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ÜBER 

PSYCHOANALYSE 



FÜNF VORLESUNGEN 
GEHALTEN ZUR 20JÄHRIGEN GRÜNDUNGSFEIER 

DER 

CLARK ÜNIVERSITY IN WORCESTEE MASS. 
SEPTEMBER 1909 

VON 

PROF. DR. SiGM. Freud ll d. 



ACHTE, UNVERÄNDERTE AUFLAGE 



LEIPZIG UND WEN 
FBÄ.NZ DEUTICKB 

1930. 



Verlags-Nr. 8316 



Verlag von Franz Deuticke in Leipzig und Wien. 



Bleuler, Prof. Dr. E., Die Psychoanalyse Freuds. Verteidigung und kritische 

Bemerkungen. 1911. Preis M 1.80. 
Braun, Prof. Dr. L., Herz xmd Psyche in ihren Wirkungen aufeinander. 

1920. Preis M 3.—. 
Breuer, Dr. J. und Freud, Prof. Dr. Sigm., Studien über Hysterie. Vierte, 

unveränderte Auflage. 1922. Preis M 7.—. 
Fließ, Dr. W., Der Ablauf des Lebens. Grundlegung zur exakten Biologie. 
Zweite, neubearbeitete Auflage. 1923. Preis brosch. M 14.—, geb. M 16.50. 
Fortschritte der Sexualwissenschaft und Psychanalyse. Herausgegeben von. 
Dr. W. Stekel. 

I. Band. 1924. Preis brosch. M 11.60, geb. M 13 80. 
n. Band. 1926. Preis brosch. M 18.—, geb. M 20.20. 
ni. Band. 1929. Preis brosch. M 12.—, geb. M 14,20. 
Freud, Prof. Dr. Sigm., Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Sechste, durch- 
gesehene Auflage. 1926. Preis M 3 — . 
Freud, Prof. Dr. Sigm., Sanrunlung kleiner Schriften ztir Neurosenlehre. 
I. Folge. Aus den Jahren 1893 bis 1906. Vierte Auflage. 1922. Preis M 5.—. 

II. Folge. Dritte Auflage. 1921. Preis M 5.—. 

III. Folge. Zweite Auflage. 1921. Preis M 7.—. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Die Traumdeutung. Achte Auflage. Mit Beiträgen 
von Dr. Otto Rank. In Vorbereitung. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 

Vierte Auflage. 1925. Preis brosch. M 6.—, geb. M 8. — . 

Hug-Hellmuth, Dr. H., Neue Wege zum Verständnisse der Jugend, 1924. 

Preis brosch. M 4.80, geb. M 7.—. 

Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen . Her- 
ausgegeben von Prof. Dr. E. Bleuler in Zürich u. Prof. Dr. Sigm. Freud 
in Wien. Redigiert von C. G. Jung, Privatdozent der Psychiatrie in Zürich. 
I. Band. 1. Hälfte. 1909. Preis M 7. 
I. Band. 2. Hälfte. 1909. Preis M 
II. Band. 1. Hälfte. 1910. Preis M 

II. Band. 2. Hälfte. 1910. Preis M 
III. Band. 1. Hälfte. 1911. Preis M 9 

III. Band. 2. Hälfte. 1912. Preis M 8, 

IV. Band. 1. Hälfte. 1912. Preis M 12, 
IV. Band. 2. Hälfte. 1912. Preis M 4, 

V. Band. 1. Hälfte. 1913. Preis M 11 
V. Band, 2. Hälfte. 1913. Preis M 8 

Jahrbuch der Psychoanalyse. Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud in 
Wien. Redigiert von Dr. Karl Abraham in Berlin und Dr. Eduard 
Hitschmann in Wien. Neue Folge des Jahrbuches für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen. VI. Band. 1914. Mit einer Tafel. 
Preis M 12.—. 
Band I— VI in 6 Ganzleinen-Bänden geb. Preis M 109.—. 



(// 



ÜBER 



PSYCHOANALYSE 



FÜNF VORLESUNGEN 

GEHALTEN ZUR 20JÄHRIGEN GRÜNDUNGSFEIER 

DER 

CLARK UNIVERSITY IN WORCESTER MASS. 

SEPTEMBER 1909 



VON 



Prof. Dr. Sigm. Freud ll. d. 



ACHTE, UNVERÄNDERTE AUFLAGE 



^D^^ 



LEIPZIG UND WIEN 
FRANZ DEUTICK 

1980. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Verlags-Nr. 3316. 



Druck von Paul Gerin, Wien, IL, Zirltusgasae 13. 




.1 



Herrn 



ß. Stanley Hall, Ph. D.,, ll. d. 

Präsidenten der Clark University, 
Professor der Psychologie und Pädagogik 



in Dankbarkeit 



zugeeignet. 



4 

Meine Üamen find Herren! Es ist mir ein neuartigös und 
verwirrendes Gefühl, als Vortragender vor Wißbegierigen der 
Neuen Welt zli stehen. Joh nehme an, daß ich dies© Ehre nur 
der Verlinüpfung meines Namens mit dem Thema der Psycho- 
analyse verdanke, und beahsichtige daher, Ihnen von Psycho- 
ajialyse zu sprechen. Ich will es versuchen, Ihnen in gedräng- 
tester Kürze einien Überbliolc über die Geschichte der Entstehung 
und -weiteren Fortbildung dieser neuen Untersuchungs- und Heit 
methode zu geben. 

"Wenn es ein Verdienst ist, die PsycüoaJialyse ins Lebeia 
gerufen zu haben, sö ist es nicht mein V»:rdienst. Ich bin aii 
'■dön ersten Anfängen derselben nicht beteiligt gewesen. Ich 
wiar Student und mit der Ablegung meiner letzten Prüfungen 
beschäftigt, als ein anderer "Wiener Arzt, Dr. Josef Breuer,^) 
dieses Verfahren zuerst an einem hysterisch erkrankten Mäd- 
chen ianfwendete (1880 — 1882). Mit dieser Kranken- un.d Be- 
handlun;gsgesühichte wollen wir uns nun zunächst beschäftigen. 
Sie finden dieselbe ausführlich dargestellt in den später von 
Breuer und mir veröffentlichten „Studien über Hysterie".^) 



') Dr. Josef Breuer, geb. 1842, korrespondierendes Mitglied 
der k. Akademie der Wissenschaften, bekannt durch Arbeiten über 
die Atmung und zur Physiologie des Gleichgewichts sinnes. 

*) Studien über Hysterie. 1895. Fr. Deuticke, Wien, 4. Aufl., 1922. 
Stücke meines Anteils an diesem Buche sind von Dr. A. A. Brill in 

Freud, tjber Psychoanalyse. 



2 I. Über die Entstehung und Entwicklung 

Vorher nur nodi eine Bemerkung. Ich habe nicht ohne Be- 
friedigung erfahren, daß die Mehrzahl meiner Zuhörer nicht 
dem ärztlichen Stande angehört. Besorgen Sie nun nicht, daß 
es besonderer ärztlicher Vorbildung bedarf, um meinen Mittei- 
lungen zu folgen. Wir werden allerdings ein Stüot weit mit 
den Ärzten gehen, aber bald werden wir uns absondern und 
Dr. Breuer auf einen ganz eigenartigen Weg begleiten. 

Dr. BreuersPatientin,ein21jähriges, geistig hochbegabtas 
Mädchen, entwickelte im Verlaufe ihrer über zwei Jahre ausge- 
dehnten Krankheit eine Reihe von körperliehen und seelischen 
Störungen, die es wohl verdienten, ernst genommen zu werden. 
Sie «hatte eine steife Lähmung der beiden rechtsseitigen Ex- 
tremitäten mit Unempfindlichkeit derselben, zeitweise dieselbe 
Affektion an den Gliedern der linken Körperseite, Störungen 
der Augenbewiegungen und mannigfache Beeinträchtigungen des 
Sehvermögens, Schwierigkeiten der Kopfhaltung, eine intensive 
Tussis nervosa, Ekel vor Nahrungsaufnahme und einmal duroh 
mehrere Wochen eine Unfähigkeit zU trinken trotz quälenden 
Durstes, eine Herabsetzung des Sprachvermögens, die bis zum 
Verlust der Fähigkeit fortschritt, ihre Muttersprache zu spre- 
chen loder zu verstehen, endlieh Zustände von Abwesenheit, 
Verworrenheit, Delirien, Alteration ihrer ganzen Persönlichkeit, 
denen wir unsere Aufmerksamkeit später werden zuwenden 
müssen. 

Wenn Sie von einem: solchen Krankheitsbilde hören, so wer- 
den Sie, auch ohne Ärzte zu sein, der Annahme zuneigen, daß 
es sich um ein schweres Leiden, wahrscheinlich des Gehirns', 
handle, welches wenig Aussicht auf Herstellung biete und zur 
baldigen Auflösung der Kranken führen dürfte. Lassen Sie 

New Yorlj ins Englische übertragen worden (Selected papers on 
Hysteria and other Psychoneuroses by S. Freud, Nr. i der „Nervous 
and Mental Disease Monograph Series", New York. Third enlarged 
edition 1920). 



der Psychoanalyse, 3 

sicli indes von den Ärzten belehren, daß für eine Reihe von 
Fällen mit so schweren Erscheinungen eine andere und weitaus 
günstigere Auffassung hereehtigt ist. "Wenn ein solches 
Kranhheitshild hei einem jugendlichen weiblichen Individuum 
auftritt, dessen lebensv/ichtige innere Organe (Herz, Niere) sich 
der objelitiven Untersiichung normal erweisen, das aber heftige 
gemütliche Erschütterungen erfahren hat, und wenn die ein- 
zelnen Symptome in gewissen feineren Charakteren von der 
Erwartung abweichen, dann nehmen die Ärzte einen solchen 
Eall nicht zu schwer. Sie behaupten, daß dann nicht ein or- 
ganisches Leiden des Gehirns vorliegt, sondern jener rätselhafte, 
seit den Zeiten der griechischen Medizin Hysterie benannte 
Zustand,, der eine ganze Anzahl von Bildern ernster Erkrankung 
vorzutäuschen vermöge. Sie halten dann das Leben für nicht 
bedroht und eine selbst vollkommene Herstellung der Gesund- 
heit für wahrscheinlich. Die Unterscheidung einer solchen Hy- 
sterie von einem schweren organischen Leiden ist nicht immer 
sehr leicht. Wir brauchen aber nicht zti wissen, wie eine Diffe- 
rentialdiagnose dieser Art gemacht wird; uns mag die Ver- 
sicherUüjg genügen, daß gerade der Fall von Breuers Patientia 
ein {solcher ist, bei dem kein kundiger Arzt die Diagnose der 
Hysterie verfehleij. wird. "VVir können auch an dieser Stelle 
aus dem Krankheitsbericht nachtragen, daß ihre Erkrankung 
auftrat, ;während sie ihren zärtlich geliebten Vater in seiner 
E'chwteren, zUm Tode führenden Krankheit pflegte, und daß sie 
infolge ihrer eigenen Erkrankung von der Pflege zurücktreten 
mußte. 

So^weit hat es uns Vorteil gebracht, mit den Ärzten zUi 
gehen, und nUn werden wir uns bald von ihnen trennen. Sie 
dürfen nämlich nicht erwarten, daß die Aussicht eines Kranken 
auf ärztliche Hilfeleistung dadurch Tvesentlich gesteigert wird, 



r 



« 



4 I. Die Hysterie. 

daß die Diagnose der Hysteriie an die Stelle des Urteils auf ernste 
qi'g'anische Hirnaffektion tritt. Gegen die schweren Erkran- 
kungen des Gehirns ist die ärztliche Kunst in den meisten Fällen 
ohnmächtig, aber auch gegen die hysterische Affektion -weiß 
der Arzt nichts zU tun. Er muß es der gütigen Natur üher- 
lassen,'-wänn und wie sie seine hoffnungsvolle Prognose verwirk- 
lichen will.i) 

Mit^er Erkennung der Hysterie wird also für den Kranken 
wenig geändert; desto mehr ändert sich für den Arzt. "Wir 
[können beobachten, daß er sich gegen den hysterischen ganz 
anders eiastellt als gegen den organisch Kranken. Er will dem 
eri^teren nicht dieselbe Teilnahme entgegenbringen wie dem letz- 
teren, da sein Leiden weit weniger ernsthaft ist imd doch den 
Anspiruch zu erheben scheint, für ebenso ernsthaft zu gelten. 
Aber es wirkt noch anderes mit. Der Arzt, der durch sein Stu- 
dium so vieles kennen gelernt hat, was dem Laien verschlossen 
ist, hat sich von den Krankheitsursachen und Krankheitsver- 
ähiderungen, z. B. im Gehirn eines an Apoplexie oder Neu- 
bildung Leidenden, Vorstellungen bilden können, die bis zu einem 
gewissen Grade zutreffend seih müssen, da sie ihm das Verständnis 
der Einzelheiten des Krankheitsbildes gestatten. Vor den De- 
tails der hysterischen Phänomene läßt ihn aber all sein Wissen, 
seine anatomisch-physiologische und pathologische Vorbildung 
im Stiche. Er kann die Hysterie nicht verstehen, er steht ihr 
efelbst wie ein Laie gegenüber. Und das ist nun niemandem recht, 
der, sonst auf sein Wissen so große Stücke hält. Die Hysterischen 



^) Ich weiß, daß diese Behauptung heute nicht mehr zutrifft, 
aber im Vortrage versetze ich mich und meine Hörer zurüclc in die 
Zeit vor 1880. Wenn es seither anders geworden ist, so haben gerade 
die Bemühungen, deren Geschichte ich sisizziere, daran einen großen 
Anteil. 



Der Fall Dr. Breuers. 5 

g^jHen lalso seiner Sym^atliie verlustig; er tetracKtet sie wie 
Personen, welohe die Gesetze seiner "Wissenschaft übertreten, 
wie die EeöhtgläTibigen die Ketzer ansehen; er traut ihnen 
alles mögliche Böse zu, beschuldigt sie der Übertreibung und 
der labsichtlichen Täuschung, Simulation; und er bestraft sie 
durch die Entziehung seiaes Interesses. 

Diesen Vorwurf hat nun Dr. Breuer bei seiaer Patientin 
nicht verdient; er schenlite ihr Sympathie und Interesse, ob- 
wohl er ihr anfangs nicht zu helfen verstand. "Wahrscheinlich 
erleichterte sie es ihm auch durch die vorzüglichen Geistes- 
und Charaktereigenschaften, für die er in der von ihm abge- 
faßten Krankengeschichte Zeugnis ablegt. Seine liebevolle Be- 
obachtung fand auch bald den Weg, der die erste Hilfeleistung 
ermöglichte. 

Esi war bemerkt worden, daß die Kranke in ihren Zuständen 
von Absenz, psychischer Alteration mit Verworrenheit, einige 
"Worte vor sich hin zu murmebi pflegte, welche den Eindruck: 
machten, als stammten sie aus einem Zusammenhange, der ihr 
Denken beschäftigte. Der Arzt, der sich diese "Wort© berichten 
ließ, versetzte sie nun in eine Art von H^ppose und sagte ihr 
jedesmal diese "Worte wieder vor, um sie zu veranlassen, daß 
sie an dieselben anknüpfe. Die Kranke ging darauf eta und 
reproduzierte So vor dem Arzt die psychischen Schöpfungen, 
die sie während der Absenzen heherrsoht und sich in jenen 
vereinzelt geäußerten "Worten verraten hatten. Es waren tief- 
traurige, oft i^oetisch schöne Phantasien, — Tagträume würden 
wir sagen — die gewöhnlich die Situation eines Mädchens am 
Krankenbett seines Vaters zlim Ausgangspunkt nahmen. Hatte 
sie feine Anzahl solcher Phantasien erzählt, so war sie wie be- 
freit und ras normale seelische Leben zurückgeführt. Das 
Wohlbefinden, das durch mehrere Stunden anhielt, wich dann 




5 I. Der Fall Dr. Breuers. 

am näclist'en Tage einer ne-uerlichen Atsenz, weldie auf die- 
selbe Weise durcli Aiissprecheii der neu gebildeten Phantasien 
aufgehoben wurde. Man konnte sich dem Eindrucke nicht ent- 
ziehen, daß die psychische Veränderung, die sich in den Ab- 
Söazen äußerte, eine Folge des Eeizes sei, der von diesen 
höchst 3,ffektvollen Phantasiebildungen ausging. Die Patientin 
selbst, die um diese Zeit ihres Krankseins merk-würdigerweise 
nur Englisch sprach und verstand, gab dieser neuartigen Be- 
handlung den Namen „talking eure" oder bezeichnete sie scherz- 
haft als „ohimney sweeping". 

Es ergab sich bald wie zufällig, daß man durch solches 
Eeinfegen der Seele noch mehr erreichen könne alä vorüber- 
gehende Beseitigung der immer wiederkelirenden seelischen 
Trübungen. Es ließen sich auch Leidenssymptome zum Ver- 
Bchwinden bringen, wenn in der Hypnose unter Affektäußerung 
eiriinnert wurde, bei welchem Anlaß und kraft welches Zu- 
sammenhanges diese Symptome zuerst aufgetreten waren. „Es 
war im Sommer eine Zeit intensiver Hitze gewesen und Pa- 
(tientin hatte sehr arg durch Durst gelitten; denn, ohne 
einen Grund angeben zu können, war ihr plötzlich unmöglich 
geworden, zu trinken. Sie nahm das ersehnte Glas Wasser in 
die Hand, aber soiwie es die Lippen berührte, stieß sie es weg 
wie ein Hydrophobischer. Dabei war sie offenbar für diese 
piaar Sekunden in einer Absenz. Sie lebte nur von Obst, Me- 
lonen u. dgl., um den qualvollen Durst zu mildern. Als das 
etlwa sechs W^ochen gedauert hatte, räsonierte sie einmal in der 
Hypnose über ihre englische Gesellschafterin, die sie nicht liebte, 
un|d erzählte dann mit allen Zeichen des Absehens, wie sie 
auf deren Zimmer gekommen sei, und da deren kleiner Hund, 
das ekelhafte Tier, aus einem Glas getrunken habe. Sie habe 
nichts gesagt, denn sie wollte höflich sein. Nachdem sie ihrem 



Die „Talking cnre". n 

EteckengeblieKenen Ärger noch energisoli Ausdruck giegeben, 
verlangte sie zu trinken, trank ohne Hemmung eine große 
Menge Wasser und erwachte aus der Hypnose mit dem Glas 
an, den Lippen. Die Störung war damit für immer ver- 
Bchwunden."!) 

