dem Kapitän Tupy eine Blütenlese portugiesischer 
Schimpfwörter an den Kopf warf, wie ich selbst sie in meinen Sprachkenntnissen 
nicht hätte vermuten dürfen; mein gelindestes Prädikat war das der Giftschlange 
»jararaca« gewesen, Cophias atrox. Unter solchen Umständen lässt sich begreifen, 
dass die uns bei unserem neuen P>scheinen in Cuyabä entgegengebrachten Ge- 
fühle etwas gemischter Art waren. 

Es war von Seiten Tupys ein sehr geschickter Zug und eine sehr richtige 
Spekulation auf die Ideen der Bevölkerung gewesen, dass er uns beschuldigt hatte, 
goldsuchende Abenteurer zu sein. Noch heute wird es wenige Menschen im 
Matogrosso geben, die da glauben, dass wir von Deutschland die weite Reise und 
von Cuyabä aus die beschwerliche PLxpedition unternommen hätten zu dem unge- 
heuerlichen Zweck, die armseligen Indianer kennen zu lernen; wir waren Ingenieure 
und suchten die Martyrios, das Eldorado der Provinz, dessen Namen jedes mato- 
grossenser Herz höher schlagen lässt, das aufzusuchen jeder Bürger gern grosse 
Opfer bringen würde. 

Zu meiner Ueberraschung erfuhren wir, dass 1884 eine Handvoll Leute den 
Spuren der Expedition viele Tagereisen gefolgt waren; sie hatten wie wir über 
den Paranatinga gesetzt und waren von dort bis an den Batovy vorgedrungen, 
wo sie an unserem Einschiffungsplatz Kehrt machen mussten. 

Nicht genug damit, wurde im Jahre 1886 planmässig unter der Führung 
des Jose da Silva Rondon eine Expedition in das Batovy-Gebiet unternommen. 



— II — 

34 Leute mit 40 Reit- oder Lasttieren und 3 Ochsen zogen am i. Juli aus. 
Es befanden sich in der Gesellschaft sehr wohlhabende Bürger der Stadt, die 
einen ansehnlichen Beitrag zahlten und sich um der glänzenden Aussicht willen 
vielen ungewohnten Strapazen bereitwillig unterzogen. Man schlug den nächsten 
Weg zum Baranatinga über die Chapada ein. Der Ausgangspunkt der Reise in's 
Unbekannte war die Fazenda S. Manoel im Quellgebiet des Baranatinga, die am 
16. Juni erreicht wurde. Man bewegte sich in nordöstlicher Richtung, überschritt 
eine Menge von Bächen und durchwühlte eine Menge Sand und Kieselgeröll 
nach dem gleissenden Golde. Um Mitte Juli befand man sich zwischen den 
Quellbächen des Batovy und gelangte zu dem Einschiffungsplatz unserer ersten 
Expedition. Zuletzt aber war eine grosse Verwirrung eingerissen, man hatte 
ernstlich mit dem Broviantmangel zu kämpfen, die Tiere waren in schlechtem 
Zustande, der eine Herr wollte hierhin, der andere dorthin, und alle vereinigten 
sich schUesslich, zu Muttern und den Fleischtöpfen Cuyabä's zurück zu kehren. 

Da traf 1887 die alarmierende Nachricht ein: schon wieder kommen der 
Dr. Carlos und seine Gefährten, um eine Expedition an den Schingü zu machen. 
Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen, die Deutschen hätten also trotz- 
dem und alledem die Martyrios gefunden. Wahrscheinlich lagen die Goldminen 
ein paar Tagereisen flussabwärts, und man war 1886 zu früh umgekehrt. Wieder 
stellte sich Rondon an die Spitze einer Expedition, die er diesmal grössten- 
teils aus eigenen Mitteln bestritt, und setzte sich in Bewegung, während wir noch 
fern von Cuyabä waren, so dass er sich den Vorsprung vor uns sicherte. Sein 
Unternehmen hat auch in das unsere eingegriffen, wie wir später sehen werden. 

Nach unseren Erfahrungen mit dem Hauptmann Tupy hegten wir den 
dringenden W\insch, ohne militärische Unterstützung auszukommen. Es war jedoch 
bei der knapp bemessenen Zeit vollständig unmöglich, den Bedarf an zuverlässigen 
Kameraden zu decken. Das brauchbare Material dieser Leute sitzt natürlich 
draussen auf den oft weit entfernten Pflanzungen und Gehöften; in der Stadt 
fehlt es nicht an arbeitslosen Individuen jeder Farbenstufe, es ist aber nur ein 
Zufall, wenn man unter ihnen tüchtige Personen antrifft, die mit dem Buschmesser, 
der Büchse und den Packtieren hinlänglich Bescheid wissen. 

So sahen wir ein, dass wir der Notlage ein kleines Zugeständnis zu machen 
hatten. Wir konnten dies auch mit gutem Vertrauen thun, wenn es uns gelang, 
einen wackeren Landsmann in brasilischen Diensten, der seinerseits mit F"rcuden 
bereit war, mitzugehen, den Leutnant des 8. Bataillons, Herrn Luiz Per rot zum 
Begleiter zu erhalten. Perrot, einer französischen Emigrantenfamilie entstammend 
und in der Nähe von Frankfurt am Main zu Hause, war im Alter von 20 Jahren 
nach Südamerika verschlagen, hatte den Paraguay-Krieg mitgemacht und sass 
seither in dem verlorenen Weltwinkel Cuyabä. Ich stellte bei dem Präsidenten 
der Provinz, einem Vize-Präsidenten in jenen Tagen, den Antrag, dass er uns 
Perrot nebst vier Leuten und den für diese notwendigen Tieren zur Verfügung 
stelle. Mein Gesuch wurde anstandslos genehmigt. 



12 

Von den Kameraden, die sicli uns anboten, fanden nur zwei Gnade vor 
unsern Augen, Kolonisten-Söhne aus Rio Grande do Sul, Namens Pedro und 
Carlos Dhein. Wir haben diese Wahl nicht zu bereuen gehabt. Es waren ein 
paar prächtige, stramme Burschen, unverdrossen bei der schwersten Arbeit und auch 
zu feinerer nicht ungeschickt. Besonders der Jüngere, Carlos, war auf seine Art ein 
Genie, der alles konnte, was er anfasste. Die beiden Brüder hatten ein paar 
Jahre in Diensten des amerikanischen Naturforschers und Sammlers Herbert 
Smith gestanden, für ihn gejagt und die Ausbeute regelrecht präpariert. Nach 
seiner Abreise hatten sie zu ihrer Verzweiflung erst Ziegel, dann Brod backen 
müssen; mit Begeisterung traten sie nun in eine Stelle, die ihren Talenten und 
Neigungen wieder zusagte. Sie führten uns auch 4 Hunde zu, »Jagdhunde«: den 
altersschwachen »Diamante«, der ein sehr brüchiger und ungeschliffener Edelstein 
war, von seinen Herren aber wegen der einstigen Tugenden noch wie ein Kleinod 
wertgehalten wurde, und die drei flinken und frechen »Feroz«, Wilder, »Legitimo«, 
Echter, »Certeza«, Sicherheit. 

Wir rechneten ferner mit Bestimmtheit darauf, die Begleitung des besten 
Mannes unserer ersten Expedition zu gewinnen, des Bakairi-Indianers Antonio, 
der in seinem Dorfe am Paranatinga, dem vorgeschobensten Posten des bekannten 
Gebietes, wohnte, und den wir dort aufzusuchen gedachten. 

P^ine unerwartete Unterstützung meldete sich in Gestalt des alten guten 
Januario. Er hatte uns 1884 als Kommandant der uns damals von der Regierung 
überlassenen Reittiere bis zum Einschiffungsplatz begleitet und seine Schutz- 
befohlenen nach Cuyabä zurückgeführt. In der Zwischenzeit hatte der tapfere 
Sergeant nach 35 jährigen Diensten seinen Abschied als Leutnant erhalten und 
sehnte sich, gegenüber Cuyabä in einem kleinen Häuschen wohnend, nach neuen 
Thaten, Wir kauften ihm ein gutes Reittier, unterstützten ihn für seine Aus- 
rüstung und hiessen sein Mitgehen um so mehr willkommen, als wir in dem Be- 
streben, einen guten Arriero zu finden, sehr unglücklich waren. Es ist dies der 
Führer der Lasttiere, von dessen Tüchtigkeit das W^ohl und Wehe einer Tropa 
abhängt; er beaufsichtigt das Packen der Tiere, hält die Sattel in Stand, sorgt 
für die gute Ordnung auf dem Marsche, sieht sich nach den guten Bachübergängen 
um, entscheidet bei alle den tausend kleinen Schwierigkeiten unterwegs mit seinem 
Feldherrnblick und bestimmt Zeit und Ort des Lagers. Der einzige Arriero, der 
sich uns anbot, und den wir nur zwei Tage behielten, war ein so klapperiges 
altes Gestell, das zwar noch reiten, aber schon längst nicht mehr gehen konnte, 
dass wir ihn sicherlich auf halbem Wege hätten begraben müssen. Zu unserer 
Beruhigung ist er auch schon vor unserer Rückkehr und wenigstens ohne unser 
Verschulden gestorben. 

So waren wir ausser dem später hinzutretenden Antonio 12 Personen: wir 
vier, Perrot, Januario, Carlos und Peter, sowie die vier von Perrot ausgesuchten 
Soldaten. Sie waren sämtlich Unteroffiziere und hiessen Joäo Pedro, Columna, 
Raymundo und Satyro. 



— 13 — 

Auf dem ersten Lagerplatz, noch in dichtester Nähe von Cuyabä, schloss 
sich uns endhch der kleine Mulatte Manoel an. Er wollte uns durchaus begleiten, 
obgleich seine Ausrüstung nur in der Hose und dem zerrissenen Hemd bestand, 
die er anhatte; mochte er Einiges dazu bekommen und in aller Heiligen Namen 
als Küchenjunge mitlaufen. 

Ein langes Kapitel war die Lasttierfrage gewesen. Die Maultiere kosteten 
im Durchschnitt 150 Milreis, damals etwa 300 Mark. Wir verzichteten auf Reit- 
tiere und gingen zu Fuss, gebrauchten aber dennoch 12 Lasttiere. Perrot ritt 
sein Pferd und stellte für sich und seine Soldaten 4 Maultiere. Ausserdem half 
er mit einem alten Gaul dem Bedürfnis nach einer Madrinha aus, wie das den 
übrigen Tieren vorausschreitende Leittier genannt wird. Dazu kam endlich das 
für Januario gekaufte vortreffliche Reitmaultier, so dass die ganze Tropa aus 
19 Tieren bestand. Jedes Lasttier trägt zwei »Bruacas,« grosse Ledersäcke, die 
aus Ochsenhaut so ausgeschnitten und zusammengenäht werden, dass oben ein 
Deckel übergreift. Mit ein paar ledernen Henkeln werden sie an den »Cangalhas« 
aufgehängt: so heissen die Tragsättel, die aus einem hölzernen Gestell bestehen 
und zum Schutz gegen den Druck mit grasgefütterten Kissen unterpolstert sind. 

Unser Plan war, die Tiere bis zum Einschiffungsplatz mit uns zu führen, 
und dort unter Aufsicht zurückzulassen, während wir die Fhissreise machten und 
die Indianer besuchten. Nach glücklicher Rückkehr zum Hafen fiel dann den 
Tieren die Hauptaufgabe zu, unsere Sammlungen nach Cuyabä zu bringen. Da- 
mit für diese Raum bleibe, mussten wir uns in der Belastung der Tiere nach 
Möglichkeit beschränken. Das Rechenexempel gestaltete sich nur insofern nicht 
ungünstig, als wir ja sicher sein konnten, dass von jenem Zeitpunkte ab aller 
von Lebensmitteln beanspruchte Platz zur freien Verfügung stand; nur wenige 
Büchsen mit Suppentafeln und »Kemmerich«; mochten bis dahin gerettet werden 
können. Mandiokamehl hofften wir von den Indianern zu erhalten; im Übrigen 
mussten wir von Jagd und Fischfang leben. Denn hätten wir für eine Reihe 
von 5 oder 6 Monaten ausreichenden Proviant mitnehmen wollen, so hätten wir 
eine Truppe organisieren müssen von einem weit unsere Mittel übersteigenden 
Umfang, und diese Möglichkeit selbst vorausgesetzt, hätten wir für die grössere 
Zahl von Tieren auch wieder einer grösseren Zahl von Leuten bedurft, der Gang 
des Marsches wäre in weglosem Terrain doppelt und dreifach erschwert und in 
dem Fall, dass die Expedition wie so viele andere im Matogrosso scheiterte, das 
Unglück unverhältnismässig gesteigert worden. 

Perrot transportierte den Proviant für sich und seine vier Unteroffiziere auf 
den der Regierung gehörigen Maultieren, den »Reunas«. Er führte ausserdem 
3 Zelte mit, ein grosses für sich und zwei kleine für je 2 Mann. 

Von unsern 24 Bruacas war die Hälfte für die Lebensmittel bestimmt; im 
Ueberfluss nahmen wir nur das unentbehrliche Salz mit, das für mehr als ein 
halbes Jahr ausgereicht hätte, 3 Sack ^ 150 Liter. Die übrigen Hauptartikel 
waren: i. die ausgezeichneten braunen Bohnen, 2. Farinha, die Mandiokagrütze, 



— 14 — 

3- Carne secca, gesalzenes und an der Luft getrocknetes Fleisch, 4. Speck, 5. Reis, 

6. Rapadura d. i. ungereinigter Zucker in Gestalt und Grösse unserer Ziegelsteine, 

7. Gemüsetafeln (Melange, Kerbel, Sellerie) von A. Guhl in Hamburg, kondensirte 
Suppen (Erbsen, Boluien, Graupen) von R. Scheller in Hildburghausen, und 
Kemmerich'sche Präparate (Fleisch mehl, Fleischextrakt, Bouillonextrakt, Pepton 
und etliche Dosen Zunge), Es ist vielleicht nicht uninteressant, die Einzelheiten 
der übrigen Ausrüstung aufzuzählen. Da wären zu nennen: 

Gewürze; Pfeffer oder »Pimenta«, die frischen Früchte in dünnem Essig auf- 
bewahrt, Senfpulver und ein paar Plaschen Worcestershiresauce. Getränke: Para- 
guaythee, etwas chinesischer Thee und Kaffee; eine Liebesgabe von Eckauer 
Doppelkümmel, und einheimischer Branntwein, »Cachaga« und »Caninha«. Ferner 
Becher, Teller, Gabeln, Löffel, Kochtöpfe, Theekessel und Beobachtungslaternen. 
Beile, Pickäxte, Schippen, ein Brecheisen, die beiden letzteren Werkzeuge unent- 
behrlich bei schweren Bachübergängen. Geschmiedeter Feuerstahl, schwedische 
Streichhölzer, Brennöl, Spiritus, Pulver, Schrot, Zündhütchen, Seife, einige Pack 
Papier, Handwerkszeug. Angeln und Angelschnüre, deren Qualität von grosser 
Wichtigkeit ist, von VV. Stork in München. Für die Tiere eine Madrinhaschelle, 
Striegel, Stricke, Hufeisen, Nägel, Opodeldoc, Tartaro. 

Als sogenannte »Dobres« d. h. den Tieren oberhalb der Bruacas aufgeladene 
Packstücke gingen: Ochsenhäute, deren man immer zu wenig mitnimmt, unsere 
beiden wasserdichten Zelte von P'ranz Clouth in Nippes bei Köln, die sich sehr 
bewährt haben, unsere Nachtsäcke mit Hängematte, Moskiteiro, Ponchos, Decke 
(vorzüglich sind die grossen Jäger-Decken) und einem Stück Gummituch, das zu 
den wichtigsten Artikeln gehört. Dobres waren auch der Tabak, eine 50 m lange 
Rolle schwarzen »Cuyabano's''<, der an Wichtigkeit den Lebensmitteln gleichsteht, 
und Mais als Wegzehrung während einer Reihe von Tagen für die Maultiere. 
Endlich Tauschwaaren, die wir aus Deutschland mitgebracht und dank dem Ent- 
gegenkommen der brasilischen Behörden zollfrei eingeführt hatten: eine schwere 
Ladung von Solinger Eisenwaaren von F. A. Wolff in Graefrath, hauptsächlich 
Messern, Beilen, einigen Scheeren, Kuhketten zur Ausschmückung der Häuptlinge, 
75 kg Perlen von Greiner & Co. in Bischofsgrün - Bayern , schliesslich Hemden, 
Taschentücher, Spiegel, Mundharmonikas, Flöten und dergleichen Ueberraschungen 
mehr. Für unsere Kameraden hatten wir mitgebracht: Hosen, Hemden, Wald- 
messer, einfache Vorderlader und Revolver. 

Der Monatssold der Kameraden beträgt durchschnittlich 30 Milreis (etwa 
60 Mark). Erheblich teurer sind gute Arrieros. 

Unsere fachliche Ausrüstung nahm auch einigen Raum in Anspruch. Behufs 
astronomischer und geodätischer Messungen standen zur Verfügung: ein Prismen- 
kreis von Pistor & Martins auf 20" ablesbar, ein Quecksilberhorizont mit Marien- 
glasdach von C. Bamberg, ein kleines Universalinstrument von Pistor & Martins, auf 
30" ablesbar, die uns die Direktion der Seewarte in Hamburg freundlichst leihweise 
überlassen hatte, ein kleiner Reisetheodolit mit Stativ von Casella auf L ablesbar. 



— 15 — 

3 kompensirte Ankeruhren. Zu erdmagnetischen Messungen: ein Deviationsmagne- 
tometer von C. Ramberg (Seewarte), zwei Magnete mit Schwingungskasten von 
einem Lamontschen Reisetheodoliten. Zur Terrainaufnahme und zu Höhenbe- 
stimmungen: ein Siedepunktapparat von Fuess, ein Naudetsches Aneroid von 
Feiglstock in Etui zum Umhängen, ein Aneroid nach Goldschmidt von Hottinger, 
zwei Taschenaneroide von Campbell, eine Schmalkalderbussole mit Kreis von 
7 cm Durchmesser, ein »Skizzenbrett« nach Naumann von G. Heide, mehrere 
Taschenkompasse, zwei Schrittzähler. Ein Registriraneroid von Richard Freres 
blieb zum Zweck korrespondirender Aufzeichnungen in Cuyabä zurück und wurde 
von Herrn Andre Vergilio d'Albuquerque bedient. Zu meteorologischen Beo- 
bachtungen: ein Maximal- und ein Minimalthermometer von Fuess, ein Schleuder- 
apparat nach Rung mit 3 Thermometern (Seewarte), ein kleines Taschenhygro- 
meter, ein Pinselthermometer für Wassertemperaturen. Ausserdem noch Schleuder- 
thermometer und Extremthermometer. Ferner eine reichhaltige und wohlüber- 
legte photographische Ausrüstung mit Steinheil'schem Apparat, das Virchow'sche 
anthropologische Instrumentarium, Chemikalien, etliche Spiritusgläser für kleine 
zoologische Ausbeute, Zeichen- und Malutensilien, vorgedruckte anthropologische 
Tabellen und sprachliche Verzeichnisse. Das geringste Gewicht brachten die 
wenigen und dünnen Bücher »Reiselektüre«, deren Jeder eines oder anderes mit- 
führte; Friederike Kempner, die unentbehrlichste Trösterin auf prosaischem 
Marsch in fernen Landen, sagt es ja selbst: »Das Gute ist so federleicht«. 

Die letzten Tage waren natürlich eitel Packerei und Plackerei. Am Nach- 
mittag des 28. Juli zogen wir aus und schlugen eine halbe Stunde vor der Stadt 
das Nachtlager auf. Am ersten Tag kommt es nur darauf an, aus der Stadt 
heraus zu gelangen, und auch an den nächstfolgenden Tagen werden, wenn man 
nicht über eine Tropa miteinander gewöhnter Tiere verfügt, nur geringe Marsch- 
leistungen zu Stande gebracht. Da heisst es mehr denn je »Paciencia^ und 
wieder »Paciencia, Senhor!« 



II. KAPITEL. 



Von Cuyabä zum Independencia-Lager. I. 

Plan und Itinerar. Andere Routen als 1SS4. Kurze Chronik. Hochebene und Sertäo. Die 
»Serras« ein Terrassenland; seine Physiognomie und topographische Anordnung. Campos. Ansiedler. 
Lebensbedingungen und Kulturstufe. Ein flüchtiges Liebespaar. Zahme Bakairi. Die von Rio 
Novo auf Reisen. Dorf am Paranatinga. Besuch und Gegenbesuch der »wilden« Bakairi 1SS6. 

Kunde von den Bakairi am Kulisehu ! 

Plan und Itinerar. In geringer Entfernung östlich und nordöstlich von 
Cuyabä erhebt sich mit steilem Anstieg die Hochebene, auf der sowohl die Zu- 
flüsse vom Paraguay als die des Amazonas entspringen. Niveaudifferenzen von 
so kleinem Betrag, dass man mit dem Augenmass die Wasserscheide nicht er- 
kennt, geben für zwei benachbarte Quellbäche den Ausschlag, ob ihr Reiseziel 
das Delta am Aequator oder die Mündung des Silberstromes unter 35" s. Br. 
sein wird. Wir hatten uns aus dem südlichen Stromsystem in das nördliche zu 
begeben und den Uebergang von dem einen zum andern im Norden oder Nord- 
osten auf der Wasserscheide zwischen dem zum Bereich des Paraguay gehörigen 
Rio Cuyabä und seinem »Contravertenten« , dem zum Amazonas strebenden 
Tapajoz aufzusuchen, um uns dann in östlicher Richtiuig nach den Quellflüssen 
des Schingü zu wenden. 

Ungefähr in der Mitte des Weges lag der Paranatinga, der durch zahlreiche 
Quellbäche gespeiste und rasch anschwellende Nebenfluss des Tapajoz, dessen 
Quellgebiet dem des Schingü benachbart ist, luid von dem man lange Zeit ge- 
glaubt hat, dass er selbst der westlichste Arm des Schingü sei. 

So zerfiel unser Marsch in zwei Abschnitte: I. von Cuyabä bis zum Para- 
natinga durch, wenn auch spärlich genug, doch immeriiin besiedeltes Gebiet und 
II. von Paranatinga auf weglosem Terrain zu dem Quellfluss des Schingü, den 
wir hinabfahren wollten. 

I. Von Cuyabä zum Paranatinga waren wir 1884 in weitem Bogen erst auf 
dem linken, später auf dem rechten Ufer des Rio Cuyabä marschirt; wir hatten 
diesen Umweg unseren Ochsen zuliebe eingeschlagen, die wir damals als Lasttiere 
verwendeten, und die hier den bequemsten Aufstieg auf die Hochebene fanden. 
Mit den Maultieren konnten wir direkter auf unser Ziel losgehen und waren dabei 



TAF. 




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V. d. Steinen. Zentral -Brasilien. 



— 17 — 

in der Lage, Hinweg und Rückweg der Expedition zur wertvollen Erweiterung 
der geographischen Aufnahme auf zweierlei Weise zu gestalten: auf dem Hin- 
weg erreichten wir den Paranatinga (ebenso wie 1884, wenn auch auf anderer 
Route) bei dem Dorf der »zahmen« Bakairi und die letzte brasilische An- 
siedelung vorher war dieses Mal die Fazenda Cuyabasinho; die Bakairi unter- 
stützten uns wieder beim Uebergang über den ansehnlichen Fluss, und unser 
braver Antonio, der Spezialsachverständige für den Bau von Rindenkanus, 
gesellte sich zu der Truppe, — auf dem Rückweg überschritten wir den 
Paranatinga weiter oberhalb und fanden den Anschluss an die Zivilisation bei 
der Fazenda S. Manoel, von wo aus über Ponte alta der geradeste Weg nach 
Cuyabä führte. 

IL Für die Strecke vom Paranatinga zum Quellgebiet des Schingü kam das 
Folgende in Betracht. 1884 hatten wir nach dem Uebergang über den Paranatinga 
eine Anzahl von Bächen und Flüsschen, die nach Norden zogen, gekreuzt, ohne 
entscheiden zu können, ob sie dem Paranatinga-Tapajoz oder dem Schingü ange- 
hörten und uns dann auf dem ersten westlichen Quellfluss, den wir mit grösserer 
Wahrscheinlichkeit als einen Quellfluss des Schingü ansprechen durften, dem Rio 
Batovy oder Tamitotoala der Eingeborenen eingeschifft. Er mündete schliess- 
lich auch in einen Hauptarm des Schingü, den Ron uro, ja der Ronuro kam aus 
südwestlicher Richtung herbeigeflossen, sodass wir uns nun bewusst wurden, in den 
zwischen Paranatinga und Batovy überschrittenen Bächen und Flüsschen bereits 
Vasallen des Schingü passiert zu haben. Mit dem Ronuro vereinigte sich ganz 
kurz unterhalb der Batovymündung ein anderer von Ost bis Südost kommender 
mächtiger Quellfluss, von dem wir damals mit Unrecht glaubten, es sei der 
»Kulisehu« der Eingeborenen, während es in Wirklichkeit der uns nicht genannte 
Kuluene mitsamt dem früher aufgenommenen kleineren Kulisehu war; Ronuro 
mit dem Batovy und dem falschen »Kulisehu« bildeten zusammen — in »Schingü- 
Koblenz« (Confluentia), pflegten wir zu sagen — den eigentlichen Schingü, den 
wir 1884 bis zur Mündung hinabführen. 

An diesem »Kulisehu«, welchen Namen ich vorläufig beibehalten muss, 
sollten viele Indianerstämme wohnen, ihn suchten wir 1887. Wir mussten also 
den westlicher gelegenen Batovy überschreiten und nur bedacht sein, uns dabei 
so weit als mögUch oberhalb unseres alten Einschiffungsplatzes zu halten, damit 
wir höchstens unbedeutende Quellbäche zu durchkreuzen hätten. 

Wir gelangten vom Bakairidorf am Paranatinga nach dem Ursprung des 
Batovy, indem wir auf der ersten Hälfte der Strecke den Spuren von 1884 folgten 
und auf der zweiten, statt nördlich abzuschwenken, östliche Richtung beibehielten; 
wir bUeben, soviel es anging, nahe der Wasserscheide, traten alsdann in das Quell- 
gebiet des Kulisehu — und dieser Fluss war in der That der wirkliche Kulisehu — 
ein und wandten uns nach einer Weile gen Norden, bis wir am 6. September 
einen Arm erreichten, der die Einschiffung erlaubte. Wir nannten den Lagerplatz 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 2 



— i8 — 

nach dem am folgenden Tage, den 7. September, in Brasilien gefeierten Fest 
der Unabhängigkeitserklärung den »Pouso da Independencia«, oder kurzweg 
»Independencia«. 

Somit kann ich die Umrisse unserer Landreise für den Hinweg unter Zu- 
fügung der wichtigsten Daten in den Hauptzügen folgendermassen angeben: 

28. Juli 1887 Abmarsch von Cuyabä — über einige linke Nebenflüsse des 
Rio Cuyabä und zwar am 2. August über den Coxipö assü (den »grossen« Coxipö), 
vom 4. bis 7. Aug. über den Rio Manso — 9. Aug. zum Rio Marzagäo und 10. Aug. 
Anstieg auf die »Serra« — 12. Aug. Fazenda Cuyabasinho im Quellgebiet des 
Cuyabä — über die Wasserscheide zum Paranatinga und Aufenthalt vom 16. bis 
19. Aug. an seinem linken Ufer im Bakairidorf — 20. Aug. rechtes Ufer des 
Paranatinga — über die Quellbäche des Ronuro nach dem Quellgebiet des Batovy: 
25. Aug. Westarm, 26. Aug. Mittelarm des Batovy — 27. Aug. über den Ost- 
arm des Batovy und über die Wasserscheide zum ersten kleinen KuUsehu-Quell- 
bach — endlicli am 6. September nach vieler Mühsal macht die erschöpfte Truppe 
Halt in dem Independencia-Lager. 

Da ich mich des geographischen Berichtes enthalten will, brauche ich dem 
freundlichen Leser auch nicht zuzumuten, bei jedem »Descanso« oder »Pouso«, 
wie wir uns nach unsern brasilischen Gefährten den Ort der Mittagpause und des 
Nachtlagers zu nennen gewöhnt hatten, Halt zu machen und jeden kleinen Fort- 
scliritt an der Hand \on Tagebuch und Karte zu verfolgen. Ich beschränke 
mich auf eine allgemeine Skizze des Terrains und ein paar Augenblicksbilder aus 
unserm Leben auf dem Marsche. 

Hochebene und Sertäo. Die Reliefformen unseres Gebiets sind in ihren 
Grundzügen leiclit zu verstehen, lun gewaltiges Sandsteinplateau, das horizontal 
geschichteten Urschiefern aufruht, ist den vereinigten mechanischen und chemischen 
Angriffen von Wasser und Wind ausgesetzt gewesen und hat um so grössere 
Veränderungen erfahren müssen, als die Gegensätze von Regenzeit und Trocken- 
zeit und die Temperaturdifterenzen von Tag und Nacht sehr scharf ausgesprochen 
sind. Ueber die Oberfläche weit zerstreut liegen die harten Knollen der »Canga«, 
die Schlacken des ausgewaschenen und verwitterten eisenschüssigen Sandsteins; 
in den tieferen Einschnitten tritt der Schiefer zu Tage, und zuweilen wandert 
man, während der Weg sonst mit gelbrötlichem Sand bedeckt zu sein pflegt, 
auf grauem hartem wie zementirtem Boden. Aus dem alten Plateaumassiv ist 
ein Terrassenland geworden mit teilweise sanft geböschten, teilweise steilen Stufen. 
Als Zeugen für die ursprüngliciie Mäclitigkeit erheben sich auf seiner breiten 
Fläche hier und da mit steilen Hängen isolirte Tafelberge oder richtiger, da sie 
nur eine durchschnittliche Höhe von etwa 80 m haben, Tafelhügel, die »morros« 
der Brasilier. 

Ungemein jäh fällt das Plateau an seinem Westrand im Nordosten von der 
Hauptstadt zu der 600 bis 700 m tiefer gelegenen Thalsohle des Rio Cuyabä 



— 19 — 

hinab; Cuyabä liegt nach Vogels Bestimmung (Fussboden der Kathedrale) 219 m 
über dem Meeresspiegel, St, Anna de Chapada 855 m, die höchste Stelle unserer 
Route auf dem Plateau in der Nähe von Lagoa Comprida hatte 939 m. Der 
Bewohner der Niederung, dem der Terrassenrand wie ein Gebirgszug erscheint, 
spricht von einer »Serra« de Säo Jeronymo oder auch mehr nördlich von einer 
»Serra« Azul, obgleich er oben angelangt sich nicht auf einem Gipfel, sondern in 
einer weiten Ebene findet. Doch haben eine Anzahl kleinerer, von der Haupt- 
masse getrennter Plateaus der Erosion noch widerstanden und erheben sich nun 
als Ausläufer der Hochebene selbstständig vorgelagert. Unser Marsch führte zu 
unserer Ueberraschung mitten durch sie hindurch, wo wir nach der Aufnahme 
von Clauss im Jahre 1884 schon oben über die Hochebene hätten ziehen sollen: 
er hatte damals diese Ausläufer aus der Ferne eingepeilt und nicht wissen können, 
dass sie nicht den Rand der Hauptterrasse, sondern nur vorgeschobene Posten 
darstellen. 

Mit ihren grotesken Formen geben sie der Landschaft einen hochroman- 
tischen Character. So hatten wir dem ersten von ihnen gegenüber den Eindruck, 
als ob wir ein 300 m hohes Kastell mit kolossaler Front vor uns sähen; rote 
Sandsteinzinnen krönten prachtvoll die senkrechte Burgwand. Wir erblickten 
plumpe Kyklopenbauten an der Seite unserer sandigen Strasse oder auf grünen 
Bergkegel einen halbzerfallenen Turm mit Schiessscharten und Fensterluken und 
Mauerresten ringsum oder auf einsamer Höhe ein Staatsgefängnis, das sich, als 
wir näher kamen, in einen gewaltigen Sarkophag, der auf einer stumpfen Pyramide 
stand, zu verwandeln schien: wir mussten uns sagen, diese wundersamen Felsen, 
deren stimmungsvoller Reiz in der Verklärung der untergehenden Sonne oder im 
Zauberglanz des Mondscheins nicht wenig gesteigert wurde, würden von Teufels- 
sagen und anderm P'olklore wimmeln, wenn sie im alten Europa ständen. 

Um so prosaischer und eintöniger ist die Hochebene. Durch die Erosion 
des Wassers erhält sie ein flaches Relief: seichte beckenartige Vertiefungen werden 
durch flache Hügelrücken, die Chapadües, geschieden. Die Karawane bemüht 
sich solange als möglich, oben auf dem trockenen und triften Chapadäo zu 
bleiben und lässt es sich dem stetigen bequemen Vorwärtsrücken zuUebe selbst 
gefallen, wenn sie für eine Weile aus der Riciitung kommt: denn eine »Cabeceira',« 
ein Quellbach, bedeutet immer Aufenthalt und kleine oder grosse Schwierigkeiten. 
Auf dem Chapadäo ist die Vegetation nichts weniger als elegant und üppig: krumme 
und verkrüppelte Bäumchen mit zerrissener Borkenrinde, zum Teil mit kronleuchter- 
artigen Ästen, deren Enden lederne Blätter aufsitzen — schmalgefiederte Palmen, 
verhältnismässig selten und von unansehnlichem Wuchs — raschelndes Gebüsch und 
dürre starre Grashalme — eine Pflanzenwelt, die mit ihrem ganzen Habitus beweisen 
zu wollen scheint, mit wie wenig Wasser sich wirtschaften lässt, und die in der 
Trockenzeit mit dem blinkenden Thau allein auszukommen hat. Alle Nieder- 
schläge vereinigen sich in den tiefern Einschnitten der Hänge, wo sich sofort 
ein dichteres und kraftvolleres Buschwerk den Bachufern entlang entwickelt, oder 



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bilden in der THalmulde jene eigenartige und liebliche Cabeceira, die sich dem 
Wanderer als das reizvollste Landschaftsbildchen des Matogrosso einprägt. Halb- 
verschmachtet in dem dürren Busch und auf dem sandigen Boden tritt man 
plötzlich auf einen saftigen frischen, vielleicht ein wenig sumpfigen Wiesengrund 
hinaus, an dessen Ende in der MitteUinie der junge Bach entspringt, wo ihn das 
Auge aber vergeblich sucht. Denn thalabwärts schleichend verschwindet er sofort 
inmitten einer Doppelgallerie prächtiger, schlank emporragender Fächerpalmen und 
hochstämmiger Laubbäume; und dieser an vollen Wipfeln und Kronen reiche 
Wald geht nicht etwa beiderseits mit Sträuchern oder Gestrüpp in den niedrigen 
Busch über, sondern zieht als freistehende dunkle Mauer in die Ferne, noch eine 
gute Strecke von dem feuchtschimmernden breiten Streifen der grünen Grasflur 
eingefasst. 

Der Topograph darf sich nicht beklagen, dass er schwere Arbeit habe; 
steigt er auf einen der Tafelberge oder bewegt er sich auf hohem Chapadäo, so 
erblickt er nirgendwo wie bei uns die in der Sonne schimmernden Silberbänder 
der Wasserarme, allein für ihn bedeuten Bach oder Fluss alle die schmalen, auf 
hellem Grund scharf abgesetzten Waldlinien, die aus engen Querthälern der 
Hügelrücken seitlich hervortreten und in gewundenem Lauf den rasch anschwellen- 
den und dem ferneren Horizont zustrebenden Hauptzug im tiefen, breiten Thal- 
grund suchen. 

Hier oben auf der Hochebene befinden wir uns in der echten Natur der 
»Campos«, und alle EigentümHchkeiten dieser Kampwildnis — die in beliebigen 
Uebergängen von dem schwer durchdringlichen, mit stachligen Hecken und dornigem 
Gestrüpp erfüllten Buschdickicht, dem »Campo cerrado«, bis zu der nur von 
schmucken Wäldchen (Capdes) oder kleinen Palmenständen (Buritisaes) unter- 
brochenen Grassteppe erscheint — alle Eigentümlichkeiten ihrer wechselnden 
Bodengestaltung und Bewässerung, ihrer Pflanzen- und Tierwelt, ihrer Lebens- 
bedingungen für den Menschen fasst der BrasiUer in dem einen Wort »Sertäo« 
zusammen. Der Sertao »bruto«, der rohe wilde Sertäo, ist der, in dem es keine 
Menschenwohnung oder Weg und Steg überhaupt mehr giebt, wie wir ihn 
jenseits des Paranatinga in seinem vollen Glänze kennen lernten, aber auch 
der Sertäo, der einige Leguas im Nordosten von Cuyabä beginnt, ist nur eine 
gewaltige Einöde mit wenigen kleinen, um Tagereisen voneinander entfernten 
Ansiedelungen. 

Man kann ohne grosse Uebertreibung sagen, dass der Sertäo bereits hinter 
den Thoren der Hauptstadt einsetzt, denn kein Feldbau, keine Dörfer, keine 
Bauernhöfe, nur die sandigen, mit Kieselbrocken bestreuten Wege durch das 
niedrige Gebüsch verraten die Kultur. Im Anfang zieht man noch auf breiter 
Strasse, die nicht gerade mit Fahrdamm, Wegweisern und Meilensteinen ausge- 
stattet, aber für die Tiere gut gangbar ist. Sie liegt nur völlig vernachlässigt; 
jedes Hindernis, eine tiefe Karrenspur oder ein in der Regenzeit ausgespültes 
Loch oder ein seitlich herabgestürzter Baum wird umgangen, umritten oder um- 



— 21 — 

fahren. Bald aber verengert sich der weniger und weniger betretene Weg und 
jenseit des Rio Manso wird er für lange , Strecken zum schmalen Pfad, den Maul- 
tier- oder Rinderfährten nicht immer deuthch bezeichnen, 

Ansiedler. Bei der ansässigen Bevölkerung, den »moradores« unseres Ge- 
biets, wollen wir einen Augenblick verweilen, ehe wir von aller Zivilisation — 
es ist nicht gerade viel, was sie selbst davon haben — bis zum letzten Teil 
der Rückreise Abschied nehmen müssen. 

Erst am 7. Reisetage, dem 3. August, trafen wir ein Gehöft in Pontinha, 
am 4. August kamen wir nach der kleinen Ansiedelung von Tacoarasinha am Rio 
Manso und am 12, und 13. August im Quellgebiet des Cuyabä nach dem Sitio 
des Boaventura, sieben elenden Hütten, und nahebei den beiden Fazenden von 
Cuyabasinho und Cuyabä, die im Besitz derselben Familie sind. Mehr als durch 
lange Beschreibung werden die Verhältnisse durch die einfache Thatsache be- 
leuchtet, dass alle jene Niederlassungen mit Ausnahme der des Boaventura erst 
seit kürzester Zeit an ihrem heutigen Orte stehen: der Eigentümer von Pontinha 
war von dem Rio Marzagäo, den wir am 9. August passierten, herübergezogen, 
weil die zahlreichen blutsaugenden Fledermäuse dort die Viehzucht unmöglich 
machten — die Leute von Tacoarasinha hatten kurz vorher noch w^eiter ober- 
halb am Rio Manso einen Ort Bananal bewohnt — die Fazendeiros von Cuyaba- 
sinho und Cuyabä hatten wir selbst 1884 schon an anderer Stelle besucht und 
zwar näher am Paranatinga in der Fazenda Corrego Fundo (vergl. >; Durch 
Centralbrasilien« p. 116), die teils des Wechselfiebers, der »Sezäo«, teils eines 
Brandes wegen aufgegeben worden war und nun nur noch auf unserer somit 
bereits veralteten Karte existiert; der Grund, den man in der Stadt am häufigsten 
vorauszusetzen geneigt ist, dass Überfalle von Indianern den Fazendeiro zum 
Wegziehen genötigt hätten, trifft heute nur in den seltensten Fällen zu. So darf 
es nicht Wunder nehmen, dass wir auch einige »Tapeiras« oder verlassene Gehöfte 
antrafen, wo wir in dem alten »Laranjal« erquickende Apfelsinen pflückten oder 
an den Pfefferbüschen unsere Gewürzflaschen füllten. So hat es auch nur der 
Sitio des Boaventura bereits zu einem kleinen in tiefer Einsamkeit gelegenen 
Kirchhof gebracht: auf einem Haufen rostbrauner Cangaschlacken erhebt sich 
ein Holzkreuz, ohne Inschrift natürlich, und ringsum liegen zwölf steinbedeckte 
Gräber, deren Inhaber, wie während des Lebens, in der Hängematte schlafen. 

»Arme Leut«, diese portugiesisch sprechenden Moradores von vorwiegend 
indianischer, stark mit Negerblut versetzter Rasse. Im Vergleich zu ihnen waren 
die Bewohner der kleinen, sicherlich nicht sehr blühenden Ortschaften am Cuyabä, 
Guia und Rosario, die wir 1884 besucht hatten, wohlhabende Städter. Nur am 
Cuyabasinho schien wenigstens ein grösserer Viehstand vorhanden zu sein; die 
Rinder leben in völliger Freiheit und werden gelegentlich gezählt und gezeichnet, 
doch macht sich in der ganzen Provinz der verhängnisvolle Uebelstand geltend, 
dass die auf den weiten Strecken unentbehrlichen Pferde schnell an einer mit 



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Lähmung der hintern Extremitäten beginnenden »Hüftenseuche«, peste-cadeira, 
zu Grunde gehen, und die Zucht voüläufig unmögHch erscheint. Angegeben 
wurde mir auf der Fazenda — ich glaube nicht recht an diese Zahlen — ein 
Viehstand von 5 — 6000 Rindern und 60 Pferden; Maultierzucht wurde versuchs- 
weise begonnen. Die Schweine wurden nicht gemästet, da man allen Mais verkaufte. 

Wie gross der Landbesitz ist, weiss der Fazendeiro selbst nicht; niemals 
haben hier regelrechte Vermessungen stattgefunden. Niemand prüft auch die 
Ansprüche. Der Herr des fürstlichen Grundbesitzes wohnt mit seiner Familie in 
einem strohgedeckten, aus lehmbeworfenem Fachwerk erbauten Hause ohne Keller 
und Obergeschoss, in dem es ein paar Tische, Stühle oder Bänke und rohge- 
zimmerte Truhen, aber keine Kommoden, Schränke, Betten, Oefen giebt: Alles 
schläft nach des Landes Brauch in Hängematten, und man kocht auf einem Back- 
ofen in einer vom Hause getrennten Küche oder Kochhütte, Das Verhältnis zum 
Fremden hält die Mitte zwischen Gastlichkeit und Gastwirtschaft oder Geschäft: 
man nimmt für die Unterkunft im Haus oder Hof kein Geld, spendiert Kaftee, 
ein Schnäpschen, Milch, wenn es deren giebt, und verkauft Farinha, Reis, Bohnen, 
Mandioka, Mais, Dörrfleisch, Hühner. Wie allenthalben im spanischen oder portu- 
giesischen Amerika wird der Eintretende zu dem Mahl eingeladen, das gerade 
eingenommen wird. Allein der ärmere Cuyabaner, erzählte man mir, ass deshalb 
gern aus der Schublade statt von der Platte des Tisches: ertönte das Hände- 
klatschen vor der Thüre, das einen Besuch anzeigte, so verschwanden gleichzeitig 
mit seinem freundlichen »Herein« die Teller im Innern des Tisches. Unleugbar 
praktisch. 

Mit der Cachaga, dem Branntwein, hatten wir es in Cuyabasinho schlecht 
getroffen: drei Tage vorher war aller Vorrath an einem Fest zu Ehren des 
heiligen Antonio ausgetrunken worden. Vorsorglich werden stets die Frauen 
auf der Fazenda dem Fremden ferngehalten, wenn sie nicht sciion mehr oder 
minder Grossmütter sind, und in diesem Misstrauen, wie in der grossen Jäger- 
geschickhchkeit und in der Freude an allen Abenteuern mit dem Getier des 
Waldes, dem sie mit ihren ausgehungerten halbwilden Hunden zu Leibe rücken, 
meint man die indianische Abstammung der Moradores noch durchbrechen zu sehen. 

Geradezu armselig waren die Hütten von Tacoarasinha, deren Bewohner 
von den Schingü-Indianern in Hinsicht auf behagliche tüchtige Einrichtung und 
fleissige Lebensfürsorge unendlich viel zu lernen hätten. Diese kleineren Moradores, 
fern von allem Verkehr und ohne jede Erziehung aufgewachsen, auf den engsten 
geistigen Horizont beschränkt, sind durch und durch »gente atrasada«, zurück- 
gebliebene Leute; sie leben bedürfnislos, mit ein paar Pakü-Fischen zufrieden, 
von der Hand in den Mund, und ihre guten Anlagen verkümmern im Nichtge- 
brauch. Es gab in dem elenden Nest am Rio Manso kein Pulver und Schrot, 
keinen Kaffee, keine Rapadura. Von uns wollten sie Mais und Farinha kaufen! 
Sie hatten nur zwei Kanus und waren doch bei ihrer Trägheit in erster Linie 
auf den Fischfang angewiesen. 



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Zum Fluss hinunter war am Morgen und Abend ein fortwährendes Kommen 
und Gehen. Die Frauen holten Wasser, erschienen aber stets zu mehreren oder 
in Begleitung eines Mannes. Natürlich wurden wir, da wir Bücher bei uns hatten, 
Notizen machten und mit wunderbaren Instrumenten hantirten, von der schlecht 
ernährten, kränklichen Gesellschaft fleissig um unsern ärztlichen Rath gefragt. 
»Ich bitte«, lautete dann die Ansprache, »um die grosse Freundlickeit, mir den 
Puls zu fühlen«, oder »sind Sie der Herr, der den Puls fühlt?« Gern suchten 
wir aus unserer Apotheke ein Trostmittelchen hervor und erhoben Ehrenreich, 
der von uns das ernsteste Gesicht hatte, ein für alle Mal auf den Posten des 
»Herrn, der den Puls fühlt«. 

Von dem Neuen, was sie bei uns sahen, erregten ausser einem überall 
bewunderten dreiläufigen Gewehr am meisten ihr Erstaunen die aus Kautschuk 
und Gummi verfertigten Sachen, da sie gelegentlich ausziehen, um die »Seringa«, 
den Saft der Siphonia, zumal im Distrikt des Rio Beijaflor, zu sammeln. Es 
war die reine Zauberei, als wir mit zwei aufgeblasenen Gummikissen ein schwer 
lahmendes Maultier, das in einem vorspringenden Ast gerannt war und nicht 
zu schwimmen vermochte, hinter dem Kanu über den Rio Manso bugsirten. 
Ein Kamm und gar eine Tabakspfeife aus Kautschuck! »Was gibt es nicht 
alles in dieser Gotteswelt, ihr Leute — neste mundo de Christo, oh, djente, 
djente!« Die Frauen, die wir im Sitio des Boaventura sprachen, waren Zeit 
ihres Lebens noch nicht einmal in Rosario oder bei der heiligen Senhora von 
Guia gewesen. Alles wird aber besser werden, »wenn erst die — Eisenbahn 
kommt«. 

Hier möchte ich auch einer kleinen romantischen Episode gedenken, in der 
wir unbewusst als Schützer treuer Liebe wirkten. Am 17. Tage sahen wir, in 
aller Morgenfrühe aufbrechend, vor uns ein seltsames Paar wandern, das wir 
bald einholten. Es war ein Neger, zerlumpt, hässlich schielend, aber gutmütig 
ausschauend, und eine Negerin, jung, hübsch, jedenfalls viel zu hübsch für ihren 
Begleiter, er auf dem Rücken, sie auf ihrem schwarzen Tituskopf ein grosses weisses 
Bündel tragend. Beide gingen barfuss und zwar sie in einem rosafarbenen Kattun- 
kleid mit himmelblauen Volants, er das Buschmesser, sie eine ungeschlachte Pistole in 
der Hand. Woher? »Von Cuyabä.« Wohin? »Zu den Bakairi am Paranatinga, « Er 
war Fuhrknecht in der Stadt gewesen und sie, die er heiraten wollte, Sklavin; ihr 
Herr hatte seinen Konsens verweigert, und der Preis, sie loszukaufen, war uner- 
schwinglich gewesen. Der gute Bischof, den sie um Beistand anflehte, riet 
ihnen — er heisst Carlos Luiz d'Amour — das Weite zu suchen, bis er die 
Angelegenheit in Ordnung gebracht habe. Ob auch er oder ein anderer milder 
Genius den Gedanken eingegeben hat, ich weiss es nicht — sie liessen sich auf 
ihrer P'lucht durch unsern Zug Ziel und Weg weisen, pilgerten, ohne dass wir 
eine Ahnung davon hatten, dicht hinter uns her, schliefen in der Nähe unserer 
Lagerplätze und fanden dort nach unserm Abmarsch, wenn wir Jagdglück geliabt 
hatten, auch noch einen Rest Wildpret zum Morgenimbiss. Einer der Fazendeiros, 



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hatte sie vergeblich verfolgt. Jetzt erst im Quellgebiet des Cuyabä fühlten sie 
sich in Sicherheit; die wenigen Tagemärsche, die noch zu den Bakairi fehlten, 
war die junge Frau ausser Stande, zurückzulegen, aber sie fanden Unterkunft 
und Arbeit bei der letzten Ansiedelung. Wenn ihnen dort im Mai des folgenden 
Jahres ein pünktlicher Storch, Ciconia Maguary, das erste Pickaninny gebracht 
hat, konnte er auch der Mutter die Freudenbotschaft melden, dass die Sklaverei 
abgeschafft sei, und ihr die Stunde der Freiheit geschlagen habe. 

Zahme Bakairi. Dem äussern und innern Leben der brasilischen Ansiedler 
durchaus ähnlich verfliesst den in ihrer Nähe wohnenden Bakairi das Dasein. 
Sie sind alle getauft — warum, wissen sie selber nicht, es sei denn, um einen 
schönen portugiesischen Vornamen, dessen Aussprache ihnen oft schwere Mühe 
macht, zu bekommen — und Einige von ihnen radebrechen auch ein wenig das 
gebildete Idiom Brasiliens. 

Das schon zum Arinosgebiet gehörige Dorf am Rio Novo zu besuchen, wo 
wir sie 1884 zuerst kennen lernten (vergl. >^Durch Zentralbrasilien« p. 102 fif.), ging 
leider nicht an; um so mehr war ich am 11. August überrascht und erfreut, als 
wir vor dem Uebergang des Cuyabä, den wir trotz seiner 70 bis 80 m Breite 
durchschreiten konnten, ganz unversehens einem kleinen Zug von etwa neun In- 
dianern begegneten, guten alten Bekannten, die ihrerseits nicht wenig erstaunt 
waren, in ihrer Sprache angerufen zu werden. Sie hatten ihr Dorf vor 2 Tagen 
verlassen und brachten Kautschuk nach Cuyabä; sie reisten langsam, von Last- 
ochsen begleitet, und schössen sich mit Pfeil und Bogen unterwegs ihre Fische. 
22 Arroben Kautschuk führten sie, ein achtbares Quantum mit einem Wert, die 
Arrobe zu 33 Milreis, von 726 Milreis oder damals über 1400 Mark. So wenigstens 
rechnete Perrot. Wissen möchte ich aber, wie der Handelsmann in Cuyabä ge- 
rechnet, und für welchen Gegenwert von Tauschartikeln er ihnen den Kautschuk 
abgenommen hat. Wäre noch der Häuptling Reginaldo dabei gewesen, der bis 
20 zählen konnte. 

Die Bakairi des Paranatinga trafen wir schon auf der ehemaligen Fazenda 
von Corrego Fundo, die nun zu einem >>Retiro«, einer kleinen Station für die 
Viehwirtschaft, herabgesunken war; sie hatten sich dort für einige Tage verdingt 
und gingen am folgenden Tage insgesamt mit uns zu ihrem Dorf am Flusse. 
Antonio war glückHch, Wilhelm und mich wieder zu sehen und sofort zum Mit- 
gehen bereit, ohne auch nur ein Wort über die Bedingungen oder über die 
Einzelheiten unseres Planes zu verlieren. Im Dorf w^ar es wieder urgemüüich: 
viele Hühner mit ihren Küken, einige unglaubliche Hunde und dicke Schweine 
liefen umher, für zwei mittlerweile zusammengestürzte Häuser hatte man zwei neue 
— eins davon ein kleiner Fremdenstall — gebaut, Bananen und Mandioka waren 
reichlich vorhanden und nicht minder der delikate Matrincham- Fisch. Der war 
jetzt gerade auf seiner nächtlichen Massenwanderung flussaufwärts begriffen und 
er, dem zu Ehren das schönste Tanzfest mit dem lustigsten Mummenschanz ge- 



— 25 — 

feiert wird, gilt dem seinen Paranatinga liebenden Bakairi als das beste Wertstück 
der Heimat; »Matrincham!«, sagte der Häuptling Felipe lakonisch, als ich ihn 
fragte, ob er nicht besser sein Dorf mehr cuyabäwärts verlege. 

Einer sehr späten Nachwelt werden diese Heimstätten nicht erhalten werden, 
wenn sich nicht vieles ändert, und Felipe, der sich selbst nur Felipe aussprechen 
kann, war einsichtig genug, den Verfall zu bemerken. Seit 1884 waren Mehrere 
zu den Fazendeiros verzogen, darunter auch zwei Brasilier, die sich damals in 
der Gemeinde eingenistet hatten, den alten Miguel hatten meine Chininpulver 
nicht am Leben erhalten, Kinder waren nicht geboren, der hundertjährige Caetano 
schwatzte zwar noch so vergnüglichen Unsinn zusammen, dass kein Ende abzu- 
sehen war, allein Nachwuchs konnte seine junge Luisa von ihm nicht erwarten, 
und die Statistik verdarb entschieden der Gebrauch, dass den Alten die Jungen, 
den Jungen die Alten vermählt wurden, sowie die Anschauung, dass Angriffe auf 
das keimende Leben nicht als Verbrechen gelten. 

Das Dorf vor dem Untergang zu retten, giebt es nur ein Mittel, das zugleich 
einen Erfolg von weit grösserer Tragweite einbringen könnte, und auf dieses 
Mittel ist keineswegs die brasilische Regierung, sondern in seiner Besorgnis der 
dumme Felipe verfallen. Es besteht einfach darin, dass man sich womöglich mit 
den von uns 1884 aufgefundenen Bakairi des Batovy in dauernden Verkehr setze 
und einen Teil von ihnen nach dem Paranatinga ziehe. Felipe erzählte, was 
von hohem Interesse ist, dass er mit Antonio und einem Andern sich 1886 auf- 
gemacht habe, die Stammesgenossen an dem Zufluss des Schingü zu besuchen. 
Ich komme auf die näheren, auch ethnologisch wichtigen Umstände später in der 
Geschichte der Westbakairi zurück und bemerke hier nur, dass es den Dreien 
gelang, einige Bakairi des ersten Batovydorfes zu einem umgehenden Gegenbesuch 
am Paranatinga zu veranlassen; sie wurden mitgenommen, sahen die Wunder der 
europäischen Kultur und kehrten beschenkt mit Allem, was die armen Teufel 
schenken konnten, an den Batovy zurück, einen späteren Besuch in grösserer Zahl 
in Aussicht stellend. 

Für unsere Expedition hatte der merkwürdige Zwischenfall eine grosse Be- 
deutung. Felipe und Antonio hatten von ihren Verwandten erfahren, dass es auch 
im Osten des Batovy - Tamitotoala an dem Kulisehu noch mehrere 
Bakairidörfer gebe. Mein Herz hüpfte voller Freude bei dieser Nachricht. 
Denn wenn wir erstens den Kulisehu finden und zweitens dort mit Bakairi zu- 
sammentreffen würden, hatten wir gewonnenes Spiel. Ihrer Hülfe waren wir sicher 
und von ihnen erhielten wir auch genaue Auskunft über die anderen Stämme 
des Flusses. Und so ist es denn auch gekommen. 



III. KAPITEL. 



Von Cuyabä zum Independencia-Lager. II. 

Marsch. Unser Zug. Aeussere Erscheinung von Herren und Kameraden. Maultiertreiber- und 
Holzhackerkursus. Zunehmender Stumpfsinn, Die Sonne als Zeitmesser. Freuden des Marsches. 
Früchte des -Sertäo. Nachtlager und Küche. Ankunft. Ungeziefer. »Xationalkoch« und Jagd- 
gerichte. Perrot's Geburtstagsfeier. Nachtstimmung. Gewohnheitstraum des Fliegens. Aufbruch 
am Morgen. Rondonstrasse und letzter Teil des Weges. Sertäopost. Im Kulisehu-Gebiet. 

Independencia. Schlachtplan. 

Marsch. Die Leistungen unserer Karawane waren sehr verschieden, aber 
durclischnittlich galt ein Marsch von sechs Stunden als das normale Mass. In 
der ersten Zeit wurde es gewöhnlich, keine besonderen Hindernisse vorausgesetzt, 
8^/2 Uhr, bis der Aufbruch erfolgte; später gelang es um 7 Uhr fortzukommen. 
Am Mittag wurde häufig eine kleine Ruhepause eingeschoben, wozu irgend ein 
schwieriger Bachübergang den willkommenen Anlass bot. 

Unser Zug sah wohl gerade nicht elegant aus, er hatte aber etwas Flottes 
und Originelles an sich. Perrot zu Pferde ritt im bedächtigen Schritt dem alten 
Schimmel mit langem Schweif und langer Mähne, der Madrinha, voraus, die nichts 
als am Hals ihre Glocke trug; nebenher schritt barfuss der Küchenjunge Manoel, 
stolz das Gewehr eines der Heiren auf der Schulter, und in der Hand oder am 
Gewehr oder auf dem Kopf den grossen blau emaillirten Kessel. Es folgten 
oder folgten häufig auch nicht die sechzehn Maultiere, eins hinter dem andern, 
und wir und die Leute dazwischen verteilt, zumeist ein Jeder für sich allein 
vorwärts .strebend; über die hochaufgestapelte Last der Tiere, einem Kutschen- 
dach ähnlich, war eine steife Ochsenhaut gespannt, auf der die alles zusammen- 
schnürende ->Sobrecarga<'. , ein breiter Lederriemen, nur schlechten Halt fand. 
Ueberall und nirgends endlich die Hunde; den \'ieren hatte sich als Fünfter ein 
kleiner weiblicher Spitz auf einer verlassenen Ansiedelung sFazendinha«, nach der 
er selbst den Xamen Fazendinha empfing, anschliessen dürfen. Unermüdlich 
flog der alte Renommist Januario auf seiner muntern Miila die Reihe entlang und 
sprach lobend oder tadelnd mit den Maultieren, blieb auch ab und zu ein Stück 
zurück und fröhnte seiner Leidenschaft, den Kamp anzuzünden, weniger um des 
nächtlich schönen Flammenschauspiels willen als zu dem praktischen Zweck, dass 



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der Rückweg — »man konnte ja nicht wissen« — durch den schwarzen Streifen 
weithin sichtbar bleibe und in dem frisch ersprossenen Gras auch zartes Futter 
liefere. »Die Wolkensäule wich nimmer von dem Volk des Tages, noch die 
Feuersäule des Nachts.« 

Höchst anständig präsentirten sich in ihrer Erscheinung die beiden Reiter: 
Perrot in buntfarbigem Leinenhemd und weissleinenen Beinkleidern, vom Hut bis 
zu den Kavalleriestiefeln adrett und nett und militärisch, und Januario mit seinem 
feierlichen schwarzbraunen verrunzelten Gesicht über dem weissen Stehkragen, 
nur Leutnant a. D., aber den Sattel funkelnagelneu, das Gewehr in neuem 
Futteral, den Revolver in einer neuen mit Jaguarfell überzogenen Tasche, ein 
blitzblankes Trinkhorn umgehangen, und ohne Sorgen für die Zukunft, da er sich 
täglich mehr von seinen Gläubigern entfernte, deren zwei noch auf dem ersten 
Lagerplatz erschienen waren und mit enttäuschten Mienen wieder hatten abziehen 
müssen. Auf seinen Schuhen sassen mit einem merkwürdigen, tief eingeschnittenen 
Fransenkranz lose Stiefelschäfte als Futterale für die Unterschenkel auf: er hatte sie 
kunstgerecht von einem Paar alter Stiefel abgeschnitten, die ihm 1884 Dr. Clauss 
verehrt hatte! 

Doch zierte auch Wilhelm und mich noch dasselbe Paar Hosen von englischem 
Leder nach Art der italienischen Orgeldreher, das die erste Expedition mitge- 
macht hatte. Es hatte dem Vogels für die neue Reise zum Vorbild gedient; 
für Jäger'sche Wollene schwärmte Ehrenreich. Wir alle Vier trugen Jägerhemden 
und sind mit ihnen zumal in der schwülen Regenzeit, weil sie den Schweiss sofort 
aufsaugten uud rasch trockneten, sehr zufrieden gewesen. Unsere breitrandigen 
Strohhüte waren in dem Gefängnis von Cuyabä gearbeitet worden, billig, doch 
anscheinend für kleinere Köpfe. Das Schuhwerk war verschieden: Ehrenreich und 
ich gingen in Bergschuhen und, wo der Sand sich häufte, wanderte ich barfuss; 
Wilhelm liebte Pantoffeln, Vogel die leinenen Baskenschuhe, die man am La Plata 
kauft. ¥Äne Zeit lang benutzte ich auch, ohne mich recht daran gewöhnen zu 
können, »Alprecatas« (in gutem oder »Alpacatas«, »Precatas« im matogrossenser 
Portugiesisch), Ledersandalen, die mir aus frischer Tapirhaut geschnitten worden 
waren. Diese Sandalen, den Indianern unbekannt, sind von den Negern eingeführt 
worden; so befinden sich im Berliner Museum für Völkerkunde in der Kameruner 
Sammlung des Leutnant Morgen zwei Paar genau derselben Art, wie die Ka- 
meraden und ich sie gebrauchten. Die Sohle muss so geschnitten werden, dass 
man mit den Haaren gegen den Strich geht; eine Riemenschlinge beginnt zwischen 
erster und zweiter Zehe, läuft horizontal um die Ferse und wird vor dieser beider- 
seits mit einer Schlaufe nach unten festgehalten. 

Die Kameraden trugen auf dem Rücken einen steifen selbstgenähten Leder- 
sack, den Surräo; nur Antonio schleppte seine Habseligkeiten in einem schweren 
weissen Leinensack, und schien sich auch, wenn er ein Wild verfolgte, dadurch 
kaum behindert zu fühlen. Die Militärs unter ihnen, Perrots vier Unteroffiziere, 
trugen von ihrer Uniform nur selten den blauen Rock mit rotem Stehkragen 



— 28 — 

und drei Messingknöpfen am Aermel; er stand auch wirklich, obwohl er nicht die 
erste Garnitur war, zu den bald abgerissenen Zivilhosen, zu dem alten Filzdeckel 
auf dem Kopf und den blossen Füssen in einem gewissen Widerspruch. Gewöhnlich 
gingen sie in Drillichjacken, die rot eingefasste Achselklappen hatten. Am Hut 
steckte eine Nähnadel, eine Zigarette oder dergleichen; den des schwarzbraunen 
Columna schmückte ein rosa Seidenband. Carlos und Peter erfreuten sich eines 
sehr festen Anzugs (d. h. Hemd und Hose) aus Segelleinen, der wie die Stiefel- 
schäfte Januario's einen historischen Wert besass : er war aus dem Zelt ihres 
früheren Herrn, des Naturforschers Herbert Smith geschnitten. 

Der Flinte konnte der Eine oder Andere wohl entraten; ich habe die meine 
Peter überlassen, mich mit dem Revolver begnügt und auf der ganzen Reise 
keinen Büchsenschuss abgegeben. Unser Aller unentbehrlichstes Stück war das 
Facäo, das grosse Buschmesser; das von uns mitgenommene Solinger Fabrikat 
hat den Anforderungen, die daran gestellt werden mussten, die freilich sonst auch 
nur an ein Beil gestellt zu werden pflegen, nicht ganz entsprochen und stand 
dem amerikanischen, in Cuyabä käuflichen entschieden nach. 

Die Meisten von uns führten in der kleinen Umhängetasche, der »Patrona«, 
neben einiger Munition und einem Stück Tabak das Feuerzeug des brasilischen 
Waldläufers bei sich, das man in den Sammlungen gelegentlich als indianisches 
Objekt bezeichnet findet: einen Stahl von l^ügelform und in der oft mit einge- 
ritzten Mustern hübsch verzierten Spitze eines Ochsenhorns den Feuerstein und 
die »Isca«, entweder Baumwolle, die von den schwarzen Kernen befreit und am 
F'euer ein wenig gedörrt wurde, oder, als sie ausging, schwammiges Bastgewebe 
von der Uakumd -Palme. Eine Holzscheibe verschliesst das Hörnchen und kann 
an einem in der Mitte befestigten Stückchen Riemen herausgezogen werden. Fehlte 
einmal Stahl oder Stein, brachte man den Zunder leicht mit einem Brennglas 
oder dem Objektiv des Feldstechers zum GHmmen; an Sonne fehlte es nicht. 
Endlich hing uns am Gürtel der »Caneco«, ein gewöhnlicher Blechbecher mit 
Henkel, oder eine Kürbisschale von der Crescentia Cuyete, die innen geschwärzte, 
zum Essen wie zum Trinken dienende »Kuye«. 

Vogel machte seine Wegaufnahme, mit dem Kompass peilend, die Uhr be- 
fragend, notirend, zuweilen einen Stein zerklopfend oder an langem Faden das 
Schleuderthermometer schwingend. Ehrenreich wanderte beschaulich und die um- 
gebende Natur studierend fürbass; Wilhelm und ich waren auf dem ersten Teil des 
Marsches als Maultiertreiber und auf dem zweiten als Holzhacker mit wütendem 
Eifer thätig. 

Was unsern Treiberkursus anlangt, so schienen die Maultiere im Anfang 
vom Teufel besessen. Daher das ewige »oh diavo«-Fluchen oder etwa ein zorniges 
»oh burro safado para comer milho« der Kameraden: »oh du verfluchter Esel, der 
nichts kann als Mais fressen« und mehr dergleichen kräftiger Zuspruch. Die beliebig 
in Cuyabä und Umgegend zusammengekauften Tiere bildeten noch eine regellose 
Horde selbstherrlicher Individuen, und die bessern Gemüter unter ihnen wurden 



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durch ein paar ehrgeizige Racker, die durchaus den andern vorauskommen wollten, 
demoralisirt: sie liefen im dichtem Kamp mit ihren Lasten gegen die Bäume 
an, dass die dürren Aeste krachten und die Gepäckstücke herabkollerten, und 
schlugen sich dann munter seitwärts in die Büsche ; die Leute mussten ihre Leder- 
säcke abwerfen, um die Flüchtlinge zurückzuholen, die überall verstreuten Sachen 
und Riemen zu sammeln und alles wieder aufzuladen, wozu aber jedesmal min- 
destens zwei Personen nötig waren, da die beiden schweren Bruacas rechts und 
links a tempo eingehängt wurden. Noch heute gedenke ich mit einem Gefühl 
der Unlust eines Tages, wo die Verwirrung sehr gross war und ich mich allein 
übrig sah, um sechs Maultiere eine endlos lange halbe Stunde durch den wüsten 
struppigen Busch vor mir her zu treiben. Im besseren Terrain verursachte 
wiederum ihr Gelüste, frisches Gras zu fressen oder an den Blättern der Akuri- 
Palmen zu rupfen, steten Aufenthalt. Allmählich indessen lernten die Esel, wie 
sie durchweg genannt wurden, bessere Ordnung halten und in der weglosen 
Wildnis jenseit des Paranatinga hatten wir eine zwar mehr und mehr abmagernde 
und mit Druckwunden behaftete, aber doch wohldisziplinierte Tropa. 

Hier bildeten Antonio, Wilhelm und ich die Avantgarde. Wir brachen 
eine halbe Stunde frülier auf, suchten oder machten vielmehr den Weg, indem 
wir das Gestrüpp wegsäbelten und unausgesetzt alle drei markirten, d. h. rechts 
und links mit unsern Buschmessern Zweige kappten oder von dem Stamm ein 
Stück Rinde wegschlugen, sodass der nachfolgende Zug stetig vorwärts rücken 
und die Wegrichtung an den zersplitterten Aesten und an den weissen oder roten 
Schälwunden der Bäume erkennen konnte. Waren wir an ein unüberwindliches 
Hindernis geraten, und hatten wir deshalb ein Stück zurückzugehen und einen 
neuen Weg zu suchen, so wurde der unbrauchbar gewordene durch auffällig quer- 
gelegtes Strauchwerk versperrt, und der neue durch mächtige Schälstreifen 
geradezu reklamenhaft den Blicken empfohlen. Nicht immer wurden unsere 
Zeichen richtig gefunden oder die gute Madrinha hatte unbeachtet die Sperrung 
überschritten; dann räsonnirte die ganze Gesellschaft über unser schlechtes 
Markiren und wir drei Holzknechte waren nachher sehr betrübt, weil wir im 
Schweiss unseres Angesichts das Beste gethan zu haben meinten. Uns zum 
Lobe muss ich erwähnen, dass wir jenseit des Paranatinga unsere alten Marken 
von 1884 noch wiederfinden und ausgiebig benutzen, ja mehrfach noch deutlich 
die verschiedenen »Handschriften« unterscheiden konnten. 

Zuweilen hatten es wohl beide Teile an Aufmerksamkeit fehlen lassen. 
Zumal im guten Terrain. Denn es ist ja kaum zu glauben, in welchem Masse die 
gleichmässig Dahinmarschierenden von stillem Stumpfsinn erfasst werden können. 
Die ganze Natur schläft in Hitze und Dürre. Der viele Staub, den man schlucken 
muss, trocknet Lippe und Zunge aus, die Schnurrbarthaare sind durch zähen Teig 
verklebt und die Zähne haben einen Ueberzug davon, dass man wie auf Gummi- 
pastillen kaut, der Gaumen verschmachtet. Man duselt und die Andern duseln 
auch und die Tiere duseln; das fluchende »anda, diavo« wird seltener und 



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schwächer oder man hört es nicht mehr, man stiert in die sonnendurchglühte 
Landschaft und sieht sie nicht mehr. Man spricht leise vor sich hin und rafft 
sich vielleicht noch einmal auf, den trockenen Mund weiter zu öffnen und dem 
Nächsten wehmütig zuzurufen: »wenn Sie jetzt in Berlin wären, etc.?« und 
lächelt schmerzlich über die matte Antwort, aus der etwas wie »Spatenbräu« 
oder »eine Weisse« hervorklingt. Doch an solchem Traumbild trinkt und schluckt 
man und an dem Staubteig kaut man und verdrossen stapft man weiter, tief- 
innerlich, aber ohne sich zur Abwehr aufzuschwingen, einen der Hunde ver- 
wünschend, der ebenso verdrossen hinterher wandert und uns bei jedem zweiten 
Schritt auf die Fersen tritt; man torkelt über den Weg oder die Graskuppen, 
die Koordinationsstörungen nehmen im Gehen oder Denken mehr und mehr zu, 
schliesslich schläft man, die Andern schlafen, die Tiere schlafen wie die Natur 
ringsum schläft, nur dass sie unbeweglich daliegt und wir mechanisch weiter 
rücken. 

Gäbe es noch etwas Lebendiges! Doch man wundert sich schon über 
einen einsamen Schmetterling. Das Tierleben beschränkte sich auf die Cabeceiras 
und die kleinen Capäo-Wäldchen ; dort erhob sich stets wütendes Gebell, wenn 
die Hunde eindrangen und diesen oder jenen die heisse Tageszeit verschlafenden 
Vierfiissler aufstörten. Aber die Hochebene war tot. Selbst nach Sonnenauf- 
gang nichts von Vogelgezwitscher, sondern die Ruhe eines Kirchhofes oder so 
etwas wie eine Landschaft auf dem Monde. Gegen Mittag erbarmungslose Glut- 
und Bruthitze, die grauschwarzen Bäumchen im Campo cerrado, reine Gerippe, 
warfen nur dünne Schattenmaschen: zeigte sich in der Ferne einmal ein wirk- 
licher Baum, so liefen die Hunde, was ein merkwürdiges Zeugnis für ihr Schluss- 
vermögen abgiebt, ob er nun am Wege oder seitab stand, gerade auf ihn zu 
und pflanzten sich in seinem Schatten, die Zunge heraushängend und keuchend, 
auf, bis der Zug vorbeikam. Auf dem hohen Chapadao hörte zeitweilig aller 
Baumwuchs auf, den Boden deckten scharfes Massega-Gras oder die schauder- 
haften Pinselquasten des Bocksbarts, barba de bode, von denen der Fuss immer 
abgleitet, oder Cangaschlacken, die ihn immer hemmen. Dankbar begrüsste man 
es wie eine Erlösung, wenn wenigstens einmal ein flüchtiger Wolkenschatten ge- 
spendet wurde. 

Das Tagesgestirn gewöhnten wir uns bald wie die brasilischen Waldläufer 
nicht nur als Kompass, sondern auch als Zeitmesser zu verwerten. Ich brachte 
es dahin, die Zeit nach dem Sonnenstand bis auf eine Viertelstunde richtig zu 
schätzen. Perrot behauptete, dass die Leute den Stand der Sonne oder eines 
Sternes, z. B. der Venus nach Bragas (ä 2,2 m) bestimmten, etwa: »Die Venus 
geht morgen um 4 Uhr auf, treffen wir uns bei 3 Bragas«. Dem aufgehenden 
Mond wurde ein Durchmesser von ungefähr i m, dem Mond im Zenith von 72 ni 
zugeschrieben. Ich lernte auch bald, wenn ich nur wusste, wieviel Uhr es ungefähr 
war, über die Himmelsrichtung unseres Weges im Klaren zu bleiben, ohne besonders 
zur Sonne aufzuschauen: der Schatten des Vordermannes, der eines Grashalms oder 



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der eigne Schatten that völlig denselben Dienst wie die Sonne selbst. Man kommt 
aber zu einer noch höheren Stufe, es gelingt leicht, eine konstante Himmels- 
richtung während des Marsches einzuhalten, auch ohne dass man sich die be- 
stimmte Frage nach der Zeit vorlegt, indem man nur vom ersten Augenblick 
an die Schattenlinien beobachtet und dann im Stillen an ihrer fortwährenden, vom 
Gang der Sonne abhängigen Verschiebung — anfangs bewusst, bei grösserer 
Uebung unbewusst — weiterrechnet: will man z. B. östliche Richtung innehalten, 
so geht man bei Sonnenaufgang der Sonne entgegen und sorgt dafür, dass sich 
der links entstehende Winkel von Wegrichtung und Schattenlinie allmählig in dem 
Grade vergrössert, als sich die Sonne nach Norden bewegt. Diesem Winkel 
zwischen Aufgang und Mittag, zwischen Mittag und Untergang das für den grob 
praktischen Zweck ausreichende Mass zu geben, macht bei stetigem Marsch 
selbst einem Kulturmenschen, der sich ohne seine Instrumente sehr ungeschickt 
anstellt, keine grossen Schwierigkeiten und weckt in ihm wenigstens die Ahnung 
eines Verständnisses dafür, wie der von Jugend auf die Natur mit offenen Augen 
beobachtende Eingeborene die Uebung soweit gesteigert hat, dass wir ihm einen 
besonderen »Instinkt« zuschreiben möchten. 

Ein solcher »Instinkt«, der auf sehr sicherm Wissen beruht, bildet sich auch 
für die topographische Kenntnis des Terrains heraus: unsere beiden Autoritäten 
Vogel, der nie im Sertao gewesen war, und Antonio, dem Geologie und 
Mathematik in gleicher Weise fremd geblieben waren, hatten über den Verlauf 
der Chapadoes und der Cabeceiras, von dem unsere Marschrichtung abhängen 
musste, zuweilen recht verschiedene Ansichten und es kam dazu, dass sie eine 
Zeit lang einander unfreundlich und damit auch falsch beurteilten. 

Vielleicht habe ich, der Beschwerden des Weges, des Durstes, der Monotonie 
des Landschaftsbildes gedenkend, eine ungünstigere Meinung von dem Sertao der 
Trockenzeit erweckt als billig ist. So darf ich nicht unterlassen auch einige 
Lichtpunkte zu zeigen. Da ist nun vor allem hervorzuheben, dass die kühlen 
Nächte und der Schlaf im Freien ungemein erfrischten, und dass man sich an 
jedem jungen Morgen wieder im Vollbesitz der leiblichen und geistigen Elastizität 
befand; da ist nicht zu vergessen, dass man auch auf angestrengtem Marsch nicht 
schwitzte, weil die ti'ockene Luft den Schweiss schon im Entstehen aufsog, luid 
dass die Tage, an denen man mehrere Stunden hintereinander gar kein Wasser 
oder auf dem Grund eines hohen verstaubten Bambusdickichts nur eine salzig- 
bittere Lache fand, zu den Ausnahmen gehörten. Wie köstlich waren auch — 
wenigstens so lange die Lasttiere noch nicht angelangt waren und die schwierige 
Passage noch keine Sorge machte — die etwa lO Schritt breiten, tief einge- 
schnittenen, von überhängendem Gezweig beschatteten Bachbetten, wo man unter 
der grünen Wölbung auf einer rötlichen Sandsteinfliese an dem kristallklaren 
Wässerchen sass, mit vollem Becher schöpfte, das Pfeifchen genoss und mit dem 
nackten Fuss plätschernd die hurtigen, in ihren gestreiften Schwimmanzügen aller- 
liebst aussehenden Lambare-Fischchen aufscheuchte oder einen der handgrossen 



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azurblauen, in den Sonnenlichtern metallisch aufschimmernden Neoptolemos-Falter 
bei seinem Flug von Staude zu Staude beobachtete. Und so bescheiden die 
niedrigen Guariroba-Palmen mit ihren gewöhnlichen Blättern waren, so elegant 
erschienen dem Auge schon aus weiter Ferne die mit mächtiger Fächerkrone 
aufragenden Buritis, die nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern namentlich auch 
deshalb willkommen waren, weil sich bei ihrem Standort immer Wasser befindet. 

Gern würde ich auch den tropischen Früchten, die man in unserer Einöde 
billiger Weise im Ueberfluss antreffen sollte, ein Loblied singen, um das Konto 
der i\nnehmlichkeiten zu vermehren, aber es ist merkwürdig, man mag kommen, 
wann man will, es ist stets zu spät oder zu früh für die Gaben Pomonas. 
Schon fast zu zählen waren die Früchte der Uakumä-Palmen, Cocos campestris, 
die uns zu Teil wurden, und deren gelboranges Fleisch einen klebrigen aprikosen- 
süssen Saft besass; gewöhnlich hatte sie schon vor vollendeter Reife der Tapir 
gefressen. Nur sehr selten konnten wir uns an ein paar Mangaven, Hancornia 
speciosa, erquicken, und am allerseltensten war uns das Beste, die äusserlich apfel- 
ähnHche, »grossartig« schmeckende Frucht von Solanum lycocarpum, Fruta de 
lobo oder Wolfsfrucht des Sertanejo's beschieden, deren quellender Süssigkeit 
durch die schwarzen Kerne ein wenig zarte Bitterkeit beigemischt wurde. Dabei 
schritt in unserer Marschordnung der »indian file« Einer hinter dem Andern, und 
war die blosse Gelegenheit schon selten, so war noch viel seltener der Vordermann, 
der sie nicht für sich selbst voll ausnutzte. Ich, der ich doch meist an zweiter 
Stelle ging, glaubte schon recht zu kurz zu kommen, und bildete mir von dem 
sonst so löblichen Antonio vor mir das Urteil, dass er Alles von reifen saftigen 
Früchten bemerke und Alles schleunigst in Selbstsucht geniesse; er kam, sah 
und saugte. 

Nun, und wenn sich während des Marsches die Summe der Lust und die 
der Unlust etwa die Wage hielten, so überwog auf dem »Pouso« jedenfalls das 
Vergnügen trotz der gelegentlichen Misere eines schlechten Platzes oder des 
Ungeziefers oder der vermissten Maultiere. 

Nachtlager und Küche. Auf Wasser, Weide und »Hängemattenbäume« 
kam es an, wenn wir Quartier machten. Zum idealen Pouso gehörte ein klarer 
Bach mit bequemem Zutritt für Tiere und Menschen, der auch an tieferen Stellen 
zwischen reinlichen Sandsteinplatten ein erfrischendes Bad gewährte, gehörte 
ferner junges saftiges Gras in einer vom krüppeligen Kampwald umschlossenen 
Thalmulde, sodass die Esel nicht verlockt wurden, in die Ferne zu schweifen, 
gehörte endlich ein Ufer, gut ventiliert, ohne fliegendes und kriechendes Ungeziefer 
und frei von Untergestrüpp mit schlanken Bäumen in einem Abstand von 7 bis 
9 Schritt. Der absolut schlechte Pouso war in dürrer Grassteppe ein Stück 
Morast mit zwei oder drei dicht beieinander stehenden Buritipalmen, mit einer 
schwülen Pfütze und darüber summendem Moskitoschwarm ; so schlimm aber kam 
es wenigstens auf dem Heimweg nur ganz ausnahmsweise. 



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V. d. Steinen, Zentral - Brasilien. 



Die Bruacas und Gepäckstücke, die Holzsättel und das Riemenzeug wurden 
in guter Ordnung nebeneinander gestapelt, die Eselrücken sorgfältig auf Schwel- 
lungen und Druckwunden untersucht und behandelt, und vergnügt entfernte sich 
die vierbeinige Gesellschaft. Sie hatte volle Freiheit; nur in den ersten Tagen 
wurden den gefürchtetsten Ausreissern, was aber selten bis zum nächsten Morgen 
vorhielt, die Vorderfüsse zusammengeschnallt, sodass sie nur mit känguruhartigen, 
schwerfälligen Bewegungen vorwärts hopsen konnten. Wahrhaft erbitterten uns 
ein paar von einem Herrn Elpidio gekaufte und deshalb kurzweg »die Elpidios'< 
benannte Esel, die noch vom zweiten Lagerplatz recta via nach Cuyabä zurück- 
gelaufen waren und fortan, in treuer Freundschaft vereint, jede Gelegenheit be- 
nutzten durchzubrennen. 

Manoel hatte rasch seinen Platz für die Küche gefunden, Holz gesammelt, 
blasend und mit dem Hut fächelnd ein helles Feuer entzündet, rechts und links 
einen gegabelten Ast eingerammt und über eine Querstange den Bohnenkessel 
gehängt. Wir waren währenddess beflissen, die Bäume für die Hängematten aus- 
zuwählen und bemächtigten uns des Sackes, der den Bedarf für die Nacht ent- 
hielt; der Sack selbst, der Ledergürtel und was man sonst bei Seite legen wollte, 
wurde sorgsam an einem Ast frei aufgehangen, damit Termiten und Ameisen 
nicht gar zu leichtes Spiel hatten. Dann aber ging es schleunigst zu der Bruake, 
in der sich die Farinha befand, und in dem Becher oder besser in der mehr 
fassenden Kürbisschale wurde aus der Mehlgrütze, einigen möglichst dicken 
Schnitzeln Rapadura, so lange es von diesen Ziegelsteinkaramellen noch gab, 
und einem Schuss Bachwasser eine »Jakuba« angerührt: das war stets ein schwel- 
gerischer Augenblick, der auf allen Gesichtern frohe Laune hervorzauberte. 
Wasser von 21'^ galt als kühler Trank; fast eiskalt erschien uns das während der 
Nacht kalt gestellte am Morgen — falls es die Hunde nicht ausgetrunken hatten. 

Mochte selbst ein Bienchen in unsern Nektar fallen. Eines! Aber freilich 
wenn sie uns umschwirrten, als ob wir blühende Obstbäume wären, wurden wir 
traurig. Auf einigen Lagerplätzen, besonders auf dem »Bienenpouso« am 10. August 
waren die kleinen, dicken fliegenähnlichen Borstentiere eine wirkliche Plage. Wie 
lebendig gewordene Ordenssterne krochen sie über die Brust und bedeckten die 
Kleidung zu hunderten, begierig, jeden P"lecken und jede Spur von Schweiss mit 
dem ganzen Fleiss, wegen dessen sie oft gelobt werden, zu bewirtschaften. Sie 
stachen ja nicht, aber sie suchten, sobald man stehen blieb oder sich setzte, in 
Nase, Auge und Ohr hineinzugelangen, verbreiteten sich auf allen Wegen vor- 
dringend über die Haut und krabbelten und kitzelten und zerquatschten ekelhaft, 
wenn man sie unzart anfasste. 

Bienen hasste man, während man die Moskitos fürchtete. Von diesen 
schlimmeren Quälgeistern hatten wir während der Trockenzeit nicht viel zu leiden 
und auch später ohne Vergleich weniger als 1884 an den Katarakten des mitt- 
leren Schingü. Der Moskiteiro, der, durch einige dünne Gerten aufgespannt er- 
halten, unsere Hängematte als luftiges Gazezelt umgab, bot sichern Schutz; die 

V. d. Steinen, Zeiitral-Brasilien. 3 



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Ruhe schmeckte doppelt süss im Genuss der stillen Schadenfreude, wenn draussen 
in unheimlicher Nähe mit unzufriedenem Diminuendo und drohendem Crescendo 
die feine Musik ertönte. So schrieb, zeichnete, rechnete, faulenzte man unter 
seinem Moskiteiro. Die nächtlichen Beobachtungen wurden zuweilen unangenehm 
beeinträchtigt; da tanzten denn Vogel und mein ihm assistirender Vetter vor 
dem dreibeinigen Theodolithen einen Tanz der Verzweiflung auf und nieder, 
während sie durch das Fernrohr schauten und die Zififern niederschrieben. Respekt 
auch vor der niederträchtigsten kleinsten Art, dem »mosquito polvora«. Sie ist 
winzig, fast unsichtbar und dringt unbehindert durch die Gazemaschen des Mos- 
kiteiros, ihr Stich — ich weiss nicht, ob mehr ätzend oder juckend — verwirrt 
die Sinne, in Schweiss gebadet wirft man sich umher und wütend reibt man erst 
und kratzt dann, trotz des Bewusstseins, für ein paar Sekunden der Erleichterung 
eine wochenlang schwärende Haut einzutauschen. 

Schmerzhaft, und zwar so, dass auch ein Phlegmatiker mit einem Schrei in 
die Höhe springt, ist der Stich der Mutuka-Bremse. Aber auch sie kommt 
eigentlich erst für die Rückreise in Betracht. In hohem Grade lästig waren die 
kleinen Fliegen, die unsere Leute >;Lambe-olhos'<, Augenlecker, nannten; nur 
gehörten sie, wie die von den Blättern herabgeschüttelten Carapatos: Zecken, die 
sich in die Haut einbohren und Blut saugend zu Knötchen anschwellen, und die 
am Abend verschwindenden Borrachudos: Stechfliegen, deren Stich kleine schwarze 
Pünktchen von Blutgerinnsel in der Haut zurücklässt, eher zu den Plagen des 
Marsches als zu denen des Lagers. Die Lambe-olhos — wahrscheinlich beachtete 
man die Tierchen nur bei dieser Richtung ihres Angriffs — schienen es ganz 
allein auf die Augen, und, Avas ich ihnen sehr übel nahm, ganz besonders auf 
meine Augen abgesehen zu haben, und endlich, was am schlimmsten war, sie 
schienen den Raum unter dem Oberlid zu bevorzugen, sodass man schleunigst 
mit verkniffenem Gesicht den lieben Nächsten zu Hülfe rief und bei dem 
schwierigen Fall gewöhnlich von einer Hand in die andere wandern musste. 

Der unliebsame Besuch der Kupims, Termiten, und der wahren Herren des 
Urwalds, der Ameisen, galt weniger uns als unserm Nachtsack und den Ledersachen, 
Glücklicher Weise wurden die Gäste meist noch rechtzeitig am Abend bemerkt, da 
man durch den Schaden und die lästige Arbeit des Auspackens, Schütteins, Sengens 
und Reinigens bald so klug geworden war, vor dem Schlafengehen noch einmal 
nachzusehen. Zumal der Ruf »Carregadores« veranlasste immer einen kleinen 
Alarm: wer sie auf seinem Platz entdeckte, flüchtete sich mit seiner gesamten 
Habe, und Alles sprang besorgt aus den Hängematten, um die Gepäckstücke zu 
untersuchen. Diese nächtlich arbeitenden »Lasttriiger« -Ameisen oder Schlepper- 
ameisen, eine Atta-Art, die auf ihrem Zuge relativ ungeheure Lasten weg- 
schleppen, haben Augen von fast PIrbsengrösse und machen mit ihren starken 
Zangen scharfe halbmondförmige Einschnitte in Tuch und Leinen; ihre Wohnstätte 
umfasst ein grosses Terrain, und die zahllosen Gänge sollen bis 3 m tief in die 
Erde reichen. Mehr interessant als gefährlich, da sie Niemanden von uns etwas 



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zu Leide gethan hat, war die gigantische braune Tokandyra-Ameise, Cryptocerus 
atratus, die zum Glück kein Herdentier ist, und deren Zwicken dem Skorpion- 
stich ähnelt; die Termiten sollen mit ihr in wütender Fehde liegen. Ich könnte 
noch mancherlei anderes Ungeziefer nennen, was uns an diesem oder jenem 
Abend zu Leibe rückte, aber ich bin mir bewusst, durch solch lange Aufzählung, 
in der man aus Freude an der Erinnerung ohnehin schon bei jedem einzelnen 
gern übertreibt, ein falsches Gesamtbild im Geiste des Lesers zu erzeugen. Man 
könnte zu der Vorstellung kommen, die Hängematte im Sertäo sei ein schlechterer 
Aufenthalt gewesen als ein Bett in einer Kavalleriekaserne oder im gefüllten 
Zwischendeck oder in manch einem verehrungswürdigen altstrassburger Hause. 

Wenden wir uns wieder zu dem appetitlicheren Teil des Pouso. Manoels 
helle Stimme, die sich während der Zubereitung des Maliles in improvisirten 
Gesängen (»oh ihr Bohnen, wann werdet ihr gar sein?«): lauter, aber melodieen- 
und gedankenarmer Zwiesprach mit dem Feuer, dem Kochkessel oder seinem 
Inhalt ergangen hatte, rief den Herrentisch zusammen, uns vier, Perrot, Januario 
und auch Antonio. Die Leute, die andern Sieben, lagerten und kochten in den 
beiden stets getrennten Gruppen der vier Soldaten und drei Kameraden. 

Pünktlich, sehr pünktlich war ein Jeder zur Stelle, bewafthet nnt Messer 
und Gabel, ergriff einen der Zinnteller, die später durch indianische Kürbisschalen 
ersetzt wurden, und Alles lagerte sich in malerischen Posituren — ■ nur Vogel 
hockte dazwisclien auf seinem Observations-Klappstühlchen — um die gelbe oder 
schwarzweisse Ochsenhaut, auf der der dampfende Kessel, ein Teller mit P^arinha 
und die Pfefferflasche standen oder, wenn die Haut sehr bucklig war, auch plötzlich 
umfielen. Nach dem Essen gab es den nicht genug zu schätzenden Mate, den 
Paraguaythee, gelegentlich auch Kaffee, 

Unsere etwas einförmige Speisekarte wurde durch Jagd und an den Pluss- 
passagen durch Plschfang angenehm belebt. Es wird ja mit sehr wenigen Aus- 
nahmen Alles gegessen, was geschossen wird, und es wird ausser Aasvögeln und 
kleinen Vögeln Alles geschossen, was Wirbeltier heisst. Icii habe in Rio de 
Janeiro ein lehrreiches Büchlein, den »Cozinheiro Nacional«, Nationalkoch, ge- 
funden, das auf jeder Seite beweist, wie mannigfaltig und gesund die zoologische 
Küche Brasiliens ist und uns liier als kompetenter PÜhrer dienen mag. P"ür den 
Tapir i6 Rezepte, für Jaguar, Ameisenbär, Galictis, ein marderartiges Tier, 
3 Rezepte, für den Affen 7 Rezepte: »man nimmt einen Affen, schneidet den 
Kopf ab'< und richtet ihn zu i) am Spiess gespickt, 2) im Ofen gebraten, 3) ge- 
dünstet mit Gurken, 4) gestovt mit indischen P>igen, 5) gekocht mit Kürbis, 
6) gekocht mit Bananen, 7) gebraten mit Salat von süssen Kartoffeln; es werden 
natürlich empfohlen Reh (26 Rezepte) und Wildschwein, dann Plschotter und 
besonders die Nagetiere Coelogenis paca (12 Rezepte), einem Spanferkel ähnlich, 
Cavia aperea, das kleine Haustierchen der Peruaner, »excellente«, und das 
Kapivara, H}'drochoerus capybara, das sehr schmackhaft und äusserst gesund ist 
für skrophulöse, syphilitische, rheumatische und tuberkulöse Personen, aber leider 

3* 



- 36 - 

schlecht riechenden und schmeckenden Arzneien nachgesetzt wird wegen seiner 
mühsamen Zubereitung: 24 Stunden in Gewürze, 24 Stunden in fliessendes Wasser 
gelegt, 6 Stunden angesetzt mit Branntwein, Nelken, Petersilie, Zwiebel, Ingwer, 
Majoran, Salz, Pfeffer, am Spiess gebraten und, wenn fertig, serviert. Ferner sind 
die Beutelratte Gamba und der Rüsselbär oder das Koati, Nasua socialis, »aus- 
gezeichnet und sehr gesucht«. Von drei Arten Tatüs, Gürteltieren, werden zwei 
Arten nicht gelobt, das Tatü canastra, Dasypus Gigas, wegen seines zähen 
Fleisches, und das »Tatü cavador dos cemeterios«, das »Grabgürteltier der Kirch- 
höfe«, wegen seines üblen Geruches. Die Eidechse liefert ein Fricasse, dem des 
Huhnes zum Verwechseln ähnlich. Die Hühnervögel des Waldes, Jakü (Penelope) 
und Mutung (Crax), sowie die grossen und kleinen Papageienvögel sind in Ragouts 
vortrefflich; vor dem Anü (Crotophaga) dagegen, der nur Zecken fresse und 
stark rieche, wird gewarnt, obgleich er nach allgemeinem Glauben Asthma, ver- 
altete Lues und Warzen heile. Ganz delikat ist das Fleisch der Schlangen, und 
wer es gegessen hat, zieht es jedem andern vor. Vor Allem ist es ausserordent- 
Hch wirksam bei Herzkrankheiten, veralteter Lues, und ein unfehlbares Mittel im 
ersten Stadium der Elephantiasis. Der Kopf wird abgeschnitten und die Haut 
abgezogen. Das Fleisch der lebendige Jungen zur Welt bringenden Schlangen 
verdient vor dem der eierlegenden den Vorzug, und unter jenen liefert das 
schmackhafteste und heilkräftigste die Klapperschlange. 

In diesen Angaben des »Nationalkochs« sind thatsächliche P^rfahrungen und 
die leicht verständlichen Gedankengänge des Volksglaubens wundersam vermischt. 
Den grösseren Teil der aufgeführten Gerichte, wenn man von der langen Reihe 
einzelner Rezepte absieht, haben wir redlich durchgekostet, doch sind die wenigen 
Schlangen, denen wir begegnet sind, leider niemals in den Kochkessel gewandert. 

Für das Affenfleisch haben wir uns nicht recht begeistern können, obwohl 
der »Nationalkoch«; für ein brasilisches Festdiner, »lautar brasileiro« vorschreibt: 
»man setze je einen Macaco an die vier Ecken der Tafel«. Unser Wildpret war 
eine Cebusart, ein graugelblicher und bräunlicher Geselle mit schwarzem Hinter- 
haupt und behaartem Wickelschwanz. In Brehms Tierleben (I 49, 1890) wird 
»die so häufig hervorgehobene Aehnlichkeit eines zubereiteten Affen mit einem 
Kinde« mit den Worten zurückgewiesen: »Dieser verbrauchte und gänzlich 
unpassende Vergleich sollte endlich aus Reisebeschreibungen verschwinden, denn 
ungefähr mit dem nämlichen Rechte könnte ein gebratener Hase kinderähnlich 
genannt werden; die Menschenähnlichkeit des Affen liegt in seinen Bewegungen, 
nicht in seiner Körperform.« Warum so schroff? Wie ein Mensch aussieht, wissen 
wir Alle, und wir Alle sind thatsächlich an ein Menschlcin erinnert worden. Gern 
gestehe ich zu, dass wir, gewohnt, den Affen als unsere eigene Karikatur zu 
betrachten, eine solche Aehnlichkeit zu finden vielleicht erwarten und sie deshalb 
zu überschätzen geneigt sind. Im Uebrigen bedaure ich, dass ich keine Photo- 
graphie von einem Affen vorweisen kann, der am Spiess steckt: aufrecht, die 
Arme mit den fünffingrigen Händen schlaff herabhängend, den schwarz verkohlten 



— 37 ~ 

und versengten Kopf zur Seite geneigt und das Gesicht (»mit der dämlichen 
Schnute«, erklärte Einer auf nicht-portugiesisch) in schmerzlichem, meinetwegen 
auch dämlichem Mienenspiel erstarrt — ich glaube, man würde mehr doch als 
durch einen Hasen an eine hässliche Miniatur- Menschengestalt erinnert werden. 
Wirkungsvoller freilich ist der Eindruck, wenn der umhergereichte »Spiessgesell« 
mit Kopf und Armen schlenkert und so auch einige der von Brehm geforderten 
Bewegungen wenigstens passiv zum Besten giebt. Die Indianer brachten den 
Affen mit Haut und Haar auf das Feuer, und auch hier habe ich den Vergleich 
vermerkt »wie eine schauderhafte Kindermumie«. Das Fleisch fanden wir zäh, 
doch saftig, den Geschmack nach verschwalktem, schlecht bereitetem Rindfleisch; 
es empfahl sich, den Affen angebraten während der Nacht stellen zu lassen luid 
am nächsten Morgen zu kochen. 

Unser Urteil über den Tapir lautete: er verdient gegessen zu werden, er 
bedarf einer pfeffrigen Brüiie und ist nicht zart. Als bestes Stück gilt der Rüssel. 
Vortrefflich ist, wie wohl bei allen grossen Landsäugetieren, die frisch gebratene 
Leber, die schnell und gut am Spiess herzurichten Vogels Spezialität war. Des 
Wildschweins Geschmack ist sehr verschieden von dem des unsern, es ist auch 
weisslich wie Kalbfleisch. Auf unserm berüchtigten »Bienenpouso« brach eine 
Herde von etwa 60 Stück dicht an dem Lagerplatz vorbei; der tollen Jagd, die 
sich im Augenblick unter grosser Verwirrung und fürchterlichem Hundegeheul 
entwickelte, fielen vier Eber und eine Sau zum Opfer. Es wurde ein mächtiger 
horizontaler, ^2 ni über dem Boden stehender Holzrost, das von den Indianern 
übernommene »Moquem«, errichtet, auf dem die grossen Stücke geröstet wurden 
(»moqueados«), während das Filet am Spiess gebraten und Leber, Herz, Nieren 
mit Speck gekocht wurden. 

Reh und Hirsch, »veado« und »cervo«, schmeckten anders als bei uns. 
Zuweilen war die Hirschkeule ganz vorzüglich, im Aussehen einem kleinen Kalbs- 
braten gleichend, von Geschmack aber feiner und zarter. Wir hatten es mit den 
beiden Arten des Pampashirsches (Cervus campestris) und des Kamprehs (Cervus 
simplicicornis) zu thun. Ihr Wildpret war uns stets sehr willkommen, ausge- 
nommen das des mehr oder minder erwachsenen Hirsches. Der Geschmack 
und Geruch seines Fleisches hat viel von Knoblauch an sich und ist leider sehr 
nachhaltig; der Braten blieb uns bis zur Rückreise, wo wir in der Not auch einen 
alten stinkenden Bock recht hochzuschätzen lernten, ein Ding des Absehens. 
Selbst das Fell behält die »Catinga«, wie in Brasilien allgemein mit dem Tupi- 
wort die Ausdünstung der Neger, Füchse, Böcke u. s. w. genannt wird. Die 
Rehe jenseit des Paranatinga waren noch frei von Menschenfurcht; 30 Schritt 
voraus blieben sie stehen und betrachteten uns neugierig, ein angeschossenes Tier 
machte sich auf den Trab, hielt aber auf 40 Schritt wieder ruhig an und leckte 
sich das Blut ab. 

Jaguar fleisch, das uns 1884 wie fettes Schweinefleisch vortrefflich mundete, 
haben wir 1887 nicht genossen. Den Ameisenbär verachteten wir ob seines 



widerlichen Fettes; junge Tiere sollen nicht so übel sein. Gebratener Rüsselbär 
hat einen angenehmen Wildgeschmack. 

Vögel kamen nur selten zum Schuss, hier und da eine der Rebhuhnarten 
oder eine Taube oder ein Papagei. Sic ziehen die Flusswaldung vor. 

Schildkröten waren ziemlich selten, doch natürlich stets willkommen, be- 
sonders stärkere weibliche Exemplare, die runde ?2ier bis fast zur Grösse mittel- 
grosser Apfelsinen beherbergten. Am Rio Manso assen wir auch in den Schuppen 
gerösteten Alligator schwänz; das fischweisse, in dicken Längsbündeln geordnete 
Fleisch war etwas zäh, aber wohl geniessbar und wurde von den Einen als fisch-, 
von den Andern als krebsartig betrachtet und der Abwechslung halber unserer 
Garne secca vorgezogen. Leguane gab es erst später auf der Flussfahrt. Von 
Fischen habe ich des Dourado, Pakü, Jahü, der Piranha, der Piraputanga zu 
gedenken, von denen die ersteren während der Ruhetage am Rio Manso zum 
Teil geschossen wurden; den Matrincliams des Paranatinga habe ich die verdiente 
ehrenvolle P^rwähnung schon früher angedeihen lassen. In den kleineren Ge- 
wässern der Hochebene war wenig Gelegenheit zum Fischen geboten; die finger- 
langen Lambares wurden mit etwas Farinhakleister von den Leuten gelegentlich 
mehr zimi Vergnügen geangelt. Und die wenigen F'ische bissen auch nicht einmal 
an; der Grund dafür, den einer unserer Mulatten entdeckte, wäre eines Irishman 
würdig gewesen: »weil sie die Angel nicht kennen«. 

Eine grössere Anzahl von Menschen rein auf die Jagd angewiesen, würde 
im Sertäo schweren P^ntbehrungen ausgesetzt sein, selbst wenn sie sich an einem 
günstigen Platz festsetzte. Gleichzeitig aber in regelmässigem Marsch vorrücken 
ist unmöglich. Das Land ist trotz der gegenteiligen Behauptungen der Mato- 
grossenser als verhältnismässig jagdarm zu bezeichnen, doch mögen sich ein paar 
Leute mit guten Hunden und einigem Salzvorrat, sofern sie nicht an eine strikte 
Route und an eine bestiiumte Zeit gebunden sind, recht wohl durchschlagen können. 

Von vegetabilischen Nahnuigsmittcln wird ausser dem bereits besprochenen 
Früchten nur Palmkohl von der Guariroba — chininbitter — und Akuri geboten. 
»Palmwein« haben wir niu' einmal getrunken; wir fällten eine Buriti, die in der 
Höhe — 17 m der Stamm, 2 m (Stiel 0,35 m -f Fächer 1,65 m) das l^latt — 
19 m mass und einen Umfang von 1,2 m hatte, und schlugen mehrere Tröge in 
den stahlhart klingenden Stamm, wobei zwei Beilgriffe zerbrachen. Aus den 
graurötlichen Gefässbündeln floss, in den oberen Trögen nur sehr spärlich, ein 
sanftes Zuckerwasser, das allmähHch einen Geschmack von Kokosmilch annahm 
und ausgetrunken wurde, ehe Gährung eintrat. 

So glaube ich, den hervorragendsten Genüssen, die das Lagerleben bot, ge- 
recht geworden zu sein. Als gewissenhafter Chronist erwähne ich auch Perrot's Ge- 
burtstagsfeier am 14. August: wir vier brachten ihm schon vor Tagesanbruch 
einen solennen Fackelzug mit obligater Musik dar, das heisst ein Jeder, der noch 
herrschenden Nachtzeit angemessen gekleidet, trug eine brennende Kerze, ich blies 
auf meinem Signalhörnchen, Vogel und P^hrenreich pfiffen auf einem Jagdflötchen, 



— 39 — 

Wilhelm auf den Fingern, die Hunde stimmten gellend ein, ich besang den 
Jubilar in einigen schon durch den Reim Brasilien: Familien gebotenen Versen, 
und zu alledem gab es noch einen Schnaps, der den alten Januario zu einem 
lauten, der Himmel weiss, wo aufgeschnappten »hip, hip, hurrah« begeisterte. 
Das Geburtstagskind wurde auch mit einem Packetchen Zigaretten und einem 
Stück amerikanischen Tabaks beschenkt und durfte in einer Tasse Kaffee einen 
noch aufgesparten Rest Zucker trinken. 

Ja, es war ein schönes und lustiges Dasein in unsern billigen Nachtquartieren. 
Wenn das Essen abgetragen war, Jeder sein Besteck im Bach gespült, Manoel 
die Teller gewaschen hatte — der Schlingel gebrauchte für die Reinigung seines 
Kochgeschirrs Seife wie wir bei dem rapiden Verbrauch dieses Artikels eines 
Tages feststellten, ja er hatte die gerupften und ausgenommenen Vögel aussen 
und innen mit Seife gewaschen — • wenn die Nacht sich tiefer und tiefer über 
unser in der Einsamkeit verlorenes Lagerbildchen senkte, dann schaukelten wir 
uns urbehaglich in unsern Hängematten und allerlei Wechselrede flog herüber 
und hinüber. Jagdabenteuer — besonders schön war es, wie Perrot von einem 
über den Fluss überhängenden Baum herabfiel und sich auf einen Alligator 
setzte — und das Tierleben kamen in erster Reihe: als von allgemeinerem Interesse 
möge die bestimmte Behauptung erwähnt sein, dass sich Jaguar und Puma häufig 
kreuzen; auch zwischen der eingewanderten Ratte und Cavia Aperea sollen 
Kreuzungen vorkommen. Perrot's Schilderungen ferner von den Schrecken des 
Paraguaykrieges, von den Mordthaten des Tyrannen Lopez, den sein an den Rand 
der Vernichtung getriebenes Volk noch heute als Heros verehrt und an dessen 
Tod es nicht glauben will, Indianergeschichten, unsere Zukunftspläne, der Verlauf 
der P^lüsse und Chapadöes, la societe de Cuyabä, Reiseerlebnisse und natürlich 
die Heimat — alles das waren unerschöpfliche Themata, und ging einmal der 
Plauderstoff aus, so brauchte man nur Ehrenreich's wohlassortirten Anekdoten- 
kasten anzutippen und es quoll hervor ohn' Ende wie aus dem Hut eines Taschen- 
spielers: Wippchen, Geheimrats -Jette, der urkomische Bendix, die Goldene i lO — 
wehe wenn sie losgelassen, da gab es kein Einhalten. 

Längst waren wir verstummt, dann war seitab, wo die Leute um das Feuer 
Sassen und die Bohnen zum Frühstück kochten, die Unterhaltung noch im vollen 
Gange. Laut klang die Stimme eines Haupterzählers herüber, prächtig nach- 
ahmend, alle Affekte durchlaufend und, wenn die Pointe kam, mit Triumph in 
die höchste Fistel überspringend; kräftig setzte der Beifall der Andern ein, man 
hörte sie lachen und ausspucken: >^o que ladrao, oh, was für ein Spitzbube!« 
»Nur die Neger und die Deutschen können lachen«, behauptete Ehrenreich. 

Allmählich wird es still. Im Walde flötet mit vollen, klaren und ganz 
menschenähnlichen Tönen der Joho, Crypturus noctivagus; er setzt die ganze 
Nacht nicht aus, und, wenn er Abends beginnt, hat sein immer gleichmässiger 
Ruf die unfehlbare Wirkung, dass Jedermann ihn nachpfeift. Kein Lüftchen regt 
sich, doch knattert es in den Fächern der Buritipalmen wie leiser Regen, maschinen- 



— 40 — 

massig schwirrt das ununterbrochene Zirpen der Zikaden, zuweilen mischt sich 
das ferne Geklingel der Madrinha hinein. 

Finster ist es nur im Gebüsch und unter den Bäumen, wo als formlos un- 
deutliche Masse der Wall der Gepäckstücke und Sättel liegt; das Feuer ist bis 
auf einen glimmenden Holzkloben erloschen. Diuch die schwarzen Aeste über 
unserer Hängematte blickt der funkelnde Sternenhimmel, wie körperliche Schatten- 
arme recken sie sich in die Luft, und unter ihnen weg schweift das Auge über 
die dunkle Hochebene, auf der fernhin die roten Glutlinien des fortschreitenden 
Grasbrandes leuchten; zuweilen flackert es empor in wabernder Lohe, kriecht über 
einen Hügel und dehnt sich wieder lang zu einer dünnen Schlange aus, deutlich 
erkennt man Hochöfen, Bahnhöfe, verfolgt die Signallaternen der Schienenwege 
und bemerkt gar hier und da festlich illuminierte Gartenlokale. O Traum des 
Matogrosso, wann wirst du die Wirklichkeit gewinnen, die länger anhält als ein 
nächtliches Phantasma? Der Dr. Carlos, hofften die Cuyabaner, werde den Schingü 
entlang das beste Terrain für die Eisenbahn nach Parä finden. Er fand mehr, 
er liat in mancher Nacht die Bahn schon fertig und im schönsten Betrieb den 
Sertäo durchziehen sehen, aber er ist zum Unglück, wenn er so weit war, immer 
rasch eingeschlafen. 

Und dann in seinem wirklichen Traum, löste er mit sicherer Eleganz ein 
Problem, das viel wichtiger ist als die Eisenbahn im Matogrosso. Er flog. Ev 
flog mehrere Stockwerke die Treppe hinunter, ohne den Boden zu berühren und 
lenkte scharf um die Pxken, ohne anzustossen, er flog draussen zu den Dächern 
empor und über sie hinweg, ja er war sich dabei immer auf das Bestimmteste 
bewusst, nicht etwa zu träumen, und liess sich einmal sogar von dem Direktor Renz 
engagiren, um die neue herrliche Kunst im Zirkus zu zeigen, wo sie freilich im 
entscheidenden Augenblick versagte, und die Menschenmenge den armen Erfinder 
mit brausendem Gelächter verhöhnte. Der Traum des Fliegens war für mich in 
der Hängematte geradezu ein Gewohnheitstraum und immer mit der lebendigsten 
Ueberzeugung des Wachseins verknüpft. Ich gebrauchte selten etwas , was als 
Kopfkissen hätte gelten können, ein Tuch, eine Mütze oder dergleichen, denn 
dieses Ersatzstück verlor sich doch von seinem Platz. So war der Hals und der 
Ansatz des Kopfes im Nacken nicht unterstützt, die durch das Körpergewicht 
straff angezogene Hängematte ging frei weggespannt über diese Stelle, und oben 
oder zur Seite lag der Kopf schwer auf, gleichsam wie ein besonderer Körper 
für sich. Wahrscheinlich ist in dieser unbequemen Lage die Erklärung enthalten. 

Ich hatte einen leisen Schlaf und stand als guter Hausvater auch zuerst 
auf, um Manoel zu wecken, dass er den Mate aufsetze. Schlaftrunken blies der 
Junge die Asclie an und hatte bald sein kochendes Wasser. Dann erschallte 
mein Trompetchen in gellenden Tönen und P'azendinha, der Spitz, sang zur Be- 
gleitung sein Morgenlied. Die geübtesten Fährtensucher brachen auf, die Maul- 
tiere zu holen, wir banden die Hängematten los, packten die Decken ein, wuschen 
uns im Bach mit Seife und, um zu sparen, auch mit Sand, vielleicht kostbarem 



— 41 — 

goldführendem Sand, assen marschbereit unsere Bohnen und warteten mit immer 
neuer Spannung auf den ersten Laut der Khngel der Madrinha. Der gute 
Schimmel erschien, liinter ihm kamen die Esel geschritten — denn die schönen 
Tage waren längst vorbei, als Januario mit dem Maissack raschelnd sein lockendes 
•»jo jo jo« ertönen liess und sie in Aufregung heraneilten und mit dem Vorderfuss 
ungeduldig aufstampften — eifrig zählten wir der Reihe entlang und dankten 
unserm Schicksal, wenn keins der teuern Häupter fehlte und sich nicht einmal die 
beiden Elpidios »versteckt« hatten. Gewöhnlich kamen sie in kleinen Abtheilungen 
und nicht selten hatten sich einige erst eine Stunde weit oder mehr vom Lager ent- 
fernt gefunden, wohin man ihre Spuren verfolgen musste. Die Tiere winden jedes 
an eine Stange oder ein Bäumchen gebunden, und die Avantgarde setzte sich in 
Bewegung. 

Rolldonstrasse und letzter Teil des Weges. Es war am 25. August, 
als wir die beiden Ouellflüsse des Ronuro, den Bugio und den Jatoba möglichst 
nahe ihrem Ursprung passiert hatten, und weiter östlich ziehend eine frische 
Queimada bemerkten. Sie konnte nur von der Goldsucher -Expedition des 
Cuyabaners Rondon herrühren: bald kreuzten wir in der That auch seinen nach 
Norden gerichteten Weg, einen schmalen, aber von den Eseln festgetretenen 
Graspfad. Rondon war also in das Gebiet des Jatoba und damit des Ronuro 
vorgedrungen; dort hoffte er das Eldorado der Martyrios zu finden. Da er, wie 
wir wussten, über die Eazenda S. Manoel gezogen war, denselben Weg, den wir 
auf der Heimreise von hier aus einschlagen wollten, so war es für uns von 
grossem Interesse, darüber Näheres zu erfahren. Er konnte uns vielleicht beraten, 
ob sein Weg auch in der Regenzeit, in der wir zurückkehrten, überall gangbar 
und der Rio S. Manoel dann für unsere Truppe passierbar sein werde, wie weit 
es ferner von hier noch bis zur Fazenda und wie jenseits derselben der Anstieg 
auf die »Serra« beschaffen sei. 

Die Rondonstrasse kreuzte sich mit unserm Wege rechtwinklig bei einem 
freistehenden, verhältnismässig hohen Baum; er sollte die Sertaopost vermitteln. 
Ich schrieb Abends auf dem Pouso am Westarm des Batovy meinen Brief, in 
dem wir den Kollegen begrüssten und unsere Fragen formulierten, und legte ihn 
nebst einem Bogen Papier und einem Bleistift in eine wasserdichte Blechbüchse. 
Perrot und Januario ritten am nächsten Morgen zurück, nagelten die mit Leder- 
riemen umschlossene Büchse an und befestigten kreuzweise darüber zwei Bambus- 
stöcke mit flatternden Fähnchen. Das Terrain ringsum war bereits Queimada, 
sodass man von einem Feuer nichts zu befürchten brauchte; der Baum wurde 
noch gründhch markiert und aussen auf dem Briefkasten stand mit Tusche ge- 
schrieben die Adresse: >Jllm2 Sr. Rondon.« 

Obgleich wir möglichst nach Süden gehalten hatten, fanden wir den West- 
arm des Batovy doch bereits stärker als uns lieb war; er floss ausserdem 
zwischen steilen Uferhängen, die abgestochen und mit einem Geländer flankiert 



— 42 — 

werden mussten. Das Quellbecken des Batovy zeigte sich weiter südwärts vor- 
geschoben, als unsere Karte von 1884 auf Grund von Peilungen angab. Wir 
machten, nachdem wir einen kleinen Mittelarm ohne Mühe passiert hatten, eine 
Rekognoszirung nach Süden und fanden eine von breiten Waldstreifen reich 
durchsetzte Landschaft: der Wald des Batovy schien unmittelbar in den des 
Paranatinga oder, mussten wir uns fragen, östlich auch schon des Kulisehu 
überzugehen; eine Wassersclieide war nicht zu erkennen. Im Batovybecken 
entdeckten wir auch deutliche Indianerspuren, wahrscheinlich von umherstreifenden 
Kayapo herrührend, von Menschenhand geknickte Zweige und ein bei Seite ge- 
worfenes Stück Buritistab. Und, was uns nicht minder interessierte, ziemlich 




Abb. I. Briefkasten im Sertäo. 



frische Fährten von Ochsen und ein Lager, das von 5 — 6 Tieren benutzt zu sein 
schien. Das waren Ochsen, die uns selbst gehörten, die wir selbst bezahlt 
hatten: 1884 bei der PLinschiffung hatten wir sie laufen lassen, da sie zum 
Schlachten wegen ihres heruntergekommenen Zustandes und ihrer Wunden nicht 
taugten. Jetzt waren sie, wie die breit ausgetretenen Spuren bewiesen, rund und 
fett geworden. Aber es gelang nicht, sie aufzutreiben, und nur ein Tapir fiel 
ims zur Beute. 

Nachdem wir am 27. August das letzte Quellflüsschen des Batovy über- 
schritten, einen äusserst mühseligen Anstieg auf den Ostchapadäo ausgeführt, auf 
seiner Höhe eine lange, 10 m breite, 3 — 4 m tiefe Erdspalte, deren Wände aus 



— 43 — 

grauschwarzem, trocknem Morast bestanden und in die der Wald hinabgestürzt 
war, durch scharfes dürres Massegagras auf Tapirpfaden wandernd umgangen und 
einen unangenehmen Chapadäo mit einem Niederstieg voller Cangablöcke gekreuzt 
hatten, machten wir an einem sumpfigen Bächlein einen Ruhetag, nicht denkend, 
dass wir bereits Kulisehuwasser tranken. Die Maultiere waren von den Strapazen 
schon recht mitgenommen, während die Hunde sich gerade hier, in den besten 
Jagdgrüncien, am wohlsten fühlten und gelegentlich mit Tapirfleisch derart voll- 
pfropften, dass sie sich kaum mehr bewegen konnten, auch selbst zu jagen viel 
zu faul wurden. 

Wir wünschten auf der Wasserscheide zwischen Batovy und seinen östlichen 
Naclibarn nach Norden zu rücken, allein wir gerieten in ein schreckliches Hügel- 
gewirr mit tiefen Abstürzen, mussten jeden Fortschritt in nördlicher Richtung 
mit einem Umweg nach Osten erkaufen und hatten Tag für Tag mit den 
schwierigsten Passagen zu kämpfen: die kleinen Bäche höher oben waren tief 
eingeschnitten und hatten senkrechte Ufer, die grösseren weiter unten verbreiterten 
sich rasch zu Flüsschen von mehr als 30 m Breite, deren Gewässer träge zwischen 
Sancisteinblöcken dahinfloss und von hohem Wald oder starrendem Bambusdickicht 
mit sumpfigem Grund eingeschlossen war. Das Land zwischen den Quellarmen 
war fast ausnahmslos klassischer Campo cerrado, w^o Antonio, Wilhelm und ich 
schwere Arbeit hatten. Wie ein gehetztes Wild hatte Antonio bachaufwärts, 
bachabwärts zu rennen, um nach einem erträglichen Uebergang zu fahnden. Aber 
die Esel stürzten dennoch oft einer hinter dem andern. 

Kräftig sahen wir den Hauptfluss unseres Thals sich entwickeln, immer 
breiter und voller schwoll sein W^aldstreifen an, aber war es der Kulisehu? 30 — '^6 m 
Breite war doch sehr wenig. Wir rechneten bestimmt darauf, dass bald von 
Osten her ein stärkerer Arm hinzukomme, doch hofften wir vergebens. Antonio 
freilich hatte die feste Ueberzeugung. wir müssten schon am richtigen Kulisehu 
sein, wo weiter abwärts die Bakairi wohnten; er hatte von den Bakairi des Batovy 
erfahren, dass die Kulisehu-Bakairi den Fluss hoch bis zu einem grossem Katarakt 
hinaufgingen, um dort zu fischen, und dass die Batovy-Bakairi drei Tage ge- 
brauchten, wenn sie ihre Stammesgenossen am Kulisehu über Land besuchten. 
Im nahen Bereich von Indianern schienen wir schon jetzt zu sein. Am 2. Sep- 
tember bemerkten wir Abends einen Schein im Osten, der jedoch vielleicht vom 
aufgehenden Mond herrührte, am 4. September konnten wir ihn mit Sicherheit 
als Feuerschein ansprechen, und am 5. September brachte uns der Wind am Tage 
Rauch und Asche aus SSO. 

Mit deutlichen Anzeichen rückte die Regenzeit heran. Die Luft war dunstig, 
die Hitze unausstehlich, die Sonne ging löschpapierfarben auf und ging rosa am 
trüben Himmel wie eine Polarsonne unter; in der Nacht vom i. auf den 2. Sep- 
tember hatten wir den ersten Regenalarm, aber es blieb bei dem Schrecken; 
nur im Osten ging ein Gewitter nieder. Doch am 2. September regnete es auch 
wirklich ein wenig; wir schlugen zum ersten Mal, freilich mehr zum Vergnügen 



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als weil es notwendig gevvesen wäre, die Zelte auf. Die Vorräte verringerten 
sich bedenklich: wir hatten noch zwei Alqueires (ä 50 Ltr) Bohnen und die letzten 
zwei Alqueires Farinha — - sie allein giebt Kraft, während Bohnen und Fleisch 
nur den Magen beschweren, meinten unsere brasilisclien Soldaten — waren bereits 
angebrochen, der Speck war aufgezehrt, nicht ohne nächthche Beihilfe unserer 
Jagdhunde. 

Am 6. September Cerrado, Cerrado! Die Avantgarde säbelte wie besessen, 
um der Truppe einen Weg zu öffnen. Es war Pikade schlagen und nicht mehr 
markieren. Gegen 1 1 Uhr kamen wir endlich einmal an eine hochgelegene 
Lichtung und gewannen einen Ausblick nach Norden, Diavo, Cerrado, so weit 
das Auge reichte, Cerrado für Leguas hinaus! Wir sahen einander an und ver- 
standen uns ohne Worte: rechts schwenkt marsch zum Fluss hinab und weiter 
vorwärts auf dem Flusse selbst! In einer halben Stunde erreichten wir das Ufer 
und sahen, dass wir eine vortreffliche Ecke gefunden hatten: ein frischer 8 m 
breiter Bach floss hier ein, schlankstämmige Bäumchen für die Hängematten waren 
hinreichend vorhanden, und ein breites Stück Grasland schob sich waldfrei bis an 
diesen Lagerplatz vor. Die arme Truppe, sie erschien erst um 4 Uhr Nach- 
mittags: acht Esel hatten sich seitwärts in die Büsche geschlagen; einer war nach 
langem Suchen an einem Bach liegend gefunden worden, einer steckte noch im 
Walde und sie selbst, die fromme unbepackte Madrinha hatte dem Zuge ent- 
schlossen den Rücken gewandt und das Weite gesucht. 

»Viva a independencia!« riefen unsere Brasilier am Tage ihres Festes, den 
7. September, und Independencia wurde der Name unseres Standquartiers: 13" 
34', 3 südl. Breite, 51" 58', 5 westl. Länge von Greenwich, Es wurde beschlossen, 
dass Antonio ein Rindenkanu mache, wovon wir uns freilich jetzt am Ende der 
Trockenzeit, da die Rinde des Jatobä-Baumes dann spröde ist und zerspringt, 
nicht gerade das Beste versprechen durften, und dass ich mit ihm und Carlos 
mich einschiffe, um zu sehen, ob wir zu Indianern und, wenn das Glück uns hold 
war, zu Bakairi-Indianern gelangen würden. Günstigen Falls, rechneten wir, in 
etwa drei Tagen; Vogel schätzte die Höhe der Independencia, die 148 m über 
Cuyabä, 367 m über dem Meeresspiegel betrug, auf ungefähr 50 m über der 
Kulisehumündung, es standen jedenfalls noch starke Stromschnellen oder Wasserfalle 
in Aussicht. Mittlerweile sollten die andern Herren rekognoszieren, ob nicht auch 
flussabwärts ein günstiger Lagerplatz zu finden sei, damit wir die Maultierstation 
womöglich weiter vorschieben könnten. Erst im Fall eines Misserfolgs unserer 
Kanufahrt kamen die Indianer, die wir nach dem Feuer im Osten vermuteten 
und die sicher keine Bakairi waren, in Betracht. Unser Fluss war noch bedenk- 
lich schmal. Von rechts her musste jedenfalls ein stärkerer Arm hinzutreten, da 
die Einmündung unseres Kulisehu von 1884 in »Schingü-Koblenz« einem statt- 
lichen Strom entsprach: gehörten die Indianer der östlichen Queimada zu seinem 
Gebiet, so durften wir hoffen, von den Bakairi am besten bei ihnen eingeführt 
zu werden. 



— 45 — 

Was endlich den Unterhalt der hier oder ein Stück flussabwärts zurück- 
bleibenden Tiere und Leute anging, so musste für jene eine frische Queimada 
angelegt werden, und war diesen guter Fischfang und gute Jagd im Flusswald 
gewiss. Schon die ersten Versuche lieferten prächtige Trahirafische (Erythrinus) 
einen Mutum cavallo (Crax) und eine Jakutinga (Penelope) in die Küche; an 
Schweinen und Nagetieren konnte es nicht fehlen. Eine grosse Sukuri-Schlange 
(Boa Scytale) wurde nicht nur nicht gegessen, sondern sogar als Fischköder ver- 
worfen. Auch nur von rein theoretischem Interesse war der Fund eines Riesen- 
gürteltiers (Dasypus Gigas), das durch einen Schuss in den hintern Teil des 
Rückenpanzers getödtet wurde und penetrant nach zoologischem Garten roch. 
Ein träges Geschöpf, sehr muskulös, zumal an den zum Graben gebrauchten und 
mit mächtigen Krallen versehenen Vorderbeinen. Es ist bereits sehr selten und 
gehört schon halb der Vorzeit an. Ungefähr so, wie die Indianer der »Steinzeit«, 
die wir suchten. 



IV. KAPITEL. 



Erste Begegnung mit den Indianern. 

Rindenkanus, Indianerspuren. Meine Fahrt mit Antonio und Carlos. Tierleben. Träumerei vor 

dem Abendessen. Einmündung des Ponekuru. Katarakte. Die Aiizeiclien der Besiedelung mehren 

sich. Der Häuptling Tumayaua. Nach dem ersten Liakain'dorf. Aidcunft des »Karaiben«. 

Nach mehrfach vergebHchem Anklopfen fand Antonio eine Jatobä (Hy- 
menaea sp.) mit brauchbarer Rinde. Es wird ein Stangengerüst um den Baum 
errichtet, ein langer rechteckiger Streifen Rinde mit Axthieben abgelöst und, 
vorsichtig heruntergenommen, auf niedrige Stützen gestellt; dann wird die Rinde 
durch Hitze, indem man ein Feuer imteriialb anzündet und auch oben Reiser an- 
brennt, geschmeidig gemacht, und die Rander der Längsseiten werden empor- 
gebogen. V^orne bildet man eine Spitze, hinten wird die Rinde nach iinien vor- 
gedrückt, sodass eine leicht eingebuchtete Querwand mit scharfwinkligen Kanten 
entsteht, an denen sich die Rinde mit Vorliebe bald spaltet. Das Kanu sollte 
an einem Tage fertig gestellt imd den nächsten Morgen zum Wasser gebracht 
werden. 

Antonio kam merkwürdig vergnügt von seiner Arbeit heim. Ich glatibte, 
weil das Kanu gtit geraten sei, unterhielt mich mit ihm darüber eine Weile luid 
meinte, noch einmal zu unsern Plänen übergehend: ;^Also Du fürchtest nicht, dass 
der Fluss ohne Anwohner sei?« »Nein«, erwiderte er abweisend, »ich habe ja 
schon einen Rancho gefunden.« »Warimi sagst ]3u das denn nicht.^« »Ich wollte 
es ja noch sagen.« Beim Suchen nach Ruderholz hatte er eine zusammengefallene 
palmstrohgedeckte Jagdliütte entdeckt; ihre Pfosten zeigten die stimipfen Hieb- 
marken des Steinbeils. Daneben lagen angebrannte Holzkloben noch in der 
radienförmigen Anordnimg des indianischen Lagerfeuers; benachbarte Jatobris 
hatte man mit Steinäxten auf ihre Brauchbarkeit untersucht, ein noch erkenn- 
barer Weg durchs Gebüsch führte zu einem »Hafen« am P'lusse. Antonio 
glaubte, es sei wohl ein Jahr her, dass die Besucher sich hier aufgehalten hätten. 

Donnerstag) den 8. September 10^/2 Uhr Morgens stiessen wir ab. Carlos 
sass vorn, Antonio hinten, icii in der Mitte. P2in Zelt, das wir gern mitgenommen 
hätten, musste wegen seines Gewichts zurückbleiben und mit einem leichteren 



— 47 — 

Ochsenfell vertauscht werden. Das Kanu war in der Eile doch herzlich schlecht 
geraten und Flickwerk schon von Anbeginn. Grade unter mir durchsetzte den 
Boden des schmalen Stücks Rinde, das ein Fahrzeug darstellen wollte, ein '^/s m 
langer wachsverklebter Riss; an den Seiten rannen unter den dort aufgepappten 
Lehmklumpen leise und unaufhörlich quellende Wässerchen hervor, die den Fuss 
umspülten. 

Aber was lag daran? Ich war glücklich. Wir hatten bestimmte Aussicht, 
Indianer zu treffen; wir zweifelten in unserm Herzen kaum, dass es Bakairi sein 
würden. Mochte aber kommen was da wollte, wir drei konnten uns aufeinander 
verlassen. Carlos sang mit seiner harten Stimme sorglos die brasilischen Gassen- 
hauer in den Wald hinein; Antonio schwieg, aber wenn ich mich umschaute, sah 
ich sein ehrliches Gesicht strahlen von guter Laune und Unternehmungslust. 

Das W^asser war still und fast tot. Wir passierten einige kleine Schnellen 
und Sandbcänke, an denen ausgestiegen werden musste, und wo ich auf's Neue zu 
lernen hatte, mit nackten Füssen über Kiesel und Geröll zu gehen. Langwierige 
Hindernisse bildeten die mächtigen Baumgerippe, die seitlich im Flusse lagen 
oder ihn auch überbrückten und durchsetzten; mit tiefgeduckten Köpfen krochen 
wir seufzend unter den Stämmen durch oder säbelten die sperrenden Aeste nieder. 
Dickicht am Lande, Dickicht im Wasser. Aber wir waren nun einmal in der 
Höhe der Trockenzeit; 5 — 8 m erhob sich die steile Uferwand, die während der 
Regenperiode nicht sichtbar ist, frei über dem Wasserspiegel, durchzogen von den 
horizontalen Linien früherer Pegelstände. So kamen wir auch an vielem jetzt 
blossliegendem Sandstrand, der meist sanft geböscht und mit zahlreichen Tier- 
spuren bedeckt war, vorüber. 

Das muntere Vogelleben am Fluss fiel uns nach der langen W^anderung 
durch die tote Einöde des verkrüppelten Buschwaldes doppelt auf und that uns 
nach der Entbehrung doppelt wohl. Man muss die Vögel auf der Stromfahrt 
einteilen in solche, die man sieht, und solche, die man nur hört. Eine ganze 
Reihe von befiederten Bewohnern des W'aldes sind uns sehr vertraut geworden, 
die wir doch unterwegs nicht ein einziges Mal erblickt haben; wir kannten ihren 
Ruf, wir ahmten ihn nach, wir Hessen ims von unsern Begleitern erzählen, zu 
welcher Art sie gehörten, wir lasen über sie in den Büchern nach, aber wir 
würden in einem Museum an diesen Freunden vorübergehen, ohne sie zu 
erkennen. Carlos, der in seiner früheren Stellung zahllose Vögel des Matogrosso 
gejagt und abgebalgt hatte, war leider weit sachverständiger als ich; er teilte 
seinerseits die Vögel in solche ein, die Herbert Smith »hatte'< und solche, die 
er »nicht hatte«. Zu der letzten Kategorie gehörten die Scln\alben, dieselben, 
denen wir 1884 auf dem Batovy begegnet waren. Wir sahen oder hörten sonst 
von Vögeln schon an diesem ersten Tage Tauben, Kolibris, kleine Schw<ärme 
Periquitos, Araras, Eisvögel, den gelben Bemtevi (Saurophagus sulphuratus), den 
neugierigen kopfnickenden Strandläufer Massarico (Calidris arenaria), den Biguä 
(Carbo brasilianus) und Sperberarten, Taucher der Luft neben dem des Wassers, 



- 48 - 

endlich die Penolopiden Arakuan und Jakutinga, die von uns mit besonderem 
Interesse verfolgten wohlschmeckenden Hühnervögel. Von Fischen bemerkten wir 
Matrincham , Bagre, den Wels oder Pintado und Agulha, den Nadelfisch, der in 
Gestalt des Restes einer Otternmahlzeit gefunden wurde. Ausserordentlich zahl- 
reich waren gelbe Schmetterlinge am Sandstrand, die Smith >>zu Tausenden 
hatte«, ferner Bienen und Grillen. Zuweilen plumpste ein Sinimbü, der Leguan, 
von einem Ast in das Wasser hinunter. Auf dem Sande liefen die Spuren von 
Schildkröten, Schweinen und Tapiren. Die Kaimans, »Jakare« der Brasilier, 
schienen sehr selten zu sein, wir sahen jedoch eine kleine Art, und in der Nacht 
wurde Antonio — so erklärte er am nächsten Morgen — als er wegen der 
Moskitos die Hängematte verlassen habe, von einem neugierigen Vertreter dieser 
Sippe unfreundlich angefletscht. 

Wir nannten deshalb unsern Lagerplatz, den wir kurz nach 4 Uhr bezogen 
hatten, den Pouso do Jakare. Antonio nahm sich des unglücklichen Kanus an; 
er schob es auf ein niederes Gerüst von Gabelstützen, zündete ein Reisigfeuer 
darunter an und richtete das Vorderteil nach Möglichkeit empor; den Riss ver- 
stopfte er mit Lumpen und verschmierte ihn mit Bienenwachs. Brüllaffen gaben 
uns ein Abendkonzert und thaten so fürchterlich, als ob wir das Gruseln lernen 
sollten. 

Gern standen wir den nächsten Morgen frühzeitig auf; wir fluchten über die 
Moskitos und fuhren um ö'/a Uhr in den zarten üampfnebel hinaus, der über 
dem Wasser wallte. Die Vögel zwitscherten und lärmten, ein Kaitetü- Schwein 
durchschwamm in der Ferne den Fluss. Wir ruderten möglichst geräuschlos 
zwischen den mit Kampvegetation bestandenen Ufern hin: viel hohes Laub- 
gebüsch und Bambusdickicht, aus dem der Baum der roten Ameisen, die Imbauva, 
emporragte. Ein fetter Mutum cavallo mit schwarzem, grünblau schimmernden 
Gefieder und siegellackrotem Kamm wurde glücklich erbeutet und sofort gerupft; 
Antonio sammelte die Schwungfedern und Schwanzfedern, die gespalten und in 
spiraliger Drehung dem Ende des Pfeilschaftes aufgesetzt werden, sorgsam für 
seine Genossen am Paranatinga, um ihnen etwas von der Reise mitzubringen. 
Ein Stückchen des Fleisches diente zum Köder, als wir eine Schnelle mit bloss- 
liegenden l^löcken passierten und die Matrinchams aufstörten, die dort zwischen 
den Steinen angeblich schliefen. Die Beiden warfen ihre Angeln aus und Hessen 
sie bei jedem Wurf ein paar Mal verlockend aufschlagen; es wurde auch ge- 
schnappt, aber leider nicht angebissen. Sie schössen auf ein paar spielende 
Ariranhas, grosse Fischottern, die wie Robben auftauchen, fauchen, blitzschnell 
verschwinden und plötzlich irgendwo weit flussabwärts wieder erscheinen. 

Kurz nach Mittag bemerkte Antonio am rechten Ufer abgerissene Zweige; 
wir stiegen aus und sahen bei näherer Untersuchung, dass man ein erlegtes Jagd- 
tier, ein Kapivara wahrscheinlich, auf eine Streu von Zweigen und Blättern gelegt 
hatte, um das P'leisch beim Ausweiden vor dem Sande zu schützen. Es fand 
sich weder Hütte noch P'euerstelle ; die Beute war also von diesem Ort nach dem 



TAF. IV. 




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V. d. Steinen, Zentral -Brasilien. 



— 49 — 

Lagerplatz oder gar nach dem Dorfe gebracht worden. Die Narben des Strauch- 
werks sollten aber einen Monat alt sein. Wir machten hier unsere Mittagspause, 
brieten den Mutung nebst dem von dem Otter apportierten Fisch, würzten das 
Frühstück mit hoffnungsvollen Konjekturen und stiessen, nachdem ich Carlos zum 
Nachtisch noch die Freude gegönnt hatte, mir einen dicken Sandfloh auszuschälen, 
in froher Stimmung ab. Borrachudos, die kleinen Stechfliegen, begleiteten uns 
in einer dichten Wolke; wegen des infernalischen Juckens musste ich die nackten 
Füsse mit einem Taschentuch umwickeln. Es war schwül und regnerisch. Bald 
brach auch ein heftiges Gewitter los und nötigte uns, an steilem, schlüpfrigem 
Uferhang, wo einige Steinhaufen vorgelagert waren, für eine gute Stunde Schutz 
zu suchen. Dann aber wurde es mild und sonnig, und unsere Wollenwäsche war 
rasch getrocknet. Schön oder gesellschaftsmässig war sie ja nicht, meine Jäger'sche 
Bekleidung, doch fand ich sie leicht und praktisch, und die Indianer hatten kein 
Recht mich zu tadeln, wenn ich nur in Hemd und Unterhose reiste. 

Die Nähe der »Compadres« oder Gevattern wurde immer augenfälliger. 
Denn als wir um 5 Uhr nach einem Lagerplatz Umschau hielten, kamen wir — 
gerade zur rechten Stunde — an eine Bachmündung, die am linken Flussufer 
lag, zu unserer Freude klares, kühles Wasser führte und eine zwar kunstlose, 
aber von Menschenhand herrührende Versperrung durch Astwerk zeigte: eine 
»Chiqueira«. So nennen die Brasilier eine der einfachsten und von der Natur 
selbst in häufigen zufälligen Vorkommnissen vorgebildeten Fischfallen an der 
Mündung eines Baches oder dem Ausfluss eines Lagunenarmes; die Fische 
treten bei hohem Wasserstand ungehindert ein und können bei niederem nicht 
mehr zurück. Wir kletterten die steile Böschung hinauf und fanden oben einen 
ausgezeichneten Platz für das Nachtquartier, frei von Untergestrüpp und mit 
mittelstarken Bäumen in gehörigem Abstand. Nur jammerten unsere Leute, als 
sie das Kanu in den Chiqueirabach hinaufgeschoben hatten, dass sie in dem 
Uferlehm »frieiras« bekommen hätten, schmerzhafte Anschwellungen, wie sie ent- 
ständen, wenn man in Kapivaralosung, Maultierjauche und dergleichen schöne 
Sachen trete. Sie trampelten ein Weilchen vor Schmerz mit den Füssen und 
rieben sie mit Salz ein. 

Es war ein herrlicher Abend. Möge mir der Leser verzeihen, wenn ich ihn 
trotz seines rein subjektiven Inhalts noch einmal heraufbeschwöre. In der Hänge- 
matte sitzend, gönnte ich mir zum ersten Mal seit Cuyabä den Luxus, bei einem 
Kerzenstumpf zu schreiben; in dem dichteren Walde nebenan musizierten die 
Grillen, unten murmelte das Bächlein, und, höherer Aufmerksamkeit wert, brodelten 
über dem Feuer dort im Kessel widerspenstig — Landgraf Ludwig, werde hart, 
werde hart! — die braunen Bohnen. 

Es dauerte nicht lange, so lag das Tagebuch verloren in einem Winkel der 
Hängematte. Ich lachte selbst ein wenig darüber, aber ich betrachtete mein 
Ereignis, den Kerzenstumpf, mit wahrer Zärtlichkeit und schaukelte mich, in die 
Flammen starrend, behaglich rauchend und den Körper wie die Seele in sanften 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 4 



— 50 — 

Schwingungen wiegend. Gedanken hatte ich eigentUch nicht und das that wohl. 
Auch Sehnsucht hatte ich nicht nach den Genüssen, die uns daheim unentbehrUch 
scheinen. In meinem Pfeifchen und in meiner Kerze erschöpfte sich alles Be- 
dürfnis nach Glück. Im Augenblick galt mir um Vieles mehr als ein Seidel 
»Echtes« oder eine Flasche Rauenthaler die Kürbisschale frischen Bachwassers, 
die Carlos mir an die Hängematte reichte; kaltherzig gedachte ich jener Dinge 
wie einer blassen Vergangenheit. Ich sagte mir, dass es die Stunde sei, wo man 
sich daheim zu Konzert, Theater, Gesellschaft begiebt. Und unversehens wusste 
ich mich selbst inmitten des Berliner Strassengetriebes, ich trat vor eine Litfass- 
säule, las die bunten Anschläge von oben nach unten und ging lesend rund 
herum, aber mein Puls blieb ruhig, und es regte sich kein Zucken der Begehrlich- 
keit. Stillvergnügt bemerkte ich nur, dass ich kein Geld bei mir hatte, und dass 
meine Toilette für die Linden polizeiwidrig war; mit der Empfindung harmlosen 
Spottes schaute ich auf die Zeitungsverkäufer, die rollenden Wagen, die erleuchteten 
Läden, die treibende Menschenmenge, gern kehrte ich zurück an meinen dunklen 
Urwaldfluss. 

Aber sind denn auch sie so leicht zu entbehren, fragte ich mich in meinem 
träumerischen Dusel, sie, die unsere ganze Empfindungswelt beherrschen und be- 
seelen? Eines wenigstens war gewiss: würde das Wunder geschehen sein, was 
nicht geschah, und hätten mich aus dem Gezweig urplötzlich ein paar der 
blühendsten Lippen verführerisch angelächelt — ich würde geraucht imd freundlich 
um die Erlaubnis gebeten haben, weiter zu rauchen. Das Beste, folgerte ich, 
scheint es demnach zu sein, wenn wir mit der Erinnerung an feinere Genüsse ein 
stilles Glück in den allereinfachsten finden können ; der Philosoph von Wiedensahl 
hat wieder einmal Recht: »Zufriedenheit ist das Vergnügen an Dingen, welche wir 
nicht kriegen«. 

Und dennoch, nur und allein um der braunen Bohnen oder der Wildnis 
und Stromschnellen willen würde ich Berlin nicht mit dem Schingü vertauscht 
haben; ohne einen höheren Zweck, eine Hoffnung also, die in ernsten Kultur- 
begriffen wurzelt, würde auch die echteste Natur sehr bald wohl unausstehlich 
werden. Drollig genug, dass Unsereins von Deutschland herüberkommt und hier 
vielleicht sein kostbares Leben aufs Spiel setzt — um die Heimat der Karaiben 
zu suchen! »Was ist ihm Hekuba?« Was ist mir Cuyabä und Karäiba? 

Doch es giebt Probleme so verzwickt und unergründlich, dass man sie mit 
hungrigem Magen nicht zu lösen vermag, und es war gut, dass Carlos vom Feuer 
her endlich seinen Triumphruf »Pronto« erschallen liess. Die Bohnen standen an- 
gerichtet auf dem Boden, das Farinhasäckchen lag daneben, von dem eingerammten 
Holzspiess winkte wohlwollend noch ein Rest Mutung — mochten die Grillen im 
Walde weiter zirpen. 

Um 672 Uhr (10. September 1887) fuhren wir ab, begierig der Dinge, die 
nach den Vorzeichen des gestrigen Tages heute kommen würden. Nach 20 Mi- 
nuten mündete auf der rechten Seite ein Fluss in den unsern ein, ebenso stiller 



_ 51 — 

Flut wie er und nur ein wenig schmaler. Er wurde uns später als Ponekuru 
bezeichnet. Die vorwiegende Richtung der vereinigten Gewässer war N bis NO, 
dieselbe, die auch unsere frühere Fahrt trotz der zahlreichen Windungen einzu- 
halten bestrebt gewesen. Unsere ganze Aufmerksamkeit aber hielt schon eine 
Weile vor dem Erscheinen des Zuflusses ein uns von 1884 her nur zu wohlbe- 
kanntes, mehr und mehr anschwellendes Brausen gefesselt: wir näherten uns einer 
grossen »Cachoeira«. Wir passierten etliche Steininseln, die aus Sandsteinblöcken 
bestanden und mit niederm Gebüsch und dünnen Sträuchern bewachsen waren, 
das Tosen und Rauschen nahm mächtig zu und plötzlich blickten wir hinab auf 
das verbreiterte, mit gewaltigen Steinlagern gefüllte Strombett, in dem der 
Schwall der Wassermassen über eine weite Strecke schäumend und strudelnd 
thalwärts stürzte. Unser späterer Salto Taunay. 

