(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Ursprung, Entwickelung und Schicksale der Taufgesinnten oder Mennoniten in kurzen Zügen ..."

Google 



This is a digital copy of a bix>k lhat was preservcd for gcncralions on library sIil-Ivl-s before il was carcfully scanncd by Google as pari ol'a projeel 

to makc the world's books discovcrable online. 

Il has survived long enough Tor the Copyright lo expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subjeel 

to Copyright or whose legal Copyright terni has expired. Whether a book is in the public domain niay vary country tocountry. Public domain books 

are our gateways to the past. representing a wealth ol'history. eulture and knowledge that 's ol'ten dillicult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this lile - a reminder of this book's long journey from the 

publisher lo a library and linally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries lo digili/e public domain malerials and make ihem widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their cuslodians. Neverlheless. this work is expensive. so in order lo keep providing this resource. we have laken Steps lo 
prevent abuse by commercial parlics. iiicIiiJiiig placmg lechnical reslriclions on aulomatecl querying. 
We alsoasklhat you: 

+ Make non -commercial u.se of the fites We designed Google Book Search for use by individuals. and we reüuesl lhat you usc these files for 
personal, non -commercial purposes. 

+ Refrain from imtomuted qu erring Do not send aulomated üueries of any sorl to Google's System: If you are conducling research on machine 
translation. optical characler recognilion or olher areas where access to a large amounl of lex! is helpful. please contacl us. We encourage the 
use of public domain malerials for these purposes and may bc able to help. 

+ Maintain attribution The Google "walermark" you see on each lile is essential for informing people about this projeel and hclping them lind 
additional malerials ihrough Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use. remember that you are responsable for ensuring lhat what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in ihc United Siatcs. lhat ihc work is also in the public domain for users in other 

counlries. Whelher a book is slill in Copyright varies from counlry lo counlry. and we can'l offer guidance on whelher any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be usec! in any manncr 
anywhere in the world. Copyright infringemenl liability can bc quite severe. 

About Google Book Search 

Google 's mission is lo organize the world's information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover ihc world's books wlulc liclpmg aulliors and publishers rcacli new audiences. You can searcli ihrough llic lull lexl of this book on llic web 
al |_-.:. :.-.-:: / / bööki . qooqle . com/| 



Google 



Über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches. Jas seil Generalionen in Jen Renalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Well online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat Jas Urlieberreclil ühcrdaucrl imJ kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich isi. kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheil und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar. das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren. Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Original band enthalten sind, linden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Niitmngsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichlsdcstoiroiz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sic diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sic keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zcichcncrkcnnung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist. wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google- Markende meinen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sic in jeder Datei linden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuchczu linden. Bitte entfernen Sic das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sic nicht davon aus. dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich isi. auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sic nicht davon aus. dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechlsverlelzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 

Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Wel t zu entdecken, und unlcrs lül/1 Aulmvii und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 
Den gesamten Buchlexl können Sic im Internet unter |htt : '- : / /-■:,■:,<.-: . .j -;.-;. .j _ ^ . .::-;. -y] durchsuchen. 



Byot\S , A 



*7/S 3 

HTCf 






Orspiig, EDtwickelooo il Sifale 



der 



Taufgesinnten oder Mennoniten 



in 



kurzen Zügen übersichtlich* dargestellt 



von 



Frauenhand. 




Christum vermag niemand wahrlich 
zu erkennen, es sei denn, dass er ihm 
nachfolge im Leben. HtniDenok. 




Norden. 
Druck von Diedr. Soltau. 

1884. 



1 



Meinem lieben Manne, 





Alt-Diacon der Mennonitengemeinde zu Emden, 
ehemaliger Abgeordneter zur Deutschen Nationalversammlung 
in Frankfürt a./M. 1848 und zum constituirenden Reichstage 

des Norddeutschen Bundes in Berlin 1867 



seien diese Blätter gewidmet 



zu seinem 83. Geburtstage 
am 3. April 1884. 



v 



I 



i 

4 



l>>>4 



Vorbemerkung. 



Die gewaltige religiöse und sociale Bewegung, welche in der 
Reformationszeit der Tiefe des Volksgemüthes entquoll, trat in ver- 
schiedenartigen Strömungen zu Tage, deren jede in ethischer und 
cultureller Beziehung die Folgezeit bis heute beeinflusst. Sie ver- 
dienen demnach alle, dass man ihnen Aufmerksamkeit widme und 
ihr Wesen richtig zu erfassen suche. Unter ihnon ist diejenige, 
welche gewöhnlich nach einem verschiedenen religiösen Richtungen 
gemeinsamen äusseren Merkmal als die-täuferischo bezeichnet wird, 
obwohl ihre ersten Anhänger sich vorzugsweise gerne „apostolische 
Brüder" nannton, bislang am wenigsten beachtet worden; und 
doch hatte sie grosse Schichten des Volkes mächtig ergriffen. 

Selbst den heutigen Taufgesinnten oder Mennoniten, 
deren Gemeinden jener Bewegung gleich in ihren ersten Anfängen 
entstammen, ist die Geschichte des Ursprungs und der Fortbildung 
ihrer Gemeinschaft oft zu wenig bekannt, als dass sie im Stande 
wären, das grosse bluterkaufte Yermächtniss ihrer Vorfahren nach 
seinem ganzen Werthe zu verstehen und zu würdigen. 

Meine Voreltern gehören seit der Reformationszeit dieser Ge- 
meinschaft an, und so bin ich im Geiste derselben erzogen, ohne 
indessen von ihrer Geschichte viel zu erfahren. Wohl wurde in 
meiner Jugendzeit durch die Gemeinden so gut wie heute für 
gründlichen Religions-Unterricht gesorgt, nicht aber für genügende 
Unterweisung in der Geschichte der Mennoniten. Wie es einem 
ganzen Volke zum Schaden gereicht, wenn ihm die Eenntniss 
seiner Vergangenheit abhanden kommt, so auch einer einzelnen 
Gemeinschaft Ihre Mitglieder verlieren das Fundament, worauf 
sie stehen, aus den Augen, und die Pietät und die Anhänglichkeit 
daran aus dem Herzen. 

In der kleinen Mennonitengemeinde meiner Vaterstadt Norden 
trug man mangels einer eigenen Schule kein Bedenken, die Kinder 
der Volksschule der lutherischen Stadtgemeinde anzuvertrauen. Sie 



VI 

wurde auch meine Unterrichtsstätte, denn vor geraum sechszig Jahren, 
gab es in Ostfriesland eben noch keine höheren Töchterschulen 
oder dergl. Ich nahm selbstverständlich auch an der Unterweisung 
im Katechismus theil, wo ich u. a. auch das „Apostolische Glaubens- 
bekenntniss" auswendig lernen musste. Die darin niedergelegten 
Gedanken und Vorstellungen beunruhigten mich, das Verständniss 
dafür fehlte mir, der Glaube daran wollte nicht kommen. Der 
Gott, der droben im Himmel sass, war so weit von mir; wie sollte 
er mich hören, wenn ich abends betete? Der Sohn, der nach dem 
Katechismus zur rechten Hand Gottes sass und wiederkommen 
würde, zu richten die Lebendigen und die Todten, ängstigte mich. 
Als Illustration dazu sah ich dann in einem Hause, wohin mich 
die JMenstmagd bei Gelegenheit von Botschaften öfters mitnahm, 
zwei Bilder hängen, welche sich mir so fest einprägten, dass ich 
sie noch heute wie vor Augen sehe. Diese vermehrten meine 
Furcht. Das eine zeigte den Teufel mit Hörnern, Schwanz und 
Fferdefuss, bewaffnet mit einer grossen Gabel, mittelst welcher er 
die unglücklichen Gerichteten in ein hell flammendes Feuer warf; 
auf dem anderen daneben hängenden Bilde stand oben auf einem 
Berge ein Lamm, welches mit dem einen Bein eine Fahne hielt, 
unten am Berge aber standen die seligen Menschen Kopf an Kopf 
und sangen ein Halleluja, das ihnen gedrückt aus dem Munde 
floss. Als ich diese Bilder zum ersten Male sah, konnte ich abends 
nicht einschlafen, ich weinte bitterlich, und als man mich nach 
der Ursache fragte, sagte ich, in einem solchen Himmel möchte ich 
nicht sein; ich hatte das Bild der Hölle fast vergessen über dem 
öden des Himmels. Eine mir so liebe Nichte aber, welche als 
Waise in unserem Hause lebte und mir eine Schwester und Muttor 
fast ersetzte, kam still an mein Bett und recitirte das Abendlied 
von Claudius: „Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sterne 
prangen am Himmel hell und klar". Schon die ersten Strophen 
verscheuchten jene Spukgestalten und ich schlief beruhigt ein. Das 
Lied ist mir seitdem besonders werth geblieben. 

Dann wiederum las ich beim Schulunterricht in der Bibel 
im Psalm 139: „Ich sitze oder stehe auf, so weisst Du es. Du 
verstehest meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist 
Du um mich und siehest alle meine Wege. Nähme ich Flügel der 
Morgenröthe und bliebe am äussersten Meer, so würde mich doch 



i 



vn 

Deine Hand daselbst führen und Deine Rechte mich halten. Wenn 
ich aufwache, bin ich noch bei Dir. Siehe ob ich auf bösem Wege 
bin und leite mich auf ewigem Wege". Und im Psalm 145: „Der 
Herr ist nahe allen denen, die ihn anrufen". In der Bibel sprach 
weiter der Sohn Gottes so freundlich: „Kommet her zu mir alle, 
die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken". Und 
auch ein Kindesgemüth fühlt sich unter Umständen oft mühselig 
und beladen. Dieselbe freundliche Stimme gebot aber auch mit 
Ernst: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, 
von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe und aus allen deinen 
Kräften. Das ist das vornehmste Gebot. Und das andere ist ihm 
gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst. Es ist 
kein anderos grösseres Gebot, denn dieses". 

Solche Bibelworte fanden Verständniss , Widerhall und 
Glauben auch in einem Kindesgemüth. Der Gott, den ich lieben 
sollte, war mir nun nahe, er wollte mich halten, leiten und führen, 
selbst bis zum äussersten Meer, an dessen Strand ich schon oft 
gestanden, und dessen Ende ich nie hatte absehon können, in das 
in unendlicher Ferne die Sonne in rothen Gluthen am Abend ver- 
sank, aus dem sie am Morgen wiederkam und sich in jedem Thautropfen 
spiegelte. Nun fühlte ich mich befreit von der Noth, welche mir 
das „Apostolische Glaubensbekenntniss" gemacht hatte. 

Als ich dann im Verfolg an dem Religionsunterricht unsers 
Predigers theilnahm, bei welchem das „Apostolische Glaubens- 
bekenntniss" einfach bei Seite gelassen wurde, fühlte ich mich so 
sicher, dass ich mit einem gewissen Siegesgefühl die Gering- 
schätzung und den Spott, den ich als Mennonitin von andern 
Kindern oft auszuhalten hatte, ertrug und mich mit Aussprüchen 
der Bibel dagegen deckte. Zu der Zeit zog ein braunlederner 
Foliant (Tileman van Brachte Martelaars-Spiegel) in unserm Bücher- 
schrank meine Aufmerksamkeit auf sich und lockte meine Neugierde. 
Zahlreiche Kupferstiche stellten grausame Hinrichtungen von Männern 
und Frauen dar. Und diese Menschen waren keine Verbrecher, 
sondern Christen, die um ihres Glaubens Willen gequält wurden, 
wie ich mit Mühe aus dem altholländischen Text entzifferte. Die 
Bilder machten einen unauslöschlichen Eindruck auf mich-, hatte 
ich doch selbst schon wegen meines Glaubens Spott aushalten müssen 

und ihn mit heissen Worten gegen andere Kinder vertheidigt. 

** 



* i 



vm 

Schon früh wurde ich daran gewöhnt allsonntäglich mit zur 
Kirche zu gehen, und wenn ich auch noch nicht viel von der 
Predigt verstand, so überkam es mich doch bei der stillen, ge- 
sammelten Andacht der Gemeinde wie eine Fühlung mit einer 
innern unsichtbaren, heiligen Welt Der Prediger sprach nicht 
mit lauter Stimme über die Köpfe der Gemeinde hinweg, sondern 
in ruhiger, vertraulicher Weise, wie zu Freunden. Von Teufel 
und Hölle war in seiner Predigt keine Rede. Er bildete gewissor- 
massen den Mittelpunkt der Gemeinde und stand, von allen geehrt 
und geschätzt, in lebendiger Wechselwirkung mit ihr. 

Bei allem religiösen Ernst war doch keine Neigung zur Kopf- 
hängerei in der Gemeinde vorhanden. Das Gefühl der Zusammen- 
gehörigkeit unter den Mitgliedern war ein lebhaftes, aber man pflegte 
auch gerne freundschaftliche, ja oft innige Beziehungen zu Ange- 
hörigen und Predigern der übrigen Gemeinden, und mit der Hilfs- 
bereitschaft für Glaubensgenossen ging thätige Liebe zu anderen Mit- 
menschen gepaart Anständiger Lebensfreude war nach allen Seiten 
hin Raum gelassen, namentlich wurde Musik und Gesang gepflegt. 

Wie man heitere Geselligkeit liebte und gastfrei war, so 
tadelte man andererseits unangemessenen Luxus, hoffährtiges Auf- 
treten, überhaupt alles Scheinwesen und unpassenden Umgang. 
Man schämte sich vor solchem Thun. 

Die Schätze alter und neuer Literatur fanden Eingang; in 
unserem Bücherschranke standen neben Tileman van Bracht Mark 
Aureis Meditationen und die erste Ausgabe von Schillers Werken 
in Taschenformat, daran reihte sich eine altehrwürdige Bibel, welche 
auf einem eingeklebten geschriebenen Blatte eine genaue Be- 
schreibung der Gestalt und des Antlitzes Jesu enthielt, woher 
entnommon, weiss ich nicht; und weiter mehrere Bände „Inbegriff 
aller Wissenschaften" mit Illustrationen, ferner Salzmanns Himmel 
auf Erden und Kampes Seelenlehre. Letzteres Buch gab mir die 
erste Anregung zum Nachdenken über Psychologie. Dann Tiedges 
Urania, Krummachers Parabeln, Agathoklos von Karoline Pichler, 
Zschokkes Stunden der Andacht u. a. m. 

Dankbar spreche ich es aus, dass ich manches gute Samenkorn 
aus diesen Büchern empfangen habe. 

An der Mennonitenkirche waren Freiwohnungen für Bedürftige, 
namentlich für Wittwen mit Kindern. Eine derselben besuchte ich 



IX 

oft ; in ihrer kleinen Stube sah ich keine furchteinflössende Bilder, 
wohl aber zog ihr kranker Sohn meine Aufmerksamkeit auf sich, 
ein Schuster, der stets fleissig arbeitete, trotzdem schleichende 
Schwindsucht an seinem Leben nagte. Seine Geduld im Leiden flösste 
mir Ehrfurcht ein und seine friedliche Leiche war die erste, welche 
ich sah; der Schrecken vor dem Tode ward mir durch sie benommen. 
Seine Mutter half in den Häusern der Gemeinde bei Krankheiten, 
Sterbefällen und sonst, man stand mit ihr auf vertrautem Fusse. 

So war mir das thatsächliche Leben in der Gemeinde zwar 
wohl bekannt, aber von ihrem Ursprünge und von der Geschichte 
der Mennoniton überhaupt erhielt ich keine volle Eenntniss. Erst 
in späteren Jahren, als mir nach mühevollen Sommertagen des 
Lebens Ruhe und Müsse zu beschaulicher Arbeit wurde, habe ich 
sie mir verschaffen können. 

Angeregt wurde ich dazu namentlich, als die Zurücksetzung, 
welche die Mennoniten in Hannover in staatsbürgerlicher Be- 
ziehung zu erleiden hatten, mir unmittelbar nahe trat. So wurde 
1838 meinem Manne als Mennonit der Zutritt zur hannoverschen 
allgemeinen Ständeversammlung seitens des Ministeriums v. Scheele 
versagt. Dasselbe erlebte 1857 dessen Bruder unter dem Ministerium 
y. Borries. Ebensowenig gestattete man Mennoniten den Zutritt 
zu den Ostfriesischen Provinzialständen. 

Diese Anregung wurde im Laufe der Zeit verstärkt durch 
Lektüre von Werken hervorragender Männer auf religiösem Gebiete, 
namentlich auch über die Resultate der neueren Bibelforschung, 
die ich mit meinem Manne las. Ich nenne zuvörderst v. Bunsens 
„Gott in der Geschichte", dessen „Bibelwerk für die Gemeinde", 
sowie dessen „Zeichen der Zeit". 

In dem erstgenannten Buche war uns besonders interessant, 
wie der Verfasser die Wichtigkeit dor Gemeinde über diejenige 
der Kirche stellt. So sagt er unter andern gleich in der Vorrede 
Seite 43: „Nur dadurch, dass die drei göttlich-menschlichen Faktoren 
der Weltgeschichte, Christus als Vorbild, die sittliche Persönlichkeit 
und die gesetzlich geordnete Gemeinde als Trägerinnen des Gottes- 
bewusstseins erkannt werden, und ihnen gegenüber das in der 
Bibel, mit Christus als Brennpunkt, abgespiegelte Wort Gottes an 
die Menschheit, die Geltung des Gesetzbuches des Geistes für 
Geistiges erhalte, nur dadurch kann der unselige Zwiespalt auf- 



hören, welcher die Menschheit zerreisst Zuerst der Zwiespalt 
zwischen dem, was sich denken lässt, und einem durch den Gedanken 
nicht vollziehbaren Glauben. Dann der Widerstreit zwischen dem, 
was wirklich geschehen ist, und dem, was sich ausserhalb der ge- 
schichtlichen Gesetze stellt und gerade deswegen als wirklich 
geschehen geglaubt werden will. Philosophie und Geschichte stehen 
hiernach nicht mehr der Frömmigkeit und der Offenbarung gegen- 
über, sondern vereinigen sich mit ihnen zur Anbetung Gottes in 
Geist und Wahrheit, die nie aufhören kann. Denn dieser auf 
Vernunft und Wissen gegründete Glaube führt nicht allein zur 
wahren Gesittung, sondern treibt auch zur Liebe der Brüder 
mächtiger und wirksamer als alle Schwärmerei. Er allein wird 
auch im Christenthum allen Naturmysterien und magischen Ge- 
bräuchen ein Ende machen, wie die Apostel es gebieten und der 
Geist es fordert". Und ferner: „Wer glaubt, Bannstrahlen und 
kirchlich-polizeiliche Verbote reichten hin, um das Bestehende zu 
erhalten und das Licht der Wahrheit zu unterdrücken, welches 
aus der gosammten Weltgeschichte auf die Menschheit strahlt, lehnt 
sich nicht allein auf gegen Gottes Ordnung, sondern irrt sich auch 
in der Zeit: er sucht Mitternacht am Mittag, und das am Mittage 
eines zwar schwülen, aber langen und hellen Sonnenscheins der 
Weltgeschichte". Und ferner Seite 130: „Wenn Du also mit 
ernstem und reinem Sinne an die Lesung und Betrachtung der 
Bibel gehst: so wird sie Dir köstlich werden üher alle Bücher. 
Du wirst Dich nicht stossen an ihrer armen Bede, denn aller Geist 
ist arm in der Erscheinung : noch an ihrer trümmerhaften Gestalt, 
denn es ist an diesen Trümmern schon mehr als Du fassen kannst. 
Du wirst Dich nicht ärgern an ihrer natürlichen Nacktheit, noch 
versündigen an ihrer kindlichen Einfalt, sondern Dich schämen, 
dass Du beide noch nicht verstehst wie Du solltest. Du sollst 
nicht verachten die göttliche Thorheit, die weiser ist als aller 
Menschen Weisheit, auch als Deine eigene. Du musst lernen, was 
Philosophen selbst schon gesehen und gelehrt, dass alles Göttliche 
nur in Knechtsgestalt erscheint, in Natur und Geschichte. Du 
musst erst wirklich glauben, wieder auf Deines innersten Geistes 
Zeugniss, dass Gott die ewige Liebe und Weisheit ist, nicht trotzdem, 
dass der Gute hier auf Erden viel leidet, sondern gerade deshalb, 
weil der Edelste freiwillig, aus Liobo zur Menschhoit in den Tod 



XI 

gegangen ist Das Alles, wie gesagt, kannst Du lernen aus Dir 
selber, durch ernstes Nachdenken. Lerne, so weit Du kannst, die 
Bibel ausserdem auch verstehen aus der Geschichte und aus dem 
Gedanken. Allein Du musst sie doch vor Allem aus Deinem 
eigenen innern Leben und Herzen verstehen lernen, denn Du ver- 
stehst ganz, nur so viel, als Du in Dir selbst durchlebt hast". 

„Wenn Du nun aber persönlich im Glauben stehst, so bedenke, 
dass Du die Bibel von der Gemeinde erhalten hast, und den Glauben 
durch die Fredigt vom Glauben. Die Liebe treibt Dich für die 
Brüder zu leben: aber Du kannst nicht für die Gemeinde leben, 
wenn Du nicht, so weit Du vermagst, in der Gemeinde lebst 
Verachte also nicht die vielleicht verachtete, vielleicht auch geistes- 
arme Gemeinde um Dich her, und halte Dich zu ihr, wenn sie nur 
Gottes Wort verkündigt und Bibel und Gewissen Dir frei lässt. 
Mache Dein Herz und Haus zu einem christlichen Tempel, und, 
so viel an Dir ist, seine Genossen zur Gottesgemeinde mit Dir". 

„Nicht untergehen aber wird in der Menschheit der durch's 
Christenthum gepflanzte Keim : aufgehen wird vielmehr ein höheres 
Christenthum mit diesem. Auch aus diesen Steinen kann Gott sich 
Kinder erwecken". 

„Siehe um Dich, ob er es vielleicht jetzt thun wolle. Siehe 
jedenfalls, was er wirklich thut, nahe und fern : Wie Grosses untergeht 
oder klein wird (aber nichts geht unter, als was trotz aller Zeichen 
und Warnungen untergehen will), und Kleines und Unansehnliches 
sich erhebt: Wie das Helle sich verdunkelt und das Dunkle hell wird". 

Solche und ähnliche Worte dieses verehrten Mannes, dessen 
Grab ich einst auf dem Kirchhofe zu Bonn besuchte und mir ein 
grünes Blatt als Andenken mitnahm, waren Veranlassung, dass 
ich mich aufs neue in die Bibel vertiefte, um zu besserem Ver- 
ständniss zu gelangen. 

Weiterhin lasen wir mit lebhaftem Interesse hervorragende 
Werke anderer bedeutender Forscher der Neuzeit auf diesem Gebiete, 
so Volkmars Religion Jesu, Hausraths Neutestamentliche Zeit- 
geschichte u. a. m. 

Die sonntägliche Fredigt in meiner Gemeinde, ohne Einengung 
durch Glaubensregeln frei auf dem Inhalte der Bibel ruhend, lässt 
das volle Licht neuerer Forschung und Erkonntniss auf deren 
Inhalt fallen. Dunkele Hüllen fallen, Nebensächliches weicht zurück 



xn 

und um so reiner tritt der ethische Inhalt der Bibel, das Wort 
Gottes an die Menschheit, das sie birgt, in seiner Herrlichkeit vor 
die Gemeinde. Wahrlich, Wissenschaft und Glaube fördern sich 
gegenseitig! Wo der Menschengeist nur fordert, da ergiessen sich 
Ströme lebendigen Wassers aus dem Geiste der Bibel und befruchten 
den Glauben so, dass er nimmer versiegen kann. Und wohl der 
Gemeinde, der die Predigt den Geist der Bibel in voller Freiheit, 
durch keine menschlichen Vorschriften eingeengt, verkündigen kann! 
Mit innigem Danke gedenke ich der aus der sonntäglichen Fredigt 
empfangenen geistigen Nahrung, die mir auf meinem Lebenswege 
eine mächtige Stütze gewesen ist. 

Die grossartige Bedeutung der Reformationszeit mit dem, was 
sie erreichte, und mit dem, was sie durch nachfolgende Geschlechter 
zu erreichen übrig Hess, der Ursprung meiner eigenen Religions- 
gemeinschaft aus derselben, und die Aufgabe, die ihr dabei ge- 
worden, alles das drängte sich mehr und mehr vor meinen Geist. 
Auf Grund nach und nach gesammelter Notizen konnte ich dann 
in der letzten Zeit die Arbeit beginnen. Während derselben reifte 
in mir der Wunsch, das, was ich mir orarbeitete, unsern vielen 
Kindern und zahlreichen Enkeln zu hinterlassen, und so wurde 
der Druck nothwendig. 

Sie werden an meine Arbeit nicht den Massstab strenger 
Fachkritik legen, sondern sie mit Pietät beurtheilen, und Freude 
darüber empfinden, dass sie mir an meinem Lebensabend viele 
Stunden hohen Genusses und reichhaltige Beschäftigung gewährt 
hat Das Buch mag auch, wenn sich Interesse dafür zeigen sollte, 
in weitere Kreise dringen. Aber auch dort wolle man dasselbe 
dann für nicht mehr ansehen, als es sein kann und will, die Frucht 
der Mussestunden einer Grossmutter. Möge es segensreich wirken ! 

Zum Schluss ist es mir ein Bedürfniss, dankend zu erwähnen, 
dass die Herren A. M. Cramer, emeritirter mennonitischer Prediger 
zu Lochern (Holland) und Dr. theol. J. P. Müller, Prediger der 
Mennonitengemeinde zu Emden, sowie mein ältester Sohn, Bernhard 
Brons, mich bei der Fertigstellung dieses Buches unterstützt haben. 

Emden, den 21. Februar 1884. 

A. Brons, geb. Cremer ten Doornkaat. 



Inhalt. 



*^W"V^^/V^%*% 



Seite 

Einleitung 1 

Erste Abtheilung. 

Entstehung derjenigen Taufgesinnten, welche später 

Mennoniten genannt wurden, in der Schweiz. 

Zwinglig Wirksamkeit als Reformator . 13 

Anfang der Bildung der Sondergemeinde der Täufer oder apostolischen 

Brüder nach der zweiten Disputation 1523 22 

Anfang der Verfolgung derselben 25 

Die grosse Verbreitung der Taufgesinnten in der Schweiz 29 

Colloquium mit den Taufgesinnten 1526 33 

Vollstreckung des Todesurtheils an Felix Manz, einer der Gründer und 

Lehrer der Sondergemeinde 37 

Aenderung der öffentlichen Stimmung gegen Zwingli 41 

Die Taufgesinnten legen 1527 ihre Ansicht über die Taufe dem Land- 
tage im Amte Grüningen dar 44 

Verschärfte Verfolgung der Taufgesinnten und Mandate gegen sie. Viele 

flüchten über die Grenze 46 

Ein Brief Jakob Hutters 48 

Der Märtyrertod Michael Sattlers 1527 51 

Zwingiis Drängen zum Krieg gegen die katholisch gebliebenen Cantone 
erweckt Unzufriedenheit, er will deshalb abtreten.' Zwingiis Tod 

im zweiten Religionskriege und dessen Folgen 54 



Zweite Abtheilung. 
Die Anfänge der Mennoniten-Gemeinden in den Niederlanden. 

Wirkung der Schriften Luthers. Verbot derselben 56 

Erstes Auftreten Mennos und seine inneren Kämpfe 58 

Die Hinrichtung Sicke Frerichs 1 und der Eindruck dieser That auf Menno 62 
Die schwärmerischen Täufer zeigen sich in Mennos Nähe. Dies bringt 

seinen Entschluss, öffentlich aufzutreten, zur Reife 63 



XIV 

• Seite 

Menno tritt durch Wort und Schrift öffentlich auf 66 

Von nun an richtet sich die Ketzer- Verfolgung auch gegen Menno und 

seine Anhänger 69 

Im December 1542 erlässt der Kaiser ein Edikt gegen Menno ... 70 
Die Regentin Ostfrieslands, Gräfin Anna, gewährt allen Verfolgten Schutz 71 
Der Superintendent a Lasco lässt Menno zu einem Religionsgespräch 

einladen. Von Groningen, wo er sich aufhält, kommt Menno nach 

Emden 74 

Es entwickelt sich ein Schriftwechsel zwischen beiden Männern ... 75 

Mennos Aufenthalt in Köln und Flucht nach Wismar 76 

Wegen einer Berathung über religiöse Fragen reist er 1547 wieder 

nach Emden t 77 

Sein zweiter Aufenthalt in Wismar und seine dortigen Erlebnisse und 

schriftstellerische Thätigkeit 78 

Die lutherischen Hansestädte erlassen 1555 ein scharfes Edikt gegen 

Reformirte und Taufgesinnte 86 

Die Gräfin Anna muss 1544 auf Befehl des Kaisers die Taufgesinnten 

ausweisen, sucht diese Massregel aber mit Hülfe a Lascos zu mildern 87 

Publikation des Interims in Ostfriesland und dessen Folgen 89 

Anhaltende Verfolgung der Mennoniten in den Niederlanden .... 91 
Meinungsverschiedenheiten unter den Mennoniten wegen der Ausübung 

des Bannes und über die Frage der Menschwerdung Christi . . 92 
Delegirten- Versammlung vieler deutschen Täufergemeinden in Strassburg 

1555 und 1557 und deren Wirkung hinsichtlich der Wismarer 

Beschlüsse 93 

Mennos Erklärung über die Ausübung des Bannes 99 

Letzte Heise Mennos nach Köln, um einer dortigen Brüderversammlung 

beizuwohnen und Streitigkeiten über den Bann zu schlichten . . 101 
Mennos Tod 1561 und Rückblick auf seine Wirksamkeit 102 



Dritte Abtheilung. 

Fortentwickelung und Zustände der Mennoniten- oder 

taufgesinnten Gemeinden in den Niederlanden bis zu Anfang 

des 18. Jahrhunderts. 

Kaiser Karls Abdankung und Uebertragung der Regierung auf seinen 

Sohn Philipp 106 

Einsetzung der spanischen Inquisition und deren Folgen 106 

Herzog Albas Steuer des zehnten Pfennigs und die Wirkung dieser 

Massregel 108 

Näheres über einige Märtyrer und deren Verhör 109 



XV 

Seite 

Herzog Alba verlässt die Niederlande 1573. Prinz Wilhelm sagt sich 
öffentlich von der katholischen Kirche los. Folgen dieser That für 
die Mennoniten 116 

Verhalten der Mennoniten und Reformirten gegen einander nnd im öffent- 
lichen Leben 118 

Verschiedene Abtheilungen der Mennoniten und ihre Benennungen . . 120 

Ursache der Entstehung der Partei, welche den Namen „Hauskäufer" erhielt 122 

Einfuhrung von Schiedsrichtern oder sogenannten „Goemannen" in den 

Gemeinden 125 

Vertrag, welcher 1579 zu Emden durch den dortigen Aeltesten Hans 

de Ries mit den „Waterländern" zu Stande kam 126 

Tod Wilhelms von Oranien 1584 und Zustände der Mennoniten unter 
der Republik. Die Königin von England schickt den Grafen 
von Leicester mit Hülfstruppen ; die Folgen davon für Land und 
Leute 127 

Fortgesetzte Anfeindung und Unterdrückung der Mennoniten durch die 

Reformirten. Religionsgespräch in Leeuwarden 130 

Parteibildungen bei den Reformirten und Einfluss derselben auf die 
Mennoniten. Der Bund der vier Städte und dessen Folgen für die 
Mennoniten 133 

Anbahnung der friesischen Societät und die durch die „ Landsdienaren 

aufgestellten zwölf Artikel 135 

Anfang der Berührung der Mennoniten mit den Kollegianten . . . . 139 

Viele bedeutende Männer gehen aus der Mennonitengemeinschaft im 17. 

Jahrhundert hervor 140 

Die Bedrückung und Anfeindung der Mennoniten durch die Reformirten 

tritt 1651 wieder stärker hervor 142 

Hülfsbereitschaft der Mennoniten für den Staat und die verfolgten Glau- 
bensbrüder in andern Ländern 144 

Endgültige Gründung der friesischen Societät und Gründung der Gro- 

ninger Societät und die wohlthätigen Folgen davon 148 

Wechselverkehr der Mennoniten mit den Kollegianten und den Remon- 

stranten und Folgen desselben 150 

Zwiespalt über die Lehre zwischen Abraham Galenus de Haan und 
Samuel Apostool 1664 und Friedensvertrag zwischen beiden 
Parteien 1672 151 

Anbahnung der Societät zu Amsterdam 153 

Gründung der theologischen Lehranstalt dort 1735 154 

Rückgang der Zahl der Gemeindeglieder und dessen Ursachen . . . 157 

Grosse Zahl gelehrter Männer in den Mennonitengemeinden des achtzehnten 

Jahrhunderts 158 



XVI 

Seite 

Gelehrte und gemeinnützige Anstalten und deren Gründer 159 

Erneute Angriffe der Reformirten. Der Vorsitzende der friesischen Societät, 
Stinstra, nimmt 1739 die Verteidigung in die Hand. Anfeindung 

seiner Person 162 

Er findet öffentliche Anerkennung 169 

Errichtung des „Fonds voor huitenlandsche nooden" 170 

Die Regierung der Niederlande erlässt 1795 ein Grundgesetz, das allen 

Konfessionen gleiche Rechte sichert 171 



Vierte Abtheilung. 
Fernere Schicksale der in der Schweiz zurückgebliebenen 

Taufgesinnten. 

Stellung der Täufer nach dem Kappeier Kriege 173 

Die Lage der in Mähren lebenden Täufer, sowie der mährischen Brüder 

und Waldenser 176 

Die Lage der Täufer in der Pfalz 180 

Neues Edikt gegen die Täufer in der Schweiz 1576. Neue Verfolgung 192 

Anhaltende Verfolgung 193 

Die Täufer sind trotzdem nicht zu verdrängen 197 

Einer ihrer Lehrer, Hans Landis, wird zu den Galeeren verurtheilt und 

1614 enthauptet 199 

Die Gefängnisse füllen sich. Die niederländischen Brüder erhalten Kunde 

davon und ergreifen Massregeln, um Hülfe zu leisten .... 201 
Die Züricher Regierung sendet 1641 eine Verteidigungsschrift wegen 

ihres Verfahrens gegen die Täufer nach Amsterdam 202 

Ein Lehrer der Taufgesinnten, Hans Müller, wird gefänglich eingezogen 

wegen des Verdachts, dass er der Verfasser des Gegenmanifestes sei 205 
Die Bemühungen der Niederländer bleiben erfolglos, sie wenden sich an 

ihre Regierung um Beistand 206 

Edikt der Regierung des Cantons Bern gegen die Taufgesinnten 1659 208 
Viele verlassen die Heimath. Hülfsbereitschaft der niederländischen 

Mennoniten 210 

Erneuerte Edikte gegen die Täufer 1695, man schreitet zur äussersten 
Gewalt durch Geisselung, Tödtung und Galeerenstrafe. Die nieder- 
ländische Regierung und der König von Preussen legen sich ins 

Mittel 212 

Schreiben der Generalstaaten an die Regierung zu Bern 1710 . . . 213 

Die Taufgesinnten werden zur Deportation begnadigt 215 

Drei Lehrer der Taufgesinnten verantworten sich auf die Anklagen der 

Schweizer Regierung am 22. März 1710 215 



xvn 

Seite 

Ankunft der Deportirten in den Niederlanden 217 

100 Familien folgen nach, sie werden grösstenteils in den Nieder- 
landen untergebracht 218 



Fünfte Abtheilung. 

Die Anfänge der Mennoniten-Gemeinden in Amerika. 

Anerbietungen des Königs von England veranlassen die bedrängten 

Pfftlzer Taufgesinnten auszuwandern 220 

Die erste deutsche Ansiedelung in Oermantown 221 

Hülfe der Niederländer für die auswandernden Pfälzer Glaubensbrüder 225 
Nachrichten über die in der Pfalz zurückgebliebenen Taufgesinnten und 

die Fürsprache des Königs Wilhelm III. von England . . . . 227 

Die Ansiedelung Schiebach 232 

Krieg in Sicht und die Haltung der mennonitischen Ansiedler dabei. Der 

Märtyrerspiegel der Taufgesinnten von Tileman v. Bracht . . . 235 

Eine Mennonitenkolonie wird von Indianern überfallen und was daraus folgte 24 1 



Sechste Abtheilung. 
Anfänge der Gemeinden in Preussen und ihre Fortbildung 

bis zu Ende des 18. Jahrhunderts. 

Ursachen ihrer Niederlassung daselbst 242 

Herzog Albrecht wendet sich an Luther, um sich Baths zu erholen, wie 

er sich gegen die Sektirer verhalten solle 245 

Die Taufgesinnten setzen sich mehr und mehr fest. Mennos Wirksamkeit 

in den Ostseegegenden 247 

Bedrängnisse der Mennoniten durch die Bürger von Elbing .... 249 

Die Mennoniten müssen ihren Glauben dem Konsistorium darlegen. 

Niederlassung der Mennoniten in dem Landstrich Tiegenhof . . . 250 

Dirk Philipps und Hans Sicken, die ersten Bischöfe der Mennoniten in 

Preussen 251 

Ein Edikt gegen die Mennoniten wird 1572 im Artushof zu Danzig 

angeschlagen 252 

Es entstehen Wirren in den Gemeinden durch zugewanderte nieder- 
ländische Lehrer. Ein Brief Lübbert Gerrits 1 an die preussischen 
Brüder wegen dieser Angelegenheit 253 

Der Lehrer Jan Gerrits kommt von Haarlem 1604 nach Danzig und 

wird dort zum Lehrer oder Prediger gewählt 254 

Bedrängniss der Mennoniten durch den Bischof von Culm und die War- 
schauer Konföderation 255 



xvm 

Seite 

Nene Bedrängniss durch den Kammerherrn Willibald von Haxberg 1642 256 
Es droht neue Gefahr durch den Adel und den Clerus; der König 

gewährt Schutz 1648 257 

Der König Johann III. Sobieski, stellt den Mennoniten 1694 ein neues 

Privilegium aus, sie erhalten Religionsfreiheit 260 

Die Leiden der Mennoniten bei den Belagerungen Danzigs 1734, 1807 

und 1813 261 

Kurzer Ueberblick über die Geschichte der Gemeinden zu Hamburg, 

Altona und Friedrichstadt . 263 



Siebente Abtheilung. 
Zweite Geschichtsperiode der Gemeinden in Preussen. 

Wegen ihres Festhaltens am Prinzip sich an keinem Kriege zu bethei- 
ligen, droht ihnen die Gefahr der Ausweisung. Verhütung derselben 270 

Erstes Andachtshaus der Mennoniten in Königsberg 1770 275 

Neue Gefahr für die Mennoniten in Danzig 1748 276 

Durch die erste Theilung Polens werden auch die westpreussischen Menno- 
niten Unterthanen des Königs von Preussen 277 

Das den Mennoniten in Preussen durch Friedrich den Grossen 1780 

ertheilte Privilegium 278 

Ihre trotzdem noch unsichere Lage 280 



Achte Abtheilung. 

Die Anfänge der Mennoniten-Gemeinden in Bussland 1786. 

Die Kaiserin Katharina lässt den Mennoniten Land zur Besiedelnng an- 
bieten, aber die preussische Regierung legt ihnen Hindernisse in 

den Weg 284 

Erste Auszngsgesellschaft nach Bussland 1788 286 

Ihre Niederlassung im Gouvernement Jekaterinoslaw und erste Einrichtung 287 
Cornelius Begier und C. Warkentien reisen 1794 als Abgesandte der 
Muttergemeinden in Preussen nach den neuen Kolonien, ihre Wirk- 
samkeit daselbst 289 

Die Kaiserin Katharina schickt ihren Kommissär Trapp nach den Nieder- 
landen, um sich bei den dortigen Gemeinden zu erkundigen, ob 
Mischehen gestattet seien und die Antwort der friesischen 

Societät 293 

Tod der Kaiserin Katharina und dessen Folgen für die russischen 

Mennoniten. Das ihnen vom Kaiser Paul gewährte Privilegium . 294 



Seite 

Zustand der Kolonie am Dniepr. Zweite Ansiedelung an der Molotschna 

im Gouvernement Taurien 298 

Nachricht vom Zustande der Letzteren im Jahre 1810 300 

Es kommen Zuzüge aus Prenssen. Nachrichten üher den blühenden 

Zustand der Kolonie im Jahre 1855 302 

Opferwilligkeit der russischen Mennoniten im Kriege gegen die Türken 

und deren Verbündete 306 

Den preussischen Mennoniten wird 1850 aufs neue Land zur Besiedelung 

angeboten. Reise der zur Besichtigung abgesandten Brüder . . 308 



Neunte Abtheilung. 
Weitere Geschichte der preussischen Mennoniten- 

Gemeinden bis 1869. 

Ein mennonitisches Ehepaar bittet um Audienz beim Königspaar in 

Graudenz 1806 315 

Verhalten der Mennoniten in den Befreiungskriegen und ihre Opferwilligkeit 316 

Die Bestimmungen des ersten deutschen Parlaments hinsichtlich der 

Wehrfreiheit der preussischen Mennoniten 323 

Das Verhältniss der rheinischen Mennoniten zur Wehrfrage. Die Stellung 
der preussischen Gemeinden dazu bleibt nach Auflösung des Par- 
laments unverändert 326 

Schädliche Wirkung des unbedingten Festhaltens am Prinzip der Wehr- 

losigkeit für die preussischen Gemeinden 327 

Oeffentliche Kundgebung des Professors Wilhelm Mannhardt über das 

Prinzip der Wehrfreiheit 328 

Erzählung einer Begegnung König Karls des Zwölften mit einem raenno- 

nitischen Prediger in Litthauen 1703 330 

Professor Mannhardt bringt den Grundton und die Grundprinzipien der 

Mennoniten in Erinnerung, wodurch die Ansichten geklärt werden 332 



Zehnte Abtheilung. 

Zustände der russischen Gemeinden und Ursache der 
Auswanderung nach Amerika im Jahre 1860. 

Ursache der Auswanderung 335 

Es zeigt sich eine schwärmerische Richtung in den russischen Kolonien, 

Beschwichtigung derselben 336 

Die Regierung lässt den Mennoniten Ländereien am Amur zur Besiede- 
lung anbieten 337 

Ebenso in der Krim für 200 Familien 338 



XX 

Seite 

Aufhebung des Privilegiums der Mennoniten in Bussland. Da die Menno- 

niten auszuwandern drohen, macht der Kaiser ihnen Eoncessionen 339 

Die Meisten entschliessen sich zu bleiben, ein Theil jedoch rüstet sich 

zur Auswanderung 340 

Deren Niederlassung in Amerika 341 

Ihr Verhalten in Amerika und ihre Stellung daselbst 343 



Elfte Abtheilung. 
Uebersicht der jetzigen Gemeinden in Deutschland 

und Frankreich. 

Ungünstige Lage derselben in letzterem Lande 349 

Die Lage der Gemeinden in den Vogesen, Deutsch-Lothringen, der Schweiz, 

Baden, Baiern, Polen 350 



Sehluss-Betraehtung. 356 



Beilagen. 

I. Melchior Hoffmann 373 

II. Ludwig Hätzer 408 

III. Nachrichten über die Täufer in Oesterreich 419 

IV. Ein Brief William Penns an den Magistrat der Stadt Emden . . 435 



Einleitung. 

Grosso Umwälzungen in dorn geistigen Lebon und geschicht- 
lichen Dasein der Völkor sind in der Rogel der Ausdruck ver- 
schiedenartiger einschneidender Ursachen, die, langsam wachsend, 
schliesslich zusammen troffon und oinen Wendepunkt bilden. 

So ward die gewaltige Bewegung in der Roformationszoit 
nicht allein durch religiöse Zustände, welcho das Volksgofühl vor- 
letzten, hervorgerufen, sondorn auch durch die politischen, staats- 
bürgerlichen und Rechts Verhältnisse, welche die Menschenrechte des 
gemeinen Volkes, namentlich des bäuerlichen, schwer schädigten. 

Schon lange bevor Luther und Zwingli ihre Keulenschlägo 
gegen das Papstthum führton, und die Autorität der Kirche zum 
Wanken brachten, hatto dio Tyrannei, die Habsucht und das 
sittenlose Loben der Fürston und des Klerus eine weit verbreitete 
Unzufriedenheit mit den bostohondon Zuständen erzougt, welche 
u. a. bereits 1502 in oiner Verschwörung gegen don Bischof von 
Speior zu Tage getreten war. 

Dio Bibel war ein dem Volke verborgonor Schatz, die Kirchon- 
satzungon dagegen lagen wie oin Joch auf aller Schultern. Uober 
sie, über don Papst, seine Heiligon, ja selbst über den Gott dor 
Kirche hinaus, deren keiner sich seiner erbarmte, wandte sich das 
gequälte Volk um Hülfo an die Mutter Gottes. 

„Maria", war das Losungswort des Bundes, welcher Liga 
salutaria genannt wurde; jedor, dor ihm angehörte, musste täglich 
viermal das Ave Maria beten. 

In Baden und Würtemberg hatte sich ein Bauernverein gebildet, 
welcher nur arme, aber fleissige Tagelöhner und Arbeiter aufnahm, 
und keinen übelbeleumdeten zuliess oder duldete. Dieser Bund 
hiess „der arme Konrad". 



Der Herzog Ulrich von Würtemberg war ein Despot und Egoist 
im vollsten Maszo. Wie Lastthiere wurden die Bauern ausgebeutet, 
um seiner verschwenderischen Hofhaltung die nöthigen Mittel zu 
verschaffon, und als noch dazu falsches Gewicht eingeführt wurde, 
zeigte sich dio Empörung der Bauern übor diese versteckte Mass- 
regel, Brod, Fleisch und Wein noch höhor zu besteuern, offen. 
Mit Trommeln und Pfeifen zog oin Haufo hinaus an einen Fluss, 
wo unter Scherz und Lachen über dem Wasser eine Probe mit 
dem Gewichte angestellt und des Herzogs Gewicht zu leicht be- 
funden wurde. 

Dieso und andere drohende Zeichen hatten die Folge, dass 
der Herzog und sein Landtag, von Furcht beschlichen, Abhülfe 
versprachen. Das Volk beruhigte sich damit und ging heim zu 
seiner Arboit, auf des Herzogs Vorsprechon vertrauend. Als aber 
an den Führern dos Bundes, denen man freies Geleit versprochen 
hatte, wenn sie zu ihrem friedlichen Heim zurückkehrten, treulos 
Ruche genommon wurde, da brauste und gährte es in den Gemüthern 
wie ein unterirdisches Feuer, das einen Ausweg sucht, um seine 
Flamme sammt Schutt und Ascho empor zu schleudern. Bereits 
1515 hatte sich der Aufruhr über ganz Thüringen, Schwaben, 
Würtemberg, Oestreich und Ungarn verbreitet. 

In Brabant und Holland war schon Ende dos 15. Jahrhunderts 
durch ähnliche Ursachon eine gleichartige Verbindung unter dem 
Namen „Brod- und Kiisobrüdor" entstanden. 

So standen die Sachon, als Luther und Zwingli auftraten. 
Durch sie wurde der Hass dos Volkes gegon Papst und Kirche 
ge wissermassen sanktionirt, und als nun durch dio Bibelübersetzung*) 
dies ehrwürdige Buch als Autorität an dio Stolle jener trat, da 
wurde an soinom Inhalt alles und jegliches in der Kirche und im 
Staate goprüft und danach gerichtet. 

In unglaublich schnollor Zoit verbreitete die Bibel sich über 
Deutschland, die Niederlande und dio Schweiz. Nicht überall gleich 
wirkte sie, denn die gewaltig aufgeregte Zeit gostattete dem Volke 



*) Die erste, deutsche Bibelübersetzung wurde bereits 1466 zu Strass- 
burg gedruckt; sie war bis zum Jahre 1534, wo die erste vollständige Ausgabe 
der Bibelübersetzung Luthers erschien, bereits in 12 Ausgaben gedruckt worden. 



kein ruhiges Eingehen auf dieselbe, seino Führer aber fanden in 
dem bunten Inhalto der Bibel unschwor Stützpunkte für ihre 
snbjectiven Ansichten, und das Mittel, ihro Anhänger für dieselben 
zu entflammon. So sehen wir in Südwestdoutschland zuerst, und 
zwar durch Hans Müller von Bulgenbach, die Wirkung der Bibel 
in Folge richtigen Erkenntnisses der in ihr enthaltenen Menschen- 
rechte durch die That auf die Bildfläche treton. 

Im Hegau am Bodonsee erschien ein Programm von zwölf Arti- 
keln, denen man Berechtigung nicht absprechen kann. Luther sagt in 
Beziehung darauf: „Sie haben zwölf Artikel gestellt, unter denen 
etliche so billig und recht sind, dass sio Euch vor Gott und der 
Welt den Glimpf nehmon und Psalm 107, 40 wahr machen, dass 
sie Verachtung schütton über die Fürsten." 

In dem letzten der zwölf Artikel hiess es: „all diese Sätze soll 
man nach der Schrift prüfen, und, falls sio hieraus widerlegt werdqa, 
können, abthun, aber auch nur dann.' 4 p 

Neben diesen gemässigten und berechtigton Ansprüchen der 
Bauern traten aus den gebildeten Ständen ähnliche Forderungen 
hinsichtlich der Staatsroform hervor, die dritten neben den kirch- 
lichen und socialen. 

Ein ehemaliger Staatsbeamter, Wendel Hiplor, war der Haupt- 
führor dieser Partei, in Heilbronn war ihr Hauptsitz. Dort wurde 
im Namen einer provisorischen Roichsregierung ein Programm der 
Staatsroform ontworfon, zu dosson Durchführung man den Bauern- 
aufstand in Dienst nehmon wollte. 

Dies Programm enthielt unter andern folgondo Forderungen: 
„Alle Strassen sollen froi, die Wanderung der Kaufleuto sicher, 
aber auch eine Ordnung sein, wio sio die Waaren zu gebon haben. 
Nur eine Münze, ein Gewicht und ein Maass für das ganze Reich; 
Beschränkung dos Wuchers dor grossen Wechselhäuser; Aufhebung 
der Fürstentümer, überall nur eine Gewalt, die des Kaisers. 
Jedoch 64 Freigerichte mit Beisitzern aus allen Ständen, daneben 
16 Landgerichte; 4 Hofgorichto, darüber ein kaiserliches Kammor- 
gericht." 

Wäre in diese droi reformatorischen Bewegungen, die kirch- 
liche, die sociale und die staatliche, kein falschos Feuer, welches 
verzehrt und nicht erhält, was es ergreift, hineingeworfen, so wäre 

l* 



dem deutschen Reiche alles Elend, welches seitdem, wie aus der 
Hölle losgelassen, über Gut und Blut daher fuhr, vielleicht erspart 
geblieben; vielleicht auch nicht, denn schon die in den zwölf 
Artikeln verlangton Punkte konnton den geistlichen und weltlichen 
Behörden, wie dieso nun einmal waron, nicht genehm sein, und 
da die Bauern entschlossen waron, nicht davon abzugehen, so wäre 
wohl der Krieg nicht zu vermeiden gewesen. In der Einleitung 
zu den zwölf Artikeln hatten sie zwar gesagt, sie wollten nicht 
Gewalt und Aufruhr, denn das Evangolium lehre den Monschen 
Liebe und Friede, und sie wollton nichts, als was sie auf Grund 
des Evangoliums vorlangen könnton; sie hatten aber hinzugefügt, 
wenn es trotzdem zur Gowaltsamkeit kommen sollte, so sei das 
nicht ihre Schuld, sondern die Schuld derer, die ihnen wider Christi 
Lohre ihr Rocht vorsagton. „Hat Gott dio Kinder Israels erhört, 
als sie zu ihm schrieen, und sie orrottot aus der Hand Pharaos, 
kann er dann nicht auch noch heute die Soinigon orrotton? Ja, 
er wird sie orrotten und in einer Kürze," war ihre Hoffnung. 

In dem ersten Artikel hiess os: „oino ganze Gemeinde soll 
ihren Pfarrer selbst wählen, und ihn wieder entlassen können, wenn 
er sich ungobührlich hält; 1 Timoth. 3, Titus 1. Auch soll der 
erwählte Pfarror das Evangelium lauter und klar predigen, ohne 
allen menschlichen Zusatz." 

Im zweiten wurde vorlangt, dass dor rechte Kornzehnt, wie 
er im alten Testament vorordnet sei, entrichtet worden solle, doch 
zwar so, dass daraus zuerst das Auskommen des Pfarrers entnommen, 
der Ueberschuss aber für dio Dorfarmen und für Kriogszoiten 
zurückgelegt werde. Don kleinen Zehnt abor wollten sie nicht 
mehr geben, denn Gott dor Herr habe das Vioh frei für den 
Menschen erschaffon. 

Drittens wollton sie keine Eigenleute mehr sein, da Christus 
Alle mit seinem Blute erlöst und erkauft habe. „Dio Schrift lehrt," 
heisst es in diesem Artikel, „dass wir frei sind, und wir wollen 
frei sein. Nicht dass wir gar frei sein wollen und keine Obrigkeit 
über uns sei, das lohrot uns Gott nicht. Wir wollen gerne unserer 
gewählten Obrigkeit, als von Gott verordnet, in allen ziemlichen 
und christlichen Sachen gehorsam sein." 

„Viertens, das Wild soll nicht länger das Unsre, was Gott 



dorn Menschen zu Nutz hat wachsen lassen, auffressen. Das Geflügel 
und die Fische sollen frei sein, wie sie Gott der Herr erschaffen hat 

Ferner soll das Volk seinen Antheil am Holz haben, und dies 
nicht den Herrschafton alloin zu Gute kommon, und soll jeder aus 
dem Walde seine Nothdurft umsonst ins Haus nehmen dürfen, 
doch soll durch Aufseher die Ausrottung des Holzes verhütet 
werden" u. s. w. 

Man sieht hieraus, wie sehr das Volk doch schon in den 
Text der Bibel eingedrungen war. 

Wenn auch die Bauern ihre vermeintlichen Rechte auf 
friedlichem Wege zu erreichen suchten, so lag doch eine Drohung 
in den zwölf Artikoln, wolcho ihren Gegnern Furcht einflösste. 
Es gelang den Lotzteren, sie durch Versprochungen, dass alles 
durch Schiedsgerichte geprüft werden, und, was man für Rocht und 
billig erkonne, gewährt worden solle, einstweilen zu beschwichtigen. 
Man wollte damit jedoch nur Zeit gewinnen, um sich zn rüsten, 
damit man einen Aufstand mit Waffengewalt unterdrücken könne. 

Nichts aber empört don Menschon mehr, als wonn er in soinem 
Vertrauen betrogen wird, und das war hier der Fall. Von nun 
an gerieth die Bewegung in zügolloso Bahnon, alle Leidenschaften 
wurden losgelassen und fanden gleichartige Gegenwehr. Der 
Bauernkrieg begann. 

Als Führer diosos zweiton Aktos ist auf Seiten des Volkes 
in erster Stolle Thomas Münzor zu vorzeichnen, und wiederum 
war es die Bibel, aus welcher er die Vollmacht zu soinem Beginnon 
entnahm. In Altstadt in Thüringen, wo er 1524 Prediger war, 
wurde ihm wogen seines aufrührerischen Treibens dor Aufenthalt 
versagt, und nun fing er an, als Roisoapostol nouen Zündstoff in 
die aufgeregte Monge zu worfen, indem er sich an Orten, wo er 
geeigneten Bodon fand, längere Zeit aufhielt Er hatte seine 
Phantasie erhitzt und sein Gehirn berauscht mit dem 7. Kapitol 
dos 5. Buchs Moso, mit dem 20. Kapitel des 2. Buchs der Chronika 
und dem 24. Kapitol des Evangeliums Matthäi. In Sachsen, dor 
Wiege der Reformation in Deutschland, wo er sich zuerst aufhielt, 
fand er viele, denen Luther nicht entschieden genug vorging. Neben 
denen, wolcho nicht in der Auffassung des Abendmahls mit Luther 
übereinstimmten, und von ihren Gegnern schimpfender Weise 



Sakramentirer genannt wurden, fand sich namentlich in Zwickau 
eine Gemeinschaft, welche die Kindortaufe als nicht in der Schrift 
begründet verwarf und Erwachsene deshalb aufs neue taufte. 
Durch diese Neutaufe, welche sie in der Weise auffassten, dass auf 
jeden Getaufton, wie auf Jesus, der heilige Goist herabfahre und 
bei ihm bleibe, fühlton sie sich als Heilige Gottes. 

Zu dieser Gemeinschaft nun gosollte sich Münzor und liess 
sich aufs neue taufen. In dem Gofühle seiner nunmehrigen 
Heiligkeit und im Vollgofühl seiner Kraft botrachtete or sich und 
seine Anhänger als dio Vollstrecker des göttlichen Strafgerichts, 
und zog als ein Prophot und Apostel durch die doutschon L*ndo, 
zuerst durch Schwaben; dann hiolt er sich ein halbes Jahr am 
Bodensoc auf. In diesor Ecke Süddeutschlands und in Heilbronn, 
wo die auf Grund der Bibel erhobenen berechtigten und sehr wohl 
durchführbaren, vorhin erwähnton Forderungen dos Volkes ent- 
standen, die dann von don Fürsten bei Soito geschoben waren, 
fand soine Lehre, dio er gleichfalls mit der Bibol bekräftigte, 
schnell Eingang. 

Es ward ihm leicht, das von seinen Unterdrückern betrogene 
Volk zu bogeistorn und zur That anzufouorn, und so stieg überall 
hinter seinon Fersen die Flamme des Aufruhrs empor. 

Nach vielem Umhorziohon sotzto Münzer sich in Mühlhausen 
fest, dessen Bürgor ihm anhingen. Der Rath ward abgesetzt und 
ein ehemaliger Prämonsfcratonsorinönch, Namons Pfeifer, welcher 
Münzers Gofühlo theilto, schloss sich ihm als Anführer über die 
Aufständischen an. Bei 40000 Mann strömton zusammen und 
standen kampfboreit und voll Vortrauon auf don Sieg ihrer guten 
Sache drohend den Fürston und ihron Hoeron gogonübor. 

Im Schwarzwald war oino ähnlichoZahl schlagfortig. Klöster, 
Kirchen und Schlösser wurden eingenommen und goplündert, und 
überall feuerte Münzor dio Aufständischen an durch sein zündendes 
Wort und durch Flugschriften, zu doron Anfertigung or eine oigono 
Druckeroi errichtet hatto. 

1525 schriob or von Mühlhausen an dio Borglouto zu Mansfeld 
einen Brief fourigon Inhalts; dieser hatte dio Ueborschrift : „Die 
reine Furcht Gottes zuvor!" Es hioss darin unter andorm: „wollt 
ihr nicht um Gottos willen leiden, so müsst ihr dos Teufels 



Märtyrer sein. Fasset an den Streit des Herrn, 

es ist hohe Zeit." Er wies sie darin auf das 7. Kapitel im 5. Buch 

Mose, mit dem Wunsche, dass Gott ihnen dasselbe offenbare. 

„Könnte ich euch mündlich Unterricht geben," hiess es ferner 
darin, „so sollte euch das Herz grösser worden als alle Schlösser 
und Rüstung der gottloson Bösewichter auf Erden. Dran, dran, 
dran, weil das Feuer hoiss ist! Lasst euor Schwort nicht kalt 
werden vom Blut, schmiedet Pinko pank auf dorn Amboss 

Nimrod." Der Brief war unterschrieben: „Thomas 

Münzer, ein Knecht Gottes wider die Gottloson." 

Bei oiner untor freiem Himmel gohaltenon Vorsammlung in 
der Nähe von Mühlhauson riof er: „Brüder, die Zeit der Freiheit 
ist endlich erschienen, wo ihr das Joch, das Euch die Tyrannen 
der Erde aufgelegt haben, abschütteln könnt. Gott und das Rocht 
ist mit Euch. — Auf, Brüder, auf, schlagt auf die Fürsten und 
Herren, wie auf Nimrods Atiboss, ohne zu schonen, Gott will den 

Hochmuth dor Tyrannen nicht länger dulden." 

Yiele seiner Schriftstücke waren unterzeichnet: „Thomas Münzer 
mit dem Schwort Gidoons." 

Mit Begeisterung zogen die Bauorn in don Kampf, aber 
obgleich sie ihn zu beginnen pflegten mit dem Liodo: „nun bitten 
wir den hoilgen Geist", oder: „komm heilgor Geist", hauston sie doch 
wie die Würgengel, und mussten schliesslich dor goordneton Kriegs- 
macht dor Fürston untorliegon, die nunmehr ihrerseits eine Rache 
übten, welche kein Erbarmen kannte. Keinem Stande hatte das Blut- 
vergiossen genützt, die Sachlago war lodiglich ärgor gemacht als zuvor. 

Von den aufgotrotonon Noutäuforn, oder Wiedertäufern, wie 
sie von nun an gonannt wurdon, hatte sich noch vor dorn Ausbruch 
des Bauornkriogos Molchior Hoffmann *) aussor Landes, und zwar 
zuvörderst nach Schweden und Liofland bogobon, um dort der 
Reformation zum Durchbruch zu vorholfon. 

Auch auf diosen hatto das Alto Tostament oinon gewaltigen 
Eindruck gemacht, jedoch so, dass es dorn Evangelium gewisser- 
massen zur Folio diento; ebenfalls hatte dio Offenbarung Johannis 
ihn angezogen. Er schriob eine Erklärung übor sie, welche darauf 



*) Siehe Beilage I. 



8 

hinausliof, dass sie auf die damalige Zeit gedeutet werden müsse. 
Bei sei neu Reisen im Reiche war er zweimal in Wittenberg, häufig 
in Strassburg, in Emden und in Westfriesland. Er fand anfangs 
bedeutenden Anhang, namentlich in Strassburg und in Ost- und 
Westfriosland. 

Während seines letzten Aufenthalts in Strassburg 1532 wurde 
er gefangen genommen. Im Gofängniss hörte er, dass in den Nieder- 
landen viele seiner Anhänger hingerichtet wordon seien. Deshalb 
schrieb er, man solle dort zwei Jahro mit der Taufe inne halten, 
nach dem Vorbilde Zorobabels, desson Tempelbau auch zwei Jahre 
durch seine Feinde gehindert worden sei, bis Gott durch König 
Darius Hülfe gesandt habe. 

Aus den Wirkungen, wolcho seine Lohro hervorbrachte, sieht 
man deutlich, dass es hauptsächlich die Offenbarung Johannes und 
das Buch Daniel waren, welche seine Phantasie entzündet und ihn 
zu schiefen Anschauungen gebracht hatton. Als er in Strassburg 
gefangen sass, glaubten seine Anhänger dort und in Ost- und 
Westfriosland, . von wo er beständig Briefe erhielt und Sendboten 
zu ihm hin und her roisten, er sei Elias, und oin zweiter Zeuge 
Gottes, Enoch (Kaspar Schwenkfold), würde mit ihm die Macht 
haben, die Erde mit allorloi Flagon heimzusuchen. Mit 144000 
Heiligen, welche nach dor Apokalypse mit dem Namen des Vaters 
an ihrer Stirn gozoichnet (damit meinte man die aufs neue Getauften) 
und welche die Erstlinge Gottes und des Lammes seien, in deren 
Mund kein Betrug gefunden werde, würden sie aus Strassburg, 
dem neuen Jerusalem, der Stadt Gottes hervorbrechen. Mit diesen 
144000 wahrhaftigen Predigern, Apostoln und Gesandton Gottes 
würde Melchior Hoffmann mit solcher Kraft Gottes ausgerüstet 
aus seinem Gefängnisse hervorbrechen, dass ihm niemand wider- 
stehen könne. 

Danach stand zu Haarlem in den Niederlanden ein neuer 
Prophet auf, welcher sich für den echten Enoch und zweiten 
Zeugen Gottes ausgab. Dieser, Jan Matthys, verdammte alle, welche 
ihn nicht dafür halten wollten, und drohte, sie dem Teufol zu über- 
geben. Dadurch trat bei den Melchioriton, namentlich in West- 
friesland, eine neue Verwirrung oin. In heimlichen Versammlungen 
suchten sie sich durch Fasten und Boten zu helfen, indem sie sich 



wie in der Hölle fühlten, wie Ubbe Philips, ein Zeitgenosse, in 
seinen Bekenntnissen berichtet. Jan Matthys, der neue Enoch, als 
Gesandter Gottes auftretend, legte Vielen das Apostelamt auf und 
sandte sie je zwei und zwei hinaus, um zu verkündigen, dass kein 
Blut mehr vergossen werden würde auf Erden, und dass ein 
neues tausendjähriges Roich anbrechen werde. 

In Amstordam, wohin mehrere dieser Apostel sich gewandt 
hatten, riefen einige von ihnen auf den Strasson: „die noue Stadt 
ist den Kindern Gottes gegeben" etc. Andere wieder: „thut Busse, 
Busse, Busse" otc., und noch andere: „Wehe, wohe über die Gott- 
losen" otc., wodurch mehrere Male Aufruhr entstand, sodass dio wolt- 
licbe Macht einschreiten musste. Fünfzig bis sochszig von diesen 
Menschen, wolcho man hout zu Tage in die Irronhäusor stocken 
würde, ergriff man und brachto sie zum Tode, theils durch Er- 
stickung, theils durch Bad und Galgen. So verblondot jedoch waren 
ihre Gesinnungsgenossen, dass sie glaubten, diese Hingorich toten 
würden nach droi Tagen wieder auforstohen. Unterdessen war der 
Anstifter dieser neuon Schwärmerei, Jan Matthys, nach Münster 
gezogen; er vorkündigte von dort aus durch Briefe, Münster sei das 
neuo Jorusalom, und nicht Strassburg. Man solle nicht mehr leiden, 
hioss es darin, sondern den Harnisch Gottos anziehen und den 
Gottlosen für ihre Tyrannei doppelt oinschonken. Auf diesen Ruf 
zogen nun violo verblendete Menschen, mit Gowohren, Spiosson 
und Hollebarden bewaffnet, nach Münster. Was weiter dort geschah, 
ist hinlänglich bekannt, und es zu erörtern hier nicht am Platze. 

So hatte denn dio Bibel, nun ihr Inhalt dem Volke unmittelbar 
zugänglich geworden war und als oborste Autorität galt, im ersten 
Anlaufe in einer Weise gewirkt, welche gefahrdrohend für den 
Bestand der menschlichen Gesellschaft erscheinen musste. Obwohl 
es nur ein durch massloso Verfolgung und Tyrannei ontzündotes 
Feuer war, das erlosch und dessen Asche zerstob, so war doch 
viel Unheil angerichtet worden. 

Wenn wir nun den Blick auf die Haupt-Reformatoren selbst 
richten, so finden wir, dass auch diese von solchen Stellen des 
Inhalts der neu entdeckten Bibel besonders ergriffen wurden, welche 
ihrer persönlichen Stimmung, mit Bezug auf die sie berührenden 
ZeitverhältnissO) zusagten. 



10 

Luther, welcher sich den Studien gewidmet und sich anfangs 
namentlich in die griechischen und römischen Klassiker vertieft 
hatte, war von dem politischen und socialen Jammer des Volkes 
persönlich nicht berührt wordon. Als spätor sein tiefroligiöser 
Sinn zum Durchbruch kam, war dieser zunächst nur darauf 
gerichtet, das Heil seiner eigenen Seolo zu suchen. Er ging deshalb 
ins Kloster und glaubte es hier durch Faston und Beton, durch 
pünktliches Befolgen der Satzungen und Vorschriften der Kirche, 
an welcher seine Seele mit voller Liebe und Vertrauen hing, 
erreichen zu können. Soine gottbegnadigte Naturanlago und Per- 
sönlichkeit fand indessen kein Heil im blosson Gehorsam gegen die 
Kircho. Er suchte nach Gott mit dürstender Seele, die Kirche aber 
hatte keinen andorn, als einen Gott des Zornes, dessen Gerechtigkeit 
nur durch das Bofolgon ihrer Gesetze genug gethan wordon konnte. 
Das Dogma von der Erbsünde und dem Fluche, welcher doshalb, 
wie die Kirche lehrte, auf der Monschheit ruhto, hörto nicht auf, 
ihn zu quälen. Der strong richtende Gott, welcher durch das 
tägliche Mossopfer vorsöhnt wordon mussto, stiess ihn ab. 

Er fasteto, botete, kasteito seinen Leib und bofolgto alle Vor- 
schriften soinos Ordens, doch nichts von alledem brachte ihm den 
Frieden, er konnte don Gott nicht lieben, der nur zürnt, richtet 
und verdammt. Er orschrak jedesmal, wenn er die Worte „gerecht" 
und „Gottes Gerechtigkeit" in der Schrift las. Da traf er auf den 
Spruch im Römorbriofe: „so halten wir donn nun, dass der Mensch 
gerocht werde ohne dos Gosotzes Werke, alloin durch den Glauben." 
Also aus dorn Glauben mussto dio Soligkoit kommen, und nicht 
aus des Gesetzes Workon, wie dio Kircho vorschrieb. 

„Daraus habe ich abgenommen," sagt Luther, „dass der Mensch 
gorocht wordo durch don Glauben. Da wurde mir die ganze heilige 
Schrift und der Himmol goöffnot." 

Dor Römorbriof gab ihm je länger desto mehr dio Bestätigung 
dieser Ansicht. In ihm fand er, dass das Gesetz dor Kircho und 
dio Workhoiligkoit, wolcho sie vorschriob, ein andoros sei, als das 
Gesetz Gottes, und dass, wer dieses erkannt habe und daran glaube, 
der Gnado Gottes gewiss soin könne; dor Fluch, der durch Adam 
gekommen, sei durch don Gehorsam Jesu aufgehoben, und so haben 
wir Frieden mit Gott durch Josum Christum, wie es Römer 5, 1 hoisst. 



11 

Jetzt ftiklto Luther sich befroit und regte fröhlich die 
Schwingen, wie ein Adler, der sich übor die Wolken erhebt. 
Obige Worte des Römorbriofes wurden von nun an der Massstab, 
nach welchem er den Worth der biblischen Bücher beurthoilte, und 
der Grundstein, auf welchem er seine Kirchenbildung baute. 

Als ihm in Rom die Verdorbthoit dos Klorus in der ab- 
stossendsten Woiso entgegentrat, als der Ablasshandel, der die 
Sünde taxirte und ihre Vorgobung verkaufto wie Krämerwaare, 
in seiner nächsten Näho durch Tetzel, don Kommissarius des 
Generalpächters des päpstlichen Ablasses, Erzbischof Albrecht von 
Mainz, sich broit machto, da wurde Luther boroits Protestant. 

Fast zu gleichor Zeit brach in der Schweiz aus gloichen 
Ursachen die protestantische Bewegung gegen dio römische Kirche 
hervor; Ulrich Zwingli ward ihr Führer. Sohn eines Ammanns 
in Toggonburg, hatto Zwingli boi seinem Vator, welcher mit Erfolg 
Wortführor der Bevölkerung gogon den Klorus von St. Gallen 
gewesen war, um sie von don durch diesen ihr aufgelegten Feudal- 
lasten zu bofroien, beroits Morgonluft geatbmot. Im Gogontheil zu 
Luther, der mit Ehrfurcht und Liebe der römischen Kirche auch 
da noch anhing, als er ihr in oinigon Punkten boroits entgegen 
getreten war, hatto Zwingli boroits im Yatorhauso den Uobergriffen 
derselben dio Stirn zu bioton golornt. Zwingli studirto, wie sein 
Freund Leo Judä, an der hohen Schule zu Basol, wo beide eifrige 
Schüler dos golohrton Doctors Thomas Wyttenbach waren, der 
bereits 1505 angefangen hatte, dio Institutionen der Kirche an 
dem Inhalte der Bibel zu prüfen. 

Zu gloichor Zoit mit don von Luthor und Zwingli geführten 
reformatorischon Bewegungen trat eine dritte hervor, dio, abweichend 
von diesen, wodor in so ontschiodenor Weise von einer einzelnen 
hervorragenden Persönlichkeit beherrscht wurde, noch sich an den 
Staat anlehnen wollte, noch eino neue Kirchonbildung anstrebte, 
die vielmehr ohne Staatsaufsicht und ohne Klorus in Gomeinden, 
nach der Woiso der orsten Christen, ihren Ausdruck suchte, die 
täuforischo oder apostolische. Sio bildete don Wiodorhall dos Inhalts 
der Bergpredigt und des praktischen und othischon Thoils der 
apostolischen Briefe aus den broiton Schichten dos Volks*). Diese 

*) Der Brief des Apostels Jakobus stand bei deii Täufern in hohem Ansehen. 



12 

täuferischen Reformationsbestrebungon und die Entwickelung der 
ihr entsprossenen, von ihren Widersachern oft mit dorn verhassten 
Namen „Wiedertäufer" gestempelten Religionsgemeinschaft der 
Taufgesinnton oder Mennoniton darzustellen, ist, wie in dem 
Vorwort gesagt, dor Zweck dieser Blätter. Möchten sie dazu 
dienen, dass die Stellung derselben im Protestantismus richtig ge- 
würdigt werde. 

Vor Allom ist mein Wunsch, dem jungen Goschlechto in den 
mennonitischon Gomoinden eine Kenntniss dessen zu vermitteln, 
was ihre glaubensmuthigen Vorfahren untor grausamen Verfolgungen 
um ihrer Religion willen geduldet, dossen, was sie mit ihrem Blute 
bezeugt und orrungon haben. 



Erste Abtheilung. 

Entstehung derjenigen Taufgesinnten, welche später 
Mennoniten genannt wurden, in der Schweiz. 

Um don Grund der Entstehung der taufgesinnten wie der 
roformatorischen Bewegung in dor Schwoiz überhaupt zu er können, 
müssen wir zuvörderst don Blick auf die dortigen religiösen und 
sittlichon Zustände jonor Zoit richten. 

Die kriegswichtige jungo Mannschaft dor Schweiz, welcho die 
Selbstständigkeit derselben erkämpft und behauptet hatto, lioss sich, 
anstatt dio Waffen niederzulegen, für Geld zu fremdem Kriogs- 
dionste, zuorst vom Papsto, anworbon. Zwingli wurde, als or in 
Glarus ein goistlichos Amt bokloidete, auf obrigkeitlichen Befohl 
zum Feldprodigor ernannt, als dio Glarner Truppon 1512 nach dor 
Lombardoi zogon, um dioso für don Papst wiedor zu erobern. Weil 
dio Schweizer vollständig siegton, erhiolten sie vom Papste den 
Titel „Beschirmer dor christlichen Kirche" und Zwingli wurde 
beauftragt, den Kriegern das Beutogold und sonstige Belohnungen 
auszuthoilen. 

Wie Luther, als or 1510 in Ordensangelcgenheiton, und zugleich 
um oin Gelübde zu erfüllen, in Rom war, dio Verdorbniss dor 
römischen Kirche an Haupt und Gliedern aus eigonor Anschauung 
kennen lernte, so waren Zwingli als Feldprodigor die Augen auf- 
gegangen über dio Entartung und die Demoralisation, welcher die 
Landeskinder als Soldaten im Solde des Papstes ausgesetzt waren 
und über die Sittenverdorbniss, welche sie mit heimbrachten. 

1515 begleitete Zwingli das Glarner Landbannor zum zwoiton 
Mal als Foldprediger nach Italien. Dio Schweizer Truppen sollten 
dio Franzosen vortreiben, welcho unter dem Ritter Bayard 
feste Stellung in der Nähe von Mailand genommen hatten. Hier 
aber, durch französisches Gold bestochon, schloss der eine Theil 
dieser Truppen einen schmachvollen Vertrag mit dem französischen 
Könige. Der andere Theil blieb zwar dem Papste treu, war aber 
der schwächste, und dazu noch schwankend und uneinig. 



14 

Zwingli predigte mit heiligem Zorn gegen dio Bestechlichkeit, 
gegen die Treulosigkeit an Kaiser und Papst und an der Schwoizer- 
ohre. Er sah mit prophetischem Blick dio Niederlage voraus, 
welche die Schwoizor darauf in dem Riesen kämpfe bei Marignano 
erlitten. Damit war ein Riss in dio Eidgenossenschaft gekommen; 
sie theilto sich in eine päpstlicho und oino französische Partei. 

Zwingli wurde während seines fornern Aufenthalts zu Glarus 
empfindlich von diosem Zustand der Dingo berührt; er nahm 
doshalb 1516 oino ihm angebotono Stelle als Prodiger in der Abtei 
zu Maria Einsiodoln mit Freuden an. Das stille unbehelligte Loben 
im Kloster, der Umgang mit gleichgosinnton Freunden that ihm 
wohl. Wie vordem als Foldprodiger zu don Soldaten, so fand er 
hier Gelegenheit, zu don Pilgern zu rqdon, wolcho alljährlich zu 
dem Gnadonbildo hinströmten, um Ablass für ihre Sünden zu er- 
flehen. Diosen sagte er, Ablass sei Blendwork, und aller äussere 
Gottesdionst ohne innoro Besserung unnütz. Das Marionbild habe 
keine Wundorkraft, und kein Priostor könuo dio Sünden vergeben, 
Christus sei der alloinige Mittlor und Sündontilger. Manches 
Samenkorn trugon dio Pilger aus seinen Roden mit heim, und hie 
und da suchte man sich wohl schon selbst im Evangelium von der 
Wahrheit soiner Worto zu überzougon. 

Während dieser Zoit traten begabte Nachfolger in dio Fuss- 
stapfon einos anderen grossen Mannos, dos gelehrten Erasmus von 
Rotterdam, der sich damals zu Basel aufhielt, um seine Anmerkungen 
zum Neuen Testament drucken zu lassen, woboi Oocolampadius ihm 
hülfroicho Hand loistoto. Auch Zwingli und dosson Fround Capito 
schöpfton Licht aus den Schriften dos Erasmus. 

Im Jahro 1518 folgte Zwingli oinom Ruf als Loutprioster 
nach Zürich. Daselbst fandon sich Abgesandte fremder Mächte ein, 
•um schweizer Soldaten für ihro Horren zu werben; Priestor und 
Edelleuto orhiolton Ponsionon, um dabei zu helfen. Das Geld floss 
in Zürich in Strömen, die Sitton- und Charakterlosigkeit, wolcho 
diesen Zuständon ontspross, war ohno Mass und Ziel. „Da war 
lauter Freude, Wun und Weido", hoisst os davon. „Herren und 
Buben, jeder nach soinem Rocht, trinken, spielen, hofiron u. s. w. 
Herren und Fürston bozahlton alles." Selbst Söhne dor orston 
Familien gingen voran in Frevel und Schandthaton aller Art, und 
namentlich war Pietätlosigkeit in religiösen Angelegenheiten, durch 



15 

dio Sittenlosigkeit dos Klerus hervorgerufen, an der Tagesordnung. 
Geistliche sogar trieben Spott mit dorn Fastengobot; oinige derselben 
hielten z. B. eines Tages, am Palmsonntago, oinon Spanforkelschmaus 
ab. Erasmus selbst hat uns in Veranlassung dieses Ereignisses ein 
Bild der damaligem Zustände auf kirchlichem Gebiete hinterlassen. 
Er schrieb nämlich vormittolnd an den darüber erbosten Bischof, 
und zwar nach den Anraorkungon des Buches „Dio Roformations- 
chronik dos Karthäusers Goorg", von A. Buxtorf, Lohrer an der 
Realschule zu Basel, folgendes: 

„Viel Lärm hat vor Zoiton joner calydonische Eber (des 
Herkules) angeregt, aber diosor Lärm ist von einem Hausschwoin 
ausgegangen." Froimüthig äussert er sich dann über Fasten, 
Cölibat, Feiertage u. s. w. „An welchem Tage wird ärger gesündigt 
mit Hoffahrt, Unmässigkeit, Unzucht, Spiel, Streit, Zank und Todt- 
schlag, als gerade an Fosttagen? und wie schief wird da abgesprochen! 
"Wenn einer den ganzen Tag liederlich lobt bei Wein, Spiol u. s. w., 
das geht keinem Menschen zu Herzen; flickt er aber einen Schuh, 
da wird er als Kotzor verschrieen. Unzählig ist allorwärts die 
Schaar der Geistlichen; aber wie gross ist unter diesen Vielen die 
Seltenheit derer, dio keusch leben! Und nur von denen spreche 
ich, dio zu Hause offen an Woiberstatt ihre Personen füttern." 

In Bezug auf die Fastongoboto, die er als einon, oinzig nur 
auf dem armen Volke lastenden Druck, den Reichen aber gegebenen 
Anlass zu einem wechselnden Foingenusso köstlicher Speisen hinstellt, 
schroibt or: „Gloich als ein Mörder, fasst möchte ich so reden, wird 
zum Tode geführt, wor statt Fisch Schwoinofleisch isst: Fasten 
sollte stattfinden, gleichviel von diosor odor joner Spoiso. Jetzt 
sitzt man aller Orten zu Tische, niemand macht ein Trauerwesen 
(Tragödie) daraus; isst aber Einor Fleisch, schroien Alle: Erd, 
Himmel und Meer" u. s. w. 

In Bezug auf obigen Schmaus schrieb Herman Busch an 
Zwingli: „wenn Dich was Neues ergötzt: wir haben ein Spanferkel 
verspoisst, einige Priestor am Palmsonntago. Daraus haben die 
Sophisten mit ihrem Obern eine grössere Mordgeschichte gemacht, 
als dor Mord von hundert Priestern erregt haben würdo." 

Um diese Zeit auch ging von den hohon Schulen zu Basel, 
Bern, Tübingen, Wittenberg, Paris und Wien durch das Studium 
der griechischen und römischen Schriftsteller und der antiken Kunst 



16 

eine Fülle Lichtes aus, das den geistigen Gesichtskreis auch nach 
anderen Seiten hin beleuchtete und erweiterte. 

In Zürich begann Zwingli sogleich dem Volke das Evangelium 
Matthäi zu erklären; er liess die Apostelgeschichte und die 
apostolischen Briefe folgen. Das erregte Aufsehen und es entstand 
eine grosso Bewegung für und wider seine Person und seine Lehre. 
Auch wurden in Veranlassung seiner freisinnigen Predigten gar 
bald Versuche gemacht, lästige Fesseln der katholischen Kirche 
abzuschütteln. Die Zuchtlosigkeit, welche ohnehin schon grell 
genug zum Vorschein trat, vermehrte sich dadurch eher, als dass 
sie abnahm. Unbequemen Zwang abzuschütteln, war zwar jeder 
gern bereit, aber sich selbst in Zucht zu nehmen, dazu fehlte 
meistens noch die sittliche und roligiöse Kraft. Dioses empörte 
nun Viele gegen die neue Lehre und ihren Hauptverkündiger. Was 
so an Unfug geschah, wurde nur Luther und seinem Schüler, wie 
man Zwingli, der doch früher als Reformator aufgetreten als 
Luther, fälschlicher Weise nannte, in dio Schuhe geschobon. 

Zwiuglis Privatleben wurde angegriffen und böse Gerüchte 
über ihn in Umlauf gesetzt. Boroits vor seiner Berufung nach 
Zürich 1518 hatten soine Freunde ihn in Veranlassung solcher 
Gerüchte zur Rode gestellt und ihn gebeten, sich zu rechtfertigen. 
Er hatte diesen ehrlich gestanden, er habe sich in der allgemeinen 
Sitten losigkoit nicht rein halten können, und hatte zugleich die 
Beschuldigungen auf das rechte Mass zurückgeführt. Seinen 
Brüdern schrieb er, als sie sich namentlich über soin heftiges Auf- 
treton gegen die Kirche besorgt zeigton und Aufklärung über die 
erwähnten bösen Gerüchte wünschten, „er sei berufen, das Evangelium 
aufzudecken, und dem Verdorbon der Kirche entgogen zu wirken." 
Und in Betreff der Gerüchte fügte er hinzu: „Darum, liebste 
Brüder, wenn man euch etwas sagt über mich, dessen ihr euch 
schämen müsst, so bedenkt, aus welchem Grund des Herzens es 
kommt. Sagt man euch, ich sündige aus Hoffahrt, Fressen, 
Unlauterkeit, so mögt ihr es glauben, denn ich bin leider zu diesen 
und andern Lastern geneigt. Wenn man euch aber sagen würde, 
ich wollte um Goldes Willen Unrecht thun, so glaubt es nicht." 
Und so war es auch, denn der Papst, welcher Luthor wogen soinor 
neuen Lehre in den Bann gethan hatte, machte Zwingli die grössten 
Versprechungen, wenn er ihm in Betroff der Trupponanwerbungen 



17 

nicht entgegen wirken wolle, doch dieser wies sie mit Ent- 
rüstung zurück. 

1522 hatte Zwingli sich bereits aus den Banden der Sinnlich- 
keit herausgearbeitet, indem or sich ernsten Studien hingab und 
„in seinem Beruf gar fleissig war" heisst es; er war auf einen 
sittlichreligiösen Staudpunkt angelangt, wo er sich selbst in Zucht 
hielt und an Andern Zucht zu üben die Kraft und die Aufgabe zu 
haben glaubte. 

Es war ihm damit auch der Muth und die Kraft gewachsen, 
die Feinde, welche ihm aus den Anhängern der alten Kirche 
entgegentraten, nicht allein nicht zu fürchten, sondern sie sich zu 
unterwerfen. Dies hatte er sich schon zu Einsiedeln im Verein 
mit seinem Freunde Capito zum Ziel gesetzt, wie dieser in einem 
Briefe von 1536 bezeugt. 

Wegen soiner freisinnigen Predigten wurde Zwingli von den 
Anhängern der alten Kirche arg angefeindet, denn das Volk, welches 
ohnehin schon die kirchlichen Gebräuche vernachlässigte und miss- 
achtete, wurde durch diesolbon noch mehr dagegen eingenommen, 
und die rohe Masse fing in Folge dessen bereits an, die Kirche 
und ihre Diener aufs schändlichste zu schmähen, so dass letztere 
sich kaum noch öffentlich in ihrer Amtstracht zoigen durften. 

Als der Bischof von Constanz im Frühjahr 1522 oinon Angriff 
auf die Person und die Lehre Zwingiis versuchto, wobei er die 
Geistlichkeit Zürichs auf seine Seite zu bringen hoffte und als nun 
mehr und mehr oine gewaltige Bewegung für und wider die neue 
Lehre eintrat, wolche sich auf dio Person Zwingiis concontrirto, 
unternahm der Rath von Zürich, Ordnung zu schaffen. Während 
er aber noch borieth, auf wolche Weise dies geschehen könne, 
erbat Zwingli sich die Erlaubniss, in oinem öffentlichen Gespräch 
Rechenschaft von seiner Lehre zu geben. 

Demgemäss orlioss der Rath ein Ausschreiben zu einer 
Disputation auf den 3 Januar 1523. Als Vorlago dazu arbeitete 
Zwingli 67 Thesen aus, in welchon or seine Lehro deutlich und 
markig aufgestellt hatte. Da os den Gegnern nicht golang, dieselben 
gründlich und in überzeugender Weise zu widorlegen, Hess der 
Rath Folgendes öffentlich verkündigen: 

„Da vor Magister Huld rieh Zwingli sich niemand erhobon, 
ihm seinen Irrthura zu erwoisen oder mit göttlicher Schrift ihn 

2 



18 

hat überwinden können, so habon Bürgermeister, Rath und grosser 
Rath der Stadt Zürich nach reiflichem Ermessen beschlossen, und 
ist ihr ornstlicher Wille und Moinung, dass Huldrich Zwingli fort- 
fahre, wio er bisher gethan, dio heilige Lehre dos Evangeliums und 
die Aussprüche dor heiligen Schrift nach dem Geiste Gottos zu 
verkündigen und zu prodigen. Es sollen auch die andern Dionor 
dos göttlichen Worts zu Stadt und Land nichts Andros lehren und 
predigen, als was sio mit dorn Zeugniss der ovangelischen Lohre 
und dor Auktorität der hoiligon Schrift beweisen mögen. Alles 
Schmähen und Lästorn soll boi hoher Strafe vorboton sein." 

Dios Vorgohon war von grossor Bedeutung für den geschicht- 
lichen Verlauf dor Reformation. Dio weltliche Obrigkeit hatte die 
Träger dor geistlichen Gewalt zu dorn Gespräch eingeladen, durch 
welches entschieden werden sollto, ob Zwingli von dem rechten 
Glauben abgewichen, oder ob seine nouo Lehre in dor heiligen Schrift 
begründet sei. Sio war es auch, wolcho darüber aburthoilto, wenn 
auch im Sinne der Mehrzahl. Hiodurch war sio in dio Stello der 
bischöflichen Gewalt getreten. Im Voroin mit dor weltlichen Macht 
hatten Zwingli und seine Parthoi nunmohr Mittel und Kraft, weiter 
vorzugehen, als bisher noch goschohen war, denn bislang war in 
dem hergebrachten Ritus dor Kirche noch nichts geändert worden. 

Zuvörderst wurde dor Gebrauch der lateinischen Sprache beim 
Gottesdienst abgoschafft und dor Jugend Unterricht verbossort. Es 
wurde sodann jodem freigestellt, dio Fastongoboto zu halten oder 
nicht, und gerne Hess man sich bolohren, dass sio nicht im 
Evangelium bogründot seien. Im Juli 1522 hatte Zwingli sich 
mit der Bitte an den Bischof von Gonstanz gewandt, or möge sich 
nicht länger dor Priostoreho widersetzen und damit ein Aergerniss 
beseitigen, denn fast alle Priester lobton bereits im besten Falle 
in heimlicher Ehe, wio auch Zwingli solbst. Als dio Bitto nichts 
fruchtete, ging dor Pfarror Reublin zu Wyttikon damit voran, sich 
öffentlich zu verheirathon, und andre folgten bald nach. Auf den 
Kanzeln wurde für und wider diese Neuerungen gepredigt, dio 
Bewegung auf religiösem Gebieto wuchs mehr und mohr. Die 
Klöster wurden geöffnot und den Mönchen und Nonnen der Eintritt 
in die Welt freigegeben. Da bisher noch nichts thatsächlichos 
gegen den Bilderdienst geschehen war und einige darauf drangen, 
dass man auch diesen und die Messe beseitige, so wurde im 



19 

Oktober 1523 ein zwoitos Religionsgespräch voranstaltet, um auch 
hierin Ordnung zu bringon. Das war um so mehr nöthig, als das 
Volk, durch einigo Hoisssporne angetrieben, bereits ein Kloster 
geplündert und ein Krucifix zertrümmert hatte, und das Bilder- 
stürmen einon grösseren Umfang anzunehmen drohte. 

Aus Nah und Fern kamen zu diesem Religionsgosprächo boi 
900 Personen zusapimon, unter denen sich 10 Doktoros der 
Theologie und 350 Goistlicho befanden. Zwingli hatte, bevor man 
zur Tagesordnung schritt, die Vorfrago gestellt, man möge erklären, 
dass es behuf Bestimmung der Rechtsbofugnisso der Vorsammlung 
noth wendig sei „dass der Begriff der wahren Kirche festgestellt 
werde", damit feststoho, wer in Zukunft berechtigt soi, endgültig 
über kirchliche Institutionen und über die Schriftmässigkeit der 
Lehre zu entscheiden. Dio Veranlassung dazu war, dass der Bischof 
von Constanz und die Eidgenössischen Stände die Beschlüsse der 
vorigen Versammlung für ungültig erklärt hatten. 

Zwingli theilto dio Kirche in eine sichtbaro und unsicht- 
bare. Anstatt nun aber den Gedanken zu vortreten, dass die 
unsichtbare Kirche von innen aus sich heraus die sichtbaro 
naturwüchsig gestalten worde und müsse, und dass sie Entwickelungs- 
fähigkoit in sich trago, setzte er der Letztem dadurch Schranken, 
dass or in seiner Auseinandersetzung, welcher die Meisten zustimmten, 
sagte, die Vorsammlung könne nicht irron, wenn sie dem, was im 
Worte Gottes als richtig orfundon soi, woder etwas hinzufüge, noch 
davon nehme. Es war freilich oin grosser Schritt vorwärts, dass 
der Begriff der wahren Kirche nun durch dio Autorität oinor solchen 
Versammlung festgestellt werden sollte, anstatt durch die Autorität 
des Papstes. 

In dieser nun dazu befugten Versammlung wurde über die 
Heiligenbilder und Heiligenverehrung und über dio Messe ver- 
handelt, sowie auch über die Lehre vom Fegefeuer. Uober die 
Beseitigung der letztern wurde dio Vorsammlung sogleich einig, 
über dio Abschaffung der Messe aber war man gotheilter Meinung, 
obwohl Zwingli dioso schon längst als eine verwerfliche Abgötterei 
erkannt und demgemäss verworfen hatte. 

Während dieser Unschlüssigkoit nahm Junker Konrad Grebel 
das Wort und drang auf sofortige Beseitigung der Messe durch 
Beschluss der Versammlung, Zwingli aber warf ihm entgegen, der 

2* 



20 

Rath werde schon erkennen, in welcher Gestalt und Bedeutung 
die Messe künftig gebraucht werden solle. Da wurdo dem Pfarrer 
Simon Stumpf der Kopf heiss, „Meister Ulrich," rief er, „ihr habt 
dessen nicht Gewalt, dass ihr der Obrigkeit das Urtheil darüber in 
die Hände gebt, sondern das Urtheil ist schon gegeben, der Geist 
Gottes urtheilot." Zwingli aber antwortete, dass er das Urtheil 
darüber nicht in ihre Hände gebe; man würde indessen berat- 
schlagen, wie es geschehen könne, ohne Aufruhr zu verursachen. 

Nun hielt Komthur Schmied eine wuchtige Rode, in welcher 
er ausführte, das Volk müsse lernen, dass Christus der einzige 
Gnadensponder und Mittler sei, und nicht die Hoiligen und Tempel- 
götzen, dass er keines Stellvertreters auf Erden bedürfe, u. s. w. 
Dann redete er den anwesenden Rath, unter dessen Aufsicht die 
Versammlung verhandelte, unter andern also an: „Und ihr, liebe 
gnädige Herren! Ihr seid an Gottes Statt, von ihm ist euch dio 
Gewalt anvertraut. Ihr sollt als christliche Regenten eure Pfarrer 
heissen lehren und predigen, nicht ihr mönchisches ersonnenes 
Fabel- Pfaffen- und Narren werk, sondern Christum nach den Schriften, 

was er seinen Jüngern bofohlen hat — — — — — — . 

Regenten, Väter! ich wiederhole es: die weltliche Hand rauss 
kräftig einwirken, dass Christus, sein Wort, seine Lehre, sein Reich 
aufgerichtet werde und aufrecht bleibe, wonn die Geistlichen nicht 
dazu helfen wollen. Sie bauen liebor für ihren Beutel; ihr Reich 
ist ein Reich des Aberglaubens, der Finsterniss, der Trägheit und 
Unsittlichkeit." 

Tiefes Schweigen folgte diesen Worten, bis Sebastian Wagner 
unter Thränon ausrief: „Gebenedeit sei die Rode deines Mundes." 
Von allen Soiten ertönte dor Ruf: „ja, das sei" und hiemit war 
die Vereinigung dor weltlichen Macht mit der geistlichen vollzogen. 
Mit erstoror Hand in Hand gehend erhielt Zwingli nun 
allmählig eine Macht, die schliesslich zu einer Diktatur ausartete, 
neben welcher keine andere Ansicht sich ungestraft geltend 
machen durfte. 

Da Zwingli das Anwerben für fremden Kriegsdienst (Reis- 
laufen) und das Empfangen von Pensionen fremder Potentaten 
als ein Hauptübel erkannt hatte, und er selbst damals in dieser 
Beziehung rein war, indem er dio bisher vom Papste empfangene 
Pension zurückgewiesen hatte, eiferte er auf der Kanzel dagegen. 



21 

Viele Angesehene, welche nach wie vor ihre Pensionen bezogen, 
wurden dadurch gegen Zwingli aufgebracht. Er solle sich in 
politische Sachen nicht mischen, sagten sie, sondern das Evangelium 
predigen. Der Rathsherr Jakob Grebel, der Vater Konrad Grobeis, 
liess ihm dieses ausdrücklich sagen. Dagegen hielten andere ihm 
vor, er sei zu lau in Dingen, welche das Reich Christi beträfen, 
man müsse mit grösserem sittlichen Ernst handeln. Die so sprachen, 
mochten bei der eher zu- als abnehmenden sittlichen Verwilderung 
wohl einsehen, dass äusseror Zwang nichts nütze, dass vielmehr 
kein anderer Wog zur Sittlichkeit führe als selbstständige sittliche 
Erneuerung von innen heraus. Konrad Grebel stellte sich an die 
Spitze derjenigen, welche anfingen diese Forderung mit der That 
zu bekräftigen. Er war ein gebildeter und gelehrter Mann, dazu 
besonnen und massvoll, und nach allen Seiten wohl geeignot, soine 
Sache zu vertreten. Mit seinem Freunde, dem Pfarrer Simon 
Stumpf, ging er eines Tages zu Zwingli und Leo Judä und machte 
ihnen den Vorschlag, statt auf den Trümmern der alten Kirche zu 
bauen, eine neue Sonderkirche oder vielmehr Gemeinde zu gründen, 
und zwar von unbescholtenen Menschen, welche nicht mit Habgier 
und Wucher und sonstigen Lastern, wie sie damals gang und gäbe 
waren, behaftet seien. Der dritte in ihrom Bunde war Felix Manz, 
oin gediegener und golehrtor Mann, welcher sich hauptsächlich mit 
dorn Studium der hebräischen Spracho beschäftigte. Auch dieser 
suchte Zwingli für den Plan zu gewinnen. Sie glaubten, dass, 
wonn man die alte Kirche ihrem Schicksal überliesse, ihr Verfall, 
welcher schon aller Orten so grell hervortrat, rascher fortschreiten 
werde, als wenn man ihre Institutionen gewaltsamer Weise zu 
beseitigen anfange. 

Grebel und Stumpf konnton indess die beiden Ghorhorrn 
Zwingli und Judä nicht dazu bewegen, auf ihren Vorschlag ein- 
zugehen. Zwingli meinte, durch eine Absonderung wordo man die 
Anderen nicht bessern; in dor Kirche werde auch allozeit etwas 
zu bessern bleiben. Wonn man jetzt schon alles Böse in der Kirche 
ausreuten wolle, was dann die Engel Unkrauts an dem letzten 
Goricht zu sammeln finden würden? Man solle sich solbst nicht 
zu viel beimessen. „Ihr werdet mich zu solcher Rottung nicht 
bringen," sagte er entschieden. Zwingli sah violleicht voraus, dass, 
wenn er auf ihron Vorschlag einging, die Stützo der weltlichen 




22 

Macht ihm entfallen würde, denn er hatte nichts weniger im Auge, 
als mittolst dieser die ganze Schwoiz untor den Hut einer neuen 
Staatskircho zu bringon, nöthigenfalls, wie sich später zoigte, auch 
durch Waffongowalt. 

Mit dieser Woigorung Zwingiis war die Trennung der früheren 
Gesinnungsgenossen vollzogen. Grobel und seine Freunde ver- 
sammelten sich nun im Hauso der Muttor dos Felix Manz (dor 
Manzin), und hielten Bibolstundon ; hauptsächlich vortieften sio 
sich in die Stollen, wolcho ihnon das Bild und die Einrichtung der 
ersten Christongomoindon zoiehneton. Hier wurde auch dio ersto 
Neutaufo vollzogen, und zwar an dorn Mönche Georg, Blaurock 
genannt, wolchor in hoiligor Bogoistorung flphontlich darum bat 
Mohroro namhafte Männer traten Grobol und Gonosson bei. Die 
bedeutendsten Führor dieser nouon Religionsparthoi waren: 

1) Konrad Grobol; or hatte in Paris studirt und konnte 
Anspruch machon auf Ehronstollon im Staate nicht allein, sondorn 
auch auf eine Professur an dor Hochschule. Zwingli nannte ihn 
anfangs soinon liobon Freund und or galt für einen edlen 
jungen Mann. 

2) Felix Manz, einem Patriziorgoschlocht Zürichs entsprosson; 
er hatto in Basol studirt, sich besondors auf das Studium dor 
hebräischen Spracho gologt, und konnte ebonfalls Anspruch auf 
eine Professur an der Hochschule Zürichs machon. 

3) Wilholm Eoublin, gobürtig aus Rotenburg am Neckar, der 
bereits 1521 Loutpriostor an St. Albans gowoson war. Dor Chronist 
Fr. Ryf sagt von ihm: „Dor fing an zu predigen aus dor boiligon 
Schrift, leid diosolbo so christlich und wohl aus, wio solches niemals 
gehört wordon, oin mächtig Volk kam zu allen soinon Prodigten. 
Er warf allen Päpsten und Pfaffon ihre Sekten und Corcmonicn 
mit dor heiligen Schrift um. Die Pfaffon und das Volk durfton 
nicht Hand an ihn logen, aus Furcht für dio Gemeinde, welche 
fost an ihm hing." Einer Bittschrift für ihn, ihren vom Bischof 
verklagton Prodigor haibor, versammelten sich oino grosse Anzahl 
Bürger, wolcho abor, durch den Bürgermeister Adolbort Moier 
beruhigt, ausoinandor gingen. „Als abor," fUhrt der Chronist fort, 
„durch Gabon und Schonkungon dor Bischof mit dorn pfäffischon 
Gesindel so viol zu Woge gobracht, dass moino Herren (der Rath) 
den Prodikanton wider allos Zusagon, wclchos sie der Gemeinde 



23 

gegeben hatten, aus der Stadt bringen Hessen, da haben sich die 
Frauen, welche im Kirchspiel waren, adliche und unadlicho, ver- 
sammelt und sich zum Rathhauso bogeben, wo Junkor Lux die 
Rede hielt, dass man ihnen ihron Prodigor Wilholm Reublin lassen 
möge; es half aber nichts, der Prodikant mussto weg." 

„Sie schuldton allo, dio so in sin Predig gangen waren, 
lutterisch Ketzer, die oinos nijen Glübons warron, und wart grosse 
Uneinigkeit unter dorn Volk", hoisst es fornor. — 

Wilholm Roublin war danach Prodigor zu Wyttikon boi Zürich 
geworden, er war os, der bereits 1523 öffentlich in den Ehostand 
trat. Auch wird von ihm erzählt, dass or zu Wyttikon am Frohn- 
leichnamsfesto boi dor Procossion statt dos Vonorabilo oino schön 
gebundene Bibel vorangotragon habe mit dorn Ausrufe : „Seht, das 
ist Euer Vonorabilo, dies ist das wahro Hoiligthum, alles andere 
ist Staub und Asche." 

4) Doktor Balthasar Hubmoier, wolchor im Vorein mit Vadian 
in St Gallen und Appenzell nachhaltig für dio Reformation wirkte. 
Sodann sind unter vielen anderen Gesinnungsgenossen Grebels 
namentlich noch zu nennen: 

Michaol Sattler, 

Ludwig Hätzer, ein Priester zu Zürich*), 

Hans Donck**), 

dor Mönch Goorg, vom Hause Jacobs zu Chur, 

Johannos Brödlin (Paniculus), Pfarrer zu Zollikon. 
Diese alle waren und blieben der Ansicht, dass es an dor Zeit 
soi, mit grösserm sittlichen Ernst zu handoln, und eine Sonder- 
gemeinde von Christon zu stifton, dio nach Gott und seinen 
Geboten suchten. 

Wie vormals auf dorn Rütli gogon dio staatliche Tyrannei 
dor Bund goschlosson wurde, so vorbanden diose Männer sich nun, 
um oino noue Gomoindo zu gründon, welche, froi von staatlicher 
und Priostorherrschaft, ihre Machtvollkommenheit auf 



*) Siehe Beilage II. 

**) Hans Denck wirkte hauptsächlich in Süddeutschland, namentlich in 
Augsburg und Nürnberg. 

Siehe: „Ein Apostel der Wiedertäufer *, von Dr. Ludwig Keller. Leipzig. 
S. Hirzel 1882. 



24 

Grund des Evangeliums in sich selbst hätte. Wie fest diese 
Idoo ihro Wurzeln ins Volk schlug, und wie viel Anstrengung es 
Zwingli kostete, sie auszurotten, sollte sich bald zeigen. 

Durch diese Spaltung der evangelischen Partei wurde die 
religiöse Bewegung nur noch um so lebhafter. Die Anhänger des 
Papstes legten allen Schmutz, welcher durch die neue ungewohnte 
Befreiung von den Satzungen der Papstkircho und durch die daraus 
vielfach entstehende Ausartung der Freiheit in Zügellosigkeit an die 
Oberfläche trat, Luther und Zwingli zur Last. Luther seinerseits 
schalt die Anhänger Zwingiis Schwärmer und Sakramentirer und 
wollte nichts mit ihnen gomein haben; den Zugehörigen der neuen 
Sondergomeinde endlich legten ihre Gegner, selbst von der Kanzel 
herab, allerlei Schandthaten zur Last, wie z. B. auch aus einem 
Briofo Zwingiis an Vadian von 1523 ersichtlich ist. Dieser 
Brief ist in der Bremer Stadtbibliothek enthalten. Namentlich 
predigte Zwingli heftig gegen sie, als sie die Taufe der Erwachsenen 
einführten, wie sie dieselbe im Evangelium begründet fanden; 
und als sie diose zusammen mit dem Abendmahl in der Weise, 
wie es ebenfalls im Evangelium verordnet ist, als Princip und 
Bindemittel ihrer Gomoindon aufzustellen anfingen, da schalt Zwingli, 
dass sie die heilige Taufe zu einem ßottzeichon machten, sie seien 
Buben und in Engel dos Lichts verkleidete Teufel. Die Kanzeln 
wurden der Tummelplatz dos Parteihaders. Politische wie religiöse 
Fragon wurden von ihnen horab vorhandelt, kritisirt und die 
Gegner gescholten. Grebel hoffte auf eine Anstellung als Profossor 
der griechischen, Manz als Profossor der hebräischen Sprache, 
aber sie wurden nun nicht berücksichtigt. 

Wie man übrigens von anderer Seite diese stark wachsende Partei 
der Täufer schildert, mögen folgende Worte dosCornolius*) beweisen: 

„Da sehen sie sich nun, ein kloines Häuflein, der 
ganzen foindlichon Welt gegenüber, aber in der Zu- 
versicht, die Wahrheit zu besitzen, vorachten sio die 
furchtsamen Auslegor dos Wortes Gottes, die nicht ge- 
denken, dass Gott heute wie gostorn sei, und verklären 
ihro Aussicht auf Angst und Noth durch den Hinblick 



*) Siehe C. A. Cornelius, die Geschichte des Münsterschen Aufruhrs. 
Leipzig 1860. Zweites Buch, Seite 24. 



25 

auf Christus und die Apostel, die auf demselben Weg dor 
Leiden ihnen in Herrlichkeit vorangegangen. „Es muss 
erfochten sein, 4 ' tönt es aus ihrer Mitte. „0 Gott, ver- 
leihe uns unerschrockene Propheten, die mit Vertrauen 
auf Dein einzig ewig "Wort ohn' allen Zusatz ihrer Ver- 
nunft predigen." 

Da es der Zwinglianischen Staatskirche trotz aller angewendeten 
Mittel nicht gelingen wollte, die Verbreitung der neuen Sonder- 
lehre zu hindern, so machte man den Versuch, Grebel, als das 
Haupt der Partei, durch ein Zwiegespräch mit Zwingli eines Bossern 
zu belehren und ihn zur Umkehr zu bewegen. Indessen wurde, 
wie vorauszusehen war, keine Uebereinstimmung erzielt, da boido 
Parteien von verschiedenen Grundansichten ausgingen. Der Sieg 
aber wurde Zwingli zugeschrieben. 

Vergebens beklagte sich Grebel beim Rath über die Art der 
Verhandlung, darüber namentlich, dass Zwingli ihn mit vielen 
Reden überfailon, so dass er nicht habe zu Worte kommen können. 
Er könne nicht so reden, wio dioser, und verlange daher vom 
Rath, dass dioser Zwingli veranlasse, eine schriftliche Eingabe über 
die Taufe auszuarbeiten (denn dies war der Gegenstand der Dis- 
putation), worauf er dann schriftlich antworten werde. 

Nachdem er dem Rath seine Ansichten über die Taufe aus- 
einandergesetzt hatte, sagte er „Ich bin gewiss, dass Moistor Ulrich 
diese Taufmeinung ebonso versteht, und bosser denn wir, aber ich 
weiss nicht, aus was Ursache er sie nicht öffnet." 

1525 hatten die Gemeinden der Täufer sich bereits so aus- 
gebreitet und gofestigt, dass die Sache Zwingli und dem Rath über 
den Kopf zu wachsen drohte, um so mehr, da sich noch dreizehn 
verschiedene Parteien ausserhalb dor Staatskircho gcbildot hatten, 
deren eino „die freien odor groben Brüder" genannt, die Kindor- 
taufe ebenfalls vorwarf und ihre Angehörigen aufs neue taufto. 

Von diesen hielt die Grobelscho Partei, wolcho „Stille Täufer" 
oder „Apostolische Brüder" hiess, sich zwar fern, indessen mochte 
Zwingli fürchten, dass sio sich am Endo mit denselben ver- 
einigen würden. 

Bereits hatte dor Rath Gewaltmassrogeln in Anwondung 
gebracht, indom einige dieser apostolischen Brüder gefänglich ein- 
gezogen worden waron, indessen ohne Erfolg. Man ordnote dahor 



26 

eine öffentliche Disputation an, um dieselben auf gütlichem Wege 
zu anderen Ansichton zu bringen. Grobel wünschte schrift- 
liche Verhandlung. "Wor glaube, die Kindertaufe mit der Schrift 
beweisen zu können, der möge es thun und es dem Rathe schriftlich 
vorlegon, er wolle jodom schriftlich Antwort geben. Er könne 
nicht viol disputiron, wolle es auch nicht, sondern seino Sache mit 
der Schrift bowoisen. Auch boschwort er sich darüber, dass die 
Prädikanten in den frühoren Verhandlungen „ihm die Rede im 
Hals erstickt hätten." Es blieb jodoch dabei, dass oine mündliche 
Disputation stattfinden sollte. Ein klares Rosultat wurde natürlich 
dadurch wiedorum nicht erzielt, und obwohl die Zwinglischo Partei 
glaubte gesiegt zu haben, so fand sio doch für nöthig, ihre Gegner 
zu ermahnen, von ihrem Irrthum abzustohon, und die Regierung 
erliess am folgenden Tage auf ihren Antrieb ein Mandat, un getaufte 
Kinder binnen acht Tagen und bei Strafe der Landesverweisung 
taufen zu lasson. 

Nichtsdestoweniger fuhren die apostolischen Brüdor fort, ihre 
Gemeinden zu ordnon. Manz, Grebel und Georg v. Chur, auch 
Blaurock gonannt, dichteton Liodor für ihren Kirchongosang. In 
diosen Liedern zeigt sich Jones tiofo religiöse Gefühl, jene starke 
Glaubonskraft und Innigkeit, wolcho Muth giobt für den eignen 
Glauben zu storben. 

Im Hinblick auf den mit Beziehung auf den religiösen Glauben 
landesüblichen Zwang sagt Felix Manz in einem seinor Lieder: 



„Christus thut niemand zwingen 

Zu seiner Herrlichkeit, 

Allein wird'« dem gelingen 

Der willig ist bereit, 

Durch rechten Glauben und wahre Tauf 

Würkt Buss mit reinem Herzen, 

Dem ist der Himmel kauft." 



Dann sagt or, wor Christi Boispiol folge, welcher sein Loben 
eingesetzt habe für uns, der wachse, wie or, in der Kraft Gottes, 
weil die Liebe ihn treibe, denn 



27 

„Die Liebe nur wird gelten 
Durch Christ zu Gott allein, 
Kein pochen hilft, noch schelten, 
Es mag nit anders sein 
Darin Gott ein Gefallen hat, 
Wer die nit mag beweisen 
Find bei ihm keine Statt/ 

Im Hinblick auf der apostolischen Brüder Gegner, die Hirten 
und Lebror sein wollton, und andere hassten und anklagten, sagt er: 

„Christe thut niemand hassen, 

Auch seine (rechte) Diener nit, 

Bleiben auf rechter Strassen 

Nach ihres Herren Tritt. 

Das Licht des Lebens hond sie bei ihm, 

Freuen sich des von Herzen, 

Ist aller Frommen Sinn. 

Die Neid und Hass erzeigen 

Mögen nit Christen sein, 

Und sich zum Bösen neigen, 

Schlagen mit Fäusten drein, 

Laufen vor Christo wie Mörder und Dieb! 

Unschuldig Blut vergiessen 

Ist allen Falschen lieb." 

■ 

Auch hatton die apostolischon Brüder oder stillen Täufer 
ihre besonderen Schulen. Dom früheren Mandat wurde domgomäss 
noch hinzugefügt, dass die Schulen dor Taufgesinnten aufgehoben 
werdon, dass Manz und Grobel von ihrer Meinung abzustehen 
ermahnt worden sollten, und sich „Minor Herren Meinungen 
gefallen lassen." Mehreren auswärtigen Anhängern der Täufer- 
geraoinde wurde bofohlon, binnen acht Tagon das Land zu ver- 
lassen, und weitere Vorsammlungen dieson „verirrton Leuten" 
untersagt. 

Das half abor nichts, die Täufer blieben fest. Die 
Vögte wurden nun aufgefordert, die Schuldigen, welcho gegen 
das Mandat dor Regierung, dio Taufo betreffend, goprodigt 
hatten, aufzusuchen, und in dem Gof&ngnisso, der Wollenberg 
genannt, gefangen zu setzen. Zugleich wurde befohlen: „os 



28 

seien die Kinder, sobald sie geboren worden, dem Priester zur 
Taufo in die Kircho zu bringen." 

Im Februar 1526 wurden bereits 24 Taufgosinnte gefänglich 
eingezogen. Sie blieben aber dabei, sich von keiner weltlichen 
Macht in ihrem Glauben bestimmen zu lassen ; sie wollten „minen 
Herrn" nur soweit gehorchen, als das Wort Gottes sie nicht davon 
abhalte. Immer aufs neue erstarkte ihre Partei, namentlich in 
Zollikon und St. Gallen. Felix Manz und Grebol wurden ver- 
haftet, jedoch bald unter der Drohung wieder entlassen, dass 
man sie bei Wasser und Brod in den Thurm sperron würde, wenn 
sie sich nicht fügton. Georg v. Chur fuhr unterdessen fort, seiner 
Gemeinde zu predigen und zu taufen. Darauf wurde in oinem 
weiteren Mandate verordnet, dass, wer sich habe taufen lassen, eine 
Mark Silber Strafe zahlen solle, und dass, wer es künftig thue, 
„ohne Verzug mit Weib und Kind vorbannt" werden solle. 

In Zollikon tritt zuerst innerhalb der Gemeinschaft der 
apostolischen Brüder oder Taufgosinnton die Ausübung des religiösen 
Bannes hervor: dio Gemeinde bestimmte, dass, wer nach der Taufe 
aufs neue in Aorgerniss und Sünde vorfalle, von ihr ausgeschlossen 
werden solle. Hierin schon wir zugleich einen Bewois dafür, dass 
diese Taufgosinnton keine gemeine und sittenlose Leute untor 
sich duldoten. 

„Du sollst weder Mino Herron noch sonst jomandon ansehen, 
und sollst allein thun, was Gott dich gehoisson hat, demselbigon 
sollst du nachgehen," sagte Grebol, als ein Pfarrer sich auf das 
Mandat des Raths berief, welches beföhlo, die Kinder zu taufen. 

Namentlich viele Frauon schlössen sich der neuen Gemeinschaft 
an und hielten fest zu ihr. Diese weigerten meistens die ihnen 
deshalb aufgelegten Geldstrafen zu zahlon. Eine Frau sagte: „Mine 
Herrn sollent ander Gelt auch so stif inzühen." Eine andre sagte, 
sie wolle um Gottes Willen leiden, „ob man ine schon den Lib 
näme, so hat sio doch ire Soel versorget." 

Fast alle Gomeindogonossen waron mit dem Inhalt der Bibel 
vortraut und konnton eintretenden Falls schlagfertig daraus ent- 
nommene Antworten goben. 

Dio Taufgesinnten konnten ihro Lehro nicht gleich Zwingli 
durch Schriften verbreiten, wie Grebol so sohnsüchtig wünschte 
um namentlich die unsinnigen und masslosen Beschuldigungen zu 



29 

'widerlegen, welche man gegen ihn und die Seinen verläumderisch 
erhob-, die Verbote dos Raths hinderten dies. Trotzdem aber ver- 
breiteten sich die täuferischen Ansichten stetig, und was ihren 
Vertretern mit der Feder zu thun verhindert war, das leistete um 
so mehr ihr zündendos Wort. 

Schwerer und schwerer wurde Zwingli der Kampf gegen sie. 
Während die grosse Menge, ihm und seinen Gesinnungsgenossen 
folgend, von der alten Kirchenform zu der neuen übergegangen 
war und sich gerne die Befreiung von don Satzungen der Papst- 
kirche gefallen Hess, ohne dass bei allen der fromme Glaube 
geweckt worden wäre, welcher die Richtschnur für ein gutes Leben 
giebt, drangen dio Taufgesinnten bei jedem Einzelnen auf diesen 
Punkt. Sie wurden deshalb auch von Zwingli beschuldigt, dass 
sie besser sein wollten, als andere Leute. 

So war denn bei ihnen auch jeder Einzelne, welcher seinem 
bei der Taufe gegebenen Gelöbniss treu blieb, für seine Ueber- 
zeugung zu leben und zu sterben bereit; eine solche Macht aber 
zu bekämpfen und zu besiegen, ist eine der schwersten Aufgaben. 
Zwingli gestand selbst ein, dass ihm der Kampf gegen die Täufer 
schwerer geworden sei, als gegen die Katholiken. 

Während er mit Hülfe des Raths einerseits gegen die Tauf- 
gesinnten vorging, um sie im Interesse der neuen Staatskirche zu 
beseitigen, machto er andererseits in gleicher Weise vollen Ernst 
mit dem Aufräumen dor Ausson werke der Papstkircho. Die Messe, 
die Processionon und das Frohnloichnamsfest wurden abgeschafft, 
die Knochen aus den Reliquienschroinen entfernt und bograben, 
die Ordensgewänder bosoitigt, die letzte Oolung aufgehoben und 
das Todton- und Wettergoläute verboten. Aus don Stiften und 
Klöstern Zürichs wurde alles entfernt, was an den alten Gottes- 
dienst erinnorto, dabei wurdon freilich auch, nebon vielem, was 
werthlos war, manche Kunstschätze vernichtet: herrliche Erzeugnisse 
der Goldschmiedokunst wandorten in den Schmelztiegei und manche 
werthvolle Schöpfungen der Bildhauerei und dor Maloroi wurdon 
verbrannt oder als Plunder bei Seite geworfen. Im Herbst 1526 
war in allen Kirchon Zürichs reiner Tisch gemacht; dass hiebei 
auch Excesse vorfiolen, ist begreiflich. 

Dieser Zustand dor Dinge kam vielleicht dor Ausbreitung der 
Taufgesinnten zu Gute. Vielen mochte das Herz doch noch an 



30 

den altgewohnten Bildern und Zeichen hangen, welche von Kindes- 
beinen an die Vermittler zwischen ihnen und dem Höchsten, was 
es giebt, gewosen waren, von den nackten Wänden dor grosson, 
für den katholischen Gottesdienst mit seinen Bildern und Zeichen 
gebauten Kirchen mochte es sie wohl eiskalt anwehen, falls die 
innere Wärme für die neue Lehre in ihnen noch nicht genügend 
erstarkt war, um den Eindruck zu überwinden. 

Es lässt sich daher begreifen, dass Manche sich mohr hin- 
gezogen fühlten zu den Predigten und Andachten dor Taufgesinnten, 
welche unter dem grünen Laubdach des Waldos, unter dem Dom 
des blauen Himmels, oder in den Häusern der Brüder gehalten 
wurden. Die Zwinglianer verfielen deshalb auch bald darauf, die 
zur neuen Kirche gehörenden zu zwingen, am Sonntage in die 
Kirche zu gehen und ihre Kinder taufen zu lassen ; sie handhabten 
zu diesom Endo dio Gemeindezucht scharf. 

Durch das entschiedene Vorgehon des Canton Zürich kam 
allmählig dio ganze Eidgenossenschaft in Aufregung, und nicht 
am wenigsten der Klerus, dor auf alle Weise den Zerstörer der 
Kirche, Zwingli, unschädlich zu machen suchte. Aber die Reformation 
hatte schon in violen Cantonon Wurzel gefasst, in St. Gallen z. B. 
durch die Predigton des Doktor Balthasar Hubmaier, welcher sich 
später den Täufern anschloss. Da seine Kirche die Zuhörer nicht 
fassen konnte, so rodete or untor freiem Himmel zum Volke. Mit 
ihm wirkto zugleich, auch in Appenzell, Vadian, der Schwager 
Konrad Grebels. In Basel war durch Doktor Wittonbacb, Erasmus, 
Capito, Hedio, Pellikan, Paracelsus, und in erster Stolle durch 
Oecolampadius dio Aufklärung verbreitet wordon, in SchaflTiauson 
hauptsächlich durch Luthers Schriften. In Bern war man durch 
den Aberglauben der Mönche zur Erkenntniss gekommen und 
spottete über dio Verderbniss des Klerus. So fand dort z. B. ein 
Fastnachtszug statt, den Kontrast zwischen dem Einzug Christi in 
Jerusalem und dem Treibon des Klerus darstellend. Mit der 
Dornenkrone auf dem Haupte, umgeben von den Aposteln und 
gefolgt von Armen und Leidendon in jeder Gestalt, zog der Heiland 
einher, ihm folgte dor Papst mit der dreifachen Krone, begleitet 
von wohlgenährten, in prunkende Gewänder gekleideten Priestern 
und Mönchen. 

Dem ungeachtet aber war man noch in keinem Canton, ausser 



31 

Zürich, entschieden für die Beseitigung der alten Kirche und Auf- 
richtung einer nouon eingetreten; man wellte meist nur die 
Missbriiucho und Auswüchse der orstoron beseitigen und gestattete 
zu dem Zwecke, mit Ausnahme von fünf Kantonen, überall die 
neue Predigt. 

Der Klerus, den die vollständige Beseitigung der römischen 
Kirche in Zürich zur Gegonwohr nüthigto, bewirkte oino Disputation 
ausserhalb dor Schweiz, zu Badon, bei welcher Zwingli aber nicht 
erschien, da soinor Person Gefahr drohto; Oecolampadius vertrat 
ihn. Mit Heftigkeit wurde hior gostritton, und der Riss ward ärger 
als zuvor, aber andererseits wurden auch der Roformation mehr 
Anhänger gewonnen, in erster Stolle dor Rath von Born. 

Da Zwingli sich zum Ziol gosotzt hatte, eine oinheitlicho 
Staatskircho in dor Schwoiz zu schaffon, so fuhr er fort in seinen 
Bestrebungen, dioGomoindon der Täufor, die vom Staato unabhängig 
sein wollton, auszurotten. 

Gleichwie Zwingli, als er mit Karlstadt in Berührung ge- 
kommen war, bei Luther in don Verdacht gorioth, er soi ein 
Schwärmer und goho mit Karlstadt einen Wog, so geriethen die 
Führer der Täufer, Hubmaior, Grebol und Manz, bei Zwingli erst 
recht in Misskredit, als er orfuhr, dass sio mit Thomas Münzer in 
Verbindung gestanden hatten. Er orliess eine Schrift wider die 
Aufrührer Münzers und spielte darin auch auf Grebol und Manz 
an. Grebel wurdo dadurch veranlasst 1524 vom Gefängnisse aus 
eine Schutzschrift an don Rath von Zürich zu senden, mit der 
Erklärung: „es worde nicht erfunden werden, dass er je geauf- 
ruhrt, oder etwas gelehrt oder geredet habe, das Aufruhr gebracht ; 
das müssten alle bezeugen, die jo mit ihm verhandelt hätten." Ein 
Brief von Grebol an Münzer bestätigt diese Aussage. Nachdem 
er in diesem seine Zustimmung zu dessen tiefeingreifender 
reformatorischer Thätigkeit in der Kirche gegeben hat, heisst es 
weiter „Des Hurüsen Bruder schreibt, du habest wider die Fürsten 
gepredigt, dass man sio mit dor Faust angroifen solle. Ist es wahr? 
oder so du Krieg schüren wollest, so ermahne ich dich, wollest 
davon abstohen und aller Gut achton jetzt und hernach." 

Grebel und die Seinen, welche allen Zwang in Glaubenssachon 
entschieden ablehnten, führten aber auch ebenso entschieden den 
Grundsatz durch und prägten ihn ihren Anhängern ein, dass der 



32 

Christ nach dem Worte des Evangeliums kein Schwert gegen die 
Obrigkeit in die Hand nehmen dürfe. Furcht vor Aufruhr war es 
also nicht, weshalb man sie in Ketten legte, sondern das Bestreben 
der neuen Kirche die äussere Einheit zu erhalten. Der Be- 
schuldigung aber, dass sie überhaupt keine Obrigkeit anerkennen 
wollten, trat Zwingli selbst durch die Aeussorung entgegen: „die 
Täufer gestehen der Obrigkoit das Recht zu etlicho Laster, von 
denen sie los sein wollen, zu strafen, aber," sagt er, sie beschimpfend, 
weiter, „andere Sünden, welche die Obrigkoit an ihnen strafen 
müsste, verschweigen sie weislich, als da sind: Widerreden, Hof- 
fahrt, Hochmuth, Unverstand" u. s. w. Er redet noch weiter 
allerlei Schlechtes von ihnen. Wenn die Täufer sich stellten, als 
soien sie der Obrigkeit gehorsam, fährt er fort, so zoige ihre Lehre, 
nach welcher kein Christ ein Oborer sein, noch einen Eid schwören 
dürfe, das Gegonthoil. Die Taufgesinnten aber wollten nur desshalb 
nicht, dass jemand ein „Oberer" würdo, weil ein solcher in die 
Lage kommen konnte, ein Todesurtheil über einen Mitmenschen 
auch des Glaubens wegen aussprechen zu müssen. Nach ihrer 
Moinung war dies sowohl wie das Eidschwöron im Widerstreit mit 
dem Evangelium. 

Als die Täufer sich namentlich im Amto Grüningon stark 
mehrten und ihre Häupter sich hiohor begeben hatten, zeigte der 
dortige Vogt dieses dem Rath zu Zürich an. Georg v. Chur 
predigte dort eines Tages vor 200 Porsonon und als der Landvogt 
herbeieilte, um ihn zu verhaften, fand sich niemand, der sich dazu 
hergobon wollte, ihn gefangen zunehmen; der Landvogt mussto es 
allein thun, wobei jener sich nicht widorsotzt zu haben scheint. 
Als derselbe Landvogt eine andere Täuferversammlung ermahnen 
liess, auseinander zu gehen, antworteten sie ihm, man solle ihnen 
zuerst aus der Schrift bowoisen, dass sio Unrecht thäton. 

In Grüningen wurden viele Täufer gefangen genommen und 
nach Zürich gobracht. Darauf ward wiedor eine Disputation mit 
ihnen abgehalten. Zwölf Amtsrichter nebst Gemoindoabgoordnoten 
hatten nämlich den Landvogt ersucht, er möge mit vier Amts- 
lcuton bei „Mino Herrn vom Rath" um oino Disputation nach- 
suchen, zugleich aber möchte man Zwingli ermahnen, „dass er don 
armen Gsollon sine Red nit im Hals ersticko, damit die Sach 
eigentlich erdüret werde." 



33 

Der Landvogt verlangte scinorsoits, dass nicht allein die 
Gefangenen, sondern alloTänfor zurBethoiligung unter namentlicher 
Aufforderung boi Strafo goladon würdon, und dass man zwölf 
Abgeordnete dor Horrschaft Grüningen auf Staatskoston ebenfalls 
dazu einladen solle, damit dioso später sagen könnten, ob man die 
Täufer habe frei rodon lasson oder nicht. 

Man ging auf diesen Vorschlag ein; dem Abt von Kappel, 
dem Comthur zu Küssnacht, dorn Sebastian Hofmeister und dem 
Bürgormoistor von St. Gallon wurde dio Leitung der Disputation 
aufgetragen. Nobon diesen fandon sich oino grosso Anzahl Kirchen- 
boamto und Gelehrte ein, ebenso viole Anhänger und Führer der 
täuferischen Religionspartei und die Abgeordneten dor Herrschaft 
Grüningen. 

Es standen sich gogonübor für dio Taufgesinnten Felix Manz 
und Ronrad Grebol, für dio roformirte Staatskircho Zwingli, Leo 
Judft und Grasmann, Pfarrer am Spital. 

Zwingiis Thesen über die Taufe wurden den Verhandlungen 
unterbreitet. Die Vorsammlung ward in der Rathsstube, wo die 
Räthe und Bürger anwesond waren, bei offonen Thüren abgehalten. 
Kaum war dio Vorhandlung begonnen, als sie durch oinen über- 
spannten Eindringling mit dem Rufe gestört wurde: „Zion! Zion! 
freue dich Jerusalem!" Die Zwinglianer schrieben dies den Tauf- 
gesinnten zu. Um fernere Störungon zu vormeiden, wurde die 
Versammlung in dio Grossmünsterkircho vorlegt. Für die beider- 
seitigen Sprecher waren zwei Tische aufgestellt. Zwoi und einen 
halben Tag hatte man hin und her disputirt, und war zu keinem 
Abschluss gokommon. Einer der Täufer hatte sich erboten, an der 
Disputation Theil zu nohmen, damit dio Sache schneller abgemacht 
werdo, und vielleicht auch deshalb, weil auf dor Zwinglischen Seite 
drei Rednor waren und auf der täuferischen Seite nur zwei, denn 
Doktor Hubmaier, wolcher erwartet worden, war nicht erschienen. 
Ob man jenen Mann nun gegnerischersoits daran vorhindern wollte, 
ist nicht zu sagen, aber er liof in aufgoregter Stimmung auf Zwingli 
zu und sagte: „Zwingli, ich beschwöre Dich bei dem wahren 
lebendigen Gott, dass Du mir eine Wahrhoit sagst!" Ohne ihn zu 
Ende reden zu lassen, welche Wahrheit er meine, schrio Zwingli 
ihn an: „das will ich thun und sagen Dir, dass Du bist als ein 
bösor aufrührerischer Pur (Bauer) als Mine Herren habent." 

3 



34 

Zwingli hatte damit dio Lacher auf soino Seite gebracht und kam 
nun wohlfeilen Kaufs (indem er dem Gegner „dio Rode im Hals 
erstickt" hatte) von der ganzen Sache, denn nun lösto die ermüdete 
Versammlung sich auf, und es vorbreitete sich die Meinung, Zwingli 
trabe seine Gegner besiegt. 

Als Manz, Grobel und Georg von Chur nach der Disputation 
vor dem Rath boi ihrer Lehro beharrten, hielt man sie noch einige 
Zeit lang gefangen. Die zurückkehrenden Täufer aber klagten 
über Beeinträchtigung der Redefreiheit. 

Da nun dio Täufer in der Herrschaft Grüningen sich nach 
der Disputation nicht fügen wollton, indem sie glaubten, Sieger 
geblieben zu sein, — „denn," sagten sio, „ob sie glich den Zwinglin 
überwundent, so mögtond sie doch der Gewalt nit ttborwinden," — 
und da einer derselben, Marx Bosshard, sich darüber beklagte, dass 
„Mine Herrn den Zwingli durch die Fingor shint, und der Zwingli 
mine Herrn", übte der Rath einen Druck auf dio Grüninger zwölf 
Amtleute aus, weil os ihm schien, als sähen sie den Täufern durch 
die Finger, indom sie ihre Versammlungen unbehelligt Hessen. 
Die Amtleute fügton sich, von den Kanzoln wurde verkündigt, 
dass „dio Amtlüt oins worden unsern Herrn gohorsam zu sin und 
den Täufern kein Gestand zu gen." Es wurde den Täufern bei 
Geldstrafe geboten, von ihrer Lehre abzustehen, indessen erfolglos; 
die Macht der Vögte reichte nicht aus, dorBowoguug Herr zu werden. 

Als nun noch der Pfarrer von Waldshut, Doktor Hubmaier, 
einer der einflussreichsten Lehrer der Täufer, vor den Oestreichern 
aus dem von dieson eroberten Orte weichend, hinzukam und ihre 
Partei verstärkte, erliess der Rath den Befehl, die ungehorsamen 
Täufer „bei Mass und Brod unten in den Thurm zu legen." Diesem 
Befehle gemäss wurden zwar manche gefangen, aber sie wurden 
nicht so strenge bewacht, dass sie nicht hätten ontkommon können, 
und so wurden sie bald wiodor mit Hülfe von Freunden befreit. 

Manche Pfarrer, die einer ernsteren Richtung angehörten, 
neigten sich zu den Taufgesinnten hin, viele aber waron rohe un- 
sittliche Menschen, und so kam es, dass die Rogierung das Streben 
der Täufer, bessere Sittenzucht einzuführen, gowissermassen selbst 
als berechtigt anerkennen mussto, durch die Sitten mandato, welche 
sie auf Grund vorhergegangener Untersuchung erliess. Dio Unter- 
suchung hatte nämlich ergeben, dass der eino Prediger ein Ver- 



35 

läumder and Diob sei, der andere ein Spieler und Trinker, wieder 
ein andrer ein unnützer Monsch, der sich mit den Bauern herum- 
schlüge, ein andrer sei geizig und hoffärtig, ein andrer unzüchtig 
und ein schlechter Erzieher soiner Kinder, ein weiterer miss- 
handele seine Frau u. s. w. 

Es war deshalb nicht zu verwundern, dass die Kirchen solcher 
Prediger leer blieben: „sie schaffen keine Frucht," sagten die Täufer. 
Von einem Pfarrer sagte man : „der Pfaff wüthet und schreit so 
auf der Kanzel, dass auch die Nichttäufor ein Missfallen daran 
haben und aus der Kirche laufen, weil sie solches nicht hören 
mögon." Ja, es kam so weit, dass man die Aeussorung hörto, inner- 
halb dreier Jahre würden dio Taufgesinnten die Oberhand haben, 
ihre Sache sei gerecht, während Zwingli keinen Buchstaben für 
sich habe ausser Lukas, ans dorn er die Kindertaufe boweisen wolle. 
„Man lief mit Flyss und Ernst in Holz und Feld mit grossen 
Schaaren zu ihren Predigten", heisst es. 

1526 wurden Verhöre mit den Täufern angestellt : Felix Manz, 
Junker Orebol und Georg von Chur erklärten sich gegen den Krieg, 
als den Geboten Gottes widerstreitend. Dies war in sofern von 
grosser Wichtigkeit, als Zwingli damals zum Krieg gegen den 
katholisch gebliebenen Theil der Eidgenossen trieb und der Einfluss 
der Täufer die Kriegsstärke beeinträchtigen konnte. Georg von Chur, 
auch Blaurock genannt, erklärte ferner, er habe mit Manz und 
Grebol, welche mit ihm gefangen genommen waren, zuerst die 
Taufe der Erwachsenen und das Brechen des Brodes des Herrn 
eingeführt. Grebel und Manz baten, man möge sie auch schreiben 
lassen wie Zwingli. Manz sagte schliesslich mit Beziehung auf seine 
Erklärung: „von diesem allen bin ich überzeugt, dass es der steife 
Wille des Herrn ist, darum bitte ich Eure Weisheit, dass sie sich 
an dem Eckstein Christi nicht Verstösse. Gott bewahre alle die- 
jenigen, welche seinen Namen anrufen und bewahren." Dem 
Umstände, dass man ihrem Wunsche, schriftliche Erörterungen 
anstatt mündlicher zu pflegen, nicht nachgab, ist es auch wohl zu- 
zuschreiben, dass wir von den Täufern so wenig Schriftliches 
besitzen. Die für sie nachthoilige Folge war, dass man sie in 
späteren Zeiten im Wesentlichen nur nach den Schriften ihrer 
Gegner, Zwingiis und Anderer, beurthoilt hat. 

Ein einigormassen richtiges Bild kann man daher über sie 

3* 



36 

nur gewinnen, indem man die Wirkungen ihrer Bestrebungen, die 
gegen sie erlassenen Mandate, die sie betreffenden Processacten, 
die Aeussorungen ihror Gegnor und anderer über sie mit ihren 
eigenen gelegentlichen Aussagen zusammenhält. 

Dio Gofangenon or kl arten alle, lieber sterben zu wollen, als 
dass sie von ihrem Glauben liesson. Man scheint sie darauf vorerst 
wieder in Freiheit gesetzt zu haben. Bald jedoch erging der Befehl, 
die Halsstarrigen sollten bei Wasser und Brod in den nouon Thurm 
gelegt werden und hior ersterben und verfaulen, Frauen und 
Töchter sowohl als Männer. Wer sich bokehrt habe und wieder 
rückfällig geworden sei, solle ohno Gnade ortränkt worden. In 
einem andern Mandat wurdo befohlen, os müsse Jedermann zur 
geordneten Pfarrei in die Kircho gohon, „man dürfe die Täufer 
weder hausen noch hofen, ihnon keinen Unterschlupf noch Fürschub, 
keinen Trank noch Spoise goben." 

Manche Furchtsame und Schwache gaben nach, dio Meisten 
aber blieben fest. In der Horrschaft Grüningon wurdo besonders 
auf zwei einflussfeiche Täufer namens Falk und Reiman gefahndet. 
Der dortige Landtag wich dem Befehl der Regierung, sie aus- 
zuliefern, zwar aus, aber alle seine Vorstellungen halfen nichts. 
Namentlich widersetzte der Landtag sich dem Befehle dor Regierung, 
sie zu ertränken, und drang auf Gefängniss. Es kam so weit, 
dass, als die Regierung zwei Abgeordnete nach Grüningen sandte, 
um ihren Willen durchzusetzen, dioso die Weisung erhielten, den 
schiedsrichterlichen Ausspruch Borns anzurufen, wenn Falk und 
Reiman nicht, dem Befehle dos Raths von Zürich entsprechend, 
ertränkt würden. Die Richter im Amte Grüningen beriefen sich, 
nachdem alles Bitten ihrerseits um Zurücknahme des Befehls nichts 
geholfen hatte, auf ein ihnon von Oestreich verliehenes Recht, nach 
welchem es ihnen zustand, Gnade zu gewähren. So entstand eine Span- 
nung zwischen dem Amte Grüningen und der Züricher Regierung. 

Mittlerweile fuhren die Täufer fort, ihre Andachten und Ver- 
sammlungen zu halten. Um noch grössere Widersetzlichkeit zu 
vermeiden, wurden die Mandate vorerst nicht wieder verlesen, 
man suchte die Täufer vielmehr auf Schleichwegen zu fangen. Im 
December überfiel man in einem Wald vier von ihnen, und zwar 
Manz, Georg von Chur, Rudolf Michel und noch einen andern, und 
brachto sie nach Zürich. Auf dem Woge dorthin hörte man einen 



37 



Mann sagen, für keine hundert Gulden tbäto er das, was der Vogt 
gethan habe. 

Als Bürger von Zürich (er war Glied eines Patrizier-Geschlechts) 
wurde Manz zum Tode durch Ertränken verurtheilt*), „weil er 
wider christliche Ordnung getauft hat, weil er durch keine Belehrung 
und Ermahnung davon abzubringen gewoson ist, weil er sich vor- 
gesetzt hat, noch Andoro, die Christus annehmen, ihm glauben und 
nachfolgen, zu suchon und sich mit diesen durch die Taufe zu ver- 
einigen und dio andorn ihres Glaubens bleibon zu lasson. Weil 
er und seine Anhänger sich nun dadurch von der christlichen 
Gemeinde abgesondert und sich zu einer Sokto zusammengerottet 
haben und sich unter dem Schein und Deckmantel einer christlichen 
Versammlung zu einer selbst gemachton Sekto zurüston wollen." 

„Weil er die Todosstrafo vorworfon und um des grösseren 
Erfolges Willen sich gowisser Offonbarungen aus den Briefen des 
Apostels Paulus gerühmt hat. Da solche Lohren aber dem einmüthigon 
Brauch aller Christenheit nachtheilig sind, und zu Aorgerniss, 
Empörung und Aufruhr gegen die Obrigkuit, zur Zerrüttung des 
allgemeinen Friodons, brüderlicher Liobo und bürgerlicher Einig- 
keit und zu allem Uebul führen, so soll Manz dem Nachrichter 
übergeben worden, der ihm die Hände binden, in oin Schiff setzen, 
zu dem niedern Hüttli führen und auf dem Hüttli die Hand ge- 
bunden über die Knie abstreifen und ein Knebel zwischen den 
Schenkeln und Armen stosson und ihn also gebunden in das 
Wasser werfen, und in dem Wasser sterbon und verderben lassen 
und er damit dem Gericht und Hecht gebüsst haben soll." 

„Auch soll soin Gut Minen Horrn vorfallen sein." 

Goorg von Chur wurdo ausser Obigem noch beschuldigt, die 
Prädikanton Diebo und Mörder Christi genannt zu habon. Weil 
er ein Auswärtiger war, wurde das Todosurtheil nicht über ihn 
ausgesprochen; statt dessen sollte er aus Gnaden mit nacktem 
Oberleibe und gebundenen Händen vom Fischmarkt aus dio Strasse 
entlang mit Ruthen gepeitscht vor das Thor getriobon werden, 
dergestalt, dass das Blut herausflösso, und dann dos Landes ver- 
wiesen werden mit der Vorwarnung, dass man ihn ertränken würde, 
wenn er zurückkehre. 



*) Siehe Egli, die Züricher Wiedertäufer. 



38 

Georg von Chur (Blauwrok), scheint sich später nach Oestroich 
gewandt und dort den Märtyrertod erlitten zu haben, denn die 
Ueberschrift eines seiner Lieder heisst: 

„Dies Lied hat Jörg Blauwrok gemacht zu Glausen in Etsch- 
land, mit einem Hans von der Reue genannt, verbrannt Anno 1528. 
Es wird gesungen im Thon, wie man die Tagweiss singt." 

Das Lied selber heisst: 

Vers 1. »Herr Gott Dich wil ich loben 
Von jetzt bis an mein End, 
Dass Du mir gabst den Glauben, 
Durch den ich Dich erkendt. 
Dein heil'ges Wort seudst Du zu mir, 
Welch» ich aus lauter Gnaden 
Bei mir befind und spür." 

Vers 2. »Von Dir hab ichs genommen, 
Wie Du, o Herr, wohl weisst. 
Nicht leer wirds wieder kommen 
Hoff ich, und stärk inein'n Geist, 
Dass ich erkenn den Willen Dein, 
Dess thue ich mich erfreuen 
In meines Herzens Schrein." 

Dann sagt er, dass er beinahe erlegen wäre, und fährt fort: 

Vers 5. „Zu Dir Herr thue ich schreien, 
Hilf Gott und Vater mein! 
Herr stärk mir den Glauben sehr, 
Sonst geht der Bau in Trümmer 
Wo Deine Hülf nicht war.* 

Und Vers 7. „Der Feind hat auf mich gschlagen 

Im Feld darin ich lieg, 
Wolt mich daraus verjagen 
Herr Du gabst mir den Sieg. 
Mit scharfer Wehr er auf mich drang. 
Dass al mein Leib thät zittern 
Vor falscher Lehr und Zwang." 

Vers 8. „Dess liesst Dich Herr erbarmen, 
Durch Deine Gnad und Kraft, 
Halfst Deinem Sohn, mir armen 



39 

Und machest mich sieghaft. 
Herr wie bald Du mich erhörtet, 
Kamst stark mit Deiner Hülf, 
Den Feinden selber wehrtet. u 

Darauf im Jubelton: 

Vers 9. „Darum so wil ich singen 
Zu Lob dem Namen Dein, 
Und ewiglich verkünden 
Die Gnad' die mir erschein. 
Nun bitt ich Dich, für al Dein Kind 
Wolst uns ewig bewahren 
Vor allen Feinden gschwind." 

Im 10. Vorse zeigt sich nun die volle Kraft seines Glaubens 
und seiner Zu vorsieht auf Gottos Hülfe: 

„Auf Fleisch kann ich nicht bauen, 
Es ist zu schwacher Art: 
In Dein Wort will ich trauen, 
Das sei mein Trost und Hort, 
Darauf ich mich verlassen thue. 
Wird mir aus allen Nöthen 
Helfen zu Deiner Ruh." 

Vers 11. „Die Stund des letzten Tagen 
So wir nun müssen dran, 
Wolst uns Herr helfen tragen 
Das Kreuz wohl auf den Plan. 
Mit aller Gnad Dich zu uns wend 1 
Dass wir mögen befehlen 
Den Geist in Deine Hand." 

Vers 12. „Herzlich thue ich Dich bitten 
Vor alle unsre Feind 1 
Wolst ihr Herr, wie viel sie seind, 
Nit rechnen ihre Misse that/ 



Vers 13. „Also wil ich mich scheiden 
Sanimt den Gefährten mein, 



40 

In Gnad wol Gott uns leiten 

Wohl in das Eeiche sein. 

Dass wir im Glauben ohn 1 Zweifel seynd 

Sein heil'ges Werk Tollenden 

Der geb' uns Kraft ins Eiid." 

Am 5. Januar 1527 wurdo Felix Manz auf das Schiff gebracht. 
Als er so dastand, unter sich die Fluthon des Zürichersees, über 
sich den blauen Himmel, und rund um ihn die Bergriesen mit 
ihren von der Sonne boschienonen Schnoehäuptern, da hob sich 
seine Soelo im Angosichto dos Todos übor diose ompor. Und als an 
der einen Seite oin Prädikant mitleidig ihm zuredete, er möge sich 
bekehren, da hörte er os kaum, als er aber die Stimme seiner 
Mutter an der andern Seite vornahm, als seine Brüder mit ihr 
zugleich ihn baten, standhaft zu bleiben, da sang er, während er 
gebunden wurde, mit lauter Stimme: „i/t nuxnus tiias Domine com- 
mendo Spiritum meum" und gleich nachdem schlugen die "Wellen 
über ihn zusammen. — 

Während Zwingli so mit Gowaltthätigkeiton gogen die Täufer 
vorging, weil sie ihm oin Hinderniss waron bei soinom Streben, 
eine einheitliche Staatskirch o zu schaffon, ging or zugleich in 
derselbon Woiso gogen das Roislaufon vor, was ihm wenigstens bei 
den Täufern erspart goblioben war, woil sich keiner von ihnen als 
Söldner anworbon lioss, da ihnon dies als sündhaft erschien. Eben 
so wenig nahmen sie Pensionen fremder Mächte an, um das Worbo- 
woson zu deren Gunston indirect zu fördorn. Schon lange hatte 
Zwingli von der Kanzol horab mit rücksichtslosem Muth und 
zornigen Worton gogen das Unwesen geeifert. Er solbst und die 
Mitglieder des Raths hatten goschworen, Pensionen, von welcher 
Seite sio ihnen auch angoboten werden würden, zurückzuweisen. 
Er nannte die Ponsiononompfängor Blutegel, Menschonhändler, 
Schlächtervolk, Blutrichtor, Ponsiononfrossor, und warf ihnon vor, 
dass sie die Söhne des Landes für Gold vorschachorten ; durch sie, 
sagto er, werde Volk und Land dem Verdorben und der Rache 
Gottos überliefert. Wenn or damit nun auch das Kind boim rechten 
Namen nannto, so wollten die Betreffenden sich doch nicht auf 
solche Art von ihrom Prediger zurechtweisen lassen. Durch solches 
Vorgehen erregte Zwingli sich viele Feinde, auch im eignen Lager, 
um so mehr, als er in Folge dor diktatorischen Gowalt, welche er 



41 

^tatsächlich besass, seinen Worten die That folgen lassen konnte 
und meistens Hess. 

Der Rathsherr Jakob Grobe], welcher sich für die gefangenen 
Täufer verwandt und uro Gnade für sie gebeten hatte, stand in 
Verdacht, noch wie früher eine Pension zu beziehen. Obgleich es 
ihm nicht bewiesen werden konnte, wurde er zum Tode mit dem 
Schwert verurthoilt Als das graue Haupt dos allbekannten 
Bürgers fiel, da mochte wohl manchem das Herz bluten und Zweifel 
an dem Werth der neuen christlichen Lehre ihn beschloichen. 

Konrad Grebel, dessen ohnohin schwache Gesundheit durch 
die Aufregung und Anstrengung der Zeit und durch Gefängniss- 
qualen untergraben war, unterlag, als er zu guter letzt noch den 
schmählichen Tod seines Vaters erfuhr, seinen Leiden, und ging 
heim in eine bessere Welt. Ebenso wie Zwingli waren ihm die 
Pensionen ein Dorn im Augo gewesen, denn er schrieb einst an 
seinen Schwager Vadian, indem er sich darüber beklagte, dass ihm 
vorgeworfen sei, soin Vater empfange eine Pension von dem Könige 
von Frankreich und lasse ihn dafür studiren: „hätte mein Vater 
mir kärgliche Mittel gogoben von seinem eignen selbstverdienten 
Gelde, so würdo ich solchos nicht gehört haben. Ich hätte mich 
dann zwar nicht so glänzend kleiden, nicht so köstlich speisen 
können, und wäre dann nicht dazu angeleitet worden, in den 
Ehrenstellon dos Staates ein Knecht fremder Herrn zu sein. u 
Diese Aousserung charakterisirt das Haupt der Taufgosinnten, 
Koorad Grebel. 

Nach der Hinrichtung dos Rathsherrn Jakob Grebel fand 
Zwingli sich veranlasst, wogen derselben an Oecolampadius, Capito 
und die Strassburger Freunde sich rechtfertigend zu schreiben; 
vielleicht hegte er Besorgniss für seinon Ruf. Er sagte ihnen, 
dass man mit don Pensionen hätte aufräumen müssen; „allo, welche 
fromdes Geld nehmon, widorstehon dorn Evangelium", hiess es in 
dem Schreibon. Capito wios ihn in seiner Antwort darauf hin, 
wie gefährlich os soi, wonn er im Eifer für das Wohl der Kirche 
sich zu Thaten hinroissen liosse, welche gogon den Inhalt und die 
Vorschriften dos Wortos Gottes seien. 

Die öffentliche Stimmung wandte sich allmählig gegen Zwingli *), 



*) Siehe Moriköfer, Ulrich Zwingli. 



42 

namentlich als or dio fünf katholisch gobliobonon Kantone mit 
Krieg bedrohte. Es wurde bei dorn Rath oin Momorial eingereicht, 
in welchem es hiess, anfangs hätte man bei der Verkündigung des 
neuen Glaubens menschliche Freiheit verkündigt und daher sei 
Auflehnung gegen die Zehnten entstanden. Manche Biederleute 
seien schändlich verlogen worden mit Beschuldigungen, sie hätten 
Pensionen genommen. Das sei auch die Ursache gewesen, dass 
die Täufer eine eigene Gemeinschaft gebildet hätton. Die neuen 
Prediger jagten nach guten Pfründen, Paulus und die Apostel 
aber hätten nirgends Besoldung genommen, wohin sie gekommen 
seien hätten sie Frieden verkündigt und allen Aufruhr gestillt. 
„Redten nicht zuerst von der Besoldung und köstlichen Häusern, 
machton nicht Partheion, henkten nicht verlogene, aufrührerische 
Leute an sich, begehrten nicht Räthe mit den Herrn zu soin und 
dio Räthe zu setzen und entsetzen nach ihrem Wohlgefallen. Diese 
aber haben alle Pfründen verordnet Wer ihrer Parthei gewesen 
ist, hat müssen am Gericht und Rath sitzen und an gute Aomter 
kommen. Hat er sich was zu Schulden kommen lassen, so hats 
ihm nichts geschadet, denn sie haben gesprochen: or ist oin guter 
Mann. Ist er abor ihr Widerpart, so hat man ihn verleumdet, 
und es hat niemand gegolten denn sie selbst und ihr Haufen. 
Saget, liebe Herrn," heisst es weiter, „ist das nicht wieder oin neu 
PapstthumV Wie sie sich einen Anhang gemacht in Stadt und 
Land und die Gewaltigsten an sich gehenkt! Haben sie nicht alles 
gewusst, was in den Landen vorgegangen und was oin jeder im 
Rath geredet? Daher wir einander angefahren wie die Hunde 
und welcher nur sprechen konnte: Ja Herr, Gnad Herr, das waren 
Gerechte, hätten das heilige Wort Gottes und das Evangolium, dio 
bei den Predigten voranstehen und laut schreien; welchor von 
frommen Leuten, die vielleicht des Glaubens halber noch nicht be- 
richtet sind, aber mehr christliche Werke denn die Rühmselor 
thaten, übel redete, der war oin evangelischer Mann, der musste 
zu Ehren und Aemter kommen. Da sah ein Weiser, dass or nichts 
erreichen möge, sondern sich nur vorfeinde, schwieg daher, fürchtete, 
er käme an die Kanzel und an den gemeinen Mann." 

„Ich besorge um des Eigennutzes Willon, der Gottesgaben, 
der Klöstor und sonst guten Käufe Willen habon wir das Evan- 
gelium angenommen, auf das Wort selber aber wenig geachtet, 




4 

1 

i 

j 



43 

wie wohl ich woiss, dass violo fromme Christon das Wort recht 
angenommen haben." 