Gestatten Sie, daß ich Sie hei dieser Erfahrung einen Mo- 
ment aufhalte! Niemand hatte noch ein hysterisches Symptom 
dur'ch solche Mittel beseitigt und war dabei so tief in das Ver- 
stän.dnis seiner Verursachung eingedrungen. Es mußte eine 
folgenschwere Entdeckung werden, wenn sich die Erwartung 
bestätigen ließ, daß noch andere, daß vielleicht die Mehrzahl 
der Symptome bei der Kranken auf solche Weise entstanden 
und auf solche Weise aufzuheben war. Breuer scheute die 
Mühe nicht, sich davon zu überzeugen, und forschte nun plan- 
mäßig der Pathogenese der anderen und ernsteren Leidens- 
symptome nach. Es war wirklich so;, fast alle Symptome waren 
so entstanden als Eeste, als Niederschläge, wenn Sie wollen, von 
affektvollen Erlebnissen, die wir darum später „psychische 
Traumen" genannt haben, und ihre Besonderheit klärte sich 
durch die Beziehung zu der sie verursachenden traumatischen 
Szlene auf. Sie waren, wie das Kunstwort lautet, durch die 
Szenen, deren Gedächtnisreste sie darstellten, determiniert, 
brauchten nicht mehr als willkürliche oder rätselhafte Lei- 
stungen der Neurose beschrieben zu werden. Nur einer Abwei- 
chung von der Erwartung sei gedacht. Es war nicht immer 
ein einziges Erlebnis, welches das Symptom zurückließ, son- 
dern meist waren zahlreiche, oft sehr viele ähnliche, wieder- 
holte Traumen zu dieser Wirkung zusammengetreten. Diese 
ganze Kette von pathogenen Erinnerungen mußte dann in 
chronologischer Eeihenfolge reproduziert werden, und zwar 

') Studien über Hysterie, 4. Aufl., p. 26. 



C- 



8 I. Die Entstehung der Symptome 

^mgteÜelilrt, die letzte zuerst und die erste zuletzt, und es war 
ganz liumöglicli, zum ersten und oft wirksamsten Trauma mit 
Überspringimg der später erfolgten vorzudringen. 

Sie werden nun g^ewiß nocih andere Beispiel© von Verur- 
isachung hysterischer Symptome als das der Wasserscheu durch 
den Ekel vor dem aus dem Glase trinkenden Hund von mir 
hpren wollen. Ich muß mich aber, wenn ich mein Programm 
einhalten will, auf sehr wenige Proben beschränken. So er- 
izählt Breuer, daß ihre Sehstörungen sich auf An.lässe zu- 
trückführten „in der Art, daß Patientin mit Tränen im Auge, 
um Krankenbett sitzend, plötzlich vom Vater gefragt wurde, 
?svieviel Uhr es sei, undeutlich sah, sich anstrengte, die Uhr 
nah© ans Auge brachte ttnd nun das Zifferblatt sehr groß 
erschien (Makropsie und Strabismus oonv.)i oder Anstren- 
gungen machte, die Tränen zu unterdrücken, damit sie der 
Kiianke nicht sehe".i) Alle pathogenen Eindrücke stammten 
übrigens aus der Zeit, da sie sich an der Pflege des erkrankten 
(Vaters beteiligte. „Einmal wachte sie nachts in großer Angst 
teun den hochfiebemden Kranken und in Spannung, weil von 
[Wien ein ChÜTirg zur Operation erwartet wurde. Die Mutter 
hatte sich für einige Zeit entfernt, und Anna saß am Kranken- 
bette, den rechten Arm über die Stuhllehne gelegt. Sie geriet 
'in 'einen Zustand von Wachträumen imd sah, wie von der "Wand 
her eine schwarte Schlange sich dem Kranken näherte, Um 
ilin zu beißen. (Es ist sehr wahrscheinlich, daß auf der Wiese 
hinter dem Hause wirklich einige Schlangen vorkamen, über 
die das Mädchen schon früher erschrocken war, und die nun 
das Material der Halluzination abgaben.) Sie wollte das Tier 
a,bwehren, war aber wie gelähmt; der rechte Arm, über die 
Stuhllehne hängend, wlax .eingeschlafen', anästhetisch und p-a- 

') Studien über Hysterie, 4. Aufl., p. 31. 



aus psychischen Träumen. Q 

Tetiscli geworden, und als sie ilm betrachtete, verwandelten 
sich die Finger in Meine Schlangen mit Totenköpfen (Nägel). 
Wahrscheinlich machte sie Versuche, die Schlange mit der ge- 
läliimten rechten Hand zti verjagen, und dadurch trat die An- 
ästhesie und Lähmting derseltcn iu Assoziation mit der Schlan- 
genhalltizination. Als diese verscliv/unden war, wollte sie in ihrei; 
Angst Taeten, aber jede Sprache versagte, sie konnte in keiner 
sprechen, bis sie endlich einen englischen Kindervers fand 
■und nun ancli in dieser Sprache fortdenfcen nnd beten konnte."^) 
'Mit Üer Erinnerung dieser Szene in der Hypnose war auch die 
seit Beginn der Kranklieit bestehende steife Lähmung des rechten 
Armes beseitigt und die BeKandlung beendigt. 

Als ioh eine Anzahl von Jakren später die Breuer scke Un- 
ters'ucklings- und Behandlungsmethode an meinen eigenen Kran- 
ken izu üben begann, machte ich Erfahrungen, die sich mit den 
seinigen ^vollkommen deckten. Bei einer etwa 40jährigen Dame 
bestand ein Tic, eia eigentümlich schnalzendes Gneräüsch, daä 
sie bei jeder Aüfregu,ng und auch ohne ersichtlichen Anlaß 
hervorbrachte. Es hatte sei,nen Ursprung ia zwei Erlebnissen, 
denen gemeinsam war, daß sie sieh vornahm, jetzt ja keinen 
Läirm Izu machen, Und bei denen wie durch eine Art von Gregen- 
willen gerade dieses Gneräüsch die Stille durchbrach; das eine 
Mal, als sie ihr krankes Kind endlich mühselig eingeschläfert 
haji'te "und sich sagte, sie müsse jetzt ganz still stein, um es 
nicht ,zü wecken, und das andere Mal, als während einer Wagen- 
fahrt mit ihren beiden Kindern im Gewitter die Pferde scheu 
'würden, und sie sorgfältig jeden Lärm vermeiden wollte, um 
Idie 'Tiere nicht noch mehr zu schrecken.-) Ich gebe dieses 



*) 1. C. p. 30. 

") 1. c. 4. Aufl., p. 43 u. 46. 



10 



I. Symptome als Erinnerungssymbole. 



Beispiel anstatt vieler anderer, die in den „Studien über Hy- 
sterie" niedergielegt sindA) 

Meine Damen und Herren, wenn Sie mir die Verallgemeine- 
rting gestatten, die ja bei so abgekürzter Darsteihmg unver- 
meidlich ist, so können wir unsere bisherig'e Erkenntnis in die 
Formel fassen: Unsere hysterisch Kranken leiden 
an Beminiszenzen. Ihre Symptome sind Reste und Er- 
innerungssymbole für gewisse (traumatische) Erlebnisse. Ein 
Vergleich mit anderen Erinnerungssymbolen auf anderen Ge- 
bieten wird tins vielleicht tiefer in das Verständnis dieser Sym- 
bolik führen. Auch die Denkmäler und Monumente, mit denen 
wir unsere großen Städte zieren, sind solche Erinnerungssymbole. 
."VVenn Sie einen Spaziergang durch London machen, so finden 
Sie vor eineii der größten Bahnhöfe der Stadt eine reichverzierte 
gotische Säule, das Charing Gross Einer der alten Plan- 
ta;genetkönige im XHI. Jahrhundert, der den Leichnam seiner 
geliebten Königin Eleanor nach Westm.inster überführen ließ, 
errichteta gotische Kreuze an Jeder der Stationen, wo der Sarg 
nieidergestellt würde, und Charing Gross ist das letzte 
der Denkmäler, welche die Erinnerung an diesen Trauerzug 
erhalte,n siollten.2) An einer anderen Stell© der Stadt, nicht 
weit von London Bridge, erblicken Sie eine modernere hoch- 
ragende Säule, die kurzweg „The Monument" genannt wird. 
Sie soll zur Erinnerung an das große Feuer mahnen, welches 



') Eine Auswahl aus diesem Buche, vermehrt durch einige spä- 
tere Abhandlungen über Hysterie, liegt gegenwärtig in einer englischen, 
von Dr. A. A. Brill in New York besorgten Übersetzung vor. 

^) Vielmehr die spätere Nachbildung eines solchen Denkmals. 
Der Name Charing selbst soll, wie mir Dr. E.Jones mitteilte, aus 
den Worten Chere reine hervorgegangen sein. 



k 



Fixierung an die Traumen. ' u 

im 'JaKre 1666 dort in der Nälie ausbrach und eiaen großen 
Teil der Stadt zerstörte. Diese Monumente sind also Erinne- 
;rungssymbole, jwie die hysterischen Symptome ; soweit scheint die 
fVergleichung berechtigt. Aber was würden Sie zu einem Lon- 
doner sagen, der heute noch vor dem Denkmal des Leichen- 
zuges der Königin Eleanor in Wehmut stehen bliebe, anstatt 
mit der von den modernen Arbeitsverhältnissen geforderten Eile 
seinen Geschäften nachzugehen oder sich der eigenen jugend- 
frischen Königin seines Herzens zu erfreuen? Oder zu einem 
anderen, der vor dem „Monument" die Einäscherung seiner ge- 
liebten .Viaterstadt beweinte, die doch seither längst soviel glän- 
zender wiedererstanden ist? So wie diese beiden unpraktischen 
Londoner benehmen sich aber die Hysterischen und Neurotiker 
alle ; nicht nur, daß sie die längst vergangenen schmerzlichen Er- 
lebnisse erinnern, sie häagen noch affektvoll an ihnen, sie kommen 
von der Vergangenheit nicht los tind vernachlässigen für sie die 
Wirklichkeit und die Gegenwart. .Diese Fixierung des Seelen- 
lebens an die pathogenen Traumen ist einer der wichtigsten 
tiüd j)Taktisch bedeutsamsten Charaktere der Neurose. 

Ich gebe Ihnen gern den Einwand zu, den Sie jetzt Wahr- 
scheinlich bilden, indem Sie an die Krankengeschichte der 
E re ue r sehen Patientin denken. Alle ihre Traumen entstammten 
ja der Zeit, da sie den kranken Vater pflegte, und ihre Symptome 
können nur als Erinnerungszeichen für seine Krankheit und 
seinen Tod aufgefaßt werden. Sie entsprechen also einer 
Trauer, und eine Eixierung an das Andenken des Verstorbenen 
ist so kurze Zeit nach dem Ableben desselben gewiß nichts 
■Pathologisches, entspricht vielmehr einem normalen Gefühls- 
.vorgang. Ich gestehe Ihnen dieses zu; die Fixierung an die 
Traumen ist bei der Patientin Breuers nichts Auffälliges. 
Aber in anderen Fällen, wie in dem von mir behandelten Tic, 



I 



i 

I 12 I. Das Abreagieren der Affekte. 

dessen Veranlassungen um mehr als fünfzehn Und zeKn Jahre 
teurücfelagen, ist der Charakter des abnormen Haftens am Ver- 
gangenen selir deutlich, und die Patientin Breuers hätte ihn 
wahrscheinlich gleichfalls entwickelt, wenn sie nicht so kurze 
Zeit nach dem Erleben der Traumen und der Entstehung der 
Symptome zur katharti sehen Behandlung gekommen wäre. 
iWii" haben bisher nur die Beziehung der hysterischen 
SyMptome zur Lebensgeschichte der Kranien erörtert; aus 
zwei Weiteren Momenten der Breuer sehen Beobachtung können 
tmi laber auch einen Hinweis darauf gewinnen, wie wir den 
Vorgang der Erkrankung und der "Wiederherstellung aufzu- 
fassen haben. Fürs erste ist hervorzuheben, daß die Kranke 
{Breuers fast in allen fpathogenen Situationen eine starke Er- 
aregung zU unterdrücken hatte, anstatt ihr durch die ents'pre- 
ichenden Affektzeichen, "Worte und Handlungen, Ablauf zu 
termögliehen. In dem kleinen Erlebnis mit dem Hund ihrer 
Gesellschafterin unterdrückte sie aus Eücksicht auf diese jede 
Äußerung ihres sehr intensiven Ekels; während sie am Bette 
desi ,Vaters wachte, trug sie beständig Sorge, den Kranken nichts 
von ihrer Angst und ihrer schmerzlichen Verstimmung merken 
2;u lassen. Als sie später diese selben Szenen vor ihrem Arzt 
reproduzierte, trat der damals gehemmte Affekt mit besonderer 
Heftigkeit, als ob er sich solange aufgespart hätte, auf. Ja, 
das Symptom, welches von dieser Szene erübrigt war, gewann 
eeine höchste Intensität, während man sich seiner Verursachung 
näherte, ,um nach der völligen Erledigung derselben zu ver- 
bchiwinden. Anderseits konnte man die Erfahrung machen, daß 
das Erinnern der Szene beim Arzte wirkungslos blieb, wenn 
es laus irgend einem Grunde einmal ohne Affektentwicklung 
aiblief. Die Schicksale dieser Affekte, die man sich als ver- 
©chieb.'baie Größen vorstellen konnte, waren also das Maß- 



i 



Die hysterische Konversion. 13 

^bende für die Erfeanküng wie für die WiederHerstellung. 
Man sah sich zur Arniahme gedrängt, daß die Erkrankxmg 
darum zu staade kam, -weil den in den pathogenen Situationen 
ent-wicfelten Affekten ein normaler Ausweg versperrt war, und 
daß das "Wesen der Erkrankung darin hestand, daß nun diese 
„eingeklemmten" Affekte einer abnormen Verwendung unter- 
lagen. Zum Teil blieben sie als dauernde Belastungen des 
Seelenlebens und Quellen beständiger Erregung für dasselbe 
bestehen: zum Teil erfuhren sie eine Umsetzung in ungewöhn- 
liche körperliche Innervationen und Hemmungen, die 
sich als die körperlichen Symptome des Falles darstellten. Wir 
haben für diesen letzteren Vorgang den Namen der „hy,ste- 
irischenKonversion" geprägt. Ein gewisser Anteil unserer 
seelischen Erregung wird ohnedies normalerweise auf die Wegs 
der körperlichen Innervation geleitet und ergibt das, was wir 
als .„Ausdr^ick der Gemütsbewegungen" kennen. Die hyste- 
rische Konversion übertreibt nun diesen Anteil des Ablaiifö 
eines mit Affekt besetzten seelischen Vorganges; sie entspricht 
einepi weit intensiveren, auf neue Bahnen geleiteten Ausdruck 
dter Gemütsbewegung. Wenn ein Strombett in zwei Kanälen 
fließt, so wird eine Überfüllung des einen stattfinden, sobald 
die Strömung in dem anderen auf ein Hindernis stößt. 

Sie sehen, wir' sind im Begriffe, zu einer rein psychologischen 
Theorie der Hysterie zu gelangen, in welcher wir den Affekt- 
vorgängen den ersten Rang anweisen. Eine zweite Beobachtung 
Breuers nötigt uns nun, in der Charakteristik des krank- 
Ihaften Geschehens den Bewußtseinszuständen eine große Be- 
deutung einzuräumen. Die Kranke Breuers zeigte mannig- 
faltige seelische Verfassungen, Zustände von Abwesenheit, Ver- 
Iworrenheit und Charakterveränderung neben ihrem Normal- 
lzustand. Im Normalzustand wußte sie nun nichts von jenen 



14 



I. Die psychische Spaltung. 



patHogenen Szenen tmd von deren ZusammeüHang mit ihreii 
Symptomen; sie liatte diese Szenen vergessen oder jedenfalls 
den pathogenen Zusammenhang zerrissen. .Wenn man sie in die 
Hypnose versetzte, gelang es nach. Aufwendung bcträehtliclier 
'Arbeit, ihr diese Szenen ins Gredächtnis zurückzurufen, und 
durch diese Arbeit des "VViedererinnerns Wurden die Symptome 
ahifgehoben. Man wäre in großer Verlegenheit, wie man diese 
^ Tatsache deuten sollte, wenn nicht die Erfahrungen und Ex- 
perimente des Hypnotismus den Weg dazu gewiesen hätten. 
Durch das Studium der hypnotischen Phänomene hat man sich 
a,n die anfangs befremdliche Auffassung gewöhnt, daß in einem 
und demselben Individuum mehrere seelische Gruppierungen 
möglich sind, die ziemlich unabhängig von einander bleiben 
tonnen, von einander „nichts wissen", und die das Bewußtsein 
alternierend an sich reißen. Fälle solcher Art, die man als 
„Double conscienoe" bezeichnet, kommen gelegentlich auch 
spontan zur Beobachtung. Wenn bei solcher Spaltung der Per- 
sönlichkeit das Bewußtsein konstant an den einen der beiden 
Zustände gebunden bleibt, so heißt man diesen den bewußten' 
Seelenzustand, den von ihm abgetrennten den unbewußten. 
In den bekannten Phänomenen der sogenannten piosthypnotischen 
Suggestion, -n^obei ein in der Hypnose gegebener Auftrag sich 
später im Normalzustand gebieterisch durchsetzt, h,at man ein 
vorzügliches Vorbild für die Beeinflussimgen, die der biewußte 
Zustand durch den für ihn unbewußten erfahren kann, und 
nach diesem Muster gelingt es allerdings, sich die Erfahrungen 
bei der Hysterie zurechtzulegen. Breuer entschloß sich zur 
Annahme, dai3 die hysterischen Symptome in solchen besonderen 
seelischen Zuständen, die er h y p n o i d e nannte, entstanden seien. 
Erregungen, die in solche hypnoide Zustände hineingeratem, wer- 
den leicht p,athogen, weil diese Zustände nicht die Bedingungen 



Hypnolde Zustände. Ig 

iTilr einen nor^'aleä Ablauf der Erregünggf öi-gangie 'bieten. Eg 
entsteht also aus dem Erregungsvorgang ein ungewölmliohe^ 
Produkt, eben das Symptom, und dieses ragt wie ein Eremd- 
iörper in den Normalzustand Mneia, dem dafür die Kenntnis 
der hypnoiden pathagenen Situation abgeht. Wo ein Symptom 
besteht, da findet sich auoh eine Amnesie, eine Erinnerungslücke, 
und die Ausfüllung dieser Lücke schließt die Aufhebung dei; 
Entstehungsbedingungen des Symptoms in sich ein. 

