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Full text of "Über das vorbewusste phantasierende Denken"

Dr. J. Varendonck 



Über das vorbewusste 



i 



phantasi 





Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 



AdiH^* 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



INTERNATIONALE PSyCHOANALyTISCHE BIBLIOTHEK 

BAND XII 



ÜBER DAS VORBEWUSSTE 
PHANTASIERENDE DENKEN 

VON 

D^J.VARENDONCK 

<GENT> 
MIT EINEM GELEITWORT VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 




■ INTERNATIONALER PSyCHOANALyTiSCHER VERLAG 

■ LEIPZIG - WIEN - ZÜRICH 

^^^k 1922 

I 



Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen 
von Anna Freud 

Alle Rec&tc vorbehafteo 
Copyright 1922 fay »Internationaler Psydioaiialytisdier Verlag Ges. m.B,H.,= Wien, I. 



Gcselladiaüt flk- Grap^isdie Indnstrier Wlza, UL 



GELEITWORT 



VON 



PROF. DR. SI'GM. FREUD. 



Das vorliegende Budi des Dr, Varendoncb enthält eine bedeuE* 
same Neuheit und wird mit Recht das Interesse aller Philosophen/ Psydio*= 
!ogen und Psydioanalytiker erwedten. Es ist dem Autor in jahrelangen 
Bemühungen gelungen, jener Art von phantasierender Denktätigkeit 
hathaft zu werden, weldier man sldi während der Eustände von Ser^ 
streutheit hingibt und in die man leidit vor dem Binsdilafen oder bei 
unvollkommenem Erwadien verfälft. Er hat sidi die Gedankenketten, die 
sidi unter soldien Umständen ohne das Wollen der Person einstellen^ 
zum Bewußtsein gebradit, sie niedergesdirieben, ihre Eigentümlidikeiten 
und Untersdiiede vom absäditlidien, bewußten Denken studiert und 
dabei eine Reihe von widutigen Entdediungen gemadit, aus denen sidi 
nodi weitergehende Probleme und Fragestellungen ableiten, 

Mandie Punkte in der Psydiologie des Traumes und der FehU 
leistungen ßnden durdi die Beobaditungen von Dr. Varendonck eine 
sidhere Erledigung. 



If 



^ 



INHALTSVERZEICHNIS. 

EINLEITUNG: StEw 

DiesweiArtendesDenkens i 

ANALyriSCHER TEIL. 

I. Kapitel: DieEntstebungderGedanfceöketten. . . 5 

II. Kapitel: Der Inhalt der Gedanfccnkctten . ^ , . . . » . , , . 5^ 

I. Das Denken m Bildern und das Denken in Worten 54 

z. Fragen tuid Antworten 54 

j. Die Ström ung det Erinnerungstätigkeit ...... ^. 67 

4^ Irrtümer und Absurditäten ....*,.» gz 

a) Die Sprungfiafiigfceit »....«.......*.. 92 

fa> Die Unmöglidifceit eines Rüdtblidies im vorbewußten Denken ..... 115 

c) Das Vergessen , . . . uo 

IIL Kapitel: Der Abs<6lul? der Gedankenketten 15^ 

1, Das Erwatten , , i« 

2. Zensur und Verdrängung .......,.,..,, 144. 

SYNTHETISCHER TEIL , 161 

SCHLUSSWORT. 

Über di« Bedeutung der Tagtraumc idt 

LITERATURVERZEICHNIS 17a 



Einleitung 
Die zwei Arten des Denkens 

Es ist das Verdienst der Psycfioanalyse, daß zum erstenmal in der 
Gesdiidite der Psydiologie ein starkes Interesse für jene zweite Art des 
Denkens erwadit Ist, die in ganz anderer Weise als das logisdie Denken 
vor sidi geht, weldies der Realität entspridit und eine gedanklidie Repro*' 
duktion von Verbindungen ist, die uns die Wirklidikeit bietet. Diese 
zweite Art des Denkens ist das eigentlidie StudienoBjekt der Psydio^ 
analyse^ soweit ste sidi mit normalen Ersdieinungen befaßt. 

Das bewußte, gerichtete Denken arbeitet für die Mitteilung mit 
spradilidien Elementen, ist mühsam und ersdiöpfend, das vorbewußte, 
phantasierende dagegen arbeitet mühelos, sozusagen spontan mit den 
Reminiszenzen. Ersteres sdiafft Neuerwerb, Anpassung, imitiert Wirklichkeit 
und sudit audi auf sie zu wirken. Letzteres dagegen wendet siA von 
der Wirklidikeit ab, befreit subjektive Wünsdie und ist hinsiditlidi der 
Anpassung gänziidi unproduktiv. 

Bisher waren es vor allem die Phantasien der Neurotiker, weldie 
die Aufmerksamkeit der Forsdier auf sidi zogen, wohl nidit nur, weil 
sie uns bei Abnormen auffälliger entgegentreten als bei Normalen, sondern i 
weil sie in den meisten Fällen in direktem Zusammenhang mit der ^ 
yerursadiung der Krankheiten stehen. Die Hysterie könnte man als ein 
Übergreifen der unbewußten Phantasien auf die Motilität bezeidinen/ 
für den Paranoiker erhalten seine Phantasien Realitätswert, und 
wir werden im folgenden nodi bei mancher Gelegenheit darauf hin^ 
weisen können, daß die Tagträume bei jeder Neurose eine gewisse 
Rolle spielen. 

Das phantasierende Denken ist aber keine aussdiließlidie Ei^en-^ 
tümfidikeit der Neurotiker, wenn es auch an ihnen am eingehendsten 



über das vorbewußte phan t asic r en dg Denken_ 



Studiert wurde. Audi der normale Mensdi ist aus dem Sdilaftraume 
gründlich mit ihm vertraut. AuA da gibt es keinen Zusammenhaag mrt 
der Wirklichkeit und keine intellektuellen Rüdisiditen auf das MoghAe. 
Eine andere Äußerung des P^-tasierenden Denkens der Tagtraum, 
steht dem reaHstischen Denken näher und Endet siA gle.d.falts be. dem 
Normalen ebensogut wie bei dem Abnormen. Vom Traume des Jungen, 
der auf dem Sted^enpferde General spielt, über den Diditer, der im 
Kunstwerk seine unglüAhAe Liebe abreagiert oder in eme gludcUdve 
verwandelt, bis zum dämmerigen Hysterisdien und zum Sdv.zophrenen, 
der haHuzinatorisd. seine unmöglidisten WünsAe erfüHt sieht, g.bt es 
alle Übergänge auf einer Skala, die im wesentlichen nur quantitative 

Untersdiiede seigt. . 

Wir befinden uns mit dieser Auffassung in voller Übereinstimmung 
mit Freud, denn wir sehen, daß der Sdiöpfer der PsyAoanalyse selber 
bewußte und unbewußte Phantasien untersdieidet. In der vorhegenden, 
Smdie aber, in der wir uns aussAliefilidi mit den Tagträumen ^o^md^r 
hauptsädilid. meinen eigenen, besdiäftigen wollen, hoffe iA den Emdrud. 
zu befestigen, daß diese Phantasten fast durdiwegs durdi Affekte aus 
dem Vorbewußten hervorgerufen werden. Es wird sidi weiter ergeben, 
daß das phantasierende Denken auf allen drei Bewußtseinsstufen vor 
siA gehen kann, daß das unbewußte und vorbewußte Denken aber 

immer affektiv sind. 4, . * • , jfj« 

Das Ziel das idi mir in dieser Arbeit gestellt habe, ist die 

Aufdedtung der Medianismen des vorbewußten, phamasierenden Denkens. 

Inwieweit dieser Versui erfolgreidi ist, überlasse idt dem Leser zur 

Beurte^ung^ _^^ dieser Untersudiung war idi der Meinung daß die 

Tagträume, außer von M. B e n e d i k t, den F r e n d in seiner .T r a um. 

deutung. zitiert, nodi keine Bearbeitung gefunden hätten. Spater erfuhr 

idi daß Tb. L. Smith eine ^ soviel iÄ entnehmen konnte .- 

statistisdie Studie über Tagträume veröffentlidit hat. es ist mir aber nicht 

gelungen, mir eine dieser beiden Arbeiten zu versAaffen. ^^^f ^^^""^ 

Ler Arbeit gelangte idi in ^en Besit. des Artikels von Abraham 

.über hysterisL Traumzustände. \ von dem idi aber keinen Gebraudi 

madien konnte. 



1 .über hy.terfsA. Tra^mz.stände«, von Dr. K. A b r aKa m im Jahrk f. psycho, 
anal. u. psycliopathol. Forsdsangen, IV, S. 1-3S, 1910. . 



f Jedenfalls besdiränkte siA, als idi midi an der Front zu der Arbeit 

entsdifoßf deren Ergebnis der Leser in den vorliegenden Blättern vor sicfi 

sieht, meine theoretisdie Kenntnis der Tagträume auf das, was sidi aus 

Freuds »Traumdeutung« entnehmen läßt und in den nadistehenden 

Eeifen ziemlidi ersdiöpfend zusammengefaßt ist: 

L iä-Das Element der Traumgedanken, das idi im Auge habe, pflege 

lieh als »Phantasie« zu bezeidinen / idi gehe vielleidit Mißverständnissen 

laus dem Wege, vcnn idi sofort als das Analoge aus dem Wadilebcn 

iden Tagtraum namhaft madie, Die Rolle dieses Elements in unserem 

ISeelenleben ist von den Psychiatern nodi nidit ersdiöpfend erkannt und 

raufgedeckt w^ordcn,- M, Benedikt hat mit dessen Würdigung einen, 

wie mir scheint, vielverspredienden Anfang gemadit. Dem unbeirrten 

Sdiarfblidce der Diditer ist die Bedeutung des Tagtraumes nidit entgangen,- 

allgemein bekannt ist die Sdiilderung, die A. Daudet im Nabab 

von den Tagträumen einer der Nebenfiguren des Romanes entwirft. Das 

k:Studium der Psydaoneurosen führt zur überrasdienden Erkenntnis, daß 

Ijdicse Phantasien oder Tagträume die nädisten Vorstufen der hysterisdien 

[Symptome — wenigstens* einer ganzen Reihe von ihnen ^- sind/ nicht 

Tan den Erinnerungen selbst, sondern an den auf Grund der Erinnerungen 

[aufgebauten Phantasien hängen erst die hysterisdien Symptome. 

' Das häufige Vorkommen bewußter Tagesphantasien bringt diese 

Bildungen unsefer Kenntnis nahe/ wie es aber soldie bewußte Phantasien 

gibt, so kommen überreidilidi unbewußte vor, die wegen ihres Inhaltes 

und ihrer Abkunft vom verdrängten Materia! unbewußt bleiben müssen. 

Eine eingehendere Vertiefung in die Charaktere dieser Tagesphantasien 

lehrt uns, mit wie gutem Rechte diesen Bildungen derselbe Name 

zugefallen ist, den unsere näditlichen Denkproduktionen tragen, der Name ; 

Träume, Sie haben einen wesentlithen Teil ihrer Eigensdiaften mit den 

Naditträumen gemein ,• ihre Untersudiung hätte uns eigentlidh den nädisten 

und besten Zugang zum Verständnis der Naditträume eröffnen können. 

Wie die Träume sind sie WunsdierfüIIungen ,• wie die Träume 

basieren sie zum guten Teil auf den Eindrüdcen infantiler Erlebnisse,- 

wie die Träume erfreuen sie sidi eines gewissen Nadilasses der 2ensur 

fiir ihre Sdiöpfungcn. Wenn man ihrem Aufbaue nadispürt, so wird 

man inne, wie das Wunsdimotiv, das sidi in ihrer Produktion betätigt, 

das Material, aus dem sie gebaut sind, durcheinander geworfen, umge?^ 

ordnet und zu einem neuen Ganzen zusammengefügt hat, Sie stehen zu 

den Kindheitserlnnerungen, auf die sie zurückgehen, etwa in demselben 



Verhältnis wie manche Barodtpaläste Roms zu den antiken Ruinen, 
deren Quadern und Säulen das Material fäf den Bau in moderneren 
Formen hergegeben haben ^« , . . ^ xr i* 

Der Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, wird jetzt eine Vorstellung 
von dem Ausgangspunkt dieser Arbeit gewonnen haben. 



m 



1 S, Freud, Die Traumdeutung, S. jjs, vierte vermehrte Auflage, F. Dsutid^e, 
Leipzig u, Wien, 1914, 



Analytisdier Teil 



L Kapitel 
Die Entstehung der Gedankenketten 

Idi verdanke den Plan, eine Untersudiung des vorbewußten Denkens 
zu uniernehmen, einem spontanen Einfall bei der Lektüre des letzten 
Kapitels von Freuds s^Traumdeutung«, dem ersten Budi über 
Psydioanatyse, das mir in die Hände fiel. Damals hatte idi allerding's 
nodi keine Ahnung, daß idi genötigt sein würde, den Lesern so viele 
meiner geheimen Gedanken preiszugeben. Der Zwang dazu ist die einzige 
Unannehmlidikeit gewesen, die meine Arbeit mit sidi bradite, und da tdi 
midi ihm nidit entziehen kann, will idi midi ihm lieber gleidi fügen* Idi 
beginne darum mit dem Eingeständnis, daß es die Eufälligkeiten des 
Lehens im Felde waren, die mir eines Tages in einem Augenblidi, in dem 
idi nidits anderes zu lesen hatte, das Meisterwerk Freuds in die 
Hände spielten. Bis dahin hatte idi der Meinung angesehener und 
verehrter Kollegen Glauben gesdienkt und es versäumt, midi mit der 
Psydioanalyse bekannt zu madien , . . 

Idi glaube, es ist notwendig, daß idi gleidi zu Beginn einige Einzel* 
heiten aus meinem Leben mitteile, ein Opfer, das ja viele Psydioanalytiker 
bringen müssen. Da es sidi bei den Tagträumen um verdrängte Gedanken 
handelt, deren verborgener Sinn meistens für den Tagträumer selber 
unlustvoll ist, sind sie natürlidi nidit von vornherein zur Mitteilung 
bestimmt. Glüddldierweise wird aber im Verlaufe der Arbeit meine 
eigene Person bald in den Hintergrund treten, dank dem Interesse, 
das die zu sdiildernden Phänomene bei dem Leser beansprudien 
müssen. 



Die Mehrzahl der Beobaditungen, über die idi im Verlaufe der 
Arbeit beridite, sind während des Krieges angestellt worden, an dem idi 
in meiner Eigendiaft als Dolmetscher bei der englischen Armee teilnahm. 
Meine privaten Verhältnisse waren die folgenden ; ich war ziemiich 
sicher, daß die neugegründete Fakultät, an der Ich zwei Jahre vorher 
zum Lektor ernannt worden war, die großen Umwälzungen in Belgien 
nicht überleben würde,- ich war also vor die Notwendigkeit gestellt, 
-mich nach einer neuen Anstellung umzusehen^ was mich als beständige 
Sorge bedrüdite. 

Bei dem Rödzug von Antwerpen war mir das Manuskript einer 
Arbeit in Verlust geraten, die ich als Doktorarbeit einzureichen beab= 
siditigt hatte/ der akademische Grad wäre mir in meiner damaligen 
Lage sehr zustatten gekommen- Meine militärisAe Besdiäftigung, zu der 
idi mtdi freiwillig gemeldet hatte, gestattete mir, den Hauptteil der 2eit 
einige Kilometer hinter der Front zu verbringen, so daß idi alle Muße« 
stunden einer neuen Arbeit widmen konnte / icb wählte dazu eines Tages 
das vorliegende Thema, Der Mangel an psydioanalytisdier Literatur 
wurde mir bei der Vorbereitung meiner Arbeit — glüdvlidier«» 
weise unter den damaligen Umständen — nidit sehr fühlbar, denn idi 
bin der Ansidit, daß es bei einer Forsdiung ratsamer ist, seine eigenen 
Wege zu gehen (man muß sidi sdili mm sten falls damit zufrieden geben. 
Bekanntes neu entdedtt zu haben> und sidi nidit durdi Kenntnisse zu 
besdiweren, weldie die Freiheit der eigenen Geistestätigkeit einsdiränken. 
Es ist bekanntlidi nidit leicht, sidi jeder Suggestion zu entziehen. 

Bei der Lektüre des ersten Teiles der »Traumdeutung« hatte idi 
öfter daran denken müssen, daß idi midi seit Jahren zu wundem pflegte, 
warum idi im Bett klüger wäre als außer Bett ■ die wenigen originellen 
Ideen, die idi als meinen persönlidien Beitrag zur Wissensdiaft betradite, 
stammen nämlidi alle aus der Zeit vor dem Einsdilafen. Unter diesen 
Umständen Ist es nidit erstaunlich, daß iA einen neuen Einfall hatte, als 
idi im letzten Teil der ^Traumdeutung« zu der Stelle kam, wo Freud 
vorsdilägt, die Seele als einen kompliziert zusammengesetzten Apparat 
aufzufassen, dessen einzelne Teile er als »Systeme« bezeidinet. Mein 
Einfall war der folgende: »Könnten diese »Systeme« nidit audi die 
reidihaftige Gedankenbildung im Vorbewußten erklären? Was für eine 
schöne Arbeit könnte man darüber sdireiben!« 

Sobald idi auf den erfreulidien Gedanken . gekommen war, daß die 
Auffassung Freuds zu einer interessanten Erklärung der Tagträume 



L Die Entstefittng der Ged an-kcn ket ten 



führen könnte, stürmten audb sdion unzählige Einfälle auf midi ein. Idi 
bescWol?. sie nJederiusdirelBen, und hatte in wenig Augenblidien eine 
vorläufige Disposition meiner UntersuAung vor mir liegen. 

Der Reiditum der Einfälle gab, mir ein Gefühl der Befriedigung, 
venn idi midi audi wunderte, woher sie mir so bereitwillig und ohne 
jede Anstrengung 2Ugeströmt kamen. Es dauerte an diesem Abend 
lange, ehe idi Sdilaf finden konnte. 

Die Niedersdirift meiner Einfälle erwies sidi als weise Voraussidit, 
denn am nädisten Morgen war idi nadi dem Erwadien kaum mehr 
imstande, midi an irgend etwas von meinem Entwurf zu erinnern. Dahci 
war idi nodi gut daran, daß idi überhaupt etwas von der vorbewußten 
Gedanfcenkettc vom Abend vorher behalten hatte, denn viele Mensdien 
sind audi dazu pidit imstande, wenn sie von einer Geistesabwesenheit 
wieder zu sidi kommen. Laien kommen, wenn sie merken, daß ihre 
Gedanken abgesdiweift sind, mandimal nidit einmal darauf, womit 
sie sidi während dieser Eeit cigentlidi besdiäftigt haben. Gewöhnlidi 
taudit aber das letzte Glied der Gedankenkette auf oder läfit sidi dodi 
ohne große Mühe erfassen, 

Bei dem Versudi, die Gedankengänge, die sidi während meinE^ 

Geistesabwesenheit in meiner Vorstellung abgewidelt hatten, wieder 

aneinander zu fügen, bediente idi midi einer besonderen und überaus 

einfedien Methode, mit der jeder Psydioanalytiker vertraut ist, Professor 

F r e u d, ihr Erfinder, besdireibt sie in seiner »T r a u m d e u t u n g« wie folgt : 

»Es lag nun nahe, den Traum <meiner Patienten) seihst wie ein Symptom 

zu behandeln und die für letztere <nämlidi hysterisdie Phobien, Zwangs* 

^Vorstellungen etc.) ausgearbeitete Methode der Deutung auf ihn anzu^ 

fwenden. Dazu bedarf es nun einer gewissen psydiisdien Vorbereitung 

[des Kranken, Man strebt zweierlei bei ihm an, .eine Steigerung seiner 

[Aufmerksamkeit für seine psydiisdien Wahrnehmungen und eine 

Aussdialtung der Kritik, mit der er die ihm auftaudienden Gedanken 

sonst zu siditeii pflegt. Zum Zwedce seiner Selbstbeobaditung mit 

gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß er eine ruhige Lage 

einnimmt und die Augen sdiließt,- den Verzidit auf die Kritik der wahr« 

genommenen Gedankenbildungen muß man ihm ausdrüdilidi auferlegen. 

Man sagt ihm also, der Erfolg der Psydioanalyse hänge davon ab, daß 

er alles beaditet und mitteilt, was ihm durdi den Sinn geht, und nidit 

etwa sidi verleiten läßt, den einen Einfall zu unterdrüdten, weil er ihm 

unwiditig und nidvt zum Thema gehörig, den anderen, weil er ihm 



8 Ober das vorfaewußte phantasierende Denken 

unsinnig ersdieint. Er müsse sfcti völlig TinparEeüsdi gegen seine Einfälle 
vertialEen / denn gerade an dieser Kritik läge es, ^enn es ihm sonst niAt 
gelänge, die gesuchte Auflösung des Traumes, der Ewangsidee u. dgl. zii 
finden. 

*Bei den psydioanalytisdien Arbeiten habe ich gemerkt, daß die 
psydvisdie Verfassung des Mannes, weldier nadidenkt, eine ganz andere 
ist als die desjenigen, weldier seine psydiischen Vorgänge beobaditet. 
Beim Nadidenken tritt eine psydiisdie Aktion mehr ins Spiel als 
bei der aufmerksamsten Selfastbeobaditung, wie es audi die gespannte 
Miene und die In Falten gezogene Stirn des Nadidenklidien im Gegensatz 
2ur mimisdien Ruhe des Selbstbeobaditers erweist. In beiden Fällen muß 
eine Sammlung der Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der Nadidenkende 
übt außerdem eine Kritik aus, infolge deren er einen Teil der ihm 
aufsteigenden Einfälle verwirft, nadidem er sie wahrgenommen hat, andere 
kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen nidit folgt, welche sie 
eröffnen würden, und gegen noch andere Gedanken weiß er sidi so zu 
benehmen, daß sie überhaupt nidit bewußt, also vor ihrer Wahrnehmung 
unterdrücfet werden. Der Sdbstbeobathter hingegen bat nur die Mühe, 
die Kritik zu unterdrücken^ gelingt ihm dies, so kommt ihm eine Unzahl 
von Einfällen zum Bewußtsein, die sonst unfaßbar gebHeben wären. Mit 
Hilfe dieses für die Selbstwahrnehmung neugewonnenen Materials läßt 
sich die Deutung der pathologisdien Ideen sowie der Traumgebilde 
vollziehen. Wie man sieht, handelt es sidi darum, einen psydiischen 
Zustand herzustellen, der mit dem vor dem Einschlafen <und sidierlidi audi 
mit dem hypnotisdien) eine gewisse Analogie in der Verteilung der 
psydiischen Energie <der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. Beim 
Einsdilafen treten die »ungewollten Vorstellungen« hervor, durch den 
Nachlaß einer gewissen willkürlidien (und gewiß auch kritischen) Aktion, 
die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen einwirken lassen . , . Bei 
dem Zustand, den man zur Analyse der Träume und pathologistiien 
Ideen benutzt, verziditet man absichtlich und willkürlidi auf jene Aktivität 
und verwendet die ersparte psychische Energie <oder ein Stück derselben) 
zur aufmerksamen Verfolgung der jetzt auftauchenden ungewollten Gedanken, 
die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der Unterschied gegen den 
Zustand beim Einsdilafen) beibehalten. Man madit so die »ungewollten« 
Vorstellungen zu * gewollten«.« 

»Die hier geforderte Einstellung auf ansdieinend »freisteigende« 
Einfälle mit Verzicht auf die sonst gegen diese geübte Kritik sdieint 



I. Die Entstehung der Gedankenketten 



manAen Pcrsoneti niAt leidit zu werden. Die »ungewollten Gedanken« 
pBeeen den. heftigsten Widerstand, der sie am Auftaudien hindern will, 
2U entfessein . , . Und dodi ... ist ein derartiges sidi in den Zustand 
der kritiktosen Selbstbeobaditung Versetzen keinesweg-s sAwcr.« 

»Die meisten meiner Patienten bringen es nadi der ersten Unter= 
»wetsung zustande/ idi selbst kann es sehr vollkommen, wenn idi midi 
lllabei durdi Niedersdireiben meiner Einfälle unterstütze. Der Betrag von 
psydiisdier Energie, um den man so die kritisdie Tätigkeit herabsetzt, und 
mit weldiem man die Intensität der Selbstbeobaditung erhöhen kann, 
sdiwankt erheblidi je nadi dem Thema, weldies von der Aufmerksamkeit 
fixiert werden soll.« 

»Der erste Sdiritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun, 
daR man ntdit den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen TeiU 
stüdte seines Inhaltes zum Objekt der Aufmerksamkeit madien darf. Frage 
idi den noch nidit eingeübten Patienten : Was fällt Ihnen zu diesem Traume 
ein? so weiß er in der Regel nidits in seinem geistigen Blidtfelde zu 
erfassen. Idi muß ihm den Traum zerstüdit vorlegen, dann liefert er mir 
zu jedem Stüdte eine Reihe von Einfällen, die man als die »Hinter^ 
gedanken« dieser Traumpartie bezeidinen kann.« 

Diese analytisdie Tedinik verwende idi mit der einzigen Abweidiung, 
dafi idi alle Vorstellungen Sdiritt für Sdiritt, wie sie sidi in meinem 
Vorbewußten aneinandergereiht haben, und nidit aufs Geratewohl zu 
verfolgen versudie. Gewöhnlidi gehe idi von dem letzten Glied aus <das 
idi sofort niedersdireibe), versudie das vorletzte zu erinnern und arbeite 
mit möglidist herabgesetzter bewußter Aufmerksamkeit und in möglidist 
großer Selbstvergessenheit so weiter, bis sdiließlich in einem bestimmten 
Augenblidc alle früheren Glieder der Gedankenkette miteinander auftaudien. 
Der ganze Vorgang, besonders das Auffinden der ersten Vorstellung, 
bei der die Gedanken abgesdiweift sind, erfordert natürlidi einige 
Übung. 

Während dieser analytisdien Arbeit ist die Verteilung der Energie 
auf die versdiledenen psydiisdien Funktionen so ziemlidi dieselbe wie 
beim wirklidien Tagträumen, wie wir nodi später nadiweisen werden. 
Die geringste bewußte Überlegung ist imstande, die Erinnerungsarbeit 
zu stören, und die Niedersdirift geht fast auromatisdi, ohne Nadidenken, 
vor sidi. Wenn idi Vorstellungen, die in visuellen Bildern ausgedrüdit 
waren, in Worte umsetzen muß, bediene idi midi dabei immer versdiiedener 
Spradien und sdireibe die Worte in der Spradie nieder, in der sie auf* 



über das vorbewußtc phantasierende Denken 




tauchen. Jeder Versuch einer Übersetzung würde nämlidi störend wirken 
und den Faden der Erinnerung abreißen lassen. 

Das müßige Spiel der Phantasie vor dem Einschlafen, das unmittelbar 
naA dem Aufhören des geriditefen Denkens einsetzt, ist mir, wie 
wahrsdieinlich allen geistigen Arbeitern, seit langem als Grund der 
Sdilaflosigkeit und als die Ciuelle manch einer Inspiration bekannt. Seit 
idi denken kann, habe ich auf meinem Nadittisdi ein Blatt Papier und 
einen Bleistift liegen und pfiege, oft sogar im Dunkeln, die Einfälle 
festzuhalten, die in der Nacht in mir auftaudien, und von denen idi nidit 
mödite, daB sie mir wieder abhanden kommen. Anfangs aber fragte ich 
midi, ob nicht diese Produkte des näditlidien »Sichgehenlassens« ganz 
dasselbe wären, wie das müßige Phantasieren, das unsere Geistes= 
abwesenheiten im wadien Leben ausfüllt. 

Ich braudite nidit lange, um herauszufinden, daß sie Äußerungen 
der gleidien psydiisdien Aktivität nur zu versdiiedenen Tageszeiten sind. 
Und wenige Tage nadi meinem Entsdiluß, Beobaditungen über meine 
eigenen Phantasien anzustellen, madite lA in mein Tagebudi die folgenden 
Eintragungen : 

Vorbemerkungen; Der belgtsdie Unterridits min ister hatte eine 
akademische Kommission zusammengesteKt, vor der diejenigen eingerückten 
Universitätsstudenten, die in der glüdtlidien Lage waren, ihre Muße« 
stunden für Prüfungsvorbereitungen verwenden zu können, soldie 
Prüfungen ablegen konnten. Da aber hierbei nur Angehörige unserer 
beiden staatÜdien Universitäten und nidit die Mitglieder, privater Lehr^ 
anstalten berüdsiditigt wurden, hatte ich vor, bei dem Minister um die 
Einsetzung einer besonderen Kommission für meinen spezieüen Fall 
anzusudien. Wenige Minuten vorher hatte idi gerade in einer in 
Frankreicb veröffentlichten belgischen Zeitung eine Mitteilung über die 
Ergebnisse dieser vor der Eentralkommjssion abgelegten Soldaten= 
Prüfungen gelesen. 

Während idi das letzte Kapitel der »Traumdeutung« lese, fühle 
idi midi durdi aufdringliche Gedanken, die den vor dem Einschlafen 
auftaudienden durd^aus gleidien, im Verständnis des Textes gestört. Idi 
lege also das Budi aus der Hand und verfolge sie: „Ic£ d&nüe wieder 
an msine DoRtorarßeitt Wird der Minister mein GesuS um Einsetzung 
einer Kommission Bewiffigsn ? Wem könnte ic6 woBf meine ArBeit 
uorßer vorfegen, um ein facBmännisSes Urteif zu hören, ehe ich sie 
der Kommission zur Beurteifung unterßreite? Mein Treund C. ist 



I, Die Entstehung der Gedanken ketten 



kein 7aSmann aiff diesem GeBisL Herrn P, kenne icß m'cBt gut 
agmigj außerdem fer ist Nettfra/erJ ist er pieffeicßt ein Deutscßen-^ 
freund, denn er ßat den Brief, den icB ihm gescßrießen ßaße, nic£t 
Beantwortet und s<£eint üBerßaupt keine Notiz von mir zu nehmen. — 
Herr B. ist zu weit,- wie uiefe Monate würde es woBf dauern. Bis icB 
mein Manuskript von Amerika wieder zurücABekäme ?— OB Professor R. 
es täte 9 — Ef Bat auf meine fetzte Bitte nocB nicBf geantwortet/ 
viefteiSt kann seine Antwort aBer nocB gar nicBt da sein. — Jedenfaffs 
weiß i<ß ^u wenig von der Psycßoanafyse und BaBe nicBt genügend 
BiBfiograpBiscBe Hiffsmittef zu meiner Verfügung^ um ein Wagnis 
wie die Aufsteffung einer vieffei(£t ganz neuen l'fworie zu unterneßmen, 
oBne daß iS sie vorßer von jemandem Beurteifen fieße. ^ So wiff icB 
afso Professor R. Bitten, mir diesen Dienst zu erweisen, flS setze den 
Brief, den iS an ißn ricBten wiff, auf und dränge ißn Bößicß zur 
Eife.J '- Hoffentficß nimmt er mein Drängen nicBt üBef — IcB weiß keinen 
anderen Eng fätider, der mir diesen Gefaifen täte. — Dann muß icB aBer 
meine ArBeit üBersetzen. — Das maSt nicßts, iS ßätte es spater ja 
jedenfafis getan. Wird die UBersetzung seßr müßsam sein 9 Werdg 
icß nidBt zu vief Zeit damit vertieren? — Id> muß Ja vor Kriegsende 
fertig sein, sonst verpasse icß aife Gefegenßeiten Cfj^eie SteffenJ. ^ Es 
Bat aBer keinen Sinn, wenn icß mir darüßer Sorgen macße, denn der 
Minister wird siiß nicßt im AugenBfick entscßeiden, und ic£ kann ißn 
nic£t Bitten, die Kommission für ein Bestimmtes Datum zusammen" 
zuBerufen, eße ic£ nicßt sicßer weiß, daß meine ArBeit für eine Doktor^ 
arßeit gut genug sein wird,' 

An dieser Stelle bemerkte idi meine Geistesatwesenlieit und damit 
war die Phantasie abgebrodien. 

Wenige Stunden später, vor dem EinsAlafen im Bett, fuhr idi, 
gerade als die Uhr V^H sdilug, aus einer Geistesabwesenheit auf. Idi 
fand, daß mein zweites Ich fünfzehn Minuten lang, seit dem Auslösdien 
des Lidites, mit folgender Phantasie besdiäftigt gewesen war, 

Vorbemerkung; Kaum hatte idi meine Augen zum Einsdilafen 
gcsdiJossen, als idi an ein Gesprädi zurüdidadite, das wir gerade in 
unserer Messe über den Bildungsgrad des belgisdien Volkes geführt 
hatten, Das Gesprädi war dann in seinem weiteren Verlauf zu einer 
dringenderen Frage übergegangen : unsere Hauswirtin hatte uns 2ti 
verstehen gegeben, daß wir uns um einen anderen Messcraum umsehen 
müßten, da sie unseren jetzigen zur Vergrößerung ihres Kaufladens 



über das vorbewußte phaa lasierende Denken 



traudite. Wir waren nun im gemeinsamen Gespräcfi die Dorfleute durdi= 
gegangen, um zu überlegen, wer von ihnen wohl bereit wäre, uns ein 
anständiges Zimmer zu vermieten und womöglidi für uns zu kodien. Zu 
diesen Leuten gehörte audi eine 2iemlidi wohlhabende FIüAtlingsfamilie 
mit einer etwa fünfundzwatizigjährigen Toditer, die der Stolz des Dorfes 
war. Die Brinnerungen an dieses Gesprädi gaben das erste Glied der 
weiter unten festgehaltenen Gedankenkette ab. 

Ein anderer Teil dei* Phantasie ruft die Umstände £urüdt, unter 
denen idi zum erstenmal in Berührung mit der Justiz meines Vaterlandes 
kam, und die einen tiefen Bindrutk bei mir hinterlassen hatten. Bei einem 
aufsehenerregenden Fall von Beraubung und Ermordung eines neunjährigen 
Mäddiens war idi zur Unterstützung der Verteidigung als psydiologisdier 
Sadiverständiger zugezogen worden, um den Geschworenen die Unzu= 
verlässigkeit und Gefährlidikeft von Kinderaussagen auseinanderzusetzen/ 
die Anklage war nämÜdi aussddieOIidi auf die Aussagen kleiner, neun«' 
bis zwölffähfiger Zeugen gegründet- Da mir die Aufforderung erst^ 
aditundvierzig Stunden vor der Verhandlung zuging, mußte idi Tag und 
Nadit arbeiten, um den Fall zu studieren und mein Gutaditen zu sdireiben, 
und ein Botenjunge mußte mein Manuskript Blatt für Blatt in das SAreibbureau 
tragen, wo für jedes Mitglied der Gesdiworenenbank und des Geriditshofes 
eine Absditift angefertigt werden sollte. Den Höhepunkt dieser aufgeregten 
Tage bildeten dann heftige Zusammenstöße mit dem Vorsitzenden des 
Gesdsworenengeridites, der meine Einmisdiung in die Anordnungen des 
Staatsanwaltes betreffs der Zulassung kleiner Kinder als ernstzunehmende 
Belastungszeugen verhindern wollte. Das Auftaudien dieser ereignisreidien 
Tage in meiner Phantasie erklärt sidi dadurdi, daß mir am selben Tag 
ein Abdrudt meines Gutaditens in den Archives de psychologie 
zu Gesidit gekommen war, von denen idi die Adresse des Verlages Kündig 
in Genf, bei dem idi Büdier bestellt hatte, abschreiben wollte. Hier ist 
nun die Phantasie, die idi meinen Aufzeidmungen entnehme: 

^ fÄ75 ^/eifte, dic^e Ding . . . . Wenn icß nocß Jungg&seffe 

wäre, ic£ möchte sie nicßt hsiratsn^ sie ist pfump und unfein und 
wird Bafd verfeiten. IcB mÖcßte auc£ Reine der Cousinen meines 
freundes B. Beiräten, Was icB von ißm üßer sie geßört ßaSe^ mac&t 
mir utaßrscßeinficB, daß sie zum Kfitoristypus geBören und, ivie so 
vieCe Töchter von Kaußeuten^ gewöBnt sind, viefGgfd auszugeBen. — 
IcB mÖcBte auS keine reic£e Trau Beiräten-, wie z. B. eine reiSe 
französiscBe Kriegswitive^ der icB dann nicBt gut genug wäre. Am 



I, Die Entstehung der Gedankenfcetten 



n 



[ießsten wäre mir eine 'Frau wie S.y die einen geistigen Arßeiter zu 
scBätzm versteht und stofz auf midö wäre.' <Von hier geht eine 
Association ah, die ith auslasse/ dann:) ^Ic& ßaße mir scBfießfidö sc6on 
einen Namen gematit; icB BaSescBon eine Menge Arßeiten veröffentfiSt. 
— Und was ist nur nacß meiner Intervention in dem TaO P. P. affes 
üßer mid> in den Zeitungen gestanden. — CHier ist es, afs oß iS äffe 
Erfeßnisse dieser Tage noS einmaf durcßmaSen würde. I<£ sitze 
mit dem Verteidiger in meinem Ärßeitszimmer; iS geße in das 
SSreißßureau und seße den Mascßinscßreißer Bei der Ärßeitj idß 
scßreiße sefBsr eifig an meinem Gutadjten, das der Verteidiger mir 
Seite naS Seife fortnimmt, oßne mir Zeit zum DurSfesen zu fassen, 
und es dem Botenjungen gißt, der es zum Aßscßreißen trägt. Icß seße 
miS sefßer wieder ßei der Geridötsverßandfung, in einem Leßnsessef 
por dem Ridster und angesicßts der Gescßworenen sitzend. IcA 
streite genau wie damafs mit dem ersterenj icß empfinde äffe 
Gefüßfe, die damafs in mir aufstiegen. 'J — ' <Hier folgt eine Lüdie, die idi 
. nitht ausfüllen konnte.) „7ö$ wi ff Herrn T. feine aßademiscße Autorität J 
Sitten, dieses Gutachten zu fesen und ißm einen ABdruc£ davon 
einsenden/ so ßann er seßen, daß icß ßei meiner Unterredung mit 
ißm niSt üßertrießen ßaße,- und vieffeicßt scßfägt er micß dann doch 
für den Leßrstußf vor, den ich so gerne ßätte. — Hätte iS nur mein 
Doktorat ßinter mir! Wie gut würde der Titef sicß auf meiner 
Visitßarte maSen. ffcß versucße verschiedene Entwürfe einer sofc&en 
Visitßarie mit meinem neuen ZußunftstitefJ — Wird der Minister aßer 
eine Kommission für micß einsetzen 9 flc£ entwerfe in Gedanken ein 
fanges GesuS an den Minister, worin icß Bitte, er möge micß eßenso 
ßeßandefn wie die Kandidaten, die der Ausßrucß des Krieges an der 
Aßfegung ißrer Prüfung geßindert ßatj Vief einfacßer wäre es 
afferdings, wenn die Deßanin unserer Ta^uftät in Paris wäre, wie 
man mir gesagt Bat. Sie Bannte mit der größten LeiStigßeit eine 
Kommission für micß zusammenßringen, denn in Paris gißt es 
genügend Bompetente Autoritäten und vieffeicßt würden sie, der 7ax» 
zufieße. Bereit sein, in eine sofcße Kommission einzutreten. — Icß denfie 
jetzt an die Kosten für meine Inskription und die Pervieffäftigung 
meines ManusBriptes, denn Trau fein I. — die DeBanin — wird für jedes 
Mitglied der Kommission eine Aßscßrift Brauchen und vieffeicßt au(ß 
nocß für die Journafisten, die etwa die Verteidigung meiner Arßeit 
aufnehmen. Das wird au<£ eine Menge Gefd kosten. IS Bin tief in 



I 




14 



Über das vorbevrußte phantasierende Denken 



I 



die BerecBnung der Kosten meiner Prüfi4ftg versengt faBre dann auf 
und gehe daran, den eben ausgesponnenen Tagtraum zurüdtzuverfolgen.« 

Ein Vergleidi der beiden Phantasien ließ keinen 2weifel mehr daran 
übrig, daß, wie idi sdion oben bemerkte, die Gedankenketten, mit denen 
wir uns während der Geistesabwesenheiten im Wadileben beschäftigen, 
ganz dasselbe sind, ^\z die Phantasien, die im Zustand der Srfilaf=' 
trunkenheit auftaudien. Daß bei dem letzten Tagtraum meine Versunkenheit 
so wz\l "ZM gehen sdiien, daß idi nicht nur visuelle Bilder sah, sondern 
sogar Gehörs- und Muskelempfindungen hatte <2. B- meine Unterredung 
mit dem Richter und das Sdireiben meines Gutaditens), widerspridit dem 
Charakter der komplizierten Phantasiegebilde des Wachlebens nidit, wie 
idi später an geeigneter Stelle nadiweisen werde, 

Die beiden vorbewußten Gedankengänge werden von einer Abwendung 
von der Realität begleitet, wie sie für alte Arten von Denktätigkeit 
diarakteristiscb ist, bei denen keine Rudtsidit auf die Außenwelt genommen 
wird. Es kann aber ganz interessant sein, zu beobaditen, auf welche^ 
Weise diese Abwendung zustande kommt und unter we!dien besonderen 
Umständen sie eintritt. 

Wenn wir zu Bett gehen und einsdhlafen wollen, sdieint der Fall 
sehr einfadi zu liegen. Wir geben das geriditete Denken auf, überlassen 
uns aber gleidizeitig einem scheinbar planlosen vorbewußten Denken, das 
sdiÜeßlidi an die Oberfläcbc gelangt. Nur ist die Assoziationskette, die 
in diesem Augenblidc abzulaufen beginnt, nicht so undeterminiert als 
man glauben sollte. In dem letzten Tag trau mb eis piel beginnt der 
Gedankengang mit der Erinnerung an das Gesprädi, das idi eben in der 
Messe geführt hatte, Idi glaube, man kann das Auftauchen des Gesprädis= 
Inhaltes eine Erinnerung nennen, obwohl von meinem Verlassen des 
Messeraumes bis zum Sdiließen der Augen vor dem Einsdilafen nur 
kurze Zeit vergangen war. Das erste Glied der Phantasie war also eine 
Erinnerung. Nun könnte man ater nodi fragen, ob mid; nidit der 
Gedanke an die Wohnungssudie die ganze Zeit über besdiäftigt hatte, 
so daß er nicht erst erinnert werden mußte. Und da mir einfällt, daß 
die zuerst zitierte Tagesphantasie offenbar von der Erinnerung an die 
Notiz iiber die SoIdaCenprüfungen ausgelöst wurde, die ich wenige 
Minuten vorher in der Zeitung gelesen hatte, will Jdt im folgenden 
einige Beispiele mitteilen, bei denen das einfache Nadidenken über ein 
wirkliches Geschehnis vor dem Einsdilafen das erste Glied eines zusammen^ 
hängenden Gedankenganges abgab. 



Idt las im Bette Prof. Bllwoods »Introduction to social 
psychology« und Begann, nadidem mein genditetes Denken aufgehört 
hatte, automatisdi bestimmte Definitionen, die idi gerade gelesen hatte, 
mit ähnlichen aus Waxweilers »E s q u 1 s s e d'u ne Sociologie« 
zu vergleicfien. Von diesem Ausgangspunkte aus ging der Gedankengang 
weiter wie folgt : »Dieses BuS Baße icß nocß immer in C C^er Ort, 
itt dem icß feßte^ ehe idö an die Tront üamj. — Mein einziges 
Kxempfar meines eigenen Buches muß aucß noc£ dort sein- — 
Hätte iS es docß Rektor T. Bei meiner Unterredung mit ißm zeigen 
Rönnen usw.'^ bis idi midi beim Erwadien mit den Transportsdiwierig= 
keiten auf den englisdien Eisenbahnen besdiäftigt fand. 

Bei diesem Beispiel beginnt die Gedankenkette mit der Erinnerung 
an einen Tagesrest <ElIwoods Definitionen), an den dann ältere 
Erinnerungen anknüpfen <Waxweilers Definitionen), Nun gehört aber 
ein Tagesrest ebensogut dem Gedäditnis an wie eine sogenannte 
Erinnerung/ der Untersdiied zwisdien ihnen ist nur eine Frage der 
Zeit : die Erinnerung ist unserem Idi vor längerer Zeit einverleibt 
\5forden als der Tagesrest. 

Wir bemerken audi, daß die Phantasie bald von dem Vergleidi 
abkommt und zu anderen Dingen übergeht : nämlidi zu den Büdiern, ' 
die ich in C, zurüdcgelassen. 

Wir enthalten uns jeder voreiligen Sdilußfolgerung und untersudien 
eine andere Phantasie ; Durdi ein unangenehmes Hautjud^en^ das auf 
Ungeziefer hindeutet, gestört, habe idi meine Kerze nodi einmal ange* 
zündet und gründlidi, aber erfolglos, Jagd auf meinen Feind gemadit- 
Da midi Flöhe mit besonderer Vorliebe heimsudien, habe idi, in ein 
Tasdientudi gebunden, ein Büsdiel Kamillen bei mir im Bette ,■ ein Bauer 
hatte mir Kamillen als das beste Mittel gegen Flöhe empfohlen. Wie 
idi 'Wieder ins Bett steige, drüdie idi die zu einem länglldien Bündel 
zusammengeprefiten Blumen fest gegen die judeende Körpersteile und 
denke folgendes: )^Das Mitte f scß eint nidot vief zu ßeffen. — Immer" 
ßin rede icB mir Jetzt wenigstens ein, daß idö die Stid>e weniger fußte. 
— Aßer es ßann ßein 'Ffoß sein, sonst würden ißn die KamifCen 
verjagen. Die Stieße sind aud} zu groß für einen Wtoß, etc.^ Beim 
Erwadien aus meiner Phantasie muß idi über den Unsinn, mit dem idi 
midi in ihr besdiäfttgt hatte, unwillkürlidi ladien. 

Bei diesem Beispiel bildet die Wahrnehmung eines äußeren Reizes 
das erste Glied der Gedankenkette. Das zweite Glied ist eine Folgerung, 



die sidi auf eine Erinnerung stützt, und zvar der folgende Gedanke in 
kondensierter Form : »Der Bauer, der mir dieses Mittel gegen Flöhe 
empfahf, versidierte, daß es unfehlbar sei/ idi fange aber jetzt an, seine 
Unfehlbarkeit zu besweifeln-« Wir finden hier bei der Entstehung der 
Gedankenkette wieder ein dem Gedächtnis entnommenes Element wirksam. 
Die Phantasie kommt autt nicht so sdinell wie bei dem vorigen Beispiel 
von dem urspriinglidien Thema ab, trotzdem können wir aber wieder 
beobaditen^ daß das Hauptinteresse sidi bald von dem Moment, das 
den Reiz auslöste, ab^ und anderen Dingen zuwendet. 

Nadidem idi die vorstehende Phantasie verfolgt und auf ein Blatt 
Papier niedergesdi rieben hatte, versudite idi von neuem, einzusdilafen, 
Adit Minuten später fuhr idi aber aus einer neuen Phantasie auf, die 
folgendermaßen begonnen hatte: I^ fäcBfe no<£ üBer deneBen zusammen'^ 
pBamasiertm Unsinn und es kommt mir der Gedanh, iS soffte das 
am näcßsten Morgen meinen 7reundsn in der Messe ersaß fen. — 
Daran knüpfen sich die folgenden Assoziationen : "^ Einer von iBnem SJ 
fragte miS gerade Baute, wie ic£ mit meinen Studien im Spaniscßen 
vorwärts käme. — Wir waren eßen Beim NacßtiscB, afs mein Burscße 
mir eine Karte von Träufein D, üBerBracßte, in der sie mitteifte^ sie 
könne das spaniscße Bu<S,^ um das ic6 geBeien Batte^ niSt aufireiBen 
usfv., bis idi beim Erwadicn aus der Phantasie dabei bin, midj 
mit den Fähigkeiten einer unbekannten Autorin zu besdiäffigen, die an 
diesem Tage in den ,Times' annonciert hatte.« 

Können wir das erste Glied dieses Gedankenganges einen Tagesrest 
nennen, d, h. einen Begriff, der in unserem Gedäditnis enthalten ist? 
Idi hatte die Flohphantasie, an die idi hier denke (die idi erinnere), ja 
gerade erst gebildet und z-wisdien ihrer Bildung und der Erinnerung an 
sie war kaum eine halbe Stunde (die Zeit, die idi gebraudit hatte, um 
sie zurüdszuverfolgen und niederzusdireiben,) vergangen. Es würde aber 
ZM. weit führen, wenn wir uns hier in die Erörterung der Frage einlassen 
wollten, wann eine Vorstellung anfängt, dem Gedäditnis anzugehören. 
Idi sdiiebe diese Untersudiung also für einen späteren Ecitpunkt, 
wo sie vielleidit von Nutzen sein wird, auf, und wenn mir Jemand das 
Redit abspredicn wollte, dieses erste Glied : »Idi lädile nodi über den 
eben zusammenphantasierten Unsinn,« als Erinnerung zu bezeidinen, 
könnte idi immer nodi nadi weisen, daß nadi dem Gedanken »Idi sollte 
das am nächsten Morgen meinen Freunden in der Messe erzählen,« eine 
andere Erinnerung kommt; »Einer von ihnen, B., fragte midi gerade 



I. Die Entstehung der Gedankenketten tj 



heute, Tii^ie ith mit meinen Studien im SpanisAen vorwärts käme,« die 
Jedenfalls von dem gleidien Tage stammt. 

Audi bei der foigenden Beobaditung tritt der Tagesrest in den 
Vordergrund; Beim AusSösdien meiner Kerze bemerke idi auf dem 
Sessel neben meinem Bette eine SAaditel mit Pillen, die idi am nädisten 
Morgen als Mittel gegen Bandwurm einnehmen soll, was mir beim 
AnbÜdt der Sdiaditel einfällt. Meine Gedanken laufen daraufhin, wie 
folgt : * Wie wäre es, wenn tcß anfangen würde, die Piffen gfeiS 
ein^umBmen, eine alfe zeßn Minuten und nicBt erst morgen frü^? 

— IS Rannte auS um Mitternacht anfangen, wenn icB nicBt einscßfafen 
Rannj das ist für micß ein feidjtes. — Dann muß icß aßer zu fange 
wac6 Steißen, — VieCfeid>t wirRt das Mittef dann aucB ni<£t 
ordentficß ^ etc. Fünf Minuten später, wie idi wieder ,zu mir komme', 
finde idi midi in der Phantasie in einer skatologisdien Tätigkeit begriffen.« 

Audi hier ist die Wahrnehmung eines äußeren Reizes das erste 
Glied des Gedankenganges. Hinter dem zweiten »Wie wäre es, wenn 
idi anfangen würde, die Pillen gleidi einzunehmen?« verbirgt sidi die 
Erinnerung an einen Vorsatz, der midi tatsädilidi veranlaßt hatte, eine 
längere Wanderung zu unternehmen, um einen Darmspezialisten aufzu- 
sudien ; der Wunsdi nämlidi, meinen Bandwurm so bald als möglidi 
loszuwerden,- idi bin ziemlidi mager, was idi auf diesen unerwünsditen 
Gast zurüdtführe. Niemand wird leugnen, daß ein Vorsatz etwas ist, 
das man erinnern kann, so daß wir also nadi der ersten Wahrnehmung 
hier wieder ein Element haben, das dem Gedäditnis entnommen ist, 
Wir werden im weiteren Verlaufe nodi sehen, daß Jedes einzelne Stüdt 
des Gedäditnisinhalts irgendwann einmal auftaudicn kann, nur voraus^^ 
gesetzt, daß sidi ihm eine günstige Gelegenheit bietet. 

Vom Standpunkte des Bewußtseins aus wäre es eine Übertreibung 
zu sagen, daß die Wahrnehmung der Pillensdiaditel affektiv betont war,- 
trotzdem werden wir später sehen, daß ihr vom Standpunkte des Vor-^ 
bewußten aus der Affekt nidit abzuspredien ist. Für unser zweites Idi 
gibt es keine indifferenten Sensationen und die lauernden Affekte setzen 

— in dem Augenblidte, in dem unsere Willenskraft nadiläßt — die Asso" 
2iationsme<hanismen in Bewegung, gleidigültig weldier Art die äußeren 
Reize sind, die auf unsere Sinnesorgane einwirken. Idi gebe im folgenden 
zwei Beispiele, in denen das Vorbewußte sidi heftiger Anstöße aus der 
Außenwelt zu seinen 2wecken bedient: 

Es ist elf Uhr und ith bemühe midi aus allen Kräften, Sdilaf zu 



i8 



Üter das vorbewußte phan rasierende Denken 




finden, PlötzUdi kommt mir zu Bewußtsein, daß die Deutsdien das 
Dorf besdiießen. Die Explosion einer Granate, die in geringerer Entfernung 
als die anderen auflfäilt, erinnert midi spontan an eine andere Granate, 
die vor sedis Tagen in der Mitte der Straße niederfiel und eine Menge 
anriditete. & IPe/i^en Weg ßat sie gsnommm und woBsr ist sie 
gekommen ? ^ Oß sie üBer dis Häuser reiße geßogen ist ? — Dann 
müßte sie vom KsmmefBerg gekommen sein. usw.<!^, bis idi an einen 
ehemaligen SdiuIkoHegen, der Spezialist für Ballistik ge\(''orden Ist, und 
an meine SAuItage denke. In diesem AugenWidc stoAt die Assoziation 
und idi merke, daß idi sdion wieder in Gedanken versunken war.« 

Bei diesem Beispiel wird die Wahrnehmung des äußeren Reizes 
unzweifelhaft von einer Erinnerung gefolgt, die meinem Gedäditnis seit 
genau sedis Tagen angehört. 

Die folgende Assoziationslcette hat sidi während des Krieges mit 
g-erjngen Abänderungen häufig bei mir wiederholt: Idi liege im Bette 
und will einsdilafen. Plötztidb wird meine Unempfindlidikeit für Sinnet- 
eindrücke für einen AugenbÜdt dadurdi unterbrodien, daß idi das Summen 
eines bombenwerfenden Aeroplans wahrnehme/ meine Gedanken laufen 
daraufhin wie folgt: -»Sie Baßm es nidst auf uns aBgeseBen. — J» 
sind zu Bo<£. — • Sie ßiegen naS Dün^irc&eti oder Cafais. — Jeden- 
fatts Bin idj froß, daß icB m'cBt in einem Zeftfager sdjfafon muß, denn 
die ZeCtwände Bieten üBerBaupt Beinen S<Suiz. — Hier scBüt^t micB 
do(£ die StärBe der Ziegefmauern. — Sefßst wenn eine BomBe vor 
dem Hause niederßefe. wäre icB doS scBon durcB die Wand unter' 
BafB des Fensters gescBützt. — Und es ist Besser, daß id in der 
Binteren Zimmeredie scßfafe und nicBt am Tenster (mein Zimmer 
lag ebenerdig), so würden die Mauerstiidie üBer meinen Kopf weg^ 
ßiegen^. etc. ^^ 

Hier ist die Erinnerung, die auf die äußere Wahrnehmung folgt, 
in dem Satz; »Sie sind zu hodi«, enthalten. Es sollte eigentlidi heißen: 
»Idi höre an dem Geräusdi, daß sie hodi oben sind, und erinnere midi, 
daß sie gewöhnlidi in größerer Höhe fliegen, wenn sie es auf das Hinter- 
land abgesehen haben. <f 

In fast all den bisher .angeführten Beispielen ist der Ausgangspunkt 
der Gedankenkette die Wahrnehmung eines äußeren Reizes, die sidi in 
der Folge mit einem Tagesreste oder irgend einer Erinnerung aus den 

^ Dk Wiedefiiersteilung dieser Phantasie ist mir nirfjt vollständig gelungen. 



I. Die Entstehung der Gedankenketten 



t9 



Vonafen verknüpft. Manchmal wird allerdings audi ein Eindrudt vom 
cleidien Tage, der während des »Phantasierens« ins Gedäditnis zurütfe- 
gerufen wurde, zum Ausgangspunkt meiner vorbewußten Gedanken« 
assoziationen. 

So habe idi einmal im Verlaufe des Tages einen etwas aufregenden 
iBfief bekommen. Ein andermal war idi in der unangenehmen Lage, 
einem meiner Vorgesetzten einen Tadel zuzuziehen/ ein drittesmal 
verständigte midi ein Freund, daß er midi in kurzem mit dem belgisdien 
Minister Van der Velde an der Front aufsudien würde. In all diesen 
Fällen erwedite das Tagesereignis Gefühle in mir, die, obwohl keineswegs 
heftig, doth genügend betont waren, um wieder aufzutaudien, ohne daß 
wir über ihre Wiederkehr erstaunt wären. Das Tagesereignis, das zum 
Ausgangspunkt einer Träumerei wird, muß aber nidit einmal irgend einen 
besonderen Eindrudi auf uns gemadit haben. Zum Beispiel; 

»Idi erhielt heute meine wödientiidie Nummer des ,Times Educa^^ 
tional Supplement' und hatte im Laufe des Nadimittages folgenden 
Gedankengang ; <ilc^ könnte den HerausgeBer Bitten, mir einen ÄBzug 
seiner BesprecBung üBer mein fetzte s Bucß einzuschicken Cum 
es Bei einer eventueffen BewerBung um eine Änsteffung zu ver- 
wenden) etc.<s. 

Es wäre ein Leidites, andere derartige Beispiele anzuführen, aber 
diese Entstehung von Gedankengängen durdi das Erinnern an gering- 
fügige Dinge ist ja etwas ganz Alltäglidies : mitten in einer Besdiaftigung 
fällt uns plötzlidi ein, daß wir vergessen haben, einen Brief aufzugeben, 
eine Redinung zu bezahlen, zum Zahnarzt zu gehen, ein Verspredien 
einzuhalten usw. Nur erlauben uns unsere Berufstätigkeiten nidit, den 
Gedankengängen, die sidi an soldie Einfälle knüpfen könnten, weiter 
nadizuhängen. 

in meiner Unkenntnis der Psydiologie des Vorbewußten beging idi 
einen Irrtum, über den idi heute lädieln muß, der uns aber trotzdem 
wieder ein neues Stüdcdien Aufklärung versdiafFt: Idi bin, immer wenn 
idi mit einer produktiven Arbeit besdiäftigt bin, ein sdilediter Sdiläfer 
und pflege alles möglidie zu versudien, um die Gedanken loszuwerden, 
die meine Ablösung von der Außenwelt stören. 

Als idi das Material für diese Arbeit sammelte und midi in meinen 
Bemühungen, einzusdilafen, oft durdi die Niedersdirifi: von Notizen 
stören mußte. Gel mir bald auf, daß idi durdi gewisse Phantasien länger 
wadi gehalten wurde als durdi andere. Idi dadite aber zuerst, daß es 



vielleidit gelingen könnte, meine Sdilaflosigkeit abzukürzen, wenn idi zum 
Ausgangspunkte meiner Gedankengänge Vorstellungen nähme, die keinerlei 
aufregende Wirkung auf midi haben könnten. I<fi versudite deshalb, und 
srfiließiidi mit Erfolg, aus meiner Vorstellung alle Gedanken aus2usdilief!en 
bis auf den einen, den idi ausgesucht hatte und von dem idi hoffte, daß 
er das erste Glied einer harmlosen und den Schlaf nidit abhaltenden 
Gedankenkette werden würde. Natürlidb entspradi das Resultat nidit 
meinen Erwartungen, denn die Ausgangs Vorstellung übt ja keinerlei 
entsdiesdenden Einfluß auf die Richtung des Gedankenganges aus. Das 
Experiment lieferte nur eine Illustration zu dem bekannten Spridiwort: 
»Alle Wege führen nadi Rom.« Im folgenden gebe idi ein Brudistüd; 
einer soldien Phantasie mit wällkürlidi bestimmtem Ausgangspunkt. 

Ich versudite eines Nadits aussdiließlidi an die Gesdiiddidikeit eines 
brasilianisdien Diebes zu denken, der in Paris sein Unwesen trieb und 
von dem idi gerade in einer Zeitung gelesen hatte. Als ich wieder zum 
bewußten Denken zurückkehrte, förderte eine kurze Analyse die folgende 
Gedankenkette zutage : 

•iDer ßraslfi'am'scSe Di'eß Unsere internationafe 

Geseffscßafi fiat auch eine %weigsfeffe in San Paofo. Der dortige 
Direktor Bat meinem Treunde R. einmaf eine gfänzende Steffung 
angeSoten. ^ Der Zweigsreffe in X. geßt es aucß ausgezeicßnet. 
CX, fiegt in dem Lande, in dem icß damafs einen Leßrstußf ttf 
ßeßommen ßoffiej usw:^ Die Fortsetzung der Phantasie drehte siA immer 
wieder um denselben Komplex. 

Die Sdiilderung »Ich versudite aussdiließlidi an zudenken etc«, 

gibt meine psydiisdie Einstellung nidit sehr genau wieder. Das bewußte 
Denken war jedenfalls ausgesdialtet, denn idi konzentrierte meine 
Aufmerksamkeit nidit, und da tdi wußte, daß die vorbewußten Gedanken 
in den Vordergrund treten würden, bemühte idi midi nur, alle Vorstel- 
lungen, die sidi nidit auf das eine, ausgewählte Thema htzog^n, zu 
vermeiden ,• ich verdrängte also einen Teil meiner vorbewußten Gedanken. 
<Wic wir später erfahren werden, versuchte idi, unwissentlidi, den Zustand 
herzustellen, der einer Tätigkeit der Inspirationsmedianismen entspridit.> 
l<i\ kann nidit beurteilen, ob es ohne vorherige Übung leidit gelingt, 
diese psydiisdie Einstellung anzunehmen, mir selber fällt es jedenfalls 
nicht schwer. 

Wenn wir die versdiiedenen Fälle unserer Beobachtung jetzt 
zusammenfassen, können wir schließen, daß die vorbewußten Gedanken^ 



I. Die Entstehung der Gedankenfcctten 



ketten, die vor dem Einschlafen, nadi Aussdialten des Gewußten 
Idi gebildet werden, folgende Ausgangspunkte haben können: 

aj die Wahrnehmung eines äußeren Reizes, harmloser oder 
aufregender Art, die sidi sofort mit einer Erinnerung verbindet und bald 
in den Hintergrund tritt. 

^J das Auftaudien eines Tagesrestes, der indifferent oder affektiv 
i'betont sein kann, 

cj willkörlidi gewählte Vorstellungen (zu experimentellen Zwedien), 
die sidi gleidifalls sofort mit Erinnerungen verbinden, 

^ wir übergingen die Fälle, bei denen stark affektiv betonte 
Eindrüdie, wie der Tod eines nahen Verwandten etc., in den Vorder^ 
grund treten : die Störung der Seelentätigkeit geht bei diesen Beispielen 
aber zu tief, als daß sie für eine Untersudiung des normalen vorbewußten 
Denkens in Betradit kämen. 

Bei der Kategorie ^ könnte man sagen, daß die Gedankenkette von 
einer inneren Wahrnehmung ausgeht, wobei das Wahrgenommene 
ein Stüdi Gedäditnisinhalt ist. 

Aus dieser Aufstellung ergeben sidi die folgenden Sdilüsse: 

1. Ein Element zu Anfang jeder Gedankenkette ist dem Cedäditnis 
entnommen. Dieses Element bildet bei den Gedankenketten, die von 
einer inneren Wahrnehmung ausgehen, das erste Glied, bei den anderen 
das zweite. 

2. Den versdiiedenen Ausgangspunkten ist das Moment der Aktualität 
gemeinsam. Wir wissen ja, daß Gedanken, die während des Tages 
bewußt geworden und der Verdrängung verfallen sind, wenn ihre Intensität 
genügend groß ist, darum nidit für immer versdiwinden, sondern im 
Verborgenen auf eine neue Gelegenheit zum Hervorkommen warten; 
wir sagen, sie befinden sidi im Zustand der Latenz, Außerdem werden 
sie dufdi ihr Auftaudien aus dem Vorbewußten neuerdings aktuell. 

3. Die Wahrnehmung, auf die sidi das Interesse anfänglidi 
konzentriert, gerät nadi einer bestimmten, bei jeder Träumerei versdiieden 
großen Anzahl von Assoziationsgliedern in Vergessenheit. 

Nadidem wir hier begonnen haben, uns mit den Vorgängen in 
unserem Seelenleben zu besdiäftigen, wenn wir nach Ausschalten 
des gerichteten Denkens vor dem Einsdilafen von der bewußten 
zur vorbewußten Gedankenbildung übergehen, wollen v/ir uns jetzt einer 
Untersurfiiung des Assoziationsvorganges bei unseren Phantasien im 
Wadileben zuwenden. 



Ober das vorbcwußte phantasierende Denken 



Wir untersdheiden bei unserer wadien Seelentätigkeit vers(iiiedene 
Zustände^ von denen die einen das vorbewußte Denken begünstigen^ 
die anderen es aussdiließen,- zwisdien diesen beiden Extremen gibt es 
alle möglidien Abstufungen. Wenn wir z. B. in Gedanken versunken In 
einem Fauteuil lehnen, befinden wir uns in derselben Verfassung wie 
bei der Sdilaftmnkenheit vor dem Einsdilafen. Wenn wir aber beim 
Lesen merken, daß unsere Aufmerksamkeit vom Budie absdiweift, weil 
unsere Gedanken sidi mit etwas anderem besdiäftlgen, liegt der FaÜ 
anders. Idi kann midi jedenfalls nidit erinnern, daß ein soldies Abschweifen 
der Aufmerksamkeit ein einzigesmal bei der Lektüre eines spannenden 
Romanes vorgekommen wäre, bei der Niedersdirift einer Arbeit, von der 
idi mir den Absdiluß und die Krönung langwieriger und mühevoller 
Vorarbeiten erwartete oder während eines interessanten Gesprädies. 