„Mich will bedünken, dass unsre Pfaffen, wenn man es 
eigentlich besieht, hätten auch etwas von den alten Pfaffen geerbt." 

Diese Stimme aus der Mitte der Bürgerschaft hatte wenigstens 
die Wirkung, dass man versprach, es solle kein Krieg ohno Wissen 
und Willen der Landschaft geführt werden. 

Zu allen diesen Schwierigkeiten, die sich Zwingli auf soinem 
Wege entgegen stellten, kam nun noch der unselige Abendmahls- 
streit zwischen ihm und Luther, der das evangelische Lager in 
zwei Theile theilte, den ruhigen Gang der Reformation aufhielt, 
Hass und Zwietracht säeto statt Einigung und Liebo, wie es dem 
Zweck des Abendmahls doch entsprochen hätte. Aber weder dies 
noch die Riesenarbeit, welche die neue Kircheneinrichtung, die 
Staatsgeschäfte, seine Schriftstellerarbeit und seine Correspondenz 
ihm aufluden, hielt Zwingli ab, die Taufgesinnten nach wie vor 
zu verfolgen. 

Ihnen gegenüber, die so viel Sympathio im Volke hatten, 
fühlte er, dass es sich um Sieg oder Niederlage in seinem Streben 
nach einer allgemeinen Staatskirche handelte. Dazu kam noch, 
dass Luther, nunmehr sein entschiedener Widersacher, den Täufern 
in der Schweiz wenigstens nicht abgeneigt war. Diese hatten sich 
nicht an dor alten Kirche vergriffen, und waren, wie or, gegen 
jeglichen Krieg des Glaubens wegen. 

Durch den Märtyrertod ihres Führers Manz waren die Tauf- 
gesinnten, wenn auch vor Schmorz gebeugt, doch nicht nieder- 
geschmettert, das Andenken an ihn ward vielmehr ein neuer Sporn 
für sio, sich zusammenzuhalten, um neuen Angriffen die Spitze 
zu bieten. Sie hielten nach wie vor ihre Andachten, ihre Lehror 
predigten, taufton, segneten Ehen ein und hielten das Abendmahl 
zur Stärkung des Glaubens und der brüderlichen Liebo und Ein- 
tracht ab, was nicht wegnahm, dass die einzelnen Gemeinden kleine 
Verschiedenheiten in der Auffassung in Nebendingen zeigten. 

Sie mehrten sich in dor ganzen Eidgenossenschaft so, dass 
der Rath von Zürich Abgeordnete dor Eidgenossen von Bern, Basel, 
Schaffhau sen, Ghur, Appenzell und St. Gallen zu sich einlud, um 
gemeinsam zu borathen, wie dio Taufgesinnten bewältigt worden 
könnten, welche „nicht allein dos wahren, rechten innerlichen 



44 

Glaubens der christlichen Herzen, sondern auch der äusserlichen 
und menschlichen Ordnungen und Satzungen christlicher und 
ordentlicher Obrigkeit, wider brüderliche Liebe und gute Sitten, 
entbehrten und entgegenträten." Der Tag der Berathung war auf 
Montag nach Laurentius 1527 festgesetzt. 

Im Amte Orüningen Hessen die Behörden die Täufer noch 
immer unbehelligt. Sie hatten so grossen Anhang, dass ein Pfarrer 
z. B. sich boklagto: „wenn ich prodige, halten sie auch ihren 
Gottesdienst, alles läuft zu ihnen in den Wald und meine Kirche 
ist leer." Da der Staatskircho alle Kirchen und Kirchongüter ver- 
blieben waren, hatten die Taufgesinnten Anfangs keine Mittel, um 
Andachtshäusor zu bauen, es wäre ihnen auch wohl nicht gestattet 
worden, und somit bliob ihnen nichts andres übrig als der Dom 
des Himmels. 

Ihre Ansicl^ über die Taufe legten sie 1527 dem Landtage 
im Amte Grüningen wie folgt dar: 

„Boi seiner Taufe durch Johannes nennt Christus die Taufe 
eine Gerechtigkeit, und als die Zöllner, ehe sie sich von Johannes 
taufen Hessen, Busse thaten, heisst er sie einen Rath Gottes; 
also sollen die Kinder nicht getauft werden, weil sie wedor Busse 
bedürfen, noch von Gerechtigkeit und Rath Gottes etwas wissen. 
Ferner sagt Christus nach der Auferstehung: „wer da glaubt und 
getauft wird, wird selig, wer aber nicht glaubt, wird verdammt." 
Damit heisst es wiedorum Gläubige taufen, also nicht Kinder-, die 
Kinder verdammt er doshalb noch nicht, da er nicht von ihnen, 
sondern von solchen rodet, die Gut und Böse vorstohon, und im 
Uebrigen sagt: „lasset die Kinder zu mir kommen" u. s. w. Hat 
nun Christus die Taufe als einen Rath Gottes, und eine Gerechtig- 
keit genannt, und ist sie Sein, also Gottes Gebot, so merk du Ein- 
fältiger, wie dio falschen Propheten dich vorführend, und die 
witzigen und wissen, wie sio sprechend, der Tauf syge nütz (d. h. 
nichts), es syge nur ein auswendig Zeichen, und syge nur Wasser, 
und lige nüt daran." 

Petrus taufte dreitausend Seelen, dio sein Wort gern an- 
nahmen und Busse thaten. Auch in dieser Stelle liegt ein Beweis 
gegen die Kindertaufe, wobei noch hervorzuheben ist, dass die drei- 
tausend — wovon nichts berichtet wird — ihre Kinder auch hätten 
taufen lassen, wenn es Brauch gewesen wäre. 



45 

Aehnlich sagt die Apostelgeschichte, Philippus habe den 
Kämmerer deshalb getauft, weil or von ganzem Herzen glaubte. 
Die zwölf Johannesjünger, die sieh zu Ephesus von Paulus anf den 
Namen Christi taufen Hessen, hatten zuvor die Taufe Johannes zur 
Busse empfangen. Diese hatte also nicht genügt. Die zwölf 
Männer waren eben nicht genugsam im Glauben Christi unter- 
richtet. So genügt die Kindertaufe nicht. Gegen die Kindertaufe 
spricht ferner das Wort des Paulus, dass wir durch die Taufe be- 
graben sind in Christi Tod und mit ihm in einem neuen Leben 
wandeln sollen. Kindor können ihre Glieder weder zur Ungerechtig- 
keit begeben, noch in einom neuen Lobon wandeln. Die Gläubigen 
sind die, welche im Willen des Geistes wandeln und die Früchte 
des Geistes bringen; sie sind die Gomeindo und der Leib Christi, 
die christliche Kirche. Zu dioser gehören die Täufer. „Wenn 
nun", heisst es am Schluss, „die Herrn von Zürich den Tauf Christi 
als Wiedertauf bezeichnen, so werden die Amtleute jetzt überzeugt 
worden sein, dass es umgekehrt, und die Kindertauf eigentlich 
die Wiedertaufo sei." 

„Nun so begehrend wir, dass ir uns bei der Wahrheit lassend 
bliben; wo os abor nit mag sin, so sind wir bereit, um der 
Wahrheit Willen zu liden durch die Gnad und die Kraft Gottes, 
die uns geben ist." 

Als man schliesslich im Amte Grüningen 16 Täufer gefangen 
nahm, bat der Vogt, man möge wenigstens, wie man es Uebol- 
thätern auch gestatte, ihre Verantwortung hören, bevor man urtheile. 
Die Amtleute standen, wie schon gesagt, dor Regierung der Täufer 
wegen gespannt gegenüber. Einer soll gesagt haben: „wil man 
ihnen nicht helfen, dass die Gefangenen hinauskommen so weiss 
ich wohl Hülfe und werden wohl Hülfe finden, dass wir sio hinaus- 
bringen." Dioser Mann wurde gefangen genommen, zu einer Gold- 
strafe und in die Kosten des Processes verurtheilt. 

Auch im Unterlande breiteten die Taufgesinnten sich mehr 
und mehr aus, die Staatskirchen standen leer, das Abendmahl 
wurde nur von Wenigen besucht. „Es kumpt darzuo," meldete 
einer, „wo man nit wert, das niemant zum Gottes Wort gat, und 
grösser Zwietracht wirt dann zu Waldshut." Die Bürger der Stadt 
Bulach, hiess es, hätten die Stadtthorc zugeschlagen, als einige von 
der Obrigkeit gesandte Männer die dortigen Täufer hätten gefangen 



46 

nehmen wollen und hätten sie nicht herein gelassen. Man hätte 
sonst Unruhen bofürchtot, sagten die Richter und Räthe zu Bulach, 
als sie zur Verantwortung gezogon wurden, und fügten zu ihrer 
Entschuldigung hinzu, sie hätten dadurch verhindern wollen, dass 
die Täufer entflöhen. 

Diesem Zuständen gegenüber suchte Zwingli die Staatskirche 
dadurch zu stärken, dass er den Befehl orlioss, die Prediger dürften 
keine andere Meinung lehren als dio, welche mit denon der Herrn 
von Zürich und den Burgrechtsstädten übereinstimmte, oder sie 
müssten sie zuvor der Synode vorlegen, damit sie von den Gelehrten 
und christlichen Brüdern berathen würde. 

Es wurde bei Strafe befohlen, dass jeder am Gottesdienst der 
Staatskirche theil zu nehmen habe; ein Prodigor wurde u. A. 
befragt, wie es komme, dass nur eine Frau zum Abendmahl ge- 
kommen sei. Zugleich ging man wieder energischer gegen die 
Täufer vor, indem man die Gefangenen, welche ein Jahr und fünf- 
zehn Wochen eingekerkert gewesen waren ohne verhört worden 
zu seiu, nun ins Verhör nahm. Allo beharrten bei ihrem Glauben 
und gestanden, sie hätten einander gegenseitig dazu gostärkt. 
Einer war dabei, dessen Körper bis an den Hals geschwollen war. 
Sie wurden nun getrennt und einzeln in verschiedene Gefängnisse 
gebracht. 

Falk und Reiman, welche unter den Gefangenen waren und 
bei ihrer frühern Erklärung bliebon (sie scheinen Lohrer gewosen 
zu sein) auch ferner taufen zu wollen, trotzdom Todesstrafo darauf 
stände, denn Christus werde sie nicht verlassen, wurden zum Tode 
durch Ertränken vorurthoilt, und waron die ersten, welche in der 
Schweiz nach Felix Manz den Tod für ihre Ueberzeugung erlitten. 

So hatte man aufs neue schrecklichen Ernst gemacht mit der 
Ausführung der in den Mandaten vom Jahre 1526 erlassenen 
Befehle. Diese den Annalen von Ottius entnommenen Mandate 
lauten wörtlich also : „Alsdann unsre Bürgermeister, klein und gross 
Räth, so mann nennt die Zweihundort von Zürich, sich eine gute 
Zeit her mit sonderm Ernst beflissen haben die verführton Wioder- 
täufor von ihrem Irrsaal abzustellen, so aber otlicho als Vorstopfto 
wider ihr Eid, Golübd und Zusagung beharrend, und gemeinem 
Regiment und Obrigkeit zum Nachthoil, und Zerstörung gemeinen 
Nutzens und rechten christlichen Wesens erscheinend, sind ihrer 



47 

etliche Männer, Frauen und Töchter in unsrer Herrn schwere Straf 
und Gefängniss gelegt, und ist darauf von genannton Herrn 
ernstlich Gebott, Geheiss und Warnung ausgegangen, dass weder 
in ihrer Stadt, Landen, Gerichten noch Gebieten hinfüro niemand 
den andern wieder taufen soll. Denn wer also einer den andern 
taufte, zum selbigen werden unsro Herrn gryfen, und nach ihr 
erkanntem Urtheil ohne alle Gnad ertränken lassen, darnach wüsse 
männiglich zu verhüten, und dass ihm selbst zu seinem Tode 
niemand Ursach gebe. 

Acktum Mitwoch nach Oculi 1526 den 7. März." 

Für diejenigen, welche daraufhin zur Staatskirche treten 
würden, erliess dor Rath folgonde Vorschrift und Verwarnung: 

„Welcher bekennt, dass dor Wiedertauf ungerecht, und die 
Kindertauf gerecht sei, auch dass er damit geirrt habe, der sol frei 
gelassen werden, doch ihm daboi ernstlich gesagt werden, dass er 
des Wiedertaufs sich enthalten soll. Mit Worten und Werken, 
niemandem sagen und lehron, auch sich des Winkelprodigens ent- 
ziehen, und in die rechte Pfarr zur Kirche gehn, desgleichen die 
Täufer weder Haus noch Hof noch Aufenthalt geben in keinen 
Weg. Denn, wo er solches übertreten und ungehorsamb erschynen 
thäte, wurde man wiederumb zu demselben gryfen und von Stund 
au ohne Gnad ertränken lassen." 

Im September desselben Jahres jedoch „kam es don Herrn 
glaublich für", dass viele Täufer sich in das Amt Grüningen 
zurückgezogen hätten und dort ihre Versammlungen Nachts und 
auch am Tage abhielten. Sie orliessen ein neues Edikt, welches 
dio vorigen bestätigte und dahin verstärkte, dass, wenn man Zu- 
sammenrottung von Täufern in Winkeln und Häusern fände, wo 
die irrige Lehre gepredigt und die Taufe ausgeübt würde, diese 
Täufer ohne Gnad ertränkt, und niemand verschont werden solle. 

Dieses Edikt war unterzeichnet 

Heinrich Walden 7 Bürgermeister 
und beider Rätho. 

Es fruchtete nichts, dass die Taufgesinnten 1528 ihre Lehre 
den Räthen von Basel und Bern vorlegton, sie wurde verworfen. 
Der Rath von Bern gab dio Erklärung ab, dass er die Meinung 
der Täufer nicht annehme, sondern die verdammten irrigen Lehren 
dieser Rottengeistor, wonach man die Kinder, „die wir nach Brauch 



N/ 



48 

der Apostel und ersten Kirchen, und dem, dass der Tauf anstatt 
der Beschneidung ist, taufen, nit taufen solle", als ein Gräuel ver- 
werfe. 

„Item dass man koinen Eid schweren solle, und dass die 
Oberkeit nit möge Christen heissen." 

Die Täufer erkannton nämlich die Obrigkeit zwar als, wie die 
"Welt lag, nothwendig und von Gott verordnet an, gestanden ihr aber 
in Glaubenssachen kein Bestimmungsrecht zu, und meinten über- 
haupt, dass wahre Christen einer Obrigkeit nicht bedürften, weil 
sie ohnehin koin Unrecht thun würden. Hierauf beziohen sich 
obige Seh luss worte. 

Durch die Verfolgung ward don Täufern das Vaterland so 
verleidet, dass viele vorzwoifolnd oiner ungewisson Zukunft ent- 
gegen über die Grenze flüchteten. Sie waren ihrer kräftigsten 
Führer und Lehrer beraubt: Manz und Grebel waren dahin, Simon 
Stumpf war des Landes verwiesen, Balthasar Hubmaier war von 
den Oestreichern ergriffen und in Wien auf dem Scheiterhaufen 
verbrannt, Ludwig Hätzer war 1529 zu Kostnitz enthauptet, Hans 
Denck war seinen Leiden erlegen, und sie irrten nun umher, flüchtig 
und unstät wie Schafe ohne Hirten, woboi sie wohl hie und da 
in freilich für den Staat' unschädliche Irrthümor verfielen, je 
nachdem diose oder jene Persönlichkeit Ansehen bei ihnen gewann. 
Die aus Schaffhausen gingen vielleicht den Rhein hinunter; es sind 
Beweise vorhanden, dass einige von ihnen sich damals in den 
Niederlanden zeigten; andere flohen nach Baiern, dem Elsass, der 
Pfalz und nach Hessen. 

In der Markgrafschaft Mähren konnten sie unter dem Schutz 
einiger Edelleuto, welche ihnon ihres Fleissos und ihrer Zuver- 
lässigkeit halber auf ihren Gütern Arbeit und Wohnung gaben, 
ntfeh ziemlich sicher leben, so bald sie sich aber aus deren Gebiet 
entfernten, waren sie schutzlos den Häschern Ferdinands preis- 
gegeben, die sie mit Strick und Beil verfolgten, wie aus einem 
Briefe Hutters von 1534 hervorgeht. In diesem heisst es unter 
andern: 

»Wir haben es euch mündlich gesagt, und 

geben es euch jetzt schriftlich, dass wir alles gottlose Leben ver- 
lassen und uns Gott dem Herrn ergeben haben, um seinem göttlichen 
Willen zu leben und seine Gebote zu halten, darum sind wir 



49 

vorfolgt und aller unserer Güter beraubt. Darum hat der Fürst 
der Finsterniss, der grausame Tyrann Ferdinandus, der Feind der 
göttlichen Wahrheit, viele der Unsrigon unbarmherzig ermorden 
lassen, unsre Güter geraubt und uns von Haus und Hof vertrieben. 
Nun aber sind wir in das Land Mähren gekommen und haben hier 
eine Zeitlang gewohnt, und zuletzt unter dem Marschalk. Wir sind 
allen Menschen unbeschwerlich und haben uns durch harte Arbeit 
ernährt, dessen uns alle Menschen Zougniss geben müssen. Nun 
aber hat uns der Marschalk mit Gewalt von unsern Häusern treiben 
lassen, nun sind wir da in dor Wüste auf einer wilden Haide unter 

dem lichten Himmel! — Weh und abermal Weh! allen denen, 

welche uns ohne alle Ursach, allein um dor göttlichen Wahrheit 
willen vertreiben, Gott wird das unschuldige Blut von ihnen fordern. 

Nun aber habt ihr uns befohlen ohne Aufschub zu ziehen, 
darauf gaben wir euch die Antwort dass wir nicht wissen wo 
hinaus, und uns das schwer ist. 

Um und um ist des Königs Land, und wo wir hinziehen, da 
ziehen wir den Räubern und Tyrannen in den Rachen mit unsern 
violcn Wittwen und unorzognen Kindlein, welcher Vater und Mutter 
dor gottlose Tyrann hat ermorden lasson. — 

Wir haben keine äusserliche Wehr noch Spioss, doch sagt 
man von uns, wir hätten uns mit so viel tausend Mann zur Wehr 
gelegt als wollten wir kriegen. — — — — 

Gott im Himmel gob und zeig uns an wohin wir sollen. Wir 
können uns doch das Erdreich nicht verbieten lassen, denn die 
Erd und alles was darinnen ist, das ist unsers Gottes, und wenn 
wir von Gott angewiesen werden wohin wir gehen sollen, odor 
auch hier bleiben, so wollen wir seinem Willen folgen." 

Nachdom Hutter seinen Verfolgern ein Wehe zugerufen hat, 
weil diese dem Willen des grausamen Ferdinands Folge geleistet 
hatten und ihn und die Seinigen vertrieben, bittet er schliesslich 
es nicht übel zu deuten, dass er so geredet habe. 

Der König Ferdinand aber nahm diese Worte so Übel, dass 
er Hutter gefangen nehmen und ihn zu Insbruck 1535 verbrennen 
Hess. Eine feindliche Feder sagt darüber: „also kam dieser Jakob 
Hutter umb unter dem Dokmäntloin als ob es umb das Evangelium 
geschehen wäre, welches aber nit die Ursach was, sondern umb 
seines Scheltens Willen hat er müssen sterben." 

4 



50 

Trotz aller Verfolgung der Östreichischen Regierung lebten 
die Taufgesinnton in den Städten und unter dem Schutze einiger 
Edelleute auf deren Pachtgütern, Mühlen, Brauereien, in Mähren 
verhältnissmässig sicher. Die ersten schweizer Ankömmlinge hatten 
unter der religiösen Führung Doktor Hubmaiers gestanden, welcher 
auf den Gütern des Herrn von Lichtenstein in der Nähe von 
Nikolsburg Schutz gefunden hatte. König Ferdinand aber, als er 
von dort verborgenen Taufgesinnten hörte, hatte sogleich Mass- 
regeln zu ihrer Ausrottung ergriffen. Er liess sie durch ganz Mähren 
verfolgen, wie wir aus Hutters Brief gesehen haben, und es wäre 
wohl überhaupt kein Taufgesinnter übrig geblieben, wenn nicht 
mehrere Städte und adlige Gutsherren nach wie vor sich ihrer an- 
genommen und ihnen hoimlich Land und Wohnstätte vorliehen 
hätten, wesentlich beeinflusst durch den Vortheil, den sie aus der 
fleissigen Arbeit der Täufer in der Bebauung ihres Bodens zogen. 
Ueberall, wohin die stillen wehrlosen Christen kamen, lobten sie 
nach ihrer Gemeindeordnung und hielten ihre religiösen Zusammen- 
künfte im Geheimen und in aller Stille. 

Dieses Geheimhalten aber, wozu sie gezwungen waren, gab 
ihren Feinden Anlass, allerlei Schlechtes zu vermuthen und ihnen 
die ungeheuerlichsten Dinge nachzusagen, um so mehr, als sich 
allerorten auch Schwarmgeister zeigten, welche ebenfalls die Er- 
wachsenen tauften, und mit welchen man sie desshalb in eine 
Linie stellte. 

Die stillen Täufer oder wehrlosen Christon zogen sich desshalb 
so viel wie möglich von der Welt zurück und hielten sich von 
jeder bewaffneten Widersetzlichkeit fern. Dies stille Dulden aller 
obrigkeitlichen Massregeln, selbst dor unbilligsten, bildete einen 
wesentlichen Theil ihrer religiösen Ueberzeugung, und war ihnen 
von Manz und Grebel stets aufs eindringlichste ans Herz gelegt. 
Ihrer geistig gebildeten Führer beraubt, verfielen sie aber, wie 
schon erwähnt, hie und da in Extreme. So tadelte z. B. die 
Huttersche Partei es stark, dass der Herr von Lichtenstein ihret- 
wegen den Profoss des Königs mit Waffengewalt zurückwies. Doch 
diese auf die Spitze getriebene Ansicht fand später unter ihnen 
selbst Widerspruch und führte zu Trennungen. An der Spitze 
derer, welche die Wehrlosigkeit nach den Worten der heiligen 
Schrift, Rom. 12, vs. 19: „Rächet euch nicht, meine Lieben, sondern 



51 

gebt Raum dem Zorn", u. s. w., unbedingt durchführen wollten, 
stand Jakob Hutter. Diesen war gewiss jegliches Wort, welches 
das zwölfte Kapitel des Römerbriefes enthält, Massstab und 
Richtschnur. 

Hutter hatte seiner Gemeinde eine streng geordnete Ver- 
fassung gegeben: da er aber die Gütergemeinschaft der ersten 
apostolischen Gemeinde buchstäblich und ohne Yerständniss durch- 
fahrte, hatte sie sofort deu Todeskeim in sich*). 

Die schweizer Taufgesinnten fanden nach dem Tode Manz' 
und Grebels in Michael Sattler auf kurze Zeit einen würdigen 
Führer. Er war ein gelehrter Mann, war Mönch zu St. Peter im 
Schwarzwalde gewesen, dann ein Gesinnungsgenosse von Manz und 
Grebel geworden, und trat vollständig in ihre Fussstapfen. Mit 
Muth und Todesverachtung, heiligem Eifer und grosser Beredt- 
samkeit trat er für seine Sache ein und wirkte in Strassburg, am 
Oberrhein, in der Schweiz und in Hessen; bei seinen Gegnern sogar 
stand er in der grössten Achtung. Seiner Lehre wegen, dass die 
Kinder durch die Taufe als solche allein nicht selig würden, dass 
man nicht den Leib und das Blut Christi mit dem natürlichen 
Munde im Abendmahl empfange, dass man weder Krieg führen noch 
schwören dürfe, erlitt er den Märtyrertod. Am 21. März 1527 
wurde er zu Rothenburg am Neckar verbrannt. 

Wir wollen uns und dem Leser die Qual der Erzählung, wie 
dieser Mann zu Tode gemartert wurde, ersparen, und lieber mit- 
theilen, was seine Gegner über ihn als Nachruf kund werden Hessen. 
Bucer nennt ihn einen lieben Freund Gottes, wiewohl er ein Vor- 
nehmer im Taufordon gewesen sei. Capito schrieb am 31. Mai 1527 
an den Rath von Horb: obwohl Michael Sattler etwas Irrung im 
Wort gehabt und die Unterweisung der Prädikanten zu wenig be- 
herzigt, da er bei denen, welche Christen sein wollten, ein ärger- 
liches Leben befand, so habe er doch allemal einen trefflichen Eifer 
zur Ehre Gottes und der Gemeinde Christi bewiesen, von der er 
wollte, dass sie fromm, ehrbar, rein von Lastern, unanstössig und 



*) Zwei Gemeinden der Hutterschen Brüder, vielleicht die letzten, fanden 
sich Mitte dieses Jahrhunderts in Russland und hatten sich den dortigen 
Mennoniten angeschlossen. Vor einigen Jahren sind sie nach Amerika, und zwar 
nach Nebraska und Dakota, ausgewandert. 

4* 



\ 



s 



52 

den Draussenstehenden ein Vorbild zur Besserung durch gottseligen 
Wandel sein sollte, u. s. w. 

Ein schwerer Vorlust fürwahr war der Tod dieses Mannes 
für die Taufgosinnten, doch auch dieser führte nicht zu ihrem 
Untergange. Diejenigen, welche über die Grenze geflüchtet waren, 
fanden namentlich, wie bereits bemerkt, in Mähion Aufnahme. 
Sie schlössen sich hier den ihnen geistesverwandten „mährischen 
Brüdern", früheren Waldensern an, wolcho sich des Schutzes der 
Städte und der adligen Grundbesitzer erfreu ton. Luther redete sie 
in einem Briefe noch als Waldenser an. Sie waren durch ganz 
Deutschland bis zu don Küsten der Nord- und Ostsee verbreitet. 
Sie erwarben aller Orten, wohin sie kamen, viele Anhänger unter 
denen, die sich mit der Lehre Luthers und auch Zwingiis nicht 
vereinigen konnten. Die Existenz zahlreicher Taufgesinnten wird 
durch den Umstand bestätigt, dass z. B. in den Jahren 1555 und 
1557 zwei grosso Vorsammlungen von Abgeordneten taufgesinnter 
Gemeinden in Mähren, Schwaben, der Schwoiz, Würtemberg, der 
Pfalz und dem Elsass zu Strassburg abgehalten wurdon *). Einige 
von ihnen hatten, um zu diosor Versammlung zu kommen, einen 
Weg von 150 Meilen zurückgelegt. Einer war dabei, in dessen 
Hause vor dreissig Jahren ein Vertrag mit Michaol Sattler ge- 
schlossen worden war. Da das nun 1525, wo Sattler in dor 
Schweiz als Lehrer wirkte, geschehen war, so muss dieser 
Mann einer der geflüchteten Schweizor gewesen sein. Ein andrer 
war elf Mal gofoltert worden, und dennoch entkommen, während 
vielo seiner Glaubensgenossen im ßerner Gebiet getödtot worden 
waren. Da die Gemeinden der 50 Dolegirten, Aeltesten und Lehrer, 
die in Strassburg damals zusammen kamen**), ungefähr 600 Mit- 
glieder zähl ton, und dioso gewiss nicht allo aus schwoizer Flücht- 
lingen bestanden, so liegt die oben ausgesprochene Vormuthung 
nahe, dass die letztoren sich don bereits bestehenden Gemeinden 
d$r böhmischen und mährischen Brüdor, in alton Urkunden 
Waldensor genannt, angeschlossen haben. Dass die letzteren schon 
seit langem geordnete Gemeinden hatten, wird dadurch bestätigt, 



*) Siehe Ottius Annaleu; ten Cate, Geschiedenis der Doopsgeziuden; 
Hast, Geschichte der Wiedertäufer. 
**) Siehe ten Cate. 



53 

dass Luther sich 1522 mit ihnen in Beziehung setzte, und sie er- 
mahnte, beständig in der Wahrheit zu bleiben*). 

Ein 1523 in deutscher und böhmischor Sprache erschienener 
Katechismus der böhmischen Brüder**), in welchem unter anderm 
gelehrt wurde, man dürfe das Sakrament dos Abendmahls nicht 
anbeten, veranlasste Luther, cino Schrift***) herauszugeben mit 
dem Titel: „Eine kleine Schrift vom Anbeten des Sakraments des 
heiligen Leichnahms Jesu Christi an die Brüdor in Böhmen und 
Mähren, "Waldonsor genannt." In diosor hoisst es gleich Anfangs: 
„Es ist ein Büchloin von don Euorn deutsch und böhmisch aus- 
gegangen die jungen Kinder christlich zu unterrichten, in welchem 
unter andorn Stückon auch das ist: dass Christus im Sakrament 
nicht selbstständig, natürlich, auch dassolbo nicht anzubeten sei, 
welches uns Deutsche fast bewogt. Donn Euch ohne Zweifel 
bewusst ist, wio ich durch Euro Goschickten zu mir Euch bitten 
liessc, dass ihr diosen Artikel eigentlich klar macht durch ein 
sonderlich Büchlein. 11 Luther hatto auch an der übrigen Glaubens- 
lehre dieses Katechismus etwas auszusetzen. Die mährisch-böhmischen 
Brüdor orläuterton und vorthoidigton darauf in oinor Schrift f) ihre 
Ansicht und Glauben. Luthor beantwortete dieselbe nicht. Es ist 
sehr leicht möglich, dass Luthor sich diosen Katechismus zum 
Mustor genommon hat, da sein kleiner und grosser Katechismus 
erst 1529 erschion. 

Dass dio Waldonsor schon seit dem dreizehnten Jahrhundert 
einen Katechismus für den Jugendunterricht besassen, ist uns durch 
Paul Porrin in soinor Geschichte der Waldonsor im dritten Theil 
überliefert worden. Da ihnen nun durch die lango Anwesenheit 
in Böhmen und Mähren ihre Sprache abhanden kommen musste, 
so war os geboten Abhülfe zu schaffen, und so enstand vielleicht 
obiger Katechismus. 



*) Siehe Outhoff, Waarschuwinge, Seite 286. Gedruckt zu Emden 1723 
bei v. Senden, Buchhändler. 

**) Siehe Catechetische Geschichte der Waldenser, böhmischen Brüder 
u. a., von Joh. Christoph Koecher. Jena 1768. 

***) Siehe Jenaische Sammlung der Schriften Luthers, Theil II, S. 200. 
t) Siehe Ludwig Seckendorf, Historia Lutheranismi. I. Theil. p. 154, 
p. 276. 



54 

Die in der Schweiz zurückgebliebenen Täufer fanden vorerst 
in Folge der dortigen Zustände einigermassen Ruhe. Als nämlich 
durch die gegenseitigen Nörgeleien und Feindseligkeiten an den 
Grenzen der reformirten und katholischen Kantone die Stimmung 
auf beidon Seiton immer gereizter wurde, wozu der gemeinsame 
Besitz der der Schweiz unterthänigen Vogtoien noch das Seinigo 
beitrug, drang Zwingli auf Krieg, ohne welchen nach seiner Ansicht 
kein Friede zu erreichen war. Kr setzte dadurch nach der Ansicht 
Vieler nicht allein die Reformation, sondern auch die Eidgenossen- 
schaft aufs Spiel; man bat, ja flehte ihn von allen Seiten an, den 
Krieg zu hintertreiben. Er aber wollte lieber seine Stellung auf- 
geben, als nachgeben. 

Am 26. Juli 1531 trat er vor den grossen Rath und die 
stimmfähige Bürgerschaft mit einer ergreifenden Rede, in welcher 
er unter andorm sagte: — — — — 

„Regenten, Väter! So das euer Sinn ist und bleiben soll, 
so hedürft ihr keines Zwingli. Plagt euch nicht weiter mit ihm. 
Er hat bei ouch ausgedient. Gebt ihm seinen Abschied. Lasst ihn 
in Frieden mit den Seinon von dannon ziehen und anderwärts sein 
Brod suchen. Er wird dennoch ouor Fürbitter bleiben, aber zeit- 
lebens bedauern, dass ihm sein mit Gott unternommenes Werk 
unter ouch missglückt sei." 

Das wirkte. Alle fühlten, dass er ihnon unentbehrlich sei, dass 
sie ohne ihn wie Glieder ohne Haupt seien, und nach einiger Zeit 
tiefen Schwoigons riefen alle wie aus einem Mundo: „Er soll bleiben! 
da soi Gott vor, dass wir ihn ontlassen !" Nach dreitägiger Bedenk- 
zeit, während welcher man ihm die grösston Zusicherungen der 
Ergebenheit machte, orschien Zwingli vor dem Rath und vorsprach, 
dem Vatorlande und dem Work der Reformation seine Dienste bis 
zum letzton Augenblick zu widmen. 

Als nun nach dorn orston faulon Landfrieden, welcher am 
25. Juli zu Kappol goschlosson worden war, der zweite Religions- 
krieg mit den fünf Urkantonon ausbrach, und Zwingli, seinem 
gegebenen Worte treu, in diosom Kampfe seinen Tod fand, da trat 
sofort oino der Roformation gofahrdrohondo Reaktion gegen die 
Errungenschaften dos grossen Mannes ein. 

Der Krieg war von Seiton der Reformirten ohne rechten 
Kriegseifor, den eigentlich nur Zwingli und die Anführer hatten, 



55 

angefangoo, während die katholischen Kantone, durch die Frucht- 
sperre zur Verzweiflung gebracht, durch Zwingiis Gewaltmassregeln 
von der neuen Lohro abgeschreckt und durch den vom Papste 
Pensionen beziehenden Adel angefeuert, für den alten Glauben 
alles einzusetzen bereit waren, und, durch die eigne Anhänglichkeit 
an demselbon gestärkt, für ihr Leben und ihron Glauben zugleich 
kämpften. Der Ausgang konnte da nicht zweifelhaft sein. 

Gross war die Freude im katholischon Lager, als Zwingli 
gefallon war. Karl V. schrieb einen Glückwunsch an die Sieger, 
als er von seinem Bruder König Ferdinand nach Brüssel die 
Nachricht erhielt: „der grosse Ketzer ist gefallen". Selbst Luther 
stand nicht an, seiner Freude darübor, dass das Strafgericht über 
Zwingli gekommen sei, Ausdruck zu geben. 

Die schmähliche Niederlage der Roformirton hatte zur Folge, 
dass viele lau wurden gegen den neuen Glauben. Mykonius schrieb 
z. B. an einen Freund: „Es fehlt den Zürichern nichts als die 
Gelegenheit, zur alton Kirche zurückzukehren, sie fürchten nur 
das Volk ein wenig, der Rath ist gewonnen." — 

Die Täufer hatten don Katholiken gegenüber sich freundlich 
verhalten; was sio für sich vorlangten, Freiheit in Glaubenssachen, 
verkürzten sie auch anderen nicht, und da sio sich an keinem 
Kriege bethoiligten, so waron sie bislang in der Schweiz von 
katholischer Seite selten angefeindet worden. 

Andererseits hatten sie in Folge der gedrückten Stimmung, 
welche seit dem Kriege bei den Reform irten eingetreten war, auch 
von dieser Seite vorerst einige Ruhe, bis zu der Zeit nämlich, wo 
durch die gewaltige Faust Calvins der reformirto Kirchenstaat wieder 
zu neuer Kraft gelangte. Und so wollen wir vorerst die Geschichte 
der Taufgesinnton in der Schweiz ruhen lassen, um den Faden 
später wieder aufzunehmen, jodoch "nicht, ohne vorher dem feuer- 
eifrigen Reformator, Ulrich Zwingli, don Tribut der Ehre gezollt 
zu haben. 



Zweite Abtheilung. 

Die Anfänge der Mennoniten gemeinden in den Niederlanden. 

Wie am Fusso der Alpen und in der Mitte Deutschlands, so 
brach auch in den Niederlanden die roformatorische Bewegung hervor. 

Die Brüder dos gomeinsamon Lebens, zu denen auch Thomas 
ä Kompis, sowio Johann Wossol und Erasmus gehörton, hatten den 
Boden dazu vorbereitet Die wachsende Erkonntniss dor Fäulniss 
der Kirche brachte auch hier viele Christen zu dor Ueberzeugung, 
dass man zu der Gemeindebildung dor apostolischen Zeit zurück- 
kehren müsse. 

Don nouen Wein in noue Schläuche! war dio Losung. 
Ueborall waron os dio Schriften Luthers, welche der Bewegung 
zum Durchbruch vorhalfon, hior in don Niederlanden sowohl, wie 
in Deutschland und dor Schweiz. Wio seine Thesen und sonstigen 
Streitschriften, so auch durcheilto namentlich soine Bibelübersetzung 
in unglaublich kurzer Zeit dio Lando, sodass man von ihr sagen konnte: 

Alao fort, läuft Gottes Wort, 
Schneller als der Wolken Heere, 
Als der Strom der Meere. 
Durch der Erde Weiten 
Muss es sich verbreiten, 
Segnend als ein Licht. 
Bis des Herrn Erkenntniss, 
Seines Heils Verständnis* 
Durch die Seeleu bricht. 

Schneller als anderwärts musste namentlich ihre Verbreitung 
in den Niederlanden wogen der Mongo dor grössoron Städto und 
Dörfer, wegon der dichteren und gobildoton Bevölkerung und wegen 
der besseren Kommunikationsmittel vor sich gohon. Dio lotzteron 
selbst gaben dio beste Gelegenheit, soleho wichtige Dinge zu be- 
sprochen, indem in den geräumigen bequemen Schiffen, welche die 



57 

Roisenden auf den vielen Kanälen beförderten, fortwährend zahl- 
reiche Menschen zusammentrafen und ungestört Zeit und Gelegen* 
heit zum Gespräch fanden. Von 1523 bis 1531 erschienen in den 
Niederlanden mehr als 25 Ausgaben der Bibel, meist aus dem 
Deutschen der Lutherbibel insNiederländische übertragen; namentlich 
waren die Taufgesinnten seit 1557 dabei thätig. Die erste von 
Biestkens (van Diost) erschion zu Emden 1560 und wurde bis 1723 
in fast hundert Ausgaben allerlei Formats vorbreitet*). Nach allen 
Anzeichen ist os wahrscheinlich, dass geflüchtete Schweizer, Deutsche 
und Waldonsor im Stillen in den Niederlanden schon reformatorische 
Ideen ausgestreut hatten, und dass diese nun, in Folge der Schriften 
Luthers, zu Tage traton. Zu Endo dos 15. Jahrhunderts lobten 
in Flandern schon waldensischo Flüchtlinge. Dioso wurden hier 
Turlupins, auch Piflos genannt, in Deutschland Grubenhoimor, weil 
sie sich oft in don Höhlen der Wälder vorstecken musston, wo 
sie sich bei don wildon Thieren sicherer fühlton als bei ihren 
Mitmenschen drausson. Auch hiosson sie in Flandorn und Brabant 
nebenbei oft Tissorands (Wober), Sie waren streng von Sitten, 
wohl thätig gogen alle Menschen, und kannten keine Rachsucht. 
Viele vereinigten sich mit don etwas später auftretenden hollän- 
dischen Taufgesinnton, die dadurch nicht wenig gekräftigt wurden. 
Die heutigen Taufgesinnten der Niederlande sind demnach wahr- 
scheinlich zum Theil waldonsischen Ursprungs. 

Als Luthers Schrifton in den Niederlanden die Geistor wach 
riefen und befruchteten, rüttolte, wie bereits gesagt, wohl noch 
niemand an der Taufe, wie die katholische Kirche sie übte. Die 
Leute wandten dem Papstthum den Rücken, ohne sich grade voll- 
ständig von der alten Kircho loszusagen, und alle, welche diesor 
Bewegung folgten, wurden Lutheraner genannt, ohne dass sie gerade 
eine lutherische Kirchenbildung bewerkstelligt hätten. 

1521 und 1522 wurdon Luthers Schriften verboten, wer sio 
besass, mussto sie innorhalb drei Tagen abliefern, damit sie ver- 
brannt würden. Indessen wurde damit die Bewegung nicht auf- 
gehalten; dio Kirchen leerton sich, die Sakramente wurden ver- 
nachlässigt, die Kinder nicht getauft, Mönche und Nonnen fingen 
an den Klöstern zu entlaufen, und die Geistlichon zeigten gar oft 



*) Siehe teil Cate und Jahrbuch von Professor Müller, Jahrgang 1837. 



1/ 



58 

eine verdächtige Gleichgültigkeit Durch Verordnungen der Re- 
gierung Kaiser Karls V. wurde densolben indessen eingeschärft, 
auf die Bevölkerung acht zu geben und die im Gottesdienst Saum- 
seligen zu strafen. 

Das Studium der Bibel hatte wie in der Schweiz so auch in 
den Niederlanden alsbald zur Folge, dass man forschte, ob die 
Taufe, wie die katholische Kirche sie übto, den Vorschriften des 
Evangeliums gemäss sei, und schon früh traten täuferische Be- 
wegungen hervor. Es sei übrigens dahingestellt, ob sie durch 
flandrische oder deutsche und schweizer flüchtige Täufer, oder durch 
eigne Schriftforschung zuerst veranlasst wurden. Vielleicht wirkte 
alles das zusammen. Dass Fühlung zwischen den schweizer und 
niederländischen Gesinnungsgenossen bestand, ist erwiesen, denn 
es findet sich ein Brief von den schweizer Taufgesinnton an die 
niederländischen vom Jahre 1522. Auch ist erwiesen, dass in den 
Jahren 1520 bis 1530 bereits schweizer Flüchtlinge in Amsterdam 
anwesend waren. Auch die Waldonser, welche namentlich in 
Brabant und Flandern in aller Stillo ihres Glaubens gelebt hatten, 
traten nun an die Ooffontlichkeit, und in den nördlichen Provinzen 
machte der Einfluss Molchior Hoffmanns*) sich geltend. So kam 
es denn, dass die roformatoriscbo Bewegung in den Niederlanden 
bald ein wesentlich taufgesinntes Gepräge trug. Je deutlicher dies 
aber hervortrat, desto stärker brach auch die Verfolgung los, am 
stärksten anfangs in Flandern und Wostfriesland, nachdem man 
die bis 1530 Lutheraner genannten Ketzer als Anabaptisten erkannte. 
Im Jahre 1531 wurde durch den Provinzial -Gerichtshof von Fries- 
land öffentlich bekannt gemacht, dass Sicke Frerichs, ein anerkannt 
ehrlicher und achtungswerther Mann, mit dem Schwert hin- 
gorichtot werden solle, weil er sich aufs neue hätte taufen lassen. 
Wohl waren schon viele Kotzor getödtet, vorbannt und ihrer Güter 
beraubt worden wegen ihrer lutherischen Häresie, aber wegen der 
Wiodertaufe bis dahin in Friosland wohl noch keiner; in den 
anderen Provinzen freilich wohl schon. Wio ein Blitz schlug diese 
Kunde in die ohnehin schon aufgeregten Gomüther, und alsbald 
trat in Westfriesland ein Geistlicher öffentlich für die Taufe der 
Erwachsenen auf. Dieser, Menno Simonis genannt, war seit 1516 



*) Siehe Beilage I, Melchior Hoffmanu. 



59 

Priester in dem westfriesischen Dorfe Pingjum. Er verrichtete 
seine Amtshandlungen, wie die Kirche sie ihm vorschrieb, gedanken- 
los, und lebte dabei seinen Neigungen und Lüsten wie die Meisten 
seines Standes, die, wie er, die Bibel kaum dem Namen nach 
kannten. Er war geboren in dem naheliegenden Dorfe Witmarsum 
und wahrscheinlich der Sohn eines Bauern. Näheres ist über seine 
Herkunft nicht bekannt. Yon genanntem Jahre an kennen wir 
aber durch seine Schrift „Mein Ausgang aus dem Papstthum u den 
innern psychologischen Vorgang, welcher ihn dahin brachte sich 
den Taufgesinnten anzuschliessen. In seinem achtundzwanzigsten 
Jahre, sagt er, habe er sich in der Pfaffen Dienst begeben. Es 
ist dies ein Ausdruck, welcher darauf hindeutet, dass or sich seiner 
Stellung als angehender Priester der Kirche, wie wohl viele seines 
Standes, nicht bewusst geworden war, vielmehr die Amtsbandlungen 
gleichsam handwerksmässig von Priestern, denen sie in gleicher 
Weise wahrscheinlich eingeprägt waren, gelernt hatte, sonst würde 
er doch wenigstens gesagt haben: „in den Dienst der Kirche". 
Er muss indossen vorher eine für die damalige Zeit ungewöhnliche 
Bildung genossen haben, weil er der lateinischen Spracho_voll- 7 ") 
kommen mächtig war und diese sowie die niederländische fliessend 
schrieb. Sein vorgesetzter Pastor, ein nicht ungelehrter Mann, 
hatte die Bibel zum Theil gelesen, der ihm untergeordnete Priester 
ebenfalls, Menno selbst aber hatte sie nie in Händen gehabt. Im 
dritten Jahre seines Amtes, als er eines Tages die Messhandlung 
vornahm, stieg plötzlich der Gedanke in ihm auf, was er in Händen 
halte, könne des Herrn Fleisch und Blut nicht sein. Ob dieser 
Gedanke durch das an sein Ohr schlagende gewaltige Wogen dor 
Zeit gewockt wurde, oder unmittelbar seinem eignen Innern wie 
durch göttliche Regung entspross, oder ob beides zusammentraf, 
wer kann es sagen? Er aber glaubte anfangs, es seien Ein- 
flüsterungen des Teufels, seufzte, betete, beichtete, doch seine 
Zweifel wurden nicht gestillt. Nun suchte er im Yoroin mit soinen 
Mitpriestern sich durch Trinken, Spielen und in Gesellschaft 
andrer zu beschwichtigen, „wie solcher Leute Art und Manier ist", 
sagt er. 

Er versuchte zwar auch oft sich mit ihnen über religiöse 
Fragen zu unterhalten, da es ihm aber gänzlich an Kenntnissen 
über diese Punkte gebrach, so erntete er nur Spott und Hohn. 



60 

Das aber spornte ihn an selbst die Schrift zu untersuchen, und 
kaum hatte er sich darin vertioft, als ihm die Entfernung der 
Kirche von dem Boden des Evangeliums deutlich wurde und seine 
Zweifel von ihm wichen. Dazu kamen ihm Luthers Schriften in 
die Hände, ein Beweis, dass or schon mit Leuten in Berührung 
getreten war, welche sie bosassen. Luthers gewaltige kühne Worte 
bekundeten dessen innere Sicherheit, sie verkündeten ihm, dass 
Menschengobote nicht die Macht hätten den Menschen den ewigon 
Strafen Preis zu geben noch ihn davon zu erlösen, er gewann 
den Muth seine oigene neu gewonnene Ansicht fest zu halten und 
zu vortroten. Von Tag zu Tage wurde es durch immer anhaltendes 
Studium dor Schrift lichter in ihm, und bald suchte man allseitig 
soine Ansichton zu höron und soinon Rath zu erhalten. Von einer 
Erneuerung dor Taufe aber hatto Menno Simoiys solbst bis dahin 
nichts gehört, üborhaupt war die Aufmorksamkoit in den Nieder- 
landen noch nicht öffentlich darauf gerichtet worden. Die schon 
erwähnto Hinrichtung des Sicke Frorichs in der Stadt Loouwardon 
aber brachte Menno auch über die Taufe, wie dio Kirche sie lehrte 
und übte, zu tiefem Nachdenken, und veranlasste ihn zu Unter- 
suchungen in der heiligon Schrift wogen derselben. Er besprach 
sich mit soinom vorgesetzten Pastor darüber, der ihm auch gestand, 
dass or über die Kindertaufe keine Nachwoisung in dem Evangelium 
finden könne. Menno schoint also von diesor Soite keine Gefahr 
godroht zu haben, wegen seiner selbständigen Meinungon angezeigt 
zu wordon. Seinem eignen Urthoil misstrauend, zog or die Ansicht 
andorer namhaftor Männer zu Ratho, ob direkt oder vermittelst 
des Studiums ihrer Schriften allein, ist unbekannt. Dass Luther 
mit den Niederländern in Briefwechsel gostanden hat, orhellt aus 
dor Nachricht, dass or schon im Jahre 1523 einen Brief schrieb 
„An alle Brüder in Holland, Brabant und Flandern"; und wie sehr 
die Schriften dor andern Reformatoren in den Niederlanden schon 
verbreitet waren, geht aus dem Umstände hervor, dass die Re- 
gierung im Jahre 1526 oin Plakat orlioss, welchos also anfängt: 
„Da es zu unsror Kenntniss gekommen ist, dass vielo unsror Untor- 
thanen die Schriften Luthers zu Hause haben und sie lcson, so 
verordnen wir hiedurch, dass nioinand, wer es auch sei, geistlich 
oder weltlich, die Bücher von Luther, Pomorani, Karlstadt, 
Melanchthon, Oecolampad, Franzisko Lamborti, Jona und andern, 



61 

-welche mit Luther eines Sinnes sind in Betreff der heiligen Schrift, 
in Latein oder Deutsch, lese, verkaufe oder ihren Meinungen 
heimlich und öffentlich beistimme. Alle diese Bücher sollen binnen 
drei Tagen abgeliefert werden, damit sio verbrannt werden." Wie 
wenig obiges Plakat gewirkt hatte, sehen wir daran, dass Menno 
sich durchaus nicht stören liess und von seinen Mitpriestern auch 
nicht gestört wurde, die verbotenen Schriften zu lesen, und eifrig, 
namentlich auch in Betreff der Taufe, zu forschen. „Diese Männer 
lehrten mich", sagt er, „dass vermittelst derselben die Kinder von 
der Erbsünde rein gewaschen würden. Ich prüfte es an der Schrift 
und fand, dass solche Lehre gegen Christi Blut sei. Nachher ging 
ich zu Lutherus, der belehrte mich, dass man die Kinder auf ihren 
eignen Glauben taufen solle. Auch hier sah ich, dass es mit 
Gottes Wort nicht übereinstimme. In dritter Stelle ging ich zu 
Bucerus, dieser lehrte mich, dass man die Kinder deshalb taufen 
solle, damit man sie um so sorgfältiger wahrnehme. Auch hier 
fand ich für die Kindortaufe keinen Grund. Bullingerus, als der 
Vierte, verwies mich auf die Beschneidung des alten Bundes. Ich 
fand gleichfalls, dass diose Moinung dor Schrift gegenüber nicht 
haltbar sei." Als Menno sah, dass die verschiedenen Reformatoren 
übor diesen Punkt so wonig übereinstimmten, wurde es ihm klar, 
dass keiner von ihnen die Taufe so aufgofasst habe, wie sie von 
Christus eingesetzt und verordnet und von den Aposteln ausgeübt 
worden sei. 

Trotzdem die gewonnone Erkenntniss, dass die Lehren und 
Satzungen der katholischen Kirche nicht schriftgemäss seien, ihn 
stark beunruhigte und quälte, sagte er sich dennoch vorerst nicht 
von der Kirche los, sondern nahm sogar noch eine andere Stelle 
in seinem Geburtsdorfo Witmarsum an, und zwar der bessern 
Stellung und dor Ehro wogen, wie er sagte. Seine theologischen 
Untersuchungen hatten mehr seinen Verstand beschäftigt, als sein 
Inneres gereinigt, so dass or sich nach wie vor von soinen Neigungen 
leiten liess. Allmählig aber wurdo es Licht in ihm und er er- 
kannte, dass man den Glauben an Christus durch die That bezeugen 
müsse, solle es auch das Leben kosten. Furcht im Hinblick auf 
die Gefahr, welche allen drohte die ketzerische Gedanken laut 
werden Hessen, hatte Menno bisher abgehalten für soine Ansichten 
öffentlich aufzutreten, denn die Plakate Kaiser Karls waren immor 



62 

schärfer geworden, und aus Flandern, wo die Verfolgung durch 
besonders angestellte Ketzersucher geleitet wurde, flüchteten Viele 
nach Friesland, so dass in einem Edikt von 1533 besonders ein- 
geschärft wurde, man solle daselbst auf Luthers Anhänger, Land- 
läufer und Bettler acht haben. Die Flüchtlinge konnten in Wirk- 
lichkeit Bettler genannt werden, weil viele von ihnen nichts von 
ihrem Hab und Out gerettet hatten und auf die Hülfe ihrer Glaubens- 
genossen gänzlich angewiesen waren. Trotz der Hinrichtung Sicke 
Frerichs' wegen der Neutaufe griff die täuforische Bewegung in 
Westfriesland immer mehr um sich, wie es scheint, durch den 
Einfluss eingewanderter Täufer, denn Menno sagt: „ein Jahr später 
geschah es, dass Etliche mit dor Taufe der Erwachsenen herein- 
brachen, von wo aber die ersten, welche damit anfingen, her- 
gekommen sind, ist mir nicht bekannt, ich habe sie auch mein 
Lebtage nicht gesehen/' Es wurde nun auf diese mit dem Namen 
Wiedertäufer bezeichneten Ketzer ganz besonders gefahndet, die 
Plakate gegen sie wurden jedes halbo Jahr ernouert. Auch wurde 
noch verboten, Männer sowohl wie Frauen, welche sich aus den 
Klöstern entfernt hätten, zu beherbergen oder ihnen behülflich zu 
sein, die heilige Schrift zu lesen oder Versammlungen abzuhalten. 
Da sich gerade um diese Zeit die aufrührerischen Anabaptisten 
aller Orten zeigten und mit Waffengewalt den Staat bedrohten, 
um sich der Herrschaft zu bemächtigen, wie es in Westfalen bereits 
der Fall war, so war es geboten mit äusserstor Strenge gegen sie 
vorzugehen, und Hessen es die Umstände und die Furcht vor ihrer 
grossen Anzahl nicht zu, sorgfältig zu untersuchen, und die guten 
Elemente, welche keineswegs staatsgefährliche Absichten hegten, 
sondern allein auf ihr eignes Soelenheil bedacht waren, von den 
Aufrührerischen zu unterscheiden. So wurde schon damals mit 
Schuldigen und Unschuldigen in gleicher Weise verfahren, um so 
mehr, wenn die Habsucht dazu die Hand lieh. So wurde 1535 
ein allgemein geachteter Mann, Namens Andreas Ciaassen, ent- 
hauptet, weil er sich aufs neue hatte taufen lassen. Wäre er 
arm gewesen, dann hätte man ihn vielleicht nicht beachtet, aber 
die Oeldgier war eine mächtige Triebfeder für die Ketzersucher, 
und Glaassen hatte viele Besitzthümer. Seine Frau, eine Adlige 
von Oeburt, irrte nun mit ihren sieben vaterlosen Kindern, aller 
Oüter beraubt, umher, bis sie von Olaubensgenossen mit Oefahr 



63 

des Lebens aufgenommen und versorgt wurde. Angesichts solcher 
Gefahren zögerte Menno, offenkundig für seine Sache aufzutreten. 
Bald aber kamen Umstände, die seinem Muth und seiner Kraft 
zum Durchbruch verhalfen; es zeigton sich nämlich Anhänger der 
Schwarmgeister, des Johann Matthys und des Johann Bockeissohn, 
letzterer ein Schneider aus Leiden, die in Münster ihr Wesen 
trieben, nun auch in Friesland in Mennos nächster Nähe. Sie ver- 
leiteten viele, selbst Mennos eigenen Bruder, und brachten das 
reine Christenthum, wie Menno und die stillen Taufgesinnten es 
auffassten, in Gefahr. 

Er suchte nach Kräften auf diese Schwärmer einzuwirken, 
begab sich persönlich zu ihrem Anführer Theodor Kuyper, einem 
Buchbinder, und disputirte einmal insgeheim und ein anderes Mal 
öffentlich mit demselben, so dass man von ihm sagte, er könne 
diesen Leuten den Mund fein stopfen. In Zeiten wie die damalige, 
wo das Blut so vieler unschuldigen Monschen in Strömen floss, 
weil sie das Heil ihrer Seele, das sie in dor Kirche nicht mehr 
fanden, auf eigenon Wogen suchten, bildon sich stets schwärmerische 
Richtungen aus, das ist nicht zum Verwundern. Die am besten 
gestellten Mitglieder der Taufgosinnten, zugleich auch die einsichts- 
vollsten, waren aus dem Lande geflüchtet, die ärmere Menge der 
Zurückgebliebenen war ohne feste Führung, verfolgt und ver- 
zweifelnd, leicht geneigt, exaltirenden Einflüssen, namentlich wenn 
sie mit Berufung auf die heilige Schrift an sie herantraten, Gehör 
zu geben und sich zu Thaten der Verzweiflung gegen ihre blut- 
gierigen Feinde entflammen zu lassen. Hierzu war die Offenbarung 
Johannis mit ihrem sie durchziehenden jüdischen Rachegeiste und 
ihrer Hindeutung auf künftigen Sieg ganz besonders geeignet. 
Aus den tiefern Schichten der Gesellschaft erhoben sich Führor 
mit Berufung auf sie, die sich und ihre Anhänger als die heilige 
Partei, dazu berufen die Welt zu regieren, erklärten. Diese Leute 
glaubten die Stimme vom Himmel zu hören (Offenb. Joh. 18, 4): 
„Gehet aus von ihr, mein Volk, dass ihr nicht theilhaftig werdet 
ihrer Sünden, welche bis an den Himmel reichen, Gott denkt an 
ihren Frevel." 

„Bezahlet ihr wie sie euch bezahlt hat, und macht es ihr 
zwiefiUtig nach ihren Werken, und mit welchem Kelch sie euch 
eingeschenkt hat, schenkt ihr wieder ein. u 



64 

Je tiefer nun die Bewegung in die untersten Schichten drang, 
desto mehr unreine Elemente mischten sich hinein. Aufruhr und 
Rebellion traten auf die Bildflächo, so dass die bewaffnete Macht 
aufgeboton werden musste. Am 28. Februar des Jahres 1535 hatte 
eine so vorfolgte Schaar, 300 Mann mit Weib und Kind, in einem 
Kloster in der Nähe von Witmarsum, dem Wohnorte Mennos, sich 
verschanzt. Nach mehreren Tagen tapferer Gegenwehr wurdo sie 
von den Soldaten des Statthalters von Friesland überwältigt. Die 
Meiston waren im Kampfe gefallen, die Uebrigen wurden hin- 
gerichtet, die Männer geköpft, die Frauen ertränkt, und nur Wenige 
als Verführte freigelassen. Mennos Bruder war unter den Ge- 
tödteton. Dieses furchtbare Endo so vieler irre geleiteten Seelen 
Hess Menno nicht ruhen, das Blut dieser Unglücklichen lastete wie 
eine Schuld auf seiner Seele. Sie hatten, wenn sie auch einer 
irrigen Lehre folgton, doch ihr Leben für ihre Ueberzeugung 
gelassen, und er, der auch das Seinige dazu beigetragen hatte die 
Schuld der Kirche aufzudecken, der auch den Glauben an sie ver- 
loren hatte, blieb noch immer in ihrem Dienst, weil er das sichoro 
und bequeme Leben nicht aufgeben mochte, und sich scheute das 
Kreuz auf sich zu nehmen welches seiner wartete. Dieser Gedanke 
verfolgte ihn von nun an Tag und Nacht, so dass er ihn nicht 
länger ertragen konnte. „Ich dachte bei mir," sagt er, „ich elender 
Mensch, was thue ich, wenn ich bei diesem Wesen bleibe und des 
Herrn Wort und meine empfangene Erkenntniss nicht durch mein 
Leben wahr mache! Wenn ich die unwissenden verirrten Schafe, 
die so gerne das Rechte thun würden, nicht zur wahren Weide 
Christi, so viel an mir ist, führe: wie wird dann das im Irrthum 
vergossene Blut gegen mich auftreten im Gericht des allmächtigen 
Gottes! Das Herz im Leibe zitterte mir bei dieser Selbstschau. 
Ich flehte zu Gott um Gnade und Vergebung für meine Ueber- 
tretungen, und bat den Allmächtigen, er möge mir ein reines 
Horz schaffon, mich mit Freimüthigkeit und männlicher Kraft be- 
schenken, damit ich sein heiliges Wort unverfälscht predigen könne." 
Von diesem Augenblick dor tiefsten Einkehr in sich selber und 
des höchsten Aufschwungs zu Gott an war or ausgerüstet mit 
unerschrockenem Muth, mit heiligem Feuer, mit dor wahren Kraft 
aus dem Evangelium und unzerstörbarer Ausdauer bis zum Tode. 

Von nun an zeugte er vom Predigtstuhl gegen alle Abweichung 



i 



65 

nach rechts und links. Zunächst waren os diu münstorschcn 
Ausartungen religiösor Schwärmerei, die alles was die Sinne 
bethörto, unter dorn Mantel der Roligion in ihren Dienst nahmen, 
gegen welche er öffentlich durch Wort und Schrift auftrat. In 
einer Schrift, worin or kräftig gegen Johann von Leiden zeugte, sagte 
er schliesslich, dass zur Zeit Jesu auch viele falsche Propheten 
ihr Wesen getrieben hätten, z. B. Theudas und Judas Oaliläus, 
die elend zu Schanden geworden wären, und dass es ihm auch so 
gehen wordo. 

Im Jahre 1536 sagte Menno sich öffentlich von der katholischen 
Kircho los, und vcrtauschto sein sorgenfroios Loben mit Armuth 
und Elend. Er lobte in Gottesfurcht, suchto nach Gottesfurcht igen, 
und fand durch dieso völlige Hingabo an seine Sache Ruhe und 
Frioden in seiner Soolo. 

Nachdem er ein Jahr so zugebracht und sich wahrscheinlich 
durch Arbeit solbst ernährt hatte, traton eines Tages einige Männer 
bei ihm ein. Es waren Taufgosinnte, die von domsolben Abscheu 
wio er gegon die aller Orton auftretenden Schwarmgeister ergriffen 
waren, und die Nothwondigkoit erkannt hatten, dass ein tüchtiger 
Mann diosen gegenüber den suchonden frommon Soolen im Volke 
ein Führer und Loiter werde. Dazu hatten sio nun Monno aus- 
ersohon. Flohontlich baten sio ihn, er möge doch den schweren 
Jammer und dio Noth der Zeit behorzigon und sich der bedrängten 
Leute annehmen, da so wonigo getreuo Arbeiter seien, und os 
seine Pflicht sei das ihm vorlioheno Pfund gewinnreich anzulegen. 

Das Herz wurdo Monno schwor bei diosem Ansinnen, denn 
er setzte Miss trauen in seine Fähigkeiten und war sich seiner an- 
geborenen Blödigkeit bowusst. Er fühlte sich don Spitzfindigkeiten 
und don Klügeleien der Gelehrten, denen or gogonübor zu treten 
haben würdo, so wenig gewachsen wio don Gowaltmassregeln der 
Regierung, aber dio grosse Noth ohno Hirten vorlassenor, irrender 
und suchender Soolen bestimmto ihn endlich, don an ihn ge- 
richteten Bitten nachzugeben. Doch bedang er sich aus, dass man 
beiderseitig zuvor noch eino Zeitlang im Aufblick zu Gott übor 
dio Sache nachdenkon solle. Soien sio dann insgesammt überzeugt, 
es sei Gottes Wille, und müsse er selbst sich dann mit dem Apostel 
Paulus sagen: „weho mir, wenn ich das Evangelium nicht predige", 
dann wolle er den Dienst unter ihnen antreten. Auf diese Weise 



66 

wurde Menno der Mittel- und Anhaltpunkt solcher Seelen, welche, 
wie er sagt, „im Gehorsam Christi bereit standen ein Loben in 
der Furcht Gottes zu führen, die ihren Nächsten in Liebo dienton, 
ihr Kreuz willig trugen, aller Menschen Wohlfahrt und Heil 
suchton, Gerechtigkeit und Wahrheit liebten und Ungerechtigkeit 
flohen." Von nun an stand er fest wie ein Fels in der hin- und 
herfluthendon Bewegung der Zeit und schaute mit sichorm Blick 
um sich. 

Eine Schaar heilsbedürftigor Menschen sammelte sich allmählig 
um ihn, welche sich, um ihren Glauben und ihr neues Leben zu 
besiegeln, taufen Hessen. 

Menno begann nun furchtlos zu lehren, auch Hess er ab und 
zu ermahnende Sendschreiben und auch Schriften, in welchen er 
die Kirche und das Vorhalten des Klerus auf Grund des Evangeliums 
in überzeugender Weise bolouchtoto, in die Welt hinausgehen. 
Er legte darin u. A. soino Auffassung dor Taufe und des Abend- 
mahls dar, und begründete sie mit dem Evangelium und mit der 
Ausübung jener Handlungen in den orsten christlichen Gemeinden 
nach don Berichten dor Apostel und Kirchenväter. 

Der Angel- und Kernpunkt in diesen Schriften, welche in 
Form und Ausdrucksweiso der damaligen Zeit gemäss sind, ist 
zugleich dor eigontlicho Mittelpunkt des Christonthums, um welchen 
sich alle andoron Anschauungen bis zur äussorston Peripherie 
gruppiron, nämlich die Umwandlung der Herrschaft dor Natur in 
die Herrschaft des Geistes durch den Glaubon an Gott und seinen 
Gesalbton Jesus Christus. 

Namentlich in seinor Schrift „Die neue Kreatur" weist Menno 
auf die Notwendigkeit dor neuen Geburt hin, nicht in methodistischer 
Weise, sondern als Entwickelungsprozoss von innen heraus. Er 
sagt z. B., alle diejenigen, welche von neuem aus Gott geboren 
sind, bildon ihr schwaches Loben nach dem Evangelium und 
suchen dorn Vorbilde Christi nachzu wandeln; „haer herten bosnijden 
zij mot dos heoron woord", — „zij strijdon naar binnen on naar buiten, 
on nisten niet in don strijd tegon de wereld en haar eigen vloosch" 
(„ihre Horzen beschneiden sio mit dos Herrn Wort, sie streiten 
nach innen und nach aussen, und ruhen nicht im Kampf gogen 
die Welt und ihr eigenes Hera"). „Einige sagen zwar," heisst es 
forner, „unser Glaube ist, dass Christus Gottes Sohn und sein Wort 



67 

wahrhaftig ist, und dass er uns mit seinem Bluto erkauft hat. 
Darauf sage ich: warum thut ihr denn nicht, wie euch sein Wort 
geboten hat, donn dor Glaubo und seine Frtlchte müssen bei- 
sammen stehen," und weiter: „Wir müssen von oben geboren 
werden und aus der bösen Natur Adams in Christi gute Art vor- 
setzt werden, aus welcher ein neues Lebon folgt," und an einer 
andern Stolle : „Das armo unwissende Volk wird durch die äusseren 
Werke und Uebungen vergebens getröstot. Ein jodor lasse sich 
warnen, dass er nicht länger darauf vertraue, dass or oin getaufter 
Christ sei, nicht auf dio lange Gewohnheit dor Zoiten, noch auf 
des Papstes Dokroto, noch auf kaisorlicho Plakate, noch auf die 
Klugheit der Golehrton, noch aufConcilion und monschlicho Wois- 
heit. Hier will ich hervortreten lassen alle grossmächtigo Herren, 
Päpste, Kardinäle und Bischöfe, können sie mit irgend einem Worte 
in der Bibel beweisen, ich sage aus dor Bibol, denn Menschen- 
faboln glauben wir nicht, dass oin widerspenstiger, fleischlich ge- 
sinnter Mensch ohne dio nouo Geburt aus Gottes Geist selig 
geworden ist, odor selig werdon kann, blos weil er sich seines 
Glaubens an Christus rühmt, oder Mosson hört, oder zur Kirche 
geht, oder Wallfahrton macht, so müssen wir ihnen weichen." 

„Uns ist oin Concilium gemacht im Himmel, auf welches wir 
allein hören und dorn wir allein folgon müssen. Dies Concilium 
stoht, es steht, sage ich ouch, und wird nicht von den Pforton dor 
Höllo umgostosson worden owiglieh." In dieser und ähnlicher 
Woiso wios Menno auf dio Nothwondigkoit dor neuen Goburt aus 
dem Geiste hin als einzigem Wog zur sittlichen Froiheit, wolche 
aus dem ächten Glauben an Gottes Wort durch Christus hervor- 
geht, und an ihn gobundon ist, sowie an das oigeno Gewissen, 
welches diesem zustimmen muss. Eino Erneuerung von innen 
heraus erachtete Menno als den einzigen richtigen Weg für den 
Einzelnen, und somit für dio Gemeinde Christi, im Gegensatz zu 
Calvin, wolcher in Genf durch die Macht seiner Persönlichkeit wie 
ein zweiter Mosos von aussen durch Gesotzo und durch die 
härtesten Strafon die Ausschreitungen dor verwilderten Bevölkerung 
erstickte, und zugleich dadurch jode Fröhlichkeit verbannte, sodass 
eine puritanische Strenge allor Orten das Gepräge der calvinistischen 
Kirchenbildung wurde. In Folgo dor plötzlichen ungewohnten 
Freiheit nach der Jahrhunderte langen Knechtschaft unter der 

5* 



68 

Kirche und dem Klerus riss auch in Deutschland eine Ungebunden- 
heit und Zügollosigkeit ein, der gegonüber selbst Luther boinaho 
machtlos geworden war. Jeder freche Bube, der den Glauben an 
die Kirche verloren und ihrer Zucht sich entrissen hatte, miss- 
brauchte Luthers Namen zur Legitimation soines gottloson Lebens- 
wandels. 

Menno giebt uns ein Bild von dieser Zuchtlosigkeit zur Zeit 
als er an den Küsten der Ostsee wirkte, in folgenden Worten: 
„Die Anhänger Luthers missbrauchon oft soinen Namen und seine 
Lehro, indem sie glauben, dass uns der Glaube allein solig machen 
kann, ohno Zuthun der Werke, welche doch aus dem ächten Glauben 
hervorgehen müssen." 

„Mit dieser Lehre ist das unwissende Volk in solch gottloses 
wildes Leben gorathon, und dor Zügel so schlaff gelassen, dass 
man unter Türkon und Tartaron wohl kaum ein solches Loben 
finden wird. Dor lioderlicho Wandel, Fluchen bei dos Herrn 
Wundon und Sakramenten giobt davon Zougniss. Blutvorgiosson 
und Fechten hat koin Endo noch Mass. Sie sagen: ,der heillose 
Papst mit soinom goschornon Haufen hat uns lango gonug mit 
seinem Fogfeuer, Beichten und Faston betrogen; wir osson, was 
wir wollen, es sei Fleisch oder Fisch, denn alle Kroatur Gottes ist 
gut, und nichts verwerflich.' Aber was darauf folgen muss, daran 
denken sie nicht, nämlich mit Mass und Danksagung gemessen. 
Auch sagon sie: ,Gott soi gelobt, nun sind wir inno geworden, dass 
unsere Werke nicht gölten, sondorn allein Christi Blut und Tod 
kann unsre Sünden bezahlon und auswischen; 1 und singen dann, 
,der Strick ist ontzwoi und wir sind froi,' und wor dioson Reim 
mit ihnen singt, dor ist ein froior ovangolischor Mann, er lobe 
wie er lobo; und kommt oiner, und will sie aus trouor aufrichtiger 
Liobo ermahnen und strafon, ihnen Christus mit soinor Lehre und 
Vorbild rocht anweisen, der muss hören, dass er ein Werkhoiliger, 
Himmelstürmor, Gleisner und Wiedertäufor sei." 

Diesor vor wildorten Menge gegonüber muss ton Menno und 
seine Mitarbeiter sich machtlos fühlen und sich auf das Suchen 
und Sammeln derjenigen Soolon beschränken, welche ebenso wie 
sie oino Abscheu gegen solche Zustände hatten, und Verlangen 
trugen nach Zucht und Sitto, ohno dabei der Freiheit zu ent- 
behren, welche die Wahrheit giebt wie Christus sie gelehrt hat. 






69 

Mennos öffentliches Auftreten lenkte die Aufmerksamkeit der 
Regierung Karls V. auf ihn ; namentlich thaten dies seine Streitschriften, 
z. B. diejonige, betitelt: „Die Widersprüche Babels", in welcher 
er furchtlos die Schäden der katholischon Kirche aufdeckte, und 
seine ermahnenden Schreibon an die Obrigkeiten, die seine An- 
hänger mit den münsterschon wahnsinnigen Schwärmern auf eine 
Linio stellten, und sie vorfolgten und töd toten, wo sie ihrer habhaft 
worden konnten. In dioson Sendschroibon bat or, man möge doch 
seino Lehro, wie sio in soinon Schriften dargelegt sei, und den 
Lebenswandel seiner Anhänger zuvor untersuchen. Bisher hatto 
er unbehelligt gelobt, während so violo seiner Gesinnungsgenossen 
schon dem Ketzergorichto vorfallen waron und die Scheiterhaufen 
bestiegen hatten. Dies ist wohl aus dorn Umstando zu erklären, 
dass or, obwohl or dio Kirche vorlassen hatto, anfangs nur im 
Stillon für seine Sacho gowirkt hatto, und dadurch, dass die Ver- 
folgungen in Westfriesland noch nicht mit solchem Nachdruck 
aufgotroton waren, wie in den andern niederländischen Provinzen, 
namentlich in Flandern. Von nun an abor zwangen die Nach- 
stellungen dor Ketzerverfolgor ihn, nur auf dio hoimlichste Weiso 
unter froiom Himmel, odor in Gebüschen und in abgelegenen 
Gebäuden zur gemeinsamon Andacht mit den Seinen zusammon 
zu kommen, und nur vorstohlon boi den taufgosinnton Gemeinden, 
dio sich zu organisiren antingon, umher zu reisen. 

Eiuo Zeitlang ontging Menno noch dor Verfolgung, während 
mehrore soinor Anhänger vorbrannt wurdon, woil sie sich von ihm 
hatten taufen lassen, odor ihn bohorbergt hatten. So orzählt Menno 
z. B. in einer Verthoidigungsschrift gogen Gollius Fabor: „Omtrent 
anno 1539 word oon zoer vroom huisman in mijner plaetson aan- 
gogropon, Tjard Keinerts zoo genoomt, omdat hij mij in mijn 
eilende in zijn huis, hoewel verborgen, uit modoleiden on uit 
liefde ontfangen hadde, on wordo na weinig dagen op oon rad 
geworpen, nadat hij oon vrijmoedig bekentenis zijnes goloofs af- 
gelegt, als eon welgerusto Ridder Christi na den voorbeelde zijnes 
heeren, hoewol hij oen gotuigenisse ook van zijno grootsto vijanden 
hadde, dat hij een onbestraffelijk on vroom man ware. u 1534 waren 
bereits zwei seiner Freunde zum Scheiterhaufen verurthoilt; dor 
eine, Jan Claas, weil er Mennos Schreiben hatte drucken, und der 
andere, weil er sich von ihm hatto taufen lassen. 



70 

Angesichts dieser Zustände erliess Menno mehrere Schriften 
klagenden und erbaulichen Inhalts. Es spiegelt sich in ihnen die 
ergreifende Noth dor Zeit, sowie sein heisser Drang, das Aeussorste 
zur Abhülfe zu thun. So sagt er z. B.: „0, wie jämmerlich ist 
der Weingarton verwtistot und zortroton! 0, barmherziger Vater, 
wie lange soll dioser schwere Jammor währon! Unsro Oborhirten 
sind wio roissonde Löwon und Bären, unsro Vätor sind unsro Ver- 
räther, und unsro Hirton sind unsrer Seelen Diebo und Mörder. 
Wir mögen wohl aus tiefster Soolo klagen und weinon. Das Haus 
ist uns wüste gelassen, die Kirche ist Antichrists Kircho und Haus 
geworden." 

„Die Scribonton und Gelehrten mit ihren Concilien und 
Dekreten, und die Tyrannei der Grossmächtigen hat es allgemach 
so verdorben, dass kaum ein Artikel von alle dem was uns der 
Mund Christi und seino Apostel gelehrt, unvorfälscht geblieben ist. u 

„Liobo Losor, habt doch Acht auf des Herrn Wort! Aoussore 
Werke und Coremonion können euch nicht solig machen, noch 
eure Sünden dadurch vergeben worden. Das kann nicht anders 
geschehen, als wenn ihr Busso thut, an ihn glaubt und aus ihm 
von nouom geboren werdet. Alle welche anders lehren, das sind 
die Propheton, welche ouch Kissen untor die Arme und Pfühlo 
untor don Kopf logen, abor freilich nicht aus dos Herrn Mund. 
Wer aus Gott geboron ist, hat reine und ungohouchelto Liebe, 
diese dringt, troibt und schafft also in ihren Herzon, dass sie bereit 
stehen mit Leib und Soolo, mit Gut und Blut, zu erfüllen was 
Christus befohlen, und zu unterlassen was er verboten hat." 

Allmählig verschärfte sich die Verfolgung gegen Menno. Auf 
Befehl des Kaisers wurde am 15. Üecombor 1542 ein Edikt gegen 
ihn persönlich erlassen, in welchem jedem bei Lebonsstrafe unter- 
sagt wurde ihm einige Handreichung zu thun, odor seine Schrifton 
zu lesen. Zugleich wurde darin für seine Gefangennahme eine 
Belohnung von 100 Carolusguhlen versprochon. Menno mussto nun 
don Kummer orlobon, dass oin falscher Bruder don Häschern seine 
Spur zeigte, doch entkam er glücklich. Die Stadt Groningen bot 
ihm einen verhältnissmässig sichern Aufenthalt durch ihre Sonder- 
stellung untor der Regierung dos Herzogs Karl von Goldern, und 
später untor der seines Sohnos. Lotztoror war dor Reformation 
zugethan, und sympathisirte sogar mit den stillen Täufern, so dass 



71 

die MOncho ihn doswegen beschuldigten. Auch der damalige 
Bischof von Utrecht war kein unduldsamer Mann. Trotzdom aber 
war Menno, als der bodoutondsto unter soinon Glaubensgenossen, 
auch in Groningen nicht sicher; sein Lebon war in stündlicher 
Gefahr, und soine Wirksamkeit in den Niederlanden empfindlich 
gelähmt. Dennoch hätte er sich wohl kaum von dorn nioderländischen 
Boden und aus dem Umgang mit den Brüdern vordrängon lassen, 
wenn nicht Umstände, donen er Rechnung tragen zu müssen 
glaubte, ihn dazu veranlasst hätten. 

Nach dem festen Emden, im benachbarten Ostfriosland, waren 
schon niehrore Brüder vor don Verfolgungen geflüchtet. Die 
Regontin Ostfrieslands, Grätin Anna, hatto ihre Zoit vorstanden, 
sie war mit ihrem ganzen Volke, das ihre Uoberzougung thoilte, 
zum Protestantismus übergetreten, und alle ihres Glaubens wegen 
Verfolgte fanden boi ihr Schutz.* Ostfriosland wurde doshalb auch 
die Horbergo Gottes für die verfolgto Gemoindo genannt. Schon 
der Schwiegervater der Gräfin, Edzard dor Erste, hatto die Schriften 
Luthers, Erasmus' und Zwingiis gelosen, und don Bruder des 
Rudolf Agricola und Goorg Aportanus, oinon Zögling aus dem 
Fratorhausc zu Zwolle, an soinon Hof gezogen. Im Jahre 1519 
wurde bereits dio Reformation zu Emden durch Aportanus, und 
zu Aurich durch Honricus Brunius angebahnt, seitdem wurden 
alle Schriften der Roformatoron ungehindert verkauft und gelesen. 
Durch ganz Ostfriosland vorbreiteto sich ungestört die neue Lehre, 
und somit war dieses Ländchon das erste in Europa, in welchem 
dio Reformation ohne Blutvergiosson Eingang fand und durch- 
geführt wurde. 

Das Friesonblut hatte sich überhaupt nie in dem Masze vor 
dor Allgewalt dos Papstes gobeugt, wio es sonst üborall geschehen 
war. Es hatto sogar domselbon Rücksichten abgonöthigt, wovon 
sonst nirgends die Rode war, so hat z. B. das Cölibat in friesischen 
Landen, wio behauptet wird, nie ganz durchgeführt worden können. 
Waren es doch auch dio Wostfrioson zuerst, wolcho sich auflehnton 
gegen dio doppoltu Tyrannei des Papstes und des Kaisers. 

In Ostfriesland wio im ganzon doutschen Reiche hatten die 
Ketzerverfolgungon nach don droissigor Jahron überhaupt nicht 
dio Ausdehnung erreicht, wie in den Niodorlandon, weil dio 
Türkonkriege und die Feindseligkeiten gegen den Papst und Franz 



72 

den Ersten den Kaiser davon ableiteten, und ihm die Hülfe der 
deutschen Nation nothwendig machten. In den Niederlanden 
dagegen befolgte die Statthalterin des Kaisers seine Verordnungen 
hinsichtlich der Ketzer stronge. 

Die Gräfin Anna von Ostfriosland hatte sich dem reformirten 
Glauben zugewandt, sie betraute den frühern katholischen Priester 
und polnischen Edolmann Johannes a Lasco mit der Oberaufsicht 
ihrer nougostiftoton Kirche, a Lasco hatte sich mit seiner Gemeinde 
von London nach Emden geflüchtet und stand als bedeutender 
Gelehrter und gebildeter Mann in hohem Ansohn. In Emden, dem 
Eldorado der Glaubensfreiheit, hatten sich schon soit 1528 Flücht- 
linge aus vieler Herron Ländern zusammen gefunden, und namentlich 
aus solchen woher sie zu Schiff kommen konnton. Nach den 
Niederlanden geflüchtete deutsche Täufer, Schweizer, Westfriesen, 
Flamländer und andero Niederländer, Franzosen und Engländer, 
trafen mit einheimischen oder früher eingewanderten Taufgesinnton, 
mit Anhängern Batonburgs und David Joris', zusammen. Dazu 
kamen die der katholischen Kirche noch treu gebliebenen Ein- 
wohner und Geistliche, wolcho an dorn Schwager der Gräfin, Jobann, 
Stützo fanden. Johann war zum Katholicismus zurückgekehrt, als 
die Statthaltorin der Niodorlando, Maria, beim Kaiser seine Er- 
nennung zum Statthaitor von Limburg, Falkenburg und Dalhoim 
erwirkt hatte. Er mischte sich nun fortwährend von dort aus in 
die Rogierungsgoschäfto dor Gräfin und in dio religiösen Verhält- 
nisse Ostfrioslands, indem er sich trotz der Proteste der Gräfin 
und der Stände als Oborvormund dor Kinder der orsteron auf- 
spielte. Fürwahr, ein buntes Bild entrollto sich in Ostfriosland, 
vor allem in Emden! Wie verschieden waren nicht Sprache, 
Sitten und Gewohnheiton dor Flüchtlinge unter sich sowohl als mit 
Beziehung auf diejenigen der Einwohner Emdens. Wie verschieden 
war namentlich auch das, was damals selbst wo es sich um kleine 
Unterschiede handolte die Menschen bis ins Innere aufregte, 
ihr Glaube! 

Wohl orforderto es da einen ganzen Mann, um Ordnung zu 
schaffen und zu erhalten. Dio Anhänger von Batonburg, früher 
Bürgermeister zu Stoenwyk, als letzte Ausläufer der münstorschen 
Schwärmor, bildeten dio erregteste Gruppe, die stillon Anhänger 
des Menno Simonis diejenige, welche $ich am wonigsten bomerklich 



73 

machte. Diese Taufgesinnten gaben keinerlei Anlass zu Tadel, 
sondern führten ein stilles, gottesfürchtiges Loben. Nichts desto 
weniger zogen ihnen auch hier, wie in der Schwoiz und den Nieder- 
landen, ihre Ansicht über die Taufe und ihre Art der Ausübung 
dorselben Verfolgung auch von protestantischer Soito zu. Graf 
Enno, Sohn Edzards und Gemahl der Gräfin Anna, erliess bereits 
im Jahre 1530 eine Vorordnung, über welche Beninga das Folgende 
mittheilt. „In dorn sülvigen Jahr looton de beiden Heeren Grafen 
een Gebot utgahn, dat ein jeder, ho weore geostliches oder welt- 
liches Standes, de mit de Sekte dor Woderdoporen behaftet ist, 
vor den Fastelavend de Gravoschap Ostfroosland bi Verlust Lives 
un Godes schulden ruimon." Mit ,,Wederdoporon" waren nicht 
allein die Batonburgor, sondorn auch dio Anhänger Mennos gcmoint. 

Der Sohn Annas, Graf Edzard, hielt sich später zur luthorischon 
Kirche Ostfrieslands, während in der Stadt Emden und Umgogond 
die reformirto die herrschende war. Diosor stand der Graf foindlich 
gegenüber, er bezeichnete ihre Versammlungen als Haufen von 
Aufruhrern, konnte sie aber nicht unterdrücken, donn Emden fand 
genügende Stütze bei don Generalstaaton der Niederlande. 

Da dio ostfriesischen stillen Taufgesinnten, wie die Anhänger 
Mennos auch genannt wurden, der Mehrzahl nach sich in Emden 
und Umgegend befandon, und a Lasco, dor hier Einfluss und 
Macht hatte, den Unterschied zwischen diosen und den Baton- 
burgor n bald erkannte, und sie in Schutz nahm, so hatten sie von 
der genannten Vorordnung wonig zu loiden. Auch hatten sie 
damals ziemlich bedeutende Männor unter sich, z. B. Dirk Philips 
undLoendortBouwens, kräftige Mitarbeiter und Gesinnungsgenossen 
Mennos. Die damaligen taufgosinnton Gemeinden in den Städten 
Emden, Loor und Nordon hiesson flämische. Dio Gemeinde zu 
Norden tritt sieben Jahre vor Mennos Tode, 1556, deutlicher 
hervor. Die Rcformirton fordorten sie in diosom Jahre zu einem 
Religionsgospräch heraus. Es dauerte drei Tage, und man ver- 
handelte hauptsächlich übor dio Menschwerdung Christi. Micron ins 
theilt dem Nachfolger Zwingiis in Zürich, Heinrich Bullinger, mit, 
zum Trost aller Frommen sei in Folge diosos Gesprächs eine tauf- 
gosinnte Familie zu ihnen übergetreten. 

Ausser obigen städtischen Gemeinden lobton damals in Ost- 
friesland auf dem Laudo noch viele Taufgesinnte, so in den Dörfern 



74 

Westorhusen, Hamswerura, Groothusen, Eilsum, Greetsiel, Pilsuin, 
Hinte, Wirduin, Schoonorth, Hage, Marienhafe und in der Marsch, 
meistens den s. g. alten Flamingern angehörig. 

Man nannte die Emder stillen Taufgosinnten auch Dirkiston, 
nach Dirk Philips. Dieser gab eine Schrift unter dem Titol: 
„Enchiridion oder Handbüchloin von der christlichen Lehre" heraus, 
welche fünf Mal aufs nouo gedruckt und sogar in dio französische 
Sprache übersetzt wurde. Auch erschien eino Schrift von ihm 
über dio christliche Ehe, dio sehr geschätzt wurde. 

Dass diese Taufgosinnten dio Kindertaufo vorwarfen, den Eid 
für verboten hiolten, auf ihr Ja und Nein an Stolle des Eides 
hielton, und das Abondmahl als eino Gomeindofoier zur Stärkung 
dos Glaubens und Lobons auflfasston und ausübton, war offenkundig. 
Was glaubton sio aber von dor Menschwerdung Christi, worüber 
so viele sich die Köpfe zerbrachen? Das mussto untersucht worden. 
Sio wurden deshalb über dioso Frage, welche damals dio Wolt in 
Bewegung setzto, von den reformirton Prodigorn angofasst. Sic 
mochton darüber wohl noch nicht viel nachgedacht haben, wenigstens 
fühlten sie sich ihron Gognern gegenüber so unsicher, dass sio 
sich schliesslich auf ihre Autorität in solchen Sachon, Monno, be- 
riefen. 

Dieser sprach und schrieb auch sein Latoin und mochte in 
dor Konntniss dor Bibol wohl nicht von don Gognern übortroffon 
werden. Menno wurdo nun auf den Wunsch a Lascos zu oinom 
Religionsgespräch nach Emdon ontboton. Dasselbe fand Endo 
Januar 1543 zwischen den beiden Führern in der Kirche dos 
damaligen Franciscanerklostors, das jotzige Gasthaus, statt, und 
dauorto drei bis vior Tage. Man disputirte über dio Mensch- 
werdung Christi und dio zwei Naturen in Christo, über die Taufe, 
dio Erbsünde, dio Heiligung und dio Borufung der Prodiger. 

Was dio vior lotzton Fragen botraf, so fühlte Monno sich auf 
dorn sichern Bodon der Schrift, abor über dio beiden orston mochte 
auch sie ihn wohl im Stiche lassen, wonn mehr darüber gesagt 
worden sollte, als die kurzen oinfachon Worte welche in ihr darauf 
Bezug habon. Wie sich denken Hess, konnto eine Ueberoinstimmung 
in allen Fragen nicht orziolt worden. Joder schrieb sich don Sieg 
zu, dor Friede zwischen boidon Parteien wurde abor nicht gostört. 
Monno versprach don Grund seines Glaubens schriftlich darzulegen, 



75 

zog sich deshalb an einen stillen Ort zurück, und machte sich an 
dio Arbeit. Hier verfassto er nun mehrere Schriften. Die erste 
war: „Ein kurzes Bekenn tniss und christliche Anweisung, zum 
Ersten über die Menschwerdung unsors lieben Herrn Jesu Christi." 
Dass diese Frage dio Gomtither so bewegte und dio Köpfe er- 
hitzto, hatte wohl darin soinen Grund, dass man dio übornatürliche 
Geburt Jesu festhalten niussto, wenn man dio Erbsünde nicht preis- 
geben wollte. 

Dio zwoito Schrift Mennos war botitolt: „Wio beide, Lehrer 
und Gemeinde Christi, nach Anweisung der Schrift goartot sohl 
müssen. Goschriebon an dio edlen und hochgoohrton Herron a Lasco 
und seino Mitarboitor durch Monno Svnionis." Eine andoro Schrift 
ist botitolt: „Dio Erläutorung über dio christliche Taufe und warum 
ich, Menno Symonis, nicht ablasse zu lohron und zu schreiben." 
Menno schildert dio wahren Dionor Christi, und andererseits die- 
jenigen, welche nur der Stollung und der foston Einkünfto wegen 
den wichtigen Beruf gewählt haben. Letztore goissolt er mit 
dorben Ausdrücken, und hat damit vielleicht don Edolmann 
a Lasco und andoro in oinor festen öffentlichen Stollung und in 
Ansehn lebonde Herron unangonehm borührt. Aehnlich wie dem 
thüringischen Luther entfuhren diosom friesischen Bauornsohne 
aus der Gluth seines Innorn oft grobklötzigo Ausdrücke, wie solche 
in der damaligen Zeit überhaupt gang und gäbo waron. Von diesen 
Schriften datirt oine feindsoligo Gosinnung dor roforrairten Prodigor 
gegen Menno, welcher Gollius Fabor und Martin Micronius später 
einen gehässigon Ausdruck gaben. 

In diesen Schriften war noch eine Ansicht Monnos nieder- 
gelegt, die er auch praktisch durchführte: dio nämlich, dass Prediger 
nur aus innorm Boruf und aus Liobo ihr Amt vorwaltou, und dass 
sie dabei sich ihren Lebensunterhalt solbst vordionen müssten. 
Demgemäss vorfuhron denn auch dio Monnonitongomeindon; dor 
Predigt- und Gomeindedionst wurdo lediglich durch dazu gooignete 
Gemeindeglioder — Aelteste — freiwillig ohne Entgelt versohen, 
und zwar mit grossem Eifer und Erfolg. Dioso Praxis hat sich 
vielorwärts bis in dies Jahrhundort hinein orhalton, ist aber auch 
bei fortschreitender gesellschaftlicher und intollectueller Ent- 
wickolung dio Ursache goworden, dass violo Gemeinden, in don 
Niederlanden namentlich, sich zerstreut haben, weil es immer 



76 

schwerer wurde Gomeindemitglieder zu finden, die geeignet waren 
den gesteigerten Ansprüchen mit Beziehung auf die Fredigt zu 
entsprechen, und bereit und im Stande dies unentgeltlich zu thun. 

Nach Vollendung diosor Arbeiten scheint Monno Ostfriosland 
wieder verlassen zu haben, denn noch in demselben Jahre finden 
wir ihn in Köln. Ob or aus oignem Antriebe, violleicht gar mit 
Frau und Kindern, die woite Reise, welche in damaligor Zeit nur 
mit grossen Boschworden und unter vielen Gefahren vollführt 
wordon konnto, machto, ist unbekannt. Vielleicht ist er in ähnlicher 
Woiso dazu voranlasst worden, wie zu der Reise nach Emden. 
Dass Monno vorhoirathot war und Kindor hatto, geht daraus hervor, 
dass er im Anfange seiner Schrift an a Lasco sagt, er habe seit 
sieben Jahron kaum ein halbes Jahr lang eine ruhige Wohnstätte 
für sich und seine Familie findon könnon, weil er um des Zeug- 
nisses der Wahrheit willen fortwährenden Gefahren und Leiden 
ausgesetzt gewesen sei. 

In Köln war zu dor Zeit regos religiöses Loben und starkes 
Verlangen nach Reformation der Kircho. Der Kurfürst Hormann 
von Wiod war der nouen Lohre zugothan und hatte 1543 oinoti 
gemässigten Roformationsplan durch Butzer und Molftnchthon ent- 
worfen lasson. Ebenso wio in Emdon fandon in Köln alle ihres 
Glaubens wogen Vorfolgto Schutz, daruntor violo Waldonser und 
in der Umgogond eine grosso Anzahl Taufgesinnte. Menno konnto 
hier mit Erfolg wirken und sich fürs erste eines ruhigen Auf- 
enthalts erfreuen. Zwei Jahre hat or in Köln zugebracht und 
manche Spuron seiner Wirksamkeit am Rhein zu rückgo lasson. 

Die rosultatlose Disputation mit den Emdor Prodigorn Hess 
ihn nicht ruhen, er suchte von Köln aus wieder mit ihnon an- 
zuknüpfen, indem er sich ihnon von neuem zur Disposition stellte. 
Statt desson aber schrieb a Lasco eine Schrift gegon ihn, betitolt: 
„Verteidigung dor wahron Lehre über die Menschwerdung des 
Herrn Christus, gegon Monno Symonis, 1545." Auch verhinderte 
a Lasco durch seinen Einfluss, dass diu Golohrton zu Bonn und 
Wesol, welche sich genoigt gozeigt hatten unter Zusicherung freien 
Geleites ein Roligionsgespräch mit Menno zu halten, dieses thaten, 
wohl aus dem Grunde, weil Monno in seiner Schrift, vielleicht 
woil or dazu gereizt worden war, sich doch zu unvorsichtig übor 
ihn und dio Emdor Frädikanton geäussert hatto. 



77 

Don Protestanten gegenüber gewannen in Köln die Universität 
und die katholische Geistlichkeit allmählig wieder die Oberhand. 
Sie brachten es dahin, dass der Erzbischof von Köln, Hermann 
von Wiod, seiner Kurfürstenwflrde entsetzt wurde. Das war ein 
Todesstoss für die neue Lehre. Dio freio geistige Bewegung wurde 
gedämpft, und strongos, starres Fapstthum trat wieder an ihre 
Stolle. Alle dio nicht wioderrufon wollten, mussten fliehen. Auch 
Menno musste 1546 mit seiner kranken schwachen Frau aufs neue 
einer ungewissen Zukunft entgegen gehen. Er wandte sich nach 
der Küsto der Ostsee, wo or vorhältnissmässig sicher leben und 
auch für seine Sache wirken konnte. Hier blieb er sieben Jahre 
lang, wandorte die Ostsooküsto ontlang und kam bis nach Liefland 
hinauf, wo er viele Gesinnungsgenossen fand, Gemeinden ordnete, 
lehrte, taufte und das Abendmahl spondeto. Vielleicht sind die 
Spuren seiner Wirksamkeit sogar in Finnland noch sichtbar, wo 
sich noch jetzt taufgesinnte Gemeinden befinden sollen. Hior war 
Monno wohl seinos Lebens sicher, aber doch vielfachen Anfeindungen 
und Verdächtigungen ausgesetzt; in Wismar z. B. trat ein Doktor 
der Theologie, Smedostodt, in der feindseligsten Woiso gegen ihn 
und seino Anhänger auf. Er hätto lieber einon Hut voll Blut 
von ihnen, als einon Hut voll Gold, sagte er (Worko Mennos, 
Fol. 1153). Smodestodt voranlassto, dass dio Obrigkeit den Tauf- 
gesinnten bofahl, gogon Martini die Stadt zu räumen. Im Jahre 1555 
war zu Wismar ein luthorischor Prodigor, Namens Vincontius, auf 
der Kanzel in solcho Wuth gegen Monno und die Seinen gerathen, 
dass ihn der Schlag rührte. 

Mit der Ausweisung scheint indosson vorerst noch nicht Ernst 
gemacht zu sein. Wahrscheinlich hatte Menno mit seiner Familie 
in Wismar soinen ständigen Wohnsitz und machte von hier aus 
als Wandorlohror seine Roison. Schon im ersten Jahro seines 
dortigen Aufenthalts, 1547, wurdo er veranlasst nach Emden zu 
reisen, um mit don Aelteston oder Bischöfen der Taufgesinnton, 
Obbe und Dirk Philips, Gillis von Aachen, Heinrich von Vronen, 
Antonius von Köln und wahrscheinlich auch mit Loonhard Bouwens 
zu einer Berathung zusammen zu kommen. In dieser Versamm- 
lung waron noch zwei andere Lehrer, Namens Adam Pastor und 
Franz Cuyper, anwesend, deren abweichende Meinungen Menno 
besondere Sorge machten. Ersterer hatte für die damalige Zeit zu 



***** 



78 

freisinnige Ansichten, ähnlich wie Sorvet gegenüber Calvin, und 
letzterer neigte sich zu katholischem Anschauungen. Zwei Punkte 
wurden besonders in Borathung gozogon, die alle Gemüther be- 
wegende Frage von der Menschwerdung Christi, und die Art der 
Ausübung des Bannes: ob nämlich Ehegatten sich meiden sollten, 
falls der eine Theil, in Folge ärgerlichen Lebenswandels, ver- 
mittelst dos Bannes von der Gemeinde abgesondert werden müsse, 
bis er sich gebessert habe. Auch über die Taufe wurde ver- 
handelt. Menno, Dirk Philips, Gillis von Aachen und Loondort 
Bouwens waren oinorloi Meinung; die andern wichen so sehr von 
ihnen ab, dass trotz mehrmaliger Vorsuche zur Einigung zu ge- 
langen, eine Trennung entstand. Menno veranlasste dann zu 
gleichem Zwecke nochmals eine Zusammenkunft zu Goch im 
Kloveschen, welche zu koinom bessern Resultat führte. 

Mit schwerom Horzon kohrto Monno wiodor nach Wismar 
zurück und wahrscheinlich begleitoto ihn Dirk Philips, weil in 
der Ostseegogend ein so grossos Arbeitsfeld war. Leondert Bou- 
wens blieb in Emdon, um als Wanderlehrer die Niederlande zu 
bereison und die dortigen Gomoindon zu stärken. Von Wismar 
erlioss Menno ein ermahnendes Sondschreibon an die Gemeinden. 
In der Vorrede desselben klagt er über die nun schon seit vier 
Jahren in den Gomoindon herrschenden Streitigkeiten wogen der 
Lehron von der Gotthoit Christi, vom heiligen Geiste, von den 
Engeln, vom Teufel und vom Bann. „Ich weiss gewiss," sagt er 
in Betroff dos Bannes, „dass, wonn wir nicht mit allem Ernst dar- 
auf geachtet hätten, die Anhänger dor münstorschon Schwärmer 
fern zu haiton durch das Mittol des Bannes, so wären wir jetzt 
nicht so rein von den Greueln dor verkohrton Sekten, welches wir 
jetzt vor aller Welt bozougon könnon. Ohne den Bann hätten 
unsoro Gemeinden allen Irrgoistorn, allen Verächtern und muth- 
willigen Sündorn offen gestandon, während nun das helle, klare 
Licht dos Evangeliums in dieser Zeit der antichristlichen Greuel 
uns geoffenbart wird." 

Uebcr die andoren Fragen sagt er: „Ich weiss gewiss, dass 
so jomand woitor laufen will als wir ihm aus Gottes Wort bezeugt 
haben, der wird irre gehen, ontwodor zu hoch klettern oder zur 
Seite bleiben und das rechte gewisse Band verlieren. Die aber 
einfältig und demüthig bei dem Worte Gottes und dem bezeugen- 



/ 
t 

4 



79 

den prophetischen, evangelischen und apostolischen Worte bleiben, 
obwohl sie es nicht in allom verstehen noch zu begreifen ver- 
mögen, und sich vor allem menschlichen Untorsuchen, Disputiren 
und Vermutben über solche unergründliche Tiefen hüten, die 
werden durch Gottes Gnade in allen Zweifeln wohl bestehen und 
mit zartem Gewissen fröhlich vor ihrem Gott wandeln". 

Vor allen Dingen ormahnte Menno die Gemeinden vorsichtig 
zu sein boi der Aufnahme neuer Glieder. So sagt er unter an- 
dern*: „Eine doppolte Zunge, eine lügnerische Zunge, eine after- 
redende Zunge lasst zu keinor Zeit zu, und sehet selbst zu, wie, 
wo, wann und was ihr sprecht, damit ihr euch mit ouror Zunge 
gegen Gott und euorn Nächsten nicht vergreift. 4 ' Menno, Dirk 
Philips und Loondert Bouwons hiolton nun als Aeltosto und Lehrer 
eng zusammen; lotztoror wurde in Emdon zum Aelteston gewühlt 
und zwar zur grossen Bosorgniss soinor Frau, wolche, seinen Eifer 
kennend, für soin Loben besorgt sein mochte und den schweren 
Beruf, don er auf sich nehmen wollte, fürchtote. Sie schrieb dos- 
halb an Menno, dem sie zugloich einigo Liebesgaben nach Wismar 
schickte, er möge doch die Wahl zu hintertreiben suchon. Menno 
antwortete ihr, dass er os ihr nicht verdenken könne, abor so gerne 
er ihr dienen möchte, und solle es sein Lobon kosten, hierin könne 
er nicht nachgeben. Die Gemeinde habe ihren Mann ohne sein 
Wissen gewählt, er fände nichts, was ihn voranlassen könno diesor 
davon abzurathen. Sie solle doch die Vorwaisthoit und das Elend 
der Brüdor bedenkon und don Durst so violer frommen Soelon, 
sowie das vorfluchte Vorführen und Vorleiten der verkohrten 
Geister und roissenden Sokton in Betracht ziehen, welches einem 
das Herz brochon müsse. Zudem habe ihr Mann sich ja schon, 
obwohl er noch nicht im Dienst dor Gomoindo gestanden habe, 
unter Druck und Elond, Schmach, Verführung, Güterraub, und an- 
gesichts von Tödten durch Ertränken, Schwort und Feuer seit 
vier Jahren für seine Sache dahin gogeben, und Gott habe ihm 
doch in allen Ländern und bei so vielon Menschen das Leben er- 
halten, und wisse sie ja nicht wann er vor seinem Gott erscheinen 
solle, das müsse sio diesom anheimstellen. Leondert Bouwens 
nahm die Wahl an und hatto seinen festen Wohnsitz als Aeltester 
oder Bischof in Emden, um von dort die Gemeinden in Ostfrios- 
land und in den Niederlanden mit Taufe und Abendmahl zu be- 



80 

dienen und die von ihnen gowählten Lehrer und Ael tosten in ihren 
Dienst einzuführen. Er hatte solchen Erfolg, dass er im Laufe 
einiger Jahre an 10 000 Personen taufte. Man weiss dieses aus 
einem noch vorhandenen Verzeichniss von ihm selbst, in welchem 
Ort, Zeit der Handlung und die Namen der Getauften angegeben 
sind. Neben ihm wirkte Gillis von Aachen in derselben kräftigen 
Weise. Wie bereits erwähnt, hatte Menno seine schriftstellerische 
Thätigkeit in Wismar wieder aufgenommen, indem er einige Send- 
schreiben erliess. Das oine ist betitelt: „Eine liebreiche Ermah- 
nung und Unterweisung aus Gottes Wort, wie ein Christ geartet 
sein muss, und von dem Abschneiden dor falschen Brüder". Er 
sagt darin unter anderm: „Ich sage euch, so wahr der Horr lebt, 
vor Gott gilt keino äusserliche Taufe noch Abendmahl, sondern 
das neuo Leben aus Gott durch den Glauben, als da ist Liebe, 
Barmherzigkoit, Demuth, Friede und Wahrheit." Deshalb, so er- 
mahnt er die Brüdor weiter, sollton sio auch wohl zusehen, bevor 
sio einen Bruder verurthoilton und sich von ihm abwendeten. 
„Derhalbon sieho wohl zu, so du deinen Brudor sündigon siehst. 
Geho nicht an ihm vorüber als dor seine Soole nicht schätzt, son- 
dern wonn er zu heilen ist, so holfo ihm von Stund an auf durch 
liebevolle Ermahnung und brüderlicho Unterweisung, eho du issest 
und trinkest, schläfst oder etwas andres thust, als der du seiner 
Seelen Heil suchst, damit dein vorirrter Bruder nicht in seinen 
Sündon veralte und verderbe." 

Wonn abor unter donon, welche durch dio Taufe der Gemeinde 
einverloibt worden soien und durch sie sich selbst ihr hingogobon 
hätten, jemand zu einem ärgerlichen Loben und falscher Lehre, 
wie sie die Schwärmor aufstellten, vorfiele, den müssten sio sofort 
von der Gemeinde abschneiden und nichts mit ihm zu thun haben, 
nach don Worten dos Apostols Paulus 1 Corinth. 5. Unablässig 
suchto er dio Ansichten über dio Anwendung dos Bannes zu be- 
richtigen und ins rechte Licht zu setzen, als die Meinungsver- 
schiedenheiten und Streitigkeiten über die rechte Anwendung des- 
selben mehr und mehr zunahmon. Man solle nicht schwache 
Glieder sondern verdorbeno abschneiden, und don Bann mit 
Gottesfurcht und väterlichor Fürsorge im echten apostolischen 
Sinne lehren und treiben; or sollo eine Frucht des Evangoliums 
sein, das da baut und nicht bricht; er müsse mit der grössten 



i 

j 



81 

Vorsicht gohandhabt worden, und man könne daher nicht immer, 
wenn auch nach oinor gowisson Regel vorfahren werden müsse, 
diese auf alle Fülle gleichmässig anwenden, sondern man müsse 
in jedem besonderen Falle nach bester christlicher Einsicht den 
Bann ausüben oder vormoidon. 

Im Jahre 1552 gab Menno noch drei Schriften heraus. Er 
wurde dazu durch den Umstand veranlasst, dass seine Gemeindon 
und in erster Stolle er solbst von ihren Widersachern nach wie 
vor mit den münstorschen Schwärmern in eine Linie gostollt 
wurdon , so dass sie , um der Verfolgung zu entgehen , ihre 
Berathungen und gomoinsamen Andachten fast üborall im Vor- 
borgonon haiton mussten: Bedrängnisse, die indessen durch die 
spätoren grausamen Verfolgungen, namentlich in den Niederlanden, 
in den Schatton gestellt wurden. Von allen andoron, mochten sie 
nun zu den nouonOomoinschafton der lutherisch oder zwinglianisch Ge- 
sinnton odor zu der alten katholischen Kirche gehöron, wurden 
die Taufgesinnten vordächtigt, vorläumdot und golästort; von 
solchen am moiston, clio sich zwar losgosagt hatten von der Papst- 
kircho, aber nicht aufs neue wiedor gobundon sein wollton durch 
eine Sittonstrongo, wio dio Nachfolge Christi sio vorschrieb und 
zu welchor dio Anhängor Mennos durch die Taufo sich verpflich- 
teten. Allerlei Schimpfnamen logte man ihnön bei, z. B. „neue 
Möncho", „Gloissnor", weil man ihnen vorwarf, sio wollten durch 
gute Werke und Verdienste sei ig werden; „Sakramontschänder", 
weil sio nicht glaubten, dass dor Leib und das Blut Josu im Brod 
und Woin dos Abendmahls gegenwärtig seion; „Kindorseelon- 
mördor", woil sio dio Kinder nicht taufton und dioso dadurch der 
Vordammniss anhoim fallon liesson ; „Leute, die Gütergemein- 
schaft unter sich hielten", weil sio keine Bottlor unter sich auf- 
kommon liesson, sondorn sich zeitig dor Nothdürftigon annahmen; 
„Hausoinschleiohor", weil sio durch Soitongängo und Hinterthttren 
unbemerkt zusammen kamen, um den Häschern zu entgohon. 

In Veranlassung dieser Zustände also gab Menno nun eine 
Schrift heraus, betitelt: „Botrübto Bitte dor vorfolgton Christon an 
dio Obrigkeiten". Diosor folgte eino zwoito unter dem Titel: „Eine 
klägliche Verteidigung dor olondon Christon und zerstreuten 
Fremdlinge an dio Prädikanten". Denn die Prodiger in Amt und 
Würden waren es ganz besondors, welche gegen dio das Staats- 

6 



82 

kirchen- und officiello Predigorthum vorwerfenden Taufgesinnten 
aufreizten. Die dritte Schrift Mennos hiess: „Ein gründliches 
Bekenntniss von der Rechtfertigung, Predigern, Taufo, Nachtmahl 
und Eidschwöron". Diesen Schriften merkt man es an, dass sie 
hervorgegangen sind aus der feurigen Gluth einer von heiligem 
Zorn über solche Unbill erfüllten Seele. So sagt er unter anderm, 
nachdem er aus der heiligen Schrift dor Obrigkeit ihre Pflicht vor- 
gehalten hat: „Da man in dor That sieht, dass unsere Brüder in 
Christo, diese Mitgonosson an dor Trübsal und an dem Reiche und 
dem Gehorsam Christi, den Horrn ihren Gott fürchten und lieben, 
so dass sie lieber ihren guten Namen und Ruf, ihr Gold, Gut und 
Loben dahin geben, als ein lügenhaftes Wort sprechen oder gegen 

Gottes Wort handeln sollten", — „so wollen wir 

Euror Hoheit zu bedenken geben, ob sio solche schädliche und 
böso Leute sind, wie sio gescholten worden." — — — — — — 

„Wenn dioso Kotzer und vom Teufel verleitet hoisson, wie die 
Prädikanten sagen, so muss dor Sohn Gottes Jesus Christus mit 
allon Propheten und Aposteln offenbar auch Ketzer gewesen 



sein." 



In dor zweiten Schrift bittet er die Prädikanten um genaue 
Untersuchung seinor Lehre und erbiotet sich, entweder allein oder 
mit Einem oder Zweien von den Seinen zu einer Darlegung der- 
selben vor einer vollen Versammlung von gottesfürchtigon und 
redlichen Zeugen. 

In dor letzten Schrift giosst Menno dio volle Schaale seines 
Zornes über dio Prädikanten aus, weil sio dio Rechtfertigung aus 
dem Glauben lehrten, ohne darauf zu dringon, dass, wenn man in 
der Gnado stehen wolle, welche daraus hervorgeht, man Einkehr 
in sich solbst halten, Busse thun, und sich nach allen Worten, 
Verordnungen, Befohlon, Goist, Rogol, Vorbild und Mass Christi 
richten müsse. „Diejenigen, wolche wahrhaft an Christum glauben, 
welcher uns nach dor Lehre Pauli, zur Nachfolge in der Weisheit 
und Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung vom Vater goschonkt 
ist, und durch ihn von nouom geboren werden, stehen in dor Gnade 

und sind erlöst von ihren Sünden. — So suchen wir nun 

nicht unsere Soligkoit in Werken, Worten oder Sakramenten, son- 
dern allein in Christus, und in keinem andern Mittel im Himmel 
noch auf Erden." — — — — 



83 

Dioso Worte jodoch vorhall ton wie ein Klagoton oder wie 
Zornosworto im Sturmo, denn die Obrigkeiten standon sich feindlich 
gegenüber in deutschon Landon, der Papst und der Kaisor lauerten 
auf Beute, und die Prädikanton zankten und stritten sich um 
Dogmen, odor grübelten übor unlösbare Fragen und alles religiösen 
Werthos loero Spitzfindigkeiten. 

Menno scheint in Wismar eine kleine Oomoinde gesammelt 
zu haben, wolcho sich aber, wio or selbst, möglichst vorborgen 
halten mussto. Im Jahre 1554 trat dieselbe aber in Folgo beson- 
derer Umstünde mehr in don Vordorgrund. Im vorigon Jahre hatte 
nämlich die Königin Maria von England ihro blutigen Verfolgungen 
gegon die Bokonner dor nouon Lehre begonnen, vor donen a Lasco 
mit einigen Mitgliedern seinor roformirton Gemeinde flüchtete. 
Sie suchten in Dänemark Schutz. In zwoi Schiffen fuhren die 
Flüchtlinge, 175 an dor Zahl, von London ab; durch heftigen 
Sturm ward das Schiff, in welchem sich a Lasco, Utonhofen und 
Micronius bofandon, jodoch nach Norwogon verschlagen, während 
das andero glücklich nach Elsenour kam. 

Als a Lasco ondlich Kopenhagen erreicht*) und erfuhr, dass 
die anderon Roisogofährton in Elsenour soion, eilte or nach Kolding 
in Jütland, wo damals dor König von Dänomark Hof hielt, und 
begab sich dasolbst zu dorn Hofprodiger Novioraagus, welcher 
grosses Mitleiden mit ihm und don Flüchtlingen zur Schau trug. 
Der König konnte erst am folgondon Tago Audienz ortheilon; 
a Lasco und soino Begloitor wurdon durch don königlichen Goheini- 
schroihor vorhor in die Kircho geführt, in wolchor auch dor König 
und die Königin anwesond waron. Hior musston sie anhören, wie 
der genannte Hofprodigor dio Roformirton öffentlich von der Kanzel 
Kotzer schalt, weil sie die Gegenwart dos Leibes und Blutes Christi 
im Brod und Woin dos Abondmahls leugneten. 

Gleich nach dor Predigt orhiolton die Bittsteller Audienz 
beim Königo; sie üborroiehton ihro ein Schroibon, in welchem sie 
eindringlich baten, man möge ihnon und ihren Leidensgefährten 
gestatten in Dänomark zu überwintern. Dor König nahm das 
Schreibon froundlich an, und vorsprach, nachdem er os gelesen 
haben würde Antwort zu orthoilen. 

Nach einigen Tagen erfolgte durch den königlichen Kanzler 
der Bescheid, dass, da der König entschlossen sei keine Anders- 

6* 



\ 



84 

gläubigo in seinem Reicho zu dulden, er ihr Gesuch nur unter 
der Bedingung bewilligen könne, dass sie sich seiner lutherischen 
Landeskirche anschlösson. Sonst müsston sie sofort abroisen, wobei 
ihnen jedoch 100 Thaler Reisegeld angeboten wurden. Ihre er- 
neute Bitto, man mögo sie doch, da der Wintor vor dor Thür stehe, 
um der Frauen, Kinder und Groiso willen nicht in die See hinaus- 
stossen, half nichts; es wurde ihnen befohlen, binnen drei Tagen 
das Land zu vorlassen. Untor Beschimpfungen dos Volks fuhren 
die Flüchtlingo nun nach dor Küste wo die Schiffe lagen, an 
wolcho sie des Sturmes wegon nur mit Mühe in Böten heran- 
kommen konnten. Eins von den Schiffen langte im Januar an der 
Küste bei Wismar an und gorieth hier im Eise fost. a Laseo, 
Micronftis und Utenhofen aber machten die Woitorroiso nicht mit, 
sie hatten Befohl orhalton, in Begleitung eines königlichen Boamten 
durch Holstein nach Deutschland zu reisen. Am 4. Docember 
1553 kamen sie zur grossen Freude der Bürger wohlbehalten in 
Emden an. 

Niemand kam dem Schiffe, wolchos vor Wismar im Eise fest- 
sass, zu Hülfo; Monno jodoch, dorn os zu Ohron gekommen war, 
berioth sich mit don Soinon, wio don Leuton zu helfen sei. Ob- 
gleich ihnon doswogon Gefahr drohte, sammelten sie doch etwas 
Geld untor sich, nahmen Brod und Wein und gingen hinaus, um 
don Flüchtlingen zu holfon und sio nach Wismar zu bringen, 
wolchos auch gelang; sio sorgton dann auf alle Woiso woitor für 
sie. Bei ihnen befanden sich a Lascos Kindor und ihr Lehrer 
Hormes Backorel. Als. oinor von don Mennoniton sich orbot die 
Kindor a Lascos bei sich aufzunohmon, antwortete dor gemannte 
Lehror, das würde sich nicht schicken, denn a Lasco soi ein Mann, 
der viel mit Fürston, Herren und grossen Louton zu thun habe, 
seine Kinder könnton boi solchon Leuten, wie sio, nicht soin. „Doen 
merkte ick wol," sagt Monno, „dat wij in haar de rogto demoedige 
Christenen niot gokrogon haddon." 

Einer von diosen Flüchtlingen, Hermes mit Namen, vorlangte 
boreits nach einigen Tagen von den Mennoniton, dass sio ein 
Religion sgospriieh mit ihm und einigon von den Soinon hielten. 
Er wollte aber, da er ein Lehrer sei, auch einen Lohrer sich gegen- 
über haben, und zwar Menno, denn er habe gehört, dass dieser in 
der Stadt sei. Das Gespräch wurde mit der Bedingung bewilligt, 



85 

dass sie Mennos Anwosonhoit niemandem verriethon, weil er ein 
von aller Welt verfolgtor, schwacher Mann soi; sie gelobton das 
mit Handschlag, hiolton es aber nicht. Das Gespräch vorlief, wie 
dergleichen Gespräche immer, resultatlos. Hormos und die Seinen 
beruhigten sich aber nicht dabei, sie schickton vielmehr einen 
Boten Namons Bartholomäus Huysmann nach Ostfriosland zu dorn 
Prediger in der Stadt Nordon, Martin Micronius, früher bei ihnon 
an dor Londoner Gemoindo thätig, mit dem Ersuchen nach Wismar 
zu kommen, um für sie gegon Menno zu disputiron. Micronius 
war boi dorn Gespräch a Lascos mit Menno zugogon gowoson. Er 
kam Endo Januar in Wismar an. Dieso woito Reiso im strongston 
Winter ist ein borodtos Zeugniss dafür, wie sohr dio Gomüther 
orfUllt und aufgeregt waron durch dio Hochtluth dor religiösen 
Fragen. Am 15. Februar disputirto Micronius mit Menno, und 
zwar wiodorum über das unfruchtbare Thema der Menschwerdung 
Christi, während schon vorher über dio Taufo, den Eid und dio 
Ehoschoidung zwischen beiden verhandelt worden war. Dio Dis- 
putation am 15. Februar dauorto 11 Stunden, ohno dass einor dor 
Theilnehmor etwas genoss, sie wurde aber mit einem brüderlichen 
Mahlo beschlosson. Indessen endigte das Ganzo nicht alloin rosultatlos, 
sondern sogar noch mit heftigem Streit, dor zu dauorndom Zwie- 
spalt zwischen Menno und don Emder Prodigorn führto. Gollius 
Fabor, ein Emder Prodigor, hatte schon früher eine foindseligo 
Schrift gegon Menno drucken lasson. Darauf gab Micronius eino Dar- 
stellung dor stattgehabten Gespräche im Druck heraus, in welcher 
er sich und soino Beweise so herausstrich und Monnos Argumonte 
so vorkloinorto, dass man kein richtiges und wahres Bild von dor 
Sache orhiolt Darüber wurdo Menno so orapört, dass or in einer 
Gegenschrift seinem Zorn froion Lauf Hess, und seinen Standpunkt 
männlich und mit Sicherheit vorthoidigte. In dor Vorrodo sagt 
Menno: „Ich kann mich über dos Mannes Horz und Gcmüth nicht 
genug wundern, dass or solche ungoroimto Fabeln in dio Wolt 
bringen und es in soinor ruhmgiorigen Hoffart so öffentlich zeigen 
darf, da es doch von so vielen scharfsinnigen Menschen gelesen 
werden wird. Er thut nichts andros, als sich solbst auf einen 
hohen Stuhl setzen, und mich in den Drock treten." Die Schmäh- 
schrift des Gellius Fabor hatte Monno in ähnlichor Weise be- 
antwortet. 



86 

Einige Wochen nach dem Religionsgespräch mit Menno wurdon 
die englischen Flüchtlinge durch die Lutheraner aus Wismar vor- 
trieben, während man die Taufgesinnton vor der Hand noch duldete. 
Es wurde sogar noch in demselben Jahre eine Konferenz von tauf- 
gesinnten Lehrern zu Wismar abgehalten, an welcher wahrscheinlich 
Dirk Philips, der in der Woichsolgegond wirksam war, thoil- 
genommen hat. Die Beschlüsse, welche bestimmt waron als Norm 
für die Gomeinden zu dienen, liefen alle darauf hinaus die innero 
Geschlossenheit derselben festor zu begründen. Allmählig drohte 
aber auch den Taufgesinnton die Gefahr der Ausweisung aus 
Wismar. Im August 1555 erliosson nämlich die sechs lutherischen 
Hansestädte ein nouos Edikt, das sich nicht allein gegen Re- 
formirte sondern auch gegen dio Taufgosinnton richtete. Sie wurdon 
mit harter Strafe bedroht, wenn man sie forner im Gebiete jener 
Städte antreffen würdo. Menno musste also mit den Soinon flüchten. 
Sie fanden Aufnahme auf dem Gute Fresonburg in Holstein, 
Eigenthum eines Grafen Bartholomäus von Ahlefoldt. Dieser hatte 
in niederländischen Kriegsdiensten dio Taufgosinnton als guto zu- 
verlässige Menschen kennen golornt; der Heldenmuth, mit welchem 
sie alle Verfolgung und Tod duldoton, hatte ihn tief ergriffen. So 
kam es, dass er sie in Schutz nahm, und ihnen gestattete sich in 
dem zu dem Guto gehörenden Üorfe Wüstonfelde anzusiedoln. 

Während Menno und Dirk Philips in den Ostsoegegenden 
thätig waren, wurden die Monnoniton oder Taufgesinnten in Ost- 
friesland unter der toleranten Regierung der Gräfin Anna zwar 
geduldet, hatten aber hier von ihren reformirten, dort von ihren 
lutherischen Mitbürgern viel zu leiden. Während diese im Besitz 
der früheren katholischen Kirchongtiter waren, gönnto man den 
Mennoniten kaum, dass sie in ihron selbst beschafften Andachts- 
häusern zusammen kamen, suchte sio vielmehr auf jegliche Art 
in der Ausübung ihres Gottesdienstes zu beeinträchtigen. Im 
Stillen mussten sie ihre Todton bestatten, in der Stadt Norden z. B. 
war es ihnen bis Anfang dieses Jahrhundorts noch nicht gestattet, 
dieselben unter dem Klange dor Glocken in dio Gruft zu senken. 
Ebendaselbst boklagte man sich noch im Jahre 1647 boi dor 
Regiorung darüber, dass die „frechen Mennoniten" den Schall dor 
lutherischen Kirchonglocken als Zeichen des Beginns ihres oigonon 
Gottesdienstes mitbenutzten, und dass ihr Lehrer oder Bischof in 



87 

seiner Amtstracht sich zu dorn Gebäude begebe, worin sie den- 
selben abhielten 9 "). 

Kurz nach der Entfernung Mennos von fimdon drohte den 
Taufgosinnton auch hier das Schicksal dor Ausweisung. Die Statt- 
haltorin dos Kaisers Karl V. in den Niederlanden hatte nämlich 
durch Bokonntnisso, welche von gefangenen Ketzorn auf dor Folter- 
bank erprosst waren, in Erfahrung gobracht, dass violo Täufer, 
sowohl Monnoniton als auch Anhänger des David Joris und Baton- 
burg, in Ostfriosland lobton. Schon lango stand Ostfriosland bei 
ihr in dorn Rufo, ein Nest von Ketzern zu soin. Sio schrieb 
deshalb im Jahre 1544 im Namon dos Kaisers oinon scharfen Brief 
an die Gräfin Anna, in welcher sie fordorte, die Grätin solle sofort 
die Wiedertäufer, als Feinde Gottos und dos Kaisors, ausweisen, 
oder dor Ungnado dos Kaisers gowärtig soin. Die Gräfin orliess in 
ihror Furcht sofort don Bofchl, dass alle Täufor das Land räumen 
sollton, und dass niemand ihnen fortan Häusor odor Land ver- 
pachten oder vorkaufon, odor sio auch nur boherborgen dürfe. 
Dasselbo Loos traf auch dio Lutheraner, doron damals noch nur 
wonige waren. 

Johannes a Lasco, dor selbst orfahron hatte was es hoisst 
mit Woib und Kind die Hoiraath vorlassen zu müsson, nahm sich 
dor bedrohton Taufgosinnten an, indem or dio Gräfin zu bewogen 
suchte don Bofohl nicht sogleich ausführen zu lassen, sondern eine 
Untersuchung vorzunohraon, wer zu don schwärmerischen Täuforn 
gohöro, und wer zu don stillen Taufgosinnton, don Anhängern 
Mennos; don orstoron wollte or nicht das Wort reden. 

Dio Gräfin gab nach und orlioss oino Vorordnung, in wolcher 
sio sagte, da man sie höhern Orts in Verdacht habo, dass sie auf- 



*) Wie dunkel es übrigens auf geistigem Gebiet auch in Ostfriesland 
damals noch aussah, möge folgende Thatsache beweisen. 

Zwischen 1543 und 1544, also binnen Jahresfrist, wurden in Aurich und 
Umgegend erst zwei. . dann neun, und hierauf fünf alte Frauen verbrannt, und 
zwar durch Urtheil und Rechtsspruch, weil sie — Hexen sein sollten. Ja, 
1547 zu Norden ebenso zwei, weil es im Neuen Testament verboten sei, dass 
Hexen nuter Christen lebten. 

In der Herrschaft Jever verbrannte man 1569 zwei „Zauberinnen", und 
mehrere andere Hess man im Gefängnisse erfrieren. — 

Siehe Wiardas Ostfriesische Geschichte, Zweiter Theil, Seite 13. 



88 

rührerische Sekten in ihrem Lande dulde, wolle sie wegen des 
Geschreies welches darüber gemacht werde, in allen Städten und 
Flecken ihres Gebietes eino Musterung vornohmon lassen. Auch 
solle fortan jeder neue Ankömmling beweisen, wo er gewohnt, was 
er gotriobon, und wovon er gelebt habe, auch seinen Glauben dem 
Superintendenten a Lasco darlegon. Die Davidjoriston und Baton- 
burgor sollto man nicht einmal wegen ihres Glaubens fragen, da 
ihnen überhaupt nicht zu trauen sei, dio Monnoniten aber sollton 
der Examination unterworfen wordon. Diejenigen Leuto, welche 
den aufrührerischen Sekten nicht angehörten, sollten, um die Ver- 
mehrung der Bevölkerung nicht zu hindern, gelitten worden, sie 
sollton aber, ein jedor nach soinoin Vermögen, beitragen zur In- 
standhaltung dor Harnische, Rohre, Spiesso u. s. w., zum Boston 
dos Landes. 

In dieser Verordnung sehen wir zuerst den Namon Mennoniton 
officiell in Anwendung gebracht, während man in den Niodorlandon 
und Deutschland die stillen Taufgosinnten, dio Anhänger Mennos, 
noch immer Wiedertäufer nannto. a Lasco, mit dor Untersuchung 
beauftragt, erledigte sich seiner Aufgabe in einer toleranten und 
vorsichtigen Weise. Er Hess dio. Mennoniton unbehelligt, und wies 
nur dio Schwärmor auf Befehl dor Gräfin aus dem Lande. Am 
Hofe dor Statthalterin der Nioderlando wurde er deshalb dos Hoch- 
verrats angeklagt. Er vortheidigto sich jedoch in oiner solchen 
Weise bei dor Gräfin und den Ständen, dass er vorläufig nicht 
weiter belästigt wurdo. 

Als Kaiser Karl V. fast in ganz Deutschland übor dio Pro- 
tostanten gosiogt hatte, war es ein Glück für diese, dass or sich mit 
dem Papst und seinem Legaten entzweit hatte, denn dadurch allein 
wurdo or bewogen dio Protestanton einigermasson zu schonen. 
Zur endgültigon Entscheidung über die religiösen Fragen schrieb 
$r den Reichstag nach Augsburg aus, welcher am 1. Septembor 1547 
eröffnet wurdo; or Hess zugleich durch zwei katholische und einon 
protestantischen Thoologon, Johann Agricola, oino Verordnung 
— das Interim — ausarboiton und allerorts bokannt machen, nach 
welcher alle Roligionspartoien bis zum Schluss des Reichstags sich 
richten sollton. Sio fand boi den Protostanten, die darin ungünstig 
behandelt waren, allgemeinen Widerspruch und Verachtung, musste 
aber befolgt werdon. 



89 

Auch in Ostfriesland wurde das Interim noch in demselben 
Jahre publicirt, der Gräfin zum um so grösseren Verdruss, als zu- 
folge der Bestimmungen desselben selbst ihr Superintendent a Lasco 
das Land vorlassen mussto. 

Im Verein mit den Ständen hatte die Gräfin sich gegen die 
Annahme dos Interims bis aufs äussorsto gesträubt. 

Sie sandte sogar ihren Kanzler, Friedrich von Wosten, nach 
Brüssel, um persönlich beim Kaiser die Befreiung davon zu or- 
wirkon. Da dieser jodoch nichts erroichon konnte, schrieb er der 
Gräfin von dort aus, sie möge lieber, um die Ungnade des Kaisers 
nicht auf sich zu ladon, in Sachen dor Religion wiodor etwas oin- 
lenken. Nach langem Berathen und Hin- und Horschwankon 
ontschloss sio sich endlich dazu, und so wurden oinigo katholische 
Ceremonien wiodor hergestellt. Das Evangolium musste z. B. 
wieder lateinisch gesungen worden, wie auch Messen und 
Vesper; Froitags und Sonnabonds durfte koin Fleisch gogosson 
werdon; dio Prodigor mussten die weissen Chorröcko wiedor an- 
legen u. a. m. 

Dieses nouo Kirchonformular verursachte viol Aufrogung. 
Die meisten Frediger woigorten sich os anzunehmen, namentlich 
dio Erader. Dio in den Städton Norden und Aurich jodoch be- 
quemten sich dazu.* In Folgo dessen wurden in Emden die Kirchen 
geschlossen. Dio Prodigor hiolton nun in Privathäusorn und 
unter freiem Himmol Gottosdionst, und dio Gräfin sah ihnen 
hierbei durch dio Finger, da sio nur aus Noth dem Befehl 
gehorcht hatte. 

Aus obigem Briefe dos Kanzlers geht auch hervor, dass viole 
vom Adel sich den Mennoniton zunoigton. Es heisst nämlich 
darin, or habe mit Gonugthuung gohört, dass dio Gräfin eine 
scharfe Untersuchung gegen die Wiedertäufer angeordnet habe: 
doch wünsche er wohl, dass diosos nicht auf sein Anrathen ge- 
schehen wäro, um nicht dio Ungunst dos Adols auf sich zu laden, 
obgleich er sich diose donnoch liebor gofallon lassen wolle, als dass 
den jungen Horrn Grafen dadurch unersetzlicher Schadon goschähe. 
Um diesem Schaden zuvorzukommen, müsse diese scharfe Unter- 
suchung nun auch, wio sie bogonnon, durchgeführt werden. Forner 
heisst os: „Oldershoim, dieser ohrlicho und frommo Mann, und 
andere vom Adel, welche sich auf ihre Unschuld berufen, werde 



90 

ich nach Kräften (boim Kaiser) entschuldigen, und alles thun, was 
dieser Sache förderlich sein kann *)." 

Auch die Mennoniten wurden hart vom Interim betroffen, 
sie sollton alle aus Ostfriesland ausgewiesen werden, sofern sie 
aus den kaiserlichen Erblandon dahin geflüchtet waren, und bei 
Loibesstrafe und Vorlust dor Güter wurde Jedem auf Grund eines 
Edikts vom Jahre 1549 untersagt sio zu beherbergen, oder ihnen 
zu einem Wohnsitze zu vorholfon. Glücklicher Weise Hess die 
Gräfin diese Befehle nicht streng ausführen. Auch verlor das 
Interim bald seine Kraft, als Horzog Moritz von Sachsen, gereizt 
durch die lango und schmachvolle Gefangenschaft, in wolcher dör 
Kaiser seinen Schwiegervater, den Kurfürsten vonHesson hiolt, 1552 
den Spiess umkohrte. Durch Waffengewalt orzwang er nicht allein 
die Befreiung seines Schwiogervators, sondern auch den Passauer 
Friedensvertrag. In diesem wurde allen Parteien freie Ausübung 
ihres Gottesdienstes zugostanden, bis zu dorn innerhalb sechs Monaten 
abzuhaltenden Roichstage, wo berathschlagt werden sollte auf 
welche Weise die Entzweiungon auf roligiösom Gobiot geschlichtot 
werden könnton. Wio überall, so athmoton die Protestanton auch 
in Ostfriesland wieder auf, die Gräfin konnte ihren würdigen 
Superintendenten a Lasco mit freudigem Herzen zurückrufen, und 
auch don bei ihr als gute Untorthanon bokannten Mennoniten 
durfte sio wie frühor ihren Schutz angodeihon lassen**) 

In don Niederlanden aber wurden dio Taufgosinnton nach 
wio vor aufs strengsto verfolgt, vielo erlitton don Märtyrortod, 
wenn auch immerhin noch koin grosser Prozentsatz, da ihrer dort 
eine bedoutondo Monge vorhanden war. Wonngloich viele Menschen 
in den Niederlanden im Aoussorn noch zum Katholicismus hielten, 
so war dor Glaube an dio Papstkircho doch im ganzen Lande er- 
schüttert, und selbst katholische Geistliche und Rogierungsboamte 
zeigten Sympathie mit don Abtrünnigon. Bios und der allgemeine Hass 
gegen dio Spanier kam don Protestanton gegen die Blutbofehlo zu 
Gute, sonst wären sio in den Niederlanden wohl sämmtlich aus- 







*) Siehe Ostfriesische Historie und Landesverfassung, Tom. I, S. 236. 

**) Näheres über die Schicksale der Mennoniten unter den Nachfolgern 

der Gräfin Anna siehe in dem Aufsatz: „Die Mennoniten in Ostfriesland tf ; 

von Prediger Dr. Müller zu Emden, in den Mittheilungen der Gesellschaft 

für Kunst und vaterländische Alterthümer daselbst, Band IV. ff. 



91 

gerottet worden. Die kaiserlichen Plakate mussten immer wieder 
erneuert, und die Geistlichkeit und die Behörden ermahnt werdon, die 
Befehle, denen sie nur nothgedrungen Folge leisteten, auszuführen. 

Es wurde in Friesland bei hundert Gulden Strafe untersagt, 
Land oder Haus an „Wiodertäufor" zu vormiethen. Niemand sollte 
um Gnade oder Erleichterung für sie bitten dtirfon, wenn sie zum 
Todo durch Feuer oder Schwert vorurthoilt seien; wer sie den 
Ketzergerich ton anzoigto, sollte den dritten Thoil ihrer Güter er- 
halten; wer Sachen, die einem Täufor gehörten, bei sich beherbergte, 
sollte sie sofort ablioforn. Alle Täufor, dio man finge, sollton mit 
dem Tode bostraft worden, auch dann, wonn sio bereut hätten. 
Alle ungotauften Kinder sollton sofort getauft worden, und die 
Namen dor Eltorn dem katholischon Bischofo von Loouwardon, 
sowie auch den Behörden dor andern Provinzen angozoigt werden. 

Weil nun dio Behördon nicht scharf genug vorgingen, so 
wurden auch in Friosland, wie schon frühor in andern Provinzen, 
Kotzersuchor angestellt, denen es denn auch gar oft gelang der 
Ketzerei verdächtige Personen aufzuspüren,- besonders wenn die 
Habsucht der Verfolgung den Arm lieh. Gemeine Frauenzimmer 
gabon sich bosondors oft dazu her. Wir wollen folgenden Fall 
anführen: in dor Stadt Utrecht lebte oin Edelmann Namens Jan 
von Beckum mit seiner Frau; er stammte von dem Schlosse zu 
Beckum in der Nähe von Hcngelo, wo seine Mutter noch lebte, 
seine Frau Ursula war aus dem Stammhauso zu Wordum in Ost- 
fr iosland. Dio Frau bekann to sich zu den Taufgosinnten, wie auch 
die Schwestor dos Mannes, Maria, wolche durch ihre Mutter deshalb 
vertrioben worden war, und nun bei ihrem Bruder in Utrecht 
Schutz gefunden hatte. Zwei jüngoro Schwestern dor erstem, Adel- 
heid und Anna, hatten Ostfriosland wogen dor Einführung des 
ostfriesischen Interims ebenfalls vorlassen. Adelheid begab sich 
nach Holstein, und vorhoirathote sich mit einem Edelmann, Namens 
Johannos von Syk: Anna ging nach Pommern und heirathete einen 
Edelmann aus winkolichemGeschlocht. Der Drost von Twenthe, Goosen 
van Raesfeldt, wolchor nach einer lateinischen Urkundo „Familia 
Werdutnana" dor nächsto Blutsverwandte und Erbe der kinderlosen 
Eheleute war, zeigte sie aus Habgier als Ketzer beim Statthalter an. 
Maria, als die Hauptverdächtige, wurde zuerst gefänglich eingezogen, 
Ursula zeigte sich selbstan, und folgte ihrer Schwiegorin insGefängniss- 



! 



92 



Ursulas Mutter kam nun aus Ostfriosland herüber, um sie 
zum Wiederruf zu bewegen, jedoch vergebens. Die beiden Frauen 
wurden zuerst nach Devontor abgeführt, um durch die dortigen 
Geistlichen zum Wioderruf bewogen zu worden. Dann brachte man 
sie 1544 nach dor kloinen Stadt Dolden, wo oin Kommissär vom 
Hofo von Holland erschien um das Vorhör abzuhalten. Als bei diesem 
die Frauon daboi boharrton, dass sie dio Taufo dor Erwachsonon 
für dio alloin j-ichtigo und schriftgomässo hielton, und auch be- 
kannten, dass sie die Taufo aufs nouo ompfangon hätten, sowio 
auch, dass sie nicht glaubton, dass der Loib dos Herrn im Brod 
und Wein gegenwärtig soi, wurden sie zum Todo vorurthoilt. 
Als man sie zum Schoitorhaufon führte, wein ton viele aus dorn 
Volke, doch die glaubonsstarkon Frauen trüstoten und ormahnton 
die Umstehenden, und baten dio Obrigkeit, doch nicht länger un- 
schuldiges Blut zu vorgiosson, währond dor Scharfrichter fluchte, 
weil dio Kotto, mittelst welcher er sie an don Pfahl binden mussto, 
nicht nach seinom Sinno war. Vor don Augon dor Ursula wurde 
Maria zuorst vorbrannt, und mit dor Flamme stiogon ihre Gobeto n 

zum Himmel empor. Dann bekannte Ursula nochmals ihren 
Glauben, und hauchte ihro Seolo aus, währond don Körper ein 
Flammenmantel umgab, dosson Schein manches Herz ontzündeto. 
Woinond ontfornto sich das Volk: zwei Männer abor, in deron { 

Seele das Feuer fortbranntc, gingen hin, und Hessen sich taufen 
auf einen Glauben, aus dem oine solcho Kraft hervorging. 

Einer von ihnon, Namens Bartol, lioss sich in Antwerpen 
nieder. In Bogleitung eines Glaubensbruders und botagton Mannes 
ging or eines Tages, os war im Jahre 1550, mit bowogtem 
Gemüth nach dem Orte Borchom, um oinon hier gefangen ge- 
haltenen Fround und Glaubonsgonosson zu trösten, dadurch wurde 
auch or als Kotzer erkannt und verhaftet. Auf diese Kunde entfloh 
der andoro, Namens Gorriet, wolchor sich in seiner Nähe befand, 
nach Amsterdam. 

Trotz solcher Verfolgungen vermehrten sich dio Gemeinden 
der Mennoniton in don Niederlanden, und bohiolten nach wio vor ^ 

Fühlung mit den doutschon Brüdern, sowio mit Menno, wolchor 
sio durch seine Sendschreiben ermahnte, tröstete und ihnen Kath 
ertheilte. Da alle die Notwendigkeit des Bannes zur Reinhaltung 
der Gemeinden orkannt hatten, abor sich über dio Art dor Aus- 



93 

tibung und Anwondung desselben nicht klar waren, so baten sie 
Monno, seine Meinung kund werden zu lassen, was diosein zu 
einigen Sendschreibon über diesen Punkt Veranlassung gab. Nichts- 
destowonigor entstanden fortdauernd Streitigkeiten über diesen 
wichtigon Punkt. Monno wurde dadurch in seiner Seele stark 
beunruhigt und gequält, so dass er in dem sonst so sichern Auf- 
enthalt zu Wüstenfolde doch nicht rocht zur Ruhe kam. 

Gleichor Weise wurden damals dio taufgosinnten Gemeinden 
stark bewogt durch die Frago über die Menschwerdung Christi 
und die zwei Naturen in Christo. Wio in den niederländischen, 
so hatte man sich auch in den deutschen Gomoinden dio Kopfe 
über dioso Fragon orhitzt. Dio lotztoron schriebon eine Versamm- 
lung nach Strassbnrg aus, um oino Einigung herbeizuführen; sie 
fand 1555 statt. Ein Vorgloich kam zu Stande, violleicht ver- 
anlasst durch dio Streitschriften Mennos gogon a Lasco und Martin 
Micronius ttbor diese Fragon, in donon er schliesslich sagte: „es sei 
bessor, dass man solche unormosslicho Tiefen unorgründet Hesse, 
unter don Wolkon bloibo, und nicht so mit der plumpen Vernunft 

in alle Himmol fahro." „Er bloibo in diesor Sache bei des 

Herrn Wort, wolchos in allor Klarheit lehro, dass Maria, des Herrn 
Muttor, dos «allmächtigen ewigen Vators Wort, durch welches er 
alles gemacht, im Glauben ompfangon habo." 

Da diesor 1555 in Strassburg zu Stando gokommeno Vergleich 
so bezeichnend ist für dio Uoboreinstimmung der deutschen Brüder 
mit Monnos Ansichten in diesem Punkte, und man darin noch eine 
Erwähnung der Anhänger Hoffmanns findet, so möge der voll- 
ständige Inhalt desselben hior oino Stelle finden. Er zeigt uns 
zugleich auch den Fadon zu der erneuten Verfolgung in der Pfalz 
in 1557 und zu dorn Roligionsgespräch in Frankenthal im Jahre 1571, 
und lautet folgondermasson : 

„Vertrag der zu Strassburg versammelten Brüder 
und Aeltesten wegen der Frage über dio Herkunft des 

Leibes Christi*). 

Nachdom wir Brüder und Aeltosto schon oft voranlasst, auch 
ebenso oft auf mancherlei Weise gedrängt worden sind, um über 



*) IT ebersetzt ans dem Werke: Geschiedeuis der Doopsgezinden von 
Blaupot ten Cate. 



94 

die Frage der Monsehwordung Christi unsere Ansicht auszusprechen, 
und wir allezeit schuldig sind und bereit waren, wie auch noch 
jetzt, einem Joden Rechenschaft zu geben von dem Glauben und 
der Hoffnung, welche in uns ist, so sind wir Diener und Aelteste 
wiederum dazu aufgefordert worden, und zwar von den Brüdorn, 
die man die Hoffmannschon nennt, sowie auch von den niederlän- 
dischen Brttdorn, und deshalb aus vielen Orten zusammen gekommen. 

Wir haben diose Frage mit Ernst erwogen, und haben mit 
Gottes Gnade befundon, dass man sie zu hoch und zu niedrig be- 
leuchtet hat, und zwar durch Missverständniss von beiden Seiten, 
wodurch die brüderlicho Eintracht gestört worden ist, welchos wir 
billig unsorm Unvorstand zumessen, und uns vor Gott anklagen, 
unsorn Schaden dadurch eingesehen haben, und die Schrift in der 
Furcht Gottes geprüft. 

An vielen Stcllon in der Schrift scheint os, als ob Christus 
seinen Leib aus dem Himmel mitgebracht, an andern aber, als 
ob er sein Fleisch von Maria empfangen habo. Ferner scheint es 
auch, dass er der Vater sei, und auch Gott selbst. 

Da wir nun bisher gleich wio an oinom unnützen Thurm 
gebaut haben, so hat Gott der Herr unsro Sprache verwirrt, so dass 
einor den andern nicht hat verstehen könnon. Dies ist wahr- 
scheinlich deshalb goschehen, weil wir so yormossen gewesen 
waren, mehr wissen zu wollen als wir wissen sollen, Rom. 12. 3, 
und dass wir nicht genug boachtet haben, was dio Schrift sagt: 
„Die Dinge, dio dir zu schwor sind, darnach frago nicht, und was 
dir zu gewaltig ist, das untersucho nicht. Aber was dir nahe 
liegt, danach trachte, verborgene Dinge hast du nicht nöthig zu 
untersuchen." Deshalb bokennon wir, dass wir von nun an durch 
Gottes Gnade soine Gebote sollen und wollon vollbringen, seine 
Vorordnungen wahrnehmen und halten, und mit reinem Horzon in 
der Wahrheit und Ehrfurcht vor Gott wandeln, donn darin besteht 
die Seligkeit und die Erkonntniss Gottes und Jesu Christi, 1 Joh. 2. 4, 5, 
wo geschrieben steht: „Dich zu bokennon, ist vollkommene Frömmig- 
keit, und wir bozeugon, dass wir ihn bekannt haben, wenn wir 
seino Gebote halten. Wer sagt, ich konno ihn, und hält seine 
Gebote nicht, der ist ein Lügner, und dio Wahrhoit ist nicht in ihm." 

Wir geben ihm dio Ehre, wenn wir seinen Worten glauben, 
und bekennen, dass sie wahrhaftig sind, welche Christum darstellen 



95 

als don wahrhaftigen Gott, nach dorn inwendigem Menschen. Und 
da niemand von seiner Geburt etwas sagen kann, so glauben und 
bekennen wir mit Potro ihn als einen Sohn dos lobendigen Vaters, 
Math. 16, Johannes 11. 27, Apostelg. 8. 37, und wollen wir in 
unserer Einfalt bei der Schrift bleiben, wolcho bezougt und bekonut: 
„Das Wort ward Floisch und wohnto unter uns", Joh. 1. Da es 
nun nicht allein beunruhigend, sondorn auch strafbar ist, diesen 
Worten etwas ab odor hinzu zu thun, so wollen wir unsern Verstand 
gefangen geben unter don Gehorsam Christi, und dies allonthalben 

nach der Schrift bekennen. 

* 

Auch wollen wir das gottlose Loben und alles Böse mehr 
durch das Beispiol eines christlichen Lobons und Wandols zu über- 
winden suchon als durch Worte, und von nun an unterlassen 
darüber zu roden wie und auf welche Weise Christus Mensch ge- 
worden sei, statt dessen abor mit trouor Ermahnung zu Solchen 
reden, welche neben dieser Schriftstollo noch von etwas Anderem 
sprechen, gleich wie ihr auch bekannt und eingewilligt habt mit 
uns thun zu wollen. 

(gez.) Philip von Dankeis. 

Laurenz von Mündels. 

Quirin von Nachalden. 

Voltyn von Bothen. 

Martin Schnyder." 
In dem darauf folgondon Jahre wurde nochmals eine Ver- 
sammlung abgehalten, deron schon Erwähnung geschehon ist. Sie 
war von 50 Lehrern und Aolteston aus Würtemborg, Schwaben, 
Mähren, dem Elsass, der Pfalz und der Schweiz besucht. Gegen- 
stand der Berathung waren hauptsächlich die Wismarer Beschlüsse. 
Die erzielten Resultate wurdon Monno brieflich mitgetheilt, und 
man sieht hieraus, wio sehr er auch boi den Deutschon in Ansohn 
stand. Nach dem Gruss und der Einleitung, in welcher im weit- 
läufigen Stile damaliger Zeit auf dio Einheit der Brüder, als Glieder 
der Gemoinde Christi, in einem Glauben an densolbon hingewiesen 
wird, legen die Anwesenden in dem Briofe ihm ihre gemeinsame 
Ansicht über don Bann und übor die andoren Artikel der Wis- 
marschen Beschlüsse dar. 

Um zum bessorn Vorständniss zu gelangen, wollen wir die 
in Wismar festgesetzten Punkte hier mittheilen : 



96 

Erstens. Wenn Jemand ausserhalb der Gemeinde hoirathet, 
soll man diesen so lange fern halten, bis soin rechtschaffenes 
christliches Leben sich nach wie vor erweist. Alsdann stehen die 
Brüder bereit ihn wioder aufzunehmen. 

Zweitens. Man darf mit Abfalligen nur im Nothfall Handel 
treiben. 

Drittens. Ehegatten sollen sich, falls oinor von ihnen ein 
ärgerlich Leben führt, meiden bis zu seiner Bossorung, aber je 
nachdem das Gewissen es vorschreibt. Auch soll man, wenn 
jemand zur Gemeinde troton will, und der Ehegatte ein Abtrünniger 
ist, denselben ebenso stellen. 

Viertens. Ein Ehegatte soll im Fall eines Ehebruchs, wenn 
er boreut und Bossorung gezeigt, je nach Umständen wieder auf- 
genommen werden. Im Fall der Unvorbesserlichkoit aber soll der 
unschuldige Thoil sich trennen und sich wieder vorheirathen dürfen, 
wohl verstanden, nachdem allos ins Reine gobracht ist. 

Fünftens. Wonn ein Ehegatto sich scheiden will, dos Glau- 
bens wogen, so soll dor, welchor bei dor Gomeindo bleibt, sich 
ehrbar halten und nicht wiedor heirathon; wenn aber dor Abge- 
fallene sich wioder vorheirathet oder dor Unsittlichkoit hingiebt, 
so soll dor andre Thoil sich auch wiedor vorheirathen dürfen, 
jedoch nur mit Genehmigung dor Aeltoston. 

Sechstons. Kinder solcher Eltorn, welche wie auch sio selbst 
zur Gemeinde gohüren, sollen sich nicht ohno Erlaubniss dor 
Eltorn verheirathon, doch dürfen dio Eltern ihren Kindorn ihr 
Recht nicht nehmen endgültig solbst darin zu entscheiden. Auch 
sollen Kinder, deren Eltorn nicht zur Gomeindo gohüren, oben so 
wohl ihre Eltorn um ihro Zustimmung bofragen, wenn sie eine 
Ehe oingehen wollen, denn hoimlichor Verehelichung wehren wir. 

Siobtens. Rechte Schuld einzufordern ist erlaubt, doch darf 
nichts Ungöttlichos dabei vorkommen. 

Achtens. Was die Waffen betrifft, so können dio Aolteston 
es nicht für unerlaubt haiton, wenn Jemand, dor Landossitte ge- 
mäss, einen Stock oder Rapier übor die Schultor trägt. Aber 
Kriegswaffen auf Befohl der Obrigkeit zu zeigen, halten die Aelte- 
ston für unerlaubt, es sei denn don unbewehrten Knechten (Kriegs- 
knochten). 

Neuntens. Niemand darf aus eignem Antrieb als Lehrer 



97 

oder Ermahnor in der Gemeinde auftroton, sondern muss von der 
Gemeinde dazu gewählt und von den Aeltesten dazu eingesetzt sein. 

Man sieht, dass die Männer, welche diese Bestimmungen auf- 
stellten, von dem Gefühl durchdrungen waren, dass eine Gemein- 
schaft, welche in so schwerer Zeit, gotrennt vom Staate, ohne 
Dogmen und ohne andre Glaubenssatzungen, als solche die sich 
unmittelbar im Evangelium finden, selbständig auf dem Boden der 
Schrift alloin stehen wollte, den in der Schrift vorgeschriebenen 
Principien unbedingt folgen und sich selbst aus derselben Regeln 
und Sittengesotze geben müsse, und dass halbe Massregoln nicht 
genügten. Dabei waren sie sich aber wohl bewusst, dass die 
Grenzen nicht bestimmt festgestellt wordon könnten, dass es viel- 
mehr genüge die Grund-Principion festzustellen, die Anwen- 
dung derselben im einzelnen Fall abor jodosmal der Beurthoilung 
des Gewissens zu überlassen sei, und dass dies auch deshalb geschehen 
müsse, damit dio Froiheit der Einzelnen, den Umständen gewissen- 
haft Rechnung zu tragen, gewahrt werde. Um nun in's rechte 
Gleiso zu kommen, waren Zeit und Erfahrung und fernerhin tüch- 
tige Männer als Loiter und Führer der Gomeindon erforderlich. 
Einstweilen konnte es nicht ausbleiben, dass die genannten Be- 
stimmungen, als man sie in don einzelnen Gemeindon prüfto und 
ihre Consoquenzen erwog, nicht bei allen gleichen Beifall fanden. 