Ich fürchte, daß Ihnen dieses Stüek meiner Darstellung 
nicht sehr durchsichtig erschienen ist. Aber haben Sie Nach- 
eicht, es handelt sich um neu© "und schwierigö Anschauungen, 
die vielleicht nicht viel klarer gemacht werden können; ein 
Beweis dafür, daß wir mit unserer Erkenntnis noch nicht sehr 
weit vorgedrungen sind. Die Breuersche Aufstellung der 
hypnoiden Zustände hat sich übrigens als hemmend und 
überflüssig erwiesen und ist von der heutigen Psychoanalyse 
fallen gelassen worden. Sie werden später wenigstens andeu- 
tungsweise hören: welche Einflüsse und Vorgänge hinter der 
von. Breuer aufgestellten Schranke der hypnoiden Zustände 
zu entdecken waren. Sie werden auch mit B«cht den Eindruck 
empfangen haben, daß die Breuersche Forschung Ihnen nur 
eine sehr unvollständige Theorie und unbefriedigende Auf klä- 
nmg der beobachteten Erscheinungen geben konnte, aber voll- 
kommene Theorien fallen nicht vom Himmel, und Sie werden 
mit noch größerem Recht mißtrauisch sein, wenn Ihnen jemand 
eine lückenlose und abgerundete Theorie bereits zu Anfang 
seiner Beobachtungen anbietet. Eine solche wird gewiß nur 
das Kind seiner Spekulation sein können und nicht die Erucht 
S.Oj;aussetzungsloser Erforschung des Tatsächlichen* 



n. 



Meine Damen und Herren! Etwa gleioHzeitig, während 
Breuer mit seiner Patientta die „TalMng eure" übte, hatte 
'Meister Charoot in Paris jene Untersuchungen üher die Hy- 
Bterischen der Salpetriere begonnen, von denen ein neues Ver- 
etändaia der Krankheit ausgehen sollte. Diese Resultate konnten 
Üamals ün "Wien noch nicht bekannt sein. Als aber etwa 
ein Dezennium später Breuer und ich die vorläufige Mittei- 
lung über den psychischen Mechanismus hysterischer Phäno- 
mene veröffentlichten, welche an die kathartische Behandlung 
bei .Breuers erster Patientin anknüpfte, da befanden wir uns 
ganz im Banne der C h a r c o t sehen Forschungen. "Wir stellten 
die pathogenen Erlebnisse unserer Kranken als psychische Trau- 
men jenen körperlichen Tranmen gleich, deren Einfluß auf hy- 
sterische Lähmungen Charcot festgestellt hatte, und 
iB reuers' Aufstellung der hypnoiden Zustände ist selbst nichtö 
laflideres als ein E«f lex der Tatsache, daß Charcot jene trauma- 
tischen Lähmungen in der Hypnose künstlich reproduziert hatte. 

Der große französische Beobachter, dessen Schüler ich 
1885/8G wurde, war selbst psychologischen Auffassungen nicht 
geneigt; erst sein Schüler P. Jan et versuchte ein tieferes 
Eindringen in die besonderen psychischen Vorgänge bei der 
Hysterie, und wir folgten seinem Beispiele, als wir die seelische 
Spaltung und den Zerfall der Persönlichkeit in das Zentrum 



Charcots und Janets Forschungen. 17 

i"anserer Auffassung rückten. Sie finden bei Jan et eine Theorie 
der Hysterie, welche den in Prankreicli herrschenden Lehren 
über (die Bolle der Erblichkeit und der Degeneration Rechnung 
trägt. Die Hysterie ist nach ihm eine Form der degenerativen 
iVeränderung des Nervensystems, welche sich durch eine ange- 
borene Schwäche der psychischen Synthese kundgibt. Die hy- 
igterisch Kranken seien von Anfang an unfähig, die Mannigfal- 
tigkeit der seelischen Vorgänge zu einer Einheit zusammenz'u- 
halten, und daher komme die Neigung zur seelischen Dissozia- 
tion. "Wenn Sie mir ein banales aber deutliches Gleichnis ge- 
statten, Janets Hysterische erinnert an eine schwache Frau, 
didiausgegangen ist, um Einkäufe zu machen, und nun mit einer 
Menge von Schachteln uad Paketen beladen zurückkommt. Sie 
kann den ganzen Haufen mit üiren zwei Armen und zehn Fin- 
gern nicht bewältigen, und sb entfällt ihr zuerst ein Stücik. 
Bückt sie sidh, um dieses aufzuheben, so macht sich dafür ein 
Kaderes los u. s. W. Es stimmt nicht gut zu dieser angenom- 
menen seelischen Schwäche der Hysterischen, daß man bei ihnen 
außer den Erscheiaungen verminderter Leistung auch Beispiele 
von teilweiser Steigerung der Leistungsfähigkeit, wie zur Ent- 
schädigung, beobachten kann. Zur Zeit, als Breuers Patientin 
ihre 'Muttersprache und alle anderen Sprachen bis auf Englisch 
vergessen' hatte, erreichte ihre Beherrschung des Englischen eine 
(Slolche Höhe, daß sie im stände war, wenn man ihr ein deutsches 
Buch vorlegte, eine tadellose und fließende Übersetzung des- 
Belben vom Blatt herunterzulesen. 

Als ich es später unternahm, die von Breuer begonnenen 
Untersuchungen auf eigene Faust fortzusetzen, gelangte iah 
bald ;zu einer anderen Ansicht über die Entstehung der 
hysterischen Dissoziation (Bewußtseinsspaltung). Eine solche, 
für |alles weitere entscheidende, Divergenz mußte sich notwen- 

iPreud, Über Psychoanalyse. 



18 II. Änderung der Technik. 

diger-vreiB© ergieterL, da ioK nielit "wie J a n e t von Labbratoriiuns- 
vexsuohen, sondern von tlierapeutisclien Bemühungen ausging. 
Mich trieb vor allenx das prahtisdie Bedürfnis. Die kathar- 
tisehe Behandlung, wie sie Breuer geübt hatte, setzte voraus, 
daß man den Kranken in tiefe Hypnose bringe, denn nur im 
hypnotischen Zustand fand er die Kenntnis jener pathogenen 
Ziisammenhänge, die ihm in seinem Normalzustand abging. Nun 
war mir die Hypnose als ein launenhaftes und sozusagen mysti- 
sches Hilfsmittel bald unliebsam geworden; als ich aber die 
Erfahrung m.acht©, daß es mir trotz aller Bemühungen nicht 
gelingen (wöUte, mehr als einen Bruchteil meiner Kran&n in 
den hypnotischen Zustand zu versetzfön, beschloß ich, die Hyp- 
nose aufzugeben und die kathartisöhe Behandlung von ihr 
,u|iiabhängig zu machen. W^eil ich den psychischen Zustand 
meiner meisten Patienten nicht nach meinem Belieben verändern 
konnte, richtete ich mich darauf ein, mit ihrem Normalzustand 
ZU arbeiten. Das' schien allerdings vorerst eia sinn- und aus- 
sichtsloses Unternehmen zu sein. Es war die Aufgabe gestellt, 
etwas vom Kranken zu erfahren, was man nicht wußte und 
was er selbst nicht wußte; wie konnte man hoffen, dies doch 
ia Erfahrung zu bringen? Da kam mir die Erinnerung an 
einen Isehr mierkiwürdigen und lehrreichen Versuch zu Hilfe, 
den ich bei Bernheim in Nancy mitangestehen hatte. 
Bernheim zeigte uns dajnals, daß die Personen, welche er 
in hypnotischen Somnambulismus versetzt und in diesem Zu- 
stand allerlei hatte erleben lassen, die Erianerung an das som 
nambul Erlebte doch nur zum Schein verloren hatten, und daß 
es möglich w,ax, bei ihnen diese Erinnerungen auch im Normal- 
zustand zu erwecken. Wenn er sie nach den somn,ambulen Er- 
lebnissen befragte, so behaupteten sie anfangs zwar, nichts zU 
wissen, aber wenn er nicht nachgab, drängte, ihnen versicherte, 



Verzicht auf die Hypnose, lg 

. sie ■wüßten es doeh, so kamen die vergessenen Erinnerungen 
jedesmal wieder. . 

So machte ich es also aUch mit meiaen, Patienten. "Wenn 
ich mit ihnen bis zu einem Punkte gekommen war, an dem sie 
IjehaUpteten, nichts weiter zu wissen, so versicherte ich ihnen, 
sie wüßten es doch, sie sollten es nur sagen, xaid ich getraute 
mieh der Behauptung, daß die Erinnerung die richtige sein 
würde, die ihnen in dem Moment käme, wenn ich meinp Hand 
auf ihre Stirne legte- Auf diese "Weise gelang es mir, ohne An- 
wendung der Hypnose, von den Kranken alles zu erfahren, 
was zur Herstellung des Zusammenhangs zwischen den ver- 
gessenen pathogenen Szenen und den von ihnen erübrigten 
Symptomen erforderlich war. Aber es war ein mühseliges, ein 
auf die Dauer erschöpfendes Verfahren, das sich für eine end- 
gültige Technik nicht eignen konnte. 

Ich gab es jedoch nicht auf, ohne aus den dabei gemachten 
Wahrnehmungen die entscheidenden Schlüsse zu ziehen. Ich 
hatte es also bestätigt gefunden, daß die vergessenen Erinnei- 
rungen nicht verloren waren. Sie waren im Besitze des Kranken 
und bereit, in Assoziation an das von ihm noch Gewußte auf- 
zutauchen, aber irgend eine Kraft hinderte sie daran, bewußt 
zu werden, und nötigte sie, unbewußt zu bleiben. Die Existent 
dieser Kraft konnte man mit Sicherheit annehmen, denn man 
verspürte eine ihr entsprechende Anstrengung, wenn man sich 
bemühte, im Gegensatz zu ihr die unbewußten Erinnerungen 
ins Bewußtsein des Kranken einzuführen. Man bekam die Kraft» 
welche den krankhaften Zustand aufrecht erhielt, als Wider- 
stand des Kranken zu spüren. 

Auf diese Idee des Widerstandes habe ich nun meine Auf- 
fassung der psychischen Vorgänge bei der Hysterie gegründe.t. 
Es hatte sich als notwiendig zur Hersteilung erwiesen, diesp 



jjQ II. Verdrängung und Widerstand. 

Widerstände auf ztilieben ; votH Meohanismus der Heilung aus 
Konnte man sich jetzt ganz bestimmte Vorstellungen über den 
Hergang bei der Erkrankung bilden. Dieselben Kräfte, die 
heute als Widerstand sieb dem Bewußtmacben des Vergessenen 
widersetzten, mußten seinerzeit dieses Vergessen bewirkt und 
die betreffenden patbogenen Erlebnisse aus dem Bewußtsein 
gedrängt haben. Ich nannte diesen von mir stipp onierten Vor- 
gang Verdrängung und betrachtete ihn als erwiesen durch 
die unleugbare Existenz des Widerstandes. 

Man konnte sich aber auch die Frage vorlegen, welches 
diese K!räfte und welche die Bedingungen der Verdrängung 
seien, in der wir nun Üen patbogenen Mechanismus der Hysterie 
erkennen. Eine vergleichende Untersuchung der p,athogenen 
Situationen, die man durch die kathartische Behandlung kennen 
gelernt hatte, gestattete hierauf Antwort zu geben. Bei all 
diesen Erlebnissen hatte es sich darum gehandelt, daß eine 
Wmischregung aufgetaucht war, welche in scharfem Gegensatze 
zu den sonstigen Wünschen des Individuums stand, sich als 
uiaverträglioh mit den ethischen und ästhetischen An- 
sprüchen 'der Persönlichkeit erwies. Es hatte einen kurzen 
Konflikt gegeben, und das Ende dieses inneren Kampfes war, 
daß die Vorstellung, welche als der Träger jenes unvereinbaren 
Wunsches vor dem Bewußtsein auftrat, der Verdrängung an- 
heimfiel und mit den zu ihr gehörigen Erinnerungen aus dem 
Bewußtsein gedrängt und vergessen wurde. Die Unverträglich- 
keit der betreffenden Vorstellung mit dem loh des Kranken war 
also' das Motiv der Verdrängung ; die ethischen und anderen An- 
forderungen des Individuums waren die verdrängenden Kräfte, 
Die Annahme der unverträglichen Wunschregung oder die Fort- 
dauer des Konflikts hätten hohe Grade von Unlust hervorge- 
rufen; diese Unlust wurde durch die Verdrängung erspart 



Beispiel einer Verdrängung, 21 

die eicK im solcKer Art als eine der Scliutzvorrichtiing'en der 
ßeeliselieii Persönlichkeit erwies. 

Ich will Ihnen anstatt vieler einen einzigen meiner Fälle 
erzählen, in welchem Bedingungen und Nutzen der Verdrän- 
gung deutlich genug zu erkennen sind. Freilich muß ich für 
meinen Zweck auch diese Krankengeschichte verkürzen und wich- 
tige Voraussetzungen derselben bei Seite lassen. Ein junges 
Jklädchen, welches kurz vorher den geliebten Vater verloren 
hatte, an dessen JPflege sie beteiligt gewesen war — eine Situa- 
tion ,analog der bei der Patientin Breuers' — , brachte, als 
ihre ältere Schwester sich verheiratete, dem neuen Schwager 
eine besondere Sympathie entgegen, die sich leicht als verwandt- 
schaftliche Zärtlichkeit maskieren konnte. Diese Schwester er- 
krankte bald und starb, während die Patientin mit ihrer Mutter 
abwesend war. Die Abwesenden wurden eiligst, zurückgerufen, 
ohne in sichere Kenntnis des schmerzlichen Ereignisses' gesetzt 
zu werden. Als das Mädchen an das Bett der toten Schwester 
trat, tauchte für einen kurzen Moment eine Idee in ihr auf, die 
sich etwa in den "Worten ausdrücken ließe : Jetzt ist er 
frei und kann mich heiraten. "Wir dürfen als sicher 
iamnehmen, daß diese Idee, welche die ihr selbst nicht bewußte 
iintensive Liebe zum Schwager ihrem Bewußtseia verriet, durch 
den Aufruhr ihrer Grefühle im nächsten Moment der Verdrän- 
gung überliefert wurde. Das Mädchen erkrankte an schweren 
hysterischen Symptomen, und als ich sie tu Behandlung ge- 
nommen hatte, stellte es sich heraus, daß sie jene Szene am 
Bette der Schwester und die tu ihr auftretende häßlich-egoisti- 
jsche Regung gründlich vergessen hatte. Sie erinnerte sich daran 
in der Behandlung, reproduzierte den pathogenen Moment unter 
den Anzeichen heftigster Gemütsbewegung und wurde durah 
diese Behandlung gesund. 



22 II. Dynamische Auffassung 

Vielleicht darf ich Ihnen den Vorg'ang der Verdrängung 
tiiid deren notwendige Beziehung zum "Widerstand durch ein 
grobes Gleichnis veranschaulichen, das ich gerade aus unserer 
gegenwärtigen Situation herausgreifen will. Nehmen Sie an,; 
hier in diesem Saale und in diesem Auditorium, dessen muster- 
hafte Euhe und Aufmerksamkeit ich nicht' genug zu preisen 
weiß, befände sich doch eia Individuum, welches sich störend 
benimmt und durch sein ungezogenes Lachen, Schwätzien, 
Schajrem mit den Füßen meine Aufmerksamkeit von meiner 
Aufgabe abzieht. Ich erkläre, daß ich so nicht weiter vortragen 
kann, und daraufhin erheben sich einige kräftige Männer unter 
Ihnen und setzen den Störenfried nach kurzem Kampfe vor die 
Tür. Er ist also jetzt „verdrängt" und ich kann meinen Vortrag 
fortstetzen. Damit aber die Störung sich nicht wiederhole, wenn 
der Herausgeworfene versucht, wieder ia den Saal einzudringen, 
rücken die Herren, welche meinen Willen zur Ausführung ge- 
bracht haben, ihre Stühle an die Türe an und etablieren sich so 
als „Widerstand" nach vollzogener Verdrängung. Wenn Sie 
nun noch die beiden Lokalitäten hier als das „Bewußte" und 
das „Unbewußte" aufs Psychische übertragen, so haben Sie eine 
K'iemlich gute Nachbildung des Vorgangs der Verdrängung 
vor eich. 

Sie sehen nun, wbrin der Unterschied unserer Auffassung 
von der Janetschen gelegen ist. Wir leiten die psychische 
Spaltun[g nicht von einer angeborenen Unzulänglichkeit des 
seelischen Apparats zur Synthese ab, sondern erklären sie dyna- 
misch durch den Konflikt widerstreitender Seelenkräfte, er- 
kennen in ihr das Ergebnis eines aktiven Sträubens der beiden 
psychischen Gruppierungen gegeneinander. Aus unserer Auf- 
fassung erheben sich nun neue Eragestellungen in großer An- 
zahl. Die Situation des psychischen Konflikts ist ja eine über- 



der seelischen- Spaltung. - gg 

aus Häufige, ein Bestreliien Hes Ichs, sich peinlicher Erinnerlingen. 
zu er-wehren, wird ganz regelmäßig beobachtet, ohne daß eä 
ztim Ergebnis einer seelischen Spaltung führte. Man kann den 
■Gedanken nicht abweisen, daß es noch anderer Bedingungen 
bedarf, wenn der Konflikt die Dissoziation zur Folge haben 
Soll. Ich gebe Ihnen auch gern zu, daß wir mit der Annahme 
der Verdrängung nicht, am Ende, sondern erst am Anfang einer 
psychologischen Theorie stehen, aber wir können nicht anders 
als schrittweise vorrücken und müssen die Vollendung der Er- 
fenntnis weiterer und tiefer eindringender Arbeit überlassen. 

Unterlassen Sie auch den Versuch, den Fall der Patientin 
Breuers unter die Gesichtspunkte der Verdrängung zu bringen. 
Diese Krankengeschichte eignet sich hiezu nicht, weil sie mit 
Hilfe der hypnotischen Beeinflussung gewonnen worden ist. 
Erst, wenn Sie die Hypnose ausschalten, können Sie die Wider- 
stände Und Verdrängungen bemerken und sich von dem wirk- 
lichen pathogenen Vorgang eine zutreffende Vorstellung bilden. 
Die Hypnose verdeckt den "Widerstand und macht ein gewisses 
Seelisches Gebiet frei zugänglich, dafür häuft sie den Wider- 
stand an den Grenzen dieses Gebietes zu einem Walle auf, der 
alles Weitere unzugänglich macht. 