Idi lasse einige Beispiele von Phantasien folgen, die während 
versdiiedener soldier Zustände entstanden sind: 

Idi saß eines Tages in einer Stimmung, die Geistesabwesenheiteh 
begünstigte, in einem Zuge zwisdien London und Folkestone, Irrtümlidier-- 
weise war idi in einen fatsdien Waggon, der nadi Margate gehen sollte, 
eingestiegen und mußte unterwegs umsteigen, Nadidem idi midi wieder 
bequem untergebradit hatte und unbesdiäftigt dasaß, hatte idi folgenden 
Gedankengang : , Um &in Haar wäre icB in Margate statt in 7of5estone 
angeRommen. IcB Mtte mic6 gewundert, toenn icB meinen Irrtum erst 
dort Bemerfy Satte. ^ Aßer iS ßätie die SSiffsaßfaSrt desBafS niSt 
versäumt. — IS wäre im Omnißus von Margate naS Tofßestone 
gefaßren, wie i<A es im Jaßre 1913 so oft getan ßaße. ' — <Hier zieht 
eine ganze Reihe von Erinnerungen an meinen damaligen Aufenthalt an 
der Südostküste neu belebt an mir vorüber.) 

Wir bemerken, daß audi diese Gedankenkette von einer inneren 
Wahrnehmung ausgeht. 

Etwas komplizierter sind die Umstände bei der folgenden Beobaditung, 
bei der es sidi um einen visuellen Eindrudt handelt, der gleidizeitig Anstoß 
zu zwei psydiisdien Phänomenen von ganz versdiiedcn artiger Natur gab. 

Idi stand in meinem gewöhnlidien Wohnort auf der Plattform einer 
elektrisdien Straßenbahn und las zerstreut ein großes, an einer Mauer 
angesdilagenes Plakat, dessen Sinn idi zwar in midi aufnahm, aber nldit 
deutfidi genug, um midi nadiher an die Einzelheiten seiner Abfassung 
erinnern zu können. Das Pfakat lautete <in Übersetzung) wie folgt: »Biere 
der Brauerei Belgica, A. G.« 



Nachdem die Elektrisdie ein Stüdk weiter gefahren war, wurde idi 
darauf aufmerksam, daß idi in Gedanken versunken war und gleidizeitig 
ein Lied vor mich hin summte. Mein zweites Idi hatte die Worte 
»Brauerei« und »A. G,« (Äktien-'Gesellsdiaft) aufgegriffen und die 
folgenden Assoziationen daran geknüpft: ^AS ja, das ist die neue 
BrauereigesefCscßaft von der icB gestern in der 'Zeitung gefesen ßaße. 
Es Bieß, daß sie von drei Brauern, die icB kernte, gegründet wurde. -^ 
[{£ erinnere mitß an den BesucB in einer der Brauereien, Dort BaBe 
i(ß zum erstenmaf geseßen, wie man Lager Bier macBt." 

Wir brauchen hier nur zu teaditen, daß eine äußerliche Assoziation 
die Verbindung zwisdien der äußeren Wahrnehmung und den Erinnerungen 
herstellt, und können sofort zu dem Sinn des Liedes übergehen, das ich 
gleidizeitig summte. Der Text bezieht sidi auf das einzige belgisdie 
SchulscfaiC die »Belgica«, das unter großen Feierlicfikeiten von Stapel 
gelassen wurde, nachdem das erste mit Verlust vieler junger Menschen^ 
leben unter tragisdien Umständen untergegangen war. Der vlämische Text 
lautet in Übersetzung wie folgt: 

»Lebewohl, lebewohl, o Belgic:a, 

Tausend fromme Wünsche folgen deiner Fahrt, etc« 

Icfi mußte lächeln, als ich begann, meine Gedanken zu analysieren 
und nadizuforsdien, was mein Unbewußtes cigentlidi auf diese verblümte 
Art ausdrücken wollte: es fiel mir plötzlidi ein, daß ich auf diese Weise 
von jemandem Abschied nahm, den ich mit allen Kräften loszuwerden 
wünsdite. Gleidizeitig erinnerte ich midi, daß das gleiche Lied mich sdion 
seit Wodien verfolgte, und während idi noch über den in ihm verborgenen 
Sinn nachdachte, ergab sidi mir auf einmal die Bedeutung einer ganzen 
Reihe anderer Melodien, die ich, über ihre aufdringliche Wiederkehr 
geärgert, vor mich hinzusummen pflegte, Sie alle standen in Zusammen« 
hang mit einem peinlichen Erlebnis, das meine Beziehung zu einer Frau 
betraf- 

Auch zwischen meinem geheimen Wunsch und dem Plakat wird die 
Verbindung durch eine äußerliche Assoziation, das Wort »Belgica«, 
hergestellt / idi möchte aber gleich betonen, daß wir es bei diesem Beispiel 
mit einer Erscheinung zu tun haben, die sich mit den bisher untersuchten 
Phantasien nicht vollständig dedit. Sic trägt mehr unbewußten Charakter, 

Der Gedankengang über die Brauerei, wie auch der andere im 
Zug 'nach Folkestone, gleichen in bezug auf ihre Entstehung, das 
Vergessen der ursprünglichen Wahrnehmung, die psychische Verfassung 



=4 Ü&er das vorbewtißte pKaniasicrcn de Denken 



im Augenblick ihrer Bildung, wie überhaupt in ihrem ganzen Aufbau, 
dien Phantasien vor dem Einsdilafen im Bett, 

Bei den Gedankengängen, die uns während der Lektüre ablenken, 
liegen die Dinge aber «weniger einfadi, Mandimal ist ein Bindeglied 
zwisAen dem gelesenen Text und dem vorbewußten Gedankengang 
vorhanden, mandimal, wenigstens so weit man sehen kann, keines, Idi 
sdiob es anfänglich auf den Mangel an Übung, daß es mir in der ersten 
Heit meiner Untersudiungen so selten gelingen wollte, eine Verbindung 
zwischen der gelesenen Stelle und der ersten vorbewufiten Assoziation 
aufzufinden, obwohl idi immer imstande war, eine Gedankenkette bis zu 
einem Tagesrest oder einem äußeren Reiz zurüdzuveffolgen. Bald 
erkannte idi aber, daß man sidi von der Außenwelt ab= und dem inneren 
Idi zuwenden kann, ohne daß irgend ein erkennbarer Übergang vorhanden 
sein müßte. 

Ein soldies Nadiinnenwenden kann unter zwei ganz versdiiedenen 
Bedingungen vor sidi gehen: mandimal wird die geriditetc Aufmerksamkeit 
so herabgesetzt, daß sie zu nidits 2usammensdirumpft und sogar das 
medianisdie Lesen aufhört/ dann befinden wir uns aber wieder in derselben 
Verfassung wie bei der Sdilaftrunkenheit und ein verdrängter Gedanke 
kann auftaudien, ohne daß er mit dem bedeutungslosen oder vernadi^ 
lässigten Text in Zusammenhang stehen müßte. Andererseits können wir 
zerstreut werden, obwohl wir uns die größte Mühe geben, den Faden 
des Gelesenen nidit zu verlieren,, audi in diesem Fall ist keine Verbindung 
des vorbewußten Gedankenganges mit dem Inhalt des Gelesenen vorhanden, 
wie das folgende Beispiel zeigt, Idi las eines Morgens im Bett, mit vollster 
Aufmerksamkeit und großem Interesse, während mein Sohn neben mir 
fag. Abends vorher hatte der junge über ein kidites Unwohlsein geklagt, 
das meine Besorgnis erregte, denn er hatte im Krieg eine Rippenfell- 
entzündung durdigemadit, nadi der idi, trotz der Beruhigung des Arztes, 
die Angst vor einer Lungentuberkulose nidit loswerden konnte. 

Plötzlidi bemerkte idi, daß mir eine Stelle in meinem Budie 
unverständlidi blieb, obwohl Idi sie sdion wiederholt gelesen hatte. Es 
fiel mir ein, daß hier vielleidit eine Beobachtung zu madien wäre, idi 
legte das Buai aus der Hand und begann, mich zu analysieren. In 
demselben Augenbhdt, in dem lA merkte, daß idi besondere Anstrengungen 
madien mußte, um den Text zu verstehen, wußte idi audi sdion das 
Thema meiner Phantasie (die Krankheit) und erinnerte mich, daß der 
Junge wenige Augenblidte vorher gehustet hatte. (Dieses Husten war 



mir damals nidit zu Bewußtsein gekommen, > Ich konnte die folgende 
Gedankenkette ohne Mühe zurütkverfolgen : „ Wenn er Bfut hustet, 
Bss(6miitzt er das Leintucß. -^ Icß soßte ißm viefTeicßt ein Hancß 
tucß unter fegen, — Icß müßte dann den näcßsten Arzt ßofen. Der ist 
aSer hin Lungenspeziafist — Aucß Dr. X., der in der Näße woßnt 
ist Bei Tußerßufose nicßt der ricßtige. — Wen ßönnte icß denn in der 
Nacht ßofen 9 ^ Am Besten lüäre es woßC Bis zum Morgen zu warten. 
— Aßerin der Zwiscßenzeit ßann der Junge sterßen. — <An dieser Stelle 
war die Phantasie zu Ende.) Idi bemerke nodi, daß die Vorstellungen 
in visuellen Bildern, aber recht versdiwommen, auftauditen und von 
einem ziemlich starken Affekt begleitet waren. 

Ich untersuAte sofort, ob sidi in dem gelesenen Text irgend etwas 
finden ließe, was als Bindeglied zwischen dem Buch und meiner Phantasie 
gedient haben könnte. Ich fand nidits, erinnerte mich aber statt dessen 
an den Kampf, den die beiden Gedankengänge miteinander geführt hatten, 
und der durdi den Sieg des vorbewußten beendigt worden war. Ich 
erkannte audi, welcher Energieaufwand zu diesem Kampf notwendig 
gewesen war, und erklärte mir die Überwältigung des energisch gerichteten 
Denkens durch die Phantasie mit der AfFektbetonung der letzteren, 

Idi hatte später noch häufig Gelegenheit, ähnlidie Fälle von 
Zerstreutheit zu beobaditen und gelangte zu folgendem Schluß: Wenn 
wir merken, daß wir eine Budistelle nodi einmal überlesen, ohne sie zu 
verstehen, dann steht die vorbewußte Phantasie, die gleichzeitig auftaucht, 
in keinem Zusammenhang mit der Lektüre oder dem bewußten Gedanken, 
den sie stört, Sie ist in einem solchen Fall auf eine nicht zum Bewußtsein 
gekommene äußere Wahrnehmung zurückzuführen. 

Es ist übrigens interessant, daß wir es dabei mit einem Vorgang 
2ü tun haben, der das Gegenteil Von dem ist, was man gewöhnlidi unter 
Verdrängung versteht,- hier ist es nämlich das bewußte Element, das 
zeitweise zurückgedrängt wird. 

Schließlich müssen wir noch betonen, daß hier ein äußerer Reiz 
<das Husten) verstärkt durdi eine affektiv betonte Erinnerung meine) 
Befürchtungen) den Anlaß zur Bildung der Phantasie gibt. 

Wir werden unter den weiteren Beobachtungen Beispiele finden, 
bei denen die Entstehung des Gedankenganges uns gleichzeitig zwei 
Probleme zu lösen gibt, und zwar: »Welches sind die Ausgangspunkte 
der vorbewußten Gedankenketten?« und »In welchem Zusammenhang 
stehen sie mit dem bewußten Denken?« Es wird sidi nämlich zeigen, 



i6 



Qter das vor bewußte phantasierende Denken 



I 



I 
I 



daß während der Lektüre das bewußte Denken oft in fast unmerklichen 
Übergängen von dem vorbewußten abgelöst wird. 

So lange wir uns nur mit den Träumereien besdiäftigten, die nadi 
Aufhören des bewußten Denkens einsetzen, war es niAt so auffällig, 
daß sidi diese beiden Arten der Gedankenbildung gegenseitig aussdiliefien. 
Nadidem wir es aber bei der letzten Phantasie mit dem Medianismus 
des vorbewußten Denkens, wenn es unsere bewußte Seelentätigkcit 
stört, zu tun hatten, ist die Lösung des Problems komplizierter geworden. 
Eu der ersten Frage : »Weldic Elemente lösen die Assoziationen aus ?« 
ist jetzt eine zweite hinzugetreten: »Wodurdi wird das Absdiweifen 
unserer Aufmerksamkeit verursadit?« 

In all den bisher untersuditen Fällen war, mit Ausnahme des 
letzten, das Bewußtsein sehr wenig intensiv, denn wir nähern uns durdi 
das Aufgeben jeder willkürlidien psydiisdien Anstrengung automatisA 
dem vorbewußten Denken. Wenn wir geriditet denken, liegen die Ver^ 
hältnisse etwas anders^ In dem folgenden Fall z. B. war idi nidit stark 
in die Lektüre vertieft: 

Idi hatte im Laufe des Tages eine Bestellung an dnen Sdiweizer 
Budihändler abgesdiidit und las. einige Stunden nadiher in Freuds 
»Psydiopathologie des Alltagslebens« <in der Übersetzung von Brill), 
wo ich Seite 49 auf die Fußnote stieß: »Zentralblatt für 
Psjrdioanalyse, I, 9. 1911.« Bald darauf merkte idi, daß idi zerstreut 
war und konnte den folgenden vorbewußten Gedankengang auffinden : 
Jst das dersefBe Band, den icß Beste fft ßaße 9 Dann werde iS 
dieses Bdspief wiedertreffen. — Jedenfaffs ist es ein Zeicßen. daß 
das hine veraltete Außage ist etc. ..." bis das letzte Glied der 
Gedankenkette sidi mit meiner Arbeit besdiäftigte. 

Wir müssen beaditen, daß bei diesem Beispiel die äußere Wahr- 
nehmung und Azt Tagesrest oder die Erinnerung sjdi sofort bei Beginn 
der Assoziationsketle miteinander verknüpfen, oder besser gesagt, daß 
die Wahrnehmung des Burfititels midi sofort an die Bestellung, die idi 
gemadit habe, erinnert. Eine derartige Gedankenverbindung kann man 

^ Mein rigeijcrs reaiistisdies Deuten bezieht sidi meistens auf Lektüre oder 
wässensdiaftitdie Arbeit, so daß meine Träumereien audi zum größten Teil mit diesen 
meinen Haupibesdiältigünjen zusammenhängen. Bei Personen, deren bewußte Gedanken 
sich auf andere Tätigkeiten beziehen, müssen die Tagträume natürlt<fi aud] — ipern 
überhaupt eine Vcrfalndung vorhanden ist - mit dem Denken, das Ihrer Besdiälligung 
angemessen ist, im Zusammenhang stehen. 



1. Die Entstehung der Getlankenketten 



ebetisogut den bewußten wie den vorbewußten Denkmedianismen 
Äuredinen. So ist es, wenn idi mich auf der Straße mit einem Freund 
unterhatte, nidits Ungewöhnlidies, daß der Anblidc eines gemeinsamen 
Bekannten das Gesprädi auf diesen bringt. 

Audi bei dem nädisten Beispiel ist die Art der Verknüpfung eine 
sehr äbnlidie: Idi lese in »La Psydianalyse*^ den folgenden Satz: »Die 
Entstehung von Krankheitssymptomen wird durdi den Umstand erklärt, 
daß die Verdrängung infolge von subjektiv bedingten Umständen <die 
man mit dem sehr vagen ,kIassisAen Terminus' konstitutionelle 
Predisposition zusammenfassen könnte), oft nur unvollkommen gelingt.« 
(Gesperrtes von mir hervorgehoben.) An dieser Stelle sdiweift meine 
Aufmerksamkeit ab und idi reproduziere, wieder zu mir gekommen, 
folgende Assoziation: Jcß geßraucße in meinen Aufzeichnungen ja 
aucß die Jfassiscßen Termini' Meditation' und Meßexion' und 
icB unterscheide oft so feine Nuancen des Sinnes, daß meine Leser 
mir einen Vorwurf daraus machen könnten. -— Lohnt es sich wirßfich, 
noch eingehendere Erfäuterungen darüher zu gehen 9 etc. .-,-." 
Der Gedankengang endet mit der immer wiederkehrenden Sorge um 
meine Zukunft. 

Audi hier dient wieder ein Wort »klassisdie Termini« zur 
Belebung einer Erinnerung, die aber diesmal weder so rezent ist, nodi 
so direkt vermittelt, wie bei dem vorhergehenden Beispiel/ immerhin ist 
aber ein derartiger Assoziationsvorgang nodi etwas sehr alltäglidies. So 
erinnert midi z. B. auf der Straße der Anblidc eines Briefkastens an einen 
Brief, den idi auf meinem Sdireibtisdi vergessen habe. 

Weniger gebräudilidi ist die Art des Überganges in dem folgenden 
Betspiel; Id\ lese einen indifferenten Text, werde zerstreut und ertappe 
midi auf diesem Gedankengang: „Ich hoffe, das Mädchen wird mir 
den lee pünhfich um 4 Uhr hringen, wie ich verfangt hahe. Ich 
möchte nicht zu spät zu T. hommen. " 

Es gelang mir nidit sofort, die Stelle im Budie zu finden, die Azx\ 
Anstoß zu meiner Zerstreutheit %tg<&>zn hatte, bis idi endlidi im Text 
das Wort »Kindermäddien« fand, und midi überzeugen konnte, daß der 
vorbewußte Gedankengang von dem einen Bestandteil des Wortes 
abgezweigt war. Eine soldic Zerteilung erinnert uns aber sofort an die 
vcrsdiiedcnen tedinisdien Mittel, deren sidi Witz und Sdilaftraum zu 



E. R^gis et A. Hesnard. — La Psycfianalyse, p. 6o. — F. Alcan, Paris 1914, 



45 



Üter das vorteiruRte phantasierende Denken 



ihrer Bildung bedienen, so daß vir uns audi hier wieder auf bekanntem 
Boden befinden, 

In nodi anderen Beispielen finden wk Arten der Verknüpfung, die 
uns sofort an die Vorgänge denken lassen, die Freud in seiner 
^Psychopathologie des Alltagslebens« besdireibt. Mir war sdion mehrfadi 
aufgefallen, wie leiAt eine Verknüpfung von Vorstellungen im Vor- 
bewußten zustande kommt, und idi hatte midi gefragt, ob sidi diese 
Ersdieinung wohl darauf zurückführen heße, daß jede beh'ebige Mitteln 
Vorstellung dazu benutzt werden kann, um eine Verbindung zwisdien 
zwei Vorstellungen herzustellen, wie Freud in seiner »Traumdeutung« 
gezeigt hat/ daß, mit anderen Worten, die Assoziationstätigkeit im Vor- 

t bewußten sidi nidit an die gebräudilidien und festgelegten Begriffs« 

Verbindungen hält. Dieser Gedanke beschäftigte midi nodi, als mir 
folgendes passierte: 

Idi war in Jasrrows BuA »The Subconscious« vertieft, als der 
Ausdrudi;»f es teBegrif fsverb in dungen«<»fixedgroupsofassociation9«> 
die foSgende Gedankenreihe in mir auslöste: »Feste BegrifFsverbindungen, die 
madien ja gerade den Untersdiied zwisdien der bewußten und der vor- 
bewußten Aufmerksamkeit aus. Das Vorbewußte bewertet jede Vor* 
Stellung als unabhängiges Element und kümmert sidi nidit um ihre 
Beziehungen zu den Gedankenverbindungen, in denen sie gewöhnÜdi 
vorkommt, oder um den Zusammenhang, aus dem sie gerissen wurde. 
Es madit die Wahrnehmung aus allen Verbindungen frei. Das konzentrierte, 
bewußte Denken kann, im Gegensatz dazu, sich oder das betreffende 
Vorstellungselement nidit aus diesen Zusammenhängen lösen. Das 
erklärt, warum in m andien Fallen das ■ vorbewußte Denken dem will- 
kürlädien überlegen ist.« (Diese Theorie ist, wie der Leser später Enden 
wird, falsds^ idi kann meine Träumereien aber nidit mitteilen, wenn idi 
nidit gleidizettig audi meine Entgleisungen preisgebe^,) 

Das Interessante an diesem Beispiel ist, daß der Ausdrudt »feste 
Begriffs verbin düng« aus dem Zusammenhang des Textes gelöst wurde, 
gleidisam durdi eine Nadilässigkeit isoliert aufgefaßt, um dadurdi das 

' Wir fiaben fiicr ein konicretes Beispiel für eine Idee, die idi später ausführen 
wil(, nämlidii ^cnn dn allgemeiner Begriff - eine Synthese - das Resultat jahrhunderte- 
langer Erfahrung, duri ein Wort ausgedrüdtr wird, das gteirfizeitig eine spezielle 
konkrete Bedeutung Iiat, die auiler Gebraudi gekommen ist, so kann das Vorbewußte 
es in diesem konkreten Sinn auffassen, der dem Bewußtsein entgeht. Dk gleidie Fähigkeit 
ist audi dem Nadittraum eigentümlidi. 



]. Die Entstehung der Gedankenketten 



29 



Wadibewußtsein in Nadfiteif zu setzen, die Gedankenbildung auf das 
vorbewußte Niveau herunterzudrüdien und die Vorstellung dort mit 
einem Gedankengang zusammenzubringen, der, wie oben bemerkt, in 
einer Überlegung bestand, mit der idi midi vorher besdiäftigt hatte. 
Dieses Beispiel ist aber außerdem nodi in einer anderen Hinsidit 
interessant. Idi bemerkte namlidi ein Jahr später, daß idi midi an dieser 
Stelle verlesen und den Irrtum audi beim Absdireiben meiner Notizen 
wiederholt hatte. Die betreffende Budistelle lautet in Wirklidikeit ; »yet 
the Suggestion is apposite that for intent reflection particularly for the 
contemplation that fixes groups of ideas . . . etc,*« 

Die Erklärung dieses Verlesens führt uns wieder auf die F r c u d* 
sdie Theorie über die Fehlhandlungen im Alltagsleben, auf die wir uns 
auch anläßlidi anderer Beispiele nodi beziehen werden. Wir heben uns 
unsere Bemerkungen über dieses Thema für später auf und begnügen 
uns vorläufig mit der Feststellung, daß wir uns hier auf einem Gebiet 
bewegen, daß bereits Bearbeitung gefunden hat. Immerhin können wir 
aber verraten, daß wir in dem letzten Beispiel zum erstenmal auf einen 
der Medianismen gestoßen sind, die beim »Erfinden« in Tätigkeit treten, 
denn die Gedankenkette enthält in diesem Fall eine neue Idee, mit deren 
Untersudiung wir uns später nodi eingehender besdiäftigen werden. Es 
handelt sidi hier sozusagen um eine Umordnung und Neuzusammen»* 
fügung der Elemente, die in dem Jastrowsdicn Text gegeben sind. 
Wir bemerken ferner, daß das Verlesen mit dem Beginn des Gedanken* 
ganges zusammenfällt. Weiter unten werden wir Gelegenheit zur Beob- 
aditung ähnlidier Irrtümer haben, die mit dem Absdiluß der vorbewüßten 
Bildungen zusammenfallen, 

Idi lasse jetzt ein Beispiel folgen, bei dem die Anknüpfung/ ähnlidi 
wie bei der von dem Worte »Kindermäddien« ausgehenden Phantasie, 
nur auf etwas kompliziertere Weise zustande kommt. Bei dem früheren 
Beispiel entfernte sidi der Gedankengang sofort von dem gelesenen Text, 
während er bei dem jetzigen Fall parallel mit ihm läuft,- sobald die zweite 
Bedeutung des betreffenden Wortes zur Wirkung kommt, werden die 
Satzelemente zu einem neuen Sinn zusammengefügt. Idi las in dem 
gleidien Budi von Jastrow die folgende Stelle: », . . ein nodi groß- 
artigeres Beispiel dafür, wie weit man es bei der Verteilung der bewußten 
Aufmerksamkeit auf zwei sdiwierige und miteinander in keiner Beziehung 



1 J. Jastrow. — Tlie Subconscious, p, 94, — London, Constablc 'S) Co., 1906. 



30 Über das vorbewußte phantasierende Denken 



Stehende Bescfiäfttgungen bringen kann, isl der französisdie Taschenspieler 
Houdin, Um seine Gewandtheit und seine manuelle Gesdiidclidikeit 
zü erhöhen, übte er sidi im Jonglieren mit Bällen/ und nadidem er nach 
einem Monat die Kunst, vier Bälle gleidizeitig schwebend zu erhalten, 
vollkommen beherrsdite, legte er ein aufg:esdilagenes Budi vor sidi hin 
und erzog sidi dazu, anstandslos zu lesen, während die Bälle in der 
Luft sdiwebten. Und als Beweis für die Haltbarlieit soldier Erwerbungen 
erzählt er, daß er nadi einem Zeitraum von dreißig Jahren, in dem er 
seine Kunst so gut wie gar nidit betrieben hatte^ nodi immer imstande 
war, beim Jonglieren mit drei Bällen zu lesen. Wenn wir jetzt wieder 
zu der Erwerbung der gebräudilidieren Gewohnheiten zurückkehren, so 
können wir hinzufügen, daß es, wenn sie nach einem versdiieden langen 
Training unterbewußt <und unwilfkürHdi) geworden sind, nur des ersten 
Anstoßes oder der gewohnten Aufeinanderfolge von sdiwadven Reizen 
bedarf, um den Ablauf der Handlung zu veranlassen.« <S. 43— '46.) 

Die Idee, die an dieser Stelle in mir auffaudite (eine Untersudiung 
der Zwisdienglieder fofgt später), lautete: »Idi kann begreifen, da^ 
Dinge, die wir oft lesen (beim Auswendiglernen), ins Unbewußte sinken 
und sidi dann von dort zurüdrufen lassen,- wie geht es aber zu^ daß 
Ausdrücke, die wir nur ein einziges Mal gelesen haben, uns plötzlid» 
auf die Zunge oder über die Feder kommen, ohne daß wir die Absidit 
gehabt hätten, uns ihrer zu bedienen oder sie uns zu merken?» 

Das Gemeinsame zwisdien dem Buditext und dem Gedankengang 
ist offenbar das Wort lesen. Während es aber in der Jastrowsdien 
Textstelle nur eine untergeordnete Rolle spielt, steht es bei meinem 
Gedankengang im Mittelpunkt, so daß wir sagen können, es handle sidi 
hier um zwei ganz versdiiedene Auffassungen des Wortes lesen, von 
denen die letztere zur Auslösung einer komplizierten vorbewußten 
Gedankenkette verwendet wird. 

Idi muß midi hier damit begnügen, auf den Parallelismus zwischen 
<ien beiden Ideen als auf einen vorläufigen Beweis für ihren engen 
gedanklidien Zusammenhang hinzuweisen und den Leser bitten, mir bis 
später Glauben zu sdienken. Jedenfalls sind aber die beiden ersten Vor= 
Stellungen in der Gedankenkette reine Erinnerungen. 

MittleriK^eile kann idi den Nadiweis erbringen, daß derartige innere 
Assoziationen wie in diesem Falle zwisdien lesen und lesen gar 
nichts Ungewöhnlidies sind; 

»Ich war in ein Budi vertieft — oder glaubte wenigstens es zu 



L 



I. Die Entstehung der G eda nkcn ketten 



31 



sein — als mein Blick auf folgende Stelle fiel: », , . das plötzliche 
Eusicfi kommen aus einem Zustand von Zerstreuung 
der AufmerfcsamkeiL« Bevor idi den Satz, dem dieses Brudistüdt 
angehört, zu Ende gelesen hatte, kam idi aus einem vorhcwußten 
Gedankengang wieder zu mir. <Idi kann hier die Bezeidinung 
Tagtraum nidit gebraudien, weil der Gedankengang so gar nidits Traum*- 
ähnlidies an sidi hatte.) Gleidizeitig lag mir folgende Definition auf der 
Zunge; »Die Zerstreutheit ist das gerade Gegenteil von dem Zustand 
der Inspiration,- hei der Inspiration bewegen sidi beide Gedankengänge 
(bewußt und vorbewußt) dem gleidien Ziele zu, während sie bei der 
Zerstreutheit auseinanderlaufen,^ 

Es ist ganz interessant zu beobaditen, daß idi hier auf die wirklidie 
Bedeutung des Gelesenen reagierte, gleidizeitig einen bestimmten Sinn 
des Wortes »Zerstreutheit« in midi aufnahm und den Gedanken umer 
der Sdiwelle des Bewußtseins in einem Vergleidi mit dem Inspirations^ 
medianismus weiter ausspann, so daß die zitierte Definition wie 
eine OfPcnbarung auftaudien konnte. Diese doppelte Reaktion erinnert 
an mein Verhalten in der Phantasie über die »Brauerei Belgica A.^'G.« 

Audi bei einer anderen Gelegenheit nahm mein vorbewußtes 
Denken seine Anregung aus der Lektüre. Idi war in das Kapitel »Ver-= 
lesen und Versdireiben« in Freuds »Psydiopathologie des Alltags- 
lebens« <englisdie Übersetzung von Brill) vertieft. Plötzlidi ließ meine 
bewußte Aufmerksamkeit vorübergehend nadi (was idi zurzeit nidit 
bemerkte) und als idi nadistehende Stelle las, kam mir eine eigene Idee 
zum Bewußtsein. Die Stelle lautete: »But I had to reflect for quite a 
while in order to discover what influence divcrted me from 
my first attention without making itself known to my consciousness,« 
Die spontan auftaudiende Idee lautete folgendermaßen : «In meinem Vor* 
bewußten geht etwas vor, das eng mit meinem Thema zusammenhängen 
muß, Idh sollte das Lesen unterbredien und es auftaudien lassen,* Mein 
zweites Idi nahm das als Aufforderung und tatsädilidi stand der 
Gedanke, der meine bewußte Aufmerksamkeit herabgesetzt hatte, mit dem 
zitierten Satz im Zusammenhangt Audi hier muß idi seine Besprediung 

^ Es ist nicht uninteressant, daß es sidi aadi hier wieder, wie in dem Beispiel 
auf Seite zS (»fixcd groups of associations«) um eine Fehlhandlung, ein Verlesen des 
Autors, handelt. In der von ihm benützten englisdien Ausgabe heißt die Stelle richtig 
XStiite 125) j ». . . what influence diverted me from my first Intention.,,« 

Anmerkung des Übersetzers. 



52 über das vorfccwußte p ha ntas t er en die Denken 




auf einen späteren Zeitpunkt versdiieben, -was uns aber nidit 
abhält, festzustellen, daß mein Vorbewußtes hier wieder eine gelesene 
Stelle wie einen Befehl befolgt oder dodi als einen Hinweis auf die Vorgänge 
unter der Bewußtseinssdbweüe aufgefaßt hat. Wir neigen ja audj im 
"Wadlieben dazu, gesprodiene "Worte so aufzufassen, daß ihr Sinn siA 
mit unseren Erwartungen dedct. 

Um eine Verallgemeinerung vorzubereiten, können wir sagen, daß 
idi in den besprodienen Beispielen auf zwei versdiiedene Arten auf den 
Text reagierte : einerseits faßte idi ihn bewußt nadi seinem eigenen Sinn 
auf,^ andererseits aber legte idi ihn vorbewußt so aus, wie es den 
Vorstellungen, mit denen mein zweites Idi besdiäftigt war, entspradi. 

Dieser Punlit verdient, daß wir nodi näher auf ihn eingehen. Wir 
haben zuerst gesehen, daß, wenn wir nidtt voll in Änsprudi genommen 
sind, die Gelegenheit für die Entstehung eines vorbewußten Gedanken- 
ganges durdi die Wahrnehmung eines aktuellen äußeren Reizes, der sidi 
mit einer Erinnerung oder einem Tagesrest verknüpft, gegeben ^ ist. 
Weiter finden wir, daß audi beim geridbteten Denken ein äußerer Reiz 
<S. 25) in Verbindung mit einem Tagesreste der Anlaß zum Absdiweifen 
von der willkürlidien Tätigkeit werden kann. Dieselbe Wirkung kann 
audi ein Wort oder Satz mit Doppelsinn <S. s6, 27) haben. Nun würde 
man im ersten Augenblicke meinen, daß man die Wörter Zentralblalt 
<S, 26) und klassische Termini <S. 27) nidit doppelsinnig heißen 
kann. Bei einer eingehenderen Prüfung entdedien wir aber bei beiden 
Reihen einen uns wohlbekannten gemeinsamen Zug: 
Zentralblatt für Psychoanalyse steht für zwei versdiiedene Vor= 
Stellungen: aj als ein Zitat von Br ill, und 4^ als das von mir aus Genf 
bestellte Budi ; die beiden Vorstellungen treffen sidi also in diesem Worte. 
Klassische Termini steht für : aJ Regis und Hesnards Urteil, daß 
»konstitutionelle Prcdisposition« ein klassisdier Terminus ist,- und Sj daß 
idi selber klassisdie Termini wie »Meditation« und »Reflexion« gebrauthe. 

Den Doppelsinn von »lesen« (S. 30) und »feste Begriffsverbin- 
dungen« <S. 28) haben wir bereits betont. Für alle vier AusdrüAe 
trifft also zu, daß sie ein Gemeinsames für zwei ganz versdiiedene 
Vorstellungsreihen darstellen, die gleichzeitig bei uns im Vordergründe 
stehen, und zwar: i, den gefesenen Text, wie unser Bewußtsein ihn 
auffaßt, und z. die Erinnerungen, die in unserem Vorbewußten bereit 
liegen. Wir identifizieren diese Begriffe auf dem Wege über das 
Bindeglied, sind nahe an einer Verdichtung. 



I. Die Entstehung der Gedankenketten 



IJ 



Wir sind also bererfitigt den Sdiluß zu ziehen, daß bewußte und 
vorbewüßte Gedankengänge durdi ein Gemeinsames, gewöhnlidi ein 
Wort oder einen Satz, in oberflädilidie Verbindung miteinander treten 
können. Dieses Gemeinsame kann aber auch durdi eine Idee gegeben 
werden, deren Elemente die vorbewußte Gedankenkette leidit abändert 
und neu zusammenstellt, wie z. B. in dem Beispiel auf S 28, bei dem 
eine innere und eine äußerlidie Assoziation zusammentreffen. 

Bei der Untersudiung dieser Verknüpfungen ist nodi ein Punkt 
auffällig ; wir können beobaditen, daß nadi einer äußerlidien Assoziation 
das nädiste Glied der Kerte immer durdi einen Tagesrest oder eine 
Erinnerung dargestellt wird. 

Ferner stoßen wir, sobald wir die Phantasien, die durdi äußerlidie 
Assoziationen mit dem Wadileben verknüpft sind, verlassen, auf vorbe» 
wußte Denkgebilde, die in ihren Medianismen an die Seelentätigkeit beim 
Erfinden und bei der Inspiration erinnern. 

Wenn wir die versdiiedenen zuletzt analysierten Beispiele nodi 
einmal durdigehen, können wir uns eine spezielle Untersudiung der 
Gedankengänge ersparen, die im Wadileben auftaudien, wenn unsere 
Seefentätigkeit auf kein bestimmtes Eiel geriditet ist/ wir wissen, daß 
wir uns in soldien Fällen in derselben psydiisdien Verfassung wie vor 
dem Einsdilafen befinden. Dafür verdienen die Fälle, bei denen das 
willkürlidie Denken durdi vorbewußte Gedankenketten unterbrodien wird, 
eine besondere Berüdsiditigung, 

Wir haben gesehen, daß die Wahrnehmung eines äußeren Reizes ' 
(bei der Lektüre) sidi mit. einer Erinnerung oder einem Tagesreste asso= 
ziiert, der sozusagen im Vorbewußten auf eine geeignete Anregung 
gewartet hat, um eine Anknüpfung und damit die Möglidikeit zum Auf- 
taudien zu finden. Aber das Wort oder der Satz, die ihnen diese Anregung 
geben, werden so ausgelegt, wie es den Erinnerungselementen entspricht, 
erhalten also eine zweite Bedeutung. Wir werden weiter nodi sehen, daß 
diese Er inn erungselemcnte immer affektiv betont sind. 
Wir gelangen so zum Sdiluß, daß bei der Entstehung aller vorbe- 
wußten Gedankenketten Jedesmal ein Gedäditniselement wirksam ist. 
Wir werden erst imstande sein, diese Tatsadie nadi ihrer vollen Bedeutung 
einzusdiätzen, wenn wir audi die anderen Bestandteile der Tagträume 
einer Analyse unterworfen haben werden. Diese Aufgabe bleibt dem 
nädisten Kapitel vorbehalten. 



II. Kapitel 
Der Inhalt der Gedankenketten 

1. Das Denken In Bildern und das Denken in Worten 

Unsere bisherigen Untersudiungcn haben folgendes ergeben : Wenn 
die vorbewußten Gedankengänge bei ruhender Seetentätigkeit entstehen, 
so ist ihr AnlaB entweder ein sensorisdier oder ein psyAisdier Reiz, und 
wenn sie unsere Aufmerksamkeit vom willkürlichen Denken ab^, in 
vorbewußte Bahnen lenken, kann die Ursadie der Entstehung die gleidie 
sein,- der Übergang von der einen zu der anderen Art des Denkens 
wird in diesem Fall durdi eine äußerlidie Assoziation vermittelt. 

Wir wollen fetat daran gehen, die vollständigen Inhalte der, 
vorbewußten Gedankengänge zu analysieren und so versudien, audi 
hinter die anderen Geheimnisse dieser mysteriösen Denkweise zu kommen. 
Dadurdi, daß ich bisher nur die Anfänge von mehreren Tagträumen 
anführte, habe idi vielleicht den Eindruck erwedit, daß das vorbewußte 
Denken in einer Aneinanderreihung von Wortvorstellungen besteht^ also 
ausschließlich mit Worten arbeitet, wie unser bewußtes Idi, Idi muß aber 
den Leser bitten, sein Urteil vorläufig nodi in Sdiwebe zu lassen, denn 
die Dinge liegen weniger einfadi. Es wird sich vielleicbt ergeben, daß die 
verstiiiedenen Typen, die Binet als erster für das geriditete Denken 
aufgestellt hat <daß z. B. Mensdien vom visuellen Typus hauptsädilidi 
in Bildern denken), audi bei der vorbewußten Gedankenblldung nadi- 
weisbar sind. Es gibt audi wirklidi Tagträume, in denen die Vorstellungen 
von Anfang bis zu Ende fast durdiwegs in visuellen Bildern ausgedfüdtt 
werden. So z. B, die auf Seite 22 angedeutete, kurzCj. aber in mandier 
Hinsidit interessante Phantasie, deren Wiedergabe idi jetzt vervollständige : 
Wie oben gesagt, war ich aus Versehen in einen falschen Teil des 
2uges eingestiegen. Merkwürdigerweise war es mein zweites Idi, das 
midi auf den Irrtum aufmerksam machte. Ich hatte von London an 
gelesen, mich dann ermüdet gefühlt, mein Buch auf einen Augenblick 



II, Der Inhalt cJer Gedankenketten 



35 



beiseite gesdioben und meinen Gedanken freien Lauf gelassen. In einem 
bestimmten Moment bekam idi den Eindrudt, daß wir uns in einer 
Station ungewöhnlidi lange aufhielten, idi merkte, daß ein Teil der 
Waggons abgekoppelt und auf die gegenüberliegende Stationsseite 
dirigiert wurde und las schließlidi beim zerstreuten Umhersdiauen das 
Wort )*FoIkestone« aJs Aufsdirift auf dem Gepädiwagen des abgekoppelten 
2ugtei[es. Dieses Wort versetzte midi in der Erinnerung in den Sommer 
1913 zutiidi, in dem idi meine Ferien an der Südküste von England 
verbradit hatte, und einige Erlebnisse aus dieser Zeit zogen in lebhaft 
bewegten Bildern an mir vorüber, Plötzlidi dämmerte mir auf, die 



Aufsdirift auf dem Gepädtwagen müsse bedeuten, daß nidii der Zugteil, 
in dem idi saß, sondern der drübere nadi Folkestrone abgehe. Idi hatte 
gerade nodi Zeit, in einen Waggon zu springen, der sich eben in Bewegung 
setzte, und verfolgte, nadidem idi midi wieder untefgebradit hatte, die 
Vorgänge in meinen Gedanken, wie oben beriditet^ 

Bald darauf versetzte midi eine andere Phantasie neuerdings in das 
Jähr 1913. Meine Gedanken liefen wie folgt: l/m ein Haar wäre ic£ in 
Margate statt in Tof^sstone angekommen. — IcB ßätte miS gewundert, 
wenn icB meinen Irrtum erst dort Bemerkt ßätte. >— Aßer icß ßätte 
die S<£iffsaßfaßrt Cnadj CafaisJ desßaCß nicßt versäumt. — I(£ wäre 
im Omnißus von M. nacB T. gefaßren. — Hier beginnen meine 
Erinnerungen bildhaft zu werden: Ich seße mic£, wie so oft in den 
damafigen Terien, in einem der offenen Omni Busse sitzen, die den Strand 
entfang faßren. — IcB den&e an die TTreunde, mit denen ich den Sommer 
verßraSte, und erfeße viefes aus dieser Zeit in Gedanßen nodS ein'' 
maf: unser Leßen im Camp mit seinen versSiedenen ß feinen Zwiscßen' 
fäffsn/ ^ eine 7aßrt im Loßafzug nacß London. — <Hier schiebe ich, nicht 
verbildlicht, sondern in Worten, den Gedanken ein: „ Wie unges(£icßt 
von unseren Londoner Treunden, uns zu diesem ermüdenden 
Lößafzug zw raten. WaßrsdJeinfido wollten sie aßer Zeit gewinnen, 
um siS fiir unseren Empfang vorzußereitenj — Dann wieder bildhaft ; 
Des Zuges wegen mußten wir so früßmorgens von 'F. aßreisen, 
daß wir uns niSt einmal von unseren dortigen freunden veraß" 



^ Es gescfiietiit nidi!: selten, daß unser VoffjewiiOtes uns in dieser Weise auf 
einen Irrtum aufmerksam madit, wie jeder wcifi, der sidi selber zu beobachten versteht. 
Solche Vorfälle ergetca vieKeidit einen Gegensatz su den Fehlleistungen tlcs Alltags«- 
lebens, die Preud als erster besdiriehen hat/ jedenfalls werden wir uns im nadisten 
Kapitel nodi eingeliender mit ihnen besdiäftigeti. 



scBieden konnten; i(B durcBCeBe an dieser Steffe diese ganz ei f ige 
Äßreise no(A einmaf und erwa<£e danaS aus meiner Träumerei. 

Diese Träumerei zei^t alle Merkmaje einer bildhaften Phantasie und 
verdient deshalb, daß man sich eingehend mit ihr besduäftigt. Sie matht 
vtelletdit einen etwas verwickelten Eindruck^, ist aber immer nodi weniger 
kompliziert als alle anderen, die ich gesammelt habe/ wir werden nodi 
reichiidi, Gelegenheit haben, uns davon zu überzeugen, daß vorbewußte 
Gedankenbildungen selten sehr einfath sind, 

Sobald mein Blick beim zerstreuten Umhersdiauen auf die Auf* 
sdirift »Folkestone« gefallen war, madite ich audi sdion in lebhaften 
psydiisdien Bildern einige frühere Erlebnisse nodi einmal durdi, Und audi 
nadi der Unterbrediung des Umsteägens durchlebte idi sdinell wieder in 
psydiisdien Bildern einige andere Ereignisse aus dem Sommer 1913. 

Idi verwendete den Äusdrudt »lebhaft bewegte« Bilder und zögerte, 
den naheliegenden Vergleidi mit einer kinematographisdien Vorführung 
zu ziehen, weil idi nodi einen auffallenden Untersdiied zwischen diesen 
beiden betonen wollte. Den lebenden Bildern gegenüber, die sidi in 
meinem Vorbewußten aneinanderreihen, verhalte idi midi nidit immer als 
ein unbeteiligter Susdiauer, so als würde idi Vorgänge au feiner Bildffädie 
verfolgen, die meine Phantasie in meinem eigenen Innern ausspannt, Idi 
fühle midi ganz im Gegenteil gleidizeitig audi aktiv beteiligt und bin 
Mitspieler und Zusdiauer in einem. Idi sitze in meiner Vorstellung 
wirklidi in dem Omnibus zwisdien M, und F., idi verridite hintereinander 
versdiiedene Arbeiten im Camp wie im Sommer 1913, idi sehe midi Im 
Lokalzug nadi London sitzen, idi verfolge sogar durdi das Coupefenster 
eine Landsdiaft, die mir auf dieser Reise besonders aufgefallen war. Idi 
sehe midi mit meinen Freunden durdi die nodi sdilafende Stadt zur 
Station gehen, wobei jede einzelne Erinnerung eine genaue und lebendige 
Reproduktion meiner ehemaligen Erlebnisse ist, Idi empfinde sogar die- 
selben Gefühle, die midi vor Jahren erfüllten, z. B. in aller Deutiidikcit, 
wie petnlidi es mir war, meine Freunde in Folkestone ohne Absdited 
verlassen zu müssen. Idi kann also mit guter Bereditigung sagen, daß idi 
gleidizeitig Mitspieler und Etisdiauer bin. 

Aus meinen späteren Folgerungen einiges vorwegnehmend, modite 
idi an dieser Stelle die Behauptung aufstellen, daß es kaum möglidi sein 
dürfte, eine vorbewußte Gedankenkette zu verfolgen, in der keine visuellen 
Elemente aufzufinden sind/ die Verbildlidiung sdieint vielmehr ein kon^ 
stantes Merkmal des vorbewußten Denkens zu sein. Und als zweites 



führe iS an, daß der Tagträumer bei den Bildern, die an seinem geistigen 
Auge vorüberziehen, gleidizeitig als Mitspieler und als Zuschauer 

beteiligt ist. 

Idi mödite hier gleidi der Einwendung begegnen, daß idi vielleidit 
selber zum visuellen Typus des Denkens gehöre. Das ist keineswegs der 
Fall. Beim gerichteten Denken ist die Verbildlidiung für midi eine Unraög- 
Ildikeit, Idi denke immer in Wortvorsteltungen und sdireibe es dieser 
Veranlagung zu, daß das Lesen von poetisdien Werken mir nie viel 
Vergnügen bereitet hat. Ja, idi muß gestehen, daß idi midi über diese 
Eigentümlidikeit, die midi besonders auf das abstrakte Denken hinweist, 
im geheimen oft gekränkt habe/ idi empfinde sie als einen Mangel und 
lege es ihr zur Last, daß idi kein so guter Redner bin, wie idi es gerne 
wäre. Dcnn^ obwohl mir das öffentlidie Reden keine Sdiwierigkeiten 
bereitet^ bringe idi es dodi — wenigstens nidit ohne ausführlidic Vor^ 
bereitung, zu der idi midi aber nidit verstehen will — niemals zu bilder- 
reidien Wendungen oder treffenden Vergleidien. Ich kann immer nur 
gerade heraussagen, was ich mitteilen will, und verstehe die Kunst nicht, 
weniges in viel Worten auszudrüdcen. Und diesen Defekt —■ denn als 
solcher wird er in Ländern romanischer Sprache betrachtet — führe ich 
auf meine Unfähigkeit zur Verbildlichung von Vorstellungen zurück. 

Erst seit ich mich, dieser Arbeit zuliebe, in eine Untersuchung 
meines vorbewußten Denkens einließ, merkte ich zu meiner großen Über- 
raschung, daß mein zweites Ich mit Gesichtsbildern arbeitet, und ich habe 
Gründe zu vermuten, daß das gleiche auch bei den meisten anderen 
Menschen der Fall ist. 

Als Gegensatz zu der obigen visuellen Phantasie wollen wir jetzt 
eine Gedankenkette untersuchen, deren Glieder zum größten Teil aus 
Wortvorstellungen bestehen, die nicht in deudiche Bilder umgesetzt sind. 
Ich schidte einige Vorbemerkungen voraus: Tags vorher war ich 
von meinem Urlaub zurüdtgekommen. Vor der Überfahrt nach England 
hatte ich an meinen Oberst ein Gesuch um einen anderen Posten in der 
englischen Armee eingereicht, das zweite derartige im Verlauf von vier- 
zehn Tagen. ^ Eine halbe Stunde vor Beginn des Tagtraumes hatte mir 
eine Ordonnanz die Nachricht gebracht, daß ich mich am nächsten Tag 
bei dem Oberst meiden sollte. Ich war in einiger Aufregung, da jeder 
der beiden Posten, um die ich angesucht hatte, mich in nähere Beziehung 
zu Menschen bringen sollte, die über Ernennungen zu Lehrämtern zu 
entscheiden hatten . . . Der Tagtraum ereignete sich während des Lesens, 



5» 



Über das vorbewußte phanrasietende Denken 



I 



und tJa idi damals noch nicht ^ußte, dafi der Ausgangspunkt einer 
Phantasie immer Beachtenswert ist, entging er mir m diesem Fall, Nach- 
dem mir meine Geistesabwesenheit aufgefallen war^ legte ich das Buch 
aus der Hand und notierte die folgende Phantasie; 

„ W/e verhafte i'cß mi(£ am Besisn, mn die BewerBung um dk 
Beiden Posten zu re<£tfertigen 9 Mir wäre aßer doS der erste Posten 
fießer afs der zweite, — OS rcB dort zum ArBeiten eßensovief freie 
Zeit ßätte wie Bier? ^ OB tcB in Etapfes feBm müßte? — Oder 
zeitweise in London und Bei meiner 7amifie sein Bannte? ^ Und 
ttfie wird es mit den UrfauBen steBen? — Hat die mein neuer 
Kommandant oder mein CBefgis<£erJ OBerst zu Bewiffigen? — Vief^ 
feicBt Bann icB von de» BefgiscBen Beßörden den UrtauB Bekommen 
und ißn dann Bei den engfiscBen in London verfängern 9 — Jeden" 
faffs werde i<£ meinem neuen, engfiscBen Kommandanten nicBts von 
dem fetzten dringenden lirfauB sagen, visffeiSt ^ann iiA dann in den 
näSsten zwei Monaten no(£ einen Be flammen', - Hier tridit die Kette ab, 
Man sollte glauben, daß bei diesem Gedankengang, der scheinbar 
ade Eigenschaften der bewußten Denkvofgänge besitzt, die uns aus dem 
Wachleben bekannt sind, das visuelle Element fehlt. Aber trotzdem sich 
hier keine nennenswerte Rückverwandlung in belebte Erinnerungsbilder 
beobachten läßt, merken wir bei der vorbewußten Gcdankenbildung doch 
einen Versuch zur Veranschaulichung der Vorstellungen, wenn auch in 
geringerem Grade als bei dem früheren Beispiel : während ich mein Ver« 
halten vor dem Oberst überlegte, sah ich mich in Gedanken vor ihm 
stehen, verlor ihn allerdings aus den Augen, sobald das flachste Glied 
der Gedankenkette auftauchte. Bei der Erwähnung von Etaples sah ich 
das riesige Feldlager vor mir, das die englische Armee dort aufgeschlagen 
hat, und das ich jedesmal beim Vorüberfahren mit Interesse betrachtet 
hatte. Einen Augenfalidt später sehe ich mich sogar In einer der dort 
bestehenden Offiziersbaradten. Gleich darauf, bei dem Gedanken an London, 
lag ein bestimmter Stadtteil vor mir, in den ich meine <eventuelle> künftige 
Arbeitsstätte verlegte, und ich sah mich sogar unterwegs nach einem 
bestimmten Platz, wo ich um Urlaubsverlängerung ansuchen wollte. 

Wir sehen also, daß das visuelle Element bei diesem Tagtraum 
keineswegs fehlt, wenn auch die Bilder nicht im Vordergrunde stehen. 
Meine vorbewußte Aufmerksamkeit war mehr mit den Wortvorstellungen 
als mit den visuellen Bildern beschäftigt. Die letzteren kamen mir nicht 
einmal zum Bewußtsein, ehe ich nicht die ganze Phantasie analysiert und 



n. Der InliaSt der Gedan Iccn ket ten 



59 



dadurch alle Einzelhdteti znm Vorschein gebracht hatte. Die verbilde 
lichten Vorstellungen waren auch nicht miteinander verschmolzen, sondern 
traten zusammenhanglos und unabhängig voneinander auf, sozusagen mit 
kurzen Zwischenpausen, während denen die Bühne leer, auf der Bildfläche 
niehts zu sehen war. Sie spielten eher die Rolle gelegentlicher Illustrationen. 
Bei dem früheren Gedankengang trat in einem bestimmten Augea- 
bM ganz das Gegenteil ein: sobald ich mich in dem Omnibus von 
Margare nach Folkestone sitzen sah, wurden alle meine Gedanken in 
lebende Bilder verwandelt, die sich, ganz wie Im Kinematographen, in 
unmerklichen Übergängen ablösten. Die Bildfläche blieb niemals leer und 
es gab eigentlich keine Pause, ehe der Film nicht abgelaufen war. Und 
wo eine gedachte Bemerkung eingeschoben wurde, z. B. :^Wie ungeschidtt 
von unseren Londoner Freunden. , ,«, erschien sie nur als eine Erläuterung 
zu den Bildern, etwa wie der erklärende Text, der im Kino zwischen 
zwei Bildern erscheint, mit dem einzigen Unterschied, daß dort der Text 
dem Bilde vorangestellt wird, hier aber ihm nachfolgt. 

Zwischen diesen beiden Tagträumen, die ich meiner Sammlung als 
extreme Fälle entnahm, bestehen also einige Unterschiede, die wir im 

folgenden ausführen: 

1, Beim ersten Tagtraum ist mein Denken hauptsächlich mit dem 
Zurüdirufen von Erinnerungen beschäftigt, die in lebhaft bewegten Bildern 
erscheinen, sich automatisch in der Reihenfolge des Erlebens abrollen 
und — wenigstens soweit die Situation die gleiche bleibt — sich ohne Unter- 
brechung auseinander entwidieln. Die Gedanken, welche diese optischen 
Erinnerungen begleiten, scheinen von den Bildern abhängig und treten 
wenig hervor. Die Affekte, die beim wirklichen Erleben auftraten, kommen 
mit den erinnerten Szenen zurüdi, 

2, Bei dem zweiten Tagtraum betätigt sich mein Denken haupt-^ 
sächlich im Aneinanderreihen von Wortvorstellungen. Manchmal werden 
diese von visuellen Bildern begleitet, ähnlich wie ein Buchtext durch 
Illustrationen erläutert wird, diese Bilder entstammen dem Gedächtnis- 
inhak und werden nur dunkel wahrgenommen^. Unsere vorbewußten 
Affekte werden dabei nicht für uns erkennbar. 



' Idi glaube daß wir für gewöhnlidi diese optisien Vorspiegelungen gar nidit 
bemerken, wenn unsere Aufmerksamkeit niAt ausdrüdcUA auf sie geleukt wird. Sie tau<i.n 
genau so in unserem Innern äuf, wie uns im Kino die Erinnerungen einer handelnden 
Person vorgeführt werden: zuerst ersd>eint das Bild des Nadidenkenden und gleiA 
darauf in etss^as sdiaßenhafter Darstellung die angcMidi erinnerte Szene. 



40 



Ober das vorbevußte phantasierende Detiki 



i 



Das visuelle Element, das uns in der vorfcewußten Gedankenbildung 
entgegentritt, ist den Psychologen wohlbekannt. Da ich selber nicht dem 
visuellen Typus angehöre, wäre ich, außer durch mein Buchwissen, 
wenig dazu befähigt, etwas über den Vorgang der VerbildJtchung von 
Vorstellungen im Wachleben auszusagen. Nun habe ich aber zwei Kinder, 
die alles Gelesene spontan in lebhafte psychische Bilder umzuserzen 
pflegen, habe also reichlich Gelegenheit, dieses Phänomen zu studieren. 
Ich weiß aus dieser Quelle, daß diese Eigentümlichkeit ihres normalen 
Denkens sich durchaus mit dem Verbildlich ungs Vorgang in meinem Vor- 
bewußten, wie in dem letzten Beispiel beschrieben, dedt^ auch bei ihnen 
dienen die BÜder nur zur Erläuterung des Textes, 

Meine lyVi Jährige Toditer sagt mir folgendes, natürliA ohne zu 
ahnen, weldien Gebraudi idi von ihren Mitteilungen madien werde: 
»Wenn ich die Besdireibung eines Ortes lese, sehe idi ihn mit allen 
Einzelheiten vor mir und wenn idi ihn später zufällig in Wirklidikeit 
sehe, bin idi immer enttäusdit, weil idi ihn mir anders vorgestellt habe, 
als er wirklidi ist. Ehenso geht es mir audi mit Personen. Idi stUt sie 
so vor mir, wie der Autor sie besdireibt, wenn idi aber dann auf der 
nädisten Seite eine Illustration zu der Stelle finde, von der idi mir ein 
Bild gemadit habe, bin idi audi wieder enttäusdit, weil sie nie mit 
meiner eigenen Vorstellung übereinstimmt.« 

Dieser Vorgang ist zu gut bekannt, als daB idi hier nodi länger 
bei ihm verweilen müßte, idi will nur meinen Bemerkungen über die 
Ähnlidikeät swisdien den beiden Arten des bildÜdien Denkens noch 
eitlen Hinweis auf die Untersdiiede zwisdien ihnen anfügen : die Bilder 
meiner vorbewußten Denkvorgänge sind wiederbelebte Wahrnehmungen, 
die meiner Toditer Neusdiöpfungen, zu denen frühere Wahrnehmungen 
das Material liefern. Aber audi unser vorbewußtes Idi ist imstande, 
Bilder der letzteren Art hervorzubringen, wie wir bald sehen werden. 
Idi kann aber nädit zum nädisten Punkt übergehen, ohne noch 
einmal den Untersdiied zwisdien den beiden Arten der Verbildlidiung, 
wie sie sidi in den beiden letzten Phantasien zeigen, zu betonen. Bei 
der ersten Phantasie, bei der die Wortvorstellungen im Hintergrund 
bleiben, nehmen die verbildliditen Vorstellungen den Chardtter lebender 
Bilder an, die ein zusammenhängendes Ganzes oder doch wenigstens 
längere Abschnitte bilden und, wie bei einem Kinofilm, unmerklich 
ineinander übergehen. Bei der aweiten Phantasie aber, bei der man den 
Scharfblidt des Psychoanalytikers braucht, um die Illustrationen über- 



I[. Der Inhalr der Gedaakenbetten 



4* 



haupt im Hintergrunde zu entdedten, kommen sie, wie in Büciiern, nur 
gelegentlich vor. Von diesem Gesichtspunkt aus sind diese beiden 
Piiantasien also Repräsentanten für zwei extreme Typen meiner Tag- 
träume; das eine Extrem besteht darin, daß mein Vorbewußtes in 
Worten denkt und hie und da Illustrationen einstreut/ bei dem andern 
Extrem geht die Gedankenbildung in Bildern vor sich, die gelej^entlich 
von Worten begleitet werden. Der erstere Vorgang erinnert uns an das 
geriditete Denken, der letztere an den Traum. Und zwischen den beiden 
gibt es zahllose Abstufungen. 

Wir können Jetzt audx sdion bei den Geistesabwesenheiten 
verschiedene Abarten unterscheiden. Wenn die Assoztationskette mit 
Wortvorstellungcn arbeitet, so sind wir nicht weit vom bewußten 
Denken entfernt, wie schon die {ogische Aneinanderrethung der einzelnen 
Gedanken zeigt, die dem Ganzen das Ansehen eines Gedankengebildes 
verleiht, das unter der Leitung des bewußten Willens entstanden ist. 
Wir haften uns nicht bei einzelnen Vorstellungen auf, um daran 
anschließend irgend eine unmögliche Situation auszumalen, sondern 
ge.hzn sofort zu der nächsten, logisch damit verknüpften Idee über. 
Vielleicht wird es uns noch leichter, die geringe Entfernung solcher 
Gedankengänge vom bewußten Denken zu beurteilen, wenn wir sie der 
visuellen Träumerei gegenüberstellen; dort hört, wie z. B. in dem Fall, 
in dem idi meine Ferienerlebnisse wiederbelebte, sogar das vorbewußte 
Denken auf. Ich bilde keine neuen Assoziationen mehr, sondern bin 
derart geistesabwesend, daß die Gegenwart gar nicht mehr für mich 
vorhanden ist,- ich lebe in der Vergangenheit und benehme mich einige 
Augenblidve lang wie ein phantasierender Pseudologe, Wir werden nodi 
später auf diesen Punkt zurüdikommen. 

Die beiden Gedankenketten, mit denen wir uns hier beschäftigten, 
unterscheiden sich noch in einer anderen Beziehung, auf die ich an 
dieser Stelle eingehen möchte. <Über andere Unterschiede später.) Bei 
der FoIJtestone=Phantasie, die keine sehr starken Affekte in mir auslöst, 
steht eine einzige Gruppe von Erinnerungen im Mittelpunkt des 
Prozesses, Ich heiße einen solchen Tagtraum indifferent, weil er nicht 
sehr aufdringlich ist und das gerichtete Denken nicht stört. Die zweite 
Phantasie ist stärker affektiv betont. Sie verdankt ja auch tatsächlich 
ihre Entstehung einer leichten Erregung, in die ich durch den Befehl 
zur Meldung beim Oberst versetzt wurde, und zwar der mehr oder weniger 
ängstlichen Erwartung: »Wie wird er sich zu meinem GesuA stellen? 



I 



Wird er es Befürworten?« <Jedcr, der im Heer gedient har, wird sich 
erinnern, -^ie viel von der Stellungnahme eines Obersts abhängt,) 

An zweiter Stelle steht dabei mein Bestreben, die wissenschaftlädie 
Arbeit, mit der ich beschäftigt bin, mögÜdist bald fertig äu stellen. 
Ihre Vollendung bedeutet für midi die Erlangung des Doktortitels, den 
ich mit Recht als einen ijachtigen Sdiritt auf dem Wege zu einer 
Professur betrachte. Im weiteren befremdet es mein bewußtes Idi, daß 
idi im Vorbewußten der Urlaubsfrage soldie Bedeutung beizulegen 
sdieiney in Wirklidikeit war es mir nämlich gar nicht so sehr um 
einen außertourlichen Urlaub zu tun, da man naA den belgischen 
Vorschriften nach |e vier Monaten Ansprurfi auf einen aehntägigen 
Urlaub hatte und ihn audi regelmäßig erhielt/ und außerdem hatte ich 
noch andere gute Gründe, die mir eine zweite verfrühte Überfahrt nadi 
England nidit wünschenswert ersdieinen ließen. Andererseits läßt aber 
der Umstand, daß idi tags vorher von dem Krankenbett meines 
Sohnes an die Front zurüdtgekehrt war, meinen Wunsch begreiflich 
erscheinen. Jedenfalls faßt aber die Gedankenkette diese verschiedenen 
Dinge, die midi mehr oder weniger bedrüdtten, zu einem einheitlichen 
Ganzen zusammen. 

Der Gedankengang hat auch noch einen tieferen Sinn, der dem 
aufmerksamen Leser kaum entgehen wird; er entspringt im Gründe 
meinem geheimen Ehrgeiz, dem Wunsch groß zu sein, der durch die 
Unsicherheit metner bei Kriegsausbruch verlassenen Stellung noch über'^ 
betont wird^ Aus all diesen Gründen ist diese Phantasie keineswegs 
indifferent,- wir braudien uns also nicht mehr darüber zu wundern, daß 
sie meine vorbewußte Aufmerksamkeit so sehr fesseln konnte, daß ich 
nidit mehr wußte, was idi las und mein Budi für einen Augenblidt 
beiseite legen mußte. 