Dio Bestimmung über dio Ehomeidung erregte grosses Be- 
denken in Anlass oinos Vorfalls in der Gemeinde zu Emden, wo 
sie von dem Aeltesten Leonhard Bouwens, einem thatkräftigon 
Manno, rücksichtslos durchgeführt wordon war, trotzdem Monno 
brieflich davon abgerathon hatte. Bouwens hatte nämlich eine 
übrigens achtungswortho Frau durch don Bann von der Gemeinde 
ausgeschlossen, weil sie ihren auf vorkehrtem Woge gehenden 
Mann nicht bis zu seiner Umkehr und Bosserung hatte meiden 
wollen. Auch der Aoltesto Gillis von Aachen wollte in den wator- 
läiulischon taufgesinnten Gomeindon dio Ehemeidung durchsetzen, 
wogegen sich dioso oinstimmig auflohnten, von dem Gofühl durch- 
drungen, dass solche Eingriffe in dio persönlichen Angelegenheiten 
der Einzelnen zu weit führton. Dio Franeker Gemeinde wurde 
in ähnlicher Woiso beunruhigt, und so kam es denn, dass ernst- 
liche Bedenken gegen die wismarer Beschlüsse entstanden, in der 
Befürchtung, sie möchten zu rücksichtslos durchgeführt werden. 

7 






98 

In diesem Sinne wurde der Brief in der Vorsammlung 
zu Strassburg abgefasst. Er war an Menno gerichtet, und es war 
die Hoffnung darin ausgesprochen, dass er os nicht übel deuten 
werde, wenn sie, die in Strassburg vorsammelten und aus vielen 
Ländern zusammengekommenen Diener und Aeltesten, im Aufblick 
zu Gott, Worte der Ermahnung an ihn und seine Mitältesten 
richteton. Sie sagen in dorn Briefe, dass sio den Wismarer Be- 
schlüssen wohl beistimmten, jedoch so, dass dio Landesgebräuche 
dabei in Betracht gezogen werden müsston, im Uobrigon müsse 
Alles nach Gottes Wort geschehen. Dem Artikol von der Meidung 
bei Ehegatten aber stimmen sie mit dem Bomerken bei, dass jodor 
besondero Fall mit der grössten Sorgfalt und nach den Worten 
Christi und der Apostol behandelt werden müsse, und dass man 
zuerst mit aller Bescheidenheit und nach dem Zougniss der Schrift 
den schuldigen Thoii zur Rouo und Rückkehr zu bowogen suchen 
und nicht zu eilig in solcher Sacho handoln müsse. Namentlich 
widorrathen sie, dass in solchen Fällen von Seiton dor Gemeinde 
der Bann angewendet werde, weil dios mehr Schaden als Gewinn 
vorursachon würde, denn das Gebot dor Ehe gehe über das dos 
Banns. 

Sio bitton fornor dio Brüdor in den Niederlanden, dioselbon 
freundlichen Gesinnungen gegen sio zu hogon, dio sio ihnon ihrer- 
seits entgegen brächton, und hoffen, dass dio vorgetragenen 
Meinungsverschiedenheiten keine Ursache zum Unfriodon worden 
möchten, während sio schliesslich nochmals bitton, nichts auf dio 
Spitze zu treiben. „Lieber Brudor Menno, halte uns dios Wort 
von der Spitze zu gut, niemand handle zu scharf. Hiemit wollon 
wir euch allen Gottes Gnade empfohlen haben", heisst es zum Schluss. 

In diesem Briefe war auch erwähnt worden, dass einige von 
den Versammelten noch die Malzeichen der Folter an sich trügen, 
und dass einer dabei sei, in dessen Hause vor dreissig Jahren ein 
Vortrag mit Michael Sattler abgeschlossen worden sei. Viele seien 
des Ernstos dor Sache wogen hundertundfünfzig Meilen goreist 
und würden, wenn ihr Rath nicht angenommen würde, Mühe und 
Kosten umsonst der Sache zum Opfer gebracht haben. Eine wür- 
dige Versammlung fürwahr, deren Mitglieder ihrem religiösen 
Interesso solche Opfer zu bringen im Stande waren! In diesem 
Briefe waron also dieselben Ansichten über die Ehemeidung aus- 



99 

gosprochon, wie Menno selbst sie bereits im Jahre vorher in einem 
Briefe dargologt hatte, als die Zorwürfnisso über don Vorfall in 
Emden und die Ansichten der Watorländor und derer zu Franoker 
zu ihm gedrungen waren. Es that ihm weh, dass die zu Strass- 
burg Versammelten ihm zuzutrauen schionen, er würde die Sache 
auf dio Spitze treiben. Menno sagt in einem Schreiben an die 
Watorländor und dio zu Franoker gerichtet, dass ein Brief über 
den andorn wegon dos Bannes ihm zugeschickt werde. Er sowohl 
wie der treue Brudor Dirk Philips, habe doch in den Wismarer 
Beschlüssen ausgesprochen, dass man nach Umständen in der 
Sache eine gowisse Regel orwählon solle, denn er hoffe, dass jeder 
Gottosfürchtigo gonügond von Gott gelehrt sei, um zu wissen, dass, 
wenn einer von beiden Ehegatten oin Wortbrüchigor, ein Diob 
odor sonst oin Uebolthätor sei, so dass er schon von der Obrigkoit 
Strafe tragon müsse, und wenn dann Gofahr drohe, dass auch dor 
bessere Theil in seinem Glauben und in seiner Sittlichkeit, und 
somit an seiner Soolo Schaden loido, er dann den andern Theil 
lieber vorlassen müsse. Wenn aber dor Mann oder dio Frau in 
dor Ehe im Stande sei, im Verbleib bei dem andorn Thoilo, der 
auf schlechten Wegon sei, ihre Seele zu bowahron, so dass dio 
Früchte ihres Glaubens nicht dadurch beeinträchtigt würden, und 
sio sich in ihrem Gewissen gebunden fühlten den andern Thoil 
nicht zu verlassen, so sei es unverantwortlich, dass man eine so 
gebundene Soolo, dio sonst vor Gott und dor Gemeindo unsträflich 
wandle, mit dorn Bann bologo. Er habo es deshalb sehr miss- 
billigt, dass man in Emden einor solchen Frau eine Zeit gesetzt 
habo, zu welcher, wenn sie sich nicht von ihrem Manne zurück- 
ziehe, sio gebannt soin solle. „0, sehet doch zu, was ihr thut," 
fährt er fort. „Wie würdet ihr don Lästerern den Mund aufthun 
und wolch' einen schändlichen Ruf würdet ihr dem Worte des 
Herrn und seiner Gemeinde aufladen! Wir haben es deshalb nicht 
als eine feste Lohre aufstellen wollon, weil wir wusston, was 
daraus entstehen würdo. Wollte man es doch dabei bleiben lassen, 
wio würde ich mich freuen in moinor Trübsal. Ich will ja nach 
meinen kloinen Gaben nicht oin solches Evangelium lehren, das 

da bricht, sondern das baut, und wohl riecht und nicht übel." 

„Nun habt ihr meine beschoidene Antwort gehört, der Herr 
gebe euch, dass ihr derselben nachkommen mögt in Eintracht und 

7* 



100 

Frieden, nicht zu hart und nicht zu schlaff." Er wisse aus seiner 
Erfahrung, sagt er in einem andern Briefo, wohl von 300 Ehon 
zu erzählen, in welchen durch die Schuld eines der Gatten beide 
in's Verderben gebracht seien. „Zur Besserung und nicht zum 
Verderben ist die Absonderung gegeben. Wenn alle mit mir 
eines Sinnes wären, ach, wio sorgfältig würde dann in dieser 
Sache gehandelt worden! Nun aber will jeder soinom Kopfe folgen, 
und meint, dass es der Geist der Schrift sei. Herr, giob ihnon 
deinen Geist und deine Weisheit, dass sie recht sehen und urthoilen 
mögen! Liebe Brüder, folgt meinem Rath um des Herrn willen! 
Der Geist der Weisheit sei mit Euch in Ewigkoit, Amon." Dioser 
Brief war unterschrieben: „Der Krüppel, Euer Bruder." Menno 
hatte zu der Zeit in Wismar das Bein gebrochen und war Krüppel 
geblieben. — Wer sieht nicht aus diesem Briefe, dass alle 
Spaltungen und Streitigkeiten, die wogen des Bannos und der Ehe- 
meidung unter don Taufgosinnton entstanden sind, auf Missver- 
ständnisson boruhon! Um nochmals zum Frieden und zur Klar- 
stellung seiner Uoberzougung zu wirken, gab Menno aufs neue 
sein Fundamontbuch heraus, und fügte domsolbon soino letzte 
Schrift über don Bann boi. Dioso Schrift, in welcher er seino 
Ansicht von der Nothwondigkoit der Ehomoidung in gewissen 
Fällen nicht ganz fallen lioss, hatte, wio wir gosehon haben, Bo- 
denken bei den oberdeutschen Gemeinden orrogt, und hatten diese 
1555 die Lehrer Sylis, Lemke und Heinrich zu Monno geschickt, 
um wegen der Ehemoidung sich zu verständigen. Nach drei- 
tägigem Verkehr orklärte Lemke, dass er mit Monno ein- 
verstanden sei was die Anwondung dos Bannos betreffe, doch in 
dem Punkte der Ehomoidung noch etwas bokümmert, or wollo 
sich mit seinen Roisebogloitorn unterwegs noch über dio Sache 
besprochen. Wonn die Oborländer nicht einverstanden seien, und 
seino Kollogon boi diesen bleiben wollton, so wolle or zu den 
Niederländern reisen. 

Diose drei Männor machton durch ihre schwankende Moinung 
dio bestehende Verwirrung der Ansichten über den genannten 
Punkt nur noch grössor. Sylis und Heinrich wollten don Ober- 
ländern das Gospräch mit Monno vortragen, während Lemke, wahr- 
scheinlich weil er ein Lehrer der Deutschon in den Niederlanden 
war, sich direkt dorthin begab. In Folgo ihres wankolmüthigen 



101 

Sinnes kam es nun dahin, dass jene Menno bei den Oberdeutschen, 
und dieser ihn bei den Niederländern verdächtigte*). 

Um das Missverständniss zu beseitigen, entschloss sich der 
alternde und körperlich schwache Menno noch einmal zu einer 
Roise nach Köln, wo eine Versammlung stattfinden sollte. Einige 
friesische Brüder begleiteten ihn dahin. Er hatto sich nämlich 
zuvor schon nach Friesland zu den Brüdern in Franeker begeben, 
um mit ihnen die Frage zu besprechen, war aber zu keinem Ein- 
verständniss gekommen. Das betrübte ihn, wie er selbst sagt, 
bitterer als der Tod, er hätte vor Schmerz nicht gewusst, was er 
machen solle, denn auf Erden liege ihm nichts näher am Herzen, 
als das Wohl der Gemeinden, und da er nun hätte sehen müssen, 
wie Missverstand den Grund verderbe, auf den or gebaut, hätte 
er beinahe Schiffbruch an seinen Sinnen erlitton. In Köln hatten 
Sylis und Lemke Menno ebenfalls vordächtigt und verleumdet, or 
fühlte sich auch hior bitter enttäuscht, als or sah, dass or die Miss- 
vorständnisse nicht aus dem Wege räumen konnto, weil jene das 
Vortrauen zu ihm orschüttort hatten, indom sie Menno boschuldigten, 
dass er seiner Ansicht über den Bann nicht trou geblieben sei; 
er habo früher anders über dessen Anwondung gedacht und ge- 
schrieben als jetzt. 

Mit traurigem, fast gobrochonom Gemüth kehrte Monno heim. 
Er war nicht verstanden worden. „Der Dionst des Neuen Tostamonts 
ist kein Dienst des Buchstabens, sondern dos Geistes," hatte er 
früher den Lehrern der Gemeindon zugerufen, wenn or sah, dass 
sie über den Buchstaben der Schrift den Geist derselben aus den 
Augen verloren und vor Bäumen den Wald nicht sahen. Doch 
bei ruhiger Uoberlegung musste or sich in diesem Fallo sagen, 
dass die Brüder in der Versammlung zu Strassburg in den Ver- 
handlungen den Geist über den Buchstaben nicht verloren hatton, 
dass derselbe also schliesslich durchdringen wordo. 

1559 gab Monno seine letzte Schrift heraus. Es war oino 
aus tief gokränktor Soelo geschriebene Verthoidigungsschrift gogon 
Sylis und Lomko. Er weist diesen nach, dass nicht er seine Ansicht 
geändert habe, sondern dass sie dio Unbeständigen seien, zeigt 
ihnen, dass ihm keine Wankolmüthigkeit in Wort und Schrift 



*) Mennos Werke. Folio 907. Ausgabe von 1646. 



102 

nachgewiesen werden könne, und bezeugt die Richtigkeit soiner 
Ansicht mit dem Evangelium. Schliesslich sagt Menno: „so lange 
nicht solcher Grund, Lehre, Gehorsam, Bekonntniss, Busse und 
Yersöhnung bei euch gefunden werden, wie es das Evangelium vor- 
schreibt, dürfen wir eure Brüder nicht mohr heissen." 

Tiofer Kummer über solche Zerwürfnisse in den Gemeinden, 
denen er all sein Wissen, Könnon und Wollon im Glauben und 
in der Liobe gewidmet hatte, um ihr sittliches und einheitliches 
Gedeihen zu fördorn, trübte die letzton Tage Mennos. Er lebto 
still, seine Foder ruhte, und mochte er sich mit Molanchthon sagen, 
„bald werde ich befreit sein", nicht allein von der Wuth der 
Theologen, wie dieser, sondern auch von dem Streit über den Bann 
und von den Grüboloion über die Menschwerdung Christi. Vielleicht 
sah er voraus, dass diese Zerwürfnisse mit dorn Fortschritt der 
Zeit schwinden würden, denn dio taufgesinnton Gemeinden standen, 
wie er selbst, nach seinem Wahlspruche: „Es kann koin anderer 
Grund gelegt werden, als dor da gelogt ist, Jesus Christus", 
frei von allem Doginonzwang auf dem Boden dos Evangeliums. 
Sie hatten sich als köstliches Gut volles Solbstbestimmungsrocht 
in allen roligiösen und Gemoindeangelegenheiten gewahrt, waren 
also jedom Fortschritt offen, und wenn sio nur den wahron Geist 
dor Lohro Christi nicht proisgabon, musston Mein ungs verschieden- 
heiten und Zwistigkeiten auf dio Dauer stets der Liobe woiehon. 

Am Freitage, den 23. Januar 1559, schloss er, vielleicht durch 
diesen Gedanken getröstet, dio Augen; auf seinem Gehöfte zu 
Wüstonfeldo wurde seine Hülle dor Erdo übergeben. Das wüste 
Fold, wonach das Dorf, in welchem Menno sein letztes Asyl auf 
dieser Erde gofunden hatte, den Namen erhielt, war durch don 
Floiss soiner Glaubensgenossen in blühondo Folder uragowandolt 
worden, dann abor brauste dor Sturm dos droissigjährigen Kriogos 
darüber hinwog, und niemand könnt mohr dio Stätte, wo die Gebeine 
des heldhafton Streiters ruhen. 

Menno Simons war oinor der soltonon Monschon, denen ihre 
eigne Klugheit und Wissen nicht im Woge stehen, don gewaltigen 
Inhalt der Bibel vorurtheilslos auf sich wirken zu lassen, oin Mann 
der ahnte und fühlte, dass joder oinzelne Mensch, um zum inneren 
Frieden zu gelangen, das in sich durchzumachen habe, was in 
der Schrift vom natürlichen Menschen Adam, bis zur Xougeburt dos in 



103 

Gott gebundenen sich selbst in Christus beherrschenden geschildert 
ist. Vollständig hatte er den Mönch und Priester abgestreift, und 
sich, ganz ungehindert durch die Traditionen der Kircho, rein auf 
don Boden der apostolischen Zeit gestellt, eingedenk der Worte: 
„Niemand flicket ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem 
Tuch, denn der Lappen reisst doch wieder vom Kleide, und der 
Riss wird ärger", und: „Es kann kein andror Grund gelegt werden, 
als der da gelegt ist, Jesus Christus." — 

Das Evangelium und die Briefe der Apostel gaben ihm die 
Richtschnur für den Glaubon sowohl als für das Familienleben 
und für die Gemeindeordnung. Den Kornpunkt seiner Lehre bildet 
die neue Geburt aus Gottos Geist, und bei besonnenem Nachdenken 
und scharfor Beobachtung seiner selbst wird man immer wieder 
zu demselben Schlüsse* kommen müssen, don Menno aus dem 
Evangelium schöpft». Mit jedem neuen Menschen wird wiederum 
ein neuer Adam geboren, der nur dann aufs neue zum Ebenbilde 
Gottes entwickelt wordon kann, wenn der göttliche Keim in ihm 
zum Durchbruch kommt. 

Mennos reformatorischo Wirksamkeit ist freilich nicht mit 
dor Luthers, Zwingiis und Calvins zu vergleichen ; nicht annähernd 
so umgestaltend nach aussen hin hat er auf seine Zeit gewirkt, 
als sie. Diese mächtigen Geister griffen, dor ihnen allen inne 
wohnonden Energie folgend, aus sieh heraus gewaltig und be- 
stimmend in das Denken und Treiben der Zeit ein, zuvörderst auf 
roligiösem Gobieto, dann, von der Notwendigkeit getrieben, auch 
auf dem damit in unheilvolle Verbindung gerathenden staatlichen. 
Sio standen auf den Höhen des Lebens, berühmt, bewundort. 
Menno, mehr gemüthstief als von gewaltiger Kraft, schloss sich 
einer reformatorischon Bewogung an, die er schon vorfand als Aus- 
fluss des Denkens und Sohnens der breiten Massen dos Volkes, der 
Vorfolgten und Bedrückton, donen die Bibel erschienen war als dio 
Vorhoissung einer besseren Zukunft, und dio unwillkürlich über 
alle Kirchentradition hinweg griffen auf das Vorbild, das ihnen 
nach der Bibel ihre Schicksalsgenossen, an dio Jesus sich mit seiner 
befreienden Lehro gewandt hatte — die Mühseligen und Beladenen — 
in Glauben und Gemoindebildung gaben. Diesen Christen wollte 
Menno dienen, ihnen rathen, mit ihnen dulden. Gehetzt und ver- 
folgt fast sein Leben lang, fand er kaum eine Stätte, wo er mit 



104 

den Seinen sicher wohnen konnte; keine andere Stütze ward ihm 
bei seinem Berufe Führer seiner Glaubensgenossen zu sein, als 
sein felsenfester Glaube, wie er ihn aus dem Evangelium schöpfte. 
Sein Ziel war nicht neue Eirchenbildung, sondern naturwüchsige 
Gemeindebildung, getrennt vom Staate, den Schwankungen 
entzogen, denen die neuen Kirchenbildungen im Kampf mit Kaiser 
und Papst ausgesetzt waren. Sind doch schon ganze protestantische 
Bevölkerungen mit Waffengewalt und durch blutige Verfolgung 
zur katholischen Kirche zurückgezwungen, auf Grund der An- 
schauung, dass die Richtung der Staatsgewalt auch für das religiöso 
Bekenntniss der Unterthanen massgebend sei. Die taufgosinnten 
Gemeinden aber, trotzdem oder weil sie allein auf sich selbst standen, 
entwickelten in don Zeiten der Verfolgung eine Glaubenskraft, wie 
keine andere Gemeinschaft ausser don Waldensern. Mann für 
Mann liesson sie sich vertreibon von Haus und Hof, erduldeten 
Gütorraub, Folterqualen, Gefängniss, den Tod durch Scheiterhaufen, 
Ertränkon und Schwert, aber zurückgobracht zum Papstthum ist 
niemals eine ganze Gomeindo, nur hie und da ein Einzelner. 



Dritte Abtheilung. 

Forten twickelung und Zustande der Mennoniten- oder 
taufgesinnten Gemeinden in den Niederlanden bis zu Anfang 

des 18. Jahrhunderts. 

« 

Als Kaiser Karl V., nach seinen Kriegsztigon in Deutschland, 
Frankreich, Spanien und Italion, nach dem vom Bluto derer, wolcho 
dio Papstkirche vorlassen hatten, getränkten Bodon soinor Nieder- 
ländischen Erbstaaten zurückkehrte, als die Gicht in seinen Gliodorn 
ihn vielleicht an die Folterqualen erinnerto, dio or ungezählte 
Tausende von ihnen zur Ehre Gettos und soinor katholischen Kirche 
hatte erdulden lasson, als tiefe »Schwerin uth soin Gomüth ver- 
finsterte und or den Glanz soinor Stellung mit der Einsamkoit und 
den Bussübungen oinos Klostors zu vortauschen Vorlangon trug, 
und er nun im Jahro 1555 soinom Sohne Philipp die Rogiorung 
der Niederlande abtrat: da wurde mit diosom Akte, welcher in 
Brüssol feierlich in Gegenwart der Stände und dos Adels vollzogen 
wurde, zugleich das Todosurthoil übor Tausend© gesprochon. 

Kaiser Karl V. hatte doch Sympathie für dio Niederländer 
als solcho gehabt, und sie für ihn, donn or war im Lando geboren, 
redete ihro Sprache, kannte ihro Sitton und Gebräuche, und soine 
persönliche Liebenswürdigkeit im Vorkohr hatte noch ihre Herzen 
gewonnen, während seine Honkor schon mordeten. 

Philipp hingogon hatte ein düstores Weson und nicht das 
mindeste Interesse für das Volk. Er war in Spanien geboren, 
redete dio Sprache dioses Landes, und umgab sich nur mit Spaniorn 
Alle Bemühungen dos Volkes, seine Thronbesteigung zu vor- 
herrlichen, konnten ihm keine freundliche Miono abgewinnen. Sio 
merkten, was sio von ihm zu orwarten hatten, und wurdon sich 
bewusst, dass or nicht worth soi ein Land zu regieren, wolchos 
sich das reichste an Volkskraft in Europa nonnen konnto. Philipp 
seinerseits mussto bald erfahron, dass trotz aller Bluturtheilo soines 
Vaters dem Abfall von dor Kirche kein Einhalt gothan wordon 
war. Nebon don aller Orten vorhandenen Taufgesinnton traten nun 



106 

auch die Calviniston deutlicher hervor. Ihre Prodiger redeten in 
den Strassen und auf dem Felde zu dem Volke, und forderten 
zum Abfall von dem Papstthum auf. Die „Rederyker" führten 
Schauspiele auf, in denen Papst und Kirche verspottet und die 
Sittenlosigkeit der Mönche aufgedeckt wurde. Der Pöbel wurde 
dadurch so aufgewiegelt, dass Kreuze an den Wegen zerstört, 
Klöster und Kapellen in den Städten und Dörfern geplündert, 
Grabmäler zerbrochen, Leichen geschändet wurden. An die drei- 
hundert Kirchen wurden innerhalb dreier Tage verwüstet. 

Das war die Antwort auf die Gründung von vierzehn neuen 
Bisthümern unter dem Primat des Kardinals Granvella, um die Kotzer- 
vorfolgungen in stärkerem Masze als bisher betreiben zu können. 
Die Regentin Margaretha, selbst damit unzufrieden, hielt beim Könige, 
der nach Spanien zurückgekehrt war, um Milderung der Massrogeln 
an, bewirkte aber nur das Gogentheil : die Einführung der Inquisition. 

Als nun 1565 der niederländische Adel zusammentrat, um 
sich der Einrichtung dieses nie dagewosonen Blutgerichts, das in 
Spanien gegen dio Mauren gowüthet und das Christonthum ge- 
schändet hatto, zu widersetzon, und um seine politische Freiheit 
zu bohaupten, gelobte er seiner Sache treu bis zum Bottelstab zu 
sein, die Aufregung abor riss das Volk zu obigon Excosson hin. 
Dio Strafo blieb nicht lange aus. Dio machtlose Rogentin erhielt 
vom Könige, dessen Zorn aufs höchste gestiegen war, militärische 
Verstärkung, und das Blutgericht der Inquisition fing an in un- 
glaublicher Weise zu wüthon. Schrecken und Angst erfüllten alle 
Gemüthor, und als nun nach dor Entfernung Granvellas Alba 
kam, flüchteten an die 100 000 Menschen aus den Niederlanden. 

Durch den Blutrath, an dossen Spitze dor Herzog Alba trat, 
wurden die Mordbofohle massenwoiso vollzogen, und zu Tausonden 
wurden die Evangelischen hingerichtet. Es half jedoch alles nichts, 
dor Tod eines Märtyrers orwockto zehn nouc Bekonner, und der 
Schein dor Scheiterhaufon der Inquisition leuchtete zuweilen 
durch dio Fenster der Räume, in welchen dio neue Lehre 
verkündigt wurdo. Unter freiem Himmel, beim Schein dor Sterne, 
versammelten sich ihre Anhänger zur Andacht, die auch gar oft 
in das Gegentheil ausartoto. In Flandern war z. B. ein cal- 
vinistischer Apostel, Namens Hormann Stricker, aufgetreten. Unter 
freiem Himmel errichtete man ihm einen Prodigtstuhl, von Baum- 



107 

Stämmen und Karren zusammengefügt, wobei das umstehende Volk 
sich an seinen Schmähungen über das Papstthum ergötzte. Mit 
dem nächsten Wasser wurden die neugebornen Kinder getauft, 
Ehen wurden eingesegnet und das Abendmahl vortheilt. Eben- 
daselbst trat ein anderer Galvinist, Peter Dathen, auf, zu dessen 
Predigten sich Tausende drängten. Gefängnisse wurden erbrochen 
und die gefangenen Protestanten bofroit. Die stillen Täufer hielten 
gar oft ihre Andachten hinter den Deichon oder auf kleinen Insoln, 
im Angesicht des Meeres, und weder Sturm noch Regen hielt sie 
davon ab. Dennoch Hess Alba bosondors nach dieson Ketzern 
suchen, denn es war ihm nebenbei auch um den Raub der Güter 
der Kotzer zu thun, und die Täufer waren meistens wohlhabond. 
Er Hess 1569 ein Vorzeichniss der Güter aller verurtheilten Men- 
noniten aufstellen, damit ihm nichts ontgoho. Während Albas 
Herrschaft wurden, ohne dio Provinz Friesland zu rechnen, in 
Holland und Seeland alloin 111 Monnoniten hingerichtet. 

Auf diese Weiso fand dio Inquisition mehr und mehr Arbeit. 
Alle, dio sich zur Taufo dor Erwachsenen als zu ihrem Panier be- 
kannton, wurdon am heftigsten vorfolgt, obgleich alle schwärmerischen 
Täufer längst verschwunden waren, und fast nur dio Anhänger Mennos 
und seiner Mitältosten, freilich eine beträchtliche Zahl, übrig waren. 
Sie hatten nur dann öffentlich gegen Rom protestirt, wonn sie 
durch dio Folter dazu gezwungen worden waren; nur Menno hatte, 
seitdem ein Preis auf soinon Kopf gosetzt war, durch seine Schriften 
seine Lehre vorthoidigt, und dargethan, dass dio Anhänger der- 
selben keine Aufruhrer seion. Nio hatton sie Klöster geplündert, 
Bilder zorstört, oder Kirchon vorwüstet, noch sich mit bewaffneter 
Hand widorsotzt, und nur auf dem Woge der Uoberzougung hatton 
sie ihrem Glauben Eingang zu verschaffen gesucht. So war Menno 
z. B. einmal in oin Kloster godrungon, obwohl das Edikt gegen 
seine Person an der Klosterpforte angoschlagon war, und hatto den 
Priestern und Mönchen mit überzeugender Borodtsamkeit soino 
Ansichten dargelegt. 

Die Mennoniton zogen sich möglichst von dor damals so bei- 
spiellos vorwirrten Welt zurück, wo gar oft Habsucht, Schwindel- 
goist, Rebellion und Zügellosigkeit um sich gegriffen hatten, und wie 
ein unaufhaltsamer Strom sich durch die gebrochenen Dämme der Kirche 
ergosson. Ihre Gemeinden suchten sie rein zu erhalten durch den 



108 

Bann. Diesen, welcher in der Hand dos Papstes eine so Entsetzen 
bringende Macht hatte, dass er vom Süden Europas, über ein 
ganzes Land in seinem Norden, über England, die Stille des 
Grabes hatte bringen können, trachtete diese Verbrüderung um- 
gekehrt nach der Verordnung Jesu und der Apostel in brüder- 
licher Liebe zum Nutzen seiner Gemeinde zu verwenden. 

Freilich entstanden unter den Mennoniten, gefördert durch 
Verschiedenheiten dos Stammes und der Nationalität, Meinungs- 
verschiedenheiten über den Bann und seine Anwendung, die zu 
erheblichen Differenzen und dauernden Spaltungen führton. Sie 
thoilten sich zunächst in flämische, friesische, hochdeutsche und 
waterländische Gemeinden, später, wie wir sehen werden, in noch 
feinere Nüanzirungon, standen jedoch eng geschlossen und hielten 
brüderlich zusammen. Ihro Andachten hielten sie geräuschlos ohne 
Orgel noch Gesang und in verstockten Winkeln, um kein Auf- 
sehen zu erregen: beständig der Gefahr ausgesetzt, vorrathen und 
den Häschorn ausgeliefert zu worden. So wurden z. B. ein Mal 
zwölf von ihnen auf diese Woiso dem Henker Überliefort. Das 
ganze Land wurde oino Trauorstättc, selbst die spanisehon Sol- 
daten hatten oft Mitleiden mit don Schlachtopforn. Die Häupter 
der Grafen Egmont und Hoorn fielen, und der Schmorzensruf an 
ihrem Schaffot war oin Aufschrei dos ganzen Volkes. 

Durch die Wucht der spanischon Kriegsmacht, zu doron In- 
standhaltung die spanische Geistlichkeit und die Inquisition Geldor 
beigesteuert hatten, war der Geusonbund zerstreut und machtlos 
geworden. Als nun aber Herzog Alba das zur Unterdrückung dos 
Volkes orfordorlicho Gold, mittolst Erhobung des zehnton Pfen- 
nigs*), durch die Bevölkerung solbst aufbringen lassen wollte, da 
stieg der niederländische Löwe mit don Geusen von Neuem aus 
dem Wasser. Mit dem Muthe der Verzweiflung, aber auch mit 
der Wildhoit dos Sclavon der die Kette bricht, wurde oin Be- 
freiungskrieg durchgeführt, wio ihn Europa nie gesohon hatto. 

Die Nation fiol offon vom Könige ab; im Jahre 1572, am 
15. August, ward zu Dortrocht der Grund zu dem Staate der Ver- 
einigten Niodorlando gelegt und der Prinz von Oranien zum Statt- 



*) Eine feste Steuer von 10% des Werthes aller beweglichen Güter, 
die bei jedem neuen Verkauf derselben neu erhoben werden sollte. 



109 

halter von Holland, Seoland und Utrecht gewählt. Endlich hatten 
die Inquisition und Alba das Schwort stumpf gearbeitet, nachdem 
in der Stadt Naarden, wolcho ihre Thore auf erhaltene Gnaden- 
versicherung geöffnet hatto, die Spanier alle Einwohner, Männer, 
Frauen, Greise und Kinder, bis auf 60 ermordet hatten, und Haarlom 
nach einer langen Belagorung ein ähnliches Schicksal erlitten hatte. 

Von den Märtyrern der Taufgesinnten (das Verhältniss dieser 
zu denjenigen der Roformirton war wie 10 zu 1) wollen wir fol- 
gondo anführen. 

In dor Provinz Friesland waren von 1531 bis 1574 18 Monno- 
niten geköpft, erwürgt, ortränkt und verbrannt worden, weil sie 
nicht wiodorrufen wollten, nachdom sie zuvor vorgeblich auf die 
Folterbank gespannt worden waren; in den andern Provinzen ent- 
sprechend, dio meisten in Flandern. Eino Märtyorin war eine 
Ostfriosin. Sio hioss Elisabeth, und war als Kind in oin Kloster 
in der Näho dos damaligen Flockons Leer in Ostfriosland gebracht. 
In ihrem zwölfton Jahre hörto sio, dass ein Kötzer vorbrannt sei, 
weil er die Sakramonto der Kircho nicht anorkonnon wollte. Dies 
machte oinen solchen Eindruck auf das Kind, dass sio sich eine 
lateinischo Bibel zu verschaffen suchte um Klarheit zu erlangen; 
je mehr sie las, desto stärker zweifelte sio, dass die Kirche im 
Rechte soi. Zur Jungfrau horangowachson, muss sie wohl ihre 
Ansicht nicht geheim genug gohalton haben, denn sie kam in Vor- 
dacht eine Ketzerin zu sein, und wurde oin Jahr lang eingokerkert. 
Nachher gelang es den übrigen Nonnen des Klostors das Horz dor 
Priorin zu erweichen, so dass sio wieder befreit wurde; sio blieb 
aber unter beständiger Aufsicht. Dieser Zustand wurde ihr uner- 
träglich, sio suchte zu ontfliohen, was ihr mit Hülfe der Klostor- 
dionerinnen auch gelang. Sio vorlioss als Milchmagd verkleidet 
das Kloster und wandte sich nach Leer. Hier fand sie in dem 
Hause einos Mennoniten gastliche Aufnahme, ohne zu wissen, dass 
er ein Mennonit soi, und schloss sich im Vorfolg dessen Gemeinde 
an. Später zog sio nach Loouwarden, vielleicht weil sie in Leer 
dem Klostor, aus welchem sie entflohen, zu nahe war. In Loou- 
wardon fand sie Aufnahmo in dem Hauso oiner Monnonitin, 
Namens Hadowv. Dioso war dio Wittwe eines Mannes, welcher 
bei der Enthauptung des Sikko Frerichs 1531 dio Trommel hatte 
schlagen müssen, um ihn zu vorhindorn, zum Volke zu roden. 



110 

Er war noch dazu des Hingerichteton Freund gewesen. Er Hess 
seine Entrüstung laut worden, und floh dann, um sein Loben zu 
rotton. Seitdem hatte soino Frau ihn nicht wiodor gosehon, man 
fllrchtoto, er soi hoimlich ermordet worden. Elisabeth fühlte Sym- 
pathie mit dor Frau, dio, wie es scheint, durch Menno selbst ge- 
tauft war. 

Dio beiden Frauen lobten still, doch allmählig rogto sich dor 
neue Glaube, namentlich in Elisabeth, so mächtig, dass sio os 
nicht lasson konnto ihn auch in Andorn zu wecken. Wahrscheinlich 
ist sio oft bei Menno gesehen worden, donn spottend nannte man 
sio dosson Frau. Bald wurden beide Frauen als Ketzerinnon ge- 
fänglich oingozogon. Hadowy golang os auf eine wunderbare 
Woiso zu ontkommen; Elisabeth abor wurdo 1549 oinom Vorhör 
untorzogon, welches wir mittheilon wollen, wio es protocollarisch 
im Miirtyrorspiogol dos Tiloman van Bracht wiodergogoben ist. 

Zuerst sollte sio eidlich vorsichorn, ob sio vorhoirathot soi 
oder nicht. 

Elisabeth: Uns ist nicht erlaubt zu schwören, unsro Worte 
sollen soin ja, ja, nein, nein. Ich habo keinen Mann. 

Dor Inquisitor: Wir behaupten, dass du eino Lehrerin bist, 
wolcho Violo vorloitot, das habon wir selbst gohört, wir wollen 
wissen wer deine Froundo sind. 

Elisabeth: Mein Gott hat mir goboton, dass ich moinon 
Herrn und Gott Hoben soll, und moino Eltern ohron, doshalb will 
ich euch nicht sagen wor meine Eltern sind, denn os goroieht moinon 
Freunden zum Vorderben, dass ich dos Namons Christi wogon leido. 

Der Inquisitor: Deswegen wollen wir dich zufriodon lassen, 
nenno uns aber die Leute, wolcho du gelehrt hast. 

Elisaboth: Ach, meino Herren, lasst mich auch hiorübor in 
Frieden und untersucht liobor meinen Glauben, den will ich gerne 
bekennen. 

Dor Inquisitor: Wir worden dich so ilngstigon, dass du os 
uns wohl sagen wirst. 

Elisaboth: Ich hoffe, ich wordo durch Gottos Gnado meino 
Zungo wohl bewahren, dass ich koine Verräthorin wordo und moino 
Brüdor dorn Tode überlioforo. 

Der Inquisitor: Wolcho Leute waren dabei zugegen, als du 
getauft wurdest? 



111 

Elisabeth: Christus sagte: ,Fragt diejenigen, die dabei waren, 
odor die es gehört haben. 4 

Der Inquisitor: Nun merken wir, dass du eine Lohrorin 
bist, denn du willst dich Christo gleich stellon. 

Elisabeth: Nein, meine Herren, das sei forno von mir, denn ich 
achte mich nicht höhor als das, was ausgefegt wird aus dos Herrn Haus. 

Der Inquisitor: Was ist es, welches du für das Haus Gottes 
hältst? Hältst du unsere Kirche nicht für das Haus Gottes? 

Elisaboth: Nein, moino Horron, denn es steht geschrieben: 
,Ihr seid der Tompol dos lebendigen Gottes 4 , denn or spricht: ,Ich 
will unter ihnen wohnon. 4 

Der Inquisitor: Was hältst du von unsror Messe? 

Elisabeth: Meino Horron, von eurer Mosso halto ich nichts, 
aber viel von dem, was mit dem Worte Gottos stimmt. 

Dor Inquisitor: Was hältst du von dem hoiligon Sakrament? 
(der Mosso). 

Elisabeth: Ich habo nirgond in dor hoiligon Schrift von 
einem hoiligon Sakramont etwas gelesen, wohl vom Abendmahl 
dos Horrn (sio führt dio Schriftstollo an). 

Der Inquisitor: Schwoigo, denn der Toufol spricht durch 
doinon Mund. 

Elisabeth: Ja, meine Herren, dios ist oino kleine Sache, 
donn dor Knecht ist nicht bessor als soin Horr. 

Dor Inquisitor: Du sprichst aus oinom hochmüthigon Geist. 

Elisabeth: Nein, moino Horren, ich sprocho mit einem 
freien Muth. 

Dor Inquisitor: Was sprach dor Herr, als or seinen Jüngern 
das Abendmahl reichte? 

Elisabeth: Was gab er ihnen, Fleisch odor Brod? 

Der Inquisitor: Er gab ihnen Brod. 

Elisaboth: Blieb der Herr sitzen, als or dies that? Wer 
konnte denn des Horrn Fleisch essen? 

Dor Inquisitor: Was hältst du von dor Kindortaufo, da du 
dich noch einmal hast taufon lassen? 

Elisabeth: Nein, meine Herron, ich habo mich nicht wieder 
taufen lassen, ich habe mich nur oin Mal auf meinen Glauben 
taufen lassen, denn os steht geschrieben, dass dio Gläubigen ge- 
tauft werden sollen. 



112 

Der Inquisitor: Sind unsro Kinder denn verdammt, weil sie 
getauft sind? 

Elisabeth: Nein, ineine Horron, das sei ferne von mir, dass 
ich die Kinder verurtheile. 

Der Inquisitor: Suchst du die Seligkeit nicht in der Taufe? 

Elisabeth: Nein, moino Herren, alles Wasser des Meeres 
kann mich nicht selig machon, die Seligkeit giebt uns Christus in 
seinem Gebot: ,Liobe Gott über allos, und deinen Nächsten wie 
dich solbst. c 

Der Inquisitor: Haben die Prioster auch Macht die Sünden 
zu vergobon? 

Elisabeth: Noin, moino Herren, wie könnte ich das glauben? 
Ich sage, dass Christus dor einzigo Prioster ist, durch welchen die 
Sünden vergobon werden. 

Dor Inquisitor: Du sagst, dass du glaubst alles, was mit 
der heiligen Schrift überoinstimmt: glaubst du denn den Worten 
dos Jakobus nicht? 

Elisabeth: Ja, moine Horron, wie sollte ich denen nicht 
glauben? 

Der Inquisitor: Hat diosor nicht gosagt: ,goho zu dem Aelte- 
sten der Gomoindo, dass er dich salbe und für dich bitte? 4 

Elisabeth : Ja, moino Horron, dürft ihr denn sagen, dass 
ihr von einer solchen Gemeinde soid? 

Dor Inquisitor: Dor heilige Goist hat dich wohl selig ge- 
macht, und du bedarfst wodor Boichto noch Sakrament? 

Elisabeth: Nein, moino Horron, ich bokonno gern, dass ich 
die Verordnungen dos Papstos, wolcho der Kaiser durch seine Pla- 
kate bestätigt hat, übortroten habe, aber boweist mir, mit irgend 
welchen Artikeln, dass ich dio Gebote meines Horrn und Gottes 
übortroten habe, so will ich wehe rufen über mich elenden 
Menschen. 

Hierauf wurde Elisabeth vor den Rath in dio Folterkammer 
geführt; der Scharfrichter Hans wurde zugleich horbofohlon. Nach- 
dem die Herron gosagt hatten: „Wir haben dich lange goriug 
durch Güto zur Umkehr zu bowegen gesucht, nun du nicht willst, 
wollen wir es mit Härte vorsuchen," sagte dor Goneralprocurator: 
„Hans, greife sie an!" 

Meister Hans aber antwortete: „Ach noin, moine Herren, 



1 



113 

sie wird wohl noch bekonnon;" doch als sie es nicht that, musste 
Meister Hans seino Schuldigkeit thun. Was nun geschah, wollen 
wir mit Stillschweigen (Iborgehon, obwohl es auch in dem authen- 
tischen Protokoll, dem wir Obigos entnommen, vorzeichnet steht. 

Als die Folter sie auch nicht hatte bewegen können, ihren 
Glauben zu verleugnen, wurde sie zum Tode durch Ertränken 
verurtheilt. > 

Wenn man dieses Verhör mit Nachdenken liest, sioht man, 
wie gross diese Glaubonsheldin ihren Richtorn gegenüber steht, 
mit welcher innorlichon Sammlung, Besonnenheit und Sicherheit sie 
jede Frage beantwortet, und wie verlegen die Fragesteller dastehen. 

Wio sehr ähnlicher Glaubonsmuth und innigo Frömmigkoit 
auch in den süddeutschen Täuforgemeindon sich zeigten, sieht man 
aus den Klängen, welche aus Frauenmund in ihrem Liederbuche 
ertönten. So heisst es z. B. in einem Liede, welches über- 
schrieben ist: 

Dies Lied hat Aennoloin von Freiburg 
gemacht. 1529 daselbst ertränkt und danach verbrennt. 

Ewiger Vater im Himmelreich, 
Ich ruf zu Dir gar inniglich, 
Lass mich von Dir nicht wenden. 
Erhalt 1 mich in der Wahrheit Dein, 
Bis an mein letztes Ende. 

Gott, bewahr' mein Herz und Mund, 
Herr, wach' ob mir zu aller Stund', 
Lass mich von Dir nicht scheiden, 
Es sei durch Trübsal, Angst und Noth. 
Erhalt 1 mich rein in Freuden. 

Ew'ger Herr und Vater mein, 

Ich arm 1 unwürdig 1 s Kindelein, 

Thu mich weisen und lehren, 

Dass ich hab 1 Acht Dein's Steg's und Weg's, 

Darnach steht mein Begehren. 

Zu wandeln durch Dein' Kraft in Tod, 
Durch Trübsal, Marter, Angst und Noth, 
Darin thue mich erhalten, 
Dass ich von Deiner Lieb', o Gott, 
Nimmermehr werd' gespalten. 



114 



l 



Zu Dir erheb 1 ich, Herr, mein* Seel\ 
Auf Dich hoff ich in Ungefäll 1 , 
Lass mich geschämVt nicht werden, 
Dass sich mein Feind nicht über mich 
Erheb 1 auf dieser Erden. 

Ich befehl 1 mich Gott und seiner G'mein, 
Er woir heut' mein Geleitsmann sein, 
Von wegen seines Namen, 
Durch Jesum Christum. Amen. 

Ein andres Lied trägt die Ueberschrift : 

Ein ander schön geistlich Lied hat ein Edaljungfrau, 
Walpurg von Bappenheim, gemacht. 

Du gläubig' s Herz, so benedei 
Und gieb Lob deinem Herren. 
Gedenk 1 , dass er dein Vater sei, 
Welchen du stets solt ehren, 
Dieweil du gar kein Stund 1 ohn 1 ihn 
Dein Leben kannst ernähren. 

Er ist, der dich von Herzen liebt, 
Und sein 1 Gut 1 mit dir theilet, 
Dir deine Missethat vergiebt, 
Und deine Wunden heilet, 
Dich wapnet zum geistlichen Krieg, 
Dass dir der Feind nit oben Heg 1 
Und deinen Schatz zertheile. 

Er ist barmherzig und auch gut 

Den Armen und Elenden, 

Die sich von allem Uebermuth 

Zu seiner Wahrheit wenden. 

Er nimmt sie als ein Vater auf 

Und schafft, dass sie den rechten Lauf 

Zur Seligkeit vollenden. 

Und giebt uns seinen guten Geist, 

Der neuert unsre Herzen, 

Durch den wir leisten, was er heisst, 

Wiewohl mit Liebesschmerzen. 

Hilft in der Noth mit Gnad 1 und Heil, 

Verheisst uns auch ein herrlich 1 Theil 

Von seinen ew'gen Schätzen. 



115 

0, Vater, steh 1 ans gnädig bei, 
Weil wir seind im Elende, 
Dass unser Thnn aufrichtig sei 
Und nimmt ein selig 1 Ende. 
Leucht' nns mit Deinem hellen Wort, 
Dass uns an diesem dunkeln Ort 
Kein falscher Schein verblende. 

1550 wurde ein junger Mensch, Namens Jaques Dosy, von 
Herkommen ein Flamländer, wegen seiner kotzerischon Ansichten 
ebenfalls zu Loeuwarden gefangen genommen. Eines Tages, als 
der Landvogt und dossen Frau eine Gesollschaft von Horron und 
Damen bei sich sahen und das Gespräch auf diosen Kotzer kam, 
der seiner Jugond wegen dio Theilnahmo der Gesellschaft erregen 
mochte, wurdo der junge Mensch aus dem Gefiingnisso nach dem 
Hause des Landvogts geholt, damit dio Anwesendon von ihm selbst 
erführen wess Glaubens or sei. Der Landvogt selbst wurde in 
dem Augenblick als Jaquos erschien, Geschäfte haibor abgerufen, 
während dessen aber examinirte seine Frau den jungen Ketzer. 
Sio fühlte vielleicht Mitleid mit ihm, und hoffte ihn von seinen 
„Irrwegen" zurück zu bringen, woboi sie der Meinung war, dass er 
zur Sekte der aufrührerischen Schwärmer gehöre. Als er dies ver- 
neinte und sagte, dass er zu denen gehörte, welcho sich in keiner 
Weise mit Gewalt widersetzten noch Racho übten, rief eine Dame 
ihm zu: „Wenn ihr nur die Macht hättet, würden wir schon sohen, 
was ihr thätet" „Ach, nein, Mevrouw", antwortete er, „wenn es 
uns erlaubt wäre, unsorn Feinden mit dem Schwert zu wider- 
stehen, so wisst, dass keine sieben Männer mich hierher gebracht 
hätten, dann wäre ich nicht in euro Hände gerathen, es würde 
sich dann wohl eine Macht zu meiner Rettung gefunden haben." 
Dies war in der That so, donn gar oft geschah es, dass Haufen 
bewaffneter Protestanten gofangone Glaubensgenossen befroiten. 
Als die Dame fand, dass er in der That ein Ketzer und zwar ein 
Anhänger Mennos sei, suchte sio ihn zur Umkehr zu bewogen, und 
versprach ihm theilnehmend, dass sie seine Befreiung bewirken 
würde wenn er sich bekehren wolle; don Täufern wurde nämlich 
auch im Falle der Umkehr zur katholischen Kirche keine Gnade 
geschenkt Der junge Mann liess sich jedoch nicht umstimmen. 

Rührend sind die zahlreichen uns erhaltenen Briefe von ge- 

8* 



116 

fangenen Taufgosinnton, vor ihrer Hinrichtung an ihre Verwandton 
zum Abschiede geschnoben. Ein Mann, Namens Aysesz, hatte 
boreits 20 Wochen gefangon gesessen, als or das Todesurtheil 
erhielt. Nun schrieb or an seinen Vater, an seine Mutter und an 
seine Frau zum Abschiede seino letzton Briofo. Aus oinom der- 
selben, an seino Frau, wollon wir folgondo Stelle mitthoilen-: 

„Ach, mein goliobtes Weib, wolcho Sorge habe ich für dich, 
wie sehr betrübt bin ich deinetwegen ! Ach, Liebste, ich bitte 
dich aus der Tiefo meiner Soolo, dass du den Herrn deinen Gott 
dein ganzes Lebenlang nicht vergissest! Ach, meine Liebe, ich 
bin so sehr bedrückt und bekümmert um unsor liebes Kind, dass 
ich nicht weiss wohin ich soll, und bete Tag und Nacht zum 
ewigen, allmächtigen Gott darum. Ach, meine Goliebte, habe 
guten Muth, tröste dich im Herrn und sei um mich nicht boküm- 
mert, der Herr ist mein Helfor. Meine Geliebte, wenn es dos 
Herrn Wille ist, dass wir nicht wiodor zusammen kommen, so 
worden wir uns nachmals im owigen Leben wiedersehen. Der 
Herr helfe uns und bewahre uns, dass wir selig werden! 

Geschrieben durch mich, Reitze Aysesz, deinen dich liebenden 
Mann und Bruder im Herrn." 

Auf dem Wege nach dor Folterkammer rief dieser Mann: 
„Himmlischer Vater, ich rufe dich an, stärke meinen Glauben. 44 
Der Grietmann, welcher ihn gefangen genommen hatto und ihn 
nun leiden und sterbon sah, hatte später solche Reue, dass or 
klagte, er habe gehandelt, wie Pilatus that, um dos Kaisers Freund 
zu Bein. 

Wie mit Eisen gepflügt und mit Blut gedüngt waren die 
Gemüther der Menschen in den unglückseligen Niederlanden, und 
dor Hass gegen Alba war aufs höchste gestiegen. Als alle seine 
Blutarbeit nichts half und der Hass des Volkes ihm auf Schritt 
und Tritt folgte, da wurde ihm der Aufenthalt in den Nieder- 
landen unorträglich. Im Jahre 1573 vorliess or den Schauplatz 
seiner Thaton, nachdem or in don sochs Jahren soines Aufenthalts 
18 000 Menschen gemordet und unzählige ihrer Gütor beraubt hatte. 

Schon lange war der Prinz Wilhelm von Oranien in seinem 
Innern dor Reformation zugothan gowesen, jetzt sagte or sich öffentlich 
von der katholischon Kirche los. Noch in demselben Jahre, als Alba 
das Land verliess, trat er zur Kirchengemeinschaft der Calvinisten 



117 

über. Obwohl er Sympathie fühlto mit den Mennoniten, konnte 
er sich koiner Gemeinschaft anschliessen, welche keinem ihrer An- 
gehörigen erlaubte Waffen zu tragen, da das Land sich noch mitten 
im Kriege befand. Ungeachtet dessen aber gestattete der Prinz 
ihnen, wie allen anderen, Religionsfreiheit. So richtete sich das 
Werk der Reformation an ihm wieder auf, und das Evangelium 
brauchte nicht mehr in versteckten Winkeln verkündigt zu werden, 
die Kirchen füllten sich zu ungestörter Andacht. 

Trotz aller mit den anderen Protestanten gemeinsam ausge- 
standenen Leiden aber, mit Betrübniss muss man es gestohen, 
tauchte die Unduldsamkeit in der nouon, nun herrschenden, rofor- 
mirten Kirche wieder auf. Glücklichor Weise theilte letztore sich 
gleich zu Anfang in zwei Parteion. Die eine suchte, als Nach- 
folgerin Calvins und Bezas, allo nicht der herrschenden Kirche 
angehörigon Protestanten zu beseitigen, indom sie solche eben so 
gut als Kotzer ansah wie die Katholiken es gothan hatten; os 
erschien ihr ungerechtfertigt, dass auch den Mennoniten freie Re- 
ligionsübung gestattet sein sollte. Sie suchte die Regierung ihren 
Ansichten geneigt zu machen, indem sie hervorhob, dass die Menno- 
niten ihre staatsbürgerlichen Pflichten nicht erfüllten, da sie keinen 
Eid leisten und auch keine Waffen tragen wollten. Als nun 1577 
die Generalstaaten zu Dortrecht versammelt waren, reichte oino 
Deputation reformirter Prediger eine Vorstellung ein, des Inhalts, 
die Genoralstaaten möchten doch den Prinzen zur Beschränkung 
der Freiheiten der Mennoniton zu bowogon suchen. Der Prinz 
selbst aber und eine Anzahl Mitgliedor der Genoralstaaten, wenn 
nicht allo, waren der milderen Partoi der Roformirton zugethan, 
welche mehr von Molanchthons Goist beseelt war. Dem Bürger- 
meister von Antwerpen, Aldogonde, der das Gesuch üborreicht 
hatte, gab der Prinz kurz und bündig die Antwort, den Menno- 
niten solle ihr Ja als ein Eid angerechnet worden, und im Uobrigon 
sollton die Reformirton nicht vergessen, wie die Papisten sie auch 
hätten zwingen wollen gegon ihr Gewissen zu handeln, man solle 
die Mennoniton also nicht weiter beunruhigen. Er drückte Alde- 
gonde sowohl seine als der Goneralstaaton Unzufriedenheit darüber 
aus, dass die Reformirten sich die Herrschaft über die Gewissen 
anmassen wollton und alle Andern ihren religiösen Ansichton zu 
unterwerfen trachteten. 



_i 



I 



118 

Obwohl die Flammen der Scheiterhaufen beinahe erloschen 
waren, war die Aufregung der Gemüthor längst nicht gestillt: das 
Ungeheuerliche, was man erlebt hatte, trat nun in der Erinnerung 
erst deutlich vor die Seele, die Verluste an Out und Blut empfand 
man nun erst recht. Die Roformirten hatten noch die Aufgabe 
vor sich ihren Kirchenverband einzurichten und unter Dach und 
Fach zu bringen, während die Mennoniten schon lange, trotz der 
harten Verfolgung, ihre Oemeindebildung in Fluss gebracht hatten. 
Natürlich gebrach es in einer so aufregenden Zeit den Bauherren 
und Ordnern beiderseits oft an der erforderlichen Besonnenheit 
und Ruhe, um das so völlig Neue sofort in die rechten Bahnen 
zu leiten. Die Reformirten suchten als Schutzwälle für ihre Kirche 
Glaubensartikel und Dogmen festzustellen; die Mennoniten fussten 
mit ihrem Glauben und ihrer Gemoindeordnung allein auf der 
heiligen Schrift, neben welcher sie nichts anderes als bindend und 
bleibend weder selbst anerkannten, noch für ihre Nachkommen 
aufstellten. 

Mittlorweile war Krieg, Noth und Elend überall, Unzufrieden- 
heit drinnen und draussen. Kein Wunder daher, dass Viele diese 
Welt für ein Jammorthal ansahen, und Trost suchten in dem 
Glauben an eine Ausgleichung in einer andern Welt, wo Friedo 
sein würde. So war es seit Jahren gewesen, so blieb es, obgleich 
man aus dem Kampf mit dem Fapstthum siegreich hervorgegangen 
war. Dass es aber besser werden könne, ja werden müsse auf 
dieser Erde, wenn das Christentum praktisch für das irdische 
Leben vorwerthot würde, das war die Ueberzeugung der Mennoniton. 
Daher ihr entschiedenes Frontmachon gegen den Krieg, daher ihr 
Ja und Nein statt des Eides in dor Ueborzeugung, dass Treue und 
Zuverlässigkeit auch im Kleinsten ein Kernpunkt dos Lebens sei 
und eine bestimmte Forderung Jesu. Daher ihre Vorsicht bei Ehe- 
schliessungen und bei Aufnahmen in die Gemeinde, und dahor ihre 
strenge Sittonzucht, welche zu handhaben ihnen als geeignetestes 
Mittel in damaliger Zeit dor Bann erschien, wie Christus und die 
Apostel ihn geboten und geübt hatten; dahor schliesslich ihre foste 
Uoberzeugung von der Berechtigung ihrer Existenz in dor Heils- 
anstalt Christi. Doch auch sie trugen ihren Schatz in irdenen 
Gefiisson. Zu grosser Eifer ohne Besonnenheit, zu grosse Be- 
schränktheit des geistigon Gesichtskreises, Engherzigkeit und 



119 

Principienroiterei vorkohrten oft dio Wohlthat der SitteDzucht in 
das Gegentheil, indem sie zu sehr in die persönlichen Rechte der 
Gemeindeglieder eingriffen. Glücklicher Weise fanden sich aber 
immer wieder Rufer im Streit, welche den Grundton aufs neue 
angaben, dio Seelen ins Gleichgewicht brachten, und veranlassten, 
dass der Zwist im Feuer der Liebe sich verzehrte. So war es bei 
Mennos Lebzoiten schon gewesen, so blieb es noch ein Jahrhundert 
hindurch. Dabei mussten dio Taufgesinnten für die Geldmittel, 
welche die Gomeindeeinrichtungen und die Armenpflege erforderten, 
von Anfang an selbst sorgen. 

Den Reformirten ward es ungleich loichter; sie hatten dio 
Kirchen der Eatholikon geerbt, sammt deren Gütern. Sie zählten 
den Prinzen und die Regierungsbeamten zu den Ihrigen, bildeten 
zudem dio grösste Zahl, und fühlten sich als eine Macht. Die 
reformirto Kirche, wie auch die lutherische in Deutschland, übte 
weniger Sittenzucht als Glaubenszucht, und hielt ihro Mitglieder 
vorzugsweise durch Furcht im Zaum. 

Die strenge Sittenzucht der Monnoniton, ihr zurückgezogenes 
oinfaches Leben, ihr sich ferne halten von öffentlichen Angelegen- 
heiten hatten zur Folge, dass sie sich im Allgemeinen mit grossem 
Floiss und Treue ihrem bürgerlichen Berufe widmeten, und es in 
der Regel zu einer gesicherten Existenz brachten, oft zu bedeutendem 
Vermögen. „Seid floissig und esst euer eignos Brod", dies Wort 
des Apostels war ihnen eine Vorschrift und Regel. Sie wurden 
auf diese Weise gewissermassen eine Macht im Lande, und sahen 
ihre Existenz gesichert. Freilich weigerten sie nach wie vor 
Waffen zu tragen, treu ihrom Princip wehrlose Christen sein und 
bleiben zu wollen, aber das Pflichtgefühl, mitzuwirken an der 
Rettung dos Vaterlandes in Zeiten der Noth, kam ihnen nicht ab- 
handen. 

Dieses bowieson sie bald mit der That. Der Prinz war oft 
in grosser Geldverlegenheit. Sein erster Feldzug im Jahre 1568 
war goscheitert, weil es ihm, obgleich er sein Silberzeug und seine Be- 
sitzungen verpfändet hatte, an Geldmitteln gebrach; denn von 300000 
Gulden, die man ihm versprochen hatte, waren ihm nur 12 000 
geworden. Bei der zweiten Unternehmung liess er eine Kollekte 
veranstalten, welche jedoch die erforderliche Summe nicht auf- 
brachte. Die Städte wollten erst dann Geld geben, wenn er that- 



120 

sächlich ins Feld gerückt sei. Voll Entrüstung schrieb er an sie, 
und führte ihnen vor den Geist, wie seine Absichten durch diese 
misstrauische Zurückhaltung der erforderlichen Mittel durchkreuzt 
und seine Thatkraft gelähmt würde, sodass er nicht vorwärts noch 
rückwärts könne. 

In dieser sorgenvollen Zeit meldeten sich eines Tages zwei 
Männor bei ihm. Es waren Mennoniten, welche, vom Rhein kommend, 
nach Holland zurückkehrten. Sie hatten wahrscheinlich von der 
Verlegenheit des Prinzen gehört, und boten ihm ihre Dienste 
an. Der Prinz erbat sich Geldhülfe, und sie versprachen ihm zu 
thun was sie könnten. Um Geldhülfe schrieb der Prinz nun auch 
an einen Mennoniten, welcher sich nach Emden geflüchtet hatte. 
Dieser Mann, Namens Boomgaert, unterzog sich der Sache mit 
Eifer. Er reiste mit einem der oben erwähnten Männer, Namens 
Cortenbosch, mit Gefahr seines Lebens, denn die Verfolgungen 
der Täufer dauerten noch fort, bei den Brüdern umher, um Geld 
für den Prinzen zu sammeln. Sie brachten ihm denn auch bald 
1060 Gulden als Geschenk ins Lager bei Roormonde, nachdem er 
kurz vorher bei Dillenburg schon 10 000 Gulden durch Mennoniten 
erhalten hatte, und so kam es, dass der Prinz die Monnoniton 
schätzen lernte, und sie gegen dio Angriffe der Reformirten in 
Schutz nahm, wie wir bereits gesehen haben. 

Nach wie vor arbeiteten die Mennoniten an der Befestigung 
ihres Gemeindelebens, und da jedem Einzelnen dabei das gleiche 
Recht zustand, und dio gleiche Pflicht oblag, so konnte es auch 
jetzt nicht ausbleiben, dass bei der weitoron Thätigkeit dos Ausbaus 
Meinungsverschiedenheiten sich geltend machten. Dio Haupt- 
veranlassung dazu gaben wieder die Bestimmungen über die Aus- 
übung der Gemeindozucht durch den Bann. Die „Flaminger" 
(Flamländor) waren am strengsten in der Handhabung desselben-, 
sie dehnton die Gemeindozucht angesichts der vom burgundischen 
und spanischen Hofe her einroissondon Moden auch auf dio Kleidung 
aus, worin die anderen Parteion, wonngleich sie sich der Einfachheit 
in Kleidung und Tracht ebenfalls befleissigten, nicht dieselbe 
Strenge übten. 

Dio friesischen und hochdeutschon Gemeinden standon in dor 
Mitto. Mehr nach links geneigt, einer freiem Anschauung huldigend, 
waren diejenigen, welche man „junge" oder „schlaffe Friesen" 



121 

nannte, während eine mehr rechts stehende Partei der flämischen 
Gemeinden „alte Flaminger" genannt wurde. Die „Waterländer" 
bildeten gewissermaßen die äusserste Linke, weil sie die frei- 
sinnigsten waren und die persönliche Freiheit des Einzelnen zu 
wahren suchten. Sie wurden -eino Zeit lang von den Flamingern 
„Dreckwagen" genannt, weil sie den Bann milder ausübten und 
bei der Aufnahme in die Gemeinde weniger ängstlich waren, 
während die Flamingor von ihnen „Bekümmerte" genannt wurden. 

An den verschiedenen Benennungen sieht man, dass Stammes- 
unterschied, Nationalität und daraus fliossendo verschiedene Sitten 
und Gebräticho bei den Trennungen von Einfluss waren; im Laufe 
der Zeit wechselte dann wohl wieder der Geist, wolcher diese oder 
jene Abtheilung beseelte, aber die Namen blieben. Auch erhielten 
viele Gemeinden den Namen ihres Ael testen odor Bischofs, wio 
das in Amerika noch der Fall ist. In dieser Weise entstanden 
die zahlreichen verschiedenen Benennungen innerhalb der Men- 
noDiten- Gemeinschaft. 

Es würde zu weit führen, wollten wir die Einzelheiten der 
Entzwoiung über den Bann ausführlich berichton. Es ging hier 
ähnlich wio in einem guten Familienleben, wenn die Kinder heran- 
wachsen und ihre verschiedenen Naturanlagon sich ontwickoln. 
Da treten abweichende Ansichten hervor, die jede für sich Be- 
rechtigung haben und Achtung verdienen; der gemeinsame Geist 
des Elternhauses aber beherrscht sie alle, und hält sie um so fester 
zusammen, je drohender dio Zeiten sich gestalten. 

Zur näheren Eenntniss des Geistos der Gemeinschaft in 
damaliger Zeit wollen wir ein Formular mittheilen, welchos bei 
Wiederaufnahme oines gebannten Mitgliedes in Anwendung gebracht 
wurdo. Der Betroffende wurde in der versammelten Brüderschaft 
feierlich gofragt, „ob or bokonno, dass or durch soine Vorgehen 
und Sündon Gott erzürnt habe, und deshalb von der Gemeinde 
ausgewiesen worden sei." Antwort: „Ja." Es folgte eine kurze 
Bede des Lehrers oder Aoltesten tibor den Worth der Rouo und 
des Schuldgefühls. Ferner: „ob or bekenne, dass or von ganzem 
Herzen Leid trage über soine Vorgehen, und hoffe, durch Gottes 
Gnade ihm zu dienen, und zukünftig woniger Sünde und mehr 
Rechtschaffenheit auszuüben." Antwort: „Ja." Darauf sagte der 
Aelteste odor Lehrer: „wenn du dich wahrhaft gebessert und von 



122 

ganzem Herzen bekehrt hast, so verkündigen wir dir die Gnade 
Gottes." Dieses wurde durch eine Schriftstelle bestätigt. Darauf 
wurde der Betreffende gefragt, „ob er wünsche, dass die Brüder- 
schaft für ihn bete u : er bejahete die Frage, und die Gemeinde 
entsprach dem Wunsche. Darauf sprach der Ael teste: „gleich wie 
Paulus sagte, ,nehmet einander an, wie Christus euch aufgenommen 
hat', so nehmen wir dich, N. N., auch an." Zum Schluss wurde 
der Wiederaufgenommene mit einer Ermahnung entlassen. 

Wie sehr das Rechts- und Wahrheitsgefühl in den Gemoinden 
ausgeprägt war und zur Geltung gebracht wurde, möge folgender 
Vorfall zeigen. Im Jahre 1588 hatte oin Mitglied der Gemeinde 
zu Franeker in Westfriesland ein Haus gekauft. In dem Kontrakt 
hatte er sich für 800 Gulden quittiron lassen, während er in Wirk- 
lichkeit nur 700 bezahlte, und zwar mit der Einwilligung des Vor- 
käufers, um Nachgebote zu vorhindern. Der Käufer war oiner der 
Lehrer (Aoltesten) der Gemeinde und hiess Bintgens. Kaum war 
dies dem zweiton Lehrer, Namens J. Behronds, zu Ohren ge- 
kommen, als er dies für eine Beeinträchtigung des Nächsten und 
streitig gegen die Wahrheit erklärte. Dazu hielt er os für Unrecht, 
dass Bintgens das Haus von oinem Manne gekauft habe, der ein 
Verschwender und Trunkenbold und verschuldet war. Er behauptete, 
Bintgens hätte lieber den Gläubigern des Mannes zu ihrem Recht 
verhelfen sollen bovor or das Haus kaufte, damit diose keinen 
Schaden litten. 

In der kurz darauf folgenden Vorsammlung des Gemeinde- 
vorstandes kam die Sache zur Sprache, und Bintgens wurde auf- 
gefordert sich zu verantworten. Dieser sagte nun, dass es ihm 
leid thue, und er das Haus lieber doppelt bozahlen wolle als dass 
jemand durch ihn verkürzt würde, or habe unwissend in dor Sache 
gehandelt. Mit anscheinendem Reuogofühl hatte or diesos Go- 
ständniss abgelegt, und die Gomeinde schien dadurch befriedigt. 
Als aber einige Zeit nachher oin paar Gomeindeäl toste, die Bintgens' 
Aufrichtigkeit ohnehin nicht trauten, zufällig mit dessen Frau über 
den Hauskauf sprachen, orklärten sie, dass er unrechtmässig 
geschehen sei, und dass Bintgens, obgloich er behauptet habe, dass 
er sich keines Unrochts bowusst sei, doch von Schuld nicht frei 
zu sprechen sei. Durch dies Gespräch in ihrem Misstrauen bestärkt, 
verfolgten sie den Fall weiter. 



123 

Sie entboten einige Aelteston umliegender Gemeinden, um ihr 
Urtheil abzugeben, diese aber wollten ohne nähere Kenntniss der 
Sache nicht entscheiden. Es bildete sich nun eine Partei gegen, 
und eine für Bintgens, der im Uebrigen beliebt gewesen zu sein 
scheint. Seine Gegner fühlten sich in ihrem Rechtsgefühl so 
gekränkt, dass sie seine Absetzung als Lehrer verlangten. 

Am 16. Januar 1589 fand eine Versammlung von Abgeord- 
neten verschiedener Gemeinden statt, um die Sache weiter zu 
untersuchen. Die Amsterdamer Brüder fragten Bintgens noch- 
mals, ob er in den Kaufbrief 100 Gulden mehr habe schreiben 
lasson als er bezahlt habe. Er bejahete dies, fügte aber hinzu, 
dass er dem Verkäufer den Werth der 100 Guidon in Leino- 
wand gegeben habe. Die Amsterdamer Brüder bewiesen ihm 
darauf mit der heiligen Schrift, dass solches Thun sich nicht recht- 
fertigen lasse. 

In einer zweiten Versammlung, wo auch Gillis von Aachen, 
Guillaume und Laurenz Vermens anwesend waren, verlangten die 
Ankläger nicht allein, dass Bintgens seines Amts entsetzt, sondern 
auch, dass ihm die Brüderschaft aufgesagt werde. Einige der 
Anwesenden wollten darauf die Sache durch alle Gemeinden, andre 
durch einige dazu vorordnete Personen entschieden wissen, und 
noch andre nach 1 Timoth. 5. 19, 20 verfahren. 

Im Juli fand oine dritte Vorsammlung statt. In dieser stritt 
man sich um die Art und Weise der Untersuchung. Da man sich 
nicht einigen konnte, beantragten die Amsterdamer und Haarlemer 
Brüder, man möge auch das Urtheil des Brixius Gerrits und 
andrer aus den Gemeinden zu Groningen, Köln und Emden hören, 
wie in einer weiteren Vorsammlung zu Haarlem 1589 denn auch 
goschah. Hier beschuldigten die Amstordamer Flamingor einige 
andre, dass sie das Unrecht dos Bintgens im vorigen Jahre 
entschuldigt und zugedeckt hätten; Bintgens und Gonossen ihrer- 
seits bestritten das Rocht der Groningor und Ostfriosen in dieser 
Sache mit zu urtheilen, worauf dioso wieder abreisten. Von Am- 
sterdam aus schrieben die Brüder, und obenso auch Ganglofs aus 
Emden, an die Gemeinde zu Haarlem und ermahnton sie zur Milde 
und Sanftmuth. In der Folge blieben die Amsterdamer gogon, 
die Haarlemer für Bintgens. Den Amsterdamern stimmton die 
Emder und Groninger bei. So blieb die Sache bis 1590, da orliess 



124 

» 

die Franeker Gemeinde an die Bethoiligten in der Sache ein 
Schreiben dieses Inhalts: 

„So Jemand uns mit des Herrn Wort bezeugen kann, dass 
bei uns in der Sache gefehlt ist, und dass bei uns Unrecht über- 
sehen worden ist, wodurch auch die Haarlemer beschuldigt worden, 
dio % zu unsror Hülfe hier gewesen sind, so mag doch jeder er- 
wägen, ob es mit der heiligen Schrift übereinstimmt, dass man 
uns nicht zuvor über die Sache befragt hat, die wir sie doch in 
erster Stelle bohandelt haben. Deshalb ist unser brüderliches 
Begehr, dass diejenigen, welche hinter unserem Rücken so sprechen, 
zu uns kommen, um es in unserer Gegenwart zu sagen. Wir 
gestatten einem Jeden dazu das Wort, und will er vor oder nach 
dem Verhör uns etwas in Wahrheit anweisen, so wollen wir es 
gerne annehmen." Hierauf beschlossen die Amsterdamer Aolteston 
nach Franeker zu reisen, und liossen dies den Haarlemorn sagen, 
worauf diese, sich von ihnen lossagton. Nichtsdestoweniger reiston 
jeno mit einigen anderen nach Franoker. Aber Bintgons und seine 
Partei wollton ihnen nicht Rede stehen, woil sie von den Haar- 
lemern in den Bann gethan seien. Unverrichtoter Sache roiston 
die Amsterdamer also wieder ab, traten nun aber der Gegenpartei 
des Bintgens entschieden bei, wodurch diese an Gewicht bedeutend 
gewann, denn die Amsterdamer standen in grossem Ansehen. Es 
waren Buis, de Keiser, Vermeus, Outerman, Tongorlo, Walraven, 
van Aken und Guillaurae. Auch in Groningen und Ostfriesland 
verlor die Sache des Bintgons und seiner Anhänger nunmehr 
allen Kredit; sie wurden „Haiiskäufer", später stellenwoiso auch 
„Banquerotteurs" genannt, und gingen zu Grundo. Das strengo 
Rechts- und Wahrhoitsgefühl der Flamingor hatte über alle Vor- 
tuschungsversucho gesiegt, zum Segen für die Gemeinschaft. Der- 
gleichen Differenzen kamen unter den damaligen Mennoniton häufig 
vor und spielten sich in allorloi Woise ab. 

In der herrschenden reformirten Kirche war es indosson nicht 
friedlicher gestollt. Hior erhitzte man sich die Köpfe übor die reine 
Lehre, welche endlich 1618 in der Synode zu Dortrecht für jeden 
bindend festgestellt wurde. Die Machthabenden der Kirche, von 
dem Wunsche beseelt, Alle unter einen Hut zu bringen, sahen mit 
Missbehagen, dass noch so viele draussen standen. Die meisten 
dieser Andersgesinnten waren Mennoniten, in der Provinz West- 



125 

friesland beinahe der vierte Theil der Einwohner. Der Goist Bezas 
regte sich in den Roformirten, und roizto sie zu Gewaltmassregeln, 
wie wir spätor sehen werden. 

Vorläufig blieb es bei blossem Grollen und verächtlichen Seiten- 
blicken auf die „Wiedertäufor". „Sehr theuor," sagt der Kirchen- 
historikor Glasius, „mussten dio Taufgesinnten es bilsson, dass 
sie in einzelnon Punkton mit den Wiedertäufern übereinstimmten. 
Nicht allein mussten sie den vorhassten Namen Wiedertäufer 
tragen, sondern hauptsächlich waren sie es, auf denen sich das 
Schwert der Inquisition matt wüthete. Auf dio schrecklichste 
Weiso wurdon sie misshaTidelt, und selbst die Protestanten Hessen 
sich durch den Wahn, dass sio von der münsterschen Sekte ab- 
stammten, verleiten, sie aufs äussersto zu hassen." 

Trotz aller äusseren Angriffe und mancher inneren Reibungen 
und Zwistigkoiten fuhr die Gemeinschaft fort, sich innerlich zu 
befestigen und rein zu halten ; wobei sio möglichst von allen Ein- 
griffen des Staats frei zu bleiben suchte Dio Mennoniten schlichteten, 
um Prozesse zu vermeiden, ihre Streitigkeiten innorhalb der Ge- 
meinschaft selbst, und es goschah hie und da, dass jemand in den 
Bann gethan wurde, weil er sich an die Obrigkeit gewandt hatte. 
In vielen Gemeinden wurden deshalb vertraute Männer als Schieds- 
richter oder Goemannen angestellt. Diese wurden gewählt, und 
ermächtigt als Richter stroitigo Sachon zu entscheiden, und man ge- 
lobte ihnen unbedingten Gehorsam. Um die Mitto des achtzehnten Jahr- 
hunderts waren in Nordholland noch solche durch die waterländischen 
Gemeinden angestellte Richtor vorhanden. Die Monnoniten hatten 
ferner eine Büchorcensur eingeführt', wenn nämlich oin Gemeinderait- 
glied ein Buch drucken lassen wollte, musste er dasselbe vorher 
durch dio Aelteston (Diener), welcho den Gemeindovorstand bildeten, 
prüfen lassen. Dio Verfasser sahen dios oft nicht ungern, wünschten 
vielmehr, wo ihnen Fehlor nachgowiesen wurden, dieselben ver- 
bessert zu sohon. Namentlich durften theologische Schriften erst, 
nachdem eine Versammlung der Aelteston sie geprüft und gut 
befunden hatte, godruckt werden. Dass auch über diesen Punkt 
Meinungsverschiedenheiten entstanden, konnte nicht ausbleiben, im 
Ganzen waren diese Massregeln dem innern Wesen der Gemoinden 
damals aber förderlich. Die Mennoniten hielten sich grundsätzlich 
von Staatsämtern fern, namentlich von richterlichen, weil sie dadurch 



126 

in die Lage kommen konnten ein Todes urtheil aussprechen zu 
müssen, was sio für unerlaubt hielten. 

Was die religiösen Fragen betraf, über welche man sich so 
oft die Köpfe zerbrochen hatte, so einigte man sich im Laufe der 
Zeit mehr und mehr darüber. Als Beispiel wollen wir einen 
Auszug aus einem Vortrage mitthoilen, welcher 1579 in Emden 
unter wesentlicher Mitwirkung des Hans de Ries, damals Aeltester 
der dortigen waterländischen Gemeinde, zu Stande kam. Nach dem 
Gruss und der Einleitung heisst es darin, dass sie, die ver- 
sammelten Brüder, sich verpflichtet fühlton, den andern Brüdern 
das Resultat ihrer Besprechungen, welcho sie im Namen des Herrn 
mit Hans de Ries gepflogen hätten, kund zu thun, damit jeder, 
welcher unter dem Gehorsam Gottes in der Gemeinde Christi in 
Liebe und Friede zu leben begehre, veranlasst werde mit fröh- 
lichem Herzen und Gemüth den Herrn zu loben und zu preisen. 
Die Gegenstände der Vorhandlungen seien gewesen : Dor wahre 
christliche Glaube und Leben, und hätten sie gefunden, dass 
sie darin einträchtig seien. Mit Beziehung auf die Taufe, den 
Bann und die Kirchenstrafen, sowie auf das Abendmahl, wollten 
sie die Verordnungen Christi halten, wie die Apostel sie geübt 
hätten. Alles was damit nicht übereinstimme, solle verworfen 
werden ; danach hätten sie sich das Zeichen des Friedens gegeben. 
Eine kleine Meinungsverschiedenheit aber sei zwischen ihnen ge- 
blieben über die Menschwerdung Christi. 

Nach einer weitläufigen Auseinandersetzung über Christus, 
dass er, wahrer Gott und wahrer Mensch, durch die Kraft Gottes 
und des heiligen Geistes, als Mittler zwischen Gott und den 
Menschen und als der wahrhafte Sohn Gottes uns erlösen solle aus 
den Banden des Teufels, dass er gestorben und begraben sei und 
am dritten Tage wieder auferstanden und zu unsrem Seelenheil 
gehorsam gewesen sei dem Willen seines Vaters, dass er dem 
menschlichen Geschlecht den Willen Gottes seines Vaters ver- 
kündigt, es versöhnt, aufgerichtet und lebondig gemacht habe, heisst 
es ferner, dass man daher im Glauben an seine Person und Amt 
in Gohorsam leben müsse. Und obwohl sie, Hans de Ries und 
seino Freunde, des Glaubens seien, dass Christus durch die Kraft 
Gottes und die Wirkung des heiligen Geistes aus dem Stamme 
Davids geboren worden sei, so wollten sie über diesen Punkt die 



127 

brüderliche Einigkeit nicht gestört wissen, sondern die Liebe als 
Band des Friedens bewahren, sie wollten vielmehr dem Besten 
nachzujagen suchen, welches sei, Gottes Wort zu hören, os in Liebe 
und mit domüthigem Herzen zu üben, den Fussstapfon Christi zu 
folgen, und Streit und Tronnung zu vermeiden, da doch aus dem 
Worte Gottes nicht zu beweisen sei, dass die Art der Herkunft 
Christi ein Glaubensartikel sei. Es solle daher niemand wegen 
seiner Ansichten darüber für gläubig oder ungläubig gehalten, noch 
selig oder verloren erachtet worden, noch gerechtfertigt oder un- 
gerechtfertigt. Da nun dios so sei, und nur dor christliche und 
apostolischo Glaube, Lehre und Lobon, von ihnen bekannt, ein- 
müthig geglaubt, bezeugt und gelohrt würden, so hätten sie sich im 
Namen des Herrn und seiner soligmachonden Gemeinschaft in 
Frieden und brüderlicher Eintracht verbunden, unter Anrufung 
des Beistandes Gottos. 

Dieser Vertrag war unterzeichnet von 

Hans de Ries. Jakob Jansz. 

Hans Klerk. Heinrich Reiniersz. 

Brauer. Willem Claassohn. 

D. Albors. Willem Pieterssohn. 

Ihm hatton sich vier andre Gemeindon durch schriftliches 
Zeugniss und Namensuntorschrift angeschlossen. Man sieht hieraus, 
dass die Waterländer, denn zu dieser Partei gehörte Hans de Ries, 
auf dem richtigen Wege gegenseitiger Achtung abweichender 
Meinungen voran schritten, was schliesslich zur Vereinigung aller 
Parteion führte. 

Als am 10. Juli 1584 Wilhelm von Oranion, auf dessen Kopf, 
todt oder lebendig, König Philipp oinon Preis von 25 000 Gold- 
kronen gesetzt hatto, von der Hand oines Meuchelmörders fiel, der 
durch die Jesuiten vormittelst Absolution und Abendmahl dazu 
geweiht worden war, überzog Schrecken und Trauer die Nieder- 
lande. Gewiss fühlten die Taufgesinnton den Schlag nicht am 
wenigsten, denn noch leuchteten die Scheiterhaufen ihrer Märtyrer 
aus den südlichen Provinzen herüber, während sie in den nörd- 
lichen unter Wilhelm Ruhe genosson hatten. Noch im Jahre 1589 
erlitt zu Gent einer der ihrigen, Namens Joost de Tollenaar, den 
Märtyrertod. Zum Glück aber übte Wilhelms Sohn Moritz dieselbe 
Toleranz, die seinem Vater eigen gewesen war, und auch die 



128 

Generalstaaten und die ihnen anhängenden Häupter der reform irten 
Kirche blieben der gloichen Richtung treu. Die streng calvinistische 
Partei aber, welche ein ganzes Jahrhundert nicht aufhörte die 
Taufgosinnten zu unterdrücken, wurde in Schranken gehalten, und 
sah daher auf die Generalstaaten mit grollenden Blicken. Zugleich 
fuhr sie indessen in ihren Bestrebungen, die Draussenstehenden zu 
absorbiren oder zu beseitigen, fort. 

Die niederländische Republik war wohl ein Körper, aber mit 
sehr selbständigen Gliedern. Dio einzelnen sieben Provinzen ge- 
nossen eine ausgedehnte Freihoit, ihre eigenen Angelegenheiten 
selbst in die Hand zu nehmen: so dass jemand in der einen 
Provinz für einen Ketzer angesehen werden, und in der andern 
als harmlos durchgehen konnte, weil die Geistlichkeit in der einen 
mehr Einfluss auf dio Provinzialregierung hatte als in der andern. 
In Westfriesland hatten die Calvinisten zu der Zeit überwiegenden 
Einfluss. Auf der Synode zu Dortrocht 1574 hatte die Mehrheit 
auf die dort aufgeworfene Frage, ob man die Wiedertäufer (Menno- 
niten) vortreiben, oder auf den rechton Weg zu bringon suchen 
sollo, geantwortet, die Regierung müsse ermahnt werden, dass sie 
niemanden dulde, der nicht mit einem Eide schwören wolle ihr 
gehorsam zu sein, dass sie die Monnoniten nach dem Worte Gottes 
anhalte ihre Kinder taufen zu lassen, und sie im Weigerungsfalle 
zu den reformirten Predigern entbiete, um sich darüber zu ver- 
antworten, dass sie ferner den letzteren die Befugniss einräume, 
die „heimlichen Zusammenkünfte" der Mennoniten (es war den- 
selben nur gestattet, in aller Stille ihre Andachten in einer 
„Binnenkamer" zu halten) zu besuchen, um ihnen zu beweisen, dass 
ihre Lehre unrichtig sei. Wo nun die Provinzialregierungen diesen 
Forderungen entsprachen, wie z. B. in Wostfriesland, da drangen 
wohl reformirte Geistliche in die gottesdienstlichen Versammlungen 
der Taufgosinnten ein. Der Magistrat der Stadt Leiden aber machte 
davon Anzeige bei den Generalstaaten, und erbat sich deren Hülfe 
gegen solches Vorgehen, indom er der Ansicht wäre, dass man 
jede Glaubonspartei, sofern sio nicht gegen den Staat Verstösse, in 
Liebo dulden müsse, damit das ganze Volk willig bleibe gegenüber 
dem gemeinsamen Foinde. Es that auch wirklich Noth, die Blicke 
von den innern Angelegenheiten ab auf die Gefahr zu richten, in 
welcher sich das Vaterland befand! 



129 

Als das unglückliche Land nach der Eroberung Antwerpens 
durch den Herzog von Parma sich vergebens dem Könige von 
Frankreich in die Arme geworfen hatte, und dann die Königin von 
England um ihren Schutz bat, schickte diese Hülfstruppen unter 
dem Befehl des Grafen Leicester. Bald aber sah Johann von Olden- 
barneveld als kluger Staatsmann die Gefahren, welche durch 
Leicester, der seinerseits nach Herrschaft strebte, dem Lande 
drohten, und sann um so mehr auf Selbsthülfo der Provinzen 
Holland, Seeland, Utrecht und Friesland, welche allein den Spaniern 
noch Stand hielten, als Leicesters Unfähigkeit sich bald heraus- 
stellte und der Feind immer mehr Feld gewann. Die streng cal- 
vinistischen Prediger andererseits, deren Bemühungen, die General- 
staaten auf ihre Seite zu bringen, gescheitert waren, hielten zum 
Grafen Leicester, von welchem, als Abgesandten der reformirten 
Königin von England, sie entschiedenes Eintreten für ihre Pläne 
erwarteten. Die Genoralstaaten hatten ihre Beschwerden nämlich 
mit der Bemerkung abgewiesen, sie hätten sich nicht zu beklagen, 
ihre Kirche sei schon die herrschende, obwohl nur der zehnte 
Theil der Unterthanen ihr angehöre. Und auf eine nochmalige 
Beschwerde hatte ihnen Oldenbarneveld die Antwort gegeben, 
den Generalstaaten liege das Staatswohl nicht weniger am 
Herzen, als den Prädikanten, sie würden es allein schon zu hand- 
haben wissen. 

Als nun auf Betrieb Oldenbarnovelds dor jugendliche Prinz 
Moritz an die Spitze der Land- und Seemacht gestellt worden war, 
verliess der Graf Leicester im Jahre 1587 die Niederlande. 

Bei don späteren Friedensverhandlungen mit Spanien wurden 
die Prädikanten durch den Prinzen befragt, was dabei mit Be- 
ziehung auf die Religion zu berücksichtigen sei. Sie antworteten, 
man müsse nicht allein in die Wiedereinführung der katholischen 
Religion nicht willigen, sondern auch keine andere als die reformierte 
Religion im Lando dulden. 

Es ist vorhin schon erwähnt, dass auf Grund eines von der 
Provinzialregiorung von Westfriesland gebilligton Antrages der 
Dortrechter Synode reformirte Prediger in gottesdienstliche Ver- 
sammlungen der Taufgesinnten eindrangen, und durch Streit- 
fragen Störung und Aergerniss verursachten. Andere thaten das- 
selbe mit der Feder; so einer, Namens Gellius, zu Sneek 1585 

9 



130 

durch ein Traktat, ein anderer Hauptoiferer war der reformirte 
Prediger Acronius zu Cornjum. Nach allerlei Vorsuchen, in Ver- 
sammlungen von Mennoniten einzudringen und zu Disputationen 
mit deren Ermahnern (so oder auch Lehrer nannten die Mennoniten 
ihre Aeltesten, die don Gottesdienst abhielten), gelang es Acronius 
endlich, Feter von Köln zu einer Zusage zu bewegen. Dieser Peter 
von Köln war ein Hauptredner auf Seiten der Mennoniten gewesen 
bei der bekannten Disputation in Emden 1578 zwischen diesen 
und den Reformirten, die vom 27. Februar bis zum 5. Juni 
dauerte und resultatlos endigte. 

Nachdem die Provinzialregierung ihre Genehmigung gegeben 
hatte, wurden die Vorbereitungen zu der Disputation getroffen. 
Peter von Köln war damals 70 Jahre alt, aber ein Mann voll 
Geist und Glaubenskraft, von grossem Scharfsinn und gründlicher 
Bibelkenntniss. Das Gespräch fand in der Galiläerkirche zu Leeu- 
wardon in Gegenwart einer zahlreichen Zuhörerschaar statt. Den 
Vorsitz führte oin Abgeordneter der Regierung. Den Rednern 
waren Regeln vorgeschrieben, die alle sehr wichtig und gut waren, 
nur wurden sie nicht inne gehalten. Die Redner sollten 

1. jede Versammlung mit Gebet beginnen; 

2. weder ihre eigene Ehre noch diejenige ihrer Kirche in den 
Vordergrund stellen, sondern offen aussprechen, was sie mit Gottes 
Wort übereinstimmend hielten; 

3. bei der Sache bleiben; 

4. alle Bitterkeit zu vermeiden sich bemühen und jeder mit 
sanftmüthigem Geist die Sache behandeln; 

5. wer sich überzeugt halte von der Richtigkeit der Ansicht 
des Andorn, solle dies bekennen und Gott die Ehre geben; 

6. Acronius sollte seine Vorrede zu dem Emder Gespräch, 
wolche er hatte drucken lassen, und durch welche er Peter 
von Köln beleidigt hatto, mit Gottes Wort vortheidigon und dieser 
sie mit Gottes Wort bestreiten dürfon; 

7. im Fall man sich nicht verstände, oder es eine von den 
Parteien wünscho, dürfe man das Gespräch zur bessern Berathung 
oder Untersuchung oinige Stunden unterbrechen; 

8. dorn Ueberwundenen, odor vielmehr dem durch Gottes 
Gnade zur Erkenntniss seiner Irrthümer und zum rechten Ver- 
ständniss des Wortes Gottes Gebrachten, solle es nicht zur Unehre 



131 

und Schmach, sondern vielmehr ihm, als der Wahrheit weichend, 
zur Ehre und Lob gerechnet werden; 

9. das Gespräch solle nicht mit unbegründeten Worten, sondern 
mit Gründen aus der Schrift offen und deutlich geführt werden; 

10. zwei geschickte Schreiber sollton alles protokolliren, von 
denen einer durch Peter von Köln gewählt werden dürfe. 

Gleich von Anfang aber wurdo die vierte Regel schon nicht 
beachtet. Acronius begann damit, don Mennoniten scharfe Vor- 
würfe zu machen, dio sein Gegner mit dersolben Schärfe zurück- 
wies. Da in diesem Tone ab und zu fortgefahren wurde, sah der 
Präsident sich bei der 54. Sitzung genöthigt, zumal auch die Zeit 
überschritten war, einen Tormin festzusetzen und die Streitenden 
zur Mässigung zu ermahnen. Das Gespräch dauerte vom 16. August 
bis zum 17. November. Täglich wurden zwei Stunden Vor- und 
zwei Stunden Nachmittags dafür angesetzt und 155 Sitzungen ab- 
gehalten. Der Sieg wurde in einer Ausgabe der Protokolle dem 
Acronius zugeschrieben, indessen sieht man schon aus der Vorrede, 
dass sie tendenziös abgefasst ist. 

Die Worte Matthäi 7, 15: „Hütet euch vor falschen Propheten 
u. s. w., u werden zuvörderst angewandt auf Baalspriester, Esseör, 
Mönche und Türken, und dann heisst es weiter: „Und da die 
Lehre und nicht das Leben der falschen Lehrer als ein unver- 
änderliches, wahrhaftigos und untrügliches Kennzeichen sie unter- 
scheidet von den wahren Dienern Christi, so bezieht sich dieses 
auch auf die Wiedertäufer. In dieser Hinsicht hat unser würdiger 
und getreuer Diener des Wortes Gottes, R. Acronius, don Lehrer 
der Wiedertäufer, P. von Köln, vollkommen und getreu auf Grund 
des Wortes Gottes besiegt." Zum Schluss heisst es: „Darum, da 
die Wiedertäufer nichts als schändliche und schreckliche Irrlehren 
haben, welche die Fundamente unsrer ewigen Seligkeit umstossen 
und den Wohlstand des Gemeindewesens untergraben, so wollen 
wir Alle hiorait geboten haben und von Amtswegen treulich er- 
mahnen, dass sie sich vor der Sekte und Lehre der Wiedertäufer 
hüten als vor einem verderblichen Uebel. Obwohl sie bis zu dieser 
Zeit geduldet sind aus verschiedenen Gründen, so sind sie dennoch 
solche, wie sie in 1 Timotheus 4, 2 verzeichnet sind u. s. w." 

Da die Präsidenten auf Seiten des Acronius waren, so hatte 
Peter von Köln gewünscht, eine gleiche Zahl seiner Freunde zur Seite 

9* 



132 

zu haben. Man hatte ihm dies jedoch geweigert, und so war das 
Gespräch von vorne herein mit Bitterkeit gewürzt. Weiterhin 
ersuchten die reformirten Synoden zu Franeker und Harlingen die 
Regierung, die Resolution von 1597, kraft welcher dem Peter 
von Köln das Prodigtamt in Friosland verboten sei, zu beachten. 

Unter solchen Umständen endigte das gewaltige sechszehnte 
Jahrhundert für die Mennoniten in den Niederlanden, das sieb- 
zehnte aber Hess sich nicht minder drohend an. Im zweiten Jahre 
desselben übersetzten ein paar Männer ein Schriftstück von Beza 
über die Ketzers trafen, in welchem das Tödten der Ketzer vertheidigt 
wird. Sie reichten diese Arbeit mit einer Vorrede versehen bei 
dem Magistrat der Stadt Sneek ein. Man müsse die Ketzer nicht 
verschonen, hiess es darin, das sei Friede stiften mit dem Satan ; 
man müsse nur Eine Kirche im Staate dulden. Was den zu be- 
fürchtenden Verlust an Handel und Nahrung betreffe, so sei es 
besser, eine wüste und unbewohnte Stadt zu haben, als eine be- 
triebsame voll Ketzer. Dies machte solchen Eindruck auf den 
Magistrat, dass er schleunigst ein Plakat erliess, durch welches 
den Mennoniten ihre gottesdienstlichen Versammlungen bei Geld- 
strafo verboten wurden. In Loouwarden wurde ihnen untersagt, 
Geschäfte zu treiben, und drei ihrer Ermahner wurden mit einer Geld- 
strafe von 300 Thalern belegt, dazu mussten dieselben noch innerhalb 
drei Tagen das Stadtgebiet räumen. Einigermassen lässt sich dies Ver- 
fahren damit entschuldigen, dass man den Mennoniten keine Vorrechte 
den Katholiken gegenüber einräumen wollte. 1603 beschloss eine 
reformirte Synode, die Regierung zu ersuchen, sie möge den 
Bischöfen dor Taufgesinnten verbieten, dass sie von einem Orte 
zum andern reisten um zu predigen und zu taufen ; 1604 be- 
antragte man in gleicher Weise, dass es ihnen verboten werde, 
junge Prediger auszubilden; 1605 gaben die calvinistischen Prä- 
dikanten ein Gesuch ein, man möge den Taufgesinnten verbieten, 
Kirchen zu bauen. Und so ging es das ganze 17. Jahrhundert 
hindurch auf 55 reformirten Synoden. 

Es ist kaum zu begreifen, wie eine Gemeinschaft unter solchen 
unablässigen Zerstörungsversuchen, die sich nicht allein auf Gut 
und Blut, sondern auf jegliche ihrer Bethätigungen richteten, 
und unter den hinzutretenden innern Spaltungen sich hat behaupten 
können. Diese Spaltungen freilich, wenn man sie genauer besieht, 



133 

zeigten nur, wie jeder auf seine Weise in regem Eifer die innere 
Glaubensgemeinschaft fördern wollte, deren Kern von jenen Streitig- 
keiten unberührt blieb. 

Die Beschlüsse der reform irten Synoden fanden nicht bei 
jeder Provinzialregierung Anklang und Unterstützung, so dass 
sie nur theilweise praktische Folgen hatten. Manche stimmten 
mit dem holländischen Kirchenhistorikor Benthoim überein, der 
sagte: „Man hält diese Leute (die Mennoniten) für Honigbienen 
des Staates und fürchtet sich vor ihnen nicht. — Man kann viel 
Gutes von ihnen lernen, als Domuth, Zufriedenheit, Massigkeit und 
sonderlich thätigo Liebe gegen die Nothdürftigen. u Auch Hess das 
Bestreben der Boformirten, die Taufgesinnton zu unterdrücken und 
zu beseitigen, von 1626 bis Mitte dos Jahrhunderts nach, sei es, 
dass es an treibenden Persönlichkeiten fohlte, soi es, dass man 
der Sache müde wurde, woil man wonig Erfolg sah, odor dass man 
durch die Angelegenheiten der eigenen Kirche in Anspruch ge- 
nommon und abgeleitet wurde. Innerhalb dor Dämmo des Glaubens- 
bekenntnissos von 1619 fing es nämlich nunmehr bei den Boformirten 
an, sich bedenklich zu regen ; es bildeten sich Parteien, welche sie 
zu durchbrechen drohten, die Köpfe erhitzten sich, und man gerioth 
unter einander in Harnisch. Da gab es Bomonstranten und Contra- 
remonstranten, Labadiston und Socinianer, welcho nicht bei dor 
Kirche zu halten waren und eigne Gemeinden zu bilden anfingen. 

Während dieser Zeit der Erholung richteton sich die Blicke 
der Mennoniten auf den Zustand der eigenen Gemeinschaft; sie 
erkannten, dass es zu ihrer innern und äussern Befestigung not- 
wendig sei, ihre Kräfte zusammen zu schliessen. Es hatten sich 
zwar schon in Friesland zwischen 1560 und 1566 die Gomoinden 
der vier Städte Harlingen, Franekor, Leeuwarden und Snoek mit- 
telst eines Vertrages von 19 Artikeln verbunden, um durch ver- 
einte Kräfte die vielen zu ihnen geflüchteten, ihrer Güter beraubten 
Flamländor zu unterstützen, um der Willkür dor oinzolnen Ge- 
meinden in der Anstellung odor Absetzung ihrer Ermahner und 
in anderen Angelegenheiton zu steuern, um zu vorhindorn, dass 
Gemoindomitglieder ohne Sittenzeugniss in andere Gemeindon ent- 
lassen würden u. s. w. Dieser Bund aber zerfiol vorläufig wioder, 
theils weil unter den strengen ehrenfesten Flamingern einige heiss- 
blütige Männer meinten, man brauche keinen andern Bund, als 



134 

den mit Christus und seinem Evangelium, theils weil die eine oder 
andere Bestimmung anderen nicht gefiel. Es entstand sogar in 
Folge davon 1568 ein erheblicher Streit zwischen den Flamingern 
und Friesen, so dass von beiden Seiten Schiedsrichter vorgeschlagen 
wurden, um die Sache beizulegen. Diese sprachen nun das Urtheil, 
dass beide Parteien auf den Koieen ihre Schuld bekennon und 
Abbitte thun müssten, und dass sie ferner in Frieden und brüder- 
licher Liebe leben sollten. Die Streitenden unterwarfen sich diesem 
Urtheil willig. In der dazu bestimmton Stunde erschienen die Parteien 
und eine feierliche Stille und Ehrerbietung durchwehto die Ver- 
sammlung. Kaum war das Urtheil verleson, so fielen die Friesen 
auf dio Enieo, bekannten ihre Schuld, baten um Vergebung und 
richteten sich wioder auf, die Flamingor thaton ehrerbietig das- 
selbe und wollton sich wiodor aufrichten, da aber machto sich bei 
einem der Richter Podanterie goltend, er sagte, das sei nicht nach 
dem Urtheilsspruch, dio Flamingor als die Hauptschuldigen dürften 
nicht selbst aufstehen, sondorn müssten mit der Hand von den 
andern aufgerichtet werden. Diese Taktlosigkeit verdarb alles; 
nur wenige blieben gekniet liegen, dio meisten sprangen zorn- 
entbrannt auf, und der Riss war ärger als zuvor. 

Doch wer si$ht nicht, dass, wo in der Tiefe solcho Gesinnung 
lag, wie sie in dorn Urtheilsspruch und der Unterwerfung sich 
zeigte, äussere Misshelligkoiton sich immer wioder ausgleichen 
müssten. Einor der Botheiligton, Job Janszoon, war von solcher 
Trauer erfüllt, dass er am andorn Tage zu soinom Freunde van 
Gent, welchor ihn niedergeschlagen und traurig am Horde sitzend 
fand, sagte: „Ach Gott, wio habon wir armen Menschen uns doch 
verleiten lassen, da wir doch fortwährend die Schrift untersuchen 
und doch nicht zur Liobo, sondorn zur Zwietracht gelangen/' 
Dieser Mann begab sich, um sein Gemüth zu beruhigen, ein halbes 
Jahr nach einem stillen Orte, in ein Dorf boi Briel in Südholland. 
Doch statt Ruhe fand er Verfolgung und Hass. Dio Ketzorsucher 
der Inquisition spürten ihn auf, und mit einem andern Glaubens- 
genossen, Jan Thieleman, ward er zu 's Gravonhage in demselben 
Jahro, 1568, dem Flammentode üborgoben. 

So war der Bund der vier Städte wohl nicht zur vollen 
Geltung gekommen, aber ein Anfang zur äusseren Verbindung 
der Gemeindon war doch gemacht, und der Trieb dazu entwickelte 



135 

sich in dor Stille woitor und trug Früchte. Das zeigte sich 1639 
schon deutlicher: Pieter Jans Twisk scheint die Vorbindung (Societät) 
hervorgerufen zu haben, welche damals zwischen den Gemeinden 
in Westfriesland entstand. Die Aoltesten der dazu gehörenden 
Gemeinden kamen an einem bestimmten Tage zusammen, man 
nannte diesen Tag Landsdag, und die dazu Abgeordneten Lands- 
dienaren. Was den Zwock dor Vereinigung betrifft, so ist ton Cato 
der Ansicht, dass dieser zunächst darin bestand, übor den unver- 
fälschten Christenglauben und die daraus hervorgehenden roinen 
Sitten zu wachen, sodann don Frieden und die Eintracht dor 
Gemeinden zu fördern und ferner für die Armenpflege und auch 
einigermassen für don Predigtdionst zu sorgen. Da dieser Verein 
vor 1694 kein Protokoll führte, so liogen die Verhandlungen des- 
selben bis dahin im Dunkeln, und nur die nachfolgondon zwölf 
Artikel logen Zeugniss davon ab, dass or bestand, und in wolchem 
Geiste or wirkte. 

Diese zwölf Artikel sind vom Jahro 1639 und wurdon bis 
1716 jodes Jahr in der Societätsversammlung vorlosen, in wolchem 
Jahre zuerst andre, zeitgomässoro an ihre Stolle traten. Sie lauteten : 

Erstens. Wenn ein Bruder odor eine Schwester zum zwoiton 
Male heirathet, so sollen sie vorher ihren Kindern ihre Erbschaft 
väter- oder mütterlicherseits klarlogen, damit kein Streit ontsteho, 
und wir uns zugleich richten nach des Landes Gesetzen. 

Zweitons. Jünglingo und Jungfrauen sollen nicht zu frei mit- 
einander umgehon. Auch dürfen sie nicht freien ohno Erlaubniss 
ihrer Eltern odor Vormünder, damit solches nicht geschehe ohne 
den rechten Ernst, welches für einen Christen sich nicht ziemt. 

Drittens. Diejonigon, wolche an einen andern Ort sich vor- 
hoirathen wollon, sollen gehalten soin, ein gutes Zeugniss von dorn 
Ort, an welchom sie wohnen, mitzubringen. Dasselbe soll angobon, 
ob sie noch frei sind, sowie auch, ob das Aufgebot abgehalten 
ist, wio sichs gebührt, damit wir in allen Dingon das Licht 
nicht zu scheuen haben. (Das Aufgobot durfte nur in don 
roformirton Kirchen geschehen, wie auch dio Trauung nur durch 
reformirte Prodiger vollzogen worden durfte.) 

Viertens. Ein Jedor soll sich hüten vor grossen Hochzeiten, 
sondern zusehen, dass dieselben massig und in dor Furcht Gottes 
geschehen, nach dem Vorbilde des Tobias, und nicht zur Unohre 



136 

Gottes und seines heiligen Namens, sowie zur Verunreinigung 
unsers christlichen Namens. 

Fünftens. Man soll beim Handel, so viel thunlich ist, aus 
den Herbergen bleiben, weil man dort selten etwas Gutes lernt, 
und die Gefahr, zu viel geistige Getränke zu nehmen, so nahe 
liegt. Auch giebt man dadurch ein böses Beispiel, und verleitet 
andere, in die Herbergen zu gehen, wo leider viele Sünden be- 
gangen werden zum Yerderbon des Leibes und dor Seele. 

Sechstens. Man darf sein Geschäft nicht so verwirren, dass 
man nicht im Stande ist, auf Tag und Stunde zu bezahlen, und 
sein gegebenes Wort zu halten, wodurch man in schlechten Ruf 
kommt und andre benachtheiligt, wie auch die Gemeinde dadurch 
einen schlechten Namen bekommt, als wenn sie die Wahrheit 
und Gerechtigkeit nicht genug handhabe. 

Siebtens. Keiner darf geraubtes oder gestohlenes Gut kaufen, 
damit man solcher Sünden nicht theilhaftig werde und sie fördere. 

Achtens. Niemand darf Mieder in einem Schiffe mit Geschütz 
werden, sondern sobald er erfährt, dass ein Schiff, in welchem er 
Antheil hat, solches führt, soll er sich so bald thunlich und in 
der Ordnung davon abmachen, damit er sich nicht daran betheiligo, 
andern die Mordwaffen in die Hand zu geben, um unsere zeitlichen 
Güter zu schützen, wodurch man viel mehr Schaden verursacht, 
als die irdischen Güter wertb sind, und man einander den Weg 
abschneidet, um sich zu bessern. 

Neuntens. Keiner soll unnütz Tabak gebrauchen aus böser 
Angewohnheit, wodurch man seine Zeit und sein Geld vergeudet, 
und wodurch man Andern, welche es nicht thun, zur Last wird 
durch Übeln Geruch und Spucken. Ja, dieses Uobol wird so gross, 
dass man, anstatt die Bibel oder das Gesangbuch hervorzuholen 
und sich gegenseitig zu erbauen, die Tabakspfeife hervorholt. (In 
damaliger Zeit, wo das Tabakrauchon, sowie auch die Perrücken 
eingeführt wurden, wurde sowohl von Seiton dos Papstes, als dor 
roformirten Kirche in den Niederlanden auch dagegen gekämpft. 
Ersteror erklärte beides für Künste des Teufols.) 

Zehntens. Man darf Schiffe und Häuser nicht zu viel ver- 
zieren, eben so wenig die Kleidertracht, sondern man soll sich den 
Bescheidenen gleich stellen, damit wir durch äussere Verzierungen 
nicht die inwendigen verlieren, und somit das himmlische Brautkleid, 



137 

und nicht in die äusserste Finster niss geworfen werden, wo Zähne- 
klappern sein wird. 

Elftens. Wenn ein Bruder oder eine Schwester nach einem 
andern Orte zieht, dann soll er ein Zeugniss von Dienern seiner 
Gemeinde mitnehmen, damit man wissen möge, ob er ein recht- 
schaffener Bruder ist, und wie er sich betragen hat. 

Zwölftens. Keiner soll die christliche Ansprache gegen einen 
strauchelnden und abweichenden Bruder versäumen, und diese 
Ansprache geschehe in aufrichtiger brüderlicher Liebe, mit freund- 
lich zurechtweisenden Worten, und nicht mit Heftigkeit und 
Vorwürfen, auch mit der betreffenden Person allein, damit diese 
das zu ihr gesprochene Wort in Dankbarkeit annehmen könne, wio 
geschrieben steht: „Der aber unterrichtet wird mit dem Wort, der 
theiio mit allerlei Gutes dem, der ihn unterrichtet :" Galater 6. 6. 

Diese Artikel trugen die Uoberschrift: „Zwölf Artikel in 1639 
durch die Landdiener der friesischen Gemeinden aufgestellt, um 
sie als guten Rath zum Wohlstand der Gemeinden und zur Wahrung 
der guten Sitten unter einandor dienen zu lassen. " 

Man sieht hieraus, welchos Gewicht die damaligen Menno- 
niten auf ein im acht christlichen Sinne gegründetes Familienleben 
legten. Im Jahre 1647 traten 41 waterländische Gemeindon zu 
ähnlichem Zweck zusammen, und wurden durch deron Delegirte 
ähnliche Artikel festgestellt In diesen wurde vor Unmässigkeit 
in der Lebensweise gewarnt, sowie vor Geiz, Hoffart, Schelten 
und Schlägerei. Zwei Jahre später fand eine Versammlung 
Dolegirter von 32 flämischen und hochdeutschen Gemeinden statt, 
in welcher beschlossen wurde, dass, wo man die geringste Sitten- 
losigkeit einreissen sähe, jede Einzelgemeinde sofort die nöthigen 
Mittel ergreifen solle, um den Schaden zu heilen, und dass 
namentlich die Diener (Aeltesten) der Gemeindon mit einem guten 
Beispiele vorangehen müssten nach den Worten des Apostels 
Paulus, Tit. 11. 7. 

Um zu zeigen, wie damals die Gomeindozucht gehandhabt 
wurde, möge Folgendos dienen. Ein Mann, der oine Branntwein- 
schenke hielt, in welcher noch dazu oft zu viel getrunken wurde, 
wurde so lange vom Abendmahl ausgeschlossen, bis er sein Geschäft 
aufgab. Ein anderer wurde in den Bann gethan, weil er sich 
Unwahrheiten und Verläumdungen hatte zu schulden kommen 



138 

lassen nach Ps. 101. 5: „Der seinen Nächsten verläumdet, den ver- 
tilge ich. Ich mag dess nicht, der stolzo Gobehrden und hohen 
Math hat. u Ferner eine Frau, weil sich herausgestellt hatte, dass 
sie allein um des Brodes Willen zur Gemeinde getreton sei, sodann 
ein Mann, der seine Schulden nicht bezahlt, unaufrichtig gehandelt 
und sich dem Trunk ergeben hatte u. s. w. 

Auf diese Weiso konnte es nicht ausbleibon, dass die Menno- 
niten ein treffliches Contingent zum Wohl dos Gemeindewosens zu 
stellen im Stande waren. Dieses erkannten die Provinzial- 
regierungen, und so legte man ihrem Frincip der Wehrlosigkoit 
denn auch nicht viel in don Wog, weil der Vorthoil, den sie dorn 
Staate durch ihre Thätigkeit in Handel, Gewerbe und Fabrikwesen 
brachten, so dass manche Stadt ihnen ihr Emporkommen und ihre 
Blüthe zu vordanken hatte, werthvoller erachtet wurdo, als einige 
Soldaten mehr oder woniger, die man sich ohnehin für Gold ge- 
nügend verschaffen konnte, zumal die Mennoniton ja auch in dieser 
Beziehung ihren Antheil am Kriegswesen reichlich trugen. 

Durch ihren Fleiss, ihre Zuvorlässigkeit im Handel und 
Wandel, ihre Massigkeit und Sparsamkeit waren die Mennoniton 
fast ohne Ausnahme zu Wohlstand und hie und da zu Reichthum 
gekommen; manche dor angosehonsten Familien in Amsterdam, 
Zaandam u. a. 0. gehörten zu ihnen. Man sieht aber aus obigen 
Vorschriften, dass die Gemeinden zeitig darauf bedacht waren, dor 
Gefahr dos Sittenverfalls und des Unglaubens, welche übermässiger 
Luxus für das heranwachsende Geschlecht immor in sich birgt, und 
namentlich in Zoiton, wie die damaligo, vorzubeugen. 

Die Pflege des religiösen Lebons lag in erster Stollo don ge- 
wählten Lehrern und Aolteston oder Diakonen ob. Während die 
Staatskircho theologische Lehranstalten hatte zur Ausbildung ihrer 
Prodiger, vorwarfen die Mennoniten dergleichen, wie überhaupt 
einen amtlichen Predigerstand. Gelehrte Untersuchungen über 
dunkle Fragen hatten ihnen schon Mühe und Noth genug gemacht, 
und sie wussten sattsam, wie dio Theologen der Staatskirche sich 
gegenseitig über solcho dio Köpfe erhitzt hatten, ohne dass für ihre 
Gemeinden sittlichor Yortheil daraus geflossen war. Sie begnügten 
sich doshalb in gewohnter Weiso damit, einzelne Glaubonspunkte 
und Principien unzweifelhafter Art festzustellen, ohne jedoch 
Dogmen daraus zu machen. Ihre Ermahner oder Lehrer, wie sie 



139 

ihre Prediger nannten, wählten sie aus der Mitte der Gemeinde, 
Männer, die sich durch Kenntniss der heiligen Schrift, durch reinen 
Lebenswandel und Ansehen auszeichneten. Das Amt des Er- 
mahnen war ein unbesoldetes Ehrenamt, und es eigneten sich daher 
auch nur solcho dazu, die wohlhabend waren oder ein einträgliches 
Gewerbe hatten, das ihnen Zeit liess, sich diesem Amt zu widmen. 
Diese Männer haben nicht wonig dazu beigetragen, die Gemeinschaft 
zu festigen, unter ihrer Leitung hat sie über zweihundert Jahre 
bestanden, ohne eine besondere Lehranstalt zur Heranbildung ihrer 
Prediger zu besitzen. 

Als aber die reformirte Prodigerschaft den Taufgosinnten in 
Religionsgesprächon Rochenschaft von ihrem Glauben abfordorte, 
da fühlten die Ermahner, dass sie den studirten Theologen in der 
Dialektik und im positivon, namentlich sprachlichen Wissen nicht 
gewachsen seien, obwohl ihre Bibolkonntniss die ihrer Gegner oft 
übertreffen mochte. Schon gleich zu Anfang der Reformation 
Hessen die Taufgesinnton ihre Kinder mit Eifer im Lesen und 
Schreibon unterrichten, damit sie die Bibel und darauf Bezug 
babendo Schriften lesen könnten. 

Ein Mönch, Namens Cornelius, sagte z. B.: „Ihr Wiedertäufer 
soid geschwinde Gesellen, um die heilige Schrift zu verstehen. 
Ja, ja, bevor ihr Leute wiedergotauft wurdet, konntet ihr kein A 
von einem B unterscheiden, aber so bald ihr neu getauft seid, könnt 
ihr lesen und schreiben/ 1 

Die Gemeinden selbst, namentlich dio in den Städten, machton 
auch bei fortschreitender Bildung höhere Ansprüche an die Predigt, 
sodass die Leitung des Gottesdienstes als Ehrenamt und Neben- 
beschäftigung nicht überall mehr genügte. 

Währond dieser Zeitperiodo entstand in den Niederlanden die 
Gemeinschaft der Kollegianton oder Rheinsburgor. Ihre Stifter 
waren drei Brüder aus dem alten angesehenen Geschlecht van der 
Kodde. Die streng konfessionelle Richtung der Staatskirche hatte 
sie aus dioser hinaus gotrieben, und da sie sich zu den Romon- 
stranten nicht so hingezogen fühlten, dass sie sich mit diesen zu 
vereinigen wünschton, richteten sie sich auf eigene Hand ein, 
zunächst in oinem Dorfe bei Leiden, Rheinsburg. Sie vertraten 
die weiteste christliche Toleranz und die Idee der unsichtbaren Kirche, 
und bilden in so fern eino sehr merkwürdige Erscheinung auf 



140 

religiösem Gebiete, als sie weniger eine besondere Gemeinde, als 
vielmehr eine Gesellschaft von Menschen waren, die das Streben 
hatten, ohne bestimmtes bindendes Glaubensbekenntniss — und 
hierin trafen sie mit den Taufgesinnton zusammen — durch gegen- 
seitige Erörterungen über dunkle Punkte dos Evangeliums zur 
Klarheit zu kommen. Sie nahmen alle auf, die mit ihnen dieses 
Streben theilten, ohne zu verlangen, dass diese aus ihrer religiösen 
Gemeinschaft austreten sollten. Sie hielten die Taufe der Erwach- 
senen für die rechtmässige, und übten sie durch Untertauchen, wes- 
halb sie auch Taucher (Dompelaars) hiessen. Diese Kollegianten nun 
haben auf die Mennoniten einen nicht geringen befruchtenden Ein- 
fluss geübt. In ihren Versammlungen fanden sich sowohl freisinnige 
Reform irto als Remonstranten, Socinianer und Mennoniten zusammen. 
Von den Letztem waren es besonders diejenigen, welche wegen 
ihres Dranges nach klarer Erkenntniss und ihrer dementsprechend 
geringeren Achtung vor dem Hergebrachten von den Flaminger- 
gemoinden angegriffen und wohl gar in den Bann gethan waren. 

Die Versammlungen der Kollegianten fanden nach und nach 
in vielen Städten Eingang. Roformirto Studenten, Gelehrte, Pro- 
fessoren neben vielen andern besuchten sie, darunter nicht wonige 
Ermahner der Mennonitengemeinden und solche Mitglieder der- 
selben, die Aussicht hatten es zu werden. Mennonitische Ermahner 
leiteten sogar hie und da die Verhandlungen, und so wurden die 
Kollogiantenvoreine gewissormassen theologische Lehranstalten. 
Wie immer voran, wo es oinen Fortschritt galt, waren die water- 
ländischen Gemeinden die ersten Mennoniten, welche mit den 
Kollegianten in Berührung traten, während die andern der Neuerung 
mit Misstrauen zusahen und ihre Mitglieder fern zu halten suchton. 
So bildeten sich manche Mennoniten in den Kollegiantonvorsamm- 
lungon aus im Reden und Antworten, bereichorten ihr Verständniss 
und erweiterten ihren geistigen Gesichtskreis. Sie kamen somit 
dem Bedürfnisse der Gemeinden nach durchbildeteren Predigern 
schon entgegen. Dies Bodürfniss der Gemeindon sprach sich unter 
anderm auch darin aus, dass oft Aerzte, weil studirte und gebil- 
dete Männer, zum Prodigtamt gewählt wurden. 

Auf allen Gebieten der Wissenschaft sehen wir im Laufe des 
siebzehnten Jahrhunderts bodeutende Männer aus der Mitte der 
Taufgesinnten hervorgehen, von denen wir einige erwähnen wollen. 



141 

1617 war A. J. Roscius, Doktor der Medicin, Ermahner 
(Lehrer) der waterländischen Gemeinde zu Hoorn. 

A. y. Dale, obenfalls Arzt, bekleidete oine Zeitlang dasselbe 
Amt in der Gemeinde zu Haarlem, legte es später aber nieder, 
weil er am städtischen Hospital angestellt wurde. Durch seine 
ärztlichen Schrifton erwarb er sich einon europäischen Ruf. 

J. Willems war Arzt und Prediger an der Gemeinde zu deRijp. 

Zwei bedeutende Aerzte waren die Gebrüder Bidloo. von denen 
der eine Leibarzt Peter des Grossen war und der andere dasselbe 
Amt bei Wilhelm III. bekleidete. 

Ferner J. P. Schabalje, Lehrer der Gemeinde zu Alkmaar, 
Gelehrter und Dichter geistlicher Lieder. Er gab unter anderm 
ein Werk, betitelt: „Das Leben Jesu", heraus, sowie einen Auszug 
aus dem Alten Testament, der fünfzig Mal neu aufgelegt wurde. 

G. A. de Haan studirte zu Leiden Medicin, war Arzt und seit 
1645 zugleich Prediger bei der flämischen Gemeinde zu Amsterdam. 
Er war der Urenkel des Freundes und Mitarbeiters Mennos, Gillis 
von Aachen. Gillis hatte s. Z. in Südholland und Flandern Viele im 
Stillen getauft, und da 1553 bis 1558 sieben Märtyrer auf der 
Folterbank gestanden, durch ihn getauft worden zu sein, wurde 
auf ihn gefahndet. Er ward 1558 ergriffen und starb zu Ant- 
werpen den Märtyrertod. Der Dekan van Ronse nannte ihn Gillis 
de dooper. Yon de Haan sagt ein Zeitgenosse: „Seine Reden waren 
äusserst klar, seine Beweise gründlich, seine Lehren kräftig, seine 
Ermahnungen ernst und eindringlich, seine Tröstungen beruhigten 
die Seele, und wenn er strafte, so sah man bei allem Ernst Liebe 
und Mitleid hindurchstrahlen. Die Sünde nannte er beim richtigen 
Namen und ohne Umschweife, und wies mit Nachdruck auf ihre 
Gefahr hin." 

Adriaan van Eoghem, 1631 von katholischen Eltern geboren, 
lernte in Haarlem die Weberkunst und trat hier zu den Mennoniten 
über. Dann ward er in Middelburg Fabrikant, wo die Gemeinde ihn 
später zum Prediger wählte. Er gab später sein Geschäft auf und 
ward Buchhändler, studirte dabei griechisch und lateinisch, und 
widmete sich schliesslich ganz dem Predigoramt. Er gab ver- 
schiedene gelehrte Werke heraus. 

Als Dichter sind aus dem 17. Jahrhundert folgende Menno- 
niten bekannt: J. A. van der Goes durch sein Gedicht „de Ystroom"; 



142 

J. Oudaen durch Kirchenlieder. Als Dichter und Maler zugleich 
sei noch Karl van Mander (oder Vermander) erwähnt. Er über- 
setzte den „Virgil u und die „Ilias", und dichtete ein geistliches 
Liederbuch für die Gemeinde. Auch gab er Lebensbeschreibungen 
mehrerer deutschen und niederländischen Maler heraus. Als Maler 
machte sich auch Miereveit einen Namen. 

Auf naturwissenschaftlichem Gebiete waren die Folgenden 
von Bedeutung: Jan Adriaans Leeghwater, welcher den Plan zur 
Trockenlegung des Haarlemer Meeres entworfen hat, und J. v. der 
Heiden, welcher die Beleuchtung der Stadt Amsterdam unternahm 
und verbesserte Brandsprützen erfand. 

Auf allen Lebensgebieten sehen wir im Laufe des 17. Jahr- 
hunderts die Mennoniten sich bethätigen, in religiöser Beziehung 
aber hatten sie immer noch Unterdrückung zu leiden. Das 
zeigte sich in der letzten Hälfte dieses Jahrhunderts wieder 
deutlicher. 

Als sie, wie erwähnt, mit den Häretikern der herrschenden 
Kirche, den Kollegianten und Remonstranten, in Berührung und 
Beziehung traten, da war es kein Wunder, dass die reformirte 
Geistlichkeit ihre Augen wieder auf sie richtete. Obgleich die Menno- 
niten niemals Prosei y ton zu machen suchten, wie die Remonstranten, 
hasste man sie doch als gefährliche Nebenbuhler. Man nahm einen 
neuen Anlauf gegen sie auf der Synode von 1651, der alsbald 
mehrere Synoden mit dor Bitte an die Generalstaaten folgten, 
„man möge beschliessen, dass die wahre christliche reformirte Kirche, 
wie sie durch die allgemeine Synode zu Dortrecht befestigt sei, 
von den Regierungen und dor Macht des Landes geschützt und 
die geduldeten Sekten in Schranken gehalten werden müssten, und 
man möge den letzteren nicht gestatten, sich an andern Orten, 
als wo ihnen jetzt ihren Gottesdienst zu üben gestattet sei, nieder- 
zulassen. Auch möge man das Bauen der Vermaningen (Er- 
mahnungshäuser, Kirchen) der Mennoniten verhindern, und befehlen, 
dass, wo solche neu gebaut soien, sie wieder abgebrochen oder 
geschlossen werden müssten, um dio Verbreitung ihrer Irrlehren 
zu verhindern." 

Die Generalstaaten, weiteren Blicks, suchten die Sache in die 
Länge zu ziehen. Da mehrere Petitionen in diesem Sinne bei 
ihnen eingegangen seien, war die Antwort, so müssten auch diese 



143 

erst in nähero Erwägung gezogen werden, und wollten sie je nach 
Befinden dor Sachlage den Provinzialstaaten Vorstellungen machen. 

Hierauf setzten die Mennoniten die verschiedenen in Angriff 
genommenen Bauten ihrer Yermaningen fort, die Synoden aber 
auch ihre Klagen. In Westfriesland hatten die Reformirten den 
Erfolg, dass die Regierung beschloss, alle früheren Beschlüsse der 
Synoden sollten streng durchgeführt werden. Auch wurden die 
Plakate gegen Eollegianten, Rornonstranten u. s. w. wiederholt. 
Dieselbon sollten bei Zuchthausstrafe sich nicht in dor Provinz auf- 
halten dürfen. Jeder, der einen Kollogianten, Quäker oder Socinianer 
anzoige, solle eine Belohnung von 25 Goldstücken empfangen. Im 
Jahro 1687 wurde durch den Statthalter Heinrich Kasimir II. dieser 
Befehl erneuert Es hiess unter anderm in dessen Plakat: „Da der 
Teufel, der geschworne Feind Oottos, täglich neue Irrlehren aus- 
zustreuen sucht, wozu er die Socinianer, Quäker und Dompelaars 
gebraucht, welche durch ihre eitlen Fantasien Gottes Volk ver- 
leiten u. s. w. Und da wir wissen, dass solche in der Provinz 
anwesond sind, und sich unter den Mennoniten befinden, um desto 
sicherer ihren gotteslästerlichen Samen unter die einfältigen Ein- 
gesessenen ausstreuen zu können, zum grossen Aergernisse vieler 
frommen Gemüthor und zur Verleugnung der göttlichen Drei- 
einigkeit, so erneuorn wir die Plakate von 1662 und autorisiren 
alle Prädikanten, Alle, welche im Verdacht dieser Irrthümer 
stehen, beim Magistrat anzuzeigen und in Gegenwart desselben zu 
examiniren, und soll mit einer Prämie von 25 Goldstücken (Rijders) 
belohnt worden, wer einen solchen anzeigt. Ebenso verbieten wir 
das Drucken und Verkaufen ihrer ketzerischen Schriften und 
schändlichen Lieder. Bei Zuchthausstrafe von fünf Jahren verbieten 
wir, dass ein Socinianer, Quäker oder Dompelaar den Boden unserer 
Provinz betritt." 

Trotz oder vielmehr wegen dieser Zustände, zugleich auch 
um die aus England nach Holland geflüchteten Taufgesinnten mit 
ihrem religiösen Standpunkt bekannt zu machen, Hessen die nieder- 
ländischen Mennoniten Glaubensbekenntnisse und sonstige Schriften, 
in welchen sie ihre Lehre vertheidigten und ins rechte Licht zu 
stellen suchten, im Druck erscheinen; wogegen die Reformirten 
es selbstverständlich an Gegenschriften nicht mangeln Hessen. 

In dieser Zeit waren namentlich bei den Reformirten Grübeleien 



144 

über die Existenz und das Wesen des Teufels an der Tagesordnung. 
Unter den vielen Flugschriften darüber war z. B. eine betitelt: 
„Die Tiefen des Satans, entdeckt und vernichtet", in Form eines» 
Gesprächs zwischen einem philosophirenden Bauer, einem Philosophen 
und einem Quäker. Eine andere hiess: „Ein historischer und 
philosophischer Beweis, dass es Teufel giebt, mit vielen der sichersten 
Geschichten, durch welche die Teufel deutlich kund gethan haben, 
dass sie bestehen, zur Ueberzeugung der Atheisten und Teufels- 
leugner." 

Während dieser Zeit unterliessen die Mennoniten nicht, durch 
Wort und Schrift auf die Vereinigung ihrer verschiedenen Parteien 
einzuwirken. In dieser Beziehung wirkte eine Schrift, der „Oliv- 
zweig" genannt, viel Gutes. Allmählig verloren sich die Schärfen, 
und Annäherungen und Vereinigungen vollzogen sich in der er- 
freulichsten Weise. Die Angriffe der Reformirten wurden durch 
den Krieg mit England um so mehr abgeleitet, als man die 
Hülfe der Mennoniten zur Rettung des Landes für wesentlich hielt. 
Man sah, dass der friesische Rechtsgelehrte Huber richtig geurtheilt 
hatte, als er sagte: „Die Mennoniten sind keine gefährlichen Staats- 
bürger, sie sind durchgehends friedlich, fieissig, wohlhabend, und 
haben wenig für sich nöthig. Sie sind dadurch sehr geeignet, Ab- 
gaben zu zahlen und dem Lande in Zeiten der Noth mit Geld 
zu helfen." Dies sollte sich bald zeigen. Zu der kostspieligen 
Ausrüstung der Kriegsflotte der Admirale Trorap und de Ruyter 
gegen die Engländer musste jede Provinz ihren Antheil beisteuern. 
Dies fiel der Provinz Wostfriesland besonders schwer, da sie noch 
ausserdem viele Kosten für das Landheer zu bezahlen hatte. Eine 
Anleihe von 500 000 Gulden wurde erfolglos ausgeschrieben. Nun 
wandte man sich speciell an die Mennoniten der Provinz, und die 
damit Beauftragten brachton die 500 000 Gulden auch nach einigen 
Schwierigkeiten bei 4856 Mitgliedern der Mennonitengemeinde 
zusammen. Die Noth, in welche das Land durch die folgenden 
Kriege mit Frankreich und dessen Verbündeten versetzt wurde, 
zwang die Regierung von Friesland zu einer zweiten Anleihe von 
400 000 Gulden, die nun aber ohne weiteres mehr befehls- als 
bittenderweise von den Mennoniten gefragt wurde. Angesichts der 
Noth des Vaterlandes waren diese gern bereit, Beistand zu leisten, 
obwohl es ihnen schwer wurde, da auch sie durch den Krieg viel 



145 

eingebüsst hatten. Für diese Hülfe wurde ihnen nebst der Be- 
freiung von persönlichen Kriegsdiensten Religionsfreiheit in Aussicht 
gestellt. Im Jahre 1676 ward ihnen eine dritte Anleihe von 
132 943 Gulden auferlegt, welcher sie sich, jedoch vergeblich, zu 
entziehen suchten, da sie schwer durch den Krieg gelitten hatten; 
namentlich hatten ihre vermögenderen Mitglieder viele Schiffe durch 
die Engländer verloren. 

Als im Jahre 1672 die niederländischen Truppen in Nord- 
holland die Winterquartiere bezogen, fehlte es an Allem. Die 
Qeneralstaaaten wandten sich an die Mennoniton um Beihülfe, und 
zwar diesmal blos an die Landgemeinden, die sich früher dazu er- 
boten hatten. Ein bedeutender Kaufmann unter ihnen. Mevndert 
Aronds Mcyn, der erst kürzlich das Glück gehabt hatte, einige 
seiner Schiffe, um deren Verlust ihm bangte, reich beladen binnen- 
laufen zu sehen, nahm sich voll Dankgefühl und Freude der Sache 
besonders an. Er brachte in den angerufenen Gemeinden in kurzer 
Zeit 30000 Gulden zusammen, dazu noch 15 000 Röcke, 15000 Paar 
Schuhe, 12 000 Paar Strümpfe, 1000 Hemde, Bettwäsche und Mund- 
vorrath allor Art. 

Als in demselben Jahre die Stadt Groningen vom Kurfürsten 
von Köln und dem berüchtigten Bischöfe von Münster, Bernhard 
von Galen, belagert wurde, und 24 000 Mann mit 60 Mörsern ihr 
den Untergang drohten, da musste jeder Bürger das Seinige zur 
Abwehr thun. Diese Geschütze waren damals noch so unbekannt, 
dass man sie später für Geld sehen Hess. Um sich gegen die 
Feinde zu rüsten, hatten Groningon und Overyssel sich auch an 
die Mennoniten gewandt, denn es mangelte an Geld, da die Ver- 
teidigung gegen die Streifzüge der Feinde im Jahre 1666 bereits 
acht Tonnen Goldes verschlungen hatte. Die Mennoniten halfen 
nach Kräften und brachten in zwölf kleinen Gemeinden innerhalb 
einiger Jahre 149 810 Gulden für die Anleihe zusammen. Bei der 
Belagerung der Stadt wurden die Katholiken von der Yertheidigung 
ausgeschlossen, aus Furcht, dass sie gemeinsame Sache mit den 
Feinden machon könnten, und die Mennoniten davon ihres Glaubens 
wegen entbunden. Letztere jedoch thoil ton sich in zwei Abtheilungen, 
welche die Strassen unter fortwährendem Kugelregen durchzogen, 
um, während die übrigen Bürger die Wälle verthoidigton, die ent- 
standenen Brände zu löschen. Sie thaten dies vierzehn Tage lang, 

10 



146 

während welcher Zeit 5000 Bomben und viele vergiftete Raketen auf 
die Stadt abgeschossen wurden. Einige dieser Bomben waren mit 
kleinen metallnen Platten gefüllt, auf welche unleserliche Zeichen, 
die Zauberformeln ähnelten, gepresst waren; sie sollten Furcht und 
Schrecken einjagen. 

Durch diese muthige und erfolgreiche Beihülfe erlangten die 
Mennoniten, dass man sie zu Groningen fortan in ihrem religiösen 
Gemeindeleben nicht mehr störte. Auf ähnliche Weise hatten sie 
ihre Bürgerpflicht bei den Belagerungen der Städte Aardenburg, 
Amsterdam, Haarlem u. a. m. erfüllt. 

Neben den Anforderungen, welche der Staat an sie stellte, 
wurde die Hülfe der Mennoniten von den eigenen Glaubonsbrüdern 
in fernen Landen in Anspruch genommen. So wurde im Jahre 1660 
in allen niederländischen Gemeinden für die unterdrückten Brüder 
in Danzig gesammelt, 1663 für die in Polen, 1665 für die in 
Mähren verfolgten, 1678 für die in der Pfalz, wo 240 Familien 
ihrer Habe beraubt, ihre verbrannten Wohnungen verlassend, auf 
kleine Rheininseln sich gerettet hatten und dem Hungertode Preis 
gegeben waren. Dazu brach noch eine Verfolgung des nun wieder 
katholischen Kurfürsten über sie herein, der ihnen mit dem Tode 
durch das Schwert drohte, sofern sie sich nicht zum katholischen 
Glauben bekehren wollton. Auf Andringen des Prinzen Wilhelm 
von Oranien erliess der Kurfürst von der Pfalz den Mennoniten 
die Todesstrafe, aber nur, wenn sie ihm eine bestimmte Summe 
Geldes zahlen würden. Als diese Kunde nach den Niederlanden 
drang, traten die Amsterdamer Mennonitengemeinden zusammen, 
steuerten zuvörderst selbst bei, und sandton dann Brüder aus, um 
in anderen Gemeindon Liebesgaben zu sammeln; sie konnten bald 
über 30000 Gulden verfügen. Ausserdem schickten sie Schiffe 
mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken den Rhein hinauf, die 
viele von den unglücklichen Pfälzern mit zurück brachten. Diese 
fanden in Neuwied, Crefeld und Groningen bei den Brüdern 
Unterkunft. Ueber 140 kamen ausserdem von Allem entblösst in 
Amsterdam an, und wurden auf die liebreichste Weise versorgt. 
Da die Mittel erschöpft waren, wurde in demselben Jahre noch 
einmal gesammelt; man brachte 20000 Gulden zusammen. Die 
Erinnerung an die Leiden, welche sie selbst erduldet hatten, trat 
den niederländischen Mennoniten wieder lebendig vor die Seele, 



147 

und aus Dankgefühl für die Ruhe und Duldung, die sie nun ge- 
nossen, und für den Segen, den Gott ihrem Fleisse hatte folgen 
lassen, waren sie bereit, den verfolgten Brüdern mit Rath und 
That kräftig beizustehen. 

Für die durch Ludwig XIV. verfolgten Reformirten gaben die 
niederländischen Mennonitengemeinden im Jahre 1682 3187 0ulden, 
während die übrigen Protestanten der Niederlande 3487 aufbrachten. 
1686 spendeten jene wieder 2687 Gulden, diese 2847. Auch die 
durch die Reformirten sehr misshandelte Mennonitengemeinde zu 
Middelburg gab trotz grosser Armenlast reichlich für die verfolgten 
Reformirten und für die eigenen Glaubensgenossen. 

Durch ihre kräftige Bethätigung, wo es galt, das Staatswohl 
zu fördern, durch die bürgerliche Stellung, welche sie sich errungen 
hatten, durch ihr ruhiges gehorsames Verhalten hatten die Menno- 
niten die Achtung und die Gunst der Regierung erworben. Im 
letzten Viertel des 17. Jahrhunderts genossen sie deshalb eine bis 
dahin nicht gekannte Ruhe und konnten sich ungestört ihren 
inneren Angelegenheiten zuwenden. Wie die Obrigkeit gegen sie 
gesinnt war, geht daraus hervor, dass 1660 diejenige Amsterdams 
die verfolgten Taufgesinnten in der Schweiz bei der dortigen 
Regierung in Schutz nahm, indem sie schrieb: „Die Taufgesinnten 
sind bei jeder Gelegenheit mildthätig, auch gegen die Reformirten. 
Sie haben kürzlich auf unsere Bitte in unserer Stadt 7000 Pfund 
Groschen (Groots) in ihren Gemeinden für die verfolgten Waldenser 
gespendet" 

Von den Vertretern der Staatskirche wurden sie freilich nach 
wie vor scheel angesehen und kaum geduldet. Trotzdem ist bei 
den Taufgesinnten gegen jene keine Spur von Bitterkeit zu finden, 
wenn sie sich auch gar oft gegen deren Angriffe in mancherlei 
Schriften vertheidigen, sich beklagen und entrüstet sind. Durch 
das bisher geleistete war ihr Selbstvertrauen gewachsen, sie hatten 
namentlich gesehen, was mit vereinten Kräften zu erreichen ist, 
und da sich die Notwendigkeit eines innigeren gemeinschaftlichen 
Zusammenwirkens mehr und mehr geltend machte, fing man an, 
sich nach dieser Richtung hin zu bethätigen. 

Zuerst wurde zu Ende des Jahrhunderts die oben erwähnte 
Verbindung mehrerer Gemeinden in Friesland erweitert zu der 
„Friesischen Societät", wie sie noch jetzt besteht. Ihr Hauptziel 

10* 



148 

war, Einigkeit und Frieden unter den Gemeinden zu fördern 
und Dürftige zu unterstützen, sowie den Brüdern, denen der 
Predigtdienst oblag, wenn es erforderlich sein sollto, mit Geld- 
mitteln für ihren Unterhalt zu Hülfe zu kommen. Sie Hess sich 
auch angelegen sein, die Sittenzucht zu fordern. Misshelligkeiten 
wurden, wenn beide Parteion es wünschten, durch den Societäts- 
vorstand geschlichtet. Jede Gemeinde, welche zu der Societät ge- 
hörte, musste sich zudem verpflichten, einen jährlichen Beitrag zu 
zahlen. 47 Gemoindon hatten sofort ihren Beitritt erklärt, von 
denen 13 Unterstützung nöthig hatten. Der Societätsvorstand war 
mit einer gewissen Macht ausgestattet. 

Einige Zeit nachher entstand in der Stadt Groningen eine 
ähnliche Vereinigung, welche von der dortigen flämischen Gemoinde 
ausging. Dieser schlössen sich gleich Anfangs 40 Gemeinden an, 
darunter zwei polnische. Diese Societät hatte sich zum Ziel gesetzt, 
für die Reinhaltung des Glaubens und Lebens zu wirken und 
hülfsbedürftige Gemeinden zu unterstützen. Hiezu fand sich bald 
dringende Veranlassung, wie wir später sehen werdon. 

Wie schon gesagt, hatten die Mennoniten ihren Gesichtskreis 
auf allen Gebieten der Wissenschaft erweitert. In religiöser Hinsicht 
hatte die Berührung mit don Kollogianten, Remonstranten und 
Socinianern ihre Toloranz noch erweitert, was einigen von ihnen 
grosse Sorge machte, so dass einor dioser, Lambertus Bidloo, sich 
gedrungen sah davor zu warnen, indem or eine Schrift herausgab: 
„Unbegrenzte Toleranz, die Vorwüstung der Taufgesinnten." 
Amsterdam 1701. Zu grosse Freisinnigkeit in religiöser Hinsicht, 
meinten nämlich Bidloo und seine Freunde, führe zum Indifferen- 
tismus und zum Verfall der Sitten, und so hielt die eine Partei 
der andern das Gegengewicht. 

Bei fortschreitender grösserer Geistesbildung und materiellem 
Wohlstand machte die alte Einfachheit der Mennoniten nach und 
nach einer verfeinerten Lebensweise Platz, dies jedoch so, dass 
überall mehr auf das Weson als auf den Schein geachtet wurde, 
und ihr Luxus, dem sie glaubten ein Recht einräumen zu dürfen, 
so lange die Seele keinen Schaden dadurch litte, sich nur auf Ge- 
diegenes richtete. Sie konnton um so weniger auf der frühern 
Stufe der Einfachheit stehen bleiben, als nunmehr in den Nieder- 
landen überhaupt grössere Anforderungen gemacht wurden in 



149 

Hinsicht der Kleidung, des Hausraths, der Geselligkeit und der 
Mahlzeiten, wenn sie sich nicht auffällig machen wollten, was ihrem 
inneren Wesen wiederum nicht entsprach. Dennoch drohte die 
Gefahr, dass der Luxus, welcher durch den Welthandel dor Nieder- 
lande gefördert wurde, und dor zugleich von Frankreich her über 
die Grenzen schlich, den domüthigon Christensinn, das Streben 
nach höhoron Intoresson verdrängen und Sittenverfall nach sich 
ziehen werde, wovon sich auch Vorboten zeigten. Diesen Gefahren 
gegenüber regto sich in dor herrschenden Kirche der zürnende 
Geist Calvins sowohl, wie in den Gemeindon Mennos die Erinnerung 
an das Zuchtmittol des gogon Endo des 17. Jahrhunderts grössten- 
teils abgeschafften Banns. In den flämischon, wie in den water- 
ländischon, friesischen und hochdeutschen Gomeinden wurden daher 
Massrogeln gegen den Sittenvorfall vorgeschlagen. Die alte Ge- 
meindezucht aber erwies sich in dam aligor Zeit als machtlos, denn 
der Freihoitsgoist sträubte sich gegen ihro Eingriffe in die per- 
sönliche Freiheit, und das im Grosson und Ganzen wohl mit Recht, 
denn die Gemeinden waren, Dank dor Strengo Mennos und seiner 
Mitarbeiter, dio keine zucht-, Charakter- oder glauben sloson Mitglieder 
aufgenommon, oder, wenn sie sich zeigten, sie wieder ausgeschieden 
hatten, auf einen solchen sittlichen und gebildeten Standpunkt 
gekommen, dass dor grösste Theil ihror Mitglieder sich selbst zu 
bewahren wohl im Stande war. Nichtsdestoweniger mussto man 
wachsam sein, um otwaigon Schäden sofort entgegen zu treten; 
so hatte z. B. im Jahre 1617 das Präsidium der Groninger Societät 
eine Ermahnung gegen dio Vorwoltlichung drucken und jeder 
Gemeinde zusenden lasson. 

Dass die Gomeinden in der lotzten Hälfte des 17. Jahrhundorts 
den Fortschritt hatton machen könnon, hie und da feste Kirchen 
oder Versammlungshäuser zu bauen, oder ein dazu passendes Haus 
zu kaufen, wonn auch unter grossom Widerstand seitons der 
reformirten Geistlichkeit, hatte auch noch die gute Folge, dass sich 
nun nicht so leicht irgend eine kloinoro Partei absondern konnte, 
weil sio diesem odor jenem Prodiger oder Ermahner besonders 
anhing, odor wogen der Sympathie dieser oder jener Mitglieder 
unter einander, dio durch Stand und Bildungsstufe sich nahe 
standen; denn man entschloss sich nicht so leicht, eine eigene 
Kirche zu vorlassen, als ein einfaches Zimmer zu wechseln. 



150 

Bis dahin gab es viele kleine Abtheilungen unter den Menno- 

niten, die nach den Namen ihrer Lehrer genannt wurden und j 

mit deren Tode wieder aufhörten; auch hatten viele Gemeinden j 

den Namen des Hauses, in welchem sie ihre Andachten hielten, 1 

da in damaliger Zeit jedes Haus ein Abzeichen hatte und danach 

genannt wurde. \ 

So brachten die grösseren festen Bethäuser, zu deren Bau 
jeder hatte beitragen müssen, mehr Stetigkeit in die Gemeinden. | 

Ist doch gemeinsames Eigen thum auch ein Band, das zugleich die 
Festigkeit nach innen fördert Wenn die reformirte Staatskirche 
nicht die Kirchen und Kirchongüter geerbt hätte und nicht Staats- 
kirche gewesen wäre, wer weiss, wie es ihr ergangen wäre, da 
doch trotz dieses Bandes mehrere Parteien durchbrachen, um sich 
auf eigene Hand einzurichten. Bei alledem entstand aber in den 
Mennonitengomeinden gerade um diese Zeit als Folge des Wechsel- 
verkehrs mit den Kollogianten und Remonstranten eine Bewegung 
betreffs der Lehre, wie sie sich bis dahin noch nie gezeigt hatte; 
die Gemeinschaft musste eine Krisis durchmachen, die ihr Leben 
bedrohte. Die Bewegung ging von zwei bedeutenden Männern * 

aus, welche Lehrer der flämischen Gemeinde in Amsterdam waren. 
Diese hielt ihron Gottesdienst in einem Hauso, welches das Zeichen 
des Lammes im Giobol führte, und hiess deshalb die Gemeinde 
zum Lamm, ihre Mitglieder kurz „Lammiston". Der eine der ge- 
nannten Lehrer war der schon erwähnte Galonus A. de Haan, ein 
Mann voll Geistoskraft und von Eindruck machender Persönlichkeit. 
Eifrig um zum rechton Verständniss der Bibel zu kommen, nahm 
er Theil an don Besprochungen der Kollogianten. Er verstand 
griechisch und lateinisch, hatto zu Leiden Medicin studirt, und war 
ein Arzt von Ruf mit bedeutender Praxis. Als Lehrer (Prodiger) 
der Gemeinde unterrichtete er einige jungo Leute, um sie zu 
Lehrern heranzubilden, indem or ihnen die heilige Schrift erklärte, 
sie die Glaubonspunkto suchen half und sie namentlich auf das 
praktische Christonthum hinwies. Ein Zoitgenosso sagt von ihm, 
dass er mehr Gewicht lege auf das Leben aus dorn Glauben, als 
auf Glaubenssätzo der Gelehrten, milde und verträglich gegen andere 
und streng gegen sich selbst sei u. s. w. Dieser de Haan nun vor- 
fasste neunzehn Artikel, in welchen or soinen Glaubensstandpunkt 
darlogto, sandte sie an den Kirchonrath seiner Gemeinde und ver- 



151 

öffentlichte sie. Alsbald erhob sich- dagegen eine conservative 
Partei, an deren Spitze der andere Lehrer der Lammisten, Samuel 
Apostool, stand. Die neunzehn Artikel de Haans wurden der 
Zündstoff, durch welchen alle Mennonitengemoinden in Bewegung 
für und wider geriethen. Eine im Jahre 1649 beinahe schon zu 
Stande gebrachte Verbindung der Waterländer mit den Friesen, 
Flamingern und Hochdeutschen wurde dadurch einstweilen wieder 
* in den Hintergrund geschoben. Apostool und seine Partei erklärton, 
fost halten zu wollen an dem Bekonntniss von Hans de Kies und 
Lübbert Gerrits, auf welches ihre Gemeinden nächst Gottes Wort 
gebaut seien. Dio andere Partei wollte sich einzig und allein auf 
das Evangelium stützen und die persönliche Freiheit in Glaubens- 
sachon gewahrt wissen. Daneben kamen dio alten Fragen über 
die Gottheit Christi, über die zwei Naturen und über die drei 
Personen der Gottheit wieder aufs Tapot. 

Im Jahre 1664 kam es zum Bruch. Samuel Apostool stellte 
sich mit zwei andern an die Spitze von 700 Gemeindegliedern, 
und richtete oin Gebäude, welches das Zeichen der Sonne im 
Giebel hatte, zum Andachtshause ein ; diese neue Gomeindo hiess 
wegen dieses Zeichens die sonnischo, ihre Glieder ,,Sonnisten u . Die 
Partei des Galenus de Haan blieb im Besitz des bisherigen An- 
dachtshauses zum Lamm. Dieser Trennung in der Hauptgemeinde 
zu Amsterdam folgten nun ähnliche in vielen Gemeinden der Nieder- 
lande, so dass nunmehr conservative und liberale Mennoniten sich 
durchweg gegenüberstanden ; daneben gab es aber auch eine dritte 
neutrale Partei, welche versöhnend und vermittelnd wirkte, diese 
blieb in brüderlichem Verhältniss zu beiden Parteien, und gestattete 
den Predigern beider, in ihren Gomeinden die Andacht zu leiten. 
Die Sonnisten errichteten eine Societät, deren Mitglieder sich zu 
dem Glaubensbekenntnisse bekennen mussten, welches Hans de Ries 
und L. Gerrits im Jahre 1565 aufgestellt hatten, und sich ver- 
pflichten mussten, bei den Kollegianten nicht zum Abendmahl zu 
gehen. Auch sollte es keiner zu ihr gehörigen Gemeiude erlaubt 
sein, ihren Gottesdienst in ähnlicher Weise einzurichten wie die 
Kollegianten, die nämlich Jedem, welcher sich dazu berufen fühlte,, 
das Wort gestatteten. Ebenso wurde beschlossen, jedes Jahr einige 
Lehrer zu den mit der Societät verbundenen Gemeinden ab- 
zuordnen, um dieselben zu ermahnen, bei der rechton Lehre zu 



152 

beharren. Wie wir später sehen werden, gelang dieser Versach, 
den Geist in die Fesseln eines bestimmten Glaubensbekenntnisses 
zu schlagen, nicht. 

Auch die Lammisten traten im Jahre 1675 zu einer Ver- 
einigung zusammen, welcher sich 13 Gemeinden anschlössen. Die 
durch die Trennung und durch den beiderseitigen Eifer hervor- 
gerufenen Anstrengungen, sich als tüchtig und die eigone Ansicht 
als die am besten begründete zu bethätigen, hatten auf die Dauer 
segensreiche Folgen für die ganze Gemeinschaft. Vorläufig aber 
schwankte die Menge hin und her, jede Partei suchte sich durch 
Verbindung mit Gesinnungsgenossen zu stärken, und so verloren 
sich allmählig die kleineren Parteien in diese beiden grossen. Die 
alte Anhänglichkeit der Taufgesinnten unter einander und die 
innere Uebereinstimmung in den Grundsätzen licss indessen bald 
den Wunsch einer Annäherung hervortreten. 1672 ging von Seiten 
der Sonnisten ein Friedensantrag aus; die Lammisten aber konnten 
sich nicht dazu vorstehen, sich einem bindenden Glaube nsbekenntniss 
zu unterwerfen. Die Unterhandlungen blieben also vorläufig ohne 
Erfolg. Trotzdem aber war nach wie vor keine Feindschaft unter 
den Parteien, und auch die Triebe der Annäherung so hüben wie 
drüben Hessen sich nicht ersticken, hie und da streckten sie sich 
vielmehr kräftig aus, bis sie von beiden Seiton sich berührten und 
vereinigten. So zu Zaandam 1687, wo Waterländer, Friesen und 
Flaminger sich vereinigten, und an vielen Orten mehr, z. B. zu 
Rotterdam 1700, und auch in Loidon. Unter solchen Zuständen 
ging das 17. Jahrhundert seinem Ende entgegen, doch nicht, ohne 
eine bleibende Frucht der lammistischen Societät mit in das folgendo 
hinüber zu nehmen. Der Vorstand der zu ihr gehörigon Gemeinde 
zu Rotterdam, doren Lehror mit Schmerz den Zurückgang mehrerer 
Gemeinden boobachtet hatte, und die Hauptursache davon in dem 
immer mehr znnehmendon Mangol an zu Predigern (Ermahnern, 
Lehrern) geeigneten Personen erkannte, schrieb deshalb an die 
Gemeinden zu Amsterdam, Haarlom und Leiden, und beantragte 
eine Versammlung von Abgeordneton, um über dieson Missstand, 
der verursache, dass es der Jugend am nöthigen Unterricht fehle, 
und dass viele sich zu den theologisch gebildeten Predigern der 
reformirten Kirche hingezogon fühlton, zu berathen. In Folge 
dessen trat man 1675 in Haarlom zusammen und legte den Grund 



153 

zu einer Vereinigung, welche sich das Ziel setzte, besoldete Prediger 
statt dor bisherigen Liebesprediger anzustellen, und deren Wittwen 
und Waisen angemessen zu unterstützen. Die bisherige unbe- 
schränkte Freiheit der Gemeinden, ihre Prediger nach Belieben zu 
wählen, sollte damit selbstverständlich nicht angetastet werden. 
Als weiteres Ziel fasste man ins Auge, solchen Gemeinden, die 
es nöthig zu haben erklärten, in der Versorgung ihrer Armen be- 
hülflich zu sein. Es wurdo sodann noch ausdrücklich betont, dass 
die Sociotät nicht die Macht haben solle, den Einzelgemeinden Gesetze 
und Regeln zu geben, sondern dass jede ihre volle Selbstbestimmung 
behalten solle. Noch in demselben Jahre hatten sich zwölf Ge- 
meinden der lammistischen Societät angeschlossen. 