Das Wertvollste, was wir aus der Breuer sehen Beob- 
lachtung gelernt haben, waren die Aufschlüsse über den Zu- 
sammenhang der Symptome init den pathogenen Erlebnissen oder 
psychischen Traumen, und nun dürfen wir nicht versäumen, 
diese Einsichten vom Standpunkte der Verdrängungslehre zu 
würdigen. Man sieht zunächst wirklich nicht ein, wie man von 
der Verdrängung aus zur Symptombildung gelangen kann. An- 
statt eine komi^lizierte theoretische Ableitung zu geben, will 
ich an dieser Stelle auf tmser früher gebrauchtes Bild für die 
Verdrängung zurückgreifen. Denken Sie daran, mit der Ent- 



\\ 



r : 



24 II. Symptombildung 

ferntmg 3eä störenden Gesellen und der Niederlassung der 
■Wächter' vor der Türe braticht die Angelegenheit nicht beendigt 
zu (seia. Es kann sehr wohl geschehen, daß der Herausge- 
(worfene, der jetizt erbittert Und ganz rücksichtslos geworden ist, 
tos (Weiter zu schaffen gibt. Er ist zwar nicht mehr unter uns, 
wir teind seine Gegenwart, seta höhnisches Lachen, steine halb- 
lauten pemerkungen los geworden, aber ia gewisser Hinsicht 
ißt idie Verdrängung doich erfolglos gewiesen, denn er führt nun 
draußen einen unerträglichen Spektakel auf, und sein Schreien 
und mit den Fäusten an die Tür Pochen hemmt meinen Vortrag 
mehr als früher seia unartiges Benehmen. Unter diesen Ver- 
hältnissen würden wir es mit Freuden begrüßen müssen, wenn 
etwa unser verehrter Präsident Dr. Stanley Hall die EoUe 
des Vermittlers und Friedensstifters übernehmen wollte. Er 
iwürde mit dem ungebärdigen Gesellen draußen sprechen und 
jdajinisich an uns mit der Aufforderung wenden, ihn doch wieder 
einzulassen, er übernehme die Garantie, daß sich jener jetzt 
besser betragen werde. Auf Dr. Halls Autorität hin ent- 
teohließen wir uns dazu, die Verdrängung wieder aufzuheben, 
lund^-nun tritt wieder Euhe u^nd Frieden ein. Es ist dies wirklich 
feine, iun.p:assende Darstellung der Aufgabe, die dem Arzt bei der 
[pisycho,analytischen Therapie der Neurosen zufällt. 

Um es jetzt direkter zu sagen: Wir kommen durch die 
Untersuchung der hysterisch Kranken und anderer Neurotiker 
zur "Überzeugung, daß ihnen die Verdrängung der Idee, an wel- 
cher der unerträgliche Wunsch hängt, mißlungen ist. Sie 
haben sie zwar aus dem Bewußtsein und aus der Erinnerung 
getrieben und sich anscheinend eine große Summe Unhist er- 
s'part, aber im Unbewußten besteht die verdrängte 
Wunschregungweiter, lauert auf eine Gelegenheit, akti- 
viert zu werden, und versteht es dann, eime entstellte und un- 



. infolge mißglückter Verdrängung. f^ 

Iceimtlicli gemachte Ers atzt ü düng für das Verdrängte ins 
Bewußtsein zu schicken, an wtelche sich bald dieselben Unlust- 
empfindtingen Imüpfen, die man durch die Verdrängung erspart 
glaubte. Diese Ersatzbildung für die verdrängte Idee — das 
Symptom — ist gegen weitere Angriffe von selten des ab- 
wehrenden Ichs gefeit, Und an Stelle des Imrzen Konflikts tritt 
jetzt ein in der Zeit nicht en'dendes LeMen. Ajx dem Symptom 
istiaeben den Anzeichen der Entstellung ein Best von irgendwie 
vermittelter Ähnlichkeit mit der ursprünglich verdrängten Idee 
zu konstatieren; die Wege, auf denen sich die Ersatzbildung 
vollzog, lassen sich während der psychoanalytischen Behand- 
lung des Ej-anken aufdecken, und zu seiner Heilung ist es not- 
wendig, daß das Symptom auf diesen nämlichen Wegen wieder 
in die verdrängte Idee übergeführt werde. Ist das Verdrängte 
wieder der bewußten Seelentätigkeit zugeführt, was die Uber- 
wiadung beträchtlicher Widerstände voraussetzt, so kann der 
so entstandene psychische Konflikt, den der Kranke vermeiden 
wollte, unter der Leitung des Arztes einen besseren Ausgang 
finden, als ihn die Verdrängung bot. Es gibt mehrere solcher 
zlwfeckmäßiger Erledigungen, welche Konflikt und Neurose zum 
glücklichen; Ende füliren, und die im einzelnen Ealle auch mitein- 
ajider kombiniert erzielt werden können. Entweder wird die Per- 
sönlichkeit des Kranken überzeugt, daß sie den pathogenen 
Wunsch knit Unrecht abgewiesen hat und veranlaßt, ihn ganz oder 
teilweise! zu akzeptieren, oder dieser Wtinsch wird selbst auf ein 
höheres und darum einwandfreies Ziel geleitet (was man seine 
Sublimierung heißt), oder man erkennt seine Verwerfung 
als zu Hecht bestehend an, ersetz.t aber den automatischen und 
daiTum unzureichenden Mechanismus der Verdrängung durch 
eine Verurteilung mit Hilfe der höchsten geistigen Leistungen 
des Menschen ; man erreicht seine bewußt© Beherrschung. 



i6 II. Ziel der Psychoanalyse. 

VerzeiHen Sie mir, -wienn es' mir nicht gelimgen ist, Ihnen 
diesb Hauptgesiditspuakte der nun Psychoanalyse ge- 
nannten Behandlitngsmethode klarer faßlich darzustellen. Die 
Schwierigkeiten liegen nicht nur in der Neuheit des Gegen- 
stajides. Welcher Art die unverträglichen Y/ünsche sind, die 
sich trotz der Verdrängung aus dem UnheAvtißten vernehmhar 
zu machen verstehen, und welche suhjektiven oder konstitutio- 
nellen Bedingungen bei einer Person zutreffen müssen, 
damit sich ein solches Mißlingen der Verdrängung und eine 
Ersatz- oder Symptombildung vollziehe, darüber werden noch 
einige spätere Bemerkungen Aufschluß geben. 



in. 

Meiae Damen Tind Herren! Es ist nicKt immer leicKt die 
Wahrheit zu sagen, besonders wenn man kurz sein muß, und 
so "bin ich heute genötigt, eine Unrichtigteit zu korrigieren, die 
ich in meinem letzten Vortrag vorgebracht habe. Ich sagte 
Ihnen, -wenn ich unter Verzicht auf die Hypnose in meine 
Kranken drang, mir doch mitzuteilen, was ihnen zu dem eben 
behandelten Prcbleni einfiele — sie wüßten ja doch alles angeb- 
lich Vergessene, Und der auftauchende Einfall werde gewiß das 
Gesuchte enthalten — , so machte ich tatsächlich die Erfahrung, 
daß der nächste Einfall meines Kranken das richtige brachte lind 
eich als die vergessene Fortsetziuig der Erinnerung erwies. 
Nun, das ist nicht allg"emein richtig; ich habe es nur der Ab^ 
kürzung halber so einfach dargestellt. In "Wirklichkeit traf 
es nur die ersten Male zti, daß sich das richtige Vergessene 
durch einfaches Drängen von meiner Seite einstellte. Setzte 
man das Verfahren fort, so kamen jedesmal Einfälle, die nioht 
die richtigen sein konnten, weil sie nicht passend waren, und 
die die Elranken selbst als unrichtig verwarfen. Das Drängen 
brachte hier keine weitere Hilfe, und man konnte wieder be- 
dauern, die Hyipnose aufgegeben zu haben. 

In' diesem Stadium der Eatlosigkeit klammerte ich mich an 
ein, Vorurteil, dessen wissenschaftliche Berechtigung Jahre sj)äter 
dru'ch meinen Freund C. G. Jung in Zürich und seine Schüler 
erwieöen 'wurde. Ich muß behaupten, es ist manchmal recht 



28 Die Technik des Erratens 

P-ützlich, Vol^tixteile zu hiaben. Ich brachte eine Hohe Meinung 
V'Otn der Strenge der Determinierxing seelischer Vorgänge mit 
tind tonnte nicht daran glauben, daß ein Einfall des Kranken, 
den er hei gespannter Aufmerksamkeit produzierte, ganz 
TV'illkürlich und außer Beziehung zu der von uns gesuchten ver- 
gessenen Vorstellung sei ; daß er mit dieser nicht identisch war, 
ließ sich aus der vorausgesetzten psychologisthen Situation be- 
friedigend erklären. In dem behandelten Kranken vm-kten zwei 
Kräfte gegenein,ander, einerseits sein bewußtes Bestreben, das 
in seinem Unbewußten vorhandene Vergessene ins Bewußtsein 
izu ziehen, anderseits der uns bekannte "Widerstand, der sich 
gegen solches Bewußtwerden des Verdrängten oder seiner Ab- 
kömmlinge sträubte. "War dieser Widerstand gleich Null oder 
sehr gering, sO' wurde das Vergessene ohne Entstellung bewußt ; 
esllag also nahe, anzunehmen, daß die Entstellung des Gesuchten 
um so größer ausfallen werde, je größer der Widerstand gegen 
das Bewußtwerden des Gesuchten sei. Der Einfall des Kranken, 
der .anstatt des Gesuchten kam, war also' selbst entstanden wie 
ein Symptom; er war eiae neue, künstliche und ephemere Er- 
^atzbildung für das Verdrängte, und demselben um so unähn- 
licher, eine je größere Entstellung er unter dem Eiafluß des 
Widerstandes erfahren hatte. Er mußte aber doch eine gewisse 
Ähnliohkeit mit dem Gesuchten aufweisen, kraft seiner Natur 
als Symptom, und bei nicht zU intensivem Widerstand mußte 
es möglich sein, aus dem Einfall das verborgene Gesuchte zu 
erraten. Der Einfall mußte sich zum verdrängten Element ver- 
halten wie eine Anspielung, wie eine Darstellung desselben in 
indirekter Bede. 

Wir kennen auf dem Gebiete des normalen Seelenlebens 
iPälle,; in denen analoge Situationen wie die von Uns angenommene 
aUch ähnliche Ergebnisse liefern. Ein solcher Fall ist der des 



aus freien Einfällen des Kranken. 29 

■Witzes. Durch die Probleme der psychoanalytischen Technik 
hin ich denn auch ^nötigt worden, mich mit der Technik der 
iWitzbildungi zu. beschäftigen. Ich wilb Ihnen ein einziges solches 
Beispiel erläutern, übrigens einen Witz in englischer Sprache. 
DiefiAuekdote erzählt :i) Zwei wenig skrupulösen Greschäfts- 
leuten war es gelungen, sich durch eine Eeihe recht gewagter 
Unternehmujtigen .eia großes Vermögen zu erwerben, und nun 
ging ihi- Bemühen dahin, sich der guten Gesellschaft aufzu- 
drängen. Unter anderem erschien es ihnen als ein zweckmäßiges 
Mittel, sich von. dem vornehmst^ und teuersten Maler der 
Stadt, dessen Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen 
zu lassen- Auf einer großen Soiree Wurden die kbstbare.n Bilder 
zuerst gezieigt, und die beiden Hausherren fülirten selbst den 
leinflußreiohsten Kunstkenner und Kritiker zur Wand des Sa- 
lons, an Welcher die beiden Porträts nebeneinander aufgehängt 
w,aren, um ihm sein bewunderndes Urteil zti entlocken. Der 
sah die Bilder lange Zeit an, schüttelte dann den Kopf, als ob 
er letwas vermissen würde, und fragte bloß, auf den freien 
Kaum zwischen den beiden Bildern deutend: „And where is the 
Saviour?" Ich sehe, Sie lachen alle über diesen guten 
Witz, in dessen Verständnis wir nun eiadring'en wollen. Wir 
verstehen, daß der Kunstkenner sagen will: Ihr seid ein Paar 
Spitzbuben, wie die, zwischen denen man den Heiland ans Kreuz 
hängte. Aber er sagte es nicht; anstatt dessen äußert er etwas, 
was zunächst sonderbar Unpassend und jiioht dazu g'chörig scheint, 
was wir aber im nächsten Moment als eine Anspielung auf 
die von ihm beabsichtigte Beschimpfung und als einen voll- 
gültigen Ersiatz für dieselbe erkennen. Wir können nicht er- 
Wlarten, daß sich beim Witz alle die Verhältnisse wiederfinden 

•) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewuiäten. Fr. Deu- 
ticke, Wien 1905, 4. Aufl. 1925, p. 60. 



30 III. Die indirekte Darstellung. 

lassen, die wir Lei der Entstelnmg des Einfalles bei uns'eren 
Patienten vermuten, aber auf die Identität in der Motivierung 
von Witz und Einfall wollen wir Gewiclit legten. Warum sagt 
unser Kritiker den beiden Spitzbuben nicbt direkt, w'as er 
ibnen sagen möchte? Weil neben seinem Gelüste, es ihnen un- 
verhüllt ins Gesicht zu sagen, sehr gute Gegenmotive ia ihm 
wirksam sind. Es ist nicht ungefährlich, Leute zu beleidigen, 
bei denen man zu Gaste ist, Und die über die kräftigen Fäuste 
einer zahlreichen Dienerschaft verfügen. Man kann leicht Jenem 
Schicksal verfallen, das ich im vorigen Vortrag in eine Analogie 
mit der „Verdrängung" brachte. Aus diesem Grunde bringt der 
Kritiker die beabsichtigte Beschimpfung nicht direkt, sondern 
in entstellter Form als eine „Anspielung mit Auslassung" zum 
Ausdruck,, tmd dieselbe Konstellation verschuldet es nach unserer 
Meinung, dai3 unser Patient, anstatt des gesuchten Vergessenen, 
einen "mehr oder minder entstellten Ersatzeinfall produziert. 
Meine Damen uad Herren! Es ist recht zweckmäßig, eine 
Gruppe von zusammengehörigen, mit Affekt besetzten Vorstel- 
lujigselementen nach dem Vorgange der Züricher Schul© 
(Bleuler, Jung u. a.) als einen „Komplex" zu bezeichnen. 
Wir sehen also, wenn wir bei einem Kranken von dem letzten, 
was er noch erinnert, ausgehen, um einen verdrängten Komplex 
zu suchen, so haben wir alle Aussicht, diesen zu erraten, wenn 
uns der Kranke eine genügende Anzahl seiner freien Einfälle 
zur Verfügung stellt. Wir lassen also den Kranken reden, was 
er will, und halten an der Voraussetzung fest, daß ihm nichts 
anderes einfallen kann, als was in indirekter Weise von dem 
gesuchten Komplex abhängt. Erscheint Ihnen dieser Weg, das 
Verdrängte aufzufinden, allzu umständlich, so kann ich Ihnen 
weni,gstens die Versicherung geben, daß er der einzig gang-, 
bare ist. 



Die psychoanalytische Grundregel. 31 

iWeim wir diese Tedmi^yausülien, so werden wir nocH durcli 
die Tatsache gestört, daß der Kranüe häufig innehält, in 
StockTongen gerät und hehanptet, er wisse nichts zu sagen, es 
falle ihm überhaiipt nichts ein. Träfe dies zli und hätte der 
Ea-anke recht, so wäre unser Verfahren wiederum als unzu- 
länglich erwiesen. Alleia eine feinere Beobachtung zeigt, daß 
ein solches Versagen der Einfälle eigentlich nie eintritt. Dieser 
Anschein Kommt nur dadlirch zU stände, daß der Kranke den 
wahrgenommenen Einfall unter dem Einfluß der "Widerstände, 
die sicli in verschiedene kritische Urteile über den Wert des 
Einfalls kleiden, zurückhält oder wieder beseitigt. Man schützt 
sich dagegen, indem man ihm dieses Verhalten vorhersagt und 
von ihm fordert, daß er sick xno. dies© Kritik nicht kümmere. 
Er soll unter völligem Verzicht auf solche kritische Auswahl 
alles sagen, was ihm in den Sinn kommt, auch wenn er es 
für unrichtig, für nicht dazu gehörig, für unsinnig hält, vor 
allem auch dann, wenn es ihm unangenehm ist, sein Denken 
mit dem Einfall zu beschäftigen. Durch die Befolgung dieser 
Vorschrift sichern wir uns das Material, welches uns' auf die 
Spur der verdrängten Komplexe führt. 

Dies Material von Einfällen, welche der Kranke gering- 
schätzenid von sich weist, wenn er tmter dem Einflussfe des 
Widerstandes anstatt unter dem des Arztes steht, stellt für den 
Psychoanalytiker gleichsam das Erz dar, dem er mit Hilfe 
von einfachen Deutungskünsten seinien Gehalt an wertvollem 
Metall entzieht. Wollen Sie sich "bei einem Kranken eine rasche 
und vorläufige Kenntnis der verdrängten Komplexe schaffen, 
ohne noch auf deren Anordnung und Verknüpfung einzugehen, 
SOI bedienen Sie sich dazu der Prüfung mit dem Assoziations- 
experiment, wie sie Jung^) xmd seine Schüler ausgebildet 

^) C. G. Jung, Diagnostische Assoziationsstudien, I. Bd., 1906, 



32 III. Das Assoziationsexperiment 

haben. Dies VerfaKren leistet dem PsycboanalytiKer so viel 
wie die qualitative Analysfe dem Chemiker; es ist in der The- 
rapie der neTirotisch Kranken entbehrlich, unentbehrlich aber 
zur objektiven Demonstration der Komplexe tmd bei der Unter- 
stiohnng der Psychosen, die von der Züricher Schule so erfolg- 
reich in Angriff genommen worden ist. 

Die Bearbeitung der Einfälle, welche sich dem Patienten 
ergeben, wenn er sich der psychoanalytischen Hauptregel unter- 
wirft, ist nicht das einzig'e unserer technischen Mittel zur Er- 
echlieJ3ung des Unbewußten. Dem gleichen Zwecke dienen zwei 
andere Verfahren, die Deutung seiner Träume und die Verwer- 
tung seiner Fehl- und Zufallshandluifgen. 