Idi sdiließe die Analyse dieses Beispiels mit einem Hinweis darauf, 
wie leidit idi hier — im Gegensatz zu den wiederbelebten Erinnerungen 
bei der Fo!kestone=Phantasie — beim vorbewußten Denken von einem 
Thema zum anderen übergehe: so von dem Gespradi mit dem Oberst 



^ Der WuiisA groß zu sdn, der — aus der Kindheit stammetid — in jedem 
wirksam ist, wird bei mir noch durdi eine Liebesversagung' verstärkt : idi bin ein Self- 
mademan, mein Leben ist also eine gute Iliustration zu Freuds Sublitnierungsthcoric. 
Idi bedauere, daß idi genötigt bin, so offen über intime Dinge zu spredicn, mödite mir 
aber die Sympatfiie meitier Leser nidit versdierzcn, die midi sonst für mafllos ehrgeiaig 
halten müßten. 




zu der Sorge um das Fortsdireiten meiner Arbeit und weiter von dem 
Leben an der Front zu meiner Familie io London und der Urlaubs- 
frage. Im Gegensatz dazu konzentrieren wir bei der willkürlidien 
GedankenbiMung^ wenn wir z. B, über ein bestimmtes Thema sdireiben 
sollen, — wie der JournaJist es täglidi tut — unsere Aufmerksamkeit 
längere Zeit auf diesen einen Gegenstand, audi wenn er nidit den 
geringsten Affekt in uns erwedct/ wir drehen und wenden ihn, um ihn 
von allen Seiten zu betraditen und untersudien ihn von allen mögiidien 
Gesiditspankten aus, ehe wir ihn beiseite sdiieben. Unser vorbewuRtes 
Denken aber ist außerordentlidi launenhaft/ der vor einer halben Stunde 
von der Ordonnanz überbradite Befehl hat miA genügend aufgeregt, 
um diesen Eindrudt der Verdrängung <dic mein Bewußtseinsfeld für 
die Lektüre frei erhalten wollte) zu entziehen, und er bildet so die 
ersten Glieder einer die Aufmerksamkeit ablenkenden Assoztationskette. 
Nach unserer Kenntnis der bewußten Denkvorgänge würden wir nun 
erwarten, daß alle folgenden Vorstellungen sidi ebenfalls auf diesen 
affektiv betonten Komplex beziehen, er wird aber ganz im Gegenteil 
sofort beiseite gesdioben und ein anderer, der sidi mit ihm verknüpft, 
tritt an seine Stelle, Allerdings ist dieser zweite stärker affektiv betont 
als der erste, tritt aber in derselben Weise bald in den Hintergrund 
und überläßt seinen Platz einer neuen Assoziationsreihe, der nur ein 
sehr sdiwadier Affekt anhaftet/ dieser zweite Übergang widersprirfit 
also unseren logisAen Forderungen nodi mehr als der erste. Diese 
launisdie Sprunghafttgkeit, deren Grund wir nidit kennen, sdieint mir 
eine der verwirrerdsten Ersdieinungen, mit denen wir uns bisher 
besdiäftigt haben, 

Idi habe vorhin die beiden ersten oben analysierten Tagträume 
als Repräsentanten zweier extremer Typen bezeidinet. Im folgenden 
wollen wir uns nun mit einer Phantasie besdiäftigen, bei der 
sidi die visuellen Elemente in etwas anderer Weise mit den Wortvor- 
stellungen kombinieren. Audi diese Phantasie zahle idi zu den indifferenten 
und audi bei ihr steht im Mittelpunkt eine einzige Idee, von der sie sidi 
nicht entfernt. Über ihre Entstehung beriditete idi auf Seite 15, wo auch 
die dazugehörige Vorbemerkung zu finden ist, 

,Das Mimf Om ßüsc&ef KamiffenJ sSeint niä)t vief zu fieffen, 
— Immsrhn rede iS mir jetzt wenigstens ein, daß icß die Stieße 
weniger füBfe. — ABer es ^ann hin T^foß sein, sonst würden ifm 
die Kamitfen verjagen. — Die Stieße sind audj zu groß und die 




über das vorbewtiß le phantasierende Denken 



• 



ÄnsSmeffungm BaBen andere Tormm afs ßsi einem Tfoßßiß, — 
Wenn es eine Wanze wäre, würde sie micB docB Bei Tag m'<£t Beißen. 

— Das dauert Jetzt sSon eine Wo^e. — Neufid^, am fetzten Montag 
Saßen mir meine BemüBungen fWäsdeweciseO niSts genützt, flcB 
seBe miS in meiner VorstefBung noS einmaC äffe Handfungen aus- 
füBren, die das Wort ^BemüBungen' andeutet J WaBrs^einficß ist 

der ffoB wieder auf midj gesprungen. — Und wenn icB mid} in 
einem anderen Zimmer noS einmaf auszieBen und nadt BierBer 
zurüdifaufen würde? — Dann könnte micB aBer die Hausfrau seBen. 

— Und wenn icB micB Bier auszieBe und den T'foB auf den haften 
TußBoden springen fasse? Vieffeid^t fäBmt ifm die Käfte. IS Mnnie 
dann mit meinen scBweren ScBuBen im ganzen Zimmer Berumstampfen 
und iBn zertreten. — Oder icB Bannte es mit einer Wafze versucßen 
Cwie man sie in Eng fand für RasenffädBen verwendet^. — Nur ist 
ein 'T^foB so Rfein^ daß er sicB in den Spaften verBriecBen Bann, wo 
die Wafze nicBt BinBömmt. — Und wenn icB iBn so fange Beßafte, 
daß er anfängt Eier zu fegen und sicB in meinem Hemd ziü uer- 
meßren ? — GfücBfiSerweise BaBe i<£ nur einen. — ÄBer 7'föße 
Bonnen doch ßisexueff sein? — Und iS Barm ißn nicßt fangen, weif 
er auf meinem KBaBiBemd nicßt genug aßsticßt. — Hätte iS nur ein 
weißes Hemd, — Wenn iS eines im Spitaf BeBäme oder doS ein 
Mittef gegen den TfoB. '- Und wenn i(£ einen PersuS mit InseBtem 
pufver macßen und es mit einem B feinen ZerstäuBer zwisSen Hemd 
und Haut einstreuen würde? — Vieffeidjt verträgt aBer meine 
Haut das Pufver niSt ' Hier wadie idi auf. 

Wir sind durch die beiden vorhergehenden Analysen sdion genügend 
mit den vorbewußten Denkvorgängen vertraut, um sofort zu bemerken, 
daß sdion an der Stelle, wo es siA um die Größe und Gestalt der 
Ansdiweflungen handelt, der Verbifdiidiungsmedianismus in voller Tätigkeit 
ist. Von dort angefangen, kann man die ganze Gedankenkette mit einem 
Kinofilm vergleidien, bei dem idi, wie sdion oben bemerkt, gleidbzeitJg 
Mitspieler und Zusdiauer bin. Mit Ausnahme einiger Einfäile, die wir 
in Kürze im Zusammenhang untersudien werden, steht jeder einzelne Satz 
für eine ganze Szene, die idi spiele- Einige dieser Szenen will idi weiter 
unten ausmalen. 

TatsädiliA entspriAt die Niederschrift dieser Gedankenkette der 
Skizze für ein Kinostüdt auf das allergenaueste/ die Worte geh^n einfadi 
die Szene an, die idi in meiner Phantasie spiele. Die|enlgen Leser, die 



ebenso wie idi, nicht dem visuelfeii Typus angehören, würben slA nur 
schwer vorstellen können, was in mir vorging, wenn sie nidit Erinnerungen 
an Traumszenen zum Vergleich heranziehen könnten. In gewissen Momenten 
hatten die Bilder, die vor mir auftauchten, auch wirklidi die volle 
Lebendigkeit wirklidier Traumbilder. 

Ith mödite an dieser Stelle nodi eine Bemerkung einsdiieben: iA 
glaube, daß die Übung im Analysieren meiner Phantasien meine Beob- 
aditung für diese vorbewußten Bilder geschärft hat, daß sie mir also 
besonders lebhaft ersdieincn, und daß Mensdien, die ebenso veranlagt wie 
idi, aber ungeübt sind, die beschriebenen Szenen wahrsdieinlidi nidit mit 
der gleichen Lebendigkeit vorstellen könnten, in der sie mir bei dieser 
Träumerei erschienen. 

Wir dürfen audi nidit daran vergessen, daß die Menschen gewöhnlidi 
gar nidits von den Gedanken und visuellen Bildern merken, die ihre 
Geistesabwesenheiten ausfüllen, denn es ist natürlidier, sie zu verdrängen, 
als sie zu beobachten - einige besondere Fälle ausgenommen, mit denen 
wir uns nodi beschäftigen werden. Gewöhnlidi erwadit man einfadi aus 
einer soldien Versunkenheit oder nimmt sidi zusammen, um ihr ein 
Ende zu madien und wendet seine Aufmerksamkeit wieder in andere 

Richtungen. 

Trotzdem ist jeder imstande, sidi unter Zuhilfenahme seiner 
Erinnerungen ein Bild von den Vorgängen in meinem Seelenleben 
während dieser Phantasie zu machen und so die Riditigkeit meiner Aus* 
führungen nadizuprüfen ,■ i<h begrüße die Möglidikeit einer soldien persona 
tidien Nadibildung sogar als einen besonders günstigen Umstand, denn die 
lüdtenlose und detaillierte Wiedergabe eines Tagtraumes, wie idi ihn in 
meinem Vorbewußten wahrnahm, wäre für midi eine undurdiführbarc 
Aufgabe. Zu ihrer Lösung bedürfte es eines Darstellungstalents, das mir 
versagt geblieben ist. So hoffe idi, daß meine Leser selber ergänzen 
werden, was idi ihnen sdiuldig bleibe. 

M^uficA, am fetzten Montag, foaBen mir meine Bemüßungen 
nicBts genützt ' Dieser Satz vertritt die Wiederbelebung der nach- 
stehenden Erinnerung; Durdi anhaltende Flohbisse ungeduldig gemadit, 
hatte ich midi ausgezogen und meine ganze Wäsdie gewechselt, um auf 
diese Weise das Insekt los zu werden- Idi sehe midi in meiner Vorstellung 
mit gebeugtem Kopf, im Begriffe mein Hemd über den Kopf zu ziehen 
und alle Bewegungen ausführend, die idi damals madite. 

M^i^ tt^enn icB ?nicf7 in einem anderen Zimmer nocB einmaf 



r 



t<S 



über das vorbewüßte phantasierende Denken 



I 



auszüBm würde?" ^zv diesem Satz agiere idi wieder m meiner Vor- 
stellung, obwohl es sidi hier selbst verständlidi nicht um eine visuelle 
Wiederholung früherer Handlungen handelt^ idi habe midi ja iiidit vorher 
im anderen Zimmer ausgesogen. Idi sehe midi nadtt und überblidce 
gleidizeitig mit großer Deutlidikeit die Lage des ganzen Erdgesdioßes 
mit den Zimmern zu beiden Seiten des Korridors und der Küdie an 
seinem Ende. Gerade dieses letzte Bild gibt mir aüdi den Anlaß, tei 
meiner Naditheit an die Hausfrau zu denken- 

Wenn aber diese Verbildlidiung audi nidvt die Erinnerung an eine 
ffüher gesehene Szene ist, so setzt sie sidi dodi offenbar aus einer 
Vereinigung von Bildern zusammen, die in meinem Gedäditnis aufbewahrt 
waren: nämlidi dem Bild meines nadtten Körpers, das sidi in dem 
Erinnerungsbild des Erdgesdjoßes herumbewegt. Einen soldien Vorgang 
nennen wir in Bildern denken. 

Wir bemerken dabei, daß meine Vorstellung die Wände hinweg^ 
denkt oder wenigstens durdi sie hindurdisieht, also die natü^lldien 
Hindernisse beseitigt,, diesem besonderen Zug werden wir nodi mehr als 
einmal begegnen. 

Der Satz, den wir z\izx\ bespredien, gibt mir audi Gelegenheit, 
neuerdings auf die Ähnlidikeit zwisdien den Tag- und den Naditträumen 
hinzuweisen. Es unterliegt für midi keinem Zweifel, daß mein vorbewußter 
Gedanke wirklidi in Worten lautete: »Wenn idi midi ausziehen 
wurde« etc.,- dieses »wenn« wird aber trotzdem sofort vernadilässigt, 
denn idi vollführe in meiner Phantasie die Handlung, die in dem Text 
nur als Bedingung eingeführt wird. »Für den Traum gibt es kein wenn,« 
Mein Vorbewußtes kennt es zwar, handelt aber gleidizeitig als ob es 
nidit existieren würde. Diese gleüzeitige Anerkennung und Verleugnung 
ist nadi meiner Meinung für die Beziehung zwisdien Wirklidikeit und 
Phantasie sehr bedeutsam und wird uns späterhin den ^hzn zitierten 
Äussprudi aus der »Traumdeutung« verstehen helfen. 

Ganz dasselbe wiederholt sidi audi bei der nädisten Szene, für die 
der Satz „Dann Könnte micB aßer die Hausfrau ssSen" steht. Idi 
sehe midi, wie idi nadit die Türe aufstoße,- idi stredte meinen Kopf vor 
und bemerke am anderen Ende des Korridors die Hausfrau, die aber 
nidit zu mir hersdiaut. Idi madie quer über den Korridor einen Satz auf 
die offene Zimmertür zu, die dem Raum, den idi verlasse, gerade gegen- 
überliegt,- in demselben Augenblid wendet aber die Hausfrau den Kopf 
und sdiaut zu mir herüber. Trotzdem hatte idi aber nur Jönnre mi'cS 



IL Der Inhalt d^fGedankenkettCD 47 



seßen' gedacht und den Satz auA so notiert lA kann auA nod> auf 
andere Art beweisen, daß mein Seelenleben diese Handlung nur als 
eine eventuell auszuführende angesehen hatte,- denn obwohl ich dodi schon 
nackt über den Korridor gelaufen war, betrachtet mein Vorbewußtes 
diese Handlung sofort als ungesdiehen und geht plötzlich zu einer 

anderen Annahme über: 

Und wenn ich micß ßisr auszieBe' <nämhdi in meinem eigenen 
Zämm'er, in dem idi im Bett liege). Audi hier wird das »werin«, gleiA 
nadidcra idi es gedadit habe, vernadilässigt, wie das folgende wied^ 
2dgt: ich stelle mir blitzsdinell vor, daß lA bereits ausgezogen bm, idi 
sehe den Floh auf den Fußboden springen, idi versuche ihn mit 
meinen Stiefeln und einen Augenblidc später mit einer Watze zu zer- 
quetschen. 

Hier muß idi auf eine frühere Bemerkung zurüdgreifen, Oenau so 
wie mir das Bild des Obersts ebenso sdinell entsdiwand, als idi es vor 
midi hingerufen hatte, vergesse idi audi hier naAeinander, daß id. 
bereits nadit bin, wie mir der Gedanke kommt, iA könnte midi in 
meinem eigenen Zimmer ausziehen, und später, daß iA logisAerweise 
ausgezogen sein sollte, wie iA beginne, mit meinen sAweren Stiefeln 
über den Fußboden zu stampfen. 

Mndwenn er anfängt, Eier zu fegen?" IA nahm hier in meiner 
Vorstellung tatsäAliA mit freiem Auge die auf mein Hemd abgesetzten 
mikroskopisAen Floheier ebenso deutliA wahr, wie etwas später Ae 
bisexuellen Organe des Tieres, Sogar in diesen Unsinnigkeiten liegt emc 
Bedeutung verborgen, da sie aber niAt die einzigen in dieser Phantasie 
sind, sAiebe iA ihre gemeinsame BespreAung für später auf/ alle diese 
Irrtümer sind ja nur versAiedene Äußerungsformen desselben Phänomens. 
IA wähle jetzt unter den anderen phantasierten Szenen nur mehr eine 

einzige zur BespreAung aus : r j- o' 

. Und wenn ich einen VersucB mit Inseßtenpufver machen wurde/ 
Dieser Satz repräsentiert die folgende Szene: IA halte in meiner reAten 
Hand einen kleinen Zerstäuber von der Art, wie sie die Gärtner 
gehrauAen, um Insektenpulver auf ihre Pflanzen zu streuen. IA halte 
mein Hemd mit der linken Hand über dem Hosengurt, an der Stelle, 
wo der HemdensAlitz beginnt und streue das Pulver, mit dem der 
Zerstäuber gefüllt ist, in die Öffnung, so daß es siA über meinen ganzen 
Körper verteilt. Nun ist das doA etwas zu stark, so daß sogar mein 
Vorbewußtes, daß die Dinge sAeinbar niAt sehr genau nimmt und niAt 



4» 



Über das vorbewufite phantasierende Denki 



gJcidi vor jedem Unsinn zurücksdireckr, sicfi fragt, ot ein soldies Vor-r 
gehen niAt meiner Gesundheit sdiadcn könnte/ diese Besorgnis wedt 
niirfi dann aus meiner Versunken heit. 

Die Besprecfjung dieser Phantasie hat versdiiedene Protleme auf- 
geworfen, mit denen wir uns Jetzt der Reihe nadi besdiäfttgen wollen, 
um so sdiließh"di in einer letzten, übersiditlidien Zusammenfassung die 
Würdigung jeder einseinen Besonderheit dieses komplizierten Gedanken- 
gebiides zu ermöglidien. 

Wir greifen deshalb wieder unseren Vergleidi mit dem KinofSIm 
auf und fragen uns, wie viele AbsAnitte sidi bei unserer Phantasie 
üntersdieiden lassen, die durdi die Szenerie, in der die Handlung vor 
sidi geht, notwendig werden, 

Der. erste Absdinitt stellt meinen Wäsdvewedisel am letzten Montag 
vor. Der zweite das Auskleiden in einem anderen Zimmer und meine 
Nadttheit, die die Hausfrau wahrnimmt, während idi über d^n Korridor 
laufe. Die dritte Episode ist etwas länger: idi ziehe midi in meinem 
eigenen Zimmer aus, idi stampfe über den Fußboden, um den Floh 
mit meinen SttefeJn zu zertreten, idi rolle die Walze hin und her, kann 
aber nidit tn die Tiefen der Spalten gelangen (die idi genau sehe). Der 
vierte Absdinitt stellt meine Ideen über die Vermehrung der Flöhe dar 
<eine Art pseudo=wissensdiaftIidier Film),- der fünfte und letzte Teil 
spielt in der Apotheke eines Feldspitals, 

Nun stoßen wir aber auf die Frage: Warum wird der Film 
viermal unterbrodien? Das Vorbewußte hält sidi in dieser Phantasie an 
zwei der großen Einheiten, die für das französisdie klassisAe Drama des 
XVII, Jahrhunderts aufgestellt wurden: Einheit der Eett und Einheit 
der Handlung. Warum aber nidit audi an die dritte: die Einheit des 
Ortes? Die Szenerie ändert sidi ja unaufhörlidi. In anderen Worten: 
warum entwädelt sidi nidit jede einzelne Szene auf naturlidiem Wege 
in unmerldidien Übergängen aus dem vorgehenden Bild, ebenso wie bei 
einer Kette von Wortvorstellungen die Ideen, die sidi ablösen, miteinander 
verbunden sind? Denn bei der bildhaften Phantasie, als Film betraditet, 
fehlen uns ja, genau genommen, die Übergänge zwischen den einzelnen 
Absdinitten, die aufeinander folgen. 

Idi weiß, man könnte mir entgegnen, daß die ersten drei Unter- 
brediungen, die idi bei meinem verbildliditen Phantasieren bemerkte, in 
Wirklidikeit gar nidit existieren <ein Einwurf/ dem idi am geeigneten 
Orte begegnen werde), sondern auf meine mangelhafte Gesdiiddidikeit 



n. Der Inhalt der Gedankenketten 



49 



im Beobaditen zurückzuführen sind. Nur sind diese plötzlidien Übergänge 
von einer Szene zur anderen ja jedem Mensdien aus den näditlidien 
Träumen wohlbekannt, Audi wäre es unerklärlidi, auf wefdie Weise mir 
die Szenerie entgangen sein sollte, die den Übergang zwisdien den 
beiden letzten Teilen, von meinem Zimmer zum Feldspital, ausmadit 
Warum sollte mir die Erinnerung an die visuelle Darstellung abhanden 
gekommen sein^. wenn idi dodi imstande bin, die Lüde jedesmal mit der 
riAtigen Wortvorstellung auszufüllen? Der Fortgang der Analyse wird 
uns auf diesen Einwurf Antwort geben, 

Vorher wollen wir aber nodi beaditen, daß sich jedesmal an der 
Stelle, wo ein neuer Filmabsdinitt beginnt, in dem begleitenden Text ein 
neues wenn findet. Idi habe versudit, die Einführung der neuen 
Annahmen durdi die folgende Darstellung zu veransdiaulidien : 



Übergänge, 

Teil; DerWäsdiewedisef am letzten 
Montag, 
» Ausziehen im anderen Zim- 
mer und nackt im Korridor 
gesehen werden. 



wahrsdieinlidi ist der Floh wieder auf 
midi gesprungen/ und wenn idi midi 
in einem anderen Zimmer nodi einmal 
ausziehen würde? 



2. » Wie oben, 
5, j> Ausziehen im eigenen Zimmer 
— die Stiefel — die Walze. 

. j. » Wie oben, 
4, » Vermehrung der Flöhe — 
ihre Gesdileditsorgane. 

4, * Wie oben. 
jt J^ Im Feldspital, 



dann könnte midi aber die Hausfrau 
sehen,- und wenn idi midi hier atjS'= 
ziehe? 

er kann sidi in den Spalten verkricdien ,- 
und wenn er anfängt, Eier zu legen? 

auf einem weißen Hemd ließe er stdi 
eher fangen/ wenn idi eines im 
Spital bekäme? 



Diese Anordnung zeigt, wie sidi nach jeder gesehenen Szene in 
mir ein Zweifel an der Sweckmäßigkeit des vorgestellten Verfahrens 
erhebt: der Floh könnte zurüdtgcsprungen sein, die Hausfrau midi 
sehen usw. und offenbar sind diese Einwände sdiuld, daß das weitere 
Ausspinnen der Idee und ihre bildhafte Darstellung abgebrodien werden. 
Das führt, ja nötigt sogar, jedesmal zur Sudie nadi einer anderen Losung 
des Problems, mit dem sidi das Vorbewußte beschäftigt. So ist also die 




jfO über das vorbcwußte phantasierende Denk«n 

Verwandlung der Szenerie eine Folge der Einwände^ die sidi nach^ 
einander in mir erheben und die Verwerfung der alten und Einführung 
einer neuen Annahme veranlassen. Die visuellen Elemente sind 
folglidi von dem Denltprozcß abhängig und nur einer seiner 
Bestandteile. Die Verwerfung der Annahmen erfolgt immer aus dem 
gleldien Grund, und zwar aus der Über fegung heraus »dadurA werde 
idi den Floh nidit los«. 

Wenn dieser Satz auch nidit jedesmal ausdrüdiljA in Worten aus^- 
gesprqdien ist, bildet er dodi den immer wiederkehrenden Refrain,- das 
heifit : das Urteil, das über jede einzelne Annahme gefällt wird, ist zwar 
nidit in Worten ausgedrüdit, aber im Denken trotzdem gegenwärtig, 

Wenn wir die verschiedenen Annahmen betradiren, so bemerken 
wir, daß sie alle durch das Wort »wenn« eingeleitet werden. Unser. 
Vorbewußtes verbiidlicht den Inhalt der Hypothese, ohne aber den 
hypothetischen Charakter des Satzes wiederzugeben. Sollen wir daraus 
schlieHen, da^ unser Vorbewußtes keine Hypothesen kennt? Aber dann 
könnte es keinen Einwand gegen sie erheben und sie nicht verwerfen. 
Es sieht die Hypothese vergegenwärtigt oder, was dasselbe ist, verbildiidir, 
daran ist nidit zu zweifeln/ es laßt sich aber von dieser Aktualität nidit 
täusdicn. Es weiß genau, daß ihm zwei Möglichkeiten offen stehen : die 
Annahme zu verwerfen oder sie anzunehmen und auf dieser neuen Basis 
weitere Assoziationen zu bilden. Der einzige Unterschied mit dem Wadi:» 
leben ist also, daß die Möglichkeit zu dieser Wahl nidit ausdrüdilidi in 
Worten festgestellt wird / wir wissen nidits von ihr, trotzdem ist sie aber 
im Denken vorhanden und wird im gegebenen Augenblidi wirksam. 

Wir haben aus dieser Erörterung gelernt, daß, wenn wir vorwiegend 
bildhaft denken, nidit sämtlidie Gedankenelemente durdi psydiisdie Bilder 
dargestellt ersdieinen. So sind diese letzteren also audi hier in einem gewissen 
Sinne die Illustration unserer Gedanken, in derselben Weise, wie wenn 
nur eine gewisse Anzahl von isolierten Bildern unser Denken in Wort- 
vorstellungen begleitet. Es gibt nur eine einzige Möglidikeit, alle an der 
Denktätigkeit beteiligten Vorgänge' zu berütksiditigen und mehr oder 
weniger restlos wiederzugeben, und zwar, wenn wir uns der bewußten 
Spradie bedienen. 

Das ändert nidits daran, daß für uns die lebhaften Bilder, weldie 
die Denkvorgänge begleiten, auffälliger werden als die Vorstellungen, die 
sidi im Hintergrande abrollen,- die ersteren hinterlassen uns einen stärkeren 
EindruA. Aber es ist gerade eine für die Psychoanalyse geeignete Auf- 



^abe, die Bedeutung und Roile der versdiiedenen Faktoren gegeneinander 
abzugrenzen, die miteinander die Gedankenbildung ausmadien, weldie sidi 
ohne Anteilnahme des Bewußtseins abspielt. Und es ist das Verdienst 
Freuds, daß er uns den Weg zur Aufdediung seelisdier Vorgänge 
gewiesen hat, von deren Existenz niemand vor ihm audi nur die leiseste 
Ahnung hatte. 

Möglidierweise ist meine Beweisführung dafür, daß selbst beim 
vorbewußten verbildKditen Denken die visuellen Bilder nidit den Haupt- 
medianismus des Denkvorganges ausmadien, nodi nidit überzeugend 
genug. Idi will darum nodi einen Augenblidi dabei verweilen. 
Rekonstruieren wir einmal eine Kette aus den visuellen Bildern. Wenn der 
bildhafte Teil tatsädilidi die Hauptrolle spielt, so dürfte uns kein einziges 
Glied fehlen/ wir müßten einen vollständigen Film vor uns haben. Fehlt 
aber ein Glied, so werden wir genötigt sein, den Gedanken, .der ihm 
entspridit, irgendwo in der verbalen Assoziationsreihe aufzusudien, und 
werden uns überzeugen, daß diese letztere das vollständigere Ganze 
bildet, da sie Elemente berüdisiditigt, von denen das Vorbewußte 
nidits weiß. 

Die erste Szene <siehe die Wiedergabe auf Seite 45) zeigt midi, 
wie idi midi am letzten Montag in meinem eigenen Zimmer ausziehe. 

Im zweiten Teil ziehe idi mid» abermals in einem anderen 
Zimmer aus. 

Das Wiederankleiden, das zwisdien diesen beiden Szenen statte 
gefunden hat, wird nidit dargestellt. Die Erklärung für diesen fehlenden 
Übergang finden wir im Text: »Meine Bemühungen am letzten Montag 
haben nidits genützt, wahrsdieinlidi ist der Floh wieder auf 
midi gesprungen. Wie wenn idi midi in einem anderen Zimmer 
umziehen würde?« Hier fällt uns das Fehlen eines Ewisdiengliedes 
in keiner Weise auf, obwohl der Gedankengang nodi unvollständig ist/ wir 
sind ja audi aus dem bewußten Leben an derartige Auslassungen gewöhnt, 
und es fällt uns sehr leidit, die Abkürzung zu ergänzen: »wahrsdieinlidi 
ist er wieder auf midi gesprungen, während idi midi anzog.« 
Derartige Abkürzungen sind für das realistische Denken diarakteristisdi, 
Es ist sogar fraglidi, ob unser Denken zu dem wunderbaren Instrument 
geworden wäre, das es geworden ist, wenn wir nidit imstande waren, 
gewundene Zusammenhänge atif ähnlldie Weise durdi Abkürzungen 
SU vereinfadien, Wenn ädi also sage: ^Wahrsdieinlidi ist er wieder auf 
midi gesprungen. Wie wenn idi midi in einem anderen Zimmer nodi 



52 



Über das vortcwußtt: phantasierende Denken 



einmal ausziehen würde?«, so erscheint uns das fehlende Zwisdienglied 
so seibstverständlich, daß wir im wadien Leben seine Abwesenheit nidit 
einmal bemerken. 

Im Fifm gilt aber für einen fehJenden Übergang nicht das gicidie; 
in dem letzten Bild der ersten Szene bin idb ausgezogen und in dem 
ersten Bild des zweiten Teiles, das unmittelbar darauf folgt, ziehe idi 
midi in einem anderen Zimmer neuerdings aus. Da die beiden Bilder 
einander sdinell auf der Bildflädie folgen, haben wir keine Zeit, diesen 
plötzlichen Wedisel der Umstände zu erfassen, wir sehen nidit, was in 
der Zwisdienzeit geschehen ist, und wissen nidit, was wir aus dem Dar^ 
gestellten madien sollen. Bei lebenden Bildern sind visuelle Abkürzungen 
ein Unding. Der Autor eines Filmstüdtes schiebt darum jedesmal, wenn 
er einen Übergang zwisdien zwei Situationen herstellen will, einige Sätze 
ein, die auf die Bildflädie projiziert werden. In ähnlicher Weise geht 
unser vorbewußtes verhildtidites Denken vor, nur brauchen die Gedanken, 
die im Kino in Worten ausgedrückt werden, nidit zu ersdieinen, weil sie 
ohnehin, ohne daß wir es merken, in unserem Denken vorhanden sind,- 
wir setzen sie erst dann in Worte um, wenn wir bei der Analyse die 
Vorgänge zurückverfolgen. Die Lücke bei der bildhaften Darstellung wird 
psydbisch in einer Weise ausgefüllt, die beim vorbewußten Denken nicht 
zum Ausdruck kommen kann. 

Dieselben Überlegungen gelten auch für alle anderen Übergänge 
zwisdien den einzelnen Szenen der Phantasie: so bin idr am Ende des 
zweiten Abschnittes ausgezogen, habe aber am Anfang des dritten 
meine Kleider an, denn ich ziehe midi neuerdings aus usw. Infolge* 
deSSeO sind wir bcreditigt den Schluß zu ziehen, daß die Gcdanken=' 
a s s o z i a t i o n e n, die beim Bewußtroacfaen der Phantasie in Worte 
umgesetzt werden, der wesentliche Teil der Phantasie sind, 
die visuellen Bilder nur die dazugehörigen Illustra* 
t ionen- 

Wir müssen jetzt an eine Untersudiung des Testes gehen, der uns 
in mandiem an den Text erinnert, nadi dem sidi der Puppenspieler im 
Kasperltheater ridhtet, der unbemerkt hinter der Szene bleibt. Damit wir 
aber in der weglosen Wirrnis des noch unbetretenen Neulandes nidit in 
die Irre gehen, wollen wir erst für kurze Zeit halt machen, und die 
größten Hindernisse aus dem Weg räumen, die uns bei unserem Ein- 
dringen in das unbekannte Gebiet, das wir der allgemeinen Kenntnis 
ersdiließen wollen, hemmend entgegentreten könnten. 



A!s wir uns im ersten Kapitel mit der Entstehung der vorbewußten 
Gedankengänge beschäftigten, wurden wir genötigt, uns in längere Aus- 
einandersetzungen über innere und äußerlidie Wort» und Gedanken^ 
assoziationen einzulassen. Hier werden wir nun auf eine nodi andere 
Art der Assoziation aufmerksam, die in dem visuellen Charakter der 
vorbewußten Denkprozesse begründet ist, Bei der vorh'egenden Phantasie 
sind audi einige Verknüpfungen tatsädilidi darauf zurüdizuführen, daß 
bestimmte Einzelheiten plastisdi vor meinem geistigen Äuge ersdiienen 
und mir auffällig wurden. So will idi an erster Stelle versudien, den 
Nadiweis zu erbringen, daß die Idee; »dann könnte midi aber die Haus^ 
frau sehen,« als unmittelbare Folge meines Denkens in Bildern in die 
Gedankenkette gelangt ist. Wie sdion früher gesagt, befand sidi das Zimmer, 
in dem idi midi in diesem Absdinitt der Phantasie auszog, auf der anderen 
Seite des Korridors, den idi übersdireiten mußte, um in mein eigenes 
zurüdkzugelangen. Die Küdie war am Ende des Korridors gelegen und 
die Frau pflegte bei jedem Geräusdi in den Korridor und zur Haustüre, 
die unversdilossen und mit einem automatisdien Läutwerk versehen war, 
zu sdiauen, um jeden etwa Eintretenden zu bemerken. Nun sah idi vor 
meinem geistigen Auge die ganze Einteilung des Hauses, als ob die 
Wände durdisiditig wären, und idi glaube, es ist auf diesen Umstand 
zurüdtzuführen, daß meine vorbewußte Aufmerksamkeit auf die Frau 
gelenkt wurde, die meine Phantasie mir in der Küdie stehend zeigte. Mein 
inneres Bild von der Einteilung des ganzen Erdgesdioßes, war der Anfaß 
für ihre Aufnahme in den Tagtraum. Idi betone nadidrüdilidi, daß meiner 
Meinung nadi die Aufnahme der Idee über die Hausfrau von dem 
inneren Bild selber abhängig war und nidit durdi meine Nadttheit bedingt 
wurde, denn diese spezielle Phantasie war von jeder erotisdien Färbung 
durdiwegs frei. Diese Art der Verknüpfung beruht ebenfalls auf einer 
äußerlidien Assoziation, die man aber eine Gesiditsassoziation nennen 
könnte ^, 



^ Idi verwende titCr absiditlidi das Wort »Gesiditsassoziation,« denn fiiae äußer- 
lidie Woftassoziation kann ohneweiters visueller Natur sein, ohne darum den Naraen 
einer Gesiditsassoziation zu verdienen,- nämlidi wenn es die Wortvorstellung ist, die 
durdi das Auge zerlegt wird. Mein Sohn sieht z. B. den Namen Bwanepool <Swanpool> 
in einem Auslagefenster und ruft aus: »Oh, ein Sdiwan tn einem Teidi!« "Wenn man 
aber den Namen Rousseau wie in einem bekannten Witz in roux und sot zerlegt, so 
ist das mit Hilfe des Ohres gesdiehen. Es handelt sidi hier nm den Untersdiied zwtsdien. 
dem einzelnen Wortbild und der visuellsn ObjelttvorstcKimg. 



54 



Ober das vorbewuftfe piiantasicrende Denken 



Idi bin mir klar, daß dieses Beispiel einer Gesiditsassoziation nidit 
sehr überzeugend wirkt, und führe darum sofort nodi ein zweites an. 
An einer bestimmten Stelle meiner Phantasie stampfte idi über den Fiiß=^ 
boden hin <in derselben Art, in der unsere vlämisdien Kleinbauern 
den frisdigesäten Acker stampfen, statt ihn zu walzen, nämlich seitwärts 
sdireitend), als ädi mit meinem geistigen Auge sah, daß meine Füße den 
Boden nldit überall berührten, nämÜdi den Platz zwisdien Absatz und 
Vorfuß ausließen. Diese Wahrnehmung veranlaßte mein Vorbewußtes, 
den Gebraudi einer Waise, wie sie der Gärtner für die Rasenflädien 
verwendet, vorzusdilagen. Id) merkte aber bald, daß audi die Walze 
meinea Ansprüdien nidit vollkommen genügte, denn idi sah, wie der Floh 
sich in den Spalten verstedtte, und nahm die letzteren in allen EinzeU 
heiten aus. Idi glaube, daß diese Beispiele genügen werden, um jeden 
Zweifel an dem Vorhandensein von Gesiditsassoziationen zu beseitigen, 
denn die Entstehung derart weit hergeholter Ideen läßt sidi nur aus den 
Gesiditseindrüdten von den Objekten selbst ableiten. 

2, Fragen und Antworten, 

Wir können jetzt diejenigen bildhaften Bestandteile meines Tag- 
traumes, die ihre Aufnahme einer Gesiditsassoziation verdanken, von 
den übrigen absondern,, und zwar sind das die Szenen, die der Satz 
»Dann könnte mtdi aber die Hausfrau sehen« und die Gedanken folge 
»Idh könnte dann mit meinen sdiweren Stiefeln herumstampfen oder es 
mit einer Walze versudien« wiedergeben. Nun soll nodi eine zweite 
Bemerkung die letzten Sdiwierigkeiten beseitigen. Wir finden in der 
Kette: bei Tag '- Woche '- Montag <Sie würde midi bei Tag 
nidit beißen. — Das dauert jetzt sdion eine Wodie- — Meine 
Bemühungen am letzten Montag haben nidits genützt.) ein Beispiel für 
eine Wortassoziation. Hier werden die Erinnerungen wahrsdieinlidi 
durdi die oben hervorgehobenen, äußerlidien Assoziationen zu einer 
Reihe verknüpft. Da diese Art der Verknüpfung allen unbewußten Denk^ 
Vorgängen eigentümlidi ist, braudien wir uns nidit länger bei ihr aufzu= 
halten und einer Untersudiung des wortlidien Denkens bei dieser 
Phantasie steht so nidits mehr im Wege. 

Wir können jetzt den Text — von den beiden ersten Gliedern 
abgesehen — in der folgenden Weise darstellen und ihm so das Ansehen 
eines Problems geben, um dessen Lösung sidi das Vorbewußte in immer 
erneuten Versudien bemüht. Die gestellte Frage würde lauten: 



Wie werde ich den lästigen Gast los? 



Wenn es ein Floh wäre?. 



Wenn es eine Wanze wäre? 

Wenn itfi mitfi in einem anderen 
Zimmer auszöge ? 

Wenn icfi mi<& hier auszöge und 
versudite, ihn zu zertreten? 
Wenn idi eine Walze benützte? 

Wenn er anfinge, Eier zu legen? 
Wenn er bisexuell wäre? 

Wenn idi ein weißes Hemd hätte? 

Wenn idj dort ein anderes Mittel be« 

käme? 

Wenn idi Insektenpulver vcrsudjte? 



Dann würden die Kamillen helfen, die 
Stiche wären nidit so groß und die 
Anschwellungen hätten andere For- " 
men? 

Dann würde sie midi nidit bei Tag 
beißen <Wö6e ^ Montag), 
Dann könnte mlA die Hausfrau 
sehen. 

Dann könnte er mir unter den Sdiuhen 
auskommen. 

Dann könnte er sidi in den Spalten 
verstehen, 

Idi habe ja nur einen, 
Dann könnte er Eier legen <sidi ver- 
mehren). 

Vielleicht bekomme idi eines im Spital. 
Vielieidit haben sie im Spital irgend 
ein Pulver. 

Idi könnte einen Aussdilag davon be- 
kommen, 

Wir erhalten so eine Reihe von Annahmen, denen eine ent* 
sprediende Reihe von Einwürfen gegenübersteht. Die Analyse läßt die 
ganze Phantasie als eine Kette von Annahmen und Einwürfen, von 
paarweise angeordneten Fragen und Antworten ersdieinen, die durdb 
keine deutlidi erkennbaren Übergänge miteinander verbunden sind. 
Trotzdem besteht aber eine Verbindung zwisdien je zwei aufeinander- 
folgenden Annahmen und sogar in allen Fällen die gleidie, wenn sie 
audi nirgends in den Vordergrund tritt. Dieses gemeinsame Bindeglied 
ist das Problem, das, nadidem die Annahme durdi den Einwurf ange- 
wiesen ist, regelmäßig wiederkehrt; »/c^ möchte das fästige Jnseh 
aßer docfj foswerdenk Diese immer wiederkehrende Äußerung des 
Unbehagens ließe sidi hinter jedem Fragen und Antwort=Paar ein^ 
sdiieben, etwa so wie die eintönigen Responsen in den Litaneien des 
katholisdien Gottesdienstes, Die Annahmen und Einwürfe sind so an 
eine einzige gemeinsame Schnur aufgereiht, wie paarweise befestigte 
Perlen an einem Rosenkranz. 

Diese Serie vorgeschlagener Lösungen mit ihrer Verwerfung lehrt 
uns manches und gibt unter anderem eine glänzende Illustration zu dem 



( 



r 
I 



j$ Ober das vorbcwtiRtc phantasier ende Denken 



bekannten Spridiwort, daß der Wunsch der Vater des Gedankens 
ist. Es ist klar, daß der Wunsdi^ den lästigen Gast loszuwerden, jeden 
zweiten Gedanken her\'orruft, immer neue Mittel zur Erreidiung des 
Sieles vorsdiläjt, midi die versdiiedenen Verfahren ersinnen läßt, und es 
ist sogar erstaun! idi, daß bei dem Überreiditum an Lösungsmögtidikeitcn^ 
die der Wunsdi uns nahelegt, die Kette abgebrodien wird, che er erfüllt 
ist, d. h. ehe der riditige Weg zur Abhilfe gefunden wurde. Wir konnten 
audi sagen, daß diese Gedanken kette noA ein anderes Spridiwort, »Not 
tnadit erfinderisdi«, illustriert. 

Wir wollen vorläufig sagen, daß dieser spezielle Tagtraum ein vor^ 
bewußter Vewudi zur WunsdierfüIIung iSt, und auf diese Erkenntnis 
zurüdtkommen, wenn wir das vorbewußte Denken in Beziehung zur 
Freudsdien Traumtbeoric bringen werden. 

Ein zweiter Punkt, den uns unsere Aufstellung nodi auffälliger ver^ 
deutlidit, ist, daß sämtliche Lösungsvorsdvläge als Hypothesen, mit ^einem 
»wenn« eingeführt werden. Wir verstehen jetzt audi, wieso Freud in 
seiner Traumdeutung mit Redit behaupten konnte, im Unbewußten <hier 
im Vorbewußten> gäbe es keine Dafstellungsmöglichkeit für das »wenn«. 
Sobald eine Idee auftaudit, wird sie für unser Denken ein plastisdies 
Bild, wie es ursprünglith alle Objekte waren, von denen gewisse 
Erregungen ausgingen. Nur durdi die spätere Erwerbung der Spradie 
ist es dazu gekommen, daß die Wortbilder selber, an Stelle der ihnen ent*= 
sprcdvcnden pfastisdien Sadibilder, Objekte der Vorstellung werden können. 

Aber das Vorbewußte verwandelt nidit allein gedadite Hypothesen 
in Bildet/ es verbildlidit vielmehr alles, was sidi überhaupt visuell dar* 
stellen läßt. So wird meine Erinnerung an das Auskleiden am letzten 
Montag in eine psydiisdi gesehene Szene umgewandelt,- ebenso ein 
Tagesrest : der Besudi, den idi an diesem Tage im Spital madite* Es ist 
aber vielleidit nidit korrekt, zu sagen, daß diese Erinnerungen in 
psydiisdie Bilder umgewandelt werden: zur Seit des wirklidien 
Erlebens nahm idi diese Btlder ja wahr, sie sind also Erinnerungsbilder, 
Wir besitzen von allen Erlebnissen Erinnerungsbilder, sind aber so daran 
gewöhnt, sie in Worte umzusetzen, daß wir die Bilder selbst, für 
gewöhnlldi und sogar wenn sie wiederbelebt werden, gar nidit bead^ten,- 
statt dessen konzentrieren wir unsere Aufmerksamkeit auf die Worte, 
weldic sie uns verdeutlidien. Wir sind Imstande, in Worten 2U denken, 
aber tiefer in der Tierreihe, wo es nodi keine Sprache gibt, können dodi 
woKi nur Sinnesbilder das Material des Denkens abgeben. 



Wir wollen zwar vefmeideii, späteren Auseinandersetzungen vor- 
zugreifen^ müssen uns hier ater dodi einen Augenblick bei der Tatsarfie 
aufhalten, daß mein Vorbewußtes in den Tagträumen audi Gesdiehnisse, 
die idi nidit mitangesehen habe, bildhaft darstellt, ebenso wie Dinge, für 
deren visuelle Vorstellung mir die Elemente, nämlidi die Begriffe, fehlen. 
Als idi z. B, daran dadite, daß die Flöhe möglidierweise bisexuell wären, 
sah idi in memer Phantasie etwas, das idi jetzt als eine Illustrationstafel 
aus einem biologisdien Lehrbudi, das idi als Zwanzigjähriger benützte, 
erkenne. Auf der Abbildung ersdieinen die Atmungsorgane und das 
Nervensystem des Maikäfers, die ersteren deutlidi, die letzteren sdiattenhaft. 
Ich hielt die kleinen Atmungsöffnungen, die an der Seite des Körpers 
angebradit sind, für ebensoviele Sdieiden, und die Spitze, in die der 
Körper ausläuft, fär das männÜdie Gesdileditsorgan. In ähnlidier Weise 
versetzte midi meine Phantasie einmal an Bord der torpedierten »Sussex«, 
ließ midi den Untergang der Passagiere mitmachen und mitansehen, wie 
die sdiwlmmende Hälfte des Wradcs in den Hafen von Calais gesdiicppt 
wurde, obwohl idi in meinem ganzen Leben weder einen SdiiflFbrudi nodi 
die »Sussex« selbst gesehen hatte. 

So merken wir, daß nidit nur bedingungsweise eingeführte 
Gedanken so verbildlidit werden/ als wären sie real, sondern auch die 
Vergangenheit in Bildern dargestellt wird, die als gegenwärtig ersdieinen. 
Ebenso wird audi die Zukunft als gegenwärtig gesehen <idi sehe meinen 
Oberst vor mir, obwohl idi ihm erst am näthsten Tag gegenüberstehen 
werde). Wir können jetzt verstehen, wieso Freud vom Unbewußten 
aussagen konnte, es könne das >wenn« nidit darstellen/ es kennt eben 
nur eine Art der Darstellung; die plastische Gegenwart. 

Wir lernen also, daß das Vorbewußte, wenn der Denkvorgang 
sidi weit genug vom wadicn Denken entfernt, alle Gedanken '- nur 
nidit ihre Beziehungen untereinan<ler ^ verbildlidit, gleidigültig weldien 
Ursprungs und weldier Art sie sind, 

Aus unserer Kenntnis des wadien Denkens können wir ferner 
sd^ließen, daß alle Sätze, die durdi ein »wenn« eingeleitet werden, 
Vorbereitungen für die Lösung eines würfelidien oder angenommenen 
Problems, also Anpassungsvcrsudie sind. 

Wenn wir jetzt die Betraditung der einzehien Gedanken 
verlassen, um uns der Struktur des Ganzen zuzuwenden, fällt uns sofort 
eine gewisse Analogie mit bestimmten primitiven Literaturerzeugnissen 
auf. Ehe wir aber diese Ähnltdikeit weiter verfolgen, wollen wir nodi 



53 



Über das vö'tbe^imßte phantasierende Denken 



Sidierheir darüber haben, ob diese Art der Gedankenanordnung eine 
zufällige oder ob sie ein konstantes Merkmal des vorbewußten Denkens 
ist. Darum steilen wir uns als nädiste Aufgabe, eine neue Phantasie 
von diesem speziellen Gesiditspunkt aus zu untersudien, 

Vorbemerkungen: Ich werde an dieser Stelle neuerlidi dazu 
genötigt, einige meiner geheimsten Gedanken preiszugeben. Aber idi 
unterdrüdte die Furdit, lädierlicb zu ersdieinen, in der Hoffnung, daß 
diejenigen, denen ein Urteil zusteht^ meine Bestrebungen würdigen 
werden. Um diese Phantasie verständlidi zu madien, muß idi mitteilen, 
daß idi 2ur Zeit ihrer Bifdung an eine Wiederverheiratung dadite und 
mit meinen Kindern über dieses Thema gesprodien hatte/ das gibt uns 
die Erklärung für den ersten Teil des Gedankenbildes, Weiter besdiäftigten 
midi damals einige kleine Sorgen anläßlidi einer Reise, die idi unter« 
nehmen sollte, Gedanken über meinen Stundenplan in der Sdiule und 
einige andere, mehr nebensädilidic Dinge, die idi hier nidit yeiter 
anzuführen braudie ,■ audi der Wunsdi, keine Gelegenheit zur Sammlung 
von Beiträgen für meine Theorie des vorbewußten Denkens zu 
versäumen, bUdtt in der Gedankenklette durdi. Tiefer liegende Wünsdie 
bleiben in der Verborgenheit. Alle diese versdiieden großen Sorgen und 
Bedenken wurden zu einem Gedankengang zusammengefaßt, den idi an 
einem Morgen, an dem idi um eine Stunde früher als sonst aufgewadit 
^ar, um sedis Uhr früh aufzeidinete. Die Phantasie begann, ehe fdv ' 
nodi die Augen geöffnet hatte, in folgender Weise : 

^Soff id> meitt Bu<£ neBmen und fesen oder fießer weiter an 
Miß X. denken? — Was Bat es aBer für Sinn, an sie zu denken? 
— Und wie fiömtte icß meinen Kindern Begreißicß macßen, daß icB sie 
fießer Baße afs Miß X, ßtr die sie eine Vorfieße zu Büßen sc£ einen ? 
^ CHier spieft siS vor meinem geistigen Äuge ein Erfeßm's pon 
vorgestern noch einmaf aß: Miß K mad>t mit zwei ißrer Verwandten 
Bei uns BesucS, wir Beg feiten sie Binaus und wieder Bo Ben äffe Bei 
der Haustüre das GespräcB, das wir vorgestern wirßfiS dort füBrtenJ 
<Diese Erinnerung wird durdi folgenden Gedanken unterbrodben:) Miß 
JC. scBaut jünger aus afs Miß Y, — Sie scBeint aßer so an 
ißren Vater geBunden, daß icß sie erst von iBm fosmacBen müßte, eBe 
sie sieß mir tmriftcB zuwenden Bannte. — Idi Bönnte ißr einige psyc&O" 
anaf^tistße BücBer zu fesen geßett. Das würde p/effeicBt nützen. — Aßer 
wie soff icß sie merßen fassen, daß icß nicBt meßr der einfacBe Leßrer 
Bin, der iS vor fünfzeßn JaBren war. — IcB erinnere midi, daß sie 




einmaf in meiner Gegenwart gesagt ßat sie würde nie einen unßsf 
deutenden Mann Beiräten. Icß üönnte ißr eine meiner Arßeiten zu 
fesen geßen. -' IcB Ronhte ihr zu affererst irgend eine Nacßricßt auf 
einer meiner Visitkarten sdndien, auf der mein aßademiscßer Grad 
gedruckt steßt ^ Üßrigens darf icß nicßt vergessen, meinem Treund 
P. auf einer Karte zu seiner Ernennung zum Mitgfied der vfamisSen 
Akademie zu gratufieren. — Wer weiß, aß er mid) niSt eines Tages 
zum Mitgfied der wissensSaftficßen Sektion vorsSfagen kann. ^ 
Um aßer an Diskussionen teifzuneßmen, müßte icB meine ÄuSsprade 
verBessern, die nod vieC zu wünschen üßrig faßt. — Das wäre ein 
neuer ScBritt auf dem Wege zur Professur. — Da fäfft mir mein 
7reund S. ein. Es scßien mir neuficBj, afs würde er miS afs Kon" 
kurrenten fürcBten. Er Bat woßf Angst, icß könnte früßer afs er ein 
Leßramt Bekommen, oßwoßf eines seiner Zeugnisse von Bößerem 
Hang ist afs eines der meinen. ^ Dieser geringe UnterscBied würde 
aßer eher zu meinen Gunsten sprechen, denn icß BaBe mir meinen 
Doktorgrad mit vief größeren ScBwierigkeiten erworßen afs er. <Hier 
stößt mich mein Sohn mit dem Ellbogen in den Rüden.) Wenn ich 
wieder verßeiratet Bin, kann er wieder in seinem eigenen Zimmer 
scßfafen. — Aßer sind seine Mößef aucB gut genug für das Haus 
von Miß X.? <Hicr folgt ein Teil, den idi nidit zurückv^erfolgen 
konnte), — . . . ABer mit wefcßem Zug soff ich eigentficB nacß Ä 
faßren? IcB Bin mit meiner fetzten Stunde erst um ßafß 12 llßr 
fertig,- Bfeißt mir da vor meiner ABreise nocß Zeit zu Mittag zu 
essen? — Icß könnte mir ja eventueff ein paar Be fegte Brote auf die 
Bafm mitneßmen, — Nein, fießer nicßt, das tun nur die ordinären 
Leute. — IcB werde in B. in meinem gewößnftcßen Restaurant Mittag 
essen. Die Kosten werden mir ja ersetzt, so Braucße icß mir keine 
Sorge darüßer zu macBen. — Was Baße icB denn naS der Sitzung nocß 
aifes zu erfedigen? Soff icß V. aufsuchen? — Vieffeicßt warte ich 
fießer. Bis ich etwas von ißm Brauche,- er ist immer sehr Beschäftigt — 
Soff icB Mrs. R. ßesucBen? ^ Nein, ich interessiere mich gar niSt 
mehr für die Ängefegenßeit, üßer die sie mir geschjießen Bat — 
Mein Koffege L. erzäßfte mir, daß er sie vor einigen Tagen 
gesprochen Bat —■ Er ist fetzten Samstag nach B. gefakren, oBwoBfer 
versprochen Batte, sefßer unseren Stundenpfan zusammenzusteffen. — 
Äßer dann Bat ißn der Direktor gemacht. Er Bat mir in der oßersten 
Klasse nur zwei EngfiscBstunden angesetzt und es sofften drei sein. '- 



I 



Äßer i<£ erinnere mi<£, L. ßaf mir erzäßft, er wiif äffe Spr<tSfäSer 
um eine WocBenstunde Rtirzen, und so Zeit für die Neueinfüßnmg 
des spanisSen UnterriSts gewinnen, — Infofgedessen ßat mein 
KoSege R. jetzi um zwei WoSenstunden weniger ah iS. — Afso 
Säße doS i(ß Re^t und der Direktor Unrecßi geßaßt (das bezieht 
sitfi auf eine Meinungsverscfaiedenheit in der letzten Wodie> und die 
Stundenamaßf von Koßegen M. ist ganz in Ordnung. — Tcß muß 
ntiS aßer docß nocB darum Mmmern. — Wenn icß Recßt ßaße, so 
muß i(£ irgend eine Stunde aßgsßsn. — Von mann an wird 
der neue Stundenpfan aßer güftig sein? — Vom 6. an. — Einer 
der Leßrer ist aßer no(£ immer nicßt da, — Ricßlig, der Direktor 
ßaf ja gesagt er würde ißn^ falfs er noS m'St angeßommen sein 
soffte, vorfaußg vertreten fassen. Gestern lüar aßer der 5. Jetzt 
möSte icß doS wissen, oß die Sitzung in B. am J. oder am 9. sein 
soß. Wenn sie am J. ist, so wäre diese Maßnung ja wie eine^ Art 
Tefepatßie C?J^ — Und wie^ wenn es mir ge fange, nacßzuweisen, 
daß die Tefepatßie nur eine spezieffe Art des Tagträumens ist? — 
M muß das genaue Datum der Sitzung sofort nacßseßen. — lA 
erwacfie, springe aus dem Bett und sudie das Datum in meinem Vor^ 
mcf kkalender auf. ' 

lA ^zhz diese Phantasie aus meinen Notizen in denselben Worten 
wieder, mit denen idi sie sofort nadi ihrem Bewußtwerden aufzeidinete. 
Seit idi aber begonnen habe, meine Beobachtungen zu analysieren und 
die Entdcdiungen zu madien, die idi hier Sdiritt für Sdiritt mitteile, 
dämmert es mir langsam auf, daß die Aufzeidmung meiner Phantasien 
keine ganz getreue Wiedergabe der Entstehung und Entwidilung meiner 
Gedankengänge ist. Hätte idi z. B, sdion vorher eine Ahnung davon 
gehabt, daß meine Tagträume den merkwürdigen ardiitektonisdien Aufbau 
haben können^ den wir bei der vorhergehenden Analyse aufdedtten, so 
wäre idi vielfeidit bei meinen Aufzeidinungen unwillkürlidi unter dem 
Einfluß dieser Kenntnis gestanden und hätte, ohne es zu wollen, die 
Texte dieser Erwartung angepaßt. Meine Unwissenheit ist also einerseits 
eine Art Garantie für die Unmittelbarkeit meiner Wiedergaben, wenn 
audi andererseits eine Demonstration ihrer Unvollkommenheit. Jeden-' 
falls sind meine Notizen aber nur sehr unvollkommene Aufzeidinungen,- 
denn sie sind ja die Wortumsetzungen von Phänomenen, für die das Bewußt» 
sein keine Möglidikett der Wiedergabe hat. Wenn idi einen vervolf= 
kommneten kinematographisdien Apparat und ein ebensoldies Grammophon 



zu meiner Verfügung hätte, dann könnte idi mit mecfianisdien Hilfs= 
mittein eine Wiedergabe ixiciner Phantasien versuchen: während die 
Bilder auf der Bildfllädie erscheinen, müßte uns das Grammophon die 
Gehörswahrnehmung des in Worten Gedaditen <oder dodi wenigstens 
der nidit bildhaft dargestellten Gedanken) versdiaffen/ wir müßten dabei 
imstande sein, diese beiden instrtimcnte derart zu regulieren, daß uns in 
bestimmten Augenblitken die Bilder auffälliger werden als die begleitenden 
Worte, während zu anderen Zeiten der GehörseindruA der stärkere, die 
Gesichtsbilder sdiwadi und undeutlidi sein müßten. Wir würden uns auf 
soldie Weise einer getreuen Wiedergabe der vorbewußten Denkvorgänge 
nähern, sie aber dodi notfi nidit ganz erreidien, weil wir noch immer 
keinen Begriff von den vielen blitzartig auftaudienden Erinnerungs^ 
komplexen hätten, von der Art, in der die Gedankenverknüpfung vor 
sidi geht, von den Affekten, die ausgelöst werden, und einer Reihe 
anderer Vorgänge, über die wir nodi später sprechen wollen. 

Diese sehr bereditigte Bemerkung soll nur die absolute Unmög'^ 
lidh,keit zeigen, alle Vorgänge während einer Geistesabwesenheit in 
Worten auszudrüdcen ,- es ist eine undurdiführbare Aufgabe, vorbewußte 
Gedankengänge in annähernder Vollkommenheit in bewußte Ausdrücke 
zu übersetzen. Darum möge es mir gestattet sein, die Wiedergabe dieser 
Phantasie in derselben Anordnung wie bei der Flohphantasie vorzunehmen ,- 
es wird sich zeigen, ob wir auf diese Weise audi eine Wiedergabe des 
Gedankenganges erhalten. An die Lüd?^en, die sich selbstverständlich 
ergeben werden, wollen wir dann weitere Bemerkungen und eventuene 
Erklärungen knüpfen. Nur können wir nidit, wie bei dem früheren 
Beispiel, das Problem, das gestellt wird, als Übersdirift setzen, da in 
Wirklidikeit im Verlaufe der Gedankenkette verschiedene Probleme 
hintereinander auftaudien. Wir teilen deshalb die Phantasie in ihre 
entspreAenden Absdinitte, und untersuchen, zu welchem Problem in 
jedem dieser Abschnitte die Lösung gesucht wird. 



1. Womit soll ich diese Stunde bis zum Aufstehen verbringen? 
Fragen, Antworten, 

I. Wie, wenn idi dias Biich von 



Freud lesen würde? 
2. Wenn ich weiter an Miß X. denken 
würde? 



1, Nein, es ist zu früh. 

2 Nein, es hat ja doch keinen Sinn, 



3. Keine Antwort <nur Erwcdiung 
der visuellen Erinnerungen>- 



R 



n. Wie soll ich meine Kinder auf meine Seite bringen? 
?. Wenn wir einig sind, wie soll ich 
dann meinen Kindern meine Vor« 
flehe für sie hegreiflich machen und 
sie von ihrer Eingenommenheit 
für Mil? y. ahbrJngen? 

Wie soll ich mir die Neigung von Miß X. erwerben? 



IIL 

4- 



Wie soll ich sie von ihrem Vater 

losmadien? 

Wie soll ich sie günstig für mich 

stimmen? 



Durch psychoanalytische Lektüre. 



6. Wie soff ich meine Werbung am 
hesteti heginnen? 



5, Idx muß ihr meine Arbeiten 'zeigen 
<dem geht eine nicht zerstreute, 
logisdi aneinandergereihte Erinne^r 
rungsfolge voraus). 

6, Ihr eine NachriAt auf einer Visit« 
karte sdiidken <wird von einet Ge= 
däditnisasso2iation gefolgt), 

IV, Wie erwerbe ich mir die Professur? 
Könnte idb in der Akademie, 7, Ja, wenn ich meine Äusspradie ver- 

öffentlich sprechen ? bessere, 

Würde lA dann eher meine 8. Keine Antwort <Erwedtung von 

Professur bekommen 1 Erinnerungen). 

<Nath Einwirkung des äußeren Reizes): 

V. Einrichtungssorgen, 
Sind Johns Schlafzimmermöbel gut g. <Lücfce) 

genug für Mifi X's Haus? 

VI. Wie soll ich meine Reise nach B. einrichten? 



to. Wenn idi vor der Abreise nicht 
. mehi zu Mitjag essen kann, soH 

idi dann ein belegtes Brot auf die 

Bahn mitnehmen? 
II. Soll irfi in meinem gewöhnlidien 

Restaurant zu Mittag essen und 

zu spät zur Sitzung kommen? 
!z. Wie, wenn ich nachher V. aufa 

sudiie? 
n. Wie, wenn ich Mrs. R, besudite? 



10. Nein, das tun niit Ordinäre Leute. 



u. Ja^ das macht nidits und die Kosten 
werden mir ersetzt. 

1*. Nein/ es ist besser, idi warte damit, 
bis idi etwas von ihm brauche. 

ij. Nein, ihre Angelegenheit interessiert 
midi nidit mehr <dazugehörige 
Erinnerungen), 



■P 




1 

1 


^^ IL Der 1 n h a ti d e r G c d a n k e n k c 1 1 e n öi 


H . VIL Sch 


ulsorgen. 


^B 14. Wie, wenn man midi auf dem 


14. Das gesdiah absiditüdi <dazu=' 




^H Stundenplan mit einer Stunde zu 


gehörige Erinnerungen). 




^B wenig angesetzt hätte? 




1 


^m ly. Und wenn man mich mit zwei 


15, Dann muß idi Stunden an einen 




^K Stunden zu viel angesetzt hätte? 


Kollegen abgeben. 




^H 16. Von wann an wird der neue 


lö. Von Montag, den 6. an. 




^B Stundenplan gelten? 






^H 17, Und wenn der fehlende Kollege 


17, Der Direktor wird ihn vertreten 




^M nidit käme? 


lassen <dazugehörigeErinnerungen>. 




H VOl Kann ich diesen Einfa 


ill für mein Buch verwerten? 




^1 tS, Wenn meine Sitzung am 7. statt 


18. Ein Fall von Telepathie <Er= 




^M am 9. stattfände? 


innerungskomplex). 




^B ig. Und wie, wenn es mir gelange, nadt» 


19. Idi erwadie, um nadizusehcn <die 




^H zuweisen,daß dieTelcpathie nureine 


Antwort wird durdi eine Handlung 




^B spezielle Art des Tagträumens ist? 


gegeben). 




^V Es ist uns hier gelungen, diese sehr komplizierte Gedankenkette in 




H genau derselben Weise wie das vorhergehende Beispiel in eine Aufeinander- 




H folge von Fragen und Antworten, 


Annahmen und Einwendungen aufzu= 




B lösen. Umso wahrsdieinlidier kommt es uns vor, daß wir in dieser 




H Ersdieinung eine allgemeine Eigentümlidikeit des vorbewußten Denkens 


• 


1 zu sehen haben. Wenn wir audi nodi die früheren Beispiele von diesem 




H Gesiditspunkt aus untersudben, was nidit viel Zeit in Ansprudi nehmen 




^M wirdj, so ergibt sidi, daß auch diese 


auf den gleidien Typus zurüddührbar 




1 sind. Nehmen wir einmal die Phantasie über den Oberst auf S. 38. 




^H 1. Wenn der Oberst bemerkte, daß das 


I. Dann sage^ idi, daß beide ganz 




^H meine zweite Bewerbung im Verlauf 


ähnlidi sind. 




^H von 14 Tagen ist? 




1 


^B z. Wie wird es mit meiner Arbeit, wenn 


2, <Lüde.> 


1 


^1 ich einen von diesen Posten bekäme? 




' 


^H 3, Oh tdi ia EtapJes wohnen müßte? 


3. Es gibt ja überall Abriditungs* 
und Retablierungslager. 




^H 4. Ob idi zeitweise in London sein 


4. Dann könnte idi bei meiner Familie 




^H könnte? 


wohnen. 


1 


^H 5. Wer wird meine Urlaube zu be-; 


5, Id» kann miA an die beiderseitigen 




^1 willigen haben? 


Vorgesetzten halten. 




^H 6, Ob itb innerhalb der närfvstcn zwei 


6. Idi werde meinem neuen Korn» 


1 


^M Monate nodi Urlaub bekomme? 


mandanten nidits von dem drin- 




1^ 


genden Urlaub sagen. 


1 



I 



I 



Die Folkestonephantasie auf S. 55 enthält nur eine Frage und eine 
Antwort: »Wenn ich m Margate angekommen wäre, was hätte idi dann 
gemacfit, um das Sdiiff in Folkestone nidit zu versäumen?« sldi wäre 
mit dem Omnibus den Strand entlang gefahren,« In dem übrigen Teil 
der Phantasie üBerlasse idi midi einfach dem Strom der erwedaen 
Erinnerungen. 

Wir können jetzt nidit umhin zu bemerken^ daß wir unvermutet 
auf eine diarakteristisdie, vielleidit überhaupt auf die eigentlidie Methode 
des vorfaewufiten phantasierenden Denkens gestoßen sind, auf die 
diarakteristisdie Art der Verknüpfung von Annahmen und Einwänden, 
Fragen und Antworten, die man nodi heule als die leidvtfaßliAste Art 
des Unterridits betraditet. In der überlieferten Literatur finden wir eine 
Fülle von derartigen Beispielen, so im Katediismus der kathoh'sdien 
Kifdie^ ja sogar in der alten jüdisdien Literatur und in vielleidit nodi 
äfteren Aufzeidinungen bis zu unseren heutigen Kinderlicdern und reimen.- 

Den Reihentänzen, in denen abwediselnd eine Kinderreihe vorgeht, 
während die gegenüberstehende zurüdtsdireitet, und die seit der Zeit der 
großen Völkerwanderungen in ganz Europa gesungen werden, sind Texte 
unterlegt, bei denen die eine Kinderreihe eine Frage steDt, die gegen« 
überstehende sie beantwortet. In mandien dieser Texte steht audi statt 
der Frage ein Anerbieten <unserer Annahme entsprediend), weldies das 
ganze Lied hindurdi von demselben WunsA ausgeht, nämlidi von dem 
Wunsch, die Braut zu bekommen. 