So war nun wohl die Aussicht gewonnen, Prediger zu be- 
solden und ihre Wittwen und Waisen zu versorgen, aber nicht 
dergleichen heranzubilden. Zu dieser Aufgabe entschloss sich nun 
die Gemeinde dor Lammisten in Amsterdam allein. Galenus A. 
de Haan ward von ihr veranlasst, mit dor Ausbildung junger Leute, 
die sich zum Predigeramt fähig und berufen fühlten, fortzufahren, 
und um ihm dies zu erleichtern, wurde ihm ein festes Gehalt 
nebst freier Wohnung zugesichert. Dieser thatkräftigo Mann 
unterzog sich von nun an mit erneutem Ernst und Eifer der, wie 
wir gesehen haben, schon begonnenen Aufgabe. Neben dem Unter- 
richt, den die Schüler von ihm empfingen, besuchten sie die Kol- 
legien der Romonstranton, in wolchen deren Prediger ausgebildet 
wurden. 

Nach dorn Tode des hochverehrten Galenus wurden wiedorholt 
von Seiten der Gemeinde zu Amsterdam Anstrengungen gemacht, 
den Fortbestand der Lehranstalt zu sichern, jedoch vergeblich. Die 
zur Societät gehörondon, zur Mitwirkung aufgeforderten Gomeinden 
erkannton das Bedürfniss zwar an, meinton jedoch, dass die Sache 
mit grosser Vorsicht und Umsicht ins Werk gestellt werden müsse, 
wobei sie vergasson, dass durch zu langsames Vorgehen oft Grosses 
versäumt wird, und so blieb die Sache vorläufig hängon. Einst- 
weilen aber suchten die jungen Männer in Ermangolung einer 
eigenen Lehranstalt ihre theologische und wissenschaftliche Aus- 
bildung am Seminar dor Romonstranton allein, um so mehr, als 
gerade damals zwei bedeutende Professoren dort angestellt waren, 
nämlich Glericus (loClercq) und Limborch. In Folge desgrossen Mangels 



154 

an Predigern in den Gemeinden wurden nicht allein Mennoniten 
gewählt, welche ihre Ausbildung im Remonstranten-Seminar er- 
halten hatten, sondern auch Remonstranten selbst, worüber sich 
weder diese noch die Mennoniten beunruhigten. Dadurch kam es 
aber dahin, dass die Remonstranten selbst Mangel an Predigern 
empfanden, und sich 1724, um dem zu steuern, genöthigt sahen, 
die mennonitischen Jünglinge, welche an ihrer Anstalt studiren 
wollten, abzuweisen, und den Kandidaten ihrer eigenen Gemein- 
schaft Schwierigkeiten in den Weg zu legen, einen Ruf bei den 
Mennoniten anzunehmen. 

Nun raffte die Gemeinde zum Lamm in Amsterdam sich auf und 
nahm die Sache wiederum allein in die Hand. Sie hatte 1735 das 
Glück, einen Mann zu finden, welcher wohl geeignet war, den Grund 
zu einer theologischem Lehranstalt zu legen. Dieser hiess Tjerk 
Nieuwenhuis. Er hatte an der Universität zu Eraneker und später 
am Athenäum der Remonstranten in Amsterdam studirt. Nieuwen- 
huis wurde von dem Gemeindevorstande wegen seines christlichen 
Glaubens im Allgemeinen und in Betreff der Grundsätze der Menno- 
niten im Besondorn examinirt und vorläufig zum Kandidaten für 
die Stelle ernannt. Nachdem er oinige Reisen nach Frankreich 
und England gemacht und seine Kenntnisse an den dortigen 
Bibliothekon, sowie im Umgange mit bedeutenden Männern be- 
reichert hatte, wurde er in Amsterdam als Professor der Theologie 
und Philosophie angestollt. Die Amsterdamer Gemoinde thoilte 
den Entwurf zu ihrer Anstalt nun don andern lammistischon sowie 
auch den friesischen und flämischem Gemeinden mit, und forderte 
sie zu einer Zusammenkunft auf, um über ein Statut zu berathen. 

Im Oktober 1735 erschienen von 42 eingeladenen Gemeinden 
nur sechs; die andern waren fern geblieben wegen der Höhe des 
Beitrages. Die flämische Gemeinde zur Sonne beantragte, dass die 
Professoren auf ein ihnen vorzulegendes Glaubensbekenntnis ver- 
pflichtet werdon sollten ; dem trat aber Haarlcni mit dem Antrage 
entgegen, dass man sio nur auf don Glauben an das Evangelium und 
die daraus entnommenen mennonitischen Grundsätze verpflichten 
dürfe. Somit kam koino Vereinbarung zu Stande. Die Amster- 
damer Gemeinde zum Lamm aber Hess sich weder entmuthigen noch 
abschrecken, sondern führte den Plan, ihrer guten Sache gewiss 
und auf Gottes Segen bauend, allein weiter. 






155 

Da sie nun auch allein über dio Art der Einrichtung der 
Lehranstalt zu bestimmen hatte, so beschloss sie, die Wirksamkeit 
derselben innerhalb ihrer Kraft angemessenen Grenzen zu halten, 
indem sie zwölf Gemeinden das Anerbieten machte, ihnen bei An- 
stellung eines Predigers, der an dem von ihr errichteten Seminar 
erfolgreich studirt hätte, eine Gehaltszulage für denselben von 250 
bis 300 Gulden jährlich zu geben, wenn die betreffende Gemeinde 
selbst ihm ein Gehalt von 500 Gulden fest zusichere, so dass der- 
selbe dann auf 750 bis 800 Gulden rechnen könne. 

Die Leitung und Beaufsichtigung der Anstalt wurde einem 
Kollegium von zehn Männern anvertraut: dem Professor, vier 
Predigern, zwei ständigen Diakonen und drei im Dienst wechselnden 
Gliedern der Gemeinde. 

Wo aber die erforderlichen bedeutenden Geldmittel her, dachte 
die Gemeinde vielleicht anfangs zagend, als sie in Gottes Namen 
den kühnen Schritt wagte, allein vorzugehen. Aber siehe da, wer 
hat, dem wird gegeben, wer aber nicht hat, dem wird 
genommen, was er hat, dies bedeutsame Wort des Meisters be- 
wahrheitete sich auch hier. Zwei Gomeindeglieder, Jan Honorä 
und Leonhard Thomas de Vogel, hatton ein solches Interesse für 
das Unternehmen, dass sie ansehnlicho Kapitalien dazu hergaben; 
mehrere andere folgton ihrem Beispiel. 

Mit kräftiger Hand, Besonnenheit, Liobo und Vorsicht wurde 
die Anstalt geleitet, ihre Wirksamkeit wurde für die niederländischen 
Gomeindon und darübor hinaus von unborcchenbarem Segen. Dies 
Werk ist, neben andern, ein Lichtpunkt der Gemeinschaft in don 
Niederlanden im achtzehnten Jahrhundort, und bei dem sonst sich 
zeigenden Verfall und Zurückgehen derselben ein Wahrzeichen, 
dass wohl schwache Zweige vor der Ungunst der Zeit abbröckeln 
konnten, dass aber der Stamm und die Wurzol lobten. 

Der Wohlstand dor Niederlande hatte nach der Entdeckung 
Amerikas durch ihren Welthandel immor mehr zugenommen. Es 
häuften sich daselbst die Roichthümor beider Indien und ihre 
Märkte waren der Stapelplatz der Welt. Die Kriegs- und Handels- 
flotte des Landes beherrschte dio Meere. Dor Rhein, die Maas 
und die Scheide mündeten in ihren Häfen, sie waren das Phönizien 
Europas. Wie wir gesehen haben, benutzto Ludwig XIV. Endo 
des 17. Jahrhunderts Englands Eifersucht, den Hass des Bischofs 



156 

von Münster, die Furcht des Bischofs von Köln und die Habsucht 
mehrerer verblendeten deutschen Reichsfttrsten, um seine gierige 
Hand nach den Niederlanden auszustrecken. Das Land mit seinen 
emsigen Bürgern wurde von allen Seiten von diesen Raubvögeln 
umkreist. Die Tapferkeit seiner Bewohner, seine Flotte und seine 
natürlichen Hülfsmittel aber retteten es, sein Handel blieb un- 
geschädigt. 

Im 18. Jahrhundort machten sich nun um so mehr andere 
Gefahren, diejenigen des Reichthums geltend, und es mochte hie 
und da wohl am Platze sein, an das Wort des Herrn zu erinnern : 
„was hülfe es dir, so du die ganze Welt gewönnest und littest 
Schaden an deiner Seele." Vom üppigen Frankreich kamen zugleich 
mit der Sprache allerlei Vergnügungen weltlicher Art und leichte 
Anschauungen auf sittlichem Gebiete über dio Grenze. Ihnen 
folgten die späteren Freiheits- und Auf klärungsideen des Nachbar- 
volkes, denen manche durch Altor geheiligte Gewohnheiten weichen 
mussten. Was Wunder, dass auch die Mennonitongomeinden von 
diesen freiheitlichen Ideen ergriffen wurden und dass manche ver- 
alteten Formen in Folge derselben fielen. Die Töchter der meist 
wohlhabenden Mennonitenfamilien waren durchwog gesittet und 
wohlerzogen. Traditionell einfach in ihrem Aousseren, hielten sie 
darauf, alles, auch das nicht in dio Augen fallende, von gutem 
echtem Stoffe zu haben; man nannte das im Publikum monnisten 
infijn (Mennoniten-durch-und-durch-foin). Eine feine Blume, eine 
Sedumart, erhielt den Namen men nisten jüffor (Mennoniten-Fräuloin). 
Auch dioser traditionoll soliden Richtung drohte Gefahr durch dio 
vermehrten französischen Einflüsse. Nachdom der früher boi den 
Mennoniten allgemein angenommene Grundsatz: keine Hoirathen 
ausserhalb der eignen religiösen Gemeinschaft zu schliossen, den 
freieren Ansichten der neuen Zeit grossonthoils gewichen war, wurden 
Mischehen boi der Anziehungskraft, welche dio Mennonitontöchter 
im allgemeinen übten, häufig. Die Kinder solcher Ehon wurden 
dann oft von der herrschenden Kircho schon aus dem Grunde 
absorbirt, weil diese aller Orten war, dio Gemeinden der Monno- 
niten aber nur sporadisch sich fanden. Da forner die Hochfluth 
der religiösen Bewegung der vorhorgehondon Zeit abgeebbt war und 
politische und socialo Interessen deren Stelle eingenommen hatten 
und die Gemüther erfüllten, trat allmählig, wie überall, auch bei 



157 

den Mennoniten ein Indifferentismus in religiöser Beziehung ein, 
welcher ihren Bestand gefährdete. Männer gingen oft, verlockt 
durch Ehrenstellen und öffentliche Aemter, die ihnen als Menno- 
niten versagt waren, zu den Reform irten über, ein durch den sich 
damals auf religiösem Gebiete geltond machendon verschwommonen 
Eosmopolitismus gefördertes Gebahren. Das Hauptübel aber, der 
wesentliche Grund des damaligen starken Rückganges der Zahl der 
Gemeindoglieder, war der Mangel an geeigneten Predigern und die 
dadurch herbeigeführte Vernachlässigung der religiösen Pflege durch 
Predigt und Jugendunterricht. So gingen denn im Laufe des 
18. Jahrhunderts vior Fünftel der Gemoindoglieder verloren. 

Die Flamingergemeinden waren am meisten besorgt über 
diesen Znstand und hielten ab und zu Berathungen, wie dem Uebel 
zu steuern sei, kamen aber doch zu der Ueberzeugung, dass die 
alte Gemeindezucht nicht mehr an der Zeit sei, dass vielmehr jedes 
Mitglied der Gemeinden des andern Hüter sein müsse durch eignes 
Beispiel, durch Ermahnung und durch Heilighaltung der im Evan- 
gelium begründeten unumstösslichen Principien der Gemeinschaft. 
Was die Mischehen betraf, so konnte und wollte man sie zwar 
nicht mohr verbieten, man mahnte aber zur Vorsicht. Bei den 
meisten Gemeindegliedorn war die Ueberzeugung auch gewiss vor- 
herrschend, dass man in der engsten und heiligsten Verbindung, 
in der Ehe, wenn sie eine glückliche werden soll, auch in dem, 
was jedem Menschen das Heiligste ist, in den religiösen Grund- 
anschauungen eines Sinnes sein muss. 

Wenn auch die alten Formen hie und da gefallen waren, so 
blieb doch statt dessen, wie gesagt, im Grossen und Ganzen in 
den Gemeinden die Selbstzucht, und noch 1772 konnte ein Mann, 
der fünfzig Jahre lang das oberste Polizeiamt in Amsterdam be- 
kleidot hatte, sagon, dass er in dieser ganzen Zeit nicht eine 
schwere Beschuldigung in den öffentlichen Registern gegen einen 
Mennoniten gefunden habe. 

Wie im Laufe des 17. Jahrhunderts so auch im achtzehnten 
zeichneten sich viele Mitglieder der Taufgesinnten in den Nieder- 
landen auf wissenschaftlichem Gebiete aus. Manche suchten die 
geistigen Schätze Deutschlands, Englands und Frankreichs dem 
eignen Lande zu erschliessen, indem sie die Werke der bedeutend- 
sten Männer dieser Länder übersetzten; sie wirkten auf diese 



158 

Weise befruchtend über die Grenzen ihrer Gemeinden hinaus auf 
das Vaterland. Es sind zu nennen unter vielen : H. Schyn, Histo- 
riker und Biograph, Maatschoen, desgleichen, M. Schagen, Ueber- 
setzer violer gelehrten Werke aus der englischen, französischen, 
lateinischen und griechischen Sprache; unter andern übersetzte er 
die Werke des Flavius Josephus; seine Geschichte der Waldenser 
ist berühmt. J. Deknatel übersetzte mehrere holländische Werke 
in die deutsche Sprache, und schrieb unter andern eine „Anleitung 
zum christlichen Glauben". Seine Predigten wurden auch in 
Deutschland viel gelesen. Es würde zu weit führen, alle namhaft 
zu machen, wir wollen deshalb nur noch an die Namen von einigen 
erinnern, deren Geschlechter zum Theil noch heute blühen, z. B. 
Loosjes, de Vries, ten Cate, Messchaert, Hoekstra, Hülshoif, v. Hülst, 
Anslo, van Gelder, Huidekoper u. a. m. 

Das Geschlecht Anslo stammt aus Norwegon. Der Stamm- 
vater desselben, Claas Claasz, war in Oslo, der jetzigen Stadt 
Christiania, geboren. Diese hiess früher Oslo und erhielt ihren 
jetzigen Namen nach dem Brande von 1624, nachdem sie von 
König Christian IV. wieder aufgebaut worden war. Anslo begab 
sich 1582 nach Amsterdam, trat hier zur Mennonitengemeinde 
über, gründete ein Geschäft und eine Familie. Ein dortiges Stift 
hat von ihm den Namen Anslohof. Seine Söhne waren Oberleute 
der Tuchmachergilde und einer derselben, Cornelius Claasz Anslo, 
war ein bedeutender Prediger bei der Mennonitengemeinde. Sein 
Bild wurde von Rembrandt gemalt*) und mit einigen ehrenden 
Worten von Vondel unterschrieben. 

Durch den hereinbrechenden Materialismus drohte den Menno- 
niten nun weniger Gefahr, doch mussten sie, da sie durch keine 
Symbole und Glaubensbekenntnisse gebunden waren, um so mehr 
auf der Hut sein, nicht auf falsche Wege zu gerathen und den 
Boden des Evangeliums zu verlieren. Sie hinderte nichts, sich 
durch eigene Untersuchung einen festen Glauben zu eigen zu 
machen ; das Wort des Apostels „alles ist Euer 44 galt für sie auch 
auf religiösem Gebiet, und so folgten sie ihrem Forschungstrieb, 
um zu erfahren, was das zweite Wort des Apostels ausdrückt, 
„aber es frommt nicht alles". Auf diese Weise entstand im Laufe 



*) Das Bild befindet sich in der Gallerie von Lord Holland. 



159 

des 18. Jahrhunderts in ihrer Mitte die Gesellschaft zur Förderung 
des Verständnisses und zur Befestigung der christlichen Religion, 
gestiftet durch Pieter Teyler van der Hülst. Diese besteht noch 
heute, sie hat einen Ruf und eine Wirksamkeit, die weit über die 
Grenzen der Niederlande hinaus gehen, und ist bei allen bedeuten- 
den Theologen der Protestanten Europas bekannt. 

Einer der Ahnen des Pieter Teyler van der Hülst war Thomas 
Taylor, der Sohn eines Edelmannes aus dem westlichen England. 
Dieser flüchtete 1580 seines Glaubens wogen, achtzehn Jahr alt, 
nach den Niederlanden und zwar nach Haar lern, wo er sich der 
flamischen Mennonitengemeinde anschloss. Er verheirathete sich 
hier mit Trijntje Korkhoven, welche aus Flandern ebenfalls ihres 
Glaubens wogen geflüchtet war. Sein Urenkel, der Stifter des 
genannten Instituts, war Fabrikant in derselben Stadt. Neben 
seinem gewinnreichen Geschäft hatte dieser Herz und Sinn offen 
gehalten für die Erkenntniss geistiger Schätze. Er fasste den 
Plan, einen Verein zu gründen zur Förderung theologischer, natur- 
historischer und littorarischer Kenntnisse. Dieser wurde 1778 ins 
Leben gerufen. Ausser einem kostbaren Museum von naturwissen- 
schaftlichen Gegenständen, Münzen, Gemälden und Büchern ver- 
machte v. d. Hülst dem Verein ein bedeutendes Kapital, welches 
noch durch eine andere Schenkung, das ^tolpianischo Legat, be- 
deutend vermehrt wurde. 

Diese Gesellschaft schrieb alljährlich, und thut es noch heute,* 
Preisfragen über die natürliche und geoffenbarte Religion aus, 
deren beste Bearbeitung mit einer Geldsumme oder mit einer gol- 
denen oder silbernen Medaille belohnt ward und noch wird. Eine 
andere Abtheilung derselben Gesellschaft schrieb Preisfragen aus 
über Naturkunde, Geschichte- und Münzkunde, sowie über Maler- 
kunst. An der Bearbeitung ihrer Preisfragen betheiligten sich 
damals wie auch noch jetzt, mennonitische und andere Gelehrte, 
Niederländer, Franzosen und Deutsche. 

Neben diesem segensreichen Institut wurde im Jahre 1784 
durch den mennonitiscben Prediger Jan Nieuwenhuizen im Verein 
mit seinem Sohn, dem Arzt M. Nieuwenhuizen, A. J. Hoekstra und 
A. H. van Gelder die „Maatschappij tot Nut van 't Algemeen" ins Leben 
gerufen, eine gemeinnützige Gesellschaft zur Hebung des Volks- 
wohis, die sich über die ganzen Niederlande verbreitete und noch 



160 

heutzutage eine der bleibendsten und bedeutendsten Gesellschaften 
dieser Art in Europa ist. Die Hebung der geringen Klassen des 
Volkes in geistiger und materieller Beziehung war in erster Stelle 
ihr Ziel, und nach beiden Richtungen hat sie Vorzügliches geleistet; 
die niederländische Volksschule ist im Wesentlichen ihre Schöpfung. 
Zahlreiche Sparbanken, Volksbibliotheken, Kindergärten, Unter- 
stützungsvereine und viele andere ähnliche gemeinnützige Anstalten 
sind ihr Werk. Der mennonitische Geist persönlicher, freier Selbst- 
ständigkeit, dem sie entsprungen ist, blieb ihr eigen, und trotzdem 
sie Politik und Religion (Dogmatik) von ihren Verhandlungen aus- 
schliesst, haben sich die Katholiken doch stets von ihr fern ge- 
halten. Im Uebrigen abor gehören fast alle Gebildeten der Nieder- 
lande ihr als Mitglieder an, die ihrerseits, neben der Vereins- 
thätigkeit nach aussen, in den regelmässigen Versammlungen der 
Zweigvoreine durch Vorträge und dergl. für geistige Unterhaltung 
sorgen. Sowohl Frauen als Männer können ihr beitreten, und 
manche ihrer erfolgreichsten Einrichtungen erhielten von weiblicher 
Seite die erste Anregung. 

Die Stellung dor Taufgesinnten zu den Reformirten hatte 
sich in Folge der bedeutenden Opfer, welche sie dem Staate in 
Zeiten dor Noth gebracht hatten, seit 1672 insofern gebessert, als 
ihnen wenigstens, wenn auch in beschränktem Masze, Religions- 
freiheit gewährt worden war. Auch wurde es ihnen endlich ge- 
stattet, dass sie Schenkungen und Legate ihren eigenen Gemeinden 
und Societäten zuwenden durften, während es z. B. im Jahre 1705 
noch geschehen war, dass ein Legat, welches ein Mitglied der 
Gemeinde zu Molk wem m dieser testamentarisch vermacht hatte, 
bis auf näheren Befehl für die reformirte Kirche in Beschlag ge- 
nommen wurde; das war in demselben Jahre, wo die Regieruug 
von Frieslaud die Mennoniten nochmals um ein Darlehen von 
200000 Gulden ersuchte. Zugleich wurde ihnen erlaubt, ihre 
Ehen durch ihre eigenen Prediger einsegnen zu lassen. 

Wir haben gesehen, dass die Taufgesinnten zu Ende des 
17. Jahrhunderts von Seiten der Reformirten ziemliche Ruhe ge- 
nossen. Im ersten Viertel des achtzehnten aber traten die Angriffe 
derselben mit erneuter Stärke hervor. Diese Jahrhunderte lang 
dauernden Anfeindungen sind um so auffallender, als die Mennoniten 
ihre Auffassung des Christenthums niemals anderen hatten auf- 



1G1 

drängon wollen und koino Prosolyton zu machon suchton, nocli 
auch andoro ihros Glaubens wogon angofoindot hatten, sondorn 
nichts vorlangton, als unangofochton ihros Glaubons zu loben und 
billig bourthoilt zu werdon. Sio waren sogar viol zu wonig darauf 
bodacht, dio Zahl ihrer Mitgliodor zu vormchron odor nur zu or- 
halton-, in übortriobonor Toloranz vorgasson sio wohl hio und da 
dio Fördorung dos oigonon Gomoindowosons. Dagogon fanden 
alle gomoinnützigon Einrichtungen dos Landos kräftige Sttttzo boi 
ihnon, und wo os galt, don Boutol zu öffnon für guto Zwocko, 
standen sio niomals zurück. Das unablässige Streben dor rofor- 
mirten Kircho, dio Taufgosinnton zu untordrückon, muss dahor in 
bosondoron Umstünden soinen Grund gehabt habon. Boi ihrem 
Aufkommon in don Niodorlandon fanden dio ltoformirton, wio schon 
orwähnt, dio stillen Taufgosinnton allor Orten bereits vor. Dioso 
hatton untor ihron Aeltoston und Führorn, Monno, Loonhard 
Bouwons, Gillis von Aachon und anderen, inmitton dor grösston 
Gofahron dio ersten Anf&ngo zu goordnotor Gomoindobildung schon 
gemacht. Dor Charaktorzug ihres Glaubens und Gomeindolobons, 
sich mit Beziohung auf das Staatslobon passiv zu vorhalton, indom 
sio von Kriog nichts wisson, koino Waffon führen und koin Richtor- 
arat bokloidon wollton, und überhaupt von üffontlichon Aomtorn sich 
forn hiolton, wogon ihrer Weigerung zu schwöron auch zu diosen 
nicht zugelassen wurdon, boraubto sio von vorno horoin jeglichen 
bostimmondon Einflusses auf den Staat, soino Gosotzo und Macht- 
mittel. Sio konnton nur anrogond auf das Staatsleben wirkon wio 
ein Sauortoig. 

Boi den Roformirten war das Gegonthoil dor Fall : sio hatton 
sowohl in der Schwoiz wie in England mit dorn Schwerte in dor 
Hand sich Goltung vorschafft und auch in don Niodorlandon war 
dio Organisation ihrer Kircho durch dio Hülfe dos Staates zu Stando 
gebracht, so dass Staat und Kirche sich gogonseitig stützten. 
Auf dieso WoLso hatton sio sich in don Bositz der frühoron katho- 
lischon Kirchen und Kirchengütor gosotzt, während sio don Monno- 
niton nur nothdürftig gestatteten, in „binnonkamers" (von dor Strasso 
abgologonon Zimmern) zusammen zu kommon zur gomoinsamon 
Andacht und Erbauung. Dazu kam noch, um das Loos dor stillen 
Täufor zu vorschlimmorn, dass dor Schaum, don dio Wogon in 
dor Roformationszeit allor Orten ans Ufor warfen, sich auch in den 

11 



162 

Niederlanden absetzte, wio wir gosohon haben. Aussprüche in dor 
Offenbarung Johannes' warfen damals don Zündstoff in dio von 
Hungor und Elend goquälto Masso, und durch dio Vorspiogolung 
einos tausendjährigen Reichs, sowio durch dio eines Königreichs, 
wo sie herrschon und rogioren würden, das dor frühoro 
Luthoraner Rothraann in Münster zu gründon vorsprach, wurden 
dio Loidenschafton bis zum Aufruhr gestachelt. Mit Sonsen und 
Mossorn und sonstigem Rüstzeug bowaffnot zogon nun Männer, 
Woibor und Kindor nach diesem Eldorado, nachdom sio schon 
Amstordam und Loidon bodroht hatton. Da dio stillon Täufor die 
Taufo dor Erwachsenen mit dioson Schwärmorn gemein hatton, 
wurdon sio bis ins 18. Jahrhundort hinein, als davon abstammond, 
durch dio Reformirton schimpfond mit dorn Namon Wiodertäufer 
bologt, und waren und bliobon kaum goduldot. Als nun fornor 
dio reformirto Kircho nach vielen Kämpfen ihror Thoologen unter- 
einander durch das Glaubensbokenntniss der Dortrochtor Synode 
unter oinon Hut gebracht war, da dauorto dioso orzwungono Ein- 
heit doch nicht lango; auch der roformirto Goist ging hio und da 
seino oigonon Woge, was alsbald in dor Abtronnung verschiedener 
Socton zu Tago trat, wio wir gosohon habon. Dioso verschiedenen 
roformirton Parteien bestritten sich gogonsoitig dio Rochtgläubig- 
koit, und beschuldigton sich wochselsoitig des Rationalismus, dos 
Socinianismus u. s. w. Mit wio viol mehr Argwohn mussto oino 
Gonioinschaft von dor roformirton Kircho beobachtet wordon, woleho 
koin bindondos Bokonntniss hatto noch habon wollto, sondorn sich 
alloin auf dio heilige Schrift stützte, oino Gemeinschaft, dio mit 
don vorschiodonon roformirton Socton, mit Quäkorn, Kollogianten, 
Labadiston und Horrnhutern ganz unbofangon in naho Bortihrung 
trat: dio in ihror Freiheit nicht anstand, dio Ansichten andoror 
zu prüfen und sio als richtig anzuorkonnen, ja sio sich wohl gar 
anzuoignon, wenn sio diesolbon in Ueboroinstimmung mit dorn 
Evangelium fand, nach don Worten dos Apostels: „prüfet Alles 
und behaltet das Bosto." 

Vom Standpunkte dor roformirton Kircho ist es begreiflich, 
dass sio don Anstockungsstoff, don sio für dio Rochtgläubigkoit 
ihror Angohörigon fürchtete, abzuwohron suchte, wenn man dio 
Mittel, woleho sio anwandte, auch nicht billigen kann. Sio fürchtete 
besonders dio Socinianor, und glaubte, wohl nicht ganz mit Unrecht, 



163 

dass auch die Monnoniton hio und da dio Ansichten derselben 
über dio Droioinigkoit thoilton. 

Im Jahro 1719 wurdo der Prodigor dor watorliindischon 
MonnonitongomoindozuLeouwardon socinianischor Lohron angoklagt 
und durch dio Provinzialrogiorung soinos Amtos entsotzt. Das 
brachte dio ganzo roformirto rochtgläubigo Goistlichkoit gegen dio 
Monnoniton in Bowegung, und so wurdo bald oin andoror Prediger 
dorsolbon, woil or im Vordacht stand, dio Gotthoit Christi und dio 
Existonz dor droi Porsonon dor Dreieinigkeit zu bozwoifoln, aus 
dor Provinz gowioson, und ihm vorboton, als Prodigor wiodor auf- 

N 

zutroton. 

Als wirksamo Massrogol zur Erhaltung der Rochtgläubigkoit 
untor don Monnoniton wurdo ferner in oinor Synodo dor Ro- 
formirten boschlosson, don Prodigorn dorsolbon in Friosland vior 
Artikel vorzulegen, wolcho sio mit Ja odor Nein zu beant- 
worten hütton. 

Erstens. Ob sio an dio droi Porsonon, Gott Vator, Gott Sohn 
und Gott heiliger Goist glaubton. 

Zwoitons. Ob sio glaubton, dass Christus als wahrer Gott 
allo göttlichen Eigenschaften, wolcho zum göttlichen Woson gehöron, 
besitzo, und dass or koin Gott soi vom Vator gomacht, sondern 
von Ewigkoit. 

Drittens. Ob sio glaubton, dass dor hoiligo Goist wahrer Gott 
und oino von dorn Vator vorschiodono Porson soi, und zugloich 
mit dorn Sohn und dorn Vator oinos Wesens theilhaftig. 

Viortons. Ob sio glaubton, dass Christus, Gott von Ewig- 
koit, in dor Fülle dor Zeiten wahrhaftigor Mensch gewordon 
soi, dass er als Btirgo unsere Sünden getragen und also dor gött- 
lichon Gorechtigkoit gonug gothan habe, damit wir durch dio Kraft 
soinor Vordionsto durch Gott in Gnadon wieder angonommon würden. 

Allo Griotmännor und Magistrate der Provinz wurden nun 
angowioson, dio Monnonitonprodiger vor sich zu entbieten und ihnon 
dioso Artikel zur Unterschrift vorzulegen. Ein heiliger Zorn brauste 
durch dio Monnonitongemoindon, wolchor Färbung sie auch soin 
mochten. Allo ihre Prediger weigerten sich zu unterschreiben, bis 
auf oinon, dor orkliirte, or für soino Porson könno es wohl thun, 
aber nicht als Frodiger soinor Gomoindo. Dio Folgo davon war, 
dass allo Andachtshiiuser dor Monnoniton in dor Provinz. geschlossen 

11* 



164 

wurden. Prodiger und Gomoindoglioder hatten also Zoit, über 
obige dunkle Fragen nachzudenken, und mochten dosto eifriger in 
ihror Bibel nachforschen, ob sie dio Begründung dorsolbon darin 
finden könnton. 

Was die orsto Frage betraf, so konnten sio dio deutliche 
Antwort darauf in dem ersten dor zehn Gebote finden, welche die 
Christon doch auch mit horübor gonommon hatten aus dorn alten 
Tostamont, und welches lautet: „Ich bin oin oinigor Gott, Du sollst 

koino andoro Göttor habon neben mir "! Hatto Christus os 

doch bestätigt, indem er sagto, dass vom Gosotz kein Titel verloren 
gohon solle. Und was er selbst darüber dachto, stand zu lesen 
Matth. 23. 9, und fornor Mark. 10. 18. Und wonn sio die 
Ansicht Mennos such ton, welcher von soinon Zoitgonosson gleich- 
falls gezwungen worden war, sich über dio Droioinigkoit aus- 
zusprechen, sahen sio sofort, dass dioso woit erhabon war über die- 
jenige, welche ihnen zur Anorkonnung vorgologt wurde. 

„Gott ist oin Goist," sagt Menno, „den aller Himmel Himmel 
nicht fasson könnon, und ausser diosom einigen, lebendigen, all- 
mächtigen, alles behorrschondon Gott und Horrn konnon wir keinen 
Andorn. Er ist dor unbogroiflicho Vater, eins mit seinem un- 
begreiflichen Sohn und unbogroiflichon Goist im Willon, Kraft und 
Wirkon, und sio könnon so wonig von oinandor goschiodon werdon 
als Kraft, Licht und Wärme. Das oino ist nicht ohne das andere, 
wie Licht und Wärme aus dor Sonno. Das oino muss bei dorn 
andern soin, oder dio ganzo Gottheit wird geleugnet, donn alles, 
was dor Vator wirkt, das wirkt er durch don Sohn, als dio von 
ihm ausgohendo, in dio sichtbare Wolt gotrotono porsonificirto 
Weisheit, Kraft, Licht, Wahrhoit und Lobon, odor, wio dio Schrift 
sagt, sein Wort." 

„Dor heilige Goist geht vom Vator aus durch den Sohn und 

ist nimmer goschiodon vom göttlichon Woson." „Wor weiter 

gehon will in dioso unergründliche Tiofo, dor wird sich zu hoch 
versteigen, odor or wird nicht aus dor Stollo kommon, odor or wird 
auf abloitondo Wogo gorathon, der rochto Bodon wird ihm fohlon, 
und or würde nicht klüger handoln, als wonn or don Rhein odor 
die Maas in oinon Eimer giosson und darin zusammenfassen 
wollte." 

Und wäre ihnon ein Lied, das einer dor im Schlosse zu 



165 

Passaii gefangenen Schweizer Brüder um 1530 dort dichtete, zu 
Händon gekommon, so hätten sio folgendos loson können : 



Vernimm, die gütliche Dreiheit 

Wird beschlossen in Einigkeit 

Wohl in der Sonnen reine. 

Die zeigt uns drei Wirkung in Ein, 

Licht, Strahl, und Hiz thun diese sein. 

Vernimm, des Lichtes Scheine 

Das den Vater anzeigen thut, 

Der alles hat umgeben, 

Er ist allein einig und gut. 

In ihm thut alles leben. 

Der Strahlen Glanz, vernimm bereit, 
Erklärt den Ernst und Gerechtigkeit 
Den der Vater hat beschlossen 
Durch sein Wort hier in dieser Frist. 
Das ist sein Sohn Herr Jesus Christ, 
Dem er Gewalt wird lassen, 
Zu halten Gericht mit Gerechtigkeit 
Über all Fleisch unreine. 

Zum Dritten solt Du mich verstahn, 
Die Uiz die thut uns zeigen au 
Den heiigen Geist so reine. 
Ein Gut, Gnad' und Barmherzigkeit, 
Ein feurig' Zung uns Lukas schreibt 
Der heiige Geist thut seine. 

Also wird göttliche Dreiheit 

Beschlossen in der Einigkeit, 

Durch das Gleichniss der Sonnen. 

Der Vater, Sohn und heiiger Geist 

Ein Licht ist, wie die Schrift bescbleusst. 

Wie Du jetzt hast vernommen. 

Merk also, das Wort, Jesus Christ, 

Wird genannt Geist und Leben, 

Ein Geist, uud's Wort der Vater ist 

Thut die Schrift Zeuguiss geben. 



166 

Also thut uns die Einigkeit. 
Vater, Wort, Geist beschreiben, 
Johannes in der Zeit. 

Wenn Gott sich nicht ein Wort hätt genennt 
Mögt man von ihm nit reden, 
Hat nicht Anfang noch End. 

Von drei Porsonon dor Gotthoit sagt Menno obonso wonig 
etwas wie dor Schwoizor Glaubensgenosse, und gloich wio or konnten 
dio friosischon Monnoniten dergleichen in ihrer Bibel nicht finden. 
Sie woigorten sich deshalb, obigo Artikol zu untorschroibon, weil 
sie, wio sie in einer Eingabe an dio Regierung sagten, in dor 
Bibol Ausdrücko, wio sio die ihnen vorgelogton vior Artikol ent- 
hielten, nicht finden könnten, und sie sich nur biblischor Worte 
über solcho Gegenstände bedienten. 

Als hierauf keine Remedur erfolgte, ordnete derzeitige Vorstand 
dor friosischen Societät oino ausserordentliche Vorsammlung an. 
In diosor wurde beschlossen, bei den Ständen von Friesland oino 
Bittschrift um Aufhobung dor Massrogoln einzureichen. Diese hatto 
zur Folge, dass deren Ausführung vorläufig suspondirt wurdo, mit 
dorn Bomorkon jedoch, man solle ein wachsames Augo auf dio 
Prodigor dor Monnoniton halten, bei denon socinianischo Lohron 
vormuthot worden könnton. So ruhto dio Sache bis 1738, wo drei 
taufgosinnto Predigor durch oinon Itoformirton dos Socinianismus 
beschuldigt wurden. Der Grietmann dos betreffenden Orts ver- 
ordnete nun, dass dioson Predigern in Gegenwart dos Anklägors 
dio Artikel zur Beantwortung vorgologt worden sollton. Dor oino 
mointo, or könne ihnen für seine Person wohl zustimmon, aber nicht 
für soino Gomoindo, dio beiden andern lohnton os ontschiodon ab und 
wurdo dioson nun das Prodigon vorboton. Ihro Geraoindon reichten 
oino Bittschrift für sio oin, worauf regierungsseitig ein Kom- 
missär ornannt wurdo, um zusammen mit droi roformirton Predigern 
oin Colloquium mit don Beidon abzuhalten. 

Als diosos nicht zur Zufriodonhoit dor Richter ausfiel, blieb 
ihnen nach wio vor das Prodigon untorsagt. Dio boidon Ange- 
klagten romonstrirton dagegen bei dor Rogiorung, doch da sio 
unglücklicher Woise das Wort Inquisition in ihrer Vorstellung 
gobraucht hatten, so nahm dor Kommissär diosos so übol, dass er 
boi der Rogiorung Gonugthuung deswegen fordorte. Diese billigte 



167 

dio Handlungsweise ihror Beauftragton und bostätigto doron 
Urthoil. Dio boidon Prodigor wurdon darauf ihres Aintos ontsotzt. 
Klagend wandton ihro Gomoindon sich an dio friesischo Sociotät 
und fanden hier willigos Gohör. Diese bofiirchtote mit Rocht, dass 
auf diese Weise alle ihro Prodiger in der Provinz dassolbo 
Loos treffen könne. 

Unter dorn Vorsitz dos würdigen Predigors der waterländischon 
Gomoindo zu Harlingon, Johannes Stinstra, fand oino ausserordentliche 
Sitzung statt, wozu 38 Gomoindon ihro Dologirton sandton. Man 
boschloss, oino Bittschrift bei dor Regierung oinzuroichon. Dio 
Gomoindon ersuchten darin in aller Boschoidonhoit, man möge sie 
in Zukunft mit Examina übor Glaubonssachon und mit dor Zu- 
muthung, monschlichoGlaubonsorklärungon zu untorschroibon, sowohl 
von woltlichor als von goistlichor Soito vorschonon. Diosom Gosucho 
war oino ausführliche Ausoinandorsotzüng ihres Standpunkts hinzu- 
gefügt, mit doron Ausarbeitung dor Vorsitzende boauftragt wordon war. 
Dio Bittschrift wies darauf hin, dass ihr Verlangen sowohl in dorn 
natürlichen Rechte als in dor göttlichon Offenbarung bogründot sei, 
dass sie auch in den Errungenschaften dor Roformation und in 
don Ansichton aller Christon und Protestanton, welche dio hoiligo 
Schrift als Rogol und Richtschnur hiolton und sich an koino 
Glaubonsvorschrifton irrondor Menschon bindon wollton, ihro Recht- 
fertigung findo. Fornor war darin horvorgohobon, dass diese 
Froihoit dor roligiöson Anschauung in keiner "Weise dio Macht dor 
weltlichon Rogiorung beeinträchtige, noch gogen dio Staatsgosotze 
vorstosso, dass sie nicht dahin führo, dio Öffentliche Ruho und den 
Frieden dor Untorthanon zu störon, dass sie violmohr untor Gottos 
Segon Ruho und Wohlfahrt fördoro. 

In Folge dosson boschloss dio Rogiorung, don Monnoniton 
sollo dio froio Ausübung ihres Gottosdionstos bolasson bloibon. 
Zugleich aber Hess sio dio Plakate, wolcho früher gogon dio Soci- 
nianor orlasson waren, in Kraft. Dor Verdächtigung bliob also 
Thür und Thor geöffnet und dor Willkür freies Spiol golasson, 
was sich auch bald zoigon sollte. 

Dio in männlichor, furchtloser und wahror Sprache vorfasston 
Schriftstücke Stinstras riefen oino Fluth von Schmäh- und Gegen- 
schriften horvor. Und als nun gar fünf Prodigton von ihm über 
Natur und Wesen des Königreichs Christi, dosson Untorthanon, 



168 

Kirche und Gottesdienst in Druck erschienen, war dos Gegen- 
schreibons kein Endo. Obwohl man voraussetzen konnte, dass, 
selbst wenn er don Ansichten der Socinianor huldige, er dioso wohl 
nicht gerade in gedruckten Predigten betonen würde, so witterte 
man doch Socinianismus zwischon den Zeilen. Von nun an richtete 
sich der Kampf dor reformirton Geistlichkeit gegen die Porson 
Stinstras allein. War er doch dor hervorragendste Prodiger dor 
Monnonitbn in Priesland, und wenn er socinianischo Ansichten 
hatte, musste wohl die ganze Gemeinschaft angesteckt sein. Und 
was gab denn in seinen Predigton den Anlass zu solchem Vordacht? 
Nichts anderes, als dass er christliche Verträglichkeit und 
Duldung gepredigt hatte, und dioso auch auf die Socinianor erstreckt 
wisson wollte. 

Auf allon klassikalen (Bezirks-) Vorsammlungen dor Roformirton 
zog man gegen Stinstra los und wandte sich schliesslich an die 
Provinzialstände. Man wusste freilich, dass dioso keine Handhabe 
gogon ihn würdon findon können, denn er hatte sich nicht alloin 
niemals gegen die Regierung vergangen, sondorn hatte öffentlich 
vor aller Auflehnung gegen dieselbe gewarnt. Doch da die zeit- 
weiligen Mitglieder dor Regierung auf Seiten soinor Feinde waron, 
so verordnete sie, dass die fünf „berüchtigten" Prodigton durch 
alle synodalen Klassen (kirchlichen Bezirke) der Roformirton nicht 
alloin, sondorn auch durch die fünf thoologischon Fakultäten zu 
Leiden, Utrecht, Franeker, Groningen und Harderwyk untersucht 
wordon sollten. 

Von allen diesen wurde nun Stinstra verstockter soci- 
nianischor Ansichten beschuldigt. Nur dor Professor dor 
Theologio zu Franokor, Venoma, schloss sich aus; or gab soin Gut- 
achton zu Gunsten Stinstras ab und zog sich dadurch die Feind- 
schaft allor soinor Kollegen zu. Sie warfen ihm in öffontlichor 
Vorsammlung vor, or soi ebenfalls oin Ketzor und nicht würdig, 
don akadomischon Lehrstuhl zu bekleiden. Nun aber stand plötzlich 
der Prinz Wilhelm IV., welchor zugogon war, auf, und sagte, zu 
don Boschuldigorn sich wondond: „Das Gutachton dos Professors 
Vonoma ist das bosto von Allon." Sofort stimmton mohroro hoch- 
gestellte Mitglieder ihm zu und so wurde Vonoma vor dem Straf- 
gericht gerottet, Stinstra jedoch nicht. Ohne zur Erwiederung zu- 
gelassen zu wordon, wurdo ihm vorboton, als Prodigor aufzutreten. 



169 

Dio fünf Prodigton .wurden confiscirt. Dio friosischo Sociotät, er 
selbst und seine Gomeinde romonstrirton vorgeblich gegen das 
Urthoil. Dio Stolle als Vorsitzender der Sociotät bohielt er freilich, 
abor das Botreton der Kanzel blieb ihm seitens dos Staats verboten. 
Er suchte nun, auf Anrathen dor Societät, seine Aufgabe als 
Prodigor zu erfüllon, indem er monatlich eine Predigt heraus- 
gab. Auf diese Weise konnton auch Andere beurtheilon, in vvolchor 
Weise er das Christenthum predigte. Unter allom Wochsol dos 
Schicksals blieb diesem Manne die Achtung aller selbständig denkondon 
Menschen innerhalb der Gemeinschaft sowohl wie ausserhalb der- 
selben erhalten, wie öffentliche Bezeugungen der Angesehensten dos 
Landes darthaten. Als er endlich, da die Zeiten und die An- 
schauungen sich geändert hatten, 1757 seinen Dienst wiedor antroton 
konnte, schlug dio frühere Missachtung beinahe in das Gogentheil 
um. Als nämlich dor Provinziallandtag zu Leeuwardon in dem 
Jahro tagte, liess man den früher so geschmähton Prodigor Stinstra 
bitten, dorthin zu kommon, um allsonntäglich, so lange dor 
Landtag dauerte, den Mitgliedern desselben in der dortigen Monno- 
nitonkirche zu predigen. Bis zu seinem Lebensondo 1800 blieb 
Stinstra seiner Gemeinde zu Harlingen treu, trotz ohrenhaftor Bo- 
rufungon nach Haarlein und Amsterdam. 

Später wurden noch einmal, und zwar nun zum letzten Mal, 
soitons dor Reformirten Versuche gemacht, um don vermeintlichen 
socinianischon Lohren unter don Monnoniton ontgogon zu troton. 
Man boschloss, ihren Predigern nochmals die obon orwähnten vier 
Artikel, durch sieben andere vorstärkt, vorzulegen. Unter don nou 
hinzugefügten waren folgende: 

Ob sie glaubton, dass die Kinder dor Gläubigon, wenn sio als 
Unmündige stürben, im Himmolroich solig soin, das hoisst, ob sie 
in dio Wohnungen kommen würdon, welche Christus seinen 
Gläubigon zubereitet habo, odor ob es dort eine dritte, oine 
Kinderabthoilung gäbe? 

Ob sie glaubten, dass dio Gottloson, nachdem sio von don 
Todton aufgeweckt seien, owigo Poin ohne Aufhöron loidon und 
immerwährend sterbon würdon, ohno jemals todt zu sein? 

Ob diosolben dioso Strafe in demsolben Körper, don sio im Loben 
hatten, orloiden, odor ob sio statt dosson einen andorn bekommen 
würden, welchor nicht gesündigt habo? 



170 

Da dio roformirto Geistlichkeit in Friosland nicht mohr so 
violon Einfluss als früher bei der Regierung hatte, wolcho vielmehr 
dio Metinoniton jetzt bogünstigto, und ihnen, wie auch in andern 
Provinzen geschah, gerne hohe Vertrauensposten gab, so scheint 
diesor Beschluss nicht durchgeführt zu sein. Bald trieb auch dio 
Strömung des Zeitgeistes dio Unduldsamkeit gänzlich aus den 
Niederlanden, und eino neue Zeit brach für dio Monnoniton an. 

Innerhalb ihrer Gemeindon hatten sich mittlerweilo boinaho 
alle Partoion vereinigt und verschmolzen. Keine Staatsgesotzo, 
koino kirchlichen Satzungen noch hierarchische Gewalt hatto dieses 
zu Wogo gobracht; dor oigono innero Trieb der Gemeinschaft, dio 
Liobo, welche durch den Glauben thätig ist, führte sie zusammen ; 
dio orbarmcndo, rettondo und suchende Liobo ward das Band, 
wolchos allo Partoion umschlang. "Wo oin Ruf um Hülfe erscholl, 
da reichten Flaminger, Friesen, Waterländor und allo anderen 
Parteien sich brüderlich die Hand, wonn dio Societäton dazu 
aufriofen. 

So sohon wir sie Mitte des 17. Jahrhundorts allon auswärts 
Verfolgten ointrächtiglich dio holfondo Hand reichen, ebenso 1717, 
als im Groningorlando dio Fluthen der Nordsoo ihren Gomoinden 
70 Monschonlobon, mohroro tausend Stück Vioh vernichtet und die 
Foldor schwer geschädigt hatten. 

In soinom glänzondsten Lichte zeigte sich dieser Goist dor 
Liobo, als zu Anfang dos 18. Jahrhundorts allo Partoion sich vor- 
oinigton und den „Fonds voor buitonlandscho noodon" gründeten, 
wovon später dio Rode sein wird. 

Als Mitte des achtzehnten Jahrhundorts im französischen 
Volko das Bowusstsoin zum Durchbruch kam, wio sohr os durch 
don Adol und durch seine Königo unterdrückt und ausgesogen 
worden war, als der Geist dor Freiheit von Amerika horübor wohto, 
wurden alsbald allo ouropäischon Völkor, das eino mehr, das an- 
dere weniger, von oinor soltsamon Bowogung orgriflfon: oin innoros 
Drängen nach Freiheit hob an gogon dio alton Bando, wio oin 
Frühlingshauch die Knospon in dor Erdo und auf don Bäumen 
und Sträuchorn unwiderstehlich treibt, dio winterliche Hüllo zu 
sprengen. Auch in don Niederlanden trat mit dor französischen Revo- 
lution oino Hochüuth politischer Bowogung, ein Freiheitsdrang oin, 
der allo begeisterte Man tanzte in don Dörforn sowohl wie in 



171 

don Städten um Froihoitsbäunie, und das Losungswort war wio in 
Frankreich: „Gloichhoit, Freiheit, Brüderlichkeit". 

Es konnto nicht ausbleiben, dass auch die Mennoniten- 
Gomoinden dioso Strömung fühlten, zumal sio besonders Ursache 
hatten, einer Bowogung anzuhangen, dio vollständige Froiheit und 
Gloichhoit Aller vorsprach. Ihre Bestrobiingon richteton sich in 
orstor Stolle darauf, Staat und Kirche von einander zu trennen, 
damit jonor sich nicht in Glaubonssachen mischen und dioso nicht 
in Staatsangelegenheiten eingreifen könne, und dass es in don 
Niederlanden so gokommon, dazu haben ihro Deputirto mit Be- 
sonnenheit und Umsicht das Ihrige beigetragen. 

Im Jahro 1795 erlioss dio niodorländischo Regierung ein 
Grundgesetz, durch welches allen christlichen Konfossionon gleiche 
Rechto zugesichert wurden. Hiermit war dio Staatskircho gofallon, 
und koinem Unterthan, dor sonst die erforderlichen Eigonschafton 
besass, stand seine Konfession fortan im Woge unmittelbar am 
Staats wohl mitzuarbeiten. Somit waron dio Monnoniton in don 
Niederlanden aller Zurücksetzung enthoben ; ihro bürgorlicho 
Stellung im Staate stand nun auf gloichor Stufo mit dor Achtung, 
welche sio ihron Mitbürgern abgenöthigt hatten, und das Vorhältniss 
zu letzteren wurde domontsprechond ein besseres. Sio durften 
sich sagon, dass sio mit Hülfo dos Evangeliums die Bahnbrochor 
dor roligiöson Freiheit gewesen seien. Dieselbe Universität zu 
Franokor, welche im Veroin mit don andern Univorsitäton dos 
Landos den Monnoniton-Prodigor Stinstra wogen soinor fünf ge- 
druckten Predigten verdammt hatte, bot nun allen Konfossionon 
und don Monnoniton in orstor Stollo an, einen Professor boi ihr 
anzustollon, ein Anerbieten, das seitens dor lotztoron abgolohnt 
wurdo, weil sie, wie wir gosehon haben, bereits selbst eino theo- 
logische Lohranstalt errichtet hatten. 

Aus Frankreich war dor politische Froihoitsgoist über dio Grenze 
gowoht, von Deutschland hör drang nun dor religiöse Rationalismus in 
dio Niederlande ein und auch dieser booinflussto dio Monnoniton- 
gomoinden ; das Socirmossor dos Verstandes wurde hio und da in 
einer Weise an don Inhalt dor Bibel gesotzt, dass das darin pulsirondo 
Leben entfloh. Man bohiolt dio todton Thoilo in dor Hand, und litt 
oft Schiffbruch an soinom Glaubon. Glücklich waron noch die- 
jenigen, welche dann Trost und Ersatz in der Natur suchten und fanden. 



172 

Nachdom die Gemoindc in Amsterdam dio Lohranstalt für 
Prodiger geschaffen hatte, fanden die zugehörigen Gemeinden, in 
Kreise gothoilt, in dersolben unbeschadet ihrer Selbständigkeit und 
Unabhängigkeit ein gemeinsames Organ zur Kräftigung der ganzen 
Gemeinschaft, dessen Wirkung sich im Laufe der Zeit auch in dor 
Vermehrung ihrer Mitgliederzahl kund that. 

Zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts drohte der Anstalt 
dor Untergang, da dio Geldmittel der Gemeinde erschöpft waren, 
durch die Anforderungen des Staates von 1795 an. Das Land hatto 
nach und nach 150 Millionen Gulden aufbringen müssen, wozu 
auch dio Kirchen- und Gemeindegüter herangezogen wurden. Zuerst 
nahm der Staat davon Vg und dann noch V5. Den Rest gab dann 
den finanziellen Kräften der Gemeinde dio Verfügung Napoloons I. 
zur Herabsetzung der Staatsschuld auf ein Drittel, bei dor Ein- 
verleibung dqr Niederlande in das französische Kaiserreich. Auf 
den Hülferuf der Amsterdamer Brüder aber erklärten zunächst dio 
Gomoinden zu Haarlem und Zaandam sich zur Unterstützung beroit, 
während man zugleich eine Voreinigung sämmtlichor Gemeinden 
zu demselben Zweck ins Augo fasste. In einer demgemäss ver- 
anstalteten Versammlung von Delegirten der Gemeinden wurde im 
Jahro 1811 beschlossen, die Anstalt nicht allein mit vereinten 
Kräften fortzusetzen, sondern auch sämmtliche bedürftige Gomoinden 
zu unterstützen und dahin zu wirken, dass möglichst in allen dor 
Prodigtdionst von theologisch gebildeten Männern wahrgenommen 
würde. Dies war dor Anfang dor sogonannton Allgemeinen Sociotät 
dor Taufgosinnton (Algomeono doopsgozindo Sociotoit), welcher 
Veroin namentlich den niederländischen Monnoniton soitdom zum 
grösston Sogen gereicht hat. 

Auf diese Weiso habonsichdio Taufgosinnton in donNiedorlandon 
durch eigene Kraft unter Gottos Sogen oino ehrenvolle Stellung 
errungon, und wird os sich zeigen müsson, ob sio unter den gün- 
stigon Umständon, in welchen sio jetzt loben, don domüthigon 
Christonsinn zu bowahron wisson, wolchor alles, was or hat, ist 
und kann, allein zurückfuhrt auf soinon Zusammenhang mit Gott 
und mit dorn Geiste Jesu Christi und daran festhält wio die Robe 
an dorn Weinstock, nach dem Wahlspruch Mennos: „Es kann koin 
andrer Grund gelegt worden als der da gologt ist, Jesus Christus". 



Vierte Abtheilung. 

Fernere Schicksale der in der Schweiz zurückgebliebenen 

Taufgesinnten. 
Nachrichten über diejenigen in Oesterreich und Süddeutschland. 

Dio T*iufgosinnton in dor Schwoiz hatton nach dorn Kappolor 
Roligionskriogo, wio wir gosohon habon, oinigo Ruhe, indem dio 
nouo Staatskircho, durch dio oingotrotono Roaction in ihror oigonon 
ßxistonz bedroht, zu Angriffon auf sio nicht Musso hatto. 

Wolchos Goistos Kinder dioso schwoizor wohrloson Täufer oder 
apostolischen Brtldor waron, zoigt sich namentlich in ihron Liedern. 
Von don violon Belogen, welche mir zu Ooboto stehen, will ich 
folgendes Liod anführon: 

Ein ander schön Liod von Otraar Rot von St. Gallen, 

im Jahro 1532 gedieht. 
Mensch, wilt Du nimmer traurig sein, 
So fleiss Dich recht zu leben; 
Die SUnde bringt Dir ewge Pein 
Dawider muss man streben. 
Heb 1 Dich mit Ernst, dass Du recht lernst 
Dich selbst am ersten kennen. 
Dein Herz mach 1 rein, und acht Dich klein, 
So mag man gross Dich nennen. 

Sich selbst erkennen ist dein schwer 
Der andere gern nackred'te, 
Gedächt er vorhin wer er war, 
Fürwahr er solch' s nicht thäte. 
Sieh' Dich selbst an, lass jedermann 
Ohn 1 Nachrcd', schweig dein Munde, 
Dass nit am EmV, Du werdst geschändt 
In ein unrechtem Gründe. 

Wie Du missest, so misst man Dir, 
Wie Christus hat gesprochen: 
Er ist gerecht, thut Dir wie mir. 
Kein Sund' bleibt nngerochen. 



174 

Darum furcht 1 Gott, halt sein Gebot, 
Kein Gut's lässt er nnbelohnet. 
Bitt ihn um Gnad, gleich früh und spat, 
Dass unser wercV verschonet. 

Wer Gott liebt und den Nächsten 

Dem dient all Ding' zu Gute, 

Es sei Glitk oder Bresten, 

Durch G'dult empfaht gleichen Muthe. 

Er giebt und nimmt, wie es sich ziemt, 

Ist redlich in all'n Sachen, 

Er redt und lehrt, wie er begehrt 

Ihm seihst sein Ding zu machen. 

Zwoi Jahro nach dorn Todo Zwingiis schoinon naraontlich im 
Kanton Basol dio Taufgcsinnton so sohr dio Trägor der Roforniation 
gowordon zu soin, dass dem Rath zugomuthot wurdo, ihron Lohron 
staatssoitig boizutroton, was ihn nöthigto, zu ihnon Stollung zu 
nohraon und sich auszusprochon. Er orlioss oino Erklärung, wolcho 
nicht dirokt an dio Taufgosinnton gorichtot gowoson zu soin, ihm 
also von ihror Seito nicht abgonöthigt zu soin schoint, was der 
Vormuthung Raum giobt, dass die Zumuthung von anderor, don 
Tiiuforn zugonoigtor Soite kam. Dio Erklärung dos Raths ist viol- 
loicht auf don gewichtigen Einfluss Bullingors, Mykonius* und an- 
doror zurückzuführen. Sio lautet wie folgt : 

„Basilcenses hoc anno confessionem brevem fidei suae oppositam 
calumniis Pontificionim edunt, ubi in fine: Wider den Irrthum der 
Wiodortäufor wollend wir uns heiter entschlossen han, dass wir 
ihro frömdon, irrigen Lehren, da diese Rottengoister unter andorn 
vordammton Opinionon und bösen Meinungon, auch sagend, dass 
man dio Kindor (dio wir nach Brauch der Aposteln und orston 
Küchen und uss dem, dass der Tauf anstatt der Beschnoidung ist, 
taufon land) nit teuffo : Item dass man in keinem Fall Eyd schwoo- 
ron mögo, obgleich es dio Ehre Gottos und Liobo dos Nächsten 
fordort: Und dass dio Obrigkoit nit mögo Christon soin*): zu- 
sampt allen andorn Lohron, dio dor gesunden, roinon Lohro Jesu 



*) Die alten Täufer beschauten die Obrigkeit als ein rein gesetzliches, 
aber nicht als ein in dem Boden des Ohristcnthnms wurzelndes Institut. 
Aehnlichbenrtheilt ja der Apostel Paulus den gesetzlichen Standpunkt überhaupt. 



175 

Christi ontgogon stand, nit alloin nit annohmen, sondern als ein 
Grüwol und Lästerung verwerfend." 

Man sioht doutlich, dass dio Erklärung nur abwohrondor Art 
war und man darin keinen Anlauf nahm, aufs neue gewaltsam 
gogon dio Täufer vorzugehen. Vielleicht weil man „das Volk oin 
wonig fürchtete", wio Mykonius sagto, als er an oinon Freund, wio 
schon orwähnt, von don Zttrchorn schriob, dass ihnen nichts fohle 
als dio Gologonhoit, um zur alton Kircho zurückzukohron. 

In dorn Soito 42 orwähnton Memorial war noch gosagt 
wordon, dor Rath sollo koinon fromdon Horron Schirm noch 
Bürgschaft zusagon aussor Prodigorn und Verfolgten, welcho Schutz 
suchton; dor Rath sollo sich der heimlichen Rätho und horgo- 
laufonon Pfaffen enthalten; wio von Alters her sollo dor grosse 
Rath der Zweihundert und dor kloino Rath dor Fünfzig mit Stadt- 
und Landoskindorn von guten Goschlochtorn, odor wo oin Biodor- 
mann aus der Eidgenossenschaft bei einer Zunft wäro, besetzt 
wordon. Darauf erklärte dor Rath das Folgende: In Botroff dos 
Goschroios, dass boi dor Besetzung und Nutzung von Vogtoion und 
Pfründen Missbrauch goschohon, sollo das Vorgangono vorgosson 
sein, damit alle Dingo zum Boston gedeihen. Wenn man abor 
jomandon anzuzeigen wüssto, dor an dor noulichen Niodorlago 
schuld soi odor Unruhe veranlasst habo, da sollo nach Gebühr 
gohandolt wordon. „Wir sind erbötig", sagto der Rath, „hinfort 
in unsoror Stadt Prädikanton anzustellen, dio auf Ruh und Ordnung 
halten, auch wordon wir ihnen nicht gestatten, andro Louto gottlos, 
böswillig und mit ohrvorlotzendon Schmähungen zu schölten, 
sondern darauf halten, dass sie Gottes Wort und dio Wahrheit 
christlich und freundlich verkünden und dio Lastor mit der Schrift 
strafon, doch sich keiner mit woltlichon Sachen, welche dor 
Obrigkoit zustehen, befassen, sondern uns, nachdem uns christlich 
und löblich dünkt, rogieron lasson." 

Boi diosor Sachlage liesson dio Regierungen die Taufgosinnten, 
wio es scheint, vorerst und zwar bis ungefähr Endo dos Jahr- 
hunderts unboholligt. 

In Oestorroich hingegen wurdo 1529 ein Edikt gegen sie 
und dio mährischen und böhmischen Brüdor erlassen; dassolbe 
scheint abor nicht üborall gloich strong durchgeführt worden zu 
sein. Im Etschlande wurden sie aufs grausamste verfolgt, wogegen 



176 

sio in Mähron ziemlich sichor loben konnten. 1535 logton sio dem 
König Ferdinand ihro Glaubonslohro dar, wie sio in ihren Kate- 
chismen onthalton war. Man sioht daraus, dass sio eine fosto 
Gomoindoordnung hatten, und dass sio gowissonhaft den Religions- 
unterricht dor Kindor und der heranwachsenden Jugend pflegton, 
dass sio Sonntagnachmittags Kindorlehro hielten, dass sio Schulen 
hatten und dass die in denselben wohl unterrichteten Kinder später 
don Prodigorn auf oino foiorlicho Weise zum fornorn Religions- 
unterricht üborgebon wurdon. Namentlich dio zehn Gebote und 
das Gobot dos Horrn wurdon don Kindorn früh eingeprägt 

Aus oinom nouon österreichischen Edikt vom Jahro 1551 goht 
horvor, dass dio Taufgosinnten im Vorein mit den mährischen Brüdern, 
früher Waldonsor genannt, sich in dor Zwischonzeit bedeutend ausge- 
breitet hatten, denn es hoisst in demselben : „da sich noch houtigon 
Tages an violon Orten und Enden viele von dor wiedortäuforischonSokto 
orhalton habon und dormasson Uborhand nehmen, und viele sich 
ihnen anhängig machon, und in Anbetracht, dass dio Obrigkeit in 
sorglicho Gefahr gesetzt wordon kann, weil diejenigen, so sich in 
diese Sekte bogeben, theils nach bürgerlicher Ordnung nicht schwö- 
ren, thoils gar keine Obrigkeit anerkennen wollen (nämlich in 
Glaubonssachon nicht), und obgloich diese halstarrigon Louto ge- 
fänglich eingezogen, so bloibon sie doch ganz boharrlich und als 
verstockt in ihrom vordammton und unerträglichen Fürsatz, dass 
sio durch koin ileissich und wohlgogründot Erinnerung davon ab- 
zubringon sind, so thun wir hiomit kund auf goschehono Verglei- 
ch ung unserer Constitution von 1529 alles ihres Inhalts, allen ihren 
Punkten und Artikeln, ornouorn, setzen, statuiron: Ordnen dem- 
nach aus Kaisorlichor Machtvollkommenheit, und wollen dass jeder 
Wiedertäufer und Wiedorgotaufto, Manns- und Woibspersonon, dio 
vorständiges Alters sind, dio auch aus diesem muthwilligon, vor- 
führorischon und aufrührigon Sokto, den Obrigkoiton nicht huldigen 
und schworon, odor gar keine Obrigkeit anorkonnen wollen, von 
dorn natürlichen Lobon zum Todo mit Feuer und Schwordt, 
ohno vorhergehende geistliche Inquisition goricht' und gobracht 
werden *)". 

Dies Blutedikt wird wohl vielo aus dorn Lande getrieben 



*) Siehe Ottina Amialen. 



177 

haben, denn um diese Zeit zeigten sich zahlreiche Taufgesinnte, 
sowie böhmischo und mährische Brüder in Freusson. In den 
Jahren 1554 und 1555 Hessen diese daselbst oinon Katechismus 
im Druck erscheinen, welchen sie dem Herzog Albrecht von Proussen 
zueigneten*). Dieser Katechismus führt die Ueberschrift: „Kate- 
chismus der rechtgläubigen böhmischen Brüder, welche der Anti- 
christ mit seinem Anhang verfolget und aus teuflischem Eingeben 
Hass, Neid und Unwahrheit für Verführer, Piccardon und Waldenser 
schilt und lästert. (Letzteres ist ein Beweis, dass sie den Namen 
Waldenser, violleicht aus Furcht vor Verfolgung, abgologt hatten.) 
Allen rechtschaffenen Gläubigen zum Trost und wahren Boricht. 
Verdeutscht durch Johannem Gyrk Streinenseo, Pfarrhorrn zu 
Neidonburg in Proussen". 

In Mähren scheint dio Verfolgung der Taufgesinnten damals 
nicht schlimm gewesen zu sein, denn wie wir gesehen haben, 
wurden sie hier von manchen Edelleuton kräftig in Schutz genom- 
men, so dass einmal der Fürst von Lichtenstein den Profoss des 
Kaisers mit Waffengewalt vortrieb, als dieser sich seiner Schütz- 
lingo bemächtigen wollte. 1568 Hessen sie ein Buch im Druck 
erscheinen unter dem Titel: „Gulden Himmolspforton, das ist, Be- 
kanntnuss des Glaubens der christlichen Brüder in Böhmen 
und Mähren. Newonstadt, durch Gabriel Ackermann". Darin 
verthoidigon sio sich unter anderem gegen Vorwürfe, wolcho 
wohl aus dem Umstände, dass sie in ihren gottesdienstlichon 
Localen keine Bilder und dergleichen duldeten, hergenommen 
waren; es heisst dort nämlich **) : „Wir sind den Künsten nit find, 
wiewohl wir auf hohen Schulen nit studirt habend, sondern haben 
dio alzumal lieb, welche zur Befürderung der Wahrheit, oder zu 
Vernichtung der Irrthumb, oder sonst zu gomeinen Nutzen mögen 
gebraucht werden". 

Eine feindliche Feder***) schreibt von ihnen zu der Zoit: „Ob 
sio wohl schon in Mähron übor 70 stattliche Höfe haben, geschweige 



*) Adrianus Regenvolscius in Systemate histor. chronolog. ecclesiamm 
Slavens. Lib. III. Cap. X. 

**) Siehe Ottras Annalen. 

***) Andreas Fischer, Priester zu Veldsperg. Gegen die Hntteriten. 
Gedruckt zu Ingolstadt 1607. 

12 



178 

der Mühlen, Brauhäuser, Maierhöfo und andre Oorter, so wird doch 
nit ein einzige Kirch oder Kapellen gefunden. Ihre Predigton 
halten sio in ihren Stuben am Sonntagmorgon früh und am Mit- 
wochabond spat. Das heilig Vatter unser betten sie nit, oder 
wenn sie es betten, so lassen sie auss ,Vergib uns unsre Schuld 4 
denn sio sagend sie seien heilig und ohne Schuld. In ihrem beten 
knioon sio oder stehen sio nit, sondern bleibon fost sitzen. Ihre 
erdichte Liedlein singen sio im buhlerischen Gesangenthon von 
ihron falschen Aposteln." 

Dass sich früher viele Schweizorbrüder nach Mähron geflüchtet 
hatten, geht aus der Nachricht hervor, dass die Stadt Eybanschitz, 
welcho nur von wonigen Katholiken und im Uebrigen von Lutheranern 
und Roformirten bewohnt wurde, eine. ansehnliche Vorstadt hatte, 
deren Bewohner ausschliesslich Schweizer Taufgosinnto waren*), 
die dort eigene Häuser und Güter hatten. Hier hatten sie ein 
Gemeindehaus, in welchem ihr Prediger wohnte und wo sie auch 
ihron Gottesdienst hielten. In diesem Hause wurden auch fremde 
roisendo Brüder beherbergt. Nahe bei Eybanschitz waren Nieder- 
lassungen von Schwenkfoldorn und huttorschen Brüdern; letztere 
wohnton in einem Dorfe, Olokowitz genannt, und musston dem 
Herrn von Lippa, dem die Stadt und Herrschaft gehörte, 700 
mährische Thaler Kopfsteuer bezahlen, obwohl ihro Anzahl nicht 
über vierhundert geweson sein soll. Auch wird ein Ort Nimpschiz 
genannt, wo sich jährlich um Pfingsten die Täufer versammelt 
hätten, um das Abendmahl zu feiern. Dor Berichterstatter thoilt 
zuvörderst allerlei abenteuerliche, sich stellenweise widersprechende 
Dingo von dem Leben und Treiben dieser Leute mit, so sagt er 
u. a.: „Diese Lout wurden ihr Lebenlang nit getauft", während 
or doch später sagt: „Wan sio, die Kinder, etwas älter werden, so thut 
sie dor Schulmeister im Lesen, Schreibon und Rechnen unter- 
weisen; weiter kommend sie nit. Wan sie nun bei ziemlichen 
Vorstand gekommen, so werden sie getauft". Schliesslich borichtot 
or: „Dieser Louthen waren fast zu meiner Zeit 70 000 in Mähron; 
nun aber (1617) sollen sio alle ausgerottet worden sein, deren sich 
viel in Siebenbürgen begeben". 

In der früher erwähnton Schrift von Androas Fischer heisst 



*) Siehe Ottius Annalen. 



179 

es woiter noch von don Taufgesinnten, dass sie nach ihrem Brod- 
brechen um Pfingsten einen Ausschuss aus ihrer Mitte wählten, 
welcher in die Provinzen gesandt würde (wahrscheinlich als Roise- 
prediger, um die zerstreuten Brüder zu stärken). Die dazu Ge- 
wählten müssten Männer sein, die schon zwei oder drei Mal ihr 
Lebon in dio Schanze geschlagen hatten. „Es sind gewöhnig] ich 
solche, so in alle Ränke, Schliche, Griffe und Pracktiken, wie sie 
Geld und Gut ohne Wissen der Obrigkeit aus dorn Lande bringen 
künnon, wohl erfahren." Diese verkleideten sich, wird weiter er- 
zählt, reisten nicht auf den Landstrassen, sondern durch Gebirge 
und Thälor und meistens des Nachts. Nachdem nun auf ihre 
Scheinheiligkoit weidlich geschimpft ist, heisst es: „Sie lesen den 
Louton für, aus dem kleinen zu Zürich getrukton Testamont, was 
zur Verführung tauglich, sonderlich was da handelt von äusser- 
lichen politischen Werken, als dass man solle dem Nächsten be- 
hülflich sein mit geben und leihen und die zeitlichen Güter also 
in Gemeinschaft goniossen. Wenn sie sich also ein zeit lang auf- 
gehalten, so sprechen sie, kommt zu uns ins Mährenland, in das 
gelobte Land so unser ist." 

„Jährlich kommen sie drei oder vier Mal zusammen auf der 
Noumühl, oder zu Austorlitz oder Priwitz und halten des Nachts 
Rath in ihren Höhlen. An ihrem Schatz haben sie 79 Jahr ge- 
sammelt. Der Maierhöfe sind über 70, in deron jeglichen findet 
man zu 400, 500 oder 600 Personen, ja in etlichen wohl 1000, 
als zu Neumühl, ohne dio Maierhöfe, Mühlen, Gärten, Schaffmeie- 
roien, Ziegelstädel u. s. w., welcho ihnen die Landesherren 
anvertraut haben." 

„Wahrlich am Willen zu herrschon, mangelt es den Täufern 
nit, am Geld vil weniger." — 

Alle diejenigen, welcho dio Erwachsenontaufo ausübten, woil 
nach ihrer Ansicht im Evangelium begründot, wurden nach wie 
vor mit den schwärmerischen Wiedertäufern auf eine Linie gestellt, 
obgleich diese wie der Schaum auf dem sturmgepeitschten Meer 
entstanden, aber auch bereits wieder verschwunden waren. Nur 
dor Herzog Philip von Hessen hatte den Unterschied zwischen ihnen 
erkannt. Er schrieb z. B. am 7. März 1559 an den Kurfürston 
Friedrich von Sachsen untor anderem: „Zum vierten haben wir 
gelesen, was Euor Liobdon habe ausgehen lassen wider die 

12* 



180 

Wiedertäufer. Ihrer vil haben eine Antichristlicho Sekt, wie sie 
den zu Münster und anderstwo bowioson. Sie sind aber ungleich, 
etliche sind einfache frommo Leute, ist der wegen mit Bescheiden- 
heit zu handeln. Die mit der That handeln und mit dem Schwerdt 
angreifen ist billich diesolbiger auch wiederumb mit dem Schwerdt 
und Recht zu strafen." 

„Die aber im Glauben irrend, mit denen sol man be- 
scheidontlich handeln, nach Art der Liebe gegen den Nächsten; 
sie underweisen, und allen Fleiss unaufzeglich bei ihnen thun. 
Sie auch höhren, und so sie nicht bei der Wahrhoit bleiben, und 
Irrthum und bösen Saamen wider die Christen mengen, sollt man 
sie alsdann hinweg weisen, und ihre Predigt zerstören. Am Loben 
aber zu strafen, wie in etlichem Fürstenthumb und Landen und 
andorstwo besehen, die da nichts gethan, dann dass sie im Glauben 
goirrt, und mit der That nichts gehandlet." Hier bricht dieser 
Brief ab. Er ist in Ottius Annaion enthalten. 

Wie aller Orten, so hatten sich auch namentlich in Hessen 
und in der Pfalz viele stille Taufgesinnte zusammen gefunden, 
wolcho, zurückgezogen von der Welt, still und einfach ihrem 
Lobensboruf oblagen und ihres Glaubens lebten. Ihre Ansichten 
hatten im Volke tief Wurzel gefasst. 

Nach den neueston Forschungen des Staats-Archivars Dr. 
Ludwig Keller zu Münster, dessen Werk: „Ein Apostel der 
Wiedertäufer", erst in meine Hände kam, als ich diese Arbeit 
beinahe vollendet hatte, war Hans Denck, der in Worms 1527 
Zuflucht suchte, violleicht der bedeutendste unter den Lehrern 
dor damaligon deutschen Täufer. Er fand hier, wie früher in 
Augsburg und Nürnberg, begeisterte Anhänger, die den Mann 
selbst und das, was er aus dem Evangelium lehrte, als achtes 
Gold erkannten. 

Einer seiner Gesinnungsgenossen, oin lutherischer Predigor 
Namons Kauz, schlug am 9. Juni 1527 eine Reihe von Thesen an 
das Prodigerkloster zu Worms. Hiedurch herausgefordert, traten 
die lutherisch Gesinnten und die Katholiken den Täufern entgegen, 
sodass die ganze Stadt in Aufregung gerieth. 

Die Taufgosinnton hatten in Worms so sehr das Ueborgowicht, 
dass Wolfgang Capito, vior Tage bevor dio Thesen angeschlagen 



181 

wurden, an Zwingli schreiben konnte, die Stadt Worms habo sich 
durch ein öffentliches Uebereinkommon von dorn Worte Gottes 
(d. h. von der lutherischen Lehre) losgesagt. 

Bald gelang es den Gegnern der Taufgesinnton jedoch, den 
Kurfürsten Ludwig gegen sie aufzuhetzen, welches ihnen allerdings 
nicht schwer wurde. Sie brauchten nur diese wehrlosen Leuto, 
weil sie, wie die Anhänger Münzers und die Zwickauor, die Kinder- 
taufe verwarfen, mit jenen Aufrührern auf eine Linie zu stellen. 

Von nun an wurden die Täufer in der Pfalz von der vereinigten 
geistlichen und weltlichen Macht auf eine so schreckliche Woiso 
vorfolgt, dass in kurzer Zeit 350 dieser harmlosen Menschen hin- 
gerichtet wurden. Dies empörte manche Andersdenkende, welche 
die Täufer namentlich auch durch die viel vorbreiteten Schriften 
Hans Dencks kannten. Ein Prediger, Namens Johannes Odenbach, 
schrieb einen scharf tadelnden Brief an die verordneten Richter, in 
welchem es unter anderm heisst: „Siehe mit welch' grosser 
Geduld, Liebe und Andacht sind diese frommen Leuto 
gestorben, wie ritterlich haben sie der Welt widerstrebt, 
wie hat man sie mit Wahrheit nicht überwunden! Ihnen 
ist Gewalt geschehen, sie sind heilige Märtyrer Gottes*)." 

Von nun an schweigt in der Pfalz die Geschichte vororst 
über sie, wahrscheinlich weil die Aufmerksamkeit ihrer Gegner 
durch wichtigere Dinge von ihnen abgelenkt wurdo, z. B. durch 
den Reichstag zu Augsburg, durch die drohenden Türkonoinfälle, 
durch die Bemühungen um das Zustandekommen des schnial- 
kaldischen Bundes, durch den Krieg der Verbündeten gegen den 
Kaiser, sowie durch den Zwiospalt der Lutheranor und Zwinglianer 
unter einander u. a. m. 

Erst im Jahre 1557 traten die Täufer in der Pfalz wieder 
an die Oeffentlichkeit, und es zeigte sich, dass sie sich in grosser 
Anzahl erhalten hatten. Dies geht aus dem schon erwähnten Briefe 
hervor, den damals die in Strassburg versammelten Dologirten der 
Taufgesinnton an Menno Simons richteten. Nachdem die Ansicht 
der deutschen Brüder über die Art der Ausübung des Bannes 
darin ausgesprochen und daran die Bitte geknüpft ist, die nioder- 



*) Siehe: Ein Apostel der Wiedertäufer, von Ludwig Keller. S. 216. 



182 

ländischen Brüder möchten namentlich bei Eheleuten nicht so 
scharf damit vorgehen, heisst es ferner, man wolle es dem lioben 
Bruder Menno nicht vorenthalten, dass in dieser Versammlung die 
aus der Pfalz gekommenen Brüder mitgetheilt hätten, dass vor 
kurzem in Worms eine Versammlung von 14 — 1500 Brüdern ab- 
gehalten worden sei, wo die Lehre von dor Erbsünde und den 
goistigen und leiblichen Sünden behandelt und so viel Wirrwarr 
unter ihnen in der Pfalz verursacht worden sei. „Gelobt sei Gott, 
sie haben die Sache fallen und sich strafen lassen/ 4 

Durch diese Versammlung in Worms scheinen sie die Auf- 
merksamkeit der Regierung wiederum auf sich gelenkt zu haben, 
welche nun, da der Religionsfriede eingetreten war, sich den innern 
Angelegenheiten zuwenden und die Verfolgung wieder aufnehmen 
konnte, denn die Taufgesinnten waren, weil sie dem augsburgischon 
Bekenntniss nicht angehörten, vom Religionsfrieden ausgeschlossen 
und gewissermassen vogelfrei. Dies wird bestätigt durch folgende 
Zeilen aus einem Liede eines hervorragenden täuferischen Lehrers 
in der Pfalz, Hans Büchel: 



Ein Truk Hess man zu Worms ausgahn: 

Da ist versammlet gewesen 

Als man zählt sieben und fünfzig Jahr, 

Hochpriester und Schriftgelehrten, 

Endlich beschlossen war 

Dass wer ihn'n etwas z 1 wider lehrt, 

Den solt man richten mit dem Schwerdt, 

Sein Blut solt man vergiessen. 

Wer hat doch solches je gehört 

Dass man sol Christen mit dem Schwerdt 

Zu Gottes Reich bekehren. 

Dass aber damals weder die eine noch die andere Kirchon- 
lohro allein in der Pfalz festen Fuss gefasst hatte, dass überhaupt 
der kirchliche Zustand ein zerrütteter war, erhellt aus folgenden 
Zeilen dessolben Liedes: 

All Ehrbarkeit hat sich verkehrt: 

Die König, Fürsten, Herren 



183 



Begieren jetzt das geistlich Schwerdt, 

Falsch 1 Propheten sie lehren. 

Der Fromm 1 weiss schier nimmer wo *n aus 

31 an findt oftmals vier Glauben 

Jetzund in einem Haus. 

AU 1 Einigkeit wird gestossen um, 

Was eben ist, muss werden krumm 

In geistlichen und weltlichen Sachen. 

Beid 1 Obrigkeit und Unterthan, 

Bei Reich und Armen, Frau und Mann, 

Des mag kein Weiser lachen. 

Alle Bosheit und Uebermuth 

Ist hoch über die Maassen, 

Es schwören jetzt bei Christi Blut 

Die Kinder auf den Gassen, 

AU 1 Sund 1 die man erdenken kann 

Sind jetzt gemein auf Erden, 

Es treibt sie Frau und Mann. 



Ach Gott! sieh Du darein. 

Was einer baut, der andre bricht, 
Niemand thut man verschonen, 
Unreine Lehr 1 , falsch Prophezei 
In aller Welt sich mehren. 
Darob ein Volk das ander rieht 1 
Urtheilen und verdammen, 
Gott verlass mich nicht! 

Einiger Schöpfer, Gott und Herr, 
Wem sol ich doch vertrauen mehr? 
Auf die ich hätt ein Schloss gebaut 
Die haben mich betrogen, 
Ja, Leib und Seel hätt 1 ihn'n vertraut, 
Hand mir ein Sach 1 verzogen. 



Nach diesem Schmorzensorguss beruhigt Büchol sich wieder 
durch das Beispiel Christi: 

Zu diesem Streit, o frommer Ohrist, 
Der Glaub 1 und Lieb von nöthen ist, 



184 



Gedult solt Da auch haben. 

Ergieb Dich Gott mit Kind und Weib 

Von Herzen gar mit Seel und Leib 

Der wird Dich wohl begaben, 

Geistliche Frucht, Lieb, sanften Muth 

Thu jedermann beweisen. 

Den Feind der Dich betrüben thut 

Solt Du sanftmüthig speisen, 

Barmherzigkeit, o Bruder mein, 

Thu jedermann erzeigen, 

Gleich wie Dein Vater Dein. 

Wie Du im „Vaterunser* hörst 
Vergieb die Schuld wie Du begehrst, 
Trag 1 brüderlich Mitleiden. 
Erspiegel Dich im Herren Christ 
Leb 1 also auch ohn 1 Argelist, 
Nachred 1 solt Du vermeiden. 
Halt Dich pur, lauter, keusch und rein, 
Thue airs zum Besten kehren. 

Rieht' keinen Menschen unerhört, 
Man red't oft viel ein Sach' verkehrt, 
Viel besser war geschwiegen. 
Daraus erwachsen falsch Gerücht 
Bott, Sekten, wie man täglich sieht, 
Geistlich Aufruhr und kriegen. 
Brauch rechte Maass in allem Ding, 
Siehst Du Dein'n Bruder irren, 
Mach es nit gross, auch nit zu gering, 
Gang selbst hin, thue ihn führen. 

Darnach lass Gott Dein Richter sein, 
Gedenk ihm nach, o Bruder mein! 
Thue Gott nit widerstreben 
Betrüb 1 kein'n Menschen nimmermehr. 

Dein Feind lieb 1 auch aus Herzensgrund, 

Die Dich vermaladeien, 

Den red Du wohl zu aller Stund 1 



185 



Solt ihm auch ratheu, leihen, 
Das ist der Grund und Fundament 
Dabei ein Freund des Herrn 
Hie sol werden erkennt 



Aus diesen Worten sieht man, wie tief das Christonthum 
Christi bei diesen Leuten Wurzel geschlagen hatte, aber wie falsch 
man sie trotzdem noch immer beurtheilte, zeigte sich von nun an 
wieder aufs neue in der Pfalz, wie aller Orten, denn es wurdon 
im Jahre 1557, nachdem der Kurfürst zu Pfeddersheim ein Colloquium 
mit ihnen hatte abhalten lassen, scharfe Mandate gegen sie erlassen. 

In dem erwähnten Colloquium scheinen die Argumente der 
Täufer nicht gehörig beachtot und auch das Protokoll scheint nicht 
richtig veröffentlicht worden zu sein. Dies geht daraus hervor, 
dass sie, als 1571 durch don Kurfürsten Friedrich ein zwoitos 
Colloquium in Frankenthal angeordnet wurde, die Bitte aussprachen, 
dass in diesem Colloquium besser mit ihnen gehandelt werden 
möge, denn beim ersten seien Dinge in das Protokoll geschrieben 
und dann gedruckt worden, an welche sie nicht gedacht, von denen 
sie viol weniger gesprochen hätten, und in Folge dessen sei oin 
scharfes Mandat gegen sie erlassen worden. 

„Wenn wir solche Leute wären," sagte Diebold Wintor, oiner 
dor Redner der Täufer, „als in dem uns gemachten Procosso vorgestellt 
wurde, so wären wir nicht worth vor Euern Augon zu stehen. Dies 
ist unsro Klage, dass uns damals zu Pfeddersheim Unrecht goschohon 
ist und bitten wir, Eure Churfürstliche Gnaden wollen es uns nicht 
für ungut nehmen, dass ich dies geradesweges ausgesprochen habe." 

Hierauf wurde ihnen versichert, dass das Protokoll jedes 
Tages ihnen mitgetheilt werden sollte, damit sie sehen könnten, ob 
es stimme. 

Das Gespräch wurde in aller für solche Disputationen damals 
üblichen Form zu Frankenthal abgehalten. Der Kurfürst eröffnete 
es in eigner Person und sandte nachher seinen Marschall als Stoll- 
vertreter. Auf kurfürstlicher Seite standen adlige Junker und 
geistliche Würdenträger, gestützt auf das logisch ausgodachto 
Lehrgebäude der Kirche und das Bewusstsein ihrer theologischen 



186 

Gelehrsamkeit und folgeweisen üeberlegenheit, gestärkt durch die 
Sicherheit, welche die Hülfe der Staatsgewalt und der Nimbus der 
Person des Kurfürsten ihnen verlieh. 

Ihnen gegenüber traten die Söhne der Männer, welche es 
s. Z. in der Schweiz gewagt hatten, allein aus sich heraus, ohne 
andere Stütze als ihre aus dem Evangelium gewonnene Ueber- 
zeugung ihren selbständigen Glauben Mann für Mann zu behaupten 
und nach aussen hin auszugestalten, die ihn mit Gut und Blut 
besiegelt hatten. Sie hatten kein anderes Fundament, als das da 
gelegt ist durch Jesus Christus, die Bergpredigt und das fünfte 
Kapitel des Galaterbriefes in erster Reihe, sodann die übrigen 
apostolischen Briefe und die darin enthaltenen Grundzüge der Ge- 
meindeordnung, auf welche sie fussten. Im Uebrigen standen sie 
schutzlos da und mussten es dulden, Ketzer geheisson zu werden und 
der Willkür Preis gegeben zu sein, jetzt, wie zuvor und hernach. 

Sie waren, ohne irgend eine Satzung oder Tradition der alten 
Kirche mit hinüber zu tragen, nur mit ihrem gesunden Menschen- 
verstände und mit frommem Glauben an die Schrift herangetreten. 
Somit stand ihnen ein Bibelverständniss zu Gebote, wie man es 
für die damalige Zeit, wo von dem Quellenstudium der Neuzeit 
noch nicht die Redo sein konnte, wo man vollauf zu thun hatte, 
sich mit dem reichen Inhalt des neu entdeckten "Wortes Gottes 
vertraut zu machen, als das richtigste bezeichnen kann. An 
Spitzfindigkeit der Auslegung waren sie ihren theologischen Gegnern 
freilich entfernt nicht gewachson. Das Frankenthaler Religions- 
gespräch dauerte neunzehn Tage, das Protokoll jedes Tages wurde 
dem Kurfürten noch am nämlichen Abend nach Heidelberg gesandt. 

Ueber folgende Fragen wurde verhandelt: 

1. Ob das alte Testament den Christen ebensoviel gelte als 
das neue, und ob die Lehre der Hauptstücke des christlichen 
Glaubens und Lebens sowohl aus dem alten Testamente bewiesen 
werden müsse als aus dem neuen? 

2. Ob der Vater, der Sohn und der heilige Geist ein göttliches 
Wesen seien, doch in drei Personen unterschieden? 

3. Ob Christus seinen Leib aus der Substanz des Leibes dor 
Jungfrau Maria, oder auf andre Weise empfangen habe? 

4. Ob die Kinder in Sünden empfangen und geboren würden 
und deshalb von Natur Kinder des Zorns und ewig verloren seien? 



187 

5. Ob die Gläubigen im alten Testament mit den Gläubigen 
im neuen Testament eine Gemeinde Gottes seien? 

6. Ob dor vollkommene Gehorsam Jesu Christi durch den 
Glauben gefasst die einzige genügende Bezahlung sei für unsere 
Sünden und die Ursache unserer ewigen Seligkeit, oder ob wir 
eines Theils durch den Glauben an Christus und anderen Theils 
durch Kreuz und gute Werke selig würden? 

7. Ob unser Leib am jüngsten Tage auferstehen werde, oder 
ob uns von Gott ein anderer gegeben werde? 

8. Ob der Gläubige sich von dem Ungläubigen in dor Ehe 
scheiden solle? 

9. Ob der Christ eigene Güter kaufen und besitzon dürfo 
ohne Schädigung der christlichen Liebe? 

10. Ob der Christ Obrigkeit sein und mit dem Schwort 
strafen dürfe? 

11. Ob dem Christen gestattet sei, einen Eid zu schwöron? 

12. Ob die Kinder getauft werden müssten? 

13. Ob das Abendmahl allein ein Zeichen und Ermahnung 
zum Glauben und zur Liebe sei, oder auch eine kräftige Besiege- 
lung dor seligen Gemeinschaft der Gläubigen mit Christus bis ins 
ewige Leben? 

Der Kurfürst hatte vorher ein Mandat erlassen, in welchem 
die Regeln, welche bei dem Gespräch gelten sollten, festgestellt 
waren. Jede Partei sollte zwei Beisitzer wählen und ein christ- 
licher Mann sollte die Ordnung des Gesprächs leiten. Drei Schreibor 
sollton alles aufschreiben und jedesmal die verhandelte Frage 
vorlesen. 

Alle Taufgesinnte des Kurfürstenthums wurden aufgefordert 
zu erscheinen, und sogar denen, die des Glaubens wogen ge- 
fangen gewesen und entwichen waren, wurde auf 14 Tage vor und 
14 Tage nach dorn Gespräch freies Geleit durch das ganze Kur- 
fürsten th um zugesichert. Dies Mandat war in allen Städten, 
Flecken und Dörfern angeschlagen und von allen Kanzeln ver- 
kündigt worden. 

Auf der Seite dos Kurfürston waren Petrus Dathenus und 
Wentzol Zuleger die Hauptfragosteller, während auf der Seite 
der Taufgesinnten Diebold Winter und Kauf Bisch die Haupt- 
redner waren. 



188 

Die Namen sämmtlicher Colloquenten waren: 

Kurfürstliche: Täuferische: , 

Gerard us Torstegus, Diebold Winter, I 

Petrus Dathenus, Rauf Bisch, | 

Petrus Colonius, Hans Buchel, ! 

Franciscus Meselanus, Anstatt Habermann, » 

Engolbortus Faber, Peter Scheoror, 

Conradus Eubuleus, Poter Walther von Schietstadt, ] 

Goorgius Gebinger. Felix Frederer, ' 

Präsidenten: Hans Sattler, 

Otto von Hovol, Fauth zu Gor- Claos Simmeror, 

morsheim, Hans Kannich, 

Wentzel Zuloger, Philip Joslin, ! 

Hans Rochklauw von Lanzberch. Hans Greiker, 

Sekretäre: Peter Hutt, 

Hylander, Leonhart Summer. , 

Caspar Faust, 
Martin us Noander Silesius. 

Einor der Täufor, Hans Buchel, vielleicht derselbe, welcher 
das vorhin erwähnto Lied vorfassto, scheint eine hervorragende 
und bedeutende Persönlichkeit gewesen zu sein, da man sich, wahr- 
scheinlich schon vor dem Colloquiura zu Pfeddersheim 1557, viele 
Mühe gegeben hatte, ihn zur Landeskirche hinüberzuziehen, was \ 

ihn in heisso innere Kämpfe mit sich selbst brachte. Es geht dies 
aus einem von ihm herrührenden vor mir liegenden Liede hervor, 
welches überschrieben ist: ,,Ein ander schön Lied von den drei 
Erzfeinden. Im Thon: ,kommt her zu mir spricht Gottes Sohn' 
gesungen. Hans Buchel". 

Herr, starker Gott in Himmels Thron, 
Ich bitt durch deinen lieben Sohn, 
Hilf uns zu diesen Zeiten. 
Weil wir steh'n auf glattem Eis 
Und um uns liegen Ringesweis' 

Die Feind auf allen Seiten. J 

i 

Auf diesem Weg hab ich drei Feind' 
Die mir alzeit zuwider seind: 
Der Teufel und die Weite, 



180 

Parzu mein eigen Fleisch und Blut! 
Gott halt mich in deiner Hut, 
Oh mir ein Fuss entgelte! 

Noch hah' ich allem abgesagt, 
Auf dein Barmherzigkeit gewagt. 
Ach Gott hilf sie mir zwingen, 
Nach deinem Wort 1 dir Herr znm Preis, 
Dass ich nit fall anf diesem Eis, 
Und mich die Feind umbringen. 

Sie haben mir gelegt viel Strick, 
Und weisen uns alzeit zurück. 
Auf Reich thum, Gut und Gelte, 
Vom Trübsal Dein, auf weltlich Gut, 
Und schwören bas bei ihrem Eid 
Der Herr hab sie nestelte. 

Durch solche Vorlockungen, wie sio ihnen sogar vom Kur- 
fürsten selbst vorgehalten wurden, scheint Buchet etwas schwan- 
kend geworden zu sein, denn es hoisst ferner: 

Bei ihrem Rathschlag ist mir weh, 
Denn sie gähn um mich wie ein Low 
Ob sie mich mögten schlingen. 
Noch halt ich ihm stets Widerpart. 

Dann aber war der Widerstand im Sinken, denn, sagt er weiter : 

Da ich Herr schon geschlagen ward 
Thatst Du mich wieder binden. 

Man schreibt ihm nochmals, er mögo sich doch wieder zur 
Landeskirche bekehren: 

Ihr Sendbrief ward mir in mein Hand, 
Da ich den las, o Herr, ich fand. 
Die Wort darin geschrieben, 
Warum ich von ihn'n gangen war, 
Aus ihrer G'mein, es war ihn'n schwer. 
Ich solt fein bei ihn'n bleiben. 

Indesson er bleibt bei seinem Glauben: 

Krag ab (Kopf ab) kurzum war ihr Bescheid, 
Stund in dem Brief bei ihrem Eid. 
Würd ich nit widersprechen 



190 



Dass Christi Lehr ein Irrthnm war (so wie er sie anffasste), 
Kein Frieden h&tt ich nimmermehr 
Mit Hauen nnd mit Stechen. 

Wie er nun trotz aller Drohungen standhaft bleibt, sagt er weiter 
Christe, Du himmlischer Herr, 
Zu diesem Streit den Glauben mehr', 
Sonst bin ich bald geschlagen, 
Von meinem eignen Fleisch und Blut, 
Mit List mich's oft angreifen thut. 
Herr, Dir thu ich's klagen. 

Das Wollen, Herr, ist zwar bei mir, 

Aber Volbringen steht bei Dir 

In Allem obzusiegen. 

Auf Hoffnung ich geschworen han 

Under das Evangelium. 

Herr, lass Dein Panier fliegen! 



Aus der Schlagfertigkeit, mit welcher die Täufer in dem 
Colloquium ihre Behauptungen mit Schriftstollon bolegton, sioht 
man, wie sehr sie bereits mit dem ganzen Inhalt der Bibol ver- 
traut waren. Als der vierte Artikel vorhandelt und gognorischor- 
soits ihnen als 27. Frage gestellt wurde, ob sie glaubten, dass die 
Kinder dem Zorne Gottes verfallen und des ewigen Todes schuldig 
seien, was alles Dathenus bejahte, antworteten sie „Nein". Und 
auf die 74. Frage, woher es denn komme, dass die Christonkindor 
so oft mit Qoschwüron, Fieber und allerlei Krankheiten bohaftot 
seien, ob das die Strafe für ihre angeborenen Stlnden sei, ant- 
wortete Rauf, woher die Krankheiten kämen, das wüssten sie 
nicht, abor sie glaubton dem Worte Christi: „ihrer ist das 
Himmelroich". 

Der Behauptung gegenüber, dass der Mensch von Natur nichts 
Gutes thun könne, beharrten sie bei der Meinung, dass der Mensch 
einen freien Willen habe und selbst das Gute oder Böse wählen könne. 

Die Verhandlung über die Erbsünde dauerte vier Sitzungen, 
Morgens um sechs Uhr anfangend. 

In der Frage über die leibliche Auferstehung hiolton sio sich 
an die Worte Pauli, dass dor Mensch nach dem Tode einen vor- 



191 

klärton Loib anziehen werde und nicht das Floisch und Blut, 
welches or auf dieser Erde hatte. 

In den Principienfragon über Taufo und Abendmahl blieben 
sie bei ihrer Auffassung. . Die Gemeinschaft der Güter vorstanden 
sie so, dass man seinen Nächsten und Angehörigen mit willigem 
Herzon, wo die Gelogonheit es orfordere, davon mittheilen sollte. 
Im Uobrigen müsse man sich an dio Worte Pauli halten und den 
Besitz betrachten, als bosässo man ihn nicht, und ihn nicht zum 
eigenen Nutzen allein, sondern auch zum gemoinon Wohl verwonden. 

In Sachen dos Glaubens wollton sie der Obrigkeit nicht das 
Recht zugestehen, Richtorin zu sein, sondern die persönliche Freiheit 
gewahrt wissen, im Uebrigen aber wollton sio ihr in allen Dingen 
gehorsam sein. Den Eid, weil or ausdrücklich im Evangelium ver- 
boten soi, verwarfen sie, und wollton, dass man ihnon auf ihr blosses 
Ja und Noin glaube. 

Es war der Zweck der Geistlichkeit und dos Kurfürsten nicht 
gewesen, zu erfahren, auf welcher Seite die meistens unlösbaren 
Fragen am richtigsten beantwortet werden würden, sondern die 
„irrendem" Sektirer zur Staatskircho zurückzuführen und dieser 
wurde nicht erroieht: Zeit, Mühe und Kosten waren umsonst verwandt. 

Die Taufgesinnten wurden für unverbesserliche Irrlehrer er- 
klärt, und mit der Hoffnung entlassen, dass Gott in seiner Gnade 
sie noch dereinst aus den Stricken des Teufels erlösen und dass 
das Licht des göttlichen Worts sio über ihre verstockte Blindhoit 
und über ihren vordammlichen falschen Gottesdienst aufklären 
werde. Sie blieben in der Pfalz wie bisher der Willkür des 
jedesmaligen Regenten preisgegeben, nur da nicht, wo grade ihre 
begünstigteren Mitbürger sich beugen mussten, auf dem Gebiete 
des Glaubens. Wenn diese darin nach dem Grundsatze der dama- 
ligen Zeit den Ansichten des Landesfürsten Folge leisten mussten, 
so hielten sie unentwegt daran fest, dass die Obrigkoit nicht über 
den Glauben der Einzolnon zu bestimmen habe. 

In der Schweiz fing die Staatskirche, nachdem sie durch 
Calvin aufs neue Kraft erlangt und um die Mitte des 16. Jahr- 
hunderts eine festere Gestalt angenommen hatte als je zuvor, all- 
mählig wieder an Alle, dio sich ihr nicht einfügen lassen wollton, 
zu verfolgen. 

Die Täufer waren als Glaubensgenossen und Verwandte der 



192 

frühor Geflohenen bisher ungehindert hin und her ttber die Grenze 
gezogen, und so kamen sie 1561 in Folge neuer Verfolgungen des 
Kaisors Rudolf wahrscheinlich in grösserer Zahl zurück, so dass 
die Regierungen in der Schweiz aufmerksam auf sie wurden. Man 
mochto sich jetzt nach dem Beispiele Kaiser Rudolfs berechtigt 
fühlen, wieder gewaltsam gegen sie vorzugehen. 

Mit einem im Jahre 1576 erschienenen Edikt widor die 
Täufor begann der Kampf der Staatskirche gegen die freien Ge- 
meinden, die getrennt vom Staate ihres Glaubens leben wollten, 
aufs neue; er dauerte noch beinahe IV2 Jahrhundert, ohne dass 
oino der Parteien den Platz räumte. Das Edikt war hauptsächlich 
gogon die Aus- und Einwanderung nach und von Mähren gerichtet 
und von der Regierung Zürichs erlassen ; es besagte, dass, da viele, 
welche mit Hab und Gut aus der Schweiz ins Mährenland gezogen 
seien und noch zögon, arm wieder ins Land gekommen (wahr- 
scheinlich wegen der Verfolgung und Beraubung seitens dos 
Kaisers) und andere gleichen Glaubens mitgebracht hätten, 
daraus, wenn nicht bei Zeiten ein Einsehen gethan werde, Unheil 
für das gemeine Wohl erwachsen könne. Diesem zuvor zu kommen, 
sollton die Ober- und Untervögte auf alle die, welche aus dem 
Lande zögon oder herein kämen, ein scharfes Auge haben. Wer 
ohne Erlaubniss hinwegziehe und dann zurückkomme, sollte ohne 
Gnade an Leib und Gut gestraft werden; dasselbe wurde auch 
donon angedroht, welche ihnen Unterschlupf und Herberge gäben. 

Diese Massregeln hatten aber wenig Erfolg, denn 1580 erschien 
wioder ein Edikt der Regierung von Zürich, aus welchem hervor- 
geht, dass die Gemeinschaft der Taufgesinnten sich aufs neue stark 
ausbreitete und die Bevölkerung ihr nicht wenig entgegen kam. 
Die Regierung beklagt sich nämlich darin, dass trotz ihrer schweren 
Edikte und Gebote dem schädlichen Irrsal Vorschub geleistet werde, 
indem viele den Täufern Unterschlupf gewährten, die irrseligon 
Lohren derselben thoilten und ihre Winkelpredigten besuchten. 
„So gebieten wir nun", heisst es ferner, „dass sich jeder von ihnen 
fern halten soll, ihnen nicht anhängen, noch Hülfe noch Unter- 
schlupf, Platz noch Fürschub geben, weder in Häusern, noch im 
Holze, uoch Weide u. s. w. Da wir sie in unsern Landen nicht 
leiden wollen, sondern gebieten, dass sio gegriffen werden, wo sie 
gefunden, und überantwortet worden, damit wir sio laut unserer 



193 

Satzungen am Leben strafen, und diejenigen der Unsrigen, sie 
soien den Täufern verwandt oder nicht, von dem und denen soll 
durch unsre Vogt und Amtleute so dick das geschieht 10 Pfund 
Busse eingezogen werden, so aber einer es erfährt, dass sie durch 
Predigen andre Leute abtrünnig zu machen suchen und sie nicht 
anzeigt oder verjagt, den werden wir als Treulosen und Eid- 
brüchichen ohne Gnade rächen und niemand verschonen." 

Um desto schneller zum Ziel zu kommen und den Täufern 
das Aus- und Einziehen von der Schweiz nach Mähren und um- 
gekehrt zu verlegen, wurde im Namen der zwölf Kantone be- 
schlossen, dass die Güter der Flüchtlinge in solchem Falle eingezogen 
werden sollton, jedoch solle solches Gut dem Spital im Kanton 
Zürich zugestellt, auf Zins gelegt werden und daselbst bleiben 
zum Gebrauch für Kranke und Begnadete. Auch solle der Land- 
vogt zu Baden erinnort werden, dass er gnädig gegen unschuldige 
Weiber und Kinder vorfahre, woraus hervorgeht, dass er das Gegen- 
theil gethan. 

Da jedoch alles nichts half, wurde wiederum ein scharfes 
Mandat gegen die Täufer erlassen. In diesem wird hervorgehoben, 
dass, wenn dem Ursprung des' Uebels nicht begegnet werde, das 
Einstehen der Regierung und ihre ifühe eitel und umsonst sei 
Alle Stände seien verbösert, hoisst es, besonders unter den refor- 
mirten Predigern nnd Kirchendienern seien etliche gar unfloissig 
im Predigen und Haushalten, dem liederlichen Leben, der Trunken- 
heit und Völlerei ergeben, und bei dem weltlichen Stand werde 
dergleichen auch gesehen, dass Ehebruch, Geiz, Betrügen, Wucher 
und Hoffart, Fluchen und Schwören im Schwange seien, welches 
die Hauptursache sei, dass viele fromme Leute, welche Christum 
von Herzen suchten, sich ärgerten und sich von der Kirche trennten. 
Dioses würde nicht so viel geschehen, wenn die Satzungen und 
Ordnungen gegen besagte Laster mit Ernst gehandhabt würden, und 
die Prädikanton selbst einen ernsten, sittsamen Wandel führten, 
und ihrer Heerde und Gemeinde mit einem guten Exempel voran- 
gingen. 

„Damit nun dem Uebel gesteuert werde" (nämlich dass die 
Taufgesinnten sich weiter ausbreiteten), „haben wir verordnet," 
hoisst es weiter, „dass allo Prädikanten und Kirchendiener, Ober- 
und Unteramtleuto u. s. w. auf diejenigen, welche nicht fleissig 

13 



194 

zur Kirche gehen, Gottes Wort zu hören, oder ihre jungen Kinder 
nicht taufen lassen, acht haben sollen, und welche, nachdem sie 
ermahnt sind, darin säumig und ungehorsam, gefänglich einziehen 
und den Amtleuten überliefern. Diese sollen dann nach Gebühr 
mit ihnen handeln und sie freundlich in Gottes Wort unter- 
richten lassen." 

„Diejenigen, welche ihren Irrthum bekennen, sollen in der 
Kirche vor der Gemeinde ihren Umkehr mit einem Eid bezeugen 
und danach nach Abzug der Kosten wieder frei gelassen werden. 
Die aber keine Warnung noch Unterweisung annehmen, auch 
keinen Eid schwören wollen, sollen gefönglich nach der Grenze 
gobracht und aus dem Lande gewiesen werden, wobei ihnen eröffnet 
werden soll, dass sie, wenn sie wieder kommen und ergriffen 
werden, an Leib und Gut gestraft werden sollen. Auch sollen 
alle Kosten der Gefangennahme von ihrem Gut abgezogen, das 
Uebrige aber für die Gehorsamen und ihre Kinder verwaltet 
worden, ordentlich vertheilt, und wenn einige sich verehelichen 
davon ausgesteuert werden." 

„Wenn aber eines ungehorsamen Täufers Weib und Kinder 
mit ihm ziehen, dann soll nichts von dem Gut gogeben werden, 
sondern es soll unter vogtlicner Verwaltung bleiben, welche jährlich 
Rechnung davon ablegen soll. Wenn aber von des hinweggozogenon 
Täufers Kinder eins oder mehrere wiederkommen, sich in Gehorsam 
ergeben und uns um Yerabfolgung ihres gebührlichen Antheils von 
dem gemeinen Gut bitten, so wollen wir nach Gestalt der Sachen 
damit handeln. Was die Prediger, Lehrer und Aufwiegler anbe- 
langt, die einmal verwiesen worden sind und sich wiederum in 
unser Land begeben, sollen vom Leben zum Tode gebracht werden, 
und die fremden ausländischen Frediger und Verführer sollen auch 
ans Seil gelegt und ihres Herkommens, Lebens und Wandels, wo 
und wann sie unterrichtet haben, unter Marter befragt werden, 
wann sie zuvor verwiesen worden, so die Ausweisung aber nicht 
geschehen, soll mit ihnen wie mit gewöhnlichen Täufern gehandelt 
werden." 

Ferner sollten täuferische Frauen, welche sich, nachdem sie 
gefänglich eingebracht und in der Gefangenschaft durch Fredigor 
unterrichtet worden, nicht zur reformirten Kirche bekehren wollten, 
entweder mit Einziehung ihrer Güter oder mit Landesverweisung 



195 

bestraft werden. Wer Täufer beherberge oder Umgang mit ihnen 
habe, solle in hundert Pfund Pfennige Strafe verfallen oder auf 
ein Jahr des Landes vorwiesen werden. Wer ferner das Gut eines 
Täufers kaufe, oder um Zinsen zu sich nehme, solle es verwirkt 
haben und dasselbe der Obrigkeit anheim fallen. 

Schliesslich wurde wiederholt bemerkt, dass die grösste Ver- 
anlassung zur Absonderung so vieler von der Kirche in den Lastern 
liege, womit die geistlichen und weltlichen Beamten behaftet seien, 
und wolle man diese hiemit ermahnt haben, sich des Zechens, 
Schlommens, Jagens, Schiessens, auch anderen, ihrem Beruf nicht 
ziemenden Handelns zu enthalten, ein züchtiges, ehrbares Leben 
zu führen und dem gemeinen Volk ein gutes Beispiol zu geben, 
bei schwerer Ungnade und Strafe. Dieser Befehl sollte von den 
Kanzeln verkündigt werden. 

Drei Jahre später wurde wieder ein Mandat der Regierung 
von Zürich bekannt gemacht, in welchem hauptsächlich betont 
wurde, dass alles, was den von Anfang an festgesetzten Satzungen 
der wahren reformirten Kirche entgegen sei, als Gotteslästerung 
angesehen werden solle, insonderheit die schädliche Sekte der 
Täufer; die Satzungen der Kirche seien nicht, wie es nöthig sei, 
gehandhabt, und die Uebertreter derselben nicht gehörig gestraft 
worden. Auch geht daraus hervor, dass in Folge des Hinneigens 
vieler zu den Täufern die Kirchen sich entleerten. Die Täufor 
werden in diesem Mandat charakterisirt als Leute, die sich den 
Schein der Frömmigkeit gäben und alles daran setzten, sich einen 
Namen und Anhang zu verschaffen, damit sie eine besondere Ge- 
meinschaft gegenüber der Staatskirche bilden könnten; die Satzungen 
auf die Bahn brächten, welche nicht in Gottes Wort, in der Ro- 
formation und der eidgenössischen Kirchenkonfession begründet 
seien ; die in ihren Meinungen ungleich seien, je nachdem es Jedem 
in seinen Kopf komme; die sich ihres Yerdienstes und ihrer guten 
Werke rühmten und die eitlen Werke des Fleisches für Geist aus- 
gäben; die allen denen, die nach erkannter Wahrheit und Ver- 
söhnung mit Gott wieder in Sünden verfielen, die Gnade Gottes 
absprächen; die die ordentlichen Kirchendiener, von denen leider 
etliche zu Zeiten ärgerlich lebten, welches alle Rechtschaffene und 
Gläubige billig bedauorten, ohne Unterschied grimmig schmähten, 
als ihrem tückischen Fürnehmen am meisten zuwider; die leugneten, 

13* 



196 

dass eine christliche Oberkeit gegen besonders malofizische Personen 
das Schwert zur Schirmung der Wahrheit und der Freiheit des 
Yaterlandes gebrauchen solle, und die sich nicht mit einem Eid- 
schwur, dies Band aller Treue und Sicherheit, der Regierung ver- 
binden wollten. Da nun gleich zu Anfang der Reformation diese 
Sekte auf die Bahn gebracht sei, und da sie öffentlich mit Wort 
und Schrift vielfach von hochgelehrten Kirchendionern überwunden 
und von der christlichen Obrigkeit verboten, gebührend bestraft 
und abgestellt sei, so brächen diese Sektirer, da die Mandate schlecht 
befolgt seien, mit offenem Frevel dermasson hervor, dass einfältige 
Seeion vielfach dadurch verführt würden. Das Predigtamt massten 
sie sich ohne allen göttlichen Beruf an und machten hiedurch den 
ordentlichen Kirchendienst verdächtig, zum grossen Nachtheil der 
Kirche, der Ehre Gottes und der Lehre der Väter Augustinus und 
Irenäus. Deshalb sei die Regierung verpflichtet, die Ehre der 
Kirche zu retten und ihre Diener gegen diese unruhigon Leute 
zu schirmen, welche sie öffentlich schmähton und lästerten, wie 
das in den Schrittet! Balthasar Malers und Samuel Heideggers zu 
finden sei, wo es heisse, die Reformisten drängen blutdürstig auf 
dor Täufer Leben ein, verfolgten sie mit Feuer und Schwert, um 
sie auszurotten. 

„Sind wir solche Leute," heisst es weiter, „so geschieht uns 
recht, begehren wir aber nur unsere Rettung und Ehre, nicht allein 
für unsere Personen, sondern für unsere Kirche und unser Amt, 
für das Evangelium und die Ehre Gottes, so thun wir Recht." 

„Sechszig Jahre lang haben wir nun schon diese schädliche 
Lehre zu überwinden gesucht mit vielfältigen Disputationen, damit 
jeder sich vor dem Irrthum und Verführung hüten könne." 

Hieraus sieht man, dass die Taufgesinnten in der Schweiz 
sich nicht ausrotten Hessen und der Staatskirche gegenüber eine 
geistige Macht waren. Das blieben sie, weil jeder von ihnen per- 
sönlich mit Leib und Leben für seine Ueberzeugung einzustehen 
bereit war. 

Dieser persönliche, nur auf der Schrift gegründete Glaube 
prägte sich, wie bei den Taufgesinnten in den Niederlanden, so 
auch bei denen in der Schweiz durch mancherlei individuelle Ab- 
weichungen in den Ansichten aus. So waren z. B. einige Schweizer 
der Ansicht, man solle keine Kragen tragon und den Rock nicht 



197 

mit Knüpfen, sondern nur mit Haken und Oesen besetzen, um der 
Eitelkeit nicht zu fröhnen. Andere hielten dafür, man müsse vor 
dorn Abendmahl die Fusswaschung als Zeichen der dienenden 
Liebe ausüben, noch andere wollten die Taufe durch Untertauchen 
und wieder andere sie durch Besprengung vollzogen wissen. Der 
Geist aber war bei allen derselbe, er prägte sich der Obrigkeit 
gegenüber in bis zur äussersten Konsequenz getriebener Wehr- 
losigkeit und in duldendem Gehorsam ihren Anordnungen gegen- 
über aus, so dass diese beim Mangel jeglichen körperlichen Wider- 
standes gleichsam gegen Luft kämpfte. 

Im Jahre 1612 erfolgte ein weiteres Mandat gegen die Täufer 
und ihre Irrlehren, aus welchem erhellt, dass sie eher zu- als ab- 
nahmen. Man beschuldigte sie, dass sie viele Erbgüter ihrer 
Kinder veräusserten, mit dem Erlös nach Mähren zögen und ihn 
dort ihrer Gemeinschaft zubrächten. Dieses war gewiss eine be- 
rechtigte Massregel gegenüber den Gütereinziehungen der Regierung. 
An die Prediger und Vögte erging demnach der Befehl, darauf zu 
achten, wer zur Kirche gehe oder nicht, um auf diese Weise die 
Täufer ausfindig zu machen. Wer nicht hingehe, solle den orsten 
Sonntag 5, den zweiten 10, und den dritten 15 Pfund an baarem 
Gelde Landeswährung Strafe bezahlen. Die Strafen sollten sofort 
eingezogen und den Obervögten Anzeige gemacht worden. Würde 
dieses bei den Ungehorsamen nichts helfen, so solle der, welcher 
oin Bürger sei, aus der Zunft gestossen, ihm sein Handwerk ver- 
boten und ihm die Gemeinschaft in Holz, Feld und Wässerung, 
sowie auch das Kaufen und Verkaufen entzogen werden, so lange 
er ungehorsam sei. Wer aber dann noch, es sei Mann oder Weib, 
halsstarrig bloibo, solle ins Gefängniss gelogt, und, wenn man sie 
hier nicht durch Unterricht von ihrem Irrthum abbringen könne, 
sollten sie aus dem Lande gewiesen werden. 

Wenn sie dann trotzdem zurückkehrten, ohne ihren Sinn ge- 
ändert zu haben, sollten sie wieder gefangen gesetzt und mit Mus 
und Brod gespeist werden, und wenn sie sich nicht zum göttlichen 
Wort bekehren wollten, sollten sie wieder aus dem Lande gewiesen 
werden. Wenn dann Einer so frevelhaft wäre und käme nochmals 
ohne Erlaubniss wieder, oder wenn Einer sich nicht ausweisen 
lassen wolle, da die Täufer so vermossen seien, sich hierin der 
Obrigkeit zu widersetzen, so sollten solche widerspenstige Menschen 



198 

nach Befinden an Leib und Leben gestraft werden. Keiner, welcher 
sich den Täufern anschliesse oder mit ihnen hinausziehe, solle sein 
Hab und Gut mitnehmen dürfen, sondern es solle in Verwahrung 
gehalten werden, damit, wenn seine Kinder reuig wiedor zurück- 
kehrten, diese nach Gutdünken der Regierung daraus bedacht werden 
könnten. Auch sollten die Beamten das im vorigen Jahr im Druck 
ausgegebene Mandat mit mehr Ernst als bisher sich angelegen sein 
lassen und die Uebelthäter ohne Schonung anzeigen. Wenn aber 
der Obervogt hierin lässig sei, so solle man es der Regierung be- 
richten. Darnach habe sich jeder zu richten. „Gegeben und be- 
schlossen im grossen Rath." 

Durch diese unvernünftigen Massregeln erreichte die Regierung, 
wie die Erfahrung zeigte, gerade das Gegentheil von dem, was sie 
bezweckte. Die Täufer fanden nur desto mehr Sympathie im Volke 
und boten ihren Unterdrückern hartnäckig passiven Widerstand. 
Hielten die Zwinglianer ihre Kirche für die allein wahre, so dachten 
die Täufer ebenso von ihrer Gemeinde und waren bereit, Gut und 
Blut für sie zu opfern. Hin und wieder riss ihnen jedoch die 
Geduld, sie Hessen ihren Zorn dann in Wort und Schrift aus. 
Man warf ihnen vor, sie hätten gesagt, ihre Gegner seien dio 
Propheten, von denen Christus sage: „Wehe euch, ihr Schrift- 
gelehrten und Pharisäer" u. s. w. ; ferner, die Gelehrten der Staats- 
kirche seien gleich Füchsen auf dem dürren Erdreich, die aus dem 
Abgrund aufgestiegen seien, die Menschen zu verderben. Noch 
mehr ähnliche heftige Redensarten wurden ihnen zur Last gelegt ; 
daneben wurden Verbrechen und fabelhafte Dinge mancher Art 
von ihnen behauptet. 

So schärften sich die Gegensätze, da die Regierung nicht auf- 
hörte, die Täufer zwangsweise zur Kirche und ihre Kinder zur 
reformirten Kinderlehre zu führen, während jene sich auf keine Weise 
von ihrem Glauben abbringen lassen wollten. In das Gefängniss 
zu Oettingen, wohin die gefangenen Täufer gebracht wurden, kamen 
Prädikanten, um sie in der reformirten Lehre zu unterrichten und 
sie über die ihrige zu befragen, um sie zu widerlegen. Diese 
konnten sonst nicht viel aus ihnen heraus bringen, als dass sie 
freundlich baten, man möge sie bei ihrem Glauben lassen. Zuweilen 
indessen vertheidigten sie ihre Ansicht gegen die Einwürfe der 
Prädikanten kurz und entschieden, man sieht dann, dass sie 



199 

unentwegt an ihren dem Evangelium entnommenen Grundsätzen fest- 
hielten. So antwortete z. B. Einer, Namens Hans Eägi, auf die 
Frage des Predigers Rogator, wenn Einer ihm sein Weib und Kind 
umbringen wollte, ob er sie mit seinem Degen beschirmen würde?: 
„Es ist mir kein Degen gegeben worden, damit ich mich wehren 
sollte, ich wollte aber lugen ob ich ihn finge;" und auf dessen 
weitere Frage, wenn Einer ihm sein Kind ermordet hätte und das 
andere auch umbringen wollte, und er denselben nicht fassen und 
greifen könne, ob er dann nicht einen Stock erwischen und sein 
ander Kind damit beschirmen und den Mörder damit beschädigen 
wolle: „Ich wüsste nicht, was ich thäte, jedoch wenn ich solchos 
thäte, sollte es doch nicht sein, denn es steht geschrieben, wir 
sollen unsere Feinde lieben." (Ob dieses Gespräch ganz richtig 
wiedergegeben worden, ist zweifelhaft, da es von feindlicher Seite 
mitgetheilt worden ist.) Indessen fuhren die Reformirten fort, die 
Täufer in den öffentlichen Mandaten immer nur „die verhassten, 
verdammten Wiedertäufer, Irr- und Rottengeister" zu nennen, und 
demgemäss behandelte man sie denn auch. Das Uebermass der 
Verfolgung, der Ruin der Existenz durch die Konfiskation ihrer 
Güter führte bisweilen zu einigem Widerstände bei einzelnen 
Täufern. So wollte z. B. 1615 ein Familienvater Jakob Rüg, der 
als „Lehrer" der Täufer dem Verbote zuwider Ehen eingesegnet 
hatte, sich nicht ausweisen lassen, weil er seine Familie nicht ver- 
lassen wollte, indem er sagte, wer seinem Hause nicht wohl vor- 
stehe, sei ärger denn ein Heide, es sei wider sein Gewissen, hin- 
wegzugehen, weil ein guter Hirte seine Schafe nicht verlasse. 

Wenn die gefangenen Täufer Gelegenheit fanden, brachen sie 
aus dem Gefängnisse, wozu ihnen die Brüder behülflich waren. 
Sie wurden beschuldigt, dass sie zu dem Zwecke den Wächtern 
Schlafpulver gäben, welche die Brüder ihnen zusteckten, doch be- 
stritten sie das. Da sie zu ihrer Flucht Instrumente gebraucht hatten, 
welche ihnen zu ihren Arbeiten gegeben waren, wurden ihnen 
diese abgenommen und mussten sie von nun an Wolle und Seide 
kämmen. 

Ein bedeutender Lehrer der Taufgesinnten, Hans Landis, 
welcher gegen das Verbot der Regierung in Wald und Feld vor 
grossen Versammlungen predigte, taufte und Ehen einsegnete, 
wurde deshalb gefangen genommen, und da er nicht versprechen 



200 

wollte, dergleichen in Zukunft zu unterlassen, zu sechs Jahren 
Galeerenstrafe*) verurtheilt. Auf den Galeeren zersägte er 
mittelst eines Instruments, das die Brüder ihm zugesteckt hatton, 
seine Ketten, entschlüpfte und kam wieder ins Land zurück. 
Bald aber wurde er aufs neue ergriffen, worauf man ihn 
des Landes verweisen wollte, indessen weigerte er sich hart- 
näckig, dem Befehle zu folgen, indem er sagte: Gott gönne ihm 
sowohl das Land als allen andern, und die Erde sei des Herrn, 
auch wolle er lieber im Vaterlande bleiben, wisse auch nicht, wo 
er hin solle, überdies sei er alt und fürchte den Tod nicht. Und 
in der That, er konnte wohl sagen, er wisse nicht, wohin er solle, 
denn in den angrenzenden österreichischen Ländern wurden die 
Taufgesinnten seit 1601 durch Kaiser Rudolf, der die Plakate 
Ferdinands wieder in Kraft gesetzt hatte, aufs blutigste verfolgt. 
Darauf hin wurde er vom grossen Rath zu Zürich zum Tode ver- 
urtheilt und 1614 enthauptet! 

Die fortdauernd schlechten sittlichen Zustände in der Staats- 
kirche scheinen die Regierung zu Zürich zum Nachdenken über 
die bestehende Kirchenzucht gebracht zu haben. Auf einer Synode 
daselbst im Mai 1614 wurde wenigstens hervorgehoben, dass sie 
ihren Zweck nicht erreicht habe und einer „anderen Barche" er- 
wähnt, welche nur eine geistliche Obrigkeit habe und um die 
Aergernisse, Sünden und Laster abzuwehren den Bann mit Zu- 
stimmung der ganzen Gemeinde, wie zur Zeit der Apostel, übe. 
Solche Kirche solle man nicht tadeln, ihre (der Reformirten) Vor- 
fahren hätten die Kirchenzucht nicht so genau an das Nachtmahl 
gebunden. Diesem augenscheinlichen Hinweis auf die Tauf- 
gesinnten traten andere Redner jedoch mit der Behauptung ent- 
gegen, was den Geistlichen in der Kirchenzucht zu schwer fallo, 
das müsse die weltliche Macht in die Hand nehmen und mit 
Strafen an Ehre, Ausschliessung aus den Zünften, von der gemeinen 
Nutzung an Holz und dergleichen erzwingen. Diese Ansicht siegte, 
die reformirte Kirchenzucht blieb wie sie gewesen war und die 
Behandlung der Täufer desgleichen. 

Die gefangenen Täufer erhielton für gewöhnlich nur Mus 



i 



*) Die schweizer Regierungen benutzten die Galeeren der italienischen 
Fürsten als Strafanstalten. 



201 

und Brod, Sonntags und Donnerstags auch ein Stück Fleisch und 
oinen Trunk Wein — in Krankheitsfällen auch an anderen Tagen — , 
doch wurden die Kosten dem Rath bald zu viel und verfügte er daher, 
dass sie aus dem Vermögen der Täufer selbst zu bestreiten seien. 

Als im Jahre 1643 wieder 30 Männer und Frauen gefangen 
genommen waren, fühlte sich ein Mann, der nicht zu den 
Taufgesinnten gehört zu haben scheint, gedrungen, den Zustand 
derselben ihren niederländischen Glaubensgenossen mitzutheilen. 
Ein Auszug seines Briefes findet sich in der Yertheidigungsschrift 
Joost Hendriks' gegen Bontemps in Ottius Annalen wie folgt: — 

— „worauf denn" (wahrscheinlich auf ihre "Weigerung, 

das Land zu verlassen) „diese Verfolgung und tyrannische Gefängniss 
gefolgt, in welchor Zeit (wie glaubwürdig berichtet wird) diesen 
Leuten an 80000 Reichsthaler abgenommen worden sind. Dieser 
Leute Gefilngniss ist allein für sich selbst greulich genug, ja so 
orbärmlich, als man kaum beschreiben kann. Um Ostern sind noch 
gegen 30 Männer und Frauen gefangen gelegt worden, die Uebrigen 
sind mehrentheils so erkrankt, dass sie (wie man berichtet) mehr 
Todten, als den Lebenden gleich sind. Eine schwangere Frau, dio 
unlängst gefangen genommen, hat man, als sie entbunden werden 
sollte, aus dem Gefängniss ins Spital geführt, und mit ihren eiser- 
nen Ketten an den Füssen hat sie etliche Wochen ihr Kindbett 
halten müssen." 

Dieser Brief war an Isaäk Hattaver, Mennoniten-Aeltester in 
Amsterdam, gerichtet und versetzte die Gemeinden in den Nieder- 
landen alsbald in grosse Aufregung; in ihren Kirchen wurde für 
die Brüder in der Schweiz gebetet, und der Wunsch, ihnen Hülfe 
zu leisten, machte sich bei allen geltend. Vorsichtig wie ihre Art 
war, suchten sie sich indessen erst über den Zustand und das Ver- 
halten derselben nähere Auskunft zu verschaffen, zu welchem 
Zwecke der Aeltesto Hattaver an einen ihm bekannten Mann in 
Zürich schrieb. Auf demselben Wege Hessen sie den Gefangenen 
darauf einen Brief zukommen, in welchem sie dieselben er- 
mahnten, sich nicht zu widersetzen, wenn die Obrigkeit sie mit 
Weib und Kind sammt Hab' und Gut aus dem Lande ziehen lassen 
wolle, sonst würden sie, die Niederländer, sie nicht mehr als Brüder 
anerkennen, weil sie dann dem Befehl Christi zuwider handelten, 
der seinen Jüngern befohlen habe, wenn man sie in einer Stadt 



202 

nicht dulden wolle, so sollten sie in eine andre fliehen. Dann 
sollten sie zu ihnen nach Holland kommen, als Reisegeld sollten 
sie 200 Thaler erhalten. Dabei schickten sie den Gefangenen im 
Zuchthause zu Oettingen 100 Thaler zu ihrer bessern Verpflegung. 

Darauf sandte der Züricher, an den Hattaver sich gewandt hatte, 
einen Bericht nebst einem gedruckten Manifest der Züricher Regie- 
rung 1641 während der Herbstmesse über Frankfurt nach Amster- 
dam. In diesem Manifest wurde hervorgehoben, dass hauptsächlich 
der Ungehorsam der Taufgesinnten die harten Massregeln der 
Regierung hervorgerufen habe, da sie zuerst 1638 aus dem 
Gefängniss ausgebrochen seien, indem sie ein Loch in die Ring- 
mauer gemacht und sich dann über die Stadtmauer hinabgelassen 
hätten. Hierauf habe die Obrigkeit sie einige Zeit gewähren lassen, 
in der Hoffnung, sie würden aus Furcht vor noch grösserer Strafe 
aus dem Lande ziehen, statt dessen aber hätten sie nach wie vor 
ihre gottesdienstlichen Yersammlungen abgehalten und je länger 
desto mehr Leute sich anhängig gemacht. Darauf habe der Rath 
einen Bericht drucken lassen, in welchem die Yorhandlungen 
mit den Täufern und ihr nicht länger zu duldendes, widerspenstiges 
Wesen öffentlich kundgegeben seien. Wegen ihrer Widerspenstig- 
keit sei dann befohlen, sie aufs neue zu greifen und so seien sie 
nach und nach zur Haft gebracht. Zuerst blos Männer, dann 
aber auch Frauen, weil diese sich eben so gefährlich gezeigt hätten 
wie jene. Es sei ihnen dabei eröffnet, dass sie ohne Ketten und 
harte Einsperrung in Gefangenschaft gehalten werden sollten, wenn 
sie geloben wollten, nicht wieder auszubrechen. Sie aber hätten 
erwiodort, dass es ihnen nicht zu verargen sei, wenn sie daran 
dächten, wie sie wieder frei kommen könnten, und so hätten sie 
selbst Ursache gegeben, dass man sie in harter Gefangenschaft 
halte. Dazu hätten sie ungoziemende Reden gegen den weltlichen 
und geistlichen Stand ausgestossen. 

Sie seien im Gefängnisse von geistlichen und weltlichen 
Standespersonen mehrfach besucht und ermahnt worden; diese 
hätten ihnen gesagt, dass alles, was man ihnen thue, aus beson- 
derer Liebe geschehe, um sie auf den rechten Weg zurück zu 
bringen, doch sie hätten Zettel aus ihrem Gewahrsam geschrieben 
des Inhalts, es seien Hohepriester bei ihnen gewesen, und nach- 
dem sie von ihnen gegangen, habe es nur geheissen: „kreuzige, 



203 

kreuzige". Keiner habe für die Besuche gedankt noch begehrt, 
dass man sie wiederhole. Als sie dennoch im folgenden Monat 
von den Herren wieder besucht worden seien, um über die Kinder- 
taufe belehrt zu werden, habe einer der Täufer, Namens Frik, 
welcher ein guter aber gefährlicher Mensch sei, gesagt, er könne 
es nicht verstehen und wolle bei seiner Meinung bleiben. Als sie 
ferner gefragt worden seien, ob sie mit ihren Kindern aus dem 
Gefängnisse der Kinderlohre beiwohnen wollten, hätten sie alle 
gesagt, sie seien in der Herren Geistlichen Gewalt und wollten 
deshalb hingehen, lieber aber wollten sie, man liesse sie davon 
frei. Später hätton sie es aber rundweg abgeschlagen und 
nachdem man sie nochmals ermahnt habe hinzugehen und sie sich 
wieder geweigert hätten, habe man sie gleichsam dorthin tragen 
müssen. 

Zwei, Felix Landis und Rudolf Suner, hätten sich während 
dos Katechesirens ungeberdig betragen und sich auf das Angesicht 
an den Heerd niedergelegt; und als man Landis befragt, warum 
er sich so gar ungeschickt betrage, da doch das Wort Gottes ver- 
handelt und das Vaterunser gesprochen werde, habe er gesagt, er 
wolle nicht mit ihnen disputiren ; dabei könne man ihr hartnäckiges 
Gemüth erkennen. Da nun die Obrigkeit gesehen, dass die Unter- 
haltung der Täufer im Gefängniss viel Geld koste an Mus, Brod, 
Wein und auch Fleisch, welche Auslagen bisher aus dem gemein- 
samen konfiscirten Vermögen der Täufer bestritten worden seien, dieses 
aber dazu nicht länger ausreiche, weil die gehorsam gebliebenen auch 
daraus unterhalten werden müssten, so habe man beschlossen, dass 
die Kosten aus dem eigenen Vermögen der Gefangenen bestritten 
werden und dass die Gesunden mit Arbeit etwas verdienen sollten. 
Dieses hätten sie jedoch abgeschlagen, und obgleich man ihnen 
gesagt, wenn sie nicht arbeiten wollten, sollten sie auch nicht 
essen, so hätten sie sich doch widersetzt und gesagt, es sei ihnen 
nicht bange, sie wollten gern sterben. Und da man ihnen Seide 
und Wolle zu kämbeln gegeben, habe man an dem Ausfall des 
Gewichts sehen können, dass sie etwas davon vernichtet hätten. 
Darauf habe die Obrigkeit beschlossen, dass sie von nun an, bis 
sie sich zur Arbeit schicken würden, nur mit Mus und Brot ge- 
speist werden sollten, und dessen würden sie keinen Mangel haben. 

Deshalb habe die hohe Obrigkeit sich auch nicht dazu ver- 



204 

stehen können, da es den Wiedertäufern an ihrer täglichen Noth- 
durft nicht fehle, die hundert Thaler, welche die Wiedertäufer aus 
Amsterdam jenen Übermacht hätten, ihnen zuzustellen, sie würden 
dadurch in ihrer Widerspenstigkeit nur bestärkt werden und desto 
weniger arbeiten wollen. 

In diesem Manifest hiess es ferner, alle Wiedertäufer sollten 
entweder zu bestimmter Zeit sich wieder in Gehorsam der Kirche 
zuwenden, oder das -Land verlassen. Ihr Hab und Gut aber solle 
ihnen nicht verabfolgt, sondern verwaltet und den gehorsamen 
Kindern derselben gebührende Rechnung davon abgelegt und den 
ungehorsamen etwas zu ihrem Hinwegzug davon zugetheilt werden, 
während das Uebrige bis zu ihrer Bekehrung unter Verwaltung 
der getreuen Väter des Landes bleiben solle. „Sollten sie nach 
Holland gehen, wo ihrer begehrt wird," heisst es weiter, „so wollen 
wir sie keine Stunde mehr aufhalten, sondern ihnen noch einen 
Zehrpfennig mit auf den Weg geben." 

In dem Manifest wird dann noch weidlich auf die Täufer 
geschimpft, sie werden der Wortbrüchigkeit geziehen, da einige 
versprochen hätten, zum Pfarrer zur rechten Kirche zu gehen, und 
hätten es doch nicht gehalten, sondern seien nur einige Mal hin- 
gegangen und habe man sie dann wieder in den Täuferversamm- 
lungen angetroffen. Dann heisst es weiter, wenn es den Amster- 
damern Ernst sei, dass die Schweizerbrüder zu ihnen kämen, so 
könnten sie diejenigen zu sich berufen, welche sich noch auf freiem 
Puss im Solothurner, Basler und Berner Gebiet befänden und den 
dortigen Obrigkeiten auch eine Beschwerde seien; diese würden 
sie ohne Zweifel auch mit einem Zehrpfennig versehen, wenn sie 
das Land verliessen. 

Wenn dies geschehen und die löbliche Obrigkeit von Zürich 
versichert sein könnte, dass die gefangenen Täufer, wenn man sie 
ledig liesse, ihren Fuss nicht wieder in ihr Land setzen würden, 
dann würde sie geneigt sein, sie ziehen zu lassen, und auch nicht 
ormangeln, von ihrem Gut nach Beschaffenheit der Haushaltungen 
ein gut Theil folgen zu lassen. 

Auf dieses Manifest folgte nun ein scharfes Gegenmanifest 
von Seiten der Taufgesinnten, wolches, wie es scheint, in den 
Niederlanden verfasst ist und das bei der Züricher Regierung böses 
Blut setzte. Da aber die Niederländer die darin enthaltenen Be- 



205 

hauptungen und Widerlegungen nur von den schweizer Brüdern 
erhalten haben konnten, so wurde unter diesen nun von Seiton 
dor Regierung nach den Urhebern gefahndet Hauptsächlich hatte 
man einen Mann, Namens Hans Müller, einen angesehenen und 
bedeutenden Lehrer, welcher auch mit don flämischen Mennoniten 
im Wochselverkehr stand, in Verdacht, fasste ihn darauf an und 
setzte ihn gefangen. Dieser gab zu, dass einige Ausdrücke in dem 
Gegonmanifest zu scharfe Angriffe gegen die Obrigkeit enthielten, 
er habe sie vor dem Drucke mit einem Kreuze bezeichnet und go- 
beton, man möge sie fortlassen. In einem mit ihm abgehaltenen 
Colloquium wurde dem Hans Müller unter anderm gesagt, sie, die 
Täufor, wollten dem weltlichen Stande das Schwert und was daran 
hange, und dem geistlichen Stande die Aufsicht über die böson 
und reissendon Wölfe entziehen. Gegen letztere hätten die Täufor 
den Bann, behauptete Müller, im Uobrigen müsse jeder Rechnung 
für sich selbst geben. Weiter sagto dor inquirironde Kirchenbeamte 
zu Müller, nachdem or das Verfahren der Regierung gegen die 
Täufer gerechtfertigt hatto: „Weil ihr keine Gemeinschaft mit uns 
haben wollt, so schliesst man euch billig vom Schutz des gemeinen 
Wesens aus, und können wir eure Kinder auch nicht für ohelicho 
und Erben anerkennen, weil ihro Eltern unförmlich zusammen 
gekommen sind." Darauf entgegnete der Gefangene: „Weil wir 
eine andere Gemeinde haben als ihr, so haben wir eine andere 
Ordnung." „Das ist aber alles nicht zu dulden," behauptete jener, 
„denn der Obrigkeit steht es zu, dass es in Sachen der Ehe recht 
zugehe." 

Um diese Zeit scheint es mehreren Familien der Täufor ge- 
lungen zu sein, nach der Pfalz zu entkommen. Der Volksmund 
daselbst erzählt: Der Pfalzgraf Karl Ludwig habe eines Tages 
traurigen Muthos, in seinem Schlosse sitzend, die schrecklichen 
Folgen des dreissigjährigen Krieges vor seiner Seele vorüberziehen 
lassen, vergeblich sinnend, wie er das zu Grunde gerichtote 
Land wieder bevölkere. Im Begriffe, seine Diener und Räthe zu 
sich zu berufen, um mit ihnen zu überlegen, sei ihm gemeldet, 
an dor Grenze bei Bockenheim stehe eine Schaar vertriebener 
Leute, welche bereit seien, sich im Lande anzusiedeln, wenn sio 
Schutz finden und in Frieden leben könnten, denn die gestrengen 
Herren in der Schweiz und namentlich die in Bern hätten sie 



206 

ihres Glaubens wegen vertrieben, man habe sie mit Gefängniss 
und Schwert bedroht und seien sie deshalb mit nur wenigem 
Gepäck geflüchtet 

Auf die Frage des Kurfürsten, wess Glaubens sie denn seien, 
habe er die Antwort erhalten, dass diese Leute zu den aller Orten 
vertriebenen Täufern gehorten. Darauf habe der Kurfürst sie will- 
kommen geheissen, wenn sie ihm Treue und Gehorsam geloben 
und ohrbar und fleissig leben wollten. 

Durch die fleissigen Hände dieser Leute seien bald das 
Unkraut und die Dornen auf den vorödeten Feldern verschwunden, 
und Getreide an die Stelle getreten. Aller Orten sei durch ihron 
Fleiss der Wohlstand wieder eingekehrt, bei ihnen selbst zuerst. 
Sie hätten das schönste Yieh gehabt und so roiche Ernten, wie 
nie zuvor gesehen worden. Dies habe den Neid und die Missgunst 
vieler andern erregt. Als nun eines Tages der Kurfürst durch 
das Land geritten und mit Freuden diese Umwandlung gesehen, 
und als da der blühende Zustand eines Hofes im Pfrimmthal ihm 
besonders aufgefallen sei, da habe man ihm gesagt, ja, wenn es 
alles nur mit rechten Dingen zugegangen wäre, der Mann sei ein 
Falschmünzer. Als nun der Kurfürst ihn darauf angefasst habe 
und ihm gesagt, er solle ihm die Falschmünzer- Werkstatt zeigen, 
da habe der Mann ihm seine schwieligen Hände entgegen gehalten, 
mit denen er das Geld durch Gottes Segen in seinem Acker ge- 
funden habe. „Steht so die Sache," habe der Kurfürst gesagt, „so 
möge doine Münze bestehen." Er solle seine Kinder solches 
Münzschlagen lehren, zu ihrem und des ganzen Landes Wohl. 

Nicht lange sollte sich dieser Kurfürst des erneuton 
Wohlstandes freuen, denn nach fünfjähriger Regierung starb er 
bereits, und sein Nachfolger Karl, der Schwager Ludwigs XIV., 
sah bald die Kriegshorden des letzteren die Pfalz wiederum ver- 
wüsten und Städte und Dörfer erbarmungslos niederbrennen. Die ein- 
gewanderten Schweizer jedoch erfuhren in dieser Zeit der schweren 
Noth die kräftige Hülfe der Glaubensbrüder in den Niederlanden. 

Die Bemühungen der niederländischen Taufgesinnten für 
ihre schweizer Glaubensbrüder zogen sich bis 1660 erfolglos hin. 
Nun aber wandten sie sich an die Generalstaaten und an die 
Magistrate zu Amsterdam und Rotterdam um Hülfe. Darauf ver- 
wendeten sich nicht allein diese, sondern auch die Ritterschaft im 



207 

Elsass bei der Regierung von Zürich für die Täufer dahin, dass 
man ihnen ihr Hab und Out verabfolgen Hesse, wenn sie aus dem 
Lande zögen. Auf ihr Schreiben vom 2. Februar 1660, welches 
der Züricher Regierung erst im Juni durch den Gesandten 
de Vreedo überreicht worden war, erhielten die Generalstaaton 
(und die andern in gleicher Form) eine Antwort folgenden Inhalts: 
Da die niederländischen Mennoniten der dortigen Regierung über 
die scharfe Verfolgung ihrer Glaubensgenossen (wie sie sie hiosson) 
berichtet, und sie gebeten hätten, wegen Vorabfolgung der Güter 
der Letzteren sich für dieselben bei dem Züricher Rath zu vor- 
wenden, so werde dieser mit hohem Respekt vor den hochmögendon 
Herren ihrem Wunsche gern entgegen kommen. Doch möge man 
in Betracht ziehen, dass gedachte Mennoniten viel Falsches und 
Verläumderisches über die scharfe Verfolgung der schweizerischen 
Wiedertäufer ausgestreut hätten, sowie auch, dass ein morklichor 
Unterschied zwischen den niederländischen Wiedertäufern und don 
schweizerischen sei, und jene mit viel woniger Gefahr geduldet 
werden könnten. 

Was ihr, der Züricher Regierung, Vorfahren gegen ihre Unter- 
thanen betreffe, so habe sie anfangs nur gesucht, sie durch die 
geistlichen und weltlichen Behörden von ihren Irrthümern zurück 
zu bringen. Aber alles habe nichts genützt und nachdem die Täufer 
wieder auf freien Fuss gekommen, hätten sie das heimliche Predigen 
in den Wäldern und in nächtlichen Versammlungen in Häusern nicht 
lassen wollen und seien fortgefahren, ihre verderblichen Irrthümer 
zu verbreiten, und andere von allem Guten abzuführen, wie sie 
auch noch thäten. 

Sie, die Regierung, habe die Sache nun mit grösserem Ernst 
anfassen müssen, weil sie sonst den Untergang der wahren 
reformirten Kirche, sowie auch des Regiments habe erwarten 
können. Die hochmögenden Herren könnten daraus ersehen, dass 
die schweizerischen Täufer allerlei bösen Samen gegen den Kirchen- 
stand und die reformirte Kirche ausgestreut und ihre Diener nicht 
für Kinder Gottes gehalten hätten, wie sie auch den Eid nicht ab- 
legen und das Tragen der Waffen durch ihre Lehre aufheben 
wollten, wodurch die Regierung unterschiedliche Rebellion und 
Aufstände, mehr als ihr lieb sei, erfahren habe. Sie habe deshalb 
suchen müssen, diese eigensinnigen Menschen unschädlich zu 



208 

machen, und in solchem Falle stehe es der Regierung auch wohl zu, 
Hab und Out der Widerspenstigen an sich zu nehmen. Aus besonderer 
Milde und Gnade jedoch habe sie. dieses nicht als ihr Eigenthum an 
sich genommen, sondern es in sorgfältige Verwahrung gegeben, damit 
die zurückgebliebenen gehorsamen Kinder und Frauen daraus versorgt 
worden könnten, sowie auch die zurückgekommenen Reuigen, welche 
sich in Gehorsam dem Willen der geistlichen Macht fügon wollton. 

Die hochmögenden Horren würden hieraus ersehen, dass man 
zur eigenen Rettung so habe handeln müssen und dass deshalb 
dem Wunsche der niederländischen Regierung, das Hab und Gut 
don Wiedertäufern verabfolgen zu lassen, weiches meistens gar nicht 
viel sei, nicht entsprochen werden könne; wenn man aber den 
hochmögonden Herren anderweitig Gefälligkeiten erzeigen könne, 
so werde man os gewisslich nicht unterlassen u. s. w. 

So war denn die Rettung der unglücklichen Schweizer durch 
die niederländischen Glaubensbrüdor vorerst unmöglich. 

Im vorhergehenden Jahre, 1659, hatte auch die Regierung des 
Kantons Born ihre alten Yerordnungen und Mandate gegon die 
Täufer aufs neue bestätigt und veröffentlicht, was beweist, dass sie 
hier wiodor bodeutend an Zahl zugenommon hatten. 

In diesen Mandaten wird, ebenso wie in denen, welche von 
Zürich veröffentlicht worden waren, dio grosse Sittonverderbniss 
hervorgehoben, welche die Täufer als die Ursache angäben, dass 
sie sich von der Kirche absonderten und eigene Gemeinden ein- 
richteten. Deshalb sollten die beiden Stände, weltlichor und geist- 
licher, dahin arbeiten, dass den offenen Lastern der Unzucht, dos 
Fluchens, des ruchlosen und üppigen Lobwesens mit Ernst entgegen 
getreten, und vornemlich die Verkündigung der reinen Lehre ge- 
fördert werde, damit dor Satan, unter dem Schein der Einfalt, 
Frömmigkeit und Heiligkeit (womit auf die Täufer hingedeutet 
wird), das landschädliche Unkraut des Ungehorsams gegen Gott 
nicht weiter ausstreue, und die Verachtung dos öffentlichen Gottes- 
dienstes und der heiligen Verordnungen Gottes verhütet und die 
christliche Obrigkeit fortgepflanzt werde. 

Aus diesem Mandat geht auch hervor, dass die Unterbehördon 
nicht mit Eifer gogen die Täufer vorgegangen waron. Sie werden 
nämlich bei Ungnade der Regierung ermahnt, ihre Pflicht in dieser 
Beziehung besser zu thun. Den Dienern des Chorgerichts wird 



209 

befohlen, wo die Sekte der Täufer gespürt werde, jährlich ein oder 
zwei Mal mit zwei oder dreien von Haus zu Haus zu gehen und 
Mann und Weib, Alt und Jung ordentlich zu verzeichnen und 
ein Auge darauf zu haben, ob sie die Predigten, Kinderlohren 
und sonderlich dio heiligen Sakramente besuchten, auch diejenigen, 
welche ihre Kindor nicht zur Taufe brächten, aufzuschreiben und 
dem Amtmann mit Namen und Wohnung anzuzeigen, dabei aber 
niemandem durch dio Finger zu sehen. 

Die Lehrer der Täufer namentlich sollten ernstlich aufgespürt und 
ergriffen, in Gewahrsam gebracht und ihre Bekehrung versucht, unter- 
dessen aber ihr Hab und Gut in Verwahrung gebracht werden. Gegen 
dio Andern, blosse Anhänger odor wirkliche Täufer, solle mit Unter- 
schied vorfahren werden, je nachdem sie hartnäckig seien oder nicht 

Gelänge es, sie durch Belehrung auf den rechten Weg zurück 
zu bringen, so sollton sie nach Bezahlung der Eostbn wieder auf 
freien Fuss gestellt und mit Ehren wieder in den Schoss der Kirche 
aufgenommen werden. Diejenigen aber, welche hartnäckig blieben, 
sollten in Gewahrsam nach der Grenze geführt und aus dem Lande 
gewiesen worden, wenn sie aber unbekehrt dennoch zurückkehrten 
und in ihrem Irrthum beharrten, sollten sie mit Ruthen gepeitscht 
und aufs neue über die Grenze gebracht werden. 

Denn alle diejenigen, welche der Landesobrigkeit sich zu 
unterwerfen weigerten, könnten nicht geduldet werden. Nun aber 
seien die Wiedertäufer solche Leute, welche sich den obrigkeitlichen 
Ordnungen widersetzten, indem sie 

1. ohne Berufung und Bestätigung der Obrigkeit predigten; 

2. ohne Beruf und Befehl der Obrigkeit in ihren Gemeinden 
tauften; 

3. ihre Kirchenzucht gegen die öffentliche Satzung der 
Obrigkeit selbst führten; 

4. keine Versammlungen der Kirche, welche an Sonn- und 
Bottagen gehalten würden, besuchten. 

Mit dem Hab und Gut der verwiesenen Täufer solle es so 
gehalten werden, wie im Züricher Gebiet. Diejenigen Beamten, 
welche dieser Verordnung nicht nachkämen, sollten 100 Gulden 
Strafe bezahlen. 

Die Regierung in Basel ging in ähnlicher Weise gegen die 
Täufer vor. 

14 



210 

Im folgenden Jahre scheint der Rath von Bern jedoch 
einigermassen andern Sinnes geworden zu sein, vielleicht ver- 
anlasst durch die Bemühungen der Genoralstaaten zu Gunsten 
der Täufer, denn er erliess am 2. Juni ein Schreiben an den 
Magistrat der Stadt Bern, mit dem Vorschlage, eigensinnige Täufer, 
welche sich nicht bekehren, sondern das Land verlassen wollten, 
mit ihrem Hab und Gut abziehen zu lassen, wenn sie sich bis auf 
nächstkünftigen Bartholomäustag aus dem Lande entfernen wollten ; 
denjenigen aber, welche bis dahin das Land nicht räumen würden, 
ihr Gut nicht zu verabfolgen, und mit denjenigen, welche sich 
nicht bekehren, auch nicht das Land verlassen wollten, oder die, 
nachdem sie ausgewandert, es wieder betreten würden, nach dem 
früheren Mandat zu verfahren. 

Gewiss haben mancho Täufer unter diesen Umständen sich 
entschlossen, aus der Heimath in die Fremdo zu wandern, und es 
sind damals, wie bereits im vorhergehenden Jahrhundert, etliche 
auch nach den Niederlanden und der Pfalz gelangt. 1671 erschienen 
z. B. hundert geflüchtete Schweizerfamilien in der Pfalz. In der 
Noth, diese Glaubensbrüder unterzubringen, richtete ein Lehrer der 
Pfälzer an einen Bekannten in der Gemeinde zu Erofeld einen 
Hülferuf. Dieser schrieb darüber an die Gemeinden zu Dortrecht 
und Gouda, indem er Briefe der Lehrer Valentin Huthwohl und 
Johann Clements, sowie auch einen Bericht des Hans Vlaming vom 
1. Januar 1672 beifügte. Letzterer sagte darin, dass er mit Jurian 
Lichti, Lehrer der Schweizorbrüder, die Flüchtlinge besucht habe. Er 
legte eine Liste derselben dem Berichte bei und bat dringend um Hülfe, 
damit sie Ländereien pachten könnten. Die Hülfe blieb auch nicht 
aus, denn viele holländische Gemeinden kamen dafür in Bewegung, 
und bereits im Februar desselben Jahres richteton die geflüchteten 
Schweizer ein Danksagungsschreiben für genossene Hülfe an die 
Gemeinde zu Amsterdam, worin sie berichteten, dass sie sich in der 
Nähe von Heidelberg niedergelassen hätton. Die auf diesen Vorfall 
bezüglichen Briefe befinden sich im Archiv der Gemeinde zu 
Amsterdam *). Auch findet sich daselbst ein Auszug aus einem Briefe 
von einem Herrn Druivenstein aus Venedig, vom Herbst desselben 
Jahres. Er berichtet, dass die Galeere, auf welcher sich ver- 



*) Siehe Nr. 1250 des Archivs. 