Wir hatten eine Stunde Aufenthalt. Das Kanu wurde die Stufen hinab- 
geschoben, das Gepäck den Uferrand entlang auf den Schultern getragen. Ich 
hätte mich selbst sehen mögen: Strohhut mit Ararafedern, Hemd, Unterhose, 
Ledergürtel, Umhängetasche, grauleinene Baskenschuhe, über dem linken Arm 
das gefaltene Ochsenfell und in der rechten Hand unsere vier Zinnteller, deren 
oberster mit einem Rest gekochter Bohnen gefüllt war ; dabei eifrig Umschau 
haltend und nach Verdächtigem ausspähend. An einer Cachoeira, wie dieser, 
giebt es reichliche Gelegenheit für Fischfang; und richtig, wir fanden deutliche 
Fussspuren und auf den Steinen halbverbrannte Palmfackeln, deren graue, feine 
Asche noch erhalten war. Das Alter der Schutzhütte in dem Independencia-Lager 
hatten wir auf ein Jahr geschätzt, das Alter der abgerissenen Zweige an dem Ort, 
wo das Kapivara zerteilt worden war, auf einen Monat, und mehr als eine Woche 
konnte es kaum her sein, dass diese Fackeln gebrannt hatten; die Sache wurde 
jetzt also sengerich und brenzelig in des Wortes verwegenster Bedeutung. 

Die schöne Cachoeira hatte im Gegensatz zu den ärmlicheren Katarakten 
des Batovy in gleicher geographischer Breite bereits durchaus den grossartigeren 
Charakter der echten Schingükatarakte, auch war das Wasser unterhalb, wo der 
Fluss wieder ruhig und klar dahinströmte, prächtig dunkel und flaschengrün. Doch 
schon nach einer Viertelstunde kam eine neue, ansehnliche Cachoeira, niedriger 
als die erste, wo ich wieder auszusteigen und über Land zu pilgern hatte. Auch 
hier wurde Fischfang getrieben. Wir zählten jenseit der Cachoeira 13 sogenannte 
»Currals«, Ringe von Steinblöcken an seichteren Stellen des Flussbettes; durch 
eine Lücke in dem Ring können die Fische eintreten, die von den Indianern 
alsdann zusammengetrieben und geschossen werden. Nicht wenig überrascht war 
ich, als Antonio weiter abwärts im ruhigen Wasser plötzlich erklärte, dass hier 
gestern oder vorgestern ein Kanu gewesen sei; ich bemerkte nur eine Menge 
weisser Bläschen dem Ufer zu. Der Schaum des Ruderschlages erhält sich auf 
stiller Flut in einer Strasse; durch keinen Wellenschlag zertrümmert, bleiben die 
Luftblasen auf dem Wasser stehen und werden vom Winde allmählich an's Ufer 
getrieben. 

4* 



— 5^ — 

Wir ruderten zwei Stunden kräftig vorwärts, sprachen nur wenig und mit 
leiser Stimme und fuhren vorsichtig auskigend hart am inneren Rande in jede 
neue Windung ein. Aber alle Anzeichen hatten aufgehört. Beiderseits lag hoher 
schweigender Wald, der Fluss schimmerte im Sonnenschein, nichts Lebendiges 
regte sich im weiten Umkreis, und hier oder da nur gaukelte ein gelber Schmetter- 
ling vorüber. Kurz vor Mittag öffnete sich das Strombett zu einer ziemlich weiten 
Bucht; es war nicht recht zu erkennen, ob es sich um eine Lagune oder um eine 
Inselbildung handelte und der Fluss sich in zwei Arten teile ; wir legten an, und 
ich schickte die Beiden aus, das Stück Wald, das uns von der Lagune trennte, zu 
durchqueren und jenseits den Lauf des Wassers zu prüfen. 

Wartend sass ich am Strande ; schon kam Carlos zurück, als ich einen 
Büchsenschuss flussabwärts plötzlich ein Kanu bemerke. Ein einzelner nackter 
Indianer steht darin und strebt eilfertig dem Ufer zu ; dort lenkt er das Fahrzeug 
hinter ein abgestürztes Baumgeripp und duckt sich in seinem Schutze vorsichtig 
nieder. »Bakairi, Bakairi« schrie ich aus Leibeskräften, »küra Bakäiri, äma Ba- 
kairi, üra Bakairi«, wir sind Bakairi, du bist ein Bakairi, ich bin ein Bakairi, die 
Bakairi sind gut — kurz schreie, was mir der Geist von Reminiscenzen aus den 
Begrüssungsformeln gerade jenes Stammes eingiebt, in freudigster Erregung. Und 
siehe da: »Bakairi, Bakairi, Bakairi« klingt es zurück. Andere Worte kommen 
hinzu, die ich leider nicht verstehe, aber die hoch emporgeschraubte Stimme trägt 
einen unglückselig ängstlichen und misstrauischen Ausdruck, und die Arme fuchteln 
hinter dem Baumgeripp in der Luft herum, als ob der Mensch dort tanze wie 
ein Kannibale in der Schaubude. »Bakairi . . . .« beginne ich wieder, da kommt 
glücklicher Weise Antonio mit mächtigen Sätzen herbeigesprungen, und halb ausser 
Atem vor Aufregung schreit er nun seinerseits den Fluss hinunter eine lange Er- 
klärung, die ich wiederum nicht verstehe, die aber bei dem verschanzten Helden 
ein dankbares Jubelgeheul entfesselt und die Situation wie mit einem Zauber- 
schlag klärt. 

Das Kanu schoss aus dem Versteck hervor und eilte geradenwegs, ein schönes, 
langes, trockenes Rindenkanu, an unser trauriges, krummes, wachsverklebtes, lehm- 
beschmiertes, von schmutzigem Wasser durchspültes Fahrzeug heran, — wahrlich, 
ich meinte, wir wären es, die hier in den Kreis einer höheren Kultur träten; wenn 
der edle Schiffer auch nur mit einer Gürtelschnur bekleidet war und nichts mit 
sich führte, als die sauber gearbeiteten, federverzierten Pfeile und den Bogen, die 
neben einer mit Honig gefüllten Kürbisschale auf dem Boden des Kanus lagen, 
so stach doch dieses auf uns zu gleitende Gesamtbild in seiner Nettigkeit und 
Reinlichkeit auf das Vorteilhafteste ab von uns abgerissenen Kulturträgern neben 
dem nassfaulen Stück Rinde, das unser Boot biess. Nun, der Ankömmling zeigte 
mit seinem Gesichtsausdruck deutlich, dass er seinerseits doch uns bewundere. 

Er benahm sich auch gar nicht als der schweigsame düstere Indianer, dessen 
Seele, wie ich auf Grund unserer Schulweisheit hätte verlangen dürfen, die eintönige 
niederdrückende Umgebung des tropischen Waldes wiederspiegelte, sondern lachte 



— 53 — 

und schwatzte mit seinem Stammesgenossen Antonio, als ob er in einem glück- 
lichen Lande der gemässigten Zone aufgewachsen wäre. In wenigen Minuten 
waren wir gute Freunde, er sagte uns sogar, was er freilich nach des Landes 
Brauch ohne schamhaftes Zaudern und Zögern nicht zu Stande brachte, auf mein 
Drängen seinen Namen; er hiess Tumayaua und war der HäuptUng eines 
wenige Stunden entfernten Dorfes der Bakairi. 

Also wirklich der Bakairi! Die Hoffnung der vergangenen Wochen war in 
Erfüllung gegangen, wir traten in unser Forschungsgebiet bei einem uns wohl- 
bekannten gutartigen Völkchen ein, und unser Debüt war gesichert. Tumayaua, 
erfuhr ich jetzt durch Antonio, war nicht wenig verdutzt gewesen über meinen 
Zuruf; dass er ein Bakairi sei, dass wir aber keine Bakairi seien, hatte er 
geantwortet. Zuvorkommend bot uns der Gute sein Kanu an, stieg selbst in das 
unsere und übernahm die Führung. Aber wir plauderten nicht minder eifrig als 
wir ruderten. Die Bakairi des Batovy waren Tumayaua's Verwandte und Freunde. 
Von dem ersten Dorf, das wir 1884 besucht hatten, gab es wunderbare Neuig- 
keiten. Der alte Indianer, den wir damals den »Professor« genannt hatten, war 
mit einigen Andern unterwegs zum Paranatinga! Sie wollten Antonio und seinen 
Stammesbrüdern einen neuen Besuch abstatten. Pauhaga, der erste Bakairi, den 
wir auf der früheren Reise am Batovy begrüsst hatten, wohnte augenblickhch in 
Tumayaua's Gemeinde, und ein merkwürdiger Zufall fügte es also, dass wir ihn 
auch gerade im ersten Dorfe des Kulisehu wiedersehen sollten. Waren wir denn 
auch wirklich am Kulisehu? Ja, der Fluss hiess Kulisehu, Kuliseu oder Kuliheu, 
wie denn h und s im Bakairi zu wechseln pflegen, und alle die Stämme, die wir 
suchten, wohnten anscheinend auch an seinen Ufern. 

Doch Cachoeiras unterbrachen die Unterhaltung. Um 12 Uhr waren wir 
abgefahren; nach einer halben Stunde kam eine 60 m lange, niedrige Stein- 
cachoeira, durch die wir uns mühsam hindurchwanden, kurz nach i Uhr dann 
No. 4 der heutigen Reihe, wo entladen werden musste, und ein halbes Stündchen 
Aufenthalt entstand. ^/iS Uhr trafen wir bei der fünften und letzten ein, die 
sich mit kräftigem Schwall durch die Felsblöcke ergoss. Hier aber streikte der 
Pilot gegen die Weiterbeförderung unseres in akuter Wassersucht verendenden 
Kanus. Wir nahmen ihn als Vierten auf und überliessen die Leiche ihrem Schicksal. 
Tumayaua, dass mussten wir lobend anerkennen, war uns wirklich zur guten 
Stunde entgegengekommen; dass wir drei mit unserm Gepäck und ohne Kenntnis 
des Weges durch die letzten Cachoeiras in dem elenden Kanu, das den einzelnen 
Indianer nicht mehr tragen konnte, bis zum Dorf gekommen wären, ist sehr 
unwahrscheinlich. Gewiss aber hätten wir heute dieses Ziel nicht mehr erreicht. 
3^/i Uhr legten wir am linken Ufer an; wir waren im »Hafen«. 

Wer sich mehr freute, Tumayaua, der eilend vorauslief, um uns anzumelden, 
und rasch unseren Blicken entschwunden war, oder wir, ist schwer zu sagen. 
Wir wanderten hintereinander den schmalen Pfad in dem durch Brand gelichteten 
Terrain, traten nach wenigen Minuten in den Wald, hörten lautes Schreien und 



— 54 — 

Durcheinanderrufen, und einige hundert Schritte weiter, nachdem wir noch auf 
einem als Brücke dienenden Baumstamm ein kristallklares Bächlein passiert hatten, 
kamen wir in Sicht dreier bienenkorbartiger Hütten, die einen freien Platz zwischen 
sich hatten. Dort erwartete uns, den eifrig gestikulierenden Tumayaua an der 
Spitze, eine nackte braune Gesellschaft von Männern und in dem Hintertreffen 
von Weibern und Kindern, alle zu einer engen Gruppe zusammengeschlossen und 
halb verlegen, halb freudig gestimmt, jedenfalls aber aufs Höchste überrascht. 
Die Männer traten uns, die rechte Hand emporstreckend, entgegen und sagten 
»äma« = »du«, »das bist du«, oder »äma kxaräiba« = »du, der Karaibe«. 
Nicht sie, sondern wir sind in ihren Augen die »Karaiben«, und ich, der 
ich bei uns von dem Karaibenstamm der Bakai'ri spreche, hiess dort der »pima 
kxaräiba«, der Häuptling der Karaiben. 



V. KAPITEL. 



BakaTri- Idylle. 
I. 

Auskunft über Kulisehu und Kuluene. Antonio und Carlos zurück. Ein Weltteil, in dem 
nicht gelacht wird. Dorfanlage. Vorstellung der Personen. Mein Flötenhaus. In Paleko's Haus. 
Bewirtung. Bohnenkochen und Tanzlieder. Aeussere Erscheinung der Indianer. Nacktheit und 
Schamgefühl. Essen und Schamgefühl. Tabakkollegium. Pantomime: Flussfahrt, 
Tagereisen, Stämme, Steinbeilarbeit. Vorführung von »Mäh« und »Wauwau«. Tabakpflanzen. Fisch- 
fang in der Lagune. Kanubau. 

Schon am ersten Abend erhielt ich eine ziemhch klare VorsteUung von den 
Anwohnern des KuHsehti, die uns in Aussicht standen. Es gab drei Bakai'ri- 
dörfer; ihnen sollten folgen ein Dorf der »Nahuquä«, zwei Dörfer der »Minakü«, 
ein Dorf der »Auiti«, ein Dorf der »Yaulapihü« und am »Kuluene« ein Dorf der 
»Trumai«. Zwischen dem Kulisehu luid dem Tamitotoala-Batovy sollten noch die 
»Kamayulä« und die »Waurä« wohnen. Unsicher blieb, was der Flussname »Ku- 
luene« bedeute, den ich jetzt zum ersten Mal hörte. Erst allmählich lernte ich ver- 
stehen, dass es der im Osten gelegene Hauptfluss sei, grösser als der Kulisehu, der in 
ihn einmünde. Also war der Fluss, den wir 1884 bei Schingü-Koblenz von SO 
hatten heranziehen sehen, nicht eigentlich der »Kulisehu«, wie wir damals verstanden 
und bisher geglaubt hatten, sondern der vereinigte Kuluene-Kulisehu gewesen: der 
Name »Kuluene« blieb auch dem Schingü selbst unterhalb der grossen Gabelung, 
sodass z. B. die Suyä am Kuluene wohnten. Wollte man nach der Nomenklatur 
der Eingeborenen verfahren, müsste man an Stelle von »Schingü« den Namen 
»Kuluene« gebrauchen und nun sagen, dass der Kuluene zuerst den KuHsehu 
und dann bei »Koblenz« den Ronuro mit dem Tamitotoala-Batovy aufnimmt. 

Es war ein schwer Stück Arbeit, diese Angaben von den Bakain heraus- 
zubekommen; es wurde dabei viel in den Sand gezeichnet, viel Pantomime ge- 
trieben und, wenn ein Stück des Weges unklar geblieben war, immer wieder von 
vorne angefangen. Für's Erste wusste ich genug; die einzelnen Stämme wohnten 
offenbar nur um wenige, im höchsten FaU drei Tagereisen von einander entfernt. 
Auch eine böse Nachricht wurde mir zu Teil, und ich gestehe, dass sie mir die 
bisher so angenehme Erinnerung an die erste Expedition verdarb: als die Trumai 



- 56 - 

damals bei Koblenz vor uns in heller Flucht davongestürzt waren, und unsere 
Soldaten sie verfolgt hatten, um einige von ihnen trotz aller Eile mitgenommenen 
Gegenstände zurückzugewinnen, war bei dem thörichten Schiessen, das sich die 
Leute erlaubt hatten und das angeblich nur in die Luft gerichtet war, dennoch 
ein Trumai, wie ich jetzt erfuhr, getödtet worden. Dort konnten wir also kaum 
auf herzliches Willkommen rechnen. 

Antonio und Carlos schickte ich am nächsten Tage, dem 1 1 . September 
1887, mit den Neuigkeiten nach der Independencia zurück. Ich hatte für ein 
Buschmesser das eine der beiden Kanus, das die Bakairi besassen, erworben. Ich 
selbst wollte zurückbleiben, ein neues Kanu anfertigen lassen und die seltene 
Gelegenheit, allein unter diesen Naturkindern zu weilen, für meine Studien aus- 
nutzen. In dem flussabwärts liegenden zweiten Bakairidorf, hörte ich, seien drei 
Kanus vorhanden, und könnten wir vielleicht zwei bekommen. Während für die 
im Standquartier zurückbleibenden ein guter Rancho gebaut würde, sollten 
deshalb ein oder zwei Herren, die jetzt von Antonio und Carlos geholt wurden, 
mit mir nach dem zweiten Bakairidorf fahren; dort konnten wir uns vervoll- 
ständigen und alsdann günstigen Falls mit vier Kanus nach der Independencia 
zurückrudern, um nun endlich die eigentliche Flussfahrt anzutreten. Antonio und 
Carlos sollten ferner, um Zeit zu sparen, ihr Kanu an der ersten grossen 
Cachoeira zurücklassen und über Land die Independencia aufsuchen. So wurde 
das Terrain im Anschluss an die mittlerweile von den Herren in der Inde- 
pendencia gewonnenen Erfahrungen vollständig rekognosziert und die Frage er- 
ledigt, ob das Standquartier nicht näher an das erste Bakairidorf vorgeschoben 
werden könne. 

Als ich die beiden Wackern zum Hafen gebracht hatte und sie bald in der 
nächsten Biegung des Flusses verschwunden waren, kehrte ich zu meinen neuen 
Freunden zurück und fühlte mich in ihrer Mitte bald so wohl, dass ich jene 
idyllischen Tage unbedenklich den glücklichsten zurechne, die ich erlebt habe. 
Ich will versuchen, ihnen in einer kleinen Skizze gerecht zu werden; ich erhalte 
dadurch Gelegenheit, manche kleinen Züge von dem braven Völkchen mitzu- 
teilen, die im rein fachwissenschaftlichen Bericht nicht unterzubringen wären und 
doch des Wertes schon deshalb nicht entbehren, weil sie uns die Indianer nicht 
ganz so zeigen, wie wir sie uns vorzustellen gewohnt sind. Nicht Weniges davon 
verschwand, als später die grössere Gesellschaft kam; die volle Unbefangenheit, 
mit der man sich mir Einzelnen gegenüber gab, blieb nicht bestehen, und das 
Verhalten ähnelte mehr dem bekannten Schema, das in den Büchern gezeichnet 
zu werden pflegt. Und da möchte ich, was meine Bakairi angeht, von vorn- 
herein Einspruch erheben gegen derartige Anschauungen über ihre Eigenschaften, 
wie sie ihren typischen Ausdruck in den folgenden Sätzen Oscar Peschels 
(Abhandlungen zur Erd- und Völkerkunde, Leipzig 1877, Band I, p. 421) finden: 
»In keinem Weltteil der Erde hat man vor 1492 weniger frohes Lachen gehört 
als in Amerika. Der sogenannte rote Mann bleibt sich unter allen Himmels- 



— 57 — 

strichen gleich, er ist überall düster, schweigsam, in sich gekehrt und auf eine 
gewisse würdevolle Haltung bedacht.« 

Für die Bakairi treffen diese Prädikate in keiner Weise zu, sie waren 
heiter, redselig und zutraulich, wie ich sie in ihrem Verkehr untereinander be- 
obachtete, und wie sie sich mir allein gegenüber gaben. Ich werde die Beispiele 
dafür nicht schuldig bleiben, ich habe in diesem Dorfe fast ebenso viel gelacht 
und lachen gehört als unter den Kokospalmen von Samoa und Tonga, Es ist 
richtig, das Temperament ist weniger beweglich und die ganze Lebensauffassung 
weniger sonnig als bei den Kindern der Südsee, die Mädchen tanzen nicht im 
Mondschein und die Männer singen nicht auf der Kanufahrt; leichter wird Scheu 
und Misstrauen geweckt, aber von alledem ist es ein weiter Weg zu der Schwer- 
mut und Verschlossenheit, die dem Indianer, als ob es zwischen Berings- und 
Magalhäesstrasse nur eine einzige Familie gäbe, ebenso wie das schwarze Ross- 
haar und die mongolischen Augen, dem Anschein nach ein für alle Mal zuge- 
sprochen werden sollen. 

Das »Dorf« war sehr klein, es bestand aus zwei grossen runden Häusern, 
in deren jedem mehrere Familien wohnten, und einem kleinen, leeren, etwas 
baufälligen oblongen Hause, in dem ich meine Residenz aufschlug. Zwischen 
den Häusern erstreckte sich die »tasera«, ein freier Platz, wo einige Gerüste 
standen, um das weisse, auf Matten ausgebreitete Mandiokamehl zu trocknen, wo 
in der Mitte ein langer dünner Sitzbalken lag und nach dem Rande zu etliche 
Baumwollstauden, Orleanssträucher (Bixa Orellana) und Ricinuspflanzen wuchsen. 
Ringsum waren zahlreiche Obstbäume angepflanzt, Bakayuvapalmen (Acrocomia), 
Mangaven (Hancornia speciosa), Fruta de lobo (Solanum lycocarpum), und eine 
Art Allee von stattlichen Piki'-Bäumen (Caryocar butyrosum). Nach Osten führte 
ein Weg zum »Hafen« über den nahebei befindlichen Bach hinüber, nach Nord- 
osten ein breiter Pfad durch hohes Sape-Gras, mit dem die Häuser gedeckt 
werden, zu der unterhalb gelegenen Stromschnelle, nach Süden ein Pfad zu der 
Mandioka-Pflanzung, und überall trat hoher Wald dicht an die besiedelte und 
bepflanzte Lichtung heran. 

Die Gemeinde zählte 9 Männer, 7 Frauen, 5 Kinder. Die Namen der 
Männer waren: Tumayaua, der Häuptling, unser P'ührer, dem in erster Linie 
die Sorge um die Pflanzung oblag (Tafel 6), Paleko, sein Vater, ein reizender 
alter Herr, mit dem ich enge Freundschaft schloss und der an seinem Lebens- 
abend Körbe und Reusen flocht, Alakuai, der pfiffige Zimmermann und Kanu- 
bauer, Awia, der Maler, Yapü, der Dicke, Kalawaku, der Bescheidene 
und die jungen Männer Kulekule, Luchu (Tafel 6) und Pauhaga. Es 
unter ihnen einigen Tagen noch ein paar Besucher aus dem zweiten Dorf hinzu, 
kamen nach Einer, dessen Eltern früh gestorben waren, der deshalb — keinen 
Namen hatte. 

Namen der Frauen waren nicht zu erfahren: »pekoto üra« lautete regel- 
mässig die Antwort »ich bin eine Frau«. So musste ich hier meine eigenen Be- 



- 5« - 

Zeichnungen erfinden; es gab, wie immer, eine Alte, die sehr viel zu sagen hatte, 
und die mit ihrem dürren runzligen Körper nicht gerade schön war, die »Stamm- 
hexe«, Paleko's Gattin (vgl. Tafel 5 links). Ihr Gegenstück war ihre Enkelin »Eva«, 
Tumayaua's Tochter, Mutter zweier Kinder und die jugendliche Frau des musku- 
lösen, prachtvoll stämmig gebauten Kulekule, der mir, ehe ich seinen Namen wusste, 
würdig erschien, in diesem kleinen Paradiese »Adam« zu heissen und sich auch 
einer schön gelbrötlichen Lehmfarbe erfreute. Eva hatte ein fein geschnittenes 
europäisches Gesicht mit vollen Lippen, leicht errötenden Wangen, die dicht von 
welligem Haar umrahmt waren, und den schönsten Augen, die ich in Brasilien — 
und das will nicht wenig bedeuten — gesehen habe, grossen Augen, deren lieb- 




Abb. 2. »Eva«, Tum a va iia's Tochter. 



Hoher Blick garnichts von Koketterie enthielt, in deren strahlendem Feuer aber 
doch bei einem vollen, naiv zärtlichen Aufschlag jener Funke schuldloser Lüsternheit 
aufleuchtete, der einst den ewigen Weltbrand entzündet haben muss; so sah sie 
bei einem von keiner Einschnürung jemals misshandelten Körper wirklich wie eine 
junge Mutter Eva aus. Leider schuppte sie sich gar zu oft auf dem Kopfe und 
wenn dies auch zuweilen aus Verlegenheit geschehen mochte, so hatten doch 
Läuschen daran ihren sichtbaren Anteil. 

Die etwa 12jährige Freundin Eva's, »meine Zukünftige« (Tafel 5 die dritte 
von rechts), pflegte sie hervorzuholen und zu essen. Dieser gehörte überhaupt 
alles Gute im Dorfe und viele Perlen, die ich Andern geschenkt hatte, fand ich 
später an ihrem Hals. Sie war das Töchterlein des verstorbenen Häuptlings und seine 



— 59 — 

Erbin. Ihr Oheim Tumayaua war nur interimistisches Oberhaupt, er hätte mir, 
wenn ich dem sehr ernst gemeinten Vorschlag Paleko's gefolgt wäre und seine 
Nichte geheiratet hätte, die Regierung abtreten müssen. Ich kann mir noch 
heute nicht verhehlen, dass, um von der ausgezeichneten Partie, mit der keine 
höheren Ansprüche an Toilettenaufwand als eine Schnur Glasperlen und ein Stück 
Rindenbast von der Grösse eines kleinen Menschenohres verbunden waren, ganz 
abzusehen, eine bessere Gelegenheit, die Ethnologie des KuHsehu kennen zu lernen, 
kaum zu erdenken war. Von den übrigen Frauen bekam ich wenig zu sehen, mit 
Ausnahme etwa der »Egypterin«, die auch vom zweiten Dorf herüberkam, eine 
lange habgierige Person mit egyptischem Profil und mandelförmigen Augen (Tafel 5 
die zweite von rechts). 

Ich hielt mich die beiden ersten Tage bescheidentlich zurück, um die Leutchen 
nicht zu ängstigen, ich merkte auch, dass einer der Männer fast immer zum 
Ehrendienst bei mir abkommandirt und so eine Art Dujour eingerichtet war; 
als ich in der ersten Nacht nach der Verabschiedung noch bei Licht einige Zeit 
aufbleiben und mein Tagebuch führen wollte, erschien der alte Paleko an der 
Thüre und bat mich ebenso höflich wie dringend, zu schlafen und die Kerze aus- 
zublasen. Meine Diskretion trug gute Früchte, bald holte man mich in die beiden 
grossen Häuser: in dem einen waren Paleko und die Zukünftige, in dem andern 
Tumayaua und Tochter die Hauptbewohner. Man nahm mich mit hinaus zum 
Fischen, zum Stapellauf des neuen Kanus u. dergl., und Alles hätte nicht besser 
sein können, wenn ich nicht bei der gastfreundlichen, aber ftir mich durchaus 
unzulänglichen Bewirtung an chronischem Hunger gelitten hätte. Ich musste mir 
durch starkes Rauchen zu helfen suchen und leistete darin das Menschenmögliche, 
während die Indianer sich diesem Genuss fast nur in unserm allabendlichen Tabak- 
kollegium auf dem Platz draussen, den vergnügtesten Stunden des Tages, dann 
aber auch in corpore und mit grossem Eifer hingaben. 

Mein Häuschen hatte zur Zeit der Feste als Tanzhaus gedient, »k"/.ato-eti« 
oder »Flötenhaus«. Zwei Rohrflöten in einem Futteral aus Buriti-Palmstroh an der 
Wand hängend, waren die einzigen Reste der vergangenen Herrlichkeit. Doch 
war es für mich besser so; denn die Frauen, die in dieser Ruine frei aus- und 
eingingen, dürfen das Flötenhaus der Männer niemals betreten. Es war 7 Schritt 
breit, 972 lang, die 272 Schritt auseinander stehenden Hauptpfosten inmitten, 
die das Dach stützten, waren 4^2 m hoch. Oben blieb in dem Strohdach eine 
I m breite und 3^/4 m lange Luke frei. Ein paar Fischreusen standen in einer 
Ecke, sonst gab es nichts als die zwei Pfosten, von deren einem ich die Hänge- 
matte zur Wand hinübergespannt hatte. Ausser meiner Ehrenwache hatte ich 
noch die Gesellschaft eines Japü (Cassicus), der mir wie ein grüner tropischer 
Hans Huckebein vorkam; er durfte nur oben in den Sparren der Rauchluke 
sitzen und wurde, wenn er plötzlich herunterschoss und wie ein wildes Tier 
zwischen uns umherjagte, schleunigst wieder auf seinen Beobachtungsposten ver- 
scheucht, wo er, den Kopf neugierig geneigt und den Schnabel offen, herabschaute. 



— 6o — 

Zuweilen kam auch eins der nachts eifrig thätigen Mäuslein spionieren und wurde, 
wenn es nicht zeitig entwischte, mit einem Kinderpfeil geschossen und den Frauen 
zum Braten gebracht. Fast ständige Gäste waren grosse schwarz-weiss gestreifte 
Bienen, die sich ebenso wie ein hier und da durch den Eingang herzuflatternder 
Schmetterling ruhig greifen und bei Seite setzen Hessen, Am heissen Mittag meinte 
ich öfters inmitten eines von Gesumm und Gebrumm erfüllten Bienenkorbes zu sitzen. 

Es war um diese Stunde am dritten Tage, dass ich vor den Bienen und 
Fliegen in das grosse Haus Paleko's flüchtete und es zum ersten Mal betrat. 
Dort drinnen war es wundervoll kühl und gemütlich und nichts von lästigem 
Ungeziefer vorhanden. Nur Ameisen zogen mit Mehlkörnern beladen ihre Strasse 
zum Mandiokastampfer. Die Männer schaukelten sich, ihre Hauptbeschäftigung 
daheim, in den Hängematten, und nachdem ich anstandshalber auf dem Ehren- 
schemel, der die Höhe einer Zigarrenkiste hatte, ein Weilchen sitzen geblieben 
war, folgte ich bald ihrem Beispiel. 

Man meinte sich in einem riesigen Bienenkorb zu befinden, glücklicherweise 
ohne die Bienen. Der Grundriss war fast kreisförmig mit einem Durchmesser 
vom 15 m; zwei gewaltige Pfosten, 9 m hoch und 3V2 m von einander abstehend, 
stützten in der Mitte die mächtige Strohkuppel, deren Gerüst aus horizontalen 
Bambusringen und über diese senkrecht nach oben zur Luke gebogenen Stangen 
bestand. Sie war rauchgeschwärzt, wie Theer glänzend. Die Wandung ringsum, 
über der sie sich erhob, ein festgeschlossener Ring von i */2 m hohen Pfosten, nur 
unterbrochen durch zwei für mich viel zu niedrige Thüreingänge, die sich gegen- 
überlagen. Von der Wand waren nach innen zu, in der Richtung der Radien, die 
Hängematten gespannt, an besonders starken Pfosten beiderseits befestigt, sodass 
der Aussenraum in eine Anzahl von freilich offenen Gemächern eingeteilt war. 
Der grosse Mittelraum um die Hauptpfosten herum und unter der Luke, der 
frei blieb, war Küche und Stapelplatz für Proviantkörbe, Töpfe, irdene Beijü- 
Pfannen, Siebe, Matten, Kiepen, Mörser, Stampfer und Kalabassen. An die Haupt- 
pfosten waren Stöcke mit Schlingpflanzen angeflochten, wo wieder Kürbisschalen 
oder Tabakbündel herabhingen, von einem Querbalken baumelten grosse Vögel 
mit strohgeflochtenen Beinen und Schwänzen herab, die sehr geheimnisvoll aus- 
sahen und nur den Zweck hatten, die Maiskolben, aus denen ihr Inneres und die 
Flügel zusammengesetzt waren, auf eine das Auge erfreuende Art aufzubewahren. 
Der Boden war überzogen von einem steinharten Satz des feinen weissen Mandioka- 
mehls, mehlweiss waren die Mörser und Stampfer und rauchgeschwärzt die 
Töpfe. Ueber den Thüren Körbe mit Kalabassen, Reusen, Fischnetze, in den 
»Gemächern« an der Wand Bogen, Steinbeile, die buntgefiederten Pfeile aus dem 
Kuppelstroh hervorstarrend, ein Kram von Körbchen, Trinkschalen und kleinerem 
Gerät, am Boden weisse Lehmkugeln, Töpfchen, Sciiemel, Holzstücke, Feuerfächer 
und die Asche des Feuerchens, das Jeder nachts neben und fast unter seiner 
Hängematte unterhält, an der Hängematte ein Büschelchen bunter Federn und 
der Kamm hängend, hier und da eine Pyramide aus Stäben mit dem Bratrost; 



— 6i — 

auch fand sich ein Paar der Stöcke aufgehängt, mit denen Feuer gerieben wird, 
und daneben ein Paketchen mit dem Zunderbast angebunden. 

In Summa: FamiHenwohnung in vollem Betrieb, gerade so viel Unordnung 
als zur Behaglichkeit gehörte, Alles sauber und nett hergerichtet. Alles gehängt, 
geschachtelt, gestülpt, keine eisernen Nägel und Schrauben, sondern nur Faden 
und Flechtwerk, Alles Arbeit mit Steinbeil, Tierzahn und Muschel. Totaleindruck: 
braun die Wand, die Hängematten, die Kalabassen, die Menschen, braun in jeder 
Abstufung aber harmonisch getönt, ganz Knaus. Hier und da schien die Sonne 
durch eine Ritze in der Strohkuppel, vor der Thür schnitt die Tageshelle scharf 
ab und die Gasse zwischen den Thüren lag im Halbschatten; durch die Luke, 
die ziemlich eng verschlossen war, fielen einige lichte Kringel und Kreise auf den 
Boden, und in dem emporsteigenden Rauch tanzten matte Sonnenstäubchen. 

Die schweigsamen Indianer, Männer und Frauen, schwatzten fortwährend, 
und lustig heraus klang Eva's liebliches Lachen. Die Frauen waren alle thätig. 
Eine schrappte eine rötliche Rinde, die gekocht einen heilkräftigen Sud liefert, 
eine zweite stampfte im Mörser Mandiokagrütze. Ab und zu wurde einem der 
Männer ein Schluck an die Hängematte gebracht. Ein schönes Bild dort beim 
loderndem Feuer, das an dem riesigen Topfkessel heraufschlug, die nackte Frau 
mit langem Haar, sie schöpfte den wie Milch weich wallenden Schaum des 
Püserego in einem kleinen Topf ab und goss ihn immer wieder mit kräftigem 
Schwung des Armes zurück. Andere traten hinzu, auch der gehorsamst Unter- 
zeichnete, und kosteten, die Finger abschleckend. Die Zukünftige sah auch sehr 
niedlich aus, ihr »rabenschwarzes Mongolenhaar« spielte in ein verschossenes 
Lichtbraun, und sie hockte vor drei unzufrieden krächzenden grünen Periquitchen, 
die sie aus einem Töpfchen fütterte. Dann kam auch ich an die Reihe, sie 
legte einen frischgebackenen goldgelben Beijü-Fladen vor mich hin und vergass 
nicht zu bemerken, dass er ihrer eignen Händchen Werk sei. 

Der dicke Yapü war eingeschlummert. Auch mich befiel in der ungewohnten 
stimmungsvollen Gleichmässigkeit des häuslichen Treibens eine angenehme Müdig- 
keit; der freundlichen Einladung, ein Mittagsschläfchen zu halten, konnte ich nicht 
widerstehen, obwohl ich mich in der grössten Hängematte, die da war, wie ein 
Fisch im Netze krümmte. 

Ich hatte fest geschlafen. Das Bild war verändert. Die Frauen sassen 
draussen auf dem Platz fünf in einer Kette hintereinander eifrig beim Lausen. 
Wer ein Tierchen fing, legte es auf die Spitze der Zunge und schluckte den 
Leckerbissen hinunter oder gab es auch der ursprünglichen Besitzerin, die es in 
der emporgehaltenen Rechten von hintenher empfing. Die Männer beobachteten 
aufmerksam Schwalben >iri«, Luchu schoss nach ihnen, ohne sie zu treffen; als 
sich ein paar in der Luft eine Beute abjagten, nahm dies das allgemeine Interesse 
in Anspruch, und der gute alte Paleko heferte erklärende Anmerkungen. Ueberall 
dolce far niente. Nur die Ameisen feierten nicht; grosse Carregadores zogen 
daher, schwer bepackt mit Halmstückchen und Holzkohlen. 



— 62 — 

Das Haus Tumayaua's war ein wenig kleiner; hier lugten Eva's Kinder aus 
den Hängemättchen hervor, sonst war es dasselbe Bild. 

Die Wohnungsverhältnisse gefielen mir besser als der zweite Teil der Pension. 
Mit meiner Verpflegung war es übel bestellt. Fleisch bekam ich während des 
Aufenthaltes im Dorf überhaupt nicht zu sehen, wenn ich zwei geschossene Mäuse 
ausnehme. Fisch liess man mir nur so selten und in so kleinen Portionen zu- 
kommen, als wenn es eine der kostbarsten Speisen wäre; einmal ein Töpfchen 
von kleinfingerlangen Geschöpfchen in salzloser Brühe mit einem Maiskolbenstiel 
als Löffel, zweimal ein knapp handgrosses Stück Fisch gebraten und auf Beijü 
wie auf einem Tellerchen serviert, einmal ein Stück Zitteraal, fast zu fett, aber 
gut und mit einer Haut wie Spickaal. Dann durfte ich einmal Beijü in Fischöl 
tunken, was eine besondere Delikatesse auch für die Bakairi nicht gewesen wäre, 
wenn sie in ihrer Kindheit hätten Leberthran einnehmen müssen. Mehr finde ich 
in meinem Tagebuch nicht verzeichnet — dagegen teilte die Zukünftige am ersten 
Tage geröstete Maiskörner mit mir, die sie auf dem Boden hockend im Schooss 
hielt, brachte mir auch gelegentlich ein paar Mangaven, und Eva bot mir beim 
Vokabelfragen Ameisen, einen Palmbohrkäfer mit noch einem halben Bein und eine 
dicke Larve an, was alles »iwakulukulu«, der Superlativ jedweden Guten und Scliönen 
im Bakairi, sein sollte. An den Mandioka-Fladen oder Beijüs und Getränken liess 
man es nicht fehlen. Doch hielt der Festtrank Püserego nur für zwei Tage vor; 
wie Seifenwasser grünlich grau, warm und mit Blasenschaum überzogen, hatte er 
doch einen angenehm weichlichen, süssen Geschmack. Die Beijüs waren in der 
Qualität je nach Art des Mehls sehr verschieden, sie wurden meist zerbröckelt 
und mit Wasser angerührt als Getränk genossen. 

Dahingegen waren meine Gastfreunde von Herzen bereit, das Wenige, was 
ich von Bohnen und Salz bei mir hatte, sich schmecken zu lassen und baten darum 
inständigst. Mit den Bohnen hatte es seine Schwierigkeiten. Paleko und ich kochten 
sie zusammen, aber beide zum ersten Mal in unserm Leben. Ich machte Feuer an 
und er holte Scheite herbei, wir setzten einen irdenen Topf mit den Bohnen auf 
drei Steine und kochten los. Paleko sang dazu, seinen Korb flechtend und mit 
einem Fuss leise im Takt tretend; ich versuchte die Worte festzuhalten und las 
sie ihm, nach Kräften auf seine Art singend, vor. Leider verstehe ich den Text 
nicht und leider noch weniger die Noten, ich kann nur angeben, dass der Rhyth- 
mus sehr stark hervorgehoben wurde, und dass man, wenn nur der Alte sang, eine 
ganze Gesellschaft zu hören meinte, wie sie im Kreise lief und stampfte. 

kuye kuye kutapayö kuye — kittapayö hohöhohohü yaliwayähahü ohokü uhö — 
ohöhöho huhohohü ohöhöchü. 

enu hitenö kuye — kutdpayö yeh'itapd yekütapd ohö. Dieser Vers enthält etwas 
von Augen, ein gleicher mit kdmi hitenö etc. von der Sonne. *) 



*) käme Sonne Nu-Aruakwort. Das folgende yawali ist der Name für das Wurf holz und den 
Wurf holztanz der Tupi'stäinnie des Kulisehu. Die Texte sind wohl nur teilweise Bakairi. 



- 63 - 

yäwali, ydwali i i ii peköto, yawali ii ii eh he he yawalilawi. 

ydwali pinakü yawalt eh he he, yawali henemdnekahö yawali eh he he, yawdli 
he he he. 

yawali nawi ehe, yawali nawi ehe, yawali nawi ehe, yawali nawi ehe-yä. 

Wie der Fatoa/i- Gesang gab es einen andern mit endloser Wiederholung: 
wakutuyeh, wdkutuyeh fünf Mal, wakü wikutuyeh etc. in infinitum. Dann wusste 
Paleko auch ein Lied der Nahuquä, das sich auf das schöne Geschlecht, tdu Frau, 
bezog: ydmikü heze hezemitäu — yäniikü ereheze meze mitdu. 

Trotz der aufmunternden Marschlieder kam in unserm Bohnentopf kein 
Wallen und Sprudeln zu Stande, nur bescheidene Schaumblasen schwammen oben 
und nach zwei Stunden waren die sanft erhitzten Hülsenfrüchte noch grün. Erst 
als meine Zukünftige herzukam und sich der Sache annahm, wurde auch das 
Tempo der Bohnen lebhafter. Auch sie sang »kuyduhu kuyduhti« (Diphthong au) 
mit leiser Stimme ein wenig nach der Melodie: »Wir hatten gebauet ein statt- 
liches Haus«: kuyäuhu kuyäuhuhü — kirühaye kiruhaye (vier mal) — kuyäuhu kuyäu. 

Leise und ziemlich dumpf, langsam feierlich, lange auf dem au verweilend. 

Das Hauptlied, das wir noch häufig zusammen sangen, war das folgende: 
yawi yaivl nakü — novi ritö hahe — ohö höhn, nike weke nike, nike weke nike, 
notü arlte nöhuhe., ohöhuhö huhii, nike weke nike, notü ante öhohu, ohohuhö etc. 

Dumpf und leise, aber immer schneller mit gestampftem Takt und einer 
stossweisen Betonung, die zum Fortschreiten mitreisst; das öhohu... wird wieder- 
holt, bis der Athem fast versagt, und man ruht wieder aus auf dem feierlicheren: 
nö tu ha — noth ante nöhuhe nuhä hahü — notü ante nöhuhe nuhd ha/m tio tu ha, 
nö tu ha — oho hü hu. 

Ein grösserer Gegensatz ist nicht gut denkbar als zwischen einem flotten 
Studenten -Kneiplied und jenen Gesängen, deren Vortrag kaum ein Singen zu 
nennen war, sondern nur mit verhaltenen Tönen den Tanzmarsch der Füsse be- 
gleiten zu wollen schien. Ich sang natürlich auch, auf die Gefahr hin, den Leutchen 
von unserer Musik nicht den allgemein gültigen Begriff" zu geben, da ich nur 
»eigene Melodien« zur Verfügung habe. Ich errang einen kleinen Achtungserfolg, 
doch war man wegen des mit der Tonfülle verbundenen ungewohnten Lärms ein 
wenig befangen. Naturlaute aber wie »rudirallala« gefielen meinem Freunde 
Paleko ausnehmend, er war mit Feuereifer bestrebt, sie zu lernen, und krümmte 
sich vor Lachen, wenn er nicht rasch genug folgen konnte. 

Schamgefühl. Ich möchte in diesem erzählenden Teil vermeiden, Kleidung 
und Schmuck im Einzelnen zu beschreiben und beschränke mich, was die persönliche 
Erscheinung betrifft, auf die Bemerkung, dass beide Geschlechter unbekleidet gingen, 
dass die Frauen, wie man auf der Tafel 5 sieht, das »Ulüri«, ein gelbbraunes, 
dreieckig gefaltenes und an Schnüren befestigtes Stückchen Rindenbast, und um 
den Hals eine Schnur mit Muschelstückchen, Halmstückchen, Samenkernen, dass 
die Männer immer eine Hüftschnur mit oder ohne solchen Zierrat und häufig Bast- 



- 64 - • 

oder Baumwollbinden um den Oberarm oder unter einem Knie oder über einem 
Fussgelenk trugen. Der eine oder andere Jüngling steckte sich auch eine Feder 
in das durchbohrte Ohrläppchen; aber man muss nicht glauben, dass der Indianer, 
wie auf den Schildern der Tabakläden, immer in seinem ganzen Festputz 
erscheint. 

Wohl aber möchte ich über den allgemeinen Eindruck, den die »Nacktheit« 
auf den unbefangenen Besucher machte, an dieser Stelle ein Wörtchen sagen. Diese 
böse Nacktheit sieht man nach einer Viertelstunde gar nicht mehr, und wenn 
man sich ihrer dann absichtlich erinnert und sich fragt, ob die nackten Menschen: 
Vater, Mutter und Kinder, die dort arglos umherstehen oder gehen, wegen ihrer 
Schamlosigkeit verdammt oder bemitleidet werden sollten, so muss man entweder 
darüber lachen wie über etwas unsäglich Albernes oder dagegen Einspruch 
erheben wie gegen etwas Erbärmliches. Vom ästhetischen Standpunkt hat die 
Hüllenlosigkeit ihr Für und Wider wie alle Wahrheit: Jugend und Kraft sahen 
in ihren zwanglosen Bewegungen oft entzückend, Greisentum und Krankheit in 
ihrem Verfall oft schauderhaft aus. Unsere Kleider erschienen den guten Leuten 
so merkwürdig wie uns ihre Nacktheit. Ich wurde von Männern und Frauen 
zum Baden begleitet und musste mir gefallen lassen, dass alle meine Zwiebel- 
schalen auf das Genaueste untersucht wurden. Für das peinliche Gefühl, das idi 
ihrer Neugier gegenüber zu empfinden wohlerzogen genug war, fehlte ihnen jedes 
Verständnis; sie betrachteten andächtig meine polynesische Täto wirung, zumal 
einen blauen Kiwi aus Neuseeland, waren aber zu meiner Genugthuung sichtlich 
enttäuscht darüber, dass sich unter der sorgsamen und seltsamen Verpackung 
nicht noch grössere Wunder bargen. 

Sie selbst trugen ja auch etwas Kleiderähnliches bei Mummenschanz und 
Tanz, aus Palmstroh geflochtene Anzüge, deren Namen eti = Haus ist, und so 
erhielt mein Hemd den prunkvollen Namen »Rückenhaus«; ich hatte ein »Kopf- 
haus« und ein »Beinhaus«. Da die Frauen nicht tanzen und nur die Männer in 
ihrem Flötenhaus diese Anzüge gebrauchen dürfen, war Eva's Frage wohl nicht 
so unberechtigt, ob denn »karäiba peköto«, die Frauen der Karaiben, auch 
Kleider, »Häuser«, trügen? — Mit welcher Schnelligkeit man sich bis in die Regionen 
des Unbewussten hinein an die nackte Umgebung gewöhnen kann, geht am 
besten daraus hervor, dass ich vom 15. auf den 16. September und ebenso in 
der folgenden Nacht von der deutschen Heimat träumte und dort alle Bekannten 
ebenso nackt sah wie die Bakairi; ich selbst war im Traum erstaunt darüber, 
aber meine Tischnachbarin bei einem Diner, an dem ich teilnahm, eine hoch- 
achtbare Dame, beruhigte mich sofort, indem sie sagte: »jetzt gehen ja Alle so.< 

Der Zweck, den wir mit der Kleidung verbinden, blieb ihnen verborgen, 
daran konnte man nicht zweifeln, wenn man sah, in welch naiver Art sie Teile 
meines Anzugs, deren sie für eine Weile habhaft wurden, anlegten. Wie sollten 
sie auch sowohl von den Unbilden unseres Klimas als von dem dritten Kapitel 
des ersten Buch Mose etwas wissen? Sie spielten mit meinen Kleidungsstücken 



TAFEL V. 




V. d. Steinen, Zentril - Brasilien. 



- 65 - 

wie eitle Kinder. Luchu war glücklich, wenn ich ihm meinen Poncho lieh, und 
ging mit ihm und meinem Hut stolz wie der aufgeblasenste Geck auf dem Dorf- 
platz spazieren. 

Bei der ethnographischen Schilderung der Kulisehu-Stämme werde ich auf 
das Thema Kleidung und Schamgefühl zurückzukommen haben; hier kann ich 
nur wahrheitsgetreu berichten, dass ich im Verkehr mit den Leuten von unserem 
Schamgefühl Nichts bemerkt habe, wohl aber von einem anders gearteten, uns 
durchaus fremden, über das ich sogleich berichten werde. 

Beim Vokabelfragen bildeten die Körperteile einen wichtigen und leicht zu 
behandelnden Stoff. Die Bakairi fanden es sehr komisch, dass ich Alles wissen 
wollte, waren andrerseits aber sehr stolz, dass ihre Sprache so reich war und 
der Bakairi für jeden Teil ein Wort hatte. Sehr vergnügt wurden sie bei meinem 
Fragen da und Hessen es an prompter Auskunft nicht fehlen, wo sie sich nach 
unsern Begriffen hätten schämen und womöglich lateiniscli oder in Ausdrücken 
der Kindersprache hätten antworten sollen. Rücksichtsvoll — denn ich natürlich 
schaute in diesem Moment durch meine Kulturbrille und sah, dass sie nackt 
waren — hatte ich einen Augenblick abgewartet, als die Frauen aus der Hütte 
herausgegangen waren: ich wurde damit überrascht, dass die fällige Antwort 
plötzlich draussenher von einer sehr belustigten Mädchenstimme kam. Meine 
Vorsicht hatte keinen Sinn gehabt. Es war die Vorsicht etwa eines Arabers, 
der sich geniren würde, in das unverhüllte Antlitz einer Europäerin zu sehen, 
oder eines Chinesen, der in ängsthche Verlegenheit geriete, wenn ihm der Zufall 
ihr strumpfloses Füsschen zeigte. Es ist wahr, das bei uns anstössig erscheinende 
Thema bereitete den Bakairi, Männern und Frauen, entschiedenes Vergnügen, 
und wenn ein pedantischer Grübler, der die Schamhaftigkeit in unserm Sinn um 
jeden Preis als angeborenes Erbgut der Menschheit gewahrt wissen will, nun 
gerade aus diesem gesteigerten Mass der Heiterkeit folgern möchte, dass sich 
das böse Gewissen eines von höherer Sittlichkeit herabgesunkenen Stammes 
geregt habe, so vermag ich ihm nur zu erwidern, dass ihr lustiges Lachen weder 
frech war noch den Eindruck machte, als ob es eine innere Verlegenheit be- 
mänteln sollte. Dagegen hatte es unzweifelhaft eine leicht erotische Klangfarbe 
und ähnelte, so sehr verschieden Anlass und Begleitumstände bei einem echten 
Naturvolk sein mussten, durchaus dem Gelächter, das bei unseren Spinnstuben- 
scherzen, Pfänderspielen oder andern harmlosen Spässen im Verkehr der beiden 
Geschlechter ertönt. Ist doch aus dieser selben natürlichen Freude, wie wir 
später sehen werden, eins der häufigsten Ornamente ihrer Malerei, das auf zahl- 
reichen Gerätschaften als die Urform des Dreiecks dargestellte Uluri der Frauen 
hervorgegangen. 

Die Uluris wünschte ich für die Sammlung in grösserer Zahl verfertigt zu 
liaben. Was grosse Heiterkeit erregte. Eines Nachmittags wurde denn munter 
geschneidert. Wir sassen hinter Tumayaua's Haus, eine Alte röstete draussen 
Beijüs, das Mehl auf die Schüssel aufschüttend, es glatt streichend und mit Ge- 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 5 



— 66 — 

schicklichkcit den fertigen Fladen auf ein Sieb werfend, die Kinder schleckten 
Püserego und spielten Fangball mit federverzierten Maisbällen, und vier Frauen 
und Mädchen drehten die Fäden aus Palmfaser, falteten die »Röckchen« aus 
braungelbem Blatt und lieferten mir die zierliche Arbeit massenweise in allen 
Grössen. Das Einzige, was ich zugeben muss, ist das, dass eine Frau sehr ver- 
blüfft war und ratlos um sich blickte, als ich ein Uluri verlangte, das sie anhatte. 
Allein an dieser Verlegenheit hatte ein auf die Entblössung bezogenes Scham- 
gefühl keinen Anteil , sondern was von Schamgefühl vorhanden war, sollte ein 
physiologisches genannt werden, dessen Existenz ich nicht bestreite. Als ich nun 
mehrere Frauen gleichzeitig um ihre Uluris bat und durch Verweisen auf die 
Sammlung jedes Missverständnis ausschloss, wurde mir »anstandslos« und lachend 
gewillfahrt. 

Dagegen beobachtete ich ein deutliches Schamgefühl bei ganz anderem 
Anlass, und zwar beim — Essen. Ich hatte nur Gelegenheit, es bei den Männern 
festzustellen, und möchte vermuten, dass es den Frauen erst recht nicht fehlte. 

Am Abend des 13. September bot mir Tumayaua draussen auf dem Platz, 
wo wir Männer plaudernd bei dem Mandiokagestell standen, ein Stück Fisch an, 
das ich hocherfreut sofort verspeisen wollte. Alle senkten die Häupter, blickten 
mit dem Ausdruck peinlicher Verlegenheit vor sich nieder oder wandten sich ab, 
und Paleko deutete nach meiner Hütte. Sie schämten sich. Erstaunt und be- 
troffen ging ich in das Flötenhaus, den Fisch zu verzehren. Ich hatte die Mahl- 
zeit noch nicht beendet, als Kulekule eintrat, der über den Gebrauch einer ihm 
geschenkten Angel näher belehrt werden wollte. Mit einem Gesicht, das deutlich 
sagte: »ah, Sie sind noch nicht fertig«, setzte er sich nieder auf den Boden, 
schweigend, abgewandt und mit gesenktem Kopf und wartete. Am nächsten 
Abend erhielt ich draussen wieder Fisch, doch war es schon dunkel: ich ass, 
mich bescheidentlich dem finstern Baumgrund zukehrend und schien so keinen 
Anstoss zu erregen. 

Als Paleko mir den Topf mit kleinen Fischen brachte, waren wir beide 
allein im Flötenhaus; er kehrte mir den Rücken zu und sprach kein Wort 
während der langen Zeit, dass ich mit den Gräten kämpfte. Ich gab Tumayaua 
von unserm Bohnengericht; er nahm die Portion und ging bis zu seinem Hause, 
wo er sich hinsetzte, ass und zwischendurch, aber ohne den Kopf zu wenden, 
herüberrufend sich auch an unserer Unterhaltung beteiligte. Er hatte sich also 
mit voller Absicht entfernt. Im Hause assen die Frauen jede für sich in der 
Nähe der Feuerstelle, sie brachten den Männern das Mahl, und Jeder ass auf 
seinem Platz. Dabei machte es sich Alakuai z. B. sehr bequem, indem er in der 
Hängematte liegend zu dem Topf auf dem Boden hinablangte, mit den Fingern 
hineinfuhr und sie sich schaukelnd abschleckte, aber Keiner behelligte den Andern 
mit seiner Gesellschaft. Mit dem Beijüessen war man vielleicht etwas liberaler, 
wenigstens mir gegenüber, doch sah ich die Männer Abends häufig einzeln bei- 
seite gehen, ein Stück zu verzehren. Ehren reich hat später bei den Karajä 



- 6; - 

am Araguay etwas Aehnliches gefunden. »Die Etikette verlangt, dass Jeder, 
von dem Andern abgewendet, für sich isst. Wer dagegen verstösst, muss sich 
den Spott der Uebrigen gefallen lassen.« 

Bei den Bakairi war diese Etikette nun entschieden strenger, sicher 
wenigstens im Verhältnis zu dem Gaste, denn der Humor ging ihnen völlig ab 
meiner Unanständigkeit gegenüber. Ich habe gewiss Vieles gethan, was des 
Landes nicht der Brauch war, ich habe laut gesungen, Männer und Frauen nach 
ihrem Namen gefragt, die delikaten Käferlarven zurückgewiesen und dergleichen 
schwer zu entschuldigende Dinge mehr begangen, allein nie sah ich, dass man 
sich schämte. Hier aber handelte es sich um mehr als etwas Unschickliches, ich 
war unanständig gewesen. Darüber kann gar kein Zweifel sein. 

Wenn wir mit Heine zugeben müssen, dass wir alle nackt in unsern Kleidern 
stecken und unserm Schamgefühl nur eine relative Berechtigung zusprechen 
dürfen, wird auch der Baka'i'ri durch Essen an und für sich, soweit der Einzelne 
den Vorgang für seine Person erledigt, in edleren Gefühlen nicht verletzt werden 
können. Unwillkürlich gedenkt man irgend eines Tieres, das seinen Anteil von 
der Mahlzeit beiseite trägt, doch offenbar aus Furcht, ein anderes möchte ihn 
wegnehmen. Wohl glaube ich, dass Fisch und Fleisch bei den Bakairi, die sich 
mit einer gewissen Trägheit auf Mandioka und Mais mehr einschränkten als ihnen 
selbst lieb war, verhältnismässig knapp bemessen waren: ich bin gewiss, wenn 
ich noch eine Woche länger dort geblieben wäre, hätte ich mich aus freien 
Stücken mit jedem guten Stück, das ich rechtmässig oder unrechtmässig erwischt 
hätte, in eine stille Ecke gesetzt, um es vor den Blicken der Andern geschützt 
zu verzehren. Den hungrigen Blick, fürchte ich, habe ich selbst schon damals 
nach Andern hinübergeworfen. Aber die Entstehung des beschriebenen Scham- 
gefühls muss in älteren Zeiten wurzeln. 

Du lieber Himmel, wie haben wir sogenannten gebildeten Menschen, als 
Schmalhans auf der Expedition Küchenmeister wurde, ich kann nur sagen, obwohl 
wir die Gefühle zu meistern wussten, mit Gier und Neid die gegenseitigen 
Portionen kontrolliert; als der Zuckervorrat, die Rapadura, zusammenschrumpfte, 
war es nötig gewesen, den Rest persönlich zu verteilen, damit ein Jeder sich auf 
dem Lagerplatz seinen Erfrischungstrank nach Beheben sparsam oder ver- 
schwenderisch herrichten konnte, und als wir später auf der Fazenda S. Manoel 
nur ein wenig Rapadura vorfanden, die wir in genau gleiche Stücke zerschnitten, 
erhitzten wir uns in allem Ernst über der Entdeckung, dass die Soldaten, mit 
denen wir ehrlich geteilt, sich heimlich eine Anzahl der Bonbon-Ziegelsteine vorweg 
verschafft hatten. 

Die Bakairi lebten wie eine einzige Familie, sie verteilten untereinander die 
Beute von Fischfang und Jagd auf die verschiedenen Häuser, in jedem Haus 
musste auf die verschiedenen Familien wieder verteilt werden. Die Zeit, wo sie 
gelernt hatten, Mandioka und Mais zu pflanzen, und sich nun einen regel- 
mässigen Vorrat an Lebensmitteln siciiern konnten, war eine neue Aera. Bis 

5* 



— 68 — 

dahin hatten sie, wie wir auf der Expedition, von der Hand in den Mund gelebt, 
und da war das Alleinessen um der Ruhe und des Friedens willen vielleicht eine 
verständige, nützliche Einrichtung gewesen. Jene Einrichtung, von Jugend auf 
geübt und eine Gewohnheit geworden, die im Blute steckte, wurde auch in 
die Zeit des sesshaften Lebens hinübergenommen, wo der Feldbau überwog 
und sie keinen Sinn mehr hatte. Da entwickelte sich das Schamgefühl. Denn 
man konnte sie als wirklich vernünftig nicht mehr begründen, man prüfte sie 
auch gar nicht auf ihre Berechtigung durch die Umstände, eine jede alte Ge- 
wohnheit ist um ihrer selbst willen da; was man dann »heilig« nennt, weil sie 
schlechthin eine Sache des Gefühls geworden ist. Man schämt sich, wenn Einer 
dawider verstösst, und schämt sich um so redlicher, je weniger man sagen könnte, 
was er eigentlich Schlimmes verbrochen hat. Wer einen andern Entwicklungs- 
gang durchgemacht hat, auf die Sache selbst sieht und nicht auf den falschen, 
durch Umdeutung gewonnenen Begriff, der an ihrer Stelle steht, fragt erstaunt: 
»warum schickt es sich nicht, nicht allein zu essen?« »Warum«, fragt der Bakairi 
uns, »schickt es sich nicht, nackt zu sein?« Der Eine müsste wissen, dass man 
unter seinen Kleidern »nackt« bleibt, der Andere, dass man auch in der grössten 
Gesellschaft »allein« isst. Ganz gewiss geht unser Schamgefühl im Verkehr der 
beiden Geschlechter auf eine Zeit zurück, als Jeder noch dafür sorgen musste, 
dass er seine Frau für sich allein hatte, sie vor den begehrlichen Blicken der 
Stammesgenossen zu schützen suchte und dazu die, sei es nun aus Freude am 
Schmuck oder aus NützHchkeitsgründen hervorgegangene Kleidung benutzte. Da 
wurde denn die Kleidung selbst heilig. Es ist gewiss eine interessante Parallele, 
wenn wir uns die nackten Indianer als eine unanständige Gesellschaft denken 
und uns in die Seele eines Bakairi versetzen, der sich vor Scham nicht zu helfen 
wüsste, wenn er die fürchterlich unanständigen Europäer bei einer Table d'hote 
vereinigt sähe. Er würde sich aber rasch daran gewöhnen und sich vielleicht in 
der nächsten Nacht an den Kulisehu zurückträumen, dort Alt und Jung gemüt- 
lich zusammen beim Schmaus eines Tapirbratens finden und erstaunt sich von 
dem HäuptUng belehren lassen: »wir essen jetzt immer miteinander«. 

Tabakkollegiuni. Am natürlichsten gaben sich meine Freunde Abends 
nach des Tages Last und Mühen, wenn wir Männer auf dem Dorfplatz rauchend 
Zusammensassen. Eine harmlosere Lustigkeit war nicht gut denkbar, obgleich 
oder weil, wenn man will, Nichts dabei getrunken wurde. Pünktlich wie der erste 
der Honoratioren mit seiner langen Pfeife am Stammtisch, erschien der steif- 
beinige alte Paleko, das spindelförmige Tabakbündel, einen Zweig mit Wickel- 
blättern und einen Holzkloben in den Händen und hockte behaglich seufzend auf 
dem Sitzbalken nieder. Mir that bald der Rücken weh in dieser Sitzlage von 
einer Handbreit über dem Boden, und icli schleifte meine Ochsenhaut aus der 
Hütte heran. Ein paar Hölzer wurden radienförmig mit dem glimmenden Kloben 
zusammengelegt und ein Feuerchen angeblasen. Die Thonpfeife war unbekannt. 



- 69 - 

man rauchte Zigarren oder richtiger Zigaretten, allerdings 25 cm lang. Das Wickel- 
blatt war noch grün und wurde nur einige Augenblicke über dem Feuer gehalten, 
es verbreitete einen balsamischen Geruch. Die Zigarre ging häufig aus, man hielt sie 
an die Kohle, um sie wieder anzuzünden. Gelegentlich Hess man sich auch Feuer von 
der Zigarre des Nachbars geben, überreichte ihm dann aber die eigene, die jener in 
den Mund nahm und anzündete. Der Rauch wurde geschluckt. Auch meinen 
schweren schwarzen Tabak rauchten sie auf dieselbe Weise und in demselben For- 
mat und vertrugen ihn, obwohl der ihrige leicht wie Stroh war, ohne Schwierigkeit. 

Aus den Häusern drang kein Laut hervor, das Geflecht an dem Eingang 
war vorgeschoben. Ob die Frauen nicht wach in der Hängematte lagen? Die 
beiden Araras, die von den Dachstangen tagsüber zu krächzen pflegten, schliefen 
auf einer halbverdorrten Palme. Keine Insekten belästigten uns. Zwei, drei 
Stunden lang sassen wir unter dem sternfunkelnden Himmelsgewölbe, rings von 
der dunkeln Waldmasse umgeben. Das kleinste Wölkchen, das irgendwo auf- 
stieg, wurde bemerkt und einer Erörterung über Woher und Wohin unterworfen. 
Sobald ein Tierlaut im Walde hörbar wurde, verstummte Alles einen Augenblick, 
wartete, ob er sich wiederhole, und man flüsterte sich zu »ein Tapir«, »ein 
Riesengürteltier« oder dergleichen, während Einer halb mechanisch den Tierruf 
nachpfiff. Auch an unwillkürlichen Lauten fehlte es nicht. Speichelschlürfen, 
Aufstossen, Blähungen erfuhren keine Hemmung. Bakairi sum, nihil humani a me 
alienum puto. Aber in dem Augenblick, wenn einer sich gar zu schlecht auf- 
führte, erfolgte sofort als unmittelbare Reflexbewegung aller Kollegen ein kurzes 
heftiges Ausspucken nach der Seite, ohne dass die Unterhaltung stockte. Im 
Wiederholungsfall freilich brummte Tumayaua oder Paleko etwas, was zu heissen 
schien: »Doimerwetter, wir haben doch einen Gast«, und der Uebelthäter verlor 
sich auf sechs Schritt weg im Schatten. Es war sehr patriarchalisch. 

Das für mich wichtigste Thema, die Geographie des Kulisehu, nahmen wir 
ausführlich durch. Der Fluss wurde in den Sand gezeichnet, die Stämme wurden 
aufgezählt und mit Maiskörnern bezeichnet. Allmählich lernte ich so das richtige 
Verhältnis von Kulisehu inid Kuluene verstehen und erfuhr, dass die Hauptmasse 
der Nahuquästämme, deren jeder mit einem besondern Namen bezeichnet wurde, 
am Kuluene sass. Alle Leute waren entweder gut »küra« oder schlecht »kuräpa«. 
Hauptsächlich richtete sich die Unterscheidung, wie ich zu meinem Erstaunen 
merkte, nach dem Umfang der Gastfreundschaft, die sie ausübten; »küra« sein 
hiess, es beim Empfang an Beijüs und Püserego, den Fladen und dem besten 
Kleistertrank aus Mandioka, nicht fehlen lassen. Es war zum Teil, was die 
Nahuquä und etwa noch die Mehinakü betraf, nach eigenen Erfahrungen, zum 
Teil nach Hörensagen dieselbe Information, die bei unsern Herbstreisen als die 
wichtigste gilt: gute und schlechte Hotels. 

Aber welcher Unterschied zwischen einem gedruckten Baedeker und dieser 
Gestikulation, dieser Tonmalerei, dieser sich von Etappe zu Etappe mitleidlos 
weiterschleichenden Aufzählung der Stationen! Von uns bis zirni zweiten Bakairi- 



— 70 — 

dorf eine Tagereise, von dem zweiten zum dritten zwei u. s. w. — nein, so raste 
man nicht weiter in der guten alten Zeit, die ich hier erlebte. Zuerst setzt man 
sich in das Kanu, »pepi«, und rudert, rudert »pepi, pepi, pepi« — man rudert 
mit Paddelrudern, links, rechts eintauchend, und man kommt an eine Strom- 
schnelle, bububu . . . Wie hoch sie herabstürzt: die Hand geht mit jedem bu, 
bu von oben eine Treppenstufe nach abwärts, und wie die Frauen sich fürchten 
und weinen: »pekoto äh, äh, äh . . . .!« Da muss das pepi — ein kräftiger 
Fusstritt nach dem Boden hin — durch die Felsen, mit welchem Aechzen, vor- 
geschoben werden, und die »mayäku«, die Tragkörbe, mühsam — i, 2, 3 mal 
an die linke Schulter geklopft — über Land getragen werden. Aber man steigt 
wieder ein und rudert, pepi, pepi, pepi. Weit, weit — die Stimme schwebt 

ih , so weit ih , und der schnauzenförmig zugespitzte Mund, 

während der Kopf krampfliaft in den Nacken zurückgebogen wird, zeigt, in 

welcher Himmelsrichtung ih Darüber sinkt die Sonne bis: die Hand, 

soweit sie sich auszustrecken vermag, reicht einen Bogen beschreibend nach Westen 
hinüber und zielt auf den Punkt am Himmel, wo die Sonne steht, wenn man — 

Iah ä — im Hafen eintrifft. Da sind wir bei den: »Bakairi, Bakairi, 

Baka'iri!« »Küra, küra!« und hier werden wir gut aufgenommen. Vielleicht hat 
man auch noch eine Stelle mit gutem Fischfang passiert, wo »Matrinchams« oder 
»Piranyas« zu schiessen sind: während die Wörter sonst den Ton auf der vor- 
letzten Silbe haben, noröku, pone, wird er jetzt — wie wir »Jahre« sagen — auf 
die letzte verlegt »norokü«, »pone«, und der Pfeil schnellt, tsök, tsök, vom Bogen. 

Hinter dem Nahuquä freilich, wo die Kenntnis der Einzelheiten unbestimmt 
wird, werden nur die Tagereisen selbst angegeben. Die rechte Hand beschreibt 
langsam steigend in gleichmässigem Zuge einen Bogen von Osten nach Westen, 
kommt dort unten an und legt sich plötzlich an die ihr entgegenkommende 
Wange, verweilt hier, während die Augen müde geschlossen sind, und greift 
dann nach dem Kleinfinger der linken Hand: einmal geschlafen. Dann wieder 
dieselbe Figur, doch wird mit dem Kleinfinger noch der Ringfinger ergriffen, imd 
beide werden nach der Seite gezogen: zweimal geschlafen u. s. w. Sei auf- 
merksam, edler Zuhörer, denn wehe Dir, wenn Du fragst — es kann Dir nicht 
anders geholfen werden, als indem man wieder von vorn anfängt. 

Aber Rache ist süss. Die Reihe kam auch an mich, denn man wollte 
wissen, wie weit Cuyabä sei, mein Ausgangspunkt. Die Gesichter waren köstlich, 
wenn ich erst die linke, dann die rechte Hand abfingerte, dann genau nach ihrer 
Zählweise, die Zehen des linken und die des rechten Fusses abgriff, zwischen je 
zwei Fingern und je zwei Zehen vorschriftsmässig am Himmel wanderte und 
schlief, und zum Schluss in meine Haare greifen musste, um sie auseinander 
ziehend zu bekunden, dass die Zahl der Tage noch nicht reichte und mehr sei 
als 20! Da murmelten sie denn ihr »köu, köu« des Erstaunens oder »öka, öko, 
he oko« immer ungeduldiger, redeten alle durcheinander und vereinigten sich 
schliesslich in einem fröhhchen Gelächter baaren Ung-laubens. 



— n — 

Einzelne Indianerstämme wurden auch mit lebendiger Pantomime wegen 
ihrer Absonderhchkeiten verspottet; die Nahuquä waren komisch wegen ihres 
Bartes, die Suyä oder, wie die Bakai'ri sagten, Schuyä mussten mit ihrer Kork- 
scheibe, die sie in der Unterlippe tragen, herhalten, wobei die Schauspieler ihre 
Unterlippe stark nach vorn spannten und ein gemachtes Kauderwälsch von 
schnappenden Tönen hervorstiessen; die Trumai wurden mit einem grausigen 
»huhuhuhu« wiedergegeben und in ihrer barbarischen Gewohnheit, dass sie die 
Kriegsgefangenen mit hinten zusammengebundenen Armen in den Fluss warfen, ein 
Gegenstand halb des Hohns oder Absehens, halb der Furcht vor Augen geführt. 

Ich darf wohl gleich erwähnen, dass sich die Mimik der Bakäiri mutatis 
mutandis mit mehr oder weniger Temperament bei allen Stämmen wiederholte, 
dass nur die Interjektionen verschieden, die Geberden aber genau dieselben waren. 
Hier im Tabakkollegium lernte ich denn auch die Steinbeilpantomime zuerst 
kennen, die wir später, so rührend sie an und für sich war, bis zum Ueberdruss 
bei jedem Stamm über uns ergehen lassen mussten. Sie schilderte den Gegen- 
satz zwischen dem Steinbeil und dem Eisenbeil, das ihnen von Antonio sofort 
demonstrirt worden war, und hatte für mein Empfinden, ehe ich durch die 
Wiederholung abgestumpft wurde, ja im Anfang noch, weil sie sich so unerbittHch 
wiederholte, etwas ungemein Ergreifendes als eine Art stammelnden Protestes 
der metalllosen Menschheit gegen die zermalmenden Hammerschläge der Kultur, 
eines Protestes, der so, wie ich ihn hier noch erlebte, tausendfach in allen Erd- 
teilen ungehört verhallt sein muss. 

Wie quält sich der Bakairi, um einen Baum zu fällen: frühmorgens, wenn 
die Sonne tschischi aufgeht, — dort im Osten steigt sie — beginnt er die Steinaxt 
zu schwingen. Und tschischi wandert aufwärts und der Bakairi schlägt wacker 
immerzu, tsök, tsök, tsök. Immer mehr ermüden die Arme — - sie werden ge- 
rieben und sinken schlaff nieder, es wird ein kleiner matter Luftstoss aus dem 
Mund geblasen und über das erschöpfte Gesicht gestrichen; weiter schlägt er, 
aber nicht mehr mit tsök, tsök, sondern einem aus dem Grunde der Brust geholten 
Aechzen. Die Sonne steht oben im Zenith; der Leib — die flache Hand reibt 
darüber oder legt sich tief in eine Falte hinein — ist leer; wie hungrig ist der 
Bakairi — das Gesicht wird zu kläglichstem Ausdruck verzogen: endlich, wenn 
tschischi schon tief unten steht, fällt ein Baum: tokäle = i zeigt der Kleinfinger. 
Aber Du, der Karaibe, — plötzlich ist Alles an dem Mimiker Leben und Kraft — 
der Karaibe nimmt seine Eisenaxt, reisst sie hoch empor, schlägt sie wuchtig 
nieder, tsök tsök, pum — äh . . . ., da liegt der Baum, ein fester Fusstritt, schon 
auf dem Boden. Und da und dort und wieder hier, überall sieht man sie fallen. 
Schlussfolgerung für den Karaiben: gieb uns Deine Eisenäxte. 

Keine Thätigkeit eines Werkzeugs aus Metall, Stein, Zahn oder Holz wurde 
besprochen oder es erschienen auch entsprechend malende Laute. Es ist richtig, 
dass ein guter Teil auf Rechnung des Verkehrs mit mir, der nur die Anfangs- 
gründe ihrer Sprache kannte, zu setzen war; sie waren sparsamer mit diesen 



— 72 — 

Lauten und Geberden in ihrer eigenen Unterhaltung, allein sie verfügten doch 
über die Hülfssprache ausdruckvoller Bewegung in reichem Masse und bedienten 
sich ihrer im Verkehr mit anderen Stämmen, wie ich später sah, auf genau 
dieselbe Art und Weise wie mir gegenüber. So macht sich der Nachteil, dass 
jeder Stamm eine andere Sprache redet, wenig geltend; die Verständigung war 
selbst mit einem Karaiben, da die Geberden zwar stereotyp sind, aber noch die 
volle Anschaulichkeit enthalten und noch nicht zu konventionellen Abkürzungen 
eingeschränkt sind, ohne Schwierigkeit möglich. 

Auch für die mir eigentümlichen Interjektionen und Geberden, die ja eben- 
falls unwillkürlich einen lebhafteren Ausdruck annahmen als zu Hause, bekundeten 
sie ein aufmerksames Interesse. Begleitete ich irgend welchen Affekt mit einem 
ihnen auffälligen Laut, so wurde er nachgeahmt; pfiff ich leise vor mich hin, so 
konnte ich bald Einen hören, der vergnügt mitpfiff. Allgemeine Anerkennung 
fand besonders, wenn ich mir laut lachend aufs Bein schlug: sofort klatschten sie 
sich auf die nackten Schenkel und ein homerisches Gelächter erfüllte den Dorfplatz. 

Meine linguistischen Aufzeichnungen vom Tage, die ich herbeiholte, wurden 
in unserm Tabakkollegium noch einmal durchgenommen und um kleine Beiträge 
bereichert. Die Sternbilder, Tiernamen, der unerschöpfliche Stoff für die Körper- 
teile und was der Augenblick lieferte, wurde eingetragen, vorgelesen und mit 
Beifall bestätigt. 

Allein auch ich bot mimische Vorstellungen, zu denen mein interessantes 
Ochsenfell den ersten Anlass gegeben hatte, ich führte iluien unsere Haustiere 
vor und erzielte damit bei meinem kleinen, aber dankbaren Publikum einen Erfolg, 
wie er selbst dem Verfasser des »Tierlebens« und vielbewunderten Vortrags- 
künstler niemals grösser beschieden gewesen sein kann. Vor allem machten sie 
die Bekanntschaft von Rind, Schaf und Hund, deren Grösse und Kennzeichen 
ich ihnen nach besten Kräften veranschauhchte, und deren Sprache »itäno« laute 
Ausbrüche der Heiterkeit und des Jubels hervorrief. 

Da erklang es denn »muh«, »mäh», »wauwau« und »miau« in allen Tonarten 
von mir und von ihnen. Besonders wirkte die Abwechslung zwischen dem merk- 
würdigen »mäh« der alten Schafe und dem klägHchen »mäh« eines die Mutter 
suchenden Lämmchens, zwischen dem Gebell der grossen Köter und dem der 
kleinen Kläffer. Zufällig verfügte ich über eine ziemlich gute Aussprache in 
diesen itänos, sodass die gewiegten Kenner der Tiersprachen an der Echtheit 
nicht zu zweifeln brauchten. Ich suchte ihnen auch den Charakter der Tiere 
klar zu machen, indem ich verschiedene Arten wie Katze und Hund zusammen 
auftreten Hess, suchte ihnen zu verdeutlichen, dass z. B. ein Hund dem Menschen 
gehorcht, und war jetzt in der Lage, sie über den Ursprung meiner Woll- 
bekleidung — mäh — zu unterrichten. Es waren aufmerksame Schüler, die den 
Lernstoff sehr bald vollständig beherrschten und fleissig übten. 

Die denkwürdige Sitzung unsers Tabakkollegiums, in der ich den ersten 
Vortrag über die europäischen Haustiere gehalten hatte, war spät in die Nacht 



TAF. VI. 















i.. 



^^1 












V. d. Steinen. Zentral -Brasilien. 



— Th — 

hinein ausgedehnt worden, aber ich verabschiedete mich von glückhchen Menschen, 
auf deren Gesichtern geschrieben stand: das war ein schöner Abend. Luchu 
bellte mustergültig, er lief in die beiden Häuser, aus denen schon vielfach helles 
Lachen hörbar geworden war, und fuhr dort mit wildem Wau-wau umher. 

Ich lag bereits halb schlafend in der Hängematte und glaubte, die Bürger- 
schaft ruhe wieder in dem gewohnten Frieden, als mich noch einmal Eva's Stimme 
von drüben mit einem lauten »mäh« aufschreckte. »Mäh« antwortete ich denn 
auch zum guten Schluss aus meinem Schafstall, überall kicherte es noch einmal 
hinter den Strohwänden, und endlich trat dann wirklich Stille ein, bis ich — mäh, 
mäh schon vor Sonnenaufgang — fluchend emporfuhr. 

Ein Tag verhef gleich dem andern. Wie wir in meiner Hütte miteinander 
arbeiteten, wie die Bakain portugiesisch und ich bakairi lernte, will ich im nächsten 
Kapitel übersichtlich zusammenstellen, während ich noch anfüge, was ich aus 
unserm gemeinsamen Leben zu berichten habe. 

Tumayaua Hess mich vor seinem Hause Tabak pflanzen, ein Ansinnen, das 
mich ein wenig befremdete, bis ich merkte, dass er sich von meiner Beihülfe eine 
vorzüghche Ernte oder Qualität versprach; so verlangte ich nur, dass er den 
Anfang mache und zerrieb dann die Kapseln und senkte den Samen in den 
Boden, als sei ich mein Lebenlang Tabakpflanzer gewesen. Mit Kulekule musste 
ich zu dem Katarakt unterhalb des Dorfes gehen und ihm beim Angeln helfen; 
er durfte nicht ahnen, dass ich dieses Gerät seit den Zeiten der Sekunda, wo ich 
es mit Mühe vor der Polizei rettete, nicht mehr geschwungen hatte. 

Einen sehr hübschen Fischereiausflug machten wir an einem Vormittag zu 
einem Halbdutzend Personen, darunter einigen Frauen, nach dem saimo, einem 
Teich, der etwa 2^2 Kilometer vom Dorf entfernt im Kamp lag. Wir schritten 
ein Stück Weges durch den Wald, die Frauen Fangkörbe und Reusen tragend, 
Paleko ein Stück Fischgebiss an einer Schnur um den Hals und ein Steinbeil 
unter dem Arm, das er am Fluss auf einem Stein noch geschliffen hatte, 
indem er es mit dem Speichel am Munde selbst anfeuchtete. Komisch war es 
währenddess gewesen, zu sehen, wie die Zukünftige und ihre Schwester aus 
dem Kulisehu tranken: den Mund im Wasser, auf die beiden Händchen gestützt, 
ein Bein in die Höhe, jungen Aeffchen nicht unähnlich. Unterwegs sangen wir 
mit verhaltenen Tönen gemeinsam unser ohohö ohohü hu, und ich störte die 
Morgenstille mit einigen lauteren Liedern. Alakuai erlaubte sich, mir meinen 
Hut abzunehmen, war aber in diesem Schmuck so glücklich, dass ich mein 
Haupt in aller Heiligen Namen der mitleidlosen Kampsonne aussetzte. 

Weithin erstreckte sich bis zum Saum des Uferwaldes eine mit frischem 
Gras bedeckte Queimada, nur ein einziger Schatten spendender Baum stand an 
dem Teich. In die Mitte des knietiefen sumpfigen Gewässers wurden drei Reusen 
gesetzt, die mit ihren Mäulern halb herausragten. Dann gingen mehrere Personen 
mit den Fangkörben, kütu, die die Form eines oben und unten offenen abge- 
stumpften Kegels hatten und aus dünnen spitzen Stöckchen zusammengesetzt 



— 74 — 

waren, in gebückter Haltung durch den Teich und stachen schnell auf den Grund 
nieder: die kütu wurden über die Fischchen gestülpt, und diese oben mit der 
Hand hervorgeholt und in einem Hängekörbchen untergebracht. Als man so eine 
Weile gearbeitet hatte, ging man von verschiedenen Seiten sich nach der Mitte 
entgegen, wo die Reusen lagen, und suchte die Fische dort hineinzutreiben. Es 
war ein lustiger AnbHck: die Mädchen äusserst behende, die Männer weniger 
flink, zumal der dicke Yapü anscheinend keineswegs in seinem Element, viel 
Lachen und Plantschen, in der Luft einige gaukelnde Libellen und Brummbienen 
ohne Zahl, am Ufer unter dem Baum eifrig kommentierend der alte Paleko, der 
sich mit der linken Hand auf einen Stock stützte und unter dem Oberarm der- 
selben Seite das sehr überflüssige Steinbeil angedrückt hielt. Die Fische hiessen 
poniü oder poriü, der Jejü der Brasilien 

Das von mir bestellte Rindenkanu war schon am i8. September fertig 
geworden; die Steinaxt hatte langsam, aber sehr sauber gearbeitet. Vier Männer 
trugen das Fahrzeug zum Fluss; sie hatten sich auf die Schultern aus braunem 
Bast geflochtene Ringe genau desselben Aussehens aufgesetzt, wie sie unsere Markt- 
weiber auf dem Kopfe tragen. 

Ich war nun über eine Woche allein bei den guten Bakairi und merkte, 
dass sie etwas ungeduldig wurden. Sie fragten gar zu oft, wann die »jüngeren 
Brüder« kämen. Was ich von Kostbarkeiten mit mir geführt hatte, war auch 
längst in ihrem Besitz, sogar mein amema iküto (»Figur der Eidechse«), ein 
Reptil mit gläsernen Schuppen und rubinroten Augen, das sie gierig umworben 
hatten, gehörte ihnen. 

Aber unser gutes Einvernehmen blieb bis zur letzten Stunde dasselbe. 
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich am liebsten die ganze Regenzeit 
bei ihnen zugebracht, obwohl ich einen säuerlichen Geschmack im Halse, von dem 
ewigen Mehlessen, nicht mehr los wurde und auch von Verdauungsstörungen ge- 
plagt wurde. Meine ersten Eindrücke über den friedfertigen und sympathischen 
Charakter meiner Gastfreunde brauchten keine Korrektur zu erfahren. Die Alten 
waren klug und sorglich, die Jungen kräftig und behend, die Frauen fleissig und 
häuslich. Alle gutwillig, ein wenig eitel und mit Ausnahme einiger von ihren 
Pflichten in Anspruch genomrnenen Mütter gleichmässig heiter und gesprächig. 
Alle waren ehrlich. Nie hat mir Einer etwas genommen, oft hat man mir Ver- 
lorenes gebracht, immer wurde, was ich eingetauscht hatte, als mein Eigentum 
geachtet. 

Kurz, Bakairi küra, die Bakairi sind gut. Es wäre lächerhch, sie im 
Rousseau'schen Sinne misszu verstehen, denn von irgend welcher Idealität war 
auch nicht die Spur zu entdecken; sie waren nichts als das Produkt sehr einfacher 
und ungestörter Verhältnisse und gewährten dem Besucher, der mit seinen an 
Bewegung und Kampf gewohnten Augen herantrat, das Bild einer »Idylle«. Man 
komme vom Giessbach, Strom oder Meer, man wird den Zauber einer stillen 
Lagune empfinden, das ist Alles. 



— 75 — 
II. 

Psychologische Notizen über das Verhalten der Bakairi dem Neuen gegenüber. Grenzen des Ver- 
ständnisses. Studien mit dem Dujourhabenden. Schwierigkeiten der Verständigung und der sprach- 
lichen Aufnahme: Substantiva, Verba, übergeordnete Begriffe. 

Ueber das Interesse, das die Bakairi an meinen Kleidern nahmen, habe ich 
berichtet. Es wandte sich allmähhch in besonderm Grade den Taschen zu, und 
sie wussten bald genau, was in dieser und was in jener steckte. 

»Ob ich Hemd und Hose selbst gemacht hätte?« Immer kehrte diese mir 
ärgerliche Frage wieder. »Ob ich die Hängematte, den Moskiteiro selbst gemacht 
hätte?« Es berührte sie wunderbar, dass in meinem ganzen Besitzstand nichts 
zu Tage kam, wo ich die Frage bejaht hätte. Deutlich war zu sehen, dass die 
Sachen, von deren Urspriuig sie sich eine gewisse Vorstellung machen konnten, 
ihre Aufmerksamkeit auch lebhafter beschäftigten. Das Gewebe der paraguayer 
Hängematte wurde alle Tage betastet und eifrig beredet. 

Alles wollten sie haben. »Ura« »(es ist) mein« lautete die einfache Erklärung. 
Die Männer bevorzugten für sich selbst das Praktische, für Frauen imd Kinder 
den Schmuck, für sich die Messer, für jene die Perlen. Die Frauen wurden beim 
Anblick der Perlen geradezu aufgeregt und nur mein Zinnteller wurde mit gleicher 
Habgier umworben. »Knöpfe« schienen für eine Art Perlen gehalten zu werden. 
Ich entdeckte bei mehreren Frauen Zierrat, der von unserer ersten Expedition 
herrührte und von dem Batovy an den Kulisehu gewandert war. Eine Frau trat 
mir entgegen, die nichts als einen Messingknopf an einer Schnur auf der Brust 
trug, und auf diesem Knopf stand die 8 des achten Cuyabaner Bataillons, 
dem unsere Soldaten damals angehört hatten. »Ist es tuchü, Stein?«, fragten 
diese lebendigen Praehistoriker. Natürlich waren die Perlen ebenso Stein und 
ihnen wegen ihrer Buntheit lieber als Gold, das sie ganz gleichgültig Hess. 
Ich hatte ihnen einige Stecknadeln gegeben und auch eine Nähnadel gezeigt, die 
einzige, die ich bei mir hatte: sie brachten mir eine Stecknadel wieder und baten, 
ihnen ein Loch hineinzumachen, wie es die Nähnadel hatte. 

Höchst merkwürdig war die Schnelligkeit, mit der sie die ihnen unbekannten 
Dinge unter die ihnen bekannten einordneten und auch sofort mit dem ihnen 
geläufigen Namen unmittelbar und ohne jeden einschränkenden Zusatz belegten. 
Sie schneiden das Haar mit scharfen Muscheln oder Zähnen des Piranyafisches, 
und meine Scheere, der, Gegenstand rückhaltlosen Entzückens, die das Haar so 
glatt und gleichmässig abschnitt, hiess einfach »Piranyazahn«. Der Spiegel war 
«Wasser!« »Zeig' das Wasser«, riefen sie, wenn sie den Spiegel sehen wollten. 
Und mit ihm machte ich viel weniger Eindruck, als ich erwartet hatte. 

Der Kompass hiess »Sonne«, die Uhr »Mond«. Ich hatte ihnen gezeigt, 
dass die Nadel, wie ich das Gehäuse auch drehte und wendete, immer nach 
dem höchsten Sonnenstand wies, und die sehr ähnliche Uhr, deren Feder sie für 
ein Haar erklärten, erschien ihnen als das natürliche Gegenstück noch aus dem 



- 76 - 

besondern Grund, weil sie »nachts nicht schhef«. Sie stellten mehrfach mitten 
in der Unterhaltung die Forderung, dass ich die Uhr hervorhole und lachten 
dann sehr befriedigt, wenn sie wirklich wach war und tickte. 

Nichts wäre verkehrter als zu glauben, dass dieser aufrichtigen Neugier und 
Bewunderung nun ein eigentlicher Wissenstrieb oder ein tieferes Bedürfnis des 
Verstehens zu Grunde gelegen hätte. Ueber die Frage: »hast du das gemacht?« 
kamen sie nicht hinaus. Nein, ich gab einfach meine Zirkusvorstellung, ich zeigte 
meine Kunststücke, und man freute sich, dass ich sie in jedem Augenblick in 
aller Eleganz vorweisen konnte und mich niemals blamierte. Das verblüffendste 
Beispiel einer oberflächlichen Befriedigung gab später der dicke Yapü, als Vogel 
ihm seine goldene Uhr zeigte und, um ihn auf das wertvolle Gold recht aufmerk- 
sam zu machen, sie zum Kontrast auf die Glasseite herumdrehte, Yapü hatte 
gerade ein Stück Beijü, Mandiokafladen in der Hand, der nur auf einer Seite 
gut gebacken zu werden pflegte, und somit eine schön goldgelbe und eine andere 
grauweissliche Seite hatte: »Beijü«, sagte er gelassen, und schritt weiter. Die 
Erscheinung war ihm von Beijü her bekannt, und es lohnte wahrlich nicht, sich 
dabei aufzuhalten. 

Auch kann ich hier schon ihrer Ueberraschung gedenken, als einer der 
Herren, der in der Lage war, ein falsches Gebiss herausnehmen zu können, dieses 
Kunststück produzierte. Sie staunten, aber lachten auch sehr bald, und einige 
Tage später, als sie an den gefangenen Piranyafischen die Gebisse, ihre ein- 
heimischen »Messer«, auslösten und von einem Kameraden gefragt wurden, warum 
sie das thäten, antwortete Einer nicht ohne Witz: »damit wir uns auch helfen 
können, wie der Bruder, wenn wir einmal alt werden«. 

Wie wäre es auch möglich gewesen, ihnen irgend einen meiner Apparate 
oder auch nur ein Messer oder einen Knopf wirklich zu erklären? Wie sollte ich 
ihnen begreiflich machen, was eine »Maschine« ist? Was sie zu leisten hatten, 
leisteten sie, sie passten gut auf und es war hübsch, die Lebhaftigkeit und 
Wichtigthuerei zu beobachten, mit der ein eben gezeigtes Kunststück einem neu 
Hinzutretenden, einem Ignoranten in ihren Augen, beschrieben wurde. So 
merkten sie sich ganz genau, dass meine schwedischen Zündhölzer nur auf der 
Reibfläche in Brand gerieten; mit grossem Eifer wurde ein Ankömmling auf 
Bakairi über »tända endast mot lädans plan« belehrt. Welche Dame bei uns 
wüsste mehr davon zu sagen? Nicht davon zu reden, dass keine eine Ahnung 
davon hat, was Feuer ist. Zuerst erschraken sie, dann fanden sie die Sache 
spannend, dann sehr nett und spasshaft, und endlich zogen sie die Nutzanwendung 
und baten mich, als ein Feuer angezündet werden sollte, einen dicken Holzkloben 
mit meinen Schweden in Brand zu setzen. Eine Frau, bei der wohl die ersten 
Gefühle vorherrschend blieben, nahm eine leere Schachtel und hing sie ihrem 
Baby um den Hals. 

Ihr Bedürfnis, in das Wesen der neuen Dinge einzudringen, erschöpfte sich 
ausser in der Frage, ob ich sie gemacht habe, in der zweiten nach dem Namen. 



~ n — 

»Eseti?« »Eseti?« »Wie heisst das?« rief die ganze Gesellschaft unisono und alle 
plagten sich redlich, die portugiesischen Wörter nachzusprechen. Der Eine oder 
Andere flüsterte oft, während die Unterhaltung weiter ging, das Wort noch lange 
vor sich hin. Zwei Konsonanten hintereinander vermochten sie nicht auszusprechen. 
Gelang es aber hier und da, ein geeignetes Wort gut wiederzugeben, war die 
Freude gross, und ich hatte den Eindruck, als ob ihnen nun der Gegenstand 
selbst auch vertrauter erscheine. Als Name fiir mein Schreibbuch war »papera«, 
von dem portugiesischen papel, Papier, in Aufnahme gebracht worden, und 
während sie im Anfang das unbegreifliche Ding nicht genug hatten betrachten 
und betasten können, wussten sie sich nun rasch damit abzufinden; es war eben 
einfach »papera«. 

Ueberall in der Welt, wo man einer fremden Sprache gegenübertritt, will 
man recht bald wissen, was »ein hübsches Mädchen« heisst. Ihr »pekoto iwäku« 
oder das lieblichere »pekoto iwakulukülu« konnte ich ihnen mit den Worten, die 
sie gut nachzusprechen im Stande waren, »moga bonita« übersetzen und das 
wurde nun mit Entzücken geübt. Ich hatte zuerst Eva mein »moga bonita« 
vorgesagt, sie lachte, errötete und sprach es zierhch und deutlich aus. Sie lachte 
weiter, stiess ihren Gatten Kulekule in die Rippen — genau so wie eine kräftige 
Person bei uns thun würde, die sich über einen guten Einfall freut — die beiden 
tuschelten zusammen, und ich wurde gebeten zu sagen, was nun »ein hübscher 
Mann« heisse. Als ich Tumayaua's portugiesische Versuche, die in der That, ob- 
wohl er Häuptling war, nicht sehr glücklich ausfielen, einmal nachahmte, lachte der 
ganze Chorus in einer Weise, dass sie vor Lachen nicht mehr reden konnten, sie 
jodelten förmlich vor Ausgelassenheit. 

Das waren die düstern und verschlossenen Indianer, Wurde es ihnen mit 
dem Geplauder des Guten zu viel, so gähnte Alles aufrichtig und ohne die Hand 
vor den Mund zu halten. Dass der wohlthuende Reflex auch hier ansteckte, 
Hess sich nicht verkennen. Dann stand Einer nach dem Andern auf, und ich 
blieb allein mit meinem Dujour. 

Die verschiedenen Abkommandirten waren von sehr verschiedener Brauch- 
barkeit für meine Zwecke. Einige ermüdeten zu rasch, andere waren zu unstät. 
Der dicke bäurische Yapü z. B. gähnte nach wenigen Minuten und sein Gesicht 
schien zu sagen: »Herr, Sie fragen zu viel«, und Luchu, der eitle Fant, wollte 
sich nur amüsieren. Von den Jüngeren nützte mir nur der merkwürdige Kule- 
kule. Dieser war in der That schweigsam und zurückhaltend, aber er kam 
offenbar gern, lachte still für sich hin, und wenn er dann den Mund zum Reden 
aufthat, antwortete er besser als die Uebrigen. Er hatte für einen Topf von 
mir Perlen bekommen, sie aber abliefern müssen; ich schenkte ihm neue und 
nahm einen andern Topf, den er brachte, nicht an. Darüber war er glücklich, 
gab mir eine Schale des faden Pogugetränkes und setzte sich, den Kopf zutraulich 
an meine Schulter gelehnt, zu mir. Mein getreuester Hüter war Paleko; mit 
seinem langen graumelierten Haar, seinem feinen alten Antlitz hätte er sehr gut 



- 78 - 

emeritierter Gymnasialdirektor sein können. Wie wir denn häufig an europäische 
Physiognomieen erinnert worden sind, deren Besitzer sich den Vergleich mit 
einem nackten Indianer vielleicht verbitten würden; Ehrenreich und ich waren 
uns z. B. in Scherz und Ernst ganz darin einig, ein paar Herren der Berliner 
Anthropologischen Gesellschaft am Kulisehu wiederzuerkennen: selbstverständlich 
haben diese Herren nichts von den Indianern, aber diese Indianer hatten etwas 
von den Herren. Mit Paleko war ich halbe Tage allein. Ab und zu kamen 
denn Eva oder die Zukünftige oder die Egypterin allein oder zusammen, uns 
Beiden ein wenig Gesellschaft leistend. 

Paleko flocht zierliche Körbchen, besserte Reusen aus, drehte Bindfaden 
aus Palmfaser und was dergleichen leichte Geduldarbeit mehr war. Er gab mir 
nicht nur Wörter und Sätze aus seiner Muttersprache, sondern auch eine Liste 
von Nahuquä-Wörtern, die bezeugte, dass er mit den Nachbarn reichlichen Ver- 
kehr unterhalten hatte. Er weniger als die Jugend legte Wert darauf, meine 
Sprache kennen zu lernen. Lieber hätte ich ihnen deutsche Wörter gesagt statt 
der portugiesischen, doch hielt ich es für meine Pflicht, die armen Gemüter für 
die Zukunft nicht zu verwirren. Da meine Kenntnisse des Bakairi noch sehr 
dürftig waren, kam ich nur langsam vorwärts. 

Der einfache Verkehr, der sich auf das gewöhnliche Thun und Lassen 
bezog, hatte keine Schwierigkeiten. Mit 50 — 80 Wörtern kann man sich bei 
einiger Uebung in jeder fremden Sprache geläufig unterhalten: dieser, dieses, ja, 
nein, ist da, ist nicht da, weiss nicht, will, will nicht, wie heisst, was, wo, wann, 
wieviel, alle, wenig, viel, anderer, sogleich, morgen, ich, du, i, 2, 3, gut, schlecht, 
gross, klein, nahe, weit, oben, unten, mit, für, in, nach, lass uns, geben, nehmen, 
bringen, stellen, gehen, weggehen, kommen, ankommen, bleiben, essen, trinken, 
schlafen, machen, schneiden, aufhören und die jeweilig wichtigsten Substantiva. 
Das sonst so nötige »danke« und »bitte« ist dem brasilischen Eingeborenen 
unbekannt. Mit einem kleinen Teil jener Wörter kann man schon sehr gut 
zurechtkommen, und es wäre schlimm, wenn es anders wäre. Denn die grund- 
sätzlichen grammatischen Verschiedenheiten etwa zwischen Portugiesisch imd 
einer beliebigen Indianersprache Brasiliens sind so gross, dass kein Kolonist oder 
Soldat jemals in ihr Wesen einzudringen vermag: schon die Pronominalpräfixe 
und die Postpositionen bilden ein unüberwindliches Hindernis. Es gelingt leider 
um ihretwillen in zahlreichen Fällen nicht, den Wortstamm, dessen wir nach 
unserm Sprachgefühl in erster Linie bedürfen, aus der mit jenen Elementen voll- 
zogenen Verschmelzung abzuscheiden. Der Stamm des Verbums ist ausser der 
Zusammensetzung mit Pronominalpräfixen in einer Weise mit adverbialen Aus- 
drücken vereinigt und verarbeitet, um das, was wir Flexionen nennen, zu geben, 
dass ein armer Teufel von Anfänger in helle Verzweiflung gerät. Da heisst im 
Bakairi „zäte^ und „k^anadUe^' beides »ich nehme mit«, verschiedene Formen für 
denselben Sinn: wie soll ich ahnen, dass der Verbalstamm ,,^a", der sich nach 
den phonetischen Gesetzen der Sprache zu „ha'''' und „a" verändert, in dem „a" 



— 79 — 

von ki-an-a-düe gegeben wird? Da heisst mit dem (schon veränderten) Verbal- 
stamm j,e" sehen »du siehst« ^meta^ und »du siehst nicht« y^manepüräma" und 
ist zu zergUedern : 

m - e - ta und m - an - e - püra - ama. 
du Stamm Flexion du Flexion Stamm nicht du. 

Die einfache Folge ist, dass man alles Mögliche zum Stamm rechnet, was 
garnicht dazu gehört, und die Form für alle möglichen Gelegenheiten anwendet, 
bei denen sie weder der Person noch der Zeitfolge oder anderen in ihnen ent- 
haltenen Nuancen nach angebracht sind. Die organische Gliederung der Wörter 
erstarrt, und der Satz wird ein Mosaik der rohesten Art aus lauter Bruchstücken. 
Aber für die Verständigung ist dann gesorgt; dem Indianer genügt bei seinem 
Talent für das Charakteristische das abgehackte Wortstück durchaus an Stelle 
des ganzen Satzindividuums, und, was schlimmer ist, wenn man Fortschritte in 
der Sprache machen möchte, freilich auch um so angenehmer ist, wenn man nur 
den plumpen Inhalt der Mitteilung bedarf, er selbst eignet sich bald die neue 
Ausdrucksweise an: man unterhält sich geläufig miteinander, indem man statt mit 
lebendigen Worten wie mit geprägten Münzen Tauschverkehr treibt. 

Was mir die Aufnahme nicht wenig erschwerte, war der Umstand, dass die 
Bakai'ri meinen Frageton nicht verstanden. Sie ahmten ihn nach, statt zu 
antworten. Die Namen der gegenwärtigen Gegenstände zu erhalten, ging ohne 
jede Mühe an; sie kamen dem Bedürfnis sogar entgegen, zeigten auf solche, die 
ich noch nicht gefragt hatte, und sagten die Namen. Sehr ausführlich nahm ich 
die Körperteile auf, weil sie stets mit den Pronominalpräfixen verbunden sind, 
der Indianer also nicht etwa sagt: »Zunge«, sondern stets mit dem Zusatz der 
Person »meine Zunge«, »deine Zunge«, »seine Zunge«, und somit dieser Kategorie 
des Verzeichnisses auch ein grammatikalischer Wert innewohnt. Es war deshalb 
wohl darauf zu achten, ob man den Körperteil, dessen Stamm man verlangte, 
an sich selbst oder an dem Gefragten oder an einem Dritten zeigte, denn die 
Antwort lautete je nachdem: deine älu, meine ulu, seine ilu oder allgemein kxidu 
unser Aller, die hier sind, Zunge. 

Tiernamen aufzunehmen war ein Vergnügen, weil hier die Nachahmung mit 
Lauten und Geberden am kunstvollsten auftrat. Eine Schlange, ein Alligatorkopf 
oder dergleichen wurde auch in den Sand gezeichnet. Mir war die Menge der 
Einzelangaben hinderlich, da ich nicht genug von den Stimmen und dem Be- 
nehmen ihrer Tiere wusste; sie boten mir Feinheiten in den Artunterschieden, 
die icli zu ihrer Verwunderung nicht würdigen konnte, und zuweilen fürchte ich 
ihnen unbegreifliche Lücken in der gewöhnlichsten Schulbildung verraten zu haben. 

Die schwierigste Aufgabe lag bei den Verben, und zwar nicht allein wegen 
der Kompliziertheit der Formen. Gelang es mir, kurze Sätze aufzuschreiben, in 
denen etwas über irgend einen grade ablaufenden Vorgang ausgesagt wurde, 
führte ich auch selbst allerlei Handlungen, wie Essen und Trinken jetzt von 
diesem, dann von jenem, aus, die ihnen den Inhalt eines Satzes Hefern sollten, 



— So- 
so waren dabei doch grobe Irrtümer unvermeidlich. Sie sagten leider oft andere 
Dinge, als sie nach meinen Wünschen sagen sollten, und kritisierten die Handlung, 
anstatt sie zu benennen. Sie dachten für sich und nicht für mich. Und bei 
diesen Bemühungen wirkte ihre Bereitwilligkeit, nachzuahmen, in hohem Grade 
störend. Ich glaubte, nichts sei einfacher als wenigstens diejenigen intransitiven 
Zeitwörter zu erhalten, die sich durch eindeutige Mimik meinerseits herausfordern 
liessen, ich brauchte ja nur zu niesen, husten, weinen, gähnen, schnarchen, nur 
aufzustehen, niederzusitzen, zu fallen u. s. w., um auch sofort mit den zugehörigen 
Wörtern belohnt zu werden. Aber sie klebten entweder an der Anschauung des 
Vorgangs selbst, meinten, ich wolle fortgehen, wenn ich aufstand, gähnten recht- 
schaffen mit, weil sie auch müde waren, oder amüsierten sich königlich über mein 
sonderbares Gethue und gaben sich daran, unter vielem Lachen ebenfalls zu 
niesen, zu husten, und zu schnarchen, ohne aber die erlösenden Wörter auszu- 
sprechen. 

Am besten kam ich vorwärts, wenn ich ihnen das portugiesische Wort gab, 
und die Formel anwandte: der Karaibe sagt so, wie sagt der Bakairi? Hier stiess 
ich endlich fast immer auf Verständnis und Gegenliebe, denn sie waren versessen 
darauf, von meiner Sprache zu lernen. 

Es betrübte sie sehr, dass sie mich nicht besser verstanden und, Hören und 
Verstehen verwechselnd, baten sie mich, sie zu kurieren: ich musste Speichel auf 
meinen Finger nehmen und ihnen damit den Gehöreingang einreiben. Ihre Auf- 
fassung des Portugiesischen war sogar mangelhafter als sie selbst ahnten. Sie 
haben kein / in ihrem Lautschatz und ersetzen es durch p: sagte ich fogo 
(Feuer), fumo (Tabak), so sprachen sie po^o, pumo aus. Aber sie hörten, richtiger 
apperzipirten das / auch als p, sie waren, soweit ich zu sehen vermochte, fest 
überzeugt, denselben Laut auszusprechen, den ich ihnen vorsagte. Denn ihr 
Verhalten war ganz anders, wenn ich ihnen z. B. ein zu langes Wort aufgab, sie 
plagten sich und verzweifelten daran, aber fogo, fumo, /...., je nachdrücklicher 
und. lauter ich es sagte, um so nachdrückhcher und lauter fielen sie auch ein: 
pogo, pumo, p . . . ., mit merklicher Entrüstung über meine Unzufriedenheit. 

Ich musste mich begnügen, das Vokabular so viel als möglich zu vervoll- 
ständigen und die Sätze nach bestem Wissen zu deuten. Zu einem eigentlichen 
Uebersetzen, das den Feinheiten ihrer Sprache gerecht geworden wäre, kam ich 
nicht; was ich in dieser Beziehung in meinem Buch »Die Bakai'ri- Sprache« 
(Leipzig, K. F. Köhler, 1892), bringen konnte, verdanke ich Antonio. Ganz be- 
sonders eigentümlich berührte mich ihre Freude über den Reichtum ihres Wörter- 
vorrats. Sie bekundeten ein grosses Vergnügen, für jedes Ding auch ein Wort 
zu haben, als wenn der Name selbst eine Art Ding und Besitzgegenstand 
wäre. Dass die Zahl der Begriffe in erster Linie vom Interesse abhängt, lag 
klar zu Tage. Auf der einen Seite im Vergleich mit unsern Sprachen eine Fülle 
von Wörtern, wie bei den Tier- oder Verwandtennamen, auf der andern eine 
zunächst befremdende Armut: yelo heisst »Blitz« und »Donner«, k^opö Regen, 



Gewitter und Wolke. Nun sind ja in ihrem Gebiet fast alle Regen mit Gewitter- 
erscheinungen verbunden, und die Wolke am Himmel hat für sie nur das Inter- 
esse, dass sie ein heranziehendes Gewitter bedeutet. Dass der Donner, wenn 
sie die sichtbare und die hörbare Teilerscheinung der elektrischen Entladung in 
einen Begriff zusammenfassen, in ihrem Wort yelo der wesentlichere Teil ist, 
geht daraus hervor, dass sie yelo auch das brummende Schwirrholz nennen; ich, 
der ich von der Idee des Zauberinstrumentes ausging, nach dem Brauch der 
Mythologen auf das Unheimliche fahndete und dies zunächst in dem zuckenden 
Strahl erblickte, übersetzte das Wort anfangs mit »Blitz« anstatt mit »Donner«. 

Die eigentliche Armut steckt in dem Mangel an übergeordneten Begriffen 
wie bei allen Naturvölkern. Sie haben ein Wort für »Vogel«, das wahrscheinUch 
»geflügelt« bedeutet, aber die Nordkaraiben haben einen andern Stamm toro- oder 
tono-, der bei den Bakairi noch bestimmte, sehr gewöhnliche Vögel, eine Papa- 
geien- und eine Waldhuhnart, bedeutet. Jeder Papagei hat seinen besondern 
Namen und der allgemeinere Begriff »Papagei« fehlt vollständig, ebenso wie der 
Begriff »Palme« fehlt. Sie kennen aber die Eigenschaften jeder Papageien- und 
Palmenart sehr genau und kleben so an diesen zahlreichen Einzelkenntnissen, dass 
sie sich um die gemeinschaftlichen Merkmale, die ja kein Interesse haben, nicht 
bekümmern. Man sieht also, ihre Armut ist nur eine Armut an höheren Ein- 
heiten, sie ersticken in der Fülle des Stoffes und können ihn nicht ökonomisch 
bewirtschaften, Sie haben nur erst einen Verkehr mit Scheidemünze, sind aber 
im Besitz der Stückzahl eher überreich als arm zu nennen. Sie setzen in dem 
Ausbau ihrer Gedanken die Begriffe wie zu einem endlos langen W^all von gleich- 
artigen Steinen zusammen und haben noch kaum eine Ahnung von architektonischer 
Gliederung. 

Ihre Schwerfälligkeit, Abstraktionen zu bilden, trat am deutlichsten bei den 
Versuchen hervor, die ich betreffs ihrer Zählkunst anstellte. Hierüber möchte 
ich aber in einem besondern Kapitel später berichten, damit ich nun endlich den 
Faden unserer Reisechronik wieder aufnehmen und zur Independencia zu den 
Gefährten heimfahren kann. Ich bin bei der Schilderung meiner Bakairi- Idylle 
etwas sehr ausführlich gewesen, erspare damit aber auch manche Einzelheiten für 
die spätere Darstellung, da das Bild bei den übrigen Stämmen, wenn ich es 
auch nirgendwo mehr so still geniessen konnte, im Wesentlichen dasselbe war. 



V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 



VI. KAPITEL. 



I. Gemeinsamer Aufbruch und Besuch 
der drei Bakairidörfer. 

Independencia während meiner Abwesenheit. Vorbereitungen 7,ur Aljreise. Nach dem ersten Bakairi- 
dorf. Photographieren. Puppe überreicht. Nach dem zweiten Bakairidorf. Flussfahrt. CJastfreund- 
schaft. Vermummung zum Holen der Speisen. Nachttanz. Fries im Häuptlingshaus. Nach dem 
dritten Bakairidorf. Begrüssungsreden. Sammlung. Der erste Nahiiqixa. Kürpermessung und Perlen. 

Am 19. September 1887 kamen Ehrenreicli und Vog-el an. Wir fuhren 
gemeinsam zu dem zweiten Dorf der Bakairi, wo wir noch ein Kanu erwarben 
und kehrten zum ersten Dorf ziuück. Jene brachen dann am 24. September 
zur Independencia auf, und ich folgte ihnen am 25., überholte sie noch, da Carlos 
fieberkrank war, und am 26. waren wir alle wieder in der Independencia ver- 
einigt, Tumayaua und Luchu hatten mich begleitet und konnten jetzt das »Wau- 
wau« am Original studieren. Unsern Besuch der zweiten Bakairi möchte ich hier 
noch nicht schildern, sondern bei dem Bericht über den späteren gemeinsamen 
anfügen, damit die Kreuz- inid Querwege den UeberbHck nicht erschweren. 

Ich war also vom 8. — 26. September von der Independencia abwesend 
gewesen. Es lässt sich denken, mit welchem Gefühl der Erlösung Wilhelm und 
Rerrot unsere Kanus begrüssten. 

Die Maultiere hatten ihnen luid dem alten Januario viele Sorgen gemacht. 
Tag um Tag fehlte bald dieses, bald jenes. Januario hatte ein Tier einmal von 
dem zweitnächsten Lagerplatz der Herreise zurückholen müssen und war so immer 
unterwegs gewesen. Inzwischen war auf der Queimada frisches junges Gras auf- 
geschossen und damit die Zukunft gesichert. Die Esel waren in gutem Zustande, 
sie fingen bereits an, fett zu werden, verwilderten schon und kamen täglich zur 
Tränke an einen Tümpel. Nur »Balisa«, der »Pfahl«, hatte sich ein mit Maden 
gefülltes Loch auf dem Rücken zugelegt. »Tormenta« war den Qualen des 
Daseins entrückt worden. Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten, frass 
das Gras nicht mehr, das man ihm sorglich vorschnitt, und lag eines Morgens 
tot auf dem Sandstrand. 



- 83 - 

Jagd und Fischfang hatten manche Abwechslung geboten. Nur war das 
Fischen nicht so leicht als man denken sollte. Antonio fing sofort nach der 
Rückkehr 7 Welse, Pintados, von denen er zu unserm Schmerz ganze 4 an das 
Paar Tumayaua und Luchu, und nur 3 an unsere grosse Küche ablieferte, allein die 
Soldaten waren nie so glücklich gewesen. Dagegen war allerlei Geflügel ge- 
schossen worden, Jakutingas und Jaküs zumeist, vorzügliche Enten, ferner ver- 
einzelte Exemplare von Johö, Mutum cavallo, Taube, Arara und Papagei. Aus 
der Klasse der Vierfüssler: Affe, Reh, ein Tapir, ein Cervo de campo, der wegen 
seines Moschusgeruchs verschmäht wurde, und eine Waldkatze. Zweimal hatte 
man mehrere Schweine erbeutet, die zweite Lieferung aber war unbrauchbar 
geworden, da die Tiere voller »Würmer« steckten und in den Fluss geworfen 
werden mussten. Gelegentlich hatte man eine Schildkröte gefunden, »Buscar 
mel«, Honig suchen, war noch eifriger betrieben worden als die höhere Jagd. 
Denn stark meldete sich schon der Hunger nach Süssigkeiten. Die verschiedenen 
Arten des Honigs wurden verschieden gewürdigt. Der Bora-Honig hatte einen 
süsslich sauren und sehr seifigen Geschmack; trotzdem wusch sich Januario noch 
das Wachs mit Wasser aus und genoss die Flüssigkeit von der Farbe des englischen 
Senfs mit Behagen. Allgemeinen Anklang fand der Kupimhonig, der den Paraguay- 
thee versüsste oder mit Mehl angerührt wurde. 

Langsam verflossen die Abende. Mit Schrecken ertappten sich Wilhelm und 
Perrot darauf, dass sie mehr von Cuyabä und der Rückreise plauderten als von 
der Flussfahrt und ihren Aussichten, Sie spielten verzweifelt Sechsundsechzig und 
ärgerten sich über die Verhöhnung in dem unermüdlichen Ruf des »Joäo Cortapäo« 
(Hans, hack Holz, Caprimulgus albicoUis) , dem der Brasilier auch die Worte 
unterlegt: »manhä eu vou« = morgen gehe ich. Sie lauschten der sechstönigen 
Skala des flötenden Urutau, einer Nachtschwalbe (Nyctibius aethereus), und 
dem weniger wohllautenden Schrei einer Reilierart, des Sokoboi, der an die 
Stimme des Jaguars erinnern soll. Der Vergleich wurde aber, als sich auch 
das Geknurr der grossen Katze selbst hören liess, nicht zutreffend gefunden. Zu 
diesem Klagetönen aus dem Wald drangen aus den Zelten noch die näselnden 
Gesänge der Soldaten hervor, die sich einen »Cöxo« (spr. Koscho), die primitive 
Violine des Sertanejo, geschnitzt hatten. 

Die Frage, ob das Lager näher an das Bakairidorf hinabverlegt werden 
könnte, war endgültig verneint worden. Am 9. September, dem Tage nach 
meiner Abreise, waren Wilhelm und Perrot zu einer Rekognoszierung aufge- 
brochen, von der sie am 12. September ohne Ergebnis zurückkehrten. Sie 
hatten auf der linken Seite des Flusses im Norden und Nordnordosten nur dichten 
von Schlinggewächs und Dornen erfüllten Chapadäo cerrado angetroffen, dann 
den Fluss gekreuzt und auf der rechten Seite nur einige kleine Strecken gefunden, 
wo die Tiere zur Not hätten vorrücken können. Sie kamen abgehetzt und müde 
nach Hause. Feroz, dem besten der fünf Hunde, hätte der Ausflug beinahe 
das Leben gekostet; man hörte ihn plötzlich laut und klagend heulen, sprang 

6* 



- 84 - 

eiligst hinzu und fand ihn von einer über 3 m langen Boa umschlungen, die dem 
Armen die Kehle schon so zugeschnürt hatte, dass er nicht mehr schreien 
konnte, und nur nach Empfang von vielen Messerhieben losliess. 

Am 14. September kehrten dann Antonio und Carlos mit meiner Botschaft 
vom II. September aus dem Bakairidorf zurück; sie kamen vom Salto über Land, 
den letzten Teil der Strecke auf dem rechten Flussufer, und hielten auch ein 
Hinabrücken der Station für ausgeschlossen. Zu gleichem Ergebnis kamen endlich 
Ehrenreich und Vogel, die am 15. September die Independencia verliessen und 
am 17. am Salto eintrafen, wo sie sich einschifften und zwei Leute mit der 
Meldung zurücksandten. Sie erklärten, dass wochenlange Arbeit nötig sein würde, 
um durch das Dickicht eine Pikade zu schlagen, dass die kleinen Bäche der 
Sucurui und Chiqueira schon jetzt, geschweige in der Regenzeit, mit grösster 
Schwierigkeit zu passieren wären, weil das sumpfige, dabei dicht verwachsene Terrain 
lange Knüppeldämme erfordern würde. Erst in der Nähe des Salto hätten die 
Tiere einen Weideplatz gefunden. Hier war offener Kamp, aber namentlich im 
Norden von ausgedehnten Morästen mit Buritiständen umgeben, die in der Regen- 
zeit unter Wasser stehen und eine Fieberbrutstätte der schlimmsten Art darstellen 
würden. Am zweiten und dritten Tage hatten sie bis an den Kulisehu nur 
Sandboden und keinen einzigen Stein angetroffen. 

Wir durften also mit unserer Independencia zufrieden sein. Sie hatte einen 
angenehmen weiten freien Platz und eine Stufe tiefer, wo der klare Bach in den 
Fluss einmündete, den kleinen Küchenplatz, den die Tafel 12 darstellt. Dort 
waren auch mehrere Hängematten aufgeschlagen, während Perrot's Zelt und die 
Zelte der Soldaten oben neben dem »Neubau« standen. Es wurde nun eifrig 
gearbeitet, dieses Häuschen unter Dach zu bringen. Mit den Eseln wurden einige 
Ladungen Buritiblätter geholt; leider importirte man auf diesen auch eine Menge 
grosser Zecken. Quersparren wurden zu einem Giräo, einem Traggerüst, mit 
Pindahybabast zusammengebunden, und darüber das Dach mit Buritiblättern ge- 
deckt. Die Holzsättel und die Ledersäcke wurden im Hause aufgeschichtet und 
auf dem Gerüst die ethnologische Sammlung unter Ochsenfellen geborgen. Für 
Januario bÜeb ein guter Raum zum Schlafen. 

Die Sammlung war ein vielversprechender Anfang. Sie zählte schon an 
120 Stück, die katalogisiert und mit Blechnummern versehen wurden. Weniger 
Mühe nahm die Verteilung der Essvorräte in Anspruch. Ein kleiner Theil wurde 
für die Rückreise über Land festgelegt. Mit den Kemmerich'schen Fleischpatronen 
wurden jetzt die ersten Versuche angestellt; es ergab sich, dass sie am besten 
mit Gemüsetafeln, Melange d'PLquipage, aufgekocht wurden. Tumayaua ver- 
pflichtete sich, dafür zu sorgen, dass den Zurückbleibenden vom Dorf aus Mandioka- 
mehl geliefert würde, imd Januario erhielt vor seinen Augen einen Sack mit herr- 
lichen Perlen ausgehändigt, als Lockmittel für die Lieferanten. 

Tumayaua versprach ferner, uns auf unserer Fahrt zu begleiten. Wir sicherten 
ihm zwei schöne Beile, mehrere Hemden uud soviel Perlen zu, dass er der reichste 



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Mann am Kulisehu werden sollte. Er und Liichu fühlten sich, von allen Seiten 
verhätschelt, über alle Massen wohl in der neuen Umgebung. Wir zeigten ihnen 
den Lagerplatz in bengalischer Beleuchtung, die sich in der That prächtig ausnahm, 
obgleich die allabendliche Illumination durch tausende von Glühkäfern, die vor dem 
finstern Hintergrund der Oueimada ihre F'ackeltänze aufführten, vielleicht stimmungs- 
voller war. Tumayaua und Luchu liessen sich auch anstandslos photographieren 
(Tafel 6). Sie thaten alles was man von ihnen verlangte. Ja, Tumayaua folgte 
ohne Zaudern der Einladung, sich auf Perrot's Pferd zu setzen. Ich führte das 
Tier ein Weilchen und Hess es dann traben; der edle Häuptling ritt und ritt, 
denn wie er zurückkommen sollte, war ihm unbekannt. Es steckte doch etwas 
von einem historischen Moment in dem Anblick: der Südamerikaner der Steinzeit 
zum ersten Mal auf dem Rücken eines Rosses. Luchu war diesem Ideal noch 
nicht reif; der junge Mensch liess sich nicht dazu bewegen, dem Beispiel des tapfern 
und ob des Genusses hocherfreuten Oheims zu folgen. Tumayaua mass auch das 
Pferd, indem er Hals und Kopf mit seiner Körpergrösse vergleichend betastete: 
offenbar wollte er im Tabakkollegium eine wissenschaftliche Beschreibung liefern. 
Mit Hülfe der Indianer waren noch zwei Kanus gemacht worden, am 29. Sep- 
tember wurden die Ruder geschnitzt und am 30. die Kanus zur Probe geladen. 

Nach dem ersten Bakai'ridorf (Maigeri). 

Am I. Oktober früh standen wir um vier Uhr auf und um sechs Uhr fuhren 
wir ab. Wir waren vertheilt auf die fünf Kanus: i. Antonio, Wilhelm, ich; 
2. Ehrenreich, Joäo Pedro: 3. Vogel, Perrot, Columna; 4. Carlos und Peter mit 
schwerem Gepäck; 5. Tumayaua und Luchu. »Adeus Januario, Raymundo, 
Satyro, Manoel! Ate ä volta« bis zur Rückkehr! Sorgt für die Tiere, zankt 
Euch nicht und bleibt gesund!« »Feliz viagem!« riefen die guten Kerle zurück, 
an deren Stelle ich wahrlich nicht hätte sein mögen und die nun die Tage zählten, 
bis unsere Rückkehr ilmen die Freiheit wiedergäbe. 

Wir ruderten fleissig, machten eine Mittagspause auf einer steinigen Insel 
und um ^jUs Uhr war unser Kanu als erstes an der grossen Cachoeira, die wir dem 
Senator Taunay zu Ehren Salto Taunay getauft haben. Im Strudel nahm ich ein 
prachtvolles Bad und setzte mich dann auf einen Ausguck; es dämmerte stark 
und Niemand kam. Um ^/iy Uhr im Vollmondschein erschienen die Andern; sie 
waren bis 3 Uhr bei der Insel geblieben, schlafend und Mate kochend. Das 
Fischen wurde durch die allzu helle Nacht erschwert, erst um 1 1 Uhr brachten 
die Leute 3 grosse fette Barbados, die auf den Rost wanderten und wohl ver- 
dienten, noch zur Geisterstunde in der vom Mond herrlich erleuchteten Scenerie 
des tosenden Wasserfalls gegessen zu werden. 

Am 2. Oktober fuhren wir um ^/zy Uhr ab und erreichten den Bakairihafen 
um 2^4 Uhr. Dort stand der brave Paleko schon mit einer Schale Mandioka- 
kleister. Wilhelm und ich gingen sofort zum Dorf. Es war sehr unterhaltend 



zu beobachten, wie eine Empfangszene, da die Kanus in zeitlichen Abständen 
eintrafen, der andern folgte; neue Gäste, immer wieder neue Aufregung und 
neues Hervorstürzen aus dem Flötenhaus, wo wir unter Beijüs und Kalabassen 
Sassen. Man hatte sich zum Teil festlich mit Farbenmustern geschmückt. Kule- 
kule hatte Gesicht und Oberkörper mit orangeroten Strichen und Tupfen verziert, 
die Zukünftige hatte rote Schlangenlinien auf den Oberschenkeln, die Egypterin 
eine rote Stirn und Nase, Tumayaua's kleine Enkel waren schwarz betupft und 
beklext, ihre Mutter Eva erschien, Haar und Haut weiss bepudert von der Beijü- 
arbeit. Der gemütliche Awiä trug sonderbarer Weise eine Kuchenschaufel, d. h. 
einen Beijüwender im Haar. 

Es war auch Fremdenbesuch aus Dorf II und III vorhanden, wir zählten in 
Paleko's Haus i8 und in Tumayaua's Haus 13 Hängematten. Ehrenreich photo- 
graphirte. Jede Aufnahme wurde den Modellen durch einige Perlen vergütet. 
Sie hatten einige Angst, allein die Perlen siegten über die Furcht vor der Gefahr. 
Nur unter Schwierigkeiten kam die I'rauengruppe Tafel 5 zu Stande. Die Frauen 
hatten sich aufstellen und zurechtrücken lassen, Ehrenreich war im Begriff, die Platte 
zu belichten, da entdeckten sie plötzlich ihr Spiegelbild in dem Objektiv und stürzten 
erstaunt auf den Apparat zu, es genauer zu betrachten. Der Photograph in 
tausend Nöten! Tumayaua war in den Besitz einer unbrauchbaren Glasplatte ge- 
langt — »pdru« Wasser — und richtete sich nach Vogel's Anweisung mit ihr in 
der Strohkuppel seines Hauses das erste P'enster ein. 

An diesem schönen Tage wollte ich meinen Gastfreunden ein Ehrengeschenk 
stiften. Zwei junge Berliner Damen hatten mir eine hübsche blonde Puppe mit- 
gegeben, die sie mit buntem Kleidchen eigenhändig ausstaffiert hatten und die als 
beste Nummer unseres Waarenlagers »der Würdigsten« zugedacht war. Ich konnte 
nicht schwanken, dass sie der Zukünftigen, der Erbtochter des Dorfes und Herrin 
über alles mir gespendete Mehl, gebühre. Die neugierige Frage, ob auch die 
Frauen der Karaiben Kleider hätten, sollte nun ihre Erledigung finden. Ich rief 
die ganze Gesellschaft auf den Platz zusammen und erregte hellen Jubel, als ich 
das blauäugige rotwangige Porzellanköpfchen vorzeigte, das echte Blondhaar sehen 
und anfühlen liess und die schönen Kleider des »kxaräiba pekoto« der Reihe nach 
erklärte. Und das Entzücken steigerte sich noch, da ich nun auf die Zukünftige 
zuschritt und >;äma zoto« »Du besitzest es« sagte. Die kleine Gelbhaut errötete 
vor Freude und zu meinem Erstaunen ergriff die sonst schweigsame Mutter mit 
lauter Stimme das Wort und sprach und sprach, Mancherlei betheuernd, was ich 
nicht verstand, was aber, wenn die Indianer auch kein Wort für »danke« haben, 
doch eine Dankesrede war. Wem meine Zukünftige von damals inzwischen Herz 
und Hand und zur Mitgift die kostbare Karaibenfrau bescheert haben mag, ich 
weiss es nicht — in einer der seltsamen Verschlingungen aber, zu der sich zu- 
weilen die Glieder der .Schicksalskette zusammenschliessen, hat es sich gefügt, 
dass die eine der beiden Berliner Damen mittlerweile die Gattin des Verlegers, 
die andere die Gattin des Verfassers dieses Buches geworden ist. 



- 87 - 

Wir blieben bis tief in die Dunkelheit und gingen dann zu unserm Lager 
am sogenannten zweiten Hafen des Dorfes. Eine lange Stromschnelle liegt 
zwischen dem obern und dem untern Hafen; die Kanus waren dort noch am 
Nachmittag hinüberbugsiert worden, damit wir das Hindernis nicht erst am 
folgenden Morgen zu überwinden hatten. 

Nach dem zweiten Bakairidorf (Igueti). 

Die Reise von dem ersten Dorf nach dem zweiten ist wegen der zahlreichen 
Stromschnellen sehr beschwerlich. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der Fluss 
auf lange Strecken hin mit Blöcken durchsetzt ist, zwischen denen er bei dem 
damaligen Wasserstand nur sehr niedrig war. Wir nannten diese Art »Stein- 
cachoeiras«, es sind echte Katarakte, die bei höherm Wasserstand wahrscheinlich 
leichter passiert werden. 

Die ersten Stunden hinter Maigeri floss der Kulisehu in himmlischer Ruhe 
dahin; das Kanu mit seinen Ruderern spiegelte sich unverzerrt in der flaschen- 
grünen Flut, und eine lange Spur von Schaumblasen bezeichnete die Bahn. 
Dunkel, aber von dem Sonnenschein gelblich durchleuchtet, setzte sich das Bild 
der Waldkulisse gegen die schimmernde und flimmernde Oberfläche ab. Der 
volle Laubschmuck rundete die Baumumrisse, und üppige hellgrüne Bambus- 
massen füllten alle Lücken aus. Ueberhängendes Gebüsch und niedere Bäume, 
die tiefgeneigt vom Ufer weggedrückt schienen, spannten Schattendächer aus, in 
deren Schutz man gern dahinglitt. Nichts ist schöner als das allgemeine 
Schweigen der Natur, ehe die Cachoeira kommt; man weiss, bald wird das 
Brausen erst fern und dumpf, dann lauter und lauter ertönen und geniesst die 
Stille, der, ohne die Aussicht auf den bald nur zu lebhaften Wechsel, unser Geist 
in schwerer Langeweile erliegen würde. Als wir dieselbe Strecke am 20. September 
zum ersten Mal fuhren, hatte ich mich an dem Anblick des geschmeidigen Luchu 
erfreut, der mit Bogen und Pfeil im Kanu aufrecht stehend nach Pakü-Fischen aus- 
spähte. Der Indianer, dem die Angel unbekannt war, gebrauchte doch schon den 
Köder. Kv warf bohnengrosse grellrote Beeren (iwäulu) ziemlich weit in den Fluss, 
spannte schleunigst den Bogen, zielte auf die Beere und entsandte den Pfeil in 
dem Augenblick, wo der Pakü zuschnappte und die Beere verschwand. 

Damals waren wir bequem in einem Tage nach Igueti gekommen, da wir 
die Kanus sobald als möglich verliessen und über Land gingen. Dieses Mal 
konnten wir uns keine Stromschnelle ersparen. Es waren ihrer im Ganzen acht 
bis zu dem sogenannten Hafen, doch schlugen wir schon hinter der siebenten um 
572 Uhr das Lager auf. Bei der vierten hatten wir 40 Minuten gebraucht, um 
die Kanus durch das ausgedehnte Steingewirr hindurchzuschieben. Das unsere 
klemmte sicli zwischen zwei Felsblöcken fest und füllte sich halb mit Wasser. 
Es ist ein unangenehmes Gefühl, wenn der elastische Boden des Fahrzeuges sich 
unter den Füssen biegt wie eine Welle. Um 4 Uhr fanden wir den ganzen 



Fluss versperrt und quer durchsetzt durch hohe Stakete und Steine, wo die 
Bakairi den Fischen nach Gutdünken den Weg verlegen und öffnen können. Es 
war ein sehr merkwürdiger Anblick und, wenn man die Arbeitsmittel und den 
Kulturfortschritt der Bakairi in Rechnung zog, nicht ohne Grossartigkeit. Wir 
hatten mühsam die Steine am Rand der Stakete aus dem W^ege zu räumen, 
um überhaupt mit unsern schmalen Kanus zu passieren. Dahinter eine Breite 
von 124 m. 

Bei der letzten Stromschnelle erlitt Vogel Schiffbruch. Die Instrumente 
blieben trocken, aber die Suppentafeln erlitten eine vorzeitige Wässerung. So 
benutzten wir die Gelegenheit, aus den rettungslos durchweichten Stücken einmal 

eine verschwenderische Kraftsuppe 
zu brauen. Wir machten hinter 
dem Orte des Unfalls Halt, be- 
suchten von hier aus am nächsten 
Tage, dem 4. Oktober, das Ba- 
kairidorf und Hessen die Kanus 
währenddess zum Hafen weiter- 
schafifen. Auch auf dieser Strecke 
fuhr Vogels Kanu auf einen Stein 
und ging unter. Dabei sank ein 
uns von Herrn von Danckelman 
überlassenes Wasser -Thermometer 
seiner Bestimmung gemäss in die 
Tiefe, blieb aber auf Nimmer- 
wiedersehen drunten und entzog 
sich der Ablesung. 

Das Dorf war in einer halben 
bis einer ganzen Stunde vom Fluss 
zu erreichen, je nachdem man 
später oder früher landete. Es 
war rings umgeben von gerodetem 
Land in einer Ausdehnung, die 
unser höchstes Erstaunen erregte. 
Auf den drei verschiedenen Wegen, die wir gegangen sind, kamen wir durch 
lange Strecken, wo der W^ald mit dem Steinbeil niedergeschlagen war. Im März 
und April werden die Bäume gefällt und im September und Oktober das in- 
zwischen getrocknete Holz verbrannt. Wir betrachteten mit Bewunderung eine 
Anzahl dicker Stämme, deren Querschnitt mit den stumpfen Schlagmarken der 
Steinbeile bedeckt war und bedauerten keine solche Hiebfläche absägen und mit- 
nehmen zu können. Ich leistete im Stillen Abbitte bei den Indianern, über die 
ich oft gelacht hatte, wenn sie sich zu Hause in der Hängematte schaukelten, als 
wenn ihr Leben ein grosser Sonntag wäre. 




Abb. 



Vogelkäfii 



- 89 - 

In Igueti gab es drei grosse Familienhäuser und ein sehr ansehnHches Flöten- 
haus, in dem viele Tanzanziige aus Palmstroh hingen. Auf dem Dorfplatz erhob 
sich ein Käfig von über Haushöhe, der aus langen, spitzkegelförmig zusammen- 
gestellten Stangen bestand; darin sass eine gewaltige Harpya destructor, obwohl 
das Dorf igu-eti = Sperberdorf heisst. Der einstige Wappenvogel war wohl 
schon lange dahin geschieden. Der schöne Adler wurde nach seiner Liebhngs- 
nahrung mego- zöto, Herr der Affen, genannt. Neben dem Häuptlingshause 
lag ein grosser Schleifstein für die Steinbeile; er machte mir viel Freude, weil er 
genau dieselben Rillen zeigte, wie wir sie in den Sambakis von Sta. Catharina 
beobachtet hatten. 

Die Gemeinde zählte einige 40 Personen. Man sprach von drei Häuptlingen, 
doch kam uns in dieser Eigenschaft nur der gutmütige, sehr breitschultrige und 
durch watschelnden Gang ausgezeichnete Aramöke entgegen. Er hatte einen 
pfiffigen Ausdruck und war bei seinem ungeschlachten Körper sehr höflich, da 
er im Wald vor mir herschreitend liebenswürdiger, als er wahrscheinlich gegen 
eine Dame gewesen wäre, die Zweige abbrach, die mir hätten in's Gesicht schnellen 
können. Ein grosses Messer und ein rotes Halstuch machten ihn zum Glücklichsten 
aller Sterblichen. Er erwies uns grosse Gastfreundschaft. Fortwährend wurden 
neue goldige Beijüs herbeigebracht, eine Reihe von Kalabassen mit Pogu gefüllt, 
standen immer zur Hand, ein dünner, sehr süsser Püserego wurde im Ueberfluss 
geboten und für unsere Perlen erhielten wir einen Vorrat an feinem Polvilhomehl 
auf den Weg. 

Die so eifrig backenden Frauen erschienen uns klein und hässlich, aber 
freudlich. Sie holten Wasser nur in Begleitung von Männern. 

Als ich mit Vogel und Ehrenreich am 20. September zum ersten Mal in 
Igueti war, erlebten wir eine merkwürdige Scene, die ich hier einschalten möchte. 
Wir Sassen am Abend in dem Flötenhaus, als Einige eintraten, an der Feuer- 
asche niederhockten und ein lautes ih . . . . ausstiessen. Darauf zogen sich ein 
paar Andere die dort hängenden Strohanzüge an und liefen eine Weile umher 
wie die brüllenden Löwen. Ich glaubte, es sei eitel Scherz und Zeitvertreib, 
aber alle blieben durchaus ernst. Nun lief eine der Masken hinaus, w^ährend der 
Chor wieder ih . . . . hi schrie, streckte die Arme aus dem Stroh hervor und 
raschelte mit dem Behang. Sie verschwand in einem Hause und kam bald 
wieder hervor mit Beijü und Fisch beladen. Dasselbe wiederholte sich und Luchu 
machte den Gang als Dritter, mit Getränk zurückkehrend. Immer wurde das 
Hinausgehen durch das allgemeine ih . . . angekündigt, so dass man in den 
Häusern vorbereitet war. Da der Strohanzug den ganzen Körper bis auf die 
Füsse bedeckt, ist die Person, die sich in ihm verbirgt, nicht zu erkennen. 
Vielleicht ist zwischen diesem Gebrauch, dass man sich sein Gastgeschenk in ver- 
hülltem Zustande holt, und der Sitte des Alleinessens, gegen die man nicht Ver- 
stössen kann, ohne das Schamgefühl der Andern wachzurufen, ein Zusammenhang 
vorhanden. 



— 90 — 

Später am Abend begannen drei Männer zu singen, indem sie dicht an den 
Thüreingang des Flötenhauses herantraten, und zwar so, dass sie uns Uebrigen 
den Rücken zukehrten : zwei schüttelten die Kürbisrassel, die sich nur im Material 
von unserem ersten Wiegenspielzeug unterscheidet, und der Dritte stampfte in 
taktfester Beharrlichkeit mit dem rechten Fuss auf. Die Drei sangen: 'ihm, ihaii 
huxo-, ihm ohuhoyö .... Vielleicht steckt in dem ewigen hu^u, hujp nichts anders 
als das Wort für »Fuss«, das, altkaraibisch pupti, sich in fui^^ huju lautgesetzlich 
verändert. Es war ein ernstes, fast traurig klingendes, aber sehr kräftiges 
»Makanari«, wie die Bakairi ihre Festgesänge nennen. Ehrenreich war mit der 
sich unverändert gleichbleibenden Monotonie des Singens, Rasseins und Stampfens 
sehr unzufrieden, ich kann für mein Teil aber nur sagen, dass gerade das Einerlei 
Eindruck auf mich machte und mich auf eine Art berauschte und gefangennahm. 
Andere stellten sich hinter die Drei, sangen und stampften mit, mehr und mehr 
schlössen sich an, und endlich liefen die der Thüre nächsten hinaus, einer nach 
dem andern bückte sich und folgte, der ganze Zug trabte in einer langen Kette 
hinüber zum Häuptlingshause mit ununterbrochenem olinhoyö, zurück zum Flöten- 
haus, hin und her über den Platz; wir Gäste verfehlten nicht, auch wenigstens 
einige Touren des musikalischen Dauerlaufs mitzumachen, die guten Bakairi aber 
rannten, sangen, stampften — die ganze Nacht. Es scheint also eine sehr alte 
Sitte zu sein, bis an den hellen Morgen zu tanzen. Nur dass die Männer die 
Arbeit allein besorgten. Es schlief sich vorzüglich dabei ein; wie das bekannte und 
oft bewährte Mittel zum Einschlafen, dass man sich eine endlose Hammelherde 
vorstellt, die über einen Zaun setzt, und die einzelnen springenden Tiere zählt, 
hypnotisirte ihr unentwegtes ohöhwiJ) mit tödlicher Sicherheit. 

Bei unserm zweiten Besuch sahen wir Nichts dergleichen. 

Eine kleine Schussvorstellung erweckte mehr Furcht als Erstaunen; die 
Frauen liefen hinter die Häuser; ein langer Jüngling flüchtete sich in die Hänge- 
matte und hielt sich die Ohren zu. Nach dem dritten Schuss bat der Häupthng 
»äle«, »es ist genug«. Hinterher hatten sie wieder Verlangen danach und stellten 
Aufgaben, hoch in der Luft kreisende V^ögel zu treffen, die nur die Cooperschen 
Jäger hätten erfüllen können. Man muss sich jedenfalls hüten, einen Schuss zu 
thun, dessen man nicht sicher ist. 

Der photographische Apparat wurde dem Häuptlingshause gegenüber auf- 
gestellt; Aramöke folgte der Einladung, steckte den Kopf unter das schwarze 
Tuch, betrachtete sich das Bild mit lebhaftem Vergnügen und schwatzte eifrig 
darüber. Die Uebrigen trauten der Sache nicht. 

Das Haus Aramöke's, ein prachtvolles Beispiel der primitiven Architektur, 
war grösser und sorgfältiger gebaut als das Paleko's in Maigeri. Viele Vorrats- 
körbe waren zwischen den Mittelpfosten aufgestapelt und von der Wölbung 
hingen zahlreiche Maisvögel und Kolben herab. Unser Interesse aber nahm in 
erster Linie ein Fries von rohen Zeichnungen in Anspruch, der in etwa 2 m 
Höhe über den Thüren weg ringsum lief in einer Gesamtlänge von etwa 56 m. 



— 91 — 

Auf schmäle Tafeln von geschwärzter Baumrinde waren Tüpfel, Ringe, Uneare 
Muster und dazwischen ein paar Fischzeichnungen mit weissem Lehm aufgetragen. 
Zu unserm grössten Erstaunen galten auch Dreiecke und V^ierecke als Abbildungen 
konkreter Vorlagen und waren eben noch keine »geometrische Figuren«. Wilhelm 
zeichnete den ganzen Fries mit peinlicher Gewissenhaftigkeit ab, wie ihn die 
Tafeln 20 und 2 1 wiedergeben. Ich werde später die Erfahrungen bei den Bakairi 
mit den bei den übrigen Kulisehu-Stämmen zusammenstellen. Leider war es nicht 
möglich, die Originale heimzubringen. Der Lehm war so lose aufgetragen, dass 
er sofort abbröckelte, und so grobkörnig, dass er nicht, wie es bei den Masken 
gelang, durch Ueberstreichen mit Collodium festgehalten werden konnte. 

Gegen Sonnenuntergang gingen wir, von Aramöke, der in seinem roten 
Halstuch stolzierte, geleitet, nach dem Lager, das nun an dem eigentlichen Hafen 
aufgeschlagen war, und trafen dort nach dem neuen Schiffbruch grosse »Trocken- 
wäsche«. Auch war Antonios Ruder gebrochen. 

Eine Anzahl Indianer standen und sassen auf dem Uferhang herum, als wir 
am 6. Oktober kurz nach 7 Uhr abfuhren. Joäo Pedro hatte sich noch ein 
Halbdutzend frischer Beijüs bestellt und wurde pünktlich in der Frühe wie vom 
zivilisierten Bäcker bedient. 

Die kräftige Stromschnelle, »kulüri« von den Bakairi genannt, die wir bald 
ohne Fährhchkeiten durchschnitten, war die letzte des Kulisehu: »tüxu äle«, die 
Steine sind »alle«. Der Fluss ähnelte auf dieser Strecke wieder sehr dem Stück 
hinter der Independencia; viele gestürzte Bäume im Wasser, häufig hochgelegener 
Sandstrand oder auch steiles Lehmufer, die Strömung etwas beschleunigter. Der 
kleine Masarico trippelte mit seinen roten Beinchen eilfertig über den Sand uns 
entgegen, rief »geh weg, komm, komm« und flog eine Strecke voraus, um uns 
dort wieder zu erwarten. Die Windungen des Flusses waren sehr zahlreich, und 
die Fahrt wurde sterbenslangweilig. Dabei wurde das Sonnenlicht von dem hellen 
Sand grell reflektiert und das Wasser blitzte unerträglich. Um 2^/4 Uhr kamen 
wir an einen rechten Nebenbach von etwa 8 m Breite vorüber, dem Pakuneru. 
Das ist derselbe Name, den der Paranatinga bei den Bakairi führt. An seinen 
Quellen — weitweg ih . . . . — sollen die kaychfo, die Kayapö, wohnen; Tumayaua 
erklärte, dass er sie habe schreien hören. Es ist wahrscheinlich, dass von ihnen 
der Feuerschein herrührte, den wir wiederholt im Osten bemerkt hatten und der 
auf der Independencia regelmässig am Abend beobachtet worden war. Ein 
Stündchen später mündete links, etwa 12 m breit, der Kewayeli ein. An beiden 
Ufern Queimada und Pflanzung. 

Tumayaua hatte als Begleiter Pakurali aus dem zweiten Dorf mitgenommen, 
einen untersetzten vierschrötigen Alten, dem man nicht ansah, dass er für einen 
grossen Zauberer galt, und der bei uns respektlos der »Droschkenkutscher« hiess. Sie 
hatten wenig Gepäck bei sich und bargen es leicht in den Mayakus, ihren 
Tragkiepen. Nicht Baumwollhängematten, sondern Hängematten aus Palmfaser, 
die leichter sind und rasch trocknen, wenn sie durchnässt werden, hatten sie 



— 92 — 

auf die Reise mitgenommen. Die Beiden kamen rasch vorwärts, obwohl sie 
an jedem günstigen Ort aufs Fischen bedacht waren. Den grossen Zauberer 
hatten wir an einer Salmiakflasche riechen lassen, was ihn nicht wenig entsetzt 
hatte. Er war seither nicht mehr zu verführen, irgend etwas von unsern Dingen 
zu beriechen. Wenn bei uns Jemand in einer Ecke ruft, dass es dort stinkt, so 
läuft Alles hin und schnüffelt. 

Nach dem dritten BakaTridorf (Kiiyaqiialieti). 

Der Hafen, bei dem wir um 4^/4 Uhr ankamen, lag am Ende einer seitwärts 
eingeschnittenen Bucht und wäre ohne Führer nicht zu finden gewesen. 