Die französisdien Kinder lausdien nodi heute den randonnees 
oder m a f o 1 1 e s '^^ die ihre Großmütter ihnen an Winterabenden beim 
Kamin erzählen. 



' Bücter, die für dea Gebrauch Ungebildeter oder Halbgebildeter bestimmt sind, 
bedienen sidi noch heute gerne det Frage^ und Antwortform und irfi gjaubc audi, daß die 
Vorliebe des Hcitungslesers für Artifeel Sn Dialogform einfach dn primitiver 2ug ist. Es 
wäre verlodtend, diese Idee wcitcf zn verfolgen ,- dn sie aber hier nicht zur Sathe gehört, will 
idi nur nodi die Frage aufwerfesi, ob uns nidit eine Verfolgung der EntwiddungsgesAidite 
des Dialogs in der dramiatjsdien Literatur manches Interessante lehren konnte/ vielleidit ist 
der Dialog iiidits anderes afs die Wiedergabe eines vorbewußten Denkvorganges, wobei die 
eine denkende Person in zwei, eine fragende und eine antwortende, zerlegt isi. Die griedsisdie 
Tragödie vor Sophokles sdieint von diesem GesitbtspunJct aus auf dem ersten Blick ein 
besonders ergiebiges Forsdiungsgebiet. Vor Sopliofdes wurde der Dialog nämlidi gengu wie 
in unseren Phantasien von einer einzigen Person <cincni Sdiauspieler) gesprodien, 

^ Idi gebe im Folgenden eine soldie randonneela Übersetzung wieder <randonnee = 
der Umlauf eines vom jäg^r veribigten Wildes,- deutet audi den Lauf der Gedanken während 



!I, Der InhaSt der Gcdankenketten 



öy 



In diesen Geschichten wird die Frage durdi einen Aufforderungs» 
Satz ersetzt. Unter anderen Beispielen in der Volksliteratur für einen 
derartigen Aufbau erwähne idi Gedidite wie »The House that Jade 
fcuilt«;^. Hier hat man die Fragen einzusetzen: Was tat die Katze, die 
Ratte, der Hund usw.? Spuren davon finden sldi audi in einigen Märchen^ 
so z. B. im Rotkäppdien: »Großmutter, was hast du für große Augen 1* 

— »Damit idi didi fcesser sehen kann.« — »Großmutter, was hast du 
für große Ohren I« — »Damit idi didi besser hören kann.« -— »Aber 
Großmutter, was hast du für einen sdircdilidi großen Mund!« '-' »Damit 
idi didi hesser fressen kann.« — Idi erwähne ferner eine einmal gelesene 
Bemerkung, nadi der einige Biidier der Bibel Spuren dieser originellen 
Fonii aufweisen sollen/ audi eine aramäisdie Diditung^ die Tylor in 
seiner »Primitive Culture« erwähnt <ein Budi, das mir momentan 
nidit zur Verfügung steht), die »Chad Gadjo«, 

»Ein Lämmdien, ein Lämmdien, Da kam voll Tüdt und Hader, 

Es kaufte sidi's mein Vater/ Die Katz und fraß es auf. 

Zwei Suse gafr der Kauf. Das Lämmdien, das Lämmdien, etc.« 

Ein Lämmdien, ein Lämmdien. 

Diese Chad Gadjo läßt midi vermuten, daß sie das Vorbild für 
die zahlreidien, über ganz Europa verbreiteten Gedidite von der Art 
des »House that Jadi built« geliefert hat *. 

der Geistesabwesenheit an): >Marotte <Stedi;enpferddien) heb' mir meinen Garnknäuel auf.* 

— »Idi hebe dir den Garnknäuel nidit auf, wenn du mir nidit ein Stück Brot gibst.* — Ich 
ging zu meiner Mutter : »Mutter, gib mir ein Stüdc Brot.« — »Idi gthz dir kein Brot, wenn 
flu mir nidit den Schtüsscl gibst.« — Idi ging zum Vater: »Vater, gib mir den Sdilüssel.* 

— »Idi gebe dir den Sdilössct nidit, wenn du mir nidit Handsdiuhe gibst.« — Idi ging zum 
Handsdiuhmadier : »Handsdiuhmadier, gib mir Handsdiuhe.« — »M gebe dir teine Hand= 
sdiuhe, wenn du mir kein Leder gibst.« — Idi ging zum Kalb: »Kafb, gib mir Leder,« — 
»Idi gebe drr kein Leder, wenn du mir niAt Mildi gibst.« — Idi ging zur Kuh: »Kuh, gib 
mir Mildi.« — »Idi gebe dir keine Mifdi, wenn du mir nidvt Heu gibst.« — Idi ging zum 
Mäher: »Mäher, gib mir Heu.« — »Idi gebe dir kein Heu, wenn du mir nidit Wasser gibst.« 

— Idi ging zur WoJke : »Wolke, gib mir Wasser.« — »lA g<^z dir kein Wasser, wenn du 
mir niAt Wind gibst.« — Idi ging zum Meer: >Meer, gib mir Wind.« — Das Meer gab 
mir Wind/ lA gab den Wind der Wolke,- die Wolke gab mir Wasser/ idi gab das Wasser 
dem Mäher/ usw. . . , Marotte hob mir den Garnknäuel auf. — Siehe Rimes et Jcujc 
d e l'e n f a n c e, p a r E. R o i I a u d, Paris, Maisonneuve et Cre., iSS]. Eine etwas 
andere Version A^s glcidien Stüdces findet sich in M o r c N u r s e r / R h y rn es, Nr. XIX 
bfthe Books for the Bai mg, cdited hy W. T. Stead, London, 

^ Analog dem deutsdien : »Der Herr, der sthidtt den Jodcei aus.« 
^ Tylor fügt hinzu, daß mandie Juden dieses Gedidit als eine Parabel sinseben, 
wddie die Vergangenheit und Zukunft des heiligen Landes bdiandeh, 



66 



Über das vorfaewußte phantasierende Denken 



Als Beispiel aus der modernen Literatur dtiere ich nur die Fabel 
von Lafontaine »La Laitiere etle Pot au Lait« i. Sie ist, wenn audi 
der modernen Literatur entnommen, dodi nur die Modernisierung einer 
uralten Sdiöpfung, bei der audi die antike Form größtenteils beibehalten 



' Deutsdie Haidichtung von O i ei m: 

Dm MILCHFRAU, 

Auf leicfitcn Füßen lief ein artig' Bauemweib, 

Geliebt von ihrem Mann, gesund an Ssd' und Leib, 

Frühmorgens naA der Stadt und trug auf ihrem Kopfe 

Vier Stübdien süße MÜdi in einem groficn Topfe, 

Sic lief und wollte gern: »Kauff Mildi!« am ersten stfirei'n,- 

»Denn*, dadite sie bei sidi, »die erste Mitdi ist teuer/ 

Will's Gott, so nebm' icb heut' sedis bare Grosdien einl 

Dafür tauf tdi mir dann ein halbes Hundert Eier/ 

Mein Hühnchen brütet sie mir afl' auf einmal auS/ 

Gras, eine Menge, steht um unser kleines Haus,- 

Die ({(einen Küdiefien, die meine Stimme bSren, 

Die werdeil berriidi «ia sieb letzen und sidi nähren/ 

Und ganz gewiß ! der Fudis, ä^r müßte listig sdn, 

Ließ' er mir nidit soviel, daß idt ein (deines Schwein 

Dafür ertausdien könnte 1 Seht nur anl 

Wenn idi midi etwa sAon darauf im Geiste freue, 

So denk' idi nur dabei an meinen lieben Mannl 

Zu mästen kostet's mir ja nur ein wenig Kleie I 

Hab' idi das Scfiweindien fett, dann kauf idi eine Kuh 

In meinen kleinen Stall, em Kälbtben wollt dazu/ 

Das Kälbdicn will idi dann auf meine Weide bringen, 

Und munter hüpft's und springt's, wie da die Lämmer springen!« 

*HeiU sagt sie und springt aufl Und von dem Kopfe fällt 

Der Topfy das bare Geld 

Und Kalb und Kuh und Reiditura und Vergnügen 

Siebt nun das arme Weib vor sich in Sdierben liegen! 

Erstfcfocicen bleibt sie stebn tJüd sieht die Sdierben an/ 

»Die sdione weiße Mildi«:, sagt sie, »auf sdiwatser Erde!'« 

Weint, geht nadhhaus', erzählt's dem lieben Mann, 

Der ihr entgegenkommt mit ernstlicher Gebirde/ 

»Kind,« sagt der Mann, »sdion gut! Bau' nur ein andermal 

Nidit Schlösser in die Laft! Man bauet seine Quai! 

Geschwinder drehet sidb um sich kein Wagenrad, 

Als sie verschwinden in den Wind! 

Wir haben all das GlOdc, das anser Junker hat. 

Wenn wir zufrieden siud!* 



IL Der lohalt der Gedanken ke tl e n 



67 



wurde,- aber auch von ihrer Form abgesehen, reiht sie sich durch ihren 
Inhalt den reizvollsten Werken der Literatur an, 

3. Die Strömung der Erinnerungstätigkeit. 

Wir "wollen die merWürdige Entdeckung, die uns hier zu einer 
kleinen Absdii»-eifung veranlaßt hat, im Gedäditnis behalten und jetzt die 
Analyse meiner Phantasie fortsetzen, aus der wir hoffentlidi nodi einige 
Neuigkeiten erfahren werden. 

Ein kurzer Blid^ auf die Liste der Antworten zeigt uns, daß sie 
mandima! negativ, mandimal positiv sind und hie und da überhaupt aus* 
bleiben. Wir wollen darum untersudien, was jeder dieser Fälle bedeutet 
und was diese Versdiiedenheiten ausdrüdcen wollen. 

Die Frage Nr. 1 wird verneinend beantwortet. Das ist audi der 
Grund, warum sie ein zweites Mal wiederkehrt, denn unser Unbewußtes 
gibt sidi nidit so leidit zufrieden. Es anerkennt kein »Idi weiß nidit*, 
weil es keine UnmögÜdikeiten kennt. Es benimmt sidi wie ein Kind, 
das die gleidhie Frage unermüdlidi wieder und wieder stellt, bis man seine 
Neugierde befriedigt oder es mit Gewalt zum Sdiwcigen bringt. Nur 
genießt unser Vorbewußtes das VorreAt, daß man keine Gewalt dagegen 
anwenden kann, weil es der Herrsdialt unseres Willens entzogen ist. Bs 
ist sein eigener Herr oder wird, besser gesagt, von Affekten beherrsdit 
und geht seinen eigenen Weg, bis es auf irgend eine Weise seinen Zweck 
erreidit/ so lange Leben in uns ist, wird kein vorbewußtes Problem bei=' 
Seite gesdioben, ehe es nidit auf eine Weise gelöst ist, die das Vor^ 
bewußte befriedigt, was allerdings nidit heißt, daß die Lösung audi den 
ÄiisprCidien des Bewußtseins genügen oder zu unserer Kenntnis kommen 
muß. Freud hat sdion vor langer Seit behauptet, daß unbewußte 
Wünsdie von ewiger Dauer sind, und wir werden diese Wahrheit nodi 
in vielen Fällen bestätigt sehen. Wenn aber dasselbe Problem in der 
zweiten Frage wiederkehrt, wie das in der vorhin analysierten Floh=* 
phantasie so oft der Fall war, woher kommt es dann, daß es nidit audi 
bei der dritten Frage im Vordergrund bleibt? Die zweite Antwort ist ja 
audi eine verneinende. Nun gehört aber die dritte Frage einem anderen 
Absdinitt der Gedankenkette an. Wir sehen, daß eine einfadie Gedanken- 
verbindung <Miß X. — meine Kinder — Miß V-) wie wir sie im 
vorigen Kapitel mehrfadi begegneten, dem vorbewußten Wunsdi (die 
Kinder auf meine Seite zu bringen) eine Möglidikeit zum Auftaudien 
gibt und der Übergang ist, der das Denken iinmerklidi aus dem Zustand 



I 



des Bewußtseins in das Vorbe wußte fiinübergletten läßt. Id) weigere midi 
in der Antwort Nr. 2 qn Miß X, su denken, da idh dem vorbewußten 
Denken aber sdion sehr nahe bin, zeigt sidi mein Wunsdi stärker als 
mein Wille,- fdi stehe unter der Herrsdiaft meiner Affekte und verliere 
meine bewußten Fähigkeiten. 

Dasselbe Thema^ Miß X., wird audi im zweiten Teil, nur wieder 
von einem etwas anderen Gesiditspunkt aus, verfolgt. Der Übergang vom 
ersten zum zweiten Teil sAeint uns ganz natürlidi, obwohl das erste 
Problem infolge der unerwarteten und unwillkürlidien Verknüpfung bei- 
seite gesdioben wird. Auf die dritte Frage erfolgt überhaupt keine Antwort, 
Wie sollen wir uns dieses Sdiweigen erklären? Man könnte wirkliA 
meinen, daß wir hier eine Ausnahme von unserer Regel hätten, daß das 
Unbewußte immer auf einer Beantwortung seiner Fragen besteht, daß 
wir also ihre Anwendbarkeit bedeutend einsdiränken müßten. Eine cin= 
gehendere Untersudiung lehrt uns aber, daß es sidi in diesem Fall gar 
nidit um eine Ausnahme von der Frage»^ und Antwortregel handelt,- wir 
stoßen hier einfadi auf einen anderen sdiwadien Punkt der vorbewußten 
Denk Vorgänge, 

Die neue Frage erwcdtt nämiidi eine bildhafte Erinnerung, die so 
lebhaft wird, daß idi sie für eine Sinneswahrnehmung halte, Dadurdi wird 
der Wunsdi so weit tn seiner Intensität herabgesetzt, daß er während 
einer gewissen Zeit sein Drängen nach Antwort aufgibt, in seiner Wirk^ 
samkeit vorübergehend aufgehoben wird. Derartige Amnesien sind auA 
bei den bewußten Denkvorgängen zu finden: wenn im WaAzustande 
ein Bild unsere Netzhaut trifft, sdiieben wir unter Umständen sofort 
beiseite, was uns gerade besdiäftigte, und wenden unsere Aufmerksamkeit 
der neuen Wahrnehmung zu. Ein einziges Beispiel kann hier zur 
Erläuterung genügen ; Idi bin mit meiner Toilette besthäftsgt und öffne 
eine Sdrublade meines Wasditisdics, um eine Krawatte herauszunehmen. 
In diesem Augenblid^ fällt mein BliA auf einen Stoß Tasdientüdicr, weifie 
und andere, ursprünglidi khakifarbene, die jetzt zu einem Sdimutzigweiß 
verbiidien sind. Nun laufen meine Gedanken wie folgt: „Ä.<£, icB üönnte 
ein fris(As$ TascB&niucB isüßmen, das fcß Bei mir ßaße, /st mißt 
mefir ganz saußer, — Aßer ßsiu ^ßaßifarßenss^ sonst könnte man 
dort, wo icß Jetzt Besucß macßen wifC gfaußett, das es scßtmäztg 
ist. — Da neßme icß fießer ein toeißes. — Das tue idi audi und 
sdiließe die Sdiublade ohne an meine erste Absidit zu denken. Gteidi 
darauf merke idi, daß idi zerstreut war und ursprünglidi gar nicht 



I 



beabsiditigt hatte, ein Tasdientuch herauszunehmen/ es fällt mir nicht 
ehi, was idi eigentlich bei der Schublade gewollt hatte, und ich muß 
meine Gedanken Sdiritt für Schritt zurüdtverfolgen, um \yieder darauf 
zu iiommen, 

Ewisdien diesem Aufgeben einer Absicht und dem oben erwähnten 
Beispiel aus meiner Phantasie besteht nur ein Graduntersdiied. Hier 
gleite idi von dem bewußten in den vorbewußten <oder wie man früher 
sagte »hypnoiden«) Zustand/ dort befand idi mJdi bereits im Zustand 
des Vorbewußtseins, Hier ergibt sidi aus der Ablenkung der Aufmerk- 
samkeit eine Handlung (oder Lösung), die nidit beabsichtigt war,- dort 
ist die Folge eine Art kurz andauernder Halluzination, während der idi 
ein vergangenes Erlebnis wieder durdimache. Das sind, wie wir später 
sehen werden, keine prinzipiellen Verschiedenheiten. 

Der Vergleidi lehrt uns jedenfalls, daß die Ablenkung der 
Aufmerksamkeit, die hier stattfand und das Ausbleiben einer Ant^ 
wort auf meine dritte Frage bewirkte, keine so neuartige Ersdiei- 
nung ist, wie uns im ersten Augenbiid vorkam. Wir wollen auch 
bald den Versuch madien, herauszufinden, warum hier statt einer 
unbeabsidiEigten Handlung ein Übergang zu einer Art halluzinatorisdien 
Zustandes erfolgte. 

Ehe wir uns aber weiter in dieses Thema vertiefen, mödite idi noch 
eine Bemerkung voraussdiicken. Unser Denken kann im vorbewulken 
Zustand drei verschiedene Einstellungen einnehmen: es kann den Ein^ 
drud in uns erwecken, daß unser Idi denkt, oder daß es hauptsädilidi 
handelt oder daß es einfadi zuschaut. In den beiden ersten Fällen haben 
wir dann das Gefühl, daß unsere Denktätigkeit arbeitet, im letzteren, daß 
sie passiv ist. Wenn also, wie bei der Flohphantasie, der Wunsdi, ein 
Problem zu iö^en (das Insekt loszuwerden), eine Assoziationsreihe in 
Bildern hervorruft, besteht meine Haupttätigkeit im Denken, Auf den 
Handlungen, die idi gleidizeitig ausführe, (Hin- und Herbewegen der 
Walze, Verwendung des Zerstäubers), liegt nur ein geringer Nadidrudi,- 
und daß ich mir selber zugesehen habe, erfahre ich erst nadi der Rückkehr 
in den bewußten Zustand durch meine kritisdie Denktätigkeit, Der stärkste 
Akzent liegt in diesem Fall auf dem Denken. 

Wenn die optisdie Erinnerung wie bei der Folkestone-'^Phantasie so 
lebhaft ist, daß sie das Denken aus den vorbewußten Bahnen ablenkt, 
dann verliert der Intellekt die Herrsdiaft über die Aufeinanderfolge der 
lebenden Bilder. Diese wickeln sidi dann automatisch in einer vorher 



I 



Bestimmten RdheJifoIge, und zwar der Reihenfolge ihrer Wahr* 
nehmung, ab. 

Unser Wunsdi hat auf die Assoziationstätigkeit keinen Einffuß mehr 
und unsere sdiöpferisdien Fähigkeiten sdieinen gelähmt/ wir haben auf- 
grehört, folgeridnig zu denken,- -wir folgen wie fasziniert den Darstellungen, 
die auf der BildHädie ersdieinen/ wir sind nidits afs Eusdiauer. Allerdings 
sah irfi midi bei der FoIkestone^^'Phantasie bei den dargestellten Szenen 
mitwirken, in diesen Handlungen lag aber keine bestimmte Absidit, sie 
waren einfadi Wiederholungen von etwas früher Ausgeführtem, Audi 
bei der Flohphantasie sah idi midi als handelnde Person: audi dort 
wiederholte id> früher ausgeführte Handlungen (Auskleiden am letzten 
Montag), idi tat aber in meiner Phantasie audi Dinge, die idi vorher nie 
getan hatte <z, B, mit dem Zerstäuber)/ bei diesem Beispiel hatte idi aber 
das Gefühl äußerst tätig zu sein, so besdiäfiigt, daß idi das Vorhanden^ 
sein meines eigenen Bildes auf der Bildflädie kaum wahrnahm. Bei den 
bildhaften Erinnerungen war idi vor allem Susdiauer, psydiisdi passiv 
eingestellt. Bei der bildlidieii Ausfüfiriing der versdiiedenen Ideen fühlte 
idi midi ebenso eifrig wie sonst an meinem Sdireibtisdi bei einer 
Arbeit oder Abhandlang, die mich besonders fesselt. Bei dem 
ersten Beispiel dagegen waren die einzigen Gefühle, die in mir wadi 
wurden, Wiederbelebungen der Affekte^ die das tatsädilidie Erleben 
begleitet hatten. 

Auf diese psydiisdien Medianismen, von denen idi vor meiner 
Bekanntsdiafi mit der Psydioanalyse nidits gewußt hatte, will idi jetzt 
die Erklärung für das Ausbleiben der Antwort auf die oben erwähnte 
dritte Frage aufbauen, Idi hoffe, daß feder meiner Leser mit einiger 
Übung imstande sein wird, die Wirksamkeit dieser Medianismen audi 
in seinen eigenen Tagträumen nadizu weisen, Audi werde idi dieses 
Thema in einem andern Kapitel der vorliegenden Arbeit nodi ausfuhr^ 
lidier behandeln. 

Die unbeantwortete Frage war : »Wenn idi mit Miss X. einig bin, 
wie soll idi dann meinen Kindern meine Vorliebe für sie begrciflidi 
madien und sie von ihrer Eingenommenheit für Miss y. abbringen?« 
Idi nehme jetzt die Selbstbeobaditung zu Hilfe und versudie, die 
erinnerte Szene, die idi auf S. 58 besdirieb, nodi einmal vor mein 
geistiges Auge zu rufen. Das ist keine so sdiwerc Aufgabe als man 
vielleidit glauben sollte,- je mehr idi midi nämlidi mit den Sdiöpfungen 
meiner Phantasie besdiäftige, desto leiditer fällt es mir, sie zurüdi= 



II. Der Inhalt der Ged ankcnkett e a 



71 



zurufen*. So kommt es, daß idi bei sorgfätli^er Beobachtung jetzt 
imstande bin, den Medianismus zu entdedteti, der in jenem speziellen 
Augenblid die Verknüpfung bewirkte, obwohl er mir das erste Mal 
entging: bei dem Gedanken »shre Eingenommenheit für Miss y*, begann 
mein Denken, sidi auf Einzelheiten zu verlegen und rief einen Fall 
zurüÄ, in dem sidi diese Eingenommenheit besonders deutlidi gezeigt hatte/ 
nämlidi bei dem erinnerten Besudi von Miss y. Idi hatte bei dieser 
Gelegenheit neuerlidie Beweise für die Vorliebe bekommen, die meine 
Kinder für Miss y, hatten, und wie oben gesagt, wiederholt meine 
Phantasie alle Einzelheiten dieses Besudies ohne irgend etwas auszulassen. 
Die Wiederholung geht eigentlidi gegen meinen Willen vor sidi, denn 
die Affekte, die dädurdi erwedtt werden, sind nidit mehr lustbetont wie 
sie es damals waren. Audi hier wird wieder mein Wille und jeder "Wunsdi, 
den idi etwa habe, unterdrüdt und meine Eindrücke durdi die Bilder 
auf der Bildflädie bestimmt/ genau wie ein Zusdiauer in einem Kino= 
theater verfolge idi audi unerwünsdite Vorstellungen und das Erscheinen 
meines eigenen Bildes übt keine besondere Anziehungskraft auf meine 
Aufmerksamkeit aus. Die psychischen Mechanismen stehen 
unter der Herrschaft des Gedächtnisses/ idi habe aufgehört, 
zielgerichtet zu denken. 

Steht diese weit ausgesponnene visuelle Erinnerung an Stelle einer 
Antwort auf die Frage Nr. 3? Bevor wir das entscheiden, mödite Idi 
nodi eine andere phantasierte Szene sdiildern, und zwar eine, in der idi 
mehr Mitwirkender und weniger Zusdiauer war. Idi brarfi die Mitteilung 
der Bandwurm^Phantasie, S. 17, mit der Bemerkung ab, daß idi in 
einer skatologischen Szene tätig war. Icfi bitte jetzt um die Erlaubnis, 
diese merkwürdige Szene hier weiter auszumalen: Beim Auslöseben 
meiner Kerze bemerke idi auf dem Sessel neben meinem Bett eine 
Sdiaditel mit Pillen, die idi am nächsten Morgen als Mittel gegen Band- 
wurm einnehmen soll, was mir beim AnbM der Schaditel einfällt. 
Meine Gedanken laufen daraufhin wie folgt; 

^ W/e wäre es, wenn iS anfangen würde, die Pifhn gfeicß ein' 
■LuneBmen, eine äffe zehn Minuten und nidot erst morgen 7rüB? — 
M Rannte auS um Mitternacßt anfangen, wenn ich nicßt einsSfafen 
Mann/ das ist ßr mi<£ ein Leichtes. — Dann muß icB aßer zu fange 



I 



1 Idi merke sogar io der letztea Zeit, daß ich jetat beim Lesen von Gediditeo 
imstande bin, die Worte des Dieters willkürlicb in visuelle Bilder umzusetzen, was der 
Lettüre einen bis dahin üogeaiinten Reis verleiht. 



I 



waS BfeiBen. — PieffeicBt wfr^t das Mittet dann aucß niSt ordent^ 
fic6 und t<£ müßte die ganze Bg^andfwtg von vorne anfangen. <A1Ies 
Folgende ersAeint in sehr tieüdtchen visuellen Bildern;) TdS weiß ja. 
daß ofi nur der Körper des Wurms aßgeßt und der Kopf drinnen 
ßfeißt — Manche Bandwürmer sind lom fang. — Da muß das 
Tier Ja ganz zusammengerofft in den Eingeweiden fiegen. — Wie 
fang wo fif meiner ist? <Ich übergehe hier einige gar 2U starke Details). . . 
IS loerds die einzefnen Stütze in einer ZigarettenSiicSse sammefn 
müssen. — Aßer die ^feinen neßme i<£ ni^t dazu. — Wie soff idf 
sie aßer auswascBen? — Icß könnte mit dem Topf, einer Scßüssef 
und einem Stoc^ zum Brunnen ßinunter geßen. — Wenn mii£ aßer 
die Hausfrau sießt? <Hier watiie ich auf.) 

Obwoftl ich die besdiriebenen Vorgänge in allen Einzellieiten und 
deutlidi verbildJidit, ähnlicfi wie in lebenden Bildern, wahrnaiim, sd^eint 
mir dod^ kein Zwejfe! daran möglidiy daß die Gedanken hier gleidiaeitig 
die Handlungen veranlassen und die Bilder hervorrufen,- sie spielen 
entsAieden die Hauptrolle, und die Aufeinanderfolge der Szenen ist in diesem 
Fall nidit mehr auf eine vorherbestimmte Reihenfolge zurüdtzu führen, 
Sie sind die Illustrationen, die sum Text gehören, die Ausführung der 
skiszierteii Handlung. Sie sind nodi immer lebende Bilder, trotzdem 
sehe idi aber nidit mehr passiv zu, wie sie sidi vor mir abrollen f idi 
fühle midi vielmehr als handelnde Person. Bei der Folkestone- Phantasie 
dagegen hatte idi mehr den Eindrudt, daß idi midi handeln sah. 

Die Verwandlungen der Szenerie sind hier eine Folge von neuen 
Einfällen und gehen nidit auf Assoziationen zurüdt, die sdion im 
Gedäditnis bestanden hatten. Überdies habe idi während der Phantasie, 
statt des unbestimmten Gefühls von Gelähmtheit und Passivität, ein 
Gefühl von angeregter Tätigkeit mit gespannter Aufmerksamkeit, das 
alle diefenigen kennen, die mit dem Zustand der Inspiration vertraut 
sind. Wenn ein neuer Einfall auftaudit <immer durÄ die Tätigkeit 
meines Vorbewußten hervorgerufen), dann verfolgt meine vorbewußte 
Aufmerksamkeit die Gedankenbildung so eifrig und in soldier Spannung, 
daß meine Stirne sidi in Falten zieht <Diese gespannte Aufmerksamkeit 
kommt mir allerdings erst später, bei ,der Analyse des Vorganges, zum 
Bewußtsein.^ Wird der Einfall sdiüeßlidi als geeignet befunden, so 
verspüre idi ein starkes Triumphgefühh 

Idi mödite bei der Gegenüberstellung dieser zwei Arten der plastisdien 
Darstellung audi noch auf einige andere Punkte aufmerksam madien. Die 




einen sind einfa<iie Erinnerungen, die anderen aber sind sdiöpfertsdier 
Natur <wir werden später nocfi Gelegenlieit haten, zu untersuchen, was 
;» schöpf erisdie Gedanken« eigentlidi sind). Bei beiden aber wenden wir 
unsere Aufmerksamkeit, veno sie vor Unserem geistigen Auge ersdieinen, 
mehr den Objekten zu, die im Mittelpunkt unseres Blidcfeldes stehen <däs 
Blidtfeld ist manchmal erstaunlidi klein) und interessieren uns wenig für 
die Darstellung unserer eigenen Person. 

Bei den lebenden Bildern, die dem Gedäditnis entnommen sind, 
fühlen wir dieselben Affekte, die wir beim wJrklidien Erleben fühlten,- 
bei den sdiöpferisdien Bildern fehlen die Affekte, von denen sie normaler- 
weise im Wadlieben begleitet wären <bei dieser Phantasie Ekel, bei der 
Phantasie vom Besdiießen des Dorfes Furdit etc.), statt dessen madien 
sich aber die Affekte, die durdi die Inspirationstätigkeit, d. h. die Wunsch» 
erfüllung, hervorgerufen werden, deutlidi bemerkbar. Und obwohl bei 
Phantasien der letzteren Art die einzelnen Elemente der visuellen Dar« 
Stellung nur Wiedergaben von Sachbildern sind, die ich zu irgend einer 
Zeit wahrgenommen habe, die also dem Gedächtnis entnommen und von 
meiner Phantasietätigkeit nidit verändert sind, ist das Gedächtnis bei ihnen 
doch nur ein passiver Faktor: es stellt die gewünschten Bilder oder 
Erinnerungen zur Verfügung, spielt aber in keiner Weise die führende 
Rolle, die ihm bei den Brinnerungsphantasien zufallt. 

Wir sind jetzt endlich so weit, daß wir die Frage auf Seite 71 beant^ 
Worten können: Steht die weit ausgesponnene visuelle Eiinnerung an 
Stelle einer Antwort auf die Frage Nr. 3? Unsere Antwort muß 
bejahend lauten. Das Denken wird von den Bildern, die auf der psydiischen 
Bildfläche ersdieinen, so in Ansprudi genommen, daß es für ]edt andere 
Tätigkeit gelähmt scheint. Es gelangt zu keiner unbeabsichtigten Lösung 
wie bei meiner Zerstreutheit vor dem Waschtisch, Wie dort vergißt es 
sein Vorhaben, büßt aber gleichzeitig jede Fähigkeit zu denken oder zu 
schaffen ein. Es erinnert uns an die dharakteristische Stellung des Gaffers, 
der von dem, was er mitansieht, so überwältigt ist, daß er alles, was er 
vorhat, vergißt und nicht einmal mehr das automatische Schließen des 
Mundes zustande hringt. 

Wir beobachten hier zum erstenmal, daß man audi von einem 
vorbewußten Vorsatz vorübergehend abkommen kann, ebenso wie zum 
Beispiel von meinem bewußten Vorsatz, mir eine Kravatte auszusuchen. 
Und da der vorbewußte Vorsatz die Folge eines Wunsches ist, können 
wir sagen, daß vorbewußte Wünsche, ebenso wie bewußte, zeitweilig zum 



74 



Qbcf das vorbewußte phantasierende Denken 



Sdiweigen gebradit werden kötinen. Wir bemerken aber sofort, daß 
der Aufsdiub des Wunsdies mit dem Ausspinncn der 
Erinnerungen susammctitriff t. Dieses letztere hört erst auf, 
wenn der vorbewußte WunsA seine alte Triebkraft wiederbekommt und 
wir die Gedankenkette wieder aufnehmen. Wir werden nodi untersuchen, 
ob dieses Zusammentreffen ein rein 2ufäIIiges ist oder ob hier ein kausaler 
Zusammenhang besteht. 

Vorher müssen wir uns nodv mit einem anderen Problem besdiäftigen, 
vund Ewar; Wie nimmt man das vorbewunie Denken wieder auf? Wie 
bringt unser Denken den neucriidien Übergang von der Passivität zur 
Aktivität zustande? 

Gl üdilidier weise kann idi genau angeben, in weldiem Augcnblidi 
idi einen neuerlidien Antrieb zur Fortführung der Gedankenkette ver* 
spürte: Ith bemerkte in meiner Phantasie, wie ich es audi im wadien 
Sustand sdion öfters getan hatte, daß Miß y/s Gesidit Fältdien in den 
Augenwinkeln, sogenannte Krähenfüße^ zvt zeigen begann und dieses Detail 
rief die Gesiditsassoziation : »Miß X. sdiaut jünger aus als Miß y.« 
hervor. Von da an lief die Gedankenkette weiter ah, ohne daß eine 
Antwort erfolgt wäre, denn in der Zwisdienzeit hatte idi die Frage ver* 
gcssen, ebenso wie idi in dem anderen Fail vergessen hatte, eine Krawatte 
herauszunehmen, nachdem meine Gedanken bei den Tasdientüdiern abge^ 
sdiweift waren. Immerhin kam idi aber in heiden Fällen zu einem Sdiluß 
und die Folgerung: »Miß X. ist begehrenswerter als Miß y.«, ist min^ 
destens ebenso unbeabsiditigt wie die Wahl des Taschentudies. Wir wollen 
uns diesen Umstand merken. 

In dem vorliegenden Fall bringt der Aufsdiub des vorbewußten 
Wunsdies und die, bis auf die Erinnerung, passive Einstellung meiner 
Seelentätigkeit, die dadurdi bedingt wird, keine große Veränderung in 
der Riditung des Gedankenganges mit sidi, denn die folgenden Fragen 
bleiben ja bei Miß X., dem bisherigen Thema. Wir werden aber im 
weiteren Vedaufe vielleidit nodi*auf Beispiele kommen, bei denen dieses 
willenlose mit der Strömung Treiben uns auf ein viel weiter abliegendes 
Thema bringt. Vorläufig wollen wir uns mit der Bemerkung begnügen, 
daß hier die einzige Folge des Gedäditnisablaufes eine neuerlldie Ver-= 
Änderung des Gesiditspunktes war: von dem Gedanken, wie idi die 
Sympathie meiner Kinder für Miß X. gewinnen könnte, gehe idi zu der 
Frage über, wie idi Miß X. selber am besten für midi gewinne. 

Die vierte Frage; »Wie soll idi sie von ihrem Vater losmadien?«. 



I 



IT. Der Inhalt der Gedankcnketteti 



75 



wird in positivem Sinne beantwortet und wir sehen, daß sidi unser 
Denken damit zufrieden zu geben steint ,• es kommt wenigstens nidit mehr 
auf sie zurück und madit kerne anderen Lösungsvorsdiläge. 

Darum geht auch die fünfte Frage das Problem wieder von einer 
anderen Seite her an und erwedtt den Eindrudt eines tjedankenüberganges, 
wie er audi im Wachleben gebräudilidi ist: »Was soll idi zunädist tun, 
um sie günstig für midi zu stimmen?« — »Sie meine Arbeiten lesen 
lassen«, lautet die Antwort/ audi sie ist wieder positiv und wird in 
keiner anderen Form wiederholt. Also ist audi die Lösung dieses Problems 
in befriedigender Weise gelungen. Wir müssen aber bei dieser Antwort 
wieder einen Augcnblidt Halt madien, denn wir haben hier neuerdings 
Gelegenheit, den Anteil der Erinnerungstätigkeit am vorbewußten Denken 
zu untersudien. Tatsädilidi ist diese Antwort die Folge der Erinnerung 
an einen — diesmal in Worten ausgedrüdcten — Gedanken, In demselben 
Augenblü, in dem mir einfiel zu überlegen, wie idi die Dame günstig 
für midi stimmen könnte, taudite auch, dadurdi hervorgerufen; die 
Erinnerung an ein längst vergessenes Gesprädi in mir auf, das idi vor 
fünfzehn Jahren mit ihr geführt hatte, Darnals hatte sie in meiner 
Gegenwart geäußert, sie würde nie einen unbedeutenden Mann heiraten. 
(Wohlverstanden, wir hatten uns im Laufe der Jahre ganz aus den Augen 
verloren.) Wir können daraus sdiließen, daß die Erinnerung keinesfalls 
immer störend wirkt, ganz im Gegenteil, Und da wir wissen, daß der 
vorbewußte Zustand die Beobaditung und Wahrnehmung der Außenwelt 
aussdiließt, können wir am besten gleidi die Behauptung aufstellen, daß 
das Gedäditnis die einzige Quelle ist, aus der diese Art des Denkens 
sdiöpfen kann. 

»Wie soll idi meine Werbung am besten beginnen?«, ist eine Art 
Leitmotiv, das zu dem positiven und bereitwillig angenommenen Vorsdilag 
führt, sie zu besudien, ihr eine Nadiridit zu sdiidcen und alles so einzu* 
riditen, daß sie eine Visitkarte von mir in die Hand bekommt, auf der 
das Wort »Doktor«, mein neuerworbener Titel, steht, von dem sie, wie 
idi glaube, nodi nidits weiß. 

Wir könnten uns hier jede weitere Bemerkung ersparen, wenn uns 
nidit die Frage: »Könnte idi in der Akademie öffentlidi sprethen?«, zu 
einer soldien Anlaß geben würde. Hier ist mein Denken mit einem 
plölzlidien Satz auf ein ganz anderes Gebiet übergegangen. Eine kurze 
Überlegung lehrt uns aber, daß dieser plötzlidie Wedisel des Themas 
eine Ursadie hat, die uns audi im wadien Leben nidit fremd ist. Das 



7Ö 



Über das vorbeirtißle phantasierende Denken 



Wort »Karte« ruft mir, auf dem We^e einer äußerliAen Assoziation, 
meine Nadiiässijkeit ins Gedächtnis, die mich immer wieder aufsdiieben 
ließ, einem Jugendfreunde, V., auf einer Karte zu seiner Ernennung zum 
MitjfJied der vfämischen Akademie zu gratulieren. Daran knüpft sidi dann 
die Idee — umso unerwarteter, als mir nie vorher etwas derartiges in 
den Sinn gekommen war — er könne midi viedeidit eines Tages zum 
Mitglied dieser gelehrten Gesellsdiaft vorsdilagen. Unser geheimer Ehrgeiz 
arbeitet eben auf soldie Weise, Wir wollen es hier bei dieser einen 
Bemerkung über diesen unwillkürÜdien Ausdrudi meiner infantilen Sudit 
nad\ Größe bewenden fassen. 

Dieses plötzliche AbsA weifen von einem Gedanltengang findet audi 
im wadien Leben jedesmal statt, wenn wir uns des Wortes »übrigens« oder 
gleidi wertiger Ansdrüdtc bedienen, Das Absdi weifen geht, wie wir sehen, 
im Grunde in beiden Fällen auf eine Erinnerung zurüdv. Sobald mir die 
Möglidikeit aufdämmert, tdi könnte eines Tages selber Mitglied der 
vlämisdien Akademie werden, sehe idi midi audi sdion bei einer Sitzung 
an einer Diskussion teilnehmen: idi sitze unter den Akademikern an 
einem großen, grün bezogenen Tisdi und spredie. Diese Phantasietätigkeit 
erinnert midi aber — das Vorbewußte zeigt dieselbe Ungeniertheit in 
der Selbstkritik wie im Ehrgeiz ^ daß idi meinen vlämisdien Akzent 
vervollkommnen müßte, wenn idi nidit von vornherein hinter meinen 
Phantasiekollegen zurüdtstehen soll. 

So fällt also audi die bedingungsweise Antwort auf die siebente 
Frage befriedigend aus und damit geht mein Denken zur Erörterung der 
nädisten über, die nach Art der bewußten Denkvorgänge mit der vorher-' 
gehenden verknüpft ist : >Würde oder wird mir mein akademisdier Grad 
nüt dazu verhelfen, sdineller eine Professur Zü bekommen?« Die adite 
Antwort fehlt wieder und wie in dem früheren Fall, können wir audi 
hier die Gründe für dieses Sdiweigen entdedien. Der Vorgang, der es 
verursadit, zeigt sogar große Ähnlldikeit mit dem früheren, von uns ein- 
gehend untersuditen, Dieses Mal ist es keine Gesiditsassoziation, die den 
vorbewußten Gedankengang absdi weifen läßt, sondern eine äußerlidie 
Assoziation, die sofort eine Verknüpfung mit wörtlidv erinnerten Gedanken 
und logisdien Folgerungen herstellt. Das Wort »Professor« erwedtt in 
mir das Erinnerungsbild eines Freundes, der denselben geheimen Ehrgeiz 
hat wie idi: idi sehe ihn so vor mir, wie idi ihn vor einigen Tagen auf 
der Straße traf und mir fällt wieder wie damals der merkwürdige Seiten^ 
blidi auf, mit dem er midi streifte und den mein inneres Idi unwillkürlidi 



als Konkur renzneitl deutet. Die Überlegungen, die sidi an diese Erinnerung 
ansdiließen, vc^erden durdi den Stoß meines Sohnes unterbroAen/ dieser 
äußere Reiz erklärt den unvermittelten Abbrudi dieses Gedankenganges 
in befriedigender Weise, 

Es ist beaditenswert, daß dasselbe Tbema^ das meine Phantasie in 
den ersten drei Teilen der Gedankenkette besdiäftigt hat, audi i^adi der 
Wahrnehmung dieses äußeren Reizes wiederkehrt. Mein Denken benimmt 
sidi ganz, als ob es durdi diese vorübergehende Rüdekehr zum Bewußt^ 
sein auf seine frühere Bahn zurüdegeführt worden wäre, und besdiäftigt 
sidi weiter mit Miß X., demselben Thema, nur wieder, wie nadi den 
ersten beiden Übergängen, von einem etwas veränderten Gesiditspunkt aus. 
Wir könnten uns hier fragen, warum das Vorbewui^te auf dasselbe 
Thema zurüdtgreift, obwohl die vorhergehenden Fragen in befriedigende^ 
Weise beantwortet wurden. Das sdieint einer früheren Behauptung von 
uns zu widerspredien, nadi der die vorbewußte Gedankenbildung zu einer 
neuen Frage übergeht, sobald die Lösung der alten gefunden ist. 
Wir dürfen aber nidit übersehen, daß diese kleinen Probleme ja nur Teile 
eines Ganzen sind ; idi bin nodi nidit mit Miß X, verheiratet, ja idi habe 
nodi nicht einmal um sie geworben, und diese Angelegenheit wird, ehe 
sie nidit nadi der einen oder anderen Riditung hin entsdiieden ist, meine 
Gedanken immer weiter besdiäftägen und meine vorbewußte Aufmerk-^ 
samkeit in Ansprudi nehmen. Wir haben also hier eine beständige Wieder^ 
kehr des Problems wie bei der Flohphantasie, nur daß es sidi hier um 
etwas viel Bedeutenderes handelt. 

Leider war es mir nidit möglidi, das Stade der Gedankenkette 
aufzufinden, das die Verbindung zwisdieti diesem Teil und dem nädisren 
herstellt, in dem idi midi mit meiner Reise nadi B. besdiäftige. Audi hier 
sehen wir wieder, daß das Problem, wo idi mein Mittagessen nehmen 
soll, wiederkehrt, nadidem die in Frage Nr, lo gestellte Zumutung, 
belegte Brote in den Zug mitzunehmen, abgewiesen ist/ der Übergang 
zum nädisten Punkt vollzieht sidi also bei der Gedankenkette hier ebenso 
wie bei einer bewußten Überlegung, Dasselbe ist audi bei den beiden 
nädisten Vorsdilägen (iz und 15) der Fall/ nadidem idi den Vorsdilag, 
in meinem gewöhnlidien Restaurant zu Mittag zu essen, annehmbar 
gefunden habe, überlege idi, wie idi die Zeit nadi der Sitzung verbringen 
könnte. Lind wenn die Antworten auf diese beiden Fragen audi Verneinungen 
sind, so entnimmt mein Denken daraus dodi etwas Bestimmtes und gibt 
sidi damit zufrieden- Der Grund, waium es sidi damit zufrieden gibt. 



über das vorbewtiRte phantasierende Deakeii 



I 



würde uns zu wert führen, besondei's da uns die Analyse dieser Phantasie 
sdion zu einer soldien Anhäufimg von Tatsadien genötigt hat, daß wir 
alle unsere Gesdiiddidikeit brauchen werden^ um nidit In diesem Wirrwarr 
unseren Faden zu verlieren. So wollen wir uns vorläufig mit der Fest= 
sreJfung zufrieden geben, daß die Antwort unserem Denken genügt und 
es zu -dem damit veriinüpften, nädisten Problem übergehen läßt. Das 
gesdiieht audi nadi der zwölften Antwort tatsädilidi. Bei der nädisten 
sehen wir ater dann, daß unsere Erwartung dodi nidit eingetroffen ist, 
denn die 14. Frage wirft wieder ein neues Problem auf und eröffnet 
damit einen neuen Absdinitt der Gedankenkette. 

Bei dieser Themaveränderung braudien wir zur Erkiärung nidit 
mehr so weit auszuholen wie zu Beginn unserer Analyse, da wir Ja 
sdion analoge Fälle kennen gelernt haben. Diesmal läßt eine Erinnerungsfolge 
das Denken absdiweifen, nachdem die Antwort erfolgt ist, nidit vor der 
Antwort^ wie bei den beiden unbeantwortet gebliebenen früheren Fragen, 
Die Absdiweifung sdiließt sidi hier an die Antwort an und nidit wie 
oben an die Frage. Die Erinnerungen bestanden darin, daß Kollege L. 
mir kürzlidi einen Auftrag von Mrs. R. bestellt hatte,- ein zweites 
Bindeglied zwisdien den beiden Ideen ist, daß Mrs, R. in ß. wohnt,- ein 
drittes, daß Mr. L, am letzten Samstag nadi B. gefahren war, statt wie 
wir erwartet hatten, an diesem Tag unseren Stundenplan auszuarbeiten. 

In den wenigen Augenblicken, die mein Denken braudite, um 
diese Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, verfiel es wieder der 
Herrsdiaft der Erinnerungsverknüpfung,, es verlor das Haupttheraa neuer* 
dings aus den Augen und wendete sidi statt dessen zu der Erinnerungsfolge, 
die sidi automatisdi und unaufhaltsam in der Reihenfolge der Gesdichnisse 
abrollte. Die kritisdie Denktätigkeit und der Antrieb, den Gedankengang 
weiterzuspinnen, waren, wie auch früher sdion, unterfegen. Trotzdem 
dürfen wir nidit übersehen, daß der Vorgang nidit ganz der gleidie ist 
wie früher,- die Erinnerungen werden diesmal in Worten gedadit und 
nur von sehr undeutlichen Bildern begleitet. Außerdem geht der vorbewußte 
Wunsdi, der hier überwältigt wurde, nidit sehr tief und das ProbJem ist 
ein ziemlidi indifferentes- Es sdieint ein direkter Zusammenhang zwisthen 
den Tatsadien zu bestehen, daß starke Wünsrfie nur von sehr lebhaften 
plastisAen Erinnerungsbildern zum Sdiweigen getradit werden können, 
bei sdiwadien aber das Denken sdion unter dem Einfluß einfadier 
wörtlidier Erinnerungen zur Passivität übergeht. Wir wollen dieses 
Thema aber einer späteren Untersudiung vorbehalten. 



L 



II, Der Inhalt der Gedg.iitkeiike ttc n 79 



Wir merken uns, daß die VerhindLingsglieder zwisdien dem VI. und 
VII. Absdinirt, also der 13. und 14. Frage durdi auftaudiende Erinnerungen 
gegeben werden / und es fäfit uns auf, daß die Antwort, die hier erfolgt^ 
einfadi eine Brinnerung isr / man hatte mir gesagt, daß idi In der obersten 
Klasse auf dem Stundenplan mit einer Stunde xceniger angesetzt werden 
würde, ich hatte die Mitteilung aber nodi nirfit redit zur Kenntnis 
genommen. Nun erweist sidi das Gedäditnis mir nützlidi, indem es 
spontan die Antwort auf die Frage beistellt. 

in Betreif der Fragen und Antworten Nn 15, 16 und 17 kann ich 
einfadi früher Gesagtes wiederholen,- sie untersdieiden sidi in nidits 
von bewußten Denkvorgängen und die Antworten sind Ergebnisse 
früheren Nadidenkens über dasselbe Thema, die id\ jetzt erinnere. Audi 
die letzte Antwort: »Der Direktor wird ihn vertreten lassen«, ist ein 
Gedäditnisrest. 

Der Übergang zum letzten Teil erfolgt auf Grund einer äußerlldicn 
Assoziation. Das Datum, Montag, der 6,, verknüpft sidi mit dem g„ 
einem Datum, das in meinem Denken für den Reisetag nadi B,, einem 
ebenfalls sdion behandelten Thema steht. Diese Idee wird aber sofort 
von einer, die mir nodi näher geht, beiseite gesdioben und zwar von 
dem niemals sdilummernden Wunsdi, meine vorbewußten Denkvorgänge 
zu verfolgen und neue Beobachtungen für meine Sammlung zu finden, 
der Wunsdi, dem dieses Budi fast aussdiließlidi seine Entstehung 
verdankt. Und sobald ein Zweifel in mir aufsteigt, ob es nidit am Ende 
der 7, und nidit der 9. ist, an dem idi die Reise nadi B. unternehmen 
soll, sieht aüdi mein Vorbewußtes sdion die übereilte und ungesdiidtt 
ausgedrüdite Folgerung, daß es sidi hier um einen Fall von Telepathie 
handeln könnte. Bei diesem Wort überdenke idi blitzartig alles, was idi 
von der Freud sehen Theorie der Telepathie weiß. Der Wunsdi, der 
hier erwedtt wurde, ist aber zu stark, um sidi von wörtlidien Erinnerungen 
beiseite sdiieben zu lassen und so wirkt das Problem in der nädisten und 
letzten Frage fort. Das Interesse ist jetzt so stark geworden, daß es 
sogar den Antrieb, die Phantasie fortzusetzen (ein Rest des Sdilafwunsdies, 
wie wir weiter unten sehen werden), besiegt. 

Der Abbrudi des Assoziierens geht ohne Zweifel darauf zuTÜ<k, 
daß die letzte Idee meinen Wunsdi, Beobaditungen zu sammeln, — einen 
Wunsdi, der midi nie verläßt — aufwedtt. In ähnlidier Weise werde 
idi später versudien, den Nadiweis zu erbringen, daß das Erwadien aus 
der Flohphantasie durdi meine Furdit vor einer Hautkrankheit verursadit 




war, eine Besorgnis, die den Selbsterhaltungstrieb wachrief, der ebenfalls 
immer in unserem Wadibben wirksam ist- 

Wir sind jetzt am Ende dieser langen Analyse angelangt und 
wollen uns, bevor wir eine andere mühsame Untersudiung beginnen,, 
einen Rücfcblicfc auf den Weg verschaffen, den wir durdi die Wildnis 
gebahnt haben und etwas Ordnung in das Material bringen, das wir 
unterwegs liegen lassen mußten, um uns nidit beim Vorwärtssdjreäten 
aifzu sehr zu besdiweren. 

Unsere erste Aufgabe soll die Zusammenstellung der versdiiedenen 
Gedäditnisefemente sein, auf die wir im Verlaufe der Analyse stießen 
und die uns Aufklärung über die Rolle versdiaffen sollen, die der 
Efinnerungstätigkeit beim vorbewußten Denken zufällt. An zweiter Stelle 
wollen wir dann versuchen, die diarakteristisdien Punkte ausfindig zu 
mädien^ in denen sich die vorbewußten Denkmerfianismen von den 
bewußten untersthetden^ alles Material, das wir für einen soldien Vergleidi 
braudien, stellt uns ebenfalls unsere Analyse zur Verfugung. 

Wir beginnen mit der Behauptung, daß alle Antworten 
irgendwie mit Erinnerungselementen zusammen^ 
h ä n g e n. Mandimat stehen diese letzteren so sehr im Vordergrund, daß 1 

sie die Antwort verdrängen und sidi selbst an ihre Stelle setzen/ am 
anderen Ende der Reihe sind sie so sdiwadi angedeutet, daß man sie 
erst bei der Analyse bemerkt,- zwischen beiden Extremen stehen dann 
die Fälle, in denen das Gedäditnis sich als eine unersdiöpfliche Vorrats- 
kammer zeigt, die uns mit ihrem aufgestapelten Überfluß nie im 
Stiche läßt. 

Audi wenn wir im Wadileben eine Frage beantworten, läßt sidi 
immer das Vorhandensein von Gedächtnismaterial in der Antwort nadi^ 
weisen. Darum erübrigt sidi audi jedes weitere Eingehen auf die 
Antworten Nr. i, 2, 6 und 12, die siA in nichts von bewußten unter- 
sdieiden/ sie sind kondensierte Erinnerungen an komplizierte Situationen. 

1. Nein, es ist zu früh, ' 

z. Mein, es hat ja doch keinen Sinn. 

ö. Ich will ihr eine Nadiridit auf einer Visitkarte sdiidien. 

12. Nein, es ist besser, idi warte damit bis idi etwas von ihm brauche. 

Alle diese Antworten sind nad> Form und Inhalt" vollkommene, 
kluge Urteile und das Ergebnis früherer Erlebnisse, an die wir uns 
erinnern. 



^ 



II. Der Inhalt dex Ggdanftenfeetten. 



&i 



In einef zweiten Kategorie stelle idi alle Antworten susammcn, 
die einfadi aus Gedäditnisresten testefien, <Irh gebrauAe das Wort 
Oedächtnisrest hier als Bezeidinung für eine unbewußte Eriniierutig oder 
Wenijjsrens Erinnerungen, denen wir keine Aufmeiksamkit zuwenden, 
"^enn wir uns ihrer auch bedienen. Idi weiß sehr gut, daß es nJcht PUt 
mÖfTJich ist, streng zwlsdien den, obijren automatisch reaktivierten Urtdlen^ 
den GedäditnJsresten und den Er;nn?rungfen, mit denen wir uns jetzt 
besdiäffigen wollen^ zu untersdieiden,- für die Swedte dieser Übersidit 
kann die genannte Einteilung aber von Nutzen sein. Idi habe in der 
nad^stehendcn Liste die Erinnerungen jedesmal so kurz als mö^liA in 
Klammern angcdeuiet. 

4. Dcrrd^ psychoanalytisAe Lektüre. .<EIektrakompIeji-,> 
7. Ja, wenn im meine Ausspradie verbessere, <Meine vlämisdie Äusspradie 
ist nid^t tadelios,) 

10. Ndrij. das tun nur ordinäre Leute. <AiS Volfcssdiuüehrcr pflegte idi oft 
im 2ug- nach B, zu Mittag zu essen.) 

11. Ja, dfe Kosten madien nidits aus. (Die Kosten werden mir ersetze werden.) 
1^. Idi muß Stunden an den Kollegen abgeben, <Daran hatte idi sdion 

icühet gcdadit.> 

In der nädisten Kategorie habe idi die Antworten zusammen^ 
gesiellr, die weniger automatisdi ersdieinen als die oben aufgezählten, 
vielmehr vermuten lassen, daß sie, als für den speziellen Fall geeignet, 
mit einer gewissen Sorgfalt aus dem Gedäditnisinhalt ausgewählt wurden- 
Wenn audi bei den Ancworten, die mit Erinnerungen zusammenhänaen, 
die Wortvorstellungen vorherrsdien, so kann man dod> bei jeder einzelnen 
audi das Vorhandensein von visuellen Elementen nadi weisen. 

5, Itd muß ihr meine Arbeiten zeigen. (Erinnerung an ein Gespfädj^ das 
wir vor fünfzehn Jahren führten und in dem sie äußerte, sie würde keinen 
unbedeutenden Mann heiraten.) 

il. Nein, ihre Angclegetilieit interessiert raid» nidit mehr, (Erinnerung: 
Mein Kollege L,, der mir etwas von ihr ausriditete, ist Samsrag nadi B, gefahren, 
statt unseren Stundenplan zu madien.) 

14. Man hat mtdi absiditlidi in der obersten Klasse mit einer Stunde zu 
venig ange'setzt, (Erinnerung: L, sagte mir, es wäre gesdiehen, um Zeit für den 
neu einzuführenden spanisdien UnrerrirfiE zu gewinnen.) 

16, Von Montag, dem 6, an, <Erinnerung: ein Gesprädt mit meinem Direktor,) 

17, Der Direktor wird ihn vorläufig vertreten lassen. <Erinnerungr wie oben.) 

18, Das ist ein Fall von Telepathie. <Erinnerung: dieFreudsdic Theorie,) 

c 



über das vorUewußte phantasiereöde Denken 



I 



Aus dieser Utitersuidiung können wir vorläufig folgendes scfilief^en: 
jEcIesmal, wenn unser Vorbevpußtes vor die Aufgabe gestellt wird^ ein 
Problem zu lösen, gleidigüitig, ob es sicii um die Darstellung einer möglichen 
künftigen Situation oder um die Überlegung einer notwendigen Anpassung 
handelt, stellt ihm das Gedäditnis in direkter oder indirekter Weise die 
notwendigen Hilfsmittel zur Verfügung, und z^s-ar direkt, wenn die 
Ant-wort auf die Frage durdi ein Ednnerungseletnent gegeben wird, das 
unter Umständen nur ein einzelner Bestandteil eines früheren Erlebnisses 
sein kann, indirekt wenn die Antwort für einen Erinnerungskomplex stellt, 
aus dem sie eine Folgerung ist. Jedenfalls aber ist das Gedäditnis 
die einzige Quelle, aus der unser Denken das Material 
zur Vorbereitung der Zukunft, zur HerstcUungvon 
Anpassungen bezieht. 

Wir kommen fetzt zu den Fragen^ bei denen die Antworten fehlen- 
Wir erinnern uns, daß bei Frage Nr, } <Selte 62) die sdiöpferisdie 
Gedankentätigkeit infolge einer sehr lebhaften inneren Wahrnehmung von 
lebenden Erinnerungsbildern aussetzte. Über das Sdiw eigen nadi Frage 
Nr. S »Würde idi dann eher meine Professur bekommen ?<.<, wo ^s^ir die 
Wahrnehmung des äußeren Reizes als Erklärung für das Ausbleiben 
der AntTötrort anneismen könnten, mödite idi folgendes sagend Wenn ^ir 
fceobadiEen, was vor der Wahrnehmung des störenden Reises sJatt= 
fand, so finden wir, da5 sidi hier die Situation von Nr. 5 wiedeiholt 
Audi hier ging eine halb, in Bildern, halb in Worten ausgedrüd^te 
Erinnerungsfofge voraus, die aller Wahrsdieinlidikeit nadi in jedem Fall 
eine Versdiiebung des Interesses bewirkt hätte. 

Bei Nr. 19 erinnere idi daran, daß wir statt einer Antwort ein 
Erwadien beobadiren konnten, mit dessen Bedeutung wir uns im nädisten 
Kapitel besdiäftigcn wollen. 

Dieses willenlose mit dem Strome der Erinnerungen Treiben, das 
mit einer völligen Abwesen!ieir jeder psydiisdien Reaktion und jeder 
tätigen Elnmisdiung unserer Persönlidikeit vor sidi geht, das in dem einen 
Fall die Antwort auf eine Frage ersetzt, ihr in anderen Fällen voran- 
geht oder nadifolgr, ist unserem wällkürlidien Denken völlig fremd und 
verdienr, daß wir uns eingehender damit besdiäftigen. 

Aber unsere Übersidit ist nodi nidit vollständig, so lange wir nidiE 
hinzufügen, daß das Gedäditnis gelegentlidi audi Einfluß auf die 
Riditung nimmt, nach der hin die Gedankenkette sidi fortsetzt. Darum 
sollten wir nidit versäumen, etwas näher auf die Übergänge zwisdien je 




zwei aufeinanderfolgenden Fragen eJnzugelienV vielleicht geben sie uns 
neue Aufschlüsse über die Rolle, die der Erännerungstätigkeit beim vor^ 
be7ru0ten Denken zufällt. Wir stehen bei dieser Zusammenstellung auf 
<iem Standpunkt des bewußten Denkens. 



Frag 



en. 



I 



I. Teir. 

1. Wie wenn idi das ßudi von Freud 

kscn würde ? 

2. Wenn idi weiter an Miß X. denken 

würde ? 

2, Wie oben. 

IL Teil, 

3, Wenn wir einig sind, wie soll idi 

dann meinen Kindern meine Vor« 
liebe für sie bcgreiflidi madien und 
sie von ihrer Eingenommenbeit für 
Miß y. abbringen? 

3. Wie oben. 

in. Teil. 

4. Wie soll idi sie von ihrem Vater 

bsmadien? 



Übergänge. 



Logisdier Übergang wie beim bewußten 

Denken, 



Ausgeblieben <a>. 



Ausgeblieben <b>. 



4. Wie oben. 

5. Wie soll idi sie günstig für midi 

stimmen? 



Logisdier Übergang wie beim bewußten 
Denken. 



5. Wie oben. 

ö. Wie soll idi meine Werbung am 
besten beginnen? 

6. Wie oben. 

IV. Teil. 

7. Könnte id» in der Akademie öffent*- 

Jidi spredien? 

7. Wie oben, 

S. Würde idi dann eher meine Professur 
bekommen? 



Wie oben. 



Ausgeblieben (cj. 



Log tsdier Übergang wie beim bewußten 
Denken. 



it 



über das vorbewußte phantasierende Denken 



S. Wie ofcen, 

V. Teil 

Q. Sind Johns Sdilafzimmerraöbel gut 
genug für Miß X, Haus? 

t). Wie oben. 

VL Teil 

io, Soll ich eintdcjjtesJßrptauf die Bahn 
mitnehmen? 



Ausgebiisbeji (äußerer Reiz)^ (ä>. 



Wie oben <e>. 



I 



nfidien \ 
X ] 



\ 



lü. Wie oben. 

II. So!J tth in meitiein fewöh 
Restaurant zu Mittag essen 

lt. Wie oben* 

u. Wie wenn icii narfiher V, aufsüthte? J 

jz. Wie oben, ' ^ 

t?. Wie wenn idi Mrs. R. bcsudite? J 

t^. Wie oben- 

VII, Teil. 
14. Wie, wenn man nilA auf dem \ Ausgeblieben <f>. 

Stundenplan mir einer Stunde zu 

wenig angesetzt hätte? 



Logis dl er Übergang wie beim bewußjssi^ 
Denken. 



Wie oben. 

Wie oöco. 




14, Wie oben, l 

15, Mit zwei Stunden zu viel? J 

ij. Wie oben, ^ 

16, Von wann anwird der neue Stunden^ \ 

ptan gelten? j 

16. Wie oben. ] 

17. Und wenn der fehlende Kolfege nidit > 

käme? J 

17. Wie oben, 

VIII. Teil. 

18. Wenn meine Sitzung am 7. statt am 

g. stattfände ? 

18. Wie oben. 

19. Wenn dieser Zweifel eine Warnung 
meines Vorbewußien wäre? 



Logisdier Übergang wie beim bewußten 
Denken. 



Wie oben. 



Wfe oben. 



Ausgeblieben <g>. 



Logfsdi er Übergang wie beim bewufifKn 
Denken. 



IL Der loJiiatt der Ged an tcenke ttea gy 



Bei den elf Übergängen, die uns an die Vorgänge beim bewußten 
Denken erinnern, ist es überHüssI^, nälier auf die Art und Weise ein-^ 
:ruge!ien, in der jede Frage zur folgenden überführt/ der Denkprozeß, 
um den es sidi hier handelt, ist uns bekannt und vertraut. 

Dagegen werden uns die Fälle, bei denen unser Wadidej^ken nidit 
sofort auf die Verknüpfung zwisdien zwei aufeinanderfolgenden Fragen 
kornrnen kann, wahrsdiesnlidi mehr neue Aufschlüsse geben. Sie fallen uns 
ais dhiarakterisiisdie vorbe\vu{)te Übergänge auF,- im \VadiIeben bezeidinen 
wir ein solches Denken, wenn es vorkommt, als Denkfehler und als Unsinn. 

Es ist übrigens interessant, daß die sieben Übergänge, die uns in 
der obigen Liste fehlen, genau den sieben Ridituhgsänderungen entspredicn, 
die in der Gedankenkette von ihrem Beginn an vorkommen. Dieses 
Ziisapmenfrcifen müßte uns stutzig madien, wenn wir nJdit sdion aas 
der vorhergehenden Besprediung wüßten, daß Riditungsanderung und 
t^eSlen des Überganges immer in kausaler Beziehung zueinander stehen. 
D;e Versdiiebung des Interesses läßt sidi in jedem einzelnen Fall auf 
die Arr des Überganges zurüdkführen: jeder Riditungsanderung entspridat 
ein Augenblick, in dem die Triebkraft des WunsAes aussetzt, weil das 
Denken unter die Herrschaft einer Erinnerungsfofge geraten ist. 

In der sdiematisdien Darstellung <auf der folgenden Seite) madic 
ich den Versuch, diese Richtungsänderungen ansdiaulidi wiederzugeben. 

Wie ist dieses Sdieraa zu verstehen? Aus Gründen, die etwas 
weiter unten vers!änd!idi sein werden, muß id\ die Besprediung des 
Überganges aj einen Augenblidt aufschieben. 