211 

urthoilte schweizer Täufer befänden, zu Corfu sei, und dass es 
unmöglich sei, ihnen Beistand zu leisten. 

Viele schweizerische Täufer, die, sei es durch Geistesanlage 
oder andere Umstände, weniger im Stande waren, "Widerstand zu 
leisten oder zu entweichen, sind auch durch die Noth und aus 
Furcht zur reformirten Barche zurückgekehrt Der Bo Völker ung 
der Schweiz aber brachte dies Verfahren gegen die armen Leute 
nur Unheil: Ketzerriecheroi und gemeine Verrätherei wurden als 
löbliches Thun öffentlich begünstigt, Gier nach den Gütern der 
Täufer drang zerstörend bis in die Familien, diese selbst, sofern 
sie täuforisch waren, wurden durch Gef&ngniss, Elend und Güter- 
confiscation geistig und physisch ruinirt, was stark war an Leib 
und Seele, die Charakterfesten, Glaubensmuthigen, Gottvertrauenden 
wandten dem Lande den Rücken, die Schwachen an Körper oder 
Geist blieben zurück. 

Durch die Auswanderung und durch erzwungenen Uebertritt 
zur Staatskircho hatte sich die Zahl der Täufer in der Schweiz 
wahrscheinlich sehr vermindert; die Uebriggebliebenon lebton in 
aller Stille und die Regierung beachtete sie weniger, so dass vor- 
läufig eine Zeit der Ruhe eintrat. 

Wenn man etwas tiefer in die Bewoggründe hineinblickt, 
welcho die geistliche und weltliche Regierung bewogen, in so 
tyrannischer Weise gegen die Täufer vorzugehen, so sioht man, 
dass der Erhaltungstrieb nebon dem Glaubenshass die Haupt- 
ursache war. Die Staatskircho mit ihrer Geistlichkeit sah sich als 
Schutz und Schirm dos Christenthums an, die Täufer stellten der- 
selben die reino Gemoindoherrschaft mit Verwerfung jeder An- 
lehnung an die Staatsgewalt, der organisirten Geistlichkeit die Ver- 
waltung dos Gottosdionstos durch von der Gemoindo selbst ge- 
wählte Lehrer gegenüber. Dor Staat forderte Waffendienst und 
eidlicho Verpflichtung von seinen Bürgern, die Täufer verwarfon 
jegliches Waffonführen als Sünde, hielten es selbst für vorboten, 
als Richter Todesstrafo zu verhängen und weigerten sich zu 
schwören. Kein Wunder, dass so diametrale Gegensätze Kämpfe 
hervorriefen. 

Bis ungofähr zu Ende des 17. Jahrhunderts scheint die Zahl 
der Täufer so beschränkt geblieben zu sein, dass man keine Gofahr 
von ihnen befürchtete. Allmählig abor traten sie in grösserer Zahl 

14* 



212 

mit erneuerter Geistesmacht wieder hervor, und so sehen wir zu 
Anfang des 18. Jahrhunderts einen neuen Akt dieser Tragödie, die 
nur damit endigen konnte, dass eine der kämpfenden Mächte 
überwältigt wurde, in die Erscheinung treten. 

Im Jahre 1695 hatte die Regierung des Kantons Bern die 
früheren Plakate wieder erneuert Als jedoch trotzdem die 
Täufer sich nicht niederhalten Hessen, beschloss sie im Jahre 1709, 
der religiöse Glaube dürfe der Erfüllung der staatsbürgerlichen 
Pflichten nicht im Wege stehen. 

Da nun die Täufer dabei boharrten, keinen Eid leisten und 
auch keine Waffen tragen zu wollen, schritt man zu den äussersten 
Gewaltmassregeln. Wo gemischte Ehen waren, trennte man sie, 
und der taufgosinnte Theil, Männer oder Frauen, wenn sie sich 
nicht fügen wollten, wurde gefangen genommen, auf die Galeeren 
geschickt, oder gegeisselt und getödtet. Born theil te der Züricher 
Regierung mit, welche Massregeln es zur Vertilgung des Unkrauts 
ergriffen habe und letztere ahmte ihm eifrigst nach. 

Die Gefängnisse in Bern wurden allmählig überfüllt, man musste 
auf Entleerung bedacht sein. Der eine Theil der Rathsherrn stimmte 
für die Todesstrafe der Unglücklichen, während der andere Theil 
sich nicht dazu entschliessen konnte und für Deportation stimmte. 

Als dieses den holländischen Glaubensbrüdern zu Ohren kam, 
nahmen sie sofort Massregeln, um den Unglücklichen mit aller 
Kraft Hülfe zu leisten. Zu diesem Zwecke trat eine Kommission 
aus den verschiedenen Mennonitengemeinden in Amsterdam zu- 
sammen, welche einen Aufruf an alle Gemeinden innerhalb und 
auch an einige ausserhalb der Niederlande erliess, dahin gehend, 
Abgeordnete nach Amsterdam zu senden, damit man zusammen 
über die Angelegenheit berathe. Im Februar 1710 traten diese 
Abgeordneton zusammen, alle von demselben Geist der er- 
barmenden Liebe beseelt. Sie beschlossen zuvörderst einen Fonds 
zu sammeln zur Unterstützung aller auswärtigen verfolgten 
Glaubensbrüder, und ferner, die Genoralstaaten und einige Provinzial- 
rogierungon zu ersuchen, sich bei den Regierungen in der 
Schweiz für die Täufer zu verwenden, und sich mit dem 
dortigen holländischen Gesandten in Verbindung zu setzen, um 
genaue Auskunft über die Sachlage zu erhalten, was bereitwillig 
gewährt wurde. 



213 

Die sofort bei den Gemeinden abgehaltenen Sammlungen 
brachten 50000 Gulden ein und somit konnten wirksame Mass- 
regeln ergriffen worden. 

Am 15. März 1710 richteten die Generalstaaten ein Schreibon 
an die Regierung des Kantons Born folgenden Inhalts: 

„Die in unserm Staat wohnenden Mennoniten haben uns mit 
Trauer gemeldet, dass sie durch Briefe und sonstige sichere Nach- 
richten wüssten, dass ihre Glaubensgenossen in der Schweiz, ins- 
besondere in Ihrem löblichen Kanton schwer verfolgt würden, und 
zwar ihrer Religion halber, und dass gerade jetzt eine grosse Anzahl 
Personen, sowohl Frauen als Männer, in verschiedenen Gefängnissen 
eingeschlossen seien, welche ausser den gelinderen Strafen mit 
Verbannung auf die Galeeren, ja mit dem Tode bedroht würden. 
Sie baten uns deshalb um unsere Fürsprache für ihre Glaubens- 
brüder, um dadurch für dieselben Erleichterung der Verfolgung 
und sichern Aufenthalt in ihren Wohnungen, nebst freier Aus- 
übung ihres Gottesdienstes zu erlangen." 

„Wir haben die Mennoniten seit langen Jahren geduldet und 
durch Erfahrung gefunden, dass sie treue Untertbanen und Staats- 
bürger sind, die still und einfach leben, sich nur mit ihren eigenen 
Angelegenheiten und weiter mit nichts bemühen, weshalb wir so guten 
Eingesessenen ihre Bitte um unsere Fürsprache bei Euch für ihre 
dortigen Glaubensgenossen nicht abschlagen wollten." 

„Wir halten zwar mit Euch die christlich-reformirte Kirche 
für die beste und wahre Religion und wünschen, dass die Menno- 
noniten sowohl hier als auch bei Euch zu derselben zurückgebracht 
werden könnten, jedoch nur auf dem Wege der Ueberzeugung 
und nicht durch Zwangsmittel, welche in Glaubenssachen niemals 
angewendet werden dürfen, weil Gott allein sich darüber die Macht 
vorbehalten hat, dem jeder Mensch von seinem Glauben sowohl 
als von seinem Thun Rechenschaft zu seiner Zeit ablegen muss. 
Und da Ihr sowohl wie wir und andre Potentaten, welche der 
reformirten Religion zugothan sind, uns mit Recht beklagt haben 
über die Verfolgungen, welche unsere Glaubensgenossen in don 
Ländern, wo eine unerträgliche Hierarchie die Qberhand hatte, 
erlitten, so scheint es uns in keiner Weise in der Ordnung zu 
sein, denselben Weg der Verfolgung einzuschlagen gegen diejenigen, 
welche nur in einigen Stücken von uns abweichen, sondern vielmehr 



214 

geboten, eine christliche Duldsamkeit gegen sie zu bethätigen, damit 
die Feinde der reformirten Kirche keine Veranlassung erhalten, 
ihre harten Verfolgungen gegen unsere Glaubensgenossen damit 
zu rechtfertigen, dass von einer reformirten Obrigkeit dasselbe gegen 
andre geschieht, welche einen abweichenden Glauben haben." 

„Es erscheint uns hartherzig jemand um seines Glaubens 
willen, in welchem er seine ewige Seligkeit zu finden glaubt, mit 
Landesverweisung, Galeerenstrafe, ja selbst mit dem Tode zu be- 
strafen, und glauben wir dass jedem darin seine Freiheit gelassen 
werden muss, sofern er nichts thut, was dem Lande zum Nachtheil 
gereicht. In dieser Hinsicht sind wir der Meinung, dass von den 
Mennoniten weniger als von andern Konfessionen zu befürchten 
ist, denn sie sind der Obrigkeit gehorsam und unterthänig in allen 
Dingen, welche nicht mit Gottes "Wort nach ihrem Glauben streitig 
sind, und leben still und ernst." 

„Obgleich ihnen bei Euch dreierlei zur Last gelegt wird, 
erstlich, dass sie die Obrigkeit nicht erkennen wollen als mit dem 
Christenthum nicht vereinbar, dass sie zweitens ihre Treue gegen 
die Obrigkeit nicht mit einem Eide bekräftigen wollen und dass 
sie drittens sich weigern das Vaterland mit den Waffen zu be- 
schützen, so scheint das erste nicht mit ihren Glaubensartikeln zu 
stimmen, wovon wir den 13. Artikel hier beigefügt haben, aus 
welchem hervorgeht, dass sie eine ganz andere Ansicht über die 
Obrigkeit haben, und was den Eid anbelangt, da sie der Meinung 
sind, dass er in Gottes Wort verboten ist, ihre Erklärung ,op man- 
nenwaarheid 4 (auf Manneswort) dieselbe Kraft hat als ein Eid, 
so folgt daraus, dass ihre Ansicht wegen dos Eides dem Staate 
keinen Nachtheil bringen kann, und was den dritten Punkt betrifft, 
so haben wir das Vertrauen, dass er nicht auf die Spitze getrieben 
werden wird, weil sie sich nicht absolut weigern das Vaterland 
zu beschützen, indem sie die Waffen nur nicht ergreifen 
wollen zur Rache und meinen durch Darbringen ihnen auferlegter 
Geldbeiträge ihrer Bürgerpflicht in dieser Beziehung ge- 
nügen zu können, wodurch der Staat auch beschützt und ihm 
geholfen wird." 

„Wir ersuchen Eure Edlen deshalb freundlich, vorbenannte 
Menschen günstiger ansehen zu wollen, und nicht allein die Gefan- 
genen in Freiheit zu setzen und von allen ferneren Strafen abzu- 



215 

stehen, sondern dieselben als gute Staatsbürger unter Euerm Schutz 
in Ruhe wohnen zu lassen. Wir sind der Meinung, dass Ew. Edlen 
eignem Staat, welchem wir alles Gute gönnen, dadurch kein Un- 
heil, sondorn Gutes goschehon wird, und dass hier die Regel am 
Platze ist „was Du nicht willst, das man Dir thue, das thue auch 
einem andern nicht." 

„Ausserdem würde es uns sehr lieb sein zu vernehmen, dass 
durch unsere Intercossion diesen unglücklichen Menschen die ge- 
wünschte Erleichterung zu Theil geworden wäre, und würden wir 
bei allen vorkommenden Gelegenheiton dafür erkenntlich sein." 

Dieses energische Schreiben, das Misshandlungen tadelte, deren 
die Regierungen der Schweiz sich nun schon beinahe zwei Jahr- 
hunderte gegen ihre eignen Landeskinder schuldig gemacht hatten, 
konnte nicht verfehlen, tiefen Eindruck zu machen und Schamröthe 
hervorzurufen, um so mehr, da es von einer Regierung ausging, 
welche derselben Eonfession zugethan war und diese noch dazu 
von der Schweiz empfangen hatte. 

Was die schweizer Regierungen auf dieses Schreiben geant- 
wortet haben, ist nicht bekannt, wohl aber, dass nun die mil- 
dere Partei im Rathe zu Bern siegte, welche die Gefangenen zur 
Deportation nach Amerika verurtheilt wissen wollte, und dass der 
Rath von Bern bei den General Staaten um freien Durchzug für die 
ihnon beizugebende Eskorte anfragen liess. 

Bevor die Antwort kam, waren die Zudeportirenden jedoch 
bereits eingeschifft und fuhren den Rhein hinab unter militärischer 
Bedeckung und unter der Führung eines Privatmannes, Namens 
Ritter, der die Absicht hatte, mit ihnen nach Amerika auszuwandern. 

Drei von den Zudeportirenden, Benedikt Brechtbühl, Hans 
Burchi und Melchior Zaler jedoch waren der Eskorte vorausgeeilt und 
standen am 22. März 1710 vor dem Magistrat zu Amsterdam, wahr- 
scheinlich um bei der niederländischen Regierung zu bewirken, 
dass sie den freien Durchzug nicht gestatte, um so die Yerurtheilten 
vor der Deportation nach Amerika zu retten und um sich zugleich 
gegen die Anklagen der schweizer Regierungen zu rechtfertigen. 
Unter den 57 Zudeportirenden befanden sich nämlich 32 Alte, 
Frauen und Kinder, durch die lange Gefangenschaft abgeschwächt 
und theil weise krank, dabei von allen Mitteln entblösst, die in 
Amerika dem sichern Untergange entgegen gingen. Diese drei 



216 

Männer legten nun ihrerseits den Berichten und Beschuldigungen 
der schweizer Regierungen gegenüber die Sachlage klar. Es 
wurde darüber ein Protokoll aufgenommen, welches folgender- 
massen lautet: 

„Wir Bürgermeister und Rath der Stadt Amsterdam thun 
jeglichem kund und zu wissen dem es nöthig ist und bezeugen 
der Wahrheit gemäss, dass vor uns erschienen sind Hans Burchi, 
Benedikt Brechtbühl und Melchior Zaler, Lehrer und Aelteste der 
Mennonitengemeinde im löblichen Kanton Born." 

„Sio erklärten, dass sie in unsere Stadt gekommen seien und 
wüssten, dass man sie wegen dreier Punkte ihres christlichen 
Glaubens beschuldige, nämlich, dass sie läugneten, dass die Obrig- 
keit von Gott verordnet sei, dass sie keinen Eid leisten wollten 
und dass sie sich weigerten, das Vaterland mit Waffen zu ver- 
theidigon. Sie, die Comparenten, hätten deshalb die Absicht, vor 
dem Magistrat dieser Stadt eine feierliche Erklärung ihres Glaubens 
abzulegen, woraus klar hervorgehe, dass obige Beschuldigungen 
aus irrigen Ansichten entstanden seien, indem man ihrer und 
ihrer Glaubensgenossen Bekenntniss in Ansehung der drei Punkte 
nicht richtig aufgefasst habe. Worauf dann vorbenannte, Benedikt 
Brechtbühl, Hans Burchi und Melchior Zaler jeder für sich uns, 
Bürgermeistern und Bäthon dieser Stadt, öffentlich bezeugt und 
erklärt haben, dass das Glaubensbekenntniss, nach welchem sie im 
Kanton Bern gelebt hätten, in Ansehung der obgemeldeten drei 
Punkten in Folgendem bestehe: 

Erstlich, dass sie glauben und bekennen, dass die Obrigkeit 
von Gott dem Allmächtigen verordnet sei, um die Bösen zu be- 
strafen und die Guten zu beschützen, und dass deshalb jeder Christ 
schuldig sei, sie als Gottes Dienerin zu erkennen und ihr nicht 
widerstehen dürfe, sondern vielmehr Gott für sie bitten müsse, auf 
dass man unter ihrer Regierung ein stilles ruhigos Leben führen 
möge, und dass man ihr darum auch geben müsse was man schuldig 
sei, Zoll dem Zoll gebührt, Furcht dem die Furcht gebührt und 
Ehre dem Ehre gebührt." 

„Zweitens, dass sie es dafür halten, dass es ihnen nach der 
Lehre Christi, Matthäus 5, gezieme, keinen Eid zu schwören, son- 
dern ja was ja ist, und nein was nein ist, und dass sie durch 
dieses sich so stark gebunden fühlen als alle andere, welche einen 



217 

Eid leisten, und dass sie, wenn sie ihr Wort brechen, eben so der 
Strafe der Obrigkeit unterliegen müssen als ein Meineidiger." 

„Drittens, dass sie bereit seien der Obrigkeit für ihre Protektion 
und Schutz Abgaben zu bezahlen, so viel als ihnen nach ihrem 
Vermögen aufgelegt werde und sie leisten könnten, und dass sie 
in Zeiton der Noth statt des Waffendienstes an den Befestigungs- 
arbeiten sich betheiligen wollten, so viel wie ihnen möglich sei." 

„Die Comparenten baten demüthig, dass wir diese ihre öffent- 
liche Erklärung registriren möchten, um als Zeugniss zu allen 
Zeiten dienen zu können, wann es nöthig sein würde." 

„Dieser Urkunde haben wir unser Stadtsiegel aufgedrückt und 
sie durch unsern Sekretär unterzeichnen lassen" u. s. w. 

Nach dieser Erklärung und in Folge dessen, was sie sonst 
erfahren hatte, fühlte die niederländische Regierung sich veranlasst, 
die Deportation der armen Leute zu verhindern. Demgemäss wurde 
dem schweizerischen Gesandten Saphorin auf sein Oesuch um freien 
Durchzug für dieselben durch die General Staaten eine abschlägige 
Antwort zu Theil. 

Mittlerweile schwamm die Schaar der Zudeportirenden mit ihrer 
militärischen Bedeckung langsam den Rhein hinunter, ohne Kenntniss 
dessen, was ihre Abgesandten in den Niederlanden erreichten. Es 
gelang ihnen, den Befehlshaber dahin zu bestimmen, dass er in 
Mannheim 32 Kranke, Greise, Frauen und Eindor, frei und an 
Land gehen lioss. Diese fanden wahrscheinlich hier und in der 
Pfalz bei früher geflüchteten Verwandten oder Freunden oder son- 
stigen Glaubensbrüdern Aufnahme und Pflege; in Mannheim war 
eine Täufergemeinde. Die Uobrigen wurden weiter rheinabwärts 
geführt zur Einschiffung von den Niederlanden nach Amerika. 

Am 6. April erreichten sie den niederländischen Boden, traten 
zuerst in Nimwegen an Land und besuchten den Prediger der 
dortigen Mennonitengemeinde, Hendrik Laurens. Dieser Mann war 
nicht wenig verwundert, als er einige fremdaussehende Männer mit 
langen Barten, grossen Hüten und schweren mit Nägeln und 
Eisen beschlagenen Schuhen, in Begleitung zweier Soldaten 
in sein Haus treten sah. Doch kaum hörte er, dass sie 
zu den unglücklichen Schweizern gehörten, die nach Holland 
gebracht würden, um deportirt zu werden, als er sie freundlich 
aufnahm und die Diakonen seiner Gemeinde von ihrer Ankunft 



218 

in Kenntniss setzte. Mit diesen zusammen ging er zum Schiffe 
und wirkte beim wachthabenden Officier die Erlaubniss aus, auch 
die Uebrigen mitnehmen zu dürfen, um sie etwas zu erquicken. 
„Wir trösteten die Leute," schrieb der Prodiger an den Gemeinde- 
rath zu Amsterdam, „nun solJen euch die Soldaten nicht wieder 
haben, und wenn sie Gewalt anwenden, so suchen wir Schutz bei 
den Generalstaaten. Als wir nun einen Tag vergnügt mit ihnen 
zusammen gewesen waren, haben wir sie aus der Stadt geleitet 
und unter Thränen Abschied von ihnen genommen. Sie sind nach 
der Pfalz zurückgekehrt, um ihre ausgesetzten Angehörigen dort 
und im Elsass aufzusuchen. Es waren abgehärtete Gebirgssöhno, 
die Strapazon wohl ertragen konnten, und dabei fromm wie die 
Lämmer." 

Kurz darauf meldete der niederländische Gesandte in der 
Schweiz, dass die Verfolgung nach wie vor anhalte und dass in 
Folge dessen 100 Familien das Land verlassen woJlten und nach 
den Niederlanden zu ziehen wünschten. Auf "Veranlassung der 
Amsterdamer Commission der niederländischen Mennoniten bemühte 
der Gesandte sich, diesen Leuten auf alle "Weise behülflich zu sein, 
damit sie ihren Zweck erreichten. Im Juli 1711 traten sie endlich 
dio Reise an. 

Den heimathlichen Bergen und Thälern, aus denen sie ver- 
trieben waren, mussten sie den Rücken kehren, um an den flachen 
Küsten dor Nordsee ein neues Heim zu suchen. Am 14. August 
1711 erreichten sie das Städtchen Muiden, nahe bei Amsterdam, 
wo eine Commission der dortigen Gemeinden sie herzlich empfing 
und ihnen Unterkommen und Verpflegung zu Theil werden Hess. 

Um für ihr weiteres Fortkommen zu sorgen, wurde eine Vor- 
sammlung von Deputirton aller Mennoniton-Gemeinden berufen, 
welche so zahlreich besucht war, wie noch nie eine, heisst es in 
einem Briefe von einem Mitgliede der Rotterdamer Mennoniten- 
Gemeindo, Namens Honorö, an einen Freund. Nach droitägigor 
Berathung waren es hauptsächlich Steven Kramer aus Doventer 
und zwoi Doputirte aus Groningen, die es auf sich nahmen, dio 
Unglücklichen unterzubringen, und zwar 20 Familien in der Stadt 
Groningen und die Uebrigen in der Umgegend, wo man Bauern- 
höfe für sie miethete oder kaufte. Alle dortigen Gemeindon kamen 
ihnen mit Freundschaft und Liebe entgegen. Es waren daselbst 



219 

von 1660 her bereits mehrere taufgesinnte Familien aus der Pfalz 
ansässig, denen sich die Schweizer nun anschlössen. Zweifelsohne 
sind diese neuen Ankömmlinge brave Leute gewesen, da die vor- 
sichtigen Mennoniten, welche ohnehin alle unsittlichen Elemente 
durch ihre Gemeindezucht fernzuhalten bezw. abzustossen strebten, 
sich gewiss nach ihnen erkundigt haben, bevor sio sie aufnahmen. 
Sie erwiesen sich in der Folge denn auch als ehrenhaft, fleissig 
und sparsam. Wir geben einige ihrer Familiennamen: Stähly, 
Leendertz, Meihausen, Cousi, Baltzer, Thonie, Ricken, Bob, Aschen- 
bach, Leutscher, Heuser, Kratzes, Anken. 

Sie bildeten, weil sie nur deutsch vorstanden, eigene Gemein- 
don, und wählten Aelteste und Frediger aus ihrer Mitte. Im Jahre 
1713 kam wieder ein Zuzug von Schweizern nach den Nieder- 
landen; sie wurden ebenfalls gastfrei aufgenommen und schlössen 
sich den bereits früher Angesiedelten an. Namentlich zu Sappe- 
meer, in der Nähe von Groningen und bei der Stadt Eampen bil- 
deten sie eigene Gemeinden. Einer ihrer ersten Prediger hier 
hiess Jakob Stähly. Dieser verrichtete abwechselnd in den Gemein- 
den zu Sappemeor und zu Eampen den Dienst. Yon Hoogkerk 
kamen auch zuweilen die schweizer Prediger Antonieohm und 
Baltzerohm *) herüber, um die Gemeinden zu erbauen. In Sappemeer 
war noch Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Lehrer der Schweizor- 
brüder, Namens Ricken. Manche dieser Schweizer - Geschlechter 
nehmen noch jetzt in den Niederlanden ehrenvolle Stellungen im 
Staate und in der Gemeinde ein. Man kann sich denkon, dass 
diese Leute in ihrer Nationaltracht Aufsehen erregten. Die Neu- 
gier war oft so gross, dass die Polizei das Volk von der Thttr des 
Hauses, in welchem sie ihre Andachten hielten, fern halten musste. 
Sie beobachteten beim Gottesdienst grosse Andacht und Ehrerbietung 
und beteten immer knioend. 



*) Ohm ist eine bei den deutschen und schweizer Täufern häufige, ver- 
trauliche Bezeichnung der Lehrer (Prediger). 



f 



Fünfte Abtheilung. 

Die Anfange der Mennoniten - Gemeinden in Amerika. 
Nachtrage zur Geschichte der Pfälzer Gemeinden. 

Kaum waren die schweizer Glaubensgenossen gerettet und in 
Sicherheit gebracht, als aufs neue ein Hülferuf aus der Pfalz nach 
den Niederlanden erscholl. Die Pfalzer Mennoniten klagten bitterlich t 

über den Druck, welchen sie seitens der kurfürstlichen Regierung 
zu erleiden hatten und über ihre dadurch bedingte Verarmung. 
Sie wurden sofort kräftig unterstützt aus dem durch die nieder- 
ländischen Gemeinden gestifteten „Fonds voor buitenlandsche 
nooden", zu welchem auch die ostfriesischen und die Hamburg- 
Altonaer Gemeinden und ganz besonders die groninger und 
friesische Societät ansehnlich beigetragen hatten. 

Die Pfälzer konnten jedoch zu keinem Wohlstand gelangen. 
Da Hess ihnen König Georg von England unter günstigen Bedin- 
gungen Ländereien in Pennsylvanien zur Besiedelung anbieten 
und dies Land mit den vorlockendsten Farben schildern. Jeder 
Familie wurden vom Könige westlich vom Alleghany-Gebirge 50 
Morgon Land zum vollen Eigenthum angeboten, sowie 10 Jahre 
lang freie Benutzung von so viel mehr Land als joder wünschen 
möchte, unter der Bedingung, dass nach Ablauf dieser Zeit jährlich 
für das mehr bebaute Land eine geringe Pacht bezahlt werde. 

Das Land, welches zur Besiedelung angeboten wurde, er- 
streckte sich 200 englische Meilen weit, das Klima wurde als 
gemässigt geschildert und der Boden sollte sich zum Anbau aller 
Arten Getreide sowohl, als auch zu Baum- und Rebenpflanzungen 
eignen. Nicht als Fremdlinge sollten sie hier angesehen werden, 
sondern auf ihr blosses Ja, dem Könige treu sein zu wollen, als 
vollberechtigte Unterthanen gelton. Der Ausübung ihrer Gemeinde- 
ordnung, ihror religiösen Weise gemäss, solle kein Hinderniss in 
den Weg gelegt werden. Wie war es nun anders möglich, als 
dass die Pfalzer, welche kaum einige Morgen Land für schweres 
Geld in Pacht bekommen konnten, und mühsam, durch schwere 



221 

Abgaben gedrückt und nur von der Seite als Christen angesehen, 
die heimathliche Scholle bebauten, unwiderstehlich von solchen 
Anerbietungen angezogen wurden? Dazu wurde ihnen die Uebor- 
fahrt bequem gemacht. Sie hatten sich bei einem in gutem Ruf 
stehenden Comptoir in Frankfurt zu melden und hier 27 Gulden 
per Kopf und für Kinder 2 /s dieses Betrages für üeberfahrt und 
Verpflegung zu bezahlen, in Rotterdam sollten Schiffe bereit liegen, 
um sie übers Meer zu bringen. In dieser Sache nun glaubten die 
Pfälzor auf die Beihülfe der niederländischen Brüder rechnen zu 
dürfen und daher ihr Eingangs erwähnter Hülferuf. Woher sollten 
sie auch sonst die nöthigen Mittel bekommen, um sich mit Geräth 
und Sämereien zu versehen, sowie mit so manchem andern, was 
damals zu einer Ansiedelung in Amerika erforderlich war. 

In einer 1717 zu Mannheim abgehaltenen Aeltesten- Versamm- 
lung wurde der Entschluss gefasst, in Amsterdam bei der Com- 
mission „voor buitenlandsche nooden" um Unterstützung zu bitten. 
Indem diese ihrer Bitte entgegen kam, warnte sie zugleich 
die Pf&lzer vor übertriebenen Hoffnungen und Vorstellungen, weil 
sie durch Nachrichten aus der bereits 1683 gegründeten menno- 
nitischen Ansiedelung zu Germantown wusste, dass die Vorspiege- 
lungen der Agenten übertrieben waren. 

Die Ansiedelung zu Germantown war durch einige Familien 
aus der Mennoniten-Gemeinde zu Krefeld gegründet worden. Viel- 
leicht veranlasst durch die masslose Verfolgung und Unterdrückung, 
welcher damals die Mennoniten in der untern Rheingegend aus- 
gesetzt waren, wie später dargethan werden wird, hatten sich von 
Krefeld 13 Familien, aus 33 Köpfen bestehend, nach Pensylvanien 
begeben. Ein erster Pionier, Namens Jakob Telner, aus derselben 
Stadt und Gemeinde, war bereits von 1678 bis 1681 dort gewesen, 
und auf seine Kenntniss der Verhältnisse vertrauend, hatten die 
anderen sich dann entschlossen, nach diesem Lande, wo sie aller 
Verfolgung des Glaubens wegen enthoben sein würden, auszu- 
wandern. Drei der Ihrigen, Jakob Telnor und Jan Streepers von 
Krefeld und Dirk Sipmann aus Kaldenkirchen, hatten im Jahre 
1682 vorbereitenderweise 5000 Acres Land in Ponnsylvanien gekauft, 
und im folgenden Jahre kauften Gottfried Remkes, Leonhard Arols 
und Jakob Isaak van Becker aus Krefeld jeder noch 1000 Acres 
von William Penn. Diese Ländereien sollten durch's Loos unter 



222 

jone 13 Familien vortheilt werden. Die Häupter derselben waren 
Leonhard Arels, drei op den Graeff, Wilhelm Streepers, Peter 
Keurlis, Kunders, Reiner Tyssen, Jan Siemens, Jan Lenson, Johann 
Blekers, Jan Luken und Abraham Tunos. Diese schifften sich 
zusammen ein und betraten am 6. October des Jahres 1683 den 
amerikanischen Boden. Am 6. October 1883 ist der Tag festlich 
begangen worden, an dem diese ersten deutschon Pioniere vor 
200 Jahren den Grund zu der jetzt von 850 000 Einwohnern be- 
wohnten Stadt Philadelphia durch die Gründung der Kolonie Ger- 
mantown legten. Auch in Krefeld fand eine Festfeier statt. Zwei 
direkte Nachkommen dieser ersten Ansiedler, zwei op den Graeff, 
sitzen noch heute im Kongresse der Vereinigten Staaten von Amerika. 

Diese ersten deutschen Kolonisten waren grösstenteils Leinon- 
weber und Strumpfwirker und legten den Grund zu der heuto 
noch berühmten Germantown-Leinen- und Strumpffabrikation. Sie 
hatten lange Zeit mit Noth und Entbehrung zu kämpfen. Einer 
derselben, Namens Pistorius, der anstatt Glasscheiben nur geöltes 
Papier in seinen Fenstern anbringen konnte, schrieb über seine 
Thür: Parva domus, amicu bonis, procul esto profuni. Doch gelang 
es ihnen, durch beharrlichen Fleiss, Ausdauer und Geduld die 
Ansiedelung aufrocht zu erhalten und nach und nach zu entwickeln. 
Hier konnten sie ja frei ihres Glaubens loben und der Früchte 
ihrer Arbeit in Sicherheit sich erfrouon, das gab Muth. 

Dies Gefühl der eigenen Freiheit war es vielleicht, was sie 
veranlasste, in einer Brüdorvorsammlung vom 18. April 1688 einen 
Protest gegen die Sclaverei zu boschliesson. Diesor Protest, unter- 
schrieben von zwei op den Graeff, von Hendriks und von Pistorius, 
wurde dor Behörde überreicht und enthält u. a. Folgendes: „Es 
ist ein altes Wort, dass wir gegen alle Menschen so handeln sollen, 
wie wir selbst wünschen, dass man gegen uns handle und zwar 
ohne Unterschied der Herkunft und Farbe. Hier ist Ge- 
wissensfreiheit, welche recht und vernünftig ist, und hier sollte 
auch persönliche Freiheit für Jodermann, ausgenommen 
für Uebelthäter, herrschen." Ein Fascimilo dieser Urkunde ist 
am 6. October 1883 dem Oberbürgermeister von Krefeld überreicht 
worden. 

Bereits im Jahre 1688 erhielt die kleine Kolonie Germantown 
einen Zuwachs von 7 Familien, welcho ihr sehr willkommen sein 



223 

inussten, denn es waren Landwirtho, die auch den Woinbau kannten, 
pfälzer Mennoniten nämlich, aus dem nahe boi Worms liegenden 
Dorfe Kirchheim. Diese hatten sich dem Apostel der Quäker Arnes 
auf seiner zweiten Reise nach Deutschland, wo er, wie es die Quäker 
überali thaten, zuerst mit den Mennoniten anzuknüpfen suchte, 
angeschlossen. Auch liegt es sehr nahe, anzunehmen, dass einige 
Einwohner der Stadt Emden um diese Zeit nach Fonnsylvanien 
auswanderten, denn in Emdon befanden sich, namentlich unter 
den Mennoniten, mancho Anhänger William Penns. Diese Quäker, 
wie sie verächtlicher weise genannt wurden, verfolgte der Magistrat 
Emdens ganz besonders, sie wurden gefangen gonommen oder aus 
der Stadt gewiesen. Mehrere Briefe dieser Leute, in denen sie um 
Duldung bitten, befinden sich noch im Archive des Rathhauses 
daselbst. Einer derselben ist von einem Mitgliede der Mennoniten- 
Öemeinde, Namens van Ravenstein, unterzeichnet In Folge dieses 
Verfahrens fühlte William Penn sich 1674 veranlasst, ein Schreiben 
an den Emder Magistrat zu richten. Er sandte dasselbe, in 
lateinischer und englischer Spracho abgofasst, an einen ihm be- 
freundeten Kaufmann in Amsterdam mit der Bitte, es in das 
holländische zu übersetzen und dann an seine Adrosso zu schicken ; 
diesor Brief ist ebenfalls, wenn auch in sehr abgängigem Zustande, 
nebst einem Druckexemplar im Archiv dos Emder Rathhauses ent- 
halten. Er ist so klassisch, dass er werth ist, der Yergessenhoit 
entrissen zu werden, damit man daran erkenne, dass oft das, was 
die Welt verachtete und vorkannte, ihr Ruhm würdigstes war. Dos- 
halb möge er als Beilage in diesom Buche seine Stelle finden. 

In der Zeit von 1674 bis 1686 muss William Penn selbst in 
Emden gewesen sein; dass er überhaupt in Emden gewesen ist, 
steht geschichtlich fest, denn man kennt noch das Haus, in welchem 
er gewohnt hat Dass auch hier sich Einzelne bewogen 
fanden, sich Penn anzuschliessen und mit ihm nach Pennsylvanien 
zu ziehen, ist daher wahrscheinlich. In Folge des genannten 
Schreibens und Penn's persönlicher Anwesenheit in Emden wurde 
der Magistrat gegen die „Quäker" milder gesinnt, vielleicht auch, 
weil er die Auswanderung dieser Leute fürchtete. 

Zu den ersten Ansiedlern aus Krefeld und der Pfalz in Penn- 
sylvanien gesellten sich im Jahre 1700 einige Kaufleute aus der 
Mennoniten - Gemeinde zu Hamburg - AI tona, und zu Anfang des 



224 

18. Jahrhunderts noch weitere pf&lzer Mennoniten, erfahrene Land- 
wirthe. Nunmehr reichten sich Fabrikation, Landwirtschaft und 
Handel die Hände in den Mennoniten-Ansiedelungen, und es konnte 
nicht ausbleiben, dass ihr deutscher Fleiss, Ausdauer, Treue und 
Redlichkeit sie festen Fuss fassen Hessen auf dem amerikanischen 
Boden. Bei aller anfänglichen Noth und Drangsal unterliessen sie 
nicht, ihr religiöses Gemeindeleben zu fördern, um sich im Auf- 
blick zu Gott die Kraft zu erhalten, welche erforderlich ist, damit 
die Bitte in Erfüllung gehe: „Unser täglich Brod giob uns heute". 
Dies erhellt u. a. daraus, dass sie sich bei der Hamburg- Altonaer 
Gemeinde Rath in Gemeindeangelegenheiten erbaten. 

Der Brief selbst ist verloren gegangen, indessen giebt ein in 
dem Archiv der Altonaer Gemeinde vorhandener Auszug der Ant- 
wort Auskunft über seinen Inhalt. Die Antwort war gerichtet an 
Glaas Behrend, Paul Roosen, Heinrich von Sinteren, Härmen von 
Earsdors und Ysaac von Sinteren, denn diese waren es, welche 
1700 von der Hamburg-Altonaor Mennonitengemeinde nach Amerika 
ausgewandert waren/ 

Es fehlte der Gemeinde in Germantown nämlich an einem Aelto- 
sten, der, nach der in den Mennonitengemeinden hergebrachton Ord- 
nu ng, durch einen andern Aeltesten vermittelst Handauflogen zu seinem 
Dienst geweiht war, denn nur solchen Aeltesten stand es herkömmlich 
zu, die Taufe vorzunehmen und das Abendmahl auszutheilen, und 
somit waren sie in Verlegenheit. Die Diener der Gemeinde zu 
Altona nahmen diese Sache ernstlich in Erwägung, doch fand sich 
niemand bereit, die in damaliger Zeit sehr beschwerliche und nicht 
ungefährliche Reise zu unternehmen, um einen Aeltosten in Ger- 
mantown zu weihen. Sie schrieben nun an die Brüder jenseit des Meeres, 
dass sie nach langer Ueberlogung keine andere Auskunft sähen, 
als dass den dortigen Gemeindegliedern die Notwendigkeit vor 
Augen gehalten werde, in Anbetracht des Nothstandes, selbst den 
gewählten Aeltesten zu bestallen und einzuführen. Sie könnten 
die fernen Brüder nur ermahnen, Gott zu bitten, er möge ihnen 
diejenige Tüchtigkeit vorleihen, welche zu einem so heiligen Zwecke 
erforderlich sei. Sie führten dabei als Beispiel an, dass die 
Apostel, namentlich Paulus, ebenfalls die Taufe vollzogen hätten, 
obgleich auch sie nicht von einem Andern zu diesem Amte bestallt 
und eingeführt seien. Somit glaubten sie, dass in diesem Noth- 



225 

stände ein von don dortigen Brüdern gewählter Aeltester, wenn 
die Wahl in Eintracht und Frieden unternommen würde, auch ohne 
Handauflegung eines Andern, in seinem Amte das Mitwirken des 
Herrn erfahren werde. Dieser Brief war unterzeichnet von vier 
Dienern der Hamburger Gemeinde, und zwar von dem 90 Jahr 
alten ehrwürdigen Aeltosten Gerrit Roosen, von Pieter vom Helle, 
Jakob van Rampen und Jean de Lanoi. In Folge dieses Briefes 
hat man dann wahrscheinlich die Aoltestenwahl vollzogen, und muss 
Wilhelm Rittinghausen gewählt wordon sein, da dieser als einer 
der älteston Prediger in der Mennonitenkolonie zu Germantown 
verzeichnet steht; er ist 1708 verstorben. 

In demselben Jahre erhielt eine der Amsterdamer Gemeinden 
einen Brief aus dieser Kolonie, mit der Bitte um Uebersendung 
religiöser Bücher und Bibeln. Dieser war unterzeichnet von Härmen 
von Earsdorp und Ysaak van Sinteren, und berichtete, dass sie 
nicht im Stande seien, dasjenige, was über die Beschaffung des 
notwendigsten Lebensunterhalts hinausginge, zu erwerben. 
Dieses hatten die Amsterdamer Brüder den Pf&lzern mitgetheilt, 
um ihre übertriebenen Hoffnungen etwas herabzustimmen. Wer 
aber, wie die armen Pfälzer damals, in einer unerträglichen Lage 
ist, die sich nicht verschlechtern kann, lässt sich so leicht nicht 
abschrecken. 

So kamen denn ab und zu mennonitische Auswandererzüge 
in Holland an und meldeten sich bei der Kommission voor buiten- 
landsche nooden, denn wenn auch Einzelne von den Auswanderern 
sich helfen konnten, so waren die Meisten doch der Beihülfe be- 
dürftig. Der erste Zug aus der Pfalz kam im Frühling 1717 
unter der Führung und Leitung des uns bereits bekannten Benedikt 
Brechtbühl, einer von den beiden Schweizern, welche in 1710 in 
Amsterdam waren, um Schutz für die Deportirten aus Bern zu 
erbitten, in Rotterdam an. Brechtbühl erhielt von der Kommission 
4000 Gulden zur Vertheilung. 

Yon diesor Zeit an kamen immer mehr Züge aus der Pfalz, 
die ebenfalls nach Umständen Hülfe erhielten. Da aber der Fonds 
voor buitenlandsche nooden eigentlich nur für des Glaubens wegen 
Vorfolgte bestimmt war, und dies doch bei den Pfälzern nicht voll- 
ständig zutraf, indem sie gewissermassen freiwillig auswanderten, so be- 
schloss die Kommission, weitere Anforderungen dieser Art abzulehnen. 

15 



S26 

Jedes Jahr schrieb sie dementsprechend nach der Pfalz und 
forderte auch die Gemeinden in Pennsylvanien auf, daselbst bekannt 
zu machen, man möge keine Pfälzer mehr zur Ueberfahrt in der 
Hoffnung ermuthigen, dass sie in Amsterdam Unterstützung er- 
halten würden. 

Diese Warnungen halfen aber nichts, die Auswanderung hielt 
an, und die Mildthätigkeit der niederländischen Brüder hörte auch 
nicht auf. Wenn die Leute einmal in den Niederlanden waren, 
überwog das christliche Mitgefühl, und was die Kasse nicht mehr 
leisten konnte, weil sie dazu nicht zusammengebracht worden war, 
das wurde durch Privatwohlthätigkeit ersetzt. 

Bis 1732 waren über 3000 auswandernde Taufgesinnte aus 
der Pfalz in Rotterdam angekommen, und die Mildthätigkeit der 
niederländischen Brüder so stark in Anspruch genommen worden, 
dass weitere Unterstützung an Auswandernde bestimmt abgeschlagen 
werden mussto. Die Bittgesuche hörten denn auch nach und 
nach auf. Nicht so diejenigen der in der Pfalz Zurückgebliebenen, 
und diesen wurden sie auch fernerhin von den niederländischen 
Brüdern nicht verweigert. Bereits vom Jahre 1671 an wurden 
sowohl Einzelne, als auch ganze Gemeinden ansehnlich mit Rath 
und That unterstützt, namentlich auch sprang man ihnen während 
und nach den Verwüstungen, welche die Heere Ludwigs XIV. in 
der Pfalz anrichteten, kräftig bei. So berichtet der Lehrer Heinrich 
Caasel aus Lampertheim einem Johannes Lind im September des 
Jahres 1689 die haarsträubenden Greuel, welche die französischen 
Kriegshorden in der Pfalz angerichtet hatten, und schildert ihm, 
wie sehr die Mennoniten darunter gelitten hätten. Schon im 
December bot die Amsterdamer Mennonitengemeinde „zum Lamm" 
ihre Hülfe an, indem sie mittheilte, dass bei P. d'Orvüle in Frank- 
furt und bei Paulus Peyor in Krefeld Hülfsgelder für die Brüder 
bereit lägen. Sie begleitete dies Anerbieten mit Trost- und Er- 
mahnungsworten. Auch die Hamburg - Altonaer Gemeinde, an 
welche Heinrich Caasel von Gerolsheim aus sich gewendet hatte, 
leistete Hülfe. Im März 1690 flüchteten viele Mennoniten aus der 
Pfalz nach dem Niederrhein; sie wurden ebenfalls von den 
Niederländern kräftig unterstützt und ihnen zu Ansiedelungen 
verholfen. 

Auch die in der Grafschaft Rheydt im Jülicherlande verfolgten 



227 

Taufgesinnten bedurften kräftiger Hülfe. Die Gemeinde zu Krefeld 
berichtete darüber nach Amsterdam, dass sie 40 Familien mit 
10000 Thaler losgekauft habe, um sie zu retten, dass diese in 
einem hülfloson Zustande in Krefeld angekommen seien, und forderte 
zur Beihülfe auf. 

Nun nahm auch der König von England, Wilhelm III. von 
Oranien, sich der Mennoniten an und schrieb an den Kurfürsten 
Folgendes: 

„Mon fröre! 

Die Liebe, welche ich für alle Christen hege, und die Mitthei- 
lungen, welche mir von den Misshandlungen, die gewisse Protestanten, 
Mennoniton genannt, in Euerm Lande Jülich erleiden, gemacht 
sind, drängen mich, bei Euch ihr Fürsprecher zusein, damit Ihr Euch 
bewogen finden möget, dio Sache genau zu untersuchen und Euch 
Bericht erstatten zu lassen von den Grausamkeiten, welche man 
gegen sie verübt hat. Ich bin überzeugt, dass Ihr, in Erwägung, 
dass sie nichts verschuldet haben was diese Behandlung rechtfertigen 
könnte, tief davon gerührt sein werdet, und dass Ihr Befehle er- 
lassen werdet, um sie von den Strafon zu befreien, mit denen sie 
bedroht werden, damit sie ihre Güter, welche ihnen genommen 
sind, wieder erlangen. 

Ich habe mich um so leichter zu dieser Fürsprache ent- 
schlossen, als ich überzeugt bin von dem friedsamen Geist dieser 
Leute, welche sich vollkommen gehorsam gegen die Obrigkeit ver- 
halten, ein friedfertiges floissigos Leben führen, willig alle Lasten, 
welche der Staat von ihnen fordert, in dem Lande, in welchem sie 
wohnon, tragen und demselben durch ihre Arbeitsamkeit und 
eifriges Streben nützlicho Unterthanen sind. In Erwägung dieser 
Eigenschaften habe ich diese Fürsprache für ihre Personen und 
Eigenthum ihnen nicht abschlagen wollen, und halte mich versichert, 
dass Ihr sie Eures Schutzes würdig erachten werdet und dass sio 
durch Beweise ihrer unentwegten Treue, welche sie Euch schuldig 
sind, Euro Milde und Nachsicht sich verdienen werden. 

Mon fröre! Euer zugeneigtoster Bruder 

William Rex. 

Im Lager von Mont St Andrö, 11. August 1694" 

Die Generalstaaten der Niederlande verwandten sich zu gleicher 
Zeit beim Kurfürsten für die Mennoniten. Die Fürsprache der 

15* 



228 

Häupter so gewichtiger Staaten veranlasste den Regenten der Pfalz 
nachzugeben. Am 24. April 1695 wurde ein Plakat zu Düsseldorf 
bekannt gemacht, welches folgendermasson lautete: 

„Da Seine Kurfürstliche Durchlaucht die grösste Achtung 
hegt für Seine Grossbrittanische Majestät sowohl, als für die Herron 
Staaten-General, so hat Seine Kurfürstliche Durchlaucht nicht 
unterlassen wollen ihrer Fürsprache für die protestantischen Menno- 
niten, seine Unterthanen, (nachdem er sich hat berichten lassen, 
dass sie nicht zu der Sekte der Wiedertäufer von Münster gohören) 
Gehör zu geben. Und so befehlen wir, dass ihnen ihre Häuser 
und liegenden Gründe, welche im Jülicher Lande und im Lande 
der Eifel verkauft sind, von den Käufern wieder zurückgegeben 
werden sollen, und zwar in einem guten Zustande und so wie sio 
dieselben gefunden haben. Ferner soll es ihnen freigestellt werden 
sio nach eignem Ermessen zu verkaufen, und will Seine Fürst- 
liche Hoheit es auf sich nehmen den Käufern das Geld zurück- 
zugeben, welches dieselben dafür bezahlt haben." 

„Seine Kurfürstliche Hoheit befiehlt gleichfalls, dass ihre 
Register wieder hergestellt und ihnen zurückgegeben werden, sowie 
ihre Zeugnisse und Bücher, sowohl geschriebene als gedruckte, 
und erlaubt ihnen ausserdem das Renversal, welches sie gezwun- 
generweise unterzeichnen mussten, zurückzunehmen, und gestattet 
ihnen, dass sie frei und unbehindert in seinen Landen wohnen 
und ihr Gewerbe betreiben, gleich wie es den andern Unterthanen 
zusteht." 

Auf die Nachricht von dieser Massregel sandte der König von 
England dem Kurfürsten folgendes Schreiben: 

„An den Durchlauchtigsten Prinzen, den Herrn Johann 

Wilhelm, Pfalzgrafen am Rhein, unsern Blutverwandten 

und Freund." 

„Wir können nicht unterlassen hiedurch zu bezeugen, dass 

die Erklärung Euer Kurfürstlichen Hoheit auf unser Ersuchen an 

den Baron von Kintzki, zur Vertröstung der protestantischen Monno- 

niten vom 24. April uns angenehm und wohlgefällig gewesen ist 

Wir ersuchen aber obendrein Eure Kurfürstliche Hoheit, dass es 

Euch gefällig sein möge gemäss Eurer Auktorität die obengenannte 

Erklärung in jedem Artikel in Ausführung bringen zu lassen, 

damit ihnen namentlich alle ihre Güter, bewegliche und unbeweg- 



229 

liehe, welche ihnen genommen sind, wieder zur Hand gestellt 
werden, sowie dass den Mennoniten ihre Schuldforderungen be- 
richtigt werden mögen." 

„So wie uns dieses höchst angenehm sein wird, werden wir 
ebenfalls keine Gelegenheit versäumen, von unserer Seite Euer 
Kurfürstlichen Durchlaucht gleiche Dienste zu leisten, wenn wir 
os können." 

,,Wir befehlen Euere Kurfürstliche Hoheit mit aufrichtiger 
Geneigtheit des Gemüths dem Schutz des Allerhöchsten." 

„Gegeben in unserin Lager zu Gokleborg den 14. Juli im 
Jahr unsers Herrn 1697. Unsrer Königlichen Regierung im 9.*)" 

Viel scheint jedoch für die pf&lzer Mennoniten nicht geschehen 
zu sein, denn aus einem aus ihrer Mitte an die Amsterdamer 
Brüder gerichteten Briefe vom Jahre 1698 geht hervor, dass viele 
von ihnen wegen ihrer bedrängten Lage an Auswanderung dachten. 
1714 geriethen sie durch Krieg und Misswachs in noch grössere 
Noth, wie Benedikt Brechtbühl von Mannheim aus nach Amsterdam 
berichtet, indem er zugleich für eine von dort gesandte Unter- 
stützung von fl. 400 dankt. Aus einer anderen pf&lzer Gemeinde 
liegt aus derselben Zeit Quittung und Dank einiger Lehrer über 
Rthlr. 400 Unterstützung vor. Das Anerbieten des Königs von 
England, ihnen Ansiedelungen in Fennsylvanien zu gewähren, 
musste unter diesen Umständen sehr willkommen sein. 

Die Anfragen aus der Pfalz bei der Commissie voor buiten- 
landsche nooden zu Amsterdam mehrten sich mit der Zeit so, dass 
letztere auf pfälzischem Gebiet einen Vertrauensmann bestellte, 
um Auskunft zu ertheilen, auf die richtige Yertheilung der Bei- 
hülfen zu sehen und die Correspondenz zu vermitteln. Diesen 
Posten übernahm Hans Burkholder zu Gerolsheim am 12. December 
1730 und führte ihn bis zu seinem Tode am 4. August 1751, von 
wo an sein Sohn Christian ihn 10 Jahre lang verwaltete. 

1734 erhielten die pfälzer Mennoniten gegen schwere Geld- 
opfer von dem Kurfürsten die Zusicherung der Religionsfreiheit. 
Die Kommission zu Amsterdam sandte fl. 600 Beihüfe, mit der 
Weisung jedoch, dies geheim zu halten, damit die Mildthätigkeit 
der Niederländer nicht weitere Gelderpressungen veranlasse. Dass 



') Siehe Geschiedenis der Mennoniten van H. Schyn. 



230 

man damit jedoch nicht aufhörte, geht aus einer Bittschrift derMenno- 
niten an den Kurfürsten vom Mai 1740 hervor, in welcher sie er- 
suchen, er möge doch davon abstehen, ihr Kopfgold von fl. 6 
zu erhöhen. 

Im Jahre 1741 litten die pftlzer Gemeinden durch Uebor- 
strömung des Rheins stark und wurden wieder von der Amster- 
damer Kommission unterstützt Diose Noth traf natürlich alle 
Ffälzer, welcher Konfession sie auch waren, gleichmässig ; den 
Mennoniten aber wurde von dem Kurfürsten noch dazu doppeltes 
Kopfgeld aufgelegt. 1743 litten sie erheblich durch Einquartierung 
seitens französischer, englischer und österreichischer Truppen, dazu 
trat die Rinderpest und zum Ueberfluss drohte der Kurfürst mit einem 
Verbot der Benutzung der Friedhöfe und mit einer zwangsweisen 
Verringerung ihrer Anzahl von 244 Familien, welche vorhanden 
waren, auf 200; alle Söhne, welche sich verheirathen wollten, 
sollten das Land verlassen und fremde Mennoniten sollten nicht 
zugelassen werden. 1751 erliess er dazu den Befehl, dass der 
Sohn nach dem Tode seines Vaters das Erbe nur gegen eine be- 
stimmte an ihn zu zahlende Summe antreten könne. Die General- 
staaten erboten sich, sich ins Mittel zu legen, die Pf&lzer jedoch 
glaubten, dass so lange damit gewartet werden müsse, bis der 
Friede erklärt sei; die Auswanderung nach Peunsylvanien nahm 
unter diesen Umständen grössere Dimensionen an. 

Die unablässige Beihülfe, welche die pfälzischen Mennoniten 
von den niederländischen Gemeinden genossen, blieb schliesslich 
nicht unbekannt; einestheils wurde die Regierung dadurch zu er- 
neuten Gelderpressungen veranlasst und anderntheils sahen auch 
die Reformirten mit Verlangen auf diese Hülfsquelle hin, da auch 
sie oft in grosser Noth waren. 

Hans Burkholder berichtete z. B. am 29. Juni 1751 nach 
Amsterdam, dass zwei Diakonen der reformirten Gemeinde zu 
Worms zu ihm nach Gerolsheim gekommen seien mit dem Ersuchen, 
er möge ihnen einen Empfehlungsbrief an die Mennonitengemeinden 
in Holland einhändigen, denn einer ihrer Lehrer, welchor dort 
hingereist sei, um für ihre Kirche und Schule zu kollektiren, habe 
geschrieben, dass die Mennoniten dort wohl geneigt sein würden, 
dazu beizutragen, wenn sie sich durch einen Brief von Hans Burk- 



231 

holder legitimiron könnten. Er selbst aber habe gemeint, dies 
abschlagen zu müssen, und bittet die Kommission, keinen Brief 
als von ihm herrührend anzusehen, der nicht seine Unterschrift 
trüge. Diese Mittheilung war die vorletzte von Hans Burkholder ; 
nachdem er noch um Beistand für sechs Waisenkinder gebeten und 
bemerkt hatte, dass er nach 45jährigem Dienst des Evangeliums 
seine Kräfte schwinden fühle, verstummt seine Feder. 

Bis zum Jahre 1765 dauerten die Unterstützungen der 
Commissie voor buitenlandsche nooden an die Pfälzer zur Steuerung 
ihrer leiblichen Noth, von da an richten sich dieselben mehr auf 
die Abhülfe geistiger Entbehrungen, ein Beweis, dass der materielle 
Zustand sich gebessert und der Druck sich gemindert hatte, den 
die Regierung sie erleiden liess. Jakob Hirschler, ein Mitdiakon 
des Hans Burkholder an der Gemeinde zu Gerolsheim, bat die 
Kommission nämlich im August 1766 um Beistand zum Druck 
von 500 Exemplaren des bei ihnen zum Religionsunterricht be- 
nutzten Büchleins. 

Im Oktober 1776 bittet derselbe neben der Beihülfe zu der 
Summe, welche hatte aufgewendet werden müssen, um die Zurück- 
nahme des kurfürstlichen Beschlusses wegen Erhöhung des Kopf- 
geldes zu erzielen, um eine solche zum Neubau der Kirche. 

Im Jahre 1778 berichtet der Kirchenrath von Sempach, dass 
ihro neue Kirche durch Jakob Galle, Lehrer zu Erbesbittisheim, 
eingeweiht sei mit einer Predigt über den Text 2 Cor. 5, 17, dankt 
zugleich für die Gabe von 200 Gulden und theilt den Betrag der 
Gaben aus der Pfalz, Krefeld und Utrecht mit. 1781 erhielt die 
Gemeinde zu Epstein ebenfalls ein Geschenk zum Neubau ihrer 
Kirche, welche 120 Personen fassen sollte. Ferner erhielt dor 
Kirchenrath von Hoppenheim zu gleichem Zwecke auf seine Bitte 
500 Gulden. Von nun an scheinen die Pf&lzer keine Beihülfe 
von den holländischen Glaubensbrüdern mehr in Anspruch ge- 
nommen zu haben. 

In dieser Weise sind alle verfolgten Mennoniten von den 
Glaubensbrüdern unterstützt worden und zwar während eines Zeit- 
raumes von 129 Jahren. Im ersten Jahre des 19. Jahrhunderts 
jedoch konnte die Kommission, welche 90 Jahre die Liebesgaben 
vermittelt hatte, sich sagen, dass kein Christ seines Glaubens wegen 



232 

mehr verfolgt werde, weshalb sie ihre Thätigkeit einzustellen 
boschloss *). 

Ob die neuen Ansiedler in Pennsylvanion das Anerbieten des 
Königs von England, sich westlich vom Alloghany-Gebirge nieder- 
zulassen, angenommen haben, oder ob Alle vorzogen, unter dem 
unmittelbaren Schutze der Regierung von Pennsylvanien zu bleiben, 
zu welcher Kolonie jene Ländoreien jenseits des Gebirges noch nicht 
gehörten, ist ungewiss, das Letztere jedoch wahrscheinlich, da sie 
sich hier der bereits bestehenden Ansiedlung der Glaubensbrüder an- 
schliesson konnten. Es ist dies um so wahrscheinlicher, als die erste 
Kundgebung nach der Zeit, wo 1732 zuletzt Auswandernde von den 
Niederländern unterstützt worden waren, zehn Jahre später von der 
Ansiedelung Schiebach datirt ist und der deutsche Name dafür spricht, 
dass die neuen Ankömmlinge in Germantown nicht mehr auf- 
genommen werden konnten und deshalb eine neue Ansiedlung 
gründeten, der sie einen deutschen Namen aus der alten 
Heimath gaben. 

Germantown ist die älteste deutsche und zugleich mcn- 
nonitische Ansiedlung in Pennsylvanion, und erhielt wahr- 
scheinlich den englischen Namen, weil die ersten mennonitischen 
Einwanderer sich eng an die Anhänger des George Fox und William 
Penn, ihre Geistesverwandte, anschlössen. Hier im freien Amerika 
konnten die Mennoniten ihre Kräfte ungehindert verwerthen, und 
Hessen es daran nicht mangeln. So mochte es kommen, dass in 
zehn Jahren keine Nachrichten über ihr Fortkommen im Ganzen nach 
Europa gelangten. Da nun aber um diese Zeit in Amerika Krieg in Sicht 
war, und eine allgemeine Volksbewaffnung gegen die feindlichen Angriffe 
französischer Kolonisten, sowie gegen die Streifzüge dor Indianer 
angeordnet werden sollte, wurden sie unruhig. In der alten 
strengen, aber doch zu beschränkten Anschauungsweise ihrer Yätor 
hielten sie auch unter solchen Umständen den Grundsatz aufrecht, 
keine Waffen zu tragen, nicht bedenkend, dass, wenn auch der 
Christ keine Rache üben darf, das Gebot, „du sollst nicht tödton a , 
auch das in sich schliesst, dass man sich und die Seinen nicht 
tödten lassen soll, wenn man es verhindern kann. 



*) Die hierauf bezüglichen Briefe und Aktenstücke befinden sich im 
Gemeindearchiv zu Amsterdam und umfassen mehr als 1000 Nummern. 



233 

Sie baten deshalb die Landesobrigkeit um völlige Befreiung 
von Kriegsdiensten; diose nahm ihre Bitte zwar günstig auf, er- 
achteto sich jedoch nicht befugt, sie ohne Zustimmung des 
Königs von England zu gewähren. Dieser Umstand bewog 
die Kolonisten, wieder an die holländischen Brüder die Bitte 
zu richten, ihren viel vermögenden Einfluss, wie früher, 
so auch jetzt, durch die Generalstaaten bei der englischen 
Regierung zu ihren Gunsten zu verwenden. Der betreffende Brief 
findot sich freilich nicht im Archiv der Gemeinde zu Amsterdam, 
dass er jedoch existirt hat, geht aus einem vorhandenen zweiten 
Schreiben desselben Inhalts vom 9. Oktober 1745 hervor, in welchem 
die Schreiber sich über das Schweigen der holländischen Brüder 
auf ihre Bitte beklagen. Es ist also wahrscheinlich, dass das erste 
Schreiben verloren ging. In diesem zweiten Briefe fügen sie der 
obigen Bitte noch eine zweite hinzu, welche also lautet: 

„Indem die Flammen des Krieges bereits, wie es scheint, 
höher aufsteigen und eilends Krieg und Verfolgung über dio wehr- 
losen Christen kommen werden, so ist es von "Wichtigkeit, sich 
gegen diese Umstände mit Geduld und Sanftmuth zu wappnen 
und alles zur Hand zu nehmen, was zu standhafter Beharrlichkeit 
im Glauben dienen kann." 

„Es hat sich deshalb in unsrer gesammton Gemeinde das ein- 
müthige Verlangen goofifonbart nach einer hochdeutschen Uebersetzung 
von „het bloedig Tooneol", von Tileman van Bracht, um so mehr, 
weil in unsern hiesigen Gemeinden unter den Ankömmlingen eine 
grosso Zahl ist, für dio es von grosser "Wichtigkeit ist, eine Reihe 
getreuer Zeugen kennen zu lernen, die auf dem Wege der Wahr- 
heit gewandelt und für dieselbe ihr Leben geopfert haben/ 4 

Sie hätten seit Jahren gehofft, heisst es ferner, dies Werk 
auszuführen, und sei ihre Hoffnung aufs neue belebt worden, nun 
bei ihnen kürzlich eine deutsche Druckerei errichtet worden sei; 
das dortige schlechte Papier aber habe sie davon abgeschreckt. 
Die grösste Schwierigkeit für sie sei jedoch, einen geschickten 
Uebersetzer zu finden, auf dessen Fähigkeit und Gewissenhaftigkeit 
sie sich verlassen könnten. 

Sie baten doshalb die holländischen Brüder, sich in Holland 
nach einem solchen umzusehen, und wenn es ihnen gelungen sei 
einen zu finden, das Werk übersetzen, es in tausend Exemplaren 



234 

drucken zu lassen und eingebunden oder in losen Bogen mit oder 
ohne Krampen und Schlösser nach Pennsylvanien zu senden. 

Dieser Brief ist datirt von Schiebach und trägt die Unter- 
schriften : Jakob Gotschalk, Martin Kolb, Michael Ziegler, Heinrich 
Funk, Gillis Kassel und Dielman Kolb. Er war gerichtet an die 
Kommission voor buitonlandscho nooden zu Amsterdam. 

Die Kommission jedoch war in der Beantwortung dieses Briefes 
sehr saumselig, denn erst den 10. Februar 1748 kam sie dazu. 
Vielleicht hatte sie sich während dieser Zeit Mühe gegeben, einen 
geschickten Uebersetzer zu finden, und keinen Erfolg gehabt, denn 
in der Antwort sagt sie, dass es sehr schwierig sei, einen Ueber- 
setzer zu finden, und müsste sie auch deshalb von dem Plane ab- 
rathen, weil die Unkosten zu gross seien. Sie würde den Brüdern 
in Pennsylvanien rathen, die hauptsächlichsten Märtyrergeschichten 
aus dem Buche durch dortige der holländischen Sprache mächtige 
Leute abschreiben zu lassen. 

Den Pennsylvaniern aber waren die Kosten nicht zu gross, 
und da die Antwort aus Holland so lange auf sich warten liess, 
legten sie selbst Hand ans Werk. Schon seit dem Jahre 1690 
besassen die Kolonisten eine Papierfabrik und war das Papier im 
Laufe der Zeit violleicht verbessert wordon. Auch war ihre 
Druckerei 1743 im Stande gewesen, die Bibel in deutscher 
Sprache zu drucken, und so fühlten sie auch Kraft zu dem 
neuen Werk. Schon 1748 erschien zu Ephrata in Pennsylvanien 
die vollständige hochdeutsche Uebersetzung des van Bracht'schen 
Werkes. Zwei Jahre später liesson sie sogar eine zwoite Auflage 
mit Abbildungen zu Pirmasens in der bairischen Pfalz drucken. 
Ein guter Beweis fürwahr war diese That für die materielle 
Wohlfahrt der Kolonisten sowohl, als hauptsächlich auch für die Kraft, 
mit welcher das Evangelium nach wie vor unter ihnen wirkte. 

Was mag dies für ein Buch sein, auf welches diese Leute 
so grosses Gewicht legten, fragt vielleicht mancher, und wollen wir 
deshalb einige Mittheilungen darüber, welche einem Bericht des 
Professors de Hoop Scheffer zu Amsterdam entnommen sind, hier 
folgen lassen. 

Dieser 1400 Seiten zählende riesige Foliant in braunem Leder, 
mit stark hervortretenden Verzierungen, mit kupfernen Ecken und 
Schlössern versehen, hatte im vorigen und Anfang dieses Jahr- 



235 

hunderte in vielen Mennonitenfamilien, wenn nicht in den meisten, 
seinen Platz neben dor Bibel. Als ein heiliges Gomeindedenkmal wurde 
dies Buch hoch gehalten am Strande der Nord- und der Ostsee, 
an den Ufern des Rheins, in den Thälorn des Juragebirges, auf 
dem Kamm der Vogesen und im Elsass. Es überlieferte den Enkeln 
die Zeugnisse der Glaubenskraft der Väter, welche von den Ketzer- 
richtern der spanischen Inquisition gefangen genommen und wie zur Zeit 
der ersten Christen oft eines qualvollen Todes gestorben waren : es 
erzählte ihnen, wie und wann diese Märtyrer gefangen genommen, 
was sie im Gefängnisse erduldet hatten, um sie durch Folterqualen 
zum "Widerruf zu bewegen, wie sie Stand gehalten und auf welche 
Art das Todesurtheil vollstreckt war. Freunde und Verwandte 
hatten sich diese Nachrichten zu verschaffen gewusst; die. oft 
mit zitternder Hand geschriebenen Abschiedsworte, welche die 
Gefangenen ihnen aus dem Gefängnisse geschrieben, ihre letzten 
Willen und Ermahnungen, hatten sie wie Heiligthümer aufbewahrt. 
Unter Thränen waren diese Worte geschrieben, unter Thränen 
wurden sie gelesen; hinter Bettstellen und Dachsparren versteckte 
man gar oft diese Vermächtnisse; heimlich gingen sie von Hand 
zu Hand und mancher schrieb sie ab, um sie als theures An- 
denken zu behalten. Erbauliche Betrachtungen wurden hie und 
da hinzugefügt, die Märtyrergoschichten auch wohl in holporige 
Reime gebracht. So wurden sie unter die Menge verbreitet, und 
tiefes Mitleid mit den Unglücklichen und Ehrfurcht vor ihrer 
Glaubonskraft erfüllte die Gemüther derer, die sie lasen. 

Sobald die spanische Regierung aufmerksam darauf wurde, Hess 
sie nach diesen fliegenden Blättern suchen, und wo man sie fand, 
wurden sie vernichtet. Dadurch blieben nur einzelne Exemplare 
übrig, welche auf die sorgfältigste Weise verwahrt wurden. Dieser 
Umstand, sowie die Besorgniss, os möchten sich durch das viele 
Abschreiben Unrichtigkeiten und Uebertreibuugen einschleichen, 
bewog einige Männer, sie zu sammeln und drucken zu lassen. So 
enstanden nun gedruckte Flugschriften. Im Jahre 1562 erschien 
die erste Sammlung der Märtyrergeschichten der Mennoniten oder 
Taufgesinnten mit folgendem Titel: „Dieses Buch wird genannt 
,Das Opfer des Herrn', wogen des Inhalts einiger aufgeopferten 
Kinder Gottes, welche aus dem guten Schatz ihres Herzens Be- 
kenntnisse, Sendbriefe und Testamente geschrieben haben, welche 



236 

sie mit dem Munde bekannt und mit ihrem Blute besiegelt haben, 
zu Lob, Prois und Ehre des, der Alles in Allem vermag, dessen 
Macht währet von Ewigkeit zu Ewigkeit." 

Fünf Jahre spätor erschien eine zweite Auflage dieser vielbegehrton 
Sammlung. Die spanische Regierung liess eifrig nach dem Buche 
suchen und os mit Beschlag belegen, wo sie es fand. Dadurch 
sind von dieser Ausgabe fast keine Exemplare auf die Nachwelt 
gekommen, da aber einige gerettet wurden, liess man das Buch 
zum dritten Male drucken und fügte noch einige Märtyrergeschichten 
hinzu, da die ersten Ausgaben nur Nachrichten über solche ent- 
halten hatten, welche von 1529 bis 1559 in den Niederlanden 
getödtet worden waren. 

Dieser dritten Ausgabe dos Opferbuches folgten mehrere neue 
Auflagen, von denen die letzte, deren Herausgeber Peter Sebastiaans 
hiess, 1599 in Harlingen erschien. Da man aber wusste, dass 
ausserhalb des engen Kreises, aus welchem der Inhalt der Samm- 
lung entnommen war, noch viel Handschriftliches übor hingerichtete 
Taufgesinnte vorhanden sei, traten Abgeordnete der Mennoniten- 
gemeinden in den Niederlanden zusammen, um zu berathen, wie 
man dieser Nachrichten habhaft werden könne. 

In Folge dessen unternahm der Aeltoste der Gemeinde zu 
Haarlem, Jaques Outerman, eine Rundreise durch Flandern, um 
nach Handschriften von Märtyrern und nach gerichtlichen Protokollen 
der Verhöre zu suchen. Auf Veranlassung der Gemeinde zu Hoorn 
sammelte Joost Govert, im Verein mit einigen andern aus 
Amsterdam, ebenfalls in Brabant noch dergleichen. Auch die 
Waterländer, welche in näherer Berührung mit den hochdeutschen 
Gemeinden standen, kamen für die Sache in Bewegung. Sie sandten 
einen Abgeordneten nach Deutschland, nach der Schweiz und bis 
nach "Wien. Dieser hatte in der Schweiz sich die Akten übor den 
Tod des Hans Landis, dessen wir erwähnten, verschafft Die Ver- 
öffentlichung derselben setzte bei dor schweizer Regierung 
böses Blut. 

So wurde oine Monge Baustoff zusammen getragen, Köpfe 
und Hände regten sich, um ihn zu ordnen und die früheren Mit- 
theilungen aufs neue zu prüfen und zu verarbeiten. Die holperigen 
Reime wurden einer Umarbeitung in Prosa unter ongem Anschluss 
an deren Inhalt unterzogen. Einige Prediger der waterländischen 



237 

Gemeinden, an deren Spitzo Hans de Ries stand, nahmen es dann 
in die Hand, eine noue Ausgabe dos Baches mit dem auf diese 
Weise bedeutend vormehrten Inhalt zu veranstalten. Sie wurde 
zu Haarlom gedruckt und bildete einen starken stattlichen Quart- 
band mit 10 Bildern, in der Regel in Juchtenledor gebunden, mit 
kupfernen Haken und Ecken vorsehen. Der Titel lautete: 
„Geschichte der Märtyrer oder der wahrhaftigen Zougon Jesu 
Christi, welche die evangelische Wahrheit unter vielen Folterungen 
bezeugt und mit ihrem Blute befestigt haben, seit dem Jahre 1524 
bis zu dieser Zeit, wobei auch ihre Bekenntnisse und Disputationen 
hinzugefügt sind, die deren lebendige Hoffnung, kräftigen Glauben 
und Liebe zu Gott und seiner heiligen Wahrheit ausdrücken. 
Matthäus 5. 10." Die Jahreszahl ist 1615. Das Werk ist in drei 
Bücher getheilt, deren erstes mit dem Jahre 1566 abschliosst, das 
zweite mit 1573 und das dritte mit 1614. Der letzto darin 
verzeichnete Märtyrer war der Schweizer Hans Landis. 

Den Flamingern, welche zuerst die Sache in die Hand ge- 
nommen hatten, war es nun nicht recht, dass den freisinnigen 
Waterländern die Ehre der letzten Herausgabe des Buches, von 
welchem ein gut Thoil das Ergebniss ihrer Nachforschungen war, 
allein zukommen sollte. Sie veranstalteten demnach eine noue Aus- 
gabe, mit einigen Auszügen aus Mennos und Dirk Philips' Schriften 
und ihrem Glaubensbekenntniss bereichert. 

Mit grosser Mühe hatten sie aus kriminellen Urtheils-Akten 
an Orten, wo Märtyrer gelitten hatten, noch 41 Märtyrergeschichten 
gesammelt, die sie dem Buche hinzufügten. Dahingegen Hessen 
sie eine Disputation von Alewyk, welche die Waterländer aufge- 
nommen hatten, wegen ihrer vermeintlich arianischen Färbung weg, 
druckten aber einige Artikel über die Menschwerdung Christi, 
welche auch mit ihrer Auffassung im Widerspruche standen, aus 
Versehen mit ab. Als sie dieses entdeckten, entschlossen sie sich 
1626 zu einer neuen Ausgabe. Hiebei scheinen die Waterländer 
sich jedoch nicht beruhigt zu haben, denn im folgenden Jahre er- 
schien ihrerseits eine zweite Auflage ihrer oben erwähnten Samm- 
lung, in welcher wir wieder die Arbeit des würdigen Hans do Ries 
vor uns haben, und zwar mit Ausnahme kleiner Weglassungen und 
Zusätze und einer veränderten Vorrede der frühern Ausgabe gleich. 
Der Titel hiess: „Märtyrerspiegel der wehrlosen Christen seit 1524"« 



238 

In oiner besonderen Einleitung zu dieser Ausgabe wurde die 
Successio Anabaptistica, auf welche man sehr grossen Werth legte, 
hervorgehoben. Die neue Vorrede ist so klassisch geschrieben, 
dass wir es uns um so woniger versagen können, sie hier zum 
Theil wiederzugeben, als sie ebensogut auf unsre Zeit passt, wie auf 
die damalige: 

„Du siehst hier wie in einem Spiegel, dass weder der ange- 
borene Zug der Liebe zu den Angehörigen, noch die Lebenslust, 
welche Gott in die Geschöpfe gepflanzt hat, diese Kitter hat wan- 
kend machen können von allem zu scheiden, was ihnen lieb und 
theuor war. Sie haben auf sich genommen schwere Bande und 
Marter aller Art, ohne sich durch Drohungen noch Versprechungen 
zurückschrecken, oder bewegen zu lassen, die heilsame Wahrheit, 
die Liebe Gottes und die selige Hoffnung zu verlassen. Sie haben mit 
Paulus sagen können ,wer will uns scheiden von der Liobo Gottes/" 

„Durch diese Liebe haben sie alles überwunden, auch die 
Mächtigen dieser Welt. Die Einfältigen haben die klugen Doktoren 
durch die Wahrheit überführt. Christus hat an ihnen bezeugt, 
wie an seinen Jüngern, dass ihnen gegeben wurde, was sie reden 
sollten, wenn sie vor Könige und Fürsten geführt würdon." 

„Im Angesicht von Galgen und Rad, von Feuer und Schwert 
haben sie zum Erstaunen der Richter und Inquisitoren die Wahr- 
heit ungescheut bekannt. Sie haben bei der Erkenntniss ihrer 
Schwäche Gottes Kraft erfahren, so dass sie mit gelassenem Ge- 
müthe auf sich nehmen konnten, wovor sich sonst die menschliche 
Natur fürchtet. Die allgemeine Brüderschaft ist dadurch so von 
Eifer und Liebe entzündet worden, dass ein Jeglicher sich gegen 
die Leiden gerüstet hat, welche ihn täglich selbst bedrohten. Sie 
haben keine Gefahr gescheut, um die Glaubensbrüder zu beherber- 
gen, sie in den Gefängnissen zu besuchen, auf den Richtplätzen 
ihnen freimüthig zuzurufen, und sie mit schriftlichen Worten zu 
trösten und zu stärken." — 

?j Die Tyrannen sind in ihrem Vorhaben ge- 
täuscht worden; indem sie glaubten, die Widerstehenden zu ver- 
tilgen, haben sie im Gegontheil mehr Arbeiter erweckt, donn viele 
Zuschauer der Hinrichtungen der unschuldigen Leute von gutem 
Namen und Ruf sind durch dieselben zum Nachdenken und zur 
Bekehrung gobracht worden." 



239 

„Mit jenem Eifer," heisst es dann weiter, „steht nun die 
Lauheit des jetzigen Geschlechts im Widerspruch. "Wie viele giebt 
es, welche im Glauben matt und träge geworden sind! In den 
frühern Zeiten suchte man mit Gefahr seines Lebens in Ecken und 
Winkeln, in Feld und Busch zu einander zu kommen und wie er- 
quickend war damals jede Stunde, wo man zusammen kam, um 
sich im Glauben zu stärken! Wie durstig waren die Seelen nach 
göttlicher Speise! Des Leibes Güter vermochten wenig Trost zu 
geben, denn sie waren gänzlich unsicher, deshalb trachtete man 
um so mehr nach himmlischem Reichthum." 

„Wie aber jetzt? Die zeitlichen Geschäfte haben den Vorrang! 
Die Einfalt ist in Prunk und Pracht verwandelt! An Gütern 
dieser Welt ist man zwar reicher, aber die Seele verarmt! Die 
Kleider sind kostbar, aber die inwendige Zier ist dahin ! Die Liebe 
ist erkaltet, und die Zwistigkeiten haben zugenommen! Meint ihr, 
Gott werde das allezeit so ansehen?" 

„Prüft einmal, wie euer Herz beschaffen ist. Durchpflügt 
euer tiefstes Innere und schaut, wohin eure Neigungen gehen, ob 
sie, auf Erden leicht befriedigt, die Wolken durchdringen, oder in 
der Erde wühlen, um sich Reichthümer zu sammeln. Willst du 
dioses erforschen, so suche bei allen Vorgängen deine Absichten 
und Gedanken zu erkennen, nämlich wie ängstlich und muthlos 
du bist, wenn böse Zeiten und Widerwärtigkeiten drohen, und wie 
sicher du dahin lobst, wenn es vor dem Winde geht, wie sehr 
die Liebe zu irdischen Dingen dich geistig träge und müssig 
macht, wie du lieber grossen Streit und Processe führen, als 
von deinem Rechte zurücktreten und Schaden leiden würdest, wie 
viele Zeit deinem gebührenden Gottesdienste Abbruch ge- 
schieht durch irdische Abhaltungen; dann wirst du bald erfahren, 
wie wenig du noch gestritten hast. Denn obwohl die Verfolgungen 
von Aussen aufgehört haben, so ist dennoch der Christ berufen 
zum Leiden und zum Streiten in dieser Welt." 

„In den Zeiten der Verfolgung waren die Worte alle Zeit 
erbauliche Belehrungen, Ermunterung zur Frömmigkeit, Verherr- 
lichung Gottes und Ermuthigung zur Standhaftigkeit. Forschet 
einmal nach, ob ihr in jetziger Zeit eure Zunge nicht dazu her- 
gegeben habt, durch unnützes Geklatsch zu gefallen, ob ihr der 
Religiosität dadurch hinderlich oder förderlich gewesen seid, ob 



240 

ihr euros Nächsten guten Ruf nicht geschädigt und eure Zunge 
im Zaum gohalten habt, überhaupt wozu ihr die kostbare Zeit jetzt 
angewendet habt; wie viel durch unnöthige Sorge und Arbeit ver- 
loren gegangen und wie wenig für den Gottesdienst übrig ge- 
blieben ist." 

„Ihr werdet finden, dass das Fohlen der Zuchtruthe don 
Menschen oft ruchlos und zügellos macht. Das Gefährlichste ist 
aber, dass Wenige sich selbst prüfen. Unwissend sind Viele, arm, 
nackt und blind!" 

Von Hans de Ries, welcher diese Worte wahrscheinlich selbst 
geschrieben hat, sagt eine ihm gehaltene Grabrede: „er war von 
Gott mit besonderen Gaben goschmückt, seine feurigo Beredsamkeit, 
sein grosser Verstand und Scharfsinn rissen zur Bewunderung hin. 
Er hatte Kraft die Herzen zu fassen und zu erwecken und bewies 
in Allem grossen Ernst, Eingezogenheit und Gottesfurcht" Hans 
de Ries hatte in früherer Zeit den Märtyrertod eines seiner Frounde 
mit erlebt und hatto dabei den Flammen dos Scheiterhaufens ganz 
nahe gestanden. Er selbst, in Bogleitung seiner Frau verfolgt, 
war nicht geflohen, sondern hatte zu den Häschern gesagt: „Da 
sind wir, thut an uns, was ihr fttr gut findet, wir sind getrost" 
Das hatte einen solchen Eindruck auf die wahrscheinlich nicht 
spanisch gesinnten Verfolger gemacht, dass sie davon abstanden, 
sie gefangen zu nehmen. 

Die letzte und vollständigste, in mehreren Ausgaben ver- 
breitete Bearbeitung dieses Buches lieferte der Prodiger der Tauf- 
gesinnten zu Dortrecht, Tileman van Bracht, wie schon erwähnt, 
in einem dicken, mit vorzüglichen Kupferstichen von Jan Luiken 
ausgestatteten Folianten unter dem Titel: Het bloodig tooneel of 
Martelaars-Spiegel der Doops-Gezindon, of weerloose Christenen. 
Amsterdam 1659. Als Hausbuch neben der Bibel diente es den 
Mennonitenfamilien in Europa zur stärkenden Erinnerung an ihre 
Glaubenshelden und als Erbauungsbuch. Es war zu demselben 
Zwecke in den neuen Gemeinden Pennsylvaniens ebon so gut, 
damals vielleicht noch mehr am Platzo, und konnte auch ihnen, 
und namentlich ihrer Jugend, da sie ausser der Bibel nur wenige 
Erbauungsbücher hatten, als Quelle geistiger Nahrung und 
Stärkung dienen. Wie sehr sie dieser bedurften, sollte sich bald 
genug zeigen. 



24i 

Ihre steigende Wohlfahrt, von welcher obige That ein reden- 
des Zeugniss ist, erregte die Raublust der Indianer, neunzehn 
Familien, die sich bereits weiter im Innern des Landes, in 
Virginien, angesiedelt hatten, wurden von denselben überfallen und 
ausgeraubt. Die Ueberlebenden flüchteten nach Pennsylvanien zu 
den Glaubensbrüdern zurück, doch auch hier überfielen die Indianer 
die Ansiedler, zweihundert Familien wurden ihres Eigenthums 
beraubt und fünfzig Menschen getödtet 

Nun galt es, aufs neue mit thatkräftiger Hand das Yerlorene 
zu ersetzen, doch woher die Mittel? Ihre hülfesuchenden Blicke 
richteten sich wieder übers Meer zu den holländischen Brüdern. 
Zwei Männer, Johannes Schneider und Martin Funk*), letzterer 
wahrscheinlich ein Nachkomme der mährischen oder schweizer 
Brüder, wurden als Abgeordnete nach Holland geschickt, um bei 
der Kommission voor buitenlandsche nooden Hülfe zu suchen. 
Am 8. December 1758 langten sie in Amsterdam an und über- 
gaben ihren Brief, in welchem die Unglücksfälle und der 
dadurch herbeigeführte Nothstand geschildert und um Beistand 
gebeten wurde. Der Inhalt desselben sowie die Persönlichkeit 
der beiden Ueberbringer, welche mündlich die erduldeten Leiden 
schilderten, machten auf die Kommission einen tiefen Eindruck. 
Der Brief war unterzeichnet von Michael Kaufmann, Jakob 
Borner, Samuel Böhm und Daniel Staufer, letzterer dem Namen 
nach zu urtheilen einer der aus der Heimath verwiesenen Schweizer. 
Nach kurzem Aufenthalt wurden die Bittsteller mit einer ansehn- 
lichen Summe Geldes nebst Reisegeld und Mundvorrath wieder 
entlassen, und schifften sich, nachdem sie wahrscheinlich in Holland 
Saatkorn und Goräthe eingekauft hatten, wieder ein, um nach 
Pennsylvanien zurückzukehren. 

Seit der Zeit hörten die unmittelbaren Beziehungen zwischen 
den pennsylvanischen und niederländischen Mennoniten auf, aber 
aus andern Nachrichten erfuhren Letztere, dass die Ansiedlung in 
Virginien im Jahre 1786 als eine besondere Gemeinde aufgeführt 
wurde, sowie dass damals in Pennsylvanien, ausser Schiebach und 
Germantown, bereits siebenzehn Mennoniten-Gemeindon existirten. 

*) Das Geschlecht Funk ist noch jetzt in Amerika, in Lithauen und, 
wenn wir nicht irren, auch in deutschen und russischen Gemeinden in ßlüthe 
und Ansehen. 

16 



Sechste Abtheilung. 

Die Anfänge der Gemeinden in Preussen und ihre Fortbildung 

bis Ende des 18. Jahrhunderts. 

In Ostpreussen hatten sich der Bischof von Samland im 
Jahre 1524, und der Hochmeister des deutschen Ordens, Albrecht 
von Brandenburg, erster Herzog von Preussen, 1525 für die Re- 
formation erklärt. Der Boden war schon hundert Jahre früher 
durch die von den Ordensrittern begünstigten Hussiten dazu vor- 
bereitet worden. Da hier indessen nicht sofort eine einzelne mass- 
gebende Persönlichkeit auftrat, wie Luther in Sachsen und Zwingli 
und Calvin in der Schweiz, die bestimmend auf die religiöse 
Strömung einwirkte, sondern lediglich jeder für sich die Schriften 
der Reformatoren las, so fanden die Anhänger der kleineren, bereits 
deutlich ausgeprägten Sekten hier nebon den durch die Anhänger 
Luthers und Zwingiis gebildeten grossen protestantischen Religions- 
parteion leichter Duldung. 

In Westpreussen, welches sich von dem Orden losgesagt und 
sich unter die Herrschaft des Königs von Polen bogebon hatto, 
fand die reformatorische Bewegung ebenfalls einen fruchtbaren und 
günstigen Boden. Obwohl dor Landesherr der katholischen Kirche 
treu blieb, waren doch viele Grosso des Landes der protestantischen 
Partei zugethan, und ihr eine mächtige Stütze. Katholiken und 
Protestanten stritten um die Herrschaft, aber keine Partei hatte 
die Macht, entscheidend aufzutreten. Dadurch begünstigt, weil im 
Geräusch der Parteien nicht bemerkt, Hessen sich manche ver- 
triebene Taufgesinnte und andere, die sich nicht in die Kirchen- 
bildungen der Lutheraner, der Zwinglianer und Galvinisten ein- 
reihen lassen wollten, hier nieder. "Weder in Ostpreussen noch in 
Polen gab es damals oine Macht, die den Willen gehabt hätte, 
Jemanden seines Glaubens wegen zu vorfolgen oder zu tödten. So 
weiss man, dass im Jahre 1526 schon taufgesinnte Familien in 
der Stadt Marienburg, dem Sitze der Ordensritter, sowie auch in 



243 

der Umgegend derselben ansässig waren, nur dadurch, dass sie 
von den Katholiken zu persönlichen Abgaben an deren Kirche 
herangezogen wurden, die sie auch willig leisteten und deren 
Leistung später den Rechtsgrund abgab, sie auch ferner von ihnen 
zu heben*). 

Nach diesem gelobten Lande, wo man nicht Gefahr lief, wegen 
seines Glaubens am Leben gestraft zu worden, strömten nun von 
allen Seiton zu Wassor und zu Lande Taufgesinnte und andere 
Verfolgte in ähnlicher Weise wie nach Ostfriesland, und zwar in 
so grossor Zahl, dass der preussische Geschichtsschreiber Hartknoch 
sagt: „Wenn nicht im Jahre 1531 der Satan sich bemüht hätte, 
dio Sakramentiror von ausserhalb ins Land zu schicken, so hätte 
die Reformation Luthers, nach dem Wunsche des Herzogs Albrocht 
und der Bischöfe Preussens, einen guten Fortgang gewinnen 
können." 

Hier mochte denn wohl die Stätte sein, auf welche Jakob 
Hutter hoffte und in einem Schreiben an den Statthalter von Mähren 
hindeutete, als die mährischen Brüder, ihres Eigonthums beraubt, 
bolastot mit den Wittwen und Waisen, deren Versorgor der Profoss 
des Kaisers gemordet hatte, in Wälder und Wildnisse hinaus ge- 
trieben worden waren und keine bleibende Stätte hatten; denn am 
Schlüsse dieses rührenden und zugloich von heiligem Zorn erfüllten 
Briefes heisst es: „Wir kennen keinon Ort, wo wir sicher leben 
können ; überall erwarten uns Verfolgung und Tod, und uns bleibt 
keine Zuflucht, wenn Gott uns nicht einen besondern Ort zeigt, 
wohin wir fliohon mögen." Hartknoch erwähnt, dass namentlich 
auch viole Anhänger von Huss aus Böhmen und Schlesien in 
Preussen eingewandert seion. So waren es auch böhmische und 
mährischo Brüder, zu donen sich später Waldenser gesellten, welche 
im Kreise Marionburg damals ein Hammerwerk gründeten. Sie 
hatten jedoch schon Unterdrückung von Seiten des Klorus zu er- 
leiden. Nur bei Stern- und Mondlicht, heisst es, konnten sie wogen 
der Verfolgung des Klerus in ihrem Hammorwerk ihre Hämmer 
schwingen. Das Work erhielt dadurch dio Benennung Hammerstorn 
und war der Anfang der jetzigen Stadt Hammerstoin. Ferner 



*) Siehe Reiswitz und Wadzeck, Beiträge zur Kenntnis» der Mennoniten- 
gemeinden. Berlin, 1821. 

16* 



244 

erschienen in diesen Gegenden ihres Glaubens wegen vertriebene 
Niederländer, Batavi vagantes, später auch Clarici genannt. Den 
flüchtenden Niederländern stand freilich nur der Weg zur See 
offen, dieser bot aber wegen des Schiffsverkehrs der Niederlande 
mit den Ostseehäfen, ähnlich wie nach Emden, fortwährend 
Gelegenheit, zu entkommen. Dass die Zahl der Flüchtlinge 
gerade damals sehr gross gewesen sein muss, ist daraus ab- 
zunehmen, dass in Folge der verschärften Plakate des Kaisers in 
dem einen Jahro von 1534 bis 1535 allein in den südlichen 
Provinzen der Niederlande 30 Taufgesinnte den Märtyrertod 
starben ; unter diesen waren zehn Frauen und junge Mädchen. 
Das gegen sie gefällte Urtheil lautete für alle nach dem Sen- 
tentieboek: „Der N. N. hat sich aufs neue taufen lassen und 
hat die Sakramente der heiligen Kirche verachtet, entgegen dem 
Glauben der Kirche und den verbrieften Rechten und Plakaten dos 
Kaisers, unsers gnädigen Herrn, deshalb u. s. w. a Diese waren 
also keineswegs solche, die zu den schwärmerischen und auf- 
rührerischen Anabaptisten gehörten. Das Flüchten wurde so stark, 
dass die Königin Regentin schon 1533 die Verordnung erliess, dass 
man der grossen Menge dioser (stillen) Taufgesinnton wegen etwas 
durch die Finger sehen müsse, um die Entvölkerung des Landes 
zu verhüten, namentlich bei denen, welche sich noch nicht aufs 
neue hätten taufen lassen, obwohl sie mit den Wiedertäufern eines 
Sinnes seien. Die Anzahl der in den Niederlanden der Kirche ab- 
trünnig gewordenen war bereits 1524 durch den Einfluss der 
Schriften Luthers nach dem Berichte Peters von Thabor, Mönch in 
dem Kloster Thabor oder Thires bei Sneek, ein Zeitgenosse Mennos, so 
stark geworden, dass der Papst in demselben Jahre deswogon ein 
geheimes Goncil abhielt. Man beschloss, und verkündigte in Folge 
dessen in den Niederlanden, dass der Papst allen um Gottes Willen, 
ohne Geld, Ablass von allon Sünden ertheilen wolle, wenn sie zur 
Beichte gingen, die Fasten hielten, nach der Vorschrift der Kircho 
beteten und das Sakrament des Abendmahls nicht versäumten. 

So wurden die besten Bürger aus dem Lande getrieben und 
bereicherten andere Länder durch ihren Fleiss und ihre Kennt- 
nisse. Preussen, Polen und Ostfriesland waren die Sammelplätze 
der flüchtigen deutschen, niederländischen und englischen Tauf- 
gesinnten, zu welchen sich noch die Anhänger Schwenkfelds gesellten. 



245 

Unter den nach Ostfriesland gekommenen Flüchtlingen aus Flandern 
befanden sich wahrscheinlich auch Waldenser, welche sich während 
der grossen Verfolgung im 13. Jahrhundert überall hin zerstreut 
auch nach Flandern geflüchtet hatten, und, wie schon früher er- 
wähnt, hier Tisserands oder Weber hiessen. Es liegt deshalb die Ver- 
muthung nahe, dass die flämischen Taufgesinnten, welche sich in dem 
damaligen Flecken Leer und in Leerort in Ostfriesland niederliessen, 
waldensischen Ursprungs sind, da sie hier in den Kellern ihrer 
Häuser Webereien errichteten. Die Stadt Leer verdankt ihr Empor- 
kommen hauptsächlich diesen Tisserands. Diese Yermuthung wird 
dadurch bestärkt, dass die Mennonitengemeinde zu Leer eine 
„flämische" war und dass Waldenser sich schon 1509 den Grenzen 
Ostfrieslands genähert hatten, denn in diesem Jahre starb einer 
derselben in Holstein den Märtyrortod. Viele Waldenser waren 
auch von Flandern nach Deutschland geflüchtet, und zwar, wie 
geschichtlich feststeht, nach Köln. 

Doch kehren wir von dieser Abschweifung nach den Ostsee- 
ländern zurück. Den Herzog Albrecht von Preussen machte der 
Zuzug so vieler Täufer bedenklich; vielleicht fürchtete er Excosse, 
wie die in Mittel-Deutschland durch Thomas Münzer verübten. 
Er schrieb deshalb 1532 an Luther, er möge ihm doch rathen, was 
er mit den Sakramontirern und Rottengeistern thun solle, damit 
das Uebel nicht weiter einreisse. Luther, der alle Anhänger der 
Erwachsenentaufe in einen Topf warf und von ihnen nichts wissen 
wollte, gerieth in Besorgniss, dass auch in Preussen seine Sache 
durch sie gefährdet werden könne. Daher antwortete er dem 
Herzog, obwohl er krank war, sogleich wie folgt: „Derhalben ist 
mein treuer christlicher Rath, Euer Fürstliche Gnaden gehen 
ihrer auch müssig, denn da ist kein Ende des Disputirens und 
Plauderns." 

Der Brief schliesst mit diesen Worten: „Derohalben er- 
mahne ich und bitte ich, Euer Fürstliche Gnaden wollen solch 
Leut meiden und sie im Lande nicht leiden, nach dem Rath 
St. Pauli und des heiligen Geistes. Denn Euer Fürstliche Gnaden 
müssen gedenken, wo Sie solche Rottengeister würden zulassen 
und leiden, so Sie es doch wehren und vorkommen können, würden 
Sie Ihr Gewissen gräulich beschweren und nimmer wieder her- 
stellen können, nicht allein der Seelen halber, die dadurch ver- 



246 

führet und verdammet würden, welche Euer Fürstliche Gnaden 
wohl können erhalten, sondern auch der heiligen Kirchen halber, 
wider welcher so lang hergebrachten und allenthalben gehaltenen 
Glauben und einträchtig Zeugniss etwas zu lehren gestatten, so 
man es wohl konnte wehren, eine unerträgliche Last dos Gewissens. 
Ich wollte lieber nicht allein alle Rottengeister, sondern alle Kaiser, 
Könige und Fürstenwoisheit und Recht wider mich lassen zeugen, 
denn ein Jota oder Tittol der ganzen christlichen Kirche wider 
mich höhren und sehen." 

Der Herzog indessen befolgte den Rath Luthers nicht, weil 
er die friedlichen, stillen und fleissigen Leute, als welche er die 
Täufer allmählig kennen lernte, nicht fortschaffen wollte, ja, sich viel- 
mehr zu ihnen hingezogen fühlte. Dies erhellt daraus, dass der Pre- 
diger der altstädtischen Kirche in Königsberg, Polyander, darüber 
klagte, dass der Herzog ihn nicht mehr so achte wie früher und 
seine Kirche und Predigten seltener besuche, seitdem er die Schwärmer 
höre. Der Freund und Diener des Herzogs, Friedrich von Heidek, 
hielt sich mehr zu den dortigen Anhängern Schwenkfelds, auch 
alle rechtschaffene und ernste Leute. 

Die Täufer wurden damals zu einem Religionsgespräch auf- 
gefordert, ob durch den Herzog oder durch die lutherischen Pre- 
diger oder anderweitig, ist ungewiss. Sie entsprachen der Auf- 
forderung. Als Sprecher stellten die Deutschen ihren Lehrer 
Fabian Eckol von Liegnitz, während Peter Zäncker von Danzig 
wahrscheinlich der Sprecher der Niederländer war. Ihnen wurde 
der Bischof von Pomesanien, Paulus Speratus, der Pfarrer der 
Altstadt in Königsberg, Polyander, und der Prediger in Löbenicht, 
Michael Maurer, gegenüber gestellt. 

Freiberg berichtet über das Gespräch im „Erläuterten 
Preussen*): Die Täufer hätten gar spitzige und scharfsinnige Ar- 
gumente vorgebracht und mit ihrer Vernunft und Klugheit wider 
Gottes Einsetzungen viel auszurichten vermeint, man habe sie 
aber bald zum Stillschweigen gebracht. Ein anderer Bericht lautet, 
„man brachte die stillen Bekenner Jesu bald zum Schweigen." 
Die Prodiger hatten im voraus schon beschlossen, sie zu verdammen, 
hatten aber christlich gestattet, dass sie doch nicht ungehört ver- 



*) Siehe Reiswitz, S. 20. 



247 

urtheilt werden sollten. Das Colloquium fand in Rastenburg statt ; 
Bruchstücke der Protokolle sind in der Wallenrod'schen Bibliothek 
in Königsberg vorhanden. Bei alledem verfolgte man die Täufer, 
welche man für besiegt erklärte; hier nicht so hart und blutig wie 
anderwärtig und so setzten sie sich bald allerorten fest, die Flamländer 
als geübt in Industrie und Gewerbe wohl meistens in den Städten, 
während die Friesen, als des Landbaues, der Entwässerung und des 
Deichbaues, und, sofern sie aus der Provinz Groningen waren, auch 
der Eultivirung der Moore kundig, sich auf dem Lande ansiedelten. 
Letztore erwarben mittelst ihrer geretteten Baarschaft auf den 
königlichen Starosteien in Polen Oekonomien und Tafelgüter, oder 
fanden auf adligen, ja sogar auf bischöflichen und Klostergütern 
Aufnahme. 

Die solchermassen in Sicherheit lebenden Taufgesinnten zogen 
bald Freunde und Verwandte nach sich und suchten namentlich 
ihr Gemeindeleben zu ordnen. So mochte es denn kommen, dass 
Menno, als er 1546 aus Köln fliehen musste, sich nach den Ostsee- 
ländern begab, da er dort nicht allein seines Lebens sicher sein 
konnte, sondern auch sofort ein reiches Arbeitsfeld vorfand. Er 
hielt sich in diesen Gegenden sieben Jahre auf, wahrscheinlich 
als Wanderprediger und Bischof überall die Gemeinden ordnend, 
und kein geringerer als er hat anfangs die Jugend unterrichtet 
und getauft Er kam bis Livland hinauf und wirkte vielleicht 
auch in Finnland. Im Jahre 1549 zeigen sich schon geordnete 
Gemeinden, denn Menno schrieb von Wismar aus, wo er 1547 
seinen ständigen Aufenthalt genommen hatte, den 7. October 1549 
einen Brief an die „Gemeinden in Preussen", von denen der Ge- 
schichtsschreiber Grichton annimmt, dass sie in den niedern Gegen- 
den zwischen dem Haff, der Weichsel und der Ostsee ansässig 
waren. Der Ort ist nämlich in dem Briefe nicht angegeben, viel- 
leicht weil er geheim bleiben sollte, meint Crichton, denn unan- 
gefochten lebten die Taufgesinnten auch hier nicht mehr. Wenn 
wir uns die geflüchteten Taufgesinnten, welche sich in diesen 
Landstrichen zusammengefunden hatten, vorstellen, so müssen wir 
uns sagen, dass es für Menno und seinen Gefährten Dirk Philips 
eine schwierige Aufgabe gewesen sein muss, sie zu Gemeinden zu 
ordnen. Neben mährischen und böhmischen Brüdern waren deutsche 
vom Rhein vorhanden, die zugleich mit Menno hierher geflüchtet 



248 

sein mochten, denn es lässt sich denken, dass, als die Taufgesinnten 
aus Köln ausgewiesen wurden,' viele Freunde und Glaubensbrüder 
sich jenem anschlössen. Zu diesen kamen die Flüchtlinge aus 
Flandern, aus Holland, Westfriesland und dem Groningerlande. 
Die Verschiedenheit des Stammes und der Nationalität war eben 
so gross als die an Sprache, Sitten, Herkommen, Bildungsgrad und 
Besitz. Eins aber umschlang sie Alle gemeinsam, das Streben nach 
dem Yorbilde der ersten christlichen Gemeinden allein auf dem 
Boden des Evangeliums, unabhängig von allen kirchlichen Ueber- 
lieferungen und unabhängig vom Staate, ihres Glaubens einfach 
und fromm zu leben, und das Bewusstsein, dafür gleichmässig ge- 
litten zu haben. Nichts aber schliesst enger zusammen als gemein- 
sames Leid und gemeinsame Noth. Dazu kam noch bei den 
Deutschen, dass sie keinen hervorragenden Führer hatten und sich 
freuen mochten, in Menno einen gefunden zu haben, der den Er- 
innerungen entsprach, die ihnen von Manz, Grebel, Michael Sattler 
und so vielen andern geblieben waren. Ausserdem hatten die 
niederländischen Flüchtlinge sowohl durch ihre grössere Anzahl 
als mit Beziehung auf Intelligenz, Kenntniss, Bildung und Mittel 
entschieden das Uebergewichi Demgemäss schlössen jene sich 
ihnen leicht an und ordneten sich ihnen unter. Kamen die Nieder- 
länder doch aus einom Lande, welches an Reich th um, an Kultur, 
an Gowerbthätigkeit und Handel am höchsten stand in ganz Europa. 
Die grösste Schwierigkeit bei der Organisirung der Gemeinden 
lag in der Zerstreutheit der taufgesinnten Familien. In den Jahren 
1545 bis 1550 wohnten die meisten in den Umgegenden von 
Danzig, Elbing, Königsberg, in diesen Städten und an der Weichsel 
entlang. Weniger Mühe machten ihnen ihre sonntäglichen 
Zusammenkünfte zur gemeinsamen Andacht nach dem Worte des 
Herrn: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, 
da bin ich mitten unter ihnen." Ein Lokal war leicht gefunden 
in dem Hause dieses oder jenes Bruders, und wo sie bereits in 
grösseren Gruppen zusammen wohnten, stellten die Niederländer 
vielleicht in der Kürze das Lokal zum Gottesdienst in einer Scheune 
oder sonstigem Gebäude so her, wie sie es im Yaterlande unter 
steter Verfolgung gewohnt gewesen waren. Eine kleine Empore 
wurde gemacht, auf welcher hinter einem Pult oder Tisch der 
Lehrer oder Frediger stand, und an jeder Seite die Diakonen sassen. 



249 

Davor reihten sich die Bänke der Brüder und Schwestern, und 
das Evangelium war der Mittelpunkt, in welchem sie Kraft und 
Trost suchten für die Anforderungen der Wochentage, nachdem 
sie durch gemeinsames Gebet den Geist Gottes sich nahe gebracht. 
Dies allein und nichts andres ist im Stande, den Menschen in den 
Stürmen des Lebens aufrecht zu erhalten. 

Wir sagten, dass die Taufgesinnten auch hier nicht unan- 
gefochten lebten. Dieses zeigte sich bald in Elbing und Umgegend, 
wo viele von ihnen auf Pachtgütern wohnton. Veranlassung dazu 
war der Neid. Die Bürger Elbings beklagten sich beim Könige 
von Polen darüber, dass „die Holländer und Wiedertäufer" ihnen, 
den Bürgern, das Brod wegnähmen. Der König Hess deshalb dem 
Rath der Stadt den Befehl zugohen, dass jene innerhalb vierzehn 
Tage die Stadt und das Stadtgebiet räumen sollten. Da aber der 
Rath keinen Ernst machte, drangen die Bürger aufs neue auf 
die Ausführung des Befehls, doch der Rath suchte auch dann noch 
die Sache hinzuhalten, vielleicht auf Yeranlassung der Gutsherren, 
deren Pächter die Mennoniten waren, indem er sagte, es sei grau- 
sam, sie plötzlich zu entfernen, sie sollten indessen gehalten sein, 
um Ostern des folgenden Jahres abzuziehen. Als sie aber auch 
im folgenden Jahre nicht fortzogen, wurden die Klagen wieder- 
holt, worauf der Rath erwiederte, dass, da die Mennoniten ihr 
Korn gesäet hätten, es billig sei, dass man die Erntezeit abwarte. 
Und auf eine dritte Klage setzte der Rath wieder einen entfernten 
Termin fest, mit der Bemerkung, es sei christlicher und besser, 
ihre Seelen zu retten, als sie plötzlich hinweg zu schaffen. 

1559 wurde durch den Markgrafen Albrecht im östlichen 
Preussen ihre Ausweisung geboten, doch auch diese scheint nicht 
durchgeführt zu sein, denn 1579 reichten die Mennoniten beim 
Markgrafen Georg Friedrich ein Gesuch ein, sich in Königsberg 
und andern Orten des Herzogthums niederlassen zu dürfen und 
übergaben dabei ihre Glaubensartikel. An der Form der auf diese 
Bitte erfolgten Weigerung sieht man, dass sie nur zögernd und 
gleichsam entschuldigend abgegeben wurde, donn der Fürst Hess 
den Bittstellern sagen, „er sei auf sein Gewissen verbunden, 
darauf zu sehen, dass bei den Unterthanen ein einhelliger 
Konsens und Gleichförmigkeit der Religion erhalten werde, da 
dies der Landeskonstitution und den Privilegien gemäss sei" 



250 

Demgeraäss wurde befohlen, dass die Mennoniten sich vor das Kon- 
sistorium stellen und ihres Glaubens wegen oxaminiren lassen 
sollten. Wenn sie sich nicht zu der Konfession der herrschenden 
Kirche Preussens bokennen wollten, so sollten sie bis zum ersten 
Mai (in vier Monaten) die Stadt räumen, „bei Vermeidung harter 
Leibesstrafe oder Verlust ihrer Güter." 

Doch auch diese Verordnung scheint nicht durchgeführt worden 
zu sein, denn die Mennoniten blieben nicht allein, sondern setzten 
sich immer mehr fest. Die Pachtgütor, welche sie in der Nähe 
Elbings inne hatten, waren durch ihren Fleiss sehr empor ge- 
kommen, und da sie meist Holländer waren, so veranlasste dies 
die Besitzer eines sumpfigen, mit Gestrüpp und Binsen bewachsenen 
Landstrichs, Tiegenhoff genannt, sich auch nach Holländern um- 
zusehen, zum Zwecke dor Aufbesserung ihres Eigonthums. Dieso 
Grundbesitzer, Hans und Simon von Loisen, wandten sich an 
niederländische Taufgesinnte, und so kam in den Jahren 1562 
bis 1570, wo die Verfolgung namontlich in den südlichen Provinzen 
dor Niederlande in verschärftem Masze stattfand, viel Zuzug von 
Flüchtlingen nach Preussen, Landleute sowohl als Gewerbe- 
treibende, und der erwähnte Landstrich wurde von des Deichbaus 
und dor Entwässerung kundigen niederländischen Taufgesinnten in 
Angriff genommen. 

Diese fanden nun schon geordnete Gemeinden vor, in denen 
Dirk Philips und ein anderer Lehrer, Namens Hans Sicken, thätig 
waren. Dirk Philips wurde damals sowohl seitens der flämischen 
als seitens dor friesischen Taufgesinnten in Friesland flehentlich 
gebeten, zu ihnen zu kommon, um den zwischen beiden Parteien 
in Folge des taktlosen Benehmens der Schiedsrichter wioder aus- 
gebrochenen Streit (siehe S. 134) zu schlichten. Er möge doch, 
schrieben ihm die Friesen durch einen ihrer bedeutendsten 
Lehrer, Hoite Ronix, mit allen seinen Angehörigen kommen, wie 
Jakob in Egypten. Sie wollten ihn in Friesland, seinem Vater- 
lande, als einen alten lieben Vater versorgen und ihm dienen sein 
Leben lang. 

Die beiden Lehrer der preussischen Gemeinden, Dirk Philips 
und Hans Sicken, anscheinend noch von einigen anderen begleitet, 
reisten nun im Auftrage dieser Gomeindon ab, um die Parteien zu 
versöhnen und Recht zu sprechen. Sie begaben sich zuvörderst 



251 

nach Emdon, als einem sichern Orte, und begannen von dort aus 
die Verhandlungen, mit der Forderung, dass die bisherigen Schieds- 
richter, Hoite Renix, S. Willems und Ltibbert Gerrits, ihr Amt 
niederlegten. Deren Gemeinden aber protestirten dagegen und 
baten Dirk Philips, zu ihnen herüber zu kommen. Da er aber 
nicht kam, reisten einige von der Partei der Friesen nach Emdon, 
um hier die Sache mit ihm zu verhandeln. Philips aber erklärte, 
dass er nur in Gegenwart ihrer Gegenpartei, der Flaminger, in der 
Sache verhandeln könne. Darüber wurde einer der Friesen so 
hitzköpfig, dass er Philips sogar die Brüderschaft aufsagte. Die 
Briefe aber, welche Philips darauf an Hoite Renix und an die 
Flaminger schrieb, wurden von diesen als rechtskräftig angesehen. 
Der Streit wurde damals nicht beigelegt, und die der Partei der 
Friesen und der Flaminger angehörigon Taufgesinnten in den 
Niederlanden schieden sich vorläufig streng von einander. 

Dirk Philips blieb in Emden, und erliess einige Sendschreiben, 
welche auf diesen Streit Bezug hatten, vielleicht die folgenden: 
„Van de geestelijke restitution", Van de regte kennisse Jesu Christi", 
„Eene lieflijke vermaninge over de waarachtige kennisse Gods". Auch 
sein Handbüchlein oder Enchiridion, seine Schrift von der christ- 
lichen Ehe u. a. m. erschienen damals. 1570 starb er in Emden, wo seine 
Hülle auf dem Friedhofe des Franciskanerklosters beigesetzt wurde. 
Die durch ihn und Menno geordneten Gemeinden in Preussen 
treten um diese Zeit bereits deutlicher hervor. 1560 finden sich 
daselbst schon drei Gemeinden mit einem Aeltosten, Hans van 
Swinderen, welcher wahrscheinlich durch Menno oder Philips in 
seinen Dienst eingesetzt worden war. Mit diesem beginnend wurde 
ein Verzeichniss dor Aeltesten und Lehrer der Mennoniten in 
Preussen angelegt, welches bis heute ununterbrochen fort- 
gesetzt ist. 

Nach der Abreise Dirk Philips' aus Preussen war Quirin 
van der Meulen in Danzig Aeltester und zwar in dem Theil des 
Stadtgebiets, welcher Schotland hiess. Er Hess dort auf eigene 
Kosten Bibeln drucken, welche schotländische Bibeln hiessen. Ein 
zweiter Aeltester in einer anderen Gomeinde war Hillchen Schmidt 
K^th\ (Hiltjo Smid), wahrscheinlich ein Friese. 

Im Jahre 1586 existirten zu Marienburg, in den Niederungen 
der Weichsel, zu Thorn, Graudenz und Danzig bereits fünf 



252 

Gemeinden, trotzdem im April 1572 in Danzig ein Edikt an den 
Artushof angeschlagen worden war, wodurch allen Fremdlingen 
befohlen wurde, bis zu Pfingsten desselben Jahres die Stadt zu 
räumen. Alle Wirthe, die fremde Leute beherbergten, wurden 
auf ihr Gewissen verpflichtet, fleissig Acht zu geben, dass kein 
Sakramentirer oder Schwärmer in der Stadt und ihrem Gebiete 
sich aufhielte. Der katholische Bischof von Suavien aber, dem 
Schotland gehörte, und das Brigittenkloster zu Danzig, dessen 
Eigenthum Schied litz war, gewährten den Mennoniten auf diesen 
ihren Besitzungen bei alledem gerne Duldung. Das kam nun wohl 
keineswegs aus grösserer Toleranz, sondern hatte seinen Grund 
vielmehr darin, dass die Mennoniten durch ihre Bewirthschaftung 
den Werth der Liegenschaften erhöhten und diese Ortschaften 
Danzig gegenüber empor brachten. Die Unduldsamkeit in Danzig 
war auch nicht der Religion halber entstanden, sondern Brodneid 
war auch hier wohl ebenso die Ursache wie in Elbing. 

Der erwähnte Aelteste der Gemeinde in und um Danzig, 
Quirin van der Meulen, wahrscheinlich flämischen Ursprungs, war 
ein thatkräftiger Mann, dessen strenger Leitung die Friesen sich 
jedoch nicht fügen wollten. Seine Gemeindeordnung, die vielleicht 
in Uebereinstimmung mit den flämischen Gemeindegliedorn ent- 
worfen war, griff zu sehr in das persönliche Freiheits- und 
Unabhängigkeitsgefühl der Friesen ein. Als darauf zwei an- 
gesehene Lehrer aus den Niederlanden in Danzig ankamen, Hans 
Burchard und Jacob van der Molen, traten diese den Flamingern 
energisch entgegen. Yon ihnen heisst es, sie hätten die Häupter 
der Flaminger so bekümmert mit Disputiren und Quälen, dass sie 
deshalb von ihnen gebannt seien. Im September des Jahres 1586 
fand eine Versammlung von Abgeordneten von fünf Gemeinden 
statt, vielleicht wegen dieser Sache. Man wandte sich wenigstens 
kurz nachher wegen derselben an die friesische Muttergemeinde 
in Haarlem um Rath und Beistand; die Haarlemer Gemeinde 
autorisirto darauf den andern Aeltesten Hillchen Schmidt, Quirin 
und die Flaminger auszuschliessen und so datirt von dieser Zeit 
die gemeindliche Trennung der Flaminger und Friesen in Danzig. 
Später haben sich, nach den vorliegenden Nachrichten zu schliessen, 
auch die Waterländer und die Deutschen als besondere Gemeinden 
abgetrennt. 



253 

Wie in den Niederlanden, so ging es auch in Preussen; der 
Glaube war im Grunde derselbe, was Trennungen herbeiführte, 
waren kleine Abweichungen der Ansichten, die in der Nationalität, 
in Sitten und Gebräuchen begründet waren. Durch die Zuzüge 
neuer Landsleute wurde jede Partei verstärkt und die Absonderung 
gefördert; sie konnte um so leichter bewerkstelligt werden, als 
man weder feste Andachtshäuser noch Kirchengüter hatte und in 
seiner persönlichen Freiheit durch nichts behindert war. Die drei 
letztgenannten Parteien machten alsbald erfolgreiche Versuche zur 
Annäherung und Einigung unter sich, die auch von Amsterdam 
aus durch den bekannten und geachteten Lübbert Gerrits brieflich 
unterstützt wurden. Diesem wurde die Friedonsstiftung mitgetheilt, 
worauf er am 19. December 1596 Namens dos Gemeinde Vorstandes 
antwortete. Aus dieser Antwort erfahren wir zugleich die Ursache 
der Entzweiung, denn os hoisst unter anderm darin: 

„Wir lassen unsre lieben Brüder und Diener der Gemeinde 
in Preussen wissen (die Gott zum Frieden geführt hat), dass wir 
Eure Schrift, darin Eure Friedensverhandlung erklärt wird, hier 
vor der Gemeinde verlesen haben, welches ihr eine grosso Freude 
gewesen ist, und haben Gott gedankt, dass er Euch in Herz und 
Gemüth gegeben hat, die verschiedenen Volksnamon (hieraus sieht 
man, dass die Yerschiedenheit der Nationalität eine der wesent- 
lichen Ursachen des Streites war), woraus so grosses Aergerniss 
kommt, zu beseitigen, so viol an Euch ist 

„Ach, dass Alle, die zu dieser Zeit nach dem hochwürdigen 
Namen Jesu sich nennen, die nun die Allergerechtesten und 
Heiligsten sein wollen, merken möchten, was die Ursache soi, 
warum -sie ihren Nächsten die Gemeinschaft entziehen, ihre Taufe 
und alle göttlichen Gebräuche verwerfen, sie nicht für Gottes Volk 
halten, und daneben sohen könnten die grossen Fehler und die 
ungleichen Moinungen, die unter ihnen selbst stattfinden (dies war 
wohl an die so strengen Flamingor gerichtet, welche nach wie 
vor abgesondert blieben), sie würden immerhin ein Einsehen er- 
halten und den Frieden mehr suchen, als sie thun. u 

Gegen Ende des Briefes heisst es dann weiter: 

„Deshalb, liebe Brüder, weil der Unverstand und Missverstand 
kein Unglaube ist, so achten wir, dass es besser vor Gott, und 
erbaulicher für den Menschen ist, dass man einander in Liebe 



254 

vertrage, in Kleinmuth tröste und in Unwissenheit entgegen komme, 
soweit es nicht gegen die Ehre Gottes, gegen die Kraft des Todes 
Christi und gegen den Grund des seligmachenden Glaubens verstösst. 
Und dieweil wir hiervon nun Anzeichen in dem von Euch ge- 
schlossenen Frieden sehen, so freuen wir uns und danken Gott, 
dem himmlischen Vater, dafür im Namen seines eingebornen Sohnes, 
dass er Eure Herzen also erleuchtet und bewogon hat, dass Ihr 
allen Unverstand zur Seite gesetzt und die rechte Art der gött- 
lichen Liebe, die gerne vergiebt und vorträgt, an einandor bewiesen 
habt, und dass or also in Euch gewirkt hat, dass das Werk der 
Liebe und des Friedens zu solchem guten Ende gebracht ist, und 
wünschen Euch Allen von Herzen, dass Ihr bei solcher Gesinnung 
des Friedens Euer Leben lang bleiben möget, und dass der Herr 
die Herzen von vielen andern auch erleuchten möge und bewegen 
wolle, um Euch hierin zu folgon (hier wird wohl wieder auf die 
Flaminger hingewiesen), auf dass Liebe, Friede und Einigkeit 
wachse und zunehme, viel Aergorniss und Lästerung woggenommen 
werde zur Beseligung vieler Menschen und zum Preise des Namens 
des Herrn." 

Diese neue vereinigte Gemeinde orhiolt später den ausge- 
zeichneten Lehrer und Prediger Jan Gerrits von Emden, welcher 
1607 von Haarlem, dos Streits in dieser Gomeinde müde, nach 
Danzig kam, um dort in Ruhe zu leben. Auf Wunsch der Danziger 
Gemeinde wurde er ihr Lehrer, und sie sowohl wie die umliegen- 
den Mennoniten-Gemeinden hatten roichen Segen von dem Wirken 
dieses Mannes. Er war freundlich und liebevoll gegen Jeden, 
dienstfertig und immer bereit, durchreisende Brüder gastfrei in 
seinem Hause aufzunehmen, oft mit Aufopferung seiner eigenen 
Bequemlichkeit. Es heisst von ihm, dass sein Umgang so tröst- 
lich, väterlich und friedlich gewesen sei, dass er als ein geistigos 
Salz unter Gottes Hülfe die Gemeindon jener Gegendon in gedeih- 
lichen, blühenden Zustand gebracht und erhalten habe. „Wie er 
von dem Feuer dos Eifers für diese christliche Gemeinschaft und 
das Haus des Herrn entzündet war, worden die am besten wisson, 
die mit ihm umgegangen sind, die um den Verlust eines solchen 
trefflichen Lehrers nicht geringe Betrüb niss hatten." 

Durch Jan Gerrits und durch die Wirksamkeit einer Reihe 



255 

tüchtiger Männer neben ihm und nach ihm und durch die gute 
Gesinnung und Willen in den Gemeinden selbst gelangten diese 
all mahl ig zu oiner festen Organisation, zu einem Fundamente, auf 
welchem sie sich mit Sicherheit weiter auf- und ausbauen konnten. 

Die holländischen Brüder hatten die Besitzung Tiegenhof 
kräftig in Angriff genommen, sio hatten Deiche aufgeworfon und 
Abwässerungskanäle angelegt, und so bedeutenden Erfolg erzielt, 
dass die Eigenthümer Eontrakte auf vierzig Jahre mit ihnen 
machten, welche in der Folge immer wieder erneuert wurden. 
Auch nahm ihre Anzahl in den Werdern so zu, dass der Bischof 
yon Kulm im Jahre 1608 sich darüber beklagte, dass die Marien- 
burger Werder mit Wiedertäufern und Samosatenern angefüllt 
seien. Dagegon traten nun die Magistrate von Danzig, Thorn und 
Elbing auf, indem sie sich auf die durch den König Sigismund 
bestätigte Warschauer Konföderation von 1585 beriefon, welche 
also lautete: 

„Wir versprechen uns untereinander für uns und unsre 
Nachkommen auf owig unter dem Eide unsrer Treue, Ehre und 
Gewissen, dass wir, die wir in der Religion von einander ab- 
weichen, Friede unter einander halten und wegen des verschiedenen 
Glaubens und der Aenderung in den Kirchen kein Blutvergiessen, 
noch jemand mit Einziehung der Güter, Kränkung an Ehre, Ge- 
fängniss und Landesverweisung strafen, oder einer Obrigkeit und 
Amt zu dergleichen behülflich sein wollen" u. s. w. 

Demgemäss erhielten 1610 die Monnoniton in Elbing schon 
das Bürgerrecht, und mussten selbstverständlich auch die Bürger- 
pflichten übernehmen. Im Jahre 1612 wohnten sochszehn Menno- 
niten-Familien in Elbing. Trotz der genannten Konföderation abor 
erliess König Sigismund III. im Jahre 1625 von Warschau aus 
den Befehl, dass, „weil er gehört, die Stadt Elbing habe Ana- 
baptisten und Mennoniten aufgenommen und ihnen die Freiheit 
gegeben, dass sie, ohne ihm und der Stadt zu schwören, Handlung 
und Handwerk trieben, Häuser kauften, und den Bürgern die 
Nahrung ontrissen u. s. w., welches sein königliches Ansehn schwer 
verletze, diese Menschen zur eidlichen Verpflichtung gegen den 
König und die Stadt sollten angehalten werden" u. s. w. 

Dieser Befehl hatte aber augenscheinlich wenig Wirkung, 



256 

denn im Jahre 1641 wurde einem Mennoniten, Joost van Kampen, 
das Bärgerrecht und die Erlaubniss zu einem Seidenwaarengeschäft 
erthoilt, so wie es sein Vater und Grossvator zu Elbing betrieben 
hätten, ebenso dem Mennoniten Zacharias Jansen die gleiche 
Freiheit zu dem Betreiben des Weinhandels, wie seine Voreltern 
sie gehabt hätten. 

Bis 1642 liess man die Monnoniten nun seitens der Behörden 
in Frieden; dann aber brach ein neuer Sturm los. Der Kammer- 
herr des Königs Wladislaus IV., Wilibald von Haxberg, hatte 
nämlich die Mennoniten bei diesem verdächtigt und sich ein Patent 
von ihm ausgewirkt, dessen Inhalt beweist, dass der König mit 
der Sachlage völlig unbekannt war. Dasselbe sagt, dass, weil die 
Mennoniten ohno seine Bewilligung seinen Unterthanen Schaden 
im Handel zugefügt hätten, alle ihre Güter, an welchen Orten und 
wo sie auch gefunden werden möchten, sonderlich in den Städten 
Danzig und Elbing, dem Fiskus vorfallen sein sollten ; diese Güter 
sollte dann der genannte Kammerherr zum Geschenk erhalten. 
Haxberg erbot sich gnädigst, den Mennoniten ihre Güter zu lassen, 
wenn sie ihm eine entsprechende Summe Geldes zahlten. Diese 
aber weigerten sich dessen und beriefen sich auf ihre Kontrakte. 
Haxberg belegte darauf die Mennoniten in den Wordern mit 
militärischer Execution und erpresste hier von jeder Hufe Landes 
50 Thlr., was im Ganzen 50000 Thlr. ausmachte, während er von 
denen in Danzig und Elbing 1000 Gulden erzwang. 

Nun aber legten sich die Landständo ins Mittel und reichten 
eine Klage gegen Haxberg beim Könige ein. Auch die Menno- 
niten wandten sich an den König, dem sie ihre bisherigen Rechte 
und Verhältnisse darlegten. Dieses hatte solchen Erfolg, dass 
Wladislaus ihnen ein neues Privilegium ertheilto und die Vollmacht 
des Haxborg zu zorreisson befahl. Dies Privilegium besagte: 
da alle den gemeinen Nutzen befördernde Bemühungen die Gnade 
und den Schutz der Fürston verdienten, und da die Vorfahren 
der mennonitischen Bewohner der Marionburgischen Werder bereits 
von seinem königlichen Grossvator, Sigismund August, mit be- 
sonderen Freiheiten und Rechten beschenkt worden seien, weil sie 
sumpfige und wüste Oertor mit vieler Mühe und grossen Kosten 
bebaut, Sümpfe ausgetrocknet, wider die Ergiessungen der Weichsel, 
des Drausoes und der Nogat Dämme angelegt, und ihren Nach- 



257 

kommen ein Beispiel sonderbaren Floisses hinterlassen, so wolle er 
sio in Allem geschützt wissen, und habe ihnen darüber in diesem 
offenen Briefe die nöthigen Versicherungen gegeben. Zum Schluss 
hoisst es: „Dioweil sie auch einen bereitwilligen Gehorsam, wie 
getreuen Unterthanen zukommt, geleistet, indem sie eine gewisse 
Summe Geldes zu Unserm Nutzen und Gebrauch gezahlet, als 
setzen Wir dieselben durch gegenwärtigen Brief nicht nur in 
Ruhe, sondern Wir vorheissen auch Unsre vorgedachten Einwohner 
der beiden marienburgischen Werder von dergleichen Kon- 
tributionen zu ewigen Zeiten zu befreien." 

Der folgende König, Johann Kasimir, bestätigte ihre Privilegien 
durch eine besondere Urkunde, in welcher er feierlichst versicherte, 
sie gegen Kontributionen wie die, womit der Herr von Haxberg 
sie turbirt hätte, in Schutz nehmen zu wollen, und da sie in 
diesem Jahre durch sein Assossorialgericht wieder gezwungen 
worden seien, zwei ungarische Gulden von jeder Hufe zu zahlen, 
wolle er sio auch davon hiemit lossprechen wogen ihres unver- 
drossenen Fleisses u. s. w. 

Im Jahre 1648 drohte neue Gefahr. In Polen war der So- 
cinianismus entstanden, und hatte sich in Verbindung mit arianischen 
Lehren nach den benachbarten Ländern verbreitet; viele einfluss- 
reicho Männer bekannten sich zu ihm. Auch die Mennoniten hatte 
man deswegen in Verdacht, oder wollte sie wenigstens mit den 
Socinianern auf oine Linie gestellt wissen, weil die Warschauer 
Konföderation nur durch die Bekenner der Augsburgischen Kon- 
fession unterzeichnet worden war. 

Als aber einige Beamte sich anschickten, das Gesetz, nach 
welchem Arianer und Socinianer ihres Lebens, ihrer Ehre und Güter 
verlustig erklärt wurden, auf die Mennoniten, deren Meinungen 
in dem Augsburgischen Bekenntnisse gleichfalls verworfen und 
verdammt waren, in Anwendung zu bringen, erklärte der König 
1660 in einem darauf bezüglichen Schreiben unter Anderem: 

„Da Wir nun den bedrohlichen Verlusten zuvorkommen wollen, 
welcho Wir durch dergleichen Unfug von Privatleuten an Unseren 
Gütern in der Oekonomie Tiegenhof und Bärwaldo (diese waren 
nämlich in königlichen Besitz übergegangen), und an unseren Ein- 
künften zu erleiden haben würden, welche vorzüglich in den Be- 
sitzungen der Unterthanen des mennonitischen Glaubens bestehen, 

17 



258 

indem ungestüme Leute die Mennoniten unter das Gesetz stellen 
wollen, welches nur Arianern gilt, so wollen Wir Fürsorge treffen, 
dass dies nicht geschehe." Dann wird weiter gesagt, er, der 
König, wie auch die Stände hätten von den „Ministen" nichts zu 
fürchten. Er erkläre deshalb alle durch ungünstige Berichte über 
die „Ministen" heimlich erschlichenen Privilegien, von wem und 
woher sie auch seien, für null und nichtig. Allen Beamten wurde 
des weiteren befohlen, dass sie benannte „Ministen" schützen und 
auch dafür sorgen sollten, dass sie von andern geschützt würden, 
so dass sie bei der Sicherheit, welche ihnen, den „Ministen", durch 
ihn ertheilt sei, vollständig erhalten würden. 

Im Jahre 1676, nachdem die Monnoniten in den Werdern 
unsäglich viel von Deichbrüchon und Ueberschwemmungen, Folgen 
gewaltiger Stürme, gelitten hatten, so dass einige ihr Eigenthum 
verlassen mussten, um es später als eine Wüste wieder zu finden, 
die von neuem kultivirt und entwässert und deren Deiche neu her- 
gestellt werden mussten, da drohte ihnen zu allem diesem Unheil 
durch Naturgewalten noch grösseres von Seiten der Menschen. 
Auf dem in diesem Jahre abgehaltenen Landtage trat der Woiwode 
von Pomerellen gegen sie auf. Er beschuldigte die Danziger, dass 
sie sie hegten, und nannte diese Stadt das Nest der Mennoniten. 
Ihretwegen, sagte er, strafe Gott Polen und Preussen so schwer, 
indem die Dämme der Weichsel und Nogat so oft durchbrächen 
und das Land überschwemmt würde. Er brachte den Adel auf 
seine Seite, so dass dieser durch seine Abgeordneten auf dem 
Landtage auf gänzliche Vertreibung der Mennoniten drang. Der 
Oekonomus von Marienburg aber, im Verein mit einigen Abgeord- 
neten, nahm sich ihrer kräftig an. Man solle lieber noch mehr 
solcher Leute ins Land schaffen, sagte er, als die vorhandenen 
Mennoniten austreiben. Sie seien fleissige Wirthe, hielten ihre 
Aeckor und Häuser in gutem Zustande, thäten bei Durchbrüchen 
der Dämme den grössten Dienst und schafften dem Lande 
vielen Nutzen. 

Als so der Woiwode mit seinem Anhange aus dem Adel auf 
diesem Landtage nichts ausrichten konnte, weil auch die Ab- 
geordneten der Städte Partei für die Mennoniten ergriffen, kam er 
auf dem nächsten Landtage auf seinen Antrag zurück und suchte von 
nouem ihre Vertreibung zu bewirken. Die Vertheidiger der Menno- 



259 

niten wurden eingeschüchtert, sodass sie schwiegen, und einige 
stimmten sogar dem Adel bei, der behauptete, man dürfe mit gutem 
Gewissen keine Sektirer dulden, und mit dem Kirchenbann drohte. 
Als nun die Vertreter der Stadt Danzig erklärten, dass sie in das 
Begehren der Rittorschaf t nicht willigen würden, wurde der Woiwode 
so zornig, dass er schwor, den Landtag zu sprengen, wenn sein 
Antrag nicht durchginge. Die Städte aber standen zu Danzig und 
behaupteten, dass sie freie Leute seien, dass sie gleiches Stimm- 
recht mit dem Adel hätton und sich nichts mit Gewalt abzwingen 
Hessen. So ward der Landtag zwar nicht gesprengt, der 
Woiwode Hess aber von seinem Plane nicht ab, sondern ver- 
doppelte vielmehr seine Bemühungen und Intriguen. Nun aber 
machte der lauenburgische Landrichter Frebendau sich auf, ging 
direkt zum Könige, wies diesem den grossen Schaden nach, welchen 
die königliche Oekonomie Marionburg durch die Vertreibung der 
Mennoniten erleiden würde, und deckte domselben auch den Vortheil 
auf, den der Woiwode durch die Einziehung ihrer Güter zu ge- 
winnen hoffte. Dem Könige gingen die Augen auf, er rief den 
Woiwoden zu sich und befahl, die Konstitution zur Vertreibung 
der Mennoniten, die derselbe verfasst und beim Reichstage ein- 
gereicht hatte, zu zerreissen. So ging diese durch die Habsucht 
verursachte Gefahr glücklich vorüber. 

Da jedoch die Mennoniten zugleich wegen ihrer Religion beim 
Könige verdächtigt worden waren, ernannte derselbe im Verein mit 
dem Bischof Stanislaus Sarnowski eine Kommission von mehreren 
Domherren und päpstlichen Theologen, vor welche die beiden 
Lehrer der friosischon und flämischen Gemeinden in Danzig entboten 
wurden, und zwar unter Protest des Danziger Raths, welcher dem 
Bischöfe nicht das Recht zugestehen wollte, innerhalb des Danziger 
Gebiots weltliche oder geistliche Gerichtsbarkeit auszuüben. Die 
beiden Lehrer legten ihr Glaubonsbekenntniss indessen vor und 
wurden ausserdem noch über die zwei Naturen in Christus und 
über die Dreieinigkeit befragt. 

Dieses Golloquium scheint keine materiell nachtheiligen Folgen 
für die Mennoniten gehabt zu haben, es wurde ihnen im Gegentheil 
im Jahre 1685 noch mehr Land von dem königlichen Administrator 
in Pacht gegeben. Wohl aber mögen sie in dieser Zeit anderweitig 
nicht unbelästigt geblieben sein, was sich aus dem Privilegium, 

17* 



260 

welches der König Johann III. Sobieski ihnen in 1694 ausstellte, 
schliessen lässt, denn es hiess unter anderem darin: 

„Da Uns aber unterthänigst vorgestellet worden, dass viele 
Gemeinden besagter Einwohner in ihren Rechten, Privilegien und 
Freiheiten benommen und in ihrem Gottesdienste gestört, als auch 
ihnen Rechte, deren sie sich bedient, entzogen worden, dass selbe 
dessfals in einen ölenden Zustand versetzt worden," 

„So erneuern Wir ihre Rechte, verleihen auch dabei besagten 
Monnonisten ihren freien Gottesdienst und wollen nicht zulassen, 
dass selber von jemand gestört werde, wesfals Wir sie in unsern 
Königlichen Schutz nehmen. Welches Wir allen, ftlrnehmlich aber 
dem Elbingischen Magistrat, den Marienburgischen und Tiegen- 
höfischen Administratoren, den Besitzern der Bärwaldischen Güter 
ertheilen und befehlen" u. s. w. So war ihnen denn endlich 
Religionsfreiheit gewährt. Ueber hundert Jahre lang hatten die 
Mennoniten ihre sonntäglichen Andachten nur in Privathäusern 
halten dürfen. Im Jahre 1660 war es der friesischen Gemeinde 
in Danzig erst erlaubt worden, ein Andachtshaus zu bauen, kurz 
nachher auch der dortigen flämischen Gemeinde. In Elbing, sowie 
hie und da in den Werdern, erhoben sich auch bald feste Andachts- 
häuser. Mit diesen zugleich wurden Hospitäler für Arme und 
Kranke eingerichtet. 

In den Andachtshäusern waren keine Orgeln, die auch in 
den Niederlanden bei den Mennoniten nicht gefunden wurden, 
weil sie immer so viel als möglich in aller Stille ihre Andachten 
hatten halten müssen, um nicht aufzufallen, und nun hieran ge- 
wöhnt, es für eine weltliche Neuerung hielten, wenn der Wunsch 
danach laut wurde. Die friesische Gemeinde in Danzig schaffte 
zuerst eine Orgel an und erregte damit bei den strengen Flamingern 
anfangs einigen Anstoss. Die kleinen Unterschiode, welcho diese 
beiden Gemeinden getrennt hielten, verschwanden indessen nach 
und nach in der Strömung der Zeit, bis dieselben schliesslich zu 
einer Gemeinde verschmolzen. 

Während der Belagerung Danzigs im polnischen Erbfolgekriog, 
1734, wurde den Mennoniten die Feuerwache übertragen, und es 
gelang ihren Anstrengungen, die Absicht des Feindes, die Stadt 
in Brand zu schiessen, zu vereiteln. Indess wurde das Andachts- 
haus der flämischen Gemeinde zerstört und auch die Gemeinde- 



261 

mitglieder hatten viel von ihrem Hab und Gut eingebüsst. In 
dieser Noth kamen ihnen die Brüder in den Niederlanden, die 
zu Elbing und in den Landgemeinden liebreich und kräftig 
zu Hülfe. Allmählig erholte sich die flämische Gemeinde so weit, 
dass sie ein neues Andachtshaus bauen konnte, welches, da mittler- 
weile ihre Vorurtheilo klareren Anschauungen gewichen waren, 
mit einer Orgel geschmückt wurde. Als dies Andachtshaus in 
1805 einer Reparatur bedurfte, baten die Flaminger die Friesen, 
ihnen zu gestatten, ihr Andachtshaus einstweilen mit benutzen zu 
dürfon, was diese gern gewährten. Als darauf in Folge der Bedrohung 
Danzigs durch die Franzosen der Befehl erging, alle Gebäude ausserhalb 
der Wälle bis auf 400 Schritt Entfernung niederzureissen, theilten 
auch das Gotteshaus und das Hospital der friesischen Gemeinde 
dieses Schicksal. Bereitwillig boten nun die Flaminger ihr Andachts- 
haus und ihr Hospital den Brüdern zur Mitbenutzung an. Ersteres 
aber lehnton dieso dankend ab, weil sie die englische Kapelle 
bereits gomiethet hatten. Als wiederum 1807 die Kirche und das 
Hospital der Flamländer in Gefahr waren, durch das feindliche 
Heer abgeschnitten zu werden, boten sofort die Friesen der 
Schwestergomeinde die Mitbenutzung der englischen Kapelle an. 
Letztere ging freudig auf das Anerbieten ein. Wie somit die inner- 
liche "Vereinigung beider Gemeindon sich in diesen Zeiten der Noth 
bereits vollzogen hatte, so sollte die äusserliche bald folgen. Neben 
den Kriegsleistungon aller Art hatten die Mennoniten, welche in 
den Vorstädten wohnten, allein zu der Kontribution, welche der 
unglücklichen Stadt aufgelegt wurde, 40000 fl. beizutragen. In 
Folge dieser Verluste waren die Friesen nicht im Stande, ein neues 
Andachtshaus zu bauen, denn ihr Gemeindevermögen hatte 
31 000 fl. eingebüsst. Das führte die längst gewünschte äussere 
Vereinigung beider Gemeinden herbei. 

Als 1813 die unglückliche Stadt 12 Monate lang eine neue 
Belagerung auszuhalten hatte, und der Chef des russischen Belage- 
rungscorps, Herzog Alexander von Würtemberg, die Vorstädte in 
Brand stecken Hess, wurde auch das Andachtshaus der vereinigten 
Mennonitengemeinde, sammt dem Hospital, ein Opfer der Flammen. 
Alles im Umkreiso einer Meile von der Stadt wurde verwüstet. 

Nachdem dann Danzig nach unsäglichen Leiden glücklich vom 
französischen Joch befreit und wieder preussisch geworden war, 



262 

traten die klaffenden Wundon, welche der Krieg geschlagen, erst 
rocht zu Tago. Alle Bürger, und die Mennoniton nicht am wonig- 
sten, waren in ihren Vermögensumständen ausserordentlich ge- 
schwächt, das Gemeindewesen war, wie Alles in der Stadt, aus 
der gewohnten Ordnung gerathen, und bekam erst allmählig wieder 
die alte Stetigkeit. Der Friede war nach der neuen Kriegsgefahr, 
die 1815 drohend heraufzog, endlich gesichert, und die vereinigte 
Monnonitengemoinde Danzigs ging daran, ein neues Andachtshaus zu 
bauen. Da das Gemeindevermögen durch den Krieg so goschwächt 
war, dass daraus für den Zweck nichts genommen werden konnte, 
wurde in einer durch die Aeltesten zusammen berufenen Gemeinde- 
versammlung den Gemeindegliedern dringend und warm ans Herz 
gelegt, jeder möge nach Kräften aus seinen Mitteln beisteuern. 
Alle, auch die Minderbegüterten, leisteten der Aufforderung willig 
Folge, andere Gemeinden brachten bereitwillig Liebesgaben hinzu, 
so die kleine zu Königsberg allein 1836 Gulden, und auf diese 
"Weise erhob sich bald ein neues Andachtshaus nebst Hospital aus 
dem Schutt. Im September 1819 hielt der Prediger Tiesscn die 
Einweihungsrede in demselben. 

„Gottes Nähe ist zwar an koinon Ort gebunden," sagte er 
darin unter anderm , „doch der schwache Mensch bedarf einer 
Stätte, die ihn zu ernster Sammlung des Gemüths zu bestimmten 
Zeiten auffordert. Hier soll die Seele sich abwenden von dem 
unruhigen Treiben der Aussenwelt, und mit Gott und Jesus, 
ihrem erhabensten Wohlthäter, verkehren, beilige Entschlüsse fassen 
und zu thätiger Menschenliebe entflammt werden." 

Der Gottesdienst wurde in Danzig und den Landgemeinden 
ursprünglich in holländischer Sprache abgehalten, die man jedoch 
um das Jahr 1757 mit der deutschen vertauschte. 

Aehnlich wie die Danziger Gemeinde haben alle Mennoniten- 
gemeinden in den mehr als drei Jahrhunderten ihres Bestehens ihr 
SchifHoin durch schwero Zeiten hindurch führen müssen, und hätten 
sie nicht den rechten Geist Christi als Steuer gehabt, ohne Zweifel 
wären sie zu Grunde gegangen; möge es ihnen gelingen, sich 
diesen auch in Zukunft zu erhalten! 

Bevor wir unsern Blick wieder zurückrichten auf einen Zeit- 
punkt, von dem eine neue Entwickelung aus den preussischen 



263 

Gemeinden anhob, soi es hier gestattet, dor Gemeinden zu Ham- 
burg und Friodrichstadt kurz zu gedenken. 

Den Grund zu der Hamburger Gemeinde legte ein Flamländor, 
Namens Francis No6, welcher aus Brabant geflüchtet war. Durch 
mancherlei geschäftliche Dienstleistungen hatte er sich die Gunst 
des Herzogs Ernst von Schaumburg erworben, der ihm im Jahre 
1561 ein Stück Landes in Altona für sich und seine Glaubens- 
genossen überwies mit der Erlaubniss, sich darauf anzubauen und 
Gewerbe zu treiben, wofür sie jährlich einen Thaler per Kopf Schutz- 
geld zahlen sollten; ihren Gottesdienst mussten sie aber in aller 
Stille halten. Eine kleine Schaar Flüchtiger aus den Niederlanden 
und der Rheingegend fand sich auf diesem Fleckchen Erde, welches 
den Namen „Die Freiheit" erhielt, zusammen und lebto dort, wie 
die Taufgesinnten überall, unter grossem Druck. Der lutherische 
Rath und die Bürgerschaft von Hamburg orliessen strenge Vor- 
ordnungen gegen sie, die ein ganzes Jahrhundert in Kraft blieben. 
Dor Nachfolger des Herzogs Ernst, Jodokus, erlaubte ihnen jedoch, 
ihren Gottesdienst öffentlich zu halten, vielleicht weil sein Grund- 
stück dadurch im Werthe stieg, denn nun vergrösserte sich die 
Anzahl der Taufgesinnten bald durch Einwanderung von durch 
die Flammen der Scheiterhaufen aus don Niederlanden Yertriebenen. 

Nachdem die Schaumburgische Linie erloschen war, bestätigte ihr 
Nachfolger, der König Christian IV. von Dänemark, als nunmehriger 
Herzog von Holstein 1641 die Privilegien der Altonaer Mennoniten- 
gemeindo, und in Hamburg selbst fing man auch an, die Menno- 
niten zu dulden, wenn auch die strengen Lutheraner dagegen eiferten. 
Die Mennoniten-Familien Roosen und Goverts besassen bereits Pack- 
räume in Hamburg. Ein Paul Roosen, der 1611 von Fresenburg, 
noch vor der Verwüstung des Orts im dreissigj ährigen Kriege 
und Zerstreuung der dortigen Gemeinde, in deren Mitte Menno 
seine letzten Tage verlebt hatte, nach Altona kam, war ältester Diacon 
der dortigen Mennonitengemeinde; sein Sohn wurde 1660 deren 
Prediger. Im Jahre 1674 baute sie ihr Andachtshaus auf derselben 
Stelle, wo das jetzige steht. Die Mittel zum Bau hatten die menno- 
nitischen Interessenten der Grönlandsfahrer in Aussicht gestellt, 
indem sie 5°/o des Gewinnes vom Jahre 1674 herzugeben ver- 
sprachen. Wie sehr mochte die Gemeinde auf einen gesegneten 



264 

Fang hoffen! Freudigen Herzens sah sie nach und nach 48 Schiffe, 
heladen mit der Ausbeute von 600 Walfischen, den Strom herauf- 
segeln und so reichten die versprochenen Procente beinahe zum Bau 
hin. Bis 1713 hielt die Gemeinde in diesem Andachtshause Gottes- 
dienst, da warfen die Schweden die Kriegsfackel in die Stadt, ein 
grosser Theil derselben und mit ihnen das Andachtshaus der lienno- 
niten, wurde ein Baub der Flammen, die Gemeindoglieder selbst 
verloren ebenfalls viel von ihrem Besitzthum und theilton somit 
in vollem Masze das Unglück der so schwer heimgesuchten Stadt. 
Viele von ihnen mussten in der kalten Winternacht des 9. Januar 
1713 aus ihren brennenden Häusern, nothdürftig bekleidet, flüchten. 
Dazu herrschte die Pest in Altena; Hamburg verschluss seine 
Thore und die unglücklichen Flüchtlinge mussten zwischen den 
damals Oden Sandhügeln des Hamburger Berges Schutz suchen. 

Zwei Jahre nachher wurde der Gemeinde auf ihr Ansuchen 
die Erlaubniss zum Bau einer neuen Kirche ertheilt. Den in 
Hamburg wohnenden Monnoniten wurde ebenfalls gestattet, in der 
Stadt ihren Gottesdienst in einem Lokal zu halten, das Singen 
ihnen jedoch untersagt, und später auf Vorstellung des lutherischen 
Predigers zu St. Katharinen bei strenger Ahndung auch die Ab- 
haltung der Andachten. Die Schmähartikel der lutherischen Pre- 
diger gegen sie Hessen indessen allmählig nach, sie fanden auch 
in Hamburg mehr Duldung. So wurde ihnen 1757 öffentlicher 
Gottesdienst und die Haustrauung gestattet. Auch zwischen dieser 
Hamburg-Altonaer Gemeinde und den holländischen fand ein leb- 
hafter Verkehr statt, und an bedeutenden Predigern fehlte es ihr 
nicht; bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts war die holländische 
Sprache ihre Kanzelsprache. Manche ihrer Prediger waren zugleich 
Schriftsteller; z. B. Wilhelm Wynands, von dem nach seinem Tode 
58 Predigten in Druck erschienen, Gerrit Roosen, dor 50 Jahre 
sein Amt verwaltete und mehrere Werke herausgab, Werner 
Jansen Kolombien aus Emden, zugleich Dr. med., Romke Gosling 
aus Friosland, Gerrit Karsdorp, Jan de Jager, Hinrich Theunis de 
Jager, Reinhard Rahuson. Dieser Rahusen kam boi der Trennung 
der Amsterdamer Gemeinde unter Galen us und Apostool, wo die 
Gemeinde zu Hamburg-Altona sich den Sonnisten anschloss, von 
Enkhuizen als Prediger zu ihr; er führte, als der erste, die deutsche 
Sprache beim Gottesdienst ein. 



265 

Im Jahre 1676 trat der Prediger der Gemeinde zu Altona, 
Gerrit Roosen, mit einem Lehrer (Prediger) der Mennoniten zu 
Harlingen, J. S. Pottebacker, eine Rundreise bei den Gemeinden 
in Preussen und Polen an. In Danzig taufte er neun Personen. 
Er sagt in einer Beschreibung dieser fünfwöchentlichen Reise, dass 
er überall einon herzlichen Empfang, rechte evangelische Liebe 
und tiefe Gottesfurcht in den Gemoinden gefunden habe. Roosen 
wurde beinahe hundert Jahre alt, er war ein Mennonit von echtem 
Schrot und Korn, der seiner Gemeinschaft mit feuriger Liebe an- 
hing, ihr Wohl förderte und sie gegen Schmähungen eifrig ver- 
theidigte. Seine Voreltern waren kurz nach Mennos Tode aus 
dem Jülicherlande nach Frosonburg geflüchtet, und später, wie 
bereits erzählt, nach Altona gezogen. 

Die Gemeinde zu Friedrichstadt in Holstein ist so alt, wie 
die Stadt selbst, welche im 17. Jahrhundert durch die Remonstranten 
gegründet wurde. Diesen war durch die Dortrechter Synode in den 
Niederlanden die Religionsfreiheit erschwert worden, viele verliessen 
daher ihr Vatorland und begaben sich nach Holstein, wo sie von 
Herzog Friedrich bereitwillig aufgenommen wurden. Sie erhielten 
die Erlaubniss, eine Stadt zu bauen, welcher sie den Namen 
Friedrichstadt gaben, und so bekam diese Stadt ein durchaus hol- 
ländisches Gepräge. Unter dem Schutze der toleranten Regierung 
hatten sich im Laufe des 17. Jahrhunderts in Holstein auch bereits 
viele Mennoniten gesammelt, namentlich an der Eüste, in Eidor- 
stadt, wo sie durch Eindeichung das Land gegen das Meer schütz- 
ten, wie sie es im Vaterlando gewohnt gewesen waren. Sie lebten 
still, fleissig und betriebsam und waren nützliche Unterthanen; 
weiter ist von ihnen nichts nachzuweisen, da nichts Schriftliches 
über ihr Gemeindeleben besteht. Als aber Friedrichstadt erbaut 
war und mehrere von ihnen hinzuziehen wünschten, wurde 
ihnen im Jahre 1623 ein Privilegium völliger Religionsfreiheit 
von dem Landesherrn erthoilt. Es hiess darin : „Wir willigen und 
versprechen auch hiemit und Kraft dieses nochmals, dass bemannte 
und alle andere Mennonisten sich ungehindert und kühnlich und 
sicher in Unserer Friedrichstadt zu wohnen bogeben, ihre Hand- 
thierung und Nahrung besten Fleissos suchen und fortsetzen 
mögen, und aller und jeder Unsern andern hier gesessenen 
Bürgern gegebenen Privilegien geniesshaft sein, auch dabei vor 



266 

männiglichen fürstlich maintiniret, geschützet und gehandhabt 
werden sollen. 

„Also nicht allein denen, welche in Unsere Friedrichstadt sich 
begeben werden, sondern auch donon, welche in Eyderstadt sich 
bereits häuslich niedergesetzt, mit Ackerland und Viehzucht um- 
gehen, diese Gnade auf ihre unterthänige Ansuchung bezeiget 
haben, dass sie zur Eidesleistung nicht gezwungen, noch auch mit 
einigem munere publico oder gemeinem Amt belegt, noch zur Wacht 
und Defonsion, die mit "Wehr und Waffen geschieht, aufgeboten 

und genöthigt, sondern — sie mit ihrem aufrechten 

Ja und Nein gehöret und darüber nicht beschweret werden sollen 
_ und nicht verspottet werden." 

Dieses Privilegium ist von allen nachfolgenden Herzögen 
und zuletzt noch von König Christian Till, bestätigt worden. So 
waren die Mennoniten hier wohl am frühsten allen andern Staats- 
bürgern gleichgestellt. Die Gemeinde zu Fried richstadt hatte 
Korporationsrochte, und ihre Prediger waren vom Staate als solche 
anerkannt. Sie stand, ebenso wie die preussischen und die Ham- 
burg-Altonaer Gemeinden, mit den holländischen durch persönlichen 
und brieflichen Verkehr in Verbindung, so lange die holländische 
Sprache bei ihr Eanzelsprache war. 