Am nächsten Morgen, dem 6. Oktober, brachen wir um 7 Uhr zum Dorfe 
auf und erreichten es in dreiviertel Stunden auf dem üblichen geschlängelten 
Waldpfad. Unterwegs sahen wir eine grosse menschliche Gestalt in Baumrinde 
eingeschnitzt mit drei Fingern an den Händen und strumpfartigen Füssen. 

Harpyen-Dorf, „kuyaquali-eti^' , hatte auch nur drei Häuser und ein Flöten- 
haus, war aber das belebteste der drei Dörfer. Ich zählte 31 Männer und unge- 
fähr ebensoviel Frauen und Kinder. Doch waren die letzeren zum Teil in den 
Wald gelaufen. Es mochten an 1 00 Seelen im Dorfe sein. Der Häuptling Porisa 
war ein kleiner freundlicher Herr; er hatte Nachts Beijü backen lassen. Wir 
Sassen inmitten des grossen Platzes in einer langen Reihe nieder. Jedem wurde 
eine Trinkschale gebracht, mir wurde die grösste nebst einer Zigarre zu Teil. 
Die Begrüssungsreden wurden jetzt mit grosser Geläufigkeit ausgetauscht. 

dnia, du =^= das bist du. ehe üva, ja, ich - gewiss, das bin ich. bakairl üra, 
ich (bin ein) l^akaüi. kyardiba üra, ich (bin ein) Karaibe. bakdin kxüra, (die) 
Bakairi (sind) gut. kyardiba iwakulukülu, (die) Karaiben (sind) sehr gut. p'toia dina? 
(bist) du (der) Häuptling? pima üra, ich (bin der) Häuptling. 

Jedem Karaiben hockte ein Bakairi gegenüber und bewunderte ihn und 
was er anhatte. Die schwedischen Zündhölzer, Messer, Spiegel, Knöpfe, Perlen, 
— es war immer derselbe Kursus. Nur fand bei Porisa mein Tagebuch die 
meiste Anerkennung und waren es nicht die beschriebenen, oder mit Zeichnungen 
bedeckten, sondern die weissen leeren Blätter, die ihm Ausrufe des Entzückens 
entlockten. Wir schritten auch paarweise. Arm in Arm, auf dem Platze umher, 
in verbindlicher Unterhaltung. Ausführlich studierten wir die geographische Ver- 
teilung der Kulisehu-Stämme, doch blieben die Wohnorte der Trumai nach wie 
vor unklar. 

Das P"lötenhaus war gross und geräumig, sein Dach zerfallen, viel Stroh 
lag drinnen auf dem Boden, und hier, wie in den Häusern, vermissten wir die 
Sauberkeit, die uns in den andern Dörfern so wohlgethan hatte. Vor dem 
Flötenhaus fand sich, auf Querhölzern aufruhend, ein mächtiger hohler Baum- 
stamm hingestreckt — einen Morcego- (Fledermaus) Baum nannten ihn unsere 



— 93 — 

Leute — unregelmässig bemalt mit menschlichen Figuren und Fischwirbelsäulen. 
Man trommelte bei Festen auf diesem Rieseninstrument mit dicken Holzknüppeln, 
ähnlich den Mandiokastampfern. 

Drinnen gab es schöne Masken und eine neue Form des Tanzanzuges: zwei 
gewaltige Krinolinen von lO m Umfang mit Stroh bedeckt, kleinen Hütten ver- 
gleichbar, koälv, die der Tänzer an einem Ring auf der Schulter trug. Bald war 
ein schwungvoller Tauschhandel überall im Gange. Wir erhielten schönen Feder- 
schmuck, Kronen aus Ararafedern, die auf der einen Seite lichtblau, auf der 
andern gelb sind, zierliche Matten, in denen sie aufbewahrt werden, schwarzgelbe 
Rohrdiademe, wie deren Luchu auf Tafel 6 eins trägt, andere mit strahlen- 
förmigen Spitzen, grosse Pansflöten, ein mit Zeichnungen verziertes Ruder, Spinn- 
wirtel der einfachsten Art: aus Topfscherben hergestellte Scheiben, und eine 
Menge merkwürdiger zilinderförmiger Hölzer, die mit Ornamenten bedeckt waren 
und bei Festen auf dem Rücken getragen wurden. Dann aber kam in dem 
Gerät dieser dritten Bakairi deutlich zum Ausdruck, dass wir uns bei dem den 
übrigen Kulisehu-Indianern nächst wohnenden Teil des Stammes befanden; es 
war vielerlei Importwaare vorhanden und wurde hier auch als solche bezeichnet. 
Die Bakain machen selbst keine Töpfe und haben selbst keinen Ort, an dem 
sie sich die Steine für die Steinbeile holen könnten, hier aber sagte man uns 
auch sofort, dass die Töpfe von den Mehinakü und die Steinbeile von den Trumai 
stammten. Unter den Töpfen war einer in Schildkrötenform, der ein wahres 
Meisterwerk der primitiven Plastik darstellte, an dem Kopf, Schwanz und Füsse, 
sowie die Schildzeichnung auf das Herrlichste ausgeführt waren. Von den Aueto 
fanden wir eine halbzerbrochene Thonpuppe, von den Mehinakü herrührend auch 
Knäuel feingesponnener Baumwolle, von den Trumai und Suyä zierHche Feder- 
hauben. Aus unserm eigenen Besitz von 1884 entdeckten wir zwei Eisenmeissel, 
Teile eines Ladestockes, die auf Steinen zugeschhfifen waren. 

In höchsteigener Person trafen wir einen Nahuquä; leider war der Mensch 
sichtlich idiotisch und konnte meinen Zwecken wenig bieten. Es ist seltsam, 
dass dieses keine vereinzelte Erscheinung ist; die Kustenaü von 1884 hatten einen 
versimpelten Bakairi unter sich, die Yuruna desgleichen einen Arara-Indianer mit 
ausgesprochenem Schwachsinn, und Aehnliches glaube ich, noch öfter bemerkt zu 
haben. Werden die Leute dumm in der neuen Limgebung oder überlässt man 
dem Nachbar nur die dummen Exemplare zur Nutzniessung? 

In dem Flötenhause wurden anthropologische Messungen und photographische 
Aufnahmen gegen Vergütung in Perlen ausgeführt. In diesem Dorf gab es einen 
ausgesprochen semitischen Typus, von dem Tafel 13 ein klassisches Beispiel 
darstellt. Die Leute liessen sich Alles gefallen und nannten den Tasterzirkel 
nüna »Mond«. Nur Einer war entrüstet, als ich ihm, nachdem ihn Ehrenreich 
von Kopf bis zu Fuss in allen Richtungen gemessen hatte, die Gebühr von drei 
schönen, dicken Perlen überreichte. Er wollte so viel Perlen haben, als Messungen 
an ihm vorgenommen waren, er wiederholte mit lebhaftem Geberdenspiel und 



— 94 — 

anerkennungswertem Gedächtnis die sämtlichen Prozeduren: den Kopf von vorne 
nach hinten, von Seite zu Seite, die Nase von oben nach unten, den Abstand 
der Augen, die Länge der Extremitäten und ihrer Teile, die Höhe des Nabels über 
dem Boden u. s. w. u. s. w., und streckte hinter jeder Pantomime die Hand nach den 
katakud., den Perlen aus. Es half nichts, dem Manne musste sein Recht werden, 
nur war ich genötigt, ihn mit kleinen Stickperlen zu entschädigen; denn als ich 
begann, ihn zu bezahlen, ging er getreulich hinter jedem Perlenpaar wieder die 
Zahl der Messungen durch, erst jenes, dann den entsprechenden Körperteil be- 
rührend, und ruhte nicht, ehe die lange Liste ziemlich genau erledigt war. Wenn 
sich diese Gelegenheiten häufen, sagte ich mir, imd wenn die Bakairf viele solche 
kritischen Naturen hervorbringen, wird ihre Zählkunst reissende Fortschritte machen. 
Da war es ja an einem Beispiel der Erfahrung mit Händen zu greifen, wie der 
Handelsverkehr die arithmetischen Anlagen befruchtet und entwickelt! 

Die Frauen leisteten einigen Widerstand. Ganz unmöglich war es, auch an 
ihnen die Aufnahmen im Flötenhaus zu machen. Sie durften es nicht betreten, 
obwohl das edle Gebäude schon eine halbe Ruine war. So wurden sie auf dem 
Platz gemessen und photographirt. 

Unsere eingetauschten Schätze packten wir sorglich zusammen und baten 
Porisa, sie uns in seinem Hause bis zur Wiederkehr aufzubewahren. Wir durften 
unsere Kanus nicht überfrachten und mussten Raum vorsehen für die Sammlung 
bei den abwärts wohnenden Stämmen. Porisa schob die Bündel vor unsern 
Augen auf einen hohen Querbalken zwischen den Mittelpfosten und versprach, 
dass Niemand daran rühren werde. 

Um ^/aS Uhr zogen wir denn sehr befriedigt wieder zum Hafen. Antonio 
war mit acht Indianern vor die Bucht hinausgefahren, wo sich der F"ischrang 
besser lohnte und zeigte dort den Gebrauch der Angel. Seine Begleiter konnten 
mit einer schweren Ladung von Piranyas, einem Bagadü und einem Pintado den 
Heimweg zum Dorfe antreten. Eins unserer kleinen Kanus tauschten wir gegen 
ein schöneres, grösseres um. 



II. Zu den Nahuquä. 

Verkehr von Bakairi und Nahuqiia. Ueberraschte im Hafen. Merkwürdiger Empfang. Dorf aus- 
geräumt. Ein Yaurikumd. lieber Nacht. Mehinakü im Dorf. Tänze. Traurige Aussichten für 
Professor Bastian. Ich voraus zu den Mehinakü. Besserung der Verhältnisse. Botschaft über die 
Schlacht zwischen den vSuyd und den Trumai. 

Ohne Frage stehen die Nahuquä in vielfältigem Verkehr mit den Bakairi. 
Schon von dem alten Paleko hatte ich eine ganze Reihe Nahuquä- Wörter erfahren 
und aus ihnen zu meiner grossen Freude sofort ersehen können, dass es sich um 
einen neuen Karaibenstamm handle. Paleko sagte mir, dass er früher eine Zeitlang 
bei den Nahuquä gelebt habe; auch Tumayaua war bereits bei ihnen gewesen und 



— 95 — 

kannte viele Wörter ihrer Sprache, während alle Bakairi von den flussabwärts der 
Nahuquä wohnenden Mehinakü nicht ein halbes Dutzend Wörter wussten. 

Der Nahuquä, der im dritten Dorf der Bakairi wohnte, begleitete uns, als 
wir am 7. Oktober 1887 von dem Hafen der dritten Bakairi zu seinen nur eine 
Tagereise entfernten Stammesgenossen fuhren, stieg spät Nachmittags an einer 
Stelle, wo ein Pfad herantrat, aus, um uns im Dorfe anzumelden. Auch drei 
Bakäiri von Harpyendorf mit Einschluss des Häuptlings Porisa hatten sich uns 







n-f(w 



Abb. 4. Nahuquä. 



angeschlossen. Wir waren um 727 Uh'' abgefahren und hatten noch eine kleine 
Stromschnelle von starkem Schwall zu durchsetzen. Sie gehörte mit einigen Fisch- 
kurrals noch den Bakairi, während ein kleiner, 2 m breiter Bach rechts, den wir 
gegen 9 Uhr passierten, und der durch einen Fischzaun abgesperrt war, schon 
Eigentum der Nahuquä war. Um 1 1 Uhr mündete wieder rechts ein breiter Bach 
ein, der Häiri der Bakairi oder Räza der Nahuquä, in deren Gebiet er lag. Viel 
hoher Sandstrand, 4—5 m über dem Wasserspiegel der Trockenzeit, Weiden- 
gebüsch, unzählige dürre und abgestürzte Bäume. Um i Uhr machten wir eine 



- 96 - 

Pause an einem fischreichen Orte; die Piranyas bissen so schnell zu, dass man die 
Angel nur auszuwerfen brauchte und sie auch schon daran festhingen; ein grosser, 
I m langer Bagadü, den Antonio mit Leguanköder fing, zog den glücklichen 
Fischer zu unserm Vergnügen bis in die Mitte des Flusses. Mehrere Angeln 
wurden von den Piranyas abgebissen. Die Indianer lösten nach einiger Unter- 
suchung sorgfältig den Unterkiefer aus, den sie zum Durchschneiden von Fäden 
und auch zum Haarschneiden verwenden. 

Wilhelm und ich, deren Boot wie gewöhnlich mit dem Tumayaua's den 
anderen voraus war, trafen zuerst am eigentlichen Hafen ein und überraschten 
dort drei Individuen, die nicht wenig erschreckt schienen. Es war ein hübscher 
strammer Junge von etwa i8 Jahren, das Urbild der Crevaux'schen Rukuyenn 
in Guyana, den Tumayaua als jnnia iineri, den Sohn eines Häuptlings, bezeichnete, 
ein kleiner Knabe und als dritter ein junger Mehinakü. 

Durch Tumayaua freundlich getröstet und beruhigt, lachte der kleine Häupt- 
ling, zitterte aber am ganzen Leibe. Er hatte ein breites Baumwollbündel um 
den Leib geschlungen und auch eine Unwickelung über den Waden. Den Hals 
zierten zwei schöne Muschelketten. Ihre Tragkörbe waren mit Flussmuscheln 
gefüllt. Bald eilten sie freudig erregt davon. »Küra karaiba«, der Karaibe ist 
gut, war ihnen hundertmal gesagt worden — und Tumayaua rief ihnen noch 
lange nach, sie sollten für reichlich Püserego sorgen. Den andern Morgen brachen 
wir früh auf; nachdem wir ein Stückchen Campo cerrado passiert hatten, kamen 
wir in den Wald. Es war grösstenteils Capoeira, junger Buschwald, der in früher 
bepflanztem Terrain nachwächst. An den Bäumen bemerkten wir eine grosse 
Zahl von plump eingeschnitzten menschlichen Figuren — mehr als wir irgendwo 
anders gesehen • haben. Dieselben zeichneten sich durch gewaltige eselohrartige, 
aber schmale Verlängerungen aus, die uns als Ohrfedern gedeutet wurden. Gegen 
Ende des Weges fanden wir eine schöne Pflanzung von Piki-Bäumen (Caryocar brasi- 
liensis); sie haben runde Früchte von der Form und dem Umfang recht grosser 
Aepfel mit grüner Schale, buttergelbem Inhalt und dicken Kernen. 

Nach zwei Stunden erreichten wir das Dorf, es lag in Totenstille. Unser 
Zug betrat den Festplatz. Ein Kranz von zwölf nahe zusammenstehenden Häusern 
und ein schönes Flötenhaus; lange Sitzbalken lagen zu unsern Füssen. Keine 
Menschenseele begrüsste uns; nur in den Eingängen der schweigenden Bienen- 
körbe Hessen sich einige dunkele Gestalten unbestimmt unterscheiden. Tumayaua 
rief, eifrig mit Bogen und Pfeil gestikulierend, in die Lüfte hinaus; unsere lange 
Reihe harrte stummvergnügt der kommenden Ereignisse, dann fingen auch wir 
an zu schreien, dass wir gut seien, und plötzlich sahen wir uns von einigen 
vierzig Männern dicht umringt. 

Mit Ausbrüchen der Freude, die einen verzweifelten Anstrich grosser Angst 
nicht verbergen konnte, Hessen sie uns einen neben dem anderen auf den dünnen 
Sitzbalken niederhocken und schleppten Beijüs und mächtige Kürbisschalen die 
Hülle und P'ülle herbei. Die Beijüs thürmten sich in erschreckender Höhe auf; 



TAFEL VII. 




V. d. Steinen, Zentral -Bi-asili( 



— 97 — 

in den Kürbisschalen war leider nicht der wohlschmeckende Püserego enthalten, 
sondern nur der gewöhnliche Pogu-Mandiokakleister. Sie liessen uns einige Piki- 
früchte, die im allgemeinen noch nicht reif waren, als Delikatessen probieren; ein 
kleines Stückchen mit Beijü schmeckte auch gar nicht so übel, doch wurde uns 
der fettige Geschmack bald zu stark und erregte Widerwillen. 

Die Nahuquä waren kräftige, etwas plumpe Gestalten, an denen uns die 
viereckigen Gesichter besonders auffielen. Viele von ihnen hatten ein Doppel- 
kinn. Bei mehreren bemerkten wir Bemalung auf der Brust mit runden 
Klexen, Dreiecken und dergl. ; einer trug eine Schlangenlinie über den Ober- 
schenkel. Zum Ausdruck der Bewunderung oder gewaltigen Erstaunens drückten 
sie eine Hand fest vor Mund und Nase und liessen dahinter allerlei Töne, hö hö 
hö, hören, wie wir deren zuweilen beim Kopfschütteln machen. Es wurden uns 
riesige Zigarren von 40 cm Länge angeboten; anscheinend stand dieses Format 
im graden Verhältnis zur grossen Angst der Geber. 

Nachdem die Empfangsfeierlichkeit beendet war, krochen wir in das Flöten- 
haus, um unsere Sachen dort niederzulegen. Die Beij'üladungen und Getränke 
schleppte man uns eilfertig nach. In dem Haus der Männer, das sehr geräumig 
und sehr sorgfältig gebaut war, sah es trostlos leer aus. Ein öder Raum, nur 
hie und da ein paar Strohreste von Tanzkostümen auf dem Boden. Wir be- 
suchten einzelne Hütten: sie waren ausgeräumt, hie und da hing eine einsame 
Hängematte, aber die sonst überall vorhandene Menge des Hausrats von Körben, 
Kalabassen, Töpfen fehlte ; es fehlten an den Wänden die Steinbeile, die Bogen, 
die Pfeile. Besonders schmerzlich aber vermissten wir die Krone der Schöpfung. 
Nur ein paar alte Weiber von abscheulicher Hässlichkeit — abschreckend mager, 
die Haut am ganzen Körper verrunzelt, wirres mehlbestreutes Haar, trippelnder 
Gang mit eingeknickten Beinen — liessen sich erblicken; sie grinsten uns freundlich 
an und waren gute thätige Geschöpfe, denen wir auch unsere Beijüs zu verdanken 
hatten. Die schönere Jugend war weit in den Wald entflohen. 

Ueberall trat uns starkes Misstrauen entgegen; zu jedem Gang schloss sich 
starke Geleitschaft an, und sie versicherten so leidenschaftlich und häufig ihr 
„atötö atötö atötö^, was dem „kura"- der Bakairi entspricht, dass man sich schwer 
verhehlen konnte, ihre Zunge spreche das Gegenteil aus von dem, was das Herz 
empfand. Was wir nur von Kleinigkeiten fanden, erhandelten wir und gaben 
unverhältnismässig grosse Gegengeschenke, um ihre Habgier ein wenig anzuregen. 
Perrot blies als Medizinmann Mehrere mit Tabakrauch an und rieb sie mit 
Vaselin ein. Ein Alter schleppte seinen Sohn von einem zum andern und beruhigte 
sich nicht eher, als bis jeder ihn angepustet hatte. 

Wir hielten es für gut, unsere Zahl zu verringern; zuerst kehrten Antonio 
und Tumayaua, später Perrot und Vogel nach dem Hafen zurück, zumal letzterer 
dort eine Breitenbestimmung machen wollte. Ehrenreich, mein Vetter und ich 
bUeben mit den Bakairi vom dritten Dorfe zurück und wollten unter allen Um- 
ständen bei unseren Gastfreunden schlafen, so missfällig dieser Entschluss auch 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. " 



- 98 - 

aufgenommen wurde. Durch Boten sollten uns vom Hafen Fische und Lebens- 
mittel regelmässig gebracht werden. 

Wir gingen baden, von fünfzehn Mann begleitet. Ein kleines ausgetretenes 
Bächlein mit schmutzigem Lehmwasser befand sich etwa 72 km weit vom Dorf. 

In dem Flötenhause suchten wir uns mit Einigen etwas näher anzufreunden. 
Einer unter ihnen nannte sich einen »Yaurikumä« ; er wohnte drei Tagereisen nach 
Osten am Kuluene. Von ihm erhielten wir Angaben über die Lage der Truraai- 
und Kamayurä-Dörfer, die sich später als ganz richtig erwiesen. Er wusste auch 
einige Kamayurä -Wörter. Zu unserer Freude bewiesen sie, dass die Kamayurä 
ein Tupistamm sein mussten. Es machte einen wunderlichen Eindruck auf uns, 
von ihm, dessen Sprache wir nicht verstanden, aus einer fremden Sprache Wörter 
zu vernehmen, die uns so wohl vertraut waren, wie tapyra, der Tapir, und 
yakare, der in Brasilien allgemein mit diesem Worte bezeichnete Kaiman. Ein 
Anderer gab uns eine schauspielerische Vorführung der Suyä; mit einem Stroh- 
streifen demonstrierte er die Ohrrollen und Lippenscheiben, was bei den Um- 
sitzenden wie immer allgemeines Entzücken hervorrief Hier wurde uns auch 
zum ersten Mal, und zwar in Verbindung mit den Suyä, der uns unbekannte 
Stammesname »Aratä« genannt. Die Trumai, die Suyä und die Aratä wurden 
als »kuräpa« = »nicht gut« bezeichnet. 

Am Abend wurde die Thür des Flötenhauses wie die der Hütten mit einer 
Matte verschlossen; schmerzerfüllt ergaben sich die Nahuquä in das Schicksal, 
uns nicht los zu werden. Auf dem Dorfplatz hielten wir noch ein vergnügtes 
Tabakkollegium ab und erfreuten und erstaunten die Gesellschaft mit einem 
kleinen Feuerwerk. Mehr noch wurde von den praktischen Menschen eine 
brennende Kerze bewundert. Unsere Spiegel wurden gerade wie von den Bakairi 
paru^ von ihnen tune^ Wasser, genannt. 

In der Nacht brach ein schweres Gewitter los; mitleidig gedachten wir der 
armen Nahuquäweiber, die draussen im Walde schliefen. Schon um 5 Uhr begann 
man im Dorfe zu lärmen; kaum hörte man uns ein paar Worte reden, so hatten 
wir auch schon zahlreichen Besuch im Flötenhause. Nach der schlimmen Nacht 
trat der Wunsch, dass wir uns entfernen möchten, um so lebhafter hervor. Die 
anwesenden Bakairi des dritten Dorfes redeten uns eindringlich zu, dass wir nun 
gehen möchten. Wir packten auch die wenigen Kostbarkeiten, die wir erworben 
hatten, in Tragkörbe, während die Festhütte von neugierigen Zuschauern gedrängt 
voll war, und die guten Bakairi glaubten, wir rüsteten zum Aufbruch. Aber sie 
irrten sich. Wir baten sie nur, die Sachen, als sie selbst um 10 Uhr das Dorf 
verliessen, nach dem Hafen mitzunehmen, und blieben. 

Bei unserm Spaziergang durch die Hütten trafen wir eine Anzahl kleiner 
Töpfe an, von denen uns bald gesagt wurde, dass sie von den Nahuquä, bald 
dass sie von den Mehinakü herrührten. Die alte Töpferin trug auf dem Oberarm 
drei parallele Linien, die Tätowirung der Mehinakü weiber, sie deutete mit den 
Händen an, dass sie damit gezeichnet worden sei, als sie noch ganz klein war. 



— 99 — 

Ausser mehreren Frauen lebten unter den Nahuquä einige Mehinakümänner, deren 
einen wir ja schon am Hafen getroffen hatten. Einer hatte sich die Wangen 
derart bemalt, dass er mit schwarzer Farbe zwei innen mit Tüpfeln ausgefüllte 
rechte Winkel angebracht hatte. Ich liess mir von ihm etHche Wörter in seiner 
Sprache nennen und fand, dass sie mit dem von uns 1884 am Batovy auf- 
gezeichneten Kustenäu gleichlautend waren. Da ich von dieser Sprache eine 
Wörterliste bei mir führte, konnte ich ihm sofort eine Reihe von Dingen nennen, 
was ihn mit höchstem Staunen erfüllte. Er hielt mir nun eine lange, laute Rede, 
hoffentlich freundschaftlichen Inhalts, und schien fest davon überzeugt, dass ich 
jedes Wort verstehe. 

Ich wollte den Leuten gern klar machen, dass es mir darauf ankomme, 
Masken zu erhalten und versprach ihnen grosse Messer zur Belohnung. Offenbar 
wurden meine Geberden aber so ausgelegt, dass wir einen Tanz bestellten. Die 
Gesellschaft geriet in grosse Aufregung und führte uns nach einigen Vorbereitungen 
auf den Platz hinaus, wo wir auf den schreckUchen Sitzbalken niederhocken mussten. 
Zwei Personen besorgten die Musik. Der eine hockte auf dem Boden und schlug 
den Takt mit einer langen Kuye, ein anderer stand hinter ihm, ein aus Stroh 
geflochtenes hübsches Diademband um den Kopf und schwang eine Rassel. Drei 
Tänzer traten auf, Federdiademe über der Stirn, um die Hüften den lang herab- 
hängenden mehrfach ringsum gewickelten Schurz aus Buritistroh und die Arme 
mit grünem Laub geschmückt. Sie hatten sich Blätterzweige, die balsamischen 
Geruch verbreiteten, den Armen entlang angebunden, den Stiel nach oben, und 
die Hände im grünen Laub versteckt. Sie stellten sich nebeneinander auf und jeder 
stampfte in gebückter Haltung, die Arme ausstreckend und zusammenschlagend, 
entfernte sich von seinem Nachbar, drehte sich und kehrte immer stampfend wieder 
nach der Mitte zurück. Zum Takt der Kuye, der Rassel und des Stampfens 
brüllten sie mit heller Stimme: »ho ho ho« oder »hu hu hu«. Dann trat noch eine 
Frau hinzu, eine der hässlichsten Alten und wanderte den dreien gegenüber, die 
Hände auf die Brust gelegt, mit geknickten Knien taktgemäss vor- und rückwärts. 

Eine zweite Tour des Tanzes wurde mit etwas lebhafteren Bewegungen, 
indem ein Jeder die Zweige rasselnd zusammenschlug, ohne Anwesenheit der 
Frau ausgeführt und von folgendem Gesang begleitet: »loiteneru wayiwiti; wayimtineru 
witinerüwe; awirinuyäna, awirinüyäna; kanihayüha witinerü«. 

Bald darauf wurde uns noch ein grosser Tanz im Flötenhause vorgeführt. 
Die beiden Musiker mit Rasseln und Kuye sassen in der Mitte und die anderen, 
sechzehn Mann stark, bewegten sich in einem Halbkreis ringsum, in dem die 
eine Hälfte sich immer von der andern entfernte und immer zu ihr zurückkehrte. 
Sie alle stampften beim Schreiten mit dem rechten Fuss auf und stiessen ein 
gellend lautes: »ho ho ho« aus, wobei ein Jeder die Rassel, die er in der Hand 
trug, mit einem heftigen Ruck in der Richtung nach den Musikern vorstiess. 
So ging das ewig hin und her. Sie trugen elende Strohdiademe, die sie sich 
in der Eile zusammengestellt hatten, und nur wenige hatten einen hübschen 

7* 



— 100 — 

anständigen Federschmuck. Alles, was von Instrumenten und Zierrat bei den 
Tänzern gebraucht worden war, tauschten wir gegen Messer ein. 

Allein unsere Stimmung war recht trüb und verzweifelt. Wie sollten wir eine 
ethnologische Sammlung heimbringen, wenn die Leute sich vor unserer Ankunft im 
Walde versteckten! Was wiirde Professor Bastian in l^erlin sagen, wenn wir ihm zur 
Veranschaulichung der Schingü -Kultur nur so elenden Kram überbringen konnten, 
wie er in diesem ausgeräumten Flötenhaus oder in diesen verlassenen Hütten nocli 
mühsam aus irgend einem Winkel hervorgesucht werden musste! Die Nahuquä waren 
erst der zweite Stamm unserer Liste; wenn die übrigen sich ebenso benehmen 
würden, wie sie, so war es mit den Ergebnissen unserer Expedition traurig bestellt. 

Was also thun? Wir durften nicht in zahlreicher Gesellschaft, die Furcht 
einflösste, bei den Stämmen antreten und mussten um jeden Preis suchen, sie 
mit unserer Ankunft unvorbereitet zu überraschen. Ich entschied mich deshalb, 
die Nahuquä heimlich zu verlassen und nicht mit unseren Leuten, sondern mit 
zwei Bakairi in der Frühe des nächsten Morgens allein zu den Mehinakü vor- 
auszufahren. Mein Vetter und Ehrenreich blieben bei den Nahuquä zurück, 
um ihr Misstrauen möglichst zu verscheuchen und die Untersuchungen zu ver- 
vollständigen; die Nachrückenden sollten mir wenigstens zwei Tage Vorsprung 
lassen. Wenn ich plötzlich als einzelner unter den Mehinakü erschien, so war 
doch wahrlich nicht anzunehmen, dass sich das ganze Dorf vor mir fürclitete und 
mit seiner Habe in den Wald flüchtete. So ging ich denn am Nachmittag zum 
Hafen zurück, während mein Vetter und Ehrenreich blieben. 

Bei Ehrenreich meldeten sich in jenen Tagen die ersten Vorboten des 
Fiebers; sie machten sich um so unangenehmer fühlbar, als die Hitze ungewöhn- 
Hch stark war. Wilhelm hat mir über den weiteren Verlauf das Folgende be- 
richtet. Nach meinem Weggehen wurde er auf den Platz hinausgeführt und dort 
coram pubHco gründlich darüber ausgeforscht, was aus mir geworden sei. Nach 
unserer Verabredung erwiderte er mit harmlosen Gesicht, ich habe Hunger gehabt 
und sei nach dem Hafen, Fische zu essen. Dieses Motiv leuchtete den Indianern 
ein und befriedigte sie; weniger angenehm war es ihnen, dass nicht auch er und 
Ehrenreich einen gleichen Hunger verspürten. 

Schon um 5 Uhr des nächsten Morgens wurde Wilhelm durch eine lange 
Rede draussen geweckt, schlief aber wieder ein; um 6 Uhr erschien eine 
Ladung frischer Beijüs. Eiirenreich photographierte, was Anfangs grossen Alarm 
erregte, aber über Erwarten gut verlief Die Nahuquä, die sich des Lohnes der 
Perlen freuten, holten schliesslich selbst sogar F"rauen aus dem Wald herbei, damit 
sie sich den Schmuck verdienten. Ein Alter, der am Stocke ging, überreichte 
Wilhelm ein Töpfchen bitteren Salzes, dessen Zubereitung wir später bei den 
Mehinakü kennen lernten. Der alte Herr betrachtete das abscheulich schmeckende 
Zeug als Delikatesse, denn er verfehlte nicht, mehrmals den Finger hineinzu- 
stecken und das Salz behaglich schmatzend abzulecken. Obenauf lagen ein paar 
Pfefferschötchen, die homi genannt wurden. 



— lOI — 

Unter der Beute heimkehrender Fischer fanden sich zwei kleine Fische Namens 
irinko, piranyaähnlich: es war der Mereschu der Bakairi, der in der Ornamentik eine 
grosse Rolle spielt. Wilhelm zeichnete den Fisch ab und war überrascht zu sehen, 
welche grosse Anerkennung er für sein Bild bei den Indianern einerntete. Der 
intelligente Yaurikumä begriff nach längerem Zureden endlich auch unseren Wunsch, 
Masken zu erhalten, und versprach, dass wir sie bei der Rückkehr finden würden. 

Allem Anschein nach nahm das Misstrauen etwas ab, in den Hütten 
tauchten Gegenstände auf, die vorher verborgen gehalten waren. Es fanden sich 
zwei grosse Töpfe, wie sie von den Mehinakü gefertigt werden, von mächtigem 
Umfang mit einer Bemalung von senkrecht aufsteigenden Streifen ringsum und 
einer aus zwei einander zugewandten Halbkreisen bestehenden Zeichnung aussen 
auf dem Boden. Ehrenreich nahm im Flötenhaus ohne Schwierigkeiten anthro- 
pologische Messungen vor. 

Der Morgen des ii. Oktober war ruhiger. Es wurden ein paar Muschel- 
ketten gebracht, eine mit einem durchbohrten grossen Stein, für die der Besitzer 
zuerst durchaus Ehrenreich's grosses Waldmesser haben wollte. Wilhelm traf den 
Häuptling hinter seiner Hütte mit Maispflanzen beschäftigt; er bohrte mit einem 
Stäbchen Löcher 2 — 3 Zoll tief und legte mehrere Körner hinein. Als mein Vetter 
hinzutrat, bestand der Alte darauf, dass er den Rest pflanze, ein Vorfall analog 
meinem Erlebnis im ersten Bakairi-Dorfe. 

Bald darauf entstand plötzlich eine grosse Erregung unter der Gesellschaft 
Wilhelm wurde in die Hütte des Häuptlings geführt und fand dort drei neue 
Ankömmlinge sitzen, die finster vor sich hin starrten, während Alles lärmend 
durcheinanderschwatzte und einige Weiber heulten. Er konnte aus dem Vorgang 
nicht klug werden und begrift' nur so viel, dass es sich um eine schlimme Botschaft 
handle, deren Träger die drei rot angestrichenen Fremden waren. Erst in dem 
Flötenhause wurden ihm mit vielen Pantomimen die Neuigkeiten verständlich ge- 
macht. Die bösen Suyä hatten endlich den Plan, die Trumai zu überfallen, zu 
dessen Beihilfe sie uns 1884 zu bereden suchten, mit Glück ausgeführt. „Suyä 
Trumai tok tok"" so wurde mit lebhaftem Geberdenausdruck veranschaulicht, dass 
die Suyä die Trumai niedergeschlagen und vergewaltigt hätten. Es schien, dass 
jene einen Teil der Trumaikanus mit Haken herangezogen und umgeworfen 
hatten; Pfeile wurden auf die Schwimmenden geschossen, anderen wurden die 
Arme auf dem Rücken zusammengebunden. 

Die Leute, welche die Nachricht überbracht hatten, waren die den Trumai 
zunächst wohnenden Nahuquä, die Guikurü heissen. 

Am Vormittag des 11. Oktober kehrten Wilhelm und Ehrenreich, dessen 
Unwohlsein zunahm, an den Hafen zurück und ruderten am 12. Morgens ab, um 
mich einzuholen. Zwei der Mehinakü, die unter den Nahuquä wohnten und mein 
Verschwinden richtig gedeutet hatten, waren mir schon am Tage vorher nach- 
gefahren, kamen aber glücklicherweise einen Tag später an als ich selbst. 



102 



III. Zu den Mehinakü. 

Allein voraus. Ankunft und Empfang. Festhütte. Gestörte Eintracht und Versöhnung. Wohlhabenheit. 
Fliegende Ameisen. Ethnographische Sammlung. 

Es hatte einige Kraft der Ueberredung gekostet, Tumayaua und seinen 
Genossen, den »Drosciikenkutscher«, der glücklicher Weise, wenn er ihre Sprache 
auch nicht kannte, schon einmal bei den Mehinakü gewesen war, zur Ausführung 
meines Planes zu bewegen, doch stärkte sich Einer an dem Beispiel des Andern. 
Wir fuhren am lO. Oktober früh ab und erreichten den Hafen der Mehinakü 
den 12. October um ii Uhr Vormittags. Wir hatten uns nicht sonderlich beeilt; 
die beiden ruderten am liebsten nur dann, wenn ich das gute Beispiel gab. Am 
schrecklichsten war mir, dass sie alle Windungen des Flusses ausfuhren und niemals 
eine derselben durch Hinüberkreuzen abschnitten. Kein Fisch, kein Vogel, der 
nicht ihre Aufmerksamkeit beschäftigte. Sie schössen, ohne zu treffen, nach 

mehreren Hühnervögehi ; ein Kapivaraschwein das 
durch den Fluss schwamm, wurde am Hinterbein ver- 
wundet und Uef schreiend mit dem Pfeil in den Wald. 
An einer fischreichen Bucht schliefen wir die Nacht und 
machten gute Beute. Die Beiden brieten Fische die 
ganze Nacht hindurch, indem sie das Feuer unter dem 
hölzernen Rost sorgfältig unterhielten; ihre Hängematte 
hatten sie so nahe aufgespannt, dass sie bequem heraus- 
langen, die Fische wenden, gelegentlich ein Stück 
verzehren und von der Wärme des Feuers Nutzen 
ziehen konnten. 

Am zweiten Morgen sagten sie mir, dass das Ufer 
links den Mehinakü, rechts den Nahuquä gehöre. Der 
Hafen lag an einem steilen Sandufer, wo ein kleiner 
Bach einmündete. An den Bäumen waren Rautenmuster eingeritzt. Die Bakairi 
schoben das Kanu hoch in den Bach hinauf und versteckten ihre Ruder und 
Tragkörbe, in denen noch Fisch- und Beijüreste enthalten waren, sorgfältig im Wald. 
Tumayaua bereitete ein Gastgeschenk für die Mehinakü vor und hing sich zu 
diesem Zweck eine rosenkranzähnliche Schnur um, an der Früchte öligen Inhalts 
aufgereiht waren. Das Oel wurde auf die mit dem medizinischen Wundkratzer 
der Indianer eingeritzte Haut gerieben. 

Wir schritten 2^4 Stunde einen langweiligen und bei der dumpfen Hitze 
nicht unbeschwerlichen Weg durch den Wald. Etwa einen Kilometer vor dem Dorf, 
wo sich das Gehölz lichtete, war unter einem Baum eine grosse Kreisfigur in den 
Sand gezogen (vergl. die Abbildung unter »Sandzeichnungen«). An dem der Ort- 
schaft zugewandten Teil des Randes war innen eine schwer zu deutende Figur 
eingezeichnet. Tumayaua nannte das Ding ,,atulua" und beschrieb mir, dass man 




Abb. 4. Mehinaküfrau. 



— I03 — 

dort mit kä ä ä einen Rundgang mache. In der That waren viele ringsum 

laufende Fussspuren erhalten. 

Schon bevor wir hier ankamen, luden die Bakairi, die den grösseren Teil 
des Weges mir vorausgeschritten waren, stehen bleibend mich höflichst ein, den 
Vortritt zu nehmen. Sie liessen deutHch merken, dass es ihnen nicht mehr ganz 
geheuer war. Aber erst dicht vor dem Dorf begegnete uns ein Mehinakü, der 
schleunigst Kehrt machte, nachdem wir ihm noch eben ein »küra, küra!« zuge- 
rufen hatten. Gleich darauf betraten wir einen gewaltigen freien Platz, der von 
14 Häusern im weiten Kreise umgeben war. 

Ein höchst sonderbares Bild! Von allen Seiten stürzte man aus den Häusern 
hervor, Alt und Jung rannte mit lebhaften Rufen und Geberden umher, teils auf 
mich zu, teils zurückweichend. Bald wurde ich an den Händen gefasst und so, 
freundschaftlich festgehalten, durch die bis über hundert Personen angewachsene 
Schaar nach dem Flötenhaus geleitet, wo ich auf einen schöngeschnitzten Vogel- 
schemel niedersitzen musste. Man betrachtete mich mit dem Ausdruck der 
scheuen und angstvollen Neugier; die Frauen vielfach geschwärzt und teil- 
weise mit Russ über und über bedeckt, verbargen sich hinter dem Ring der 
Männer, die bei der leisesten unerwarteten Bewegung meinerseits zurückprallten. 
Viele Kuyen mit Stärkekleister wurden kredenzt, und ich musste aus jeder trinken. 
Beijüs von vorzüglicher Qualität, weich, mit weisslichem Mehl, wie ein Tuch 
zusammengeschlagen, erschienen in Massen; auf grünen Blättern wurde auch Salz 
überreicht. 

Ich war froh, als ich endlich in die Festhütte kriechen durfte, deren Eingang 
hier nicht kniehoch war. Sie war gefüllt mit bunten Holzmasken verschiedener 
Bemalung, aber gleicher Gestalt; bei einigen war auch das lange Buritigehänge, 
das vorne wie ein mächtiger Bart herabfällt, rot gefärbt. 

Ich eröffnete sofort das Tauschgeschäft und erhielt für Messer und Perlen 
einige Masken und Töpfchen. Sie wollten absolut Messer und wieder Messer 
haben, sie zeigten dabei ein recht ungeduldiges Gebahren. »Nur heraus mit 
Deinen Sachen«, schien ein Jeder zu sagen, »siehst Du denn nicht, dass ich warte?« 
Das Wesen eines reellen Geschäftes, bei dem, wer etwas nimmt, auch etwas her- 
giebt, war ihnen entschieden unklar. Tumayaua, der sich in seiner Rolle als 
Impresario des interessanten Gastes überaus stolz und glückUch fühlte, setzte ihnen 
in längerer Rede die Elementarbegriffe des europäischen Handelsverkehrs aus- 
einander. Seine Geschicklichkeit, mit nicht viel mehr als drei oder vier Phrasen 
seiner eigenen Sprache in dem Brustton der Ueberzeugung jene Auseinander- 
setzung und später eine Erzählung unserer Erlebnisse zum Verständnis seiner 
Zuhörerschaft zu bringen, war in hohem Masse bemerkenswert. 

Später hatte ich eine lange Sitzung draussen unter Beteiligung zahlreicher 
alter Weiber; wenn der Häuptling ein Karaibenwort von mir hörte, machte er 
es wie ich, der ich seine Wörter in mein Buch eintrug, und kritzelte eifrig in 
den Sand. 



— I04 — 

Die beiden Bakairi richteten sich mit mir häuslich in der Festhütte ein. 
Wir blieben dort unbelästigt zur Nacht, nachdem ich noch einen inspizierenden 
Gang durch etliche Wohnungen gemacht hatte. 

Das Flötenhaus war 13 Schritte breit, 22 Schritte lang und 5 m hoch. Es 
hatte zwei Thüröffnungen nebeneinander, beide äusserst niedrig und jede vier Schritt 
lang; draussen lag ein langer Buritistamm. Drei mächtige Pfosten stützten das 
Dachgebälk; ihnen entlang war ein leiterartiges Gestell horizontal befestigt, an 
dessen senkrecht stehenden, angebundenen Sprossen zwanzig Masken, einige Stroh- 
behänge und ein 60 cm langes, schwarz und rot bemaltes Schwirrholz von der 
Form einer Schwertklinge herabhingen. 

Auf dem Boden vor dem Mittelpföstchen , das die beiden Thüröfifnungen 
trennte, und ebenso rechts von dem Eingang, befanden sich zwei aus der Erde 
aufgewölbte Hautreliefs, Leguane darstellend, i m lang, 8 cm hoch. Diese zier- 
lichsten aller Mounds waren im allgemeinen sehr gut modelliert, nur der Kopf 
von ziemlich roher Ausführung. Gegenüber dem Eingang war auf dem Dorfplatz 
vor kurzem Einer begraben worden; dort lag ein Reisighaufen, in dem es von 
dicken Käfern und Fliegen wimmelte. Man sah auch in der Erde Oeffnungen 
von Kanälen, aus denen die Tierchen von ihrem Gastmahl zurückkehrten. 

Am nächsten Morgen wurde der Friede leider dadurch gestört, dass man 
mir, als ich in den Hütten abwesend war, im Flötenhaus meine Gürteltasche ent- 
leerte. Ich vermisste, was mir sehr schmerzlich war, den Kompass, ferner eine 
chirurgische Scheere, ein kleines Jagdhörnchen, eine Schachtel mit Pfeffermünz- 
plätzchen und dergleichen mehr. Zugleich war die Gesellschaft so habgierig und 
bedrängte mich so gewaltsam, dass ich einsah, ich müsse ein Exempel statuieren 
und dürfe mir den Diebstahl nicht gefallen lassen, wenn ich das in meiner Lage 
unentbehrliche Ansehen behaupten wolle. Ich beklagte mich also, nannte sie 
schlecht, »kuräpa«, und verlangte meine Sachen zurück. Unter lebhaften Be- 
teuerungen ihrer Unschuld entfernten sie sich; vielleicht sei ein Kamayurä, der 
eben angekommen wäre, der Thäter. 

Zwei Stunden vergingen. Alle fünf oder zehn Minuten kam einer herein- 
gekrochen, wurde aber von mir sofort zur Thüre geleitet und bedeutet, zu 
suchen; er stellte sich dann draussen hin und hielt in einem Tone, als könne er 
kaum das Weinen unterdrücken, eine laute Ansprache über den Platz, die von 
den Hütten aus, am erregtesten von Seiten der Weiber, mit vielem Geschrei 
beantwortet wurde. Eine Schale Mandioka-Getränk wies ich finster zurück. Ganz 
allmählich und in langen Zwischenpausen erschienen die fehlenden Gegenstände. 

Einer brachte die Scheere, ein anderer das Jagdhörnchen und fünf oder 
sechs ebenfalls in grossen Pausen je ein Pfeffermünzplätzchen, was ich alles auf 
den Boden legen Hess und nicht eher anzunehmen erklärte, als bis auch nicht 
ein Stück mehr ausstehe. 

Leider erschien das Wichtigste nicht, der Kompass. Nun ging ich gerade 
hinüber nach der Hütte des dicken alten Häuptlings und klagte dort; er ent- 



TAFEL VIII 




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.1. Steinen, Zentral -Bia';ilien 



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schuldigte sich, dass er abwesend gewesen sei und von dem Geschehenen nichts 
wisse. Da nahm ich ihn bei der Hand und brachte ihn, während er sehr ungern 
hinterdrein wackelte, zimi Flötenhause. Hier beschrieb ich ihm den Vorgang an 
Ort und Stelle, drohte: ^^rnehinaki'i küra., karäiba küra; mehinakü kuräpa, karäiba 
kuräpa" = wenn der Mehinakü gut ist, ist auch der Karaibe gut, wenn der 
Mehinakü schlecht ist, ist auch der Karaibe schlecht, und feuerte zu seinem 
Schrecken einen Revolverschuss in den Mittelpfosten. Sofort erhob sich draussen 
ein lautes Heulen und verwirrtes Durcheinanderrennen. Der Alte verschwand, 
indem er zitternd versicherte, suchen zu wollen. Tumayaua spähte durch die 
Gucklöcher im Strohdach und beobachtete mit grossem Genuss die Szenen 
draussen, Hef dann kichernd zum Pfosten und untersuchte den Schusskanal. 

Den Rest des Tages hielt man sich von mir fern, nur zwei Kamayurä, 
Besucher des Dorfes, setzten sich zu mir vor die Festhütte und Hessen sich 
examinieren. Demonstrativ beschenkte ich sie reichlich und erhielt von ihnen 
auch das Versprechen, dass wir bei ihrem Stamm gut aufgenommen werden 
würden. Nach ihrer Beschreibung war nicht der Alte, den ich zur Rede gestellt 
hatte, sondern der zweite Häuptling der Mehinakü, der mir wegen seines unzu- 
friedenen Gesichtes von Anfang an aufgefallen war, in höchsteigener Person der 
Dieb meiner Sachen. 

Am nächsten Morgen brach schon um 4 Uhr ein Heidenlärm los. In der 
Nacht war es still gewesen, nur ab und zu hörte man draussen husten, ein Be- 
weis, dass die Mehinakü wachsam waren; gegen Morgen hatten wir ein sehr 
heftiges Gewitter, vor der Thür bildete sich ein Wassertümpel und machte den 
Eingang fast unpassierbar. Das Gewitter hatte ich herbeigerufen. Draussen 
wurden viele Reden gehalten. Entweder stand einer allein auf dem Platz und 
sprach mit lauter Stimme, oder, und das war das Gewöhnliche, die Redner hatten 
sich vor der Thür ihres Hauses aufgestellt. Mehr und mehr leuchtete mir der 
Humor der ganzen Geschichte ein. Wie die Helden dort vor der Thüre ihres 
Hauses standen und feierlich sprachen, war es eine klassische und urepische 
Situation. Ich Hess mich zum F'rieden bewegen und nahm zu Aller Freude ein 
Beijü an, der mir frisch duftend von der Schüssel gebracht wurde und auch vor- 
trefflich schmeckte. So hatte di-e Episode ihr Ende; dass alles gut ablief, war 
um so angenehmer, als sich später zu meinem P2ntsetzen herausstellte, dass grade 
der Kompass aus dem einfachen Grunde mir nicht gestohlen worden sein konnte, 
weil ich ihn gar nicht bei mir gehabt hatte. Auf unseren Verkehr hat das Inter- 
mezzo aber insofern einen sehr günstigen Einfluss ausgeübt, als die guten 
Mehinakü von jetzt ab höflicher wurden und mir nicht mehr mit ungeduldigem 
Drängen zusetzten. 

Die Versöhnung war dadurch erleichtert worden, dass einer der bei den 
Nahuquä getroffenen Mehinakü, der micli nur von der guten Seite kannte, 
inzwischen angekommen war. Am Nachmittag erschienen auch Wilhelm und 
Vogel, während Ehrenreich krank im Hafen zurückblieb und das Dorf erst bei 



— io6 — 

der Rückfahrt besuchte. Den Beiden wurde ein kleiner Empfang bereitet, sie 
mussten sich auf die prachtvollen Tierschemel setzen, die wir bei keinem andern 
Stamm so schön gearbeitet sahen, und erhielten ihre Willkommbeijüs. Die 
Nachricht von der Schlacht zwischen den Trumai und Suyä wurde unter eifriger 
Pantomime besprochen. Es stellte sich heraus, dass es noch zwei andere 
Mehinakü-Dörfer gäbe, beide eine Tagereise oder weniger entfernt. Das im SW. 
gelegene schien freilich sehr klein zu sein und wurde sogar als ein einziges Haus 
beschrieben, das andere im Norden sollte aus fünf Häusern bestehen. 

Unser Dorf setzte sich, ausschliesslich des Flötenhauses, aus vierzehn Häusern 
zusammen; es waren ausserdem zwei Neubauten vorhanden, von denen der 
eine nahezu fertiggestellt und schon bewohnt war. Das Ganze machte den 
Eindruck grosser Wohlhabenheit. Jedenfalls, wenn der indianische Massstab 
angelegt wird, dass der Besitz an Mandioka den eigentlichen Reichtum be- 
deutet, so waren die Mehinakü der reichste Stamm des Kulisehu. Sie schienen 
einen sehr geordneten Feldbau zu treiben. Bei ihnen erhielten wir zuerst wieder 
Bataten. Als wir einige Mangaven mit Perlen bezahlten, wurden uns ganze 
Körbe herbeigeschleppt, bis wir unseres vorzüglichen Appetits ungeachtet den 
Spendern ein Halt gebieten mussten. Am Abend des 13. Oktober trug sich das 
freudige Ereignis zu, dass eine Wolke fliegender Ameisen über dem Dorfe 
niederfiel. Es wurden Strohfeuer vor den Hütten angezündet und eilfertig 
sammelte Alt und Jung in Kuyen und Töpfen die fast zollgrossen Tierchen, die 
sich in dem flackernden Feuer die langen zarten Flügel versengten. Alles jubelte 
und liess sich die Ameisen mit Beijü und Salzerde schmecken. In mehreren 
Häusern fanden wir die Leute mit der Zubereitung des Salzes beschäftigt. Sie 
verbrennen Takoara und Aguape, die Blattpflanze stiller Gewässer, laugen die 
Asche aus und erhalten aus dem Filtrat einen salzigen Rückstand. Vielfach 
wird auch rötliche, wie eine Salzasche aussehende Erde unmittelbar verwendet. 

Wir konnten eine hübsche ethnologische Sammlung zusammenstellen. In 
allen Geräthen bekundete sich derselbe primitive, aber höchst lebendige Kunst- 
sinn, der sich immer Tiergestalten und zwar häufig in recht sinniger Weise zum 
Vorwurf nahm. Die Weiber der Mehinakü, die mit schön geschnitzten Geräten 
ihre Kuchen wenden, sind auch diejenigen, die es in der Herstellung künstlerischer 
Topfformen am weitesten gebracht haben. Von den Masken in dem Flötenhause 
wurden uns alle, die wir auswählten, ohne Anstand überlassen. Auch mit dem 
Schwirrholz verband sich kein Begriff, der eine Auslieferung an uns hätte be- 
denklich erscheinen lassen. 

Der Abschied von den Mehinakü am Nachmittag des 14. Oktober war sehr 
herzlich; sie beschenkten uns noch einmal mit Beijüs, Mangaven und Bataten, 
und vier Männer packten sich die Ladung auf, um sie für uns zum Hafen zu 
tragen. Unsere Sammlung, die wir nicht zum Besuch der flussabwäits wohnenden 
Stämme mitschleppen wollten, übergaben \\ir vertrauensvoll dem alten Herrn, den 
ich so erschreckt hatte, zur Aufbewahrung. Er war unser wohlgesinnter Freund 



— loy — 

geworden, nachdem ich ihm eine Reihe unserer dicksten Perlen und ein paar 
kleine Schellen feierlich um den Hals gehängt hatte. 

Auf dem Heimwege durch den schwülen, mit einer wahren Treibhaus- 
temperatur erfüllten Wald begegneten wir drei Nahuquä, zwei Männern und 
einem Weibe; sie waren schwer mit schönen grossen Kuyen beladen. Auch im 
Hafen trafen wir zwei Nahuquä und die Guikurü, welche die Botschaft von der 
Trumaischlacht überbracht hatten. Sie hatten über den Fluss gesetzt und waren 
— ein Beweis, dass ein gangbarer Weg vorhanden ist — über Land gekommen. 



IV. Zu den Auetö. 

Fahrt. Empfang am Hafen und im Dorf. Wurfhölzer. Masken. Künstlerhütte. Verkehrszentrum. 

Die Waura. Ringkampf. 

Am 15. Oktober fuhren wir um 8 7* Uhr früh von dem Mehinakühafen ab; 
der Fluss zog sich in fürchterlichen Windungen dahin, und wir hatten den ganzen 
Tag über, man möchte sagen, im Kreis zu rudern. Es war zudem trübseliges 
regnerisches Wetter. Wir blieben die Nacht in dem Hafen des nördlichen 
Mehinaküdorfes, den wir um 3 "/a Uhr Nachmittags erreichten. Dort erwarteten 
uns einige Bürger, um uns freundlich zu einem Besuch einzuladen. Wir fürcht'eten 
aber den Zeitverlust und verzichteten auf den Abstecher. 

Am 16. Oktober wurden wir, nachdem wir um 7 Uhr aufgebrochen waren, 
zur Mittagsstunde von dem linken Ufer angerufen .»katü, Aueto, katü katü»\ er- 
schallte in gutem Tupf. »Die Aueto sind gut«! 

Eine kleine Anzahl meist über und über mit Russ bedeckter Indianer er- 
wartete uns an ihrem Hafen: die Kunde von unserem Erscheinen und den Er- 
eignissen bei den Mehinakü war bereits zu ihnen gedrungen; jedenfalls hatten 
uns die Kamayurä, die ich bei den Mehinakü mit Geschenken bedacht hatte, an- 
gemeldet und Gutes von uns berichtet. Wir landeten und versprachen den 
Nachmittag im Dorf zu erscheinen, nachdem die übrigen Kanus eingetroffen 
waren. Fast gleichzeitig kam auch eine andere Gesellschaft Aueto unter der 
sich einige Weiber befanden, vom Fischfang zurückkehrend, vorüber; sie trugen 
Reusen bei sich und hatten kleine Trahira-Fische erbeutet. 

Ehrenreich war ätisserst unwohl und verschob seinen Besuch wie Vogel 
und Perrot bis zum nächsten Tage : Wilhelm und ich machten uns um 2 72 Uhr 
Nachmittags auf. Wir durchschritten ein Stückchen Wald, passierten eine jüngst 
abgebrannte Rodung, wanderten lange durch Capoeira, assen fleissig Mangaven, 
die zahlreich am Wege wuchsen und erreichten in 1 72 Stunden das Dorf. 

Unser Empfang war etwas von dem gewöhnlichen abweichend. Vor der 
Festhütte mussten wir ein Weilchen warten, während eine grosse Menge von 
Personen sich ansammelte; Schemel wurden geholt und wir verharrten alle in 



— io8 — 

feierlichem Schweigen. Neben uns lag durch einen Zaun von niedrigen Pfosten, 
die man mit Flechtwerk verbunden hatte, im Geviert abgesteckt, eine Grabstätte 
(vgl, Tafel 15); Einzelne sassen gemütlich auf den Pfosten. Nun trat der HäuptUng 
Auayato aus einer dem Flötenhause gegenüberliegenden Hütte hervor, Pfeil und 
Bogen in den Händen, den Hals mit einer Kette von Jaguarkrallen und den Kopf 
mit einem Diadem aus Jaguarfell geschmückt. ZiemHch fern von uns, in der Mitte 
des Platzes, setzte er sich auf den Boden und hielt mit lauter Stimme eine lange 
Festrede. Wir antworteten eifrig: kaU'i, knra u. s. w., u. s. w. Dann stand er 




Abb. 5. Aueto-Häuptli ng Auayato. 

auf, kam herbei, setzte sich dicht vor mich hin und hielt dieselbe Rede noch 
einmal. Auch wir sagten alles, was uns einfiel; ich überreichte ihm ein schönes 
Messer, und wir alle waren ein Herz und eine Seele. Sie machten sich nicht 
wenig über die Mehinakü lustig, deren Weiber davongelaufen seien, und schienen 
eine besondere Genugthuung darin zu finden, dass ihre Nachbarn ungeschickt ge- 
wesen und von mir zurecht gewiesen seien. Auch sie drückten den lebhaften Wunsch 
aus, Perlen zu bekommen, benahmen sich dabei aber höfllich und anständig. 

Die Auetü standen noch unter dem tiefen Eindruck des Kampfes zwischen 
den Suyä und Trumai. Es wurde uns dies später noch verständlicher, als wir 



109 



erfuhren, dass die Trumai bei den Aueto Schutz gesucht hatten. Das Thema 

wurde am Abend ausgiebig erörtert, nachdem wir unsere Gastfreunde mit einem 

Sprühfeuerwerk auf dem Dorfplatz unterhalten hatten. Der Häuptling Hess sofort 

eine seiner pathetischen Ansprachen vom Stapel und rief laut, dass die Suyä 

schlecht seien, dass auch die — uns unbekannten — Aratä schlecht seien, dass 

die Suyä erst die Manitsauä und dann die Trumai 

vergewaltigt, viele Männer getötet und viele Weiber 

weggeschleppt hätten. Wir sollten uns mit den 

Trumai verbinden und die Suyä züchtigen. Und 

1884 war uns das umgekehrte Angebot von den 

Suyä gemacht worden, die damals unsere F'reunde 

waren und gleich uns über die Trumai zu klagen 

hatten. 

Als wir die Hütten betraten, war eins der ersten 
Dinge, das uns in die Augen fiel und unser Interesse 
im höchsten Grade fesselte, das überall vorhandene 
Wurfholz. Auf der ersten Reise hatten wir ein 
einziges Exemplar dieser merkwürdigen Waffe von 
den Suyä bekommen und gehört, dass es den 
Kamayurä entstamme. Hier keine Hütte, in der 
die Wurfbretter fehlten. 

Offenbar diente die Waffe vorwiegend zum 
Tanz. Doch wurde uns angegeben, dass die Aueto 
und Trumai sie im Kriegsfall gebrauchten. Ver- 
wendung für die Jagd scheint ausgeschlossen. Der 
Häuptling führte uns den Gebrauch des Wurf holzes 
mit grotesken Geberden vor, und begleitete seine 
Mimik mit einem Gesang, auf den ich später noch 
zurückkommen werde, wenn ich die nähere Be- 
schreibung gebe. 

Statt der Holzmasken trafen wir zum ersten 
Male Masken aus Baumwollgeflecht, die mit Wachs 
überzogen waren und als Augen Wollpfröpfchen 
oder Wachsklümpchen und dickere Wachsklümpchen 
als Nase hatten. Auch den Maskentanz zeigte uns Abb. 6. 

der allzeit gefällige Häuptling, indem er dabei Bogen Geflechtmaske, Wurfhölzer und 
und Pfeil zur Hand nahm. Das Maskengesicht kam 

auf den vorderen Teil des Schädels zu liegen; er schaute unter ihm hinaus 
durch das Buritigeflecht. Der begleitende Gesangtext bezog sich auf die Frauen. 
Auch die Aueto zeigten eine lebhafte Neigung zu einer alle Geräte aus- 
schmückenden Bemalung mit Ornamenten. Wir nannten sogar ein Haus, wo sie 
in diesem Sinne besonders thätig waren, mit allem Recht die Künstlerhütte. 




— 110 — 

Dort befanden sich an den Wandpfosten mehrfach Tierfiguren eingeschnitzt und 
schwarz bemalt; an den Querbalken entdeckten wir eine ganze Reihe von geome- 
trischen Figuren. Die Künstler hatten grosse Freude darüber, dass wir uns für 
ihre Werke interessierten, wurden nicht müde, uns zu jedem Winkel zu führen, 
wo vielleicht noch eine Zeichnung vorhanden war und bekundeten viele Genug- 
thuung, dass Wilhelm sie in sein Skizzenbuch abkonterfeite. 

Im Auetodorf herrschte reger Fremdenverkehr. Wir trafen dort Waurä, 
Yaulapiti, Kamayurä, Mehinakü, einen Bakai'ri vom vierten Dorf des Batovy 
und bei unserem späteren Aufenthalt auch noch Vertreter fast aller Haupt- 
stämme. Auch trieben sich dort Trumai umher, die wir aber nicht zu Gesicht 
bekamen, da sie sich in Erinnerung an unsere Begegnung von anno 1884 ängstlich 
vor uns verbargen. Unmittelbar bei dem Auetödorfe beginnt das Netz von Kanälen 
und Lagunen, das sich bis zu der Vereinigung der Hauptquellflüsse erstreckt und 
die dort wohnenden Stämme verbindet. Die Aueto haben also ausser dem Fluss- 
hafen an dem Kulisehu, wo wir an Land gestiegen waren, beim Dorfe selbst 
noch einen Hafen, der dem Kanalnetz angehört. So stehen sie auf dem Wasser- 
wege in Verkehr mit den Yaulapiti und den Trumai. Mit Einschaltung kleiner Land- 
strecken konnte man auf den Kanälen und Lagunen auch zu den Mehinakü, den 
Kamayurä und . den Waurä gelangen. Vom Auetödorf sind denn auch unsere 
Exkursionen zu den Yaulapiti und Kamayurä sowie zu den Trumai gemacht 
worden. Leider haben wir uns bei der gedrängten Zeit versagen müssen, die 
am weitesten entfernten Waurä zu besuchen. 

Die Waurä müssen in dem Winkel zwischen Batovy und Kulisehu sitzen, 
aber jenem bedeutend näher. Die Kustenaü hatten uns 1884 ihren Namen ein- 
dringlich genannt, doch waren wir uns unklar geblieben, ob er wirklich einen Volks- 
stamm bezeichne, und lernten erst jetzt am Kulisehu, dass einige von uns im 
untersten Teil des Batovy bemerkte Fischfallen den Waurä gehörten. Bei den 
Aueto haben wir mehrere Individuen des Stammes gesehen, und sie gemessen, 
sowie sprachlich aufgenommen; sie sind den Mehinakü und Kustenaü auf das 
allernächste verwandt. Ein Waurä versprach uns, während wir zu den Kamayurä 
gingen, Töpfe und Masken zu besorgen, die wir bei der Rückkehr in das Aueto- 
dorf vorfinden sollten. Er that uns aber den Schmerz an und blieb aus. 

Die drei Waurä im Auetodorf waren schmucke, stramme Burschen; sie 
führten am zweiten Tage unseres Aufenthalts mit den Aueto eine Art Ringkampf 
auf, der jedenfalls nicht zu unseren Ehren stattfand, sondern rein zufällig in die 
Zeit unserer Anwesenheit fiel. Auch ein Yaulapiti beteiligte sich an demselben. 
Die Kämpfer, immer Mitglieder verschiedener Stämme, traten paarweise vor, 
den Körper teils mit gelbrotem Urukü, teils mit schwarzer Farbe eingeölt. Sie 
hockten nieder, griffen eine Handvoll Sand auf, und die Arme herabhängend, be- 
wegten sie sich in tiefer Hockstellung unter grosser Geschwindigkeit mehrmals in 
engem Kreise umeinander, massen sich mit bitterbösen Blicken und stiessen drohende 
»hüuhä! hüuhäl« gegeneinander aus. Dann schnellte der Eine seine rechte Hand 



— III — ■ 

gegen die linke des Andern vor, beide sprangen in dieser Haltung immer hockend 
blitzschnell und erbosten Affen nicht unähnlich auf demselben Fleck unermüdlich 
herum und suchten sich am Kopf 7ai ergreifen und herabzuducken. Das ging 
eine lange Weile hin, ohne dass ein Wort gesprochen wurde. Plötzlich sprangen 
sie auf und holten scharf zupackend nach ihren Köpfen aus. Es gelang aber 
Keinem trotz eifrigem Bemühen, den Andern zu treffen und niederzureissen. 
Zum Schluss wurden sie sehr vergnügt und umfassten sich freundschaftlich die 
Schultern. Ein eigentliches Ringen kam nicht zu Stande; Hauptsache schien die 
Gewandtheit zu sein, mit der man es vermied, von dem Gegner plötzlich am 
Kopf gefasst und niedergerissen zu werden. Das Publikum verhielt sich bis auf 
einige lachende Kritiker regungslos. Nur weckte es allgemeine Heiterkeit, als 
Einer, der offenbar als Sieger galt, dem Andern das Bein unter dem Knie emporhob. 



V. Zu den Yaulapiti. 

Die Arauiti im Auetodorf. Fahrt durch Kanäle und über die Uyd- Lagune. Ein armes Dorf. Der 
Zauberer Moritona. Empfang des blinden Häuptlings. Zurück zu den Auetö und wieder zu den 

Yaulapiti. Zweites Yaulapitidorf. 

Wir trafen einzelne Yaulapiti bei den Mehinakü und Aueto. Sie gehören 
nach Sprachverwandtschaft zu den Nu-Aruak, stellen aber eine von den Mehinakü, 
Kustenaü und Waurä bereits dialektisch ziemlich stark verschiedene P'orm dar. 

In der Nähe des Auetodorfes, ein paar hundert Schritt entfernt, standen 
zwei Häuser, wo Auetomänner und Yaulapitifrauen wohnten. Die Familien 
standen, ich weiss nicht, aus welchen Ursachen, in wenig freundschaftlichem Ver- 
hältnis zu dem Auetodorf und rechneten sich entschieden mehr zu den Yaulapiti. 
Sie führten den besonderen Namen der Arauiti; trotzdem dass es sich nur — 
zu unserer Zeit wenigstens — um zwei Familien handelte, diente die Bezeichnung 
Arauiti schon vollständig als Stammesname. Der Suyähäuptling, der uns 1884 die 
Flusskarte des Quellgebiets in den Sand zeichnete, erwähnte die Arauiti unmittelbar 
neben den Aueto. 

Am 18. Oktober fuhr ich mit Antonio und Tumayaua unter Führung eines 
Yaulapiti am Nachmittag von dem Auetohafen ab, um die Yaulapiti aufzunehmen. 
Der Kanal hatte nicht mehr als 4 — 5 m Breite; ringsumher umgab uns das Bild 
der Sumpf landschaft. Zahlreiche Seitenkanäle mündeten ein, besonders als sich 
unser Arm gelegentlich zu 12 bis 15 m Breite erweiterte. Es war schwer zu 
begreifen, wie man sich in diesem Gewirr zurechtfinden konnte. Zahlreiche Seiten- 
kanäle erschienen mit Gras gefüllt und von einer schmutzigen Vegetationsdecke 
überzogen. Soweit das Auge reichte, blickte es in ein Heer von Buritipalmen, 
von den hochstämmigen, ausgewachsenen, mit schöner Fächerkrone, bis zu den 
jüngsten herab, die dem überall wachsenden Schilfgras sehr ähnlich sahen. Nach 
einer Stunde passierten wir einen kleinen elenden Rancho, der zwischen einigen 



— 112 — 

Baumwurzeln aufsass. Dies war die Zufluchtsstätte der Weiber, wenn sie aus 
Angst vor dem Besuch der Fremden weglaufen. Hier allerdings hatten wir sie, 
wenn wir selbst gewollt hätten, niemals finden können. 

Der Kanal war stellenweise so schmal und so versperrt, dass wir uns nur 
mühsam hindurchschoben. Auf den Seitenkanälen, bedeutete mich der Yaulapiti, 
konnte man links zu den Mehinakü und rechts zu den Trumai gelangen. 

Es passte schlecht in das Bild der Sumpf landschaft, so angenehm ich den 
Mangel auch empfand, dass uns gar keine Moskitos und Schnaken belästigten. 
Unser Führer schaute eifrig nach Fischen aus und suchte sie mit dem Pfeil, der 
eine lange Knochenspitze trug, aufzuspiessen, wobei er eintauchend häufig die 
Strahlenbrechung im Wasser mass: er spiesste jedoch nur eine kleine Trahira. 
Gern stiess er das Kanu mit dem Bogen weiter. 

Nach fünfviertel Stunde Fahrt waren wir am Ende des Aueto-Kanals. Dort 
Hessen wir das Kanu liegen und traten auf festes Land. Die Aueto hatten hier 
eine Pflanzung und bearbeiteten dieselbe offenbar, indem sie tagelang draussen 
blieben. Wir fanden etwa ein Dutzend Schutzhütten, mehrere Feuerstellen und 
eine Anzahl grosser und kleiner Töpfe. Wir gingen dann eine Stunde durch 
offene idyllische Buschgegend auf einem etwas schlangenförmig gewundenen Pfad 
über Land und erreichten wieder einen sehr schmalen sumpfigen Kanal. Hier 
mussten wir, im Sumpfe sitzend, längere Zeit warten, während unser Yaulapiti 
den Kanal ein Stück entlang gegangen war und den lauthallenden Ruf nach 
einem Kanu ertönen liess. Endlich kam eins herbei, erschien in unserem Kanal 
und brachte uns nach wenigen Augenbhcken in eine schöne Lagune, deren reines 
Wasser den Augen wohlthat. Das Ufer war ringsum mit Buritipalmen bestanden; 
wir durchkreuzten den See und erreichten in einer halben Stunde das Yaulapitidorf. 

Ein kurzer Weg führte zu den Häusern hinauf; es waren ihrer sechs 
und mehrere stark verfallen. Kein P'lötenhaus war vorhanden, man brachte 
uns in eine leere Hütte und holte für Antonio und mich je einen Schemel herbei. 
Ein merkwürdiger Pimpfang. Nach langer Zeit erst humpelte am Stock der 
Häuptling herbei und blieb eine Weile, hinter mir rauchend, sitzen. Allmählich 
kam er aber näher, rückte mir gegenüber und begann die Unterhaltung. Er: 
ich bin ein Yaulapiti. Ich: ich bin ein Karaibe. Er: ich bin gut, Yaulapiti sind 
gut. Ich: ich bin gut, die Karaiben sind gut. Er: ich bin ein Yatoma (Zauber- 
arzt). Ich: ich bin ein Yatoma. Dann liess er eine Schale stickig schmeckenden, 
ungeniessbaren Mandiokagetränkes bringen, erhielt sein Messer und gab mir eine 
Zigarre. 

Es ist erstaunlich, welche Unterschiede es sogar bei diesen Naturvölkern 
zwischen Arm und Reich giebt. Die Leute haben nichts vor mir geflüchtet, 
man erkennt sofort, dass sie eben nichts mehr besitzen als das Notdürftigste, 
dass hier nicht ausgeräumt ist wie bei den Nahuquä, sondern wirklicher Mangel 
herrscht. Ich kann mich nicht dazu entschliessen, den einzigen vorhandenen 
Beijü anzunehmen, und gebe gern Perlen, auch ohne dies trostlose Exemplar zu 



TAFEL IX. 




V. d. Steinen, Zentral -Brasilien. 



— 113 — 

bekommen. Das wenige Mandiokamehl, das ich bemerke, ist durcii und durch 
rot verschimmelt. Sie rösten Bakayuva-Nüsse, und ich entdecke nur einen einzigen 
abgeknabberten Maiskolben. Auf hölzernen Gestellen werden vor den Hütten 
Fische gebraten, selbst dies nur kleine elende Tiere: es ist ein unheimlicher Ge- 
danke, dass davon mehrere Personen satt werden sollen. 

Später am Abend kam ein Mann, Namens Moritona, der mit seiner 
kräftigen Stimme und seinem frischen Auftreten wieder etwas Leben in die Gesell- 
schaft brachte ; er hatte einen schwarzen Streifen mitten durch das Gesicht gemalt. 
Mit Stolz nannte er sofort seinen Namen, er sei ein grosser Zauberarzt, „yatoma 
Moritona MehinakiV, erklärte er, „Moritona Kamayurä, Moritona Auet'o, Moritona 
Trumai" — bei allen Stämmen war Moritona als Arzt willkommen und, wo Einer 
krank war, blies er das Leiden weg. Er malte das mit einer Kraft der Ueber- 
zeugung aus, dass man die Krankheiten vor seinem Hauch wie Nebel ver- 
schwinden sah. Wir hatten uns eine Tafel Erbsensuppe gekocht: mit dem Rest 
rieb sich der edle Moritona die Brust ein und fragte mich treuherzig, ob das gut 
thue. Zu unserem Abendessen hatten uns die Yaulapiti nur Wasser liefern und 
einen Topf und zwei Kuyen leihen können. Und trotz ihrer Armut lag ihnen 
viel mehr an Perlen als an Messern. 

Am anderen Morgen wurde ich aus der Hütte herausgerufen, es sei wieder 
ein Häuptling da, den ich begrüssen müsse. Auch hatte die Anzahl der Leute 
zugenommen. Sie waren, wie ich später erst verstand, aus einem zweiten 
Yaulapitidorf, von dem ich damals noch nichts wusste, herübergekommen. In die 
Mitte des Platzes, neben eine umzäunte Grabstätte, hatte man einen Schemel 
hingestellt. Viel Volks ringsum. Wir warteten. Der mir bekannte Häuptling 
sass links von mir ein wenig entfernt und rauchte; damit mir die Zeit nicht zu 
lang wurde, folgte ich seinem Beispiel. Das war offenbar unrichtig, denn die den 
endlich herankommenden Häuptling führende Frau stiess einen Laut der Unzu- 
friedenheit aus. Der alte Mapukayaka war blind, die Augen getrübt. Er setzte 
sich mir gegenüber und die bekannte Unterhaltung nahm ihren Verlauf. Er schilderte 
die Armut seines Stammes und drückte sich seufzend zur besseren Deutlichkeit 
die Hand auf den leeren Bauch. W'ir hätten den Bakairi so viel gegeben — 
diese Wendung kehrt immer wieder — ich müsste auch ihn beschenken. Gerührt 
ging ich, ihm einen blanken Löffel holen. Was unter den Umstehenden freudige 
Anerkennung erweckte. Der alte Häuptling betastete mich und jammerte über seine 
Blindheit mit solchem Anstand, dass er mir wirklich herzlich leid that. Er rieb seine 
Hand über meine Hand und darauf über seine Augen ; er machte es ebenso mit dem 
Arm. P^r wies auf den Begräbnisort hin, wo sein Sohn oder Pinkel liege. Er er- 
zählte, dass die Yaulapiti früher viel stärker gewesen, durch die Manitsauä aber be- 
drängt worden seien; kurz er hatte nur von dunkeln Seiten des Lebens zu berichten 
und versetzte mich in eine ganz melancholische Stimmung. Die Manitsauä seien 
dann ihrerseits wieder von den Suyä bezwungen worden, wie wir denn 1884 bei 
den Suyä eine Anzahl gefangener Manitsauä angetroffen haben. Zum ersten 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 8 



— ti4 — 

Male hörte ich den Ausspruch, dass die Suyä gut seien. Aber auch auf die 
Trumai bezogen sich die Klagen des Alten. Sie und die Suyä seien reich, weil 
sie die Steinbeile hätten. 

Die Alten sahen ungesund aus; mehrere Männer und Frauen hatten die 
Haut zu einer Schuppenkruste verdickt. Kinder waren zahlreich, verhältnismässig 
mehr als irgendwo sonst, vorhanden. Die Frauen sollen sich Anfangs sehr vor 
mir gefürchtet haben; jetzt sassen sie gemütlich um mich herum, wie im ersten 
Bakäin'dorf, aber sie beobachteten aufmerksam jede meiner Bewegungen und bei 
der geringsten, die unerwartet kam, stürzte die eine oder andere bei Seite. Mit 
einem plötzlichen Aufsprung hätte ich die ganze Gesellschaft in die Flucht treiben 
können. Man unterhielt sich leise, schien sich aber nach einer Stunde Zu- 
sammenseins noch nicht zu langweilen. Von meinen Zaubersachen machte zur 
Abwechslung hier der Spiegel den grössten P2indruck und rief ein lautes „te he he /<r" 
des Erstaunens hervor. Ein angebranntes Zündhölzchen, das ich wegwarf, ver- 
pflanzte Einer zwischen dem Gras in das Erdreich. 

Von den armen Menschen konnte ich nicht viel erwerben. Warum sie 
eigentlich so jämmerlich daran waren, ist mir trotz der Manitsauä nicht verständ- 
lich geworden. Ihre Pflanzung war allerdings in diesem Jahre durch Schweine 
verwüstet worden. Es fanden sich ein paar hübsche Spindelscheiben, Beijüwender, 
ein wenig Federschmuck und, das einzige Besondere und Beachtenswerte, eine 
Anzahl Ketten mit durchbohrten Steinen. 

Am Morgen des 19. Oktober hatte ich Antonio und Tumayaua nach den 
Aueto zurückbeordert, um die anderen Gefährten zu holen, \\ährend ich die 
sprachliche Aufnahme der Yaulapiti vollendete. Sie kehrten jedoch am Nach- 
mittag zurück, da sie am Ende des Auetokanals kein Boot gefunden hatten. 

Das von uns dort zurückgelassene, behaupteten die Yaulapiti, sei von ein 
paar Trumai benutzt worden. Dieselben seien bei ihnen im Dorf gewesen, aber 
aus Furcht vor mir bei meiner yVnkunft entflohen. In dieser unangenehmen Si- 
tuation beschloss ich sofort, damit wir nicht vergebens erwartet und die Gefährten 
beunruhigt würden, zu den Auetö zurückzukehren. Es war doch zu hoflen, dass 
ein Kanu der Auetö am nächsten Tage erscheine, und uns aufnehme. 

Wir erhielten aber erst um 5 Uhr von den Yaulapiti ein Kanu, das vom 
Fischfang zurückkehrte. Die Uyä, wie die grosse Lagune genannt wird, war stark 
bewegt. Es wetterleuchtete ringsum. Der junge Yaulapiti, der uns fuhr, blies, 
im Kanu stehend, mit einer Ueberzeugung und einem Ernst gegen die herauf- 
ziehenden Wolken, dass es eine Lust war, ihm zuzuschauen. Dem strammen 
Boreas spritzte ein Sprühtrichter aus dem Munde, 

Wir landeten aber noch zu reciiter Zeit und gingen das letzte Stück des 
Weges im tiefen Dunkel, während Blitze zuweilen den Pfad erhellten. In den 
Schutzhütten der Aueto am P^^nde des Kanals richteten wir uns für die Nacht ein. 
Von den vorhandenen Töpfen erwies sich bei näherer Untersuchung nur ein grosses 
Ungetüm zum Kochen brauchbar; ich hatte nichts als zwei Gemüsetafeln bei 



— 115 — 

mir. Das mühsam herbeigeholte Wasser verdampfte, der Topf sprang und uns 
bheb nur übrig, uns hungrig in die Hängematte zu legen. Der Yaulapiti schlief 
auf einer der kleinen kreisrunden Matten, die von der Mandioka-Bereitung her dort 
herumlagen. Fast die ganze Nacht hindurch hatten wir ein starkes Gewitter und 
wurden trotz der Schutzdächer, die leider sehr baufällig waren, gründlich durchnässt. 

Wirkhch kam am nächsten Morgen, dem 20. Oktober, ein Aueto, mit dem 
wir nach dem Dorfe zurückfuhren. Dort vereinigte ich mich mit den Gefährten, 
und noch an demselben Abend waren wir wieder bei den Yaulapiti zurück. 
Mein Weggehen von ihnen war also eigentlich höchst überflüssig gewesen, da 
Antonio und Tumayaua gerade so gut allein am Auetokanal auf ein Boot warten 
konnten, ohne mich noch hinzuzuholen. Aber die bösen Trumai trieben sich dort 
herum und diesen »Wassertieren« (denn das seien sie und keine Menschen, sagte 
er) ging Antonio um jeden Preis aus dem Wege. Wir trugen kein Begehr, uns 
lange bei den Yaulapiti aufzuhalten, sondern wollten sofort zu den Kamayurä weiter. 

Am 21. Oktober früh machten wir uns auf den Weg. Eine kleine Strecke 
hinter dem Yaulapitidorf hatten wir uns wieder in einen Kanal einzuschiffen, und 
dieser führte uns wieder zu einer Lagune, die nördlicher lag als die erste. Wir 
durchkreuzten sie und nachdem wir am anderen Ufer an ein paar dort im Sumpf 
liegenden langen Baumstämmen, über die wir mühsam hinüberbalanzieren mussten, 
gelandet waren, sahen wir uns nach wenigen Schritten in einem zweiten 
Yaulapitidorf 

Es bestand aus neun Hütten, von denen aber nur vier gute Wohnungen 
darstellten, während die übrigen fünf baufällige Ranchos waren. Etwa vierzig 
Personen erwarteten uns, an ihrer Spitze der blinde Häuptling und P"reund Mori- 
tona, die also beide hier zu Hause waren. Ueberhaupt bemerkte ich eine Anzahl 
von Leuten, deren Bekanntschaft ich bereits im ersten Dorfe gemacht hatte. 
Sie waren nach meinem Erscheinen zum Besuch herübergekommen. 

Dieses zweite Dorf vermochte in keiner Weise, uns über die Yaulapiti 
günstigere Vorstellungen zu geben. Auch hier sahen wir nur ein armseliges 
Fischervölkchen, dem wir einige Geschenke verabreichten und das wir nach Er- 
ledigung der übhchen P^mpfangszene nicht ungern verliessen. 



VI. Zu den Kamayurä. 

Empfang. Freude über unsere Sprachverwandtschaft. Nachrichten von den Arumä. Gemütlicher 
Aufenthalt. Kamayurä und Trumai 1884 zusammen. Einladung nach Cuyaba. Diebereien. 

Von dem zweiten Yaulapitidorf den 21. Oktober, kurz nach 9 Uhr Morgens 
aufbrechend, gelangten wir nach einem Marsch von 3 7* Stunden durch den 
Wald zu den Kamayurä. Die letzte Strecke war mit prachtvollen Mangave- 
pflanzungen besetzt. 

8* 



— ii6 — 

Wir fanden vier Hütten und den ortsübliclien Vogelkäfig, in dem eine ge- 
waltige Harpye gehalten wurde. Man schien uns noch nicht erwartet zu haben; 
einige Personen redeten uns an und Hessen uns auf Schemel niedersitzen, aber 
erst nach geraumer Weile, nachdem eine grössere Gesellschaft, Männer und Frauen 
von der Pflanzung heimgekehrt war, spielte sich die eigentliche Empfangszene 
ab. Die Reden fielen uns sowohl durch ihre Länge wie durch ihren litaneienhaften 
Ton auf, sie waren auch von längeren, unerfreulichen Pausen unterbrochen. 
Schliesslich rückten auch Getränke und Zigarren an, und als wir den Wunsch 
nach Mangaven aussprachen, wurden sie in grosser Menge herbeigebracht. Diese 
Früchte hatten hier bei Weitem den grössten Wohlgeschmack. 

Die Kamayurä sprachen einen echten Tupi'dialekt, die von den Jesuiten 
als Lingoa geral verbreitete Sprache der alten Küstenstämme, die mit dem 
Guarani der Paraguayer nahezu identisch ist. Sie hat das Gros aller von den 
Einheimischen übernommenen Namen geliefert. Als wir nun in der Unterhaltung 
feststellten, dass wir eine Menge von Namen für Tiere, Pflanzen und Geräte, was 
gleich für die Beijüs und Mangaven [beijn, manyab) zutraf, mit dem Kamayurä 
gemein hatten, war das Entzücken gross. 

Ein Flötenhaus gab es in diesem Dorfe nicht. Zum ersten Mal geschah 
es, dass uns eine bewohnte Hütte, deren eine Hälfte man frei machte, zum Auf- 
enthalt angewiesen wurde. Man war dort beschäftigt, auf einer Beijüschüssel 
grosse geflügelte Ameisen zu rösten; sie schmeckten knusperig und zart, ähnlich 
wie gebrannte Mandeln oder Nüsse; ohne zu wissen, was ich verspeiste, würde 
ich nicht an Insekten gedacht haben, da der Geschmack nichts Widerliches oder 
Weichliches enthielt. 

Einen halben Kilometer westlich befand sich ein zweites Dorf, sieben Häuser 
und eine angefangene P^esthütte. Es lag am nächsten der schönen Lagune der 
Kamayurä. Von dem Platz aus hatte man einen reizenden Fernblick über üppiges 
Schilfrohr hinüber auf das von der Sonne beschienene blaue Wasser. Dort be- 
grüsste uns der Häuptling Akautschiki, der an einer Kniegelenkentzündung litt 
und auf eine Suyäkeule gestützt herankam. P2s wurden uns zwei Jaguar- und 
zwei Vogelschemel hingesetzt. Wieder wurde unser Sprachschatz aus der Lingoa 
geral mit dem der Kamayurä verglichen; unsere Gastfreunde erklärten uns 
für ihre Brüder und bekräftigten ihre Worte mit der für dieses Verwandscliafts- 
verhältnis am Schingü üblichen Geberde, dass sie sich auf den Nabel deuteten. 
In den Häusern fanden wir eine Anzahl Tanzmasken sowohl aus Holz wie aus 
Baumwollgeflecht. Wurfhölzer waren ebenfalls überall vorhanden. Nirgendwo 
sahen wir so schönen Tanzschmuck, sie hatten prächtige Federdiademe und 
Federbänder, eine Art Federniantel und mit Fischzähnen verzierte Tanzstäbe. 

Als wir den 22. Oktober an dem schönen Sandstrand der Lagune badeten, 
traf einmal wieder eine böse Nachricht ein, welche die Gesellschaft in Aufregung 
versetzte: zwei Trumai seien angekommen und hätten neue Unthaten der Suyä 
gemeldet. In der Geschichte, die uns zum grössten Teile dunkel blieb, spielte 



— 117 — 




— ii8 — 

ein Stamm der Aruma oder Yarumä die Hauptrolle. Die Suyä hatten die 
Aruma, die landeinwärts von ihnen zu wohnen scheinen, überfallen und jedenfalls 
mit ihnen gekämpft; sie hatten acht Aruma, die uns an den Fingern vorgerechnet 
wurden, mit Pfeilen in die Kniee gestossen, sodass sie gebückt gehen mussten — 
vielleicht eine Methode unserer Freunde mit den Lippenscheiben, die Gefangenen 
sicher zu transportieren. Nach der Beschreibung der Kamayurä trugen die 
rätselliaften Aruma Yapüfedern im Ohr, die gewöhnliche Tonsur und eine Be- 
malung oder Tätowirung des Gesichts derart, dass ein Strich vom Auge zum 
Munde, und ein anderer vom Munde zum Ohr lief. Quer unter der Nase trugen 
sie Schmuck von Federn oder Knochen. Am sonderbarsten aber ist es, dass sie 
einen Ohrschmuck hatten mit ,,itapfi'' der, wie unser Metall »ting ting« machte! 
Im Tupf heisst itapü Klingen von Stein oder Eisen. Wir erhielten in den Hütten 
ein Stück einer den Aruma zugeschriebenen Keule, genau den Karajäkeulen gleich, 
die wir 1884 bei den Yuruna erhalten hatten, von schwerem schwarzbraunen Palm- 
holz in Stabform geschnitzt und durch eine hübsche Kanellierung ausgezeichnet, 
(vergl.: Durch Zentral-Brasilien S. 241 und zweite ethnographische Tafel), Wir 
entdeckten auch zwei Arumäpfeile. Der eine hatte an der Spitze einen Rochen- 
stachel mit abgefeilten Zähnchen, der andere eine lange Holzspitze, die auf einer 
Seite sägeförmig eingekerbt war. 

Eine dritte Häusergruppe bestand aus drei Hütten, einem verfallenen Haus 
und einem Neubau. 

Das Zusammensein mit den Kamayurä war äusserst gemütlich. Unsere 
glückliche Stimmung wurde durch das ungewöhnlich schöne Bild der Lagunen- 
landschaft nicht wenig gesteigert. Es war ein Ort, wo wir am liebsten ein paar 
Monate geblieben wären, und an den ich nur mit Sehnsucht zurückdenken kann. 
Das Tabakkollegium Abends im Mondschein hatte einen ganz besonders vertrau- 
lichen Charakter. Wir sangen den Kamayurä Volks- und Studentenlieder vor 
und ernteten grossen Beifall. Sie führten uns ihrerseits Tänze auf, wenn auch 
nicht in vollem Festschmuck, sondern nur zur Erklärung, damit wir erführen, 
wie's dabei hergeht. P^in grosses mimisches Talent kam bei dem Wurfhölzertanz 
zum Vorschein: der Krieger wurde verwundet und stürzte tot zusammen genau 
in der Stellung des sterbenden Aegineten, dem nur der Schild fehlte. 

Ausführlich wurde unser Zusammentreffen mit den Trumai im Jahre 1884 
durchgenommen. PLs stellte sich lieraus, dass die Kamayurä daran Teil genommen 
hatten und alte Freunde oder Feinde von uns waren. Der Häuptling Takuni, 
der eine Bassstimme besass, schilderte mit ausdrucksvoller Mimik seine damaligen 
Erlebnisse. Wilhelm ist sogar überzeugt, dass gerade er derjenige ist, der ihm 
den Hut wegnahm und dessen ungeschickter Griff nach seinem Gewehr den 
verhängnisvollen. Alle in die Flucht treibenden Schuss auslöste. Die fliehenden 
Indianer hatten in der P^ile Allerlei mitgenommen, ein Boot mit Soldaten fulir 
l^iinterher und auf der anderen Flussseite kam es, da ein Trumai einen Pfeil ent- 
sandte, trotz unserer Gegenbefehle zum Schiessen. Zu unserem Leidwesen ist. 



— 119 — 

obwohl die Soldaten damals versicherten, dass sie nur in die Luft gefeuert hätten, 
ein Indianer getötet worden, und dies soll nicht ein Trumai, sondern ein Kamayurä 
gewesen sein. Takuni erklärte, dass sie bis zu den Nahuquä am Kuluene geflohen 
seien; drei Tage hätten sie dann nach Hause gebraucht, wo er krank und totmüde 
angekommen sei. 

Am Abend des 23. Oktober lernten wir noch eine vierte Ansiedelung 
kennen; wir wurden mit grosser Feierlichkeit aufgefordert, dort einen Besuch zu 
machen und spazierten von unserem Wohnhaus im Gänsemarsch dorthin. Ein 
mächtiger Platz war frei gerodet worden. Ein schönes Haus, vielleicht das schönste, 
das wir am Schingü gesehen haben, hoch und geräumig, war offenbar erst seit 
kurzem fertig geworden. An diesem Orte wollten die jetzt zerstreut ange- 
siedelten Kamayurä sich zu einem Dorfe vereinigen. Aber — und wieder kaiij 
dieses grosse Aber, als wir rauchend zusammensassen — aber mit den Stein- 
beilen ist die Arbeit so mühsam; vom Morgen bis zum Abend quält man 
sich, um einen Baum, den der Karaibe mit zwei oder drei Hieben — tok tok — 
niederschlägt. Ich lud die Kamayurä ein, uns nach Cuyabä zu begleiten. Dort 
sollten sie Messer und Aexte haben, so viel ihr Herz begehre. Ich beschrieb 
ihnen Cuyabä, malte ihnen aus, dass dort so viele Häuser ständen als am ganzen 
Kulisehu und Kuluene zusammengenommen und versicherte sie der freundlichsten 
Aufnahme. 

Wenig befriedigte zwar die Auskimft über den weiten Weg. Finger und 
Zehen reichten nicht aus, um zu veranschaulichen, wie viele Male die Sonne den 
Tageslauf am Himmel beschreiben müsse, bis man zu den Häusern der Karaiben 
gelange. Dennoch waren Alle von dem Vorschlag begeistert. Takuni schwelgte 
in der Vorstellung, wie ihn die Frauen bewillkommnen würden bei seiner Heim- 
kehr, wenn er den schwerbepackten Tragkorb niedersetze und seine Schätze her- 
vorhole. Stundenlang wurde das Thema in Wort und Pantomime behandelt; 
schliesslich überwogen bei Takuni die Zweifel. Seine schauspielerische Leistung 
gewann einen sentimentalen Charakter: er hat Kinder, die nach ihm weinen, die 
noch an der Brust liegen, für die er fischen und roden muss. 

Nachdem wir uns zum Schlaf in das Haus zurückgezogen hatten, dauerte 
die unseren Gastfreunden so angenehme Erregung noch lange fort. Wilhelm 
hatte schon die Augen geschlossen, als es noch an seiner Hängematte zupfte und 
ein Kamayurä ihn mit leiser Stimme bat, ihm noch einmal den Weg nach Cu- 
yabä vorzurechnen und ihm zu versichern, dass er dort Beile und Perlen er- 
halten werde. Ueberhaupt fehlte es in der Nacht nicht an komischen Zwischen- 
fällen. Ehrenreich musste die photographischen Platten wechseln und war genötigt, 
die Leute zu bitten, dass sie die kleinen Feuer, die sie bei den Hängematten bis 
zum Morgen anzuhalten pflegen, für eine Weile auslöschten. Gutwillig entsprachen 
sie seinem Wunsche, aber es war ihnen unheimlich zu Mute. Als sie die rote 
Laterne sahen, fragten sie sogar ängstlich — eine sehr merkwürdige Frage — 
ob die Suyä kämen. 



I20 

Auf dem Platz fanden sich eine Anzahl Löcher in dem Boden, die aber 
nicht wie bei den Aueto ein Grab, sondern die Stelle bezeichneten, wo Mandioka- 
Wurzeln aufbewahrt wurden. Bei Gelegenheit dieser Auskunft erkundigten wir 
uns nach der Art und Weise, wie die Toten bestattet werden. Sie verstanden 
mich sofort, als ich mich selbst wie tot auf den Boden legte, luid gaben eine 
ausführliche mimische Darstellung ihrer Gebräuche. 

Sie waren immer bestrebt, uns über ihre Sitten zu belehren, nachdem sie 
unser Interesse daran wahrgenommen hatten, und auf dem Wege zum Baden 
machte mich Einer sogar mit dem Marakä-Gesang, dem Begleittext der Tanz- 
rasselmusik, der Manitsauä-Indianer bekannt: „hüniitä ya heuna hm hm". 

Am letzten Morgen erfuhr unsere Eintracht zum ersten Mal eine kleine 
Störung. Es fehlte eine noch halb gefüllte Büchse Kemmerich'schen Fleischmehls. 
Auch schien es, dass aus meiner Tasche einige Küchenmesser entwendet worden 
waren. Ehrenreich hatte man zwei Schnallen von einem Riemen abgeschnitten. 
Ich sah mich genötigt, unserem Haus- und Gastwirt den Standpunkt klar zu 
machen und ihm meine Meinung, dass die Kamayurd nicht mehr so küra und 
katü seien wie zu Anfang, in ernstem Ton auszudrücken. Man brachte uns 
mit demütiger Geberde Beijüs, ich wies sie zurück. Die guten Kerle wurden sehr 
aufgeregt, schoben die Schuld auf einen Trumai, der heimlich dagewesen sei, und 
brachten nach einer Weile wenigstens den verlorenen Kemmerich wieder. 



VH. Trumai-Lager und Auetö-Hafen. 

Vogel's Plan, Schirigü-Kul)lenz zu besuchen. Ucber die Yaulapiü zurück. Zusaninienlreffen mit den 

Trumai. Studien mit Hindernissen. Arsenikdiebstahl. Die zerstörten Trumaidörfer. Zum Aiieto- 

hafen. Namentausch. Kanus erworlien. Diebstähle. ^'anumakapü-Nahuqud. Abscliied. 

Am 22. Oktober unternahm Vogel eine Bootfahrt auf der Kamayurä-Lagune, 
um zu untersuchen, ob sie mit dem Fluss in Verbindung stehe. Den Indianern 
wurde als Motiv angegeben, dass er fischen wolle. Nach vierstündiger Abwesen- 
heit kehrte er zurück und hatte sich überzeugt, dass die Lagune nirgendwo in 
den Fluss übergehe. Es lag ihm sehr viel daran, erstens das Verhältnis von 
Kuluene und Kulisehu festzustellen und zweitens an der von uns im Jahre 1884 
passierten Vereinigungsstelle des von Westen kommenden Ronuro und des von 
Südost kommenden Flusses, der uns damals als Kulisehu bezeichnet war, also in 
Schingü- Koblenz, eine Ortsbestimmung zu machen, tun auf diese Weise den 
genauen Anschluss an die geographische Aufnahme der ersten Expedition zu 
erreichen. Es war die Stelle, wo die Trumai erschienen, mit Mühe zur Landung 
bewogen wurden und in heller Flucht davongeeilt waren. 

Dass wir sämmtlich uns an dieser Rekognoszierungstour beteiligten, war 
nicht wünschenswert, weil es vor Allem darauf ankam, die karg bemessenen 
Stunden ziu- Unterhalttmg der Indianer zu verwerten, und weil keine grosse Aus- 



TAFEL X. 




V. d. Steinen, Zentral -Brasilien. 



TRANSPORT EINES RINDENKANUS DURCH DIE AUETÖ. 



121 

sieht bestand, bei jenem Abstecher einen neuen Stamm anzutreften. Zwar 
wurden wahrscheinhch die Dörfer der Trumai passiert, doch wussten wir, dass 
sie nach dem Kampfe mit den Suyä gefloiien waren und sich in unserer Nähe 
umhertrieben, denn vereinzelte Trumai waren bei den Aueto, den Yaulapiti und 
den Kamayura aufgetaucht. Wo der Kern des Stammes stecke, der aUen Grund 
hatte, sich vor einem Zusammentreffen mit uns zu fürchten, war uns unbekannt. 
Man musste auch die MögHchkeit in Betracht ziehen, dass die wenig vertrauens- 
würdigen Suyä sich noch irgendwo in der Nähe der Kuhsehumündung aufhielten 
und noch nicht nach Hause zurückgekehrt waren. 

Um allen Interessen und zugleicii der nötigen Vorsicht zu genügen, wurde 
beschlossen, dass Vogel nach dem AuetÖhafen gehe und sich von dort in zwei Kanus 
mit Perrot, Antonio, zwei Soldaten und ein paar Indianern nach Koblenz einschiffe, 
dass wir dagegen die Zeit bis zu seiner Rückkehr mit unseren Untersuchungen 
ausfüllten. So ging Vogel am 23. Oktober von den Kamayura weg und machte 
sich den 25. Verabredetermassen vom Auetohafen zur Kuluenemündung auf. 

Wir Anderen verliessen unsere lieben Kamayura den 25. Oktober früh 
Morgens. Von Takuni und seinem Gelüst nach der Cuyabäreise hörten wir nichts 
mehr. Doch wurden wir von einigen Indianern, die unsere Sammlung trugen, 
den Weg durch die unvergesslichen Mangavenhaine und den Wald bis zum 
zweiten Yaulapitidorf begleitet. Hier hatten wir wieder die Strecke mit Hinder- 
nissen vor uns: über die nördliche Lagune und durch ein Stück Kanal zum ersten 
Yaulapitidorf — dann neue Einschiffung und Fahrt über die südliche Lagune — 
hierauf Landweg zum Ende oder, von uns aus gerechnet, zum Anfang des Aueto- 
kanals, wo sich die Pflanzungen und Schutzhütten der Aueto befanden — dort 
endlich wieder Einschiffung und Fahrt nach dem Auetodorf 

Das Unangenehme war, dass für diese drei Fahrten immer nur ein Kanu 
zur Verfügung stand, und dass es obendrein sehr leicht geschehen konnte, dass 
dieses Kanu sich gerade unterwegs befand und nicht zur Stelle war, wenn man es 
gebrauchte. 

Von dem zweiten Yaulapitidorf fuhren in dem einen Kanu, das dort lag, 
zunächst Ehrenreich und ich ab, während Wilhelm und Carlos bei glühender 
Sonnenhitze über drei Stunden im schattenlosen Sumpf sitzen mussten, bis auch 
sie abgeholt wurden. Wir beiden gelangten zum ersten Yaulapitidorf und hatten 
viele Mühe, hier ein Kanu zu erhalten und wegzukommen; die Leute wollten uns 
durchaus länger bei sich sehen, um mehr Perlen und Messer zu bekommen. 
Der Häuptling schien aber docii auch einen anderen Grund zu haben, unsere 
Abreise zu verzögern. Erst als er sah, dass wir darauf bestanden, gab er uns 
ein Kanu und erzählte nun mit ängstlichem Gesicht, die Trumai seien bei den 
Aueto. Er war in grosser Besorgnis, dass wir ihnen Böses anthun wollten. Er 
drang inständigst in mich, davon abzustehen, und fragte mich beim Abschied noch 
einmal allen Ernstes mit einer sehr ausdrucksvollen Pantomime, ob ich nicht allen 
Trumai den Hals abschneiden werde? 



— 122 — 

Wir durchkreuzten die Lagune, schickten das Boot zurück und begaben 
uns auf den Weg zum Auetokanal. Es war ein schöner Nachmittag; der Indianer, 
der unser Gepäck trug, hatte ein vergnügtes Gemüt und bhes trotz seiner Last 
fröhUch aus einer kleinen Pansflöte. In dieser angenehmen Stimmung störte uns 
der Renommist Moritona, der grosse Zauberer der Yaulapiti, der mit seinem 
Tragkorb einsam dahergeschritten kam. Er suchte uns zurückzuhalten und hielt 
eine lange Rede, deren A und O die Trumai waren; offenbar befanden sie sich 
in der Nähe. Audi kamen wir an einer Stelle vorüber, wo man gelagert hatte 
und eine Anzahl Feuer unterhalten worden waren. Alle Zweifel schwanden am 
Ende des Weges. Zwei Frauen schritten dort quer über den Pfad, erhoben ein 
entsetzliches Geschrei und verschwanden blitzschnell im Gebüsch. Vielstimmiges, 
gellendes Durcheinanderrufen und zwischen den Bäumen plötzlich an allen Ecken 
aufgeregt hin und wieder rennende Gestalten! Wir waren bei den Trumai! 

¥Jme unangenehme Situation. Zurückgehen war natürlich ausgeschlossen. 
Also gerade vorwärts. Niemals habe ich einen unsinnigeren Lärm gehört. Im 
Hintergrund stürzten Weiber und Kinder mit ohrenzerreissendem Geheul von 
dannen; die Männer rafften hier und dort ihre Waffen auf und verdichteten sich, 
die Bogen, Pfeile, Wurfpfeile schwingend, zu einem schreienden, tanzenden, tobenden 
Knäuel, auf den wir einer hinter dem andern fest zuschritten. Ich fasste einen kleinen 
Herrn ins Auge, der der Häuptling zu sein schien, trat gerade auf ihn zu, legte 
die Hand auf seine Schulter und that, was in solchen Fällen immer das beste ist, 
ich lachte. Auch liess ich es an kräftig ausgesprochenen „katü katn karäiba, 
küra ki'ira karäiba''^ nicht fehlen. Ja, ich richtete verschiedene kurze Sätze an ihn 
in einer Sprache, die er höchst wahrscheinlich niemals gehört hatte, deren Laute 
sich aber mir in kritischen Momenten gern auf die Lippen drängen und dann 
immer siegreich über den Ernst der Lage hinweghelfen, das ist mein liebes 
Düsseldorfer Platt, verdichtet in einigen karnevalistischen Schlagwörtern, die für 
jede Situation zutreffen. Sie thaten auch bei den Trumai ihre Wirkung; der 
alte kleine Häuptling war zwar zu entsetzt, um auch lachen zu können, aber er 
grüsste doch so verbindlich wie möglich. 

Man schleppte hastig zwei Schemel herbei und riss das Stroh herunter, in 
das sie verpackt waren; sie hatten Vogelgestalt und der eine, der einen Geier 
darstellte, war wie ein Doppeladler durch zwei Halse und Köpfe ausgezeichnet. 
Wir setzten uns im Waldlager nieder und um uns herum und rings zwischen den 
Bäumen drängte sich und wogte die in ihrer Angst recht wild ausschauende 
Gesellschaft. Als ich mit vergnügten Mienen erklärte, dass ich bei ihnen 
schlafen wolle, regten sich zwanzig Hände auf einmal, das Gestrüpp wegzu- 
reissen und Raum zu schaffen — aufmerksamere Bedienung war nicht zu 
denken. Nach einer halben Stunde meldete erneutes Geheul und Weibergeschrei 
die Ankunft von Wilhelm und Carlos an, die herbeigeführt wurden und eben- 
falls ihrer wohlwollenden Gesinnung mit Worten und Geberden deutlichen Aus- 
druck gaben. 



— 123 — 

Es waren meist kleine schmächtige Gestalten mit kleinen Köpfen, zurück- 
tretendem Kinn und hässlichen Gesichtern; unter den alten Weibern gab es 
wahre Prachtexemplare von Hexenmodellen. Die Frauen trugen teilweise das 
dreieckige Uluri, teilweise ein uns neues Garderobenstück, eine grauweissliche 
Bastschlinge, die um die Hüften gezogen war und sich zu einer kleinen Rolle 
verdickte. Die Sprache erinnerte uns in ihrem Tonfall nicht wenig an die der 
Suyä, mit der sie den nörgelnden gequetschten Habitus gemein hatte, und Hess 
sich durch den häufigen Auslaut auf fe und durch das /von allen Kulisehusprachen 
sofort unterscheiden. 

Es war merkwürdig, dass sich die Trumai derart hatten überraschen lassen. 
Wahrscheinlich hatten sie sich doch vor den Suyä, die ihre Dörfer geplündert 
hatten, und vor uns gleichzeitig geflüchtet. Ihre Späher, die sich bei den 
Auetö, Yaulapiti und Kamayurä herumtrieben, waren wohl des Glaubens ge- 
wesen, dass wir von den Kamayurä aus nicht direkt zu den Aueto zurück- 
kehren, sondern nach Schingü - Koblenz gehen würden, um uns mit Perrot 
und Vogel, deren Fahrt ihnen bereits bekannt war, zu vereinigen und auf 
dem Fluss nach dem Auetohafen zu gelangen. Das Lager der Flüchtigen 
bot einen Anblick der Unordnung und Ueberstürzung. Es waren im Ganzen 
etwa 50 Personen; zahlreiche Feuerchen brannten bei den braunen Hängematten, 
Bündel aller Art lagen und hingen an den Bäumen herum; die Schutzhütten der 
AuetÖ-Pflanzung blieben unbenutzt. Die Indianer waren zum Teil über die Kanäle 
gekommen: eine kleine Flotille von Kanus war in dem sumpfigen Gewässer 
nahebei aufgefahren, viele darunter in schlechtem Zustand und nur mit Lehm- 
klumpen notdürftig verpappt. 

Die l^eijüs, die gefüllten Kürbisschalen und die Zigarren mussten bei diesem 
Empfang fehlen. Man brachte kleine Baumwollenknäuel herbei und verlangte 
Perlen. Leider hatten wir uns bei den Kamayurä so ziemlich ausgegeben und 
konnten daher nicht Vieles bieten. Dennoch erwarben wir mit den Resten, etlichen 
Messern und einigen Opfern von unserm persönlichen Besitz eine kleine, nicht 
unansehnliche Sammlung. Die Leute hatten die für uns wichtigsten Sachen vor 
den Suyä gerettet und mitgeschleppt. Da fanden sich Federschmuck, Halsketten 
aus Steinperlen, ein Steinbeil, als Belegstück wertvoll, da die übrigen Kulisehu- 
stämme ihre Steinbeile von den Trumai erhalten, Wurfhölzer, eine Keule, zehn 
Masken, Tanzkeulen, grosse Flöten und verschiedene Kleinigkeiten. Wir ver- 
missten zu unserm Erstaunen die grossen Pfeile mit langen spitzen Bambusstücken, 
die die Trumai 1884 bei sich führten, von denen sie auf der Plucht eine Anzahl 
verloren und an denen wir bemerkt hatten, dass man sie für die Begegnung mit uns 
zugeschärft hatte. Sie waren wohl im Kampf mit den Suyä verschossen worden. 

Ich nutzte den Abend bei einem Kerzenstumpf schreibend möglichst aus, 
um ein Vokabular zu erhalten. Ein jüngerer Häuptling zeigte sich sehr anstellig, 
nur schrie er in seinem Eifer mit seiner starken Stimme, als ob ich stocktaub 
wäre. Neugierig hockten die Männer in der Nähe, die Hexen waren um die 



— 124 — 

Feuer geschäftig, die Kinder schrieen atstu nach der Mutter und papd nach dem 
Vater, durch die Zweige ergoss sich ein magisches MondHcht über die seltsame 
Lagerszene, und bald umfing der Friede der Nacht Schlummernde und Wachende. 
Wir durften ruhig schlafen, merkten aber wohl, dass einige Männer am Feuer 
sitzen blieben. 

Am nächsten Morgen, den 26. Oktober, gab es eine grosse Verwirrung. 
Man hatte mir ein grosses Glas mit Arsenikpillen gestohlen. Gern hätte ich 
unter den besonderen Umständen zu jedem Diebstahl ein Auge zugedrückt, allein 
ich konnte diesen Arsenik weder meinerseits vermissen noch die Indianer damit 
vergiften lassen. Ich musste die Yaulapiti, die uns begleitet hatten, nach den 
Erfahrungen in ihrem Dorf im Verdacht haben und verlangte von ihnen die 
Rückgabe. Sie beteuerten natürlich ihre Unschuld, die Trumai gerieten in grosse 
Angst, die Weiber, Kinder und ein Teil der Männer schlugen sich in die Büsche 
und kehrten auch nicht zurück, als wirklich einer der Yaulapiti das Glas mit den 
Arsenikpillcn brachte. Nach seiner unmassgeblichen Ansicht war es mir unter- 
wegs aus der Tasche gefallen. Ein Quantum fehlte augenscheinlich; ich hoffe, 
dass es auf verschiedene Liebhaber verteilt und von diesen bei den grade unter 
den Yaulapiti häufigen Hautkrankheiten mit einigem Erfolg genossen worden ist. 

Wir mussten, so sehr man uns zum Fortgehen drängte, mindestens die 
wichtigsten Körpermessungen noch vornehmen und liessen auch nicht locker; 
sieben Männer wurden in der Eile zwischen dem Packen gemessen, und die 
einzige photographische Platte, die noch übrig war, wurde zu einer — später 
leider verunglückten — Gruppenaufnahme verwendet. 

Um ^/iio Uhr fuhren wir in zwei Kanus ab, von vier Trumai begleitet. 
Dreimal müsse man schlafen, gaben sie an, ehe man zu ihren Dörfern gelange. 
Die Mehinakü könne man auch auf den Kanalwegen erreichen und gebrauche zu 
ihrem zweiten Dorf nur einen Tag. Um 1 1 Uhr landeten wir in der Nähe des 
Auetodorfes an einer andern Stelle, als wir abgefahren waren. Im feuchten Laub 
lagen riesige Regenwürmer in ungeheurer Menge; wo man den Fuss hinsetzte, 
trat man darauf. Der Pfad führte uns zu den beiden Hütten der Yaulapiti-Aueto- 
P'amilien. 

Es empfiehlt sich, schon hier anzufügen, was Vogel und Perrot nach ihrer 
Heimkehr von Schingü- Koblenz über die Trumaidörfer berichteten. Sie liatten 
keinen Indianer zu Gesicht bekommen, unterhalb der Einmündung des Kulisehu 
in den Kuluene aber auf dem 5 m hohen Ufer ein Trumaidorf von 8 und einen 
Kilometer weiter östlich ein zweites von 5 Häusern, darunter Neubauten gefunden. 
Die Suyä hatten die Häuser sämtlich niedergebrannt, und was von grossen Töpfen 
und Gerät zurückgeblieben war, kurz und klein geschlagen. Unmittelbar an die 
Dörfer schlössen sich Pflanzungen an von auffallend grossem Umfang und sorg- 
fältiger Bearbeitung. Ungefähr zehn frische Gräber wurden bemerkt; der kreis- 
förmigen Angrabung nach zu urteilen waren die Leichen in hockender Stellung 
beerdigt, sie schienen tief zu liegen, da man sie wenigstens bei einigem ober- 



^ 125 — 

flächlichen Nachgraben nicht biossiegte. Antonio war sehr erschreckt gewesen, 
als Perrot zu ihm sagte: »o doutor Carlos precisa d'uma cabega«. Nur mit 
Mühe hatte man von Antonio erreicht, dass er die Fahrt mitmache und sich der 
Möglichkeit aussetzte, den verhassten Trumai zu begegnen. 

Die Tage vom 26. bis 31. Oktober brachten wir im Dorf und zum 
grösseren Teil im Hafen der Aueto zu. Wir benutzten noch jede Gelegenheit 
zu messen, zu photographieren und die sprachlichen Aufzeichnungen zu vervoll- 
ständigen, und hatten, dazu Exemplare fast aller Stämme zur Verfügung. Mit 
den Aueto hatten wir uns recht angefreundet. Ein vergnügter Abend erinnerte 
mich lebhaft an meine BakairiTdylle, auch hier wurden die Stimmen der euro- 
päischen Haustiere mit grossem Jubel begrüsst, und wiederholte sich die Steinbeil- 
pantomime mit stereotyper Treue. Es war ein besonderer Augenschmaus für 
sie, wenn wir uns hinstellten und Holz hackten. Mit einem der Aueto machte 
ich Schmollis nach Landesbrauch, wir vertauschten die Namen. Mayüli hiess 
mein Spezialfreund, der mir den Antrag machte. Der Häuptling liess mich auf- 
stehen, klopfte mich sechs oder sieben Mal auf den Rücken und sagte dazu 
ebenso oft im Takt »Mayüli«, blies mich auf die Brust und sagte mir »MayüH« 
in jedes Ohr hinein. In gleicher Weise hatte ich mit Mayüli's Person zu 
verfahren und ihm mein »Karilose« für Carlos einzuprägen. Alle nannten mich 
nun mit Betonung Mayüli, wobei ich immer an Mai- Juli dachte, und hoben hervor, 
wie sehr sich die Frauen darüber freuen würden. In der That, sobald ich in eine 
Hütte kam, riefen die Frauen »Mayüli« zum Willkomm. 

Im Hafen sah es traurig aus. Dort hatte Peter mit Tumayaua und dem 
Droschkenkutscher Wache gehalten. Es war ein jämmerlicher sumpfiger Platz, 
eng und unfreundlich, der Regen hatte den mit faulem Laub bedeckten Boden 
erweicht, die Ameisen waren eifrig an der Arbeit gewesen und hatten das Leder 
und die Säcke zerschnitten. Alles sah schmutzig und hässlich aus. Dazu Schmal- 
hans Küchenmeister. Der arme Peter hatte von Beijü gelebt, die Plsche bissen 
wieder einmal nicht an. Tumayaua schaukelte sich in der Hängematte und war 
zufrieden, er betrachtete sich stundenlang in einem kleinen runden Spiegel und 
rupfte sich die Härchen im Gesicht aus. Nachts quälten ihn die Moskitos; ich 
hörte ihn einmal, da ich selbst nicht schlief, stundenlang klagen und klatschen. 
Der Droschkenkutscher hatte sich, ehe wir eintrafen, in ein Kanu gesetzt und war zu 
den Mehinakü gefahren. Nur ein Kanu, ein schlechtes, war bei unserer Ankunft 
noch verfügbar. Zwei hatten Vogel und Perrot mit sich, eines vierten hatte sich 
eine Bande Indianer bemächtigt und war damit drei Tage auf den Fischfang ge- 
zogen. Sie kehrten zurück, das Boot bis an den Rand gefüllt mit gebackenen 
Fischen. Man brät bei allen diesen Stämmen die Fische sofort, um das Pleisch 
zu konserviren. 

Gegen ein paar Beile wurden zwei Kanus von den Aueto erworben, die 
sie durch den Wald herbeibringen sollten. Carlos ging nach dem Dorf, um die 
besten auszusuchen, und erzählte, es sei ein grossartiges Bild gewesen, als die 



— 126 — 

Indianer mit den langen Kanus auf den Schultern im Trab durch die Dorfstrasse 
liefen und sich die ganze Bevölkerung an dem Schauspiel beteiligte. Mittags 
kamen unter lautestem Juchzen an 60 Personen und brachen mit den beiden 
Kanus im Laufschritt aus dem Walde hervor, im Laufschritt eilten sie auch den 
steilen Uferhang hinab und der enge Platz wimmelte von den nackten braunen 
Gestalten. Sie hatten auch ein Dutzend Kinder und allerlei Vorrat von Beijüs, 
Honig, Piki- und Mangavenfrüchten mitgebracht. Sie waren jetzt mit Leidenschaft 
darauf aus, von uns vor Thoresschluss noch zu bekommen, was irgend zu be- 
kommen war. Perlen, Perlen, Perlen! Beim Kanutransport hatte sich ein Aueto 
die Hand verletzt; Ehrenreich verband sie, war aber kaum damit fertig, als der 
Mann sie auch schon nach Perlen ausstreckte. Ein Wauni, mit dem ich mich 
schier zum Verzweifeln abquälte, dass er mir die Farbe nadjektiva seiner Sprache 
verrate und der mir immer die Gegenstände und nicht ihre Farben nannte, 
unterbrach jede meiner Fragen ungeduldig, streckte die Rechte vor und verlangte 
Perlen, »nur her damit«, er müsse nach Mause. Es blieb mir zuweilen nichts 
übrig, als die Zudringlichen auf die Finger zu klopfen, zumal wenn sie mich 
während des Verhörens und Aufschreibens immer anstiessen und beschenkt sein 
wollten. Sie nahmen jedoch nichts übel. Oefters wurden sie uns lästig, weil 
ihre Zahl zu gross war, Hessen es sich aber gefallen, dass ich sie aus der Hänge- 
matte herausholte und abführte. Ja, ein Alter unterstützte mich einmal thatkräftig 
und schlug einen ungeberdigen jüngeren Burschen mit dem Bogen über den Kopf. 

Es bedurfte der grössten Wachsamkeit, dass wir uns vor Diebstählen 
schützten. Messer, Scheeren, Vaselin, Kerzen, Blechdöschen, Schnallen, Alles 
war ihnen recht. Gut, dass wir Tumayaua hatten. Er passte auf wie ein Polizei- 
diener, denn er durfte darauf rechnen, selbst in den Besitz alles dessen zu ge- 
langen, was wir behielten, und es war augenscheinlich, dass ihm jede Perlenschnur 
und jedes Messer durch die Seele schnitt, die wir aus den Händen gaben. Er 
hatte seine eigenen unterw^egs angesammelten Schätze sorgsam zwischen den 
überstehenden Wurzeln seines Hängemattenbaumes verborgen. 

Die stete Ausrede, wenn etwas fehlte, der oder jener von einem andern 
Stamm müsse es weggenommen haben, war im Auetöhafen sehr billig. Ausge- 
nommen die Mehinakü gab es Vertreter aller Stämme: Aueto, Kamayura, 
Yaulapiti, Trumai, Kustenaü, Waurä, Bakairi und Nahuquä. Immer kamen neue 
Besucher, und wir hatten alle Hände voll zu thun, um unsere Aufnahmen zu 
ergänzen. 

Von den Kustenaü, die wir 1884 in einem kleinen Dorf oder richtiger bei 
ihrer mit einigen Hütten besetzten Pflanzung am Batovy getroffen hatten, war 
einer erschienen, der sich der Reisenden von damals, Willielm's, Antonio's und 
meiner aucli noch erinnerte und nur mit diesen seinen alten Bekannten zu thun 
haben wollte. Auch aus dem vierten Dorf der Bakairi am Batovy hatte sich ein Neu- 
gieriger eingestellt. Offenbar hatte die Kunde von dem Wiedererscheinen der 
Karaiben das stanze Gebiet durchflogen. Am meisten interessierten uns einige 



— 1^7 — 

Nahuquä vom Kuluene, weil es bei der vorgerückten Zeit unmöglich war, sie selbst 
aufzusuchen. Da hatte der Guikurü-Nahuquä, den wir im Nahuquädorf getroffen, 
die Reise hinter uns gemacht, und ihm hatte sich eine Familie von vier Yanu- 
makapü oder Yanumakabihü, die etwa eine halbe Tagereise landeinwärts 
zwischen Kulisehu und Kuluene zu wohnen schienen, angeschlossen. Da yanumäka 
bei den Mehinakü, Kustenaü, Waurä und Yaulapiti das Wort für »Jaguar« ist, so 
dachte ich schon an eine Vermischiuig von Nahuquä mit einem jener Nu-Aruak- 
stämme. Allein die sprachliche Aufnahme des Familienvaters ergab einen reinen 
Nahuquädialekt. Die Yanumakapü- Nahuquä hatten niedliche Tanzrasseln bei sich; 
dem durch den kleinen Kürbis durchgestossenen Stiel sassen am oberen Ende 
Tierköpfchen aus Wachs auf, und bei einer hatte man den Kürbis durch die Schale 
einer jungen Schildkröte ersetzt. 

Die Nahuquä liessen sich von uns über den Fluss setzen. Auch die Aueto 
nahmen uns öfter in Anspruch. Man fand es entschieden sehr bequem, dass wir 
mit unsern Kanus immer zur Verfügung standen. Die Auetö schwammen aber 
auch ausgezeichnet. Kinder, die bis ans Knie des Vaters reichten, puddelten 
sich frei und vergnügt im Kulisehu umher. Einem jungen Mann, der von der 
andern Seite auf Aueto »Holüber« schrie, verweigerten wir die Fähre; es war ein 
Vergnügen zu sehen, wie elegant er den Fluss durchsetzte, die linke Hand hoch 
emporgestreckt und Hängematte und Bogen haltend. 

Der Abschied wurde uns schwer, so sehr wir darauf brannten, von dem 
schmutzigen und ungesunden Lagerplatz wegzukommen. Vogel und Perrot waren 
den 29. Oktober von ihrer Fahrt zurückgekehrt, am 30. Oktober wurde noch 
fleissig gearbeitet und die Sammlung eingepackt. Perrot ging noch einmal in 
das Auetodorf und verabschiedete sich zärtlich, die PVauen brachten ihm ihre 
Kinder und ein kleines Mädchen erhielt den Namen »Ferro«; für die viele Liebe 
musste er sich natürlicli in Perlen erkenntlich zeigen, und eine junge Mutter, deren 
zwei Kinder er beschenkt hatte, machte ihn mit lebhaften Geberden darauf auf- 
merksam, dass er doch auch noch ein drittes, das in Aussicht stand, be- 
denken möire. 



VHl. Rückkehr nach Independencia. 

Vogel's Fahrt nach Schingü- Koblenz. Ab vom Auetohafen. Besuche der Dörfer. Begleitung durch 
die Indianer. Rheinischer Karneval am Kulisehu. Abschiedszene in Maigeri. Die Bergfahrt: 
Rudern. Beschwerden. Fieber. Independencia: Ruhetag. Feierlicher Abschied von den Bakairi. 

Ueber das Verhältnis von Kulisehu und Kuluene war durch den Ausflug 
von Vogel und Perrot Klariieit geschaffen worden. Auayato, der Auetohäuptling, 
hatte sie begleitet. Sie waren vom Hafen abwesend vom 24. Oktober ii^jiXJhr 
bis zum 29. Oktober 7 Uhr Abends und hatten, da sie kein Gepäck mit sich 
führten, leicht vorwärts kommen können. Sie erreichten die Mündung des Kulisehu 



— 128 — 

in den schönen breiten Kuluene in sieben Stunden, passierten links einen Zufluss, 
rechts einen Kanal der Mariape-Nahuquä, fanden auf dem rechten Ufer die 
Trumaidörfer in dem Seite 124 beschriebenen Zustande und konnten von hier aus 
in gut vier Stunden — in acht Stunden seit der Kuliseliu- Mündung — nach 
Schingü- Koblenz an die Vereinigungsstelle von Kuluene und Ronuro kommen, 
jenen grossen Sandstrand, wo sich 1884 unser Zusammentreffen mit den Trumai 
abgespielt hatte. 

Die Trumai waren also damals auf ihrem Kuluene heruntergekommen, und 
uns hatte man diesen grossen Fluss, von dem wir nur die Einmündung kannten, 
als »Kulisehu« bezeichnet. Eine merkwürdige Entwickelung! Wir hatten auf 
unserer neuen Expedition den ;?Kulisehu'< gesucht und den Kulisehu auch gefunden 
und befahren, allein gemeint hatten wir den Kuluene. Schon die Trumai 
wohnten unterhalb der Kulisehu-Mündung; am Kuluene weiter oberhalb sassen die 
Nahuqua-Stämme, die aber glücklicher Weise auch am Kulisehu in dem von uns 
besuchten Dorf angesiedelt waren. 

Vogel und Perrot hatten schlechtes Wetter. Wegen der Wolkenbedeckung 
konnte weder an der KuHsehu-Mündung noch in Koblenz die astronomische Breite 
bestimmt werden. Der Kuluene hat eine Breite von 241 m unterhalb der Kulisehu- 
Mündung, etwas oberhalb 289 m. Von Koblenz waren sie den Ronuro hinauf- 
gefahren, hatten nach einer kleinen halben Stunde die Batovymündung passiert 
— wo wir 1884 am 30. August aus dem unendlich gewundenen Waldflüsschen auf- 
tauchten und zum ersten Mal mit einiger Sicherheit uns der Hoffnung freuen durften, 
wirklich den Schingü gefunden zu haben — und hatten endlich die Fahrt auf dem 
Ronuro noch zwei Kilometer weiter aufwärts fortgesetzt. Der Ronuro besass 
eine mittlere Breite von 250 m und eine Tiefe von 3 bis 6 m, der Kuluene mass 
oberhalb Koblenz nur 187 m und der Hauptfluss bei unserm Sandstrand 366 m. 

Wenn wir nicht den ganzen Erfolg in Frage stellen wollten, war der Gedanke, 
den Kuluene noch hinaufzufahren und die übrigen Naluiquddörfer zu besuchen, 
völlig ausgeschlossen. Die Regenzeit hatte kräftig eingesetzt, die Fahrt flussauf- 
wärts wurde zunehmend schwieriger, der Proviant war erschöpft, vor uns lag die 
Perspektive eines langen, durch das Anschwellen der Gewässer überaus erschwerten 
Landmarsches. Die mitgenommenen Lebensmittel waren bis auf Salz, Paraguay- 
thce und etwas Kaffee so gut wie verbraucht. Die Suppentafeln waren ver- 
schwunden, von Gemüse gab es noch zwei Büchsen, und der Rest waren ein 
Pläschchen Kemmerich'scher Bouillon, zwei kleine Büchseben Pepton und drei 
Flaschen Schnaps. Das Kemmerich'sche Pleischmehl hatte uns allein den Aufenthalt 
in den Indianerdörfern ermöglicht, die beiden letzten Büchsen waren noch im 
Auetödorf verkocht worden. 

Am 3 1 . Oktober traten wir die Rückfahrt an. Ohne Hülfe der Indianer 
hätten wir die Sammlung nicht nach der Independencia schaffen können, da 
unsere Kanus nicht ausreichten. Aber für diese Dienstleistung hatten wir eine 
Anzahl schöner und nützlicher Tauschwaaren vorsorglich aufgespart. Zuerst 



TAF. XI. 




V. d. Steinen, Zentral- Brasilien. 



— 129 — ■ 

begleiteten uns fünf Aueto in mehreren mit unserer Ladung befrachteten Kanus zu 
den Mehinakü, die Mehinakü halfen weiter zu den Nahuquä, mit den Nahuquä 
gelangten wir zu den dritten Bakairi; Bakairi aus allen drei Dörfern beteiligten 
sich an dem von Dorf zu Dorf gesteigerten Transport und am 13. November 
fuhren wir, eine kleine Flotte von 13 Kanus mit 14 Bakairi, an dem Küchenplatz 
der Independencia vor. 

Kurz will ich skizzieren, was vom zweiten Besuch der Dörfer noch zu be- 
richten ist. Sehr angenehm und lehrreich waren die beiden Mehinakütage. Es 
musste photographiert und gemessen werden, da Ehrenreich zur Zeit des ersten 
Besuchs krank gewesen war. Die Frauen zitterten während des Messens am 
ganzen Körper, Sie hatten auffallend viele Kinder, wir stellten bei einer die 
unerhörte Zahl von sechs fest, eine andere hatte vier Töchter. Ich werde später 
noch das Lob dieser Nu - Aruakfrauen, der Erfinderinnen der Töpfe und der 
besten Pflegerinnen der Mandiokaindustrie, zu singen haben. Ein vortreffliches 
Bild der Gesellschaft liefert die Tafel 8 »Demonstration einer Vogelpfeife«. 
Sie lauscht den quellenden Tönen, die der vor mir sitzende Eingeborene dem 
neusilbernen Ding entlockt. Sehr typisch ist die Geberde des kleinen Mädchens 
in der Mitte, das sich furchtsam die Ohren zuhält, und die Stellung der beiden 
aneinander gelehnten Freunde im Vordergrund. Wie ungemein malerisch sind 
alle diese nackten Gestalten in ihren zwanglosen Bewegungen! Wäre es nicht 
ein Jammer, wenn sie »Rücken-« und »Beinhäuser« anziehen sollten? 

Wilhelm und ich schlössen wieder Freundschaftsbündnisse. »Belemo« tauschte 
den Namen mit Waikualu, und ich, »Karilose«, mit dem auf der Brust tätowirten 
Häuptling Mayuto. Wilhelm musste auch, wie ich bei den Bakairi, Tabak pflanzen. 
Mein Bruder Karilose überliess uns gegen ein Beil ein mächtiges Kanu, eine 
Art Arche Noah, so breit und ungeschlacht, dass der grösste Teil der Sammlung 
mit Carlos und Peter darin Platz fand. 

24 Mann begleiteten uns zum Hafen; 6 trugen das Kanu voraus, die Höhlung 
dem Boden zugewendet, den Rand auf der Schulter, die durch Strohkränze ge- 
schützt war, 2 wanderten mit den Köpfen im Bauch des Fahrzeuges. Ein wahrer 
Leichenzug hinter dem Sarge, man summte unwillkürlich einen Trauermarsch. 
Grade vor mir schritt ein klassischer Junge. Die Kiepe reichte ihm von der 
Schulter bis an die Knie, darunter baumelte noch ein grosser Kürbis, in der 
linken Hand trug er Pfeil und Bogen, mit der Rechten führte er unermüdlich 
musizierend sein Pansflötchen zum Munde. 5 Mann, die an unserer Fahrt teil- 
nehmen wollten, führten jeder ein Ruder und ein die Hängematte enthaltendes 
Netz mit sich, das von der Stirn auf den Rücken herabhing. Immer einer hinter 
dem andern und mit dem Vorder- oder Hintermann schwatzend. An dem Ruder 
demonstrierten sie sich, wie gross die Messer wohl sein möchten, mit denen der 
Karaibe sie belohnen werde. Viele trugen Beijüs, w/«)j^, in grüne Blätter einge- 
schlagen, mehrere während der 2^2 Wegstunden eine Kürbisschale mit Pikibrühe in 
der Hand. Das Kanu war breiter als der Waldpfad. Von einem starken Gewitter 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 9 



— I30 — 

überrascht, machten wir Halt, brachten die Sammhnig und die Apparate unter 
das Kanu und sahen mit Ueberraschung, dass die Indianer entsetzhch froren und 
am ganzen Körper zitterten wie zarte Damen nacli einem BaU im Schneewetter. 
Einzehie klapperten mit den Zähnen im schönsten Schüttelfrost. Es goss freilich 
eimerweise und das Sturzbad, empfindlich kalt, hatte kaum mehr als 15". Unsere 
guten Mehinakü waren unglücklich, dass wir nicht ihrem Beispiel folgten und 
gegen die himmlischen Schleusen pusteten, sie bauten sich in der Eile, wohl mehr 
um sich zu beschäftigen, ein Schutzdach und jammerten ohn' Ende „idäpe, tdä'pe!^ 

Im Hafen der Mehinakü erwarben wir noch ein Kanu; die Auetö, die uns 
bis hierher begleitet hatten, waren mittlerweile spurlos verschwunden. Auch 
Vogels Hirschfänger fehlte. 

Das Nahuquädorf stand unter dem Zeichen der Pikiernte. Wie die Kugeln 
im Arsenal lagen die Pikf in Haufen draussen und drinnen. Gestelle in den 
Häusern waren zum Trocknen der Kerne aufgestellt, die Weiber beschäftigt, die 
Früchte zu schälen, zu kochen und die Kerne abzukratzen, Menschen und Geräte 
buttergelb — Caryocar butyrosuin. Kein Pogu, sondern Pikibrühe; die Pikikerne 
von mandelartigem Geschmack, eine Latwerge »Pikikraut« gar nicht übel in be- 
scheidener Dosis. Viele krank in den Hängematten, Magen und Haut verdorben, 
ein alter Glatzkopf Gesicht und Schädel mit' Geschwüren bedeckt. Tumayaua 
erhielt Pikf zum Abschied auf den Weg. Nur ein Neugeborenes, das uns die Mutter 
brachte, damit wir es anbliesen, schien noch nichts von Pikf zu wissen. 

Im Bakairfdorf III, das die uns begleitenden Nahuquä übrigens nicht be- 
treten wollten, war die alte Festhütte abgebrannt und man zeigte sicli sehr 
ängstlich gegenüber den früher so bewunderten Streichhölzern. Dafür fanden wir 
prächtige Vogel- und I'isch-Masken. \"on zwei bestellten Kanus war das eine 
noch nicht fertig und das andere verunglückt. 

Bakairfdorf II war wie ausgestorben. Die Bewohner waren zum Teil, es 
blieb unklar, weshalb, abwesend, auch hatten wir offenbar das erste Mal fremde 
Gäste gesehen luid mitgerechnet. Doch war Häuptling Aramöke liebenswürdig 
wie immer und liess uns Beijüs vorsetzen, die wir dalieim in der feinsten Tliec- 
gesellschaft hätten anbieten dürfen. Nur mit grosser Mühe fanden wir einige 
Männer, um einen Teil der Sammlung ein Stück Weges über Land zu schaften. 
Immer hiess es, sie müssten bei den Kindern bleiben. Dann lag eine Frau mit 
Brandwunden am Arm im Häuptlingshause, die auch der Gesellschaft bedurfte. 
¥Än Kollege mit sehr sachverständigem Gesicht sass bei ihr und bekam zuweilen 
einen therapeutischen Anfall, während dessen er gottserbärmlich ächzend Wolken 
von Tabaksdampf über die Kranke blies oder auch der Wand zugewandt ent- 
setzlich stöhnte. Der ^Droschkenkutscher«, der uns mit Tumayaua bis zu den 
Auetö begleitet hatte und der ein grosser Zauberarzt war, trennte sich hier \'on 
uns. Er musste sich durchaus an der Behandlung beteiligen und war nicht zu 
bewegen, den Fall dem doch äusserst tüchtig blasenden Kollegen allein zu über- 
lassen. Zum Lohn für dieses zivilisierte Verhalten verschafften wir ihm auch ein 



— 131 — 



zivilisiertes Aeussere, das neben einem grossen Messer das Ziel seines Ehrgeizes 
gewesen war, in Gestalt eines Hemdes und einer Kopfbekleidung. Wir schmückten 
ihn mit Tumayaua, der schon längst in schwarzweiss karriertem Hemd und weisser 
Leinenhose darunter umherspazierte, gleichzeitig feierlich aus und photographierten 
die Beiden, wie figurae Abbildung 8 zeigen. Wilhelm hatte einige Prämien für 
die verdienstvollen Reisegenossen aufbewahrt, eine prächtige Düsseldorfer Fast- 
nachtsmütze, von ihm selbst in der Eigenschaft eines Prinzen Karneval auf hohem 
Triumphwagen getragen, grün, gelb, weiss und rot mit blinkenden Schellen, des- 
gleichen den mit Brillanten besetzten Halsorden Sr. Närrischen Hoheit — diese beiden 
Stücke wurden Tumayaua zu Teil — und eine echte Karnevalsmütze der noch 
lustigeren Schwesterstadt am Rhein, die wir dem Kollegen Droschkenkutscher in 
Ermangelung eines Doktorhutes über die Ton- 
sur stülpten. Tumayaua erhielt ausserdem 
einen von Wilhelm in Rio de Janeiro gekauften 
schwarzen Gehrock, Import aus Paris et le 
dernier mot de la perfection. Die Abbildung 
giebt uns einen schwachen Begriff davon, wie 
schauderhaft die zwei vor Stolz aufgeblasenen 
Narren in den Kleidern erschienen ; beide gewiss 
nicht die schönsten Typen, sahen sie nun aber 
plötzlich geradezu hässlich krumm und schief 
aus, und daran war mehr als die Schäbigkeit 
des Anzugs der Umstand schuld, dass alle Um- 
risslinien aufgehoben und charakterlosgeworden 
waren. Tumayaua war in Hemd und Hose 
noch imgeschickt wie am ersten Tage, er zerriss 
sie im Walde und schonte sie andrerseits wieder 
in übertriebener Vorsicht, indem er sie bei Ge- 
legenheiten auszog, wo selbst Kinder es nicht 
nötig haben. 

Im ersten Bakairidorf hatte sich die 
Bevölkerung um eine junge Seele vermehrt. 
Pauhaga war Vater geworden und hielt mit seiner Frau die Wochenstube ab. 
Ich werde auf die uns komisch anmutende Szene bei Besprechung der Couvade 
zurückkommen. Der Mais stand in üppigem Grün, es wurden uns auch vor- 
zügliche, etwas trockene Maisbeijüs geboten. Meine Tabakpflanzung auf dem 
Dorfplatz war mächtig in die Höhe geschossen und durch einen Pallisadenzaun 
ringsum eingehegt worden. 

Aber was erblickten unsere erstaunten Augen hinter Paleko's Haus? Einen 
Neubau, bereits weit vorgeschritten, seltsamer Art. Oder eigentlich sehr ver- 
trauten Aussehens. Die Bakairi hatten unsern Rancho in der Independencia zum 
Vorbild genommen und statt ihres Bienenkorbes ein Haus mit dreieckigem Giebel 

9* 




Abb. 8. 
Indianer als Europäer maskiert. 



- 13^ — 

und zweiseitigem Dach begonnen. Da haben wir also geglaubt, noch etwas 
Echtes in einem verlorenen Winkel zu sehen, und schon will es dahinsinken. 
»Der erste Lichtblick«, sagt Bastian, »wird auch der letzte sein.« 

Tumayaua, der zur Indepedencia mitging, veranstaltete gleichwohl den 
offiziellen Abschied in Maigeri. Er überreichte mir zwei grosse Kürbisschalen. 
Eine Weile darauf holte er mich herbei, fasste mich stürmisch am Arm, leitete 
mich von der Hütte, laut ringsum rufend, zum Balken inmitten des Platzes und 
drückte mich mit einer Art Begeisterung auf den Sitz nieder. Bald hockten dort 
vier Karaiben in einer Reihe nebeneinander. Dann schleppte er einen der hübsch 
geflochtenen Proviantkörbe, ^ji m hoch, herbei und stellte ihn mit fröhlicher 
Prahlerei als Geschenk vor uns hin. Das Hübscheste aber folgte noch. P2ine 
runde Matte wurde auf den Boden gelegt, der Häuptling rief, und aus den 
Häusern kamen alle Frauen und Kinder im Laufschritt herbei und warfen einen 
Beijü klatschend auf die Matte, ein Jedes sofort zurückrennend, um Platz zu 
machen. Die hurtige Geschäftigkeit, mit der die Beijüs herbeiflogen, war reizend. 
Da lagen einige i6 Stück, „w/g" hiess es und wir waren entlassen. Wir ergingen 
uns natürlich in Lobpreisungen über die Gastlichkeit der Bakairi und beschlossen 
im Stillen, uns in der Independencia glänzend zu revanchieren. 

Da ein starkes Gewitter losbrach, blieben wir die letzte Nacht im Dorfe. 
Es regnete draussen in Strömen und Tumayaua beschrieb seine Fahrten. Wir 
alle sassen noch lange um's Feuer, das die Indianer wild aufflackern liessen, 
indem sie rücksichtslos das Stroh bündelweise aus der Wand der Festhütte rissen. 
Des schwarzen Gehrocks hatte sich Luchu als einzigen Kleidungsstückes bemächtigt, 
ein Anderer hatte sich mit einer Angel das Ohr geschmückt. Meine vergangene 
Zukünftige — es schmerzt mich dies niclit verschweigen zu dürfen — hatte mich 
kaum eines Blickes gewürdigt. 

Das Lied von der Weibertreue! 

Die Bergfahrt unterschied sich in manchen Dingen nicht unerheblich von 
unserer Thalfahrt. Wir hatten zumal des Nachts kräftige Regengüsse und 
Gewitter. Der Fluss schwoll an, der Sandstrand, die Uferwände verschwanden 
und auf weite Strecken strömte das Wasser mitten durch den Wald. Einige der 
kleinen Stromschnellen waren nicht mehr zu sehen, die Cachoeira Taunay rauschte 
und brodelte unverhältnismässig stärker. Andrerseits fiel der P"luss auch wieder 
einmal, als wir zu den Baka'üi kamen; das Wasser war gelb und mit zahlreichen, 
durch die Flut vom Wasser abgespülten Bäumen eingefasst, von denen viele noch 
in grüner Jugend prangten. 

Während wir auf dieser Strecke sogar weniger Zeit gebrauchten als bei der 
Thalfahrt, war das Rudern im angeschwollenen P'luss, obwohl wir jetzt gut trainiert 
waren, für die überdies meist vom Fieber geschwächten Leute sehr anstrengend. 
Die lange Stange, die auf der Thalfahrt das Vorwärtskommen wesentlich erleichtert 
hatte, liess sich nicht mehr verwerten. Doch kamen wir in Begleitung der 



Indianer schneller vorwärts; diese fuhren zwar alle Windungen aus, arbeiteten 
aber sehr stetig und drehten sich keine Zigaretten. Ihr gutes Beispiel blieb nicht 
ohne Wirkung, auch gab die Gesellschaft immer Anregung zu kleinen Scherzen. 
Unsere Kameraden unterhielten sich natürlich auch untereinander von Kanu zu 
Kanu nur noch in indianischen Sprachen, was wiederum den Gevattern grosses 
Vergnügen machte. In meinem Kanu hatte Jeder seine Methode, sich die An- 
strengung zu erleichtern. Ich selbst steckte mir ein möglichst fernes Ziel am 
Ufer, das ich erreichen wollte, ohne mit dem Rudern auszusetzen, und spaltete 
mein liebes Ich in zwei getrennte Persönlichkeiten, die eine, die sich redlich plagte 
und nur Pflichten besass, die andere, die streng über Nr. i zu Gericht sass. 
Wenn das Kanu nach der Meinung von Nr. i den Zielpunkt passierte, dann 
hatte Nr. 2 seine Bedenken, ob das Kanu an dieser Stelle nicht gerade einen 
Winkel mit der Uferlinie mache und in Wirklichkeit noch zurück sei; war dieser 
Zweifel gründlich beseitigt, so stellte Nr. 2 für eine gut bemessene Zusatzstrecke 
ein schmeichelhaftes Lob in Aussicht, das des Schweisses wert war. Doch half 
sich Nr. i durch taktmässiges leises Zählen mit allerlei Kniffen; besonders bewährte 
sich die folgende Art: z. B. 2, 4, 6 und so fort bis 40, dann dasselbe noch 
einmal, dann erst weiter zählen bis 50, nun auch bis 50 wiederholt und jetzt erst 
bis 60, etc. Con gracia in infinitum. 

Wilhelm pflegte sich entweder die Frage nach allen Richtungen gründlich 
zu überlegen, was er bei der Ankunft auf der P^azenda S. Manoel und gar in 
Cuyaba zuerst essen und trinken solle, die verschiedenen Möglichkeiten abwägend, 
oder er rechnete sich den Zeitunterschied zwischen unserm Aufenthaltsort und 
dem Düsseldorfer Malkasten aus und wusste dann zu seinem Trost genau, wie 
es dort in diesem Augenblick aussah, wer in dieser und wer in jener Ecke sass, 
wer einen Skat drehte, wer Kegel schob oder ob gar Einer mit geübter Künstler- 
hand auf dem Tisch die Kreidezeichnung der lustigen Sieben entwarf. 

Antonio hielt sich als echter Sohn eines Naturvolkes an die Gegenwart und 
war der Verständigste von uns Dreien. Durch seine Jagdgelüste immer wach- 
gehalten, spähte er mit muntern Sinnen umher, sah Alles, hörte Alles und 
speicherte die kleinen und kleinsten Vorgänge in seinem zuverlässigen Gedächtnis 
auf, um mit zahlreichen Lokalzeichen die Fähigkeit zu üben, die von den Kultur- 
menschen als »Ortsinstinkt« missverstanden wird. Wenn ich es nicht durch häufige 
Fragen selbst festgestellt hätte, ich würde kaum geglaubt haben, dass irgend Jemand 
ohne schriftliche Notizen sich nach einmaliger Fahrt auf einem gleichförmigen Fluss 
eine so sichere Anschauung über die Einzelheiten seines Verlaufs hätte erwerben 
können. Er kannte jede Windung nicht nur genau wieder, er sagte mir, wenn ich 
ihn fragte, richtig, dass es noch zwei oder drei Windungen bis zu dem oder jenem 
Punkte seien. Er hatte die Karte im Kopf oder vielmehr, er hatte zahlreiche und 
unbedeutend erscheinende Ereignisse in ihrer Reihenfolge behalten. Hier hatte 
»Doktor Guilherme« damals eine Ente geschossen, dort war ein Kapivara über den 
Fluss geschwommen, hier hingen Bienennester, dort stand ein hoher Jatobäbaum, 



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dessen Rinde ein Kanu geliefert liatte, hier war einer ausgestiegen, dort waren 
diese oder jene Fische, was Antonio nie vergass, bemerkt oder gefangen worden. 

Im Gebiet der Katarakte gingen wir, um die Kanus zu entkisten, mehrere 
Mal ein paar Kilometer über Land, wo jenseits des Galleriewaldes der von 
Indianerpfaden durchsetzte Kamp dem Fussgänger wenig Hindernisse bereitete. 
Die stehende Sonne verbreitete eine arabische Gluthitze, Zuweilen fanden wir 
einen luibschen Diuchblick und sahen in der Ferne die Kanus vorüberfahren. 

Nicht nur bemerkten wir jetzt mehr Wasservögel, zum Teil von Jungen 
begleitet, sondern es fiel uns auch die Zunahme der Insekten auf. Die Käfer wurden 
jetzt eigentlich erst sichtbar; Sciinecken kamen uns merkwürdiger Weise nie zur 
Beobachtung. Die Stechfliegen waren sehr lästig. Tiefverhasst waren uns die 
Mutuka-Bremsen auf dem Lagerplatz; es galt, viele abzuschlachten, ehe man sich 
häuslich einrichtete. Zum Glück war das Moskitonetz eine vorzügliche Falle, sie 
flogen zwischen die Falten der Gaze und liessen sich dort leicht totquetschen. Ein 
Skorpion stach mich unterwegs in die Sohle; die Stelle entzündete sich und war 
mehrere Tage äusserst empfindlich, doch lag die grössere Schuld auf Seiten des 
behandelnden Arztes. Im Augenblick der Verletzung war nur Karbolsäure zur 
Hand gewesen, ich wandte sie reichlich an, gebrauchte später noch eine kräftige 
Dosis Ammoniak und bekam eine saubere und schöne Aetzwunde. Die dem 
kleinen Unfall assistierenden Genossen empfahlen, auch die innere Behandlung 
nicht zu vernachlässigen, sie schafften den in unserer Apotheke schon sehr knapp 
gewordenen Eckauer Doppelkümmel herbei imd nahmen auch ihrerseits von dem 
wohlthuenden Mittel ein, die prophylaktische Wirkung rühmend. Skorpiongift, 
Ammoniak, Karbolsäure, Alkohol, Thein, Nikotin, Chinin, Arsenik und Beijü, 
dessen saure Gährung erzeugendes Mehl für mich das reine Gift geworden war 
— es war eine hübsche Anhäufung. 

Ich gebrauchte jetzt täglich lO oder 12 Arsenikpillen zu 0,002 g, eine Dosis, 
die weit hinter den Leistungen der Arsenikesser zurückbleibt, und nahm auch 
etwas Chinin. Während ich 1884 an schwerer Malaria gelitten hatte, blieb ich 
jetzt bis auf wenige sehr leichte Anfälle frei, desgleichen der am gewissenhaftesten 
einnehmende Wilhelm, der bis zu 14 Pillen stieg. Vogel behandelte eine Hautkrank- 
heit, die ihn in hohem Grade belästigte, mit der ihm allein helfenden Fowler'schen 
Arseniklösung und trank sie aus der hohlen Hand, er hatte kein Fieber. Ehrenreich 
war von einigen ausgeprägten Anfällen heimgesucht worden, aber auch im Ge- 
brauch der Pillen sehr unpünktlich gewesen. Alle übrigen litten an ziemlich heftigen 
Anfällen, sogar Antonio blieb nicht verschont, und mehrere von ihnen hatten früher, 
obwohl Söhne des Matogrosso, mit Malaria noch nie zu thun gehabt. Die brasi- 
lischen Soldaten hatten die ganze Scheu der kleinen Kinder vor einer bitteren 
Arznei; sie waren albern genug wegzulaufen, sobald man ihnen das weisse Pulver 
vorn auf die Zunge legen wollte. Es war höchste Zeit, dass wir den Fluss verUessen. 
Soweit das post hoc^ ergo propter hoc berechtigt ist, gehen meine Erfahrungen 
dahin, dass Chinin prophylaktisch vor der matogrossenser Malaria nicht schützt, 



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die Anfälle aber abschneidet oder mildert, und dass Arsenik prophylaktisch eine 
ausgesprochen günstige Wirkung hat. Ich bin Max Buchner*) für seine dringende 
Empfehlung der Arsenikpillen noch heute sehr dankbar. Das Aussetzen später 
war nicht mit den geringsten Unannehmlichkeiten verbunden, obwohl ich unver- 
nünftig genug war, plötzlich abzubrechen. 

So hatten wir zwar mehr körperliche Beschwerden und weniger leibliche 
Genüsse als auf der Thalfahrt, doch war dafür die allgemeine Stimmung im Be- 
wusstsein des Erfolgs um so gehobener und fühlte sich Abends, wenigstens wer 
gesund war, um so wohler und behaglicher hinter dem luftigen Gaze -Vorhang 
des Moskiteiro, auf dem sich die Schatten zahlreicher NachtschmetterHnge ab- 
zeichneten. Der Unterhaltungsstoff war jetzt weit reichhaltiger und die von 
Hängematte zu Hängematte fliegenden Gespräche wurden nur zuweilen durch 
eine kleine Pause unterbrochen, wenn wir aufmerksam nach den Fischern hin- 
horchten, ob nicht wieder ein Fisch auf den Kopf geschlagen würde. 

Independencia. Bei einbrechender Dunkelheit landeten wir am 13. November 
an dem Bach des Küchenplatzes. Die vier Zurückgebliebenen eilten in ziemlich 
abgerissenem Zustand herbei, Satyr hatte sich schleunigst in eine Decke gehüllt, 
und die Freude war gross. In Januario's verkniffenem Gesicht blinkten die 
Thränen wie Thautropfen in einem schwarzen Stiefmütterchen, er hatte die vorige 
Nacht geträumt, wir kämen, ave Maria, als Skelette zurück, und da waren wir 
ja nun auch wirklich. Die Vier hatten sich merkwürdig gut vertragen, nur habe, 
klagte der Küchenjunge Manoel im Vertrauen, Januario gar zu sehr den Alferes, 
den Leutnant, gespielt und immer Recht haben wollen. Drei Hütten waren 
gebaut worden, eine als Küche, in der ein neuer Holzmörser stand, eine für die 
Soldaten, eine für uns. Es sah ganz gemütlich aus. Der Leutnant hatte einen 
weiten Pallisadenzaun für die Maultiere angelegt und Mais und Bohnen gepflanzt. 
Der Hund Legitimo war von einem Koati, einem Rüsselbär, getödtet worden. 
Die Esel erschienen rund und vergnügt, dass es eine Lust war. Nur hatten die 
Bremsen sie so arg geplagt, dass Rauchfeuer innerhalb der Umzäunung hatten 
unterhalten werden müssen. Die Indianer vom ersten Bakaindorf waren 4 bis 
5 mal dagewesen und hatten es an Beijüs, Mehl und Mais nicht fehlen lassen. 
Das letzte Mal hatte sich auch eine jjeköto, eine Bakairifrau, hergewagt. 

Wir gönnten uns einen Ruhetag. Es gab Erbsensuppe, gedörrtes Schweine- 
fleisch und Einer buk Mandiokakuchen mit Oel, zu dem garantirt echter Wald- 
honig und Thee gereicht wurden. Das Grossartigste waren aber auf den Mann 
zwei Zigarren. Wilhelm nahm den zurückgelassenen Proviant auf, der uns für die 
Heimreise übrig geblieben war: Salz 2 Sack, Paraguaythee 7* Sack, Suppentafeln 
3^2 Dosen, Gemüse 4 Dosen, Kemmerich'sche Fleischmehlpatronen 24 Stück, 
Bohnen 4 Mahlzeiten. Ehrenreich operierte bei sich und Andern »Berne«- Ge- 
schwülste, von Insektenlarven hervorgerufene Beulen; das Tier wird mit Chloro- 



*) Beilage der Allgemeinen ZeiUing, 1885 No. 127. 



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form oder Sublimat getötet und kann schmerzlos ausgedrückt werden. Perrot 
sass in Betrachtung seines bunten Halstuches versunken, das erst von einem 
Nahuquä gestohlen und nur unter dramatischen Auftritten zurückerlangt worden 
war, und das nun die Blattschneiderameisen in ein Spitzengewebe verwandelt 
hatten. Vogel schlief in der Hängematte, während Goethe's Gedichte, die er 
sich zu seiner Erbauung von Wilhelm geliehen hatte, darunter lagen. Ich nähte 
zerrissene Unterhosen und las dabei in F. A. Lange über analytische und syn- 
thetische Urteile. 

In den nächsten Tagen musste fest gearbeitet werden. Von der Sammlung 
war Vielerlei verschimmelt und feucht geworden, die Indianer lieferten noch 
manche wertvolle Erklärung, es wurde photographiert, entwickelt, gemessen, ge- 




Abb. 9. Unser Fremdenhaus in der Inde pen denc ia. 



schrieben, gerechnet, gepackt, mit einem Wort in jeder Richtung gewirtschaftet. 
Manche der im Kanu leicht mitzunehmenden Ethnologica waren auf Maultieren 
kaum unterzubringen. Die grössten Bogen hatten fast 272 m, die Pfeile fast 2 m 
Länge. Unmöglich konnten die Fangkörbe und Reusen wegen ihres grossen 
Volums und ihrer Zerbrechlichkeit den Tieren anvertraut werden. So ist denn 
Ehrenreich den ganzen Heimweg mit einer langen Fischreuse und bin ich ebenso 
mit zwei nicht schweren, aber wegen ihres grossen Umfangs und ihrer Papierkorb- 
form recht lästigen Fangkörben, deren Spitzen in den Hals stachen, nach Cuyabä 
gewandert. 

Unsere Gastfreunde, die sich in unserer Kochhütte häuslich eingerichtet 
hatten, wurden des Sehens und Hörens nicht müde. Luchu, der eitle Fant, 



TAF. Xli 




V. d. Steinen. Zentral- Brasilien. 



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verübte kleine Diebereien. Sie hatten nun auch das Messen gelernt. Einer 
holte sich eine Stange und mass ein Maultier aus, indem er sie neben die 
Ohrspitzen, den Kopf, den Rist, die Kruppe und das Ende des Schwanzes 
hielt und jedesmal eine Schnur umband; sorgsam brachte er seine Tabelle in 
Sicherheit. An einem schönen dvmkeln Abend wurde das Lager bengalisch 
beleuchtet. Ein wackerer Apotheker in Desterro hatte uns ausser einer Kollektion 
Flaschen, die die wohl von einem sinnigen Landsmann vorgeschriebene Be- 
zeichnung »Steinenschnaps« trugen, ein Kistchen Feuerwerk mitgegeben. Prächtig 
machten sich die bunten Leuchtwolken an den Ecken des Viehzauns. 

Nach dem Muster der Szene in Maigeri veranstalteten wir einen solennen 
Abschied. Es wurde eine Flaggenstange aufgerichtet, darunter ein Lederkoffer 
gestellt und ihm zu beiden Seiten eine Sitzreihe angebracht, Ponchos davor aus- 
gebreitet. Dann holte Jeder feierlich einen Indianer herbei, ich duckte Tumayaua 
auf den Koffer nieder und ebenso verfuhren die Andern mit ihrem Ehrengast. 
Wir verschwanden und kamen mit zahlreichen Geschenken in einer Kette wieder 
herbeigelaufen, das heisst. Jeder überlieferte nur ein einzelnes Stück und eilte, ein 
neues zu holen und sich wieder hinten an die Kette anzuschliessen. Taschen- 
tücher, Spiegel, Perlen, Messer, kleine und grosse, für die Häuptlinge Hemden 
und Beile, kurz Alles, was noch vorhanden war. Stets erhielt Tumayaua als 
braver Schweppermann das Doppelte. Zum Schluss- und Knalleffekt wurde der 
kleine Spitz Fazendinha an einer Leine auch im Laufschritt herangerissen. Als 
die Spanier einst nach Amerika kamen, brachten sie Bluthunde mit, wir dagegen 
verehrten den »Wilden« ein Schosshündchen, denn Tumayaua sollte das niedliche 
Tier seiner Tochter, meiner Eva aus der BakairiTdylle, mitbringen. Ein Ge- 
schenk freilich so unfruchtbar wie unsere Eisenwaaren. 

Am i6. November kamen die Indianer gegen 472 Uhr morgens, nur Tu- 
mayaua that seinen Mund auf und sprach ^^itahe-ura''' »ich gehe«. Ehe die Sonne 
aufging, waren sie alle verschwunden. 



VII. KAPITEL. 



Independencia — Cuyabä. 

Route. Transport und Beschwerden in der Ret^enzeit. Perrot und Januario verirrt. Ilunj^er. 
Ankunft am Paranatinija und in der Fazenda S. Manoel mit Hindernissen. Weihnachten im Sertao. 

Ankunft in Cuyabd. 

Für den Marsch von der Independencia nach Ciiyabä bildete wiedertnn der 
Paranatinga die Grenzsciieide zwischen dem sclnvierigeren und dem leichteren 
Teil, und die erste bewohnte Station, die Fazenda S. Manoel, lag an seinem 
linken Quellfluss S. Manoel. Wir brachen am 19. November von unserm Lager 
am Kulisehu auf, die Truppe erreichte die Fazenda am 17. Dezember, sie mar- 
schierte dort ab am 22. Dezember luid traf am 31. Dezember in Cuyabä ein. 

Wiederum zogen wir von dem Kulisehugebiet an den Rand des Batovy- 
Quellbeckens und wählten nur den Uebergang über die Wasserscheide zimi 
Paranatinga auf der »Rondonstrasse« (vgl. S. 41). Wir hofften in dem an der 
Kreuzungsstelle unserer Pfade errichteten Briefkasten genauere Auskunft über die 
Beschaffenheit des Weges nach S. Manoel zu erfahren. Denn Rondon würde mit 
Sicherheit seine Goldsuche nicht bis in die Regenzeit hinein fortgesetzt haben, es 
sei denn, er hätte das Eldorado der Martyrios gefunden. Von der Fazenda nach 
Cuyabä gab es keine Sorgen mehr; es war dies sogar die kürzeste Verbindimg 
zwischen dem Paranatinga und dem Hauptstädtchen. 

Hatte auf dem Rinweg der schwierigste Abschnitt unseres Unternehmens 
zwischen dem Batovy und dem P^inschiffungsplatz gelegen, so waren von den sechs 
Wochen des Rückmarsches die vier bis zum Paranatinga die schlimmste Zeit der 
Expedition überhaupt. Da haben wir wirklich vielerlei kleine Leiden durchmachen 
müssen, die schlimmer sind als grosse, wie Moskitos und Zecken schlimmer sind 
als Raubsäugetiere, und wie zahlreiche angeschwollene Bäche für den Reisenden 
schlimmer sind als das Uebersetzen über einen breiten Fluss. Es hatte uns trotz 
Januario nichts genutzt, dass die Mondsichel am Vorabend tmseres Auszugs fast 
wagerecht stand; es regnete dennoch. 

Die Regenzeit! Bei einer Heimkehr kann man mit ihr fertig werden; aus- 
ziehen jedoch, wenn sie bereits begonnen hat, hiesse den Erfolg von vornherein 



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unverantwortlich aufs Spiel setzen. Man darf sich nicht vorstellen, dass wir in 
einer unausgesetzt giessenden Douche gewandelt seien, aber der Gegensatz zu 
der fast wolkenlosen Trockenzeit war in der That gewaltig. Sehr heftige Ge- 
witter kamen nieder, viel Landregen und Nebelgeriesel wurde uns zu Teil, und 
ein sonniger Tag wie der 28. November war eine seltene Ausnahme. Regnete 
es nicht, so war doch der Himmel düster und grau, sodass uns einige Augen- 
blicke dünnen Sonnenscheins oder Nachts ein sternenklarer Himmel wahrhaft 
wohlthuend dünkten. Zuweilen war der Regen sehr kalt und wir schüttelten uns 
wie damals die nackten Mehinakü im Walde. Und ein ander Mal schwitzte man 
innerhalb des feucht dunstigen Moskiteiro wiederum wie in einer überhitzten 
Waschküche. 

Der Kamp hatte sich verjüngt; weil es im alten Europa schneit, wenn es 
hier regnet, nennt man auch liier die Zeit, wo doch Tier und Pflanzenwelt zu 
neuem Leben erwachen und wo die Sonne am höchsten steht, den >; Winter«. Der 
Campo cerrado war in dem frischen Grün kaum wiederzuerkennen; wo das hohe 
dünne Massegagras niedergebrannt worden war, deckte den l^oden junges Gras 
mit weissbüschligen Halmen. Es nahm die Trittspur kaum auf und die Nach- 
folgenden bedurften verdoppelter Aufmerksamkeit. 

Auch die l^äche waren nicht wiederzuerkennen. Die Ufer hatten durch den 
höheren Wasserstand ein anderes Aussehen bekommen, es floss manches Ge- 
wässerchen munter daher, das früher ausgetrocknet gewesen. Vor unsern Augen 
schwoll das Wasser an und fiel; wir konnten uns den Uebergang oft günstiger 
gestalten, wenn wir mehrere Stunden warteten. Eine kurze Strecke schwammen 
die Maultiere mit Gepäck; wir selbst gewöhnten uns daran, nur die Stiefel anbe- 
haltend, bis an den Hals durch's Wasser zu waten. Mehrere konnten leider 
nicht schwimmen. 

In einige Verlegeniieit gerieten wir nach einer ekelhaften Regennacht am 
22. November vor einem kleinen tiefen Elüsschen. Wir fällten einen hohen 
Angikobaum, der auch in guter Richtung stürzte, aber doch nicht bis zum andern 
Ufer reichte. Dann aber waren wir im Besitz von etwa 25 m verzinnten Eisen- 
drahtes, den uns Herr Weber in Rio de Janeiro als unerlässlich, ich spreche bild- 
lich, auf die Seele gebunden hatte. Bisher war er nicht gebraucht worden, hier 
that er gute Dienste. Er wurde mit einem Lasso auf das andere Ufer geworfen 
und nach einigem Herüber- und Hinüberschwimmen gelang die Beförderung vor- 
zügUch. Die Bruaken glitten an einem Haken und durch einen Riemen geleitet; 
die erste Probe war mit einer Fracht Tapirfleisch nebst Herz und Leber gemacht 
worden. Schliesslich als die Bündel der Kameraden an die Reihe kamen, riss 
der Draht. 

Für die Nichtschwimmer bedienten wir uns hier auch zum ersten Mal der 
vortrefflichen in den häutereichen Provinzen Brasihens üblichen »Pelota«. Eine 
Ochsenhaut wurde nach Art einer niedrigen quadratförmigen Schachtel umgebogen 
und in dieser Form durch einen mit Riemen befestigten, aus beliebigen Stangen 



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improvisierten Ilolzrahmen erhalten. An einer der Seiten hintj ein Leitrieinen, 
den ein Schwimmer zwischen die Zähne fasste, während ein zweiter nebenher 
scliwimmend stenerte. Bedeutend rascher herzustellen ist eine Pelota, die uns 
Antonio kennen lehrte. Er bog einfach ein dünnes Stück biegsamer Schlingpflanze 
zu einer rundovalen Schlinge — an solchen Rahmen hängen die Fischnetze der 
Indianer — • und befestigte die Ochsenhaut ringsum mit Riemen. 

Da gab es natürlich viel zu lachen, erst recht, wenn der in dem aufge- 
spannten Regenschirm sitzende Passagier auch seinerseits zu lächeln bestrebt war. 
Der ganze Tag ging mit dem Uebersetzen verloren, das Lager wurde auf der 
einen Seite abgebrochen und auf der andern wieder aufgeschlagen. Nur war 
hier wenig Raum, da hoher Wald an den Fluss herantrat. Fröhliches Rufen und 
Schreien erfüllte die Luft. Die Madrinha stand angebunden und klingelte ver- 
lockend. Nackte Menschen patschten und padelten nach Art der Hunde im 
Wasser bei den schwimmenden Maultieren, Carlos Alles mit seinem lustigen »o 
diavo« übertönend. Nackte Menschen auch, immer bereit wieder in den Fluss 
zu stürzen, waren oben unter den niedrigen Akun'palmen beschäftigt, die Bruaken, 
die Säcke oder die ungeschickten langen Pfeilbündel zu schichten und das Sattel- 
zeug aufs Gerüste zu hängen. Daneben lauter Genrebildchen; Einer schlug die 
Hängematte auf, ein Anderer sass vor Antonio auf einem F'ell und liess sich die 
Haare schneiden, Ehrenreicli quälte sich, Cohunna einen Dorn aus dem P'uss zu 
ziehen, Perrot daneben schwang eifrig die Salmiakflasche — man hatte die W'unde 
für einen Schlangenbiss gehalten und Carlos hatte sie ausgesogen. Wieder ein 
Anderer machte sich am Feuer zu schaffen und kochte oder briet, und hübsch 
genug sah es aus, wie der bläuliche Küchenrauch vor den Palmen aufstieg. 
Endlich war der letzte PLsel drüben über den Abhang erschienen und herüber- 
gebracht; mit ihm kam der Papagei, den ein Soldat vom Kulisehu nach Hause 
nahm, auf der Hand seines schwimmenden Herrn. Nur Diamante, der schwer- 
fällige alte Köter, hatte noch keine Lust, das Ufer zu verlassen, solange er dort 
noch einen Rest Pleisch unverschlungen wusste. Denn Braten fehlte am »Rio 
do Arame«, am Drahtfluss, nicht; es hatte sich endlich einmal ein Tapir schiessen 
lassen, und zwar endlich einmal einer, der ausnehmend zart war. Fette Stücke 
hielten den Vergleich mit gutem Roastbeef aus, und die Leber zerschmolz im Munde. 

So fehlte es nicht an den Freuden des Daseins. Wir konstatierten, dass 
wir in jener Zeit einen ganz unglaublichen Fleischhunger hatten; wir assen, wenn 
es ein oder zwei Tage kein Wildpret gegeben hatte, einen stinkenden Bock, 
ohne mit der Wimper zu zucken. Freilich konstatierten wir bald nicht minder, 
dass wir einen unglaublichen Fetthunger hatten; wir wurden ordentlich tiefsinnig, 
als wir an einem alten Lagerplatz Rondons zwei leere Blechbüchsen fanden, in 
denen, der schönen Aufschrift nach zu urteilen, einst mehrere Kilo amerikanischen 
Schmalzes enthalten gewesen waren. Und endlich entwickelte sich ein Hunger 
nach Süssem, der an das Krankhafte grenzte. In Summa, wir hatten alle Arten 
von Hunsfer. 



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Verdauungsstörungen waren überall vorhanden, abgesehen von den Fieber- 
anfällen. Sie schienen mehr von der Nässe herzuriihren. Füsse, Glieder, Kleider, 
Taschen, Hängematten, Nachtsäcke, Alles war nass, was man anfasste. Man 
neigte zuweilen zu dem Glauben, dass sich der sumpfige Kamp in eine Lagune 
und wir selbst uns in Frösche zu verwandeln im Begriff waren. Wir verloren 
die Lust am Anblick der oft sehr stimmungsvoll wässrigen Landschaft und be- 
grüssten als die einzige richtige Staffage eines Tages einen riesigen Cervo oder 
Sumpf hirsch, in der Ferne einem gelben Ochsen ähnlich, der langsam und 
schwerfällig, das Haupt gesenkt und vorgestreckt, ein Bild aus vorsündflutlichen 
Zeiten, mit stumpfer Neugier bis auf 20 Schritt an uns herankam, aus Antonio's 
Flinte einen Schrotschuss in die Brust empfing und daraufhin abtrollte, von den 
wütenden Hunden verfolgt. 

Unsere Sachen faulten elendiglich. Die früher nur allzusteifen und buckligen 
Ochsenhäute, die vor der Nässe schützen sollten, verwandelten sich in schlappe 
Lappen, sie wurden von spitzen Dingen widerstandslos durchlöchert und rissen 
bei stärkerer Anspannung in breite Fetzen. Nur zwei Häute noch konnten als 
Pelota dienen. Die Ledersäcke verfielen demselben Erweichungsprozess; die 
Holzsättel zerbrachen, wurden notdürftig zusammengeflickt, passten nicht mehr 
und erzeugten auf den Eselrücken flache Hautwunden, die sich mit eitrigen 
Krusten bedeckten und trauliche Heimstätten boten für allerlei »bichos damnados«, 
zu Deutsch »verdammtes Viehzeug«. Was geleimt und geklebt war, was Papier 
oder Pappdeckel hiess — ave Maria! Die Sammlung, die photographischen 
Platten, wir zitterten um ihretwillen an jedem Bach, wir stürzten hinter den 
einzelnen Stücken her wie Mütter, deren Kinder in's Wasser fallen, aber man 
wusste nicht, hatten sich die Esel niederträchtiger Weise verschworen, gerade mit 
der kostbarsten Ladung in die nasse Tiefe abzurutschen oder — nur Esel ver- 
mögen darüber zu entscheiden — steigerte sich bei ihnen umgekehrt edelmütige 
Sorge für unser wertvollstes Gepäck zu einer Angst, um Himmelsvvillen nicht 
fehlzutreten, die sie mit Blindheit schlug und im kritischen Augenblick der Gegen- 
wart des Geistes beraubte? 

Am 28. November setzten wir über den Südostarm des Batovy mit vielem 
Aufenthalt, am nächsten Morgen passierten die Tiere. Wir beschlossen, den 
schönen Tag zum Trocknen zu benutzen. Perrot und Januario, die Berittenen, 
sollten derweil den Briefkasten aufsuchen und uns die Antwort Rondons holen; 
es wurde angenommen, dass sie in 3 bis 4 Stunden dort sein konnten. Vor- 
sichtiger Weise nahmen sie Decken, Salz und Gewehre mit. Doch kehrten sie 
weder an diesem Abend noch am nächsten Morgen zurück. Wir waren bei der 
mondhellen Nacht gänzlich unbesorgt und beschlossen, langsam vorzurücken. Am 
I. Dezember waren sie noch immer nicht zurück. Wir zündeten auf einem 
Hügel Feuer an, das nur eine schwache Rauchsäule entwickelte, schössen ver- 
schiedentlich und gingen unsrerseits den Briefkasten aufsuchen. I^s zeigte sich, 
dass er um einen Chapadao weiter war, als wir gerechnet hatten. Antonio habe 



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ich nie mehr bewundert, — ohne Sonne, ohne Hiebmarken schlenderte er auf 
seinem Schlangenweg dem Orte zu und fand den richtigen Hügelzug, auf dem 
nach einigem Suchen auch der richtige Baum entdeckt wurde. Die beiden 
Fähnchen waren noch vorhanden. Von Perrot's und Januario's Besuch keine 
Spur. Die Antwort Rondon's, mit Bleistift am 4. September 1887 geschrieben, 
lag in der Büchse. Sie sprach sich dahin aus, dass der Weg auch in der Regen- 
zeit passierbar sein werde und Alles nur von dem Wasserstand des Paranatinga 
abhänge. Die Entfernung nacli der Fazenda S. Manoel winde auf 16 Leguas 
(99 km) geschätzt. Der Weg von S. Manoel nach Ponte alta sei fest, ohne 
Hindernis in den Serras und 25 Leguas (144,5 ^'^•"i'') l^^'^g- 

»Ich bin«, lautete das sehr liebenswürdig gehaltene Schreiben des Jose da 
Silva Rondon weiter, »bei der Untersuchung der Flüsse, die ich antraf, niciit so 
glücklich gewesen, als Ew. Hochwohlgeboren mir gewünscht haben. Ich stiess mit 
Indianern »de ma conducta«, von schlechter Aufführung, zusammen, verlor in dem 
Kampf einen Gefährten, der fiel, und zwei, die versprengt wurden; zwei andere 
erhielten leichte Pfeilwunden.« 

Das waren nun auch Schingü-Indianer, aber die uns unbekannten der Ronuro- 
Quellflüsse gewesen. Halt, da standen auf der vierten Seite des Briefbogens 
noch ein paar Zeilen in anderer Handschrift und anderer Orthographie. »Am 
12. September bin ich hier am Schingü vorbeigekommen. P^rancisco Chivier 
da Silva Velho.« Der Name war uns nicht fremd; es war der des weithin 
bekannten Sertanejo Chico Velho, des P'ührers von Rondon, offenbar des einen 
der zwei Versprengten. Acht Tage nach Rondon und allein! Das liess tief 
blicken. 

Betreffs der Leguas der berittenen Sertanejos waren wir etwas misstrauisch 
geworden; jedenfalls konnten Perrot und Januario, die immer geglaubt hatten, 
dass die Fazenda leicht in zwei Tagen zu erreichen sei, schweren Täuschungen 
zum Opfer fallen, wenn sie durch irgend einen Umstand veranlasst worden waren, 
vorauszureiten. Ihr Schicksal trat jetzt in den Vordergrund aller Ueberlegung. 
Dass sie sich verirrt hatten, konnten wir niclit begreifen, weil der erfahrene 
Januario den Weg dreimal gemacht hatte, sie auch irgendwo auf unsern alten 
Weg oder auf die Rondonstrasse stossen mussten und eine Aussicht auf den 
Batovyberg überall zu gewinnen war. Wir thaten bis zum Mittag des 3. Dezember 
Alles, was in imsern Kräften stand, durchkreuzten das ganze Terrain in allen 
Richtungen mit Patrouillen, durften aber niclit vergessen, dass die Beiden beritten 
waren und wir nicht, dass auch für uns viel auf dem Spiele stand, und dass jene 
vielleicht in Sicherheit waren. 

Wir wanderten nun auf der Rondonstrasse in das Paranatingagebiet. Der 
Pfad war meist leicht erkennbar, oft mit grosser GeschickHchkeit um die Hügel 
geführt und mit wuchtigen Hieben markiert. Chico Velho's Hand schrieb sicherer 
auf Baumrinde als auf Papier. Wir fanden auch Brücken, doch waren sie nur 
zum kleineren Teile noch brauchbar. 



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Am 4. Dezember entdeckte Antonio endlich Spuren eines Pferdes und eines 
Maultieres, am 5. Dezember trafen wir gar ein niedriges Schutzdach aus Palm- 
blättern, wo die Beiden geschlafen hatten, mit einer Feuerstelle und dabei einen 
Rest Rehkeule von stärkstem Hautgout. Antonio ass noch davon und spaltete 
die Knochen, um sich das Mark hervorzuholen. Die Hufspuren blieben sichtbar 
bis zum 6. Dezember, wo wir einen sehr hoch angeschwollenen Quellbach und 
jenseit desselben den eine breite Strecke unter Wasser gesetzten Wald zu passieren 
hatten; hier schienen die Reiter zu einer anderen Stelle abgeschwenkt zu sein. 

Mit unserm Proviant waren wir zu Ende. Am 7. Dezember hatten wir 
noch 7 Tafeln Erbsensuppe und 7 Kemmerich'sche Patronen. Allein die Leute 
verachteten mehr und mehr unsere Suppen. Sie kümmerten sich nicht um die 
physiologische Berechnung des Nährwertes, und es ist richtig, selbst bei uns, die 
wir bei noch gutem Ahgemeinzustand gern eine Weile theoretisch satt wurden, 
bheb jetzt ein Gefühl von Vereinsamung und Leere im Magen zurück, das der 
Volksmund Hunger nennt. Das letzte Mandiokamehl von den Indianern war am 
4. Dezember in Gestalt eines vorzüglichen >;P2iermingau« verzehrt worden, eine 
Schlussapotheose mit 8 dunkellila gefärbten, wie Billardkugeln spiegelnden Eiern, 
die uns ein braves Rebhuhn auf den Weg gelegt hatte. Zwei Rehe tauchten 
vor unserm freudigen Augen auf, da rannte der Hund Certeza ihnen eifrig 
entgegen und vertrieb sie mit der ganzen seines Namens würdigen Sicherheit. 
Es schadete nicht viel, dass Manoel unterwegs mehrere Teller und sämtliche 
Gabeln und Löffel verlor. Von den Leuten war täglich der Eine oder Andere 
für eine Stunde verschwunden, nicht immer dann, wenn er leicht zu entbehren 
war, und der Grund war stets derselbe: Honig suchen. Zeitweise wurden sie 
recht kleinmüthig, doch vergab man ihnen Alles, wenn z. B. der Mulatte Satyr 
eine gebratene Wurzel aus der Asche aufnahm und laut auf Deutsch ausrief: 
»Essen fertik. Sähr gut«. 

Die vegetabilische Kost, die die Umgebung bot, war recht dürftig, aber sie 
füllte wenigstens: Palmkohl von der Guariroba, chininbitter, und die Wurzel der 
»Mandioca de campo«, Kampmandioka, yamsähnlich, holzig, nach Antonio auch 
von den Bakairi unterwegs gegessen. 

Glücklicher Weise hatten wir Tabak im Ueberfluss, den knurrenden Magen 
zu besänftigen. Wir rauchten und tauschten in der Hängematte Hegend die An- 
sichten über eines Jeden Lieblingsspeisen aus. Da fielen Worte wie Clever 
Spekulatius, Tutti P"rutti, Schinkenbrod, Pumpernickel mit Schlagsahne, Saucischen, 
junge Hasen mit Rahm, Schmorbraten, und es war ein Hochgefühl, wenn dem 
Andern der Mund noch mehr wässerte als feinem selber. Durch ganz besondere 
Urteile zeichnete sich Ehren reich aus, der ein seltsames Gedächtnis für seine 
kulinarischen Erlebnisse auf Reisen besass und Lob und Tadel schroff über die 
Welt verteilte. Die besten Teltower Rübchen ass man nach der Erfahrung dieses 
Berliners in Viktoria in der brasilischen Küstenprovinz P2spiritu Santo, das Beste wurde 
geliefert von Spiegeleiern am Bahnhof in Rom, von Baumkuchen am Bahnhof in 



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Kottbus, von Hammelrücken in Tondern, von Fruchteis oder von Kalbsberz in 
München, von Weisswein im Kasino zu Trier; es gab das schlechteste Brod in 
der Schweiz, die schlechtesten Würste in Brasilien, die schlechtesten Makkaroni 
in Neapel, das schlechteste Essen überhaupt in Heidelberg, das schlechteste Bier 
in Oberammergau. Wie gut wäre uns auch das Schlechteste erschienen! 

Am 8. Dezember konnten wir zum ersten Mal eine ordentliche Queimada 
anlegen als Wahrzeichen für die Verschollenen. Wir rechneten leidenschaftlich 
die Entfernungen aus und sahen, dass Rondons Angabe zu klein ausfiel. Wir 
passierten zahlreiche tief eingeschnittene Bäche, viele sumpfige Strecken (Atoleiros), 
fanden uns wieder mitten im dichten, mit Gestrüpp gefüllten Kamp, stiegen von 
Chapadao zu Chapadäo und immer noch erschien keine Aussicht auf den Para- 
natinga. Erst am 9. Dezember nach steilem Aufstieg erblickten wir den breiten 
Waldstreifen, den wir ersehnten. Wir schlugen einen langen Weg Pikade inid 
standen plötzlich vor dem gelben, hochangeschwollenen und reissend dahinströmen- 
den Fluss, der an dieser Stelle etwa 80 m breit war. 

Von hier bis zur P'azenda sollte es noch »5 Leguas« sein. An ein Uebersetzen 
der Truppe ohne Kanu war nicht zu denken. Antonio musste eins machen. 
Lebensmittel waren nicht mehr vorhanden. So entschied ich mich, mit Peter 
sofort zur Fazenda aufzubrechen. Unsere Hängematten und Kleider wurden in 
einer Pelota auf das linke Ufer geschafift, wir selbst gingen ein gut Stück fiuss- 
aufwärts und schwammen hinüber oder wurden vielmehr durch die Strömung fort- 
gerissen. Um I ^2 Uhr schlugen wir uns drüben in die Büsche und kamen bald 
an das linke Ufer des S. Manoel, eines breiten, aber stillen Flusses, den wir wieder 
durchscliwammen. Die Fazenda lag noch weit oberhalb. Das Verhältnis war 
so, dass der Fluss auf dem Wege von ihr zum Paranatinga einen grossen Bogen 
machte und links einmündete, wenige Kilometer oberhalb unseres rechts gelegenen 
Lagers. Wir schritten wieder auf wirklichen, von Fährten bedeckten Wegen; 
die erste Spur, die uns die sichere Nähe von Menschen verriet, rührte von Ochsen 
und Eseln her. Nach 6 Uhr, als die Sonne zur Rüste sank, erschallte wütendes 
Hundegebell, und wir standen noch nicht vor der Fazenda, aber vor einem Retiro, 
einer Viehstation derselben, der sogenannten »Fazenda Pacheco« älteren 
Datums. 

»Como passou?« »wie geht es Ihnen?« begrüsste micii mit biederm Hand- 
schlag ein kropfbehafteter Mulatte, der Vaqueiro F'eliciano, der draussen in einem 
Topf — uns hüpfte das Herz vor Freude — prasselnde Bohnen kochte. Bald 
erschien auch der Capataz Francisco de Veado, ein alter wetterfester Jägersmann, 
kerzengrade und stolz, als trüge er immer einen Degen an der Seite. Sie hielten 
uns für Leute von Rondon. 

Eine Umzäunung für das Vieh, schlammiger ausgetretener Lehmboden, ein 
kleines Wohnhaus, 3 Schritte breit, 5^/2 Schritte lang. »Ihr Haus, Ew. Hoch- 
wohlgeboren.« Nach meinem Aussehen konnte ich eigentlich nur auf »P2w. Wohl- 
geboren« Anspruch machen. Drinnen: die Wände senkrechte Stiele mit dünnen 



— 145 — 

Bambusquerhölzern, der Eingang bei offener Thüre unten durch ein paar Quer- 
stangen gegen hereinlaufende Tiere gesichert; im Palmstrohdach oben arbeitete 
ein Bienenschwarm. Eine weisse Hängematte, das Bett ein Gestell mit einem 
Ochsenfell belegt und einem Sack als Kopfkissen, auf Gestellen darüber kleine 
Säcke mit Bohnen, Reis, Farinha, Salz; unten an der Wand Bruaken, ein Holz- 
sattel, ein paar alte Kisten, auf denen Kürbisschalen, Holzlöffel und vier kleine 
eiserne Kochtöpfe standen, über der Thüre ein Reitsattel mit Riemenzeug, 
daneben ein Strohhut mit einer von der Kinnschnur lang herabhängenden bunten 
Troddel, ein dünner Vorderlader, eine klobige Pistole, an einigen Stangen 
Leinenzeug, Kleider, Decken, Lassos, auf dem Boden eine Feuerstelle und ein 
Haufen Asche, Sandalen, eine grosse Wasserkalabasse, mit einer Kürbisschale 
zugedeckt; in einer Ecke, an drei Stricken befestigt, ein aus Aststücken zu- 
sammengesetztes dreieckiges Hängebrett mit kaltem Rehbraten und einem Stück 
Ameisenbärfleisch belastet. Kein Kaffee, kein Paraguaythee. Eine leere Flasche. 
Das war wohl ziemlich genau das sichtbare Inventar. 

Die Beiden erschöpften sich in Liebenswürdigkeiten, gaben uns Speck, 
Farinha, Rapadura — Alles einfach, aber für uns grossartig. Auch unterliessen 
wir nicht die landesüblichen FörmHchkeiten, dankten verbindlich nach jedem Ge- 
richt und baten bei jeder Einzelheit um besondere Erlaubnis, so um einzutreten, 
niederzusitzen, Wasser zu nehmen, die Hängematte aufzuhängen u. s. w. 

Beim Morgengrauen des lO. Dezember gingen wir fort. Wir hatten noch 
ein Nebenflüsschen des S. Manoel, den Pakü, der uns aber nur bis an die Hüften 
reichte, und ein paar kleinere Bäche zu durchschreiten. Ich musste in jenen 
Tagen oft der Hydrographen gedenken, die so zierlich und sauber ihre blauen 
Aederchen auf Papier zeichnen. 

Um lo Uhr betraten wir eine kleine Ansiedelung von Arbeitern und sahen 
daini unsere berühmte Fazenda S. Manoel gegenüberliegen auf hohem Ufer, in 
üppiger Tropenlandschaft ein Bild, das mich lebhaft an Java erinnerte. Lehm- 
hütten aus Fachwerk mit Palmstroh gedeckt, ein grosser Viehhof. P^in Rinden- 
kanu brachte uns hinüber. 

Man sass beim Frühstück. Am liebsten hätte ich einen der Kameraden bei- 
seite geschoben und mich an seine Stelle gesetzt. Nun, Jose Confucio — mit 
schwarzem Vollbart, das dicke Haar bis fast auf die Brauen reichend, barfuss in 
sauberem Leinenanzug aus Hemd und Hose — empfing uns mit herzlicher Gast- 
freundschaft. Es war urgemütlich. In der einfachen Stube hing als Schmuck 
ein Jaguarfell, das am Tage vorher abgezogen war, aufgespannt an der Wand; 
der Raum war wieder mit Bruaken und allerlei Vorräten gefüllt, und auf dem 
gestampften Boden lag Stroh von Zuckerrohr umher, eine säugende Hündin 
war in der einen licke gebettet und aus den andern ertönte überallher eui 
unermüdliches Kükengepiepe. Bei Tische bedienten uns die Negerin Antoninha 
und eine alte Bekannte aus dem Paranatingadorf der Bakairi, die Indianerni 
Justiniana. 

V, d. Steinen, Zentral-Brasilien. lO 



— 146 — 

Da lachen sogar Zeitungen! Nicht gerade das Morgenblatt von Sonnabend, 
dem 10. Dezember, mit Sonntagsbeilage, sondern ungefähr einen Monat älter, aber 
für mich hinreichend aktuellen Inhalts. Ich erfuhr, dass der »Rio Apa«, der für 
uns eigentlich bestimmte Postdampfer, im Juli mit Mann und Maus untergegangen 
war. — Confucio hatte einen Bruder in Cuyabä, der Kosciusko hiess und »ein 
französischer Philosoph« war. Seine zwei Schwestern Namens Brasilina und Poly- 
carpina wohnten auf der Fazenda. Von unsern P'reunden, den benachbarten 
P^azendeiros am oberen Cuyabä, wollte er nichts wissen. Das Land gehöre gar 
nicht der Donna Matilda und ihren Verwandten, sie seien nur überall umher- 
gezogen und erhöben nun Ansprüche auf das ganze linke Ufer des Paranatinga. 

Auch auf Rondon war er schlecht zu sprechen. Im- habe seine Leute 
Hunger leiden lassen und mitgeführte Ochsen verkauft, statt ihnen das Fleisch 
zu geben. Das Zusammentreffen mit den Indianern hatte sich, wie zu erwarten 
war, so abgespielt, dass die Brasilier sofort, als jene mit dem gewohnten 
P2mpfangsgebrüll erschienen, P'euer gaben. Es war Rondons Vorhut gewesen, 
der Kapitän Francelino aus Rosario mit 6 Leuten, die diese alte und immer 
wieder neue Thorheit begingen. Dabei zitterte P^rancelino infolge Neuralgie die 
Hand, er kam mit dem Laden nicht zu Stande und brach unter einem Pfeil- 
schuss zusammen. Rondon, der die Schüsse hörte, entfloh entsetzt, »aborrecido«. 
Er beeilte sich so, dass ein armer Teufel von Kamerad, der hinkte, zurück- 
geblieben und wahrscheinlich im Sertat^ umgekommen sei. Und mir lag derweil 
wie Alpdrücken die Frage auf der Seele: was ist aus Januario und Perrot ge- 
worden? 

Zweierlei war für uns das Notwendigste: Lebensmittel und da unsere P2sel 
samt ihren Sätteln in dem denkbar schauderhaftesten Zustande waren, ein Arriero 
für die Tiere. Ich mietete einen Mann Namens Gomez und liess ein Oechslein 
mit Maisfarinha, Reis, Bohnen und Speck beladen. P'arinha von Mandioka war nicht 
vorhanden, auch von Reis gab es nur wenig; Dörrfleisch, wegen des Regens knapp 
geworden, erhielt ich nur 4 kg, und Rapadura, die nicht im Hause gemacht, 
sondern von der Serra geholt sei, nur 6 Stück. Schnaps bekam ich mit Ach und 
Weh 2 Flaschen, er war in der vorigen Woche bei einer »Promessa« ausgetrunken 
worden. Ein Maultier war abhanden gekommen, man hatte eine »Promessa« ge- 
macht, ein Gelöbnis an den heiligen Antonio, dass er es wiederschafife, und die 
Dankfeier mit Gebet (reza), Schnapstrinken und Pururütanzen begangen. 

Nun, die beiden Unglücksmenschen, Perrot und Januario, die uns beinahe 
den Streich gespielt hätten, die ganze Expedition zu verderben, sie sassen wieder 
im alten Zelt. Columna, der einem Santo eine Kerze gelobt hatte, wenn sie 
wiederkehrten, war erhört worden; (bezahlen muss freilich der, für den das Ver- 
sprechen geleistet worden ist). Den 10. Dezember, den Tag nach meinem Weg- 
gehen, waren sie Nachmittags angeritten gekommen, triefend, abgerissen, zer- 
schunden, mager, hohläugig — Jammergestalten, und doch von Freude erfüllt. 
Sie waren nicht ertrunken, nicht vom Blitz erschlagen oder sonst auf eine 



— 147 — 

interessante Art verunglückt, sie hatten sich wirldich nur gründUch verirrt und zwar 
schon von Anfang an, sie waren zwölf Tage die Kreuz und Quer umhergezogen, 
sie hatten die drei letzten Tage nichts mehr gegessen und waren nocli im Besitz 
von zwei kostbaren Zündhölzern. Januario's alter Kopf hatte den erlittenen Un- 
bilden nicht mehr Stand halten können; er delirierte mit Verfolgungsideen. Eine 
Pilokarpininjektion, mit der ich ihm am 25. November, als er mit einer schweren 
Erkältung niederlag und jammerte, dass er durch Nichts in der Welt in Schweiss 
zu bringen sei, in kürzester Frist zu einem fürchterlichen Schwitzen verholfen, 
und mit der ich ihn auch prachtvoll kuriert hatte, diese Injektion hatte ich nur 
gemacht, um ihn »zu erstechen«. Perrot liess sein Gewehr putzen, um ihn »zu 
erschiessen«, mit Kaffee gedachte man, ihn »zu vergiften«. Er erklärte, hier am 
Paranatinga bleiben, sich einen Rancho bauen und eine Pflanzung anlegen zu 
wollen. Er begrüsste mich mit mürrischem Gesicht und trübem Blick, war sehr 
reizbar und anspruchsvoll, litt an Kopfschmerz und wurde auch in den nächsten 
Wochen, obwohl er sich entschieden besserte, nie mehr wieder ganz das vergnügte 
alte Haus, das uns alle mit seinem freiwilligen und unfreiwilligen Humor so häufig 
heiter gestimmt hatte, 

Perrot war über das Benehmen Januario's verzweifelt gewesen, er hatte allein 
die Tiere besorgen, Holz schlagen und Feuer machen müssen, und fortwährender 
Zank gesellte sich zu der Verwirrung, den elenden Nächten, den Regengüssen, 
dem Hunger. Den Paranatingazufluss, der den Wald unter Wasser gesetzt hatte 
und bei dem wir ihre Spur verloren, hatten sie für den Batovy gehalten! Sie 
waren nach Osten geritten. Sie kehrten zurück und setzten mit einem kleinen 
Floss aus Buritistielen ihr Gepäck und ihre Gewehre über. Ihr unangenehmstes 
Abenteuer war, während sie unter dem niedrigen Schutzdach schliefen, der nächt- 
liche Besuch eines Jaguars gewesen. Sie fuhren erschreckt empor, als die Katze 
in die Feuerasclie patschte und hielten sie für einen Tapir. Januario versetzte 
ihr mit dem Messer einen Stoss in die Rippen, Perrot gelang es seines Gewehrs 
habhaft zu werden und einen Schuss abzugeben, worauf sich der Ruhestörer ver- 
zogen und, wie Blutspuren am nächsten Morgen zeigten, zum Wald gewandt hatte. 
Perrot hatte im Ganzen acht Patronen mit sich, von denen er sieben verschoss. 
Die letzte behielt er aus Furcht vor einem ähnlichen Fall im Gewehr, obwol sie 
Rehe in aller Nähe passierten und die folgenden drei Tage ohne Nahrung blieben. 

Im Lager stürzte sich Alles über die Maisfarinha und die Rapadura, die 
zusammen wie Zwieback mit Zucker schmeckten, nur hatte man sichtlich eine 
grössere Auflage von den aus Zucker gegossenen Ziegelsteinen erwartet als Con- 
fucio hergeben w^ollte. Es musste die genaueste Verteilung vorgenommen werden ; 
argwöhnisch, '^/lo im Scherz und ^i« i""» Ernst, verglich man in seiner Gier nach 
dem Süssen die wirklich kleinen Portionen, Das Dörrfleisch war trockene Haut. 
Und im Lager selbst hatte es zuletzt Ueberfluss gegeben; nachdem man den ersten 
Tag noch von Guariroba gelebt und nicht ein kleines Fisclüein der Einladung anzu- 
beissen gefolgt war, hatte man einen mächtigen auf einen halben Zentner Gewicht 

10* 



— 148 — 

geschätzten Jahü gefangen. Das hatte die Stimmung gehoben und wahrscheinhch 
auch den Puls. Wilhelm hat in seinem Tagebuch die auffallend niedrigen Puls- 
zahlen verzeichnet, die man am 10. Dezember zufällig beobachtet hatte, Vogel 44, 
Wilhelm und Perrot 56, Ehrenreich 60, Januario aber jö. 

Am 13. Dezember mussten wir unthätig liegen, da der Paranatinga bei an- 
dauerndem Regen i m hoch gestiegen war. Am 14. begann das Uebersetzen 
mit den Holzsätteln, die Gomez drüben, soweit möglich, unter Ausrufen sach- 
verständigen Entsetzens zusammenflickte. Am 15. lächelte uns die Sonne, und 
am 16. schlachteten und assen wir auf dem Retiro einen einjährigen Ochsen, 
einen mamote (Säugling); der würdige Gastfreund Veado kommandierte die ge- 
lehrten Herren in einer Weise zum Lassieren (wobei ich mir den kleinen Finger 
fast ausrenkte), zum Herbeiholen grüner Zweige, zum Abhäuten und Zerlegen, 
dass man sah, er war von dem unvernünftigen »Ew. Hoch wohlgeboren« der ersten 
Begrüssung zurückgekommen. 

Der Paküfluss machte es ziemlich gnädig, die Bruaken wurden hinübergetragen 
und gaben den Leuten ein angenehmes Gegengewicht gegen die Strömung, während 
die nur mit der emporgehaltenen Kleidung belasteten, am schief eingestemmten 
Wanderstab daherschreitenden Doktores sich kaum getrauten, die schlanke Stütze 
von dem beweglichen Geröllgrund zu lüften und einen Schritt weiter zu verpflanzen. 

Zu Vogel's Geburtstag am 17. Dezember zogen wir denn endlich allesamt 
in das Eldorado der Fazenda ein. Es entwickelte sich bald eine fieberhafte Ge- 
schäftigkeit. Antonio schleppte Holz herbei und briet Mandioka in der Asche; 
wir hatten ein Stämmchen mit fast meterlangen Wurzeln erhalten. Perrot und 
Vogel veranstalteten ein Wettkochen, jener »Kartoffelpuffer'< aus Mandioka d. h. 
nicht aus der giftigen, sondern aus der gutartigen »Aypim« -Wurzel, sagen wir 
Mandiokapuffer, dieser einen Schmarrn in Aussicht stellend. Manoel zerrieb die 
Manihot utilissima, Januario schlug Eier auf, Wilhelm schnitt Speckwürfel, Vogel 
rührte die Eier mit Maismehl an und Perrot bearbeitete in einer riesigen Kürbis- 
schale seine Konkurrenzmischung, Ehrenreich holte Kaffee bei Donna Brasilina. 
Die Puffer siegten glänzend über den Schmarrn. Gaben doch zwei anwesende 
Rheinländer das Gutachten ab, dass diese Mandiokapuffer die heimischen Reib- 
kuchen überträfen. Dem Wettkochen folgte ein Wett-, nennen wir es dem Leser 
zuhebe ein Wett-essen. Aber die Kehrseite der Medaille, die dem glücklichen 
Tage folgende tiefunglückliche Nacht! Vergeblich hatte Ehrenreich gewarnt mit 
seinem früher so oft unangebracht zitierten Lieblingsspruch, Jesus Sirach 37, 
Vers 32 — 34: »UeberfüUe Dich nicht mit allerley niedlicher Speise, und friss nicht 
zu gierig. Denn viel P^ressen macht krank, und ein unsättiger Frass kriegt das 
Grimmen. Viele haben sich zu Tode gefressen; wer aber massig isset, der lebt 
desto länger.« 

Am 18. und 19. Dezember schien die Sonne, Alles trocknete, die Bruaken 
derartig, dass sie nicht ausgepackt werden konnten, weil es unmöglich gewesen 
wäre, sie in der verschrumpelten Form wieder hineinzupacken. In der Nacht 



— 149 — 

hatten wir viele Müiie, die vSachen vor den Besuchern zu schützen, die wir auch 
immer an der Pfostenwand unseres Schlafschuppens unheimlich rumoren hörten: 
die sogenannten »Haustiere« waren hier noch sehr unzivilisiert, die Kühe schleckten 
die Bruaken und Häute ab, so hoch sie aufgehängt waren, die Hunde wühlten 
an unserer Feuerstelle und schmatzten unausstehlich stundenlang, die Schweine 
frassen Alles, was nicht Holz oder Metall war, mit Vorliebe alte Tücher, und 
rückten denen, die ihre Indigestion hinaustrieb, in unverantwortlichster Weise 
schnobernd und schlingend zu Leibe. Frühzeitiges Aufstehen war Einigen von 
uns im Sertäo schwerer gefallen als hier in der Fazenda. Hinter dem Zaun, den 
wir Gäste dann bald in grösseren Anzahl aufmerksam umstanden, wurden die Kühe 
gemolken, und eine Schale warmer Milch, mit Rapadura und Maisfarinha verrührt, 
däuchte uns der Gipfel irdischen Glücks. 

Am 22. Dezember waren wir wieder in Bewegung. Bauchgrimmen und 
Verdauungsstörungen verschwanden allmählich; unser Magen vertrug die hart- 
näckigen Angriffe, die wir auf seine Wandungen richteten, nur im Gehen. Die 
Lagerplätze für die Nacht waren nun gegeben, eine grosse Annehmlichkeit und 
ein grosser Vorteil, da die luitfernungen ziemlich gross waren. Wir zogen über 
die Wasserscheide in das Gebiet des Rio Cuyabä. Ziemlich steile Hügel mit 
quarzigem Geröll; seit S. Manoel fand sich auch wieder Schiefer, fast vertikal 
gerichtet. 

Am 23. Dezember ein wundervoller Morgen; an dem Bach, wo wir uns 
wuschen, spielte die Sonne durch das Gezweig; erfrischende Schattenkühle unter 
den Bäumen, draussen stechende Hitze. Alles grün im Gegensatz zur Trocken- 
zeit. Im Wanderschritt die Hügel hinauf und wieder hinunter. Weite Graseinöde. 
In den Einsenkungen krauses niedriges Walddickicht. Auch am nächsten Tage 
Sonnenschein. Wir schritten am Terrassenrand über die Zinnen der roten Forts, 
die wir auf dem Hinwege von unten bewundert hatten. Rechts in der Tiefe 
waldgefüllte Schluchten zwischen den napfkuchenähnlichen Bergwänden der 
Plateaustufen. Heiss, trocken, kein Lüftchen, sandig, ab und zu ein Wolken- 
schatten oder ein Raubvogel; sonst hier oben nur die tote Ebene. 

An einer sumpfigen Lagune, deren schlechtes, warmes Wasser nach der 
einen Seite zum Rio dos Mortes, also dem Araguaygebiet, nach der andern zum 
Rio Manso, dem Nebenfluss des Cuyabä, hätte fliessen können, wenn es nämlich 
nicht wie eine grosse Pfütze stillgelegen hätte, feierten wir Weihnachten. 

In Cuyabä beschenkt man sich nicht so allgemein wie in Deutschland am 
Weihnachtstage. Doch schicken die jungen Mädchen jungen Männern eine Platte 
Süssigkeiten , Doces, und erwarten ein Kleid oder dgl. als Gegengabe — wenn 
sie nicht auf mehr spekulieren, meinte Perrot. Wir wollten unsern Christbaum 
haben und mussten uns, da es unter den krummen, krüpphgen Erzeugnissen des 
Sertäo nichts einer Fichte Aehnliches gab, einen machen. Wir setzten Holz- 
stäbchen als Zweige in einen kleinen graden Stamm und umwanden sie mit 
Unkraut, das den Eindruck der Fichtennadeln sehr gut wiedergab. Dann suchten 



— ISO — 

wir mit einiger Mühe bunten Schmuck im Kamp; es fanden sich Piki-Acpfelchen, 
einige orangerote Bkunen und Bergkristalle; die Spitze, einer Paepalanthusstaude 
entnommen, bildete eine Krone, starrend von Kugeln, die am Ende langer 
Stachelspitzen sassen. Mit den Kerzen brauchten wir jetzt nicht mehr zu sparen. 
Nach Eintritt der Dunkelheit stellten wir das Kunstwerk in Perrot's Zelt, ziindeten 
die Lichter an und gaben nach riograndenser Art einige Schüsse ab. 

Das strahlende Bäumchen in der Zeltecke machte sich ganz allerliebst. 
Weniger glänzend sah es mit den Geschenken aus. Doch hatten wir zweierlei 
für diesen Abend im tiefsten Grund der Blechkästen durch alle Unbilden der 
Reise hindurchgerettete Herrhchkeiten zu bescheeren. Herr Ernesto Vahl in 
Desterro hatte uns ein Packet bulgarischen Zigarrettentabaks mit dem ausdrück- 
lichen Zusatz »Weihnachten« mitgegeben, luid Vogel hatte mit gleicher Be- 
stimmung in seinem heimatlichen Nest Uehlfeld in Franken beim Abschied eine 
Schachtel »extrafeiner, runder Lebkuchen« von dem Zuckerbäcker »Wilhelm 
Büttner am Markt« erhalten, sich selbst freilich nicht die Seelenstärke zugetraut, 
bis zum 24. Dezember zu warten, sondern schon in Cuyabä die Verantwortung 
mir übertragen. Heil den edelmütigen Spendern! Ich glaube nicht, dass sie 
selbst an diesem Abend wertvollere Geschenke erhalten haben. Als brave 
Philister tranken wir köstlichen Mokka und sangen, obwol nur Wilhelm singen 
konnte, zum Kaffee redlich die »Wacht am Rhein« und das in der Fremde 
doppelt voll ertönende »Deutschland, Deutschland über Alles«. Und der Ex- 
peditionsdichter klagte wehmütig: 

Kein Tannenbaum mit goldnen Nüssen, 
Kein frischer Schnee, kein Festgeläut — 
In Sonnenghit und Regengüssen 
Begehen wir die Weihnachtsfreud. 
Ein Teller Spekulaz, Makronen, 
Ein Marzipanherz — eitler Traum ! 
Das Christkind hängt nur braune I5ohnen 
Und Speck an unsern Lichterbaum. 

Ein Weihnachten hatte ich in Japan, eins in Mexiko verbracht, eins im 
antarktischen Südgeorgien, luid dieses an der von quakenden Fröschen erfüllten 
Lagoa Comprida, der langen Lagune, war niui das dritte auf südamerikanischem 
Festland. 

Am 25. Dezember überstieg die Eintönigkeit der Landschaft das Mass 
alles Erlaubten. Während der 35 Kilometer unseres Marsches zählte ich die 
lebenden Wesen, die ich bemerken konnte: i Raubvogel, i kleinen Kampvogel, 
eine raschelnde Eidechse, 3 Bienen. Zahlreiche rote Kegel von Termitenbauten, 
wie groteske Grabhügel. Ein Holzkreuz mit drei aufgemalten Kreuzen; hier 
musste Einer vor Langeweile gestorben sein. 25 Kilometer der Strecke ohne Wasser; 
am Lagerplatz 'war der Trank gut und kühl für unsere Ansprüche, 24, 6". 

Am 27. Dezember erreichten wir die Fazenda von Ponte alta, ein grosses 
Haus mit einem Mühlrad und Maisstampfer in einer schönen Thalschlucht. Dort 



— iS.i — 

wohnte der Begleiter Rondons, Chico Velho, der eine der beiden Versprengten. 
Er hatte 2i Tage für den einsamen Heimweg gebraucht. Wir lernten einen 
alten Graukopf kennen, der die Bakairi des Paranatinga im Jahre 1835 oder 36 
besucht hatte. Seine Schilderung entsprach noch in Allem unsern Erfahrungen 
vom Schingü, nur dass die Indianer damals schon die brasilischen Nutzpflanzen 
und Haustiere besassen. Zur Feier von Ehrenreich's Geburtstag wurde ein grosser 
Grog gebraut und Carlos brachte einen gereimten portugiesischen Trinkspruch 
aus, der begann, »viva a rosa«, es lebe die Rose, aber schliesshch mit einem 
kühnen Sprung auf den Doutor Paulo übersetzte. Die Maultiere erhielten nun 
zum ersten Mal Mais und konnten vor Aufregung fast nicht fressen; was uns die 
Fazenda S. Manoel war, war ihnen die von Ponte alta. 

Wir kamen jetzt auf die von Cuyabä nach Goyaz führende Strasse und 
merkten bald lebhafteren Verkehr. Trafen wir doch ein halbes Dutzend Be- 
rittener, die nach der Kirche von Chapada zur Wahl zogen. Unter ihnen war 
ein prächtiger alter Neger-Gentleman mit kleinem Kopf und weissem Gebiss 
(»Garderobenhalter« nach Ehrenreich), mit gelbem Strohhut, gelber Nankingjacke, 
weisser Weste, weissen Hosen, Stulpstiefeln und blinkender Sporenkette; unser 
seltsamer Aufzug, besonders die starrenden Pfeilbündel und die Reusen auf dem 
Rücken von Ehrenreich und mir machten ihm einen Heidenspass, und als er 
schon weit voraus war, hörten wir noch das laute zwanglose Niggerlachen. 

Am 29. Dezember begann der Abstieg von der Chapada. Das Wahr- 
zeichen der Cuyabä-Ebene, der blaue Bergkegel S. Antonio erscheint. Wald, 
breiter, mit Sandsteinblöcken überstreuter Weg, Steinwände wie alte Burgmauern, 
ein verwahrloster Schlosspark riesigen Massstabs. Allmählich geht es mühsamer 
und steiler bergab. Quarzgeröll und Schiefer, glühender Sonnenbrand, durch den 
Reflex gesteigert. Schwer zu begreifen, wie hier Karren verkehren. Lager am 
Corrego Formoso, am »schönen Bach«, in Gewitter und Regen. Am 30. Dezember 
passieren wir mehrere Ansiedlungen; ein altes Weib fragt angelegentlich, ob wir 
viel Gold gefunden hätten. Wir übernachten bei einer kleinen Fazenda, deren 
Besitzer sich zur Stadtverordneten-Wahl nach Cuyabä begeben hat. Am nächsten 
Morgen ist Allen schon um 4 Uhr früh der Sclilaf verflogen. Man hört nur 
noch »cidade, cidade«, denn Cuyabä ist die Stadt natürlich. In einer Stunde am 
Coxipö, der 5 Kilometer unterhalb der Hauptstadt in den Cuyabä mündet. Er 
wird an einer Furt durchschritten. Es ist das Flüsschen, wo 17 19 das erste Gold 
gefunden und die erste Niederlassung der Paulisten gegründet wurde. 

Perrot, schon wieder ganz von dem Dämon der bürgerlichen Wohlanständigkeit 
erfasst, schämt sich leider seines zerlumpten Aussehens und ist vorausgeritten, um 
möglichst ungesehen seine Wohnung zu erreichen. Wir aber schämen uns gar nicht. 
Wir schmücken unsere Hutdeckel mit grünem Laub, binden den braven Maul- 
tieren grüne Zweige auf den Halsrücken, und geniessen in vollen Zügen den 
Anblick des plötzlich erscheinenden freundlichen Städtchens mit den merkwürdig 
vielen Häusern und Ziegeldächern, mit der »Kathedrale« des Senhor Bom Jesus 



— 152 — 

und den Kirchlein des Senhor dos Passos, der Nossa Senhora de Rosario, der 
Nossa Senhora do Born Despacho und auf dem höciisten Hügel der Böa- 
Morte. Wir treffen es nicht etwa so, dass kein Festtag wäre. Gewehre und 
Revolver knattern, Raketen zischen in der hellen Himmelsluft empor und ver- 
flüchtigen sich mit losen weissen Wölkchen: die Wahlschlacht ist entschieden. 
Haben die Konservativen diesesmal oder die Liberalen den Sieg davon getragen? 
Still verblüfft starrt die Bevölkerung unserm seltsamen Zuge nach. Ihr konnten 
die Aueto und Kamayurä und Nahuquä kein grösseres Interesse einflössen als uns 
die Farbe ihrer Deputierten. 

Auf dem freien Platz vor der Kathedrale machten wir Halt; hier war die 
Post und dort lagen imsere Briefe. Aber da waren auch ein paar Freunde, die 
uns stürmisch umarmten, Allen voraus der Chef des Postwesens, unser lieber 
Andre Vergilio de Albuquerque. Wir befragten ihn, ob das Haus in der Rua 
Nova noch unbewohnt und zu mieten sei. Und alle Achtung, da trat uns echt 
brasihsche Noblesse wieder einmal in einer Aufwallung entgegen, die den gar zu 
gern Phrasen witternden Nordländer beschämen muss. »Dieser Herr«, sagte 
Senhor Andre Vergilio, »wünscht ihre Bekanntschaft zu machen, Doutor Carlos«. 
Er stellte mich einem noch jungen Manne vor, der freundlich und leicht verlegen 
dreinschaute, dem Commendador Manoel Nunes Ribeiro. »Dieser Herr«, 
fuhr Vergilio fort, »würde sich glücklich schätzen, wenn Sie mit Ihren Freunden 
sein leerstehendes Haus in der Hauptstrasse, eins der schönsten in dieser Stadt, 
beziehen und darin solange verweilen wollten, als es Ihnen möglich ist«. Und 
dann begeisterte sich der gute Vergiho zusehends, sprach von unsern unsterblichen 
Verdiensten um die Provinz Matogrosso, der Commendador verbeugte sich fleissig 
und lächelte verbindlich, und wir sahen doch abgerissener und wilder aus als 
eine von Gendarmen zusammengetriebene Bande Vagabunden. Wir nahmen das 
gastliche Anerbieten mit herzlichem Dank an und fanden ein geräumiges Haus 
mit prächtigem weitem Garten, mit einer Halle, in der wir unsere Sammlung auf 
das Bequemste auspacken, trocknen und reinigen, mit einer »Sala«, in der wir 
sie übersichtlich aufstellen, mit je einem grossen Zimmer für Jeden von uns, in dem 
wir uns nun auch selbst wieder ein wenig sammeln konnten. 



VIII. KAPITEL. 



I. Geographie und Klassifikation der Stämme 
des Schingü- Quellgebiets. 

Der alte, von seinen Genossen durch einen äusserst bescheidenen Lippen- 
pflock unterschiedene HäuptUng der Suyä hatte uns 1884 die lange Liste der Stämme 
aufgezählt, die am obern Schingü sesshaft sind, und die Quellflüsse, an deren 
Ufer sie wohnen, mit dem Finger in den Sand gezeichnet. Vgl. »Durch Central- 
brasilien«, S. 214. Seine 13 Stammesnamen haben uns verlockt, die zweite Reise 
zu unternehmen. Im Grossen und Ganzen, muss man sagen, haben sich die 
Angaben unseres Gewährsmannes bestätigt. Seine Flussverästelung kann allerdings 
den kartographischen Ansprüchen unserer karaibischen Genauigkeit nicht genügen, 
allein auch da ist er mehr im Rechte gewesen, als wir zu erkennen vermochten, 
indem wir den Kulisehu mit dem Kuluene verwechselten. Nur ist die astronomische 
Lage der Ortschaften unter einander völlig verzerrt ausgefallen, da der Suyä 
für die grosse Reihe den einen Quellarm entlang auch einen sehr grossen Strich 
nötig hatte und ihn munter in's endlos Südliche hinausführte. 

Die Anwohner des Ron uro kennen wir nicht; Vogel hat den Auetohäupt- 
ling, der die Einmündung bei Schingü -Koblenz mit ihm befuhr, so verstanden, 
dass es dort Kabischi und Kayapö gebe. Die Kabischi, von denen man etwas 
weiss, wohnen im Quellgebiet des Tapajoz als ein Teil der zahmen Paressi- 
Indianer; es wäre im höchsten Grade interessant und wichtig, wenn die Paressi 
ebenso wie die Bakairi in eine »zahme« und eine »wilde« Gruppe zerfielen, da 
gerade an diesem einst volkreichen und hochentwickelten Nu-Aruak-Stamm die rohe 
Zivihsierung Unersetzliches vernichtet hat. Die weitverbreiteten Kayapö würden 
am Ronuro durchaus nicht befremden, da sie am Paranatinga häufig erschienen 
und von den Brasiliern hier nur mit den Coroados-Bororö verwechselt worden sind. 

An dem Nebenfluss des Ronuro, dem Batovy-Tamitotoala,*) auf dem wir 
1884 hinabfuhren. Regen vier Dörfer der Bakairi. Sein Unterlauf und das rechts 
anstossende Gebiet gehört den Kustenaü und den Waurä. 



*) Früher falsch Tamitatoala geschrieben, tamitöto Falk, Eule = sie töteten (schäle) einen 
Falken, wie die Bakairi mir selbst angaben. 



— 154 — 

Es folgt nach Osten der Kulisehu. An seinem linken Ufer liaben wir die 
drei Dörfer der Bakairi, Maigeri oder >n'apir starbt, Igueti oder Sperberdorf, 
Kuyaqualieti oder Harpyendorf. Dann kommt am rechten Ufer das Dorf der 
Nah u qua. Wieder links liegt abseits und nicht von uns besucht ein viertes Dorf 
der Bakairi. Weiter flussabwärts sitzen am linken Ufer die Mehinakü in den 
beiden Dörfern, die die Bakairi als Paischueti (Hundsfischdorf) und Kalüti be- 
zeichneten. Es scheint jedoch, dass es drei Dörfer giebt; die Paischueti-Mehinakü 
sprachen noch ausser von den Yutapühü — das wäre »Kaluti« — , deren Hafen wir 
am 15. Oktober passierten, von den Atapilü, indem sie uns gleichzeitig vor den 
Ualapihü, Ulavapitü d. i. unsern Yaulapiti warnten. Von dem Mehinakügebiet ab 
beginnen zahlreiche Kanäle, die mit einigen Lagunen das Gebiet zwischen den 
Unterläufen des Kulisehu und Batovy durchsetzen. Das Dorf der Aueto kann 
als eine Art Zentralpunkt für den Kanalverkehr gelten *). An zwei Lagunen 
finden wir in zwei Dörfern die Yaulapiti, an einer dritten Lagune die 
Kamayurä, die vier dicht bei einander liegende Ortschaften hatten und im 
Begriff waren, sie zu einer einzigen zu vereinigen. Eine Mischung von Yaulapiti 
und Auetö sind die Arauiti (vgl. S. in). 

Der Kulisehu mündet in den Kuluene; wenige Stunden Ruderns führten 
zu den an seinem rechten Ufer nicht weit oberhalb Schingü- Koblenz in zwei 
Dörfern angesiedelten Trumai. Von den Suyä vertrieben, beabsichtigte dieser 
Stamm, sich in der Nähe der Aueto ein neues Heim zu gründen. Oberhalb am 
Kuluene und auch an kleinen Zuflüssen zwischen ihm und dem Kulisehu sitzen 
die Nah u qua in einer Reihe von Ortschaften, die besondere Namen haben. Wir 
lernten einzelne Individuen kennen von den Guapiri, Yanumakapü, Guikurü 
und Yaurikumä; die Yanumakapü, die Enomakabihü der Bakairi, wohnen nicht 
am Hauptfluss, und von den Guapiri wurde seitens der Bakairi besonders hervor- 
gehoben, dass man sie über Land zwischen Kulisehu und Kuluene finde. Im 
ersten Bakairidorf zählte mir Paleko die Nahuquä- Ortschaften des Kuluene auf 
und gab die Himmelsrichtung an, in der sie von Maigeri aus zu suchen wären; 
es sind, im Oberlauf beginnend: i. Anuaküru oder Anahukü SO, 2. Aluiti 
oder Kanaluiti O, 3. Yamurikumä oder Yaurikumä O bis OSO, 4. Apa- 
laquiri ONO, 5. Guikurü ONO, 6. Mariape NO. Hinter ihnen kamen die 
Trumai. So hätten wir mit den Guapiri, den Yanumakapü und den Nahuquä des 
Kulisehu 9 Nahuquädörfer. 

Um das Bild abzurunden, erwäiine ich noch die Suyä, die an dem Haupt- 
strom drei kleine Tagereisen unterhalb Schingü -Koblenz wohnen, von denen wir 
auf der zweiten Expedition nichts sahen, aber böse Geschichten hörten, und die 
Manitsauä, die an einem weiter abwärts einmündenden linken Nebenfluss sitzen 
und den Kamayurä und Yaulapiti gut bekannt sind. Wir trafen 1884 eine An- 



*) Es ist wirklich merkwürdig, dass ihr Name diesen Sinn zu enthalten scheint. Sie werden 
von ihren Nachbarn »Auiti« genannt; nun heisst im Guarani die unerweichte adjektivische Form 
apite »was im Zentrum, in der Mitte ist«. 



~ 155 — 

zahl Manitsauä in Gefangenschaft der Suya. Erst 1887 hörten wh" von den 
Yarumä oder Arumä, die sehr bald nach den Trnmai den unangenehmen Besuch 
der Suyä empfangen haben sollten, und von denen uns die Kamayurä die merk- 
würdige Mitteilung machten, dass sie einen metalliscli klingenden Ohrschmuck 
trügen (vgl. S. 118). Es ist wahrscheinlich, dass wir in ihnen Mundurukü, den 
berühmten Kriegerstamm des Tapajoz erblicken müssen, dessen Spuren wir am 
Schingü längst vermisst haben. Die Paressi nannten die Mundurukü Sarumä, 
was lautlich dasselbe ist wie Yarumä. Ein Stück den Yarumä zugeschriebener 
Keule von karajäähnlicher Arbeit kann den in der Uebereinstimmung der Namen 
liegenden Beweis nicht entkräften. Eine uns noch dunklere Existenz führen die 
Aratä; die Nahuquä erklärten, dass sie nichts taugten, und der Suyägeograph 
hatte sie ihnen zu Nachbarn gegeben. Ein Karajästamm? 

Endlich habe ich noch, wiederum im obersten Quellgebiet, der Kayapö zu 
gedenken ; sie sollen zwischen Kulisehu und Kuluene oberhalb der Nahuquä an 
den Quellen des Pakuneru leben, des kleinen Kulisehu-Nebenflusses, dessen Namen 
mit dem Bakairi-Namen des Paranatinga identisch ist. Schon der Suyägeograph 
hatte als äusserste Bewohner die »Kayuquarä« angegeben und ich hatte damals, 
wie es jetzt scheint, mit Recht vermutet, dass darunter Kaya-/ö-Kayap6 zu ver- 
stehen seien. 

Die lange Reihe der Namen sieht schlimmer aus als sie in Wirklichkeit ist. 
Jedes Dorf hat seinen Namen, und der Fremde, der ihn hört, kann zunächst 
nicht beurteilen, ob er dort einen neuen oder einen bekannten Stamm zu er- 
warten hat. Das einfachste Beispiel sind die Nahuquä. »Nahuquä« heissen 
für den Indianer nur die Bewohner des Kulis eh udorfes; die Yaurikumä, 
Guikurü etc. nennen sich selbst nicht Nahuquä, und es ist nur der Zufall, der 
uns zuerst bei den »Nahuquä« einkehren liess, dass ich nun diesen Namen als 
den Stammesnamen vorführe. Geringe dialektische Verschiedenheiten mögen 
vorhanden sein, doch habe ich von den Yanumakapü ein Verzeichnis der wichtigsten 
Wörter aufnehmen und mich auch für die Yaurikumä und Guikurü überzeugen 
können, dass ihre Sprache mit dem »Nahuquä« durchaus übereinstimmt. Die 
Bakani sind von einem strengeren Nationalitätsgefühl beseelt, denn sie nennen 
sich Bakairi, ob sie nun im Quellgebiet des Arinos, des Paranatinga, des Batovy 
oder des Kulisehu wohnen. Die Bakairi des Kulisehu müssten sich nach Analogie 
der Nahuquä mit ihren Dorfnamen Maigeri, Igueti und Kuyaqualieti nennen. 

Es wäre ein Segen für die Ethnographie gewesen, wenn sich alle Stämme 
dieses schöne Beispiel der Bakairi zum Vorbild genommen hätten. Wir sehen 
hier an mehreren Beispielen deutlich, wie sich eine Familiengemeinschaft oder, 
wenn man will, ein Stamm räumlich verteilt, wde jede Sondergemeinschaft geneigt 
ist, auf den alten Zusammenhang zu verzichten und diesen deshalb unrettbar ver- 
lieren, ein neuer »Stamm« werden muss, wenn die Verschiebung andauert und 
anstatt mit den blutverwandten Nachbarn mit solchen anderer Abstammung engere 
Beziehungen unterhalten werden. Es bleibt uns unter diesen Umständen gar nichts 



- 156 — 

anderes übrig als zunächst die spraclilichen Vervvaiidtscliaften festzustellen. 
Man braucht sie mit Bhitverwandtschaften nicht zu verwechseln. Allein unter den 
kleinen einfachen Verhältnissen, um die es sich liier handelt, decken sich Sprach- 
verwandtscliaft und Blutverwandtschaft weit mehr als bei höher zivilisierten Völkern, 
die eine durch die Schrift zu festem Gepräge ausgestaltete Sprache besitzen. 
Wenn in eine dieser Familiengemeinschaften ein paar fremde Individuen ein- 
treten, so werden sie, das ist ohne Weiteres zuzugeben, eine Kreuzung ver- 
anlassen, die durch das Studium der Sprache nicht verraten wird. Aber Ver- 
mischungen in grösserem Umfang verändern auch die Sprache gewaltig. Die 
fremden Frauen, die Mütter werden, üben einen Einfluss auf die Sprache der 
Kinder aus, der z. B. in dem Inselkaraibischen liandgreiflich hervortritt. Die 
Kinder der Karaibenmänner und Aruakfrauen sprachen keineswegs karaibisch, wie 
die jungen Mulatten in Brasilien portugiesisch sprechen, sondern redeten eine neue 
Sprache, die wichtige grammatikalische Elemente und lautliche Besonderheiten von 
den Müttern aufgenommen hatte. Das ist auch wenig wunderbar, denn die Kultur- 
unterschiede zwischen den beiden Stämmen waren nicht wesentlich, die Zahl der 
fremden Frauen war gross und diese brachten alle lokale Tradition, da die er- 
obernden Männer von aussen kamen, mit in die Ehe. Die Kinder waren genötigt, 
sich sowohl für den Sprachstofif nach Vater- und Mutterseite hin auszugleichen, 
als auch zwischen den von hier und dort gebotenen Präfixen oder Suffixen, die 
für die Veränderung der Wortwurzeln durch den Einfluss auf den Stammanlaut 
oder den Stammauslaut von entscheidender Bedeutung sind, eine Auswahl zu 
treffen, und erfuhren die noch durch keine Schulmeisterkultur gezähmte, sondern 
in freiem Leben thätige Wechselwirkung der bisher bei den zwei elterlichen 
Stämmen geltenden Lautgesetze. Bei diesen Naturvölkern wird im Groben das 
Mass der sprachlichen Differenzierung auch das Mass der anthropologischen 
Differenzierung sein. 

Wenn wir uns nach den Sprachverwandtschaften der Kulisehu- »Stämme« 
umsehen und dadurcli eine Reduktion der Liste gewinnen wollten, so müssen 
wir einen Augenblick bei den im übrigen Brasilien vorkommenden linguistischen 
Gruppen verweilen. 

Es giebt noch zahlreiche einzelne Stämme, die, sei es, dass ihre Sprach- 
verwandten nicht mehr leben, sei es, dass wir sie nicht kennen, isolierte Sprachen 
reden. Hierher haben wir vorläufig, um sie gleich aus dem Wege zu räiunen, 
die Trumai zu rechnen. Es ist mir nicht gelungen, sie irgendwo in der Nähe 
oder in der Ferne unterzubringen. Sie haben eine Menge Kulturwörter von ihren 
Nachbarn, den Kamayurä und Aueto entlehnt, aber der Kern und das Wesen 
des Idioms ist eigenartig und andern Ursprungs, wie auch der leibliche Typus von 
allen Kulisehu-Stämmen abweicht. 

Von den Kordilleren bis zum Atlantischen Ozean, vom La Plata bis zu den 
Antillen sind vier grosse Sprachfamilien verbreitet: Tapuya, Tupi, Karaiben 
und Nu-Aruak. 



— 157 — 

Die Tapuya sind die ostbrasilischen Aboriginer, die Waldbewohner des 
Küstengebietes und die Bewohner des Innern bis zu einer westlichen Grenze, als 
die für den Hauptstock der Schingü gelten kann. Sie zerfallen in zwei Abteilungen, 
eine westliche, die Ges nach Martins, und eine östliche, zu denen die primitiven 
Waldstämme des Ostens und die Botokuden gehören. Die westlichsten Vor- 
posten der Ges sind die Kayapo und Suyä. Mit letzteren haben wir uns bei dem 
Bericht über die zweite Expedition nicht weiter aufzuhalten, nur muss jetzt die 
interessante Thatsache nachgetragen werden, dass die Suyä früher noch viel weiter 
westlich gewohnt haben. Sie waren im Westen des Paranatinga an seinem linken 
Nebenfluss, dem Rio Verde, in der Nachbarschaft der Kayabi und Bakairi ansässig 
und wurden vor nicht langer Zeit von hier zum Schingü, man darf wohl sagen, 
zurück vertrieben. Die ganze Masse der Ges sitzt seit undenklichen Zeiten östlich 
des Schingü, und die nächsten Verwandten der Suyä, die Apinages, wohnen in 
dem Winkel, wo Araguay und Tokantins zusammenfliessen. 

Die Tupf sind über ungeheure Strecken zersplittert. Ihre Nordgrenze liegt 
im Grossen und Ganzen an den nördlichen Nebenflüssen des Amazonas; sie hielten 
die Küste von der Mündung des Amazonas bis zu der des La Plata besetzt; die 
Guarani von Paraguay reden nur einen Dialekt des Tupf. Wir begegnen den 
Tupf an dem Oberlauf des Schingü, des Tapajoz, des Madeira, ja des Maranhäo. 
Ihre Sprache wurde von den Jesuiten zu der Verkehrssprache, der »Lingoa geral« 
erhoben. Zum grossen Nutzen für die Praxis, zum Unglück für die Sprachen- 
kunde. Das Interesse für das Tupf hat die Wissenschaft in Brasilien alle andern 
Sprachen höchst stiefmütterlich behandeln lassen, zahllose Bände aus alter und 
neuer Zeit sind ihm gewidmet, von keinem der Tapuyastämme, weder von den 
Botokuden noch einem Ges -Stamm, deren linguistische Erforschung wegen der 
niederen Kulturstufe zu den wichtigsten der Erde gehören würde, und die in 
Wirklichkeit den Kern der ostbrasilischen Urbevölkerung gebildet haben, giebt es 
mehr als dürftige Vokabularien. Sub spezie des Tupf sieht der brasilische Gelehrte 
ungefähr Alles, was über die lungeborenen gedacht wird. Er ist glücklich, die Tupf in 
nächste Verwandtschaft mit den Ariern zu setzen und leitet von dem Tupf die übrigen 
Sprachen seines Vaterlandes ab; diese Eingeborenen sind aber wirklich so weit ver- 
breitet, dass es recht überflüssig ist, sie jetzt auch noch dort unterzubringen, wo 
sie selbst noch nie hingekommen sind. Am Kulisehu gehören zu ihnen die Auetö 
und die Kamayurä, letztere in grösserer Uebereinstimmung mit der Lingoa geral. 

Die Karaiben sind im Norden des Amazonenstromes seit den Zeiten der 
Entdecker bekannt. Am Kulisehu waren wir die Karaiben; und so sind wohl 
auch ursprünglich die ersten Karaiben die ersten P'remden gewesen, die, wie in 
zahlreichen andern Phallen geschehen und wie wirklich bei dem P2mpfangslärm in 
einer unbekannten Sprache oft schwer zu vermeiden ist, den Stammesnamen un- 
richtig auffassten und das auf sie selbst bezügliche Wort dazu machten. Der 
Name wird natürlich von den Tupfmanen aus dem weder auf den Kleinen Antillen 
noch an der Nordküste des Kontinents gesprochenen Tupf abgeleitet. Die Bakairi 



- 158 - 

nannten uns „Kanu.ba" mit deutlicher Betonung des „a''; das Wort lässt sich aus 
ihrer Sprache erklären als »nicht wie wir«, während der Gegensatz »wie wir« 
Karäle heisst. Doch wollen wir die recht unsichere I^Ltymologie beiseite lassen, 
es kann uns genügen, dass das Wort ein in unserm Sinn karaibisches ist, von 
den Tupi des Kulisehu in der schon verkürzten Form „karai" — nicht in der 
Form „karyb''' der Lingoa geral! — übernonmien wurde und nach Allem für uns 
»Karaibe« und nicht, wie man sich jetzt vielfach zu schreiben gewöhnt hat, 
»Karibe« lauten muss. Karaiben sind am obern Schingü die Bakairi und die 
Nahuquä. Ihre Sprache ist grundverschieden von dem Tupi und die Lieblings- 
hypothese mehrerer ausgezeichneten Forscher, dass die Tupi und die Karaiben 
Verwandte seien, ist durch die beiden Schingüexpeditionen endgültig beseitigt 
worden; die Wurzelwörter der beiden Sprachen zeigen keine Uebereinstimmung. 
Die Nu-Aruak zerfallen in die Unterabteilungen der Nu -Stämme und der 
Aruak. »Nu-« bedeutet das Leitfossil dieser Stämme, das für die meisten von 
ihnen höchst charakteristische Pronominalpräfix der ersten Person, dem wir von 
Bolivien und vom Matogrosso bis zu den Kleinen Antillen begegnen. Die Nu-Aruak 
sehen wir in den Guyanas in inniger Berührung mit den Karaiben ; auf den Kleinen 
Antillen, wo die Aruak von den Karaiben überfallen und vergewaltigt worden waren, 
wäre ohne die Vernichtung bringende Ankunft der Europäer aller Wahrscheinlichkeit 
nach eine wirkliche Verschmelzung zu Stande gekommen: der Pater Raymond 
Breton hat uns 1665 ein Wörterbuch der Inselkaraiben überliefert, dessen 
indianisch-französischer Teil, leider nur dieser, durch das Verdienst von Julius 
Platzmann in einer Facsimile- Ausgabe allgemein zugänglich geworden ist 
(Leipzig 1892), und hat sich redlich bemüht, die Wörter der karaibischen Männer 
und die der aruakischen Weiber, wo sie verschieden lauteten, auseinander zu 
halten, durch seine Zusammenstellung aber bewiesen, dass durchaus nicht mehr, 
wie bereits oben erwähnt, zwei Sprachen selbstständig nebeneinander gesprochen 
wurden, sondern dass die karaibischen Männer den Stoff und Bau ihrer alten 
»Muttersprache« ganz gewaltig durch die neue »Sprache ihrer Mütter« hatten 
verändern lassen. 

An dem weit entfernten Kulisehu haben wir das genaue Spiegelbild der 
Verhältnisse in den Guyanas angetroffen. Die Mehinakü, Kustenaü, Waurä 
und Yaulapiti sind Nu-Aruak; ihr Einfluss machte sich bei den Nahuqua, die 
mehrere Mehinakü -Weiber aufgenommen hatten, in Sprache und Kulturschatz 
deutlich geltend. 

Die Stämme des Schingü - Quellgebiets sind also nach der linguistischen 
Untersuchung fojgendermassen zu klassifizieren (die Zahl der Ortschaften in 
Klammern): 

Karaiben: Bakairi (8), Nahuquä (9); 

Nu-Aruak: Mehinakü (3), Waurä (i), Kustenaü (i) Yaulapiti (2); 

Tupi: Kamayurä (4), Aueto (1); 

Lsolirt: Trumai (2). 



— 159 — 

Wie die Nahuquä neun verschiedene »Stämme«, die nur neun verschiedenen 
selbständigen Ortschaften entsprechen, in sich begreifen, so könnten wir die 
Mehinakü, Waurä und Kustenaü ebenfalls unter einem Stamm zu- 
sammenlassen. Diese drei Stämme sprechen genau dasselbe Idiom. Sie bilden 
auch, wie wir sehen werden, eine ethnologische Einheit, und mögen, damit wir 
den nun einmal berechtigten Stammesnamen, wie bei den Nahuquä thatsächlich 
geschehen ist, keine Gewalt anthun, wo wir eines zusammenfassenden Ausdrucks 
bedürfen, nach dem wichtigsten ethnologischen Merkmal als die Töpfer stamme 
bezeichnet werden. Neben ihnen stehen die Yaulapiti als ein sprachlich nahver- 
wandter, aber doch schon deutlich im Dialekt unterschiedener und andere Ein- 
flüsse verratender Nu-Aruakstamm. 

So hat sich das Rechenexempel dahin vereinfacht, dass wir Karaiben vor 
luis haben in den Bakairi und den Nahuquä, Nu-Aruak in den Töpferstämmen 
und den Yaulapiti, Tupi in den Aueto und den Kama)'urä, und als einen Rest, 
der nicht aufgeht, die Trumai übrig behalten. 



IL Anthropologisches, 

Die körperliche Erscheinung der Kulisehu- Indianer festzuhalten, soweit es 
bei der kurzen Bekanntschaft mit den einzelnen Stämmen anging, sind eine 
Reihe von Messungen angestellt worden, die nicht sehr zahlreich ausgefallen 
sind, sich auch weder gleichmässig auf die verschiedenen Stämme noch auf 
die beiden Geschlechter verteilen, immerhin aber ein interessantes Material 
darbieten. Etwaige Fehlerquellen seitens des Beobachters würden als konstant 
angesetzt werden dürfen, da die Messungen sämtlich von Ehrenreich ausgeführt 
worden sind. Dieser hat auch eine weit grössere Anzahl von Photographien auf- 
genommen als hier wiedergegeben werden konnte; sie sind aber zum Teil sehr 
fleckig geworden und nur schwierig zu reproduzieren.*) Er gedenkt das bildliche 
Material noch zu verwerten und den gesammelten Stoff der Messungen in seinen 
Einzelheiten und nach seinem Vergleichswert für die übrigen südamerikanischen 
Indianer zu behandeln; ich beschränke mich hier auf einige Vorarbeiten und gebe 
von den hauptsächlichsten Messungen wenigstens die reduzierten Masse nach 
Maximum, Minimum und arithmetischem Mittel wieder, um nur in den groben 
Umrissen die Proportionen des indianischen Körpers zu zeichnen. 

Zu den Messungen diente das Virchow'sche Instrumentarium: Messstange 
mit zusammenlegbarem P'ussbrett, Tasterzirkel und Stangenzirkel, sowie Stahl- 



*) Wie sich im Einzelnen aus dem Illustrationsverzeichnis ergiebt, sind hier nach Photographien 
reproduziert: beide Geschlechter von Bakairi, Mehinakü und Kamayura, sowie ausschliesslich Männer 
von Nahuquä und Aueto, während Yaulapiti und Trumai überhaupt fehlen. 



M 


ä n n e r 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Frauen 


Trumai 


8 


163,0 


155.0 


159.1 


— 


Auetü 


14 


171,6 


155.5 


159,9 


16 


Kustenaü 


— 


— 


— 


— 


I 


Bakairi 


10 


166,3 


154.5 


160,8 


6 


Nahuqud 


14 


166,7 


155.5 


162,3 


12 


Mehinakü 


6 


168,2 


159,0 


164,1 


5 


Kamayurä 


14 


172,0 


159.0 


164,1 


4 


Waurd 


I 


— 


— 


165.7 


1 



— 160 — 

bandmass. Die Masse wurden in ein gedrucktes Virchow'sches Schema (vgl. Zeit- 
schrift für Ethnologie XVII p. 100) eingetragen. Gemessen wurden: Bakairi 
Männer lo, Frauen 6; Nahuquä Männer 15, Frauen 12; Mehinakü Männer 6, 
Frauen 5; Kustenaü Frauen i; Waurä Männer i, Frauen i; Aueto Männer 14, 
Frauen 2; Kamayurä Männer 14, Frauen 4; Trumai Männer 8; im Ganzen 
68 Männer und 31 Frauen. Ich werde die Stämme stets so anordnen, dass die 
arithmetischen Mittel der Männerzahlen von oben nach unten zunehmen. 

Körperhöhe. 

Max. Min. Mitt. 

156,5 139:5 148,0 

~ 150,0 

161,2 140,5 151,6 

161,0 145,0 152,2 

153,7 145,3 151,4 
155,7 152,0 153,8 

— ~ 147,5 

Das arithmetische Mittel aus den Körperhöhen aller dieser 6'] Männer ohne 
Rücksicht auf den Stamm beträgt 161,9. 

Ohne Zweifel ist die Zahl aber zu niedrig. Schliessen wir alle jüngeren 
Individuen aus bis aufwärts zu dem geschätzten Alter von 25 Jahren und nehmen 
auch den zu »50« Jahren geschätzten Nahuquä, dem das Minimum von 155,5 
angehört, sowie den »60« jährigen Kamayurä mit dem Minimum von 159,0 Körper- 
höhe aus, so erhalten wir die folgende Verschiebung der Stämme und Veränderung 
der Zahlen. Die Maxima bleiben ungestört. 

Min. Mitt. 

155.0 155.8 gegen 159,1 

154,5 160,5 ,, 160,8 

155,5 160.7 „ 159,9 

158,2 163,7 ,, 162,3 

159,7 165.5 „ 164,1 

163,2 166,0 ,, 164,1 

Das arithmetische Mittel dieser 39 Männer, die nach der Schätzung dem 
Alter von 30 — 50 Jahren angehören würden, beträgt 162,6. Wir sehen, dass 
nunmehr die Trumai und die Bakairi ein niedriges Mittel, die übrigen aber ein 
höheres erhalten haben, und zwar ist der Unterschied am erheblichsten bei den 
Mehinakü. 

Wenn man mit Topinard 165 cm als die Durchschnittsgrösse des Erwachsenen 
ansetzt, so bleiben die Kulisehu-Indianer im Mittel unter Durchschnittsgrösse: 
Unterdurchschnittswuchs für alle Ausnahmen der Trumai, die bereits die 
Grenze von 160 cm zum kleinen Wuchs überschreiten. Die Zahlen stehen im 
Einklang mit denen, die Topinard in seiner Tabelle für die Araukaner und 
Botokuden mit 162, für die Peruaner mit 160 angiebt. Der grösste Mann am 
Kulisehu war ein Kamayurä mit 172,0, der kleinste der Bakairi mit jüdischem 
Gesichtstypus (Tafel 13) mit 154,5. Für die Bakairi habe ich 1884 etwas höhere 





Männer 


Trumai 


4 


Bakairi 


5 


Auetö 


9 


Nahuqud 


1 1 


Kamayurä 


6 


Mehinakü 


4 



TAF. XIK. 






V. d. Steinen. Zentral -Brasilien. 



— i6i — 

Zahlen erhalten; am Batovy betrug das Mittel von 7 Messungen 163,6; am Rio 
Novo und Paranatinga von 14 das Mittel 164,1. Sie möchte ich deshalb wie in 
der ersten Tabelle den Auetö in der Statur vorangehen lassen. 

Die Frauen waren von ausgesprochen kleinem Wuchs. Das Maximum 161,2 
gehörte der langen Bakairi, die in der Frauengruppe (Tafel 5) erscheint, der 
»Egypterin« des ersten Dorfes, das Minimum 139,5 der einen der beiden nur ge- 
messenen AuetÖfrauen, während die andere 156,5 mass, aber durch kleine Finger 
und Zehen besonders auffiel. 

Das arithmetische Mittel der 3 1 gemessenen Frauen ohne Rücksicht auf das 
Alter beträgt 151,7. 

Es geht nicht gut an, auch bei den Frauen alle Individuen bis ausschliesslich 
der zu 25 Jahren auszuschalten, denn es bliebe alsdann wenigstens von den 
Bakairi nur die lange Egypterin übrig, die ausserdem mit »25 — 30« Jahren meines 
Erachtens zu alt geschätzt ist. Lassen wir aber alle Frauen bis einschliesslich 
die von 20 Jahren beiseite und ebenso eine »60« jährige Mehinakü von 151,0, 
so erhalten wir: 





Frauen 


W'aurä 


1 


Aueti) 


2 


Küste naü 


I 


Mehinakü 


3 


Nahuqud 


10 


Bakairi 


3 


Kaniav'urä 


2 



Min. 


MJtL. 






— 


147,5 


gegen 


147,5 


139,5 


148,0 




148,0 


— 


150,0 




150,0 


i45o 


150,8 




151,4 


145,0 


152,0 




152,2 


145,5 


153,9 




151,6 


154.3 


155,0 




153,8 



Das arithmetische Mittel dieser 22 1^'rauen beträgt 152,1; doch ist das Mittel 
der Mehinakü und Nahuquä nach Ausschaltung der jüngeren Frauen niedriger 
geworden. Die durchschnittliche Differenz zwischen den beiden Geschlechtern wäre 
10,5 cm oder die Frauen waren durchschnittlich um 6,5 ''/o kleiner als die Männer. 

Die kräftigst gebauten Indianer fanden sich unter den Mehinakü, vgl. Tafel 14, 
sehr stämmigen Burschen, und den Nahuquä, vgl, das Bild auf Seite 94. Die 
auffallendste Erscheinung an ihrem Körperbau ist der breite und tiefe Brustkasten 
und die gewaltige Schulterbreite der Männer. Die Beckenbreite erscheint geringer 
als die Thoraxbreite, Aeltere Männer und die Kinder zeichneten sich häufig 
durch ein Bäuchlein aus. Die Frauen hatten wenig breite Hüften, die Waden 
waren schwach und die Füsse etwas einw^ärts gesetzt, wie wenn sie immer auf 
schmalem Pfade gingen, sodass der Gang besonders der mit einer Last daher- 
trippelnden PVau keineswegs schön war. Wir haben eigentlich nur eine Indianerin 
gesehen, deren Figur auch nach unsern Begriffen graziös und ebenmässig war, 
es ist das schlanke Bakairi'mädchen in der Mitte der Gruppe auf Tafel 5, dem die 
Photographie allerdings nicht gerecht wird. 

Klafterweite. Körperhöhe = 100. 

Die Schwankungen sind im Einzelnen bei jedem Stamm gross, bewegen sich 
aber zwischen ähnlichen Grenzen, sodass der Unterschied in den arithmetischen 

V. d. Steinen, Zential-Brasilien. 1 1 



102 — 

Mitteln der Serien zurücktritt. Dass die Klafterweite geringer war als die Körper- 



höhe, fand sich je einmal bei den Aueto ( — 0,5), den Kamayura ( 
den Triunai ( — 3,8). 



1,3) und 



M 


ä n n e r 


Max. 


Min. 


Min. 


l''raueii 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Triimaf 


7 


106,2 


97,5 


102,7 


— 


— 


— 




Nahuqud 


14 


105,7 


100,2 


103,5 


12 


io8,S 


100,3 


103,8 


Kamayurd 


14 


107,6 


99,2 


104,5 


4 


103,6 


102,1 


103.5 


]jaka'iri 


10 


I0S,2 


102,1 


104,9 


6 


105,8 


101,8 


103,3 


Kustenaii 


— 


— 


— 


— 


I 


— 


— 


105,0 


Mehinakü 


6 


107,3 


100,5 


105,0 


5 


108,7 


102,5 


105.5 


Aueto 


•4 


ioS,4 


99,7 


105,2 


2 


106,0 


101,8 


103,9 


Waura 


1 


— 


— 


108,3 


I 


-- 


— 


106,6 



Die Nahuquä, Kamayura, Bakai'ri, Mehinakü, Auetr) erscheinen hier in gleicher 
Reihenfolge wie bei dem Mass des Brustumfangs. 



Schiilterbreite. A. Körperhöhe =- 100. 



M ä n n e r 



Nahuqud 

Kamayura 

Waurd 

Aueto 

Bakairf 

'IVumai 

Mehinakii 



B. 



Auetii 

Nahuqud 

Waura 

Bakairi 

Trumai 

Kamayurd 

Mehinakü 



M ä n n e r 

4 
5 



10 
1 

4 
6 



Max. 
25,0 
24,9 

25.7 
26,2 

26,8 
Absolut. 

Max. 
40,0 
41,0 

42,0 

41,5 

44,5 



Min. 

22,4 
23,6 



23,6 
23.9 

24,6 



Min. 
3S,o 
36,5 

3^,0 

39.0 
39,5 



Mitt. 
24.1 
24.4 
24.4 
24.5 
24.7 
24.9 
25.2 



MiU. 
39.0 
39,2 
39.5 
39,7 
40,0 
40,1 
41.4 



Frauen Max. 

1 — 

2 22 7 



5 



23.7 
24,1 



54.5 



Min. 
21,5 



23,0 
23.4 



MiU. 
22,4 
22,1 
23,8 
23.4 
237 



Krauen Max. Min. Mill. 

2 36,0 33,0 34,5 

I — ^ 33.0 

I — — 35.0 

5 39,0 33.0 35.0 



!3.5 34.0 



Brustumfang. A. Körperhöhe =^ 100. 



Nahuqud 

Kamayurd 

Bakairf 

Trumai 

Kustenaii 

Mehinakii 

Auetö 



M ä n n e r 
14 
4 
10 



6 
14 



Max. 
57.6 
59.0 

58,8 



60,3 
60,6 



Min. 
50,8 
53.0 
54,4 



56,4 

55-S 



Milt. 
55.1 
55,9 
56.5 
56,6 

57.9 
58,2 



r a u e n 


Max. 


Min. 


Mitt. 


12 


59," 


4S-3 


53.2 


2 


56,6 


50.3 


53,5 


6 


59,1 


50,0 


54.0 


I 


— 


— 


54,7 


5 


59,6 


50.7 


55,5 


2 


56,3 


55.6 


56,0 



Diese Zahlen sind sehr hoch. Nach Topinard haben die Schotten 50,7- 
nordamerikanische Indianer 55,5, die Deutschen 53,8, Die ausserordentlich starke 
Entwicklung des Brtistkastens und der Schulterbreite ist auch das Moment, das 
bei dem Anblick unserer Indianer sich als auffallendstes vordrängt. Man be- 
trachte den Mehinakü links auf Tafel 14. Selbst die Nahuquä, die in den 



i63 — 



Messungen am schlechtesten wegkommen, zeichnen sich durch einen kräftigen 
Thorax aus, vergl. das Bild S. 95. Die Aueto mit ihrem niedrigen Wuchs 
haben den verhältnismässig grössten Brustumfang. 

Bei der Wichtigkeit dieses Masses gebe ich die Umfänee auch 





B. 


Absolut. 














M 


ä 11 11 e r 


Max. 


Min. 


MiU. 


V r a n e n 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Nahuqud 


14 


96,0 


S3o 


89,5 


12 


Sq. 5 


70,0 


80,0 


Bakairf 


10 


94-9 


S4,o 


90,9 


6 


86,0 


75.5 


81,7 


rrumai 


I 


-- 


— 


91,0 


— 


— 


— 


— 


Kustenaü 


— 


— 


— 


^- 


I 


— 


— 


82,0 


Kamayurä 


4 


97>5 


S7,S 


91:9 


2 


86,0 


78,3 


82,6 


Aueto 


14 


99,0 


87,0 


93.1 


2 


87,0 


78,5 


82,7 


Waura 


I 


— 


— 


94'0 


I 


— 


--^ 


79,0 


Mehinakil 


6 


101,5 


91,5 


95-1 


5 


90,0 


78,0 


84,0 



Kopf höhe. Körperhöhe 100. 





M 


ä 11 n e r 


Max. 


Min. 


Miü. 


1'" r a u e n 


Max. 


^rin. 


MlU. 


Kamayurä 




4 


15,6 


12,4 


13-8 


2 


14,2. 


13.7 


14,0 


Mehinakil 




() 


■5-7 


12,7 


13.9 


" 


• _._ 


— 


— 


Nahuqud 




4 


.5,8 


12,7 


13.9 


I 


- 


— 


14-5 


Bakairi 




10 


'5-3 


13. 1 


14.2 


6 


14,4 


13-0 


13.6 


Waurd 




I 


— 


— 


14-3 


I 


— 


- 


12,6 


Auetn 




4 


14,8 


14,1 


14-3 


2 


15,8 


13-1 


14-5 


'rniniai 




I 


-- 


— 


14-5 


— 


— - 


— 


-- 



Das Mass schwankt also zwischen ^7 und ^'s der Gesamthöhe. Bei den 
Männern finden sicii verhältnismässig niedrigere Köpfe als bei den Frauen. Das 
Maximum 15,8 "/o gehört einer Auetii-Frau, das Minimum 12,4 "/<> einem 
Kamayurä an. 



vo 


pfiinifang. 


Kör 


per 


höhe 


- 100. 














M 


ü n n e i 




Max. 


Min. 


Mitt. 


1'' r a u e n 


Max. 


Min. 


Mitt. 




Trumai 


I 




— 


-- 


32,4 


— 


— 


— 


— 




Kiimayurd 


4 




33.9 


33.5 


33.7 


2 


34,9 


34,0 


34.5 




Bakairi 


10 




35'3 


32,5 


33,7 


6 


38,3 


33.7 


35.5 




^Vlehinakü 


() 




34.9 


32,8 


33,8 


— 


— 


— 


— 




Nahuqud 


5 




34,9 


32,8 


34.0 


I 


— 


— 


35-4 




Waurd 


I 




— 


— 


34.3 


I 


— 


— 


32,2 




Aueto 


4 




35.4 


33.8 


34.5 


2 


3^^.i 


34,2 


35,2 



Das Maximimi der Gesamtheit betrifft eine Bakain'-Frau, die besonders klein 
war und niu- 140,5 cm Körperhöhe hatte. Die Waiu'ä-Frau mit 32,2 war 147,5 cm 
gross. Ihr folgt im Mindestmass schon der Trumai-Mann mit Körperhöhe 160,7 
und Kopfumfang 52,0, sodass die schon beim blossen Anblick auffällige Thatsache, 
wie klein die Köpfe der Trimiai verhältnismässig waren, durch die Zahl 32,4 
deutlich ztmi Ausdruck gelangt. Die Aueto dagegen, auch diu-ch ihre kleine 
Statin' ausgezeichnet, hatten wenigstens umfangreiche Köpfe, wie sie einen tmi- 
fangreichen Brustkasten hatten. 

II* 



— 164 



Längenbreiten-Index des Kopfes. 



M 


ä n n e r 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Frauen 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Waura 


I 


— 


— 


77.4 


I 


— 


— 


84.9 


Mehinakvi 


6 


79>2 


75'2 


77.7 


5 


80,2 


74.8 


77.5 


Kusteiiaü 


— 


— 


— 


— 


I 


— 


— 


78.5 


Kamayurd 


14 


81,6 


75.6 


78,8 


4 


81,7 


74.4 


77.9 


Bakairi 


10 


82,6 


73-8 


78,9 


6 


84.3 


77.9 


80,1 


Aueto 


14 


83,2 


73.0 


794 


2 


80,3 


77.5 


78,9 


Nahuqua 


15 


84,8 


75.4 


80,5 


1 2 


84,1 


72.7 


80,8 


Trumai 


S 


83,8 


78,6 


81,1 


— 


— 


— 


— 



Meine Messungen der Rakairi von 1884 weichen von diesen der Kulisehu- 
Bakairi nicht unerhebhch ab. 





Abi., 10. A u e l ' 



Min. 


Mitt. 


72,5 


75.9 


75.1 


77'3 


78,7 


79.9 



Max. 
6 Männer am llatovy 78,8 

4 » » l'aranatinga 80,4 

6 » » Rio Novo 83,2 

Wir sehen, dass die Verschiedenheiten der Mittel zwischen den einzelnen 
Stämmen sowohl als auch zwischen den Individuen desselben Stammes gross sind, 
dass es sich im allgemeinen um mesokephale Schädel handelt, und dass am 
entschiedensten die Trumai die Grenze zur Brachykephalie überschreiten. Ordnet 
man die Frauen der Stämme, die Serien darbieten, nach den Mitteln, so ist die 
Reihenfolge dieselbe wie bei den Männern: Mehinakü, Kamayurä, Bakairi, Aueto, 
Nahuqua. Nur bei den Bakairi ist der Index der Frauen gleichmässig für 
Maximum, Minimum und Mittel höher als der Männer. 



- i65 - 
Verhältnis von Kopflänge zur Ohrhöhe. Grösste Länge des Kopfes 



M 


ä Ti n c r 


Max. 


Min. 


Mitl. 


Frauen 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Bakairi 


lO 


69.7 


59-0 


64.7 


6 


71,2 


59>i 


65,8 


Kamayurd 


14 


69,6 


60,6 


64.7 


4 


68,7 


58,9 


64,4 


Auetö 


14 


70,3 


60,9 


65.4 


2 


63.4 


62,0 


62,7 


Kustenaü 


— 


— 


-- 


— 


1 


— 


— 


67-3 


Mehinaku 


6 


71,0 


63,8 


65,8 


5 


68,7 


59.4 


65-3 


Waurä 


I 


— 


- 


65,6 


I 


— 


— 


67,6 


Nahuqiiä 


15 


71.5 


62,8 


67-4 


12 


76,0 


65.9 


69.9 


Trumai 


8 


72,6 


6S,o 


70,5 


— 


— 


-- 


— 



100. 



Die Nahuqiui und die Truniai, die die breitesten Schädel besitzen, besitzen 
auch die höciisten. 



Männer 


Max. 


Min. 


Mitt. 


F 


rauen 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Bakairi 


9 


58,3 


49.1 


47.8 




6 


61,6 


50,6 


56.1 


Waiird 


I 


— 


— 


50.0 




1 


— 


— 


56.0 


Trumai 


I 


— 


— 


50.8 




— 


— 


— 


— 


Kamayurd 


4 


62,4 


42,7 


54.5 




2 


56,8 


54.5 


55.7 


Mehinaku 


6 


59.2 


52,4 


56.4 




— 


-- 


— 


— 


Nahiiqua 


5 


64,5 


53.3 


58.0 




I 


-^ 


— 


59.8 


Aiieto 


4 


62,9 


54.5 


59.0 




2 


60,6 


53.1 


56.9 




B. 


Nasenwurzel — 


-Kinn ^ 100. 










Männer 


Max, 


Mm. 


Mitt. 


F 


rauen 


Max. 


Min. 


MiU. 


Trumai 


I 


— 


— 


79.1 




— 


— 


— 


— 


Kamayurd 


4 


93.2 


64,9 


81,3 




2 


98,9 


89.7 


943 


Bakairi 


8 


88,7 


80,5 


84.5 




6 


98.9 


81,3 


881 


Auetö 


4 


94>7 


85.0 


88,4 




2 


97.0 


89.9 


935 


Mehinaku 


6 


96,4 


85.5 


89,8 




— 


— 


— 


— 


Nahuqud 


5 


102,5 


86,0 


93.7 




I 




— 


100,0 


Waurd 


I 


— 


— 


100,0 




I 


— 


— 


86,6 


Die Gesicl 


iiter 


der Nalii 


iquä 


erschienen 


besonders wegen der 


Breite der 


Kiefervvinkel seh 


r viereckig. 
















Jochbogen. A 


. Haarrand — 


Kinn 


100. 












Männer 


Max. 


Min. 


Mitt. 


F 


rauen 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Waura 


I 


— 


— 


67.5 




1 


— 


— 


87.3 


Nahucjud 


5 


74.6 


68,6 


72,0 




1 


— 


— 


70,0 


Trumai 


I 


— 


— ^ 


72,2 




— 


— 


— 


~- 


Bakairi 


9 


76,6 


67.7 


72,9 




6 


83.0 


71.9 


76.9 


Auetü 


4 


80,5 


7M 


74.9 




2 


77.5 


74.7 


76,1 


Kamayurd 


4 


81,2 


74.5 


77.8 




2 


76,9 


74.3 


75.6 


Mehinaku 


6 


84,9 


74.3 


79.8 




— 


— 


— 


-- 


B. 


, Nasenwurzel 


. — Kinn - 100. 












M ä n n e r 


Max. 


Min. 


Mitt. 


F 


rauen 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Waurd 


I 


— 


— 


110,7 




I 


- 


— 


130,1 


Nahuqud 


9 


122,7 


103,4 


113,2 




12 


130,0 


116,3 


125 


Aueto 


5 


122,4 


1 10,8 


114,1 




2 


124,0 


122,2 


1231 


Bakairi 


9 


121,1 


109,2 


114.7 




6 


131,6 


109,5 


120,8 


Kamayurd 


14 


126,4 


105,2 


115.0 




4 


134.7 


108,3 


123,1 


Kustenaü 


— 


— 


.._ 


— 




I 


— 


— 


116,3 


Trumai 


7 


123.3 


1 10,2 


117.9 




— 


— 


— 




Mehinaku 


6 


134.3 


121,4 


127,4 




5 


141,8 


127,0 


1313 



i66 — 



geiibein 


hö 


cker. 


A. 


11; 


;ianand 


— Kinn 


100. 










Männer 


Max. 




Min. 


Miit. 


J'rauen 


Max. 


Min. 


Mitt. 


'l'niniai 




I 


— 




— 


42,2 


— 


— 


— 


— 


Bakairi 




8 


48,1 




39.8 


43.6 


6 


47.2 


40,6 


44.3 


Waiira 




I 


— 




- 


44.5 


I 


... 


-' 


51.3 


Nahuqua 




5 


50,5 




41.5 


44,6 


1 


— 


- 


40,2 


Aueto 




4 


47.2 




45.6 


46,1 


2 


48,8 


45.0 


46,9 


Mehinakü 




6 


49.4 




42,4 


46,4 


— 


— 


— 


~ 


Kamayuni 




4 


53.5 




41.5 


46,9 


2 


44.3 


42,6 


43.5 



B. Nasenwurzel — Kinn 



100. 



Irumai 

Aiieto 

Bakairi 

Kamayura 

Nahiifjud 

^V^urd 

Mehinakü 



Männer 
I 



Max. 

72,6 

75.8 
76,5 
80,3 

77.3 



Min. 

65,2 
62,7 
66,1 
64.5 

69,0 



Mitt, 
65,8 
69,1 

69.4 
70,1 

71.8 
72,9 
73.5 



Frauen 


Max. 


Min. 


Mitt. 


2 


79.8 


72,0 


75.9 


6 


71.8 


65.4 


69.3 


2 


So, 4 


67,3 


73.9 


1 


— 


— 


67-3 


1 


— 


— 


79.4 



Mittelgesicht. Nasenwurzel— Kinn ^ 100. 



Naluiijud 

Truniai 

Kamayura. 

Mehinakü 

Bakairi 

Aueto 

Waurd 



M ä n n e r 

5 
I 

4 
6 
8 

4 
I 



Max. 
64.9 

64,0 
66,7 
68,6 
66,4 



Min. 

56,8 

59.5 
58,2 
56,1 
59.2 



Mitt. 
61,0 
61,7 
61,9 
62,0 
62,4 
62,9 
657 



Frauen Max. 



66, 



Min. 



62,6 



Mitt. 



64.5 



65.4 


59.0 


61,8 


62,6 


60,0 


61,3 


— 


— 


61,9 



Nasenhöhe. Nasenlange = 100. 



Mannt 



Mehinakü 

Waurd 

Bakairi 

Kamayura 

Nahu([ud 

Trumai 

Aueto 



Max. 
106,6 

112,7 
104,4 
121,4 

113. o 



Min. 
83.9 

S(),6 

93.3 
89,4 

96,2 



Mitt. 

96,7 
98,1 

98,3 
100,7 

102,0 
104.3 
105.5 



F r a u e n 



Max. 



Min. 



Mitt. 



— 


— 


93.2 


04,9 


91.8 


96,1 


07.5 


107,1 


107.3 


— 


— 


97.8 



95. 



93.3 



94,2 



Nasenbreite. Nasenhöhe 100. 



M 


ä n n e r 


Max. 


Min. 


:\iitt. 


Frauen 


Max, 


Min. 


Mitt. 


\Vaura 


I 


— 


-■ 


73,1 


I 


— 


— 


82,9 


Trumaf 


I 


— 


— 


75.5 


— 


■ — 


— 


— 


Aueto 


4 


81,3 


70,4 


76,3 


2 


87,5 


80,9 


84,2 


Kamayurd 


4 


83.3 


74.5 


79.9 


2 


86,0 


68,9 


77.5 


Bakairi 


10 


100,0 


66,7 


81,0 


6 


9S.O 


66,0 


79.3 


Mehinakü 


5 


91,1 


76,1 


82,3 


— - 


-- 


— 


— 


Nahuqua 


5 


102,2 


74.5 


86,9 


I 


— 


— 


76,7 



u 


ä n n e r 


l\[ax. 


Min. 


Kiistenaü 


1 


— 


— 


NahiKiud 


5 


S3,f^ 


So,i 


Kamayurd 


H 


S5,7 


Si,i 


'rnimai 


I 


— 


— 


Mehinakü 


6 


S4,S 


82,1 


Anetü 


H 


S6,o 


Si,4 


Waura 


I 


— 


— 


]>akairi 


lO 


5^5,6 


82,6 



brauen 


Max. 


Min. 


Mitl. 


12 


.S5,7 


82,4 


83-5 


4 


84,2 


81,9 


83.0 


5 


84,4 


82,6 


83,6 


2 


83-1 


81,2 


82,2 


I 


— 


— 


84.3 


6 


84.5 


H2,3 


834 



— 167 
Schulterhöhe. Körperhöhe 100. 

Mitl. 

80,4 
82,4 
83,0 
83.3 
83-3 
83>4 
835 
84,0 

Das Maxhnum unter den Männern von 86,0 hat ein Aueto, das Minimum 
von 80,1 ein Nahuquä, bei den Frauen findet sich umgekehrt das Maximum von 
85,7 bei einer Nahuqua und das Minimum von 81,2 bei einer AuetÖ. Die Differenz 
zwischen den Geschlechtern ist also am grössten bei den Nahuquä und den Aueto, 
im Durchschnitt wäre der Mann bei den Nahuquä in den Scliultern um 1,1 ^/o der 
Gesamthöhe niedriger und bei den Aueto um 1,2 "/o höher als die Frau. 

Nabelhöhe. Körperhöhe — 100. 

Männer Max. !\Iin. Mitt. Frauen Max. Min. Mitl. 

Meliinakd 6 60, i 58,0 58,5 _ _ — — 

Nahuquä 5 59,4 57,8 58,6 i — — 57.3 

Kamayurd 4 61,6 58,0 59,5 2 60,5 59,7 60, 1 

Waurd i — — 59,7 1 — — 60,7 

Bakairf 10 61,0 57,8 59,7 6 60,8 59,5 60,4 

Aueto 4 61,5 59,5 60,6 2 59,4 59,1 59.3 

Trumaf i — — 60,6 — — — ' — 

Männer: Maximum 6i,6 Kamayura, Minimum 57,8 Bakairi und Nahuqua. 

Frauen: Maximum 60,8 Bakairi und Minimum 59,1 AuetÖ. 

Syniphysenhöhe. Körperhöhe = 100. 

Männer Max. Min. Mitt. Frauen Max. Min. Mitt. 

Mehinakü 4 50,7 48,1 49,2 — — — — 

Nahuqua 5 50,9 50,3 50,7 i — — 49'9 

Trumai i — — 50,8 — — — — 

Aueto 3 51,7 50,1 50,9 2 51,8 49,1 50,5 

Kamayxird 4 52,4 49,7 51,1 2 51,0 48,8 49,9 

Bakairi 10 52,5 49,8 51,5 6 51,1 49'° 504 

Waurd i — — 52,4 i — — 51.2 

Hier ist überall das arithmetische Mittel bei den Frauen geringer als bei 

den Männern desselben Stammes. Die Mehinaküfrauen fehlen leider, doch liegt 

das Minimum der Gesamtzahl für beide Geschlechter mit 48, i bei den Mehinakü- 

männern. Innerhalb der Männer Maximum 52,5 Bakairi, Minimum Mehinakü, 
innerhalb der Frauenreihen Maximum 51,8 bei den AuetÖ, Minimum 48,8 bei 
den Kamayura. _ 

Darinbeinkaniinhöhe. Körperhöhe 100, 

Männer xMax. Min. Mitt. Frauen Max. Min. Mitt. 

Mehinakü 6 60,4 55,9 58,8 — — 

Nahuquä 14 61,7 57,8 59,7 i — — 59-6 

Bakairi 10 61,9 58,3 60,0 6 60,7 57,9 597 



— i68 — 

Männer Max. Min. Mitl. Frauen Max. Min. Mitt. 

'l'runiai i — — 60,2 — ■ — - — — 

Kamayiirä 4 62,3 58,6 60,5 2 62,0 59,9 60, 1 

Waurä i — — 61,6 i — — 60,0 

Aueto 4 61,3 59,3 60,0 2 61,0 59,1 60,0 

Männermaximum 62,3 und Frauenmaximum 62,0 bei den Kamayurä. 
Armlänge. Körperhöiie =^ loo. 



M 


ä n n e r 


Max. 


Min, 


Mitt. 


Frau e n 


Max. 


Min. 


:MiU. 


Nahuqud 


4 


46,2 


43,5 


451 


10 


49,2 


45,2 


46-7 


Mehinaku 


6 


46,0 


43,6 


45-4 


5 


48,0 


43,5 


463 


Aixeto 


14 


47,3 


43,9 


45,8 


2 


46,7 


44,7 


45,7 


Triimai 


I 


— 


— 


46,2 


— 


— 


— 


— 


Kustcnaü 


— 


— 


— 


— 


I 


— 


— 


45.7 


Kamayurä 


14 


49.3 


44,6 


46,2 


4 


47,1 


44,3 


45.5 


Bakairi 


10 


47,6 


45-2 


46,2 


6 


46,6 


45,2 


45-6 


Waiira 


I 


— 


— 


46-3 


I 


— 


— 


46,1 



Aufifallend sind die langen y\rme der Nahuqu;ifrauen. Während die Nahuquä- 
männer unter den Männern die kürzesten Arme haben, sind die Arme ihrer 
Frauen nicht nur länger als die ihrer männlichen Stammesgenossen, sondern die 
längsten der Gesamtzahl überhaupt; ihr Maximum 49,2 wird nur von einem 
Kamayurämann mit 49,3 übertrofifen, ihr Minimum ist höher als das Mittel der 
Nahuquämänner. 



Handlänge. 


A. 


, Absolute. 














Männer 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Frauen 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Truniai 




I 


— 


— 


15-3 


— 


— 


— 


— 


Nahu<iua 




5 


iS,o 


15,2 


16,5 


I 


— 


--- 


15-5 


Bakatrf 




10 


■8-5 


15,3 


16,6 


6 


18,0 


14,8 


15-8 


Kamayurä 




4 


iS,5 


16,5 


17,0 


2 


16,5 


16,3 


16,4 


Auetü 




4 


iS,5 


.5,8 


17,2 


2 


16,3 


13,7 


15,0 


Mehinaku 




6 


19,0 


16,5 


17-4 


— 


— 


— 


— 


Waurä 




I 


— 


— 


17,5 


I 


— 


— 


15,6 




B. 


Körperhöhe 


=- 100. 












Männer 


Max. 


Min. 


Mitt. 


brauen 


Max. 


Min. 


IMitt. 


Trumai 




I 


— 


— 


9.5 


— 


— 


— 


— 


Nahuquä 




5 


TO,8 


9,3 


10,1 


I 


— 


— 


10,8 


Bakairi 




10 


I 1,2 


9,3 


10,2 


6 


11,3 


9,2 


10,3 


Kamayurä 




4 


I 1,1 


10,0 


10,3 


2 


10,8 


10,4 


10,6 


Auetü 




4 


II.5 


10,1 


10,5 


2 


10,4 


9,8 


10,1 


Mehinaku 




6 


11,4 


10,0 


10,6 


— 


— 


— 


— 


Waurä 




I 


— 


— 


10,6 


I 


— 


— 


10,5 




C 


. Armlänge - 


: 100. 












Männer 


Max. 


Min. 


Milt. 


1' r a u e n 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Truniai 




I 


— 


— 


20,6 


— 


— 


— 


— 


Bakairi 




10 


24,3 


20,2 


22,2 


6 


25,0 


21,5 


22,9 


Kamayurä 




4 


24,5 


20,5 


22,5 


2 


24,2 


23,0 


23.6 


Nahuquä 




5 


24,3 


2 1,4 


22,6 


I 


— 


— 


21, 9 


Auetü 




4 


24,9 


22,3 


23.4 


2 


22,3 


22,0 


22,2 


Mehinaku 




6 


25,1 


21,7 


23,4 


— 


— 


— 


— 


Waiirä 




I 


— 


— 


22,8 


I 








22,9 



— 1 6g — 

Die Hand der Indianer ist verhältnismässig kurz und die Frauenhand mehr- 
fach verhältnismässig kürzer als die Männerhand. 

Längen-Breiten-Index der Hand. Handlänge -^ loo. 



M 


an 11 er 


Max. 


Min. 


MiU. 


Frauen 


Max. 


Min. 


MiU. 


Bakairi 


lO 


56.2 


43'4 


44-1 


6 


50,9 


41-7 


47-3 


Nahuqud 


5 


52,6 


47.!^ 


453 


I 


— 


— 


45'2 


Kamayurä 


4 


4.S,5 


43.4 


458 


2 


42,9 


41-2 


425 


Mehinakü 


6 


51.5 


48,0 


50.2 


— 


— 


— 


— 


Aueto 


4 


55.9 


48,6 


51.5 


2 


54,7 


46,0 


504 


Waurd 


I 


— 


— 


54.3 


I 


— 


— 


51,3 


Trumai 


I 


— 


— 


55-6 


— 


— 


~ 


— 



Die Mehinakü haben die relativ längste und eine auch recht breite Hand. 
Die Hand der Bakairi und Nahuquä ist kurz und schmal, die der Auetö lang und 
breit, die der Kamayurä massig lang und schmal. 



haiiterhö 


he. 


Körperhöhe = 


100. 










M 


ä n n e r Max. 


Min. 


MiU. 


Frauen 


Max. 


Min. 


MiU. 


Kustenaü 


I 


— 


— 


503 


— 


— 


— 


— 


Mehinakü 


6 


52,2 


48,4 


50.6 


5 


5 •■4 


47.6 


50'2 


Aueto 


14 


53.6 


47.2 


50,6 


2 


52,4 


4^.7 


505 


Trumaf 


I 


— 


— 


51.0 


— 


— 


— 


— 


Waurä 


I 


— 


— 


51-6 


1 


— 


— 


515 


Nahuquä 


5 


52.4 


50.7 


517 


12 


52,1 


50,2 


512 


Bakairi 


9 


52,7 


50,7 


52.0 


6 


54,3 


51,1 


52,6 


Kamayurä 


14 


53.6 


5M 


521 


4 


52,0 


50,6 


513 



Das Maximum 54,3 der Gesamtzahl ist bei den Bakairi -Frauen und das 
Minimum 47,2 bei den Auetö -Männern. 



Fusslänge. 


A. 


Absolut. 














Männer 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Frauen 


Max. 


Min. 


Mitt. 


Xahuquä 




3 


25.0 


23,0 


24,0 


I 


— 


— 


23-7 


Trumai 




I 


— 


— 


24.5 


— 


— 


— 


— 


Aueto 




4 


25.S 


23,5 


24,6 


2 


22,0 


20,5 


21,3 


Kamayurä 




4 


25.5 


23.3 


24,6 


2 


23,0 


22,5 


22,8 


Bakairi 




7 


26,5 


22,4 


24.7 


2 


24,7 


22,3 


23,5 


Mehinakü 




5 


27,5 


24.5 


25.7 


— 


— 


— 


— 


Waurä 


B. 


I 
Körp( 


srlänge 


— 100, 


26,0 


I 






23.0 


M.änner 


Max, 


Min. 


Mitt. 


Frauen 


M:ix. 


Min. 


Mitt. 


Xahuquä 




3 


'5.3 


13.9 


14,7 


I 


— 


— 


16,1 


Kamayurä 




4 


16,0 


14,1 


15,0 


2 


14,8 


14,8 


14.8 


Trumai 




I 


— 


— 


15.2 


— 


— 


— 


— 


Auetö 




4 


16,1. 


14,8 


15-3 


2 


14.7 


14,1 


14.4 


Bakairi 




7 


15,9 


14.3 


15.4 


2 


15-3 


14.4 


149 


Mehinakü 




5 


16,3 


14.8 


15.6 


— 


— 


— 


— 


Waurä 




I 


— 


— 


157 


I 


— 


— 


156 



Die Fusslänge ist ebenso wie die Handlänge am grössten bei den Mehinakü, 
gering bei den Nahuquä, während die Bakairi verhältnismässig längere Füsse als 
Hände haben. Es ist schade, dass wir nicht wissen, ob die einzige gemessene 
Xahuquä- Frau, die sich durch einen so auffallend langen Fuss auszeichnet, nicht 



— 170 — 

vielleicht eine der bei dem Stanini cin_L,refühitcn Mehinakii gewesen ist. Bei allen 
Nahuquä-Frauen waren die Zehen sehr kurz, bei der gemessenen die vierte und 
fünfte Zehe des rechten Fusses stark verkürzt und verkrüppelt. 

Die zweite Zehe war häufig länger als die erste, und beim Gehen zeigte 
sich ein Abstand zwischen beiden. Der Abstand bei aufstehendem Fuss war 
zuA\'eilen von rechteckiger Form. 

Längenbreiteii-Index des Fusses. Fusslänge - 100. 

Mitt. Friiiicn 

40,4 1 

41,2 2 

41,7 I 

41,7 — 

42 o 2 

424 2 

429 — _ _ _ 

Um einen gewissen Ueberblick über die Art zu geben, wie sich den 

Messungen zufolge die einzelnen Stämme unterscheiden, stelle ich die 6 Stämme, 

von denen Avir kleine Serien besitzen, für die wichtigsten Masse so zusammen, 

dass ich jedem die Nummer der Reihenfolge zuweise, die ihm zukommt: i hat 

die niedrigste Messzahl, 2 eine höhere und so fort bis zu 6, der höchsten 

Zahl der Reihenfolge. Die Kolumnen sind nach der Körperhöhe rangiert. 



M 


ä 11 11 e r 


Max. 


Min. 


Waiir.i 


I 


— 


— 


Bakairi 


7 


43.1 


39.6 


Nahuqiia 


3 


44.3 


40,S 


Mehinakü 


5 


44.9 


37.5 


Aiieto 


4 


42,6 


40,7 


Kaniayurä 


3 


44,0 


40,8 


Trumai 


I 


— 


— 



Max. 


Min. 


Mitt. 


— 


— 


38.2 


40,4 


3^,5 


39.5 


— 


— 


37.9 


43.9 


3^^^ 


41.3 


40,0 


37.0 


385 





1 ruiiiaf 


AueLu 


üakairf 


Nahuijua 


Kamayurci 


Meliinakü 


Kürperhühe 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


Klafterweite 


1 


6 


4 


2 


3 


5 


Schulterljieite 


5 


3 


4 


1 


2 


6 


Brustumfang 


4 


6 


3 


1 


2 


5 


Kopf höhe 


6 


5 


4 


3 


1 


2 


Kopfumfang 


1 


6 


3 


5 


2 


4 


Längenbreiten - Index 


6 


4 


3 


5 


2 


1 


Längenhühen - Index 


6 


3 


1 


5 


2 


4 


jochbogenbreite 


2 


4 


3 


1 


5 


6 


Schulterhühe 


3 


5 


6 


1 


2 


4 


Nabelhöhe 


6 


5 


4 


2 


3 


1 


Syraphysenhöhe 


3 


4 


6 


2 


5 


1 


Darmbeinkammhöhe 


4 


6 


3 


2 


5 


1 


Armlänge 


4 


3 


6 


1 


5 


2 


Trochanterhöhe 


3 


2 


5 


4 


6 


1 


Handlange 


1 


S 


3 


2 


4 


6 


Fusslänge 


3 


4 


5 


1 


2 


6 



Die Trumai haben die geringste Zahl von Allen für Statin-, Klafterweite, 
Kopfiunfang, Handlänge, die grösste für Kopfhöhe, Längenbreiten- und Längen- 
höhen-Index des Schädels, Nabelhöhe, die Mehinakü die geringste Zahl für den 
Längenbreiten-Index des Schädels, für Nabel-, Symphysen-, Darmbeinkamm- und 
Trochanterhöhe, die grös.ste dagegen für Statur, Schulterbreite (wie sie sich auch für 
Klafterweite und Brustumfang recht auszeichnen), für die Jochbogenbreite und, obwohl 
Arme und Beine kurz sind, für die Länge des Fusses und der Hand. Die Nahuquä 
haben für kein Mass eine 6, haben aber verhältnismässig viele i und 2 aufzuweisen. 



— 171 — 

Die Hautfarbe zeichnete sich in allen Abstufungen durch gelbgraue I^ehm- 
tone aus; Sonnenbrand, Sciimutz und Bemalung erschwerten die Feststellung der 
urspri-inglichen Farbe ausserordentlich und nur unter den Baumwollbinden der 
Oberarme oder Unterschenkel erkannte man, wie hell die Indianer eigentlich waren. 
Wilhelm legte eine kleine Farbentafel an Ort und Stelle an; ihr zufolge fällt der 
Durchschnittston zwischen Nummer 30 und 33 der Broca'schen Tafel; dunkleren 
Tönen war ein entschiedenes Lila -Violett beigemischt, namentlich auf Brust und 
Bauch, den helleren etwas Gelb. Wir gebrauchten auch die Radde'schen Tafeln 
und fanden die meiste Aehnlichkeit für Stirn und Wange mit 33 m bis n oder 
auch 33 o, den Oberarm annähernd $s m. 

Das Haupthaar war schwarz, besonders bei den Bakairi, Nahuquä und 
Aueto braunschwarz. Blauschwarzer Ton kam nicht vor. Dagegen sah das Haar, 
besonders der Bakairikinder, bei schräg auffallendem Licht merkwürdig hell und 
verschossen aus, es spielte zuweilen in einem dunkelrosafarbigen Schimmer. ,, Ross- 
haar" haben wir niemals angetroffen. Das Kopfhaar war massig dick und grad- 
linigen Verlaufs oder, namentlich bei den Bakairi und Nahuquä, ausgesprochen 
wellig. Zu unserer Ueberraschung sahen wir unter den Bakairi reine Lockenköpfe, 
wie beispielsweise der Typus Tafel 13 wiedergibt. Wieviel davon Natur, wieviel 
Kunst war, ist schwer zu sagen. Jedenfalls hatte der alte Paleko in Maigeri, der 
längst über die Eitelkeit der Jugend erhaben war, kurzes lockiges Haar. Wellig 
ist das Haar der Bakairi auch ohne künstliche Behandlung. Zuweilen war die 
Stirn bis in die Nähe der Brauen behaart. 

Die Wimpern, besonders bei den Nahuquä bis auf die letzte Spur ver- 
schwunden, wurden ausgerupft. Desgleichen das Barthaar. Doch trafen wir öfters 
einen massigen Schnurr- oder Kinnbart, gelegentlich auch Wangenbart, zumeist 
bei den Kamayurä. Achsel- und Schamhaar wurden ebenfalls ausgerupft. 

Der Gesichtstypus der einzelnen Stämme zeigte gewisse Verschiedenheiten, 
die schwer zu definieren sind. Es giebt ein Bakairi-Gesicht, das ich mir zutrauen 
würde, nicht mit einem Gesicht aus den übrigen Kulisehustämmen zu verwechseln, 
das aber mit Karaiben der Guyanas die grösste Aehnlichkeit besitzt. Auch einen 
von Ehrenreich photographierten karaibischen Apiakä des Tokantins würde ich 
sofort für einen Bakairi erklären. Andere Bakairi aber könnten nach ihrer Physio- 
gnomie auch wieder beliebigen andern Kuliseliustämmen angehören. Je mehr 
Indianer man kennen lernte, desto unsicherer wurde man natürlich. Das Bakai'ri- 
oder Karaibengesicht, das icli meine, hat fast europäische Bildung, die Prognathie 
ist gering, Stirn nicht hoch aber gut gewölbt, die Nase hat einen etwas breiten 
Rücken, kräftige Flügel, eine rundliche Spitze, breite Oberlippen, die Augen 
sind schön mandelförmig geschnitten und voll. Dagegen giebt es einen zweiten 
Bakairitypus mit starker Prognathie, einem stark zurückweichenden Kinn, niedriger 
schräger Stirn und einer längeren Nase mit gebogenem Rücken, der uns besonders 
an den Bakairi des Paranatinga auffiel. Eine sonderbare Spezialität des dritten 
Bakairidorfes waren ausgeprägt jüdische Physiognomien. Der Lichtdruck Tafel 13 



— 172 — 

zeigt uns den besten Vertreter dieser Abart, der unserm Reisehumor den Namen 
»Itzig« verdankte. Itzig war der kleinste Bakairi, aber sehr gewandt und stark 
und wie auf der Photographie zu sehen ist, mit einem kräftigen Brustkasten aus- 
gestattet, er hatte schwarzes lockiges Haar, eine breitrückige gebogene Nase und 
würde wohl von keinem Unbefangenen für einen Indianer gehalten werden. Wenn 
es ausser den Mormonen heute noch Leute giebt, die die Kinder Israels in Amerika 
einwandern und als Stammväter der Rothäute gelten lassen, so mögen sie Itzigs Bild 
als vortreffliches Beweisstück entgegennehmen. Wahrscheinlich haben sich dem Zug 
der verlorenen Stämme auch einige Egypter angeschlossen; wenigstens waren einige 
Frauen in ihrer Haartracht, besonders die ,,Egypterin" von dem ersten Dorf mit 
ihrem schmalen Gesicht und ihrer langen leicht gebogenen Nase von grosser Aehn- 
lichkeit mit den Frauen des alten Nilreichs, wie diese uns überliefert worden sind. 

St im Wülste fanden sich vereinzelt bei allen Stämmen, typisch jedoch, und 
bei den kleinen Menschen doppelt auffallend, bei den Trumai. Sie hatten auch 
die stärkste Prognathie und das am meisten zurückweichende Kinn; sie hatten 
eine schmale Nasenwurzel und geringen Abstand der Augen, während die Mehinakü 
durch geringe Prognathie, vortretendes Kinn, breite niedrige Gesichter und weit 
abstehende Augen auffielen. Die Gesichter der Nahuquä waren von denen der 
Bakairi durch ihren plumperen Charakter unterschieden, sie hatten, im Gegensatz 
zu der ovalen P^orm dieser, bei stark vortretenden Kieferwinkeln etwas Viereckiges 
und Vierschrötiges. Die feinst geschnittenen Gesichter fanden sich unter den Kamayurä. 

Die Iris war dunkelbraun und nur ausnahmsweise hellbraun; die Trumai 
hatten verhältnismässig helle Augen. Einen Nahuquä fanden wir blauäugig, er 
hatte in Haar- und Hautfarbe nichts Besonderes, das Haar war schwarz und 
ziemlich straff, er war der Vater eines jungen Mannes mit dunkelbraunen Augen, 
seine eigenen Augen aber hatten eine entschieden blaue Iris. Die Stellung der 
Augen war horizontal oder ein wenig schräg, die P^orm war mandelförmig, die 
Lidspalte bei den Bakairi häufig sehr weit geöffnet, bei den übrigen, besonders 
bei den Nahuquä und Kamayurä ziemlich klein und niedrig. MongoHsche Augen 
haben wir nicht gesehen, nur ein Kamayurä konnte als mongoloid gelten. 

Schöne Zähne waren äusserst selten. Sie waren häufiger opak als durch- 
scheinend, die Färbung war gelblich und nur ausnahmsweise weiss, die Stellung 
vielfach unregelmässig; sie waren ziemlich massig, bei den Mehinakü häufig klein 
und fein. Fast überall erschienen sie stark abgekaut. Man sieht nie, dass sich 
die Indianer die Zähne putzen oder den Mund ausspülen, was ihnen bei ihrer 
mehlreichen Kost recht zu empfehlen wäre. Sie gebrauchen die Zähne sehr rück- 
sichtslos, wenn sie keine Fischzähne oder Muscheln zur Hand haben; sie beissen 
ferner auch in die austerartig harten Plussmuschelschalen ein Loch, um mit dessen 
scharfem Rand Holz zu glätten, und zerbeissen die Muscheln, aus denen sie ihre 
Perlen verfertigen, eine Art der Misshandlung, die besseren Gebissen verderblich 
sein müsste und deren blosser AnbHck mir in der Seele wehthat. 



IX. KAPITEL. 



I. Die Tracht: Haar und Haut. 

Vorljemerkung über Kleidung und Schmuck. Das Haar. Haupthaar, Kiirperhaar, Wimpern. Die 
Haut. Durchbohrung. Umschnürung. Ketten. Anstreichen und Bemalen. Ritznarben. Tätowierung. 

Da ich in diesem und dem folgenden Kapitel nach Möglichkeit auf den 
Ursprung der bei unseren Eingeborenen beobachteten Tracht zurückzugehen 
suche, möchte ich zwei grundsätzHche Bemerkungen vorausschicken. 

Einmal, ich halte es für einen Irrtum, dass eine aus dem Schamgefühl hervor- 
gegangene Kleidung dem Menschen zu seinem Menschentum notwendig sei. Die 
Indianer am oberen Schingü, deren Vertreter für verschiedene Stammesgruppen wir 
kennen gelernt haben, bedürfen der Kleidung in diesem Sinne nicht, was ich daraus 
schliesse, dass sie keine solche Kleidtmg haben. Ihre Vorrichtungen, die wir von 
unserer Gewöhnung aus als Schamhüllen anzusprechen geneigt wären, sind durch- 
aus keine Hüllen, und das Schamgefühl, das die Hüllen geschaffen haben soll, ist 
nicht vorhanden. Schon 1584 schrieb der Jesuitenpater Cardim von brasilischen 
Eingeborenen: »Alle gehen nackt, so Männer wie Weiber, und haben keinerlei 
Art von Kleidung und für keinen Fall verecundant, vielmehr scheint es, dass sie 
in diesem Teil sich im Zustand der Unschuld befinden.« 

Dann muss ich einigermassen Stellung nehmen zu dem Ursprung des 
Schmuckes. Es steht fest, dass es heute bei den Naturvölkern zahlreiche Arten 
von Schmuck giebt, für die kein wirklicher oder eingebildeter Nutzen sichtbar 
ist und die gegenwärtig ganz und gar nur Zierden sind. Dennoch ist es wohl 
unmöglich, dass sich die feineren Empfindungen eher geregt haben als die gröberen. 
Der Jäger hat sich erst mit den Federn der erbetiteten Vögel geschmückt, ehe 
er sich Blumen pflückte. Ehe er sich aber Vögel schoss, um sich mit den 
Federn zu schmücken, hat er Vögel geschossen, um sie zu essen. Er hat sich 
von altersher den nackten Leib mit biniten Lehmen angestrichen. Es ist wahr, 
die schönen Farben liegen in der Natur am Ufer, tnid man ist tagtäglich hinein- 
getreten. Aber sollte es dem Menschen nicht eher aufgefallen sein, dass der 
nasse Lehm die Haut kühlte oder dass die Moskitos nicht mehr stachen, als dass 
er bemerkte, wie sein Fuss an Schönheit gewonnen hatte? Ich glaube, dass er 



— 174 — 

sich zweckbewusst zunächst auch nur deshalb beschmierte, weil er Utilitarier genug 
war, solche Vorteile auszunutzen. 

Manche wollen aber von solchem Anfang Nichts hören. Sie scheinen der 
Ansicht zu sein, dass dem Nützlichen etwas Geringzuschätzendes anhaftet. Warum, 
mögen die Götter wissen. Auch ich glaube, dass der Schmuck aus dem Ver- 
gnügen, dass er wie Spiel und Tanz aus einem Ueberschuss an Spannkräften 
hervorgeht, aber die Dinge, die man braucht, um sich zu schmücken, hat man 
vorher durch ihren Nutzen kennen gelernt. Wir können, sobald man sich zu 
schmücken beginnt, auch schon zwei Hauptrichtungen beobachten. Es giebt eine 
Eitelkeit, die sich auf Heldenthaten bezieht, die Eitelkeit der Jedermann zur An- 
sicht vorgehaltenen Bravouratteste, nennen wir sie die der Trophäe und des 
Schmisses, und es giebt eine zahmere Eitelkeit, die sich mit dem lündruck 
durch schöne oder auch schreckliche Farben genügen lässt, nennen wir sie die der 
Schminke. Ueberall können wir bei unsern Indianern Methoden, die dem Nutzen, 
luid solche, die der Verschönerung dienen, einträchtiglich nebeneinander im Ge- 
brauch sehen, und wir haben allen Grund anzunehmen, dass jene die älteren sind. 