^J Wir erinnern uns an den Wonlaut der Fragen) und 4; s>Wie 
soll idi meinen Kindern meine Vorliebe für Miß X. begreiflirfi machen etc.« 
und :* Wie soll idi Miß X. von ihrem Vater losmadien ?^ Bei der Wiedergabe 
des Tagtraumes auf S. 5S sahen wir, daß nadi der dritten Frage eine 
Abschweifung stattfand, während der sidi vor meinem geistigen Auge ein 
Erlebnis vom vorgestrigen Tage wiederholte: Miß y. madit mit 2wei ihrer 
■Verwandten bei uns Besudi,- wir begleiten sie hinaus und wiederholen alle bei 
der Hausture das Gespräch, das wir vorgestern wirklidi dort führten. Wir 
konnten ferner die Verknüpfung zwtsdien Miß y. und Miß X. auf die 
Fältdien zurürf^führen, die idi im Gesidit der ersteren bemerkt hatte. Die 
regressive Wiederbelebung psydiischer Erinnerungsbilder ist, wie wir wissen, 
hier an der Unterbrediung meines vorbewußten Gedankenablaufes sdiuld. 

cj Der dritte Übergang, den wir als einen für das vorbewußte 
Deniten diarakteristisdien bezeidinen, sollte die Verbindung zwisdien der 



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11. Der In hall der GedankenkerTen 87 

Frage 6: »Wie soll ith meine Werbung am Besten beginnen?« und der 
Frage 7; »Könnte idi in der Akademie öfFenilidi spredien?« herstellen. 
Hier lehrt uns die Analyse, daß im Ansdiluß an die Antwort, aihr eine 
Nadiridit auf einer Vtsitkarte sdiicfeen,« eine Wortassosiation zu »Karte« 
zur Wiederbelebung einer Erinnerungsreihe führte, welcne die Wabt 
meines Freundes V. in die Aliademie behandelte und meine gan:re 
psydiisdie Energie in Ansprudi nahm. Bei Wiederaufnahme der Ursprünge 
Jidien Gedanken kette, saß idi dann als Mitglied in der Akademie. 

eO Wie geriet die Gedankenkette von der Besdiäftigung mit der 
Akademie auf die Frage : »Sind fohns Sdilafzimmcrmobel gut genug für 
Miß X's Haus?« Nun war ja meine Assoziation sreihe vor allem anderen 
durdi die störende Wahrnehmung des Stoßes unterbrodicn worden, dufdi 
den idi »zu mir« kam/ und zweitens war idi unter genau denselben 
Umständen wie bei dem ersten Übergang wieder vom bewußten in den 
vorbewußten Zustand geraten. Wir wollen uns darum diesen Punkt zur 
gemeinsamen Besprediung mit dem früheren aufsparen und vorläufig 
nur feststellen^ daß es in beiden Fällen audi wieder die Erinnerung ist.^ 
weldie die Riditungsanderung bewirkt 

i?J Der Übergang ß fehlt völlig, da — wie sdion früher bemerkt — mir 
die Wiederherstellung bei einem Stüdc des Tagtraumes nldit gelingen wollte. 

J) Der fünfte dieser Übergänge überbrüd^t die Lüdce swisdien den 
Fragen 13: »Wie, wenn idi Mrs. R, besudite?« und 14: »Wie, wenn man 
midi auf dem Stundenplan etc.« Audi hier finden wir wieder Spuren der 
Erinnerungen, weldie den Umsdiwung in der Erzählung S. 59 herbei- 
führten ; »Mein Kollege L, erzählte mir, daß er sie vor einigen Tagen 
gesprodien hat. Er ist letzten Samstag nadi B, gefahren, obwohl er 
versprodien hatte, selber unseren Stundenplan zusammenzustellen.« Wir 
dürfen audi nidit vergessen, daß alle diese vorbewußten Erinnerungen 
in einem gewissen Grade verbildlidit ersdielnen, 

gj Audi die Frage 17; »Und wenn der fehlende Kollege nidit 
käme?« ist mir der nädisten : »Wenn meine Sitzung in B. am 7. statt 
am 9. stattfände?« durdi meist wördidi ausgedrüdite Gedäditnis* 
assoziationen verknüpft, die, wie wir in der Analyse gesehen haben, 
infolge einer außerlidien Verknüpfung zwisdien »dem 5.« und »dem 9.« 
herangezogen wurden/ die Erinnerung enthält die Mahnung, nidit am 9, 
an die Reise nadi B, zu vergessen etc. 

Wir können aus dem Vorhergegangenen sdiließen, daß das 
Ausspinnen von Erinnerungen eine widitige Rolle bei den sprunghaften 



Qb 



er das vorbewoß te fjfiantasFerenrde Penften 



Obergangen spielt, die eines der wichtigsten Merkmale des vofbewufiteti 
Denkens sind. 

Bisiver war es uns nur hei dem ersten und viesten Übergang nidit 
fflöglidi, festzustellen, ob audi in diesen Fällen die Riditun^sänderung 
der Assosiationskette mit dem 'Auftauten einer Erinnerung zusammen^ 
fällt. Aber wir müssen an dieser Steile daran zurüd^de nken, da!) wir 
audi bei den Uatersudjungen im ersten Kapifd nidii immer imstande 
waren, anzugeben, bei v/cidicm Glied sidi eigentlidi der Übergang vom 
iföwaßren zum vorbewußten Eusiand vollzo.-^. Dieselbe Schwieri^Iieit 
tritt ^uns audi hier enige^en. Wir konnten aber damals die Beobachmng 
iiiacnen, daß der Obergang d^ Denkens vom Bewußtseh zum Vor- 
bemißtsein immer mit einem Aufheben oder einer Vcrscbiebung des 
ursprönglicben Interesses zusammenfiel,- sobafd uns unser bewußies 
Vorhaben unverkennbar abhanden gekommen war, wußten wir auch 
sleber, daß wir es mit vorbewußten Gedanliengängcii zu tun hatten- 

Wir sehen nun, daß dieses Aufgeben des ursprüngticben Vorhabens 
Mfunsten eines anderen, in dem sich der Schwerpunkt des Literesses 
etwas verlegt, in demselben Tagtraum mehrmals hintereinander 
vorfcommen kann und jedesmal auf den Einfluß der Erinncrungstätigkeit 
£ürüdsuführen ist oder besser gesagt, auf die Anziehungskraft, welche 
die wiedererwachten Erfnnerungen auf unser Denken ausüben. Wk 
geraten für kürzere oder längere Dauer in einen Zustand von Versunken- 
heit, m dem wir fedz Herrschafi über unsere geistigen Fähig Igelten 
verfleren und ganz unter den Einfluß des Gedächtnisses geraten,- 
scheinbar können die wiederer wachten Erinnerungen aber nicht, wie der 
vorbewußte Wunsch, eine eigene Richtung angeben. Sie kennen nichts 
neu schaffen. Die Erinnerttngsräiigkeit seheint su nichts anderem fähig 
als zti ^iner automatischen WiedcThotung von vergangenen Gescheit 
nissen in der Reihenfolge ihres Vorkommens, $& haben wir also 
schließlich die Sicherheit gewonnen, daß d i e R i ch t u n g s ä n d er u n g e n 
bei den vorbewußten Gedankenketr e n in einem 
besonderen Bewußtseinszusrand vor sich gehen, der 
uns vorübergehend die Fähigkeit nimmt, die Erinnerung 
an vergangene Geschehnisse zü unterbrechen, so daß 
sie sich automatisch vor unserem geistigen Auge 
abrollen und uns ganz in Anspruch nehmen. 

Die Richtigkeit dieser Erschließung eines halluzinatorischen 
Zustaiides wird am deutliGhsten bestätigt, wenn unsere innere Wahr^ 



II, Der I n Ei a 1 1 d er CJ-e ä a li [t c n fr e tt c n 



nehmun^ sehr lebhaft ist, das fieißr, wenn sieh die Bilder, die Ich vorKni 
als »ktende« besciclinete, vor unserem inneren Auge abrollen, wie es 
zum Beispfcl bei der FoJkesrone-PhanEasie und bei der Erinnerung au 
den Besuch von Miß y. und ibren Verwandten der Fall war. Wenn 
Sa Erinnerungen nicht so infensiv bSidhaft sind, sondern Jei(weise in 
Worten ^'^edacbt werden und teiiV/eise als undeuliiche Vision auftauchen, 
dann ist das HafluztRatorische darait, die Unierbrechimg des fortlaufenden 
Gedankenj^anges und die Absetzung des Vorbewußten als richtungs* 
gebende liisrans ^yenfger auffäüig, Jider meiner Leser ht aber imstande, 
sich aus eig-enen Mitteln dasselbe Unfersuchungsmateriaf zu verschaffen, 
das mir zu Gebote sLebt, und daran die Ricifitftjkeit meiner Erg^ebnissc 
•oachstrprüfen. Wir können ebenso ^-ut dwrdi den Abfsuf wiedererwacbter 
wörtlicher Erfnnerungc.a wie durch den Abfauf bildhafter zum Abschweifen 
von einer vorbewußren Gedanken kctts gebracht werden, wenn nur die 
Affekthefönimg des Wunsches, der die letztere dirigierte, schwach genug 
ist. Und sweifetlos gehört ein gewisses Maß von halluzinarorischein 
Erinnera zu dem normalen psychischen Leben jedes Menschen. 

Es gibt aber nodi ein anderes Ivliitef, diese Erkenntnis auf ihre 
Slditigksit hin so prüfen. Wenn nänih'di jede Absdiv?eifung von einer 
Gedankenkette aui eine momentane haiiuzinatorisdie Erinnerunjj surQdt- 
zuführen Jst, so müßten wir am Ausgangspunkt jede; vorbewußten 
Gedankenkette ein kurzes Wiederwadsrufen vergangener Erlebnisse fuidetj^ 
sobald wir die erste Riditangsändcrung bemerken. Vei'sudien wir. einmal, 
was für ein Resultat eine soldie Prüiung ergibt. 

WEr erproben unsere neue Theorie zuerst bei Übergang V. des 
obigen Sdiemas, wo idi infolge eines äufSeren Reises erwadite. Was 
gesdiah swisdien diesem momentanen Brwadicn und der Wiederaufnahme 
des MiR X.-Komplexes ? Im Verlaufe der Analyse förderte idi die 
fotgenden Gedanken^, teils Neusdiöpfungen, teils Erinnerungen, die ädi 
während dieser wenigen Äugenblid^e aneinandergereibi hatte, zutage: 
»/!/? diesem AufwcSen ist scBufd, daß Jetzt der JunffS mit mir im 
DoppefBstt sddäft Idy miff ißn nidt nötigen^ in srnnsm eigenen 
Zimmffr zu sSfafm^ denn es ist nidt mehr so Bequem eingeridtet 
miff friißec eße mir die deutscBan Sofdaten einm Taif der Mößef 
raußten und den andern zer/mditen mid üerßuerten. Miss X's Haus 
Ist nocß immer seBr scBön eirtgeriditet^t^ Hier folgt ein Erinnerungs- 
bild ihres Hauses^ bei dessen Betradimng idi den Faden meiner vor- 
i^wofiten GedankenkcEte verlor. Die Halluzination hatte eingesetzt und 



J)o Qberdasvorbewußre pbäat agieren de Denken 



I 



I 
I 



als idi sdiließlicfi das vorbewußte Denken ^^ieder aufViafim, assoziierte 
idi SU der Idee »Möbel«, 

In der Phantasie auf Seite 12 zeigen die Vorbemerkungen unver= 
kennbar, weltie Erinnerungen in mir an das junge Doi'fitiäddien auf- 
tauchten, in dessen Haus wir unsere Messe zu verlegen fioiften. Idi kann 
mir nodi heute in der Phantasie ihr Bild genau so zurüdtrufen, wie es 
damals in meiner Einbildung vor mir auftaudite, und midi ebenso genau 
an alle Einzelheiten der Gedankenfolge erinnern. 

Von der Flohphantasie weiß idi noA, daß midi am Ausgangspunk 
der Gedankenkette Erhmerungcn an die Ivladit der Suggestion besdiäfiigcen- 
und dann ein ganzer Gedäditn!skomplex von Lektöreresten auftauefite. 
Außerdem ^ya^ ja der Äussprudi des Bauern, der mir das Mittel angeraten 
Jiatte, selber eine Erinnerung. 

In dem Tagtrau mberidit auf Seife 16 sind die erinnerten Gedanken, 
weldte die Zerstreutheit und die Halluzination veranlaßten, sogar aus- 
drüddiA angeführt: ein Messegesprädi über meine spanisdien Untcrridits^ 
stunden, Ähnlidi ist es in der Phantasie auf Seite 15, in der meine 
Erinnerung mit Professor Waxweilers »Esquisse d'une Sociologie« 
Lesdiäftigt ist. Es wäre ein leidites, eine lange Reihe von derartigen Beispielen 
zusammenzubringen, idi mödite aber mit einem Beispiel sdiließen, bei dem 
es sidi um die Entstehung einer Gedankenkette handelt^ die midi vom 
be^Ärußten Denken ablenkt. Idi greife aufs Geratewohl den Tagtraum 
über den Husten meines Sohnes <Seite25> aus tnciner Sammlung heraus. 
Beim Überlesen des Textes fällt mir auf, daß idi das erste Stüdt bei der 
Wiedergabe ausließ, und zwar war das die blitzartig aufiaudiende Erinnerung 
an Begebenheiten in dem Spital für Lungenkranke, in dem idi mit meinem 
Sohn gewesen war, die Ratsdifäge des Arztes bei seiner Entlassung etc., 
also ein ganzer ErinnerungskompleK, Idi brauche wohl kaum hinsuzufügcn, 
daß idi so gut wie nidifs über vorbewußte Denkmedianismen wußte, als 
idi die Sammlung von Beobaditungen für diese Arbeit begann, daß id> 
also bei der Eusammenstellung meiner Notizen nitht unter dem Einfluß 
unbewußter Erwartungsvorstellungen gestanden sein kann. Die neuen 
Tatsadien, die idi entdedt habe, sind von einer so absoluten Beweiskraft, 
daß sie midi instand setzen, Liidten in dem Zusammen hang meiner Tag^ 
träume zu entdedten und sie midi sogar mandimal mit Hilfe meines 
vorbewußten Gedäditnisses ausfüllen lassen. Idi bin deshalb sidier, daß 
meine Beobaditungen korrekt sind und freue midi sehr darüber, das fest= 
stellen zu können. 




i 



IL Der Inhalt der Gedaokenfeetten 



^t 



Wir können aus 4zm Vorhergegangenen mit Sidierheit sdiließen^ 
daß die Entstehung von vorbewußren Gedanfeeaketteo 
eine Folge von kursen hanusinatorisdiea Erinnerungen 
ist und daß aud\ dieselben halluzinatorisdien Erinne- 
rungen dem vorbewußten Denken den Charakter des 
Sprunghaften verleihen. Die Objekte der halluzlnatorisoien 
Wahrnehmung sind entweder plastisdie Bilder oder Worte, 

Wir haben damit die Au%abe, der dieser Abschnitt gewadmec war, 
gelöst und gleldi -eilig eine Ahnung von der widitigen Rolle bekommen, 
die der Erinnerungstätigkeit beim Tagträurnen zufällt. Wir haben gesehen, 
daß sie nldit nur an einer seiner auffalfendsten SAwäAen sdiuld ist, 
sondern audi gleidizeitig die Überlegenheit des vorbewußten Denkens 
über das bewußte verursadit. Die Zahl und der Umfang der Erinnerungen^ 
die sie dem Vorbewußten zur Verfügung stellt, ist audi wirklidi 
erstaunlidi. Es gibt keine einmal aufgenommene Wahrnehmung, die außer 
ihrem Bereidi läge,- kein Detail ist so unbedeutend, daß es ausgelassen 
würde wie zum Beispiel die kaum siditbaren Fältdien im Gesicht der Dame, 
die mir bei einer lebhaften Szene, an der fünf Personen beteiligt sind^ 
auffallen, in einem Haus, von dem idi, sobald es wünsdienswert ist, jede 
Einzelheit erinnere. <In der Flohphantasie entdedit mein geistiges Auge 
sogar, daß sidi der Floh in den Fußbodenspaken verstedit, um der Wslte 
zu entkommen, obwohl es sid» hier nidit um eine erinnerte, sondern um 
eine phantasierte Szene handelt.) Das Gedäditnismaterial veranlaßt die 
Antworten in mandien Fällen und ersetzt sie in anderen. Es kann im 
Anschluß an Antworten in unserem Vorbewußten auftaudien oder neue 
Fragestellungen verursadien und Einwendungen und Erklärungen bei^ 
steilen, Erinnerungen können sdicinbar grundlos auftaudien und andere, 
von deren Existenz wir selbst nidits wußten, blitzartig erhellt werden. 
Es hilft oder zerstreut uns, bringt uns auf Lösungen oder führt uns 
von ihnen fort. Es erinnert uns mandinial an Raketen eines Feuer- 
werkes oder funkelnde Steine, die aus einem Vulkan in die Luft 
gesdikudert werden,- dann fesselt das Gedäditnis uns wieder durdi die 
Vorsreifungen oder lebhaft bewegten Bilder, die es uns aufdrängt. Jed^.'n- 
falls erwed-tt es aber einen anderen Eindrudt in uns als während des 
Wadizustandes. Wenn das vorbewußte Denken auf seinem Höhepunkt 
ist, dann ist das Gedäditnis nidtt mehr wie sonst eine leblose Masse, 
ein unterirdisdier Sdiadit, eine Meerestlefe, in di^ wir den Taudier hinab^ 
sd> j Aen, um nadi Erinnerungen zu fedien, wie J a s t r o w sagt. Es ersdieint 



wns claun, ganz ün Gegen reil, afs eine Kraft, die einen eigenen Drurfi 
äuisÜD!: etwa Tsrie das Feuer im Innern tier Erde, das aus seiner Latenz 
zuT Tätigkeit über^elicn kann, eine Kraft, die fühlbar wird, sobald sie 
sfdbi von dem Druck der vom Bewußtsein ausgehenden Verdrängung 
Isefreit, die sie Im weichen Leben niederliäiL 

Wenn es uns jetzt gelingen sollte, die Ursadien für die Unsinnige 
ktlten. Absurd itiiten und ideniercn Irrtümer auisufinden, die unsere Tag^ 
träuäiTe entstetSen, dann hätten wir wieder einen der Sdileier gehoben, 
^eldie die vorbcwuRten Denkvorgänge unserem Verständnis entziehen. 
Mit diesem Siel vor Augenj, madieii wk uns soion an eine neue Analyse, 

4. Irrtümer und Ä b s üj- d i t ä t e n. 
3> Die Sprun^^haiirigkeit. 

Vori>enierkun(;en : In der Nadit^ in der idi die interessante 
Phatitasie aufzefdinete, deren Mitieikm^ idi hier folgen fasse, hatte idi 
sdion vorher zwei lägtrstime gehabt und niedergesdiriebcn, und ^-^^ar 
d^ii ersten nach dem Niederlegen bei der Lejitöre der Memoiren des 
Cointe de Segur ßber Napoleon, »De Paris ä Fontainebleau«, 
den zweiten, ■sräbrend idi bemüht war, einzusdilafcn. Beide hatten die 
Bewerbungen um Posten, die bereits in der Phantasie über den Oberst 
auf S. 38, eine Rolle spieften, und die Sorge um meine zukünftige LauE= 
bahn, d^r audi die voHieg;cnde Phantasie ihre Entstehung verdankt, zum 
lnha!f. Die betreffenden Posten waren als R:uhesieÜungen für Sofdaten 
in Rerablierungski^ern neu geschaffen werden. Nun hjsEcn midi diese 
■WEcderholten NiedersArißen siemlidi aus meiner Ruhe gebradir, so dafi 
an EinsÄbFen weniger als je zu denken war, aber derartige Idcine 
Opfer bringt jeder Forsdier gerne, wenn er das Bewußtsein Iiar, dadurdi 
seine Arbeit zu fördern. Ats idi wieder »zu mir« kam und midi an die 
Nxedersdirift maditc^ bezeichnete idi dieses GedankengcbiWe spontan a£s 
einen Phantasictraum. Ich hatte nämlidi nadi dem Erv:'adien daraus das 
Gefühl, als ob idi geträumt hatte, merkte andererseits aber sdion damals 
ganz gut^ dafi ihm einige für den Traum diarakteristlsdie MerJimale, wie 
2:11m Belspk! die Entstellung, fehlten, Idi vervircndete deshalb zu seiner 
Be^cädinung beide Ausdrüd^e, Phantasie ur.d Traum, um meinem ersten 
Eindrutk gercdit eu werden. Bei dieser Wiedergabe sind alfe staik bild^ 
haften Srüd[C in Kursivsdirift, die übrigen gewöhnüdi gedrudtt. 

Am Ausgangspunkt bcsdiäff Igten tnidi Erinnerungen an die Ab=- 
fassung des Gesudics, das id>, wfe In einem anderen Tagtraum beriditet. 



ii. Der.liibalt der Ge da n ken ketten 



93 



Ian den tefgisdien Unterridusminister gesentiet hatte, und ich war erFüüt 
von guter Hoffnung auf seine günsti^^e Erletligung. »Obwohl mein 
Gesudi sehr lang ist, wird er es codi selber lesen, denn es handek sici 
dabei um eine prinzipidle Enrsdieidting. flc£ s&ß$ den Minister fss^rta 
vor mir. J Der folgende Satz wird ihm in meinem GesuA auffaüciK »D:i 
K iA kaltblütig und energisdi gcnn,^ bin, um meine Forsdiungsarbcir mmziK 
^ im Kanonendonner und Granaifeuer fortzusefaen, sollte das Minisrcrium 
. . , usw.« Das ist Rudi keine Obertreibung, sondern fm strengsten Sinne 
des ^X'o^tes wahr. Fast die ganze Zivilbevölkerung ist wegen der ewigen 
Besdiäeßuns ge^ofien. Jetzt spisCt sich vor mir. gani ats wäre icB im 
Kino, diß genaue Vi?iederßofung einer Szene ab, die ic£ vor drei 
Tagen erfeßte,- eine der deutschen Granaten expfodiert am anderen 
Dorfende in der Mitte der Straße, wäßrend ii in meinem Quartier 
arbeite. Ich fege meine Teder für einen Augenßfi<^ aus der Hand. 
scBaue durS das offene "Fenster hinaus und seße eine didie liaud)'^ 
ivof^e. die sich auf midj zu ßewegt. Meiti Koffege P, D. 3. geßr 
uorußer und fragt, oß ich nicht mit ihm hinaus ins Freie gehen im ff. 
Icß höre mich miederfwfen, was ich damafs antwortete: „Die ÄrSeit. 
die mitß ßeschäftigt ist vief zu interessant, afs daß ich unterßrechen 
ßömite. aßer immerhin sind diese Granateinscßfäge sehr fästig. denn 
sie stören mich jedesmaf im Nachdenken. ' Gfeicß darauf verjofge 
idj eine Szene, die ich nicht sefhst mitmachte, die aßsr am nächsten 
Tag in unserer Messe erzähft wurde; sie war eine Wofge des 
eBen gesSifderten Granateinsdfogs. Icß sehe in weiner Phantasie 
meinen anderen Koffegen £,. wie er nacheinander zwei Kinder auf 
ßeßt, die durch die Expfosion sSwer perfetit wurden. Das Bfut 
Beschmutzt seine Uniform, (was er bei der Ersähkmg; bedauerte). Die 
Verbildlidiung bridit hier ab und idi Finde die Äußerung auf: s>\Venn 
iA dort gewesen wäre, hätte idi beide Beine verlieren können.« <Es ist 
ganz sidier, daß diese Bemerkung in Worten gedadit war, denn bei der 
späteren Analyse fief mir nodi ein, daß id\ einen Augenblidi im Zweifel 
war, ob idi midi ein Bein oder beide verlieren lassen sollte.) Im näd>sien 
Augen bl idi sehe iS miS auf dem Pßaster vor dem Tfsiscßerfaden 
fiegenj Beide Beine sind mir oBerßafß des Knies aßgesSossm. Icß 
Bitte den Tfeiscßhauer Cden Vater der verwundeten KinderJ um ein 
Messer, um die fetzten Musßefstränge durchzuschneiden, mit denen 
das ahgesSossens finße Bein noS am Scheaßef hängt IS gehe äffe 
Anordnungen, die mein Zustand erfordert, denn unter dem ers(£ro<^enen 



Häußein MmtscBm, das micB ttmsteBt sind Meine Sanitätssofdatm. 
IS Bitte die 'Frau des Ffeiscßßatiers um ein HandtuS^ weise einen 
Sofdaten an, wie es auszuwindsn ist und zeige ißm die Stcffe, an 
der er meinen SSen/eef unterBinden muß, um weiteren Bfutuerfusf zu 
mrßüten. Dann sSicfie iS einen Sofdaten zu der nahen *FefdamßuCanz. 
Dann Bin iS im Aufnaßmszimmer der 7efdamBufanz <idi -«reiß nidit, 
wie idi dort hirgekommen bin) und sage zum DoBtor: „ Wenn mein 
am LeBen BfeiBen und Gesundwerden i>on meiner Stimmung aBBüngt, 
dann Bin icß gerettet.^ <Idi sage das hi heiterem Ton.) Darauf denke 
idi in "Worten; »Hoffentlidi legen sie mih nidit in denselben Saal mit 
Gemeinen, Aber nein, bei den Engiändern gelten wir ja als Offiziere.« 
Dann Bin icB im Offizierszimmer und geBe der KranBensdjwester 
Ali/trag, meine Büdjer Bofen zu fassen, damit icß meine Arßeit fort-^ 
setzen Bann, wäBrend icß an das Bett gefesseft Bin. 

Idi denke' ■weiter in Worten: »Wenn idi erst einmal gesund bin, 
Icann idi meine Laufbahn fortsetzen und weiter unterriditen.« — Wenn mein 
Sdiwagermidi besiidicn kommt, werde Idi 211 ihm sagen: ,Idi habe meine 
Beine für das Vaterland geopfert/ <Idi sage das auf vlämisdi.) Aber 
nein, idi werde es lieber fransösisdi sagen, damit die KrankensdiYt^ester 
es verstehen kann; »J'ai dorne mes jambes pour la patrie.« Er wird 
mir türkisdie Zigaretten mitbringen. Ocß seBe eine Sdmdjtefmit 5oo Stüdi 
vor mir J Idi diktiere ein Teäegramm an meine Frau; »lA bin verwundet, 
aber sorge didi nidir. Idi werde bald entlassen werden und eine Aus^ 
seidinung bekommen.« '- VieÜeidit werden sie midi aber ^ar nidit entlassen 
wollen und sag-en, daß idi von meinem Quartier zum Amt nur ein paar 
Sdirittc zu gehen habe und in der Armee immer nodi von Nutzen sein 
kann. — Das ist ja Unsfnn. — Idi muR an Mr, X. [elej^raphieren, daß er 
mir den Posten (um den idi midi beworben habe) aufhebt, bis idi wieder 
gesund bin, -' Dann seBe icß miS mit BeinprotBesen in einem Automoßif 
neBen Mr. X. sitzen. Wir sind in Franßreid: auf der Taßrt von 
einem Rußefager zum andern. GfeicB darauf finde i<£ mid) in London 
in einer Uniergrundstaiion. JS geBe Beim Einsteigen adf, daß meine 
Krücken nicBi in der Spaiie zwisdjen Waggon und Plattform ous^ 
rutscBen und daß icß micß anfmften Bann, um nicßt Beim Änfaßren 
des Zuges zu f äffen. Nacßdem er sicß in Bewegung gesetzt Bat, Bitte 
ich einen Mitfaßren den, mir seinen Sitz zu üßerfdssen, was er aucB 
sofort tut/ die anderen Passagiere seßen mit ÄcBtung auf mid>, weif 
icß eins Ai4szei<£mmg trage und an zwei Stadien geBe. Idi denke 




H. Der Inhalt der Gedanken ketten 



95 



wieder in Worten: In der SAufe werde idi das Treppensteigen vermeiden. 

— Idi werde während der Pause meine Zigarette im Klassenzimmer 

rauAen, H/er seß^ i(£ miS raucßend in einem Kfasssnzimmer, itt 

dam iS vor zw&i Jaßren ßäußg unterrichtets und einig ff damit 

^usammenBmigmdi ßifdfinfte Erinnermjgm zießea an mir vorüßer. 

lA glaube, daß idi gleidi darauf mehr oder weniger volfstindig auf^ 

wsdire, midi von Azv reditcn auf die iinke Seite legte, während idi 

dadite: »ja, idi tfn jetzt mit einer indifferenten Gedankenkette tesdiäffigt, 

i4 darf sie nidi£ mehr ahbredien und aufsdireiben, sonst sdilafc idi 

heute nadit überhaupt nidit ein. Darum will idi diese Phantasie fort^ 

setzen. Wie wsrnurdie letzte Idee?« »Idi muß den Doktor gfeidi fragen, 

oij idi davonkommen werde oder nidit.« Daraufßin seße iS den Dofifor 

vor mir und söge zu iß in: »Idj Bin starß genug, die Waßrßeit zu 

ertrügen und id} möcßte Vorßeßrungen treffen, im Waffe idj sterßen 

mußA< In Worten gedadit: »Wenn idi verloren bin, will idi meiner 

Familie telegraphieren.« Id) dißtiere einer Ordonnanz den Text <von 

dem idi den Anfang vergessen habe) und füge ßinzu, daß sie siS an 

eine ßestinimie Steffe in London wenden soffen, um Treißiffetts für 

dis Meise zu mir zu ßeßommen. Dabei fällt mir plötziidi ein, daß das 

Einreidien um Freibilletts eine arge Verzögerung mit sidi bringen wird 

Cerst jetzt denße id) daran, daß der Dofitor erstaunt sein wird daß 

ids meine Tamifie um Treißiffetts einreiben fasse und icß sage zu 

ißm.' nja, Sie ßaßen ßeine Äßnung, wie seßr ipt'r vom Krieg Betroffen 

sind, wir sind augmßficßiidj arme Leute J Dann denke id> wieder: 

mit diesen Freibilletts können sie nur bis Calais fahren. Von dort 

an müssen sie die Reise zahfen. — Piötzlidi fällt mir auf, wie ruhig 

idi angesidits. meines großen Ungtüd^s bleibe. — Daran sdiließt sidi 

eine Szene, in der idi sterbe, die idi hier aber auslasse, Idi will nur 

nodi hinzufügen, daß idi gerade im Begriff bin, mein Testament zu 

dißtierm, afs idj aufwade. Sofort sage idi mir: »Was für ein 

wundersdiönes Phantastegebilde! Idi muß es gleidi aufsdireiben, denn es 

ist ein glänzendes Beispiel für einen Gedankengang, der abwediselnd zum 

Bewußtsein aufsteigt und ins Unbev/ußte hinabsinkt. Eine vollständige 

Bestäti.^ung meiner Theorie, wie idi sie mir undeutlidi zuredifgefegr habe.c 

Die Analyse, A^v wir diese Phantasie jetzt unterwerfen wollen, solf 

von einem neuen Ge.sjditspunkt aus vor sidi gehen. Jetzt, wo wir in 

einem gewissen Ausmaß mit dem Anteil der Erinnerungstäiigkeit am 

vorbewußten Denken vertraut sind und mehr von dem Verbildlidiungs^ 




"Ober das vorbewuHre pha n t a s ie rcn de Den Iren 

Vorgang verstehen, wercfen tE^ir ätrcfi imsfande sein, die Medianlsmen der 
meisten Irrtümer,Uiis[nnIskeiteri und AbsurtlitätentferTagträumeaufz^dedten. 
Es fällt uns sofort auf, daß die Gcdan Renke ae fast durchwegs ihre 
fortlaufende Riditting beibehält und nur wenige Absdiveifungen vom 
Mittelpunkt des Interesses vorkommen. Trotz des Übcrreidiiüras an bifd.^ 
haften Erinnerungen, wovon wir einige Beispiele sdion vorher besprochen 
f^aben, ist, wie wir sehen, die passive Einstellung unseres Derjkens, die 
In anderen Tagträumen so auffällig war, Jiiei* kaum zu merfeen. Die 
sdiöpferSsdien Fäbig-fseiten sind von Anfang bis Ende in volier Tärigkelt, 
obwohl einige arge Irrtümer vorkommen. 

Wir braudien nidit näher auf die wiedererwedvTe Erinnerung an metfl 
Gesüdi an den Minister einzugehen. Wir wissen bereits, daß sie die erste 
widitige visuelle Halluzination in der Gedankenkette Verursadit^ und zwar 
die midi faszinierende Erinnerung an das Ffüdiren der Bevölkerung aus 
dem besdiossenen Dorf,- wir kennen ja aum die Rolfe, die sie in dem 
Gedankenabfauf spielt. Aber wir müssen uns etwas länger bei dem Film= 
stOdt aufhalten, das das Verhalten meines Kolle':ren den verwundeten 
Kindern gegenüber fdifldert. lA hatte diesen Vorfall nur in der Messe 
erzählen gehört, nidit wirkfidi mitangesehen. Trotzdem Ist die bildhaite 
Darstellung in meiner Phantasie ebenso lebhaft, als ob idi ihn miterlebt hätte. 
Es ist nidiit das erstemal, daß wir auf die Umserzung der 
wörtlidien Besdireibung eines Vorfalles in belebte Bilder 
stoßen. Diesmal wofleti wir den Vorgang aber grfmdÜdi untersudien. 

Wenn wir uns in die Details dieses Unglüdisfalfcs vertiefen, so 
merken wir, daß der ganze Sdiauplatz, auf dem die Handlung vor sidi 
geht, einfadi eine Wiederj;abe der Dorfstraße und der Häuser ist, wie 
sie mir aus der Wahrnehmung bekannt sind. ]<h sehe ganz deutiidi das 
Gesidit meines Freundes (ebenfalls ein Erinnerungsbild), aber nidit die 
Gesiditer der Kinder, die er tragt, idi erinnere midi audi mdit daran, 
diese je beaditet zu haben. Der Untersdiied swifdien diesem bildhaften 
Sehen und der Wiederholung vergangener Erlebnisse in belehren Bildern 
liegt nun darin, daß idi das Erinnerungsbild meines Freundes in die mir 
vertraute Umgebung versetze. Idi lasse die Handlung so stattfinden, wie 
er sie eraähhe. Der Sdiauplatz ist dieselbe Straße, von der erspradi. Meine 
Einbildungskraft legt ihm verwundete Kinder chne bcstin-mtc Perscnitd'jkeit 
in die Arme, er trägt sie und besdimutzt dabei seine Bluse mit BJut. 

Bevor wir zur nädisien Szene des Sdiaustüds über.^ehen, bemerken 
wir, daß zwisdien den beiden Verb.ldlidiungen eine in Worten ausgc- 



n. De r Inhatt der Gedan ken kett en g^ 

dvüdite Annahme eingesctoben ist: AVenn iA <lort ^e^resen 
jare hätte iA ein oder beide Beine verlieren können.« Der zweite Teil 
des Satzes sAIägt so das Then^a an, das meine Einbildungskraft dann 
m einer Aufeinanderfolge von lebenden Bildern ausführt. Audi hier stellt 
mir das Gedäditnis alle Hilfsmittel für die Szenerie zur Verfügung- den 
HeisAhauer mit seinen Werkzeugen, die Soldaten und die Sanitäter die 
JA taghdi vor mir sah die Feldambulanz, die Kenntnis, wie man in 
Faüen sdiwerer Verwundung erste Hilfe leistet usw. Meine sdiöpferisdie 
Kraft kann sich aüer GedaAtnisinhafte frei bedienen. <Wir werden später 
sehen daß siA hinter dieser Kraft ein WunsA verbirgt.) Dieses Mal ist 
sie aber niAt mehr an einen vorher niedergelegten Text gebunden. Sie 
sAreitet von Annahme zu Annahme, von einer Frage zur anderen fort, 
wie sie es auA m den früher analysierten Phantasien rat <die 
halluzmatonsAen hrinnerungen lassen wir vorläufig aus) 

Roll. ^TA ^"f f "'' 'i ?.'' ''i'^' ^"^'' ""' "^"^ ''^^ untergeordnete 
Rolle. lA verhalte miA hier niAt passiv und wende den optisAen Vor- 
spiegelungen fast gar keine Aufmerksamkeit zu. Mein inneres lA geht 
viel zu sehr im Handeln auf, um das SAauspiel als eine optisAe Wahr. 
nehmung aufzunehmen. Hier wird das Denken niAt von der BilderfoW 
taszm^ft ersAeint niAt ohnmäAtig oder psyAisA gelähmt, seiner Energie 
beraubt oder unfähig zu reagieren. Trotzdem fehlt aber jedz GefüWs^ 
betonung außer der Erregung, mit welAer der Fortgang der Handlung 
verfolgt wird und die eigentliA eine Besorgnis ist, daß irgend eine Vcr! 
zogerung des Ablaufs eintreten könnte: Besorgnis, ob der FleisAhauer 
H VI" ^'""^ d^s Messer bringen, der Soldat das ausgewundene 
HandtuA um meinen SAenkel binden, der Bote zum Feldspital eilen 
wirA Es ist dasselbe Gefühl, das iA immer habe, wenn iA eifrig sAreibe 
We^s^r '" ^^' ^^^^' vorauseilen, es ist eine Äußerung des 

Es fehlt aber dabei jedes Entsetzen über das sAredliAe Ereignis, 
jede Spur von Schmerz, jede FurAt, daß die SAwere der Verwundung 
meinen Tod zur Folge haben könnte. 

Während all dieser Vorgänge verläßt miA das intuitive Gefühl 
daß es siA hier nur um eine Phantasie handelt, daß es meine 
eigene Einbildungskraft Ist. die die SAauspieler auf die Bühne treten 
laßt und Ae Faden dirigiert. Erst am Ende der Phantasie, beim Diktieren 
meines Testaments verliert siA dieser Eindrud, so daß iA das Gefühl 
hatte, wirkliA im Sterben zu liegen. IA glaube, es ist auf diesen vdU 



7 



r 



98 Ober das v^orijewuflte phantasieremie Dceken 



I 



Itommenen Verlust des Vorbewußtseins zurückzuführen, daß idi beim 
Erwadien meinte, aus einem Nadittraum und nidit aus einer einfadien 
Phantasie »zu mir« zu kommen. Die Eindrüdte, die ein Tagtraum, und 
diejenigen, die ein Nadittraum hinterläßt, sind^ wenn sidK ihre Untere 
sdiiede audi nidit definieren lassen, für den aufmerksamen Selhstbeobaditer 
dodi absolut andere. 

Aber der Puppenspieler im Kasperltheatcr hat nur mit der Leitung 
des aufgeführten Stüdtes zu tun, wenn es audi den Ansdiein crwedit, 
als würde er das ganze Stück sdiaffen. Die Bilder und Handlungen 
werden ja durth einen Text bestimmt, dessen Rekonstruktion wir jetzt, 
da er nirfit sehr aufdringhdi wird, bei der Phantasie versudien wollen. 
Es ist aber nidits leiditer, als ihn aus dem oben angegebenen Text 
herauszulösen. Wir wählen zu diesem Versudi den ersten bildhaften 
Absdinia der Phantasie, der seinen Sdiauplatz auf der Straße vor dem 
Fieischerladen hat. Die Gedanken laufen darin wie folgt ; 

Wie, w^aa eines der Beine noch am Dann muß idi den Fleisdihauer um 

Stumpf hängt? sein Messer bitten. 

Wenn keine Saniläter in der Nähe Dann muß idi selbst alle Anordnungen 

sind, um mir Htife zu leisten? geben. 

Wenn der Blutverlust zu groß ist? Dann muß id» um ein Handtudi bitten 

und den Sdienkel absdinüren. 

Wenn sie midi nidit sdinell genug vom Dann muß idi einen Soldaten hin^^ 

Feldspita! holen kommen? sdiidien? 

Da dieser Teil der Beweisführung den Leser wirkÜdi zwingt, die 
Erinnerung an seine eigenen Phantasien zu Hilfe zu nehmen, um sidi 
die Szene, so wie idi sie sdiilderte, vorstellen zu können, will idi die 
Textrekonstruktion nodi bei einer zweiten Szene versudien, in der, wie 
bei dem eben besdiriebenen Blutbad, meine visuelle Assoziationstätigkeit 
zur Lösung eines vorbewußten Problems logisdi miteinander verknüpfte 
Bilder zu einem zusammenhängenden Ganzen aneinanderreiht. 

Nadi dem Gedanken ; »Idi muß an Mr. X. telegraphieren, daß er 
mir den Posten aufhebt, bis idn wieder gesund bin,« tritt wieder für eine 
Zeitlang Handlung an Stelle des wörtlidien Textes: 

Wie soll idi ohne Beine von einem Mr. X, hat ein Automobil- 

Ruhelager ins andere kommen? 

Und in London? Idi kann überallhin mit der Untergrunds 

bahn fahren. 



i 

j 



n. Der Indatl dtt Ge<dankenketten 



Aber kann einem Invaliden in den 
Untefgrundstationen nidt set^r leiAt 
etwas geschehen*? 

Und wenn der Zug mit einem Ruck 

anfährt? 

Und wenn keine Sitze frei sind? 

Ist dazu jeder bereit? 



Ich werde teim Einsteigen acfit geben, 

daß ich nidit bei der Spalte zwischen 

Waggon und Plattform mit meinen 

Krücken ausmtscfie. 

Dann muß ich mich anhaken oder 

niedersetzen. 

Dann muß ich jemanden bitten, daß er 

für mich aufsteht. 

Ja, ich erinnere mich, wie bereitwillig 

und achtungsvoll in London jeder den 

Kriegsinvalidcn Platz gemacht hat. 

Wir dürfen nicht vergessen, daß alle diese Vorgänge in lebhaften 
Bildern ersdieineh. Wir sehen auch hier wieder, daß der Gedächtnis Vorrat 
die Utensilien für den Schauplatz der Handlung beistellt, auf dem dann^ 
meine Einbildungskraft meine eigene Person hin und her bewegt. Auch 
hier fehlt jedes Schmerzgefühl und auch hier nähert sidi die Kette sdiritt^ 
weise der Lösung des Problems, das selbstverständlich durch das Denken 
aufgeworfen wurde/ dem Zufall wird dabei nidits überlassen. Die 
Assoziationen sind streng logisch miteinander verknüpft und die Reihen-« 
folge der aufeinanderfolgenden Glieder wird durdi die Denktätigkeit 
bestimmt, die sich hier aktiv, nidit passiv verhält. 

Die Wiedergabe der übrigen Teile des Tagtraumes in Frage« und 
Antwortform findet sich weiter unten. Wir können aber schon hier ein 
Merkmal der vorbewußten Gedankenbildung als charakteristisch hervot'^ 
heben, denn diese Rekonstruktionen beweisen uns, daß es im Vor be- 
wußten keinen prinzipiellen Unterschied bedeutet, ob 
das Denken vorwiegend in Bildern oder in Worten vor 
sidi geht. 

Nun möchte ich die Aufmerksamkeit der Leser auf einen anderen, 
ebenso wichtigen Punkt lenken. Wir kehren dazu noch einmal zu dem 
Teil der Tragödie zurjüci, in dem meine Verwundung geschildert wurde. 
Das auffallendste an all diesen Schreckensszenen ist, daß der Verletzte 
selber ungerührt bleibt und seine Anordnungen mit vollkommener Ruhe 
gibt. Was kann der Grund für dieses Fehlen des Affektes sein, daß so 
gar nicht zu der Erregbarkeit stimmt, die wir bei derselben Person beoh» 



^ ^ An dieser Stelle der Analyse CTinjiere lA tnfA, daß ich midi in der Phantasie 

in einem Rollstuht sitzen sah, der in den Lift gesdioben und von dort weiter auf den 
Perron tis 2U einer geöffneten Waggontür ge&hren wurde, 

7* 



über das vorbeimußte phantasiergcide Denkf:^ 



I 



adsten konnten^ wo es sldi um die "Wiederholung -wirklidier Erlebnisse 
handelte, bei denen jeder kleinste Affekt fast genau so wie im 
Wadileben verspürt wurde? Vielleidit finden wir die Antwort auf diese 
Frage in der Tatsadie, daß — ebenso wie ein Theaterdirektor, der audi 
über dem vollendetsten Spiel seiner Truppe nidit einen Augenblick: 
seine gesdiäftltdien Beredinungen vergißt — das Vorbewußte nie den 
Wunsdi aus den Augen verliert, der sidi hinter dem Spiel der Phantasie 
verbirgt. Gerade dieser Wunsdi ist es, weldier der Gedankenfolge ihre 
Riditung bestimmt. Idt greife dem nodi Folgenden mit der Mitteilung 
voraus, daß idi im Vorbewußten wünsdite, aus dem Heer entlassen zu 
werden und sogar bereit war, meine Beine dafür zu opfern. Bis zu dem 
Tag, der auf diese Phantasie fol^^tg/ war mir dieser Wunsdi aber nidit 
zu Bewußtsein gekommen. Und sogar hinter diesem Wunsdi verbirgt sidi 
ein nodi tiefer liegender; mein niemals ruhendes Streben nadi einer 
Professur. Idi hoffte nämlidi, daß idi für meine Dienstleistung im Ruhe- 
lager mit einer Professur belohnt werden würde, 

Bei der Flohphantasie sahen wir aud), daß die Fortführung der 
Gedankenkette auf den einfadien Wunsdi zurüd-Lging, das lästige Insekt 
auf irgend eine Weise los zu werden. Es wäre ein leidites, in jedem 
Tag träum die Wirksamkeit eines Wunsdies nadizuweisen, nur diejenigen 
Fälle ausgenommen, in denen das Vorbewußte halluzinatorisdien Erinne^ 
Hingen unterliegt. Eine Untersudiung dieser Frage wollen wir uns 
für später aufsparen. Vorläufig wollen wir diese Erörterung aber jeden- 
falls dazu benützen, uns zur Vervollständigung unserer früheren Ergebnisse 
eine kurze Übersidit über die Rolle zu versdiaffen, weldie der Erinnerungs^ 
tätigkelE und der Verbüdlidiung beim vorbewußten Denken zufallen. 

1, Wir lernten eine Menge von Beispielen kennen, bei denen Wort" 
Erinnerungen von isolierten visuellen Illustrationen begleitet waren <zum 
Beispiel das Bild des mein Gesudi lesenden Ministers^ das Bild meines 
Obersts etc.) 

z. Wir untersuditen Fälle, bei denen wörtlidi gedadite neue Begriffe 
von ähnlidien visuellen Elementen begleitet waren, ein Phänomen, das 
audi in der ktassisdien Psydiologie besdirieben wird. 

3- Wir besdiäftigten uns ferner eingehend mit jenen Erinnerungen, 
die, wie bei der Folkestone=Phantaste, nidit in Worten, sondern in Bildern 
auftaudien. Sie sind belebte Bilder und genaue Wiederholungen erinnerter 
Erlebnisse. An Ihnen lernten wir zum erstenmal verstehen, daß die 
zeitw^eiligen Halluzinationen die Ursadie des häufigen Absdiweifens vom 



P 



U. Der Inhalt der Gedanken ketten 



Thema des vorSev/ußten Denkens sind- Die Affekte kommen dabei 
etwa in der Stärke wieder, die sie bei der ursprünglichen Wahr= 
nehmung hatten. 

4, In der Verbildlidiung der wörtlichen Erzählung, in der gesdiUdert 
wird, wie mein Freund verwundeten Kindern Hilfe leistet, treffen wir 
zum erstenmal auf eine neue Abart, Die Anordnung der Handlung auf 
dem Sdiauplatz bleibt hier der Einbildungsltraft überlassen, sie ist aber, 
trotzdem der den Vorgängen zugrunde liegende Text häufig im 
Hintergrund bleibt, dodi an ihn gebunden. 

Von Affekten nehmen wir dabei nichts wahr, obwohl an der 
Beziehung der Phantasie zur ursprünglidien Szene kein Zweifel ist, 

5. In den beiden zuletzt untersuditen Beispielen treten die Worte 
ebenfalls nidit in den Vordergrund, trotzdem arbeitet die Einbildungskraft 
aber so, als ob sie einen Text zusammenstellen würde. Der Ablauf ist 
nidit mehr automatisdi und die Erinnerungstätigkeit erlangt in keiner 
Weise die Herrsdiaft, Der vorbewußte Wunsdi dirigiert die 
Aufeinanderfolge der Assoziationen und jedes neue Filmstütk läßt sich 
mit einer neuen, in Worten gedaditen Annahme, Frage oder'Äntwort in 
der Gedankenkette vergleidien. In diesem Fall kann man mit Redit sagen, 
daß wir in Bildern denken, wie es z, B. die Maler von Natur aus tun 
und ebenso die höheren Tiere, denen die Spradie fehlt. Audi hier stellt 
das Gedäditnis das Material für die Bilderfolge zur Verfügung, 

Affekte werden mit Ausnahme der Erregung, diz die sdiöpferisdie 
Tätigkeit mit sidi bringt, gewöhnlidi nidit dabei verspürt. 

Wir sind durdi diese Erörterung von unserem ursprünglidien 
Vorhaben abgewidien, haben, uns aber dabei gleidizeitig unserem Endziel 
um einen Sdiritt genähert. Nehmen wir jetzt die Untersuchung wieder 
auf, aus der wir die Ursadien der mannigfaltigen Denkfehler, die sidi 
das Vorbewußte zusdiulden kommen läßt, zu erfahren hoffen. Es wird 
wohl niemand bestreiten, daß der auffälligste Mangel des vorbewufiten 
Denkens seine Sprunghaftigkeit ist, die launenhafte Unbeständigkeit, mit 
der es von einem Thema zum anderen übergeht. Wir wollen deshalb zu 
allererst nachprüfen, ob uns die vorige Analyse wirklidi alles Wissenswerte 
über die Ursadien der Riditungsänderungen in den vorbewußten Gedanken^ 
gangen gelehrt hat. Wir erinnern uns, daß äer vorige Tagtraum 
versdiiedene, miteinander zu einer Kette verknüpfte Wünsdie behandelte 
und daß jedem Übergang von einem Teil zum anderen ein kurzes 
selbständiges Strömen von Erinnerungen entspradi. Nun habe iS sdion 



I 



angedeutet, daß im Gegensatz dazu der jetzigen Phantasie ein einziger 

Wunsdi, mein unbewußtes Streben nach der ersehnten Professur, zugrunde 

liegt, Ist also bei dieser Assoziationsreihe kein ABsdiweifen der vorbewußten 

Aufmerksamkeit zu beobaditen? 

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir die ganze 

Phantasie auf ihre einfadiste wörtlidie Ausdrudtsform zurüdiführen und 

diese, wie früher, sdiematisdi darstellen. Die wörtlidie Wiedergabe lautet 

etwa wie folgt; 

Gedankenkette. 

Eine laEig ausgesponnene Erinnerung, in der die Abfassung des an den 

Minister geriditeten Gesudies teilweise verbildlidit wieder auftaudit. Aus ihr 

iahre idi mit der Frage auf: 

L Tdt. 

I. Wird ihn nidit der Satz: i. Ja, denn es ist ja wahr, 

»Da idi kaltblütig und energisch genug 

bin, um meine Forsdiungsarbcit mitten 

im Kanonendonner und Granatfeuer 

fortzusetzen etc« veranlassen, mein 

Gesudi zu bewilligen? 

Daran ansAließend verfalle idi einer zweiten Halluzination, während 
der vor meinem geistigen Auge die Erinnerung an die Fludit der ZiviU 
bevölketung aus dem besdiossenen Dorf vorüberzieht. Daran knüpft sidi 
sofort eine andere Halluzination, in der idi die Erzählung von den 
Erlebnissen meines Freundes (Hilfeleistung bei den durdi die Besthießung 
verwundeten Kindern) in ein lebendes Bild umsetze, bis sdiließlidi der 
Gedankengang tm Ansdiluß an die letztere Szene fortgesetzt wird. 



IL Teil. 



2. Was wäre gesdiehen, wenn 
idi dort gewesen wäre? 

7. Wie wenn eines der Beine 
nodi am Stumpf hängen würde? 

4, Wenn keine Sanitäter in der 
l^ähe wären, um mir Hilfe zu leisten? 

5, Wenn der Blutverlust zu 
groß wäre? 

6, Wenn sie midi aus der Qber= 
füÜtenFeldambulans nidit sdinell genug 
holen kämen? 



z. Id» hätte ein Besn oder beide 
verlieren können, 

■3, Dann müßte ich den Fleisdi- 
hauer um sein Messer bitten. 

4. Dann müßte idi selbst alle 
A-nordnungen geben, 

5- Dann ■ müßte idi um ein 
HandtuA bitten und den Sdienkd 
ahsdmüren. 

6. Dann müßte lA einen von 
den umstehenden Soldaten hinsdiidten. 



II. Der tnttatt der Gedanhenketten 



103 



Hier muß das Wort FeI<JambuIanz, in ähnHAer Weise wie es 
beim wörtüdien Denken eine äuRerlidie Assoziation tut — wir haben 
dafür sdion früher den Namen Gesiditsassoziation gefunden — ' das Bild 
des wohlbekannten Feldsprtals in mir erwedtt haben, denn idi sehe midi 
plötzlid» auf einer Tragbahre im dortigen Äufnahmszimmer liegen, wo 
idi sdion so viele arme Verwundete liegen sah. Die Annahmen und 
Antworten \yerden jetzt in der veränderten Umgebung fortgesetzt, gehen 
aber wie bisher von derselben vorbewußten Absidir, nämlidi mein Leben 
zu retten, aus <es ist ja nur der Wunsdi entlassen zu werden und nidit 
der Wunsdi zu sterben, der midi in der Phantasie dorthin versetzE>. 
Wir können also hier nicht von einem neuen Filmabschnitt sprechen. 
Die ganze Situation unterscheidet sich auch stark von ähnlichen neuen 
Abschnitten bei der vorigen Phantasie/ vor allem wird das Thema nicht 
wie dort gewechselt, wo ich von meinen Bedenken wegen der Reise 
nach B. plötzlich zu kleinen Schulsorgen und von diesen wieder pi 
Gedanken an meine Arbeit etc. überging. Hier behalten wir das alte 
Thema bei,- verändert wird nur die Umgebung. 



Zum Doktor: 

7. Werde idi davonkommen, 
wenn meine Stimmung so gut ist? 



8. Werde Idi in das Offiziers-^- 
zimcier kommen? 

9, Wie soll idi mir die Seit 
vertreiben ? 

to. Weldie Budier soll idi mir 

kommen bssen? 



7. <Per Wortlaut der Antwort, 
die idi dem Doktor, einem Freunde 
von mir, in den Mund lege, ist mir 
abhanden gekommen. Daß idi an 
beide Eventualitäten der Antwort 
dadite, zeigt Nr. z^,} 

S. Es ist eine positive Antvtrort 
vorauszusetzen, denn idi befinde midi 
gleidi darauf .dort, 

9. Mit meiner Arbeit. 



10, Idi gebe diesbezüglldie Äuf^ 



träge. 



Hier läßt midi meine Einbildungskraft der Ordonnanz folgen, die 
In mein Quartier geht, um, meinem Auftrag gemäß, versdiiedene Büdier 
zu holen/ glddi darauf sehe idv mein Zimmer und meine kleine Bibliothek 
vor mir etc. Die Erinnerungstätigkeit hat wieder einmal Gewalt über 
mein Denken bekommen, Nadi Abbruch dieser kurzen Halluzination 
ertappe idi midi auf dem Gedanken, daß idi hier wieder sdiÖpferlsdi 
tätig bin. Idi werde weiter unten auseinandersetzen, auf weldiem Wege 



r 
I 



104 



über das vorbewußte pbantHsiercn de Denlien 



das Erinnerungsbild der BüdiCf in meinem Quartier zu Gedanken an 
meine Bibliothek zu Hause und von dort zu der nädisten Frage 
überleitete: 



11. Werde ich weiter unterricfiten 
können, wenn idi wEeder gesund bin ? 



H. Dazu brauche ich meine Beine 
;a ni<bt. 



}et2t, bei der Analyse, fällt mir ein, daß idi an dieser Stelle eine 
neuerlidie kurze Halluzination hatte, während der idi midi in einem 
Zimmer meiner alten Sdiule in Gent auf einem Sessel vor der Klasse 
sitzen sah. Idi kann midi allerdings nidit mehr erinnern, wcldie Erinnerungen 
sidi nodi daran ansdilossen, wir wissen aber Jetzt sdion genug von den 
Halluzinationen, um sldier zu sein, daß diese Erinnerung sdiuld an der 
Riditungsänderung ist, die, wie wir an der nädisten Frage bemerken, 
hier stattfindet. Aber ebenso wie es audi bei der vorigen Phantasie 
zweimal der Fall war, ist der Erfolg der Riditungsänderung einfad» eine 
Anknüpfung an ein früheres Glied der Gedankenkette, Idi kehre zum 
Spitalszimmer zurüdt und assoziiere zu der neunten Frage: »Wie soll 
idi mir die Zeit vertreiben?« auf folgende Weise: 



11, Wird midi mein Stbwager 
besudien kommen? 

13, Wie soll idi ihm zeigen, daß 
iA nidit niedergesdilagen bin? 



12. Ja, und er >ffird mir, wie 
gewöhnlidi, Zigaretten mitbringen. 

13. »Ik heb myn beerten gegeven 
voor'tvaderland«, <VIämisdi für; »Id> 
habe meine Beine für das Vaterfand 
geopfert.«) 



An dieser Stelle fand eine Gehörsassoziation statt, denn während 
idi in meiner Piiantasia auf soldie Weise antwortete, bemerkte idi plötzlidi 
meine kindisdie Absidit, einen theatralisdien Effekt hervorzubringen. Es 
fiel mir, als idi midi diese Worte spredien hörte, auf, daß die Kranken- 
sdi wester, die von uns abgewendet, mit einem anderen Patienten 
besdiäfhgt war; sicfi beim Anhören dieses Satzes, von dem idi eine so 
große Wirkung erwartet hatte, nidit einmal umdrehte oder audi nur den Kopf 
hob. Sdiließlidi erinnerte idi midi, dal) sie als Engländerin ja kein Vlämtsdi 
verstehen konnte und bildete daraufhin den nädisten Satz in Worten 
ohne irgend wcldie Verbildlidiung : »Idi sollte das lieber französisdi 
sagen.«? Und idi wiederholte in der Phantasie den Satz auf französisdi. 
Wir werden später nodi auf diesen eigentümlidien Zug zurüdkommen. 



Gewußte phantasierende Dll^k^ 

Büdier in meinem Quartier zu Gedanken am 
use und von dort zu der nädisten Frage 



erriditen 
ind bin ? 



11. Dazu braudic idi meine Beine 
ja nidit. 



e, fallt mir ein, daß idi an dieser Stdfe eine 
tion hatte; während der idi midi in einem 
le m Gent auf einem Sessel vor der Klasse 
Erdings nidit mehr erinnern, weJdie Erinnerungen 
, wir wissen aber jetzt sdion genug von den 
2u sein, daß diese Erinnerung sdiuld an der 
wie wir an der nädisten Frage bemerken, 
ISO wie es audi bei der vorigen Phantasie 
ier Brfoig der Riditungsänderung einfaA eine 
■es Ghed der Gedankenkette. Idi kehre zum 
issoziiere zu der mumen Frage: »Wie soll 
« auf folgende Weise: 



iwager 
n, daß 



12. Ja, und er wird mir, wie 
gewöhnlidi, Zigaretten mitbringen, 

1?. »Ik heb myn beenen gegeven 
voor'tvaderland«, <Vlämisdi für; »16 
habe meine Beine für das Vaterland 
geopfert.«) 

eine Gehörsassoziation statt, denn während 
oldie Weise antwortete, bemerkte idi plötzlidi 
m theatrahsAen Effekt hervorzubringen Es 
^orte spreAen hörte, auf, daß die Kranken^ 
abgewendet, mit einem anderen Patienten 
nho^ren dieses Satzes, von dem idi eine so 
nidit emmal umdrehte oderaudi nur den Kopf 
nidi <laß sie als Engländerin ja kein Vlämlsdi 
e daraufhin den nädisten Satz in Worten 
lidiung: »Idi sollte das lieber französisdi 
tn der Phantasie den Satz auf französlsdi. 
^ diesen eigentümlidien Zug zurüdkommen 




Sdieitiatisdie Darstellung 



2, Teil Wenn ich verwundet worden wäre, wäre ich 
vielleicht entlassen worden oder . . . gestorben. 



/ 



Wenn ich meine Beine verHeren würde 



21^ Um einen Sitz bitten 

A 



^ 2D# Anhalten beim 
Anfahren 



das Fleischermesser 



selbst die Anordnungen geben 



das ausgewimdene Handtuch 



F. Im Aatomobil 17a Im Automobil herumfahren 



X einen Soldaten zur Feldambulanz schicken 



18ä Telegraphieren, daß man mir 
meinen Posten aufhebt 



B. Im AnfnalmastiHimer ^s^ Werde ich davonkommen? 



}f '55#' Wenn sie mich aber nicht entlassen? ' \n 

/__/ ^__.„„^ ..._^„ L 





^. 



sf 19^ Achtgeben beim 
^ f Einsteigen 



^' 18 • I" ^'^'^ Untergrund- 
bahn fahren \ 



\ Werde ich in das Offiziers- «^ ^^^® Telegramm an meine Frau 



■ä3^ Mein prahlerischer Ausspruch 

1^ Mein Schwager wird mich 
besuchen kommen. 



Eine Ordonnanz um die Bücher schicken. 



\ 

> I. In der CartUff 

' High School 



'^t 



',22 
In der Hittel- _jg^ 
schule in Gent 



Wie soll ich die 



7 De»- iVIinister wird mein Gesuch bewilligen 



20, 



Testament 




2Q_ Verzögerung durch 
Freibilletts 



Telegramm ; 
meine Frau 



an y 

27^Ü Kostenlos? 



™ p- 

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1 f 
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/ 
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Werde ich davonkommen? 






VIJ/ 

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m Klasäenzimmer 


rauchen 






Treppen steigen? 











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11. Der In'fialtderGeJankenkctten «>> 



Der Anblid meines Sdiwagers läßt midi an meine Frau denken: 

14, Was soll idi meiner Frau 14, Sorge didi nidit. Idi werde 
tefegniphieren? bald mit einer Auszcidinung entlassen, 

15. Wenn sie midi aber gar 15, Keine Antwort, 
nidit Entlassen und sagen, daß idi von 

meinem Quartier zum Amt nur ein 
paar Sdiritte zu gehen habe? 

Statt einer Antwort sehe idi in einer kurzen HaHuzination "die 
Dorfstraße mit meinem Quartier und meinem Amtslokal vor mir liegen 
und meine freiströmenden Gedanken zeigen mir, während idi die Entfernung 
zwisdien beiden ahsdiätze, midi selber als Invaliden, mühselig von dem 
einen Punkt zum anderen humpelnd. 

In diesem Fall verursadit die Halluzination aber kein Absdiweifen 
vom Thema, Ihrem Absdiluß folgt eine Überlegung, wie sie audi im 
Wadlieben gebräudilidi ist; »Was für ein Unsinn!« Hier fällt mir die 
Absurdität der Annahme auf. Es ist dies das zweitemal, daß wir auf 
eine Äußerung der bewußten kritisdien Denktätigkeit stoßen. Wir 
bemerken audi, daß trotz des vorübergehenden selbständigen Strömens 
der Erinnerungstätigkeit der Mittelpunkt des Interesses nidit versdiobcn 
wird. Idi bin zu einem Sdiluß gekommen, der Ausruf sdiließt eine 
Antwort in sidi ein und die Assoziationskette geht ohne Störung weiter : 

lö. Was soll idi tun, damit man 16. Mr. X. benadiriditigen. 

mir meinen Posten aufhebt? 

17- Wie soll idi ohne Beine von 17. Mr. X. hat ein AutomohiL 
einem Ruhelager Ins andere kommen? 

18. Und in London? ,8, Mit der Untergrundbahn- 

19. Aber kann einem Invaliden in 19, Ich werde adit geben etc. 
den Untergrundstationen nidit sehr 

leidit etwas gesdiehen? ' 

20, Und wenn der Zug mit 20. Idi werde midi anhalten oder 
einem Ruck anfährt? niedersetzen, 

21, Und wenn keine Sitze frei 21, Dann muß idi jemand bitten, 
^'^'^ ' für midi aufzustehen. 

In diesem Augenblids setzt eine neue Halluzination ein, an der idi 
anfangs aktiv beteiligt bin: Idi sehe, wie ein Miifahrender, den idi um 
seinen Sitz gebeten habe, bereitwillig aufsteht und bemerke die halb 
mitleidigen, halb bewundernden Bilde, mit denen die Passagiere Im Abteil 



tod über das vorbeij^nRte phantasierende Denken 



auf meine Prothesen, meine zwei Stöcke^ und meine Auszeichnung 
sdiauen. Dabei muß idi unmerklidi dadurA in die Passivität übergeglitten 
sein, daß die Erinnerung an eine tn der Untergrundbahn erlebte Szene 
vor mir auftaudite. Nadi Abbrudi der Halluzination zeigt sidi, daß der 
Gedankengang eine Wendung zu einem bereits in Frage ii angesdilagenen 
Thema vollzogen bat, 

22. Läl)t sidi in der Sdiule das 22. <Idi sehe mid» diese Treppen 

Treppensteigen vermeiden? hinaufsteigen,) 

zj. Wertte idx in der Pause hin- 23, Nein, id» werde im Klassen^ 

untergehen müssen, um wie gewöhnüdt zimmer raudien. 
meine Zigarette zu raudien? 