Es gab ursprünglich drei Mennoniten-Gemoinden in Eider- 
stadt und Friedrichstadt, nämlich eine friesische, eine flämische 
und eine deutsche, welche sich 1698 vereinigten. 

Im Laufe des 17. Jahrhunderts kamen viele holländische 
Prediger nach Friedrichstadt, um zu predigen, zu trauen, zu taufen 
und Prediger und Diakonen in ihr Amt einzuführen : so 1662 Jan 
Siebings aus Harlingen und Jan Janssen aus Dokkum, 1663 Bastian 
van Wenigen mit drei Freunden aus Rotterdam, 1672 Jakob Linnich, 
Anhänger des Galenus, ein Waterländer, 1672 Heilke Heilkes von 
Oldeboorn in Friesland, 1676 Sipke Agges und Remmert Jakobs 
von Zaandam, 1679 Abraham Deutekom und Mewes Jansen von 
Huisduinen, 1684 Johannes Abrahams aus Norden in Ostfries- 
land und viele andere. Auch kamen oft Prediger aus Ham- 
burg herüber, bisweilen auch solche aus der Pfalz. Die Ge- 
meinde war im Jahre 1703 noch in einem so blühenden Zustande, 
dass 178 ihrer Mitglieder zu Ostern am Tisch des Herrn sich ein- 
fanden. Im Jahre 1713 ward Friedrichstadt schwer durch die 



267 

Pest heimgesucht, die Gemoinde verlor 52 ihrer Mitglieder. Dazu 
kam, dass den zur Gemeinde gehörigen, zerstreut wohnenden Land- 
bewohnern zwar laut dos Privilegiums gestattet war, in Friedrich- 
stadt den öffentlichen Gottesdienst der Gemeinde zu besuchen, „dass 
sie aber sonsten weder heimlich noch öffentlich des exercitii rcligionis 
halber zusammen kommen und sich also der Winkelpredigton ent- 
halten solten." Diesen Leuten war es aber im Winter bei den 
oft grundlosen Wegen nicht möglich, sich mit der Gemeinde zu 
erbauen. So ist es denn leicht zu erklären, dass das Band ge- 
lockert wurde. Dazu kam noch, dass die holländische Sprache, 
welche für den Gottesdienst von Anfang an in Gebrauch war, von 
der Jugend, die vom Lande herein kam, um Religionsunterricht 
zu empfangen und zur Taufe vorbereitet zu werden, nicht mehr 
verstanden wurde. So war es denn kein Wunder, dass die Mit- 
gliederzahl der Gemeinde in Friedrichstadt immer mehr herabsank, 
sodass man 1803 nur noch dreissig Abend mahlstheilnehmer zählte. 
Ihre isolirto Lage gereichte der Gemeinde überhaupt zum Nachtheil, 
namentlich als der Verkehr mit den holländischen Brüdern nach 
und nach aufhörte, was wohl hauptsächlich der allmählig ein- 
tretenden Sprachverschiedenheit zuzuschreiben ist. Dennoch aber 
lebt sie bis heute und an ihr wird es liegen, ihro Mission in der 
Christenheit zu behaupten, nun durch die Strömung der Zeit die 
erwähnten Beschränkungen weggeräumt sind. 



Siebente Abtheilung. 

Zweite Geschichtsperiode der Gemeinden in Preussen. 

Die Erhebung Preussens zum Königreiche im ersten Jahre 
dos 18. Jahrhunderts und die spätere Theilung Polens wurden für 
die Mennoniten von grosser Bedeutung, zunächst dadurch, dass ihr 
Verhältniss zum Staat eine festere Gestalt annahm. Der erste 
König von Preussen folgte den Fussstapfen seines Vaters, des 
Grossen Kurfürsten, der seine durch die Greuel des droissigjährigen 
Krieges verwüsteten Dörfer und Feldor dadurch wieder zu bevölkern 
suchte, dass er ihres Glaubens wegen vertriebene Unterthanen 
anderer Fürsten aufnahm. So wünschte Friedrich I. auch das 
durch den nordischen Krieg und durch die Pest so unsäglich ver- 
wüstete Lithauen durch zuverlässige Unterthanen wieder angebaut 
zu sehen. Seine Gesandten, von Schmettau im Haag, und Burchardi 
in Hamburg, berichteten ihm im Jahre 1710 auf Veranlassung der 
holländischen und Hamburger Mennoniten über die bedrängte Lage 
der Täufer in der Schweiz, und trugen ihm die Bitte jener vor, er 
möge mit den Generalstaaten zusammen einen Druck auf die Berner 
Regierung ausüben, um diese zu veranlassen, die Gefangenen frei 
zu lassen und den Täufern überhaupt wenigstens freien Abzug 
unter Mitnahme ihres Gutes zu gestatten. Der König ging sofort 
darauf ein, und gab seinem Gesandten in Bern, von Bondeli, ent- 
sprechende Weisungen, indem er don Verfolgten zugleich in seinen 
Landen Aufnahme und Religionsfreiheit, sowie Befreiung vom 
Kriegsdienst anbieten Hess. Die Goneralstaaten instruirten ihren 
Gesandten, von Runkel, in gleichor Weise, und die holländische 
Kommission voor buitenlandsche nooden erbot sich zu materieller 
Hülfe. Unter diesen Umständen fühlte sich der Rath zu 
Bern gedrungen, nachzugeben, er gewährte allen, die das Land 
vorlassen wollten, Amnestie, Hess sich aber doch fünfundzwanzig 
Thaler Kopfgeld von jedem Abziehenden zahlen. Die genannte 
Kommission gab das Geld für die Zahlungsunfähigen her und 



269 

stellte den Auswanderern fünf Schiffe zur Verfügung. Indessen 
zögerten noch Viele, weil es schien, dass ihre Lehrer und Diakonen 
nicht mit in der Amnestie begriffen seien, ja einer der ersteren, 
der hochgeachtete Daniel Riekon, wurdo noch gefangen gehalten. 
Auch stand noch nicht fest, ob die Kinder der Täufer mitziehen 
dürften oder im Lande bleiben müssten, und ausserdem machte 
die Auseinandersetzung des Vermögens zwischen Abziehenden 
und Bleibenden viele Schwierigkeit. Bald wurdon indessen die 
obigen Beschränkungen der Amnestie und des Abzugs meist im 
günstigen Sinne erledigt, und so traten die schweizer Brüdor dann 
am 11. Juli 1711, wie an anderer Stelle schon berichtet, die Reise 
nach den Niederlanden an. Daniel Ricken leitete die Angelegen- 
heiten daselbst. Der thatkräftige Benedikt Brechtbühl, aus der 
Schweiz entflohen und dann zum Aeltesten der Taufgesinnten- 
Gemeinde in Mannheim gewählt, nahm die Ansiodlung in Lithauen, 
wo der König von Preussen den Heimathlosen Land anbioten Hess, 
in die Hand. Der König wünschte, dass Brechtbühl nach Berlin 
käme, damit man mit ihm persönlich die Angelegenheit näher be- 
spräche und beriotho, und die Kommission voor buitenlandscho 
noodon rieth dringend, das Anerbieten ernstlich in Betracht zu 
ziehen. Er roiste demgemäss mit einigen Brüdern dahin, und 
schrieb im August desselben Jahres aus Danzig an die Kommission 
zu Amsterdam, dass er aus Lithauen zurückgekehrt sei und ge- 
funden habe, dass die angebotenen Ländereien fruchtbar und die 
gestellten Bedingungen vortheilhaft seien. Er legte einen Koston- 
anschlag zu einer Wohnung, wie sie erforderlich sein würden, bei, 
und rühmte die ihm zu Theil gewordene liebenswürdige Aufnahme 
bei den Glaubensgenossen in Danzig und Elbing und deren Gast- 
freundschaft. Von Danzig kehrte Brechtbühl nach Holland zurück, 
um die inzwischen angelangten Schweizer zur Ansiedelung in 
Lithauen zu bewegen. Diese indessen hatten in Holland, wo sie 
ihrer Kenntnisse in der Käsebereitung wegen sehr willkommen 
waren, schon Fuss gefasst und sahen keine Veranlassung, weiter 
zu wandern, zumal die Pest in Lithauen noch nicht erloschen war. 
Die aus der Schweiz Ausgewanderten gehörten meistens den 
amischen Gemeinden des Oberlandes an, von den reystischen Ge- 
meinden des Unterlandes waren dagegen die meisten geblieben, 
diese lobten unter grossem Drucke. So wurden z. B. vier Täufer, 



270 

die nach Lothringen geflüchtet und zurückgekehrt waren, weil sio 
meinten, die Amnestie gelte allgemein, ins Gefängniss gobracht, 
und ein Anderer, der sich gegen die Auswanderung orklärt hatte, 
zu den Galeeren verurtheilt. Der holländische Gesandte, von 
Runkel, meldete dies der Kommission in Amsterdam und gab zu- 
gleich anheim, Benedikt Brechtbühl möge die Leute veranlassen, 
nach Preusson zu ziehen. Einem, Hans Staufer, der neulich 
heimlich zu ihm gekommen sei, habe er gerathon, vorläufig nach 
Mannheim zu flüchten. 

Ob Brechtbühl die Schweizer hat bewegen können, nach 
Lithauen zu wandern, erhellt aus den Schriften im Archiv der 
Amsterdamer Gemeinde nicht; vielleicht finden sich darüber Nach- 
richten im Archiv der Gemeinde zu Altona. 1712 beschloss der 
Rath zu Born aufs neue, alle Täufer, die, nachdem sio ausge- 
wandert seien, zurückkehrten, auf die Galeeren zu schicken, und 
die im Lande gebliebenen zu lebenslänglichem Gefängniss zu ver- 
urteilen. Im März waren bereits 22 Täufer eingekerkert. Noch 
im Novombor 1715 schrieben Christian Liebe und zwei andero 
Täufer von den Galeeren zu Palermo an die Kommission in Amster- 
dam mit der Bitte, ihre Freilassung zu erwirken, da sie gehört 
hätten, dass die Kommission sich der Täufer annähme. Sio fügten 
hinzu, man müsse sich nicht etwa an den König von Sicilien, 
sondern an den Rath zu Bern wenden. Solche Verfolgungen 
worden die meisten noch Zurückgebliebenen aus dem Lande getrieben 
haben, und ein Theil mindestens wird wahrscheinlich von dem 
Anerbieten des Königs von Preussen Gebrauch gemacht haben. 

Wie früher in der Pfalz nach dem dreissigjährigen Kriege, so 
auch in Lithauen, wo der Tummelplatz der Kriegshordon der Russon, 
Sachsen und Schweden gewesen war, mussten die Taufgesinnten in 
ihrem Glauben bestärkt werden, dass der Krieg mit seinem gräss- 
lichen Gefolge gegen den Willen Gottes sei und dass das Evangelium 
seinen Bekennern verbiete, sich daran zu betheiligen. Keiner der 
ihrigen hatte jemals in den Reihen der rohen Landsknechte ge- 
standen, denon das Kriegshandwerk Gewerbe war. Friedrichs I. 
Nachfolger, Friedrich Wilhelm I., richtete aber sein Hauptaugenmerk 
auf die Wehrkraft des Landes. Er hatte, wie bekannt, die Lieb- 
haberei, ein Leibregiment aus den schönsten und grössten Leuten 
zu haben. Die Werbeofficiore des Königs durchsuchten Stadt und 



271 

Land zu dem Zwecke, ja ganz Europa, und grosse Summen wurden 
darauf verwandt. Auch bei den Mennoniten der Tilsiter Niede- 
rung in Lithauen hatten sie einige junge Leute aufgespürt, welche 
ihnen passend erschienen, und da sie wussten, dass diese für Gold 
nicht zu haben sein würden, brauchten sie Gewalt. Sechs der 
grössten jungen Männer wurden nach Potsdam geschleppt und 
gezwungen, in die Leibgarde einzutreten. Sie weigerten sich aber 
beharrlich Dienst zu thun, und Hessen lieber alle Misshandlungen 
über sich ergehen. Als der König erfuhr, dass sie Mennonitou 
seien, wurden sie frei gegeben. 

Dieser Vorfall hatte aber die lithauischen Gemeinden zu 
dem Entschluss gebracht, lieber auszuwandern, als wieder ähnlichos 
zu erloben. Sie beschwerton sich beim König über die erlitteno 
Unbill und baten um Aufhebung ihrer Kontrakte, wenn ihnen 
nicht die Versicherung gegeben werden könne, dass ihre Rechto 
künftig respektirt werden würden. Dor König nahm diese Erklä- 
rung, welche von den Mennoniten der Tilsiter Niederung ausging, 
so übel auf, dass er ihnen befahl, aus dem Lande zu ziehen. Da 
sie nun plötzlich ohno andorweites TJnterkommon die Heimath vor- 
lassen mussten, wurden sie vorläufig in Markushof im grosson 
Werder und in der Umgegend von Thorn bei den Brüdern auf- 
genommen, bis sie später Gelegenheit fanden, sich im polnischen 
Preussen nieder zu lassen. In dieser Noth sprangen ihnen die 
Hamburg- Altonaer und die Danziger Gemeinde mit 2600 fl. bei, 
während die niederländischen durch die Kommission in Amsterdam 
ihnen ein ansehnliches Geldgeschenk und bedeutende Vorschüsse 
machten. 

Die Missstimmung des Königs trat auch noch anderweitig hervor. 
1730 hatte man Untersuchungen gegen die Unitarier eingeleitet 
und das samländische Konsistorium deutete dabei auch auf die 
Mennoniten hin. Alsbald erschien eino Verordnung des Königs, 
die Mennoniten hätten innerhalb drei Monate den preussischen 
Staat zu räumen, und zwar die in den Städten sowohl als die 
auf dem Lando, währond alle, welche sich nach dieser Zeit 
noch sehen Hessen, als Uebertreter des königlichen Willens auf die 
Festung gebracht und zu harter Arbeit und Karrenstrafe verurtheilt 
werden sollten. Statt ihrer aber sollten andere Christen, die den 
Soldatenstand nicht für verboten hielten, angesiedelt werden. Im 



272 

October und November 1732 trafen schon etwa 100 Flüchtlinge 
in Middelburg auf der zur niederländischen Provinz Zeeland ge- 
hörigen Insel Walcheren ein und die niederländischen Gemeinden 
geriethen in Bewegung. Durch die Provinzialrogierung wandten 
sie sich an die Generalstaaten und erreichton, dass der nieder- 
ländische Gesandte in Berlin beauftragt wurdo, zu Gunsten der 
bedrohten Mennoniten sich zu verwenden. Die gleichzeitige Für- 
sprache der Kriegs- und Domainenkammer für sie fand dadurch Stütze 
Die lotztere nämlich war mit dem Befehle des Königs nicht 
einvorstanden, und wandte sich mit einer Vorstellung an denselben, 
„die Wegschaffung der Mennoniten in Preussen betreffend". Es 
hiess darin, sie würde nicht ermangeln, das Anbefohlene zu be- 
werkstelligen, wenn nicht der Schade, welche der Accisekasso zu 
Königsborg daraus erwüchse, so evident und erklecklich wäre. Was 
die Religion der Mennoniten beträfe, so wisse Seine Majestät aus 
eigenen Erkundigungen, dass darin nichts enthalten sei, was der 
evangelischen Religion entgegen sein könne oder einem Christen 
anstössig, weshalb ihnen auch gestattet worden sei, ihren Gottes- 
dienst in einem Privathause zu halten. Es seien 17 Familien in 
Königsberg, welche durch Patent von 1721 bewogen worden seien, 
sich daselbst niederzulassen. Diese hätten keinesweges die sonst 
den Fremden bewilligten Beneficien in Anspruch genommon, hätten 
auch nichts aus der königlichen Kasse erhalten. Der Nutzon 
dahingegen, den das Land von diesen Leuten habe, sei bedeutend. 
So z. B. vorstehe einer von ihnen den Kornbranntwein so zu 
destilliren, dass die Zufuhr desselben aus Danzig ganz aufgehört 
habe, zum Tortheil der königlichen Kasso, denn es sei kein Ge- 
ringes, was sie allein durch blossen Impost in den droi letzten 
Jahren zur Accise beigetragen hätten. Ein zweitor habe eine Leder- 
fabrik errichtet und vorstehe das Leder auf englische Art zu- 
zubereiten. Ein dritter sei Bortenwirker, und mache Waaro für 
Polen, welche die Kaufleute sonst aus Danzig hätten kommen lassen 
müssen. Ferner sei ein vierter dort Schuster, er employire 20 Menschen, 
kaufe den Weissgerbern das Leder ab, aus wolchem er die Frauen- 
schuhe schneide, sie bunt bemale und nach Schweden und Holland 
und andern fremden Ländern ausführe, auch in Danzig halte er davon 
ein Lager. Dann sei ein fünfter Weber, er habe sieben Webstühle im 
Gange und könne seine Fabrik vorgrössern ; ein anderer sei Seiden- 



273 

und Wollfärber, der das Garn auf englische Art zurichte und 40 
Spinner beschäftige. Wieder ein anderer handle mit Soidon- 
und Kanieolhaarwaaron, macho auch goldono und silberne Trossen 
und allerhand Bänder und habo 10 Stühlo dazu im Gange. Ein 
holländischer Negotiant, so in Eompagnio mit dem Handelsmann 
Hojor, habe das importanteste Comptoir in Königsberg u. s. w. 

Wenn nun diese Leuto wogziohon müsston, da sio doch vor- 
her durch versprochene Froihoiton und Toleranz ins Land gelockt 
seien, und dazu für dio orlangto allergnädigste Konzession, ihren 
Gottesdienst in einem Privathause halten zu dürfen, abgesohon 
von andern Unkosten, 200 Thlr. zur Rekrutonkasso erlegt hätten, 
so würden die Accis- und Liconzkassen ansehnlich dadurch vor- 
lioren ; zumal nicht abzusehen sei, wie der Abgang diosor Goworb- 
troibondon wieder orsetzt werden solle. Dazu aber würde das 
nicht geringo Kapital, welches sie mitgebracht hätten, wieder mit 
ihnen aus dem Lande gehen. Es trage sich auch wohl zu, dass 
ein Mennonist zur reformirten Roligion träte, wenn er seine Frau von 
solcher Religion genommen hätte. Die Kammer wüsste doch, hoisst 
es ferner, dass Seinor Majestät dio Vormehrung der Manufakturen 
am Herzon liege, da sio das beste Mittel sei, das Land zu peupliren. 

Zugleich mit diosor Eingabe wurde eine Abschrift dor bei 
der Domainenkamraor eingegangenen Vorstellung des Generalmajors, 
Grafon von Truchsoss eingereicht wegen der auf dessen Gütern 
wohnondon Monnoniten. Aus diesem Schreiben würde Seine Majestät 
ersehen, fügte dio Kammer hinzu, wie nützlich diese Leuto dem 
Grafon seien, indem sie dessen morastige Ländoroien urbar zu 
machen gewusst hätten, und wolchor Schade ontstehen würde, wenn 
sio wegzieh on müssten. 

Wie es allen wahrhaft grossen Menschen eigen ist, nicht eigen* 
sinnig den oitigoschlagenen Weg zu verfolgen, wenn sie eines 
bossern belehrt worden, so besann sich auch der König, und gab 
dieser Vorstellung, welche noch durch die Fürsprache dor nieder- 
ländischen Goneralstaaten *) unterstützt wurde, Gehör. Lag ihm 

*) Die Generalstaaten hatten durch ihren Gesandten trotz der grössten 
Mühe nicht mehr vom Könige erreichen können, als dass die Mennoniten 
connivendo geduldet werden sollten, um so weniger, wie der Gesandte 
v. Ginkel mittheüte, als der König durch den Zuzug vieler geflüchteten Salz- 
hurger Ersatz für den etwaigen Verlust der Mennoniten gefunden zu haben glaubte. 

18 



!274 

doch die Vermehrung des öffentlichen "Wohlstandes nicht minder am 
Herzen, als die Wohrhaftigkeit dos Landes. Am 22. September 1732 
erfolgte der Bescheid, dass die Monnoniten in Königsberg „con- 
nivondo" geduldet werden sollten unter der Bedingung, dass sie 
Zoug- und Wollfabrikon anlegten. Einstweilen aber waren diese 
Leute in ihrer Thätigkeit bedeutend geschädigt, denn von der Zeit, 
wo der Bofehl zu ihrer Austreibung erlassen wurde, bis zum Sep- 
tembor schwebten sie in Ungewisshoit über ihr Schicksal. Mehrere 
hatten schon die Stadt verlassen; von diesen kehrton später 
einige zurück. 

Diejenigen Monnoniten, wolche sich in Folge obiger Torgänge 
im Gebiet des Bischofs von Kulm neu ansiedelten, hatten indessen 
auch dort durch Geldorpressungen seitens der Geistlichkeit bald 
viel zu loidon. Peter Becker, ein Lehrer der Monnonitongomeindo 
zu Eigonfuss, berichtete darüber 1732 ausführlich an die Societät 
der Monnonitengomeindon zu Groningen und schilderte zugleich 
den Zustand seiner Gemeinde. Er sagte, sie hätten sich zwar an 
dio neue Hoimath gewöhnt, könnten jedoch nur in sehr beschränkter 
Weise ihren Lebensunterhalt erwerben. Dio Societät schickte dar- 
auf 200 Dukaten als Beisteuer, für deren Empfang Gabriel Franz 
und Heinrich Nickel dankten und die Hoffnung aussprachen, 
mittelst diosor Summe vom Bischof die Religionsfreiheit erkaufen 
zu könnon. Sie hätten ihm schon 4000 fl. angeboton, er habe 
aber geantwortet, es sei ihm nicht um Geld, sondern um ihre 
Soelon zu thun, woraus sio schliosson mttssten, dass es ihm gerade 
um noch mehr Geld zu thun sei. Sio hätten bereits ein Gespräch 
mit einem Kanonikus und einem Domherrn gehabt und nichts 
nachgegeben, fürchteten aber, dass in den Pakt, den der neue 
König beschwören müsso, durch den Einfluss der Bischöfe die 
Bestimmung würde hineingebracht worden, dass alle im Reiche 
geborenen Kinder getauft worden müssten. 

Kurz darauf, am 20. April 1733, thoilten dioselbon Männer 
der Societät zu Groningen mit, dass die Monnoniten in Folge einer 
Audienz ihrer Vortrotor boim Bischof Bestätigung ihrer früheren 
Privilegion erhalten hätten, und baton dringend um weitere Hülfe, 
da sio ausser 10000 fl. zur Befriedigung dos Bischofs noch viele 
Ausgaben an verschiedene Beamte gehabt hätten, um ihren Zweck 
zu erreichen. Dieso Gemeinden hatten in den folgenden Jahreii 



275 

noch viel durch Krieg, Ueborschwommungen, Misswachs und 
Hungorsnoth zu leiden ; immer wieder aber kam ihnen kräftige 
Hülfe aus den Niederlanden. Belege dazu finden sich in der 
Gemeinde-Bibliothek zu Amsterdam. 

Die Lage derMennoniton in Königsborg undLithauon verbesserte 
sich erheblich unter der toleranton Regierung Friedrichs des Grossen, 
dessen oberster Grundsatz Achtung für den Glaubon oinos Joden 
war. Zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung wurden ihnen schon 
Bürgorbriefe in Königsberg ertheilt. Auch erliess der König eine 
Bekanntmachung im ganzen Lande des Inhalts, .dass es allen 
Monnoniten gestattet sei, sich in Proussen niederzulassen und dass 
ihnen, gleich allen andern sich redlich nährenden Unterthanen, in den 
Städten und auf dem Lande nichts in den Wog gelegt werden solle. 
Als im Jahre 1765 zwoiunddroissig mennonitische Familien von 
oinem polnischen Grossen vortrieben wurden, liess der König den- 
selben domgomäss Land zur Besiedelung anweison. 

Die Gemeinden in Königsberg und Lithauon konnten sich 
nun ungestört ontfalton. Die erstere lioss alsbald ein eigenes 
Andachtshaus bauen, welches 1770 eingeweiht wurde. Der Aeltoste 
Ysaak Krökor hielt dio Einweihungsrede, welcher or die Worte 
des Apostels Paulus zu Grunde legte: „und auch ihr, als dio 
lebendigen Stoino, erbauet euch zum geistlichen Hause und zum 
hoiligen Priostorthum, zu opfern geistliche Gaben, dio Gott ange- 
nehm sind durch Jesus Christus." 

Wie mochten die Monnoniten in Westprousson sich darnach 
sehnon, don schwankenden Schutz dor polnischen Krone mit der 
festen Regierung Friedrichs des Grossen zu vertauschen! August 
von Sachson, damaligor König von Polen, war, um dioso Würde 
zu orlangen, bekanntlich zum Katholicismus übergetreten, nachdem 
seine Vorfahren dio eifrigsten Vorfochtor und Beschützer des Pro- 
testantismus gowoson waron. Vielleicht hatto damit eine Gleich- 
gültigkeit gegon alle Religion bei ihm Platz gegriffen, or zeigte 
wenigstens keine Unduldsamkeit, aber obenso wonig war für die 
Monnoniten Vorlass auf Schutz boi ihm. Dies zeigte sich, als im 
Jahre 1748 oino Deputation der dritten Ordnung, dor Krämer und 
Speicherhändlor, von Danzig beim Könige erschien, um ihm eine 
Klageschrift gegen den Rath dieser Stadt zu überreichen. Einer 
der darin enthaltenen vielen Klagepunkte lautete: für das Geld, 

18* 



276 

das in dio Taschen der Herren des Raths fliesse, werde Juden, 
Monnoniten, sowie auch Louton, dio nicht in der Stadt ansässig seien, 
Handels- und Goworbofroihoit gestattet, wodurch dio städtischen 
Kaufleuto und Ztinfto grossen Schaden leiden müssten. Dio Be- 
schwerdeführer orreichton, dass 1750 durch königliches Dekret 
allon Monnoniten in Danzig und auf dem Stadtgebiet befohlen 
wurde, ihre Läden und Geschäfte zu schliossen. Dabei gab man 
ihnen jedoch königlicherseits zu verstehen, dass sie das Uobel durch 
oino Summe Goldos abwenden könnten. In Folge seines grenzen- 
losen Aufwandos hatto der König immer Geld nöthig und benutzte 
diese Gelegenheit, von den Mennoniton eine Summe zu orpresson. 
Man wüsste wohl, hiess es, dass die Zahlung ihnen zu schwer 
würde (sie waren nämlich durch die vielen Kriegskontributionon 
der letzton Jahre finanziell sehr entkräftet), sie könnten sich aber 
nach Holland um Hülfo wonden. 

Bald kam ihnen aber anderweitig Hülfo von Holland, die Re- 
gierung der Gonoralstaaton beauftragte nämlich ihren Gosandten in 
Dresden, durch den Grafen Brühl auf den König zum Besten der 
Monnoniten in Danzig einzuwirken. Auch beim Grosskanzlor von 
Polen, Graf Malochowski, vorwandte derselbe Gesandte sich für die 
Mennoniton, indem er der Beschuldigung, dass sie 150 Jahro lang 
dor Stadt Schaden gethan hätten, mit guton Gründon ontgogontrat. 
Dio Gonoralstaaten selbst widerlegten ebenfalls dioso falscho Be- 
hauptung und erinnorten zugleich daran, dass dio Mennoniton auf 
Grund ihrer alten Privilegion auf Schutz dor Regierung gegen dio 
falschen Anklagen aus dor Bürgerschaft von Danzig Anspruch 
machon könnten. 

Diese unerwartete kräftige Fürspracho für die Monnoniten wies 
dor König mit dem Bemerken zurück, dass dio Holländer, da sie 
mit allen Bürgern Danzigs und nicht mit den Mennoniton allein in 
Handolsbeziohungen ständen, sich nicht beklagen könnton über 
Massrogeln, welche ausschliesslich gegen dioso genommen seien, 
dio ja obendrein auch Handol treiben dürften, wenn auch nicht so 
frei wie andere Bürger. Was die alten Privilegien der Menno- 
niton betreffe, so soion sio zum Thoil erdichtet, zum Thoil vorkehrt 
ausgologt und in Streit mit der Konstitution; er würde seinen, 
nach reiflicher Uoborlogung genommenen Entschluss nicht ändorn. 
Diosor Bescheid entrüstete dio Kommission in Amsterdam, sie 



277 

suchte auf anderem Woge zum Ziel zu kommen. Die Stadt Danzig 
hatto die Absicht, eino Anloiho zu machen und dio Kommission 
bostrobto sich nun, dio niederländische Regierung zu bestimmen, 
an dor Gewährung derselben die Bedingung zu knüpfen, dass den 
Danzigor Mennoniten alle früheren Privilegien und Rechte ornouort 
würden. Da viele der oinflussreichston Kaufleuto in Amstordam den 
Monnonitongomeinden angehörten, und überhaupt allo Kauflouto 
ohno Unterschied dor Konfession sich dafür aussprachen, neben 
dem niederländischen Handel in Danzig zugleich dio Sache der 
dortigon Mennoniten zu vortreten, so hatte diosor Antrag bedeu- 
tendes Gowicht. Nach violon Vorhandlungen hin und her ontschloss 
dio Rogiorung dor Niodorlando sich, die Anloiho gänzlich zu woi- 
gern, um so mehr, als Danzig von dor vorigen Anloiho noch oino 
ansehnliche Summo schuldig war. 

Dem Königo von Polen und dem Grafen Brühl war os augen- 
scheinlich nur darum zu thun, eino bedeutende Summo von den 
Mennoniten zu erprosson. Letztere entschlossen sich endlich, um 
ihre Geschäfte wieder aufnehmen zu können, dor Habgier zu ge- 
nügen, um so mehr, als dio Vorwondung dor Gonoralstaaten und 
dio Entrüstung der Amstordamer Börso dor Danzigor Bürgerschaft 
imponirt hatten und dio Stellung der Mennoniten daselbst verbesserten. 
Da sie abor von don holländischen Brüdern zur Linderung dor 
Schäden, welche thoils dio Kriege Karls XII., thoils Uebor- 
schwommungon ihnen verursacht hatten, schon bodoutondo Unter- 
stützungen empfangen hatten, wollten sio diose nicht mehr bolästigon. 
So wandten sio sich in ihror Noth an dio deutschen Brüder, dio 
denn auch durch freiwillige Gabon dio ganze verlangte Summe bis 
auf dio Kleinigkeit von 300 fl. zusammon brachton. In Folge 
dieses Goldopfors ward don Bodrängton Mitte dossolben Jahres ge- 
stattet, ihre Goschäfte wiodor aufzunehmen, und so retteten die 
Habsucht dos Königs und die Hülfe der Brüder sie vor dorn Noido 
und der Eifersucht ihror Mitbürger. 

Als endlich bei dor ersten Thoilung Polens auch don wost- 
proussischen Mennoniten das Glück zu Theil wurdo, Untorthanon 
des grossen Königs zu worden, mit oinstwoiligor Ausnahme dor- 
jonigon, welche in den Städten Danzig und Thorn nobst Umgegend 
ansässig waren, war dioFreude gross in den Landgemeinden der Werder. 
Im Jahre 1772 nahm Friedrich U. das Land \n Besitz, und als 



278 

am 22. September dieses Jahres in dem alten, an historischen Er- 
innerungen so reichen Schlosso der Ordensritter zu Marienburg 
die Huldigung stattfinden sollte, wozu ein Festmahl vorbereitet 
wurde, sah man einen Zug sich der Stadt nähern. Er brachte 
die Freudenspende der monnonitischen Bewohner der marien- 
burgischon Werder zum Festmahl, Naturprodukte ihrer reichgeseg- 
neten Fluren. Zweien geschmückten fetten Ochsen folgte ein 
Wagen mit 400 Pfund Buttor, 20 Stück Käse, 100 Stück Hühner 
und Enten u. a. m. 

Diese westpreussischon Gomeinden durften nun hoffen, dass 
ihnen dieselben Rechte und Sicherheit gewährt werden würdon, 
welche die ostpreussischon hatten und wie sie 1745 bereits den 
ostfriesischen gewährt worden waren. Durch den Tod des letzton 
Fürsten von Ostfriesland war dem Könige von Preusson dieses 
Ländchen in Folge eines Erbvertrages zugefallen, und hatte dersolbe 
den Schutzbrief, welcher den ostfriesischen Mennoniten gemeinden 
durch den Fürsten Karl Edzard im Jahre 1738 ausgestellt worden 

war, bestätigt. In diesem hiess es unter anderem : »Wir 

haben daher auch mehrbesagte alte Flamländer von denen Schätzun- 
gen, welche von diesen an die Hauptleute und Wachtmeister zu 
Norden, Aurich, Leer und Emden oder sonsten Jemanden unserer 
Diener gezahlt sind, hiermit befreien wollen, dahero dieselbe diese 
unsere Verordnung befolgen und niemandt von dieser Gesinnthoit 
dawider beschweren, noch sie nöthigen und zwingen soll, die Waffen 
zur Hand zu nehmen, oder wider ihren Willen ins Gewehr zu 
treton, vielweniger ihnen deswegen einige Schätzung aufzudringon, 
boi Vermeidung unsrer Ungnade und arbiträrer Strafe." 

So wünschten nun auch die westpreussischen Gemeinden ihre 
Rechte durch des Königs eigne Hand baldmöglichst bestätigt zu 
sehen. Einige Doputirto derselben suchton um Audienz nach, die 
ihnen auch alsbald gewährt wurde. Sie baten den König, dem sie 
ihre von den polnischen Königen erhaltenen Schutzbriofo über- 
reichten, ihnen die Fortdauer derselben zu sichorn. Der König 
lioss ihnen vorläufig die Antwort ortheilen, dass ihre Bitte bald 
zu ihrer Zufriedenheit beschioden werden solle. 

Sie erhielten darauf folgendes Privilegium: 

„Wir, Friodrich von Gottes Gnaden etc. Urkunden hiemit, 
dass, nachdem dio sämmtlichon Monnonistongomeinden Unseros 



279 

Königreichs Prenssen, auch Lithauen, alleruntorthänigst Ansachon 
gethan, "Wir geruhetori ihnen in Botracht der Toleranz und En- 
rollirungsfroiheit, so sie und ihre Glaubensgenossen bisher in diosom 
Unsorn Königreiche genossen, und nachdem die jetzigen Menno- 
nistongemoinden, aus 12 603 Seelen bestehend, wogen fortanor 
Enrollirungsfreiheit zur Unterhaltung der Kulmer Kadettenschulo 
sich zu einer jährlichen Beisteuer von 5000 Thaler seit Trinitatis 
verstanden, eine von Uns selbst ausgestellte Versicherung und 
Gnadonprivilegium zu erthoilen, dass sio von der Einrollirung und 
dem naturellen Militärdienste immerwährend befreiet und bei dem 
Genuss ihrer Glaubensfreiheit, Gewerbe und Nahrung gelassen und 
geschützet werden würden, Wir dieses allerunterthänigste Gesuch 
stattfinden lassen. Wir vorhoisson und vepsprechen demnach vor 
uns und unsere Nachkommen an der Krone, gedachten Mennoniston- 
gemeinden in Unsorm Königreiche Freussen, dass so lango sio und 
ihre Nachkommen sich als getreue, gehorsame und fleissige Untor- 
thanen vorhalten, die auf ihren Gründon haftenden oder mit ihrem 
Geworbo sonst verknüpften Abgaben prompt entrichten, sich den 
allgemeinen Landespflichten gleich den übrigen Untorthanen nicht 
entziehen, die bisherigen 5000 Thaler wogen der Enrollirungs- 
freiheit jährlich in den vorgeschriebenen Torminen an die ange- 
wiesene Kasse prompt abführen, und sonst sich als redliche Untor- 
thanen botragen worden, sie von der Einsollirung und dem 
naturellen Kriegsdienst auf ewig befreit bloiben und bei dem 
Genuss ihrer Glaubensfreiheit, auch Geworbo und Nahrung, 
nach den in unsorm Königreiche Preussen oingoführton Landos- 
gesotzon und Anordnungen ungestört erhalten und daboi geschützt 
worden sollen. 

Urkundlich haben Wir dieses Gnadenprivilogium eigenhändig 
unterschrieben und mit Unsorm königlichen Insiogol bedruckon lassen. 
So geschohen und gegeben Potsdam, don 29. Martii 1780." 
Obwohl damit das Yerhältniss der Monnoniton zum Staat vor- 
läufig geordnet und sio eine anerkannto Kirchongemoinschaft ge- 
worden waron, so nahmon sie doch eine Art Sonderstellung oin, 
aus welcher im Laufo der Zeit nach beiden Soiten hin grosso 
Schwierigkeiten erwuchsen. Proussons Könige musston auf die 
Erhaltung und Stärkung ihror militärischen Machtstellung bedacht 
sein, das vorlangten dio geographische Lage ihres Landes und die 



* I 



280 

Stellung, zu welcher sich Preussen emporgearbeitet hatte. Mit 
Geringschätzung hatten die mächtigen Nachbarn auf das junge 
Königreich herabgosehen, als der ersto Friedrich sich selbst die 
Krone aufs Haupt setzte. Dom grossen Friedrich war der "Wog, 
den er zu gehen hatto, durch seine Vorfahren vorgozeichnot. Dazu 
waren in Preussen durch dio erste Königin Sophie Charlotte goistigo 
Schätzo niedergelegt worden, welche der ganzen Welt zu Gute 
kommen sollten, und die es gewissermassen wieder aufwogen, dass 
das Land dem Kaiser für seine Anerkennung des proussischon 
Königstitels 20000 Mann Hülfstruppen für den spanischen Erb- 
folgokrieg Stollen musste. Man donke nur an die Gründung der 
Borliner Akademie der "Wissenschaften auf Veranlassung Leibniz*, 
dem die Königin die Präsidentenstcllo übertrug, an die Gründung 
der Universität Halle, zu welcher sie Thomasius berief, der durch 
seine kühnen "Worte die lutherischen Theologen Loipzigs so erzürnt 
hatto, dass sie bei seiner durch sie betriebenen Ausweisung das 
Armensünderglöckloin läuten Hessen. 

Thomasius gab dio ersto deutsche Zeitschrift heraus und war 
der orste Professor, welcher statt in lateinischer in deutscher 
Sprache seine Vorlesungen hielt. "Wohl von keinem Hofo in Europa 
ging damals so viel geistige Anregung aus, als von dem durch dio 
anderen so gering geschätzten proussischen. Und dieser Richtung 
entsprang es auch, dass oine Gruppe Unterthanon, welche mit 
emsigem Floiss und Zuverlässigkeit ihr friedliches Tagewerk vor- 
richteten, mit günstigom Auge angesehen wurde, obgleich sie sich, 
durch ihron Glauben und ihr Gewissen gobunden, weigerten, per- 
sönlich Kriegsdienste zu leiston. Dazu kam noch, dass dio Königin 
nicht allein für Kunst, Wissenschaft und Gowerbefleiss lebhaftes 
Intorosso hatte, sondern vor allem oino hoho Achtung vor jodor 
echt religiösen Kundgebung. Hatto sie doch dazu beigetragen, dor 
in Formeln und Buchstabondienst ausgearteten Religion durch 
Spenors Einfluss neuon belebenden Geist einzuhauchen. 

Dioses innorlich und äussorlich erstarkte Prousson zu or- 
halten, fühlte auch der grosse Friedrich, gleich wie soin Vater, dio 
Kraft und dio Pflicht in sich. Er mussto deshalb sowohl seine 
"Wohrkraft als seine Geldmittel in Stand haiton, und so konnte es 
ihm so ziomlich einerlei sein, ob dio Mennonitou der ersteren Ge- 
nüge .thaten oder die letzteren vorstärkten, indem sie 5000 Thalor 



281 

jährlich zu der Kadottenanstalt in Kulm zahlten. Bio Monnoniton 
abor mussten besorgt sein, dass, wenn ihre Kopfzahl sich voraiin- 
dorto, es ihnen zu schwer werden würde, diese Summe aufzubringen, 
währond die Regiorung verhindern wollto, dass ihro Zahl sich vor- 
grösserte, damit nicht auffällig viele den Waffendienst vorsagton. 
Es wurde ihnen aus letzterer Rücksicht der Erwerb von neuen 
Grundstücken erschwert. Sie sollten nur dann Besitzungen an- 
kaufen dürfen, wenn auf donsolbon noch dionstpflichtigo Familion 
ansässig blieben, odor wenn der Verkäufer sich durch oinon 
vortheilhaften Verkauf an einen Mennoniton von gänzlichom Ruin 
retten könne*). Auf Grund der letzteren Bestimmung golang es 
ihnen, da sie in Folge ihrer vorzüglichen Bewirtschaftung hoho 
Preise bezahlen konnton, viele Grundstücko mit Consens dos Königs 
von heruntergekommenen Landwirthen zu orworbon. Es wurdon 
ihnen sogar am 16. Decombor 1784 auf königlichen Bofohl alJo 
Koston für diese Consense mit Ausnahme der Stompelgobühron or- 
lasson. So mildorte der König nach vielen Verhandlungen mit der 
Kriogs- und Domainonkammer obige Massregoln. Da abor oine 
frühere Verordnung von 1774 nicht aufgehoben wurdo, nach wolcher 
joder Monnonit, der ein Grundstück von einem der Militärpflicht 
unterworfenen Besitzer kaufte, dazu der Genehmigung des Königs be- 
durfte, so war und blieb ihro Stellung immerhin oine schwankende. 
König Friedrich hatte ihnen freilich nachErlass dos Gnadenprivilogiums, 
wie bereits bemerkt, zu manchem Ankauf noch seinon Consons go- 
gobon, weil or praktische, tüchtigo Leute liebte, innerhalb drei 
Jahren sogar noch zum Ankauf von 292 neuen Grundstücken, abor 
damit war nicht gesagt, dass soino Nachfolger ebenso handoln würdon. 
Als der kinderlose, auf seinom Throno voroinsamto grosso 
Friedrich sein thatenvolles Loben geendigt hatte, und Friodrich 
Wilhelm II. sein Nachfolger ward, wurdo wohl manches durch 
Friedrichs Vorliebe für französisches Wesen namentlich auf dorn 
Gebiete des Zoll- und Steuorwosons Eingeführte zur Froudo dor Untor- 
thanon gemildert, auf die Verhältnisse dor Monnoniton abor war 
dor Thronwechsel von noch weit grösserem Einfluss. Durch die Zu- 
nahme des mennonitischen Grundbesitzes waren manche luthorische 
Kirchspiele in ihren Einnahmen geschädigt worden, und diese 



*) Siehe Mannhardt, Die Wehrfreiheit der Mennoniten, 



282 

wandten sich nun mit oinor Beschwerde an den nouen König. In 
Folge dosson erschien 1789 oin Edikt, in welchem bestimmt wurde, 
dass dor mennonitischo Besitzer eines früher zu einem lutherischen 
Kirchspielo gohörigen Grundstückes oino Roalabgabo zu Gunsten 
der lutherischen Ortsgomoindo tibernehmen solle. Sechs luthorischo 
Goistlicho drangen sogar darauf, dass dieser Vorordnung rück- 
wirkende Kraft gogoben werde, womit sie jedoch abgewiesen 
wurden. Ferner sollten alle monnonitischon Grundbesitzer zur 
Unterhaltung der oiner andern evangelischen Konfession, in doren 
Kirchspiel sie ansässig wären, gehörigen Kirchon, Schul- und Pfarr- 
gobäudo, sowie zur Besoldung der Prediger und Schullehror der- 
selben, ebonso wie die dazu gehörigen Gemoindegliodor selbst, bei- 
tragen. Auch sollton alle und jede in Ost- und Wostproussen und 
Lithauen lebenden Mennoniten, angesessene oder nicht, den 
luthorischen Geistlichen die üblichen Stolgobühron zu ontrichton 
schuldig sein, als wären sio Mitglieder dor Gomoindon joner. Dieser 
Beitrag zu den Kirchspielslasten, hiess es in dem Edikt, sei 
lediglich in dor Absicht angeordnet, damit dio übrigen dorn 
Kriegsdienst unterworfenen Untorthanen nicht zu sehr gedrückt 
würden. Porner wurdo vorfügt, dass dio Kinder aus Mischehen 
in dor Religion desjenigen Theils ihror Eltern erzogen worden 
sollten, welcher dor monnonitischen Gemeinschaft nicht angohörtc. 
Auch sollton in Ost- und Westprousson und Lithauen koino 
Mennoniten mehr aufgenommen werden. Falls jedoch oinor oin 
Vormögen von 2000 Thalorn mit ins Land bringe, so solle ihm 
gestattet sein, in andern Provinzen sich niederzulassen, wo gute 
Gelegenheit zur Viehzucht sei, doch müsse er jedes Mal den Consons 
dos Goneraldirektoriums nachsuchen und erhalten haben. Auch 
müsse derselbe und seine männlichen Doscondenten, wenn sie zum 
Kriegsdienst fähig seien, vom 20. bis zum 45. Jahre jährlich einen 
Thalor an dio Invalidonkasso entrichten. 

Abgesehen von diesen Einschränkungen wurdo ihnon Religions- 
freiheit zugesichert und in dieser Beziehung das Privilegium 
Friedrichs desGrosson, namentlich dio bisherigo Befreiung vomKriogs- 
dienst gogen dio Abgabe an die Kadottonanstalt zu Culm bostätigt. 
Ebonso orlaubto man ihnen, ihro Güter in ungohindortom Besitz 
zu behalten, auch sie an Glaubensgenossen zu vorkaufen, ferner 
ihre Todton auf den Kirchhöfen zu bograbon, ihro Bothäusor zu 



283 

repariren oder neue zu bauen. Trotzdem mussten sie sich in Folge 
des obigen Edikts doch beengt fühlen, wie Bionen in einem Bionen- 
korbo, wenn sich für den Ueberschuss der arbeitsfähigen Kräfte 
kein Raum mehr bietet, und demgemäss ein Ausschwärmen nöthig 
ist. Ein solcher Aus wog lag ihnen aber noch nicht vor Augen; 
es schien vielmehr, dass sie ihrer Glaubensgemeinschaft entsagen 
müssten, wonn nicht der Ueberschuss orsticken sollte 

Gottes Wege sind aber andere Woge, als die der Menschen, 
das erfuhren bald die preussischen Monnoniten. Die Hand der 
Vorsehung wies ihnen plötzlich einen Ausweg. 



Achte Abtheilung. 

Die Anfänge der Mennonitengemeinden in Russland. 

Im August des Jahres 1786 ging bei dorn „ohrsamen Dienst" 
der flämischen Mennonitengomeindo in Danzig, das damals noch 
unter polnischer Oberhohoit stand, ein Schroibon dos russischen 
Konsuls zu Thorn ein, dos Inhalts, dass auf Bofohl Ihrer Majestät, 
der russischen Kaiserin, allen freion Landwirthcn, besonders den 
im Danzigor Gebiet wohnondon Mennoniton, bekannt gomacht werde, 
dass in Russland Land für sie zu habon sei. Wor boroit sei, sich 
dorthin zu begobon, könne sich in dem russischen Landschaftshause 
melden und auf kaisorlicho Koston hinkommon. Diosos Schroibon 
wurdo in einer zu dem Zweck abgehaltenen Gemeindeversammlung 
von dorn Aelteston Abraham Nickel verlosen. 

Es meldeten sich bald zwei Männer, Namens Höppnor und 
Jakob van Kampen, beim Gomeindedionst, und sagton, sie seien 
entschlossen, nach Russland zu reisen, falls der ohrsamo Dienst 
sich entschliosson könne, sie als Doputirto dort hinzusondon, um 
das angobotono Land zu bosichtigen. Dor Magistrat in Danzig 
aber hatto sich inzwischen mit einer solchon Auswanderung nach 
Russland unzufrieden orklärt, und somit wurdo diesen beiden Männern 
ihr Gosuch abgeschlagen. Auch dio friesische Gemeinde, dor das 
Anorbioton ebenfalls gomacht wurdo, wollte nichts gogon den 
Willen dor Obrigkeit unternehmen. 

Dio genannten beidon Männor liosson sich abor dadurch nicht 
abschrecken, sondern reisten auf oigono Hand und auf russische 
Kosten. Im folgenden Jahro kehrton sie in Begleitung einos 
russischon Kommissärs, Namons Trapp, zurück. Dieser war mit 
einer Vollmacht vorsehen, kraft welcher er allon, die sich ent- 
schlössen, nach Russland auszuwandern, anbot, sie frei bis Dubrowna, 
eine Stadt im Gouvernement Mohilow, zu befördern. Hier könnten 
sie bis auf weitem Bofohl bleiben und sollton täglich jeder 
Vi Rubel erhalten. 



285 

Kaum war dies dem Bürgermeister Pogolau zu Ohren 
gekommen, als er don Aoltosten der Danzigor Gemeinde, Potor Epp, 
vor sich fordern lioss, und ihm befahl, dafür zu sorgen, dass 
Niemand aus seiner Gemeinde ohne Erlaubniss der Regierung nach 
Russland reise. Als der russische Kommissär Trapp den Aeltesten 
Epp nun ersuchte, eine neue Einladungsschrift der russischen 
Regierung im Andachtshause verlesen zu lassen, und ihm dabei 
nicht unbedeutende Geschenke anbot, lehnte diosor boides ab. 
Trapp aber stellte sich am Schlusso des Gottesdienstes an die Thür 
des Andachtshausos, es war am 18. Januar 1788, und vertheilte 
seine gedruckto Einladungsschrift an die Hinausgehenden. 

Diese Vorfälle erregten don Unwillen der Obrigkeit um so 
mehr, als sie glaubte, dass die obengenannten zwei Männer von 
der Gemoinde gegen ihren Befohl nach Russland geschickt worden 
seien. Der „ehrsame Dienst" erklärte dorn Magistrat indessen, 
dass es ohno Wisson und Willen der Gomeindo geschehen sei. 
Trapp aber verfolgte so onergisch seinen Zweck, dass sich bald 
vier Familien beim Gomeindevorstand meldeten, wolcho Atteste 
wünschton. Dieser suchte nun um Erlaubniss zur Abgabe der- 
selben beim Bürgermeister nach, die auch endlich ortheilt wurde. 
Mehrere andere Familien meldeten sich bald nachher. 

Die Obrigkeit mochte ein Auge zudrückon, da sich anfangs 
nur unbemittolto Familien meldeten (die begütertste hatte nur 
4000 fl. im Vormögen), und mit ihnen also nicht viel Kapital aus 
dem Lande ging. Bald fing der russische Kommissär indosson 
auch an, in den Gemeinden der Werder zu werben, wo er 
einen für seine Zwecke noch fruchtbareren Boden fand, abor 
regierungsseitig wurden ihm hier auch grössere Schwierigkeiten in 
den Weg gelegt, als im Danzigor Gebiet. Anfangs konnto Niemand 
Pässe bekommen, nur gab man Einzelnen im Stillen mündlich zu 
verstehen, dass sie ziehen könnten. Daraufhin machten nun 
einige, dio sich aus den drückenden Vorhältnissen ins Weito 
sehnten, wo sie ihre Kräfte frei verwerthon konnten, sich roiso- 
fortig. Am 28. Juli 1788 versammelten sie sich zu Rosonort im 
grossen Marionburgischen Werder, wo 20 Aeltosto, Lehror und 
Diakonen mit ihnen zusammon kamen, um durch eine Lehrer wähl dor 
neu zu gründenden Gomeindo in Russland den ersten Halt zu geben 



286 

und ihr religiöse* Pflego zu sichorn. Vielen aber, welcho sich hatten 
anschliessen wollen, war es trotz allor Bemühungen noch nicht 
gelungen, Pässo zu erhalten, und unter diesen befanden sich grade 
die bedeutendsten Männer, aus denen allein der Lehrer zweckmässig 
gewählt wordon konnte. Man musste daher von einer Wahl vor- 
läufig absehen, und die bereits reisefertigen Brüder mussten sich 
ohne geistlichen Führer auf den Wog begeben. Der Aeltosto der 
Gemeinde zu Heubudon, Eornelius Regier, ermahnte sie beim 
Abschiede zur Gottesfurcht und Nächstenliebe auch im fremden Lande. 

Der Wunsch der Kaiserin von Russland, ihrem Reiche freie, 
der Landwirtschaft kundige Leute zuzuführen, und die religiöse 
Duldung, von welcher sie beseelt war, wurden auf diese Weise die 
Veranlassung, dass sich den Mennoniten eine neue Zufluchtsstätte 
oröffneto. Dass die Kaiserin vorzugsweise Mennoniten heranzuziehen 
wünschte, mochte daher kommen, dass bereits Peter der Grosse 
bei seinem Aufenthalt in Zaandam sie von einer vorteilhaften 
Seite kennen gelernt und sogar seinen Leibarzt ihrer Gemeinschaft 
entnommon hatte. Don Schwierigkeiten gegenüber, welche die 
preussischo Regierung ihrem Abzüge in den Wog legto, verhielten 
die Mennoniten sich bei allem Gehorsam nichts weniger als leidend, 
sondern machten solche Anstrengungen, dass die Regierung endlich 
nachgab, zugleich aber dadurch veranlasst wurde, gegen die Zu- 
rückbleibenden milder aufzutroten als bisher, um den gänzlichen 
Wegzug der Mennoniten zu verhindern. 

Von dem ersten Zuge, welcher sich so ganz still und ohne 
Lehrer aus dorn Lande begeben hatte, trafen bald Briefe aus 
Dubrowna ein. Was ihnen am moiston Sorge mache, schrieben sie, 
sei, dass sie ohne geistlichen Hirten und Lehrer seien, und dass sie 
sich damit bohelfen müssten, in den sonntäglichen Zusammenkünften 
ein geistliches Liod zu singen und sich eine gedruckte Predigt vorlesen 
zu lassen. Es wurde in Folge dosson von don Flamingern im grossen 
Werder oino Aelteston- und Diakonen- Versammlung gehalten, und 
man boschloss, vorläufig unter don Ausgewanderten taugliche Männer 
zu wählen, um Andachtsstunden bei ihnen zu halten. Aus diesen, 
die gewissermassen als Kandidaten anzusehen seien, könnten die 
Ansiedler dann später einen Lehrer wählen. Mittlerweile war die 
Zahl der aus den flaminger Gemeindon nach Russland ausgewan- 
derten Familien schon auf 125 gestiegen, und am Schlüsse des 



287 

Jahres 1788 waron os 200. Der Ort ihrer Ansiedelung lag im 
Gouvernement Jekaterinoslaw an beiden Seiten dos Dniopr, namentlich 
am rechten Ufer, und auf oiner durch einen schmalen .Flussarm 
vom linken Ufer getrennten grossen waldreichen Insel. Das den 
Ansiedlern angewiesene Land war hügelig und von Schluchton 
und Thälern durchschnitten. In don Thälern, wo dor Graswuchs 
üppig war, legten sie ihre Dörfer an, da die Viehzucht ihnen be- 
sondern Vortheil vorsprach. Ihre Butter und Käso wurden auch 
bald begohrto Artikel bei don russischen Herrschafton, und da 
im Sommor eine fliegende Brücke über den Dniopr führte, war 
der Absatz ihror Produkte nach dor sechs bis acht Werst entfern- 
ten Stadt Jokatorinoslaw nicht schwor. 

Als die ersten Ansiedlor zur Ruhe gekommen waron, dachton 
sio zunächst daran, ihre Gomoindoangologenhoiten in Ordnung zu 
bringen. Sio schrieben doshalb an die Muttorgomoinde, man mögo 
doch einen Lehrer und Aelteston für sie bestimmen; sio wollton 
die Roisekosten gorn bezahlen, falls sich einer ontschliesson könne, 
zu ihnon zu kommen. Der Aeltesto der Danziger Gomoindo, Petor 
Epp, orbot sich, nach mehroron Berathungon dos Gemeinde- 
kollegiums, hinzuroisen. Don russischen Brüdern wurde davon 
Konntniss gogebon; indessen wurde Epp bald so leidend, dass er 
von soinom PJano abstehon mussto. • Man benachrichtigte davon die 
Brüdor in Russland und machto ihnon zugloich don Vorschlag, dort 
16 Kandidaten zu wählen und doren Namen nach Prousson zu 
moldon, man würde dann soitons dor Muttorgemoindon durchs 
Loos vier Lehrer und zwei Diakonen aus dieser Zahl bestimmen. 
Auf diesen Vorschlag gingen dio russischen Brüdor oin und 
schlugen 20 Kandidaten vor, baton abor zugloich um Zusendung 
von Formularen zu Trauroden und zu boi Absonderung und 
Wiederaufnahme von Gestraften zu haltondon Roden, um Gesang- 
bücher und mehr dorgloichon. Da sie abor dor traditionellen 
Ordnung gemäss das heilige Abendmahl nicht halten konnten ohne 
einen Aoltosten, so baton sio dringend, man möge ihnen doch 
einen zusonden und meldeten zugloich, dass sio 180 Dukaten zur 
Reiso einschicken wollton. Auch thoilten sio mit, dass bei den 
20 gewählton Kandidaten zwoi von dor friosischon Gemeinde seien, 
die übrigens in Allem mit ihnen einig soion. 

In der darauf einberufenen Versammlung der Mutterge- 



288 

nicinde zu Danzig wurdo das Ausloosen unter Gebet vorgenommen, 
und wurden danach ernannt Bernhard Pennor zum Lehrer, und 
Potor Dyk und Cornelius Riesen zu Diakonen. Droi andre Lehrer, 
Jakob Wiebe, Gerhard Neufeld und David Giosobrecht waren vorher 
durch Stimmenmehrheit gewählt. Damit war aber noch nicht der 
Wunsch erfüllt, einen Aeltesten in der Mitte der russischen 
Brüder zu sehen, denn ein solcher mussto nach alter Gowohn- 
hoit durch oinon anderen Aoltesten eingesetzt und geweiht werdon. 
Als nun nochmals eino dringondo Bitte deswegen aus Russland 
kam, fand eine Brüdorversammlung in Danzig statt, um diese 
wichtige Angelegenheit ernstlich in Erwägung zu ziehen. Zwei- 
hundort Brüder hatten sich als Abgeordnete aller Gemeinden zu- 
sammengefunden. Dor Ael toste Regier hielt die Anrede. Er bat 
darin, die Brüder möchten doch zugeben, dass ihr Aeltoster Epp, 
wolclior jetzt anscheinend wieder hergestellt sei, nach Russland 
roiso. Seine Gomoindo wollte ihn aber nicht ziehen lassen, wäh- 
rond die andern ihn dringend darum baten. Nach schwerem 
innorn Kampfo ontschloss Epp sich endlich, dem Rufe zu folgen, 
wozu alle ihm mit bowegtom Herzen Glück wünschton. Die 
Vorbereitungen zur Roise wurden zwar gemacht, aber in dorn 
Körper des Mannes vollzogen sich Vorbereitungen zu einer 
andern Reise. Seino Kränklichkeit stellte sich wieder ein, und im 
Horbst desselben Jahres wurde er in die ewige Hoimath abgerufen. 
Mit tiefer Botrübniss vernahmen die Brttdor in Russland diose 
Kundo; denn die Möglichkeit, das hoiligo Abendmahl zu feiern, 
war nun nochmals in die Forno gerückt. 

Da sich nun in den proussischon Gemeinden kein Aoltester 
fand, um an Epp 's Stollo zu treten, folgton dio russischen Brüder 
dorn Ratho der proussischen, ihron Lehrer Pennor durch eino von 
vier Aoltosten in Preussen unterschriebene Vollmacht schriftlich 
zum Aoltosten oinsotzon zu lassen. Doch auch Pennor wurdo bald 
krank und drang daher in den andern Lehrer, Jakob Wiebe, ihn 
als Aeltesten zu ersetzen. Dieser aber sagte, er fühle sich nicht 
fähig dazu. Als dor Aoltesto Pennor dann heimgegangen war, bat 
dio Gomoindo Jakob Wiebe, er mögo doch das Amt annohmen, da 
or doch bereits noben Ponnor von Prousson aus zum zweiten 
Aeltoston vorgeschlagen worden sei. Jener aber war nicht dazu 



289 

zu bowegon. Darauf lioss sich durch inständiges Bitten von 
Soiton der Gemeinde ein anderes zum Aoltoston vorgeschlagenes 
Gemeindegliod, David Epp, bewogen, die Wahl anzunehmen. Er 
wurdo von Jakob Wiebe, welcher von den Aeltoston in Prousson 
dazu bevollmächtigt war, eingesetzt. 

Da viele Gomoindegliedor Epp nicht als vollgültigen Aolteston 
anerkennen wollten, wandte die Gemeinde sich in ihrer Noth wieder 
an die Glaubensgenossen in Preusson. Nach violera Hin- und Her- 
borichtou über diese Angelegenheit erschienen bei diesen im 
Horbst 1793 zwei Männer aus der russischen Gemeindo, nämlich 
der zum Aoltoston gewählte Jakob Wiobe und Jakob von Bargen, 
um persönlich diose wichtige Angelegenheit zu betreiben. In einer 
darauf ausgeschriebenen Brüderversammlung, der noch drei folgton, 
bovor man zum Ziele kam, entschlossen sich endlich zwei Männer, 
der Aelteste Cornelius Regier und der Lehrer C. Warkentien, nach 
Russland zu reisen, um die Angelegenheiten der dortigen Gomoinde 
zu ordnen, da dio aus Russland gekommenen boidon Abgeordnoton 
entschieden erklärten, sie würden ohne Bogleitung eines Aol toston 
nicht wieder hoimroisen. Zu den Kosten der Reise trugen dio 
Danzigor Stadt- und Landgomeindon erhoblich bei, auch wurden 
dio Abgeordneton während ihrer Reise in das sonntägliche Ge- 
moindegebet eingeschlossen *). 

Am 23. Fobruar 1794 reisten dio Beidon unter Segenswünschen 
und vielen BozougungondorThoilnahmo ab und langton am 18. April, 
am Abend vor Charfroitag, in Nouondorf, oinem Dorfe der Kolonie 
an. Aus allen Wohnungen drängton sich dio Leute horvor, als 
os hiess, dio „Ohms" (so wurden dio Aoltosten und Lehrer ge- 
wöhnlich genannt) aus Preusson seien da. Jeder eilte herbei, um 
dio würdigen, wohlbokannten Männer aus der Hoimath zu bogrüsson. 
„Wir wurden bis zu Thränen gerührt," hoisst es in dem Briefe, 
welchen C. Warkentien an den Aeltosten D. Tiosson im grossen 
Worder schrieb, „als sich unter den Violen, welche sich mit vor 
Frouden feuchten Augen an unsern Wagen drängten, auch der 
blinde Abraham Wiobo befand. Wir bliobon dio Nacht hier und 
fuhren den andern Tag nach Chortiz, wo wir bei dorn ehrsamen 
Ohm Wiebo Quartier nahmen. Am dritten Feiertage hielt Ohm Regier 



*) Siehe Mennonitische Blätter, Jahrg. 3 (1856), Nr. 2. 

19 



290 

Andacht in Chortiz übor Apost. 10, vs. 36 — 38, zur Vorrede übor 
vs. 29, während ich am ersten Foiortago gopredigt hatte." 

Es wurde nun eine Gemeindeversammlung abgehalten, in 
welcher die Absicht der Angekommonon bekannt gemacht und die 
ihnen von der Muttergemeinde ausgefertigte Vollmacht vorgelesen 
wurde. In dieser hiess es unter anderem: „Wir bevollmächtigen 
und senden domnach dio vorbemeldeten Beiden, C. Regier und C. 
Warkentien, als Männer von Erfahrung und gutem Ruf, zu den or- 
wähnton unsern Glaubensgenossen zu Chortiz in Russland, um 
daselbst die entstandenen Streitigkeiten genau zu untersuchen, 
Klagen anzuhören und zu entscheiden, alle zum Frieden und zur 
Liebe zu ermahnen, die redlichen Sinnes sind in ihrem guten 
Willen zu stärken, die Kloinmüthigon zu trösten und die Irrendon 
zurechtzuweisen, die aber zänkisch sind und der Wahrhoit nicht 
gehorchen, sondorn widerstreben und lästern und Unrecht thun, 
von der Gemeinde dos Horrn abzusondern zu ihror Besserung." 

„Dergestalt empfohlen wir benannto unsro Bevollmächtigte 
der russischen Gomoindo aufs nachdrücklichste, selbige als ihre 
Vorgesetzton zu achten, ihnon Gehorsam und allon genoigton Willen 
zu erweisen und sie zu unterstützen, damit sio ihrer Sendung 
gemäss alles wohl ausrichten und nach Vollendung desson ihren 
Rückwog glücklich zu uns fortsetzen, und in viel Liebe und Freude 
über alles Gute, was Gott durch sie gewirkt, von uns empfangen 
werden mögen." 

„Zur Beglaubigung dieser Sendung haben wir Endesbenannte 
im Namen aller unsror preussischon Gemeinden dieses eigenhändig 
unterschrieben im Jahr dos Horrn 1794 den 1. März. 

Gorhard Wiobo, Aeltoster zu Elbing und Ellorwald. 

Franz von Rioson, Lohrer. 

Dirk Tiessen, Aeltester der Gemeinde zu Tiegenhagen. 

Martin Hamm, Lehror. 

Jakob de Voor, Aoltostor der Gomoindo in und vor 
Danzig. 

H. Mombre, Lehror." 
Darauf wurden dio Vortrotor dor Gemeindo zu Chortiz, Höppner 
und Baartsch, vorgofordort, und als dioso sich willig orklärt hatten, 
sich dem Ratho dor proussischon Brüder zu unterwerfen, schritt 
man zu den Geschäften. 



291 

In den einige Male abgehaltenen Brüdorvorsammlungen wurden 
die stroitendon Parteien vernommen. Zuerst wurdo der einen vor- 
gehalten, wie lieblos sie gehandelt, als sie eine durch neunzehn 
Porsonen unterzeichnete Anklageschrift nach Preusson sandte, in 
welcher sie sich unpassender Ausdrücke bedient habe. Da der 
andere Theil auch gefehlt hatte, und beide ihre Fehler eingestanden, 
wurde bald Friodo gemacht. 

Während der Anwesenheit der preussischen Abgeordneten 
starb der Aeltoste der friesischen Gemeinde in Kronsweido. Mit 
Thränen baten nun deren Vertrotor jono Männer, sie möchten sich 
nun doch auch ihror annehmen, um so mohr, als auch bei ihnen 
durch zwei Lehror Zank und Streit entstanden soi. So fanden die 
Abgesandten auch hier vollauf zu thun. Dreizehn wurden alloin 
in der friesischen Gemeinde getauft, zugleich auch das Abendmahl 
daselbst gohaltcn, während in der flamischen Gemeinde 31 getauft 
wurden. So hatten diese Abgesandten dor Muttergemeinden in 
geistlichen und weltlichen Angelegenheiten so vollauf zu thun, 
dass sie kaum eine ruhige Stunde hatten. Wahrscheinlich haben 
sie auch Dorfschulzen, oinon Oborschulzen, sowie einen Kolonie- 
schreiber ernannt. Dor Lotztero mussto Russisch und Deutsch ver- 
stehen, donn or besorgte die Angelegenheiten der Kolonisten nach aussen 
hin, unter der Aufsicht des Oborschulzen. Er hatte seine Wohnung 
im Gemeindehauso und mussto über die Einnahmen und Ausgaben 
zum allgemeinen Bosten Rochnung führen. Die Einnahmen be- 
standen in dorn Ertrage einer Fähro, welche etwa 2500 Rubel 
jährlich aufbrachte, aus dem Gewinn einer Gomeindeschäforei und 
aus dorn Pachtgoldo für Bier- und Branntweinbrenneroi. Das 
Brennoroirecht stand fast nur adligen Gütern in Russland zu, 
es war aber doch auch den Mennoniten auf ihr Ansuchen ge- 
währt worden. 

Diese materielle Entwickelung, welche sich freilich erst nach 
und nach vollzog, ist doch wahrscheinlich damals durch die preussi- 
schen Abgeordneten im Verein mit don von ihnen zu Rathe gezo- 
genen russischen Brüdern, namentlich Höppnor und Baartsch, 
angebahnt worden. Cornelius Regier erkrankte in Folge von 
Anstrengungen, und schon nach dreiwöchentlichem Aufenthalt in 
Russland mussto Warkention seinen Tod nach Preussen melden, 
indem or an Regier' s Gattin schrieb: 

19* 



292 

„Stärke dein Herz beim Anhören der traurigen Nachricht! 
Moin einziger Herzensfreund, Cornelius Regier, ist nicht mehr!" 

„Nun war ich allein," heisst es weiter, „und musste 

in den Gemeinden alle geistlichen und weltlichen Sachen allein 
verwalten, und kann ich meinom himmlischen Yater nicht genug 
danken im Namen Jesu, dass er Segen zu meinen Verrichtungen 
gogeben hat, und alles beendigt ist." — — — — 

Auf dem Todtenbette hatte der Heimgogangone noch War- 
kontien zum Aeltesten geweiht, damit er Autorität habe, die Ange- 
legenheiten allein zu einem gültigen Ende zu bringen. So konnte 
dieser noch vor seiner Abreise zwei Aelteste, Johann Wiobo und 
David Epp, sowie auch oinen Lehrer in ihr Amt einführen. Diese 
waren, wie schon erwähnt, bereits früher von der Gemeinde dazu 
gewählt. Die Schwierigkeiten, welche man ihnen anfangs in den 
Wog gelegt hatte, beseitigte Warkentien und somit war für dio 
woitore Entwickelung der Gemeinden in Russland ein gutor 
Grund gelegt. 

Die Oberhoheit über die Mennoniten-Kolonio hatte die Kaiserin 
dem Fürsten Potemkin - Tauritschaskoi anvertraut, während ihr 
Kommissär Trapp zum Inspektor dorsolben ernannt wordon war; 
sie selbst hatte jedoch auch ein offenes Auge für dio dortigen 
Verhältnisse. So bomorkte sie mit Missf allen, dass dio neuen An- 
siedler streng das Princip aufrecht hielten, keine Mischehen zu 
gestatten bei Strafe der Ausschliessung aus der Gomeindo. Viel- 
leicht hatte sie die Hoffnung gohegt, durch die Monnoniton 
zu erroichen, was ihr bei den Horrnhutern, welche sio Mitte 
des 18. Jahrhundorts herbeigerufen, und welche die Stadt Saropta 
gegründet hatton, misslungon war. Die Letztere hatto sie nämlich 
zu oinem Missionsposten für dio Kalmücken machon wollon und 
fürchtete nun vielleicht, dass durch diese stronge Absonderung 
ähnliche Pläne auch bei den Mennoniten misslingon würden. Es 
kann aber auch sein, dass sie aus anderen Gründen zu dem Schritte 
bewogon wurde, welchen sie deswegen that. Durch den hol- 
ländischen Gesandten mochte sie erfahren haben, dass in den 
Monnonitongomeindon soinos Landos Mischehen bereits gestattet 
seien, genug, sie schickto ihren Bevollmächtigton Trapp im Jahre 
1788 nach Holland mit dem Auftrage, den hervorragendsten 






293 

Lehrern der dortigen Mennonitongemeinden mitzuthoilen , dass 
zu ihrem Missfallon dio Gemeinden in Russland durchaus koine 
Mischehe gestatteten, und sie zu ersuchen, ihrerseits auf diese ein- 
zuwirken, damit sio, wie die Holländer, diese Vorschrift fallen Hessen. 

Als Trapp sich mit seinem Auftrage an den Vorstand der 
friesischen Societät wendete, da er in den flamischen Gemeinden 
der Niederlande kein Entgegenkommen finden konnto, weil dioso 
selbst noch grösstonthoils auf dem alton Standpunkt boharrton, 
berief der Vorstand dor Sociotät wogen dieser Sacho eine allgemeine 
Brttdorvorsammlung aus don zu der Societät gehörenden Gemeindon 
in Friesland. Es wurde beschlossen, in einer Missive an die 
russischen Brüder dio Ansicht der Gemoinden über die Mischehen 
niederzulegen. Dioso Ansicht ging dahin, dass eine Ehe zwischen 
Personen von gar zu verschiedenen religiösen Gefühlen und An- 
sichten nicht gut zu heisson soi. Im besten Fall würden dann 
boide Thoile in religiöser Hinsicht gleichgültig werden, odor aber, 
wonn der oino Thoil den andern zu seiner Konfession zu über- 
reden suche, und es nicht gelänge, könno die gegenseitige Liebe 
dadurch geschädigt wordon. Auch müsston solche Ehen für dio 
Kinderorziohung nachtheilig sein, am moiston wenn einige Kinder 
in dor Religion dos Vators und andere in derjenigen dor Mutter 
orzogen würden. Es könne aber auch Verbindungen geben, wo 
boide Ehegatten, wenn sio auch verschiedener Konfession soion, 
unbeschadot ihrer wirklichen Religiosität, sich in Liebe verständigten, 
und dann soi es unchristlich, solche von dor Gemeinde abzu- 
scheiden. Wonn jedoch dor oino Thoil ein gotteslästerliches Lobon 
führe, dann dürfe der andere Thoil, nach den Worten dos Apostels, 
nicht mit dem Ungläubigen an oinom Joch ziehen. Auch soi dio Ehe 
mit Einem, der einer Kirche angehöre, dio Alle zwingen wolle, 
sich ihr zu untorworfon, ernstlich abzurathen. Bei Protestanton 
jedoch soi wonig Gofahr und dürfe eine Ehe zwischon diesen, wonn 
auch verschiedener Färbung, nicht verboten werdon. 

Vor allen Dingon logten sie don Brüdern ans Herz, wo os 
sich um oino Absonderung von dor Gomoinde wogon einer Misch- 
oho handle, vorsichtig zu soin. Dio Ehe sei vollzogen und man 
wisse nicht, wolchos Unheil man mit oiner solchen Massregol in 
don Gomüthorn dor Ehegatton anrichte — — 



294 

Diesos aus Leeuwarden vom 31. Juli 1788 datirte Schreiben 
war unterzeichnet von 

H. Oosterbaan, j P. Huidekoper, 

P. Stinstra, f B. J. Brauer, 

A. Staal, Lohror - J. v. d. Plaats, \ Di » k ^ön. 

A. Wytses, ) B. Haijes, 

K. 0. Gorter, Buchhalter von P. J. Tichelaar, Buchhalter der 
drei Klassen. Südorklasso. 

Welchen Eindruck es gemacht hat, und welche Folgen es 
hatte, ist nicht bekannt. Jedenfalls aber waren die Verhältnisse 
in den Niederlanden, wo die Gemeinden grösstenteils unter 
Protostanten lebton, ganz andere, als in Russland. Hier mochte 
es wohl am Platze sein, in Betreff der Mischehen nicht viel nach- 
zugeben ; denn die Monnoniten am Dniepr lebten zwischen griechisch- 
katholischen Gross- und Kleinrussen, Tartaren und Kalmücken; 
ihre Sprache, ihre Sitten und ihre Nationalität standen bei einer 
Mischehe in Gefahr, noch mehr die Errungenschaften der Re- 
formation, welche sie genossen. Um dies alles rein zu bowahren, 
fühlton sie sich solcher Gefahr gegenüber in ihrem Gewissen ver- 
pflichtet, keine Mischehe zu gestatten. Seitens der Regierung 
scheinen sie darüber auch nicht weiter belästigt worden zu sein. 

Am 17. November 1796 starb Katharina, und ihr Sohn, 
Paul I., bestieg den Thron. Obwohl die Mennoniten hoffen 
durften, dass der neue Herrscher mit Beziehung auf sie in die 
Fussstapfen seiner Mutter treten werde, da er von den besten 
Gesinnungen beseelt schien, um die Wohlfahrt des Reiches zu 
fördern, so wünschten sie doch, von dem Kaiser die Rechte, welche 
seine Mutter den Mennoniten gewährt hatte, eigenhändig bestätigt 
zu erhalten. Es war dies um so mehr erforderlich, als ihre Kolonie, die 
sich bedeutend durch neue Zuwanderung ausgebreitet hatte, noch 
nicht recht gedeihen wollte. Zwei Deputirte wurden im Auftrage 
der Gemeindon nach Petersburg abgeordnet. Auf ihr Gesuch er- 
hielten diose am 22. Mai 1800 folgendes Privilegium: 

„Wir durch Gottes hülfreiche Gnade, Paul L, Selbstherrscher 
aller Reussen u. s. w." 

„Zur Urkunde Unserer allergnädigsten Genehmigung der an 
Uns gelangten Bitte, von den im neurussischen Gouvernement 



295 

angesessenen Mennonisten, die nach dorn Zeugnisse ihrer Aufseher 
wegen ihror ausgezeichneten Arbeitsamkeit und ihres geziemenden 
Lebenswandels don übrigen dort angesiedelten Kolonisten zum 
Muster dienen können und dadurch Unsere besondere Aufmerksam- 
keit vordionon, haben Wir durch diosen, ihnen von Uns geschenkten 
Gnadonbrief nicht nur alle in den vorläufig mit ihnen geschlossenen 
Bedingungen enthaltenen Rechte und Vorzüge allergnädigst be- 
kräftigen, sondern auch, um ihren Floiss und ihre Sorgfalt zur 
Landwirtschaft noch mehr aufzumuntern, ihnen noch andro in 
don nachstehenden Punkton orthoilten Vorrochto in Gnaden be- 
willigen wollen:" 

„Erstens bekräftigen Wir die ihnen und ihren Nachkommen 
versprochene Religionsfreiheit, vormögo welcher sie ihro Glaubens- 
lehren und kirchlichen Gebräuche ungehindert befolgen können. 
Auch bewilligen Wir allergnädigst, dass vom Gericht, wenn es der 
Fall orheischon sollte, ihr mündlich ausgesprochenes Ja oder Nein 
an Eidesstatt als gültig angenommen werde/ 1 

„Zweitens. Die einer jeden Familie bestimmten fünf und 
sochszig Dessatinen brauchbaren Landes bestätigen Wir ihnen und 
ihren Nachkommen zum unbostroitbaron und immerwährenden 
Besitze, verbieten aber hiebei, dass keiner unter ihnen, unter 
welchem Yorwando es auch sein möge, auch nicht den geringsten 
Thoil davon ohne ausdrückliche Erlaubniss der über sie an- 
gestollton Obrigkeit irgend einem Fremden überlasse, verkaufe 
oder gerichtlich verschreibe." 

„Drittens. Sowohl allen jetzt schon in Russland ansässigen 
als auch denen hinfüro unter Unserer Botmässigkoit sich nieder- 
zulassen gesonnenen Mennonisten gestatten Wir nicht nur auf ihrem 
Gebiete, sondern auch in den Städten Unseres Reiches Fabriken 
anzulegen oder andro nützlicho Gewerbe zu treiben, wie auch in 
die Gilden und Zünfte zu treten, ihre Fabrikate ungehindert zu 
verkaufen, woboi sie die hierüber emanirton Landesgesetze zu be- 
folgen schuldig sind." 

„Viertens. In Gemässheit ihres Eigen thumsrochts erlauben 
Wir den Mennonisten den Genuss aller Arten von Benutzungen 
ihres Landes, wie auch zu fischen, Bier und Branntwein zu brauen, 
nicht woniger für ihre Bedürfnisse und zum Vorkaufe im Kleinen 
auf don ihnen gehörigen Länderoien Branntwein zu brennen." 



296 

„Fünftens. Auf denon den Monnonisten gehörigen Län- 
dereien vorbioton Wir nicht nur allen fremden Leuten Krüge 
und Branntweinschenkon zu bauen, sondern auch den Branntwein- 
pächtorn, ohno die Einwilligung der Mennonisten Branntwein 
zu verkaufen und Schenken zu halten." 

„Sechs tens. Wir geben ihnon Unsere allergnädigste Vor- 
sichorung, dass Niemand, sowohl von denen anjotzt schon an- 
gesessenen Mennonisten, als auch von denen in Zukunft zur Nieder- 
lassung in Unserm Reiche Geneigten, noch ihre Kinder und Nach- 
kommen zu koinor Zeit in Kriegs- oder Civildiensto ohne eignen 
dazu geäusserten Wunsch zu treten gezwungen sind." 

„Siebten s. Wir befreien alle Dörfer und Wohnungen in 
ihren Niederlassungen von aller Art Einquartierung (ausgenommen 
wenn otwa Commandos durchmarschiron sollen, in welchem Falle 
nach den Verordnungen über Einquartierung vorfahren worden 
soll), desgleichen von Vorspann oder Podwoden- und Kronsarbeiten. 
Dagegen aber sind sie schuldig, die Brücken, Ueberfahrton und 
Wege auf ihrem ganzen Gebiete in gehöriger Ordnung zu halten 
und nach den allgemeinen Veranstaltungen zur Unterhaltung der 
Poston das ihrige beizutragen." 

„Achtens. Wir gestatten allergnädigst allen Mennoniston 
und ihren Nachkommen dio völlige Freiheit, ihr wohlorworbonos 
Vermögen (worinnen jedoch das ihnon von der Krone gegebene 
Land nicht mit einbegriffen ist) nach eines Jeden Willen so an- 
zuwenden, wie er es für gut findet." 

„Wenn aber jemand unter ihnon nach der von ihm vorher 
geschehenen Abzahlung aller auf ihm haftenden Kronschulden 
Verlangen trüge, sich mit seinem Vormögen aus Unserm Reiche 
wegzubegeben, so ist er schuldig, eine dreijährige Abgabo von dem 
in Russland erworbenen Kapitalo zu entrichten, dessen Botrag von 
ihm und dem Dorfvorgesetzten nach Pflicht und Gewissen anzugeben 
ist. Ebenso ist auch zu verfahren mit den Nachlassenschaften der 
Verstorbenen, deren Erben und Anverwandte sich in fremdon 
Ländern befinden, und an dio nach dem unter ihnen gebräuchlichen 
Rochto dor Erbschaftsfolge die Erbschaft zu verschicken ist. Anbei 
vorstatten Wir auch den Dorfschaftsgemeinden das Recht, nach ihren 
eignen hergebrachten Gebräuchen Vormündor über die don Unmün- 
digen zugehörigen Nachlassenschaften der Verstorbenen zu bestellen. 



297 

„Neuntens. Wir bekräftigen allergnädigst die ihnen ver- 
liehene zehnjährige Befroiung von allen Abgaben, und erstrocken 
sio auch auf alle hinfüro im nourussischon Gouvernement sich 
niederzulassen gesonnenen Monnonisten." 

„Da aber nach jetzt geschehener Untersuchung ihros Zustandes 
sich orwiesen hat, dass sie durch mehrmaligen Misswachs und 
Viehseuchen in eine nothdürftige Lago gorathen und auf dorn 
Chortitzer Gebiet zu gedrängt angesiedelt sind, weshalb beschlossen 
worden ist, eine Anzahl Familien auf ein anderes Land zu vor- 
sotzon, so billigen Wir allergnädigst in Rücksicht ihrer Dürftigkeit 
und Armuth nach Verlauf der ersten zehn Froijahro, donon die 
auf ihren jetzigen Wohnorten verbleiben noch fünf, denen zur 
Versetzung Bestimmten aber noch zehn Freijahro, und befohlen, 
dass jodo Familie nach Verlauf dieser Zeit von denen im Besitz 
habenden fünf und sechszig Dessatinon Landes, für jode Dossatine 
fünfzehn Kopeken jährlich bezahle, übrigens abor von allen Kron- 
abgaben befreit bleibe. Den erhaltenen Geldvorschuss aber haben, 
nach Verlauf der erwähnten Freijahre, die auf ihrem Wohnort 
Bleibenden zu gleichen Theilen in zehn, die anderweit zu Vor- 
setzenden in zwanzig Jahren abzutragen." 

„Zehntens. Zum Beschluss dieses Unseres kaiserlichen, 
den Mennonisten verliehenen Gnadenbriefes, durch welchen Wir 
ihnen ihre Rechte und Vorzüge allergnädigst zusichern, bofehlon 
Wir allen Unsoron Militär- und Civil vorgesetzton wie auch Unsorn 
Gerichtsbehörden, besagte Mennonisten und ihre Nachkommon nicht 
nur in dem ruhigen Besitze der ihnon von Uns allergnädigst ge- 
schenkten Privilegien nicht zu stören, sondern ihnen vielmehr in 
allen Fällen alle Hülfe, Beistand und Schutz widerfahren zu lasson." 

„Gegeben in der Stadt Gatschina am sechston Septombor dos 
Jahres nach Christi Geburt eintausend achthundert, Unserer Rogie- 
rung im vierten, des Grossmeisterthums im zweiten." 

„Im Original von Seiner Majestät eigenhändig unterschrieben. 

Paul. 
Graf von Rostopschin." 

Wer sieht nicht, dass diesem wichtigen, nach beiden Soiton 
mit so vielor Sorgfalt und Umsicht ausgearbeiteten Schriftstück 
viole Bomühungon und Borathungen vorhergegangen sein müssen? 
Man darf annehmen, dass dio Doputirten ihrerseits ein Vorzoichniss 



298 

derjonigen Punkte bei der Regierung eingereicht haben worden, 
welche sie in das Privilegium aufgenommen zu sehen wünschten'. 
So z. B. die Bestimmung, dass ohne ihre Erlaubniss Niemand 
Branntwoinschenken in ihren Gemeinden halten dürfe, woran die 
Regierung doch weiter kein Interesso haben konnte. 

Da, wie erhellt, die Kolonie Chortiz nicht rocht gedeihen 
wollte, gerieth in Proussen die Auswanderung ins Stocken. So 
bald aber, vielleicht durch das russische Konsulat, die Nachricht 
von obigem Gnadenprivilegium sich verbreitete, und eine Abschrift 
davon in die Händo der Aelteston in Proussen gelangt war, regte 
es sich wieder mächtig. Waren die ersten Auswanderer meist un- 
bemittelt, wenn nicht arm gewesen, so verliesson jetzt auch wohl- 
habende Angesessene die Heimath, wo ihre Vorfahren vor den 
Scheiterhaufen der Inquisition aus den Niederlanden flüchtend Schutz 
gosucht und gefunden hatten. Sie brachten ein echt germanisches 
Element in jene Gegenden, von wo aus früher die Völkerwanderung 
verheerend sich über den "Westen Europas ergossen hatte, und er- 
oberten sich daselbst mit der Bibel und dem Pfluge in der Hand 
das Erdreich. Den neu zuwandernden Mennoniten wurden im 
Gouvernement Taurien Kronländereien angewiesen, welche man 
als besonderen Mennonitenbezirk für sie abgegrenzt hatte. In ge- 
schlossenen Reihen sah man in den Jahren 1803 und 1804 ihre 
Zügo, im Ganzen 304 Familien, die ungefähr 2052 Seelen ausmachten, 
von Proussen aus der neuen Heimath zuziehen. Auf dem Wege 
zu ihrem fernen Ziele hielten sie Rast bei den Brüdern am Dniepr, 
welche nun bereits sieben Dörfer gegründet hatten. 

Durch dieses Beispiel wurden viele, welche nicht zur Menno- 
nitengomeinschaft gehörten, angeregt, ihnen nachzuziehen, nament- 
lich arme Tagelöhnerfamilien, die ihr bischen Hab und Gut zu 
dem Zweck verkaufton. Da die russische Regierung aber aus- 
drücklich erklärt hatte, keine andere als mennonitische Kolonisten 
zulassen zu wollen, und die proussische Regiorung auch ein Verbot 
gegen das Auswandern von Nichtmennoniten orliess, so hatte das 
Auswanderungsfieber solcher Leute bald ein Ende. Auch konnton 
die Ansiedler nicht viele Tagelöhner halten, falls sie in Südruss- 
land durchkommen wollton, sondern mussten, wenn sie auch ein 
mässigos Vermögen mitgebracht hatten, selbst den Pflug und die 
Sense führen. Dazu hatten sie Unbemittelte genug in ihrer Mitte, 



299 

welche aus Mitleiden oder aus Rücksicht auf Verwandtschaft in 
erster Stelle beschäftigt werden mussten. 

Wie mochten die Ansiedler am Dniepr sich freuon, wenn 
ein Zug aus der Heimath bei ihnen einkehrte, und sie sich nun 
von Allem, was sie dort verlassen hatten, mündlich erzählen lassen 
konnten. Den neuen Ankömmlingen aber mochte bald die Be- 
merkung sich aufdrängen, dass schon Manches bei den Erstem sich 
einzubürgern drohte, was geeignet war, die Sitten und den Cha- 
rakter der Brüder zu schädigen. Ihre Sprache war bereits durch 
eine Menge russischer Wörter verunstaltet, und ihre gowohnte 
Reinlichkeit hatte hie und da schon von russischer Unsauberkeit 
gelitten. Durch die dem Oberschulzen verliehene Gewalt hatto 
sich sogar eine, den Gemeindewesen der Mennoniton sonst durchaus 
fremde aristokratische Partei gebildet, und die Art dos russischen 
Beamtenthums hatte schon ansteckend gewirkt, so dass Klagen übor 
Bedrückungen vorkamen. Das persönliche Gewicht der Brüder aus 
der Heimath aber vormochte diesen Sauerteig bald wiedor aus- 
zutreiben, um so mehr, da sie sich am Dniepr einen, manche 
Familien sogar zwei Winter aufhielten, weil in der neuen Heimath 
Obdach für sie erst beschafft werden musste. Auch war diesen dor 
Aufenthalt in der alten Kolonie ihrerseits sehr von Nutzen, da sie 
manchen Rath von den erfahrenen Brüdern hinsichtlich ihrer neuen 
Ansiedelung erhalten konnten. 

Die Ländoreien der letzteren waren kahle, baumlose 
Steppen, an Material zum Hausbau gab es dort nichts ausser 
Lehm, und zur Feuerung nur Steppengras. Sie lagen am linkon 
Ufer des Flusses Molotschna, welcher sich zuerst in den 
Molotschnasoo und dann in das asowsche Meer ergiesst, und 
dehnten sich bis an die tscherkessische Grenze aus. Von dor 
Kolonie Ghortiz waren sie 16 Meilen entfernt und boten einen 
Gegensatz zu dieser dar, wie er kaum grösser gedacht werden konnte. 
Dort hatten die Ansiedler ihre Dörfer in romantischen Thälern, 
zwischen bäum- und strauchbewachsenen Klippen und Folsen an- 
legen können, wo rauschende Bäche ihre Mühlen trieben. Ihre 
waldreiche Flussinsel versorgte sie mit Holz, und die Nähe der 
Stadt Jekaterinoslaw bot ihnen Vortheile aller Art, währond hier 
die kahle Steppe nichts zu bieten hatte, als die freilich roichon, 
aber noch schlummernden Kräfte der Mutter Erdo, die dor Monschcn- 



300 

hand harrten, um sio zu wecken. Und bald gelang es dieser 
Eroberungsschaar mit dorn Pfluge, durch Goistosmacht und im 
Schwoiss ihres Angesichts, don Boden, welchen noch koine Menschen- 
hand berührt hatte, zu zwingen, seino Schätzo herzugeben. Wie 
durch Zauber bekam die Gegend innerhalb fünf Jahre ein Gepräge, 
das in folgender Schilderung uns entgegentritt. 

In Nr. 2 dos Magazins der neuesten Roisoboschroibungen von 
1810 berichtet oin Augenzeuge über diese neue Ansiedelung. 
Nachdom or seino Roiso von Taganrog über Orocha bis Prischip 
beschrieben hat, fährt er fort: „Auf dem rechten Ufer der Mo- 
lotschna liegen dio Kolonien, welche Würtemborgor, Polon, West- 
falen, Hessen, Ost- und Südproussen, ohne zu einer bestimmten 
Roligionspartei zu gehören, gegründet habon." 

„Ihnen gegenüber haben sich Mcnnoniten angobaut. Jede 
Kolonie besteht aus 20 Häusern, dio entweder in oiner odor zwei 
Roihon gebaut sind. Dio Molotschna ist oin ziemlich breiter, 
langsam fliessendor Fluss. Beide Ufer grünen von herrlichem 
Rason, sind aber noch nicht allerorts durch Brückon vorbundon." 

„Zuorst fuhren wir, um mit dem Zustande der Kolonie bokannt 
zu worden, nach Taknak. Hier ist auch eino Brücke über einen 
Arm dos Flusses, die zu den ersten Mennonitonkolonicn führt. 
Indom wir von einor zur andern fuhren, besuchten wir in drei 
Tagon ihre achtzehn Niederlassungen und wurdon überall von 
diesom floissigen, betriebsamen Völkchen mit Freuden aufgonommon. 
Auf Handwerke, welche nicht gerade nöthig sind, hatten sie sich 
noch nicht einrichten können, weil sie hier erst seit 1805 an- 
gofangon haben, sich anzubauen." 

„Ihro Häusor, Stallungen, Schounon, Gärten und Ländoreion 
zeugen von Ordnungsliebe und Floiss. Sie waren alle aus Süd- 
und Westproussen hierher gezogen. Mit eignen Wagen waren sio 
hierher gekommen und hatton zum Theil hübsche Möbeln, als 
Kisten, Schränke, Bettstellon u. s. w. von Nussbaumholz mitgebracht, 
so dass es recht nett in ihren Wohnungen aussah." 

„Viele hatton ihre Güter zu 30 bis 40 000 proussische Gulden 
vorkauft, und jeder konnte sich rühmen, seine 10 Procont Abzugs- 
gold redlich bezahlt zu habon. Unter 322 Familien bofandon 
sich 63, welche von der russischen Regierung keinen Vorschuss 
genommen hatten, vielmehr hatton 89 noch 10 bis 12 000 Dukaten 



301 

baaro Münze mitgebracht, womit sie nun ihre ärmeren Brüder 
unterstützten." 

„Dies giobt in der That oinon sehr vortheilhafton Bogriff von 
ihrer Thätigkeit, wenn man bedenkt, wie viel dazu gehört, in diesem 
Lando solche Gebäude aufzuführen. Die Hofgränzo bildet ein 
Graben. Joder Hof ist 40 Faden breit und steht von dem be- 
nachbarten 14, von der Strasse 10 Faden ab. Schon sind dioso 
floissigen Louto auch im Besitz schöner, zum Beuteln des Mohles 
eingerichteter Windmühlen. In Taganrog wird ihre Butter begierig 
gekauft. Jede ihrer Kolonion ist von der andern etliche Wersto 
entfernt, damit die folgenden Generationen Raum zum Bobauon 
haben. Wir wurden mit ihron Vorstehern bekannt, welche mir 
rocht vorständige Leute zu sein schienen. Auch wohnto ich einor 
Predigt dos Aeltosten bei, dor aber kein Gelehrter zu sein braucht." 

„Die Vorsteher werdon von der Gemeinde gewählt, und 
niemand darf ein Amt, welches ihm übertragen wird, ausschlagen, 
sondern muss es unentgeltlich vorrichten. Diese Mennoniten haben 
nicht nur vielo Kühe, Pferde und Schafe aus Preussen mitgebracht, 
sondern auch Stammochsen zur Zucht. Die Wolle dor proussischen 
Schafe ist woit länger als die der spanischen, welche sie an Wuchs 
und Stärke übertreffen." 

„Schade, dass hier gänzlicher Holzmangol ist Am Flusse 
Molotschna wächst auch nicht ein einziger Strauch. Nachdom wir 
die 18 Monnonitonkolonion besucht hatten, bogabon wir uns zu den 
andern 8 Kolonien, welche jenseits um Prischip herumliegen. Die 
Deutschen, welche sie gegründet haben, machen 932 Seelen aus. 
Sie haben einen Obervorsteher gowählt, welcher ein Nassauer von 
Geburt ist. Ihrer Religion nach sind sie theils Katholiken, thoils 
Reformirto oder Lutheraner, allein noch keine dieser Religions- 
parteien hat einon Prediger odor Schulmeister. Gegen dio Monno- 
niten stechen sie sehr zu ihrem Nachthoile ab. Obgleich sie mit 
diesen zugloich ins Land gokommen, waren sie mit dem Häuserbau 
noch woit zurück, sie wohnten noch zum Theil in Semlinken 
(Erdhütten) und hatten viele Kranke." 

Aus diesem Berichte sieht man, dass die Ankömmlinge in ihrer 
neuen Heimath wohl geborgen waron, und sich sagen durfton, dass 
sie durch Gottes Segen einen guten Grund gelegt hatten, auf 
welchem künftige Generationen weiter bauon konnten. 



302 

Im Jahre 1808 war ein Zuzug von 99 Familien im Mo- 
lotschnaor Bozirk angekommen und 1818 und 1819 machten sich 
all mahl ig 215 Familien aus Preussen auf den Weg. Man sah in der 
Stuhmer Niederung eines Tages einen Zug von 51 Wagen, jeder 
mit drei oder vier Pferden bespannt, die Heimath verlassen, unter 
Führung des Aelteston Gürg und des Lehrers Balzer, letzterer, dem 
Namen nach zu urtheilen, ein Abkömmling der schweizer aus- 
gewiesenen Täufer, die 1710 nach den Niederlanden kamen. 

Auf diese Weise war die Zahl der Dörfer an der Molotschna 
im Jahre 1836 bereits auf 46 mit 10000 Einwohnern angewachsen. 
Die Ansiedler machten in der baumlosen Gegond alsbald Anpflan- 
zungen von Bäumen aller Art, wozu sie die Stecklinge und Wildlinge 
zum Theil aus dem Gemeindegarton dor alten Kolonie bezogen. 
Ihren Holzbodarf erhielten sie ebenfalls von dort. Die Kolonie 
Chortiz war mittlerweile schon so weit godiohen, dass sie 20 
Dörfer umfasste. An Kirchen und Schulen fohlte es nicht und in 
dem Hauptorte Chortiz erhob sich ein feuerfestes Gebäude, in 
welchem das kaisorlicho Privilegium und sonstige Werthsachen 
aufbewahrt wurden. In Chortiz zählte man im Jahre 1855 bereits 
1314 367 Stück Bäumo in den Maulboer-, Obst- und Gohölzplan- 
tagen. Der Seidonbau brachte in dem Jahro 10 532 Rubel ein; 
die Zahl der Bienenstöcke war 545. Viehzucht und Getreide- 
bau, daneben Ziegolfabrikation, Bier-, Essig- und Branntwein- 
brennerei, Oolfabrikation und Leinwandfärborci waren den Verhält- 
nissen entsprechend in Blüthe. Dazu hatten die Ansiedler ausser 
den von der Krone erhaltenen Ländoreion 5901 Vi Dessatinon Land 
angekauft. Die Schulon wurden in dem genannten Jahre von 1554 
Kindern besucht. Aus dieser Kolonie ging damals eine aus fünf 
Dörfern bestehende neue Ansiedelung hervor, welche im mariapoler 
Kreise liegt. 

So entwickelten sich die Mennoniten-Kolonion in erfreulicher 
Weise. Im molotschnaer Bezirk wurde durch einen einflussreichen 
Mann, Namens Cornelius Cornies, oin landwirtschaftlicher Verein 
gegründet. Uoborall wurde gute Zucht und Ordnung gehalten durch 
die Obrigkeit, welche die betreffende Gemeinde selbst gewählt hatte. 
Von den russischen Beamten waren die Mennoniten unabhängig, sie 
standen unter dor Leitung des Fttrsorge-Komitös der deutschon 
Ansiedler in Odessa, unmittelbar unter dem Kaiser und seinem 



303 

Ministerium in Petersburg. Innerhalb dor Kolonien gab es zwei 
von Monnoniton verwaltete Aomter, erstens das Gobiots-Amt, be- 
stehend aus oinem mennonitischon Oborschulzen und zwei bis drei 
Beisitzern, welches die Kommunal- und Polizeiverwaltung im 
Allgemeinen zu besorgen hatte, zweitens ein landwirtschaftliches 
Amt mit oinem Vorsitzenden und oinigon Beisitzern, welches die 
Ackorwirthschaft, die Bauten, die Baumpflanzungen u. s. w. zu 
beaufsichtigen rosp. zu besorgon hatte. Die Wirksamkeit beider 
Aomter fiel in mancher Beziehung zusammen und orgänzto sich 
gegenseitig. Diese Notiz haben wir den Mitthoilungen dos Prodigers 
J. Rissor in Sempach in den Mennonitischon Blättern vom März 1855 
entnommen. 

Es heisst forner darin : „In den Monnoniton-Kolonien an der 
Molotschna ist untor der zweckmässigen, kräftigen und einsichts- 
vollen Leitung des Vorstehers C. Cornios eine festgerogolte, nur 
den Faulen und Unordentlichen lästigo Ordnung eingeführt, nach 
welcher ein Jeder anbauon, bauen, pflanzen und wirthschafton 
muss, und hat dio Handhabung dorsolben die segensreichsten Er- 
folge für das äussere Gedeihen dor Kolonio gehabt." 

Aus dem ßerictit des landwirtschaftlichen Vereins der An- 
siedelungen an der Molotschna vom Jahro 1844, unterzeichnet von 
C. Cornies, gleichfalls in den obengenannten Mitthoilungon enthalten, 
goht hervor, dass in den Gehölz- und Obstplantagen, in den Weiden- 
pflanzungon, in dem behufs dor Seidenzucht angelegten Maulbeor- 
hecken und in den Baumschulen 2 710433 Bäume vorhanden waren. 
Für Wolle hatte die Kolonio in demselbon Jahre eine Einnahme 
von 186 174 Rubel aus der Gomeindoschäferoi gehabt. Dies macht 
auf dio männliche, arbeitsfähige Bevölkerung (14 — 60 Jahr), 6300 
an der Zahl, 297* Rubel pr. Kopf. Im Jahre 1856 waren schon 
6 141 638 Bäumo vorhanden und der Seidenbau hatte 4046 Pfund 
abgohaspolto Seide ergeben; die Getreideernte dahingegen hatte 
100 000 Tschetwort weniger ergeben als im vorhergehenden Jahre, 
da von 22 671 Tschetwert Getreideaussaat nur 63 231 Tschetwort 
geerntot wurdon, weil grosso Dürre und unzählige Heuschrocken- 
schwärmo vieles vernichtet hatten. 

Dio äussoro Zucht und Ordnung in den Gemeinden wurde in der 
Weise gohandhabt, dass z. B. dorjenigo, dessen Haus ein zerrissenes 
Dach hatte, oder dessen Gartenzaura unordentlich gehalten war, 



304 

odor dor unpassende Gegenstände vor sein Haus stellte, Strafe 
bozahlon mussto, ebenso der Schulze, wonn er die Beaufsichtigung 
der muthwilligon Dorfjugend vernachlässigte, die Listen für das 
Schulzenamt nicht ordnungsmässig angefertigt, oder ein Rundschreiben 
nicht zur rechton Zeit befördert hatte, odor die Gehölzanlage nicht 
gohörig beaufsichtigte. 

Dio innere Gomeindozucht wurde nicht wonigor ernst gohand- 
habt. Wer z. B. ein ausschweifendes Leben oder eino schlechte 
Haushaltung führte odor sich durch Ungehorsam gegen die beste- 
hende Ordnung vorging, wurde von dor Gemeinde ausgeschlossen, 
soinor Rechte ontäussert, seiner Ehro vorlustig erklärt und untor 
Kuratel gosctzt. Während dessen musste er soin Brod durch Arbeit 
verdienen, doch wonn er Busse gothan und sich gebessert hatte, 
wurdo er wieder aufgenommen, konnte sein Vermögen wieder 
in Besitz nehmen, und wurdo in allo soino Rechte aufs nouo 
eingesetzt. 

So führton dieso echten Germanen einen Kulturzustand her- 
bei, der scharf abstach von dem dor sio umgebenden nomadisiron- 
don und kriegerischen Stämme, dio sich indessen von dem Bei- 
spiolo wonig beeinflussen Hessen. Nur von ihren nächsten Nachbarn, 
den Nogaiorn, gelang os dem thatkräftigon Cornelius Cornies, einige 
in dor Landwirthschaft zu unterrichten, indem er sie in der 
Kolonio in Dienst nahm und sio dann wieder in ihre Hoimath 
ontlioss. In den ersten Zeiten der Ansiedelung waron diese Nogaier 
schlechte Nachbarn. Sio hasston dio neuon Ankömmlinge, weil 
sio glaubton, dass ihre Weideplätze durch sio geschmälert worden 
würden, schädigton dio Monnoniton, wo sio konnton, und trach- 
teten ihnon sogar nach dorn Leben. So hatten sio einmal in der 
Näho eines Dorfes vier Monschen überfallen und getödtot, worauf 
sio auf Bofohl der Rogiorung ontwaffnot wurden. Viehdiebstähle 
wurden indessen nach wie vor durch sio noch verübt. Cornies' Be- 
mühungen im Verein mit donon dor Rogiorung gelang es jedoch, 
sie allmählig einigermassen zu civilisiron. 

Dio aus der Mennonitenkolonie in die Hoimath entlassenen 
Nogaier brachten bessoro Sitten und nützlicho Konntnisso mit. 
Sio gaben das schwoifonde Loben auf, errichteten feste Häusor und 
bebauten ihre Felder nach dem Muster ihrer doutschon Nachbarn. 
So wurden die Worte Schillert hier verwirklicht: 



305 



Freude soll jegliches Auge verklären, 

Denn die Königin ziehet ein, 

Die Bezähmerin wilder Sitten, 

Die den Menschen zum Menschen gesellt 

Und in friedliche feste Hütten 

Wandelte das bewegliche Zelt. 



Der Nomade Hess die Triften 
Wüste liegen, wo er strich. 

Gaben wir ihm zum Besitze 
Nicht der Erde Götterschooss, 
Und auf seinem Hei mathsitze 
Schweift er elend, heimathlos? 

Dass der Mensch zum Menschen werde, 
Stift 1 er einen ewgen Bund 
Gläubig mit der frommen Erde, 
Seinem mütterlichen Grund. 
Ehre das Gesetz der Zeiten 
Und der Monde heil'gen Gang, 
Welche still gemessen schreiten 
Im melodischen Gesang. 

Und sie nimmt die Wucht des Speeres 
Aus des Jägers rauher Hand, 
Mit dem Schaft des Mordgewehres 
Furchet sie den leichten Sand. 
Nimmt von ihres Kranzes Spitze 
Einen Kern mit Saft gefüllt, 
Senkt ihn in die zarte Kitze, 
Und der Trieb des Keimes schwillt. 

Und mit grünen Halmen schmücket 
Sich der Boden al sobald, 
Und so weit das Auge blicket, 
Wogt es wie ein grüner Wald. 

Und gerührt zu der Herrscherin Füssen 
Stürzt sich der Menge freudig Gewühl, 



20 



306 



Und die rohen Seelen zerfliessen 
In der Menschlichkeit erstem Gefühl. 
Werfen von sich die blutige Wehre, 
Oeffnen den düster gebundenen Sinn 
Und empfangen die göttliche Lehre 
Aus dem Munde der Königin. 



Dass die Eolonion an der Molotschna zu solcher Blut he und 
Wohlstand gelangt waren, hatten sie zum grossen Theil der gleich 
zu Anfang eingetretenen umsichtigen Leitung der beiden Männer 
Cornelius Warkentien und C. Cornios zu danken. Auch Wiobe, korre- 
spondirendes Mitglied des gelehrton Comitös der Reichsdomainen, trug 
wesentlich dazu bei. Warkentien hatte kurz vor seinem Tode 1809 
noch die Freude, dass der Eaisor ihm anlässlich einer ihn sehr 
zufriedenstellenden persönlichen Besichtigung der Kolonie eine 
goldene Medaille zusenden liess, welche er ihm zu Ehren hatte 
schlagen lassen; sie zeigte auf der einen Seite den Namen Corne- 
lius Warkentien, umgeben von landwirtschaftlichen Emblemen, 
und auf der andern das Bildniss und den Namen des Kaisers. 

Aus dem Jahre 1854 liegt noch folgendes Urthoil über diese 
Kolonisten in einem Briefe aus Petersburg vom 15. Decbr. 1854 vor *) : 

„Bei den deutschen Kolonisten haben sich in gegenwärtiger 
Zeit deutscher Sinn und deutsche Sittlichkeit, besonders aber treue 
Anhänglichkeit an das Kaiserhaus auf echt deutsche Weise bewährt 
und bethätigt." 

„Gleich beim Ausbruch dos Krieges gegen die Türkon und 
deren Verbündete wollten die deutschen Kolonisten im südlichen 
Russland den übrigen Unterthanen des Reiches in Opferwilligkeit 
nicht nachstehen. Seit Januar dieses Jahres haben sie freiwillig, 
ausser bedeutenden Vorräthen an Lebensmitteln, unentgeltlichen 
Fuhren und andern für den Truppenmarsch wesentlichen Hilfs- 
leistungen, Geldsummen zu Kriegszwecken beigesteuert, die sich 
beinahe zusammen auf 25 000 Silborrubel belaufen. Hierbei sind 
die Mennoniten an der Molotschna und im Bezirk Chortiz allein 
mit mehr als 13 000 Rubel botheiligt. Einer derselben, Cornies, 
dessen Name auch in Deutschland rühmlich bekannt ist, hat ausser- 



*) Siehe Mennonitische Blätter, März 1855, Jahrgang IL, Seite 17. 



307 

dem noch 1000 Rubel zum Bau einer Brücke für den Truppen- 
marsch beigesteuert. Doch dabei haben sie es noch nicht be- 
wenden lassen." 

„Während andere Kolonien Charpie, Bandagen und Kompressen 
liefern, die Gemeinde der Brüder für sich allein vier Gentnor an 
Gewicht, haben sich die Mennoniten an der Molotschna orboten, 
mehrere Tausend Verwundete bei sich aufzunehmen, dieselben auf 
eigene Kosten abholen zu lassen und bis zu ihrer völligen Gene- 
sung zu pflegen." 

„Das thun Deutsche in Russland zum Dank für die gastfreie 
Aufnahme, die ihre Voreltern hier gefunden. Sie bringen dor 
russischen Regierung den grossen Nutzen nicht in Rechnung, den 
sio dem Lande geschafft, indem durch ihre Betriebsamkeit und 
Ausdauer öde Steppen in ergiebige Felder und Wiesen umge- 
wandelt wurden. Vielmehr lebt der biedere deutsche Sinn, don 
die ersten Einwanderer mitbrachten, noch fort bei ihren Nach- 
kommen, und wird sich auch bei den späteren Geschlechtern er- 
halten, so lange ihnon das Ghristonthum eine Wahrheit ist." 

In dem Bericht eines Roisenden vom Jahre 1851 heisst es 
unter anderm*): „Die Mennoniten haben die öden Steppen des 
Südens wahrhaft in Gärten umgewandelt. Sie umziehen ihre 
Getreidefelder mit lebendigen Hecken, welche durch ihren Schatten 
die Feuchtigkeit des Steppenbodens vermehren und zugleich den 
besten Schutz gegen die andauernden Stoppenwinde bilden. Selbst 
das Gras wird stärker dadurch; im vorigen Jahre, wo das Heu 
in dor Krimm ausserordentlich theuer war, hatten die Mennoniten 
Ueberfluss und konnten ihre Nachbarn auf weiten Umkreis damit 
versorgen." 

Durch solche Erfolge ermuthigt, beschloss Kaiser Nicolaus, 
auch anderweitig blühondo Oasen in wüsten Gegenden hervorzu- 
rufen. Es wurden Musterplantagen angelegt, und so entstand das 
Mustordorf Nowaganlowka. Dioso Plantagen wurden von sechs 
jungen Kronbauorn, die unter dor Leitung dos Mennoniten Philipp 
Wiebo standen, botrieben. Sio entwickelten sich in überraschender 
Woiso; im Jahre 1855 waren schon 47 Dessatinen Land mit 
99 512 Bäumen bepflanzt und viele Baumschulen angelegt. 



*) Siehe Mennonitische Blätter, März 1855, Seite 18. 

20* 



308 

Jm Jahre 1850 bot die russische Regierung den west- 
preussischon Mennoniten aufs neue Land für 260 Familien zur 
Besiodelung an. Einige entschlossen sich sogleich, das Anerbieten 
anzunehmen und reisten nach Russland; sie blieben indessen 
zuvörderst in der Molotschnakolonie und schickten von hier aus 
Sachverständige nach den angebotenen Ländereien, um sie zu 
untersuchen. 

Da diese Reise des Interessanten viel bietet, wollen wir einen 
Auszug aus dem Tagebuch eines der Abgesandten, D.Hamm, mittheilen, 

Er reiste in Begleitung seines Onkels Epp am 13. Mai 1853 
von Juschanlee, einem Vorwerke der Molotschnakolonie, ab. Zuerst 
erreichten sie die noch im Entstehen begriffene Stadt Berdiansk, 
wo sie, als am Sonntage, ihre Andacht in dem Bethause dor 
dortigen Mennonitonbrüder hielten. Berdiansk war bis 1833 nur 
ein Fischerdorf, doch da dasselbe an einer Stelle des Asow'schen 
Meeres lag, welche sich vorzüglich zu einem Hafen eignete, so 
legte der Statthalter Fürst Woronzow daselbst den Grund zu einer 
Stadt, die bald ein bedeutender Handelsplatz wurde. 

Zwei Dampferlinien vermittelten später den Verkehr mit 
Europa und Asien. Das Klima ist hier milder als in den Steppen, 
indem eine Hügelkette die Stadt vor den rauhen Nordwinden und 
starke Baumpflanzungen sie vor dem Ostwind schützen. 

Gleich zu Anfang Hessen sich auch einige mennonitischo Familien 
als Kornhändler und Müller zu Berdiansk nieder. Da ihre Anzahl sich 
bald vermehrte und es ihnen an einem feston Andachtshause fehlte, 
so schenkte die russische Regierung ihnen zum Bau dosselbon 
einen der schönsten Plätze in der Stadt, mit der Bedingung, dass 
der Bau innerhalb einer bestimmten Frist in Angriff genommen 
werde. Dazu reichten ihre eigenen Mittel nicht, sie wandten sich 
um Beihülfe an dio Brüder in den Kolonion, in Deutschland und 
Preussen, mit solchem Erfolg, dass es ihnen gelang, eine massive 
Kirche zu bauen, welche 65 Fuss lang und 36 Fuss breit ist. Die 
Anzahl der dortigen Mennonitenfamilien betrug damals 55. 

Nach diesem kleinen Bericht über die Stadt Berdiansk, welchen 
wir einer Mittheilung des Mennonitenpredigers Roosen in Altona 
entnommen haben, wollen wir die Reisendon weiter begleiten. 

Von Berdiansk ging die Fahrt zur kleinen Stadt Mariapol, 
welche auch am asowschen Meere liegt, und weiter in fliegender 



309 

Eile mit der oft mit vier bis sechs Pferden bespannten russischen 
Post. Am 17. Mai 1853 erreichton sie das Land der donischen 
Kosaken. Diesen 40 deutsche Meilen langen und 30 Meilen 
breiten Landstrich fanden die Reisenden ziemlich fruchtbar, doch 
wenig kultivirt, und es war weder eine Stadt noch ein Dorf an 
der Poststrasse vorhanden. Die ziemlich von einander entfernt 
liegenden Poststationon (Staninzen) boten den Reisenden nichts als 
einen Samovar mit kochendem Wasser, und mussten sie sich ihren 
Theo selbst bereiten. Abends erreichten sie Rostow am Don; 
diese Stadt zeigte gerade und breite und noch dazu gepflasterte 
Strassen. Vom Dache der Hauptkirche, zu welchem 200 Stufen 
hinauf führen, hatten die Reisenden eine prächtige Rundschau. 
Am andern Tage gelangten sie nach Newo Tscherkask, der Kosaken- 
hauptstadt. Durch ein grosses, in schönem Styl aus Quadern ge- 
bautes Thor fuhren sie in die eine halbe Meile lange Hauptstrasse 
hinein. Palastähnliche Gebäude wechselton an beiden Seiten mit 
unansehnlichen Häusern und schlechten Hütten. Hier war der 
Sammelplatz der verschiedenen Völkerschaften des südlichen Europas 
und Asiens; Russen, Tscherkessen, Kosaken, Griechen, Armenier, 
Türken, Italiener und Kalmüken trafen hier zusammen. Der 
weitere Weg führte in das Land dor Kalmüken, wo sich auf 
der Steppe nur hin und wieder einzelne Gruppen von schwarzen, 
runden, backofenförmigen Zelten zeigten, die Wohnungen dieser 
übrigens friedlichen Nomaden. Diese Filzzelte, Kibitken genannt, 
dienen den Kalmüken Sommer und Winter zur Wohnung, sie 
werden leicht abgebrochen und anderen Orts wieder aufgerichtet, 
wenn die frühere Stelle abgeweidet ist. In der Mitte dieser 
Kibitken brannte fortwährend ein Feuer von getrocknetem Mist, 
über dem der Suppenkessel hing, und um welches die Bewohner 
sich kauerton. Eine am Boden liegende Filzdecke diente zum 
Nachtlager. Es war ein schmutziges, halbnacktes Volk, das nur 
ein armseliges Nomadenleben führte. Ihr Gottesdienst bestand 
darin, dass der Götzenpriestor eine Gebetsmaschine drohte. Bei 
diesem Anblick drängte sich den Reisenden die Bitte auf: „Dein 
Reich komme." 

Dann ging die Fahrt über den Don der Wolga zu, dessen 
Wasserspiegel ihnen endlich im Mondschein entgegen glänzte. Mit 
bewegten Gefühlen erblickten sie diesen herrlichen Strom, an dessen 



310 

Ufern sie ihr neues Heim zu gründen gedachton. Sie richteten 
ihren Weg nach der Herrnhutor-Gemoinde zu Sarepta, der einzigen 
in Bussland. 

Nach vielen Fährlichkeiten sahen sie eines Abends im Halb- 
dunkel hohe Pappeln gleich Riesen zwischen den Häusern Sareptas 
herüberwinken, und befanden sich bald wohl geborgen in dem 
einzigen, behaglichen Gasthofe der Stadt. Am andern Morgen 
wurden sie von den beiden andern Abgesandten Jakob Wiebe und 
dem Vorsitzer begrüsst, welche ebenfalls grade angekommen waren 
und sich ihnen hier anschliessen wollten. 

Während der drei Tage ihres Aufenthalts in dem freund- 
lichen Sarepta wurden sie als Gäste betrachtet. In Begleitung des 
Vorstehers der Herrnhuter-Gemeinde wurde alles in der Stadt be- 
sichtigt. Die Stadt selbst liegt wie eine kleine Welt für sich am 
Ufer der breiten Wolga, die, ähnlich wie der Nil, jährlich ihren 
Wasserstand wechselt. Von Mitte April an steigt sie 20 bis 40 
Fuss und fällt von Mitte Juni an wieder in ihr gewöhnliches Bett 
zurück. Da die Umgegend von Sarepta sich nicht zur Bodenkultur 
eignet, hatten die Herrnhuter sich auf Fabrikanlagen geworfen 
und glänzende Erfolge damit erzielt. Ihre Fabrikate an Senf, Seife, 
Töpferwaaren, Schnupftabackon und Baumwollenwaaren fanden guten 
Absatz. Wie die Fabriken, so wurden auch die Schulen, die Brüder- 
und Schwesterhäuser, und zuletzt der Gottesacker besichtigt. Auf 
den weissen Grabsteinen waren nur die Namen der Entschlafenen 
eingemeisselt. Rechts lagen die Brüder und links die Schwestern. 
Unter Lobgesang und Posaunentönen werden die Heimgegangenen, 
„Gestorbenen" sagen die Herrnhuter nicht, dem Schoss der 
Erde übergeben. Alljährlich wird am anbrechenden Ostermorgen 
unter Posaunenschall eine Feier zum Andenken an die Ent- 
schlafenen gehalten. 

„Was war es," sagt der mennonitische Berichterstatter, „das 
uns den Aufenthalt in Sarepta so besonders angenehm machte? 
War es die Schönheit des Ortes, die Reinlichkeit, die allen Dingen 
ein so anziehendes Gepräge giebt, oder der allgemeine Wohlstand, 
der die Gegensätze dos Uoberflusses und der Armuth ausschliesst? 
Nein, os war vielmehr das Bewusstsein, dass dies alles nur das 
äussero Abbild einer innern Welt sei, in welcher der Geist der 
Liebe und der Eintracht herrscht und den christlichen Gesinnungen 



311 

und Sitten zur Grundlage dient. Denn hier sieht man keine Polizei- 
beamte, keine Degen und Orden, keine Gefängnisse, doch aber fohlt 
das Schwert des Geistes nicht, noch auch die Liebe zu Gott und 
der tägliche Zutritt zu seinem Gnadenstuhl. Und wer von Kopf- 
hängerei der Herrnhuter spricht, der komme nach Sarepta, es wird 
ihm schwer werden, einem mürrischen oder trübsinnigen Antlitze 
zu begegnen, das man überhaupt nur da trifft, wo unbefriedigte 
Weltlust und Weltsorge die Freuden der Seele zurückhalten." 

Die Reisegesellschaft war mittlerweile auf 5 Personen ange- 
wachsen, da sich noch ein Sohn des Verwalters Penner als Gehülfe 
hinzugesellt hatte. Nachdem sie 30 Meilen nordwärts am Ufer 
der Wolga entlang gereist waren, erreichten sie das erste Dorf der 
ausgedehnten, an beiden Ufern des Flusses liegenden, nur von 
deutschen Bauern bewohnten Kolonien mit einer Bevölkerung von 
165 000 Seelen. Trotz der rastlosen Arbeit der Bewohner und ohn- 
geachtet des fruchtbaren Boden s war das Resultat ihrer Landwirtschaft 
augenscheinlich nur ein kümmerliches. Die ersten Ansiedler, welche 
die Kaiserin Katharina hiehor berufen hatte, waren nämlich allerlei 
und von allen Seiten zusammengekommene Leute, Handwerker, 
Tagelöhner, Glücksucher, nur keine kundigen Landwirthe; sie 
mussten vielmehr von den Russen lernen, während es umgekehrt 
hätte sein sollen. 200 bis 400 Ackerbauer wohnten auf einem 
Fleck zusammengedrängt, während die Ländereien oft meilenweit 
auseinander und vom Dorfe entfernt lagen. Scheunen kannte man 
nicht, das Getreide wurde auf der Steppe ausgeritten und das 
Stroh dann verbrannt, weil der Weg zu weit und der Raum im 
Hause zu eng war, um es zu bergen. Futter für das Vieh musste 
täglich weit von der Steppe geholt werden. Der Ortsvorsteher im 
Dorfe, Grimm, der bereits von dem Vorhaben der Reisenden unter- 
richtet war, theilte ihnen mit, der Staatsrath von Fröse warte schon 
längst in Saratow auf sie. Dieser war der Regierungsbeamte, der 
die Ansiedelung vermitteln sollte, er suchte den an ihn gewie- 
senen Leuten auf alle Weise behtilflich zu sein. 

Den Mennoniten war an drei Stellen Land zur Besiedelung 
angeboten, nämlich bei Saratow, bei Jeruslaw und bei Samara. 
Nachdom die Deputirten von dem Staatsrath von Fröse herzlich 
bewillkommt waren, und sie ihre Angelegenheit zur Sprache gebracht 
hatten, rieth er ihnen, die Ländereien bei Saratow in Angriff zu 



312 

nehmen, weil sie dort unter deutsche Verwaltung kämen, welches 
jedenfalls für sie am besten sei; doch gab er ihnen anheim, 
sich auch anderweitig umzusehen, und wollte er sich ihnen 
zur Besichtigung der Eronländereien bei Jeruslaw anschliessen. 
Die Abgesandten reisten voraus und kamen, nachdem sie des 
hohen Wellengangs wegen zwei Tage an der Wolga hatten warten 
müssen, in Eatharinenstadt an. Da os gerade Sonntag war, be- 
suchten sie die evangelische Kirche, wo sie sich mitten unter 
Doutschen fanden, als wären sie im Vaterlande. Die Stadt, oder 
vielmehr Kolonie, hatte 5000 Einwohner und war von Bauern, 
kleineren und grösseren Grundbesitzern und einigen Kaufleuton 
bewohnt. In dieser Gegend fanden sich an deutschen 73 evangelische 
und 40 katholische Dörfer. Die Reisenden wurden aufs freund- 
lichste aufgenommen, besonders von dem Prediger Thomas, einem 
echt evangelischen Christen und reich begabten Mann, und machten 
während einiger Tage, die sie auf von Fröse warten mussten, an- 
genehme Bekanntschaften, die sie mit Einladungen überhäuften. 

Nachdem von Fröse sich in Begleitung eines Komptoirbeamten 
eingefunden hatte, fuhren die Reisenden mit diesen zusammen 
in vier Wagen, je mit vier Pferden bespannt und mit zwei Vor- 
reitorn durch die Gegend. Als sie auf den ihnen angebotenen 
Ländoreien bei Jeruslaw anlangten, wurdon diese aufs genauesto 
besichtigt und untersucht, und das Endresultat war, dass sie den- 
jenigen bei Saratow den Vorzug gaben. Sie fuhren nun dahin 
zurück und besichtigten die ihnen durch von Fröse vorgeschlagenen 
Ländereion, der Salztrakt genannt. Auf diesem VU Meile breiton, 
bisher nur beweideten Landstriche war früher das Salz vom Erison 
nach Saratow transportirt worden, da nunmehr aber die Wolga zum 
Transporto desselben diente, war er zur Bosiedolung disponibel. 
Danach baten sie von Fröse, auch die Ländereien bei Samara 
besichtigen zu dürfen, was ihnen gern gestattet wurde. Noch ein- 
mal berührten sie auf der Reise dahin Eatharinenstadt, von allen 
Bokannton aufs freundlichste bewillkommt. Hier feiorton sie in 
der Kirche, wo man ihnen Ehrenplätze anwies, in der Mitte 
evangelischer Christen das Pfingstfest. Während der Durch- 
fahrt durch die doutschen Kolonien wurden sie überall wie 
Freunde begrüsst und bewirthet, doch als sie das letzte 
deutsche Dorf hinter sich hatten, veränderte sich bald die 



313 

Sceno, sio waren unter lauter Kleinrussen. Kaum vergönnte man 
ihnen, in der Stube ihre Mahlzeit einzunehmen, ihr Nachtlager 
mussten sie auf ebener Erde halten. Drei Nächte brachten sio, 
von Ungeziefer geplagt, in schmutzigen und armseligen Hütton 
zu. Als endlich die Thürme Samaras ihnen in der Abendsonne 
entgegenglänzten, wurde ihnen wieder wohl zu Muthe. Hier an- 
gekommen, begaben sich Wiebe, de Wall und Epp zum Dirigenten 
des Domainenhofes, Staatsrath von Eojander. Dieser aber woigerte 
sich anfangs, ihnen die Ländereien zu zeigen, indem er vorgab, 
sie seien auf 12 Jahre verpachtet. Als sie aber ihre Papioro von 
Petersburg vorzeigten, wurde ihnen ihr Wunsch sogleich mit grosser 
Freundlichkeit gewährt. Nachdem sio beim Staatsrath gespeist hatten, 
machten sie sich auf den Weg zu den in Rede stehendon Lände- 
reien, 17 Meilen von Samara, und untersuchten auch dieso gründlich. 
Sie blieben aber bei ihrem Entschlüsse, den Salztrakt bei Saratow 
zu nehmen, worüber von Fröse und die Frounde in den deutschen 
Kolonion sich sehr erfreut zeigten. 

Nach Abfertigung der bezüglichen Eingaben an das Ministe- 
rium und Einleitung einiger Vorbereitungen zur Unterkunft der 
Ansiedlor, welche schon im Herbst eintreffen sollten, traten sio 
die Rückreise über Woronosch und Charkow an, um diesen für 
die neuen Ankömmlinge mit ihren schwer bepackten Wagen be- 
quemeren, wenn auch weiteren Weg zu erforschen. Unterwegs 
berührten sio das berühmte Orlowsche Krongestüt, wo der Graf 
Orlow mit dem Oborlandstallmoister aus Petersburg grade anwesend 
war. Der Oberst, welcher dio Oberinspektion hatte, führte die 
Reisenden selbst herum, und der Graf, sowie die anderen, unter- 
hielten sich auf die wohlwollendste Weise mit ihnen. 

Auf der weitem Fahrt erreichten sie die Gouvernoments- 
Hauptstadt Woronesch, grösser als Saratow, mit einer breiton präch- 
tigen Hauptstrasse. Weiter führte der Weg durch romantische 
Gegenden bis Charkow, während er sich bis dahin nur durch 
unabsehbare Getreidefelder ohne Baum und Strauch gezogen hatte. 
Von Woronesch bis Charkow, ganze 100 Meilen, sahen die Roisen- 
den keinen Fleck unfruchtbaren Bodens. Charkow ist eine der 
grössten und schönsten Städte Russlands, der 300 Fuss hohe 
Thurm der prachtvollen Hauptkirche, dessen Spitzen vergoldet 
sind, macht einen imposanten Eindruck. Die Reisenden fanden 



314 

daselbst protestantische Deutsche, mit vielen derselben, so mit 
deren Prediger Landesen und dessen Frau, schlössen sie Freund- 
schaft, und dem Gottesdienste wohnten sie bei. In Jekatcrinoslaw 
befanden sie sich endlich wieder unter Glaubensbrüdern, bei der 
Familie Tiessen. Am folgenden Tage erreichten sie die Kolonie 
Ghortiz, dann das Dorf Einlage der friesischen Mennoniten, und 
jenseit des Dniepr die Dörfer der flamischen Mennoniten, Alox- 
androwk und Schönwiese, weiter Orakow und schliesslich Halbstadt, 
den Hauptort der Molotschnakolonie. 

So war denn die Gründung einer Kolonie an der Wolga an- 
gebahnt und noch im Herbst desselben Jahres zogen mehrere 
Familien, im vollen Vertrauen einer guten Zukunft entgegen zu 
gehen, dorthin, begleitet von dem Aeltesten Johann de Wall. Als 
später die Kolonie durch Zuzug sich ausdehnte, wurdo der Lehrer 
D. Hamm, welcher die Reise als Abgesandter mitgemacht hatte, 
zum zweiten Aeltesten gewählt. Im Jahre 1859 bestand die neue 
Ansiedelung schon aus vier Dörfern, der Hauptort wurde Köppen- 
thal genannt, zu Ehren des Staatsrates von Koppen, welcher sich 
in jeder Weise der Mennonitenkolonien annahm. Die Schulen wurden 
bereits von 212 Kindern besucht. Bei der Einführung zwoier 
Schullehrer tritt uns die grosse Sorgfalt und der sittliche Ernst ent- 
gegen, mit welcher man für den Jugendunterricht gesorgt wissen wollte. 

Der Aeltoste, welcher die beiden Schullehrer einführte, sagte 
am Schlüsse seiner Rede: „Es muss vor Allem den Kindern klar 
gemacht werden, dass Alles, was sie lernen, alle Kenntnisse, wolcho 
sie in der Schule sammeln, darauf abz wecken, dass sie ihre hoho 
uud heilige Bestimmung als Christen erreichen, dass sie der christ- 
lichen Gemeinschaft zum Segen aufwachsen. Darum muss dio 
Grundlage aller Lehre christliche Wahrheit sein, der Anfang aller 
Gottesfurcht, und alle Schulbildung, Bildung für das Reich Gottes." 

Diese neue Kolonie hatte den Vorzug vor den früher an- 
gelegten, dass sie grosso deutsche Kolonien in der Nähe hatte, 
Stätten protestantischer Religiosität und Gesittung, und dass sie 
mit den Orten, in welchen dies Element den Gründorn der 
Kolonie s. Z. besonders entgegen getreten war, mittelst der Wolga 
in Verbindung blieb, die angeknüpften Freundschaftsbeziehungen 
also unterhalten konnte. 



Neunte Abtheilung. 

Weitere Geschichte der preussischen Gemeinden bis 1869. 

Während die Mennoniten Endo des vorigen und Anfang dieses 
Jahrhunderts in ihren neuen Heimen in Bussland unter dem Schutze 
der Regierung friedlich ihren Gewerben nachgingen und zu Wohl- 
stand kamen, wurden sie in West- und Ostpreussen von der Goissel 
des Krieges wiederholt heimgesucht. Sie konnton sich indessen 
noch freuen, dass sie nicht genöthigt werden konnten, das Schwert 
zu ziehen im Kampfe Deutscher gegen Deutsche, die der französische 
Gewalthaber damals gogen einander hetzte. Bewahrt durch ihr 
religiöses Prinzip, hatte keiner ihrer Söhne sich befleckt im Dienste 
des Tyrannen, dem so viele verblendete Deutsche damals das mass- 
loseste Lob spendeten, ohne an das grenzenlose Unglück zu denken, 
welches er über Deutschland gebracht hatte. 

Als Napoleon nach der Vernichtung des preussischen Heeres 
die Residenz des Königs von Preussen bezog, musste dieser zu 
alledem noch den Schmerz empfinden, dass viele seiner Untor- 
thanen im allgemeinen Wirrwarr kaum die tiefe Schmach fühlten, 
welcher sie erlegen waren. Als Held und Rettor wurde Napoleon 
hie und da auch in Preussen bogrüsst, während der König und 
seine tiefgebeugte Gemahlin trauernd in Memel weilten. Jedes 
Zeichen der Theilnahme von Seiten des Volkes war dem Königs- 
paar unter diesen Umständen ein Balsam auf ihre Wunden. Ihnen 
ein solches zu geben fühlten die Mennoniten sich gedrungen. 
Auf der Reise nach Memel 1806, wenn wir nicht irren zu 
Graudenz, meldeto sich ein mennonitischos Ehepaar, Namens Nickel, 
mit der Bitte um Audienz beim Königspaar. Die Frau setzte der 
Königin, als sie vorgelassen worden, einen Korb mit frischer Butter 
zu Füssen, während der Mann dem Könige im Auftrage seiner 
Gemeinschaft 30000 Thaler als Geschenk überreichte, oder vielmehr 
zur Disposition stellte. Die Königin, von Rührung überwältigt, 
nahm ihren Shawl, und legte ihn der Frau, welche vor 



316 

Uoberraschung kaum Worte finden konnte, um die Schultern 
Der Mann benutzte diese Gelegenheit, den König zu bitten, dass 
ihm seino zum Festungsbau von Graudenz genommenen Pferde 
zurückgegeben werden möchten, damit er sein Feld bostellon könne. 

Nicht aus ihrem Ueberfluss hatten die Gomeindeglioder diese 
Summe zusammen gelegt, denn der Krieg hatte sie nicht am 
wenigsten geschädigt; es waren ihre durch anspruchloses Leben 
erübrigten Sparpfennige, die sie brachten. 

Als die preussische Regierung sich 1810 genöthigt sah, eine 
ausserordentliche Anleihe behufs der an Frankreich auszuzahlenden 
Kontributionsgelder auszuschreiben , wurde den Mennoniten im 
Marienburger und Danziger Werder auferlegt, per Hufe Landes 
drei Gulden zu entrichten. Sie beschlossen, noch einen ausser- 
ordentlichen Beitrag hinzuzufügen, der Mangel an baarom Gelde 
jedoch gestattete es ihnen nicht gleich, und die Ausführung 
dieses Beschlusses verzögerte sich bis 1811, wo sie eine Summo von 
10 000 Thalern zusammenlegten und diese dem Könige als Geschenk 
zur Disposition stellten. Dieser nahm die Gabe vermittelst Hand- 
schreibens vom 17. März zwar dankend an, doch nur als forneren 
Beitrag zur Anleihe. Aus dieser Opforwilligkeit geht hervor, dass 
dio Mennoniten die Noth dos Vaterlandes tief fühlton und um so 
mehr bereit waren, das Möglichste von ihrem Erworbenen und 
Ersparton herzugeben, als der König ihre religiösen Grundsätze 
nach wie vor unangetastet Hess und sie in ihron Rechton schützte. 

Als dann die Schneegefilde Russlands das Leichentuch so 
vieler Tausende von Männern geworden waren, deren Blut zum 
Himmel schrie, da mochten die Mennoniten Gott danken, dass 
keiner ihrer Söhne dem Heerbann des Tyrannon hatte Folge leisten 
brauchen, dass es vielmehr mittlerweile den Ihrigen vergönnt ge- 
wesen war, die russischen Steppen in ruhiger Arbeit mit dem 
Pfluge zu erobern. 

Als aber der gewissenlose Gewalthaber, der keine Spur von 
den Geboten des Christenthums kannto, nach jener Frevelthat nach 
Paris geeilt war, indem er die erbarmungswürdigen Opfer seines 
Uebermuths ihrem Schicksal überliess, als er von dort aufs neue die 
Welt bedrohte, da stieg aus der Tiefe des deutschen Volksgeistes der 
heilige Zorn hervor, der ihn vernichten sollte. Und als nun der 
Aufruf des Königs „an mein Volk" dieses zur That entflammte, 



317 

da mochte wohl mancher mennonitische Jüngling das Prinzip, 
welches ihn zwang, sich auch hier leidend zu verhalten, als eine 
drückende Fessel schmerzlich empfinden, dio zu zersprengen der 
Grund und Boden, in welchem er wurzelte, seine religiöse Gemein- 
schaft, nicht gestattete. Ein Einzelner kann wohl sein dem Ge- 
wissen entsprungenes Prinzip in einem besonderen Fall um einer 
höheren demselben Grunde entstammenden Pflicht willen bei Seite 
setzen und nachher wieder auf dasselbe zurückgreifen, nicht aber 
eine grosse Gemeinschaft, die es Jahrhunderte lang bofolgt^und 
streng gehütet hat. 

Angesichts der in den Niederlanden wegen ihres Glaubens 
erschlagenen und dem Feuertodo geopferten Brüder, angesichts der 
gleichzeitigen gotteslästerlichen Eriego in Deutschland, wo Glaubens- 
wuth, Herrschsucht, Rachsucht und Eifersucht über dio Köpfe des 
Volkes hinwog das Schwert ergriffen, Länder verwüsteten, Wittwen 
und Waisen ihrem Schicksal überliessen, stand die mennonitische 
Gemeinschaft frei von Blutschuld. Keiner der Ihrigen hatte sich für Sold 
anwerben lassen, um im Dienste fremder Heerführer das Mordgewehr 
zu ergreifen und sich den Kriegsknechten zuzugesellen, welche, 
ohne dio Leidenschaften der sich bekriegenden Fürsten und Königo 
zu theilen, nach dem Grundsatze „wess' Brod ich ess', dess' Lied 
ich sing", auf Beute hoffend, ruchlos Mord und Verwüstung in 
friedliche Länder trugen; keiner hatte sich zwingen lassen, ein- 
zutreten in die Reihen der Länder- und Völkorverwüster. Jetzt 
aber lag die Sache mit einem Male ganz anders, os galt das Vater- 
land und den eigenen Herd zu retten und zu schützen , den 
Tyrannen in seine Schranken zu weisen, und jeden, der dazu die 
Waffen ergriff, überkam es fast, als kämpfe er im Dienste Gottes 
für eine heilige Sache. Wie konnte es da anders sein, als dass 
das Prinzip unbedingter Wehrlosigkeit der Monnonitengemeinschaft 
in den Gemüthern vieler ihrer Mitglieder einen starken Stoss orlitt! 

Als am 7. Februar 1813 der Landtag zu Königsberg die 
Errichtung der Landwehr beschloss, bemerkte der Abgeordnete 
Jakob Zimmermann, dass die Mennoniten sich ihres Glaubens 
wogen nicht persönlich daran betheiligen könnten, dass sie sich 
aber zu Feuerlöschdiensten und Krankenpflege gern bereit finden 
lassen würden. Darauf ontschiod die Versammlung, dass sie sich 
zu ausserordentlichen Geldbeiträgen verpflichten oder persönlichen 



318 

Kriegsdienst leisten müssten. Die Gemeindeältesten machten 
nun sofort Anstalten, dem Könige eine Summe Geldes, sowie 
eine Anzahl Pferde zur Disposition zu stellen.^ Bevor sie jedoch 
damit zu Stande gekommen waren, erging ein Befehl des Gene- 
rals von York, die Mennoniten in Lithauen, Ost- und Wost- 
preussen hätten binnen vier Wochen 500 zum Dienste der 
Kavallerie taugliche Pferde zu stellen und 25000 Thaler als 
Beitrag zu den Kosten der Formation der Landwehr zu zahlen. 
Deputirte dor Gemeinden wurden nach Königsberg beschieden, 
um die Sache mit der Behörde zu besprechen, da man bezweifelte, 
dass die Gemeinden dieser Forderung würden Genüge leisten 
können. Ihre Kopfzahl hatte durch die starke Auswanderung sich 
beinahe um den vierten Theil verringert, die jährliche Leistung 
von 5000 Rthlr. an die Kulmer Kadettenanstalt war aber nicht 
verringert worden, dazu hatten sie durch den Krieg schwer an 
ihrem Hab und Gut gelitten. Die Deputirten erklärten deshalb 
dem General von Massenbacb, welcher die Sache mit ihnen vor- 
handelte, dass sie nicht im Stande seien, so viel aufzubringen. 
„Ich weiss wohl, Kinder," sagte dor Genoral hierauf, „dass es 
Euch schwor wird, aber nur ein ins Herz schneidendes Opfer kann 
Euch gegen die in den Kampf ziehenden deutschen Brüder recht- 
fertigen." Nach einiger Ueberlegung sagten die Deputirton 300 
Pferde und 20000 Thaler zu. Als nun aber trotzdem dor Chef- 
präsident der westproussischon Regierung alle kampffähigen Mann- 
schaften, auch die Mennoniton, aufforderte, sich in die Rollen ein- 
tragen zu lassen und diese sich vergeblich dagegen beschwerten, 
wandten sie sich an das Militärgouvernemont und auch unmittel- 
bar an den König. 

Ersteres entschied dahin, dass, indem die Mennoniten sich 
durch Darbringung ausserordentlicher Beiträge in Betreff dor Land- 
wehr vom persönlichen Kriegsdienst befreit hätten, keine Behörde 
befugt sei, sie weiter in Anspruch zu nehmen. Und als Antwort 
vom Könige wurde ihnen eine Kabinetsordro eingehändigt, des 
Inhalts, dass sie den Abgang ihrer persönlichen Kräfte durch ein 
Aoquivalent von Pferden und baarom Goldo ausgleichen sollten, 
dessen Abschätzung von dort nicht übersehen werdon könne und 
dem Militärgouvernement zu Königsberg überlassen bleiben müsse. 
Dieses erhielt nun in Folge dos Berichts des Generals von Massen- 



319 

bach oino Kabinetsordre, Seine Majestät könne nicht übersehen, 
ob bei dem anliegenden Anerbieten der Gemeinden, 300 Pferde und 
20000 Thaler, stehen zu bleiben sei. Diese Abschätzung bleibe 
dem Gouvernement nach angemessenen Rücksichton und mit 
Rücksicht auf die Conservation der Mennonitengemeinden, 
welche durch ihro Industrie dem Lande bedeutende Yortheile ge- 
währt hätten, überlassen, dieselben seien daher mit ihrer Immo- 
diatreklamation wegen weiteren Bescheides an das Gouvernement 
verwiesen. 

Dieses entschied nun endgültig, dass es boi 25 000 Thaler und 
500 Pferden bleiben solle, die von Mai bis Juni zu liefern seien. 
Es war nicht anders möglich, diese Summe in den Gemeinden 
aufzubringen, als dadurch, dass Wohlhabendere für die Aormeren 
eintraten, zu welchem Zwocke sie mit grosser Mühe Kapitalien 
flüssig machten. Den Mennoniton am linken Woichselufer, welche 
diese Lasten nicht mittrugen, weil sie zum Militärgouvernoment 
zwischen Weichsel und Oder gehörten, wurde eine entsprechende 
Summe aufgelegt. 

Trotzdem war man in der Gegend gegen die Mennoniten 
wegen ihrer Bofreiung vom Militärdienst noch einigermassen miss- 
gestimmt, wenigstens erhielt die Regierung zu Königsborg Ordre, 
den dortigen Einwohnern eindringlich vorzustellen, dass sie keinen 
Grund hätten, sich wegen der Entbindung der Mennoniten vom 
persönlichen Kriegsdienst gedrückt zu fühlen, indem ja alle andere 
Einwohner Proussens sich zur Landwehr stellen müssten. 

Als nun aber, trotz allem Vorhergegangenen, die Militär- 
intendanturen den Befohl orliessen, die Mennoniten zu Traindiensten 
auszuheben, und dio Aeltesten sich beim Militärgouvernoment 
darüber beschwerten, verfugte dieses, dass davon abzustehen sei, 
und Hess die bereits Eingezogonen frei. Aus Dankbarkeit boten 
nun die Gemeindon der Regierung noch 6000 Gulden baares Geld 
nebst 6000 Ellen Leinewand als Geschenk an. 

Die Regierung war ferner, als dio gewiss nothwendige Mass- 
regel angeordnet wurde, dass alle sich für Mennoniten ausgebende 
Personen sich darüber ausweisen müssten, so rücksichtsvoll, zu 
bestimmen: „Hiebei muss jedoch alles Messen und jede andere 
Aeusserung vermieden werden, welche Besorgnisse erregen könnte, 
dass die von Seiner Majestät gegebenen Bestimmungen nicht 



320 

beobachtet werden würden und die zur Auswanderung reizen 
könnte." 

Als nun später der Landsturm ins Leben gerufen wurde, 
lehnten die Aeltesten, mit äusserster Eonsequenz ihr Prinzip und 
ihre Privilegien wahrend und auf ihre Leistungen fussend, auch 
die Bethoiligung hieran ab, was allen Draussenstehenden als etwas 
Unbegreifliches, ja Verächtliches erscheinen musste. Das Militär- 
gouvernement befahl indessen sie heranzuziehen, die Aeltesten 
aber wandten sich wieder an den König und baten den Minister 
von Hardenberg um seine Fürsprache. Darauf erhielten sie von 
Teplitz aus folgende Antwort: 

„Da die Monnonitengemeindon nach ihrer Vorstellung auch 
don Beitritt zum Landsturm als einen Glaubenszwang ansehen, so 
sollen sie davon befreit sein, sio müssen aber die ihnen gleich allen 
Staatsbürgern obliegende Pflicht, das Vaterland zu vertheidigen, 
durch angemessene, zu ihrer Uebertragung ausreichende Beiträge 
zu den Eriegsbedürfnissen ablösen. Diese Beiträge wird das 
Militärgouvernomont roguliren und die Supplikanten dahin weiter 
bescheiden. 

Teplitz, den 25. August 1813. 

Friedrich Wilhelm." 

Da das Aequivalont für die Befreiung vom Landsturm ihre 
Eräfte übersteigen mochte, so entschlossen sich viele zur Aus- 
wanderung. Der Staatskanzlor Hess ihnen indessen die Reisepässe 
verweigern, zugleich aber von der Einforderung der auferlegton 
Leistungen bis auf Weiteres Abstand nehmen. 

Unaufgefordert schenkton nun die Gemeinden statt baaren 
Goldes, welches karg geworden war, Naturalien aller Art, sowie 
Bekleidungsgegenstände und Lazarethbedürfnisse in Masse an das 
Lazareth zu Straschin bei Danzig, und ausserdem findet sich noch 
aus drei Gemeinden ein Beitrag von 161 Thalern für die Ver- 
wundeten nach der Schlacht bei Leipzig verzeichnet; die Uobrigon 
werden ebenfalls nach Eräften das ihrige gethan haben. 

Die wenigen Monnoniten in Ostfriesland hielten ebenfalls mit 
eiserner Eonsequenz ihr Prinzip, keine Waffen zu führen, aufrecht. 
Als auch hier die Landwehr und der Landsturm eingerichtet 
wurden, erboten sich J. Baumann und Genossen in Emden sofort 
für die ostfriesischen Gomoindon, welche kaum 500 Seolen aus- 



321 

mach ton, 3000 Thalor anstatt des persönlichen Dienstes zur Dis- 
position zu stellen. Major Friccius lohnte das Anerbieten ab und 
machte Anstalten, persönlichen Dienst zu erzwingen ; die Oemoindon 
wandten sich aber an den König und erhiolton darauf folgendes 
Handschreiben: 

„Don Vorstehern der Monnonitengomoindon in Ostfriosland 
wird auf ihro Vorstellung vom 2. diosos eröffnot, dass sie gleich 
den übrigen Mennoniton in den diesseitigen Staaten von allem 
Militärdienst befroit bleibon sollen." 

„Da sie indessen in der jetzigen Zoit dor Vortheidigung dos 
Vaterlandes sich nicht entziehen und darin von den übrigen Ein- 
gesessenen nicht übortragon werden können, so müssen sie dafür 
ausser ihren gewöhnlichen Abgabon ein vorhältnissmässiges Aequi- 
valent entrichten, wolchos das Militärgouvernoment dor Länder 
zwischen dor Woser und Rhein mit ihnon reguliren wird. 

Hauptquartier Frankfurt a. M., den 17. Doc. 1813. 

Friedrich Wilholm." 

Als dann 1814 die allgemeine Wehrpflicht in Preusson ein- 
geführt wurde, bekam der Kriegsdienst daselbst einen ganz andern 
Charakter; dio Mennoniton in don östlichen Provinzen blieben 
indessen bei ihrem Grundsätze der Wehrlosigkoit. Diejenigen in 
Ostfriosland aber, welche mit dor Abtretung ihrer Heimath an 
Hannover geriethon, erklärton, darin mehr mit don holländischen 
Brüdern übereinstimmend, ihro Bereitschaft, dem Vatorlando 
auch mit don Waffen zu dienen. Sie benutzten indessen fast aus- 
nahmslos dio gostatteto Stellvertretung, wie es jodor, auch aus 
andern Konfossionon, ebenfalls that, dor dio Mittel dazu hatte. 

Als 1815 das doutscho Volk noch einmal gogen Frankreich 
dio. Waffen ergreifen musste, verständigte dio wostpreussischo 
Regierung die dortigen Mennoniton dahin, dass ihro Ausnahme- 
stellung in Folge des Gesetzes vom 4. Soptombor 1814 nicht mehr 
gültig sei. Dio Gemeinden unter Führung ihrer Aelteston appel- 
lirten dagegen wiedorum an don König. Sio wollton lieber Opfor 
an Gold und Gut bis zur Erschöpfung bringon, ja was noch 
schlimmer zu tragen war, ihro jungen Männer dem Spott und Hohn 
aussetzen, als ihron religiösen Grundsatz aufgoben. Die jüngere 
Generation unter ihnen konnte sich indossen dor Betrachtung 
kaum ontziohon, dass dor Grundsatz absoluter Wehrlosigkoit nicht 

21 



322 

unter allon Umständen durch das Gowissen geboten sei, sich viel- 
mehr vielleicht nicht immer vor demselben rechtfertigen lasse, und 
ein Umschwung zu einer froieren Auffassung der Vorschriften dos 
Evangeliums bereitete sich in diesem Punkte vor. 

So sichor wie die Gemeinden darauf bauten, so fost blieb der 
König selbst unter den schwiorigston Umständen bei seinem Wort, 
wie es in dor Bestätigung ihres Privilegiums von 1780 enthalten 
war. Es orging oino Kabinotsordro, in welcher zuvörderst hervor- 
gehoben wurdo, dass dio Monnoniton zwar gegen oine jährliche Ent- 
richtung von 5000 Thlr. an dio Kadottenanstalt in Kulm vom 
Militärdienst befreit seien, dass aber diese Summe in dieser Noth- 
zoit nicht im Vorhältniss stohe zu dor gemeinsamen Verbindlich- 
keit zur Verteidigung dos Vatorlandos. Sie fährt dann woitor fort: 

„Ich will die Monnoniton keinem Gewissenszwang unter- 
worfen, sio sollen auch in der Folge vom Kriegsdienst bofreit 
bleiben, aber sio müssen das bemerkto Missverhältniss durch eino 
Abgabe ausgleichen, wolcho sio gegen ihre Mitbürger, dio ihr Loben 
für ihr Bostohon darbringen, nicht unverhältnissmässig begünstigt 
erscheinen lässt Ich habe daher eino angemessene Erhöhung be- 
fohlen und werde doshalb auf den doswogen erforderten Vorschlag 
zu soinor Zeit das Weitere bostimraon. 

Berlin, den 5. Juni 1815. 

Friedrich Wilholm." 

Hierauf wurden einige jungo Louto, wolcho schon oingozogon 
waren, wiodor froigolasson. Wie hoch die Summe gowoson, welcho 
der König den Monnoniten damals auforlegto, um seinem Gerech- 
tigkeitsgefühl genug zu thun, liegt uns nicht vor, abor jedenfalls 
war die Hülfsquello, wolcho dio Kriogskasso in don Befreiungs- 
kriegen an don Monnoniton hatte, nicht gering anzuschlagen, was 
der General von York auch anerkannte. Es komme gorado jetzt 
darauf an, sagte or, als er seine frühor orwähnto Forderung an 
sio stellte, in kürzester Frist 500 Pferde und 25 000 Thalor zu 
beschaffen, dio Stroitmittol aufs äussorste zu vormehron, und soi 
doshalb eino namhafto Summe Goldes mehr worth als einige 
Menschen. 