Das Haar. Die Haartracht der Männer ist eine Kalotte mit Tonsur. 
Das Haar wird von dem Wirbel aus radienförmig nach allen Seiten gekämmt, 
fällt vorn auf die Stirn, reicht seitlich bis an das Loch des Gehöreingangs vuid 
hinten nicht ganz bis zum Halsansatz. W'ährend die Suyä das Vorderhaupt kahl 
zu scheeren pflegen und die Tonsur des Apostels Paulus besitzen, haben die 
Kulisehuindianer sämtlich die Tonsur des Apostels Petrus, eine kreisförmige Glatze 
auf dem Scheitel bis zu 7 cm Durchmesser. W^enn der junge Hakairi Luchu in 
Vogel's braunem Lodenponcho stolzierte, sah er aus, wie ein Klosterschüler aus dem 
»Ekkehard«. Man hat geglaubt, die Indianer hätten die Tonsur von dem Beispiel 
der Patres entlehnt, was ihrer Sinnesart gewiss entsprechen würde, allein die 
Tonsur war vor den katholischen Priestern in Amerika. Sie ist bei den süd- 
amerikanischen Naturvölkern ungemein verbreitet gewesen, und da die Portugiesen 
die Geschorenen von coroa, Krone, Tonsur, „Coroados^^ nannten, sind ganz un- 
gleichwertige Stämme verwirrend mit derselben Bezeichnung bedacht worden. 
Pater Dobrizhoffer berichtet, dass bei den Abiponern von Paraguay die Tonsur 
als Auszeichnung der höheren Kaste galt. Hiervon war bei unsern Stämmen 
nicht die Rede. Jeder Knabe erhielt die Tonsur um die Zeit, dass er mannbar 
wurde, luid Antonio erzählte mir, dass er geweint und sich sehr gesträubt habe, 
als sein Vater ihm zum ersten Mal die Glatze schon Der Gebrauch wurde mir 
als uralte Sitte der Grossväter bezeichnet. Nicht immer war man sehr aufmerksam 
im Rasieren. Bei älteren Leuten zumal fand sich die Tonsur oft mit Stoppeln 
überwachsen; man kümmere sich weniger darum, hiess es, »wenn man alt wird 
und Vater und Mutter schon tot sind«. 

Bei den Bakairi wussten sich eitle junge Männer auch durch hölzerne Papilloten 
eine \'olle Lockenfrisur zu verschafiten. Kleine Stücke korkartigen Holzes, mit 



— 175 — 

einer Muschel eingeschnitten, bedeckten den Kopf; die Haarbündel, die sich 
krümmen sollten, lagen in den Hölzern eingeklemmt. Doch schien diese Ver- 
schönerung nur selten geübt zu werden. 

Die Frauen trugen das Haar auf der Stirn in gleicher Weise, nur etwas 
voller, seitlich aber und hinten fiel es frei herab; es reichte auf dem Rücken 
gewöhnlich bis zu den Spitzen der Schulterblätter. Die Ohren waren meist be- 
deckt und auf den Schultern ruhte das nach hinten fliessende Haar auf. So darf 
man wohl annehmen, dass die Tonsur der Männer nichts ist, als eine Konsequenz 
der Unterscheidung der für die beiden Geschlechter üblichen Haartracht. Der 
Mann kürzte das Haar liintcn und an der Seite, die Frau nur über der Stirn. 
Der Mann that, um sich die von ihm gewünschte Kürzung zu erleiclitern, noch 





Abb. II. Bakaiin - Mädchen, 



ein Uebriges und schnitt einen Teil des ihm lästigen, nach hinten und zur Seite 
fallenden Haares schon am Grunde ab. Damit war auch der Vorteil verbunden, 
dass sich das Haar beim Kämmen bequem nach allen Seiten gleichmässig ver- 
teilen Hess. Die Tonsur der Indianer dehnte sich hauptsächlich nach abwärts 
über den Hinterkopf aus (vgl. Abbildung 14). Die Suyämänner dagegen hatten 
mit ihrer Tonsur des Apostels Paulus die Entfernung des über die Stirn fallenden 
Haares weiter getrieben und trugen dafür das Haar hinten bis auf die Schulter 
hängend oder aufgeknotet. Langes Hinterhaar und Wirbeltonsur findet sich 
nicht zusammen. Für diesen einfachen Vorgang bedarf es keiner Kopierung 
der Patres. 



— 176 — 

Alles übrige Körperhaar, mit Ausnahme der Augenbrauen, wurde rasiert oder 
frischweg ausgerupft. Die Wimperhaare wurden nicht, wie bei den Yuruna am 
untern Schingü, auf einen Tukumfaden gelegt und dann mit einem Ruck gleich- 
zeitig ausgerissen, sondern Stück für Stück den Kindern im frühesten Alter aus- 
gezogen. Das Rasieren der Tonsur geschah mit einem Endchen Lanzengras; man 
hielt diese Rasiermesser in der Nähe des Hauses angepflanzt. Mit den Zähnen 
des Piranyafisches wurde das Haar geschnitten. Die von den Frauen so gern 
gegenseitig geübte und täglich gepflegte Läusejagd habe ich bei Männern nie 
gesehen. Der Kamm, aus spitzen Bambusstäbchen geflochten, hing an der Hänge- 
matte. Von dem Bemalen mit Urukürot war auch das Haar nicht ausgenommen; 
gelegentlich trofi" es von dem roten Oel und sogar Muster Hessen sich anbringen: 
ein festlich gestimmter Aueto hatte sich den untern Rand der Kalotte mit einem 
zwei Finger breiten Streifen von Urukürot bestrichen, während zwei Streifen auf- 
wärts von den Ohren zur Tonsur führten, sodass sich der kostümkundige Wilhelm 
zum Vergleich mit einer frühmittelalterlichen Sturmhaube angeregt fühlte. 

Ich habe namentlich Tumayaua öfter zugesehen, wenn er sich die spärlichen 
Barthaare ausrupfte. Im Besitz eines Spiegels konnte er sich dieser beschaulichen 
Beschäftigung mit grosser Aufmerksamkeit Stunden lang hingeben; Schmerz 
empfand er dabei sichtlich nicht, sondern das Behagen eines fleissigen Mannes, der 
seine anregende Arbeit liebt. An die Prozedur als etwas Selbstverständliches 
von Jugend auf gewöhnt, hatte er das schlimmere Teil bei jeder Operation, die 
Angst davor, kaum kennen gelernt. Eitel sind die Leute in hohem Grade; 
dass aber die Nerven der Indianer schon von vornherein träger reagieren als 
die unsern, ist nach dem Verhalten der Kinder unwahrscheinlich. Derselbe 
Mensch, der sich die angeschwollene Haut mit dem Wundkratzer, auf den 
ich noch zurückkommen werde, in dem Bewusstsein, dass er sich dadurch 
kuriere, mit dem Ausdruck nur geringer Schmerzempfindung stark aufritzte, schrie 
auf, wenn ich ihm das Brennglas über die Hand iiielt, sobald der erste uner\yartete 
Schmerz entstand. 

Ohne Zw^eifel haben wir es bei dem Ausrupfen der Haare heute mit altem 
Brauch, mit einer Tracht, zu thun, wobei Niemand mehr denkt, nach dem Grunde, 
oder wohl richtiger den Gründen, zu fragen. Man übt die Sitte, man ist an sie 
gewöhnt und findet deshalb Fremde hässlich, die sie nicht kennen. Es ist be- 
merkt worden, dass der Bart gerade von solchen Völkern ausgerupft werde, die 
von der Natur schon spärlich mit dieser Zierde bedacht sind, und man hat sich 
nicht begnügt, zu sagen, dass es hier eben leichter möglich sei, ihn auszurupfen, 
sondern geglaubt, dass die Spärlichkeit als solche den Leuten hässlich erschienen 
sei. Hässlich dünkte den Frauen nun aber erst recht mein langer und dichter 
Bart, und die eine oder andere Indianerin gab mir, mit vertraulichem Widerwillen 
daran zupfend, den wohlmeinenden Rat, dass ich ihn doch auch ausrupfen möge. 
Auch würden sich die so radikal beseitigten Wimpern keineswegs mangelhaft 
entwickeln, wie die prächtigen Wimpern der »zahmen« Indianer beweisen. Im 



TAF. XIV. 




-3 

< 



V. d. Steinen, Zentral -Brasilien. 



— 177 — 

Uebrigen wurde die Bartpflege weitaus am nachlässigsten behandelt, und so wird 
der Brauch, das Haar zu entfernen, wohl auch nicht zuerst bei ihr eingesetzt haben. 

Für das Schamhaar, das nur die Suyä- Männer nicht entfernten, während 
ihre absolut nackten Frauen dies thaten, kann man den ziemlich grob naiven Ein- 
geborenen am ehesten zumuten, dass sie sein Vorhandensein als besonders hässlich 
erachteten. Doch ist es schwerlich befriedigend anzunehmen, dass es nur die dem 
Menschen angeborene Freude an glatter Haut sei, die den so energischen Ver- 
nichtungskrieg des unbekleideten Eingeborenen gegen alles Körperhaar in Szene 
gesetzt hat. Es fehlt nicht an Griuiden, die es als vielfach lästig erscheinen 
lassen. Man sagt sich, dass auch Insekten, die nicht nach Art der Läuse 
verspeist werden, in Bart, Achsel- und Schamhaar eindringen und das Haar ver- 
filzen, wie in unserm Revier sich dort namentlich die Bienen verfingen, man 
erinnert sich der im Haar doppelt empfindlichen Knötchen und Eiterbläschen auf 
schwitzender Haut, der Unsauberkeit durch Blut und Schmutz, der Angriffs- 
gelegenheit für Gestrüpp wie für die Rauflust des Mitmenschen und findet so 
manchen Umstand, dem zufolge das Körperhaar einem nackten Menschen aller- 
dings eher Beschwerden als Freuden bringen mag. Es ist andrerseits auch der 
Zeitvertreib und Genuss zu würdigen, den das Ausrupfen der Haare und das 
Herumarbeiten mit Handwerkzeug am Körper in faulen Stunden den Leuten 
bietet. Endlich wäre es vielleicht nicht ganz gleichgültig, dass Haar und Federn 
als eine Art pflanzliciier Gewächse gelten. Das Wort für Haar und Federn bei 
den Bakairf und wahrscheinlich auch in andern Sprachen ist ursprünglich dasselbe 
wie Wald, und ob nun das Pflanzliche vom Körperlichen abgeleitet sei oder um- 
gekehrt, die Begriffe sind urverwandt. Haar und Pflanzen wachsen, sie werden 
auch ausgerodet, zumal das kurze Unkraut. 

Ich möchte jedoch einen einfachen und täglich wirkenden Grund voranstellen. 
Wie Haut und Haar zusammengehören, so denke ich bei dem Gebrauch des Aus- 
rupfens an einen Zusammenhang mit dem andern Gebrauch des Körperbemalens, 
des Schminkens, von dem Joest behauptet, dass es älter sei als das Waschen. 
Für das Anstreichen des Körpers, mit dem wir uns bald näher beschäftigen wollen, 
ist die Entfernung des Haares aber äusserst wünschenswert, weil dieses die Farbe 
aufnimmt, die der darunter liegenden Haut selbst eingerieben werden soll. Wer ein 
Fell anstreichen will, rasiert zuvörderst. Ein Hauptzweck des Anstreichens. die Tötung 
der Insekten, würde gar nicht erreicht. Die Entfernung des Schamhaars findet weiter- 
hin eine sehr natürliche Erklärung in dem Konflikt, in den es mit den Vorrichtungen 
gerät, die hier gerade um die Zeit angebracht werden, wenn es erscheint. Besonders 
wurden die Manipulationen mit der Hütcschnur bei den Männern entschieden be- 
hindert werden. Kurz, wer das Haar entfernt, ist besser daran und vermisst doch 
Nichts. Damit allein ist die Sitte genügend begründet. Rupfen, Schneiden und 
Rasieren sind nur eine Frage der Gründlichkeit oder der technischen Mittel oder der 
Rücksicht auf die Empfindlichkeit. Weniger Beachtung findet der Kamm, man hat 
eher die Haare geschnitten und ausgerupft, ehe man sie gekämmt hat. 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. I 2 



- 178 - 

Am merkwürdigsten, gewiss auch kein Zeitvertreib, ist das Ausrupfen der 
Wimpern, weil diese, man darf wohl sagen, Operation ganz allgemein und schon 
bei den kleinen Kindern beiderlei Geschlechts ausgeübt wird und mit Stammes- 
und Geschlechtsunterschieden nicht in Zusammenhang gebracht werden kann.*) 

Ist das Auge aller Menschen wertvollstes Organ, so sind diese nach Tieren 
und Früchten spürenden Waldbewohner darauf im denkbar höchsten Grade an- 
gewiesen. Nie habe ich einen Indianer jammern und winseln hören wie den 
seine Blindheit beklagenden Häuptling der Yaulapiti. Darum braucht man aber 
in der Behandlung nicht die uns richtig erscheinende Einsicht zu entwickeln. 
Weil Tabakrauch das beste ärztliche Mittel ist, wird eine stark entzündete Binde- 
haut nach Kräften voller Rauch geblasen. So liegt auch der Gedanke, dass die 
Wimpern das Auge schützen, den Indianern ganz fern. Sie erklären, das Auge werde 
durch die Wimpern am Sehen behindert, namentlich, wenn sie scharf in die Ferne 
sehen wollten. Dass sie bemüht sind, nach ihrem besten Wissen für das edle Organ 
zu sorgen, geht daraus hervor, dass dem Knaben, der ein sicherer Bogenschütze 
werden soll, die Umgebung des Auges mit dem Wundkratzer blutig geritzt wird — 
natürlich, weil man an diese »Medizin« glaubt und nicht, weil man ihn abhärten 
will. Gerade bei den Wimpern ist das grausam erscheinende Ausrupfen, weil 
radikal, ein noch relativ mildes Verfahren. Denn Schneiden und Rasieren am 
Lidrand mit Fischzähnen und Muscheln zu ertragen wäre in der That ein 
Heroismus. 

Die Haut. Die Haut wird durchbohrt, um Schmuck aufzunehmen, sie wird 
mit Farbe bestrichen und wird mit Stacheln oder Zähnen geritzt. Die beiden 
letzteren Methoden entwickeln sich zu künstlerischer Behandlung, zur Körper- 
bemalung oder zur Tätowirung — wissen möchte man nur, welche ursprünglichen 
Zwecke zu Grunde liegen. 

Wenn wir bei uns verweichlichten zivilisierten Menschen im Groben und 
Feinen noch an tausend Beispielen beobachten, bis zu welchem Grade Gefallsucht 
und Eitelkeit den Sieg über körperliches Unbehagen davonzutragen pflegen, so 
werden wir uns nicht wundern, dass die Eitelkeit der Naturvölker noch etwas 
rücksichtsloser verfährt. Der Hauptunterschied zwischen uns und ihnen ist nur 
der, dass sie an der Haut thun müssen, was wir an den Kleidern thun können. 
Dann aber ist es bei ihnen überall zunächst der Mann gewesen, der sich ge- 
schmückt hat. Er hat damit als Jäger angefangen und, da es die Jäger-Eitelkeit 
zu erklären gilt, dürfen wir schliessen, dass der Mensch zuerst den Begriff der 
Trophäe entwickelte, indem er sich von den Teilen der Beute, die ungeniessbar 



*) Den NaUirvölkern wird etwas gar zu häufig das Bedürfnis der Abhärtung zugeschrieben, aber 
ch habe nicht gesehen, dass man die Kinder abhärtete. Die Herren Väter, von den Müttern nicht zu 
reden, neigten eher zur Sentimentalität als zur Strenge ihren sehr eigenwilligen Sprösslingen gegen- 
über, die nicht schreien durften, ohne dass es auch den Eltern bitter wehthat. Man fügte ihnen mit 
Bestimmtheit nur Schmerzen zu, wenn man es zu ihrem Besten zu thun glaubte, man war immer um 
ihre Gesundheit aufs Aeusserste besorgt und behing sie mit Amuletten. 



— 179 — 

waren, sich aber gut konservieren und tragen Hessen, nicht trennte, sondern sie 
zur Anerkennung für die Mitwelt aufbewahrte und an seinem Leibe anbrachte. 
Wir finden dies um so natürHcher, als wir wissen, dass mit solchen Teilen nach 
seiner Meinung die Eigenschaften des Wildes erworben wurden. So trug er 
Krallen, Zähne und Federn als Trophäe und Talisman. Während er die meisten 
dieser Dinge an eine Schnur anbinden konnte, sah er sich mit einer Feder, die 
er zur Erinnerung an einen guten Schuss aufbewahren wollte, in Verlegenheit: er 
durchbohrte den Ohrzipfel und steckte sie dort hinein, wo sie festsass und ihn nicht 
behinderte. Hierauf sind auch die Vorfahren aller unserer Stämme verfallen; einige 
haben es sich bald nicht an den Ohrlöchern genügen lassen, sondern auch die Nase 
und Lippe durchbohrt. Denn der Begriff der Trophäe, anfangs nur auf den mühe- 
vollen Erwerb bezogen, dehnte sich aus auf ein mit nicht grade grossen Schmerzen 
oder Mühen verbundenes Tragen; eine neue Leistung entstand, die der Bewunderung 
wert war, und ein junger Mann kam sich gewiss im vollen Wortsinn »schneidiger« 
vor, wenn er sein Kleinod in einem Loch der Nase, der Lippe oder der Ohren 
zur Schau trug, als wenn er es an einer Schnur umhängen hatte. Wurde die 
Trophäe einmal gewohnheitsmässig getragen, so war es unausbleiblich, dass sich 
die Aufmerksamkeit auch ihren äusseren Eigenschaften, den früher sekundären 
Merkmalen der Farbe und Form, zuwandte. Selbst Gegenstände, die man nur 
gebraucht hatte, um die Löcher offen zu halten und das Zuheilen zu verhindern, 
wurden zu Schmuck und Zierrat. Mit den Vorstellungen über das Schwierige, 
Seltene, Kraftbegabte assoziierten sich die mehr oder minder dunkel empfundenen 
Wahrnehmungen gefälliger Farbenkontraste. 

Die künstliche Verletzung wurde aber auch Selbstzweck durch den Umstand, 
dass sie ein dauerndes Kennzeichen lieferte und so mancherlei Formen der 
Sitte gestaltete. Sie war nicht nur vorzüglich geeignet, innerhalb eines Stammes 
mutige und herrschende Personen, die gewöhnlich auch die eitelsten waren, aus- 
zuzeichnen, sie bildete vielfach von Stamm zu Stamm das mit Bewusstsein ge- 
tragene Nationalitätsmerkmal. Sie gab das Mittel an die Hand, schon Kinder 
mit Dauermalen zu versehen. Die Indianer haben von jeher den Kinderraub bei 
fremden Stämmen mit Leidenschaft betrieben, um sich Krieger und Frauen auf- 
zuziehen; so markierte man die Kinder, um sie wiedererkennen zu können, wie 
der Herdenbesitzer sein Vieh stempelt. Als wir bei den Bororö waren, schwor 
eine alte Frau Stein und Bein, unser Antonio sei, obwol er kein Wort Bororö 
verstand, ihr vor Jahren von Feinden gestohlener Sohn, sie wehklagte und 
jammerte laut durch die Nacht; da war es denn merkwürdig zu sehen, wie sich 
die Bororö den halb lachenden, halb empörten Antonio gründlich vornahmen, 
seine Unterlippe genau untersuchten, die bei ihnen schon dem Säugling durch- 
bohrt wird, und ihn einmütig freigaben, als sie statt ihres Lippenlöchleins eine 
durchlöcherte Nasenscheidewand fanden. So waren unter den Bakairi geraubte 
Paressifrauen, unter den Nahuquä Mehinaküweiber, unter den Suyä die gefangenen 
Manitsauä sofort nach den Stammesabzeichen von den Uebrigen zu unterscheiden. 



— i8o — 

Die künstliche Verletzung entwickelte sich also zu einer ständigen Einrichtung 
der Zweckmässigkeit. Zudem galt das Fremde als hässlich oder komisch, das 
Heimische als schön und edel. 

Die Durchbohrung der Ohrläppchen ist allgemein bei den Männern 
aller Stämme verbreitet. Sie dient allein für Federschmuck. Bei keinem 
Stamm des Kulisehu haben die Frauen die Ohrläppchen durchbohrt, und keine 
Frau trägt auch sonst am Körper irgendwelchen Federschmuck; die Frau jagt 
nicht — der Ursprung aus der Jagdtrophäe ist noch unverkennbar ausgeprägt. 
Das Ohr der Knaben wird um die Zeit durchbohrt, wenn er anfängt, sich mit 
Bogen und Pfeilen kleinen Formates zu üben. *) 




Abb. 12. Holzmaske der Bakairf mit Ohr- und Nasenfedern. 



Die Durchbohrung der Nasenscheidewand in ihrem untern Teil, sodass 
dem hindurchgesteckten Gegenstand die Flügel leicht aufgestülpt aufsitzen, ist 
nur bei den Bakairf anzutreffen, am Paranatinga und Rio Novo, am Batovy und 
im ersten Kulisehudorf bei beiden Geschlechtern, im zweiten KuHsehudorf nur bei 
den Männern, im dritten weder bei Männern noch bei Frauen. Diese geographische 
Verteilung macht es mir nicht unwahrscheinlich, dass die Sitte an die der Paressi 



*) Bei den Suya tragen Männer und Frauen im aufgeschlitzten, allmählich zu einem langen 
Zügel erweiterten Ohrläppchen Rollen von Palmblattstreifen , aber auch hier beschränkt sich der 
Federschmuck auf die Männer. 



— I»I — 

anlehnt, die mit den westlichen Bakairi früher in lebhaftem, bald friedlichem, bald 
feindüchem Verkehr standen, von denen wir noch zwei als Kinder geraubte 
Frauen im Paranatingadorf fanden. Die Paressi durchbohrten ihren Frauen die 
Ohrläppchen, sodass sie von den Bakainfrauen stets zu unterscheiden waren, und 
ihre Männer durchbohrten die Nasenscheidewand, schoben ein Stückchen Rohr 
hinein und steckten nur in das eine Ende desselben eine lange Arara- oder ge- 
wöhnliche Tukanfeder, während der Ohrzierrat der Frauen in dreieckigen Stückchen 
Nussschale bestand. 

Bei den Bakairi werden heute keine Federn mehr in der Nase getragen, 
doch fanden wir Masken mit einem Loch in der verlängerten Scheidewand der 
hölzernen Nase, durch das nach jeder Seite eine in einem Rohrstück steckende 
Ararafeder hinausragte. Auch ist ein Unterschied zwischen der Grösse des Loches 
bei Männern und Frauen, worauf ich von den Bakairi selbst besonders aufmerksam 
gemacht wurde; die Männer tragen darin ein dünnes Stück Kambayuwarohr, in 
das man die Feder steckte oder einen dünnen Knochen, die Frauen einen dicken 
Kambayuvapflock oder einen dicken Knochen oder Stein. Dieser letztere wird 
niemals von den Männern verwendet. Wir haben am Kulisehu einige Schmuck- 
steine aus grauweiss- 
lichem, stumpf glän- 
zenden Quarzit ge- 
sammelt, die zu der 
Form einer spitzen 
Spindel zugeschliffen a,i, . ^ i i , ■ a r> i ■ -* ^" 

^ ° Abb. 13. IMasenschmiickstein der Bakainirauen. 

waren und eine Länge 

von 6 cm hatten. In wirklichem Gebrauch sahen wir die Nasenspindel, natäko, nur bei 
einer schwangern Frau, die auch mit vielem Halsschmuck behangen war. Diese 
Steine kamen vom Batovy oder vom Ponekuro, dem rechten Quellfluss des Kulisehu ; 
sie seien selten, sodass gewöhnlich Knochen oder Rohr aushelfen müsste. Wir er- 
hielten auch Knochen ähnlicher Form, S^a cm lang, und eine 7 cm lange, perl- 
mutterglänzende Spindel, die aus einer Muschel geschnitten war. Die Operation 
wird ungefähr im fünften Lebensjahre vorgenommen und soll zuweilen mit starker 
Blutung verbunden sein. 

Die Umschnürung der Extremitäten kann ich hier anschUessen, obwohl 
sie unsern Indianern in dem Grade, wo man erst von einer Körperverletzung 
reden könnte, noch fremd war. Sie war bei allen Stämmen vielfach im Gebrauch. 
Man nahm dazu dicke breite Strohbinden, Baumwollstränge, Baumwollstricke oder 
mit Holznadeln gehäkelte Bänder, und trug sie um den Oberarm und unterhalb 
des Knies oder oberhalb des Fussknöchels. Am meisten fiel die Sitte im dritten 
Bakai'ri'dorf auf, wo man pralle, fast aufgeschwollene Waden sah. Doch haben 
wir in dem Maasse dick hervorgetriebene Waden, wie sie von den männlichen 
oder weiblichen Karaiben des Nordens abgebildet werden, niemals beobachtet. 
Die Strohbinden bemerkten wir namentlich bei den Nahuquä (vgl. die Abbildung 4). 




— l82 — 

Nur die Männer gebrauchten die Umschnürung. Sie mache stark, wurde mir 
zur Erklärung angegeben. Zum Tanzschmusk trug man auch mit bunten Federn 
verzierte Bänder um den Oberarm. 



Ketten. Mit Halsketten schmückten sich beide Geschlechter, die Männer 
trugen auch Zierraten an ihrer Hüftschnur. Am meisten waren Kinder und 
Schwangere mit Kettenschmuck behängt. Für die Kinder wurden in erster Linie 
auch unsere Perlen verlangt. 

Die Bakairi verfertigten mit vieler Mühe sehr hübsche Halsketten, Trophäen 
der Arbeit, die bei den andern Stämmen recht beliebt waren, und die wir 1884 
auch bei den Suyä gefunden haben, vgl. den Kamayurä der Abbildung 14. 
Es sind rechteckige, leicht gewölbte Stücke, die aus einer Windung der Schale 





Abb. 14. Kamayiird mit Muschelkette. 

von piu^ Orthalicus melanostomus (Prof. v. Martens), geschnitten sind, 2 — 3 cm 
lang, I — 1,5 cm breit, fast rein weiss und heissen piu oräli. Sie decken sich mit der 
Längsseite dachziegelförmig und sind meist oben und unten durchbohrt, aber nur 
oben mit Fädchen an der Halsschnur befestigt. Man suchte besonders dicke 
Schalen aus, zerbrach sie und schliff sie an Steinen. Sie wurden durchbohrt mit 
dem Zahn des Hundsfisches oder mit dem Quirlstäbchen, an dessen Ende ein drei- 
eckiger Steinsplitter angeschnürt war; so bildete sich ein konisches Loch. 

Eine andere Art besteht aus kleinen Scheibchen oder glatten Perlen, nur i mm 
dick und mit 3 — 5 mm Durchmesser. Sie sind regelmässig kreisrund, von mattem, 
weissgrauen bis bläulichen Glanz. Die Stückchen der zerbrochenen Schale wurden 
mit den Zähnen abgebissen, ungefähr gleich gross gemacht und ebenso wie 
die Rechtecke durchbohrt. Die winzigen Dinger sind so gleichmässig geschliffen, 



— IÖ3 - 

dass sie auf der Sclinur eine dünne biegsame Schlange bilden. Sie pflegen mit 
gleichgestalteten Tukumperlen (Bactris) zu wechseln, die aus der Schale der 
Palmnuss abgebissen sind. Die Tukumperlen werden ebenfalls mit dem Zahn des 
Hundsfisches durchbohrt. Bei ihnen und den Muschelscheibchen wird die Gleich- 
mässigkeit dadurch erreicht, dass man die Perlen aufreiht und die Rolle nicht 
auf Stein schleift, sondern zwischen zwei Topfscherben reibt und glättet. Die 
Muschelperlen sind ein sehr natürliches Erzeugnis, wenn man überhaupt bunte 
oder glänzende Schalenstücke aufbewahrt; man reiht sie auf eine Schnur, da sie 
sich anders schlecht befestigen lassen, man macht sie untereinander gleich und 
erreicht dies am bequemsten, wenn man sie einfach rundum schleift. So sind 
die verschiedenartigsten Naturvölker mit ihrem betreffenden Muschelmaterial zu 
Perlen gelangt, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Die Perlen haben aber 
auch alle Eigenschaften, um dort, wo Verkehr stattfindet, von Stamm zu Stamm 
zu wandern, und geben die beste Gelegenheit, den Umfang des Verkehrs, der 
Manchen für unbegrenzt gilt, kennen zu lernen. Die Bakairi des Batovy sind 
mehr als die des Kulisehu „zoto'', Herren, der Muschelketten. 

Die Tukumperlen werden hauptsächlich von den Nah u qua verfertigt; diese 
hatten als Muschelperlen besonders rosafarbene Spindelstückchen von Bulimus, 
deren „zöto" sie waren, und von denen ein einzelnes in kleinen Abständen die 
Schlange der Nussperlen zu unterbrechen pflegte. Die Nahuquä zeichneten sich 
durch einen grossen Reichtum von Ketten, namentlich aus pflanzlichem Material, 
aus, das übrigens auch bei den Bakairi eine grössere Rolle spielte, als bei den 
abwärts wohnenden Stämmen. Die Bakairi von Maigeri schätzten »Grasperlen« sehr 
hoch, kanaküni, die Antonio für Früchte eines hohen, an Lagunen wachsenden, 
seltenen Grases erklärte, und deren jeder Halm nur wenige hervorbringe. 

Wir fanden Halmstücke, Rindenstücke, Samenkerne und Beeren der ver- 
schiedensten Art: Nussperlen von der grossen und der kleinen Tukumpalme, 
Früchte einer Schlingpflanze, eines Kampbaumes Takipe, einer Pflanze namens 
(Bakairi) ndayäki, roten und schwarzen Samen von Papilionaceen, von Mamona- 
Ricinus, Tonkabohnen (Dipteryx odorata), bei den Aueto Kuyensamen und 
Almeiscakerne, ja eine kleine 7 cm lange flaschenförmige Kuye. 

Bei den Yaulapiti, Trumai und von ihnen herrührend, bei ihren Nachbarn, 
waren Steinketten häufig: durchbohrte Scheiben und Zilinder, die die Nahuquä 
in dem bernsteinähnlichen Jatobäharz und in Thon nachbildeten. Es war der 
Diorit der Steinbeile und Wurfholz- Pfeile; er wurde mit dem an dem Quirlstock 
befestigten Steinsplitter unter Zusatz von Sand durchbohrt. Kleine Steinbirnen, 
wie sie zu den Wurfpfeilen gehören, wurden mit Vorliebe von den Mehinakü und 
AuetÖ an Kinderketten gehängt. 

Es waren also deuthch Unterschiede in dem Material vorhanden, die wahr- 
scheinlich, wie es für die Steine ja sicher ist, örtlich bedingt waren. Alle Ketten 
aus den weissen Muschelstücken gingen auf die Bakairi, alle aus den roten auf 
die Nahuquä, alle aus Steinen auf die Trumai oder Yaulapiti zurück. 



— i84 — 

Ueberall fand sich das tierische Material. Es gab Hornperlen, Knochen- 
perlen, diese auch in Stäbchenform, sie wurden bald vereinzelt aufgehängt, bald 
zu ganzen Ketten vereinigt besonders Affen- und Jaguarzähne. Vgl. das Bild des 
Aueto-Häuptlings Seite io8. Wir erhielten bei den Nahuquä eine Kette mit Jaguar- 
zähnen und bunten Federchen. Die Trumai schätzten Kapivara-Zähne. Bei den 
Mehinakü gab es besonders reichlichen Kinderschmuck, mit dem die Säuglinge 
bündelweise behangen waren: ausser dem Uebrigen, zumal Affen-Zähnen, Zähne 
der Jaguatirica (Felis mitis), Fischwirbel, Knochen vom Bagadü- Fisch, einmal ein 
mächtiges schwarzes Käferhorn. Auch Klauen vom Tapir (Kamayurä), Jaguar 
und Hirsch. 

Hiermit werden die wesentlichsten Bestandteile des Kettenschmucks wohl 
aufgezählt sein, in dem späteren Kapitel über die Plastik unserer Indianer komme 
ich auf Einzelnes noch zurück, insofern auch allerlei Figuren geschnitzt und 
geschliffen wurden. 

Inwieweit den einzelnen Dingen nützliche und heilsame Wirkungen zu- 
geschrieben wurden, vermag ich nicht zu sagen. Dass der »Schmuck« viel- 
fach »Talisman« war, geht daraus hervor, dass, wie erwähnt, die Kinder und 
Schwangeren am meisten behängt waren. Wenn die Reste einer Zündholzschachtel 
umgehängt wurden, so wird dies auch nicht aus dem Schönheitsgefühl entsprungen 
sein. Die Grasperlen der Bakairi waren zierlichen Fischknöchelchen äussserst ähnlich, 
ich erhielt eine solclie Kette aber nur mit grösster Mühe; sie war in den Augen 
ihres Besitzers entschieden »schöner« als die mit Fischperlen, weil sie seltener war. 

Anstreichen und Malen. Warum streichen sich die Indianer mit Oelfarbe 
an, sei es nun mit schwarzer, wie die Einen, die den Orleansstrauch weniger 
pflegen, oder mit roter, wie die Anderen vorziehen? Den Feind durch Prunk 
und Entstellung zu schrecken? Das ist gewiss eine nützliche Anwendung, aber 
doch nur für diesen bestimmten Fall. 

Sollte durch die Freude an der Farbe Alles erklärt werden? Dann sind 
wir genötigt, auch die Freude am Schwarzen als eine ursprüngliche Lustempfindung 
anzuerkennen. Dann müssten wir mit Erstaunen feststellen, dass unsern Stämmen 
ein z. B. in Polynesien so ausgiebig benutztes, für solchen Zweck selbst in dem 
relativ blumenarmen Flusswald reich bestelltes Fundgebiet der Natur entgangen 
ist — nicht Mann, nicht Weib schmückte sich mit Blumen. Die einzige Frage, 
glaube ich, die Antonio aus eigener Initiative an mich gerichtet hat, war in Cuyabä 
die: »warum tragen die Frauen Blumen im Haar?« Der Gedanke, dass es geschehe, 
um sich mit bunten Farben zu schmücken, lag seiner Seele himmelfern. Nein, 
die bunten Papageifedern sind zum farbigen Schmuck erst geworden; zuerst war 
das Vergnügen an der Jagd oder dem Tierleben vuid die Prahlerei mit der Jäger- 
geschicklichkeit wirksam und dann erst kam die Sinnenfreude zu ihrem Recht. 

Ich habe in meinem Tagebuch jeden Fall von Körperbemalung eingetragen 
und feststellen können, dass es hier noch heute zwei Arten des Körperbemalens 



- i8s - 

giebt. Die eine, an die wir zuerst denken, die das Aeussere schmücken soll, 
war die seltenere und hatte ein Kennzeichen, das sie von der andern ziemlich 
sicher unterscheiden liess. Dieses Kennzeichen war, dass zum Schmuck das 
Muster gehörte, sei es einfach, sei es prunkvoll. Man muss einen Unterschied 
machen zwischen Anstreichen und Bemalen des Körpers, Beim Anstreichen 
ist das Nützhche, beim Mustermalen das Schöne massgebend. Die Farbenfreude 
ist in beiden Fällen vorhanden, aber sekundär. Schon die Wirkung des Urukürots 
überschätzen wir. Wenn sie so allgemein wert gehalten worden wäre, so hätten 
sich alle Stämme seiner bedienen können. Wer den wahrhaft prunkhaften Schmuck 
der Papageienvögel zu Hause hat, der soll sich besonders schön vorkommen, 
wenn er sich mit Russ und auch mit Ziegelrot anstreicht! Man verweile im 
Berliner Museum für Völkerkunde vor den herrlichen Federzierraten des tropischen 
Südamerika und vergleiche damit getrost das Schönste und Bunteste, was unsere 
gewiss nicht Geringes leistende moderne Technik hervorzuzaubern vermag — noch 
kann die Natur den Vergleich aushalten, und sicherlich schlägt ihre Federpracht 
das bescheidene Schwarzweissrot, das dem Indianer Kohle, Lehm und Orleans- 
strauch liefern. 

Der Indianer gebraucht niemals Weiss zur Körperbemalung! Ich 
höre schon die Antwort »er findet, Weiss steht ihm nicht«. Daran ist wohl auch 
etwas Richtiges. Unsere weissen Perlen schätzte er geringer als die roten, beiden 
zog er die blauen vor, die mit seiner Haut am besten kontrastirten. Man könnte 
zwar einwenden, dass er diese Unterschiede schon nach dem blossen Anblick 
machte, uud ehe er die Perlen auf seinem Körper gesehen hatte, aber es mag 
sein, rot gefiel ihm besser als weiss und blau besser als alle übrigen, nicht, weil 
er die für ihn selteneren Farben vorzog, sondern nach reinem Geschmacksurteil. 
Dann ist damit noch nicht erklärt, warum er sich des Weissen gänzlich enthielt, 
man verstände nur, dass er es sparsamer gebrauchte, und könnte keinenfalls be- 
greifen, dass er es nicht schon, um die anderen Farben besser zu heben, an- 
wendete. Er trägt Federhauben, die allerliebst aussehen, von reinem Weiss mit 
wenigen gelbroten Federchen dazwischen. 

Zur Musterbemalung des Körpers eignet sich der kreidige feinkörnige Thon 
nicht. Würde er wie Kohle mit dem gelblichen Oel vermischt, so liesse er 
sich ebenfalls in Linien auftragen, aber die weisse Farbe ginge verloren. Mit 
Wasser gemischt, würden die Linien aber sehr unbeständig sein und zumeist 
beim Antrocknen abfallen. Auf den Masken liefert das Weiss nur den Grund 
oder erscheint bei den kunstlosesten in breiten Streifen. Dagegen würde den Ein- 
geborenen, wenn er seinen Farbstoff wesentlich um des Farbeneindrucks willen zum 
Körperschmuck verwendete, nichts hindern, sich auch mit Weiss zu verschönern, 
indem er sich mit dem Thon in breiter Fläche einpulverte. So sind kreidigweiss 
die Oberschenkel der fadendrillenden Frauen; auch der feine Mehlstaub, mit dem 
die Beijübäckerinnen öfters weiss eingehüllt sind, stände ihm zur Verfügung. Aber 
weder die weisse Bäckerin noch der in breiter Fläche rot oder schwarz angestrichene 



Indianer hat sich so zugerichtet, um sich zu schmücken. Es ist Werkeltags- 
kleidung, nicht Sonntagsanzug. 

Die Frage lautet also: was ist denn der Nutzen des Anstreichens? Wie 
bekannt, und wie ich aus eigener Erfahrung langen Barfussgehens sehr gut weiss, 
kühlt der Schlamm; es ist äusserst angenehm in der Hitze, die Haut feucht zu 
erhalten. Er kühlt insbesondere gestochene Stellen, und er schützt die ange- 
stochenen vor den Moskitos, ob er nun rot, gelb, schwarz oder weiss sei. 
Ich kann nicht glauben, dass sich der Mensch immer, wenn er durch den Ufer- 
schlamm gewatet ist, darum besonders geschmückt erschienen ist; es mag auf 
andern! Boden, wo die Erdfarben seltener sind, ein Anderes sein. In unserm 
Gebiet hat jedenfalls die Annehmlichkeit für die Haut den Vorrang vor der für 
das Auge, Der Indianer hat den Schlamm durch Oel ersetzt; doch ein fein- 
pulvriger Zusatz soll es konsistenter und klebriger machen, und dieser Zusatz ist 
ein Farbstoff, Russ und Urukürot. Sicherlich gefällt den Bakairi das Rot besser, 
da sie die Pflanze nicht zu hegen und zu pflegen brauchten, wenn der Russ 
ebenso schön wäre, und innerhalb dieser Grenze schmückt man sich auch beim 
Anstreichen. MitOelfarbe, je nachdem mit schwarzer oder roter, streicht sich 
der Eingeborene an, damit er die Haut in der Hitze angenehm geschmeidig 
erhält, und damit die Moskitos und Stechfliegen, die sich auf den Körper nieder- 
lassen, ankleben und zu Grunde gehen. Er zieht nicht auf die Jagd aus, ohne 
dass die liebende Gattin ihn namentlich an Brust und Rücken mit Oelfarbe be- 
strichen hat, er führt mit sich im Kanu, wie wir bei unsern Begleitern sahen, die 
kleine Oelkalebasse, um unterwegs den Ueberzug zu erneuern und tauscht morgens 
diesen Liebesdienst mit den Genossen aus. Nach einem Tage Rudern ist solch 
ein Rücken mit zahllosen schwarzen Kadaverchen bespickt, die durch ein Bad 
im Fluss rasch entfernt werden. Bei den Mehinakü sah ich auch eine Anzahl 
Frauen am ganzen Körper mit trockner Kohle geschwärzt, die ihre gewöhnliche 
Arbeit eifrig verrichteten und allem Anschein nach in keiner Weise daran ge- 
dacht hatten, sich herauszuputzen. Leider weiss ich aber nicht, zu welchem 
Zweck die Einreibung gemacht war, und vermute nur, dass es sich um hygienische 
Massregeln handelte. 

Nun will ich nicht etwa behaupten. Anstreichen und Musterbemalen seien 
haarscharf geschieden. Es ist dasselbe wie mit der Kleidung. Man trägt sie anders 
zur Arbeit und zum Fest. Wenn man sie durch bessere Stoffe, lebhaftere Farben, 
besonderen Schnitt schmückend gestaltet, so möchte ich daraus nicht schliessen, 
dass die Kleidung von Haus aus nur Schmuck sei. Die Oelfarbe ist that- 
sächlich die Kleidung des Indianers, wie er sie bedarf: ihr eigentlicher 
und ältester Zweck ist Schutz, nicht gegen die Kälte, sondern gegen die Wärme, 
gegen die Sprödigkeit und bestimmte Arten äusserer Insulte. Er hat nur eine 
Kleidung, die er mehr entbehren kann als wir die unsere, die auch nicht die 
Nebeneigenschaft besitzt wie die unsere, zu verhüllen, und er ist deshalb nicht 
zu dem Schamgefühl gelangt, das wir besitzen. Wie unsere Kleidung nach Rück- 



- i87 - 

sichten des Schmucks umgestaltet wird, so seine Oelfarbe und, denke ich mir, 
früher sein Schlamm. Wie manche Leute mehr als Andere auch in der werk- 
täglichen Kleidung von der Rücksicht auf ein schöneres Aeussere bestimmt werden, 
so leistet sich ein indianischer Fant wie der Bakain Luchu in einer beliebigen faulen 
Stunde auch eine Schlangenlinie mit Tupfen daneben auf dem Oberschenkel, und 
wie einfachere Menschen bei uns auch des Sonntags sich nur bescheiden heraus- 
putzen, so ist auch ein anspruchsloseres Indianergemüt zufrieden, wenn er sich zur 
Feier eines fröhlichen Ereignisses statt eines Linienmusters nur eine Bemalung der 
Stirn und Nase oder der Waden gönnt. Finde ich es aber im Grossen und Ganzen 
deutlich ausgesprochen, dass man sich zu Nützlichkeitszwecken anstreicht und zu 
Verschönerungszwecken mit Zeichnungen verziert, so schliesse ich daraus, dass das 
Schminken zunächst nicht Schmücken war. Und dies ist um so mehr aufrecht zu er- 
halten als der Farbe ihrer Farbstoffe wegen noch heute nur ein sekundärer Wert bei- 
gemessen werden kann, wenn sie Weiss überhaupt verschmähen, zwischen Rot und 
Schwarz keinen sonderlichen Unterschied machen, und wenn sie ganz ungleich schönere 
Farben in ihrem Federschmuck zur Verfügung haben. Auch spricht die Entwicklung 
der Farbenwörter, wie wir noch sehen werden, zu Gunsten derselben Auffassung. 

Dass unter den für nützlich gehaltenen Zwecken des Anstreichens auch 
medizinische nicht gefehlt und die Sitte gefördert haben, brauche ich kaum hervor- 
zuheben; einen bestimmten und sehr gewöhnlichen Fall habe ich sogleich bei dem 
Wundkratzer anzuführen. Wenn Moritona, der grosse Medizinmann der Yaula- 
piti, sich den Rest von unserer Erbsensuppe breit über die Brust schmierte, so 
dürfte das Motiv der Farbenfreude daran nur geringen Anteil gehabt haben. 

Die Muster waren verschiedener Art. Einfache Fingerstriche, auffällige 
Streifen z. B. von Auge zu Ohr, oder die Verschönerung desselben Moritona: ein 
schwarzer Streifen von der Nase bis zum Nabel, Streifen, die den Konturen der 
Schulterblätter folgten, Tupfen auf Brust und Armen, Wellenlinien die Schenkel 
entlang, gesprenkelte Bogen über die Brust hinüber, ein Zickzack Rücken und 
Beine hinunter u. dergl. mehr. Zum Teil handelt es sich dabei um auffällige Be- 
gleitung oder Durchkreuzung der anatomischen Konturen, zum Teil um Nach- 
ahmung tierischer Hautzeichnung, aber Alles war Willkür der einzelnen Person 
und Stammesmuster waren nicht vorhanden. Als Uebergang zum gewöhnlichen 
breiteren Anstreichen mag es gelten, dass man einzelne Körperteile z. B. Stirn 
und Nase auffällig bemalte. Die Baumwollbänder, die den Oberarm oder den 
Unterschenkel umspannten, boten ein nicht unbeliebtes Motiv. Bei dem Bakairi 
Kulekule, der für mich schwärmte, sah ich eines Tages unterhalb jeder Brust- 
warze ein schwarzes hufeisenartiges Bogenstück, und als ich ihn nur zum Scherz 
fragte, was das sei, deutete er zu meiner Ueberraschung auf m.eine Stiefel, die 
ihm sehr imponierten: er hatte sich die Absätze aufgemalt. Ein wirkliches Kunst- 
werk trug ein junger Aueto zur Schau, der für die Reise mit uns nach Cuyabä 
— sein Vater befahl ihm, dass er uns begleite — feierlich herausgeputzt war, 
der aber trotz eines ihm zum Proviant mitgegebenen Topfes Mehl uns schon bei 



den Mehinakü verliess. Das Mereschu-Rautenmuster, von dem ich später ausführ- 
licher sprechen werde, bedeckte Brust und Seiten abwärts bis zur halben Höhe 
der Waden, dagegen prangte die untere Hälfte des Gesichts und seitlich der Hals 
vom Ohr bis zum Schlüsselbein in einem Ueberzug von reinem tiefem Schwarz. 
Im Uebrigen war es vorwiegend bei der festhchen Gelegenheit des Empfangs oder 
wie bei den Nahuquä, beim Tanz, dass man sich mit Mustern schmückte. Im 
alltäglichen Leben war so gut wie Nichts zu sehen, ebensowenig als von Feder- 
schmuck. Die Baka'in des ersten Dorfes empfingen uns, als ich mit den Gefährten 
von der Independencia erschien, einschliesslich der Frauen fast sämtlich in be- 
maltem Zustande; die kleineren Enkel Tumayaua's waren sorgfältig am ganzen 
Körper beklext, und Tumayaua sagte mir ausdrücklich, dass wir sehen sollten, 
wie sich die Frauen freuten. 

Ritznarben. Ritzen der Haut ist eine Art Universalheilmittel. Es wird 
für Jung und Alt gebraucht und in gleicher Art bei allen Stämmen. Mit dem 

Wundkratzer, einem dreieckigem Stück Kürbis- 
schale, das mit einer Reihe kleiner spitzer Zähn- 
chen von Fischen (Trahira) oder Krallen von 
Nagetieren (Agidi) besetzt ist, wird die Haut ge- 
ritzt, eine Weile bluten gelassen, wobei durch 
Streichen mit einem Knochen nachgeholfen wird, 
^, , ,, und dann entweder mit gelbem Lehm oder mit 

Abb. 15- \i 

^ Russ oder dem Saft einer Frucht (natuntsä/t bei 

Wundkratzer. ^ 

den AuetÖ) eingerieben. Zumal an den Armen 
sieht man überall die Ritznarben. Eigentliche 
Ziernarben fehlen durchaus, was mit dem Satz von Joest übereinstimmt, dass sie auf 
die dunkeln Völker beschränkt sind. Damit die Knaben zum Schiessen ein sicheres 
Auge und einen starken Arm erhalten, wird Gesicht und Oberarm mit dem Wund- 
kratzer bearbeitet. Ich sah ihn bei einer starken Anschwellung des Fusses mit sehr 
gutem Erfolg angewandt. Das Verfahren ist der reine Baunscheidtismus und wird 
auch ausdrücklich als ein medizinisches hingestellt. Es ist klar, dass man sich 
in vielen Fällen auch wirkHch Erleichterung verschafft, indem man die Spannung 
und Entzündung vermindert. Es ist nicht weniger klar, wie man darauf verfallen 
ist, da sich jeder Mensch bei Insektenstichen kratzt, bis es blutet und der 
Schmerz oder das Jucken aufhört, und da man auch, was Schlechtes unter 
die Haut eingedrungen ist, wieder herauslassen möchte. Endlich ist es nicht 
rätselhaft, warum man sich mit Russ oder Erde einreibt, man will sich wiederum 
nicht schmücken, sondern man steigert oder mildert nach Bedarf den Reiz und 
stillt das Blut. Bluten wurde auch mit Asche gehemmt. 

So ist der Eingeborene hier zum Tätowieren gekommen, ohne es zu er- 
finden; ich habe häufig gefärbte Ritzstriche in der Haut als eine richtige, wenn 
auch unbeabsichtigte Tätowierung bei den Stämmen beobachtet, die sich mit dieser 




— i89 — 



Kunst gar nicht befassten. Von Zufall kann man aber nicht reden, weil die 
Gewohnheit des medizinischen Wundkratzens die Nebenerfahrung der Färbung 
notwendig hervorrufen musste. Die zielbewusste Verwendung ist Sache späterer 
Vorstellungen. Auch die Tätowierung wird zur künstlichen Methode und zum 
auszeichnenden Hilfsmittel, das auf der Haut angebracht wird, wo keine Kleidung 
vorhanden ist. Nichts ist natürlicher als dass die Tätowierung in dem Masse 
zurücktritt, als die Kleidung erscheint und bequemere Wege zu gleichen Zwecken 
eröffnet. Der zahme Bakairi Felipe aus dem Paranatingadorf, Leutnant der bra- 
silischen Miliz und im Besitz eines 
Patents und einer ausrangierten 
galonierten Uniform, hatte nach 
unserer ersten Expedition mit An- 
tonio die wiedergefundenen Namens- 
brüder besucht; er erzählte mir, dass 
man ihn aufgefordert habe, zu den 
Kustenaü zu gehen und sich täto- 
wieren zu lassen. »Aber ich wollte 
nicht«, sagte er mir, »ich habe ja 
meine Galons«. 

Die Tätowierung ist auf die 
Nu-Aruakstämme, also die Mehi- 
nakü, Kustenaü, Waurä und Yaula- 
piti beschränkt, — auf Stämme, 
die sich den Körper mit Vorliebe 
schwärzen, die also die Färbung der 
Kratzstriche am besten beobachten 
konnten — und wird gelegentlich 
von den benachbarten Bakairi in 
Anspruch genommen. Sie wird 
mit dem Dorn einer Bromelia, 
Gravatä, oder dem Zahn des 
Hundsfisches in frühem Kindes- 
alter ausgeführt; zur Farbe dient Russ oder der Saft der Tarumäfrucht. 

Nur ein einziges Mal haben wir eine künstlerische Tätowierung gesehen; ein 
Häuptling der Mehinakü hatte auf jeder Seite der Brust die Raute des Mereschu- 
Fisches auftätowiert; von der obern und äussern Ecke der Raute verlief noch 
eine Doppellinie zur Schulter hinauf. Indem er uns stolz die Stämme aufzählte, 
die ihn kannten, deutete er jedesmal auf eine Ecke der Raute; ich nehme auch 
diesen kleinen humoristischen Zug zu Gunsten meiner Meinung in Anspruch, dass 
das, was die Naturvölker mit ihrer Haut anfangen, mutatis mutandis, dem entspricht, 
was wir mit unserer Kleidung unternehmen. Der Mehinakü zählt an den Ecken 
seines Tätowiermusters ab, unsereins an den Westenknöpfen. Die Männer hatten 




Abb. i6. Kamayurälrau mit Ritznarben. 



— IQO — 

als Tätowierung je eine Linie oder Doppellinie, die den innern Konturen der Schulter- 
blätter folgten, bald als stumpfe oder annähernd rechte Winkel, die ihre Scheitel der 
Wirbelsäule zukehrten, bald als Bogenstücke — ein Muster, das nun in die Kunst 
der Mehinakü übergegangen ist und aussen auf den Böden der grossen Töpfe er- 
scheint, vgl. Tafel 15. Die Frauen trugen entweder auf dem Oberarm, oder um 
das Handgelenk, oder auf dem Oberschenkel zwei, auch drei horizontale Bogen- 
linien, die den vordem Teil des Gliedes umspannten, also Halbkreise darstellten. 

Die Tätowierung leistet im Allgemeinen noch nichts als einfache Linien und 
verrät noch ihren Ursprung aus dem ungeschickten Wundkratzen mit dem Fisch- 
zahn. In diesem Sinne ist die umstehende Abbildung einer wie tätowiert 
erscheinenden, aber nur medizinisch geritzten Kamayuräfrau merkwürdig. Die 
Kamayurä hatten keine Tätowierung, dagegen waren Hände und Arme vielfach 
eng liniirt mit Ritznarben des Wundkratzers. 

Allein schon diente die Tätowierung bewusster Auszeichnung. Sie kenn- 
zeichnete Männer und Frauen der Häuptlingsfamilien, die eben nicht wie der 
Bakairi Felipe in der Lage waren, Galons zu tragen; man sorgte für diese 
Unterscheidung schon bei den kleinen Kindern. So liefert sie hier zunächst ein 
Unterscheidungszeichen innerhalb des Stammes, das aber im Lauf der Zeit wie 
jedes Rangabzeichen der Verallgemeinerung verfallen wird. Schon gelüstete es 
einzelne Bakairi- und Nahuquä-Aristokraten, sich um die fremde Auszeichnung zu 
bewerben. Die Nahuquä hatten mehrere Mehinaküfraucn mit Tätowierung. Ich traf 
bei den Mehinakü einen Kamayurä zu Besuch und dieser trug auf dem Arm charakte- 
ristischer Weise, aufgemalt freilich und nicht tätowiert, die beiden Tätowierlinien der 
Mehinaküfraucn. Ich glaube, kann es aber nicht behaupten und beweisen, dass hier 
ein Zusammenhang mit dem System des Matriachats vorliegt. Die Söhne gehören 
nach indianischer Vorstellung zum Stamm der Mutter und in jedem Fall verkehren 
sie unter friedlichen Verhältnissen in dem Stammdorf der Mutter. Sicher ist es, 
dass die Mehinaküweiber und die MehinakütÖpfe ihren Heimatsstempel trugen. 



n. Sexualia. 

Die Vorrichtungen bei Männern und Frauen sind keine Hüllen. Schutz der Schleimhaut und sein 

Nutzen bei eintretender Geschlechtsreife. Ursprung aber bei den Frauen als Verband undPelotte, 

bei den Männern als gymnastische Behandlung der Phimose. 

Unsere Eingeborenen haben keine geheimen Körperteile. Sie scherzen über 
sie in Wort und Bild mit voller Unbefangenheit, sodass es thöricht wäre, sie des- 
halb unanständig zu nennen. Sie beneiden uns um unsere Kleidung als um einen 
wertvollen Schmuck, sie legen ihn an und tragen ihn in unserer Gesellschaft mit 
einer so gänzlichen Nichtachtung unserer einfachsten Regeln und einer so gänz- 
lichen Verkennung aller diesen gewidmeten Vorrichtungen, dass ihre paradiesische 
Ahnungslosigkeit auf das Auffälligste bewiesen wird. Einige von ihnen begehen 



— 191 — 

den Eintritt der Mannbarkeit für beide Geschlechter mit lauten Volksfesten, wobei 
sich die allgemeine Aufmerksamkeit und Ausgelassenheit mit den »private parts« 
demonstrativ beschäftigt. Ein Mann, der dem Fremden mitteilen will, dass er der 
Vater eines Andern sei, eine Frau, die sich als die Mutter eines Kindes vorstellen 
will, sie bekennen sich ernsthaft als würdige Erzeuger, indem sie mit der unwill- 
kürlichsten und natürlichsten Verdeutlichung von der Welt die Organe anfassen, 
denen das Leben entspringt. 

Es ist somit nicht möglich, die Leute richtig zu verstehen, wenn wir nicht 
unsere Begriffe von der »Kleidung« beiseite lassen, wenn wir sie nicht nehmen, 
wie sie sind und wie sie sich in ihrer Eigenart geben. Indem wir als den Aus- 
gangspunkt festhalten, dass sie nur ihre natürliche Haut und keine künstHche 
Stoffdecke über ihren Körper haben, müssen wir uns zunächst einmal fragen, ob 
die Haut in ihrem Verhältnis zu einer Aussenwelt, der sie unmittelbar ausgesetzt 
wird, durch die Veränderungen des geschlechtlichen Lebens beeinflusst werden 
kann, und müssen jedenfalls an dieses Thema mit ärztUcher Unbefangenheit, nicht 
aber mit dem Gedanken eines zivilisierten Menschen, der sich plötzhch entkleiden 
soll, herantreten. Beginnen wir mit einer Uebersicht der verschiedenen Methoden, 
die für die Behandlung der partes pudendae bei den einzelnen Stämmen von der 
Zeit der Reife ab, und nur von dieser Zeit ab, im Gebrauch sind. Sie beziehen 
sich nirgendwo auf die Kinder. 

Die Männer bieten bei den Kulisehustämmen mit Ausnahme der Trumai 
für den ersten Anblick nichts Besonderes. Das Schamhaar ist ausgerupft; sie 
tragen nur eine Gürtelschnur in Gestalt eines Baumwollfadens, auf den gelegentlich 
kleine Halmstücke oder durchbohrte Samenkerne oder winzige Stücke Schnecken- 
schale aufgereiht sind, aber meistens so, dass der grössere Teil der Schnur frei 
bleibt. Man betrachte die Photographien, z. B. Tafel 14: die Hüftschnur findet 
man ausnahmslos bei jedem Mann. Oefters ist statt des Fadens ein Strang 
Baumwolle vorhanden, so bei dem einen Nahuquä Seite 95*) oder auf dem Bild des 
Bakairi Luchu, Tafel 6. Gerade bei diesem Jüngling, der erst seit kurzem in das 
mannbare Alter eingetreten war und auch mit der Entfernung des Schamhaars 
noch nicht abgeschlossen hatte, lernte ich den uns hier interessierenden Zweck 
der Hüftschnur kennen. Ich hatte sie samt dem Baumwollstrang bis dahin als 
eine öfters mit Zierrat ausgestattete Tragschnur betrachtet für Leute, die keine 
Taschen haben, oder als Vorrat an Bindematerial, das immer zur Hand wäre, 
allein in der That wairden leichtes Handwerkszeug wie Muscheln und Fischgebisse, 
oder auch der Kamm oder die von uns gegebenen Messer nicht an der Hüft- 
schnur, sondern an einer Schnur um den Hals auf Brust oder Rücken getragen. 
Auch hatten die so arbeitsamen Frauen keine Hüftschnur. Kleinere Knaben waren 
meist schon mit der Schnur versehen, hatten dann jedoch stets ein paar zierliche 
Kleinigkeiten darauf gereiht. 



*) Dem Nahuqud links fehlt die Hüftschiiur, weil sie kurz vor der Aufnahme in unsern Besitz 
übergegangen war. 



— 192 — 

Die Hüftschnur dient zu dem Zwecke, das Praeputium zu verlängern. Der 
Penis wird aufwärts dem Leib angelegt und so unter die Hüftschnur geschoben, 
dass das oberste Stück des Praeputium abgeklemmt bleibt. Man hält den Jüng- 
ling zu diesem Verfahren an, wenn die ersten Erektionen eintreten. Er bemüht 
sich, die Prozedur Tagelang inne zu halten, und beseitigt das lästige Schamhaar, 
Die Trumai hatten eine absonderliche Methode, die auch von andern brasi- 
lischen Stämmen berichtet wird. Sie banden das Praeputium vor der Glans mit 
einem meist mit Urukü rot gefärbten Baumwollfaden zusammen. Das Vorderende 
des Penis erschien wie ein Wurstzipfel. Sie hatten also im Dauerzustand das, 
was die Andern mit ihrer Hüftschnur nur vorübergehend hatten. Leider haben 
wir sie nicht unter normalen Verhältnissen in ihrem Dorfleben beobachten können. 
Als wir sie auf der F'lucht vor den Suyä in der Nähe der Aueto fanden, bemerkten 
wir den wunderlichen Faden nicht bei sämtlichen Männern, obwohl auch die nicht 

damit versehenen die durch den Gebrauch erzeugte 
Abschnürungsmarke am Praeputium erkennen Hessen. 
Es wäre nicht unmöglich, dass sich die Leute vor 
den Aueto ein wenig genierten; wenigstens bekundeten 
die übrigen Stämme, wenn wir mit ihnen von den 
Trumai redeten, stets ein ganz besonderes Ver- 
gnügen über den Wollfaden, den sie verspotteten 
und ebenso komisch fanden wie wir. Doch hatten 
wir die Gesellschaft ganz unter sich getroffen, und 
der Hauptgrund, nehme ich an, war die in der Not- 
lage nur zur erklärliche Vernachlässigung des Aeussern. 
Auch bemerkten wir, dass es namentHch ältere In- 
Abb. 17. Penisstiilp der Bororö. dividuen waren, denen der Faden fehlte, wie auch 

die Aelteren betreffs der Tonsur am nachlässigsten 
sind. Bei älteren Männern, die den Faden trugen, sass er dem Scrotum un- 
mittelbar auf, und waren auch die Konturen des Penis völlig verschwunden, sodass 
man nur ein zusammengeschnürtes Beutelchen erblickte. Und kaum anders war 
es, wenn sie keinen Faden trugen. 

Diese Folge dauernder Vergewaltigung trat nicht minder bei dem Stülp oder 
der Strohmanschette zu Tage, die keiner der Kulisehustämme trug, die ich aber hier 
mit anführen möchte. Wir sahen die auch sonst in Brasilien nicht unbekannte 
Vorrichtung bei den Yuruna, den mit den oberen Stämmen unbekannten An- 
wohnern des Mittel- und Unterlaufs, und in grösserem Format bei den Bororö 
des südlichen Matogrosso. Ein langer Streifen ziemlich spröden gelben Palmstrohs 
wird gerollt und gefaltet, wie die Abbildung zeigt, sodass ein trichterförmiger nach 
unten spitz zulaufender Stülp entsteht; das links abstehende Ende des Streifens 
in der Abbildung möge man sich wegdenken, da der Stülp nur bei festlichen 
Gelegenheiten solch' eine mit roten Mustern bemalte Fahne trug. Sein P2ffekt 
ist genau wie der des Fadens: das Praeputium wird so hindurchgezogen, dass das 




— 193 — 

untere enge Ende des Trichters noch gerade einen Zipfel scharf abschnürt, vgl. 
das Titelbild und Tafel 27. Auch hier verschwindet meist der Rest des Penis im 
Scrotum, aber der Vorteil des starren Stulps vor dem Faden ist der, dass er 
weniger scharf einschneidet. Der Stülp ist eine Verbesserung und eine Ver- 
schönerung im Vergleich zum Faden. Ich nehme an, man hat zunächst die Hüft- 
schnur getragen und davon haben die Einen Stücke zum Abbinden benutzt, 
während die Andern sich begnügten, die Haut einzuklemmen. Bei jenen ist man 
zum Teil zu dem milderen und koketteren Stülp fortgeschritten, behielt aber die 
alte, immer noch nützliche oder zum Schmuck dienliche Hüftschnur bei, wie die 
Bororo sie neben dem Stülp tragen, während die stulptragenden Yuruna sie zum 
breiten Perlgürtel entwickelt haben. Waehneldt berichtet in der That (1863) 
von den im Quellgebiet des Paraguay wohnenden Bororo, dass sie nicht den Stülp, 
sondern den Pfaden tragen: »Die Männer binden nur die Glans mittels eines 
feinen Bastfadens um den Bauch, damit sie sich von Insekten frei halten und 
beim Laufen nicht belästigt werden«. 

Alle Methoden erreichen auf leicht variierte Art dasselbe, die Bedeckung der 
Glans, sei es, dass das Praeputium nur verlängert, sei es, dass es ausserdem noch 
zusammengeschnürt und auch noch besonders durch Palmstroh umschlossen wird. 

Von den Frauen habe ich erwähnt, dass alle das Schamhaar entfernen. 

Die Suyäfrauen, die sich mit Halsketten schmückten und in den durch- 
bohrten Ohrläppchen dicke bandmassartig aufgerollte Palmblattstreifen trugen, 
gingen durchaus nackt. 

Die Trumaifrauen trugen eine Binde aus weichem, grauweisslichem Bast; sie 
war zu einem Strick gedreht, sodass eine Verhüllung nur in den aller be- 
scheidensten Grenzen vorhanden war und sicherlich nicht beabsichtigt sein 
konnte, da man den Streifen nur hätte breiter zu nehmen brauchen. 
Sie rollten einen langen, schmal zusammengefalteten Baststreifen an einem Ende 
ein wenig auf, hielten dieses Röllchen mit der einen Hand gegen den untern 
Winkel des Schambergs angedrückt, drehten mit der andern Hand den freien 
Streifen einige Male um sich selbst und führten ihn zwischen den Beinen nach 
hinten hinauf, kamen wieder nach vorn zu dem Röllchen, drückten es mit dem 
quer darüberweg gespannten Streifen an und wandten sich über die andere Hüfte 
zum Kreuz zurück, wo sie das freie Ende einschlangen und festbanden. 

Die Bororöfrauen hatten ebenfalls die weiche graue Bastbinde, die sie während 
der Menses durch eine schwarze ersetzten, nur befestigten sie die Binde an einer 
Hüftschnur. Dort in einer Breite von 3 — 4 Fingern, vorn eingeschlungen, lief sie 
schmäler werdend über die Schamspalte und den Damm zum Kreuz und wurde 
wieder an die Hüftschnur gebunden. Statt der Hüftschnur wurde auch ein breites, 
fest schliessendes Stück Rinde um den Leib getragen. Vgl. die Abbildung 
Bororo, Mutter und Tochter. 

Die Frauen der Karaiben, der Nu-Aruak- und Tupistämme des Schingü- 
Ouellgebiets trugen sämtlicli das dreieckige Stückchen starren Rindenbastes, das 

V. d. Steinen, Zehtral-Brasilien. Ij 



— 194 — 



am bequemsten mit seinem Bakairinamen ,,Ulun" bezeichnet wird. Die Uluris 
werden aus einem viereckigen Stiick des ziemlich harten knitternden Stoffes durch 
Faltung in der Diagonale hergestellt; die Ränder der zwei so entstehenden leicht 
aufeinander federnden Dreiecke sind nach innen umgeschlagen, damit sie nicht 
scharf bleiben und einschneiden. Das Uluri sitzt sehr tief dem Winkel des Scham- 
bergs auf; die untere Ecke des Dreiecks \'erlängert sich in einen etwa 4 mm 

breiten I^amm' 
streifen aus har- 
tem Rindenbast, 
während von den 
beiden oberen 2 
dünne Faden- 
schnüre durch 
die Leistenbeugen 
um die Schenkel herum nach hinten laufen 
und dort mit dem schmalen Dammstreifen 
vereinigt werden, der von der unteren 
Spitze des Dreiecks her entgegenkommt. 
Die Grösse der Üluris wechselt; umfang- 
reiche Exemplare haben eine Grundlinie 
von 7 cm, eine Höhe von 3 cm, die meisten 
sind, zumal bei jüngeren Individuen, er- 
heblich kleiner. Sie bedecken grade den 
Anfang der Schamspalte und liegen dort 
fest an. Der Introitus vaginae wird durch 
das Dreieck nicht erreicht, aber durch den 
Gesamtdruck \'on vorn nach hinten ver- 
schlossen oder mindestens nach innen zu- 
rückgehalten, da der zwischen den un- 
behemmten Labia majora in der Spalte 
eingebettete Dammstreifen scharf ange- 
zogen ist. 

Die Uluris sind mit grosser Zierlichkeit 
gefertigt und sehen recht kokett aus, wenn 
sie neu sind. Ihre ganze Konstruktion ist 
so hübsch überlegt und besonders die Be- 
festigung der Leistenschnüre wie die des Dammstreifens, die an die Dreiecke 
angenäht sind, so saubere Arbeit, dass man sie nicht für ein ursprüngliches 
Erzeugnis erklären kann. 

Den verschiedenen Methoden der Frauen gemeinsam ist der Verschluss, 
nicht die Verhüllung. Sie halten die Schleimhautteile zurück, wie bei den 
Männern die Glans verhindert wird vorzutreten. Zurückhalten der Schleim- 




Abb. iS. Uluri. (76—% nat- ^r-) 



— 195 — 

haut ist der allen Vorrichtunoren beider Geschlechter gemeinsame 
mechanische Effekt. Das Uluri erreicht ihn bei einer so weit getriebenen 
Reduktion der Bedeckung, dass die Verhüllung eher möglichst vermieden als ge- 
wünscht erscheint. Die Schleimhaut bleibt, da sie bei den Männern hinter dem 
Praeputium, bei den Frauen hinter den Labia majora zurückgehalten wird, der Aussen- 
welt überhaupt und somit allerdings auch den Blicken der Umgebung verborgen. 

;^ Kleidungsstücke«, deren Hauptzweck es wäre, dem Schamgefühl zu dienen, 
kann man doch nur im Scherz in jenen Vorrichtungen erblicken. Sexuelle Erregung 
wurde durch sie nicht verhüllt und wurde auch, wenigstens bei den Bororo- 
Männern, nicht geheim gehalten. Das rote Fädchen der Trumai, die zierlichen 
Uluris, die bunte Fahne der Bororo fordern wie ein Schmuck die Aufmerksamkeit 
heraus, statt sie abzulenken. Zwar wird der Gedanke, sowohl den moralischen 
Zustand als diese »Reste einer früheren Kleidung« auf eine Degeneration zurück- 
zuführen, indem die Eingeborenen von einer höheren Stufe auf die niedrige der 
Gegenwart herabgesunken wären, für manche Gemüter ein Herzensbedürfnis sein, 
er lässt sich aber nicht in Einklang bringen weder mit der von einem gleichen 
klar ausgesprochenen Zweck beherrschten Mannigfaltigkeit der Vorrichtungen, noch 
mit d^r vollkommenen Harmonie, in der sie sich der ganzen übrigen Kulturhöhe 
der Indianer einfügen. Die absolut nackten Suyafrauen wuschen sich die Geschlechts- 
teile am Fluss in unserer Gegenwart. 

Könnte für die heranwachsenden Männer, wenn die Glans durch Erektionen 
und sexuellen Verkehr dauernd frei zu werden droht, der Wunsch entstehen, sie 
zum Schutz bedeckt zu erhalten? Es lässt sich Vieles dafür anführen. Zwar 
möchte sich dieses Schutzbedürfnis noch am wenigsten auf Gestrüpp und Dornen 
beziehen. Ernsthafter sind die Insulte der Tierwelt zu nelnnen. Wenn die Trumai, 
wie von ihnen behauptet wurde, Tiere wären, die im Wasser lebten und auf dem 
Boden des Flusses schliefen, wären sie sogar in die dringende Notwendigkeit ver- 
setzt, die Urethralöffnung dem Kandirüfischchen (Cetopsis Candiru) zu verschliessen. 
Dies transparente, spannenlange kleine Scheusal, dessen Vorkommen im Batov}- 
wir 1884 festgestellt haben, hat die eigentümliche Neigung, in die ihm zugänglichen 
Körperöffnungen des im W^asser befindlichen Menschen einzudringen; es schlüpft 
in die Urethra, kann wegen der Flossen nicht zurück und verursacht leicht den 
Tod des Unglüchlichen, dem Nichts übrig bleibt, als schlecht und recht mit seinem 
Messer die Urethrotomia externa zu vollziehen. *) 

Da die Amphibiennatur der Trumai aber auf gerechte Zweifel stösst, und 
der Aufenthalt im Wasser selbst für den Fischer oder den sein Kanu durch die 
Katarakte bugsierenden Ruderer nur eine nebensächliche Rolle spielt, so ist es 



*) Die Angst der lirasilier vor dem an und für sicli so harmlosen Fischchen ist somit wolil 
gerechtfertigt; sie wird am besten durch eine Münchhaiiseniade charakterisiert, die uns ein < )f fixier mit 
ernsthafter Miene für wahr berichtete: in den (Jewüssern bei Villa Cdceres ist der Kandinl so bös- 
artig und so auf seine Passion versessen, dass er sogar, wenn Jemand vom Uter aus ein Bedürfnis 
befriedigt, eilfertig in den Wasserstrahl empordringt. 

13* 



— 196 — 

nicht notwendig, auf die von dem Kandirü ausgehende, nur gelegentliche Gefahr 
zurückzugreifen. Dagegen macht allerdings das Gesindel der »Carapatos« (Ixodidae), 
der beim Durchwandern des Waldes zahlreich von den Blättern abgestreiften und 
herabgeschüttelten Zecken, den Schutz der Glans den Waldbewohnern im höchsten 
Grade wünschenswert. Die zum Teil winzig kleinen Schmarotzer saugen sich auf 
der Haut fest, pumpen sich voller Blut, bei ihrer dehnbaren Körperwandung bis 
zu Erbsengrösse anschwellend, und haften mit den in die Haut scharf eindringenden 
Hakenspitzen ihrer Kieferfühler so fest, dass man sie zerreisst, wenn man sie ab- 
pflücken will, und durch die zurückbleibenden Teile schmerzhafte Entzündungs- 
stellen hervorgerufen werden. Der Brasilier, der häufig mit Karapaten wie besät 
aus dem Walde kommt, entledigt sich schleunigst seiner Kleidung und schüttelt 
Hemd und Beinkleid über dem Lagerfeuer aus; hat sich einer der Schmarotzer 
in die Glans eingebohrt, so pflegt er ihm mit einer brennenden Zigarette so nahe 
auf den Leib zu rücken, als seine eigene Empfindlichkeit nur eben gestattet, 
damit das Tierchen, durch die Hitze bedrängt, freiwillig seinen Aufenthalt aufgiebt 
und sich aus der Schleimhaut zurückzieht, ohne zerrissen zu werden. Wir Alle 
haben trotz unserer Kleidung das eine oder andere Mal dieses Verfahren ein- 
schlagen müssen und die Situation, bevor die Erlösung erreicht ist, als eine der 
peinlichsten gekostet. Ich bin auch der Ansicht, dass der Schutz, dessen sich 
die Indianer erfreuen, sicherer ist, als der einer verhüllenden Bekleidung. 

Wie viel anderes beissendes, kneifendes, saugendes, einkriechendes Insekten- 
zeug den südamerikanischen Waldbewohner noch auf ähnliche Art bedrängen 
kann, ist jedem Reisenden geläufig, der sich im brasilischen Wald auf den Boden 
gesetzt hat. Am hellsten werden diese Unannehmlichkeiten durch den Umstand 
beleuchtet, dass es auch der Bewohner des südamerikanischen Tropen waldes 
gewesen ist, der die Hängematte, von den Engländern und Franzosen noch 
jetzt nach dem Nu-Aruakwort „anidka" benannt, zu erfinden genötigt war. Genötigt 
war, sicherlich nicht allein wegen des nassen Bodens der Hylaea. Wohlweislich 
begegnet der Indianer jenen Angriffen in etwas dadurch, dass er in Hockstellung 
zu sitzen pflegt. Auch gebrauchen die Frauen, wenn sie beim Schaben der 
Mandiokawurzel und dergleichen Beschäftigung, die sich in der Hockstellung nur 
unbequem verrichten liesse, breit aufsitzen, selbst im Hause, das ja von 
Schleppameisen wimmelt, ein paar aneinander befestigte flache Bambusstücke zur 
Unterlage. Sie sind von den häuslichen Arbeiten her weniger daran gewöhnt zu 
hocken, als die Männer, somit auch weniger geschützt. Auf der nebenstehenden 
Abbildung zeigt eine Gruppe von Bakäirf aus dem zweiten Dorf sehr gut die 
charakteristischen Stellungen beider Geschlechter im Sitzen oder Hocken. 

Auch bei den Frauen würde, wenn Schutz der Schleimhaut durch ihre 
Vorrichtungen bewirkt werden sollte, dieser Zweck wohl erreicht und sicherlich 
besser erreicht als etwa ein Zweck der Verhüllung. Es ist ferner anzuerkennen, 
dass, die Absicht des Schutzes der Schleimhaut vorausgesetzt, ein Bedürfnis sich 
dafür durch das geschlechtliche Leben wenigstens steigerte, weil bei der jungen 



— 197 — 

Frau die Mucosa zugänglicher wurde, im Zustand der Schwangerschaft turgescierte 
und durch die Entbindiuigen gelockert wurde. 

So wäre es in der That nach den örtlichen Bedingungen unrecht, daran zu 
zweifeln, dass die beschriebenen Methoden den Erwachsenen beider Geschlechter 
Schutz gegen äussere Insulte bieten konnten, und dass es nicht an Gelegenheiten 
fehlte, wo sie in diesem Sinne nützlich sein mussten. Es wäre auch natürlich, 
dass man mit ihnen die Jugend schon beim Eintritt in die Reifezeit, wo sie 
begannen, mit den Aelteren zu arbeiten, gebührend ausrüstete. Allein die 
Erklärung kann unmöglich erschöpfend sein. Denn die Wichtigkeit und Un- 
entbehrlichkeit der Vorrichtungen steht im Missverhältnis zu dem Begriff 




l*^.^ . 



Abb. 19. Huckende Bakairi. 



von Schutzapparaten. Warum hätte man sie nicht häufiger, namentlich Nachts 
in der Hängematte, abgelegt? Warum wären die Jünglinge so aufmerksam bei 
ihrer Dressur des Präputiums gewesen ? Warum hätte man sonderlich Aufhebens 
davon gemacht, dass die Uluris oder die Stulpe eines Tages angelegt wurden? 
Die Beziehungen zum Geschlechtsleben müssen unmittelbar sein und nicht nur 
mittelbar. 

Bei dem weiblichen Geschlecht begegnet man keiner Schwierigkeit. Plötzlich 
treten Blutungen auf; hier ist eine Erkrankung gegeben. Dass der Indianer 
ursprünglich so dachte, wird klar bewiesen durch die bei den meisten Stämmen 
übliche, höchst überflüssige medizinische Behandlung des menstruierenden Mädchens 



— 198 — 

mit Isolierung, Ausräucherung, Diät, Inzisionen und den übrigen Hilfsmitteln wider 
die unbekannten Feinde. Man entfernte säuberlich das Schamhaar und legte 
einen Verband an, die Bastschlinge, oder eine Pelotte: das Uluri. 
Die Bastschlinge ist bei den Trumaifrauen — eine Kombination von Verband 
und Pelotte — strickartig gedreht, bei den Uluriträgerinnen bewirkt der schmale 
Rindenstreifen die Anspannung über den Damm; in beiden Fällen wird ein gegen 
die Schambeinfuge hin andrückendes Widerlager geschaffen, bei jenen durch das 
Röllchen, bei diesen durch das federnde Dreieck. Man sieht, es war nicht die 
Reinlichkeit, die das V^erfahren eingab, sondern das ärztliche Bemühen, dem Blut- 
verlust entgegenzuarbeiten. Das sind aber wahrlich keine Erfindungen der Scham- 
haftigkeit, wie Schürzen oder dergleichen loser Umhang. 

Für die Männer liegt die Erklärung nicht ganz so nahe. Auch hier hat 
man den Versuch gemacht, die Beziehung zu einem ursächlich wirkenden, primären 
Schamgefühl zu retten. Die Ansicht ist ausgesprochen worden, dass man sich 
nur ganz ausschliessHch geschämt habe, die Glans des Penis den Blicken zu 
zeigen, und deshalb auch nur sie verhüllt habe. Leider habe ich Nichts be- 
obachtet, was die Frage unmittelbar entscheiden könnte. Ich habe gesehen, dass 
die Leute sich nicht schämten, wenn sie ihre Vorrichtungen uns gaben oder auch 
gelegentlich ablegten, wie denn eine Anzahl Trumai den Faden nicht einmal trugen, 
allein der Penis war immer bereits so stark zurückgedrängt und die Haut so faltig, 
dass von der Glans nichts sichtbar wurde. Ich glaube sogar, vielleicht, weil ich 
ohne gegebenes Material selbst durch die Kulturbrille schaue, dass sie sich schämen 
würden, die Glans dem Auge eines Andern, zumal des Fremden, auszusetzen. 
Nur würde ich dieses Schamgefühl als P'olge des eingewurzelten Gebrauchs be- 
trachten und nicht als seine Ursache. Dass sich aber ein in der Naturanlage 
gegebenes Gefühl nur für einen kleinen anatomischen Teil eines in seiner P^mktion 
auch die andern Teile beanspruchenden Organs regen solle, finde ich recht selt- 
sam, und gern würde ich von einem etwa derart beobachteten P'all hören, dass 
ein im Zustand der Nacktheit überraschter Mensch sich nicht mit der Hand, 
sondern nur mit zwei P'ingern bedeckt habe. Es ist nicht zu vergessen, dass 
Erektionen durch die Abschnürung weder verhindert noch verborgen werden. 
Dann giebt es ja auch beschnittene Menschen , die nackt gehen oder gingen *). 
Und hier sind wir bei dem Punkt angelangt, der vor Allem erwogen werden 
muss. Wir müssen die entgegengesetzte Behandlung der Glans in Betracht 
ziehen, die das Praeputium verkürzt oder spaltet. Der grössere Teil der Mensch- 
heit hat der Zirkumzision den Vorzug gegeben. Mit Ploss und A n d r e e "'■■"') 
bin ich der Meinung, dass der ursprüngliche Sinn der Beschneidung der eines 
»operativen Vorbereitungsaktes auf die Sexualfunktion des Mannes« gewesen sei; 
»man will den Jüngling mit einem Male reif und normal in sexueller Hinsicht 



*) Vgl. das Beispiel des Kaziken vuii Gutera, R. Audree, Ethnographische rarallelcn und 
Vergleiche. Neue Folge, Leipzig 1SS9, p. 202. 
**) a. a, (J. p. 212. 



— 199 — 

machen, er wird damit in die Reihe der heiratsfähigen Männer aufgenommen«. 
Haben unsere Naturvölker sich nun für die entgegengesetzte Methode entschieden, 
so können sie dabei nicht von einem entgegengesetzten Motiv, das unsinnig wäre, 
geleitet worden sein. Aber wohl darf man sich fragen, ob ihre Methode nicht 
nur scheinbar entgegengesetzt ist, ob sie nicht in Wirklichkeit dasselbe erreicht? 
Nicht dass die Oeffnung erweitert würde; es liegt vielmehr eine gymnastische 
Behandlung der Phimose vor anstatt einer operativen. Dehnen sie denn nicht 
die Haut, die die Andern zerschneiden? Schaffen sie nicht Raum innen, wo ihn 
die Andern nach aussen schaffen? Am wenigsten kann dies für das Abklemmen 
des Praeputiums mittels der Hüftschnur bezweifelt werden, was, wie bereits er- 
wähnt, die älteste Form zu sein scheint, da sich die Hüftschnur überall erhalten 
hat. Mit dem Stülp wurde die Haut stark vorgezerrt. Bei Jünglingen zeigte sie 
sich häufig wund und abgeschürft. Der Europäer lässt zu enge Schuhe vom 
Schuster auf den Leisten schlagen, im innern Brasilien aber, wo man nur fertige 
importierte Waare kauft, findet ein Mann der guten Gesellschaft gar nichts darin, 
in Lackschuhen zu erscheinen, die er sich mit ein paar festen Schnitten erweitert 
hat. Sein Messei' verhält sich zum Leisten, wie der beschneidende Splitter oder 
Dorn zur Hüftschnur. 

Eins haben der feine Brasilier und der Europäer in diesem Fall gemeinsam, 
sie schämen sich schon beide mehr oder minder, barfuss zu erscheinen. Viel- 
leicht kommt auch einmal die Zeit, wo vollkommene Menschen glauben, die 
Schuhe seien erfunden, weil es ein Erbgut unseres Geschlechts gewesen sei, sich 
der nackten Füsse zu schämen. 

Nicht einmal die wirklichen Anzüge, die unsere Indianer haben — sie sind 
aus Palmstroh geflochten, mit Aermeln und Hosen ausgestattet und dienen zur 
Vermurnmung bei Tanzfesten — lassen sich zu Gunsten des Ursprungs aus dem 
Schamgefühl ver^verten; an ihnen werden die Geschlechtsteile gross und deutlich 
aussen angebracht. Ich vermag nicht zu glauben, dass ein Schamgefühl, das den 
unbekleideten Indianern entschieden fehlt, bei andern Menschen ein primäres Gefühl 
sein könne, sondern nehme an, dass es sich erst entwickelte, als man die Teile 
schon verhüllte, und dass man die Blosse der Frauen den Blicken erst entzog, 
als unter vielleicht nur sehr wenig komplizierteren wirtschaftlichen und sozialen 
Verhältnissen mit regerem Verkehrsleben der Wert des in die Ehe ausgelieferten 
Mädchens höher gestiegen war als er noch bei den grossen Familien am Schingü 
galt. Auch bin ich der Meinung, dass wir uns die Erklärung schwerer machen 
als sie ist, indem wir uns theoretisch ein grösseres Schamgefühl zulegen als wir 
praktisch haben. 



— 200 — 

III. Jägertum, Feldbau und „Steinzeit"- Kultur. 

Bevölkerungszahl. Lage der Dürfer. Vereinigung von uraltem Feldbau und Weltanschauung des 
Jägertunis. Jagd und Fischfang müssen den nietalllosen Stäninieii, für che der Ausdruck »Steinzeit« 
unzutreffend ist, die wichtigsten Werkzeuge liefern. Stci ii l)ci Im on u po 1, Z.ähnc, Knochen, 
Muscheln, Federn. Aufzählung der Nutzpflanzen und Verteilung nach .Stämmen, Keine 
Bananen. Ptlanzennamen als Zeugen für stetige Entwicklung. Fehlen berauschender Mehlgetränke 
beweist, dass Einfachheit nicht gleich Degeneration. Vereinigung von Jagd und Feldbau ermöglicht 
durch Arbeitsteilung der (ie schlechter. Inchanerinnen schaffen den Feldbau; sie erfinden die 
Töpfe zum Ersatz der Kürljisse; die Männer l)raten, die Frauen kochen. Durch fremde 
Frauen Kultur des Feldbaues, der Töpfe, der Mehlbereitung verbreitet und nach Kriegen erhalten, 

namentlich durch Nu-Aruakfrauen. 

Die Bevölkerung des Schingü-Ouellgebiets mag ungefähr 2500 — 3000 Seelen 
betragen. Ich bin niciit in der Lage, mehr als eine ganz oberflächliche Schätzung 
zu geben. Selbst in dem dritten Bakairidorf waren die jungen Frauen und 
Mädchen in den Wald gelaufen, als wir ankamen. Mei.st kehrten die Flüchtlinge 
zwar allmählich zurück, docli wussten wir niemals sicher, ob wir die normale 
Anzahl der Bewohner vor uns sahen. Es kam auch umgekeiirt vor, dass Besuch 
aus den benachbarten Ortschaften eingetroffen war, und die uns umgebende Ge- 
sellschaft zu zahlreich erschien. Die kleinsten Dörfer bestanden aus niu" zwei 
Familienhäusern, die grössten aus nahezu zwanzig. Es wird im Allgemeinen 
richtig sein, wenn man den Dörfern je nacii der Grösse eine Bevölkerung von 
30 bis 150 und, wo es hoch kommt, bis 200 Bewoiinern zurechnet. 

Nur die Trumai und jenseit Schingü- Koblenz die Suyä wohnten am Fluss- 
ufer. Es waren dies die streitlustigsten imd unruhigsten Stämme; die Suyä 
konnten als die Hechte im Karpfenteich gelten. Die Uebrigen sassen in stiller 
Sicherheit oft mehr als zwei Wegstunden landeinwärts vom Fluss. Aber während 
der Fluss im Gebiet der Bakairi noch schmal war und sich in den letzten Kata- 
rakten austobte, während liier noch in der Landscliaft dichte Kampwildnis mit 
sandigem Boden vorherrschte, entwickelte sich flussabwärts ein ausgedehntes Netz 
von Kanälen und Lagunen, gestaltete sich dort für die Kenner der verschlungenen 
Wasserwege, in denen sich der Fremde niclit zurechtzufinden vermochte, der 
Verkehr nicht nur von Dorf zu Dorf, sondern auch vom Dorf zur Pflanzung 
mühelos und vielseitig, lohnte überdies ein reicherer Boden besser die Arbeit. 

Wollen wir das Schema Fischer und Jäger oder Ackerbauer anwenden, so 
müssen wir bei unsern Eingeborenen ein Mischverhältnis feststellen. Die Jagd 
auf Säugetiere trat bei den sesshaften Anwohnern des Flusses von selbst gegen 
den Fischfang zurück. Dieser war wichtig sowol für den Zweck der Ernährung 
als für den der Verwendung im technischen Bedarf. Felle boten keinen Nutzen, 
da man wärmende Kleidung nicht trug; die Haut des erlegten Säugetieres wurde 
gewöhnlich nicht abgezogen, sondern mitgebraten, und zwar bis zur Verkolilung, 
wo sie angenehm knusprig und salzig schmeckte. Die Jagd, ausser der eifrig 
gepflegten auf grosse Hühnervögel und die sonstige Bewohnerschaft des Fluss- 
waldes, gewährte nur Gelegenheitsbeute und hätte, wenn sie ernster betrieben 



— 20I 

werden sollte, zu grösseren Streifereien genötigt. Wir sahen dies später bei den 
Bororo, die auch an einem fischreichen Fluss wohnten, bei denen aber umgekehrt 
die Jagd auf Säugetiere im Vordergrunde stand ; sie waren wochenlang von Hause 
abwesend und kehrten mit grossen Mengen gebratenen Fleisches zurück: sie be- 
trieben noch keinen Feldbau. 

Geistig — und das ist ein Punkt von lioher Bedeutung — lebten die 
Schingüindianer trotz eines intensiven Feldbaus noch im vollen, echten Jäger- 
stadium. Wenigstens von den Bakairi kann icii diesen Satz in seinem ganzen 
Umfang bestätigen. Ich habe geschildert, mit welcher Aufmerksamkeit sie selbst 
im Dorf jeden Laut, der aus dem Walde drang, jeden Vorgang aus dem Tier- 
leben, den ihnen der Zufall vor Augen führte, beobachteten. Draussen auf dem 
Kamp- oder Waldpfad, im Kanu, im Nachtlager füiilte sich der Indianer stets 
auf der Jagd. Er wusste sich nicht durch eine Kluft von der Tierwelt geschieden, 
er sah nur, dass sich alle Geschöpfe im Wesentlichen benainnen wie er selbst, 
dass sie ihr Familienleben hatten, sich durch Laute miteinander verständigten, 
Wohnungen besassen, sich zum Teil befehdeten und von der Jagdbeute oder von 
Früchten ernährten, kurz er fühlte sich als primus inter pares, nicht über ihnen; er 
wusste nichts von all den guten Dingen, dass es ein Anderes ist, ob man in Situations- 
bildern oder in Begriffen Schlussfolgerungen zieht, und ob man nach Assoziationen, 
die sich fertig innerhalb der Art forterben, oder nach der Tradition, die von den 
Eltern durch die Sprache übermittelt wird, zweckgemäss handelt. Seine Sagen 
und Legenden, die uns als reine Märchen und Tierfabeln erscheinen, und die er 
genau so ernst nimmt wie wir die heiligen Bücher und ihre Lehren, in denen er 
sich auch Menschen und Tiere vermischen lässt, müssten ihm selbst nur scherz- 
hafte Spielereien sein, wenn er seine Person aus anderm Stoff geformt wusste als 
die übrigen Geschöpfe. Wir können diese Menschen nur verstehen, wenn wir sie 
als das P^rzeugnis des Jägertums betrachten. Den llauptstock ihrer Erfahrungen 
sammelten sie an Tieren, und mit diesen P^rfahrungen, weil man nur durch 
das Alte ein Neues zu verstehen vermag, erklärten sie sich vorwiegend die 
Natur, bildeten sie sich ihre Weltanschauung. Dementsprechend sind ihre künst- 
lerischen Motive, wie wir sehen werden, mit einer verblüffenden Einseitigkeit dem 
Tierreich entlehnt, ja ihre ganze überraschend reiche Kunst wurzelt in dem Jäger- 
leben und ist nur erblüht, als ein ruhigeres Dasein den Knospen Schutz gewährte. 
Ich kann nicht genug von Anfang an auf diese Verhältnisse hinweisen, weil wir 
sonst die materielle Kultur der Eingeborenen nicht richtig würdigen und ihre 
geistige überhaupt nicht begreifen würden. 

Auf der andern Seite ist es Thatsache, dass die Erzeugnisse des Feldbaus 
— ausgenommen bei den Trumai — seit undenklichen Zeiten im Besitz unserer 
Indianer sind. Dafür liefert die Vergleichung der Sprachen unwiderlegliche Be- 
weise. Sie lehrt uns zunächst, dass die Stämme des Schingü versciiiedenen Sprach- 
familien angehören. Sie lehrt uns weiter, dass für jeden einzelnen die Abzweigung 
von dem entsprechenden Grundvolk in entlegenen Epochen stattgefunden hat; 



— 202 — 

denn die lautlichen Erweichungsvorgänge und das Verschwinden der Stammanlaute, 
die überall bei den einzelnen Dialekten vorhanden sind, zeigen eine gleich gerichtete, 
aber dem Grade und den Grenzen nach überall verschieden abgestufte Ent- 
wicklung, zeigen nur Entsprechungen und keine Uebereinstimmungen, können also 
erst nach der Abtrennung von dem Grundvolk in Gang gekommen sein. Dennoch 
haben schon die Grundvölker die Namen der wichtigsten Nutzpflanzen; sie sind 
gänzlich verschieden von einem Grundvolk zum andern, sie sind aber dem einzelnen 
Grundstock gemeinsam mit einer grösseren oder geringeren Anzahl der Zweige. 
Eür die Karaiben glaube ich diese Sätze in meiner Bakairi- Grammatik erwiesen 
zu haben, für die Tupf darf ich sie nach neueren Studien gleichfalls behaupten, 
für die Nu-Aruak, wo das Material unzulänglich und schwierig ist, enthalte ich 
mich jeden Urteils und verweise nur darauf, dass wir aus geschichtlichen und 
ethnologischen Daten schliessen müssen, dass die Nu-Aruak sicherlich eine ältere 
Kultur besitzen als die Karaiben und gar die Ges, und eine ältere wahrscheinlich 
auch als die Tupi. Die Trumaf haben ihre Namen für die wichtigsten Nutz- 
pflanzen teils von den Nu-Aruak, teils von den Tupf entlehnt. 

So haben wir einen Widerspruch gegen die landläufige Auffassung: uralten 
Feldbau neben der Weltanschauung des Jägertums. Die Bakairf sagten mir, 
»unsere Grossväter wussten nichts von Mais und Mandioka, sie assen dafür Erde- 
— w^ovon die heutigen Indianer nur naschen. In dem Bagadü-Märchen erzählen sie, 
dass die Mandioka den Kampbewohnern erst geschenkt worden sei. Man begegnet 
im Matogrosso verschiedenen Stufen der Entwicklung nebeneinander: in den Bo- 
ro rö werden wir einen mächtigen Stamm kennen lernen, dem das Anbauen von 
Nährpflanzen ein unverständliches Beginnen war, der ohne Not die f ü r ihn gepflanzten 
Mandiokawurzeln, kaum dass es junge, dünne Wurzelstengel waren, eiligst ausriss 
und verzehrte — wir erkennen aus der Sprache und hören auch aus der Ueber- 
lieferung, dass die Trumaf erst spät in dem Feldbau von ihren Nachbarn unter- 
richtet worden sind und finden bei ihnen vortrefflich gehaltene, ausgedehnte 
Pflanzungen — wir sehen endlicli die übrigen Schingü- Indianer abhängig von 
den hauchten des Feldes, doch in ihrem ganzen Denken und Empfinden von der 
Freude am urspünglichen Jagerberuf erfüllt. 

Allein der Gang kann sich nicht so abgesetzt stufenweise und mehr oder 
minder sprungweise nach dem Schema vollzogen haben. Um dies einzusehen, 
müssen wir nur noch einem andern Problem etwas näher treten. Die Schingü- 
stämme hatten keine Metalle. Man sagt, sie lebten in der >; Steinzeit«. 

Leider ist das Studium der vormetallischen Perioden ganz vorwiegend an 
dem stummen Material der Ausgrabungen herangebildet worden. So hat man 
zunächst die Verwirrung der Begriffe entstehen lassen, dass »Steinzeit« und »Prae- 
historie« häufig als Ausdrücke gelten, die sich decken, obwohl die Völker, die ihre 
Geschichte selbst geschrieben haben, dies erst thaten, als sie die Metalle längst 
besassen, und obwohl neben ihnen und zu gleicher Zeit metalllose Völker, »vor- 
geschichtliche« mit geschichtlichen zusammen gelebt haben. Dann aber hat man 



— 20^ — 



bei unser n praehistorischen Funden eine ältere Zeit unterscheiden können, wo die 
Steingeräte durch Zuhauen und Zersphttern der Steine, und eine jüngere Zeit, 
wo sie durch Schleifen hergestestellt wurden, und hat sich nun nicht begnügt, 
diesen Gang — ich sage nicht, diesen Entwicklungsgang — auf die Gebiete zu 
beschränken, wo man ihn beobachtet, sondern, die Erfahrungen verallgemeinernd, 
geschlossen, der Mensch habe notwendig, um seine Werkzeuge zu gewinnen, 
überall damit begonnen, Steine zu zerschlagen, und sei dazu fortgeschritten, sie 
zu schleifen. Während die Praehistorie erst dort für die Erklärung der Kultur- 
anfänge das entscheidende Wort sprechen und die Definitionen liefern sollte, wo 
die Beobachtung an den Naturvölkern ihre Grenze findet, gelten heute die Mitteilungen 
aus Alaska oder von einer Südseeinsel vorwiegend als schätzbares Material für den 
Praehistoriker, der mit Freude sieht, wie seine scharfsinnigen Deutungen durch die 
Wirklichkeit bestätigt werden, und wenn andrerseits der F"orschungs- 
reisende irgendwohin gelangt, wo die Leute keine Metalle kennen, 
so ruft er aus, sie leben in der »Steinzeit« — eine Thorheit, die 
mir deshalb sehr klar geworden ist, weil ich sie selbst häufig be- 
gangen habe. Gingen wir zunächst einmal von den Naturvölkern 
aus, wie es sich gebührt, so würden wir nicht verkeimen, dass sich 
unter ihnen noch heute paläolithische sowohl als neolitiiische Arbeit 
je nach den vorhandenen Gesteinarten, je nach dem anderweitig ge- 
gebenen Material und je nach den technischen Zwecken vorfindet. 
Wir würden sehen, dass der negative Ausdruck :^metalllos<^ natürlich 
zutrifft, dass aber der positive Name >;Steinzeit« sehr unglücklich 
sein kann. Wir würden auch den Fall berücksichtigen, wo der 
Mensch gar keine oder nur ungeeignete Steine hat und doch seine 
Geräte und Waffen vortrefflich herstellt. Als unbefangener 
Beobachter wäre ich kaum je darauf verfallen, zu behaupten, 
dass die Schingü-Indianer in der >^Steinzeit« leben. 

Es trifft gewiss zu, dass ihre schwierigsten Leistungen — Wald- 
lichten, Häuserbauen, Kanubauen, Verfertigen von Schemeln und 
dergleichen — dem Steinbeil zukommen. Allein die verschiedenen Stämme waren 
ganz abhängig von einer Fundstätte, die im Besitz der Trumai war. Weder 
Bakairi noch Nahuquä noch Mehinakü nebst Verwandten, noch Auetö 
noch Kamayura hatten Steinbeile eigener Arbeit. Ihr Sandstein eignete 
sich nicht zu Beilen. Genau ein Gleiches habe ich von der früheren Zeit der zahmen 
Bakairi des Paranatinga auszusagen: in diesem Gebiet hatten die Kayabi das Mo- 
nopol der Steinbeile; die benachbarten Bakairi mussten sie sich von ihnen, ihren 
späteren Todfeinden, beschaffen. Die Stämme des Batovy, Kulisehu und Kuluene 
erhielten ihre Steinbeile von den Trumai; (die am Hauptfluss wohnenden Suyä hatten 
selbst welche). Das Steinbeil tritt uns hier also als ein p:infuhrartikel entgegen. 
Auf meine Erkundigungen wurde mir geantwortet, die Steine würden >;an 
einem Bach im Sand« gefunden. Das Material ist von Herrn Professor Arzruni 




Abi). 20. 

Steinbeil. 

(7^ nat. Gr.) 



204 



in Aachen als Diabas bestimmt, ein aus Augit, Plagioklas, Glimmer, Chlorit und 
Magneteisen zusammengesetztes Gestein, in dem einzelne Krystallc von Olivin und 
ziemlich viele Quarzkörner eingelagert sind. Die Klingen, ii — 21 cm lang, sind 
meist flach zilindrisch, einige in der Mitte walzenrund, verjüngen sich nach hinten 
und enden vorn breit mit bogenförmiger Schneide. Sie sitzen ohne jede Um- 
schnürung in einem durchschnittlich 0,5 m langen Holzgriff, der aus einem 
zilindrischen quer durchbohrten Oberstück und einem dünneren, von diesem wie ein 
Schilfrohr von seinem Kolben abgesetzten Stiel besteht. Aus demselben Diabas 
sind die in die am Wurfpfeile eingelassenen Steinspitzen und die 
Schmucksteine der Halsketten. Die Trumai schliffen ihren Steinen die 
Klinge an, und durchbohrten, wie ausser ihnen nur die benachbarten 
Yaulapiti, die Schmucksteine. Die übrigen Stämme schliffen nur die 
stumpf gewordenen Beile im Flusssandstein zu. Muscheln und Steine 
wurden mit einem Quirlbohrer durchbohrt. An einem Stöckchen war, 
und zwar an beiden Enden, damit man wechseln konnte, ein dreieckiges 
hartes Steinsplitterchen eingeklemmt und durch Fadenumschnürung ge- 
sichert. Das Stöckchen war nahezu ^ji m lang und wurde zwischen 
den Händen gequirlt. Wurde Stein durchbohrt, so setzte man Sand zu. 
Das ist Alles, was die Indianer in der Bearbeitung von Stein leisteten, 
sie hatten keine dreieckigen Pfeilspitzen aus Stein, keine Steinmesser, 
keine Kelte, keine Steinsägen, keine Schaber u. s. w. Ich schlug bei 
den Bakairi zwei Stücke eisenhaltigen Sandsteins gegeneinander, dass 
Funken hervorsprühten, und sah zu meinem Erstaunen, dass sie die Er- 
scheinung nicht kannten. Sie waren Neolithiker, die von der paläo- 
lithischen Zunft manches nützliche Handwerksgeheimnis hätten lernen 
können. 

Ich wage nicht zu sagen, die Schingü- Indianer lebten in der 
;^Zahnzeit«, ^^Muschelzeit« oder »Holzzeit' , obwohl in der That die 
grosse Mehrzahl von Waffen, Werkzeugen, Geräten, Schmuck aus 
Zähnen, Muscheln und Holz zusammengesetzt ist, und sie das Feuer 
durch Reiben \'on Hölzern erzeugten. Ich wage dies nicht einmal in Be- 
treff der ostbrasilischen W^aldstämme, bei denen das Steinbeil doch eine 



Abb. 



(^uirl- 
b o h r e r. *) 

('/. nat. Gr.) ganz sekundäi'e Rolle gespielt haben muss, da sie weder Feldbau trieben, 
noch Kanus bauten, noch solide Hütten kannten. Aber es ist offenbar 
nur die Uebertragung von anderswo — und beim Ausgraben auf sehr erklärliche 
Art und Weise — gewonnenen Begriffen, wenn man aus dem vorhandenen natür- 
lichen Material für Werkzeuge und Waffen, um die Kulturstufe zu bezeichnen, 
dasjenige herausgreift, was am wenigsten sowohl Bearbeitung wie Verwendung 
erfahren hat. Die Kultur der den Wald bewohnenden alten brasilischen Jäger- 
stämme wird schwer verkannt, wenn man mit der Klassifikation »steinzeitlich« die 



*) Der (juirlstück ist imlerbrochen dargeslellL. 



— 205 — 



Vorstellung von den Menschen der Eiszeit heraufbeschwört. Wir versperren uns 
das Studium der räumlichen Kulturkreise und der Abhängigkeit des Menschen 
von seinem Wohnorte; jeder Stamm hat das Material seiner Umgebung ver- 
werten gelernt, auf das er angewiesen war, und ist so in den Besitz von Methoden 
gelangt, die eine mit demselben Material nur spärlich versorgte Nachbarschaft 
nicht gefunden hätte, aber nur zum eigenen Fortschritt benutzen und üben lernt. 
»Von der geographischen Umgebung«, sagt Bastian, »zeigt es sich bedingt, ob 
neben dem den Metallen vorhergehenden Steinalter noch ein Holzalter (wie in 
brasilischen AUuvionen z, B.), ein Knochenalter (bei Viehstand auf öden Ebenen, 
oder dortiger Jagd), ein Muschelalter (wie auf Korallen-Inseln manchmal) zu setzen 
sein würde. <•< Ich sage also lieber einfach, unsere Indianer kannten noch keine 
Metalle und waren in ihren Arbeitsmethoden zunächst auf Muscheln, Zähne und 
Holz angewiesen, schon weil sie besser geeignete Steine grossenteils gar nicht 
hatten. 

Und nun bin ich wieder bei meinem Ausgangspunkt angelangt. Trotz ihres 
Feldbaues und trotz ihres Rodens mit der Steinaxt haben die Schingü- Indianer 
sich ihr Jägertum nicht nur er- 
halten können, sondern haben 
es sich auch erhalten müssen, 
weil ihnen Fischfang und Jagd, 
abgesehen von einem Wechsel in 
der Nahrung, die unentbehr- 
lichsten Werkzeuge für die Her- 
stellung von Wafiten und Geräten 
lieferte. 

Zähne. Die Piranya- Ge- 
bisse (serrasalmo)'^) dienten zum 

Schneiden. Sie wurden mit einem beliebigen Holzhaken geöffnet und sorgfältig unter- 
sucht; der 14 dreieckige Zähnchen enthaltende, 4 cm lange Unterkiefer wurde dann 
mit einer Muschel ausgeschnitten. Hartes und W^eiches, die Stacheln der Buritipalmen 
oder das menschliche Haar, besonders aber alle Fäden und Fasern, wurden mit dem 
scharfen Gebiss geschnitten. Meine Scheere nannten sie »Piranya-Zähne«. Bambus 
und anderes Rohr wurde damit eingeritzt, bis es glatt abgebrochen werden konnte. 
Ein kaum unwichtigeres Werkzeug lieferte der Peixe cachorro oder Hundsfisch, der 
zoologisch Cynodon heisst, und im Unterkiefer zwei 3 — ^372 cm lange spitze, durch je 
ein Loch nach oben durchtretende Zähne besitzt. Mit dem messerscharf geschlifienen 
Rand dieser Zähne wurde geschnitten, doch gebrauchte man sie hauptsächlich 
zum Stechen, z. B. beim Tätowiren, zum Ritzen, z. B. bei Verzierung der Schild- 
kröten-Spindelscheiben, und zum Durchbohren von Rohr wie bei den Pfeilen, um 
die Fäden zur Befestigung der Paedem und Spitzen durchzustecken. Mit den 

*) Es gab zwei Arten, eine kleinere schwarze, »Piranya preta« oder »olho de fogo« (Feuer- 
auge), und eine grössere : papo amarello , (Gelbkropf), dessen »Gelb'.s ein prächtiges Orange war. 




Abli 



Feuerauge - Piranya. ('/^ nat. Gr.') 



— 2o6 — 

spitzen Zähnchen des Trahua- Fisches, Erythrinus, waren die dreieckigen Kürbis- 
stücke besetzt, die als Wundkratzer in der kleinen Chirurgie der Indianer, vgl. 
Abbildung 15, das wichtigste Instrument darstellten. Auch dienten die Zähnchen 
des Aguti, Dasyprocta Aguti, zu gleichem Zweck. Von den Nagetieren bot das 
Kapiv^ara, Hydrochoerus Capybara, in den Vorderzähnen des Unterkiefers un- 
entbehrliche Schabemeissel; der 6 — 8 cm lange Zahn wurde mit Baumwoll- 
faden an ein Stückchen Ubärohr befestigt oder zwei Zähne wurden zusammen- 
geschnürt und auch noch mit etwas Wachs verkittet. Mit dem Aguti -Zahn 





Abb. 23. Hundsfisch. ('/, nat. Gr.) 



Abb. 24. l'iranya. ('/, nat.Gr). 





Al)b. 26. Kapivara- Zähne. 
(Schal)meissel). ('/., nat.Gr.) 



wurden ebenfalls die Pfeillöcher gebohrt. Affenzähne, an der W^irzel durchbohrt 
und kunstvoll zu einer Kette aneinander geflochten, waren ein beliebter Gürtel- 
oder Halsschmuck. 

Knochen. Arm- und Beinknochen von Affen, die in dicken Bündeln in 
den I landwerkskörbchen zu Hause aufbewahrt wurden, dienten als Pfeilspitzen. 
Sie wurden zugeschliffen und mit ihrem Röhrenkanal dem zwischen Pfeilspitze 
und Pfeilschaft vermittelnden Stock aufgesetzt. Der Schwanzstrahl des Rochen 
war ebenfalls Pfeilspitze. Kleine spitze Knöchelchen wurden als Widerhaken an- 



— 207 — 

gebracht. Säugetierknochen fanden mancherlei VerwencUing, mit dem Ober- 
schenkelknochen des Rehs strich man die mit dem Wundkratzer behandelte Haut, 
den Splitter von einem Jaguarknochen sahen wir zugespitzt, um Ohrlöcher zu 
bohren, mit einem Knochen wurde auf die Pfeilspitzen das Wachs aufgetragen, 
das die Umschniirung verschmierte. Die Vorderklauen des Riesengürteltiers 
Dasypus gigas dienten dem Menschen, wie dem Tier selbst, zum Graben und 
Aufwühlen des Hodens und waren die Erdhacke unserer Indianer. Die Spindel- 
scheiben stammten vielfach aus dem Bauchstück des Schildkrötenpanzers, der mit 
einem Stein zerschlagen wurde. Jaguarklauen wurden als Halsketten getragen, 
Fischwirbel an der Gürtelschnur; ein quer durch die Nasenscheidewand gesteckter 
Knochen schmückte die alten Bakairf. 

Muscheln. Flache Flussmuscheln wurden zum Schneiden, weniger wo es 
auf ein Durchschneiden als ein Längsschneiden ankam, zum Schaben, Hobeln, 
Glätten in ausgedehntem Masse gebraucht. Die von den Kamayurä mitgebrachten 





Alib. 27. Messerniuschel und TTobelmiisch el 



Arbeitsmuscheln hat Herr Prot, von Märten s bestimmt: tyutn, Anodonta war 
die Muschel zum Abschaben der Mandiokawurzel, ^^maniöka pinäp'''; die P'rauen 
Sassen auf ein paar aneinandergereihten Bambusstücken und schabten, schruppten, 
kratzten, bis ihre Beine in den Schnitzelhaufen verschwanden. Diese Muschel 
diente auch als Hobel, um den Griff des Steinbeils oder das Ruder durch feineres 
Schaben zu glätten, aber nicht etwa mit dem Rande, sondern mit einem in der 
Mitte angebrachten Loch. Die Leute bissen mit ihren Zähnen die äusserstc 
Schale ab und stiessen mit der spitzigen Akurinuss das Hobelloch hinein. Eine 
andere Anodonta-Art, ita-i, »kleine Muschel«, gebrauchte man ebenfalls zum Fein- 
scliaben des Holzes. Auch verwandte man diese wie die anderen Arten zum 
Aufbewahren der Farbe, mit der man sich rot oder schwarz bemalte; sie waren 
gewöhnlich an der Hängematte aufgehängt. P^ine zweite grosse Schabmuschel 
für Wurzeln war itü, »Muschel«, eine Varietät der von Castelnau aus dem 
Araguay mitgebrachten Leila jyidvinata Hupe. Mit der grössten Art itä kuraä, 



— 208 — 

Unio Orbignanus, wurden die Rog-en geglättet und zwar mit der Aussenfläche der 
Muschel. Interessant war eine flache Hyria, itä imikü, weil sie einen scharfen 
spitzen Fortsatz hat, mit dem man z, B. Pikifrüchte öffnete. Sie entspricht am 
besten unserm Taschenmesser, einem von den Indianern selir abfällig beurteilten 
Instrument, weil sie es nur mit unsäglicher Mühe zu öffnen wussten; sie stellten 
sich dabei so ungeschickt an wie wir bei dem uns ungewohnten Quirlbohren. Die 
Muschel wurde um den Hals gehängt, wenn man auf Reisen ging, mit ihr wurden 
die erbeuteten Fische und Jagdtiere aufgeschnitten, mit der Muschel wurde das 
Grübchen des Feuerstocks ausgehöhlt, in dem ein zweiter Stock bis zum Glimmen 
gequirlt wurde, bei allem Schnitzen des Holzes war sie unentbehrlich. Vielfache 
Verwendung fanden Schneckenschalen, Stücke von Bulinius-Gt\\3.\x9,tn zum Ketten- 
schmuck. Vgl. Seite 182. Orthalicus melanostoinus baumelte zuweilen in dichtem 
Gehänge am Maskenanzug. 

Federn beflügeln den Pfeil, dessen Schaftende einander gegenüber zwei 
abgespaltene Federhälften in spiraliger Drehung aufgenäht sind. Im Uebrigen 
scheinen sie aussclüiesslich, hier aber in grösstem Umfang, zum Schmuck ver- 
wendet zu werden als Ohrfedern, Federkronen, Federhauben, Federarmbänder, 
Federmäntel (bei den Kamayurä) und in hundertfältiger Verzierung im Kleinen, 
wo die bunten Büschelchen hingen an den Hängematten, an Kämmen, Kürbis- 
rasseln, Pfeilschleudern, Masken u. s. w. Das herrlichste Material stand zur Ver- 
fügung, von dem Gelb, Blau, Rot und Grün der Arara, Tukane, Webervögel, 
Papageien, von den schönen Streifungen oder Sprenkelungen der Hokkohühner, 
P^alken, Eulen, bis zu dem schimmernden Weiss der Reiher und Störche oder 
dem Schwarz des Urubügeiers. Prächtig war die breite und grosse schwarz-weiss 
gebänderte Fahne der Harpyia destructor. 

Die Beute von Jagd und Fischfang bot also eine Fülle der notwendigsten 
Dinge, sie lieferte namentlich Werkzeug zum Schneiden, Schaben, Glätten, Stechen, 
Bohren, Ritzen und Graben. Der Feldbau hatte den PLingeborenen Sesshaftigkeit 
gesichert, ihre ökonomische Lage verbessert, aber sie waren dabei immer, wenn 
aucii in geringerem Umfang, noch Fischer und Jäger geblieben. Sie waren Jäger 
ohne Hunde, Fischer ohne Angel, Bauern ohne Pflug und Spaten. Sie bieten uns 
ein vortreffliches Beispiel dar, um zu lernen, wie vielgestaltig die Methoden der 
Arbeit zum Zweck des Lebensunterhalts vor dem Besitz jedweder Metalltechnik 
gewesen sei können, ein Beispiel, das uns warnt, die Wichtigkeit der Steingeräte, 
die freilich am ehesten und reichhaltigsten der Nachwelt erhalten bleiben, zu 
überschätzen, und in den einen grossen Topf des Steinalters unterschiedlos Alles 
hineinzuwerfen, was vor dem Gebrauch der Metalle liegt und im Vergleich zu 
der für diesen anzusetzenden kleinen Spanne Zeit unvorstellbar lange Perioden 
umfassen muss. 

Wenn man die Kultur nach dem Umfang und der Gründlichkeit schätzt, 
wie die den Menschen umgebende Natur ausgenutzt wird, so standen unsere Ein- 
geborenen wahrlich auf keiner niedrigen Stufe. Sie jagten und fischten mit Pfeil 



209 — 



und Bogen, sie fischten mit Netzen, Fangkörben und Reusen, sie hatten ihre 
Fischhürden im Fluss, durchsetzten den Strom mit Zäunen und Blöcken und 
schlössen Lagunenarme ab, um die Fische abzusperren, sie rodeten den Wald 
über grosse Strecken hinaus in schwerer Arbeit, sie bauten sich stattliche Häuser, 
häuften darin ansehnliche Vorräte, füllten sie mit dem Vielerlei einer fleissigen 
I landwerkergeschicklichkeit, statteten sich selbst mit buntem Körperschmuck aus 
und verzierten alles Gerät mit sinnigen Mustern. Wenn mich die Cuyabaner mit 
wütenden Zeitungsartikeln überschütteten, dass ich gesagt habe, die Wilden des 
Schingü hätten ein sauberes und besseres Heim als viele Matogrossenser, so will 
ich, ohne die Ursachen zu vergleichen, ihnen zur Beruhigung zufügen, dass es 
auch im alten Europa der Dörfer genug giebt, im Gebirge und an der Küste, 
wo man eine elendere Lebenshaltung führt als am Kulisehu. 

Ich zähle die angebauten Nutzpflanzen auf, die wir bei den Indianern be- 
obachtet haben. Sie gliedern sich A. in solche, die Allgemeingut des süd- 
amerikanischen Nordens gewesen sind, ehe die Europäer erscliienen, und B. 
in solche, die in der unmittelbaren Umgebung wild vorkamen; 

A. 

Baumwolle 



B. 



Cuyete 

Flaschenkürbis 

Esskürbis 

Mamona 

Uruküstrauch 

Tabak 

Genipapo 
Pfeilrohr, Ubä 
Lanzeneras 



Gossi/pinm. 

Crescenfia Cuyete. 

Cucurbita Lagenaria. 

Cucurbita. 

Ricinus. 

Btxa OreUana. 

Nicotiana Tabacum.. 

Genipa. 

Gineriutn jKirrißorifm. 

Scleria. 



Mais Zea Mays. 

Mandioka Manihot utilissima. 

Bataten Convoloulus Batatas. 

Carä Dioscorea. 

Erdnuss Ärackis hypogaea. 

Bohne Phaseolus. 

Pfeffer Capsicuni. 

Bakayu\'a-Palme Acrocomia. 
Piki ('aryocar btityrosum. 

Mangave Hancornia speciosa, 

P'ruta de lobo Solanum lycocarpu/n. 

Die Kategorie B. würde sehr wahrscheinlich noch ansehnlich vermehrt werden 
können. Sie hing vom Bedürfnis ab. Die Fruchtbäume darunter wurden mit 
grosser Sorgfalt angepflanzt. Ich habe erzählt, dass sich bei dem ersten Bakai'ri- 
dorf eine Art Allee von Piki'bäumen befand, die Nahuqua pflegten diese Gattung 
mit Leidenschaft. Die Mangaven waren beliebt und kommen besonders gut fort 
bei den Bakai'ri, bei den Kama^'ura und namentlich, wie mir berichtet wurde, bei 
den Waura, sodass das Trumaiwort »waurarü« nur die Wauräfrucht zu bedeuten 
scheint. Die P'ruta de lobo war weniger häufig beim Dorf zu finden. Dann 
aber wurden nach Bedarf auch Pflanzen, die sie irgendwie für ihre Gerät- 
schaften und Waffen bedurften, angepflanzt, wenn sie grade in der Nähe 
des Ortes nicht vorkamen. So siedelten sie beim Dorf das auf sumpfigem Boden 
wachsende Lanzengras an, mit dem sie sich rasierten, die Bastpflanzen, die ilnien 



Pita- Bastpflanze Fourcroyaf Agave: 



V. cl. Steinen, Zentral-Uiasilien. 



H 



2IO — 

Fäden lieferten, zuweilen vielleicht auch das Sape-Gras, mit dem die Häuser ge- 
deckt wurden. Am interessantesten aber scheint mir die Versicherun«-, dass sie 
das Ubä- Pfeilrohr, um es nicht von entfernten Stellen holen zu müssen, am 
Batovy in grösserem Umfang anpflanzten. 

Offenbar spielte neben zufälligen Liebhabereien und Kenntnissen in der 
Behandlung die Beschaffenheit des Bodens eine grosse Rolle. Der Tabak gedieh 
vorzüglich bei den Suya und bei den Aueto und wurde allgemein von den 
Männern geraucht, ausgenommen im ersten Bakairidorf am Batovy ■•'■). Er spielt 
eine wichtige Rolle bei der ärztlichen Behandlung und gilt als ein uralter lu-werb 
der Kulturheroen, die ihn, wie die Sage andeutet, von Norden her empfingen. 
Die Trinkschalen und Kalabassen, besonders die Cucurbita Lagenaria, bildeten 
ein Haupterzeugnis der Nahuquä, etwas weniger der Bakairi. Die Mehinakü und 
die l^akairi hatten die beste Baumwolle. Der Orleansstrauch wurde vor Allem 
von den Bakairi gehalten, die Mehinakü vernachlässigten ihn gänzlich, da das 
Begiessen zu viel Arbeit mache; der mich bei der Ankunft in ihrem Dorf 
überraschende Umstand, dass dort keine rot, aber viele schwarz bemalte Gestalten 
umherliefen, findet eine sehr natürhche Erklärung. 

Mais, bei den Suyä in einer durch Kleinheit der Kolben und goldige Farbe 
der Körner ausgezeichneten Art vertreten, und Mandioka gab es überall, die 
letztere wurde aber entschieden im grössten Umfang bei den Mehinakü gepflanzt. 
Sie waren die reichsten Bauern des obern Schingü; ihr Wort für Mandioka ist 
auch an die Trumai übergegangen. Neben der Mandioka sahen wir von Knollen- 
gewächsen Ignamen in zwei Arten und Bataten, die wir erst reichlich bei den 
Mehinakü fanden. Die l^ohnen bezeichneten unsere Leute als »feijau de vara«, 
Stangenbohnen, oder auch als »feijäo de roga«, Pflanzungsbohnen. Von Ess- 
kürbissen, aböbora, haben wir nur die Kerne gesehen, die uns die Suyä 1884, 
soviel A\ir verstanden, zum Essen brachten. Die Mandubi-Erdnuss kam in einer 
kleinen Art vor. Goyaven und Bananen gab es mit Sicherheit nicht am Schingü. 

Ich habe in meinem Bericht über die erste Reise auf das Fehlen der 
Bananen hingewiesen und besonders hervorgehoben, dass dies für die F'rage, ob 
die Banane in Amerika erst nach Ankunft der Europäer eingeführt sei oder nicht, 
um so entscheidender sein müsse, als die verschiedenen Schingüstämme ver- 
schiedener Abkunft seien und dennoch kein einziger von dem früheren Wohnsitz 
die' Banane mitgebracht habe. In den Erfahrungen der zweiten Expedition kann 
ich meine Meinung nur bestätigt finden. Wir haben jetzt auch echte Tupf an- 
getroffen, die keine Bananen hatten. Ich habe bei den Kamayurä nach dem 



*) Dieser Umstand mag H. v. Ihering veranlasst haben, zu zitieren: »v. d. Steinen verinisste 
l)ei den Bakairi des oberen Schingü 'l'abak ebenso vollständig wie Bananen oder Metallec | Zeitschrift 
f. Ethnologie, 1S93, p. 195J. Ich beschreibe, vgl. »Durch Centralbrasilien« p. 173, für Dorf II 1 der 
Batovy-Bakairi die echte Rauchrolle, wie sie die Entdecker auf den Antillen fanden. Dagegen teile 
ich die Ansicht v. Ihering' s, die ich in Vorträgen schon öfter ausgesprochen, bevor ich seinen 
Aufsatz gelesen, dass die Pfeife in Brasilien modernen Ursprungs ist. Wie die Angel. 



— 21 I — 

Wort „pakoba^', das die Lingoa geral für Banane hat, vergeblich gefahndet; sie 
verstanden es nicht. Den Vorschlag, ob dieses Wort aus dem Portuo-iesischen 
abgeleitet sein möge, nehme ich mit Vergnügen zurück; ich lege keinen Wert 
mehr auf willkürliche Etymologie, allein der Thatsache, dass die Bananennamen 
sich bei den einzelnen Stämmen nicht nach der sprachlichen Abstammuno-, 
sondern nach der zufälligen örtlichen Verteilung richteten, muss ich heute 
einen noch viel grösseren Wert beimessen als damals. Das ist ganz beispiellos 
für die übrigen Nutzpflanzen. Kommt nun hinzu, dass keiner der ersten V.ni- 
decker die Banane erwähnt, dass ferner die Aruak der Küste und die Insel- 
karaiben das spanische Wort ^platano'' in ihrem „pi^Utane^^ und „balatanfia"' so 
unverkennbar wiedergeben, dass ein Zweifel an der Uebereinstimmung ganz aus- 
geschlossen ist, würdigen wir es endlich, dass wir in einer verlorenen Ecke Ver- 
treter sämtlicher grossen Sprachfamilien mit den vortrefiflichsten Namen für die 
Kulturpflanzen finden, nur ohne Bananen, dass gar ein abgesprengtes und mit den 
luuopäern verkehrendes Glied eines dieser Stämme, die zahmen Bakairi, die 
Banane haben und sie in ihrer sonst durchaus rein erhaltenen Sprache (wie 
übrigens ebenso die Paressi) einfach ^banana^' nennen, so glaube ich, dass der Be- 
weis mit aller Kraft ausgestattet ist, die ein negativer Beweis überhaupt haben 
kann. Humboldt und Martins haben sich dadurch bestechen lassen, dass sie 
die Banane überall bei den Indianern antrafen, aber diese Stütze für ihre Ansicht 
ist jetzt hinfällig geworden, und die Erfahrungen der Linguistik wie das that- 
sächliche Fehlen der Banane in dem ganzen Gebiet des oberen Schingü geben der 
Ansicht des Botanikers Alphonse de CandoUe unzweifelhaft Recht, dass die 
Banane in Südamerika erst eingeführt worden ist, wenn auch gewiss sehr bald nach 
dem Erscheinen der Europäer. 

Es lohnt sich zur besseren Würdigung der sprachlichen Beweismittel ein 
Ikispiel zu geben. Betrachten wir die Wörter für Pfeffer bei I. den Nu-Aruak, 
II. den Karaiben und III. den Tupf. 

I. Am Schingü heisst Pfefler bei den Nu-Aruak äi, bei den Maipure am 
Orinoko cd, bei den Moxos in Bolivien atscheti, bei den Aruak haatschi, bei den 
Frauen der Inselkaraiben äti, für das Taino der Insel Haiti verzeichnet Oviedo 
axi^ aß. 

II. Am Schingü heisst Pfeffer bei den karaibischen Bakairi pano (mit na- 
salem u), bei den Nahuquä vöme, hotni, bei den Inselkaraiben pomi, pom>//\ bei 
den karaibischen Orinokostämmen in Venezuela pomei, pomvey, in dem allgemein 
in Guyana verbreiteten Galibi pomi. Bei den Palmella, einem Karaibenstamm 
am Madeira, apöino. 

III. Von den Tupf haben die Kamayurä am Schingü das Wort ökeöng; die 
Omagua am obern Amazonas ekei, die Guarani in Paraguay kiy, die Lingoa geral 
kijiä, kyinJia u. dgl. 

Diese lautlichen Entsprechungen, die innerhalb der Stammesgruppen völlig 
sicher sind, die von Stammesgruppe zu Stammesgruppc auch nicht die leiseste 

14* 



— 212 — 

Verträglichkeit zeigen, überspannen mehr als halb Südamerika und rühren aus 
Aufzeichnungen, die von 1887 bis vor die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück- 
reichen. Sie lehren imwiderleglich, dass der Pfeffer in jeder der drei Stammes- 
gruppen, deren weit entlegenste Familienglieder die Entsprechung auf ihren 
Wanderungen bewahrt haben, seit undenkliclien »vorgeschichtlichen« Zeiten be- 
kannt' war und keine ihn von einer der andern erworben hat. Damit lässt sich 
das Verhalten der Bananen Wörter durchaus nicht vereinigen. Jene Ueberein- 
stimmungen können uns nur deshalb in Erstaunen versetzen, weil wir in dem 
Wahn befangen sind, nicht nur, dass die südamerikanischen Völker ein linguistisches 
Chaos darstellen, sondern auch, dass diese »Horden«, denen wir erst die Metalle 
gebracht haben, zum grossen Teil rohe Jägervölker seien, hin und her geworfen 
von unbekannten Geschicken wie Geröll im Wildwasser, beliebig hier verkittet 
und dort zertrümmert. Wir werden uns aber daran gewöhnen müssen, auch in 
den plumpen Massen, die unserm Auge die »Steinzeit« zusammensetzen, eine 
Menge regelmässiger, feinsäuberlich niedergeschlagener Kulturschichten zu unter- 
scheiden. 

Der metalllose Südamerikaner hat in der Züchtung der Mandioka, die 
heute mit dem Mais in die letzten Winkel Afrika's vordringt, als ob beide rein 
amerikanischen Pflanzen dort ewig einheimisch gewesen seien, eine Leistung voll- 
bracht, die mit denen anderer Erdteile keinen Vergleich zu scheuen hat. Heute 
giebt es eine kultivierte unschädliche Art, aber die ursprüngliche und am Schingü 
allein vorkommende Wurzel musste erst ihres stark giftigen Saftes beraubt, das 
durch Zerreiben und Zerstampfen erhaltene, ausgepresste Mehl erst geröstet 
werden, ehe ein Nahrungsmittel entstand, und zwar eins von vielseitigster Ver- 
wendung, in festem Zustande und als breiiges Getränk, Manihot ,,i/tilmi/iia" . Sie 
übertrifft an Wichtigkeit im Haushalt unserer Indianer weitaus den Mais. Sie 
liefert den Hauptproviant und ihr gebührt das eigentliche V^erdienst, die Ein- 
geborenen, die sie von vorgeschritteneren Stämmen empfingen, zur Sesshaftigkeit 
genötigt zu haben; denn ihre Zubereitung setzt eine Reihe Geduld erfordernder 
Prozeduren und setzt Werkzeuge voraus, die, wie mit Palmstacheln besetzte 
Reibbretter, nur durch grossen Aufwand von Zeit und Arbeit mit den gering- 
wertigen Werkzeugen hergestellt werden konnten. Unbekannt am oberen Schingü 
ist das ingeniöse Typyti, ein aus elastischen Stengeln geflochtener Schlauch, der 
mit der zerriebenen Masse gefüllt wird und, durch ein Gewicht in die Länge ge- 
zogen, den giftigen Saft auspresst; unsere Indianer filtrierten und pressten den Saft 
durch geflochtene Siebe. 

\^on höherem Interesse aber ist es, dass die heute in Südamerika, wo Mais 
und Mandioka von ELingeborenen gebaut werden, wohl überall gepflegte Methode, 
durch Kauen von Mehlkugeln oder Maiskörnern grössere Mengen Absuds in 
Gährung zu versetzen, in unserm Gebiet nocli unbekannt war; auch wusste 
man dort Nichts von der Bereitung des bei den Nordkaraiben beliebten Pajauarü, 
wo die mit Wasser aufgeweichten frischen Beijüs in Blätter eingehüllt und einige Tage 



— 213 — 

bcf^raben werden. Der Püseiet^o des Schingü hat keine berauschende Wiikun_<;-, er 
stellt nur das schmackhafteste Breigetränk dar, er ist eine Suppe, kein Alkoholikuin. 
Man bereitete auch keinen Palmwein; man berauschte sich nur am Tanz, wenn 
man will, am Tabak, uud leistete das Menschenmögliche in quantitativer Ver- 
tilgung der Breigetränke. Dagegen ist das Wort der Kamayurä kaui für den 
einfachen Erfrischungstrank aus Wasser und eingebrocktem Beijü dasselbe Kau im, 
das ihre mit Europäern oder mit fortgeschritteneren Amerikanern verkehrenden 
Tupi-Stammesgenossen flu- die gährenden Getränke gebrauchen und also aus den 
Tagen der Unschuld beim Uebergang zu weniger harmlosen Genüssen noch bei- 
behalten haben. Das Fehlen von berauschenden Getränken, für die der Stoff 
N'orhanden ist, wird nicht der immer bereiten Deutung entgehen, dass die Indianer 
auch diese schönen Kulturerzeugnisse früher besessen und jetzt nur vergessen 
hätten, und sollte dann nur den, der die primitiven Zustände ausnahmslos auf 
Rückschritt und Niedergang zurückführen will, in diesem besondern Fall vielleicht 
einmal veranlassen, eine Verrohung zur Tugend, eine Verwilderung zur Sitten- 
reinheit anzusetzen. Wer indessen in Brasilien den Indianer Kauim- oder Kaschiri- 
gelage hat feiern sehen, wer seine Bootsfahrt um dieses edlen Zweckes willen hat 
unterbrechen müssen und weder durch Geld noch durch gute Worte erreichen 
konnte, dass die Leute eher aufbrachen, als bis der letzte Tropfen aus dem 
hochgefüllten Trinkkanu verschwunden war, wird nicht anders glauben, als dass 
ein freier Stamm, der bei seinen Festen wirklich nur ungegohrene Getränke ver- 
tilgt, von den gegohrenen entschieden noch keine iVhnung haben und auch bis 
auf die sagenhaftesten Urväter und Kulturheroen zurück niemals eine Ahnung 
gehabt haben kann. Die Praxis, Gähren durch Kauen hervorzurufen, ist so ein- 
fach, dass man nicht versteht, wie sie zu vergessen wäre, und obendrein von 
Vertretern verschiedener Stammesgruppen gleichmässig vergessen werden sollte. 

Ich finde umgekehrt in dem Fehlen der berauschenden Getränke die sicherste 
Bürgschaft für die Unberührtheit der Verhältnisse am Schingü, und halte es für 
eine unabweisliche Annahme, dass in gleicher Weise vor dem Einbrechen der 
Europäer ähnliche Kulturbildchen der >^Steinzeit« in den zahlreichen, verhältnis- 
mässig abgeschlossenen Flussthälern des Amazonas- und Orinokosystems seit 
Jahrhunderten und Jahrtausenden häufig gewesen sein müssen. Nicht immer hat 
man sich mit der Nachbarschaft (P^rauen! Steinbeile!) vertragen, gelegentlich sind 
auch Störenfriede eingefallen, haben vielleicht eines der kleinen Zentren für die 
Dauer vernichtet, dafür sind andere neu gegründet worden, und so hat sich im 
Kleinen und Bescheidenen immer und alle Zeit das abgespielt, was wir Geschichte 
nennen. Hier und da ist ein Stamm durch Angreifer vertrieben oder durch innere 
P'"ehden gespalten worden, eine längere Wanderung fand statt, ehe wieder An- 
siedelung erfolgte, aber im Allgemeinen hat man sich von P^lussthal zu Flussthal 
verschoben und durchsetzt. 

Nur ein ewiger Wechsel von Isolierung und Vereinigung, in dem bald diese, 
bald jene scharfer ausgeprägt war, kann die Menge gleichzeitiger linguistischer 



— 214 — 

Verschiedenheiten und Uebereinstimmungen innerhalb derselben Sprachfaniilie er- 
zeugt luiben; dass dabei aber trotz der Veränderungen eine wirkliche Stetigkeit 
vorgewaltet hat, geht aus der, zumal bei der Dürftigkeit unseres Materials, über- 
raschend grossen Zahl guter Uebereinstimmungen hervor. Wo es möglich ist, 
die Lautgesetze festzustellen, sehen wir dieselbe Sicherheit und Regelmässigkeit, 
wie wir sie bei unsern europäischen Sprachen finden. Wir können also nur auf 
einen trotz gelegentlicher Katastrophen geordneten Entwicklungsgang zurück- 
schliessen. Schon die Jägerstämme müssen eine, wenn auch unregelmässigere Art 
der Sesshaftigkeit gehabt haben, um die prächtige Technik der Pfeile und Bogen 
zu erwerben, nur in dem friedlichen Dahinleben während Generationen können 
alsdann die Nutzpflanzen gewonnen sein, und es ist gar nicht nötig, dass es immer 
grosse und mächtige Stämme gewesen sind, die einen Fortschritt hervorgebracht 
haben. Wir sehen an den Schingüleuten, dass der primitive Feldbau des Fisch- 
fangs und der Jagd schon deshalb bedarf, damit er sein Handwerkszeug erhält. 
Die Erkenntnis, die sich jetzt in Nordamerika durchringt, dass die ruhelosen Rot- 
häute in weit grösserem Umfang sesshaft gewesen sind, als wir ihnen heute zu- 
trauen sollten, dass diese wilden Jägerstämme zum Teil das Produkt der von uns 
herbeigeführten Umwälzung darstellen, steht in voller Uebereinstimmung mit den 
Schlüssen, zu denen wir durch die Erfahrungen am Schingü gedrängt werden. 

Es giebt für unsere Indianer — Verallgemeinerung liegt mir fern — noch 
einen tiefer liegenden und doch recht einfachen Grund, der das Nebeneinander 
von blutiger Jagd und stiller Bestellung des Bodens sehr wohl erklärt. Um es 
schroff auszudrücken: der Mann hat die Jagd betrieben und währenddess die 
P'rau den Feldbau erfunden. Die Frauen haben, wie in ganz Brasilien, aus- 
schliesslich nicht nur die Zubereitung im Hause, sondern auch den Anbau der 
Mandioka in Händen. Sie reinigen den Boden mit spitzen Hölzern vom Unkraut, 
legen die Stengelstücke in die Erde, mit denen man die Mandioka verpflanzt und 
holen täghch ihren Bedarf, den sie in schwer bepackten Kiepen heimschleppen. 
Der Mann pflanzt dagegen den Tabak, den die Frau nicht gebraucht. Am 
Schingü hatte die Frau bereits ein kräftiges Wörtlein mitzureden ; in primitiveren 
Zuständen mag sie wirklich ein Last- und Arbeitstier gewesen sein, noch heute 
muss sie bei den meisten Festen und Tiertänzen der Männer fern bleiben. Aber 
man überlege den Fall etwas näher. Der Mann ist mutiger und gewandter, ihm 
gehört die Jagd und die Uebung der Waffen. Wo also Jagd und P^ischfang noch 
eine wichtige Rolle spielen, muss, sofern überhaupt eine Arbeitsteilung eintritt, die 
P'rau sich mit der Sorge um die Beschaffung der übrigen Lebensmittel, mit dem 
Transport und der Zubereitung beschäftigen. Die Teilung ist keine der Willkür, 
sondern eine der natürlichen Verhältnisse, aber sie hat die nicht genug gewürdigte 
P^olge, dass die Frau auf ihrem Arbeitsfelde ebenso gut eigene Kenntnisse 
erwirbt, wie der Mann auf dem seinen. Notwendig muss sich dies auf jeder 
niederen oder höheren Stufe bewähren. Zu der den Mandiokabau mit klugem 
Verständnis betreibenden Indianerin findet sich das Gegenstück bereits im reinen 



— 2 15 — 

Jngertum. Die h^au des Bororo ging mit einem spitzen Stock bewaffnet in den 
Wald und suchte Wurzeln und Knollen, bei den Streifzügen durch den Kamp 
oder wo immer eine Gesellscliaft von Indianern den Ort veränderte, war solcherlei 
Jagd, während der Mann den Tieren nachspürte, die Aufgabe der Frau ; sie holte 
die Palmnüsse kletternd herunter und schleppte schwere Lasten davon heim. Und 
war die Indianerin die Untergebene des Mannes, so kam ihr diese Stellun<J bei 
der Verteilung von Fisch und Fleisch gewiss nicht zu Gute '•'•'), sie war dabei auch 
angewiesen auf die Beute an den Vegetabilien, die sie selbst erwerben konnte. 
Am Schingü flochten die Männer den Bratrost, brieten Fisch und Fleisch, die 
Frauen backten die Beijüs, kochten die Getränke, die Früchte und rösteten Palm- 
nüsse — welchen andern Sinn konnte diese Teilung in animalische Männer- 
und vegetabilische Frauen -Küche haben, als dass ein jedes der beiden Ge- 
schlechter noch in seinem uralten Ressort verblieben war? 

Die Männer brieten, aber kochten niemals. Von dieser Thatsache aus 
kommen wir durch den gleichen Gedankengang zu einer ähnlichen P'olgerung, 
der ganz analoge Beobachtungen das Wort reden. Kaum irgend etwas ist mir 
anfänglich seltsamer am Schingü erschienen als der Umstand, dass die Kunst, 
Töpfe zu machen, auf die Nu-Aruakstämme beschränkt war. Die Bakairi be- 
sassen nicht einen Topf, der nicht von den Kustenaü oder Mekinakü 
stammte. Die zahmen Bakairi erklärten mir ausdrücklich, dass sie die Töpferei 
von den Paressi, ihren Nu-Aruak-Nachbarn, gelernt hätten. So machte der 
alte Caetano, also aller ursprünglichen Sitte entgegen der Mann, am modernen 
Paranatinga Töpfe. Die Nahuquä hatten Töpfe von den Mehinakü und machten 
auch selbst welche, wie uns eine Frau, den feuchten Thon knetend, ad oculos 
demonstrierte, allein diese PVau trug die Tätowierung der Mehinaküweiber und war 
unter die Nahuqua verheiratet worden ; die Kunst stammte thatsächlich von den 
Mehinakü. Auch die Tupi'stämme hatten Töpfe von Nu-Aruak, namentlich von 
den W^aura. So war die eine Stammesgruppe**) die alleinige Trägerin 
der, wie wir sehen werden, auch in künstlerischem Sinn gehandhabten Keramik. 

Ich glaubte anfangs und ehe ich wusste, dass die merkwürdige Abhängigkeit 
von den Nu-Aruak für sämtliche Stämme bestand, es sei zufällig kein Thon vor- 
handen. Doch war dies ein Irrtum. Geeigneten Thon gab es nicht nur bei den 
Nahuqua, sondern auch bei den Bakairi, und nur darüber weiss ich nichts anzu- 



*) »\achdeni die Miinner gegessen, kunimcii Weiber und Kinder an die Reilie , die sich mit 
den oft geringen Ueljerresten begnügen müssen und Hunger leiden würden, sähen sie sicli nicht bei Zeiten 
vor und praktizierten einen Teil des Inhalts der Kochtöpfe noch während des Kochens heimlich l)ei 
Seite oder ässen bereits während ihrer Arbeit.« So bei den modernen karaibischen Makuschi in 
Guyana. Appun, Unter den Tropen, II, p. 399, Jena 1871, und bei manchen anderen Stämmen. 

**) Nach Im Thurn versorgen in Guyana gegenwärtig die Karaiben die andern Stämme 
mit Topfgeschirr, doch giebt er an, dass che Aruak für ihren eigenen Gebrauch reiclihch Töpfe 
machen, sie aber nicht wie die Karaiben als Handelswaare vertreiben. Martins erklärt noch von 
den Makuschi, dem volkreichsten Karaibenstamm des Rio ßranco - Gelnets : »Alle (Jeräte dieser 
Indianer sind sauber und sorgfältig verfertigt, die Waffen mit Federn verziert, und nur in den 
Töpferwaareu stehen sie den Indianern der Küste nach«. 



— 2l6 — 

geben, was aber für unsere Frat,»-e gleiclii^ültii; sein kann, ob die Qualität einen 
Grad schlechter war als bei den Töpferstämnien. ■''■) 

Aber man beachte nun noch einen anderen Unistand: die Bakairi und 
Nahuquä hatten Kuyen und Kalabassen, die wiederum den Töpferstämmen 
mangelten und die diese von den Nahuquä bezogen, wo die besondere Pflege 
oder die bessere Erde, ich weiss es nicht, prachtvolle Gefässfrüchte erzielte. Erfährt 
man endlich, dass die Waurä sehr hübsche Töpfe genau von der Form und 
Grösse der Kuyen, mit Nachahmung der auf ihnen angebrachten Zeichnungen, 
verfertigten, dass die Grundform der Töpfe deutlich die der Trinkschale, der 
Kuye ist, und dass die Töpfe ebenso wie die Kürbisschalen innen geschwärzt 
wurden, so wird man den Zusammenhang verstehen. 