Ich gestehe Ihnen, meine geehrten Zuhörer, daß ich lange 
geschwankt habe, ob ich Ihnen anstatt dieser gedrängten Über- 
sicht über das ganze Gebiet der Psychoanalyse nicht lieber eine 
ausführliche Darstellung der Traumdeutung bieten soU.i) 
Ein rein subjektives und anscheinend sekundäres Motiv hat mich 
davon zurückgehalten. Es erschien mir fast anstößig, in diesem 
praktischen Zielen zugewendeten Lande als „Traumdeuter" auf- 
zutreten, ehe Sie noch wissen konnten, auf welche Bedeutun"- 
diese veraltete und verspottete Kunst Anspruch erheben kann. 
Die,,Traumdeutung ist in Vi^irklichkeit die Via llegia zur Kennt- 
nis des Unbewußten, die sicherste Grundlage der Psychoanalyse 
und jenes Gebiet, auf welchem jeder Arbeiter seine Überzeugung 
zu gewinnen und seine Ausbildung anzustreben hat. Wenn ich 
gefragt werde, wie man Psychoanalytiker werden kann, so ant- 
worte ich, durch das Studium seiner eigenen Träume. Mit rich- 
tigem Takt sind alle Gegner der Psychoanalyse bisher einer 
Würdigung der „Traumdeutung" ausgewichen oder haben mit 
den seichtesten Einwendungen über sie hinwegzukommen ge- 
') Die Traumdeutung, Fr. Deuticke, Wien 1900 (7. Aufl. 1922), 



Die Traumdeutung. 33 

traclitet. iWemn Sie im Gegenteile die Löslmgen der Probleme 
des Traumlebens anzunehmen vermögen, werden Ihnen die Neu- 
heiten, welche die Psychoanalyse Ihrem Denken zumutet, keine 
Seh,fwie.rig]ieiten mehr bieten. 

Vergessen. Sie nicht daran, daß uusere nächtlichen Trauni- 
produktionen, einerseits die größte äußere Ähnlichkeit und innere 
Verwiandtschaft mit den Schöpfungen der Geisteskrankheit zei- 
gen, anderseits aber mit der vollen Gesundheit des Wachlebens 
verträglich sind. Es ist keine paradoxe Behauptung, daß, 
wer jeaen „normalen" Sinnestäuschungen, "Wahnideen und Cha- 
rakteränderungen Verwtunderung anstatt Verständnis entgegen- 
bringt, a,Uch nicht die leiseste Aussicht hat, die abnormen Bil- 
dungen krankhafter SeelenzUstände anders als im laienhaften 
Sinne zu begreifen. Zu diesen Laien dürfen Sie heute getrost 
fast alle Psychiater zählen. Folgen Sie mir nun auf einen 
flüchtigen Streifzug durch das Gebiet der Traumprobleme. 

Wir pflegen, wenn wir erwacht sind, die Träume so ver- 
ächtlich zu behandeln wie der Patient die Einfälle, die der 
Psychoanalytiker von ihm fordjert. Wir weisen sie aber auch 
von uns ab, indem wir sie in der Regel rasch Und vollständig 
vergessen. Unsere Geringschätzung gründet sich auf den fremd- 
artigen Charakter selbst jener Träume, die nicht verw^orren Und 
unsinnig sind, und auf die evidente Absurdität und Sinnlosig- 
keit a,nderer Träume; unsere Abweisung beruft sich auf dia 
ungehemmt schamlosen und unmoralischen Strebungen, die ia 
manchen Träumen offen zu Tage treten. Das Altertum hat 
diese Geringschätzung der TräUme bekanntlich nicht geteilt. 
Die niederen Schichten unseres Volkes lassen sich in der Wert- 
schätzung der Träume auch heute nicht irre machen; sie er- 
w,arten von ihnen wie die Alten di'e Enthüllung der Zukunft. 
Ich bekenne, daß ich kein Bedürfnis nach mystischen An- 

Freud, Über Psyclioanalyse, 



g4 III. Manifester Trauminhalt 

I 

nahmen zttr Ausfüllung der Lücken -unserer gegenwärtigen Er- 
kenntnis habe, und darum hahe ich auch nie etwas finden können, 
was eine prophetische Natur der Träume bestätigte. Es läßt 
sich viel aadeisartiges, was auch wunderbar genug ist, über die 
Träume sagen. 

Zunächst, nicht alle Träume sind dem Träumer wesensfremd, 
unverständlich und verworren. Wenn Sie die Träume jüngster 
Kinder, von V-j^ Jahren an, Ihrer Betrachtung unterziehen wollen, 
so finden sie dieselben ganz simpel und leicht aufzuklären. Das 
kleine Kind träumt immer die Erfüllung von Wünschen, die 
der Ta^ vorher in ihm erweckt und nicht befriedigt hat. Sie 
bedürfen keiner Deutungskunst, um diese einfache Lösung zu 
fiaden, sondern nur der Erkundigung nach den Erlebnissen des 
Kindes am Vortag (Traumtag). Es wäre nun gewiß die befrie- 
digendste Lösung des Traumrätsels, wenn auch die Träume der 
Erwachsenen nichts anderes wären als die der Kinder, Erfül- 
lungen von "VVunsohregungen, die ihnen der Traumtag gebracht 
hat. So ist es auch in Wirklichkeit; die Schwierigkeiten, welche 
dieser Lösung im Wege stehen, lassen sich durch ein© eingehen- 
dere Analyse der Träume schrittweise beseitigen. 

Da ist vor allem die erste und gewichtigste Einwendung, 
daß die Träume Erwachsener gewöhnlich einen unverständlichen 
Inhalt haben, der am wenigsten etwas von Wunscherfüllung 
erkennen läßt. Die Antwort lautet hier: Diese Träume haben 
eine Entstellung erfahren; der psychische Vorgang, der ihnen 
zu Grunde liegt, hätte ursprünglich ganz! anderen Ausdruck in 
Worten finden sollen. Sie müssen den manifesten Traum- 
inhalt, wie Sie ihn am Morgen verschwommen erinnern-Snd 
mühselig, anscheinend willkürlich, in Worte kleiden, unter- 
scheiden von den latenten Traumgedanken, die Sie im 
unbewußten vorhanden anzunelimen haben. Diese Traumentstel- 



und latente Traumgedanken. 35 

ivjig ist derselbe Vorgang, den Sie Lei der üntersuc'htmg der 
Bildtuig hysterischer Symptome kennen gelernt haben ; sie weist 
auch darauf hin, daß das gleiche Gegenspiel der seelischen 
Ivräfte bei der Traumbildung wie bei der Symftombildung be- 
teiligt ist. Der manifeste Traumiahalt ist der entstellte Ersatz 
für die unbewußten Traumgedanken, und diese Entstellung ist 
das "Werk von abwehrenden Kräften des Ichs, Widerständen, 
welche den verdrängten Wünschen des Unbewußten den Zu- 
gang zum Bewtißtsieia im Wachleben überhaupt verwehren, in 
der Herabsetzung des Sohlafzustandes aber wenigstens noch so 
staxk sind, daß sie ihnen ein© verhüllende Vermummung auf- 
nötigen. Der Träumer erkennt dann den Sian seiner Träume 
ebensto Wenig wie der Hysterische die Beziehung tmd Bedeu- 
tung seiner Symptome. 

Daß es latente Traumgedanken gibt, und daß zwischen ihnen 
und dem manifesten Trauminhalt wirklich die eben beschriebene 
Belation besteht, davon überzeugen Sie sich bei der Analyse 
der Träume, deren Technik mit der psychoanalytischen zusam- 
menfällt. , Sie sehen von dem scheinbaren Zusammenhang der 
Elemente im manifesten Traum ganz; ab und suchen sich die 
Eiafälle zUsiammen, die sich bei freier Assoziation nach der 
.psychoanalytischen Arbeitsregel zu jedem einzelnen Traum- 
element ergeben. Aus diesem Material erraten Sie die latenten 
Traumgedanken ganz so, wie Sie aus den Einfällen der Klranken 
zu seinen Sympbomen und Erinnerungen seine versteckten Kom- 
plexe erraten haben. An den sk> gefundenen latenten Traum- 
gedanken, ersfehen Sie ohne wfeiteres, wie vollberechtigt die Eück- 
führung der Träume Erwachsener auf die Kinderträume ist. 
Was sich jetzt als der eigentliche Sinn des Traumes dem mani- 
festen TraUminhalt substituiert, das ist immer klar verständlich, 
Iniüpft iOp diio Lebensgindrücke des Vortages an, er:w;ßjist sich 



SS III. Die Wuiischerfüllung im Traume. 

als eine Erfüllung xinbefriedigter "Wünsche. Den ffianifesfen 
Tranm, den Sie ans der Erinnerung beim Erwaclian kennen, 
können Sie dann nur besolireilien als eine verkapiote Er- 
füilung verdrängter Tv'miäclie. 

Sie können durch eine Art von syntbeSstelier 'Arbeit jetzt 
aUcli Einsicht nehmen in den Prozeß, der die Entstellung der 
toibe-wußten Traumgedanken zum manifesten Trauminhalt her- 
beigeführt hat. "Wir heißen diesen Prozeß die „Traumarbeit". 
Derselbe vea?dient uiiser vollstes thearetischesi Interess'e, weil 
wii- an ihm wie sonst nirgends studieren können, welche un- 
geahnten psychischen Vorgänge im "Unbewußten, oder genau 
ausgedrückt, zwischen z'wei gesonderten psychischen Sy- 
stemen wie dem Bewußten und dem Unbewußten, möglieh sind. 
Unter diesen neu erkannten psychischen Vorgängen heben sich 
die der Verdichtung und der Verschiebung auffällig 
heraus. Die Traumarbeit ist ein Spezialfall der Einwirkungen 
verschiedener seelischer Gruppierungen aufeinander, also der 
Erfolge der seelischen Spaltung, und sie scheint in allem "We- 
sentlichen identisch mit Jener Entstellungsarbeit, welche die 
verdrängten Komplexe bei mißglückender Verdrängimg ia 
Symptome venvandelt. 

Sie werden femer bei der Analys'e der Träume, am über- 
zeugendsten Ihrer eigenen, mit Verwunderung die ungeahnt 
große Rolle entdecken, welche Eindrücke und Erlebnisse früher 
Jahre der Kindheit auf die Entwicklung des Menschen nehmen. 
Im Traumleben setzt das Kind im Menschen gleichsam seine 
Existenz mit Erhaltung all seiner Eigentümlichkeiten und 
rWunschregungcn, auch der im späteren Leben unbrauchbar ge- 
wordenen, fort. Mit unabweislicher Macht drängt sich Ihnen 
auf, durch vrelche Entwicklungen, Verdrängungen, Sublimie- 
rungen und r.caktionsbildungen aus dem ganz anders beanlagtea 



i 



Die "Traumarbeit. 37 

Kinde der sogenannt normale Mensch, der Träger und zum Teil 
das Opfer der mühsam errungenen Kultur, hervorgeht. 

Auch darauf will ich Sie aufmerksam machen, daß wir hei 
der Analyse der Träume gefunden haben, das Unbewußte be- 
diene sich, insbesondere für die Darstellung sexueller Komplexe, 
einer gewissen Symbolik, die zum Teil individuell variabel, 
zum anderen Teil aber typisch festgelegt ist, und die sich mit 
der Symbolik zu decken scheint, die wir hinter imseren Mythen 
und Märchen vermuten. Es wäre nicht unmöglich, daß die 
letzteren Schöpfungen der Völker ihre Aufklärung vom Traume 
her empfangen könnten. 

Endlich muß ich Sie malmen, daß Sie sich nicht durch den 
Einwand irre machen lassen, das Vorkommen von Angstträumen 
widerspreche unserer Auffassung des Traumes als "Wunscherfül- 
lung. Abgesehen davon, daß auch diese Angstträume der Deu- 
tung bedürfen, ehe man über sie urteilen kann, muß man ganz 
allgemein, sagen, daß die Angst nicht so einf ax;h am Trauminhalt 
hängt, wie man's sich ohne weitere Kenntnis und Eücksicht 
auf die Bedingungen der neurotischen Angst vorstellt. Die Angst 
ist eine der Ablehnungsreaktionen des Ichs gegen stark ge- 
wordene verdrängte Wünsche, und daher auch im Traume sehr 
gut erklärlich, wenn die Traumbildung sich zu sehr in den 
Dienst der Erfüllung dieser verdrängten Wünsche gestellt hat. 

Sie sehen, die Traumerforschung wäre an sich durch die 
Aufschlüsse gerechtfertigt, die sie über sonst schwier wißbare 
Dinge liefert. Wir sind aber im Zusammenhange mit der 
psychoanalytischen Behandlung der Neurotiker zu ihr gelangt. 
Nach dem bisher Gesagten können Sie leicht verstehen, wie 
die Traumdeutung, wenn sie nicht durch die Widerstände des 
EJranken allzusehr ersehwert wird, zlur Kenntnis der versteckten 
und verdrängten Wünsche des Kranken und der von ihnen ge- 



38 III- Die Fehl-, Symptom- 

nährten Komjjlexe führt, "und ich kann zur dritten Gruppe von 
seelischen Phänomenen übergehen, deren Studium zum tech- 
nischen Mittel für die Psychoanalyse geworden ist. 

Es siad dies die kleinen Fehlhandlungen normaler wie ner- 
vöser Menschen, denen man sonst keine Bedeutung beizulegen 
pflegt, das Vergessen von Dingen, die sie wissen könnten und 
andere Male auch wirklich wissen (z. B. das zeitweilige Ent- 
fallen von Eigennamen), das Versprechen in der Rede, das sich 
uns selbst so häufig ereignet, das analoge Versehreiben und 
Verlesen, das Vergreifen bei Verrichtungen und das Verlieren 
oder Zerbrechen von Gregenständen u. dgl., lauter Dinge, für 
die man eine psychologische Determinierung sonst nicht sucht, 
tmd die man als zufällige Ergebnisse, als Erfolge der Zer- 
streutheit, Unaufmerksamkeit und älinlicher Bedingungen unbe- 
anstandet passieren läßt. Dazu kommen noch die Handlungen 
und Gesten, welche die Menschen ausführen, ohne sie überhaupt 
zu bemerken, geschweige denn, daß sie ihnen seelisches Gewicht 
beilegten, wie das Spielen, Tändeln mit Gegenständen, das 
Summen von Melodien, das Hantieren am eigenen Körper und 
an dessen Bekleidung und ähnliches.^) Diese kleinen Dinge, 
die Eehlhandlungen wie die Symptom- und Zufalls- 
handlungen, sind nicht so bedeutimgslos, wie man durch 
eine Art von stillschweigendem Übereinkommen anzunehmen 
bereit ist. Sie sind durchaus sinnvoll, aus der Situation, in der 
sie vorfallen, meist leicht und sicher zu deuten, und es stellt 
sich heraus, daß sie wiederum Impulsen und Absichten Aus- 
druck geben, die zurückgestellt, dem eigenen Bewußtsein ver- 
borgen werden sollen, oder daß sie geradezu den nämlichen ver- 
drängten "Wunschregungen und Komplexen entstammen, die wir 



1) Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 10. Aufl., 1924, Internat, 
psychoanalytischer Verlag, Wien. 



und Zufallshandlungen. 39 

bereits als die Soliöpler der Syinptome und die Bildner der 
Träum© keimen gelernt haben. Sie verdienen also die Würdi- 
gung von Sylnp'tomen, und ihre Beachtung kann wie die der 
Trauma zUr Aufdeckung des Verborgenen im Seelenleben führen. 
Mit ihrer Hilfe verrät der Mensch in der Eegel die intimsten 
seiner Greheimnisse. "Wenn sie besondersi leicht und häufig zu 
stände kommen, selbst beim Gesunden, dem die Verdrängung 
seiner unbewußten Regungen im ganzen gut gelungen ist, so 
haben sie es ihrer Geringfügigkeit und Unsoheinbarkeit zu 
danken. Aber sie dürfen hohen theoretischen "Wert beanspruchen, 
da sie uns die Existenz der Verdrängung und Ersatzbildung 
auch unter den Bedingungen der Giesundheit erweisen. 

Sie merken es bereits, daß sich der Psychoanalytiker durch 
einen besonders strengen Glauben an die Deiterminierung des 
Seelenlebens auszeichnet. Eür ihn gibt es in den psychischen 
Äußerungen nichts Kleines, nichts "Willkürliches Tind Zufälliges ; 
er erw;artet überall dort eine ausreichende Motivierung, wo man 
gewöhnlich eine solch© Forderung nicht erhebt; ja er ist auf 
** eine mehrfach© Motivierung desselben seelischen Ef- 
fekts vorbereitet, während unser angeblich eingeborenes Kausal- 
bedürfnis sich mit einer einzigen psychischen Ursache für be- 
friedigt erklärt. 

Halten Sie nun zusammen, was wir an Mitteln zur Auf- 
deckung des Verborgenen, Vergessenen, Verdrängten im Seelen- 
leben besitzen, das Studium der hervorgerufenen Einfälle der 
Patienten bei freier Assoziation, ihrer Träume und ihrer Pehl- 
und Symptomhandlungen ; fügen Sie noch hinzu die Verwertung 
anderer Phänomene, die sich während der psychoanalytischen 
Behandlung ergeben, über die ich später unter dem Schlagwort der 
„Übertragung" einige Bemerkungen machen werde, so werden 
Sie mit mir zu dem Schlüsse kommen, daß tinsere Technik bereits 



A 



40 III. Einwendungen 

■wirksam gentig ist, Tim ihre Aufgabe lösen zu können, um das 
pathogeue psychische Material dem Bewußtsein zuzuführen und 
so die durch die Bildung von Ersatzsymptomen hervorgerufenen 
Leiden zu beseitigen. Daß wir während der therapeutischen 
Bemühungen unsere Kenntnis vom Seelenleben der normalen 
und der kranken Menschen bereichern Und vertiefen, kann gewiß 
nur als ein besonderer B,eiz und Vorzug dieser Arbeit einge- 
schätzt werden. 