Als der Krieg zu Ende und Ruhe eingetreten war, blieb die 
Sonderstellung dor Monnoniton in Prousson zwar unangetastet, zu- 
gleich blieb aber bei der Regierung dor Wunsch rege, das Ver- 



323 

hältniss dersolbon zum Staate anderweitig zu rogoln, woil daraus 
sowohl ihr solbst als auch don Monnoniton unablässig Schwiorig- 
koiten erwuchsen. Vorläufig indosson war die Geistesarbeit bei 
don Monnoniton noch nicht vollbracht, wolcho nothwendig war, 
um oinor der veränderten Sachlage ontsprechondon Umgestaltung 
der religiösen Ansichten dor Vätor zum Durchbruch zu verholfon. 
Da ihnen abor oben dioso Väter als bostos Erbthcil Freiheit von 
allon Dogmen und Olaubonsbekonntnisson hinterlassen hatten, so 
war mit Sicherheit vorauszusehen, dass, was sich überlebt hatte, 
nach einiger Zeit piotätvollon Daranfosthaltons im Strom der Zoit 
vorsinken wordo. 

Dazu gab woitoro Veranlassung dor Sturm, wolchor im 
Jahre 1848 aus dor Tiefe dor Volkssoolo sich erhob, und thoils 
roinigend, thoils Vordorbon bringend übor dio deutschen Lande 
brausto. Altes und Abgostorbonos wurdo fortgefogt und Noues an- 
gobahnt, das erste doutscho Parlament trat zusammon! Dio Stellung 
der Monnoniten im Staate mussto davon bcrtlhrt werden. 

In Hannover waren dio Monnoniten bis dahin durch die Re- 
gierung von dor Tlieil nähme an dor Volksvertretung ausgeschlossen 
worden. Das Frankfurter Farlamont zählte unter soinen Mit- 
gliedern einen Monnoniton aus Emden, dor als Reichskommissär 
in Marinosachen nach Hamburg ging, einon aus Krofeld, von Becko- 
rath, dor Roichsminister wurde, und, wonn wir nicht irren, noch 
einon, oinon Landwirth aus Baiorn. 

Boi Gelegenheit dor Diskussion übor don folgenden Absatz 
dor Grundrochto: „Durch das Roligionsbokonntniss wird dor Genuss 
der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch 
beschränkt. Den staatsbürgerlichen Pflichten darf dasselbe keinen 
Abbruch thun," beantragte der Abgoordnote für Danzig, Martons, 
dor mit der Stellung dor Monnoniten in West- und Ostprousson 
genau bekannt war, oinen Zusatz in folgender Fassung: „Wegen 
dor Bofroiung vom Militärdienst, aus Rücksichten des roligiöson 
Bekenntnissos, wird das über die Wehrverfassung zu orlassonde 
Gesetz dio nähoron Bestimmungen enthalten." Dioso n Zusatz 
begründete or damit, dass dio Mitglieder dor staatlich aner- 
kannten Religionsgosellschaft dor Monnoniton aus Glaubons- 
bodenken keine Waffon ■ tragen, noch Monschenblut vorgiosson 
wollton, und dass ihnen in Prousson dorn gemäss eine Sonderstellung 

21* 



324 

eingeräumt sei. Es sei also billig, ihnen auch ferner Befreiung vom 
Kriegsdienst zu gowähren. Die Einbusse, welche der Staat dadurch 
erleiden würdo, sei eine goringo, und im Nichtgowährungsfalle 
würde man sie zur Auswanderung zwingen, was dem Vaterlando 
grösseren Schaden bringen würde, als der Ausfall ihror Dienste 
als Soldaten. Somit würde die Staatsklugheit mit dor Gerech- 
tigkeit Hand in Hand gehen, wenn man ihnen ihre Rechte 
liosso. von Beckorath, das Wohlwollende obigen Vorschlags an- 
erkennend, bemerkte, so lange keine allgemeine Wehrpflicht in 
Prousson bostanden hätte, seien die Rochto dor anderen Staatsbürger 
durch dio den Monnoniten oingoräumto Begünstigung nicht verlotzt 
worden, jetzt nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht aber 
sei dio Befreiung dor Monnoniten von derselben eine Abnormität, 
sie sei in dem neu zu gründenden Staat, dessen Kraft darauf be- 
ruhe, dass alle Bürger in Rechten und Pflichten gleich ständen, 
nicht mehr haltbar. Durch diese Erklärung eines so angesehenen 
Monnoniten erhielt das bishorigo Vorrecht derselben einen starken 
Stoss. Dio Gemeinde zu Krefeld und die übrigen Monnoniten- 
gemeindon am Rhoin hatten, ebenso wie diejonigon in Ostfrioslaud, 
in dieser Frage längst eine andere Stollung eingenommen als die 
östlichen, ohne darum ihren echt monnonitischon Charakter auf- 
zugeben. 

Währond dio Mennoniten im östlichen Preussen grösstenteils 
als Grundbesitzer und Pächter Ackerbau trieben, und nur eine 
Minderzahl in den Städten mit Handel und Geworbo sich be- 
schäftigte, sie auch in grösseren Gruppen zusammon wohnton und 
sich selbst gonug sein konnten, lobton dio rheinischen Monnoniten 
Proussens unter der Bevölkerung der dortigen Städte zerstreut. 
Sio standen mit den niederländischen Brüdern in Wechsolvorkehr 
und wählton, mit Ausnahme von Neuwied, ihro Prediger in 
dor Regel aus den im Sominar zu Amsterdam Ausgebildeten. 
Die bedeutendste dieser Gemeindon, diejenige in Krofold, be- 
stand fornor zu einem grosson Thoil aus angesehenen Fabrik- 
besitzern, die namentlich durch dio Soidonfabrikation nicht wonig 
zur Wohlfahrt dor Stadt beigetragen hatten, und somit waren die 
Lebensanschauungon dort ganz andere. Dazu waren die Monnoniten 
am Rhein bereits daran gewöhnt, dio Militärpflicht zu übernehmen, 
denn nach der Stiftung dos Rhoinbundos wurden auf Napoleons 



325 

Bofohl 1806 im Gobioto desselben allo tauglichen jungen Männer 
ohne Rücksicht des Standes und der Konfession für don Kriegs- 
dienst eingezogen. Dio Betreffenden konnten freilich Ersatzmänner 
stellen, was joder, der es konnto, Mennonit oder nicht, auch that. 
Ein solcher kostoto aber mehr oder minder 2000 Gulden. 

Bis zu diesem Zeitpunkte freilich hatten auch dio Mennoniton 
am Rhein, sowie dio in der Pfalz, Baiorn und Baden ihre Wehr- 
losigkoit oft untor schweren Bedrückungen dioserhalb zu wahren 
gewusst. Am 24. April 1764 konnte z. B. der Aeltoste Martin 
Möllingor aus der Rhoinpfalz an den Aoltesten Hans von Steen in 
Danzig schreiben: „Die Einschränkung betreffend, so erleiden wir 
keinen Zwang, wider Gottes Gebot zu leben. Ja, dio Obrigkeit 
und dio Edelleuto vermögen die Unsrigen sehr wohl, besondors 
die Tomporagütor zu verlohnen. Dabei habon die Unsrigen öfters 
don Vorzug vor andern. Anbei tragen wir dio herrschaftlichen 
Beschwerdon gloich andorn, ausser ein Mann giebt 6 ff. Schutz- 
gold, eine Wittib aber 3 fl., dagegen sind wir frei, wenn Milizen 
eingezogen werden." Drei Jahre später schrieb Hans von Steen 
von Danzig aus an dieson: „Nach unsorn Glaubensgründen 
dürfen wir uns allhior untor dem Schutz und gnädigen Bei- 
stand Gottes halten und richten, sowohl in Wohrlosigkeit als 
auch in Eidschwören und bejahrte Tauf, gloich auch Eure 1. 
Gemeindon sich rühmen können." 

Wie sehr auch dio niodorrhoinischen Gemeinden das Prinzip 
der Wehrlosigkeit noch lango festhielten, geht aus dorn Umstando 
hervor, dass, als der Aelteste Potor "Weber zu Neuwied 1804 an 
Anton Wöltke in Elbing geschrieben hatte, die jungen Leute 
wollton, mit dorn Schwert umgürtet, ihrem jungen Landosfürsten 
gleich andorn Bürger söhnen ontgogon reiten, dieser deshalb im 
Verein mit dem Aolteston Valentin aus Mosbach im Juni 1803 
eine Versammlung von 21 Ael testen und Lehrorn nach Ibersheim 
berufen hatto, dio folgenden Boschluss fasston: 

Artikol 4. Gowohr tragen. „Ist dor Lohro Jesu und dem 
Bekenntniss unsors Glaubens zuwider, weil nach derselben dio 
Gläubigen einandor in Liobe begegnen, aller Rache entsagen, und 
diese Gott, dem dieselbe gebührt, überlassen sollon. Daher ist und 
bleibt auch bei uns das Gowehrergreifen vorboten, und alle, welche 
freiwillig das Gewehr ergreifen, verfallen in unsere Kirchenstrafe 



326 

und sollen keino Gemeinschaft mit uns habon, sondern sollen aus- 
geschlossen worden, bis sie davon abtroton und sich wieder mit 
der Gemoindo versöhnen." 

Napoleon aber Hess, wio schon erwähnt, die Mennoniton mit 
Gewalt einreihen. Zwar sandton die Pfälzer den Prodigor Möllingor 
aus Ruchhoim nach Paris zum Kaiser, die Befreiung der Mennoniten 
vom Kriegsdienst zu erbitten, aber vorgobens. 

Als nun später dio Rheinlande an Proussen kamen und die 
allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde, da mochte den dortigen 
Mennoniten dio Ueberzougung kommen, dass es nicht gegen Gottes 
Gebot soin könne, das Vaterland, den oigenon Hoerd, Ehre und 
Gowisson gogon fromdo Tyrannei zu schützen und zu vorthoidigon. 
Dio rheinischen Mennoniten, dio ohnohin nicht Privilegien be- 
sassen, unter deren Schutz sie Jahrhundorte lang gelobt hatten, 
wio dio Gomoindon in Wost- und Ostpreusson, nahmen dorn zufolge 
zu dor Wohrfrago schon zu Anfang dieses Jahrhundorts oino freiere 
Stellung ein als dio Lotztoron. 

Da dio Grundrechte, welche das Frankfurter Parlament bc- 
schloss, auf sich beruhon blieben, so trat zunächst an dio Menno- 
niten dor Ostsooprovinzon Preussons keine äussere Veranlassung 
zur Veränderung heran. Wohl abor rogto es sich nach dioser 
Richtung hin unter ihnon solbst, bei dorn jüngoron Geschlecht. Dom 
gogon übor hiolton dio Ael tosten es für ihre Pflicht, das Prinzip 
und Privilegium der Wehrlosigkoit desto eifriger zu hüten. Sie 
suchton dor Bowogung, wolcho sich allmählig im Schoss der Ge- 
meindon gegen dassolbo erhob, entgogon zu troton und sie zu 
dämpfen. Durch dio Verhandlungen, wolcho sie mit den Bohörden, 
den Ministern und mit dem Monarchon selbst geführt hatten, waren 
sio zu oinoni Ansohn und einer Machtstellung den Gemeindon 
gegenüber gelangt, wolcho der von den Vätern ererbten, auf völlige 
Gleichberechtigung im roligiöson Vorbando beruhenden apostolischen 
Gomoindoordnung dor Mennoniton koinesweges entsprach. Indem 
sio ihro so erlangte Machtstellung zu dem genannton Zwecke be- 
nutzten, waren sie von den besten Absichton bosoelt, was freilich 
nicht wognahm, dass sie damit das selbständige Geistesleben dor 
Einzelnon und dor Gomoindon boointrächtigton. Alles, was dio 
Abschlicssung derselben von der Welt fördern konnte, wurde be- 
günstigt, um keine Aufmerksamkeit auf die Gemeindon zu lenkon; 



327 

wer gegen ihre betreffenden Anordnungen vorstiess, wurde mit 
Ausschliessung bodroht. An dor evangolischen Mission nahmen 
dioso Gemeindon den wärmsten Anthoil, aber fast nur Missions- 
und verwandte roligiöso Schriften fandon bei ihnen Eingang, alle 
übrigen geistigon Schätze der deutschen Nation blieben ihnen 
meist fern. 

So hatte denn das allen veränderten Zeitumständen gegen- 
über oifrig festgehaltene Prinzip der unbedingten Wohrlosigkeit 
eine gewisso geistige Erstarrung der betreffenden Gomeindcn 
zur Folgo. Was frühor oino auf tiof religiöser Auffassung be- 
ruhende Wahrhoit und oin Sogen für dio Väter gewesen war, das 
war nun mehr odor weniger zu oinor Unwahrheit geworden und 
wirkte schädigend. Dioso Monnoniton waren noch nicht im Stande, 
die auch hinsichtlich der Kriegführung wpltumgestaltondo Macht 
dos Christonthums, wie sio in Deutschland, und in erstor Stelle in 
Preussen vor Augen lag, zu würdigen und daran ihros Theils mit- 
zuarbeiten. Allmählig jodoch bogann in den Gomoinden das 
ererbte Froihoitsgefühl sich zu regon und dor Blick sich zu er- 
weitern, und violo Glieder derselben befreundeten sich mit dem 
Godankon, dass auch für dio Monnoniton die Zeit gekommen sei, 
gloich den andern Staatsbürgern dio persönliche Wehrpflicht zu 
ttbornehmon, zumal sio fühlton, dass Preusson wohl das Schwert 
zur Wohr und zur Ordnung, aber nicht zur Rache odor zur Er- 
oberung gogon fremde Völker ziehen werde. Indessen blieben 
dioso vorläufig in der Minderheit und die Macht dor Aeltosten un- 
gebrochen. Diese gestatteten solbst boi den Wahlen dor Volks- 
vertreter keine Abweichung von dorn, was sie im Interesse der 
Gemeinschaft für gut hielten. 

So war denn die im 16. Jahrhundert unter den grössten 
Opfern an Gut und Blut erkaufte Gewissensfreiheit im 19. Jahr- 
hundert den östlichen Gomcindon thoilwoiso wioder vorloron ge- 
gangen durch das unzeitgomässo Festhalten an dorn, was sie frühor 
gegen Gowissonszwang goschützt hatte. Abor während sio solbst 
noch koine Möglichkeit fanden, aus dor Sackgasse, in welcho sie 
gorathon waron, durch eigenen Entschluss heraus zu kommon, 
brachton dios dio Vorhältnisse wio durch Gottes Fügung zu Woge. 
Durch den Reichstagsbeschluss vom 9. Novombor 1867 wurde 
ihre Fessel gesprengt; die Wehrfroihoit der Mennoniton wurde auf- 



328 

gehoben, und damit begann eine neuo Entwickolungsperiode für die 
Mennonitongemoinden im östlichen Proussen. Alle ihnen in Ver- 
anlassung ihrer Weigorung Waffen zu führen und als Aequivalont 
dor ihnen zugestandenen Wehrfreiheit auferlegton Beschränkungen 
und besondere Abgaben hörten nun auch auf, sie waren eingesetzt 
in alle Pflichten freilich, aber auch in alle Rechte der übrigen 
Staatsbürger. Dazu übte die Regierung noch die Rücksicht, dass 
sie don jonigen, welche an den früheren Anschauungen noch f ost- 
halten möchten, im Verordnungswege gestattete, als Krankenwärter, 
Schreibor u. s. w. ihre Dienstpflicht abzuleisten. 

Uober drei Jahrhunderte hatten die Mennoniton in Preussen 
ihrom Glaubenssätze, dass der Christ sich an keinem Erioge be- 
theiligen dürfe, leben können. Die ihnen von den Vorfahren über- 
kommenen, stets rospektirten und bestätigten Privilegien hatten 
ihnen in dieser Beziehung eine solche Sicherheit gegeben und sie 
waren ihrer Sonderstellung so gewohnt worden, dass sie sich kaum 
Rechenschaft darüber gaben, ob die Grundursache ihres Glaubens- 
satzes noch in dor alten Tragwoite vorhanden sei. Wie aus einem 
schönon Traume erwachten sie plötzlich, als mit einem Male ihr 
ängstlich gehütetes Privilegium vom Strome der Zeit hinweg- 
goschwemmt wurde. An joden Einzelnen trat dio Notwendigkeit 
heran, mit seinem Gewissen zu überlegen, wie er sich zu der Sacho 
stellen könne. Viele der jüngeren Leute namentlich fanden koin 
Bodenkon, der allgemeinen Wehrpflicht mit dor Waffe zu genügon, 
andere machton von der angebotenon Erleichterung Gebrauch, es 
gab aber auch oine Anzahl, dio selbst Krankenwärtor- und Schroibor- 
diensto in dor Armee zu übernehmen sich scheuton, woil darin 
oine mittelbare Anthoil nähme am Kriogo liege. Dioso bedachton 
froilich nicht, dass die bisherige Zahlung an das Kadottonhaus in 
Kulm dassolbo war. 

Untor mohroron hör vorragenden Monnoniten, wolcho dio 
Sonderstellung der proussischon Gomoinden als nicht mehr an der 
Zoit orklärton und dor freisinnigen Partei wie aus der Seele 
sprachen, ist ganz bosondors dor loider zu früh heimgegangeno 
Sohn dos ehrwürdigen Predigers und Aoltoston der Gomoinde zu 
Danzig, Professor Wilhelm Mannhardt, hervorzuheben. Nachdem 
dioser zuorst eino historische Erörterung über die Wehrfroiheit dor 
Mennoniton horausgogoben hatte, sprach er seine persönlichen Er- 



329 

fahrungen und Ansichten über das Unzeitgomässo derselben in der 
Jotztzeit, in den Monnonitischen Blättern vom Jahre 1869 aus. 
Er heb zuvörderst nachdrücklich hervor, dass religiöse Fragon nur 
nach innerer Uoberzeugung beantwortet worden dürfton, und dass 
daher auch die Wehrlosigkoit nicht blos doshalb aufgegebon worden 
dürfo, weil äussere Nöthigung dazu vorhanden sei. Man müsso 
untersuchen, ob sio in bisheriger Weise vor dorn Gewissen bestehen 
könno, und dürfo unter keinen Umständen gegen das innorsto 
Wesen der Mennonitongemeinschaft Verstössen, wenn man dieso und 
sich selbst nicht aufgebon wolle. Dabei soi wohl zu beachten, dass 
der einem solchen Prinzip zu Grunde liegende Gedanke an sich 
sehr gut sein könne, ohne dass seine bisherige Ausgestaltung zu 
den veränderten Zeitumständen noch passo. Angesichts der Gräuol 
ihrer Zeit und im Gegensatze zu der wilden Rachsucht Thomas 
Münzers und seiner Genossen hätten Menno und seine Anhänger 
den Grundsatz aufgestellt, wedor das Schwert gogon andere zu er- 
greifen, noch sich selbst durch dasselbe zwingen zu lassen, ihre 
Uoberzeugung Prois zu gobon. Damit wären sie allerdings ihror 
Zeit voraus geschritten und Bahnbrecher dos Yölkorfriedens ge- 
worden, welcher Richtung dio Quäker und Herrnhutor sich später 
angeschlossen hätten, aber starre Durchführung und Anwendung 
oinos Prinzips auf allo Fälle würde sich gar oft mit einer sittlichen 
und somit christlichen Weltanschauung nicht vortragon. 

Du sollst nicht tödton, lautot das göttlicho Gebot im alton 
Testament, sagt er fornor, und Christus vortioft diosos Gebot dahin, 
dass man nicht hassen, nicht Rache übon soll, aber er giobt obigem 
Gebot auch oino Begrenzung, indem er sagt: „wer das Schwort 
ergroift (gegon Gesetz und Rocht), soll durch das Schwort um- 
kommen. " Damit sei auch ausgesprochen, dass dio Nothwehr nicht 
alloin erlaubt, sondern sogar geboten soi, donn da man nicht andoro 
hasson, angreifen und tödten solle, dürfo man sich auch nicht tödton 
lasson, z. B. durch eine rachsüchtige und räuberische Hand, und 
müsse, soi es auch mit Waffengewalt, sein Lobon zu erhalten 
suchen. Was vom Einzelnen gelte, sei auch im Yölkorlobon gültig. 

Einon Eriog der Nothwehr nun, wie Deutschland ihn in don 
Freiheitskriegen und in 1870 und 71 durchgefochten hat, wird 
niemand don Muth haben zu verdammen. Wer wird ihn nicht 
als einen sittlichen, gottgewollten anerkennen und mit Körnor aus- 



330 

rufen: „es ist ein Krouzzug, 's ist ein hoil'gor Krieg! Es ist 
wesentlich den Bemühungon Professor Mannkardts zuzuschroiben, 
dass in den ost- und wostproussischen Gomeindon freisinnigere 
Ansichten über die Wehrpflicht zum Durchbruch kamen, und dio 
jungen Männor ihre längst erkannte Pflicht gogon das Vatorland 
im letzton Kriege mit Frankreich bothätigon konnton. 

Auch dio alten Monnoniton sind übrigens von der in manchon 
Geraoindon nach und nach eingerissenen Starrheit der Ansichten in 
Betreff der Wohrlosigkeit vielfach frei goweson. Dies goht z. B. 
aus folgondom, an und für sich schon mitthoilonsworthom Eroigniss 
hervor, das, nach oinor handschriftlichen Urkunde abgedruckt, in 
der Juli-Boilago der Monnonitischon Blättor von 1856 orzählt ist: 

König Karl XII. von Schwodon, jener jugondlicho, odel an- 
gelegte Woltorstürmor, hatte dio Hooro der Dänon, dor Russen, 
der Polen und Sachsen dor Roiho nach zortrümmort und zer- 
schlagen. August don Starkon für soino Ränko zu züchtigon, war 
er in Polen eingerückt und stand 1703 vor dorn bolagorton Thorn, 
welches damals zum polnischen Roicho gohörto. Untor don Land- 
louten, wolche ihm Zufuhr an Lebensmitteln ins Lager bringen 
musston, befanden sich auch Monnoniton aus dor Kühner Niodorung. 
Ihr Lohror, Stephan Funk, wolchor aus Mähren dahin eingewandert 
zu soin scheint, hatte sie begleitet Als diosor im Lager war, 
wurde gerade Gottesdienst gohalton. Funk hörto dorn Feldpredigor 
aufmerksam zu und notirto oinigos aus dosson Prodigt. Dios ward 
bemerkt und als etwas Auffälliges dem Königo berichtet, worauf 
derselbe don Mann vor sich fordern Hess, und ihn fragto, wor er 
sei. Funk antwortote, or soi ein Lohror dor Monnonitongemoinde. 
„Was zeichnetest Du aus der Prodigt auf, was meinst Du damit?" 
fragto dor König fornor. „Ich zoiehnoto dio Schriftstollon auf, und 
zwar zu meinem Unterricht, um zu schon, ob sio richtig angewandt 
sind," war dio Antwort. „Wenn Du oin Mennonit bist," sagto dor 
König darauf, „so billigst Du don Krieg nicht; sage mir, womit 
beweisest Du, dass dor Krieg nicht erlaubt ist?" „Mit dor hoiligon 
Schrift," antwortete Funk. „Nun," sagto dor König, dessen jugend- 
liches Herz allen religiösen Kundgebungen noch offen stand, „wonn 
Du oin Prodigor bist, so sollst Du in moinor Gegenwart oino Predigt 
halten und darin beweisen, dass dor Krieg unerlaubt ist. Wann 
kannst Du damit fortig soin?" „Nach viorzohn Tagon," antwortete 



331 

Funk, „aber ich bitte mir die Gnade Euerer Majestät aus, damit ich 
nicht in Gefahr goratho." „Meine Gnade seil Dir versichert sein," 
orwiodorte der König. Nach vierzehn Tagen stollte' Funk sich 
wiodor oin und wurdo in das Zolt dos Königs goführt, wo der 
Foldpropst und oinigo der vornohmsten Generale vorsammolt waron. 
„Bist Du beroit?" fragte der König. „Ja, Majestät, auf Dero aller- 
höchsten Befohl und untor allerhöchst Dero Schutz." Der König 
wandte sich darauf zu don Anwosondon und sagto: „Meine Herren, 
ich habe diesen raonnonitischen Prodigor boordert, in moinor Gogon- 
wart oine Rede vom Kriege zu haiton, und darin zu bowoison, 
dass der Krieg nach don Grundsätzen der Monnoniton und nach 
der hoiligon Schrift unerlaubt soi. Sio wordon also aufmorksam 
zuhören, aber niemand darf sich untorstehon, etwas drein zu rodon." 
Zu Funk sich wondond, sagto or nun: „Es ist Dir erlaubt, zu rodon." 
Hiorauf hielt Funk oino Rodo über dio Wohrlosigkeit dor Christon, 
dio er aus dor heiligen Schrift zu begründen suchte. Allo hörton 
andächtig zu, und als dor König dio Anwesenden nach Beondigung 
der Rodo fragte, ob sio Einwürfe dagegen zu machen hätton, ant- 
worteten sie: noin, worauf dor König sio ontlioss. Als er mit 
Funk allein war, sagto or zu diosom: „Du hast Deine Sätze zwar 
gründlich bowioson, jedoch scheint es mir nicht möglich zu sein, 
dass aller Krieg ohno Untorschiod in der heiligen Schrift gänzlich 
vorboton sein soll," worauf Funk orwidorto: „Euro Majostät ver- 
zeihen, man findot koino Erlaubniss dazu." „Gar koino?" fragto 
dor König ornstlich, worauf Funk antwortete : „Wenn otwas in dor 
Schrift orlaubt soin möchte, so müssto os sein, dass oin König, 
wenn er in seinem oigoncn Roicho angegriffen würde, sich vor- 
thoidigen könnte, abor dass oin König in oin anderes Reich ziohot, 
dassolbo zu oroborn und zu vorhooron, dazu ist koino Erlaubniss 
in dor hoiligon Schrift, sondern es stroitot wider dio Lchro Josu 
ganz und gar." Mit diosor Antwort scheint dor König sich be- 
friedigt gefühlt zu habon, indom or soino Kriogo als zur Ver- 
teidigung und Abwehr geschehen ansehen konnto. Hatte or doch, 
als or sie anfing, gesagt: „Ich wordo niemals einen ungerechten 
Krieg anfangen, abor auch oinen gorechton nur durch Untorgang 
meiner Foindo endigen." Im polnischen Reicho wurdo or indessen 
für oinon ungorochton Eroberer angesehen, da nicht das Volk, 
sondern August von Sachsen ihn herausgefordert hatte. Dor 



332 

Schwodonkönig bliob dorn Mennonitenprediger trotz dos Tadols, 
welcher in desson Worten lag, freundlich gesinnt, denn er schätzto 
persönlichen Muth. Er befahl, ihm sechs Dukaten auszuzahlen, 
wovon Funk jedoch nur drei erhielt. Wenn dieser später ins Lagor 
kam, wurde er von don Officieren besonders in Ehren gehalten. 
Im Jahre 1709 starb Funk an der Post. 

Funks Ansicht, dass die Wehrlosigkoit nicht unter allon 
Umständen unbedingt geboten sei, würde don Gomoindon im 
neunzehnten Jahrhutidort wieder zum Bowusstsein gekommen soin, 
wenn nicht die zu einer fast hierarchischen Macht gelangten 
Aeltesten in ihren ängstlichen Bemühungen, die Privilegien der- 
selben pflichtgetreu zu hüten, jeder Aeussorung nach dieser Rich- 
tung, wie schon erwähnt, entgegen getreten wären. 

Professor Mannhardt nun brachte das dadurch zurückgedrängte 
eigentliche Woson der Mennonitengemoinschaft wieder in Fluss. 
Diese Gemeinschaft soi nicht dem Triobo entsprungen, sagte er, 
eine sichtbare Kirche zu schaffen, die von aussen bestimmend auf 
ihro Glieder einwirke, sie sei vielmehr eine durch freie Selbst- 
bestimmung sich immer wieder erneuernde Verbrüderung zur 
Nachfolge Christi, durch gegenseitiges Ermahnen und 
Handreichung im sittlichen Handeln. Auf der Durchführung 
dieses Prinzips beruhten die Besonderheiten, durch welche sich 
die mennonitischo Lehre und Vorfassung theilweiso von denen 
anderer Konfessionen unterscheide; nämlich die Taufo dor Er- 
wachsenen im solbstbestimmungsfähigen Altor, die 
alleinige Bethouerung durch Ja und Nein als Ausdruck 
der Wahrhaftigkeit in allen Angelegenheiten, sowie die 
Auffassung und Ausübung dos heiligen Abendmahls als Gemoinde- 
feior zur Stärkung des Glaubons $n das gemeinsame 
Haupt und des Lebens aus diesom Glauben, was jodo 
mystische Auffassung ausschliosso, endlich die vorwiogende 
Richtung auf ein praktisches Christenthum ohne Dogmatik 
und ohne feststehende, für joden bindende Symbole und 
Bekenntnissschriften. Schliesslich betonte or die in demsolbon 
Boden wurzelnde, im besten Sinne demokratische Gemoindo- 
verfassung, wonach die Entscheidung in allen wichtigon Fragen, 
innere sowohl als äussere, durch die Brüdorversammlung joder 
Einzelgemeindo dem Wesen der mennonitischen Gemeinschaft 



333 

gomäss soi, und dass jedor Ansatz zu einer monarchischen, 
oligarchischen Ordnung, sowie zur Konsistorialordnung, 
und jeder Eingriff des Staatos in die freie Selbstbestim- 
mung der Gemoinden diesem widersprechen wttrdo. 

Diesen Grundanschauungen unterliogt auch das Prinzip der 
Wohrlosigkoit der Mennoniten. Die alten Taufgesinnten nannten 
sich auch gerne „wehrlose Christon." Ihre Wehrlosigkeit war ein 
Protost, der sich gloichniässig gogon die wilde Selbsthülfe dor 
Bauorn und täuferischon Schwarmgeister, und gegen die Rohheiten 
und Grausamkeiten der Soldatoska und ihrer fürstlichon Kriegsherrn 
richtete. Als im droissigjährigon Kriogo Deutschland durch Mord und 
Raub verwüstot wurde, sodass seine Bevölkerung um 50 Procent 
abnahm, die Pfalz gar im Jahre 1636 nur kaum noch 200 Bauern 
kärglich nähren konnte, da hatten die Taufgosinnten mindestens 
ihre Hände rein gehalten von Mord, Raub und Brandstiftung, 
wovon die Schutthaufen eingoäschortor Städte und Dörfer überall 
zeugten. Sie waren violmehr unter den Ersten und Tüchtigsten, 
um Stadt und Land wieder zu bobauon; davon weiss die Pfalz zu 
erzählen und können die Annalen der Stadt Mannheim Zeugniss 
ablegen. Ihr grösstenthoils tüchtiges Familionloben hatte das seinige 
zur Erstarkung des Vatorlandos beigetragen. 

In unseren Tagon aber, wo das Vaterland wieder achtung- 
gebietend dasteht und von seinen Söhnen erwartet, dass sio, wo 
Gefahr droht, es schützen und vortheidigon, entspricht es wiederum 
dem innorsten Wesen der Monnonitengemeinschaft, die ihre Un- 
abhängigkeit als Heilsanstalt durch Geisteskraft stets zu wahren 
suchto, nöthigonfalls auch mit don Waffen in der Hand für dasselbe 
oinzustehon. Und somit hat donn der Mennonit, das eine Mal 
durch Lasson und das andere Mal durch Thun, wie es jedesmal 
seine sittliche Ueberzeugnng erheischt, sein Prinzip zu wahren, 
welchos bestoht in dor Friedfertigkeit, dor Duldung und dem Ver- 
worfon jeglicher Racho, aber auch in der kräftigen Handhabung 
und Wahrung der Selbständigkeit seinos Gemoindelobens und seines 
Vaterlandes. Auch findet sich bei genauor Forschung ja kein 
Grund zur Aufrochthaltung absoluter Wehrlosigkeit in dem Evan- 
golium, eher das Gogentheil: wir wissen z. B., dass, als Jesus zum 
letzten Malo mit seinen Jüngern zu Tische sass, zwei von ihnen 
mit Schwertern bewaffnet waren, auch dass Jesus keinen Anstoss 



334 

nahm, dorn Hauptmann von Kapornaum soino Bitte zu gewähren, 
trotzdem dieser des Kaisers Rock und Waffen trug und viele 
Kriogsknechto unter sich hatto. Möge dor Monnonit aber, wenn 
ihn das Schicksal in den Krieg führt, stets bedacht sein, sich 
den reinen Christonsinn dor Vätor zu bewahren und darnach zu 
handeln ! Und wie sich solcher Christensinn im letzton Kriege bei 
so vielen doutschon Männorn und Frauen gozeigt hat, so war er 
denn auch zu finden boi denen, wolcho dor monnonitischon Ge- 
meinschaft angehörton, davon könnte man Boispielo mitthoilon. 
In freudigem Spenden zu den Liobosgabon, in persönlicher Hingabo, 
wo es galt, thatkräftig zu handeln, in Muth und Tapforkoit standen 
sie nicht zurück. 

Hinsichtlich oinor andoren Art dor Waffonführung, des Duells, 
aber geziemt es gowiss aus gloichon Gründen der Sittlichkeit, an 
dor alten Wohrlosigkeit festzuhalten. Jodes Eltornpaar sollte seinen 
zur Universität ziehondon Söhnen os aufs nachdrücklichste zum 
Bowusstsoin bringon, dass os oin frevolhaftes, das Christenthum 
verletzendes Boginnon ist, sich wogon gar oft gesuchter odor ver- 
meintlicher Ehrverlotzung und unbesonnener, oft alberner Worte, 
selbst wogon wirklich gekränktor Ehro auf oin Duoll einzulassen. 
Wer Muth zoigon will, dor thuo os dadurch, dass or offen bekennt, 
os widorstroito seinen religiösen Anschauungen, auf oin Duoll ein- 
zugehen, dass es ihm als Christ nicht zieme, durch ein solches leicht- 
sinnig soin Leben oder das Loben eines anderen zu gefährden, Unheil 
auf dritte Unschuldige horabzuziehon, und forner dadurch, dass er 
sich selbst geraden Blicks in die Seole schaut und etwa begangenes 
Unrecht frei eingesteht und sühnt. 

So ist denn mit dem Wegfall dos Privilegiums der Wohr- 
froihoit don Mennonitongemeinden des östlichen Preussens ihre 
alto gemeindliche Freiheit und Selbstbestimmung wieder zu- 
gefallen, die geistigen Errungenschaften dor Neuzeit könnon un- 
gehindert auf die Gomüther wirken. Mag sein, dass für manche 
junge Leute, denen es noch an der erforderlichen Besonnenheit 
und Erfahrung fehlt, Gefahren darin liegen. Wem aber die im 
Elternhauso oingopflanzton sittlichon und religiösen Grundsätze der 
Vätor und der Gemeinde im Lärm dor Welt nicht abhanden kommen, 
dor trägt einen sicheren Regulator in sich solbst, wie ihn jeder 
Christ hat, oder doch haben sollto. 



Zehnte Abtheilung. 

Bewegungen in den russischen Gemeinden, Auswanderung 
nach Amerika 18ÖO, Zustände daselbst. 

Dio Mennoniton hatten — wio schon orwähnt — bei ihren 
Gomoindobildungon diojonigon der ersten Christen zu apostolisehor 
Zeit zum Vorbilde genommen, und dio Bibel war ihre einzigo 
Richtschnur und Gesetz. Dio Vorfassung ihrer Gemeinden war 
somit oino echt demokratische im besten Sinne dos Wortes: alle 
waren in gleichem Maszo borufon und berechtigt, jedem stand es 
zu, dio bestehenden Zustände an dem Inhal to der Bibel zu prüfen. 
Je wonigor abor der Betreffende im Stando war, den Geist, der 
dio Bibel durchwoht, in soinor Totalität zu fassen und von ihm 
aus dio Thoilo zu bourthoilon, je mohr er boi einzolnon Worten 
und Aussprüchen, oft dunkolor Art, dio ihm besonders worthvoll 
orschionon, stehen blieb, sie im Lichte soinor oigonon Subjektivität 
begriff und so als Regel auf allgemeine Verhältnisse anwenden 
wollte, dosto mohr lag auch hier, wio überall unter solchen Um- 
ständen, die Gefahr nahe, dass boschränkto Köpfe, pedantisch am 
Buchstaben festhaltend, durch Halbwisson und religiösen Hoch- 
muth geblendet, auf Irrwogo goriethon. 

Dorgloichon machto sich zu Anfang der siebziger Jahro in 
don Gomoinden an der Molotschna goltond, vielleicht hervorgerufen 
durch dio soitons der Aelteston und Diakonon etwas fahrlässig be- 
triebene Seolsorgo. Wenigstens fanden manche Gomeindeglioder 
ihr roligiösos Bodürfniss nicht befriedigt und meinten Glaubons- 
losigkoit und starkon Sittenverfall in don Gemeindon zu spüren. 
Sie kamon dahin, die Gosammtgemoindo als eine boroits verfallene 
und vorlorono und sich selbst als dio berufenen Heiligon zu be- 
trachten, und boriofon sich auf das Wort dor Offonbarung, 18. 4: 
„Gehet aus von ihr moin Volk, dass ihr nicht thoilhaftig worden 
mögot ihrer Sünden, auf dass ihr nicht etwas orlangot von ihren 
Plagen", und 2 Cor. 6, wonach dio Gläubigen keine Gemeinschaft 
haben sollen mit den Ungläubigen. Auch stützten sie sich auf 



336 

einige Sätze aus dem Fundamentbucbe Mennos, welche mit Be- 
ziehung auf dio zu seinon Lobzoiton bestehenden Vorhältnisse seiner 
Feder entflossen waren. Dahin gehört: „So lange jemand irrt in 
der Lehre und im Glauben, und noch fleischlich gesinnt ist, kann 
er auf keino Weise mit den Gottesfürchtigon und Bussfertigen zu- 
gelassen werden." Diese Gottosfürchtigen und Bussfortigen nun 
waren sie selbst, nach ihrer Meinung. In solcher Selbstüber- 
schätzung und geistlichem Hochmuth trennten sie sich nun ab 
und bildeten eine noue Gemeinschaft. Diese erhielt Vorstärkung 
durch einen jungen Menschen aus der Gemeindo Gnadenfeld, welcher 
vor mohroren Jahren zu seiner Ausbildung nach Würtoniberg 
gesandt war, um später in seiner Gemeindo als Schullohrer an- 
gestellt zu worden. In Kirschonhardthof war dorsolbo durch die 
schwärmerischen „Jerusalemsfreundo" angesteckt worden und hatte 
sich schon dort in masslosem Hochmuth berufen gofühlt, über dio 
ganze Monnonitengemeinschaft zu Gericht zu sitzon, seine ver- 
dammenden Urthoilo in dor „Süddeutschen Warte" niodorzulogon, 
und sie nach allen Seiten hin, sogar nach Amerika, den Gemeinden 
zuzusenden. 

Dio abgetronnto Gemeinde richtete auf eigene Hand ihren 
Gottesdienst ein. Wer sich dazu berufen fühlte, trat als Prodigor 
auf, nach den Worten dos Apostels : „wer ein Bischofsamt begehrt, 
begehrt oin köstliches Amt u. s. w." Don 87. Psalm wandton sie 
wörtlich an, indem sie jetzt die fröhliche Zeit dos neuen Bundes 
gekommen wähnton. Mit fröhlichen Goberden sangon sie ihro 
Lieder in den Vorsammlungen unter Flöten- und Harmonikaspiol. 
Sie führten die Fusswaschung und dio Flusstaufe wiodor oin und 
tauften aufs neue solche, welche lotztoro nicht empfangen hatton. 
Die Verwaltungsboamton der Gemeinden wollton gegen die 
Schwärmer vorgehon und sie schlimmston Falls aus don Gomoinde- 
bezirkon ausweisen. Einige Prediger und Aoltosto aber, die don 
Versammlungen dor Abgeschiodonen beigewohnt hatten, bourtheilten 
die Sache milder, und riothen, durch Ermahnungon im apostolischen 
Sinne auf sie einzuwirken. Zugleich wurde ihnen dor Vorfall 
Voranlassung zu ernster Selbstprüfung und besserer Pflicht- 
erfüllung. 

Durch die Verschmelzung beider Ansichten wurden die Ab- 
trünnigen in solphe Schranken gehalten, dass weder der Gesammt- 



337 

gomoindo noch dor öffontlichon Ordnung Gefahr durch sie drohte. 
Man beruhigte sich bei ihrer Erklärung, dass sie bei den Glaubens- 
ansichten dor vereinigten flamischen, friosischon und hochdeutschen 
taufgosinnten Gemeinden bleiben wollten. 

In dieser Zeit machte sich zugloich eine Bewegung anderer 
Art in der Molotschna-Kolonie geltend. Das kaiserliche Domainen- 
rainistorium bot nämlich den Monnoniten an, sich am Amur Land 
zur Bosiodolung auszusuchen. Trotz der Ungeheuern Entfernung 
von der Muttorkolonie kam man zu dem Entschluss, dieses An- 
erbieten nicht von dor Hand zu weisen, vielmehr Sachkundige hin- 
zuschicken, um die Boschaffonhoit des angebotenen Landstrichs zu 
untorsuchon. Drei Monato dauorto dio Reise durch un wogsame, 
spärlich bevölkerte Einödon und dichte Waldungen, wobei nur 
schlochto Kosakonpfordo zu Goboto standen. Am Ziele angelangt, 
wurde Land ausgesucht und ein Plan zur Besiedelung gemacht. 
Für jode Familio bostimmto man 120 Dossatinon Land; Holz zum 
Bauen war umsonst zu haben. Nachdem die Abgesandten zurück- 
gekehrt und dio Zustimmung aus Petersburg gokommon war, wurde 
auf der Gemeindoschäforoi oino Versammlung angesetzt, wozu sich 
über 1000 Personen oinfandon. Dio Vorhältnisse am Amur wurden 
dor Versammlung von den Abgesandten zwar als günstig be- 
zeichnet, aber daboi dio fast zu grossen Beschwerden der Reise 
mit Frauen und Kindern, Vieh und Gerätschaften eindringlich 
hervorgohobon. Dio Entfornung soi 6000 Werst und bis zum Herbst 
könne man nur bis Irkutsk kommen, wo überwintert werden 
müsse. Im Februar müsse dann wieder aufgebrochen werden, und, 
über den Baikalsoo golangt, müsse man 1200 Werst durch Wald 
und dann ferner auf cinom Nebonfluss des Amur mittelst zu 
bauender Flösse, auf denen Pferde, Wagen und sonstiges Geräth 
neben don Reisenden Platz hätton, weiter, um so nach elf Tagen 
das Ziel zu erreichen. Auf andero Weise und kürzerom Wege 
hinzukommen, soi für einen grossen Zug nicht möglich, höchstens 
für oinzolno Männer. Trotz alledem fanden sich 200 Familien 
bereit, dio Muth und Thatkraft genug hatten, um als geschulte 
Kolonisten mit dem Pfluge in dor einen und dor Bibel in der 
andern Hand auf neue Eroberungen auszuziehen. 

Im Herbst 1860 jedoch erliess dio Regiorung abermals eine 
Anfrage an die Monnoniten, ob sie geneigt seien, sich in der Krim 

22 



338 

anzusiedeln, es ständen Ländereion für 200 Familien zu Gebote 
Dies Anerbieten drängte das Amurprojekt wahrscheinlich in den 
Hintergrund, donn von der Verwirklichung desselben ist seitdem 
nichts verlautet Dahingegen finden wir in demselben Jahre im 
taurischen Gouvernement, in den Simpheropoler, Javpatorier und 
Porekopor Kreisen, wo ihnen die Ländereien angeboten waren, die 
mennonitischen Ansiedler bereits in voller Thätigkeit und frischem 
Zugreifen bei ihrer Aufgabe. 

Die Halbinsel Krim, welche ungefähr die Grösse dos König- 
reichs Sachsen hat, ist durch die Landenge von Perekop und an einer 
andern Stelle durch eine Brücke mit dem Festlande verbunden. Sie 
hat sehr verschiedenartige Bodenverhältnisse. Die Nordseito ist flaches, 
sandiges Stepponland, zur Weide geeignet. Den mittleren Theil 
durchzieht das waldreiche taurische Gebirge mit seinen fruchtbaren 
Thälern, dessen höchste Erhebung der 5000 Fuss hoho nackte 
Felsgipfel dos Tschatir-Dagh ist. Der Südabhang des Gebirges eignet 
sich vorzüglich zum Weinbau, alloin diese Gogend war grössten- 
teils schon in festen Händen. Oestlich von Simphoropol finden 
sich nahrhafte Weiden und Wald, und auch zum Weinbau ge- 
eignete Lagen. Die Krim ist fast ganz von Tartaren bewohnt, 
nur am Südabhang des Gebirges, dessen Fuss bis nahe zum Meeres- 
strando reicht, und wohin eine Chaussee von Norden führt, haben 
viele der Grossen des Reiches Villen. 

Die mennonitischen Ansiedler richteten sich anfangs in not- 
dürftigen Wohnungen, Simlinken genannt, ein, wie immor bei 
einer neuen Ansiodlung; doch die praktische und wirthschaftliche 
Einrichtung im Innern liess auf eine demgemässe Entfaltung 
nach Aussen, in Haus und Hof, Feld und Flur seh Hessen, sobald 
Mittel und Kräfte es gestatten würden. Man durfte erwarten, 
dass hier nach dorn Beispiele der Muttorkolonie sich bald Muster- 
wirtschaften entwickeln würden, und darin hat man sich auch 
nicht getäuscht, donn aus fünf damals in der Anlage begriffenen 
Dörfern sind bereits elf geworden. 

Die gottosdionstlichen Versammlungen werden bis jetzt noch 
in den Schulen der einzelnen Dörfer gehalten, wolcho 25 bis 
30 Werst auseinander liegen. Sechs Prediger und ein Aeltester 
besorgen die religiöse Pflege und drei Diakonen die übrigen An- 
gelegenheiten der Gemeinden. 



339 

Zu Anfang des Jahres 1874 fahr ein Schrecken durch alle 
russischen Monnonitenkolonion. In Petersburg war nämlich ein 
Gesotz unterzeichnet worden, welches die allgemeine "Wehrpflicht 
ausnahmslos einführte, und damit war das Privilegium vernichtet, 
wolchos die Kaisorin Katharina den von ihr herbeigerufenen Monno- 
niton gegeben und Kaiser Paul zwölf Jahre später ihnen schriftlich 
bestätigt hatte. 

Nun war nicht nur ihr roligiöses Prinzip in Gefahr, sondern 
auch in Folge der im Volko und in der Prosse hervortretenden 
deutschfeindlichen Gosinnung ihro Sprache, ihre Schulen, ihre 
eigene Gerichtsbarkeit. Liober als diese Gütor verlieren, wollten sie 
Haus und Hof verlasson, sio entschlossen sich zur Auswanderung in 
Masse und suchton um Auswanderungspässo in Petersburg nach. 
Das gab dor Regierung zu denken. „Wenn die Mennoniten fort- 
ziehen," soll der Minister von Todtlebon zum Kaiser gesagt haben, 
„dann sind ihro Kolonion, in wolchon sio Wüsten in blühende 
Fruchtgärten umgestaltet haben, in drei Jahren wiederum zur 
Wüste geworden." Dor Kaisor Alexander, dem die Angen bei 
dieser Mittheilung feucht gewordon sein sollen, schätzte die Menno- 
niten, und wollte sio dem Roicho erhalton. Doshalb schickte er den 
Minister von Todtlebon in Person zu ihnen, mit dor Ermächtigung, 
ihnen die woitgehondsten Koncossionon zu machon. von Todtlebon 
begab sich in die Kolonie Halbstadt, vorhandelte zuerst mit Ein- 
zelnen und dann mit einor Vorsammlung von Ael testen, Lehrern 
und Gemoindogliedorn, und thoilto ihnon mit, dass der Kaiser 
ihretwegen das Wohrgosotz durch eine Specialverordnung modificiron 
wolle; ihre Dienstpflicht solle so geregelt werden, dass sie weder 
direkt noch indirekt eigentliche Kriegsdienste leisteton. Man würde 
ihnon gostatton, ihrer Pflicht durch Hülfeloistung in Civillazarethen 
als Aerzte oder Bedienung, in mechanischen Werkstätton, beim 
Forstwesen oder bei den Eisenbahnen zu genügen, und zwar ihrem 
Wunsche gemäss in Gruppon zusammen, damit don jungen Leuton 
die gehörige religiöse Pflege werden könne. Dioso Zusage des 
Kaisors botonte dor Ministor aufs wärmste mit der Vorsicherung, 
dass sie sich auf die Ausführung und Hoilighaltung dorsolben ver- 
lassen könnten. 

Mit Ehrerbietung nahmen die weltlichon und geistlichen Vor- 
stände der mennonitischen Bevölkerung an der Molotschna und am 

22» 



340 

Dniopr dies gütigo und rücksichtsvolle) Anorbioton ontgogen; sie 
sprachen in einer Adresse ihren Dank im Nanion dorsolbon aus, 
und dio Hoffnung, dass die Meisten darauf hin bleiben würdon, 
namentlich diejenigen an der "Wolga. 

Mehrere jedoch waron bei näherer Uoborlogung der Sache 
nicht dadurch boruhigt worden, da dio Zustände in Russland ihnen 
kein Vertrauen oinflössten. Wer bürgte dafür, dass nach dem Tode 
des Kaisers sein Nachfolger nicht andern Sinnos werden und der 
in weiten Kreisen vorhandenen Neigung, dio verschiedenen Völker- 
stämmo zu russificiren, nicht auch hior nachgeben würde, zumal 
der Doutschenhass in dor Presse wio im Volke mohr und mehr 
um sich griff, und sie fürchten mussten, um so ohor zum Ziele 
dossolben ausorsohon zu worden, als ihre besonderen Privilegien 
und der Wohlstand, zu dem sie gelangt waron, schon ohnehin den 
Neid herausforderten*). 

Auswanderung! Dor Godanko, dor Entschluss dazu ist im 
Drange der Umständo leicht gofasst, aber dio Ausführung ist desto 
schwerer! Da lagon dio wohlgepflegton Aocker, die Frucht saurer 
Arbeit dor Väter und dor Söhne, dio sie reichlich nährten, das be- 
hagliche Haus, dor wohlgopflegte Garton, Fluss, Hügel, Thal und 
Wieso, ihre Heimath! Und vor ihnen dio Ungewisse Zukunft, 
neuer, genorationonlangor Kampf mit dor wilden Natur, dio noch 
keine Monschonhand borührt hatte. Wahrlich, zur Durchführung 
eines solchen Entschlusses war oin tiofornstor, auf dio höchsten 
Gütor dos Lebens gerichteter Sinn orforderlich, dor sich zugleich 
bewusst ist, dass dio materiellon Aufgaben mit demselben Ernst 
angofasst werdon müssen, um die Grundlage zu schaffen, auf 
welcher die goistigen Güter gepflegt worden können, und der die 



*) Der jetzige Kaiser hat indessen treulich gehalten, was sein Vater 
den mennonitischen Kolonisten versprochen hat. Die dienstpflichtigen jungen 
Leute werden zum Forstdienst verwendet und stehen unter religiöser Leitung 
ihrer Gemeinschaft. Diese stellt auch den Verwalter oder Oekonom der be- 
treffenden Forststation. Die Mennoniten werden als Meister in der Forst- 
kultur angesehen. 

Es giebt bis jetzt zwei solche militärisch diseiplinirte Forstkonunandos : 
die asower Forstei im Kreise Mariapol, Gouvernement Ekaterinoslaw, und die 
grossanadolische Forstei. Für diese Forstkommandos sind eigene Kasernen 
erbaut, zu welchen ausser den Forsten noch 800 Morgen Ackerland gehören. 



341 

materiellen Errungenschaften, wo sie diesem Zwecke nicht genügen 
könnon, aufgiobt, um sie andorwärtig mit neuer Arbeit wieder zu 
erringen, eingedenk der segensreichen Worte, dass der Mensch im 
Schwoisso soines Angesichts sein Brod verdienen soll. Kraft, Muth und 
Hoffnung waren die Früchte solcher Gesinnung bei den Auswanderern. 

Diejenigen aber, welche sich entschlossen zu bleiben, thaton 
os, weil sie das Vortrauen hatton, dass dio Rogierung im Stande 
sein werde, ihre Zusagen zu halten, und in dem Bowusstsein, 
ihrem neuen Hoimathlande, das sie so gastlich aufgenommen hatte, 
treue, nützliche und zuverlässige Unterthanon gowesen zu sein und 
bloibon zu wollon. Somit waren auch die Gründe dieser achtungs- 
worth und segenverheissond. 

Nach Nordamerika richtoton dio Auswanderer ihre Augon, 
bohuf Gründung oiner neuen Heimath, denn dies war das einzigo 
für sie passende Land, wo ihnen Befreiung von Kriegsdiensten in 
Aussicht stand. "Weder in Kanada unter der onglischon Rogiorung, 
noch in den Vereinigten Staaten waren dio dort schon übor 160 Jahro 
ansässigen Glaubensbrüdor jemals in oino bedenkliche Lage hin- 
sichtlich der Wehrpflicht gekommen. 

In den Vereinigten Staaten war im letzten Bürgerkriogo ein 
Zusatz zur Konstitution gemacht wordon, wodurch ihnen Befreiung 
vom Kriegsdienst gogon Lazarethdiensto oder gogon Einzahlung oinor 
bestimmton Summe Goldes, sowio dio Zulassung ihror Vorsicherung 
auf Ja und Nein an Eidosstatt gowährt wurdo. Als nun der Ent- 
schluss der russischen Auswanderer feststand, da rogto es sich im 
Kapitol zu Washington sowohl, wio am Sitze der onglischon Re- 
giorung in Kanada. Dio Gosandton Amerikas und Englands in 
Russland hatton wahrscheinlich ihren Regiorungon die Lage der 
Dingo mitgothoilt. Hüben und drübon hatte dor Namo der Menno- 
niton einen guten Klang, sowohl in wirthschaftlichcr, als in sittlicher 
und religiöser Hinsicht. Es wurden von beiden Soiton sofort Agenten 
nach Russland geschickt, um dio Auswanderer heran zu ziehen. 

Daraufhin schickton dio Auswanderungsgosinnton, wio gewöhn- 
lich, wenn eine neue Kolonie angelegt wordon sollto, einige Vertrauens- 
männer hin, um dio Ländoreien zu bosichtigen, mit der Vollmacht, 
nach Befinden dio erforderlichen Ankäufe zu machen. Mittlerweile 
bogannen die Zurückgebliebenen die liegendon Güter, so gut es 
ging, zu veräussorn. Da sie ihren Grund und Boden grösstentheils 



342 

nur in Erbpacht hatten, mit der Bedingung, ihn nur an Monno- 
niton übertragen zu dürfen, so war die Zahl der Käufor beschränkt. 
Dio nicht auswandernden Glaubensgenossen waren freilich wohl 
bereit, ihnen, den Ziehenden, ihre Liegenschaften abzukaufen, doch 
stand nicht jedem sofort das erfordorliche Geld zu Gebote. 

Als die ausgesandton Vertrauensmänner mit guter Botschaft 
zurückkehrten, begann die Auswanderung nach Kanada, Kansas, 
Nebraska, Minnesota und Dakota. Die kanadische Regierung hatte 
grosse Landstrecken ausschliesslich zur Besiedelung durch Menno- 
niten roservirt Ferner bot sie ihnen 100000 Dollars zu 6 °/o auf 
acht Jahre als Darlehn zur Einrichtung an. Dio Mennoniten von 
Ontario verbürgten sich für diese Summe. Die eine Reservation 
lag am Red River und umfasste 174000 Acres. Dio andere, unter 
dem Namen Dufferin-Reservo bekannt, an Dakota grenzend, um- 
fassto 370 000 Acres. 

So hatten denn nun die Auswanderungsgesinnten ein festes 
Ziel vor Augen, und um es zu erreichen, stand ihnen kräftige 
Hülfe in Aussicht, denn auch die amerikanischen Brüder streckton 
ihnen hülfreich die Hände entgegen. In geschlossenen Roihon, 
unter einem oder mohroron Anführern, denen sie unverbrüchlichen 
Gehorsam gelobt hatten, zogen nun nach und nach ihre Züge, der 
Seelenzahl nach schätzungsweise etwa 10 000, übers Meer, begleitet 
von Trostworton wie dio folgenden, welche in der Kolonie Aloxandor- 
thal beim letzten gemeinsamen Gottesdienste gosungen wurdon: 

Wer nur mit seinem Gott verreiset, 
Der findet immer Bahn gemacht, 
Weil er ihm lauter Wege weiset, 
Auf welchen stets sein Auge wacht. 
Hier gut die Loosung früh und spat: 
Wohl dem, der Gott zum Führer hat. 



I 



Oder : 



Jesus, geh' voran, auf der Lebensbahn! 

Sollt's uns hart ergeh'n, 

Lass uns feste steh'n, 

Und auch in den schwersten Tagen 

Niemals über Lasten klagen! 



343 

Als ßio nach mohr odor woniger glücklich überstandener 
Pilgorfahrt den Fuss auf amerikanischen Boden setzten, zogen die 
verschiedenen Gruppen verschiodeno Wege. Woniger Bemittelte, 
wirklich arm war wohl keiner, zogen nach den nächsten Staaten, 
wo bereits Glaubensbrüder ansässig waren, um zuvörderst ihron 
Unterhalt zu verdienen und sich später selbständig anzusiedeln. 
Besser Begüterte zogen woitor nach Woston, wo an den grossen, 
durch Prärien führenden Eisonbahnlinien gutes Land billig an- 
zukaufen war. Sie hatten freilich, weil sio in geschlossener Anzahl 
auftraten und Geld hatten, grosso Vortheilo vor anderen Ansiodlorn 
voraus, erfuhren aber nichtsdostowenigor allo die Uebelstände und 
Unboquomlichkoiton, welcho Niederlassungen in Einöden mit sich 
bringen. 

Allos und jedes, Lebensmittel, Holz, Goräthschafton u. s. w., 
musste hingeschafft werden, doch kam ihnen dabei die Hilfs- 
bereitschaft der amerikanischen Mennoniton thatkräftig entgegen. 
Hier wurden Waggons mit Mehl, Kartoffeln und Brod ihnen zu- 
geschickt, dort verbanden sich mehrere, um ihnon Unterstützung 
an baarom Golde zukommen zu lassen ; tausondo von Dollars kamen 
so zusammen. Die erste Anregung war von einer Hülfsgesellschaft, 
die sich in Summorfield gebildot hatto, ausgegangen. Später entstand 
noch eino Zweiggesellschaft als Hülfskomitö für Kansas. Trotz 
allodem aber hatten die Einwanderer mit empfindlichen Drang- 
salon zu kämpfen, indem Heuschreckenschwärme die erste Ernte 
vernichteten und darauf ein ungewöhnlich harter Winter eintrat, 
wo dann dio Hülfsgesellschafton mit Rath und That sich bewährten. 

Hier, wie früher in Bussland, befolgten die neuen Ansiedler 
das Prinzip, zuerst ihre ganze Kraft auf den Anbau der Ländoroion 
zu vorwonden, und sich, was dio Wohnungen betraf, vorläufig noth- 
dürftig in Bretterbuden odor Erdhütten einzurichten. Schule und 
gottesdionstlichos Vorsammlungshaus aber gehörten mit zu der 
ersten notwendigen Einrichtung. So sah man die Kolonisten 
zuerst in einer Erdhütte sich zur Andacht vorsammeln, dann in 
einer Scheune, später in einem Schulgobäude, und endlich in einer 
massiv gebauten Kirche, oder vielmehr Versammlungshaus, denn 
das Wort Kirche wird bei den russischen Monnoniton noch heute nur 
selten gebraucht. Die Hülfsberoitschaft der amerikanischen Menno- 
niton liess nicht nach; waren sie doch die Söhne der Täter, welche 



344 

zu Anfang des vorigen Jahrhunderts aus ihren heimathlichen 
Schweizerbergen vertrieben waren, und der Anderon, die nach dem 
droissigjährigen Kriege die vorwtisteto Pfalz wieder hatten bebauen 
helfen, und dann Haus und Hof hatten verlassen müssen, um 
jenseits des Meeres im fernen, noch unwirthlichen Amerika oine 
neue Heimath zu suchen. Waren damals die holländischen Brüder 
ihnen mit Horz und Hand entgegen gekommen, um ihnen ihr Ziel 
erreichen zu helfen, so war jetzt die Reihe an ihren Nachkommen, 
um den Söhnen jener, denn die russischen Brüder waren zum 
Theil holländischen Ursprungs, zu Hülfe zu eilen. Von Penn- 
sylvanien aus hatten die ersten mennonitischon Ansiedler sich 
seitdem über viele Staaten der Union und auch in Kanada ver- 
breitet Sie lebten in geordneten Gemeinden in Ansehn und Wohl- 
stand, und so konnten sie, da die wohl in jeder Gemoinde hübon 
und drüben vorhandenen Kernfamilien die Sache in die Hand 
nahmen, kräftige Hülfe leisten. 

So dürfen denn die heutigen Mennoniten in den Nieder- 
landen, in Ostfriesland, an den Küsten der Nordsee, den Ufern der 
Elbe und in Holstein mit Genugthuung und Freudigkeit auf ihre 
Vorfahren zurückblicken, denn der Segen liegt vor Augen, welcher 
jener That christlicher Liebe durch Gottes gnädige Führung folgte. 
Die armen verfolgton Schwoizor und Pfölzer, denen Jone zu Ende 
des 17. und Anfang dos 18. Jahrhundorts übers Meer halfen, die 
dann mit frommem Muth und Besonnenheit den Kampf mit der 
Wildniss unter den grössten Widerwärtigkeiten aufnahmen und 
durchführten, sind, wie uns berichtet wird, im Laufo der Zeit zu 
über 400 Gemeindon angewachsen, von denen Gormantown die 
älteste ist. Wie sehr die amerikanischen Gemeinden namentlich 
auch in religiöser Entwickelung bogriffen sind, mögen folgende 
Beschlüsse in den im Mai 1860 abgehaltenen Konforonzvorhandlungen 
in Wadsworth, Modina Co., Ohio, bezougon, wolcho also lauton: 

Beschlossen, 1) Dass diese Konferenz als Fortsetzung dor letzt- 
jährigen Iowakonferenz in soforn woiterschroiten will, dass die 
diesjährige Konferenz ein Fundament logt, das so lango fest- 
stehen soll, bis die Zukunft auf Grund der heiligen Schrift und 
Erfahrung eine Aonderung dieses Fundaments als nothwondig er- 
scheinen lässt. 

2) Dass alle Abthoilungen der Mennonitengemeinden in Nord- 



345 

amerika, ohnerachtet dor goringon Difforenzpunkto, oinander die 
Bruderhand roichon sollen. 

3) Dass nur das das Bruderband auflöson kann, wonn ein 
Glied, oder auch oino Gomoinde, absichtlich von unserer monno- 
nitischon Grundlehre, von Menno begründet nach 1 Gor. 3. 11, 
abweicht und sich nicht zurechtweisen lässt. 

Die übrigen Beschlüsse bekunden eine freie Entfaltung 
jeder Einzelgemeindo auf diesem gemeinsamen Grunde, sowie 
praktische Massnahmen zum gedeihlichen Aufbau auf demsolben, 
und sind, wie ähnliche in allen Gemeindon, entstanden durch die 
Wechselwirkung der Persönlichkeit und der Gesammtheit. 

Wir hören, dass die grössten und am beston gehaltenen Be- 
sitzungen in Ostvirginien Mennoniton gehören, dass ihre Ge- 
moindeordnung ihnen vorbot, Sklaven zu halten, und dass sie dos- 
halb durch dio Abschaffung der Sklaverei keinen Schaden orlitton 
haben, dass sie freundlich und gastfrei sind, und Beobachter er- 
zählen, dass es einen wohlthuenden Eindruck mache, wonn diese 
meist stattlichen deutschen Männer und Frauen, einfach abor wohl 
gokloidet, aus ihren Andachtshäusorn kommend, zu Wagen, zu 
Pferde odor zu Fuss dos Weges gohon; dass dio Namon ihrer 
Ortschafton moist holländische seien. Violleicht ist dies oin Zeichen 
dor Dankbarkeit für die s. Z. von Holland ompfangono Hülfe. 

Von diesen amerikanischen Muttorgemoinden hatte während 
des Bofroiungskrioges Auswanderung nach Kanada stattgefunden, 
um unter dor englischon Regierung zu bloiben. Dioso Ziehenden 
siedelten sich auf einor damals nur durch Indianor bewohnten 
Prärie an und behaupteten sich dioson gegenüber trotz ihror Wohr- 
losigkoit. Dioso ältosto Ansiedelung in Kanada liegt auf der Halb- 
insel zwischen dem Huron-, dorn Erio- und Ontarioseo, sie wurde 
ein Stammsitz, dem sich nach und nach zahlreiche einwandernde 
Glaubonsbrüdor aus der Schweiz, dem Elsass, Baden, Hessen- 
Darmstadt u. s. w. anschlössen, in Folge der besonderen Be- 
günstigung, welche die kanadische Regierung den Mennoniton an- 
gedoihon Hess. Von diesen kanadischen Mennoniton wird in einem 
amerikanischen Blatte von 1860 gesagt: ihr Land soi vortrofflich 
angebaut und von bequomen Strassen durchschnitten, die zum 
grossen Thoil steinernen Wohnhäusor und Wirtschaftsgebäude 



346 

seien von hübschen Gärten und Gehölz umgeben, an Schul- und 
AndachtsHßusorn fehle es nicht, Ehrfurcht vor Gott, Heilighaltung 
des Sonntags seien vorherrschend, und in Folge davon Friedfertigkeit, 
Redlichkeit und Gastfreundschaft; unter den vielen Eirchenpartoion 
in Kanada seien die Mennoniten die zahlreichsten, und neben ihnen 
die Lutheraner. 

Von den aus Bussland in Kanada neu eingewanderten Menno- 
niten heisst es in einer amerikanischen Zeitung, „Daily Globe", 
vom Jahre 1877: die am Red Rivor nou angesiedelten Menno- 
niten seien verständige, strebsame Leute; nicht einen von ihnen 
könne man wirklich arm nennen, sie hätten Schul- und Andachts- 
häuser bereits in gewohnter Weise eingerichtet, und gäben sich 
Mühe, den Erwerb der Güter dieser "Welt demjenigen der unver- 
gänglichen der Seele unterzuordnen. Ihre Wohnhäuser seien sauber 
gehalten und praktisch eingerichtet. 

Als der Gouverneur von Kanada ihre Ansiedelungen besuchte, 
sandten sie eine Deputation an ihn ab, die ihm eine Adresse über- 
reichte, in welcher sie ihrer Dankbarkoit für die ihnen mit Rath 
und That bewiosene väterliche Sorge der Regierung Ausdruck 
gaben und erklärten, mit ihrer Lage zufrieden zu sein. Der 
Gouverneur bewillkommte sio im Namen der Königin und des 
Volkes, und sprach den Wunsch der Regierung aus, die Landes- 
privilegien und Landosfreiheit mit ihnen zu theilen, indem er 
betonte, dass es kein Recht und keine Funktion gebo, woran 
jene sie nicht als freie Bürger betheiligt haben möchte, und 
lud sie oin, bei der Wahl des Parlaments und der Berathung des 
Staatswohles bohülflich zu sein; als eine besonnene gottos- 
fürchtige Genossenschaft seien sie zwiefach willkommen. Er 
drückte seine Genugthuung darübor aus, dass, wie er selbst 
gesohen habe, durch ihro kundige Bewirthschaftung blühende 
Dörfer und Felder wie durch Zauber in der Wildniss entstanden 
seien. „Im Namen von Kanada, im Namen der Königin," sagte 
er schliesslich, „biete ich euch nochmals die Hand der Brüder- 
schaft und guter Gemeinschaft, ihr seid willkommen in unserem 
Lande, und unter der Flagge, dio jetzt über uns entfaltet wird, 
werdet ihr Schutz, Friedon, bürgerliche und religiöse Freiheit und 
konstitutionelle Rechte finden." Zum Schluss sang die menno- 



347 

ni tische Schuljagend ein von ihrem Lehrer vorfasstes Liod und 
wurden der Gemahlin dos Gouverneurs doutscho Frobeschriften 
und Zoichnungon der Schüler vorgelegt, um zu zeigen, dass die 
Kolonisten auch im Jugondunterricht nicht zurückstehen wollten. 

Yon den in Kansas Neuangesiedelten wird in der Illinois- 
zeitung berichtet, dass unter ihnen sich mehr als 10000 Monno- 
niten befänden. Sie soien von Russland aus dort eingowandort 
und hätton sich meist in Südkansas, wo sie billiges Land, oinon 
roichon Boden, die Hülfe einer Eisenbahn und Ackerbaumaschinen 
vorfanden, angesiedelt. Diese wohldisciplinirten, einfachen Louto 
hätten Strecken von 40 bis zu 1000 Acres in einem Stück mit 
Weizen bestellt, ihr Feldbau sei mannigfaltiger als derjenige der 
andorn deutschon und amerikanischen Farmer. Sie hätten gleich 
zu Anfang grosso Gemüse-, Obst- und Blumongärten angelegt und 
dazu Samon aus Russland mitgebracht. Auch hätten sie den 
Seidonbau in Aussicht genommen. Wie in Russland gewohnt, 
hätton sie ihre Wohnungen und Eigonthum mit Baumpflanzungon 
bogronzt und die Woge mit Alleon goschmückt, wodurch dio bishor 
so einförmige, tellorflacho Gegend bald ein freundlicheres Aussehon 
bokommen werde. Es soi interessant, dio Vermischung dos ur- 
deutschon Wesens mit ihren aus Russland mitgebrachten Gowohn- 
hoiton und den hior vorgefundenen zu beobachten. Dieso freund- 
lichen, treuen und gastfreion deutschon Leute mit ihron offenen 
Gesichtern, mit ihron guton, blauon Augen, blondem Bart und 
Haar, schionon wedor von dor russischen ganzen, noch von der 
amerikanischen halben Gomüthsbarbaroi angesteckt, sondorn noch 
durch und durch deutsch zu sein. Sie machten bescheidene An- 
sprüche an irdisches Glück und glaubton fest an einen oinstigon 
Ausgloich alles hionieden Unbegreiflichen und Unversöhnlichen, 
hiolten aber auch zäho fest an ihrem Eigonthum, seien stolz auf 
ihre Habe und auf das Förderliche, das sie loisteton, boobachtoton 
gewissenhaft die roligiöse Feier der christlichen Sonn- und Festtage 
und übten aufrichtigo Gastfreundschaft. „Durch dies alles sind sie 
uns werth und lieb gewordon u , heisst es schliesslich. 

Hoffen wir, dass den Brüdorn in Amerika, dem Lande dos 
rastlosen Strebons nach Bositz, auch künftig dio rechte Demuth 
nicht abhanden kommen mögo, welche in dor Erkenntniss wurzelt, 



348 

dass alles und jedes, was der Mensch besitzt, ihm durch Gettos 
Gnade zu Theil geworden ist, und dass sein Bestreben unablässig 
sein muss, Gottes Gaben, es seien viele oder wonige, grosso oder 
geringe, auf die rechte Art zu vorworthon, wenn Gottos Sogen auf 
soinem Thun ruhen soll. Dass niemand sich rühme seiner grosson 
Gaben noch Besitzes und niemand sich boklage über seine geringere 
Stellung und Mittel, sondern immor das apostolische Wort vor 
Augon habe 1 Corinthor 12. 11—27. 



Elfte Abtheilung. 

Uebersicht der jetzigen Gemeinden in Deutschland und 

Frankreich. 

Dio Wirron und Kriogo dor Keformationszoit veranlassten 
oino Anzahl deutscher und schweizerischer Taufgosinnten, nach 
Frankreich und Elsass-Lothringon zu flüchten. Dio orston An- 
kömmlinge lobten hier, wio iiborall, unter Druck und Gering- 
schätzung, sodass sie z. B. ihre Todton auf ihren Pachtgütern zur 
Erde bestatten musston, woil ihnon auf dem öffentlichen Gottes- 
ackor kein Platz gostattot wurdo, behaupteten sich aber dennoch. 
Dor täuferischon Gomoindo boi Mümpelgard (Montboliard) gelang 
os endlich, durch Hülfe eines deutschen Prinzon im Jahro 1775 
einen eigonon Friedhof zu erhalten. Wenn nun aber auch die 
orston Ankömmt ingo in Frankroich noch im Stando waren, ihron 
Kindorn dio doutscho Muttorsprache zu übertragen und sie mittelst 
ihror deutschon mitgebrachten Bibel in ihror Roligionsanschauung 
zu unterrichten, so wurde dies doch im Laufe dor Zoit immer 
schwieriger, um so mehr, da sie, von den Schwestergemeindon ab- 
geschnitten, gänzlich für sich allein dastanden und nur be- 
schränkte Mittel besassen. Diejenigen namentlich, wolche in den 
Städten wohnton, kamon fast nur noch mit Franzosen und somit 
Katholiken in Berührung, und liofon Gefahr, mit ihrer deutschon 
Spracho und Sitte zugloich ihron religiösen Standpunkt zu verlieren. 
Um ihron Kindern dio doutscho Sprache möglichst zu erhalten, 
ergriffen sie allo sich darbiotondo Gelegenheiten. Viele deutsche 
Arbeiter kamon dazumal aus Tirol nach Frankroich herüber; da 
diese nun im Winter oft wenig oder keino Arboit hatten, wurden 
sie von don Mennonitonfamilion gosucht, um boi ihnen zu wohnen 
und don Kindern derselben Schulo zu halten. Wie mangelhaft ein 
solcher Unterricht aber goweson sein muss, ist leicht zu ormossen, 
vermochton doch dioso Lehrmeister selbst kaum richtig zu schreiben 
und zu losen, und fehlten ihnen geeignete Lehrmittel! Was 



350 

sich im Hause an passenden Büchern, von den Voreltern ererbt, 
vorfand, wurde benutzt, und wessen sie anderweitig habhaft werden 
konnten, hinzugefügt. Jeder hatte wohl noch oine deutsche Bibel, 
wonn auch noch so abgenutzt, im Hause, dazu kamen einige 
Exemplare von anderen Protestanton erhaltener Glaubensbekenntnisse 
der Dortrochtor Synode in veraltetem Dialekt. Nur einzelne 
Familien hatten Gelegenheit, ihro Kinder in dem mehr oder minder 
deutschen Elsass und Lothringen, wo sich mohrore taufgosinnte 
Gemeinden befanden, unterrichten zu lassen, den meisten war dieser 
"Weg nicht zugänglich, und letztere waren somit gezwungen, ihre 
Kinder in die französische Volksschule zu schicken, wodurch manche 
Familien mit dor Zeit, der Woiso ihrer Väter ontfromdot, der 
katholischen Kircho zugofallon sind. 

Die Gemeinden in den Vogoson, in Deutsch-Lothringen und 
im Elsass, bei denen das deutsche Wesen mohr erhalten blieb, 
waren nicht in einer so schlimmen Lago, und stehen doshalb noch 
heutzutage, trotzdem ihro Mitglieder, vielfach zerstreut, seit Jahr- 
hunderten abgosondort unter ihren meist katholischen Mitbürgern 
leben, und trotzdem sie von ihren deutschen Glaubensbrüdern lange 
politisch abgoschnitten waren, noch kräftig und geachtet da. 
Folgendes Gedicht, welches ihre Situation bezeichnet, kam zufällig 
in meine Hände: 

Tret' ich aus dunkelm Walde, 

In's freie Feld hinaus, 

Seil 1 ich auf grüner Halde 

Des Wiedertäufers Haus. 

Dort unter'm Halmendache, 
Lebt er in sichrer Hut, 
Durch seiner Väter Bibel 
Und frohen Christenmuth. 

Der französische Schriftstoller Alfred Michiols, wolchor in den 
Jahren 1857 und 1858 die taufgesinnten Gemeinden in den Vogoson 
besuchto, äussert sich wie folgt: „Man braucht sie nur zu kennen, 
um sie zu lieben, da alle, welche zu den Anabaptiston, wie sie 
dort hoissen, gohöron, ruhig, gesittet, wohlwollend und liobroich, 
dabei aber keineswegos einer stumpfen Monotonie vorfallen sind. 
Sie sind gegenseitig hülfsboroit, um einer don andern vor Er- 
niedrigung und Armuth zu schützen, ohne dass dadurch ihre 



351 

Individualität in Kommunismus übergeht In den abgologendston, 
abor malerischsten Gogonden haben sie ihre Wohnsitze gegründet, 
welche zwischen dorn saftigen Orün der Bäume und ihren wohl- 
bestellten Feldern hervorragen. Ihre Häuser zeichnen sich aus 
durch ihre feste Bauart, sowie durch Sauberkeit und Behäbigkeit 
im Innern. Mitunter stehen an joder Seite eines grossen Himmel- 
bettes zwei schwere, mit Kupfer beschlagene Kisten, welche mit 
starken Schlössern versehen sind, vielleicht Ueberbleibsel einer 
Zoit, wo oft Hab und Gut darin geborgen werden musste, wenn 
Terfolgungswuth sie von der Scholle trieb. Auf einem Leso- 
pult sieht man eine grosso Bibel mit messingenen Spangon, 
und daneben ,Die blutige Schaubühne der Taufgesinnten', von 
Tileman von Bracht, sowie Menno Simons ,Ausgang aus 
dem Papstthurn'. Auch wohl die ,Histoire des Anabaptistes ( , 
von Corton, sowie die Werke des Baseler Professors Zwinger 
über Arznei- und Pflanzenkunde von 1696. Mit Staatskunst, 
theologischen Streitigkeiten und dogmatischen Lehrsätzen lassen 
sie sich nicht ein. Ihre selbstgeschaffeno Gemein doordn im g aber 
fuhren sie mit fostor Hand, und die Worte der heiligen Schrift, 
welche ihrem innorn Wahrheitsgefühl entsprechen, sind ihnen 
Führer, Stab und Stütze auf dem Lebenswege. Prozesse kennen 
sie nicht, sind aber Zwistigkeiten unter ihnen ausgebrochen, so 
lassen sie erst einige Zeit verfliessen, ob die Sache vielleicht durch 
ruhige Ueberlegung von beiden Seiten wieder ins Gleiche komme. 
Wenn dies aber nicht der Fall ist, so müssen drei durch die Ge- 
meinde angestellte Friedensrichter das Urtheil sprechen, und muss 
derjenige, welcher Unrecht gehabt hat, am folgenden Sonntage in 
der Mitte der Gemeinde seine Schuld eingestehen. Wer sich 
ärgerlicher Yorgehungen schuldig macht, wird vorläufig aus der 
Gemeinde ausgeschlossen, und jeder muss ihn meiden, bis er durch 
diese Strafe sich gebessert zeigt und der Gemeinderath seine Wieder- 
aufnahme wünschenswerth erachtet Alsdann wird auf einem dazu 
angesetzton Sonntag die Brüderschaft, während der Sträfling draussen 
steht, befragt, ob sie ihn wieder aufnehmen wolle. Lautet die 
Antwort günstig, so wird der Reuige hereingeführt und muss nun 
in der Mitte der Gemeinde niederknien und das Gelübde der 
Besserung ablegen, dann richtet dor Prediger ihn wieder auf mit 
den Worten : „steh' auf und komme zu uns im Namen Jesu Christi." 



352 

Der Prodigor hält dann oino Rodo über das Gloichniss vom ver- 
lornen Sohn, und nach Anloitung desselben vereinigt sich, dio 
Familie des Büssers mit ihm zu einer frohen Mahlzeit. Ihre 
Kirchen, oder vielmohr Gemeindehäuser, sind äusserst einfach, nicht 
oinmal oine Kanzel findet man in denselben, der Prodiger steht 
von seinem Sitz, welcher sich durch nichts auszeichnet, auf, und 
tritt untor die Gemeinde, um seine Rode zu halten. Ein 
solches Gemeindehaus steht z. B. auf der Bergebene von 
Salm, ein Mann Namens Augsburger hatte in demselben 1858 
bereits 30 Jahre als Aeltostor gepredigt und gewirkt. Das Haupt 
der Gemeinde hoisst ,dor Aoltosto 4 oder ,völligo Diener', odor auch 
, Diener am Buch 4 , welcher Taufe und Abendmahl bodiont, Ehe- 
bündnisse einsegnet, don Bann ausspricht und an Festtagen predigt. 
An don Sonntagen predigen andere Diener. Die Diakonen sind 
Armonpfleger, haiton dio Gomeindekasso in Ordnung und hüten 
die reine Lehre des Evangeliums, indom sie darüber wachen, dass 
die Prodigor sich nicht in falscho Bahnen verlieren. Dio ganze 
Gomoindo, Frauen sowohl als Männor, hat Stimmrocht. Das 
24. Kapitel dos ersten Buchs Mosis, sowie das Buch Tobias stehen 
bei ihnen in hohom Ansohn, indem dioso bei Eheschliossungen 
buchstäblich als Richtschnur dienen, denn mit Rocht halten sie 
dafür, dass dio Gründung einer Familie nicht wichtig genug ge- 
nommen werden kann." 

Yorhältnissmässig zahlreich sind dieso doutschon Taufgesinnten 
oder Mennoniton in der Gegend des Donon, wo sio in den Thälern 
auf Mühion und einzelnen Pachthöfen friedlich zwischen Protestanten 
und Katholiken wohnen. Bei der Mühle „Rüpt de Donn" wohnte 
um 1878 der seit 40 Jahren amtironde Bürgermeister von Türk- 
heim, wolchor zu ihnen gohörto, als Angelus, der Verfasser dos 
Buchos „Wanderungon oines Protestanton durch Lothringen", in 
diese Gegend kam. Dioser erzählt wie folgt: 

„Solche lebendige Gemoindebildungen, wie auf der Salm bei 
Schirnek, sind uns in Lothringen nicht bokannt Dio Taufgesinnton 
finden sich vorzugsweise im Oston in entlogonon Gogenden der 
Ebene und dos Wasgaugobirges auf vereinzelten Höfen, und nähren 
sich in stillor Zurückgezogonhoit von Viehzucht und Ackerbau. 
Auch in Mühlen trifft man sie häufig an. Ihr Floiss, ihre Friedensliebe, 
ihre Treue und Massigkeit verschaffen ihnen allgemeine Achtung." 



353 

„Joden Sonntag hält dor A ei teste seine Predigt im Gemeinde- 
haus. Er tauft, spendot das heilige Abendmahl, traut, übt Ge- 
moindozucht, begräbt. Den Kriegsdienst verwerfen sie nicht. Sie 
sind uns freundlich gesinnt, kommen in unsere Kirchen, schicken 
ihre Kinder gern in unsere Schulon. Von einem evangelischen 
Prodigor ist uns bekannt, dass er vor Jahren mit den Täufern in 
rogom Verkehr stand. Er predigto sogar in ihron Vorsammlungen. 
Dio doutscho Bibol orhiolt ihnon auch in französischer Umgebung 
dio Sprache der Vätor. Dor Gottesdienst wird nur deutsch ab- 
gehalten." 

Unter ähnlichen Umständon wio in Frankreich habon sich 
dio Gomoindon in Galizion und Polon behauptet. Durch Ein- 
wanderungen, hauptsächlich aus der Pfalz, sind sio in Galizien im 
vorigen Jahrhundort aus kloinen Anfängen hervorgegangen. Sie 
bewahrten ihre doutscho Sprache ebenfalls zum Theil durch ihre 
doutscho Bibol und Gomeindoandacht in Gesang, Predigt und Gebet. 
Sie haben, wio allo Gomoindon, ihre feste Gomoindeordnung und 
Gomoindezucht, welche durch dio Vorsteher gohandhabt wird. 
Anfangs hielten sio ihre sonntägliche Andacht in Privathäusern, 
dann, zu Anfang dieses Jahrhunderts, in einem neu gegründeten 
Schulhauso, bis sich allmählig zwei kloino Zwoiggemeinden bildeten, 
in denen allo vierzehn Tage Gottesdienst gehalten wird. Dio Menno- 
niton und die deutschen Lutheraner leben in Eintracht und stützen 
sich gegonseitig. Mitte diesos Jahrhunderts gründeten mehrere 
monnonitische Gutsbesitzer einen Fonds, um von dessen Zinsen einen 
studirton Prodiger zu unterhalten. Dio Aoltesten dor galizischen 
Gemeindon wurden Anfangs von don pfälzor Gemeindon aus bestätigt. 

In Polon haben sich im Laufe der Zeit vier taufgesinnte 
Gemeindon, drei friesische und eine flamische, gebildet. Diese 
wurden, namentlich mit Beziehung auf die religiöse Pflege und 
Ordnung in der Gemeinde, in dor letzten Zeit durch Besuche von 
Aeltesten aus Preussen und durch briefliche Vorbindung mit den 
proussischon Gemeinden kräftig gestützt und gofördort. 

In der Schwoiz haben sich bis zum heutigen Tage Nachkommen 
der alten Täufor oder apostolischen Brüder or halten, und zwar in 
don Thälern dos Juragebirges und im Emraenthal. Sie halten all- 
jährlich eine Konferenz auf dem Sonnebalbergo, und nicht selten 
geschieht es, dass Mitglieder der Staatskirche zu ihnen übertreten. 

23 



354 

Ein Monatsblatt unter dorn Titel: „Ein religiöses Monatsblatt, 
herausgegeben von der altevangelischen wehrlosen taufgesinnten 
Gemeinde im Emraenthal", vortritt ihre Interessen; auch halten sie 
zu bestimmten Zeiten Bibelstunden ab*). 

Die Gemeinden in Deutschland, namentlich diejenigen in Ost- 
und Westpreussen, in der Pfalz, Baiern und Baden wurden durch 
die fortdauernden Auswanderungen nicht allein an Mitgliederzahl, 
sondern auch an pekuniärer und geistiger Kraft geschwächt, denn, 
wer sich zur Auswanderung entschloss, war in der Regel bemittelt, 
und immer energisch und intelligent. Dass trotzdem aber, namentlich 
in der Pfalz, Baden und Baiern, die so zerstreut und oft auf 
einzelnen Höfen lebenden Mennonitonfamilien ihr Zusammen- 
gehörigkeitsgefühl bewahrt haben und fortwährend bestrebt sind, 
dasselbe zur Förderung der allgemeinen mennonitischen Interessen 
zu heben, bürgt dafür, dass die Mennoniten auch im deutschen 
Vaterlande noch eine Existenzberechtigung haben. Den in den 
Städten lebenden Gemeinden droht jetzt mehr als in früheren 
Zeiten die Gefahr der Zersplitterung-, die neuen Zeitverhältnisse 
führen die Söhne und Töchter vieler Kernfamilien in die Ferne, 
und diese finden meistens in ihren neuen Wohnorten keine Menno- 
nitengemeinde, an welche sie sich anschliessen könnten, und so 
verlieren ihre Kinder sich oft in der grossen Masse der andern 
Konfessionen. 



*) Bei ihnen ist wenigstens Friede, während in der Staatskirche der 
grösste Zwiespalt herrscht. 

Ans Zürich schrieb man z. B. der protestantischen Kirchenzeitung 1882 
in einer Mittheilung über das kirchliche Leben in der Schweiz: 

„Bei der weit gediehenen Indifferenz grosser Volkskreise und der offen 
zu Tage tretenden Feindseligkeit gegen die Kirche verspüren viele Freuude 
derselben ein Grauen vor jeder grundsätzlichen »Auseinandersetzung', welche 
leicht zu einem kurz gefassten »Auseinander' führen könnte. 

Die Mehrheit in der grossen Rathskommission ist der Ansicht geneigt, 
welche den Staat mit 10 Millionen von der Kirche loskaufen und diese sich 
selbst überlassen will. 

In einer Synode zu Basel war das Losungswort: für oder wider den 
Taufzwang, wobei die liberale Richtung 18 Sitze gewann." 

Das giebt zu denken, wenn man deu Anfang der Staatskirche damit 
vergleicht! 



355 

In Ost- und Wostpreusson ist dioso Gefahr der Zersplitterung 
der Gomoindon trotz der starken Auswanderung nach Russland 
nicht so fühlbar, weil die Monnoniton dort in grossen Gruppen 
zusammen wohnen. Auch dio unabliissigo Verbindung mit den 
grossen russischen Kolonien, und das Bewusstsoin, dass sie die 
Muttergemeinden derselben sind, giebt ihnen Selbstgefühl und bildet 
ein kräftigos Mittel gegen Abbröckelung. 

Die amerikanischen Monnonitengemoinden traten in neuerer 
Zeit mit den Brüdern in Preussen in Vorbindung, namentlich mit 
dem Prediger der Danziger Gemeinde, Mannhardt. Die Veranlassung 
dazu war hauptsächlich dessen Herausgabe der „Mennonitischen 
Blätter". Durch diese knüpfte sich eine Vorbindung übers Meer 
an, mittelst wolcher Gomeindenachrichten aus Deutschland, Russland 
und den anderen auswärtigen Gemoinden, sowio Bitten und Rath- 
schlägo in Gemoindoangologonheiton hin- und horgotragen, Leben 
und Bewogung hervorgerufen, sowie Kunde von den vorhandenen 
Gemeindon verbreitet wurde. Aus dieson Blättern orhiolten nun 
auch die pfälzischen Gemeinden wieder Nachrichten über ihre 
Tochtergemoindon in Ponnsylvanion, Virginion, Illinois, Minnesota 
und Kanada, und dio russischen Muttergemeinden über ihre 
Ansiedler in Kanada, Nebraska, Dakota und Kansas. 

"Wir sehen die Monnoniton- oder taufgesinnton Gemeinden in 
der alten und neuen Welt still und geräuschlos ihre Woge gehen. 
Wenn auch gering an Zahl, ist die Wirksamkeit ihrer Glioder als 
Menschen, Christen und Staatsbürger doch eine verhältnissmässig 
bedeutende. Wie lango dio Mission dieser Gemoinden dauern wird, 
weiss niomand, aber dessen sind sie gowiss, dass dieselbe noch 
nicht zu Endo ist, und dass ihre Mitglieder Mann für Mann, wie 
ehemals, auf ihrem Posten stehen müssen, um als wahre Kinder 
der Roformation mitzuwachen, dass dio Errungenschaften derselben 
nicht wieder verloren gohon, dass vielmehr das Christentum 
Christi, welches dio echte und rechte Bildung ist, um die Menschen 
selig, das heisst glücklich zu machen, sich jo länger desto mehr 
unter denselben Geltung erringe. Das walte Gott! 



23* 






Sehlussbetraehtung. 

Wenn wir auf die Roformationszeit, und namentlich auf ihre 
Anfänge zurückblicken, sehen wir in der mächtigen vielfarbigen 
Bewegung der Geister, der Luther und Zwingli mit explosivor 
Kraft die Decke sprengten und Raum zur Entfaltung schafften, 
aller Orten, in Oesterreich, in der Schweiz, in ganz Suddeutschland, 
an den Küsten der Nord- und Ostsee, in den Niederlanden endlich, 
in den breiten Schichten des Volks zumeist diejenige religiöse 
Anschauung kräftig hervortreten, deren Anhänger „Täufer", 
„mährische oder apostolische Brttdor", „Wiedertäufer", „Ana- 
baptisten", „Taufgesinnte", „Mennoniten", verschiedenen Orts, zu 
verschiedenen Zeiten, nach verschiedenen Schattirungen ihres 
Glaubens genannt wurden, und denen sich die nun hervortretenden 
Waldenser hie und da anschlössen. Sie alle hatten die römisch- 
katholische Kirche verlassen, nicht um eine neue Kirche zu gründen, 
sondern um Gemeinden nach dem Vorbilde der orsten Christen- 
gemeinden, ohne Priester, ohne Anlehnung an den Staat, ohne 
andere Glaubensvorschriften als das Evangelium selbst zu gegen- 
seitiger Erbauung zu bilden. Die unmittelbare Berührung mit 
dem Evangelium hatte ihnen Befreiung von dem geistigen Joch 
der römisch-katholischen Kirche gebracht, ihnen einen alles be- 
herrschenden Glauben an Christus und an sein erlösendes Wort 
in die Seele gepflanzt; sie waren nicht auf halbem Wege stehen 
geblieben, und hatten den Ruf verstanden : „Nehmet auf euch mein 
Joch, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht", wie 
es in einem ihrer Lieder heisst : 

Welcher lieb hat des Herrn Wort, 

Der hält gar leichtlich Gott 1 8 Gebot! 

Die sind nicht schwer, spricht selbst der Herr, 

So ihr nnr bleibt in meiner Lehr. 

Die Nachfolge Christi war ihr Leit- und Polarstern, den sie 
unverrückt im Auge behielten in dem sie umgebenden masslosen 



357 

Wirrwarr der religiösen Anschauungen damaliger Zeit. Sie er- 
kannten, dass sie darin allein das Heil ihrer unsterblichen Seele 
finden konnten, und achteten es daher gering, das loibliche Leben 
zu verlieren, wo os galt, ihro Ueberzougung zu behaupten. Diese 
Anschauung gab ihnen die Kraft, auszuharren in Geduld, keine 
Racho zu üben, auch dann nicht, als man sie aller Orton wie ge- 
hetztes Wild verfolgte und todtote. 

Sio machten gar oft ihrem bedrängten Gemüth in Liedern 
Luft. So heisst es z. B. in einem Liedo von Leonhard Schüner, 
welcher 1528, also ein Jahr später als Michael Sattler, zu Rothen- 
burg mit noch sioben andern hingerichtet wurde: 



Wir sind zerstreut gleich wie die Schaf, 

Die keinen Hirten haben, 

Verlassen unser Haus und Hof, 

Und sind gleich den Nachtraben! 

In Felsen und Steinklüften 

Ist unser G'mach, man stellt uns nach 

Wie Vögeln in den Lüften. 

Wir schleichen in den Wäldern um, 

Man sucht uns mit den Hunden, 

Man führt uns als die Lämmlein stumm, 

Gefangen und gebunden. 

Man zeigt uns an vor jedermann, 

Als wären wir Aufrührer, 

Wir sind geacht', wie Schaf zur Schlacht, 

Als Ketzer und Verführer. 

Viel sind auch in den Banden eng, 
An ihrem Leib verdorben 



Man hat sie an die Bäum 1 gehenkt, 
Erwürget und zerhauen, 
Heimlich und öffentlich ertränkt 
Viel Weiber und Jungfrauen, 



358 

Die haben frei, ohn' alle Scheu, 
Der Wahrheit Zeugnis» geben, 
Dass Jesus Christ die Wahrheit ist, 
Der Weg und auch das Leben. 

Herr, kein Trübsal ist so gross, 
Der uns von Dir abkehre! 
So bitten wir ohn' Unterlass, 
Durch Christum unsern Herrn, 
Den Du uns hast zu einem Trost 
Aus Deiner Gnaden geben, 
Der uns zeigt an die schmale Bahn, 
Den Weg und auch das Leben. 

Im „Märtyrorspiogel" wird von diosom Manne folgendes 
gesagt: „Leonhard Schöner wurde 1528 gefangen genommen. Er 
war ein sowohl in der heiligen Schrift als auch in der lateinischen 
Sprache erfahrener Mann, welcher dio wahre Taufe Christi und 
seiner Apostel und das wahre Abendmahl des Herrn treulich lehrte. 
Er ist anfänglich Barfüssorniönch gowosen, nachdem er aber das 
Leben der Mönche und Geistlichen mit dem Worte Gottes, 
Matth. 7. 15, gomessen, und sowohl ihre Unroinigkeit und ihren 
Muthwillen, als auch ihro Scheinhoiligkoit und Laster eingesehen 
hatte, ist er zu Judonburg in Oesterroich aus dem Kloster ge- 
gangen und nach Nürnberg gozogon, wo er das Schneiderhandwerk 
lernte, worauf er dann gewandert und nach Nik lasborg in Oesterroich 
gekommen ist. Daselbst hat er von Balthasar Houbmor (Hubmaier) 
und von dessen Taufe gehört, und vernommen, dass oinigo dieses 
Glaubens zu Voien versammelt gewesen seien; dioson hat er nach- 
geforscht, ist zu ihnen gekommen, hat sie gehört und sich unter 
Oswalds Bogleitung taufen lassen." 

„Hiorauf ist er nach Stojon gozogon, um daselbst sein Hand- 
werk zu treiben; dort hat er gelehrt und gotauft, indem or 
zum Lohror erwählt worden ist, hat auch hin und wieder 
in Baiorn bis nach Rothonburg im Innthale gelehrt und getauft. 
Hier ist or um seines Glaubens willen gefangen genommen und 
untorsucht worden, und hat viel mit seinen Widersachern ver- 
handelt. Er wollte sich vor diesen mit der Schrift vortheidigon, 
aber man wollte ihn nicht anhören, verurtheilte ihn zum Tode 
und übergab ihn dem Scharfrichter, der ihn am 14. Januar des 



359 

erwähnten Jahres zu Rothenburg um des Zeugnisses Jesu willen, 
wovon er nicht abweichen wollte, enthauptete und zu Asche ver- 
brannte. Nachher haben an demselben Orte nach diesem Leon- 
hard Schünor an siebzig Personen eben dasselbe mit ihrem Blute 
bezeugt*)." 

Dass der Papst mit den ihm anhängenden Fürsten diese 
friedlichen Leute, wie alle Ketzer, in majorem dei gloriam mit 
blutigen Verfolgungen heimsuchte, ist nach dem Geiste der 
römisch-katholischen Kirche und den rohen Anschauungen der da- 
maligen Zeit nicht zu verwundern, werden doch noch heut zu 
Tage in dem katholischen Spanien Protestanten allein wegen ihres 
Glaubens ins Gefängniss geworfen. Woher aber erklärt sich das nicht 
weniger grausamo Auftreten protestantischer Geistlichen und Fürsten 
bezw. Regierungen gegon dio Täufer? Cujus regio, ejus religio war 
damals dio Losung: ein Recht des Einzelnen auf seine religiöse Ueber- 
zeugung und auf die Ausübung derselben in völligor Freiheit dos 
Geistes und der äusserem Gestaltung, ohne Anerkennung des Fürsten 
bezw. der Regiorung als Herrschers auch auf diesem rein geistigen 
Gebiete, ohne einen Priesterstand, ohne Dogmen, war beiden, Geist- 
lichen und Fürsten bezw. Regierungen, undenkbar, war an und für sich 
schon Aufruhr gegen die „göttliche Ordnung" und mit dem Schwerte 
zu strafen! Es genügte der Obrigkeit nicht, dass diese Leuto ihr 
willig unterthan waren, dem Kaiser gaben, was des Kaisers ist; 
es war ihr ein Stachel in der Seele, dass sie, die damals vorzugs- 
weise eine willkürlich blutig strafende war, von diesen Leuten 
wohl als eine göttliche Einrichtung, aber als eine solche betrachtet 
wurdo, an der sich zu bethoiligon einem Christen nicht zieme, 
eben wegen der daraus fliessendon Möglichkeit, ja Notwendigkeit, 
einer wenn auch indirekten Thoilnahmo am Blutvergiessen ; dass 
sie ihr gegenüber standen wie die ersten Christongemeinden den 
damaligen Obrigkeiten, loidond und duldend wohl, aber als ein 
stummer Protost. Ebonso wirkton ihre religiösen Grundsätze der 
gänzlichen Wehrlosigkoit und der Verwerfung des Eidschwörens. 

Nicht minder als die Obrigkeit war die organisirte Geistlichkeit 



*) Siehe das Geraeindeblatt der Mennoniten Nr. 5, Mai 1883. Heraus- 
gegeben von Ulrich Hege in Reihen, unter Zustimmung des Aeltestenraths und 
Mitwirkung einiger Diener des Worts. 



360 

der verschiedenen protestantischen Kirchen unangenehm borührt und 
zum Angriffe gegen die Täufer gereizt. Wohl standen die Geistlichen im 
heftigsten Kampfe unter einander, und überhäufton sich gegenseitig 
mit Schmähungen und Lieblosigkeiten, aber das waren zünftige 
Streitereien über Dogmen und Glaubensartikel, über das, was das 
Volk glauben sollte. In den Täufern aber trat ihnen das „un- 
gelehrte" Volk selbst entgegen, nicht um mit ihnen über diese 
Gefässe, in die sie den Geist dos Ghristonthums fassen und zwingen 
wollton, zu streiten, sondern um sie einfach boi Soito zu setzen, 
diese Gefässe und sie selbst, um der Gemeinde der Gläubigem die 
alleinigo Bestimmung über den Glauben und über die religiöse 
Form desselben auf Grundlage der Bibol zuzusprechen. Und dabei 
gewannen diese Täufer täglich, namentlich in den breiteren Schichten 
der Nation, bei den Niederen und Bedrückten, weitere und weitere 
Kreise, durchdrang der täuferische Geist ganze Länder. Was 
Wunder, dass die Geistlichen und die Landoskirchon gegen diese 
sie gloichmässig bedrohende Grundströmung, trotz der Wehrlosigkeit 
der Anhänger derselben, nach vergeblicher Erprobung der eigenen 
geistigen Waffen alsbald das Schwert der Obrigkeiten, mit denen 
sie bei der Gründung der protestantischen Kirchen eine unheilvolle 
Vorbindung eingegangen waren, anriefen ! Die Täufer wurden ihror 
besten Führer, gegen welche sich die Verfolgung naturgemäss zuerst 
und zumeist richtete, nach und nach beraubt, theils ereilte sie der 
gewaltsame Tod von Henkers Hand durch Schwert, Feuer, Wasser ; 
thoils wurden sie flüchtig von Ort zu Ort, von Land zu Land 
gejagt, und erlagen dabei oft frühzeitig Krankheiten und Strapazen. 
Da war es nur natürlich, dass von der weniger aufgeklärten Monge 
der Täufer manche in stummer Verzweiflung gleiches über sich 
ergehen Hessen, manche den fanatischen Schwärmorn anheim fielen, 
mancho in schwärmerischen Hoffnungen auf himmlische Hülfe 
Trost suchten, deren Verheissung sie dann, wie schon andero vor 
und nach ihnen, in den prophetischen Büchern der Bibel fanden, 
während nur ein Theil im Stande war, auch unter den härtesten Be- 
drückungen ruhig und liebevoll in stiller Zurückgezogen- 
heit bei fleissigor Arbeit auszuharren. 

Was sich von don schwärmerischen Elementen zu don Racho- 
schaaren Thomas Münzers schlug, oder auf andere Weise, wie in 



361 

Münster, der Verführung von Demagogen vorfiel, ging zu Grunde, 
und entzog, schlimraor noch, der täuferischon Sacho in weitor Aus- 
dehnung den Boden. Die andoron abor, wolcho sich um Monno 
Simons schaarton, und was in Süddeutschland und der Schweiz 
sich orhielt, haben bis auf don houtigon Tag dio täuforischon 
Grundsätze christlicher Froihoit, dor Unabhängigkeit von Staat und 
Kirche, voller Selbstbestimmung der Gomeindo in Glaubonssachen 
sowohl wie in allon andoron, aufrocht erhalten. Wohl haben sie 
in den Niodorlandon und im Nordon üborhaupt zunächst auf An- 
regung Monno Simons' oino kräftigo Gomoindozucht, solbst mit 
strenger Anwendung dos Bannes, geübt und trotz manchor Auf- 
rogung, wolcho daraus entstand, lango beibehalten, allein dies 
war oin oinfachor Akt der Selbsterhaltung in don wirren Zeiten, 
wolcho dor Reformation folgton; dio Eroignisso in Münster hatten 
deutlich gozoigt, wio nothwondig os war, dio Schwarmgeister fern 
zu haiton. Wio sohr Luther anfangs hinsichtlich der Gomoinde- 
disciplin mit ihnon einer Meinung war, möge sein folgendor Aus- 
spruch bezeugen: 

„Diejenigen, so mit Ernst Christen sein wollen und das 
Evangolium mit Hand und Mund bokonnon, müsston mit Namon 
sich einschreiben und etwa in oinom Hauso sich versammeln. In 
diesor Ordnung könnte mau die, so sich nicht christlich hielten, 
kennen, strafen, bossern, ausstossen und in den Bann thun." 

Später, als dio überhandnehmende Sittcnlosigkoit in den 
Landeskirchen ihn orbittort und erschreckt hatto, und jedem Ein- 
zelnen nicht wirksam gonug beizukommon war, wollte Luther 
die Gebannton dorn Teufel überliefert und alle Gemeinschaft mit 
ihnon aufgohobon habon; niemand sollte mit ihnen handeln, 
wandeln, kaufen und verkaufon. „Und wenn sie sterben," sagt 
Luther, „soll koin Pfarrer und Kaplan zu ihnen kommon, und 
wenn sie gestorben sind, soll der Henker sie zur Stadt hinaus- 
schleifon, und sie sollen auf dorn Schindleih' begraben werden, 
wio oin Hund." 

Zwingli und Calvin übten dio Zucht im Geiste des alten 
Tostaments durch Kirchongesotzo und Kirchonstrafon, die Täufer 
aber wollten die Reformation boi jedem einzelnen Menschen von 
innen heraus angefangen wissen, und weckton dadurch das Gefühl 



362 

der Selbständigkeit und der Verantwortlichkeit des Einzelnen. 
Gegenseitiges Beispiel, brüderliche Ermahnung und der apostolische 
Bann waren ihre Einwirkungsmittel. Unter den schwierigsten 
Umständen haben sie den Beweis geliefert, dass die christliche 
Gemeinde allein, ohne Dogma, oh no Rückhalt am Staate, ja, von 
allen diesen Mächten bedroht, nur mit der Bibel in der Hand, sich 
selbständig behaupten kann. 

Wenn ihre Gegner neue Kirchen auf den Trümmern der 
alten aufbauen zu müssen glaubten, warum wehrte man ihnen, 
neue apostolische Gemeinden, unbekümmert um die alto Kirche, 
und diese sich selbst überlassend, zu stiften, und fragte: „aus was 
für Macht thust du das?" 

Wären in der Schweiz beide Richtungen Hand in Hand vor- 
gegangen, wie die Führor der Täufer es Zwingli vorschlugen, 
vielleicht wäre viel Elend und Blutvergiessen dort wio in 
Deutschland dem Volke erspart geblieben, denn möglicherweise 
hätte dann auch Luther sich den schweizer Roformirton nicht so 
feindselig gegenüber gostellt. Luther hatte, wie Erasmus, für die 
alte Kirche trotz aller Schäden derselben eine gewisse Pietät be- 
wahrt, ihm war das radikale Vorgehen der Schweizer ein Dorn 
im Auge, um so mehr, als er glaubte, die alto Kirche würde von 
selbst zerfallen. 

Es mag sein, dass es bei dem geringen Bildungsgrade der 
grossen Menge, bei der Rohheit ihrer Anschauungen und dem weit- 
verbreiteten Aberglauben damals unmöglich gewesen wäre, die 
religiösen Grundsätze der Täufer allgemein zu verwirklichen, wenn- 
gleich der Widerstand, den sio fanden, nicht aus don Volkskreisen 
hervorging. Das aber darf man behaupton, dass die Täufer von 
Anfang an diejenigen Ideen vortreton und mit Gut und Blut be- 
kräftigt haben, wolcho als Korn und Wesen dos Ghristenthums in 
unseron Tagen mehr und mehr zur Geltung kommen. Ihr Name, 
ihre Gemeinden selbst mögen verschwinden, ihr Geist wird 
bleiben; die sittliche Weltordnung müsste denn anstatt vorwärts 
rückwärts schreiten! 

Bereits bricht sich, namentlich innerhalb des Protestantismus, 
die Erkenntniss in wachsendem Masze Bahn, dass die Befriedigung 
des religiösen Bedürfnisses dem Gebiete dos Geistos allein 
angehört, der seiner Natur nach jeden Zwang, sei es dos 



363 

Staates, sei es einer organisirten Geistlichkeit, sei es über- 
lieferter Lehrsätze und Dogmon, ausschliesst, und wo er einem 
solchen sich untorworfon muss, Schaden loidot, verkrüppelt. Die 
Gemeinde, deren Mitglieder alle gloichworthig neben einander 
stehen, war don Täufern Trägerin des Glaubens in seiner äussern 
Erscheinung, Hüterin der Sittlichkeit, ermahnende, zurechtweisende 
und strafende Macht innerhalb ihrer Grenzen ; den Schwerpunkt 
wiodor in sie hinein zu vorlogen, ist in unsorn Tagen das Stroben 
grossor Kreise geworden. Wohl hat dor Staat sein ihm eigen- 
tümliches Gebiet, wio in alten Zoiton, so auch heute, gegen die 
XJeborgriffe dor Kircho sowohl wio einzelner Sokten zu schützon, 
doch darin sollto um so mohr Veranlassung für ihn liegen, das 
ocht christliche Gomeindowosen zu fördorn. Die froio christliche 
Gomoindo wird dorn Staato stots oino Stütze, niomals eine Be- 
drohung soin; sie will nicht horrschon, sie will erbauen, sie will 
dienen. Die froio christlicho Liobosthätigkoit, wolche in unserer 
Zeit so glänzond hervortritt, ist sio nicht auch eine Tochter dor 
christlichen Gomoindo, dio, über allen Konfessionen stehend, 
ihre Kraft unmittolbar und ohne Fesseln aus dem Evangelium 
entnimmt? 

Das Gofühl, dass es eines gesitteten Monschen unwürdig 
sei, zu schwören, weil dor Eid die mögliche Lüge zur still- 
schweigenden Voraussetzung hat, dass dor Ausspruch Christi: 
„dein Wort soi ja, das ja ist", nicht oin beiläufiger, sondern ein 
Grundpfeiler dorjonigon Sittlichkeit, die er vorlangte, soi, bricht 
sich mehr und mehr Bahn-, der Eid wird nur noch als ein an- 
geblich nothwondiges Uobol vorthoidigt, seine Anwondung wird 
thunlichst boschränkt. 

Wenn dio Täufer jodon Kriog und jedes Blutvorgiessen als 
Sündo ansahen, und sich untor keinen Umständen daran betheiligen 
wollton, so habon ihre houtigon Nachfolger wenigstens dio Genug- 
tuung, dass dio Kriogo — Raub- und Boutekriogo — und das 
Blutvorgiosson seitens dor Obrigkeiten, gegen welche ihre Väter 
so entschieden Front machten, längst dem allgemein gewordenen 
Widerwillen gewichen sind, dass die Kriege, Deutschlands wenigstens, 
nur noch grossen nationalen Zwecken dienen, dass Verurtheilungon 
zum Tode nur noch sehr sei ton und dann nur als Strafe der 
schwersten Verbrochen erfolgen. 



364 

Was nun die Taufo anlangt, wegen welcher diese Leute als 
„Wiedortäufer" — ein entsetzliches Verbrechen wieder zu taufen! — 
so sehr verschrien wurden, war und ist nicht dio Bodoutung, 
welche diesor Akt in apostolischer Zeit hatte, durch die Kindertaufe 
fast verloren gogangon ? Die Täufer aber erkannton in ihr das 
Band, welches die Gemeinden der Apostel zusammen gehalten 
hatte, und setzten sie wieder ein nach dorn einfachen Taufbefehl 
des Evangeliums. 

Schon zu Endo dos zweiten Jahrhundorts hatte man an- 
gefangen, die Taufe nicht mehr rocht zu würdigon, sodass Tertullian, 
Presbytor zu Karthago, sich veranlasst fühlte, ihro eigentliche 
Bedeutung wioder in Erinnerung zu bringen. Eine soiner 
Schriften giobt einon tiofen Einblick in dio damaligen Zustände, 
sie zeigt uns die heilloso Roligionsvorwirrung bei den Römern 
und dieser gegenüber dio Ghriston im ruhigen Gefühl ihrer 
Menschenwürdo. In dorsolbon bespricht er nun auch dio Bodoutung 
der Taufo, weil in der karthagischen Gomoindo oinersoits durch 
ein weibliches Mitglied, die Anhängor gewonnen hatte, dio Not- 
wendigkeit der Taufe in Zweifol gezogen war, und man anderer- 
seits auch bereits anfing, Kinder zu taufen. Nachdem er zuvörderst 
die Taufe selbst verthoidigt hat, sagt or: „Die Taufe darf nicht 
leichtfertig gehandhabt worden, das mögen die bedonken, deren 
Amt es ist. Jenes Wort: ,Jodem dich bittenden gieb ( , hat auch 
seine Schranken. — Es ist daher nach der Beschaffen- 
heit der Gosinnung und dos Alters jodor Porson heilsamer, die 
Taufo zu verschieben, insbesondere boi Kindern, denn ist os wohl 
nothwendig, dass auch die Taufpathen mit in die Gefahr gezogen 
werden, indem sie durch die Ausartung des Kindes betrogen werden 
können? Zwar spricht der Herr, ,wohret ihnon nicht zu mir zu 
kommen'; nun wohlan, so mögen sie kommen, wonn sie lernen 
können, wenn sie darüber, wohin sie kommen, bolehrt worden 
können. Was eilt das schuldlose Alter zur Sündenvergebung? 
Mehr Vorsicht beweist man in zeitlichen Dingen, sodass man dem- 
jenigen, welchem man irdisches Gut nicht anvortraut, gloichwohl 
ein himmlisches mittheilt. Mögen sie erst bitton um das Heil, 
damit ihnen solches gegeben worden könne." 

Cyprian, welcher Mitte des dritten Jahrhundorts Bischof von 



365 

Karthago war, brachte schon inystischo Idoon mit der Taufe in 
Verbindung. Seine Ansicht, dass die Kinder bei dor Qeburt um 
Erbarmen weinton, und ihnen doshalb das von Sünden reinigende 
Taufwasser ertheilt worden müsse, bildete sich beim Kirchenvater 
Augustin weiter aus. Dieser brachte die Taufe mit der Erbsünde 
von Adam her in Verbindung, und die katholischen Bischöfe 
stützten diese Meinung. Damit war es dann gerechtfertigt, dass 
die „in Sünden geboronon Kinder" durch die Taufo gereinigt 
würden, worin man so weit ging, dass selbst noch ungeborene 
Kinder, deren Tod bei dor Qeburt man fürchtete, getauft wurden, 
um sie vom owigon Vordorbon zu rotton. Augustin bohauptoto, 
dass, wenn die Kinder auf dem Woge zur Taufo stürben, dor 
Toufel sie nach sich zieho; so bald hatte man das Wort Jesu ver- 
gessen: „So ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr das Reich 
Gottes nicht sollen. 14 

Immer weiter schritt man auf diesor Bahn ; bald hielt man 
auch Kindorabondmahlo für nüthig, wio es in der russischen Kirche ja 
noch jotzt dor Fall ist, wo man die Abend mahlszeicbon den Kindern in 
der Kirche einflösst. So weit war man bereits im vierten Jahrhundert 
von dem einfachen Tauf befohl des Evangeliums abgowichon, und so 
blieb os bis in die Roformationszeit hinein. Heisst es doch noch in 
dem Taufbuch, welches 1525 zu Wittenberg gedruckt und mit einor 
Vorrede versehen ist, die Luther verfasst habon soll, dass man 
das zu taufende Kind bekreuzigen, ihm Salz in den Mund streichen, 
das rechte Ohr mit Spuck berühren, die Brust und Schultern mit 
Oel bestreichen und dabei eine brennende Kerze in der Hand halten 
solle. In das Konkordienbuch ist dies freilich nicht als Vorschrift 
aufgenommen worden, dafür abor folgende Formel beibehalten: 
„Ich beschwöre dich, du unreiner Geist, bei dem Namen des 
Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, dass du ausfahrest 
von diesem Diener Christi." 

Um zu zeigen, wie dagegen die vielgeschmähten Täufer schon 
gleich zu Anfang der Reformation auf Grund des — theilweise 
durch sie selbst, Hans Denk und Genossen — schon vor Luther 
neu erschlossenen Evangeliums darüber dachten, wollen wir folgende 
Strophen aus einem ihrer damals entstandenen Lieder anführen: 



366 



Der Widerchrist zu aller Frist, 

Wil al Ding besser machen. 

Was Gott rein, gut erschaffen thnt, 

Er greift auch zn den Sachen, 

Lässt ihin's nit stöhn, wils besser hon. 

Damit er Gott thut stehlen 
Sein gottlich Ehr, als ob da war 
An seinem G'schtfpf ein Fehlen, 
Ein junges Kind, ohn 1 alle Sund, 
Das jetzt erst ist geboren, 
Welches Gott rein, gut erschaffen hat. 

Spricht er, es ist verloren. 
Er nimmt es bald unter sein' Gewalt, 
Und sagt, ich wil austreiben, 
Teufel und Sund, von diesem Rind; 
Er selbst thut kein' Sund 1 meiden. 

Das Element, Wasser genennt, 
Lässt er nit also bleiben 
Wie es denn Gott erschaffen hat, 
Er wil es besser weihen, 
Damit das Kind von seiner Sund 
Sol rein gewaschen werden. — — 

Und so dachte auch Menno, denn er sagt in seiner Schrift 
,Wie Christas die Taufe eingesetzt hat 4 : „Die inwendige Taufe 
gilt allein vor Gott, aus welcher die auswendige Taufe als Ge- 
horsam folgen muss. Könnte dio auswendige Taufe selig machen 
ohne die inwendige, so wäre die ganze Schrift, welche spricht von 
dem neuen Menschen, unnütz und vorgobens gesprochen, und das 
Reich Gottes stände gebundon unter dem Element des 
Wassers, kein Getaufter könnte verloren gehen und Christus 
wäro vergebens gestorben." 

Da nun der Glaube, dass das Taufwasser die Kinder vom 
Teufel und der Erbsündo befreie, sowie die darauf bezügliche 
Formel bei den protestantischen Kirchen seitdem grösstenteils 
dem Lichte gewichen ist, was bleibt denn nun von der Kinder- 
tage anderes übrig als eine schöne Gewohnheit und religiöse Feier, 



367 

in Verbindung mit dor Namongebung? Wird sio nicht sogar 
herabgewürdigt zur Coromonie bei der Namongebung von Schiffen, 
Glocken u. s. w.? Hört man nicht oft im täglichen Leben, wenn 
nach dorn Namen eines Kindes gefragt wird, „es ist so und so 
getauft?" wird nicht dio Taufe so als ein einfacher Akt der Namen- 
gebung aufgefasst? Wenn man den jetzigen Brauch umkehrte, 
mit der Namengebung etwa einen feierlichen Akt, wie die 
Konfirmation einer ist, verbände, und anstatt letzterer die Taufe 
der Erwachsenen wieder einführte, gewiss würde manches Eltern- 
paar und auch mancher Prediger der protestantischen Kirchen 
sich damit einvorstanden erklären. 

Die apostolischen Brüder, Täufer, Taufgesinnten, Menno- 
niten haben die Reformation am gründlichsten durchgeführt, sio 
haben ihre geistigen Errungenschaften bis heute, wo dieselben auch 
bei den andern Protestanton vielfach zur Geltung kommen, bewahrt; 
sie können und dürfen ihro Mission nicht aufgeben, um in den 
Landeskirchen unterzugehen. Sie haben die Feuerprobe bestanden 
wie keine andere Gemeinschaft der Roformationszeit, durch die 
Flammen der Scheiterhaufen der spanischen Inquisition wurden sie 
aus den Niederlanden vertrieben, aus den Bergen der Schweiz 
durch Ruthe, Schwert und Tod durch Ertränken; die Vorsehung 
jedoch wies ihnen ihre Wege über Meere und Flüsse, über Berg 
und Thal, durch Ode Steppen und Sümpfe, und überall, wohin sie 
kamen, mit der Bibel und dem Pfluge in der Hand, und mit der 
Thatkraft ausgerüstet, sich selbst ein neues Heim zu gründen, 
sprosste Segen auf ihren Tritten, bildeten sie tüchtige, wohl- 
gostellte Familien und Gemeindon. In Amerika, in Russland und 
in Deutschland, an dor Küste der Nordsee, in den Vogesen, in der 
Pfalz findet man mennonitischo Geschlechtsnamen, welche auf einen 
und denselben Ursprung deuten, Familien, dio sich über drei Jahr- 
hunderte in unverändertem Wohlstand erhalten haben. Wer sich 
die Mühe geben wollte, ihnen nachzuspüren, würde leicht ihren 
schweizerischen, flamischen, niederländischen oder waldensischen 
Ursprung und ihr altes Geschlecht erkennen. 

Die taufgesinnten Gemeinden in den verschiedenen Ländern 
und Welttheilen sind weder mit Beziehung auf ihre religiöse noch 
auf ihre bürgerliche Ausgestaltung nach einer Schablone zu- 
geschnitten; sie haben sich vielmehr auf dem Boden evangelischer 



368 

Freiheit, in dem dio täuforische Bewegung von Anfang an wurzelte, 
jede für sich frei entwickelt, wie die Bäume dos Gebirgos, die wohl 
alle zusammen dio Einheit, den Wald, bilden, und alle einem Erd- 
reiche ihr Wachsthum verdanken, aber darum doch jeder bosondors 
einen oigonon Organismus haben. 

Misshelligkeiten hat es im Laufe äer Jahrhunderte unter den 
Taufgosinnton so gut, vielleicht mehr gegeben als in den andern 
protestantischen Konfossionon, und auch diosor junge Wein hat den 
Gährungsprozoss durchmachen müssen, aber dio Schläuche haben 
gehalten, woil sie Raum Hessen. Auch heute noch wird ihr 
religiöses Leben, wie früher, von der Strömung der Zoit booinflusst, 
doch bleibt ihnen das beruhigende Gefühl, dass sie dio Freiheit 
haben, dasjenige der Zoit Prois zu goben, was sich überlebt hat, 
woil sie in der Froihoit wurzeln. Dio wahron Fundamente des 
Glaubens bloibon damit oft um so fester stehen. 

Es ist eine allgemeine Erscheinung der Nouzoit, dass dio 
„Religion" nicht mehr in der Woiso wio in früheren Jahrhunderten 
den Mittelpunkt des menschlichen Interesses bildet. Ihre äussere 
Gestaltung in Gottesdienst, Coremonieri, Glaubenssätzen, war die 
damals alles beherrschende Frage, mit dioson äusseren Formen 
idontificirto man geradezu dio Roligion und drückte ihren von 
Christus mit Zerbrechung ähnlicher starron Formen in den Vorder- 
grund gestellten ethischen Gehalt, den Grundanschauungen des 
Stifters geradezu widersprechend, in die zweite Linie. Die Reaktion 
ist nicht ausgeblieben: die Abneigung gegen dio Fessel der Dogmen 
hat grosse Schaaren, welche schliesslich dio Schaale mit dem Korn 
verwechselten, dahin gebracht, ihren Widerwillen gegen das Aoussere 
auf die Roligion im Ganzen auszudohnon und sich ihr in bequemer 
Weise gleichgültig oder vorachtend thatlos zu entziehen. Diese 
weitverbreiteten allgemeinen Zoitströmungen haben auch die tauf- 
gesinnten Gemeinden fühlen müssen, obgleich sio sie nicht ver- 
schuldet haben. Es giebt auch unter uns, loider müssen wir 
es gestehon, Violo, dio gleichgültig gowordon sind gogon die Ge- 
meinschaft, und Schiffbruch gelitten haben am Glauben ; viele 
andere auch, die auf der Sandbank des Buchstabenglaubens und 
ungesunder Frömmelei festsitzen, denen es an Muth und Selbst- 
vertrauen, oder eigentlich an lobondigom Glauben fohlt, um frisch 
in das reiche Geistesleben unserer Zeit, das auch von Gott ist, 



369 

hinaas zu steuern, sich das Oute anzueignen und das Böse zu be- 
kämpfen; viele auch, die ihr Auge bloss auf den Betrieb weltlicher 
Geschäfte richten, die sich kümmerlich nähren von don Früchten 
der materiellen Richtung, denen die Bibel beinahe ein unbekanntes 
Buch geworden ist, die den sonntäglichen Gottesdienst gleichgültig 
versäumen, anstatt sich im Verein mit Eltern, Kindern, Freunden 
und Verwandten durch Gottes Wort zu stärken zu neuer Arbeit 
an sich selbst, zu neuem frischen Zugreifen in ihrem Berufe. Wohl 
sind diese oft brave gesittete Menschen, aber sie vergessen, dass die 
Bibel die Quello ist, aus welcher sie im Elternhause und in der 
Gemeinde ihre sittliche Richtung empfingen, und dass diese Sitt- 
lichkeit in der folgenden Generation leicht verloren gehen wird, 
denn jeder Mensch ist ein neuer Adam und bedarf einer religiösen 
Autorität als Führorin und Pflegerin seines göttlichen Keimes, 
damit nicht der irdische ihn überwuchere. 

Mit dem Evangelium im Kopf und Herzen und von seinem 
Geist erfüllt standen die Täter einer Welt gegenüber. In den 
mit ihnen angestellten Kolloquien vor Inquisitionsrichtern, vor 
Fürsten, vor Gelehrton und Doktoren der Theologie zeigten sie 
Mann für Mann eine Bibelkenntniss und Schlagfertigkeit, welche 
jene oft in Verlegenheit setzten; ihre für die damalige Zeit über- 
raschend klare und gesunde Auffassung der Bibel, wovon besonders 
das mit den Täufern 1571 zu Frankenthal in der Pfalz ab- 
gehaltene Religionsgespräch ein schlagendes Zeugniss ist, flösst 
Bewunderung ein. Wenn den Enkeln die Bibel entsinken sollte, 
dann würden sie wohl noch eino Zeit lang an dem, was die Väter 
ihnen vererbten, zehren, aber wenn sie dieselbe und ihren Inhalt 
nicht gleichsam wieder aufs neue entdecken, wenn sie nicht den 
Geist derselben, für welchon die Sprache nur unzureichenden Aus- 
druck findon konnte, neu zu verstehen, und die Bibel, um mit 
Bunsen zu reden, aus dem Semitischen in das Japhetitische zu 
übertragon suchen, werden sie leicht dem Materialismus oder dem 
Aberglauben zur Beute fallen. Auch in dieser Beziehung gilt das 
Wort Göthes: „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um 
es zu besitzen." 

Im Ganzen jedoch, das darf man sagen, ist das religiöse 
Leben in den Taufgesinnten- oder Mennoniten-Gemeinden noch 
immer ein reges. Auf die Zuverlässigkeit und Treue ihrer Mit- 

84 



370 

glieder, darauf, dass ihr Ja Ja und ihr Nein Nein sei, kann man 
noch heute bauen. 

Auf allen Gebieten der "Wissenschaft sehen wir frisches, 
fröhliches Vorwärtsschreiten; nur mit Beziehung auf die Er- 
kenntniss der Bibel fängt das deutsche Volk erst hie und da an, 
die Lichtscheu zu überwinden, und steht im Grossen und Ganzen 
noch beinahe auf demselben Standpunkt, den es vor dreihundert 
Jahren einnahm; die Mehrzahl der Protestanten selbst ist noch 
gebunden durch die veralteten Bekenntnisse der damaligen 
Zeit. Den Mennoniten aber steht vermöge der vollkommenen 
Freiheit, welche die Väter ihnen errangen und bewahrten, nichts 
im Wege, alles zu prüfen und das Beste zu behalten. Solcher 
Prüfung wird die Bibel in dem, was an ihr geistig ist, Stand 
halten, oder sie wäre nicht, wofür die Menschheit sie bisher gehalten 
hat Das Wesentliche in der Bibel wird nur um so leuchtender hor- 
vortreten, je mehr das Unwesentliche an ihr als solches erkannt und 
behandelt wird. Dies Wesentliche, der sie erfüllende Geist der 
Gottesfurcht, der Liebe, der Gewissenhaftigkeit, ist allen Menschen 
werthvoll, auf das Unwesontliche ist die Trennnng der Konfessionen 
und das Kirchenthum aufgebaut. Wenn die Bibel lehrt, dass die 
Weisheit und die Wahrheit unsers Pusses Leuchte sein soll, wenn 
sie mahnt: „So du nicht fromm bist, so lauert die Sünde vor de;* 
Thür, darum lasse du ihr nicht den Willen, sondern herrsche über 
sio," wenn sie uns Jesus Christus kennen lehrt als einen sichern 
Führer zum Heil in allen Lebenslagen, und ihn als die höchste 
religiöse Autorität auf Erden anerkennt, so bleibt dies als Eigenthum 
aller Menschen unverkürzt bestehen, keine Forschung wird daran 
etwas ändern. 

Dio Mennoniten oder Taufgesinnten sind ihren Prinzipien 
auch darin treu geblieben, dass sie nicht anstanden und noch heute 
nicht anstehen, diejenigen Thoile des Glaubens der Väter, welche 
sich im Lichte besserer Erkenn tniss und unter veränderten Umständen 
als unhaltbar erwiesen haben, fahren zu lassen, um neuen, dem 
wahren Geiste des Evangeliums mehr entsprechenden Auffassungen 
Platz zu machen. Ihre Gemeindeordnungen, in voller Freiheit er- 
wachsen, sind oft musterhaft und meist den Umständen angemessen. 
In den Niederlanden, Russland und Preussen, wo sie in grösseren 
Gruppen zusammen wohnen, stehen sie Achtung gebietend da. 



371 

Und was die Schweiz betrifft, so scheint sich dort die Zeit zu 
nähern, wo der Glaube, wegen dessen so viele Taufgesinnte zwei 
Jahrhunderte hindurch vorfolgt, mit Schmach bedeckt, getödtet, 
oder wie Auswurf aus dem Lande getrieben sind, zur Geltung 
kommt. 

In Amerika entfalten die Mennonitengemeinden sich mehr 
und mehr und stehen mit Beziehung auf Sittlichkeit und Bürger- 
tugend ihrer Mitglieder in erster Reihe. 

Allen möchten wir zurufen: „Wachot und betet! Behaltet, 
was ihr habt, aber prüfet alles und behaltet das Beste." — „Wer 
nicht sammelt, der zerstreut." — „So aber jemand sich lasset 
dünken, er sei etwas, und ist doch nichts, der betrügt sich selbst," 
den Lehrern und Gemeinden aber noch zum Schluss die letzten 
Worte Mennos, bevor er heimging, ans Herz legen. 

Den Lehrern: „Ich bitte alle Diejenigen, welchen die Sorge 
des Wortes befohlen ist, dass sie doch in allen ihrem Thun vor 
Gott und seiner Gemeinde sich also verhalten, dass Niemand mit 
Wahrheit sie strafen und lästern könne." — — 

„In der heilsamon Lehre fest, nicht als die herrschon, 
sondern aus dem Grunde des Herzens Vorbilder der Gemeinde 
Christi, so müsse man uns erfinden." — — 

„Ach! Männer, wappnet euch, denn wahr ist Pauli Wort 
(2 Cor. 3. 6): ,Das Amt des Neuen Testaments ist nicht das des 
Buchstabens, sondern des Geistes/ Es kann deshalb nicht von 
solchen, dio ihren eigenen Ruhm suchen und Alles nach eigenem 
Sinn und Gemüth richten wollen, zu des Herrn Preis recht bedient 
werden. Sie werden mehr abbrechen als aufbauen." 

„Es kann nicht andors sein, weil es nach Pauli Lehre nicht 
Tiefe der Vernunft, noch geschmückte Worte, noch todte Buch- 
staben, daran fehlt es ihnen gewöhnlich nicht, sondern Geist, Leben, 
Wahrheit und Kraft ist." 

„Darum wappnet euch, handelt männlich, wacht über Gottes 
Befehle, haltet fest und wankt nicht." 

„Niemand rühme sich seiner Gaben, denn Empfänger sind 
wir aus Gnade und nicht durch uns selbst, wachet und betet mit 
Vertrauen, dienet, aber herrschet nicht. Zweifelt weder, noch 
fürchtet, der Geber aller guten Gaben wird euch seine Gnade, 
Geist, Liebe, Weisheit schenken." 

24* 



372 

„Hiemit will ich euch der Hand Christi und seinem Frieden 
befohlen haben. Amen." 

Den Gemeinden: „Haltet euch unausgesetzt an Christi 
Geist, Lehre und Vorbild, wenn ihr euch nicht selbst betrügen 
wollt, denn ein jeder Geist, der sich an Christi Geist, Lehre und 
Yorbild nicht genügen lässt, und sich in seiner Schwachheit 
nicht danach richtet, der ist nicht aus Gott und wird des Lichts 
der heilsamen Wahrheit beraubt." 

„Die seligmachende Kraft und Frucht des Todes Christi sei 
mit euch allen. Amen. 

Menno Simons." 



Beilagen. 

I. Melchior Hoffmann. 

Da Melchior Hoflfmann einen so grossen Einfluss auf die 
täuferische Bewegung ausgeübt hat, können wir es uns nicht ver- 
sagen, seine Wirksamkeit und deren Folgen hier in kurzen Worten 
zu zeichnen. 

Er war aus Schwaben gebürtig und betrieb ums Jahr 1523 
zu Waldshut das Eürscbnerhandwerk, als ihn die von Zürich 
ausgehende Bewegung auf religiösem Gebiete für das Reformations- 
werk begoisterte. Mit dem Inhalt der Bibel scheint er sich bald 
gründlich bekannt gemacht zu haben, denn schon zu Waldshut 
fühlte er sich berufen, seinen aus dem Studium derselben ge- 
nommenen Glauben öffentlich kund zu thun, ja, sogar in Zürich 
selbst, wie aus einem Briefe Zwingiis an Vadian vom Jahre 1523 
hervorgeht, dessen wir Seite 24 erwähnt haben. Zwingli sagt 
darin: „Der Taugenichts, welcher Häute bereitet, hat sich hier 
als Evangelist aufgespielt und mich verdächtigt." Hoffmann scheint 
also mit Zwingli nicht unbedingt übereingestimmt zu haben. Zeit- 
genossen rühmen ihn als einen Mann von sittenstrengem Wandel, 
bedeutender Persönlichkeit, grosser Beredtsamkeit und heiligem 
Eifer für seine Sache. 

Im Verein mit seinem Freunde Rink, gleichfalls ein Kürschner, 
wirkte er zuerst am Oberrhein für die Reformation, während er 
sein Handwerk weiter betrieb. Darauf reiste er in Begleitung 
Rinks und eines Kaufmanns aus Münster, Namons KnipperdolHng, 
wahrscheinlich zu Schiffe von Emden aus, zu gleichem Zwecke 
nach Schweden, von wo er aber alsbald vor den Verfolgungen des 
Klerus flüchten musste. Er wanderte weiter nach Lievland, wie 
man annehmen muss allein, und war einer der ersten, welche der 
Reformation dort zum Durchbruch verhalfen. Indessen auch aus 
Lievland wurde er 1525 vom Klerus vertrieben, nachdem durch 
seine Fredigten in Dorpat, Roval und Riga dem Volke die Augen 



374 

geöffnet worden waren. Als der Vogt des Bischofs von Dorpat 
Hoffmann gefangen nehmen wollte, nahm das Volk diesen in Schutz. 
Hiebei kam es zu blutigem Zusammenstosse. Das Schloss wurde 
gostürmt, Kirchen erbrochen, Bilder zerstört u. s. w. Hoffmann 
hielt sich erst noch in Riga. Als er dann hier auch nicht mehr 
sicher war, reiste er nach Wittenberg, um Luther mit der Sachlage 
in Lievland bekannt zu machen. Dieser, über seine Erfolge orfreut, 
verfasste alsbald ein Sendschreiben an „alle lieben Christen in 
Lievland, sammt ihren Pfarrherrn und Predigern", und beleuchtete 
darin die dortigen Zustände und Spaltungon in etwas derber Weise. 
Diesem fügten Bugenhagen und Hoffmann Ansprachen bei, ersterer 
wandte sich bloss an die Prediger, letzterer an die christliche 
Gemeinde in Dorpat, welche er wahrscheinlich gestiftet hatte. Dieses 
Schreiben, die erste gedruckte Schrift Hoffmanns, ist ein echt 
evangelisches Stück. Es heisst darin unter anderem: „So ist nun 
meine fleissige Ermahnung, dass ihr ja nach Friede und Eintracht 
ringet, auf dass kein Aufruhr unter euch werde, als leider schon 
vorhanden ist; duldet viel lieber Unrecht, denn das Christus von 
eurem Herzen solt ausgelöschet werden, denn wo Gift, Hader, 
Zwietracht, Zorn, Aufruhr ist, da scheint Christus nicht, da ist die 
Sonno ausgegossen und verloschen, donn da die Sonne Jesus Christus 
scheinet, erzeigen sich alle Früchte dos Geistes, welches Fracht 
ist, Liebe, Freude, Friede, Sanftmuth, Keuschheit." 

Ferner: „Hiemit seid gewarnet, dass ihr euch nicht durch 
fremde Lehren lasset treiben, die ouch nicht auf Christum führen, 
und alles das dem Glauben nicht ähnlich ist, davor hütet euch, 
denn der Zorn der alten Schlangen ist gross, und weiss dass er 
kleine Zeit hat und uns hat müssen verlassen aus Gottes Gnaden, 
dass wir von der linken Seiten wiedor auf den Weg der Wahrheit 
kommen seind. Nun auf allen das Besorglichste ist, er uns auf 
die rechten Seiten leite, so denn tausend zur linken Seito fallen, 
fallen zehntausend zur Rechton, als der Prophet spricht, denn das 
Geheimniss der Bosheit regt sich schon unter euch, da Einige 
Trennung unter euch anrichten, vor denen ich euch gewarnet 
haben wil." 

Ferner: „Denn ein Christ sieht allein auf Gott und hat sich 
ihm ergeben, wie ers mit ihm mache, und ist eingedenk des Eben- 
bildes seines Heilands Jesu Christi, darum ihn die Welt hasset, 



375 

daraus dann folget, lieber Yater, dein Reich komme, denn wir 
seind leider hier in des Teufels Reich und in der Hölle Rachen." 

„So seid ornsthaft im Gebot, dass Gott wolle abwenden seinen 
grossen Zorn, auf dass sein heiliges Evangelium uns nicht verdorre, 
denn die Zeit der Rache ist vorhanden, daraus rette uns Gott, unser 
himmlischer Vater durch Jesum Christum. Amen." 

„Nachdem ich euch von Riga geschrieben habe, aus beider 
Zeugen Mund, hoff ich, ihr habt es wohl vernommen, so ist es 
nicht anders und wird auch von christlichen Lehrern nicht änderst 
gehalten, und ist auch nicht anders in der Schrift gegründet, 
darnach ihr euch wohl werdet wissen zu richten." 

„Es seind gar ungeschwunglicho Lügen auf mich geschrieben 
gen Riga, das ich dann voll zwei Jahr lang wohl gewohnt bin, 
wie ihr al wohl wisset und meine Zeugen seid. Der Teufel ist 
von Anfang an ein Lügner gewest, seine Glieder werden erkannt 
an den Früchten. Seid nur fleissig, dass brüderliche Lieb und 
Einigkeit unter euch sei. Ob es Gottos Wil, ist mein Sinn in 
kurzem mich zu Euch zu fügen, himit Gott befohlen und unsorm 
Heiland Jesu Christi. Amen. 

Geschrieben zu Wittenberg 1525 am Donnerstag vor Johannes 
Baptista. 

Melchior Hoffmann, euer lieber Bruder." 

Von Wittenberg muss sich Hoffmann zum zweiten Mal nach 
Lievland begeben haben, denn im Mai 1526 war er dort. Durch 
seine Fredigten und persönliches Einwirken ward die Aufregung 
gegen die Geistlichkeit noch grösser, als bei seiner ersten An- 
wesenheit, sodass es zur Bilderstürmerei kam. Hoffmann eiferte 
damals in Lievland vorzugsweise gegen die Ohrenbeichte und gegen 
dfcs Wohlleben der Priester. Seine Gegner, namentlich dio vom 
Domkapitel, suchten nun Hoffmann in den Augen des Volkes 
herunter zu machen. „Er, ein Kürschner," sagten sie, „wie sollte 
der die Schrift verstehen?" Sie ermahnten das Volk, auf die 
Priester zu sehen, die hätten von Jugend auf dio Schrift gelesen, 
der Eine sei so und so lange ein Dompfaffe gewesen, der Andere 
ein Mönch, der Dritte Kaplan, sollten diese gelehrten Leute nicht 
wahr geredet haben, und sollte man ihnen nicht eher glauben 
können, als den Ungelehrten vor der Welt, als einem Laien, einem 
Handwerker? Obwohl Hoffmann bei alledem seinen Einfluss behielt, 



376 

sodass sogar der Rath in Dorpat seinen Bürgern befahl, sie sollten 
in dor Domkirche keine Messe noch Predigt anhören, so wurde er 
doch Tag und Nacht von den Fäpstlern bedroht, sodass er bald 
flüchten musste. Bei seinem Abschiede ermahnte er seine Gemeinde 
in Dorpat, sich zu halten, bis er von Wittenberg aus geschrieben 
haben würde, und verliess darauf das Land wahrscheinlich Ende 
Juni, denn am Frohnleichnamstage fand ein Aufruhr statt, in Folge 
dessen er so bedroht war, dass er nirgends mehr seines Lebens 
sicher war. Hoffmann wandte sich wieder nach Deutschland, er 
war in Magdeburg, auch in der Mark soll er sich aufgehalten haben, 
bevor er im Herbst 1526 wieder nach Wittenberg kam. 

Hier vertiefte er sich in das Buch Daniel, schrieb eine Aus- 
legung des 12. Kapitels desselben, die er auch nach Lievland 
sandte. Er prophezeite darin das bevorstehende Ende der Welt 
und die Wiederkunft Christi. Die damalige Weltlage konnte phan- 
tastische Köpfe wohl verleiten, dunkle prophetische Aussagen des 
Alten Testaments auf dergleichen zu deuten, wenn ihre eigene 
Stimmung darnach war. 

Neben mystischen Stellen, wohl geeignet, Schwärmerei hervor- 
zurufen und den realen Boden wegzunohmen, fanden sich aber 
auch sehr beherzigenswertho Aussprüche in dieser Schrift, so z. B. : 
„Keine Strafe Gottes ist grösser, als wenn er dem Menschen seinen 
Geist entzieht." — „Aus dor Blindheit der menschlichen Vernunft 
und Weisheit und aus der Verachtung der Kraft Gottes folgt, dass 
Gott die Menschen dahin giebt, zu thun, das ungeschickt ist, und 
dass solche Menschen dem Geiste Gottes widerstreben." — „Die 
Absolution soll man nicht an gewisse Personen binden, sie ist 
auch nicht nothwendig. Die rechte Beichte ist dreiorlei : die man 
Gott thut, welche so oft geschehen muss, als der Mensch sich 
schwach fühlt; die man dem Nächsten ablegt, wenn man ihm 
Beleidigungen abbittet, Jak. 5; die man einem gelehrten Manne 
thut, zu dem man Vertrauon hat, um von ihm Unterricht und 
Trost zu erhalten, wenn man sich bei irgend einer Beschwerung 
des Herzens wegen der Sünde nicht selbst zu helfen weiss." — 
„Das ist das rechte Beichten, niemand zwingen mit Gewalt, niemand 
an Zeit und Stunde und Person binden. Die Gemeinde hat die 
Schlüssel zu lösen und zu binden, sie mag einen Ungerechten 
durch das Wort Gottes binden und von sich stossen, falls er sich 



377 

nicht bessern will. Bessert er sich aber, so hat auch die Gemeinde 
die Macht, ihm seine Sünde in Christo Jesu durch das Wort und 
durch den Glauben zu vergeben, den er in den Tod Jesu hat 
Gottes Gemeinde weiss von keinem andern Haupt, als Christus. 
Die Lehrer haben kein Haupt, dass sie im Geiste regieret, als 
Christum. Es ist nichts, dass die Orden und Sekten ganz vergehen 
sollten, denn sie werden bleiben in der Welt bis zu Christi 
Zukunft, aber in der Gemeinde der Kinder Gottes werden sie nicht 
sein. Die Lehrer sind Diener und nicht Herren. Die Hirten haben 
nicht mehr Gewalt, denn Gottes Wort zu predigen und die Sünde 
zu strafen. Sie dürfen niemand mit Gewalt zwingen. Die Ordens- 
leute, Mönche, Pfaffen u. s. w. sind Verführer. Nonnen- und 
Beginenstand ist Narrenwerk." 

Mit solchen und ähnlichen Aussprüchen, mit seinen mystischen 
Deutungen aus dem Buche Daniel und aus der Offenbarung 
Johannes auf die damalige Zeit, mit seinen lebhaften Ermahnungen 
zur Zucht und Sittlichkeit, worin er selbst mit gutem Beispiel voran 
ging und voll heiligen Eifers auf das Volk eindrang, machte er 
überall einen nachhaltigen Eindruck, allerdings verschiedenartig. 

1527 war Hoffmann in Holstein wirksam, wo er die Auf- 
merksamkeit des Königs von Dänemark auf sich lenkte. Dieser 
prüfte ihn wegen seiner Lehren und stellte ihn dann als Fredigor 
in Kiel an, wo er sich bald im Stande sah, eine eigene Druckerei 
einzurichten. Da er durchaus mittellos in Holstein angekommen 
sein muss, indem er in Hamburg auf der Reise dorthin von dem 
Frediger zu St. Katharinen etwas Reisegeld erhielt, so muss man 
fast annehmen, dass der König ihm dazu behülflich gewesen ist, 
und dass vielleicht dadurch der später hervortretende Neid anderer 
Prodiger gegen ihn veranlasst wurde. 

Als er in Kiel zur Ruhe gekommen war, vertiefte er sich 
aufs neue in diejenigen Schriften der Bibel, welche durch ihre 
Bilder und Allegorien geeignot sind, die Phantasie zu erhitzen, 
das Gleichgewicht der Seele zu stören und unter geeigneten Zeit- 
umständen Schwärmerei hervorzurufen. 

Die Stiftshütte Moses', der Leibrock Aarons, der Ausgang der 
Kinder Israel aus Egypten waren seine Texte, aus denen er die 
Zahl vier heraus fand und sie auf Christus und die vier Evan- 
gelisten deutete, z. B. der Gnadenstuhl sei Christus im figürlichen 



378 

Sinne, die beiden Cherubim das Gesetz und die Propheten, worunter 
das Alte und das Neue Testament verstanden werde u. s. w. 
Aohnlich verwerthete er die vier Flüsse im Paradiese, die vier 
Winde des Himmels, die vier Flügel der Cherubim auf dem Gnaden- 
stuhl, die vier Farben der Seide, aus welchen die Vorhänge der 
Hütte gemacht waren, die vier Blätter an den Thürmen des 
salamonischen Tempels, die vier Hörnor am Altar und die vier 
Farben an Aarons Leibrock, die vier Thiere des Ezechiel und 
der Offenbarung des Johannes u. s. w. *). 

Die schwärmerische Richtung Hoffmanns, wolche er leider nicht 
in Zucht hielt, richtete neben dem Guten, das er wirkte, in der 
Folge viel Unheil an. Sein Einvernehmen mit Luther scheint bis 
dahin noch nicht gestört gewesen zu sein; Luther . sah seine 
Schwärmereien als Grillen an, die sich wohl wieder verlieren 
würden, wie er denn in einem Briefe an den Bürgermeister in Kiel 
bemerkt, er habe sich in dem dortigen Prediger Parnher getäuscht, 
er habe ihn für tüchtiger gehalten, das Evangelium zu fördern, 
als Hoffmann, „welkere mi ok düchte eyn weynich tho schwynde 
tho farren eft heydt allemal gud meonde." Bald abor wurde 
Luther vom Stiftsprediger Schuldorp zu Schleswig hinterbracht, 
dass Hoffmann im Punkte der Abendmahlslehre nicht mit ihnen 
einerlei Meinung sei; zugleich griff Schuldorp Hoffmann auf der 
Kanzel darüber an, und Hess eine Schrift gegen ihn drucken. Ein 
anderer streitbarer Prediger, Nik. Amsdorf in Magdeburg, folgte 
diesem Beispiele. Beide waren Hoffmann wegen anderer privater 
Händel feindlich gesinnt. Zu diesen gesellte sich als Dritter der Doktor 
Weidensee zu Hadersleben, Hofprediger des dänischen Kronprinzen, 
nachdem ihm ein Sendschreiben Hoflfmanns zu Gesicht gekommen 
war, in welchem dieser erklärt haben soll, er könne sich nicht 
dazu bekennen, „dass ein Stück leiblichen Brodes sein Gott sei". 
Dies theilte er dem Kronprinzen mit, und schrieb dann auf des 
letzteren Wunsch eine Widerlegung des genannten Hoffmann'schen 
Sendschreibens, die 1529 im Druck erschien. Darauf stellte sich 
Hoffmann bereit, oder bat vielmehr darum, man möge ihn wegen 
seiner Lehre über das Abendmahl öffentlich prüfen. Der Kronprinz 
und auch der König von Dänemark gingen darauf ein, man 



*) Siehe Krohn, Melchior Hoffmann, S. 134. 



379 

beschloss, eine öffentliche Disputation mit Hoffmann zu halten. 
Verschiedene namhafte Theologen wurden vom Könige dazu ent- 
boten, so Niklas Boje, J. Bugenhagon, St. Pfarher, Trophilus Schul- 
meister und H. Tast Das Gespräch wurde am 8. April 1529 im 
grauen Kloster zu Kiel bei offenen Thüren begonnen. Der ganze 
Raum war bis auf den letzten Platz mit Zuhörern gefüllt. Nachdem 
Bugenhagen auf Befehl des Königs die Eröffnungsrede gehalten 
hatte, fiel der Kronprinz sammt allen Anwesenden auf die Kniee 
zum Gebet. 

Dann wurde sechs Notaren bei ihrer Seelen Seligkeit auf- 
getragen, alles richtig und genau aufzuschreiben, was geredet werde. 
Darauf setzten sich die verordneten Gelehrten und Räthe neben 
dem Kronprinzen, während die Disputirendon standen. Der Kitter 
von Ranzow eröffnete das Gespräch, indem er die Frage an Melchior 
Hoffmann richtete, warum er alle Prediger in seinen Büchern falsche 
Propheten gescholten habe, worauf dieser antwortete, weil sie 
Christus an eine besondere Stelle binden wollten, und zwar an 
das Sakrament des Brodes. Dieses sei das Siegel, welches die 
Christen mit dem Munde empfingen, das Wort aber mit dem Herzen. 
Dann gab Hermann Tast eine Erklärung über das Abendmahl, die 
im Grunde kaum von der Ansicht Hoffmanns abwich. Im Verlaufe 
dos Gesprächs aber verschärfte er seine Aussagen, und steifte sich 
mehr und mehr auf eine buchstäbliche Auffassung der betreffenden 
Schriftstelle: „dies ist mein Leib." Tast wollte „ist" streng 
wörtlich aufgefasst wissen. Hoffmann wollte eben so wenig an 
dem klaren Wortlaut etwas ändern, nur fasste er „ist" so auf, dass 
damit gesagt sei, das Brod sei ein Zeichen des Leibes und Blutes 
Christi, eingesetzt zum Gedächtniss und als Siegel der Zusage Christi, 
welcher sich für die Seinigen in den Tod gegeben habe. 

Hermann Tast warf Hoffmann nun vor, er sage einmal, dass 
er bei den klaren Worten bleiben wolle, und dann wieder, dass 
sie figürlich seien, worauf dieser erwiederte, dass er nicht sage, das 
Wort sei figürlich, sondern das Brod. Das Wort sei Christus selbst, 
und nicht das Brod. 

Hoffmann liess sich nicht von seinem Standpunkt abbringen, 
so sehr man es auch durch Kreuz- und Querfragen versuchte; die 
Gegner drehten sich immer wieder im Kreise herum. Bei der 
80. Frage sagte der Kronprinz: „Glaubet ihr, Melchior, dass das Brod 



380 

im Abendmahl Christi Leib sei, oder nicht? darauf saget eure 
Meinung." Antwort: „Nein, ich glaube es nicht, wie kann ich's 
glauben? Ich halte es für figürlich." 

Nun fragte Hermann Tast: „Weil nun das Wort nicht figürlich 
ist, sondern klar, so frage ich euch, ob das Wort wahr sei." 
Antwort: „Ja, es ist wahr, aber Christus lehret Johannes am 
sechsten, wie er das Brod giebt, dass es sei Christus selbst" 

H. Tast : „Hat denn Christus kein ander Brod im Abendmahl, 
denn das, davon or Johannes am 6. Kapitel sagt?" 

M. Hoffmann: „Das Brod, das Christus im Abendmahl gab, 
das war gebacken, und er gab es als ein Siegel und Zeichen. Das 
Wort aber gab er als seinen eigenen Leib, das Eine kann ja das 
Andere nicht sein. Dazu schroibt Martinus Luther selbst lauter 
und klar, dass Christus das Wort sei, das man durch den Glauben 
mit dem Herzen fassen müsse, und dass das Brod zum Siegel mit 
dem Mund gegessen wird. Wenn ihr solches mit mir bekennen 
wollt, wären wir der Sache bald eins." 

Daraufsagte Hermann Tast: „Ich habe gesagt, dass ich Christum 
nicht theile, der da ist Gott und Mensch, und diese zwo Naturen 
in Christo mögen auch nicht von einander getrennt werden, sondern 
bleiben eine Person. Also auch reden wir vom Abendmahl, dass 
das Brod sei Christus Leib und nicht getheilet." 

M. Hoffmann: „Hatte denn Christus mehr denn einen Leib, 
dieweil er sass an dem Tische, und das Brod war sein Leib ?" 

H. Tast: „Ich sage nicht, dass Christus zween Leiber habe, 
dass er aber am Tische sitzt, und das Brod sein Leib war, 
das kann freilich keine Vernunft begreifen, denn es ist Gottes 
Macht." 