Der indianische Topf hat ursprünglich mit dem Kochen gar nichts zu 
thun und ist nur ein Ersatz der Kürbisfrucht. Die Frauen holten in den 
Kürbissen Wasser zu den Hütten oder den Lagerplätzen. Wie sie sich halfen, 
wenn sie keine Kürbisse hatten, sehen wir noch heute an den von mehreren 
Stämmen bekannten mit Lehm verschmierten Körbchen. Mit Lehm verschmiert 
man auch das undichte Kanu; mit Lehm beschmierte man, der Anfang der Körper- 
bemalung, den Leib und den Lehm selbst transportierte man, und das ist 
wohl die Hauptsache gewesen, in Körben, wie wir noch gesehen haben, h'elilte 
es öfter an Kürbissen, so kamen die Frauen leicht dazu, ihre Lehmkörbe durch 
reichlichere Anwendung des plastischen Thons solider zu gestalten; sie konnten 
ferner des Flechtwerks entraten, sobald sie bemerkt hatten, dass die trocken 
gewordenen Lehmformen für sich genügende Widerstandsfähigkeit besassen. Sie 
setzten sie in die Sonne oder über das Feuer und hatten die billigste Bezugsquelle 
für künstliche Kürbisse gefunden. 

Aber die Frauen haben diese lu-findung erst in sesshafter Zeit gemacht; das 
Weib des streifenden Jägers kann den Kiubis nicht durch den schweren und zer- 
brechlichen Topf ersetzt haben. Noch \\eniger könnte der jagende Mann Erfinder 
des Topfes gewesen sein. Es ist genau dasselbe Verhältnis wie zum Ursprung 
des Feldbaues. 

Der Topf ist im Anfang nur ein Behälter wie Kürbis oder in gewissen Fällen 
auch Korb. Wenn wir hören, Menschen werden in Töpfen begraben, so melden 
sich alle Assoziationen in unserer Seele, die wir von unsern Töpfen besitzen, 
wir denken an eine Art Kochtopf, und sind geneigt, einen dunklen Zusammenhang 
mit Leichenverbrennung zu empfinden. Da ist es denn wichtig zu erfahren, dass 
der Jägerstamm der Bororö seine Totenskelette nicht wie die Humboldt'schen 
Aturen in grossen Töpfen, sondern in federverzierten Korbtaschen bettet, sodass 
auch hier die Vorstufe erhalten ist. 



*) Die Bakairi waren die einzigen, die aus einem kristallklaren (Juellbach gutes Trinkwasser 
holten, die Nahuquä und mehr noeh die Mehinaku und Auetii traiilcen aus schlammigen Lehmpfützen 
und stillem Kaiialgewässer. 



— 217 — 

Wie die Kürbisse zum Trinken und Essen gebraucht wurden, so dienten 
auch die Töpfe zunächst nur diesen Zwecken. Die g-rosse Anzahl von kleinen 
und mittelgrossen Töpfen, die wir vom Kulisehu mitgebracht haben, sind fast 
sämtlich »Näpfe«, keine Kochtöpfe. In riesigen Töpfen wurde das h'iltrat der 
Mandiokamasse gekocht, sonst aber gesotten nur Mus von Früchten und gelegent- 
lich ein Gericht von kleinen Fischchen, die des Umdrehens auf dem Bratrost 
nicht lohnten. 

Suppenfleisch und Fleischbrühe waren unbekannt; die Männer 
kannten nur das Braten. Man fragt vielleicht, wie sind sie denn zum Braten 
gekommen? Ich w^erde im nächsten Kapitel darthun, dass wir es hier mit einer 
Jäger- und Männererfahrung zu thun haben. Man zündete den Kamp im Kreis 
an, um die aufgescheuchten Tiere zu überwältigen, und fand dort gebratene kleine 
Tiere und fand Früchte, die, obschon noch unreif, durch die Hitze geniessbar und 
sogar schmackhaft geworden waren. 

Da nun die Männer und Jäger in ihrem Departement das Kochen noch nicht 
kennen, muss das Sieden oder Kochen bei der Verarbeitung pflanzlicher Nahrung 
erfunden worden sein. Man sieht die Frauen häufig allerlei kleine l^'rüchte in 
Menge auf den Beijüschüsseln rösten. Unreifes Obst wird so erst essbar, Kerne 
vnid Nüsse erhalten mit der Knusprigkeit einen erhöhten Wohlgeschmack. Und 
mit dem Braten der Früchte haben sie auch begonnen. Die aus Schlingpflanzen 
geflochtenen Bratroste der Männer für Fleisch und Msche liessen die Früchte 
durch die Maschen fallen; man mag die Unterlage wieder mit Lehm verschmiert 
haben, und zur irdenen Bratpfanne, der späteren Beijüschüssel, fehlte nur ein 
kleiner Schritt. Wollte man dagegen in Wasser eingeweichte Früchte oder 
Wurzeln »braten«, setzte man die damit gefüllten Gefässe, entweder die natür- 
lichen — der Botokude kocht in Bambusstücken — oder die künstlichen, mit 
Thon gedeckten auf das Feuer, so »kochte« man. Also nur von den Frauen 
wurde »mit Wasser gekocht«! 

Wenn die Mandiokaindustrie von einem Stamm begründet worden ist, dessen 
Nachkommen noch leben und in der gegenwärtigen Klassifikation einbegriffen 
sind, so spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass es Nu-Aruak gewesen sind. 
Am Schingü haben ganz gewiss sie das Verdienst der Einführung gehabt, da die 
Mehlbereitung ohne irdene Töpfe und Beijüpfannen unmöglich ist. Die Aruak 
sind aber auch in den nördlichen Gebieten die besten Mehlarbeiter und von jeher, 
obwohl die Karaiben in Guyana gegenwärtig die Fabrikanten für das dortige 
Gebiet geworden sind, die geschicktesten Töpfer gewesen. Doch wohlverstanden 
die Frauen! Wenn die Karaiben im Norden des Amazonenstromes und auf den 
Kleinen Antillen die Aruakstämme unterjochten und die Hälfte der Bevölkerung 
töteten, so war es gut, dass diese Hälfte die Männer waren; die Frauen mit 
ihrem Feldbau, ihrer Töpferkunst und ihrer Mehltechnik blieben erhalten. 

So sehen wir, wie bei unsern Indianern die höhere, das Jägertum über- 
holende Kultur der natürlichen Arbeitsteilung entsprungen und dieser es auch zu 



— 2l8 — 

verdanken ist, dass sie bei Fehden und bei Neubildungen von Stammesgemein- 
schaften den künftigen Generationen überliefert werden konnte. Die Frau war 
mehr als das arbeitende Tier, sie war auch der arbeitende Mensch; wie der 
Mann die Technik der Waffen und der der Jagd entstammenden Werkzeuge, ent- 
wickelte sie in gleicher Selbständigkeit die mit Suchen, Tragen, Zubereiten der 
Früchte und Wurzeln in ihre Hand gegebenen Kulturelemente; seinen wohl- 
schmeckenden Mehltrank in dem irdenen Gefäss verdankt der Indianer dem Weibe. 
Die einzelnen Beweisstücke, aus denen sich diese mehr für Damentoaste als für 
den ernsten (im modernen Bedürfnis und nicht in der Urgeschichte begründeten) 
Kampf unserer Frauen um die Arbeit zu verwertende Schlussfolgerung zusammen- 
setzt, sind in dem brasilischen Kulturkreis noch vollständig erhalten. Die Er- 
kenntnis, dass — wenigstens hier — die Möglichkeit sesshaft zu werden auf 
das augenscheinliche Verdienst der durch den Jägerberuf der Männer naturgemäss 
in bestimmte Richtungen gedrängten Thätigkeit der Frauen zurückgeht, hebt das 
weibliche Geschlecht für diese Phase der Entwicklung zum mindesten ebenbürtig 
an die Seite des männhchen. 

Das Schema Jäger und Ackerbauer wird nun erst lebendig; Mann und 
Frau repräsentieren beide einen Stand oder eine bestimmte Summe 
von Fachkenntnissen. Da ist es denn sehr einfach, dass die weniger fort- 
geschrittenen Stämme des Schingü ihre Töpfe nicht machen konnten, obwohl sie 
den Lehm hatten. Ihnen fehlten die Nu-Aruakweiber, und die Nahuquä, die 
deren etliche in ihre Gemeinschaft aufgenommen, hatten damit den richtigen Weg 
eingeschlagen: sie fingen jetzt an, sich die Töpfe selbst zu machen, während die 
Bakairi noch nicht das kleinste Töpfchen zu Stande gebracht hatten. 

Ich resümiere. Alter Feldbau verträgt sich vortrefflich mit der Art des 
Jägertums, wie es hier geübt wird. Die Indianer waren in der Hauptsache 
Fischer. Zur reinen Ichthyophogie reichte der Ertrag in ihrem Gebiet an dem 
Oberlauf eines Busses nicht aus, dagegen war er nicht gering in den Monaten, 
wo die Fische bei steigendem Wasser aufwärts zogen und sich in allen Kanälen 
und Lagunen in grosser Zahl einfanden, oder wenn bei abnehmendem Wasser 
die Gelegenlieit zum Fang in den künstlich abgesperrten Teilen der Flussarme 
erheblich grösser wurde. Fischfang und Jagd lieferten aber ferner die unentbehr- 
lichen Werkzeuge. Haustiere in unserm Sinne gab es nicht; Hunde waren dem 
Eingeborenen unbekannt. Er erfreute sich an bunten Vögeln, denen er gelegent- 
lich die Federn ausriss, namentlich an schwatzenden Papageien und krächzenden 
Araras, liess im Dorf umherspazieren, was gerade jung eingefangen war, ob Specht 
oder Reiher oder Hokkohuhn, und bewahrte in riesigem Stangenkähg zum Ergötzen 
der Gemeinde den fauchenden Adler, die Harpi/ia deistnictov, oder sonst einen Raub- 
vogel auf; er hatte Eidechsen mit dem Schwanz an der Hängematte aufgehängt, 
damit sie unter den lästigen Grillen ein wenig aufräumten — weiter war man in 
der Verwertung der Tiere nicht gediehen und, während man wilde Pflanzen um 
des Nutzen willen beim Dorf ansiedelte, dachte man nicht daran, essbare Tiere 



— 319 — 

zu züchten. Ja, die Stellunf^, die der Indianer der Tierwelt gegenüber einnahm, 
liess ihn ein lebhaftes Widerstreben empfinden, Tiere, die er aufzog, später zu 
verspeisen; wie wir keine Hunde essen. 

Die relative Sesshaftigkeit, die mit dem Fischerleben verbunden war, liatte 
sich erst zur dauernden befestigen können, als die Frauen gelernt hatten zu 
pflanzen, Töpfe zu machen und Mehl zu bereiten. Obwohl der Feldbau am 
Schingü bereits zu achtungswerter V'ervollkommnung gediehen war, liess sich 
doch an kleinen Zügen erkennen, welchen Ursprung er w^enigstens hier genommen 
hatte. Man pflanzte die in der Nachbarschaft vorkommenden nützlichen Gewächse 
an, jeder Stamm machte auf seinem Boden seine eigenen Erfahrungen, und durch 
die Frauen, die im Frieden oder im Kriege zu andern Stämmen kamen, wurden 
sie verbreitet. Dass die Bakairi-Karaiben auf diesem Wege einst durch Nu-Aruak- 
weiber in ihrer Zivilisation gefördert worden sind, geht aus ihrer Stammeslegende, 
wie ich schon hier anführen möchte, in kaum zu missdeutender Weise hervor. 
Sie haben zwei Kulturheroen, die Zwillingsbrüder Keri und Käme, von denen 
jener durch die Sage stark bevorzugt wird. Die beiden Namen sind die allge- 
mein verbreiteten, stets zusammen erscheinenden Nu-Aruakwörter für Mond und 
Sonne, sodass ein Einfluss von Nu-Aruakseite, mag man die »Personifikation« 
erklären, wie man will, offen zu Tage liegt. Käme ist der Führer der Nu-Aruak 
und anderer Stämme, Keri der Bakairi. Alles, was Keri und Käme zum Besten 
des Stammes unternehmen, wird auf den Rat der Mutterstelle vertretenden Tante 
Ewaki zurückgeführt; die Frau aber, die ihnen immer erst Mittel und Wege 
weist, ist unmöglich als stupides Arbeitstier aufgefasst worden. 



IV. Das Feuer und die Entdeckung des 
Holzfeuerzeugs. 

EinkiUing. Kanipbrände und \erhalten der Tierwelt. Uralte Jagd. Die (^)iieiiiiada'< eine Kultur- 
stätte. Die Schauer des primitiven Menschen. Der Mythus von der üelehruiiij durch den Sturmwind. 
Feuererzeugung und Arbeitsmethoden. \'erfahren am Schingü. Ursprung des Holzreibens. Stadium 
der Unterhaltung des Feuers und Zundertechnilc. Praehistorische Aagabunden und Prometheus. 

Bestätigung durch den Versuch. 

Wenn ich schon in den vorigen Abschnitten genötigt war, die Beobachtiuigen 
am Schingü in Hinsicht auf ihren allgemeinen kulturgeschichtliciien Wert zu er- 
örtern, so kann ich dies noch weniger bei dem Thema vermeiden, das ich jetzt 
in Angriff nehme. Es liegt mir recht fern zu denken, dass die Schingü -Indianer 
die ersten gewesen seien, die diuch Bohren oder Reiben von Holzstücken Feuer 
erzetigt hätten, ich gebe mich keineswegs dem süssen Wahn hin, dass ich einen 



220 — 

paradiesischen Ursitz aufcjefunden habe, wo alle wichtic^sten ErfirKluni:^en gemacht 
worden seien. Ich möchte nur von jenen Naturvölkchen, die noch keine europäische 
Kultur kannten, in demselben Sinn ausgehen, wie man bei allen andern in gleicher 
Lage eine sichere induktive Grundlage suchen könnte. Was übrigens die »Feuer- 
erfindung« betrifft, so steht meiner Ansicht nach nicht das Geringste im Wege, 
dass sie an beliebigen Stellen der Erde gemacht worden sein kann, wo man 
schon eine primitive Technik und praktische Kenntnisse von dem Nutzen des 
Feuers besass. 

Nirgendwo hat sich in einem helleren Lichte gezeigt, wie schwer es uns 
zivilisierten Menschen wird, einfach und ohne tiefe Gelehrsamkeit auf Grund 
lebendiger Umschau zu denken als bei den zahllosen Betrachtungen über das 
Verhältnis der Naturvölker, geschweige des primitiven Menschen, zum l^^euer. 
Der hundertjährige Rosenflor um Dornröschens Schloss konnte an L^eppigkeit 
nicht wetteifern mit alle den Blüten lieblichen Unsinns, die einer nur zu gedanken- 
vollen und empfindsamen Literatur entsprossen sind, während hinter dem 
wuchernden Wust der Deduktionen die junge, frische Erfahrung vergessen schlum- 
merte. Es war dahin gekommen, dass man behauptete, die Erfindung des 
Feuerreibens sei von Priestern gemacht worden, die das Sonnenrad in Holz 
nachahmten: sie drehten, bis die Achse Feuer sprühte. Zwei wesentliche Punkte 
dürfen heute als gesichert gelten. Niemand denkt mehr an die Möglichkeit, dass 
es Stämme auf Erden gebe, die nicht längst die Kunst verständen, das Feuer 
willkürlich zu erzeugen, und Niemand zweifelt daran, dass auch die einfachsten 
der verschiedenen Methoden nicht ohne lange Vertrautheit mit den Eigenschaften 
des Feuers gefunden sein können, dass also der künstlichen P^rzeugung eine 
Periode der Unterhaltung mit Uebertragung des natürlichen Feuers von 
Ort zu Ort vorhergegangen sein muss. 

Ob in den lichten Buschwäldern des Matogrosso durch die zahlreichen Ge- 
witter häufig Brände verursacht werden, ist kaum festzustellen. Dass solche 
Brände vorkommen, ist mir versichert worden, dass die Vegetation der dürren 
verkrüppelten Kampbäume und des hohen trockenen Grases dafür äusserst günstig 
ist, unterliegt keinem Zweiiel. Die Feuer, die wir auf unserm Zuge anlegten, 
brannten viele Tage lang und verbreiteten sich ohne Nachhülfe über grosse 
Strecken. 

Sonderbar und auffallend war der Einfluss auf die Tierwelt. Alles Raub- 
zeug machte sich den Vorfall sehr bedacht zu Nutze, es suchte und fand seine 
Opfer weniger bei dem hellen Feuer als auf der rauchenden Brandstätte, wo 
mancher Nager verkohlen mochte. Zahlreiche Falken schwebten über den 
dunklen Wolken der /^Queimada« , Wild eilte von weither herbei, um die Salz- 
asche zu lecken, und bevorzugte, vielleicht weil es sich auf der kahlen Fläche nicht 
verbergen konnte, die Nacht. Der Boden strahlte eine behagliche Wärme aus. 

Der Jagd mittels des Feuers begegnet man bei vielen Naturvölkern. Die 
Schingü-Indianer schienen sie nicht mehr zu üben, den Bakairi war sie jedenfalls 



221 

gut bekannt und das Märchen von »Käme in der Maus« erzählt uns, dass Keri 
mit dem Besitzer des Feuers, dem Kampfuchs, jagen ging und dieser »nur 
eine verbrannte Maus« erbeutete, in der Keri's Bruder Käme steckte: 

Keri begegnete dem Kampfuchs. »Wir wollen Feuer im Kamp machen, 
Grosspapa,« sagte Keri. Sie gingen Feuer machen; es brannte ringsum. Käme 
war in einer Maus. Keri wusste nicht, dass er hineingegangen. Das Feuer 
brannte nieder und hörte auf. Keri jagte, sah keinen Braten. Der Kampfuchs 
fand eine verbrannte Maus. Nachdem er sie gesehen, ass er sie. Er traf 
Keri. »Grosspapa, was für l^raten hast 13u gegessen.^« »»Nur eine Maus habe 
ich gegessen.«« 

Die »Oueimada« oder Brandstätte lieferte Massenerfahrungen über den 
Nutzen des Feuers: beim Beginn des Feuers fliehende Tiere, später verkohlte 
Tiere und Früchte, Tiere die herbeikamen, Salzasche, Wärme. Der Jäger hat 
hier das Braten des Fleisches lernen können, das für ihn in kleinerem Massstab 
die Bedeutung gewann, wie sie die Mehlbereitung für den Feldbauer besitzt. 
Denn das Braten konserviert. Nach vielen Tagen ist gebratenes Fleisch noch 
schmackhaft, das sonst längst in Verwesung übergegangen wäre: die Bororo zogen 
wochenlang auf Jagd hinaus und kehrten mit reichem Vorrat an gebratenem 
Wild zurück, die Auetö blieben mehrere Tage auf Fischfang abwesend und 
brachten ein Kanu mit gebratenen Fischen schwer beladen heim, bei den Mehinakü 
sahen wir Körbe gefüllt mit recht appetitlichen, goldgelben Backfischen. Das Braten 
wird noch heute soweit getrieben, dass das Fleisch eine dicke Kohlenkruste — 
die verbrannte Haut — mit einem sehr beliebten Salzgeschmack erhält. 

Alle diese Erfahrungen konnte sich schon der primitive Jäger, der kein 
Feuer zu erzeugen wusste, bei Kampbränden zu Nutze machen; man wird ihm 
das Sammeln von Kenntnissen nicht absprechen, die im Einzelnen den ver- 
schiedenen Klassen der umgebenden Tierwelt geläufig sind. 

Da aber protestiert, wer durch die Kulturbrille zu schauen gewöhnt ist. 
Er vermisst die Schauer, die man in der Urzeit vor dem gewaltigen Phänomen 
des Feuers empfunden hat, und die nicht viel mehr sind als die Schauer des 
Gelehrten, dessen Studierlampe umfallen und die Stube, das Haus, die Stadt mit 
allen ihren Wertgegenständen in Brand setzen könnte. Wenn schon ich, der 
doch des Feuers Macht bezähmt, bewacht, in Furcht und Schrecken gerate, sobald 
das wütende Element losgelassen wird, wenn mich das übermächtige Flammen- 
schauspiel durch den Eindruck phantastischer Schönheit aufregt, wie muss erst 
die Seele des armen Wilden von Angst erfüllt sein und das Geheimnis des Er- 
habenen spüren! Ohne Zweifel mag in dem einen oder andern rasch vorwärts 
eilenden Steppenbrand die Besonnenheit verloren gehen, doch im Allgemeinen 
sehen wir die beschriebenen Schauer gerade bei den Naturvölkern nicht, wir 
können sie ebensowenig entdecken als die ebenfalls für die luitstehung religiöser 
Gefühle in Anspruch genommenen Schauer inmitten des grossartigen Urwalds; 
nur der hülflose Europäer fürchtet sich, wahrend es dem »Wilden« wahrscheinlich 



— 222 — 

leichter »unter den Linden« als in seinem heimatlichen Dickicht unheimlich zu 
Mute würde. Der Eingeborene fürchtet das Gewitter und wird von dem ein- 
schlagenden Blitz gewiss ebenso entsetzt sein wie irgend eine Kreatur, allein den 
fortschreitenden Brand fürchtet er ebensowenig wie viele Tiere, sofern er oder 
sie nicht gerade von der Woge erfasst werden. Wird er im Kamp vom Feuer 
überrascht, so steckt er schleunigst seine eigene Nachbarschaft in Brand und holt 
sich dazu, wenn er kein Lagerfeuer hat, getrost einen brennenden Zweig. Der- 
selbe Wind, der das I^^euer jagt, schafft auch seinem Gegenfeuer rasche Bahn; 
auf der planmässig leergebrannten Stätte sieht der Jäger gemütHch zu, wie die 
Glut ringsum lodernd weiterwandert, und sucht dann eiligst zu erwischen, was 
von Gebratenem und Getödtetem zurückgeblieben ist, elie die Raubvögel ihm 
zuvorkommen. Es ist entschieden mehr wahrscheinlich, dass das klügste, listigste 
Geschöpf zu jeder Zeit, wo es überhaupt schon die den Menschen auszeichnende 
Initiative besass, veranlasst worden ist, für die Unterhaltung des Brandes zu 
sorgen als ihn zu fliehen und zu bestaunen. Die Bestie Feuer ist überall als 
Haustier gefunden worden und das allein beweist, dass man die Berührung mit 
seiner wilden Natur stets gesucht und nicht gemieden hat. Die späteren Kultur- 
gefühle sind leicht zu erklären und zu ihrer Zeit und auf ihrer Stufe wohl be- 
rechtigt, aber immer geht das Notwendige und Nützliche dem Heiligen voraus. 
Man hat Kulturgefühle an den Anfang der Entwicklung gesetzt, man hat 
mit demselben Fehler Kulturgedanken dorthin verlegt. Den unbekannten Wohl- 
thäter der Menschheit, der zuerst das Mittel ersann, durch Reibung zweier Holz- 
stücke Feuer zu erzeugen, hat man in schwungvollen Worten gepriesen. Ein 
vielzitierter Ausspruch deutet uns den Weg der glücklichen Erfindung durch die 
heutzutage wohl recht selten gewordene Möglichkeit an, dass er einige vom Sturm 
gepeitschte Zweige, die sich aneinander rieben und in Flammen gerieten, oder 
auch einen Zweig beobachtet habe, der vom Sturm in einem Astloch umher- 
gewirbelt wurde und plötzlich aufloderte. 

Gewiss ist die Natur die grosse Lehrmeisterin in vielen Dingen gewesen. 
Allein sie demonstrierte dann nicht wie der Professor im PLxperimentalkolleg 
hinter dem Pult, sondern stiess die schwerfalligen Schüler ein wenig mit der 
Nase auf das, was sich Lehrreiches abspielte. Wollte man von der Psychologie 
der Naturvölker ausgehen, so würde man einem unthätig zuschauenden P^in- 
geborenen kaum zutrauen, einen ganzen Komplex von P>scheinungen, wie 
l^lasen. Peitschen, Reiben, Brennen nach Ursachen und Wirkungen so aufzulösen 
und in Gedanken wieder so zu verknüpfen, dass er nun eine »Methode« hätte, 
um einen jenen Wirkungen entsprechenden Zweck zu erreichen. Wo Vorbilder 
der Natur den Weg gezeigt haben, da sind es alltäglich wiederkehrende gewesen 
und da hat der Mensch nicht analysierend nachgeahmt, sondern er hat mit- 
geahmt, wenn der Ausdruck erlaubt ist, und nur durch ein von irgend einem 
Interesse angeregtes Mitthun kam er dazu, etwaige ihm nützliche Wirkungen 
aufzufassen und festzuhalten; so hatte er alsdann mit seiner aktiven Beteili- 



— 223 — 

gung, die die Hauptsache ist, ein zweckgemässes Handeln erlernt, eine 
Methode erworben. Dieser Fortschritt ist nur an dem Nacheinander von häufig 
vorkommenden Einzelvorgängen möglich, deren jeder, wäin-end er sich abspielte, 
am Schopf erfasst wurde; einen seltenen Komplex kann sich erst geistig aneignen, 
wer schon im Besitz der Teilvorgänge ist. Wahrscheinlich hat sich der Mensch, 
wenn der Sturm das Feuer wirklich hier und da entzündete, schleunigst einen 
Brand genommen, damit ihn Wind oder Regen nicht verlöschten. Vielleicht hat 
er auch beobachtet, dass ein stürzender Baum ein Tier erschlug, und hat sich 
der unerwarteten Beute freudig erschreckt bemächtigt, aber von diesem historischen 
iVugenblick wollen wir es lieber nicht datieren, dass er zum Knüppel gegriffen 
und eine Waffe gefunden hat, um Tiere zu erschlagen. Diese Künste muss er 
anders gelernt haben. Bis zur Gegenwart ist auch eine so ungemein einfache 
Erklärung noch für keine primitive Errungenschaft befriedigend gelungen; immer 
ist man sich bald bewusst geworden, dass man einen mehr oder minder sinn- 
reichen Mythus hervorgebracht hatte, dem nur der Name des Erfinders fehlte, 
um die Aufnahme in die Mythologie der Völker zu verdienen. Auch heute 
pflanzt sich der Einfall des sinnenden Mythologen, belobt oder verurteilt, durch 
alle Literatur neben der Prometheussage fort und wird dem Anschein nach mit 
ihr immer verknüpft bleiben. 

Es ist klar, wir dürfen uns von den späteren mystischen, poetischen, 
religiösen oder naturwissenschaftlichen Vorstellungen, die sich auf das Feuer be- 
ziehen, nicht beirren lassen und den Naturmenschen, der ein nüchterner, be- 
schränkter Praktiker ist, nicht als das ansehen, was er nicht ist, weder als einen 
Philosophen noch als einen Erfinder der Neuzeit. Wenden wir uns an die 
lebendige Erfahrung, so verschwindet sofort das Hindernis am Anfang, nämlich 
der nur für die Zeit entwickelter Eigentumsbegriffe nicht unlösbare Widerspruch, 
dass ein Ding gleichzeitig mit Schrecken erfüllt und bei Tag und Nacht unent- 
behrlich geworden ist. 

F'ür das erste Stadium, mit dessen Ursprung wir uns hier nicht weiter be- 
schäftigen dürfen, wo sich der Mensch dazu erhob, das freie, wilde P^euer ab- 
sichthch zu unterhalten und sich durch Weiterverpflanzen mit allen seinen Vor- 
teilen dauernd dienstbar zu machen, möchte der Vergleich, dass er es wie eine 
Art "Haustier angesiedelt, gepflegt und gezüchtet hat, nicht unzutreffend sein. 
Aber erst mit dem weitern Problem, wie die Methode zu Stande kam, das P'euer 
zu erzeugen, finden wir uns innerhalb der Naturvölker auf festem Grund und 
Boden, wir sehen bei ihnen sofort, dass es verschiedene Methoden dieser Arbeit 
giebt, und dass sie deshalb im Zusammenhang mit den übrigen Arbeitsmethoden 
untersucht werden müssen. In diesem Sinne habe icli mich bei den Schingü-Indianern 
zu unterrichten gesucht und glaube auch nachweisen zu können, wie ihre Art, 
das Feuer zu erzeugen, entstanden sein muss. Es ist die einfachste des in 
Amerika und anderen Erdteilen weit verbreiteten »Feuerbohrers«, während man 
in Pol}'nesien einen »Stock« in einer »Rinne« reibt. 



— 224 — 

Die Eingeborenen nehmen zwei nicht ganz kleinfingerdünne, etwa ^/i m 
lange, noch mit der trocken haltenden Rinde überkleidete Stöcke und schneiden 
in den einen mit einer Muschel eine kleine Grube. Während ein Mann diesen 
Stock auf den Boden legt und fest angedrückt hält, setzt ein Zweiter den andern 
Stock in das Grübchen hinein und quirlt ihn mit grosser Geschwindigkeit zwischen 
den hurtig daran auf- und niedergleitenden Händen. Durch das Quirlen erweitert 
sich das Grübchen, es lost sich feiner Staub und beginnt zu glimmen und zu 
rauchen. Zunder wird herangebracht, angeblasen und sofort ist die Flamme da. 
Die kleine Grube erscheint nun äusserst glatt und oberflächlich verkohlt. Der 
Vorgang nimmt Alles in Allem keine Minute in Anspruch. Der Quirlende plagt 
sich redlich; mehr daraus machen wäre Uebertreibung, obwohl ein Ungeübter, 
der während des Quirlens kleine und für den lufolg schädliche Pausen eintreten 
lässt, auch nicht ohne eine Luxusanstrengung fertig werden wird. Zur Not 
kommt ein Einzelner recht gut mit der Prozedur zu Stande, indem er den Stock 
auf den iM-dboden mit den Füssen festhält. 

Die Feuerstöcke sind gewöhnHch zwei gerade Zweige vom Orleansstrauch 
oder Urukü, die ein leichtes lockeres Holz besitzen. Auch anderes Holz hat, 
wie der Indianer es versteht, »das Feuer in sich«, besonders Ubä und Kam- 
bayuva, die beiden Arten des Pfeilrohrs. Unterwegs weiss sich der Jäger, wenn 
er kein Feuer bei sich hat und seiner bedarf, zu helfen: er zerbricht einen Pfeil 
und bohrt ein Stück in dem andern. Doch ist der Pfeil kostbar und das 
Reiben anstrengend. Wir beobachteten mehrfach, dass die Leute von der 
qualmenden Rodung brennende Kloben auf ihre Wege zum Hafen und in den 
Wald mitnahmen, die sie später achtlos beiseite warfen. Auf Ausflüge mit tage- 
langer Abwesenheit von Hause im Kanu führten sie ein mächtiges glimmendes 
Stück morschen, trockenen Holzes aus dem Walde mit sich. 

Der Zunder ist ein hellbraunes feinmaschiges Bastgewebe, das am besten die 
junge Uakumä-Palme (eine Cocos-Art) darbietet. Im Kamp hilft auch Zunder von 
der Guarirobä-Palme (Cocos oleracea) oder von trockenem Gras und Laub aus. 
P2r hat den Zweck, die 1^'lamme zu liefern, mit der man das Feuer auf die 
Reiser überträgt. Ehrenreich giebt von den Karaya, Im Thurn von den 
Warrau Guyana's an, dass ihr Holz sich so lebhaft entzündet, dass es keines 
Zunders bedarf; »es liefert in sich selbst den Zunder«. 

Man sieht, es ist zum Feuerreiben mit dem »Bohrer« nicht nötig, ein hartes 
und ein weiches Holz zu haben. Die Schingü-Indianer nehmen stets nur eine Art, 
die Karaya bohren Bambus in Urukü. 

Lhis fällt die Bewegung des Quirlens sehr schwer; wir keimen sie im gewöhn- 
lichen Leben ja kaum, weil unsere Bohrer in eine Schraube auslaufen, und üben 
sie überhaupt nicht zum Bohren, sondern zum Mischen z. B. in der Küche, um 
Hefe oder Eier mit Milch zu vereinigen, oder bei der Präparation eines Cocktail. 
Wie das Bohren und Quirlen der Eingeborenen entstanden ist, lässt sich leicht 
erkennen. Man hat zuerst Löcher mit einem spitzen Zahn oder Knochen gemacht. 



— 22 5 — 

Bei starkem Widerstand des Objektes kam man zu drehendem An- und Eindrücken, 
und dies entwickelte sich aUmähhch von selbst zum Quirlbohren, wenn man nur 
ruhig und gleichmässig arbeitete, um das Objekt nicht zu sprengen, dasselbe auch 
festklemmte, um den angebohrten Punkt nicht zu verlieren, und so über beide 
Hände verfügen konnte. Dieses Quirlbohren wird von dem Indianer mit einem an 
ein Stabchen befestigten Zahn oder Steinpartikelchen (vgl. S. 204) geübt für alles 
Durchlöchern von Muschel, Knochen, Stein, Gürteltierpanzer und hartem Holz. 
Man sieht ihn sehr häufig damit beschäftigt während er die Füsse zum Fest- 
klemmen verwendet. Nun stehen wir aber einem Rätsel gegenüber, wenn wir 
erklären wollen, wie das Feuerbohren mit zwei Holzstücken entstanden sein kann. 
Wie kam man dazu, Holz mit Holz zu bohren, wenn man nicht gerade darauf 
ausging, das »Feuer zu erfinden«? 

Es ist allen Ernstes gesagt worden, man habe beim Schleifen oder Bohren 
von Werkzeugen aus Holz, Knochen und Stein die Erfahrung gemacht, dass 
Reibung Wärme erzeugt, habe bemerkt, dass die Wärme zunehme, je stärker 
man reibe, und habe alsdann versucht, Holz so stark zu reiben, dass es nicht 
nur warm werde, sondern auch glimme, leuchte, brenne! Wenn die Herren, die 
diesen Vorschlag für unsere werten Ahnen machen, auf eine unbewohnte, be- 
waldete Koralleninsel verschlagen würden — mit einigem Widerstreben will ich 
es annehmen, dass sie mit ihren technischen und theoretischen Kenntnissen darauf 
verfallen würden, Holz mit Holz zu reiben, um sich ein Lagerfeuer zu verschaffen. 
Der Mensch der Vorzeit, mag er noch so lange im Besitz des lebendigen Feuers 
gewesen sein und seinen Wert gekannt haben, könnte sich die Erfindung doch 
wohl nur dann absichtlich erzwungen haben, wenn das durch Reiben erwärmte 
Holz auch leuchtete; dann hätte er vielleicht den Versuch gemacht, das Leuchten 
bis zur Flamme zu steigern. So haben z. B. die Bakairi auch wirklich geschlossen. 
Der Kampfuchs, sagen sie, habe sich das Feuer aus den Augen geschlagen. 

In jenem Vorschlag zur Lösung des Problems steckt aber der gesunde Kern, 
dass man dem Zufall einer P2ntdeckung keinen zu grossen Spielraum einräumen 
möchte. In der That, will man sich die Beobachtung, dass Feuer entsteht, wenn 
Holz mit Holz gerieben oder gebohrt wird, nur nebenher bei der Bearbeitung 
von Werkzeugen gemacht denken, so sollte sie wenigstens in einem direkten und 
Innern Zusammenhang mit dem Gebrauch des Feuers vorzustellen sein. Wenn 
Holz gebohrt wurde, so wurde es sicherlich mit Zahn, Knochen oder Stein gebohrt, 
und obgleich es ja miöglich wäre, dass gelegentlich, wenn jenes Material fehlte, 
einmal ein harter Holzstock zum Quirlbohren genommen wurde, der dann ein 
glimmendes Pulver erzeugte, so erscheint diese nicht zu leugnende Möglichkeit mir 
deshalb nicht recht befriedigend, weil sie nicht aus der P^euertechnik selbst her\'or- 
wächst. Auch sieht man nicht ein, in was für einem praktischen Fall, u'cnn das 
gewohnte Handwerkszeug fehlte, den Leuten soviel daran gelegen sein musste, 
Holz zu durchbohren, dass sie das mühevolle Mittel wählten und ihren Zweck 
nicht durch Binden oder Brechen oder anderswie bequemer erreichten. Einige 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. I5 



— 226 — 

Ueberlegung und ein paar Thatsachen leiten uns auf einen vielleiciit aussichts- 
volleren Weg. 

Der Mensch hatte Feuer, unterhielt es, konnte es aber nicht erzeugen. Es 
ist klar, dass die erste Kunst, die auf dieser Stufe gelernt sein sollte und gelernt 
wurde, die Neubelebung und die Uebertragung des Feuers an einen andern 
Ort war. Wir haben auf dem Rückweg der Expedition in der Regenzeit mehrere 
Male am Morgen nur mit vieler Mühe, obwohl der Kloben noch glühte, genügen- 
des Feuer erhalten können, alles Holz war nass und wollte nicht brennen; unsere 
Leute konnten nur dadurch Abhilfe schaffen, dass sie von den feuchten Reisern 
die Rinde losschälten und mit dem Messer schnitzelnd aus dem Innern eine An- 
zahl ziemlich trockener Spänchen hervorholten, diese mit grosser Vorsicht und 
Geduld fast einzeln auf die glimmende Kohle brachten und nun allmählich 
schwache Flämmchen hervorhauchten, die geschickt genährt zu einem lebens- 
kräftigen Feuerchen erstarkten. Im Thurn beschreibt dasselbe Verfahren von 
den Guyana-Indianern. Von den nordamerikanischen Eingeborenen wird berichtet, 
dass sie ghmmende Baumschwämme den Tag hindurch mit sich führten und so 
ihr Lagerfeuer \'on Ort zu Ort verpflanzten. Die von unsern Indianern im Kanu 
mitgenommenen morschen Kloben ghmmten mit Leichtigkeit ein bis zwei Tage. 

Man entwickelte früh, ehe man das Feuer willkürlich hervorrufen konnte, 
die Technik des Zunders. Man übertrug das Feuer von einem schwach 
glimmenden Kloben auf Reiser durch Zufügen von trockenen Halmen, Spänchen, 
Blättern oder dergleichen. Man lernte die leicht brennbaren Pflanzenteile kennen. 
Für die Wanderung versorgte man sich mit Zunder von schwammigem Pflanzen- 
gewebe, man hielt sich davon auch einen Vorrat an dem Lagerort, da jeder 
Regen oder eine Nachlässigkeit das Feuer dem Verlöschen nahe bringen konnte. 
Man verwandte die bei der Bearbeitung des Holzes, des Steinbeil- 
griffes und der Waffen losgeschnitzelten Späne oder, wenn man Holz 
mit Zahn, Muschel oder Stein durchbohrt hatte, das hierbei entstandene 
Mehl. P'ehlte dieser natürliche Zunder oder war er etwa durchnässt, so machte 
man sich eben welchen. Man zerrieb, schabte, schnitzelte leichtes Holz 
mit den Werkzeugen aus Zahn, Muschel oder Stein. Wo man die Beil- 
klinge in eine Holzrinne einliess und dort festband — so liess sie sich besser spitz- 
winklig anfügen und erhielt die für den Kanubau zweckmässigste Stellung — mag 
man das Zundermehl in einer Rinne geschabt haben; sowohl hier als auch wo 
man den Holzgriff des Steinbeils quer durchbohrte, wird man nicht übersehen 
haben, dass der dabei abfallende Staub besonders fein und leicht entzündbar war. 
Man machte die Beobachtung, dass der relativ schwere, weniger schnell auflohende 
Holzzunder längere Zeit glimmte als Schwammgewebe und Mark. Dieses Mehl 
war vorzüglich geeignet, das lebendige F'euer an einen andern Ort zu 
schaffen, es liess sich in einem behebigen Rohrstück mit durchlöchertem Deckel, 
das man bewegte oder in das man zuweilen hineinblies, leicht transportieren, und 
eine zweite Büchse konnte nachzufüllenden Vorrat bergen. Kurz, wenn es eine 



— 227 

Zeit der Uebertragung lebendigen Feuers, sei es um der Wärme oder der Jagd- 
zwecke oder des Bratens willen, gegeben hat, so muss es auch eine Bereitung 
von Zunder und Glimmstofif aus verschiedenem Material gegeben haben und kann 
darunter das allezeit auch während des Regens verfügbare und vom Arbeiten her 
notwendig gut bekannte Holzmehl nicht gefehlt haben. 

Wer sind alsdann die grossen Genies der Urzeit gewesen, die die willkür- 
liche Erzeugung des Feuers »erfunden« haben? Irgend ein paar arme Teufel im 
nassen Walde sind es gewesen, denen der mitgenommene glimmende Zunder zu 
verlöschen drohte, und denen Muschel, Zahn oder Steinsplitter im Augenblick un- 
erreichbar war. Sie suchten sich einen Stock oder zerbrachen einen Rohrschaft; je 
dürrer das Holz war, desto leichter Hess es sich abbrechen und desto leichter 
würde es brennen. Eifrig bohrten sie Holz in Holz, um ein reichliches Quantum 
Mehl zu erzielen, oder, wenn es sich um Vorfahren der Polynesier handeln soll, 
rieben sie Holz an Holz — ob sie das Eine oder das Andere thaten, wird nur 
von ihren gewohnten Arbeitsmethoden abgehangen haben; sie wurden durch die 
Entdeckung erfreut, dass ihr mit dem Holzstock mühsamer, aber auch feiner los- 
geriebenes Pulver von selber glimmte und rauchte. Es ist richtig, wie ImThurn 
von den Warrau sagt, »das Holz liefert in sich selbst den Zunder«, aber der 
Zunder lieferte auch in sich selbst die Flamme. Eine Entdeckung, die 
jeder prähistorische Vagabund zu machen im Stande war, der nichts besass als 
vom letzten Lagerfeuer her einen Rest Glimmstoff. 

»Würde sich etwa ein gewaltiger Denker der Vorzeit von der Vermutung 
haben leiten lassen: durch Reibung werde Wärme erzeugt, sollte nicht auch das 
Feuer durch die höchste Steigerung der Reibungswärme gewonnen werden können? 
— so hätte in ihm die Wahrheit gedämmert, dass die leuchtende Wärme sich 
durch nichts als ihre Quantität und ihre Wirkung auf die Sehnerven von der 
dunklen Wärme unterscheide, und sein darauf begründeter Entzündungsversuch 
durch Reibung wäre ein Ja in der Natur auf eine richtig gestellte Frage gewesen. 
An Schärfe des Verstandes wäre ein solcher Prometheus der Eiszeit nicht hinter 
den scharfsinnigsten Denkern der geschichtlichen Zeit zurückgeblieben . . . .« 

Oh, Ihr unsterblichen Götter! 

Der kühn entwendende Titane barg das Feuer in einem hohlen Stab, das 
wäre in einen Moment zusammengedrängt in der That die Geschichte des 
Stadiums der Unterhaltung des natürlichen P"euers. Am interessantesten 
scheint mir eben jener Stab selbst, ein Stengel der F"erulastaude, dessen Mark leicht 
Feuer fängt und der als Büchse gebraucht wird. Nach Plinius haben sich die 
Egypter dieses Zunders bedient. Prometheus stand noch auf der Stufe vor Er- 
findung der Reibhölzer, er trug den glimmenden Stoff von Ort zu Ort. Auch 
die Murray -Australier wissen zu erzählen, dass ihnen das Feuer in einem Rohr, 
einem Grasstengel, gebracht worden sei. 

Mit dem technischen Fortschritt der willkürlichen Erzeugung wurde das 
Holzmehl überflüssig. Man bedurfte jetzt nur des leichten, losen Zunders zur 



— 228 — 

Anfachung der Flamme und nicht einmal überall dieses. Die Hölzer, die einst 
das Zundermehl hauptsachlich geliefert haben, dürften wir wohl in denen wieder- 
erkennen, die später zum Feuerreiben dienten; denn natürlich sind die Hölzer, 
die sich durch Reiben am besten entzünden, auch die, die das brennbarste 
Mehl geben. 

Ich aber dachte mit Prometheus: Probieren geht über Studieren, machte 
den Versuch und empfehle ihn Allen, die sich von seinem überraschenden Ge- 
lingen selbst überzeugen wollen. Ich füllte ein 15 cm hohes Kaviarfässchcn mit 
beUebigem trockenem Sägemehl, legte eine glühende Kohle darauf, bis eine 
dünne oberste Schicht verkohlt war, und warf die Kohle fort. Bei massig be- 
wegter Luft rauchte das Mehl bald so stark, dass ich vorzog, einen durchlöcherten 
Deckel aufzusetzen. Dann schlug ich ein Tuch um das Fässchen und überliess 
es sich selbst; ununterbrochen glimmte das Mehl 13 Stunden. Mit Nachfüllen 
wäre das Glimmen beliebig lange in Gang zu halten. Nun erinnerte ich mich 
erst, wie schwer es mir unterwegs oft geworden war, die glimmende Baumwolle 
in dem Ochsenhorn meines brasilischen Stahlfeuerzeuges zu ersticken; ich gedachte 
auch der aus trockenem Kuhdünger gepressten Stange, die man an Deck indischer 
Schiffe zum Gebrauch für die Raucher viele Stunden hindurch glimmen lässt. 
Vielleicht ist auch hier und da eine entsprechende Verwendung von Holzmehl zu 
finden. Hobelspäne sind bei uns im geschichtlichen Deutschland bis zum Beginn 
dieses Jahrhunderts mit P'eucrstcin und Stahl gebraucht worden. 



V. Waffen, Geräte, Industrie. 

Bogen lind Pfeile. Wuiiholz. Keule. Kanu. Fischereigeriit. l*"lecliten und Textilarl)eiten. IJuriti- 
und Baiimwollhangematten. Kürbisgefüsse. Töpferei. 

Ueber die Ansiedlungen, die Lebensweise, die Werkzeuge unserer Indianer 
habe ich, soweit sie Eigentümlichkeiten darbieten, Bericht erstattet. Was von 
dem einen oder andern Gerät noch zu sagen wäre, wird sich im Rahmen der 
kunstgewerblichen Schilderung, die wegen des mancherlei Neuen einen besondern 
Ueberblick beansprucht, von selbst ergeben. Dagegen empfiehlt es sich, über 
das Aussehen und den Gebrauch der Waffen, sowie über die einfachsten Kunst- 
fertigkeiten noch Einiges mitzuteilen. 

Bogen und Pfeile sind die einzige allen unsern Indianern gemeinsame 
Waffe. Bei den Su}'a und Trumai finden sich Keulen im Gebrauch. Nirgendwo 
giebt es Lanzen. Nirgendwo Blasrohr und vergiftete Pfeile. Nur der Zauberer 
hat so eine Art theoretischer Giftpfeile, indem er mit kräftiger Hexenkunst ver- 
giftete Zweiglein, wie wir sehen werden, heimlich nach seinem Opfer schleudert; 
hier tritt uns also jedenfalls der Gedanke eines Wurfgiftes entgegen. 



229 — 

Bogen und Pfeile sind ausgezeiclinet durch ihre Grösse, die Pfeile durch, die 
ausscrordentUch saubere und gefäUige Arbeit. Die Länge der Bogen beträgt 
über 273 m, die der Pfeile 1^2 bis nahezu 2 m. Das Bogenholz ist gelblich oder 
lichtbraun und stammt von dem Aratdbaum, Tecoma u. a. Palmholz fanden wir 
nur bei einigen Bogen der Tupistämme, hier auch, was den übrigen Stämmen 
unbekannt ist, den Bogen mit Baumwolle in hübschem Muster umflochten. Die 
Sehne ist aus Tukumfaden gedreht. 

Der Pfeil ist ein keineswegs einfaches Kunstwerk; wenn man die Pfeile von 
unsern Stämmen, zwischen denen sich eine ethnographische Ausgleichung voll- 
zogen hat, mit den Pfeilen aus den benachbarten Gebieten vergleicht, bemerkt 
man bei näherem Zusehen immer Verschiedenheiten des Materials oder der 
Technik. Die Pfeile der Yuruna am untern Schingü, die der Karayä im Osten 
nach dem Araguay hinüber, die der Paressi im Westen, die der Bororo im Süden, 
wie die der Yarumä haben stets ihre bestimmten Merkmale. Wie vergleichende 
Sprachforschung lässt sich vergleichende Pfeilforschung treiben. Kamen wir zu 
einem neuen Stamm, so sahen wir häufig, mit welchem Interesse man die von 
den Nachbarn mitgebrachten Stücke prüfte und bestimmte; Nichts erschien den 
Leuten ausser unserer Kleidung merkwürdiger als unser Mangel an Bogen und 
Pfeilen. Wenn es schwer zu begreifen ist, wie der Indianer sich vorstellt, dass 
seine Kulturheroen die einzelnen Stämme durch Bezauberung von Pfeilrohr, das 
sie in die Erde steckten, geschaffen haben, so ist doch die zu Grunde liegende 
Anschauung, dass der l'feil das Merkmal des Stammes sei, sehr gut zu verstehen; 
der grosse Zauberer wählt auch für jeden Stamm die Art Rohr, die seine Pfeile 
auszeichnet. Das Kambayuvarohr liefert zierlichere, dünnere Schäfte als das 
Ubärohr; die zahmen Bakairi haben, seitdem sie die Bekanntschaft der Flinten 
gemacht, das am obern Schingü allgemein gebrauchte L^bärohr aufgegeben und 
besitzen nun, wenn nicht gerade Kinderpfeile, so doch kleine Pfeile im Vergleich 
zu denen des Schingü. Auch die Bogen (1,70 m) sind kleiner geworden. 

Der einfachste Pfeil besteht aus dem befiederten Rohrschaft und einem 
hineingetriebenen dünnen Holzstock, der ^/s m vorragt und ein wenig zugespitzt 
ist. Unterhalb der Spitze wird zuweilen ein kleiner Widerhaken angebracht, wozu 
man ein Zähnchen oder mit Vorliebe den Kieferstachel des grossen Ameisenbären 
gebraucht. Oder man treibt oben auf die Holzspitze ein langes Stück Röhren- 
knochen vom Affen, Arm- oder Beinknochen, deren man ganze Bündel zu Hause 
ansammelt, und schleift den Knochen zu. Als Bindemittel dient Wachs, das mit 
einem Knochen aufgetragen wird. Auch der Rochenstachel giebt eine Pfeilspitze 
ab. Der Widerhaken lässt sich endlich so herstellen, dass man ein geschweiftes, 
doppelspitziges Knochenstück in das seitlich ausgehöhlte Ende des Holzträgers 
legt, umwickelt und verharzt. 

Zuweilen wird auf den Pfeilschaft eine durchbohrte, hohle Tukumnuss bis 
etwas oberhalb der Mitte hinaufgeschoben; seitlich sind ein oder zwei Löcher in 
die Nuss einoeschnitten. Im Fluee ertönt ein helles Schwirren und Pfeifen. 



Während die klitiLjenden Pfeile nur zur Vogeljagd gebraucht werden, sind die 
andern für alle Jagd und das Schiessen der Fische bestimmt; die mit Wider- 
haken sind ausschliesslich Fischpfeile. Pfeile mit sägeartig eingekerbten Holz- 
spitzen sind am Schingü nicht vorhanden, ausgenommen bei den Yarumä, die wir 
für eine Südgruppe der Mundurukü des Tapajoz halten. 

Die Suyä und Trumai hatten zum Krieg und zur Jaguarjagd Pfeile mit 
langen spitzen Bambusmessern. Bambusspäne von Spindelform, bis 35 cm lang 
und bis ^6 mm breit, messerscharf an den Seiten, sitzen dem tief in den Rohr- 
schaft eingetriebenen Holzstock auf, indem dieser in eine unten an der Innen- 
fläche des Spans eingeschnittene Rinne gebettet ist. Und zwar ist die spitze 
Spindel mit ein wenig Harz und Faden nur lose befestigt; sie bleibt beim Schuss 
in dem getroffenen Körper zurück, während der Schaft mit dem Holzstock hinter 
ihr abspringt. 

Das Merkwürdigste am Pfeil ist die Befiederung am untern Ende. Zwei 
P'edern, richtiger zwei P'ederhälften , denn die Feder wird in iln-em Schaft ge- 
spalten, sind in spiraliger Drehung, die ein Viertel des Umfangs umschreibt, sorg- 
sam befestigt; jede Fahne steht mit der Ebene ihres Oberteils senkrecht auf der 
ihres Unterteils, sodass sich der fliegende Pfeil durch die Luft schraubt. Die 
F"edern sind kleinen Löchelchen entlang gespannt, die mit einem Agutizahn ge- 
stochen und mit einem spitzen Buriti'splitter erweitert werden, und, man darf 
sagen, dem Pfeil aufgenäht, der Baumwollfaden wird um die P^nden lierum- 
gewickelt und selbst durch eine Umwicklung mit Waimberinde (Philodendron) 
geschützt. Meist stammen die Federn von Hokkohühnern, Jakü (Penelopß) und 
Mutung (Crax), vom P^alken und vom blauen Arara, Wo die Hand den Pfeil- 
schaft umfasst, befindet sich eine Umwicklung mit Waimbc. Unten ist eine Kerbe 
eingeschnitten, der das Oberteil der Paedem parallel liegt. 

Kinderpfeile sind ähnlich, nur kleinen P^ormats mit Holz und Knoclienspitzen, 
oder (die der frühesten Jugend) schwanke, dünne Stengel, die man von Palm- 
blätterrispen abspaltet. 

Die Haltung des Bogens ist gewöhnlicii senkrecht. Der Pfeil liegt links vom 
Bogen. Er wird zwischen dem Zeigefinger und Mittelfinger gehalten, die die 
Sehne zurückziehen, wäiirend Finger IV und V noch helfen, die Sehne zu spannen. 
Der Daumen wird niclit gebraucht. Diese Spannung, der Mittelmeerspannung 
von Edward S. Morse entsprechend, ist verschieden von der der Bororö. Vor- 
richtungen, um die P^inger gegen die starke Reibung der Sehne zu schützen, 
werden niclit gebraucht. Die den Bogen haltende linke Hand kann noch einen 
zweiten Pfeil in Reserve halten. 

Der Pfeil visiert das Ziel nur bei geringer Entfernung; ist sie gross, so wird 
der Bogen lioch cmporgeiialten, der Pfeil fliegt in der Lotrichtung des Ziels 
empor und senkt sich zu ihm hinunter. Auf dem Pluss, z. B. wenn auf eine in 
der P'erne spielende Fischotter geschossen werden soll, ein bei der malerischen 
Haltung des im niedrigen Kanu stehenden nackten Schützen ungemein fesselnder 



— 231 — 

Anblick! Beim Fischschiessen wird die Pfeilspitze öfter in das Wasser getaucht, 
um den Grad der Lichtbrechung zu prüfen. Es gehört nicht geringe Uebung 
zum Fischschiessen. Langsam rudert dev hinten sitzende Gefährte, während 
der Schütze vorn schussfertig .steht und scharf auslugt. Unsereins sieht nicht 
mehr als der Indianer, wenn er zum ersten Mal in das Mikroskop blicken würde. 
Eine leise Aenderung der Wellenform verrät ihm schon die Beute. Dabei hat 
man sich mäuschenstill zu verhalten, unhörbar wird das Ruder eingetaucht. 
Mancher .Schuss geht übrigens fehl und häufig treiben zwei oder drei der schönen 
Pfeile traurig im Wasser, bis sie zurückgeholt werden. Kein Wunder, dass 
den hidianern unsere Angel wie eine Offenbarung erschien. Kannten sie die 
Angel noch nicht, so kannten sie doch schon den Köder. Aber den frei 
schwimmenden. Der Schütze warf vom Kanu eine scharlachrote Beere in den 
Muss; in dem Augenblick, wo ein von unten zuschnappendes Maul sie verschlingen 
wollte, schnellte der Pfeil vom Bogen. Wer neuen Sport sucht, möge es pro- 
bieren. Die Indianer üben sich auf dem Dorfplatz und pflanzen als Ziel einen 
Schaft auf, der oben ein zilindrisches oder kegelförmiges Stück Korkholz trägt. 
Das Wurfbrett, für unsern Fall, wo kein »Brett« vorhanden ist, häufig 
Wurfholz*) genannt, ist eine jetzt seltene Wafife, die sich nur bei den beiden 
Tupistämmen, den Kamayurä und Aueto, und bei den Trumai vorfand. Sie ist 
die grösste ethnologische Ueberraschung unserer Reise gewesen. Ehren reich 
begegnete ihr dann auch bei den Karayä am Araguay. Durch den Bogen 
verdrängt, hat sie sich in lebenskräftiger Uebung nur bei den holzarmen Eskimo 
erhalten. Die nordamerikanischen Indianer haben sie, so viel man weiss, nicht 
gekannt; bei den alten Mexikanern und bei den Maya, sowie bei den Bewohnern 
Kolumbiens erscheint sie in beschränkter Verwendung, doch lässt sich auf eine 
grössere Verbreitung in frühen Zeiten schliessen, sie gilt als Waffe der Inkakrieger, 
wir sehen sie dann endlich in vereinzelten Beispielen bei südamerikanischen 
Naturvölkern, zumal Tupfs, sowohl am hohen Amazonas wie im östlichen Bra- 
silien. Auch bei unsern Stämmen hatte das Wurfholz seine aktuelle Bedeutung 
eingebüsst oder war mindestens dabei, sie zu verlieren. Immerhin fanden sich in 
jedem Hause mehr Wurf bretter als Bogen ; die Indianer sagten, dass sie die Waffe 
zwar niemals mehr zur Jagd, wohl aber noch im Kriege gebrauchten. Als die 
Trumai 1884 vor unserm Lager erschienen, hatten sie keine Wurfbretter bei sich; 
die Steinkugeln, mit denen die Wurfpfeile im Ernstfall ausgestattet sind, waren 
bei den Aueto und Kamayurä nicht zahlreich vorhanden, sie mussten sie auch 
von den Trumai beziehen, und so sind für die Tupi'stämme wenigstens schon rein 
infolge der geographischen Lage die Tage des Wurfbrettes gezählt. Aber als 
Sportwaffe erfreute es sich noch hohen Ansehens und fleissigen Gebrauchs; ich 
werde bei den Tänzen auch des Wurfbretttanzes, der die Verwundung im Kampf 
darstellt, zu gedenken haben. Das Wurfbrett hat den Zweck, einen stein- 



*) Für unsern Fall würde der beste Ausdruck »Pfeilschleuder« sein. »Wurf holz« ijiebt 
leicht zu \'ervvechseluno:en mit sreworfenen Hölzern Anlass. 



— 232 — 

beschwerten Pfeil, oder, wenn man will, einen zierlicheren Spiess mit grosser 
Kraft zu schleudern. Der am Schingü vorhandene Typus ist ein etwa 70 cm 
langer glatter, dünner Stock aus hartem Palmholz, der sich an dem einen, 
vorderen Ende zu einer mit einem Loch versehenen Griffplatte verbreitert und 
an dem andern, hintern Ende einen kleinen Haken trägt. Also kein Brett und 
Nichts von einer Rinne. Vgl. Abbildung 28 und 6, S. 109. 

Der Pfeil wird hinten auf den Widerhaken eingesetzt, durch das Locli der 
Griffplatte steckt man den Zeigefinger, während die andern Einger Platte und 
Pfeil umschHessen; so liegt der Pfeil in seinem hintern Teil dem Wurfbrett fest 
an, mit kräftigem Schw^ung wird ausgeholt, das Wurfholz beschreibt einen Bogen 
nach vorn und oben und entsendet mit dieser Hebelbewegung den Pfeil, >;dass es 
nur so saust«. Die Wurfbretter sind aus hellem oder dunklem Palmholz gefertigt, 




9 10 II I : 






Abb. 28. \Vurri)reLL (*/jjj nat. (h:) und Si)itzen von Wurf]5f eilen. 



sie sind schön geglättet und machen zum Teil einen eleganten Eindruck, zumal 
wenn ein buntes Eederbündelchen von der Widerhakenschnur herabhängt. Die 
Platte hat eine Breite von etwa vorn 5 cm, hinten 6 cm und eine Länge von 
15 cm; sie ist bikonkav ausgeschnitten, damit die Hand sie sicher umfasst. Der 
Stiel ist ungefähr vier mal so lang. Der Haken, dem der Wurfpfeil aufgesetzt 
wird, bei den Karayä ein Knochen, ist hier ein 2^/2 cm langes Stöckchen, mit 
Baumwollfaden schräg angebunden. F"ür Kinder gab es W^u'fbretter kleinen 
Formats. 

Das geworfene Rohr ist bei unsern Indianern kein Spiess, sondern ein 
echter Ubä-Pfeil und wird auch von ihnen Pfeil genannt. Nur die Befiederung 
ist gewöhnlich nachlässiger gearbeitet und nicht spiralig angeordnet. Knochen- 
spitzen und scharfe Holzspitzen kommen nicht vor. Das Charakteristische des 
Wurfpfeils ist umgekehrt — eine, wie es scheint, in der deutschen Sprache nicht 



vorgesehene Möglichkeit — die »stumpfe Spitze«. Auch in diesem Sinn fehlt 
das Merkmal des »Spiesses«. Der Wurfpfeil spiesst luid sticht nicht, sondern 
zerschmettert mit schwerer Schlagkraft. In den Sciiaft eingelassen, mit Bind- 
faden umschnürt und mit Wachs verschmiert, waren schwere Stein- oder Holz- 
spitzen. Die Steine entweder konisch wie No. 2 in der beistehenden Figur oder 
birnförmig wie No. 3. Aus dem Wachsüberzug schaute der Stein nur wenig 
heraus, vgl. No. 9. Die Holzspitzen hatten verschiedene Formen, kugelig, oder 
der Steinbirne entsprechend mit langem Stiel zum P^inschieben in den Schaft: 
No. I, oder (die gewöhnliche Form) No. 4 und 10, ein ziiindrisches Stück, das 
sich unten zum Einsetzen zuspitzte — in No. 1 1 auch einmal mit einer spitzigen 
Hervorragung, ferner ein Knopf No. 12 und eine Gabel No. 8. In der Abbil- 
dung 6 S. 109 trägt der Mittelpfeil einen langen schmalen Holzkegel, der auf 
weissem Grund mit einem langen schwarzen Linien- oder Tüpfelmuster verziert 
ist, schon die reine Dekorationswaffe zum Tanz. Viele Wurfpfeile trugen nur 
Wachskugeln. Endlich sehen wir in No. 6 und 7 nach Art der klingenden Pfeile 
auch eine oder zwei Tukumnüsse {Asirocaryum) aufgesetzt und in No. 5 eine 
faustgrosse Tukumnuss auf zwei aneinander gebundenen Rohrschäften. 

Das Wurfbrett hat von der Tukumpalme seinen Namen: Yauart. Es ist 
nicht selten, dass die Pflanze, die das Material liefert, auch den Namen des Ge- 
rätes liefert; die Kamayurä fügten eine nähere Bestimmung hinzu, yauart amo- 
modp, das heisst (anio weit, tno Causativum, ap zerbrechen, verwunden) »fernhin 
zerschmetterndes Tukum«. Apollo amomodp, der fernhin treffende. In einer 
Legende, die Ehrenreich bei den Karayä aufnahm, kommen Affen vor, die im 
Baum sitzend Menschen mit Wurfpfeilen töten. Damit steht einigermassen im 
Einklang, wenn mir die Indianer sagten, das Wurfbrett sei gut im Wald zu ge- 
brauchen. So kann man bei rascher Verfolgung zwischen den Bäumen das W\irf- 
brett mit dem Steinpfeil fertig zum Schleudern, nicht aber den beide Hände zum 
Spannen benötigenden Bogen schussbereit halten und einen der kurzen Augen- 
blicke erfassen, während deren das fliehende Ziel Deckung durch Stämme und 
Unterholz verliert. Die Kraft, mit der der Wurfpfeil entsaust und aufschlägt, ist 
weit grösser als man erwartet. Die Waffe hat vor dem Bogen einmal den 
ungeheuren Nachteil, dass sie nicht in die Höhe hinauf verwendbar ist, man kann 
keinen Vogel mit ihr aus dem Wipfel herunterholen, und unterscheidet sich ferner 
sehr zu ilu'en Ungunsten durch die Unbrauchbarkeit zum Erlegen der Fische, sie 
ist mit einem Wort keine Jagdwaffe, würde es selbst nur in beschränktem Mass 
für grössere Tiere sein, wenn die Wurfpfeile mit die Haut durchdringenden 
Spitzen ausgestattet wären; sie ist eine entschiedene Kriegs waffe und wird 
auch nur als solche bezeichnet, Sie hatte ihren Wert neben dem Bogen, wo es 
Krieg, geeignete Steine und Wald gab. Wenn sie eine Vorstufe des Bogens 
genannt wird, so ist doch zu bedenken, dass sie uns das Geheimnis seines Ur- 
sprungs in keiner Weise entschleiern hilft, denn das Wesentliche des Bogens ist 
seine federnde Kraft, sowohl die des Holzes als die der Sehne. 



— 234 — 




' 



Keulen hatten nur die Snyä und die Trumai. Die der Suyä, vgl. >^Durcli 
Centralbrasilien« Abbildung Seite 326, war platt, i^ü bis fast 1^/2 m lang, mit 
einem ovalen Oberstück, das durch Muschelaugen verziert war, eine elegante 
Waffe aus braunschwarzem, wie poliert glänzendem Seribapalmholz. Von ähnlicher 
Form, kleiner, plumper, keine künstlerische Arbeit, ist die Trumaikeule, Wir 
haben auch auf der zweiten Expedition deren nur eine erhalten. 
Dagegen hatten die Trumai wie die Kamayurä kleine Tanzkeulen, 
deren ich später gedenken werde. Auch hier also wie beim 
Wurfbrett die Erscheinung, dass die alte Waffe zum Spielgerät 
herabsinkt. Bei den Kamayurä fanden wir ausser einer Suyäkeule 
eine den Yarumä zugeschriebene Keule, die genau der 1884 bei 
den Yuruna gefundenen Karayäkeule entsprach, ein dunkelbrauner, 
vertikal ringsum kanelirter, scharf geriefter, oben und unten stumpf 
abgekuppter Stab mit glattem Zwischenstück für die Hand. Dort 
die Yuruna, hier die Kamayurä hatten die Mordwaffe zum fried- 
lichen Spazierstock umgewandelt. Man muss gestehen, dass die 
Wehr der Männer am Kulisehu nicht auf kriegerische Gewohn- 
heiten hinweist. 

Die Kanus sind allgemein aus der Rinde der Jatoba her- 
gestellt, wie ich es für unsere Fahrzeuge beschrieben habe. 
Vgl. Tafel 10 und 11. Ein 1884 gemessenes Bakairikanu hatte 
folgende Masse: Länge 8 m, Breite in der Mitte oben 64 cm, 
unten 56 cm. Tiefe 24 cm, Breite des Hinterteils 63 cm, Rinden- 
dicke II bis 21 mm. Wir haben auf der zweiten Reise längere 
Exemplare gesehen, und die Arche, die wir bei den Mehinakü 
erwarben, hatte eine erheblich grössere Breite, war freilich ein 
Unikum an Behäbigkeit. Die Kanus der Bakairi, die im flacheren, 
von Steinen durchsetzten Flussbett zu fahren hatten, waren etwas 
flacher als die weiter flussabwärts. Bei den Yaulapiti war der 
Rand etwas nach innen umgekrempelt. 

Die Ruder, etwas über i m lang, bestanden aus einem etwa 
60 cm langen und 10 cm breiten, leicht ausgehöhlten Blatt mit 
Stiel und Krückengriff (vgl. die Abbildung). Mit der einen 
Hand den Krückengriff, mit der andern den untern Teil des 
Stiels umfassend, stösst der Indianer das Ruder ziemlich senk- 
recht neben sich ein und hebelt mit kräftigem Druck nach vorn 
hinüber. Die Stösse folgen sich oft mit grosser Geschwindigkeit, 
das Ruder wird hoch durch die Luft geworfen und blitzschnell in den Händen ge- 
wechselt. Einer der Ruderer sitzt meist vorn, der Andere hinten; der Hintere steuert 
mit seiner Schaufel, nach den Fischen schiesst der Vordere. Ein niedrig einge- 
klemmtes Aststück ist die ganze Sitzgelegenheit. Li der Mitte liegt der Tragkorb, 
mit l^lättern vor dem Regen geschützt. Lehm und Harz spielen eine grosse Rolle, 



Abb. 29. 

B a k a i r i - R \i d e r. 

(V3 nat. (>.) 



— 235 — 

besonders an dem eingestülpten Hinterteil platzt die Rinde gern und lässt Wasser ein- 
treten. Dank ihrer grossen Gewandtheit als Piloten schiessen die Bakairi ohne Gefahr 
auch durch den Schwall der Katarakte; doch wären die Strudel mit stärkerem Gefälle 
flussabwärts im Gebiet der Yuruna durch die niedrigen und gebrechlichen Rinden- 
kanus nicht zu überwinden — ein beachtenswertes Hindernis für die Verschiebung 
unserer Stämme nach Norden. Vielleicht nicht weniger schlimm wäre der Wellen- 
schlag auf dem breitern Strom, den jeder heftige Wind bringt. Dagegen bieten 
die Rindenkanus den gewaltigen Vorteil, dass sie in kürzester Frist herzustellen 
sind. Deshalb begnügte man sich sogar bei der Fazenda S. Manoel mit einem 
von den Baka'iri gelieferten Kanu, das nur einen Tag Arbeit kostete. Sie sind 
leicht aus dem Wald an das Ufer zu tragen; Bastringe schützen die Schultern. 

Gefischt wird während der Fahrt soviel als nur möglich, desgleichen ge- 
gessen. Rauchen und Singen unterwegs ist unbekannt. 

Fischereigerät. Das Schiessen der Fische mit Pfeil und Bogen liefert eine 
der Zahl nach nur geringe Beute. Ich habe berichtet über die Zäune oder 
Stakets, mit denen der Fluss bei dem zweiten Bakairidorf gesperrt war, über die 
»Chiqueiras«, das Sperrwerk mit Zweigen, das Bachmündungen oder Lagunenarme 
abschloss, über die Steinkreise, die nahe bei den Stromschnellen im flachen Pluss- 
bett oft in grosser Zahl gelegt waren, und wo die P'ische durch eine schmale 
Oeffnung oben eintraten und flussabwärts gescheuclit, beim gegenüberliegenden 
Ausgang in Netzen abgefangen wurden, sowie endlich über das Fischen der 
Bakairi in der seichten Kamplagune mit P^angkörben. Gern fisciit man zwischen 
den Steinen, in dunkeln Nächten bei Fackellicht. Von einer Vergiftung der 
P'ische haben wir Nichts gesehen. 

Dass die Angel sämtlichen Stämmen so verschiedenen Ursprungs unbekannt 
war, Stämmen, die so eifrige Fischer waren, ist eine Thatsache von hohem Wert. 
Sie spricht beredt für die mehrfach aufgestellte Behauptung, dass die Angel im 
Norden und Süden des Amazonas überhaupt erst durch die Europäer eingeführt 
worden ist. Ist dies nicht der Fall, bleibt nur der Ausweg, dass unsere Stämme 
sich von iliren Ursitzen entfernt haben, ehe die Angel dort bekannt war. Denn 
wer, wie ich, gesehen hat, mit welchem Interesse die Eingeborenen unsere Angeln 
kennen lernten, der wird, wenn irgendwo, hier über das Ansinnen lächeln, dass 
die degenerierten Indianer eine ihnen früher — als sie noch dem Ausgangspunkt 
der Karaiben oder der Nu-Aruak oder der Tupi oder der Ges näher waren — 
wohlbekannte Erfindung vergessen hätten. Es lässt sich begreifen, dass Indianer 
unter friedlichen Verhältnissen keine Keulen mehr machen, es liesse sich ver- 
stehen, dass der eine oder andere unserer Stämme vom Amazonas hereingewandert 
wäre und das Holzkanu aufgegeben habe, weil er am Oberlauf mit den mühelos 
zu machenden Rindenkanus vortrefflich auskam, aber dass Fischer, die früher 
geangelt haben, in einer Gegend, wo sie die Kunst mit grösstem Nutzen weiter 
treiben könnten, davon abgekommen seien, imd ihre Nachkommen sich von uns 
neu belehren lassen müssen, das glaube wer kann. Im Guarani und Tupf heisst 



2.^,6 



Haken und besonders Angelhaken jnnda, und nach diesem Wort wird in beiden 
Dialekten Xylopia frutescens, die die Angelrute liefert, pinda-iba ^= Haken -Kutc 
genannt. Die Kamayurä, die gewiss an Tupi-Reinheit nichts zu wünschen übrig 
lassen, und denen wir beim Vergleichen der uns gemeinsamen Wörter als Stammes- 
brüder erschienen, versagte die Uebereinstimmung gerade bei dieser Pflanze: sie 
kannten pindaiba nicht und nannten sie ioira oder ivit, das ymbira des Tupf 
oder hybir des Guarani (= »Hautbaum«), nach Martins »Name verschiedener 
Bombaceen und Xylopien«. Die dekadente Gesellscliaft hat auch den Pflanzen- 
namen »Haken-Rute« vergessen, obwohl er für sie so leicht zu behalten war. 

Die Netze, nur kleine Handnetze, waren aus der gedriUten, sehr widerstands- 
fähigen Tukumpalmfaser geflochten. Sie hingen als Beutel von einem Stück 

mit beiden Enden rundoval 
zusammengebogener Schling- 
pflanze. Von Reusen wurden 
zwei Arten unterschieden, eine 
puroschi der Bakairi, breiter, 
voller, mit horizontalen recht- 
eckigen Zwischenräumen, und 
die andere, tamaschi, schmal, 
lang, mit Aveiten hohen Ver- 
tikalmaschen. Der Fangkorb 
kutu war ein stumpfkegeliges, 
oben und unten offenes Flecht- 
gerüst aus spitzen Reiser- 
stöcken. Icli sah Paleko zu, 
wie er, um einen Fangkorb 
zu bauen, ein Bündel bereits 
zugespitzter Stöcke, die noch 
verschiedene Länge hatten, 
gleich machte. P2r hatte fol- 
gende Art Massstab. Er nahm ein Stück Schaftrohr a — b und ein anderes c — d, 
band sie untereinander parallel bei b und c zusammen und gebrauchte nun das 
freie Stück von c — d zum Messen, indem er den zu messenden Stock entlang 
legte, bei b aufstützte, bei d scharf umritzte und abbrach. 

Die Indianer ziehen häufig für einige Tage aus, um dem Fischfang obzuliegen. 
Sie bringen gebackene Fische mit nach Hause, doch scheinen sie auch schon 
damit zufrieden zu sein, sich einmal draussen recht satt zu essen. Die Pyramide 
des Bratrosts, »Trempe« der Brasilier, die man fast immer findet, wo die Indianer 
sich zum Fischen oder Kanubauen über die Nacht hinaus aufgehalten haben, ist im 
Nu fertig. Drei Stöcke werden wie Gewehre zusammengestellt und oben mit 
Bast vereinigt, etwas unterhalb der Mitte wird von einem Stock zu den beiden 
Nachbarn je ein Stäbchen quer gespannt und angeflochten, und dieser Winkel 




Abb. 



50. Bratständer (Trempe). ('/30 nat. Gr.) 



237 



mit anderen Stäbchen bedeckt, sodass ein dreieckiger horizontaler Rost entsteht. 
Die Fische öffnet man, indem man einen Längsschnitt in die Mittelhnie anlegt 
und einen seitUchen Querschnitt ansetzt; die Klappe aufschlagend nimmt man die 
Därme heraus, und die Fische kommen auf den Bratständer. 

Flechten. Das Material Heferten die Bakayuva-, die Buriti-, die Akuri- und 
die Carandasinha-Palme, Bambusrohr und Marantastengel, die gespalten wurden, 
die Kletterpalme Urumbamba (Desmoncus) und die unentbehrlichen Schlingpflanzen. 
Die Männer waren es, die flochten. Sie bedienten sich beider Füsse zur Aushilfe, 
indem der eine die Quer- und der andere die Längs- 
halme festhielt. Die Korbflechterei stand auf keiner 
hohen Stufe. Es gab Stehkörbchen und Hängekörbchen, 
dichtgeflochtene und weitmaschige, in denen man den 
Kleinkram aufbewahrte, Fische trug u. dgl., allein über 
die allgemein bekannten Formen hatte man es nicht 
hinausgebracht. Einige Abwechslung wurde dadurch 
erreicht, dass man schwarz gefärbte Streifen einflocht. 
Die Mehinakü und Auetö hatten grössere viereckige, 
trogartige Stehkörbe, die sich durch ein schmuckes Aus- 
sehen auszeichneten, auch mit Troddeln an den Ecken 
verziert waren, und zum Aufbewahren von Kürbissen 
u. dgl. dienten. Diese Körbe wurden von den Mehinakü 
■mayäku genannt, ein Wort, das die Bakairi für die 
Kiepen, also für den ganz anders gebauten Tragkorb 
gebrauchten. Die nebenstehende Abbildung zeigt den 
dreiwandigen bei allen Stämmen benutzten Tragkorb, 
den „mayäku" der Bakairi, während die Art, wie er mit 
der Bastschlinge am Kopfe hängend getragen wurde, 
auf dem Bilde Tumayaua's, Tafel 6, zu ersehen ist. 
Der Inhalt wurde mit Blättern, die auch zum Auskleiden 
der Innenseiten benutzt werden, zugedeckt; dann band 
man die Seitenwände möglichst nahe aneinander fest. 
Kleine Kiepen wurden schon den Kindern aufgehängt. 
Zu gedenken ist der Vorratkörbe für das Mandioka- 
mehl. Während die unteren Stämme plumpe, an die 
Form der Kiepen erinnernde Proviantkörbe hatten, waren die der Bakairi (oädu) 
ein Erzeugnis sorgfältiger Arbeit. Fünf oder sechs mannshohe dünne Stangen 
waren mit ein paar Querringen von Schlingpflanzen zu einem kreisrunden, irgendwie 
gestützten Gerüst zusammengestellt, dieses wurde innen mit Helikonienblättern, 
deren mehrere mit Faden übereinandergereiht waren, ausgelegt und aussen mit 
rötlichem Pindahybabast von unten nach oben, indem man den Bast von Stück 
zu Stück fortknotete, in \\'agerechten Kreistouren umwunden. Während diese Art 
also ungeflochtenc Körbe waren, gab es andere mit offenem sechseckigem 




Abb. 31. 
Tragkorb. ('/. nat. rjr.) 



— 2VS 



Maschengeflecht, die ebenfalls mit Blättern austapeziert waren. Die Körbe wurden 
an Embirastreifen aufgehängt. 

Das Mattenflechten spielte keine grosse Rolle. Ganz niedlich waren kleine 
fächerförmige oder viereckige Matten, um das Feuer anzufachen. Grössere Matten 
zum Schlafen fehlten, da man die Hängematten hatte. Bei der Mehlbereitung 
wurden Matten gebraucht, einmal aus Palmblatt geflochtene Trockenmatten und 
dann aus vierkantigen, mit Ouerfäden aneinander geschlungenen Rohrstäbchen 
bestehende Siebmatten zum Durchseihen und Auspressen der auf palmstachel- 
besetzten Reibbrettern zerkleinerten Wurzel. Aehnliche Stäbchenmatten dienten 
als Mappen zum Aufbewahren von Federschmuck. Die I^^edern wurden wie in 
einen Aktendeckel hineingelegt; die Matte erhielt man dann steif durch drei 
Klammern, je eine oben, unten und in der Mitte, indem man gespaltene 
Rohrstengel zusammenbog, mit der Schnittseite anliegend quer hinüberspannte 
und die überstehenden Enden rechts aneinanderband. 

Die Rohrdiademe und geflochtenen 
Tanzanzüge werde ich in dem Masken- 
kapitel besprechen. 

Textilarbeiten. Das Material: Ana- 
nasseide, Aloehanf, Palmfaser von der Tu- 
kum und Buriti, und Baumwolle. Die 
P'asern werden in feinen Bündeln aufgelegt, 
auf dem Schenkel gedrillt, die Baumwoll- 
flocken dagegen durch die ebenfalls auf 
dem Schenkel rapid in Drehung versetzte 
und dann frei tanzende Spindel zum I^^aden 
ausgezogen. Nur die Frauen spinnen und 
weben. Die P^aserschnüre dienen als die 
eigentlichen Bindfäden und Stricke; Plsch- 
netze, Tragnetze und in bestimmten Phallen die Hängematten, endlich Bogensehnen 
bestehen daraus. Man strickt mit Bambusstäbchen oder langen Holznadeln, die 
offene Oehre haben. 

Die Spindel ist eine Scheibe, durch die ein dünnes, zuweilen an der Spitze 
abgekerbtes, nicht immer sehr gerades und glatt bearbeitetes Stöckchen gesteckt 
wird. An ihm wird eine von den Kernen befreite Baumwollflocke befestigt, als- 
dann dei- Wirtel rasch auf dem Oberschenkel gedreht und das Ganze hängen 
gelassen; infolge der gleichmässigen Rotation dreht sich die Baumwolle zum P'aden 
aus. Der Pfaden wird auf das Stöckchen gewunden, bis ein dicker kegelförmiger 
Knäuel dem Wirtel, der das Abgleiten verhindert, anliegt. Durchmesser der 
Wirtelscheibe 572 — 6 cm, Länge des Spindelstocks 30^35 cm. Der Wirtel be- 
steht meist aus einem Stück vom Bauchpanzer der Schildkröte, häufig aus Holz 
und nur bei den Bakairi aus einer gewöhnlich plumpen Thonscheibe, die man 
unter Umständen aus einem alten Topfboden brach und zuschliff". Von den auf 




— 239 — 

den beiden ersteren Arten eingeritzten Mustern werde ich später sprechen; die 
Bakairi lassen ihre Holz- und Thonscheiben unverziert, Schildkrötenwirtel haben 
wir bei ihnen nicht gefunden. Die Frauen puderten sich zum Schutz gegen den 
Schweiss den Oberschenkel erst mit weissem, kreidigem Thon ein, Sie bewahrten 
das Material in Form kindskopfgrosser Kugeln auf, von denen sie zum Gebrauch 
ein wenig mit einer Muschel abkratzten. 

Der Faden wird in zweierlei oder dreierlei Stärke hergestellt und in Knäueln, 
die in grüne Blätter eingeschlagen werden, aufbewahrt. Die Knäuel sind beliebte 
Gastgeschenke der Bakairi und Mehinakü, die sie uns beim Empfang ebenso 
überreichten, wie dies Columbus schon den 12. Oktober 1492 von seinen Insulanern 
berichtet. 

Der »Webstuhl« ist so primitiv wie nur möglich. Zwei niedrige Pfosten, die 
keinen halben Meter hoch zu sein brauchen, in gehörigem Abstand, das ist Alles. 
Der Ursprung des Webens aus dem Flechten ist noch klar ersichtlich. Um die 
Pfosten wird als Kette ein dicker Strang Baumwolle geschlungen, ein Faden ohne 
Ende; mit leitenden Stöckchen werden die Querfäden durchgezogen. 

Die Bakairi -Hängematte stellt ein ziemlich lockeres Netz dar, lang recht- 
eckig, 2^3 m X i^/i m. Die Eängsreihen sind in einem Abstand von unregel- 
mässig 2 — 3,5 cm von Querreihen durchsetzt, in den Zwischenräumen kann man 
bequem einen Finger durchstecken. Die Art des Gewebes ist sehr einfach. Zwei 
Längsfäden, 2 — 3 mm dick, sind jedesmal durch die dünneren, nur i mm dicken 
Querfäden umschlungen, und zwar sind der Querfäden vier, von denen zwei 
wellenförmig vor, zwei hinter den Längsfäden herlaufen, indem sie sich zwischen 
den letzteren durchkreuzen. Wo die Querfäden beiderseits ausmünden, werden 
sie verknotet; so findet man an jeder Längsseite einige 70 Knoten mit den vier 
abgeschnittenen F"adenenden. Die an jedem Pfosten freibleibende Schlinge wird 
in der Mitte umwickelt, sodass einerseits eine Oese zur Aufnahme der Hängeseile 
entsteht, und andrerseits von diesem festen Punkt aus die hier noch auf eine 
Strecke von 30 — 35 cm undurchkreuzten Längsfäden beim Aufspannen nach dem 
Netz hin divergieren. 

Ausser dieser typischen Baumwollhängematte giebt es eine Hängematte, bei 
der die Kette aus Buritipalmfaserschnur und nur der Einschlag aus Baumwolle 
besteht. Und zwar kann sich dieser Baumwolleneinschlag auf ein paar Querfaden 
beschränken, die bei den Mehinakü in 10 — 20 cm Abstand verliefen. Die 
Buriti-Hängematte ist bei den Nu-Aruakstämmen zu Hause. Die zahmen Bakairi 
am Paranatinga besassen sie ebenfalls, und sie gaben mir an, dass ihr alter 
HäuptHng Caetano sie erst eingeführt habe. Die Palmfaserhängematten waren 
gewöhnhch von derselben Länge oder auch länger (bis 2^/4 m) als die Baum- 
wollhängematten, aber keinen Meter breit, sodass die bequeme Diagonallage, die 
der Brasilier mit Recht einzunehmen Hebt, fast ausgeschlossen war. 

Eine dritte Art entstand dadurch, dass reichlicher Baumwolle benutzt wurde. 
So sahen wir bei den Aueto alle Uebergänge von 6 — 7 cm Abstand der Baum- 



— 240 — 

woUquerfäden bis i — 2 oder gar ^{2 cm. Endlich aber waren die Baumwollfäden 
so eng zusammengedrückt, dass man die Palmfaser nicht mehr sah und ein festes 
Tuch, fast so dicht wie Segelleinen gearbeitet, entstand. Hier war der etwa 
1,5 mm breite Palmfaser -Längsfaden von zwei Paar Baumwoll-Querfäden um- 
schlungen, die sich zwischen ihm und dem nächsten Längsfaden nicht einfach, 
sondern doppelt durchkreuzten. Die Längsseiten der Hängematte waren natur- 
gemäss dicht mit Knoten besetzt; an den vier Enden Hess man die Stränge ein 
Stück herabhängen und in Quasten endigen. Mehrfach waren auch in Ab- 
ständen von etwa 40 cm blauschwarze Querstreifen durch Verwendung gefärbter 
Baumwolle erzielt worden. Uebrigens waren alle Hängematten braun; die Baum- 
wollhängematte wie die von Palmfaser, die schon in der Naturfarbe lichtbraun 
war, färbten sich schmutzig braun an dem mit Urukürot geölten Körper. 

Die Hängematten aus reiner Baumwolle waren eine Spezialität der Bakairi; 
auch bei ihnen fanden sich am Kulisehu schon Buriti-Hängematten. Das festeste 
Tuch arbeiteten die Auetö. Eigentümlich w^aren Hängematten für kleine Kinder 
bei den Nahuqua: mir ein oben und unten zusammengebundenes und aufge- 
hängtes Halmbündel. 

So waren die verschiedensten Formen gegeben und in der Ausgleichung 
begriffen. Die Suyä schliefen noch nach der alten Sitte der Ges auf grossen 
Palmstrohmatten; sie waren, als wir sie besuchten, gerade im Begriff, die Hänge- 
matte bei sich einzuführen, hatten davon ein paar Exemplare und webten auch 
schon selbst. V^ielleicht rührte die Kunst von Trumaifrauen her, die sie bei sich 
hatten. Ich habe schon nach der Reise von 1884 auf den Parallelismus zwischen 
dem Schingügebiet und den Guyanas aufmerksam gemacht, dass dort wie hier 
die Baumwollhängematte bei den Karaiben, die Palmfaser -Hängematte bei den 
Nu-Aruak heimisch zu sein scheint, dass dieser ethnographischen Uebereinstimmung 
ferner die linguistische genau entspricht. Die Technik geht in beiden Fällen aus 
dem Flechten hervor, nur das Material ist verschieden. Am weitesten zurück 
waren die Bakairi, die das tuchartige Gewebe nicht besassen. Auch ist es auf- 
fallend, dass ihre Spinnwirtel, obwohl sie ihren Zweck völlig erfüllten, kunstloser 
waren als bei den übrigen Stämmen. 

Eine gleichgerichtete Technik zeigte sich bei einer Art Siebmatten. Die 
Stengel wurden mehr oder weniger dicht mit Baumwollgarn übersponnen, sodass 
steife und doch zugleich sehr bewegliche dichte Matten entstanden, zwischen denen 
die Mandioka trocken gepresst wurde. Auch sahen wir Stücke Tuch zu demselben 
Zweck verwendet. 

Kürbisgefässe. Die P'rüchte der Crescentia Cuyete und die Cucurbita 
Lagenaria liefern die mannigfaltigsten Formen von Gefässen. Da finden sich 
solche von Kugelform, Gurkenform, P'laschenform, Sanduhrform, sowie manche 
andere unregelmässiger Art; nach ihrem Durchschneiden erhält man entsprechend 
gestaltete Schalen. Man schnürt die noch grünen PVüchte so ein, wie man sie 
wünscht; namentlich ist die Sanduhrform ein Erzeucfnis dieser Methode. Um sie 



TAFEL XV. 







V. d. Su-inen, Zentral- lila^ili^.-n. 



— 241 — 

in Schalen zu zerteilen, umschnürt man die frischen Früchte mit Palmfaser und 
ritzt mit einer Muschel entlang. Zerspringt eine Schale beim Gebrauch, so wird sie 
genäht; man bohrt die Löchelchen mit dem spitzen Zahn des Hundsfisches und nimmt 
zum Nähen einen mit Wachs gewichsten Buritifaden, dessen Knoten die messer- 
scharf geschliffene Zahnkante hart an der Schale beschneidet. Mit demselben 
Zahn werden auch die Zeichnungen eingeritzt, die die Oberfläche verzieren, wenn 
man nicht vorzieht, sie mit einem glühenden Stäbchen einzubrennen. Den Trink- 
schalen und kleinen Schöpfkuyen oder Löffeln giebt man innen einen schwarzen 
Lacküberzug. Der Lack ist der Russ von verbranntem Buritischaft, vermischt 
mit dem gelben klebrigen Wasserauszug der geraspelten Rinde des Ochogohi- 
Baums aus dem Campo cerrado. Besondere kleine kugelige Kürbisse dienten zur 
Aufnahme des Oels, mit dem man den Körper einrieb, und wurden mit einem 
Pfropfen verschlossen; die Bakairi nannten die Frucht peni. Sie hingen zuweilen 
in einem eng angeflochtenen Netz. Der Rassel-Kürbisse habe ich bei der Tanz- 
musik zu gedenken. 

Töpferei. Ich habe in dem Kapitel über die »Steinzeit '-Kultur, vgl. Seite 2 15 ff., 
über den Ursprung der Töpfe in unserm Gebiet, über das Monopol der Nu-Aruak- 
stämme und über die nur auf das weibliche Geschlecht beschränkte Herstellung 
ausführlich gehandelt. Ich bin erst in dem späteren Kapitel über die Plastik, 
wenn die Entwicklung der indianischen Kunst verständlich geworden ist, in der 
Lage, über die ornamentale Gestaltung der Töpfe zu reden. 

Es gab drei nach Grösse und Zweck unterschiedene Arten Töpfe. Einmal 
die mächtigen mawuküru der Mehinakü, in denen die zerriebene Mandiokawurzel 
gekocht wurde; sie hatten einen Durchmesser von fast ^ji m. Wir haben keinen 
dieser Töpfe heimbringen können, aber bei den Aueto eine Photographie auf- 
genommen, aus der ihre Gestalt und, da ein Mann — von Rechtswegen hätte 
es eine P'rau sein sollen — daneben hockt, auch ihre Grösse deutlich wird. Vgl. 
Tafel 15. Die grössten und schönsten Töpfe werden von den Waurä geliefert. 
Beim Kochen wurden sie auf drei niedrige Thonfüsse gestellt von zihndrischer, 
unten anschwellender Form. 

Eine zweite Art, der Kochtopf für Obst und kleine Fischchen, hatte einen 
Durchmesser von 18 — 20 cm, eine Höhe von etwa 12cm; er war rund, mit ziem- 
lich steiler, leicht ausgebauchter Wandung und hatte zuweilen einen 272 cm 
breiten, wagerecht nach aussen umgebogenen Rand. Diese Töpfe waren nicht, 
wie man vermuten sollte, die gewöhnlichsten, sondern die seltensten. Ich glaube 
kaum, dass in jedem Wohnhaus einer vorhanden war. Das Kochen spielte keine 
Rolle ausser für die Mehlbereitung, und dazu bedurfte man der grossen Kessel. Da- 
gegen war eine dritte Art ziemlich zahlreich zu finden. Dies sind die vielgestaltigen 
Wärm- und Essnäpfe von 10 — 24 cm Durchmesser, die auf den beiden Tafeln 
»Keramische Motive« 23 und 24 in typischen Beispielen dargestellt sind. Ein 
Blick auf die beiden Tafeln lehrt die wichtige Thatsache, dass die Grundform 
dieser mit Randzacken besetzten Töpfe die der rundovalen Gefässfrucht ist, deren 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. It) 



— 242 — 

Wölbung sie beibehalten haben, obwohl man für den Topf einen platten 
Boden wünschen sollte. Die Wölbung aber hat wiederum das plastische Motiv 
des Tierkörpers ermöglicht. Diese Thonnäpfe, wie man sie wohl am besten 
nennen würde, waren auch keineswegs zahlreich in den Häusern vorhanden. 
Am wenigsten sahen wir von ihnen bei den AuetÖ und Kamayurä. Von den 
Trumai erhielten wir nur zwei kleine Rundtöpfchen, allein hieraus folgt Nichts, 
da sie auf der Flucht waren. Wir fahndeten wegen des künstlerischen Wertes 
auf jedes Exemplar, wir haben in unserer Sammlung einige 80 mitgebracht, und 
wenn ich nun schätze, dass in den von uns besucliten Dörfern doppelt so viele 
überhaupt vorhanden gewesen wären, so bin ich sicher, eine zu grosse Zahl zu 
nehmen. Es werden durchschnittlich kaum 3 Töpfchen auf jedes Haus kommen. 
Die Kuyen behaupteten noch den Vorrang. Es gab da natürlich ieden Uebergang 
in der Grösse wie im Gebrauch zu den kleinen Kochtöpfen. Man ass aber 
immer auch aus den Thonnäpfen, während man den Inhalt der Kochtöpfe ver- 
teilte. Mit Vorliebe gebrauchte man die Thonnäpfe für die Kinder. 

Wie Kesseltöpfe geformt wurden, haben wir leider nicht beobachtet. Wir 
haben nur die äusserst einfache Art gesehen, wie eine Mehinakü-Frau im Nahuquä- 
Dorf einen kaum mittelgrossen Topf machte. Sie brachte einen mit Lehm 
gefüllten Korb herbei — er interessierte mich mit Rücksicht auf die Entstehungs- 
geschichte der Töpfe mehr als alles Andere — setzte dem Thon Wasser zu und 
drückte das überschüssige durch ein Sieb aus. Sie formte knetend und streichend 
und brauchte bei der Kleinheit des Topfes die Wandung nicht aus den sonst 
allgemein beschriebenen, übereinander gelegten dünnen Thonzilindern aufzubauen. 
Sie glättete die Wand mit einem Stück Kuye, nicht mit einem Stein. Die 
ornamentalen Randzacken, die Körperteile eines Tieres darstellten, modellierte 
sie und setzte sie dann an; mit einem Bambusstäbchen ritzte sie Augen und Nase 
ein. Als Modell für den Topfboden nimmt man gern einen alten ausgebrochenen 
Boden oder eine Beijüschüssel. 

Der Thon ist weissgrau bis graugelb. Nur die Waurä-Töpfe haben einen 
schönen hellroten Thon. Der neue Topf wird in der Sonne ordentlich getrocknet 
und alsdann umgestülpt auf ein stark russendes Feuer gesetzt; es wird dafür die 
grüne Rinde eines Kampbaums genommen, den die Bakairf kutere nennen, oder 
des mit klebrigem Harz getränkten Guanandi (Calophyllum). So wird der Topf 
wie der Kürbis innen geschwärzt. 



X. KAPITEL. 



I. Das Zeichnen. 

Ursprung aus der zeichnenden (ieberde. Beschreibendes Zeichnen älter als künstlerisches. Sand- 
zeichnungen. Bleistiftzeichnungen. Erklärung der Tafeln. Profilstelhing. Proportionen. 

Fingerzahl. R i n d e n z e i c h n u n g e n. 

Die einfachste Zeichnung, die wir beobachten können, ist wohl diejenige, 
die unmittelbar an eine erklärende Geberde anknüpft. Wie der Eingeborene zur 
Veranschaulichung fi.ir den Gehörsinn geschickt die charakteristischen Stimmtöne 
eines Tieres wiedergiebt und bei irgendwie belebter Erzählung dies zu thun immer 
versucht ist, so ahmt er das Tier auch für den Gesichtssinn in Haltung, Gang, 
Bewegungen nach luid malt zum besseren Verständnis irgend welche absonderlichen 
Körperteile wie Ohren, Schnauze, Hörner in die freie Luft oder, indem er seine 
eigenen Körperteile mit der Hand entsprechend umschreibt. Die zeichnende Ge- 
berde geht dem Nachahmen der Tierstimme auf das Genaueste parallel. Sobald 
aber das Verfahren nicht ausreicht, zeichnet man auf die Erde oder in den Sand. 
Ich habe bei der Aufnahme der Wörterverzeichnisse mich ausserordentlich oft 
überzeugen können, dass sich die innere Anschauung unwillkürlich und ohne von 
mir dazu herausgefordert zu sein, in eine erklärende Sandzeichnimg umsetzte. 
Es geschah freilich zumeist, wenn auch die Gestalt des Tieres besonders dazu 
geeignet war, wie bei Schlangen, einem Alligatorkopf und bei Fischen, wo 
ausserdem eine Stimme nicht nachgeahmt werden konnte. Es ist ferner ohne 
Weiteres zuzugeben, dass der Antrieb für den Bereich des Gehörsinns bei diesen 
Jägern ungleich kräftiger wirkte, und auch, dass man sich für den Gesichtssinn 
im Verkehr untereinander gewiss auf die zeichnende Geberde beschränkte. Ja, 
wirkUch beschränken konnte. Mir gegenüber trat der Gedanke hinzu: »wie wollen 
wir, da der Mann unsere Sprache nicht versteht, in diesem Fall niu- hinreichend 
deutlich sein?« und man zeichnete in den Sand. 

Es genügt, wenn man aus dem Verhalten der Indianer zu schliessen berechtigt 
ist, dass sich die zeichnende Geberde auf einer Stufe, wo sie noch eine nicht un- 
wesentliche Ergänzung der Sprache bildet, mit Leichtigkeit zu wirkHchem Zeichnen 

i6* 



— 244 — 

verstärkt. Wir sehen, und das ist das Wichtige, dar;s hier bei Naturvölkern das 
Zeichnen, wie die Geberde gebraucht wird, um eine Mitteilung zu machen und 
nicht, um zierliche Formen wiederzugeben, und ich glaube nach dem persönlichen 
Eindruck, den ich von der Unmittelbarkeit des erklärenden Zeichnens gewonnen 
habe, dass es älter ist als das ornamental -künstlerische. Man wendet vielleicht 
ein, die Schingü-Indianer seien bereits Künstler, die alles Gerät mit Zeichnungen 
und Ornamenten bedecken, und deshalb liege ihnen das Ausdrucksmittel der 
Zeichnung besonders nahe. Darauf kann ich nur erwidein, dass die Bororö, die 
ich überhaupt in diesem Zusammenhang vorgreifend mehrfach erwähnen möchte, 
zwar prächtigen Federschmuck verfertigten, aber von den darstellenden Künsten 
so gut wie Nichts wussten, und dass nun eben sie eine grössere Geschicklichkeit 
und grössere Lust hatten, zur Erklärung in den Sand zu zeichnen, als die Schingü- 
leute. Sie waren jedoch unstäte Gesellen, die von der Jagd lebten, sie hatten nie 
die Müsse gefunden, Malerei und Plastik zu üben wie jene, die zwar noch Jagd 
und Fischfang trieben, aber schon zu sesshaftem Feldbau vorgeschritten waren. 

So sage ich, das mitteilende Zeichnen ist das ältere. Unser deutsches 
Wort »Zeichnen« spiegelt den Gang vortrefflich wieder. Am Anfang steht das 
»Zeichen« und dessen sich zu bedienen, war den Jägervölkern uralte Berufsache, 
in gleicher Weise den Vorfahren der Eingeborenen vom Kulisehu und denen der 
vom S. Lourengo. Sie brachten mitteilende Zeichen an, um sich und Andere zu 
orientieren, sie knickten die Zweige auf ihrem Pfad, zunächst um sich Raum zu 
schaffen, und dann zweckbewusst, um den Weg zu markieren. Sie fanden sich 
nach alten Spuren zurecht und machten, um sich zurecht zu finden, Spuren ab- 
sichtlich. Der in Stein geritzte Fuss, der den Nachkommenden die Wegrichtung 
anweist, ist ein Erzeugnis genau dieser Entwicklung. Der Fortschritt von der 
Baummarke zur dargestellten P'ussspur ist der von der Kerbe zum Umriss, von 
dem Zeichen zur Zeichnung, und er vollzieht sich durch die Vermittlung der 
Geberde, die auch erklärt und mitteilt, aber eben mit Umrissen erklärt und mit- 
teilt; nun konnte die Geberde, die vorher nur in der Luft beschrieben wurde, 
z. B. im Sand ein dauernd sichtbares Bild hinterlassen. 

Auch das Vergnügen an der darstellenden Nachahmung, von dem alle selbst- 
ständige Weiterentwicklung abhängt, ist bis zu einem gewissen Grade schon bei 
jenem Anfang helfend thätig, denn die Geberden sind um so lebhafter, je mehr 
das der Innern Anschauung vorschwebende Objekt Interesse erregt. Ja, rein zum 
Vergnügen, dass sich nicht minder mitteilen will als praktisches Bedürfnis, hat auch 
schon der kulturärmste Mensch die Orte seiner Anwesenheit markiert; darin braucht 
man ihn wahrlich nicht — andere Völker, andere Sitten — seinem getreuen vier- 
beinigen Jagdgenossen nachzustellen. Gerade in Brasilien ist durch geheimnisvolle 
Deutungen der »Bilderschriften« unendlich viel Unsinn zu Tage gefördert worden, 
und ich freue mich, dem Widerspruch Richard Andree's gegen diese Manie, in 
jeder müssigen »Verewigung« eine wichtige Mitteilung zu vermuten, voll beipflichten 
zu können. Gewiss denkt man sich etwas bei einem Einfall, den man in einer 



— 245 — 

Zeichnung, so gut als bei einem, den man in Worten wiedergiebt, aber mit dem 
Spass, den er macht, ist man auch vollständig zufrieden und dieser ist nur 
grösser, wenn er trotz der Schwierigkeiten des Materials gelingt. Auf 
Zeit kommt es dabei nicht an ; ein Einfall wird dadurch nicht tiefsinnig, dass man 
ein paar Monate lang tief in Stein schneidet. Dass die Indianer die Fähigkeit 
besässen, sich in »Bilderscin-ift« auszudrücken, will ich keineswegs bezweifeln — ich 
habe selbst gesehen, wie ich sogleich berichten werde, dass sie durch Bilder Mit- 
teilungen machten. Dass den Felszeichnungen aber der Sinn einer zusammen- 
hängenden Mitteilung fehlt, geht aus der grossen Regellosigkeit hervor, in der die 
Bilder über den Raum zerstreut sind; man sieht deutlich, die eine Person hat 
diesen, die andere jenen Beitrag geliefert, der deshalb, weil wir das betreffende 
Bild nicht immer zu erklären vermögen, nichts Besonderes zu bedeuten braucht. 
Die Regellosigkeit ist weit stärker, als sie in den Reproduktionen erscheint, weil 
wenigstens in den meisten Fällen nur eine Auswahl der Bilder geliefert wird, da- 
gegen die dem Sammler gleichgültig erscheinenden und für die Erklärung des 
Ganzen doch sehr wichtigen Nebendinge, z. B. Schleifrillen für Steinwerkzeuge, 
ausgelassen werden. Ausnahmen aber mag es ja geben. 

Nun darf ich wohl zur einleitenden Uebersicht schon weiter skizzieren, was 
ich nach meinen Beobachtungen über den ferneren Entwicklungsgang der Schingü- 
Kunst folgern zu müssen glaube. Nachdem man aus sich selbst heraus dazu ge- 
kommen war, Umrisse der die Aufmerksamkeit lebhaft beschäftigenden Dinge zu 
gestalten, nachdem man so gelernt, äussere Bilder der inneren Anschauung zu 
sehen und den Begriff des Bildes erst erworben hatte, da hat sich bei jedweder 
Technik bis zu der des Flechtens herunter die Herz und Sinn erfreuende Neigung 
geltend gemacht, die bei behaglicher Arbeit entstehenden Aehnlichkeiten zu 
allerlei interessierenden Originalen der Natur zu bemerken, sie zu steigern und 
neue hervorzurufen. Besonders bei den Töpfen werden wir den Zusammenhang 
zwischen der Form des Gefässes und dem Motiv der Nachbildung deutlich er- 
kennen. Aus diesen konkreten Nachbildungen endlich ist bei einer sich vom 
Original mehr und mehr in künstlerischem Sinn entfernenden Tradition unter 
dem Einfluss je der Arbeitsmethode und des Arbeitsmaterials das stilisierte 
Kunstwerk geworden, das im Geist luiserer Indianer noch auf das Engste mit 
dem älteren Abbild verknüpft ist. Im Gebiet der Malerei begegnen wir solchen 
Erzeugnissen in der Form der geometrischen Ornamente. Punkte und Striche 
können dem alten Markieren gleichwertig sein. Aber schon so »einfache« Figuren 
wie Dreiecke und Vierecke, von denen man glauben möchte, dass sie freiweg 
auch von dem primitivsten Künstler konstruiert werden könnten, sie sind erst 
durch Stilisierung aus Abbildungen entstanden, und haben nur, da sie sich der 
Technik von selbst als Typen empfahlen, im Kampf um das Dasein mit kom- 
plizierten Gebilden wie spielend den Sieg davongetragen. 

Nun noch ein Wort über die Motive unserer indianischen Kunst. Sie sind 
ganz ausschliesslich dem Tierreich entlehnt. Andree hebt in seinem bekannten 



— 246 — ■ 

Aufsatz über »Das Zeichnen bei den Naturvölkern« ''') hervor, dass die Pflanze 
nur selten eine Rolle spielt und fügt hinzu: »Um zum Verständnis dieser Er- 
scheinung zu gelangen, brauchen wir uns blos daran zu erinnern, dass auch bei 
unsern Kindern, wenn sie die ersten selbständigen Versuche zum Zeichnen auf 
der Schiefertafel machen, zunächst Tiere und Menschen in rohen Formen dar- 
gestellt werden; das lebendige bewegliche Tier fesselt eher ihre Aufmerksamkeit, 
ist in seiner ganzen Figur auch schneller zu erfassen als die aus zahlreichen 
Blättern und Blüten bestehende Pflanze.« 

Diese zutreffende Bemerkung steht im besten Einklang zu dem Zusammen- 
hang von Geberde und Zeichnen, den ich behaupte. Durch Geberden ahme ich 
ein Tier nach, keinen Baum, und nicht nur deshalb, weil dieser sich nicht aktiv 
bewegt. Denn durch Geberden Teile des Tierkörpers zu umschreiben, wird mir 
leicht, weil ich dabei, von meinem eignen Körper ausgehend, wenn ich z. B. ein 
paar Eselsohren oder ein Geweih zeichnen wollte, sofort den Platz und die Art 
des Organs angebe, dagegen vermag ich Pflanzenteile durch Geberden nicht aus- 
zudrücken, es sei denn, dass ich Worte zu Hülfe nehme. Indessen ist bei unsern 
Indianern das Zeichnen nur ein Spezialfall, das Tiermotiv beherrscht seine ganze 
Gedankenwelt in jeder Kunst und Wissenschaft, wie sie auch heisse, und dafür 
kann es keinen andern Grund geben als sein Jägertum. 

Dem formellen oder ästhetischen Interesse am Tier geiit das materielle 
voraus. Die Blume steht in der Kunst genau so in zweiter Linie, wie sie es 
beim Schmuck thut: erst die Feder im Ohr und dann das Sträusschcn am Hute. 
In der »Bilderschrift« des Virador in Rio Grande do Sul sah ich Araukarien dar- 
gestellt. ¥Äne Palme wäre gerade so leicht zu zeichnen als eine Fichte, aber 
keine Palme liefert im Norden eine so unentbehrliche Nahrung wie die Araukarie 
früher dem »Bugre« jener Südprovinz. Ehe die Kunst, wenn ich den Sinn des 
Satzes ein wenig variieren darf, nach Brod ging, ist sie nach T^leisch und P^isch 
gegangen. Ich werde auf dieses Thema namentlich bei den keramischen Kvmst- 
erzeugnissen zurückzukommen haben. 

Sandzeichnungen. Sie sind wie WY^rte zunächst eine Form der Mitteilung. 
Wie die beschreibende Geberde sich gern und leicht zum Bild vervollständigte, 
habe ich berichtet. Am häufigsten war Kartenzeichnen. Unsere zweite Reise 
ist durch die Sandzeichnung der oberen Schingüverteilung, mit der der Suyä- 
geograph seine Angaben erläuterte, entstanden; vgl. S. 153. »Er zählte alle die 
Stämme auf, welche an dem obern Schingü sesshaft sind, er zeichnete, um recht 
deutlich zu sein, mit dem Plnger den Flusslauf in den Sand. Zu unserer grössten 
Ueberraschung malte er den Batovy, den einzigen, den er so und zwar ganz aus 
eigener Initiative so darstellte, mit korkzieherartig gewundenem Lauf« (»Durch 
Centralbrasilien«, S. 213). Der Batovy war, wie wir zu unserm Leidwesen er- 
fahren hatten, ein wahrer Mäander. 



") Ethnographische Parallelen und Vergleiche, Neue Folge, Leipzig 18S9, p. 59. 



— 247 — 

Das Gleiche sahen wir bei den KuHsehustämmen. Durch Querstriche wurde 
die Anzahl markiert, bald der Stämme, bald der Stromschnellen. Kreise waren 
Häuser, Kränze von Kreisen Dörfer, der wirkHchen Anordnung der runden 
Häuser um den grossen Platz entsprechend. Alle diese Figuren wurden auch 
mit Bleistift uns in's Buch gezeichnet, wobei die zugehörigen Wörter diktiert 
wurden. Eine gewisse Individualisierung wie oben des Batovy durch Zickzack- 
oder Schlangenlinien schien häufiger vorzukommen, war aber nicht von uns zu 
kontrollieren. Sie hat nichts Auffallendes nach dem, was wir Seite 133 von dem 
Kartenbild im Kopfe des Indianers gehört haben. So sehen wir in der Ab- 
bildung 33 eine Bleistiftzeichnung von Flusslaufen, die ein Bakairi Wilhelm in's 




Abi). ^T,. Bleistiftzeichnung von Flüssen. (^/^ nat. Gr.) 
Von oben nach utiten: fctiluene, kanakayatui^ auind, auiyd, pnranaiju/>d, pnreyuto. 



Skizzenbuch machte; von den Namen kennen wir nur den des Kuluene, tles 
Hauptquellflusses, paranayubä ist Tupi ^ gelber Fluss. Auch wurden, um an 
Bächen liegende Dörfer zu versinnbildlichen, Zickzacklinien gezeichnet, denen je 
eine Reihe von Kreisen entlang lief. Sie malten am liebsten ganze Seiten voll. 
Ein mit parallelen kurzen Strichen bedecktes Blatt war den Stromschnellen ge- 
widmet. Dazwischen wurden im Geplauder andere Angaben gemacht, z. B. die ver- 
schiedenen Wörter aufgezählt, mit denen verschiedene Stämme »Wasser« oder »Beijü« 
benannten. Kreise auf dem Boden bezeiclineten bei den Nahuquä die Stelle, wo 
unreif vom Baum gefallene Pikifrüchte, die apfelrund sind, eingegraben waren. 

Auf der Rückfahrt kam unser Kanu eines Tages an einem Sandstrand 
vorbei, den die indianischen Begleiter schon vor uns passiert hatten; zu unserem 



— 248 




Abb. 34. 
M a t r i n c li a m - S a 11 d z e i c h 11 u 11 1>'. 




Erstaunen sahen wir dort zwei Fische in den Sand gezeichnet, die Antonio für 
Matrinchams erklärte. Wir machten Halt fischten und fingen auch Matrinchams! 
Es war so gut als ob das Wort dort angeschrieben gewesen wäre, und eine 
Antonio mit voller Absicht übermittelte Aufforderung, dort ebenfalls sein 
Glück zu versuchen. Unklarer als dieses lehrreiche Beispiel ist mir ein anderer 
Fall geblieben. Ziemlich genau in der Mitte des Weges zwischen dem Hafen 
und der Ortschaft der Mehinakü fand ich einen Rochen und einen Paküfisch in 

den Sand gezeichnet. Der schmale Waldpfad 
erweiterte sich an dieser Stelle zu einer kleinen 
kreisförmigen Fläche. Meine Begleiter, zwei Ba- 
kairi, setzten sich sofort nieder, auszuruhen. Ich 
weiss nicht, ob ein müder Wanderer vor uns, der 
dort auf der Heimkehr vom Fluss verweilt, die 
beiden Tiere zum blossen Zeitvertreib oder, weil 
er gerade mit Rochen und Paküs zu thun gehabt, 
so säuberUch hingezeichnet hatte, und 
finde es offen gestanden ziemlich 
gleichgültig, ob zufällig das Eine oder 
das Andere zutrifft. 

Noch unerklärlicher nach ihrem 
genauen Sinn war die in den Sand 
gezeichnete Kreisfigur, die in der Ab- 
bildung 36 wiedergegeben ist, und die sich unter 
einem schönen Baum etwa einen halben Kilometer 
vor dem Mehinaküdorf befand. Sie wurde aturuä ge- 
nannt und hatte 4^2 m Durchmesser. Als wir das 
Dorf in Begleitung melirerer Männer verliessen, machten 
sie innerhalb des Kreises einen Rundgang beiderseits 
bis dicht an das Maschenwerk und sangen kaäa...; 
auch Spuren früherer Rundgänge waren reichlich vor- 
handen. Da die Männer an dieser Stelle umkehren 
wollten und von den Frauen sprachen, handelte es 
sich wohl hier an der Waldgrenze oder ein Viertel- 
stündchen von Hause um eine l^eziehung zu Ankunft oder Abschied der Gäste. Das 
Maschenwerk der Zeichnung war dem Dorf zugewandt. Die beiden Bogen kommen 
ähnlich als Tätowiermuster und aussen auf dem Boden der grossen Töpfe der Mehinakü 
(vgl. die Tafel 1 5) vor. In meinem Tagebuch habe ich die Figur einige Tage früher 
abgezeichnet, als mein Vetter sie gesehen hat; dort sind an Stelle des kleinen Zentral- 
kreises mit den beiden Stützen zwei Kreise abgebildet, die sich berühren, der untere 
ist etwas grösser und geht in das Netz über, man könnte an Kopf und Leib denken. 
Die Bororo, die ich hier bereits anschliesse, lieferten nicht nur rein erläuternde, 
sondern auch schon halb künstlerische Darstellungen im Sand, deren wir am Schingü 



R o c h e n ■ 



Abb. 35. 
und I'aku - San dzei cli n 11 ii"'. 




Abb. 30. 

Sand/, eich tili 11 g der 

M e h i n a k ü. ( '/j^g nat. (Jr.) 



TAF. XVI. 






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TAF. XVII. 



Nahuguä. 




► P 




yV I Schnurrbart 




Kar! v. d.St. 



ßak 



ain. 



Mütze, darunter 
Schnurrbart 




Bakaüri. 



Weiberdreieck 




nat Gr 




- Va|ina 

Anus 
Schnur. 




nat Gr 



Arm-Tätowirung; 

Mann zu Pferde. 



V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 



Ori^inalzeichnun^en vom Kulisehu.n. 2/3 nat Gr. 



TAF. XVKI. 




Hirsch 
fanger 



Knopfe 



Wiih.v.d.St. 



Karl V. dSt. 



Brasil.-Soldat. 



V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 

Origmalzeichnungen der Bororö.I. Nat.Grösse. 



TAF. XIX. 



Schwirrholz. 




V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 



Originalzeichnun^en der Bororö.II. Nat.Grösse 



— 249 — 

keine zu sehen Gelegenheit hatten. Abends im Mondschein machte es ihnen ein 
Hauptvergnügen, uns Jagdtiere und Jagdszenen in den Sand zu malen. Ich sage 
»Szenen«, denn ihr Dilettantismus schreckte auch vor einer schwierigen Kompo- 
sition keineswegs zurück. Sie begnügten sich aber auch nicht, in Umrissen zu 
zeichnen, sie schaufelten mit der Hand den Sand aus dem Umriss des darzu- 
stellenden Tieres der Fläche nach weg und füllten diese Vertiefung von der Ge- 
stalt z. B. eines Jaguars oder Tapirs mit grauweisslicher Asche aus: so erhielten 
sie den Körper mit seinen Extremitäten als ein weisslich schimmerndes Gemälde. 
Mit dunklem Sand wurde das Auge und die Fleckenzeichnung der Haut einge- 
tragen. Da die Figuren mindestens Lebensgrösse hatten, machten sie in dem 
Zwielicht der Nacht einen überraschend lebendigen Eindruck; es sah aus, als wenn 
riesige, schimmernde und flimmernde Felle auf dem Boden ausgebreitet wären, 

Bleistiftzeichnungen. Schon 1884 haben wir die Suyä mit Bleistift in 
unsere Hefte zeichnen lassen. Sie hatten selbst ihren Spass daran, waren auch 
nicht ungeschickt und hielten nur überflüssiger Weise zu Anfang, ihrerseits mit 
harzgetränkten Stäbchen zu zeichnen gewohnt, die Bleistiftspitze in die Flamme. 
Sie zeichneten rautenförmige Muster, ähnlich denen auf ihren Kürbisschalen, die 
ich damals mit dem Schema »geometrische Figuren« abfertigte. Wir haben dieses 
Mal eine Reilie bestimmter Personen und Dinge abzeichnen lassen, die ungemein 
lehrreich ausgefallen sind. Auf den vier Tafeln 16 — 19 sind die noch recht ver- 
besserungsfähigen Kunsterzeugnisse peinlichst genau wiedergegeben; man findet 
dort Portraits der E^xpeditionsmitglieder, namentlich von mir, ferner seitens der 
Kulisehu-Indianer zwei Jaguare und ein Weiberdreieck mit zugehöriger Topo- 
graphie, sowie seitens der Bororo einen Soldaten, eine Frau, eine Pfeife, ein 
Schwirrholz, zwei Jaguare, einen vom Hund verfolgten Tapir, einen Affen, ein 
Kolibri und drei Schildkröten. Die Tierbilder der Bororo sind, wie die Sand- 
zeichnungen mit Asche bedeckt wurden, innerhalb der Umrisse schwarz ausgefüllt 
und bekunden, dass diese Künstler schon höhere Ansprüche an sich stellten, ob- 
wohl sie in ihrer spärlichen Ornamentik nicht mehr leisteten als das Schwirr- 
holz zeigt. 

Man wird durch die Bleistiftzeichnungen zunächst lebhaft an die l^ilder aus 
dem Schreibheft des kleinen Moritz erinnert. In der That sind in dem inter- 
essanten Büchlein von Corrado Ricci, l'arte dei bambini, Bologna 18S7, das 
über Studien an vielen Kinderzeichnungen berichtet, zahlreiche Uebereinstimmungen 
zu finden, und mehr als der Verfasser selbst, wenn er der Zeichnungen bei Natur- 
völkern gedenkt, voraussetzt. Die Kinder beschreiben den Menschen, anstatt 
ihn künstlerisch wiederzugeben, »wie sie ihn mit Worten beschreiben würden«. 
Bei ihren ersten Versuchen sind sie mit den unvollkommensten Geschöpfen, die 
nur Kopf und Beine haben, zufrieden, bald aber streben sie danach, den Menschen 
in seiner Vollständigkeit darzustellen; sie wissen, er hat zwei Beine und zeichnen 
sie, unbekümmert, ob es sich um Profilstellung oder um eine Situation zu Pferde 
oder im Boot handelt. Die räumliche Anordnung ist ihnen Nebensache, die Arme 



— 250 — 

können am Kopf, am Hals und gar an den Hüften sitzen, wenn sie nur da sind, 
die Proportionen sind ihnen im höchsten Grade gleichgültig. Dagegen legen sie 
den grössten Wert auf Attribute, die sie interessieren, und so ist das Ideal des 
Knaben stets der Herr mit Pfeife oder Zilinderhut oder Flinte und Säbel, das 
Ideal des Mädchens die Dame mit dem Blumenstrauss oder dem Sonnenschirm, 
unerbittlich nach der neuesten Mode gekleidet. 

Auch die Indianer beschreiben. Ich kann mich auf ihren Standpunkt 
sofort versetzen, wenn ich mir die Aufgabe vorlege, aus dem Kopf und ohne 
besonderes Nachsinnen eine Karte von Afrika zu zeichnen. Dann bringe ich ein 
schief birnenförmiges Ding zu Papier, ziehe im dicken Teil rechts eine senkrecht 
von oben nach unten und links eine quer verlaufende Schlangenlinie, sowie etwas 
tiefer eine Bogenlinie: Nil, Niger und Kongo, flicke endlich einen Stiel hoch oben 
rechts an, die in der Luft schwebende Landbrücke nach Arabien hinüber. So 
würde ich einem Indianer Afrika zeichnen, meine Kollegen würden es auch er- 
kennen. Und verlangt man Vervollständigung, so punktiere und tüpfele ich das 
Oberteil aus, um die Sahara darzustellen, erinnere mich auch der neueren Forschung 
und setze neben den Winkel von Nil und Kongo ein paar teils schmale, teils 
rundliche Kringel ein, die Seen des dunklen Erdteils; dabei fällt mir noch das 
Schmerzenskind der Kolonialpolitik ein und ein langes Inseloval erscheint, an 
Grösse mindestens Madagaskar ebenbürtig, während ich Madagaskar selbst ganz 
vergesse. In diesem uns gewiss leicht verständlichen Beispiel steckt die ganze 
Psychologie der indianischen Bleistiftzeichnungen. Wenn ein Afrikareisender Wider- 
spruch erhebt, so bitte ich ihn verbindlichst, dafür ein Bild von Südamerika zu 
entwerfen. Wenden wir uns dann endlich mit diesen Erzeugnissen vertrauensvoll 
an Herrn Dr. Bruno Hassenstein in Gotha, so wird dieser, so liebenswürdig er 
sonst ist, dasselbe grausam mitleidige Lächeln kaum unterdrücken können, das 
uns die Portraits der Eingeborenen entlockten. 

y\uf Tafel I vom Kulisehu stehen vier P^xpeditionsmitglieder nebeneinander, 
eine Aufnahme aus dem dritten Bakaindorf. Dort bin ich erkennbar als der 
grösste und mit dem längsten Bart, der zweite, mein Vetter, ist durch die ver- 
wogenc kleine Mütze gekennzeichnet, der dritte ist Ehrenreich mit kürzerem Voll- 
bart und mir an Körpergrösse am nächsten, der vierte, ganz klein und niedlich, 
ist Leutnant Perrot, dem man einen geringeren Rang zuschrieb, weil er bei den 
Untersuchungen zurückstand. Icli habe hier wie an den meisten Zeichnungen 
die Probe gemacht und sie andern Indianern nachher vorgelegt, mit der Frage, 
wer das sei? Sie bestimmten die Personen richtig, hoffentlich nicht nach der 
Aehnlichkeit, sondern nach den als auffällig gegebenen Merkmalen. Wirklich ganz 
befriedigend auch für unsere Ansprüche, sind (Bororo II) die Schildkröten und 
der Tapir der Bororo, während der verfolgende Hund wohl nur erkannt werden 
konnte, weil er ein hinter dem Tapir herlaufender Vierfüssler war, der wegen des 
Schwanzes und des mangelnden Rüssels ein zweiter Tapir nicht sein konnte. 
Der Schluss per exclusionem muss oft mithelfen. 



— 251 — 

Interessant sind (Kulisehu II) die beiden von einem Nahuquä ^^emacliten 
Konterfeis, die mich darstellen. Der Mann zeichnete merkwürdiger Weise zuerst 
eine Horizontallinie, die ununterbrochene Schulterlinie und die Oberarme ent- 
haltend, setzte eine Art Halbkreis darauf, zwei schräg gekreuzte Linien darunter 
und reichte mir dieses nichtswürdige Bild als fertig zurück. Hiergegen empörte 
ich mich, ich machte ihn darauf aufmerksam, dass ich mit Augen, Ohren u. s. w., 
normal ausgestattet sei und verlangte eine neue gänzlich umgearbeitete Auflage, 
die er, mich aufmerksam betrachtend, auch anfertigte. Er schlug nun in's 
andere Extrem um und zeichnete mehr, nicht nur als er sah, sondern auch als er 
hätte sehen können. 

In ähnhchem Kontrast sind die beiden von zwei verschiedenen Leuten ge- 
zeichneten Bilder oben auf der Bororötafel I: rechts bin ich ohne Arme und 
Füsse geboren, links erscheine ich auf das Liebevollste ausgeführt und ausgestattet. 
Hier habe ich ausser allen Gliedern, einschliesslich — wie auch bei der Indianerin 
Bororo II — knubbelförmiger Gelenke: Mütze, Pfeife, Notizbuch, Gürtel und 
Schuhe. Ebenso sind dem lustigen Kerlchen darunter, meinem Vetter, Mütze, 
Pfeife und der schöne Hirschfänger mitgegeben. Kinder, denen das Rauchen an 
sich merkwürdig erscheint, würden der Pfeife einen kräftigen Qualm entsteigen 
lassen, die Indianer aber interessierte nur das Gerät. Rechts in der Ecke der 
brasilische Soldat hat eine Uniform mit drei Knöpfen erhalten, das heisst nur 
den Rock, aus dem die gewöhnlichen Armstriche ärmellos austreten. Die armlose 
Figur darüber ist die einzige, bei der es versucht ist, unsern Beinkleidern gerecht 
zu werden,, sogar auf Kosten der Füsse. 

Das Hauptattribut der Männer, namentlich bei den äusserlich sparsamer 
ausgestatteten Porträts Kulisehu I und II, ist das ihnen von der Natur zuerkannte. 
Da haben wir völlig Kinderstandpunkt, dass es dem Zeichnenden einerlei ist, ob 
er das auch mit Augen sieht, was er sich für verpflichtet hält anzubringen, weil 
er weiss, dass es da ist. Für den unbekleidet gehenden Indianer liegt hier das 
charakteristische Merkmal und so giebt er es; er fügt es sogar zu, wo er aus- 
drücklich die Kleidung zeichnet, vgl. den Soldaten. So ist auch häufig der Nabel 
berücksichtigt. Ja der Nahuquä, von dem ich Vollständigkeit verlangte, (Kuli- 
sehu II), mochte nun selbst den After nicht vergessen. 

Die räumUche Anordnung ist den Indianern nicht ganz so nebensächlich 
wie den kleinsten Kindern, allein es wird Merkwürdiges darin verübt. Dass die 
Pfeife (Bororo I) neben dem Mund steht, will Nichts besagen, wenn man in 
demselben Bild den Schnurrbart über den Augen erblickt. Ich würde ihn 
als ein paar vereinigter Brauen, was Göthe Räzel nennt, angesprochen haben, 
allein ich wurde ausdrücklich belehrt, dass der Strich den Schnurrbart vorstelle. 
Bei der kleinen Mittelfigur darunter ist Gleiches der Fall. Und die Bakairi thun 
dasselbe mit dem ungewohnten Schnurrbart. i\uf der Kulisehu -Tafel II links 
unten sehen wir den Schnurrbart unter der nachlässig durch einen Querstricii 
vom Kopfrund abgeschnittenen Mütze, und, durch eine grosse Nase von ihm ge- 



— 252 — 

trennt, bleibt der Kinnbart ganz innerhalb des Gesichtes. Dieser Kopf ist genau 
meine Karte von Afrika mit den gleichmütig nördlich oder südlich von den 
Kongo- und Nilquellen eingetragenen Seeen, ohne jedes Verhältnis erscheinen wie 
meine Landenge von Suez der fürchterliche Halsstrich, wie meine Sansibarinsel 
die Ungeheuern Ohrwatscheln. Und nachdem ich von einem hochgestellten 
deutschen Beamten gehört habe, dass Brasilien und Rio de Janeiro auf der West- 
seite des Kontinents am Stillen Ozean liegen, gebe ich mich auch damit zu- 
frieden, dass die Bakairi, vgl. Kulisehu-Tafel I, den Herren Ehrenreich und Perrot 
den Schnurrbart gar oben auf dem Kopf aufsitzen lassen. In diesen beiden 
P'ällen war der Schnurrbart nachgetragen w^orden. Die Indianer selbst rupfen 
alles Barthaar aus und gleichgültig, wo das Barthaar sitzt, unterscheiden sie nach 
ihrem ersten Eindruck, ohne sich genauere Rechenschaft zu geben, ein hängendes 
und ein quer hegendes Barthaar, sie geben jenes, wenn sie nicht (vgl. Bororö I 
und die Nahuquä- Zeichnung Kulisehu II) die Haare in grösserer Anzahl einzeln 
zeichnen, durch eine nach oben offene, dieses durch eine nach unten offene Bogen- 
linie wieder. Das Wo kümmert sie nur für die gröbste Topographie, der 
Bart bleibt ja bei Kopf und Gesicht, und, worauf es ihnen ankommt, ist nur, 
dass sie das Merkmal überhaupt bringen. Wenn es ihnen einfallt, den After 
zu zeichnen, so setzen sie ihn auch in die Vorderansicht, obwohl sie hier doch 
die Erfahrung, die ihnen beim Bart mangelt, dass er an eine andere Stelle gehört, 
haben müssen. 

Was fehlt, was da ist, es hängt vom Interesse ab. Der Kopf, der Bart, 
die Sexualia werden mit Lust und Liebe gezeichnet — mag das Uebrige sehen, 
wo es unterkommt, oder wegbleiben. Wirft man nicht dem grössten Meister des 
Bildnisses und genialsten Charakteristiker der Physiognomie vor, dass er die 
Hände vernachlässigt? Die Gegensätze berühren sich, P'ranz Lenbach und die 
Kulisehu-Indianer sind Zeitgenossen. Nehmen diese oder die Bororo den Bleistift 
zur Hand, so machen sie ihre mehr oder minder vollständigen Angaben, ihre 
Aufzählung der Körperteile, und was sie interessiert, wird betont, was sie in dem 
Augenbhck gleichgültig lässt, wird salopp behandelt oder ausgelassen. Bei den 
Tieren sind die Umrisse wichtig, Augen hat nicht eines von allen uns überhaupt 
gezeichneten mit Ausnahme der in den Sand gezeichneten Fische, vgl. Abbil- 
dung 34 und 35; bei diesen kommt man wol eher dazu, weil der Kopf, nur 
durch den Kiemenbogen abgesetzt, zu wenig charakterisiert erscheint. Der 
Nahuquä, Kulisehu I, giebt dem Jaguar eine lauernde Stellung mit mächtigem 
Katzenbuckel und dem langen Schweif, die P^xtremitäten bilden eine Wellenlinie: 
das Bild wurde von Andern stets mühelos als Jaguar erkannt. Wenn bei allen 
Bororotieren die Gesichter einfach schwarz ausgefüllt sind, so kann man dies der 
malenden Manier der Zeichner zur Last legen und darauf hinweisen, dass der 
ganze übrige Körper ebenso beliandelt ist, aber auch der Bakairi auf der Kuli- 
sehu-Tafel I verkritzelt das Gesicht seines Jaguars. Die Indianerin, Bororö II, die 
von sämtlichen Figuren die besten Proportionen zeigt, hat einen ganz verkritzelten 



— 253 — 

Kopf. Ueber dem schönen, den Rumpf bedeckenden Bart der Mittelfigur unten, 
Bororo I, sind Augen, Nase, Ohren vergessen, die Beine sind zu Käferzangen ver- 
kümmert. Bei keinem der fünf Bakairfporträts ist der Mund gezeichnet, bei 
keinem felilt die Nase, die der Bakain durchbohrt. Dagegen kann es dem 
Bororo, der die UnterHppc durchbohrt, nicht geschehen, dass er den Mund aus- 
lässt, während er die Nase zweimal vergessen hat. 

Profilstellung, in der Kunst der Kinder so beliebt, fehlt bei den indianischen 
Zeichnungen der Menschen und ist bei den vierfüssigen Tieren konstant. Jenes 
ist zu bedauern, da der Vergleich mit den Fällen fortfällt, wo die Kinder dem 
Profil zwei Augen und nun, wenn sie sich erinnern, dass die Nase zwischen den 
Augen sitzt, gelegentlich auch zwei Nasen geben, wo sie ferner die Arme, deren 
man ja zwei vorzeigen muss, auf der zugekehrten Seite doppelt anbringen und 
dergleichen mehr. Hoffentlich wären diese Leistungen des kindlichen Gemüts 
den Indianern doch schon unmöglich. Immerhin haben wir unter den Sand- 
zeichnungen ein der kindlichen Kunst genau entsprechendes Beispiel aufzuweisen. 
Der Matrincham (Abb. 34) besitzt zwei Augen neben dem Kiemenbogen; ebenso 
ist der Pakü (Abb. 35) im Profil mit zwei Augen gezeichnet. Dass es Profil- 
stellungen sind, geht bei dem Matrincham hervor aus der Angabe der Seitenlinie, 
des Kiemenbogens, (gerade wie bei den Holzfischen), der Flossen- und endlich, was 
auch für den Pakü zutrifft, der Schwanzstellung. Bei dem Rochen sind die zwei 
Augen berechtigt, da der Indianer das Problem, ihn von der Seite zu zeichnen, 
natürlich vermeidet. 

Auf Kulisehu-Tafel II befindet sich die Zeichnung einer Arm -Tätowierung, 
die wir in Cuyabä bei einem Manne des am oberen Tapajoz wohnenden Tupi- 
stammes der Apiakä beobachteten, und die icli hier in Parenthese anfüge. Hier 
sind genau wie bei Kinderzeichnungen von »Reitern zu Pferde« die zwei Beine 
auf derselben Seite. Die Beine des Pferdes sind genau gleich denen des Jaguars, 
Bororo II, hintereinander gestellt. Schön sind auch die langen Ohren des Tieres. 

Warum sind alle Menschen en face, alle Vierfüssler im Profil gezeichnet? 
Der Grund kann nur der sein, dass bei jenen der Umriss als selbstverständlich 
gegeben gleichgültig und die Charakteristik der nach beiden Seiten zu verteilenden 
oder in ihrer ganzen Breite von vorn besser zu beurteilenden Details, bei diei?en 
der im Profil leichter zu kennzeichnende Umriss entscheidend war. Der Affe, 
Bororo II, nach Beinen und Schwanz Profil, zeigt die Arme symmetrisch, kann 
aber mit Drehung des Oberkörpers nach vorn aufgefasst sein. Der Jaguar mit 
dem getüpfelten Fell ist von einem Mann gezeichnet worden, der sich oftenbar 
bewusst war, dass das Tier an einer Seite nur zwei Beine hat; er Hess die 
Beine der rechten Seite aus. 

Die Proportionen sind mangelhaft. Pfeife und Notizbuch der Hauptfigur 
Bororo I standen in Wirklichkeit in umgekehrtem Grössenverhältnis. Es störte 
den Künstler in keiner Weise, dass Rumpf und Extremitäten sich verhielten wie 
bei einer emporgerichteten Eidechse. Prächtig ist auch das Missverhältnis auf 



— 254 — 

Kulisehu-Tafel II bei dem Nahuquaportiät. Während der Hals melirfach einer 
Stange ähnelt, geht hier die Schulterlinie wie auch bei Perrot, Kulisehu I, quer 
durch die Mundgegend. Sie verbreitert sich zum Fünffachen der Hüftbreite, die 
allerdings in der ersten Auflage nebenan sogar auf einen Punkt zusammenschrumpft. 
Die Beine kommen überall am schlechtesten fort. In der schlimmsten Missgeburt, 
Kulisehu II links unten, fehlen sie, nach der sonstigen Lage der Sexualia zu 
urteilen, und die Zehen sitzen am Rumpf. Man könnte, wenn nur dieses eine 
Bildnis vorläge, die Seitenlängsstriche auch für Beine erklären, die in der Achsel- 
höhe entsprängen, allein der Rumpf ist seltsamer Weise bei allen Kulisehuporträts 
unten nicht geschlossen, ja bei meinem und Wilhelm's Porträt, Kulisehu I, 
auch nicht der Kopf! Nur der Nahuquä behandelt, wenigstens in seiner ersten 
Aufnahme, den Leib als ein Dreieck. Die Seitenkonturen des Rumpfes schwenken, 
ohne sich zu vereinigen, im Winkel nach aussenhin ab — bei Wilhelm, Kulisehu I, 
fast horizontal — erhalten nach kurzem Verlauf, ohne Knie, ohne Fuss, am Ende 
jederseits ein Strichelchen angesetzt, und diese dreizehigen Hühnerläufe sind 
dann menschliche, sind meine Beine. »Du gleichst dem Geist, den du begreifst, 
nicht mir!« Bei ihrer Kürze sind die Beine meist noch ungleich, auch wo der 
Rumpf geschlossen ist, vgl. den fidelen Wilhelm, Bororö I. 

Die Zahl der Finger und Zehen verdient besondere Aufmerksamkeit. 
Sollte Jemand von uns, der Jäger ist, einen Hirschkopf skizzieren, so wird er 
darauf bedacht sein, ihn mit einer bestimmten Geweihform, welche immer ihm 
grade vorschweben mag, auszustatten. Ein beliebiger Anderer dagegen achtet 
kaum auf ein Weniger oder Mehr der Sprossen, nicht einmal, wenn er ein vor- 
handenes Vorbild flüchtig abzeichnet, er ist zufrieden, wenn er eine Anzahl 
Sprossen in einer sehr fragwürdigen Art der Verästelung dem Kopf aufgesetzt 
hat. Nur wird es seinem Anspruch an ein Hirschgeweih nicht genügen, zwei 
Gabeln zu zeichnen, er wird mindestens je drei Sprossen anbringen. Ebenso 
wenn ich eine kleine Tanne schematisiere, so sind hier mein Minimum drei Paar 
an einem Vertikalslrich symmetrisch angesetzter Schrägstriche, das Ganze unten 
durch eine Horizontallinie abgeschlossen; zwei Paar würden schon ein Bäumchen, 
aber noch kein Tännchen sein. Also ohne dass ich zähle, liefere ich doch meiner 
innern Anschauung gemäss ein Minimum von Teileinheiten. Unsere auf die 
Fünfzahl der P'inger früh eingedrillten Kinder werden ihr schon bei Zeichnungen 
gerecht, die sonst die gröbsten Sünden enthalten, und wo sie noch nicht daran 
denken, die Hand wiederzugeben, zeichnen sie bereits richtig fünf Finger. Bei 
Zeichnungen der Naturvölker, begegnen wir der Unsicherheit über die Plngerzahl 
und namentlich der Dreizahl der Finger mit einer Regelmässigkeit, dass wir hier 
wie bei dem Hirschgeweih und der Tanne ein Gesetz anerkennen müssen. Sie 
haben sicherlich nicht i, 2, 3 nachgezählt, und was zu Grunde liegt, kann nur 
sein, dass sie sich gedrängt fühlen, mehr als zwei Striche zu liefern, um ihre 
vage innere Anschauung wenigstens soweit zu bestimmen, dass keine Gabelung 
herauskommt. 



— 255 — 

Betrachten wir die fünf Bakai'riporträts, so haben wir, wenn wir die Zahlen 
der Finger in den Zähler und die der Zehen in den Nenner setzen, folgende Ver- 
hältnisse: -^ ^, -^ ^, -^ ^, -^ ^ (Kulisehu I) und "^ ^ 



33333333 34 

(Kulisehu II). Ich Hess mir an meiner Hand zeigen, welche Finger sie abgezeichnet 
hatten; sie fassten mir Daumen, Kleinfinger und Mittelfinger an und deuteten 
auf die entsprechenden Striche so, dass der Kleinfinger der innen gelegene der 
drei wurde, der in meinem Konterfei von der Vierergruppe zufällig der längste 
war. Ehrenreich ist mit zwei fünffingrigen Armen, Wilhelm wenigstens mit einem 
solchen ausgestattet. Die untern Extremitäten haben drei Zehen mit Ausnahme 
meines Porträts, Kulisehu II, wo auf einer Seite vier vorhanden sind. Der Nahuquä 
auf derselben Tafel hat, nachdem seine erste Aufnahme getadelt worden war, in 
der zweiten die Zahl der Finger richtig gezeichnet, freilich nicht aus dem Kopf, 
sondern mit genauer Betrachtung des beleidigten Originals. 

Bei den Bororo finden wir auf Tafel I, abgesehen von meinem armlosen 
Porträt, Wilhelm mit je fünf Fingern, den Soldaten mit je drei und ebenso auf 
Tafel II die Indianerin mit drei Fingern. Im Uebrigen ist hier ein grosser Fort- 
schritt anzuerkennen. Es erscheinen nicht nur Ellbogen- und Kniegelenke in Ge- 
stalt von dicken Knoten, sondern auch Hände und Füsse. Eine rührende 
Sorgfalt ist auf dem klassischen Bild, das mich mit Pfeife und Notizbuch dar- 
stellt, dem linken, mit der Hand zu einer dicken Masse vereinigten Daumen ge- 
widmet worden: an der rechten Hand bemerken wir zu unserer Ueberraschung 
sieben P'ingcr, finden aber volle Aufklärung in dem Umstand, dass die beiden 
Extrafinger das Büchlein festhalten müssen; die Beine stehen auf Schuhen, wie 
auch die Wilhelm's darunter. Der Soldat ist mit zwei Beinstrichen in den Boden 
eingepflanzt. Die Mittelfigur daneben hat höchst merkwürdige Hände und Füsse, 
aber hat doch welche; sie erinnern ausserordentlich an die blutsaugenden Zecken. 
Man bemerkt bei ihr auch die Neigung, den Extremitäten eine zweite Dimension 
zu geben. Die Füsse der Indianerin, Bororo II, sind, ein drolliger Kontrast zu 
den fehlenden Händen, in vortrefflichem Umriss und in guter Horizontalstellung 
gezeichnet; man würde sie für Schuhe halten, wenn ihnen nicht je drei Zehen, 
kurzen Haaren nicht unähnlicli, eingepflanzt wären. 

Von den Tierbildern haben nur bei den Bororo Tapir und Affe gegliederte 
Füsse. Die Jaguarbeine enden in runden Knöpfen — Katzenpfoten. Stets ist 
der Schwanz charakterisiert, nur bei dem gefleckten Jaguar muss man sich billig 
wundern über den buschigen Stummel. Bei dem fliegenden Kolibri, dessen Beine 
fehlen und ja auch fehlen dürfen, sehen wir einen langen und geteilten Schwanz, 
wie er bei dieser Vogelart häufiger vorkommt. 

Rindenzeichnungen. Ziemlich selten, ausgenommen bei den Nahuquä, wo 
sie zahlreich waren, fanden sich an dem vom Fluss zum Dorf führenden Wald- 
pfad in den Bäumen menschliche Mguren eingeschnitten, das heisst in den Umriss- 
linien eingeritzt oder der Fläche nach aus der Rinde abgeschält. Es waren, soviel ich 



— 256 




Abb. 37. Rindenfigur der Bakairf. 




Abb. 3S. Rindenfigur eil der NahiiqiKi. 



mich erinnere, 1887 ausschliesslich Männer, 
doch haben wir 1884 eine männliche über 
einer weiblichen vor dem ersten und eine 
weibliche Figur vor dem zweiten Batovy- 
dorf der Bakairi angetroffen, »mit schel- 
mischer Benutzung einer in der Rinde vor- 
handenen Vertiefung«, An der neben- 
stehenden Rindenfigur der Bakairi ist durch 
den Flächenschnitt ein grosser Fortschritt 
im Vergleich zu den Strichzeichnungen er- 
reicht. Wo die Finger deutlich ausgeführt 
waren, entsprachen sie ganz den drei der 
Bleistiftzeichnungen; die Zehen dagegen 
waren niemals genauer behandelt. Die Beine 
hefen unförmlich strumpfartig aus. Be- 
sonders fielen uns die Baumfiguren an dem 
Waldweg der Nahuquä auf, sie hatten Esel- 
ohren ähnliche, doch etwas längere Ge- 
bilde an beiden Seiten des Kopfes, die 
Ohrfedern darstellten. Auch die eine oder 
andere Tierfigur war vorhanden. Wenn ich 
hinzurechne, dass auf dem hohlen, vor der 
Festhütte des dritten Bakairidorfes liegenden 
mächtigen Trommelbaum men.schliche Fi- 
guren eingeschnitten waren, so ergiebt sich 
die beachtenswerte Thatsache, dass sich 
die Verwendung der Menschenfigur in der 
Zeichenkunst nur an Bäumen vorfand. Die 
Bleistiftzeichnungen wurden meiner Auf- 
forderung gemäss gemacht. 

Bei den Aueto sahen wir Tierfiguren 
im Innern der »Künstlerhütte« auf den 
Pfosten eingekratzt und geschwärzt. Es 
sind alles den Pfosten entsprechend lange 
und meist schmale Figuren. Die erste 
scheint eine Schlange zu sein, die den 
Rachen aufsperrt; sie wurde nanyetä ge- 
nannt. Eine gewöhnliche Schlange sehen 
wir in der letzten Figur, möi der AuetÖ 
und Kamayura, agdu der Bakairi und fd 
der Töpferstämme. Wir haben ferner in 
der ersten Figur der zweiten Reihe eine 



TAF.XX. 



iO.O;O.D 



LSukuri-Schlan^e. 



2. Rochen I. 




3.PakiJ-Fische. 



4. Panzerfisch. 




5. Fischgräten, 



:<<•{)' 






6,Pintado-Fisch (Wels 






7. Rochen I. 



8. Nuki-Fische. 




g.Pakü-Fisch. 