Ich weiß nicht, ob Sie den Eindruck gewonnen haben, daß 
die Technik, durch deren Arsenal ich Sie eben geführt habe, 
eine besonders schwierige ist. Ich meine, sie ist dem Gregen- 
stande, den sie bewältigen soll, durchaus angemessbn. Aber 
öo viel ist sicher, daß sie nicht selbstverständlich ist, daß sie 
erlernt werden muß wie die histologische oder die chirurgische. 
Es wird Sie vielleicht verwundem zu erfahren, daß wir in Eu- 
ropa eine Menge von Urteilen über die Psycho analysei von Per- 
sonen gehört haben, die von dieser Technik nichts wissen und sie 
nicht gunwenden, und dann von Uns wie im Hohne verlangten, wir 
sollten ihnen die Kieihtigkeit unserer Resultate beweisen. Es 
I sind unter diesen "Widersachern gewiß auch Personen, denen 

\ wissenschaftliche Denkweise sonst nicht fremd ist, die z. B. ein 

, Ergebnis mikroskopischer Untersuchung nicht darum verwerfen 

I würden, weil es am anatomischen Präparat nicht mit freiem 

Auge zu bestätigen ist, imd nicht eher, als bis sie den Sachverhalt 
selbst mit Hilfe des Mikroskops beurteilt haben. Aber in Sacihen 
der Psychoanalyse liegen die Verhältnisse wirklich ungünstiger 
für die Anerkennung. Die Psychoanalyse will das im Seelen- 
leben, Verdrängte zur bewußten Anerkennung bringen, und jeder, 
der sie beurteilt, ist selbst ein Mensch, der stolehe. Verdrängungen 
besitzt, vielleicht sie nur mühsam aufrecht erhält. Sie muß 
alao bei ihm denselben [Widerstand hervorrufen, den sie bei 



^ 



gegen die Psychoanalyse. 41 

den Kranlien weckt, imd dieser Widerstand Hai es leicht, sich 
in intellektuelle Ablehnung zu verkleiden und Argumente her- 
beizuziehen, ähnlich wie 'die, welche wir bei unseren Kranken 
mit der psychoanalytischen Grundregel abwehren. Wie bei 
unseren Kranken, so können wir auch bei unseren Gegnern häufig 
eine sehr auffällige affektive Beeinflussung des Urteilsvermö- 
gens im Sinne einer Herabsetz'ong konstatieren. Der Dünkel 
des Bewußtseins, der z. B. den Traum so geringschätzig ver- 
wirft, gehört zn den stärksten Schutzeinrichtungen, die in uns 
ganz allgemein gegen das Durchdringen der imbewußten Kom- 
plexe vorgesehen sind, und darum ist es so schwierig, die Men- 
schen zur Überzeugung von der Realität des Unbewußten zu 
bringen tmd sie Neues kennen, zu lehren, was ihrer bewußten 
Kenntnis widerspricht. 



IT. 

Meine Damen und Herren! Sie werden nun zu wissen ver- 
lan.gen, was wir mit Hilfe der bescliriebenen technischen Mittel 
über die pathogenen Komplexe und verdrängten "Wunsohregungen 
der Neurotiker in Erfahrung gebracht haben. 

Nun vor allem eiaes: Die psychoanalytische Forschung 
führt mit wirklich überraschender Regelmäßigkeit die Leidens- 
sympt,ome der Kranken auf Eindrücke aUs ihrem Liebesleben 
zurück, zeigt uns, daß die pathogenen Wunschregungen von der 
Natur erotischer Triebkomponenten sind, Und nötigt uns anzu- 
nehmen, daß Störungen der Erotik' die größte Bedeutung unter 
den zur Erkrankung führenden Einflüssen zugesprochen werden 
mu.ß, und dies zwar bei beiden Geschlechtern. 

Ich weiß, diese Behaupitung wird mir nicht gern geglaubt. 
Selbst solche Forscher, die meinen psychologischen Arbeiten bereit- 
willig folgen, sind geneigt zu meinen, daß ich den ätiologischen 
Anteil der sexuellen Momente überschätze, und wenden sich an 
mich mit der Frage, warum denn nicht auch andere seelische 
Erregungen zu den beschriebenen Phänomenen der Verdrängung 
und Ersatzbildung Anlaß geben sollen. Nun ich kann antworten : 
Ich weiß nicht, warum, sie es nicht sollten, habe auch nichts 
dagegen, aber die Erfahrung zeigt, daß sie solche Bedeutung 
nicht haben, daß sie höchstens die "Wirkung der sexuellen Mo- 
mente: unterstützen, nie aber die letzteren ersetzen können. Dieser 



Die Sexualität in der Ätiologie, 43 

SacHverHalt Vurde von mir niclit etWa theoretis'cK postuliert; 
noch in den 1895 mit Dr. J. Breuer ptiblizierten Studien über 
Hysterie stand ioK niclit auf diesem StandpiunÜte ; icli mußte 
mich zu ihm bekehren, als meine Erfahrungen zahlreicher wur- 
den und tiefer in den Gegenstand eiadrangen. Meine Herren! 
Eä befinden sich hier unter Ihnen einige meiner nächsten Freunde 
und Anhänger, die die Reise nach Worcester mit mir gemacht 
haben. ^Fragen Sie bei ihnen an uad Sie werden hören, daß 
sie alle, der Behauptung von der maßgebenden Bedeutung der 
sexuellen Ätiologie zuerst vollen Unglauben entgegenbraohten, 
bis sie durch ihre eigenen analytischen Bemühungen genötigt 
wurden, sie zu der ihrigen zu machen. 

Die tTberzeugung von der Eichtigkeit des in Bede stehenden 
Satzes wird durch das Benehmen der Patienten nicht gerade 
erleichtert. Anstatt uns die Auskünfte über üir Sexualleben 
bereitwillig entgegenzubringen, suchen sie dieses mit allen Mit- 
teln! zu verbergen. Die Menschen sind überhaupt nicht aufrichtig 
in sexuellen Dingen. Sie zeigen ihre Sexualität nicht frei, son- 
dern tragen eine dicke Oberkleidung aus — Lügengewebe zu 
ihrer Verhüllung, als ob es schlechtes Wetter gäbe in der "Welt 
der Sexualität. Und sie haben nioht unrecht, Sonne und Wind 
sind in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich 
nicht günstig; eigentlich kann niemand von tuis seine Erotik 
frei den andjeren enthüllen. Wenn Ihre Patienten aber erst 
gemerkt haben, daß sie sich's in Ihrer Behandlung behaglich 
machen dürfen, dann legen sie jene Lügenhülle ab, und dann 
ersil sind Sie in der Lage, sich ein Urteil über unsere Streitfrage 
zu bilden. Leider sind auch die Ärzte in ihrem persönlichen 
Verhältnis zU den Fragen des Sexuallebens vor anderen Men- 
schenkindern nicht bevorzugt, und viele von ihnen stehen unter 
dem Banne jener Vereinigung von Prüderie und Lüsternheit, 



44 IV. Die infantile Sexualität. 

welche das Verhalten der meisten „Kulturmenschen" in Sachen 
der Sexualität beherrscht. 

Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer Ergehnisse 
fortfahren. In einer anderen Reihe von Fällen führt die psycho- 
analytische Erforschung die Symptome allerdings nicht auf 
sexuelle, sondern auf banale traumatische Erlebnisse zurücü. 
Aber diese Unterscheidung wird durch einen anderen Umstand 
bedeutungslos. Die zur gründlichen Aufklärung und endgül- 
tigen Herstellung eines Krankheitsfalles erforder liehe Analysen- 
arbeit macht nämlich in keinem Falle bei den Erlebnissen der 
Erkrankungszeit Jlalt, sondern sie geht in allen Fällen bis in die 
Pubertät und in die frühe Kindheit des Erkrankten zurück, 
um erst dort auf die für die spätere Erkranlrnng bestimmenden 
Eindrücke und Vorfälle zu stoßen. Erst die Erlebnisse der 
Kiadheit geben die Erklärung für die Empfindlichkeit gegen 
spätere Traumen, und nur durch die Aufdeckung und Bewußt- 
machung dieser fast regelmäßig vergessenen Erinnerungssipuren 
erwerben wir die Macht zur Beseitigung der Syniptome. "Wir 
gelangen hier zu dem gleichen Ergebnis wie bei der Erforschung 
der Träume, daß es die unvergänglichen, verdrängten Wunsch- 
regungen der Kindheit sind, die ihre Macht zur Symptom- 
bildung geliehen haben, ohne welche die Reaktion auf spätere 
Traumen normal verlaufen wäre. Diese mächtigen Wunsch- 
regungen der Kindheit dürfen wir aber ganz allgemein alä 
sexuelle bezeichnen. 

Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwtmderung sicher. 
Gibt es denn eine infantile Sexualität? werden Sie fragen. Ist 
das Kiadesalter nicht vielmehr die Lebensperiode, die durch 
daß Fehlen des Sexualtriebes ausgezeichnet ist? Nein, meine 
Herren, es ist gewiß nicht so, daß der Sexualtrieb zur Pu- 
bertätszeit in die Kinder fährt, wie im Evangelium der Teufel 



V 



Ein amerikanischer Beobachter über die Liebe im Kindesalter. 45 

in die Säue. Das Kind hat seine sexuellen Triebe und Betäti- 
gungen von Anfang an, es bringt sie mit auf die Welt, und aus 
ihnen geht durch eine bedeutungsvolle, an Etapipen reiche Ent- 
wicklung die sogenannte normale Sexualität des Erwachsenen 
heryor. Es ist nicht einmal schwer, die Äußerungen dieser 
kindlichen Sexualbetätigung zu beobachten; es gehört vielmehr 
^ine gewisse Kunst dazu, sie zu übersehen oder wegzudeuten, 

Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage versetzt, 
einen Zeugen für meine Behauptungen aus Ihrer Mitte selbst 
anzurufen. Ich zeige Ihnen hier die Arbeit eines Dr. Sanf ord 
Bell, die 1902 im „American Journal of Psychology" ab- 
gedruckt worden ist. Der Autor ist ein Fellow der Clark Uni- 
versity, desselben Instituts, in dessen Bäumen wir jetzt stehen. 
In dieser Arbeit, betitelt: A preliminary study of the emotion 
of love between the sexes, die drei Jahre vor meinen „Drei Ab- 
handlungen zur Sexualtheorie" erschienen ist, sagt der Autor 

ganz so, wie ich Ihnen eben sagte : The emotion of sex-love 

does not make its appearance for the first time at the period 
of adolesoence, as has been thought. Er hat, wie wir in Europa 
sagen würden, im amerikanischen Stil gearbeitet, nicht weniger 
als 2500 positive Beobachtungen im Laufe von 15 Jahren ge- 
sammelt, darunter 800 eigene. Von den Zeichen, durch die sich 
diese Verliebtheiten kundgeben, äußert er: The unprejudioed 
mind in observing these manifestations in hundreds of oouples 
of children cannot escape referring them to sex origin. The 
most exacting mind is satisfied when to these observations are 
added the oonJessions of those who have as childi-en, experienced 
the emotion to a marked degxee of intensity, and whose me- 
mories of childhood .are relatively distinct. Am meisten aber 
werden diejenigen von Ihnen, die an die infantile Sexualität 
nicht glauben wollten, überrascht sein zu hören, daß unter 



46 IV. Psychoanalysen an Kindern. 

diesfen früh verliebten Kindern nicht wtenige sich, im zarten 
Alter von drei, vier tmd fünf Jahren befinden. 

Ich würde mich nicht "wundem, wenn Sie diesen Beobach- 
tttagen eine'S engsten Landsmannes eher Glauben schenken wür- 
deia als den meinigen. Mir selbst ist es vor kurzem geglückt, 
aus der AjLalyse eines fünfjährigen, an Angst leidenden Knaben, 
die dessen eigener Vater kunstgerecht mit ihm vorgenommen,^) 
ein ziemlich vollständiges Bild der somatischen Triebäußerungen 
und der seelischen Produktionen auf einer frühen Stufe des 
kindlichen Liebeslebens zu gewinnen. Und ich darf Sie daran 
erinuem, daß mein Freund Dr. C. G. Jung Ihnen m diesem 
Saale vor wenigen Stunden die Beobachtung eines noch jüngeren 
Mädchens vorlas, welches aus dem gleichen Anlaß wie mein 
Patient — bei der Geburt eines Gieschwisterchens — fast die 
nämlichen sinnlichen Begungen, Wunsch- und Komplexbil- 
dungen, mit Sicherheit erraten ließ. Ich verzweifle also nicht 
daran, daß Sie sich mit der anfänglich befremdlichen Idee der 
infantilen Sexualität befreunden werden, und möchte Ihnen noch 
das rühmliche Beispiel des Züricher Psychiaters E. Bleuler 
vorhalten, der noch vor wenigen Jahren öffentlich äußerte, „er 
stehe meinen sexuellen Theorien ohne Verständnis gegenüber", 
und seither die infantile Sexualität ia ihrem vollen Umfang 
durch eigene Beobachtungen bestätigt hat.^) 

Wenn die meisten Menschen, ärztliche Beobachter oder 
andere, vom Sexualleben des Kiades nichts wissen wollen, so 
ist dies nur zu leicht erklärlich. Sie haben ihre eigene iafan- 



') Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Jahrbuch 
für psychoanalyt. und psychopathologische Forschungen. Bd. I, 

1. Hälfte, 1909. (Sammlung kl. Schriften zur Neurosenielire, dritte Folge, 

2. Auflage, 1921. ) 

^) Bleuler, Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jahrbuch der 
Schweiz. Gesellschaft für Sohulgesundheitspflege, IX, 1908. 



Die Phase des Autoerotismus. 47 

I 
tile Senialbetätigimg 'unter dem Drucke der Erziehimg zur 
Kultur vergessen und wol|en nun aji das Verdrängte nioht er- 
üiiiert, werden. Sie ■ würden zu anderen Überzeugungen ge- 
lajigen, wenn sie die Untersuchung mit einer Selbstanalyse, 
ein.er E«vision und Deutung ihrer Kindheitserinnerungen be- 
ginnen würden." 

Lassen Sie die Zweifel fallen Und gehen Sie mit mir an 
eine Würdigung der infantilen Sexualität von den frühesten 
' Jahren an.i) Der Sexualtrieb des Kindes erweist sich als hoch 
zusammengesetzt, er läßt eine Zerlegung in viele Komponenten 
zu, die aus verschiedenen Quellen stammen. Er ist vor allem 
noch unabhängig von der Funktion der Fortpflanzung, in deren 
Dienst er sich später stellen wird. Er dient der Gewinnung 
verschiedener Arten von Lustempfindung, die wir nach Analogien 
und Zusammenhängen als Sexuallust zusammenfassten. Die 
Haup^;quelle der infantilen Sexuallust ist die geeignete Erre- 
gung bestimmter, besonders reizbarer Körperstellen, außer den 
Genitalien, der Mund-, After- und Harnröhren Öffnung, aber auch 
der Haut und anderer Sinnesoberfläehen. Da in dieser ersten 
Phase des kindlichen Sexuallebens die Befriedigung am eigenen 
Körper gefunden und von einem fremden Objekt abgesehen wird, 
heißen wir die Phase nach einem von Havelock Ellis ge-- 
prägten "Wort die des Autoerotismus. Jene für die Ge- 
winnung von sexueller Lust bedeutsamen Stellen nennten wir 
erogene Zonen. Das Ludein oder Wonnesaugen der klein- 
sten Kinder ist ein gutes Beispiel einer solchen autoerotisehen 
Befriedigung von einer erogenen Zone aus; der erste wissen- 
schaftliche, Beobachter dieses Phänomens, ein Kinderarzt Namens 
^^^^^^^ in Budapest, hat es bereits richtig als Sexualbefrie- . 

') Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Wien, Fr. Deuticke 1905 

6. Auüage, 192Ö. . ' 



48 IV. Die ODjeKiwalii. 

idi^ung gedeutet und dessen Übergang in andere und höhere 
Formen der Sexualbetätigung ersohöpfend beschrieben.^) Eine 
andere Sexualbefriedigung dieser Lebenszeit ist die masturba- 
torisohe Erregung der Genitalien, die eine so große Bedeutung 
für das spätere Leben behält und von vielen Individuen über- 
haupt nie völlig überwtinden wird. Neben diesen und anderen 
autoerotisohen Betätigungen äußern sich sehr frühzeitig beim 
Kinde jene Triebkomponenten der Sexuallust oder, wie wir gern 
sagen, der Libido, die eine fremde Person als Objekt zur Vor- 
aussetzung nehmen. Diese Triebe treten in Gegensatzpaaren 
auf, als aktive und passive; ich nenne Ihnen als die wichtigsten 
Vertreter dieser Gruppe die Lust, Schmerzen zu bereiten (Sa- 
dismus), mit ihrem passiven Gegenspiel (Masoohismus), und die 
aktive und passive Schaulust, von welch ersterer später die 
Wißbegierde abzweigt, wie von letzterer der Drang zur künst- 
lerischen und schauspielerischen Schaustellung. Andere Sexualbe- 
tätigungen, des Kindes fallen bereits Unter den Gesichtspunkt der 
Objektwahl, bei welcher ein« fremde Person zur Hauptsache 
wird, die ihre Bedeutung ursprünglich Rücksichten des Selbst- 
erhaltungstriebes verdankt. Der Gesohlechtsuntersohied spielt 
aber in dieser kindlichen Periode noch keine ausschlaggebende 
EoUe; Sie können so jedem Kinde, ohne ihm Unrecht zu tun, 
ein Stück homosexueller Begabung zusprechen. 

Dies zerfahrene, reichhaltige, aber dissoziierte Sexualleben 
des Kindes, in welchem der einzelne Trieb unabhängig von jedem 
anderen dem Lusterwerbe nachgeht, erfährt nun ©ine Zusammen- 
fassung und Organisation nach zwei Hauptrichtungen, so daß 
mit Abschluß der Pubertätszeit der definitive Sexualcharakter 
des Individuums meist fertig ausgebildet ist. Einerseits unter- 
ordnen sich die einzelnen Triebe der Oberherrschaft der Genital- 



") Jahrbuch für Kinderheilkunde, 1879 



n 



Endgestaltung des normalen Sexuallebens. 49 

zbrm ■w^durcli das ganze Sexualleben in den Dienst der Fortpflan- 
ztmg tritt, und die Befriedigung ersterer nur noch als Vorberei- 
tung und Begünstigung des eigentlichen Sexualaktes von Bedeu- 
tung .bleibt. Anderseits drängt die Objektwahl den Autoerotismus 
zurück,; so daß nun im Liebesleben alle Komponenten des Sexual- 
triebes an. der geliebten Person befriedigt werden wollen. Aber 
nicht alle ursprünglichen Triebkomponenten werden zU einem 
Anteil an dieser endgültigen Peststellung des Sexuallebens zuge- 
lassen. Noch vor der Pubertätszeit sind unter dem Einfluß der 
Erziehung äußerst energische Verdrängungen gewisser Triebe 
durchgesetzt 'und seelische Mächte, wie Scham, Ekel, Moral, her- 
gestellt worden, welche diese Verdrängungen wie Wächter unter- 
halten. Kommt dann im Pubertätsalter die Hochflut der sexuellen 
Bedürftigkeit, so findet sie lan den genannten seelischen Eeaktions- 
oder Widerstandsbildungen Dämme, welche ihr den Ablauf in 
die sogenannten normalen Wege vorschreiben und es ihr un- 
möglich machen, die der Verdrängung unterlegenen Triebe neu 
zu beleben. Es sind besonders die koprophilen, d. h. die 
mit den Exkrementen zusammenhängenden Lustregungen der 
Kindheit, welche von der Verdrängung am gründlichsten be- 
troffen worden, und ferner die Fixierung an die Personen der 
primitiven Objektwahl. 