Bei Frage 22 sehe idi, wie tdi in einem Rollstuhl bis zum Treppen^ 
aufgang meiner alten Sdiule in Gent gefahren werde. Bei der nädisten 
Frage raudie idi in einem Klassenzimmer der CardifF High Sdiool, in 
der ich einige Monate lang, ehe idi zum Heeresdienst zurüAkehrte, 
moderne Spradien unterriditete. Das beweist, daß das Denken, wenn es 
mit Bildern statt mit Worten arbeitet, trotzdem versdiiedcne MogMkeiten 
nebeneinander aufstellen kann,- sonst müßte uns ja das aufeinander^ 
folgende Auftaudicn der beiden Sdiulen als ein unerklärlidier Unsinn 
ersdieinen. 

Das Erinnerungsbild der CardifF High Sdiool gab Anlaß zu einer 
weiteren halluzinatorisdien Erinnerung, aus der idi teilweise, und zwar 
so weit erwadite, daß idi erinnere, midi in diesem AugenbÜdt von der 
redeten auf die linke Seite gedreht und gedadit zu haben : »Idi bin jetzt 
mit einer indifferenten Gedankenkette besdiäftigt, idi darf sie nidit mehr 
abbredien und aufsdireiben, sonst sdilafc idi heute Nadit überhaupt 
nkfit ein.« Gleidi darauf kehrte die halluzinatorisdie Erinnerung an das 
Feldspital und den amerikanisdien Arzt wieder und wendete meine 
Assoziationskette zur Frage 7: »Werde idi davonkommen?« zurüdt. 

Die nädisten Fragen gehen von der entgegengesetzten Annahme 
aus, nämtidi von der, iia^ idi meinen Verletzungen erliegen werde. 

24, Werde idi davonlcommen ? 24. (Es wird eine negative Ant= 

Idi bin stark gznug, die Walirheit wor! vorausgesetzt.) 

zu ertragen und mödite Vorkehrungen 
treffen, im Falle idi sterben muß. 

' Den Widerspmdi zwischen diesen zwd Stödcen und den früher erwähnten 
KffidEen \Terdc idi später aufklären. 



25- Wie soll iA es meiner ■ 2j. <Dcr erste Teil des Textes ist 

Familie telegraphieren? mir abhatiden gekommen/ der zweite 

Teil enthält Anweisungen für die Er» 
langung von Freibilletts zur Reise,) 

26. Werden sie diese Billetts 26. Es wird eine arge Ver^ 
sdinell bekommen? zögerung bedeuten. 

Hier können wir wieder eine Erinoerungsassoziation beobaditen: 
erst jetzt sehe lA in meiner Binbildung an dem Gesiditsausdrudc des 
mir befreundeten Arztes, daß es ihn überrasdvt, aus dem Telegramm-^ 
text meine besdiränkten Verhältnisse zu erfahren. Das bringt mir die 
Erinnerung an meine Armut zurück, die wieder und wieder in meinen 
Phantasien aufräumt und für die der an den Doktor gerichtete Satz : »Ja, 
Sic haben keine Ahnung, wie sehr wir vom Krieg betroffen sind,« der 
wörtliche Ausdruck ist. 

Diese Erinnerung lenkt midi aher von dem Thema, »der 
Verzögerung, weldie durdi das Einreichen um Freibilletts entstehen 
kann,« ab und wendet den Gedankengang zu der vorhergehenden 
Frage, den Reisekosten, zurück : 

27. Kgnnen Sie ganz kostentos 27. Sie müssen von Calais an 
herkommen? zahlen. 

Daran sdiließt sich eine Überlegung, bei der idi, wenigstens so 
weit meine Aufzeichnungen reichen, keine Verknüpfung mit der vorher- 
gehenden Antwort auffinden kann. Idi dachte nämlich in Worten: »Es 
fällt mir auf, wie ruhig idi angesichts meines großen Unglüdcs bletbc.« 
Die Erklärung für diesen Mangel an Verknüpfung werde ich weiter 
unten geben. 

Daran schließt sich eine Szene, in der ich sterbe: 

28. Wie wenn ich vor ihrer 28, Ich muß mein Testament 
Ankunft sterbe? diktieren, 

Und idi erwache aus meiner Phantasie, während idi im Diktieren 
begriffen bin. 

Wir sind jetzt imstande, dieses Gedankengebilde sdiematisdi 
darzustellen, treffen hier aber auf eine Schwierigkeit, mit der wir hei 
dän früheren Sdiema nidit zu kämpfen hatten. Bei dem früheren 
Tagtraum war jedes Ausspinnen einer Erinnerung von einer so aus^f 
geprägten Riditungsänderung gefolgt, daß das Thema, mit dem idi 



io3 



Über das vorbewußte phantasierende Denken 



vorher besdiäftigt gewsen war, durdi ein neues, damit verknüpftes 
ersetzt wurde. Hier dagegen bleibt mit einer einzigen Ausnahme die 
ganze Zeit über das gleidie Problem im Vordergrund. 

Hier greifen die halluzinatorisdicn Erinnerangen nidit so tief in 
den Ablauf der Cedankenkette ein, Sie leiten nur eine neue Richtung 
m der Untersudiung ein und in einem Fal! <zwisdien 6 und 7) 
ist überhaupt kein UmsdiT^ung zu bemerken. Um dieser neuen SAwierig- 
Tjt.^^' sdiematisdven Darsteflung gerecht zu werden, veransdiaulidic 
idi die beiden Hauptstüde der Gedankenkette durA zwei Welfenlinien, 
die durtii eine Haüuzination voneinander getrennt und miteinander ver~ 
Dunden werden. 

In dem am Sdiliiß des Bandes folgenden Schema habe idh die 
Verknüpfungen, die durdi das selbständige Strömen der Etinnerungs^ 
tätigkeit hergesteift i«rerden, mit punktierten Linien bezeidinet und mir 
römisdien Ziffern numeriert, 

Der erste Punkt, auf den idi aufmerksam madien mödite, ist, daß 
von den neun Unterbrediungen im Ablauf der Gedankenkette, die 
durdi die Passivität meines Vorbewußten während des Strömeng der 
Erinnerungen entstehen, nur eine einsige, die zweite, Anlaß zur 
Einführung eines ganz neuen Themas gibt. Dieser Fall ist uns aus der 
vorigen Analyse, wo er viel öfter vorkam, bekannt. 

Ferner mödite ich auf die fünfte Gedankenabschweifung hinweisen, 
nadi deren Äbbrudi Überhaupt keine Riditungsanderung in der Kette 
zu bemerken war. Wir sdiließen aus ihr, daß das mit dem Strome 
der Ermnerung Treiben nidit immer von einer, Riditungsanderung der 
Assoziationskette gefolgt werden muß. 

Wir braud^en uns mit diesen beiden Unterbrediungen, der zweiten, 
nadi der ein ganz neues Thema eingeführt wird, und der fünften, bei 
der die halluzlnatorisdie Erinnerung keine Riditungsanderung hervorruft, 
nidit weiter zu beschäftigen. 

Bei den sieben anderen Unterbrediungen erfolgt jedesmal eine 
kleine Richtungsänderung, über die wir einige Worte verlieren wollen ,- 
wir sehen hier zum erstenmal, daß eine vorbewußte Gedankenkette zu 
einem verlassenen Einfall iurüdtkommen, etwas beiseite Gesdiobenes 
wieder aufgreifen kann. 

In der 9, Frage überlege idi, wie idi mir die Zeit vertreiben 
soll, solange idi ans Bett gefesselt bin. Daraufhin gehen die Assoziationen 
zn meinen Büdiern und der Wiederaufnahme des Unterridites nadi der 



Wiederherstellung meiner Gesundheit über. Aber in der 12. Frage, 
nadh der dritten Halluzination, kommt die Gedankenkette auf das Problem, 
womit idi mir die Zeit vertreiben soll, zurüdt und entwidielt es nadi 
einer anderen Riditung hin : der Besudi meines Sdi wagers, etc. 

Dasselbe Phänomen fällt uns audi auf, wenn wir die Fragen 
Nr, 11 und 22 miteinander vergleidien: in t\ denke irfi an die 
Ausübung meiner Berufstätigkeit, desgleidien in zz nadi Abbrudx einer 
Halluzination. 

Wir können den gleidien Vorgang sogar nodi ein drittesmal 
bcobaAten, und zwar bei den Fragen Nr. 7 und 24. Bei sieben frage 
idi midi, ob idi wohl davonkommen werde und setze eine bejahende 
Antwort voraus. In Frage 24, nadi der sedisten HaKuzination, kehre 
idi zu dem gleidicn Thema zurüdt, diesmal aber unter Voraussetzung 
einer negativen Antwort und entwidcle die Assoziationsfeihe nach einer 
ganz entgegengesetzten Riditung hin. Sie endet jetzt mit einer Sterbe« 
szene, statt wie früher mit einer Sdiilderung meiner Wiederherstellung 
und der Wiederaufnahme meiner Berufstätigkeit. 

Wenn wir die Absdiweifungcn jetzt von diesem Standpunkt aus 
betraditen, kommen sie uns nidit mehr so merkwürdig und unverständlidi 
vor, wie bei unserem ersten Zusammentreffen mit ihnen. Dieses Gefühl 
einer verhältnismäßigen Vertrautheit ist wohl darauf zurückzuführen, 
daß ein ähnlidier Vorgang audi in unserem wadien Denken eine 
Rolle spielt. 

Um diese Analogie klarer zu madien, will idi zuerst einige Beispiele 
anführen, wie sie wohl jeder sdion im alltäglidien Leben beobaditen 
konnte und daran die Analyse einer an mir selbst gemaditen Beobaditung 
ansdiließen. 

Bei der Jahresversammlung eines Wohltätigkeitsvereines, bei dem 
id» Mitglied bin, entstand eines Tages eine lebhafte Diskussion, beinahe 
ein Streit, weil eine kleine, aber sehr energische Minorität für Ablehnung 
eines Vorsdilages war, der den ganzen Charakter des Vereines von 
Grund auf verändern sollte. Führer dieser Minorität war ein junger 
Politiker, von Beruf Gesdiäftsreisender, der im Rufe eines gtiten Redners 
stand, obwohl er seine Sdiulbildung sehr vorzeitig abgcbrodien hatte. 
Dieser Mann hielt nun eine sehr fließende, außerordentlidi wortreidie 
Rede, die anderthalb Stunden in Anspruch nahm. Nadi der ersten halben 
Stunde aber kam er, ohne es zu wissen, nicht in der früheren Reihenfolge, 
SDndem aufs Geratewohl, unaufhörlich durdi äußerlidie Assoziationen 



r 



'^ Qber das vorbewüfite phantasierende Denken 



auf Punkte zurück, die er bereits vorher ausgeführt hatte, und zwar in 

einem solAen Maße, daß sogar seine eigenen Anhänger sdiließfidi 

merkten, daß er sidi im Kreise drehte und daß er seihst die 

eifrigsten .Verfedjter der freien Rede zur Verzweiflung kaAte. 

Audi die einfältigsten Zuhörer merkten sdih'eßüdi, daß er sidi 

unaufhörlidi wiederholte und, sdieinbar zusammenhanglos, von dem einen 

Punkt auf den anderen übersprang. Wie idi nadiweisen werde, übersetzte der 

Mann, der zu keinem Sdiluß kommen konnte, einfadi eine vorbewußte 

Gedankenkette mit aü ihren Denkfehlern und Sinnwidrigkeiten in Worte, 

ohne daß er es merkte, denn er hörte sidi ja nidit selber spredien und 

hatte aiidi während der Rede keine Zeit zur Überlegung. Später fiel mir 

auf, daß sidi dieselbe Ungereimtheit, wenn audi in geringerem Grade, in 

vielen Anspradien von Volksrednern wiederfindet. Sie lassen in ihren 

Reden die Sprunghaftigkeit der vorbewußten Gedankenbifdung zutage 

treten, da sie während d^s Sprediers vorbewußt denken, die Vorgänge 

in ihrem Vorbewußten einfadi in Worte umsetzen und nidit die Fähigkeiten 

des höher kultivierten Redners besitzen, der es versteht, du rdi Vorbereitung 

Ordnung in seine Gedanken zu bringen oder den eine wirfclidie Inspiration 

vor überOüssigen Absdiweifungen bewahrt. Dieses Beispiel zeigt uns 

jedenfalls, daß jeder, dem sidi die Gelegenheit bietet, einem ungebildeten 

Volksrcdner zuzuhören, audi etwas über die Ungereimtheit und Sprung- 

haftigkeit unserer Tagträume erfahren kann. 

Der häufige Wediscl des Themas, die Absdiweifungen und Wieder- 
holungen, die sidi in unseren Phantasien finden, taudien audi in den 
Briefen Ungebildeter wieder auf. Und sogar Gebildete nehmen sidi in 
ihren Gesprädien die Freiheit, ohne Übergang von einem Gegenstand 
auf den anderen zu kommen, und reihen so die versdiiedenartigsten Dinge 
aneinander. Wir sagen, sie »kommen vom Hundertsten ins Tausendste«. 
Sie lassen sidi dabei von äußerÜdien Assoziationen leiten <» übrigens«) 
und bedienen sidi aller Mittel, die — wie wir gesehen haben — der 
vorbewußten Gedankenbildung zur Verfügung stehen,, bei jedem Thema* 
wedisel aber stehen sie unter dzm Einfluß irgend einer plötzlidi auf- 
gctauditen Erinnerung, die von ihnen sofort weiter ausgeführt wird, 
ein Vorgang, der uns stark an die vorbewußten Gedankenassoziaiionen 
erinnert. Der Hauptuntersdiied zwisdien beiden liegt darin, daß im Wadi- 
leben dles^ Erinnerungen nidit bildhaft sein müssen, sondern audi einfach 
in Worten auftaudien können/ allerdings nur ein Graduntersdiied, auf 
dessen Besprediung wir nodi später zurüdkommen werden. 



IL Der Inhalt der Gedankcnlcettcn 



I 



Wenn wir versudien würden, eine soldie Unterhaltung sdiematisdi 
darzustellen, so würde der Gang der Gedanken dem Gcdankenablauf 
unserer beiden früheren sdiematisdien Darstellungen vollkommen gleichen. 

Meine vorbe^yußten Gedankenketten ähneln dem Stil der Ungebildeten 
nodi in einer anderen Beziehung. Es ist uns aufgefallen, daß die Ver= 
bindung der einzelnen Sätze durdi die Konjunktion »und« hergestellt zu 
werden pflegt, ebenso wie audi das einfadie Volk es bei seinen Gesprädien 
gerne tut, Audi jede Frage in der Assoziaiionsreihe kann auf diese 
Weise eingeleitet werden, ohne daß der Bindrutk, der dadurdi entsteht, 
ein befremdender wäre. 

Als letztes alltäglidies Beispiel mödite idi nodi den kindlidien Stil 
anführen. Wir wissen, daß es eine der widitigsten Aufgaben des Lehrers 
ist, seinen Sdiülern beizubringen, daß sie beim Sdireiben eines Aufsatzes 
nidit zum nädisten Punkt übergehen dürfen, ehe nicht alfes Wissenswerte 
über den ersten Punkt gesagt ist und daß sie auf ihre Verknüpfungen 
und Übergänge aditen müssen, wenn ihre Arbeit den Eindrudc eines 
zusammenhängenden Ganzen erwedien soll, 

Idi sdiließe hier nodi eine kleine Beobaditung an, die uns die 
Gedankenassoziationen während des Wadilebens auf psychoanalytisdiem 
Wege erklären soll. 

Idi fahre auf der Bahn. Mein Freund R. sitzt mir gegenüber und 
wir unterhalten uns leise über das Thema, das idi in dem. vorliegenden 
Bud) behandle. Idi bin gerade dabei, ihm zu erklären, warum er beim 
Betreten des Stationsgebäudes seine Fahrkarte in die falsdie Tasdie 
gestedtt hat und sie nadiher nidit finden konnte/ sein zweites Idi wollte 
nämlidi lieber nadi Paris fahren statt midi zu begleiten. In einem 
bestimmten Augenblidt kann idi midi plötzlidi nidit mehr erinnern, was 
ich eigentlidi gagen wollte, und mein diesen Theorien gegenüber nodi 
immer ungläubiger Freund, fragt midi halb spöttisdi: »Wie erklärst du J 
das Vergessen deiner Absidit in diesem Fall?« ' f 

Mir Ret die Erklärung blitzartig ein, obwohl idi denselben Umstand 
vorher gar nidit beaditet hatte: während der Unterhaltung mit ihm hatte 
idi bemerkt, daß unsere beiden Nadibarn, zwei berühmte Maler wie lA 
später erfuhr, meinen Ausführungen über die FehJhandlung und das 
vorbewußte Denken zuhörten,- das hatte mir den Anlaß zur Absdiweifung 
meiner Gedanken gegeben. Idb hatte nämlidi in dem kurzen Zeitraum, 
der zum Ausspredien des Satzes, den idi sagen wollte, notwendig 
gewesen wäre, in dem Augenblidc, als mir das Aufhordien der Mit= 



I 



Ober das vorbewußte phantasief ende Denken 



I 



reisenden auffällig wurde, folgenden Anfang einer vorbewußten Gedanken^ 
Itette gebildet: »Sie hören mir zu. Das Thema ist ihnen wahrsdieinllch 
ganz neu und fesselt sie sidier sehr. Was für einen Erfolg mein Budi 
haben wird!« Diese Assoziationen fielen mir in kürzerer Zeit ein, als idi 
hier zum NiedersAreiben braudic, so daß idi meinem Freund blitzsdhneSl 
antworten konnte; »Weil meine Gedanken abgelenkt wurden,« und ich 
teilte ihm den Fnhalt meines unwillkürlidien Denkens, das die Eerstreut^ 
heit bewirkt hatte, freimütig mit. 

Nadiher kostete es micb nodi eine starke geistige Anstrengung, 
zu der Stelle zurüdczuünden, von der aus die Ablenkung stattgefunden 
hatte. SAJießfidi g^^^^^g es mir dadurdi, daß idi midi laut fragte: »Was 
wollte idi nur auseinandersetzen, als wir zu reden begannen?« Ids versucfyte 
nun, in meinem Denken alles Vorhergesagte zurüdczuyerfolgen, kam so 
durdi diese regressive Gedäditnistätigkeit zu meiner früheren Absidit 
zurüdc und konnte die Erklärung fortsetzen. 

jedesmal, wenn wir im Wadilebcn bei einem Gesprädi zerstreut 
werden, läßt sidi die Riditungsänderung des Denkens auf den Einfluß 
eines anderen Gedanken zurüdiführen, der unsere psydiisdie Energie 
absorbiert. Audi hier ist es ja die am Sdiluß des vorbewußten Gedanken^» 
ganges auftaudiende Erinnerung, die meine Aufmerksamkeit auf sidi zieht 
und das Interesse in Ansprudi nimmt, das meiner ursprünglidien Absicht 
zugewendet bleiben müßte. Infolge dieser Inansprudinahme vergesse lA 
dann die Absidit. 

Wir wissen aus den vorhergehenden Analysen, daß wir uns unseren 
vorbe wußten visuellen Erinnerungen gegenüber als passive Zusdiauer 
verhatten und die auf die innere Bildflädie projizierten lebenden Bild* 
Vorführungen wie fasziniert verfolgen. Wir wissen audb, daß die 
Entstehung von vorbewußten Gedanken ketten auf kurze halluzlna» 
torisrfic Erinnerungen zurüdizuführen ist. Audi die Idee, wcldie bei 
diesem Beispiel zu meiner Eerstreutheit Anlaß gab, war eine Erinnerung, 

lA wiederhole, daß mein vorbewußrer Gedankengang in dem 
Augenblidt, in dem idi das unwillkürlidie Aufhordien der beiden Mit^ 
reisenden bemerkte, lautete; »Das Thema fesselt sie sidier sehr. Was 
für einen Erfolg mein Buch haben wird!« Dieser Gedanke ist aber kein 
neugebildeter. Er ist nodi jedesmal in mir aufgetaudht, wenn idi glaubte, 
irgend einen neuen Sdiritt zur Auflösung der vorbewußten Gedankeni^ 
medianismen getan zu haben und war audi Jedesmal von einem Affekt 
begleitet Denn immer, wenn mir eine neue Erkenntnis aufdämmerte. 



verspürte idi auth gleichzeitig das Triumphgefühl, von dem idi sdjon 
weiter oben gesprodien habe, 

Idfi verstehe jetzt, was mir im ersten Moment entging, daß nämlid^ 
dieses plötzliche Vergessen dessen, was idi im Gesprädi mit meinem 
Freunde sagen wollte, einfach eine Zerstreutheit, eine Versunkenheit war, 
allerdings von so Jturzer Dauer, daß wir sie nidit als soldie bezeidinen 
und für gewöhnlidi nidit einmal bemerken würden, daß unsere Gedanken 
abgeschweift sind: der Grad von Geistesabwesenheit ist eben ein sehr 
geringer. Diese Un Vollkommenheit unserer bewußten Denkvorgänge, dieses 
Nidit=mehr=wissen, wovon man eigentlidi sprechen wollte, wird besonders 
treffend durdi die Redensart »den Faden des Gedankenganges verlieren« 
wiedergegeben. 

Wir können jetzt zusammenfassend sagen^, daß die Zerstreutheit 
und Riditungsänderung der Gedanken bei dem vorliegenden Beispiel aurfi 
mit einer Art halluzinatorisdier Erinnerung zu tun hat und absdiheßend 
bemerken, daß die Sprungh a f tigkeit der vorbewußten 
Gedankenketten durch eine halluzinatorische Erin= 
nerung verursacht wird, die von de;i dazugehörigen 
wieder er wachten Affekten begleitet ist. 

Der letzte Teil dieser Behauptung verlangt aber nodi eine über- 
zeugende Bestätigung. Wir haben vorhin gesehen, daß wir beim genditeten 
Denken imstande sind, unsere Gedanken, wenn wir 
wollen. Schritt für Schritt zurückzuver folgen 
und so zu der Stelle zurüd<kehren können, von der aus wir 
abgesdi weift sind. Nun gelingt aber dieser Versudi, zum Ausgangs^ 
punkt zurüdizukehren, nidit Immer. Er ist nur erfolgreidi, wenn 
unser Wunsdi, den Ausgangspunkt aufzufinden, stark genug ist oder 
wenn dieser Ausgangspunkt affektiv betont ist. Mißlingt die Bemühung, 
so srfiieben wir die ganze Angelegenheit beiseite und gestehen unsere 
Unfähigkeit einfadi ein, indem wir sagen' »Idi habe es vergessen, aber 
wahrsdieinlidi war es nidits Widitiges, sonst würde es mir ja einfallen. c 
Wir gehen dann zur Ausführung eines anderen Gedankens über und 
sdiwätzen einfadi weiter. 

Andererseits sind die drei Gegenüberstellungen auf Seite log (zwisdien 
den Gedanken 9— 12, ii — 22und7— -z^aus dem Sdiema am Sdiluß des Budies) 
der beste Beweis dafür, daß das Vorbewußtsein audi nadi einem 
Absdi weifen von seiner ursprünglidien Absidit früher oder später auf 
den verlassenen Gedanken zurüdcgreifen kann. Während uns ater itii 



Wachtebeft ein solches Zurüdtfinden bei affektiv betonten Gedanken durch 
das Eingreifen unseres Willens gelängen kann, ges<hieht dasselbe in 
unseren Tagrräiinien auf unwillkürljdiem Wege. Hier genügt die Intensität 
des Wunsdies, Und es wird uns audi ohne eine ausfuhrlidie Ausein^ 
andersetzung begreiflich ersdieinen^ daß mein unbewußter Wunsdb nadi 
Größe, welcher der ganzen Gedankenkette zugrunde liegt, stärker ist als 
der Wunsch nach Lösung der kleinen Probleme^ mit denen sidi die frühere 
Phantasie beschäftigte. Wir befinden uns hier in Übereinstimmung mit 
der Freud sehen Auffassung^ die dem Wunsch bei den unbewußten 
Gedankenbildungen eine maßgebende Rolle zuerkennt. 

Hier bitte ich um die Erlaubnis, einem Einwurf^ den man mir 
machen könnte, sofort begegnen 2U dürfen/ und zwar; »Ist es ganz 
sidier, daß es der ewige infantile Wunsdi nach Größe ist, durch den diese 
Phantasie in ihrer Riditung bestimmt wird?« 

2u dem Zeitpunkt, an dem ich diesen Tagtraum aufzeichnete, 
besdiränkten sidi meine Kenntnisse des vorbewußten Denkens auf einige 
wenige Sätze, die in Freuds »Traumdeutung« enthalten sind. Idi hatte 
damals also noch sehr wenig Erfahrung und der Leser, der mit dem 
Thema jetzt schon um so vieles vertrauter ist, als \<h es zu jener Heit 
war, wird sich vorstellea können, welche Befriedigung ich empfand, als ich 
vierzehn Tage später die folgenden Aufzcidinungen in mein Tagebuch 
machen konnte (idi gebe den genauen Wortlaut wieder): »Ich glaube 
jetzt, daß meiner Verwundungsphantasie der vorbewußte Wunsdi (von 
dem ich damals noch keine Kenntnis hatte) zugrunde lag, zum Zivilleben 
zurückzukehren, um midi bei Friedensschluß als einer der ersten um 
freigewordene Stellen bewerben zu können und so den Lehrstuhl zu 
erreidien^ der mich für meine verlorene Stellung entsdiädigen sollte. Es 
fällt mir jetzt nämlich ein, was für Gefühle in mir aufstiegen, als idi in 
den »Times« eine Bewerbung um die Besetzung der psychologischen 
Lehrkanzel an der Universität in Leeds ausgeschrieben sah. Ich hatte 
nidit einmal versucht^ mich zu bewerben, da die Stelle schon am i. Januar 
angetreten werden sollte. Gleichzeitig erinnere idi mich, mit welchen 
Gefühlen des Bedauerns ich allwöchentlich das Times Educational 
Supplement überlese und immer wieder feststelle, daß die besten Stellungen 
schon vor meiner Demobilisierung vergeben sein werden. Es ist merkwürdig, 
daß mir mein Vorbewußies erst heute die Frage beantwortet, die ich 
mir bei der Niederschrift des Tagtraumes stellte, nämlich; >Wo ist bei 
dieser Phantasie der Wunsch verborgen und wie lautet er?« 



Es ist jetzt unverkennbar geworden, daß der unbewufite Wunsdi, 
nach Größe den Hauptanteil an der Bildung meiner Phantasie hat, so 
daß wir diesen Teil der Erörterung in der folgenden Weise zusammen= 
fassen können: Dem Vorgang, den vir im Wadileben als Zerstreutheit 
bezeidinen^ entspridit ein ähnlidier beim vorbewuflien Denken. Während 
wir aber im Wadileben durdi eine Willensanstrengung dazu gelangen 
können, den Gedanken, der uns im Augenblidc des Absdiweifens besdiäftigte, 
wieder aufzufinden, sind wir im vorbe wußten Zustand nidit dazu imstande. 
Aber audi im Vorbewtißten können wir eine einmal bei Seite gesdiobene 
Idee neuerdings aufgreifen, wenn der vörbewußte Wunsdi, weldier der 
Phantasie zugrunde liegt, nur stark genug ist: eine Korrektur erfolgt ab er 
in diesem Fall nidit. 

SdiÜeßÜdi sind beide Arten des Absdiweifens die Folge einer 
passiven psyd^isdien Einstellung, während der das Denken sidi von dem 
Strom der Erinnerungen treiben läßt/ die Erinnerungstätigkeit geht dabei 
von der Latenz ^tir Aktivität über. 

Bevor wir zur Ufntersudiung anderer Denkfehfer des Vorbewußten 
übergehen, mödite idi nodi eine efnfadie Bemerkung einschieben, auf die 
idi später ausführlidier zurüdikommen werde; Es finden es nidit 
alle Mensdien gleidi sdiwer, zu der Stelle zurüdizufinden, an weltfeer 
der Faden ihres bewußten Gedankenganges abgerissen ist. Einigen 
gelingt es immer, anderen nie. Zu den letzteren gehören audi alle 
jene, die nur selten eines ihrer Tagträume habhaft werden können, 
au den ersreren die Mensehen, die sie sogar niedersdi reiben, Idi 
glaube, man darf vermuten^ daß die Untersüede zwisdien ihnen mit 
den Unter.?diicden xwisdien Mensdien vom visuellen und deneti vom 
nl<iitvisue!lcn Typus zusammenfallen. Die ersteren haben könsrlerisdie 
Anlagen, die letzteren nidit. Es sind audi die Mensdien vom ersteren 
Typus, denen es teidit fällt, unwissentlidi etwa dieselbe Einstellung 
anaunehmen, in der sidi die Freud sdien Patienten während der Analyse 
<s. S. 7> befinden. 

Wir sdiließen damit diesen Absdinitt, um uns anderen Fragen 
zuzuwenden. 



b) Die Unmöglichkeit eines Rückblickes im vorbewußten Denken. 

Es ist meinen Lesern vielleidit aufgefallen, daß sid> in all den 
Tagträumen, die idi in ^e^it bisherigen Kapiteln mitgeteilt habe, nirgends 

S." 



tl6 



über das vorbewußte phan tas teretide Denken 



eine von meinem zweiten Idi angebracfite Korrektur findet, obwohl ich 
dodi behaupte, sie alle wortgetreu nacfi meinen ersten Niedersdirifien 
wiedergegeben zu haben. Es ist ihnen audi stdicr nidit entgangen, daß 
einige der Phantasien den Eindmdt erwedten, eine Art von Märdien zu 
sein, bei denen alle Slnnwtdrigkeiten unbeanstandet geblieben sind. Sie 
enthalten, ebenso wie die Naditträume arge Irrtümer, die der Träumer 
im WadtsusEand sidierlidv bemerken würde. Es ist aurfi wirklidi eine 
Gemeinsamkeit der Tag^ und Naditträumer, daß sie> ehe sie nidit wieder 
erwadit sind, nidit imstande sind, begangene Irrtümer richtige 
zustellen. Diese Bemerkung klingt zwar wie ein Gemeinplatz, trotsdem 
müßte es aber interessant sein, den Grund für diese Unfähigkeit heraus^ 
zufinden. Eine andere Analogie wird uns vielleidit auf den Weg zu 
dieser Entdedtung führen* 

Ich sAreibe tägfidi einige Seiten dieser Arbeit und gehe dabei in 
der folgenden Weise vor; Neben mir liegen als wlAtigstes Hilfsmittel 
meineTagebüdier, mit den etwa den Zeitraum von drei Jahren umfassenden 
Notizen. Sie ersetzen mir das Gedäditnis, auf das idi midi nidit zu allen 
Eeiten voll verlassen kann. Beginne idi die Analyse eines neuen Tag^ 
traumes, so nehme idi einen Bogen Kandeipapier, sdireibe die Phantasie 
Satz für Satz in eine Rubrik am linken Rande ab und steÜe mid\ dann 
analytisdi ein, d. h. idi nehme einen Satz nadi dem anderen vor, 
lasse meinen Gedanken freien Lauf und überlasse die Bestimmung des 
Gedanken ablaufes dem Wunsdi, daß alles, was für die Erforsdiung der 
vorbewußten Denkmedianismen dienlidi sein kann, an die Oberfiädie 
kommen möge. Die auftaudienden Gedanken werfe idi so sdinell als möglidi 
auf das Papier, wobei ich midi bemühe, autamatisdi zu schreiben, und mein 
Bewußtsein davon abzuhalten, Überlegungen zwischen die aufeinander^ 
folgenden Ideen einzuschieben, um nicht durch eine solche Unterbrechung 
aus meiner vorbewußten psychischen Verfassung gerissen zu werden. 
Ich stelle eigentlich so weit als möglich die Bedingungen, unter denen 
das Tagträumen selber vor sich geht, ztt einem bewußt gewählten Zwtctk 
wieder her. Auf diese Weise füllt sidi das vor mir liegende Blatt nadi 
und nadi. Würde idi aber zum Sdiluß die ganze Seite, so als wäre sie 
etwas Eusammenhängcndes, her unter lesen, so würde sidi herausstellen, 
daß idi einen Unsinn gesdirieben habe. Sie wäre voll von unvermittelten 
Riditungsänderungen, plötziidien Sprüngen von einem Gedanken zum 
anderen, etwas, das sidi mit dem unerwarteten und sdietnbar zusammen- 
hanglosen Wedisel der Ideen in unseren Träumen vergleidien ließe. Idi 



II. Der Initalt der Gedankenfietren 



"7 



madie aber gar keinen derartigen Versuch, da ich alle meine bewußten 
Fähigkeiten hraudien würde, wenn idi Ordnung in dieses Gewirr 
bringen wolltei 

Bei dem ttädisren Stadium der Ausarbeitung arbeite idi nodi immer 
hauptsädilidi mit Hilfe meines Vorbewunten^ diesmal aber in anderer 
Absidit, Idi habe das im Unreinen Geschriebene überlesen und mir die 
Punkte gemerkt, an die sidi eine bestimmte Beweisführung anknüpfen 
läßt. In diesem Fall zum Beispiel: daß das Vorbewußte die Irrtümer, 
die ihm beim Assoziieren unterlaufen^ nicht richtigsteilen kann,^ weil ihm 
die Fähigkeit, die wir als Überlegung bezeidinen, versagt geblieben ist 
und es auf dem einmal durdimessenen Weg nicht mehr rückschreiten kann,- 
es kennt nur eine Riditung des Aneinanderreihens, und zwar nach vorwärts. 

Wenn mir mein Vorbewußtes nicht sofort die gewünsdite Rejhen= 
folge für die versdiiedenen Punkte meiner Beweisführung zur Verfügung 
stellt, verlasse ich meinen Sdireibtisdi für einen Augenblick^ sehe nadi 
dem Feuer, schlage ein paar Tasten auf dem Klavier an oder ähnlidies. 
Und nad^dem ich mich so in einem halben Traumzustande beschäftigt 
habe^ sehe idi die Disposition meiner Darstellung gewöhnlich fertig vor 
mir, ohne daß ich irgend etwas von einer Anstrengung gemerkt hätte. 
<Manchma! fallen mir solche Dispositionen audi unvermutet ein, gleidigültig, 
wo (dl gerade bin und womit ich mich beschäftige> ich schreibe sie aber 
jedenfalls, ebenso wie meine Tagträume, immer sorgfältig auf.) 

Wenn ich aber mein Buch so in Druci geben würde^ wie es in 
meinem Vorbewußten entsteht, so würde man glauben, daß es von 
einem Autor gesdirieben ist, dem es nicht möglich war, sein Denken 
auf die Dinge^ die er auseinandersetzen wollte, zu konzentrieren. Ich beginne 
deshalb an jedem Morgen meine Arbeit mit dem Überlesen des am vorigen 
Tag fast spontan Niedergesdiriebenen, vervollständige es, stelle Übergänge 
her, ordne um, sondere manches zur späteren Besprechung aus und gebe ihm 
so den Anstridi eines logischen Ganzen, Jeder wäre beim Anblick meines 
Manuskriptes überrascht über die Zahl der Korrekturen, die sich darin 
finden. Und trotzdem ist meine Art der Arbeit eine so fließende, daß 
mir dieses ganze Buch von Anfang bis Ende wie eine Folge von Tag^ 
träumen, hier »Inspirationen« genannt, erscheint,- ich hatte fast gar keine 
bewußte Anstrengung dazu nötig und verdanke seine Entstehung beinahe 
ausschließlich meinem vorbewußten Ich. 

'Habe ich dann den betreflPenden Abschnitt fertig geschrieben, so 
überlese ich noch einmal die Aufstellung meiner vorbewußfen Gedanken 



11$ 



über das vorbewußtc phantasierende Denken 



und finde fast immer, daO jeder einzelne automatisdi in dem von meinem 
Vorbe wußten diktierten Text seinen natürlidien Platz gefunden hat, 

Idi habe diese Einzelheiten über meine Arbeitsweise hier mitgeteilt, 
weil idi si> ausfülirlidi als möglidi zeigen wollte, daß ein Stillstand bei 
einer vorbcwußten Gedankenkette, selbst in bewußter Absidit, nidit ohne 
Störung des Gedanken ab lau fes denkbar ist. Nodi unmöglidier ist es, zu 
einer einmal beiseite gesdiobenen Idee zurüde zu kehren, wenn nidit eine 
unerwartete Wendung der Assoziationen, das Denken auf unwillkürlidiem 
Wege dahin zurüdtführt. 

Vielleicht hätte idi mir diese Besdireibung ersparen können, da 
sidi alle diese Aussagen Ja audi aus unseren früheren Analysen ergeben. 
An ihnen konnten wir sehen, daß die Gedankenketten, von dem freien 
Strömen der Erinnerungstätigkeit abgesehen, unausgesetzt fortsdireiten 
und daß die Rüdekehr zu einem bestimmten Punkt im Vorbewußten nur 
auf eine einzige Weise mögiidi ist, nämlid», durch eine halluzinatorische 
Brinnemngf nach deren Abschluß die Richtung der Assoziationskette 
durch den unbewußten oder vorbewußten Wunsch neu bestimmt wird. 
Aber selbst dann erfolgt keine Korrektur des früheren Einfalles, sondern 
nur seine neue Verknüpfung mit anderen Assoziationen- Vielleicht ist 
das die Art, in der das Vorbewußte das »Entweder — • Oder« darstellt. 

Wir müssen also schließen, daß unter den Gründen für die 
Mangelhaftigkeit der vorbewußten Gedankenbildung 
ihre Unfähigkeit, bei einer bestimmten Stelle der 
Assoziationen Halt zu machen oder gar zur ihr zurück^ 
zukehren, eine wichtigeRoUe spielt, (Umsomehr da, wie wir 
im nächsten Kapitel erfahren werden, die aufeinanderfolgenden Glieder 
mit, derselben Leichtigkeit vergessen werden, mit der der Gedächtnisinhalt 
erinnert wird.) 

Wir wissen aus dem Wadileben, wie tinumgänglidi notwendig eine 
Korrektur uns:eres wörtltdicn Gedankenausdrucks Ist. Den Rat, den 
Boileau uns in seiner »Art poetique« gibt: »Vingt fois sur le metier 
remettez votre ouvrage«, müßten nidit nur Didirer, sondern alle Mensdien 
beherzigen,- unser inneres Idi ist aber nidit imstande, ihn zu befolgen. 
Diese Fähigkeit bleibt dem Bewußtsein vorbehalten. 

Es ist sogar nidit unwahrsdieinfidi, daß wir uns, ohne es su merken, 
beim gerichteten Denken ebensoviel Fehler zusdiulden kommen lassen 
wie beim vorbewußten, vlelleidit sogar noch mehr. Wenn wir aber bei 
vollem Bewußtsein sind, können wir die in uns aufgetauditen Gedanken 



I 



kfitisdi überblid^en. Unzutreffendes verwerfen und Zutreffendes beibc= 
halten. Nehmen wir an, dafi jemand in einer peinlidien Lage einen Brief 
2U sdireibcn hätte, etwa in Angelegenheit einer moralisdien oder materieUen 
Schuld, die er nidit abtragen lonn. Er überlegt einen derartigen Brief 
wnd setzt ihn in Gedanken wieder und wieder auf, ehe er ihn nieder- 
sAreibt, Er erwägt jedes Für und Wider, läßt das eine fort, entsdieidet 
äidhi für die Beibehaltung des anderen und hat sdilicniidi den Brief sdion. 
vor der Niedersdirift im Kopf fertig. Dann aber vergißt das wadie Idi 
an die zahlreid>en Entwürfe, die der endgültigen Fassung vorangingen, 
und behält nidjt einmal den Eindrudt zurüd, daß sie von der kntisdien 
Dctiktätigkeit als unzulänglidi und fehlerhaft verworfen wurden. Und 
während idi hier alle meine Tagträume in ihrer ursprQnglidien Fassung 
und spontanen Aufeinanderfolge zurüdivcrfolgen konnte, vergißt das 
Bewußtsein die ganze vorbereitende Arbeit und behält nur die riditlge 
Problemlösung im Gedäditnis, nachdem es die vielen falsdien verworfen 
hat, in denen Elemente enthalten sind, die das Bewußtsein als Denk= 
fehler betraditet, Oder nodi sdiärfer ausgedrüdct; die kritisdie Denk-^ 
tätigkejt entnimmt den Lösungen, weldie sie verwirft, die braudi-^ 
baren Bestandteile und steift aus diesem Material die Antwort auf die 
Frage zusammen. Aber wenn die unzutreffenden Antworten audi nidit 
erinnert werden, so läßt sidi dodi ihre Existenz nidit leugnen. Wenn 
wir alle Annahmen zusammenstellen würden, die vor der endgültigen 
Abfassung einer Lösung aufiaudien — eine Arbeit, die uns nur mit 
einem großen Aufwand von Geduld und gesdiärfter Selbstbeobaditung 
gelingen könnte >— so würde sidi wahrsdieinlidi zeigen, daß die £^ah\ 
der Ii-rtümef hier nidit geringer ist als bei unseren vorbewußten Gedanken= 
ketten. Sie konnte eher nodi größer sein, da wir beim gcridateten Denken 
weder über ein so unbegrenztes Gedäditnismaterial nodi einen soldien 
Überreiditum an Einfällen verfügen wie beim vorbewußten. 

Die Überlegenheit des bewußten Denkens liegt in der ihm zu 
Gcboie stehenden MögliAkeit, sidi wilikürlidi jedes einzelne Glied der 
GedaniienkcSe zurüdizurufen und es in HinbÜdc auf das beabsiditigte 
Siel eijjcr Kritik zu unterziehen. 

Wir können also zusammenfassend sagen, daß dieselben Irrtümer, 
die sidi das vorbewußre Denken infolge der Unfähigkeit, seine Produkte 
rütksdiauend zu übetblidcen, zusdvulden kommen läßt, audi beim bewußten 
Denken vorkommen,- hier aber können sie dank der Möglidikeit eines 
solAen Rüdblicks naditräglirft riditiggestcllt werden. 



izo 



Ober das vorbewuBte phantasierende DenJten 



c> Das Vergessen. 

Nacfadem ^ir dem Anteil der Erinnerungstätigkeit an der Bildung- 
der Tagträume ein so eingehendes Studium gewidmet haben, werden 
wir es audi der Mühe wert finden, uns mit dem Vorgang zu besdiäfilgen, 
der gewöhnlidi als ihr Gegenteil betraditet ^ird: dem Vergessen, Wir 
haben gesehen, daß die Vorteile des vorbewußten Denkens 2um große« 
Teil durdi die Erweiterung und besondere Klarheit des Erinnerungs^ 
vcfmogens bedingt sind, ebenso wie seine Mängel durdi den Einbrudi 
halluzinatorischer Erinnerungen hervorgerufen werden^ nun liegt die Frage 
nahe, ob nidit audi bet der cntgegengesetaten Fähigkeit, dem Vergessen, 
ähnlJdie Beobaditungen 2u madien wären. 

Verweilen wir einen Augenblidi bei dem Einfall, der mir die auf^ 
fälligste Absurdität meiner Verwundungsphantasie zu sein sdieint, dem 
nämÜdi, daß die Militärbehörde sidi weigern könnte, midi nadi metner 
Genesung zu entlassen, unter dem Vorwand, daß lA trotz meiner küost^ 
Udien Beine und trotzdem idi midi nur an Krüdten vorwärts bewegen 
kann, dodi nodi imstande wäre, meinen Dienst als Dolmetsdi weiter zu 
versehen, da mein Quartier nur wenige Sdiritte von dem Amtslokai enu 
fegen ist und idi solche Entfernungen selbst an Krücken nodi leidbt 
zurüdtlegen könnte. 

Ein soJdier Unsinn konnte nur jemandem einfallen, der erstens 
die militärisdien Verordnungen nidit kennt und der zweitens nidit bedenkt, 
daß sidi im Krieg Situationen ergeben können, in denen sogar die Nidit= 
kombattanten bessere als künsllidie Beine braudien^ um nidii bei der 
Ausführung der angeordneten Operationen hinderlidi zu werden. Diese 
beiden Punkte aber waren es gerade, an die mein Vorbewußtes vergessen 
chatte. Das deutet auf einen unerwartet sdiarfen Gegensatz zwisdieo der 
extremen Klarheit des Erinnerns und der extremen Leiditigkcit des Ver^ 
gessens, deren unser Denken im vorbewußten Zustand fähig ist. Einerseits 
verfügt es über den Gedäditnisinhalt in einer Weise, daß es die Abfassung des 
Gesudies an den Minister wortgetreu erinnert, was mir im bewußten Zustand 
unmöglidi gewes<*n wäre. Andererseits entfallen ihm aber für den Augen- 
blick Dinge, die audi der Dümmste weiß, zum Betspiel, daß der Verlust beider 
Beine ein Grund ist, um aus dem Heeresdienst entlassen zu werden. 

In ähnlidier Weise vergesse idi bei der Flohphantasie, daß sidi 
eine Rasenwalze wohl kaum in meinem engen Eimmer hin und her 
bewegen ließe und daß es ein Unding wäre, mit einem Wasserzerstäuber 
Insektenpulver m mein Hemd einzustreuen. 



IL Der Inhalt der Gedartkenhetten 



In der Phantasie von der tnöglidien Lungenkrankheit meines Sofines 
vergesse ich, daß man bei einem Blursturz sofort einen Arzt holt und 
nidit erst auf den nädisten Morgen wartet. In der Phantasie von der 
Unterredung mit dem Oberst vergesse i<h, daß mein Vorgesetzter kein 
Esel ist und sidi kaum einreden lassen mtWiI, daß es natürlich ist^ sid» in 
einem Brief gleidizeitig um 2wei Posten zu bewerben, die ^wei ver^ 
sdiiedenen Behörden unterstehen. Trotzdem meinte idi es ganz ernsthaft^ 
denn id) hatte beim vorbewnßten Denken nicht einen Moment lang den 
Eindrudi, eine Lüge zu sagen. 

Bei der letzten Phantasie vergesse ich in einem bestimmten Augen^ 
blick, daß idi mir von einem ge\7issen Punkt der PhanCasie an 
Krüdien zugelegt habe und helfe mir gleidi darauf mit zwei Stocken 
vorwärts, Bbensosdinell vergesse idi, daß idi in Gent bin und sehe tnidi 
einen Augenbfidi darauf in Cardiff. 

Die Aufeinanderfolge der beiden versdiicdenen Orte ist aber ebenso 
leidit zu erklären wie das Vorhandensein der Stödie Im Gegensatz zu 
den K r ü ck e n, von denen im Beginn des Tagtraums die Rede war. 
Ebenso wie idi weiß, daß tdi midi an einem bestimmten Punkt meiner 
Phantasie fragte, ob «di mich ein oder beide Beine verlieren lassen sollte, 
war ich auch bei einer bestimmten Assoziation vor die Wahl gestellt, 
ob ich an KrüAen oder an Stöcken gehen sollte, <Ich dachte dabei an 
die bei uns gebräuchlichen SpitalstÖdte, die so eingerichtet sind, daB 
das Körpergewicht auf den durch den Stock gestützten Ellbogen und 
Unterarm zu hegen kommt.) Ich hatte die Krüdten vorgezogen, vergaß 
das aber fm Verlauf der Phantasie,, so daß dann die StöAe an ihrer 
statt aufrauchten. 

Es ist sehr wahrscheinlich <wenn ich mich auch nicht genau daran 
erinnern kann), daß es ein ebensolches Entweder-Oder der Lösung war^ 
das die Erinnerungen an die beiden Schulen in Cardiff und in Gent 
zum Auftauchen brachte und, nachdem ich die eine gewählt und in den 
folgenden Assoziationen diese Wahl vergessen hatte, das Bild der anderes 
entstehen ließ. So rasche Amnesien sollten uns nicht in Erstaunen 
setzen^ da man sie ja nach fast jeder halluzinatorischen Erinnerung 
beobachten kann. Wir kennen nur einen einzigen Fall meiner Beobachtung^ 
bei dem der Inhalt, den die Assoziationsfcette vor dem freien Strömen dei- 
Erinnerungsf ätigkeit hatte, nicht nach Abschluß der letzteren abhanden ge- 
kommen wäre. Dieses Nebeneinander von widersprechenden Bildern, das wir 
uns durch ein unzeitiges Erinnern und Vergessen der einmal eingeschlagenen 



Ober das vof&evufite p banta^ierende Denken 



Alternative crfclär'en, ist vielleicht auch der Grund für die Entstehung 
der Sammclbilder, deren Zerlegung Freud in seiner »Traumdeutung« 
versucht. 

Dieses in die Vergessenheit Versinken läßt sidi in seiner Raschheit 
nur mit dem blitzartigen Erinnern vergleidien, das uns längst vergessene 
und entsdiwundene Gedanken im geeigneten Äugenbllds piötsltdi wieder 
zur Verfügung stellt- 

Beim Vcrtausdicn der Schule in Gent mit der in Cardiff vergesse 
idi sogar an einen vor langer Zeit gefaßten Entsdiluß. Idi , hatte die 
Stelle als Lehrer für moderne Spradien in der CardifF High Sdiool 
angenommen, um nidit wie so viele entlassene Soldaten und belgisiic 
Fiüditlinge in England der öffenclidien Wohltätigkeit tut Last fallen zu 
müssen- Als idi dann neuerlidi in die Armee eintreten konnte, hatte mir 
die Stadtvertretung angeboten, die Stelle für midi offen zu lassen^ was 
idi aber dankend abgelehnt hatte,- trotzdem sah idi midi aBer in der Phantasie 
nadi meiner Herstellung wieder als Lehrer in Cardiff; idi raüdie in 
einem der Klassenzimmer während der Pause eine Zigarette/ so war 
also audi mein früherer Bntsdilu!^ in Vergessenheit geraten, 

Itfi könnte nodx eine Menge soldier Betspiele anführen, bei 
denen zwei Alternativen oder entgegengesetzte Annahmen In sdmeller 
Aufeinanderfolge, ja fast gleidizeitig ersdieinen, will aber nur nodi die 
folgenden zwei besonders hervorheben; i. Idi sehe midi In einem Auto- 
mobit und gleidi darauf ohne erkennbaren Übergang in der Londoner 
Untergrundbahn fahren,- z, Idi bin in dem einen Augenblidi im Aufnahmst» 
Zimmer der Feldambulans und liege im nädisren in einem Bett des 
Offiziersziromers. Dieser plötsJidie Wedisel von Vorstellungen überrasAt 
uns jetzt nidit mcfir,- wir wissen, er entsteht dadurdi, dafi wir bildhaft 
und nicht in Worten denken. Erst wenn wir die Gedanken in Worte 
umsetzen, können audi die Ideen und Bedingungen, die zur Entstehung 
der Bilderfolge geführt haben, zum Ausdrudt kommen. Hier aber ergibt 
sldi wahrsdveinlidi die Erklärung für die Entstehung der durdi die Ver^ 
diditungsarbeit unserer Haditträume gesdiaffencn Sammelbilder, Die in 
der Phantasie aufeinanderfolgenden Bilder meiner beiden Sdiulen enthalten 
die Elemente für die Entstehung einer SammcU oder MisdibÜdung. Und 
wahrsdteinlidi waren es ähnlidie Verbildlidiungen wie die meinen von 
dem Fahren in Automobil und Unrergrundbahn> die Freud veran-^ 
laßicn, sidi in dem Traum von dem Grafen Thun in einem Wagen auf 
den Etsenbahnsdiiencn fahren zu sehen. 



Aber der Denkfehler, (ier dem Laien am auffälligsten werden muß, 
weil er ihm aus seinen eigenen Tag^ und Naditträumen am besten 
bekannt wird, Ist, daß idi die ganze Zeit über nidiE bedenke, daß idi ja 
in Wirklicbkeit gar nidit verwundet bin. Idi befinde midi länger als eine 
Viertelstunde in der Täiisditing, daß idi wirldidi den Verlust beider 
Beine zu beklagen habe, daß idi als Krüppel im Spital liege, als Invalide 
im Automobil, in der Untergrundbahn usw. sitze. Idi sdienke den Lügen 
meiner eigenen Einbildungskraft vorübergehend Glauben, habe mit anderen 
Worten das Realitätsgefühl eingebüßt und benehme midi für die Dauer 
dieser Zeit wie ein Pseudologe. Idi vergesse, daß meine Visionen nur in 
Bilder umgesetzte Annahmen sind und reagiere auf sie, als ob sie Wirk^^ 
ftdikeit wären* 

Kann uns das Material, das zu unserer Verfügung steht, Iteinen 
Aufschluß über dieses sdieinbar unverständlidie Wahnphänomen geben! 
Bei meiner Verwundungsphantasie werde idi die ganze Zeit übet in 
dem irrigen Glauben erhalten, daß idi wirklidi bei einem GranaJeinsdilag 
verwundet wurde,- haben wir nun in unserer Sammlung keine Beispiele 
von Tagträumen, be! denen die Täusdiung nur kürzer dauert, die Irre= 
führung unseres Denkens keine soldie Ausdehnung annimmt? Tatsädilidi 
finden wir in der Flohphantasie ein soldies Beispiel. Wenn wir ihre 
Wiedergabe in Frage und Antwortform auf S, 55 überbh'dcen, so 
merken wir, daß idi midi trotz der reldiSidien VerbÜdliAung bei keiner 
der vorgetäusditcn Situationen lange aufhalte. Wir sehen audi, daß die 
aufeinanderfolgenden Lösungen oder Annahmen eine nadi der anderen 
zurückgewiesen werden und sdieinbar sofort nadi der Hurüdiweisung 
in Vergessenheit geraten. 

Andererseits kann idi nadiweisen, daß wir uns eine vorgesditageen 
Lösung erst dann merken und neu zu ihr assoziieren, wenn unser Denken 
sie als geeignet und crwünsdit anerkannt hat, z. B.; 

aj Auf S, 62, in dem Tagtraum über versdvledene kfeine Probleme, 
überlege idi im dritten Teil, wie idi es anfangen soll. Miß X.. für midi 
günstig zu stimmen. Die Mittel, die mein Vorbewußtes zu diesem Zwcdt 
vorsdilägt, werden von ihm für geeignet befunden- Und ebenso wie 
das Denken und Sehen in unserer Einbildungskraft gleldizeitlg vor 
sidi geht, so ist audi Gedanke, Versudi und Erfolg nur eines <für unsere 
Phantasie gibt es Ja keine Unmöglidikeitcn)/ und idi knüpfe eine 
weitere Frage <Nn o> daran an, als ob idi Miß X. sdion für midi 
gewonnen hätte. 



BJ Kaum ist <Jer Gedanke an die Akademie von meinem Denken 
erfaßt und angenommen, als idi audi sdion weiteres daran anknüpfe: 
ith sehe mäA afs Akademiker an einer Diskussion teilnehmen, Idi vergesse 
daran, A?i^ idi den Gedanken gerade erst als Hypothese faßte, er wird 
für midi Wifklidikeit. 

cj\n der Bandw^urmphantasie <S. 72) bin ich so sidier, daß das 
Mittet <oder mein Wunsdi, ihn loszuwerden) von Erfolg sein wird, daß 
ich alles dazutue, lim mid» zu überzeugen, daß idi ihn ganz abgestoßen 
habe, vergesse aber dabei vollständig, daß idi ihn vorläufig noch in 
meinem Innern trage. 

Aus diesen und vielen anderen, in den früheren Phantasien ent* 
haltenen Beispielen können wir sdiljcßen, daß das Vorbewußte nur die 
ihm erwünsditen Vorstellungen behält und nur ihnen Realitärswert ver» 
leiht. Das Uner wünsdite wird sofort zurüdtgewiesen und versinkt in Ver-- 
gessenheit. Ist aber ein Lösungsvorsdifag einmal angenommen, dann wird 
sein hypothetisdier Charakter vcrnadilässigt, das Vorbewußte betraditet 
ihn als Lösung, als Realität, und nimmt ihn zur Basis für weitere 
Ausführungen. Idi will versudien, die Gründe für diese Leiditgläubigkeit, 
die eine Besonderheit unserer Einbildungskraft zu sein sdieint, anzudeuten. 
Im wadien Leben wissen wir, daß die Gebilde unserer Tagträume 
nur Luftsdilösser sind, die beim näheren Hinsehen in nidits zerfließen. 
Wenn aber unsere Fähigkeit, kr Itisdi au denken, im vorbewußten Zustand 
herabgesetzt ist, dann sind wir nidit mehr imstande, soldie Unter- 
sdieidungen zu treffen. Wir sehen die Luftsdilösser mit unserem geistigen 
Auge wirklidi und glauben, was wir sehen. Audi steht das Vor- 
bewußte nidit allein damit da, daß es glaubt, was es sieht und zu sehen 
verlangt, wenn es glauben soll, Audi der ungläubige Thomas verlangte 
Christus zu sehen, che er ihn anerkennen wollte,- er handelte, wie es 
allen naiven Mensdien natürlidi ist. 

Aber die Naiven und Einfältigen verlangen nidit nur zu sehen, 
ehe sie im glauben bereit sind. Wir können sogar sagen, daß sie nur 
glauben, well sie gesehen haben. Das erklärt audi die Madit, die 
alles Gedrudte auf das einfadie Volk ausübt, »Es ist gedrudtt« 
bedeutet nur dem Grad nach weniger als das »es steht gcsdirieben« des 
orientalisdien Fatalisten. Selbst im Wadileben ist eine gewisse Em= 
Wicklung der kritisdien Denkfähigkeit notwendig, um uns davon abKti« 
halten, alles zu glauben, was wir sehen. Unser geistiges Auge behandelt 
die Vorstellungen unserer Einbildungskraft ähnlidi wie der Wanderer in 



der Wüste die von der Fata Morgana vorgespiegelte Oase, in der er 
seinen Durst 2U lösdien hofft. Nur wird dem Vorbewußten die Täusdiung 
dadurdi nodi leiditer, daß es eine so unglaublidie Leiditigkeit im Ver- 
gessen besitzt. Dazu kommt, daß bei einer starken Verbildlidiung unseres 
Denkens der wörtUAe Äusdrudc der Ideenfolge nidit wahrgenommen wird 
und erst die Analyse die Gedanken in Worte übersetzt,- umso leiditer 
geraten natürlidi die »wenn«, die hypothetisdien Einführungen der 
Lösungsvorsdiläge, in Vergessenheit Die Texte stimmen dann mit den 
Illustrationen nicht melir überein. 

Gewisse Grade von Amnesie und Verbildtidiung gehören also so 
eng zusatjimen, daß sie in einem weAseiseitigen Ursadie- und Wirkungs- 
Verhältnis zueinander stehen. Unser Vorbewußtes, daß von einem 
bestimmten Punkt an kritiklos zu sein sdieint, kann sehen, ehe es glaubt, 
weil es imstande ist, alles zu sehen und es kann glauben, ehe es sieht, 
weil es imstande ist, alles su vergessen <audi den hypothctisdien 
Charakter der Vorstellungen). 

Aber ebenso wie die Visionen für das kritiklose Vorbewußte 
Realitätswert bekommen, weil es die »wenn« sofort nadi Einführung 
der Vorstellung vergißt, werden audi die versdiiedenen Zeitformen der 
Verba zur Gegenwart, sobald sidi die Annahmen in Wahrnehmungen 
umgesetzt haben. Dabei ist die Leiditigkeit, mit der das Vorbewußte 
vergißt, so groß, daß die eingeführten Gedanken nidit einmal in Bilder 
verwandelt werden müssen, um Realitätswert zu bekommen. Ein 
gedadites »als« wird ebenso leidit vergessen wie ein gedadites »wenn« 
und es ist sdiwer zu sagen, wann eine Illnsion den zeitweiligen 
Realitätswert ihrer bildhaften Darstellung und wann dem Vergessen der 
einführenden kausalen Konjunktionen verdankt, Wahrsdieinlith wirken 
beide Faktoren, Verbildlidiung und Ergänzung, immer gemeinsam, wenn 
audi im einzelnen Falle bald der eine und bald der andere überwiegt. 

Diese kurze Obers idit über den Anteil des Vergessens am vor^ 
bewußten Denken wäre nidit vollständig, wenn wir hier nidit einen 
Punkt hervorheben würden, dessen Besprediung wir früher aus tedinisdicn 
Gründen aufgesdioben haben. Wir haben unter den Gründen für die Sprunge- 
haftigkeit des vorbewußten Denkens besonderen Nadidrudi auf die 
Unfähigkeit zu einem rücksdiauenden Überblidt gelegt. Wir könnten das 
nodi anders ausdrüdten und sagen, daß das vorbewußte Denken s'ith die 
einzelnen Vorstellungen, denen es seine Aufmerksamkeit vorübergehend 
zugewendet hat, nidit merken kann, während wir das im wadien Leben 



können. Sk werden vergessen, sobald sie beiseite geschoben - sind und 
können — von unserem zweiten Idi — nidit mehr wadigcrufen '«werden. 
Ein Teil der Erinnerungstätigkeit, und zwzt die Erinnerung für aktuelle 
Gesdichnisse, sdieint zu sdilafen. Der Vorgang erinnert etwas an den 
Zustand des Gedäditnisses bei Senilen, die sidi die Tagesereignisse 
nidit merken können, dabei aber über eine Menge von Erinnerungen 
aus ihrer Jugendzeit verfügen. 

Und dodi, obwohl sidi nirgends das Bestreben beobaditen läßt, 
vergangene Glieder der Gedankenkette zurückzurufen, erwedtt es den 
Eindrudi, als ob die wilikürlidie Erinnerungsfähigkeit, die uns im 
Wad) leben eigen ist, nidit ganz fehlen würde,- wir konnten ja mebrmals 
sehen, daß nadi einem freien Strömen der Erinnerungen eine neue 
Verknüpfung mit einem alten, früher fallengelassenen Glied der 
AsEOziationsreihe hergestellt wurde. Wir werden weiter unten erfahren, 
wie diese sdieinbare Ausnahme zu erklären ist. Vorläufig müssen wir 
uns mit der Feststellung begnügen, daß ein völliges Vergessen des 
letzten Assoziationsgliedes, ebenso wie der Beginn eines neuen 
Absdinittes der Gedanken kette, nur nadi Aufiaudien einef haliuziua- 
torisdien Erinnerung stattfinden können. 

Was wir aber bei dieser letzten Erörterung dem Vergessen 
zusdirieben, könnte ebensogut als eine Folge von GedankenabJenkung 
oder Zerstreutheit angesehen werden. Vergessen und Zerstreutheit sind 
zwei Begriffe, die sifh teilweise decken und von denen besonders der 
letztere nidit sehr klar ist. Da wir sie in der )etzt folgenden Erörterung 
gebraudien wollen, wird es gut sein, diese Bezeidmungen in ihrer 
Bedeutung festzulegen, "Wenn wir vom Bewußtsein ausgehend urteilen, 
bedeutet Zerstreutheit der Gedanken »einen Zustand, in dem die 
Aufmerksamkeit durdi eine Mehrzahl von Dingen oder Beweggründen 
abgelenkt wird,« wobei wir festhalten müssen, daß unsere Den kfätig keil, 
wenn audi auf vorbewußte Weise, weiter arbeitet. Urteilen wir vom 
Vorbewußten ausgehend, so handelt es sidi um feinere Untersdieidungen r 
wir werden nur durdi eine halluzinatorisdie Erinnerung von bestimmter 
Länge und Dauer von der Überlegung, die uns gerade besdiäfiigt, 
abgezogen. Hier geht unser Denken wsrklidi in Passivität über. 

Im vorbewußten Zustand kann eine Zerstreutheit nur durdi eine 
Erinnerung hervorgerufen werden, die sidi nidit auf ein Element 
besdiränkt, sondern automatisdi das Auftaudien eines ganzen Ab^ 
sdinittes der Erinnerungsfolge^ der sie angehört, verursadit. Audi im 



Bewußten Zustaml ist, wie wir oben gesehen haten, die Ursadie der 

Zerstreutheit ein Erinnerungselement, ist hier aber entweder eine fiurz= 
dauernde Erinnerung, weldie die sdiöpferisdie Gedankentätigkeit anregt 
und zur Entstehung einer vorbewufiten Gedankenkette Anlaß gibt oder 
führt ebenso wie im vorbewußten Zustand direkt zum freien Strömen 
der Erinncrungstätigkeit. Hier wie dort aber hat die Zerstreutheit ein 
Vergessen der Ursprung! idien Absidit 2ur Folge, 

Wir können jetzt nodi mehr über die Mechanismen der vor- 
bewußten Denkweise erfahren, wenn wir zwei Phänomene, die dem 
vorbewußten Denken eigentümlidi sind, vergleichend nebeneinandcrsteHen. 
Es sdieint, daß wir* zwei aufeinanderfolgende Stadien durdilaufen, ehe 
wir von unseren unwillkürlidien Gedanken überwältigt werden : a) Wenn 
wir bei vollem Bewußtsein unseren Gedanken freien Lauf lassen, 
vergessen wir unser bewußtes Vorhaben infolge des Dazwisdientretens 
einer Erinnerung, an die sich weitere Assoziationen anknüpfen / b) auch 
wenn wir vorbewußt denken, können wir unsere vorbewußte Absidit, 
nämlidi den Inhalt des letzten Assoziationsgliedes vor Beginn einet 
Erinnerungsfolge, vergessen. Vergegenwärtigen wir uns diese Fälle zur 
größeren Deutfidikeit an einem Beispielet Auf S. 103, Nr. 10, gebe idi 
einer Ordonnanz Anordnungen betreffs der Bücher, die ich aus meinem 
Quartier geholt haben mödite. Darauf höre ich auf zu assoziieren und 
verfalle statt dessen einer Halluzination, in der ich ein deutlidies Bild 
meines Zimmers, meiner kleinen Feldbibliothek und der versdiiedenen in 
ihr enthaltenen Bücher vor mir sehe. Das ruft mir das Erinnerungsbild 
meiner häuslichen Bibliothek zurück und in dem Augenblick, in dem das, was 
ich meine sdiöpferische Tätigkeit nenne, wieder dieOberhandbekommt, assozi- 
iere idi zu der Idee »zu Hause« und denke an meine frühere Lehrtätigkeit. 
Der Gedanke an das Spitai ist in Vergessenheit geraten. 