10. Fledermäuse. 



V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 



Bakairi- Ornamente I. 



TAF.XXl. 




ll.Jiboya-Schlan^e. 




12. A^au-Schlan^e mit Kopf. 




13, Frauen-Dreieck. U. Matrin cham. 



15. Kurimatä. 




H.Frauen-Dreiecke ( Ulun 




15. Frauen-Dreiecke (Ulun 




V. d. bteinen, Zentral-Brasilien. 



16.Frauen-Dreiecke.(Uluri 




17. Palmito-Blätter. 



Bakairi- Ornamente ü. 



■57 — 



Eidechse, von den Aueto tetn genannt, teiü der Tupi und Teius des Zoologen. Da- 
gegen stellt die letzte Figur der ersten Reihe trotz ihrer Windungen einen Pakü- 
Fisch dar. Noch wunderbarer mutet es uns an, wenn die Leute erklären, dass die 
zweite Figur, einem Käfer nicht unähnlich, der sich die Beine aneinander juckt, 
eine »kleine Schildkröte« bedeute, tarikayaa-i, Emys Tracaxa. Hier sind die 
beiden Beine so behandelt wie der Schwanz des Paküfisches. Das Nachbartier 
der kleinen Schildkröte, ein Vierfüssler, wurde von den AuetÖ und Kamayurä 
kumayü genannt. Bei dieser Uebereinstimmung darf das Wort als ein echtes 

Tupiwort gelten. Doch lässt sich 
^^ ^- . ^^n damit nur das Stacheltier ki/andn des 

jy ^^ Tupf zusammenbringen, was lautlich 

^f^S^ A^ um so mehr gerechtfertigt wäre, als 

^k W yu Stachel heisst. 




glaublich erscheint 
nach dem Bilde, das 



keine Aehnliclikeit 
mit dem Original 
hat, und dem sogar 




Abb. 39. 

Pf ostenzeichnuugen der Aiieto. (^,5 nat. Gr.) 

Schlange, Kleine Schildkröte, Kiimayu, Paku-Fisch, 

Eidechse, Affe, Schlange. 



Abb. 40. Flöte 

der 

M e h i n a k u m i t 

zwei Affen. 

(V; nat. Gr.) 



Abb. 41. 
Tokaiidira- 

A m e i s e. 
(V„ nat. Gr.) 



ein Hauptmerkmal des Tieres fehlen würde. Denn der Kuandü oder Greif- 
stachler, Cercolabes prehensilis, hat einen Schwanz fast halb so lang wie sein 
übriger Körper. Er ist in Brehms Tierleben, Säugetiere II, Seite 575 abgebildet, 
aber ich bezweifle, dass Herr Mützel seine Illustration mit der des indianischen 
Künstlers irgendwie vereinen kann. 

Da ist es tröstlich, in der Mittelfigiu" der untern Reihe keine Schwierigkeit 
zu finden. Sie stellt einen Makako oder CebusafTen dar und ist durch die 
menschenälmlichen Gliedmassen mit den üblichen drei Zehen luid dem langen 
Schwanz wohl gekennzeichnet. Zum Vergleich füge ich die Abbildung einer Flöte 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. ] 7 



— 258 — 

der Mehinakü bei, wo derselbe Afte — nicht unpassend, da er selbst Flötentöne 
von sich giebt — erscheint und t^anz ähnlich behandelt ist, sich nur auch eines 
Halses erfreut. 

Auf einem Pfosten war (Abb. 41) ein sehr merkwürdiges Wesen dargestellt, 
eine Art weiblicher Gestalt mit Reitklcid und Wespentaille, zweifingerigen Armen 
und dreieckigem Gesicht unter einer Hutkrempe. Dies ist Cri/ptoceriis atratus, die 
Tokandira, Tokanteira, Tokangira der Brasilier, eine riesige Ameise, die nicht 
gesellig lebt, sondern in Einzelexemplaren auf Baumstämmen imiherspaziert. 

Im Hafen der Mehinakü endlich fanden sich an den Bäumen die noch zu 
besprechenden Mereschunnister. 



II. Zeichenornamente. 

Ornamentaler Fries der IJakain'. Mereschu und LMuri. Die A iie tö-()rnam en te. Folge- 
rungen. Verwendung der Ornamente. Kalabassen, lieijiiwender, Spinawirlel. liemalung der Töpfe. 

Ich habe auf Seite 90 — 91 bei dem Bericht über den Besuch im zweiten 
Baka'iridorf des grossen Wandfrieses von weiss bemalten Rindenstücken r>wähnung 
gethan, der sich in dem Häuptlingshause in einer Länge von etwa 56 m imd an 
mehreren Stellen zweireihig ringsum zog; die Breite der Rindenstücke schwankte 
etwa zwischen 15 bis 40 cm. Unser erster Eindruck war der gewesen, dass es 
sich bei diesen Zickzacks, Tüpfeln, Ringen, Ketten von Rauten und Dreiecken 
um ornamentale Einfälle handle, die niedlich und nett seien, die aber weiter 
nichts bedeuteten. Die mit Russ geschwärzte Rinde entstammte einem Wald- 
baum, den die Bakairf noischi nannten, der weisse, tnehrfach atich gelbliclie Lehm 
war mit den Fingern aufgetragen, sodass man zarte Linien bei diesen Fre-sko- 
schmierereien nicht erwarten durfte. Als ich mit den Namen der Ornamente 
mein Wörterverzeichnis vermehren wollte, wurde ich überrascht, mehrere mir be- 
kannte Fischnamen zu hören, sodass ich der Sache ntui auf den Grund ging. 
Für jedes Muster erhielt ich den Namen einer konkreten Vorlage, luid je mehr 
wir uns hier luid bei den andern Stämmen mit den Ornamenten auf dem Haus- 
gerät beschäftigten, desto mehr stellte sich heratis, dass es allüberall derselbe 
Hergang war. Ehrenreich hat die Frage dann auch bei den Aragtiay Indianern 
weiter verfolgt und dort zu meiner Freude nur Bestätigung gefunden. 

Auf den beiden Tafeln 20 und 21, Bakairi-Ornamente I und II, die von 
allen Rindenstücken die charakteristischen Proben liefern, sehen wir zunächst in 
den Nummern 14 tmd 15"'') zwei gut gemalte Fische, den schon oft genannten 
Lieblingsfisch der Bakairf, den Matrincham, tuid den grätenreichen Kiu-imatä, 



'') Auf Tafel 21 kommen durch ein Versehen die Nununern 14 und 15 



— 259 — 

Salmo curimatä. Sie sind der stanzen Fläche nach aufgestrichen. Das noröku 
iküto, »Bild des Matrincham«, war geradezu elegant und flott hingesetzt. Daneben 
haben wir in Nr. 13 ein ulüri iküto, das Bild des Frauendreiecks. Und in dieser 
Weise wurde jedes Ornament für ein ikiäo erklärt. Zuweilen sind die einzelnen 
durch kurze Yertikalstriche abgegrenzt, vgl, 3 und 4 oder 7 und 8 auf Tafel I. 
Niu- ein einziges Bild ist dem Pflanzenreich entlehnt, Nr. 17. Es stellt die 
Blätter einer kleinen »Kohl« liefernden Waldpalme yemaridli dar, ein Wort, das 
Handblatt bedeutet. Wir sehen eine Anzahl Fiederpaare abwechselnd nach oben 
und unten gerichtet und geradeso angeordnet wie die Uluris in Nr. 16; für uns 
macht die Abbildung den Eindruck eines Flechtmusters. 

Allein unsere Deutungsversuche würden überhaupt bald Schifl'bruch erleiden. 
Wir bemerken unter den Ornamenten solche, wo die natürliche Hautzeichnung 
eines Tieres wiedergegeben wird, solche, wo die Umrisse des Tieres gezeichnet 
sind, und solche, wo Beides vereinigt wird. Nr. 6 enthält die Tüpfel- und Tupfen- 
zeichnung eines Welses schurüi, dessen bunte Haut den portugiesischen Namen 
»Pintado« veranlasst hat. Wir werden ihm bei den IMaskenanzügen wieder be- 
gegnen. Nr. 7 wurde als die Tüpfelzeichnung eines Rochen pinukäi vorgestellt, 
während in Nr. 2 eine zweite Rochenart schiwäri (ein bei den Nordkaraiben als 
schibali, sipari, chui^are u. dgl. allgemein vorhandenes Wort) mit den charakteristi- 
schen Ringeln und Tüpfeln ihrer Haut auftritt. 

Zickzacke und Wellenlinien sind Schlangen, denen man die Merkmale der 
Hautzeichnung, die auf dem dünnen Streifen wol keinen Platz hatten, kaltblütig 
in der Umgebung beifügt. So hat Nr. 12, eine gewöhnliche Landschlange oder 
Cobra der Brasilier, links das Schwanzende und rechts den deutlich erkennbaren, 
mir als solchen auch bezeichneten Kopf; die Tüpfel sind zwischen den Zickzacks 
angebracht. Dem Künstler fiel, als er die Schlange gezeichnet hatte, noch ein, 
sie durch ihre Flecken zu charakterisieren. Ein Gleiches ist in Nr. i bei der 
Sukuri- Wasserschlange oder Anakonda, Boa Scytale, geschehen. Dagegen sehen 
wir in Nr. 11, dem Bild der Boa constrictor, die in zahlreichen kleinen Dreiecken 
abgesetzte Zeichnung der Schlangenhaut, sie zieht sich an den beiden Rändern des 
Brettes entlang, und zwar beide mal so, dass die Dreiecke mit ihren Spitzen nach 
innen vorragen und den unbemalten Grund zu einer Kette von schwarzen Rauten 
umgrenzen. Die Schlange hat nach meinen Notizen einen Kopf, doch ist es 
schwer zu verstehen, wie das Figurenstück links, mit dem die Zeichnung beginnt, 
einen solchen darstellen soll. 

Ohne Weiteres verständlich ist Nr. 5, käna igüri Iküto, das Fischgrätenbild. 
Es hatte die ansehnliche Länge von 374 m. Der Panzerfisch Nr. 4, der mit dem 
Trennungsstrich zusammenläuft, stellt grössere Ansprüche an die Pünbildungskralt. 
Dieser twpdra der Bakairi ist der akdvä der Tupi und Acara oder Panzerwels des 
Zoologen, der Cascudo der Brasilier. Dagegen werden uns in Nr. 3 die Pakü- 
Fische, Prochilodus, päte-iküto, wenn wir sie auch als Fische kaum erkannt hätten, 
von dem Bild des Kurimatä her, koala ikfito (Nr. 15), wohl verständlich. Die Fisch- 

17* 



— 200 — 



figur, in Nr. 15 der Fläche nach gedeckt, erscheint in 3 nur im schematischen 
Umriss, der Körper wird zur Raute, der Schwanz zum Dreieck, und beide werden 
in behebiger Zahl nebeneinander oder jedes allein rein ornamental verwendet. 
So sehen wir in Nr. 3 links zwei Körperrauten und ein Schwanzdreieck des Pakü, 
wälirend rechts sich drei Rauten folgen. An den beiden Rauten links setzt der 
Kiemenbogen den Kopf ab, wie in den Abbildungen 34 und 35 und auch bei 

den geschnitzten Rindenfischen. Dasselbe 
wiederholt sich in Nr. 8, nüki-ikuto, dem 
Bild des nicht näher festzustellenden, nach 
einem sehr ähnlichen Auetomuster aber 
vielleicht als ein Harnischwels aufzufassenden 
Nuki-Fisches, wo rechts sich Dreieck, Raute, 
Raute, Dreieck folgen, als ob sich zwei 
Fische mit dem Maul berührten, und links 
vier Schwanzdreiecke aneinandergereiht 
sind. Anscheinend in der Hautzeichnung 
des Nuki-Fisches ist es begründet, wenn 
ihn die weiss ausgefüllten Dreiecke vom 
Pakü unterscheiden. Der Pakü ist dagegen 
durch kleine Tüpfel gekennzeichnet; in 
Nr. 9 sehen wir links ein Musterstück 
seiner Haut und rechts daneben eine Anzahl 
von Körperrauten, deren jede ein Tüpfel- 
chen in der Mitte hat und die wir, wenn 
wir sie mit Fischen in Zusammenhang 
bringen wollten, wohl zweifellos für das Bild 
einer panzerartigen Schuppenhaut erklären 
würden, die der Pakü gar nicht hat. 

Ich muss gestehen, ich wusste nicht 
recht, ob ich über unsern gutmütigen I^r- 
klärer lachen oder ob ich mich der Em- 
pfindung der stillen Verblüfftheit hingeben 
sollte, die sich in den Ausruf zusammen- 
drängen lässt »wie anders malt in diesen 
Köpfen sich die Welt!« Nr. 10 semtnio ikuto, 
Bilder von Fledermäusen! Aneinander gereihte Rauten. Kopf, Extremitäten, 
Schwanz, ^\'o sind sie? Wir werden den Fledermäusen aber auch noch in andern 
Zeichnungen und besonders bei den Töpfen begegnen, wo sie zur gleichen Rauten- 
form reduziert werden. Im Brehms Tierleben, I, 1890, findet sich auf Seite 363 eine 
Abbildung von Vesperugo noctula, dem Abendsegler, die uns bei dem in eine Flug- 
haut eingeschlagenen, allerdings hängenden Exemplar links einen einigermassen 
ähnlichen Umriss zeigt; stilisiert würde er sich auch zur Raute entwickeln können. — 




Abi). 42. AFereschu. ('^j^ nat. Gr.) 



26l 



Stellen wir nun fest, dass wir aut diesen beiden Tafeln Rauten in drei Mustern 
haben: die des Pakü, entweder Kontur- oder punktiertes Flächenmuster, die des 
Nuki mit diagonalen Dreiecken und die einfach gedeckte der Fledermaus. Die 
Negativzeichnung der Fledermäuse Nr. lo wäre ganz genau Nr. ii, die Boa 
constrictor oder Jiboya-Schlange. Man sieht jedenfalls ein, dass man auf sehr 
verschiedenem Wege zu der geometrischen Figur der Raute gelangen kann. 

Mereschu und Uliiri. 
Merkwürdiger Weise fehlte in 
dem Fries des Bakairi- Hauses 
ein Muster, das nicht nur bei 
den Bakairi, sondern bei allen 
Stämmen des obern Schingü 
das gewöhnlichste ist. Auf der 
ersten Reise haben wir es häufig 
genug bemerkt, haben es aber 
nicht gewürdigt und verstanden. 
In meinem Bericht »Durch Cen- 
tralbrasilien« fiiulet es sich 
Seite 163 als Trinkschalenmuster 
der Bakairi und Seite 2 1 3 als 
Bleistiftzeichnung der Suyä in 
schönster Ausprägung: Rau- 
ten, deren Ecken durch 
kleine Dreiecke ausgefüllt 
sind. Erst nachdem die Ent- 
deckung in dem zweiten Bakairi- 
dorf gemacht worden, ergab sich 
die Erklärung. Die Vorlage des 
Ornaments ist ein kleiner platter 
Lagunenfisch, ein Serrasalmo 
oder Myletes, den Piranyas ver- 
wandt. Das von Wilhelm ge- 
zeichnete mass in der Länge 
19 cm, in der Breite 9,5 cm 
und war silbergrau mit braunen 
Punkten. Kein Künstler hat je- 
mals mit einem Bild grössern Erfolg gehabt als Wilhelm mit dieser Zeichnung. Die 
Leute drängten sich herbei und Alle waren geradezu glücklich, es zu betrachten. Und 
dies wiederholte sich bei sämtlichen Stämmen. Sogar die Paressi' in Cuyabä freuten 
sich seiner und bestimmten ihn. Wir haben den Bakairi'namen des wichtigen 
Fischleins, den wir zuerst kennen lernten, für unsern Bedarf beibehalten. Das Tier 
heisst in den Kulisehusprachen folgendermassen: Bakairi mereschu (das betonte e 




Al>b. 4^ 



.M ereschu-.Mus ter, mit Bleistift gezeichnet. 
(7, nat. Gr.) 



202 — 



lang), Naliuquä irinko, Mehinakü knlupe, Kustenai'i huliipei, Waurä warjäi (franzö- 
sisches /), Yaulapiti marintyl^ Aueto pirapecit, Kamayuni tapakä, Trumai j^ak?'. 
Ueberall hat das Muster den Namen des Fisches. 

In der Abbildung 43 ist das erste und zweite Muster von den lUikan-f, das 
dritte von einem Nahuqua mit Bleistift gezeichnet. Der edle Naluiquä hat sich 
die Sache genau wie mit meinem Portrait auf Tafel 17 sehr leicht gemacht, 
indem er sich mit dem denkbar einfachsten Umriss begnügte, doch steht er in 
dieser nachlässigen Genialität allein da. Die Nahuquä beziehen das Muster ausser 
auf den Mereschu-Fisch innko noch auf einen Verwandten Namens iru oder ino. 
Aehnliches liegt wohl dem Umstand zu Grunde, dass die Waurä ein anderes Wort 
haben als die Mehinakü und die Kustenaü. 

Die Abbildung 44 der Bakairi-Holzmaske zeigt das Mereschu-Muster in typischer 

Weise. Gerade bei der Bemalung der 
Masken spielt es die grösste Rolle. Die 
Raute entspricht dem Körper des 
Fisches und die vier ausgefiillten 
Ecken sind Kopf, Schwanz, 
Rücken- und Afterflosse. Die 
Ausführung der Ecken ist verschieden 




Abb. 44- 

Ilulzniaskc mit M eresch u - M usLer. 

(Möwe, Bakairi). ('/e »at- ('!•) 



reichlich, sodass innen bald ein Acht- 
eck, bald ein Viereck übrig bleibt. 
Nach unserm Gefühl kann ein so 
ausgefülltes Dreieck nur dem Kopf 
entsprechen, die in die Raute hinein- 
gezeichneten Flossen stellen wir uns 
zur Not auch noch aufgesetzt und 
nicht eingezeichnet vor, aber mit 
dem Schwanz, der als Dreieck seine 
Spitze nach innen und nicht nach aussen richten sollte, wissen wir uns vorläufig 
nicht abzufinden, doch werden wir später die Erklärung finden. 

Wie das Mereschu als Flächenmuster erscheint, zeigen typisch che beiden 
Aueto-Masken, Abb. 45 und 46, von denen die eine das Ornament auf Holz, die 
andere auf tuchartigem Stoff aufweist. Die Mereschus sind durch Striche ein- 
gerahmt, sie sind in ein Netz mit rautenförmigen Maschen eingelagert: >^Fische 
im Netz«, sagte der Bakairi. Der Ausdruck Netz ist, wie wir sehen werden, 
keineswegs bildlich, sondern entspricht einem Fischnetz. 

Trotz des rein ornamentalen Charakters der Figur, die unserm Sinn den 
Ausdruck »Abbildung« völlig verbietet, ist der Indianer sich auf das Entschiedenste 
noch der konkreten Bedeutung bewusst. Wo das Muster eine Maske oder einen 
Spinnwirtel bedeckte, wurde doch immer jede Masche mit ihrem Mereschu einzeln 
an das benachbarte angesetzt und keineswegs durch Kreuzung von Einien zuerst 
ein Netz erzeugt. Höchstens die Aueto, die es in der schematischen Ornamentik, 



26^ — 



wie wir sehen werden, am weitesten gebracht liatten , waren zai der reinen 
Konstrulction im Stande, wie denn auch die Uebung bei einer geradezu hand- 
werksmässig betriebenen Herstellung allmählich von selbst dazu führen sollte; 
man sieht an der Zeichnung der Holzmaske deutlich, dass der Künstler die mathe- 




Al)l,. 45. 
llul/.niaske der Aue tu. (^j^ nat. (ir.) 





f|/iiif|r|ti 

Abb. 40. 

Tuclniiaske der Auclu. 

(Ve iiat. C,r.) 




(Ve "at. Gr.) (ij^^ „at. Gr.) 

Abi). 47. Spinnwirlel der Mehinakii. 

matische Art der Raumeinteilung nicht geübt hat, während man bei der Tuchmaske 
zweifeln möchte. Die Bakairi waren jedenfalls von jenem Fortschritt noch weit 
entfernt. Auch die beiden Spinnwirtel der Mehinakü (Abb. 47), in deren einem 
das Loch in der Mitte von einem Mereschu umschlossen wird, zeigen, wie die 



— 264 — 

einzelnen Fische aneinander gesetzt sind, und lassen bei näherer Betrachtung 
zahlreiche kleine Unregelmässigkeiten entdecken. h2s machte viel Vergnügen, den 
Leuten bei ihrem Kritzeln zuzuschauen. Ich vermag nur nicht zu denken, dass 
dieses »Muster«, das den hohen Grad der ethnologischen Ausgleichung zwischen 
den Stämmen am besten zum Ausdruck bringt, ein Erzeugnis jüngerer Zeit sei. 
Wenn das Mass der Stilisierung als relatives Zeitmass dienen dürfte, wären die 
Aueto am längsten in seinem Besitz. 

Man kann nicht etwa sagen, die Leute haben rautenförmige Figuren, in 
denen sie Striche sich in gleichen Abständen kreuzen liessen, gezeichnet, die Ecken 
ausgefüllt, nun gesagt: »das sieht ja aus wie ein Mereschu -Fisch, ist mereschu- 
förmig oder dgl.« und hätten also das Muster dem Vergleich gemäss mit dem 
Namen belegt. Das wird widerlegt durch die Art der Herstellung, die Stück für 
Stück die Figuren aneinander setzt, und durch den einfachen Umstand, dass das 
Muster nicht mehr mereschuförmig ist, sondern sich von dem konkreten Vorbild, 
wie namentlich die Schwanzecke beweist, bereits entfernt hat. Er wäre für 
keinen von uns überhaupt als Fisch zu erkennen. Der Paküfisch links in Nr. 3 
(Tafel 20) ist noch als Abbildung eines Fisches mit Hülfe von dem Kurimatä 
Nr, 1 5 verständlich , obwohl bereits zwei Rautenkörper mit dem Schwanzdreieck 
vereinigt sind, aber von den Rautenkörpern rechts in Nr. 3 kann kein Zeichner 
sagen, dem sie zufällig in den Händen erstehen, sie erinnerten ihn an einen Pakü- 
fisch, sondern es ist schlechterdings nur der umgekehrte Weg von dem Bild einer 
konkreten Vorlage zur Schematisierung möglich. Von Nr. 9, den punktierten 
Rauten = Paküfischen mit Tüpfelung oder den Pledermäusen nicht zu reden. 

Die Beziehung zum originalen Vorbild ist geradezu das, was dem Indianer 
die Freude an der Zeichenkunst giebt, wie übrigens sehr natürlich ist. Es macht 
ihm Spass, dass er mit wenigen Strichen einen Plsch zeichnen kann. Nun ist 
aber wahrscheinlich ein technisches Moment von Bedeutung gewesen. Das 
Zeichnen war in den meisten Fällen ein Ritzen, kein Malen. Der ge- 
ritzte Strich wurde erst mit P'arbe gefüllt. Auf Spinnwirteln und Kürbissen 
wurden die Muster geritzt, sogar an den Masken wurden sie mit einem Bambus- 
stäbchen aus dem zuerst aufgetragenen weissen Thongrund herausgekratzt. Da 
ist es kein Wunder, dass Motive wie die Raute des Mereschu und das Dreieck 
des gleich zu besprechenden Uluri mit ihren scharfen Ecken so gewaltig ciie 
Oberhand gewonnen haben und in ewiger Wiederholung überall wiederkehren. 
Auskratzen liessen sich die scharfen Ecken ebenfalls besonders leicht. Man hatte 
besseres Arbeiten als mit Kreisen und Wellenlinien, die doch auch Tiere dar- 
stellen konnten. Das Ritzen drängte von selbst zur Stilisierung. 

Bei dem Uluri, dem Weiberdreieck, ist uns das Vergnügen am konkreten 
Vorbild vielleicht leichter verständlich als bei einem wohlschmeckenden Fischlein. 
Vgl. Abbildung 18, Seite 194. Auch wir stehen ja noch heute auf dem Stand- 
punkt der Kulisehu-Indianer. Nur haben wir zivilisierten Menschen die anatomische 
Vorlage stilisiert, wo sich die rohen Naturvölker mit dem zierlichen »Kleidchen« 



TAF. XXII. 




Fledermäuse. 




2. Frauen-Dreiecke. 




B.Han^ende Fledermäuse. 



;:^is^^^3^^3^^ 



m^^^^w^^ 



3. Panzerfische. 




4.Mereschu-Fische 





7. Jun^e Bienen. 

^^M MM 



8. Fischwirbel 



S.Mereschu-Fische. 



V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 



Aueto-Ornamente 



lös - 



begnügten. Und seltsamer Weise ist es die hier so viel besprochene Raute, die 
wir an Stelle des Uluri haben. Der Bakairi-Forschungsreisende würde — ich weiss 
nicht, ob in allen Teilen Deutschlands — auf unsern Bäumen, Mauern, Thüren ge- 
schnitzt, geritzt und gemalt, genau so wie er es macht, zu seiner wahrscheinlich 
grossen Befriedigung in zahllosen Exemplaren seinen Paküfisch, die Raute mit 
dem zentralen Punkt, wiederfinden. Wehe dem, der sich einmal daran gewöhnt 
hat, dieses indianische Pakümuster bei uns überall, wo es angebracht wird, auch 
zu sehen. Wollte er ihm entfliehen, so dürfte er keinen Bahnhof, keine Allee, 
keinen Aussichtspunkt, kurz keinen Ort, wo Menschen passieren, mehr betreten, 
denn es hat den Anschein, als ob eine unbekannte geheimnisvolle Gesellschaft 
sich verschworen hätte, ihn damit zu verfolgen; er trifft es in der Rinde uralter 
Waldriesen, er trifft es im frischgefallenen Schnee. 

Die Kulisehu-Indianer 
machten aus ihrem Ver- 
gnügen an dem Uluri kein 
Hehl; eine formlose Bast- 
binde hätte ihnen das Vor- 
bild nicht geboten. Wenn 
sie die geometrische Vor- 
stellung eines Dreiecks 
haben, so verdanken sie 
sie rein dem Uluri. Aus 
sich heraus würden sie nicht 
darauf verfallen sein, Drei- 
ecke zu zeichnen. Unter 
den Bleistiftzeichnungen 
findet sich auf Tafel 17 
ein Uluri, das mir ein 
Bakain unaufgefordert in 
mein Buch konterfeite. In dem Fries, Tafel 21, zeigt sich in Nr. 13 ein grosses 
Einzelstück, in 14 sehen wir die Uluris zu einem flach gehaltenen Zackenband ver- 
einigt. Nr. 15 bietet sie in sonderbarer Reihenfolge derart, dass sich je zwei 
benachbarte nur mit einer Ecke abwechselnd am obern und am untern Rand 
des Rindenbrettes berühren. In Nr. 16 liegen vier Uluris abwechselnd mit ihrer 
Basis dem untern und dem obern Rande an und sind durch schräge Balken, 
die von Basis zu Basis ziehen, ein Stückchen auseinandergehalten. Die Balken 
stellen die grob verdickten Leistenschnüre dar und sind dem Mereschu-P'ischnetz 
analog. 

Wenn ich den Bakairi ein gleichseitiges Dreieck vorzeichnete, so lachten 
sie vergnügt und riefen „vlnri'^. Auf ihren Trinkschalen erschien es vielfach, die 
ganze Fläche in zierlicher Anordnung bedeckend, und die Trennungslinien waren 
oft noch mit dem Bewusstsein, dass es ursprünglich Schnüre waren, hingesetzt. 




Abb. 48. Rücke nhülzer der liakairi niil den Mustern: 

jMereschu, Uluri, Fledermaus und Schlange. 

('/4 nat. Gr.) Vgl. folgende Seite. 



266 



1^' 




Die vier Rückenhölzer der iXbbilduiiL; 48, 1 [(^Iz/Jliniler, die im dritten Bakairi- 
dort zum l^^stschmuck an Schnüren auf dem Rücken getra<^en wurden und stili- 
sierte Mandioka- Grabhölzer darstellten, bringen uns verschiedene schwarz auf- 
gemalte Muster in hübscher Ausführung. Das erste zeigt Mereschu-Fische, das 
dritte hängende Fledermäuse, die wir auch bei den Auetc'i antreffen werden, das 
vierte die der Nr. 12 der Tafel 21 entsprechende Agauschlange, das zweite Uluris. 
Niemals, so viel ich mich erinnere, kommt das Uluridreieck als ein nur aus drei 
Umrisslinien zusammengesetztes Dreieck vor, ausgenommen in der Bleistift- 
zeichnung auf Tafel 1 7. Das Dreieck ist stets ausgefüllt und ruft so den Findruck 
der konkreten Vorlage noch mit grösserer Unmittelbarkeit hervor. 

Aui Schwirrhölzern der Nahuquä, 
vgl. Kapitel >;Maskenornamentik und Tanz- 
schmuck, III« die Abbildung, kommen Zick- 
zacks derselben Art wie auf dem Rücken- 
holz vor und gelten auch hier als Bild der 
Schlange. 

Zwei sehr merkwürdige Orna- 
mente lieferten uns ebenfalls noch die 
Rückenhölzer. Das eine für unser Auge 
von dem Mereschu nur durch die Kleinheit 
der ausgefüllten Ecken zu unterscheiden, 
war eine Heuschrecke, töc'iga der 
Bakairi, tuküra der Tupf. Das Muster 
war mit dem des Mereschu- Fisches ver- 
einigt; die langen, von den Fcken der 
Raute ausgehenden Striche sind die lleu- 
schreckenbeine. 

Das andere Ornament bezieht sich 
auf einen »kleinen Vogel«, yarifaiiutze 
der Bakairi, den ich nicht näher be- 
stimmen kann. Dass es einen fliegenden 
Vogel darstellt, begreift man ohne Weiteres. 
Aber die Indianer verlangen mehr; sie bestehen auf dem yaritamäze. 

Die Auetö-Ornamente zeichnen sich durch die weitest gehende Stilisierung 
aus. In der vKünstlerhütte« des Dorfes fanden sich über den Thüren und an den 
Wandpfosten zahlreiche Muster autgemalt, deren bemerkenswerteste auf der Tafel 22 
»Aueto-Ornamente« vereinigt sind. Sie sind sämtlich aus Dreiecken und 
Rauten zusammengesetzt. W^ährend die Bakairi mit weissem Lehm auf ge- 
schwärzte Rinde malten, trugen die Aueto schwarze Farbe auf hellem Holzgrund 
auf oder schnitten die Muster ein und rieben mit Farbe nach. Mein \"etter 
pflegte deshalb die Kollegen Aueto Schwarzkünstler und die Kollegen Bakairi 
Pleinairisten zu nennen. 




Abb. 49. 

Rücke nhulz nül 

Heuschrecke. 

(V3 nat. Gr.) 



tliüll^^p 



Abi). 50. 
t\ückcnh(jl/', 111 iL 

( Vg iiat. (ir.) 



— 26/ — 

Nr. 5 ist das echte, recht gefälUge Mereschu- Muster. Auch Nr. 4 soll 
Mereschu -Fische darstellen. Es wurde für beide dasselbe Wort tepirapeoetü an- 
gegeben. Dies ist freilich das einzige Beispiel, wo die Mereschu-Raute nicht nur 
an den l^xken, sondern ganz ausgefüllt ist. Dafür ist aber das Netz, in dessen 
Maschen die Fische eingetragen sind, ausführlicher behandelt. 

Nr. 3 sind Panzerfische akarä. Sie haben dieselbe Form wie auf der Tafel 20 
der Kakai'ri die Nuki-Fische Nr. 8, sodass auch diese vielleicht eine Art Cascudos 
sind. Nun haben die Panzerwelse nicht wie die Mereschus ein rhomboide Form, 
sondern sind langgestreckt. Da wir den ebenfalls nicht rhomboiden Pakü auch als 
Raute erblicken, da selbst Nr. 14 und 15 der Tafel 21, die nicht scliematisch ge- 
zeichneten Fische ein wenig mehr als der Wirklichkeit entspricht, rhomboid aus- 
sehen, so erkennen wir, dass der Fischkörper in der Stilisierung überhaupt als 
Raute gilt, ob es für die betreffende Art zutreffend ist, wie eigentlich nur für 
den mit ganz überwiegender Vorliebe überall angebrachten Mereschu oder nicht. 
Zur näheren Charakterisierung werden eingetragen, beim Pakü die Tüpfel und 
bei den Panzerwelsen die scharf abgesetzten harten Schuppen, die vieleckig sind, 
aber gerade in den grösseren Stücken als ein wenig übereinander geschobene 
Dreiecke erscheinen (vgl, Brehm, P'ische, p. 244 die Abbildung). 

In Nr. 2 sehen wir die Uluridreiecke, die auch bei den Aueto mit dem ent- 
sprechenden Wort für das P>auendreieck (iimjjäm) benannt werden. Es ist jammer- 
schade, dass wir die Trumai, die einzigen, deren Frauen eine Bastbinde tragen, 
nicht in Ruh und Frieden haben kennen lernen; freilich haben sie soviel von ihren 
Nachbarn entlehnt, dass sie auch deren Weiberdreieck im Ornament besitzen 
mögen. In dem Flötenhaus der Aueto war unterhalb der Dachwölbung ein ziemlich 
langer Fries angebracht, wo man auf schmalen Streifen hellen Holzes eine ganze 
Serie von Umpams oder Uluris in Schwarz aufgemalt hatte. 

.Nun aber Nr. i. Zwei Reihen von Dreiecken übereinander, genau wie die 
Uluris, doch über die Dreiecke läuft eine die obern Seiten umrändernde Zickzack- 
linie hinweg, die bei Uluris niemals vorkommt. Dies sind auf einmal Fledermäuse, 
tatsid der Aueto und zwar iatsid pevü »flache«, »platte Fledermäuse«. Des- 
gleichen sind Fledermäuse in Vertikalstellung dieselben Dreiecke, die wir 
horizontal in Nr. 2 als Uluris anerkennen müssen, es fehlt ihnen auch die be- 
gleitende Zickzacklinie von Nr. i, nur werden sie als hängende Fledermäuse 
bezeichnet. So sind auch die semimo, die Fledermäuse der Bakairi, auf dem dritten 
Rückenholz der Abbildung 48, als hängende Fledermäuse aufgefasst. Gedenke ich 
der fliegenden Hunde, die wie Schinken im Baum hängen, so begreife ich das 
dreieckige Ornament vollkommen, und auch Andere sehe ich damit einigermassen 
einverstanden; allein Niemand will mich verstehen, wenn ich jetzt auch auf fliesen- 
bedecktem Boden oder in den Kacheln über einem Spülstein u. s. w. überall 
Fledermäuse zu erblicken behaupte. 

Vielleicht noch überraschender ist mura-yM, das Muster von »jungen« oder 
»kleinen« Bora- oder Voeelbienen : die schwarzen Felder eines aul einer Ecke 



— 268 — 

stehend behaltenen Schachbretts! Ein Muster, das uns allenthalben umt^iebt und 
das trotzdem die grösste Einbildungskraft sich nicht als das Bild der von dem 
Indianer leidenschaftlich gern verspeisten jungen Biene oder auch nur ihrer Zelle 
vor die Seele rufen würde. Im Vergleich zu ihnen sind die Fischwirbelchen, Nr. 8, 
je zwei mit einer Spitze vereinigte gleichseitige Dreieckchen, stilisierten Sanduhren 
ähnlich, von packender Realistik. 

Folgerungen. Was wir geometrische Figuren nennen, bezeichnet der 
Indianer mit Namen konkreter Vorlagen. Man wird sich noch einmal fragen 
müssen, ob es vielleicht nicht nur Namen sind, die er des Vergleiches halber 
anwendet. Doch das ist auf keine Weise aufrecht zu erhalten. Auch wir haben 
zwar keinen bessern Ausdruck als »Schlangenlinie«, aber dafür zeichnen wir auch 
niemals die Tüpfel daneben und unterscheiden nicht nach der Zahl oder Anord- 
nung der Tüpfel Schlangenlinien, die verschiedenen Schlangenarten entsprechen, 
wie die Bakairi in Nr. i und 12 der Tafeln 20 und 21 thun. In Nr. 12 haben 
wir die Abbildung mit Tüpfeln, auf dem vierten Rückenholz Seite 265 dieselbe 
Schlange in der nach unserer Ansicht rein geometrischen Figur der Schlangen- 
linie. Doch ist auch diese dem Eingeborenen noch keine geometrische Figur; 
der gewiss unausbleibliche Folgezustand, dass sich das konkrete Ding in eine 
Abstraktion verwandelte, begann höchstens erst einzusetzen. Von den Dreiecken 
könnte der Indianer sagen, sie sind »uluriförmig«, aber einmal nennt er sie, obwohl 
seine Sprache den Vergleich sogar adjektivisch wohl auszudrücken vermag, schlecht- 
hin Uluris, und dann verbindet er sie gelegentlich auch, wie in Nr. 16, durch die 
Leistenschnüre. Noch zwingender ist aber der Beweis für das Mereschumuster, 
wenn der Eingeborene mir das umgebende Netz als Fischnetz, die ausgefüllten 
Ecken der Raute als Kopf, Schwanz und Flossen erklärt und die Entwicklungs- 
stufen der Fischstilisierung in Nr. 1 5 , Nr. 3 und Nr. 9 nebeneinander auf dem- 
selben Fries überHefert, wenn er endlich die Rauten dort, wo sie eine breite 
Fläche bedecken, dennoch Stück für Stück zeichnet und nicht durch Kreuzung- 
paralleler Linien erzeugt. Ich mache mich anheischig, das Mereschumuster beliebig 
vielen unbefangenen und phantasiebegabten Personen vorzulegen und glaube, dass 
von hundert nicht Einer es als einen Fisch deutet. Die Sache geht ja so weit, 
dass wir überhaupt froh sein dürfen, wenn wir die Figuren einigermassen verstehen, 
nachdem wir wissen, wie der Indianer sie nennt; wollen wir aber behaupten, 
dass er die Namen nach Aehnlichkeiten geschaffen habe, so sollten wir doch 
selbst vorher die Aehnlichkeit bemerkt haben. Wie das Mereschumuster aller 
Wahrscheinlichkeit nach entstanden ist und seine allgemeine Verbreitung gewinnen 
konnte, vermag ich erst in dem nächsten Kapitel zu erörtern, vgl. unter IL 

Umgekehrt ist nichts leichter zu verstehen als die Entwicklung der geome- 
trischen Figur aus einer Abbildung. Bestimmte Dinge machten den Leuten Ver- 
gnügen, und vorausgesetzt, dass sie solche Dinge malen — einerlei jetzt, wie sie 
überhaupt zum Malen fortgeschritten sind — , so muss sich bald aus den Ein- 
fällen der verschiedenen Künstler, wie wir sie bei dem Bakairifries noch in 



209 — 

buntem Durcheinander sehen, der eine oder andere allgemeinere Geltung ver- 
schaffen, wenn das betreffende Objekt wegen seiner natürlichen Einfachheit der 
Umrisse leichter zu erkennen ist. Ein rhomboider Fisch wird unter ungeübten 
Händen mehr Aehnlichkeit bewahren als irgend ein Vierfüssler. Eine Reihe von 
Uluris wird im Anfang in ihrer Anordnung noch individuell variiert, wie die 
Nummern i6, 15 und 14 vortrefflich zeigen, aber aus der Menge der individuellen 
Variationen gewinnt wieder diejenige den Sieg, die das Nebenwerk abstösst, die 
Aehnlichkeit der Einfachheit opfert und sich am leichtesten, wenn ich so sagen 
darf, fabrikmässig herstellen lässt. Je weniger man zu überlegen braucht, desto 
lebensfähiger ist die Form, denn sie wird auch geringeren Talenten erreichbar. 
Die Kunst macht hier noch einen Fortschritt, wenn sie die ewig zu wiederholende 
Schablone gewinnt; nur so kann sie Fuss fassen und ein allgemeines Bedürfnis 
werden und sich von Generation zu Generation erhalten. In diesem Stadium 
sind wir bei den Auetö, die Bakairi bewegen sich zum Teil noch unter seinem 
Niveau und lassen uns den Weg erkennen, der sich bei jenen nur noch in den 
Namen verrät. 

Bei den Aueto ist die künstlerische Form schon Hauptsache, bei den Bakairi 
liegt der Nachdruck noch darauf, dass die Schemata Abbildungen sind. Mehr 




Abb. 51. Ruder der Bakairi. 
(Vs nat. Gr.) 



Kuclien- 
rinoe. 



Merescliu- 

Fische 
im Netz. 



l'aku- 
Fisch. 



Kuonü- 
Fische. 



als alle Erörterung wird der seltsame Zustand bei den Bakairi durch ein Beispiel 
von vielen, die nebenstehende Abbildung eines mit primitiven »Kritzeleien« be- 
deckten Ruders erläutert. Die vier Kreise sind die Ringzeichnung eines Rochen, 
jenseit des Trennungsstriches folgen Mereschus in Netzmaschen, dann ein Pakü- und 
endlich mehrere >;Kuömi«-Fische, ein sonst nicht vorhandenes Muster, dessen natür- 
liches Vorbild ein mir unbekannter Fisch ist: pinukdi, merhchii, jjäte, kuOmi. Ich bin 
weit entfernt, behaupten zu wollen, dass diese vier Muster in ihrer Zusammenstellung 
einen Sinn haben, glaube höchstens, dass es dem Verfertiger nahe gelegen hat, 
gerade auf einem Ruder Fische anzubringen. Aber es ist ungemein lehrreich zu sehen, 
dass von diesen Kritzeleien, wenn sie in ihrem Zusammenhang auch gewiss nichts 
bedeuten, also keine Bilderschrift sind, doch jede einzelne keineswegs ein beliebiger 
Schnörkel, sondern das Schema eines ganz bestimmten Dinges ist, also in der That 
das Element einer Bilderschrift darstellt. Niemals würden wir diese Schemata 
durch Ueberlegung richtig erklären, man muss von den Leuten selbst erfahren, 
was sie bedeuten, oder ruhig verzichten. Ich meinerseits bin ausserordentlich 
bescheiden im Deuten geworden, halte es auf der andern Seite aber für sehr 
oberflächlich, Figuren, die wir nicht verstehen, als Schnörkel abzufertigen. Wo 



— 270 — 

Figuren sich regelmässig wiederholen, wo es sich gar um Muster handelt, da dart 
man sicher sein, dass die ersten Leute, die sie zeichneten, aucli ein bestimmtes 
Vorbild vor Augen hatten, dessen Sinn aber die Nachkommen vernachlässigt 
und unter dem Einfluss sprachlicher Differenzierung der nunmehr technischen 
Wörter auch ganz vergessen haben mögen. 

Der Kulturmensch beginnt heute schon seine ersten Stümpereien in der 
Zeichenkunst mit Dreiecken, Vierecken, Kreisen, unsere V^orfahren haben an diesen 
und ähnlichen Figuren die Wissenschaft, die als die höchste gilt, entwickelt, er 
erbhckt auch nirgendwo in der umgebenden Natur Linien und geometrische Figuren 
— folglich, schliesst er, sind diese fundamentalen Begriffe seinem eigenen reichen 
Innern entsprungen. Dass sie aus den Vorlagen von Schamschürzen, Fleder- 
mäusen, Fischen entstanden sein könnten, scheint ihm nicht nur unwürdig, sondern 
auch ein lächerlicher Umweg. Denn was ist leichter als ein Dreieck zu zeichnen? 
Was ist leichter, erwidere ich, als bis fünf zu zählen? Der Bakairi erklärt noch 
jetzt jedes Dreieck, das ich ihm zeichne, für eine Abbildung des Uluri, er kann 
die Dinge noch nicht zählen, ohne seine Finger zu Hülfe zu nehmen. Das Zahl- 
wort »5« -^ Hand, das sich noch bei vielen Naturvölkern findet, entspricht genau 
dem Uluri ^^ Dreieck, in beiden h'ällen ist die innere Anschauung des Schemas 
oder die Abstraktion erst von dem Objekt gewonnen worden, in beiden hat das 
konkrete Vorbild noch lange Zeit sein Recht behauptet. Weder unsere Leichtigkeit, 
mit diesen Begriffen umzuspringen, noch die Thatsache, dass der Sinn unserer 
Zahlwörter aller spürenden Philologie entzogen bleibt, beweist, dass unsere Vor- 
fahren einen andern Gang gegangen sind als die Naturvölker. 

Der Lehrer der Geometrie braucht heute gewiss nicht mehr an einem Uluri 
besonderes Vergnügen zu haben, damit er ein Dreieck konzipieren könne. Das 
Uluri ist so eine Art Archaeopteryx der Mathematik. W^ie sollte der fliegende 
Vogel anerkennen wollen, dass er von den kriechenden, bestenfalls flatternden 
Reptilien abstamme? Dennoch beweist die Unfähigkeit des Vogels, diesen 
L^rsprung zu verstehen, nicht das Allergeringste dagegen. So beweist es auch 
nichts, wenn wir ausgezeichneten Flieger in den Höhen der Mathematik uns 
kaum vorzustellen vermögen, dass frühere Menschen sich noch nicht zu der 
kleinen Leistung aufschwingen konnten, ein simples Dreieck aus sich selbst her- 
vorzuholen. 

Verwendung der Ornamente. An den Gebrauchswaffen — es gab ja 
nur Bogen und Pfeile — waren gemalte Muster kaum anzubringen. Auch das 
Wurf holz wurde nur durch Umflechtung verziert; ein Korkkegel, der einem Pfeil- 
schaft als Spitze aufsass, zeigte den Schmuck des Mereschumusters, vgl. die Ab- 
bildung Seite 109. Sonst darf man behaupten, dass aller Festputz, soweit er 
geeignete Flächen darbot, ausnahmslos mit Mustern bemalt war. Am meisten 
bemerkbar ist dieses an den Masken, für die sämtliche Stämme das Mereschu 
mit grosser Vorliebe verwendeten, wie sich bei Beschreibung der Masken des 
Näheren ereebeii wird. 



2/1 — 



Ich will kurz die am meisten charakteristischen Beispiele der Verzierung 
mit Mustern aufführen. Bei den Bakairi sahen wir ein Kanu mit den Rochen- 
ringen und dem Zickzack der Anakonda bemalt. Von Rudern haben wir ausser 
dem der Abbildung 5 1 nur noch eins gefunden , wo ein Schlangenmuster an- 
gebracht war oder sich erhalten hatte. Dem im dritten Bakairidorf liegenden 
Trommelbaum hatte man ausser den unter den Rindenzeichnungen ei-wähnten 
Mereschufiguren eine lange Fischgrätenzeichnung wie die der ersten Ornamenten- 
tafel aufgemalt. Im Hafen der Mehinakü, wie ich ebenfalls schon angeführt 
habe, trugen mehrere Bäume hübsche Mereschumuster eingeritzt. 

In erster Linie waren es bei den Bakairi die Kürbisse, die mit Mustern 
geschmückt waren, sowohl die Trinkschalen als die kugelförmigen Kalabassen als 
die flaschenförmigen, die zum Aufbewahren von Federn dienten. 
Netzförmig bedeckte sie bald das Uluri- bald das Mereschu- 
muster; entsprechend der am Stiel ausgeschnittenen Scheibe 
der Kalabassen und ebenso gegenüber war ein Kreis ge- 
zeichnet, zu dem die Muster konvergierten, und von dem bei 
den durchschnittenen Kuyen an der Seite ein Halbkreis übrig- 
blieb. Wir sahen in einem Beispiel, dass die Mereschus an 
einer Ecke übereinander geschoben waren, wodurch der Ein- 
druck des Geflechts entstand. Gelegentlich wechselten Mereschus 
und Fledermäuse und waren nur dadurch unterschieden, dass 
bei diesen die Ecken nicht ausgefüllt 
waren, analog Nr. 10 auf Tafel 20. 
Die Rückenhölzer waren alle, wie 
beschrieben, mit Mustern dicht be- 
deckt. Vgl. Seite 266. 

Bei den Nahuquä sind uns eben- 
falls besonders die verzierten Kürbisse 
aufgefallen, nur dass hier hauptsäch- 
lich die beim Tanz verwendeten 
Rasselkürbisse verziert waren. Ihre 
ganze Malerei war nicht weither. 

Doch ist es möglich, dass ich sie unterschätze, weil sie ihren Hausrat bei unserm 
ersten Besuch ausgeräumt und bei unserm zweiten vielleicht auch noch zum Teil 
zurückgehalten hatten. Immerhin ist dies letztere nicht besonders wahrscheinlich, 
da sie dringend wünschten, mit uns Geschäfte abzuschliessen. 

Vor den Mehinakü und Kamayurä, zumal den ersteren, zeichneten sich die 
AuetÖ als eifrige Maler aus. Bei den Mehinakü traten die Kürbisse, die bei den 
Kamayurä mit hübschen Mustern versehen wurden, gegen die Töpfe zurück. Die 
Mandioka-Grabhölzer waren durch Mereschumuster und, wie wir sehen werden, 
auch durch Schnitzwerk verziert. Beides ist auch auf die Beijüwcnder, mit denen 
die h'ladcn von einer Seite auf die andere geworfen wurden, aLiszudchnen. Ich gebe 





Abb. 52. 

l'rinkkürbis (Bakairi') mit 

M e r e s c h 11 - und 

r" 1 c d e r m a ii s imi s t e r. 

(Vj nat. Gr.) 



Abb. 53. 

Federkürbis 

(Bakairi) mit 

M e r e s c h u m 11 s t e r . 

CU nat. Gr.) 



— 272 — 

das Beispiel eines Reijüwenders der Kamayurä (a) und eines der Yaulapiti (b), dieser 
armen Teufel, die uns vier hölzerne Beijüwender und nur einen steinharten Beijü 
anzubieten hatten. Der Kamayurä -Künstler hatte grösseres Gefallen daran, die 
Zwischenlinien zu zeichnen als die Mereschus, die er mit vier Hälften abfertigt. Man 
sieht an diesem hübschen Fall, der sogleich sein Gegenstück finden wird, so recht, wie 
das ursprünghche Motiv im vollen Sinn des Wortes beiseite geschoben wird, und 
die Ornamentik um ihrer selbst willen bestehen will. Der Beijüwender der Yaula- 
piti zeigt oben und unten einen halben Mereschu und in der Mitte das Panzerfisch- 
Ornament der Aueto, von dem ich aber nicht wie vom Mereschu weiss, ob es 
bei den Yaulapiti gleichen Sinn hat. 

Das reichhaltigste Material an Zeichnungen bieten bei den Mehinakü, Aueto 
und Kamayurä in gleicher Weise die Spinnwirtel. Während die Bakairi Wirtel 




Abb. 54. B e i j it w e n d e r. 

n. der Kamayurä, b. der Yaulapiti. 

(Vc nat. Gr.) 




Al)b. 55. Spinnwirtel mit 
Mereschu muster (Mehinakü). (*/i nat. Gr.) 



aus Holz und Thon hatten, wurde hier überwiegend eine aus dem Bauchpanzer 
der Schildkröte herausgeschnittene Scheibe bentitzt und fast immer auf einer, 
nicht selten auf beiden Seiten verziert. Das Muster \\'urde mit dem Zahn des 
Hundsfisches eingeritzt und mit Speichel tuid Kohle verschmiert. 

Ich habe auf Seite 263 bereits zwei Schildkröten -Spinnwirtel der Mehinakü 
wiedergegeben. Einen gleicher Art von Holz zeigt die Abbildung 55. Der Zeichner 
ist mit seinen Trennungsstrichen sehr in die Enge geraten. Dieser Typus ist der 
gewöhnliche. Vereinzelt aber fanden wir Wirtel, die grossen Fortschritt bekunden. 
Auf der kleinen Arbeitsfläche bildet sich die Sicherheit der Hand und es entstehen 
rein künstlerische Motive. Man hatte, um die Mereschus ringsum abzugrenzen, 
dicht an dem Rande des Wirteis einen konzentrischen Kreis gezogen und diesen 
Ratun zwischen Kreis und Scheibenrand freigelassen. Aber auch er wird jetzt 
gefüllt, man begleitet den Kreis wie den Scheibenrand mit Uluris und verbindet 
deren nach innen vorragende Spitzen. So sehen wir an dem Spinnwirtel der 



— 273 



Kamayurä, Abb. 56, den mit Mereschus gefüllten Innenkreis mit einem Kranz 
von Perlen, möchten wir fast denken, umgeben, doch sind diese eckigen Perlen 
nur die Zwischenräume zwischen den alten guten Uluris. 





Alih. 56. Spinnwirtel der Kamayurä mit 

M e r e s c h u - und U 1 u r i m 11 s t e i-. 

Unteres .Stück zerstört. (^/, nat. (Jr.) 



Abb. 57. Spinnwirtel mit Mereschu- 

und Ulurimuster. Seitenabschnitt 
rechts zerstört. Mehinakü. (^j nat. Gr.) 



An einem Wirtel der Mehinakü, Abb. 57, haben wir genau dasselbe Ver- 
halten, nur ist der verzierte Rand breiter gelassen, die Abstände der Uluris sind 
grösser und so umschliesst ein aus 
sechseckigen Täfelchen zierlich ge- 
bildeter Kranz den Innenkreis. 
Hier aber ist eine seltsameVariation 
dadurch entstanden, dass nur ein 
rechteckiger Streifen, dessen Mitte 
das Loch einnimmt, mit Mereschus 
ausgefüllt ist. 

Die Leute kommen jetzt, wie 
in den Kränzen von Perlen und 
Täfelchen, zu Motiven, von denen 
sie selbst noch nichts wissen. Wehe 
diesen Erzeugnissen, wenn der In- 
dianer sie nicht selbst erklären 
kann, und sie in die Hände eines 
durch seine Kultiu-brille schauenden 
weissen Mannes geraten! Auf 
einem Wirtel der Aueto sind Me- 
reschus im Kreise um die Mitte so angeordnet, dass sie sich mit den Seiten- 
ecken berühren: es entsteht eine »Rosette<-< oder ein zierlicher »Blumenkelch«. 

V. d. Steinen, ZentralBrasilien. , ib 




Abi) 



58. Schmuckwirtel der Auetö mit 
Mereschumuster. (*/, nat. Gr.) 



— 274 — 

Nachdem wir mit dem Mereschu mehr als zur Genüge vertraut worden sind, 
bUcken wir ohne Aufregung auf die Scheibe, Abbildung 58, mit dem aufrechten 
Kreuz. Die Figur entsteht nur dadurch, dass der Künstler, wie der Kamayurä 
oben beim Beijüwender Abbildung 54a, die Trennungsstriche als Hauptsache 
behandelt, während der Unbefangene, der nur diese Scheibe sähe, umgekehrt 




AIjIj. 59. Spinn wirte 1 der Kamayurä mit M er escliiim uster. ('/i nat. (Jr.) 



sich wenig darum kümmern würde, dass zwischen den Armen des Kreuzes noch 
einige ornamentale Dreiecke angebracht sind. Die Vierarmigkeit ist nur ein Zu- 
fall. Zwei andere herzlich kunstlose Stücke zeigen, Abbildung 59, ohne W^eiteres, 
dass es sich um nichts als die Zwischenräume zwischen den radial gerichteten 

Mereschus handelt. Doch sind diese drei Scheiben 
keine wirklichen Spinnwirtel, sondern Nachahmungen 
derselben zum Festschmuck. Leichte Korkscheiben bei 
den Auetö, Stücke Schildkrötenknochen bei den Ka- 
mayurä sind mit schwarzer Farbe ohne Ritzung bemalt. 
Sie werden um den Hals gehängt. In dem Kreuz- 
muster hat man das Loch des Wirteis ausgelassen. 
Dagegen hat man es auf den beiden andern Scheiben 
gross und breit hingemalt und sie in der Mitte nur 
für den Aufhängefaden durchbohrt. 

Ein Kunstwerkchen gleicher Art, in dem das 
Loch wirklich wie für die Aufnahme des Spindel- 
stocks breit gebohrt ist, zeigt uns in der Mitte das Bild eines vielstrahligen 
Sterns, ferner eines diesen umschliessenden schwarz punktierten Kreisbandes 
und endlich eines ringsum laufenden schwarzen Kranzes, in dem neben jedem 
der schwarzen Punkte ein weisses Scheibchen ausgespart bleibt. Die durch- 
löcherte Sonne von 15 schwarzen Sternen und 15 weissen Vollmonden umgeben: 
für den Symboliker mag es schwer zu entscheiden sein, ob sich mehr die 




Al)h. 00. 

S c li m u clc \v i r t e 1 de r A u e i i 

mit Wir te Imotiven. 



Erklärung empfiehlt, dass hier ein Zauberer der Aueto den Weltuntergang 
prophezeit, oder die, dass er eine geheimnisvolle Ursage seines Volkes über 
die Schöpfung des Firmaments verkündet. In der That ist die niedliche 
Schmuckscheibe ein rein ornamentales Erzeugnis. Nur sind die Motive nicht ganz 
so weit hergeholt. Sie werden uns in roherer Ausführung auf den beiden Seiten 
eines anderen Schmuckwirteis, Abbildung 6i, einzeln verständlich überliefert. 

Vorher betrachte man sich noch einmal die beiden Wirtel von Abbildung 59, 
wo das eckig runde Loch von Mereschus umgeben dargestellt ist. Die Schmuck- 
wirtel enthalten die Bestandteile der Arbeitswirtel nach Auswahl. Auf der grossen 
Kreuzmusterscheibe war das Loch ausgelassen, in Abbildung 61 bilden neben den 
Uluris die Lochkreise von 59 das Motiv. Während auf den Arbeitswirteln die 
Zeichnung erst eingeritzt und mit Farbe verschmiert wurde, hat auf den Schmuck- 
wirteln bei direktem Aufmalen die Farbe grössere Freilieit; breit w^erden um das 





Abli 61. Sclimuckwirtel der Kamayurd. \'order- und Rückseite, ('/i nat. CJr.) 

zentral gemalte Loch die Uluris hingesetzt (Abb. 61) und mit ebenso vielen am 
Randkreis durch Schnüre verbunden; in die freibleibenden Vielecke werden das 
eine mal ringsum sechs Lochkreise mit den Bohrlöchern, das andere mal sieben 
Bohrlöcher eingetragen. Abgesehen von diesen Zusätzen ist die Grundanlage der 
beiden Schmuckwirtel bereits in dem Arbeitswirtel mit dem getäfelten Kranz 
(Abb. 57) gegeben, dessen schon reduziertes Mereschumuster nur ganz fortfällt 
und dessen zahlreiche Uluris auf 7 oder 6 vermindert sind. So kommen 
die Uluris dazu, einen »Stern« zu bilden, dessen Spitzen freilich mit ihrer Ver- 
längerung zum Rand hinüber an diesen beiden Schmuckscheiben noch der geo- 
metrischen Reinheit Hohn sprechen. Stern, Lochkreis und Bohrloch sind nun von 
dem Künstler der kosmologischen Schmuckscheibe (Abb. 60) in freier Kompo- 
sition, die jedem Element eine eigene Stelle anwies, nach der Reihe abge- 
zeichnet worden. 

Die hölzernen Spinnwirtel waren sehr selten mit Ritzmustern verziert. 
Doch haben wir auch zwei gefunden, auf die man ein Muster geschnitzt hatte. 

18* 



- 2/6 



Ich schliesse die Abbildung des einen hübscheren, der auf beiden Seiten geschnitzt 
war, hier an; aus der übhchen Ritzkunst der Wirtel hervorgegangen, stellt die 
Arbeit den einzigen Fall von Flachschnitzerei dar. Die zuerst abgebildete Seite 

wolle man mit dem Kreuz- 
wirtel vergleichen, Seite 273. 
Die vier dreieckigen Segmente 
sind die halben Mereschus ; die 
Strichkontouren der Zeichnung 
wurden erhaben herausge- 
schnitzt, die so entstehenden 
Seitenleisten nach der Mitte 
geführt und die fünfeckigen 
Felder, die sich uns wiederum 
als die Hauptsache aufdrängen 
möchten und die doch nur von 
der Mereschu- und Lochum- 
randung übrig bleiben, voll- 
ständig geebnet. Auf der 
andern Seite des Wirteis sind 
zwischen den vier halben vier 
ganze Mereschus ausgeschnitten, 
und das Loch umgiebt, wie 
oft auch bei den Ritzmustern, 
ein fünftes zentrales. 

Benialung der Töpfe. 
An den Thonnäpfen, die Tiere 
darstellen, ist gelegentlich, vgl. 
die Abbildung 87 des Eidechsen- 
topfes in dem Abschnitt über 
die keramische Plastik, die 
Zeichnung des Tieres nachge- 
ahmt. Häufiger sind die mittel- 
grossen und grossen Töpfe be- 
malt und zwar an der Aussen- 
wandung mit parallelen senk- 
rechten Streifen und mit Mustern 
ausser auf dem Boden. Be- 
sonders häufig sieht man die 
Tätowierungslinien der Mehinakü angebracht, die die Schulterblätter in Winkeln 
oder in Bogen innen umziehen. Die Tafel 1 5 mit den grossen Töpfen zeigt 
uns auf dem Topfboden links oben dieses Motiv in bereits reicherer Gestaltung, 
indem die Bogen nicht nur doppelt sind, wie auch bei der Tätowierung selbst 




Abb. 62. Geschnitzter Holz wirtel der AuetcL 
ni)er- und Unterseite, ('/j nat. Gr.) 



— 277 — 

schon vorkommt, sondern dreifach und zwischen die beiden inneren Tüpfel 
und zwischen die beiden äusseren Schlangen -Zickzacke gemalt sind. Kleinere 
Bogen, wie die Frauen sie auf den Armen tätowiert haben, sind oberhalb des mit 
h^arbe ausgefüllten Mittelfeldes angebracht. Der Topfboden im Vordergrund ent- 
hält einen Mittelkreis mit Netzwerk und ringsum das Schlangen -Zickzack sowie 
ein paar Striche in der Richtung der Seitenstreifen. Die Zeichnung ist unregel- 
mässig genug, um uns davor zu bewahren, dass wir in ihr einen »Stern« erblicken, 
an den die Indianerin nicht gedacht hat. 



III. Plastische Darstellung und Keramik. 

Einleituii|i,r. K e ttenf igürcheii. .Strohfiguren. Lehmpuppen. Wachsfiguren, llulzfiguren 
(Tanz-Vögel und -Fische, Mandioka- Grabhölzer, Beijuwender, Kämme, Schemel). Töpfe. 

Die Kunst der Indianer, körperliche Formen nachzuahmen, ist ungleich weiter 
fortgeschritten als die der Zeichnung. Sie hat von vornherein, wie Ricci auch 
für die Versuche der Kinder hervorhebt, den grossen Vorteil, dass die per- 
spektivischen Schwierigkeiten wegfallen. Die Teile mögen ungeschickt herausge- 
arbeitet sein, sitzen aber doch an ihrer richtigen Stelle, es i.st nicht nötig, sie an 
einen falschen Platz zu setzen, um sie zu zeigen. Genau so wie in der Zeichnung, 
ja, da die Zahl der Motive weit ansehnlicher ist, in grösserem Umfang tritt hier 
das Tiermotiv hervor. Abgesehen davon, dass Töpfe als Kürbisse dargestellt 
werden, aus denen sie wahrscheinlich hervorgegangen sind, handelt es sich ganz 
allein um Nachahmung von Tieren. Nur in der Tanzkunst tritt noch eine gleich 
unerschöpfliche Fülle von Motiven hervor, die der Freude am Jägerleben und 
seinen Beobachtungen entspringen. 

Auch in der plastischen Kunst lässt sich noch deutlich erkennen, dass sie 
von Haus aus nur beschreibend ist. Wir dürfen hier nicht erwarten, den Weg 
soweit zurückverfolgen zu können, wie bei der Zeichnung, deren beste Leistungen 
noch eine Art kartographische Aufzählung der charakteristischen Merkmale bleiben 
und diese selbst noch in der geometrischen Umgestaltung konservieren, allein wir 
haben hier einen andern Hinweis, der nicht minder deutlich ist. Bei dem Bilden 
körperlicher Formen tritt das zu bearbeitende Material in viel höherem Grade in 
den Vordergrund als beim Einritzen von Linien. Wie der Reim häufig den Ge- 
danken Hefert, so liefert auch eine schon vorhandene Form häufig das Motiv. 
Da zeigt sich denn eine ganz auffallende Genügsamkeit in den charakte- 
ristischen Merkmalen, die beansprucht werden; eine behebige kleine Aehnlich- 
keit reicht aus, um das Objekt für ein bestimmtes Geschöpf zu erklären. Auf einer 
höhern Stufe schmückt der Eingeborene einen Gebrauchsgegenstand durch ein frei 
erfundenes Motiv, und dieses verfällt alsdann der geometrischen Stilisierung genau 
so wie die Zeichnungen. 



— 2/8 



Kettenfigürchen. Die knappe Charakterisierung fällt am meisten bei den 
Figürchen auf, die an den Halsketten, zumeist der Säuglinge und kleinsten Kinder, 
zwischen den Samenkernen, Muschel- und Nussperlen aufbewahrt werden. Das 
Material ist ganz gleichgültig. Ein Stück aus der Windung der rosafarbigen 
Schncckenschale hat einen Rand, der in unregelmässigen Vorsprüngen und Aus- 
buchtungen verläuft: das ist ein Krebs. Aus der Schale des Caramujo branco, 
Orthalicus melanostomus, schneiden die Bakairi Vögel und Fische aus. Wir sehen 
ein schildförmiges Stück, den Rumpf, das sich unten in einen schmäleren Schwanz 
und oben in eine Art Halsstück fortsetzt (Abb. 6t,). Dieses »Halsstück« ist aber 
der Kopf, häufig seitlich durchbohrt, um die Schnur aufzunehmen, und erscheint 
ganz nebensächlich behandelt. Ist das Schwanzstück wie eine Flosse eingeschnitten, 
so haben wir statt des Vogels einen Fisch vor uns. 

So sind auch kleine Stücke des grünlichen, schwarzge- 
sprenkelten Steins der Steinbeile: Fische, wenn sie platt sind, 
oder Vögel, wenn sich der walzen runde Leib zum Schwanz 
abplattet. Der Natur wird durch Schleifen etwas nachgeholfen. 
In der Abbildung 64, Seite 279, zeigen die beiden ersten Ketten 
durchbohrte Steinscheiben (Durchmesser 2 — 3 cm) und Stein- 
zilinder (3 cm lang) zwischen den Nussperlen, wie sie die Trumai 
und Yaulapiti herstellen, in der dritten sind diese Gebilde 
von den Nahuquä aus Thon, in der vierten von ihnen aus 
dem durchsichtigen bernsteinartigen Jatobä - Harz (Hymenaea) 
nachgeahmt; auch die dritte Kette enthält eine Harzperle. 
An der ersten und vierten Kette ist ein Vogel aufgereiht. 
Der Steinvogel, bei dem ein Knöpfchen als Schnabel erkenn- 
bar ist, wird als Taube bezeichnet. Auch die birnenförmigen 
Steine der Wurfpfeile werden in kleinem Format an den Ketten 
getragen, angebunden, nicht durchbohrt, und zwar fanden wir 
sie auch bei den Mehinakü importiert, die weder die Steine 
noch überhaupt Wurfhölzer haben. 
Aus Nussschale und Knochen werden ähnliche Figuren geschnitzt. Bei den 
Mehinakü erwarben wir ein 7 cm langes Stück Bagadüfisch-Knochen, ein Viereck 
mit bogenförmig ausgeschweiften Seiten, das einen Vierfüssler darstellt, während 
ein kleineres Stück einen Rochen mit Schwanz und daneben den Bauchflossen 
wiedergiebt. Leider habe ich zu spät erfahren, dass den Figuren stets ein be- 
stimmter Sinn unterlegt wurde, und kann deshalb von manchen nicht sagen, was 
sie bedeuten. Hier ist alles Raten zwecklos. 

Strohfigureii. Wer sich noch zutraut, die Bilder und Figuren des Indianers 
immer deuten zu können, den hätte ich gern in der Hütte der Bakairi, die den 
'grossen Fries enthielt, neben mir gehabt, nicht einmal so sehr wegen der auf- 
gemalten Ornamente als wegen eines Flechtmusters, das sich über der Thüre 
befand. Als uns der Hausherr die Abbildungen erklärt hatte, führte er uns vor 



Abb. 63. 

V o g e 1 f i g u r aus 

Muschelscliale. 

(% nat. Gr.) 



279 — 



diese Thüre als ob er sagen wollte: >;nun habe ich hier noch ein kleines Kunst- 
werk«. Es befand sich dort ein Flechtwerk aus dünnen, querliegenden schwarzen 
Reisern und vertikal gespanntem gelbem Stroh. Man erblickte zwei Reihen von 
Quadraten zwischen drei Stangen, in diagonaler Richtung abwechselnd von links 
oben nach rechts unten und von rechts oben nach links unten so geteilt, dass 
jedes von ihnen durch ein schwarzes Reiserdreieck und ein gelbes Strohdreieck 
zusammengesetzt war. Diese Dreiecke erklärte der Bakairi für »Schwalbenfedern« 
„tartga yuchüto''^ . Die iär'iga ist eine 
schwarzgelbe Schwalbe*), während 
die tri schw^arzweiss ist. Offenbar 
stellten die gelben Dreiecke des 
Musters die Flügel dar. Es handelt 
sich keineswegs um ein zufälliges 
Muster, denn danach war weder 
der besondere Hinweis, noch die 
umgebenden Abbildungen, nocli die 
Zusammensetzung mit den Reisern 
angethan. Allein jeder Zweifel 
schwand, als der Indianer uns im 
Innern von zwei Quadraten, die 
sonst nur aus querliegenden Reisern 
gebildet waren, mehrere schmale, 
an luid für sich ganz zwecklose 
Flechttouren zeigte, wo ein wenig 
gelbes Stroh aufgewickelt war, und 
nun erklärte: »Kapivara - Zähne«. 
Zähne also von Hydrachoerus ca- 
pybara oder Wasserschwein, dem 
grossen Nagetier, das sich durch 
gewaltige Schneidezähne, die Meissel 
der Eingeborenen, auszeichnet. So 
ungefähr konnte man zugeben, waren 

die Umrisse ähnlich, allein- von selbst wäre kein Europäer auf diese richtige 
Deutung verfallen. Endlich sahen wir im Künstlerhaus der Auetö einen geflochtenen 
Streifen, den sie uns als »Fischgräten« bezeichneten. Es war dieselbe Figur 
wie Nr. 5, Tafel 20. . 

Ich würde diese Beispiele schon früher bei den Zeichnungen und nicht hier 
angeführt haben, wenn sie sich nicht an eigentümliche Flechtfiguren oder -püppchen 
anschlössen, die wir bei den Nahuquä fanden. Von den beiden Abbildungen 65 und 66 
ist die eine leicht verständlich und für den Kindergarten brauchbar, sie stellt eine 




Abb. 64. Kettenfigürchen. ('/^ nat. Gr.) 



*) In meinem Buch »Die Bakairi'-Sjir.iche« 
angegeben. 



P- 3 



9, irrtümbch als liall) schwarz, liall) »weiss« 



28o — 




Abb. 65. Kröte. 
Nahiiqua. [^^/^ nat. Gr.) 



Kröte vor; die andere jedoch würde ich wenigstens, und wenn ich ein Jahr darüber 
nachgedacht hätte, nicht richtig gedeutet haben. Wir haben in ihr ein Reh an- 
zuerkennen! Es ist in der That auch ganz einfach. I^>stens darf ich davon aus- 
gehen, das es ein Tier ist; dann muss das kräftiger herausgeliobene Eckstück 
rechts der Kopf sein, und ich habe somit ein vierfüssiges 
Tier, während ich mich um die drei Rückengipfel nicht 
mehr kümmere, da ein Nahuquä kein Dromedar oder 
Kameel, geschweige ein Tier mit drei Erhöhungen auf dem 
Rücken kennt. Es muss ferner ein solches vierfüssiges 
Tier sein, für das der Schwanz, weil er fehlt, nicht 
charakteristisch sein sollte. Was icli aber von Füssen sehe, 
ist den Hufen des Rehs am ehesten entsprechend. So 
hinke ich mit meinen Schlüssen langsam hinter denen des 
Nahuquä her, während der Indianer eines anderen Stammes 
nach kurzem Besinnen von selbst die richtige Lösung findet. 
Wie ich bei den Zeichnungen schon der Bororo ge- 
dacht habe, möge deren analoges Fröbelspielzeug auch in 
diesem Zusammenhang vorgenommen werden. Das gefaltete 
Stückchen Palmblatt, Abb. öy links, stellt eine »Bororö- 
r^rau« vor, das heisst es ist nichts als die Schambinde 
mit dem sie festhaltenden Rindengürtel. Ein »Bororo-Mann« 
wurde dargestellt, indem man den Palmblattstreifen auf 
gleiche Art faltete und nun nur einen Faden quer darum 
band, die Leibschnur, die er neben seinem Stülp trägt und 
auch lange vor Erfindung des Stulps getragen hat. 

Eine besondere Gruppe von Strohfiguren 
sind die der Baka'i'ri-Tanzfeste. Ich werde 
sie bei den Masken zu besprechen haben. 
vSie stellten Tiere dar und wurden auf dem Kopf 
getragen. Spannenlange Puppen dienten als 
Kinderspielzeug und wurden auch im Dach 
der Festhütte an einer Stange aufgesteckt zum 
Zeichen, dass man Mummenschanz feiere; sie 
verkündeten aller Welt: »Heute grosses Tanz- 
vergnügen«. Die beiden Püppchen der Ab- 
bildung 68 scheinen sehr ausdrucksvoll zur 
Fröhlichkeit aufzufordern. Grösseren Stroh- 
figuren, die nicht als Kopfaufsätze dienten, begegneten wir 1884 vor dem zweiten 
Bakaü'idorf am Batovy, »Kurz vor dem Ausgang des Waldes trafen wir eine 
wunderbare Aufstellung von ungefähr einem Dutzend Tiergestalten längs einer 
Seite des Pfades, wahrscheinlich Ueberbleibsel eines h^estes.« (Sie sollten die Teil- 
nehmer der Nachbardörfer begrüssen). »Sie waren aus Laub und Stroh verfertigt, 




Abb. 66. Reh. 
Nahuquä. ('/j n^t. Gr.) 





Ablj. 67. Frauen- und Männerfigui 
Bororö. ('/g nat. Gr.) 



28l — 





Abb. 6S. Auf f urder ung zum Tanz, 
Bakairf. ('/g nat. (Ir.) 



meist Vierfüssler mit langem, dünnem Körper, fast nur aus Wirheisäule und lioiien 
Beinen bestehend; die grössten reichten uns bis an die Hüften. Ein Ding, das 
offenbar ein Affe sein sollte, kletterte eine Stange hinauf.« (Durch Central- 
brasilien, p. i68.) 

Ungemein charakteristisch für das Vergnügen an der Kunst sind die Mais- 
figuren, beinahe ausschliesslich Vögel, die wir am schönsten im zweiten Bakairi- 
dorf trafen. Dort hingen sie fast truthahn- 
gross von der Wölbung der Kuppel an einer 
langen Schnur herunter, ein seltsamer An- 
blick für den Eintretenden, der gewiss an 
Idole und Fetische dachte. Aber diese 
braven Vögel waren nichts als liebevoll 
ausstaffierte Maiskolben, die in ihrer natür- 
lichen Strohhülle aufbewahrt wurden. Ich 
habe Figuren verzeichnet von der Harpyia 
destructor, einer grossen und einer kleinen 
Falkenart, dem Schlangenhalsvogel und 
dem Jabirü oder Riesenstorch. Eine 
menschenähnliche Figur, eine Puppe mit 
einem Knopf oben statt des Kopfes, stellte 
den Imoto- Tänzer in seinem Strohanzug 
dar. Sonst waren es immer Vögel und 
zwar grosse Vögel. Oefters waren ein paar 
echte Schwanzfedern eingesteckt oder dem 
Maisstroh einige farbige Bänder aufgemalt. 
Die nebenstehende Harpyia destructor 
(Abb. 69) ist durch den starken Schnabel 
und die Holle gekennzeichnet, die Schwanz- 
federn sind schwarz gebändert; mit Liebe 
sind die Zehen aus gedrehtem Stroh ver- 
fertigt und, wo der Lauf aus dem Ge- 
fieder der Schenkel hervortritt, befindet 
sich eine Abschnürung. Imposanter war 
der Tujujüstorch; er hing mit ausge- 
breiteten Flügeln! Ein dicker Maiskolben bildete als Mittelstück den Körper; 
nur an ihm war der Stiel nicht abgeschnitten, sondern bildete weit vorragend 
den etwas dünnen, aber langen Schnabel. Auf jeder Seite waren elf Maiskolben 
nebeneinander zwischen ein paar Reisern eingespannt, und diese schöne schwebende 
Brücke stellte nunmehr die Mycteria americana dar, deren einzelne Teile nach der 
Reihe abgebrochen und geröstet wurden. Nichts Geheimnisvolles, nichts Symbo- 
lisches, nur ein Storch, den der Bakairi dem erstaunten Europäer knusprig zu 
braten gern bereit war. 




Abb. 69. Maisfigur: Harpyia des tructur. 
Bakairf. (7,^ nat. (Jr.) 



!82 



Lehnipuppen. Eine ähnliche unerwartete Verbindung des Schönen und 
Nützhchen zeigt eine rote schwere Lehmpuppe, 30 cm lang, 24 cm breit und 7 cm 
dick, Abb. 70. Vier rundliche Stummel, die durcli zwei seitliche und eine untere 

Ausbuchtung des Körperklumpens erzeugt werden, 
sind die Extremitäten, ein kubischer ungeschlachter 
Vorsprung das Haupt. Zwei Löchlein die Augen, eine 
Vertiefung der stark abwärts gerutschte Mund und 
ein Löchlein wiederum der Nabel. Dieser rote Lehm- 
mann ist eine essbare Kinderpuppe. Er besteht aus 
dem Stoff, von dem die Bakairi sagen, dass ihre Gross- 
väter ihn verzehrten, bevor sie die Mandioka kannten. 
Heute wird der schwere fette Teig wohl kein ge- 
schätzter Leckerbissen mehr sein. Zum Spielen ist 
die Puppe nach ihrem Gewicht auch wenig geeignet. 
Dass die Kinder daran schleckten, wurde mir ange- 
geben. Doch haben wir ähnliche Puppen aus weiss- 
lichem, härterem, nicht essbarem Lehm gefunden und 
bei den Kulisehu-Indianern nichts vom Lehmessen bemerkt, während ich bei den Bo- 
rorö allerdings gesehen habe, dass sie von der Wand des Stationshauses, vor der wir 
plaudernd standen, wie in Gedanken Stückchen abbrachen und aufmummelten. 




AIjI). 70. Lehmpup]:)c. 
Bakairi. (Vg— V7 "^t. Gr.) 





Abb. 71. Thon puppe. Aue tu. (^/^ iiat. Gr.) 



Bei den Bakairi entdeckten wir eine kleine weibliche Puppe aus gebackenem 

Thon, die sie den AuetÖ zuschrieben, die einzige ihrer Art. Bei den Auetö 

selbst fanden wir nichts Aehnliches. Die Arme sind dicht am Ansatz, die Beine 

f- 
etwas tiefer uimitten der unförmlich angeschwollenen Oberschenkel abgebrochen. 



28^ — 




Abb. 72. Wachsfigur: 

X a 1j e 1 s c h w c i n. Mehinakü. 

(7, nat. Gr.) 



Von dieser Elephantiasis abgesehen ist die Modellierung gar nicht so übel. Be- 
sonders der Rumpf ist lobenswert, der Nabel sitzt an der richtigen Stelle, und 
der Rücken erscheint sowohl in seinem Verlauf mit der Furche der Wirbelsäule 
als dort, wo er aufhört, mit einer etwas tief eingeschnittenen Teilung frei von 
allem Schematismus. Der Kopf erinnert an den eines Eskimo in der runden 
Kapuze, was einmal von dem Fehlen des Halses herrührt und dann an der 
flachen Vertiefung liegt, die unterhalb des Haarrandes für das Gesicht gegraben 
wurde und in der man die Nase stehen Hess. An dem Lehmmann der Bakairi 
ist bei genauerem Zusehen zu erkennen, dass man 
auch eine (nur äusserst flache) Vertiefung für das Gesicht 
angelegt hat. 

Wachsfiguren. Wiederum wie beim Mais nur 
eine kunstsinnige Art, das Material aufzubewahren. 
Das schwarze Wachs wurde, und zwar am hübschesten 
bei den Mehinakü, zu niedlichen Tiergestalten geformt 
und so aufgehängt oder auch in den Korb gelegt, 
bis man es gebrauchte. Bei den Bakairi fanden wir 
eine menschliche Figur, besser als die Lehmpuppen 

modelliert. Die zivilisierten und zum Christentum bekehrten Indianer haben den 
alten Brauch dahin verändert, dass sie Heiligenbildchen aus Wachs herstellen und 
verkaufen. Am bildsamen Wachs zeigte sich am besten, was die Künstler ver- 
mögen. Einige Tiere waren sehr 
gut modelliert, so das kleine, 
6,5 cm lange Pekari oder Nabel- 
schwein der Abbildung 72, Di- 
cotyles torquatus. Die Augen 
sind durch ein paar Muschel- 
plättchen wiedergegeben , die 
Nasenlöcher der Rüsselschnauze 
tief eingestochen. Von den 
Säugetieren sahen wir sonst noch 
den grossen Sumpfhirsch und 
einen Brüllafien als Wachs- 
figuren. Häufiger waren die hängenden Vögel, oft rot bemalt. In der Illustration 73 
sehen wir eine Karijo-Taube; die Figur, 15 cm lang, mit den kurzen Flügel- 
stummeln, war recht steif geraten. 

Holzfiguren. Beim Tanzschmuck werde ich die geschnitzten und bemalten 
Holzmasken für sich behandeln. Die Bakairi, deren Festputz zumeist aus Stroh- 
mützen, Strohanzügen und auf dem Kopf getragenen Strohtieren bestand, 
schnitzten für ihre Kopfansätze Vögel aus leichtem Holz. Vom Batovy haben 
wir 1884 ein wundersames Kopfgerüst mitgebracht (abgebildet »Durch Central- 
brasihen« p. 322), wo sieben buntbemalte Vögel drei langen mit Baumwollflocken 




Abb. 73. 



\\'achsfii,Mir; Karijo-Taube. Mehinakü. 
(V3 nat. Gr.) 



284 



umwundenen Stäbchen aufsitzen, Vögel, die ich damals für Schwalben hielt, mittler- 
weile aber als Sanyassü (Tanagra Sayaca Neuw.) bestimmen konnte. AehnHche Vögel 
sind auch die in Nr. 74 abgebildeten, von denen der grössere einen Falken, der 
kleine den hurtigen Strandvogel Massarico (Calidris arenaria) darstellt; sie waren 
zahlreich im dritten Bakai'ri'dorf am Kulisehu vorhanden. Der Hals ist scliarf 

vom Körper abgesetzt, einige Linien veranschau- 
hchen die Zeichnung des Gefieders und ein rechts 
und links durch den Leib gesteckter und unten 
wieder mit seinen Landen zusammengefasster langer 
Halm stellt die Beine dar. 

Am Batovy haben wir (Abb. 75) aus harter 
Rinde plump geschnitzte, zum Aufhängen durch- 
bolirte Fische gefunden, 30 — 40 cm lang, platt 
und breit mit Flossen oder bandartig ohne Flossen 
und den Kiemendeckel durch einen Bogen markiert, 
wie an den Rautenzeichnungen der Fische eine Ecke 
ausgefüllt ist, um den Kopf darzustellen. Aehnliche 
Fische fanden wir 1887 bei den Nahuqua. Hier 
sind es aber Scli wirr holz er, die ich in dem 
Kapitel »Maskenornamentik und Tanzschmuck, III.« 
unter den Musikinstrumenten besprechen werde. 

Die Mandioka - Grabhölzer zeigten 
bei den Mehinakü eine geschnitzte Verzierung 
von grossem Interesse. Das gewöhnliche 
Grabholz ist ein 60 — 65 cm langer, glatter 
und spitzer Stock aus hartem Holz genau 
von derselben Form wie das mit dem Me- 
reschumuster verzierte und mehrfach um- 
flochtene Schmuckholz der Abbildung yG. 
Diese spitzen Hölzer ersetzten den Spaten. Nun fällt es sinnigen Gemütern 
bei, an dem stumpfen Oberende des Stockes eine Grabwespe, ein Tierchen, 




Abi). 74. IIulzfitTiircn: Fall 

und Massaricu. liakairi. 

(7,. nat. Gr.) 




Abi). 75. Ilolzfisch der Batovy- 
Bakairf. ('/y "^l- ('•'•) 



Abb. 76. M an di okagrab er als Rückenhol/,. Bakairf. ('/g "f^t- Gr.) 



das auch den Sand aufwirft, mit Kopf und einem Teil des Leibes zu 
schnitzen. Vgl. Abb. jy. Das erste Bild der Serie zeigt uns dieses Motiv im 
ersten Stadium, wir sehen den eingeschnürten Leib scharf abgesetzt und daran 
den Kopf mit jederseits einem Auge aus Wachs (vgl. auch Abb. 78). In den drei 
folgenden Bildern ist die Figur stilisiert, das letzte, eine einfache Spitze, scheint 
mit dieser Entwicklung nicht zusammenzuhängen, doch fällt es auf, wie das 



— 285 — 

Spitzenstück auf freiem Rand abgesetzt ist. Figur 2, 3 und 4 sind also stilisierte 
Grabwespen ; sie wären ebenso wenig als solche noch zu erkennen wie die Pferde- 
köpfe auf manchen Giebeln der pommerschen Bauernhäuser, wenn man ihre Ge- 








Alil). 77. (iralj wespen-Mo tiv der Maudiokahölzer. Alehinaki'i. (*/^ nat, (Ir.) 



schichte nicht besässe, und würden ohne diese gewiss für rein ornamental gehalten. 
In unserm Fall ist das Motiv wirklich motiviert; die Indianer machten mir lachend 
vor, dass sie selbst den Boden aufreissen, wie die 
Grabwespe wühlt und den Sand emporwirft. Die 
Mehinakü nannten sie kuküi, die Bakairi koingkoing. 

Die halbmondförmigen Beijüwender, die 
auf beiden Seiten bemalt zu werden pflegen, er- 
hielten bei den Mehinakü einen in Tiergestalt 
geschnitzten Griff. Die Scheibe des Beijüwenders 
galt meist als Vogelkörper, der sich in einem langen 
Hals mit Kopf fortsetzte. In der Abbildung 78 
ist der Kopf eines Löffelreihers, Platalea Ajaja, 
dargestellt. Daneben befindet sich eine Schlange 
mit dem bekannten Zickzack, diesmal in Holz. 
Die Beijüwender sind meist 12 oder 13 cm breit, 
und mit dem Griff 30 — 35 cm lang. Das grösste 
Stück der Sammlung, eine Scheibe ohne Griff, ist 
43 cm lang und 19V2 cm breit. Bei den Mehinakü, 
den Mehlleuten des Kulisehu, fanden wir auch ein 
Unikum von Beijüwender, der eher eine Keule zu 
sein schien. Diese Kuchenangriffswaffe war ein 
schmales, 86 cm langes, 1 1 cm breites Brett, dessen 
beide Seiten wellenförmig ausgezackt waren. 

Die Kämme waren bei den Mehinakü und Nahuquä durch Schnitzerei ver- 
ziert. Harte Holzstäbchen bilden die Zinken, sind in ihrem mittleren Teil an- 
einandergeflochten und zwar häufig mit hübschem Rautenmuster, und werden 
oberhalb wie unterhalb des Geflechts noch durch ein Paar querer Bambusleisten 




Abli. 78. Beijüwender und 

Ma udiokaholz. Mehinakü. 

(Vg nat. (;r.) 



286 — 




Ab 



79. Kamm. Aueti'i. ( '/^ nat. Cr.) 



zusammengehalten. Vgl. den Aueto-Kamm, Abb. 79. Eine fortgeschrittene Technik 
ersetzt die aneinandergebundenen Leisten durch Querhölzer, in denen eine Längs- 
platte ausgeschnitten ist; durch diese wird der Kamm hindurchgeschoben. Solchen 

bis zu 18 cm langen Kammhaltern 
werden an jedem EndeTierfigürchen 
aufgesetzt, sodass ein Kamm deren 
vier hat. Die Leute konnten aber 
mit ihrem Handwerkszeug von 
Fischzähnen und Muscheln keine 
zierlichen Figürchen zu Stande 
bringen. Der Kopf blieb meist, 
wie die Bronzepferde unserer Denk- 
mäler sich häufig einen Pfosten in 
den Leib gerannt zu haben scheinen, 
durch einen »Rüssel« mit der Basis 
verbunden; würden die Kämme 
ausgegraben, so Hesse man die unbekannten Verfertiger 
schleunigst aus Gegenden eingewandert sein, wo es 
Elephanten oder Walrosse gäbe. Die Figuren des in 
Nr. 80 abgebildeten Kamms der Mehinakü sind Jaguare; 
ähnliche und für uns nicht minder schwer bestimmbare 
der Nahuquä stellten das Aguti, Dasyprocta Aguti, 
ein springendes, hasenartiges Nagetierchen vor. Auch 
hier sind die Motive für den Kamm verständlich. Der 
bunte Jaguar und das Aguti »oder, wie es seines 
hübschen Felles wegen auch wohl heisst, der Gold- 
hase, eines der schmucksten Glieder der Familie« 
(Brehm, Säugetiere II p. 583), dessen lebhaft glänzendes 
Haar bei den Bewegungen des Tieres oder wechseln- 
der Beleuchtung ein niedliches F'arbenspiel zeigt, 
sind beide durch auffallend schöne Behaarung ausge- 
zeichnet. Dabei putzt sich das Agutf 
noch eifriger als die Katze. 

Die Hauptwerke der Schnitzkunst 
sind die Sitzschemel. Es ist be- 
merkenswert, dass die Bakäiri sie api'ikd 
und die Auetö und Kamayurä apükdp 
nennen; jenes erstere ist das Lehnwort, 
da das Tupf den zugehörigen Verbal- 
stamm ai/pff sich setzen etc. besitzt. Die einfachste Form (Abb. 81) besteht aus einer 
rechteckigen leicht konkaven Sitzplatte und zwei ihrer Länge nach gerichteten Stütz- 
brettchen mit schienenartiger Verlängerung vorn und hinten, alles jedoch aus einem 




Al)b. So. ]\amm mit Jaguaren. 
Mehinakü. (^/^ nat. (ir.) 




Abb. 81. Schemel. (7,^ nat. Gr.) 



— 28; — 

Stück gearbeitet. 42 cm lang, 19 cm breit und 14 cm hoch ist eine Durchschnitts- 
grösse; es gab kleine Dinger 21 X 10 cm und 7 cm hoch, auf denen zu sitzen 
ein Kunststück war. Weder von diesen einfachen noch von den kunstvoUeren 
waren viele Exemplare vorhanden, sie fanden sich jedoch immer in dem Hauptlinss- 
hause und wurden dem Gast angeboten. Die Sitzplatte erhielt zuweilen eine 




Abb. 82. Tujujd-Schemel. Kamayura. (Yg nat. Gr.) 

mehr ovale Form, die sich vorn und hinten in ein dreieckiges Schwanzstück ver- 
längerte, und stellte einen Fisch dar. 

Am häufigsten sahen wir Vogelgestalten. So erwarben wir bei den Kamayura 
(Abb. 82) einen Tujujü-Storch, Mycteria americana, und bei den Mehinakü (Abb. 8^) 
einen Nimmersatt, Tan- 
talus loculator, von den 
Brasiliern Jabirü oder 
Joäo grande, der grosse 
Hans genannt. Die bei- 
den Tiere sind haupt- 
sächlich durch die 
Schnäbel unterschieden; 
der des Nimmersatt ist 
ibisähnlich gebogen. Mit 
Vorliebe stellte man die 
grössten und ansehn- 
lichsten Vögel dar. So 

fanden wir bei den Mehinakü einen prächtigen Königsgeier, Sarcoramphus papa, oder 
roten Urubü. Die roten Warzen, die dieser prächtige Raubvogel zwischen dem 
Schnabel und den Augen hat, waren sorgfältig geschnitzt. Der hier abgebildete 
Schemel der Trumai (Abb. 84) soll den weissen Urubü darstellen; ihm fehlen 
die Warzen. Merkwürdigerweise hat man ihm zwei Hälse und Köpfe gegeben, 
sodass wir hier den Stuhl des Häuptlings in Gestalt eines Doppeladlers sehen; 
es sollen Männchen und Weibchen sein. Etwas prosaisch ist dem gegenüber die 




Abb. 83. Nimmersatt-Schemel. Mehinakü. ('/g nat. Cr.) 



— 288 — 

Vertiefung auf dem Rückenschild, sie dient als Napf zum Zerkleinerti und Anrühren 
des Färbharzes. Bei allen Vöoeln sind die mit Schienen versehenen Stützbretter 

des einfachen Schemels 
erhalten geblieben, sie 
stehen nur mehr ge- 
spreizt und erscheinen in 
der Mittellinie des Bau- 
ches angesetzt. Stütz- 
bretter und Sitzplatte 
bestehen aus einem 
Stück, Die Oberfläche 
ist äusserst sorgsam ge- 
glättet. Von dem Doppel- 
geier sind die Maasse, die 
mit denen der übrigen 
übereinstimmen, fol- 
gende: 6i cm lang, 24 cm breit, 
25 cm hoch. 

Zwei Vierfüssler hal/en wir 
gefunden. Auch hier hat man 
höhere Typen gewählt. Die 
Stützbretter sind in vier Füsse 
umgewandelt. Bei den Nahuqua 
erhielten wir einen nicht sehr 
ansehnlichen Affen, 46 cm lang, 
cliarakterisiert durch Ohren, Nase und den langen horizontalen Schwanz. Der 
Rücken hat seine natürliche Rundung. Das Tier wurde bei den andern Stämmen 




AI. 



S4. Doppelgeier-Sch e ni e 1. 'rruniai. ('/^ nal. (Ir. ) 




Al)l). 85. Affen-Schemel. Nahuqud. ('/g nat. Gr.") 




Al)li. 86. Jaguar-Schemel. Mehinakii. ('/„ nat. (jr.) 



stets sofort richtig bestimmt. Das Prachtexemplar unserer Sammlung ist jedoch 
der Jaguar der Mehinakü, ein klotziges Geschöpf, 90 cm lang und 18 cm breit. 



TAF. XXIII. 



®£s* 



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^ü^r^-i^s^ 



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3. 



^ 



^^-~'- 



Jleclerm.aus . 




Hi^ ,i^ 

Tle deriniLU-S 



IFle dermales 




Re blixi'hjLi . 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien . 
BriLck Y.LeopKrcuäzßerUn, 



NacKtwaldtiei- 



Töpfe vom Kulisehu. 

Maas st- in- Centwutem . 



del. w. litÄ-V.Uwira ,Berlüv . 



TAF. XXIV. 




Wasserassel 



33. 



Eidechse . 



Vi' 



■■^ß^ 



' m" 




V^f^ 



Laöunenfisch 



26 



y 



ScMldkröte. 

27. 




Casc^ldofiscll.. 



25 



r, 

V 



KiiTbissch;ile . 



V. d SLemen, Zenli'al-Brasilien 
Druck v.Le^p Kraai Z.Berlin . 



J 



Fa.rbiopf. 

Töpfe vom Kulisehu 

Maasse tri Ce/iiimtlerri 



^^ 




WaldfrucM . 



del u. Uth y.Fw'ü'u .ßerli/h . 



— 289 — 

mit einem plumpen Kopf nebst wohlausgearbeitetem Hals, einem langen schild- 
artigen Rücken und einem langen etwas aufgerichteten Schwanz. Vortrefiflich 
sind die Katzenohren wiedergegeben, die Nase beschränkt sich auf eine unbe- 
stimmte Erhöhung, das Maul ist eine breite Querrinne und die Augen sind ein 
paar runde Unio-Muschelstücke mit Perlmutterglanz. 

Töpfe. Die Grundform der Thonnäpfe (vgl. Seite 241, 242), mit denen wir es 
hier allein zu thun haben, ist wie die der Kuyen halbkugelig bis fast halbeiförmig. 
Die auf den beiden Tafeln 23 und 24 gezeichneten Töpfe befinden sich sämtlich 
im Berliner Museum für Völkerkunde. Sie stammen aus beliebigen Dörfern, sind 
aber ausschliesshch von Nu-Aruakfrauen gemacht worden. Mit Ausnahme der 
Nummern 25, 26, 27 der zweiten Tafel sind alle Formen Tiermotive. Den Topf 
Nr. 26 erhielten wir bei den Mehinakü, er wurde den Wauräfrauen zugeschrieben, 
den Hauptkünstlerinnen der Nu-Aruakgruppe; er besteht aus rötlichem Thon, was 
die Aehnlichkeit mit einer wirklichen Kuye noch steigert, ist mit einem zierlichen 
Mereschu-Muster bedeckt und hat eine Schnur angebunden. Nr. 25, die stachlige 
Schale einer Waldfrucht, erwarben wir von der Familie der Yanumakapü-Nahuquä, 
die wir im Auetö- Hafen kennen lernten. Als Farbtöpfchen der Waurä, aussen 
am Rand gekerbt, gilt Nr. 2'] mit der »Pokalform«. Becher und Pokal sind noch 
nicht zu unsern Indianern gedrungen; auch diese F'orm enthält ein Kuyenmotiv, 
das ihr allerdings weniger anzusehen als anzuhören ist. Die flache Kugel am 
Grund ist nicht etwa nur für den bequemen Griff angesetzt, sondern stellt eben 
den wesentlichen Teil der plastischen Leistung dar, einen Rasselkürbis. Sie birgt 
im Innern ein paar Steinchen oder Kerne, die ein ziemlich schwaches Rasseln er- 
tönen lassen, wenn man den »Pokal« schüttelt. 

Während diese drei Töpfe einen freien Rand haben, sind alle übrigen durch 
eine kleinere oder grössere Zahl von Zacken ausgezeichnet. Diese auf sehr ver- 
schiedene Art modellierten Zacken charakterisieren das dargestellte Tier. Fast 
überall ist noch die Kürbiswölbung beibehalten, ja es ist unverkennbar, dass sie 
gerade der künstlerischen Idee die Richtung gegeben hat. Wie die gewöhnlich 
einfach halbmondförmigen Scheiben der Beijüwender den Tierkörper darstellen, 
sobald man einen als Hals und Kopf geschnitzten Griff ansetzt, genau so wird 
hier die gewölbte Schale zum Tierleib, wenn man mit den Randzacken Kopf und 
Gliedmassen ansetzt. Das ist also eine klare und eindeutige Entwicklungsgeschichte. 
Sobald einmal das neue künstlerische Element gewonnen ist, entfaltet es sich in 
selbständiger Freiheit, drängt zu wechselnder Gestaltung und verfällt in den be- 
liebtesten und oft wiederholten P'ormen rasch der Stilisierung. 

Die häufigste, weitaus häufigste Form des Topfes ist die mit dem Fleder- 
mausmotiv. Offenbar wird der indianische Sinn nicht von unsern verfeinerten 
Geschmacksrücksichten geleitet. Unsere Damen würden nicht angenehm berührt 
sein, wenn sie aus Fledermäusen, Kröten und Zecken speisen sollten; wir Männer 
können aber unsere Hände in Unschuld waschen, denn es sind Frauen, die jene 
unzarten Einfälle gehabt haben. Zu ihren Gunsten nehme ich an, dass sie in 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 19 



— 290 — 

ihrem Realismus durch die Farbe und Form der Ori;:;inaltiere beeinflusst und 
solche auszuwählen geleitet worden sind, deren Nacluihmung bei Töpfen am 
glückhchsten ausfallen musste. Die Fledermaus hat ausser ihrem rundlichen 
Rumpf genau die Farbe des Thons, und die ebenfalls nicht seltene Kröte (Nr. 21) 
kam in dem kreisrunden bauchigen Topf vorzüglich zur Geltung. Gürteltiere und 
Schildkröte sind ja überhaupt nur wandelnde Topfschalen und wurden deshalb 
auch der Nachbildung des Panzers an der Topfwölbung gewürdigt. Die mit dem 
angebundenen Schwanz von der Hängematte baumelnde Eidechse empfiehlt sich 
als gutes Haustier der freundlichen Beachtung. Endlich kamen noch der Kaiman 
und Cascudo- Fisch, beide panzerbewehrt, in mehreren Exemplaren vor. Die 
übrigen Motive sind Unica. 

Wir haben die folgenden Tiere in Nachbildungen gefunden und der Samm- 
lung einverleibt. 

Säugetiere: Zwei Arten Fledermaus (i — 6), Reii Seite 291, Eichhörnchen, 
Irara-Marder [Galictis barbara) (15), Faultier (16), kleiner Ameisenbär oder Ta- 
manduä mirim [Myi'mecophaga tetradactyla) , Gürteltier: sowohl ein kleines Tatü 
(14), als Tatü Canastra oder Riesengürteltier [Dasypus (Jigus), endlich ein nächt- 
liches Waldtier, das einem Gürteltier ähnlich sein sollte (13). 

Vögel: Weisser Sperber [Iktteo pteroclen) (12), Coruja-Eule (8), Taube (9), 
Makuko -Waldhuhn [Tracltypelnms hrasiliensis) (lo), Inyambü-Rebhuhn (11), Ente (7) 
und ein unbestimmter fliegender Vogel. 

Kriechtiere und Lurche: Trakajä-Flussschildkröte [Einys Tntea.cu) (20), 
Kägado- Schildkröte {Einys depressa), Jabuti -Waldschildkröte [Tmtudo tabidata), 
Kaiman, Eidechse (22), Sinimbü oder Chamäleon [Anolis), Kröte (21). 

Fische: Cascudo, Akara oder Harniscluvels [Loricaria) (24), Lagunenfisch 
(23), Rochen. 

Insekten und niedere Tiere: Karapato oder Zecke [Lvodc/i) (17), Krebs (19), 
Wasserassel (18). 

Das schönste Exemplar, die Trakajä- Schildkröte, Nr. 20, ist wirklich ein 
Kunstwerk, nicht so sehr, weil die Panzerzeichnung so sorgfältig eingeritzt ist, 
sondern wegen der ungemein glücklichen Modellierung von Kopf, Schwanz und 
Gliedmassen. Besonders die Vorderfüsschen legen sich so weich und natürlich 
um, dass man über das Formtalent und die Beobachtungsgabe der unbekannten 
Mehinaküfrau in Staunen gerät. Ich muss zu ihren Ehren feststellen, dass sie die 
Natur getreuer kopiert hat als der Berliner Zeichner und Lithograph ihre Nach- 
bildung. 

Bei einigen Tieren darf man eher von einem unmittelbaren Modell mit 
Höhlung als von einem Topf mit anatomischer Gliederung sprechen. So die 
Schildkröte 20, die Kröte 21, die Pledermaus i, die Eidechse 23, für die in der 
Zeichnung meines Vetters, Abbildung 87, auch noch die Körperbemalung sichtbar 
wird. Die Fledermaus ist besonders wegen der aufgespannten Flughaut, aus der 
die hinteren Extremitäten sorgfältig herausgearbeitet sind, bemerkenswert. In 



— 291 




Abb. 87. Eidechsen-Topf. ( '/s nat. Gr.) 



Nr. 2 sind die Zacken einfach geritzt, der Kopf mit den Augen hat ein Paar 
Striche für die Augen, die i.ibrigen Zacken haben zwei Paar Striche für die Linien 
der Flughaut erhalten. Diese Striche können fehlen, man sieht nur einen 
sechszackigen Topf und ist erstaunt, ihn regelmässig und bei den ver- 
schiedensten Stämmen als »Fledermaus« bezeichnet zu hören. In Nr. 3 und 4 
sind die Gesichtsteile noch genauer dargestellt, in Nr. 3 ist der Schwanz breiter 
als die Extremitäten-Zacken, in Nr. 4 sind die Beine und der Schwanz innerhalb 
der Flughaut wie in 
Nr. I vereinigt und nicht 
mehr markiert. Auch 
Nr. 5 und 6 waren Fle- 
dermäuse, doch sagte 
man, es sei eine an- 
dere, kleinere Art als 
die runden, sechszacki- 
gen Töpfe. Wir werden 
sofort an die gezeich- 
neten F'ledermaus- 
Rauten der Bakairi, 
Tafel 20, erinnert. 

Bei genauerer Betrachtung der Töpfe wird man bei den meisten wenigstens 
einigermassen verstehen können, was als charakteristisches Unterscheidungsmerkmal 
gilt. Wenigstens eins der drei Elemente Kopf, Gliedmassen, Schwanz ist immer 
mit einem steckbrieflichen »besondern 
Merkmal« versehen. Dabei ist nie der 
Schluss per exclusionem zu vergessen. 

Nr. 15, die marderähnliche Ga- 
lictis, ist wohl am schwersten anzuer- 
kennen. Die Schnauze ist an dem 
Original spitzer. Das Faultier 16 ist 
durch die Kopfform und die Stellung 
der vier Beine an den Ecken bestimmt. 
Aber mit den vierfüssigen Säugetieren 
war es offenbar nicht leicht. So ist 

bei ihnen auch die einzige Ausnahme entstanden, dass man ein Reh (Durchmesser 
Ö.5 X I3>5 cm) auf seine Beine gestellt und die Höhlung vom Rücken her offen 
gelegt hat. Abb. 88. Kopfform, Schwanz und die Stellung liessen auch fremde 
Indianer das Töpfchen sofort als Reh bestimmen. Der glückliche Gedanke, der 
die Darstellung in ganz neue Bahnen lenken könnte, ist uns in keinem andern 
Beispiel begegnet. 

Bei den Vögeln sind Flügel- und Beinstummel nicht unterschieden; in dem 
Schwanz werden, vgl. 7 und 12, die Federn geritzt, der des Sperbers ist aus- 

19* 




Abb. 88. Reh-Topf. (% nat. Gr.) 



— 292 



gebuchtet. Der Kopf des Erpels 7 und der FLule 8 sind wolil gekennzeichnet, 
bei der Taube 9 erscheint dieselbe Kopfform wie auf den Figürchen der Hals- 
steine, der Sperber 12 hat einen kräftigen Sclinabel und dem Makuku 10 ist ein 
niedlich ausgebildetes Köpfchen angesetzt. Bei dem undeutlichen Rebhuhn 1 1 ist 
der Schwanz abgebrochen. 

Fische waren äusserst selten. Nr. 23 hatte einen langen Schwanz, an dem 
das Ende schon abgebrochen war, als wir den Topf erhielten, doch hat er auf 
der Reise noch ein neues Stück verloren. Die Kopfformen von 23 und 24 sind der 
der Eidechse ähnlich, sie haben aber ein besonderes Maul. 

Die Zecke 17 hat auf dem Kopf vier Knöpfe, die wohl Kiefertasten und 
Mundteile darstellen sollen. Höchst belustigend ist der gezackte Rand, er giebt 
den Gesamteindruck von dem Gekribbel und Gekrabbel der acht gekrümmten 
Beine, die bei vollgesogenen Tieren einen Kranz auf der Kuppe des Beutels bilden, 

gar nicht übel wieder. Ob die Assel 18 
zoologischer Prüfung Stand hält, weiss 
ich nicht. Sie ist augenlos wie die 
Wasserasseln, deren sie, soviel ich meine 
Erklärer begrifif, eine darstellen soll. In 
Nr. 19, dem Krebs, bemerken wir reich 
ausgezackte Extremitäten und eine 
Schwanzflosse. Er hat als Augen ein 
paar Knöpfchen, in die ein feines Löch- 
lein eingestochen ist. 

Zum Schluss bringe ich noch einen 
Topf (Durchmesser 10 X 15 cm) mit Men sehen darstellung! Es ist allerdings 
nicht zu verlangen, dass Jemand an ihm etwas Menschliches vermutet. Die 
Künstlerin, die ihn uns überlieferte, schüttelte sich selbst vor Lachen über ihr 
Erzeugnis. Sie hatte einen Krötentopf machen wollen und schon die Schwanz- 
und Beinzacken sowie auch bereits den Kopf mit den dicken Augen der Bildung 
des Krötentiers entlehnt. Als sie nun das breite Maul modellierte und ihr dies 
zunächst in offenem Zustand anstatt in geschlossenem geriet, bemerkte sie die 
Aehnlichkeit mit der viel verspotteten Lippenscheibe der verhassten Suyä, die 
diesen Indianern wie eine bewegliche Untertasse vor den Zähnen steht. Sie 
lachte darüber, setzte die steife Maulklappe hübsch senkrecht zum Krötengesicht 
und erklärte den Topf für eine »Suyä -Figur«. So ist denn auch einmal von 
den Frauen ein Männerzierrat zum Motiv genommen, analog dem Uluri-Motiv, 
das bei den Herren Malern so beliebt war. 




Abb. 89. Siiyd-Krüten-Topf. ('/g nat. Gr.) 



— 293 — 

IV. Verhältnis des Tiermotivs zur Technik. 

Was bei dem Suyä-Topf nur in einem Scherz zu Tage tritt, der Einfluss 
der Technik auf die Bestimmung des Motivs, macht sich in grossem Umfang als 
ein gesetzmässiger Vorgang geltend. Man betrachte noch einmal die Liste 
der in Töpfen dargestellten Tiere. Sie ist interessant wegen der Tiere, die nicht 
da sind. Man könnte sagen, es sei schon derselbe Unterschied bemerkbar wie 
durchschnittlich in den modernen Motiven von Künstlern und Künstlerinnen, zumal 
der Stillleben: auf der einen Seite Blumen, Früchte, Schmetterlinge, Fliegen, 
Marktfische und Schinken, auf der andern Wildpret und Heringe. Denn unter den 
Tieren der Töpfe herrscht das kleinere und, mit Ausnahme der Zecken, zahmere 
Getier bedeutend vor. Dass in der grossen Auswahl Jaguar, Tapir, Schwein und 
die den Federschmuck liefernden, doch zu Hause gehaltenen Papageienvögel ganz 
fehlten, ist jedenfalls bemerkenswert. Aber diese Tiere fehlen auch — wieder 
aus einem besondern, später anzuführenden Grunde — bei den Maskentieren der 
Männerfeste und es ist mehr hervorzuheben, dass man den bereits erwähnten 
Zusammenhang zwischen Motiv und der Form der Darstellung von der 
negativen Seite noch deutlicher sieht. 

Schlangen und Affen waren mit ihren gestreckten Leibern ganz ungeeignet 
für die irdenen Kürbisse, während jene sich den langen Rindenbrettern des Frieses 
oder dem schwertförmigen Schwirrholz oder dem Kanu und diese sich einem 
Hüttenpfosten oder einer Flöte vorzüglich anpassten. Der Griff am Halbmond 
des Beijüwenders verwandelte sich leicht in einen Vogelhals oder das Vorderteil 
einer Schlange, aber er wurde beispielsweise kein Fisch, mit dem der Halb- 
mond und eine einseitige Verlängerung schlechterdings nicht zu vereinen sind. 
Ein Fisch wurde dagegen das Schwirrholz mit seiner langen schmalen Gestalt 
(vgl. Kapitel XI unter III), und man wickelte den Strick vortrefflich an dem 
Schwanzende auf; das Loch für den Strick befindet sich deshalb nicht etwa 
in den Augen am Kopfende. Der gezeichnete und eingeritzte Fischkörper wird 
zur Raute, das Mereschumuster beherrscht die ganze Zeichenkunst, eine Waurä- 
Frau ritzt es auch in den Kürbistopf, aber nicht eine verfällt darauf, einen 
Mereschu als Topf darzustellen! Warum? Der Mereschu hat in dem Kampf 
um's Dasein unter den Ritzmustern gesiegt, weil eine durch scharfe und 
leicht auszukratzende Ecken charakterisierte Figur sich am bequemsten ritzen 
Hess; sie war leicht zu machen und blieb doch ähnlich. Ebenso das Uluri. 
Gelegentlich, vgl. Topf 5, ist auch ein rautenförmiger Topf entstanden, doch tritt 
er in die Entwicklungsserie der Fledermausformen ein, während sich für die Fische 
hier, wo ihn auch andere Tiere haben, der natürlichere Ovalumriss behaupten 
kann, vgl. 23 und 24. 

Da liegt klar ein Gesetz ausgesprochen. Nicht symbolische Tüftelei lenkt 
den Kunsttrieb. Weder im Kleinen, noch im Grossen. Weder scheut die Künstlerin 
davor zurück, einen Krötentopf zu machen, weil die Kröte ein unappetitliches Vieh 



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ist, noch wählt sie die Fledermaus, weil dieses Geschöpf auch in der Mythologie 
der Indianer vorkommt. Tiermotive überhaupt sind bei der Rolle, die das Tier 
in dem geistigen Leben des Indianers spielt, als selbstverständlich gegeben. Die 
Auswahl jedoch kann erstens durch die Beschaffenheit oder Thätigkeit des Tieres 
angeregt werden: dem Topf entspricht der Panzer der Schildkröte, die Grabwespe 
ziert das Mandioka-Grabholz, das schmuckhaarige Aguti den Kamm, das Bild der 
zischenden Schlange das Schwirrholz, das des flötenden Afifen die Flöte. Dann 
aber, sobald erst die Kunstthätigkeit kräftig genug gehandhabt wird, wirken auch 
Form und Grösse und Farbe des Objekts bestimmend, indem das Tier, das sich 
ihnen am besten anpasst, für die Nachbildung gewählt wird. Der Künstler braucht 
sich dessen gar nicht bewusst zu werden, es macht sich schon von selbst geltend, 
wenn entgegengesetzt gerichtete Versuche unbefriedigend ausfallen. Am meisten 
tritt diese Erscheinung für die Wiedergabe der Vögel hervor: gemalt haben wir 
nur einen kleinen Vogel auf einem Rückenholz gesehen, dagegen waren die 
plastischen Vögel — geschnitzt, aus Wachs geformt oder als Maisstrohpuppen — 
äusserst zahlreich. Es war den Indianern leichter die Umrisse von Kopf, Schnabel 
und Schwanz sowie die Proportionen in plastischer als in zeichnerischer Reproduktion 
charakteristisch zu gestalten. 

Zum Schluss stelle ich die von uns beobachteten Tiermotive zusammen und 
füge bei, auf welche Art sie vorkommen. Es bedeuten: F Flechtwerk, M Mais- 
vögel, -S Schnitzerei, T Töpfe, W Wachs, Z Zeichnung, Ritzung oder Malerei. 

Säugetiere: Afifen (Makako) Z, S; (Brüllafife) W. Fledermaus (mehrere 
Arten) Z, T. Jaguar Z, S. Irara- Marder T. Eichhörnchen T. Aguti 6'. 
Kapivara(zähne) /''. Greifstachler Z. Faultier T. Gürteltiere (Riesengürteltier, kleine 
Arten) T. Kleiner Ameisenbär T. Sumpfhirsch W. Reh F, T. Pekari W. 

Vögel: Königsgeier (roter Urubü) -S. Weisser Urubü S. Harpyie M. F"alk, 
Sperber M, S, T. Eule T. Singvögel & Schwalbe F, Z. Taube -S, T, W. 
Rebhuhn T. Waldhuhn T. Massarico S. Riesenstorch M, S. Tujujüstorch M, S. 
Löffelreiher S. Schlangenhaisvogel M. 

Kriechtiere und Lurche: Schildkröten (Trakayä, Jabuti, Kägado) T, Z. 
Kaiman Z. Leguan auch (Lehmfigur) T. Eidechsen (mehrere Arten) T, Z. Schlange 
(mehrere Arten) S, Z. Kröte F, T. 

Fische: Harnisch weis Z. Kuomi Z. Kurimatä Z. Lagunenfische T, Z. 
Matrincham Z. Mereschu Z. Nuki Z. Pakü Z. Piava Z. Pintado-Wels Z. 
Rochen (zwei Arten) Z, S. Unbestimmte .S, Z. Gräten F, Z. 

Insekten und niedere Tiere: Heuschrecke Z. Grabwespe S. Tokandira- 
Ameise Z. Zecke T. Krebs S, T. Wasserassel T. 

Mancherlei neue Motive treten noch in den Masken hinzu. 



XI. KAPITEL. 



Maskenornamentik und Tanzschmuck. 

Vorbemerkung. I. Masken. Tanzen und Singen. »Idole?« Gelage und Einladungen. Teilnahme 
der Frauen. Arten der Vermummung. Bakairi'-Tänze (Makanari) und -Masken. Nahuqud 
(Fischnetz -Tanz). Mehinakü (Kaiman -Tanz). Aueto (Koahalu-, Vakui'katü-Tanz). Kamayurd 
(Hüvat-Tanz). Trumai. II. Gemeinsamer Ursprung der Masken und des Mereschu- Musters. 
Die Aueto als Erfinder der Gewebmaske und des Mereschu-Ornaments. III. Sonstiger Festapparat. 
Kamayurä-Tänze. Tanzkeulen. .Schmuckwirtel etc. Musikinstrumente. Schwirrhölzer. 
Federschmuck. Diademe. Spiele der Jugend. 

»Einfach und nur zur Befriedigung der notwendigsten Bedürfnisse gebildet 
sind die Gerätschaften der Steinzeit. Mit der Kunst, die Metalle zu formen, 
erwacht der Sinn für Schmuck und Zierrat.« So schreibt O. Sehr ad er in seinem 
ausgezeichneten Buch »Sprachvergleichung und Urgeschichte« (p. 215), und so 
etwas kann auch wohl nur ein ausgezeichneter Philologe schreiben, dem der Ge- 
danke fern liegt, dass solche Urteile, auch wenn sie das indogermanische Urvolk 
betreffen, in dem modernen Museum für Völkerkunde geprüft werden müssen. 
Jener Satz hat ungefähr denselben Wert als der, dass der Mensch angefangen 
habe Tradition zu bilden, als er schreiben lernte. So gewiss es ist, dass die Be- 
friedigung der notwendigsten Bedürfnisse älter ist als die Entwicklung des Sinnes 
für Schmuck und Zierrat, so haben diesen doch auch bereits die metalllosen 
Naturvölker nach dem ganzen Umfang ihrer Mittel ausgebildet; ja es ist sehr 
wohl darüber zu diskutieren, ob nicht mehrfach gerade umgekehrt er das Inter- 
esse an den Metallen erst wachgerufen hat — und auch wachrufen konnte, weil 
er eben schon hoch ausgebildet war. Ich glaube in dem Kapitel über die Zeichen- 
ornamente und die Plastik ausführlich begründet zu haben, was ich von unsern 
Indianern in einem vorläufigen, der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin abge- 
statteten Bericht (Verhandlungen 1888, p. 386) erklärte: »sie haben eine Sucht 
geradezu, alle Gebrauchsgegenstände zu bemalen, eine Leidenschaft für das 
Kunsthandwerk«, und habe den Beweis nunmehr zu vervollständigen für die fest- 
lichen Tage, wo sich der Mensch über die Befriedigung der notwendigsten Be- 
dürfnisse mit vollem Bewusstsein erhaben fühlt und alle Kunstfertigkeiten in den 
Dienst der Kunst stellt, sich zu schmücken. 



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I. Masken. 

Auf der zweiten Reise ist unsere Ausbeute an Tanzschmuck und vor allem 
an Gesichtsmasken bedeutend grösser gewesen als auf der ersten. Es ist dies um 
so wichtiger, als die Masken, die doch über die ganze Erde in den verschiedensten 
Formen und den verschiedensten Zwecken dienend verbreitet sind, die auch bei 
den Indianern des nördlichen Amerika eine so bedeutende Rolle spielen, bisher 
nur in verhältnismässig geringem Umfang in Südamerika beobachtet wurden. Es 
scheint, dass ihr Vorkommen besonders dem Amazonasgebiet angehört, aber es 
scheint wohl nur. Alle Stämme haben ihre Tanzfeste, alle haben Pantomimen, 
in denen Tiere dargestellt werden, man stattet sich mit dem natürlichen Fell- 
oder Federschmuck aus, ahmt die Stimme und Bewegungen nach, und gelangt 
von selbst zur charakterisierenden Vermummung, durch die das Spiel wirkungs- 
voller gestaltet Wird. Die technische Geschicklichkeit der Vermummung und 
ihrer Charakterisierung ist gewiss verschieden, aber bis zu dieser Stufe, die wir 
bei den Schingü-Stämmen in auch recht verschiedener Ausbildung der mimischen 
Mittel antreffen, sind wohl alle Jägervölker gelangt. Wir sind nur deshalb so 
schlecht darüber unterrichtet, weil die Gelegenheiten, in ungestörten Verhältnissen 
lebende Stämme zu erforschen, selten sind und bei einem flüchtigen Besuche 
auch nur oberflächlich ausgenutzt werden können. Unsere eigene Reise ist das 
beste Beispiel. Aus einem Gebiet, in dem wir 1884 zwar sonderbare Kopf- 
aufsätze mit Tiernachbildungen aus Stroh u. dgl., aber nur zwei hölzerne Tauben- 
masken kennen lernten, haben wir 1887 eine stattliche Sammlung von Gesichts- 
masken heimgebracht, die jetzt im Berliner Museum für Völkerkunde einen 
interessanten Vergleich mit den dort vorhandenen grotesken Tiermasken der 
Tekuna vom oberen Amazonenstrom gestatten. Auch Ehren reich hat von den 
Karayä am Araguay eine Reihe von mächtigen, in buntester Weise mit Federn 
geschmückten Tanzmasken mitgebracht, die in ihrer Bauart auf das auffallendste 
an den Duck-Duck der Südsee erinnern. 

Jeder Stamm nicht nur, jedes Dorf hat seine eigenen Maskentänze. Der 
Mittelpunkt ist immer das »Flötenhaus«. In ihrem Charakter gleichen sich die 
Tänze in ganz Brasilien ausserordentlich. Stets das Umherlaufen im Kreise und 
der dem Stampfen entsprechende stossweise Gesang. Es ist ungemein charak- 
teristisch, dass die Bakairi für »tanzen« und »singen« dasselbe Wort haben. »Der 
Sinn der Gesänge«, sagt Martius, »ist einfach: Lob der Kriegs- und Jagdthaten 
Einzelner oder Horden, Aufzählung gewisser Tiere und Erwähnung von deren 
Eigenschaften. Erscheinen Masken beim Feste, welche meistens Tiere vorstellen, 
so ahmen die Träger deren Stimmen nach.« 

Nichts haben wir beobachtet, was uns den Schluss erlaubte, dass die Masken 
irgendwie heilig gehalten werden. Zumal alle von Palmstroh geflochtenen Stücke 
wurden nach dem Gebrauch achtlos beiseite geworfen. Man hat zwar die Masken 
zuweilen vor uns versteckt, aber nur auf dieselbe Art, wie man in der Angst 



— 297 — 

vor Beraubung alle beweglichen Geräte und Schmucksachen vor uns verbarg. 
Hatten die Leute erst Zutrauen zu uns gewonnen, so überliessen sie uns ihre 
Masken ohne jeden Anstand und fertigten neue auf Bestellung. Sie wurden uns 
demonstriert mit Scherzen und Lachen wie hübsches Spielzeug. 

Bei den zahmen Bakairi am Paranatinga und Rio Novo pflegt das Hauptfest 
im April stattzufinden. Ich, mit meinen zivilisierten Vorstellungen, fahndete auf 
die Idee eines Dankfestes und dachte an die Möglichkeit, dass jenes zur Erntezeit 
abgehaltene Fest irgendwie irgendwelchen freundlichen Mächten, die als Spender 
des Guten gälten, zu Lob und Preis gefeiert werde. Ich suchte also von Antonio 
herauszubekommen, ob sich dergleichen feststellen lasse. Antonio blieb aber meiner 
Suggestion unzugänglich; »wir feiern das Fest um die Zeit der Ernte,« erklärte 
er, »weil wir dann etwas zu feiern haben; in der Trockenzeit müssen wir sparen, 
in der Regenzeit würde alles verschimmeln.« Materiell, aber verständlich *). 

Nach Allem, was uns von den Eingeborenen über die Feste erzählt wurde, 
kam es ihnen in erster Linie auf ein nach ihren Begriffen schwelgerisches Schmaus- 
und Trinkgelage an. Die Bakairi -Legende schildert uns in gleichem Sinn die 
Entstehung. Käme, der Stammvater der Arinosstämme, hat das erste Flötenhaus 
erbaut, die erste Flöte geschnitzt, seine Freunde zum Tanz eingeladen und mit 
Stärkekleister bewirtet. Keri, der Stammvater der Bakairi, der mit Käme im 
Erfinden eifrigst konkurrierte, lud seinerseits Käme zum Tanze ein; die Legende 
berichtet uns, auf welche Art das Fest sich vollzog, und nennt als die Erfindung 
Keri's das Makanari und den Imeo, die Strohanzüge ohne Gesichtsmasken, aber 
mit charakterisierenden, teilweise vermummenden Kopfaufsätzen. 

»Auch Keri rief die Seinen herbei. Gegen Abend gingen sie tanzen auf 
dem Dorfplatz. Darauf holte Keri vom Hause Pogu zu trinken. Sogleich darauf 
flochten sie Makanari. Keri rief Käme. Viele Leute kamen und Keri war 
Herr des Tanzes. Sie tanzten den ganzen Tag. Gegen Abend ruhten sie aus. 
Nach Dunkelwerden tanzten sie die ganze Nacht. F"rüh Morgens gingen sie am 
Flusse baden. Nach dem Bad kamen sie zum Flötenhaus. Sie begannen mit 
dem Imeo und tanzten den ganzen Tag. Ebenso tanzten sie die ganze Nacht. — 
Darauf war das Fest zu Ende.« 

Ein beachtenswerter Zug der Legende ist der Umstand, dass sich die 
verschiedenen Stämme zum Tanzfest vereinigten. Es ist allgemein Sitte, 
dass sich die Dörfer zu den grossen P'esten gegenseitig einladen. Auch nachbar- 
lich befreundete Stämme entsenden zahlreiche Teilnehmer. Als wir 1884 mit 
den vereinigten Trumai und Kamayurä (vgl. Seite 118) zusammentrafen, hatten 
die beiden Stämme gerade ein gemeinsames Fest gefeiert. 

Einmal versteht man unter diesen Umständen, dass ein Austausch und eine 
Ausgleichung zwischen den Bräuchen und Tanzgeräten der Stämme stattfindet. 



*) »Meistens giebt ein Ueberfluss an Vorräten für die Getränke V^eranlassung zum Feste,« 
sagt Martins; »wo aber die europäische Gesittung sich Geltung verschafft hat und Christen neben 
den Indianern wohnen, da wird wohl auch der Tag eines Heiligen dafür gewählt.« 



— 298 — 

Jeder Stamm kannte die Lieder der Nachbarstämme, ohne dass er ihren Inhalt 
genau verstand, wie wir an zahlreichen Beispielen erfahren haben; ein Stamm 
lernte vom andern auch neue Arten Masken kennen, und endlich gewann das 
Mereschumuster, auf das ich nach Beschreibung der Masken zurückkommen 
werde, seine allgemeine Verbreitung. 

Dann aber ist es ferner leicht begreiflich, dass die Frauen von den feier- 
licheren Tänzen streng ausgeschlossen sind und das Flötenhaus, das Haus der 
Männer, wo die fremden Besucher empfangen und bewirtet werden, nicht betreten 
dürfen. In diesem Sinn ist wohl auch der eigentümliche Mummenschanz aufzu- 
fassen, den wir im zweiten Bakairfdorf erlebten, als die Speisen und Getränke 
für unsere Flötenhaus- Gesellschaft durch einen maskierten Indianer des ersten 
Dorfes von den Frauen, die sie nicht hätten bringen dürfen, geholt wurden. Vgl. 
Seite 89 *). Dem Scherz lag das ernsthafte Motiv zu Grunde, dass Fremde und 
Frauen in ihrem Verkehr beschränkt werden sollen. Der Muhammedaner schlägt 
den umgekehrten Weg ein, indem er seine Frauen maskiert und in besonderen 
Gemächern abschliesst. 

In dem Ursprung der Tänze selbst liegt ferner ein wesentHcher Grund gegen 
die Teilnahme des weiblichen Geschlechts. Es sind »unweibliche« Vergnügungen, 
die aus Jag er festen hervorgegangen sind. Immerhin scheint es Unterschiede zu 
geben. Bei den grossen Festen beteiligen sich die Frauen niemals, sagten die 
Bakairi, wohl aber bei kleinen; auch sollen sie gelegentlich ohne Männer für sich 
tanzen. Die Suyä aber scheinen anders zu denken; wenigstens äusserten sich die 
Bakairi sehr geringschätzig über den Unfug, dass dort »Männer mit Frauen 
tanzten«. Vielleicht ist es nützlich, endlich noch hervorzuheben, dass von irgend- 
welchen Geheimnissen und Mysterien oder irgend einer besonderen Beziehung der 
Medizinmänner zu den Tänzen, die vor den Frauen geheim gehalten werden 
sollten, auch nicht die leiseste Spur zu finden war. 

Es ist auch zum Schutz gegen die weibliche Neugier, wenn die Eingänge 
der Flötenhäuser am Kulisehu so niedrig gemacht sind, dass man nur in sehr 
gebückter Haltung eintreten kann oder gar auf den Knieen hineinrutschen muss. 
Ich weiss nicht, wie weit das Verbot für die Frauen im Alltagsleben praktisch 
durchgeführt wird, aber wir erhielten nicht die Erlaubnis, sie im Flötenhaus zu 
messen, und gewiss ist, dass es hiess, »die Frauen würden getötet, wenn sie in 
das Flötenhaus gingen« — eine ziemlich grobe Variante des »mulier taceat in 
ecclesia«. Dass der Gebrauch auch noch bei den zahmen Bakairi vor einigen 30 
oder 40 Jahren ernst genommen wurde, geht am besten aus einer Erfahrung 
hervor, die nach der Erzählung eines alten Brasiliers die das Christentum brin- 
genden Patres machen mussten. Diese hatten nichts natürlicher gefunden als die 
neue Gemeinde in dem für Kirchenzwecke so geeigneten, weil unbewohnten 



*) Aus Versehen ist an dieser Stelle ein Satz stehen geblieben , der einen längst von mir 
aufgegebenen Gedanken enthält — der Schlusssatz, dass vielleicht ein Zusammenhang mit dem Ge- 
brauch des Alleinessens vorhanden sei. 



299 



Flötenhause zu versammeln. Die Männer kamen auch bereitwillig, die Frauen 
aber blieben draussen und konnten nur sehr schwer bewogen werden, um ihres 
Seelenheils willen leibliche Gefahr zu laufen. 

Bei allen Stämmen wird der Körper zum Maskentanz durch Schürzen oder 
Mäntel halb oder ganz verhüllt. Blattstreifen von Buriti'stroh oder trockene Gras- 
halme von etwa Meterlänge waren an einer Schnur zu einer breiten Schürze auf- 
gereiht und wurden in mehreren Touren um den Hals geschlungen, sodass sie 
von den Schultern herabfielen, oder um die 
Hüften, sodass sie bis auf die Knöchel 
reichten, oder in beiderlei Gestalt vereinigt. 
Die Hauptverschiedenheit bezieht sich auf 
den Ausputz des Kopfes. Gemeinsam 
ist allen die Beziehung auf Tiere. Hier 
können wir unterscheiden: 

1. Tiernachbildungen werden aufgesetzt. 
Bakairi. 

2. Strohmützen mit langem Faserbe- 
hang, zum Teil Attribute des Tieres tragend. 
Bakairi. 

3. Fischnetz vor dem Gesicht. Nahuquä. 

4. Strohgitter nach Art der Siebfilter in 
ovalem Reifen. Ohne Gesichtsteile. Bakairi, 
Nahuquä. Gesichtsteile aus Wachs. AuetÖ. 

5. Mit Netz, BaumwoUgefleclit und 
-gewebe überspannte ovale Rahmen. Gesichts- 
teile aufgeklebt aus Wachs, Augen von Baum- 
wollflocken, Bohnen, Perlmutter. Bemalt. 
Bakairi, AuetÖ, Kamayurä, Trumai, 

6. Holzmasken. Viereckige Holzplatten 
mit mächtig vorspringender Stirnwölbung und 
Nase menschlicher Bildung. Aufgemalt: 
natürliche Zeichnung des Tieres, Umrisse 
des Tieres, Körperteile des Tieres (Flügel, 

Flossen), stilisierte Tiermuster. Augen aus Muschelschale, Mund mit Wachs ange- 
klebtes Fischgebiss, dieser wie jene wiederum menschlicher Bildung, Bakairi, 
Nahuquä, AuetÖ, Kamayurä und in grösster Ausbildung Mehinakü. Die Mehinakü 
hatten nur Holzmasken. Eine Uebergangsform zwischen 5. und 6. bei den Auetö 
ohne Stirnvorsprung und oval. 

Bei den Maskenfesten mischt sich unzweifelhaft Entlehnung von fremden 
Stämmen, die durch die Besuche nahe gelegt wird, und lokale Pflege besonderer 
Varietäten. Auch Köln, Düsseldorf, Mainz und Trier haben in ihren Karnevals- 
gesellschaften verschiedene Mützen, verschiedene Orden, verschiedene Gebräuche 




Abb. 90. Imeo-Tänzer. Bakairi. 



— 300 — 

in den Sitzungen, verschiedene Lieder, verschiedene Schlagwörter und verschiedene 
Motive für die Wagen des Zuges. Auch hier werden fiir die Beteiligung des 
weibhchen Geschlechts besondere »Damensitzungen« angesagt, und die Frauen 
würden sich schwer hüten, zur unpassenden Zeit im »Flötenhaus« zu erscheinen, 
wenn sie auch hoffen dürfen, lebendig oder höchstens nur halb tot wieder heraus- 
zukommen. Auch dem Fasching am Kulisehu folgt eine F'astenzeit, denn er 
hört — der Grund ist keiner des Kultus — nicht eher auf, als bis man möglichst 
Alles gegessen und getrunken hat, was da ist. Die Frauen haben gewaltige 
Arbeit, um den Ansprüchen an Beijüs und Getränken zu genügen, sie müssen 
unaufhörlich stampfen, kochen und backen, und diese Notwendigkeit hat wohl 
auch ein wenig dazu beigetragen, dass man sie vom Tanze fernhielt, damit sie 
währenddess ihren Pflichten nachkommen konnten. 

Bakairi. Am Rio Novo und Paranatinga werden die alten Bräuche noch 
gepflegt. »Alles tanzt wie die wilden Bakairi«, sagte Antonio, »tudo dansa como 
Bakairi brabo«. Er beschrieb mir das im letzten April gehaltene Fest, wo die 
vom Rio Novo die vom Paranatinga eingeladen hatten. Man tanzte den Yatuka- 
Tanz, das Makanari und den Imeo. Yatuka ist ein Fischtanz; Fische aus Holz 
werden auf dem Kopf getragen, besonders der schwarze Pakü und der Matrincham; 
mit schwarz -weiss oder schwarz -rot bemalten Kalabassen werden Männer- und 
Frauenköpfe hergestellt, die von Bromelienhaar umgeben sind. 

Makanari ist ein weiter Begriff. Makanari sagt der Bakairi fast zu Allem 
und Jedem, was zu seinem Tanzschmuck gehört, Makanari nennt er bestimmte 
Tänze, „bakairi makanari :öto^\ der Bakairi ist Herr des Makanari. Es ist der 
Tanz seines Stammes. Der Imeo ist eine Art Makanari, eine bestimmte Tour. 
Es scheint überhaupt, dass der Begriff des Makanari ursprünglich enger gewesen 
ist und sich auf einen bestimmten Tanz mit Strohgeflechten bezogen hat. Bei 
den zahmen Bakairi giebt es keine Holzmasken. Hier ist das Hauptmakanari 
der Fledermaustanz, und zwar semvno, der kleinen, und aluä, der grossen 
Fledermaus. Antonio sagte mir den Text des Aluä - Tanzes *), doch war es 
mir trotz vieler Bemühungen unmöghch, eine Uebersetzung oder nur eine Er- 
klärung des Inhalts zu erhalten. Er selbst verstehe die alten Worte nicht mehr. 
Dass hieran etwas Wahres war und dass er mir nicht nur in seiner Unbeholfen- 
heit eine Ausflucht auftischte, glaube ich deshalb, weil schon alud selbst gar kein 
Bakairi- oder Karaiben-, sondern ein Nu-Aruakwort ist. (Vgl. auch die Anmerkung 
Seite 62.) Vielleicht ist der Text zum Teil auch altaruakisch — unverstanden einst. 



*) Einer singt: ohuhaaha-äliä yumda o/ni yumar'i uvamikd^ yumari nvaniikd, liiiyand 

vitd So .... yolioholn'i. Darauf ein Anderer: maud kdua kduayu^ maudkauayii lioholit'i. alud . . . 
alu/id, alud miyevene yandvitd liö . . . ohohohü. iliölid . . . hohii., he . . Idrdinituri liohö^ yukevene 
yo/iö hohohohn. Nun Alle im Rundlauf: ohü namituri o/ni nnmituhuri o/ioyöc/io ydcini hohuho. 
ayariceneni kayarilö oho namituri ohii namituhurü oho oyochö yochu. Jetzt hinaus auf den Platz: 
yocliö /luyöcho Iniyöcliö huyöclioln'i huyöcho. mnkaro inakavo yuudinlird indvitdhanc, ind yocho- 

kuyöcho Endlich umdrehend: asckhndmayi'i ohuhohü ayaoarikn hohuhoo, evesc/urini mahürani 

hoo, aschimdmayu oliohu 



^OI 



nachdem man ihn bei gemeinsamen Festen zusammen gesungen hatte, über- 
nommen und mit Bakairi'worten gemischt worden. 

Das Imeo-Makanari ist allen Bakain gemeinsam. Am Kulisehu kommt noch 
als verwandte Figur der Imöto, Imödo hinzu. Imeo ist ein weisses Tier, das 
in der vertrockneten Buritipalme lebt — soviel ich begriffen habe, eine Palm- 
bohrer-Käferlarve, Imodo ein verwandtes Geschöpf, rötlich, mit schwarzem Kopf. 
Eine seltsame Auswahl, die ein wenig an den Sommernachtstraum erinnert. 
Allein sie erklärt sich, wenn man bedenkt, dass das Material für die Tanzkostüme 
in erster Linie von der Buritipalme geliefert wird, die jenes hisekt bewohnt. 
Und dieses ist vielleicht nocli obendrein ein guter 
Bissen. Andere Tiere treten ebenfalls in diesem 
Makanari auf, namentlich Fledermaus und der 
Pintado - Wels, Abb. 91. Letztere Maske ist 
leicht verständlich. Ein aus grobem, hartem Gras 
geflochtener Anzug bedeckt den Körper, durch 
das Plechtwerk kann der Träger ohne Mühe hindurch- 
schauen, und ein langes Stück Schlingpflanze 
charakterisiert die Bartfäden des Fisches. Für die 
übrigen Figuren des Tanzes besteht die Tracht aus 
einer über den ganzen Kopf herabgezogenen Stroh- 
mütze mit langem Faserbehang ringsum und einem 
aus Buriti'blattstreifen geflochtenen Gewand, das 
wir schon 1884 am Batovy gefunden haben. Stroh- 
mützen ohne Stiel gehören dem senümo- oder 
Fledermaustänzer; der Imödo (links auf der Ab- 
bildung 92) hat an der Mütze einen Stiel mit einer 
oder auch zwei knopfartigen Verdickungen, der Imeo 
(rechts auf der Abbildung 9:») ein Bündel geknöpfter 
Stiele. Der Imödo wurde auch als Maispuppe 
(vgl. Seite 281) in der Hütte aufgehängt. Eine 
Mütze endlich mit fünf in den Stiel eingeflochtenen 
pansflötenartig angeordneten Rohrstäbchen wurde 

enoschibiro genannt; dies ist jedoch der Name des Holzes, aus dem die Flöten 
geschnitzt werden. Die Maske bezeichnete einen flötenden Vogel, den ich nicht 
bestimmen konnte. Von dieser Mütze seien die Masse angeführt: Gesamtlänge 
86 cm, Aufsatz 11,5 cm, eigentliche Mütze 22,5 cm, Behang 52 cm. 

Sehr merkwürdig ist das Buritiwams des Imeotanzes mit fransenbesetzten 
Aermelnund Hosen, Abb. 92. Wir fanden auch einzelne Aermel, die in Verbindung 
mit dem losen Strohbehang getragen wurden. In den Anzug steigt man am Hals 
hinein, die Weite beträgt dort 1^4 m und ein Strick zum Zuschnüren ist einge- 
reiht. Die Bakairi versuchten europäische Hemden mit gleicher Umständlichkeit 
anzulesfen. Zwischen den Hosen befindet sich ein mit einem dünnen Strick zu 




Al)l). 91. 



Wels-Maske. 
('/16 "=it. Gr.) 



Bakairi. 



— 302 — 

verschnürender Schlitz. Falls unsere Kleidung ihren Ursprung dem Schamgefühl 
verdankt, hat der Bakairi einen andern Weg eingeschlagen oder müsste als böser 
Satiriker gelten, denn er hat bei einigen Exemplaren einen aus einem Stückchen 
Maiskolben bestehenden Penis nebst Testikeln aus Flechtwerk aussen angehängt. 
Unwillkürlich fühlen wir uns so zu der Annahme gedrängt, es würde uns damit 
auch ein menschliches Individuum vorgeführt. Dieses ist aber gar nicht nötig, 
denn dem Indianer erscheint es umgekehrt für selbstverständHch, dass das dar- 




Imodo. 



AIjI). 92. Makanari der Bakairi. 

Imeo. Enoschibiro. 



Imeo. 



gestellte Tier im Besitz aller menschlichen Eigenschaften auftritt und handelt und 
giebt auch den Gesichtsmasken seiner Tiere menschUche Züge. 

Imiga wird der Tanz am Batovy genannt, dessen Festschmuck wir 1884 im 
Flötenhaus des zweiten Bakai'ridorfes fanden. (Vergl. »Durch Centralbrasilien« 
p. 170.) Da gab es bemalte Kürbisse, mit Federn beklebt, unten offen, aus 
denen geschnitzte Vögel hervorschauten, den ausgestopften Balg eines Kamp- 
fuchses und einer Fischotter, ein Halmgerüst, in dem zwischen Baumwollflocken 
Sanyassa -Vögelchen sassen, aus Stroh geflochtene Eidechsen, sowie zwei schwarz 
und weiss bemalte schwertartige Holzstücke, die Klapperschlangen vorstellten — 



— 303 



Alles, die kreisförmig ausgeschnittenen Kugelkürbisse ausgenommen, zum Aufsetzen 
auf den Kopf mit Strohtrichtern versehen. Dazu Rasselkürbisse und Fussklappern 
aus harten Fruchtschalen. 

Von Masken erhielt ich in Maigeri eine längsovale Netzgeflechtmaske, mit 
einem Bart aus Buritifasern, einem Gehäng von Orthalicusmuscheln und einer mit 
Hokkofedern besetzten weitmaschigen Netzkapuze. In dem oberen Drittel, das 
von einem weissen Streifen senkrecht durch- 
setzt, sonst aber rot bemalt und schwarz 
betüpfelt ist, befinden sich die beiden 
Augen in Gestalt zweier Strohringe; ein 
Strohstreifen umgrenzt die zungenförmige 
Nase, die oberhalb der Augen am Rande 
sitzt. Die beiden unteren Drittel haben 
weissen Lehmgrund und zeigen darauf 
in zierlicher Zeichnung das Mereschu-Muster 
schwarz aufgetragen. Das Auffälligste aber 
ist das Bild eines Pia va - Fisches, totmcJii, 
der in der Fortsetzung des mittleren Ge- 
sichtsstreifens mitten in dem Mereschu- 
Muster steht. Auf ihn bezieht sich auch 
wohl die schwarze Tüpfelung des Oberteils. 
Wir haben acht Holzmasken erhalten, 
alle mit schwarzer, roter und meist auch 
weisser Bemalung. Es sind schwere und 
mühsam mit dem Steinbeil bearbeitete 
flache Holzplatten, aus denen der Stirnteil 
mit starker Wölbung vorspringt. Auch 
tragen sie eine mächtige Nase von mensch- 
licher Form, die mit dem übrigen aus einem 
Stück geschnitzt ist. Der Mund besteht aus 
einem mit Wachs angeklebten Piranya- 
Gebiss. Die Augen sind kleine Löcher, 
mit Perlmutterstückchen verziert, oder er- 
scheinen in zwei Masken als ein paar in 
der Mitte durchbohrte Fluss-Muscheln. Den 

Holzplatten sind Kapuzen zum Aufsetzen auf den Kopf angeflochten, von denen 
wie immer ein langer Strohbehang niederwallt. Die Bakairi pflegten an der den 
Ohren entsprechenden Stelle je zwei schön gelbe Japü- Federn (Cassicus), die sie 
selbst als eine Art Stammesmerkmal tragen, einzustecken. Diese Federn bemerkt 
man auch bei dem Mann im Kostüm mit der Imeo Mütze, (vergl. Seite 299). 

Sechs der Masken sind uns als Vogel -Masken bestimmt worden. Wir haben 
erstens eine Maske, Abb. 94, die eine Taube, /'apacliiri, darstellt, zweitens eine 




Abb. 93. 

Netzgeflecht-Maske mit Piava-Fisch. 

Bakairi. ('/lo "^'^' ^''0 



— 304 — 



^f^mf^'^^EXi 





Abi). 94. 
Pa))adüri - Taub e. l>aka 
(Ve nat. Gr.) 



Abb. 96. Waldhahn. Bakairi 
(V5 n^t. Gr.) 




Abb. 95. 
A 1 a p ü b e - \' o g e 1. Bakairf 
(7j_ nat. Gr.) 