Meine Herren! Ein Satz der allgemeinen Pathologie sagt 
atis, daß jeder Entwicklungsvorgang die Keime der patho- 
logischen Disposition mit sich bringt, insofern er gehemmt, ver- 
zögert werden oder unvollkommen ablaufen kann. Dasselbe 
gilt für- die so komplizierte Entvsrieklung der Sexualfunktion. 
Sie wird nicht bei allen Individuen glatt durchgemacht und 
hinterläßt dann entweder Abnormitäten oder Dispositionen zU 
späterer Erkrankung auf dem Wege der Rückbildung (Eegres- 
sion). Es kann geschehen, daß nicht alle Partialtriebe sich der 

Freud, Über Psychoanalyse. 



50 IV. Zusammenhang von 

Herrschaft der Genitalzone unterwerfen ; ein solcher unabhängig 
gebliebener Trieb stellt dann das her, was wir eine Perversion 
nennen, und. was das normale Sexualziel durch sein eigenes er- 
setzen tann. Es kommt, wie bereits erwähnt, sehr häufig vor, 
daß der Autoerotismus nicht völlig überwunden wird, wovon 
die mannigfaltigsten Störungen in der Eolge Zeugnis ablegen. 
Die ursprüngliche Gleichwertigkeit beider Geschlechter als 
Sexualobjekte kann sich erhalten, und daraus wird sich eine Nei- 
gung zur homosexuellen Betätigung im reifen Leben ergeben, 
die sich unter Umständen zur ausschließlichen Homosexualität 
steigern kann. Diese Reihe von Störungen entspricht den di- 
rekten Entwicklungshemmungen der Sexualfunktion; sie um- 
faßt die Per Versionen und den gar lioht seltenen allge- 
meinen Infantilismus des Sexuallebens. 

Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere Weise von 
einer Schädigung der Sexualentwicklung abzuleiten. Die Neu- 
rosen verhalten sich zu den Perversionen wie das Negativ zum 
Positiv; in ihnen sind dieselben Triebkomponenten als Träger 
der Komplexe und Symptombildner nachweisbar wie bei den 
Perversionen, aber sie wirken hier vom Unbewußten her; sie 
haben also eine Verdrängung erfahren, konnten sich aber der- 
selben zum Trotze im Unbewußten behaupten. Die Psycho- 
analyse läßt uns erkennen, daß überstarke Äußerung diesei- 
Triebein sehr frühen Zeiten zu einer Art von partieller Fixie- 
rung führt, die nun einen schwachen Punkt im Gefüge der 
Sexualfunktion darstellt. Stößt die Ausübung der normalen 
Sexualfunktion im reifen Leben auf Hindemisse, so wird die 
Verdrängung der Entwicklungszeit gerade an jenen Stellen durch- 
brochen, wo die infantilen Fixierungen stattgefunden haben. 

Sie wferden jetzt vielleicht den Einwand machen: Aber 
das ist ja alles nicht Sexualität. Ich gebrauchte das Wort in 



/ TIeurose und Perversion. 51 

einem viel wteiteren Sinne, als Sie gewohnt sind, es z1i verstehen. 
Das gebe ich Ihnen gern zu. Aber es fragt sich, ob nicht viel- 
mehr Sie das Wort m .viel zu engem Sinne gebrauchen, wenn 
Sie es auf das Gebiet der Fortpflanzung einschränken. Sie 
opfern dabei das Verständais der Perversionen, den Zusammen- 
bang zwischen Perversion, Neurose und normalem Sexualleben, 
und setzen sich außer stände, die leicht zu beobachtenden An- 
fänge des somatischen und seelischen Liebeslebens der Kinder 
nach ihrer wahren Bedeutung zu erkennen. .Wie immer Sie aber 
über den Wortgebrauch entscheiden wollen, halten Sie daran 
fest, daß der Psychoanalytiker die Sexualität in jenem vollen 
Sinne erfaßt, zU dem man durch die Würdigung der infantilen 
Sexualität geleitet wird. 

Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung des Kindes 
zui'ück. Wir haben hier manches nachzuholen, weil wir unsere 
Aufmerksamkeit mehr den somatischen als den seelischen Äuße- 
rungen des Sexuallebens geschenkt haben. Die primitive Objekt- 
wahl des Kindes, die sich von seiner Hilfsbedürftigkeit ableitet, 
fordert unser weiteres Interesse heraus. Sie Wendet sich zunächst 
allen Pflegepersonen zu, die aber bald hinter den Eltern zurück- 
treten. Die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern ist, wie di- 
rekte Beobachtung des Kindes und spätere analytische Erfor- 
schung des Erwachsenen übereinstimmend dartun, keineswegä 
frei von Elementen sexueller Miterregung. Da^ Kind nimmt 
beide Eltemteile und einen Teil besonders zum Objekt seiner 
erotischen Wünsche. Gewöhnlich folg-t es dabei selbst einer An- 
regung der Eltern, deren Zärtliohkeit die deutlichsten Charak- 
tere einer, wenn auch in ihren Zielen gehemmten, Sexualbetäti- 
gung hat. Der Vater bevorzugt ia der Begel die Tochter, die 
Mutter den Sohn ; das Kind reagiert hierauf, indem es sich als 
Sohn an die Stelle des Vaters, als Tochter an die Stelle der 



62 IV. Der Kernkomplex der Neurosen. 

Mutter wünscht. Die Gefühle, die in diessn Beziehtmg'en z!wi- 
Scheix Eltern und Kindern und in den daran angelehnten zwischen 
den Geschwistern untereinander geweckt werden, sind nicht nur 
J)ositiver, zärtlicher, sondern auch negativer, feiadseliger Art. 
Der so gehildete Komplex ist zur haldigen Verdrängung he- 
stimmt, aher er übt noch vom Unbewußten her eine großartige 
■und nachhaltige Wirkung aus. "Wir dürfen die Vermutung aus- 
sprechen, daß er mit seinen Ausläufern den Kernkomplex 
einer jeden Neircose darstellt, und wir siad darauf gefaßt, ihn 
auf aaderen Gebieten des Seelenlebens nicht minder wirksam 
anzutreffen. Der Mythus vom König ödipus, der seinen 
Vater tötet und seine Mutter zum Weib gewinnt, ist eine noch 
wenig abgeänderte Offenbarung des infantilen Wunsches, dem 
sich späterhin die I n z e s t schranke abweisend entgegenstellt. 
Die Hamlet-Dichtung Shakeöpeares ruht auf demselben 
Boden des besser verhüllten Inzestkomplexes. 

Um. Hie Zeit, da das Kind von dem noch un verdrängten Kern- 
komplex beherrscht wird, setzt ein bedeutungsvolles Stück seiner 
intellektuellen Betätigung im Dienste der Sexualinteressen ein. 
Es beginnt zu forschen, woher die Kinder kommen, tmd errät 
in Verwertung der ihm gebotenen Anzeichen mehr von den 
wirklichen Verhältnissen, als die Erwachsenen ahnen können. 
Giewöhnlich hat die materielle Bedrohung durch ein neu ange- 
kommenes Kind, in dem es zunächst nur den Konkurrenten er- 
blickt, sein Forscherinteresse geweckt. Unter dem Einfluß der 
in ihm selbst tätigen Partialtriebe gelangt es zu einer Anzahl 
von „infantilen Sexualtheorien", wie daß es beiden 
Geschlechtern das gleiche männliche Genitale zuspricht, daß 
es die Kinder durch Essen empfangen und durch das Ende des 
Darmes geboren werden läßt, und daß es den Verkehr der Ge- 
schlechter, als einen feindseligen Akt, eine Art von Überwältigung 



/ Die Ablösung des Kindes von den Eltern. 53 

arf afet. Aber gerade die Unf ertigkeit seiner sexuellen Konstitution 
und die Lücke in seinen -Kenntnissen, die durch die Latenz des 
•weibliclien Geschleclitskanals gegeben ist, nötigt den infantilen 
Forscher, seine Arbeit als erfolglos einzustellen. Die Tatsache 
dieser Kinderforschung selbst, sowie die einzelnen dtirch sie zu 
Tage geförderten infantilen Sexualtheorien bleiben von bestim- 
mender Bedeutung für die Charakterbildung des Kindes und 
den Inhalt seiner späteren neurotischen Erkrankung. 

Es ist unvermeidlich und durchaus normal, daß das Kind 
die Eltern zu Objekten seiner ersten Liebeswahl mache. Aber 
seine Libido soll nicht an diese ersten Objekte fixiert bleiben, 
sondern sie späterhin bloß zum Vorbild nehmen und von ihnen 
zur Zeit der definitiven Objektwahl auf fremde Personen hin- 
übergleiten. Die Ablösung des Kindes von den Eltern wird 
so zu einer unentrinnbaren Aufgabe, wenn die soziale Tüchtig- 
keit des jungen Individuums nicht gefährdet werden soll. Wäh- 
rend.der Zeit, da die Verdrängung die Auslese unter den Partial- 
trieben der Sexualität trifft, und später, wenn der Einfluß der 
Eltern gelockert werden soll, der den Aufwand für diese Ver- 
drängungen im wesentlichen bestritten hat, fallen der Er- 
ziehungsarbeit' große Aufgaben zu, die gegenwärtig gewiß nicht 
immer in verständnisvoller und einwandfreier .Weise erledigt 
werden. 

Meine Damen vaid Herren! Urteilen Sie nicht etwa, daß 
wir uns mit diesen Erörterungen über das Sexualleben und die 
psychosexuelle Entwicklung des Kindes allzuweit von der 
Psychoanalyse und von der Aufgabe der Beseitigung aervöser 
Störungen entfernt haben. "Wenn Sie wollen, können Sie die 
psychoanalytische Behandlung nur als eine fortgesetzte Erzie- 
hung zur Überwindung von Kindheitsresten beschreiben. 



V, 



Meine Damen und Herren! Mit der J^üfdecfiing der infan- 
tilen Sexualität und der Zurüokführung der neurotisclien Sym- 
ptome auf erotisohe Triebfeomponenten sind wir zu einigen un- 
erwarteten Formeln über das Wesen und die Tendenzen der 
neurotisclien Erkrankungen gelangt. Wir sehen, daß die Men- 
schen erkranken, wenn ihnen infolge äußerer Hindernisse oder 
inneren. Mangels an Anpassung die Befriedigung ihrer erotischen 
Bedürfnisse in der Realität versagt ist. Wir sehen, daß sie 
sich dann in die Krankheit fluch ten, um mit ihrer Hilfe 
eine Ersatzbefriedigung für das Versagte zU finden. Wir er- 
kennen, daß die krankhaften Symptome ein Stück der Sesual- 
hetätigung der Person oder deren ganzes Sexuallehen enthalten, 
und finden in der Femhaltnng von der Realität die Hauprf^tendenz, 
aber auch den Hauptschaxien des Krankseins. Wir ahnen, daß 
der Widerstand unserer Kranken gegen die Herstellung kein 
einfacher, sondern aus mehreren Motiven zusammengesetzt ist. 
Es sträubt sich nicht nur das Ich des Kranken dagegen, die 
Verdrängungen aufzugeben, durch welche es' sich aus den ur- 
sprünglichen Anlagen herausgehoben hat, sondern auch die 
Sexualtriebe mögen nicht auf ihre Ersatzbefriedigung verzichten, 
solange es unsicher ist, oh ihnen die Realität etwas Besseres 
bieten wird. 

Die Flucht aus der unbefriedigenden Wirklichkeit in das, 
was wir wegen seiner biologischen Schädlichkeit Krankheit 



Regression und Phantasie. 55 

nennen, was aber niemals ohne einen unmittelbaren Lustgewinn 
für den Kranken ist, vollzieht sieh auf dem Wege der Eück- 
bildung (Eegreasion), der Eückkehr ?u früheren Phasen des 
Sexuallebens, denen seinerzeit die Befriedigung nicht abgegangen 
ist. Diese Eegression ist anscheinend eine zweifache, eine zeit- 
lich e, insofern die Libido, das erotische Bedürfnis, auf zeitlich 
frühere Entwicklungsstufen zurückgreift, und eine formale, 
indem zur Äußerung dieses Bedürfnisses die ursprünglichen 
und primitiven psychischen Ausdrucksmittel venvendet werden. 
Beide Arten der Eegression zielen aber auf die Kindheit und 
treffen zusammen in der Herstellung eines infantilen Zustands 
des Sexuallebens. 

Je tiefer Sie in die Pathogenese der nervösen Erkrankung 
eindringen, desto mehr wird sich Ihnen der Zusammenhang der 
Neurosen mit anderen Produktionen des menschlichen Seelen- 
lebens, auch mit den wertvollsten derselben, enthüllen. Sie 
werden daran gemahnt, daß wir Menschen mit den hohen An- 
sprüchen unserer Kultur und unter dem Drucke unserer inneren 
Verdrängungen, die Wirklichkeit ganz allgemein unbefriedigend 
finden und darum ein Phantasieleben unterhalten, in welchem 
wir durch Produktionen von Wunscherfüllungen die Mängel 
der Eealität auszugleichen lieben. In diesen Phantasien ist sehr 
vieles von dem eigentlichen konstitutionellen Wesen der Persön- 
lichkeit und auch von ihren für die Wirklichkeit verdrängten 
Regungen enthalten. Der energische und erfolgreiche Mensch 
ist der, dem es gelingt, durch Arbeit seine Wunschphantasien 
in Eealität umzusetzen. Wo dies nicht gelingt infolge der Wider- 
stände der Außenwelt und der Schwäche des Individuums, da 
tritt die Abwendung von der Eealität ein, das Individuum zieht 
sich in seine befriedigendere Phantasiewelt zurück, dei-en Inhalt 
es im-^alle der Erkrankung in Symptome umsetzt. Unter ge- 



fjQ V. Neurose und Kunst. 

■wissen günstigen Bedingungen bleibt es ihm noch möglich, von 
diesen Phantasien ans einen ajideren Weg in die Eealität zu 
fiaden, anstatt sich ihr durch Eegression ins Infantile dauernd 
zTi entfremden. Wenn die mit der Realität verfeindete Person 
im Besitze der uns psychologisch noch rätselhaften künstle- 
rischen Begabung ist, kann sie ihre Phantasien anstatt in 
Symptome in künstlerische Schöpfungen umsetzen, so dem 
Schicfeal der Neurose entgehen und die Beziehung zur Realität 
auf diesem Umwege wiedergewinnen.^) Wo bei bestehender Auf- 
lehnung gegen die reale Welt diese kostbare Begabung fehlt oder 
unzulänglich ist, da wird es Wohl unvermeidlich, daß die Libido, 
der Herkunft der Phantasie folgend, auf dem Wege der Re- 
gression zur Wiederbelebung der infantilen Wünsche und somit 
zur Neurose gelangt. Die Neurose vertritt in unserer Zeit das 
Kloster, in welches sich alle die Personen zurückzU2dehen 
pflegten, die das Leben enttäuscht hatte, oder die sich für das 
Leben zu schwach fühlten. 

Lassen Sie mich an dieser Stelle das Hauptergebnis ein- 
fügen, zu welchem wir durch die psychoanalytische Unter- 
suchung der Nervösen gelangt sind, daß die Neurosen keinen 
ihnen eigentümlichen psychischen Lihalt haben, der nicht 
auch beim Gesunden zu finden wäre, oder wie C. G. Jung es 
ausgedrückt hat, daß sie an denselben Komplexen erkranken, 
mit denen auch wir Gesunde kämpfen. Es hängt von quantita- 
tiven Verhältnissen, von den Relationen der miteinander rin- 
genden Kräfte ab, ob der Kampf zur Gesundheit, zur Neurose 
oder zur kompensierenden Überleistung führt. 

Meine Damen und Herren! Ich habe Ihnen die wichtigste 
Erfahrung noch vorenthalten, welche unsere Annahme von den 
sexuellen Triebkräften der Neurose bestätigt. Jedesmal wenn 

1) Vgl. O. Rank. Der Künstler. Wien 1907, 2. Auflage, 1918. 



• Die Übertragung. 57 

wir eia&n Ner-^öeen pteychoanälytiseli behandeln, tritt bdi ihm 
das befremdenide Phänomen der sogenannten Übertragung 
auf, d. h. er wendet dem Arzte ein Ausmaß von zärtlichen, oft 
genug mit Feindseligkeit vermengten Regungen zu, welches in 
keiner realen Beziehung begründet ist imd nach allen Einzel- 
h-eiten, seines Auftretens von den alten und unbewußt gewordenen 
Phantasiewünschen des Kranken abgeleitet werden muß. Jenes 
Stück seines Gefühlslebens, das er sich nicht mehr in die Er- 
innerung zurückrufen kann, erlebt der Kranke also in seinem 
Verhältnisse zum Arzte wieder, und erst durch solches "Wieder- 
erleben in der „Übertragung" wird er von der Existenz wie 
von der Macht dieser unbewußten sexuellen Regungen überzeugt. 
Die Symptome, welche, um ein Gleichnis aus der Chemie zu ge- 
brauchen, die Niederschläge von früheren Liebeserlebnissen (im 
weitesten Sinne) sind, können auch nur in der erhöhten Tem!- 
peratur des Übertragungserlebnisses gelöst und in andere psy- 
chische Produkte übergeführt werden. Der Arzt spielt bei dieser 
Eeaktion nach einem vortrefflichen Worte von S. F e r e n c z i^) 
die EoUe eiaes kataly tischen Ferments, das die bei dem 
Prozesse frei werdenden Affekte zeitweilig an sich reißt. Das 
Studium der Übertragung kann Ihnen auch den Schlüssel zum 
Verständnis der hypnotischen Suggestion geben, deren wir uns 
anfänglich als technisches Mittel zur Erforschung des Unbe- 
wußten bei unseren Kranken bedient hatten. Die Hypnose 
erwies sich damals als eine therapeutische Hilfe, aber als ein 
Hindernis der wissenschaftlichen Erkenntnis des Sachverhaltes', 
indem sie die psychischen "Widerstände aus einem gewissen Ge- 
biete wegräumte, um sie an den Grenzen desselben zu eiaem un- 
übersteigbaren "Wall aufzutürmen. Glauben Sie übrigens nicht, 

1) S. Ferenczi, Introjektion und Übertragung. Jahrb. f. psycho- 
anal. u. psychopath. Forschungen, I. 2. 1909. 



