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Full text of "Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis"

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9Sa3 idj ^»ier oor ein größeres $ßub(i(um bringe, ift ein 
aSortrag, ben idj am 23. Sanitär 1889 in ber SBiener Suriftifdjen 
©cfeafd^aft ftelt. <£r führte ben £üel „33on ber natürlichen 
©anftton für redjt unb fittltdj". SMefen fyabe idj, um ben 3n= 
fialt beutlidjer f)en>ortreten jtt (äffen, t)ertauf<fjt, fonft aber !aum 
eine Anbetung getroffen. 3lux ja^Ireid^e Slnmerfungen würben 
tyinjugefügt, unb ein früher fdfjon veröffentlichter Sluffafe „3KtfIoftd& 
über fubjefttofe ©äfce" beigegeben. 3n welker SBeife er fid& 
mit fd&einbar fo fern abliegenben Unterfudfjungen berührt, wirb 
man in ityrem Verlauf von felbft erlernten. 

£)en Slntaft 311 bem Vortrag gab eine @intabung, bie 35aron 
von Qye als Dbmann ber ©efellfdfjaft an midf) gerietet Ijatte. 
@3 war fein 23unfd(j, bafc was gering in feiner Siebe „Über 
bie ©ntftetyung be8 9ted&tSgefül)fö" vox wenigen Sauren §ier be* 
f proben, im felben Äreife audfj von anberem ©tanbpunft be* 
lenktet werben möge. 3)tan würbe irren, wenn man um be3 
jufälligen Slnfto^e^ willen ben Vortrag für ein flüdfjtigeS SBerf 
ber ©elegen^eit hielte. @r bietet grüd&te t>on jahrelangem 9lafy 
benfen. Unter allem, wag idfj bisher veröffentlicht, finb feine 
Erörterungen wof)I ba8 gereiftefte ©rjeugnte. 



— VI — 

©ie gehören jum ©ebanfenfreife einer „SDeffripttoen $Pft;d(jo= 
logie ', ben idfj, wie idf) nunmehr ju hoffen wage, in nid)t ferner 
Seit feinem ganjen Umfange nadfj ber Öffentltdfjfeit erfd^liefeen 
fann. 9Jtan wirb bann an weiten 2lbftänben von ädern &er= 
gebrachten, unb inäbefonbere audfj an roefentlidfjen gortbilbungen 
eigener, in ber „Sßftjdfjologie com empirifdfjen ©tanbpunft" vex* 
tretener Slnfdfjammgen genugfam erf ernten, bafe idjj in meiner 
langen litterarifd&en 3"riidEgejogen^eit nid&t eben müfjig ge= 
roefen bin. 

2lud& in biefem Vortrage wirb bem 5|]^ilofop^en t)on %aä) 
mand&eä fofort als neu auffällig fein. Sern ßaien mag ftd& bei 
ber 9lafd($eit, mit ber \<fy xf)\x von grage ju §rage füljre, mandje 
flippe, bie umfdfjifft, mandfjer 2lbgrunb, ber umgangen werben 
mufete, junädfjft ganj unb gar verbergen ; wenn irgenbroer, mufete 
id&, bei fo gebrängter ßürje, eines SSorteS von ßeibnij gebenfen 
unb wenig auf roiberlegen, Diel auf bartegen bebaut fein. 33ei 
einem S3licf in bie 3lnmerfungen — obwohl fie, hierfür altes ju 
fetften, einer fjunbertfältigen SBerme^rung bebürften — wirb 
bann audfj iljm etwas mefjr von ben Störoegen offenbar, bie fo 
Diele üertocf ten unb ben StuSgang aus bem Sabprintl) nidfjt finben 
liefen. 93iö baljin märe eS mir nur miHfommen — ja icf) 
mürbe barin bie Ärone meinet Strebend feljn — wenn itjm altes 
©efagte fo felbftoerftänblidjj erfd^iene, baft er mir bafür nidfjt 
einmal jum Sanfe fid^ aerpflidfjtet glaubte. 

Äeiner f)at bie (SrfemttniSprtncipien ber @tl)if fo be* 
ftimmt, wie es liier auf ©runb neuer 2lnalt)fen gefdfjeljn muftte ; 
feiner inSbef onbere , ber baS ©efütjt bei ber ©runblegung be* 
teiligt glaubte, fo principieU unb t)oHftänbig mit bem etljifd&en 
©ubjeftttriSmuS gebrodfjen. SRur £erbart neunte idfj aus. aber 
er üerirrt fidfj in» Sftfyetifdfje, unb alsbalb finben mir iljn foroeit 
Dorn 23ege abgefommen, bafs er — in ber tljeoretifdfjen ^ito* 
fopljie ber um>erföf)nlidf)e geinb beS SBiberfprudjS — in ber 



— VII - 

praftifd&en Sßl)ilofopl)ie e£ verträgt, wenn bic pdjften, atigemein* 
gültigen $been miteinanber in Äonflift geraten. Smmertyin bleibt 
feine Se|re in gewiffer £infidfjt ber meinigen waljrljaft üerwanbt, 
wäljrenb t)on anbern ©eiten anbere berühmte etljifdfje SBerfudje 
fidfj mannigfadjj mit if)r berühren. 

3n ben änmerfungen wirb audfj einjelneä fd&ärfer beftimmt, 
beffen genauefte Surdfjfüljrung für ben SBortrag ju langwierig 
geworben wäre. -äJtandfjem fd&on erhobenen (Einwurf trete idEj 
entgegen, manchem ju erwartenben Sebenfen fudfje idfj Dorjit- 
beugen. 2ludf) tjoffe i<i), man werbe fidf) für einige ^iftorifdfje 
Seiträge intereffieren ; f o namentlich für bie Unterfudfjungen über 
2)e3carte3, wo idfj feine Se^re von ber ©tribenj auf i^re Urfad&en 
jurücffüf)re unb auf jwei fef)r bebeutenbe ©ebanfen ^inweife, 
wetd&e, ber eine mifilannt, ber anbere faum bemerft, beibe nidfjt 
genügenb gewürbigt worben ftnb. Sdfj meine feine ©runbein* 
teitung ber pft;d^ifd^en $pi)änomene unb feine £e§re t)on ber 
93ejie^ung ber Siebe jur ^reube unb be£ &affe£ jur £raurigfeit. 

9Kit mehreren ^odfoangefe^enen unb x>on mir gewift nid&t am 
wenigften gefdfjäfcten gorfdfjern ber ©egenwart ftofte id& polemtfdjj 
jttfammen; am fjärteften wol)l mit foldfjen, beren twrgängiger 
Slngriff mir bie SSerteibigung aufnötigt. 3$ Ijoffe, fte betrauten 
e3 ntdfjt als eine SBerlefcung iljrer 2lnfprüdEje, wenn i<$ ber 
2Bat;rf)ett, ber wir gemeinfam bienen, nadfj Gräften ju ifjrem 
SWedfjte ju üer^elfen fudfje. 2lud^ barf idfj t>erft<i)ern , bafe mir, 
wenn tdf) felbft freimütig fpredje, audfj jebeä aufrichtige SBort be3 
©egnerä immer t)on £erjen wiUfommen ift. 



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%xani "fßxentano. 



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SBom ttrfprung jütHd)er ©rfenntniS. 

@tn Vortrag. 



«Seite 

1. SBert ber ©efd)ic!jte unb ^Ijilofopljie für bie 3«ri$pntbena; bie 
neuen Jöorfcl)läge pr Reform bcr jurtbifcljen ©tubien in Öfterretd) 3 

2. ttnfer £§ema; Scjie^ung 31t Spring« Vortrag in bcr Söiener 
Surtfttfdjen ©efellfdjaf* 4 

3 3n>rifad>er ©tnn be§ 2tu*brucf$ „natürltd&eS töed&t" 4 

4. fünfte bcr Übereinftimmung mit 3§ering; 33ern>erfuug be$ Jus 
naturae" unb Jus gentium"; t>orct§ifdjc polttifcl)e ©afcungen . . 5 

5. ©egenfafc gti Spring. (£3 giebt ein allgemeingültiges , natürlich 
erfennbare.3 ©ittengefefc. Gelatine ttnabljängigfett ber Srage . . 6 

6. 2)er begriff „natürlid&e ©anftion" 7 

7. 33ielfacl)e SSerfennung beSfelben burclj bie s }tyUofop§en 8 

8. ©eroöfjnltd) fiel) entroicfelnber $rang be8 ©efüfjl* ate fola)er ift 
feine ©anftion 8 

9. SÄotiüe ber Hoffnung unb gurcfyt als foldje fiub noa) nia)t ©anftion 8 

10. &er ©ebanfe an baS SBillenSgebot einer §ö§eren SÄod^t ift nidjjt 

bie natürliche ©anftion 9 

11. 3Me etljifdjje ©anftion ift ein ©ebot cüjnlia) bcr logifcfjen Siegel . . 10 

12. 2)er äft§etifcl)e ©tanbpun!t. ©otoentg in ber Sogtf, foroentg fann 

er in ber @t§if ber richtige fein 10 

13. ßantS fategorifdjjer Smperatin eine unbraudj&are gtftion .... 11 

14. SRotroenbigfett pfna)ologifcl)er SSorunterfu jungen 12 

15. Bein äöollen oljne legten 3n>etf 12 

16. 2)ie grage: melier S^ecf ift richtig? ift bie Hauptfrage ber ©tljtf 12 

17. 3)er richtige groeef ift baS SBefte unter bem Erreichbaren; 3)un!el* 
Ijeit biefer Seftimmung 13 



- X - 

Seite 

18. Sßom ttrfprung beS SBcgriffeö beS ©uten; et ftammt meljt ou§ bcm 
©ebtete ber fogenannten äußern 3Ba§rnetjmung 14 

19. 2)er gemeinfame (Sljarafteräug alles ^fncl)tfcf>en 14 

20. 2)te brci ©runbflaffen ber pftjd^ifd^en ^Ijänomene: ißorftellung, 
Urteil, ©emütSbewegung 14 

21. 2)ie ©egenfäfce t>on ©lauben unb £eugnen, Sieben unb Raffen . . 16 

22. S5on ben entgegengefefcten SerljaltungSweifen ift immer eine richtig, 
eine unrichtig 17 

23. $er begriff beS (Unten 17 

24. ©Reibung beS ©uten im engem 6hm oon bem um eines anbern 
willen ©uten 17 

25. Siebe bewetft md&t immer Stebwürbigfett 18 

26. SBUnbeS unb einftd&tigeS ttrtetl 18 

27. analoger ttnterfcfjieb auf bem ©ebtete beS ©efallenS unb 9JHfc 
fallend; Kriterium beS ©uten 20 

28. Siettjeit beS (Muten; fragen, bie fia) hieran fnüpfen 22 

29. Ob unter bem „SBefferen 4 ' baS ju oerfteljen fei, wa$ mit me§r 3"* 
tenfität geliebt ju werben t>erbiene 22 

30. 9tid)tige Seftimmung beS begriffe« 23 

31. Sitann unb wie er!ennen mir, bajj etwas in ftcfj felbft oor$ügliä) ift ? 

ber ftall beS ©egenfafeeS, beS Mangels, ber 2lbbition 31t ©leicl)em 24 

32. gälte, wo bie grage unlösbar ift 26 

33. Ob ber Jpebonifer in biefer Jöejieljung im Vorteil fein würbe . . 27 

34. SBarum fta) bie SWängel weniger, als man beforgen follte, nacl)* 
teilig erweifen 28 

35. $ae $ereia) beS Jjödfjften praftifefjen ©uteS 29 

36. 2)ie §armonifcf>e Cntwtcfelung 29 

37. 2)ie natürliche ©anftion von SRecfjtSgrenjeu 30 

38. £te natürliche ©anftion für pofitiue ©ittengefefce 30 

39. $ie 2Wacbt ber natürlichen ©anftion . . .' 31 

40. SBabre unb falfd&e 9telatit>ität etf)ifd)er Regeln 31 

41. Ableitung befanntcr fpecieller SSorfdjriften 33 

42. Söarum anbere ^fjUofopfjen auf anberen äöegen jum gleiten $\ek 
gefommen finb 33 

43. SÖJoljer bie allgemein oerbreiteten et^ifcf)en 3Ba()r0eiten ftammen. 
ttnflarljeit über Vorgänge im eigenen Senm&tfein 34 

44. ©puren beS (SinfluffeS ber einzelnen fjeruorgefjobeneu Momente . . 35 

45. fiebere Strömungen, bie einen (Stnflufi üben 38 

46. 3Ran muj$ fta) l)üten ben llntcrfdfjieb etfjifd&er unb pfeubo*etl)ifcl)er 
(Sntwitfelung 311 oerfennen 39 

47. SBert foldjer ©ntwirfelungen in ber uoretlnfdjen #ett: fcerftellung 
focialer Orbnung; SBilbung oon $i$pofitionen; ©efefreSentwürfe für 
bie legielatioe etljifdje ©ewalt; 3*erf>ütung oon fdjablonifierenbem 
2)oftrinari$mu3 40 



— XI — 

©eitc 

48. ©egenäreictye ©tnnrirfungen, bie nocl) fort unb fort von biefcr ©eite 
geübt werben 42 

49. 9todjmalä t>on ber Reform ber juribifdj*politifd>en ©tubien ... 42 

Slnmerfungen. 

13. Qux SBerteibigung meiner ©Ijaraftertfttf von §erbart3 etljifc^em 
Kriterium 48 

14. Über ÄantS fategortfdjjen gmperatio 48 

16. 2)ie •Wüomad^ifc^e @t§tf unb S^ringö „©runbgebanfe" in feinem 
SBerfe „SDer Sroetf im $itü)t u '. 50 

17. SSon ben gällen geringerer (Sfjancen beim Streben nac§ Ijöljerem 
Siele 50 

18. Son ber Slbfjängtgfeit ber Segriffe von fonfreten 5lnfcfjauungen . 50 

19. 3)er Terminus „tntentionar 51 

21. 2)ie ©runbeinteilung ber pfndjjifcljen ^änomene hei 2)e$carte$ . . 51 

22. SBinbelbanbS Srrtum In'nftdjjtlic^ ber ©runbeinteilung ber pfnd)ifc§en 
^§änomene; furje Slbroeljr mannigfacher auf meine „^fucfyologte 
vom empirifc^en ©tanbpunft" gemachter Angriffe; Land, on a 
supposed improvement in formal Logic; ©teintljalö Ärittf meiner 
2ef)ve t>om Urteil 55 

23. 3ur Ärtttf von ©tgroartö Sljeorieen r-om ejiftentialen unb negativen 
Urteil 60 

24. 3)e$carte$ über bie Se^teljung von „Siebe* ju „greube" unb „§a%" 

ju „ftraurigfett" 74 

25. Son ben Segriffen ber 3Ba§rl)eit unb @r.iftenj . 75 

26. Son ber ©tnfjeit be$ SegriffeS be$ Öuten 77 

27. S5on ber ©üibenj ; bie „clara et distincta perceptio" bei £)eöcarte3 ; 
©igroartö 2el)re von ber ©oibenj unb feine „^oftulate" 77 

28. Som etljifcfyen ©ubjeftitnsmuS. — 2)a3 Serfeljen beö 2lriftotele$ in 
betreff ber @rfenntni$quelle beö ©uten; parallele jnnfcfyen feinem 
Irrtum Ijinficljtlitf) ber ©emütStljättgfett unb ber Sefjre SteScarteS' 
von ber clara et distincta perceptio al$ SBorbebingung beö logifdj 
gerechtfertigten Urteils; fpätere 2lnf länge an biefe £eljre 84 

29. Son ben Slusbrütfen „gut gefallen* unb „fdjled&t gefallen". ... 91 

31. SluSgeaeicfyneter gall etneö fonftanten geometrtf djen SerljältniffeS 
pfnd&ifd&er SBerte 91 

32. gälle, in roelc&en etroaS sugletdf) gefällt unb mißfällt 92 

33. geftftellung allgemeiner ©efefce von 2Bertfcf)äfcung auf ©runb einer 
einigen ©rfaljrung 93 

34. ©eroiffe Momente ber et^ifct)en ©rfenntntetljeorie ftnb für bie %tyo* 
bicee meljr als für bie ©tljif felbft von SBidjjttgfeit 93 

35. (Erläuterung ber Sßeife, wie etmtö in genriffen gällen alö ba3 $or= 
jügltdfje erfannt roiro 93 



— XII — 

(Seite 

36. 2)te jroet in tljrer 2lrt einzigen gätte, in weisen und auS bem ©Ija* 
rafter ber Seoorjugung bie Soräügltdjfeit flar wirb 94 

39. ©au|$ über bie 3Keffung oon 3ntenfttäten 96 

40. ©egen übergroße Erwartungen von bem fogenannten pfndjo* 
P^fifc^en ©efefce 96 

41. Slbroeljr beö Sornmrfg ju großer et^ifd^er Strenge 97 

42. &te -ttädjftenltebe im ©tnflang mit ber größeren gürforge für ba£ 
Eigene / 98 

43. SBarum bie SBefdjränftfjett menfdjlidjer SBorauSftdjt ben etfjtfdjen 
3Äut nid^t lähmen barf 99 

44. 3ur Äritif von Springs Sluff affung be£ SftedjtSbegriffeS unb feiner 
^Beurteilung älterer SBefttmmungen 99 

45. fßon ber mterimtfttf djen etljtfdjen ©anftion oerroerf lidjer ©efefce . 103 

60. ©elbftnnberfprud& @ptfurä 104 

64—65. Selege für baä ©efefc ber Slbbttion ju ©leidem; Seugniffe 

bafür in ber £e§re ber ©toa, (ei ben tfjetfttfdjen §ebomfern 
unb in bem Verlangen nadj Unfterbltdjfett; §elm(jolfc 105 

67. Sie großen Geologen finb ®egner ber SßiUfür beS gottgegebenen 
©UtengefefceS 106 

68. 2)ie £e§re von bem Unterfdjteb jnjifd^en bltnbem unb et>ibentem 
Urteil bei 3- ©t. 3Bill 106 

Sie im Serjeidjmg fe^lenben Hummern enthalten nur litte- 
rartfdje Sftadjroeifungen. 

3Jtmofidj über fubjefttofe ©äfee. 

Beilage au ©. 16 unb ©. 60. 

I. Äurae Darlegung beg roefentltdjen Snljaltg oon 3Jüflofia)S 2lb* 

Ijanblung 111 

II. Äritifdje Semerfungen . . . # 116 



©. 23 ftatt 35 lieg 24. 
©. 25 ftatt 36 lieg 35. 
©. 27 ftatt 37 lieg 36 unb ftatt 38 lies 37, 
©. 28 ftatt 39 lieö 38, ftatt 40 lieg 39, ftatt 41 lieg 40. 
©. 29 \tatt 42 lieö 41 unb Seile 13 von unten füge hinter „&tt Uc&ett 
fein" 42. 



Vom llrfonmg ftttlidjcr drkenntnw. 



@tn SSotttag. 



Brentano, 33om Urfprung fitt(. GrtenntniS. 1 



1 . 2)ie (Sinlabung ju einem Vortrage, tveldfje bie Suriftif dje 
©efettfd^aft an midj ergeben lieft, verpflichtete midf) um fo mefjr 
afe fie in fräftigen SBorten einer Überjeugung 2lu3brucf gab, 
bie leiber im ©dfjtvinben begriffen fdfjeint. £örte man bo<$ jüngft 
von S3orf<$lägen jur SReform ber juribif<$en ©tubien (unb fie 
follten fogar von Univerfitätefreifen ausgegangen fein), bie gerabe* 
ju meinten, man fönne bie Sßurjeln, tveldfje bie SuriSprubenj In 
ba3 ©ebiet ber praftif<$en $p§ilofop§ie unb in ba£ ber vater* 
länbifdfjen ©efd^td^tc fenft, abfdfjneiben, oljne baft ber DrganiämuS 
tvefentlidden ©d&aben leiben würbe. 

2Ba£ bie ©efdfjid&te betrifft, fo ift, i<$ gefiele e£, biefer 3tat 
mir junädjft völlig unbegreiflich ; tva£ aber bie ^3^iIofopE)ic am 
langt, fo fann i<$ üjn nur etwa bamit entf djulbigen , bajj bie 
■ötänner, bie gegenwärtig bie juribifdfjen Sefjrftüfjle einnehmen 
einen tiefen, traurigen (Sinbrucf von ben SBerirrungen jüngft ver- 
gangener £)ecennien empfangen §aben. ©o foll ein perfönli<$er 
S3ornmrf fie nidfjt treffen. S^atfädjlid) aber waren jene 9tat* 
f daläge ganj ebenfo weife, wie wenn eine mebijinifdfje gafultät 
auä iljrem obligaten ©tubienplan bie Biologie unb bie 5ßf)t)fif 
unb ßljemie ju ftreid^en beantragen wollte. 

SBenn Seibnij in feiner Vita a se ipso lineata von fidf) er* 

jctljlt: „idfj gewahrte, bajj mir au3 meinen vorausgegangenen 

©tubien ber ©ef<$idf)te unb 5ßl)ilofopl)ie eine grojse (SrleidEjterung 

l* 



— 4 — 

jur Erlernung ber 3ted()t£wiffenfd[)aft erwuddä" ; unb wenn er in 
feinem Specimen difficultatis in jure, bie SBorurteile ber jeit- 
genöffif dfjen 3>uriften beffagenb, ausruft: „o baft bodf) bie SRedfjtS* 
befliffenen von ifjrer SBeradfjtung ber 5ß{|ilofopI)ie jurücffämen unb 
einfetten, baft otjne Sßljilofop^ie bie nteiften 5 rö 9 en ^ re ^ J ,1S e * n 
Sabtjrintf) ofjne 2lu3gang finb": was würbe er, wenn er Ijeute 
auferftänbe, ju biefen rücf läufigen 9teformbewegungen jagen? 

2. 2)er würbige Dbmcmn ber @ef eßf dfjaf t , ber einen fo 
frifdfjen, freien ©inn für bie wahren tüiffenfd^aftlic^en Sebürfniffe 
feinet ©tanbeS ftdf) gewahrt fyat, äufterte mir au<$ über baS ju 
wä^tenbe %t)ema feine befonberen SBünfdfje. 2)ie $rage nadEj 
bem Seftanb eines natürlichen SKedJjteS, fagte er, fei ein (Segen* 
ftanb, ber in bem Äreife ber Suriftifdfjen ©efettfd^aft eines üor* 
jüglidfjen SntereffeS fi<$ erfreue, unb er felbft fei begierig ju feljen, 
in welker SBeife idf) ju ben 3lnfid^ten, bie gering t>or einigen 
Sauren §ier auSgefprod&en x , Stellung nehmen werbe. 

©erne willigte idfj zin, unb Ijabe barum als£§ema meinet 
Vortrags bie natürlidfje (Sanftion für red&t unb fittlidf) bejeid&net, 
inbem idf) baburdfj jugteidj) anbeuten wollte, in wetdfjem ©inne 
allein idfj an ein natürlid&eS Siedet glaube. 

3. ®enn eine jweifadfje Sebeutung fann liier mit bem SBorte 
„natürlidfj" uerfnüpft werben: 

1. fann es foiriel fagen wie „naturgegeben", „angeboren", 
im ©egenfafce ju bem, was erft burdfj Ableitung ober 
©rfaljrung in gefdfjidfjtlidfjer @ntwicfelung erworben wirb ; 

2. fann eS, im ©egenfafce jum wittfürlidfj , burd& pofitben 
3Jiadfjtfprudfj Seftimmten, bie SRegel bebeuten, weld&e an unb 
für fidf) unb i^rer -Jtatur nadfj als rid[)tig unb binbenb 
erfennbar ift. 

gering l)at in bem einen unb anbem ©inn baS natürlid&e 
3ted(jt verworfen 2 . Sdfj metnerfeitS ftimme mit ebenfo fräftiger 



— 5 — 

Überzeugung in bem einen 5ßunf t i^m bei, atö iä) in bem anberh 
if)m nriberfpred&e. 

4. 3$ bin DoWommen mit gering einig, wenn er nadEj 
bem Vorgänge von Qo^n fiotfe alle angeborenen 9Koralprincipten 
leugnet. 

9io($ me^r, mit iljm glaube id) roeber an ba3 barocfe jus 
naturae, i. e. quod natura ipsa omnia animalia docuit, nodfj 
an ba£ jus gentium, an ein 9tedjt, tueldjeS burdj bie allgemeine 
Übereinftimmung ber S3ötfer als natürliches 33ernunftredE)t ge* 
fennjeid&net ift, wie bie römifdfjen 3tedEjt3lebrer e£ faßten. 

2Jian brauet in bie Biologie unb 5ßf)t)fiotogie nid^t thtn 
tief fjineingeb lieft ju fyabtn, um bie tierifd&e Seberoelt nidfjt mefjr 
bei ber 3luffteUung fittttd^er formen als Kriterium ju benüfcen, 
wenn man audf) nid^t gerabe mit 3iofitan$ft) foroeit get)en wirb, 
ba3 Protoplasma mit feinem aggreffioen ß^arafter für ein wn* 
geregtes unb böfeS Sßrincip ju erflären. 

3Ba§ aber jenen gemeinfamen 3iedE)t3fober aller SBölfer an- 
langt, *f o war ber ©laube baran ein SBaljn , ber in ber antifen 
2Belt ftdfj Ratten modfjte; bie moberne &\t, bie bei erweitertem 
etljnograpfjifd&en £orijont bie barbarifdfjen ©itten jum SBergleidfj 
^eranjief)t, fann bagegen in jenen ©afcungen nidfjt mefyr ein 
Sßrobuft ber s Jlatur, fonbern nur nodfj ein ben üorgefdjritteneren 
SBötfern gemeinfameS Äulturprobuft crlennen. 

3fn allem bem bin idf) alfo mit gering einoerftanben ; unb 
idfj ftimme i^m audfj mefentlidfj bei, wenn er behauptet, e£ fyabi 
Seiten oljne jeben 3lnflug von et^ifdfjer (SrfenntniS unb etljifd&em 
©efüf)l gegeben; jebenfatt^ roax bamate nid&tä ber 3lrt ein (Ge- 
meingut. 

^a idfj erfenne unbebenflidj) an, baß biefer 3uftanb audfj bann 
nod(j fortbauerte, at£ größere ©efeUf haften mit ftaatlidfjer Drb* 
nung fid(j gebitbet Ratten. SBenn Sf^ting ju biefem 33et)ufe auf 



— 6 — 

bie Qriedjifdje 3Kt)t§oIogie unb ifjrc ©ötter unb ©öttinen oljne 
jebeä moratifd&e 2)enfen unb güfjlcn ^imoeift, inbem er meint, 
au3 bem Seben ber ©ötter fönne man auf ba£ Seben ber 
3Renfd&en in ber 3^t ber 3Jh)tl)enbilbung fd&liefeen 8 , fo bebient 
er ftdfj eines 33en>ei3mittetö, ba£ fdEjon 2lriftotele£ in feiner Sßolitif 
in äfjnlidfjer Sßeife t>em)ertete 4 . 2ltf o audEj bieä muffen wir iljm 
äugeben, unb werben barum audfj nidjt me^r leugnen, baß bie 
erften politifdjjen ©afcungen mit unterftüfcenber ©trafgeroatt o^ne 
jeben ©tnftujs eines et^ifdfjen 3ted()t3gefü§l3 feftgeftettt roorben 
finb. @£ giebt alfo feine natürlichen fitttid&en S3orfdfjriften unb 
9ted()t£fäfee in bem ©inne, bafe fic un£ mit ber Statur felbft ge* 
geben, baft fie un£ angeboren wären; in biefer £infid)t ^aben 
3$ering£ 3lnfid;ten unfern vollen Seifall. 

5. 216er nun tritt bie anbere, viel wichtigere $rage an uns 
§eran: giebt e£ eine unabhängig von aller fird&lidfjen unb po* 
litifd&en unb überhaupt t>on aller focialen Autorität burdfj bie 
■Jtatur felbft geteerte fttttidfje SBa^r^eit ? giebt e£ ein natür* 
lidjeä ©ittengefefc in bem ©inne, bafe e£, feiner Sftatur nad^ all* 
gemeingültig unb unumftöfclidj), für bie 3Kenf($en aller Drte unb 
aller 3eiten, ja für alle 3lrten benfenber unb füljlenber äßefen 
©eltung §at, unb fällt feine (Srfenntniä in ba£ S3ereid& unferer 
pftjdfjifdfjen gäfjigf eiten ? — £ier finb mir an ber ©teile, wo idfj 
midij mit gering veruneinige. £)em „ s Jlein", ba3 er audfj §ier 
fprid[)t, fefee idfj ein entfd[)iebene3 „3>a" entgegen. Unb wer von 
un3 §ier im SRedfjte fei, ba£ wirb hoffentlich unfere heutige Unter* 
fudfjung über bie natürliche ©anftion für fittliä) unb redfjt in3 
flare fefeen. 

^ebenfalls ift mit ber ©ntfdfjeibung ber vorigen grage, wie 
auä) immer gering felbft ba3 ©egenteil ju glauben fd&eiut 5 , 
biefer in gar feiner SBeife präjubiciert. @£ giebt angeborene 
Vorurteile; biefe finb natürlich im erften ©inne: aber e3 feljlt 



— 7 — 

iljnen bie natürlid&e ©anftion; fie fjaben, waljr ober fatfd&, 
jtmädjft feine ©ültigfeit. @3 giebt anbererfeitä oiete ©äfce, bic, 
auf natürlichem SBege erfannt, als unumftöfclidfj feftfteljn, all* 
gemeingültig für alle benfenben SBefen, bie aber, wie j. 23. fd&on 
ber ptjt^agoreifd&e Seljrfafe, nid&tä weniger afe angeboren ftnb, 
fonft tjätte nid&t ber beglücfte erfte (Sntbecfer bem ©otte feine 
£efatombe geopfert. 

6. 3n bem ©efagten fjabe i<$ War genug ju erfennen ge* 
geben, wie idfj, wenn idfj von natürltdjjer ©anftion fpredfje, ben 
^Begriff ber ©anftion faffe. ©ennodfj wirb e£ gut fein no($ 
einen 2lugenblicf ju Derweilen, um eine anbere, ungenügenbe 
gaffung auäjufdfj ließen. 

„©anftion" Reifst „geftigung". @in ©efefe fann nun in 
einem boppelten ©inn gefeftigt werben: 

1. inbem e3 afö foldfjeS feftgeftetlt wirb, wie wenn bie S3e* 
ftätigung eines ©efefcentwurfä burdfj bie §öd[)fte legtelatioe 
Autorität i^m ©ültigfeit oerfetyt; 

2. inbem e£ burdfj Seifügung oon ©traf*, oielleidfjt aud& 
So^nbeftimmungen wirffamer gemadfjt wirb. 

3n bem teueren ©inn Ijat man in ber antuen Seit oon 
©anftion gefprodfjen, wie j. 33. Gicero 6 oon ben leges Porciae 
fagt: „neque quicquam praeter sanctionem attulerunt novi" 
ober Ulpian 7 : „interdum in sanctionibus adjicitur, ut, qui ibi 
aliquid commisit, capite puniatur". 3n bem erfteren ift befannt- 
tidfj in ber mobernen 3eit ba£ 2Bort üblicher; man nennt ein 
©efefc „fanftioniert", wenn e3 burd& bie atler^öd&fte 33eftätigung 
©ültigfeit erlangt tyat. 

Offenbar fefct bie ©anftion im jweiten ©inn bie im erften 
©inne oorauS, unb biefe ift ba£ 2Bef entlid&ere ; benn o^ne fie 
wäre ba3 ©efefe gar nid[)t waljrljaft ©efefc. Unb eine foldje 
natürlidje ©anftion wirb barum au<$ oor allem S3ebürfni3 fein, 



— 8 — 

wenn überhaupt etwas t>on SRatur als redf)t ober fittlidj gel* 
ten fott. 

7. SBergleidfjt man nun bamit, was bie ^ilofop^en über 
bie natürliche ©anftion beS (Sittlichen gefagt §aben, fo bemerft 
man leicht, wie fie oft baS 2Befentli<#fte überfafjen. 

8. Solange meinen, fie fjätten für eine gewiffe S3er^altung3* 
weife eine natürliche ©anftion gefunben, wenn fie nadfjwiefen, 
bafc ein gewiffer ©rang beS ©efüfjls, fo ju üerfa^ren, fi<$ in bem 
3Kenf dfjen ju entwief ein pflege ; wie j. 33., ba jeber anbern biene, 
um ©egenbienfte }u empfangen, julefct fi<$ eine ©ewoljnljeit 
IjerauSbilbe, foldfje ©ienfte ju leiften, audfj wo an gar feine 33er* 
geltung gebaut werben fönne 8 . ©aS wäre bann bie ©anftio* 
nierung ber -ftädfjften liebe. 

216er biefe 33el)auptung ift gänjlidf) oerfef)It. (Sin foldjjer 
©rang märe wo^l eine Äraft, bie wirft, bodfj nimmermehr eine 
©anftion, bie gültig mad&t. 2lud(j bie lafterfjafte Neigung ent* 
wicfelt fidf) nadfj benfelben ©efefcen ber ©ewofjnljeit unb übt als 
©rang oft bie unbefdfjränftefte ^errfd^aft aus. ©er ©rang beS 
©eijigen, ber iljn für bie Anhäufung von Sfteidfjtümern bie größten 
Dpfer bringen unb bie Ijärteften ©raufamfeiten begeben läßt, ift 
gewift feine ©anftion feines S3er^altenS. 

9. 3lu($ -Btottoe ber Hoffnung unb $urd(jt, bafe ein gewiffeS 
Setragen, j. 33. eine 33erücffid[)tigung beS allgemeinen 33eften, uns 
anberen unb 9Käd[)tigen angenehm ober unangenehm matyen 
werbe, l)at man oft als ©anftion bafür bejeidfjnen wollen 9 . 2lber 
es ift offenbar, bajj bie feigfte Äriedfjerei, bie feroilfte ©peidjjel* 
lederei bann audf) einer natürlid&en ©anftion fidf) rühmen fönnten. 
S^atfädfjlidfj bewährt fi($ bie £ugenb am meiften ba, wo weber 
@infd^ü($terungen no<$ S3erl)eif$ungen fie t)on bem redeten 2Bege 
ablenfen. 



— 9 — 

10. SUJandfje fpredfjen t)on einer (Srjieljung, roeldfje ber 
3Kenfd(j, ber ja ju ben Sebemefen gehört, bie in ©efellfdEjaft ju 
leben pflegen, burdfj bie, mit roeldjen er umgebe, empfange. 
Sßieberum imb nrieberum wirb eine gorberung, ein ©ebot: bu 
foUft! an iljn gerietet. @S liegt in ber -Jtatur ber ©adfje, bafe 
gemiffe £anb(ungen ganj befonberS oft unb allgemein von tym 
geforbert werben. Unb ba bilbet fidfj beim eine 2lffociation 
jnrifdfjen ber ißanblungSroeife unb bem ©ebanfen: „bu foUft!". 
SDabei mag eS fein, bafe er fidfj als bie gebietenbe 5Dlad(jt bie ©e* 
feßf djaf t, in welker er lebt, ober audfj unbeftimmter etwas £öf)ereS 
ate bie eigene, einjelne menfdfjtid&e Sßerfon, atfo, man fönnte fagen, 
etwas in genriffer SBeife Übermenfd&tidfjeS benft. SMefeS für ifjn 
baran gefnüpfte ©oll wäre nun bie ©anftion beS ©ettriffenS 10 . 

@S läge alfo Ijier bie natürliche ©anftion in ber auf natfir* 
lid&em SBege fidf) entroitfelnben Überjeugung von bem ©ebot eines 
mächtigeren SöitfenS. 

216er eS ift offenbar, bafe in einer folgen Überzeugung von 
bem ©ebot eines 9Rä$tigeren nodf) nichts gegeben ift, was ben 
3Jamen ber ©anltion üerbient. ©ie f)at audfj berjenige, weldfjer 
fid& in ben Rauben eines Sgrannen ober einer 9iäuberbanbe weife. 
■Btag er golge leiften, mag er £rofc bieten: if)r ©ebot ift nidfjt, 
was ber geforberten ipanbfung eine ©anftion, äfjnlidf) ber beS 
©ewiffenS, erteilte. 2lud& wenn er get)ord[)t, getyordfjt er aus 
^urd^t, nidjt weil er baS ©ebot als ju 3ied&t befteljenb betrachtete. 

•Wein, ber ©ebanfe, es fei oon jemanb geboten, fann bie 
natürliche ©anftion nidf)t fein. Sei jebem ©ebot eines fremben 
SöiHenS ergebt fid& biegrage: ift es berechtigt ober unberechtigt? 
Unb bie grage tieftet fid& bann nidfjt auf ein anbereS, irielleidjt 
üon nodfj größerer 9Wadfjt unterftüfcteS ©ebot. SDenn bann würbe 
fte wieberfefjren, unb mir mürben dou bem ©ebot $u einem ©ebot, 
bem ©ebot }u folgen, unb bann ju einem britten ©ebote gelangen, 



— 10 — 

mel^eä bem ©ebot, bem ©ebote ju folgen, ju get)ord()en geböte, 
unb fo fort inä unenblidfje. 

2llfo, tüte ber ©rang eines ©efüljtS unb bie gurdfjt unb 
Hoffnung auf SBergeltung, fo fann audf) ber ©ebanfe an ein 
2BilIen3gebot unmöglidfj bie natürliche Sanftion für redf)t unb 
fittlidf) fein. 

11. £)odf) eS giebt ©ebote auä) nodfj in einem toefentlidf) 
anbern ©inne; ©ebote in ber Sebeutung, in roeldfjer man t)on 
©eboten ber Sogif fprid&t für unfer Urteilen unb ©fließen. 
9liä)t von bem SBiUen ber ßogif (bie offenbar feinen SßiHen §at) 
nodf) t)on bem SBiHen ber Sogifer (benen wir in gar feiner Sßeife 
£reue gefd&rooren ^aben) ift babei bie Siebe. Sie ©ebote ber 
fiogif finb natürlich gültige Regeln be3 Urteilend, b. f). man §at 
fidf) barum an fie ju binben, weil ba£ biefen Siegeln gemäße 
Urteilen fidler, baä t>on biefen Siegeln abroeid&enbe Urteilen bem 
Srrtum jugänglidf) ift ; e8 ^anbelt fidfj alf o um einen natürlichen 
S3orjug be£ regelgcmäjsen t>or bem regelnubrigen Seufoerfafjren. 
Um einen folgen natürlichen SBorjug unb eine barin grünbenbe 
Siegel, nid&t aber um ein ©ebot fremben SBillenä wirb e£ fidfj 
alfo audfj bei bem ©ittlidfjen Ijanbeln muffen. Unb ba£ ift, roaä 
ßant, aber audf) bie 9Jief)rjal|l ber großen Genfer t>or iljm ener* 
gifdj) betont ^aben, n>a3 aber trofcbem nod& immer dou Dielen — 
unb leiber audf) gerabe von 2tn^ängem ber empirifdfjen ©dfjule, 
ber idf) felbft angehöre — nidfjt redfjt üerftanben ober gettmr* 
bigt wirb. 

12. Söorin aber foU biefer eigentümliche Sßorjug be3 ©itt= 
lidfjen, ber üjm bie natürliche ©anftion giebt, liegen? 9Jtandf)e 
badeten ifjn fojufagen äufterltdfj; fie glaubten, e3 fei ber 33or* 
jug fdfjöner ©rfdfjeinung. 2)ie ©rieben nannten ba3 eble, tugenb* 
fjafte Setragen to *aX6v, baS ©dfjöne, unb ben tjotlfommenen 
(Styrenmann ben xaXoxaya&og ; bodf) Ijat von ben antifen £)en* 



— 11 — 

fern feiner biefen äftfjetifdfjen ©tanbpunft mafegebenb gemalt, 
dagegen §at unter ben -Kobernen in ©nglanb ©atrib kirnte 11 
t)on einem moralifdfjen ©df)önl)eit3finn gefprodfjen, ber über fitt- 
lidfj unb unftttlidEj entfdfjeibe, unb in jüngerer Seit, unter ben 
2)eutfdf)en, £erbart 12 bie @tt)if als einen 3n>eig ber Sfttyetif 
untergeorbnet. 

ftdfj Witt nun nidjt leugnen, bafc ber 2lnblid ber £ugenb 
eine erfreulid&ere @rf($einung als bie ber ftttlidfjen SBerfeljrtljeit 
ift. 2lber unmöglich fann id(j jugeben, bafe hierin ber einjige 
unb rcefentlidfje SBorjug beS ftttlidfjen SBer^altenS befiele. @S 
wirb trielmeljr ein innerer SBorjug fein, ber baS fittlidfje SBolIen 
üor bem unfittlidfjen auSjeidfjnet, ä^nlid^ tote es ein innerer S3or* 
jug ift, ber baS toafjre unb einfidfjtige Urteilen unb ©dfjliefeen 
von ben SBorurteilen unb geljlfdEjlüffen untertreibet. 2luc§ t)ier 
läjst fidE) nityt leugnen, baft ein Vorurteil, ein ge^lfdfjlujs etwas 
UnfdfjöneS, ja oft etwas lädfjerlidf) SBefdfjränfteS an fidfj §aben, was 
ben t)on ber 3JHnert)a fo fd^ted^t Segünftigten in unüorteilljaftefter 
Sßofitur vox uns erfdjjeinen läjjt: aber wer motzte barum bie 
logifdfjen Siegeln unter bie äfttjetifdfjen jäljlen unb bie Sogif ju 
einem Sroeig ber Sftljetif madfjen 18 ? -Kein, ber eigentliche 
logifdfje SBorjug ift fein S3orjug äftfjetifd&er (Srfdfjeimmg, fonbern 
eine getmffe innere Sftidfjtigfeit, roeld&e bann einen genriffen SSorjug 
ber @rfd6einung mit fid& füfjrt. Unb fo wirb es benn audf) eine 
genriffe innere SKidfjtigfeit fein, roeldde ben roefentlidfjen SBorjug 
geroiffer 3lfte beS 2BilIenS vor anbern unb entgegengefefcten unb 
ben SBorjug beS (Sittlichen t)or bem Unftttlidfjen auSmadfjt. 

2)er ©laube an biefen SSorjug ift ein etljifdEjeS 3Kotb; bie 
(SrfenntniS bief es SBorjugS baS richtige et^if dfje 3Jiotü>, bie ©anf * 
tion, tueldfje bem et^ifd^en ©efefce öeftanb unb ©ültigfeit t>erleif)t. 

13. 3lber wie f ollen toir fä^ig fein ju foldfjer ©rfenntniS 
ju gelangen? 



— 12 — 

£ier liegt bie ©dfjmierigfeit, um beten £öfung man fidj lange 
3eit t>ergeblidf). bemühte. -Kodf) Äant fdfjien e3, aU ob feiner t>or 
tym ba3 ma^re (Snbe be3 gaben3 gefunben Ijabe, um üon iJjm 
au$ ben Änäuel ju entwirren, ©ein fategorifd&er Smperatit) 
foffte e£ fein. 2lber er war trielmeljr wie ba$ ©dfjmert, baä 
2tfe£anber jücfte, um ben gorbifdfjen Änoten }u burd&ljauen. 9Kit 
einer folgen offenbaren giftton täfet fidfj bie ©adje nidEjt rieten 14 . 

14. Um un£ ben ©inbltcf in ben mafjren Urfprung etf)ifd&er 
(SrfenntniS ju eröffnen, wirb e3 nötig fein etroaS üon ben SKe* 
fultaten neuerer gorfdfjung auf bem ©ebiete ber beffripttoen 
Sßftjdfjologie ÄenntniS ju nehmen. 2)ie 33efc^ränftE)eit ber Seit 
nötigt midf), mtd& fefjr für} ju f äffen, unb id(j fjabe ©runb ju 
fürdfjten, e£ werbe unter iljrer Änappijeit bie 33ottfommen^eit ber 
SDarftcttung leiben. SDennodf) muf$ ii) gerabe Ijier ^fjre befonbere 
Slufmerffamfeit erbitten, bamit nidf)t ba£ Sßefentlidftfte bem 33er- 
ftänbnis oerloren gelje. 

15. 2U£ ©ubjeft be£ ©itttidfjen unb Unfittttdfjen bejeid&net 
man ben 3Bitten. 2öa£ mir motten, ift trielfadfj ein 9Kittel ju 
einem $weä. Sann motten mir, unb geroiffermafeen nodfj met)r, 
biefen 3roecf . 2)er ^xoed mag felbft oft 3Jtittel ju einem ferneren 
Sroecfe fein ; ja bei einem meitf dfjauenben Sßlane erf dfjeint oft eine 
ganje Steige t>on ßmäen, immer einer bem anbern als -Büttel 
ju* unb untergeorbnet. 3>mmerf)in nrirb ein 3^edE ba fein, ber 
t)or attem unb um feiner felbft mitten begehrt roirb; oljne biefen 
eigentlidfjften unb testen $md fehlte atte £riebfraft; mir Ratten 
bie 3lbfurbität eines 3ielen3 otjne $iü. 

16. £)ie 3Jiittet, bie mir ergreifen, um ju einem Qxoedt ju 
gelangen, fönnen wrfd&teben unb fönnen balb bie nötigen 
balb unridfjtige -Kittel fein. 9ttdE)tig merben ftc bann fein, menn 
fie mirf(tdf) ju bem ßroede ju führen geeignet finb. 



— 13 — 

2lber auä) bie Bwecfe, unb jwar bic eigentlichen unb legten 
Bwedfe, fötuxen oerfd&ieben fein. @3 ift ein Srrtum, bcr befonberS 
int adfjtjeljnten Sa^unbert auftankte — Ijeutjutage ift man baoon 
me^r unb meljr jurücfgefommen — bafe jeber baSfelbe, nämlidj 
feine eigene Ijöd&ftmöglidfje Suft anftrebe 15 . Sßer glauben fann, 
ber -Dlärttjrer für feine Überjeugung, ber fidf) mit oottem Sewufet* 
fein ben entfefclidfjften £obe£qualen au^fefct, — unb e3 gab auä) 
foldfje, bie ni<$t auf jenfeitige Vergeltung hofften — fei babei 
nur oon ber SBegier naä) mögtid^ft großer fiuft getrieben: ber 
§at eine pdfjft mangelhafte SßorfteHung oon ben £f)atf adjen ; 
fonft fürroa^r müftte er jeben 9Jtaf$ftab für bie Sntenfität oon 
Suft unb ©dfjmerj oerloren tyaben. 

2llfo ba£ ftef)t feft : audfj bie legten 3mecf e finb oerfdfjieben ; 
auä) jwifdjjen itynen fd& webt bie 2Baf)l; unb fie ift — ba ber 
lefcte Swecf ^ n für aHe£ mafegebenbeä 5ßrincip ift — bie widfjtigfte 
unter allen. 2Ba£ fott id(j erftreben? wetd&er Bwecf ift rid&tig, 
welker unridfjtig? ba£ ift barum, wie fdjjon 2lriftotele£ fjeroor* 
tybt, bie eigentlidfjfte unb {jauptfädfjlid&e grage ber (Stljtf 16 . 