An beiden Fällen, ß) bei dem Übergang vom bewußten in den 
vorbewußten Zustand, und b) bei dem Übergang von der schöpferischen 
Tätigkeit zum freien Strömen der Erinnerungen, ist das Charakteristische 
und Gemeinsame, daß das Thema, das im Mittelpunkt des Interesses 
steht, durch das Dazwischentreten eines Gedächtnisbestandteiles, der wie 
ein äußerer Reiz wirkt, in Vergessenheit gerät. Die Erinnerungen 
sdieinen die gesamte Aufmerksamkeit zu absorbieren, 
Hier drängt sich uns die Frage auf, ob der Grund dafür in dem 
Erinnerungsvorgang selber liegt oder darin, daß die Gedächtnisbestand- 
teile als innere Wahrnehmungen auftreten. 



izB 



Qber das vorbcwuftte ph an i asier e d de Denken 



Die Losung cfieses Problems ist niAt -sAwer zu finden. Wenn wir 
uns fragen, woher die Annahmen und Antworten eigentlidi stammen, 
so tautet die Antwort, daß sie, beide, Bestandteile des Gedäditnisinhaltes 
sind. Nehmen wir wieder ein Beispiel: Jeder hat sdiou von Unfällen 
spredien gehört, die zum Verlust eines Beines führen und es afs besonders 
grauenhaft empfunden, daß das abgetrennte Glied mandimal noch lose 
am Körper hängt, etc. Diese Einzelheit wird nun im passenden Augen^ 
blidt in Form elrter Annahme erinnert und fügt sidi der momentanen 
Situation ein. Gleidi darauf taudit eine andere Erinnerung auf: Da idi 
auf mr Straße vor dem Fleisdierladen liege, wäre eines seiner Messer 
wohl geeignet, etc. 

Selbstverständlirfi wird die Annahme durdi ein »wenn« oder »als« 
eingeleitet, aber sobald der Gedächtnisbestandreil einmal den Charakter 
der Erinnerung für den einer inneren Wahrnehmung <die für das 
Vorbewußte dasselbe ist wie ein äußeres Sadbbild) eingetausdit hat, 
verwandelt sidi audi der Konjunktiv in den Indikativ, die Hypothese 
in Realität,- die Wahrnehmung wird, ebenso wie das letzte Assoziations^ 
glied vor einer hall uzinatoris dien Erinnerung vergessen oder kommt uns 
abhanden wie das Thema des bewußten Denkens, sobald wir unseren 
Gedanken freien Lauf lassen. 

Es wird uns nidit sdiwer, diese Inanspruchnahme unserer Aufmerke 
samkeit zu erkennen, wenn es sidi um plasiisdie Erinnerungen handelt, 
^ir müssen aber einsehen, daß der Vorgang audi derselbe ist, wenn die 
innere Wahrnehmung sidi auf Worte riAtet, die ja einfadi der moderne 
Ersatz für das primitive Sadibild sind. Auf den erwadisenen Kultur- 
mensdien üben Worte dieselbe Anziehungskraft aus, wie plastisdie 
Bilder auf die höher organisierten Tiere oder auf Kinder- 

Wir können also folgern, daß wir gleidi nadi Umwandlung des 
Gedäditnisbestandteiles in eine Wahrnehmung die Einkleidung, in der 
er aufgetaudit ist, vergessen. Unsere Gedanken sind mit Bezug auf die 
letztere zerstreut, weil das Vorbewußte nidits von Vergangenheit und 
Zukunft weiß. Vietleidit war es dieses Phänomen, das Bergson im 
Sinne hatte, als er sdirieb: »Wir dürfen nidit vergessen, daß ein Bild 
etwas Gegenwärtiges ist und nur durdi das GedäAtnis, aus dem es 
aufiaudit, der Vergangenheit angehört V« 



^ ßergsoti: Matiere et Memoire, p, i>2j^ 13, cd. Alcan, Paris. 



IL Der In Kalt der Ge d a n kcfi ketten 



izg 



Wenn aber das vorbewuRte Denken aucfi sAcinbar nidits von Ver- 
gangenheit und Zukunft weiß, so fehlt der Begriff der Zukunft ihm dodi nidit 
vollkommen, sondern ist in dem Wunsch oder den aufeinanderfolgenden 
Wünsdien enthalten, weldie der Assoziationskette ihre Ricfitung anweisen,- 
wie idi später ausführen werde, weisen alle Wünsdie naA der Zukunft. 

Wenn wir jetzt versudien wollen, diese ganze Auseinandersetzung 
zusammenzufassen, so fallen uns die folgenden Stadien im Prozeß der 
Gedankenbildung auf: 

1. Eine Erinnerung wird erweckt und jn Form einer Hypothese 
eingeführt,- 

2. sie wird von der Wahrnehmung als Realität behandelt,- 

3. als soldie reagiert das Denken auf sie mit einer anderen 
Erinnerung, die dem Gedäditnisihhalt entnommen wird/ 

4. durdi diese Reaktion ergibt sidi die Beurteilung der Annahme 
als zutreffend oder unzutreffend, worauf in jedem Fall die hypothetische 
Einführung einer neuen Erinnerung folgt, die ebenso wie die vorher^ 
gehende behandelt wird- 

So sdieint es, als ob das vorbewußte Denken eine Art Prüfungs« 
prozeß wäre, bei dem ein bestimmtes Stück Gedäditnis=' 
inhalt erweckt und einer entsprechenden anderen Erinnerung 
gegenübergestellt wird, und zwar zu einem bestimmten 
Zweck, den wir nicht kennen, der aber offenbar wird, wenn wir die 
ganze Assoziationskette betraditen oder vielmehr die einzelnen Gegens 
übers teil ungen, weirfie ineinander übergehen. 

Idi möchte mit allem Nachdruck betonen, daß der Vorgang beim 
bewußten Denken ein ganz ahnlidier ist. Ein Kaufmann, der sich 
um eine bestimmte Ware bemüht, ein Sdiüler, der einen Aufsatz zu 
sdifeiben hat, ein Mathematiker, der ein Problem lösen will, sie alle 
suchen in ihrem Gedächtnis nac^ einer Vorstellung, die ihnen brauchbar 
erscfieint, und prüfen gleich darauf das Gefundene mit Hilfe von Ein= 
würfen, die ebenfalls dem Gedächtnisinhalt entnommen sind. Nur wissen 
sie, zu welchem Zweck sie so handeln. Sie wissen, daß sie sich an ihr 
Gedäditnis wenden, um einen Ausweg aus ihren Schwierigkeiten zu 
finden, und sind imstande, den Inhalt der verschiedenen Lösungsversuche 
zu erinnern. Ihre Aufmerksamkeit wird nicht von den auftauchenden 
Erinnerungen absorbiert, sondern nimmt diese letzteren nur zur vor^ 
läufigen Kenntnis, Diese neu gemachten Erfahrungen können aber nichts 
an der großen Ähnlidikeit 3wis(hen diesen beiden Denkweisen ändern. 



I30 



Ober das vorbewußte phantasierende Deniten 



"Wenn wir uns jetzt \s^iecler zu den paarweise angeordneten Fragen 
und Antworten wenden, aus denen eine vorbewußte Gedankenkette sidi 
zusammensetzt, so überfasdit es uns, zu erkennen, daß unser sogenanntes 
sdiöpferisdies Denken nidits anderes ist als ein redit^ 
zeitiges und z wedtdienlidies Erinnern. 

Ein soldies reditzeJtiges Erinnern wird aber in jedem einzelnen Faü 
aüdi immer gleidiaeitig von einem gewissen Ausmaß von Vergessen 
begleitet; idi vergesse, wie man ein Fleisdihauermesser eigentlidi 
gebraudit usw„ ein Vergessen, das eine Eigentümlidikeit des Vor- 
bewußten ist. 

Wir sollten ferner audi nidit übersehen, daß jede einzelne Frage 
den Eindrudi erwedct, von einem durdi die vortiergehende Antwort 
hervorgerufenen Furdit^ oder Angstgefühl diktiert zu sein. Wir können 
nadi jeder Antwort leidit einen derartigen Affekt einsdiieben: 



Antwort; 

j. Um das FIeisdi!iau€r^ 
messe r bitten. 

4. Selber Anorditüngen 
^eben. 

5. Um ein Handtudi bitten. 



Affekt: . 
Ist das Lostrennen ta.t>r 
saml Täte ein Sanitäter 
dasselbe? 

Könnte idi nidit zuviel 
Blut verlieren? 
Genügt das audi? 



Frage: 
Wenn keine Sanitäter in 
der Nähe sind, um mir 
Hilfe zu leisten? 
Wenn der Blutverlust zn 
groß ist? 

Wenn sie niidi tiidit 
sdinell genug vom Feld=- 
spital holen? 



Alle diese Affekte sind Äußerungen des Selbsterhaltungstriebes. 
Jeder Leser, der sidi die Mühe nimmt, die Liste der Fragen und Ant- 
worten auf S, 102—507 ^sf. nodi einmal zu überbtidten, wird leidit imstande 
sein, selber den Affekt zu ergänzen, der jeder Frage zugrunde liegt. In 
anderen Fällen wird eine derartige Ergänzung vielleidit weniger einfadi 
sein, Der Anteil der Affekte am vorbewußten Denken ist ein Problem, 
mit dem sidi die Fortsetzung dieser Arbeit nodi eingehend besdiafiigen 
wird. Die obige kleine Bemerkung soll nur dazu dienen, uns auf spätere 
Forsdiungsergebnisse vorzubereiten, 

Idi glaube audi nicht, daß es den späteren Ausführungen schadet, 
wenn idi vorwegnehmend sage, daß es notwendig sein wird, sidi mit dem 
Einfluß der Affekte auf das Erinnern und Vergessen beim vorbewußren 
Denken zu besdiäftigen : jede Antwort löst einen Affekt aus, der seiner^ 



selts Anregung dazu gibt, dem Gedaditnisinhak eine neue Annahme zu 
entnehmen. Die Frage erweckt wahrsdieinlidi, was wir später norfi 
genauer untersudien werden, audi einen Affekt, der Veranlassung gibt, 
dem Gedäditnis eine Antwort zu entnehmen und Affekt und Gedanke 
stehen so in einer wed^selseitigen kausalen Beziehung. 

Vorläufig soll ein Beispiel genügen, um uns die Rolle der Affekte 
beim Vergessen zu zeigen. Wie idi vorbewußt denke: »Wenn idi dort 
gewesen wäre^ hätte ich ein oder beide Beine verlieren können,« sehe 
idi midi auch sdion verwundet auf dem Pflaster liegen und werde 
durdi diesen Anblidt so fasziniert, so zerstreut, daß idi die Hypothese, 
das »wenn«, vergesse, Idi sehe midi als Verwundeten^ folglidi bin idi 
wirldidi verwundet worden. 

Es gibt im Wadileben einen entspredienden Vorgang, der zu ernsten 
Unglüdsfäüen führen kann, wie z. B, wenn ein Sdiauspieier so sehr im 
Bann seiner RoHc steht, daß er seinen Partner auf der Bühne wirklidi 
erstidit. Im Vorbewußten dagegen verläuft alles harmlos und wir gehen 
gleidi darauf einen Sdiritt weiter: »Wie, wenn eines meiner Beine nodi 
nidit ganz abgetrennt wäre?« 

Nadi dieser Abweidiung bleibt mir über den Anteil des Vergessens 
am vorbewußten Denken, wenigstens soweit es die Analyse betrifft, ntdit 
mehr viel zu sagen übrig, da idi ja versudit habe, seine Hauptleistung 
gebührend zu würdigen; nämlidi die Mögfidikeit zur Vernadilässigung 
und Niditbeaditung des Untergrundes, auf dem die Gebäude sidi 
erheben, des Rahmens, von dem die Bilder umsdilossen sind, denen 
unser Denken eine so durdidringende Aufmerksamkeit zuwendet. 

Wir wollen diese Auseinandersetzungen mit den folgenden zwei 
Bemerkungen absdiließen : erstens, daß Erinnern und Vergessen sidi unter 
dem Forsdiungsbiidc des Psydioanalytikers als ebenso launisdi erweisen, wie 
sie dem wadien Denken des Laien ersdieinen. Es ist möglidi, daß wir 
nadi dem Erwadien aus einer Phantasie nidits von den Luftsdilässern 
erinnern, die wir in ihr gebaut haben, oder daß wir unwiditige Einzelheiten 
behalten haben, während widitige Bestandteile für immer in Vergessenheit 
geraten sind. Es gibt nur eine einzige Art Mensdien, auf weldie diese 
Regel nidit anwendbar ist, namlidi fene, weidie die vorbewußten Denk»' 
Vorgänge unaufhörlidi zu bewußten Swedten ausnützen, wie Künstler 
und Gelehrte. Die meisten von ihnen bedienen sidi ihrer Einbildungslirafi: 
aber instinktiv, ohne fadigemäße Anleitung, etwa ^i7ie Monsieur Jourdatn 
in Motieres Koraödie »Le Bourgeois gentilhomme«, der in Prosa spridit. 



nz 



Qber das vorbewußte phantasierende Denken 



ohne es zu wissen. Wie idi in einer anderen Arbeit naAzu weisen vef 
suAen will, ist es das besonders reiche AfFektleben der Künsder und 
Denker, das sie instand setzt, aus lien Vorgängen in ihrem Innern 
Nutzen zu ziehen. 

Die zweite und fetzte Bemerkung hat zum Inhalt, daß der Laie, 
wenn er überhaupt etwas von seinen Tagträumen behält, sidi am 
ehesten erinnert, irgendweldie sein Hauptinteresse angehende Visionen 
gehabt zu haben, seltener aber sdiöpferische Gedanken zurückbehält. 
Und wenn er andererseits in seinem vorbewußten Gedankengang zu 
einem Sdiluß gelangt ist, der ihm im Wadilebcn von Nutzen sein könnte, 
erinnert er ihn gewöhnlidi in Worten (behält also die Worterinnerung 
an seine Vision zurück), besonders wenn sie von einem Affekt begleitet 
war. Am häufigsten aber erhält man soldie Inspirationen ohne eine 
Ahnung von ihrem Ursprung zu haben. Wir wollen uns aber vorläufig 
audi merken, daß in gewissen Fällen die vorbewußten Bilder leichter ins 
Bewußtsein übertragen werden als ihr wörtlicher Ausdruck. 

Am Ende dieses langen Kapitels können wir mit einiger Befriedigung 
auf das Geleistete surückbüdcen, denn es ist uns gelungen, einige Ent- 
deckungen zu madien, die das Material für die Bcsdireibung der 
Mechanismen des vorbewuRten Denken.^ abgeben sollen. Wir haben 
gefunden, daß unsere nidit geriditeten Gedankengänge die äußere Form 
emer Folge von Fragen und Antworten annehmen, gelegentlidi untere 
brochen von fialluzinatorisdien Erinnerungen, bei denen die Erinnerungen 
sidi wie selbständige Kräfte benehmen,- daß die einzelnen Glieder der 
Assoziationskette nichts als eine unaufhörliche Folge von Erinnerungen 
sind,- daß dem Vergessen eine ebenso aktive und widitige Rolle zufällt 
wie dem Erinnern,- und daß die Vor^ und Nadi teile dieser Denkprozesse 
hauptsächlich auf die Fähigkeit unseres Denkens, zu vergessen, zu 
erinnern und abgelenkt zu werden, zurüdigehen, weniger auf die Vef:- 
^L Wendung äußerlicher Assoziationen, wenn diese auch häufiger vorkommen 

^H als beim bewußten Denken, 

^B Nur ein umfassendes Problem habe idi, statt es hier zu behandeln, 

^m hauptsädilich aus tedinischen Gründen für das nächste Kapitel aufge= 

^H hoben: es ist das die Untersuchung, welche Rolle unsere kritische Denk=- 

^B tätigkeit beim vorbewußten Denken spielt, 

L 



III. Kapitel. 
Der Absdiluß der Gedankenketten. 

I. Das Erwacfien. 

Unsere Analyse der Tagträume wird vollendet sein, wenn wir 
nodi etwas über die Art ihrer Absdilüsse in Erfahrung gebraciit haben 
werden. In mandien Fällen sind die Gründe für den Abbruch einer 
Phantasie leidit genug' zu finden, z. B.: 

aj >I(£ Bin im Begriffe Ci^i^ Bett), an das neue Quartier zu 
denken, das wir am fetzten Samstag gemietet Baßen, afs icB durcB 
das Summen von Aeropfanen gewe<^t werde.<s. 

Bj y>Um ^UlJ Uhr aßends wecAt mich der Motorfärm eines Last= 
automoBifes, den icB zuerst für das Summen eines Aeropfanes ßafte, 
aus einer Träumerei, in der icB gerade an die torpedierte „Sussex' 
denüe, auf der mein Treund X. ums Leßen gekommen ist.« 

cj »/c^ Nomine mit dein Gfocßenscßfag ^jJJ Ußr aus einer Per* 
sunßenßeit zu mir. Dieses Zusammentreffen faßt micß vermuten^, daß 
das Krwacßen eine Tofge des StundensSfages ivar? das Rann aßsr 
ni<£t stimmen, da iS oft oBne Hinzutreten eines äußeren Reizes auf 
wäSe. IcB tvar Bei ABBrucß der Träumerei gerade mit Gedanken 
uBer die AB fegung meiner Doktorprüfung BescßäftigtA 

Diese letzte Beobaditung, die idi aus meinen Notizen unverändert so 
herübernehme, ^scie idi sie 2U Beginn meiner Untersudiungen niedersdirieb, 
enthält, wie wir in der Folge sehen werden, mehr als idi damals glaubte. 
Trotzdem ist es wahr, daß die Wahrnehmungen äußerer Reize ebenso oft 
mit dem plötzlichen Abbruch von Tagträumen wie mit der Entstehung neuer 
zusammenfallen. Wir wollen uns übrigens merken, daß in allen diesen 
Beispielen das letzte Glied vor Abbrudi der Assoziatjonskette eine 
Erinnerung war. 

In anderen Fällen ist der Augenblidt, in dem die Assoziationskette 
bei einer Erinnerung abgebrodien wurde, sehr deutiidi am Text zu 



ij*. Qbei' da,5 vortewußte phantasierende Denken 



I 



erkennen, <Idi wiederhote^ daß idi hier alles genau so wiedergebe, wie idi 
es zu einer Zeit niedersdirieb, zu der idi nodi keine Ahnung hatte, wohin 
midi meine lJnrersadiung"en cigentlidi führen würden.) Die Wiedergabe 
der Folkestohe-Phantasie ist der beste Beweis dafür. Dann entsteht aber 
die Frage: Worauf ist das Erwadien. dort zurüd^zufühien? Ehe wir den 
VersuA madien, dieses Rätsel zu lösen, wollen wir uns erst nodi anderen 
AbsdilQssen zuwenden, bei denen die gleidie Frage leiditer zu heant^' 
Worten ist. 

Die erste Besonderheit, auf die idi hinweisen mödirc, ist, daß bei 
allen vorbewußten Gedankengängen, die idi bisher vollständig mitteilte, das 
ietzte Glied dufdi eine Erinnerung gegeben war. So überlege 
idi in dem letzten Assoziationsglied des T^agtraumes auf Seite ii, wie 
weit meine Vorbereitungen für meine Doktorarbeit gediehen sind/ in dem 
Tagtraum auf Seite 13 wiederhole idi Gedanken, die midi sdion oft 
besdiäftigten : die Frage meiner Prüfungskosten,- in einem dritten Tagtraum 
<Seite 15) erinnere idi midi an die Transportsdiwierigkeiten auf den eng=- 
Hsdien Eisenbahnen* Die Phantasie auf Seite 38 endet mit der Erinnerung 
an meinen letzten Urlaub etc. etc. . , . 

Betraditeo wir jetzt einmal die Sdilußsätze der Phantasie auf Seite 
93—95 ; »Idi bin gerade im BegrifF mein Testament zu diktieren, als idi 
aufwadie« (offenbar eine Erinnerung, denn idi habe, wie wohl jeder 
Besonnene, vor dem Einrüdcen mein Testament niedergesdiriebeü). Soforr 
sage idi mir: »Was für ein wundersdiönes Phantasiegebilde! Idi muß es 
gletdi aufsdirdben, denn es ist ein glänzendes Beispiel für einen Gedanken=' 
gang, der abwediselnd zum Bewußtsein aufsteigt und ins Unbewußte 
herabsinkt. Eine vollständige Bestätigung meiner Theorie, wie idi sie mir 
undeutlidi zureditgelegt habe.« Offenbar gehört dieser Sdilußgedanke nidit 
mehr zum Tagtraum selbst, sondern ist ein Einfall, der mir nadi dem 
Erwadien gekommen igt. Das Gefühl, das diese bewußte Überlegung 
begleitet, läßt sidi nur sdiwer in Worte umsetzen. Es war eine ange-^ 
nehme Empfindung, eine Art Triumphgefühl, das idi sdion weiter oben 
zu sdiildern versudite und das midi seit Beginn dieser Arbeit mandimal 
mehrmals am Tage überkommt. Es ist audi keine persönlidie Besonder= 
heit von mir, daß idi diesen Affekt verspüre, denn er taudit in ver= 
sdiiedener Stärke je naA dem Temperament bei allen sdiöpferisdi Tätigen 
im Augenbfidc des Sdiaffens auf,- er veranlaßte, wie man erzählt, selbst 
Ardiimedes vor Freude zu tanzen und sein »Eureka!« durdi die 
Straßen von Syrakus zu rufen. 



III, Der Absditüß der Gedankenketicn 



O? 



Es ist die Befriedigung meines Wunsdies, meine Tagträume zu 
beobaditen und neue EntdeAungen zu madien, die diesen Affekt in mir 
auslöst, ein Vorgang, mit dem Idi, wie gesagt, ganz vertraut bin. Aber 
diese Erregung muß nicht unbedingt eine be^s^ußte Äußerung sein. In der 
Phantasie auf Seite 58 — 60 z. B. kommt mir vorbewußt der irrige Gedanke, 
daß idi auf einen Fall von Telepathie gestoßen sein könnte und kh bilde 
von da aus weitere Assoziationen. Dasselbe Triumphgefühl wie bei dem 
obigen Beispiet sdiärft meine Sinne und versetzt mim in soidie Auf== 
regung, daß idi sofort mein warmes Bett verlasse, um das genaue Datum 
im Vormerkkatcnder nadizusdilagen, 

Dieselbe vorbewußte Befriedigung ist es audi, die uns oft intuitiv 
merken läßt, daß wir in einen Tagtraum versunken sind. Idi entnehme 
meinen Notizen das folgende Beispiel: 

»!c£ war in das Kapitef „ Vsr lesen und PerscSrei'Ben " in Treuds 
„Ps^Sopatßofogie des AffiagsfeBens" <englisdie Übersetzung von Brlll) 
vertieft. PfötzfiS fieß meine Bewußte Aufmer^sarA^eii vorüßergeBend 
nach und afs icB nacBstsBende Steffe fas, kam mir eine eigene Idee 
zum Bemußtsein. Die Steffe fautete: „But I Bad to reßect for guite 
a wBife in order to discover wBat inßuence diverted me from my 
first attention witBout making itseff Bnown to my consciousness. " 

Die spontan auftauSende Idee fautete ßofgendermaßen: „In 
meinem VorBewußten geßt etwas vor, das eng mit meinem Thema 
zusammenßängen muß. Ic£ soffte das Lesen unterBred^en und es aufi 
taucßm fassen. " IcB Borte aud> tatsäcBfiS auf zu fesen und Bonnte 
eine ganze GedanBenBette zurfidwerfüfgen, die sicB afs eine Inspiration 
erwies und micB seBr gfücBfi^ mac&te'^^. 

Idi füge nodk die Mitteilung eines anderen Tagtraumes an, der 
eigentlidi seinem Wesen nadi nicht hierhergehört und erst in einer nädisten 
Arbeit über die Medianismen, der ErRndungstätigkeit vollständig wieder^ 
gegeben werden soll- Idi hoffe aber, daß audi ohne ausführlidie Besprediung 
das Gefühl, das den Assoziationsvorgang dirigierte und besonders dasjenige, 
das das Erwadien verantaßte, deutlidi zutage treten wird, 

VorbemcTkungen: t. Idi las zu dieser Zeit zum erstenmal 
Freuds Budi : »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten,« 
2. Das Lied, das idi in der Phantasie summe, stammt aus meiner Jugend* 

' Idi kann diese Gedaoketikctie hier nidit mitteilea, da sie uns 2U weit futiMn 
würde. Aber icd mocite iedenfells feststellen, daß audi bei ihr das letzte Assoziationsglied 
eine Erinnerang enthielt. 



( 



t?g über das vor bewußte phantasierende Denken 



2eit/ ich hate es wohl mehr als zwanzig Jahre nicht mehr gesungen. 
Es soll eine von einem Pariser gesungene Parodie eines spanischen 
Liedes vorstellen,- in Wirklichkeit ist es ein Französisdi, hei dem nur 
versAiedene Wörter spanische Endungen erhalten haben. Tdi versuAe 
seine Wiedergabe, frei ans dem Gedäditnis, wie folgt: 

Comica serenada cantada par un Espagtiofos des BatignoIIos an una Andatuza 
du boulevard Rodiediouardos. 

Pendant que ton vieux maritos Ne viennc nous derangeros 

En voya^eos est partidos, Et me flanquer son soulieros 

Je veux te donner, seHora, Au milicu de mon derneros. 

Una belle serenada. Je n'aimos pas ces bla^os-Iä, 
Mais )e crainS que ton maritos etc. 

In der letzten Zeile ist ein Fehler in der Melodie, da der Akzent 
beim Singen mit dem gesproAenen Akzent zusammenfallen sollte/ es 
sollte also ^y27-gos=lä heißen und nidit hh^gosAa. 

Tagtraum: laS per fasse mein Haus, gehe ein paar Bünden 
Sd^ritte iveit, ßfeiße dann steßen und sage zu tnin »Äoß, das ist ja 
ein Beispie f für eine Perscßießung, wie die Kinder sie Bei ißren 
Spießen geßrauc&en, oder nodj Besser ein Beispief für eine Erfindung^ 
und iS Bfeiße in der Mitte der Brücke, üBer die icß gerade geße, 
steßen und notiere auf die Rücßseite eines Kuverts den Inßaft der 
fofgenden Gedanßenßette: 

•^Afs icß das Haustor sSfoß, dacßte icß an gar nicBts C?J- 
Kaum war icß einige Sdoritte gegangen, fing icß an. das oBige Lied 
zu summen. Icß erinnere micß, daß mein "Freund E. sicß immer 
Besonders üBer dieses Lied freute, weiß er Bei viefen Endungen „rosse " 
statt „ras" ßerausßörteK Mir war es nidßt aufgefaffm, eße er tttiS 
iiidjt darauf aufmerksam macBte, Er saß da einen Doppefsinn^ mo 
icß Beinen Bemerßte. Er wiff aucß Beiräten, Seine Braut woßnt 
gfeicß neßen dem Haus, das ic6 gerne ßaufen mödue. Er wird es 
seßr scßwer ßaßen, in T. Cwo er feßtj, ein Haus zu finden. CDas 
ErinnerungsBifd dieser durcß den Krieg größtenteifs zerstörten Stadt 
ziefit an mir vorüßer, wäßrend icß das Lied immer weifer por micß 
ßinsumme.J Wie icß zu der fetzten oBen angegeßenen Zeife ßomme, 
sage icß mir.- „Der Komponist Bat da einen Teßfer gemaSt {Bei 
Bfa=gos-faJ, wie mir mein Treund C einmaf sagte, Icß seße den 

' »rosse* bedeurei: altes Pferd, audi als" Sdiimpfv^ort für »Frau* gebräudilidi. 




Komponisten C. an seinem Kfavier sitzen J GfeicB darauf fäfft mir 
ein, daß idö in der ABendzeitung des porigm Tages eine Notiz üher 
C.'s Auftreten gefesen Säße. Das ist ein Beispie f für eine Üßer= 
determinierung, zm'e i(£ ßeute friiß im „Witz' gefesen haße: CS. 138} 

„man verfofgt die Assoziationsfäden, die von Jedem 

der nun isofiertsn Efemmie ausgeBen. Diese verflechten sidj mit^ 

einander" etc. »IcB Baße afso wieder etwas entdeckt, eine 

neue Anafogie zwiscßen Tag" und Nadttraum CKnoten = Kreu^^ 
punßtj und iS möcBte jetzt nur wissen, oß die Einfäffe, die iS, 
in meinen ersten ReßonstruHtionen nidit an ihren ricßtigen Pfalz 
einfügen ßonnte, nicßt aucB Üßerdeterminierungen waren. Jedenfaffs 
werde id) in Zußunft meine Phantasien Besser ßeoBaSten können, 
denn ich vervoffßommne midi ja tägficB in der 7ed>ni^ meiner Sefßsi"- 
ßeoßaStung.^ Hier sdiweife ic£ wieder aß: ■»!<£ möchte docß wissen^ 
wie mein Treund E, Beim ßfojkn 2iußören daraufkommen konnte, 
daß „Bfa^go^^fä" Bfague^ScBerz Bedeutet, wo dodi der Afizent Beim 
Singen auf „gos" fiegt^ fffier sehe ich E. neBen mir am Kfavier sitzen, 
und üher meine Sdufter hinweg den Text fesen, wie er vor mehr 
afs zwanzig Jahren zu tun pflegte^ J — 's>A6er wir Baßen hier wieder 
eine AhzentversdieBung, wie die Kinder sie Bei mandten Spiefen 
anwenden.^ 

Wie idi das zu mir sage, hört meine Geistesabwesenheit plötzlich 
auf und der Tagtraum bridit bei dieser Erinnerung ab. Dasselbe Triumph- 
gefühl das midi bei jedem Aufdämmern einer neuen Erkenntnis über= 
kommt, erfüllt mich audi hier und idi setze sdion halb bei Bewußtsein 
fort: »Folglitii benützen die Kinder bei ihrem Spiel die Al<zentversdiiebung 
als Mittel, um ihre Mutterspradie in das sogenannte Kinderlatein zu über= 
trafen <eine Nadiahmung des Lateins, das sie in der Messe hören'''), 

1 Dabei vergesse idi, daß id» tfl dem eben verlassenen Einfall behaupte, nt hätte 
den Text nur gehört und während sidi die Bilder in meinem Inneren abrollen, kommt 
CS mir nicht zum Bewußtsein, daß er den gcdruditen Text mit dem Blick 
verfotgt. <VergIeidie meine früheren Auseinandersetzungen über das Vergessen.) 

2 Idi gebe hier ein Beispiel für das Spiellatein der flamSsdien Kinder: aus Het 
lam gfaast (das Lamm grast) wird Lama graza uüd aus de puit %\x op 
den dyk (der Frosdi sitzt auf- dem Deidi) puta dyka, etc. 

Auf dieselbe Art werden die Gämisdien Kinderreime: 
De hesp hangt et aan <Der Sdiinicen hängt daran, 

Koncrdekataan... Kann da die Katze an , . .) 

in: Despanteran, conterdecatan, umgewandelt, was angebli A französisch 



I 




ebenso wie dk Erwadisenen es häufig unwillkürfidi in Witten oder zu 
ähnlichen Zvedten tun. Besteht irgend ein Zusammenhang zNvisdien diesen 
Erschemüngen? - lA muß diesen Einfall gleidi aufsdireiben, wenn lA 
nach Hause komme,- vielleidit ist es nodi besser, wenn ich es gleidi 
notiere, denn das ist ein 'S^undersdiönes Beispiel für eine schöpferische 
Gedankenkette . . , .« 

Bei der Stelle »Aber wir haben hier wiedei- . . . anwenden«, stoßen 
wr wieder auf den Beobaditungswunsch, der gleidi nad) einem Gedäditnis= 
element in den Vordergrund triti. 

Es tut mir leid, daß idi hier nidit die Analyse dieser interessanten 
Phantasie geben ftann, aber idi habe sie nur mitgeteilt, um an einem 
Beispiel zu zeigen, in v/efdier Weise das Bewufitsein sdifie^Iidi wieder 
die Oberhand bekommt. Außerdem wird in ihr noA ein Thema eingeführt, 
mir dem wir uns in kurzer Zeit eingehender besdiäftigen werden. Sie 
zeigt nämhdi, wie derselbe Wunsdi die ganze Eeit über im Verborgenen 
wirksam ist und meinen vorbewußten Gedankengang ohne Unterbrediun,^ 
von einer Assoziation zur anderen weiterleitet, 

Idi mödite hier darauf hinweisen, dai5 sidi in mehreren meiner 
bisher mitgeteilten Gedankengänge das Vorhandensein des gleichen 
Wunsdies an genau der gleidien Stelle nadiweisen läßt. In dem Gedanken- 
gang auf S, 2S verband siA der Ausdrude »feste Eegriffsverbindung« 
mit einem Gedanken, den idi sdion vorher gehabt hatte, 
nämlidi, daß das Vorbewußte jedes Asso^iationsglied als unabhängiges 
Element bewertet und sidi niÄt um'seine Beziehungen zu dm Gedanken- 
verbindungen, in denen es gewöhnlidi vorkommt, oder um den Zusammen^- 
bang, aus dem es gerissen wurde, kümmert. Es madit die einzelne 
Wahrnehmung aus allen Verbindungen frei. Anderers-eits faßte idi den 
Text, den idi las, in folgender Weise auf: »das bewußte Denken sieht 
nur die festgelegten Begriffs Verbindungen«. Daraufhin folgerte mein Vor-- 
bewußtes m it demselben Triumphgefühl wie oben: »Da habe idi 

klingen soll. Die VersAiebuDg des Akzents fceini Ausspreien wird vkUdAt noch 
deutliAer, wenn wk die Hebungen und SenJtuugen fcd den dnselnen Silben angeben: 
Der m-sprüng[icfic^at2 : Kinderfranzösiscfi : 

(Ahnlfcfec Akzentverschiebungen zur spiderischen UmwandhngW\^ angefctid fremde 
öpracfae sind auds den deutschen Kindern nidit unbekannt, :t. B. Dicurrante 
b.ss.f.i aus >Die Kuh rannte, bis sie fid., oder Dicnrrantc t-issi clefant. 
aus *Die Kim' rannte, bis sie Klee fand.« Aomerkung des Übersetzers.) 



den diarakteristisdien Untersdiied zwlsdien der vorbewußten und <ler 
bewußten Denkweise gefunden U <Idi braudie wohl nidit zu betonen, daß 
idi hier den bestimmten Artikel unrechtmäßigerweise gebraudite,- »einen« 
der vielen llntersdiiede hatte ich herausgefunden.) 

In dem Gedankengang auf S. 30 verbleit sidi die Sadie etwas 
anders. Bei dem Worte »lese n« erinnerte mein Vorbewußtes eine andere 
sdiwer zu lösende Frage, nämlidi: »Wie kommt es, daß Ausdrüdte, die 
wir nur ein einsiges Mal gelesen haben, uns plötzlidi auf die Eunge 
oder über die Feder kommen, ohne daß wir die Absidit gehabt hätten, 
uns ihrer zu bedienen oder sie uns zu merken?« 

Meinem vorbewußten Wunsdi war offenbar viel an der Beantwortung- 
gelegen. Das zweite Vergleidisobjekt ergab sidi aus dem Text: »lA 
kann begreifen, daß Dinge, die wir oft lesen <beim Auswendigternen), 
häufig ins Unbewußte sinken.« Es erfolgte keine Antwort, trotzdem hatte 
idi dabei aber dasselbe sdiwer z\i schildernde Gefühl wie in den oben 
besfilriebenefi Fällen,- es fehlte ihm nur infolge des Ausbleibens der 
Antwort die Lustbetonung. Die dazu nötigen Elemente waren aber vor- 
handen, näffliim eine Erinnerung und ein vorbewußter Wunsdi, 

In dem nädisten Beispiel auf S, 31 finden wir aber audi das 
Triumphgefühl wieder. Es hieß dort; »Die Zerstreutheit ist das gerade 
Gegenteil von dem Zustand bei der Inspiration,- bei der Inspiration 
bewegen sidb beide Gedankengänge (bewußt und vorbewußt) dem gleädien 
2iel zu, während sie bei der Zerstreutheit auseinander laufen.« Bei 
dieser Sdilußfolgerung waren beide Vergfeidisobjekte Erinnerungen, wurden 
hier aber zum erstenmal nebeneinander gestellt, wobei ein Stüdt des 
gelesenen Textes, »ein Zustand von Zerstreuung der Aufmerksamkeit«, 
den Anlaß für die VergSeidiung abgab. 

Aus dieser langen Reihe von Beispielen können wir den Sdiluß 
ziehen, daß jedesmal, wenn wir aus einem Tagtraum zu uns 
kommen, ein Gedäditniselement das letzte Glied der Gedankenkette 
bildet, d. h., wie sdion oben angedeutet, wenn unser Denken in 
Passivität übergegangen ist und wir uns in einem Zustand 
von halluzinatorisdiem Erinnern befinden. Idi konnte 
diese Behauptung seit ihrer Aufstellung an einer Menge von 
Beobaditungen bestätigen und es steht jedem meiner Leser frei, sie selb- 
ständig nadizuprüfen. 

Wenn wir uns jetzt nadi den Gründen für das Erwadien fragen, 
so finden wir, daß sie durA innere oder äußere Reize gegeben werden- 



140 



^ ^ " ^^^ V o r ]> c^ Ti et e- pfeantgsi ereil de Denfcen 



Die mneroi Rd^e Verden, bei mir persönM, gewöhnÜdi von dem 
Wunsdi. Entdeckungen ^u macfien, beigestellt. Ein Erwadien, bei dem 
gar ketn bestimmter Affekt zu spüren war, konnte idi, gkidiRÜkifr, ob 
zur Tages, oder Nachtzeit, nur selten beobaAten. 

Jeder der einmal die Freude gefühlt hat, die einen nadi einer 
neuen Entdedung erfüflt, wird gerne Zugeben, daß es eigentfidi der 
Aftekt ist, der den Abbrudi der Phantasie bewirkt. Audi ist die 
Bedeutung der Affekte und Wünsdie aus der psydioanalytisdien Literatur 
zur Lrenuge bekannt. Aber sogar das tägliche Leben liefert uns Beispiele 
dafür, daß das Denken durch die Wirksamkeit eines WunsAes unter= 
broAeo wercjen kann. Wenn idi erinnern will, daß idi am nydjsten Tag 
zur Bank zu gehen habe, dann präge i<h mir die Idee naAdrüddidi ein 
und idi werde fast immer im riditigen Augenblidc durdi die Erinnerung 
vor dem Vergessen meines Vorsatzes behütet werden. - Da mir der 
Arzt den Rat gegeben hat, auf meine täglidie Darmentleerung zu achten 
um die Bildung von Hämorrhoiden zu verhüten und mir an dieser Veri 
hutung liegt, denke idi jeden Tag daran, ob idi dem Rat bereits nach= 
gekommen bin oder nid^t. In jedem dieser Fälle unterfcredie idi irgend^ 
welche Gedankengänge, da mein Denken sidi ja nie in Ruhe befindet Es 
hegt sogar in meiner Madit, meinen Sdilaf jederzeit zu unterbredien 
wenn idi mir nur vor dem Sdilafengehen eindringlicf, genug einpräge' 
dalf idx in einem bestimmten Augenblid aufzuwadien wünsdie. Und je 
stärker der Affekt ist, der diesen Wunsdi begleitet, umso sldierer und 
rasdier wird audi das ErwaAen vor sidi gehen. Diese Unterbrediung 
des bdiiafes gelingt den meisten MensAen, besonders wenn der 
Wunsdi aufzuwallen, stark affektiv betont ist, wie z. B. vor der Abreise 
mit einem Frühzug, wenn es sädi am eine widitige Angelegenheit handelr 
Das taghche Leben lehrt uns auch, daß unser Denken, wenn es 
sidi mtensiv auf ein Problem konzentriert, nidit leicht davon abzulenken 
(St, wenigstens nidit, solange wir fortsdireitend denken. <Idi hoffe später 
nadiweisen zu können, daß Erfindung und Inspiration Denkweisen sind 
Hl imen der haJluzinatorisrfie Erinnerungsablauf unterdrüdct und die 
Eustande von Eerstreuthcit auf ein Minimum herabgesetzt werden da 
em starker Affekt die vorbewaßte Gedankenkette auf dem kürzesten 
Wege zu einem heiß ersehnten Endziel führt) Wenn wir vorbewußt 
erfinden, d. h. wenn die Erinnerungen, die wir in unseren Assoziationen 
verwenden, affektiv betont sind, dann sdiließen wir uns derart von der 
Außenwelt ab, daß jemand eine lange Rede an uns riiten könnte, ohne 



daß wir CS merken vürden/ wk sind dann momentan gar nidit imstande, 
Sinneseindrücke aufzunehmen. Vom Bewußtsein aus gesehen, müßte man 
diesen Zustand als Zerstreutheit bcseidinen, vom vorbewußten Stande 
punkt aus konnte unsere Aufmerksamkeit gar nidht gesammelter sein. 
Und wenn wir trotz des Sympathiestreiks unserer Sinne zur Unter-^ 
brediung unseres Gedankenganges gezwungen werden, bringen wir unser 
Mißfallen in unverkennbarer "Weise zum Ausdruck, 

Von außen her beurteilt, gibt es also eine Art des Denkens, bei 
dem die Möglidikeit einer unliebsamen Störung und Unterbrediung axif 
ein Minimum besdiränkt ist. Wir befinden uns dabei in dem Stadium 
der fortsdireitenden Aneinanderreihung von BinfäÜen, ziehen Sdilüsse 
aus der Erinnerung oder der Erinnerungsfolge, die gerade auftauet, und 
verhalten uns aktiv. Audi diese Beobaditung kann jeder einzelne an sidi 
selber nadiprüfen, 

leb mödite hier nodi eine auf das gleidie Thema bezüglidhe 
Bemerkung einsdiieben: idi war durdi äußere Umstände von jeher 
genötigt, mein Arbeitszimmer mit meinen beiden Kindern zu teilen und 
sie audi alle ihre ruhigeren Spiele dort abhalten zu lassen. Wenn sie 
midi nun irt meine Arbeit vertieft sahen, vermieden sie es mit 
zunehmender Erfahrung, midi zu unterbrcdien oder taten es dodi nur in 
einer merkwürdigen Art, die idi erst heute vollkommen verstehe; wenn 
sie etwas von mir braudien, stellen sie sidi sdiweigend neben meinem 
Sdireibtisdv auf und warten, bis idi sie bemerke und nadi ihrem Wunsdi 
ftage. Idi aber bemerke, oder frage sie wenigstens, nur, wenn Idi sädier 
bin, den Gedankengang, den tdi unterbrcdie, ieidit wieder aufnehmen zu 
können, also im Stadium des freien Hrmnerns. Sie hatten bald heraus- 
gefunden, daß idi leidit ungeduldig wurde, wenn sie midi <im sdiöpferisdien 
Stadium) störten und daß sie midi nur dann bereitwillig entgegenkommend 
wie gewöhnlidi fanden, wenn sie den günstigsten AugenbliA zur Untere 
brediung meiner Gedankenbildung abwarteten, 

Auiji diese Beobaditung läßt uns vermuten, daß es während unserer 
Geistesabwesenheiten oder besser während des vorbewußten Denkens, 
Augenblidce größerer und geringerer Aufmerksamkeit gibt, wie idi audi 
sdion in dem vorbeigehenden Kapitel ausführte, wo wir das mit dem 
Strome der Erinnerungen Treiben mit seinen Folgeersdieinungen unter- 
suditen. Wenn die Vergangenheit nadi Art eines Panoramas in deutlidien 
oder sdiattenhafien Bildern an uns vorübergleitet, wenn die optisdien 
Vorspiegelungen uns jede persönlidie Madit über unser Denken nehmen. 



I 



jede Wilfensäußerung: und sogar jeden Wunsdi unterdrüdit haben, dann 
merken vir plötzlidi, wie wk von neuem von einer geheimnisvollen Kraft 
erfüllt werden, wie eine unbekannte Madit uns aus unserer Passivität 
aufrüttelt, uns wieder stromaufwärts führt und alle unsere Fähigkeiten 
in Tätigkeit setzt,- wie dieser wunderbare Medianismus wirkt, sehen wir 
am besten an dein immer erneuten frisdien Ansätzen in meinen 
Assoziationsfolgen. Gerade während des Zustandes von vorbewufiter 
Zerstreutheit, während des freien Strömens der Erinnerungen, findet der 
unbewußte oder vorbewußte Wunsdi Gelegenheit, sicfi zur Geltung zu 
bringen. Und da wir beobaditen konnten, daß jedes Erwadien aus einer 
vorbewußten Gedankenkette in einem Augenblidi erfolgt, in dem die 
Erinnerung die ganze verfügbare psydiisdie Energie absorbiert, können 
wir sagen, daß es das Stadium des vorbewußten Erinnerns 
ist, in dem unser Denken für innere oder äußere Reize 
<Gehörs-, GesiAts-- oder Gerudiseindrüde) am aufnahmsfähigsten, 
wie audi der impulsiven Einwirkung eines Affektes am 
z u g ä n g I i dl s t e n ist. Man kann sogar annehmen, daß Affekt und 
äußerer Reiz gemeinsam das AufwaAen herbeiführen, da sie in diesem 
Fall beide nach der gleichen Riditung hin wirken. 

Nun entsteht die Frage, was für Affekte es sind, die uns Veranlassen 
können, aus einem Tagtraum zu erwadien. In den Mitteilungen meiner 
Phantasien begegneten wir mehrere: wenn wir bei Tag vor uns hin= 
träumen, kann es der Wunsdi sein, die beabsiditigte Besdiäfdgung wieder 
aufzunehmen,- in vielen Fällen war es mein Wunsd), neue Beobaditungen 
zu registrieren," in meinen sAöpferisdien Assoziationsketten konnten wir 
das Vorhandensein des Wunsdies, Enidedungen zu madien (Triumph^ 
gefühl) feststelJen,- um noch andere Wünsdie handelt es Eidi, wenn wir 
reditzeitig aufwadien wollen, um einen Frühzug zu erreidien, wenn wir 
uns an Vorsätze erinnern wollen usw. Aber bei meinen Phantasien zur 
Nadjtzeh ist es gewöhnlidi der Schlafwunsdi, weldier dem vorbewußten 
Denken ein Ende bereitet, obwohl audi dort der Wunsdi, s<höpfer!sdi 
etwas zu leisten, mehrmals das Erwadien verursadit,- idi brecfie häufig 
spontan eine Gedankenketre ali, M meine vorbewußte Aufmerksamkeit 
zu sehr in AnspruA nimmt und mir dadurch den Sdilaf versdieudit. 

Idi habe aber sdion weiter oben hervorgehoben, daß ein Affekt, 
der das Erwaiiien verursadit, nidit unbedingt die Form eines Wunsdies 
annehmen muß. So heißt der letzte Satz bei der Flühphantasie <S. 44): 
»Vielleidit verträgt aber meine Haut das Pulver nidir?^>i Idi gebe hier 



einer Furtht, die an diesem Punkt der Phantasie in mir aufgestiegen 
war, bewußten Ausdrudk und erinnere tnidi genau, daß idi meinen 
ganzen Korper mit Aussdikg bededct sah. Das ließ midi mit einem 
Rudt auffahren. 

Wenn man aber infoSje einer ßefürArung aus einem Tagtraum 
erwachen kann, wie kommt es dann, daß l&i nidit audi hei Ausmalung 
der Szene unterbrodien wurde, * in der idi midi mit abgesdiossenen 
Beinen sah ? Idi glaube, daß hier der im Hintergrund verborgene, lebhafte 
Wunsdi nadi einer Professur midi veranlaßte, den Sdimerzkomplex nidit 
zu beaditen, ebenso wie uns audi im Waditeben spannende Erlebnisse 
unempfiiidlidi für körperlidien Sdimerz madien. Der eine Affekt sdieint 
den anderen auszusdiließen. In mandien Fällen ist aber überhaupt kein 
Affekt nadi weisbar, wie 2, B, tn der FoIkestone^Phantasie, bei der idi 
midi passiv verhielt und meinen Gedanken einfadi freien Lauf ließ. 
Wir dürfen übrigens ntdit daran vergessen, daß der ganze Inhalt des 
Vorbewußten die spontane Tendenz hat, zum Bewußtsein aufzusteigen 
und daß dies allein genügt, um die Unterbrediung eines indifferenten 
Gedankenganges zu erklären. Ebenso wie es der Mutter gelingt, die 
Gedanken des Kindes von einem Gegenstand, den es sidi wünsdit, 
auf einen anderen, den sie ihm vorhält, hinüberzuleiten, ebenso wie die 
Katze ein anderes Spielzeug liegen läßt, um auf den vorbeirollenden 
Sali loszuspringen, ebenso kann audi unser Denken während des freien 
Strömens der Erinnerungen einen äußeren Reiz wahrnehmen und aus 
seiner Versunkenheit zu sidi kommen. (Die eine Wahrnehmung wird 
spontan durdi die andere ersetzt, wie wir sehen werden.) Das Bemerkens=^ 
werte daran ist, daß ein soldier Übergang in einem Augenblidt statt=^ 
ifindet, in dem sidi unser Denken in einem Zustand von Passivitäf 
befindet, der Störung also den geringsten Widerstand entgegensetzt. 

Aber selbst, wenn es uns sdiwer wird, einen vorbewußten Wunsdi 
aufzufinden, heißt das nodi nidit, daß überhaupt keine Spur von einem 
Affekt vorhanden sein muß, denn die Wahrnehmung eines äußeren oder 
inneren Reizes hängt inimcr mit einem Wunsdi zusammen, wenn unsere 
Absiditlidikeitsidi nidit einmengt. Am auffälligsten ist das bei Fehlleistungen 
zu beobaditen. In dem auf S. 111 mitgeteilten Beispiel von Vergessen eines 
Vorhabens, konnten wir beobaditen, daß in demselben Augenblick, in 
dem idi merkte, daß idi nidit mehr wußte, was idi sagen wollte, also 
meine Fehlhandlung erkannte, mir wieder mein bewußter Wunsdi, etwas 
aus meiner Arbeit zu erklären, einfiel,- außerdem war eine aufdringlidie 



H^ Qb^erdas vorbewußte pfiao tasicrende Dciiken 



Erinnerung die Ursadie meiner Zerstreutheit gewesen. An dieser Stelle 
treffen drei Faktoren zusammen : die Erinnerung auf einer Seite, eine 
Wahrnehmung und der Wunsch auf der anderen. Der Hauptuntersdiied 
zwisAen diesem Fall und den früher erwähnten ist, daß idi hier den 
Wunsch, von dem die treibende Kraft stammt, kenne, währender 
mir, bei der vorbewußten Gedankenbildung unbekannt bleibt. Wir haben 
nUz aus Freuds »Psychopathologie des Alltagslebens« gelernt, daß 
jede Kompromiflbiidung, die wir antreffen, das Resultat eines Konfliktes 
zwisdien zwei einander entgegengesetzten Wünsdien ist, was auch für 
den eben besprodienen Fall nadizuweisen ist. Es wäre nidit sdiwer zu 
zeigen, daß in jedem einzelnen Fall die vorbewußte Gedankenkette, aus 
deren Konflikt mit der bewußten Tätigkeit sidi|die Kompromißbildung 
ergibt, die Folge eines vorbewußten Wunsdies ist und jedesmal ihren 
Ausgang von einem Stüdc Gedäditnisinlialt nimmt. 

Wir können also absdiließend sagen, daß das Erwadien 
aus einem vorbewußten Gedankengang während der 
passiven Einstellung des Denkens unter Einwirkung 
eines Affektes von beliebiger Intensität stattfindet. In 
Fällen, wo der Affekt so sdiwadt ist, daß er erst d ur cli 
die Analyse wahrnehmbar wird, kann ein äußerer Reiz 
dazu dienen, unser Denken vom Erinnern zur Wahr* 
nehmungstätigkeit überzuführen, was ebenfalls unsere 
Rüdikehr zum Bewußtsein zur Folge hat, 

2. Zensur und Verdrängung. 

Wir sind in den Mitteilungen meiner Phantasien mehrmals auf 
kritisdie Einwürfe gestoßen, die sidi in nidits von den Äußerungen der 
bewußten Denktätigkeit unters Aieden und haben ihre Untersudiung 
bisher immer auf eine spätere Gelegenheit aufgeschoben. Diese Gelegen- 
heit scheint mir nun gekommen. 

Der letzte Absdinitf enthielt mehrere Beispiele, in denen sidi das 
Erwadien aus einer Versunken heit unverkennbar auf die Wirksamkeit 
eines Wunsdies zurüdiführen ließ. Untersudien wir Fälle von Erwadien 
aus Phantasien, die sidi im Bett, vor dem Einsdilafen oder nadi dem 
Aufwadien ereignen, so bemerken wir sofort, daß die Wünsdie, weldie 
die Überführung des Denkens in das Bewußtsein veranlassen, leidit in 
Konflikt mit einem anderen Wunsdi geraten, welcher primärer und 
darum audi sdiwerer zu besiegen, zu verdrängen ist: nämlidi dem Sdilaf= 



wunsdi. 14 besitze in meiner Sammlung eine ganze Anzahl von 
Beispielen, an denen ich diesen inneren Kampf in genau derselben Weise, 
wie Freud es bei den Nadittraumen getan hat, beobaditen konnte. 

Idi entnehme meinen Aufzeidinungen die folgenden Beispiele : 
*Idi komme nadits vor dem Einsdilafen aus einer Phantasie wieder 
za mir. Meine Gedanken waren mit dem Wortlaut der Abfassung 
einer Besprediung über eines meiner Büdier in der American 
Psychologtcal Review besdväftigt, die, wie idi dadite, mir bei 
einer künftigen Stellenbewerbung von Nutzen sein könnte. Wie idi zu 
mir komme, denke idi : »7g$ wiff diesen Gedankengang niedersSreiBen. 
Es ist aBer nicBt der Mühe wert und id) Rann ißn morgen immer 
noe£ %urü<£verfofgen. Ich werde morgen aBer doS nidit msBr aifes 
erinnern <X)j idi soßie ihn fieBer Jetzt fortsetzen, vieffeidt füBrt er 
mid wieder "lu einer neuen Entdeckung- Nein, id sdreiBe ißn jeden= 
faifs nieder. So kurz er ist. Bat er dod afs BeoBadtung immer Wert 
für mid.^ 

Der Einwand <I> wurde später nidit mehr vorgebradit, da es mir 
bei der tatsäAlidien Niedersdirlft gelang, die Gedankenfolge festlos 
wieder zusammenzufügen, was mir nodi nie seit Beginn meiner 
Beobachtungen gelungen war. 

Dieser Streit, der das Ergebnis des Konfliktes zweier Wünsdie, 
des Sdilafwunsdies und meines Beobaditungswunsches, ist, erinnert uns 
an den Widerstand gegen das Aufwadien, den Freud in seiner 
^Traumdeutung« bespridit: »Es ist angenehmer weiterzusAIafen (hier: 
einzusdilafen) und den Traum zu dulden, weil es ja immerhin nur 
ein Traum ist <hier: weil es nidit der Mühe wert ist, wieder zu vollem 
Bewußtsein zu kommen>.'S Idi stelle mir vor, daß die wegwerfende 
Kritik: »es ist ja nur ein Traum« in dem Augenblidc in den Traum 
aufgenommen wird, in dem der Eensor, der ja nie ganz sdiläft, bemerkt, 
daß er von dem bereits zugelassenen Traum überrasdit 
worden ist.« L 

In einer anderen Phantasie, knapp vor dem Einsdilafen, versudite 
idi, midi für den erwarteten Frontbesudi meines Freundes R, mit dem 
Minister V, vorzubereiten. Idi erwadite nadi einer Erinnerung an meine 
Hausfrau und dadite sofort: "^Da Baße id wieder eine Gedankenkette, 
aBer es ist nidt der Muße wert sie niedersusdreißm,«- Dann nadi 
einer kurzen Pause : » Oß^ es ist sider dod der Müfie wert,, denn man 
kann an iBr seBem wie die Einfäffe meßrmafs Bintere inander zum 

10 



Bewußtsein auftaucßm.<i. Und idi versuchte eine Zeitlang, sie zurüd^ 
zuverfolg^en, <^as nur ein neuer Versuch meines Schlafwunsdies war, 
einem vollen Erwachen auszubleichen), bis es mir scfaließlidi gelang, 
meine Sdiläfrigkeit zu besiegen und Lidit anzuzünden. 

Dieser Vor^^and, daß die Assoziationskette nidit wichtig genug 
wäre, taudite wieder und ^y^eder auf. Ich will noch einige andere 
Ausreden anführen, die meiti Vorbewußtes benutzt, um midi von 
Unterbrediungen des Emsdilafens abzuhalten. Ebenso wie idi es bald 
lernte, auf Jedes Absdi weifen meiner Gedanken während der Lektüre 
zu aditen, verfeinerte sidi meine Selbstbeobaditung allmählidi audi für 
die Morgenstunden, in denen man, bereits aufgewadit, nodi eine Zeitlang 
vor sidi hinzudämmern pflegt. Idi erfuhr auf diese Weise, daß der 
Schlaf von einem Dämmerzustand der Sddaftrunkenheit gefolgt wird, 
ebenso wie ihn audi ein solcher einleitet und daß in beiden Fällen 
Phantasien die Träume ersetzen. Trotzdem wollte es mir nidit gelingen, 
meine morgendlichen Tagträume ebensogut wie meine abendlichen zurüdt^ 
zuverfolgen. Sdiließlidi erreidite idi es, erst einmal den Konflikt zwisdien 
meinem Schlaf^^ und Beobaditungswunsdi zu verfolgen und erlernte so 
alfmählidi auch die ßeobaditung alfer nach dem Aufwadien gebildeten 
Assozfationsketten. Einer dieser Kämpfe ging in der folgenden Weise 
vor sidi : 

^Nem^ icß wilf noS gar niSt denRsn, IS möSte vief fisßer nocB 
sSfafm. Es ist nod visf zu früh. Man sisßi noS nidt eimnaf LiSt 
durcB die Spaften des "Fenster fadens. Wenn iS zu fraß zu fesen an= 
fange, werde i(ß im Laufe des Tages vief lu müde werden. Dann 
muß iS aufhören zu arBeiten und verßere einfacß die Zeit; meffeidt 
muß i(£ au(£ mit der ganzen Ärßeit eine UhaSe fang aussetzen, wenn 
icß mich üßermüde. Meine Gedanken können nocß niSt genügend 
ausgerußt sein, denn gestern honnts ich gar nii^ts machen. Icß ßaße 
s<£on etwas Kopfweß. Daran hin ich aher sefher scßufd M hin in 
einem ganz verrauchten Zimmer sSlafen gegangen und ßaße wieder 
einmaf nicht vor dem Nieder fegen gefüfiet. Das Kopfmeß wird woßf 
vorüßergeßen, wenn icß erst einmaf in frisier Lufi ßin,<s^ Idi zünde 
meine Kerze an und öffne das Fenster, 

Ein anderes Beispiel: ^M wache zehn Minuten vor sechs llßr auf 
und wundere mich, daß mein Scßfaf ßeufe scßon so früß unterhrocßen 
wird Man hört aßer ßein Lastfußrwerß fahren <in den vorhergehenden 
Näditen wurden viele sdiwere Kanonen vofübergeführt>. A<£ ja, jetzt 



erinnere i(£ micBi icB woffte ja früß aufwachen, um vor dem Trüßstüd 
noS im Bett zu fesen. <Als diese Erinnerung midi durdifuhr, öffnete ich 
meine Augen, um nachzusehen, ob man schon Lidit durdi die Ritzen im 
Fensterladen sehen konnte. Es ist am 2S, September.) Und da es nur 
ganz wenig hell sdieint, sage idi zu mir : Nein, es ist nocß tu früh. 
Nadi einem Augenbtldi ; Aßer das ist der SSfafwunscß, der aus mir 
spricht. Idi zünde das Licht an und sdiaue auf die Uhr. Es ist 
zehn Minuten vor sedis Uhr. Ich bin überrasdit von diesem Streit, in 
meinem Vorbewußten,« 

Ich fuge nodi eine letzte Wiedergabe hinzu, die mir interessant 
vorkommt, da sie zeigt, daß mein Vorbewußtes weniger ehrlidb ist als 
mein bewußtes Idi : 

»Idi erwadie aus dem Sdilaf, halte meine Augen aber nodi 
gesdilossen, Itfi habe eben eine Phantasie vollendet, die fast genau die 
Wiederholung einer früheren ist, und sage plötzlidi zu mir: »/eö Bin 
ganz naBe am ErwaSm und im Begriffe^ eins vorBewußte Gedanhn^ 
htte zu Bifden. Jetzt ßan$t ich micB endficß BeoBac£ten, was ic£ mir 
scBon fange wünscBe.<f- Und während id> midi in die besondere psydiischc 
Einsteilung versetze, um die mir zum Bewußtsein gekommene Gedanken»^ 
kette zurüdcÄU verfolgen, fahre idi fort, zu mir zu spredien : •^Nein^ es 
foBnt wirBficB m'cßt dafür den ScBfaf zu unterBreißen. So eine Ge= 
danBenBette Bann iS jederzeit BeoBaSten und Brause nur an dem 
Tag, an dem id> sie nötig BaBe, eine niederzusi£reiBen und in mein 
ManusBript einzufügend Meinem zweiten Idi scheint das überzeugentl 
und idi bemühe midi, wieder einzusdilafen. Es muß mir gelungen sein, 
denn wenige Minuten später erwadie idi aus einer anderen Phantasie 
gerade in dem Augenbltdi, in dem idi im Begriff bin, einen Vorfall der 
letzten Wodie zu erinnern. Nun halte idi das folgende Selbstgesprädr. 
i^AB, da BaBe iS wieder einen Tagtraum. Er ist genau wie die 
■ Tagträume vor dem EinsSfafen, ABer es foBnt nicBt, iBn 
niederzusSreiBen. Icß Rann eBensogut aus meinen Notizen einen 
üBendfiden Tagtraum neBmen und für einen am Morgen gesSrieBeneh 
ausgeBen. Niemand wird den UnlerscBied BemerBen. Wie soff icB 
aBer die EinzefBeiten aBändern, um iBn den morgendficBen Umständen 
anzupassen ? Darin Biegt eBen die ScBwierigBeit. Und wenn an den 
EinzefBeiten etwas nicBt stimmt, merBt man vieffeicBt den Betrug 
und icB fiomme um mein ganzes wissenscBaftficBes ÄttseBen. Da 
wacBe icB fießer auf^ Erst in diesem Augenblidt dämmert es mir auf. 



I 



vr 



ciaß idi hier ein Beispiel dafür hate, daß mein Vorbewußtes auch 
unehrlidi sein kann.« 

Bevor wir eine Deutung der Tatsachen versudien, welAe man aus 
diesen "Wiedergaben entnehmen kann, müssen wir uns daran erinnern, 
daß es hier unsere Absicht ist, die Bedeutung der kritisdien Denktätigkeit 
für das vorbewußte Denken verstehen tu lernen/ wir haben nämlidi 
gleichzeitig ein anderes Phänomen vor uns, dessen Untersuchung wir aber 
vorläufig aufsAieben müssen. Inzwisdien wird wohl niemand bestreiten 
wollen, daß die eben mitgeteilten Tagträume ebensoviele Beispiele für 
Äußerungen der bewußten Kritik sind. Erinnern wir uns daran, daß wir 
audi sd>on früher auf Urteile stießen, die sidi auf die Assoziationsglieder 
selber bezogen, wie z. B.: »Was für ein Unsinn!« »Was für ein 
Einfaü!« etc, 

Haben wir es hier mit zwei Seiten desselben Problems zu tun? 
Bevor wir daran gehen können, diese Frage zu beantworten, wollen wir 
erst an der Hand der zitierten Tagträume feststellen, daß immer wenn 
vorbewußte Wünsdie in Konflikt miteinander geraten/ 
der Tagträumer nahe daran ist, wieder zu sich zu 
kommen. Wie kommt es aber, daß sidi bei so vielen der in d^n früheren 
Kapiteln mitgeteilten Phantasien keine Spur eines soldien Konfliktes findet? 
Die Erklärung dafür ist hauptsädilich in der tedinisdien Vervollkommnung 
meiner Selbstbeobaditung zu sudien. 