''/7 



58 V. Die Übertragung. 

daß das Phänomen der Ütertragtmg, ül>er das ich Ihnen leider 
hier nur zu wenig sagen kann, durch die psychoanalytische Be- 
einflussung geschaffen wird. Die "Übertragung stellt sich in allen 
menschlichen Beziehungen ebenso wie im Verhältnis des Kranken 
zum Arzte spontan her, sie ist überall der eigentliche Träger der 
therapeutischen Beeinflussung, und sie wirkt um so stärker, je 
weniger man ihr Vorhandensein ahnt. Die Psychoanalyse schafft 
sie also nicht, sie deckt sie bloß dem Bewußtsein auf, und be- 
mächtigt sich ihrer, um die psychischen Vorgänge nach dem 
erwünschten Ziele zu lenken. Ich kann aber das Thema der 
"Übertragung nicht verlassen ohne hervorzuheben, daß dieses 
Phänomen nicht nur für die Überzeugung des ICranken, sondern 
aXich für die des Arztes entscheidend in Betracht kommt. Ich 
weiß, daß alle meiae Anhänger erst durch ihre Erfahrungen mit 
der "Übertragung von der Eiohtigkeit meiner Behauptungen über 
die Pathogenese der Neurosen überzeugt worden sind, und kann 
sehr wohl begreifen, daß man eine solche Sicherheit des Urteils 
nicht gewinnt^, solang© man selbst keine Psychoanalysten gemacht, 
also nicht selbst die "Wirkungen der "Übertragxmg beobachtet hat. 
Meine Damen und Herren ! Ich meine, es sind von der Seite 
des Intellekts besonders zwei Hindernisse gegen die Anerken- 
nung der psychoanalytischen Gedankengänge zu würdigen: Er- 
stens die Ungewohntheit, mit der strengen und ausnahmslos gel- 
tenden Determinierung des seelischen Lebens zu rechnen, und 
zweitens die Unkenntnis der Eigentümlichkeiten, durch welche 
sich unbewußte seelische Vorgänge von den uns vertrauten be- 
wußten unterscheiden. Einer der verbreitetsten Widerstände 
gegen die psychoanalytische Arbeit — bei Kranken wie bei 
Gesunden — führt sich auf das letztere der beiden Momente 
zurück. Man fürchtet, durch die Psychoanalyse zu schaden, 
man hat An^t davor, die verdrängten sexuellen Triebe ins 



Die Angst vor der Befreiung des Verdrängten. 59 

Bewußtsem des 'Kranken zu rufen, als ob damit die GfefaHr ver- 
bunden wäre, daß sie dann die höheren ethischen Strebungen bei 
ihm überwältigen und ihn seiner kulturellen Errungenschaften 
berauben könnten. '. Man merkt, daß der Kranke wunde Steilen 
in seinem Seelenleben hat, aber man scheut sieh dieselben zu 
berühren, damit sein Leiden nicht noch gesteigert werde. "Wir 
können diese Analogie annehmen. Es ist freilich schonender, 
kranke Stellen nicht zu berühren, wenn man dadurch nichts 
anderes als Schmerz zu bereiten weiß. Aber der Chirurg läßt 
sich bekanntlich von der Untersuchung und Hantierung am 
Krankheitsherd nicht abhalten, wenn er einen Eingriff beabsich- 
tigt, welcher dauernde Heilting bringen soll. Niemand denkt 
mehr daran, ihm die unvermeidlichen Beschwerden der Unter- 
suchungiioder die Eeaktionserscheinungen der Operation zur Last 
zu legen, wenn diese nur ihre Absicht erreicht, und der Kranke 
durch die zeitweilige Verschlimmerung seines Zustandes eine end- 
gültige Hebung desselben erwirbt. Ähnlich liegen die Verhältr 
nisse für die Psychoanalyse; sie darf dieselben Ansprüche er- 
heben wie die Chirurgie ; der Zuwachs an Beschwerden, den sie 
dem Ki'anken während der Behandlung zumutet, .ist bei guter 
Technik ungleich geringer, als was der Chirurg ihm auferlegt, . 
■und überhaupt gegen die Schwere des Grundleidens zu vernach- 
lässigen. Der gefürehtete Endausgang aber einer Zerstörung 
des kulturellen Charakters durch die von der Verdrängung be- 
freiten Triebe ist ganz unmöglich, denn diese Ängstlichkeit zieht 
nicht in Betracht, was uns unsere Erfahrungen mit Sicherheit 
gelehrt haben, daß die seelische iind somatische Macht einer 
Wtinschregung, wenn deren Verdrängung einmal mißlungen ist, 
ungleich stärker ausfällt, wenn sie unbewußt, als wenn sie be- 
wußt ist, so daß sie durch das Bewußtmachen nur geschwächt 
werden, kann. Der unbewußte Wunsch ist nicht zu beeinflussen, 



^; 



60 V. Ausgänge 

von allen GegenfetrebVingen tmabhängig, •während der bewußte 
durch alles gleichfalls Bewußte und ihm 'Widerstrebende ge- 
hemmt wird. Die psychoanalytische Arbeit stellt sich also als 
ein besserer Ersatz für die erfolglose Verdrängung geradezu in 
den Dienst der höchsten und wertvollsten kulturellen Stre- 
bungen. 

Welche eiad überhaupt die Schicksale der durch die Psycho- 
analyse freigelegten unbewußten 'Wünsohe, auf welchen Wegen 
verstehen wir es, sie für das Leben desi Individuums unschädlich 
zu machen? Dieser Wege sind mehrere. Am häufigsten ist der 
Erfolg, daß dieselben schon während der Arbeit durch die kor- 
rekte seelische Tätigkeit der ihaen entgegenstehenden bessteren 
Eeguagen aufgezehrt werden. Die Verdrängung wird durch 
eine mit den besten Mitteln durdigeführte Verurteilung 
ersetzt. Dies ist möglich, weil wir zum großen Teil nur Folgen 
aus früheren Entwicklungsstadien des Ichs zu beseitigen haben. 
Das Individuum brachte seinerzeit nur eine Verdrängung des 
unbrauchbaren Triebes zu stände, wfeil es damals selbst noch 
unvollkommen organisiert und söhwächlich war; in seiner heu- 
tigen Reife und Stärke kann es vielleicht das ihm Feindliche 
tadellos beherrschen. Ein zweiter Ausgang der psychoanalyti- 
schen Arbeit ist der, daß die aufgedeckten unbewußten Triebe 
nun jener zweckmäßigen Verwendung zugeführt werden können, 
die sie bei imgestörter Entwicklung schon früher hätten finden 
sollen. Die Ausrottung der infantilen Wunschregungen ist 
nämlich ikeineswegs das ideale Ziel der Entwicklung. Der Neuro- 
tikter hat durch seine Verdrängungen viele Quellen seelischer 
Energie eiQgebüßt, deren Zuflüsse für seiae Charakterbildung 
UJid Betätigung im Leben sehr wertvoll gewesen wären. Wir 
kennen einen weit zweekinäßigeren Vorgang der Entwicklung, 
die Sogenannte Sublimierung, durch wtelchen die Energie 



der psychoanalytischen Arbeit. Gl 

infantiler Wuiiscliregiingen nicht abgesperrt wird, sondern ver- 
wertbar bleibt, indem den einzelnen Eegiingen statt des unbrauch- 
baren ein höheres, eventuell nicht mehr sexuelles Ziel gesetzt 
wird. Gerade die Komponenten des Sexualtriebes sind durch 
solche Fähigkeit zur Sublimierung, zur Vertauschung ihres 
Sexualzieles mit einem entlegeneren und sozial wertvolleren, be- 
sonders ausgezeichnet. Den auf solche "Weisie gewonnenen 
Energiebeiträgen zu imseren seelischen Leistungen verdanken 
wir wahrscheinlich die höchsten kulturellen Erfolge. Eine früh- 
zeitig vorgefallene Verdrängung schließt die Sublimierung des 
verdrängten Triebes aus; nach Aufhebung der Verdrängung ist 
der Weg zur Sublimierung wieder frei. 

"Wir dürfen es nicht versäumen, auch den dritten der mög- 
lichen Ausgänge der psychoanalytischen Arbeit ins Auge zu 
fassen. Ein gewisser Anteil der verdrängten libidinösen Ke- 
gungen hat ein Anrecht auf direkte Befriedigung und soll sie 
im Leben finden. Unsere Kulturanspxüche machen für die 
meisten der menschlichen Organisationen das Leben zu schwer, 
fördern dadurch die Abwendung von der Realität und die Ent- 
stehung der Neurosen, ohne einen Überschuß von kulturellem 
Gewinn, durch dies Übermaß von Sexual Verdrängung zu erzielen. 
Wir e-ollten uns nicht so weit überheben, daß wir das ur- 
sprünglich Animalische unserer Natur völlig vernachlässigen, 
dürfen auch nicht daran vergessen, daß die Glüeksbefriedigung 
des einzelnen nicht aus den Zielen unserer Kultur gestrichen 
werden kann. Die Plastizität der Sexualkomponenten, die sieh 
itt ihrer Fähigkeit zur Sublimierung kundgibt, mag ja eine große 
Versuchung herstellen, durch deren immer weiter gehende Subli- 
mierung größere Kultureffekte zu erzielen. Aber so wenig wir 
darauf rechnen, bei unseren Maschinen mehr als einen gewissen 
Bruchteil der aufgewendeten Wärme in nutzbare mechanische 



62 V. Das schädliche Übermaß der Sexualverdrängung. 

Arbeit zu verwandeln, äo wenig sollten wir es anstreben, den 
Sexualtrieb in seinem ganzen Energieansmaß seinen eigentlichen 
Zwecken zu entfremden. Es kann nicht gelingen, und wenn die 
Einschränkung der Sexualität zu weit getrieben werden soll, 
muß es alle Schädigungen eiaes Eaubbaues mit sich bringen. 

Ich weiß nicht, ob Sie nicht Ihrerseits die Mahnung, mit 
welcher ich schließe, als eine Überhebung auffassen werden. 
Ich getraue mich nur der indirekten Darstellung meiner Über- 
zeugung, indem ich Ihnen einen alten Schwank erzähle, von dexa 
Sie die Nutzanwendung machen sollen. Die deutsche Literatur 
kennt ein Städtchen Schiida, dessen Einwohnern alle mög- 
lichen klugen Streiche nachgesagt werden. Die Schildbürger, 
so wird, erzählt, besaßen auch ein Pferd, mit dessen Kraft- 
leistungen sie sehr zufrieden waren, an dem sie nur eines aus- 
zusetzen hatten, daß es soviel teuern Hafer verzehrte. Sie be- 
schlossen, ihm diese Unart schonend abzugewöhnen, indem sie 
seine Kation täglich um mehrere Halme verringerten, bis sie es 
an die völlige Enthaltsamkeit gewöhnt hätten. Es ging eine 
Weile vortrefflich, das Pferd war bis auf einen Halm im Tag 
entwöhnt, am nächsten Tage sollte es endlich haferfrei arbeiten. 
Am Morgen dieses Tages wurde das tückistehe Tier tot aufge- 
funden; die Bürger von Schiida konnten sich nicht erklären, 
woran es gestorben war. 

"Wir werden geneigt sein zU glauben, das Pferd sei verhun- 
gert, und ohne eine gewisse Ration Hafer sei von einem Tier 
überhaujxt keine Arbeitsleistung zu erwarten. 

Ich danke Ihnen für die Berufung und für die Aufmerksam- 
keit, die Sie mir geschenkt haben. 



Verlag von Franz Deuticke in Leipzig und Wien 



Jung, Dr. C. G., Wandlungen und Symbole der Libido. Beiträge zur Ent- 
wicklungsgescb'chte des Denkens. Zweite Auflage. 1925. Preis brosch. 
M 12.—, geb. M 14.60. 

Kaplan Leo, Psychoanalytische Probleme. 1916. Preis M 5. — . 

Kaplan, Leo, Hypnotismus, Animlsmus und Psychoanalyse. Historisch- 
kritische Versuche. 1917. Preis M 7.50. 

Kronfeld, Dr. A., Sexualpsychopathologie. (Handbuch der Psychiatrie, Spezi- 
eller Teil. 7. Abteilung, 3. Teil.) 1923. Preis brosch. M 3.80, geb. M 6.—. 

Neutra, Dr. W., Morphinismus und Erotismus. Lustenergetisch fundierte 
Suggestions- und Hypnosetherapie pathologischer Leidenschaften. 1923. 
Preis M 5. — . 

Rank, Dr. Otto, Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage. Grundzüge einer 
Psychologie des dichterischen Schaffens. Zweite, wesentlich vermehrte und 
verbesserte Auflage (mit ausführlichem Register). 1926. Preis brosch. 
M 30.—, geb. M 33.—. 

Rank, Dr. Otto, Grundzüge einer genetischen Psychologie. Auf Grund der 
Psychoanalyse der Ichstruktur. 
L Teil. 1927. Preis M 8.—. 
IL Teil. 1928. Preis M 5.—. 

Rank, Dr. Otto, Technik der Psychoanalyse. 

I. Teil. Die analytische Situation. 1926. Preis brosch. M 7.—, geb. M 9.—. 

II. Teil. Die analytische Reaktion in ihren konstruktiven Elementen. 1929. 
Preis brosch. M 7. — , geb. M 9. — . 

Rank, Dr. Otto, Wahrheit und Wirklichkeit. Entwurf einer Philosophie des 
Seelischen. 1929. Preis brosch. M 7.—, geb. M 9.—. 

Sadger, Dr. J., Die Lehre von den Geschlechtsverirrungen (Psychopathia 
sexualis) auf psychoanalytischer Grundlage. 1921. Preis brosch. M 6.60, 
geb. M 8.80. 

Schneider, Prof. Dr. Kurt, Die psychopathischen Persönlichkeiten. Zweite 
Auflage. 1928. Preis brosch. M 5.—, geb. M 7.50. 

Schneider, Dozent Dr. Karl Camillo, Vitalismus. Elementare Lebensfunktionen. 
Mit 40 Abbildungen. l'QOS. Preis M 11.—. 

Schneider, Dozent Dr. Karl Camillo, Wesen und Ursprung des Menschen. 

Mit 16 Figuren. 1908. Preis M 3.60. 

Schriften zur angevyandten Seelenkunde. Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. 
Freud in Wien. 
L Heft. Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva". Von Prof. 
Dr. Sigm. Freud in Wien. Dritte Auilage. 1924. Preis M 2.50. 
IL Heft. VVunsoherfüllung und Symbolik im Märciien. Eine Studie von 
Dr. Franz Riklin in Rheinau (Schweiz). 1908, Vergriffen. 

III. Heft. Inlialt der PsycllOSe. Von Dr. C. G. Jung in Zürich. Zweite 

Auflage. Vergriffen. Die dritte Auflage ist außerhalb des Rahmens 
der > Schriften zur angewandten Seelenkunde« erschienen. 1914. 
Preis M 1.50. 



jL.^tm 




Verlag von Franz Deuticke in Leipzig und Wien 

IV. Heft. Traum und Mythus. Eine Studie zur Völkerpsychologie. Von 

Dr. Karl Abraham, Berlin. 1909. Vergriffen. 
V. Heft. Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch einer psycho- 
logischen Mythendeutung. Zweite, wesentlich erweiterte Auflage. 
Von Dr. Otto Rank. 1922. Preis M 2.50. 

VI. Heft. Aus dem Liebesicben Nikolaus Lenaus. Von Dr. J. Sadger, 
W^ien. Zweite Auflage. 1925. Preis M 4.—. 

VII. Heft. Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Von Prof. 

Dr. Sigm. Freud in Wien. Dritte, vermehrte Auflage. 1923. 
Preis M 2.50. 

VIII. Heft. Die Frb'mmiglceit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Von 

Dr. Oskar Pfister, Zürich. 1925. Preis M 5.—. 

IX. Heft, Richard Wagner im , Fliegenden Holländer". Ein Beitrag zur 

Psychologie künstler. Schaffens. Von Dr.Max Graf. 1911. Vergriffen. 

X. Heft. Das Problem des Hamlet und der Ödipus-Komplex. Von Dr. 

Ernest Jones in Toronto (Kanada). Übersetzt von Paul Tausig 
(Wien). 191l! Vergriffen. 

XI. Heft. Giovanni Segantlni. Ein psychoanalitischer Versuch. Von Dr. 

Karl Abraham, Berlin. Mit zwei Beilagen. Zweite, revidierte 
und ergänzte Auflage. 1925. Preis M 2.50. 
XII. Heft. Zur Sonderstellung des Vatermordes. Eine rechtsgeschichtliche 
und völkerpsychologische Studie, Von Dr. A. J. S torfer in 
Zürich. 1911. Preis M 1.40. 

XIII. Heft Die Lohengrinsage. Ein Beitrag zu ihrer M.otivgestaltung und 

Deutung. Von Dr. Otto Rank. 1911. Preis M 4.—. 

XIV. Heft. Der Aiptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des 

mittelalterlichen Aberglaubens. Von Prof. Dr. Ernest Jones. 

Deutsch von Dr. E. H. Sachs. 1912, Preis M 4.—. 

XV. Heft. Aus dem Seelenleben des Kindes.Eine psychoanalytischeStudie. 

Von. Dr. H, Hug-Hellmuth. Zweite Aufl. 1921. Preis M 3.40. 

XVI. Heft. Über Nachtwandeln und Mondsucht Eine mediz.-liter. Studie. 

Von Dr. J. Sadger, Wien. 1914. Preis M 4.—. 
XVII. Heft, Jakob Boehme. Ein pathogr. Beitrag zur Psychologie der Mystik. 

Von Dr. A. Kielholz in Königsfelden. 1929. Preis M 1.80. 
XVIII. Heft. Friedrich Hebbel. Ein psychoanalytischer Versuch. Von Dr. 
J, Sadger, Wien. 1920. Preis M 5.—. 
XIX. Heft. Schopenhauer und der Animismus. Eine psychoanalytische 

Studie. Von Leo Kaplan, Zürich. 1926. Preis M 5. — . 
XX. Heft. Robert Mayer und die Entdeckung des Energiegesetzes. Von 
._ Dr. Heinrich Tim er ding (Braunschweig). 1925. Preis M 5, — . 

Steiner, Dr. Maxim., Die psychischen Störungen der männlichen Potenz. 

Ihre Tragweite und ihre Behandlung. Dritte Auflage. Mit einem Vorwort 
von Prof. Dr. Sigm. Freud. 1926. Preis M 2.40. 

Többen, Prof. Dr. Heinrich, Neuere Beot>achtungen über die Psychologie 
der zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilten oder begnadigten Ver- 
brecher. 1927. Preis M 9. — . 

Többen, Prof. Dr. Heinrich, Über den Inzest. 1925. Preis M 3.—. 



üruck von Paul Gerin, Wien, 11., Kitaasgasse 13.