17. SBeldfjer Bwecf ift richtig? für weläjen fott fid& unfere 
Sßa^l entf Reiben? 

2Bo ber 3roecf feftfte!)t unb e3 ftdfj nur um bie 2Baf)l oon 
Mitteln fyanbelt, werben wir fagen: wä!)le 9ftittel, bie wirflid) 
ju bem Bwecfe führen! 2Bo e3 fidfj um bie 2ßaf)l oon 3wecfen 
Ijanbelt, werben wir fagen : wäfjle einen $xoed, ber oernünftiger* 
weife für wirflidf) erreichbar ju galten ift. Silber biefe Antwort 
genügt nid&t; mand&eä Erreichbare ift otelmeljr ju ftieEjen al3 
ju erftreben: wäf)(e ba3 befte unter bem ©mietbaren ! ba£ wirb 
alfo allem bie entfpredjjenbe Antwort fein 17 . 

Silber fie ift bunfel; wa£ Reifet ba3, „ba£ befte'' ? wa£ 
nennen wir überhaupt „gut"? unb wie gewinnen wir bie @r* 
fenntniä, baft etwa£ gut unb beffer ift ate ein anbereä? 



— 14 — 

18. Uni biefe fragen in befriebigeuber 2Beife 311 beantrootten, 
muffen mir uor allein ben Urfunuig be3 Segriffä beS ©uten mif= 
fudjcii, ber, luxe ber Urfprung alter unfercr begriffe, in gegriffen 
foufret anfdjaulidjen sHorftellungen liegt 18 . 

9ßir ty&en anfdjautidjc Horfteltungen p fjtjiif djen 3nl)att8; 
fte jeigen uns fimttidje Dualitäten, in eigen tum Iid)er 2$eife räum* 
tictj beftimmt. 9tuS biefem ©ebtet ftammen bie begriffe ber 
^atbc, beä SdjatteS, beä SHaumeä itnb oiele anbete. ;Der 33egriff 
beä ©uten aber fjat nidjt frier feine Duette. Gs ift teidjt ju 
etfenueu, bajj et, wie ber bes Söafjren, ber ifjm als »erroanbt mit 
91edjt jur Seite geftettt roirb, ben anfajautidjen JOorfteHungen 
pftjdjifdjen 3nl)oß8 entnommen ift. 

19. 3)er gemeinfante Eijaraftetjug alles Spftjdjifdjen tieftet)! 
in beut, 10a? man tjäufig mit einem leibet jetjr mifjtierftäublidjen 
Stuäbrnd Jöeraufitfeiu genannt Ijat, b. I). in einem Jubjettifdjen 
SSerijaften , in einet, rote man fie beseidjnete, intentiouaten 
33ejiet)ung $u ctroaS, tuaS triettciajt nidjt roirflid), aber botfi inner* 
tidj gegen ftänblid) gegeben ift ia . Sein £ören oljne ©etjörteä, 
fein ©tauben otjnc ©cglaubtcS, fein ©offen ofjne ©eljoffteä, fein 
©treten obne GrftrcbteS, feine Jrcube olme etron§, roorüber turnt 
flu) freut, unb fo im übrigen. 

20. 23ie bei ben Sfnfdja innigen mit pijnfiftfjem 23orfteCtung§= 
inljalt bie ftnntidjcn Dualitäten, fo jetgen bei benen mit 
pftjdjifdjem Sutmtt bie tntentienaten Regierungen mannigfaltige 
Unterfdjiebe. Unb toie bort iiarfj ben tief g reif enbften Uuterfdjieben 
bcr fiiui!id)eu Dualitäten (bie .£etmt)ol? Uuterfdjiebe ber SDobalität 
genannt fjat) bie $abl ber Sinne, fo roirb £)iet nad) beit tief' 
greifenbften Uuterfdjieben ber inteutionateu Rejiefjung. bie $o.$l 
bet ©ruubflaffen ber pftjdjifdjeu $f)änomcne feftgcftetlt 3( 

SDanadj giebt es brei ©runbftaffen. SeScarteS in feinen 



— 15 - 

SJlebitationen 21 Ijctt fie juerft richtig unb t>oHftänbig aufgeführt; 
aber auf feine Semetfungen würbe nidfjt genügenb geartet, unb 
fie waren balb ganj in SBergeffenljeit geraten, big in neuefter 3eit 
bie SE^atfadjje unabhängig von tym wieber entbedft würbe, ©ie 
barf wol)l ^eutjutage als ^inreidjenb gefiebert gelten 22 . 

2)ie erfte ©runbflaffe ift bie ber SSorfteHungen im weitefien 
©tnn* be3 SBorteS (©eScarteS' ideae). ©te umf afet bie fonfret 
anfdfjaulidfjen SBorftellungen, wie fie uns j. 23. bie ©inne bieten, 
ebenfo wie bie unanfdfjaulidjjften Segriffe. 

Sie jweite ©runbflaffe ift bie ber Urteile (©eäcarteS' judicia). 
£)ief e ^atte tnan t>or ©eäcarteä mit ben SSorfteHungen in einer 
©runbflaffe geeinigt gebaut; janadf) fym t>erftel man jum anbern 
3Me in biefen geiler. 2Kan meinte nämltdfj, baS Urteil befiele 
wefentltdjj in einem 3ufammenfefcen ober 33ejieljen von SBorftel* 
lungen aufeinanber. 2)aS war eine gröblid^e SSerfennung feiner 
wahren Utotur. Man mag SBorfteHungen sufammenfefcen unb auf* 
einanber bejietyen wie man will, wie wenn man fagt ein grüner 
Saum, ein golbener Serg, ein SSater von 100 Äinbern, ein greunb 
ber SBiffenf djaf t : folange unb fofern man mdfjtS weitere^ fyut, 
fällt man fein Urteil. 9ludj ift e3 jwar rtdfjtig, bafe bem Urteilen 
f owie audjj bem 33egeljren immer ein SBorfteHen ju ©runbe liegt ; 
nidfjt aber, bafe man babei immer mehrere SorfteHungen wie ©üb* 
jeft unb Sßräbtfat aufeinanber bejielje. ©oldjje3 gefdjjie^t wof)l, 
wenn iä) fage: ©Ott ift geredet; nidjjt aber, wenn id(j fage: e3 
giebt einen ©Ott. 

SBaS unterf dfjeibet alfo bie gälte, wo idjj nidjjt blofe oorfteHe, 
fonbern audfj urteile? — @3 fommt ^ier ju bem SBorfteHen eine 
jweite intentionale 33ejietyung jum oorgefteHten ©egenftanbe Ijinju, 
bie beS 2lnetfennen3 ober SBerwerfenS. 2Ber ©Ott nennt, giebt 
ber SSorfteHung ©otteä, wer fagt: e3 giebt einen ©Ott, bem 
©tauben an tyn 2lu3brucf. 

3$ barf nidfjt länger §ter verweilen unb tann nur t>erftd(jern, 



— 16 — 

bafe toenn irgenb etxoaä, biefer Sßunft §eute jeben 3roÄH <*u3 5 
fdfjtiefet. 33on fprad&lidfjer ©eite §at Mit lofidf) bic Siefultate bcr 
pfpdfjologifdfjen 2lnalt)fe beftätigt 28 . 

2)ie britte ©runbflaffe ift bie bcr ©emütsberoegungen im 
toeiteften Sinn beS SBorteä, oon bem einfadfjften 2lngemutet* ober 
2lbgefiofeenroerben beim btofeen ©ebanfen bis ju ber in Über* 
jeugungen grünbenben greube unb £raurigfeit unb ben oerroidf eltften 
^änomenen ber 2Baf)l von Svoeä unb Mitteln. Slriftotcleö 
fdfjon ijaüt alles ba£ alä o'e«£tg jufammengefafet. 2)e£carte$ 
fagte, bie Älaffe begreife in fidf) bie voluntates sive affectus. 
2Benn in ber weiten ©runbflaffe bie intentionale Sejie^ung ein 
Stnerfennen ober üBermerfen war, fo ift fie in ber britten ein 
Sieben ober Raffen ober (mie man fidE) ebenfo richtig auäbrücfen 
fönnte) ein ©efatten ober 9Jtifefatten. ©in Sieben , ein ©efaHen, 
ein Raffen, ein -Dftfef allen fjaben mir in bem einf äfften 9ln* 
gemutet * unb Stbgeftofeenroerben, in ber fiegreidfjen greube unb 
oerjroeifelnben Xraurigfeit, in ber Hoffnung unb $urdjt unb 
ebenfo in jeber 33ett)ätigung beä 2BilIen3 oor unS. „Plait-il?" 
fragt ber granjofe; „e£ tyat ©Ott gefallen" lieft man auf ben 
£obe£an jeigen ; unb ba3 „Placet", ba£ mau beftätigenb unter- 
f treibt, ift ber fpradfjlidfje 2lu3brucf be£ entfdfjeibenben 2Bitten£* 
betretet 24 . 

21. SBenn mir bie s $t)änomene ber brei klaffen miteinanber 
Dergleichen, fo finben mir, bafe bie beiben legten eine Analogie 
jeigen, bie bei ber erften fef)tt. 2Bir fyaben einen ©egenfafc ber 
intentionalen 33ejief)ung ; beim Urteil 2lnerfennen ober SBerroerfen ; 
bei ber ©emüt£tt)ätigfett Sieben ober Raffen, ©efallen ober -Dttfc 
fallen. 33eim SBorftellen finbet fidjj md)t3 $bnlidf)e£. %<$) fann 
rooljl ©ntgegengefefcteä oorfteHen, mie 5. 33. Sdfjmarj unb SBeife; idfj 
fann aber nidjjt baäfelbe Scfyroarä in entgegengefefcter SBeife oor- 
ftellen, mie id) e3 in entgegengefefcter Sßeife beurteile, je nadf)bem 



— 17 - 

idj barem glaube ober e£ leugne ; unb mit bem ©emüt miä) ent* 
gegengefefct ju itjm oerljalte, je nad)bem es mir gefällt ober 
mifefättt. 

22. hieran fnüpft fidjj eine wichtige Folgerung. SBon ben 
Tätigkeiten ber erften klaffe fann man feine ridfjtig ober unrichtig 
nennen, dagegen nrirb bei ber jweiten Älaffe in einem jeben 
$att oon ben jmei entgegengefefeten 33ejie^ung^meifen be£ 3ln* 
erfennenS unb 5Berroerfen3 bie eine richtig , bie anbere unridfjtig 
fein, roie oon alt f)er bie Sogif geltenb madfjt. Unb $ljnlidfje3 
gilt bann natürltdfj audjj bei ber brüten Ätaffe. 3Son ben jtoei 
entgegengefefcten SBertyaltungäroeifen be3 Sieben^ unb &affenS, 
©efattenä unb -Dttfjfattenä ift in jebem $atte eine, aber nur eine, 
ridjtig, bie anbere unridjtig. 

23. igier finb wir nun an ber ©teile, too bie gefügten 
begriffe beS ©uten unb @(| legten, ebenfo nrie bie be3 SBa^ren 
unb galfd^en, ityren Urfprung nehmen. 2Bir nennen etroaä roaf)r, 
roenn bie barauf bejüglidje 2lnerfennung richtig ift 25 . 2Btr nennen 
ttxoaä gut, wenn bie barauf bejüglidje Siebe richtig ift. Sag 
mit richtiger Siebe ju Siebenbe, ba£ Siebroerte, ift ba$ ®uk im 
roeiteften Sinne be£ 2Borte£. 

24. 2)tefe3 f dfjeibet ftdj bann, ba atte3, roa£ gefaßt, tnt* 
roeber um feiner felbft ober um eines anbern mitten ge* 
fällt, roaS baburdj bewirft ober erhalten ober roaljrfdjeinlidj 
gemalt nrirb, in ba£ primär ©ute unb in ba£ fefunbär ©ute, 
b. ty. in baS, roa3 gut ift in ftdfj felbft, unb in ba3, roa£ gut 
ift um eines anbern mitten, wie bieS inSbefonbere beim -ftükttdjen 
ber $att ift. 

2)a3 in ftdfj &ntt ift baS ®ute im engeren ©inn. @3 attein 
fann bem SBaljren an bie Seite geftettt werben. £)enn atteä, 
roaS roai)t ift, ift xodtyx in fidfj, wenn e§ audfj mittelbar erfannt 

Brentano, S3om Urfprung flttl. Grfenntntö. 2 



- 18 — 

wirb. 2Benn mir im folgenben von „gut" fpred&en, fo Ijaben 
wir, wenn mir nidfjt auäbrüdflidfj ba3 ©egenteil bemerfen, immer 
ein in fidjj felbft ©uteS im 2luge. 

©o wäre ber Segriff be3 ©uten geflärt 26 . 

25. Slber nun bie nodfj nridfjtigere $rage: wie erlernten wir, 
bafe etroa3 gut ift ? ©offen wir f agen : roa% immer geliebt roirb 
unb geliebt werben fann, ift liebwert unb gut? Offenbar wäre 
bieä nidfjt richtig ; unb e£ ift fdfjier unbegretf lidfj, wie manche trofc* 
bem in folgen Srrtum verfallen finb. £)er eine liebt, xoa& ber 
anbere ^afet; unb nadfj einem befannten pfpd&ologifd^en ©efefe, 
an roe(dfje3 mir fymte fdjjon einmal rührten, gefdfjieljt es oft, bafc 
einer, voa$ er junädfjft nur a(3 2Kittel ju anberem begehrt §at, 
aus ©eroot)nf)eit fdjliefelidfj um feiner felbft willen begehrt; wie 
benn ber ©etjfjalS baju fommt, in finnlofer Steife SReidjjtiimer 
anhäufen unb fidjj felbft bafür ju opfern. 9llfo baS nrirflid(je 
SSorfommen ber Siebe bejeugt feineätoegä oljne weiteres bie Sieb* 
toürbigfeit, wie ja audj baS nnrflidSJe 3lnerfennen feineämegS o^ne 
weiteres bie SBa^rljeit beroeift. 

3a man mödfjte fagen, jenes fei nodf) fidjjtlidfjer ; ba eS faum 
oorfommt, bafe einer, ber etwas anerfennt, e£ sugleicf) felbft für 
falfdfj Ijält, roäljrenb e£ ntdfjt feiten gefdfjieljt, baf$ einer fidfj, 
voäf)xmb er etrotö liebt, f eiber fagt, bafe e£ foldjje Siebe nidfjt 
oerbiene. 

„Scio meliora proboque, 
Deteriora sequor." 
SBie alfo f offen mir ernennen, bafe etwas gut ift? 

26. Sie ©adfje fdfjemt rätfetyaft, aber baS SRätfet flnbet 
eine feljr einfädle Söfung. 

33li<fen mir, um bie Antwort oorjubereiteu, nod) einmal 
t)om ©uten auf baS Sßatyre hinüber! 

9Zid^t alles, was wir anerkennen, ift barum wafjr. SBir 



— 19 - 

urteilen oielfadjj ganj blinb. SJland&e SSontrteile , bie wir fo* 
jufagen mit ber SMuttemutdfj eingefogen, fielen uns wie im* 
leugbare Sßrincipien feft. 3u cxnbern eben fo blinben Urteilen 
fyaben ade 2Kenfcf)en t>on -Jiatur eine 2lrt inftinftioen ©rang, 
wie fie j. S. btinblingä ber fogenannten äußeren SBa^r* 
neljmung unb bem frifd^cn ©ebädfjtniS vertrauen. 3Ba3 fo an- 
erfannt wirb, mag oft waljr fein; es fönnte aber junädjjft audjj 
ebenfogut falfd^ fein, benn baS anerfennenbe Urteil ift burdfj 
nid^tö afö richtig djarafterifiert. 

£)ie3 ift bagegen bei gewiffen anbern Urteilen, bie man im 
Unterfdfjieb oon jenen blinben „einteudjtenbe", „eoibente" Urteile ge* 
nannt §at, ber gaH, wie beim ©afee be£ 2Biberf:prud(j3 unb bei 
jeber fogenannten innern SBa^rne^mung , bie mir fagt, baß idj 
jefct ©dfjall= unb garbenempfinbungen Ijabe unb ba3 unb ba3 benfe 
unb will. 

SBoritt befielt nun ber wefentlid&e Unterfdjieb jwifdjjen 
jener nieberen unb biefer polieren Urteiföweif e ? ift e£ ein 
Unterfdjieb beS ÜberjeugungägrabeS ober etwas anbereS? @tn 
Unterfdjieb beS ÜberjeugungägrabeS ift es ntdjjt; bie inftinf tben 
unb blinb*gewotyn§ett£mäJ3igen 2lnna^men finb oft ntdfjt im aller* 
minbeften t)om Zweifel angehäufelt, unb mandfje wirb man fogar 
bann nidfjt los, wenn man fdjjon ifjre logifdfje Unberedjtigung 
einfielt. 2lber fie werben in bunflem ©rang gefällt; fie tyaben 
nid&tS oon ber Älartyett, weldjje ber bereit Urteitewetfe eigen ift. 
SBirft man bie 3* a 9 e auf: warum glaubft bu benn baS eigene 
lidfj?, fo wirb ein vernünftiger ©runb oermißt. SBBärbe man 
biefelbe $rage bei einem unmittelbar etribenten Urteil aufwerfen, 
fo wäre wof)l audfj l)ier feine 33egrünbung ju geben; aber bie 
grage würbe angeftdfjtS ber Älartjeit beS Urteils gar mcf)t me^r 
am Sßlafee, ja gerabeju läcf)erlid(j erfdfjeinen. Seber erfährt ben 
Unterfdjieb jwifdfjen ber einen unb anbern Urteilsweife in fidfj; 



— 20 - 

in bem iginweiä auf tiefe ©rfa^rung mufe, wie bei jebem 33e* 
griff, bie lefcte SSerbeutlidjung befielen. 

27. £aS atte£ ift ber Jpauptfadje nadj atigemein befannt 27 
unb wirb nur t>on wenigen unb nidjt o^ne grofee Snfonfequenj 
beftritten. SSiel weniger Ijat man bie £tyatfad&e eine3 analogen 
UnterfdjiebS äwifdjen Ijö^erer unb nieberer 2:§ätigfeit auf bem 
©ebiete be3 ©emüteS, beä ©efattenS unb SKifefattenS, beamtet. 

Unfer ©efatten unb 2KiJ3f allen finb oft, ganj ä^nlic^ wie 
bie blinben Urteile, nur inftinftbe ober gewohnheitsmäßige triebe, 
©o ift e£ bei ber Stift be3 ©eijigen an ber 3ln^äufung be3 
©elbe3; fo bei ber mädjtigen Suft unb Unluft, weldje fid^ 
ben 9Kenfdjen wie ben Vieren an baä ©rfdjeinen gewiffer 
finnlidjer Dualitäten in ber ©mpfinbung fnüpfen ; unb babei per* 
galten — wie e£ namentlidj bei ©efcfjmäcfen auffällig ift — 
oerfdjiebene ©pecieS unb audj Qnbioibuen fidj oft in entgegen* 
gefefeter SBeife. 

5ßiete Sßtyilofopljen, unb barunter fel)r bebeutenbe Genfer, 
fyaben biefe Sßeife beä ©efattenS, weldje nur ben niebrigeren @r* 
fdjeinungen ber Älaffe eigen ift, allein beamtet unb fyaben e$ ganj 
überfein, bafe e3 audj ein ©efatten unb -Dftfjfallen Ijöljerer 2lrt 
giebt. Saoib £ume j. 23. geigt fojufagen in jebem 2ßorte, bafe 
er gar feine 2ltynung t>on ber Gjiftenj bief er Ijötyeren Älaffe f)at 28 . 
3a wie allgemein ein foldjeS Überfein ftattfanb, ba3 geigt fidj 
barin, baf$ bie Spraye feinen gebräudjlidien 3lamm für fie bietet 29 . 
2)a3 $aftum ftefjt nidjtöbeftoweniger feft; erläutern wir eS furj 
burdj ein paar Seifpiele! 

2Bir fyahm, fagten wir ehm, von -Jtatur ein ©efatten an 
gewiffen ©ef djmäcfen unb einen SBiberwitten gegen anbere ; beibeä 
rein inftinftio. 2Bir §aben aber aui) oon JJatur ein ©efatten 
an flarer ©infidjt unb ein 2KiJ3fatten an Irrtum unb ttnwijfen* 
fjeit. „Sitte 9Kenfdjen", fagt 2lriftoteleä in ben fdjönen gingang^ 



— 21 — 

Worten ju feiner 3Jletap§t)fif 80 , „begehren t>on Statur na<$ bem 
2Biffen." 3)te8 Sege^ren ift ein 33eifptel, baä un£ bient. (Sä 
ift ein ©ef allen t>on jener Ijö^eren $orm, bie ba3 31 n a 1 o g o n ift 
oon ber ©oibenj auf bem ©ebiete be3 Urteifö. $n unfercr 
©pecieS ift e£ allgemein; würbe e£ aber eine anbere ©peaeä geben, 
wef^e, wie fie in Sejug auf (SrnpfinbungSinfjalte anberä afö mir 
beoorjugt, im ©egenfafce ju uns ben S^twwt als folgen Hebte 
unb bie ©infid^t ^afete: fo mürben mir gemife nidfjt fo mie bort 
fagen: ba§ ift ©efd&madäfadfje, „de gustibus non est dispu- 
tandum"; nein, mir mürben tyter mit ©ntfdfjiebentyeit erklären, 
folcfjeä Sieben unb Raffen fei grunbt>etfetyrt, bie ©pecieä 
fyaffe, ma3 ungmeifel^aft gut, unb Hebe, votö unjmeifetyaft 
fd)ted)t fei in fid) felbft. — 2Barum tyier fo unb anberS bort, 
mo ber ©rang gleid^ mädjjtig ift? — ©etyr einfadfj! ©ort mar 
ber ©rang ein inftinf tioer £rteb ; §ier ift ba3 natürliche ©efallen 
eine t)öl)ere afö richtig djarafterifierte Siebe. SBir bemerfen alfo, 
inbem mir fie in un3 finben, baf$ if)r Dbjeft nidfjt blofe geliebt 
unb Hebbar unb feine Sßrioation unb fein ©egenfafc gefaßt unb 
^afebar finb, fonbern aud), bafe ba3 eine Hebenämert, ba3 anbere 
Ijaffenämert, alfo ba£ eine gut, ba3 anbere fdfjtedf)t ift. 

@in anbereä 33eifpiel ! SBir geben, mie ber @infid)t oor bem 
Srrtum, fo, allgemein gefprodjen, ber greube (menn eS ntd&t 
gerabe eine greube am ©d(jled()ten ift) vor ber Sraurigfeit ben 
SBorjug. SBenn es SBefen gäbe, meldte §ier umgefetjrt beoor* 
jugten, fo mürben mir bte£, unb mit Stecht, afö ein t>erfel)rte3 
SBertyalten bejeidfjnen. @3 finb eben awfy ^ier unfere Siebe unb 
unfer igafe al$ richtig cfjarafterifiert. 

©inen britten gaU bietet bie richtige unb ate richtig dfjaraf* 
terifierte ©emütätljätigfeit felbft. 2Bie bie 9lidf)tigfett unb @oi* 
benj be£ Urteil, fo jä^lt barum aud) bie 9tid)tigfett unb ber 
Ijötyere ©fjarafter ber ©emütsttyätigfett felbft ju bem ©uten, mä^ 
renb bie Siebe jum ©djjledfjten felber fdfjled&t ift 81 . 



— 22 — 

Unb um audfj in 23ejug auf ba$ ©ebiet beg Sßorftettcn^ 
bie entfpredjjenben ©rfaljrungen nid£)t unberührt ju laffen, fo 
geigt ftd^ §ier auf biefelbe SBeife, bafe jebeS 33orftetten in ftdfj felbft 
etwaä ©uteS ift unb bafe mit jeber Erweiterung be3 SSorftellungS* 
lebend — von allem, was fid^ t>on ©utem ober ©d&ledjtem baran 
fnüpfen mag, abgefetyen — ba£ ®ute in un3 vermehrt wirb 82 . 

£ier alfo unb au£ folgen Erfahrungen einer als ridfjtig 
dfjarafterifierten Siebe entfpriugt uns bie ©rfenntniS, baf$ etwas 
wafyrfjaft unb unzweifelhaft gut ift, in bem ganjen Umfange, in 
beut wir einer foldfjen fätjig finb 88 . 

®tnn baS allerbingS bürfen wir uns nidfjt oer^eljlen: wir 
Ijaben feine ©ewätyr bafür, bafc wir von allem, was gut ift, 
mit einer als ridfjtig dfjarafterifterteu Siebe angemutet werben. 
2Bo immer bieS nidf)t ber Sali ift, oerfagt unfer Kriterium, unb 
baS ®ntt ift für unfere ©rfenntnis unb praftifd^c Serüdf* 
fid£)tigung fooiel wie nidfjt oorfjanben 84 . 

28. 216er nidjjt eines, trieleS ift, was wir fo als gut 
erfennen. Unb baljer bleiben biegragen: weldfjeS ift unter bem 
®utm unb inSbefonbere unter bem erreichbaren ©uten baS 
SBeffere? unb weldfjeS baS työdjjfte praftifdfje ©ut, bamit es als 
3wedf mafjgebenb werbe für unfer iganbeln? 

29. fragen wir atfo junädfjft: wann ift etwas beffer als 
etwas anbereS unb wirb als beffer von uns erfannt? unb was 
Reifet baS überhaupt: baS „Seffere"? 

Sie Antwort ift offenbar vorbereitet; bodij nidf)t fo, baf$ 
nidfjt ein natyeliegenber Saturn auSjufdfjltefeen bliebe. SBenn 
„gut" baS ift, was wert ift, um feiner felbft willen geliebt ju 
werben, fo fdfjeint „beffer" baS, was wert ift, mit größerer 
Siebe geliebt ju werben. 2lber ift bem wirflidfj fo? — SBaS 
foH baS fagen: „mit größerer Siebe"? — SRäumlidfje ©röfee?, 
baran benft man wot)l nidjjt; nadfj ©dfjuljen unb 3oHen wirb 
man ein ©efaHen unb SKifefaHen nidjjt leidet meffen wollen. 



— 23 - 

2)ie ^ntcnfität beS ©efallenS, nrirb einer trielleidjjt fagen, bie 
nenne idf) bie ©röfee ber Siebe, 2)anad(j würbe alfo baS Seffere 
baS fein, maS mit intenftoerem ©efaHen gefallen foH. 2lbcr 
baS wäre eine Seftimmung , in .welker, nätjer befe^en, bie 
gröfeten Ungereimtheiten befd^Ioffen lägen, ©cmadj wäre in 
jebem einjelnen galle, wo man fidfj über etroaS freut, nur ein 
gettriffeS 9Jta{3 ber $reube geftattet; toäljrenb idfj bodfj meinen 
foHte, es fönne unmöglidfj üermerflid(j fein, toenn man fidf) über 
etroaS, was ttrirflid} etroaS ©uteS ift, fo fe^r als möglidj unb, 
nrie man ju fagen pflegt, von ganjem £erjen freue, ©dfjon 
SDeScarteS bemerft, ber 2lft ber Siebe (wenn überhaupt auf 
©uteS gerietet) fönne nie ju intenfit) fein 85 . @r Ijat offenbar 
red&t. %m anberen gaHe, bei ber ©nblid^feit unferer pfpdfjifdfiert 
Äraft, toeldie 33e^utfamfeit märe mdfjt geboten! ©o oft man 
ftcf) über etroaS ©uteS freuen wollte, muffte man immer ängftltdjj 
Umfdfjau galten über alles, maS es fonft nodfj ©uteS giebt, 
bamit man ja baS 3Kafe ber Proportion jur ©efamtfraft in 
feiner Sejteljung rerlefce. Unb xotnn einer an einen ©Ott 
glaubt unb unter ifym baS unenbltdjje ©ut, baS Qbeal aller 
Sbeale oerfteljt, fo muffte er, ba er if)n wenn audEj oon ganzer 
©eele unb mit allen feinen Gräften, bod^ immer nur mit einem 
enblidf) intenfiuen 9lfte ber Siebe lieben fann, alles anbere ©ute 
mit unenblidfj Heiner Qntenfität ober — ba bieS unmöglich ift — 
eigentlich gar nidfjt lieben. 

2)aS alles ift offenbar abfurb. 

30. Unb bodfj mufe man fagen, baS 33effere fei baSjenige, 
maS mit Siedet mefjr geliebt werbe, maS mit dteä)t metyr gefalle; 
aber in ganj anberem ©mne. 2)aS „me^r" bejietyt fiel) nidfjt 
auf baS ^ntenfitätSoertjältniS jroeier 2Kte, fonbern auf eine 
befonbere ©pecieS oon 5ßl)änomenen , bie jur allgemeinen Älaffe 
beS ©efaHenS unb 3KifefaHenS gehört, nämltdfj auf bie Sßfjäno* 
mene beS SBorjieljenS. @S fütb bieS bejtetyenbe 3lfte, bie in 



— 24 - 

ifjrer (Sigentümlidf)feit jebem au$ ber (Srfaljrung Mannt finb- 
2luf bem ©ebiete be3 5BorfteHen3 gtebt es nidfjtS analogem. 2luf 
bem ©ebiete be£ Urteile fyaben mir rooljl neben ben einfachen, 
fubjeftlofen Urteilen präbicierenbe Urteile unb in tynen be* 
jieljenbe 2lfte ; aber biefe $tynlid(jfeit ift eine feljr unüoHfommene. 
©a£ $l)nlicf)fte, roaS Ijier t>orfommt, ift roo^l bie (Sntfdjjeibung 
über eine biate? tif ä) vorgelegte grage : ift ba§ roaljr ober falfd^? , 
roo bem einen t>or bem anbern eine 3lrt SBorjug gegeben wirb, 
©odfj immer nur wie einem Sßaljren t>or einem $a(fdjen, nie 
wie einem mefjr t>or einem minber äßaljren. SBaä roatyr ift, ift 
eben alles gleidfj roaljr, roa£ gut ift aber, mdf)t alles gleidi) gut, 
unb ba3 „33effere" befagt nidjtö anbereä als ba£ gegenüber 
anberem Outen SBorjüglicije, alfo ba£, roa£ etroaS ©utem um 
feiner felbft mitten mit nötiger 33et)orjugung oorgejogen roirb. 
©in etroaä weiterer ©prad&gebraudfj geftattet e£ übrigen^, audfj 
ba3 &ntt gegenüber einem <5df)(edfjten ober fd&ledfjtljin 3Jn= 
bifferenten, ja ein ©d&ledfjteä gegenüber bem nodfj ©d£)ledfjteren 
„beffer" ju nennen. @£ ift — fagen mir bann — jroar audfj 
nidfjt gut, aber bod) beffer afö jeneä. 

£)a3 alfo in Äürje jur (Srflärung be3 33egrtff3 be£ 33efferen. 

31. Unb nun jur $rage: wie ernennen mir, bafe etroa3 
mirflid^ ba3 33effere fei? 

©ie einfadje ©rfenntniä al£ gut unb fdfjledjt t)orau3gefe§t, 
fd&einen mir — bie Analogie legt e3 nalje — - biefe einfielt au£ 
genriffen Slften be3 33orjief)en3, bie al£ richtig dfjarafterifiert finb, 
ju fd)öpfen. Qenn wie bie einfache 33etf)ätigung be£ ©efattenä, 
ift audf) ba£ SBorjietjen tetl£ nieberer 9lrt b. Ij. triebartig, tetlä 
Ijötyerer 2lrt unb, analog bem eoibenten Urteil, al3 richtig a\\& 
gejeid^net. ©odfj finb bie betreffenben gätle fo bef Raffen, baf$ 
mandfjer, unb oielleidit mit befferem $Kedf)te, fagen möd&te, 
bafe l)ier analijtifdEje Urteile ba3 SDtittel be3 gortfdfjrittä 
mürben unb baf$ bie 33eoorjugungen , ftatt ©rfaljrungäquette 



— 25 — 

ber SBorjügfidjfeit, oielmefjr barum a(3 richtig d&arafteriftert 
feien, weit fie bie fd&on erfannte SSorjüglid^feit mafegebenb 
werben liefeen 36 . 

&iert)er gehört offenbar oor allem (1.) ber gall, wo wir 
etwaä ©uteä unb als gut (SrfannteS etwaä ©dfjledfjtem unb aU 
fdfjledftt ©rfanntem oorjteljen. 

&ann aber (2.) ebenfo ber galt, wo wir bie @£iftenj eines 
als gut ©rfannten feiner 9tidfjte£ifienj oorjieljen ober bie 9liü)U 
epftenä eines atö fdfjledjjt ©rfannten feiner @£tftenj oorjieljen. 

Siefer gaH begreift eine SReitje von widrigen gäHen unter 
fidf); fo ben gatt, wo wir ein ©ute£ rein für fidf) bem gleiten 
®ute\\ mit SBeimifdfjung von ©df)led£)tem, bagegen ein ©dfjled)te3 
mit 33eimifdf)ung von ©utem biefem felben ©dfjled&ten rein für fidjj 
rorjie^en. Unb weiter gehören barunter aud) nodfj bie gälle, wo 
wir ba3 ganje ©ute einem Xeil be3 ©uten, bagegen einen Xeil beä 
©d^Ied^ten bem ganzen ©d^ted^tcn oorjiefjen. ©djjon 2lriftotele3 
tybt e3 Ijeroor, baf$ bei ©utem bie Summe immer beffer fei 
al£ ber einjctne ©ummanb. ©in foldfjer %aß, von ©ummierung 
Hegt anä) oor bei längerer Sauer. Sie gleite greube, weldjje 
eine ©tunbe wätjrt, ift beffer alä bie, weldfje im 2Iugenbli<f er* 
lif ä)t 2Ber bieg, wie ©pifur, wenn er uns über bie ©terbüdfjfeit 
ber Seele tröften will, leugnet, ben fann man leidet ju nodf) 
auffaHenberen Ungereimtheiten führen. 2lud(j bie Sßein einer 
©tunbe würbe ja bann mdjjt fdfjledfjter als bie Sßein eines 
2lugenblicf3 fein. Unb fomit ergäbe fidfj aus beiben ©äfcen 
jufammen, bafe ein ganzes Seben ooH greube mit einem einzigen 
2lugenbli<f ber Sßein einem ganjen 2then ooH 5ßein mit einem 
einzigen 2Iugenbltcf ber greube nidfjt twrjujietjen wäre. 2)a3 aber 
ift zixotö, wooon wie jebe gefunbe Vernunft, fo inSbefonbere 
unb auSbrüdftidf) gerabe and) ©pifur baS ©egenteil behauptet. 

@in bem oorigen innigft oerwanbter ^aH ift (3.) ber, 
wo ein ®nte& einem anbem ©uten oorgejogen wirb, weites 



- 26 - 

jroar nidjjt einen £ei( oon tym bilbet, ober einem feiner SJetle 
in jeber £inftdf)t gleidfj ift. SKidjjt blofe ju bemfelben, audfj ju 
einem in jeber £inftd(jt gleiten ©uten ein ©uteS fügenb, be* 
fommt man in ber Summe ein 33effere£. analoges ergiebt ft<#, 
wenn man ju einem gleiten ©dfjledjten ein anbereä ©djjledjjteS 
^injugefügt benft. 2llfo 5. 33. xoenn einer ein fdf)öne3 ©emälbe 
einmal ganj, ein anbereä -Kai in ganj gteidfjer 2Beife nur 
einem £eile nadfj ju feljen befommt, fo ift ba3 erfte ©eljen in 
fid) genommen etroaä 33effere3. Ober xoenn einer einmal etroa£ 
©ute3 oorftetlt, ein anbereä SDtal e3 nid^t blofe (unb jroar ganj 
ebenfo tjottfommen) üorftefft , fonbern audfj liebt , fo ift biefe 
©ummc pft)dfjifdf)er 2lfte etroaS 33effereS. 

3u biefem britten gaUe gehörig unb im befonberen nodj 
erroäljnenäroert finb au<$) bie $älle be§ @rabunterfdf)iebe3. 3fi 
ein ©uteä einem anbem, alfo j. 33. eine $reube einer anbern, 
in jeber fonftigen 33ejiel)ung ganj gtetdf), baä eine aber intenftoer 
at£ fca3 anbere : fo ift bie 33et)orjugung, bie ba3 ^ntenftoere oor= 
jieljt, a(3 richtig dfjaraf terifiert ; baS Sntenfioere ift ba3 33ef[ere. 
ttmgefefjrt geigt fidfj, bafe ba3 intenfioere ©djled&te, alfo j. 33. bie 
intenftoere $ein, ba£ ©c^Ied^tere ift. 2)er ©rab ber Qntenfität 
entfprtdf)t nämlidfj iljrem 3lbftanbe t)om -ytutlpunf te , unb ber 
Slbftanb ber ftärferen Sntenfität t)om 9hittpunfte fefet fiel) au& 
ifjrem 2lbftanbe von ber fdfjroädfjeren ^ntenfität unb bem 216* 
ftanbe biefer oom 3?ullpunfte jufammen. 9Kan §at e£ alfo 
(xoa§> beftritten rourbe) roirfüdf) mit einer 2lrt Slbbition ju ttyun. 

32. 33ielleidfjt benft mancher bei fidfj, bie brei $ä(le, bie 
tdf) ba oorgefütyrt, feien fo felbftoerftänblidfj unb unbebeutenb, 
bafe er fidf) wunbern muffe, marum tdf) überhaupt babei oerroeile. 
©etbftoerftänblidf) finb fie nun atterbtngä, muffen e3 aber audlj 
rooljt fein, ba mir ja Ijier oon bem, roa$ ©runblage werben foH, 
^anbeln. Stummer märe e3, menn fie unbebeutenb mären, 



- 27 - 

benn — gefiele id() e3 nur offen — idjj §abe faum einen weiteren 
gatt beizufügen; in allen ober bodjj ben atfermeiften fällen, 
bie mdfjt barunter begriffen finb, aerfagt uns gänjlid^ jebe3 
Kriterium 87 . 

■Keimen wir ein Seifpiel! 3ebe (Sinfidfjt, fagten wir, ift 
etroaä in fidfj ©uteä, unb jebe eble Siebe ift ebenf o etwa3 ©ute3 
in ftdjj. 33eibe£ erfennen wir flar. 2lber wer fagt uns, ob 
biefer 2Cft ber ©infidjt ober jener 2lft ebler Siebe in ftdfj ba£ 
93effere fei? — <S$ f)at atlerbmgS nid)t an Seuten gefehlt, bie 
t)ier aburteilten; ja mand&e fyaben fogar behauptet, fidler fei 
jeber 2Wt ebler Siebe in ftdfj felbft ein fo IjofieS Glut, bafc er, in 
fid£) genommen, beffer fei afö alle wiffenfdfjaftltdjje ©infidjt 
inägefamt. 9Mne3 @radjten3 ift bieS nidjjt blofe nid^t fidler, 
fonbern gerabeju abfurb. Qenn ber einjelne eble Stebeäaft 
bleibt, fo wertuotf er immer fei, ein enblidjjeä ©ut. (Sin 
gewiffeä enblidjjeS ©ut aber ifl audfj jebe (Sinfidfjt. Unb vomn 
idj biefe enblidjje ©röfee in beliebiger 9Kenge ju ftdjj felbft abbiere, 
fo mufe bie ©umme jebeä gegebene enblid&e 2KaJ3 von ©üte 
einmal überfdfjreiten. ^Slaton unb 3triftotele3 waren umgefefjrt 
geneigt, bie 2lfte ber (SrfenntniS in fidfj betrautet im allgemeinen 
f)öf)er ju ftetfen als bie 2lfte etyifdfjer £ugenb; audfj bieg gewife 
unberechtigt, unb idfj erwähne e3 nur, weil biefer ©egenfafc 
ber 9lnfidfjten ein beftätigenbeS «Setdfjen für ba§ SBerfagen be3 
Kriteriums ift. 2Bie fo melfadfj auf pfpdfjifdfjem ©ebiete 88 , 
finb un% audfj §ier eigentliche -Dtafebeftimmungen unmöglidfj. 2Bo 
nun bie innere SSorjüg lid^f eit mdtjt auSftnbig ju madfjen ift, ba 
gilt, wa3 mir in ctynlidfjer Sage von ber einfadjen ©üte 
fagten, — fie ift für unfere ©rfenntnte unb praftifdfje Serücf* 
fid^tigung fotriel wie nidfjt twrfjanben. 

33. ©S giebt &eute, weld&e im ©egenfafee $u bem, roaä bie 
Erfahrung mit ©tribenj erfennen läfet, behaupten, nur Suft fei ein 



— 28 — 

©ut in ftdjj, unb bie Suft fei ba§ ©ute. -Keimen wir einmal 
an, biefe 2lnftdf)t fei ridfjtig, würbe fidjj baran, wie mandje 
glaubten unb inSbefonbere Sentljam ju itjrer Empfehlung 
geltenb mad£)te 89 , ber 3SorteiI fnüpfen, bafe uns bann burdjjweg 
eine relatiue SBeribeftimmung ber ©üter gelänge, inbem wir 
nun nur homogene ©üter Ratten, weldfje eine 2fteffung aneinanber 
geftatteten ? — Sebe intenftoere Suft wäre ein größeres ©ut al£ 
eine tninber intenfwe, unb bie boppelt fo intenfwe an ©üte 
gletdfj jwei fjalb fo intenftoen; fo fätne bann Älarfieit in aHe3. 

@3 bebarf nur eines 9lugenblidfe3 ber Überlegung, um ben 
2Baf)n fotdfjer Hoffnungen ju jerftören. Rann man wirflidfj er* 
fennen, eine Suft fei boppelt fo grofe afö eine anbere? — ©djjon 
®au% 40 , ber fidfj bod^ auf ba£ -Steffen t>erftanb, Ijat bem wiber* 
fprodfjen. SRie fefct fidjj eine intenfbere greube au% jwölf 
minber intenfwen, bie als gleite Seife in tyr unterfd&eibbar 
wären, wie ber <5d)ut) au$ jwölf 3ollen jufammen. ©o t>erl;ätt 
fidfj'S alfo felbft in einf aperen fällen. 2Bie täd^crtid^ aber 
würbe fidfj einer erft madfjen, wenn er behauptete, feine Suft beim 
9taudfjen einer guten (Sigarre, 127 mal ober audfj 1077 mal 
ju fiel) felbft abbiert, gebe genau ba£ 3)la% ber Suft, weld&e er 
beim 2lnf)ören einer 33eett)ot)enf($en ©pmpfjonie ober beim 
2tnbltcf einer SRap^aeltfd^en -Dtobonna in fidfj erfahre 41 ! $<$ 
glaube, idf) Ijabe genug gefagt, unb brauche nid)t audf) nodf) auf 
bie Schwierigkeit, bie ^ntenfitäten oon Suft unb Sßein aneinanber 
ju meffen, f)injuweifen. 

34. 2llfo nur in fo befdfjränftem Umfange fd&öpfen wir 
aus unfern Erfahrungen eine ©rfenntnte beS in fidf) SBefferen. 

3$ begreife woljl, wie einer, ber bieS jum erftenmal 
erwägt, in 33eforgni£ gerät, bie wältigen Süden, bie tyier 
bleiben, müßten praltifd) im l)öd(jften ©rabe ftörenb werben. 
2)odfj wenn wir weiter f dfjreüen unb ba3 SBenige, xoa$ wir 



— ' 29 — 

Ijaben, rüftig ausbeuten, fo werben wir finben, wie bie füfyl* 
barften 3Kängel ftdf) glücflidjjerweife afö praftifdfj unfdjjäblici) 
erweifen. 

35. 2lu£ bem, waä wir von gäHen eineä ate richtig 
djarafterifterten 33et>orjugen3 anführten, ergiebt ftd& nämlid) ber 
mutige ©afc, bafe ba3 Seretdfj be3 fjödjjften praftifd&en (ButeS 
bie ganje unferer vernünftigen (Sinwirfung unterworfene Sphäre 
ift, foweit in itjr ein ©uteS verwirf lidfjt werben fann. SRtdSjt 
allein baS eigene ©elbft: bie gamüie, bie ©tabt, ber Staat, 
bie ganje gegenwärtige irbifdje Sebewelt, ja bie 3^n 
ferner Brunft fönnen babei in 33etrad£)t fommen. ©a3 aHe£ 
folgt au£ bem ©afee ber ©ummierung be3 (Buten. £)a3 ©ute 
in biefem weiten (Banken nad) 2KögHdfjfeit ju förbem, ba3 ift 
offenbar ber richtige Sebenäjwecf, ju welkem jebe &anbhmg 
georbnet werben fott; ba3 ift baS eine unb Ijödfjfte ©ebot, von 
bem alle übrigen afyanQen 42 . Sie ©elbftljtngabe, unb unter 
Umftänben bie ©elbftaufopferung , wirb fonadfj spftid^t ; ba£ 
gleiche ©ute, wo immer es fei (atfo audfj im anbem), wirb 
nacf) feinem SBerte (alfo überall gleicf)) ju lieben fein, unb 
■JKifegunft unb fc^eeler -Weib finb auägefdfjloffen. 

36. Unb nun fftefet, ba alles engere (Bute ju bem (Buten 
biefeä weiteften ÄreifeS in Qmdb^iz^imQ ju bringen ift, an§ 
utilttarifdfjen Erwägungen audfj Sidf)t in jene bunfeln ©ebiete, wo 
un£ früher für jebe SBa^l ber SKafeftab fehlte. SBenn 2lfte ber 
@iufidf)t j. 33. unb 2lfte ebler Siebe ftdfj in i^rem innern SBert 
nid&t aneinanber meffen tiefen, fo ift e£ jefet flar, bafe jebenfaHä 
feine ber beiben Seiten auf Äoften ber anbem gänjtidj vexnafy 
läffigt werben barf. £ätte einer alle @rfenntni£ unb feine eble 
Siebe, fyätte ein anberer alle eble Siebe unb feine ©rfenntniä: 
feiner von beiben würbe imftanbe fein feine SBorjüge im Sienfte 
be3 immer nod^ größeren folleftben ©uten ju verwenben. @ine 



— 30 — 

gewiffe Ijarmonifd&e ©ntwicfelung unb 33etljätigung Quer unferer 
eblen 2tnlagen fd&eint alfo unter biefem ©efid&t&punft jebenfattg 
baS ju ©rftrebenbe 48 . 

37. Unb weiter fommen wir, nad&bem wir fd&on fo mandje 
£iebe&pflid(jt gegen baä pd^fte praftifdje ©ut Ijenwrfeimen faljen, 
nun audj an ben Urfprung ber SRedjtöpflidjt. 35ie ^Bereinigung, 
welche eine Teilung ber 2lrbeit möglid(j mad(jt, fann allein bic 
Sebingung für bie ©rreid&ung beä f)öd(jften praftifd^en ©uteS, 
wie wir e$ erfannt Ijaben, werben. ©o ift benn ber 2ttenfd& 
etl)ifd(j beftimmt jum Seben in ber @efeHfd(jaft. Unb leidet ift'8 
nad&weisbar, wie Ijier, bamit nid^t jeber für jeben meljr ftörenb 
afe förbernb werbe, ©renjen be3 freien SBaltenS einer jeben 
Sßerf önlidtfeit befielen muffen 44 , unb wie biefe ©renken (wie immer 
fidf) l)ier mand(je£ au% bloßer natürlid^er ©rwägung ergiebt) bodf) 
einer genaueren 33eftimmung burdj pofitioe Determination unb 
einer weiteren ©id^erung burdj bie unterftüfcenbe öffentliche ®e* 
walt bebürfen. 