Abb. 97. Tüwetüvve- Vogel. liakairi. 
C/g nat. Gr.) 



— 305 — 

Mövenmaske, Kakaya, vgl. Abb. 44, S. 262, drittens die Maske eines kleinen uns 
unbekannten Vogels, der an Lagunen leben soll, Alapübe genannt, Abb. 95, viertens 
die Arakuma-M^.'skQ. die einen Hahn des "Waldes veranschaulicht und durch einen 
den Kopfschmuck des Tieres wiedergebenden Holzstiel ausgezeichnet ist, Abb. 96, 
und endlich zwei Tüwetüwe-Mdi^k.en, die eine mit einem schwarzen, die andere 
mit einem roten Zackenornament, die sich auf einen Singvogel mit weissem 
Kopf und roter Schulterzeichnung beziehen, Abb. 97. Von den beschriebenen 
Vogelmasken enthält allein (vergl. die Abbildung Seite 262), die Mövenmaske das 
Mereschu- Ornament, und es ist wohl anzunehmen, dass damit der Fische er- 
beutende Wasservogel gekennzeichnet werden soll, da der Mereschu nicht im 
Netz, sondern vereinzelt dargestellt ist. 

Die beiden schönsten Masken wurden yakuä-iküto. d. i. Piranya-Bild genannt. 
Sie tragen rote Wangenzeichnung; an dem einen Exemplar sehen wir zwei rote 
Dreiecke mit der Spitze zwischen Nase und Mund zusammenstossen, und die 
Dreiecke sind so gross, dass sie je ein Viertel der Platte einnehmen. (Vergl. 
Abbildung 12, Seite 180.) Durch diese Bemalung wird die grössere Piranya-Art 
jener Gewässer, der mit einem prächtigen Orange geschmückte Papo amarello 
(Gelbkropf) der Brasilier wiedergegeben. Die Augen sind durchlöcherte Muscheln. 
Der schönste Zierrat dieser beiden Masken aber sind mächtige, in der verlängerten 
Nasenscheidewand steckende und weit nach rechts und links vorspringende Arara- 
Federn. Sie sind in ein Bambusstöckchen eingelassen, das mit Troddeln verziert 
ist. Die Indianer sind also soweit davon entfernt, dem dargestellten Tier auch 
seine zoologische Physiognomie geben zu müssen, dass sie ihm sogar nach ihrem 
eigenen Brauch die Nasenscheidewand durchlochen und mit Federn schmücken. 

Zwei wunderliche Tanzkostüme trafen wir in dem Flötenhause des dritten 
Bakain- Dorfes. Doch war nur eines noch in gutem Zustand. Es wurde Kualöhe 
genannt, und sah aus wie eine kleine Hütte. Dieser Strohanzug war wirklich 
ein kleines Haus, und so kommt es offenbar von der Strohbedeckung her, dass 
die Bakairi ihre Tanzanzüge, einschliesslich des hosen- und ärmelbewehrten 
Buritiwamses, »Häuser« nennen. Auch hiessen die Strohkapuzen »Kopfhäuser«. 
Allerdings wurde der Ausdruck bei der Uebertragung des Wortes auf unsere 
Wollheniden und Tuchhosen unbegreiflich. Das Ungethüm war viel zu schwer, 
als dass wir es hätten mitnehmen können; sein Umfang betrug unten fast zehn 
Meter. Es hatte die Konstruktion einer gewaltigen Krinoline mit fünf starken 
strohbedeckten Querreifen, wurde jedoch mit zwei am obersten Ring angebrachten 
Basthenkeln auf der Schulter getragen. Einer der Indianer that uns den Gefallen 
und kroch hinein; er setzte sich die Tüivetüwe -M^Lske. auf und erging sich in 
drehenden und wiegenden Bewegungen. Zu dem Kualöhe wurde auf dem vor 
der Festhütte liegenden hohlen Baum getrommelt. »Es ist kein Makanari«, sagen 
die Bakairi. Ich weiss nicht, ob sie damit sagen wollen, das es fremder Ab- 
stammung sei. Auch vermag ich nicht zu entscheiden, ob ein Zusammenhang 
zwischen diesem Tanz und dem Kurimatä- Fisch (Salmo curimata) der im Bakairi 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 20 



— 3o6 — 

koälu heisst, vorhanden ist. Jedenfalls gehört zu ihm nicht die Tvwetiiwe-M.^^'ke, 
die sich der uns vortanzende Eingeborene aufsetzte, sondern eine /-^/a^«- Sieb matte. 
Eine Siebmatte, aus aneinandergeflochtenen Rohrstäbchen bestehend, war mit 
Federschmuck versehen und wurde so vor dem Gesicht getragen. Diese Binsen- 
maske oder Kuabi lag jedoch in Fetzen auf dem Boden. 

Nahuquä. Den Eremo-Tanz, den uns die Nahuqua vorführten und an dem 
auch eine Frau teilnahm, habe ich Seite 99 geschildert. Sehr gut giebt die 
Tafel 7 das kleine Schauspiel wieder. Die Tänzer, die mit Netzen vor dem 
Gesicht in stark gebückter Haltung aufeinander zuschritten und ihre grünen Zweige 




Abb. 98. Kualöhe-Tänzer mit Tüwe tüvve-Maske. liakairi. 



im Takt zusammenschlugen, veranschaulichten mit ihrer Pantomime den Fisch- 
fang, wie er in der Flusshürde oder an ähnlichen gesperrten Stellen betrieben 
wird; die Fische werden an dem engen Ausgang zusammengetrieben und stürzen 
in die dort bereit gehaltenen Netze. Ebenfalls habe ich über den grossen Rund- 
tanz, den sie Amakakati nannten, Seite 99 berichtet; bei ihm spielte sichtlich 
die von den Nahuquä besonders wert gehaltene Kürbisrassel eine Hauptrolle. 

Geradezu armselig sind die Masken, die wir mit Müh' und Not erhielten. 
Es ist allerdings zu beachten, dass wir nur ein einziges Dorf der Nahuquä besucht 
haben, und dass die Hauptmasse dieses Volkes einige Tagereisen im Osten am 
Kuluene sitzt, wo es an Tanz und auch Maskenspiel, wenn wir die uns gegebenen 



— 307 — 




Abi). 99. N ah uqiid- Maske. 
('/. iiat. r,r.) 



Andeutungen richtig verstanden haben, nicht fehlen solL Verdächtig ist es, dass 
sie die Maske nur mit dem Tupiwort yakaikäto benannten. Wir haben bei ihnen 
auch wie bei den dritten Bakairi einige nach Art der Mandiokafilter geflochtene 
Gesichtsmasken angetrotifen; leider aber waren diese Binsengitter, da das Fest 
bereits einige Zeit vor unserem Eintreffen stattgefunden hatte, nachlässig in die 
Ecke geworfen, zerknittert und zertreten, sodass 
wir die traurigen Ueberreste nicht mehr gebrauchen 
konnten. 

Wir haben von den Nahuqua vier Masken 
heimgebracht. Drei sind mit Bohnenaugen, mit 
rot und schwarz bemalten Gesichtsteilen und mit 
dem schwarzen Mereschu-Muster auf weissem Grund 
in dem unteren Zweidrittel der Platte verziert. 
Sie sind schlecht gearbeitet; wir hatten die Indianer 
gebeten, uns, wenn wir auf der Rückfahrt vor- 
sprächen, schöne yukuihato zu liefern. Da erhielten 
wir denn die drei charakterlosen Holzmasken, deren 
schönste die Abbildung 99 zeigt, und von denen 
wir fast befürchten, dass sie wenig Nahuquä-Eigenart 
enthalten. Wirklich originell war eine kleine Maske, 

Abb. 100, die wir unterwegs von einem Guikurü - Nahuqua bekamen. Auch sie 
war in der Eile, wenn nicht geschnitzt, so doch hergerichtet; man hatte den 
naturfarbenen Holzgrund ohne Anwendung von weissem Lehm bemalt. Sogar 
die Augen waren nur schwarze Tupfen. In dieser Aus- 
stattung wäre sie gewiss niemals zum Fest gebraucht 
worden; da man w^isste, dass wir Masken haben wollten, 
lieferte man ad hoc gemachten Schund. Die Maske 
zeigt je eine schwarze Raute in den getüpfelten Seiten- 
feldern. Der alte Bakairi Paleko, dem ich sie vor- 
legte, sagte zuerst »Fledermaus«, dann aber »yakui- 
ikati- Gesicht«. 

Mehinakü. Die Mehinakü nannten ihre Masken 
munotsi oder monotsL Doch sprachen sowohl die Kustenaü 
als die Waurä und Yaulapiti, auch von koahdlu-Ma^kQn 
mit dem Aueto-Wort für die Geflechtmasken. (Die 

Yaulapiti sagten statt munotsi für Holzmasken wieder yakmkatü.) Bei den Mehinakü 
fanden sich ausschliesshch schwere Holzmasken, die mit einem Schwirrholz in der 
Festhütte aufgehängt, einen stattlichen Anblick gewährten. Alles, was ich von der 
ihnen zukommenden Bedeutung zu sagen weiss, ist dass sie zu einem Kaiman-Tanz 
gehören. Neben dem Eingang der Festhütte, erinnere ich auch, befanden sich 
zwei in Erde modellierte Leguane oder Anolis, die in Brasilien gewöhnlich mit 
dem Tupiwort Sinimbü bezeichneten Schuppenechsen. 

20* 




Abb. 100. 

G II i k II r ü - M a s k e. 

(V, nat. Gr.) 



— 3o8 — 

Wir suchten uns die acht schönsten Masken aus und erhielten sie ohne 
Schwierigkeit. In einem Woiinhaus entdeckten wir noch ein waln-es Ungetüm. 
Nicht viel breiter als die andern, war es fast dreimal so lang und reichte dem 




Al)b. loi. Mehinakii-Maske 

mit rot bemaltem (jrund. 

(V„ nat. Gr.) 



Al)b. I02. Mehinakii-Maske mit Zinnenbaud. 
(Ve nat. Gr.) 



Träger bis auf den Nabel herab. Unverhältnismässig tief sitzt der Mund, von 
der Nase um deren anderthalbfache Länge entfernt. Links und rechts von der 
Nase zieht sich ein breiter roter Querstreifen. Vgl. Abb. 103. 



309 



Die Mehrzahl der Masken enthält das Mereschu-Muster, Auf die Riesen- 
maske sind nur Rauten ohne Eckenausfüllung und dazwischen eine Netzkreuzung 
gemalt. In den Abbildungen sind die rot bemalten Teile an der lichten Strichc- 
lung leicht zu erkennen. 

Keine Maske ist der andern 
gleich. Wir sehen mehrere mit einem 
roten Hals- oder Mittelstreif unter 
der Nase, doch hat in Abb. 104 
die eine rechts und links neben 
der Nasenspitze ein Stück roten 
Querstreifens, und wird bei der 
andern der Seitenteil median durch 
einen roten Bogenstreifen abge- 
grenzt. Bei einer dritten (Abb. 106) 
ist in der Höhe der Augen ein 
Randfeld rot bemalt. Bei einer 
vierten (Abb. 105) fehlt der Mittel- 
streif und ist durch ein halbes 
Mereschu ersetzt, dessen eine Spitze 
zwischen Mund und Nase sitzt, 
während rechts und links auf dieser 
schwarz-weissen Maske wieder eine 
bogenförmige Begrenzung der ge- 
musterten Seitenfelder stattfindet. 
Wir kennen solche Bogenstücke 
bereits von den Töpfen und Spinn- 
wirteln. Jeder Mann hatte seine 
Maske und erkannte sie an der 
Zeichnung, sodass diese das Eigen- 
tum markierte, ob es nun so be- 
absichtigt war oder dadurch, dass 
Jeder seine Malerei selbständig 
entwarf, sich von selbst so machte. 

Ich weiss nicht, inwieweit man 
berechtigt wäre, Attribute des Kai- 
mans in einem Teil der Bemalung 

zu erkennen. Nicht wenig verlockt dazu das Zinnenband, das die mit der 
grossen Buritikapuze wiedergegebene schwarz- weisse Maske Seite 102 quer durch- 
setzt. Es könnte den Nackenschildern des Kaimans gut entsprechen, um so 
mehr als es nur bei den Kaimanmasken auftritt. Die Maske rechts in Ab- 
bildung 106 ist ferner durch zwei Reihen sehr spitzer roter Dreiecke ausge- 
zeichnet, die abwechselnd ihre Spitze nacli oben und unten kein-en. Es liegt, 




Abb. 10: 



C; r o s s e M e h i ii a k ü - M a s k e. 
(Vs "^t. Gr,) 



lO 



wenn man die geflochtenen Kapivara - Zähne der Bakairi gesehen hat, sehr 
nahe, an die Zähne des Kaiman zu denken; die des Ober- und Unterkiefers 




Abb. 104. Kaiman - Masken. Mehinakü. '/^ — '/s nat. Gr.) 



greifen in ganz ähnhcher Weise übereinander. Die im Profil gezeichnete Maske 
Seite 308 erinnert mit ihren Seitendreiecken unter- und ausserhalb der Augen an die 

Piranyamaske der Bakairi, vgl. S. 1 80, und 
wird gleichfalls die Hals- oder Wangen- 
zeichnung eines Tieres darstellen. 

Aiietö. Die Aueto unterschieden 
zwei iVrtcn Masken: 1. kodltähi und 
II. ijdhti'ihdiä, ersteres Geflecht- und 
Geweb-, letzteres Holzmasken. 

I. Koahdlu. Unter den Geflccht- 
und Gewebmasken fallen drei sehr ab- 
sonderliche auf, weil sie in einer sonst 
nicht vorkommenden Weise Wachs auf- 
weisen, Abb. 107. Die erste und 
zweite dieser Koahälu-Masken sind nichts 
anderes, wie an der Mittelfigur deutlich 
zu sehen ist, als Gitter aus Rohr- 
stäbchen, von derselben Arbeit mit der Technik der Siebmatte, die wir bei 
den Bakairi und Nahuqua beobachtet haben. Bemerkenswert ist auch die Art, 
wie die ovalen Geflecht- und Gewebmasken getragen werden. Sie stehen 
nämlich keineswegs vor dem Gesicht, wie unsere Masken, wo die Gesichtsteile 
den dahinter liegenden Teilen des menschlichen Antlitzes der Lage nach ent- 
sprechen, sondern liegen schräg nach oben gerichtet dem Vorderkopf und der 




Abb. 105. Kaiman -M ask c. 
(V,3 nat. Gr.) 



Mehinaku. 




Abb. io6. Kaiman-Masken. Mehinakü. (y^—^l^nat.Gr.) 




\\mimh\ 





Ä 



"'"mm 



Abb. 107. Koahdlii-Masken. Auetü. ("/g nat. Gr.) 



12 



Stirn des Trägers auf, der unterhalb der ovalen Maske durch den ange- 
flochtenen Strohbehang hindurchblickt. 

Von den drei Wachsmasken, Abb. 107, ist die primitivste die Mittelfigur. Das 
Stäbchengitter ist mit Waclis bedeckt, die Seitenteile aber sind dicker aufgelegt und 
enthalten die Augen, zwei weisse Wollpfröpfchen, ursprünglich mit schwarzen Wachs- 
pupillen versehen, die aber verloren gegangen sind. Die Nase, ein dicker Wachs- 
klumpen, sitzt höher als die Augen. Bei der völlig mit Wachs überzogenen 
Maske links sind die Augen Wachsklümpchen, die auf kleine Perlmutterstückchen 
aufgesetzt sind. Rote Wangendreiecke und ein roter Mittelstreif werden von 




Abi). 108. Koahälii-Maske. AuetÖ. 
CU nat. Gr.) 




Abb. 109. Koah diu- Maske. Aueto. 
Holzplatte, ('/g nat. Gr.) 



grell abstechenden weissen Linien umzogen; in den unteren Seitenfeldern finden 
sich zwei rote Tupfen. Die Augen stehen entsetzlich weit auseinander und dem 
Rande näher als der Mittellinie, die Nase wieder hoch oben, und beiderseits von 
ihr erscheint ein Wachsknopf. Einen Mund haben die drei Wachsmasken nicht, 
doch mag er nur zufällig fehlen, weil wir die Masken nahmen, wie wir sie gerade 
in den Hütten fanden. 

Am interessantesten ist die Maske rechts, Abb. 107. Hier ist eng gewebtes 
Tuch, das oben frei Hegt, in den Reifen gespannt. Zwischen den beiden Wachs- 
wangen steht ein rotbemaltes Mittelstück, luid an ihrer Grenze die Augen sind 
winzige Bohnenringe. Die untere Hälfte der Maske zeigt die Kiemen in Gestalt 
feder- oder baumförmiger Verzweigung. Unten hängt ein ^/i m langer Baumwoll- 
zipfel herab, über dessen Ansatz ein Stück Wachs aufgedrückt ist. 



— 313 — 

Ausser den Wachsmasken fanden sich zum Koahähitanz gehörige Gesichts- 
masken mit schwarzem oder rotem Stirnsegment, Mittelstreifen und Mereschu- 
Muster, Abb. io8. Vgl. auch die Maske Seite 263, Abb. 46. Rohrringe er- 
scheinen zur Einfassung sowohl der Wachsaugen (Perlmuttereinlage) als des Wachs- 
mundes mit den Piranyazähnen. Eine ganz gleichartige Maske, Abb. 109, besteht 
interessanter Weise aus einer Holzplatte, die oval ist wie der Reifen der Geflecht- 
masken; Löcher sind ringsum angebracht, wo die Kapuze eingebunden ist. So 
haben wir also eine Holzmaske noch genau von der Ausstattung und 
der Form der Geflechtmasken. 

Ich suchte mit Hülfe der Bakairi den Sinn des Koahälutanzes herauszube- 
kommen, erfuhr aber nur, dass es sich um einen Fisch oder Fische handelt. 
Die Bakairi sagten, dass die Maske dem kudbi, vgl. Seite 306, entspreche, das 
sie selbst im dritten Dorf zum Kualohe-Tanz tragen. Darum möchte ich aber 
Koahälu und Kualohe, die doch verschiedene Wörter sind, nicht in Zusammen- 
hang bringen — um so weniger, weil ich bei den Auetö auch noch die Formen 
koahaliälu , kuahahalute und als für die Kamayura geltend koahdhi gehört 
habe. Jedenfalls bedeutete koahälu im praktischen Gebrauch nur den zum 
Fischtanz gehörenden Gesang und wurde dem inanikd der Kamayura gegen- 
übergestellt. 

Der Aueto-Häuptling führte uns den Tanz vor, indem er einen Bogen und 
Pfeil zur Hand nahm, die Maske, wie beschrieben, aufsetzte und auf und nieder 
.schreitend mit sehr heller Stimme sang: ^ehü hehü he ehe. Hätiierc vmatschiire ü 
kunyaijä, kunyayä kunyayä. Hätüre ümaiyi'ire ü kunyayä.^'' Das bezieht sich auf 
Frauen ^kunyä", was die Bakaui auch mit peköto übersetzten. Dagegen sängen 
die Kamayura ihre „marakä^ : „yenuinia hemahe, yäiiara emuakud yerü pitü pifü 
yduara emuakud yenidma hemahe . . ." 

IL Yakuikatü. yaku-i ist ein kleiner oder junger Jakü, Schakü. Das 
Wort yakü bezeichnet die den Hokkohühnern nächstverwandten Hühnervögel der 
Penelopiden. Vgl. Brehm's Tierleben, Vögel II, p. 628. katw, gut, wird im Tupi 
in den verschiedensten Bedeutungen angehängt, denen gewöhnlich zu Grunde liegt, 
dass etwas wohlgefällt, Vergnügen macht, sodass wir es in diesem Fall am besten 
mit »Vergnügen«, »Spass«, »Fest« übersetzen. Die Kamayura nannten den Tanz 
und die Masken sowohl yakuikatü als schlechtweg yakui. Dieses Tupiwort war 
sämtlichen Stämmen geläufig, nur sagten die Bakairi yakuikdti, wahrscheinlich, 
weil sie es ihrem eigenen igdti (Fett) anähnelten. Der Yakui -Tanz ist der 
Originaltanz der Auetö und Kamayura, der Tupistämme. 

Die hierher gehörigen Auetomasken sind Holzmasken. Einen Uebergang zu 
ihnen sehen wir schon bei den Geflechtmasken, vgl. Abbildung 109; es fehlte der 
Stirnvorsprung, die Maske war auch flacher gewölbt als die Holzmasken sonst 
sind — wen wirn die tafelartigen Bakairimasken ausnehmen wollen, die nur eine 
Stirnwölbung besitzen. Schon sind die Aueto auf dem Wege, hölzerne Fisch- 
masken wie die Kamayura zu machen. 



— 314 — 




<^V4 "^t. Gr.) ^,/^ ^^^^ (,^_^ 

Abb. HO. Vakuikatü-Holzmaskeii der Aueto. 



— 315 — 

Alle Holzmasken (vgl. die Vollseite) haben einen roten Mittelstreifen, 
Muschelaugen, die durchbohrt sind, und das Mereschu- Muster mit schöner Netz- 
zeichnung. Die beiden Masken von Abbildung 1 1 1 haben neben den Augen in 
schöner Ausprägung die Flügelzeichnung. Auch tritt auf vier Masken das 
Zackcuband, wie es in der 'rüwctüwe-Maskc der Bakai'ri auf die Schulterzeichnung 





(V3 nat. C;r.) ('/, nat. (.;.-.) 

Abb. III. Yak uikatu - Masken mit Flügel Zeichnung. Auelo. 



des Lagunen-Vogels bezogen wird, sowohl quer als auch senkrecht auf und charak- 
terisiert auch hier die Eigenart des Gefieders, indem es die hübsche Wellen - 
Zeichnung wiedergiebt, die namentlich auf Brust, Steiss und Schenkeln der 
jungen Vögel erscheint. Der Hals- oder Mittelstreifen ferner ist durchgängig rot 
gemalt, weil die nackte Kehle des Jakü diese Färbung besitzt. 

Kaniayurä. Die Kamayurä pflegten hauptsächlich den Yauari oder 
Wurf bretttanz, zu dem keine Maske gehört; es ist ein Kriegstanz. Sie ge- 
brauchten das Wort yauari uns gegenüber aber auch schlechthin für Tanz. Es 
ist ausserordentlich schwer, Verwechslungen zu vermeiden, weil die Indianer, 
wenn man nach dem Namen eines Dinges fragt, immer sagen, wozu es 
dient. So heisst inarakd, das im Tupf stets mit »Rassel« übersetzt wird, der 
Gesang und die Musik, bei dem die Rassel gebraucht wird. So glaubten wir 
immer, „yakiakatü" heisse »Maske«, während es »Jakü-Fest« heisst. Von Masken- 
tänzen unterschieden sie i. Yakui und 2. Hüvät. Das Wort /li'a-ät ^ Guarani 
y-guär bedeutet »Wasser-Bewohner«, wie das Kapivara-Schwein der »Gras {kdainni)- 
Bewohner« ist. Wir glaubten zunächst, hücät sei »Holzmaske«. 

Das Hüvät war der Fisch tanz der Kamayurä, wie der Koaiialu der Fisch- 
tanz der Aueto war, während den Yakui-Vogeltanz beide hatten. 

Wir haben bei den Kamayurä keine eigentlichen Yakui- Masken erhalten; 
sie verglichen diesen Vogeltanz mit dem Tüwetüwe-Tanz der Bakai'ri. Sie ver- 



wendeten in gleicher Weise Geweb- und Holzmasken für den Hüvät-Tanz, be- 
schränkten den Fischtanz also nicht, wie die Aueto noch durchgängig zu thun 

schienen, auf die ersteren. Auf beiden ist der 
Fisch durch die Seitenlinien, die wir auch schon 
auf einer Fischzeichnung Seite 248, Abb. 44, 
kennen gelernt haben, charakterisiert. Sie reichen 
bis an die Augen und gewähren in Abbildung 112 
den Eindruck einer Brille ohne Steg. Auf einer 
Holzmaske waren die Brustflossen wiederge- 
geben, indem unterhalb und seitlich der Nase 
jederseits unter dem Querstrich eine Zeichnung 
angebracht war, die aussah wie eine kleine, schief 
nach aussen gerichtete Zunge oder Klappe, 

Geweb- und Ilolzmasken hatten dieselbe An- 
ordnung: Stirnteil, Augen mit der Seitenlinie, 
Mittelstreif und seitlich von ihm Mereschumuster. 
Auf der Nase der Holzmasken, Abb. 113 und 114 
erscheint eine T'Fig^i''i die wahrscheinlich die 
Zeichnung eines bestimmten Fisches wiedergiebt. 
Die Holzmasken waren auffallend breit, 27 : 37 cm. 
An den Gewebmasken (Abb. 112) waren Bart- 
fäden der Fische in Gestalt von Baumwollsträngen 
angebracht, die von dem Reifen herabhingen und 
der Buritikapuze auflagen. Auch in dem Gewebe 
selbst wusste man Fischdessins zu liefern. 
Wir sahen einen ovalen, mit Baumwoll- 
gewebe überspannten Reifen, der vor 




Abb. 112. Gewebmaske der 
Kamayurd. ('/^ nat. (Jr.) 





Abb. 113. Hüvdt-Maske. Kamayurd. 
(Ve nat. Gr) 



Abb. 114. Hüvdt-Maske. 
('/, nat. Gr.) 



Kamayurd. 



das Gesicht gehalten wurde und keinerlei Bemalung, aber in der Webart selbst 
ein Fischgrätenmuster trug. Ebenso erschien in mehreren Gewebmasken, 
die bei der Festigkeit des Gewebes als Tuchmasken gelten konnten, unter dem 



3^7 



gemalten Mereschu- Muster und ohne sich genau mit ihm zu decken, ein 
sciiwach erhaben gewebtes Rautenmuster. Eine Hüvät- Holzmaske endlich (Ab- 
bildung 115) mit rotem Stirnrand, ebenfalls sehr breit, war wegen zweier roter, 
senkrecht auf schwarzem Grund stehender Fische auffallend, die aussen neben den 
Augen aufgemalt waren. Jeder Fisch erschien als eine Raute mit breit ange- 
setztem Schwanzdreieck. 

Bei dem Hüvät-Tanz wird an den hohlen Baum geklopft zum Zeichen, dass 
das Fest beginnt und dass die Frauen sich zu entfernen haben. Frauen und 
Kinder wurden selbst zu der Pantomime fortgejagt, als Einer sich auf dem Dorf- 
platz eine Holzmaske aufsetzte, um uns den Tanz zu zeigen. Es sieht toll 
genug aus. Die Maske mit ihrem leeren, linienhaften Gesicht gewinnt bei den 
feierlichen Bewegungen unwillkürlich eine bestimmte Physiognomie. Ich wurde 
lebhaft an die Illustrationen zu >^Grad' 
aus dem Wirtshaus . . . « erinnert, 
wo die Häuser, die Pumpen, die 
Laternen genau dieselben Gesichter 



itipjpSW 




Abb. 115. Holzniaske mit Fiscli bildein. 
Kamayurd. ( '/,; nat. (Jr.) 



zeigen. 

Ausser den Hüvät -Masken fand 
sich bei den Kamayurä auch ein 
mächtiges, an das Kualohe der Ba- 
kairi erinnerndes Geflecht vor, das 
ungefähr die Form eines Pilzes mit 
Haut und Stiel hatte. In dem Hut, 
der über einen grossen Querreifen 
geflochten war, sass der Oberkörper 
des Trägers bis ungefähr zum Nabel, 
während der Stiel des Pilzes von dem 
herabfallenden Strohumhang gebildet 

wurde. Ein Quadrant der Hutoberfläche, durch fühlerartige Stücke Schlingpflanze 
abgegrenzt, war mit dem Mereschu -Muster bemalt; an der Spitze sass noch, 
ähnlich wie bei dem Imeo der Bakairi, ein Stiel auf, aber dick umflochten, 
mereschubemalt und in einer Grasquaste endigend. Das Ding wurde turuä ge- 
nannt; im Guarani heisst turü »allerlei im Wasser lebendes Gewürm«, während es 
im Tupi nach Martius Tenthredo, Blattwespe, bedeutet. 

Truiiiai. AusschliessHch Baumwollgeflechtmasken, hukrdke, zarutnukä, kua- 
hahä genannt, wo ich den verschiedenen Sinn nicht zu bestimmen weiss. Es ist zu 
bedenken, dass wir die Leute auf der Plucht getroffen haben, und dass sie Holz- 
masken zurückgelassen haben könnten. Auch mag es daher kommen, dass eine 
sehr grosse Maske ohne Gesichtsteile nur als ein mit Baumwollgeflecht (schwarz, 
mit rotem Mittelstreifen) überspannter und auch mit einer unvollkommenen Buriti- 
Kapuze verseh enerovaler Rahmen erscheint. Trotz der Baumwolle kann man nicht 
von »Weben« reden; die Stränge waren grob wie bei Strohmatten geflochten. Ein 



- 31« - 

Teil der Geflechtmasken hat denselben Typus wie bei den Aueto und Kamayurä, 
doch ist meistens die ganze Fläche des Gewebes mit dem schwarzen Mereschu- 
Muster auf weissem Grund bedeckt, in einem Fall mit liegenden Rauten und 
ohne Hals- oder Mittelstreifen, während dieser letztere sich bei andern auf eine 
schwarze Linie reduziert. 





Abli. Il6. Tru mai'-Maske, schwatzrot. 
(V4 nat. Gr.) 



Abb. 117. Trumai'-Maske mit Mereschii- 
muster. (Y4 nat. Gr.) 



Augen und Nase sind gewöhnhch drei gleich grosse Wachsklümpchen in 
einer Linie nebeneinander, mit einem Stückchen Buritigarn angeknotet. Nur auf 
einer Maske sind ein paar blanke Muschelscheibchen den Augenklümpchen auf- 
gedrückt. Der Mund ist ein schwarzer Wachsring von dem Aussehen eines 
Pessariums und so gross, dass Nase und Augen darin Platz haben. Alle Gesichts- 
teile sind auf die obere Hälfte, ja auf das obere Drittel des Ovals beschränkt. 

Die Bemalung ist bei einer Reihe der Masken einfach ein schwarzer Grund 
mit rotem oder ein roter Grund mit schwarzem Mittelstreifen, in dem Nase und 
Mund liesren oder der nur bis zum Mund reicht. 



— 319 — 

Bei drei Masken findet sich aber mehr. Bei Nr. i ; Schwarzer Grund, weisser 
Mittelstreif, begleitet jederseits von einer weissen Linie; an sie stösst der drei- 
eckige Wangenteil an, der sich zusammensetzt aus einem roten, einem weissen 
Streifen, dem schwarzen Grundstreifen und einem roten Randdreieck. Die Maske 
erinnert sehr an die erste Wachsmaske der Aueto Abb. 107. Nr. 2: schwarzer 




Ahl). iiS. Trinnai-M askeii , scli w arz w eissrot bemalt. ('/^ i'^l. dr.) 

Grund, roter Mittelstreif, jederseits zwei weisse Randdreieckc, \ on einer weissen 
Zickzackhnie imischrieben. Nr. 3: aussen und oben weisser Griuid, innen in der 
Breite luid bis zur Höhe einschliesslich der Augen schwarzer Grund mit rotem 
Mittelstreif bis ztmi Mundrine. 



II. Gemeinsamer Ursprung der Masken und des 
Mereschu- Musters. 

Wir verstehen ohne Weiteres die Bakairi, die sich aus Stroh geflochtene 
Tierfiguren und Köpfe von Ticrbälgen aufsetzen, aber ungemein befremdend muss 
es uns erscheinen, dass auf den Tiermasken die Gesichtsteile menschlicher Bildung 
sind. Man sollte erwarten, dass z. B. eine Taubenmaske einen Schnabel hätte 
und nicht eine Nase mit einem Mund darunter. Man hat einem solchen Tänzer 
gegenüber das Gefühl, als wollte er tnis gemütvoll zurufen: »Denkt nur nicht, 
dass ich wirklich eine Taube sei, ich bin ein Mensch wie Ihr imd will nur eine 



— 320 — 

Taube vorstellen, wie Ihr an meinem Kukerukuu hört und Euch auch an den auf- 
gemalten Federtupfen überzeugen könnt.« 

»So wisset denn, dass ich Hans Schnock, der Schreiner bin, 
Kein wilder Low' fürwahr und keines Löwen Weib.« 
Ja, die Masken sind keineswegs nur Gesichtsmasken. Augen, Nase und 
Mund sind auf den obern Teil des Feldes beschränkt, und der Mittelstreifen 
markiert die Fortsetzung des Körpers mit dem Hals, Flügel, Flosse, Seitenlinie, 
Hals- und Schulterzeichnung erscheinen daneben. Auf dem Fischmakanari der 
Bakairi, das eine äusserst liebevoll und sorgfältig gemachte Arbeit ist, vermissen 
wir den Mund und sehen einen grossen Fisch inmitten des Mereschu-Musters. Die 
AuetÖ endlich schauen unter ihren Masken durch die Kapuze hindurch; nicht 
minder ist ein grosser Teil der Holzmasken-Augen so beschaffen, dass die Löcher 
zu klein sind und nicht die richtige Entfernung von einander haben, um für das 
Durchblicken geeignet zu sein; sie sind für den Zuschauer, nicht für den Träger 
vorhanden. 

Welches Bild sollen wir uns nun von der Entwicklungsgeschichte der Masken 
machen? Nehmen wir zum Ausgangspunkt die Strohkapuzen der Bakairi und ihre 
Pintado-Maske Seite 301. Diese Vermummung war schon ein grosser Fortschritt 
gegen die Ausschmückung mit einem Tierbalg und einem Gehänge von Stroh- 
streifen. Die Leute haben sich Tiere geflochten, setzten sich die einen auf den 
Kopf und krochen in die andern hinein. Aus den Erzeugnissen der Zeichenkunst 
und von den Flechtfiguren lier wissen wir, wie wenig ihnen ausreicht, um zu 
charakterisieren. Sie zogen ein Stück Schlingpflanze durch den Oberteil des 
Anzugs, das waren Bartfäden und genügten für die Veranschaulichung eines 
Pintado-Fisches. Sie haben es nicht nötig, die Nachbildung weiterzutreiben; sie 
bedürfen auch heute noch keiner Pintado- Gesichtsmaske. Aber die Indianer 
steigerten die Wirkung ihrer Strohkapuzen, indem sie wächserne Augen, Nase 
und Mund daran anbrachten und einen Reifen einflochten, der ein Gesichtsoval 
umgrenzte. Diese Maske war mehr dekorativ als mimisch; sie wurde 
vom Strohgitter zum P'adengeflecht, das Lehm aufnahm und sich bemalen liess, 
vervollkommnet, sie wurde mit dem Fischmuster versehen oder mit der Zeichnung 
eines Tieres oder ein Tier wurde aufgemalt. 

Dass Fische die Hauptrolle spielten, ist sehr natürlich, weil sie bei ihren 
Zügen in Masse gefangen wurden und so die Gelegenheit zum allgemeinen Fest 
gaben. Auch der Yakui-Tanz, der Tanz der kleinen Schakü- Hühner, mag an 
reichere Jagdbeute anknüpfen. »Alle grösseren Arten halten sich einzeln, die 
kleineren gewöhnlich in starken Flügen zusammen, die bis zu hundert 
und mehr Stück anwachsen können.« (Brehms Tierleben, Vögel II, p. 628). So 
wundern wir uns auch nicht, dass wir nichts vom Jaguar oder Tapir oder andern 
jagdbaren Säugetieren hören, die bei den Tekuna -Masken erscheinen: diese 
lieferten nur Gelegenheitsbeute, während gerade die Menge den Anlass zu einem 
mit vielen Nachbarn gefeierten Festschmaus darbot. 



— 321 — 

Wenn man sich jedoch erhinert, wie die Nahuqiiä bei ihrem Eremo-Tanz 
den Kopf mit einem Fischnetz verhüllten, und in ihrer Pantomime das Zu- 
sammentreiben der Fische durch eine Gesellschaft darstellten, wird man auch den 
Gedanken nicht von der Hand weisen, dass die ovale Gewebmaske mit dem in 
gleicher Form in einen Reifen gespannten Fischnetz mehr als die äussere 
Aehnlichkeit gemein hat. Wofern der Indianer von der Form des Gesichtes aus- 
gehend auf den Maskenreifen verfallen wäre, so hätte er das ganze Feld auch 
für das Gesicht benutzt, während dieses jetzt nur einen Teil des Raumes ein- 
nimmt und mit geringerer Sorgfalt behandelt ist als die Remalung. Das Fisch- 
makanari der Bakai'ri ist nichts als ein engmaschiges und dadurch zur Aufnahme 
des Lehms geeignetes Netz. Die daran sitzende Netzkapuze könnte heute um 
des Federschmucks willen da sein, da die Federn in die Maschen eingebunden 
werden müssen, allein darum ist es doch ebenso gut möglich, dass das Netz älter 
ist als die Federn, die sonst an den Kapuzen fehlen. Vielleicht ist also 
unsere älteste ovale Geflechtmaske nur das in den Strohanzug ein- 
gefügte und dekorativ gestaltete Fischnetz. Dann ist es weit leichter zu ver- 
stehen, dass die Charakterisierung der Tiere so wenig ausgesprochen ist; das Netz 
wurde verziert und auch charakteristisch verziert, aber es war nicht um einer 
anatomischen Nachbildung willen in das Kostüm aufgenommen. 

Auch erhalten wir damit eine Erklärung des Mereschu- Musters. 
Das Masken-Fischnetz wurde enger geflochten, weil es besser verhüllte, und 
Hess sich nun bemalen. Aber man malte das alte weitmaschige Netz auf 
und setzte die Fischchen hinein. Es giebt einen Punkt, der mir zu beweisen 
scheint, dass ich Recht habe, der, an und für sich sehr seltsam, dann höchst 
einfach erklärt würde. Der Indianer malt das Mereschu-Muster immer, worauf 
mich mein Vetter Wilhelm aufmerksam gemacht hat, stehend, das heisst die 
grössere Diagonale der Raute aufrecht, die kleinere querliegend. Den runden 
Spinnwirteln ist dieser Umstand nicht mehr anzusehen, wenn sie fertig sind, aber 
wir haben beim Ritzen zusehend beobachtet, dass die Figur stehend gemacht 
wurde, und genau dasselbe geschah bei den Bleistiftzeichnungen. Ich habe 
deshalb die Figur Seite 261, Abb. 43, nicht, wie es uns wohl näher gelegen hätte, 
horizontal geben dürfen, habe deshalb auch alle Spinnwirtel auf senkrechte 
Mereschus eingerichtet und endlich, allerdings mehr des Scherzes halber, auch 
den Original-Mereschu, Seite 260, auf den Schwanz gestellt. 

Wie kommt der Künstler zu dieser Sonderbarkeit? Auf dem Fries, vgl. 
Tafel 21, sind die Fische doch so gezeichnet, wie sie schwimmen. Nun, auf den 
Masken stehen die Fische ja auch auf dem Schwanz: man sehe nur das 
Fischmakanari der Bakairi Seite 303 und die schwarze Kamayurä-Maske Seite 317. 
Ja, das einzige Mal, wo uns der Mereschu-Fisch als einzelnes Individuum ausserhalb 
des Netzes entgegentritt, auf der Möven-Maske der Bakairi Seite 262, Abb. 44, steht 
er senkrecht. Auf den Gewebmasken aber, auf die es als die ältesten ankommt, 
wurde der Fisch in seiner an und für sich unnatürlichen Lage gezeichnet, 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 2 I 



— 322 — 

weil sie dem Gesicht entsprechend längsovale Stellung haben; man denke sich 
die Piava des Fischmakanari Seite 303 horizontal und man wird empfinden, erstens, 
dass dadurch der Fisch beengt wäre, zweitens, dass das Durchschwimmen des 
Gesichts M'egen des Widerspruchs gegen die Hauptrichtung geradezu unnatürlich 
aussähe. Ein Blick auf Fenster- und Thiireinteilung zeigt für uns dasselbe 
Bedürfnis. 

Es wurden also Netz und Fische mit stehenden Rauten auf die längsovale 
Maske gemalt. Man gehe die grosse Anzahl der mit dem Mereschu-Muster aus- 
gestatteten Masken -Abbildungen durch: überall dieselbe Stellung. Wir haben 
nur eine Ausnahme gesehen und sie bestätigt die Regel eher als dass sie ihr zu- 
widerläuft. Dies ist eine Trumai- Maske. Allein die guten Trumai haben die 
Masken von den Kamayurä entlehnt, wie sie die Baumwolle und die Siebmatte 
bei ihnen kennen gelernt haben und mit den Tupinamen bezeichnen. Sie haben 
den Entwicklungsgang nicht mitgemacht. 

W^ir verstehen jetzt auch den engen Zusammenhang zwischen Netz und 
Mereschu-Fisch und die Massenhaftigkeit der Vorführung grade dieses Fisches. 
In jede Masche zeichnete man einen Fisch, der klein sein musste, da er sonst 
an den Platz nicht passte, der auch dieselbe rhomboide Gestalt hatte wie die 
Netzmasche. Wir verstehen endlich, wie bei der zierlichen Arbeit die Darstellung 
von Kopf, Flossen und Schwanz zur Ausfüllung der Eckchen wurde. Kurz, es 
stimmt Alles so vortrefflich sowohl für das Muster wie für den Entwicklungsgang 
der Masken, dass ich den Beweis, soweit er überhaupt möglich ist, für erbracht 
ansehe. 

Das Muster ist heute rein ornamental geworden. Zwischen den Mandioka- 
Grabhölzern und dem kleinen Lagunenfisch giebt es keinen direkten Innern Zu- 
sammenhang. Indessen wird man Eins zugestehen müssen. Die Bedeutung des 
Fischchens wuchs über seine ursprüngliche weit hinaus, weil es an die frölilichen 
Festtage erinnerte; alle Industrie bemächtigte sich seiner, die mit Trinken, 
Schmausen und Schmücken zu thun hatte. So hatte es seinen guten Sinn, 
wenn die grossen Kürbisse und Kalabassen, in denen der Pogu kredenzt wird, 
wenn die Beijüwender, mit denen das gastliche Gebäck an solchen Tagen uner- 
müdlich umgedreht wird, wenn die Kuyen, in denen die prächtigen Federn auf- 
bewahrt wurden, wenn die zum Tanz geschwungenen Rasselkürbisse, wenn die 
Spinnwirtel, mit denen der Faden für die Gewebmasken gesponnen wurde, wenn 
alle diese und ähnliche Sachen mit dem Mereschu-Fisch verziert wurden. Der 
Ursprung der Ausschmückung liegt in einem motivierten Gefühl, und erst, wenn 
dessen Manifestationen zahlreich und trivial geworden sind, sieht kein Mensch 
mehr etwas Anderes als Figur und Farbe. Die Lieblingsbildnisse unseres Volks 
kommen schliesslich auf die bunten Taschentücher. Das Mereschu-Muster hat 
sich von Stamm zu Stamm verbreiten und überall einbürgern können, gerade 
weil es aus den Festtänzen, zu denen sich die Stämme vereinigten, hervor- 
gewachsen ist. 



— 323 — 

Dennoch darf nicht vergessen werden, dass sich der Indianer heute noch 
des konkreten Vorbildes bewusst bleibt. Der Bakairi setzt keinen Mereschu- 
Fisch auf seine Masken mit Ausnahme der Möven-Maske, Abb. 44, und des Fisch- 
makanari, Abb. 93, und so sind auch bei den andern Stämmen — man vergleiche 
die Wachsmasken der Aueto und die schwarzweissroten Masken der Trumai — 
deuthche Unterschiede vorhanden, die ich nur nicht näher zu bestimmen weiss. 
Im Anfang hat der Fisch noch nicht überallhin gepasst, wo sich die Raute 
heute schon eingedrängt hat oder bald eindrängen wird. 

Man muss sich nun die Frage vorlegen: giebt es, wenn die Gewebmasken 
und das Mereschu- Muster auf das Fischnetz zurückgehen, irgendwelche Anhalt- 
punkte, um zu entscheiden, welcher Stamm der Erfinder gewesen ist? 
Der Mereschu -Fisch ist mir als ein »Lagunenfisch« bezeichnet worden, (wir 
haben ihn bei den Yaulapiti gegessen), doch kommt er überall in unserm 
Gebiet, selbst im Paranatinga, vor. Der Fischfang mit Netzen ist auch bei 
allen Stämmen gepflegt. Hier ist also Nichts zu entscheiden. Immerhin ist die 
ethnologische Ausgleichung mit dem Mereschu -Muster und den Masken noch 
nicht so ganz und gar vollzogen, als dass sich nicht wenigstens für ein paar 
Stämme ein Negatives folgern liesse. Die Bakairi, glaube ich, kommen nicht 
in Frage. Sie sind die »Herren des Makanari und des Imeo«, der geflochtenen 
Anzüge, und die zahmen Bakairi hatten gar keine eigentlichen Masken. Die 
Bakairi hatten auch nicht die mit dem Mereschu verzierten Spinnwirtel, Bei den 
Nahuquä haben wir keine Gewebmasken und nur schlechte Holzmasken gefunden, 
die sie mit dem Namen Yakuikatü des Tupi- Tanzes bezeichneten; sie mögen am 
Kuluene mehr bieten, allein wdr dürfen ihnen nach dem, was wir bis jetzt von 
ihnen wissen, kaum so viel und gewiss nicht mehr zutrauen als den Bakairi. Den 
Trumai habe ich bereits früher die Originalität absprechen müssen. 

Bleiben die Mehinakü mit Verwandten und die Tupi-Stämme. Jene haben 
uns nur Holzmasken sehen lassen. Die Holzmasken zeigen die gleiche Anordnung 
wie die Gewebmasken mit Mittelstreif und Muster, sodass sie keine eigenartige 
Entstellung verraten und nur einen technischen Fortschritt bedeuten. Die Mehi- 
nakü waren, wie die Schemel beweisen, die besten Schnitzer, und so möchte ich 
ihnen am ersten die Erfindung der Holzmaske zutrauen. Sie mögen auch, ich 
weiss es nicht, Tänze mit Gewebmasken haben, da das Wort koahdlu den 
Kustenaü und Waurä, die ich im Auetöhafen befragte, auch geläufig war; die Ent- 
scheidung ist unmöglich, weil der eine Stamm die Tänze des andern kannte. Die 
Tupi-Stämme der Kamayurä und Auetö, namentlich die letzteren, verdienen wohl 
die meiste Beachtung, Die Aueto hatten die meisten Geflecht- und Gewebmasken, 
ihr Wort „koahdlu'''' war an die Nu - Aruakstämme übergegangen, bei ihnen 
waren auch alle Holzmasken mit dem Mereschu bemalt, sie waren die besten 
Malkünstler, die rein stilisierte Zeichnungen lieferten, bei ihnen und den 
Kamayurä war namentlich auch das festest gewebte Tuch vorhanden. So 
sehen wir bei ihnen die älteste Uebung gerade der Künste, die hier verlangt 



— 324 — 

werden, des Webens und Malens, während die Mehinakü in Keramik und 
Schnitzerei mehr leisten. Darum geht meine unmassgelüiche Meinung dahin, dass 
die Wahrscheinlichkeit zu Gunsten der Aueto spricht, und dass sie die Er- 
finder der Gewebmaske und damit auch des Mereschu-Musters sind. 



III. Sonstiger Festapparat. 

Die Kamayurä zählten uns Abends auf dem Dorfplatz sieben verschiedene 
Tänze auf und stellten Einzelheiten daraus pantomimisch dar. i. ymian. Der 
Wurfbrett-Tanz. Mit grossem plastischen Talent wurde darge- 
stellt, wie ein Krieger verwundet wird und tot zusammenbricht. 
Dem sterbenden Aegineten fehlte nur der Schild. 2. macuruoud 
Maskentanz. 3. ionraaü mit Federschmuck und Buritirock, den Pfeil 
über der Schulter. 4. ainunkunul mit kleinen Tanzkeulen. Vgl. die 
Abbildung 1 19. ihöhö ihoehehe ihöho ehehe nvyakäko horömotäng motdk. 
5. tavüraoaud. Grüne Zweige auf den Armen, Netzmütze, Ohr- 
federn, Federdiademe, Buritirock. Dem Fischtanz der Nahuquä 
entsprechend. 6. namiakoit, wenn den etwa fünfjährigen Knaben 
die Ohrlöcher gestochen werden. 7. kunyn nuirakä, wenn den 
Mädchen das Uluri angelegt wird. 

Auch hörten wir noch mehr von begleitenden Gesängen, die 
alle stereotyp zu sein scheinen. Ich notierte Manches davon, vermag 
sie aber nicht zu übersetzen. Die am häufigsten wiederkehrenden 
Refrains waren kakd hiye, kakd hiyevene. Jedenfalls spielt der Yauari- 
Tanz die grösste Rolle und hat auch mancherlei Touren; yuuar't 
hörte man bei den Kamayurä ebenso oft wie makandri bei den Bakairi, 
nur dass marakd soviel als »Tanz« oder »Gesang« war, ihr Haupttanz 
also yauari- marakd hiess. Einer gab auch eine merkwürdige Vor- 
stellung, indem er gebückt und zwei Pfeile über den Boden reibend 
tanzte, eine F"rau hinter ihm: kurukü he. 
Die Frauen, kunyd, die ja als die beste Beute gelten, wurden vielfach in 
den Gesängen erwähnt. In der Tanzpantomime wurde oft verdeutlicht, nament- 
lich beim Amurikumä-Tanz, dass die Frauen Fische überreichten. Die Tänze be- 
ginnen am frühen Morgen und dauern bis Sonnenuntergang. 

Tanzkeulen, ähnlich wie die abgebildete der Kamayurä, zum Teil hübsch 
umflochten, fanden wir auch bei den Trumai. Bei den Aueto erhielten wir einen 
Tanzschmuck, dessen Form an den Rossschweif eines Tambourmajors erinnerte: 
von einem Reifenstück hingen je an der Seite und in der Mitte Schwänze von 
Buritifasern fast ^2 ni lang herab. 

Zum Tanz mit den Hüvätmasken bei den Kamayurä gehörten zwei Stäbe 
harnte, 80 cm lang, an deren Spitze das Gebiss eines Hundsfisches in einem drei- 



Abb. 119. 

Tanzkeule. 

Kamayurä. 

(V7 nat. Gr.) 



325 




Abb. 1 20. 

Hundsfisch- Tanzstab. 

Kamayiira. (' ^ nat. Gr.) 



eckigen Aufsatz so eingeflochten war, dass die beiden 
langen spitzen Zähne, die beliebten Bohr- und 
Schneidinstrumente des Indianers oben heraus- 
schauten. 

Man sieht, der Tanz hat seine psychologische 
Entwicklung. In ihm spiegeln sich die Fortschritte der 
Kultur deutlich wieder. Im Anfang wird das Tier in 
der Pantomime vorgeführt, seine Stimme nachgeahmt 
und seine Gestalt in der Strohvermummung nachge- 
bildet, aus dem Fischnetz entwickelt sicii die Masken- 
kunst mit ihren für alle Malerei fruchtbaren Motiven — 
hier ist bereits das Gerät mit seiner Technik gegen- 
über der Tierfigur in den Vordergrund des Interesses 
getreten. Das Wurfbrett und die Keule, sie sterben 
aus als Waffen bei dem friedlicher gesinnten Feld- 
bebauer, aber sie erhalten sich als Tanzschmuck, die 
Wurfsteine werden am Pfeil durch W'achsklumpen 
ersetzt und kleine hängen als Amulette am Hals der 
Kinder. Der Bakain macht zum Mittelpunkt seiner 
Tänze mit Buritiflechtwerk zwei in der Palme 
lebende Insekten. Der Kamayurä trägt das Gebiss 
des Hundsfisches beim Fischtanz als Festzierrat, er und der Aueto macht 
sich auch Schmuckwirtel an Stelle der Arbeits- Spinnwirtel und kommt sofort 
zu neuen Mustern, weil er sie für den Zweck des Augenblicks nur mit ver- 
gänglichen Mustern zu bemalen braucht (vgl. Seite 274), der Bakairi schafft 
sich aus den Mandioka- Grabstöcken in den Rückenhölzern einen eigenartigen 
Tanzschmuck und auch hier entstehen in der freien Kunstübung neue Motive, 
sowohl der P'orm, indem sich der spitze Holzzilinder verwandelt, als der Zeichen- 
muster (vgl. Seite 265, 266, 284). 

Ueberall finden wir hier noch vor dem Schmuck die nüchterne, nützliche 
Thätigkeit, sei es Jagd, Fischfang oder andere Arbeit. Noch einmal wollen wir 
es uns klar machen, der Mensch schmückte sich nicht, indem er sich in der freien 
Natur umschaute nach dem, was schön aussah und sich dies an seinem Körper 
anbrachte, sondern er entdeckte die Schönheit erst, nachdem er das Material 
um nützlicher Zwecke gesucht und in Gebrauch genommen hatte. Aber jetzt 
hat er mittlerweile einen grossen Vorrat an Form- und F"arbenmotiven gewonnen, 
er sucht sie allerorts zu verwenden und hat das Schmücken selbst zu einer Art 
Kunst erhoben, die sich bei Tanz und P'estspiel, wo der Ueberschuss der Kräfte 
zur Geltung kommt, am freiesten entfaltet. 

Musikinstrumente. »Am lebhaftesten tritt in der Musik des Indianers das 
Gefühl für den Rythmus hervor, dagegen bringt er es nur zu schwachen Bruch- 
stücken von Melodieen und von der das Gemüt ergreifenden Kraft der Harmonie 



— 326 — 

scheint er keine Ahnung zu haben.« Ich zitiere hier Martius schon deshalb, 
weil ich nicht sicher bin, ob die Indianer nicht musikalischer sind als ich selbst. 
In der That war Alles, was wir gehört haben, nur Ausdruck von Takt und 
Rythmus. Ich rechne deshalb auch die Klappern, die nur Geräusche hervor- 
bringen, zu ihren musikalischen Instrumenten. Sie hatten Fussklappern, Bündel 
harter Fruchtschalen, besonders auch halbierte Piki-Kerne, die der Tänzer um die 
Knöchel des aufstampfenden Fusses gebunden trug. (Vgl. die Abbildung 90, 
Seite 299.) Klirrende Muschel- und Nussschalengehänge, die von Halsschnüren an 
Baumwollquasten herabhingen, das Muschelbündel des Fischmakanari der Bakairi 
dienten gleichem Zweck. 

Der Kerne und Muschelschalenstücke enthaltende, von einem Bambusstöckchen 
durchsetzte Rasselkürbis, der mit der Hand im Takt geschüttelt wurde, hatte bei 
den Bakairi, Nahuquä und Kamayurä denselben Namen wie die Fussklapper.*) Ein 
sonderbarer Anblick für uns, wenn die erwachsenen Leute mit grossem Eifer das 
Musikinstrument unserer Säuglinge schwingen. Vergeblich würde man die Rassel 
bei Kindern suchen. Während wir bei den Bakairi keine Rasselkürbisse gesehen 
haben, waren sie sehr zahlreich und mit mannigfachen Zierraten von Federchen, 
Wachsklümpchen und Baumwolltroddeln ausgestattet bei den Nahuquä. Wir 
fanden auch eine junge Schildkröte an Stelle des Kürbis auf ein Stöckchen aufge- 
spiesst und bei den Aueto sogar das blaue, wie poliert aussehende Ei eines 
Hühnervogels mit mehr als ^Js m langem Stiel. Gelegentlich waren zwei Rassel- 
kürbisse an einem Stiel. 

Kürbisse von Flaschenform dienten zum taktmässigen Aufstampfen. Runde 
mit eingesetztem Bambusrohr bildeten eine Art Uebergang zur Flöte. 

Im dritten Bakäi'ridorf und bei den Kamayurä wurde als Pauke ein hohler 
Baum, der auf der Erde lag, benutzt. 

Flöten. Eine hohle, mit zwei Löchern versehene, 6 cm lange Palmnuss, 
in die man hineinblies, diente als Pfeifchen. Die beliebteste und vollkommenste 
Flöte ^/i — I m lang, 6 cm dick, hiess bei den Bakairi tneni, während sie bei den 
übrigen Stämmen folgende, anscheinend sämtlich verwandte Namen führte; Me- 
hinakü kolutä, Kustenaü kidütv, Trumai kid (Fussklapper kutchöt), Nahuquä kulüta, 
kanäo, Kamayurä kurxitä, kuruä, Auetö kalötü. In ein Rohr ist an einem Ende 
ein dicker Wachspropf eingelassen, indem daneben der Wandung entlang ein 
Kanal offen bleibt. Hier wird oben hineingeblasen,- der Kanal führt zu einem 
viereckigen Luftloch in der Rohrwandung. Im untern Viertel der Flöte befinden 
sich vier Grifflöcher für Zeige- und Mittelfinger beider Hände; die am untern Ende 
abschliessende Querwand ist durchbohrt. Zuweilen besteht das Rohr aus zwei 
mit Wachs der ganzen Länge der F'löte nach verklebten Hälften; Umwickelung 
mit Rindenstreifen, Rohr oder Baumwolle. Auch findet sich Abschrägung des 
Mundstücks. Etuis graben die aus Buritistroh geflochtenen Tanzärmel ab. Kleinere 



*) kamitii bei den Kamayurä, nicht inardka wie im Tupf, das bei ihnen den Gesang und 
Tanz bedeutet. Aueto terud und Fussklapper aiindra, was mit mardka verwandt sein könnte. 



327 — 



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Flöten (bis 80 cm lang) aus Bambus sind weniger sorgfältig behandelt. Pansflöten 
kommen vor vom zierlichen Hirtenflötchen an bis zu riesiger Grösse. So fanden 
wir 1884 bei den Suyä ein Exemplar mit drei Rohren von 172, i und 7* m Länge, 
13V2' 13 "^'"d 5 cm Umfang; im obern Teil ist seitlich ein rechteckiges Luftloch 
angebracht und höher hinauf noch ein 10 cm langes gewölbtes Stück Bambus 
aufgeklebt, das nur unten offen steht und den hier aus dem rechteckigen Loch 
austretenden Luftstrom fängt. 

Schwirrhölzer. Neben den Tanzmasken hing im Flötenhaus der Mehinakü 
ein 60 cm langes Schwirrholz von der Form einer Schwertklinge, schwarz gefärbt mit 
rotem Mittelstück, vgl. Abb. 121. Das schmale Brett, 
an einem Strick durch die Luft geschwungen, erzeugt 
ein brummendes oder schwirrendes Ge- 
räusch, das einen etwas unheimlichen 
Eindruck macht, weil es wie von selbst 
stärker anzuschwellen scheint, und kann 
dabei mit einer Wucht sausen oder heulen, 
die man hinter dem unscheinbaren und 
simpeln Ding nicht erwarten würde. Bei 
den Nahuquä erhielten wir die in 
Nr. 122 abgebildeten Schwirrhölzer, von 
denen das eine mit dem Schlangen- 
ornament bemalt ist, während man das 
andere schwarz angestrichen und dabei 
eine Reihe von Fisch- oder Fledermaus- 
rauten ausgespart hat. Diese beiden 
Schwirrhölzer sind 34 und ^6 cm lang, 
sie haben die Gestalt von Fischen, die 
zweckentsprechend ist, da man einen 
Teil des 3 m langen Stricks um die 
Einschnürung am Schwanzende wickelt. 
Ebenso wenig als betreffs den Masken 
hatten wir irgendwelche Schwierigkeit, 
die Schwirrhölzer zu erhalten. Die Nahuquä zeigten uns den Gebrauch auf offenem 
Dorfplatz in aller Unbefangenheit wie den eines beliebigen Geräts und ohne 
dass die Frauen weggejagt wurden. Es ist dies deshalb von grossem 
Interesse, weil das Schwirrholz, das in unsern Kulturstaaten heute nur ein Kinder- 
spielzeug ist, eine grosse Bedeutung in den religiösen Mysterien bei den ver- 
schiedensten Völkern der Erde gehabt hat oder noch hat. Wir werden ihm bei 
den Bororö und zwar auch in einer geheimnissvollen Bedeutung, die am Kulisehu 
fehlt, wieder begegnen und deshalb auch dort erst auf sie einzugehen haben. 

Die Nahuquä und die Mehinakü haben für das Schwirrholz dasselbe Wort, 
denn diese nennen es matäpu und jene matdliu. Bei den Aueto, Kamayurä und 



Abb. 121. 

Schwirrholz. 

Mehinakü. 

(V, nat. Gr.) 



Abb. 122. Schwirrhölzer 
(Fischform). Nahiiqua. 



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i 



Trumai haben wir das Gerät nicht gesehen. Die Bakairi geben ihm den Namen 
1/elo, iyelo, das heisst ihr für Blitz und Donner gemeinsames Wort, etwa »Gewitter«. 
Wollen wir in ihrem Sinn sprechen, müssen wir es nicht, wie ich früher gethan 
habe, »Blitz«, sondern nach seinem Geräusch »Donner« nennen. Durch dieses 
Baka'inwort erhalten wir auch die Aufklärung, warum das Schwirrholz bei den 
australischen Medizinmännern , die auf ihm zum Himmel fliegen können und die 
Figuren von Wasserblumen darauf einschnitzen, gerade zum Regenmachen ge- 
braucht wurde. Sie erzeugten Donner und Gewitter mit dem Zauberholz; die 
Idee des Regens ist erst sekundär. 

Federschmuck und Diademe. Die wichtigsten Federschmuck liefernden 
Vögel habe ich bereits Seite 208 aufgezählt. Die Federn wurden verarbeitet als 
Diademe, hauptsächlich die des Arara, der Papageien, des 
Japü (Cassicus) und der Falken. Die Schwanzfedern des Arara 
wurden gewöhnhch als Mittelstück des Diadems angebracht, 
wo sie über die anderen kleineren hoch emporragten. Das 
untere Kielende wurde eingeschlagen imd auf Schnüre ge- 
bunden; um die nackten Spulen zu verdecken, legte man 
ringsum ein aus roten oder gelben Federchen gebildetes Band. 
Auf einen Strohkranz aufgebundene Federn setzten sich zu 
einem den Kopf umschliessenden Feder kränz zusammen, 
Federhauben entstanden dadurch, dass Federn (am liebsten 
weisse von Reihern und Störchen, mit bunten Federchen 
durchsetzt), und zwar die grösseren, nahe der Mitte in den 
Maschen eines Baumwollnetzes eingebunden wurden; wird das 
Netz über den Kopf gezogen, richten sich die Federn zu einer 
Holle auf. Federbänder wurden getragen zur Deckung 
des Diademrandes, um die Stirn und hauptsächlich in ziemlich 
loser Verknüpfung um die Oberarme. 

Ohrfedern. Die Bakairi trugen mit Vorliebe gelbe 
Cassicusfedern, vgl. die Masken Seite 304 und Tafel 6. Die 
Ohrfedern werden in Hülsen gesteckt oder an kleinen oder 
grossen Rohrstöckchen befestigt. Sehr zierlich und bunt sind 
die 24 cm langen Federstäbe der Kamayura; die Abbildung 123 
kann leider die prächtigen Farben nicht wiedergeben. Die Nasenfedern der 
Bakairi habe ich Seite 181 besprochen. 

Federmäntel hatten nur die Kamayura, richtiger lange Federnetze, die 
von einer Halsschnur über den Rücken herabhingen, zusammengesetzt aus Federn 
von Geier, Sperber, Arara, Storch und Jakutinga. Sie gehörten in erster Linie 
»zum Yakuitanz«, yaku'i-äp. Vorn über die Stirn fiel ein langes Buritigehänge. Die 
Kamayura hatten auch 30— 40 cm lange Büschel menschlichen Haars, die einem Kopf- 
netz angeflochten waren und beim Yauari-Tanz gebraucht wurden. Ferner trugen sie 
auch kleine Tierbälge und aufgespannte Fellstücke bis etwa V* "^ Länge zum Tanz. 



Abb. 123. 

O h r f e d e r n. 

Kamayura. 

(7, nat. Gr.) 



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Billigere Diademe wurden aus Rohr geflochten, vgl. Tafel 6. Besonders 
die Bakairi und Nahuquä begnügten sich mit diesem Putz, den sie kunstvoll aus 
Buriti- oder Akurf- oder meist Waimbe-Streifen flochten und durch Abwechslung 
mit schwarzgefärbten Streifen belebten. Bei den Nahuquä waren auch Rohr- 
stäbchen in strahlenförmiger Anordnung wie die langen Mittelfedern der Feder- 
diademe aufgesetzt. Auch sehen wir einfach Stücke harten Bastes (von Pata de 
boi) diademartig umgebunden; der Auetö-Häuptling trug ein Stück Jaguarfell als 
Diadem, vgl. das Bild Seite io8. Die Kamayurä endlich hatten Baumwollmützen, 
die, wie die Rohrdiademe aus P'ederdiadem, ihrerseits, wie die Technik zeigt, aus 
der Federhaube hervorgegangen waren. 

Aller Paeder seh muck, mit Ausnahme etwa einer gelegentlich, zumal bei 
den Bakairi, in's Ohr gesteckten Feder gehört zu festlichen Gelegenheiten, 
einschliesslich des feierlichen Empfanges. Es ist mit den Federn ebenso wie 
mit der Körperbemalung. 

Spiele der Jugend. Bei den Bakairi sahen wir P^angbälle aus Maisstroh 
zusammengeballt ; statt der sonst üblichen langen Feder war ein Schweif Mais- 
stroh eingebunden. Gummibälle, jedoch massive, fanden sich bei den Aueto. 
Der Saft einer Figueira oder der Mangave wird auf der Brust zu einer kleinen 
Kugel gerollt, mit Aschenwasser gebeizt und der Ball ringsum so eingestochen, 
dass er aussen mit einem Geflecht überzogen erscheint. Die Bälle werden mit 
Urukü rot gefärbt. 

Kreisel lieferte die unreife Erdnuss (Arachis hypogaea) oder Mandubi. 
Doppelt kirschengross wurde sie durchbohrt auf ein Bambusstöckchen geschoben, 
sodass dieses nur wenig vorschaute, und hier durch Umwickeln mit einem Baum- 
wollflöckchen vor dem Abrutschen gesichert. Die Frucht tanzte den langen Stiel 
nach oben. Man setzte mehrere solcher Kreisel in einen Topf und Hess sie 
zusammen tanzen. 

Den Seite iio beschriebenen Ringkampf müssen wir schon den Spielen der 
Erwachsenen zurechnen, doch übten sich die Kinder gern im Ringen. Desgleichen 
natürlich im Bogenschiessen. Auch haben wir Kinder- Wurfhölzer gesehen. Mit 
den schweren Thonpuppen wurde von älteren Kindern gespielt. Von mir ver- 
langte man einige Mal eine Art Kraftprobe dergestalt, dass ich einen Jüngling mit 
freiem Arm in die Höhe heben sollte. Hier kann ich noch die Beobachtung an- 
fügen, dass die Indianer es nicht fertig brachten, eine Stange auf einem Finger 
balanzieren zu lassen. 



XII. KAPITEL. 



I. Recht und Sitte. II. Zauberei. 

I. Eigentum. Verwandtschaft. Ehe. Moral. Tauschverkehr. Namen. Geburt. Couvade und deren 

Erklärung. Begräbnis. 

II. Hexerei in verschiedenen Stadien und auf verschiedenen Kulturstufen. Traumerlebnisse. Pars 
pro tote. Gute und böse Medizinmänner. Ihre Methoden. Sterben in der Narkose. Der Medizin- 
mann im Himmel. Tabak, Wetterbeschwörung. 

I. 

Die Grenzen zwischen den Gebieten der Stämme sind natürliche. »Dieser 
Bach gehört schon dem Nachbarstamm« wurden wir unterwegs regehnässig belehrt. 
Das eine Ufer des Kulisehu gehörte auch z. B, den Nahuquä, das andere den 
Mehinakü. Der Fischfang mit Pfeil und Bogen auf dem Fluss stand Jedermann frei. 

Die Pflanzung war gemeinsames Eigentum, im Haus hatte Jeder persönliches 
Eigentum, auch die Frauen, die wir oft Einspruch erheben sahen, dass man uns 
davon gebe; man vererbte es auf seine Kinder, Söhne und Töchter. Häufig aber 
beobachteten wir, dass Personen, denen wir Perlen und dgl. gegeben hatten, sie 
an den Häuptling abliefern mussten. 

Die Gewalt des Häuptlings war nicht gross. Es gab in allen grösseren 
Dörfern mehrere Häuptlinge, die in verschiedenen Häusern wohnten; luis gegen- 
über repräsentierte immer nur Einer. »Repräsentation« war die wichtigste Ver- 
pflichtung in Friedenszeit. Der Häuptling hatte die Leitung der Pflanzgeschäfte, 
er sorgte dafür, dass der nötige Mehlvorrat angelegt wurde, er liess die Beijüs 
backen und die Getränke zubereiten bei allen festlichen Gelegenheiten und bei 
Fremdenbesuch. Er war ofl'enbar ein Hausvater in grösserm Stil, durfte aber 
nicht sehr sparsam sein, wenn ihm um die Wertschätzung seiner Mitbürger, ge- 
schweige seiner Stammesnachbarn, zu thun war. So war der Häuptling des 
ersten Batovydorfes „kurdpa", schlecht = geizig. Er liess nur wenige Beijüs für 
die Gäste backen. Geiz gilt als hässlichste Eigenschaft. Aber diese Art Regieren 
muss schwer sein. Antonio erzählte mir von einem gewissen Joäo Cadete im 
Paranatingadorf, der an der Reihe war, Häuptling zu werden, lieber aber aus- 
wanderte »com medo de tratar gente«, in der Angst, Leute bewirten zu müssen, 



— 331 — 

sodass Felipe an seine Stelle trat. Ist die Gemeinde mit ihrem Oberhaupt un- 
zufrieden, so weiss sie sich zu helfen: sie trennt sich von ihm und zieht einfach 
an einen andern Ort. Die Würde ist erblich, deshalb nicht immer in den besten 
Händen, und geht auf den Sohn und, wenn keiner da ist, auf den Sohn der 
Schwester über. In Maigeri war der Häuptling gestorben und hatte nur eine 
Tochter hinterlassen, »meine Zukünftige« in der Bakairi-Idylle. Häuptling wurde 
nun vorläufig Tumayaua, der Bruder der Witwe; sobald das Mädchen sich ver- 
heiratete, trat ihr Gatte an seine Stelle. Sie empfing eine Menge von Perlen, 
die wir Anderen gegeben hatten, ihr gehörte der HäuptHng-Schemel. 

In dem Wenigen, was ich von diesen V'erhältnissen berichten kann, sind 
einige Züge der Matriarchats erkennbar. Die Söhne gehören zum Stamm der 
Mutter; Antonio erklärte, wenn einer der mit Paressi'frauen verheirateten Bakairi 
Kinder hätte, so wären das Paressi. Was freilich bei geraubten Frauen wohl 
nur sehr theoretisch gemeint sein kann. Zwischen Mehinakü und Nahuquä, zwischen 
AuetÖ und Yaulapiti, wie auch zwischen Kamayurä und Auetö, zwischen Kama- 
yurä und Mehinakü, zwischen Batovy-Bakairi und Kustenaü, zwischen Kulisehu- 
Bakairi und Nahuquä kamen zu unserer Zeit eheHche Verbindungen vor. Wie 
bei den Nahuquä Mehinaküfrauen lebten, hatten Aueto- Männer Yaulapitifrauen 
geheiratet und wohnten in zwei Häusern bei dem Auetodorf etwas abseit, sie 
wurden »Arauiti« genannt.*) Dagegen lebten ein Kustenaü- und ein Nahuquä- 
Mann bei den Bakairi verheiratet, während wir das Umgekehrte, dass Bakairi- 
Frauen in einen andern Stamm hineingeheiratet hätten, niemals beobachtet 
haben. Pauhaga aus dem ersten Bakairidorf am Batovy hatte eine Tociiter 
Awiä's aus Maigeri zur Frau und kam, als seine Gattin ihrer Entbindung ent- 
gegensah, mit ihr in Awiä's Haus am Kulisehu, damit sie oder vielmehr sie beide, 
wie wir sehen werden, die Wochenstube bei den Schwiegereltern bezögen. Der 
Bruder der Mutter galt immer noch, obwohl die Leute in Einehe lebten und der 
Vater das Oberhaupt der Familie war, als ein dem Vater gleichwertiger Beschützer 
des Kindes und trat jedenfalls alle Pflichten an, wenn der Vater starb, für die Zeit bis 
die Kinder erwachsen waren. Er verfügte über ihr Eigentum, nicht die Mutter. 

Aelterer und jüngerer Bruder hatten bei allen Stämmen eine verschiedene 
Bezeichnung. Der jüngere Bruder stand auf gleicher Stufe mit dem Vetter und 
hatte mit ihm den Namen gemeinsam. Die Bakairi nannten mich »älterer Bruder«, 
später im dritten Dorf auch »Grossvater«, die Mehinakü »Onkel« (Mutterbruder). 
Meine Reisegefährten hiessen stets meine »jüngeren Brüder oder Vettern«, wurden 
auch von den Indianern selbst so angeredet. 

Heiraten werden ohne Hochzeitfeierlichkeiten abgeschlossen, die Eltern, 
zuerst die Väter, dann die Mütter, bereden die Sache, der Vater der Braut erhält 



*) Ein »Arauiti« wurde von dem Aueto-Häuptling auch der Suya-Häuptling genannt, der uns 
1884 die Karte des Flusslaiifs gegeben hatte. Sein auffallend kleiner Lippenpilock wäre damit 
erklärt, dass er die Operation später nachgeholt hätte, seine geographischen Kenntnisse führte er 
selbst auf eiafene Reisen zurück. 



— 332 — 

Pfeile und Steinbeile; der Bräutigam muss auch mit in der Rodung arbeiten, »um 
zu zeigen, dass er es versteht«, er hängt seine Hängematte über der des Mädchens 
auf und Alles ist in Ordnung. Dass ältere Männer junge Frauen, jüngere Männer 
ältere Frauen haben, war nur am Paranatinga deutlich ausgesprochen, am Kuli- 
sehu dagegen nicht; (dieses Vorrecht der Alten tritt hier also erst bei dem Verfall 
des Stammes auf). Wenigstens waren die paar Ehegemeinschaften, die ich in 
Maigeri genauer kennen lernte, gleichartig zusammengefügt. Die Scheidung erfolge 
bei den Bakairi ohne Umstände, auch wenn der Mann nicht damit einverstanden 
sei. »Die Frau geht fort, vielleicht erwischt er sie wieder.« 

Ueber die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern habe ich bereits früher 
gesprochen, vgl. S. 214 ff. Die Frau nahm keine unwürdige Stellung ein. Der 
Mann liess sie mehr Last tragen, als er selbst trug, er hielt sie fern von dem 
Flötenhaus, wo die Männer berieten, rauchten, Feste begingen, und wo die 
Fremden beherbergt wurden, er war ihr Herr und Gebieter — und that, was sie 
wollte. Wenn Martins sagt, dass die Frau »trotz sklavischer Unterordnung in 
Folge der heitern Geschäftigkeit« keine niedere Stellung einnehme, so trifft 
das für unsere Indianer vollkommen mit der Massgabe zu, dass die sklavische 
Unterordnung stark zurücktrat. Die Frau bedurfte des Schutzes einmal, weil sie 
schwach war und bei jeder Gefahr »weinte«, dann, weil sie vor fremden Gelüsten 
bewahrt werden musste. Sie ging bei der Heimkehr von der Pflanzung nach 
Hause vor dem Manne, da sie schwer bepackt rasch vorwärts eilte und Alles 
sicher war, im Walde ging sie hinter ihm, damit er einer etwaigen Gefahr zuerst 
begegne. Vor fremden Gästen wurde sie behütet, und wenn sie zweifelhafter 
Natur waren wie wir, so liefen die Weiber und Kinder in den Wald. 

Was bei Ehebruchsdramen geschieht, weiss ich nicht. Wir haben überhaupt 
keine Gelegenheit gehabt, etwas zu beobachten, was in das Gebiet der Justiz- 
pflege gehörte. Wenn ich mich bei Antonio nach Verbrechen irgendwelcher Art 
erkundigte, so antwortete er immer, dergleichen sei früher wohl geschehen, komme 
aber jetzt nicht mehr vor. 

Diebstahl war jedenfalls uns gegenüber sehr häufig, ausgenommen bei den 
Bakairf, wo indess Freund Luchu zur Zeit, da er uns in der Independencia be- 
suchte, nicht mehr recht sicher war. Als die Verwirrung im Trumailager ent- 
stand, weil ich ein Glas rriir gestohlener Arsenikpillen zurückverlangen musste, 
sahen wir, dass die mit uns gekommenen Yaulapiti Steinbeile der Trumai zu er- 
wischen suchten. Immer und ganz ohne Ausnahme sollte es ein Fremder ge. 
wesen sein, der gestohlen hatte. Die gemeinsam wohnenden Leute haben 
auch wenig , was sie sich untereinander wegzunehmen brauchten , und der 
Dieb könnte dessen kaum froh werden, olme dass man ihn entdeckte. Nichts 
ist also natürlicher, als dass sich der Begriff von Moral auf das Genaueste 
an die Stammeszugehörigkeit anlehnt. Bei den Bakairi lieisst kurä »wir«, »wir 
alle«, »unser« und gleichzeitig »gut« (»unsere Leut«), kurdpa »nicht wir«, 
»nicht unser« und gleichzeitig »schlecht, geizig, ungesund«. Alles Uebel kommt 



31 o 
JJ — 

von Fremden, nicht zum wenigsten Krankheit und Tod, die von Zauberern 
draussen geschickt werden. 

Wie wichtig gute Beziehungen zu den Nachbarstämmen sein müssen, erhellt 
aus der, man kann fast sagen, Notwendigkeit des Tauschverkehrs. Der eine 
Stamm ist zöto, Herr dieses, der andere jenes Artikels. Das Wichtigste darüber 
habe ich auf den Seiten 203, 210, 215 ausführlich mitgeteilt. Die Bakairi hatten 
als Spezialität die Halsketten mit weissen rechteckigen Muschelstücken, Muschel- 
perlen, Urukü, Baumwollfaden und Hängematten, die Nahuquä Kürbisse, sowie 
Ketten mit roten Muschelstücken und Tukumperlen, die Mehinakü und Verwandte 
Töpfe und feinen Baumwollfaden, die Trumai und Suyä Steinbeile und Tabak, die 
Trumai und vielleicht auch die Yaulapiti Ketten mit durchbohrten Steinen. Auch 
war das aus Bambusasche bereitete Salz der Trumai bei andern Stämmen beliebt. 
Dies waren Alles Handelsartikel. Sie machten zum Teil den weiten Weg 
von den Bakairi bis zu den Suyä, von Stamm zu Stamm wandernd. Die Suyä 
verkehrten mit den Kamayurä, diese mit den Töpferstämmen, von den letzteren 
standen die Mehinakü im engsten Verkehr mit den Nahuquä, und die Kustenaü 
mit den Bakairi des Batovy. Die obersten Bakairi des Kulisehu erhielten ihre 
Suyä-Steinbeile und Kustenaü-Töpfe von ihren Batovy- Verwandten und die Bakairi 
des dritten Kulisehu -Dorfes von den Nahuquä, mit denen sie enge Beziehungen 
unterhielten. Als wir 1884 den Bakairi am Batovy von unsern Karaibensachen 
gegeben hatten, benutzte der Häuptling des ersten Dorfes die günstige Konjunktur 
und trat eine Geschäftsreise in das untere Gebiet des Kulisehu an; so kamen 
gelegentlich auch nicht benachbarte Stämme in Handelsverkehr. Die von den 
Suyä für Steinbeile eingetauschten Artikel sind Hängematten, Muschelketten, 
Ararafedern und Töpfe. 

War ein alter und notwendiger Tauschhandel vorhanden, so fehlte doch, 
jedenfalls bis zu einem gewissen Grade, der Begriff des Wertes. Der An- 
kommende brachte dies oder jenes mit und lieferte es ab, wenn er zum Empfang 
bewirtet wurde. In kleinerer Menge beim Empfang, in grösserer beim Abschied 
erhielt er die gewünschte Gegengabe. Wir haben bei dem Abschied in Maigeri 
das typische Beispiel erlebt, vgl. Seite 132, wir wurden hingesetzt und erhielten 
dann einen Korb Mehl. So übersetzen die zahmen Bakairi das portugiesische 
coinprar »kaufen« mit yekadUe sich setzen. Der Handel ist also noch ein Aus- 
tausch von Gastgeschenken. Allein dies ist nur in der Kulturstufe, nicht in 
dem edelmütigen Charakter begründet. Der Indianer ist keineswegs gastfreund- 
lich in dem Sinn, dass er sich durch den Besuch riesig geehrt und schlechthin 
verpflichtet fühlte, mit Beijüs und Getränken verschwenderisch zu bewirten. Er 
möchte schon für diese Leistung eine Gegenleistung haben, er wird bald unge- 
duldig, wenn der Gast nur bleibt, um billig zu leben, und bittet ihn offenherzig, 
das Dorf zu verlassen. Schon in der Bakairilegende wird gleichzeitig mit der 
Erfindung des Tanzes berichtet, dass die Eingeladenen und Bewirteten Pfeile und 
Bindfaden geschenkt hätten. Unsere Reisegefährten boten uns unterwegs Fisch sicher 



— 334 — 

nur an, wenn sie selbst satt waren, und es waren nicht die besten Beij'üs, die sie 
uns überliessen. Die ewige Unterhaltung auch unter ihnen selbst, ob dieser oder 
jener Stamm „^^i/•«" sei, zeigte deutlich, dass man nichts weniger als naiv gast- 
frei war; es erregte stets die grösste Befriedigung, wenn wir einen Stamm für 
^kuräpa^ erklärten, weil das von unserer Seite bedeutete, dass wir mit jenem 
weniger Geschäfte gemacht hätten. Man lobte sich selbst zu stark, als dass der 
Empfangende an die reine Tugend des uneigennützigen Wilden hätte glauben 
können. 

Unsere nüchtern geschäftsmässige Art, der Umtausch von Gegenstand 
um Gegenstand, war allen Stämmen im Anfang völlig neu. Sie lernten 
aber rasch. Doch kamen die possierlichsten Ungeheuerlichkeiten vor. Einer raffte 
eine Handvoll Mangaven auf und verlangte dann ungestüm ein grosses Messer. 
Einer wollte Perlen dafür haben, dass man ihm die Hand verbunden hatte. Nur 
wenn man ihnen erklärte, dass man selbst den Gegenstand nur in einem einzigen 
Exemplar besitze, wurde man nicht weiter behelligt. 

Namen. Der Sohn erhält bald nach der Geburt den Namen des Grossvaters, 
Oheims oder eines Vorfahren, nicht den des Vaters. Die Namen sind bei den Bakairi 
zum Teil, ich glaube jedoch nur zum kleinen Teil, Tiernamen. Dies sind die ein- 
zigen, deren Sinn ich verstehe; so ist Luchu eine Wasserschlange, der Häuptling 
Reginaldo am Rio Novo hiess mit seinem einheimischen Namen izdna = Kaiman, 
ein Alter in Igueti hiess pöne = schwarze Piranya. Eine von den Frauen im Parana- 
tingadorf hiess niakdla = Tujujüstorch. Die Namen der Männer waren meist ohne 
Schwierigkeit zu erfahren; zuweilen ging ein leichtes Sträuben voraus, und man 
zog vor, wenn ein Freund die Mitteilung machte. Ein Bakairi hatte angeblich 
keinen Namen, weil seine Eltern früh gestorben seien. Von den Frauen am 
Kulisehu erhielt ich immer nur die Antwort »ich bin eine Frau«; ich habe aller- 
dings versäumt, dritte Personen zu befragen. Die Sitte des Namentausches habe 
ich beschrieben, vgl. S. 125 und 129. Sie erklärt, warum die Indianer so wenig 
Schwierigkeiten machen, sich der christlichen Taufe zu unterwerfen. Sie verstehen 
darunter nur eine Zeremonie, durch die sie ihren alten Namen verlieren. 

Geburt und Couvade. Abortieren soll häufig stattfinden. Die Frauen 
fürchten sich vor der Niederkunft. Bei den Bakairi machen sie sich einen Thee 
aus der Wurzel eines Kampbaumes, namens Perovinha. Wahrscheinlich treten 
noch mechanische Prozeduren hinzu. Die Frau kommt in knieender Stellung auf 
dem Boden nieder, indem sie sich an einen Pfosten anklammert. Die Hängematte 
soll nicht beschmutzt werden. Frauen, die uns dies pantomimisch veranschaulichten 
und die es aus Erfahrung wussten, erklärten mit Entschiedenheit, dass die 
Schmerzen gross seien. Sie stehen aber bald auf und gehen an die Arbeit und 
der Mann macht die berühmte Couvade, das männliche Wochenbett, 
durch, indem er strenge Diät hält, die Waffen nicht berührt, und den grössten 
Teil der Zeit in der Hängematte verbringt. Bei der Rückkehr sahen wir eine 
solche Couvade in Maigeri in Paleko's Haus. Man hatte eine wirkliche Wochen- 



— 335 — 

Stube eingerichtet, indem man von einem der Hauptpfosten aus zwei mannsliohe 
Wände aus hängenden Buritfblättern nach der Aussenwand gespannt hatte. So 
war ein Kreisdreieck abgesperrt. Man erlaubte mir gern den Eintritt, damit ich 
dem Kinde Perlen schenke. Drinnen waren vier Hängematten ausgespannt, zwei 
Frauen mit Säughngen und zwei Männer beherbergend. Starker Pikigeruch, von 
Einreibungen herrührend, erfüllte den Raum. Die Säuglinge waren kuräpa, krank, 
schwach, wie die Eltern klagten. Die Mütter und Väter waren unausgesetzt 
thätig, sie anzublasen, und zwar in hohlklingenden Geräuschen mit fast ge- 
schlossenem Mund, die auch während der ganzen folgenden Nacht kaum einen 
Augenblick unterbrochen wurden. Die Ehemänner verliessen das Haus nur für die 
Befriedigung der Notdurft, sie lebten ausschliesslich von dünnem Pogu, in Wasser 
verkrümelten Mandiokafladen. Alles Andere würde dem Kind schaden; es wäre 
gerade so, als ob das Kind selbst Fleisch, Fisch oder Frucht esse. 

Nun ist nichts naheliegender als die merkwürdige Sitte, die den Frauen zu 
Gute kommt, mit dem Jägerleben in Zusammenhang zu bringen; der Mann sollte 
Frau und Kind während der schweren Stunde und der ersten Tage nahe sein, und 
nicht draussen umherstreifen; dafür gab es kein besseres Mittel, als wenn man 
ihn auf Diät setzte. Und, wie auch die Sitte entstanden sein möge, dass sie 
diesen Vorteil darbot, ist klar, und es ist mindestens wohl verständlich, dass die 
Frauen ihr zugethan waren und sie sich fest einbürgerte. Allein am modernen 
Paranatinga, wo sie vernachlässigt wird, sind die Frauen unzufrieden, nicht weil 
sie, sondern weil die Kinder darunter litten. Wenn sie den Frauen nützte, so ist 
das auch kein Grund dafür, dass sich die Männer ihr unterworfen hätten. Und 
die Männer unterwerfen sich ihr doch so allgemein und mit solcher Ueberzeugung, 
dass man sieht, es handelt sich um ein tief eingewurzeltes, uraltes Element des 
Volksglaubens. Es ist sehr zweifelhaft, ob es überhaupt irgend einen brasilischen 
Indianerstamm giebt, der sie nicht geübt hätte. Man muss die Einrichtung mög- 
lichst an Stämmen untersuchen, die noch unter ungestörten Verhältnissen ange- 
troffen worden sind und nicht nur Reste der alten Einrichtungen bewahrt haben. 
Die Inselkaraiben assen und tranken gewöhnlich nichts in den ersten fünf Tagen, 
beschränkten sich die folgenden vier auf ein Getränk aus gekochter Mandioka, 
wurden dann üppiger, enthielten sich aber noch mehrere Monate einiger Fleisch- 
arten. »Es ist nicht wahrscheinlich«, sagt der vortreffliche Pater Breton, »dass 
der Ehemann auch schreit wie die Frau in Kindsnöten, ich habe sie im Gegenteil 
heimlich und versteckter Weise von draussen kommen sehen, einen Monat nach 
der Geburt, um in der Zurückgezogenheit ihre Fasten zu begehen.« Sie ver- 
achten diejenigen, die die Sitte nicht üben, erklären, sich selbst dabei besser 
zu befinden und älter zu werden, und glauben, dass ihre durch überflüssige Säfte 
erzeugten Krankheiten bei Unterlassung des Gebrauchs auf die Kinder übergingen. 
Bei unsern Indianern besorgt der Vater das Kind, die Frau geht eher 
wieder an die Arbeit. Dass der Vater dabei viel in der Hängematte liegt, ver- 
steht sich bei dem Mangel an Nahrung und schon, weil er zu Hause bleibt, von 



— zz^ — 

selbst. Wann beginnt nun die Couvade und wann hört sie auf? Der Vater 
durchschneidet die Nabelschnur des Neugeborenen, fastet streng, pflegt 
das Kind und ist wieder ein freier Mann, wenn der Rest der Nabelschnur 
abfällt. Er durchschneidet die Nabelschnur bei den Bakairi den Knaben mit 
Kambayuvarohr, den Mädchen mit Takoarabambus. 

Vergleichen wir hiermit die Notiz bei Martius über die Passes, wo die 
Gebräuche besonders klar als medizinische zu erkennen sind, wenn die Jung- 
frau beim Eintritt der Menses einen Monat fastet, die Wöchnerin einen Monat 
im Dunkeln bleibt, und, »wie der Gatte, auf die Kost von Mandioka, Beijü und 
Mehlsuppe angewiesen ist. Der Gatte färbt sich schwarz und bleibt während 
der ganzen Fastenzeit oder bis dem Säuglinge die vertrocknete Nabelschnur 
abfällt (sechs bis acht Tage), in der Hangematte. Er selbst pflegt die 
Nabelschnur mit den Zähnen oder scharfen Steinen zu durchschneiden, wenn er kein 
Messer hat.« Besonders wichtig ist jedoch ein uns in der Klosterbibliothek von 
Evora, der Hauptstadt der portugiesischen Provinz Alemtejo, erhaltenes Manu- 
skript des Jesuiten Fernäo Cardim von 1584*), das viele zuverlässige Beob- 
achtungen enthält. »Die Frauen gebären auf dem Boden, sie heben das Kind 
nicht auf, sondern der Vater hebt es auf oder irgend eine Person, die sie zum 
Gevatter nehmen und mit denen sie Freundschaft halten wie die Gevattern unter 
den Christen; der Vater zerschneidet die Nabelschnur mit den Zähnen oder mit 
zwei Steinen, einem über dem andern, und sogleich darauf legt er sich zu 
fasten, bis der Nabel abfällt, was gewöhnlich bis zu 8 Tagen währt, und bis 
er ihm nicht abfalle, lassen sie nicht das Fasten, und beim Abfallen 
macht er, wenn es ein Knabe ist, einen Bogen mit Pfeilen und befestigt ihn an 
dem Strickbündel der Hängematte, und an dem andern Strickbündel befestigt er 
viele Kräuterbündel, die die Feinde sind, die sein Sohn töten und verzehren soll, 
und nachdem diese Zeremonien vorbei sind, machen sie Wein, an dem sich alle 
erfreuen.« 

Man könnte den Vater nach diesen wertvollen Angaben, die genau mit 
denen am Schingü übereinstimmen, für den behandelnden Arzt erklären, der etwa 
auch fastet wie der studierende Medizinmann, durch anderes Verhalten seine Kur 
gefährden und dem Kinde schaden würde. Allein nicht nur die Schingüleute, 
sondern auch viele andere Stämme sagen, der Vater dürfe Fisch, Fleisch und 
Früchte nicht essen, weil es dasselbe sei als wenn das Kind selbst es ässe, 
und es ist nicht einzusehen, warum man den Eingeborenen nicht glauben soll, 
dass sie das glauben. Auch stände der Medizinmann des Dorfes immer zur Ver- 
fügung, und er wird in allen andern Fällen gerufen, wenn Mutter oder Kind 
erkranken. 

Der Vater ist Patient, insofern er sich mit dem Neugeborenen eins 
fühlt. Wie er dazu kommt, ist doch auch wirklich nicht so schwer zu verstehen. 

*) Do principio e origem dos Indios do Brazil. Rio de Janeiro. 1881. 



— j 7 — 

Von der menschlichen Eizelle und dem Graafschen Follikel kann der Eingeborene 
nicht gut etwas wissen, er kann nicht wissen, dass die Mutter das den Eiern der 
Vögel entsprechende Gebilde beherbergt. Für ihn ist der Mann der Träger der 
Eier, die er, um es kurz und klar zu sagen, in die Mutter legt und die diese 
während der Schwangerschaft brütet. Man betrachte sich Tafel i6 und 17, wo 
die Indianer die männlichen Eier gezeichnet haben. Wo das sprachliche Material 
ausreicht, sehen wir sofort, wie dieser höchst natürliche Versuch, die Zeugung zu 
erklären, auch in den Wörtern für Vater, Hoden und Ei offenbar wird. Im 
Guarani heisst tub Vater, Rogen, Eier, tupid Eier, und „tup-i^'- selbst, der Name 
des Stammes, ist nur, mit -/ klein zusammengesetzt, kleine Väter oder Eier oder 
Kinder wie man will; der Vater ist Ei und das Kind ist der kleine Vater. Die 
Sprache sagt es selbst, dass das Kind nichts ist als der Vater. Bei den Tupf 
bestand auch die Sitte, dass der Vater nach der Geburt jedes neuen Sohnes 
einen neuen Namen annahm; es ist keineswegs nötig, um dies zu erklären, anzu- 
nehmen, dass die »Seele« des Vaters jedesmal in den Sohn hineinfuhr. Im 
Karaibischen genau dasselbe, imu ist Ei oder Hoden oder Vater oder Kind, 
letzteres bei einigen Stämmen bereits lautlich difTerenziert: 

Ipurucoto imu Ei, Bakairf Hoden, Tamanako Vater, Makuschi imum Samen; 
mit dem Pronominalsuffix -ru finden wir imu-ru Kind bei verschiedenen Stämmen: 
Kumanagoto nino mein Vater, amo dein Vater, Nahuquä utnü-ni mein Kind. 
amü-ru dein Kind. Selbstverständlich kommt man überall dazu, bestimmende 
Zusätze zu liefern oder die ursprünglich identischen Wörter, den Zusammenhang 
vergessend, lautlich von einander zu entfernen. So hat das Kamayurä ye-rvj) 
mein Vater, vpiä Eier, ye-reapiä meine Hoden, das AuetÖ i-tupiä meine Hoden, 
n-vpiä seine Eier, die Lingoa geral ^apyä Hoden, ^opiä Ei. So heisst bei den 
Bakairi Kind und klein imeri, das Kind des Häuptlings ptma imeri; wir können 
nach Belieben übersetzen »das Kind des Häuptlings« oder »der kleine Häuptling« 
und werden uns bei der letzteren Form, die wir vom Sohn mehr scherzweise 
anführen könnten, nicht bewusst, dass bei dem Indianer das Kind auch wirklich 
nur der kleine Häuptling selbst ist, eine kleine Ausgabe vom grossen. Seltsam 
und kaum fassbar ist diese Vorstellung auch für unser Gefühl wohl nur für den 
Fall, dass es sich um ein Mädchen handelt. Aber auch das Mädchen ist der 
kleine Vater und nicht die kleine Mutter; es ist nur vom Vater gemacht. Im 
Bakairi giebt es keine besonderen Wörter für »Sohn« und »Tochter«, sondern es 
wird, wenn man den Unterschied verlangt, das Geschlecht hinzugefügt, ^^pima 
imeri'"'- kann sowohl der Sohn als die Tochter des HäuptHngs heissen. Die einzige 
Tochter des Häuptlings ist die Erbin von Besitz und Rang, was beides mit ihrem 
eigenen Besitz an den Gatten übergeht. 

Der kleine Vater kommt zur Welt, die Nabelschnur wird durchschnitten, 
der grosse Vater fastet mindestens so lange, bis die Wunde geheilt ist und 
damit das neue Menschlein als ein selbständiges Wesen gelten kann. Der Vater 
würde sicherlich keine Vorsichtsmassregeln beobachten, wenn das Kleine sogleich 

V. d. Steinen, Zentral-Brasilien. 22 



- 338 — 

wie ein Küken gesund umherliefe, aber es blutet und schwebt in Gefahr, da es 
ja nicht einmal abgebunden wird. Die Sache ist gar nicht so seltsam, wenn die 
Mutter nur als Brutmaschine aufgefasst wird. Schon während der Schwanger- 
schaft (vgl. Ploss, Das Kind, II. Kap., 7) fastet der Vater vielfach und ver- 
meidet schwere Arbeit, um dem Kinde nicht zu schaden. Aber nach der Geburt 
fühlt er sich mindestens bis zu dem Augenblick, dass der Rest der Nabelschnur 
abfällt, noch in thatsächlichem »Zusammenhang« mit dem Kinde, und mindestens 
während der Tage, dass das Leben des kleinen Vaters sichtbarlich gefährdet er- 
scheint, muss Diät eingehalten und nichts gegessen werden, was der eine Teil 
nicht vertragen kann. Es ist auch durchaus nicht unumgänglich notwendig, 
dass die Entbindung im Beisein des Vaters stattfindet, damit er zum Fasten ge- 
zwungen werde, und so kann das Bedürfnis seiner Anwesenheit auch nicht der letzte 
Grund der Sitte sein. Wie zitiert, holten die Inselkaraiben ihre Couvade noch einen 
Monat später nach. Bei den Ipurina am Purus kommt die Frau, von einigen 
älteren Weibern unterstützt, in einer Waldhütte nieder und kehrt erst »vier oder 
fünf Tage später« zu dem Manne zurück, der jetzt erst das Kind sehen darf und 
während dieser Zeit strenge Diät halten musste«. Noch ein ganzes Jahr lang 
darf der Mann weder Schweine- noch Tapirfleisch geniessen. Ehren reich, der 
dies berichtet, fügt hinzu: »ein wirkliches , Männerkindbett' ist nicht üblich.« 
Nun, doch wohl nur insoweit nicht, als der Vater nicht in der Hängematte zu 
liegen braucht, was, wenn es nicht nur eine Nebenerscheinung ist, jedenfalls eine 
der unwichtigsten Kurvorschriften ist. Dass falsche Nahrung für das Kind in 
erster Linie schädlich ist, weiss auch der Indianer, und darum ist es das Wichtigste, 
Diät zu halten. Alles Andere ist mehr oder minder nur Beiwerk. Entscheidend 
ist endhch das Verhalten der Bororö. Die Mutter kommt im Walde nieder, und 
der Vater, der niemals dabei ist, fastet nicht nur, er nimmt auch, wie wir von 
dem darob hocherstaunten Apotheker der brasilischen Militärkolonie erfuhren, 
wenn das Kind krank ist, die Medizin ein, die ihm für das Kind über- 
geben wird. 

Das Verhalten der Mutter kann, während alle Stämme für den Vater ein 
gleiches Verfahren einschlagen, recht verschieden sein, je nachdem sie als mehr 
oder minder leidend erachtet wird. Sie geht ihren Geschäften wieder nach, soweit 
sie die Kraft fühlt, und säugt das Kind, aber damit ist es auch genug. Zwischen 
Vater und Kind besteht keine mysteriöse Wechselbeziehung, das Kind ist eine 
Vervielfachung von ihm, der Vater ist doppelt geworden und muss sich für die 
unbehülfliche, unvernünftige Kreatur, die seine Miniaturausgabe darstellt, selbst wie 
ein Kind verhalten, das nicht Schaden nehmen darf Gesetzt das Kind stürbe 
in den ersten Tagen, wie könnte der Vater, der von solcher Anschauung erfüllt 
ist und schwer verdauliche Sachen gegessen hat, zumal alle Krankheit durch 
Schuld eines Anderen entsteht, zweifeln, dass er selbst die Schuld trage? 
Was wir »pars pro toto« nennen, beherrscht den Volksglauben überall in Betreff 
des Hexen- oder des Heilzaubers, obwohl ich nicht glaube, dass der Zaubernde 



— 339 — 

die klare Vorstellung eines »Teils« hat, mit dem er arbeitet. Die »Couvade« 
verfährt nach genau derselben Logik, nur dass hier ein Fall gegeben ist, wo das 
Ganze für den »Teil« eintritt. Es ist dasselbe, ob ich das Haar des Feindes 
vergifte und ihn dadurch dem Siechtum aussetze, oder ob ich zu Ungunsten des 
von mir losgelösten Kindes Speisen geniesse, die es überhaupt noch nicht und jeden- 
falls noch nicht in den Tagen, wo die Lösung hergestellt wird, vertragen könnte. 

Begräbnis. Alle Stämme des Kulisehu beerdigen ihre Toten; der Körper 
liegt West-Ost so, dass der Kopf nach Sonnenaufgang schaut. (Die Suyä setzen 
ihre Toten nach Angabe der Kamayurä in hockender Stellung bei, den Kopf 
mit dem Federschmuck zurückgeneigt und den Blick nach Sonnenuntergang ge- 
richtet.) Das Grab befindet sich auf dem Dorfplatz. Wir sahen bei den Mehinakü 
vor der Festhütte einen Reisighaufen, unter dem sich in geringer Tiefe die Grab- 
höhle befinden sollte; aus Löchern in der Erde krochen dicke Käfer hervor und es 
wimmelte von Fliegen. Bei den Auetö war ein Geviert vor der Festhütte mit dicken, 
niedrigen, durch Flechtwerk verbundenen Pfosten abgesteckt. Es ist auf Tafel 15 
photographiert; ich weiss nicht, ob es ein Zufall ist, dass die zwei ausgeschweiften 
Seiten des Gevierts an die charakteristische Form der Grififplatte des Wurfholzes 
erinnern. Bei den Yaulapiti sahen wir einen quadratförmigen Grabzaun. 

Der Körper ist in die Hängematte eingewickelt *). Die Beigaben sind für 
den Mann Bogen und Pfeile, für die Frau Siebmatte, Spindel und Topf. Die 
irdische Arbeitsteilung dauert auch im Jenseits fort. Die Kamayurä beschrieben 
uns die Bestattung eines Häuptlings. Sie graben, um das Grab zu machen, zwei 
Gruben und verbinden sie durch einen Gang, sodass die Anlage Hantelform hat. 
Während Alles weint und klagt, werden Feuer angezündet, jeder Mann zerbricht 
sein Wurfholz und die zugehörigen Pfeile und wirft sie in das Feuer. Die nächsten 
Verwandten fasten einige Zeit**), dann aber schmückt man sich festlich, die Tonsur 
wird erneuert, der Körper mit Genipapo, das die Kamayurä dem Urukü vorziehen, 
schwarz bemalt. Die Wittwe geht mit geschorenem Haupt. Das Grab, das wir 
bei den Auetö sahen (vgl. Tafel 15), barg die P'rau eines Häuptlings, eine Ka- 
mayuräfrau; zur Bestattung seien von allen Stämmen Leidtragende gekommen. 



II. 

Zauberei und Medizinmänner. 

Man pflegt sich das Zaubern und Hexen der Naturvölker als eine Kunst 
vorzustellen, die uns ganz fern liegt. Geht man jedoch von dem Wesen ihrer 



*) In Cuyabd wurden Sklaven und Arme aus dem Misericordia-Hospital in Iliingematte oder 
Decke begraben. Ein Sarg hat die Form einer langen Kiste, deren Boden und Querseiten aus Latten 
bestehen ; dieses Gerüst ist innen mit einem weissen , aussen mit einem schwarzen Tuch überspannt. 
**) Vgl. die Beerdigung bei den Paressi. 

22* 



— 340 — 

Kunst aus, so ist Nichts gewöhnlicher aucii im Leben des Kulturmenschen als 
das Hexen, freilich ein unsystematisches, laienhaftes Hc.ven. Wer träumt, hext. 
Er ist nicht an den Ort und die Gestalt gebunden und ist zu beliebigen Leistungen 
mit jeder Person oder Sache befähigt. Lebhafte Spiele der Einbildungskraft sind 
nur quantitativ, nicht qualitativ vom Traumhexen unterschieden. Wer das Bild 
der Geliebten küsst, bereitet sich zum Hexen vor. Wer seinem fern weilenden 
Schatz durch die Luft einen Kuss zuwirft, macht sich der Hexerei schon dringend 
verdächtig, denn es steht zu befürchten, dass er glaubt, der süsse Hauch erreiche 
die Adresse und werde dort empfunden. Wer aber, wie der grosse Zauberer 
Goethe seinem Famulus Eckermann, erklärt: »ich habe in meinen Jugendjahren 
Fälle genug erlebt, wo auf einsamen Spaziergängen ein mächtiges Verlangen 
nach einem geliebten Mädchen mich überfiel und ich so lange an sie dachte, 
bis sie mir wirklich entgegenkam«, der hext schon nach allen Regeln der Kunst. 
Vollständig im Banne der echten Hexerei steht, wer auch nur eine Sekunde lang, 
wenn ihm die Ohren klingen, sich der Ueberzeugung hingiebt, dass man Gutes 
oder Schlechtes von ihm gesprochen habe, oder wer sich von seinem Freunde 
den Daumen halten lässt, damit ihm irgend etwas gelinge, oder wer seinen 
Wünschen die Kraft zutraut, den Ablauf angenehmer oder luiangenehmer Ge- 
schehnisse zu beeinflussen. 

Unsere Indianer haben wie viele andere Naturvölker die feste Ueberzeugung, 
die sich übrigens auf unserer Zivilisationsstufe noch bei Kindern und Betrunkenen 
und nicht nur bei ihnen beobachten lässt, dass sie im lebhaften Traum Wirk- 
lichkeit erleben; man geht auf die Jagd, schiesst Fische, fällt Bäume, wenn man 
schläft, während der Körper in der Hängematte bleibt. Bei den Bororö haben 
wir, wie ich berichten werde, erlebt, dass das ganze Dorf fliehen wollte, weil 
Einer im Traum heranschleichende Feinde gesehen hatte. Die Bakairi lassen den 
»Schatten« des Menschen — was wir dann mit »Seele« übersetzen — im Traum 
umherwandern. (Vgl. auch über dies und Aehnliches das Paressi- Kapitel.) 
Antonio, den allein, zumal in den Cuyabäner Monaten, ich genügend studieren 
konnte, um die meisten der später folgenden Angaben zu gewinnen, hatte auch 
die besonders von den Malaien her bekannte Besorgnis, dass es gefährlich sei, 
einen Schlafenden plötzlich zu wecken. Der »Schatten«, der vielleicht in fernen 
Gegenden wandert, könne nicht schnell genug zurückkehren, und der Schlafende 
werde in einen Toten verwandelt. Durch das Abhetzen des zurückeilenden 
Schattens erklärte er zu meiner Ueberraschung auch die Kopfschmerzen, die man 
nach zu kurzem nächtlichen Schlummer bekomme. Wir dürfen den Indianern 
ihren rein auf die unmittelbare Erfahrung der Sinne gegründeten Glauben iiicht 
so übel nehmen, wenn wir bedenken, dass es der höheren spekulativen Philosophie 
gar nicht so einfach erscheint, zu bestimmen, ob das Leben ein Traum oder der 
Traum ein Leben sei, ob wir während des Wachens oder während des Schlafens 
Wirkliches erleben, und dürfen nicht vergessen, dass die Wirklichkeit nach dem 
Erwachen häufig volle Bestätigung bringt. 



— 341 — 

Wie entsteht nun eine solche Auffassung und was hat sie für Folgen? Der 
Erwachende ist sich bewusst, Dinge gesehen und gehört zu haben. Er hat sie 
mit voller Deutlichkeit wahrgenommen. Also waren sie da. Hat der Körper 
des Schlafenden währenddes in der Hängematte gelegen, so fällt es deshalb 
Niemanden ein, die Frage aufzuwerfen, ob das Gesehene und Geschehene 
wirklich sei. Keinem der Stammesgenossen kommt es in den Sinn, an dem 
wahrheitsgetreuen Bericht zu zweifeln; man macht vielleicht im Lauf der Zeiten 
eine Art Erklärungsversuch, indem man die thatsächlich vom Körper nicht unter- 
nommene Ortsveränderung z. B. dem Schatten zuschreibt, allein das ist neben- 
sächlich und berührt niemals den Eindruck aus dem grade vorkommenden Fall. 
Denn dass man Etwas nicht versteht, ist kein Grund, die wirkliche Erfahrung der 
Sinne zurückzuweisen. Es ist nur ein Grund, dass man geträumten Ereignissen, 
die ein allgemeines Interesse haben, grosse Wichtigkeit beimisst, dass sich Alle 
darüber aufregen; das Geschehene ist etwas Besonderes, und der es erlebt hat, 
kann mehr als die Andern. Wir sehen, dass es für die Entscheidung, was 
wirklich sei, nicht in Betracht zu kommen braucht, ob Sinneseindrücke von aussen 
her unmittelbar eintreffen, oder ob solche, die schon von früher als Erinnerungs- 
bilder aufgespeichert waren, in erregtem Zustand die alte sinnliche Kraft wieder 
erhalten. Eine Verwechslung von Gefühl und Leistung ist aber, sobald das 
lebhaft Vorgestellte für wirklich gilt, ganz unvermeidlich. Denn die erhitzte 
Phantasie kann ja in Wahrheit alle Dinge beliebig gestalten, also kann, wer von 
ihr erfüllt ist, das sonst Unmögliche. Er selbst ist überzeugt und die Andern 
bewundern ihn wegen seiner von ihm selbst berichteten Thaten; vielfache falsche 
Schlüsse über die Verknüpfung der Geschehnisse und auch das Spiel der Zufällig- 
keiten wirken überzeugend in gleicher Richtung. Alles beruht auf den verschiedenen 
Formen der Suggestion. 

Sie, die in der Wirklichkeit so schwer zu überwinden ist, die räumliche 
Entfernung, wird nun, wo Gefühle stark erregt werden, mit Sicherheit über- 
wunden. Nicht nur im Traum und in visionärem Zustand. Was der kritisch 
prüfende Goethe als rätselhaft empfindet, aber doch auch glaubt, der Natur- 
mensch empfindet es in weit grösserem Umfang als für den Bereich der innigen 
Beziehungen zwischen zwei Personen und glaubt es natürlich. An einem jeden 
mit starkem Gefühl der Liebe, des Hasses, der F"urcht, der Bewunderung be- 
trachteten Gegenstand vollzieht sich das Wunder, Wie man im Traum die 
grösste Entfernung im Nu zurücklegt und den stärksten P^eind durch Berührung 
mit dem kleinen Finger niederstrecken kann, so räumt auch eine erregte Ein- 
bildungskraft das Hindernis der räumlichen Trennung hinweg, wird unter leichten 
Manipulationen mit jedem Widerstand fertig und lässt umgekehrt jeden beliebigen 
Zuwachs an Stärke oder Geschicklichkeit entstehen. Verfüge ich z. B. über etwas 
vom Leib des Feindes, so verfüge ich über den Feind im Guten und im Schlechten, 
ich habe einen Talisman oder ein Mittel, ihn trotz der Entfernung zu vernichten. 
Gewöhnlich denkt man sich, der Hergang sei so, dass der Zaubernde den Teil 



— 342 — 

mit dem Ganzen verwechsle, pars pro toto, und den Irrtum hege, das dem Teil 
zugefügte Leid wachse zu einem Leid für das Ganze an, allein dies ist gar nicht 
nötig. Der Teil hebt, sobald das Gefühl erregt ist, ja in der That die ganze 
Assoziationsgruppe heraus; man kann vor einem Bild oder einem Stück Alles 
empfinden, was man vor dem Original oder dem Ganzen zu empfinden vermag, 
Dass der Talisman- oder Zaubergläubige z. B. Fähigkeiten, die nur dem Ganzen 
zukommen, in den Teil, den er besitzt, hineinverlegt, rührt einfach daher, dass 
von letzterem die Gefühle angeregt werden, die sich auf das Ganze beziehen und 
die deshalb auch eine Kraftsteigerung bei ihm hervorrufen, als wenn er das Ganze 
besässe. Gewiss sind Teile geeigneter dazu, die zu der erwünschten Wirkung 
eine Beziehung haben wie Krallen und Zähne zur Körperstärke oder ein Stück 
Haut zur Vergiftung, aber wesentlich ist diese Bedingung nicht. Der Hexende 
nimmt, was er bekommen kann, wird aber immer geneigt sein, die Wirkung, die 
er erreicht, von den Eigenschaften des betreffenden Teils entspringen zu lassen. 
Bald wird nun auch die Erfahrung des Einzelnen zum Allgemeingut; es entstehen 
die von Generation zu Generation empfohlenen »Mittel«, über die kein Mensch 
mehr nachdenkt. 

Wir brauchen wahrlich nur um uns zu blicken, um zu erkennen, dass wir 
uns noch auf keine Weise von der überzeugenden Macht der Gefühle haben be- 
freien können. Wirkung in die Ferne und Talismane haben wir in Hülle und Fülle, 
wir haben nur andere Namen dafür und schieben Zwischenglieder ein zwischen 
Anfang und Ende des Prozesses, durch deren Vorhandensein der Ursprung aus 
unserm eigenen Selbst verdeckt wird. Nehmen wir nur die trivialsten Beispiele. 

Der Medizinmann, der einen Abwesenden dadurch umbringt, dass er einen 
vergifteten Pfeil in seiner Richtung wirft, oder der Verliebte, der die entfernte 
Freundin küsst, sie unterscheiden sich durch Nichts. Der Poet, der im glücklichen 
Besitz eines von Schiller benutzten Tintenfasses wie Schiller dichtet, und der 
Eingeborene, der mit einer Kette von Jaguarkrallen um den Hals wie ein Jaguar 
stark ist, sie unterscheiden sich durch Nichts. Die Uebereinstimmung reicht 
sogar bis zum Erklärungsversuch. Denn der Gelehrte, der die Seele, sei es als 
ein einziges selbstthätiges Ding, sei es als eine Vielheit von persönlich geschäftigen 
Zentren im Gehirn einquartiert, und der Indianer, der den Schatten im Schlaf 
Fische fangen lässt, auch sie unterscheiden sich durch Nichts. W^enn der Medizin- 
mann glaubt, er habe das gethan, was er geträumt oder halluziniert hat, so dart 
er, ohne Schwindler zu sein, sich für einen Wundermann halten und darf auch 
von Andern mit Recht dafür gehalten werden. Er kann dann thatsächlich mehr 
als die Andern. Der Schwindel mag in der berufsmässigen Geschäftsübung und 
in ihrer Uebertragung durch Unterricht auf jüngere Kräfte sich häufig bald ein- 
stellen, jedoch ist es äusserst oberflächlich, darum die aus der ganz naturnot- 
wendigen Verwechslung von Gefühl und Leistung hervorgegangene Er- 
scheinung des Zauberers mit dem Wort Humbug abzufertigen. Steckt ein solcher 
Schwindler doch in Jedem von uns, so nüchtern er sein mag. 



Die Medizinmänner werden als gute und böse unterschieden. Es giebt 
ihrer nach Antonio »wenig bei den Bakairi und AuetÖ, mehr bei den Nahuquä, 
viele bei den Mehinaku und zu viele bei den Kamayurä«. Am Paranatinga lebte 
zur Zeit keiner. Jedermann kann es werden, es ist nur sehr schwer. »Man 
muss sehr viel lernen.« Man soll vier Monate hindurch nur Stärkebrühe trinken*), 
kein Salz geniessen und nichts von Fleisch, Fisch oder Früchten essen, man soll 
nicht schlafen, sondern sich unaufhörlich mit den Fäusten auf den Schädel 
trommeln, sodass die geschwollenen Augen am Morgen heftig schmerzen, viel 
baden, sich Arm und Brust blutig kratzen u. s. w. Antonio wollte gern Medizin 
studieren, hatte aber Angst vor diesem bösen Semester, Felipe machte in gleichem 
Bestreben einen guten Anfang, kam aber nicht zurecht, da er keinen Lehrer 
hatte. Die Hauptkunst des fertigen Hexenmeisters bewährt sich im Gebrauch 
der Gifte. Mit ihnen tötet er Andere und tötet er auch sich selbst, um 
sich in andere Gestalt verwandeln zu können. Wir werden da eine Auffassung 
des Todes kennen lernen, an die man sich erst etwas gewöhnen muss, die aber 
in unmittelbarster Uebereinstimmung mit dem Leben des Schattens während des 
Schlafes steht. 

Hören wir zunächst, wie Krankheit und Tod in die Welt kommen trotz des 
guten Medizinmanns des eigenen Dorfes, der den bösen des fremden Dorfes nach 
Kräften bekämpft. Der böse ist ein schlechter Mensch, den Niemand leiden mag, 
weil er tötet, statt zu heilen, er mischt Gift von Wespen, von der Tocandyra- 
Ameise und mehr derartigen Tieren mit Oel und Harz von Alsmesca und Pinda- 
hyba in einer Kalabasse. Von dem Mann, den er übel will, verschafft er sich 
entweder Haar, indem er darauf tritt, wenn es geschnitten wird, es auch selbst 
abschneidet, wenn jener schläft, oder ein bischen Blut, indem er ein Zweiglein 
mit feiner Spitze von Jatobä, Pindahyba oder Pau de olho nach ihm hinwirft und 
es dann aufhebt. Dies Haar oder Blut kommt in die Giftkalabasse, die ver- 
schlossen wird, und sofort erkrankt der ursprüngliche Besitzer. Haar wird an- 
geblich genommen, »weil dadurch Kopfschmerzen erzeugt werden« — in Wahr- 
heit wohl deshalb, weil es am bequemsten zu erlangen ist. Hat der Hexenmeister 
kein Haar oder Blut, so tränkt er ein Pindahybazweiglein oder Wollfädchen mit 
dem Gift und versteckt es in eine Ritze des Hauses oder unter den Thonfuss, 
auf dem der Kochtopf steht, oder wirft es heimlich — denn es fliegt sehr weit 
— nach dem Verfolgten oder schiesst es mit einem Pfeil**) in einen Baum, wo 
Jener wohnt. Der gute Medizinmann findet es aber häufig, denn er sucht überall 
und steigt auch in den Baum hinauf, um es herabzuholen, legt es in W^asser und 
macht es dadurch unschädlich; er erhält dafür von dem Genesenden auch z. B. 



*) Dieses Fasten ist auch sehr gut, wenn man es in der Kunst, Fische zu schiessen weit 
bringen will, und hier genügt es, wenn mau einen Monat hindurch nichts als Stärkekleister geniesst. 
Antonio hat es so gemacht und war mit dem Erfolg sehr zufrieden. 

**) Man kann zwischen diesem Zauberpfeil und der den Indianern unbekannten Waffe des 
Giftpfeils den subtilen Unterschied machen, dass jener nicht eigentlich vergiftet ist, sondern nur das 
vergiftete Stück befördert. 



— 344 — 

eine Hängematte, da er ein schönes Geschenk verdient. Hat das vergiftete 
Zweiglein den Patienten geritzt, so entdeckt der gute Medizinmann — und nur er — 
die Stelle, wo es eingetreten ist, saugt so lange, bis das Zweiglein oder WoU- 
fädchen erscheint, und spukt es aus. 

Wir haben also eine Methode, wo etwas vom Leibe vergiftet wird, und 
eine, wo das Gift nur in seine Nähe gebracht wird. Es giebt eine dritte, wo 
aller Zusammenhang mit ihm fehlt, dafür aber gleichzeitig ein Tier getötet wird. 
Sie bezweckt niemals nur Krankheit, sondern immer den Tod. Der zu tötende 
Mann wird änidpö oder amäpö genannt. In diesem Fall bedarf der Hexenmeister 
ein Stück Haut vom Mittelfinger einer beliebigen Leiche und eine Ugä-Eidechse; 
er trocknet die Haut am Feuer, zerreibt sie mit seinem Zaubergift, stopft die 
Mischung tief in den Schlund der Eidechse, die um den Hals und den Leib, 
damit jene nicht herauskann, fest umschnürt wird, wirft das so präparierte Tier 
in einen Topf mit Wasser, verschliesst ihn wohl und hängt ihn über das Feuer: 
wenn das Wasser zu kochen beginnt, so erkrankt und, wenn die Eidechse stirbt, 
so stirbt der Amäpö. 

Alle Krankheiten sind durch Hexerei verursacht; »es soll Leute geben, die 
den Medizinmännern auftragen, ihre Feinde zu vergiften«. Mit seinem Friseur 
darf man sich am Schingü nicht verfeinden. So sei es, warf ich Antonio scherzend 
ein, eigentlich von mir sehr unvorsichtig gewesen, dass ich mir die Haare von ihm 
habe schneiden lassen. »Nein«, erwiderte er, »ich bin nicht schlecht, ich bin kein 
omeöto (= oine-zbto Giftherr).« »Also alle Krankheiten rühren von den Omeotos 
her?« »Alle.« »Hast Du jemals einen gesehen?« »Nicht bei den Bakairi, wir 
würden so schlechte Menschen verjagen.« »Aber bei den Kamayurä?« »Pode 
ser, kann sein.« »Hast Du schon gute Medizinmänner {piöje, französisches j) ge- 
sehen?« »Ja, mehrere am Kulisehu. Pakurali war einer. Früher auch am Para- 
natinga. Der Auetö-Häuptling Auayato war einer.« Es ist sehr charakteristisch, 
dass alle schlechten [kynrä-pa nicht unser) Zauberer in fremden Dörfern wohnen. 
Die Ausdrücke omeöto und pinje scheinen übrigens nicht streng geschieden. Jeden- 
falls sind die löblichen besseren Medizinmänner von berufsmässigem Schwindel 
längst nicht mehr nicht frei, da sie sich nicht gut einbilden können, aus dem 
Kranken die vergifteten Baumwollfäden, die sie ausgespucken, herausgesaugt zu 
haben. Aber der reinere Ursprung ihrer Kunst im Sinn der einleitenden Aus- 
führungen ist noch leicht zu erkennen. 

Noch deutlicher als an der Askese des medizinischen Studiums tritt es an 
den praktischen Leistungen zu Tage, dass Zaubern nichts ist als Erregung der 
Einbildungskraft. Die Schmerzen sagen dem Kranken, dass er von Jemandem 
angegriffen wird. Man sieht nicht, dass es Jemand im Dorf thut; hier ist auch 
Keiner so schlecht. Also ist der Feind draussen. Wer mit ihm fertig werden 
will, muss erstens stärker sein als er und zweitens den Unsichtbaren erreichen 
können. Beides winl für den, der nicht anders weiss als dass die im Traum 
vollbrachten Wunder Wirklichkeit sind, durch einen Arzt ermöglicht, der sich in 



— 345 — 

einen starken Erregungszustand versetzt, denn dieser allein leistet, was man 
mit den gevvöimlichen Mitteln zu leisten nicht vermag. So kommt die drollige 
Verkehrung zu Stande, dass der Arzt einnimmt, um zu heilen. Er ist um so 
stärker, je mehr er vertragen kann. Er kennt allerlei Gifte, die berauschen, und 
gebraucht sie: Tabak, agokuriöku oder (gipo de cobra) Schlangen-Schlingpflanze, 
seüwi oder T/mZ'o-Schlingpflanze (PauUinia pinnata), die Blätter des Waldbaums 
ät'iko. Alles lauscht andächtig dem unverständlichen Zeug, das er während seiner 
Benommenheit zum Besten giebt, oder den seltsamen Erlebnissen, die er nach 
dem Erwachen aus tiefer Narkose von seinem Schatten berichtet. Er wird ein 
grosser Mann, er freut sich der Bewunderung und der Geschenke, er lässt sich 
wie viele andere grosse Männer erst zu kleinen Uebertreibungen verleiten und 
hilft dann auch seinen Leistungen, wo sie nicht ganz ausreichen, ein wenig nach, 
um das dumme Volk nicht zu enttäuschen. Bei den Bororö wird als Zauberarzt 
anerkannt, wer bei dem solennen Trinkgelage zur Zeit des besten Palmweins die 
grössten Quantitäten vertilgt und dem Rausche am sieghaftesten widerstehend die 
längsten Reden hält; die Begriffe Doktorschmaus und Doktorexamen fallen noch 
zusammen. 

Die Tabaknarkose des Arztes ist bei allen unsern Stämmen wie auch bei 
vielen andern die gewöhnlichste Medizin des Patienten; der kranke Leib wird mit 
mächtigen Wolken angeblasen, gleichzeitig heftig bespuckt und zwischendurch 
unter fürchterlichem, das ganze Dorf durchhallenden Stöhnen nicht des Patienten, 
sondern des Doktors, mit Aufwendung aller Muskelkraft geknetet. Das dauert 
eine lange Zeit, der Arzt gönnt sich im Kneten nur wenige Ruhepausen, während 
deren er laut jammert und gleichzeitig leidenschaftlich raucht. Die Zigarren 
werden von der Familie geliefert. Schhesslich beginnt er zu saugen und spuckt 
unter krampfhaftem Prusten die Ursache des Leidens aus. 

Der Aueto-Häuptling hatte schon Pflanzengifte getrunken, aber die kräftigste 
Probe, die in »früheren« Zeiten öfters vorkam, Schlangengift zu nehmen, war er 
noch schuldig geblieben. Es wird ausdrücklich hervorgehoben, dass die giftige 
Kalabasse des Hexenmeisters dem guten Medizinmann nichts anhaben kann, aber 
freilich nicht erklärt, wie denn auch dieser zu erkranken im Stande ist. Der 
Aueto-Häuptling war schon tot gewesen. Wenn der Medizinmann die 
starken Gifte einnimmt, so »stirbt er«. Er liegt »tot« in der Hängematte, 
bis sein Schatten zurückkommt. Ich möchte vorläufig beiseite lassen, was für 
die Auffassung des Todes aus dieser Auffassung der Bewusstlosigkeit folgt. 
Während seiner Narkose kann sich der Zauberarzt in jede beliebige Tier- 
gestalt verwandeln und jeden beliebigen Ort sofort erreichen. Die 
Verwandlung findet so statt, dass er in das Tier »hineingeht«. Nun sind die- 
jenigen noch heute die besten Aerzte, die Gift trinken und sich im Rausch 
verwandeln. »Diese Piajes, die ägokuriökit trinken und zum Himmel gehen,« sagte 
Antonio wörtlich, »sind sehr gut, diese heilen Alles, und die Andern, die kein 
Gift nehmen, die nur mit Tabak anblasen, auch sie heilen, aber starke Krank- 



— 346 — 

heit heilen sie nicht.« Klarer kann der Ursprung und der Sinn des Zauberns 
nicht ausgesprochen werden: man versetzt sich in einen Erregungszustand, um 
sich zu einem sonst Unmöglichen zu befähigen, man vollbringt Wunder, an die 
Alles glaubt, indem man seine Einbildungskraft steigert; der Urgrund alles Hexens 
ist die Ueberzeugung von der Wirklichkeit des Geträumten oder des Eingebildeten. 

Besser jedoch als meine Deutung werden die Angaben Antonio's im genauen 
Wortlaut über den Besuch eines narkotisierten Piaje im Himmel die Sachlage 
erläutern. Die zahmen Bakairi haben einige christlichen Vorstellungen, ich kann 
nur sagen, aufgeschnappt, und besitzen sie nun in seltsamster Verzerrung; mir 
wenigstens ist es herzlich schwer geworden, ernst zu bleiben, als vor meinen er- 
staunten Augen plötzlich Christus, Maria und die Engel in Schingütracht unter 
Beijüs und umgeben von den mit Stärkekleister und gelber Pikibrühe gefüllten 
Kürbissen auftauchten. Daneben aber wird uns versichert, dass auch die noch 
unchristlichen Vorfahren, die »antigos« des erzählenden Piaje den Himmel auf- 
suchten und Gift trinkend sich in allerlei wilde Tiere verwandelten. Ich 
erhielt die Geschichte, als ich die Vorstellungen über den Himmel zu gewinnen 
suchte. 

»Der Himmel hat einen Boden wie hier. Der Piaje sagt es, der da war.« 
»} } . . .« »Er trank Schlingpflanzengift und starb. Er war dann nicht mehr wie 
Menschen, er konnte in einen Jaguar oder eine Cobra-Schlange oder eine Sukuri- 
Schlange oder einen Geier hineingehen. Er stieg zum Himmel, kehrte 
zurück, erwachte als ein Mensch und war wieder wie vorher. Dies 
geschah am Paranatinga. Dasselbe geschah auch früher bei den Antigos und 
dasselbe erzählten auch die Leute vom Tamitotoala (Batovy).« Alsdann be- 
richtete Antonio sein bestimmtes Beispiel. »Er trank das Gift in der Hänge- 
matte selbst, er trank aus einer Kuye, in der viel Wasser gemischt war, er starb 
in der Hängematte. Er ging in den Himmel und traf dort die Antigos. Er traf 

auch jenen , wie heisst er doch?« (Sucht vergebhch nach dem Namen.) 

»Ach, seine Mutter war ja auch nach dem Himmel.« »Jesu Christo.?« »Eben den. 
Mit dem unterhielt er sicli lange Zeit. Dieser Krito liess ihn auf einen Schemel 
niedersitzen und brachte ihm Kalabassen mit Pogu und Pikibrühe. Es gab sehr 
viel davon. Sie unterhielten sich sehr lange. Dieser Krito verschaffte ihm Arara- 
federn zum Fliegen. Dann blies er ihn an. Dann liess er ihn zurückkehren. 
Er erwachte in der Hängematte.« Ich wollte Näheres wissen, wie er heraus- 
gekommen sei. »Der Schatten stieg ein wenig über den Himmel empor, sah 
gut nach dem Loch aus, wo man aus dem Himmel herauskommt, und flog hier- 
her.« »So war der Schatten im Himmel gewesen.?'« »Da der Leib nicht geht 
und nicht steigen kann, da der tot ist, so geht der Schatten.« 

Die Verwandlung findet also im Traum statt, der durch ein narkotisches 
Mittel herbeigeführt ist. Sie wird als wirklich genommen und die Geschichte 
eines solchen ganz oder heutzutage in der professionellen Ausübung nur sehr 
teilweise wahren Traums liefert das Material für den Glauben an die Kunst der 



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Zauberärzte. Ihr eigentliches Verdienst ist nur die Kenntnis der Betäubungs- 
mittel, und namentlich von unserm Standpunkt aus, die der Tabaknarkose. *) 
Antonio sagte mir, dass es zwei Arten von »Tabak« gebe; der Tabak, den 
man zu seinem Vergnügen rauche, sei ein anderer als der, der kuriere, und viel 
schwächer. In den Kuren, die ich gesehen habe, wurde der gewöhnliche Tabak 
verwendet; wahrscheinlich giebt es andere Blätter, die stärker betäuben. Die 
Schingüzigarette in grünem aromatischen Wickelblatt ist wohl noch eine der ein- 
fachsten Formen des geregelten Qualmgenusses. Tabakrauch kuriert Alles; ich 
habe entzündete Augen, Hüftgelenksentzündung, Brandwunden, Leibschmerzen und 
mehr dergleichen damit behandeln sehen. Die Suyä bhesen ihn mir in die Ohren 
und redeten laut in sie hinein, damit ich ihre Sprache besser verstehe. Vielleicht 
ist auch bei einem lange Zeit hindurch mit starken Qualmwolken angepusteten 
Patienten ein leichter Dusel zu erzielen, aber in jedem Fall muss dieser, ohnehin 
leidend, durch das unermüdliche eintönige Jammern und Kneten in einen dumpfen 
Zustand verfallen, in dem er ebenso gut Verwandlungen erleben kann als der 
Medizinmann. Angaben oder Beispiele habe ich aber dafür nicht erhalten. 

In dem folgenden Kapitel habe ich eine einfachere Art des Anblasens zu 
besprechen, durch die sich der Zauberer nicht selbst, sondern durch die er 
Andere verwandelt, und die ohne Tabakrauch stattfindet. 

Wiederum bläst der Medizinmann oder auch irgend Jemand sonst auf 
andere Art, wenn er das Gewitter durch Blasen verjagt. Man prustet den 
Speichel in einem Sprühtrichter gegen die Wolken; ich habe selbst mehrfach ge- 
sehen, dass das Mittel half, und mich dann geärgert, dass ich in allzu grosser 
Vorsicht trotz dringender Bitten der Indianer nicht mitgeprustet hatte. Mir hatte 
die Einbilduneskraft gefehlt. 



*) Die Gelegenheit, die betäubende Wirkung kennen zu lernen, ist wohl die beim Anfachen 
des glimmenden Feuers gewesen. Man muss sich trockene Blätter im Walde suchen, die aufge- 
schüttet werden, die qualmen und mehr oder minder rasch aufflammen, wenn man hineinbläst. Mit 
aromatischem oder betäubendem Rauch verbrennende Blätter werden der feinen Nase des Indianers 
beim Anblasen aufgefallen und von ihm für seine medizinische Hexenküche brauchbar befunden 
worden sein. Er athmete den Rauch ein und verschluckte ihn (daher bei den Entdeckern 
Amerikas stets der Ausdruck »trinken«). 



XIII. KAPITEL. 



Wissenschaft und Sage der Baka'iri. 
I. Die Grundanschauung. 

Der Mensch muss nicht sterben. Wissen von der Fortdauer nach dem Tode. NaturerkJän.ng durch 
Geschichten. Tiere = Personen. Tiere liefern wirklich die Kultur, daher gleiche Erklärung auf 
unbekannte Herkunft übertragen. Entstehung der erklärenden Geschichte. Gestirne, die ältesten 
Dinge und Tiere. Bedeutung der Milchstrasse. Verwandlung. Männer aus Pfeilen, Frauen aus 
Maisstampfern. Keri und Käme und die Ahnensage. Die Namen Keri und Käme. Die 
Zwillinge und ihre Mutter sind keine tiefsinnigen Personifikationen. 

Als ich im Verlauf meiner sprachlichen Aufnahme Antonio*) den Satz vor- 
legte: »Jedermann muss sterben«, schwieg er zu meinem Erstaunen geraume 
Zeit. Es entstand dieselbe lange Pause, die ich jedesmal zu überwinden hatte, 
wenn ich ihm eine der ihm so fremdartigen, uns so geläufigen Abstraktionen 
auftischte. Da lernte ich denn zum ersten Mal, der Bakairi kennt kein Müssen, 
er ist noch nicht dazu gelangt, aus einer Reihe immer gleichförmig wiederkehrender 
Erscheinungen die allgemeine Notwendigkeit abzuleiten, ganz besonders aber ver- 
steht er auch gar nicht, dass der Mensch sterben muss. Fern liegt ihm der 
Gedanke, den wir uns auf den untersten Gymnasialklassen**) einprägen, »nemo 
mortem effugere potest«. Die Uebersetzung Antonio's, die das Wort »müssen« 
umging, aber doch zeigte, dass er meine Ansicht richtig verstanden hatte, lautete 
nach viertelstündigem Nachdenken etwas verzwickt: »ich sterbe nur (und) wir 
(sterben).« Der Dolmetscher schüttelte aber unbefriedigt den Kopf; er hatte den 
Zweifel, den auch wir etwa kaum unterdrücken möchten, wenn da behauptet 
würde: »alle Menschen müssen ermordet werden.« Nur aussen in einem bösen 
Streich sucht der Indianer die Ursache des Todes. Gäbe es nur gute Menschen, 
so gäbe es weder Kranksein noch Sterben. Nichts weiss er von einem natür- 
lichen Ablauf des Lebensprozesses. 



*) Bakairi'-Grammatik, p. 1S5. 
**) Ich habe als Knabe daran in meinem Innern durchaus nicht glauben wollen und viele 
Jahre, so lange ich das Wesen des Todes noch nicht genauer kennen gelernt hatte, eigensinnig an der 
Hoffnung festgehalten, dass doch ich vielleicht eine Ausnahme machen und nicht sterben würde, 
wie es sonst in der Weltgeschichte üblich ist. 



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Ein zweiter nicht unwesentlicher Unterschied zwischen der Auffassung unserer 
Indianer und der Kulturvölker betrifft die Fortdauer nach dem Tode. Dass die 
Güter der Erde ungleich verteilt sind und der Arme dereinst die Wonne des 
Ueberflusses erfahren möge, dass die Gerechtigkeit hienieden unvollkommen ist 
und der Gute dereinst belohnt, der Böse gestraft werden müsse, diese ethischen 
Forderungen sind in den einfachen sozialen Verhältnissen des Eingeborenen 
nicht entstanden. Seine Vorstellung von der Fortdauer nach dem Tode ent- 
springt keinem Hoffen und Vertrauen. Allerdings verbindet sie sich mit dem 
Gedanken an angenehme Verhältnisse insofern, als bei dem spätem Zusammen- 
leben mit den »Antigos« im Himmel Fische, Wildpret und Pikibrühe sehr reich- 
lich bemessen sein werden und nimmt auch Rücksicht auf das Verhalten nichts- 
würdiger Gesellen, da diese, nicht etwa weil sie »verflucht« wären, sondern weil 
sie ihre Schlechtigkeiten an anderem Orte natürlich fortsetzen, sich als übel- 
wollende Geister küain-oroika Furcht und Schrecken verbreitend Nachts im Walde 
umhertreiben. 

Allein die Wurzel der Ueberzeugung von der Fortdauer liegt für den Ein- 
geborenen, so untrennbar die beiden auch verbunden sind, nicht im Gemüt, 
sondern im Verstände. Sie ist, für seine Erkenntnisstufe, ein Wissen. Nach 
der Vorstellung der Kulturvölker entfernt sich die Seele beim Tode zum ersten 
Mal aus dem Körper, es geschieht etwas ganz Neues, von dem sie durch 
Erfahrung und Beobachtung, es sei denn durch spiritistische, Nichts wissen; 
eben um dieses unbekannten Neuen willen können sie die Unsterblichkeit nicht 
beweisen, sondern müssen anheimgeben, sie aus ethischen Gründen zu glauben. 
Dem Indianer dagegen ist der Vorgang der Trennung von Leib und Seele nicht 
neu, er erfährt ihn tagtäglich, wie wir gesehen haben, wenn der Schatten im 
Traum von dannen eilt und den Körper in der Hängematte zurücklässt. Der 
gewöhnliche Tod ist eine tiefe Bewusstlosigkeit (Koma) infolge des Giftes, das 
der Hexenmeister beibringt, und vom Schlaf nur dadurch verschieden, dass der 
Schatten zu weit enteilt, um zurückzukehren. Nur der Medizinmann, der sich 
selbst vergiftet, wird wieder lebendig. »Wirklich« waren schon während des 
Schlafes die Erlebnisse des Schattens, »wirklich« sind ebenso gut seine »Erleb- 
nisse« nach dem Tode. Man kennt diese Wirklichkeit, die nur ein Leben an 
anderm Ort ist, aus der täglichen Erfahrung, und erhält sie zum Ueberfluss 
noch bestätigt durch die Gestorbenen, mit deren Schatten unser eigener während 
des Traumes verkehrt, und durch die gelegentlich das Totenreich besuchenden 
Zauberer; in diesen kann Hamlet die Wanderer finden, die aus dem Bezirk des 
unbekannten Landes wiederkehren. To die to sleep, no more. 

Die Schatten der toten Bakairi gehen in den Himmel zu den Vorfahren. 
Der Himmel ist zunächst nicht das Land der Zukunft, sondern das der Ver- 
gangenheit, die Alten sind noch da, wo nämlich alle Geschichte begonnen 
hat. Der Himmel, in dem die ersten Bakairf lebten, lag früher neben der Erde 
und man konnte bequem auf diese hinüber gelangen. Es starben dort aber zu 



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viele Leute, so siedelte man auf die Erde über und der Himmel sties^ dahin 
empor, wo er jetzt ist, und wo die Tiere, die Oerter, die Sachen, die in den 
alten Geschichten vorkommen, noch heute zu sehen sind. »Alles ist geblieben, 
wie es war.« »Bakairi hat es immer gegeben, aber im Anfang waren es 
sehr wenige.« Man muss nur an einigen bestimmten Punkten festhalten und 
man erkennt trotz aller Spiele der Phantasie und trotz aller Verarbeitung durch 
die Tradition einen Kern naiver, gesunder Logik in der Naturerklärung des 
Indianers. 

Die Indianer kennen kein Müssen. Sie betrachten jeden Vorgang in der 
Natur noch als einnn Einzelvorgang oder richtiger als eine Einzelhandlung. Gesetze 
sind ja auch in der That nur durch die gemeinsame Arbeit Vieler — solcher, die 
da leben und gelebt haben — zu erkennen. Und solange es keine Gesetze und 
höchstens Gewohnheiten giebt, steht jeder Einzelne im Mittelpunkt der Welt, die 
nur die Gesamtheit seiner persönlichen Eindrücke darstellt. Nicht die Natur- 
erscheinung an und für sich mit ihren Bedingungen ist der Gegenstand des Nach- 
denkens, sondern der Eindruck, den man vor ihr empfängt; eine Geschichte 
genügt noch, sie zu erklären. Aus der Sprache erkennen wir denselben Zustand; 
jede Art hat ihren Namen, aber die Zahl der übergeordneten Begriffe ist äusserst 
gering. Gering ist also die Zahl der Scheidewände und Schubfächer und darum 
macht es nicht viel aus, wenn ein Ding aus dem einen Fach in ein anderes gerät. 
Es fällt entschieden auf, es ist etwas Besonderes geschehen, aber eine innere 
Unmöglichkeit ist nirgends vorhanden. 

Man gestatte einen Vergleich mit dem undeutlichen Sehen. Fern auf dem 
Waldweg bemerken wir etwas, was wir genau zu erkennen noch gar nicht in der 
Lage sind. Jeder sieht, was er zu sehen erwartet — einen Stein, ein Reh, einen 
Holzhaufen, eine Botenfrau, was weiss ich. Es regt uns an, wenn sich von den 
Gestalten im Wald auch eine vor unsern Augen in die andere verwandelt, aber 
— und da liegt der grosse Unterschied — wir glauben nicht an eine Verwandlung, 
sondern schUessen, dass wir uns beim ersten Anblick getäuscht haben, weil wir unsere 
Wahrnehmung sofort den uns bekannten allgemeinen, jene Möglichkeit ganz aus- 
schliessenden Gesetzen opfern. Doch können wir uns bei einer lebhaften Täuschung 
vielleicht vorstellen, dass unser Hindernis für unwissende Menschen nicht da ist. 
Ich hörte von einem Fall, dass ein flüchtiger Negersklave verfolgt wurde, er lief 
in ein kleines Dickicht, einen Capao; man suchte ihn vergeblich und fand nur 
eine grosse Jabuti- Schildkröte. Der Anführer der Leute nahm die Schildkröte 
auf sein Pferd, Hess sie aber unterwegs aus F"urcht fallen und gab sie frei: die 
ganze Gesellschaft schwor darauf, der Neger habe sich in die Schildkröte ver- 
wandelt. Dass man den Sklaven trotz emsigen Suchens nicht gefunden hatte, 
dass nur die Schildkröte zu entdecken war, diese persönliche Erfahrung ent- 
schied. Die Thatsache war einfach vorhanden; wenn sie ungewöhnlich war, 
so konnte man sie leicht dadurch erklären, dass der' Neger ein Hexenmeister 
gewesen war. 



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Dass man jedoch alle >ningc\vöhnlichcn« Dinge einfach durch Zauberei erklären 
kann, liegt eben daran, dass der Begriff der Gesetzmässigkeit fehlt. Man ist noch 
nicht in der Lage, scharf zu sehen Ja, je ungewöhnlicher der Vorgang ist, desto 
lieber hört man von ihm erzählen und desto fester wird er deshalb geglaubt. 

Bei Weitem der wichtigste Fall von dem Mangel begriffhcher Scheidewände, 
der unserm Empfinden und Denken gleichzeitig am schwersten zugänglich ist, 
betrifft das Verhältnis des Menschen zu den Tieren und der einzelnen 
Tiergattungen zu einander. Wir sagen, der Eingeborene anthropomorphisiert 
in seinen »Märchen«, er lässt die Tiere reden und handeln wie Menschen. Das 
ist von unserm Standpunkt aus richtig, aber wenn wir glauben wollten, er statte 
die Tiere nur zu dem Zweck, eine hübsche Geschichte zu erzählen, mit mensch- 
lichen Eigenschaften aus, so wäre das ein gewaltiges Missverstehen, es hiesse 
nicht mehr und nicht weniger, als ihm all sein Glauben und Wissen wegdisputieren. 
Sein Glauben: denn in die wunderbaren Geschichten, die er von den Tieren be- 
richtet, setzt er dasselbe Vertrauen, wie jeder überzeugte Christ in die Wunder 
der Bibel; sein Wissen: denn er könnte die ihn umgebende Welt ohne seine 
Märchentiere ebenso wenig begreifen als der Physiker die Kraftzentren ohne StofT- 
atome — si parva licet componere magnis. 

Wir müssen uns die Grenzen zwischen Mensch und Tier voll- 
ständig wegdenken. Ein beliebiges Tier kann klüger oder dümmer, stärker 
oder schwächer sein als der Indianer, es kann ganz andere Lebensgewohnheiten 
haben, allein es ist in seinen Augen eine Person genau so wie er selbst, die 
Tiere sind wie die Menschen zu Familien und Stämmen vereinigt, sie haben ver- 
schiedene Sprachen wie die menschlichen Stämme, allein Mensch, Jaguar, Reh, 
Vogel, Fisch, es sind alles nur Personen verschiedenen Aussehens und verschiedener 
Eigenschaften. Man braucht nur ein Medizinmann, der Alles kann, zu sein, so kann 
man sich von einer Person in die andere verwandel