Diese Probe aus dem Gespräch möge genug sein, um uns die 
Art desselben vor Augen zu führen. Da keiner von beiden von 
seinem Standpunkt wich, und sie nicht aus dem Kreise heraus 
kamen, innerhalb dessen die Gedanken sich drehten, machte der 
Marschall, Ritter von Ranzow, wahrscheinlich auf Befehl des Kron- 
prinzen der Sache ein Ende, indem or sagte, es sei genug ge- 
handelt von der Sache, „sein gnädiger Herr wolle seiner König- 
lichen Majestät was gehandelt wäre anzeigen." 

Bugenhagen hielt nun zum Schluss eine lange Rede, in 
welcher er Hoffmann zu widerlegen suchte ; sie wurde auf Befehl 



381 

gedruckt. Hierauf examinirte man noch die beiden Parteigänger 
Hoffmanns, Johannes de Campis und Jacob Hegge. Beide blieben 
bei der Ansicht Hoffmanns, Hegge etwas furchtsam und zögernd. 
Letzterer widerrief auch später. 

Am Tage nach dem Gespräch, am 9. April 1529, wurde der 
Urteilsspruch über Hoffmann und seine beiden Anhänger gefällt. 
Die Gegner begehrten ein strenges Urthei) über Hoffmann; habe 
er doch selbst in seinon Schriften Galgen, Rad, Feuer oder 
Wasser durch ein königliches Gericht erwählt, wofern in seiner 
Lehre Unrecht befunden werde, und sei es nicht gestern also er- 
funden worden? Zugleich versuchten sie Eindruck auf den Kron- 
prinzen zu machen, indem sie diesem das Schreckbild Münzers vor den 
Geist führten; Hoffmann habe ja bei dem Artikel vom Abendmahle 
gesagt: „wir müssen überein kommen, wo aber nicht, so wird 
es viel Blutvergiessen kosten, wie es bereits gekostet hat" Er sei 
daher als ein Münzer'scher Aufrührer zu betrachten. Es gelang 
aber nicht, den König zur Strenge zu bestimmen, denn er war 
Hoffmann noch immer gewogen. Er gab Befehl, man solle ihn 
und seinen Anhang ermahnen, von ihrem Irrthum abzulassen, 
und nur im Fall sie dies nicht wollten, solle man sie des Landes 
verweisen. 

Dies Urtheil wurde in Gegenwart des Königs, des Kronprinzen, 
des Adels und vieler Bürger und Bauern, sowie Hoffmanns und 
der Seinen verlesen. 

Bugenhagen wollte anfangs der Bekanntmachung des Urtheils 
nicht beiwohnen, und draussen bleiben, der Kronprinz aber, 
der sehr bewegt gewesen zu sein scheint, redete ihn mit den 
Worten an: „Ach, Lieber, gehe mit hinein, wenn Melchior und 
die andern sich bekehren wollten und weitere Unterrichtung be- 
gehrten, so dientest du uns wohl zur Sache/' und zog ihn mit sich 
in den Saal. 

Wer fühlt nicht aus diesen Worten heraus, wie sehr dem 
Kronprinzen daran gelegen war, Hoffmann zu retten ? Diese Hoffnung 
wurde aber nicht erfüllt, denn Hoffmann blieb bei seiner Ueber- 
zeugung. Bugenhagen soll sich dann gerührt abgewandt und die 
„Blindheit" Hoffmanns beklagt haben. 

Hoffmann behauptete später, dass man (vielleicht das Volk?), 
als das Urtheil bekannt gemacht worden, von Bugenhagen und 



382 

seinem Haufen gesagt habe, mit dem Ürtheil, das sie gesprochen 
hätten, wollte weder der König, noch der Herzog, noch der Rath, 
noch der Adel von des Königs wegen etwas zu thun haben. Sie 
beföhlen es Pomerano (Bugenhagen) und soinem Haufen auf ihren 
Leib und auf ihre Seele, und sie solten es am jüngsten Tage zu 
verantworten haben. 

So niusste denn Hoffmann für seine Gesinnungstreue büssen, 
seine angesehene Stellung aufgeben, seine sorgenfreie Häuslichkeit 
mit einer ungewissen Zukunft vertauschen, der er mit Weib und 
Kind nun entgegen ging. Wie sehr die bedeutende und ein- 
trägliche Stellung, in welche er durch die Gunst des Königs ge- 
kommen war, den Neid erweckt hatte, sieht man aus einer 
Aeusserung Bugenhagens: Hoffmann, welcher arme Prediger, die 
das Brod nicht hätten, darum für Bauchknechte gescholten, dass 
sie, wie christlich, ihre Nahrung begehrten, habe die Kunst, reich 
zu werden, besser verstanden, als alle Bettelmönche. „Alle Fürsten 
sollen uns Predigern zu Wittenberg so viel Gut und Geld nicht 
nehmen, als Dir genommen ist." Es wurden Hoffmann nämlich 
bei seiner Abreise aus Kiel an Büchern und Druckereigeräth für 
beinahe tausend Gulden genommen. 

Hoffmann wandte sich nach Strassburg. Hier fand er Zustände 
vor, welche von nun an seine Richtung bestimmten. Entschiedene 
Anhänger Luthers waren in Strassburg fast nicht vorhanden, Zwingiis 
Ansichten überwogen, und weil Hoffmann wegen seiner Auffassung 
des Abendmahls eben dahin neigte, konnte er auf eine sichere 
Stätte rechnen. Zu Strassburg gab er heraus: „Eine gründliche 
Berichtung gehaltener Disputation im Lande, zu Holstein". Er soll 
darin die Notare, welche das Protokoll geführt hatten, beschuldigt 
haben, dass sie manches unrichtig wiedergegeben hätten, auch soll 
die Schrift manche Beschuldigungen gegen Bugenhagen enthalten. 

Bugenhagen arbeitete mittlerweile an der Herausgabe des 
Protokolls, und als ihm dabei ein Abdruck der obigen Arbeit 
Hoffmanns zugeschickt wurdo, fügte er dem Protokoll eine Wider- 
legung bei. Die Schrift Hoffmanns ist wahrscheinlich unterdrückt 
worden, denn sie ist weder in Strassburg, wo die erste Ausgabe 
gedruckt wurde, noch in Holstein oder Wittenberg aufzutreiben 
gewesen, wie Krohn berichtet. 

In Strassburg trat Hoffmann auch mit Sebastian Frank 



383 

und Kaspar Schwenkfeld von Osting in freundschaftlichen Vorkehr. 
Durch den Umgang mit diesen angesehenen, frommen und ehren- 
werthen Männern stieg auch das Vertrauen zu Hoff mann im 
Publikum, und dor Anhang, den er sich bald durch seine Per- 
sönlichkeit hier wie überall gewann, scheint kein geringer gewesen 
zu sein, denn es bildete sich unter den Strassburger Predigern 
eine Partei gegen ihn, der namentlich Martin Butzer angehörte. 
Obwohl Hoffmann nämlich in der Abendmahlslehre mit ihnen über- 
einstimmte, schloss er sich ihren Ansichten über die Anlehnung 
an die weltliche Macht nicht an, sondern schien sich vielmehr 
zu den apostolischen Brüdern oder sogenannten Wieder- 
täufern hinzuneigen, deren Führer und Lehrer Johann Denck, 
Michael Sattler und Ludwig Hätzer gewesen waren. Diese waren, 
nachdem 1527 ein fruchtloses Gespräch mit ihnen stattgefunden, 
aus der Stadt vertrieben worden, viele von ihnen waren dann dem 
Henker verfallen, oder vor Gram und Elend gestorben. So war 
es denn kein Wunder, dass auch Hoffmann in Strassburg nicht 
sicher war, um so weniger, als in demselben Jahre der Kaiser 
das Mandat von 1527 gegen die Wiedertäufer erneuerte. 

Vielleicht erhielt Hoff mann damals einen Wink aus der ent- 
legenen Ecke Deutschlands an dor Nordsee, aus Ostfriosland. Hier 
hatte sein Freund Melchior Rink *) eine Zuflucht und einen Wirkungs- 
kreis gefunden, ebenso Karlstadt, mit dem Hoffmann gleichfalls 
befreundet war, sodass er ihn, freilich vergeblich, in Kiel erwartet 
hatte, um sich in dem Religionsgespräche mit seiner Gelehrsamkeit 
und Autorität als Professor und Doktor der Theologie ihm zur Seite 
zu stellen. Rink und Karlstadt hatten in Ostfriesland nicht allein 
Sicherheit gefunden, sondern auch Sympathie bei dem regierenden 
Grafen und bei dessen Räthen, den Häuptlingen Ulrich von Dorn um 
und Hero von Oldersum. Auch einige der Prediger, z. B. die in 
Pilsum und Wirdum, waren ihnen geneigt, während die zu Norden, 
Berum und Uphusen ihnen feindlich entgogen getreten sein sollen. 
Karlstadt (von Bodenstein), beschäftigte sich in Ostfriesland, wie 
er auch in der Mark gethan hatte, mit der Landwirthschaft, und 
lebte ruhig in der Nähe von Marienhafe. Ein Stück Landes erhielt 
von ihm den Namen: das Bodenstein'sche. 



*) Siehe Krohn, S. 223. 



384 

Melchior Rink scheint 1528 nach Emden gekommen zu sein, 
wo Georg Aportanus, der frühere Lehrer des Grafen, der erste 
evangelische Prediger war. Aportanus hatte sich mit vielen ost- 
friesischen Predigern, denen zu Norden und Aurich und anderen, 
von Anfang an zu der zwinglischen Lehre vom Abondmahl bekannt. 
Ihre Ansicht über diesen Punkt fühlten sie sich veranlasst in 
33 Artikeln, die sie am 14. November 1528 dem Grafen vorlegten, 
zu vertheidigen. Es hiess darin u. A.: 

Artikel 8. So sind denn unsere äusseren Werke, als Predigen 
und Predigenhören, Taufen und Getauftwerden, das Abendmahl- 
des-Herrn-halten nur allein nützlich für den Menschen wie folgt: 
(is eok wol nut, dan alleen voor den menschen tot anderen dingen 
als naeuolgt): 

Artikel 9. Das Predigen dient zur Lehre, zur Ermahnung, 
zur Strafe, zum Ueberzeugen und zur Offenbarung Christi, damit 
man keine Entschuldigung habe für seine Sünden. Matth. 24. 

Artikel 10. Die Wassertaufe dient zur Einverleibung in die 
Gemeinde der anderen Christen (aantellinge of inscrivinge tot dat 
getal van andere Christen), welche mit Christus wollen oder sollen 
absterben von ihrem sündigen Leben und wieder aufstehen zu 
einem neuen Leben. 

Artikel 11. Das Abendmahl des Herrn dient zum Gedächtniss 
des Herrn, zur Yerkündigung seines Todes so lange, bis er leiblich 
wieder kommt. Item den Glauben zu bezeugen, welcher das rechte, 
einzige Essen und Trinken des Fleisches und Blutes Christi ist. 
Auch dient es zur brüderlichen Liebe. 

Artikel 18. Deshalb, wer zur Taufe oder zum Abendmahl, 
oder zu irgend welchen anderen äusseren Dingen, als seien sie zur 
Rechtfertigung, Seligkeit und zur Vertröstung oder Beruhigung 
seines Gewissens nöthig, gedrängt werden soll, der darf sie frei 
unterlassen, und nicht benutzen, um die Freiheit und Reinheit des 
Glaubens zu bezeugen und zu vertheidigen, welche er in Christus hat*). 

*) Man trat damit nur der katholischen Auffassung entgegen, denn im 
zweiten Artikel heisst es noch: „Lasst Taufe und Abendmahl und anderes 

stehen und gelten, wofür sie gelten können und sollen, das ist 

,tot den uitwendigen lijfliken dienst der Gemeenten/" und im 28. und 29. 
Artikel wird gesagt, sie seien dem Gläubigen ein Zeichen seines Glaubens, 
aber sie gäben ihm demselben nicht. 



385 

Rink war wahrscheinlich direkt aus der Schweiz nach Emden 
gekommen. Handwerker von Beruf, hatte er schon seit fünf Jahren 
neben seinem Geschäfte das Reformationswerk eifrig gefördert, und 
wird es auch in Emden getban haben. Da er in der Abendmahls- 
lehre, wie er sie aus der Schweiz mitbrachte, mit den Emder 
Predigern übereinstimmte, so hatte man für ihn, ebenso wie für 
Karlstadt, Sympathie. Bei dieser Sachlage nun kam Melchior 
Hoffmann im August 1529 ins Land. Wir haben gesehen, dass 
Zwingli 1523 an Vadian schrieb, dass „der Taugenichts, welcher 
Häute bereitet", sich in Zürich als Evangelist aufgespielt und ihn 
verdächtigt habe, ein Beweis, dass Hoffmann, wenngleich über das 
Abendmahl einer Ansicht mit ihm, doch nicht in allen Stücken 
mit Zwingli übereinstimmte. Dio Meinungsverschiedenheit muss 
sich wohl hauptsächlich auf Zwingiis Kirchenbildung bezogen haben, 
denn über dio Taufe wurde damals noch wohl nicht verhandelt. 

In Ostfriesland war bei seiner Ankunft mit Beziehung auf eine 
neue Kirchenbildung nichts weiter geschehen, als dass hie und da 
evangelischo Prediger angestellt waren, und dass der katholische 
Klerus sich grollend und murrend zurückzog, oder abgefunden 
wurde. Man theilte sich willkürlich in den Raub der nun herren- 
losen Kirchengüter, wobei der Graf sich den Löwenantheil sicherte. 
Der ostfriesische Chronist Beninga erzählt, die vorläufige Aus- 
räumung der Kirchen und Klöster von Monstranzen, Kolchen, Gold, 
Silber, Messgewändern, baarem Gelde, sei auf Befehl des Grafen 
Enno IL, unter der Aufsicht Focko Manningas von Powsum, Rudolfs, 
Drost zu Emden, und Ocko Ripperdas geschehen, aber „een jeder 
tastede mit rume handen tho, makeden sich de tijd to nutto, daer 
van oek oero deneren und knechten nicht övel voeren." (Jeder 
griff mit begehrlichen Händen zu, sich die Zeit zu Nutze machend, 
wobei auch ihre Diener und Knechto nicht übol fuhren.) Das 
Dominikanerklostor zu Norden liess der Graf zu oinor Wohnung 
für sich einrichten, das Benediktinerkloster zu Ihlo wurde in ein 
Jagdschloss umgewandelt und der Abt als Predigor zu Larrelt an- 
gestellt. Die Kloster Ostfrieslands, ungefähr 30 an der Zahl, mit 
etwa 80000 Morgen Landes, wurden allmählig säkularisirt. 

Zu dieser Zeit hatten sich schon wegen ihros Glaubens ver- 
folgte Auswärtige nach Ostfriesland geflüchtet; unter ihnen befanden 
sich höchst wahrscheinlich auch einige der damals überall sich 

25 



A I 



386 

versteckt haltenden Waldenser. Dass letztere bis nach Holstein 
gekommen sind, steht geschichtlich fest, da einer derselben 1509 
dort den Märtyrertod erlitt. Waren die Waldenser es doch gewohnt, 
wie gehetztes Wild von einem Orte zum andern zu fliehen ; später 
ebenso die Täufer, welche, sofern sie vermögend waren, grosse 
mit Eisen oder Messing beschlagene Kasten zum Bergen ihrer 
Habseligkeiten bereit hielten. Von Flandern, wo die Ketzer- 
verfolgung blühte, konnten leicht Waldensor zu Schiff nach Emden 
kommen. Der spätere mennonitische Prediger zu Emden, Cornelius 
v. Huisen, schrieb um 1700 in dieser Beziehung an die Gemeinde zu 
Hamburg: „Gleich wie bei euch, so kann es auch von der hiesigen 
Gemeinde bo wiesen werden, dass viele angesehene Familien aus 
den Gegenden stammen, wo sich die Waldenser nach ihrer Ver- 
treibung aus der Picardie, Flandern und andern Provinzen, nieder- 
gelassen haben." Auch ist es höchst wahrscheinlich, dass einige 
von den in gleicher Weise überall verfolgten „wehrlosen Christen" 
sich nach Emden gerettet und zu den Gemeindebildungen bei- 
getragen haben, welche Monno Simons in Ostfriesland vorfand. 
Beninga berichtet: „In dit sulve jaar 28 heft zik de sekte der 
wederdopers eerstmal in Ostfresland hervorgedaen und gorogot." 
War doch Ostfriesland damals ausser dem Gebiet dos Herzogs 
Albrecht von Proussen der einzige Fleck im ganzen römischen 
Reiche, wo diese Leute vor Verfolgungen seitens ihrer Mitchristen 
durch Scheiterhaufen und Henkersschwort Sicherheit fanden! Der 
täuferischen Gemeinde schloss sich Melchior Hoffmann bei seiner 
Ankunft in Emden an. Er konnte sich bei ihr ausweisen als ein Mann, 
der in Holstein den Führern des Staats und der Kirche gegenüber 
mitMuth seine Ueberzeugung festgehalten hatte, trotzdem er dadurch 
Amt und Brod verlor, und der schon früher in Strassburg mit 
gleichem Mutho bei drohender Todesgefahr Stand gehalten hatte. 
Wie rasch er sich bei dieser Gemeinde Ansehen und* Stellung 
erwarb, geht aus dem Umstände hervor, dass er schon kurz nach 
soinor Ankunft in Emden, im August 1529, daselbst in der s. g. 
Geerkamer der Grossen Kirche, einer Sakristei, welche nicht in, 
sondern unmittelbar an dorselbon lag, 300 Personen taufte. Ein 
Zeitgenosse und Anhänger Hoffmanns, Ubbe Philips, sagt: „Melchior 
Hoffmann is uit Hoogdeutsland tot Embden gekomon, te dopen 
in't openbaar, beide borgor en Boor, Heer ende knocht in de Korko 



387 

tot Embden, omtrent 300 Personen, ende zulkes liet de graaf al 
geschieden zoo lange Melchior daor was, ende zoo mon zeide was 
de gravo donsolven geloove toogedaon." Violleicht hatte es diosen 
Gemeinden bis dahin an einer zur Yornahme der Taufhandlung 
berufenen Person gefehlt, man kann dies wenigstens aus dor grossen 
Zahl der auf einmal Getauften schliesson. Es lässt sich annehmen, 
dass auch eingesessene Bürger, durch den damals beginnenden 
Abondmahlsstreit abgeschreckt, der täuferischen oder apostolischen 
Gemeinde beitraten, zumal sie in derselben über die Gemeinde- 
Organisation mit zu bestimmen hatten, und nicht der Graf und 
die Geistlichkeit. Dass dio Sakristei ihr für die Taufe Erwachsener 
zu Gebote stand, ist ein Beweis dafür, dass sie festen Fuss gefasst 
hatte. Uebrigons hatte eine entschiedene und genau begrenzte Ab- 
trennung von der Papstkirche noch nicht stattgefunden. 

Der Graf scheint übor diese unter seinen Augen ohne seine 
Genehmigung vorgehenden Dinge dann erschreckt zu sein; er Hess 
Hoffmann auf die Burg kommen, um sich zu verantworten. Hoff- 
mann erschien und vertrat seine Ansichten so, dass der Graf ihn 
gerührt entliess, er soll sich selbst Hoffmanns Ansichten zugeneigt 
haben. Die Thatsache steht wenigstens fest, dass Hoffmann und der 
täuferischen Gemeinde zu Emden von Seiten des Grafen vorerst kein 
Hindorniss in den Wog gelegt wurde. Seine späteron Gegner, 
dio lutherischen Prediger, nennen Hoffmann freilich nur den Polzer, 
den Aufrührer, den Irrgoist, indessen wissen sie nichts Böses von 
ihm zu erzählen, sondern sagen nur schimpfend, dass er aus einem 
grossen Kübel Wasser getauft, und dass er sogar einen alten Mann 
in der Eile auf der Strasse getauft habe, welches Letztere jedoch 
dio Emder Prediger selbst in dem Bericht über die Reformation 
in Emden und Ostfriesland, Seite 39 in der Ausgabe von 1594, 
für ein Märchen halten. 

Vor soiner Ankunft in Emden hatte Hoffmann, wio es schoint, 
sich noch nicht öffentlich zu der Taufe der Erwachsonon bekannt, 
obwohl man ihn in Kiel schon deswegen in Verdacht hatte, und 
er sich auch in Strassburg zu den Anhängern derselben gehalten 
hatte. In Emden aber trat er zuerst öffentlich dafür auf. 

Die Emder Prediger legten der neuen Gemeinde auch vorerst 
nichts in den Weg. Aportanus mochte es selbst wohlthuend berühren, 
dass hier derselbe Vorgang sich vollzog, wie im Fraterhause zu 

25* 



388 

Zwolle bei den Brüdern des gemeinsamen Lebens, mit dem Unter- 
schiede jedoch, dass zu dieser Gomeinde beide Geschlechter zugelassen 
wurden, und dass deren Mitglieder sich nicht von der Welt ab- 
sonderten, sondern sich mitten im Leben durch das bei der Taufo 
abgelegte Gelöbniss der Nachfolge Christi rein zu erhalten suchten. 
Auch waren die Glaubensansichten der Emder Prediger, wie 
aus den 33 Artikeln hervorgeht, von denen Hoffmanns nicht so 
gar verschieden. Mit Beziehung auf das Abendmahl stimmten sie 
völlig mit ihm überein, auch die Taufe, wie er sie ausgeübt und 
angefangen wissen wollte, konnte ihren Widerspruch kaum hervor- 
rufen. Sie sowohl wie Hoffmann legten in beiden Punkten das 
Hauptgewicht auf den inneren, geistigen Prozess. 

Bis zu seinem Ende hat Hoffmann den Grundsatz verfochten, 
dass man seinen Glauben an der heiligen Schrift prüfen müsse; er 
wird in der Gemeinde zu Emden in demsolben Sinne gelehrt haben, 
wie er an die Gomeinde zu Dorpat schrieb: „Seid gewarnet, dass 
ihr euch nicht mit fremder Lehre lasset treiben, die euch nicht 
auf Christum führt, und alles, was diesem Glauben nicht ähnlich 
ist, davor hütet euch u. s. w." Wie sehr er Aufruhr und 
Rebellion abgeneigt war, möge folgonde Stelle beweisen: „Wer mit 
dem Schwert ficht, wird mit dem Schwert gerichtet, wo sie nicht 
mit herzlichem Leid wiederkehren, denn der Christ, welcher voll 
ist des Glaubens, thut niemand Böses, ist auch kein Vergelter des 
Uebels, denn er weiss, dass Gott spricht, mir gehört die Rache, 
ich will vergelten Böses und Gutes." Von der Ordnung der Kirche 
sagt Hoffmann: „Gottes Gemeinde weiss von keinem andern Herrn 
und Fürsten, als Christus. Sie kann keinen andern leiden, denn 
es ist als ein Schwester- und Bruderwerk. Die Lehrer haben kein 
Haupt, der sie im Geiste regiert, als Christum. Die Lehrer und 
Diener sind nicht Herrn. Die Hirten haben nicht mehr Gewalt, 
denn Gottes Wort zu predigen und die Sünde zu strafen. Ein 
Bischof soll aus der Gemeinde gewählt werden." Würde ein Pastor 
aus derselben genommen, welcher sich als oin roinor Mann bewährt 
hätte, und einem solchen mit seinem Diakon das Regiment zu führen 
anvertraut, so würde die Gemeinde die Lehrer, die ihr das Haus bauen 
hülfen, wohl versehen. Wo solche Lehrer wären, würden sie nicht 
Noth leiden, sie hätten nicht zu fürchten, dass sie hungern würden. 
Ein rechter Pastor nach Pauli Ordnung würde es gern sehen, dass 



389 

seine ganze Gemeinde weissagen möchte. Man sage freilich, solcher- 
gestalt würden Sekten entstehen, man müsse nur diejenigen lehren 
lassen, welche lateinisch verständen. „Allein würde nicht daraus 
eine sträfliche Schläfrigkeit werden, und soll und muss nicht jeder 
das Seinige zum Bau des Hauses Gottes beitragen ?" Von der 
Obrigkeit sagt er: „Soll man die Obrigkeit nicht fürchten? Soll 
man ihr nicht gehorsam sein? Du sollst sie fürchten, wenn du 
Böses thust, aber wenn du Gutes thust, nicht. Du sollst ihr auch 
im Guten, das nicht wider Gott ist, gehorsam sein. Wären lauter 
Christen in der Welt, so würde man des Schwertes nicht bedürfen. 
Da aber das nicht ist, so muss das Schwert Gottes Dienerin sein, 
es soll aber allein bei den Uebelthätern gebraucht werden." 

Vom Schwören sagt er : „Aus dem Schwören der Engel nehmen 
etliche den Beweis, dass sie schwören mögen; sie wissen nicht, 
was sie thun. Matthäi 5 höret man, dass das Schwören verboten 
ist. Wenn man sich mit dem Schwören der Engel entschuldigt, 
so sage ich: ,So dich dein Geist aus Gottes Geist also treiben wird 
(wie du glaubst), so musst du sehen, ob dein Schwören auch aus 
lauter Liebe des göttlichen Preises entsprungen ist." 4 

Dies sind Grundsätze, die sowohl dem, der von ihnen aus 
wirkte, als der Gemeinde, die sie in Anwendung brachte, zur hohen 
Ebre gereichen mussten. Sie erklären es auch zur Genüge, dass 
man Hoffmann gewähren Hess und die Bildung dieser Gemeinde 
nicht hinderte, was sonst sowohl Aportanus als Ulrich von Dorn um 
beim Grafen wohl vermocht hätten. Dazu kam, dass alles, was die 
neue Eirchenbildung betraf, noch unklar und unentschieden dastand, 
obgleich die alte Kirche bereits in voller Auflösung begriffen war. 
Durch Vermittelung Hoffmanns aber bildete sich nun unter den 
Augen der Regierung und der Frediger, ja, gar ausserhalb der 
Autorität Luthers oder Zwingiis, eine neue Gemeinde, welche von 
dem Eigenthum der Papstkirche nichts begehrte. Ausserhalb der- 
selben wurde die Verwirrung der Gemüther in Ostfriesland je 
länger desto schlimmer. Da Luther anfangs in der Auffassung der 
Bedeutung des Abendmahls von derjenigen der ostfriesischen Prediger 
nicht sehr abwich, so hoffte Aportanus, dass durch unmittelbare 
Dazwischenkunft eines Wittenberger Theologen wohl Ordnung ge- 
schaffen werden könne. Er schlug daher vor, Bugenhagen, der in 
Hamburg war, zu ersuchen, in gleicher Weise wie dort auch in 



390 

Ostfriesland ordnend einzugreifen. Als Bugenhagen aber auf des 
Grafen Einladung nicht kam, Hess letzterer zwei Prediger aus 
Bremen, Namens Tiemann und Feit, zu gleichem Zwecke einladen. 
Diese kamon im Herbst 1529 in Emden an. Anfangs besprachen 
sie sich privatim mit den Predigern und Lehrern der verschiedenen 
Parteien, als ihnen aber die Kanzeln eingeräumt wurden, und sie 
suchten, die Zuhörer zu der mittlerweile streng fixirten Abend- 
mahlslehre Luthers herüber zu ziehen, wurde die Verwirrung noch 
grösser, als sie bereits war. Die Emder Prediger, welche Melchior 
Hoffmann und die Täufer ruhig hatten gewähren lassen, widersetzten 
sich Tiemann und Pelt unter den Augen des Grafen mit der 
grösston Entschiedenheit. Aportanus erklärte laut, er und die 
Seinigen hätten die rechte apostolische Lehre für sich, sie wollten 
sich von den Bremer Predikanten nicht verführen lassen. 

In der Folge sprach sich bei der viorten Predigt Tiemanns 
auch das Volk öffentlich gegen seine Lehre aus, es soll dabei zu 
ärgerlichen Auftritten in der Kirche gekommen sein. Auf Rinks 
Veranlassung soll Tiemann von der Kanzel herunter gerissen sein, 
und danach soll Rink selbst die Kanzel bestiegen und gesagt haben: 
„Ob wir wohl müssen Schwärmer heissen, dass wir den Witten- 
bergischen aus dem Korbe geflohen sind, so sind wir es doch nicht." 
Die lutherischen Prediger ihrerseits behaupteten, die Gegner hätten 
in der Kirche rebellische Ausrufe ausgestossen, indesssn berichten 
Ubbo Emmius und Beninga davon nichts. 

In den Tagen, Oktober 1529, hatte zu Marburg das bekannte 
Religionsgespräch zwischen Luther und den Wittenbergern einer- 
seits, und Zwingli und den Schweizern andererseits stattgefunden. 
Der Landgraf Philipp von Hessen hatte es in der guten Absicht 
veranlasst, die Meinungsverschiedenheiten auszugleichen und die 
Protestanton zu einigen. Bereits war mit grosser Mühe so viel 
erreicht, dass die beiden Parteien sich in den meiston Punkten 
geeinigt hatten, als die Abendmahlsfrage alles vereitelte. Zu 
Marburg stand man sich in diesem Punkte viel schroffer gegen- 
über, als auf dem Religionsgespräch zu Kiel Melchior Hoffmann 
und seine Gegner, nur dass zu Marburg m nicht wie zu Kiel die 
eine Partei die andere mit Hülfe der Staatsgewalt vernichten 
konnte. Als Luther zu Marburg die Hand Zwingiis zurückstiess, 
erhielt die Reformation einen unheilbaren Riss; die Festigkeit 



391 

Luthers, welche seine Stärke gewesen war, wurde seine Schwäche, 
der Papst triumphirte. Wohl hatte Melchior Hoffmann recht gehabt 
als er zu Kiel ausrief: „Wir müssen uns einigen, sonst wird es 
viel mehr Blut kosten, als es bereits gekostet hat," obgleich man 
dies als Münzer'sche Aufrührerei auslegte. 

Luther war es gewohnt worden, dass ihm alle Welt nach 
den Augen sah, dass grosse und kleine Potentaten sich an ihn 
wandten, damit er ihnen sage, welche Glaubensnormen und welche 
Eirchenordnung sie ihren Unterthanen vorschreiben sollten; wo 
sich andere Kundgebungen zeigten, da rief man ebenso seine Autorität 
zur Bekämpfung derselben an. So schrieb z. B. der Rathsschreibor 
Lazarus Spengler von Nürnberg 1530 an seinen Freund Veit 
Dieterich zu Wittenberg, er möge doch Luther eino neue Irrsal 
mittheilen, welche zu Nürnberg von einigen der Ihrigen, die keine 
Schwärmer seien, sondern für gute Christen geachtet würden, ver- 
anlasst sei, damit er einschreiten könno. Diese Leute behaupteten 
nämlich, man solle einem Jeden seines Glaubens halber Freiheit 
lassen in Predigt und Taufe, und keine Sorge haben, was daraus 
ontstehen möge, sondern solches Gott befohlen. Es gezieme auch 
keiner Obrigkeit, dagegen einzuschreiten, so lange die Betreffenden 
den öffentlichen Frieden nicht störten, denn sonst greife 
man Gott in sein geistliches Reich. Sie hätten sich dabei auf Luthers 
Büchlein berufen, welches er an den Kurfürsten von Sachsen, 
Friedrich, wider den Schwarmgeist Thomas Münzer geschrieben habe. 

So kam es, dass Luther nach und nach immer weniger im 
Stande blieb, andere bedeutende Männer mit eigenen Meinungen 
in der Reformationsarbeit gleichberechtigt neben sich zu dulden, 
dass er diese vielmehr oft mit ebenso grossem Eifer angriff, wie 
den gemeinsamen, mächtigen, geschlossenen Gegner, die katholische 
Hierarchie selbst, und dass diese dann alsbald weite, schon völlig 
verloreno Gebiete wieder erobern konnte. „Wenn sich die Schweizer 
ihres Sieges rühmen/ 4 schrieb er mit Beziehung auf das Marburger 
Gespräch, „so thun sie es nach ihrer Art, denn sie sind lügnerisch, 
sind Trug und Heuchelei, was Karlstadt und Zwingli durch alle 
ihre Worte und Handlungen beweisen." „Wir haben in allen 
Dingen gesiegt," schrieb er nach seiner Abreise von Marburg an 
den Probst Jacob zu Bremen. 

Tiemann und Pelt zu Emden, die mittlerweile eine Kirchen- 



392 

Ordnung entworfen hatten, konnten nun ihre Sache durch diese 
Siegesnachricht stärken. 

Zwingli war darüber entrüstet. Er beklagte sich bei dem 
Landgrafen von Hessen, und bat ihn, er möge dem Grafen Enno 
von Ostfriesland schreiben, dass Luther ihn nicht widerlegt habe. 
Graf Enno jedoch Hess dessen ungeachtet auf Grund der Vorschläge 
der Bremer Prediger eine Kirchenordnung und ein Religionsedikt 
aufstellen, und schickte es an Luther zur Begutachtung. Nachdem 
Luther beide genehmigt hatte, machte der Graf sie bekannt, und 
verordnete, dass sie eingeführt würden. Es heisst darin unter 
anderm, mit dem Abendmahl solle es gehalten werden wie in Sachsen, 
der Prodiger solle mit einem weissen Chorrock bekleidet sein, man 
solle die Kinder nicht ungetauft lassen, und bei der Taufe das 
Anblasen und die Salbung nicht versäumen. Und, was beweist, 
dass die evangelische Partei sich noch nicht rein von der alten 
Kirche getrennt hatte, es sollten zwei Franziskanermönche und 
zwei evangelische Prediger abwechselnd in der Grossen Kirche und 
in der Kirche des Franziskanerklosters in Emden predigen. Dasselbe 
geht aus der Vorschrift hervor, die Prediger sollten sich vorsichtig 
benehmen, Meuterei und Zwietracht vermeiden, und streitige 
Materien nur selten berühren, oder gänzlich davon schweigen. Sie 
sollten vielmehr darüber in den Predigten reden, wie man vor 
den Menschen wandeln, recht glaubon, sich gegen Gott verhalten 
und christlich beten müsse. Auch solle niemand dem andern 
nachrufen, ihn schänden und verachten, ob er fasten wolle oder 
nicht, ob die Geistlichen in den Ehestand treten wollten, oder nicht. 

Den 13. Januar 1530 legte der Graf den zu dem Ende in 
Emden versammelten ostfriesischen Predigern das Edikt vor. Sie 
wollten nicht ohne weiteros darauf eingehen, baten vielmehr um 
die Erlaubniss, schriftlich ihre Meinung darüber einreichen zu 
dürfen, was ihnen schliesslich auch bewilligt wurde. Die Schrift 
wurde beroits am andern Tage überreicht. Es hiess darin, dass 
sie sich als gehorsame Unterthanen in allem, was das Zeitliche 
botreffe, dem Grafen, ihrem von Gott verordneten Herrn, unter- 
werfen, es sich auch gefallen lassen wollten, um Unruhen zu ver- 
meiden, die vorgeschriebenen Ceremonien zu beobachten, nur im 
Punkte des Abendmahls müssten sie auf ihrer Ansicht beharren, 
darin möge man ihnen keinen Zwang anthun. 



393 

Der Graf nahm diese Erklärung sehr übel auf, liess sich aber 
von Aportanus und Ulrich von Dornum besänftigen, und beschränkte 
sich darauf, die neue Eirchenordnung drucken und vertheilen zu 
lassen. Er mochte auch wohl einsehen, dass er nicht weiter vor- 
gehen dürfe, denn die Ostfriesen waren nicht danach angethan, 
sich zwingen zu lassen, und die Stimmung im Lande war bereits 
eine sehr unzufriedene, weil der Graf die Einkünfte der verlassenen 
Klöster zu seinem Privatnutzen verwandte. In einem Spottgedichte, 
welches erschien, wurde nachdrücklich betont, dass das Eigenthum 
der Klöster nicht vom Grafen gestiftet sei, sondern von der Ge- 
meinde, und dass es also auch zum Besten derselben und zur 
Armenpflege vorwendet werden müsse. 

Als die Mönche aus dem Kloster Sylmönken abzogen, schrieben 
sie Folgendes an die Wand: 

Quas quondam pictas nostrorum Stmxit (worum 

Aedes, haeredes devastant more luporum. 

(Was die Frömmigkeit unsrer Ahnen in diesen Mauern zu Stande brachte, 

Zerstören die Nachkommen nach Art der Wölfe.) 

Alle Klostergüter freilich hatte dor Graf sich nicht aneignen 
könnon, denn viele Mönche wollten sich nicht abkaufen lasson, die 
übrig bleibenden Klöster fielen erst später, als die Zeit reifer dazu 
war, unter der Regierung der Gräfin Anna. 

Mit dem Appell des Grafen an Luther machte sich auch des 
letzteren Warnung, keine Sekten zu dulden, gegen die Täufer- 
gemeinde geltend. Von Kiel aus ergingen wahrscheinlich Ver- 
dächtigungen gegen Hoffmann, und die Thatsache, dass er vom 
Könige von Dänemark des Landes verwiesen war, war wohl geoignet, 
den Grafen von Ostfriesland gegen ihn einzunehmen. Am schwersten 
aber fiel wohl das scharfe Mandat des Kaisers von 1529 aus Speier 
gegen die sogenannten Wiedertäufer ins Gewicht. 

Der Graf orliess nunmehr ebenfalls im Januar 1530 ein 
Mandat gegen sie. Es hiess darin : „Jedermann, der mit der Sekte 
dor Wiedertäufer behaftet sei, solle vor dem 2. März, bei Verlust 
Loibes und Vermögens, die Grafschaft Ostfriesland verlassen." 
Karlstadt wurde zudem noch durch die Verfolgung Luthers, welche 
ihn auch hier ereilte, genöthigt, Haus und Hof zu verlassen. 
Er ging nach Strassburg, doch auch dort scheuchte ihn Luther 
durch oin Warnungsschreiben: „An alle Christen zu Strassburg", 



394 

auf, er sagte darin, sie möchten sich vor Karlstadts Schwärmorei 
wohl versehen. Karlstadt wanderte weiter nach der Schweiz, wo 
er von Zwingli freundlich aufgenommen wurde. Darauf schrieb 
Luther an den Landgrafen von Hessen : „Ich will schweigen, wie 
unfreundlich die Schweizer jetzt mit uns fahren, nehmen den 
Karlstadt zu sich; glauben allen den greiflichen Lügen, so der 
elende Mensch wider uns erdichtet, und muss wohl gethan sein, 
vertheidigen ihn Gott weiss wie lange." 

Melchior Rink hatte sich nach Thüringen gewandt, dort 
wurde er in Folge der Nachsuchungen nach Täufern aufgespürt, und 
entfloh nach Hessen, wo er gefangen genommen und zu ewigem 
Gefängniss verurtheilt wurde. Er starb im Kerker. 

So wenig wie das Roligionsedikt erwies sich das Mandat gogen 
die Täufer in Ostfriosland als durchführbar. Dies beweist der 
Umstand, dass, obwohl Hoffmann sich entfernte, die Täufergemeinde 
bestehen blieb, denn Hoffmann weihte bei seiner Abreise einen 
andern Bischof für sie ein, den sie ohne Zweifel selbst gewählt 
hat. Es war ein Niederländer, Namens Jan Volkerts, auch Tryp- 
maker genannt. Hoffmann ging nach Strassburg, wo er still und 
mit schriftstellerischen Arbeiten beschäftigt, lebte. Hier, wo ihm 
die grossen Begebenheiten, welche damals die "Welt bewegten, näher 
traten, wurde er durch das Studium der Offenbarung des Johannes, 
deren Bilder und Aussprüche er auf jene bezog, überspannt. 

Der lange Streit zwischen Karl V. und Franz I. hatte 1527 
dazu geführt, dass 16 000 Mann deutscher Landsknechte unter der 
Anführung Frundsbergs, im Verein mit spanischen und französischen 
Truppen unter Bourbon, unter den grössten Beschwerden Rom, die 
heilige Stadt, einnahmen. Sie wütheten wie Würgengel in den 
Strassen und Häusern, und verübten Scheusslichkeiton, die die 
Feder sich sträubt niederzuschreiben. Der Papst wurde in der 
Engelsburg gefangen gesetzt, deutsche Landsknechte trieben in der 
entwürdigendsten Weise Spott mit ihm. Andererseits loderten 
überall Scheiterhaufen, auf denen die „wehrlosen Christen" (die 
Täufer) verbrannt, spritzte das Wasser zum Himmel, in dessen 
Fluthen sie ertränkt wurden, schrie ihr Blut hinauf. Dazu be- 
drohten die Türkon das deutsche Reich. Das Abendmahl, das Mahl 
der Liebe und der brüderlichen Vereinigung, war tiberall die Ver- 
anlassung zu Hass und Streit. Die Pest wüthete. Zu Speier 



395 

hatten die Evangelischen entschieden protestirt, der Roichstag zu 
Augsburg wurde im Juni 1530 eröffnet, der Tttrkenkrieg kam zur 
Verhandlung, die Protestanton überreichten ihr Glaubensbekenntniss, 
ein Bekenntniss, welches Theologen und Fürsten über die Köpfe 
des Volkes hinweg zusammen gestellt hatten. In einigen Artikeln 
desselben wurden diejenigen verworfen, oder gar verdammt, welche 
dem Inhalte nicht zustimmten. Verworfen wurden z. B. diejenigen, 
welche dem ersten Artikel über die drei Personen in Gott, sodann 
dem zweiten über die Erbsünde, als angeborene Seuche, nicht zu- 
stimmten. Verdammt wurden namentlich die Wiedertäufer, welche 
lehrten, dass die Kindertaufe nicht die rochte sei. 

Bei so verwirrten Zuständen konnte man wohl auf den 
altchristlichen Gedanken zurück kommen, dass das Ende der Welt, 
oder dass die Wiederkunft Elias oder Christi bevorstehe, der alles 
neu ordnen werde. Mit dergleichen Gedanken trugen sich damals 
viele Leute, Schriften aller Art kamen zu Tago und verwirrten 
die Köpfe und Sinne mehr und mehr. 

Hoffmann schrieb oine Auslegung der Offenbarung des Johannes, 
die er dem Könige von Dänemark widmete. Darin griff er Luther 
an, und behauptete, dieser sei ein neuer Gott geworden, der selig 
machen und verdammen könne, und wer ihm nicht glaube, müsse 
ein vormaledeiter Ketzer sein. Sodann veröffentlichte er eine 
Schrift mit dem Titel: „Weissagung von den Trübsalen dieser 
letzten Zeit, von der schweren Hand Gottes über alles gotlose 
Weson, von der Zukunft des türkischen Tyrannen und seines 
Anhanges, wie er seine Reise vollbringen wird, uns zu einer 
Strafe und Ruthe, wie er durch Gottes Gewalt seine Widerlegung 
und Strafe empfangen wird." 

Eine dritte Schrift war betitelt: „Die Verordnung Gottes, 
welche er durch seinen Sohn Jesum Christum eingestelt und be- 
festigt hat." Eine vierte: „Prophezeiung oder Weissagung uss der 
heiligen Schrift von allen Wundern und Zeichen bis zur Ankunft 
Christi am jüngsten Tage." Diese Schriften waren dazu angethan, 
Unheil in den Köpfen anzurichten. 

Von der ersten Schrift sagt sein Zeitgenosse und Anhänger 
Ubbe Philips: „Ein jeder muss sich darüber verwundern, so selt- 
same Dinge worden darin gefunden, ich kann es koinem Menschen 
gründlich sagen, ein jeder mag es selber lesen." Hoffmann hatte 



396 

in dieser Schrift den König von Dänemark für einen der zwei 
christlichen Könige erklärt, durch welche die Erstgeburt Egyptens, 
womit er das Papstthuni bezeichnete, erschlagen werden sollte. 

In Strassburg mochte man nicht ohne Grund besorgt sein, dass 
die religiöse Bewegung der Anhänger Hoffmanns in schwärmerische 
Bahnen gerathe, das kaiserliche Mandat von 1527 wurde deshalb 
1530 wiederholt. Hoffmann musste unter Zurücklassung von Frau 
und Kind Strassburg verlassen, und wurde durch die fluthende 
Bewegung der Zeit wahrscheinlich nach den Niederlanden getrieben, 
wo ihm allerdings noch grössere Lebensgefahr drohte. Wahr- 
scheinlich hat er auch in aller Stille seine Gemeinde in Emden 
besucht und auch hier einige soiner Schriften hinterlassen. Wohin 
er sich weiter begab, ist nicht bekannt. Vielleicht nach Münster 
zu seinem früheren Reisebegleiter nach Schweden, Knipperdolling. 
Die Vermuthung liegt wenigstens nahe. Von Emden, oder wo 
er sich sonst aufgehalten haben mag, sandte er Ende 1531, also 
etwa ein Jahr nach seiner Abreise von Strassburg, Apostel nach 
den Niederlanden. 

Am 22. Oktober 1531 wurden in Amsterdam neun Männer 
durch den kaiserlichen Genoralprokurator des Nachts aus ihren 
Betten geholt und gefänglich nach dem Haag geführt, weil sie 
Proselyton gemacht und einige aufs neue getauft hatten, sie wurden 
am 5. November in Brüssel enthauptet. Sollton dies Sendboten 
Hoffmanns gewesen sein ? Karl v. Gent sagt davon : „Solchergestalt 
wurden diese Hoffmann'schen Gesandton unverrichteter Sache, 
ohne Jünger gemacht zu haben, hingerichtet." 

Im Frühling 1532 war Hoffmann wieder in Strassburg. 
Mittlerweile hatten aber seine Schriften in den Niederlanden vielen 
Verfolgten Kopf und Herz mit den Hoffnungen auf eine bessere 
Zeit erfüllt. So konnte es nicht bleiben auf dieser Erde, das fühlte 
man namentlich in den breiten, durch Naturereignisse und Menschen- 
frevel gequälten, leidenden Volksschichten. 

Westfriesland z. B. war zu Anfang des Jahrhundorts durch 
Bürgerkrieg und Tyrannei der Regierung aufgeregt, Aufruhr war ent- 
standen und unterdrückt, das Volk wurde durch Zwangsabgaben an 
den Herzog von Sachsen ausgesogen, sächsische, geldersche und bur- 
gundische Schaaren durchzogen plündernd das Land und verübten 
Greuel aller Art. So hatte der Herzog von Geldern 1514 seine 



397 

Trappen mit der Erlaubniss, frei zu plündern, in die Provinz 
geschickt. Daneben trieben Freibeuter auf eigene Faust ihr grausames 
Handwerk, und ohne einen bezahlten Freibrief oder Sauvegardo 
wagte niemand von einem Ort zum andern zu reisen, selbst im 
eigenen Hause war man nicht sicher. Die Dorfbewohner suchten 
sich innerhalb der Mauern der Städte zu bergen, fast jode Stadt 
hatte eine Belagerung auszuhalten. Innerhalb der Zeit von 1515 
bis 1517 wurden allein in Wostfriesland, ungerechnet die Schlösser 
und Klöster, 55 Dörfer verbrannt und zerstört, wozu dor Diener 
des Stellvertreters Christi, der Bischof von Utrecht, durch seino 
Kriegshorden nicht wonig beitrug. Zu diesem durch Menschen ver- 
ursachten Elend kamen Moorbrände und Sturmfluthon, so die 
Fluthen von 1511 und 1516, die vielen Menschen und Vieh das 
Leben kostete, Hungorsnoth und Krankheit waren die Folgen. 
Das Volk, in dor Meinung, durch seine Silndon sich solche Strafen 
zugezogen zu haben, suchte Trost bei der Kirche, fand aber nichts, 
als Ablass für schweres Geld, und sah zugleich die Diener Gottes, 
den Klerus, in Ueppigkeit und Sünden ungestraft dahin leben. 
Was Wunder, dass es den Glauben an die entgeistigte Kirche 
verlor und Herz und Sinn über ihr ödes Dach hinaus hob zum 
Himmel ! 

Die Freiheit dor Kinder Gottes in Christo, die Versöhnung 
mit Gott durch Christi Tod, anstatt durch das tägliche Messopfer, 
Versöhnung mit Gott durch den Glauben an seine Liebe und Gnade, 
anstatt durch die Kirche für Gold, alles dies schlug befroiend und 
erhebend an das Ohr des Volkes. Die Bibel, die Quelle dieser 
frohen Botschaft, wurde dem Volke in die Hände gegeben und 
als Wort Gottes vorehrt und durchforscht Sie sprach von der 
Wiederkunft Christi auf Erden, an welche die Apostel unter ähnlichen 
Zeitverhältnissen fest geglaubt hatten. Die Offenbarung des Johannes 
redete von einem neuen Jerusalem. Da konnte es nicht ausbleiben, 
dass dio Schriften Hoffmauns über die Offenbarung, über die Wieder- 
kunft Christi, über den jüngsten Tag und das nahe bevorstehende 
Reich Gottes, in dem nur heilige Menschen Wohnung finden 
würden, eifrig gelesen wurden und nachhaltig wirkten, und zwar 
so wirkten, wie wir es in der Einleitung andeuteten. 

Die Menschwerdung Christi war damals ein Gegenstand des 
höchsten Intoressos. Der Glaube an die Erbsünde hatte zu der 



398 

Folgerang geführt, Christas habe keinen menschlichen Vater gehabt, 
denn sonst hätte er auch damit behaftet sein müssen. Hoffmann 
folgerte konsequent weiter, es sei auch unmöglich, dass Christus 
eine irdische Mutter gehabt habe, und kam zu dem Schlüsse, dass 
Christus an Leib und Seele unmittelbar von Gott geschaffen sei, 
ohne Zuthun der Substanz des irdischen Leibes der Maria. Wie 
viel Köpfe und Federn diese Frage damals in Bewegung gesetzt 
hat, wie viel Wortstreit und Entzweiung sie veranlasste, in welcher 
Weise sie erörtert wurde, ist für uns kaum noch fassbar. 

Lange blieb Hoffmann nicht in Strassburg. Ob man ihn 
wieder vertrieb, oder ob seine Gemeinde in Ostfriosland ihn rief, 
ist nicht zu ersehen. Er kam jedenfalls wieder nach Emden, und 
die Umstände in Ostfriesland machten seine Gegenwart für seine 
Anhänger wohl erforderlich, denn in Aportanus, der 1530 gestorben 
war, hatten sie gewissennassen einen Beschützer verloren. Die 
Zustände auf religiösem Gebiete waren hauptsächlich in Folge des 
Abendmahlsstreits aufs heilloseste verwirrt. In einem Briefe an 
den Kurfürsten von Hessen klagt der Graf, einige Priestor lehrten 
jetzt, es sei wider die Einsetzung Christi, das heilige Abendmahl 
in der Kirche zu feiern, ein jodor Hauswirth solle es in seinem 
Hause thun, andere sprächen in frivoler Weise über das Sakrament, 
noch andere wollten dio Taufe nicht als Sakrament anerkennen, 
auch habe man von Christus gepredigt, er sei ein Mensch gewesen 
gleich andern Menschen, der heilige Geist sei ein Bote Gottes u. s. w. 

Spätere Geschichtsschreiber haben diese Dinge wohl der 
Täufergomoindo zur Last gelegt, wenn diese sich indessen der- 
gleichen hätte zu Schulden kommen lassen, würde man nicht er- 
mangelt haben, dies sofort der Welt mitzutheilen. Hoffmann hatte 
in Emden übrigens auch nichts dergleichen gelehrt; man kann 
mit Sicherheit annehmen, dass er in Emden dieselben Grundsätze 
vertrat, dio er seiner Gemeinde zu Dorpat in Lievland ge- 
predigt hatte. 

Diese dritte Anwesenheit Hoffmanns zu Emden war nur kurz 
— er soll sich in der Zwischenzeit auch noch wieder in den 
Niederlanden aufgehalten haben — und wurde ausserhalb seiner 
Gemeinde kaum bokannt, die Kunde davon hat sich nur durch 
folgende Er^&hlung erhalten, welche zugleich die oigenthümliche 
Erregung der Gemüther in damaliger Zeit lebhaft beleuchtot. Als 



399 

Hoffmarm sich anschickte, wiederum nach Strassburg zu seiner 
Familie zurück zu reisen, soll ein Mitglied dor Täufergemeindo, 
oder vielmehr ihr Bischof selbst, Hoff mann prophezeit haben, er 
würde zu Strassburg gefangen genommon werden, ähnlich wie 
Agabus dem Apostel Paulus, indem er ihm mit seinem Gürtel dio 
Hände band, vorhersagte, dass er zu Jerusalem von seinen Feinden 
gebunden werden würde. Hoffmanns Anhängor trösteten sich mit 
dorn Glauben, dass er alsbald wieder befreit werden und dann 
durch seine Apostel dor ganzen Wolt predigen lassen werde. In 
den Annalen des Banonius findet sich die Legende, der Böse sei 
Hoffmann in der Gestalt des Propheten Elias erschienen, und habe 
ihn zu der vorhängniss vollen Reise nach Strassburg veranlasst. 

Zum vierton Male von soinen Missionsreison nach Strassburg 
zurückgekehrt, gab Hoffmann sich aufs neue schriftstellerischen 
Arbeiten hin. Diesmal war es eine Auslegung des Briefes an die 
Römer, welche ihn beschäftigte. Die frühere Ueberspannung machte 
in dieser Arbeit einer besonnenen Ruhe Platz. Adrian von Eoghem 
sagt darüber: „Hoffmann rodet über das 13. Kapitel von prophetischen 
Offonbarungon im Traum, es könnte auch wohl ein Troiben dos 
Satans sein, deshalb müsso man vorsichtig sein;" und ferner: 
„Indem Hoffmann von den Offenbarungon der verborgenen Dingo 
durch den heiligen Geist rodet, will er, dass solche Offenbarungon 
an der Schrift, als Gottos Wort, geprüft werden als wie in einem 
Spiegel, in welchem Gott gesehen und sein Wille erkannt wird. 
Der, dem diese Gabo zu Thoil wird, ist ein rechter Apostel und 
Geistlicher. Dennoch aber können wir auch durch einen solchen 
Schein, als sei es Gottos Wort, betrogen worden, ja, können auch 
Irrungen auf diese Weise eingeführt worden, und des Satans 
Genossen ihr Amt in der Weise treiben. Darum sagt der Apostel, 
dass, so jemand weissaget, so sei die Weissagung dem Glauben 
ähnlich, und sie darf nicht streiten gogon den wahren Glauben in 
Christus." Und, indem Hoffmann spricht übor das 13. Kapitel des 
Römerbriefos, sagt er ferner: „Dass einige dio Obrigkoit nicht in 
ihrer rechton Verordnung respektiren wollen, ist solcho Blindheit, 
dass sie den Unterschied nicht sehen können in den Aemtern. 
Das Schwert und die Strafe ist eine Noth wendigkeit über straf- 
würdiges Thun, deshalb darf und soll auch jeder Rechtschaffene 
der Obrigkeit förderlich und solcher Noth wendigkeit halber nicht 



400 

hinderlich sein, damit sie erhalten bleibe, und nicht geschädigt 
werde, obwohl ein rechter Christ ihrer nicht bedarf. Dieser wird 
der Obrigkeit nicht allein um des Schutzes und um andrer Dinge 
Willen dienen und gehorsam sein, sondern auch Gewissens halber." 

Diese Worte Hoffmanns legen Zeugniss für nichts weniger 
als aufrührerische Gesinnungen ab. Man nahm ihn trotzdem 
. gefangen, wahrscheinlich weil er in den Häusern der Täufer, der 
Anhänger Hätzers, Sattlers und Denks, wie schon früher, verkehrte, 
sich dieser führerlosen Leute annahm und ihnen Winkelpredigten 
hielt. Aus diesem Grunde war er schon zwei Mal ausgewiesen 
worden, und die stets steigende Zahl seiner Anhänger erregte Be- 
sorgniss bei den anderen Predigern. Als besonders strafbar wurde 
eine Ansicht von ihm hervorgehoben, welche er in Wort und 
Schrift geäussert haben sollte, dass nämlich Strassburg das geistliche 
Jerusalem sei und Rom das geistliche Babel. Diese angebliche 
oder wirkliche Aeusserung Hoffmanns fiel wie ein geflügeltes Wort 
in die aufgeregte Masse des unglücklichen Volkes, und wirkte, 
missverstanden, unheilvoll zündend, namentlich in den Niederlanden, 
wie in der Einleitung geschildert worden. 

Hoffmann soll bei seiner Gefangennahme anfangs wie von 
Sinnen gerathen sein, bald jedoch sich willig und getrost ins 
Gefängniss haben abführen lassen. Die Einzelheiten, welche davon 
erzählt werden, sind augenscheinlich so fabelhafter Art, dass sie 
keinen Glauben verdienen. 

Die Gefangennahme Hoffmanns rief unter der Täufergemeinde 
Strassburgs eine unbeschreibliche Aufregung hervor. In ihm hatten 
sie, nachdem alle ihre Führer der Verfolgung erlegen waren, aufs 
neue Halt und Stütze gefunden, ihr Glaube an ihn und seine 
Sendung war fast unerschütterlich. Einer der Gegner schreibt 
darüber: „Dieser Melchior Hoffmann wird von soinon Jüngern für 
einen grossen Propheten und Apostel ausgeschrien, der sich vor 
dem grossen Tage des Herrn in don Niederlanden habe erheben 
sollen und das rechte Evangelium erst in alle Welt hinaus bringen." 

Nach der Gefangennahme Hoffmanns wurde auch in Ostfries- 
land, und namentlich in Emden, dio Stimmung gegen die Täufer 
eine andere. Der Graf hatte ja bereits ein Edikt gegen sie er- 
lassen, der gebrandmarkte Name „Wiedertäufer" war vielleicht von 
Sachsen herüber geklungen, denn von nun an heisst es bei allen 



401 

ostfriesischen Geschichtsschreibern, da einer es dem andern nach- 
schrieb, 1528 seien die Wiedertäufer ins Land gekommen. Der 
echt christlich gesinnte Aportanus war nicht mehr unter den 
Lebenden, in der Bürgerschaft nahm man heftig Partei für und 
wider die Täufer, die Prediger eiferten scharf gegen sie, und wenn 
die Gemeinde auch nicht ausgerottet wurde, weil die Regierung 
die Hand nicht nachdrücklich dazu lieh, so fühlte ihr Lehrer und 
Bischof, Trijpmaker, sich doch veranlasst, Emden zu verlassen. Er 
begab sich nach Amsterdam, wurde dort aber bald durch die 
Ketzerriecher des Kaisers aufgespürt und verfiel mit sechs seiner 
Gesinnungsgenossen dem Beil dos Henkers. 

Dass solche Verfolgungen die ihrer Führer beraubten Täufer 
nun auch in den Niederlanden, wie in Deutschland, zur Verzweiflung 
brachten, ist nicht zu verwundern. Hoffmann vornahm die Kunde 
im Gefängniss. Er schrieb den Brüdern an der Nordseeküste, sie 
mochten vorerst in aller Stille ihren Gottesdienst halten und 
wenigstens innorhalb zweier Jahre niemand taufen. Er wies sie, 
anstatt auf das Evangelium, wieder auf eine Stelle im Alten 
Testament: der Bau des Tempels Zorobabels sei auch auf zwei 
Jahre durch die Feinde verhindert worden. Durch diese, der 
Einkerkerung sich hinzu gesellende Aufregung scheint Hoffmann 
damals einer temporären Geistesstörung verfallen und seine 
Exaltation aufs höchsto gestiegen zu sein. Trotzdem gestattote 
man ihm fortwährend, von seinem Gefängnisse aus an seine An- 
hänger Briefe zu schreiben, und ebenso von nah und fern deren 
täglich zu empfangen. Tag aus Tag ein sollen Glaubensgenossen 
bei ihm verkehrt haben und sollen Vorschriften von ihm nach den 
Niederlanden gesandt sein. In Strassburg hatten einige unter den 
Täufern Gesichte und Offenbarungen. Diese hielt nun Hoffmann 
in seiner Aufregung für so glaubwürdig, dass er sie mit den 
Weissagungen der Propheten Jeremias und Josaias auf eine Linie 
stellte. Er schrieb sie nieder und sandte diese Schrift nach den 
Niederlanden, wo sie Köpfo und Sinne noch mehr verwirrte und 
viele seiner verzweifelten Anhänger zu ihrem Verdorben in dio 
Hände niedrig stehender Fanatiker trieb, zu denen sich allerlei 
fahrendes Volk gesellte. 

Es ist nicht zu bogreifen, dass diejenigen, welche Hoffmann 
hatten gefangen nehmen lassen, weil er nach ihrer Ansicht durch 

26 



402 

Wort und Schrift Unheil anstiftete, ihm im Gefängniss hierzu doch 
völlige Freiheit Hessen. 

Zu der Zeit war auch Easpar Schwenkfeld in Strassburg 
anwesend, wohin er wahrscheinlich im März 1533 verzogen war. 
Er schrieb damals an Leo Judä: „Die Anabaptiston und Hoffmann 
patronisire ich nicht mehr, denn so viel dem Geiste Christi gemäss 
ist." Schwenkfeld scheint abor mit Hoffmann doch in intimen 
Verkehr getreten zu sein und beruhigend auf denselben eingewirkt 
zu haben. Beide hielten darum an, man möge ein Kolloquium 
mit ihnen abhalten; in der betreffenden Bittschrift sagt Schwenk- 
fold, er sei kein Verführer und Ketzer, und bitte sich deshalb 
Schutz und Schirm aus. 

Man ging auf die Bitte ein, vielleicht um so eher, als eine 
zu Strassburg bevorstehende Provinzialsynode Gelegenheit dazu 
bot Strassburg, Memmingen, Lindau und Kostnitz hatten zu der 
Augsburgischon Konfession näml ich eine Sonderstellung eingenommen, 
sich von den mit den sächsischen vereinigten Kirchen getrennt, und 
dorn Kaiser ein besonderes Glaubensbekenntniss überreicht. Durch 
den Schmalkaldiscllen Bund war indessen der Riss gestopft worden. 
Dje betreffenden Verhandlungen sollten dieser Synodo vorgelegt 
werden und die Irrthümer Schwenkfolds und Hoffmanns in 
zwoiter Stelle zur Verhandlung kommen. Die Synode fand am 
11. Juni 1533 statt. 

Hoffmann sollte sich wegen seiner Ansichten über folgende 
Punkte verantworten : „Erstens, die Menschwerdung Christi ; z weitons, 
die Gnadenwahl und den freien Willen oder das Vermögen unserer 
Natur zum Guten; drittens, die Vergebung der wissentlich be- 
gangenen Sünden; viertens, die Kindertaufe." 

Die Menschwerdung Christi botreffend, blieb Hoffmann bei 
seiner bisherigen Ansicht, und begründete sie mit Schriftstellen. 
Mit Beziehung auf den zweiten Punkt behauptete er, die Erlösung 
von der Erbsünde durch Christus werde allen Menschen zu Theil, 
ebenso sei es allen gegeben, Gottes Kinder zu werden, und wer 
diese Gnade recht gebrauche, was in eines jeden Vermögen stehe, 
komme zur Seligkeit. Er berief sich dabei auf die Stelle Joh. 1. 12: 
„Welche ihn angenommen, denen hat er Macht gegeben, Gottes 
Kinder zu werden," und fügte hinzu, auch die Vernunft gebe uns 
schon Licht in dieser Sache, Gott könne da nichts fordern, wo er 



403 

nichts hingelegt habe. Wenn er nicht jedem die gloiche Kraft 
zum Guten gebe, könno er dann wohl Gleiches von allen fordern? 
Von der Gnadenwahl sagto or, man müsse die Schriftstellen, die 
von solcher Wahl redeten, wie die von den Aemtern vorstehen, 
zu welchen Gott die Seinen verschieden gebrauche, worauf die 
Stellen 1 Gorinther 12 und Epheser 4 deuteten, und ferner sei zu 
beachten, was Römer 9 von den Gefässon dos Zorns und der Barm- 
herzigkeit steho, und 2 Timoth. 2. 20 von den GefUssen zur Ehre und 
Unehre gesagt werde; dies solle man nicht also vorstehen, als wenn 
Gott etliche zum Lebon erwählt und etliche verworfen habe, sondern 
so, wie Paulus es von den verschiedenen Gliedern am Leibe an- 
deute. Man möge sagen, was man wolle, es sei doch schlechter- 
dings Gottes Wille, dass einem joden geholfen werde, und dass 
jeder selig und niemand verdammt werde. In der dritten Frago, 
über die Vergebung der Sünden, orklärto Hoffmann sich dahin, 
dass er mit dem Ausspruche Christi übereinstimme, wonach die 
Sünde wider den heiligen Goist nicht vergoben werden könno. 
Solche Sünde sei, wenn jemand vorsätzlich und wissentlich, nachdem 
er erleuchtet worden, von neuem sündige. In der Verhandlung 
über den vierten Punkt beharrte Hoffmann dabei, dass dio Taufe 
der Erwachsenen im Evangelium verordnet und eingesetzt sei. 

Aus allem diesen geht deutlich hervor, dass Hoffmann seine 
volle Besonnenheit und seinen klaren Blick wieder erlangt hatte. 
Martin Butzer schickte diese Verhandlungen mit einer Vorrede 
„an die lieben frommen Christen in Niederland". Es hiess darin: 
„Also habt ihr nun, lieben Brüder, was mit Hoffmann in unserer 
Synode gehandelt ist, aus dem ihr wohl sehet, wie schwer dieser 
Mensch in des Satans Banden'liegt. Donn in seinem ersten Artikel, 
den er für das rochte Evangelium ausschroiet, verleugnet or, wahre, 
beide Gottheit und Monschhoit in Christo, und also den ganzen 
Christum. Im andern, dio Vorsehung Gottes, Wahl und Kraft dor 
Erlösung Christi und erhebt dahingegen das elende, nichtige Vermögen 
unsrer verderbten Natur. Im dritten nimmt er den hohen Trost, 
dass wir in christlicher Gomein Verzeihung der Sünden haben. 
Im vierten trennet und zerstöret er die Gemeinschaft der Heiligen und 
der wahren Kirche, so or den Kindertauf aus dem Teufel vorgiebt." 

Dass diese Schrift Butzers in den Niederlanden beruhigend 
auf die immer höher fluthende und theilweise in heillose Bahnen 

26* 



404 

gerathende Bewegung zu wirken geeignet gewesen sei, ist gewiss 
zu bezweifeln. Besser wäre es vielleicht gewesen, wenn man 
Hoffmann solbst dahin abgeordnet hätte, um die durch seine zum 
Theil in höchster Geistesverwirrung geschriebenen exaltirtcn Worte 
geweckten Geister zu bannen, dann hätten nicht, wie es geschah, 
unberufene Propheten sich der Situation bemächtigen können. Statt 
dessen aber wurde Hoffmann zu strenger lebenslänglicher Kerker- 
haft verurtheilt, wo Gram und Kummer dem eifrigen Manne an 
Leib und Seele nagten und ihn aufrieben. 

Kaspar Schwenkfeld traf ein milderes Ur theil; man wies ihn 
aus der Stadt. Wie sehr er von tiefem Mitgefühl wegen des viel 
schwereren Urtheils gegen Hoffmann für diesen ergriffen wurde, 
geht aus einem Briefe hervor, den er am 5. Juli 1533 an Leo 
Judä schrieb. Es heisst darin: „Es kann mich nicht genugsam 
verwundern, dass ihr den armen Melchior Hoffmann so freventlich 
verdammt und gleichsam zum Tode verurtheilet und sagt, er leugne 
Christum und Gott! Wer sagt euch aber das? Er würde es 
nicht gestahn; er meinet, er habe den rechten Christum, den 
himmlischen Christum ergriffen, des Fleisch empfangon sei vom 
heiligen Geist. Es sei vom Himmel gekommen, das wahre Himmel- 
brodt, die rechte Speisen der Seelen, nach den Sprüchen 
,mein Fleisch ist wahrhaftig eine Speise', ,der erste Mensch ist 
von der Erden, der andre (siehe 1 Cor. 15. 47) 1 , darauf führet 
er viel andre Sprüche und vermeinet damit vielmehr Christum zu 
verehren, denn zu verlästern, woltet ihr ihn darum tödten oder 
gefangen halten? Nicht also, mein Leo! ob er gleich noch nicht 
verstehen konnte wie Christus unser Fleisch aus Maria an sich 
genommen hat. — Ich hätte noch viel von Hoffmann mit euch zu 
reden, allein von wegen solcher vermessen Urtheil, dass ihr so 
schnell seid die Ketzer oder irrende Leut zum Tode zu verdammen 
— ist wahrlich kein gutes Zeichen. — Ich habe Butzor es vor- 
gehalten im Synodo, warum er nicht den Luther, dor doch eben 
solches Büchlein von Sakrament wider die Schwärmer *) geschrieben, 
wie es auch Butzer anzeigt wider des Käuzen **) Artikel, auch so 
hart angreift. Aber die Gelehrten streichen einander die Federn ab, 



*) Luther schalt nämlich seinerseits die Zwinglianer Schwärmer. 
**) Jacob Kauz, Prediger zu Worms, S. 411. 



405 

ein armer Gesell muss dann das Bad ausgiesson. Warum? Der 
Arme hat niemand der ihn schütze. Er kann sich nicht rächon. 
— Wenn man euch so die Wahrheit sagt, so könnt ihr's nit 
leiden, da muss es die Kirche zertrennt und die Einigkeit verstört 
hoissen. — Solch's schreib ich nit darum, dass ich Butzern wollte 
verkleinern, ebenso wenig wil ich Hoflfmann vertheidigen." — 

In ähnlicher Weise wurden Caspar Hedio und Martin Zell 
von Mitleid mit Hoffmann ergriffen, nachdem sie ihn zu Anfang 
dos Jahres 1534 im Gefängniss besucht hatten. Sie berichteten 
dem Rath, Hoffmann sei krank an Leib und Seele, und baten um 
etwas bessere Pflege, man könne sich ja noch Hoffnung machen, 
dass er zur gründlichen Aenderung seiner Meinung komme, da er 
nun auch sehe, dass seine Hoffnungen und Prophezeiungen thöricht 
und eitel gewesen seien. 

Als Hoffmann erfuhr, wie schrecklich sich die Dinge in den 
Niederlanden und schliesslich in Münster gestaltet hatten, da mögen 
ihn wohl seine Bande wie Blei gedrückt haben. Gewiss hat der 
heisso Wunsch ihn ergriffen, selbst hineilen und einschreiten zu 
können, wie Luther von der Wartburg unter ähnlichen Umständen 
nach Wittenberg; aber er konnte die Mauern nicht zertrümmern 
und die Fesseln nicht sprengen, mit denen seine christlichen Gegner 
ihn hielten; ihm stand nichts zu Gebote, als die Feder und oin 
lebendiges zorniges Wort gegen diese Rotte Korah, wie er die 
Schwärmer nannte. Er schrieb ihnen mit Donnerworten, derselbe 
Untergang, der Dathan und Abiram ereilt habe, stehe auch ihnen 
bevor. Aehnlich äusserte er sich denen gegenüber, die ihn be- 
suchen durften. Aber seine Worte flogen nicht mehr nach den 
Niederlanden und dann dort weiter von Mund zu Mund, wie ehedem; 
ein neuer Prophet, Jan Matthijs, hatte Hoffmann daselbst über- 
flügelt. Man vermuthet, dass Hoffmann nach sechsjähriger Ein- 
kerkerung 1540 durch den Tod erlöst worden sei. 

Ein thatenreiches Leben fürwahr fand damit im Kerker zu 
Strassburg ein Ende ! Und trotz mancher Irrungen ist dies Leben 
für seinen Träger ein ehrenvolles gewesen. Hoffmann hat in selbst- 
loser Weise unentwegt der Wahrheit nachgestrebt. Seine Fehl- 
griffe hat er erkannt, und hat dann, von Reue ergriffen, das selbst 
gethan, was er seine Anhänger früher über die rechte Beichte 
gelehrt hatte, indem er nach der zweiten Kegel, die er darüber 



406 

aufgestellt hatte, „dass man einem gelehrten Manne, zu dem man 
Vertrauen habe, seine Schuld bekennen solle, um von ihm Unter- 
richt und Trost zu erhalten, wenn man sich bei irgend einer Be- 
schwerung des Herzens wegen des Vergehens etwa nicht zu helfen 
wüsste", aller Wahrscheinlichkeit nach den Strassburger Predigern 
Martin Zell und Caspar Hedio sich anvertraute. Auch Butzer 
wird genannt, derselbe soll sich bemüht haben, ihn zu bestimmen, 
seine „Irrthümer", wie Butzer sie nannte, als solche zu erkennen. 
Man sagt, Hoffmann habe seine früheren Ansichten schriftlich 
widerrufen, indessen ist das betreffende Schriftstück bislang nicht 
in die Oeffentlichkeit gekommen. Man kann also nicht beurtheilen, 
in wieweit und was er widerrufen hat, wahrscheinlich war der 
Inhalt nicht derartig, dass die Gegner Hoffmanns, in deren Hand 
es lag, dasselbe mit Triumph der Oeffentlichkeit zu übergeben 
Anlass fanden. Es heisst auch, dass es zwischen ihm und den Strass- 
burger Predigern zu einem Vergleich gekommen sei, was beweisen 
würde, dass er nicht alles widerrufen hat. Das konnte er auch 
kaum, da er ja vieles Richtige und Wahre klar erkannt und aus- 
gesprochen hatte. Seine prophetischen Einbildungen soll er jedoch 
für falsch erklärt haben. Sodann soll er in dieser Schrift gebeten 
haben, man möge doch die Spaltung in der Kirche, welche so viel 
Aergorniss hervorgerufen habe, abthun, und den Weg zur Eintracht 
anbahnen. Auch soll er gebeten haben, wenn er in seinen 
mündlichen Vorträgen oder in seinen Schriften etwas gelehrt habe, 
das seinem jetzigen Bekenntnisse zuwider sei, so möge man ihn 
nach diesem beurtheilen; im Uebrigen wolle er in seinem Eifer 
für die Beförderung der lautern unverfälschten Lehre und der 
reinen Handhabung der christlichen Gebräuche, sammt einer 
ernstlichen Kirchenzucht, bis an seinen Tod beharren. Diese Mit- 
theilungen sind uns von dem Schwiegersohne des David Joris, 
Nikolaus Blesdyk, in der Lebensbeschreibung des Joris erhalten 
worden. Blesdyk thcilt forner mit, Hoffmann sage in dem genannten 
Schriftstück, obwohl er die Lehre der Zwinglianor von der Gnaden- 
wahl angefochten habe, so sei er doch niemals der Meinung gewesen, 
dass der Mensch aus eigenem Bemühen und eigenen Kräften, ohne 
die besondere Gnade Gottes, die wahre Gerechtigkeit Christi an- 
fangen, geschweige denn vollenden könne. 

Auf der Synode zu Strassburg hatte Hoffmann sich über die 



407 

Gnadenwahl so geäussert: Diese Wahl zu gebrauchen, stehe in 
einos joden freien Willen und Vermögen, und wer es recht thue, 
komme zur Seligkeit, wer das nicht thue, würde im verkehrten 
Sinne dahin gegeben. Er berief sich dabei auf die Stelle Joh. 1. 12: 
„Welche ihn angenommen haben, denen gab er Macht, Gottes 
Kinder zu werden." In diesem Punkte hat er also bestimmt nicht 
widerrufen. 

In demttthigor Erkenntniss seiner Fehlgriffe und im festen 
Glauben an die Gnade Gottes, der alles begreift, und darum auch 
verzeiht, hauchte Hoffmann in seinen Banden im Gefängnisse zu 
Strassburg seine feurige Seele aus. Die Eindrücke aber, welche 
sie in den Geistern der Menschen hinterliess, sind heutzutage noch 
lebendig und wirksam! 



IL Ludwig Hätzer. 

Ludwig Hätzer war einer der bedeutendsten Führer der Täufer 
oder apostolischen Brüder in der Reformationszeit, und ein Freund 
und Gesinnungsgenosse Michael Sattlers und Hans Dencks. Näheres 
über den Ort und die Zeit seiner Geburt liegt nicht vor; seine 
Vorfahren sollen Waldenser gewesen sein. Er hatte, wie seine 
genannten Freunde, eine gelehrte Erziehung genossen, und strebte 
mit ihnen und anderen Gleichgesinnten zunächst dahin, die durch 
Luther und Zwingli angebahnte Reformation der Kirche nach dem 
Muster der ersten christlichen Gemeinden weiter zu entwickeln. 
Sie entsprachen damit einem Bedürfniss weiterer Yolkskreise. 

In Strassburg neigte man sich nach Einführung der Reformation 
zuerst weder entschieden nach Wittenberg noch nach Zürich; wohl 
aber machte sich seit 1524 das Verlangen nach Stiftung einer 
apostolischen Gemeinde geltend, die dann 1526 ein thatkräftiger 
Mann, Namens Jakob Gross, ins Leben rief. Gross lehrte, dass 
nach den Vorschriften des Evangeliums die Taufe nicht an Kindern, 
sondern an Erwachsenen als Besiegolung ihres Glaubens zu voll- 
ziehen sei, dass man nach denselben keinen Eid schwören, noch 
das Schwert des Glaubens wegen gegen die Obrigkeit oder gegen 
den Nächsten führen dürfe. 

Vor den Rath gefordert, gab Gross an, dass er vor zwei 
Jahren zu Waldshut getauft worden sei, dass er aber von dort weg- 
gezogen sei, weil er nicht mit den aufrührerischen Bauern zu Zell 
habe gehen wollen. Auf die Frage, ob er die Obrigkeit anerkenne, 
antwortete er, er sei bereit, zu halten, was der Obrigkeit zukomme, 
er werde für seine Person sich ihr niemals widersetzen. Er werde 
daher, wenn sie gebiete, auch auf Wache ziehen, hüten, Harnisch 
anlegen, den Spiess in die Hand nehmen, dagegen sperre er sich 
gar nicht, „aber die Leut' todtzuschlagen, das sei in kein Gebot 
Gotts geschrieben." 

Als er in einem späteren Verhör, bei welchem Martin Butzer 
zugegen war, gefragt wurde, ob or eine Obrigkeit, die das Schwert 



409 

führe, für christlich halte, sagte er: „Der Butzer wolle ime die 
Hand in den Sak wüschen, solchs stand nit by ime, doch stelle er 
solch urtel Gott dem Herrn anheim." Er bekenne, dass der welt- 
lichen Obrigkeit das Schwert gegeben und befohlen sei, den Bösen 
zur Strafe, den Outen zur Aufbauung (zum Schutz, Hilfe). Er 
wiederholte, er wolle der Obrigkeit in allen Dingen gehorchen, 
ausgenommen, wenn sie ihm etwas gebiete, was wider Gottes Wort 
sei, als z. B. jemand todt zu schlagen. Auch könne er der Obrig- 
keit nicht schwören, da Matthäus 5 der Eid unbedingt verboten sei. 
Wegen dieser Grundsätze wurde Jakob Gross aus Strassburg 
verbannt; er begab sich nach Augsburg. Michael Sattler aus Staufen 
trat in seine Stelle als Lehrer und Führer der apostolischen 
Gemeinde zu Strassburg, wo Hans Denck und Ludwig Hätzer sich 
zu ihm gesellten. Diese drei gewannen bald einen solchen Einfluss, 
dass die Strassburger Frediger sich darüber stark beunruhigt fühlten. 
Sie voranstalteten deshalb 1527 ein Religionsgespräch mit ihnen. 
„Als man sie aber," wird berichtet, „nicht dahin bringen konnte, 
dass sie in sich gingen und sich besserten, hat noch in dem- 
selben Jahre der Magistrat den Widerspenstigen die Stadt verboten, 
und zugleich durch ein Mandat vom 26. Juni 1527 den Bürgern 
untersagt, irgend einem derselben Obdach zu gewähren." Da ein 
Protokoll über das mit ihnen gehaltene Religionsgespräch nicht 
publicirt ist, so lässt sich auch nicht ermitteln, welche Grundsätze 
der Täufer zu dieser Massregel Veranlassung gaben. Yerbrecherischer 
oder schwärmerischer Art werden sie nicht gewesen sein, denn in 
solchem Falle würden die Gegner nicht ermangelt haben, das 
Gespräch zu veröffentlichen. 

Das erwähnte Mandat des Magistrats zu Strassburg lautet: 
„Wir, Jakob Sturm und der Rath zu Strassburg, thun kund 
und zu wisson, nachdem sich zu dieser Zeit zu Verhinderung und 
Abwendung des göttlichen Befehls viel Sekten und irrige Lehren 
erhaben und eräugen und nemlich mit etlichen Personen, die 
Wiedertäufer genannt, so unter ihren Schein, vor andern Christen 
ein fromm Leben zu führen vorgeben, aber dabei zuwider aller 
göttlicher und evangelischer Schrift, die Oberkeit, so den Guten zu 
Schutz und den Bösen zur Straf von Gott eingesetzt, christlich zu 
sein, nicht allein nicht bekennen, sondern auch daneben etliche 
ungegründte Fürnehmen entgegen den Artikeln so zur Unterhaltung 



410 

des, gemeinen Nutzens, Liebe, Friede und Einigkeit dienstlich auf- 
gesetzt, und von Gott zu thun nicht verboten sind, fürhabon, und 
als Zertrennor und Beleidiger eines christlichen und heiligen "Wesens 
auf ihren hartnäkkigen Köpfen vorharren, und keiner Unterweisung 
sich sättigen lassen wollen." 

„Dieweil uns, als einer fürgesetzten Obrigkeit, solchem un- 
gogründeten, sträflichen, einreissenden Handel von Gott und 
Amtshalb vorzuseyn gebührt, ziemt und befohlen ist: Demnach so 
gebieten wir mit hohem Ernst allen und jeden unsern Bürgern, 
Hindersassen, Angohöhrigen und Verwandten, Geistlichen und 
Weltlichen, in Stadt und Land, dass sie sich solcher irrigen und 
der heiligen Schrift widerwärtigen Verführung verhüten, der Wider- 
täufer odor ihrer Anhänger sich entschlagen, deren einen noch 
keinen bei sich haussen, herbergen, äzen oder tränken, noch unter- 
schleif geben, sondern dieselbigen, als so ihres irrigen Sinnes nicht 
gestraft, oder unterwiesen wollen werden, abweisen." 

„Dann welcher, der das nicht thäte, er wäre fremd oder 
beimisch, niemands ausgeschlossen, und sich mit demselbigen, und 
ihrem schändlichen Fürnemon vermischen, sie unterhalten, oder 
Gemeinschaft mit ihnen haben, oder ihrer schädlichen Meinung 
nachgeben und anhangen würden, den oder die wollen wir mit 
Ernst der Gebühr nach ungestraft nicht lassen, dass wir einem 
jeden, warn ungs weise, sich vor Schaden zu verhüten, nicht wollen 
verhalten. Actum et decretum auf Sambstag den 26. Juni 1527." 

Es war Grundsatz der Täufer, der Obrigkeit gehorsam zu 
sein in allem, was nicht gegen die Schrift ging, und demgemäss 
versuchten auch ihre Führer Ludwig Hätzer, Hans Denck und 
Michael Sattler keinen Widerstand, sondern verliessen Strassburg, 
um den Worten Jesu: „so man euch aus einer Stadt weiset, so 
fliehet in eine andere" gemäss anderswo eine Stätte zu suchen. 
Sie wandten sich nach Worms, wo die Beformationsbewegung schon 
lange eine hochgradige war. 

Schon als Luther am 16. April des Jahres 1521 in Worms 
einzog, um sich auf dem Reichstage wegen seiner neuen Lehre 
zu verantworten, hatte sich oine solche Volksmenge um den kühnen 
Mönch gedrängt, der des Volkes verhaltenen Groll gegen den 
Zwang der Kirche verkörperte und seinem Verlangen nach Freiheit 
Luft schaffto, dass man ihn durch Gärten und Hinterthüren nach 



411 

dorn Reichstagssaal bringen mussto, weil sonst kein Durchkommen 
war, und als er dann in der gewaltigen Versammlung des Reiches 
unerschrocken und entschieden für seine Sache eingetreten war, 
da hatte die Reformation zu Worms festen Fuss gefasst, und hier 
nicht mindor als in Zürich durch die apostolischen Brüder, hatte 
sich der Volksgeist von der Idee einer neuen Kirchenbildung ab 
sofort der Gemeindebildung nach apostolischem Muster zugewandt. 

1525 war Melchior Hoffmann in den Rheingegenden, und kam 
auch nach Worms, wo er mit dem Prediger Kauz in Verkohr trat. 
Dieser gehörte der lutherischen Richtung an, trat aber im 
Januar 1527 mit einem andern Amtsgenossen, Hilarius, zu der 
apostolischen Gemeinde übor*). Noch in demselben Monat des 
Jahres 1527 sehen wir Ludwig Hätzer, Hans Denck und Michael 
Sattler in Worms. 

Der Hinzutritt solcher bedeutenden Männer zu der apostolischen 
oder neutäuferischen Partei verstärkte diese in einem für die Gegen- 
partei bedenklichen Grade. Vorerst indessen hatten die drei hier 
Ruhe, sodass sie sich schriftstellerischen Arbeiten hingeben konnten. 

In Luthers Augen hatte das Auftreten dieser Führer der 
Täufer etwas Eigenmächtiges. Was er für sich selbst in aus- 
gedehntem Masze in Anspruch genommen hatte, wollte er für sie 
nicht gelton lassen. Bereits 1526 Hess er eine Predigt drucken, 
in welcher er die Täufer bekämpfte. Als dann Kauz trotz einer 
Warnung des Kurfürsten zu ihnen übertrat, indem er im Juni 1527 
eine Reihe von Thesen an das Predigerkloster zu Worms schlug, 
antwortete die lutherische Partei durch Gegenthesen. Diese Ent- 
zweiung brachte auch die Katholiken wieder auf den Plan, und 
somit kam die ganze Bürgerschaft, welche sich grösstenteils der 
apostolischen Partei zuneigte, in grosse Aufregung. Sogar von 
Strassburg aus mischten sich die Prediger hinein. Nachdem dort 
das Mandat gegen dio Täufer erlassen und sie aus der Stadt ge- 
wiesen worden waren, gaben die Prediger eine Schrift heraus, in 
welcher sie die Wormser gegen die Irrthümer des Kauz warnten. 
Der Titel lautete: „Getreue Warnung der Diener des Evangeliums 
zu Strassburg über die Artikel, so Jakob Kauz, Prediger zu Worms, 
kürzlich hat ausgehen lassen." 



*) Siehe Hans Denck, ein Apostel der Wiedertäufer, von Keller, S. 201. 



412 

Die lutherische Partei rief die weltliche Macht gegen die 
Täufer zu Hülfe und fand beim Kurfürsten Gehör. Feuer und 
Schwert wütheten gegen die apostolischen Christen, und das 
Reformationswerk wurde in der Pfalz so gut wie in Oesterreich 
und der Schweiz mit Blutflecken besudelt, die bis heute noch nicht 
getilgt und gesühnt sind. 

Hätzer, Denck und Sattler entkamen damals noch dem Tode, 
aber nicht lange nachher wurden auch sie Opfer ihrer Ueber- 
zeugung. Michael Sattler hatte Worms bereits Anfang dos 
Jahres 1527 verlassen, und war nach Rotenburg am Neckar ge- 
zogen, um das Reformationswerk dort zu fördern. Rotenburg ragt 
hervor durch dio Menge der protestantischen Märtyrer, die in seinen 
Mauern ihrer Ueberzeugung zum Opfer fielen. Die Grausamkeiten, 
welche seine Freunde und Gesinnungsgenossen überall zu erdulden 
hatten, erfüllten Sattler mit solcher Entrüstung, dass er bei einer 
Gelegenheit sagte, falls Krieg überhaupt erlaubt wäre, würde er 
lieber gegen die sogenannten Christen ziehen, welche ihre wehr- 
losen frommen Mitchristen verfolgton und tödteten, als gegen dio 
Türken. Er wurde eingezogen, und namentlich wegen dieser 
Aeusserung, die er zugab und zu widerrufen sich weigerte, an- 
geklagt Ein rechter Türke, sagte er in seiner Yertheidigungsrede, 
weiss nichts vom Christenglauben, er ist ein Türke dem Fleische 
nach, aber wir wollen Christen sein, und rühmen uns Christi, und 
doch verfolgt ihr die frommen Zeugen Christi, und seid Türken 
nach dem Geiste. Daneben wurde ihm u. A. noch Folgendes zur 
Last gelegt: er und seine Glaubensgenossen hätten wider die 
kaiserlichen Mandate gehandelt; sie glaubten nicht, dass der Leib 
und das Blut Christi im Sakrament des Abendmahls sei; sie ver- 
würfen die Kindertaufe, und ständen der Taufe Christi, wie sie 
sagten, vor; sie hielten nichts vom Sakrament der Oelung; sie 
weigerten sich, die Mutter Gottes und die Heiligen anzurufen und 
zu ehren; sie lehrten, man solle nicht schwören; sie lehrten, dass 
die Christen nicht Krieg führen dürften; er, Michael Sattler, sei 
aus dem Mönchsorden getreten und habe ein Weib genommen. 

Sattler bat dio Richter, man möge ihn den gelehrtesten 
Männern gegenüber stellen, damit diese ihn mit der Bibel, in 
welcher Sprache es auch sei, bowiesen, dass er im Unrecht sei. 



413 

Gelänge ihnen dies, dann wolle er gerne sterben. Die Antwort 
war, er sei oin Bösewicht und Ketzer, der Henker solle mit ihm 
disputiren. Seine mitgefangenen Glaubensgenossen wollten so wenig 
als er von ihrem Glauben lassen, sie wurden ebenfalls, Frauen 
sowohl als Männer, zum Tode verurtheilt. Michael Sattler erlitt, 
nachdem er zuerst grausam gemartert war, den Feuertod, die andern 
wurden auf Vieler Ansuchon nur durch das Schwert hingerichtet 
und die Frauen ertränkt. Die Frau Sattlers suchte man durch 
Ermahnungen und Drohungen von ihrem Glauben abwendig zu 
machen, jedoch vergeblich, auch sie ging für denselben in den Tod; 
man ertränkte sie. 

„Von wellichem allem noch weitläuftig Schrift vorhanden ist 
in der Gemain," heisst es in der erwähnten Handschrift der 
Bibliothek der taufgosinnten Gemeinde zu Amsterdam, der obige 
Mittheilungen über Michael Sattler entlohnt sind. 

Ludwig Hätzer und Hans Donck vor Hessen im Juli 1527 
Worms und gingen aufs noue einer Ungewissen Zukunft entgegen. 
Im September desselben Jahres finden wir sie in Augsburg, wo 
sich bereits eine ansehnliche apostolische oder sogenannte Wieder- 
täufer-Gemeinde gebildet hatte. Hier trafen sie mit Kauz, Jakob 
Gross, Jakob Dachser, Siegmund Salmingor und anderen Freunden 
zusammen, alle bedeutende Männer, die grossen Einfluss auf die 
Gemeinschaft ausübten ; alle bereit, ihr Leben für ihren Glauben 
einzusetzen, in der Gewissheit, dass er dem echten Geiste der 
Lehre Christi gemäss sei. Das Ghristenthum erschien ihnen als 
oine Kraft Gottes, die den Menschen befähige zur Nachfolge Christi, 
wie es die ersten Christen auch dazu befähigt habe, daher hatten 
sie den Muth, ihre Uoberzeugung zu vertreten, trotz Schimpf und 
Schmach, trotz Marter und Tod. Sie waren überzeugt, dass ihre 
Sache auch Gottes Sache sei, und dass sio als oin Sauerteig wirken 
werde für spätere Geschlechter. Das hielt sio aufrecht in der 
grauenvollen Gegenwart, in der sie überall ihre Glaubensgenossen 
einzeln und in Schaaren beraubt, vortrieben, gemartert und getödtet 
sahen, Frauen wie Männer. In den österreichischen Landen wurdon 
diese Unglücklichen oft, wenn sie kaum an irgend einem Orte 
aufgenommen worden waren, auf Befehl des Kaisers wieder auf- 
gescheucht, die Beute ihrer Habe feuerte die Schergon an. Mit 



414 

ihren Kindern, Kranken und Schwachen mussten sie vielfach in 
Höhlen des Gebirges oder in tiefen Wäldern Schutz suchen, und 
auch hier gönnte man ihnen keine Rast. Man räucherte sie aus 
den Höhlen, verbrannte ihre Lager im Walde und vorsprengte sio. 

Auf ihre Lehrer wurde in orstor Stelle gefahndet. Die 
Schilderungen dieser Zuständo in Handschriften aus damaliger Zeit, 
deren einige*) vor mir liegen, erfüllen das Herz mit Schaudern und 
Entsetzen. Auch Ludwig Hätzer ereilte die Verfolgung. In einer 
dieser Handschriften, die den Tod vieler Märtyrer der Täufergemeinden 
in Deutschland und Oesterroich beschreibt, heisst es: „In diosem 
Jahre 1529 ist der Bruder Ludwig Hätzer, ein Diener Jesu Christi 
und gelehrter, erfahrner Mann der Sprachen hebräisch, lateinisch 
und griechisch, wohl kundig in hoiliger Schrift, nach langwierigem 
Gef&ngniss zu Costnitz mit dem Schwerdt gerichtet worden und 
hat in seinen Abschaid vil schöner leer gethan, dass sichs männiglich 
bewegt worden zu wainon, von welchen Ludwig Hätzer ein Liedt 
odor vier vorhanden ist, so er gomacht." 

In einem Auszuge der Kollektanoen der Stadt Konstanz, von 
Christoph Schulthais, hoisst es, dass Ludwig Hätzer, ein fürnomer 
und gelehrter Wiedertäufer, daselbst vor den Vogt gestellt worden 
sei, nachdom er wohl sechs Wochen gefangen gewesen, weil er 
neben seiner Hausfrau noch eine andere Frau zur Ehe genommen, 
und diese dazu überredet habe, weil ihr Mann kein Wiedertäufer 
sei. Eine andere Nachricht besagt, dass Ludwig Hätzer droizohn 
Frauen gehabt habe. 

Wenn man in Betracht zieht, dass die Lehre der Täufer 
gerade Frauengemüther anzog, und bei zahlreichen Frauen solchen 
Wioderhall fand, dass sie muthig für ihren Glauben in den Tod 
gingen, so ist es erklärlich, dass sie den Umgang der täuferischen 
Lehror suchten und sich von ihnen taufen Hessen, und es ist nicht 
auffällig, dass in der damaligen rohen Zeit, wo derartige Sitten- 
verwilderung solbst bei Priestern gewöhnlich war, gemeine Naturen 
daraus Stoff zu Verläumdungen entnahmen. Veranlassung dazu 
konnte der Umstand geben, dass einige der fanatischen Wiedertäufer 
nicht fern davon waren, der Vielweiberei auf Grund des Alten 



*) Siehe Beilage in. 



415 

Testaments das Wort zu reden. Die apostolischen Brüder oder 
wehrlosen Täufer aber schlosson joden sofort aus ihren Gemoindon 
aus, der sich nur annähernd in dieser Weise vergangen hatte. 
Zudem bürgt das innige Yerhältniss Hätzors mit so sittenreinen 
Männern, wie Michael Sattler und Hans Denck, für seine eigene 
Sittlichkeit. Uebrigons wurden allenthalbon böse Gerüchto über 
die Täufer vorbreitet, um dio Misshandlungen, dio man über sie 
verhängte, zu rechtfertigen. Das unter dem Einfluss des Klerus 
stehende Volk glaubte dergleichen dann loicht. So heisst es z. B. 
in der oben erwähnton Handschrift: „Man hat auch allenthalben 
vil Lesterung und Uobels von ihnen (den Brüdern) gesagt und 
grausame Lügen, als dass sio Gaissfüsse und Ochsenklauen hätten. 
Auch lug man über sie, sie hätten die Weiber gemein. Man 
schalt sie Gartenbrüdor, Verführer, Schwärmer, Aufruhrer und 
Wiedertäufer." 

In dem genannton Auszüge dor Kollo ktaneon der Stadt 
Konstanz wird weiter berichtet, dass Hätzor sein Todosurtheil mit 
Ruhe und Fassung angohört, und don Wunsch ausgesprochen habe, 
man mügo es ihm vergünnon, seine Frau, Appolonia, und seinen 
Vater bei sich zu sehon. Das sei ihm gestattet worden, und er 
habe diese dann ermahnt, sio möchton Gerechtigkeit und Barm- 
herzigkeit lieb haben, ihr Ampt (Lebensaufgabe) sei gut und Gott 
wohlgofällig, wenn es recht gehandhabt würdo. Auch habe er sie 
besonders gebeten, sie mochten dio gefangenen Täufer zu allon 
Zeiten besuchen und sie nicht ungetröstot lassen. 

Ludwig Hätzer, heisst es weiter, habe auch viel geschrieben 
von der Dreifaltigkeit und andern Artikeln des Christenglaubens, 
aber zuwider der heiligen Schrift, „derhalbon auch dio Bücher 
weggethan wurden." 

Als er zum Nachrichter gebracht sei, habo er sich zu dorn 
Volke gewendet, und die Leute ermahnt, wenn sio Christen sein 
wollten, so sollten sie, falls ihnen das Evangelium gut und recht 
verkündet werde, darnach handeln. 

Darnach habe er männiglich gebeten, man wolle mit ihm 
Gott anrufen und ihm nachsprechen: „Allmächtiger Gott, lieber 
getreuer Vater, Du wollest Dich auch heute erbarmen und Deine 
Augen nicht abwenden von Deinem geringen Werkzeug, Ludwig 



416 

Hätzer, welcher hinausgeführt wird um seiner Sund willen! Erzeig 
Dich ihm, unterhalt ihn! Gott, wollest an ihm halten den 
Bund, den Du gemacht hast mit Abraham, Isaak und Jakob, durch 
Jesum Christum Deinen Sohn, unsern Seligmacher !" 

Aehnliche Ermahnungen und Bitten habe er am obern Markt 
auf dem Platz in grosser Yersammlung des Yolkos geäussert. Es 
heisst davon : „Es weinten viel tapfere Männer. Er verglich das 
Wort Gottes mit einem reichen Herrn, der in seinem Haushalt 
allerlei Geschirr habe, etliche zu Schand, etliche zu der Ehre, und 
möchte ihn darum niemand strafen (tadeln), es solle sich auch 
darob niemand ärgern. Es sei der Herr, der uns durch diese Thür 
dos Todes führe in das owige Leben." 

Darauf sei ein Mann zu ihm getreten und habe ihn um Ver- 
zeihung geboten, falls er ihn erzürnt habe. „Das thue ich gern," 
erwiederte Hätzer, „wenn nicht, wäre es nicht dir, sondern mir 
selbst schädlich." Er habe nun diesen Mann ermahnt, sich zu 
bessern. „Ich bin zornig über dich," habe er gesagt, „aber bessre 
dich." Das sei darum gewesen, weil dieser Mann zu verschiedenen 
Zeiten mit Wechseln gegen seinen Nächsten sich vergangen hätte. 
„Als Hätzer nun auf den Richtplatz geführt und mitten im Kreise 
stand," berichtet die Quelle weiter, „löste der Nachrichter seine 
Fesseln, so dass er die Hände froi hatte. Darauf nahm er einen 
hebräischen Psalter, welcher ihm dargeroicht wurde, las den 
25. Psalm laut vor, verdeutschte ihn und hiess das Volk ihn nach- 
sprechen. Als er beim 15. Verse kam, wo es heisst: ,Moine Augen 
sehen stets zu dem Herrn, und er wird meinen Fuss aus dem Netz 
ziehen, 4 zeigte er auf das Seil, womit er gebunden gewesen. Nach 
diesem betete man das Vaterunser mit ihm, und er legte es kurz 
aus. Darauf betete er zu Gott, dass er sich sehen lassen wolle, 
und ihn nicht zu Schanden mache." 

„Darauf wurde er entblösst und gebunden, kniete nieder und 
entfärbte sich, wobei er mit Seufzen gesagt: ,Wie solls mir ergehn!' 
Dann wurde er getrost durch den Gedanken, dass, da Gott sein 
Werk durch ihn angofangen, er es auch vollenden werde, und dass 
Gott ihn nicht zu Schanden machen werde, dieweil er jetzt vor 
aller Welt die Ehre Gottes gepriesen und hoch gerühmt habe." 

Im Namen Gottes kniete er nun nieder, hielt dar, und „ward 
enthauptet, und das Volk lobete Gott", heisst es zum Schluss. 



417 

Man kann kaum annehmen, dass es Ludwig Hätzer gestattet 
worden sei, so lange und so viel zum Volke zu reden, da man der- 
gleichen in der Regel zu verhindern trachtete. In vielen Fällen be- 
schädigte man ja zu dem Zwecke den Verurthoilton die Zunge, 
oder knebelte ihnen den Hund, oder übertönte ihre Reden mit 
Trommelgerassel. Man wird es Hätzer um so weniger zugestanden 
haben, als das Volk zu Eonstanz Johannes Huss noch längst nicht 
vergessen hatte. Eher ist anzunehmen, dass Hätzer, bevor er ge- 
fangen genommen wurde, öffentlich auf dem obern Markt gelehrt, 
und eines Tages dem Volke das Gleichniss von dem reichen Haus- 
halt Qottes, in welchem einige Gefässo zur Ehre, andere zu niedrigen 
Dingen gebraucht würden, und jedes an seinem Platze seinen 
Zweck erfülle, vorgolegt, und ein anderes Mal ebenfalls unter 
freiem Himmol in einer grossen Versammlung den 25. Psalm in 
die deutsche Sprache übersetzt, vorgelesen und das Vaterunser 
ausgelegt habe. Dieses öffentliche Lehren wird wohl die Ursache 
seiner Gefangennahme gewesen sein; seine Schriften werden 
ihm das Todesurtheil. zugezogen haben. Er soll nämlich in einer 
Schrift die Gottheit Christi bostritten haben. Zwingli verhinderte 
den Druck derselben. 

Hätzer arbeitete mit seinem Freunde Hans Denck an der 
Uebersetzung der Bibel. Zuerst nahmen sie die Propheten in 
Angriff; die Ueborsotzung derselben wurde während ihres Auf- 
enthalts in Worms vollendet und erlebte in dor kurzen Zeit von 
drei Jahren dreizohn Auflagen*). Ferner gab Hätzer eine Schrift 
heraus, betitelt: „Reime unter dem Ereuzgang Christi", worin er 
der gewöhnlichen Auffassung der Dreieinigkeit ontgegen trat. Sie 
war lateinisch abgofasst Dio betreffende Stelle lautet in deutscher 
Uebersetzung : 

Ich selbst bin derjenige, der dies alles durch eigene Macht erschuf. 

Da fragst, wie viele nnsrer sein mögen? Umsonst, Ich war allein! 

Hier giebt's nicht drei der Zahl nach, sondern Ich bin allein! 

Aber jene sind nicht drei an der Zahl, denn Ich war allein! 

Nichts weiss ich von Person : Ich bin allein der Lebendige und die Quelle. 

Wer mich nicht kennt, den kenne ich nicht, Ich allein werde sein**)! 



*) Siehe Keller. Ein Apostel der Wiedertäufer, S. 211. 
**) S. Baptismi Historia, das ist die heilige Taufhistoria. 4°. Dort- 
mund a.° 1646, 1647. pag. 748. 

27 



418 

Es wäre sehr zu wünschen, dass die Schrift, welcher dieses 
Bruchstück entnommen ist, in ihrer ganzen Fassung wieder entdeckt 
würde, denn jede Kundgebung hervorragender Geister, welche die 
Tiefen der Gottheit zu orforscheu suchten, namentlich aus so 
gewaltig bewegter Zeit, wie die Reformationszeit, ist für die nach- 
folgenden Geschlechter von grossem Werth. 

So lange das Andenken der apostolischen, täuforischen Christen, 
welche aller Orten in deutschen Landen als Ausgostossene und 
Verfolgte ihr Leben für ihre Ueberzeugung lassen mussten, nicht 
geehrt, das an ihnen begangene Unrecht nicht gesühnt ist, so 
lange die Gemeinden, die sie auf dem Boden derjenigen Freiheit, 
mit der Christus die Menschheit befreien wollte, gründeten, 
von ihren protestantischen Mitchristen nicht als vollgültig auf dem 
Boden des Protestantismus geachtet werden, so lange wird auch 
der volle Segen nicht auf dem Reformationswerke ruhen. 

Neben Luther und Zwingli haben eine ganzo Schaar 
täuferischer Zeugen ihr Leben eingesetzt für ihre jedenfalls echt 
protestantische Uoberzougung. Auch von ihron Gräbern muss die 
Decke weggenommen werden, damit sie dem deutschen Volke auf- 
erstehen und ihr Licht ihm aufs neue leuchte. 



III. Nachträgliche weitere Mittheilungen über die 

Täufer in Oesterreich. 

Dio folgenden Nachrichten sind entnommen aus zwei anonymen 
deutschen alt-täuferischen Handschriften der mennonitischen Ge- 
meinde-Bibliothek in Amsterdam. Dio erste in Quarto ist betitelt: 

„Geschieht Buch der Marterer Christy, welche zu dieser unserer 
Zoit an allon orten teitscher landen vmb des glaubens vnd der 
Göttlichen wahrhait willen durch feuer, wasser und schwort hin- 
gerichtet wordon, was mit men gohandlet vnd mancherlay versuecht 
ist wordon. Wie sie so mandlich-standhafftig vnd getrost ge- 
wesson etc. Auch was schwerer vorvolgung vnd triebsal die 
gemain in dieser losten Zeit erliten hat etc. 

Hir ist die Geduld vnd der glaub der Heiligen. 

Apo: 13. 6— 14* d. 

Wer biss ans endt behart der wirt sei Hg. 

Matt. 10 c— 24. a." 

Sie geht von 1523 bis 1618. 

Die zweite in Octavo hat folgenden Titol: 

„Beschreibung der geschichten mit Kurzem begriff, wie vnnd 
was Gott mit seinen gläubigen Im selbst zum Ruem vnnd preiss 
vO anfanng der weit gehandiot hat, vnnd sich krofftig bis auff yetzige 
Zoit bewisen, vnnd sich bis ans End zu erzaigen verhaissen hatt etc." 

Sie geht bis 1594. 

In Oesterreich trat in den zwanziger Jahren des 16. Jahr- 
hunderts diejenige Seite der durch dio Hussiten in Böhmen be- 
gonnenen reformatorischen Bewegung, welcher die böhmisch- 
mährischen Bruder entsprungen waren, wieder kräftiger hervor. 
Letztere hatten sich 1457 von don Hussiten oder Taboriten getrennt, 
als diese, ähnlich wie die fanatischen Wiedertäufer in Deutschland, 
zum Schwert griffen, und waren zu besonderen Gemeinden zusammen 
getreten, denen sich die geistesverwandten, nach Mähren geflüchteten 
Waldenser grösstentheils anschlössen. Auf Fürsprache des Bischofs 
von Prag wurden sie in Böhmen von dem Statthalter, Georg 

27* 



420 

Podiebrad, in Schutz genommen. Er gestattete ihnen, sich auf 
seinen Gütern an der schlesischen Grenze zu Libicz bei Leitomischl 
anzusiedeln. Ihr erster Pfarrer oder Bischof erhielt die Weihe von 
einem Bischof der Waldenser, und traton sie somit in die Reihe 
derjenigen Sekten ein, welche, wie diese und die Katharer, neben 
der katholischen Kirche wie ein rother Faden sich hinziehen. Wie 
Seite 53 erwähnt, waren sio mit Luther in Verbindung getreten, 
der dann 1523 eine Schrift „an die Brüder in Böhmen und Mähron, 
Waldenser genannt", herausgab. Viele Katholiken, darunter mehrere 
Priester, traten zu ihnen über, und unterzogen sich einer neuen 
Taufe, was ihnen heftige Verfolgungen zuzog. In Wien wurde 1524 
ein der Brüdergemeinde angehörigor angesehener Bürger, Caspar 
Tauber, seines Glaubens wegen zum Feuertode verurtheilt. Zu 
Kitzbühel, in der Grafschaft Tyrol, muss ebenfalls eine bedeutende 
Gemeinde bestanden haben, denn mehrere Mitglieder und Lehrer 
derselben zog man 1527 gefänglich ein. Einige davon wurden, um 
dem Tode zu entgehen, abfällig; doch stellte man sie an den Schand- 
pfahl, wo sie von dem Volke auf die gemeinste Weise beschimpft 
wurden. Als Einer aus dem Haufen dann rief: „Seht, wie fein 
lassen diese Lehrer ihr Leben für die anderen," da sprang ein 
anderer Lehrer, Thomas Herman, der den Häschern bis dahin entgangon 
war, aus der Menge hervor, und sprach mit lauter Stimme: „Ich 
will die göttliche Wahrheit, die ich gelehrt, mit meinem Blute 
bezeugen." Er wurde ergriffen und zum Fouertode verurtheilt. 
„Auf dem Wege zum Scheiterhaufen sang er ein Liedlein, welches 
noch in der Gemaind' vorhanden ist," besagt unser Gewährsmann, 
indem er weiter hinzufügt: „Nach ihm wurden 67 Personen an 
diesem Ort um des Glaubens Willen hingerichtet." 

Durch ganz Oesterreich ging nun auf Befehl König Ferdinands 
der Profoss, um die Ketzer ausfindig zu machen und auszurotten. 
Zu Linz, im Lande ob der Enns, bestand eine bedeutende Gemeinde, 
über welche unsere Handschrift besagt: „In dem Jahre 1529 ist 
auch der Bruder Brandhuber und Hans Miderlain, boide Diener 
dos Worts, mit viel Frommon zu Linz umb der göttlichen Wahrheit 
Willen verurtheilt und mit Feuer, Wasser und Schwerdt hin- 
gerichtet worden, ungefähr umb die siebzig Personen." Viele be- 
kannten, dass sie von einem Vorsteher ihres Glaubens getauft 
worden seien. Auch ein uns schon bekannter Täufor, der frühere 



421 

Mönch Goorg vom Hause Jakob von Chur taucht hier wiedor auf. 
Wir wissen, dass er 1527 mit Ruthenstreichon über die Grenze 
der Schweiz gejagt wurde, nachdem seine beiden Freunde und 
Mitstifter der Täuforgemeinden, Felix Manz und Eonrad Grebel, 
dem Tode verfallen waren*). Elend an Leib und Seele, suchte 
er Ruhe und Trost bei den Glaubensgenossen in Tyrol, und ward 
von ihnen als ein willkommener Mitstreiter und apostolischer 
Lehrer aufgenommen. 

Ein Apostel des Evangeliums, reiste er dann trotz aller 
Gefahren furchtlos umher, und man sah alsbald allerorts die 
Wirkungen seiner Thätigkeit So berichtet unsere Quelle: „Im 
Jahre 1529 hat Thomas Imwald auf Aldein bekannt, er sei auf dem 
Breitenberg von einem vormaligen Priestor, Georg Blauwrok aus 
dorn Schwoizerlande, getauft worden. Er bekannte weiter, von dor 
Messe halte or nichts, sie sei von Menschen erdichtet und kein 
Befohl Gottes. Von dem Sakrament glaube er nicht, dass die 
Pfaffen durch ihr Gonsocriren unsern Herrgott in die Hostie bringen 
konnten, sondern man müsse Christus empfangen im Wort, das 
Brod sei nur ein Zeichen und diene zum Gedächtniss. Von der 
Pfaffen Beichte halte er auch nichts, sie werde auch nicht nach 
dem Befohl Gottes gebraucht. Von unserer lieben Frau glaabo 
er, dass sie Jungfrau und eine Mutter unseres Erlösers sei." 

Die Quelle berichtet weiter: „Man fragte Imwald, ob sie sich 
nicht, da ihrer so viel worden seien, unterstanden hätten, Land 
und Leute mit Gewalt zu ihrem Glauben zu zwingen? Sie seien 
nicht der Meinung, jemand zu zwingen, antwortete Imwald, denn 
Gott wolle ein williges ungezwungenes Herz haben, sie seien selbst 
auch durch niemand überredet oder gezwungen worden, sondern 
der Herr hab' es ihnen in den Sinn gegeben/' 

Weiter erzählt die Quello: „Christina Töllinger, eine Wittwe, 
hat bekannt, dass Bruder Georg Blauwrok sie getauft habe mit 
der rechten christlichen Taufe. Vom Sakrament, so die Pfaffen 
handeln, glaub' sie keineswegs, dass sie unsern Herrgott in der 
Hostiam oder Oblat' bringen können, es sei nur ein Brodt, und 
der Pfaffen Weson sei alles nur Verführorei. Der jungen Kinder 
halben, ob sie selig würden ohne die Tauf etc., habe der Herr 



Siehe Seite 37 und 38. 



422 

gesprochen: Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn solcher 
ist das Himmelreich." „Die Pfaffen taufen die unschuldigen 
Kindlein und haben viel unnütze Sorg' wenn sie unmündig sein, 
aber wenn sie aufwachsen in der Sund' so unterstehen sie sich nit 
sie von Sünden abzuziehen. Yon unsrer Frau glaub sie, dass die- 
selbe die Mutter Christi und eine reine Jungfrau gewesen sei. 
Von der Beicht der Pfaffen halt sie nit. Wer sein Sund erkennt 
und bekennt und damit aufhört und davon absteht, das sei die 
wahrhaftige Beicht." „Des Feiertags oder Sonntags halben: In 
sechs Tagen hab' Gott die Welt erschaffen, am siebenten hab' er 
gerasst, die andere Feiertag seien vom Papst, Kardinal und Bischof 
aufgesetzt, da halt sie nit von. Dieweil sie under der gewohnet, 
hab sie sie, um der Aergerniss wegen, auch gehalten, wie ander 
Leut, aber von Arbeit wegen war nieraandt verdampt. Die Pfaffen 
trieben Vormittags Götzendienst und Nachmittags Sund. Und mit 
der Gnad Gottes wöl sie wohl in diesem Vorsatz sterben." 

Trotz der wachsenden Verfolgung fuhr Georg von Chur un- 
erschrocken fort, das Evangelium zu verkündigen, und die, welche 
es begehrten, auf ihren Glauben zu taufen. Die Zahl derselben 
mehrte sich täglich. Zuletzt ereilte aber auch ihn das Schicksal. 

Es heisst: „Georg vom Haus Jakob, genannt Blauwrok, 
nachdem er vor ungefähr zwei oder drei Jahren im Schweizerland, 
und sonderlich aber in der Grafschaft Tyrol, dahin er selbandor 
gezogen war, die Lehr der Wahrheit ausgebreitet und verkündiget 
hat, damit er sein Pfund in Wucher anlegen, und als ein Eifrer 
umbs Haus Gottes willen ein Ursach zum Heil sein mögte, dem- 
nach mit seinen Gefährten auf Guffedaun gefangen, umbs Glauben 
willen verurtheilt, nit weit von Glaussen auf dem Holzschrammen 
mit Brand gericht', und dem Feuer lebendig überantwortet worden, 
der Artikel halben, dass ers priesterlich Amt und Stand, so er 
vorhin imb Papstthura gepflegt, verlassen, nichts von Kindtauf 
halte und die Leut' von neuem taufe. Auch dass er nichts von 
der Mess halte, dessgleichen nit glaub' dass Christus leiblich in 
der Hostie oder im Brod sei, so es durch den Pfaffen consecrirt 
werdte, Item, dass er nichts halt von der Pfaffen Beicht, und dass 
die Mutter Christi nit anzurufen odor zu beten sei, umb desswillen 
ist er gericht' worden, und beständig als ein Ritter und Held dos 
Glaubens, der beharret, Leib und Leben darumb gelassen, da er 



423 

donn gewaltig zum Volk gorodt auf der Richtstatt, und sie auf 
die Schrift gewiesen hat." 

Weiter heisst es: 

„Nachdem als die lieb Wahrheit angefangen unter den Völkern 
zu brennen, und das Feuer Gottes aufgegangen ist, sein umb der 
Zeugniss der Wahrheit Willen in der Grafschaft Tyrol viel getödtet 
und umbgebracht wordon, sonderlich an denen genannten Ortern 
im Guffdeimer Gericht, auch zu Claussen, Brixen, Botzen, Sterzing, 
Neumarkt, Kaltem, Torlern, im Grundteissweg, desgleichen im 
Ynnthal, zu Stainach, zu Ymbs, zu Petersberg, zu Stoms im 
Prukttall, Schwatz, Rotenburg, Eupfstein und Eutzpüchel, an 
diesen Orten hat ein grosse Summa der Gläubigen mit ihrem Blut 
die Wahrheit beständiglich bezeugt durch Fouer, Wasser, Schwerdt, 
also hat sich das Volk Gottes unter allen Trübsalen täglich gemehrt." 

Wenn das Volk eine Rauchsäule gerade zum Himmel auf- 
steigen sah, dann glaubte es, dass die Seele eines Täufers zum 
Himmel fahre, ebenso glaubte es, dass das Herz eines mittelst des 
Scheiterhaufens Hingerichteten nicht vorbronnen könne. Als Hans 
Bluetle verbrannt wurde, wollte man in dem Rauch eine schnee- 
weisse Taube zum Himmel haben steigen sehen. 

Die öffentlichen Hinrichtungen von Täufern hatten durch den 
tiefen Eindruck, den die fast bei allen hervortretende Glaubens- 
freudigkeit und ihr Gottvertrauen auf die Zuschauer machten, oft zur 
Folge, dass von letzteren sich manche zu den religiösen Ansichten 
der Täufer bekehrten, die katholische Kirche verliessen und sich 
einer neuen Taufe unterzogen. Dem suchte man öfters durch 
heimliche Ausführung der Hinrichtungen zu begegnen. Man hörto 
wohl in der Stille der Nacht ein dumpfes Geräusch in den Fluthen 
der Etsch oder der Donau, den bangen Lauschern ein Zeichen, 
dass durch die Schergen des allerchristlichston Königs eine apostolische 
Christin, weil sie sich aufs neue hatte taufen lassen, dem Tode 
überantwortet wurde. Die Männer wurden in der Morgendämmerung 
und dann nicht auf der gewöhnlichen Richtstätte zu Tode gebracht. 

Die Waldenser, die böhmisch - mährischen Brüder und die 
schweizer Täufer hatten sich schon längst die Konntniss der Bibel 
durch eigene Uobersetzungen erschlossen, bovor noch diejenige 
Luthers erschien. So bekannte z. B. eine wegen ihres Glaubens 
gefangene Frau im Jahre 1529, sie sei nach echt christlichem 



424 

Brauche und bei einer Bibel getauft. Der Inhalt der Bibel, dem 
ihr inneres Wahrheitsgefühl zustimmte und an dem man die Lehren 
der Kirche prüfte, brachte diese Leute zum Abfall von dieser 
und gab ihnen jene hohe Glaubenskraft, die sie in den Stand setzte, 
für ihre religiöse Ueberzeugung Alles zu dulden. 

In Mähren strömten in der letzten Hälfte der zwanziger Jahre 
des 16. Jahrhunderts verfolgte Täufer aus allen Gegenden zu- 
sammen, weil sie hier Schutz bei den Edolleuton und Städten 
fanden, denen der König, um sie sich geneigt zu halten, in der 
Sache etwas durch die Finger sah. 

In Austerlitz, Auspitz, Nemschitz, Brunn, Znaim, Nicols- 
burg und andern Orten entstanden täuferische Gemeinden. In 
Nicolsburg fand im Jahre 1529 eine Borathung zwischen Lehrern 
derselben statt. Balthasar Hubmaier, der in Mähren mit grossem 
Erfolg wirkte, scheint den Vorsitz dabei geführt zu haben. Die 
übrigen waren: Hans Hut, Oswald Vlait*), Hans Pitlmaier, Chri- 
stian Rothmantel, Gross, Hans Werner, Sträyl und Jakob Wide- 
mann. Sie tagten unter dem Schutz des zu den Täufern über- 
getretenen Herrn von Lichtenstein auf dessen Schloss. Man berieth, 
ob es dem Christen erlaubt sei, Theil am Kriege zu nehmen, Waffen 
zu tragen und Kriegssteuern zu bezahlen, ohne sich indessen einigen 
zu können. Hans Hut und Jakob Widemann verneinten die Frage, 
und ersterer namentlich scheint mit dem Herrn von Lichtenstein, 
der entgegengesetzter Ansicht war, ernstlich in Konflikt gerathen 
zu sein, denn er wurde auf dem Schlosse festgenommen. Ein 
Freund jedoch verhalf ihm mittelst eines Strickes zur Flucht durch's 
Fenster und über die Mauer in die Judengasse hinunter. „Da hat 
des andern Tags ein Gemurmel und Beschwernuss im Volk sich 
erhebt, weil sie ihn mit Gewalt im Schloss behalten haben, und 
Balthasar Hubmaier ist bewegt wordon, öffentlich mit seinem 
Gehülfen im Spital davon zu reden, weil sie nit miteinander haben 



*) Dieser muss wohl ein Lehrer in der Gemeinde zu Wien gewesen 
sein, denn der Märtyrer Lienhart Schöner, ein Barfüsser-Mönch aus dem Kloster 
zu Jndenburg, durch Hubmaier, dessen Lehre er zu Nicolsburg gehört hatte, 
bekehrt, wurde 1527 zu Wien von Oswald Vlait getauft. Auf einer Missions- 
reise wurde er gefangen genommen und am 14. Januar 1528 zu Rotenburg 
enthauptet. 



425 

übereinstimmen können des Schwerdts und der Steuer halben", 
heisst es. 

Es entstanden nun zwoi Parteien, die eine hielt Schwert- 
tragen und Zahlung von Kriegssteuer für erlaubt, die andere lehnte 
beides entschieden ab. Die letztere zog, 200 Köpfe stark, unter 
der Führung von Jakob Widern an n zum Leidwesen des Herrn von 
Lichtenstein, der sie doch anfangs ausgewiesen hatte, am 22. März 
1528 von Nicolsburg weg. Lichtenstein bogleitete die Abziehenden 
zu Pferde bis an die Grenze seiner Herrschaft und liess sie mauth- 
frei hinüberziehen, nachdem er sie mit einem Trunk verabschiedet 
hatte. Sie wurden auf ihre Bitte von den Herren zu Austerlitz 
aufgenommen, die ihnen sagen Hessen, wenn ihrer auch Tausend 
wären, seien sie willkommen, und ihnen allerlei Hülfleistungen bei 
ihrer Niederlassung bewiesen. Man nannte diese Partei fortan 
Stäbler und die andere Schwertler. Zwischen ihnen entstand eine 
Mittelpartei, welche sich zwar gegen Krieg und Waffenf Uhren 
aussprach, aber doch die Kriegssteuer willig hergab; zu dieser ge- 
hörten die Schweizerbrüder. 

Da die Zahl der Täufer in Nicolsburg beständig wuchs, und 
Lichtenstein und Hubmaier wegen ihrer persönlichen Bedeutung 
die Aufmerksamkeit besonders auf sie lenkten, blieb es nicht aus, 
dass dor katholische Glerus Klage erhob. In Folge dessen liess der 
König den Herrn von Lichtenstein und Balthasar Hubmaier 1527 
nach Wien bescheiden. Letzterer wurde sofort nach seiner An- 
kunft sanimt seiner Frau gefangen nach Schloss Gravenstein gebracht. 
Aus seinem Bekenntniss geht hervor, dass er, was das Schwert- 
tragen betrifft, mit von Lichtenstein hielt. „Er, Hubmaier, hat 
sich schuldig bekannt/ 1 heisst es, „dass er der Welt zu Gefallen, 
das Schwerdt zu erhalten, zu viel nachgegeben habe. Er schrieb 
dieses vom Gefängniss aus an die Gemeinde zu Nicolsburg, er- 
mahnte auch seinen Bruder Martin, Propst zu Kannich, was keinen 
guten Schein hätte abzustellen/ 1 Bald nachher aber erhielt diese 
Gemeinde die niederschmetternde Nachricht, dass ihr theurer Lehrer, 
Balthasar Hubmaier, am 10. März 1528 zu Wien verbrannt und 
sein Weib acht Tage später ertränkt worden sei. Dem Herrn von 
Lichtenstein scheint nichts geschehen zu sein. 

Hans Hut begab sich von Nicolsburg nach Augsburg. Unsere 
Quelle berichtet darüber: „Anno 1529 Jar ist der Bruder Johannes 



426 

Hut, ein treuer Knecht, zu Augsburg in Schwaben umb der gött- 
lichen Wahrheit Willen gefangen worden, da hat man ihn in einen 
Thurm gerekt und haben ihn also vom Sail gelassen, da ist er wie 
ein Dödter liegen bliben, da sein sie von ihm gangen und haben 
das Liecht im Gefängniss bei dem stroo steen lassen, da ist das 
Stroh vom Liecht angangen, nun wie sie wieder im Thurm seind 
kommen, da haben sy in als ein Dodter gefunden, danach haben 
sy in auf einen Sessel in einem Wagen für Gericht geführt. Da 
ist er verurtheilt und verbrennt worden, wie ich das selb von 
Philipp Hüten seinen sun gehört hab." 

Die Quelle borichtet ferner: 

„In dem 1528 Jar ist auch Bruder Hans Schlaffer, der vor- 
hin ein römischer Pfaff gewesen, hernach aber ein Lehrer des 
Worts und des Evangeliums Christi, ein hochbegabter Mann, zu 
Schwatz im Ynnthal gefangen gelegen, und mit ihm Bruder Leon- 
hardt Vrik, man hat viel mit ihm durch strenge Marter versucht 
und mit ihm gehandelt durch die Pfaffen des Kindtaufs halben, 
aber er hat mit götlicher Geschrift mündlich und schriftlich, als 
noch vorhanden, ihnen dargethan sein Verantwortung, wie durch- 
aus im Testament bevuolhen sei und befunden werde, dass man 
erstlich das Wort Gottes leeren und allein die es höhren, selbst 
verstehn, selbst glauben und selbst annehmen taufen soll, dass sei 
der recht christlich Tauf. Die Kindlein aber hat dor Herr niendert 
(nicht) bevuolhen zu taufen, sie seien vorhin des Herrn so lang 
sie in der Unschuld und Einfalt stehen, und nicht zu verdammen." 

„Auch habens in gefragt, worauf aigentlich der Grund steo 
solcher Sekte des Widertaufs, dass er inen antwort, unser Glaub 
und Thun, oder Tauf steo nichts anders, denn auf den Bewuellich 
Christi Math. 28. Mar. 16. da Christus sagt, ,geht hin in die ganze 
Wolt, predigt das Evangeli aller Creatur, wer glaubt und getauft 
wiert, der wiert sellig." 

„Sie haben auch gefragt, wass Anschlag under sollichen Schein 
des Wiodertaufs verborgen, da sio also ein neue Empörung und 
Aufstand zu wecken vormeint, aber er that ine Antwort, dass all 
sein Tag kain Aufstand oder Empörung zu machen in sein Herz 
einkommen sei, oder dess gedacht, auch nie gefallen an andern 
gehabt hab, ja er hab ein Hauss geflohen, da man uneinig drinnen 
golebt hab, dass möcht er mit allen denen dabei er sein lebtag 



427 

gewohnot beweisen, auch sei kein andrer Anschlag darundter denn 
das Leben zu bessern, und von ungerechtem Leben der Welt ab- 
zustehn, so sei under andern seiner Leer so er füerto, das nit das 
ringste Gebott, dass man der Obrigkeit undortenig sein und go- 
horsam in allom Outen. Wie er denn Empörung und Aufstand 
solle wekhen und füernehmen? u 

„Sie wolton auch von in wissen wer die rechten Anfeanger 
und Principalen seyen, sollicher kätzerischer und aufrührerischer 
Sekten, wie sie fälschlich nennen, er wiss kein Anfaenger und 
Principalen seines Olaubens, denn allein den Sohn Gottes, Jesum 
Christum , den Gekreuzigten , der sei der recht Herzog unsers 
Olaubens, dass inan's aber kätzerisch und aufrührerisch Seckten 
heiss, das sei nit ein neu Ding, dan das Werkh Christi selbs, und 
seiner Apostel leer sei auch also gehaissen wordten, darumb soll 
man ansehen die klag der Juden über Christum für Pilato, und 
die klag über Paulum vor den Landpfleger Fellix." 

„Auch ist er befragt worden wass in verursacht hab von sein 
pries torlichen ampt abzusteen, dass er inne saget, dass er sollches 
seins Gewissens halb gethan, weil or erkannt hab, dass ein falschen 
Prophetenstand sei." 

„Auch wolltens von im wissen wer In in diss land beschaidton 
hab zu zihen, sollchen bösen Samen des wiedertaufs zu pflanzen, 
or sagt Inen, wie dass or nit dahin beschaidten, sondern nachdem 
er kein bleibende statt hab, in ellondt umbherzihen muss, also 
daher kommen sei von seinem freundt Aäraon, bei den er gewossen, 
von dannen gen Schwatz komen, da er nun gefangen sei wordten 
nach dem Willen Gottes, aber umb den bösen samen davon sio 
sagen, wisso er nicht, hab auch nicht böses füer, sondern die lauter 
göttlich warhait" 

„Nachdem und andern, als er ein Zeit gefangen gelegen, nit 
bewegt kundt worden, haben sie in und soin gefangen Bruedter 
vom leben zum todt verurtlot und alda zu schwatz mit dem Schwert 
goricht', also habens die göttlich warhait mit ir Bluet bezeugt, und 
ermanen uns, dass wier uns auf die Nachfahrt richten sollen, wie 
in des Hannss schlaffers abschaidt und Urlaub angozaigt wirt." 

„Nach Inen seindt Neinzohn Personen alda hingericht wordton 
die mit irem Bluet bezeugt haben. Von den Hans Schlaffer sind 
zwai liedter, die er gemacht hat, in der gemain" 



428 

Aus einem dieser Lieder mag folgende Strophe hier Platz finden : 
„Wo Menschen Gsetz anff Erd regiert, 
Werden verführt 
Die eilenden Gewissen. 
Wo nicht allein Regierer ist 
Herr Jesns Christ, 
Es bleibt ewig zerrissen. 
Was er nicht baut 
Und selbst zuschaut 
Mag nicht bestohn, 
Ja ob es schon 
Die Welt gross acht 1 
Treibt damit Pracht, 
So bleibt es doch von Gott verschmacht." 

So wurden in erster Stelle die geistigen Führer der Täufer 
nach und nach hingemordet Bei manchen der gehetzten Leute 
kamen Gedanken an Gegenwehr und Bache auf, und es fanden 
sich bald leitende Geister, dio sie darin bestärkten. Ohne Zwoifel 
haben sich auch österreichische Täufer den Schaaron Thomas 
Münzers zugesellt, namentlich von denjenigen untor ihnen, dio das 
Schwertführen nicht unbedingt verwarfen. 

Von den anderen, den wohrlosen Täufern, „dio Stäbler", hiel- 
ten viele trotz aller Verfolgung Stand, namontlich in Mähren, wo 
der Adel sie nach wie vor schützte. 

Zu den s. Z. von Nicolslrurg unter der Leitung Widemanns 
nach Austerlitz Ausgezogenen gesellte sich Jakob Huttor mit den 
Seinen und ward ihnen ein kräftiger Führor. Widemann hatto 
nach dem Abzüge aus Nicolsburg unterwegs auf dem Felde seinen 
Mantel ausgebreitet und alle gebeten, das Ihrige zum gemein- 
samen Nutzen hineinzulegen. Mit dieser Handlung führte er die 
Gütergemeinschaft unter' ihnen ein, wie die erste Christengemeinde 
zu Jerusalem sie gepflegt hatte. Indessen waren, Mangels fester 
Vorschrifton, alsbald nach der Niederlassung zu Austerlitz manche 
Uebel8tände zu Tage getreten. Jakob Huttor aber brachte Ord- 
nung und Regel in die Gemeindeangelegenheiten, und alle fügten 
sich gerne seiner Autorität Er veranlasste den Bau gemeinsamer 
Wohnungen, jede wahrscheinlich für zwölf Ehepaare bestimmt. 
Solche Häuser hiesson: „Haus Haben" oder „Haban". Die Be- 
wohner dieser Häuser waren fast ohne Ausnahme Handwerker und 



429 

Industrielle. Sie legten ihren Yordienst in eine gemeinsame Kasse, 
der ein Säckelmeister vorstand, und hatten gemeinsame Haus- 
haltung, namentlich gemeinsame Mahlzeiten, die der „Diener der 
Nothdurft" besorgte. In jedem „Hause Haben" befand sich ein 
gemeinsames Einderzimmer, in welchen Gemeindeschwestern, wie 
in unseren heutigen Einderbewahranstalten, die Kleinen — auch 
des Nachts —'vorpflegten. Die Kinder wurden sauber gehalten 
und wuchsen in strammer Zucht auf. Ein eigener Schulmeister 
ertheilte ihnen Elementarunterricht und übergab sie dann dem 
Diener des Worts zur religiösen Erziehung und späteren Taufe. 
Man hielt die Jugend streng von der „Welt 14 fern und gestattete keine 
Mischheirathen. Die Diener des Worts wurden von der Gemeinde 
gewählt und durch Handauflegen bestätigt. Ihre Andachten schei- 
nen dieso Täufer in dazu bestimmten Zimmern der „Häuser Haben" 
gehalten zu haben. Es ist ungewiss, ob jodes dieser Häuser ein 
Andachtszimmer hatte, oder ob die Bewohner mehrerer solcher 
Häuser ein Zimmer gemeinschaftlich benutzten. 

Bei dem einfachen Leben dieser Leute, und da die Erzeug- 
nisse ihres Fleisses gerne gekauft wurden, gelangten sie bald zu 
einem gewissen Wohlstande, der die habsüchtigen Blicke der 
Ketzerverfolger leicht anzog. Ihre ganze Einrichtung aber machte 
es ihnen schwer, diesen mit ihrer Habe rasch zu entfliehen. 

Die Schweizerbrüder und die Waldenser, welche als Gäste 
und Fremdlinge nach Mähren kamen, brachten ihre Gemeinde- 
ordnung mit. Sie hatten keine Gütergemeinschaft, tadelten viel- 
mehr deren Einführung bei don Hutterschen Brüdern als Ein- 
griff in die persönliche Freiheit und sagten ihnen dies im Jahre 
1567, wo sie eine Voreinigung mit ihnen anzubahnen suchten, 
unter anderm schriftlich, indem sie darauf hinwiesen, dass dieselbe 
sich bei den ersten Christengemeinden, welche sie (die Hutteriten) zum 
Muster genommen hätten, auch nicht lange gehalten habe. Ebenso 
meinten die Schweizerbrüder, dass es nicht gut sei, die Kinder so früh 
der Pflege der Mutter zu entziehen und sie später so ängstlich 
von der Welt abzusondern, sie waren vielmehr der Meinung, dass 
es besser sei, sio in die Welt zu schicken, um unter den Leuten 
zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln, damit sio desto fester 
im Glauben ständen. Die Schweizerbrüder weigerten sich auch 
nicht, wio die Huttonten es thaten, Kriegssteuer zu bezahlen, und 



430 

wohnten mehr vereinzelt und selbständig auf Pachtgütern und 
Mühlen. Sie konnten daher von den Gutsherren, welche sich zum 
Theil ihrem Glauben zuneigten, leichter in Schutz genommen 
worden, als die Hutterschen Brüder. 

In Mähren hatten die Täufer bis zum Jahre 1535 ziemliche 
Ruhe. Hutters Gemeinde zu Auspitz war freilich während dieser 
Zeit von dort vertrieben worden, hatte sich aber zu Schäkowitz 
aufs neue gesammelt und eingerichtet. Bald indessen kam Be- 
fehl, sie auch von hier zu vertreiben. Die ganze Umgegend wurde 
dazu aufgeboten und mit Trommeln und Fähnlein zog man vor 
der Brüder Häuser. Diese aber, und das war der Vortheil ihrer 
geschlossenen Gemeindezucht, flüchteten nicht in Verwirrung, son- 
dern zogen in geordneten Reihen ab. Unsere Quelle erzählt davon 
wie folgt: 

„Der Jakob Hutter, als ein Diener im Wort, namb sein Pindl 
auf dem rükhen, desgleichen thaten seine Gehilfen, auch alle 
Brüder und Schwestern mit sambt ihren Kindern, und zugen als 
par und par miteinander horauss, dorn Jakob ihrom Hirten nach, 
worden also wie ein Hürd Schaaf ins Yelt getrieben, wolten darzu 
an keinen Orth sich legen lassen bis sie von ihros Herrn Grund 
kamen, nemlich des Herrn von Lichtenstein Grund, da legten sie 
sich auf die weite Haiden, under dem lichten Himmel mit Witwen 
und Waisen, Kranken und Kindern*), nachdem sie sich on ursach 
nit leicht von einander trennen wolten, zogen sie von einem orth 
an das andre, wussten nit wohinaus, als man inen abor auch alle 
Provieant, auch dass Wasser verbot, musst es doch zuletzt sein 
und wurden yr acht oder zehn Personen zusammen geordnet, einem 
jeden Bruder sammt seinem vertrauten Häuflein ernstlich befohlen, 
dass sich eins umb das andre annehmen, so viel es Gnadt von 
Gott hat, keins die Handt abziehen im zu helfen auch keins ohn 
rath auss dem landt in die Ter (Ferne) ziehen solt, also wart die 
Austhailung ganz erbärmlich, zugen mit viel Tränen von einandor, 
on wissent wo inen Gott ein Orth zu wonen wirt vergönnen oder 
zaigen, indem das Yolk under vil Trübsal erst vast ein gantz Jar 
lang elendiglich im landt umbhergezogen, und weil in Mähren nit 



*) Von hier aus schrieb Jakob Hutter, wie unsere Quelle berichtet, den 
Brief, den wir Seite 48 angeführt haben. 



431 

vil bleibons oder Platz war zu hoffen, Hessen sich ein tail in 
Ostreich geon stainerbrunn." — — — — 

Während dieser Zeit wurde der ornstliche Befehl erlassen, 
den Jakob Hutter nebst den Dienern und Vorstehern der Gemeinde 
zu suchon und gefänglich einzuziohen. Er wurde deshalb auf 
Bitten und Flehen seiner Gemeinde dazu vermocht, sich von ihnen 
zu trennen und nach Tyrol zu ziehen. Boi seinem Abschied ver- 
ordnete or den Bruder Hans Tuchmacher zum Lehrer der Ge- 
meinde, und prägte ihm ernstlich ein, sie würdig zu loiten und 
zu führon. 

Kaum war Jakob Huttor in Tyrol, als er zu Claussen, wo er 
sich aufhiolt, durch Verrath entdeckt und gefangen genommen 
wurde. Es war am St. Andreasabend dos Jahres 1535. Er wurde 
geknobelt nach Innsbruck gebracht und zum Fouertodo verurtheilt. 
Man setzte ihm einen Hut mit oinor grossen Feder auf den Kopf, 
trieb allerlei Narrenspiel mit ihm und zeigte ihn so dem Volke. 
Er abor sagte: „Nun kommt her, ihr Widersacher, lasst uns den 
Glauben im Feuer probiren wie Sadrach und Abednego, u „das 
geschah umb Liochtmess am Feiertrag vor den ersten Fasten wochen 
des sechs und droissigsten Jars," heisst es. 

Obwohl Jakob Hutter nur einige Jahre den Gemoindon, 
welcho nach ihm genannt wurden, vorgestanden hat, so hatte er 
ihnen doch durch die Macht seiner Persönlichkeit ein Gepräge 
aufgedrückt, dessen Spuren noch heutzutage in den Brüdergemein- 
den der Herrnhuter, welche zum Theil aus seinen Gemeinden 
hervorgingen und unter dem Grafen Zinzendorf sich sammelton, 
zu findon sind. 

Ein Theil der Hutterschon Täufer, welcher sich in Ungarn 
niedergelassen hatte, wurde nach ihren Häusern „Habaner" genannt. 
Da sie die Dächer dieser Häuser so vorzüglich zu machen ver- 
standen, haben diese den Namen Habaner-Dächer behalten. Einige 
hielten sich in den Tyroler Thälern verborgen und wanderten bei 
einer späteren Verfolgung, z. B. dio Zillerthaler, nach Preussen aus. 

Die kloine Zahl, welche 1535 nach Stainerbrunn in Oester- 
reich gezogen war, lebte hier unangefochten bis zum Jahre 1539. 
Als sie dann aber zu einer stattlichen Gemeinde herangewachsen 
war, wurden die katholischen Priestor aufmerksam auf sie und 
zeigten sie dem Könige an. Sofort wurde der Profoss mit bewaff- 



432 

neton Reitern auf sie losgesandt Es war am 6. December 1539, 
als er vor der Brüder Häuser erschien und sämmtliche anwesende 
männliche Mitglieder der Gemeinde gefangen wegführte. Der 
katholische Pöbel raubte dabei, was er konnte. Der Hauptzweck 
dieser Razzia, die Aeltesten und Diener der Gemeinde und den 
Säckelmeister in die Hände zu bekommen, misslang indessen. 
Der Vorsteher der Gemeinde zu Austerlitz, welcher gerade an- 
wesend war, um sich nach der Gemeindeordnung zu erkundigen, 
wurde aber gefangen und mit allen anderen nach Schloss Falkenstein 
abgeführt. Unter don Gefangenen waren mehrere, die noch nicht 
durch dio Taufe in die Gemeinde aufgenommen worden waren. 
In dem Schlosshofe, wo dio Gefangenen, 150 an der Zahl, sich 
versammeln durften, wurden jene nun durch die Getauften feier- 
lich gefragt, was unter diesen gefährlichen Umständen ihr Vor- 
nehmen sei; man wolle sie für Mitgenossen im Reiche Christi 
halten, jedoch in der Voraussetzung, dass, wenn sie durch Gottes 
Fügung aus dieser Noth befreit würden, sie dann nach Mass und 
Ordnung der Gemeinde sich derselben einverleiben lassen würden. 
Als die Gefragten eine entschieden zustimmende Antwort gaben, 
wurde dies den Aeltesten, welche der Gefangennahme entgangen 
waren, schriftlich angezeigt. Sie antworteten, weil die Einver- 
leibung in die Gemeinde nach göttlicher Ordnung durch dio Um- 
stände verhindert sei, möge man die Betreffenden nichtsdestoweniger 
als Mitgenossen im Glauben und Gemeindeglieder betrachten, wenn 
sie mit der Gemeinde übereinstimmten und bereit seien, um der 
Wahrheit Willen mit ihr zu leiden, selbst mit Gefahr des Lebens. 

Man sieht daraus, dass die Gemeinden auch in Noth und 
Tod ihre freie Gemeindeverfassung und Ordnung aufrecht erhielten. 

Der König schickte Doctores der Theologie und Priester in 
Begleitung eines Henkers nach Schloss Falkenstein. Einige von 
den Gefangenen wurden unter Martern befragt, namentlich auch 
danach, wo ihr Schatz oder Geld sei. Hierauf sollen sie geant- 
wortet haben, Christus allein sei ihr Herr und Heiland, Trost, 
Hoffnung, ihr höchster Schatz, Hort und bester Theil, in welchem 
sie Gottes Huld und Gnade erlangt hätten. Als man sie darauf 
zwingen wollte, zum katholischen Glauben zurückzukehren, wei- 
gerten sie sich entschieden. Ein ganzes Jahr hielt man sie in 
Gefangenschaft und machte noch vier Mal Versuche, sie zu be- 



433 

kehren, aber ohno Erfolg. Die gesundesten und kräftigsten Männer 
wurden nun zu den Oaloeron vorurthoiit und gefesselt nach Triest 
abgeführt. Vor der Abführung derselben gestattete man jedoch 
ihren Frauen, Kindern und Müttern aufs Schloss zu kommen, um 
Abschied zu nehmen. Alle gaben sich bei dem herzzerreissenden 
Abschied das Versprechen, wenn sie sich auch im Leben niemals 
wiedersehen sollton, ihrem Glauben treu zu bleiben. Als die 
Verurthoilton je zwei und zwei zusammengekettet über die Schloss- 
brücke zogen, berichtet unsere Quelle, da standen die Frauen auf 
der Mauer, folgten ihron Theuren mit weinenden Augen bis zum 
Endo ihres Gesichtskreises und gingen dann trauernd und verein- 
samt ihrem Heim zu. „Es ist dissor abschaidt so erbärmlich ge- 
wessen, das des Königs Marschalk und andre seines gleichen sich 
des wainens nit haben enthalten können." Diejenigen Männer, 
welche zum Galeerendienst zu schwach waren, bliebon vorerst auf 
Schloss Falkenstein in Gefangenschaft und einige Jünglinge wurden 
österreichischen Herren geschenkt. 

Im Jahre 1545 wurden auf dem Landtage zu Brunn, wo 
König Ferdinand selbst erschien, wiederum Mandate gegen die 
Täufor beschlossen, deren Ausführung die adligen Gutsherren 
und die Städte jedoch bis 1548 noch verhinderten. Dann aber, 
nach den Siegen des Kaisers Karl über die Protestanten, ging es 
auch in Oosterreich scharf über die Ketzer her. 

Den ungarischen Herron wurde ebenfalls befohlon, die Täufer 
auszutreiben, was sie mit schwerem Herzen thaton, denn sie hatten 
viele bei sich aufgenommen und mit Freuden gesehen, wie diese Leute 
ihre durch den Krieg verwüsteten Länderoien ertragsfähig machten. 

Viele Täufer irrton nun in kleinen Abtheilungen unter der 
Leitung eines dazu Beauftragten ohne Obdach umher und suchten 
in Wäldorn und Höhlen Schutz und Unterkunft. Dass die Loiter 
und Pfadfinder möglichst Wege einschlugen, die zu gleichgesinnten 
Brüdern in andorn Ländern führten, wo sie wenigstens ihres 
Lebens sicher waren und Arbeit und Nahrung zu finden hoffen 
durften, ist natürlich, sowie auch dass ihre früheren Gutsherren 
ihnen oft heimlich Schutz angedoihon Hessen. 

Um diese Zeit, 1548 nämlich, kamen 1000 dieser Brüder in 
Preussen an, wo sie sich bei Marien wer dor ansiedelten. Einige 
schlössen sich den Lutheranern und Reformirten an und wieder 
andere den dort wohnenden, aus den Niederlanden gekommenen Menno- 

28 



434 

niten, je nachdem die Verhältnisse es mit sich brachten. Die Schweizer- 
brüder sachten sich von Oesterreich nach ihrem Vaterlande zu retten, 
fanden aber auch dort nichts als Schmach u ud Verfolgung, bis sie von den 
niederländischen Glaubensgenossen, wie a.a.O. erzählt, Hülfe erhielten. 

Die Waldenser zerstreuten sich wahrscheinlich nach allen 
Seiten hin bis nach den Nord- und Ostseeküsten hinunter und 
verloren sich unter die Mennoniten und anderen Protestanten. 
Bei alledem hielten sich jedoch noch manche der böhmisch-mäh- 
rischen Brüder im Stillen im Vatorlande, sie traten wieder ans 
Licht, als in Folge des Friedensvertrages zu Passau alle Protes- 
tanten Ruhe gewannen. Sie scheinen sich nach fünfjährigem 
Umherirren in Wäldern und Höhlen wioder gesammelt, ihre frü- 
heren Wohnstätten wieder aufgesucht und ihre alten Beschäftigungen 
wieder aufgenommen zu haben, denn unsere Quelle sagt: „Gott 
ist's, der dem Meer gebieten kann und seinen Lauf brechen, und 
spricht, bis hieher sollst du kommen und nicht weiter, hier sollen 
sich legen deine stolzen Wellen. Nach ungostttmem Wetter macht 
er es wieder schön und still, also hat ors da auch gothan und 
nach solcher Trübsal, die bis ins fünfte Jahr gewährt hat, hat sich 
die Gemeinde wieder gesammelt und sich nach Gottes Ordnung 
fleissig gehalten zum Preis seines Namens." Von nun an enthält 
unsere Quelle viele Notizen über den Bau neuer Häuser (Haben) 
sowie über die Anstellung und Einweihung neuer Lehrer und 
Diener der Gemeinden mit Gebet und Handauflegung. Auch be- 
richtet sie über Taufhandlungen, so z. B. : „In diesem Jahre 54 
sein zu Freischizi auf ein mall bei 70 Porsonen mit dem geistlichen 
Tauf nach dem beuwelch Christi getauft worden. 14 

Der für die Protostanten in Oesterreich so unglückliche Aus- 
gang des dreissigjährigen Krieges gab indessen auch den böhmisch- 
mährischen Brüdern den Todosstoss. Sie flüchteten nach allen 
Richtungen in andere Länder, verloron sich daselbst unter andere 
Eonfessionen, tauchten auch hie und da als Brüdergemeinden 
oder in ähnlicher Weise wieder auf; ihre Friedensarbeit aber setzte 
sich fort in den Religionsgesellschaften der Freunde oder Quäker, 
der Herrnhuter, Mennoniten und Baptisten. 

Unsere Quelle schliesst mit dem Jahre 1618, bis wann in 
österreichischen Landen noch manche Täufer, namentlich auch 
manche ihrer Lehrer, zum Scheiterhaufen oder sonst zum Tode 
verurtheilt Wurden. Der letzte durch sie erwähnte Fall ist der 
Märtyrertod einer Frau in dem genannton Jahre. 



IV. Der Brief William Penn's von 1674 an den 

Magistrat der Stadt Emden. 

Um den Brief, welchon William Penn im Jahre 1674 an den 
Magistrat dor Stadt Emden schrieb, richtig zu würdigen, muss man 
sich die religiösen Zustände damaliger Zeit daselbst und in Ost- 
friesland überhaupt einigormasson vergegenwärtigen. 

In den siebziger und achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts 
war in den ostfriesischon Städten Emden, Leer und Norden der 
konfessionelle Hader aufs neue ausgebrochen. Die beiden ersten 
waren fast ausschliesslich reformirt, Norden luthorisch. 

In Leer traten jedoch um diese Zeit nach und nach auch 
Lutheraner hervor, die in dem naheliegenden Dorfe Logabirum zur 
Kirche gingen. Allmählig wuchs ihre Zahl, sie wünschten eine 
Kirche in der Stadt zu bauen, und suchten zu dem Endo bei der 
Fürstin Christine Charlotte*) um freie Religionsübung nach, die 
ihnen auch gewährt wurde. Die Fürstin schenkto ihnen sogar 
Steine vom Kloster Thedinga zu dem Bau. Die Reformirten aber 
wandten sich, um denselben zu verhindern, mit einer Beschwerde 
an das Hofgoricht, unter Berufung auf das Konkordat von 1599, 
wonach koino Aenderung in dor Ausübung der Religion gemacht 
werden dürfe. Die Lutheraner ihrerseits riefen das Roichskammor- 
gericht an, welches auch zu Ungunsten der Reformirten entschied. 

Als die Lutheraner darauf mit dem Bau fortfuhren, schickten 
die Reformirten einen Notar nebst zwei Zougen nach der Baustelle, 
und Hessen förmlich Protost einlegen. Dabei wollte der Notar, nach 
altrömischer Weise, drei Steine aus der neuen Mauer nehmen und 
sie von sich schleudern. Man verhinderte ihn aber gewaltsam 
daran, worauf er sich protestirend zurückzog. Bei diesem Streite 
standen die Ritterschaft Ostfrioslands, die Städte Norden und 
Aurich, wo vorherrschend Lutheraner wohnten, und ein grosser 



*) Wittwe des Fürsten Georg Christian, geborene Herzogin von Würtem- 
berg, eine sehr tüchtige Frau. 

28* 



436 

Theil des dritten Standes auf Seiten der Lutheraner, während die 
Stadt Emden zu ihren Gegnern hielt. Die lutherische Kirche zu 
Leer wurde indessen fertig gestellt und wird noch heute benutzt. 

In Emden war schon 1595, in Folge des unseligen, von aussen 
hereingetragenen Abendmahlsstreits, das Haus, in welchem die 
wenigen dortigen Lutheraner Gottesdienst hielten, von den Re- 
formirten geschlossen und der lutherische Prediger Ligarius ver- 
trieben worden. Die Lutheraner mussten seitdem nach dem ent- 
legenen Dorfe Fetkum wandern, um ihr religiöses Bedürfniss zu 
befriedigen. Nicht einmal anf Kanonenschussweite von der Stadt 
wollte man lutherischen Gottesdienst dulden ; man berief sich dabei 
ebenfalls auf das erwähnte Konkordat Schliesslich gewährte man 
den Lutheranern die Vergünstigung, zu bestimmten Zeiten einen 
lutherischen Prediger nach Emden entbieten zu dürfen, um in 
einem von dem Magistrat dazu angewiesenen Lokale zu predigen. 
Dabei aber behielt sich letzterer die volle Herrschaft vor und 
machte ihnen genaue Vorschriften über ihr Verhalten. So mussten 
sie z. B., nachdem ihnen weiter gestattet worden war, in einem 
Hause der Vorstadt Faldern ihren Gottesdienst zu halten, die 
Klingelbeutelgelder an die (reform irten) Diakonen der Stadt ab- 
liefern. Dazu, wie zu den übrigen Bedingungen, mussten sie sich 
eidlich verpflichten, und thaten das auch noch schriftlich, im 
Ganzen 108 Personen. Erst unter der preussischen Regierung er- 
hielten die Lutheraner Emdens Erlaubniss zum Bau ihrer noch 
heute bestehenden Kirche in der Stadt 

Umgekehrt hatten in Norden die Lutheraner die Herrschaft 
und waren ihrerseits gegen die wenigen dortigen Reformirten 
äusserst intolerant. Ein lutherischer Prediger daselbst, Namens 
Hojer, behauptete, man könne die Reformirten deswegen nicht 
dulden, weil eine solche Toleranz wider die Pflichten d