Unb wie auf biefe SBeife bie natürlid^e ©rfenntnte ben $e* 
ftanb pofitioen 9ted)tä im allgemeinen forbert unb funktioniert, 
fo fann fie audj im befonbern ^orberungen ergeben, t)on beren 
@rfüttung ba$ s JJiaJ3 be£ ©egenä, ben bie SiedjjtSorbnung bringt, 
wefentlid^ abfängt. 

3n biefer Sffieife alfo giebt ober oerfagt bie fjödjfte Ärone, 
weldje bie 2Baf)rl)eit trägt, ben Sßerfen pofitioer ©efefcgebung 
üjre ©anftion, unb aus iljr jieljen fie ifjre wafjre binbenbe 
firaft 45 . 35enn, wie fdfjon ber alte $l)ilofopl) oon (SpljefuS in 
einem feiner ftnnfd&weren fibpllenäfjnlidjen ©prüdje fagt, „alle 
menf$lid(jen ©efefce nähren fi$ oon bem einen göttlichen" 46 . 

38. Slufjer ben ©afcungen, weld&e bie Siedjtägrengen betreffen, 
giebt eS in jeber ©efellfd&aft nod) anbere pofitioe Seftimmungen, 



— 31 — 

meldfje bie äßeife angeben, wie man fid^ innerhalb feiner SiedfjtS* 
fpfjäre ju benehmen, wie man über feine ^reiljeit unb fein ©igen* 
tum ju verfügen Ijabe. SDie öffentliche Meinung billigt pfeife 
©enerofität unb Ökonomie, jebeS an feiner ©teile, unb mißbilligt 
Xxäqfytit, ®eij, SBerfd&wenbung unb trieleS anbere. 3m ©efefc* 
budj finben fid(j bie SBorfd&rtften nidjt, aber im ^erjen be3 SBolfeS 
fte^en fie gefdfjrieben. Unb audj Sofyn unb ©träfe fehlen bei biefer 
Slrt t)on pofttü>en ©eboten nid&t; fie befielen in ben Vorteilen 
unb Stadtteilen guten unb fd&led&ten 9iufe3. £ier Ijaben mir fo* 
jufagen einen pofittoen Äobes ber ©ittlidftfeit, ber ben pofitfoen 
9iedf)t3fobeE ergänjt. 2tudfj biefeS pofüto ©ittlid&e fann nötige 
unb irrige Seftimmungen enthalten. Um wafjrfjaft üerpflidfjtenb 
ju fein, muß eS mit ben Regeln jufammenftimmen, bie, wie mir 
jut>or faf)en, burdf) bie SBernunft atö £iebe3pflidf)ten gegen ba3 
Ijödfjfte praftifdfje ©ut fidf) erfennen laffen. 

Unb fo ijaben mir benn mirflidf) bie gefugte natürlid&e ©anf* 
tion für red&t unb fittlid^ gefunben. 

39. %ä) üerroeile nidfjt babei, mie biefe ©anftion ftd(j mädfjtig 
ermeift. ©in jeber fagt fidf) gewiß lieber: id& betrage midf) 
ridfjtig, atö: idf) ijanble üerfefjrt. Unb feinem, ber etwas afö 
beffer erfennt, ift biefer Umftanb bei feiner SBaljl ganj unb gar 
gleichgültig. Sei einigen inbeS ift e3 wenigftenS annäljernb ber 
SJall, wäfjrenb für anbere biefeS 3Jfoment t>on twrjüglidfjftem ©e* 
mid&te ift. ©d^on bie Seanlagung ift Derfd&ieben, unb trieleS fann 
burdfj @rjief)ung unb eigene etl)ifd&e ^üijrung t>ert>oHfommnet 
werben, ©enug, bie SBaijrljeit fprid^t, unb wer immer aus ber 
SBaljrijeit ift, pret iljre ©timme. 

40. Sei ber SMelfjeit untergeorbneter Regeln, weldfje ber 
©riffel ber Statur felber in bie ©efefceStafeln eingräbt, finb, mie 
mir fa^en, utilitarifd^e 9tücffid(jten mafegebenb. 35a mir nun in 
t)erfdf)iebenen Sagen über t>erf$iebene 3ttütel verfügen, fo werben 



— 32 — 

auä) für t>erf dfjiebene Sagen t>erf fieberte fpecieHe SBorf dfjrif ten gelten 
muffen, ©ie fönnen gerabeju entgegengefefct lautm, of)ne natür* 
lidf), ba fie ja für Derfdfjiebene Umftänbe beregnet finb, beäfjalb 
wat)rl)aft wiberfpred(jenb ju fein. 3n biefem ©inne alfo wirb 
eine Sftelatitrität beä @tf)ifdfjen mit SRedfjt behauptet. 

S^ering Ijat fie t)en>orgef)oben 47 , aber ni$t, wie er ju meinen 
fd&eint, al£ einer ber erften. $Bielmet)r war bie Sefjre altfjer be* 
fannt unb würbe fdjon t>on ^ßlaton in feiner SRepublif geltenb 
gemadfjt 48 . Striftotele^ tyat fie in ber @tf)tf unb mit größtem 
■Jiad&brudf in ber Sßolitif betont 49 . 2ludfj bie ©dfjolafttfer gelten 
fie feft, unb in moberner 3^* fjaben felbft 2Jtänner t)on fo 
energifd^en etfjifdfjen unb politifdfjen Überjeugungen wie 33ent- 
fjam 50 fie nid^t geleugnet. $&mn bie ^anatifer ber franjöfifdfjen 
SHeüolution fie üerfannten, fo finb bodfj bie 93efonnenen unter 
if)ren Mitbürgern audf) bamalS folgern 9Ba^ne nidfjt verfallen. 
Saplace j. 35. in feinem Essai philosophique sur les probabi- 
lites giebt ber magren Sefjre gelegentlich 3eugni£ unb ergebt 
warnenb feine Stimme 51 . 

Unb fo f)at ber auägejeidfjnete $orfdf)er, ber unä ben ©eift 
be£ römifd&en Sftedjtä erfd&loffen unb bem wir aud& afe SSerfaffer 
be£ 3roecfe3 im Sftedfjt in trieler 33ejiel)ung gewiß jutn ©anfe 
verpflichtet finb, genau betrautet t)ier nidfjtä getfjan afe bie Setyre 
getrübt, inbem er fie mit einer wefentlidf) anbern unb falfdfjen 
SRelatitritätäletjre fonfunbierte. SRadfj biefer würbe fein ©afc ber 
@tf)if, aud) nid^t ber, bajs man baS 93efte be£ weiteften ÄreifeS 
beim £anbeln mafegebenb madjjen fotte, au3naf)m3lofe ©ültigfeit 
ijaben. $n ber Urjeit unb audfj. fpäter, lange 3af)rf)unberte Ijin* 
burdfj, wäre, wie er auäbrücflidfj behauptet, ein fofd(je3 SBerfafjren 
ebenfo unfittlidfj gewefen wie in fpätern ba3 entgegengefefcte. 
2Bir müjsten, in bie 3*iten ber 2Jtenfd(jenfrefferei jurüdfblidfenb, 
mit ben 2Jlenfd(jenfreffem unb nidjjt mit bem frnnpatfjifieren, ber 
etwa, innerlid^ feiner 3?ü t>orau3eilenb , fdfjon bamalä bie all* 




gemeine SRäd&ftenfiiJf geprebigt tyätte 62 . 35a3 finb Irrtümer, 
weWje nid(jt blojs bur$ bie pljilofopl)ifd(je SReflejion auf bie @r* 
fenntniSprincipien ber ©tljtf, fonbern aud^ bur<$ bie ©rfolge 
unferer dfjriftlidfjen 2Jtiffionäre fd&lagenb wiberlegt werben. 

41. (So wäre benn bie Satyn ju bem uns twrgefefcten 3tete 
burd&fd&ritten. 3^tweilig führte fie uns burdfj frembe, wenig 
betretene ©ebiete; julefct aber motten bie Siefultate, ju welken 
wir gelangten, im$ wie alte 93efannte anmuten, ^niem mir 
■Jtädfjftenliebe unb ©elbftaufopferung für SBaterlanb unb 2ftenfdf)* 
Ijeit afe Sßflidfjt erklärten, wiebertyolten wir nur, xoa% ringä um 
un$ oerfünbet wirb. Unb fo würben wir benn audf), wenn wir 
nod) mef)r in£ einzelne gingen, Sug unb Verrat unb 2Korb unb 
Unjudjt unb fo x>ieleö anbere, roaä als etijifdf) üerwerflid^ gilt, 
mit bem -ättafeftab ber t)on uns bargelegten ©rfenntni&principien 
gemeffen, ba£ eine af£ unredfjt, baä anbere al£ unfittlid^ oer* 
bammenSwert finben. 

35a£ alles bürfte un£ gewiffermafeen anheimeln, wie einen 
Seefahrer bie tmterlänbifd&e Äüfte, wenn er nadfj glücflidf) ooll* 
brad&ter Steife fie auftauchen fietyt, unb ber SRaudfj auffteigt aus 
ber altgewohnten @ffe. 

42. Unb gewifc, wir bürfen uns barüber freuen. S)ie fidlere 
Ätarljeit, mit ber fidfj alles baS ergiebt, ift für baS ©elingen 
unfereS Unternehmens ein gutes 3^^- ® enn tiefes 3ttoment, 
bie SBeife, wie eS fidfj ergiebt, ift natürlich babei baS atterwefent* 
lidfjfte. Df)ne fie, was fyätten wir f)ier cor anberen oorauS? 
2ludf) Äant j. 33., ber ganj anberS über bie ©rfenntmSprinapien 
ber @t^if lehrte, fe^en wir im weiteren Verlauf tnelfadf) ju ben 
bekannten 2luffteffungen gelangen. Silber was bei if)tn tjermijst 
wirb, ift ber ftrenge 3ufammenf)ang. ©d&on 93enefe §at gejeigt, 
wie man mit bem fategorifdfjen ^mperatio in ber Sffieife, wie 
Äant tf)n f)anbf)abt, für benfelben $all ©ntgegengefefcteS unb 

Brentano, 93om Urfprung fittl. GrfenntniS. 3 



— 34 — 

fomit alles unb nidfjtä betocifen fönne 58 . SBenn Rani nun trofc* 
bem fo trielfadfj glüdlid^ bei nötigen ©äfcen anfommt, fo muffen 
wir bieS wotyl barauf jurücf führen , baß er fdfjon Dörfer foldje 
Meinungen liegte. 2Bie ja audfj £egel, wenn er nifyt anberSljer 
geraupt fjätte, bafe ber £immel blau ift, e3 gewiß nid^t btateftifd^ 
a priori bebuciert §abm würbe. 33radf>te er e3 bo<$ ebenfogut 
fertig, bie bamalä geltenbe ©iebenjal)l ber Planeten barjutfjun, 
bie fjeutjutage längft t>on ber 2Biffenf$aft überfd&ritten ift. 

S)iefe ©rfd^einung alfo wäre leidet in ifyren Urfad&en vex* 
ftänblidfj. 

43. Silber ttvoaä anbereä fd&eint rätfelliaft. 2Bie fommt e£, 
baß bie gangbaren öffentlidfjen 3tteinungen in 93ejug auf fittlid& 
unb red^t f eiber in fo triefen Sejiefjungen afö ridfjtig fid& erweif en? 
SBenn ein Senfer wie $ant bie Duetten, au% weld(jen wirflid&e 
etljifdfje ©rfenntniS fliegt, nid^t gefunben fjatte: wie fönnen wir 
glauben, baß ba3 gewöljnlidfje SSolf bafjin gefangt fei, um au£ 
ifjnen ju f d&öpfen ? Sffienn aber bief e£ nid^t, wie fonnten fie, ber 
^ßrämiffen entbetyrenb, bie Folgerungen gewinnen? £ier tann 
bie ©rfd^einung offenbar ni$t barauS, baß bie richtige 2tnfidfjt 
fdfjon früher feftgeftanben, begriffen werben. 

35odfj auü) biefe ©d&wierigfeit löft fi$ in fefjr einfacher 
SBeife, wenn wir erwägen, wie gar trieleS in unferm @rfenntni£* 
fd&afce fidjj ftnbet unb in neuen @rfenntniffen frud^tbar erweifi, 
ofjne baß wir un$ ben ^ßroceß ju beutlid^em 33ewußtfein bringen. 

©ie muffen, wenn idf) bieg fage, in mir nidfjt einen 9lnf)änger 
ber famofen 5ßl)ilofopf)ie be$ Unbewußten oermuten. 3$ fpredfje 
f)ier nur von unleugbaren unb altbekannten SBßafjrfjeiten. ©o 
fjat man oft bemerft, baß bie 2Kenfd(jen ^aljrtaufenbe f)inburclj 
fd^on nötige ©djlüffe gejogen Ratten, of)ne ftdfj burd& StefUcgton 
ityr SBerfafjren unb bie Sßrincipien, weld&e bie formelle ©ültigfeit 
ber Folgerung bebingen, jur Älarfjeit ju bringen. 3a als 
Sßlaton juerft barauf reflektierte, tonnte e3 ifjm begegnen, baß er 



— 35 — 

eine gang fatfd^e £!>eorie auffteHte unb meinte, man Ijabe e3 bei 
jebem ©dfjfuffe mit einem ^Sroceffe ber SBiebererinnerung ju 
tf)un 54 . 2Ba£ man auf @rben waljrneljme unb erfahre, rufe @r* 
fenntniffe in3 ©ebädfjtnte jurüdf, bie man in einem oortrbtfdfjen 
Seben erworben, £eutjutage ift biefer Srrtum t>erfdjjwunben. 
216er immer nodf) tauten falfd&e £f)eorieen über bie ©rfenntnte* 
quellen ber ©püogiftif auf; wie benn j. 33. 2Ubert Sänge 55 fie 
in Slaumanfdfjauungen unb fpntljetifd&en ©äfcen a priori, 
SKejanber 33ain 56 in ber ©rfafjrung fud&t, bafe bie ©d&fujsmobi 
Barbara, Celarent u. f. w. fi$ bi£ jefct in jebem ftaU alä richtig 
bewährt fjaben: lauter fraffe Säumer über bie bebingenben 
unmittelbaren @infidf)ten, bie aber bod) nidfjt au£f d&lieften , bafc 
Sßfaton unb Sänge unb 93ain im allgemeinen nidfjt anberä afe 
anbere 9ftenfd&en argumentieren; trofe ifjrer SSerfennung ber 
wahren @rfenntni£principten bleiben uämltdf) bod^ biefe $rin- 
cipien in ifjnen felber wirffam. 

3fa, was greife tdfj in bie $erne? 2ttan mad&e nur bie 
^Srobe mit bem erften beften gemeinen 9Jtann, ber ebzn eine 
richtige Folgerung jtefjt, unb forbere i^n auf, bie Sßrämiffen be£ 
©d&liefjenä anjugeben! @r wirb e3 gewöfjnfidf) nidfjt vermögen 
unb üieHeid&t ganj falfd^e Angaben barüber madjjen. SBirb ja 
audö berfelbe, voenn man i^n einen if)m geläufigen ^Begriff beftnieren 
läfjt, meift bie gröbften $ef)Ier begeben unb fo wteberum jeigen, 
wie er fein eigenes SDenfen nid^t ridfjtig ju befd&reiben fäf)ig ift. 

44. ^nbeffen, wie immer ber 2Beg, ber jur etljifdfjen @r* 

fenntnis füljrt, ben Saien unb auä) ben Sßfjilofopfjen trielfadf) im 

SRebef lag, fo muffen nrir bo$, ba ber Sßrocejs ein fomplijierter 

ift, unb t)iele Momente babei juf ammenwirf en , erwarten, bafc 

©puren and) oon ber SBirffamfeit jebeä einjelnen t)on ifjnen für 

fid& in ber ©efd()idf)te fidf) aufjeigen laffen werben. Unb bieS 

3* 



— 36 — 

wirb mefjr nodfj als bie ftbereinftimmung in bert ©nbergebniffen 
für bie nötige £!>eorie eine 33ewäl)rung fein. 

91un woljl , audfj bief e — wenn bie Seit eS nur gemattete — 
in welker %Me üennödjte idf) fte ju bieten! 2Ber ift j. 8 V 
ber nidfjt bie greube (wenn eS nidfjt gerabe eine ftreube an ©$le$tem 
ift), wie wir eS traten, für etwas etnbent ©uteS erklären würbe? 
&at eS bodfj nidfjt an (Steifem gefegt, weldjje bie Suft tmb baS 
©ute fdjled&tweg für ibentifd&e ^Begriffe erMären wollten 67 . 216er 
ifjnen gegenüber gaben anbere für ben inneren 2Bert audj ber 
@infid)t 3^ u 9 n ^/ unb biefe werben ben Unbefangenen auf ityrer 
(Seite fjaben. 2Jtand&e Sßfjilofopfjen wollten bie ©rfenntniS fogar 
gerabeju als oornefjmfteS ©ut über alles anbere emporheben 58 . 
35od^ erfannten biefe babei audfj jebetn £ugenbafte einen gegriffen 
inneren SBert ju ; unb anbere traten bieS in bem SÖtafee, bafj fie 
nur in ber 33etf)ätigung ber £ugenb baS E)öd^fte ber ©üter er- 
bücfen wollten 59 . 

•Jtadjj ber einen Seite Ratten wir alfo ber Seftätigungen 
wof)l genug. 

35o$ nun audj, was bie Sßrincipien beS SBeoorjugenS 
anlangt: wie oft feljen wir ni$t bem $)3rincip ber ©um- 
mierung SRed&nung getragen, wie wenn gefagt wirb, baS SJtajs 
beS ©lüäeS beS gangen SebenS, nidfjt baS beS 2lugenb licfeS fomme 
in 33etrad&t 60 . Unb wieber, bie ©renjen beS $<$)% überfd&reitenb, 
wenn j. 33. 2lriftoteleS fagt, bie ©lüdffeligfeit eines SSolfeS er* 
fd&eine als ein f)öl)erer Bwedf als bie eigene ©lüdEfeligfeit 61 ; unb 
fo fei aufy bei einem Äunftwerfe unb bei einem DrganiSmuS, 
unb äf)nli$ wieber bei einem JpauSwefen ber £eil immer wegen 
beS ©anjen; alles fei tyier georbnet „jum ©emeinfamen" ( n elg 
xb zon'oV") 62 . %a bei ber ©efamttyeit ber ©d&öpfung madfjt er 
benfelben ©runbfafe mafjgebenb. „SBorin", fragt er 63 , „Ijaben 
wir für alles ©efdfjaffene baS ©ute unb SBefte, baS fein ©nbjwedf 
ift, ju erMiefen? — 3>ft eS itym immanent ober tranf cenbent ?" 



— 37 — 

Unb er antwortet: „beibeS!" unb bejeid&net als tranfeen* 
beuten 3wedf ben göttlichen Urgrunb, beffen $l)ntidf)feit alles 
erftrebt, als immanenten aber baS ®anit ber SBeltorbnuug. 2)aS 
gleite SeugniS für baS Sßrincip ber ©ummierung fönnten mir 
bem 2Kunb ber ©totfer entnehmen 64 . 3a es fefjrt wieber in 
jebem SBerfudf) einer £l)eobicee von 5ß(aton bis Seibnij unb weiter 
lierab 65 . 

Silber audfj in ben Seftimmungen unferer SBolfSreligion tritt 
feine SBirffamfeit beutlid^ ju £age. SBenn fie uns bie SBeifung 
giebt, mir follten ben -Jtäd&ften lieben wie uns felbft, was lefjrt 
fie anbereS, als bafj bei ber nötigen 93euorjugung baS ©leid&e 
(fei es eigenes, fei es frembeS) mit gfeidfjem ©emid(jt in bie SBage 
falle? woraus bie uuterorbnenbe Eingabe beS einzelnen an baS 
fotteftioe ©anje folgt; wie benn ber ©rlöfer, baS etf)ifdfje Sbeal 
beS (StyriftentumS, für baS &eil ber SBelt fidf) jum Dpfer bringt. 

Unb wenn gefagt wirb: liebe ©Ott über alles ! (wie auü) 
SlriftoteleS fagt, ©Ott fei mefjr no$ baS 33efte ju nennen als baS 
©anje ber Sßelt) 66 , fo liegt audf) ba eine befonbere 2lnwenbung 
beS SJSrincipS ber ©ummierung oor. Qmn was benft man unter 
©ott anbereS als ben Inbegriff alles ©uten in unenblid&er, über* 
fdfjwänglidfjer Steigerung ? 

©o seigen fidf) bie beiben ©äfee ber SRäd^ftenliebe wie ftdf) 
felbft unb ber Siebe ©otteS über alles fo innig oerwanbt, bafe 
wir nidfjt metyr überrafdfjt finb, bie SBorte beigefügt ju fiitben, 
baS eine ©ebot fei bem anbern gleidf). £)aS@ebot ber 3?äd(jften= 
liebe — man beadfjte wol)l — wirb nid^t bem ber ©otteSliebe 
untergeorbnet unb aus ifjm abgeleitet; fieift na<$ ber dfjriftlidfjen 
Slnfd^auung nid^t barum richtig, weil ©ott fie forbert, er forbert 
fie trielmefir barum, weil fie natürlid^ richtig ift 67 ; unb biefe 
Siidfjtigfeit wirb in berfelben SBeife unb in berfelben Älar^eit, 
fojufagen burdf) benfelben £i$tftraf)l ber natürlid&en @rfenntnis 
offenbar. 



— 38 — 

£)a hätten wir benn fdfjon genugfam 3^(ä&en von ber 
bilbenben Sffiirffamfeit ber einjelnen von uns Ijertwrgeljobenen 
gaftoren unb hierin einerfeitä eine Sefräftigung unferer £ljeorie 
unb anbererfeitS im roefentlidjen bie ©rflärung jener paraboyen 
2lnticipation p^tiofoptjifd^er SRefultate. 

45. 2>o$ wir bürfen nidfjt glauben fjiemit alles gefagt ju 
Ijaben. 9iid&t jebe Meinung über fittlidfj unb re$t, bie fyeutjutage 
in ber ©efeflf d&aft gilt, unb bie, wenn man bie @tf)tf fragt, aud& 
burdfj fie als richtig fanftioniert wirb, ift jenen lauteren unb 
ebetn Duellen, bie aud& im verborgnen ftrömenb ergiebig waren, 
entfloffen. 3Siele fofdfje 9lnfidjjten ftnb auf logifdf) ganj unberedfj* 
tigtem Sßege ju ftanbe gekommen unb nahmen, wenn man bie 
©efd&idfjte i£)rer @ntftef)ung unterfud&t, i^ren Urfprung aus nieberen 
trieben, atö felbftifdfjen ©etüften burdfj Umbilbungen, weldfje 
biefe nidfjt etwa burdf) fjöljere ©inflüffe, fonbern einfadf) burdfj ben 
inftinftben ÜJrang ber ©ewofjnfjeit erfuhren. @S ift wirf lidfj waljr, 
xoa% fo triele Utilitarier fjeroorfjeben, baß ber ©gotemuS e£ 
empfiehlt ftdfj anberen gefällig ju erweif en, unb baß ein fol$e£ 
3Serf)alten, fort unb fort geübt, fdjließlidfj 311 einer für bie ur- 
fprünglid&en $wecfe blinben ©ewofjnljeit wirb. @£ gef$iet)t bie£ 
twrnefjmltdfj infolge unferer geiftigen 33ef d&ränftljeit, ber fogenannten 
@nge be£ 33ewußtfein3, wetdfje e£ uns nidjt geftattet neben bem, 
wa£ junädjjft in $rage fommt, bie ferneren unb legten 3wedfe 
immer beutlidf) oor 2lugen ju fjaben. ©o mag benn mandfjer 
wirflidf) baju geführt werben, in blinbem, gewohnheitsmäßigem 
SDrange mit einer gewiffen ©elbftlofigfeit au<$ ba£ 2Bof)l anberer 
ju lieben. @3 ift weiter wafjr, xoa$ einige im befonbern geltenb 
matten, baß eS in ber ©efdfjidfjte oft twrfommen mußte, baß ein 
Übermäd&tiger einen Sdfjwadfjen egoiftifdfj fid(j unterwarf unb 
biefen unter bem ©influffe ber ©ewof)nf)ett mefjr unb meljr jum 
willigen Änedfjte fidf) erjog. Unb in beffen ©flacenfeele wirfte 
bann julefct ein „avzog ecpa" mit blinbem, aber nidfjt minber 



- 39 - 

mädfjtigem $)rang, wie ein treibenbeä „bu fottft", atö wäre e3 
eine Offenbarung ber -Jtatur über gut unb böfe. Sei jeber 23er* 
lefcung eine£ 33efel)l£ füllte er fidfj, wie ein woljlbreffierter &unb, 
beunruhigt unb innerlidjj gequält, Qatte ein foldfjer ©ewaltiger 
ftdf) ütete unterworfen, fo modf)te fein wof)lberatener @goi£mu£ 
i£)tt baju beftimmen ©ebote ju geben, bie bem 93eftanbe feiner 
£orbe förberlidfj waren, ©ie würben ebenfo fflatrifdfj feinen Seilten 
jur ©ewofjnljeit unb fojufagen jur Statur wie anbere. Unb fo 
tnodjte bie SRüdfftdfjt auf ba£ ©anje biefer ©efellfd&aft naä) unb 
rxaä) jebetn Untertan etwas werben, woju er fidf) mit bem eben 
befdfjriebenen ©efüfjle gebrängt fanb. Bugleidfj erlernten wir leidet, 
wie bei feiner fteten $ürforge für bie Seinigen in bem ^rannen 
felbft ©ewoljnljeiten fidfj büben mufjten, weldfje ber 33erüäftd(jtigung 
ber 2Bol)lfal)rt biefeä ÄoHeftü>£ günftig waren. Sa er mod^te 
fd£)lie{3lid& ebenfo wie ber ©eijige, ber fidf) für bie (Spaltung 
feinet <5ä)a§e% f)inopferte, bafjin fommen, für bie (Spaltung 
feiner Sanbe bereitwillig ju fterben. — S5ei bem ganjen be= 
fdfjrtebenen Sßrocefc, wenn er fi$ fo twUjietyt, fyaben bie etljifdfjen 
(Srfenntni&principien nid()t ben geringften ©influfj. ©er 2)rang, 
welker auf foldfje SBeife entfielt, unb bie Meinungen, weldfje in* 
folgebaoon für ober gegen ein gewiffeä SBerfjalten fidfj aus* 
fpred^en, Ijaben nidfjt ba£ minbefte mit ber natürlichen ©anftion 
ju tfjuu unb entbehren jeber ett)ifd&en SBürbe. 3lber man begreift 
fefjr wof)l — unb namentlidfj wenn man nun au$ nod) ben $att 
erwägt, wo £orbe mit £orbe in Sejieljung tritt unb freunblidfje 
9tüäfid&ten audfj Ijier fidfj atö vorteilhaft ju erweifen beginnen — , 
wie ber 2Beg biefer nieberen ©reffur ju Meinungen führen fann, 
ja vielfach früher ober fpäter, man barf wot)l fagen, führen mufc, 
bie mit Setyrfäfcen, weldfje au£ ber wahren ©dfjäfcung be£ ©uten 
fliegen, jufammenftimmen. 

46. ©o trifft ja audfj bie blinbe, rein gewohnheitsmäßige 
Erwartung be£ äfjnlid&en in äfjnlidfjen fällen, wie fie bie £iere 



- 40 — 

unb anä) wir felbft taufenbfadfj üben, nid&t feiten mit bem 
©rgebniffe gufammen, tveldfjeS eine nadfj ben ©runbfäfeen ber 
^a^rfc^einlid&feitSredfjnung vollzogene Snbuftion in gleid&er Sage 
liefern würbe; ja bie Sljnlidfjfeü ber SRefultate bat felbft Seute 
von pfpd&ologifdfjer Silbung 68 öfter baljin geführt, ben einen unb 
anbern ^ßroceß, obwohl fie himmelweit voneinanber abfielen 
unb ber eine gang blinb ftdfj vollst, tväfjrenb ber anbere von 
ber ©vibeng ber 2ftatl)emattf burd&leud&tet ift, gerabeju für 
ibentifdft ju nehmen. ®o muffen benn aud& wir un$ tvotyl 
bavor Ijüten, in foldfjen pf eubo * etljif $en ©nttvidfelungen ein 
verborgenem 2Birfen ber wahren ettyifdfjen ©anftion ju ver- 
muten. 

47. SBBie mäd^tig aber audfj biefer 9lbftanb ift, fo tyaben 
bodfj audfj jene nieberen ^ßroceffe i^ren SBert. 35ie Statur — 
man Ijat e£ oft hervorgehoben 69 — fjat fef)r tvofjl baran ge* 
fyan, vielfadfj burdf) inftinftive triebe, wie junger unb 2)urft, 
für uns ju forgen unb ntd&t allem unferer Vernunft ju über* 
laffen. 35ie3 bewährt fid^ audf) in unferem $alle. 

3n jenen älteften B^ten, bei welken idf) — ©ie begreifen 
vielleid&t jefct beffer, mit welkem Sftedfjte — Spring jugab, 
baß fie fdf)ier jeben 3lnflug von etf)tfd(jem 35enfen unb $üf)kn 
vermiffen ließen, gefd^a^ bod) ©roßeS für bie Vorbereitung 
wahrer £ugenb. Sie öffentlidfje Drbnung, tvie audfj immer 
junäd&ft bur<$ ben antrieb nieberer 33etveggrünbe Ijergeftetlt, 
tourbe bie Sßorbebingung für bie freie Entfaltung unferer ebelften 
Slnlagen. 

2lud& fonnte e£ nid&t gleichgültig fein, rvenn unter bem 
©influffe jener £)reffur getviffe Seibenfd&aften gemäßigt unb 
getviffe ©tepofitionen anerjogen rvurben, tveldje e3 leidster 
matten, bem wahren fittlidfjen ©ebot in berfelben Stiftung 
fjolge ju leiften. ßatilinaS £apferfeit tvar gewiß nid^t bie 



— 41 — 

wafjre £ugenb ber £apf erfett, wenn 2lriftotele3 mit Stedfjt jagt, 
biefe fydbt nur ber, weld&er in ©efafjr unb £ob gefje „tov 
xaXov evexa", „wegen be£ ©ittlid&fd&önen" 70 . 2luf feinen $aH 
Ijätte 2luquftinu3 Ijinweifen fönnen, wenn er fagte: „virtutes 
ethnicorum splendida vitia!" 2lber wer mödfjte verfemten, bafj e£ 
einem folgen (Sattlina, naü) ber 33efel)rung, infolge feiner früher 
erworbenen 3)i£pofitionen leidster geworben wäre, anä) im 
SHenfte be3 ©uten ba£ Sufeerfte ju wagen ? ©o war ber 93oben 
für bie Aufnahme watjrijaft etfjifdfjer Anregungen empfänglidfj 
gemalt, unb e£ lag barin eine mädfjtige Ermutigung für 
biejenigen, weldfje juerft ju et£)ifd^en ©rfenntniffen burdjbrangen 
unb bie ©timme ber natürlidjen ©anftion in ftdfj hörten, für 
bie Sßaljrfjeit ^Jropaganba ju mad&en. 2lriftotele$ fd^on bemerft 
in biefem ©inne, man fönne ftidfjt jeben jimt £örer ber @tf)if 
brausen. SDurd) ©ewofjnfjeiten gut geführt muffe berjenige fein, 
welker über 9tedE)t unb ©ittltdjfeit f)ören fotte. 93ei anberen, 
meint er, fei alle -äftütye oerfdfjroenbet 71 . 

Sa nodf) mef)r fann id£) jener nid^t präl)iftorifdfjen, aber 
bodf) prämoralifdfjen 3 e i* t>on SSerbienften für bie @rfenntni3 
t)on natürlichem Stedjjt unb natürlidfjer ©ittlid£)fett nadjjrüfjmen. 
35ie gefefclid&en Drbnungen unb ©itten, weldfje bamals ftdf) 
bübeten, fyaben au§> früher entwicfelten ©rünben bem, wa£ bie 
@tf)if forbert, fo trielfadf) ftd& angenähert, baft biefer eigentümlidfje 
%aU von 9)Jimifrp triefe über ben fanget tieferge^enber 
aSerwanbtfd^aft täufdfjte. 2Ba3 bort ein blinber SDrang, f)ier 
bie ©rfenntniS be£ ©uten jum ©ebot ergeben läfet, trifft oft 
ütfjaltlidfj oottftänbig jufammen. £)ie legislative etijifdfje ©ewalt 
fanb barum in jenen and) fdfjon fobiftcierten ©efefcen unb ©itten 
fojufagen ©efefee^entroürfe cor fidfj, bie fie mit etlichen 216^ 
änberungen o^ne weiteres fanftionieren formte, ©ie waren um 
fo wertvoller, afö fie — was unter uttlitarifdjem ©efidf)t3punfte 
geforbert erfdfjeint — ben befonberen SBertyältntffen ber SSölfer 



— 42 — 

angepaßt waren. Unb ber SBergleidf) ber einen SSerfaffung mit 
ber anbern mußte bie£ hervortreten (äffen unb tyat früfjjeitig 
baju beigetragen, ju jener widfjtigen ©rfenntnte ber wahren 
^Relativität audf) be£ natürlichen 9ted&te3 unb ber natürlichen 
©ittlidftfeit ju führen. Sßer weife, 06 e£ fonft felbft einem 
9lriftotele3 fyätte gelingen fönnen, fidf) in bem ©rabe, wie er 
e$ tf)at, t)on jebem fdjablonifierenben 35oftrinari£mu3 freiju* 
galten ! 

©oviel alfo von jenen voretljif djen S^ten, um audf) ifjnen 
bie fdjulbige Anerkennung nidfjt ju verfagen. 

48. 3mmerf)in, e§> war bamafä -Jtodfjt, wenn audf) eine 9laü)t, 
in welker ber l ommenbe £ag fidfj vorbereitete ; unb ber Slnbrudfj 
be£ 9Jtorgen3, er ift fidler ber tjerrtidftfte Sonnenaufgang, ber fidfj 
in ber 2Beltgefdf)id(jte volljiefjt. $ä) fage, fidfj voHjiefyt; ni$t, 
fidfj vottjogen Ijat; benn nodf) fefjen wir ba£ Sidfjt mit ben 
$infterniffen ringen. Sie wafirfyaft etf)ifd(jen 9Jtotive finb, wie im 
Privatleben, fo in ber Sßolitif, nadfj außen unb nadfj innen, bei 
weitem nidfjt überall maßgebenb. 2)tefe Äräfte erweifen ft$ — 
um mit bem 2)idf)ter ju fpredfjen — no$ immer nid^t genug 
entwidE elt, um ben 93au ber SBelt juf ammenjutyalten. Unb f erhält 
benn, unb wir bürfen ifjr bafür banfbar fein, bie -Jtatur baä 
©etriebe burdf) junger unb burdfj Siebe unb, muffen mir 
tjinjufefcen, burdf) jene anberen bunfeln ©trebungen, von welchen 
mir fafyen, tote fie fidf) au§> felbftfüd£)tigen ©elüften entwicfeln 
fönnen. 

49. 3Son tfjnen unb ifjren pfpd&ologifdfjen ©efefcen muß 
barum ber Surift, wenn er waljrljaft feine 3^t begreifen unb 
förberlidfj auf fie einwürfen tvitl, ebenfo wie von ben Selben 
be£ natürlichen SRedfjteä unb ber natürlidjen ©ittlidtfeit ÄenntniS 
nehmen, bie, wie unfere 33etrad)tung jeigte, nidfjt baä erfte 
gewefen finb, fonbern — foweit man überhaupt auf eine 



— 43 — 

SRealifierung be3 sollen SbealeS hoffen barf — ba£ lefcte in bcr 
©efdf)idf)te fittlid&er unb rechtlicher ©ntwidfelung fein werben. 

©o jeigen fidf) bie innigen Sejieljungen ber SuriSprubenj 
unb ^otttif jur $ßf)Uof opljie , t)on wetzen Seibnij fpradf), in 
iljrer ganjen 2ftamrigfa[ttgfeit. 

5ß(aton Ijat ba3 SBort gefprodjen, e3 werbe nidfjt gut 
werben im ©taate, bis ber watyre Sßljtfofopl) Äönig werbe 
ober bie fiönige in redfjter SBeife pf)üofopf)ierten. 3n unferer 
fonftitutioneüen $eit werben wir xinä beffer fo auSbrücfen, bafc 
wir fagen, mit ben trieten aKifeftänben unfereS ftaatüdfjen £eben$ 
fönne e3 nifyt jum Sefferen fidfj wenben, wenn man nid)t, ftatt 
ben Suriften ba£ 2Benige ju nehmen, was fte bei ben beftefjenben 
©inrid&tungen ju pljtfofopljifd&er 93ilbung anregt, trielmefjr enblidf> 
einmal fräftig bafflr forge, bafc fte wirftid^ eine ifjrem erhabenen 
^Berufe genügenbe pf)ilofopl)ifdf>e Silbung empfangen. 



ämnerkttttöetu 



1. (©. 4) 93gl. Über bie @ntfteljung be3 SRedjjtSgefü^eg. 
Vortrag von Dr. Stubolf t)on 3^ n 9- — ©ehalten in ber Söiener 
juriftifdjjen ©efeUfd^aft am 12. Warft 1884. (2lttgem. Suriftenäeitung, 
7. Sa^rg. SRr. 11 ff. 2öien 16. SRärj — 13. 2lprit 1884.) 
ferner ift 31t »ergteidfjen t). Stö^ing, ® er 3n>ecf * m Stecht, 2 S3be. 
Setpjtg 1877—1883. 

2. (©. 4) $ür ben erften $unft t)gl. Slttgem. Suriften jeitung, 
7. Saljrg. ©. 122 ff., ^roecf im SRed^t n. ©. 109 ff.; für ben 
jroeiten $unft 2lttgem. ^uriftenjeitung , 7. %af)XQ. ©. 171, .S^cdf 
im 9tedjt II. ©. 118 — 123. SSerworfen n>irb ^ier, bajj e§ irgenb 
eine et^ifd^e SRegel tum abfoluter ©ülttgfeit gebe (©. 118, 122 f.); 
belämpft wirb jebe, wie gering fie nennt, „pfpdjjologifdfje" 33ef)anblung3= 
weife ber Gt^if (©. 121), wonadjj fidj-bie @tf)if „alz 3nutting3* 
fdjjwefter ber Sogif" barftetten würbe (©. 123). 

3. (©. 6) 2lHgem. Suriftenjeitung , 7. Safjrg. ©. 147; t>gl. 
3roecf im SRed^t IL S. 124 ff. 

4. (©. 6) Arist. Polit. I, 2. p. 1252 b 24. 

5. (©. 6) Sgl. J.33. 2lHgem. Suriftenjeitung, 7. Saljrg. ©. 146. 

6. (©. 7) Kep. 2, 31. 

7. (©. 7) Dig. I, 8, 9. 

8. (©. 8) <3 U b en äafjlreidjjen Stnljängern biefer Meinung ge* 
^ört als einer ber twrjüglidjjften Vertreter 3- ©t. 2Ritt in feinem 
„Utilitarianism", Chapt. 3. 

9. (©. 8) 2ludjj fjier ift unter anberen 3. ©t. SDtitt ju nennen. 
2)iefe SDtottoe ber gfurdfjt unb Hoffnung wären nadjj iljm bie äußeren; 



— 48 - 

jene früher befd&riebenen, burdfj ©erooljnljeit IjerauSgebilbeten ©efüljle 
bie innere (Sanftton (ebenb. Chapt. 3). 

10. (<S. 9) 93gl. fjiefür inSbefonbere eine ßrörterung in 
3>ame3 2Rill3 Fragment on Mackintosh, bie 8- ©t. 3Kitt in ber 
2. Stuflage ber Analysis of the phen. of the hum. mind II 
p. 309 ff. abbrutft, unb bie geiftootten Slbfjanblungen t)on ©rote, 
bie 31. 33ain unter bem Xitel : Fragments on Ethical Subjects 
by the late George Grote F. R. S., being a selection from his 
posthumous papers, London 1876, veröffentlicht Ijat; namentlich 
Ess. I : On the origine and nature of ethical Sentiment. 

11. (0. 11) D. Hume, An Enquiry concerning the Prin- 
ciples of Moral (jucrft London 1751). 

12. (©. 11) §erbart, Seljrbucl) jur Anleitung in bie $ljilo= 
fopljie § 81 ff. ©efamtauSgabe IS. 124 ff. 

13. (S. 11) tiefer 33ergleidj mit ber Sogil bürfte midfj am 
beften gegen ben SSorrourf fdjjü^en, afö ob idfj fjier bie ^erbartifdjje 
Seljre in falfd&em Sichte erfdfjeinen laffe. Stürbe ba3 logifdfje $ri= 
terium in ©efdfjmadföurteilen bei ber @rfdfjeinung regelgemäften unb 
regelwibrigen ®enfoerfaljren3 liegen, fo mürbe e8, »erglid&en mit 
bem, ma§ e3 tljatfädfjlidjj ift (ber innern ßtnbenj be3 regelgemäften 
33erfaljren3), äufjerlidj ju nennen fein. St^rilid^ ift barum audfj ba§ 
Kriterium ber §erbartifd)en.(§tljif treffenb als ein äufjerlidfjeS $u be- 
jeidfjnen, mie energifdfj audfj bie ^erbartianer betomn mögen, bafj in 
bem ©efcljmacfSurteil , welches bei bem Slnblicf geroiffer 2Bitten3t>er= 
fyältniffe von felbft entfiele, ein innerer SSorjug biefer SSer^ältntffe 
fidfj offenbare. 

14. (©. 12) %n ber ©runblegung jur -Bietapljpfif ber «Sitten 
füfjrt uns Äant ben fategorifdfjen ^mperatio in folgenben Raffungen 
t)or: „Ijanble nur nadfj berjenigen -Btarjme, burdjj bie bu jugleidfj 
wollen fannft, bafj fie ein allgemeines ©efe$ werbe;" unb: „Ijanble 
fo, aU ob bie 2Rar,ime beiner ^anblung burdj) beinen2BiHen jum allgemein 
mn SRaturgefe^ werben foHte." 3n ber Äritif ber praftifdfjen SSernunft 
lautet er: „Ijanble fo, bafj bie SDkrjme beineS SBiUenS jeberjett ju= 
gleidjj als 5ßrincip einer allgemeinen @efe£gebung gelten ftmne", 



— 49 — 

b. %, roie Ämtt felbft erflärt, bafc bie 3Ka£tme, jum allgemeinen 
@efe$ erhoben, nidfjt ju Söiberfprüdfjen führen unb fo fid^ felbft auf* 
Ijeben roürbe. ®a3 S3erouf$tfein t)on biefem ©runbgefe$ roäre nad(j 
Äant ein $aftum ber reinen Vernunft, bie fidj baburdfj als gefefc* 
gebenb (sie volo, sie jubeo) anfünbigte. 35od(j fdfjon Senefe bemerft 
(©runblinien ber Sittenlehre II, ©.XVIII — 1841 — ; t>gl. feine 
©runblegung jur Spijpftf ber ©Uten, ein ©egenftücf ju ÄantS @runb= 
legung jur -äRetapljpftf ber ©Uten f 1822), bafc eS melmeljr nidfjtS 
als eine „pfpdjjologifdfje £)icl)tung" fei, unb ^eut^utage ift rooljl lein 
Urteilsfähiger meljr hierüber im 3^eifel. 33ejeid^nenb ift, baft felbft 
$f)ilofopljen , roie SDtanfel, ber für Äant bie aCerfjödjjfte SBereljrung 
f)at, jugeben, bafc ber fategorifdjje Smperatio eine gfiftion unb 
fdjjledfjterbingS unhaltbar fei. 

®er fategorifdjje $mperatit> Ijat jugleidfj ben anbern unb nidjjt 
geringeren $eljler, bafc man, felbft mnn man ifjn jugefte^t, fdj)led(jter= 
bingS ju feinen etfjifdjjen Folgerungen gelangt. ®ie Ableitungen, 
bie Äant oerfudjjt, mißlingen il)m, roie 3Kitt (Utilitarianism, Chapt. 1) 
mit Stecht fagt, „in faft groteSfer 2öeife". ©ein SieblingSbeifpiel 
einer Ableitung, baSjenige, roomit er forooljl in ber ©runblegung 
jur Sföetapljpfif ber ©itten als audfj in ber Äritif ber praftifdfjen 
Vernunft fein SBerfaljren erläutert, ift folgenbeS: ®arf man, fragt 
er, ein ©ut, baS einem o^ne ©d^ein ober fonftigeS 3>nbicium an- 
vertraut ift, für fid^ behalten? 6r antwortet: SRein! ®enn, meint 
er, niemanb roürbe einem, roenn bie gegenteilige 5Wajime jum ©efe§ 
erhoben roürbe, unter folgen Umftänben nodjj etroaS anvertrauen. 
®aS ©efe$ roäre alfo oljne SDtöglidjjfeit ber Slnroenbung; alfo un* 
ausführbar; alfo aufgehoben burdfj \\i) felbft. 

3Kan erfennt leidet, bafj bie Argumentation ÄantS falfdfj, ja 
abfurb ift. 2Benn infolge beS ©efe$eS geroijfe §anblungen unter= 
laffen werben, fo übt eS eine SBirfung; eS ift alfo nodfj roirflidSJ 
unb feineSroegS burdfj fid^ felbft aufgehoben. 2Bie lädfjerlidjj roäre 
eS, wenn einer in analoger SBeife folgenbe $rage befjanbeln roürbe: 
®arf idfj einem, ber midfj ju beftedfjen fudjjt, roiUfa^ren? — %a\ 
35enn bädfjte idfj bie entgegengefe^te 5Wajime jum allgemeinen 5Ratur= 

Brentano, 9Som Urfprwng flttt. ©rfenntmS. 4 



— 50 — 

gefe$ erhoben, fo mürbe niemanb metyr einen ju befielen oerfudfjen; 
folglich roäre baS ©efe$ oljne 2lnroenbung; alfo unausführbar unb 
fomit aufgehoben burdfj fidfj felbft. 

15. (©. 13) 33gl. 3. ©t. 2Rill, ©pftem ber bebuftioen unb 
inbuftioen Sog« IV Aap. 4 § 6 (gg. @nbe) ; ebenbaf. VI ®aip. 2 § 4 
unb anberroärtS, rote $. 33. in feinem „Utilitarianism", feinen 
ßffatjS über Religion unb feiner Stbljanblung über ßomte unb ben 
SßofttitnSmuS, II. Seil. 

16. (©. 13) 2Ran t)g[. mit bem im Vortrage ©efagten baS 
erfie Äapitel ber SRifomadjifdjen @t!jif , unb man wirb finben , bafc 
3$eringS „©runbgebanfe" bei feinem SBerfe „®er 3^e(f im Stecht" 
(I ©.VI), nämlidjj, „baft es feinen 9iecJ)tSfa$ gebe, ber nidjjt einem 
3mecfe feinen Urfprung oerbanfe", fo alt als bie @t^if f eiber ift. 

17. (©. 13) @S fann $älle geben, roo ber ßrfolg geroifjfer 
33eftrebungen jmeifelljaft ift unb von jroei 2öegen, bie ftdjj öffnen, ber 
eine ein 33effereS, aber mit geringerer Sffialjrfdfjeinlidjjfeit, ber anbere 
ein minber ©uteS, aber mit größerer SIBaljrfdjjeinlidjjfeit, in StuSfidfjt 
fteUt. §ier fommt baS 2Bafyrfc§einlic$feitSt>erfyältniS bei ber Sßaljl 
mit in 33etradjjt. 2Benn A breimal beffer ift als B, aber B jeljn* 
mal meljr Chancen fyat, ergielt ju werben als A, fo wirb ber praf* 
tifdjj SBeife ben 23eg ju B oorjieljen. Genien mir uns ein foldJjeS 
33erfa!jren burdjjgängig unter äljnlidfjen Umftänben eingehalten, fo 
mürbe bamit (nadp bem ©efe$ ber großen $afylm) bei Ijinretdfjenber 
38ert)ielfältigung ber $äHe im ganjen baS 93effere t>em>irflicl)t roer* 
ben. ©omit entfprid^t baS SSer^alten nodj) immer um>erfennbar bem 
im Sejt auSgefprodpenen 5ßrincip: mäljle unter bem ©mietbaren 
baS 33efte. ®ie gange 93ebeutung biefer 33emerfung mirb burdfj ben 
Verlauf ber Unterfudfjung nodp meljr ins Sidpt geftellt werben. 

18. (©. 14) ©djjon 2lriftoteleS mar biefe SBa^eit befannt 
(t)gl. j. 93. De Anim. m, 8). SDaS Mittelalter tyielt fie feft, 
brürfte fie aber nidfjt glücflidjj auS, in bem ©a$e: nihil est in 
intellectu, quod non prius fuerit in sensu. ®ie 33egriffe 
„2öoHen", „©d^Iie^en" werben nid^t auS finnlidjjen 2lnfdfjauungen ge= 
roonnen; man müfjte benn ben 93egriff „finnlidfj" fo allgemein faffen, 



- 51 — 

bafc aller Unterfdjjieb von „finnlidj" unb „überfmnlidjj" fidfj üernufdfjte. 
©ie ftammen aus 3lnfdjjauungen pfpd|jifd(jen gn^altö. Sbenbaljer 
ftammen bie Segriffe „^metf", „Urfadjje" (wir bemerfen 3. 93. jtDtfd^en 
unferm ©lauben an bie Sßrämiffen unb unferm ©lauben an ben 
©djjluftfafc eine urfädjjlid&e Sejieljung), „Unmöglicfjfeit'' unb „-Jtotn>en= 
bigfeit" (wir geroinnen fte aus Urteilen, welche etnmS ntd^t einfadfj 
affertorifd|j, fonbern, n>ie man fidj auSjubrücfen beliebt, apobiftifdfj 
anerfennen ober Derroerfen) unb oiele anbere, roetöje manche 5Wo= 
berne, benen bie @rforfdjjung be3 wahren UrfprungS mifjlang, als 
von üornfjerein gegebene Äategorieen betrauten wollten. (Seiläufig 
bemetft, ift e3 mir rooljl befannt, bajj ©igroart unb, von iljm be= 
ftimmt, auc§ anbere in jüngfter 3eit Wc Sefonberljeit ber apo= 
btftifdjjen gegenüber ber affertorifdfjen Urteilsroeife in 3tbrebe ftetten. 
63 ift bieg aber ein pfpdfjologifdfjer Srrtum, ^zn als folgen ju 
erroeifen f)ier md^t beS DrteS ift; ogl. unten 2tnm. 27 ©. 83.) 

. 19. (©. 14) Stucl) von biefer Seljre finben fidjj bie erften 
Äeime bei SCriftoteleö , ogl. inSbef. Metaph. J 15 p. 1021a 29. 
®er Terminus „intentional" ftammt, wie fo manche anbere 33e= 
geic^nung mistiger Segriffe, von ben ©dfjolaftifern Ijer. 

20. (©. 14) ©ngefjenber finbet man bie grage nadf) bem 
(SinteilungSgrunbe erörtert in meiner „^fpdfjologie com empirifd^en 
©tanbpunfte" (1874, %ud) U ftaip. 6; ogl. ebenb. Ray. 1 § 5), 
beren betreffenbe StuSfüfjrungen idjj tro$ mancher aibroeidfjung im 
einzelnen ber ^auptfad^e naefj auefj fjeute nodfj für richtig fyalte. 

21. (©. 15) Meditat. III. Nunc autem ordo videtur 

exigere, ut prius omnes meas cogitationes (alle pfpdfjifdjjen Stlte) 

in certa genera distribuam Quaedam ex his tanquam 

rerum imagines sunt, quibus solis proprie convenit ideae 

nomen, ut cum kominem , vel chimaeram, vel coelum, vel au- 

gelum, vel Deum cogito; aliae vero alias quasdam praeterea 

formas habent, ut cum volo, cum tinieo, cum affirmo, cum 

nego, semper quidem aliquam rem ut subjeetum meae cogita- 

tionis apprehendo, sed aliquid etiam amplius quam istius rei 

4 * 



— 52 — 

similitudin em cogitatione complector; et ex his aliae volun- 
tates sive affectus, aliae autem judicia appellantur. 

©eltfamerroeife Ijat biefc flare ©teile Sßinbelbanb (©trafcb. 
pfyilof. Slbfyanbl. ©. 171) ntdjt abgehalten, £)e3carte§ bie Sefjre ju= 
äufd^reiben , ba3 Urteilen fei ein SBoHen. 2Ba3 iljn baju verführt, 
ift eine Erörterung in ber eierten Sföebitation über ben ©influjs be§ 
SBillenS bei ber 33ilbung be3 Urteils, ©dfjon ©djjolaftifer wie 
©uarej Ratten biefen (Sinflufj nitriert, unb £)e§carteS geljt in ber 
Übertreibung ber 3lbljängigfeit fomeit, bafj er jebeS (audp ba$ 
etnbente) Urteilen aU ein SBerf be§ SQBttten^ betrautet. Stber „ba§ 
Urteil beroirfen" unb „ba3 Urteil fein" bleibt offenbar nodjj immer 
jmeierlei. Unb obwohl barum £)e3carte3 audp an unferer ©teile 
feine 2lnfidfjt oon bem @influffe be3 -ESillenS burdfjblicfen läjgt — 
benn roaljrfdjeinlid) roeift er nur um iljretroiHen bem Urteil ben 
britten $la$ unter ben ©runbllaffen ber pfndjjifdfjen $ljänomene 
an — , fo fagt er bodj) oljne SBiberfprudfj : aliae voluntates — 
.aliae judicia appellantur. 

Verfänglicher finb ein paar ©teilen in fpäteren ©driften, 
nämlidfj in ben brei ^afyxe nadp ben 9Kebitationen veröffentlichten 
Principia Philosophiae (I, 32.) unb in ben abermals brei Saljre 
fpäter gefd^riebenen „Xotae in Programma quoddam, sub finem 
Anni 1647 in Belgio editum, cum hoc Titulo: Explicatio 
mentis humanae sive animae rationalis, ubi explicatur quid 
sit, et quid esse possit." SefonberS bie ©teile in ben ^rineipien 
lönnte gu ber Meinung führen, ®e3carte§ muffe feine 2lnftd^t ge= 
änbert Ijaben, unb e3 ift jum SSemmnbern, bafj SBinbelbanb ftc$ 
nidfjt vielmehr auf fie als auf bie ©teile in ben Sföebitationen be= 
rief. ®a Ijeifjt e3: Ordines modi cogitandi, quos in nobis 
experimur, ad duos generales referri possunt: quorum 
unus est, pereeptio sive operatio intellectus; alius 
vero ? volitio sive operatio voluntatis. Nam sentire, 
imaginari et pure intelligere, sunt tantum diversi modi perci- 
piendi; ut et cupere, aversari, affirmare, negare, 
dubitare, sunt diversi modi volendi. 



— 53 — 

3luf ben erften Slicf fd^eint biefc Seljre ber in ber brüten 9Ke* 
bitation fo beutlidfj ju wiberfpredjjen , bafc man, rote gefagjt, faum 
umljin fann auf bic Vermutung ju fommen, £)e3carte$ muffe in 
ber 3^ifc§enjeit feine £Ijefe t>on ben brej ©runbflaffen aufgegeben 
l^aben unb fei nun aus ber ©fytta in bie ©fjargbbiS geraten; bie 
alte Äonfufion beS Urteils mit ber 33orftettung oermeibenb, fonfun* 
biere er e£ nun mit bem SBitten. Stodjj bei aufmerffamerer @m)ä- 
gung aller Umftänbe wirb man £)e3carteS von biefem SJornmrf frei= 
fpredjjen unb jroar aus folgenben ©rünben : 1.) beutet nidjt baS ge- 
ringfte Seiten barauf 1)in, bafc ®e£carteS ein 33enmf$tfein baoon 
fyabe, bafc er ben in feinen SWebitationen auSgefprocfjenen fiberjeu= 
gungen untreu geworben fei. 2.) SRodj meljr, im Sa^re 1647 (brei 
Saljre nadjj ben -äKebitationen unb furg t>or Slbfaffung ber Xotae 
jum Programma) erfdfjeinen bie -äftebitationen in einer oon ®e3carteS 
ret)ibierten tlberfe^ung, unb — fielj ba! — er änbert an ber ent= 
fdpeibenben ©teile in ber brüten -Btebitation nid^t baS minbefte. 
„Entre mes pens6es a ? fyeifjt e$, „quelques unes sont comme les 
images des choses, et c'est k eelles-lä seules que convient 
proprement le nom d'id6e; .... D'autres, outre cela ont 
quelques autres formes; ... et de ce genre de pensßes, les 
unes sont appelßes volontßs ou affections, et les 
autres jugements." 3.) 3>n ben $Principien felbft unb jroar 
unmittelbar barauf (I no. 42) fagt er, alle unfere Irrtümer fingen 
oon unferm SOBtffcn ab (a voluntate pendere), aber er ift babei 
bodjj foweit bat)on entfernt baS „3>rren" für ein SBotten ju nelj= 
men, bafj er fagt, bafj niemanb fei, ber irren motte (nemo est qui 
velit falli). Unb nodp bejeidfjnenber bafür, bafj tx baS Urteil nidjjt, 
wie baS Segelten unb $liefjen, als bie innere SöittenSbetljätigung 
felbft, fonbem nur als ein 2öer! beS SöittenS benft, ift eS, wenn er 
fofort fyinjufügt: „sed longe aliud est velle falli, quam velle 
assentiri iis, in quibus contingit errorem reperiri" etc. @r fagt 

nidfjt t)om SBitten, äljnlidfj wie baft er begehre, bafj er affirmiere, 
juftimme, fonbem baft er bie 3uftimmung wolle; roie audjj nidjjt, 
bafc er tvafyx fei, fonbern bafc er nadfj ber SBafjrljeü verlange („veri- 



— 54 — 

tatis assequendae cupiditas . . . . efficit, ut • . . Judicium 
ferant"). 

116er bie roirflidfje 2lnftdjt £)e§carte§' fann alfo fein .ßroeifel 
fein ; feine Seljre Ijat Ijier nidfjt bie geringfte Umroanblung erlitten. 
63 Bleibt barum nur bie Stufgabe, fid^ mit feiner offenbar t>eran- 
berten 2lu3brucf3tt>eife juredjjt ju finben. Unb biefe löfen mir, glaube 
tdfj, unfehlbar in folgenber SBeife. ®e3carte§, obrooljl er SBiffe unb 
Urteil als jroei t>erfdjjiebene ©runbflajfen erfennt, finbet bodfj, bafc 
für fie, gegenüber ber ©runbflaffe ber 3>been, einige« genteinfam fei. 
3>n ber britten 2Rebitation Ijebt er (man t)gl. bie oben angeführte 
©teile) als bieS ©emeinfame Ijeroor, bafc fie, ein SSorfteHen als 
^unbament entfyaltenb, nod) eine anbere, befonbere gform fjinjufügten. 
3n ber werten 9Rebitation tritt als ein anberer gemeinfamer .ßug 
baS Ijertwr, bafc ber 2BiHe über fie entfdfjeibe; er fönne mdjjt BIojs 
bie eignen, er fönne audjj bie 3lfte beS Urteile fe$en unb fufpenbieren. 
SMefeS ©emeinfame ift eS nun, worauf es iljm in bem erften %e\l 
ber „Sßrincipien" 9lr. XXIX — XLII t>orjüglidfj, ja allein anfom* 
men mufjte. 2)aljer faftt er fu*, im ©egenfa$ ju ben !gbeen als 
operationes intellectus, unter bem Flamen operationes voluntatis 
jufammen. $n ben „Notae $um Programma" nennt er fie, beut* 
lidp in bemfelben ©hm, determinationes voluntatis. „Ego enim, 
cum viderem, praeter perceptionem, quae praerequiritur ut ju- 
dicemus, opus esse affirmatione vel negatione ad formam ju- 
dicii constituendam , nobisque saepe esse liberum ut 
cohibeamus assensionem, etiamsi rem percipiamus, ipsum 
actum judicandi, qui non nisi in assensu, hoc est in affirma- 
tione vel negatione consistit, non retuli ad perceptionem in- 
tellectus sed ad determinationem voluntatis." $a er fdfjeut ftd^ 
in ben „Sßrincipien" nidjjt, biefe jmei klaffen t>on modi cogitandi 
beibe modi volendi ju nennen, inbem ber 3ufammen!jang genugfom 
ju jeigen fdfjien, er motte bamit nur fagen, bajs fie jur S)omänc 
beS SBittenS gehörten. 

9tod(j eine weitere ©tü$e finbet biefe ©rflärung burdfj ben 38er* 
gleidjj mit ber fdfjolafttfdjjen Terminologie, mit ber 2)e3carte3 als 



— 55 — 

Sünglmg vertraut würbe, ©ie pflegte mdjjt bloft bie Siegung be$ 
SBtttenS, fonbern audj bie unter ber ^errfdjjaft be£ SBtttenS geübte 
$anblung als actus voluntatis ju bejeidjjnen. 35emgemäf$ jerfiel 
biefer bann in $wei Älaffen, ben actus elicitus voluntatis unb ben 
actus imperatus voluntatis. $f)nlidj fafjt DeScarteS biejenige 
Älaffe, weldjje nadfj xf)m nur als actus imperatus beS SBittenö 
mögltdfj ift, mit feinem actus elicitus jufammen. Um einen ge= 
meinfamen ©runbdjarafter ber intentionalen Sejieljung ^anbelt eS 
ftdjj alfo bei biefer ,3 u f a ttt men fafjimg nidfjt. 

©o Har bieS aHeS fid^ nun für benjenigen IjerauSftellt , ber 
allen Momenten forgfam 9ted(jnung trägt, fo fdpeint bodfj ©pinoja, 
waljrfdjjemlicfj meljr burdj) bie ©teile in ben „$Principien" als burdfj 
bie »on Sßinbelbanb angebogene in ben „2Rebitationen" verleitet, 
biefem in bem 3Kif$üerftänbm3 ber ßarteftamfdjjen Seljre twrauSge* 
gangen. ßtlj. n, prop. 49 fajst er felber nun wirflicl) unb im 
attereigentlidfjften ©inne bie affirmatio unb negatio als volitiones 
mentis, unb fommt bann fdfjliefjlidfj burdfj eine weitere Äonfufum 
baju, aucfj jwifdjjen ber Älaffe ber ideae unb jener ber voluntates 
ben Unterfdfjieb ju t>erwifd(jen. „Voluntas et intellectus unum et 
idem sunt" lautet mm bie iJfjefe, bie mit ber Dreiteilung 
/ »on DeScarteS audj) bie alte Slriftotelifdjje Zweiteilung über ben 
Raufen wirft, ©pinoja fjat f)ier wie gewöfjnlidfj nidjjtS getljan, als 
bie Seljren feinet großen SWeifterS forrumpiert. 

22. (©. 15) 3$ will bamit nidjjt fagen, baft bie Einteilung 
gegenwärtig allgemein anerfannt fei. 3Dian mürbe nidfjt einmal ben 
©a§ beS SBiberfprudfjS für gefiebert erllären bürfen, wenn man, um 
bie§ ju tljun, bie allgemeine guftimmung abwarten wollte. %n 
unferm ^aHe ift es fefjr begreiflich, wenn alteingewur jelte SSorurteile 
nidfjt fofort aufgegeben werben. 3lber bafc audfj unter folgen 33er= 
Ijältniffen feine einjige bebeutenbe Dbjeftion twrgebradpt werben 
fonnte, bient ber Seljre gewifj am meiften §ur Seftätigung. 

■Kandfje — wie 5. 33. Söinbelbanb — geben eS auf, baS Ur* 
teil mit ber SSorfteUung in einer ©runbflaffe gu begreif en , glauben 
e£ bagegen ber ©emütstf)ätigfeit fubfumieren gu fönnen. ©ie fallen 



— 56 — 

fo in ben $ef)ler, b*n «nft §unte bei feiner Unterfudfjung über bie 
SRatur be$ ©laubeng (belief) begangen Ijatte, gurücf. 2)a§ Sejatyen 
fott nacfj iljnen ein billigen, ein 2Bertfdpä|en im ©efüljle, baä 33er= 
neinen ein 2Rif$bittigen, ein Sic^abgeftof$en=füf)len fein. 

%xo% einer geroiffen Analogie ift bie 33erroedfj§lung fdjjroer be= 
greiflidj. @S giebt Seute, roeldjje bie ©üte ©otteS unb bie Soweit, 
beä £eufel3, ba3 SBefen be3 Drmujb unb ba§ SBefen be§ Stfjriman 
mit gleicher Überzeugung anerlennen, roäljrenb fie bodj) ba§ SBefen 
beS einen über alles fdjä^en, von bem beS anbern fidfj nidfjt anberS 
als abgeftofcen füfjlen. ®a wir bie @rfenntni3 lieben unb ben 3*** 
tum Raffen, fo ift e§ aHerbingö richtig, bajs uns Urteile, bie mir 
für richtig galten (unb bieg gilt t>on allen benen, meldte mir felber 
fällen), aus biefem ©runbe lieb finb (baft mir fie alfo im ©efüfyle 
irgenbroie mertfdpä^en). 2lber mer möchte fid^ baburdfj oerleiten 
laffen, bie geliebten Urteile felbft für Betätigungen ber Siebe ju 
nehmen? ®ie SSermed^^Iung märe fdjjier ebenfo grob, als romn 
einer 2öeib unb Äinb unb ©elb unb ©ut beSljalb, roeil fie ©egen* 
ftänbe feiner Siebe finb, t>on biefer feiner barauf bejüglid^en 2^ätig= 
feit nidfjt unterfd^iebe. S3gl. audjj, mag idj) oben (9lnm. 21) gegen 
SBinbelbanb bemerft Ijabe, wo er, £)e3carteS mifjoerfteljenb, ifjm bie* 
felbe Seljre jufd^reibt; femer 2lnm. 26 (über bie ©inljeit be3 33e- 
griffet be3 ©uten) fomie mag ©igmart in feiner Sogil I, 2. Stufl. 
©. 156 ff. in ber Slnmerfung jum Seil feljr treffenb gegen 2Binbel= 
banb geltenb madfjt. denjenigen, melier nadfj allem bem nodjj nadjj 
meiteren Argumenten für ben Unterfd^ieb ber jmeiten unb britten 
©runbllaffe verlangen follte, erlaube idfj mir %um t>orau3 auf meine 
„®effripttoe ^ßfpdfjologie" gu oerroeifen, t)on ber idfj im SSorroort afö 
einem naljeju t>oHenbeten 2öerfe fprecfje, unb bie nidfjt als eine $ort= 
fe$ung, rooljl aber al3 eine $ortenttt>icfelung meiner „^ßftjcljologie vom 
empirifdfjen ©tanbpunfte" erf deinen roirb. 

§ier gegenüber SBinbelbanb nur nodfj folgenbe 93emerfungen : 
1. @3 ift, mie er ftdfj bei abermaliger Sefung meiner ^Bfpdfjologie 
I ©. 262 felbft überzeugen wirb, falfdjj unb ein ftarfeS S3erfeljen, romn 
er S. 172 (fogar mit Slnfüljrung^eicJjen) miclj felber jugeftefjen 



— 57 — 

läfct, bic Sejeidjjnung „Siebe unb £af$" fei für bie brüte ©runb- 
Haffe nidjt redfjt geeignet. 

2. @S ift falfdfj unb eine ganj unberechtigte ©uppofitton, toznn 
er mir ©. 178 bie SKeinung jufdfjreibt, bafc bie (Einteilung berUr* 
teile nadfj ber Dualität bie einjig roefentlidfje fei, bie ben UrteilSaft 
felbft betreffe. £)a3 gerabe ©egenteil ift meine Überzeugung, ©o 
Ijalte idjj 3. 93. (atterbingS im ©egenfa$ ju SBinbelbanb) ben Unter* 
fdjieb jroifdjjen affertorifdjjen unb apobiftifdjjen (ogl. baju Stnm. 27 ©. 83) 
unb roieberum ben Unterfcfjieb jrcifdfjen etribenten unb blinben Urteilen 
für ben UrteilSaft felbft betreffenb unb feljr mefentlidjj. SRodfj an* 
bere, ja fogar einen jroifdjjen einfachen unb jufammengefe^ten Urteile* 
aften, fönnte idjj namhaft machen. £)enn nidfjt jeber jufammengefe^te 
UrteilSaft fann in lauter einfache Elemente aufgelöft werben, roie ja 
ItfjnlidJjeS — baä nmf$te fdjjon SlriftoteleS — auclj von mannen 93e= 
griffen gilt. 2öa3 ift SRöte? — SRote $arbe. — 2BaS ftarbe? — 
farbige Dualität. 2Ran fielet, bie Differenz enthält in beiben 
fällen ben ©attungSbegriff ; bie 2lblö3barfeit be3 einen logifdjjen 
£eil£ t>om anbern Befielt nur einfeitig. Sine äljnlidfje cinfeitige 
2lblö3barfeit, fage idfj, fommt nun audfj bei geroiffen jufammengefe^ten 
Urteilen t)or. 3- ©t. 2Rill Ijat barum gang unredjjt, wenn er £)eb. 
unb inb. Sog. I, 4 § 3 bie alte ©dfjeibung ber Urteile in einfache 
unb jufammengefe^te lädfjerlidfj finbet unb meint, man oerfaljre fyiex 
nidfjt anberS, als roenn man bie $ferbe in einzelne Sßferbe unb ©e= 
fpanne von $f erben f Reiben wollte; mürbe bodj) fonft gegen bie 
©Reibung ber Segriffe in einfache unb jufammengefe^te baSfelbe 
Argument gültig fein muffen. 

3. @3 ift falfcfj, aber ein Irrtum, bem faft allgemein gefyulbigt 
wirb, unb von bem audfj idjj, als idj) ben erften 33anb ber $Pfpd[jologie 
fdjjrieb, midfj nodp nidfjt befreit Ijatte, bafj ber fogenannte ©rab ber 
Überzeugung eine Sntenfität^ftufe be3 Urteilend fei, meldte mit ber 
^ntenfttät von Suft unb ©djjmerz in 2lnalogie gebraut werben 
fönnte. §ätte Söinbelbanb biefen Irrtum mir vorgehalten, fo 
mürbe idp tfym gang unb t)oHfommen red^t geben. 5Run aber 
tabelt er mtdjj, meil idj) eine ^ntenfität nur in analogem, nid^t aber in 



— 58 — 

gleichem Sinne bei ber Überzeugung nnerfennen mottle, unb roeil 
ict) bie angebliche 3"taifttät ber Überzeugung unb bie lualjrtjafte 
grrtenfität beS GSefüljlS ber ©röfje nadj für um>erglcirf)bar erflärte. 
Da l)aben mir eine ber folgen feiner oer&efferteu Sluffaffung beS 
Urteils. 

ÜKJiire bev ÜbcrieugungSgrab meines ©laubenö, bafi 2+1 = 3 
fei, eine 3ntenfität, mie madjtig müjite biefe bann fein! Unb mcnn 
nun gar biefer Staube mit 2öinbelbaub (©. 186) ju einem ©efüb,l 
gemacht, nidjt blofj bem Sefüfil analog gebadjt merben bürfte, mie 
jerftörenb für unfer Kwwnfirftem müfite bie ßeftigfeit ber Öefüf)ES* 
erfdjütterung werben! ^eber Strjt mürbe oor bem Siubium ber 
3Jiatl)ematif als etnjaSÖJefunbfjeitzerrüttenbem mamen muffen. (Sgl. 
über ben fog. ÜberjmguugSgrab toic Slnfidjt i>on .f>cnnj Jieraman in 
ber intereffanten, in 33eutfdjlanb faum bendjtetni ©djrift „Au Essay 
in aid of a grammiir of iiKseut".) 

4. SEenn SÜinbelbaub 3. 183 fictj rounbert, mie icfj in ben 
6ä$en „@ott ift", „ein 9Jfenfcf) ifi", „ein 3JiangeI ift", „eine 
5Rüglid)feit ift", „eine SGkfirlKit ift" (b. l>. „es giebl eine 2fttEjr= 
fjeit") u. f. m. baS 9Börtdjeii „ift" für gleidjbebcuteno nefjmen fünne, 
ja biefeS 2*ertennen ber mannigfitdien Bebeuttmg be» 2ciuS bei bem 
Berfaffer ber „ 9Rannigf adjen Bebauung beS Seienben nadj 2(rifto= 
teleS" feltfam finbet (S. 184, 9Inm. 1): fo lann irf) nur crmibem, 
bafj, mer Ijierin nidjt bie einfadje Jioufeauenj meiner Sluffnffuug 
oont Urteil er&lkft, biefe Scljre faum erfaßt Imbeu bürfte. Sßas" 
aber 9iriftoteIe§ anlangt, fo fällt eS ijnn gar ntcfjt ein, baS „lariy", 
meldjeS ben 2luSbmcE ber Box-ftetlung ^uin Slusbrucf beS Urteils er= 
gänjt, unb ba& „oV i»g dkr^g", mie er eS nennt, äfmlid} r 
„SV im ©tnne einer Realität in uerfdjiebene $ategorieen unb i 
ein öV (viQytin unb ü" Svi-üiih ju jerlegen. Das fb'nnte nur « 
foldjer tb,un, roeldjer, mie §erbart unb fo mnndje anbere nadj i 
bie Begriffe beS SeinS im Sinne ber abfoluten -JJofition unb i 
©inne ber Sientttät nidjt auöetnanbersufjalten roüfjte. 
genbe 9lnm.) 

5. S4 & n ^ e foeben gefagt, bafe es einfadje unb äufammcn^ 




— 59 — 

gefegte Urteile gebe unb bafc manche jufammengefe^te Urteile nidjt 
oljne SReft in einfache auflösbar feien, hierauf mufy man rooljl 
achten, tvenn man bie fpradjjlidjje 9tüdffüljrung t)on Urteilen, bie in 
anbern Formeln au«gefprodjjen werben, auf bie qriftenttale formet 
t>erfud)t. ©elbftoerftänblidfj finb nur einfache, b. f). roaljrljaft ein* 
fjeitlidjje Urteile auf fte rütffüljrbar ; unb idfj glaube, man bürfe midfj 
barum für entfdjjulbigt galten, roenn tdfj in meiner SPfpdfjologte bieg 
nidjt au«brüdfltdfj ^erDorju^eben für nötig Ijielt. ©ilt biefe 3te* 
ftriftion allgemein, fo gilt fte natürlich audfj bei ber fategorifdjjen 
Formel. S)ie formalen Sogifer wollen in ben ©ä$en t)on fategori- 
fd^em 93au, bie fte mit A, E, I unb bejeidjjnet fjaben, ftreng 
einheitliche Urteile au«brüdfen. 35iefe finb alfo alle auf bie ßfctften* 
tialformel rütffüfjrbar (ogl. meine SPfpdfjologte I ©. 283). -Jtidjjt 
aber nrirb ba«felbe gelten, wenn in einem ©a$e oon fategorifdjjem 
93au, wie e« bie SJielbeutigfeit fpradfjlid^er SBenbungen mit ftdfj bringt 
(ogL unt. ©. 120 bie 2lnm. jur Seilage), eine SJielljeit von Urteilen 
enthalten ift. %n einem folgen f^all fann bie ejiftentiale Formel 
roo^l ber 2lu«brucf eine« bem jufammengefe^ten Urteile äquivalenten 
einheitlichen Urteil«, aber nidjjt biefe« Urteil« felbft werben. 

£)ie« Ijätte Söinbelbanb berütfftdfjtigen muffen, roo er (a. a. D. 
©. 184) ben ©a$ „bie 3tofe ift eine SBlume" bejüglidfj feiner SKücf* 
füfyrbarfett auf ben 6jiftentialfa| unterfudfjt. 6r fyat ganj redjjt, 
wenn er gegen feine SRebuftion auf ben ©a$: „6« giebt feine 9tofe, 
meldte nidpt eine 93lume märe" protefttert ; nur ^at er md(jt ebenfo 
redjjt, wenn er biefelbe mir jufdjjretbt. SBeber an ber von ifym an* 
gezogenen ©teile nodfj irgenbfonft Ijabe idfj fte gemalt unb fyalte fte 
für ebenfo falfdfj wie bie von SBinbelbanb oerfudfjte unb jebe von 
irgenbroeldfjem anbern nodjj ju t>erfudjjenbe. £)a« in bem ©a$e au«= 
gefprodpene Urteil ift nämlidjj Ijier au« jmeien, t)on meldten ba« eine 
bie 2lnerfennung be« ©ubjeft« ift (fei e« baft bie« für bie SRofe im 
gewöhnlichen ©inne, fei e« bafc e« für ,,ba« Sftofe ©enannte", „ba« unter 
Stofe SSerftanbene" al« foldfje« fupponiert), jufammengefe^t, wa«, wie 
mir thzn bemerften, nidjjt in jebem ^alle, wo ein ©a$ t>on ber 
Raffung „alle A finb B" au«gefprodjjen wirb, ebenfo gilt. 



— 60 — 

®a£ Ijat [eiber audfj £anb überfefjen, ber einzige meiner Äritifer, 
bem es gelungen ifi, meine t>on SBinbelbanb (<S. 191) als „mpfte* 
riöS" bezeichneten 2Inbeutungen jur Steform ber elementaren Sogif 
in ifjrem notroenbigen 3 u f atnmen *) an 9 m ^ ^ em principe ju be= 
greifen unb fehlerfrei aus ifjm abzuleiten. (S3gl. Land, On a sup- 
posed improvement in formal Logic, in ben 2Ibl)anblungen ber 
ßönigl. SRieberlänbifdfjen 2Habemie ber SBiffenfdfjaften, 1876.) 

3fdfj fdfjliefce mit einem Äuriofum, baS uns jüngft ©teintljal in 
feiner Scitfd^rift für SSölferpfpdfjologie (XVELI, 6. 175) lieferte. 
®a lefe idfj mit SSermunberung : „33rentanoS SSermirrung, inbem er 
Urteilen t>on S3orftetten unb £)enfen (!) t>öttig trennt unb erftereS 
at§ 2Inerfennung ober SSerroerfung mit Siebe unb £af$ jufammen- 
bringt (!!), wirb augenblidflidfj gelöft, roenn man ein foldfjeS (?) 
Urteilen, als ein äftfjetifdjeS, trielmeljr beurteilen (!) nennt." SBaljr* 
fdfjeinlidfj Ijat ©teintljal in meine SPfpdfjologie feinen 33tidf geworfen 
unb rooljl nur SBinbelbanbS Steferat barüber gelefen, aber audfj bieg 
fo flüdfjtig, baft er mir hoffentlich banfbar fein wirb, wenn idfj l)ier= 
mit feine 3eilen an biefen gur Äorreftur roeiterbeförbere. 

23. (S. 16) ÜRtKoftdfr, Subjeftlofe Säfte 2. 2lufl., Sffiien 
1883. $ur Orientierung über ben 3jn§alt biefer mertootten 3lb= 
Ijanblung mag eine älnjeige bienen, bie idfj feiner $e\t für bie 
SBiener Slbenbpoft gefdfjrieben Ijatte. ®urdfj Um>erftanb verirrte 
fie fidfj als Feuilleton in bie SBiener Seüung. ® a f* e b° r * Ö^f* 
niemanb gefugt Ijat, will idfj fie ^ier f am @nbe, atö Seitage 
anfügen. Snätt>ifd^en ift ©igroarts Sonographie „®ie 3>mper= 
fonalien" erfdfjienen, roorin er Siflofidfj befämpft. -Btartp Ijat 
fie, unb früher fdfjon ben betreffenben Slbfdfjnitt von ©igroartS 2o= 
gif, in ber S3ierteljal)r$fdfjrift für roiffenfdfjaftlidfje $ljilofopl)ie einer 
treffenben Äritif unterzogen, über bie ©igroart oljne allen t>erftänb= 
lidfjen ©runb fid^ Ijödfjlidfj entrüftet jeigt. „II se fache", fagen bie 
gran^ofen, „donc il a tort". ®ajs SigroartS Stuffaffung in u>efent= 
lidfjen ©tücfen urirflidfj t>erfel)lt fei, baS giebt eigentlich felbft Steine 
fyal gu, obmoljl er in feiner 3eitfdfjrift (XVm S. 170 ff.) bem 
SSerfaffer ber Sonographie in bidfjten SBolfen SBeiljraudfj fpenbet, ja 



— 61 — 

in ber SSorrebe jur vierten äluflage feinet „Urfprung ber Spraye'' 
fogar einem Seneljmen Seifaff jottt, baS jeber roaljre 3?eunb beS 
t>erbienftt>otlen -DtanneS ju beflagen ©runb Ijat. SRadfj bem Jjofjen 
£ob, baS man im ßingang vernommen, füljlt man fidfj am (Snbe ber 
ßritif etwas entläufst. ©. 177 — 180 t>ernrirft ©teintljal bie £ljeorie 
©igroartS, roaS bie grammatifdfje Seite anlangt. 63 bliebe banadjj bie 
pfpdfjologifdfje üKEjeorie ©igroartS als baS eigentlich ©elungene übrig. 
Slber bie pfpdjjologifdjje ©eite ift nidfjt bie, für roeldfje ©teintljals 3Bür= 
bigung Autorität Ijaben bürfte; es müjjte benn einer audfj folgenbe Se= 
merfung emft ju nehmen geneigt fein: „©emifc mujs jeber bei bem 
©a$e: ,3)a bücft fidfj'S hinunter mit liebenbem Slicf' (©djjitterS 
SBorte im ,ü£audfjer') an bie Königstochter benfen; aber nidfjt fie 
fteljt t)or mir, fonbern fubjeftloS ein ©id[j = hinunter = büdfen , unb 
nun füljle idfj um fo lebenbiger mit iljr. Sftadjj meiner [©teintljals] 
$Pfpd[jologie mürbe idfj fagen, bie SSorftettung ber ÄönigStodfjter 
fdfjroingt, aber tritt nidfjt ins Semu^tfein." 3)a3 ift rooljl meljr, 
als woran ein SBeifer genug Ijat. 

I. 

£)ie pfpdfjologifdfje ^eorie ©igroartS jeigt fidfj in iljrer ganjen 
©dfjroädfje, roo er t>on bem Segriff „Stiften f 9tedfjenfd[jaft ju geben 
fudfjt. 9Son biefem Ijat fdfjon SlriftoteleS erfannt, bajs er burdfj 
Steflejion auf baS bejaljenbe Urteil gemonnen werbe. Slber ©igroart, 
wie bie meiften mobernen Sogifer, unterläßt es feine SBinfe ju hmixfym. 
Statt ju fagen, ju bem (Sjiftierenben gehöre alles baS, wofür baS 
anerfennenbe Urteil waljr ift, ergebt fidfj ©igwart ein um baS 
anbere 9D?al unb j$ule£t wieber in feiner jweiten Sluflage ber Sogif, 
©. 88 — 95 in langen (Srörterungen über ben Segriff beS ©eins 
unb ben (Sjriftentialf a£ , bie, in falfdfjen Sahnen fidfj bewegenb, ju 
{einerlei Klarheit führen fönnen. 

„©ein" foll nadfj ©igwart eine Delation auSbrüdfen (©. 88. 95); 
fragt man aber: weldfje? fo fdfjeint es für einen Slugenblicf (©. 92), 
bafj es eine „Delation ju mir, bem ®enfenben" fein folle. Slber 
nein, ber %iftentialfa£ behauptet gerabe, „bafj baS ©eienbe audfj 
fei, abgefeljen von feiner Sejie^ung ju mir unb einem anbern 



— 62 — 

benfenben SBefen". ®iefe Stelation ift e£ alfo nidfjt. Slber 
tx>e[($e anbere fott e£ nun fein? @rft 6. 94 fdfjeint bieg beutlidfjer 
Ijeroorjutreten. ®a3 Verhältnis fott (allerbingS wirb beigefügt 
„junädfjft") „bie Übereinftimmung („Sbentität", ebenb.) beS t>orge= 
ftefften ®inge3 mit einer möglichen SBaljrneljmung (einem „SBaljrneljm* 
Baren", ebenb., „etwas, was t>on mir wahrgenommen werben fann", 
ebenb. <5. 90 2lnm.) fein". 

9hm erfennt jeber fofort, bafc biefer begriff ber @£tftenj ju 
eng ift, wie benn 3. S. woljl behauptet werben fönnte, e£ gebe 
tneleS, was nidfjt wahrnehmbar fei, j. 33. eine Vergangenheit unb 
eine 3 u ft m ftf ^nen ^ eeren Staunt unb überhaupt einen -Btangel, 
eine -BtöglicPeit , eine Unmöglidfjfeit u. f. w. u. f. w. Unb fo tft'S 
nidfjt jum SSerwunbem, vomn ©igwart felbft ben Segriff ju ent= 
fdfjränfen fudfjt. Slber er tljut bieS in einer mir fdjjwer t>erftänblidfjen 
Söeife. 3 uer ft fdfjeint es, als wolle er fagen, es fei, bamit etwas 
jum ©jiftierenben jäljle, nidfjt nötig, bafj es t)on mir, eS genüge, 
wenn es t>on irgenb einem wahrgenommen werben fönne. Dber 
was fonft fottte eS Reiften, wenn ©igwart nadfj bem eben ©efagten — 
eS war t>on ber Übereinftimmung beS üorgeftellften iDingeS mit einer 
möglichen SBaljrneljmung bie Siebe — fortfährt: „2BaS ejiftiert, 
fteljt nidfjt 6Io§ in biefer Sejie^ung ju mir, fonbern ju altem 
anbern Seienben" ? ©igwart bürfte ja bodfj faum geneigt fein, jebem 
©eienben bie gäljigfeit ju jeber SBaljrneljmung jujufpredfjen. 33iel= 
leidet wollte er inbeS nur fagen, was ejiftiere, ftefje ju jebem anbern 
Seienben in ber ©jiftenjbejie^ung ; unb bann fönnte man etwa 
aus bem unmittelbar folgenben entnehmen, baft biefe wenig fagenbe 
Seftimmung ba^in gelje, bafj (Sjiftenj bie $äl)igfeit jum SBitfen unb 
Seiben auSbrücfe. („2BaS ejiftiert .... fteljt in Äaufafoerljältniffen 
ju ber übrigen SBelt"; af)nl\df) S. 91, 3lnm.: baS (Sjiftierenbe ift 
etwas, was „Sßirfungen auf midfj unb anbereS ausüben fann".) 
©dfjliejslidjj aber gewinnt eS aud) nod^ eine gewiffe Sßaljrfdfjeinlidfjfeit, 
bafc Sigwart fagen wolle, ejiftierenb fei baS, was wahrgenommen 
ober als wahrnehmbar erfd^loffen werben fönne; benn er fügt bei: 
„baraufl£)in" (wegen biefer Äaufafoerljältniffe) „fann audfj t)on bem 



— 63 — 

SBafjrnetjmBaren eine Bloß erfdjjloffene (Sjiftenj Behauptet 
werben." 

£)aß aBer bieg affeö gleichmäßig oermerflidfj ift, ift unfdfjwer 
ju erfennen. 

®enn 1. „bie Gfciftenj oon etwas erfdfjtießen" Ijeißt nidfjt fotriet 
tt)ie „feine SBatjrnetjmBarfeit erfdfjließen". 2Senn ;. 33. bie ©jiften? 
t)on Sltomen unb teeren Staunten burdj ©dfjlüffe gefiebert wäre, fo 
barum bodfj nocij lange nidfjt iljre SBafjrneljmBarfeit für uns ober 
irgenb weldfjeS anbere SBefen. Unb wenn einer auf bie ©jiftenj 
eines ©otteS fdfjließt, aber barauf oerjidjjtet, ben ©ebanfen antljropo* 
tnorp^iftifd^ ju „Beteben", fo wirb er barum nidfjt glauben, baß 
(Sott für eine Kreatur ober audfj nur für fWj fetBer waljrnetjmBar 
fein muffe. 

2. 63 märe t>on biefem Stanbpunft ein SBiberftnn, wenn 
einer fagte: „3$ bin überzeugt, baß e3 trieteS gieBt, beffen ©jiftenj 
meber jemals oon jemanb wahrgenommen nocij audfj erfd^toffen werben 
fann." ®emt eS mürbe Reißen: „%$ Bin üBerjeugt, baß trieleS 
wahrgenommen ober ats wafyrnefjmBar erfdfjtoffen werben fann, was 
bod^ nid^t wahrgenommen unb nidfjt erfd^Ioffen werben fann." — 
2Ber f önnte Ijier oerfennen , wie weit ©igwart oon bem wahren 
Segriffe ber ©jifteng aBgeirrt wäre! 

3. 2Benn ©igwart ben Segriff ber Gfciftenj in ber angebogenen 
©teile fogar fo entfd^ränfen wollte, baß er meinte, ejiftierenb fei ba$= 
jjenige, toa^ entweber wafjrneljmBar ober au§ SBaljmeljmBarem ju er* 
fcpeßen ober bocij ju SBaljrneljmBarem in trgenbweWjem urfacijlidfjem 
93etf)ältni3 Befinblidfj fei: fo wäre barauf — wenn anberS eine foldfje 
monftröfe Seftimmung beS (SEiftenjBegriffeS nodfj einer ÜBiberlegung 
Bebürfen foffte — ju erwibern, baß audfj biefer Segriff nodfj immer 
ju eng wäre. SBenn id[j g. 93. fage: eS gieBt oietteid^t einen teeren 
Staunt, aBer mit ©idjjerfjeit fann bieg nie oon jemanb erfannt werben, 
fo gefiele id[j ju, baß bem teeren Staunt oielleidjjt ©jiftenj jufomme, 
aBer id[j leugne auf baS Beftimmtefte, baß er wafyrneljmBar ober 
aus SBafymefjmBarem ju erfdfjließen fei. 3>n e ^ nem SerfjältniS ber 
Urfadjje ober SJBirfung aBer fann ber teere Staunt (ber ja bodfj fein 



- 64 — 

®ing ift) ^ebenfalls $u nichts Söafjrnefjmbarem fielen. 2Bir Ratten 
alfo wieberum einen 2Biberfinn als Interpretation einer feineSwegS 
abfurben Steljauptung. 

SBie t>erfel)rt ber (Sjiftenjbegriff twn Sigwart analpfiert wirb, 
erweift fidj red^t einfach aud^ an folgenbem ©a$e: ein wirflidfjer 
ßentaure ejiftiert nidfjt, ein t>orgeftellfer Gentaure aber ejiftiert, 
unb jwar fo oft, als idfj i§n twrftette. SBem Ijier nidfjt ber 
Unterfdfjieb beS oV &<; uXrj&tg, b. I). im ©inne beS G^iftierenben, 
Dom ov im Sinne beS £)inglidfjen (SBefenljaften) flar wirb, bem 
würben, fürdfjte idfj, audfj bie reichten 3>ttuftrationen burdfj anbere 
33eifpiele faum me^r jum 33erftänbniS t>erljelfen. 

®odfj erwäge man fur$ audfj nodfj folgenbem : nad^ Sigwart fott 
bie GrfenntniS ber Gjiftenj t)on etwas in ber ßrfenntnis ber Über* 
einftimmung eines S3orftellungSinf)alteS mit — ba idfj nid^t genau t>er* 
ftef>e, mag, fagen mir — „9191" befteljn. 3BaS gehört nun ba$u, 
um bie Übereinftimmung Don etwas mit etwas anberem ju erfennen ? 
Offenbar bie GrfenntniS von allem bem, was baju gehört, bamit 
wirflidfj biefe Übereinftimmung gegeben fei. ftafti gehört nun aber 
1.) bajs bas eine fei, 2.) ba{$ baS anbere fei unb 3.) baft jwifdfjen 
üjnen baS 33erl)ältniS ber ^bentität beftefje; benn waS nid^t ift, 
tft weber einem anberen gleich nodfj t>on ifjm üerfdfjieben. Slber 
bie (SrfenntniS fdfjon beS erften ©tücfeS für ftdfj ift bie (SrfenntniS 
einer (Sjiftenj. 2Ilfo ift bie GrfenntniS ber beiben übrigen ©tüdfe 
nidfjt me^r baju erforberlidfj , bafc irgenbweldfje @jiftenj erfannt 
werbe, unb SigwartS üÜEjeorie füfjrt ju einem SBiberfprudfj. SSgt. 
mit bem fyier (Srörterten SigwartS Sßolemif gegen meine Sßfpdfjologie, 
Sudfj H, Aap. 7 in ber Sdfjrift „SDie ^mperfonalien" ©.50 ff. unb 
Sog« I, 2. 2IufI. S. 89 f. Stnm. , fowie audfj SKartyS Sßolemif 
gegen Sigwart in ben älrtifeln „Über fubjeftlofe Sä$e" in ber 
SSiertelja^fd^rift für wiffenfdjaftl. ^ilofop^ie vm, 1 unb ff. * 



* 3$ fjatte bie ßritif von ©igroartS @£iftenäbegriff bereits gefcfjrieben, 
als irf) auf eine -Kote ju Sogt! I, 2. 2luf(. ©. 390 aufmerlfam nmrbe, bie 
tnicfj ntrf)t oeranfofjt, etroaS an bem ©efcfjriebenen gu änbern, raoljl aber fte 
tum SBergleidje Ijier aufzunehmen. „25aS «©etenbe» überhaupt", fagt ©ig* 



— 65 — 



II. 



SBenn Sigroart baS Sßefen beS Urteils im allgemeinen oerlennt, 
fo fann er natürlich baS beS negatioen Urteils im befonberen 
nid^t Begreifen. @r verirrt ficij foroeit, iljm bie ©leid^beredfjtigung 
als SpecieS neben bem. pofttioen Urteil abjufpredfjen ; lein t>er= 
neinenbeS Urteil fott bireft, fein Dbjeft tuelmeljr immer ein t)oH= 
jogeneS ober oerfucijteS Urteil fein. (Sogif I, 2. 2IufI. 6. 150.) 

ÜRit biefer SBefyauptung tritt ©igroart in ©egenfa£ ju mistigen 
pfpdfjologifdfjen 33eftimmungen, bie idfj im Vortrag oerroerte. ©omit 
fd^eint eS geboten, fyier feinen Singriff abjuroeljren. $u bem 33c= 
Ijufe roill idfj geigen: 1. bafc bie 2eljre ©igroartS fdfjledfjt begrünbet 
ift; 2. baft fie in eine Ijeillofe SSermirrung hineinführt; wie benn 
©igroarts bejafjenbeS Urteil ein oerneinenbeS, SigroartS oerneinenbeS 
Urteil, vomn überhaupt ein Urteil unb nidfjt blofc ber 9D?angel eines 
folgen, ein pofitioeS ift, unb fein pofitioeS eigentlich ein oerneinenbeS 
inooloiert, unb roaS bgl. meljr ift. 3. enblidfj miß idfj — was 
banf ben ausführlichen ÜRitteilungen ©igroartS möglidfj fdfjeint — 
bie ©enefiS feines Irrtums barlegen. 

•1. ,8unäd[)ft fragt bei einer fo neuen, fo auffaHenb abroeidfjenben 
Sefjauptung rooljl jeber nad^ ber Segrünbung. 3llS foldfje . roirb 
(S. 150) t>or allem geltenb gemalt, baft baS oemeinenbe Urteil 
leinen Sinn Ijätte, wenn nidfjt ber ©ebanfe ber pofitioen Beilegung eines 
^BräbifatS oorauSgegangen märe. — SlHein roaS foH bieS Ijeijjen? 
@ntmeber liegt l)ier eine flare petitio principü oor, ober es fann 
nid^t meljr fagen motten, als bafc eine SSerfnüpfung oon SSorfteHungen 
oorausgegangen fein muffe, ©eftänben mir nun bieS (obwohl eS, 



wart, „lann nidjt als wahrer (Gattungsbegriff ju bem einjelnen ©eienben 
betrautet werben; eS ift begrifflich betrautet nur ein gememfcfjaftlicfjer 
Warne. %)tnn ba „©ein" für \xn$ ein föelationSpräbifat ift, lann eS lein 
gemeinfc^aftlicljeS Sfterfmal fein, eS müfjte benn gezeigt werben, bafj biefeS 
^ßräbilat in einer bem Segriffe alles ©eienben gemeinfamen 33eftimmung 
nmrjle." 3$ fürcfjte, ber Sefer roirb foroenig wie id) babur<$ über ben 
©jiftenjbegriff bei ©igroart gur ßlarljeit gelangen, rooljl aber üielleidjt nodj 
beffer begreifen, warum aU mein fingen banacfj erfolglos geblieben ift. 

Brentano, 33om Urfprung ftttl. ©rfenntntä. 5 



— 66 — 

mie idfj in meiner $fpd[jologie nadjjgemiefen , nid^t richtig ift) für 
einen StugenBlicf ju, fo märe, ba ©igmart felBft (©. 89 2Inm. u. ö.) 
anerfennt, baft eine fold^e „fuBjeftioe SSerfnüpfung oon SSorftetfungen" 
nodfj fein Urteil fei, ba{$ trielmeljr ein gereiftes ©efüljl oon Nötigung 
bajufommen muffe, nodfj immer fein <Sa$ nidfjt erroiefen. 

3>n bem folgenben (S. 151) mirb ein Argument Beigefügt, 
beffen logifd^en 3 u f amtne ^^ a "Ö ^ eBenfomemg Begreife. @3 mirb 
richtig Bemerft, baft mir an unb für fidfj ein Siedet Ijätten unaBfe^= 
Bar oiele Sßräbifate oon etmaS ju oerneinen, unb eBenfo richtig Bei* 
gefügt, bajs mir biefe negativen Urteile tro^bem nid^t äffe mirflidfj 
faßten. Unb nun — meldfj ein ©d^Iu^ mirb aus biefen Sßrämiffen 
gejogen? @tma ber, bafc alfo ber Umftanb, baft ein geroiffeS 
negatioeS Urteil Berechtigt fei, für fidfj allein nodfj nid^t genüge, um 
ba3 Gintreten be£ Urteils ju erflären? — ba3 märe anftanbSloS 
jujugeBen. 3lBer ©igmart fcijliefjt ganj anberS; er erlauBt fidfj ju 
Behaupten, e3 gefye barauS Ijeroor, ba{$ bie feljlenbe SöiitBebingung 
bie fei, bafc man bie entfpredfjenbe pofitioe 33eljauptung nodfj nid^t 
üerfudfjt IjaBe. ©in füljner ©prung, roaf)rf)aftig! Bei meinem meine 
Sogif menigftenS nid^t gu folgen vermag. — Unb mie, menn. einer 
meiter früge: marum merben benn bie Betreffenben pofitioen Urteile 
nid^t alle mirflid^ oerfudfjt? — £)ie fdfjeinBarfte 2lntmort, menigftenS 
wa$ bie Seifpiele („biefer Stein lieft, fdfjreiBt, fingt, bietet; bie 
©eredfjtigfeit ift Blau, grün, fünfecfig, rotiert"), bie ©igmart oorfüljrt, 
anlangt, ift moljl bie, bajs man e3 barum unterlaffe, meil man baS 
negatioe Bereits mit eoibenter Sidfjerfyeit gefällt IjaBe; benn bieg er= 
Hart fyier moljl am Beften, marum feine „©efaljr" Befteljt, „bafc 
jemanb bem (Stein ober ber ©eredfjtigfeit biefe $räbifate Beilegen 
moHte". 3ieljt aBer einer t)or §u antroorten, bie ®nge be£ 33emuf$t= 
feinS madfje, bajj man unenblidfj t>telc pofitioe Urteile jugleidfj t>er= 
fudfje, unmöglich : fo laffe id[j mir audfj biefe äluSfunft gefallen ; nur 
fragt fidf), oB bann nidfjt biefelBe Berufung fdfjon früher unb bireft 
fjätte angemanbt merben f offen ; geBraudjjt bodfj ©igmart felBft 
für bie möglichen negatioen Urteile ben 2Iu3brudf „unaBfeljltdfje 
9J?enge". 



— 67 — 

Sludfj ift es (fdjjon -Btartp ljebt es Ijeroor) ein feltfamer Irrtum, 
wenn Sigwart behauptet, bag im ©egenfa$ gu bem, was für baS 
negative Urteil gelte, „t>on jebem ©ubjeft nur eine enblidfje Slngaljl 
t)on Sßräbifaten bejaht" werben fönne. 3Bie? fann man nidfjt g. 85. 
mit allem Stedjte fagen, eine gange ©tunbe fei größer als eine 
Ijalbe, größer als eine ®rittel=, größer als eine Sßiertelftunbe, unb 
f o fort ins unenblid^e ? — SBenn id^ nun tro^bem alle biefc Urteile 
im einzelnen nidf)t wirflidfj fälle, fo wirb bieS woljl feine guten 
©rünbe Ijaben, unb t>or allem fd^on ben, baft bie @nge beS 93e= 
wujjtfeinS bamit unoerträglidfj ift. £)erfelbe bürfte aber bann audfj in 
betreff ber negativen Urteile mit beftem @rfolg angeroanbt werben. 

@twaS fpäter begegnen mir einem britten Argument, bei bem 
tdfj, ba idfj eS in meiner Sßfpdfjologie S3uc§ II, Aap. 7 § 5 bereits 
gum t)orauS wiberlegt Ijabe, gang furg verweile. SBenn baS nega= 
tit>e Urteil ein birefteS unb bem affirmativen als SpecieS foorbi= 
nierteS märe, fo müfjte, meint Sigwart (© 155 f.), wer im affir= 
mativen fategorifdfjen ©a| bie 33ejaf)ung, im negativen fonfequenter= 
weife bie Seugnung beS ©ubjeftS int)olt)iert benfen, was bodfj nid^t ber 
$alt fei. £)ie festere Semerfung ift richtig, bie erftere 33eljauptung 
aber gang unftidf$altig ; ja fie enthält einen SBiberfprudfj in fidfj 
felbft. ®enn gerabe barum, weil im S3eftanb eines ©angen ber 
33eftanb eines jeben gu iljm gehörigen £eilS involviert ift, genügt 
«S bagu, baft ein ©angeS nidfjt mefyr befiele, wenn audfj nur einer 
feiner £eile mangelt. 

Unb fo fyahen mir benn fdfjliejslidfj nur nodfj einer fpradfjlidfjen 
©rwägung, burdfj meldte Sigwart feine 2lnftdfjt gu ftü^en glaubt, 
gu gebenfen. (Sin 3 eu Qm3 bafür fott nadfj iljm audfj barin liegen, 
baft baS 3 e ^ en be§ negativen Urteils burd^weg eine Äomplifation 
mit bem $eid[)en ber Affirmation enthalte; baS SBörtdfjen „nidfjt" 
wirb ja gum fyxtyn ber Kopula Ijingugefügt. — Süden mir, um baS, 
was fidfj tljatfädfjlidfj l)ier finbet, gu würbigen, für einen Slugenblidf 
auf baS ©ebiet ber ©emütsbewegungen hinüber, Sigwart ift woljl 
mit mir unb aller SBelt barin einverftanben, bajs gefallen unb mifc 
fallen, fidfj freuen unb trauern, lieben unb Raffen u. f. w. einanber 

5* 



— 68 — 

foorbiniert finb. ®ennodfj ftnbet fidfj in einer ganzen Steige t>on 
2IuSbrüdfen ber SRamen für bie Abneigung im ©emüte bepenbent 
t>on bem Namen für bie Zuneigung gebilbet: g. 33. „ Steigung " t 
„Abneigung"; „gefallen", „mißfallen" ; „£uft", „Unluft" ; „2Bille\ 
„SBibermille" ; „frol)", „unfrol)" ; „glüdmd&", „unglücflid^ ; „lieb", „un* 
lieb" ; „fdfjön", „unfdfjön" ; „angenehm", „unangenehm" ; fogar „ungut" 
wirb gebraucht. 2)ie (Srflärung bafür ift, glaube idfj, für ben Sßfpdfjo* 
logen tro$ ber Äoorbination nid^t fdfjroer; foHte ba urirflidfj eine 
©rflärung für bie uns twrliegenbe, fo eng oerroanbte (Srfd^einung 
beim AuSbrudf beS negatioen Urteile, audfj unter Annahme ber 
Äoorbination, gar fo fdfjroer fidfj finben laffen? 

3>n ber %$at, eS muft fdfjlimm um eine ©adfje fteljn, wenn 

Genfer roie ©igroart bei fo principiett wichtigen unb jugleidfj fo 

ungeroöljnlidfjen ^Behauptungen ju fo fdfjroad^en Argumenten iljre $\x* 
flucht nehmen. 

2. ©igroartS ©rünbe für feine Sefjre Dom negativen Urteil 
Ijaben fidfj alfo fämtlid^ als hinfällig emriefen. Unb fo mufjte eS 
ja fein; benn urie fönnte eine Se^re fidfj als voofyc ermeifen laffen, 
bie alles in bie größte SSermirrung bringen mürbe? 

©igroart fteljt ftdfj baju gebrängt, jroifd^en pofittoem unb 
bejafyenbem Urteil ju unterfdfjeiben ; unb baS bejja^enbe — man 
f)öre unb ftaune über bie neue Terminologie! — ift nad^ iljm, 
genau befefjn, ein aerneinenbeS. <S. 150 Ijeijst eS roörtlidfj: „ba& 
urfprünglidfje Urteil barf gar nidfjt baS bejaljenbe genannt werben, 
fonbern wirb beffer als baS pofitiae bejeid^net; benn nur bem oer= 
neinenben gegenüber unb fofern fie bie SDtöglidfjfeit einer 33er- 
neinung ab weift, Ijeifjt bie einfädle AuSfage A ift B eine S3c- 
jafjung" u. f. ro. — (Sofern fie „abroeift"? — roaS Ijeijst ba& 
anberS als „fofern fie oerneint"? Alfo roitflidfj nur SSerneinungen 
mürben nadfj biefem feltfamen neuen ©pradjjgebraudfj 33ejal)ungen ju 
nennen fein! ®aS Ijeifjt benn bodfj — unb namentlich roenn man 
audfj nodfj fagt, ber 6a| A ift B fei manchmal eine foldfje 33er* 
neinung (man oergl. nur bie eben citierten 28orte) — ben Sprach- 
gebrauch meljr als nötig unb erträglich in 33erroimmg bringen. 



— 69 - 

216er nic$t bloft bic 33ejal)ung ift — wie fidfj IjerauSftefft — 
nadfj ©igmart eigentlich eine Verneinung; fonbern, fo parabos eS 
flingt, feine Verneinung ermeift fidfj, genau befeljn, als ein pofitioeS 
Urteil, ©igmart protestiert jmar gegen bie, meldjje mie §obbeS alle 
IBerneinungen als pofitioe Urteile mit negativen Sßräbifaten faffen 
»offen. 2lber mnn nid^t bieg, fo muffen fie nadfj i l) m pofitioe Urteile 
mit pofitioen Sßräbifaten fein ; benn iljr ©ubjeft, leljrt er, fei jebeSmal 
ein Urteil, iljr Sßräbifat aber ber Segriff ungültig. ©. 160 fagt er 
in ber 2lnmerfung, bie Negation Ijebe bie Vermutung auf unb 
fpredfje iljr bie ©ültigfeit ab, unb biefe SBorte für fidfj mürben eS aller* 
bingS nahelegen ju glauben, ©igmart neljme Ijier eine befonbere 
gunftion beS 2lbfpred|jenS , fonträr ber gatnftion beS 3ufpred[jenS, 
an. Slber nein! eine negative Kopula (t>gl. ©. 153) foll eS ja 
nad^ iljm nidfjt geben. 3BaS in aller SJBelt foll man fic$ nun unter 
bem „2lbfpredfjen" benfen? ©oll eS baS einfache „2lufljörenlaffen" beS 
pofitioen Urteils über bie entfpredfjenbe 3D?aterie, alfo (nadfj ©igmart) 
t>er SBegfaff beS ©efüljlS ber Nötigung fein, baS juoor mit einer 
SegriffSoerfnüpfung gegeben mar? Unmöglich ! benn biefeS 2Beg= 
fallen mürbe einen $uftanb herbeiführen, in meldfjem, meber aner= 
fannt nodfj geleugnet, bie VorfteffungSoerfnüpfung gurüdfbliebe. SBie 
oft mirb uns nidfjt etmaS, maS uns gemifc mar, ungemifc, oljne bafc 
mir eS barum leugnen! — 2BaS ift nun biefeS Seugnen? können mir 
tueffeieijt fagen, baft eS nadfj ©igmart ein ©idfj = genötigt = füllen 
jum älufljeben fei, mie baS 2lnerfennen ein ©id[j=genötigt=fül)len jum 
©e£en? 2Bir müßten bann fagen, bajs mir, folange mir ein nega= 
tioeS Urteil fällten, immer baS pofitioe Urteil ju fällen oerfud^ten 
unb uns bodfj ge^inbert füllten eS ju tljun. — Silber bieS 33emuf}tfein 
Ijat audfj ber, melier fidfj beS blofjen 9D?angelS an pofitioer 33egrün= 
bung flar bemufct ift ; mer bringt eS benn fertig etmaS ju glauben, 
maS er jugleid^ für gan$ unbegrünbet fjält ? Von feinem, jumal menn 
man ©igmartS Definition beS Urteils als 3Jia^ftab anlegt, mirb 
t>aS benfbar fein; alfo jeber in folgern gaffe beim Verfudfje fein 
tDtifclingen erfahren. 2Bir ljaben bemnadfj Ijier immer nodfj nidfjt baS 
negatioe Urteil oor uns. — Gebeutet baS 2lbfpredfjen feine negatioe 



— 70 - 

Äopula, fo muft es alfo offenbar als ein ^att beS ftufyxedptö b^ 
$räbifatS „falfdjj", als feine 3faeinSfe£ung (um mit ©igwart ja 
fpredfjen) mit bem als ©ubjeft in $rage fommenben Urteil gu be= 
trauten fein. SMefeS „falfdfj" fann audfj nid^t einfach fotriel Reiften 
als „nidfjt waljr", benn „nidfjt waljr" fann idfj von un^ä^ligen 
fingen auSfagen, bei weldfjen baS ^räbifat „falfdfj", wie es gewiffen 
Urteilen jufommt, nidfjt am $la$e ift. 2Benn nur Urteile waljr ftnb, 
fo fommt allem, was fein Urteil ift, baS Sßräbifat „nicijt waljr", aber 
barum feineSwegS baS Sßräbifat „falfdfj" ju. „falfdfj" müftte alfo alS> 
ein pofttit>eS ^räbifat gefaxt werben ; unb fo Ijätten wir benn faf= 
üfdjf fo 9^)^ baS blo^e 5Rid^t=überjeugt= fein feine Seugnung ift, t>on bem 
principiett üerfefylten ©tanbpunft ©igwartS aus feine SBaljl, wir mufften 
jebeS negatioe Urteil für ein pofttioeS Urteil mit einem pofttfoen 5ßrä= 
bif ate erflären. ®a Ratten mir alfo ein ^weites unb größeres Sßaraboson.. 
2lber nun tritt nodfj ein britteS Ijertwr, mag bie SSerwirrung 
üoffenbet. Unterfudfjt man nämlidfj, mie ©igwart baS ÜBefen be& 
Urteile im allgemeinen fafct, fo fann man aufs beutlid^fte nadfj* 
weifen, bajs fein einfaches pofttioeS Urteil felbft mieber ein negattt>e£ 
intjoloiert. 3laä) iljm gehört nämlidfj gu jebem Urteil aujser einer 
gewiffen S3orftellungSt)erfnüpfung ein SBewufjtfein ber SRotwenbigfeit 
unfereS 6inSfe£enS unb ber Unmöglidfjfeit beS ©egenteilS (t>gl. bef. 
©. 102), ja baS Sewufjtfein einer folgen Sftotwenbigfeit unb Un= 
möglidfjfeit für alle benfenben SJBefen (t>gl. ebenb. u. ©. 107) — 
was, nebenbei gefagt, freiließ ebenfo falfdfj ift mie ©igwartS 
ganje Sluffaffung t>om SBefen beS Urteils überhaupt. Sitte Urteile 
of>ne StuSnafyme nennt barum ©igmart um biefer (Sigentümlidfjfeit 
willen apobiftifdjj unb will jwifdfjen affertorifdfjem unb apobiftifdfjem 
Urteil feinen Unterfdfjieb gelten laffen (t)gl. ©. 229 ff). 3$ f^ge 
nun: Ijaben wir Ijier nidfjt beutlidfj ein negatives Urteilm intjoltnert? 
Dber was für einen ©inn f)ätte es nodfj, wenn man ©igwart von 
einem „SBewufjtfein ber Unmöglidfjfeit beS ©egenteilS" fpred&en Ijört? 
Unb nodfj meljr! idfj Ijabe fdfjon in meiner Sßfpdfjologie (©. 283) 
nadjjgemiefen, wie alle allgemeinen Urteile negatio finb; benn von 
ber SlUgemeinljeit überjeugt fein Ijeifjt nidfjtS anbereS als überzeugt 



— 71 - 

fein, baft feine SluSnal^me befielt ; wenn biefe Negation nidfjt Ijinju* 
fommt, fjeffen bie roeitgeljenbften Slnljäufungen pofitioer Behauptungen 
nidfjt, um ben ©tauben an 9Wgemeinl)eit $u fonftituieren. SBenn 
alfo Ijier oon einem Seroujjtfein , baft man altgemein fo benfen 
muffe, gefprodfjen mirb, fo liegt barin aufs neue ein Beleg für baS, 
maS idfj behaupte, bajj nämlidfj nadfj ©igmartS UrteilSleljre baS ein= 
fadfjfte pofttioe Urteilen ein negatioeS Urteilen inooloieren müfjte. 
Unb nun fottten mir boc$ jugleidfj glauben, bafc baS negatioe Urteil, 
mie ©. 159 f. ausgeführt mirb, relatio fpät entftanben, unb barum, 
mie audfj aus anbern ©rünben, unmürbig fei bem pofitioen als 
ebenbürtige ©pecieS jur Seite geftellt ju merben? — ©igmart 
^ätte uns bicö geroijs nidfjt jumuten fönnen, menn er alles baS, 
maS idfj fyier entroicfelte, unb maS man, je forgfältiger man es 
ermägt, um fo beutlidfjer in feinen oft fdjjmierig oerftänblidfjen 
älufftellungen eingefdjjloffen finben mirb, ftdfj jum Semufctfein ge= 
bracht Ijätte. SRatürlidfj, baj$ man audfj auf äluSfprüd^e Ijinroeifen 
fann, morin ©igmart t)on bem ober jenem, maS idfj l)ier im ein* 
jelnen bebucierte, baS ©egenteil fagt; benn baS ift, mo alles in 
foldfjer Unflarljeit geblieben ift, unb mo bie Störung bie mannigfadfjften 
Sßiberfprüclje ju Sage treten läjjt, nidfjt anberS $u erwarten. 

3. 3 e *9 en ™ r fdfjliejslidfj audfj nodfj bie ©enefiS beS 3>*rtumS, 
in meinem ein fo angefeljener ßogifer, nadfjbem er baS SBefen 
beS Urteils oerfannt, bei einer oerljältniSmäftig einfachen $rage 
fidfj oerftriefen fonnte. ®aS ^roton SßfeuboS beftanb in bem uon 
ber älteren Sogif ererbten Sßaljne, gum SBefen beS Urteils gehöre 
eine S3ejiel)ung Don jmei SSorfteHungen aufeinanber. ®iefe Sejieljung 
Ijatte fdfjon 2lriftoteleS als SSerbinben unb brennen (vvv&ioig xal 
diaiqtois) bejeidjjnet, freiließ inbem er fidfj ber unoollfommenen 
ßonoenienj ber 2luSbrücfe bemüht mar; fagt er bodfj gerabeju, man 
fönne in gemiffer SBeife audfj beibe Regierungen als SSerbinben 
(ofod'toig) bejeidfjnen (ogl. De Anim. III, 6). 3)ie fdfjolaftifd^e 
unb bie mobeme Sogif gelten an ben SluSbrücfen „oerbinben" unb 
„trennen" feft; bie ©rammatif aber bezeichnete beibe 33ejiel)ungen 
als „S3erbinbung" unb nannte baS $eii)m bafür „Sopula". Sig= 






roart madjt mm ernft mit ben Sluebritien „üerbinben" uitb 
„trennen", unb fo erfrfjeint ibm eine nrgatiue ftopufa »ie im 3Stber= 
fmn (vgl S. 153), bog pofitioe Urteil aber als 2?orau$fe|}ung beä 
negatroen , ba man, ctjc bie äferbinbung Ijergeftettt ift, fie niäjt 
trennen tann. Unb fo tonnte e§ ibm begegnen, bau iljm ein 
negattnes Urteil olme uorausgca.a n genes pofttioes gerabeju als finm 
los «fdjien (ugl. ®. 150 unb "toie obigen &uefül)ntngen). Snfolge 
baoon ftnben mir üjn in einer £age, meiere ben beben tenben J-orfdjer 
bagtt bringt, bie energifdjten über [)offnung$(ofeften Sdtftrengungen 
JU machen; baS negatioe Urteil ift ntd)t metjr begrcifÜdj. 

Sin emet Slitmafung S. 159 f. giebt er uns nlö ein Ifrcu'bm-j 
[olrfjer 8tmfi$ungen, bei roeldjem er fdjlieplicb, felbft fiel) beruhigen 
ju tonnen glmibt, eine mertroiirbige 'Sdjilbenmg feeS SSsigongeä, roie 
mir )iim Heparinen Urteil (amen, ©ic täjit bem ariifmerffamen 
feine fuccefftoen SSerfeben , jebeS an feinem ^unft , foiufagen in 
bie 3(ugeit fpringen. ©a, roo er jum negatroen Urteil ju gelangen 
glaubt, bat er es liingft fdjon emtieipiert. 

@r geb,t aus tum ber nötigen SÖcnu'rfumi , bafj unferc erfreu 
Urteile überhaupt pofitroer Sfct geroefen feien. 25iefe Urteile feien 
mit Göibenj unb mit aller ^uoerfidjt gefällt roorben. „9tun greift 
jebod)", fäljrt er fort, „unfer ©eilten übet baö Begebene Ifinaus; 
vermittelt burdj Erinnerungen unb 3lffonationen, entfielen Urteile, 
bie snuäajft ebenfo mit bem öebanfen gebilbet mevben, toafj fie ba§ 
2Birflicfie nusbrücfcn", [b. lj. .nadj anbern Äußerungen Sigroartö, bafj 
audj fie mit bem Seroufstfeht objeitiuer ©üitigteit bie Sforftellnngen 
oertnüpfen , benit bicö gebort naa) § 14 ©. 98 jum 3Befen beö 
Urteils] „i- S. menn mir ba<s Sefannte am bcEannten Drte -tu 
ftnben erroarten ober von einer Slume oorauSfegen, toafe fie ricrfjt. 
Slber nun ift ein STeil beö fo SSermuteten mit bem unmittelbar ©e= 
roifjen im SÖiberfireit" [liier unterläfjt Signiert }ii jeigen, rote 
mir, ba mir noeb, ntdjt im Sefiije non negatroen Urteilen unb ne= 
gatioen Siegriffen finb, etroa$ ali „miberftreitenb" ju ertennen oer= 
mögen; ja bie ©djtuterigfeit tritt nod) fajärfer f)ewor, menn er fort= 
fälnl:] „mir roerben uns, roenn mir baS Srroartete nidjt finben, 






— 73 - 

beS UnterfdfjiebS gmifdfjen bem 6 lo ^ aSorgeftellftcn unb bem 
SBirflid^cn bemufet." [3BaS Reifet $ier „nid&t ftnben"? ©efunben 
Ijatte idfj eS au<& oorfjer nidfjt; offenbar finbe idfj aber nun, baj$ 
baS, maS idfj mit bem anbem üerbunben mahnte, oljne jenes ift, 
maS idfj nur tfjun fann, inbem idfj baS eine anerfenne, baS anbere 
leugne, als ntdfjt mit iljm feienb erfenne. gerner, mag Ijeifjt Ijier 
„Unterfdfjieb"? ®ie S3erfdfjiebenljeit erfennen fyeiftt erfennen, ba&üon 
jmeien eines nidfjt baS anbere ift. 3BaS fjeifjt „blojs S3orgeftettteS"? 
Offenbar „SßorgefteKteS, meldfjeS ntdfjt jugleid^ audfj SBirflidfjeS ift". 
©igmart bemerft aber, fdfjeint'S, immer nodfj nid^t, bajs er bie ne^ 
gattüc UrteilSfunftion fidfj bereits Ijat oottjieljen laffen. 6r fä^rt 
fort:] „dasjenige, beffen mir unmittelbar geroifj finb, ift ein an = 
bereS als baS," [b. f). mofjl: eS ift nid^t baSfelbe, ja eS ift un= 
möglich vereinbar mit bemjenigen,] „maS mir antieipierenb geurteilt 
ijaben; unb je$t" [alfo nadfjbem mir, unb meil mir alle biefe nega= 
tioen Urteile fd^on gefaßt Ijaben] „tritt bie Negation ein, meldte 
bie Vermutung aufgebt unb ifjr bie ©ültigfeit abfpridfjt. iDamit 
tritt ein neues SSer^alten ein, fofern bie fubjeftit>e 
Kombination von bem 33emuf$tfein ber ©emifcljeit 
getrennt mirb; eS mirb bie fubjeftiae Kombination mit einer 
gemiffen t>erglidfjen unb iljr Unterfdfjieb t>on biefer erfannt; barauS 
entfpringt ber Segriff ber Ungültigfeit." ®aS le£te fieljt fd^ier 
einer -Jtacijläffigfeit beS SluSbrucfS gleidfj; benn menn „ungültig" fo= 
triel fyeifjen fott mie „falfdfj" unb nid^t fooiel mie „ungemijs", fo 
fann eS nidfjt aus bem Unterfdfjieb jmifdfjen einer Kombination o^ne 
©emifcljeit unb einer Kombination, bie gemifc ift, fonbem nur auS 
bem ©egenfafc einer tierroorfenen Kombination ju einer anerfannten 
entnommen merben. £>n 9Ba^r^eit ift baS miberftreitenbe anerfen* 
nenbe Urteil aber gar nidfjt baju nötig. £>er SBiberftreit , bie Un= 
t>ereinbarfeit ber SRetfmale in einem SSßirflid^en er^ettt fdfjon auf 
©runb ber SBegriffSoerfnüpfung ber einanber miberftreitenben 2Kerf= 
male, meldte, mie id[j nochmals mieberljole, nadjj ©igmart felbft 
(©. 89 2Inm. unb ©. 98 ff.) nodfj fein SSerfud^ ju pofttioem Ur= 
teil genannt merben fann. 3D?ag aud^ biefer bann unb mann bei 



— 74 — 

einer wiberftreitenben -äötaterie gemadfjt werben; immer gefdfjteljt e$ 
fidler nidfjt. 2Benn 3. 93. einer mir bie $rage vorlegt: ©tebt e3 
ein regelmäßiges £aufenbedf t>on taufenb unb ein Seiten?, fo madfje 
icij, wenn idfj, wie e§ woljl Bei ben meiften ber %aü fein wirb, fdfjon 
twrljer mir barüber ftar gewefen Bin, baß idfj überhaupt nid^t fidler 
fein fönne, baß e3 ein regelmäßiges £aufenbedf gebe, gewiß nidfjt 
erft ben 33erfudfj ju urteilen, b. \). nadfj ©tgwart mit 3ut)erftdfjt an= 
june^men, baß e§ ein regelmäßiges £aufenbecf von taufenb unb ein 
©eiten gebe, elje idfj auf ©runb beS SBiberftreitS ber 93eftimmungen 
negatit) urteile, baß es feinet gebe. 

®a£ Verneinen, baS Slbfpredfjen , baS ©igwart felbft, wie 
fidfj Ijäuftg uerrät (t)gl. 3. 93. ©. 152, ja fogar ©. 150), bodfj im 
©runbe trofc feinet Kampfs gegen eim negatwe ßopula als eine 
in iljrer Statur ebenfo befonbere gfunftion beS Urteilend anerfennt 
unb anerfennen muß wie baS älnneljmen ober 3ufpred[jen, ift barum 
audfj bem Umfange feiner Slnwenbung nadfj feineSwegS fo befdfjränft, 
wie ©igwart irrtümlich behauptet. 63 ift falfdfj, baß , wo etwas 
abgefprodfjen wirb, biefeS immer nur baS -JRerfmal „gültig" fei. 
©elbft einem Urteil fann balb ©ültigfeit balb ©idfjerljeit balb 
Slpriorität unb anbereS meljr abgefprodfjen werben. Unb ebenfo fann 
baS ©ubjeft bei ber gtmftion in freiefter SBeife wedfjfeln. %fl<m 
fann wie einem Urteil ©idfjerljeit unb ©ültigfeit, aucij einer 93itte 
Sefdfjeibenljeit, unb fo überhaupt, altgemein auSgebrücft, einem A 
ein B abfpredfjen. ©igwart felbft ti)ut eS gewiß fo gut wie jeber 
anbere. 3a unwillfürlidfj fpridfjt er juweilen richtiger, als feine 
ü£ljeorie es erlaubt, unb bezeugt fojufagen inftinftb bieSBaljrljeit; wie 
5. 93. ©. 151, wo er erflärt, niö)t baß nur twn Urteilen baS $rä= 
bifat gültig, fonbem „baß tum jebem ©ubjeft . . . eine unah* 
fefyltdfje 9Jtenge von $räbifaten verneint werben fönne". 
®aS ift ftdfjer richtig, unb ebm barum wirb eS benn audfj bei ber 
alten Äoorbination ber jwei ©pecieS fein SBewenben Ijaben. 

24. (©. 16 u. ©. 23) SDer ©ntbecfung, baß jeber 2Ift ber Siebe 
ein „©efallen", jjebe 93etl)ätigung beS #affeS ein „Mißfallen" fei, war 
£>eScarteS, als er baS jweite Sudfj feiner inljaltreidfjen fleinen ©d^rift 



— 75 — 

über bic Slffefte fdfjrteb, ganj nalje. %m jroeiten 33udfje (Des Passions 
II, art. 139) fagt er: „Lorsque les choses qu'elles" (Pamour et 
la haine) „nous portent ä aimer sont veritablement bonnes, et 
celles qu'elles nous portent a ha¥r, sont veritablement mauvaises, 
Tamour est incomparablement meilleure que la haine; eile ne 
saurait 6tre trop grande, et eile ne manque jamais de produire 
la joie. a Unb bamit ftimmt e3, xoenn er wenig fpäter (art. 140) 
bemerft: „La haine, au contraire, ne saurait £tre si petite 
qu'elle ne nuise, et eile n'est jamais sans tristesse." 

3>nbe3 gebraust man im gemeinen Seben bie SluSbrüdfe „gteube" 
unb „Iraner", „Suft" unb „Unluft" nur ba, roo ba3 ©efaffen unb 
■äKtfefatten einen geroiffen ©rab uon Sebljafttgfeit erretten, ©ine 
fdfjarfe ©renje bei biefer umtnffenfdfjaftlidfjen ©Reibung befielt 
nidfjt; bodfj mögen mir \m$, fo rote fte eben ift, nadfj roie uor im 
©ebraudfje baran galten. ®3 genügt, bafj bie 2lu3brüdfe „gefallen" 
unb „mißfallen" burdfj eine fold^e ©dfjranle mdfjt beengt finb. 

25. (©. 17) SDie 2lu3brüdfe „roal)r" unb „falfdfj" gebrauchen mir 
in meljrf adfjem ©inne ; einmal nennen mir fo bie magren unb falfd^en 
Urteile ; bann aber (bie Sebeutung etroaS mobiftcierenb) audfj ©egen* 
ftänbe, wie wenn mir fagen „ein magrer $reunb", „falfdfjeS ©elb". 
3>dfj braudfje faum ju bemerfen, bajs tdfj, roenn idfj ljier im Vortrag 
bie SBorte „roaljr" unb „falfdfj" gebraute, mdfjt bie erfte unb 
eigentliche, fonbem eine auf bie ©egenftänbe übertragene Sebeutung 
bamit uerbinbe. SBaljr ift fo ba3, roaS ift; falfdfj baS, mag nidfjt 
ift. 2Bie 2lrtftotele3 fagte: „oV 6>g aXrj&tg", fo fönnte man audfj 
fagen „uXtj&tg cbg oV". 

33on ber SBa^r^eit im eigentlichen ©inne Ijat man oft gefagt, 
fte fei bie Übereinftimmung be3 Urteile mit bem ©egenftänbe 
(adäquatio rei et intellectus, fagten bie ©dfjolaftifer). £)iefer 
2(uefprudf}, in genriffem ©inne richtig, ift bodfj im Ijödfjften ©rabe 
mi£oerftänbltdfj unb ^at ju ferneren Säumern geführt. 5Wan 
beutete bie Übereinftimmung als eine Slrt Qbentität jrotfdfjen etroaS, 
mag in bem Urteile ober in ber biefem ju ©runbe liegenben 33or* 
ftedung enthalten fei, mit etroaS aufjerljalb be£ ©eifteS Sefmblidfjem. 



— 76 — 

216er btes tdnn ber ©inn ()ier nicht (ein; „übereiuftimmen" h/ifit 
liier utelme^r [ooiel alä „fouoenient fein", „in Ginflang fterjcn", 
„paffen", „entfprechen". Gö ift, roie toenn einer auf bem (Miete bei' 
Wetiiiitötljätigfeit fagen roollte, bie föidjtigleit ber Siebe nnb bes 
^affe^ bcftelu' in b « Übeteinftimimmg ber ©emütstljätigfeit mit bem 
OJegeiiftmibe. 2i*o(jI uerftanben, roa're auch, bieö imvnjeifelljaft ridjtig 
nier ridjtig liebt unb fmfit, beffen ©einüt ncrljalt fid; ben Segen 
ftänben abaquat, b. h,. es nerljält fid) tonnenient, pafjcnb, entfpredjenb 
bagegen nnirc es offenbar abgefchiuatft, wenn einer glaubte, es finbe ftd) 
bei ber richtigen Siebe nnb bem richtigen §affe eine Sbentititt pjifdjen 
ifjnen, ober aurf) ben ilnven *u Öninbe liegenben l'orft eilungen, auf 
ber einen unb irgenb etwas mijjerbalb bes ßemütes auf ber anbern 
Seite, bie bei unrichtigem SBerljatten bes ©emütes feljle. 3Mit 
manchem anbern (;at auch biefes SiifiiHTffiinbms' b(uu beigetragen, 
bie £eh,re uom Urteil in jene traurige 2>erruirrung gu bringen, aus 
welcher ^fydjologie unb Sogif fid) Ijeute fo müljfam {jerniisiii'beiU'ii. 

33ie Seitriffe ber (s.riftem unb 9Iid)tev.iftcm finb bie Korrelate 
ber Segriffe ber SffialjtlK'it (eiiiljeitlidjei') nffinnntiuer unb negatioer 
Urteile. SBie juvm Urteil bnä Seurteiltc, jum afftrmatiuen Urteil 
bas affirmatit) , sunt negatioen bas negatio ^Beurteilte gehört : fo 
gehört pr Miditigfeit bes affinnatioen Urteils bie Grjfteti* bes 
affirntati» Seurtcilten, jur 3Iid)tigfeit bes negativen bie 9Iidjterifleu.i 
bes" negattp Seurtcilten; unb ob id) fage, ein affirmatiuee Urteil fei 
roatjr, ober, fein ©cgenftanb fei cv.ifticrenb; ob ich fage, ein negatives 
Urteil fei irjciljv, ober, fein ©egenftanb fei nid)tejiftterenb: in beiben 
Julien fage id) ein unb basfelbe. Gbenfo ift es banim roefentlid) 
ein unb basfelbe logifaje ^rineip , toenn ich fage, in jebein gatte 
fei cntiDcber bas" (einheitliche) affirmatioe ober negatiiie Urteil maljr, 
ober, jeglidjes fei entroeber erifticrenb ober uidjtei'tftiercnb. 

£iernndj ift 3. S. bie Seljnuptung ber äBajvrljeit bes' Urteile, 
ba& ein Slienfd) gcleljrt fei , bas Korrelat ber Sebauptung ber 
Gjiften^ feines Wegenftnnbcs, „ein gelehrter 'lUienfch", unb bie 
bauptung ber 3l'af)rljeit bes Urteils", bafs fein Stein lebcuoig fei, 
baö Äorrclat ber Sejjauutung ber Sftdjte^ften; feines ©egenftanbes. 



— 77 - 

„ein lebenbtger ©tein". £)te forrelaten Behauptungen ftnb Ijier, rote 
überall, untrennbar eins. @S ift rote bei ben Behauptungen, baft 
A > B unb baf$ B < A fei , bafj A B berotrfe unb bajj B von 
A bewirft roerbe. 

26. (©. 18) SDer Begriff beS (in fid& felbft) ©uten ift Ijternadfj 
ein einheitlicher im ftrengen Sinne, unb ntdfjt, roie 2lriftoteleS (infolge 
einer Berirrung, auf bie roir nodfj ju fpredfjen fommen roerben) lehrte, 
blojs in analoger ÜBeife einer. 2ludfj beutfdfje Sßl)tlofopl)en oerfannten 
bie (Stnljett beS Begriffet, ©o $ant unb jüngft roieber SBinbelbanb. 
Berfüljrerifdfj mochte für 2)eutfdfje ein -Dtangel unferer geroöljnlidfjen 
©pradfje roerben, bie bem „©uten" feinen überall gleidfjmäfjtg üblichen 
2luSbrudf entgegenftettt , fonbern feinen ©egenfafc balb als fdfjltmm 
balb als übel balb als böfe balb als arg balb als abfdfjeultdfj 
balb als fdjledjt bejeidfjnet u. f. ro. £)a fonnte eS benn, roie gar 
oft in äfjnlidjen $äHen, gefdfjefyen, bafj man mit bem gemeinfamen 
9tamen audfj eines gemeinfamen Begriffes ju entbehren glaubte. Unb 
fehlte ein foldfjer auf ber einen ©eite, fo muffte er audfj auf ber 
anbem fehlen, unb ber 2luSbrudf „gut" ein äquioofer 5Rame fein. 

Bon allen ermähnten fdfjeint mir (unb audfj ^fjtlologen, 
bie tdfj ju State gog, roaren berfelben äfafidfjt) ber ätuSbrucf 
„fdfjledfjt" nodfj am meiften, roie baS latetntfdlje „malum u , in uoller 
SlHgemein^eit bem ©uten gegenüber uerroenbbar, unb fo roerbe idfj 
ifjn im folgenben mir gu gebrauten erlauben. 

2)af$ idfj an einem geroiffen gemeinfamen ßfjarafter ber inten= 
tionalen Bejtefjung oon Siebe unb §af$ feftfjalte, fdljliefjt ntdfjt 
aus, bafj idfj iantben Befonber^eiten für einzelne $älle aner= 
fenne. SBenn barum audfj „fdfjledfjt" ein roafjrljaft allgemeiner 
einheitlicher $laffenbegriff ift, fo mögen bodfj in feinem Bereiche 
fpecieHe Älaffen unterf dfjieben roerben, oon roeldfjen bie eine paffenb 
als „böfe", bie anbere als „übel" u. f. ro. ju bejetdjjnen ift. 

27. (©. 20) $>er Unterfdfjieb ber euibenten uon ben blinben 
Urteilen ift etroaS ju äluffallenbeS, um nidfjt irgenbroie beamtet ju 
roerben. ©elbft ber ffeptifdfje §ume ift roeit baoon entfernt, tyn in 
3lbrebe ju fteHen. 3)ie (Soibenj fommt nadfj ifjm (Eiiqu. on 



— 78 - 

hum. understand. IV) einerseits ben anahjtifdfjen Urteilen (ju 
roeldfjen audfj bte ätrjome ber -Dtat^ematif unb bie matfyematifdfjen 
Skmonftrationen gehören fotfen) unb anbererfeits geroijfen 2öaljr= 
neljmungen, nidfjt aber ben fogenannten @rfaljrung3fä$en ju. £ter leite 
nidfjt bie Vernunft, fonbem in »ötfig unvernünftiger SBeife bie ©e= 
tnoljm^eit; ber ©lauben fei ljter inftinfti» unb medfjanif dfj 
(ebenb. V). 

316er eine ^Ijatfadfje bemerfen Ijeifjt nodfj nidfjt fie fic^ in itjrem 
SBefen Kar unb beutltdfj machen. Sft baS Söefen be§ Urteils bis 
in bie neuefte $eit faft allgemein mtfjfannt raorben, wie foffte baS 
ber Sxribenj richtig »erftanben raorben fein? %a fyier Ijat felbft 
2)e3carteS fein ©djjarfblidf »erlaffen. 2öie feljr il)m bie Srfdjjeinung 
in bie ätugen fällt, bafür jeuge eine ©teile aus ben SBtebitattonen : 

„Cum liic dico me ita doctum esse a natura (er f prtdfjt »on ber 
fogenannten äußern SBaJjrnefymung) intelligo tantum spontan eo 
quo dam impetu me ferri ad hoc credendum, non lumin e 
aliquo naturali mihi ostendi esse verum, quae duo multum 
discrepant. Nam quaeeunque lumine naturali mihi osten- 
dun tur (ut quod ex eo quo dubitem sequatur me esse, et si- 
milia) nullo modo dubia esse possunt, quia nulla alia facultas 
esse potest, cui aeque fidam ac lumini isti, quaeque illa non 
vera esse possit docere; sed quantum ad impetus naturales 
jam saepe olim judieavi me ab illis in deteriorem partem fuisse" 
impulsum cum de bono eligendo ageretur, nee video cur iisdem 
in ulla alia re magis fidam". (Medit. III). 

®af$ iDeScarteS bie ©nibenj nidfjt aufgefallen fei, bafj er ben 
Unterfdfjieb jraifdfjen (Sinfidfjt unb blinbem Urteil nidfjt bemerft 
fjabe, fann man fjienadjj gennfj nidfjt fagen. 2lber er, ber bie Slaffe 
beS Urteils non ber beS SSorftellenS f dfjeibet, läfjt bodfj ben auä^ 
§eid^nenben ßfjarafter ber Stribenj, ben bie einstigen Urteile ljaben, 
in ber Älaffe beS SSorftellenS gurücf. ©ie foH in einer befonbern 
SluSseidfjnung ber Sßerception b. i. ber 3Sorftellung befteljn, bie bem 
Urteil ju ©runbe liegt. 3a S)eScarteS ge^t foroeit biefeS SSorftetten 
gerabeju ein „cognoscere", ein „6rf ernten" ju nennen. @in 6r= 



— 79 — 

fennen alfo unb bodfj lein Urteilen! — 35aS finb rubimentäre 
©lieber, weldfje uns nadfj bem ^ortfdfjritt, ben bie £el)re »om Urteil 
burdfj $>eScarteS gemalt, an eine übermunbene SebenSftufe ber Sßfydfjo* 
logie erinnern; nur mit bem Unterfdjieb gegenüber äljnltdfjen @r= 
fdljemungen in ber (SntwicflungSgefdfjidfjte ber Slrten, bajs biefe ©lieber, 
in feiner SBeife angepaßt, im Ijödfjften ©rabe ftörenb werben, ja alle 
ferneren 33emül)ungen ©eScarteS' für bie (SrfenntniStfyeorie erfolglog 
machen. @r bleibt, um mit Seibnig ju fpredfjen, „im 3Sorjimmer ber 
Söafjrljeit" (»gl. ljier audfj 2lnm. 28 gg. 6nbe). 9lur fo wirb 
©eScarteS* clara et distineta pereeptio, »on melier felbft man fo 
fdfjwer eine flare unb beutlidje SSorfteHung gewinnt, in iljrer eigentüm= 
liefen 3«)itter^aftigfeit »ollfommen »erftänblidfj. S u ^Ifcn ift l)ier nur, 
wenn man baS, was bie (Sinfidjt gegenüber anberen Urteilen auszeichnet, 
als innere (Sigentümlidfjfeit in bem ätfte beS (SinfeljenS felber fudfjt. 

gfreilidfj Ijaben manche, bie fie fjier fugten, fte bennodf} nid^t ge= 
funben. 2Bir fa^en (»gl. Slnm. 23), wie ©igwart baS SBefen 
beS Urteile fafjt. @S gehört, lefjrt er, baju ein Sejie^en »on 3Sor= 
ftellungen aufeinanber unb nebftbem ein barauf bezügliches ©e= 
fffl&l beS ©enötigtfeinS (»gl. § 14 unb § 31, bef. 4 u. 5). (Sin 
foldjjeS beftefjt barum immer, audfj im $aHe beS blinbeften 33or= 
urteile. @S ift bann anormal, wirb aber (wie ©igwart auSbrücfltdf} 
erflärt) für normal unb allgemeingültig gehalten. Unb was ift nun 
im Unterfdljiebe oon biefem gaHe im $alle ber ©infid^t gegeben? 
©igwart fagt, feine @mbenj beftelje in biefem felben ©efüfjle (»gl. 
j. 93. § 3), meines aber bann nidfjt blojs für normal unb allgemein 
gültig gehalten werbe, fonbem audfj normal unb allgemeingültig fei. 

9Kir fdfjeint, baS Sebenflid^e biefer üEfjeorie fpringt in bie 
Slugen; fie ift auS weif ackern ©runbe »erwerfltdfj. 

1. 3)ie ßigentümlid^feit ber (Sinfidfjt, bie ßlarfjeit, Soibenj ge= 
wtffer Urteile, oon ber ifyre Söafjrfjeit untrennbar ift, §at wenig 
ober nichts mit einem ©efüfjle ber Nötigung ju tfjun. 5Kag eS 
fein, bafe idfj augenbltcflidfj nid^t umfjin fann fo ju urteilen: in 
bem ©efüfjl einer Nötigung beftefjt baS Söefen jener Älar^eit nidfjt: 
unb fein Sewufjtfem einer SRotwenbtgfett, fo ju urteilen, fönnte als 



— 80 — 

foldfjeS bie 2Bal)tf)eit ftdfjern. 2Ber beim Urteilen an feinen gnbeter- 
miniSmuS glaubt, ber f>ält atte Urteile unter ben Umftänben, unter 
roeldfjen fie gefällt werben, für notmenbig, aber — unb mit un* 
leugbarem Sftedjte — barum bodfj nidfjt atte für roaljr. 

2. Sigroart, inbem er ba£ 33enmf$tfein ber (Sinftdjt in einem ©e= 
füljle ber £)enfnotroenbigfett ftnben mitt, behauptet, biefeä 33en>uf$t= 
fein eigener Nötigung fei jugleidfj ein 33enmf$tfein ber SRotroenbig* 
feit für atte $>enfenben, roeldfjen biefelben ©rünbe vorliegen. SBenn 
er aber meint, bie eine Überjeugung fnüpfe fidfj f)ier jmeifelloä 
an bie anbere, fo ift bie§ ein Irrtum. SBarum bodfj fottte, 
wenn ber eine auf genriffe 35ata $m ein Urteil ju fätten genötigt 
ift, jeber anbere 3)enfenbe, bem fie ebenfo gegeben finb, ber= 
felben Nötigung unterliegen? Offenbar fönnte nur bie Berufung 
auf ba$ $aufalgefe§, roeldfjeä unter gleichen 3Sorbebingungen gleite 
SBirfungen forbert, ben logifdfjen 3 u f ammen ^ an 9 »ermitteln, ©eine 
Slnmenbung in unferem $atte märe aber eine ganj fehlerhafte ; benn 
fie imwlmerte ba3 Überfefjen ber befonberen pfpdfjifdfjen 2)t3pofitionen, 
bie, obwohl fie gar nidfjt bireft ins Semujjtfein fallen, nebft ben 
bemühten 35aten als 3Sorbebingungen in Setradfjt fommen unb bei 
Derfdfjiebenen Sßerfonen fefjr Derfdfjieben finb. §egel unb feine 
©dfjule Ijaben, burdfj SßaralogiSmen beirrt, ben ©a£ beS SBiberfprudfjS 
geleugnet, £renbelenburg , ber §egel befämpft, Ijat feine ©ültigfeit 
roenigftenS reftringiert (ogl. f. 2lbfjanblungen über §erbart3 5Keta= 
pfj#f). £)ie allgemeine Unmögltdfjfeit ben <3a$ innerlich ju leugnen, 
bie SCriftoteleö behauptet fjat, ift bemnadfj fjeute nidfjt meljr $u 
üerteibigen ; für 2lriftotele3 felbft aber, ber ben ©a$ mit ßoibenj 
etnfal), mar genrifj feine Seugnung unmöglich. 

2Ba3 einer einfielt, ift atterbmgS roie für il)n fo für jeben 
anbern, ber e3 in berfelben SBeife einfielt, fidler. 2(ud(j fommt 
bem Urteile, beffen 2Baljtf)eit einer einfielt, immer 2lttgemeit= 
gültigfeit $u; b. lj. e3 fann von bem, mag er einfielt, nidfjt 
ein anberer ba3 ©egenteil einfefjen, unb jebermann irrt, ber ba$ 
©egenteil batwn glaubt. Sludfj mag, ba roaS idfj Ijier fage jum 
SBefen ber SBa^eit gehört, roer etroaS als roaljr einfielt, erfennen, 



— 81 — 

bctfj er e3 als eine SBaljtfjeit für ade gu betrauten berechtigt ift. 
216er e$ Jjiefje fidfj einer ftarfen 33egriff3oerwedfj3lung fd&ulbtg machen, 
wenn man an$ einem folgen Senrnfttfein ber Söaljrtyeit für alle 
ba$ Senmfjtfein einer allgemeinen 2)enfnötigung machen wollte. 

3. ©igroart aerroidfelt ftd^ in eine SRenge von SBiberfprüdfjen. 
@r behauptet unb mufj behaupten — wenn er nidjt ben ©feptifern 
weichen unb feine gange Sogif fahren (äffen roitt — baft bie eoi= 
benten von ben nid^t et)ibenten Urteilen nidfjt blojs oerfdfjieben, fon= 
bem audfj im 33en>uf$tfein unterfdfjeibbar feien. @3 muffen alfo bie 
einen, nid^t aber bie anbem als normal unb allgemeingültig er- 
fdljeinen. Slber wenn bie eoibenten toie bie nidfjt eoibenten Urteile 
ba£ 33etouf$tfem ber 2lttgemeingültigfeit mit fidfj führen, fo fdfjemen 
bie einen junädfjft wie bie anbem fidf> barjubieten, unb nur ettoa 
nachträglich (ober and} gleichzeitig aber nebenher) unb in SWeflejion 
auf irgenbtoeldfjeä Kriterium, ba3 man als -äRajsftab baran ^eran= 
brächte, lönnte ber Unterfdfjieb entbedft werben. SBirflidfj finben fidfj 
©teilen bei ©igtoart, too er oon einem Semujjtfein ber Überein* 
ftimmung mit ben allgemeinen Regeln fpridfjt, ba$ bie oottfommen 
eoibenten Urteile begleite (ogl. §. 33. I. 2. 2lufl. § 39 ©. 311). 
3lber abgefefyen baoon, bafj bieg ber ßrfaljrung toiberfpridfjt — man 
(>at längft oor ber (Sntbedung be$ ©gtfogtSmuS mit aller (Soibenj 
fpltogiftifdfj gefdfjloffen — ift e$ audfj fdfjon barum gu oertoerfen, 
toeil e3, ba bie Siegel felbft gefiebert werben mufj, enttoeber ju einem 
SRegrejs ins unenblidfje ober gu einem circulus vitiosus führen mürbe. 

4. Sinem anbern SBiberfprudfje, ben idfj bei ©igtoart fonftatiere, 
(obroo^I er, audfj nadfj feiner irrigen Raffung be§ SSefenS be§ Urteil 
unb be£ 2Befen3 ber ©oibenj, meinet ©radfjtenS, nodfj oermeiblidfj 
geroefen märe) begegnen mir in feiner Setyre oom ©elbftbetoufjtfein. 
3)ie (SrfenntniS: idfj bin, fott nur eoibent unb o^ne 33etouf$tfein 
ber iDenfnottoenbigfeit unb ber SRottoenbigfeit für ade ftattfinben. 
(SRtdfjt anberS toenigftenS oermag idfj bie SBorte I. 2. 2lufl. ©. 310 
ju oerfteljen: „$>ie ©etoifjfjeit, bafj idfj bin unb benfe, ift bie abfolut 
lefcte unb funbamentale, bie Sebingung alles 35enfen3 unb aller 
©etoif^eit überhaupt ; Ijier f ann nur oon ber unmittelbaren @oibenj 

Brentano, 93om Urfprung fittl. ©rfenntniS. 6 



— 82 - 

bie Siebe fein, man fann nidjjt einmal fagen, bafj biefer ©ebanfe 
notmenbig ift, fonbetn er ift uor affer SRotmenbtgfeit. Unb ebenfo 
unmittelbar unb et>ibent ift bie ©eroifefjeit be$ SSemufjtfeinS, bajs idfj 
biefeS unb biefeS benfe; fie ift mit meinem ©elbftberoufttfein un= 
auflö3lid(j oerflodfjten, ba3 eine mit bem anberen gegeben.") 35ie^ 
erfd^eint nadfj feinen früher betrachteten Sefjren wie eine contradictio 
in adjecto, bie feine SSertetbigung julö^t. 

5. Sßeitere SBiberfprüdfje jeigen ftdfj bei ©tgroartS fefjr eigen* 
tümlidfjer unb bebenflidfjer Se^re von ben Sßoftalaten, bie er ben 
3ljiomen entgegenftefft. Severe foffen auf ©runb eigentlicher ®enf* 
notroenbigfeit, erftere nidfjt au§ rein inteffeftueffen -äKottoen, fonbern 
au£ pfgdfjologtfdfjen -äKotioen anberer 2lrt, au« praftifd^en 33ebürfniffen, 
als geroife angenommen werben (I. 2. 2(ufl. ©. 412 f.). 35a§ 
Äaufalgefefc j. 33. ift nadfj ifjm fein äfeiom, fonbern ein blofjeS 
Sßoftalat; mir nehmen e3 aU geroifj an, roeil mir ftnben, bajs mir, 
oljne bagfelbe ju ftataieren, bie -Katar nid^t mürben erforfdfjen fönnen. 
3nbem ©igroart ba3 ßaufalgefefc in fold&er Söeife annimmt, alfo nur 
aus gutem SBiffen als ma^r ftatuiert, bafj ©letd^förmtgfeit be$ 
SöerbenS unter gleichen 93ebingungen burdfjmeg in ber -Katar beftelje, 
Ijält er e3 offenbar für mafjr ofjne 33emuf$tfein ber $>enfnotroenbig* 
feit, xoa§ bodfj, wenn affeS gürroafyrfjalten ein Urteilen ift, fidf> mit 
feiner SBefenSbefttmmung be§ Urteil nidfjt verträgt. 3$ fe^c für 
©igroart fjier nur ben einen 2lu3roeg, gu fagen, an ba3, roa§ er 
aU Sßoftalat für „geroifj" (!) annehme, mie j. 33. an ba3 ßaufal* 
gefefc in ber -Katar, glaube er nidjjt; bann aber mirb er audfj faum 
ernftlidfj barauf foffen. 

6. tiefer Sßunft mirb nodfj bebenflidfjer, totnn man an ba3 
juoor (unter 2) Erörterte jurüdfbenft. 35a3 33erouf$tfein affgemeiner 
©enfnotroenbigfeit gehört nadfj ©igmart jroar ntdfjt jum Sßoftalat, 
moty aber jum Sljiome (og(. unter 5). 2lber ba§ Seroufetfein biefer 
affgemeinen SDenfnotroenbigfeit fönnte ©igroart mit einigem ©dfjetn 
nur etroa auf ©runb be3 affgemeinen $aufalgefefce3 in bem 33erouf$t= 
fein ber eigenen 3)enfnötigung uns offenbar merben laffen. Unb 
nun ift biefeä Äaufalgefefc felbft blojseS $oftalat; e$ entbehrt ber 



— 83 — 

(Soibenä- Offenbar ift alfo aud& bie allgemeine 2)enftiotn>enbigfeit 
bei ben Sl^iomen Sßoftulat, unb fomit uerlieren fte baS 2Befentltd;fte, 
roaS fte nadfj ©igmart uor ben Sßoftulaten auSjetdfjnet. $ierju mag 
e£ bann redjjt rool)l fttmmen, mnn ©igroart (§ 3) ben ©tauben an 
bie ßuoerläffigfeit ^ ©ptbeng ein „Sßoftulat" nennt. 2Bie aber ber 
2luSfprudfj bei foldfjer S^terpretation mit allem übrigen jufammen* 
ftimmen fönnte, uermag idfj nidjjt ju faffen. 

7. ©igroart ftettt (§ 31) ben Unterfdfjieb oon affertorifdfjen unb 
apobifttfdfjen Urteilen in 2tbrebe, roetl jebem Urteile baS ©efüljl ber 
Sftotroenbigfeit ber ^unftton roefentltdfj fei. ©onadfj fyängt biefe 33e= 
Ijauptung ebenfalls mit feiner irrigen ©runbanfdfjauung uom Urteil 
jufammen; er ibentificiert fd^eint'ö baS ©efüfjl, baS er manchmal 
©efüfjl ber (Soibenj nennt, mit bem 6l)arafter beS Slpobiftifdfjen. ®S 
wäre aber fefjr ju mißbilligen, mnn man bie mobale 33efonberfjeit 
mancher Urteile, wie g. 33. beS ©afceS beS SßiberfprudfjS, gegenüber 
anbern, roie g. 93. bem ©elbftbenmßtfein, baß idfj bin, überfä^e ; beim 
erften fyanbelt es fidfj um „notroenbig roafyr ober falfdfj", beim anbern 
nur um „tfjatfädfjlidjj ma^r ober falfdfj", obwohl beibe im gleichen 
©hm beS 2BorteS eoibent finb unb fidf) in Slnfeljung i^rer ©idfjer= 
^eit nidfjt unterfdjjetben. 9lur aus Urteilen roie bie erfteren, ntdjjt 
aber aus foldfjen wie bie legieren fdfjöpfen mir bie Segriffe ber Un= 
mögltdjjfeit unb -Kotroenbigfeit. 

Stoß ©igroart, audjj mag biefe 33efämpfung beS apobiftif d^en 
Urteils als befonberer klaffe betrifft, gelegentlich gegen fidjj felbft 
ßeugniS giebt, erhellt aus bem fdfjon oben (unter 4) ßrroäfynten. 

_ • 

®ie (SrfenntmS: idjj bin, nennt er gegenüber ber SrfenntniS eines 

äfeiomS bie einer einfadfj t^atfäd^lid^en SBa^eit (ebenb. ©. 312). 

§ter fpridfjt er beffer, als feine allgemeinen 2lufftellungen eS xf)m 

nodfj geftatten. 

©igroarts Sefjre uon ber Soibenj ift alfo n>efentlic§ irrig. 2Bie 

nid^t oon 35eScarteS, fo fann freiließ geroiß audfj oon tym nidfjt 

gefagt werben, baß er baS Sßfjänomen nidjjt bemerft §abe; man 

mu$ tfjm fogar nadfjrüfjmen , baß er mit größtem (Sifer es gu ana= 

liieren oerfudfjte. @S begegnete ifjm aber fdjjeint'S, roaS oielen 

6* 



— 84 — 

bei pfgd&ologtfdfjer Serglieberung begegnet ift, bafc er im ©ifer ber 
ätnalpfe am richtigen Sßunft nid^t £alt machte unb $f)änomene von 
fe^r verfd&iebenem ßljarafter nodf) aufeinanber jurüdfjufü^ren fachte. 

©in Srrtum Ijinftdfjtlidfj beS SBefenS ber ßvibeng ift für ben 
Sogifer begreiflid&ertveife folgenfd&tver. 5Wan barf tvoljl fagen, baft 
mir l)ier an baS tiefftliegenbe organifdfje Seiben von ©tgtvartS Sogif 
gerührt Ijaben, menn man biefeS nidfjt in ber SSerfennung beS SBefenS 
beS Urteils überhaupt erblicfen nritt. SBieber unb mieber geigen ftdfj 
üble folgen, mie j. 93. in bem Unvermögen ©igtvarts, bie tvefent* 
tieften 2tnläffe unferer Säumer ju begreifen. -Kern vgl. Sogif I. 
2. 2lufl. ©. 103 2lnm., tvo er mit auffaffenber ©infeitigfeit bem 
SWangel an 2tuSbilbung unferer ©pradfje bie §auptfdfjulb beimißt. 

Übrigen^ Ijaben manche anbere fjervorragenbe Sogifer ber 
neueften $e\t vox ©igtvart ljier fidler nichts voraus. SQBie eS fidf>, 
um nur nodfj auf ein 33eifpiel ju vertveifen, mit ber SeJjre von ber 
@vibenj bei bem trefflichen 3>. ©t. 5Wiff verhält, barüber vgl. man 
unten 2lnm. 68 ©. 106. 

2luS ber großen Unflarljeit über baS SBefen ber ©vtbens, tveldfje 
fdfjier allgemein befielt, ift eS audfj erflärlidfj, menn man feljr getvöljnlidfj 
von einem „mefyr ober weniger evtbent" fpredfjen fyört. ätudfj 35eScarteS 
unb SßaScal gebrauten foldfje 2luSbrücfe, bie bodjj als völlig un= 
paffenb fidfj enveifen. 2BaS evibent ift, ift fidler ; unb bie ©idfjerljeit 
im eigentlichen ©inne fennt feine Unterfd^iebe beS ©rabeS. %n 
jüngfter S^ freilidfj Ijörten mir fogar (unb allen SrnfteS) in ber 
33ierteljaf)rSfdfjrift für tviffenfdfjaftltdfje Sßfjilofopfjie bie Meinung äujjem, 
bajj eS evibente Vermutungen gebe, bie tro£ iljrer (Soibenj 
redjt rooljl falfdjj fein fönnten. @S ift unnötig ju fagen, bajj idfj 
bieS für miberfinnig tyalte; roofjl aber mag idfj baS SBebauem auS= 
fprecfjen, bajj SSorlefungen von mir aus ber S e ^/ *><* ty n0( § Über* 
SeugungSgrabe für UrteilSintenfttäten f)ielt, ju foldfjen 3Serirrungen 
ben 3lnlajs gegeben ju Ijaben fdfjeinen. 

28. (©. 20) Vgl. bie fdfjon ermähnte ätbfyanblung §umeS, 

An Enquiry concerning the Principles of Moral. §ier Ijaben 

anbere ©efüfjlSmoraliften, mie Venefe unb Übertveg, ber fidfj an ifyn 



— 85 — 

anfdfjliefjt (»gl. bie S)arftcttung ber 33enefefdfjen (Stljtf in feinem 
©runbrift ber ©efdfjidfjte ber $l)ilofopl)te in), meljr als £ume ge= 
feljen. Unb nodfj näljer fommt ber ©adfje §erbart, tomn er oon 
eoibenten ©efdfjmadfSurteilen fpridjt (nur bajs biefe eigentlich feine 
Urteile, fonbern ©efütyle finb, unb barum audfj mdfjt eoibent, fonbern 
nur etwa bem Soibenten analog genannt werben follten) unb mnn 
er baS ©dfjöne bem bloft Slngene^men entgegenfefct unb jenem im 
Unterfdfjieb oon biefem Slllgememgültigfeit unb unleugbaren SBert 
jufdfjreibt. Seiber bleibt nodfj immer ^alfdjjeS betgemtfdfjt, unb £er= 
bart oerliert fofort für immer bie richtige ^äfyrte, fo bajj feine praf= 
tifdfje Sßfyilofopljie in ifyrem Verlauf oiel weiter als bie £eljre §umeS 
oon ber SBa^r^eit abfommt. 

diejenigen, meldjje ben Unterfdfjieb jwifdjjen bem als richtig 
dfjarafterifierten unb nidfjt als richtig djjarafterifierten ©efallen gang 
unb gar überfein, fönnen in entgegengefefctem (Sinne fehlen. ®ie 
einen f äffen bie ©adfje fo, als fei alles ©efallen, bie anbem fo, 
als fei fein ©efallen als richtig dfjarafteriftert. SRadj) ben lefcteren 
ift ber begriff beS ©uten als beS mit Stecht ©efallenben ganj auf= 
gegeben; „ begehrenswert" im Unterfdfjieb oon „begehbar" ift ein 
2Bort ofyne Sinn. ®en erfteren bleibt „begehrenswert" woljl als 
ein befonberer 33egriff beftefyen, fo bajs es feine Tautologie ift, wenn 
fie fagen: nichts ift in fidfj begehbar, aufjer infofern eS in fidfj be* 
geljrenSwert , in fidfj gut ift. Offenbar muffen fie, fonfequent, 
biefeS behaupten unb Ijaben eS wirflidfj gelehrt. $>ie extremen §ebo= 
nifer gehören aHe fyierljer, aber mit ifjnen audfj oiele anbere; im 
Mittelalter 3. 33. finbet fidjj bie Se^re felbft bei bem oon S^ri«9 
wieber in feiner ©röjje gewürbigten Stomas oon 2lquino. (93gl. 

3. 93. Summ, theol., l a qu. 80. qu. 82, art. 2 ad 1 u. ö.) 

216er and) fo ift biefe Meinung ben üEljatfadjjen gegenüber nidfjt 
f eftjuljalten ofjne eine fubjefttüiftifcjje gfälfdfjung ber Segriffe beS ©uten 
unb ©dfjledfjten, äljnlidfj ber, welche einft SßrotagoraS an ben Segriffen 
ber Sßafjrfjeit unb galfdj^eit beging. 2Bie nadjj biefem ©ubjeftioiften 
auf bem ©ebiete beS Urteils jeber baS -äJtafj oon allem ift, fo bajs 
oft, was für ben einen wafjr, für ben anbem jugleidfj falfdjj fein 



— 86 — 

müfste: fo finb bie Vertreter bcr Meinung, nur ©uteS fönne ge= 
Hebt, nur ©dfjledfjteS ge^ajst werben, eigentlich genötigt anju= 
nehmen, baft auf biefem ©ebiete jeber für alles maftgebenb fei, 
für baS ©ute bafür, bafj eS in fidfj gut, für baS ©dfjledfjte bafür, 
baft eS in ftdf} fdfjledfjt fei, fo bctfe oft etwas sugleidfj in ftdfj gut 
unb fdfjledfjt fein würbe; in fidfj gut für alle, bie es um feiner 
felbft willen lieben, in fidfj fd^Ied^t für alle, bie eS um feiner felbft 
willen Raffen. iDieS ift abfurb, unb bie fubjeftiviftifdfje gälfdjjung 
beS 33egrtffS beS ©uten ebenfo verwerflich, als bie fubjeftioiftifd^e 
$älfdfjung beS Segriffs ber SBa^r^eit unb ber Stiften} bei Sßrota* 
goraS verwerflich war, obwohl ber fubjeftiviftifdjje Irrtum auf bem 
©ebiete beS mit Stecht ©efaUenben unb 3Kijsfallenben viel leidfjter 
Sßla$ greift unb bis fyeute bie meiften etljtfcijen ©pfteme inficiert. 
9Kand[jer fpridjjt iljn, wie nodjj jüngft ©igwart (Vorfragen ber ßtljif 
©. 6), offen auS; mancher audfj fällt hinein, oljne fidfj felbft feinen 
©ubjeftiotSmuS gu flarem Sewufttfein ju bringen*. 



* SBietteicfjt werben tnSbefonbere fold&e, roelcfje leljren, baß allgemein 
für jeben feine eigene @rf enntniS , Suft unb SSottfommenljett überhaupt ein 
©ut, unb tfjre (SJegenfäfce fd^led^t, alles übrige aber in ftc§ felbft inbifferent 
fei, bagegen proteftieren , wenn icf) fte ben ©ubjeftioiften beijäljle. @S 
fdfjeint ja audf), oberflächlich betrautet, als feilten fie eine für alle gleich 
mäßig gültige ©üterle^re auf. Slttein bei einigermaßen acfjtfamer @rroägung 
finbet man, baß biefe 2ef)te aucf) nidjt in einem einigen ftatte ein unb 
baSfelbe allgemeingültig für gut erflärt. 3Rein Sßiffen 5. 23. ift nad) tf)r 
für midf) liebtvert, für jeben anbern inbifferent in fiel), wie umgefeljrt baS 
SBiffen jebeS anbern, in ftd) felbft betrautet, für mtd) inbifferent ift. (Seit* 
fam berührt eS, wenn man, wie eS oft gefdjteljt, tljetftifdje Genfer eine 
fold^e fubjeftiviftifd&e ©üterle^re für aHeS freatürlidje Sieben unb SBotfen 
aufteilen, für @ott aber bie 2lnna§me machen ftef)t, baß er o§ne Unterfd&ieb 
ber ^erfonen jebe SBoHfommenljeit nad& einer Slrt objeftivem 9flaßftabe f cfjäfce, 
waS bann mittels beS ©ebanfenS an ben eroigen Sftid&ter bä3u bienen foll, 
ben prtncipietten @goiSmuS in feinen praftifd^en tfonfequenjen unfdjäblicf) 
3U madfjen. 

SBon bem berühmten ©treite jtvifcfjen Soffuet unb g£ne(on fann man 
fagen, baß ber große Sifcfjof von 3fteaur. einen ©ubjeftiviSmuö »ertrat. 3)ie 
$f)efen gSn&onS mürben f djließltcf) , obroof)l er geroiß roeber eine uneble 
nocfj undjriftltdje 2floral vertreten fyatte, fogar t>on s Jtom aus verurteilt, bodf> 
ging man nidfjt foroeit, feine Seljre als Ijäretifcij ju verwerfen. Unb in ber 
%f)at, man fyätte audfj jene f gölten, innigen Seilen verbammen muffen, bie 



- 87 — 

2Bie gefagt ift, wer einmal bie Meinung angenommen f)at f 
nid&tS fönne gefallen, auger infofern e$ nurflidj in fidj gut, nidjtS 



manche ber ^eiligen $f)erefa 3ufd)reiben, unb bie in unoollfommener latet* 
nifd&er Überfefcung in oiele fatf)olifd&e ©ebetbüd&er übergegangen ftnb, ge= 
fd)roetge ba& je eine ftrd&Udje Genfur fie bemängelt Ijätte. 3$ gebe fie §ter 
in birelter Übertragung auö bem @panifc§en roteber: 

„9ttd)t Hoffnung auf be3 §immelö fel'ge greuben 
§at 2)ir, mein ©Ott, sunt ©ienfte nud& oerbunben, 
s J*idjt gurd&t, bie idf) oor erobern GJrauS empfunben, 
bat midj bewegt ber ©ünber Sßfab su meiben. 

3)u öerr beroegft midfj, miefj bewegt 2)ein Seiben, 

Qein Slnblicf in ben legten, banqen (Stunben, 

2)er ©eifjeln SBut, %)ein §aupt oon 2)orn umrounben, 

3)ein fd&roereö ßreuä unb — atyl — Sein bittxeZ (Scheiben. 

§err, 3)u beroegeft mic§ mit folgern triebe, 
$afj idf) Xiä) liebte, war' lein §immel offen, 
2)icf) fürchtete, wenn auc§ fein Slbgrunb fdfjretfte; 

■ftidfjtS fannft 2)u geben, roa§ mir Siebe roeefte; 
®enn roürb' idfj auc§ nid&t, rote ic§ J)offe, Ijoffen, 
8c§ roürbe bennoc^ lieben, wie icf) liebe." 

3Jton f)at bie Sef)re beS %f)oma$ oon 2(quin oft fo bargeftellt, aB ob 
fie reiner ©ubjeftioiSrnuä wäre. @3 ift roatyr, bajj oieleS hei ifym ganj 
fubjeftioiftifcij Hingt. (2Äan ogl. 3. 23. Summ, theol. 1* q. 80, art. 1, inä* 
befonbere bie Dbjeftionen unb Söfungen, foroie bie (Stellen, roo er bei jebem 
bie eigene ©lücffeltgfeit für ba3 lefcte unb I)ödfjfte Siel erflärt unb felbft oon 
ben ^eiligen im §tmmel behauptet, bafc jeber, unb mit SRectyt, mef)t feine 
eigene al§ bie (Seligfeit aller anbern ©erlange.) 2lber baneben finbet man 
2lu3fprücf)e, roortn er über ben ©ubjeftioiömuS fic§ ergaben seigt, wie 5. 23. 
wenn er (wie oor ifym ^ßlaton unb 2lriftotele$ , unb nad^ tfjm 2)e3carte§ 
unb Seibnij) erflärt, bafi jebeS ©eienbe al3 fold&e3 gut fei, unb jroar nic§t 
blojj gut als Mittel, fonbern, mag bie reinen ©ubjeftiotften (wie jüngft erft 
©igroart, SBorfr. b. @tlj. ©. 6) au3brücfltd& leugnen, gut in ftc§ felbft. Unb 
roieber, toenn er erflärt, bafj falls einer — roa3 freilief) ein gaU ber Un* 
möglid^feit fei — einmal ju roäljlen Ijaben foHte jroifcljen feinem eigenen 
eroigen ^erberben unb einer SSerle^ung göttlicher Siebe, e3 ba3 9tic§tige fein 
roürbe, bie eigene eroige Unfeligfeit oorjujie^en. 

@S trifft Ijier baä ftttltd&e ©efüljl be$ d(jrtftlid(jen 2lbenblänberö mit 
bem beä ^eibnifc^en §inbu jufammen, roie e§ ftd^ in einer etroaS feltfamen 
©rjä^lung oon einem 9Mbdjen funbgiebt, ba§ für baö §eil ber übrigen 



mt&fallen, aujjer infofcvn e» roirftidj fdjledjt fei, auf e 
ber fcmfequent juttl SubjefriuUimia fiiljren müßte. 

3)ie3 $etgt ftd), fobalb einer jugtebt (maS freiließ junädjft ge» 
leugnet roerben tonnte), bafi ein entgegengefe()ter tyefdimacf, fjier 
Stift bort ÜBibermiße, an ba$ gleite (Smufiiibungopfjänomen ge= 
fttftpfi fei. GS tonnte fidj einer Ijiergcgen baburdj ju fdjitfceri fudjen, 
bafi er barauf fjiniinefe, roie trofc ber Qileidjfjcit beö äufsem Hiebes 
bie fubjeftro forrefponbierenbe Ü5ci*fteflung einen roefentlid) oerfdjie- 
benen ^nfjait b,aben tarnt. 2tber biefc 'Suffafjung loiberlegt fiefi, in 
ben galten, roo wir fel&ft loictoerljott biefelbe (*rfä)einung erleben unb, 
infolge ber iyortentrottflung unfereö SebcnäalterS ober infolge ge-= 
itnberter ©erooljnljeit (ngl. ob. Vortrag, 25 @. 18), im öemüte 
anbei? bnburaj beroegt roerben, 2BiberroiIten ftatt Suft ober umgefeljrt 
£uft ftatt Sßiberroiffen in unö erfahren. So bleibt fein Sroetfet 
bariiber, baf3 roirfüdj ein errtflegengefe^tev Slerfmlten be» ©emüto nuf 
biefelbe Grfd)einung fta) ridjten (arm. yXud) ruo SSorfteflungen und 
infrinftin abflofjen, unb bodj jugteidj ein Ijofjergeartetee Befallen in 
unö erregen (»gl. 2tnm. 32 ©. 92), seigt fid) ba3fe(be unnerrjüttt. 
Gnbiidj foüte man »on bem, roeldjer glaubt, bafi jeber Ülft einfachen 
©efatfenö ridjtig fei unb nie einer bem anbern miberfpredje, ermatten, 
bnfj er auaj Ijinitdjtiidj ber Slrte be£ SorgUIjenä illmlidje» leljren 
roerbe. Stber fjier ift bau ©egentetl fo offenbar, bnfj bie Vertreter 
ber Sinfidjr immer, in eigeiitumtidjtin ffnntviifte, e-S anf3 beftimmtefte 
au$gef»rodjen Ijaben, ba& üerfdjiebene entgegengefeöt, unb ber eine 
rtdjtig, ber anbere unriefjiig, berjorjugten. 

Sliden mir oon ben mitte liilterlitfjen Jftriftotelifem auf iljren 
Steiftet fetbft jutiiet, fo fdjeint feine Seljre eine anbete. 2triftote[e$ 
erfennt an, bafj es ein ridjtige^ unb ein unrichtiges ©egefjren (op*5'C 
öod^l xu'i nix Ap9-/j) gebe, unb bafi ba3 Segetjrte (äotxrdv) nidrt 



Seit feiner eigenen ewigen Seligteit enHii.it; unb wieber mit bem eiueS 
pofttvoiftifdjen Eenfers roie äßilt, iwenn er erfrört: lieber nl3 cor einem 
nia)t rottljrfjflft guten SÖefeii an6eteub miaj beugen „to bell I will go." 
3ttj rannt« einen faüjoltfcljeii «SeiftXtcrjen, 6er üKilt um biefeS 9uisfprud)3 
roilleu bei Her aiJaljl ins ^nvdimeitt feine Stimme gab. 



— 89 — 

immer baS ©ute (äya&ov) fei. (De Anim. III, 10.) ßbenfo er= 
Märt er bejüglidfj ber Suft (IjSovrf) in ber 9li!omac§ifc§en Stljtf , nid^t 
jebe fei gut; eS gebe eine Suft am ©dfjledfjten, welche felbft fdfjledfjt 
fei (Eth. Nikom. X, 2). $n ber SWetap^fif unterfdjeibet er eine 
niebere unb fyöfyere 2lrt von 33egef)ren (Im&vpfa unb ßotär]otg); 
roaS bie Ijöljere um feiner felbft willen begehre, fei in SBafjrfjeit gut 
(Metaph. J, 7 p. 1072 a 28). @ine geroiffe Slnnäljerung an bie 
richtige 2lnfdfjauung bürfte Ijier bereits erreicht fein. Sntereffant ift 
eS inSbefonbere , bajs (maS idfj erft nachträglich bemerfte) fdfjon er 
ben etljifdfjen ©ubjeftiüiSmuS mit bem togifdfjen beS SßrotagoraS ju- 
fammenftefft unb beibe gleichmäßig oerroirft. (Metaph. K, 6 p. 1062 b 
16 unb 1063 a 5.) dagegen fdfjeint eS nadfj ben nädfjftfolgenben 
Seilen, als ob 2lriftoteleS ber atterbingS begreiflichen SSerfudfjung er* 
legen fei, ju glauben, mir erlännten baS ©ute als gut, unabhängig 
von ber Srregung ber ©emütStljätigleit (ebenb. 29; &gl. De Anim. 
EU, 9 u. 10). 2)amit Ijängt eS rooljl and} jufammen, tvmn er 
Eth. Nikom. I, 4 leugnet, baß eS einen einheitlichen Segriff beS 
©uten (unb jroar, rooljfoerftanben, beS in fidf> felbft ©uten) gebe 
(ogl. barüber 2lnm. 26 6. 77), tnelmeljr meint, eS befiele für baS ©ute 
beS vernünftigen 35enlenS, beS ©eljenS, ber greube u. f. xv. nur eine 
ßinfyeit ber Analogie ; unb wenn er an einem anbern Drte (Metaph. 
-E, 4 p. 1027 b 25) fagt, baS SBa^re unb baS ^alfdfje feien nid&t in 
ben SDtngen, roo^I aber baS ©ute unb baS ©dfjledfjte; b. f). mo^I, 
jene Sßräbifate (j. 33. magrer ©ott, falfdfjer greunb) mürben ben 
fingen nur in 93ejug auf geroiffe pfydfjifdfje 2lfte, bie magren unb 
falfdfjen Urteile, beigelegt, biefe bag'egen fämen i^nen nidfjt äfynlidfj, 
bloß in 33ejug auf eine geroiffe klaffe pfpd^ifd^er Set^ätigung ju : — 
roaS alles, fo unrichtig es ift, bodjj als notroenbige $olge mit jenem 
erften igrrtume jufammen^ängt. 93effer ftimmt es mit ber magren 
Seljre oom Urfprung unfereS 93egriffS unb unferer ßrfenntniS beS 
©uten, wenn er Eth. Nikom. X, 2 gegen bie 2lnnafjme, baß bie 
$reube nid^t ju bem ©uten gehöre, als Argument gelten läßt, 
baß alles na<fy iljr begehre, unb beifügt: „benn wenn nur bie 
unoernünftigen SBefen banadfj begehrten, fo enthielte bie SSerroerfung 



— 90 — 

biefcr 33egrünbung rooljl eine gerotffe Berechtigung, wenn nun aber 
and) bie vernünftigen es tljun, rote foUte fidEj nodEj etroaS bagegen 
fagen laffen ?" 3)od(j läfct fidE> aud(j biefer 2luSfprudE> mit feiner 
falfdjjen Slnfid^t Dereinigen. S3on biefer Seite betrachtet, erfd^eint 
ber ©efüljlSmoraltft §ume iljm gegenüber im 33ortetl, melier mit 
Sttedfjt betont: rote foH man erfennen, bafc etroaS ju lieben ift, oljne 
bie ©rfaljrung ber Siebe? 

3$ fagte, bie 33erfudEjung, ber 2lrtftoteleS erlegen, erfdEjetne be= 
greiflidfj. Sie entfpringt barauS, bafc mit ber ©rfaljrung ber als 
richtig dfjarafterifierten ©emütStljätigfeit audEj bie ©rfenntntS ber ©üte 
beS DbjeftS immer §ugletdEj gegeben ift. 3)a fann eS benn leidet 
gefdfjeljen, baft man baS 33erljäftniS oerfeljrt unb meint, man liebe 
Ijter infolge ber ßrfenntniS unb erfenne bie Siebe als richtig an 
ber Übereinftimmung mit biefer ttjrer Siegel. 

@S ift nidfjt oljne ^ntereffe, ben ^etjler, ben Ijter 2lriftoteleS in 
betreff ber als richtig dfjarafterifierten ©emütStljättgfeit begebt, mit 
jenem ju Dergleichen, bem mir bei 3)eScarteS Ijinftcijtltcij beS als 
richtig djjaraftertfterten Urteils begegnet finb (ogl. Slnm. 27 S. 78). 
®er eine ift bem anbern roefentlidEj analog ; in beiben fällen rotrb ber 
auS§etd(jnenbe ßtjarafter, ftatt in bem als richtig dfjarafterifierten Slfte 
felbft, vielmehr in ber 33efonbert)ett ber ttjrn ju ©runbe liegenben 
3Sorftellung gefugt. $n ber %fyat fdfjeint mir in ber Slbljanblung 
„Des Passions" aus Dielen Stellen erfidfjtlidfj, baft SeScarteS felbft 
bie Sadfje Ijter ganj äljnltdfj roie 2trtftoteleS unb roefentltdfj analog 
feiner Setjre oom eoibenten Urteile gebadet Ijabe. 

35em S^rne 35eScarteS' bejüglidfj beS ßljarafteriftifdfjen ber 
ßoibenä fommen ljeut§utage oiele nalje (wenn man ntdjjt lieber fagen 
roiH, bajj fie iljn implicite gerabeju teilen), roenn fie bie Sadfje fidfj 
fo oorfteUen, als Ijalte man fid(j bei jebem etubenten Urteil an ein 
Kriterium. 35iefeS müjjte bann irgenbroie oortyer gegeben fein; ent= 
roeber als erfannt — baS mürbe aber ins unenblidfje führen — ober 
(unb baS bleibt eigentlich allein übrig) als in ber SSorfteHung ge= 
geben. 2lud(j Ijter fann man fagen, baft bie 33erfudfjung ju folgern 
Sffttftgriff naheliege, unb fie mag audfj auf 35eScarteS beirrenb etngerotrft 



— 91 — 

fyabm. ^n ben Irrtum beS 2lriftoteleS fällt man weniger; aber 
woljl nur barum, weil man überhaupt baS Spijänomen ber als richtig 
c^draftertfierten ©emütSttjätigfett weniger als baS beS als richtig 
dfjarafterifierten Urteile in Betrachtung gebogen Ijat. 2Benn man 
jenes in feinem 2Befen oerfannte, fo Ijat man btefeS oft mdEjt ein= 
mal genügenb bemerft, um es in feinem 2öefen $u miftbeuten. 

29. (©. 20) Sffienn idjj erflärte, bajs bie ©pradfje beS ge= 
wöfjnlidjjen SebenS feine paffenben 33ejeid(jnungen für bie 33efonberljett 
ber als richtig dfjaraftertfterten £ljätigfetten beS ©emüteS biete, fo 
wollte idEj bamit ntdfjt in 2lbrebe fteUen, bafc gewtffe 2luSbrütfe an 
fid[j redfjt woljl geeignet, ja wie bafür gefdfjaffen fdjjeinen. ©o 
inSbefonbere bie SluSbrüdfe „gut gefallen" unb „fdjjledfjt 
gefallen" in iljrem Unterfdfjtebe oon bem einfachen „ gefallen* 
unb „mißfallen". Slber wenn eS fidfj audEj empfehlen bürfte, fie 
als roiffenfdfjaftlidSJe Termini in biefer 2Beife enger abjugrenjen, fo 
bürfte bodfj in ber gewöhnlichen ©pradfje faum eine ©pur oon fold^er 
©dfjranfe ju finben fein. -äKan fagt atlerbtngS t>ielleid(jt nidjjt gern: 
baS ©ute gefällt iljm fdfjledfjt, baS ©dfjledfjte gefällt iljm gut. Slber 
man fagt bodEj: bem einen fcfjmedft bieS, bem anbern jenes 
gut u. f. w. ; man wenbet alfo baS SBort „gut gefallen" 
ofjne Sebenfen aucfj ba an, wo ein ©efallen in ber niebrigft 
inftinftioen $orm gegeben ift. greilidEj ift ber SluSbrudf 2öaf)r= 
neljmung fdfjter in ebenfoldjjer SBeife Ijerabgewürbtgt worben. 
@igentltdE> nur für ßrfenntniffe paffenb, würbe er bei ber fo= 
genannten äußeren äöafyrnefjmung audjj auf $äUe eines blinben unb 
in wefentltdjjen 93ejie^ungen irrigen ©laubenS angewanbt unb be= 
bürfte infolgebaoon , um als terminus technicus wtjfenfcfjaftlicfj 
verwertbar ju fein, einer wefentlicfjen unb wefentltd) feinen Umfang 
befcfjränfenben SReform ber üblichen Terminologie. 

30. (©. 21) Metaph. A, 1. p. 980 a 22. 

31. (©. 21) Um ein ;3JMJ3t>erftänbniS unb bie baran not* 
wenbig ficfj Inüpfenben Sebenfen auS$ufcfjlief$en, bemerle tdfj ju bem, 
was id(j im Xejte mit wenigen ©tridfjen angebeutet, nodjj folgenbeS. 
®amit ein Slft ber ©emütst^ätigleit in fidfj felbft rein gut ju nennen 



fei, ba;u geljört: 1. bafs er richtig fei 



ein 2ltt beö 






©efaflenü , nidjt ein Slft beS SDIifefatteii* fei. geljlt iljm ba$ eine 
ober anbete, fo ift er bereite" in geiuiffer söe,;ie[)imfi in fid) felbft 
fdjledjt; bie ©djabenfreube ift fdjledjt aaS beirt erften, ber ©djmerj 
beim 9lnblid ber Ungeredjtigfeit aus bcm feiten ©runbe. ^eljlt 
it)m beibcs, fo ift er nodj fdjledjter , entfpredjettb bem litincip ber 
©mnmierung, uon meldjem fpiiter im 'Vortrage bie Siebe fem wirb. 
£emfel6eii Sßrinctp entfuredjenb roödjft in bem $atte, roo bie 
<»iemüt>Ml)ätigfttt gut ift, bie ©üte be^ Stfteg mit feiner Steigerung, 
roiiljrnib in analoger Steife in bcn fällen, in meldjen ber 3Cft rein 
fdjledjt ift ober menigfteiii- in irgenbioeldjer Öe.jicljung itn bcm Sdjledjten 
teil Ijat, bie SdjleditigEeit beä 2lfte§ mit feiner gntenfität jummmt. 
5m $aüe ber 3J!ifdjung madjfen unb fdjiuiitbeii, offenbar einanber 
einfad) proportional, öüte unb Sdjlcdjtigfeit. 3üas auf ber einen 
ober embern Seite fidj finbenbe tylui inufe fo beim SBndjfen ber 
^uteitfität bes" 3(fte» immer größer, bei itjrer 2lbnafjme immer 
Heiner werben. Unb fo fönnte ber Uberfdjuf; beö ©Uten in iljin, 
troij beffen Unreinheit, unter Umftänben als ein fetjr grofieö ©ut 
unb umgefeljrt ber tUerfdjufi bes Sdjledjten, trog ber SJeimifdjmiLi 
bei ©uten , als etnxtö feljr Sdjledjtes' bejeidjuct werben (ugl. 
Slnm. 36). 

82. (S. 22) <$$ fann gefdjefjeu, baß ein rmb baöfelbc unS 
suglridj gefällt unb mißfallt. (Sinntal fann es uorfommcn, baß uns 
etwas" in fidj mißfällt, aber uns gefällt als ÜMiittcI ju etwas 1 anberem 
(ober umgefeljrt) ; bann aber lann eä fidj treffen , baß etwas" mS 
inftinEtm abfloßt , wäljrenb c£ jugleid) mit (jäherer Siebe uon uns 
geliebt roirb. So mögen mir einen infthittwen SHiberwiflen gegen 
eine Smufiubungöoorftellung Ijaben, weldje u«S bodj jugleidj (wie 
ja jebe 33orftellung all foldje gut ift), eine willfommene öercidjerung 
unfereä Sorftelliingsleben* ift. Sfriftoteteä fdjon fagt: „Gs Eommi 
cor, baß Segetjrungen jueinanber in ©egeitfaij treten. Diefeö ge= 
fdjiejjt, wenn bie Vernunft (Hyng) unb baö niebere 
(iMt&vfih) entgegengefegt finb." (Do Anim. III, 10.) Unb 
wieberum: „tSs" ftegt aber balb ba§ niebere ©egetjren (inifrv/ti'a) 




— 93 — 

über baS Ijöljere (ßovltjaig), balb biefeö über jenes ; rote" (nad> ber 
cmttfen Slftronomie) „eine §immelSfpfjäre bie anbere, reijst ein 33e= 
geljren baS anbere mit ficfj fort, votnn ber 9JtenfdE> bie fefte §errfd>aft 
über fidE> oerloren Ijat." (ßbenb. 11.) 

33. (©. 22) Siebe unb §aj3 fönnen, rote auf einjelne Snbtmbuen, 
fo auf ganje Älaffen fid[j rieten. ©dfjon SlriftoteleS mac^t barauf 
aufmerfam. 2Bir jürnen, meint er, jroar nur bem einzelnen 3)iebe, 
ber un§ beftoljlen, unb bem einzelnen ©pfopljanten , ber unfere 
2lrglofigfeit getäufdfjt, Raffen aber ben 35ieb unb ben ©tjfopljanten 
im allgemeinen (Rhetor. II, 4). 2lud(j 2lfte beS StebenS unb 
§affenS, benen in folc^er SEBeife ein allgemeiner Segriff unterliegt, 
finb oft als richtig cfjaraftertftert. Unb natürlich muft bann mit 
ber ßrfaljrung beS betreffenben 2lfteS ber Siebe ober beS §affeS 
mit einem ©cfjlage unb otyne jebe Snbuftion befonberer gätle bie 
©üte ober Sd^led^tigfeit ber ganjen Älaffe offenbar roerben. ©o 
lommt man j. 93. jur allgemeinen (SrfenntniS, bajs bie 6infic§t als 
folcfje gut ift. -äJtan begreift, rote nalje bie SSerfudfjung liegt, bei 
folcfjen ßrfenntniffen einer allgemeinen SBaljrfjeit oljne bie anberroärtS 
bei @rfaljrungSfä$en erforberlicfje Snbuftion oon (StnjelfäHen bie 
oorbereitenbe ßrfaljrung ber als richtig c^arafterertfierten ©emütS* 
tljätigfeit ganj ju überfeinen unb baS allgemeine Urteil für eine 
unmittelbare fgntljetifcfje ßrfenntnis a priori ju erflären. 33ei 
§erbart beutet feine fer)r merfroürbige Seljre t)on einer plö$lic§en 
©rljebung ju allgemeinen et^ifd^en $rincipten, roie mir fdjjetnt, 
barauf Ijtn, baft er etroaS oon biefem eigentümlichen Vorgänge be= 
merft f)at, ofjne ficfj bocfj barüber ganj flar ju werben. 

34. (S. 22) 9Jlan erfennt leidet, rote rotdfjtig biefer ©a£ 
für bie üEljeobicee roerben fann. 2öaS bie ©tljtf anlangt, möchte 
man fürchten, baft fie baburcfj in ifjrer ©icljerfjeit ftarf gefäljrbet, ja 
oielleicfjt gan§ unb gar aufgehoben roerbe. 2Bie ficfj biefe SeforgntS 
als eitel erroetft, bafür ogl. unten Slnm. 43 ©. 99. 

35. (©. 25) 6s fcfjeint mir fogar aus bem Segriffe beS 
Sorjie^enS burdfj 2lnalpfe erfennbar, 1. bafc jebeS ©ute ein SSorjug 
fei, b. f). bajs eS als berechtigtes Sütoment beim SSorjie^en in bie 



— 94 — 

2Bage falle; 2. ebenfo bafc jebe3 ©dEjfedjjte ein Berechtigtet ©egen* 
moment bilbe; unb barum and) nod(j 3. bafj man in fällen mte 
bie angegebenen, teils unmittelbar, teils burc§ eine 2tbbition, bei 
welker baS ©ute unb ©djjlecfjte als ©röfsen mit entgegengefe^ten 
33orjeidfjen in Stedjmmg fommen, baS für baS richtige 33orjiet)en 
gültige Übergewicht, b. f). bie 33oräüglid(jfeit, baS 33efferfem beS 
einen gegenüber bem anbern, fonftatieren fönne. $iernac§ bebarf es 
alfo , genau befeljen , nicfjt ber befonberen 6rfaf)rung beS als richtig 
cfjarafterifierten 93or jugSafteS , fonbern nur ber Erfahrung ber 
einfachen als richtig dfjarafterifierten Slfte beS ©efatlenS unb 
üÖUfcf aHenS , um für bie vorgeführten $äHe jur ©rfenntniS beS 
33efferen ju gelangen. Unb barum fagte icfj, nidjjt barauS, baft 
unfere Seporgugung als richtig cfjarafteriftert fei, fdjöpften mir f)ier 
bie (SrfenntniS ber 3Sor jüglicfjf eit , fonbern bie betreffenben 33et>or= 
jugungen feien barum als richtig djarafterifiert, meil bie ßrfenntniS 
ber SSorjüglid^feit babei mafcgebenb merbe. 3<^ mollte aber bamit 
nicfjt fagen, baft nicfjt berfelbe auSjeidjjnenbe Gtjarafter, ben mir 
jut>or bei gemiffen Slften einfachen ©efaHenS Ijeroorgeljoben , audEj 
Ijter mirflidjj oortyanben fei. 

36. (©. 27) Um Ijter gang genau ju »erfahren unb eigentlich 
erfcfjöpfenb ju fein, f)ätte tdjj im Vortrage noefj jmei anbere unb 
recfjt mistige gäUe ermähnen muffen. 2)er eine ift ber $all, mo eS 
ftcfj um eine Suft am Scfjledjjten, ber anbere ber, mo eS fidjj um eine 
Unluft am ©dfjledfjten fjanbelt. Sffienn mir fragen: ift bie Suft an 
Scfjlecfjtem gut?, fo antwortet fcfjon SlriftoteleS unb in gemtffer Sßeife 
unzweifelhaft richtig: nein! ,,-Ktemanb", fagt er in ber -Kifomacfji* 
fdfjen @tljif (X, 2 p. 1174 a 1), „mürbe münfdfjen fidj an ©djänb* 
licfjem ju freuen, auefj menn iljm fidler verbürgt mürbe, bafc nie ein Seib 
barauf folgen follte." 35ie §ebonifer, ju benen fo eble -äJtänner roie 
$ecfjner (ogl. feine Schrift über baS IjödEjfte ©ut) gehörten, fpred(jen 
ftcfj bagegen aus. 3^re Seljre ift t>ermerflic§, unb if)re $ra£tS — 
fcfjon §ume bemerft eS — jum ©lüdfe t)iel beffer als if)re Jljeorie. 
©ennodfj liegt auefj in ityrer 2lnfic§t ein Äömd^en SBaljrljett. 

35ie Suft am Scfjlecfjten ift als Suft ein ©ut, unb nur jugleidjj 



— 95 - 

als unrichtige ©emütsttjätigfeit etwas ©dfjlecfjteS, unb barf, wenn auf 
©runb biefer SSerfe^rt^eit als etwas überwiegenb ©djjledjjteS, bod(j nidjt 
als etwas rein ©cfjledfjteS bejeidjjnet werben. Snbem wir fie alfo 
als fdjjledEjt t>erabfd(jeuen , üben wir eigentlich einen Slft ber 33eoor= 
äugung, in weldjjem bie gteiljeit von bem einen ©cfjlecfjten t>or bem 
33eft£e beS anbern ©uten ben 33orjug erhält. Unb wenn wir babei 
ben Slbfd^eu als richtig erlernten, wirb bieS nur baburdj möglich, 
bajß biefe Seoorjugung eine als richtig djjarafterifterte Seoorjugung ift. 

Slljnlicfj »erhält eS fidjj, wenn wir fragen, ob bie als richtig 
cfjarafterifierte Unluft am Sdjledjten ein ©ut fei, 3. 33. ba wo 
eS einem ebeln §erjen fdfjmerjltdfj ift, wenn eS bie Unfdjjulb 
unterbrütft fieljt, ober ba wo einer, auf fein eigenes früheres 
Seben jurüdfblidfenb, beim SSewujstfetn einer fdjjledjjten #anblung 3teue 
füfjlt. §ter jeigt ficfj bie Sage in jjeber 33ejie!jung ber vorigen ent* 
gegengefe$t. 6in foWjeS gäiljlen gefällt barum überwiegenb, aber 
nicfjt rein; eS ift lein reines ©ut ju nennen, wie bie eble $reube 
eS märe, wenn man baS ©egenteil von bem vor fiel) fäfje, worüber 
man trauert, weshalb benn aucfj bie Sftatfcfjläge von 3)eScarteS (vgl. 
2lnm. 24 ©. 75), man foHe bocfj lieber in äquivalenter 2Beife feine 3luf= 
merffamfeit unb ©emütstljätigfeit bem ©uten jumenben, iljre 33ered(j= 
tigung nidjjt eigentlich verlieren. 2WeS bieS erfennen mir flar. 2Bir 
Ijaben alfo auclj Ijter mieber eine als richtig cfjarafterifierte 33evorjugung 
als Quelle einer ©rtenntnis von SSorjüglid^feit. 

3m Vortrag erlaubte idfj mir — um mdjjt ju viel Äomplifation 
Ijineinjubringen — bei ber 33efprecfjung ber ^Bevorzugungen von 
biefen fällen ju fcfjweigen. Unb idE> fonnte mir bieS um fo eljer 
geftatten, als eS praftifdjj gu bemfelben SRefultate führen mürbe, wenn 
man (wie eS SlriftoteleS in betreff ber fcfjänbltdjjen greube getljan) 
ben als richtig d^arafterifierten §aft ber einen unb bie als richtig 
djjarafterifierte Siebe ber anbern Älaffe als $!jänomene einfacher 2tb* 
neigung unb Sunetgung betrauten wollte. 

5Wan fief)t leidet, bafc ftdfj aus biefen befonbern fallen von 
möglicher SBeftimmung eines ©röfcenverf)ältniffeS jwifd^en ©üte unb 
©cfjlecfjttgfeit von Suft unb Unluft auf ber einen unb von SRid^tig= 



— 96 — 

feit unb Unricfjtigfeit auf ber anbern ©eite (»gl. für fie auc$ 
2lnm. 31 ©. 91) feine Hoffnung fdjöpfen läßt, bie im Vortrage be* 
äetcljneten, roeitflaffenben Sücfen in affgemeiner Sßeife anzufüllen. 

37. (©. 27) 33gl. meine SßfpdEfologte t>om empirifd^en ©tanb* 
punft 33uc§ n, Aap. 4. 

38. (©. 28) E. Dumont, Traites de legislation civile et 
penale extraits des manuscrits de J. Bentham; inS&ef. im 216= 
fd(jnitt, ber ben Sttel füljrt Principes de legislation, chap. 3 sect. 1 
gegen ßnbe, chap. 6 sect. 2 gegen 6nbe unb chap. 8 unb 9. 

39. (©. 28) ©. 9iubolplj Sßagner, 35er ßampf um bie ©eele 
oom Stanbpunft ber 2Btffenfc$aft. ©enbfd^reiben an #errn Seibarjt 
Dr. Senefe in Dlbenburg. ©öttingen 1857. ©. 94 2lnm.: „®au$ 
äußerte, ber SSerfaffer" (eines geroiffen pfpd^ologifd^en SBerfeS) „fprädjje 
tum SWangel an genauen SJJteffungen pfpd^ifc^er $ljänomene ; aber eS 
märe fc^on gut, wenn man nur grobe Ijabe ; bamit fönne man fd^on 
etroaS anfangen, man §abe aber feine. 63 fef)le Ijier bie Conditio 
sine qua non affer matfjemattfdSJen 33eljanblung, nämlidEj wenn unb 
infofeme bie SSermanblung einer intenfioen ©röfce in eine intenfioe" 
(tie§ ejtenftoe) „möglich fei. 3)a3 fei boc§ bie erfte unerläßliche 33e* 
bingung; bann fäme e3 nodEj auf anbere an. ©auft fpradjj bei 
biefer (Gelegenheit aud^ über bie gemö^nlid^e inforrefte Definition 
t>on ©röße als einem 6nS, ba§ fic$ mehren ober minbern laffe ; man 
muffe fagen ein @n3, ba3 fidf) in gleite Seile teilen laffe. . . ." 

40. (©. 28) SDaS pfodfjopljpfifcije ©efe£ $ed&ner$, felbft wenn 
e§ gefidjjert märe, roäljrenb e3 meljr unb metyr ßroeifel unb 2öiber= 
fprudfj Ijeroorruft, mürbe nur für bie SJJteffung ber Sntenfität be$ 
Spalts geroiffer anfdjjaulicfjer SSorfteffungen , nid^t aber für bie 
SJleffung ber ©tärfe oon ©emütSerregungen , mie $reube unb £eib, 
al3 Slntjalt benüfct werben fönnen. 9Jlan fyat 93erfucfje gemadjjt, 
nad) begleitenben umoifffürltdfjen Semegungen unb anbern äufcerltdjj 
^u Sage tretenben 3Seränberungen ba$ ?Sla% oon ©emütsberoegungen ju 
beftimmen. ©te fommen mir oor, mie menn einer au3 bem Sßetter 
ba§ genaue 35atum be3 SföonatStageS beregnen wollte. ®a$ birefte 
innere SSeroufctfein, fo unoollfommen feine Slngaben ftnb, bietet f)ier 



- 97 - 

nodjj immer meljr. 9Jtan fdfjöpft bann roenigftenS an ber Queue 
felbft, n>äf)renb man e3 bort mit einem burdfj mannigfache ©infUiffe 
getrübten 2öaffer ju tljun f)at. 

41. (©. 29) Stgroart, Vorfragen ber @t!jif (S. 42), betont, 
man muffe t>om menfdfjlidjjen SBiUen nidjjt metyr verlangen, als mag 
er ju leiften im ftanbe fei. 35ie Säuberung, bie aus bem -äJhtnbe eines 
fo entfcfjiebenen Snbetermmiften (ogl. Sogtf II, ©. 592) befonberS 
umnber nehmen mag, Ijängt mit feiner fubjeftimftifdjen 2luffaffung 
beS ©uten jufammen, oon melier a\x$ ein logifdjj normaler 2Beg 
jum ^rieben aller, bie guten üIBitlenS finb, meines ßradfjtenS fidEj 
nicjjt bietet. (SUtan ogl. j. 33. bie SBeife, nrie ©igroart felbft S. 15 
Dorn GgoiSmuS jur SHücfftdfjt auf baS 2lHgemeine Ijinübergleitet.) 

216er audfj t>on anbern Ijört man folcfje ülöorte. Unb f)ternadfj 
fönnte man roirflicfj 33ebenfen tragen, ob baS erhabene ©ebot, alle 
feine §anblungen jum tjödfjften praftifdfjen ©ute ju orbnen, baS richtige 
ett)ifdE>e $rinctp fein möge. ®enn feljen mir ab oon ben fällen man* 
gelnber Überlegung, bie felbftoerftänblicfj mdE>t in 33etracfjt fommen, 
fo fdjjiene bie $orberung fold^ ooHer ©elbftljingabe nod(j immer aH§u= 
ftrenge, giebt eS bodfj feinen, ber, mmn er fidE> aufrichtig ins §erj 
blicft — unb follte er fid(j audjj nodjj fo forgfam etf)tfd(j führen — , 
ntdEjt Ijäuftg mit §oraj oon fidf) fagen müjjte: 

„Nunc in Aristippi furtim praecepta relabor, 
Et mihi res, non me rebus subjungere conor." 

35ennodfj ift baS 33ebenfen unbegrünbet, unb ein 3Sergleid^ mag 
baju bienen, bieS anfdE>aulidE> ju machen. @3 ift gemifc, bajs fein 
•JRenfcfj im ftanbe ift, jeben Irrtum gu oermeiben ; aber, ob oermeib* 
lidjj ob unoermetblidfj , jeber S^urn Meibt ein Urteil, roie e£ nid^t 
fein foll, unb ben inbtSpenfabeln ^orberungen ber Sogif entgegen. 
6o roenig nun t)ter bie Sogif burdEj bie 35enffcfjroäd[)e, fo wenig mirb 
bort bie 6tf)if burdfj bie 2Bttten3fdjtt>äcfjebe3 9Jlenfd)en ficfj abgalten laffen 
bürfen, oon ttjrn ju forbern, bafc er ba§ erfannte ©ute liebe unb 
baS erfannte Seffere oorjielje, unb alfo baS r)öd^fte praftifdfje ©ut 
hinter nichts anberem jurüdffe^e. 2öürbe es fogar (roaS nidfjt richtig 
ift) für eine beftimmte Älaffe oon fällen nadfjgeroiefen fein, bajs in 

SBrentano, 33om Urfprung ftttl. GrtenntmS. 7 



— 98 — 

iljnen alle ÜKcnfd^en ausnahmslos eS nid^t über ftc§ gewännen, bem 
IjödEjften praftifd^en ©ute treu ju bleiben, fo gäbe bieS nod(j immer 
nid^t bie geringfte Berechtigung, bie etf)ifd(je ©runbforberung fallen 
ju laffen. @S bliebe audjj bann nodEj eoibent unb unabänberlid^ roaljr 
unb bie einjig unb allein richtige 9tegel, f)ier wie überall bem 
SSejferen gegenüber bem minber ©uten ben 3Sorjug ju geben. 

3j. St. 5RiU fürchtet, bieS roerbe ju enblofen Selbftanflagen 
führen, unb bie fteten SSormürfe mürben jebem baS Seben verbittern. 
35ieS ift aber foroenig in ber SRegel etngefcfjloffen, bafj eS vielmehr, 
leidet nachweisbar, burdjj fie auSgefdfjlojfen ift. ©oetlje Ijat eS redjjt 
wof)l erfannt. 

„SRidf>tS taugt Ungebulb" 

— nämlidEj Ungebulb gegenüber ber eigenen Umwtlfommenfyeit, fagt 
er in einem feiner feineSwegS lasen Sprüdjje, — 

„9iod(j weniger SHeue;" 

— baS SSerfenlen in bie ©ewiffenSpein, mo ber frifcfje, freubige 33or= 
fa$ allein bienen mürbe — 

„3>ene vermehrt bie SdEjulb, 

„5Diefe fdjjafft neue." 
3n bemfelben Sinne fanb idEj einmal t>on ber §anb beS frommen 
2tbteS §aneberg, fpäteren SifdfjofS uon Speier, in einem Sllbum bie 
SBorte eingetragen: 

„Sonne bidfj mit Suft an ©otteS §ulb, 

„$(&' mit allen, — aucfj mit bir ©ebulb!" 

42. (S. 29) 9Jlan mufc fidfj woljl baoor f)üten, aus bem 
principe ber Siebe beS -Jtädfjften mie fidjj felbft bie Folgerung ju jteljen, 
bafc jeber für jeben anbem eben fo forgen muffe mie für fidf) felbft; 
wag, meit entfernt baS allgemeine Sefte ju förbern, eS vielmehr 
wefentltdjj benachteiligen mürbe. (SS ergiebt ficfj bieS aus ber @r= 
wägung beS UmftanbeS, baft man ju fidf) felbft eine anbere Stellung 
Ijat als ju allen anbern, unb unter biefen mieber bem einen meljr, 
bem anbern weniger ju Reifen unb ju fdjjaben in ber Sage ift. SBenn 
•Dtenfdfjen auf bem SJlarS leben foUten, fo lann unb foll ber erb= 
bewoljnenbe 9Kenfdfj ebenfo iljnen ©uteS wünfdfjen, nicfjt aber ebenfo 



- 99 — 

für fie ©uteS wollen unb erftreben, als für ficfj unb etliche feiner 
SDlitgenoffen auf (Srben. 

§temit in ßufammenljang ftetyen bie 9Kal)nungen , benen man 
in jeber 5Roral Begegnet, fidj junädEjft um fidfj felbft ju lümmern: 
„yvtifri oavTov", „fefjre oor ber eigenen £fjüre!" u. f. n>. 2)ie 
$orberung, junäd^ft für 2ßetb, Äinb, SBaterlanb ju forgen, tritt audfj 
überall auf. Unb audfj ba§ „forge ntdEjt für morgen" in bem 
©inne, in weldjjem e3 wirflidE> einen weifen Statfdjjlag enthält, fliegt 
baraus als Äonfequenj. 35aß mein morgiges ©lüdf mir nidjjt fo 
lieb fein foffe wie mein gegenwärtiges, ift barin nidjjt eingef djjloffen. 

Stuf biefe SBeife geprüft, erweifen fidE> audfj bie fommuniftifdfjen 
Üljefen als unberechtigt, bie man aus bem fdfjönen ©runbfa^e ber 
affgemeinen SSruberliebe mit untogifcfjer Überftürjung ableiten wollte. 

43. (©. 30) ©törenber bürfte ber Umftanb genannt werben, 
baß mir bie entfernteren folgen unferer §anblungen oft nidfjt ju 
ermeffen im ftanbe finb. 

2lffein aucfj biefer ©ebanfe wirb, wenn mir baS affgemeine 
SSefte lieben, unfern 39tut nidfjt lähmen. 3Son aüen folgen, bie 
fdfjledfjterbingS gleichmäßig unerfennbar finb, fann man fagen, baß bie 
eine fooiel Sfyancen für fidfj fyabe als bie anbere. Sftadfj bem ©e= 
fe£e ber großen $af)len wirb alfo im ganzen ein SluSgfeidfj ftattfinben, 
wobei bann, was wir berechenbar ©uteS fdfjaffen, als $luS auf ber 
einen ©ette bleibt unb fo, als wäre eS allein, unfere äöaljl redfjt* 
fertigt. 

Unter bemfelben ©efidfjtSpunfte erlebtgt fidf), wie tdfj fdfjon im 
Vortrage felbft (©. 22) anbeutete, baS Sebenfen, weldfjeS fidfj äfjnlid£> 
an bie Ungewißheit, ob wir oon allem, was gut ift, audfj als gut 
angemutet werben unb es fo als gut ju erfennen unb gebüljrenb 
ju berücffid^tigen vermögen, fnüpfen fönnte. 

44. (©. 30) 2)aß eS fidfj bei ben SRedfjtSgrenjen wefentlidfj 
um 33erfügungSfpljären für ben einzelnen SQSiUen Ijanble, würbe, wie 
von $l)ilofop£)en (man ogl. bafür j. 33. §erbarts 3ftee beS StedfjtS), 
fo audfj oon bebeutenben Triften l;äuftg Ijeroorgeljoben. Spring 
in feinem ©eift beS römifc^en 9ied)tS in, 1 (©. 320 3(nm.) belegt 



— 100 — 

bieS mit mannigfachen Gitaten. $ür 2lrnbt3 5. 33. in feinem £e!jr= 
budjj ber Sßanbeften ift SRedjjt „^errfd^aft be3 2öttlen3 in 2tnfe!jung 
eines ©egenftanbeS"; für ©interna ift e§ „ber jum ©efamtroitfen er= 
Ijobene SBiUe einer $erfon". äöinbfdSJetb befiniert e§ als „einen 
genriffen 2Bitlen3inf)alt, tum bem bie 9ted(jt3orbnung in einem fonfre* 
ten $aH au3fprid(jt, baß er allem anbem SBitten gegenüber jur 
©eltung gebraut werben bürfe". SPudjjta, ber ben ©ebanfen t>ielleid(jt 
am mannigfacfjften jum SluSbrutf bringt, fagt in feinen Sßanbeften 
§ 22: „als. Subjefte eines foldjjen in ber $otenj gebauten 
SBillenS Ijeißen bie 9Kenfd^en $erfonen . . . ^erfönlid^feit ift alfo 
bie fubjeftiüe -JRöglicfjfeit eines rechtlichen SßtllenS, einer rechtlichen 
SKadfrt". ebenb. (§ 118 SRote b) bemerft er in betreff beS 
•JRangelS ber $Perfönlicl)fett : „baS $rincip beS neueren (9tedE>t3) ift 
Unfäljtgfeit über baS Vermögen ju biSponieren" ; unb $fi)nlidfjeS 
enthalten triefe anbere feiner Äußerungen. 

®a nun aber biefe juriftifdfjen Slutoritäten iljre Slufmerffamf eit aus* 
fcfjließlicfj auf bie SRedjjtSpflicfjten fonjentrieren unb auf bie efljifdEje 
$rage, ttrie ber einjelne 2BiCe in feiner SRecfjtSfpäre ju malten fyobt, nid^t 
eingeben, fo Ijat gering tljre Meinung batyin gebeutet, baß fie bie Übung 
beS äöollenS in fidjj felbft, bie $reube ber einzelnen $erfonen an iljrer 
SBitlenSbetljätigung als baS waljre, fyödjjfte ©ut unb als ben eigent* 
tieften unb legten $we$ betrachteten, auf ben bie ©efe^gebung ab* 
gtde ; „(Snbjraecf alles SRed&tS ift für fie baS SBoHen" (ebenb. S. 320, 
325); „ber 3u>edf beS SRedfjtS befteljt ja einmal (nadfj iljnen) 
in ber äötHenSmadfjt, ber §errfd^aft" (<5. 326), unb man begreift 
rootjl, baß er bie fo aufgefaßte £f)eorie oerbammt (S. 327), ja 
baß eS ifjrn gelingt, fie lädjjerlicfj ju machen. „®iefer Sluffaffung 
gufolge", fagt er S. 320, „ift bemnadfj baS ganje $rtoatred(jt nidfjtS 
als eine Slrena für ben äötllen, fidf) barauf §u bewegen unb ju übm t 
ber SBiHe ift baS Drgan, burdf) meldijeS ber 9Renfd(j baS SRedjjt ge= 
meßt, ber SRedfjtSgenuß befielt barin, baß er bie 3*eube unb §err= 
lidfjfeit ber 9Radf)t empfinbet, bie ©enugttjuung tyat, einen 2öitlenSaft 
Donogen, 3. 33. eine ^ppottjef beftedt, eine Älage cebiert unb bamit 
ficfj als SRedfjtSperfönlidfjfeit bofumentiert ju Ijaben. 23eld(j ein arm= 



— 101 — 

feltgeg £)ing wäre e3 aber um ben Sßitten, menn bie nüchternen 
unb niebern Sftegtonen be$ 9tecfjt3 ba3 eigentliche »©ebtet feiner 
£!jätigf ett « Bezeichneten ! " 

©ettrifc, bie fdjjroerften 93orroürfe ber 2lbfurbität unb 2ädjer= 
lidfjfeit wären n>of)lt>erbient , menn jene ©elef)rten, welche ben 
nä djjften $mä ber 3ted(jtgbeftimmungen in eine 2tbgrenjung 
tum 33erfügung3fpl)ären beS SBiffenS festen, bie SHücffidE>t auf 
ben legten fittlidE>en 3^^/ nämltdE> bie $örberung be3 
Ijödfjften praftifdfjen ©ute3, bamit Ratten leugnen motten. @3 liegt 
aber gar nidfjtä oor, xvtö biefe ^nftnuation rechtfertigte f unb fo 
bürfte benn Ijier mit befferem ©runb ein Sädjjeln bem ßifer be3 
Angriffs gelten, ber maljrltdfj nur gegen Sßinbmüljlen feine ©treidle 
füf)rt. 2lud[j märe, tvtö gering an bie ©teile fe$en miH, gemifj 
ein fdjjledfjter 6rfa$. Snbem er nämlidfj (xva$ er als SSerfaffer be3 
SroedfeS im SRed^t meffetdjjt Ijeute mdjjt meljr in gleicher Sßeife 
glaubt) bie von ber SttedEjtSorbnung ber einzelnen Sßerfon jugemiefene 
©pljäre als einfach iljrem (SgoiSmuS überlaffene ©ptjäre betrachtet, 
fommt er ju ber Definition: „ Stecht ift red&tlicfje ©tcfjerf)eit be§ 
©enuffe^' (©. 338), mo er t)iel beffer fagen mürbe: Siecht ift re$t= 
lid^e ©ic$er!jeit be§ ungeftörten freien SBaltenS ber einjelnen Äraft 
jur $örberung be3 pdEjften ©uteS. — 3>ft bmn bie Ungeredjjtigfeit 
etroaS, ma£ bie UnfittlidEtfeit erfd&öpft? 3Mn; bie SftedE>t§pfIic§ten 
fyaben ©renjen; ber SßflidEjt überhaupt unterfte^t bagegen all unfer 
£f)un, mie bie§ ja auc$ unfere 33olf3religion nad[jbrüdttidSJ fyeroor* 
Ijebt, j. 33. menn fie fagt, bafc ber -äJtenfcfj von jebem unnüfcen 
2ßort einft SttecfjenfdEjaft geben muffe. 

2lufcer jenem erften (Sinmanb, ber auf bloßem SWiftoerftanb ber 
älbfidEjt beruht, !jat gering <*ud[J n0 $ einige anbere erhoben, bie 
wefentlicfj burc§ Unoottfommenljeiten be3 Sprachgebrauch oeranlafct 
flnb. 9Benn bie 3tedfjt3orbmmg mefentlidEj barin befteljt, baft ben 
einzelnen Sßttten gemiffe ©renjen ber 33et!jätigung angeroiefen merben, 
bamit nidjjt jeber jeben in feinem SSirfen jum ©uten ftöre, fo fann 
bemjenigen, ber feinen SBitlen §at ober Ijatte ober fjaben wirb, auc& 
leine 9tedE>t3fpl)äre juge^ören. 3$ feige „fyat ober Ijatte ober fyaben 



- 102 — 

wirb", benn auf 33ergangenf)eit unb ßufunft mu]B offenbar Sttücffidfjt 
genommen werben. 6in 33erftorbener wirft ja oft big in bie femfte 
$ufunft, unb Gomte burfte fagen: „bie Sebenben werben meljr unb 
meljr t>on ben 2toten beljerrfdjjt". Unb ebenfo nrirb e3 bie Sachlage 
mit ftd(j bringen, baft man bei mannen gragen bie (Sntfdfjeibung natur* 
gemäft ber gulunft überlädt, alfo fidEj ber §errfdEjaft ju ©unften eines 
fünftig Ijerrfdfjenben SßitlenS begiebt. 3)iefe Erwägung inbeS löft $war 
mandjeS^ßaraboEon, baS 3töe*Mg (©• 320 — 325) urgiert ; aber nidfjt alle. 
33ei einem oon ©eburt au§ unheilbar 33löbfmnigen fann man offenbar 
gar lein 2öiHen3t>ermögen , bem bie Sftüdffidfjt aufs Ijödfjfte praftifdfje 
©ut eine Sphäre überlaffen mödfjte, namhaft madfjen; e3 giebt alfo 
nac§ unferer 2lnfd(jauung für iljn, eigentlich genommen, {einerlei 
9tedSJt3fpljäre: unb bodfj Ijört man allgemein oon einem 9ted(jt, ba$ 
er auf fein Seben Ijabe, fprecfjen; ja mir bejeicfjnen iljn unter Um* 
ftänben als ©igentümer eines großen Vermögens, ober fpredEjen ifym 
wol)l gar baS Stedfjt auf eine Ärone unb fömglidEje §errfd(jaft ju. 
Sßrüft man bie SSer^ältniffe genau, fo ftnbet man, baft e3 fid(j l)ier 
jwar nirgenbS um eine watjre SHedjjtSfpljäre beS ber 33erantwortltdfj= 
feit unfähigen ©ubjefteS, woljl aber um 9tedfjtSfpljären anberer 
Rubelt, wie j. 83. um bie eines SSaterS, ber für ein blöbeS Äinb 
fürforgenb lefctwtHig über fein Vermögen beftimmte unb bur$ ftaaU 
Itdjje ©efe$e in feiner 2BiHen3f)errfdfjaft über feinen £ob IjinauS ge= 
fcfjü$t wirb, ober aber (nrie j. 33. in bem $aUe, wo ba3 Seben 
beS 33löbfinnigen nidf)t angetaftet werben barf), abgefeljen oon ber 
SSerle^ung einfacher SiebeSpflicijt, bie bieg inooloieren mürbe, um bie 
StedfjtSfptjäre beS Staates felbft, ber feinem anbern ben töblidjjen @in* 
griff in ein Seben geftattet; unterwirft er bodEj manchmal audEj ben 
33erfud(j jum ©elbftmorb einer ©träfe. 

©in britter ßtnmanb Springs, nämlidfj ba{s bei einer 2tb= 
grenjung ber 9te$te nadjj 2BillenSfpljären audE> bie unfinnigften 
SBillenSoerfügungen redjjtlid&e ©eltung Ijaben müßten (©. 325), bietet 
nac§ bem ©efagten faum meljr eine ©djjwterigfeit. ©ewift wirb 
manche tljörtcfjte SffitttenSoerfügung ju geftatten fein. SEürbe fie ber 
Staat mdjjt ju bulben Ijaben, fo befäfte nur er allein noc$ ein enbgül* 



— 103 — 

tigeS VerfügungSrecfjt, alle SPrioatred^te wären baljht. Solange nidjjt 
bloß Untertanen, fonbern aucfj Regierungen ber ^or^eit jugänglid^ 
finb, erfdjetnt eine foldjje SllloerftaatlidSJung gewiß nic^t angezeigt. 
35aß aber, wie überhaupt bie fefunbären etljifdEjen Veftimmungen 
2tu3naf)men erleiben, unb inSbefonbere vielfältig G^propriationen ber 
^Privateigentümer nötig werben, auc§ unjinnige Verfügungen ober 
Verfügungen, bie eoibentermaßen allen Sinn unb Vejug jum IjödEtften 
praftifd^en ©ut verloren Ijaben, manchmal ftaatltcf> umgeftoßen 
werben fönnen, ift flar unb of)ne jeben SßiberfprudEj jujugeben. £>te 
SftücffidSJt aufs f)ödfjfte prafttfdE>e ©ut entfdfjetbet fjier wie bei jeber 
anbern fogenannten ÄoHifion ber SßfUdfjten. 

45. (©. 30) 35aß ein an unb für ftcfj naturwibrigeS, fdfjled&teS 
©efe$, fo feljr e§ vom etljifdjjen ©tanbpunft ju mißbilligen, unb fo 
bringenb feine Slbänberung ju forbern ift, bennoc§ in trielen fällen burdEj 
bie Vernunft eine interimtftifdjje ©anftion empfängt, ift längft erfannt 
unb, wie j. 93. von Ventljam in ben Traites de Legislation civ. et 
pen., flargelegt worben. %m Altertum ift ©ofrateS, ber fidjj ber 
©petfung im $rt)taneum für würbig Ijielt, für biefe Überzeugung ge= 
ftorben. 35ie pofitive ©efe^gebung fd^afft tro$ aller SJlängel einen $u= 
ftanb, ber beffer als 2tnarcfjte ift, unb ba jeber Unge^orfam gegen 
ba3 ©efe$ feine Äraft im allgemeinen ju beeinträchtigen brof)t, fo 
mag unter biefen burc$ ba$ ©efe§ felbft erjeugten Ver^ältniffen 
vorläufig für ben einzelnen audfj vom ©tanbpunft ber Vernunft ba3 
als bie richtige $anblung§meife fidEj ergeben, was, bavon abgefeljen, 
feineSwegS ju billigen wäre. ®a3 alles folgt wtberfprudjjäloS aus 
ber Relativität ber fefunbären etljifdjjen Regeln, von welchen fpäter 
geljanbelt wirb. 

3$ füge bei, baß Errungen in ben ©efe^en ber pofittven ©itt= 
lidjjfeit (ju benen ber Vortrag alsbalb übergebt) unter Umftänben 
eine äljnlidjje VerüdEfid^tigung erljetfdjjen. 

Sütan barf aber auf ber anbern ©eite nidjjt überfein, baß e3 
Ijier ©renjen giebt unb baß ber ©a|: „man foH ©Ott meljr ge= 
{jordfjen als ben 3Renfd^en" nidf)t in feiner freien, erhabenen ©röße 
beeinträchtigt werben barf. 



— 104 — 

46. (©. 30) §eraflit von (SpIjefuS (500 t>. Gljr.), ber ältefte 
unter ben gried^ifd^en $l)tlofo»!jen, üon bem wir reifere Fragmente 
Beft$en. 

47. (©. 32) gering, 35er 3medf im Stecht II ©. 119 u. ö. 

48. (©. 32) Politeia I, cap. 5. 

49. (©. 82) Eth. Nikom. V, 14 p. 1137 b 13. Polit. HI 
unb IV. 

50. (©. 32) 3Sgl. ben Discours prßliminaire ju ben Traites 
de Legislation, foroie eBenbafel&ft ben Stöfcfjnitt De Pinfluence 
des temps et des lieux en matiere de legislation. 

51. (©. 32) $$ibfop$ifc$er Serfud^ üBer bie $8a1)xföemlxfy 
fetten tum Saplace, naefj ber fechten Auflage beS Originals üBerfe$t 
von 91. ©dfjroaiger, Seipjig 1886, ©. 93 f. (2lnroenbung ber 
SBatyrfc§etnlic$feit3redfinung auf bte moralifcfjen SBtffenfd^aften). 

52. (S. 33) 3Sgr. aittgemetne Suriftenjettung VU ©. 171 ; 
3tt>edf im Stedjt H ©. 118. 122 f. 

53. (©. 34) ©runblegung jur $^fif ber ©itten. 33gl. oBen 
2tnm. 14 ©. 49. 

54. (©. 35) man t)gl. j. 93. ben SDialog 5Renon. 

55. (©. 35) 3tiebr. 21IB. Sänge, Sogifdjje ©tubien, ein 
Seitrag jur -JteuBegrünbung ber formalen Sogif unb ber (SrfenntmS* 
leljre. Sferlofjn 1877. 

56. (©. 35) Alex. Bain, Logic, part first. Deduction. 
London 1870. p. 159 f. 

57. (©. 36) 3- 33- 33entljam unb rooljl fdfjon im 2tttertum 
(Sptfur. 

58. (©. 36) 3. 33. pfoton unb 2trtftotele3 unb biefem 
folgenb üEIjomaS v. 3lquin. 

59. (©. 36) 3. 33. bie ©totfer unb im Mittelalter bie 
©cotiften. 

60. (©. 36) ®te§ !jat audjj ßpifur (fo roenig e$ mit feiner 
oBen S. 54 Befprodjjenen SSfafterung im (Sinflange fteljt) nidjjt 
geleugnet. 

61. (©. 36) Eth. Nikom. I, 1. 



— 105 — 

62. (©. 36) Metaph. ^f 10. 

63. (©. 36) (Sbenbafelbft. 

64. (©. 37) ©te matten bie 33ejtef)ung ju bem größeren 
©anjcn als Argument bafür geltenb, baß ba3 prafttfdfje Seben 
(beS SPoltttferS) Ijöfyer ftelje als baS tljeorettfdjje. 

65. (©. 37) (Sbenfo fe^rt biefe^ ßeugnte für ba$ ^rtnctp 
ber ©ummterung nneber, fo oft bei einer in tljrer Sßurjel egoiftifd^= 
eubämomfttfdjjen 2lnfdjauung (rote j. 33. bei Socfe unb bei ^edfjner 
in feiner ©djjrtft t)om Ijödjjften ©ute; »gl. audjj für Seibni^ 
£renbelenburg , §tftor. 33eitr. n ©. 245) ©ott jum 2lufbau ber 
(Stfytf ju §ülfe genommen wirb. 2)iefer, argumentiert man, liebt 
jebeS feiner ©efdfjöpfe, unb barum i^re ©efamttjeit meljr als jebeS 
einzelne, unb bittigt unb belohnt barum bie Stufopferung be3 
einzelnen für bie ©efamtljett, roäfyrenb er bie felbftfüdfjttge ©djjäbigung 
mißbilligt unb ftraft. 

Studjj in bem Verlangen nadjj Unfterbltdfjfett jeigen ftdfj oft 
SBirfungen be$ SßrtnctpS ber ©ummierung. ©o fagt §elmfyol$ 
(Über bie (Sntfteljung be3 SßlanetenfpftemS , Vortrag, gehalten 
in §etbelberg unb $öln 1871), roo er biefem Verlangen frolje 
Stuöfid^ten öffnen mitt: „6& tann ber einzelne (roenn, roaS mir 
erringen, ba3 Seben unferer Sftacfjfommen oerebeln rotrb) . . . ben 
©ebanfen, baß ber $aben feines eigenen 33eroußtfein3 einft ab* 
reißen werbe, oljne ^urd^t ertragen. 2lber mit bem ©ebanfen an 
eine enbltdjje SSermcfjtung beS ©efdjjlecfjts ber Sebenben unb bamit 
atter gtüdjjte beS ©trebenS atter vergangenen ©enerationen fonnten 
aud^ -Dlänner oon fo freier unb großer ©efinnung rote Seffing unb 
S)at)ib ©trauß ftdfj nidfjt oerföljnen." SBenn ftdjj nun natur= 
rotffenfcfjaftltdjj ergiebt, baß bie (Srbe einmal unfähig roirb, lebenbe 
SBefen ju tragen, fo fefjrt, meint er, baS SebürfmS nadjj Un= 
fterblidjjfeit unabweisbar roteber, unb man füljlt ftdjj gebrängt 
Umfdjjau ju galten, roo fidf} für tf)re 2lnnafyme etroa eine SKögltdjjfeit 
erf daließe. 

66. (©. 37) Metaph. A, 10. 



— 106 — 

67. (©. 37) ®te£ ift bic fteljenbe Sc^rc ber großen Geologen 
rote 3. 8. beS ÜljomaS von 2lquin in feiner Summa Theologica. 
5Rur gerotffe 5Rominaliften , 3. 33. Stöbert §olcot, lehrten eine volle 
2BtUfür ber göttlichen ©ebote. Sgl. meinen 2luffa§ über bie 
„©efdfjtdfjte ber ftrdjjltdjjen 2Bif[enfdfjaften im Mittelalter" in ber 
ßtrdjjengefd&idjjte von ÜJlö^Icr (herausgegeben von ©amS 1867) 
n. 526 ff. , roobet idfj aber bie Berichtigung ber ®rutffe^)ler, roeldjje 
baS bem Sßerfe am ©djjluffe beigegebene „Sftcgiftcr" ©. 103 f. 
enthält, mc§t ju überfein bitte. 

68. (©. 40) 3« 3^0*/ mo bie Sßfpdjjologte nodjj weniger 
vorgefdfjritten rvar unb bie gorfdjungen auf bem ©ebiete ber 
aßafyrfdfjeinlicPeitSrecfjnung ben $rocef$ ber vernünftigen 3ftbuftton 
nodjj nidjjt genügenb aufgeflärt Ratten, fonnte e£ felbft einem $ume 
begegnen, bafc er in biefe grobe 33erroecplung fiel. 9Sgl. fein 
Enqu. on human understanding chapt. 5 unb 6. Sluffattenber 
ift eS, baft noc§ %ame$ SKitt unb §erbert ©pencer Ijter mdfjt im 
geringften über §ume IjinauSgefommen finb (vgl. Anal, of the phen. 
of the human mind II, cap. 9 unb 2lnm. 108), ja baft felbft ber 
feine 3>- St. 5Kitt, obwohl iljm ber Essai philos. sur les 
probabilites von Saplace vorlag, baburdfj nidjjt ju einem flaren 
SSerftänbniffe beS roefentlid&en UnterfdjjiebeS 3roifdfjen bem einen unb 
anbern SSerfa^ren geführt mürbe. 63 fyängt bieg mit feiner S3er= 
fennung beS rein analptifdjjen GfjarafterS ber 5Kat^ematif unb ber 
Sebeutung beS bebufttven 33erfal)renS überhaupt ftufammen; fyat er 
bodjj, bafc ber ©gllogiSmuS ju neuen ©rfenntniffen fü^re, gerabeju 
geleugnet. 2Ber alle -äKattjematif auf 3>ubuftton bafiert, fann un= 
möglich baS 3>Ktoftion3t)erfaf)ren matfyemattfdfj rechtfertigen. @3 
märe für ifjn ein circulus vitiosus. 2Daf$ §ier 3eaon3' Sogif 
richtigere 2Bege roanbelt, ftefjt aufcer 3 ra e - 

•Dtandfjmal ift eS, als ob audjj in Still eine 2lfynung von bem 
mächtigen Unterfd&iebe aufbämmere, mie rvenn er in einer 2lnmerfung 
jur Analysis of the phenom. of the human mind (Vol. II. p. 407) 
bie £f)eorie feines 33ater3 fritifierenb fagt: „Sßenn baS ©lauben 
nur eine unlösbare 2lffociation ift, fo ift baS ©lauben eine ©adfje 



— 107 — 

ber ©emo^nljett unb be3 ^ufalfö, unb nidjjt ber Vernunft, 
©tdjjerltdjj tft eine ctudfj nod^ fo feftc 2lf[octation jmifd&en jmet S^een 
fein genügenber ©runb [oon tym felbft unterftrtdjjen] be3 ©laubenä, 
feine ßtnftdjjt [evidence] baft bie entfpredfjenben ^atfad^en in 
ber äußeren üRatur vereinigt finb. 2)ie £fyeorte fd^eint jeben Unter- 
fdfjteb jroifd^en bem ©lauben beS Sßetfen, ber burd(j 60 t ben 3 
geleitet wirb unb mit ben wirf liefen ©ucceffionen unb 60= 
ejiftenjen ber £§atfad[jen ber SBelt jufammenftimmt, unb bem ©lauben 
oon Darren auf jufjeben, ber burdfj irgenbmeldfje jufäffige 2tffociation # 
meldte bem ©etfte bie $oee einer ©ucceffion ober ßoe^iftenj fuggeriert, 
medjjantfdfj probuciert mirb; ein ©lauten, ben treffenb ber 
gememübltdfje 2lu3brucf f ennjetdjjnet : etmaä glauben, meil man e3 
fidfj in ben ßopf gefegt Ijat." — 2)a3 alles ift oortrefflidjj. Stber 
e3 mtrb feinet mefentlidjjften 2Berte3 mteber beraubt, tvenn mir 
3. ©t. 3D?tll in einer fpäteren Slnmerfung (©. 438) fagen Ijören: 
„6& muft tljm (bem SSerfaffer ber 3lnalpffe) jugeftanben merben, 
bafc eine Stffoctation, meldte ftarf genug ift, alle 3foeen augjufd^lie^en, 
bie itjrerf eitö fie felbft auSgefdfjloffen ljaben mürben, eineSlrt von 
medfjantfdjjem ©lauben erjeugt, unb bajj bie Sßroceffe, burdjj 
meldte biefer ©laube berichtigt ober in oernünfttge ©dfjranfen gemiefen 
mirb, alle in bem ßrmadjjfen einer ©egenaffociation 
befielen, meldte bie JEenbenj fjat, bie Qbec einer ßnttäufdfjung ber 
erften ßrmartung entfielen ju laffen, unb bafj, je nadfjbem bie eine ober 
anbere in bem befonberen fjattc überwiegt, ber ©lauben beftefyt ober 
nidfjt befteljt, genau fo als tvenn ber ©laube unb bie Slffociation 
ein unb baSfelbe ®ing mären u. f. m." 

§ier ift tneleg, tvtö SSebenfen erregt. SBenn oon Sbeen, bie 
fidjj gegenfeitig auSfdjjlieften , bie Siebe ift, fo fönnte man fragen, 
mag ba3 für ^bten feien. fRad^ einer anberen äufterung üJliUö 
(a. a. D. I ? p. 98 f. Slnm. 30) fennt er „feinen $all oon abfoluter 
Snfompatibilität oon ©ebanfen aufcer ben jtotfdjjen ben ©ebanfen 
ber ©egenmart unb ber 2lbmefen^eit ein unb beSfelben". 2lber 
finb audfj nur biefe infompatibel? 5D?iU felbft le^rt un§ anber* 
märtS baS extreme ©egenteil, inbem er meint, e§ fei jugleidjj mit 



— 108 — 

ber SSorftetfung be$ ©etng immer ctucfj bic SSorftetfung be$ 9tidSJtfetn§ 
gegeben (eBenb. p. 126 2lnm. 39. „2Btr ftnb un§", fagt er, 
„ber ©egenroart eines ®mge§ nur im 33ergletdj mit feiner 216= 
roefenljeit Berouftt"). ®ocfj affeg bieg Beifeite: roie feltfam, bafc 
e§ 5D?itt Ijter entgeht, bajj er ben ganzen auSjetdjnenben ©darafter 
ber ßtoibenj mieber »erloren ge^en läjjt unb nicfjtö als bie von i^m 
mit geBüfjrenber ©eringfcfjäfcung Be^anbelte Blmbmedjamfdje Urteile 
Bilbung üBrigBeljält!! 3)er ©fepttfer §ume fteljt fyiex triel Ijöljer, 
inbem er roenigftenS ba3 einfielt, bafc Bei foldjer emptriftifdjer 
Sluffaffung be3 3^i> u Won^proceffeg bem vernünftigen Sebürfniffe 
mcfjt genügt wirb, ©tgroarts ÄritiJ ber 5D?ittfd^en Snbuftiongleljre 
(Sogif n ©.371) enthält f)ier fef)r Diel 2Baljre3, nur Ijat er, inbem 
er ju feinen SPoftulaten greift, genrift nidjt ba3 Bei 9Jliff Unge= 
nügenbe burcfj etn>a$ n>aljtf)aft 33efriebigenbeS erfe§t. 

69. (©. 40) 9Sgl. Hume ? Enqu. on human understanding 
V, 2 gegen ßnbe. 

70. (©. 41) Eth. Nik. HI, 10. «gl. bie feinen Erörterungen 
be§ folgenben Kapitels üBer bie fünf SSetfen falfdjer Sapferfeit. 

71. (©. 41) Eth. Nik. I, 2. 



^Beilage ju ©. 16 unb ©. 60. 

Blihloftdi übet ßtbjehtlofie $%♦ 

SSon 

^franj Brentano. 



2l6gebrutft au8 ber Sßiener 3«tung t>om 13. unb 14. 9*ot>ember 1883. 



I. 

„©uBjeftlofe ©ä§e" — fo nennt ber Berühmte Spradfjforfdfjer 
eine fletne ©dfjrift, bie er Bei tljrem erften ©rfdfjeinen „2)te Verba 
impersonalia im ©latnfc§en" üBerfdfjrieBen Ijatte. 

®ie änberung be3 3lamen$ mochte mit Bebeutenben $ufä£en 
ber jmeiten Stuflage in 3ufammenl)ang ftc^cn. SDodfj märe bie neue 
33ejeidfjnung rooljl audfj urfprünglidjj bie treffenbere gemefen. ®enn 
meit entfernt, bie ©igenljeit Bloft eines ©prac§ftamme3 tn3 Sluge 
ju f äffen, fyatte ber SSerf affer einen ©a$ t)on meitgreifenbfter 93e= 
beutung auf gcftefft / ber, menn er ber Ijerrfdfjenben 2lnfid^t roiber- 
fpradfj, nur um fo meljr bie allgemeine Slufmerffamfeit »erbient 
^ätte. SKtdfjt allein bie Spijilologte, audfj bie Sßfgdjjologie unb 5Keta= 
pljpftf maren Bei ber grage intereffiert. Unb roie bem gorfdjjer auf 
ben erljaBenften ©eBieten, fo üerfpracfj bie neue Sefyre auclj jebem 
ÄnaBen auf ber ©dfjulBanf Vorteil ju Bringen, ber je£t oon feinem 
©dfjulmeifter mit unmöglichen unb unBegreiflidfjen £ljeorien gequält 
mirb. (Sgl. ©. 23 f.) 

Sollen (Stnflufj tjat bie SlBljanblung mdfjt geübt. S)ie §err= 
fdfjaft früherer Meinungen Befte^t audjj Ijeute nodjj ungeBrodjen. Unb 
menn ba3 Srfdfjeinen ber Sonographie in neuer Stuflage für eine 
gerotffe £etlnaf)me in weiteren Greifen $eugni3 ßiebt , fo mar bie* 
felBe offenBar nidf)t bem Umftanbe ju banfen, bafc man baburdfj 
Stufflärung üBer alten S^eifel unb Srrtum empfangen ju fyaBen 
glauBte. 2)arroin3 epodf)emadf)enbe3 SBerf Ijatte, gang aBgefefjen t>on 
ber Sttdfjtigfett ber ^gpotljefe, einen felBft für ©egner unBeftreitBaren 



— 112 — 

SBert ; ben SReidfjtum midjjtiger 33eobac§tungen unb finnreidfjer Äom= 
binationen muffte jeber mit 33emunberung anerfennen. ©o mochte 
audjj bei -ilJiifloftclj , ber auf wenigen ^Blättern eine gattte t)on ©e= 
lefyrfamfeit jufammengebrängt unb bie feinften 2Bal)rnef)mungen ein= 
geftreut l)at, audfj ber, welcher feiner t)ornef)mften ^efe bie $u= 
ftimmung oerfagte, immer nodfj im einzelnen für gar trieleg ftdfj oer= 
pflichtet füllen. 

SBir aber motten Ijier oor attem auf bie Hauptfrage adfjten 
unb ung in ßür§e flar machen, um mag eg ftdfj benn eigentlich Ijanbelt. 

@g ift eine alte 33efjauptung ber Sogtf, bafj bag Urteil mefent* 
lidjj in einem SSerbinben ober brennen, in einem Segiefjen t)on 3Sor= 
ftettungen aufeinanber beftefje. 3)urc§ ein paar taufenb 3>al)re faft 
einmütig feftgeljalten , fyat fie audjj auf anbere 35igciplinen ßtnflujj 
geübt. Unb fo finben mir von alters fyer bei ben ©rammatifern bie 
Se^re, bafj eg feine einfachere 2lugbrucfgform be^ Urteilet gebe unb 
geben fönne alg bie fategorifdfje, meldte ein ©ubjeft mit einem $rä= 
btfate oerbinbet. 

®afi bie SDurdfrfüljrung ©d&mierigfeiten bereitete, fonnte man 
ftdfj atterbingg nidfjt auf bie SDauer verbergen. ©ä$e mie: eg regnet, 
eg bli^t, fdfjienen ftdj ntd&t fügen gu motten. ®od[j bie 3Jle^rga^l 
ber $orfdfjer mar fo feften ©laubeng, bafj fie ftdf) in folgen Raffen 
mdfjt fomoljl jum 3metfel an ber allgemeinen ©ültigfeit tljreg <&a%&, 
als xrielmeljr §ur ©uc§e nadfj bem nur fdfjembar mangelnben ©ubjefte 
aufgeforbert füllte. Sßirflidfj meinten bann mele, fie feien begfelben 
Ijabljaft gemorben. 2lber, in feltfamem Äontrafte gu ber big baljin 
gegeigten Shugfett, gingen fie nun in ben mannigfachen Stiftungen 
augetnanber. Unb feljen mir ung bie oerfdfjtebenen Grflärunggoer* 
fud^e im eingelnen mit einigermaßen prüfenbem 33licfe an, fo be= 
greifen mir leidet, marum feiner oon ifjnen bauemb ju befriebigen 
ober audfj nur geitroetfe alle ©ttmmen auf ftdfj gu vereinigen oer- 
mochte. 

3)ie 2Biffenfc§aft erflärt, inbem fie eine SBielljeit alg ©infjett 
begreift. $)ag Ijat man barum natürlich audfj f)ier angeftrebt; bod[j 
jeber 33erfudfj ift gefdfjeitert. SBenn man fagt: eg regnet, fo Ijaben 



— 113 — 

manche gemeint, bag ungenannte mit bem unbeftimmten „eg" be= 
geid^nete ©ubjeft fei 3 ß ug ; bvc ©inn fei : 3 eug tcgnct. Stber wenn 
man fagt: eg raufet, fo ift eg offenbar, bafc 3^^ b<*3 ©ubjeft 
nidjt fein fann. Unb fo Ijaben benn anbere geglaubt, bag ©ubjeft 
fei f)iet bag SRaufd^en, alfo ber ©inn beg <Sa%e$: bag SRaufd^en 
taufet. Unb beim vorigen Seifpiele ergänzten fte bementfpredfjenb : 
bag Segnen ober ber Siegen regnet. 

SBenn man nun aber fagt: eg feljlt an ©elb, fo müftte folge= 
redjt ber Sinn fein : bag $el)len an ©elb feljlt an ©elb. 2)a3 gel)t 
aber nidfjt an. Unb fo erflärte man f)iex trielmefjr, bag ©ubjeft fei 
„©elb", unb ber ©inn beg ©a$e$: ©elb fefclt an ©elb. 3teilid> 
mar bieg, genau befeljen, ein bebenf lieber SSerftofi gegen Die ge= 
roünfd&te ßinljett ber ßrflärung. Unb mnn man, ein 2luge gu= 
brücfenb, fidjj tfyn xrielleidfjt oerbergen fonnte, fo gelang bieg ntdjjt 
me^r, wenn man auf ©ä$e fttefc rote: eg giebt einen ©ott, roo 
man roeber in bem ©a$e: bag einen ©ott ®eben giebt einen ©Ott, 
nod) in bem: bag &ehen giebt einen ©ott, ober: ©ott giebt einen 
©ott, ju einem annehmbaren ©inne gelangen fonnte. 

§ter muftte man alfo auf ein ganj anbereg ßrflärunggmittet 
finnen. 3lber roo märe eineg ju finben geroefen? Unb roenn felbft 
<uidj l)ier ber ©djjarffmn etroag aufzutreiben oermödfjte, mag follte 
ttng biefeg Slbfprmgen t)on %aü ju $all, bag ja nur bie Sarifatur 
einer roafyrljaft roiffenfdfjaftlidjjen ßrflärung genannt werben fönnte? 
IRein! feine einjige Sejeid^nun beg ©ubjefteg, fo triele ifyrer btgfjer 
uerfudfjt roorben finb, fann treffenb genannt werben, wenn mdfjt etma 
ein 2Bort oon ©djjleiermadfjer. Qenn wenn biefer ©eleljrte (ogl. 
©. 16) fid) rotrfltdjj baf)tn geäußert fyat, bag ©ubjeft in folgen 
©ä$en fei bag 6f)aog, fo bürfte ber Slugfprudfj mdfjt forooljl mie 
ein ©rflärunggoerfudfj , alg trietmefyr mie ein ©pott auf bie bigfyer 
t)on ben $l)ilologen aufgehellten §ppot^efen ju faffen fein. 

■äftandfje ^orfd^er finb barum ber Meinung, bafc bag roaljre ©ub= 
jeft fold&er ©ä£e mie: eg regnet, eg bli$t, big jur ©tunbe nodfj nidfjt 
<jefunben fei, unb bafc bie Stufgabe, eg ju fudjen, nodjj Ijeute ber Sßtffen* 
fdfjaft oorliege. 316er märe eg nidjjt befremblidfj, menn bie 2luffpürung 

Brentano, S3om Urfprung ftttl. ©rfenntnU. 8 



- 114 — 

eines ©ubjefteS, toeldjjeS bodjj oon jebem gebaut unb unauSgefprodjjen ju 
©runbe gelegt werben müftte, fo gang auf$erorbentlid[>e ©dfjroierig* 
feiten Bereiten foKte ? ©teintljal raiff bieS barauS erflären, baft 
baS grammatifdfje ©ubjeft ein angebeuteteS, aber als unbenfbar an* 
gebeuteteS ßtroaS fei. 2lber mit SJttftofid) (©. 23) wirb roof)l nodfj 
mancher anbere hierauf ernnbern: „2Btr werben roofyl nidjjt gu Diel 
fagen , mnn wir behaupten , mit Unbenf barem operiere bie ©ram* 
matif mdfjt." 

®ie Totalität ber 6rfc§einungen unb baS gerabeju groteSfe 
■Dtifjlingen eines jeben SeftimmungSoerfucijeS, nrie oft unb mit n>ie= 
otel ©dfjarffinn er audfj gemadfjt roorben fei, finb benn audfj bie oor 
allem anbem oon Sföifloftdjj bafür geltenb gemalten ©rünbe, bafc 
baS gange angebliche ©ubjeft eines folgen ©a$eS ein SBafyn, bafc 
ber ©a§ feine 33erbinbung oon ©ubjeft unb $räbifat, bafj er, roie 
9Kiflofidfj ftdSJ auSbrücft, fubjeftloS fei. 

SBettere Betrachtungen bienen bem jur Betätigung, unb unter 
i^nen ift eine ßrroägung über bie Statur beS UrtetleS als befonberS 
bebeutenb fjertJorjuljeben. SJliflofid^ befämpft Ijter biejenigen, meldte 
mit ©temtljal jebe SBedfjfelbejiefyung gtoifdfjen ©rammatif unb Sogif 
in Slbrebe ftellen, roeljrt aber bann audfj bie Angriffe ab, bie gerabe 
auf ©runb fotöjer SBed^felbejie^ung oon Sßfgdjologen unb Sogifern 
gegen feine £e§re oerfudfjt werben fönnten. 3>a er fommt gu bem 
(Srgebmffe, bafi infolge ber befonberen ßtgentümlidfjfeit getoiffer Urteile 
fubjeftlofe ©ä§e oon oornljerein in ber ©pradfje erwartet werben 
müßten. @S ift nämlidfj nadjj bem, was er ausführt, nidfjt richtig, 
bafj in jebem Urteile Segriff auf Segriff bejogen wirb. Dft nrirb 
nur eine einfache üEljatfacfje barin anerfannt ober oerworfen. Studfj 
in folgen fällen wirb ein fpradjjltdfjer 2luSbrucf BebürfniS fein, unb 
eS ift offenbar, baft berfelbe ntdfjt woljl in einer Berbinbung oon 
©ubjeft unb 5ßräbifat wirb befteljen fönncn. SJliflofid^ geigt, wie 
fdfjon wieberfjolt $f)tlofopf)en ju biefer ßrfenntnis geführt mürben, 
mie fie aber bie Sebeutung tljrer ßntbecfung gewöljnltdfj felbft nidfjt 
Jjinreidfjenb gemürbigt Ijaben. ©ie waren ftdfj über baS, toaS fie 
■JteueS auSfpradjjen, felbft nid^t redfjt flar, unb inbem fie fo, in felt= 



— 115 — 

famer §alb§eit, gugleidfj nodjj an genoiffen Sleften ber älteren 3ln* 
fd&auung f eft^telten / begegnete e3 ilmen, bafc fte baS im Stnfange 
©efagte am (Snbe roefentlidfj roieber aufhoben. So wollte 2xenbelen= 
bürg in einem ©a§e nrie: e3 blt$t, fd^ltefjltdfj nidjjt eigentlich ein 
Urteil, fonbern nur ba3 Slubiment eines Urteilet auSgefprod&en 
finben, welches bem Segriffe 33li$ oorangelje, ftdfj ju tljm friere, 
unb baburdjj erft ba3 oollftänbige Urteil : ber 33li$ wirb burdjj ßifen 
geleitet, begrünbe. Unb §erbart erflärte julefct, Urteile wie: e§ 
raufet, feien feine Urteile im gewöfynttd&en ©inne, fie feien nidfjt 
ba3, mag bie Sogif ftreng genommen ein Urteil nenne. Sxeffenb 
ftnb bie 33emerfungen , in meldten ber SSerfaffer bie ^^nfequenj 
biefer $l)itofopfyen rügt, unb tljr ^rremerben an fidjj felbft auf tljre 
33erfennung be3 SßefenS be3 Urteils unb iljre fehlerhafte Definition 
beSfelben jurücffü^rt. (©. 21 f.) 

5Rad[j allem bem Ijält 5D?ifloftd^ feine fubjeftlofen ©ä$e für ootl= 
fommen gefiebert. Unb nidjjt bloft iljre ßrjftenj glaubt er aufter 
3meifel gefteHt, fonbern er jeigt audfj, baft fie feineSwegS fo feiten 
oorfommen, als man nac§ bem (Streite # ber um fie geführt werben 
mufjte, glauben möchte. S^re -äJianmgfaltigfeit oeranlafct iljn, im 
jmeiten £eile ber 2lb^anblung (©. 33 bis 72) bie §auptflaffen 
überftd&tlidjj jufammenjufteHen, unb mir finben ba fubjeftlofe ©ä$e 
mit einem Verbum activum, fubjeftlofe ©ä$e mit einem Verbum 
reflexivum, fubjeftlofe ©ä$e mit einem Verbum passivum unb 
fubjeftlofe ©ä§e mit bem Verbum esse aufgeführt, unb jebe ber 
oier Klaffen burdfj ja^lreid^e Seifpiele au$ ben oerfdjjiebenften 
©prägen erläutert. SKamentltdfj gilt bieg oon ber erften Klaffe, bei 
roeldfjer er eine adfjtfadjje Untereinteilung mac§t, um bie ©ä§e nadj 
ber 93erfc§iebenfyeit tf)re3 Sn^alteS ju gruppieren. 2113 allgemein^ 
gültig bemerft er (©. 6), bafc ba§ Verbum finitum ber fubjeftlofen 
©ä$e immer in ber britten Sßerfon be3 Singulare unb, roo bie 
^orm beS ©enuSunterfdjjiebeS fäljig fei, im Neutrum ftef)e. 

2(udfj in anberen Sejie^ungen oerfolgt er bie ©adfje weiter, ©r 

füljrt aus, mie bie betreffenben ©ä§e ntdfjt fpäter als bie oon einem 

©ubjeft auSfagenben entftanben, fonbern urfprüngltdfj in ber ©a£= 

8* 



— 116 — 

btlbung aufgetreten (©. 13 ff., ©. 19), wie fie aber im Verlaufe 
ber $eit aus mannen ©prägen oerfdjjwunben feien (©. 26). @r 
weift nadfj, wie btejemgen ©prägen, bie fie ftdf} Bewahrt, IjieburdS) 
eines 33orjugeS ftdfj erfreuen, inbem if)re 2lnwenbung bem 2luSbrutfe 
eine befonbere Seb^aftigfeit »erleiden tann (©. 26), unb er jeigt, 
n)ie audfj in anberer §inftc§t fubjefttofe ©ä$e ben mit iljnen für 
ibentifdj gehaltenen fategorifdjjen oft nidfjt ganj gleidjjgefe^t werben 
bürfen. „3$ friere" ift }. 33. nidfjt oöttig ibentifdfj mit „mid^ friert", 
©tatt : wag frierft bu brausen ? fomme bodjj herein ! f ann man mdfjt 
fagen: was friert bidfj'S brausen? u. f. n>. f/ »3Kic^ friert« fann 
nicfjt angewenbet werben, wenn ic§ midfj freiwillig bem fjrofte auS^ 
fe$e" (©. 37). 



IL 

£>ieS, in Äürje, ift ber Stellt ber ©dfjrift, über bie idfj mir 
nun nodjj ein paar ftitifdjje 93emerfungen erlaube. 

SJBie feljr bie Slbljanblung im allgemeinen unb namentlich in 
if)rem ©runbgebanfen meinen SeifaH Ijat, gab idfj fdfjon wäfjrenb beS 
33erid[jteS genugfam ju erfennen. ®ie Seweife bafür fdjjeinen mir in 
fo jwingenber Sßeife erbracht, bafc audfj ber SBiberftrebenbe ftdfj ber 
22afyrl)eit faum wirb oerfdfjltefjen fönnen. %<§ felbft aber war, un* 
abhängig von if)nen, auf bem SBege rein pfpcljologifdjer Slnalpfe 
fdjjon längft ju ber gleiten Slnfidjjt gelangt, wie ic§ fie benn audjj, 
ate idjj im ^afyxe 1874 meine $fpdfjologie IjerauSjugeben begann, 
aufs entfdfjiebenfte öffentlich auSgefprodfjen fjabe. 

©otnel tdfj midjj aber bort aud[j bemühte, bie £ef)re ins oolle 
Sidfjt ju fe$en unb jebe ältere Meinung als unhaltbar barjut^un: 
ber Erfolg war bis je$t ein geringer. 33on ganj oereinjelten ©tim= 
men abgefeljen, fjabe idfj ebenfowenig bie 5ßl)ilofopf)en, als SKiflofid^ 
in feiner erften Auflage bie Biologen ju überzeugen üermodfjt. 
2Bo ein Vorurteil burdjj galjrtaufenbe ftdj feft unb fefter eingewurzelt 
fyat; wo eine Seljre felbft in bie 33olfSfdfju!e eingebrungen ift; wo 



— 117 — 

ein ©a§ alg ein gunbamentalfa^ betrachtet wirb, auf bem trieleg 
anbete rufyt unb eg fojufagen burdfj feine ©djjwere mwerrüäbar 
mac§t: ba barf man nidjt erwarten, bafc bie erbrachte Sffiiberlegung 
fofort ben Srrtum werbe »erfdjjwinben laffen; im ©egentett ift ju 
fürchten, bafi man ber neuen 2lnftdjt ju t>iel -Betrauen entgegen* 
Bringen werbe, um if)re ©rünbe audjj nur einer genaueren Stufmerf* 
famfeit ju würbigen. ®od[j wenn jwei ^orfd&er twHig twneinanber 
unabhängig in iljrem geugniffe jufammenftimmen, wenn fie auf ganj 
oerfd^iebenem 2Bege am gleiten $iele angelangt finb : bann läfit ftdfj 
hoffen, bafj man biefe Begegnung nid^t oljne weitereg alg $ufall 
betrauten unb ifyren beiberfeitigen (Srwägungen eine forgfamere 33e= 
adfjtung fd^enfen werbe. SKöd^te fie 3JUfloftdfj in biefer neuen 2luf= 
läge, in ber ic§ gu meiner greube <wcl) meine eigene Strbeit berücf= 
fidjjtigt fanb, ju teil werben! 

'Heben ber Übereinftimmung in ber £auptfac§e finb gewiffe 
■3Keinunggt)erfcI)iebenf)eiten in untergeorbneteren fünften oon t>er= 
fdfjwinbenber Sebeutung. 3>mmerfyin toitt idjj audj fte furj namhaft 
machen. 

SKiflofidjj fyat jene einfacheren ©ä$e, weldfje fein ©ubjeft mit 
einem Sßräbtfate tjerbinben, unb in beren Slnerfennung ic§ mit iljm 
einig bin, „f üb jeftlofe ©ä$e" genannt. 2)af$ er bieg tf)at, unb bie 
©rünbe, warum er eg tfjat, tann idjj nid&t ganj billigen. 

©ubjeft unb ^räbifat finb forrelattoe Segriffe, bie miteinanber 
ftefjen unb fallen. (Sin ©a$, ber in SBa^r^eit fubjeftlog ift, mufy ebenfo= 
gut audjj präbifatlog genannt werben fönnen. SDarum fdfjeint eg mir 
ntdfjt gan? paffenb, wenn -äKiftofidf) foldfje ©ä$e immer nur als fubjeft^ 
lofe, unb gerabegu unrichtig, wenn er fie als blofte $räbifatfä$e bejeidf^ 
net (t>gl. ©. 3, ©. 25, ©. 26 u. ö.). @g fönnte bieg auf bie Meinung 
führen, bafc audfj er einen jweiten 93egriff (bag ©ubjeft) unauggefprodfjen 
^inäugebad^t glaube, wenn er bieg nid^t aufg entfd&iebenfte in Slbrebe 
fteHte (©. 3 f. u. ö.), ober bafc er foldfje ©ä$e nur für »erfümmerte fa= 
tegorifdfje ©ä$e unb biefe $orm für bie urfprüngtid^e fjatte, wenn er nidjjt 
audjj bieg augbrücfltdfj wiberlegte (©. 13 ff.). SSielme^r fdjjemt nur bag 
feine 2lnftdfjt, bafi ber natürliche ^ortfdfjritt beg 2)enfeng unb ©predfjeng 



— 118 — 

Don einem einfachen 311 einem fategorifdjjen ©a$e im allgemeinen 
in ber 2lrt gemadjt werbe, baß ber in jenem allein enthaltene 
Segriff f\d) einen jweüen alg ©uBjeft gefeile. „2>te fuBjeftlofen 
©ä$e", Ijeißt eg ©. 25, „frnb . . . ©ä£e, bie nur aug bem 
Sßräbtfate Befteljen, au$ bem, mag in einer großen Sfojaljl von 
©ä$en in ber natürlichen ©ebanfenBilbung alg bag Spring anjufeljen 
ift, woju bag ©uBjeft gefugt werben fann, aBer nidjjt gefugt 
werben muß. 

216er audfj bieg bürfte faum richtig fein, unb fd^on ber 2lugbrucf 
„©uBjeft" fdfjeint wenig bafür ju fpredfjen. 3)ag, mag ju ©runbe 
gelegt wirb, ift ja bod& wofjl bag, wag Beim 2lufBaue beg Urteiteg 
bag erfte ift. Studfj bie jeitlidfje Stufeinanberfolge ber SBorte ftimmt 
fdjjled&t bamit üBerein ; benn gewöjjnltdjj Beginnt man ben fategorifd&en 
©a§ mit bem ©uBjefte. Unb eBenfo fann man bagegen geltenb 
madfjen, baß ber Sftadfjbrucf twrjüglidfj auf bag Sßräbtfat ju fallen 
pflegt (wag SrenbelenBurg baju führte, bag Sßräbifat alg ben $aupt= 
Begriff ju Bejeidfjnen, ja, mit einiger ÜBertreiBung , ju fagen: „wir 
benfen in ^räbifaten", ogl. ©. 19). SBenn ber 5ßräb«atg6egriff 
bag ift, wag neu Ijinjufommt, fo wirb er naturgemäß ber ©egenftanb 
beg oorjüglidjjeren 3>ntereffeg fein ; gerabe bag ©egenteil aBer müßten 
wir erwarten, wenn ber ©uBjeftgBegriff bag nm Ijinjutretenbe -äJioment 
enthielte. 

9Kan fann eBenfo waf)r fagen: ein SSogel ift fdjwarj, alg: 
ein ©dfjwargeg ift ein SSogel; ©ofrateg ift ein -äJienfdfj, alg: ein 
9Jtenfdfj ift ©ofrateg; aBer fdjjon Slriftoteleg Bemerfte, nur bie erftere 
$räbifation fei natürlich, bie festere ber natürlichen Drbnung 
entgegen. Unb bieg ift wirflidfj infofem ber $all, alg man natur^ 
gemäß ben £erminug jum ©uBjefte madjjt, auf welken man juerft 
IjinBltcfte, ba man bag Urteil Bilbete, ober auf weldfjen ber Slngerebete 
junädjjft achten foll, um ben ©a£ ju üerfteljen ober fidjj von feiner 
SBaljrljeit ober ^alfdfjljeit Äenntnig ju »erfd^äffen. 9Jtan fann ftdfj 
t>om SDafein eineg fdfjwarjen SSogelg üBerjeugen, inbem man iljn 
unter ben SSögetn ober unter ben fd^warjen ©egenftänben fud^t; 
Beffer aBer unter ben erften. Unb fo fann man fidf} audfj leidster 



— 119 — 

überzeugen, oB ein Snbttribuum unter eine 2trt ober ©attung gehört, 
romn man feine Sftatur jergliebert, als mnn man ben Umfang 
beS Betreffenben 2lllgemein6egriffeS burdjjläuft. S)ie 3=äffe ber 2luS* 
naljme Beftättgen f)ier beutltdfj bie Siegel unb tljre 93egrünbung, nrie 
j. 93. roenn tdjj fage: bort ift etwas ©djjmarjeS, biefeS ©djjmarje 
ift ein 33ogel, roo idfj eBen beSljalB, meil idjj junädfjft bie $arBe er= 
fannt IjaBe, fie in bem barauf geBilbeten fategorifdfjen ©a$e natur* 
gemäfj gutn ©uBjefte madfje. 

SSon ben Beiben fategorifdjjen ©oriten, bem 2lrtftotelifc§en unb 
©oclemanifdfjen , madjjt ber erftere in jebem folgenben ©liebe ben 
Terminus, ben eS mit bem oorfjergeljenben gemein Ijat, jum 
©uBjefte, ber legiere jum S)Mbifate. $ener erfdjjemt aBer eBen 
barum als ber natürlichere unb mirb allgemein als ber orbentlidjje, 
biefer als ber umgefeljrte Äettenfdfjlufj Bejetdjjnet. ©ö werben mir 
benn geroöfynlidjj audjj ba, mo mir auf einen ©a§ ofyne 8egrtffS= 
Derfnüpfung einen fategorif dfjen , ber einen Terminus mit tfjm 
gemein Ijat, folgen laffen, biefen bann nid^t als ^räbifat, fonbem 
als ©uBjeft oerroenben, unb man fönnte barum efyer fagen, baft 
ein Sßräbifat jum ©uBjefte, als baft ein ©uBjeft jum S)Mbtfate ge= 
fudfjt roorben fei. $. ^3- : c ^ taufet; baS Staufdfjen fommt tum 
einem 93ad^e. @S bonnert; ber ®onner oerfünbet ein naljenbeS 
©eroitter. @S riecht nac§ Stofen; biefer Stofengerudfj fommt aus 
bem 9tadf)6argarten. @S wirb gelabt; baS ©elädfjter gilt bem 
§anSnmrfte. @S feljlt an ©elb; biefer ©elbmangel ift bie Urfad&e 
ber ©tocfung ber ©efdfjäfte. @S gieBt einen ©Ott; biefer ©Ott ift 
ber ©djöpfer beS §immels unb ber ©rbe u. f. ro. u. f. n>. 

9lur in einem ©inne fdjjeint mir barum ber StuSbrucf 
„fuBjeftlofer ©a$" fiel) rechtfertigen unb trielleidjt fogar empfehlen 
ju laffen; wenn man nämlidfj barauf Stücfftdjjt nimmt, baft ber 
barin enthaltene Segriff, als einiger, natürlich audfj ber §auptBegriff 
ift, als roeldjjen mir im fategorifd^en ©a$e baS 5ßräbifat erfannten. 
©anj äfynlidjj bürfte man ja audfj oon ben fategorifdjen ©ä§en im 
33erl)ältmffe ju ben Ijgpotljettfdjen oiel eljer fagen, bafj fie t>orber= 
fa^lofe ©ä§e, als baft fie ©ä§e oljne ;Jtadfjfa§ feien; ntdfjt als 06, 



— 120 — 

wo von feinem 33orberfa$e, nodfj oon einem 9tadfjfa$e gefprod&en 
werben fönnte, fonbern weil im Ijppottjetifdfjen ©afcgefüge ber 9tadfj= 
fa£ eben ber #auptfa£ ift. 3« biefer SBeife atfo fönnte idfj m\fy 
in bem SluSbrucfe „fubjeftlofe ©äfce" mit bem SSerfaffer oieffeidfjt 
einigen. 

(Sin anberer ^5unft aber, in welkem idfj iljm nidfjt woljt betju= 
pflichten oermag, ift bie grage, in wetdfjem Umfange fubjeftlofe 
<3ä$e anwenbbar feien. 9Jtit Stecht betont -Dliflofidfj, baft bie ©renken 
tjier feineSwegS eng gejogen werben bürften. Stber er glaubt — 
unb gerabe fein 33erfudfj einer Überfielt unb Einteilung beS mannig= 
fachen barin auSbrücfbaren ^ntjalteS geigt bie£ aufs beutlidfjfte — 
baft foldfje ©renken bod[j {ebenfalls beftünben. 2)ieS fdjjeint mir nun 
aber nidfjt ridfjtig. 3)ie 2lnwenbbarfeit ber fubjeftlofen $orm bürfte 
oietmel)r ftreng genommen eine unbegrenzte fein, inbem, wie idfj 
fdfjon in meiner Sßftjd&otogie nad&gewiefen ju tjaben glaube, jebeS 
Urteil, möge e3 in fategorifdjjer ober tjtjpottjetifdfjer ober bisjunftwer 
$orm auSgefprodfjen werben, fidfj otjne bie geringfte Änberung be§ 
©inneS audfj in bie gorm eines fubjeftlofen ober, wie idfj mic$ au& 
brücfte, eines (Sjiftentialf afceS f leiben täfct. ©o ift ber ©afc : irgenb 
ein 3Kenfdfj ift Iranf, ftjnontjm mit: es giebt einen franlen 9Jlen- 
fdfjen ; unb ber ©a£ : alle -äJienfdfjen fmb fterblid^, fynonpm mit : e3 
giebt nidfjt einen unfterblidfjen 9Kenfdfjen, u. bgl.*. 



* 9tad)trägliclje $3emerfung: 

2Ba§ iti) Ijier oon ber allgemeinen SBerroenbäarfeit ber egiftentialen 
gormel fage, gilt nur mit ber einen, feläftüerftänbltdjen Sefdfjränfung auf 
roafjrljaft unb ooUfommen einheitliche Urteile. 2US 2luöbrutf foldjer Urteile 
tyat bie Sogt! oon je Jjer bie fategorifdje gormel gebraust; bas Seben roenbet 
fie oft audfj als* 2tusbrucf einer Sftefjrfjeit aufeinanber gebauter Urteile an. 
(So beutltcf) in bem @a|e: bteS ift ein 9ttenfd(j. 3n bem Ijinroeifenben 
„bieS" liegt fdjon ber ©lauften an bie ©giftenj eingefdjloffen; ein jroeiteö 
Urteil fpriefit itym bann bas ^räbifat „SJtenfcl)" $u. Stynlicljes gefdjietyt 
audj fonft häufig, deiner Meinung nadj roar e3 bie urfprünglidjje 93e* 
ftimmung ber fategorifdjen gormel, folgen 2)oppelurteilen, bie etxotö an* 
erfannten unb anbereS ifjm $u* ober abfpradjen, ju bienen. Sdjj glaube 
aueö, bafj bie ejiftentiale unb imperfonale gormel buref) gunftionsroed&fel 
auö tljr fjeroorgegangen finb. 2)ie§ änbert nichts an iljrer roef entließen 23e* 



— 121 — 

Unb noc§ in einer mtbern Sejiefyung fdfjeint mir s 3Rifloftd[> bie 
STnwenbbarfeit feiner fubjeftlofen ©ä$e ju fefyr befdfjränh ju Ijaben. 
2Bir fjörten von tfjm, bafc foldfje ©ä$e „ein 3?or$ug ber ©prac§e" 
feien , „beffen ftd^ entfernt nidfjt alle ©pradfjen rühmen fönntcn" 
(©. 26). ®ies fdfjeint inbeffen faum glaublich, wenn e$ richtig ift, 
was er felbft an anberer ©teile fo überjeugenb nadfjweift, nämlidj 
baß e£ Urteile gießt unb von äfafang an gegeben fjat, in welctycn 
nidfjt jwei Segriffe aufeinanber besogen werben, unb bie barum audj 
unmöglich burdfj bie SSerbinbung eines ©ubjeftö mit einem s ^räbifate 
auSgebrücft werben fönnen (t>gl. ©. 16). 3)enn IjierauS wirb ni$t 
blofi mit Sötifloftdfj bie notwendige Sjiftenj fubjeftlofer Säfte über- 
haupt, fonbem bann auä) weiter nodfj gegen itjn bie Sgiftcnft fold^cr 
©ä$e in allen ©prägen gefolgert werben muffen. 

$>af$ ber 3Serfaffer fidfj hierüber täufd^te, fdfjeint ftdfj mir jum 
£eil wenigftenS barauS ju erflären, baft er, um ja redfjt uorfidfjtig 
ju fein unb für feine £ljefe fein Seifpiet unberechtigt in 3lnfprudfj 
ju nehmen, gewiffe ©ä$e, bie in SBatjrfjeit fubjefttoä fmb, nidfjt alä 
foldfje geltenb su machen wagte. 2Bir fjörten, wie -JKiflofidfj bie 
Meinung auefprad^, bafc ba£ Verbum finitum ber fubjeftlofen ©ä$c 
immer in ber britten $erfon be3 Singulare unb, wo bie gorm beä 
©enu3unterfd(jiebe3 fällig fei, im -Neutrum ftelje. £)ie3 war woljl 
ftdfjer eine ju enge Umgrenzung, bie er audfj felbft, freiließ erft an 
einer oiel fpäteren ©teile, im ^weiten £eile ber 2tbt)anblung burdfj= 
bricht, wenn er fagt: „%n »e3 ift ein ©ott« wirb ber Segriff 
» ©ott « abf olut , ofjne ©üb jeft aufgeteilt ; ebenfo : . » e£ f i n b 
©ötter«." Unb er fügt Ijier bei: „$a3 » ift < be$ (%iftential= 
fafceä tritt an bie ©teile ber fogenannten Äoputa 
»ift«, bie, in Dielen, bei weitem nid^t in allen ©pradfjen jur 2luS* 
fage unentbehrlich, biefelbe Sebeutung Ijat wie bie ^erfonatenbung 
ber Verba finita, wie »e3 ift ©ommer, e3 ift 9tad(jt« neben »e$ 



fonberfjett; eine Sunge ift leine gifdjbfofe, audfj wenn fte genettfdj) auä U;r 
fjeroorgegangen ift, unb ba$ Söörtdjen ,,fraft* barum ntdjt minber eine 
blofe fnnfategorematifdje ^artifel (ogl. Will, Sogtf I, 2 § 2), weil fte t)on 
einem ©auptroort tljren Urfprung fjerfettet. 

8** 



— 122 — 

fommert, e§ nadfjtet« beuttidfj jeigen. »3>ft< ift bemnad(j fein 
«ßräbifat" (©. 34, ©gl. übrigens audfj ©. 21 oben), ^n ber £ljat, 
wenn ber ©a$ : eS giefit einen ©ott, fo wirb aud^ ber ©a$ : e$ ift 
ein ©ott, bann aber auc§ ber ©a$: e3 ftnb ©ötter afö fubjeftloS 
ju betrachten fein, unb bie früher aufgefteffte SRegel Ijat fid(j als ju eng 
erwiefen. £)amit aber, bafc bie Gj:iftentiatfä$e (unb etwaige analoge 
©ebitbe) alle ju ben fubjefttofen ©ä$en ju rechnen ftnb, bürfte, 
was wir oben bartfjun wollten, fid^ betätigen, baft e3 nämlidfj motjl 
feine ©prad[je giebt noc§ geben lann, bie biefer einf äfften ©ä$e 
gang entbehrte. 9tur einige befonbere 2lrten be3 fubjeftlofen ©a$e3 
bürften bemnadj ba3 fein, tvtö wir tjier mit 9ülifloftd[j als ben 
eigentümlichen SSorjug gewiffer ©prägen anerkennen muffen. 

2)ie3 etwa finb bie 2lu3ftellungen, bie idfj ju machen für nötig 
{jielt. 3Jlan fteljt, baft fte, wenn fie richtig befunben werben, fo= 
wenig ben §auptgebanfen be3 93erfaffer£ in feiner Stidfjtigfeit ober 
in feinem 2Berte beeinträchtigen, bajs fie itjn oielmetjr eine nodfj 
erweiterte 33ebeutung gewinnen taffen. Unb fo fdfjliefje ic§ benn mit 
bem erneuerten 2Bunfd[je, e£ möge bie intjaltreidfje Heine ©d[jrift, bie 
bei iljrem erften ßrfdfjeinen ntd^t allgemein genug beachtet worben 
ift, in biefer jweiten Auflage, bie einzelnes berichtigt, oiete£ erweitert 
unb namentlich bie fritifd[jen (Sinwänbe oon ©elefjrten wie 33enfeij, 
©teinttjal unb anberen in tafonifdfjer $ürje, aber mit wahrer 
bialeltifc^er Äraft wiberlegt, jene ü£eilnat)tne finben, weldfje bie 
2Bic^tigfeit ber $rage unb bie treffliche £)urd[jfüt)rung ber Unter* 
fud[jung oerbienen. 



^ierer'fc&e $ofbud&brucferet. Stephan ©eibel * 60. in 2Utenburg. 



IgterCag von Qxm&ex & <$mmßfof in JBetpatg. 



ÄUt)dm 3BUtl)ei), Einleitung in bie ©eifteänriffenfdfjaften. SBerfudfj 
einer ©runbtegung für ba3 ©tubium ber ©efettfdfjaft unb ber ©e= 
fd&idjte. Srfter «cmb. 1883. *ßrei$ 10 M. 80 <ßf. 

QttJttium <Ebbins^fttt£, lieber ba3 ©cbäd^tnife. llnterfudfjungen 
jur experimentellen Sßfpdfjofogie. 1885. *ßrei3 4 3)1. 

(ßwnrin Ä, &pt)ite£, 2Baf)rne§mung unb ©mpfinbung. Unter* 
fud^ungen sur empirifc^en ^ßfydfjologie. 1888. $rei£ 6 9K. 40 $f. 

Wilhelm Siltyei), SHd&terifd&e (SinbUbungSfraft unb Sffia^nfinn. 
1886. $reiS 80 5ßf. 

€♦ «♦ Mifytltt unb <B* §♦ §Ating, £tfiorifcfcfrttifd&e Sarfieüung 
ber bialeftifc^en 3)tet(pbe $egeP$. 3le6ft bem gutachtlichen 33erid^t 
über bie ber $f)Uofopf)ifdfjen ©efeKfc^aft 3U 33erlin eingereihten 
S3en>erbung§fc§riften unb einer ©efdfjid[jte ber SßreiSberoerbung. 
1888. *ßrei$ 3 3K. 

(ßu(lnu fteidjmüUet, lieber bie Unfterblidtfeit ber ©eele. 3n>eite 
Sluffoge. 1879. 5ßrei§ 4 2K. 40 *ßf. 

Wt^arb Mailafi^ek, ©tubien jur SWedjtSp^üofop^ie. 1889. 

$rei$ 7 3JL 

•itftaii fceii^roöiUt, lieber ba3 SBefen ber Siebe. 1879. 

$reiS 4 3K. 80 *ßf 

3ofepl) «fk(lcitt t ®ie @ljre in <ß$ilofop$ie unb »e$t 1889 

SßreiS 2 9R. 80 *ßf 

ftarl Srfjuli, SDer ©otteSgebanfe. ©runbjüge einer geifteä 
gefdfjidjttidjen Setrad&tung. 1888. *ßrete 3 9Jt. 60 *ßf 

ttutjarb JBnllaf4)ch, Sbeen jur ptaftiföen $f)üofopf)ie. 1886 

$rei$ 3 3K 



"gTerfag »Ott ^tmcßer & J^umßfof m Jfeipätg. 



(föeorg HUillielm JFriebrid) %t§tV% Werke. 



"gToffßänötge f§>rt£maCmt0gaBe. 



i. 



ii. 



Wlofopbjfdje 2lb unblutigen, ßr«g. 
- - ■ - 2. Slufl. 



oon (Sari «ubroig 9Riä)elet. 
1845. (XXII, 412 £.) 



9 2R. 



m-v. 



vi. 



VII. 



VII. 



vm. 



^Phänomenologie be3 ©elftes. &r$g. 
oon 30^. Sajulje. 2. unoeränberte 
Slufl. 1841. (XU, 591 ©.) 10 9Jt. 

SBiffenfc^aft ber SJogif. $r*g. oon 
Seopolb o. fienning. 2. unoeränberte 
2lufl. 3 Pfeile. 1841. (VIII, 452; 
XII, 235 u. VIII, 343 6.) 16 Vi. 60 $f . 

(Sncoflopäbie b. pbjlojopbjfc&en SBiffen* 
fajaften im ©runbriffe. 1. Xtyit. 2>ie 
Sogif. £r3g. unb naa) Anleitung ber 
oom ^erfaffer gehaltenen SJorlefungen 
mit (Erläuterungen unb Rufäfcen *>*** 
feljenoon2eopolbt>. < ßenmng. 2. 2lufl. 
1843. (XL, 416 S.) 5 3H. 40 ^f. 

1. SBorlefungen über bie 9laturp^ilo* 
fopbje, ald ber ©ncgflopäbie berp^tlo* 
fopbjfdjen 2Biffenfa)aften im ©runb* 
riffe. 2. 2$etl. £r3g. oon 6arl fiubio. 
9Mä)elet. 2.»ttff. 1847. (XXX, 698 S.) 

11 9W. 20 Sßf. 

2. ©ncijflopäbie ber pbjlofopbjfdjen 
2Biffenfa)aften im ©runbriffe. S.X^eil. 
2>ie «p^ilofop^jic be3 ©eifteS. £r3g. 
oon Subroig JBoumonn. 1845. (X, 
470 ©.) 10 an. 

©runblinien b. ^^ilofop^ie beS 9tea)tS, 
ober 9taturred)t unb <2taat3totffenfdjaft 
im ©runbriffe. fir«g. o. (Sbuarb @an3. 

3. Slufl. 1854. (XX, 432 S.) 6 3)1. 



IX. 



SJorlefungen über bie Wlofopfcie ber 
©efdjidjte. §r3g. oon (Sbuarb ©and. 
3. 2lufl., beforgt oon Äarl &egel. 1848. 

6 9».! 



(XXVI, 547 e.) 



80 33f. 



X. 1-3. »orlefungen über bie Steftljetif. 

fx$a. von &. ©. fcottyo. 2. 2lufl. 
Steile. 1842, 43. (XVI, 532; X, 
465 u. VIII, 581 <2.) 19 9R. 

XL XII. öorlefungen über bie Wlofopbje ber 
«Religion. «Webft einer ®a)rift über bie 
SBetoeife oom Xateyn ©orte«. ärSg. 
oon qtyll. SWarljetnefe. 2. oerbefferie 
2lufl. 2 «eile. 1840. (XVI, 456 u. 
VI, 553 e.) 14 an. 

XIII— XV. SSorlefungen über bie ©efd&ia)te ber 
^ߣ»i(ofop9ie. &räg. oon (Sari fiubtotg 
3JHa)elet. 2. oerbefferte SlufL 3 fc&eile. 
1840-44. (XX, 376; VI, 518 u. VIII, 
624 e.) 20 m. 

XVI. »ermifajte ed)riften. £räa. oon ft. 
ftörfter u. £. $ouminn. ©rfter öanb. 
(VI, 506 ©.) 10 3». 

XVII. Sermifd&te (Stritten. 
SJörfter u. 8. iöoumann. 
(VI, 470 ©.) 

XVIII. Wlofopbifcbe ^ropäbeutif. firSg.oon 
ß. SRofenfranj. 1840. (XXIII, 205 o.) 

5 9R. 

XIX. 1. u. 2. Briefe oon unb an $egel. 
$r8g. oon Äarl fiegel. 1887. (XII, 
430 u. IV, 399 S.) 16 9R. 



rSg. oon ft. 

weiter SJanb. 

10 2R. 



SDie ©ämmttidjenSBerie^eget'g, £f)eü I— XIX. 1 u. 2., 
beren ©injelpreig 169 9Rarf beträgt, ertaffen wir big auf SBiber* 
ruf ju bem fjerabgefe^ten ;Ketto=33aar=$ßrei3 oon 

— 116 l«arß. =— = 

Dfyne ben, ben 19. £f)eil bilbenben Sriefroec^fcl foften §egeP$ 
©ämmttidje SBerfe (SljeU I— XVIU) 100 2Karf. 

95ie in unferm Serlag^fataloge oom S^re 1882, foroie an 
anberer ©teile oeröffentHdjten ^ßret^angaben finb mit Sluögabe oor* 
fte^enber Slnjeige erlofd^en unb ungiltig. 

Seipjig, 1887. 3)ie SSerlag^anblung: 



Dundur & ^uinblot 



■u. 'S" 



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Stanford, California 



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return it as soon as poMible, bat not biter tban 
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PMNT(D IN g.«.A,