Als idi meine Forsdiungsarbeit zuerst begann, war meine Gesdiidi'= 
Jidikeit Im BeohaAten der Vorgänge in meinem Vorbewußten nodi nidit 
besonders groß, steigerte sidi aber dann im Verlaufe eines Jahres fast 
bis zur Vollkommenheit, Idi hatte sdion eine ganze Reihe von Beob^ 
aditüngen niedergesdirieben, als i<h zum erstenmal auf den inneren Streit 
aufmerksam wurde, der sidi jedesmal in rnir entspann, wenn idi meine 
bequeme Bettlage aufgeben wollte, um die Kerze anzuzünden, Bleistift 
und Papier zur Hand zu nehmen und niederzusdireiben, was mir gerade 
durch den Sinn gegangen war. Als sidi aber mein Untersdieidungsver^ 
mögen allmählidi versdiärfte, gingen seltsame Dinge in meinem Inneren 
vor sidi. Zuerst hatte ich während meiner Phantasien den Eindrudc, als 
ob Strömungen in meinem Gehirn auf und nieder gingen, so etwa wie 
ein Unterseeboot seinen Kurs bald höher und bald tiefer nimmt. Sobald 
ich aber die oben geschilderte Verdrängungstätigkeit entdedtt und beob^ 
achten gelernt hatte, gelang es mir, nachdem ich ein für allemal beschlossen 
hatte, jeden auftauchenden Gedankengang zu registrieren, nicht mehr. 



ruhijf aus emein Tagtraum zu erwadien. Und itt fand auf diese Weise 
heraus, daß das angebtidie Steigen und Fallen der vortewußten Gedanken*^ 
gänge nidits anderes war, als eine Vermengung von einzelnen Ketten« 
aSsAnitten mit Diskussionen nach Art der oben gesdiiiderten, die an der 
Grenze zw-isdien Vorbewußtsein und Bewußtsein zu stehen scheinen. Idi 
hatte einfadi die Fähigkeit verloren, meine Tagträume, glddigültig ob 
vor oder nadi dem Einsdilafen, ohne Störung ihres Ablaufes zu beobaditen, 

Idi gebe deshalb hier die Mitteilung eines Tagtraumes der späteren 
Periode wieder, in dem zwei Wünsdie wiederholt in Konflikt miteinander 
geraten oder, um es deutlidier zu sagen, in dem der Verdrängungstätig-' 
keir mehrmals wörtüdier Ausdrudi verliehen wird, 

, WäBrend des SSfafengeßens erinnere iS micB an einen Brief 
meines Trewtdes R., in dem er mir mitteift daß er in hirzer Zeit 
in Begfeitung des Ministers R an die front kommen und mir 
gemeinsam mit iBm einen kurzen BesuS aBstatten wird. IS denke 
daraih daß iS sie in kein Restaurant füBren kann^ da das näcßste 
einige Meifen meif entfernt ist und Besd>fieße, ißnen in unserer 
Messe ein Mittagessen zu geBen. — Darauf Bin üBerfege icB, wie 
wir es macBen soffen^ um uns äffe die *teffer^ Messer, GaBefn etc. 
zu versSaffen, die für die Bewirtung sofdJer EBrengäste erforderficB 
sind. IcB üBerfege weiter^ oB i(£ sefBer äffe Kosten Bestreiten werde 
oder oB die ganze Messe sich darein teifen wird. I<£ BescBfieße^ 
zuerst einfacB oBne Hamensnennung mitzuteifen, daß wir den SesucB 
eines regierenden Ministers erBaften werden^ da dies das einzige 
Mitte f ist, um jeden zu einer vorurtsifsfosen Meinungsäußerung zu 
Bringen f tatsätBfiS sind einige Kameraden unter uns, deren pofitisSe 
ÜBerzeugutigen das gerade Gegenteif der von Minister P, vertretenen 
sind und iS moSte keinen von iBnen zu einer AusgaBe zwingen, 
die er nii£t gerne auf sidi nimmt Das erinnert mii£ an verscBiedene 
Züge von KfeinficBkeit, die i<£ Bei einem der MesseteifneBmer 
BeoBacBten konnte." (Hier schiebe idi die Bemerkung ein: »Ich 
bin sdion wieder mitten in einer Phantasie, aber meine t.=^ 
wegen <I,>^« Wie die Kette steh wieder fortsetzt, assoziiere 
idi, wie folgt): „Mr. JC., Bei dem iS micB um den Posten BewarB 
fpon dem scBon meBrmafs die Rede marj, giBt gar kein LeBenszeiSen 



^ Das heißt: In mdnetn Denken geht wieder alles mögüAt vor, idi werde nodi 
ddit dnsdilafen könaea. 



(5Ö 



Über das vorbewußte phantasierende Denken 



von sicB. Hoffsntfif£ Bin icB niSt gerade fort wenn sein Sekretär 
micß aus Kasse f aufsu<&t ABer iS denße äbcß, daß er micß por' 
her von seinem BesucB verständigen fassen wird. Außerdem möcßte 
iS au{£ versMcBen^ die Zeit Bis zur endgüftigen Entscheidung ßinaus^ 
zusSieBen, denn der andere Posten wäre mir fieBer. IcB hätte van 
ifim aus mehr ÄussiSt eine Professur zu Bekommen. Und Mr. Z. 
(der üBer den anderen Posten zu entsSeiden Bat) wird eBenso wie 
sein Treund, Mr. 7., auch Bafd an die front Bommen. Mr. T. ist 
jetzt in London. '<Hier unterbredie idi micfa neuerdings^ <I1.> 
indem i{li sage: »Sdion wieder eine Gedankenkette! Idi 
werde sie aufstfireiten. — Aber nein, es lohnt noA nidir, 
sie ist nodi zu kur2.« Nadi dieser Überlegung gehen 
die Assoziationen weiter): „I<£ wiff ihm fnämficB Mr. T.J 
eine der ersten Aßsi£riften meiner jetzigen ArBeit sSic6en. ABer es 
ist Besser, wenn icB ihm einen ABdrut^ scBicBe, das maSt meßr Ein" 
drucB afs ein ManusBripi. ABer Bat Mr. T. denn Bei der Ernennung 
meBr zu sagen afs Mr. Z. 9 Nein, Mr. Z, war j'a afs ,Präsident' 
untersiBrießen. " <Hier kommt es mir- wieder halb zum Be- 
wußtsein, daß idi phantasiere, <III.> idi tnadie aber keine 
Bemerkung,) „ Wenn iS von Bier fortgeße, werde icß seßr visf 
Gepäck zu transportieren ßaßen. OB i<£ niicA einige Tage in B. auf 
haften muß? OB icB die äraris<£ gefaßten SaSen zurüdigeBen muß?" 
CDaran scBfießtsiS ein fang ausgesponnenes Strömen von Erinnerungen, 
tüäßrend dessen meine ersten Tage im Tefd in feBßafien Bifdern an 
mir vorüBerzießen.J „Meine Hose Bann icB aBer nicßt zurüdgeBen, denn 
id> BaBe sie immer nocB in A. ° <Wä hrend des Erinner ns 
Isomme idi wieder halb zum Bewußtsei n, wobei idi 
überlege (IV.) :»IchmuD sie an einem der nädisten Tage 
holen.« Da idi midi dabei in einem Hustand zwisdien 
Bewußtsein und Vorbewußtsein befand, weiß idinidit 
redit,in weldiem Eüstand idi eigcntlidi die erstenGlieder 
des wiederaufgenommenen Gedankenganges assoziierte.) 
„ PieffeicBt Bannte ich dafür eine Hose zuräi^geBen, die ii£ mir aus 
der Beutemasse verschaffe. Wie mache ich es aBer mit der ärarisSen 
Kappe? Die BaBe ich inA. ge fassen. Der Schneider dort, ein Zivi fist. 
Bat sie waBrscßeinfidß fängst verßauft. Der BaBgierige TefdweBsf im 
Monturdepot wird meine gute haBen woffen. C^on hier an spiefe ich 
in einer Szene mit: ic£ streite wütend mit dem TefdweBef und BaBe 



in. Der Aijsdiluß der Gedanltenkettcti 



lyi 



daSei das GefuBf mrSficß zu träumen, m'St nur zu pßanfasierenj : 
M Biete ißm BezaBfung für die vertorengegang^ns Kappe an^ er aBer 
weist das Gefd zurüd und perfangt die /eins Kappe von meiner 
Exframontur zum Ersatz. Da icA mich weigere, sie BerzugeBen, meist 
er au<£ die üBrigen ärariscBen Monturstäc^e zurüd, in der Meinung, 
daß er dadurS meine ABreise verßindern und micß zum NaSgeBen 
zwingen wird, Icß aBer tege das KfeiderBündef vor der Türe seines 
Depots O'f^ ersten Stod) auf die Erde und neBme mir innerfid^ vor, 
midh Beim Kriegsminister üBer seine Gemeinheit zu ßes(£weren. Der 
TefdweBef aBer Beßeßft im Zorn seinem KorporaC das Sünde f aus 
dem Tenster auf die Straße zu werfen. Darauf Bin geBe icB und sage 
dem Kerf, daß icß miS im Kriegsministerium üBer iBn BeBfagen 
iverde. Das steigert seine Wut nur nocß meBr. IS geBe in die Kantine 
Binunter, Bore und seBe aBer trotzdem Cafs oB Beine Wände da 
wärenX wie er einem ScBreiBer im ErdgescBoß zuruft, er möge mein 
Bünde f aufBeßen, damit es Bein VorüBergeBender mit siS nimmt. 
Darauf Bin Bescßfieße is£ wegzugeßen, afs oB affes in Ordnung wäre. 
Wie icB auf die Straße Bomme, ist das Bünde f fort. Aßer iS merBe 
auf einmal zu meinem Erstaunen, daß i<£ mit ganz Beeren Händen 
dasteBe ; weder BaBe iS den Teif meiner Ausrüstung, die icB von zu 
Hause mitgeßrai&t BaBe, nocß äffe meine anderen Sacßen. '<Icfikommc 
wieder halbzuBewuiicsein u n,d überlege) <V.>: „Ja, was soff 
iS mit meinen BücAern macBen 9 IS werde äffe wissen sSaftfiSen 
mitneßmen und die anderen Bei meiner Hausfrau fassen f sie wird 
sie in dem Kasten aufBeßen, in dem sie auS jetzt steßen. Dann 
waSe icß auf Cnteine Augen sind noS gesSfossen) und denße wie 
gewöBnfiS zu affererst: Da wäre wieder eine GedanßenBette, aßer 
es foßnt niSt, sie aufzusSreißen. Einen AugenBfid später aßer sage 
iS entrüstet zu mir.* O, natürfiS foBnt es siS, Es ist eine von 
den aufsteigenden und wieder untersinB enden und sogar eine seßr 
interessante. "(VI-) lA zxm^t also die Kerze an und schreibe sie auf. Ein 
Blidt auf die Uhr zeigt mir, daß die Gedankenkette 55 Minuten in 
Änsprutt genommen hat. 

Wir sehen, daß die Assoziationskette an sechs versAledenen Steifen 
beinahe bis zum Be\i7ußisein aufsteigt. Bei 1, II, III und VI ergibt sidi 
das aus dem Text, so daß jede weitere Bemerkung überffüssig ist- Bei 
IV und V wäre der Leser darauf angewiesen, mir einfadi zu glauben, 
wenn uns nirfit gewisse Einzelheiten volle Sidberheit geben würden. 




*J^ Ü Ijer das vor&ewuRte phantasierende Denken 



An den Beispielen, bei denen kein Eweifd mögfidi ist, sehen ijfrir 
namliA, daß sofort auf das Erwadien eine in Worten ausgedrückte 
Überlegung folgt, die sidi durdi nidits von einem bewußten Gedanken 
unters dl ei det, und swar; 

Nadi I: »Mr. X, gibt kein Lebenszeichen von sldi.« 
Nadi 11: »Idi wiÜ ihm eine der ersten Absdirifteti meiner Jetzigen Arbeit 
sdtidcen,« 

Nach III: »Idi werde sehr viel Gepädt zu transportieren haben.« 
Und in den Fällen, die uns zweifelhaft scheinen: 

NaA IV: »Idi muß sie (meine Hose) an einem der nädisten Tage holen.« 
NaA V: »Ja, was soll ich aber mit meinen ßüdiern machen?« (Letztes vor^ 
heriges Glied: »Ic& stehe mit leeren Händen da.«) 

In all diesen Fällen sind wir sehr weit von Unsinn oder Absurdität 
entfernt und die AhnHdikeit der Überlegungen bei den fünf Beispielen 
läßt uns vermuten, daß meine Beobacbtung korrekt war und idi midi 
virkiidi jedesmal dem Bewußtsein näherte. Die Analyse bestätigt meine 
Beobachtung, 

Versudien wir Jetzt, diese Phantasie, ebenso wie die beiden früheren, 
sAematisdi darzustellen. Da wir bereits wissen, daß der Gedankengang 
in ihr nadi bestimmten Halluzinationen zum Bewußtsein aufsteigt, ver- 
ansdiaulichen wir das Strömen der Erinnerungen durdi senkrecfite, punktierte 
Linien, wobei der horizontale Raum über dem Sdiema das Bewußtsein 
vorstellen soll. Wenn zwei aufeinanderfolgende Absdinitte dem Gedanken- 
inhalt nadi ein Ganzes bilden, d. h., wenn der zweite Teil sidi direkt an 
das letzte Glied des vorhergehenden ansciiließt, so werden sie durdi 
parallellaufende Stridie dargestellt. Verändert sidi dagegen der Gesidits= 
punkt, so wird audi die Streidiriditung der Linien eine andere. 

Dieses Sdiema (s. S. 153) gleidit den früheren in auffälliger Weise und 
bringt uns auf die Vermutung, daß die Ähnlidikeit mehr als eine äußerlidic 
sein könnte,. Wir müssen uns jetzt wirklich fragen, ob nidit ebenso wie 
bei dieser Phantasie audi bei allen früheren Jedes längere Ausspinnen 
von Erinnerungen eine Annäherung an das Bewußtsein zur Folge hatte. 

Um diese Frage zu beantworten und den Vergleich mit den richtigen 
Hilfsmitteln durdiführen zu können, wollen wir diese Phantasie, ebenso 
wie wir es im letzten Kapitel taten, kurz analysieren, unsere Analyse 
aber auf die Stellen besdiränken, an denen idi während des vorbewußten 
Denkens eine Veränderung meines psychischen Sustandes bemerkte. 



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^ I. Bei I., S. 149, erinnere idi midi gerade an Züge von KleinläAkeft 
Bei einem meiner Kameraden, wie idi bemerke, daß ich wieder mitten in einer 
Phantasie bin, Bei Wiederaufnahme der Assoziationskette sehe ich, daß 
das erste Glied sidi nidit an die letzte Erinnerung <die Kleinlidikeit meines 
Kameraden) ansdiüeßt, sondern daß der Gedankengang jetzt unter die 
Herrsdiaft eines anderen, auf meine zukünftige Laufbahn besüglidien 
Wunsdies geraten ist. Das Ergebnis ist, mit anderen Worten, dasselbe, 
als ob ein starker Riditungsumsdiwung stattgefunden hätte, wie wir ihn 
30 oft in der Mitre der Gedanken ketten beobachten konnten. Das hat 
weiter nidits Erstaunlidies an sidi,- da beim vorbewufiten Denken Zustände 
von Aufmerksamkeit und Zerstreutheit (die letzteren als Folge des freien 
Strömens der Erinnerungstätigkeit) miteinander abwediseln, können die 
Zerstreutheiten audi so ausgedehnt sein, daß der ursprüngliche unbewußte 
Wunsch vergessen und durdi einen anderen ersetzt wird, besonders da 
das Denken während des Erinnerns am aufnahmsfähigsten für neue 
Eindrüdce ist. 

Der einzige Untersdiied zwisAen diesem Umsdiwung und den 
Riditungsänderungen, die wir im letzten Kapitel bei der Besprcdiung 
der Sprunghaftigkeit unserer Phantasien untersuchten, liegt darin, daß 
mein Beobaditungswunsdi hier auf meine Denktätigkeit aufmerksam 
wird, allerdings ohne störend einzugreifen. Normalerweise geht diese 
Tätigkeil vor sidi, ohne die Aufmerksamkeit auf sidi zu ziehen. Mein 
Sdilafwunsdi veranlaßt die Bemerkung: >Meinetwegen.« Gewöhnlidi 
verhäft er sidi sdiweigend, ist darum aber nidit weniger bestrebt, den 
vorbewufiten Denkprozeß zu unterdrüdten und in die tieferen Sdiiditen 
des Unbewußten hinabzudrängen, 

II, Nadi der Erinnerung; »Mr. F. ist jetzt In London,« steigt der 
Gedankengang wieder zur Oberflädie, was einen etwas sdiärferen 
Konflikt zwisdien den beiden WünsAen veranlaßt. Diesmal sehen wir 
aber nadi Wiederaufnahme der Assoziationskette, daß keine Riditungs- 
änderung erfolgt ist: der Gedanke an Mr. F. bleibt weiter im Vorder- 
grund. Audi hier untersdieidet sidi der ganze Vorgang nur in einem 
einzigen Punkt, und zwar demselben wie vorhin, von gleichen Vorgängen 
im vorigen Kapitel. Die Analogie ist, daß das Denken nadi einer 
Erinnerung ohne Umsdiwung weiter gehen kann, was bei dieser 
Phantasie meistens der Fall ist. Der Untersdiied ist, daß mir meine 
Denktätigkeit zwisdien den Zuständen von Zerstreutheit und Aufmerke 
samJteit zum Bewußtsein kommt, woran sidi dann ein Kampf mit dem 



IIL Der AbsAluR der Gedaatienfcetten 



>5S 



im Dienste des Sdilaf^unsctes stehenden 2ensor sAUeßt, Dassdfce gilt 
auch für das Erwadien bei IIl und IV, das wir darumnidit eingehender 

bespredien müssen. • < ■ 

V Dagegen verdient das V. Erwadien, daß wir uns cmgehender mit 
ihm Wsdiäftigen, es gibt ans nämiidi auf anderem Wege einen neuen 
Beweis dafür, daß der Sensor seine Tätigkeit in dem Augenbii^ 
beginnt, in dem st* die Gedankenkette dem Bewußtsein nähert. Nach 
tätiger Mitwirkung in einer Szene, die sidi zum Teil aus Ermnerungcn 
und zum Teil aus Gedanken, die im Hintergrund bleiben, zusammensetzt, 
bemerke ich plötzlidi mit einem Gefühl von Überrasdiung etwas, das 
idi für eine Absurdität halte : idi stehe mit leeren Händen da. Was 
habe ich mit meinem ganzen Besitz, darunter meinen BüAern, gemacht? 
Und nadi dieser Überlegung finde idi miA wieder bei halbem 

Bewußtsein, x r\ i 

Wir haben hier eine Art der Äußerung unserer kritischen Uenk^ 

tätigkeit, die wir audi in anderen Phantasien sAon beobachten konnten, 
eine Kritik, die oifenbar nidit mehr dem vorbewußten Denken angehört. 
Sie trägt die diarakteristisdien Merkmale des bewußten Denkens, denn 
das unbewußte kennt den Begriff der Absurdität ja gar nidit, Außerdem 
können wir uns hier von der Beobaditung leiten lassen, die ganze 
Frage ist gelöst, wenn sidi nadiweisen läßt, daß idi sAon vor der 
Überlegung i »Was habe idi mit meinem ganzen Besitz gemadit?« halb 
zu Bewußtsein gekommen bin. Und der Text kann uns den Beweis 
liefern, daß siA die Dinge wirklidi so verhaken, wie idi es vermute. 

Es wäre für midi leidit, nur nidit ganz korrekt gewesen, 
die Reihenfolge der beiden Sätze bei der Wiedergabe umzukehren, »Idi 
komme wieder halb zu Bewußtsein« an erste und ^Auf einmal merke 
idi mit Erstaunen, daß idi mit ganz leeren Händen dastehe,* an 
zweite Stelle zu setzen, in diesem Fall wäre dann jeder weitere Beweis 
für die eigemlidie Aufeinanderfolge überflüssig gewesen. Aber ein Bhdi 
auf den Text selber zeigt uns audi so, daß idi sdion halb bei Bewußt- 
sein war, als iA meine phantasierte Handlung lu-itisierte ,■ es ist mir ja 
audi nur möglidi, emen Zustand, der sidi bereits hergestellt hat, zu 
beobachten. Idi bemerke, daß i<h wieder halb bei Bewußtsein bin, weil 
idi die eben gemadite Bemerkung als eine halb bewußte erkenne. Folglidi 
gehört die kritisdie Denktätigkeit, deren Äußerung wir an dieser Stelle 
finden, dem Bewußtsein an und läßt sidi durch das Aufsteigen des 
Gedankenganges, das Erwadien, erklären. Da es hier zu keinem Konflikt 




Ober das vorbewaBle phant as i er enJe Denken 



zwisAen den heiden Wa„sd,e„ kommt, wüA dfe A„ei„an<ferreihu„g der 

Assoziationen einfadi fortgesetar. 

umfo.!?n/'^' ™*, /" ^'f ^ Auseinandersetzung eingelassen, «m so 
umfassend afs mogfich nadizuwefsen, daß sidi in d e n me is t e n 
derG/dl'r''""" -;« Aufsteigen und Untersinken 
des Cjedankenganges beobachten läßt. unddaßinfoUe 
der aufsteigenden Belegung Elemente in die Gedanl,en. 
ketten eindringen, die dem bewußten Denken angehören 
^nd Äußerungen unserer kritisdien Denktätigkeit sind. 
Die R^At^keit dieser Behauptung konnte iA auf drei versdiiedene 
/U-ten nad^prü fen . aj direkt durd. mefne eigenen BeobaAtungen, 
Li aT^ f"i" GegenübersteHung, .> du rdi die Analyse. Idi 
glaube, daß mir die Beweisführung gelungen ist und daß wir von fet^t 

TjfVTf''^" ";'''?*' ^'''^^ ^"^ ^''^ ^" ^^" Assoziationsketten 
findet, afs Äußerung der bewußten Zensurtätigkeit und als Beweis dafür 
ansehen dürfen daß wir in diesem AugenbliA niAt weit vom vollen 
i3ewu«tsein entfernt Tsraren, 

wpr^ ^'"" 7'j '''"! T ^^^"^'■^^^"f^^'e auf S. 92-95 zurüikehren, so 
werden Wir finden daß sie seAs Stellen enthält, die unverkennbar auf die 
liinmisdiung des Zensors hinweisen. JA gehe sie im folgenden wieder: 
.W. °\°'"^'^^'^'*<^^'*""& I'^At hier ab und irfi finde die Äußerung auf- 
. lA dort gewesen wäre, hätte ich beide Bdne verhören können.« 
B) Id denke weiter in Worten: .Wenn iA erst einmal gesund bin, 
kann ich merne Laufbahn fortsetzen und weiter unterriditen. * 
c) iDas ist Ja Unsmn.c 

rfj Idi gkube, daß JA gfcidi darauf mehr oder weniger vollständig 
aufwadite m,d. von der redeten auf die linke Seite le^e, während id daAte: 
'ja, 1* hm jetzt mit einer indifferenten Gedankenkeite besdiäftigt, Idx darf 
sie niAt mehr abbrediea und aufsAreiben, sonst sd>Iafe idi heute nadit über, 
haupt nidit ein,« 

«) Erst jetzt denke irfi daran, daß der Doktor erstaunt sein wird, daß Idx 
meine Familie um Freibilfetts einreidien lasse 

Ungfül'bSf '"'' '"^ ^"'' ^'^ ^"^'^ ^^ -^-^*« -^- ^-ß- 
Eiir Zeit, als idi diese Phantasie registrierte, war idi nidic ganz 
sidier, ob meine BeobaAtung bei d) audi korrekt war, nadi den vorhin 
angeführten Analysen zweifle idi aber nidit mehr im geringsten daran. 
tJei den ftinf anderen Beispielen könnte man fragen, weldien Beweis idi 
tur ihre bewußte Natur geben kann. Idi muß antworten, daß idi midi 




bei ihrer Auswahl aussdiÜeßlidi von meinem gesunden Menschenverstand 
leiten ließ/ immerhin gibt es aber ein Zeichen dafür, daß ich dabei nidit 
ganz; widkürlidi vorging/ wenn wir nämlidi nachsehen, wohin diese 
Auszüge in der entspredienden sthematisdien Darstellung gehören^ so linden 
wir, daß jeder einzelne mit einem freien Strömen der Erinnerung zusammen^ 
fälft oder, wie wir no di anders sagten, mit einer Verlegung des Interessemittel^ 
Punktes. Daraus können wir auf die Riditigkeit der Behauptung sdiliefien, 
daß jedes vernünftige wörtUdie Urteil, das sidi in unseren Phantasien 
findet, in einem Augenblidc hineingelangte, in dem unser Denken dem 
Bewußtsein nidit sehr ferne stand. 

Der Umstand, daß sidi nur sedis von den adit Riditungsänderungen 
des Schemas im Texte wiederfinden, beweist nidits gegen die Riditigkeit 
dieser Ausführung, sondern ist nur ein Zeichen für die Unvollkommenheit 
meiner Beobachtungstedinik, £ur Zeit, als ich diese Phantasie registrierte. 

Die eben gemachte Entdeckung weist also darauf hin, daß die 
Absurditäten und Unsinnigkeiten aus einem Stadium stammen, in dem 
das Denken sich dem Unbewußten nähert. Bei einer neuerlidien Unter= 
sudiung der analysierten Tagträume würden wir sehen, daß diese Denk^ 
fehler am häufigsten vorkommen, wenn wir hauptsächlich in Bildern 
denken und das Gefühl des Handelns, nidit des Denkens, haben. Sollen 
wir daraus schließen, daß eine Zunahme des bildhaften Denkens ein 
Zeichen für die Annäherung an das Unbewußte ist? (Nämlich bei 
McnsAen, die^ wie idi, nidit dem visuellen Typus angehören.) Ich würde 
meiner eigenen Ansicht nach diese Frage bejahend beantworten, fincJe 
aber allerdings unter meinen gesammelten Beobachtungen niAt genügend 
Material, um objektive Beweise dafür zu geben ^ Ich ziehe dabei auch alles, 
was wir über das bildhafte Denken der PsyAoneurotiker wissen, in Betradit. 

Inzwischen wollen wir nidit vergessen, daß es keine strenge Trennung 
zwisdien den drei versrfiiedencn Bewußtseinszuständen gibt. In extremen 
Fällen werden die Unterschiede sehr auffällig,- in Grenzfällen gehen sie 
ineinander über und die beiden Arten des Denkens können überein^ 
stimmend jede einige Züge von der anderen entlehnen-. 



1 So äst in d«r Folkestonc^Pfiantasie <S. 55) der einzige, rein wörtlidi ausgedrüdctc 
Einfeil; Hier sdiiebe tdi niit verbildÜdit, sondern in Worten den Gedanken ein: »Wie 
ungesdiittl: usw.« 

2 Sieh? die Tastraummitteilung atifS, 150, in der ich b eiaem bestimmten Moment 
eingestehen muB, daß lA nidit redit weiß, ob idi die ersten Glieder des wieder auf« 
genommenen Gedgnkengatiges im tewnßten oder vorbewußten Eustand assoziierte. 



15S 



Über das vorbewußte ph a n r a s !e ren de Denken 




Vor Abs<iiliiU dieses Kapifels mödite idi noch einen Faden wieder 
aufnehmen, den ^rir früher fallen ließen, da der damatige Stand unserer 
Erkenntnis uns nodi nidit gestaltete, die Erörterung zu Ende zu führen. 
Auf S, 12Ö fanden wir die sidi widerspredienden Tatsadien, daß unserem 
Vortewußten, obwohl es nidit imstande ist, vergangene Assoziationen 
in seinem Gedäditnis zu behalten, doA einige solche GÜeder nadi einer 
Halluzination zur Verfügung stehen müssen, da es ja sonst nidit an 
frühere Einfalle anknüpfen könnte. 

Jetzt, wo wir wissen, daß eine Gedankenkette während des 
Assoziierens wiederholt an die Oberffädie aufsteigt, löst sidi audi dieser 
ansdieinende Widerspmdi ohneweiters auf. So sehen wir z. B. in dem 
Tagtraum auf S, 150, daß der Gedankengang sidi nadi dem zweiten 
Aufsteigen zum Bewußtsein ebenso wie vor ihm mit einem Mr. F. 
besdiäftigt. Die Analyse dedite auf, daß ich nadi dem teilweisen Erwadien 
mehr oder weniger willkürlidi das letzte Glied der 
Assoziations kette über Mr. F, zu rüdtge rufen und weitere 
Glieder daran geknüpft hatte, wonadi idi bald wieder ins Vorbewußte, 
zurüdigesunken war. Idi hetone, daß mir erst die Analyse Klarheit 
darüber bradite, denn alle vorbewußten Vorgänge sind so sdiattenhaft, 
daß es einem nur durdi die analytisdie Einstellung und einige Gesdiidc^ 
lidikeit im Bcobaditen gelingen kann, derartige Aufsdilüsse zu bekommen. 
In Wirklidikeit war es nur der vorhergegangene Konflikt zwisdien meinen 
beiden Wünsdien, der midi weit genug erwedit hatte, daß idi diese halb 
unwillkürliche Erinnerungsanstrengung beobaditen konnte. Idi nehme an, 
<Iaß bei jedem Aufsteigen zum Bewußtsein etwas Ähnlidies in uns vor 
sidi geht und daß wir nur für gewöhnlidi nidits davon merken ^ wir ver* 
drängen mit anderen Worten unaufhörlidi unser vorbewuRtes Denken. 
Wenn wir uns in einem Zwisdienstadium zwisdien Bewußtsein und Vor-' 
bewußtsein befinden, sind wir imstande, unsere Phantasien zu erinnern, 
ebenso wie wir nach einiger Qbung imstande sind, sie in der analytischen 
Einstellung, die eine willkürliche Herstellung des obigen Zustandes ist, 
zurüdtzuverfolgen. Nur kommt es, wie Bei dem eben angeführten Beispiel, 
dabei zu keinem Eingreifen des bewußten Willens und die Erinnerung 
kann eine sehr unvollkommene und <fur das Bewußtsein) ungenügende 
sein, da der Wirksamkeit der Affekte freier Spielraum gelassen ist 
Wir kommen der Wahrheit sehr nahe, wenn wir sagen, daß es die 
Wunsdie sind, die dem ganzen Assoziationsvorgang seine Riditung 
-angeben. 



III. Der AbsAIuß der Gedankenketten 159 



V ganges zum Bewußtsein läßt sicfi in dem Text auf S. 149 nach der ersten 
H Untert>re<ining sehr deutlich erkennen. Es heißt dort: »Ich bin sdion 
f wieder mitten in einer Phantasie, aber meinetwegen,« Der Leser wird 

sich audi noch an andere Stellen erinnern können, an denen diese Willen» 
^t losigkeit im Text zam Ausdrudt kam. 

V Aus dieser Auseinandersetzung können wir zweierlei schließen; 1. 
die dnzigen Vorkommnisse, die dem bewußten Erinnern gleichen, gehen 
auf eine Einmisdiung des Bewußtseins zurück, die infolge des Aufstcigens 

Ider Gedankenkette an die Oberflädie erfolgt/ das bestätigt unsere Aus* 
sage von der Unfähigkeit des Vorbewußten zur willkürlidien Erinnerung 
seiner eigenen Sdiöpfungen,- z. nach Unterbrediung d^s Gedankenganges 
durd\ Annäherung an das Bewußtsein wird der Assoztationsvorgang 
wieder aufgenommen und zwar vermöge der Erinnerungsfähigkeit, die 
uns im Wadileben zur willkürlidien Verfügung steht. 

Wir können jetzt am Ende unserer Untersuchungen folgende 
Beschreihung unserer Tag träume entwerfen : 

1. Eine vorbcwufltc Gcdanfccnkette ist eine Folge von Annahmcti 
und Einwürfen, Fragen and Antworten, die gckgentlidi durdi 
halluzinatorische Erinnerungen uoterbrotiien werden. 

2. Diese Annahmen und Einwendungen erwecken den Eindruck 
einer Prüfung von Gedäcktntsbestandteilen auf ihre Eignung zur 
Verwendung in späteren Situationen hin. 

5. Die Richtung des Assosiationsvorganges wird durch die Wirk^ 
samkeit eines oder mehrerer Wünsdhe bestimmt und die Sprungi^ 
haStigkeit erscheint umscs größer, je geringer die Intensität der 
Wünsche ist. 

4. Den Ausgangspunkt jeder Gedankenkettc bildet eine in der 
Regel affektiv betönte Erinnerung, die entweder gelegentlich der 

I Wahrnehmung eines äußeren Reizes aufraucht oder sich einfach 
' unserer vorbewußten Aufmerksamkeit aufdrängt. 
5, Das Niveau der Gedankengänge ändert sich während ihres Ab^ 
F laufcs unaufhörlich/ die Verbildlichung wird umso stärker, je 
mehr sich das Denken dem Unbewußten nähert f- im umgekehrten 
Falle ist das Denken in WortvorsteUungen vorherrschend/ beim 
bildhaften Denken aber sind die Relationen zwischen den 

Loptisdien Darstellungen in uns vorhanden, ohne zum Ausdruck 
zu kommen. Entschließen wir uns zur Mitteilung unserer 



Phantasien, die niAt von vorneherein znt Mitteilung bestimmt 
sind, so können nur \^ortc diese Relationen swtsdien den cln^ 
zeinen Bildern entsprecficnd wiedergeben, 

6. Unsere Tagträume kennen nur eine vorwärtsgcriAtctc Bewegung, 
wodnrdi eine Korrektur der einzelnen Bcstandteite, aaßcr unter 
Heranziehung bewußter Fähigkeiten, anmöglidi wird. Eine andere 
Fehlerquelle ist die im vorbewußten Denken unbeschränkte 
Möglichkeit, zu vergessen und zu erinnern. 

7. Der AbbruA dieser Gedankengänge <vor oder nadi Erreichung 
d^s gewünschten Zieles) geschieht während der Passivität des 
Denkens entweder unter dem Einfluß irgend eines Affektes, der 
sie zur Oberfläche aufsteigen läßt oder unter der Einwirkung 
äußerer Reize, welche die Erinnerung im Dienste der Wahr= 
nehmung in Tätigkeit setzen. 

So sind also unsere Tagträume Gedankengetilde, weldie ohne 
Mitwirkung unseres Willens, unter der Leitung von AiFekten gesdiaffen 
werden. 

Die Fortsetzung dieser Arbeit soll dann bei den versdiiedenen 
Vorgängen, aus denen sidi das vorbewußte Denken zusammensetzt, die 
engeren Beziehungen zwisdien Affekt und Gedanken aufdedien. 




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I 



Synthetischer Teil. 

Das von dem Verfasser als synthetischer Teil bezeidinete Stück 
dieses Budies ist in der deutschen Ausgabe mit Einwilligung des Autors 
zxinädist weggeblieben. Es entspridit den Seiten 181 bis 360 der englisdien 
Ausgabe, weldic unter dem Titel »The Psydvology of Daydreams« bei 
George Allen 'S) Unwin, Ltd., London igzt, ersdiienen ist. 



I 



I 



XI 



Sdilußwort. 
Über die Bedeutung der Tagträume. 

Das Tagträumen ist von vielen Autoren als eine abnorme Seelen- 
tätigkeit Sezeidinet worden. Das ist v^ahrsAeinfidi darauf surüdEzuführen, 
daß die Psydioanalyse eine nodi ;un^e Wissensdiaft ist, deren erste 
Ergebnisse fast aussdifießlidi an dem Studium krankhafter Ersdieinungen 
gewonnen wurden. Aber selbst ein Psydioanalytiker, der seine Unter- 
sudiungen auf die Denkvorgänge bei Gesunden elnsdiränkt. müßte das 
Tagträumen als eine Art Sdimarotzertätigkeit betraditen, die dem bewußten 
Denken einen Teil der ihm zukommenden psydiisdien Energie entzieht, 
aber dieses Niveau erhebt sidi unser Phantasieren erst dann, wenn es 
vom Sensor geduldet oder gar zur Lösung von Problemen heran= 
gezogen wird, an denen sich das willkürlidie Denken, umsonst versudit. 
So sudien wir oft Anregung und Vertiefung im Raudien einer Zigarre, 
weil sidi während des Raudiens die Verdrängungen lodern und so dem 
vofbewußten, affektiven Denken freier Lauf gdassen wird. Dasselbe ist 
CS audi, wenn wir einen Entsdiluß auf den nädisten Tag aufsdiieben, um 
ihn >2u übersdilafen«. Können wir aber Denkvorgänge, denen wk 
Inspirationen verdanken, nodi als abnorme fcennzetcimen ? Idi meine, wir 
dürfen das Tagträumen nur dann sdiädÜdi nennen, wenn es als Störung 
unserer willkürlidien Denktättgkeit auftritt. 

Betraditen wir das Phänomen des Tagtfäumens aussdiließfidi vom 
Standpunkt des Vorbewußten aus, so können wir nadi dem Beispiel von 
Maeder^ zwisdien dem Tagträumen als Vorgang und dem Tagtraüme 
oder der Phantasie selbst als Produkt untersdieiden. 

Wenn Freud den Nadittraum den Hüter des Sdilafes heißt, so 
meint er damit, daß die affektiven Regungen statt zum Bewußtsein vor- 

i A. Mae der, Ober die Funktion des Traumes, Jahrb^db etc, IV. 1Ö12 
S, 6gz bis 707. ' 




über die Bedeutung der T a g t r a u m e tÖj 



zudringen und uns zu wedten^ dem Einfluß des Zensors unterliegen und 
ins Unbewußte verwiesen werden, wo sie eine Entstellung annehmen, 
die sie für das Bewußtsein so unkentitltA madit, daß kein Erwadien zu 
erfolgen braudit. Nur ganz starke Affekte werden von unserem bewußten 
Idi wahrgenommen und bewirken dadurdi eine momentane Unterbrediung 
des Schlafes, Die Traumbiidung will gleichzeitig zwei Absiditen ver- 
wirklichen : einerseits darf die gedankenbildende Tätigkeit der immer regen 
unbewußten Wünsdie während des näditltdien Stfalafes keine Unter- 
brechung erfahren. Andererseits aber werden die von diesen Regungen 
ausgehenden Gedankenassoziationen durdi die geheimnisvollen Ver= 
kleidungen, die sie annehmen, als Störung unsdhädlidi gemacht. Wir 
denken und sAlafen zu gieidier Zeit. Wir reagieren also, aber ohne 

abxureagieren. 

Bei den Tagträumen liegen die Verhältnisse etwas anders. Wir 
konnten bei ihnen zwischen Phantasien, die das bedeuten, was sie 
enthalten, und soldien mit symboÜsdier Bedeutung untersAeiden. Beide 
Arten zeigen das Bestreben nadi Abfuhr, d. h. den Drang, auf die 
Motilität überzugreifen oder — was einen Ersatz dafür bietet — zum 
Bewußtsein vorzudringen. Das Obergreifen auf die Motilität kann mit 
oder auA ohne unser Wissen vor siA gehen. Der erstere Fall tritt ein, 
wenn die affektiven Regungen sidi in Gestalt von Irrtümern und FehU 
handlungen bemerkbar madien oder ihren Ausdrudi in Witzen, Wort- 
spielen etc. finden. In allen Fällen aber, in denen der Inhalt des vor- 
bewußten Gedankenganges von der Zensur in uns verurteilt wird, kann 
die Abfuhr zwar durch die Motilität, aber nur ohne unser Wissen 
erfolgen, wie z, B. in meinem Fall der zwanghaft auftretenden Melodie 
und wie bei alten hysterisdien und neurotisdien Symptomen^. 

Viele unzweifelhafte Tagträumereien dringen zum Bewußtsein vor, 
wo sie ebenfalls entweder in einer Muskelkontraktion oder im gesprodicnen 
oder geschriebenen Wort ihre motorisdie Abfuhr finden. Solcbe unver*. 
kennbare Tagträumereien haben viel Ähnlidikeit mit den bewußten 
Gedanken, mit denen wir uns im folgenden nocb eingehender besciiäftigen 
werden. Nicfit anerkannte Phantasien - von vielen Autoren unbewußte 
K Phantasien genannt — ähneln mehr den Naditträumen und sind im 
H Aufbau am nächsten den unbewußten Gedanken bildungen verwandt. 

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1 Siehe O, Pfister; Die PsyAanalytisdie Methode, S, i6v »H^ neurotisic 
Ecstbetnung ist nur die automatisAe Verwirk iidiang einer autistisAeo Phantasie.« 



^P 104 




i6^ über das vorbewußte phaß rasieren d e Denk. 



Beide aber, die bewußten wie die unbewußten Phantasien, stellen Denk* 
Prozesse vor, die, von inneren Reihen ausgelöst, mehr odef weniger 
drinfend zur Abfuhr nadi außen streben. Wir stehen dem Ablauf 
unserer vorbewußten Gedank.en ebenso maditlos gegenüber, wie den 
Äußerungen des Selbsterhaltungs- und Sexualtriebes, wie die Tiere der 
Herrsdiaft ihrer Instinkte oder die Amoebe dem Zwang, auf die Reize 
der Außenwelt zu reagieren. 

Das Tagträumen als Vorgang ist eine Äußerung der allgemeinen 
psydiisdien Energie. 

Wenn wir uns jetzt zu. den Tagträumen als den Produkten des 
affektiven Denkens auf der Stufe des Vorbewußten wenden, so 
sind wir genötigt, ihnen einen teleologisdien Charakter zuzugestehen. Sie 
besfbäftigen sidi mit ungelösten Problemen, drüdtenden Sorgen, der 
Bewältigung überstarker Eindrüdte und untersdieideti sid^ nur durdi 
ihre verständlidiere SpraAe von ihren Verwandten im System des 
Unbewußten, Aber sie alle sind der Zukunft zugewendet, sd>einen 
vorauszudenken, sudien irgend ein prospektives Ziel für das Idi zu 
erreidien, sind, kura gesagt, Anpassungsversuche/ darin eben liegt ihre 
biologisdie Bedeutung, Sie fuhren die Funktionen des Bewußtseins weiter, 
ohne daß unser Idi bewußt daran beteiligt wäre. 

Es wäre gm, hier eine Unters diei düng zwisdien den Tagträumen, 

die von ernsthaften Gedanken ausgehen (z. B. die Tagtraume über meine 

Zukunft) und den spielerisdien Phantasien zu treffen. So gibt es zum 

Beispiel in fast allen Ländern Europas eine bekannte Phantasie von einem 

:^OnkeI in Amerika«, der eines Tages sterben und einem ein großes 

Vermögen hinterlassen wird. Wir haben hier eines der jedermann 

bekannten »LuffsAlösser«, von denen Jeder einmal träumt, ohne aber darum 

ein Opfer seiner Phantasie zu werden,- er weiß ja von Anfang an, 

daß er gar keinen »Onkel in Amerika« besitzt und empfindet einfadi 

ein Lustgefühl bei dem Spiele der Phantasie. In diesem Sinne spielt der 

Tagti*aum die Rolle einer Ergänzung unserer bewußten Denktätigkeit, 

Mae de r legt dieser Betätigung unseres Vorbewußten dieselbe Bedeutung 

bei, wie K. Groos dem Spiele im allgemeinen,- dieser Autor betraditet 

bekanntfidi das Spielen der Kinder als vorübende Betätigung, als Vor- 

berdtung für späteres ernsthaftes Tun. Maeder nimmt nun für den 

Nadittraum eine sekundäre Funktion mit derselben biologisdien Bedeutung 

wie das Spiel in Ansprudi, die ihm aud» wirklidi zukommt, insofern er 

als ein durdi die Traumarbeit veränderter Tagtraum aufgefaßt werden 




I 



über die Bedculung der Tagträumc 165 



kann/ Und zweifellos haben unsere spiderisdien Phantasien vom *OnkeI 
tn Amerika« u. dgl, auch die glcidie biologisdie Bedeutung, die hier nur 
I weniger direkt zum Ausdruck kommt als in den Tagtraumen, in denen 

f wir Konflikte unseres Wadilebens zu lösen versuAen, 

"Wenn das vorbewußte Denken durdi Wünsdie hervorgerufen wird, 
die in Verbindung mit intellektuellen Bestrebungen stehen, dann liegt der 
Fall vor, den die Franzosen als »Imagination creatrice« bezeichnen, der 
für uns bloß einen besonderen Fall von Tagträumen bedeutet. Wir setzen 
uns damit in Gegensatz zu einer Behauptung Jungs, der die zwei 
Arten des Denkens in der folgenden Weise besdireibt: ...... Das 

geriditete Denken arbeitet für die Mitteilung mit spradilidien Elementen, 
ist mühsam und ersdiöpfend, das Tagträumen oder Phantasieren dagegen 
arbeitet mühelos, sozusagen spontan mit den Reminiszenzen. Ersteres 
sdiafift Neuerwerb, Anpassung, imitiert Wtrklidikeit und sudit audi auf 
sie zu wirken. Letzteres dagegen wendet siA von der Wirklichkeit weg, 
befreit subjektive Wünsdie und ist hinsid^tlidi der Anpassung 
gänzlidi unprodukti v-.« (Gesperrtes von mir hervorgehoben,) 

Diese Behauptung, in der Jung sidi einer Ansidit von William 
James ansAIießt, stammt offenbar aus einer früheren Periode, in der 
die Untersudiungen sidi nodi auf das affektive Denken Abnormer 
besdiränkten, denn in einer sedis Jahre später veröffentliditen Abhandlung 

sdireibt er : 

»Mals l'imagination a mauvaise reputation Aez les psydiologues, 
et Jusqu'ä present les th^ories psydioanalytiques Tont trait^e en conse*' 
quence. Pour Freud comme pour Adler, Ttmagination n'est que le 
voile dit »symbolique« sous lequel se dissimulent les lendanees ou les 
desirs primitifs supposes per ces deux investigateurs. Mais on peut 
opposer ä cette opinion, — non d'apres un principe theorique, mais. 
essentiellemenr pour des raisons pratiques, — que s'il est possible 
d'expÜqüer et de dipricier ainsi dans sa cause Timagination, eile est 

' Anmerfcüüg des Übersetzers: Oburotl der Autor hier den Ausführungen von 
Mae der züsustiramen sAeint, ergibt sidi dodi kJgr, daU er dieselben bcdditigt Denn 
seine eigenen Beobaditungen erbringen den Nadiwels, daß die tekologisdie Funktion, 
die prospektive Tendenz, sdion dem vorbcwtd^ten phantasierenden Denken zukommt, also 
den »latenten Trauragedanbenc, die in <iie TraumSildung eingehen und nidiC dem Traum 
aJs soldien, dem Vorgang der Trauniarbcit. Maeder hat aber hier die latenten Traum- 
gedanfeen, wie sie sidi durch die Deutung herausstellen, mit dem Traum seihst verwetiselt. 

2 C. G. Jung: »aber die zwd Arten des Denkens«, Jahrbuch etc. IIL ipti^ S, ij6. 




]^ Qfcer das vorbewußte phantasierende Denken 



I 



neanmoins la source creatrice de tout ce qui vafut 
iamais ä rhomme fe progres de la vie <mes itatiques). L'ima- 
gination a une valeur propre ifreductible, en tant que fonction psychique dont 
les racines plongent h la fois dans le contenu du conscient et dans 
celut de f'inconscient . . U Diese ÄuBemng stimmt besser mit unseren 
Untersudiungsergebnissen übcreln. 

Wir haben im Verlaufe dieser Arbeit eine ganze Reibe von Fällen 
untersüdit, in denen unser bewußtes Ich durd» das affektive Denken 
unterstützt wird: so arbeitet es Zukunftspläne und Briefentwürfe aus, 
rrTx^'^"^^"*^ ^"'' ^^^P^^*""Sen vor, madit midi aufmerksam, daß 
idi falsch eingestiegen bin, erinnert midi an Verabredungen, stellt Ver= 
pssenes im geeigneten Moment meinem GedäAtnis zur Verfugung, kurg 
benimmt sidi so, daß Jastrow mit Reit behaupten kann, unser 
Unbewußtes vadie über unsere Sidierheit, wenn unsere bewußten 
Gedanken anderweitig besdiäfttgt sind. 

Es haben sdion andere vor mir darauf hingewiesen, daß das Tag- 
träumen uns ermöglidit, eine allzustrenge Zensur in uns zu umgehen, also 
ein Sidierheitsventil zur Abfuhr starker Affekte darstellt. Wir haben hier 
die kathartisdie Funktion des Tagträumens ,- Maeder spridit in dieser 
Hinsidit von einer beruhigenden Wirkung der Tag- und Naditträume. 

Von weldjen Gesiditspunkten wir die spontanen Vorgänge in 
unserem Vorbewußten audi betraditen, müssen wir dodi immer zugeben, 
daß sie nadi Vermeidung von Unlust und Gewinnung von Lust^ 
empfindungen streben, ein Ziel, das sie mit allen uns bekannten natür- 
lidien Trieben gemeinsam haben. 



Zum Sdilusse dieser Arbeit kann ein kurzer Vergleidi zwisdien 
dem bewußten und vorbewußten Denken, soweit er sidi aus unseren 
Beobaditungen ergibt, dazu dienen, die versdiiedenen Ergebnisse unserer 
Untersudiung nodi einmal übersiditfidi zusammenfassen. Das willkürlidie 
Denken steht höher als das vorbewußte, unwillkürlidie, da bei ihm dasidi 
die Herrsdiaft über die Affekte besitzt. Bei ihrem Übergang vom vor- 
bewußten, affektiven zum willkürJidien Denken mußte die Mensdiheit 
das Problem der Verdrängung lösen und gewisse Denkvorgänge, die 

^S' ^' ^ " " ^ ' "^^ Structate de i'Inconacient, p. 173 In den Ardbives de Psydjo- 
fogie, XXX. 1917. 



h 



vorher unter der Sdiwelle des Benpußtseins stattgefunden hatten, in das 
Reidi, des Bewußtseins erheben. 

Wenn Mtrir gerichtet denken, so kann sich der Denkvorgang dem 
bei der vorbewuRten Gedankenbildung vollkommen angleidicn. Nehmen 
wir das Beispiel eines englisdien Journalisten, der einen Leitartikel, 
etwa über die Revolution in Deutsdiland, zu sdireiben hätte. Es bleibt 
ihm nidits anderes übrig als nachzudenken, das heißt seine Zuflucht zum 
GedäAtnis zu nehmen und alle darin aufgespeidierten Erinnerungen an 
»Deutschland« und »Revolution« wieder zu beleben, um so die notwendigen 
Einfälle zu bekommen. Statt sidi ausdrüdiUdi zu fragen : »Soll idi dieses 
oder jenes Argument verwenden?« oder »Wie wäre es, wenn idi einen 
tragischen Ton ansdilüge?« oder »Soll ich in die Hetze gegen Kaiser 
und Kronprinz einstimmen?«, läßt er einfadi die eine Möglidikeit nadi 
der anderen in sidi auftaudven und verwirft oder akzeptiert sie nadi 
Gutdünken, Sein Urteil ist aber so sidier, daß er sidi bei keiner der 
Hypothesen, aufier mit Willen, längere Eeit aufzuhalten braudit, die 
meisten werden auf dem kürzesten Wege gleidj nadi ihrem Auftaudien 
verworfen. Ohne es zu wissen, verwendet er, nur mit einigen Vervoll* 
kommnungen, mit denen wir uns sofort befassen werden, genau dieselbe 
Methode der Aufeinanderfolge von Hypothese und Einwendung, Frage 
und Antwort, die wir als diarakteristisdies Merkmal des vorbewuRten 
phantasierenden Denkens festgestellt haben. Wenn unser geriditetes 
Denken von einem äußeren Reiz ausgeht, dann wird seine Wahrnehmung 
nidit verzögert, wir apperzipieren so, wie es der Natur des Reizes nadi 
zu erwarten ist und nidit wie unsere Affekte es bestimmen. Die Wahrer 
nelimung ist auch nidit unbewußt, sondern dringt immer zu unserem 
Bewußtsein vor. Aber im bewußten wie audi im vorbe wußten Zustand 
geht die Apperzeption jedesmal spontan, ohne Dazutun unseres 
bewußten Idi von statten. Wenn wir besdiließen, unser willkürlidies 
Denken von einer Erinnerung ^ einem inneren Reiz — ausgehen zu 
lassen, so ist es audi kein von unseren Affekten bestimmtes, sondern 
ein wiilkürlfdi wiederb elebtes GedäcJhtniselement, das in den Vordergrund 
tritt. In beiden Fällen also -^ wenn es sidi um einen inneren und wenn 
es sidi um einen äußeren Reiz handelt ^ bestimmt der Einfluß unseres 
bewußten Idis die Art unserer Wahrnehmung, so daß jedes mit dem 
Strome der Erinnerung Treiben verhindert wird. 

Während des Erinnerunsgvorganges selber weigert sidi unser 
bewußtes Idi, von den abgewiesenen Einfällen, am Ende oder in der 



i63 



Ober das vortewußte phantasierende Decken 



\ 



Mitte der Assoziationskette irgendweldie weitere Notiz zu nehmen: 
die bewußte Aufmerksamkeit steht voI[ kommen zur Verfügung unseres 
Willens, Unser Wille kann, mit anderen Worten, ausdauernder sein 
als die bewußte Aufmerksamkeit, die wir irgendeinem bestimmten 
Thema zuwenden wollen. Die von einem Wunsdi dirigierte vorbewußte 
Aufmerksamkeit hält nur so lange an wie der Wunsdi selber/ sie 
sind beide abhängig voneinander, treten spontan auf und verflüditigen 
sidi sdineü. Am deutlidisten wird der Untersdiicd zwisdiien der will" 
küflidien und der vorbewußten, phantasierenden Denkweise beim 
sdüöpfcrisdien Denken, Das Bewußtsein verwirft Lösungsvorsdilägc, die 
das Vofbewußte bei seinem geringeren Untersdkeidungsvcr mögen 
akzeptieren würde, es kann daher Unsinnigkeiren Iciditer vermeiden. Zu 
diesem praktisdien Vorzug des bewußten Denkens kommt nodi, daß es 
audi Trager der ethisdien Gesetze ist, von denen das vorbewußte Denken 
so weni^ weiß, daß ihm nidit einmal das Leben der Mitmensdien immer 
als unantastbar gilt. Während des sdiöpferisdicn Denkens können spontan 
auftretende Erinnerungen das vorbewußte Denken auf Abwege fuhren, 
beim bewußten aber wird die Ziel Vorstellung nie aus den Augen vet" 
loren und dadurdi jede Sprunghaftigkeit vermieden. Die vorbewußte 
Denkweise bedient sidi der Worte nur in ihrer konkreten Bedeutung. 
Das bewußte Denken dagegen kann sie sowohl in ihrem konkreten wie 
auch in ihrem abstrakten Sinn gebraudicn. 

Alle Bestandteile des Gedäditnisinhaltes, die während des will^ 
kürlidien Denkens wiederbelebt werden, können über der Sdiwelle des 
Bewußtseins erhalten, einander gegenübergestellt, ausgesdiiedcn oder zur 
sdiließlidien Verwendung zurüddsehaltcn werden. Dem Vorbewußten ist 
ein soldbes Vorgehen unmöglidi. Es kann sidi zur Zeit immer nur mit 
einem Stück Gedäditnisinhalt besdiäftigen und hat keine Mögiidikeit 
eines kritisdien Rü<iblids auf die vorhergehenden Assoziationsglieder, 
da Vergangenheit und Zukunft für dasselbe nidit existieren. 

Das bewußte Denken ersdieint also als ein dem vorbewußten 
Denken analoger psydiisdier Vorgang, bei dem nur die durdi die 
Affefete bedingten Störungen durdi das Aussdieiden der Affekte selber 
behoben sind. Es erscheint als eine Adaptation, eine Überwältigung des vor^ 
bewußten Denkvorganges durdi den Willen, mit dem Resultat, daß unser 
Denken ntdit mehr spontan und automatisdi reagiert, sondern aus-^ 
sdiließlidi unter der Hcrrsdiaft des Willens steht. Das bewußte Denken 
ist ein Resultat der Zähmung unseres eigenen Idis. 



I 



über die Bedeutung der Tagträume 169 



Fragen wir uns fetzt nach der Aufgabe des Bewußtseins, so lehrt 
uns sdion die täglidie Beobaditung, daß sie eine zweifaAe ist: das 
bewußte Denken überwadit unsere Beziehungen zur Außenwelt — dies 
ist seine primitivste Bedeutung - ermöglidit uns aber audi gleidizeitjg 
den Fortsdiritt zum spekulativen Denken. 

Versteht man unter Bewußtsein das RealitätsgefüM - eine Eigene 
sdiaft, die Roman es tief in der Tierreihe, sdion bei den Mollusken 
findet^ so braudien wir uns in dieser Untersudiung nidit weiter mit ihm 
zu bcsdiäfisgen. Das Realitätsgeftihl verhilfi uns dazu, mit der Außenwelt 
ohne Entwidmung starker Affekte und in voller Wadisamkeit in Bealehung 
zu treten/ es versdiafft uns die Herrsdiaft über unsere Motilität und gibt 
uns die Möglidikeit, die Endreaktion auf unbestimmt lange Eeit hinaus- 
zusdiieben. Seine Bedeutung wird uns sofort klar, wenn wir versudicn 
uns vorzustellen, weldie Folgen eine fortgesetzte Geistesabwesenheit für 
unser Leben in physisdier und sozialer Beziehung haben müßte. Ver- 
stehen wir aber unter Bewußtsein die Fähigkeit, unser Denken von 
äußeren Bedingungen unabhängig zu madicn, so befinden wir uns wieder 
mitten in dem Thema unserer Untersudiungen, Ein Denken, das auf 
die Herstellung individueller Anpassungen hinarbeitet, ist, in weldiem 
System es audi vor sidi geht, ein Vorgang, durdi den das Idi in 
Berührung mit der Außenwelt kommt/ es ist daher notwendigerweise 
egozentrisdi. Alle Autoren stimmen darin überein, daß audi beim 
phantasierenden Denken das Idi in den Mittelpunkt gerüdtt ist/ allerdings 
haben wir in diesen Untersudiungen mehrere Tagträume begegnet, bei 
denen nidit gerade meine eigene Person, sondern die Arbeit, mit der idi 
besdiäftlgt war, im Mittelpunkt stand, so daß diese Regel also nidit 
ganz verläßlidi sdieint. Dieses spekulative Denken untersdieidet sidi aber 
von dem entspredienden bewußten Vorgang in mehr als einer Hinsidit : es 
ist bekannt, daß wir die Vorzüge des willkürhdien Denkens mit einer 
gewissen Einbuße an der Fähigkeit, über unser Gedäditnis zu verfügen 
bezahlen müssen, die sehr bedeutsam ist, da sie die eigentlidie Grunde- 
läge der Gedankentätigkeit abgibt. Ein anderer relativer Naditeil des 
wiflkürüdien Denkens entsteht dadurdi, daß die Spontaneität gewisser 
Vorgänge, die das sdiöpferisdie Denken ausmadien, verloren geht, und 
durdi eine willkürlidic Verteilung der psydiisdien Energie ersetzt wird, 
die, wie wir gesehen haben, weniger wirksam und dabei anstrengender 

1 G. Romanes: L'EvoIution mentale djez les animaus, p. 63. 

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ist^ weil der verfügbare Energiebefrag gleichzeitig zur Besetzung von 
Sdiutzmafiregeln und 2ur Besetzung der direkt produktiven Funktionen 
verwendet werden muß. 

Diese Naditeile versrfiwinden aber, wenn die zwei Arten des Denkens 

in einem einzigen psyctisAen Prozeß zusammenwirken, der die Vorzüge 

beider mit Vermeidung ihrer beiderseitigen Mängel in sich vereinigt. 

Wenn wir vorbewußt erfinden oder sdiöpferisdi denken, dann vereinigen 

sidi die Vorteile des geriditeten und des affektiven Denkens zum Zwedie 

der Wunsdierfüllung : wir verlieren bei der sdiöpferisdien Gedankenkette 

die Zielvorstdlung nidit aus den Augen / wir denken, audi wenn die 

Gedankenkette unter der Schwelle des Bewußtsein abläuft, in Worten, 

was uns wie im bewußten Sustand von den Tatsadien unabhängig madit 

und die Abstraktion crmöglidit/ wir madien aJso von den beiden großen 

Privilegien des willkürlidien, bewußten Denkens Gebraudi. Da die 

Gedanken kette aber von einem Wunsdi dirigiert wird, verfügen wir 

ohne merklidic Anstrengung über den gesamten Gedäditnissdiatz und 

die Stärke der Affekte bewirkt ntdit nur die Ablösung von der Außen-* 

weit, sondern maAt uns gleichzeitig auch unempfindlich für die störende 

Wahrnehmung innerer Reize f wir genießen also auch alle Vorteile des vof^ 

bewußten Denkens, 

Ich möchte darauf hinweisen, daß das spekulative Denken, bei 
dem das Thema nicht das eigene Ich betrifft, keine besondere Elgen= 
tümlichkeit des bewußten Denkens ist, sondern gelegentlich auch im 
Vorbewußten vor sich gehen kann. Nur scheint im Wachdenken diese 
Tendenz systematisch entwid^eit und dadurch vom Eufall unabhängig 
gemacht worden zu sein. Trotzdem ist das abstrakte Denken immer 
noch am erfolgreichsten, wenn es auf das vorbewußte Niveau regrediert 
und sich der primitiven affektiven Mechanismen desselben bedient. Die 
Denktätigkeit geht in einem solchen Falle aber sehr nahe am Bewußt^ 
sein vor sich, da das Denken in den tieferen Schichten nur mehr mit 
ko nfcreten Vorstellungen arbeiten kann. 

Das Tagträumen erweist sich also als ein bei allen menschlichen 
Wesen vorkommendes psychisches Phänomen, als eine spätere Aus- 
drucksform eines primitiven Vorganges, den man bis in frühe Seiten der 
psychischen Entwicklung zurückverfolgen kann. Bei dem Menschen 
äußert sich diese Art der Gedankenbildung nicht nur in Geistes« 
Abwesenheit und Zerstreutheit, sondern hat auch den Hauptanteil an, 
der Entstehung von Witz und ähnlichen Bildungen. Sie verursacht 



über die Bedeutung der Tagträume 



!71 



die IrrtümeT und Fetit Handlungen des täglichen Lebens, die durch die Psycho- 
analyse restlos aufgeklärt wurden,- sie läßt die hysterischen und 
neurotischen Symptome entstehen, leiht ihre Mechanismen der Inspiration 
und gibt die ErJilärung für unser Verhalten in Fällen, in denen sich 
unsere Affekte stärker erweisen als unser Wille. Unsere Tagträume 
können so unsinnig sein, daß die Behauptung nahe liegt, ein gewisses 
Maß von Tollheit gehöre normalerweise zu unseren Phantasien und das 
Lügen scheine ein natürliches Produkt des Konfliktes zTSrlschen zwei 
Wünschen, 

Unsere Untersuchung will also den Beweis erbringen, daß der 
unbewußte, der vorbewußte und der bewußte Denkvorgang nur drei 
dem Grad nach verschiedene Äußerungen der gleichen Funktion sind. 
Diese Funktion, die ursprünglich die Beziehungen des Individuums zur 
Außenwelt zu regein hatte, ist eine Äußerungsform der allgemeinen 
seelischen Energie und von ebenso alter Herkunft und unbeirrter Fort^ 
dauer wie die anderen organischen Tätigkeiten im Dienste der Anpassung 
an die Welt 



i 



12' 




i 



Literaturverzeidinis , 

1. K. ABRAHAM: Über hysterisAc Traumzustände. Jahrbudi für 

psychoanalytiscfce und psydiopathologische Forscfiungen, II, tgto. 

2. H. BERGSON: Matiere et Memoire, 13 e edition, Paräs, 

^. " Hssai sur les Donnees immediates de la Coascieitce. iSe 

edition, Paris, 
4. E. BLEULER; Das autistisdie Denken. Jahrbuch IV, igu. 
f, BREUER und FREUD: Studien über Hysterie. 3. Auflage, 1915. 

6. A. Ä, BRILL; Psydianalysis. z nd edition, PLiladelpfiia and London, tgiS. 

7. S. FREUD: The Interpretation of Dreams. London, 1916, 

8. — Psydiopathology of every day life. London, 1917. 

9. ~ Der Witz und seine Beztehttng zum Unbewußten^ j,Aufl.,i9i2. 

10. — Formulierungen über die zvci Prinzipien des psytbtsdien 

Gesdiehens. Jahrbuch III, tgiu 

11. — History of the psycbanalytic movement. The psydianafytic 

Review, igi6. 

12. J. JASTROW: The Subconscious. London, igo6, 

13. C. G. JUNG; Wandlungen und Symbole der Libido. Jabrbudi 

in ti. IV, 1911, igi2, English translation called Psythology of the 
Unconscious, in the Nervous and Mental Disease Monograph Series, 
H- — La Structure de I'lnconscient. Arcbives de Psydiologie, Genevc, 
XVI, 1917. 

15. •— Über das Verhalten der Reaktionszeit im Assoziations« 

Experiment, 4, Beitrag der Diagnost, Assoziationsstudien, Leipzig. 

16. — VersuA einer Darstellung der psydtoanafy tischen Theorie. 

Jahrbudi V, 1913. 

17. A, MAEDER: Über die Funktion des Traumes, Jahrburfi IV, 1912. 
iS. More Nursery Rhymes, No XIX of the Books for The Bairns. 

W. Steadf London, 
ig, E. REGIS 'S) A. HESNARD: La Psydianalyse. Paris, 1914, 
zo. TH, RJBOT; Problemes de Psydiologie affective, Paris, 1910. 
zu E, ROLLAND: Rimes et Jeux de l'Enfance. Paris, tSSj. 

22. G. ROMANES: Uevolution mentale <hez Ics Animaux, 

Paris, 1884. 

23, XyLOR: La culturc primitive, Paris, 1384, 

Z4. J. VARENDONCK: About Forgetting of Names. The psyAo- 

analytic Review, January, ig ig. 
25. E. WAXWEILER: Esquisse d'unc Sociologie, Briixetles, 1906, 



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Dr. J. Varendonck 



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über das vorbewusste 
phantasierende Denken 





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Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag