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Full text of "Von der Klassifikation der psychischen Phänomene"

THE LIBRARY 




THE UNIVERSITY OF 
BRITISH COLUMBIA 



Digitized by the Internet Archive 

in 2010 witii funding from 

University of British Columbia Library 



http://www.archive.org/details/vonderklassifikaOObren 



Von der Klassifikation 



der 



psydiisdien Phänomene 



Neue, durdi Naditräge stark vermehrte Ausgabe 

der betreffenden Kapitel der Psychologie vom 

empirisdien Standpunkt 



Franz Brentano 




Leipzig 

Verlag von Dund^er & Humblot 

1911 



Alle Rechte vorbehalten. 



III — 



Vorwort. 

Nicht die Lehr- und Handbücher, welche sich die Dar- 
stelkmg einer wissenschaftlichen Disziplin als Ganzes zur 
Aufgabe setzen, sondern Monographien, welche einem ein- 
zelnen Problem gewidmet smd, pflegen am meisten zum 
Fortschritt der Wissenschaft beizutragen. Und so ist es 
denn nicht zu verwundern , wenn meine Psychologie vom 
empirischen Standpunkt, die ein Fragment geblieben ist, 
trotzdem in weiten Kreisen Teilnahme finden konnte^ 
gewisse elementare Fragen waren darin in ganz neuer 
Weise beantwortet, und durch eingehendste Begründung 
hatte ich jede neue Bestimmung zu sichern mich bemüht. 
So hat sich insbesondere meiner Untersuchung über die 
Klassifikation der psychischen Phänomene mehr und mehr 
die allgemeine Aufmerksamkeit zugewandt, und als Zeichen 
eines noch immer wachsenden Interesses mag es betrachtet 
werden , wenn ich jüngst um die Erlaubnis zu einer neuen 
Veröffentlichung der betreffenden Kapitel in italienischer 
Übersetzung angegangen wurde. 

Mehr als drei Dezennien waren seit dem Erscheinen 
meines Buches verflossen, und neue Forschungen hatten bei 
mir zwar der Hauptsache nach die damals ausgesprochenen 
Ansichten bestehen lassen, aber doch in manchem nicht 
unwichtigen Punkt zu einer lortbildung oder, wie ich 
wenigstens glaube, berichtigenden Modifikation geführt. Es 
schien mii' unmöglich, dieselben unerwähnt zu lassen. Und 
doch empfahl es sich zugleich, die Darlegung in ihrer 
ursprünglichen Gestalt, in der sie auf die Zeitgenossen ge- 
wirkt hatte, beizubehalten; und dies um so mehr, als ich 

I* 



— IV — 

die Erfahrung gemacht hatte, daß manche angesehene 
Psychologen, die meiner Lehre ernste Beachtung geschenkt, 
ihr mehr in der früheren Fassung beizupflichten , als auf 
den neuemgeschlagenen Wegen mir zu folgen geneigt waren. 
So entschloß ich mich zu einer so gut wie unveränderten 
Wiedergabe des alten Textes, zugleich aber zu seiner Be- 
reicherung durch gewisse Bemerkungen, die ich zum Teil 
als Fußnoten, zum Teil aber, und vorzüglich, als Anhang 
beifügte. Sie enthalten neben einer Verteidigung gegen 
gewisse Angrifl'e, welche meine Lehre von anderer Seite 
erfahren, auch eine Angabe von solchen Momenten, für die 
ich selbst eme Korrektur nötig finde. 

Eine der wichtigsten Neuerungen ist die, daß ich nicht 
mehr der Ansicht bin, daß eine psychische Beziehung jemals 
anderes als Reales zum Objekt haben könne. Die Absicht, 
gerade in diesem Stücke meinen gegenwärtigen Standpunkt 
als den richtigen zu erweisen, nötigte mich, ganz neue 
Fragen einzubezieheu, wie z. B. auf die Untersuchung über 
die Modi des Vorstellens einzugehen. 

Ich weiß wohl, daß die Gedrängtheit der Darstellung 
das Verständnis nicht erleichtert. Umsomehr habe ich mich 
großer Präzision im Ausdruck beflissen. 

Deutsche Psychologen, welche von der italienischen 
Übersetzmig und den Zugaben zu ihr erfahren hatten, 
machten mich darauf aufmerksam, daß ich doch wohl tun 
werde, des Buch zugleich in deutscher Sprache erscheinen 
zu lassen, zumal meine Psychologie vom empirischen Stand- 
punkt seit Jahren vergriffen sei. Und so erschemt denn 
auf ihre Anregmig alles, was die italienische Neuausgabe 
enthält, hier auch als zweite, in der angegebenen Weise 
erweiterte Neuausgabe des deutschen Originals. 

Florenz 1911. 

Franz Brentauo. 



— V — 



Inhalt. 



Er s t e s Kap it e 1. 

■"- Seite 

Überblick über die vorzügrlichsteu Tersuclie einer Elassifi- 
kation der psychischeu Pbänoiueiie 1 

§ 1. Piatons Unterscheidung eines begierlichen, zornmütigen und 

vernünftigen Seelenteiles 1 

§ 2. Die Grundeinteilungen der psychischen Phänomene bei 

Aristoteles 4 

§ S. Nachwirkung der Aristotelischen Klassifikationen. Wolii". 

Hume. Reid. Brown 7 

§ 4. Die Dreiteilung in Vorstellung, Gefühl und Begehren. Tetens. 
Mendelssohn. Kant. Hamilton. Lotze. Welches war das 
eigentlich maßgebende Prinzip? g 

§ 5. Annahme der drei Glieder der Einteilung von Seiten der 

Herbartschen Schule 20 

§ 6. Die Einteilungen von Bain 20 

§ 7. Rückblick auf die zum Behuf einer Grundeinteiluug an- 
gewandten Prinzipien 23 

Zweites Kapitel. 
Einteilung: der Seeleutätigkeiteu in Yorstelluugen, Urteile und 
Phänomene der Liebe und des Hasses 25 

§ 1. Verwerfung der Grundeinteilungen, die nicht aus dem Studium 

der psychischen Erscheinungen hervorgehen 2-"i 

§ 2. Eine Grundeinteilung, welche die verschiedene Weise der 
Beziehung zum immanenten Objekte zum Prinzipe nimmt, ist 
gegenwärtig jeder anderen vorzuziehen 2(> 

§ 8. Die drei natürlichen Grundklassen sind: Vorstellungen, Ur- 
teile und Phänomene der Liebe und des Hasses 30 

§ 4. Welches Verfahren zur Rechtfertigung und Begründung 

dieser Einteilung einzuschlagen sei 3H 

Drittes Kapitel. 
Yorstellung- und Urteil zwei verscliiedene Grundklassen • • 35 

§ 1. Zeugnis der inneren Erfahrung 35 



— VI — 

Sfif 

§ 2. Der Unterschied zwischen Vorstellung und Urteil ist ein . 

Unterschied in den Tätigkeiten selbst 36 

§ 3. Er ist kein Unterschied der Intensität 39 

;^ 4. Er ist kein Unterschied des Inhaltes 41 

§ 5. Es ist nicht richtig, daß die Verbindung von Subjekt und 
Prädikat oder eine andere derartige Kombination zum Wesen 
des Urteils gehört. Dies zeigt erstens die Betrachtung des 

affirmativen und negativen Existenzialsatzes ; 45 

§6. zweitens bestätigt es sich im Hinblicke auf die Wahr- 
nehmungen, und insbesondere auf die Bedingungen der ersten 

Wahrnehmungen ; 46 

§7. drittens ergibt es sich aus der Rückführbarkeit aller Aus- 
sagen auf Existenzialsätze 49 

§ 8. Es bleibt hienach nichts übrig, als die Eigentümlichkeit des 
Urteils in der besonderen Beziehungsweise auf seinen Inhalt 

zu erkennen 58 

§ 9. Alle Eigentümlichkeiten, die anderwärts den fundamentalen 
Unterschied in der Weise der Beziehung zum Gegenstande 

kennzeichnen, finden sich auch in unserem Falle 60 

§ 10. Rückblick auf die dreifache Weise der Begründung .... 64 
§ 11. Die irrige Auffassung des Verhältnisses von Vorstellung und 
Urteil wurde dadurch veranlaßt, daß in jedem Akte des Be- 
wußtseins eine Erkenntnis beschlossen ist 65 

§ 12. Dazu kamen sprachliche Gründe der Täuschung: einmal 

die gemeinsame Bezeichnung als Denken : 67 

§ 13. dann der Ausdruck in Sätzen 68 

§ 14. Folgen der Verkennung der Natur des Urteils für die Meta- 
physik, 70 

§ 15. für die Logik, 71 

§ 16. für die Psychologie 74 

Viertes Kapitel. 

Einheit der (xruudklasse fttr Gefühl und Willen '^7 

§ 1. Die innere Erfahrung lehrt die Einheit der Grundklasse für 
Gefühl lind Willen; einmal, indem sie uns mittlere Zustände 
zeigt, durch welche zwischen ihnen ein allmählicher, kon- 
tinuierlicher Übergang gebildet wird : 77 

§ 2. dann, indem sie uns den übei'einstimmenden Charakter ihrer 

Beziehungen auf den Inhalt erkennen läßt 80 

§ 3. Nachweis, daß jedes Wollen und Begehren auf etwas als gut 
oder schlecht gerichtet ist. Die Philosophen aller Zeiten sind 
darin einig 84 

§ 4. Nachweis, daß hinsichtlich der Gefühle dasselbe gilt .... 86 



— VII — 

Seite 

§ 5. Charakter der Klassenunterschiede innerhalb des Gebietes 
von Gefühl und Willen: Definierbarkeit mit Hilfe der zu 
Grunde liegenden Phänomene : 93 

§ 6. untergeordnete A^'erschiedenheiten der Beziehungsweise zum 

Objekte 96 

§ 7. Keine von den Eigentümlichkeiten, welche in anderen Fällen 
die fundamentale Verschiedenheit in der Weise der Beziehung 
zum Gegenstande kennzeichnen, charakterisiert den Unterschied 
von Gefühl und Willen 98 

§ 8. Rückblick auf die vorangegangene dreifache Erörterung . . 104 

§ 9. Die vornehmsten Ursachen, welche die Täuschung über das 
Verhältnis von Gefühl und Willen veranlaßten, waren folgende : 
Erstens die besondere Vereinigung des inneren Bewußtseins 
mit seinem Objekte war leicht mit einer besonderen Weise 
des Bewußtseins zu \erwechseln 104 

§ 10. Zweitens setzt das Wollen eine aus dem Vermögen der 

Liebe unableitbare Fähigkeit des Wirkens voraus 106 

§ 11. Dazu kam ein sprachlicher Anlaß: die ungeeignete Bezeich- 
nung der gemeinsamen Klasse mit dem Namen Begehren . . 109 

§ 12. Auch förderte die Verkennuug des Verhältnisses von Vor- 
stellung und Urteil die Täuschung über jenes von Gefühl und 
Willen. Beziehung der drei Ideen des Schönen, Wahren und 
Guten zu den drei Grundklassen 110 

Fünftes Kapitel. 

Yergleich der drei Orundklassen mit dem dreifachen Phä- 
nomen des inneren Bewußtseins. Bestimmung ihrer natiir- 
liclien Ordnung 117 

§ 1. Je eines der drei Momente des inneren Bewußtseins ent- 
spricht einer der drei Klassen der psychischen Phänomene. . 117 

§ 2. Die natürliche Ordnung der drei Grundklassen ist diese : 

erstens Vorstellung, zweitens Urteil, drittens Liebe 119 

A n h a n g. 

Nachträgliche Bemerkungen zur Erläuterung und Verteidigung, 
wie zur Berichtigung und Weiterlührung der Lehre .... 122 
I. Die psychische Beziehung im Unterschied \on der Relation 

im eigentlichen Sinne 122 

IL Von der psychischen Beziehung auf etwas als sekundäres 
Objekt 127 

III. Von den Modis des Vorstellens 131 

IV. Von der attiübutiven Vor3telluugs\-erbindung in recto und in 
obliquo 134 



— VIII — 

Seite 
V. Von der Modifikation der Urteile und Gemütsbewegungen 

durch die Modi des Vorstellens 135 

VI. Von der Unmöglichkeit, jeder psychischen Beziehung eine 
Intensität zuzuerkennen und insbesondere die Grade der 
Überzeugung und Bevorzugung als Unterschiede der Intensi- 
tät zu fassen 138 

VII. Von der Unmöglichkeit, Urteil und Gemütsbeziehung in einer 

Grundklasse zu verL'inigen 140 

VIII. Von der Unmöglichkeit, für Gefühl und Wille in Analogie 
zu Vorstellung und Urteil verschiedene Grundklassen an- 
zunehmen 143 

IX. Von den wahren und fiktiven Objekten 145 

X. Von den Versuchen, die Logik zu mathematisieren .... 158 
XI. Vom Psychologismus 165 



— 1 - 



Erstes Kapiter. 

Überblick über die vorzügliclisten Yersiicbe 

einer Klassifikation der psycliiscben 

Phänomene. 

§ 1. Wir kommen zu einer Untersuchimg, die nicht 
bloß an sich, sondern auch für alle folgenden von großer 
Wichtigkeit ist. Denn die wissenschaftliche Betrachtimg 
bedarf der Emteihmg und Ordnung, und diese dürfen nicht 
willkürlich gewählt werden. Sie sollen, so viel als möglich, 
natürlich sein und sind dieses dann, wenn sie einer mög- 
hchst natürlichen Klassifikation ihres Gegenstandes ent- 
sprechen. 

Wie anderwärts, so werden auch in bezug auf die 
psychischen Phänomene Haupteinteilungen und Unter- 
einteilungen zu treffen sein. Zunächst aber wird es sich 
um die Bestimmung der allgemeinsten Klassen handeln. 

Die ersten Klassifikationen, wie überhaupt so auch auf 
psychischem Gebiete, ergaben sich Hand in Hand mit der 
fortschreitenden Entwickelung der Sprache. Diese enthält 
allgemeinere wie minder allgemeine Ausdrücke für Phäno- 
mene des inneren Gebietes, und die frühesten Erzeugnisse 
der Dichtkunst beweisen, daß schon vor Beginn der 
griechischen Philosophie der Hauptsache nach dieselben 

^ Dieses Kapitel ist das fünfte des zweiten Buches meiner Psycho- 
logie vom empirischen Standpunlit. Die früheren, hier entfallenen 
Kapitel dieses Buches, auf deren Inhalt manchmal zurückgeblickt wird, 
handeln: Kap. I von dem Unterschiede der psychischen und physischen 
Phänomene, Kap. II und III vom inneren Bewußtsein und Kap. IV von 
der Einheit des Bewußtseins. 

Brentano, Klassifikation der psychischen Phänomene. 1 



Unterscheidungen gemacht waren, welche noch jetzt eine 
im Leben gangbare Bezeichnung finden. Bevor jedoch 
Sokrates zur Definition anregte, mit welcher die wissen- 
schaftliche Klassifikation aufs Innigste zusammenhängt, 
wurde von keinem Philosophen ein nennenswerter Ver- 
such zu einer Grundeinteilung der psychischen Erschei- 
nungen gemacht. 

Piaton gebührt wohl das Verdienst, hier die Bahn 
gebrochen zu haben. Er unterschied drei Grundklassen der 
psychischen Phänomene, oder vielmehr, wie er sich aus- 
drückte, drei Teile der Seele, von denen jeder besondere 
Seelentätigkeiten umschloß •, nämlich den be gier liehen, 
den zornmütigen und den vernünftigen SeelenteiP. 
Diesen drei Teilen entsprachen, wie wir schon gelegentlich 
bemerkten^, die drei Stände, welche Piaton als die haupt- 
sächlichsten im Staate unterschied: der Stand der Er- 
werbenden , welcher die Hirten , Ackerbauer , Handwerker, 
Kaufleute und andere umfaßte, der Stand der Wächter oder 
Krieger und der Stand der Herrscher. Auch sollten sich 
nach denselben drei Seelenteilen und in Rücksicht auf ihr 
relatives Übergewicht die drei hauptsächlichsten Völker- 
gruppen, die der verweichlichten, nach den Genüssen des 
Reichtums jagenden Südländer (Phönizier und Ägypter), die 
der tapferen aber rohen nördlichen Barbaren und die der 
bildungsliebenden Hellenen unterscheiden. 

Wie Piaton seine Einteilung bei der Bestimmung der 
wesentlichsten Unterschiede von Richtungen des Strebens als 
Anhalt benützte, so scheint er sie im Hinblicke auf solche 
Verschiedenheiten auch aufgestellt zu haben. Er fand in 
dem Menschen einen Kampf von Gegensätzen ; einmal zwischen 
den Forderungen der Vernunft und den sinnlichen Trieben, 
dann aber auch zwischen den sinnlichen Trieben selbst ; und 
hier schien ihm der Gegensatz von heftig aufbrausender 
Leidenschaft, die dem Schmerz und Tod entgegenstürmt, 

' Die griechischen Ausdrücke sind tö £7:t))'jarjTiv.ov, 10 i)y;j.o£to£; und 
TO /.o-(>.'JTi-/yj\. 

- Buch 1 Kap. 2 § 7 m. Psych, v. emp. St. 



und weichlichem Hang zum Genüsse, der vor jedem Schmerze 
sich zurückzieht, besonders auffallend und nicht minder groß 
als der Gegensatz zwischen vernünftigem und unvernünftigem 
Verlangen selbst. So glaubte er drei, auch ihrem Sitze nach 
verschiedene Seelenteile anerkennen zu sollen. Der ver- 
nünftige Teil sollte im Haupte, der zornmütige im Herzen, 
der begierliche im Unterleibe wohnen ^ ; der erste jedoch so, 
daß er vom Leibe trennbar und unsterblich sei, und nur die 
beiden anderen an ihm haftend und in ihrem Bestehen an 
ihn gebunden. Auch hinsichtlich ihrer Verbreitung über einen 
engeren oder weiteren Kreis von lebenden Wesen glaubte 
Piaton sie verschieden. Der vernünftige Teil sollte unter 
allem, was auf Erden lebt, nur dem Menschen zukommen, 
den zornmütigen sollte der Mensch mit den Tieren, den 
begierlichen endlich sowohl mit ihnen als auch mit den 
Pflanzen gemein haben. 

Die Unvollkommenheit dieser Einteilung ist leicht er- 
kennbar. Ihre Wurzeln liegen einseitig auf ethischem Ge- 
biete, und dem widerspricht es nicht, wenn ein Teil als der 
vernünftige bezeichnet wird, da Piaton wie Sokrates die 
Tugend als ein Wissen betrachtete. Sobald man bestimmen 
will, welchem Teile diese oder jene einzelne Tätigkeit zu- 
zuschreiben sei, kommt man in Verlegenheit. Die sinnliche 
Wahrnehmung z. B. scheint sowohl dem begierlichen als 
zornmütigen zugeschrieben werden zu müssen und an ge- 
wissen Stellen scheint Piaton mit anderen Weisen der Er- 
kenntnis auch sie dem vernünftigen Teile beizulegen ^. Auch 



^ Schon Demokrit hatte geglaubt, das Deukeu habe im Gehirn, der 
Zorn im Herzen seinen Sitz. Die Begierde liatte er in die Leber ver- 
legt. Dies wäre ein unbedeutender Unterschied von der späteren Platoni- 
schen Lehre. Aber nichts macht wahrscheinlich, daß Demokrit in diesen 
drei Teilen die Gesamtheit der Seelentätigkeiteu begreifen AvoUte; viel- 
mehr verlangte der Zusammenhang seiner Ansichten, daß er jedes Organ 
mit besonderen Seelentätigkeiten begabt dachte, und eben darauf scheint 
eine Stelle Plutarchs hinzudeuten. (Plac. IV, t. 3.) So können wir denn 
überhaupt nicht sagen, daß von Demokrit bereits ein Versuch zu einer 
Grundeinteilung der psychischen Phänomene gcMnaclit worden sei. 

- Vgl. Zellers Bemerkungen in seiner Philosophie der Griechen, 
II, a. 2. Aufl: S. 540. 1 * 



k 



— 4. — 

die Anwendungen, die Piaton von der Einteilung macht, 
und in deren vermeintem Gelingen er eine Bestärkung finden 
mochte, zeigen vielmehr aufs neue ihre Schwäche. Es wird 
heutzutage kaum jemand geneigt sein, mit Piaton in den 
drei Ständen der Erwerbenden, Krieger und Herrscher die 
hauptsächlichen Berufstätigkeiten, welche in der Gesell- 
schaft sich auseinanderzweigen, in erschöpfender Weise dar- 
gestellt zu sehen. Weder die Kunst findet in ihr die ge- 
bührende Stelle, noch die Wissenschaft. Demi die Er- 
fahrung zeigt zu deutlich die Verschiedenheit der Begabung 
für theoretische und praktische Leistungen, als daß wir in 
der Tüchtigkeit des wissenschaftlichen Denkers nicht eine 
ganz andere Art von Vollkommenheit als in der Tüchtigkeit 
des Herrschers anerkennen müßten; abgesehen davon, daß 
durch die Herrschaft eines Philosophen, die Piaton als Ideal 
vorschwebte, die Treiheit der Wissenschaft, und somit ihr 
ungehemmter Fortschritt, am allermeisten gefährdet sein 
vNÜrde. 

Nichtsdestoweniger lagen in der Platonischen Einteilung 
die Keime für die Bestimmungen, welche bei Aristoteles ihre 
Stelle einnahmen, und welche, ungleich bedeutender als die 
Piatons selbst, für Jahrtausende maßgebend geworden sind. 

§ 2. Wir finden bei Aristoteles drei Grundeintei- 
lungen der psychischen Phänomene, von welchen jedoch 
zwei, in ihrer Gliederung vollkommen sich deckend, als 
eine betrachtet werden können. 

Einmal unterschied er die Seelenerscheinungen, insofern 
er die einen für Tätigkeiten des Zentralorgans, die 
anderen für immateriell hielt, also in Phänomene eines 
sterblichen und unsterblichen Seelenteiles. 

Dann unterschied er sie nach üirer größeren oder ge- 
ringeren Verbreitung in allgemein animalische und 
eigentümlich menschliche. Diese Einteilung erscheint 
bei ihm dreigliederig , indem Aristoteles vermöge seines 
weiteren Begriffes des Seelischen, wie wir schon früher 
hörten, auch die Pflanzen für beseelt erklärte. Er zählt 



darum einen vegetativen, sensitiven und intellektiven Teil 
der Seele auf. Der erste, der die Phänomene der Ernährung, 
des Wachstums und der Erzeugung in sich schließt, soll 
allen irdischen lebenden Wesen, auch den Pflanzen, gemein- 
sam zukommen. Der zweite , der Sinn und Phantasie und 
andere verwandte Erscheinungen und mit ihnen die Affekte 
enthält, gilt ihm als der spezifisch animalische. Den dritten 
endlich, welcher das höhere Denken und Wollen in sich 
begreift, glaubt er unter den irdischen lebenden Wesen dem 
Menschen ausschließlich eigentümlich. Aber infolge der Be- 
schränkung, welche der Begriff der psychischen Tätigkeit 
später erfuhr, fällt das erste der drei Glieder gänzlich außer- 
halb ihres Bereiches. Die Seelentätigkeiten im neueren 
Sinne des Wortes hat also Aristoteles vermöge dieser Ein- 
teilung nur in die zwei Gruppen der allgemein animalischen 
und eigentümlich menschlichen zerlegt. Diese Glieder fallen 
mit den Gliedern der ersten zusammen. Ihre Ordnung aber 
bestimmt der Grad der Allgemeinheit ihres Bestehens. 

Eme andere Haupteinteilung, die Aristoteles gibt, 
scheidet die psychischen Phänomene, — das Wort in 
unserem Sinne genommen \ — in Denken und Begehreu, 
vooc und ops^ic, im weitesten Sinne. Diese Einteilung kreuzt 
sich bei ihm mit der vorigen, so weit sie für uns in Betracht 
kommt. Denn in der Klasse des Denkens faßt Aristoteles 
mit den höchsten Verstandesbetätigungen, wie Abstraktion, 
Bildung allgemeiner Urteile und wissenschaftlicher Schluß- 
folgerung, auch Sinneswahrnehmung und Phantasie, Ge- 
dächtnis und erfahrungsmäßige Erwartung zusammen-. In 



1 Vgl. De Anim. III, 9. Aiif., 10. Auf. 

- Wuudt macht denen, welche Empfinden und höheres Erkennen 
einander ähnlich finden, den VorAvurf des „Logizismus''. Dieser 
würde, wenn begründet, auch Aristoteles treffen. Doch wie käme es 
dann, daß Descartes hier ganz ebenso geurteilt hat, ja daß manche, in- 
dem sie die universellen Begriffe ganz leugneten, die betrefteuden Denk- 
tätigkeiten den empfindenden unterordnen wollten? Freilich war dies 
ein Fehler, aber ein nicht minder großer Fehler würde es sein, wenn 
einer das, was dem Empfinden und intellektiven Denken gemeinsam ist, 
in Abrede stellte. 



— 6 — 

der des Begehrens aber sind ebenso das höhere Verlangen 
und Streben wie der niedrigste Trieb, nnd mit ihnen alle 
Gefühle und Affekte , kurzum alles , was von psychischen 
Phänomenen der ersten Klasse nicht einzuordnen ist, be- 
griffen. 

Wenn wir untersuchen, was Aristoteles dazu gefülirt 
habe, vermöge dieser Einteilung zu verbinden, was die 
frühere Einteilung geschieden hatte : so erkennen wir leicht, 
daß ihn dabei eine gewisse Ähnlichkeit bestimmte, welche 
das sinnliche Vorstellen und Scheinen mit dem intellektuelle]!, 
begrifflichen Vorstellen und Fürwahrhalten und ebenso das 
niedere Begehren mit dem höheren Streben zeigt. Er fand 
hier und dort, um es mit einem Ausdrucke, den wir schon 
früher einmal den Scholastikern entlehnten, zu bezeichnen, 
die gleiche Weise der intentionalen Inexistenz \ Und aus 
demselben Prinzipe ergab sich dann auch die Trennung von 
Tätigkeiten, welche die frühere Einteilung verbunden hatte. 
in verschiedene Klassen. Denn die Beziehung auf den Gegen- 
stand ist bei Denken und Begehren verschieden. Und darein 
eben setzte Aristoteles den Unterschied der beiden Klassen. 
Nicht auf verschiedene Objekte glaubte er sie gerichtet, son- 
dern auf dieselben Objekte in verschiedener Weise. Deutlich 
sagt er, sowolil in seinen Büchern von der Seele als in 
seiner Metaphysik, daß dasselbe Gegenstand des Denkens 
und Begehi'ens sei und, zuerst im Denkvennögen puf- 



^ Dieser Ausdruck ist in der Art miß^-erstanden worden, daß man 
meinte, es handle sich dabei um Absicht und Verfolgung eines Zieles. 
So hätte ich vielleicht besser getan ihn zu vermeiden. Die Scholastiker 
gebrauchen weit häufiger noch statt „intentional" den Ausdruck „ob- 
jektiv". In der Tat handelt es sich darum, daß etwas für das psychisch 
tätige Objekt und als solches, sei es als bloß gedacht oder sei es auch 
als begehrt, geflohen oder dergleichen, gewissennaßen in seinem Be- 
wußtsein gegenwärtig ist. Wenn ich dem Ausdruck „intentional" den 
Vorzug gab, so tat ich es, weil ich die Gefahr eines Mißverständnisses 
für noch gi-ößer hielt, wenn ich das Gedachte als gedacht objektiv 
seiend genannt hätte, wo die Modernen, im Gegensatz zu „bloß sub- 
jektiven Erscheinungen", denen keine "Wirklichkeit entspricht, das wirk- 
lich Seiende so zu nennen pflegen. 



— 7 — 

genommen, dann das Begehren bewege ^ Wie also bei der 
früheren Einteilung die Verschiedenlieit des Trägers der 
psychischen Phänomene so wie die Verbreitimg über einen 
weiteren oder engeren Kreis psychisch begabter Wesen den 
Einteilungsgrund bildete, so bildet ihn bei dieser der Unter- 
schied in ihrer Beziehung auf den immanenten Gegenstand, 
Die Ordnung der Aufeinanderfolge der Glieder ist durch 
die relative Unabhängigkeit der Phänomene bestimmt ^. Die 
Vorstellungen gehören zur ersten Klasse ; ein Vorstellen aber 
ist die notwendige Vorbedingung eines jeden Begehrens. 

§ 3. Im Mittelalter blieben die Aristotelischen Ein- 
teilungen wesentlich in Kraft ; ja bis in die neue Zeit hinein 
reicht ihr Einfluß, 

Wenn Wolff die Seelenvermögen einmal in höhere 
und niedere mid dann in Erkenntnis- und Begeh- 
rungsvermögen scheidet und diese zwei Einteilungen 
sich kreuzen läßt, so erkennen wir hierin leicht ein der 
doppelten Aristotelischen Gliederung wesentlich entprechen- 
des Schema. 

Auch in England hat wenigstens die letzte Einteilung 
sehr lange nachgewirkt. Den Untersuchungen von Hume 
liegt sie zugrunde ; und R e i d sowohl als Brown brachten 
nur unbedeutende und keineswegs glückliche Andermigen 
an, wenn jener intellektive und aktive^ Seelen- 
vermögen unterschied, und dieser, nachdem er zmiächst die 
Empfindungen als äußere Affektionen allen übrigen als 
inneren Affektionen gegenübergestellt hatte, die letzteren 
dann in intellektuelle Geisteszustände und Ge- 
mütsbewegungen sonderte ^. Alles, was Aristoteles unter 
seiner opsctc, begreift Brown unter der letztgenannten Klasse. 



1 De Anim. III, 10. Metaph. A, 7. 

2 Vgl. die oben zitierten Stellen. 

3 Aristoteles hatte das Begehren zugleich für das Prinzip der Avill- 
kürlichen Bewegung erklärt. (De Anim. III, 10.) 

* External — internal atiectious; intellectual states of mind — 
emotions. 



§ 4. Eine Einteilung, die in ihrer Abweichung be- 
deutender und in ihrem Einflüsse nachhaltiger war, und die 
gemeiniglich noch heute als ein Fortschritt in der Klassi- 
fikation der psychischen Erscheinungen betrachtet wird, 
wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von 
Tetens und Mendelssohn aufgestellt. Sie schieden die 
Seelentätigkeiten in drei koordinierte Klassen und nahmen 
füi- jede von ilinen ein besonderes Seelenvermögen an. 
Tetens namite seine drei Grundvermögen Gefühl, Ver- 
stand und Tätigkeitskrafti (Willen); Mendelssohn 
bezeichnete sie als Erkenntnisvermögen, als Emp- 
findungs- oder Bill igungs vermögen („vermöge dessen 
wir an einer Sache Lust oder Unlust empfinden") und als 
Begehrungsvermögen2. Kant, ihr Zeitgenosse, 
machte die neue Klassifikation in seiner Weise ^ sich eio-en • 
er nannte die drei Seelen vermögen das Erkenntnis- 
vermögen, das Gefühl der Lust und Unlust und 
das Begehrungs vermögen und legte sie der Einteilung 
seiner kritischen Philosophie zu Grunde. Seine „Kritik der 
remen Vei-nunft" bezieht sich auf das Erkenntnisvermögen, 
insofern es die Prinzipien des Erkemiens selbst, seine „Kritik 
der Urteilskraft" auf das Erkenntnisvermögen, insofern es die 
Prinzipien des Fühlens, seine „Kritik der praktischen Ver- 
nunft'- endlich auf das Erkenntnisvermögen, insofern es die 
Prinzipien des Begehrens enthält. Hierdurch vorzüglich 
gewann die Klassifikation Einfluß und Verbreitung, so daß 
sie noch heute ziemlich allgemein herrschend ist. 

Kant hält die Einteilung der Seelentätigkeiten in Er- 
kennen, Fühlen und Wollen darum für fundamental, weil 
er glaubt, daß keine der drei Klassen aus der anderen ab- 
leitbar sei, oder mit ihr auf eine dritte als ihre gemein- 

' Über die menschliche Natur I. Versuch X, S. 6-^5. (1777 er- 
schienen.) 

2 In gi,^gj. Bemerkung über das Erkenntnis-, Empfinduugs- und 
Begehrungsvermögen, die, obwohl erst in den gesammelten Schriften 
(IV, b. 122 ff.) gedruckt, aus dem Jahre 1776 stammt, und in den 1785 
erschienenen Morgenstunden, Vorles. VII (ges. Schriften II, S. 295). 

« \ gl. darüber J. B. Meyer, Kants P.sychologie S. 41 ff. 



— 9 — 

schaftliche Wurzel zurückgeführt werden könne ^ Die 
Unterschiede zwischen dem Erkennen und Fühlen seien zu 
groß, als daß etwas Derartiges denkbar scheine. Wie auch 
immer Lust und Unlust ein Erkennen voraussetzen, so sei 
doch eine Erkenntnis schlechterdings kein Gefühl, und ein 
Gefühl sclilechterdings keine Erkenntnis. Und ebenso zeige 
das Begehren sich der einen wie dem anderen völlig 
heterogen. Denn jedes Begehren, und nicht bloß das aus- 
gesprochene Wollen, sondern auch der ohnmächtige Wunsch, 
ja selbst die Sehnsucht nach dem anerkannt Unmöglichen ^, 
sei ein Streben nach der Verwirklichung eines Objektes, 
während die Erkemitnis das Objekt nur erfasse und be- 
urteile, das Gefühl der Lust aber gar nicht auf das Objekt, 
sondern bloß auf das Subjekt sich beziehe, indem es für 
sich selbst Grund sei, seine eigene Existenz im Subjekte 
zu erhalten^. 

' „Alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können auf die drei 
zurückgeführt werden, welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaft- 
lichen Grunde ableiten lassen : das Erkenntnisvermögen, das Gefühl der - 
Lust und Unlust und das Begehruugsvermögen." (Kritik der Urteils- 
ki-aft, Einleit., III.) 

2 Ebenda Anm. 

3 In dem Abschnitte der Abhandlung- über die Philosophie über- 
haupt, in Avelchem Kant „Von dem System aller Vermögen des mensch- 
lichen Gemüts" handelt und ausführlicher als anderwärts seine Lehre 
vorträgt und begründet, sagt er, man habe \'on Seiten gewisser Philo- 
sophen sich bemüht, die Verschiedenheit des Erkenntnisvermögens, 
des Gefühles für Lust und Unlust und des Begehrungsvermögens „nur 
für scheinbar zu erklären und alle Vermögen aufs bloße Erkenntnis- 
vermögen zu bringen". Aber vergeblich. „Denn es ist immer ein 
großer Unterschied zwischen Vorstellungen, so ferne sie, bloß aufs 
Objekt und die Einheit des Bewußtseins desselben bezogen, zum Er- 
kenntnis gehören, ingleichen zwischen derjenigen objektiven Be- 
ziehung, da sie, zugleich als Ursache der Wirklichkeit dieses Objekts 
betrachtet, zum Begehrungs vermögen gezählt werden, und ihrer 
Beziehung bloß aufs Subjekt, da sie für sich selbst Gründe sind, ihre 
eigene Existenz in demselben bloß zu erhalten, und so ferne im Ver- 
hältnisse zum Gefühle der Lust betrachtet werden, welches letztere 
schlechterdings kein Erkenntnis ist noch verschafft, ob es zwar der- 
gleichen zum Bestimmungsgrunde voraussetzen mag." (Kants Werke, 
Ausgabe v. Rosenkranz I, S. 586 ff.) 



— 10 — 

Die Bemerkungen Kants zur Begründung und Recht- 1 
fertigung seiner Einteilung sind spärlich. Da aber später^ 
manche Philosophen, wie Carus, Weiß, Krug und andere,! 
die wieder auf die Zweiteilung von Vorstellungs- und Be- 
strebungsvermögen zurückgingen, sie nicht bloß angriffen, 
sondern sie als von vornherein unmöglich hinstellen wollten, 
übernahmen andere, und namentlich W. Hamilton, ihre Ver- 
teidigung und fühi-ten die Gedanken, die Kant bloß an- 
gedeutet hatte, weiter aus. 

Die Angriffe waren freilich sonderbar. So argumentierte 
Krug, nur darmn seien Vorstellungs- und Bestrebungs- 
vermögen als zwei anzusehen, weil die Tätigkeit des Geistes 
eine doppelte Richtung, eine Richtung einwärts und eine 
Richtung auswärts, habe. Daher seien die Betätigungen 
des Geistes in immanente oder theoretische und in trans- 
eunte oder praktische zu scheiden. Unmöghch aber sei es, 
zwischen ihnen eine dritte Klasse emzuschieben ; denn diese 
müßte eine Richtung haben, die weder einwärts noch aus- 
wärts ginge, was undenkbar sei. 

Hamilton mußte es leicht werden, ein solches Rai- 
sonnement als nichtig darzutun. Warum, fragt er mit 
Biunde, sollten wir nicht vielmehr sagen, daß drei Gattungen 
von Tätigkeiten in der Seele zu denken seien, von welchen 
die einen ineunt, die anderen inunanent, die dritten trans- 
eunt wären *? — Und wirklich käme man auf diesem, aller- 
dings etwas abenteuerHchen, Wege zu einer Klassifikation, 
die in ihren drei Gliedern mit dem, was Kant in der oben 
zitierten Stelle von Erkenntnis, Gefühl und Begehi-en sagte, 
ziemlich gut stimmen würde. 

Aber Hamilton weist nicht l)loß diesen Angriff zurück ; 
er versucht auch eme positive Begründung der Notwendig- 
keit der Annahme der Gefühle als einer besonderen Grund- 
klasse. Zu diesem Zwecke zeigt er, daß es gewisse Zu- 
stände des Bewußtseins gebe, die weder als ein Denken 
noch auch als ein Bestreben klassifiziert werden können. 

' Sir W. Hamilton, Lectures on Metaphysics II p. 423. 



— 11 — 

5olche seien die Gemütsbewegungen, die in jemand eiTegt 
Verden, wenn er den Bericht vom Tode des Leonidas bei 
len Thermopylen lese, oder wenn er die folgende schöne 
5trophe aus einer bekannten alten Ballade höre: 

„Um Widdringtou hüllt Gram mein Haupt, 
Weil ilm der Tod rafft' hin, 
Der, als die Füße ihm geraubt, 
Noch focht auf seinen Knien." 

Solche Gemütsbewegungen seien kein bloßes Denken; und 
mch als Wollen oder Begehren lassen sie sich nicht be- 
zeichnen. Aber doch gehören auch sie zu den psychischen 
Phänomenen, und somit sei es notwendig, den beiden Klassen 
eine dritte zu koordinieren, die man mit Kant als die der 
GefiÜile bezeichnen könne'. 

Daß dieses Argument ungenügend sei, ist leicht er- 
kennbar. Es könnte sein, daß die Ausdrücke Wollen und 
Begehren nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche zu eng 
wären, um alle psychischen Phänomene außer den Phäno- 
menen des Denkens zu umfassen, und daß überhaupt ein 
hierzu geeigneter Name in der gewöhnlichen Sprache fehlte, - 
daß aber nichtsdestoweniger die Erscheinungen, die wir 
Begierden, und die, welche wir Gefühle nennen, zusammen 
eine einheitliche, weitere und den Phänomenen des Denkens 
naturgemäß koordinierte Klasse psychischer Phänomene 
bildeten. Eine wahre Rechtfertigung der Einteilung ist 
nicht möglich ohne Darlegung des Einteilungsprinzips. Und 
Hamilton versäumt nicht, an einer anderen Stelle eine 
solche zu geben, indem er mit Kant die drei Klassen für 
Phänomene verschiedener Vermögen der Seele erklärt, von 
welchen keines einer Ableitung fähig sei. 

Descartes, Leibnitz, Spinoza, Wolff, Platner und andere 
Philosophen, sagt er, haben, weil die Erkenntnis des inneren 
Bewußtseins alle Phänomene begleitet, das Vorstellungs- 
vermögen als das Grundvermögen des Geistes betrachten zu 
müssen geglaubt, von dem die anderen nui- abgeleitet seien. 
Allein mit Unrecht. „Diese Philosophen bemerkten nicht, 

1 Sir W. Hamilton, Lectures on Metaphysics II, p. 420. 



- 12 - ! 

daß, obwohl Lust und Schmerz und ebenso Begehren un( 
Wollen nur sind, insofern sie als seiend erkannt werden 
dennoch in diesen Modifikationen eine absolut neue Quali 
tat, ein absolut neues Geistesphänomen hinzugekommen ist 
welches niemals in der Fähigkeit der Erkenntnis inbegriffer 
war und daher auch nie aus ihr entwickelt werden konnte 
Die Fähigkeit des Erkennens ist unstreitig die erste dei 
Ordnung nach und so die conditio sine qua non der anderen, 
und wir smd fähig, ein Wesen zu denken, das etwas ah 
•seiend zu erkennen fähig ist und doch gänzlich aller Ge- 
fühle von Lust und Schmerz, aller Fähigkeiten zum Be- 
gehren und Wollen ermangelt. Auf der anderen Seite sind 
wir völlig unfähig, ein Wesen zu denken, welches, im Be- 
sitze von Gefühl und Begehren, — zugleich ohne Erkenntnis 
irgendwelchen Objektes, auf welches seine Affekte sich 
richteten und ohne ein Bewußtsein von diesen Affektioneni 
selbst wäre. 

„Wir können ferner ein Wesen denken, welches mit 
Erkenntnis und Gefühl allein ausgestattet wäre, ein Wesen, 
begabt mit einer Fälligkeit, Objekte zu erkennen und sich 
freuend in der Ausübung, sich betrübend bei der Hemmmig 
semer Tätigkeit, — und dennoch beraubt jener Fähigkeit 
zur Willensenergie, jenes Bestrebens, welches wir im Menschen 
finden. Solch einem Wesen würden Gefühle von Schmerz 
und Lust, nicht aber Begehren und Willen im eigentlichen 
Sinne zukommen. 

„Auf der anderen Seite jedoch können wir unmöglich! 
denken, daß eine Willenstätigkeit unabhängig von allem] 
Gefühle bestehe ; denn die Willensbestrebung ist eine Fähig- 
keit, welche nur durch einen Schmerz oder eine Lust zur 
Betätigung bestimmt werden kann, — nämlich durch eine' 
Schätzung des relativen Wertes der Objekte ^" 

Diese Rechtfertigung der Klassifikation in bezug auf 
Prinzip, Zahl, Art und Ordnung der Glieder darf wohl als , 

1 Lect. on Metaph. I, p. 187 s.; vgl. II, p. 431. 



— 13 — 

(ine weitere Ausführung der Bemerkungen Kants im 
gleichen Sinne betrachtet werden. 

Hören wir auch noch Lotze, der gegenüber Herbarts 
leuem Versuche, jede Mehrheit von Vermögen zu beseitigen, 
n seiner Medizinischen Psychologie und mehr noch in seinem 
^krokosmus der Kantschen Dreiteilung eine eingehende 
^Verteidigung widmet. 

„Die frühere Psychologie", sagt Lotze, „hat geglaubt, 
laß Gefühl und Wille eigentümliche Elemente enthalten, 
«welche weder aus der Natur des Vorstellens fließen, noch 
ms dem allgemeinen Charakter des Bewußtseins, an dem 
beide mit diesem zugleich Teil haben; dem Vermögen des 
V^orstellens wm'den sie deshalb als zwei ebenso ursprüng- 
liche Fähigkeiten zugesellt, und neuere Auffassungen schei- 
nen nicht glücklich in der Widerlegung der Gründe, die 
zu dieser Dreiheit der Urvermögen veranlaßten. Zwar nicht 
das können wir behaupten wollen, daß Vorstellen, Gefühl 
und Wille als drei unabhängige Entwickeluugsreihen mit 
geschiedenen Wurzeln entspringend sich in den Boden der 
Seele teilen, und jede für sich fort wachsend, nur mit ihren 
letzten Verzweigungen sich zu mannigfachen Wechsel- 
wirkungen berühren. Zu deutlich zeigt die Beobachtung, 
daß meistens Ereignisse des Vorstellungslaufes die An- 
knüpfungspunkte der Gefühle sind und daß aus diesen, aus 
Lust und Unlust, sich begehrende und abstoßende Strebungen 
entwickeln. Aber diese offen vorliegende Abhängigkeit ent- 
scheidet doch nicht darüber, ob hier das vorangehende Er- 
eignis in der Tat als die volle und hinreichend bewirkende 
Ursache aus eigener Kraft das nachfolgende erzeugt, oder 
ob es nur als veranlassende Gelegenheit dieses nach sich 
zieht, indem es zum Teil mit der fremden Kraft einer 
unserer Beobachtung entgehenden, im Stillen mithelfenden 
Bedingung wirksam ist . . . 

,Die Vergleichung jener geistigen Erscheinungen nötigt 
uns, wenn wir nicht irren, zu dieser letzteren Annahme. 
Betrachten wir die Seele nur als vorstellendes Wesen, so 
werden wir in kemer noch so eigentümlichen Lage, m 



welche sie durch die Ausübung dieser Tätigkeit geriete, 
einen hinlänglichen Grund entdecken, der sie nötigte, nun 
aus dieser Weise ihres Äußerns hinauszugehen und Gefühle 
der Lust und Unlust in sich zu entwickeln. Allerdings kann 
es scheinen, als verstände im Gegenteil nichts so sehr sich 
von selbst, als daß unversöhnte Gegensätze zwischen mannig- 
fachen Vorstellungen, deren Widerstreit der Seele Gewalt: 
antut, ihre Unlust erregen, und daß aus dieser ein Streben 
nach heilender Verbesserung entspringen müsse. Aber nui 
mis scheint dies so, die wir eben mehr als vorstellende 
Wesen sind: nicht von selbst versteht sich die Notwendig- 1 
keit jener Aufeinanderfolge, sondern sie versteht sich ausi 
dem allgememen Herkommen unserer imieren Erfalu-ung,i 
die uns längst an ihre tatsächliche Unvermeidlichkeit ge- 
wöhnt hat und uns darüber hinwegsehen läßt, daß in Wahr- 
heit hier zwischen jedem vorangehenden und dem folgendem 
Gliede der Reihe eine Lücke ist. die wir nur durch Hinzu- 
nahme einer noch unbeobachteten Bedingung ausfüllen 
können. Sehen wir ab von dieser Erfahrung, so mirde die 
bloß vorstellende Seele keinen Grund in sich finden, eine 
innere Veränderung, wäre sie selbst gefahrdrohend für die 
Fortdauer ihres Daseins, anders als mit der gleichgültigen 
Schärfe der Beobachtung aufzufassen, mit der sie jeden 
anderen Widerstreit von Kräften betrachten würde; ent- 
stände ferner aus anderen Quellen doch neben der Wahr- 
nehmung noch ein Gefühl, so würde doch die bloß fühlende 
Seele selbst in dem tötenden Schmerze weder Grund noch 
Befähigmig in sich finden, zu einem Streben nach Ver- 
änderung überzugehen; sie würde leiden, ohne zum Wollen 
aufgeregt zu werden. Da dies nun nicht so ist, und damit 
es anders sein könne, nmß die Fähigkeit, Lust und Unlust 
zu fühlen, ursprünglich in der Seele liegen, und die Er- 
eignisse des Vorstellungslaufes, zurückwirkend auf die Natur 
der Seele, wecken sie zur Äußermig, ohne sie erst aus sich 
zu erzeugen ; welche Gefülile ferner das Gemüt beherrschen 
mögen, sie Ijringen nicht ein Streben hervor, sondern sie 
werden nur zu Beweggründen füi- ein vorhandenes Ver- 



- 15 — 

mögen des WoUens, das sie in der Seele vorfinden, ohne 
es ihr jemals geben zu können, wenn es ihr fehlte . . . 

„So würden nun diese drei Urvermögen sich als stufen- 
weise höhere Anlagen darstellen, und die Äußerung der 
einen die Tätigkeit der folgenden auslösend" 

Lotze führt seine Erläuterung und verteidigende Be- 
gründung der Kantschen Klassifikation noch weiter fort. 
Doch genügt die angezogene Stelle, um uns zu zeigen, daß 
er ihr Prinzip ebenso faßt wie Hamilton, und daß er auch 
in einer ganz ähnlichen Weise sowohl die Dreiheit der Ver- 
mögen, als auch ihi^e Ordnung feststellt. Beide tun eben 
nichts anderes, als daß sie den Gedanken Kants weiter 
ausführen. 

Indessen scheint das Prinzip, welches Kant bei seiner 
Grundeinteilung der psychischen Phänomene anwandte, und 
welches Hamilton sowohl als Lotze und mit ihnen viele 
andere sich eigen machten, zur Bestimmung der höchsten 
Klassen wenig geeignet; und dies nicht etwa, weil Hevbarts 
Meinung sich aufrecht erhalten ließe, sondern, ich möchte 
sagen, aus einem entgegengesetzten Grunde. 

Wenn zwei psychische Phänomene, schon deshalb, weil 
aus der Fähigkeit zu dem einen auf die Fähigkeit zu dem 
anderen nicht von vornherein geschlossen werden kann, 
verschiedenen Grundklassen zuzurechnen wären, so müßte 
man nicht bloß, wie Kant, Hamilton und Lotze wollen, das 
Vorstellen vom Fühlen und Begehren, sondern auch das 
Sehen vom Schmecken, ja das Rotsehen vom Blausehen 
als von einem Phänomene scheiden, das zu einer anderen 
höchsten Klasse gehörte. 

In betreff des Sehens und Schmeckens ist, was ich 
sagte, einleuchtend; gibt es ja zahlreiche Gattungen von 
niederen Tieren, die am Geschmacke, nicht aber am Ge- 
sichte teilhaben. Aber auch für Rotsehen und Blausehen 
gilt, wie gesagt, dasselbe; und ein handgreiflicher Beweis 
liegt in der Tatsache der Rotblindheit, dem sogenannten 
Daltonismus, vor. 

1 Mikrokosmus I, S. 193 ff. 



— 1(J — 

Diese Betrachtungen zeigen gewiß aufs deutlichste, daß 
die Fähigkeit für eine Farben Wahrnehmung nicht von vorn- 
herein auf die Fähigkeit für eine andere schließen läßt. 
Und in der Tat würden wir, auf das Sehen des Blauen 
und Gelben beschi'änkt, nie eine Ahnung vom Roten be- 
kommen. Auch J. St. Mill betrachtet darum die Er- 
schemung jeder einzelnen Farbe als eine letzte unableitbare 
Tatsache ^ 

Nun sieht aber jeder ein, daß es ungereimt wäre, die 
Vorstellungen von Rot und anderen einzelnen Farbenarten, 
als Phänomene, die auf verschiedenen ursprünglichen, nicht 
voneinander ableitbaren Vermögen beruhten, verschiedenen 
höchsten Klassen zuzuweisen. Und somit sehen wir uns zu 
dem Schlüsse genötigt, daß dieses Einteilungsprinzip flu- 
die Bestimmmig der höchsten Klassen der psychischen 
Phänomene in keiner Weise geeignet ist. Wäre dies aber 
der Fall, so wüi^den wir offenbar nicht Denken, Fühlen und 
Streben, sondern eine ungleich größere Zahl von höchsten 
Klassen der psychischen Phänomene zu imterscheiden 
haben. 

Es ist gewiß etwas Mißliches, zu behaupten, daß Kant 
und die bedeutenden Männer, welche nach ihm seine Drei- 
teilung vertraten, sich über das Prinzip, welches sie bei 
ihrer Klassifikation bestimmte, selbst nicht genügend 
Rechenschaft gegeben hätten. Und zudem finden wir, daß 
auch schon die Vorläufer Kants, Tetens und Mendelssohn, 
sich auf die Unableitbarkeit der Vermögen als Bürgschaft 
für ihre Grundemteilung beriefen. Dennoch läßt sich, wenn 
man das Mißverhältnis zwischen dem angeblichen Ein- 
teilungsgrunde und der Gliederung der Einteilung ins Auge 
faßt, die Annahme nicht umgehen, daß alle diese Denker, 
sich selbst mehr oder minder unbewußt, durch ganz andere 
Motive geleitet wurden. Und in ihren Äußerungen finden 
sich deutliche Spuren, die darauf hinweisen. 

Was Kant in Wahrheit bestimmte, die psychischen 

• Dedukt. und Indukt. Log. Buch III, Kap. 14 § 2. 



• 



— 17 — 

Tätigkeiten in seine drei Klassen zu scheiden, war, glaube 
ich, ihre Übereinstimmung oder Verschiedenheit unter einem 
ähnlichen Gesichtspunkte wie der, welcher Aristoteles bei 
seiner Unterscheidung von Denken imd Begehren maß 
gebend gewesen ist. Eine Stelle, welche wir oben seiner 
Abhandlung über die Philosophie überhaupt entlehnten 
setzt die Verschiedenheit zwischen Erkennen und Be 
g e h r e n deutlich in einen Unterschied der Beziehung aufs 
Objekt, während die Besonderheit des Fühlens darin 
gesucht wird , daß hier jede derartige Beziehung mangele, 
indem das psychische Phänomen bloß aufs Subjekt Bezug 
habe ^ Das also war die große Differenz, aus welcher sich 
die gegenseitige Unableitbarkeit allerdings als eine Folger- 
ung ergeben mochte, welche aber in sich selbst eine tiefer 
einschneidende Kluft als die UnmögUchkeit der Ableitung war ; 
eine Kluft, welche nicht ebenso in jenen anderen Fällen 
besteht, die zur Annahme besonderer ursprünglicher Ver- 
mögen nötigen. 

Dasselbe zeigt sich bei Hamilton. Fragen wir ilin, 
warum er Gefühle und Strebungen als Phänomene be- 
sonderer Urvermögen bezeichne, und es für unmöglich 
halte, daß sie aus dem einen Grundvermögen erklärbar 
seien: so gibt er in dem zweiten Bande seiner Vorlesungen 
über Metaphysik folgende Antwort. Darum, sagt er, tue 
er dies, weil das Bewußtsein uns in diesen Phänomenen, 
obwohl ihnen wegen der inneren Wahrnehmung allgemein 
eine Erkenntnis beigemischt sei, außer ihr gewisse Be- 
schaffenheiten (certain qualities) zeige, die weder explicite 
noch implicite in den Phänomenen der Erkenntnis selbst 
enthalten seien. „Die Eigentümlichkeiten, wodurch diese 
drei Klassen gegenseitig sich voneinander unterscheiden, 
sind folgende: Bei den Phänomenen der Erkenntnis unter- 
scheidet das Bewußtsein ein erkanntes Objekt von dem 
erkennenden Subjekt . . . Bei dem Gefühle, bei den Phäno- 
menen von Lust und Schmerz ist dies dagegen nicht der 

' S. 9 Anm. 3. 
Brentano, Klassifikation der psychischen rhänomene. 2 



— 18 — 

Fall. Das Bewußtsein stellt hier nicht den psychischen 
Zustand sich selbst gegenüber, sondern ist gleichsam mit 
ihm m eins verschmolzen. In dem Gefühle ist daher nichts, 
als was subjektivisch subjektiv (subjektively subjective) 
ist" — ein Ausspruch, dessen wir schon einmal Erwähnung 
getan haben. ..In den Phänomenen des Strebens, den 
Phänomenen der Begierde und des Willens, endlich findet 
sich zwar wie bei denen der Erkenntnis ein Objekt und 
zwar ein Objekt, das auch ein Objekt der Erkenntnis ist. 
Aber obwohl beide, Erkenntnis und Strebung, eine Relation 
zu einem Objekte in sich tragen, so sind sie doch unter- 
schieden durch die Verschiedenheit dieser Re- 
lation selbst. Bei der Erkenntnis besteht kein Bedürfnis; 
und das Objekt wird weder gesucht noch gemieden; wäh- 
rend bei der Strebung ein Mangel und eine Neigung voraus- 
gesetzt wird, welche zu dem Versuche führt, entweder das 
Objekt zu erreichen (im Falle nämlich die Erkenntnisfähig- 
keiten es so geartet darstellen, daß es den Genuß dessen, 
was man bedarf, zu gewähren verspricht) oder das Objekt 
abzuhalten, wenn diese Tätigkeiten es so angetan erscheinen 
lassen, daß es den Versuch jenem Bedürfnisse zu genügen 
zu vereiteln droht'." 

Diese SteUe aus Hamilton erscheint fast wie eine kom- 
mentierende Paraphi"ase der zuvor erwähnten Bemerkung 
Kants. Im wesentlichen übereinstimmend, spricht sie aur 
ausführlicher und klarer. Und offenbar ist nach ihr der 
Gesichtspunkt, von welchem aus Hamilton, wenn man auf 
den letzten Grund geht, die psychischen Phänomene in 
verschiedeue höchste Klassen zerlegt hat, wie bei Ai-istoteles 
jener der intentionalen Inexistenz. Bei einigen psychischen 
Phänomenen findet sich, wie Hamilton meint, gar keine 
intentionale Inexistenz eines Objektes und als solche gelten 
ihm die Gefühle. Aber auch diejenigen, bei welchen sich 
eine finde, sollen nach ihm hinsichtlich der Weise dieser 
Inexistenz einen fundamentalen Unter.schied zeigen mid so 
in Gedanken und Strebungen zerfallen. 

1 Lect. ou Metaph. II, p. 431. 



I 



— 19 — 

Was schließlich Lotze betrifft, so fehlt es auch bei 
ihm nicht an Zeichen, daß ein bedeutenderes Moment als 
die bloße Unableitbarkeit der Vermögen ihn die drei Klassen 
des Vorstellens, Fühlens und Strebens als die verschiedenen 
Grundklassen der Seelenerscheinungen betrachten ließ. Nur 
der Umstand, daß die Unmöglichkeit der Ableitung von der 
Herbartschen Schule geleugnet worden war, führt ihn dazu 
gerade diesen Punkt mit besonderem Nachdrucke zu be- 
tonen. Lotze verkennt so wenig, daß die nicht von einer 
anderen ableitbaren Fähigkeiten der Seele sich nicht auf 
eine Dreizahl beschränken : daß er vielmehi* ebenso wie wir 
die Anlagen zum Sehen und Hören als verschiedene ur- 
sprüngliche Anlagen betrachtet ; und gerade bei seiner Unter- 
suchung über die drei Grundklassen finden vnr diese Wahr- 
heit berührte Warum hat er nun die Vorstellungen von 
Tönen und Farben dennoch derselben Grundklasse zugeteilt, 
und ebenso andere Unterschiede, welche man, namentlich 
innerhalb des Bereiches der Gefühle, leicht als ähnlich 
unableitbar nachweisen kann, bei seiner Grundeinteilung^ 
nicht maßgebend werden lassen? Die Wahi*nehmung eines . 
ganz besonders tiefgehenden Unterschiedes, der, zwischen 
jenen drei Klassen vorhanden, nicht in gleicher Weise m 
anderen Fällen unmöglicher Ableitung gefmiden wird, muß 
hier bestimmend gewesen sein. Nach dem, was wir bei 
Kant und Hamilton gefunden, ist es aber von vornherein 
zu vermuten , daß eine Verschiedenheit der Seelentätig- 
keiten in Rücksicht auf die Beziehung zum Objekte, auch 
Lotze dazu führte, gerade diese drei Klassen als die am 
meisten verschiedenen und als die Grundklassen der psy- 
chischen Erscheinungen anzusehen. 

So bleibt denn nur noch zu untersuchen, ol) man wirk- 
lich gut getan habe, diesen Gesichtspunkt bei einer Haupt- 
einteilung der Seelentätigkeiten geltend zu machen ; so wie, 
ob die Dreiteilung in Denken, Fühlen, Streben mit den 
fundamentalen Unterschieden, welche die psychischen Phäno- 



1 Mikrokosmus I, 8. 198. 



— 20 — 

mene in dieser Beziebung zeigen, in Wahrheit koinzidrerc 
und sie erschöpfe. Wenn wir am Ende dieses Überblickes 
über die bisher versuchten Klassifikationen uns selbst über 
die Frage zu entscheiden haben, werden wir auch diesen 
Punkt behandeln. 

§ 5. Wie schon bemerkt, ist die eben besprochene 
Einteilung des Bewußtseins in Vorstellung, Gefühl und 
Willen in neuerer Zeit sehr allgemein geworden. Auch 
Her hart und seine Schule haben sie angenommen; und 
bei den Darstellungen der empirischen Psychologie pflegen 
die Herbartianer in derselben Weise wie andere sie der 
Ordnung des Stofi^es zugrunde zu legen. Das Unterscheidende 
bei ihnen ist nm* dies, daß sie die beiden letzten Klassen 
nicht auf besondere Urvermögen zurückführen, sondern aus 
der ersten ableiten wollen; ein, wie schon wiederholt be- 
merkt, offenbar vergebliches Bemühen. 

§ 6. Unter den Vertretern der empirischen Schule in 
England, die in einem gewissen Gegensatze zur Schule 
Hamiltons steht, hat Alexander B a i n ebenfalls seine Drei- 
teilung unter ähnlichen Namen aufgestellt. Er unter- 
scheidet: erstens Gedanken, Verstand oder Erkenntnis 
(Thought , Intellect or Cognition) ; zweitens Gefühl 
(Feelingj; und endhch drittens Streben oder Wollen 
(Volition or the Will). Auch hier scheint also dieselbe 
Grundeinteilung mis zu begegnen, und Bain selbst beruft 
sich auf diese Übereinstimmung als auf eine Bestätigung. 

Wenn man indessen auf die Erklärungen achtet, die 
Bain von den drei Gliedern seiner Klassifikation gibt, so 
zeigt sich, daß die Gleichheit der Ausdrücke eine große 
Verschiedenheit der Gedanken verdeckt. Unter der dritten 
Klasse, dem Streben oder Willen, versteht Bain etwas ganz 
anderes, als was die deutschen Psychologen so wie auch 
Hamilton mit dem Worte zu bezeichnen pflegen, nämlich 
das von psychischen Phänomenen ausgehende Wirken. So 
erklärt er im Anfang seines umfangreichen Werkes über 



— 21 — 

die Sinne und den Verstand, das Streben oder der Wille 
umfasse das Ganze unserer Aktivität, so weit sie 
von unseren Gefühlen geleitet werde ^- Und weiter unten 
erläutert er den Begriff also: „Alle Wesen", sagt er, „die 
wir als mit Bewußtsein begabt kennen, haben nicht bloß 
die Fähigkeit zu fühlen, sondern auch zu handeln (act). 
Die Anwendung einer Kraft zur Erreichung eines Zweckes 
ist das Zeichen einer psychischen Natur. Essen, Gehen, 
Fliegen, Bauen, Sprechen, — sind Betätigungen, die 
aus psychischen Bewegungen hervorgehen. Sie entspringen 
alle aus gewissen Gefühlen, die befriedigt werden sollen, 
und dieses gibt ihnen den Charakter eigentüm- 
licher psychischer Tätigkeiten. Wenn ein Tier 
seine Nahrung zerreißt, kaut und verschlingt, 
auf Beute Jagd macht oder vor einer Gefahr 
flieht, so sind es Empfindungen oder Gefühle, die seine 
Tätigkeit am-egen und erhalten. Dieser dem Gefühle 
entstammten Aktivität geben wir den Namen 
Streben (Volition)"2. 

Essen, Gehen, Sprechen und dergleichen würden wir 
nicht als Wollen, sondern nur etwa als Wirkungen eines 
Wollens bezeichnen. Kant allerdings spricht manchmal von 
dem Begehren, als verstehe er darunter ein Hervorbringen 
der begehrten Objekte. Er definiert in seiner Kritik der 
praktischen Vernunft das Begehrungsvermögen als „das 
Vermögen, durch seine Vorstellungen Ursache von der 
Wirklichkeit der Gegenstände dieser Vorstellungen zu 
sein" ^. Aber nimmermehr glaube ich, daß er sich dazu 
verstanden hätte, das Essen oder Gehen als ein Begehren 
zu bezeiclmen; sondern alles weist darauf hin, daß er nur 



^ The Senses and the Intellect p. '2. 

2 The Senses and the Intellect p. 4. Vgl. Mental and Moral 
Science p. 2. 

' Kritik der praktischen Vernunft, Vorrede. Vgl. Kritik der Urteils- 
kraft, Einleitung III. Anm. und die oben angezogene Stelle aus der Ab- 
handlung über die Philosophie überhaupt iS, 241 Anm. 1). 



— 22 — 

in ungeeigneter Weise seinen Gedanken erklärtet Anders 
ist es bei Bain. Seine oben betrachteten Aussprüche nötigen 
uns anzunehmen, daß er mit dem Namen ,,\Yillen" in Wahr- 
heit einen abweichenden Sinn verband, und auch das un- 
mittelbar Folgende bestätigt diese Auffassung, indem Bain 
den Unterschied von seinem Wollen gegenüber den Natur- 
kräften des Windes, Wassers, der Schwere, des Pulvers usf. 
und dann ebenso gegenüber unbewußten physiologischen 
Funktionen, vne z.B. dem Blutumlaufe, festzustellen sucht — 
was alles er offenbar nicht nötig hätte, wenn er nicht unter 
dem Wollen nicht sowohl ein innerliches, psychisches Phä- 
nomen als eine von psychischen Phänomenen ausgehende 
(physische) verstände. 

So stimmt Bains Einteilung der Seelenerschemungen 
der Sache nach mehr mit der Aristotelischen Zweiteilung 
in Denken und Begehren (an welches letztere unter Um- 
ständen eine ^willkürliche Bewegung sich knüpft) als mit 
der späteren Dreiteilung in Vorstellen, Fühlen und Be- 
gehren zusammen. Was w i r Begehren mid Wollen nennen, 
gehört bei Bain zu dem Gefühl. Und es erschemt Gefühl 
und Begehren bei ihm wiederum zu einer Klasse ver- 
bunden. Außerdem hat er das Gebiet der Gefühle auch 
nach einer anderen Seite erweitert, indem er die Sinnes- 
empfindungen, welche nach den meisten Neueren und auch 
nach Aristoteles der ersten Klasse zuzurechnen wären, mit 
in ihr Bereich zieht. 

Außer cheser Einteilung gibt Bam noch eine andere, 
die sich mit der vorerwähnten kreuzt. Er scheidet die 
psychischen Phänomene in primitive und in solche, welche 
sich aus diesen in weiterer Entwicklung ergeben. Zu den 
ersteren rechnet er die Empfindungen, die aus den Be- 
dürfnissen des Organismus hervorgehenden Begierden und 
die Instinkte, worunter er die Bewegungen versteht, die 



^ Er würde sonst nicht jeden Wunsch und jede Sehnsucht zum 
Begehren rechnen (was Bain nicht tut), noch auch die Freiheit in das 
Begehrungsvermögen verlegen. 



— 23 — 

man, ohne sie erlernt oder sich angeübt zu haben, ausführt. 
Diese Zweiteihmg hat er in den späteren Ausgaben seines 
großen psychologischen Werkes, so wie in seinem Kom- 
pendium vor allen anderen bei der Anordnung des Stoffes 
zugrunde gelegt. Die Anregung zu ihr scheint Bain durch 
Herbert Spencer erhalten zu haben, bei welchem sich 
eine ähnliche Scheidung in primitive und entwickeltere 
psychische Phänomene erkennen läßt, wie überhaupt die 
Idee der Evolution in seinen „Prinzipien der Psychologie" 
jede andere beherrscht. Die entwickelteren Seelentätig- 
keiten scheidet Spencer in kognitive (Gedächtnis, Vernunft) 
und affektive (Gefühl, Willen) und denkt die Anfänge der 
einen wie der anderen Klasse in den primitiven Erschei- 
nungen vorhanden, so daß man vielleicht sagen könnte, er 
lasse mit der ersten eine zweite Einteilung sich kreuzen, 
welche in ihrer Gliederung an die Aristotelische Scheidung 
von voüs und opsci? erinnert \ 

§ 7. Hiermit können wir unsere Übersicht über die 
vorzüglichsten Klassifikations versuche abschließen. Achten 
wir auf die Prinzipien, welche wir bei ihnen angewandt 
fanden, so erkennen wir, daß sie von vier verschiedenen 
Gesichtspunkten aus gemacht wurden. Drei davon waren 
uns schon bei Aristoteles begegnet. Er hatte die psychi- 
«chen Tätigkeiten geschieden: einmal, insofern er sie teils- 
an dem Leibe haftend, teils nicht an ihn gebunden glaubte ; 
dann, insofern er sie teils dem Menschen mit den Tieren 
gemein, teils ihm ausschließlich eigentümlich dachte, und 
endlich nach dem Unterschiede der Weise der intentio- 
nalen Inexistenz oder, wie wir sagen könnten, nach dem 
Unterschiede der Weise des Bewußtseins. Das letzte Ein- 
teilungsprinzip sehen wir besonders häufig und zu allen 
Zeiten angewandt. Hierzu konnnt dann noch das Prinzip 



' Vgl. Ribot, Psychologie Anglaise Contemporainc , Pai-is 1870 
(p. 191), eiue Schrift, in welcher insbesondere über Herbert Spencers 
psychologische Ansichten ein sehr hübscher Überblick gegeben wird. 



— 24 — 

der zweiten Einteilung von Bain, welche die psychischen 
Erscheinungen in primitive und in solche zerlegt, w^elche 
sich aus primitiven entwickeln. 

Wir werden nun in den folgenden Untersuchungen 
sowohl hinsichtlich des Prmzipes als hinsichtlich der Glieder- 
ung der Grundeinteilung unsererseits eine Entscheidung 
zu treffen haben. 



— 25 - 



Zweites Kapitel. 

Einteilung der Seelentätigkeiten in Vor- 
stellungen, Urteile und Phänomene 
der Liebe und des Hasses. 

§ 1. An welche Grundsätze haben wir uns bei der 
Grundeinteilung der psychischen Phänomene zu halten? — 
Offenbar an diejenigen, welche auch anderwärts bei der 
Klassifikation in Betracht kommen und von deren An- 
wendung uns die Naturwissenschaft mehr als ein aus- 
gezeichnetes Beispiel bietet. 

Eine wissenschaftliche Klassifikation soll von der Art 
sein, daß sie in einer der Forschung dienlichen Weise die 
Gegenstände ordnet. Zu diesem Zwecke muß sie natürlich 
sein; d. h. sie muß das zu einer Klasse vereinigen, was 
seiner Natur nach enger zusammengehört, und sie muß das 
in verschiedene Klassen trennen, was seiner Natur nach 
sich relativ fern steht. Daher wird sie erst bei einem ge- 
wissen Maße von Kenntnis der Objekte möglich; und es 
ist die Grundregel der Klassifikation, daß sie aus dem 
Studium der zu klassifizierenden Gegenstände, nicht aber 
aus apriorischer Konstruktion hervorgehen soll. Krug fiel 
in diesen Fehler, wenn er von vornherein argumentierte, 
daß die Seelentätigkeiten von zweifacher Gattung sem 
müßten : solche, die von außen nach innen, und solche, die 
von innen nach außen gerichtet seien. Und auch Hör wie z 
verstieß gegen das Prinzip, wenn er, wie wir früher sahen V 
statt durch ein genaueres Studium der Seelenerscheinungen 



1 Buch I, Kap. 3, ^ 5 m. Psych, v. emp. St. 



— 26 — 

selbst eine Sicherung oder Berichtigung der üblichen Grund- 
einteilung anzustreben, auf dem Grunde physiologischer Be- 
trachtungen, die ihm den Gegensatz von Empfindungs- und 
Bewegungsnerven zeigten, zur Annahme eines ähnlichen, 
das ganze Seelengebiet durchdringenden Gegensatzes von 
Denken und Begehren sich verstieg Allerdings begreift es 
sich bei dem zurückgel)liebenen Zustande der Psychologie 
sehr wohl, daß man gerne auf andere Untersuchungen als 
die der psychischen Phänomene gestützt eine entsprechende 
Klassifikation gewinnen möchte. Allein wenn der natur- 
gemäße Weg noch wenig gangbar ist, so knüpft sich doch 
an keinen anderen eine Hoffnmig dem Ziele näher zu 
kommen. Derjenige aber, welcher die bis jetzt erlangten 
Kenntnisse der psychischen Erscheinungen maßgebend 
werden läßt, wird selbst dann, wenn es ihm heute noch 
unmöglich wäre, eine endgültig beste Grundeinteilung fest- 
zustellen, eine solche wenigstens vorbereiten, indem wie 
anderwärts auch hier Klassifikation und Kenntnis der Eigen- 
tümhchkeiten und Gesetze sich in der weiteren Entwickelung 
der Wissenschaft dann gegenseitig vervollkommnen werden. 

§ 2. Die in dem vorigen Kapitel betrachteten Ein- 
teilungsversuche sind sämtlich insoweit zu billigen, als sie 
aus dem Studium der psychischen Phänomene selbst her- 
vorgegangen sind. Auch waren ihre Urheber darauf be- 
dacht, daß die Gliederung naturgemäß sei, indem sie die 
Unabhängigkeit der einen Erscheinungen von den anderen 
oder eine tiefgreifende Unähnlichkeit maßgebend werden 
ließen. Freilich ist damit nicht gesagt, daß nicht vielleicht 
die Unvollkommenheit ihrer Kenntnis des psychologischen 
Gebietes sie l^ei diesem Streben mißleitet habe. Und jeden- 
falls sind einige von den Einteilungsversuchen nicht in 
gleichem Maße wie andere verwertbar; sowohl weil ihi-e 
Grundlage noch strittig ist, als auch weil die Vorteile, 
welche sie der Forschung zu gewähren versprechen, infolge 
besonderer Hindernisse verloren gehen. 

Machen wir dies im einzelnen klar. 



- • 27 - 

Aristoteles schied die psychischen Phänomene in solche^ 
welche dem Menschen mit den Tieren gemein, und solche, 
welche ihm eigentümlich seien. Stellen wir uns auf den 
Standpunkt der Aristotelischen Lehre, so wird diese Ein- 
teilung in vieler Hinsicht vorzüglich scheinen. Denn Aristo- 
teles glaubte gewisse Seelen vermögen dem Menschen aus- 
schließlich eigen, und hielt diese für immateriell, die all- 
gemein animalischen dagegen für Vermögen eines körper- 
lichen Organes. Es sondert also, wenn wir die Richtigkeit 
seiner Anschauungen voraussetzen, jene Einteilung in dem 
ersten Gliede Erscheinungen für sich ab, welche auch in 
der Natur von den anderen isoliert auftreten ; und der Um- 
stand, daß die einen Funktionen eines Organs sind, die 
anderen nicht, läßt erwarten, daß jede der beiden Klassen 
wichtige gemeinsame Eigentümlichkeiten und Gesetze zeigen 
werde. Aber die Aristotelischen Ansichten, auf Grund deren 
die Einteilung sich empfehlen würde, enthalten gar manches^ 
was bestritten werden kann. Viele stellen in Abrede, daß 
dem Menschen iui Gegensatze zum Tiere geistige Kräfte 
eigen seien; ja überhaupt ist man schon darüber nicht 
einig, welche psychischen Erscheinungen dem Menschen 
mit dem Tiere gemein seien und welche nicht. Während 
Descartes den Tieren alle psychische Tätigkeit abspricht, 
lassen andere und nicht unbedeutende Forscher die höheren 
Tierklassen an allen Arten unserer einfacheren psychischen 
Phänomene Teil haben. Nur graduell glauben sie ihre 
Tätigkeiten von den unsrigen verschieden und sind der 
Meinung, daß der gesamte Unterschied ihrer Leistungen 
sich genugsam daraus erklären lasse. Wenn insbesondere 
Aristoteles der Ansicht ist, daß den Tieren das Vermögen 
für allgemeine, abstrakte Begriffe fehle, so stimmt zwar 
Locke ihm bei, aber von anderen und entgegengesetzten 
Seiten streitet man dagegen, daß hierin eine fundamentale 
Verschiedenheit zwischen der psychischen Begabung von 
Mensch und Tier zu finden sei: die einen wollen all- 
gemeine Begriffe mit Bestimmtheit auch bei Tieren nach- 
gewiesen haben; die anderen, Berkeley an der Spitze, 



— 28 — 

leugnen, daß sie auch nur dem Menschen in Wirklichkeil 
zukommen. 

Die Ansicht von Descartes, wenn auch manche im Hin- 
blick auf die Reflexerscheinungen sich neuerdings ihr zu- 
neigen, wird uns wohl weniger beirren : für die entgegen- 
gesetzte treten aber auch jetzt noch angesehene Denker 
von sonst verschiedenen Richtungen ein ; und insbesondere 
sind die Berkeleyaner in England zahlreich geworden und 
fangen auch auf dem Kontinent sich auszubreiten an. Fände 
sich nun wirklich zwischen der psychischen Begabmig von 
Menschen und Tieren kein, wie man sich ausdrückt, quali- 
tativer Unterschied: so würde offenbar die Einteilmig der 
psychischen Phänomene in allgemein animalische und eigen- 
tümlich menschliche viel von ihrer Bedeutung verlieren. 
Und jedenfalls erlaubt es uns schon der Streit der An- 
sichten und die Schwierigkeit ihn zu entscheiden nicht, 
diese Einteilung bei der Anordnung unseres Stoffes als 
Grundeinteilung zu benützen. 

Zudem wird der vorzüglichste Vorteil, welchen die 
Klassifikation im besten Falle der Forschung bieten könnte, 
nämlich das isolierte Studium eines Teiles unserer psychi- 
schen Phänomene, dadm-ch wesentlich beeinträchtigt, daß 
wir in das psychische Leben der Tiere nur indirekt einen 
Einblick besitzen. Und dieser Umstand sowohl als auch 
der Wunsch keine unerwiesenen Voraussetzungen zu machen, 
hat selbst Aristoteles abgehalten, sie bei der systematisch 
geordneten Darlegung seiner Seelenlehi-e als Grundeinteüung 
zu verwenden. 

Bain, wie wir hörten, hat die Seelenerscheinungen in 
elementare und in solche geschieden, welche aus diesen in 
weiterer Entwickelung sich ergeben. Auch hier umfaßt die 
erste Klasse Erscheinungen, welche in der Natur von den 
anderen unabhängig auftreten. Aber auch hier gilt älin- 
liches wie das, was wir eben bemerkten, daß sie nämlich 
da, wo sie unabhängig auftreten, nicht direkt von uns zu 
beobachten sind. Auch hat es keine geringen Schwierig- 
keiten, sich über den Charakter der ersten Anfänge des 



— 29 — 

Seelenlebens ein sicheres Urteil zu bilden. Wenn in späteren 
Jahren ein physischer Reiz eine Empfindung hervorruft, so 
können erworbene Dispositionen einen mächtig umgestalten- 
den Einfluß auf die Erscheinung üben. Und so finden wir 
tatsächlich, daß dieses Feld heutzutage ein vorzügliches 
Gebiet des Streites ist. Wie wir daher auch immer den 
Bainschen Gesichtspunkt bei der Anordnung unserer Unter- 
suchungen zu berücksichtigen haben werden, für die Grund- 
einteilung werden wir besser tun emen anderen Maßstab 
zu wählen. 

Es bleiben von den betrachteten Klassifikationen noch 
diejenigen übrig, welche die verschiedene Beziehung zum 
immanenten Gegenstande der psychischen Tätigkeit oder 
die verschiedene Weise seiner intentionalen Existenz zum 
Einteilungsgrunde haben. Dieser Gesichtspunkt war es, den 
Aristoteles bei der Anordnung des Stoffes vor allen übrigen 
bevorzugte, und den häufiger als irgendeinen anderen auch 
die verschiedensten Denker späterer Zeit, mehr oder minder 
bewußt, bei der Grundeinteilung der psychischen Phäno- 
mene einnahmen. Die psychischen Phänomene unterscheiden 
sich von allen physischen durch nichts so sehr als dadurch, 
daß ihnen etwas gegenständlich inwohnt. Und darum ist 
es sehr begreiflich, wenn die am tiefsten greifenden Unter- 
schiede in der Weise, in welcher ihnen etwas gegenständ- 
lich ist, zwischen ihnen selbst wieder die vorzüglichsten 
Klassenunterschiede bilden. Je mehr die Psychologie sich 
entwickelte, um so mehr hat sie auch gefunden, daß an die 
fundamentalen Unterschiede in der Weise der Beziehung 
zum Objekt sich mehr als an irgendwelche andere gemein- 
same Eigentümlichkeiten und Gesetze knüpfen. Und wenn 
die zuvor besprochenen Klassifikationen dem Bedenken 
unterlagen, daß ihr Nutzen großenteils durch die Stellung 
des Beobachters verloren geht, so ist dagegen diese frei 
von einer solchen Beeinträchtigung ihres Wertes. Somit 
werden wir durch die mannigfachsten Erwägungen dazu 
geführt, das gleiche Prinzip auch bei unserer Grund- 
einteilung zu benützen. 



— 30 — 

§ 3. Aber wie viele und welche höchste Klassen werden 
wir zu unterscheiden haben? — Wir s?hen, daß in dieser 
Hinsicht zwischen den Psychologen keine Einigkeit besteht. 
Aristoteles hat zwei verschiedene Grundklassen unter- 
schieden, Denken und Begehren. Unter den Modernen 
aber ist eine Dreiteilung in Vorstellung, Gefühl und Streben 
(oder wie man sonst die drei Gattungen zu benennen liebt) 
anstatt jener Zweiteilung üblich geworden. 

Um sogleich unsere Ansicht auszuprechen , so halten 
auch wir dafür, daß hinsichtlich der verschiedenen Weise 
ihrer Beziehung zum Inhalte drei Hauptklassen von Seelen- 
tätigkeiten zu unterscheiden sind. Aber diese drei Gattungen 
sind nicht dieselben wie die, welche man gemeiniglich auf- 
stellt, und wir bezeichnen in Ermangelung passenderer Aus- 
drücke die erste mit dem Namen Vorstellung, die zweite 
mit dem Namen Urteil, die dritte mit dem Namen Ge- 
mütsbewegung, Interesse oder Liebe. 

Keine dieser Benennungen ist von der Art, daß sie 
nicht mißverständlich wäre; vielmehr wird jede häufig in 
einem engeren Sinne angewandt. Aber unser Wortvorrat 
bietet uns keine einheitlichen Ausdrücke, welche sich besser 
mit den Begriffen decken. Und obwohl es etwas Mißliches 
hat, Ausdrücke von schwankender Bedeutung als Termini 
bei so wichtigen Bestimmungen zu benützen, und mehr 
noch, sie in einem vielleicht ungewöhnlich erweiterten Sinne 
anzuwenden: so scheint mir dies in unserem Falle doch 
besser als die Einführung völlig neuer und unbekannter 
Benennungen. 

Darüber, was wir Vorstellen nennen, haben wir uns 
auch früher schon erklärt. Wir reden von einem Vorstellen, 
wo immer uns etwas erscheint. Wenn wir etwas sehen, 
stellen wir uns eine Farbe, wenn wir etwas hören, einen 
Schall, wenn wir etwas phantasieren, ein Phantasiegebilde 
vor. Vermöge der Allgemeinheit, in der wir das Wort ge- 
brauchen , konnten wir sagen , es sei unmöglich , daß die 
Seelentätigkeit in irgendeiner Weise sich auf etwas beziehe, 



— 31 — 

was nicht vorgestellt werde ^ Höre und verstehe ich einen 
Namen, so stelle ich mir das, was er bezeichnet, vor; und 
im allgemeinen ist dieses der Zweck der Namen, Vor- 
stellungen hervorzurufen ^. 

Unter dem Urteilen verstehen wir, in Überein- 
stimmung mit dem gewöhnlichen philosophischen Gebrauche, 
ein (als wahr) Annehmen oder (als falsch) Verwerfen. Daß 
aber ein solches Annehmen oder Verwerfen auch da vor- 
kommt, wo Viele den Ausdruck Urteil nicht gebrauchen, 
wie z. B. bei der W^ahrnehmung psychischer Akte und bei 
der Erinnerung, haben wir schon berührt. Und natürlich 
werden wir uns nicht abhalten lassen, auch diese Fälle der 
Klasse des Urteils unterzuordnen. 

Für die dritte Hauptklasse, deren Phänomene wir als 
Gemütsbewegungen, als Phänomene des Interesses 
oder als Phänomene der Liebe bezeichneten, fehlt am 
meisten ein recht geeigneter einheitlicher Ausdruck. Diese 
Klasse soll nach uns alle psychischen Erscheinungen be- 
greifen, die nicht in den beiden ersten Klassen enthalten 
sind. Aber unter den Gemütsbewegungen begreift man 
gemeiniglich nur Affekte, die mit einer merklichen physi- 
schen Aufregung verbunden sind. Zorn, Angst, heftige Be- 
gierde wird jeder als Gemütsbewegungen bezeichnen; in 
der Allgemeinheit, in der wir das Wort gebrauchen, soll 
es dagegen auch auf jeden Wunsch, jeden Entschluß mid 
jede Absicht in gleicher Weise Anwendung finden. Doch 
bediente sich Kant wenigstens des Wortes Gemüt in noch 



1 Buch II, Kap. 1, § 3 m. Psych. \-. cmp. St. 

2 Viel euger fassen Meyer (Kants Psychologie), Bergmauu [Vom 
Bewußtsein), Wundt (Physiologische Psychologie) u. a. den Begriff der 
Vorstellung, während z. B. Herbart und Lotze den Namen ähnlich wie 
wir gebrauchen. Es gilt hier, was wir früher in betreff des Namens 
Bewußtsein bemerkten (Buch II, Kap. 2, § 1). Man wird am besten tun, 
den Namen so zu gebrauchen, daß er am meisten eine Lücke in der 
Tei-miuologie auszufüllen dient. Nun besitzen wir für jene spezielleren 
Klassen auch andere Ausdrücke, Avährend für unsere erste Grundklasse 
kein anderer uns gegeben ist. Somit scheint die Verwendung in diesem 
allgemeinsten Sinne geboten. 



— 32 — 

weiterem Sinne als wir, indem er jedes psychische Ver- 
mögen, sogar das der Erkenntnis, als ein Vermögen des 
Gemütes bezeichnete. 

Auch den Ausdruck Interesse pflegt man vorzugsweise 
nur für gewisse Akte, die zu dem hier umschriebenen Ge- 
biete gehören, zu gebrauchen; namentlich in Fällen, wo 
Wißbegier oder Neugier erregt wird. Doch kann man wohl 
nicht leugnen, daß jede Lust oder Unlust an etwas, sich 
nicht ganz unpassend als Interesse bezeichnen läßt, und 
daß auch jeder Wunsch, jede Hoffnung, jeder Willens- 
entschluß ein Akt des Interesses ist, welches an etwas ge- 
nommen wird. 

Statt mit dem einfachen Namen Liebe, hätte ich die 
Klasse streng genommen als Lieben oder Hassen bezeichnen 
müssen ; und nur weil man auch anderwärts, wie z. B. wenn 
man das Urteilen als ein Fürwahrhalten bezeichnet, oder 
von Phänomenen des Begehrens in weiterem Sinne redet ^, 
den Gegensatz mit eingeschlossen denkt, habe ich der 
Kürze halber den einen Namen für sich allein das Nanien- 
paar vertreten lassen. Aber auch abgesehen davon wird 
vielleicht mancher mir vorwerfen, daß ich den Namen zu 
weit gebrauche. Und es ist sicher, daß er nicht in jedem 
Sinne das ganze Gebiet umspannt. In einem anderen Sinne 
sagt man nämlich, daß man einen Freund, in einem anderen, 
daß man den Wein liebe; jenen liebe ich, indem ich ihm 
Gutes wünsche, diesen, indem ich ihn selbst als etwas 
Gutes begehre und mit Lust genieße. In einem Sinne wie 
dem, welchen das Wort in dem zweiten Falle hat, glaube 
ich nun, daß in jedem Akte, der zu dieser dritten Klasse 
gehört, etwas geliebt, genauer gesprochen etwas geliebt 
oder gehaßt wii-d. Wie jedes Urteil einen Gegenstand für 
wahr oder falsch nimmt, so ninrnit in analoger Weise jedes 
Phänomen, welches der dritten Klasse zugehört, einen 



' Wie Kant, wenn er das eine seiner drei Grundvermögen Be- 
gehrungs\emiögen nennt, und Aristoteles, indem er ö'p£;i; als Namen 
einer Grundklasse verwendet. 



— 33 — 

Gegenstand für gut oder schlecht. Spätere Erörterungen 
werden dies näher erklären und hoffentlich vollkommen 
außer Zweifel setzen. 

§ 4. Vergleichen wir unsere Dreiteilung mit derjenigen, 
welche seit Kant in der Psychologie vorherrscht, so finden 
wir, daß sie in einer doppelten Hinsicht von ihr abweicht. 
Sie trennt in zwei Grundklassen die Phänomene, die bisher 
in der ersten Klasse vereinigt wurden; und sie faßt die 
Phänomene der beiden letzten Klassen in einem Gliede 
zusammen. In jeder dieser Beziehungen w^erden wir uns 
zu rechtfertigen haben. 

Wie aber soll uns eine solche Rechtfertigung gelingen ? 
Werden wir etwas anderes tun können, als auf die innere 
Erfahrung verweisen, welche lehre, daß die Beziehung des 
Bewußtseins zum Objekte in den einen Fällen eine durch- 
aus gleiche oder eine ähnliche, in den anderen dagegen 
eine grundverschiedene sei? — Es scheint, als ob kein 
anderes Mittel uns zu Gebote stehe. Die innere Erfahrung 
ist offenbar die Schiedsrichterin, die in dem Streite über 
Gleichheit oder Verschiedenheit der intentionalen Beziehung 
allein zum Urteile berechtigt ist. — Aber auf seine innere 
Erfahrung beruft sich auch jeder von unseren Gegnern. 
Und wessen Erfahrung wdrd hier den Vorzug verdienen? 

Doch die Schwierigkeit ist keine andere als in vielen 
anderen Fällen. Auch sonst geschieht es, daß man bei der 
Beobachtung Fehler macht: sei es, daß man etwas über- 
sieht; sei es, daß man etwas, was man erschließt oder sonst 
wie denkend hinzubringt, mit dem Beobachteten vermengt 
oder verwechselt. Wird man aber von anderen aufmerksam 
gemacht, so erkennt man, namentlich bei erneuerter Be- 
obachtung, den begangenen Fehler. Dies also werden wir 
auch hier tun müssen, in der Hoffnung, eine Änderung ab- 
weichender Überzeugungen und eine allgemeine Überein- 
stimmung in dieser wichtigen Frage zu erzielen. 

Indeß, wenn angestammte und tief eingewurzelte Vor- 
urteile dem Fehler der Beobachtung zur Seite stehen, so 
lehrt die Erfahrung und erklärt die Psychologie, daß die 

Brentano, Klassifikation der psychisclien Phiiuomene. 3 



— 34 — 

Erkenntnis des Irrtums nicht wenig erschwert ist. Es ge- 
nügen dann nicht ein bloßer Widerspruch gegen die her- 
gebrachte Meinung und eine Aufforderung zu neuer Be- 
trachtung; auch nicht ein Hinweis auf die Punkte, in 
welchen die Fehler der Beobachtung liegen, die man be- 
richtigen will, und eine Entgegenstellung des wahren Tat- 
bestandes: vielmehr wird es nötig sein, die Aufmerksamkeit 
zugleich auf solche Eigentümlichkeiten zu lenken, die damir 
in Zusammenhang stehen, und namentlich auch auf solches. 
was gemeinsam anerkannt, aber im Widerspruche mit der 
angeblichen Beobachtung ist. Endlich muß man suchen, 
nicht allein die Täuschung, sondern auch den Grund der 
Täuschung aufzudecken. 

Wenn irgendwo, so ist alles dieses auch in unserem 
Falle geboten; und wir werden auf solche Weise im 
nächsten Kapitel unsere Trennung von Vorstellung imd 
Urteil, und in dem darauf folgenden unsere Zusammen- 
fassung von Gefühl und Streben sorgfältig zu rechtfertigen 
uns bemühen. 



35 



Drittes Kapitel. 

Vorstellung und Urteil zAvei verschiedene 
Grnndklassen. 

§ 1. Weiin wir sagen, Vorstellimg und Urteil seien 
verschiedene Grundklassen psychischer Phänomene, so 
meinen wir damit nach dem zuvor Bemerkten, sie seien 
zwei gänzlich verschiedene Weisen des Bewußtseins von 
einem Gegenstande. Dabei leugnen wir nicht, daß alles 
Urteilen ein Vorstellen zur Voraussetzung habe. Wü- be- 
haupten vielmehr, daß jeder Gegenstand, der beurteilt 
werde, in einer doppelten Weise im BewTißtsein auf- 
genommen sei, als vorgestellt und als anerkannt oder ge- 
leugnet. So wäre denn das Verhältnis ähnlich dem, welches 
mit Recht, wie wir sahen, von der großen Melu-zahl der 
Philosophen, und von Kant nicht minder als von Aristoteles, 
zwischen Vorstellen und Begehren angenonmien wird. 
Nichts wird begehrt, was nicht vorgestellt wird ; aber doch 
ist das Begehren eine zweite, ganz neue und eigentümliche 
Weise der Beziehung zmn Objekte, eine zweite, ganz neue 
Art von Aufnahme desselben ins Bewußtsein. Nichts wird 
auch bem-teilt, was nicht vorgestellt wird; aber wir be- 
haupten, daß, indem der Gegenstand einer Vorstellung 
Gegenstand eines anerkennenden oder verwerfenden Urteils 
werde, das Bewußtsein in eine völlig neue Art von Be- 
ziehung zu ihm trete. Er ist dann doppelt im Bewußtsein 
aufgenommen, als vorgestellt und als füi' wahr gehalten oder 
geleugnet, wie er, wenn die Begierde auf ihn sich richtet, 
als vorgestellt zugleich und als liegehrt ihm innewohnt. 

Das, sagen wir, ist, was die innere Wahrnehmung und 

3* 



— 36 — 

die aufmerksame Betrachtung der Erscheinungen des Ur- 
teilens im Gedächtnisse klar erkennen lassen. 

§ 2. Freilich hat dies nicht verhindert, daß das wählte 
Verhältnis zwischen Vorstellen und Urteilen bis jetzt all- 
gemein verkannt wurde, und ich muß deshalb darauf 
rechnen, daß ich, wenn ich auch nichts anderes sage, als 
was das Zeugnis der inneren Wahrnehmung unmittelbar 
Ijestätigt, mit meiner Aufstellung zunächst dem größten 
Mißtrauen begegne. 

Aber wenn man nicht annehmen will, daß im urteilen 
zum bloßen Vorstellen eine zweite, grundverschiedene Weise 
der Beziehung des Bewußtseins zum Gegenstand hinzutrete, 
so leugnet man doch nicht und kann nicht leugnen, daß 
irgend ein Unterschied zwdschen dem einen und anderen Zu- 
stande bestehe. Vielleicht wird eine nähere Erwägung 
darüber, worin die Verschiedenheit des Urteilens, wenn sie 
nicht in unserer Weise aufgefaßt wird, eigentlich liegen 
möge, zur Annahme unserer Behauptung geneigter machen, 
indem sie zeigt, daß keine einigermaßen haltbare Antwort 
gegeben werden kann. 

Käme im Urteilen nicht eine zweite und eigentümliche 
Weise der Beziehung zum Vorstellen hinzu; wäre also die 
Weise, wie der Gegenstand des Urteils im Bewußtsein ist, 
wesentlich dieselbe wie die, welche Gegenständen, insofern 
sie vorgestellt werden, zukommt : so kömite ihr Unterschied 
wohl nur gefunden werden entweder in einem Unterschiede 
des Inhalts, d. h. in einem Unterschiede zwischen den 
Gegenständen , auf welche sich Vorstellung und Urteil be- 
ziehen, oder in einem Unterschiede der Vollkonmienheit, 
mit welcher derselbe Inhalt^ beim bloßen Vorstellen und 



1 Die Weise, in welcher ich hier den Namen „Inhalt" gebrauche, 
und welche ich, meiner Absicht getreuer Reproduktion entsprechend, auch 
in dieser Ausgabe beibehalte, ist kaum empfehlenswert. Sie entfernt 
sich von dem, was gemeinüblich ist. Denn niemand dürfte von dem 
Urteil „Gott ist" sagen, daß es mit dem Urteil „Grott ist nicht" denselben 
Inhalt habe, weil es mit ihm dasselbe Objekt hat. In den Bemerkungen, 



— 37 — 

beim Urteilen von uns gedacht wird. Denn zwischen dem 
Denken, welches wir Vorstellen, und demjenigen, welches 
wir Urteilen nennen, besteht ja doch ein innerer Unter- 
schied. 

A. Bain allerdings hatte den unglücklichen Gedanken, 
den Unterschied zwischen Vorstellen und Urteilen nicht in 
diesen Denktätigkeiten selbst, sondern in den daran ge- 
knüpften Folgen zu suchen. Weil wir dann, wann wir 
etwas nicht bloß vorstellen, sondern auch für wahr halten, 
in besonderer Weise bei unserem Wollen und Handeln es 
maßgebend werden lassen, so meinte er, der Unterschied 
des Fürwahrhaltens von dem bloßen Vorstellen bestehe in 
nichts anderem als in diesem Einflüsse auf den Willen. Das 
Vorstellen, welches einen solchen Einfluß übe, sei dadurch, 
daß es ihn übe, ein Glauben (belief). Ich nannte diese 
Theorie eine unglückliche. Und in der Tat, woher kommt 
es denn, daß das eine Vorstellen des Gegenstandes jenen 
Einfluß auf das Handeln hat, das andere aber ihn nicht 
hat? — Das bloße Aufwerfen der Frage genügt, um das 
Versehen, dessen Bain sich schuldig machte, deutlich zu 
zeigen. Die besonderen Folgen wüi-den nicht sein, wemi 
nicht ein besonderer Grund dafih- in der Beschaffenheit des 
Denkens gegeben wäre. Weit entfernt, daß der Unter- 
schied in den Folgen die Annahme einer inneren Ver- 
schiedenheit zwischen der bloßen Vorstellung und dem 
Urteil entbehrlich machte, weist er vielmehr nachdrücklich 
auf eine solche innere Verschiedenheit hin. Von John 
Stuart Mill bekämpft^, hat darum Bain selbst die von ihm 
in seinem großen Werke über die Gemütsbewegungen und 
den Willen 2, so wie in den ersten Ausgaben seines Kom- 
pendiums der Psychologie vertretene Behauptung in einer 

die ick dieser Ausgabe als Anhang beifüge, habe ich selbst das Wort 
„Inhalt" nicht in diesem, hier ihm gegebenen ungewöhnlichen Sinne 
genommen, sondern mich an den gemeinüblicheu g'^halteu. 

' In einer Note zur Analysis of the Phenomena of the Human 
Mind von James Mill, 2, edit., I, p. 402. 

- The Emotions and the Will. 



— 38 — 

Schlnßlienierkung zu dessen dritter Auflage als irrig an- 
erkannt und zurückgenommen ^ 

In einen ähnlichen Fehler ist der ältere MilP und in 
neuester Zeit wieder Herbert Spencer^ gefallen. Diese j 
beiden Philosophen sind der Meinung, das Vorstellen einer ] 
Vereinigmig von zwei Merkmalen sei dann mit Glauben 1 
(belief) verbunden, wenn sich in dem Bewußtsein zwischen 
den beiden Merkmalen eine untrennbare Assoziation ge- 
gebildet habe, d. h. wenn die Gewohnheit zwei Merk- 
male verbunden vorzustellen so stark geworden sei, daß 
die Vorstellung des einen Merkmals unausbleiblich und ' 
unwiderstehlich auch das andere ins Bewußtsem rufe imd 
mit ihm verknüpfe. In nichts anderem als in einer solchen 
untrennbaren Assoziation, lehren sie, bestehe das Glauben. 
Wir wollen hier nicht untersuchen, ob wirklich in jedem 
Falle, in welchem eine gewisse Verbindung von Merkmalen 
für wahr gehalten wird , eine untrennbare Assoziation 
zwischen ihnen bestehe, und ob wirklich in jedem Falle, in 
welchem eine solche Assoziation sich gebildet hat, die Ver- 
bindung für wahr gehalten werde. Angenommen vielmehr, 
beides sei richtig, so ist es doch leicht erkennbar, daß diese 
Bestimmung des Unterschiedes zwischen Urteil und Vor- 
stellung nicht genügen kann , da , wemi der angegebene 
Unterschied allein zwischen dem Urteil und der betreffen- 
den Vorstellung bestände, beide in sich selbst betrachtet 
ein vöUig gleiches Denken sein würden. Die Gewohnheit 
zwei Merkmale vereinigt zu denken ist nicht selbst ein 
Denken oder die besondere Beschaffenheit eines Denkens, 
sondern eine Disposition, die einzig und allein in ihren 
Folgen sich offenbart. Und die Unmöglichkeit von z\N'ei 
Merkmalen das eine ohne das andere zu denken, ist ebenso 



* Mental aud Moral Science, 3. edit. London 1872. Note on the 
chapter on Belief, Append. p. 100. 

- Anal, of the Phenom. of the Human Mind. Chapt. XI. 

3 Principles of Psychology, 2. edit. I. London and Edinburgh 1870. 
Sieh darüber J. St. Mill in einer Note zu dem eben zitierten Kapitel 
der Anal. p. 402. 



— so- 
wenig selbst ein Denken oder die besondere BeschafPen- 
heit eines Denkens; sie ist viehnehr nach der Ansicht der 
genannten Philosophen nur ein besonders hoher Grad jener 
Disposition. Wenn sich diese Disposition nur darin offen- 
bart, daß die Verbindung von Merkmalen ausnahmslos, aber 
ganz in derselben Weise wie vor ihrer Erwerbung gedacht 
wird, so ist es klar, daß, wie wir sagten, zwischen dem 
Denken vorher, welches ein bloßes Vorstellen, und dem 
Denken nachher, welches ein Glauben sein soll, in sich 
selbst kein Unterschied besteht. Wenn sich die Disposition 
aber noch in anderer Weise von Einfluß zeigt, so daß nach 
ihrer Erwerbung das Denken der Verbindung modifiziert ist 
und eine neue, besondere Beschaffenheit erlangt hat, so 
muß man sagen, daß in dieser Beschaffenheit, nicht aber 
in der inseparabelen Assoziation, aus welcher sie hervor- 
geht, der eigentliche Unterschied des Fürwahrhaltens vom 
bloßen Vorstellen anzuerkennen sei. Darum sagte ich, der 
Fehler von James Mill und Herbert Spencer sei demjenigen 
von Bain verwandt. Denn, wie Bain eine Besonderheit 
der Folgen mit der inneren Besonderheit des Fürwahr- 
haltens verwechselte, so haben der ältere Mill und Spencer 
etwas als Besonderheit dieser Weise des Denkens geltend 
gemacht, was sie nur etwa als Ursache seiner Besonderheit 
hätten bezeichnen dürfen. 

§ 3. So viel also steht fest, daß der Unterschied 
zwischen Vorstellen und Urteilen ein innerer Unterschied des 
einen Denkens vom anderen sein muß. Und wenn dies, 
so gilt, was wir oben gesagt haben, daß nämlich, wer 
unsere Anschauung über das Urteilen bestreitet, die Ver- 
schiedenheit, die zwischen ihm und dem bloßen Vorstellen 
besteht, nur in einem von beiden, entweder in einem 
Unterschiede der gedachten Gegenstände, oder in einem 
Unterschiede der Vollkommenheit, mit welcher sie gedacht 
werden, suchen kann. Ziehen wir von diesen zwei An- 
nahmen zunächst die letztere in Erwägung. 

Wo es sich um einen Unterschied der Vollkommenheit 



— 40 — 

zweier psychischer Tätigkeiten handelt, die sowohl hinsicht- 
Hch der Weise ihrer Beziehung auf das Objekt als auch 
hinsichtlich des Inhalts, auf welchen sie sich beziehen, 
übereinstinnnen, da kann wohl von nichts anderem als von 
einem Unterscliiede der Stärke des einen und anderen 
Aktes die Rede sein. Die Frage, die wir zu untersuchen 
haben, ist also keine andere als die, ob etwa darin die Be- 
sonderheit des Urteilens gegenüber dem Vorstellen bestehe. 
daß beim Urteilen der Inhalt mit größerer Intensität ge- 
dacht, also das Vorstellen eines Objektes durch eine Zu- 
nahme seiner Intensität zum Fürwahrhalten gesteigert 
werde. Es leuchtet ein, daß eine solche Auffassung nicht 
richtig sein kann. Nach ihr wäre das Urteil eine stärkere 
Vorstellung, die Vorstellung ein schwächeres Urteil. Aber 
ein Vorgestelltsein, wenn auch noch so klar und deutlich 
und lebendig, ist nicht ein Beurteiltsein, und ein mit noch 
so geringer Zuversicht gefälltes Urteil ist nicht eine bloße 
Vorstellung. Allerdings mag es geschehen, daß einer etwas, 
was ihm mit fieberhafter Lebhaftigkeit in der Phantasie 
erscheint wie etwas, was er sieht, für wirklich nimmt, was 
er nicht tun würde, wemi es ihm in schwächerem Eindrucke 
erschiene; aber wenn mit der größeren Stärke einer Vor- 
stellung in gewissen Fällen ein Fürwahrhalten gegeben 
ist, so ist sie deshalb nicht selbst das Fürwahrhalten. Die 
Illusion kann darum schwinden, während die Lebendigkeit 
der Vorstellung beharrt. Und in anderen Fällen hält man 
mit aller Zuversicht etwas für wahr, obwohl der Inhalt des 
Urteils nichts weniger als lebendig vorgestellt wird. Wie 
endlich sollte, wenn die Anerkennung eines Gegenstandes 
ein starkes Vorstellen wäre, die verneinende Verwerfung 
desselben gefaßt werden? 

Gewiß wäre es unnütz, wollten wir uns länger mit der 
Bekämpfung einer Hypothese aufhalten, bei welcher schon 
von vornherein nur wenige geneigt sein werden, sie zu ver- 
treten. Sehen wir vielmehr, ob es uns ebenso gelingen 
wü'd, den anderen Weg, auf welchem man mit größerem 
Scheine unsere Annahme für vermeidlich halten könnte, als 
einen unmöglichen nachzuweisen. 



— 41 — 

§ 4. In der Tat geht eine sehi- gewöhnliche Meinung 
dahin, daß das Urteilen in einem Verbinden oder Trennen 
bestehe, welches in dem Bereiche unseres Vorstellens sich 
vollziehe, und das bejahende Urteil und, in etwas modifi- 
zierter Art, auch das verneinende werden darum im Gegen- 
satze zur bloßen Vorstellung sehr- gewöhnlich als ein zu- 
sammengesetztes oder auch beziehendes Denken bezeichnet. 
So gefaßt würde das, was den Unterschied des Urteilens 
vom bloßen Vorstellen ausmachte, wirklich nichts anderes 
sein als ein Unterschied des Urteilsinhaltes vom Inhalte 
des bloß vorstellenden Denkens. Würde eine gewisse Art 
von Verbindung oder Beziehung zweier Merkmale gedacht, 
so wäre der Gedanke ein Urteil, während jeder Gedanke, 
der nicht eine solche Beziehung zum Inhalte hätte, eine 
bloße Vorstellung genannt werden müßte. 

Aber auch diese Ansicht ist unhaltbar. 

Nehmen wir an, es sei richtig, daß immer nur eine 
gewisse Art von Verbindung mehrerer Merkmale den Inhalt 
eines Urteils bilde, so wird dies die Urteile zwar von 
einigen, keineswegs aber von allen Vorstellungen unter- 
scheiden. Denn offenbar kommt es vor, daß em Denkakt, 
welcher nichts als ein bloßes Vorstellen ist, eine voll- 
kommen ähnliche, ja eine völlig gleiche Zusammensetzung 
melu-erer Merkmale zum Inhalte hat, wie diejenige, welche 
in einem anderen Falle den Gegenstand eines Urteils bildet. 
Wenn ich sage: irgend ein Baum ist grün, so bildet das 
Grün als Eigentümlichkeit mit einem Baume verbunden 
den Inhalt meines Urteils. Es könnte mich aber einer 
fragen : ist irgend ein Baum rot ? und ich, in der Pflanzen- 
welt nicht genugsam erfahren und uneingedenk der herbst- 
lichen Farbe der Blätter, könnte mich jedes Urteils über 
die Frage enthalten. Aber dennoch würde ich die Frage 
verstehen und mir infolgedessen einen roten Baum vor- 
stellen. Das Rot, ganz ähnlich wie zuvor das Grün, als 
Eigentümlichkeit mit einem Baume verbunden, würde dann 
den Inhalt einer Vorstellung bilden, mit welcher kein Urteil 
gegeben wäre. Und hätte jemand nm- Bäume mit roten 



— 42 — 

und niemals einen mit grünen Blättern gesehen, so würde 
er vielleicht bei einer Frage über grüne Bämiie nicht 
bloß eine ähnliche, sondern sogar dieselbe Verbindung von 
Merkmalen, die der Inhalt meines Urteils war, in bloßer 
Vorstellung erfassen. 

Offenbar hatten James Mill und Herbert Spencer dies 
erkannt, da sie bei der Bestimmung der Eigentümlichkeit 
des Urteils nicht wie die meisten anderen dabei stehen 
blieben, daß der Inhalt des Urteils eine gewisse Art von 
Verbindung vorgestellter Merkmale sei, sondern als eine 
weitere Bedingung hinzufügten, daß eine inseparabele 
Assoziation zwischen denselben bestehen müsse. Und auch 
A. Bain hatte darum für nötig gehalten, noch eine besondere 
Bestimmung hinzuzufügen, nämlich den Emfluß des Denkens 
auf das Handeln. Der Fehler, den sie begingen, wai- nur 
der, daß sie nicht in der Angabe einer inneren Besonder- 
heit des urteilenden Denkens, sondern in einem Unter- 
schiede von Dispositionen oder Folgen die Ergänzung 
suchten. Glücklicher war hier John Stuart Mill, der den 
besprochenen Punkt mit großem Nachdrucke hervorhob 
und überhaupt melu- als irgend ein anderer Philosoph einer 
richtigen Würdigung des Unterschiedes zwischen Vorstellung 
und Urteil nahe gekommen ist. 

„Es ist", sagt er in seiner Logik, „ganz richtig, daß 
wü-, wenn wir urteilen .Gold ist gelb', die Idee von Gold 
und die Idee von gelb haben , imd daß beide Ideen in 
imserem Geiste zusammengebracht werden müssen. Es ist 
aber klar, daß dies nm- ein Teil von dem ist, was vorgeht ; 
denn ^^'ir können zwei Ideen zusammenstellen, ohne daß 
ein Glauben stattfindet, wie wenn wir etwas, z. B. einen 
goldenen Berg, nur erdichten, oder wenn wir geradezu 
nicht glauben; denn sogar um nicht zu glauben, daß 
Mohammed ein Apostel Gottes war. müssen wir die Idee 
von Mohammed und die eines Apostels Gottes zusammen- 
stellen. Zu bestimmen, was im Falle von Zustimmung oder 
Leugnung außer dem Zusammenstellen zweier Ideen noch 



— 43 — 

weiter vorgeht, ist eines der verwickeltsten metaphysischen 
Probleme ^" 

In seinen kritischen Noten zu James Mills Analyse der 
Phänomene des menschlichen Geistes geht er tiefer in die 
Sache ein. Er bekämpft in dem Kapitel über die Aussage 
(Prädikation) die Ansicht, welche in ihr in ähnlicher Weise 
den Ausdruck für eine gewisse Ordnung von Ideen wie in 
dem Namen den Ausdruck für eine einzelne Idee sehen 
wollte. Der charakteristische Unterschied zwischen einer 
Aussage und einer anderen Form des Sprechens, behauptet 
er seinerseits, sei vielmehr der, daß sie nicht bloß ein ge- 
wisses Objekt vor den Geist bringe, sondern daß sie etwas 
darüber behaupte, daß sie nicht bloß zur Vorstellung 
einer gewissen Ordnung von Ideen, sondern zum Glauben 
an sie anrege, indem sie anzeige, daß diese Ordnung eine 
wirkliche Tatsache sei^. Wiederholt kommt er darauf 
zurück, sowohl bei demselben^ als bei späteren Kapiteln, 
wie beim Kapitel über das Gedächtnis, wo außer der Idee 
von dem Dinge und der Idee davon, daß ich es gesehen, 
nebst anderem auch noch der Glauben, daß ich es ge- 
sehen habe, hinzukommen müsse*. Besonders ausführlich 
handelt er aber in einer langen Anmerkmig zum Kapitel 
„Belief" von der eigentümlichen Natur des Urteils gegen- 
über der bloßen Vorstellung. Er zeigt wiederum deutlich, 

^ Ded. u. lud. Logik Buch I, Kap. .5, § 1. 

2 The characteristic diflference between a predication and auy other 
form of Speech, is that it does uot merely bring to mind a certaiu ob- 
ject . . .; it asserts something respecting it . . . Whatever view we 
adopt of the psychological nature of ßelief, it is necessary to distinguish 
between the mere Suggestion to the mind of a certaiu order among 
sensations or ideas — such as takes place when we think of the aipha- 
bet, or the numeration table — and the indication that this order is an 
actual fact, which is occurring, or which has occurred once or oftener, 
or which, in certain definite circumstances, always occurs; which are 
the things indicated as true by an affirmative predication, and as false 
by a negati\'e one. (Anal, of the Pheuom. of the Human Mind 2. edit. 
Ch. IV, Sect. 4, Note 48, I, p. 162 s.). 

3 Ebend. Note 55, I, p. 187. 

+ Ebend. Ch. X, Note 91, I, p. 329. 



— 44 — 

daß es sich nicht in bloße Vorstellungen auflösen und durch 
bloße Zusammensetzung von Vorstellungen bilden lasse. Viel- 
mehr, sagt er, müsse man jeden Versuch einer Ableitung 
der einen aus der anderen Erscheinung als etwas Unmög- 
liches anerkennen und den Unterschied zwischen Vor- 
stellung und Urteil als eine letzte und ursprüngliche Tat- 
sache betrachten. „Kurzum", fragt er am Schlüsse einer 
längeren Erörterung, „was ist für unseren Geist der Unter- 
schied zwischen dem Gedanken, es sei etwas wirklich, und 
der Vorstellung eines von der Einbildungskraft entworfenen 
Gemäldes? Ich gestehe, daß ich keinen Ausweg finde, auf 
dem man sich der Ansicht entziehen könnte, daß der Unter- 
schied em letzter und ursprünglicher ist^" Wir sehen, 
J. St. Mill erkemit hier einen Unterschied an, ähnlich dem, 
welchen Kant und andere zwischen Denken und Gefühl 
geltend gemacht haben. In ihrer Sprache ausgedrückt, 
würde die Behauptung von Mill diese sein, daß für Vor- 
stellen und Glauben oder, wie wir sagen würden, für Vor- 
stellen und Urteilen zwei verschiedene Urvermögen an- 
genommen werden müssen. Nach unserer Ausdrucksweise 
aber ist seine Lehre die, daß Vorstellen und Urteilen zwei 
völlig verschiedene Arten der Beziehung auf einen Inhalt, 
zwei grundverschiedene Weisen des Bewußtseins von einem 
Gegenstande seien. 

Also, wie gesagt, angenommen sogar es finde wirklich 
bei jedem Urteilen ein Verbinden oder Trennen vorgestellter 
Merkmale statt — und John Stuart Mill war in der Tat 
dieser Ansicht ^ — : so besteht hierin doch nicht die wesent- 

^ „that the distinction is ultimate and primordial". (Ebeud. I, 
p. 412.) 

2 Sowohl in seiner Logik gibt sie sich zu erkennen, wo Mill von 
dem Inhalte der Urteile handelt (Buch I, Kap. 5) als auch in seinen 
Noten zu dem genannten Werke seines Vaters. So z. B. in folgender 
Stelle: „I think it is true, that every assertion, every object of Belief, 
— everything that can be true or falsa — that can be an object of 
assent or dissent — is some order of sensations or of ideas : some 
coexistence or succession of sensatioas or ideas actuälly experienced, or 
supposed capable of being experienced." (a. a. 0. Ch. IV, Note 48, p. 162.) 



— 45 — 

liehe Eigentümlichkeit des urteilenden im Gegensatze zu 
dem bloß vorstellenden Denken. Eine solche Eigentümlich- 
keit des Inhaltes würde die Urteile zwar von einigen, nicht 
aber schlechthin von allen Vorstellungen unterscheiden. 
Und sie würde darum die Annahme einer anderen und 
mehr charakteristischen Besonderheit, wie die, welche wir 
in dem Unterschiede der Weise des Bewußtseins an- 
erkennen, nicht entbehrlich machen, 

§ 5. Aber noch mehr. Es ist nicht einmal richtig, 
daß bei allem Urteilen eine Verbindung oder Trennung 
vorgestellter Merkmale statt hat. So wenig als das Be- 
gehren oder Verabscheuen, so wenig ist auch das An- 
erkennen oder Verwerfen ausschließlich auf Zusammen- 
setzungen oder Beziehungen gerichtet. Auch ein einzelnes 
Merkmal, das wir vorstellen, kann anerkannt oder ver- 
worfen werden. 

Wenn wir sagen, „A ist", so ist dieser Satz nicht, wie 
viele geglaubt haben und noch jetzt glauben, eine Prädi- 
kation, in welcher die Existenz als Prädikat mit A als Sub- 
jekt verbunden wird. Nicht die Verbindung eines Merk- 
mals „Existenz" mit „A", sondern „A" selbst ist der Gegen- 
stand, den wir anerkennen. Ebenso wenn wir sagen, „A ist 
nicht", so ist dies keine Prädikation der Existenz von A 
in entgegengesetztem Sinne, keine Leugnung der Verbindung 
eines Merkmals „Existenz" mit „A", sondern „A" ist der 
Gegenstand, den wir leugnen. 

Damit dies recht deutlich werde, mache ich darauf 
aufmerksam, daß, wer ein Ganzes anerkennt, jeden einzelnen 
Teil des Ganzen einschließlich anerkennt. Wer innner da- 
her eine Verbindung von Merkmalen anerkennt, erkennt 
einschlieljlich jedes einzelne Element der Verbindung an. 
Wer anerkennt, daß ein gelehrter Mann, d. h. die Ver- 
bindung eines Mannes mit dem Merkmale „Gelehrsamkeit" 
sei, erkennt einschließlich an, daß ein Mann sei. Wenden 
wir dies an auf das Urteil „A ist". Wäre dieses Urteil die 
Anerkennung der Verbindung eines Merkmals „Existenz" 



— 46 — 

mit ,,A", so würde darin einschließlich die Anerkennung 
jedes einzelnen Elementes der Verbindung, also auch die 
Anerkennung von A liegen. Wir kämen also an der An- 
nahme einer einschließlichen einfachen Anerkennung von 
A nicht vorbei. Aber wodm*ch würde sich diese einfache 
Anerkennmig von A von der Anerkennung der Verbindung 
von A mit dem Merkmale „Existenz", welche in dem Satze 
„A ist" ausgesprochen sein soll, unterscheiden? Offenbar 
in gar keiner Weise. Somit sehen wir, daß vielmehr die 
Anerkennung von A der wahre und volle Sinn des Satzes, 
also nichts anderes als A Gegenstand des Urteils ist. / 

Erwägen wir in derselben Weise den Satz ,,A ist nicht" ; 
vielleicht wird seine Betrachtung die Wahrheit unserer 
Auffassung noch einleuchtender machen. Wenn derjenige, 
welcher ein Ganzes anerkennt, jeden Teil des Ganzen ein- 
schließhch anerkennt, so gilt doch nicht ebenso, daß der- 
jenige, welcher ein Ganzes leugnet, jeden Teil des Ganzen 
einschließlich leugnet. Wer leugnet, daß es weiße und 
blaue Schwäne gibt, leugnet darum nicht einschließlich, daß 
es weiße Schwäne gibt. Und natürlich ; da, wenn auch nur 
ein Teil falsch ist, das Ganze nicht wahi- sein kann. Wer 
daher eine Verbindung von Merkmalen verwirft, verwirft 
dadurch keineswegs einschließlich jedes einzelne Merkmal, 
welches Element der Verbindung ist. Wer z, B. leugnet, 
daß es einen gelehrten Vogel, d. h. die Verbindung eines 
Vogels mit dem Merkmale „Gelehrsamkeit" gebe, leugnet 
damit nicht einschließlich, daß ein Vogel, oder daß Gelehr- 
samkeit in Wirklichkeit bestehe. Machen wir auch hie- 
ven auf unseren Fall Anwendung. Wäre das Urteil ,,A 
ist nicht" die Leugnung der Verbindung eines Merkmals 
„Existenz" mit .,A", so würde damit keineswegs A selbst 
geleugnet sein. Das aber wird unmöglich jemand behaupten. 
Vielmehr ist klar, daß nichts anderes als eben dies der 
Sinn des Satzes ist. Somit ist auch nichts anderes als A 
der Gegenstand dieses verwerfenden Urteils. 

§ 6. Daß die Prädikation nicht zum Wesen eines jeden 



— 47 — 

Urteils gehört, geht auch daraus recht deutlich hervor, daß 
jede Wahrnehmung zu den Urteilen zählt; ist sie ja' eine 
Erkenntnis oder doch ein, wenn auch irrtümliches, Fürwahr- 
nehmen. Wir haben dies, da wir von den verschiedenen 
Momenten des inneren Bewußtseins sprachen, schon be- 
rührt'. Und es wird auch von solchen Denkern nicht ge- 
leugnet, welche dafür halten, daß jedes Urteilen in einem 
Verbinden von Subjekt und Prädikat bestehe. So erkennt 
z. B. J. St. Mill es ausdrücklich an sowohl anderwärts als 
auch an der zuletzt von uns zitierten Stelle. Es liege, fügt 
er hier bei, keine größere Schwierigkeit darin, so, wie er 
es getan, den Unterschied zwischen dem Anerkennen emer 
Realität und dem Vorstellen eines imaginären Gebildes für 
einen letzten und ursprünglichen zu halten, als darin, den 
Unterschied zwischen einer Sensation und einer Idee^ für 
einen ursprünglichen zu erklären. Es scheine dieser kaum 
etwas anderes als dieselbe Differenz miter verändertem Ge- 
sichtspunkte betrachtet ^ Nun dürfte es aber nicht leicht 
etwas geben, was offenbarer und unverkennbarer wäre, als 
daß eine Wahrnehmung nicht in der Verbindung eines Sub- 
jekt- und Prädikatbegriffes bestehe, oder sich auf eine solche 
beziehe, daß vielmehr der Gegenstand einer inneren Wahi-- 
nehmmig nichts anderes als ein psychisches Phänomen, der 
Gegenstand einer äußeren nichts anderes als ein phy- 
sisches Phänomen, Ton, Geruch oder dergleichen sei. Also 
ha,ben wir hier einen recht augenscheinlichen Beleg für die 
Wahrheit unserer Behauptung. 

1 Buch II, Kap. 8, § 1, flf. m. Psych, v. emp. St. 

2 Im Sinne Humes, s. m. Psych, v. emp. St. Buch I, Kap. 1, § 2, 
S. 15. 

^ Er fährt fort: There is no more difficulty in holding it to be 
so, than in holding the difference betweeu a Sensation and an idea to 
be primordial. It seems almost another aspect of the same difference. 
Ebenso sagt er im Verlaufe derselben Abhandlung: The difference 
[between recognising something as a reality in nature, and regarding 
it as mere thought of our own] presents itself in its most elenientary 
form in the distiuction between a Sensation and au idea. (a. a. 0. 
p. 419.) 



— 48 — 

Oder sollte einer auch hier noch Bedenken hegen ? Sollte 
er, weil man nicht bloß sagt, man nehme eine Farbe, einen 
Ton, man nehme ein Sehen, ein Hören wahi\ sondern auch, 
man nehme wahr, daß ein Sehen, Hören existiere, sich zu 
dem Glauben verleiten lassen, auch die Wahrnehmung he- 
stehe in der Anerkennmig der Verbindung eines Merkmal- 
„Existenz" mit dem betreffenden Phänomene? Mir scheint 
eine solche Yerkennung offen liegender Tatsachen fast un- 
denkbar. Doch aufs neue und mit einer vorzüglichen Klar- 
heit wird sich die Unhaltbarkeit einer solchen Meinung 
aus der Erörterung des Begi'iffes der Existenz ergeben. 
Manche waren der Ansicht, daß dieser Begi'iff nicht der 
Erfahrung entnommen sein könne. Wir werden darum bei 
der Untersuchung über die sogenannten angeborenen Ideen 
ihn in dieser Hinsicht zu prüfen haben. Und wir werden 
dann fuiden, daß er allerdings der Erfahrung, aber der 
inneren Ei'falu'ung entstammt und nur im Hinblick auf 
das Urteil gewonnen wm'de. So wenig daher' der Begriff 
des Urteils in dem ersten Urteile Prädikat sein konnte, so 
wenig der Begriff der Existenz. Und darum erkennt man 
auch auf diesem Wege, daß wenigstens die erste Wahr- 
nehmung, diejenige, welche in dem ersten psychischen 
Phänomene gegeben war, unmöglich in einer solchen Prä- 
dikation bestanden haben kann. 

J. St. ]Mill definiert in der letzten (achten) Ausgabe 
seiner Logik den Begriff' .Existenz" in folgender Weise. 
Sein, sagt er, heiße so viel als irgendwelche (gleich- 
viel welche) Sinnesempfindungen oder sonstige Bewußt- 
seinszustände erregen oder en-egen können ^ Obwohl ich 
diese Bestimmung nicht vollkommen billige, so wüi'de doch 
auch sie genügen, um die Unmöglichkeit, daß bei der ersten 
Empfindung der Begriff' „Existenz" als Prädikat des Urteils 
benützt werden konnte, recht anschaulich zu machen. 
Denn darin stimmt sie mit derjenigen, welche wir als die 
richtige darzutun hoffen, überein, daß sie erst im Hinblick 



' Übersetzung vou Gomperz, Anhang, III, S. 37-3. 



— 49 — 

auf psychische Tätigkeiten gewonnen werden konnte, die 
in jenem Falle umgekehrt ihrerseits ihn voraussetzen und 
als einen schon gegebenen verwenden würden. 

^ 7. Daß nicht jedes Urteil auf eine Verbmdung vor- 
gestellter Merkmale sich beziehe, und die Prädikation eines 
Begriffes von einem anderen nicht unumgänghch dazu ge- 
höre, ist eine Wahrheit, die zwar gewöhnlich, aber doch 
nicht ausnahmslos verkannt wurde. Kant hat bei seiner 
Kritik des ontologischen Gottesbeweises die treffende Be- 
merkung gemacht, in einem Existentialsatze, d. h. in einem 
Satze von der Formel „A ist", sei das Sein „kein reales 
Prädikat, d. i. ein Begriff von etwas, was zu dem Begriffe 
emes Dinges hinzukommen könne". „Es ist", sagte er, 
„bloß die Position eines Dinges oder gewisser Bestimmungen 
an sich selbst." Anstatt aber nun zu erklären, daß der 
Existentialsatz überhaupt kein kategorischer Satz sei, weder 
ein im Kantschen Sinne analytischer, d. h. ein solcher, bei 
welchem das Prädikat im Subjekt eingeschlossen ist, noch 
em sjTithetischer, bei welchem das Subjekt das Prädikat 
nicht in sich begreift \ ließ Kant sich dazu verleiten, den 
Satz zu den S3-nthetischen zu rechnen, indem er memte, 
wie das „isf" der Copula gewöhnlich zwei Begriffe zu- 
emander in Beziehung setze, so setze das „ist" in dem 
Existentialsatz „den Gegenstand in Beziehung auf meinen 
Begriff". „Der Gegenstand", sagt er, „kommt zu meinem 
Begriffe synthetisch hinzu 2. '' 

1 Auch diese Bestimmungen gebe ich nach Kant. Daß sie eifrent- 
lich nicht auf die betrefienden Urteile passen (was aus den folgenden 
Untersuchungen hervorgehen wird), hindert nicht, daß sie. we^en ihrer 
Übereinstimmung mit der Ansicht, die man gemeiniglich von ihnen hat, 
sie genugsam kennzeichnen. 

2 Daß Kant die Urteile der Existentialsatze noch mit zu den 
kategorischen Urteilen rechnete . ersieht mau daraus . daß er ihrer bei 
der Kelation der Urteile nicht besonders erwähnt. 

Ganz eb'uso nahe wie Kant ist im Mittelalter Thomas von Aiiuin 
der Wahrheit gekommen, und merkwürdigerweise in Reflexion auf den- 
selben Satz „Gott ist". Auch nach ihm soll das „ist" kein reales Prä- 
dikat, sondern ein Zeichen des Fürwahrhaltens sein. (Summ. TheoL 
lirentano, Klassifikation der psychischen Phänomene. 4 



— 50 — 

Dies war eine unklare und widerspruchsvolle Halbheit. 
Her hart machte ihr ein Ende, indem er die Existential- 
sätze deutlich als eine besondere Art von den kategorischen 
Sätzen unterschied ^ Andere Philosophen, und nicht bloß 
seine zahlreichen Anhänger, sondern bis zu gewissem Maße 
auch solche, die, wie Trendelen bürg, der Herbartschen 
Schule gewöhnlich polemisch entgegentreten, haben sich ihm 
in diesem Punkte angeschlossen^. 

Aber noch mehi*. Wenn auch nicht alle Denker die 
von uns vertretene Auffassung des Existentialsatzes bereits 
als richtig anerkennen, so geben doch gegenwärtig alle ohne 



P. I, Q. 3, A. 4 ad 2.) Aber auch er hält dennoch den Satz für kate- 
gorisch (ebend.) und glaubt, daß das Urteil einen Vergleich unserer 
Vorstellung mit ihrem Gegenstande enthalte, was nach ihm von jedem 
Urteile gelten soll. (Q. 16, A. 2.) Daß dies unmöglich ist, haben wir 
früher gesehen. (Vgl. Buch II, Kap. 3, § 2, S. 182 ff. d. Psych, v. emp. St. . 

^ Vgl. darüber Drobisch, Logik, 3. Aufl. S. 61. 

2 Logische Untersuchungen 2. Aufl., II, S. 208. Vgl. auch da^ 
Zitat aus Schleier mache r (ebeuda S. 214, Anm. 1). Anklänge au 
die richtige Auffassung der Existentialsätze finden sich schon bei 
Aristoteles. Doch scheint er nicht zu voller Klarheit über sie ge- 
langt zu sein. In seiner Metaphysik, 0, 10 lehrt er, daß, da die Wahr- 
heit des Denkens in seiner Übereinstimmung mit den Dingen bestehe, 
die Erkenntnis einfacher Gegenstände im Gegensatze zu anderen Er- 
kenntnissen nicht eine Verbindung oder Trennung von Merkmalen, 
sondern ein einfaches Denken, ein Wahrnehmen (er nennt es Berühren, 
i>tY£iv) sein müsse. In der Schrift „De Interpretatione" (Kap. 3) spricht 
er klar aus, daß das „Sein" der Copula nicht etwas für sich bedeute 
wie ein Name, sondern nur den Ausdruck eines Urteils ergänze, und 
von diesem „Sein" der Copula hat er das „Sein" im Existentialsätze 
nie als etwas wesentlich anderes, und als etwas, was schon für sich 
eine Bedeutung habe, unterschieden. Zeller sagt mit Kecht: „Daß jeder 
Satz, selbst der Existentialsatz , logisch betrachtet aus drei Bestand- 
teilen besteht, sagt Aristoteles nirgends." Und er macht darauf auf- 
merksam, wie vielmehr manches eine entgegengesetzte Ansicht bei 
Aristoteles erkennen lasse. (Philos. d. Griechen II, 2, S. 158, Anm. 2.) 
Wäre dies richtig, so würde Aristoteles hiedurch nicht hinter der Lehre 
der gewöhnlichen späteren Logik zurückstehen, wie Zeller zu glauben 
scheint, sondern im Gegenteile hier wie in manchem anderen Punkte 
eine richtigere Anschauung antizipiert haben. (Man vgl. auch die Re- ü 
Produktion der Aristotelischen Lehre bei Thomas von Aquin, Summ 
Theol. P., I, Q. 85, A. 5.) 



— 51 — 

Ausnahme eine andere Wahrheit zu, aus welcher sich die- 
selben mit größter Stringenz erschließen läßt. Auch die- 
jenigen, welche die Natur des „ist" und „ist nicht" in dem 
Existentialsatze mißdeuten, beurteilen doch das „ist" und 
„ist nicht", welche als Copula zu einem Subjekt und Prädikat 
hinzukommen, vollkommen richtig. Wenn sie glauben, daß 
das „ist" und „ist nicht" im Existentialsatze etwas für sich 
allein bezeichne, daß es die Vorstellung des Prädikats 
„Existenz" zu der Vorstellung des Subjekts hinzubringe, um 
beide miteinander zu verknüpfen : so erkennen sie dagegen 
hinsichtlich der Copula an, daß sie, für sich allein ge- 
nommen ohne alle Bedeutung, nur den Ausdruck von Vor- 
stellungen zum Ausdrucke eines anerkennenden oder ver- 
werfenden Urteils ergänze. Hören wir z. B. J. St. Mill, 
der in der Auffassung des Existentialsatzes unser Gegner 
ist: „Ein Prädikat und ein Subjekt", sagt er, „sind alles, 
was nötig ist, um ein Urteil zu bilden. Da wir a])er aus der 
bloßen Zusammenstellung zweier Namen nicht ersehen 
können, daß sie Prädikat und Subjekt sind, d. h. daß 
das eine von dem anderen behauptet oder verneint werden 
soll, so muß ein Modus oder eine Form da sein, woraus 
sich das erkennen läßt, irgendein Zeichen, um eine Prä- 
dikation von jeder anderen Redeform zu unterscheiden. . . . 
Diese Funktion wird bei einer Affirmation gewöhnlich von 
dem Worte .ist', bei einer Negation von ,ist nicht' oder 
dm'ch einen anderen Teil des Zeitwortes ,sein' über- 
nonmien. Ein solches als Zeichen der Prädikation dienendes 
Wort wird Copula genannt^". Von diesem „ist" oder „ist 
nicht" der Copula unterscheidet er dann ausdrücklich das- 
jenige , welches den Begriff der Existenz in seiner Be- 
deutung einschließe. Das ist die Lehre nicht allein von 
Mill, sondern man darf sagen von allen, welche in der 
Auffassung des Existentialsatzes nicht mit uns überein- 
stimmen. Außer von Logikern findet man sie auch von 
Grammatikern und Lexikographen vertreten'*. Und wenn 

1 Ded. u. Indukt. Logik. Übers, v. Schiel, I, S. 93. 

2 Vgl. z. B. Heyses Wörterbuch der üeutschen Sprache. 

4* 



— 52 — 

J. St. Mill erst James Mill diese Auffassung klar entwickeln 
läßt ^ so ist er selu" im Unrecht. Er hätte sie z. B. in der 
Logik von Port Royal schon ganz ebenso dargelegt finden 
können^. 

Wohlan denn, — es bedarf nicht mehr als dieses Zu- 
geständnisses, welches unsere Gegner allgemein inbetreff 
der Copula machen , um daraus mit Notwendigkeit zu 
folgern, daß auch dem „ist" und „ist nicht" des Existential- 
satzes keine andere Funktion zugeschrieben werden könne. 
Denn aufs Deutlichste läßt sich zeigen, daß jeder katego- 
rische Satz ohne irgend welche Änderung des Sinnes in 
einen Existentialsatz übersetzt werden kann, und daß dann 
das „ist" und „ist nicht" des Existentialsatzes an die Stelle 
der Copula tritt. 

Ich will dies an einigen Beispielen nachweisen. 

Der kategorische Satz „irgendein Mensch ist krank" 
hat denselben Sinn wie der Existentialsatz „ein kranker 
Mensch ist" oder „es gibt einen kranken Menschen". 

Der kategorische Satz „kein Stern ist lebendig" hat den- 
selben Sinn wie der Existentialsatz „ein lebendiger Stein 
ist nicht" oder „es gibt nicht einen lebendigen Stein". 

Der kategorische Satz „alle Menschen sind stei blich" 
hat denselben Sinn wie der Existentialsatz „ein unsterb- 
licher Mensch ist nicht" oder „es gibt nicht einen unsterb- 
lichen Menschen" ^. 

Der kategorische Satz „irgendein Mensch ist nicht 
gelehrt" hat denselben Sinn wie der Existentialsatz „ein 
ungelehrter Mensch ist" oder „es gibt einen ungelehrigen 
Menschen". 

Da in den vier Beispielen , die ich wählte , die sämt- 
lichen vier Klassen von kategorischen Urteilen, welche die 



1 Ebend. S. 95. [i 

- Logique ou l'Art de Peuser, IL Partie, Chap. 3. 

^ Die gjewöhnliche Logik erklärt, die Urteile „alle Menschen sind 

sterblich" und „kein Mensch ist nicht sterblich" für äquipollent (vgl. z.B. 

Ueberweg, Logik, Th. 5, § 96, 2. Aufl., S. 235); in Wahrheit sind sie 

identisch. 



— 53 — 

Logiker zu unterscheiden pflegen ^ , vertreten sind , so ist 
die Möglichkeit der sprachlichen Umwandlung der katego- 
rischen Sätze in Existentialsätze dadurch allgemein erwiesen : 
und es ist deutlich, daß das „ist" und „ist nicht" des 
Existentialsatzes nichts als ein Äquivalent der Copula, also 
kein Prädikat , und für sich allein genommen gänzlich be- 
deutungslos ist. 

Doch ist die von uns gegebene Rückführung der vier 
kategorischen Sätze auf Existentialsätze auch wirklich 
richtig? Gerade von selten Herbarts, den wir zuvor als 
Zeugen anriefen, würde sie vielleicht beanstandet werden 
Denn seine Auffassung der kategorischen Sätze war von 
der unserigen völlig verschieden. Er glaubte, daß jeder 
kategorische Satz ein hypothetisches Urteil ausdrücke, daß 
das Prädikat nur unter einer gewissen Voraussetzung, nämlich 
unter Voraussetzung der Existenz des Subjekts, demselben 
zu- oder abgesprochen werde. Gerade darauf gründete er 
seinen Beweisversuch dafür, daß der Existentialsatz nicht 
als ein kategorischer Satz gefaßt werden dürfe 2. Nach uns 
dagegen entspricht der kategorische Satz einem Urteile, 
das man ebensogut in der existentialen Formel aussprechen 
kann, und die in Wahrheit affirmativen kategorischen Sätze 
enthalten einschließlich die Anerkennung des Subjektes^. 



^ Die partikulär bejahenden, die allgemein verneinenden, und die 
irrtümlich sogenannten allgemein bejahenden und partikulär verneinen- 
den. In Wahrheit ist, wie die obige Rückführung auf die existentiale 
Formel deutlich erkennen läßt, kein bejahendes Urteil allgemein (es 
müßte denn ein Urteil mit individueller Materie allgemein genannt 
werden) und kein verneinendes Urteil partikulär. 

2 Vgl. Drobisch, Logik, 3. Aufl., S. 59 &. 

^ Die in Wahrheit affirmativen sind nach dem, was in einer vor- 
ausgehenden Note bemerkt worden ist, das sogenannte partikulär be- 
jahende und das sogenannte partikulär verneinende. Die in Wahrheit 
negativen Behauptungen, zu welchen auch die allgemein bejahenden 
gehören, enthalten selbstverständlich nicht die Anerkennung des Sub- 
jekts, da sie ja überhaupt nicht etwas anerkennen, sondern verworfen- 
Warum sie auch nicht die Verwerfung des Subjekts enthalten , zeigt 
eine frühere Erörterung (S. 46). 



— 54 — 

Allein, so sein* wir die Ansicht Herbarts über das „Sein- 
des Existentialsatzes billigen, so wenig können wir mit 
seiner Deduktion derselben uns einverstanden erklären. 
Vielmehr scheint uns diese ein Beisi^iel, das in ausgezeich- 
neter Weise die Bemerkung des Aristoteles bestätigt, dal.» 
irrige Prämissen zu einem richtigen Schlußsätze führen 
können. Es ist eine starke, ja unmögliche Zumutung, zu 
glauben, daß der Satz „irgendein Mensch geht spazieren 
oder auch der oben angeführte „irgendein Mensch ist krank'- 
die stillschweigende Voraussetzung „wenn es nämlich einen 
Menschen gibt" enthalte. Und ebenso ist es nicht bloß 
nicht richtig, sondern es hat auch nicht den mindesten 
Schein für sich, daß der Satz „irgendein Mensch ist nicht 
gelehrt" diese Voraussetzung mache. Bei dem Satze „kein 
Stein ist lebendig" wüßte ich gar nicht, was die Be- 
schränkung „wenn es nämlich einen Stein gibt" für eine 
Bedeutung haben sollte. Wenn es keinen Stein gäbe, so 
wäre es ja sicher eben so richtig, daß es keinen lebendigen 
Stein gibt, als jetzt, da Steine existieren. Nur bei dem 
Beispiele „alle Menschen sind sterblich", einem von den 
gewöhnlich sogenannten allgemein bejahenden Sätzen, hat 
es allerdings einen gewissen Schein, als ob eine be- 
schränkende Bedingung darin enthalten sei. Er scheint die 
Verbindung von „Mensch" und „sterblich" zu behaupten. 
Diese Verbindung von Mensch und sterblich besteht offenbar 
nicht, wenn kein Mensch besteht. Und doch läßt sich aus 
dem Satze „alle Menschen sind sterblich" die Existenz 
eines Menschen nicht erschließen. Somit scheint er die 
Verbindung von Mensch und sterblich nur unter der Vorau^- 
setzung der Existenz eines Menschen zu behaupten. Doch 
ein Blick auf den diesem kategorischen Satze äquivalenten 
Existentialsatz löst die ganze Sch■w^erigkeit. Er zeigt, daß 
der Satz in Wahrheit keine Bejahung, sondern eine Ver- 
neinung ist, und darum gilt von ihm Ähnliches wie das, 
was wir soeben über den Satz „kein Stein ist lebendig" be- 
merkten. 

Wenn ich übrigens die Lehre Herbarts, daß alle kate- 



— 55 — 

gorischen Sätze hypothetische Sätze seien, hier bekämpfte, 
so tat ich es nur, um meine oben gegebenen Übersetzungen 
in Existentialsätze im einzelnen zu rechtfertigen, nicht aber, 
weil in dem Falle, daß Herbart recht hätte, eine solche 
Rückführung unmöglich sein würde. Im Gegenteile gilt 
von den hypothetischen Sätzen dasselbe, was ich von den 
kategorischen sagte; auch sie lassen sich sämtlich in die 
existentiale Formel kleiden, und es ergibt sich dann, daß 
sie lauter veraeinende Behauptungen sind. Ein Beispiel 
wird genügen, um zu zeigen, wie dasselbe Urteil ohne die 
geringste Veränderung sowohl in der Formel eines hypothe- 
tischen als in der eines kategorischen und eines Existential- 
satzes ausgesprochen werden kann. Der Satz „wenn ein 
Mensch schlecht handelt, schädigt er sich selbst'" ist ein 
hypothetischer Satz. Er ist aber dem Sinne nach derselbe 
wie der kategorische Satz „alle schlechthandelnden Menschen 
schädigen sich selbst". Und dieser ^viederum hat keine 
andere Bedeutung als der Existentialsatz „ein sich selbst 
nicht schädigender schlechthandelnder Mensch ist nicht" 
oder, etwas gefälliger ausgedrückt, „es gibt keinen sich 
selbst nicht schädigenden schlechthandelnden Menschen". 
Die schwerfällige Gestalt, die der Ausdruck des Urteils in 
der existentialen Formel erhält, macht es sehr begreiflich, 
warum die Sprache außer ihr auch andere syntaktische 
Einkleidungen erfunden hat, aber mehr als ein Unterschied 
sprachlichen Ausdruckes liegt in der Verschiedenheit der 
drei Sätze nicht vor, obwohl der berühmte Philosoph von 
Königsberg sich verleiten ließ, um derartiger Verscliieden- 
heiten willen fundamentale Unterschiede der Urteile an- 
zunehmen, und besondere apriorische Kategorien auf diese 
„Relation der Urteile" zu gründen. 

Die Rückführbarkeit der kategorischen, ja die Rück- 
führbarkeit aller Sätze, welche ein Urteil ausdrücken, auf 
Existentialsätze ist also zweifellos'. Und dieses dient in 



^ Es gibt noch gewisse Fälle, iu welchen eine solche Rückführbar- 
keit aus spezielleren Gründen beanstandet werden könnte. Obwohl ich 



— 50 — 

doppelter Weise die irrige Meinung derjenigen zu wider- 
legen, welche den wesentlichen Unterschied des Urteils von 

ihretwegen den Gang der Untersuchung im Texte nicht aufhalten will 
(denn mancher wird sich von vornherein wenig daran stoßen), so scheint 
es mir doch anderseits gut, sie wenigstens in einer Anmerkung zu be- 
rücksichtigen. J. St. Mill, wo er in seiner Logik die verschiedene Natur 
des „Seins" der Copula und des „Seins" des Existentialsatzes, weichet^ 
nach ihm den Begriff 8er Existenz einschließt, klar machen will, beruft 
sich zur Verdeutlichung auf den Satz „ein Zentaur ist eine Erfindung 
der Poeten". Dieser, sagt er, könne unmöglich eine Existenz aussagen. 
da vielmehr im Gegenteil daraus hervorgehe, daß das Subjekt kein 
reales Dasein besitze. (Buch I, Kap. 4, § 1.) Ein anderes Mal führt er 
zu ähnlichem Zwecke den Satz an: „Jupiter ist ein Non-Ens". In der 
Tat sind diese Sätze von der Art, daß bei ihnen die Rückführbarkeit 
auf existentiale Sätze am wenigsten möglich scheint. Im Briefwechsel 
mit Mill hatte ich einmal die Frage über die Existentialsätze zui 
Sprache gebracht, und laamentlich auch die Möglichkeit der Zurück- 
führung einer jeden Aussage auf einen Existeutialsatz dagegen geltend 
gemacht, daß das „Sein" desselben sich zu dem der Copula so, wie er 
glaubte, verhalte. In seiner Antwort beharrte Mill auf seiner alter. 
Auffassung. Und obwohl er nicht ausdrücklich der von mir dargelegten 
Rückführbarkeit aller anderen Aussagen auf existentiale widersprach, 
so vermutete ich doch , ich möge diesen Punkt meiner Beweisführung 
ihm nicht genugsam einleuchtend gemacht haben. Ich kam darum 
nochmals auf ihn zurück und besprach auch speziell die Beispiele in 
seiner Logik. Da ich unter meinen Papieren gerade ein Brouillon des 
Briefes finde , so will ich die kleine Erörterung hier wörtlich wieder- 
holen. „Es dürfte", schrieb ich, „nicht undienlich sein, wenn ich die 
Möglichkeit einer solchen Reduktion speziell an einem Satze zeige, 
welchen Sie in Ihrer Logik sozusagen als ein Beispiel, an dem das 
Gegenteil ersichtlich sei, anführen. Der Satz ,ein Zentaur ibt eine Er- 
findung der Poeten' verlangt, wie Sie mit Recht bemerken, nicht, daß 
ein Zentaur existiere, vielmehr das Gegenteil. Allein er verlangt, um 
wahr zu sein, wenigstens, daß etwas anderes existiere, nämlich eine 
Fiktion der Poeten, die in einer besonderen Weise Teile des mensch- 
lichen Organismus und Teile des Pferdes verbindet. Wenn es keine 
Fiktion der Poeten gäbe, und wenn es keinen von den Poeten fin- 
gierten Zentauren gäbe, so wäre der Satz falsch ; und seine Bedeutung 
ist tatsächlich keine andere als die, ,es gibt eine poetische Fiktion, 
welche einen menschlichen Oberleib mit dem Rumpfe eines Pferdes zu 
einem lebenden Wesen vereinigt denkt', oder (was dasselbe sagt) ,es 
gibt einen von den Poeten fingierten Zentauren'. Ähnliches gilt, 
wenn ich sage, Jupiter sei ein Non-Ens, d. h. wohl, er sei etwas, was 



der Vorstellung darin finden wollten, daß es eine Ver- 
bindung von Merkmalen zum Inhalt habe. Einmal tritt bei 

bloß in der Einbildung, nicht aber in Wirklichkeit bestehe. Die AVahr- 
heit des Satzes verlangt nicht, daß es einen Jupiter, wohl aber, daß es 
etwas anderes gebe. Gäbe es nicht etwas, was bloß in der Vor- 
stellung existierte, so wäre der Satz nicht wahr. — Der besondere 
Orund, warum man bei Sätzen wie ,der Zentaur ist eine Fiktion' ge- 
neigt ist, ihre Rückführbarkeit auf Existentialsätze anzuzweifeln, liegt 
in einem, wie mir scheint, von den Logikern bisher übersehenen Ver- 
hältnis ihrer Prädikate zu ihren Subjekten. Ähnlich wie die Adjektiva 
für das ihnen beigefügte Substantiv, sind auch die Prädikate für das 
mit ihnen verbundene Subjekt gewöhnlich etwas, was den Begriff durch 
neue Bestimmungen bereichert, manchmal aber etwas, was ihn modifi- 
ziert. Das erste gilt z. B. , wenn ich sage ,ein Mensch ist gelehrt'; 
das zweite, wenn ich sage ,ein Mensch ist tot'. Ein gelehrter Mensch 
ist ein Mensch; ein toter Mensch ist aber kein Mensch. So setzt denn 
der Satz ,ein toter Mensch ist' nicht, um wahr zu sein, die Existenz 
«Ines Menschen, sondern nur die eines toten Menschen voraus; und 
ähnlich fordert der Satz ,ein Zentaur ist eine Fiktion' nicht, daß es 
einen Zentauren, sondern einen fingierten Zentauren, d. i, die Fiktion 
eines Zentauren gebe, usf." Vielleicht dient diese Erklärung dazu, ein 
Bedenken, das in jemand entstanden sein konnte, zu beseitigen. Was 
Mill selbst betriflFt, so zeigte es sich, daß sie bei ihm gar nicht nötig 
gewesen wäre, denn er ai^twortete mir unterm 6. Februar 1873: „You 
did not, as you seem to suppose fail to convince me of the invariable 
convertibility of all categorical affirmative propositions into predications 
of existence (er meint affirmative Existentialsätze, die ich natürlich nicht 
als „Prädikationen von Existenz" bezeichnet hatte). The Suggestion was 
new to me, but I at once saw its truth when pointed out. It is not 
■on that point that our difference hinges etc." Daß Mill trotz der zu- 
gestandenen Rückführbarkeit aller kategorischen Sätze auf Existential- 
sätze seine Meinung, das „ist" und „ist nicht" in ihnen enthalte einen 
Prädikatsbegriff „Existenz" wie früher festhielt, zeigt sich schon in der 
mitgeteilten Stelle seines Briefes, und er sprach es in dem darauf 
Folgenden noch entschiedener aus. Wie er aber dabei an seiner Lehre 
von der Copula festhalten könne, zeigte er nicht. Konsequent hätte er 
sie aufgeben und überhaupt noch vieles ir, seiner Logik (wie z. B. Buch I, 
Kap. 5, § .")) wesentlich umbilden müssen. Ich hofi'te, im Frühsommer 
seiner Einladung nach Avignon folgend, über diese wie über andere 
zwischen uns schwebende Fragen mündlich mich leichter mit ihm ver- 
ständigen zu können, und urgierte den Punkt nicht weiter. Doch sein 
plötzlicher Tod vereitelte meine Hoffnungen. 

Nur noch eine kurze Bemerkung will ich meiner Erörterung gegen 



— 58 — 

der Rückführung des kategorischen auf den Existentialsatz 
das -Sein" des Existentialsatzes an die Stelle der Copula 
und läßt so erkennen, daß es so wenig wie diese ein 
Prädikat enthält. Dann sieht man recht anschaidich, -wie 
die Verbindung mehrerer Glieder, die man für die all- 
gemeine und besondere Xatur der Urteile so wesentlich 
glaubte, die Kombination von Subjekt und Prädikat, von 
Antezedens und Konsequens usf., in Wahi^heit nichts anderes 
als Sache des sprachlichen Ausdruckes ist. 

Hätte man dies von Anfang erkannt, so wäre wohl 
niemand auf den Gedanken gekommen, Vorstellungen und 
Urteile dadurch zu unterscheiden, daß der Inhalt der 
ersteren ein einfacher, der Inhalt der letzteren ein zusammen- 
gesetzter Gedanke sei. Denn in Wahrheit besteht hin- 
sichtlich des Inhaltes nicht der geringste Unterschied. Der 
Bejahende , der Verneinende und der ungewiß Fragende 
haben denselben Gegenstand im Bewußtsein: der letzte, 
indem er ihn bloß vorstellt, die beiden ersten, indem 
sie ihn zugleich vorstellen und anerkennen oder ver- 
werfen. Und jedes Objekt, das Inhalt einer Vorstellung 
ist, kann unter Umständen auch Inhalt eines Urteils werden. 

§ 8. Überblicken wir noch emmal rasch den Gang 
unserer Untersuchung in seinen wesentlichsten Momenten. 



Mill beifügen. Die Sätze von der Art wie „ein Mensch ist tot" sind im 
"wahren Sinne des Wortes gar nicht kategorisch zu nennen, weil tot 
kein Attribut, sondern, wie gesagt, eine Modifikation des Subjektes 
enthält. Was würde einer zu dem kategorischen Schlüsse sagen : „alle , 
Menschen sind lebende Wesen; irgend ein Mensch ist tot; also ist 
irgend ein totes ein lebendes Wesen?" Er wäre aber, wenn die Minor 
ein wahrer kategorischer Satz wäre, ein gültiger Schluß der dritten 
Figur. Wollten wir nun mit Kant, solchen verschiedenen Aussage- 
formen entsprechend, verschiedene Klassen von „Relation" der Urteile 
annehmen, so hätten wir hier wieder neue „transszendentale" Ent- 
deckungen zu machen. In Wahrheit ist aber die besondere Aussage- 
formel leicht abgestreift, indem der Existentialsatz „es gibt einen toten 
Menschen" ganz und gar dasselbe besagt. Und somit , hoffe ich , wird i , 
man endlich einmal aufhören, hier sprachliche Unterschiede mit Unter- : i 
schieden des Denkens zu vei-wechseln. 



— 59 — 

Wir sagteil, wenn man nicht zugebe, daß zwischen Vor- 
stellung und Urteil ein Unterschied wie zwischen Vor- 
stellung und Begehren, d. h, ein Unterschied in der Weise 
der Beziehung zum Gegenstand bestehe, so leugne doch 
niemand, dnü irgendein Unterschied zwischen beiden 
anerkannt werden müsse. Ein bloß äußerer Unterschied, 
eine bloße Verschiedenheit in den Ui'sachen oder Folgen 
könne aber dieser Unterschied offenbar nicht sein. Viel- 
mehr sei er, wenn man die Verschiedenheit der Bezielumgs- 
weisen ausschließe, nur in zweifacher Art denkbar; entweder 
als ein Unteischied in dem, was gedacht wird, oder als ein 
Unterschied der Intensität, mit welcher es gedacht 
wird. Wir prüften beide Hypothesen. Die zweite erwies 
sich sofort als hinfällig. Aber auch die erste, zu der man 
zunächst eher geneigt sein konnte, zeigte sich bei näherer 
Betrachtung als völlig unhaltbar. Wenn eine noch immer 
sehr gewöhnliche Meinung dahin geht, daß die Vorstellung 
auf einen einfacheren, das Urteil auf einen zusammen- 
gesetzteren Gegenstand, auf eine Verbindung oder Trennung 
gehe, so wiesen wir dagegen nach, daß auch bloße Vor- 
stellungen diese zusammengesetzteren Gegenstände, und 
andererseits auch Urteile jene einfacheren Gegenstände zum 
Inhalte haben. Wir zeigten, daß die Verbindung von Sub- 
jekt und Prädikat und andere derartige Kombinationen 
durchaus nicht zum Wesen des Urteils gehören. Wir be- 
gründeten dies durch Betrachtung des affirmativen wie 
negativen Existentialsatzes ; wir bestätigten es durch den 
Hinweis auf unsere Wahrnehmungen und insbesondere 
unsere ersten Wahrnehmungen , und endlich dm'cli die 
Rückfühi'ung der kategorischen , ja aller Arten von Aus- 
sagen auf Existentialsätze. So wenig also ein Unterschied 
der Intensität, so wenig kann ein Unterschied des Inhaltes 
es sein, was die Eigentümlichkeit des Urteils gegenüber 
der Vorstellmig ausmacht. Somit bleibt nichts anderes 
übrig als, wie wir es getan, die Eigentümlichkeit des Ur- 
teils als eine Besonderheit in der Beziehung aul* den 
immanenten Gegenstand zu begreifen. 



— 00 — 

§ 9. Icli glaube, die eljen beendete Erörterung ist eine 
kräftige Bestätigung unserer These; so zwar, daß sie jeden 
Zweifel daran niederschlägt. Dennoch wollen wir wegen 
der fundamentalen Bedeutung der Frage den Unterschied 
von Vorstellung und Urteil nochmals und von einer anderen 
Seite her beleuchten. Denn nicht bloß die Unmöglichkeit 
sonstwie von ihm Rechenschaft zu geben, auch vieles andere 
weist uns auf die Walu'heit hin, die nach unserer Be- 
hauptung unmittelbar in der inneren Erfahrung vorliegt, 

Vergleichen wir zu diesem Zwecke das Verhältnis von 
Vorstellung und Urteil mit dem Verhältnis zwischen zwei 
Klassen von Phänomenen, deren tiefgreifende Verschieden- 
heit in der Beziehmig zum Objekt außer Frage steht: 
nämlich mit dem Verhältnis zwischen Vorstellungen und 
Phänomenen von Liebe oder Haß. So sicher es ist, daß 
ein Gegenstand, der zugleich vorgestellt und geliebt, oder 
zugleich vorgestellt und gehaßt wird, in zweifacher Weise 
intentional im Bewußtsein ist: so sicher gilt dasselbe auch 
in betreff eines Gegenstandes, den wir zugleich vorstellen 
und anerkennen, oder zugleich vorstellen und leugnen. 

Alle Umstände sind hier und dort analog; alle zeigen, 
daß, wenn in dem einen, auch in dem anderen Falle eine 
zweite, grundverschiedene Weise des Bewußtseins zu der 
ersten hinzugekonunen ist. 

Betrachten wir dies im einzelnen. 

Zwischen Vorstellungen finden wdr keine Gegensätze 
außer die der Objekte , die in ihnen aufgenommen sind. 
Insofern Warm und Kalt, Licht und Dmikel, hoher und 
tiefer Ton u. dgl. Gegensätze bilden, können wir die Vor- 
stellung des einen und des anderen entgegengesetzte nennen; 
und in einem anderen Sinne findet sich überhaupt auf dem 
ganzen Gebiete dieser Seelentätigkeiten kein Gegensatz. 

Indem Liebe und Haß hinzutreten, tritt eine ganz 
andere Art von Gegensätzen auf. Ihr Gegensatz ist kein 
Gegensatz zwischen den Objekten, denn derselbe Gegen- 
stand kann geliebt oder gehaßt werden: er ist ein Gegen- 
satz zwischen den Beziehungen zum Objekt; gewiß ein 



— 61 — 

deutliches Zeichen, daß wir es hier mit einer Klasse von 
Phänomenen zu tun haben, bei welchen der Charakter der 
Beziehung zum Objekt ein durchaus anderer als bei den 
Vorstellungen ist. 

Ein ganz analoger Gegensatz tritt aber unverkennbar 
auch dann in dem Bereiche der Seelenerscheinungen auf, 
wenn nicht Liebe und Haß, sondern Anerkennung und 
Ijeugnung auf die vorgestellten Gegenstände sich richten. 

Ferner ^ In den Vorstellungen findet sich keine In- 
tensität außer der größeren oder geringeren Schärfe und 
Lebhaftigkeit der Erscheinung. 

Indem Liebe und Haß hinzukommen, kommt eine ganz 
neue Gattung von Intensität hinzu, die größere oder ge- 
ringere Energie, die Heftigkeit oder Mäßigung in der Gewalt 
dieser Gefühle. 

In gnnz analoger Weise finden wir aber auch eine voll- 
kommen neue Gattung von Intensität in dem zur Vor- 
stellung hinzutretenden Urteile. Denn das größere oder 
geringere Maß von Gewißheit in Überzeugung oder Meinung 
ist offenbar nichts, was dem Unterschiede in der Stärke der 
Vorstellungen verwandter genannt werden könnte als der 
Unterschied in der Stärke der Liebe. 

Noch mehr. In den Vorstellungen wohnt keine 
Tugend und keine sittliche Schlechtigkeit, 
keine Erkenntnis und kein Irrtum. Das alles ist 
ihnen innerlich fi'emd, und höchstens in homonymer Weise 
können wir eine Vorstellung sittlich gut oder schlecht, 
wahr oder falsch nennen; wie z. B. eine Vorstelhmg 
schlecht genannt wird, weil, wer das Vorgestellte liebte, 
sündigen, und eine andere falsch, weil, wer das Vorgestellte 
anerkennte, irren würde ; oder auch, weil in der Vorstellung 
eine Gefahr zu jener Liebe, eine Gefahr zu dieser An- 
erkennung gegeben ist^. 



^ Zi; dem hier Folge)iden vgl. die Erörterungen des Anhangs und 
meine Untersuchungen zur Sinnespsychologie, auf welche ich in diesen 
verweise. 

2 Vgl., was schon Aristoteles in dieser Hinsicht bemerkt hat, in 



— 62 — 

Das Gebiet der Liebe und des Hasses zeigt uns also 
eine ganz neue Gattung von Vollkommenheit und Unvoll- 
kommenheit, von welcher das Gebiet der Vorstellung nicht 
die leiseste Spur enthält. Indem Liebe und Haß zu den 
Vorstellungsphänomenen sich gesellen, tritt — wenigstens 
häufig, und da, wo es sich um zm-echnungsfähige psychische 
Wesen handelt — das sittlich Gute und Böse in das Reich 
der Seelentätigkeit ein. 

Doch auch hier gilt in bezug auf das L^rteil Ähnhches. 
Denn die andere eben so neue und wichtige Gattung von 
Vollkommenheit und Unvollkommenheit, an der, wie wir 
sagten, kein bloßes Vorstellen Teil hat, ist in ähnlicher 
Weise das Eigentum des Gebietes des Urteils wie die erst- 
genannte das Eigentum des Gebietes der Liebe und des 
Hasses ist. Wie die Liebe und der Haß Tugend oder 
Schlechtigkeit sind, so sind die Anerkennung oder Leugnmig 
Erkenntnis oder Irrtum. 

Endlich noch eines. Obwohl von den Gesetzen des 
Vorstellungslaufes nicht unabhängig, unterliegen doch Lie1)e 
und Haß, als eine besondere, in der ganzen Weise des 
Bewußtseins grundverschiedene Gattung von Phänomenen, 
noch besonderen Gesetzen der Sukzession und 
Entwickelung, welche vornehmlich die psychologische 
Grundlage der Ethik ausmachen. Sehi' häufig wird ein 
Gegenstand wegen eines anderen geliebt und gehnßt. 
während er an und für sich in keiner von beiden Weisen 
oder vielleicht nur in einer entgegengesetzten uns bewegen 
würde. Lnd oft haftet die Liebe, einmal in dieser Weise 
übertragen, ohne Rücksicht auf den Ursprung bleibend an 
dem neuen Objekte. 

Auch in dieser Hinsicht aber finden wir eine ganz 
analoge Tatsache bei den Urteilen. Auch bei ihnen kommen 
zu den allgemeinen Gesetzen des Vorstellungslaufes, deren 
Einfluß auf dem Gebiete des Urteils nicht zu verkennen 



meiner Abhandlung „Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden 
nach Aristoteles" S. 31 f. 



— 63 — 

ist, noch besondere Gesetze hinzu, die speziell für die Ur- 
teile Geltung haben, und in ähnlicher Beziehung zur Logik, 
wie die Gesetze der Liebe und des Hasses zur Ethik 
stehen. Wie eine Liebe aus der anderen nach besonderen 
Gesetzen entsteht, so wird ein Urteil aus dem anderen 
nach besonderen Gesetzen gefolgert. 

So sagt denn mit Recht J. St. Mill in seiner Logik der 
Geisteswissenschaften: „Li betreff des Glaubens werden 
die Psychologen immer durch spezifisches Studium 
nach den Regeln der Liduktion zu untersuchen haben, 
welchen Glauben wir durch unmittelbares Bewußtsein 
haben, und nach welchen Gesetzen ein Glaube den anderen 
erzeugt; welches die Gesetze sind, kraft deren ein Ding, 
mit Recht oder mit Unrecht, von unserem Geiste als Be- 
weis füi' ein anderes Ding angesehen wird. In bezug auf 
das Begehren werden sie ebenso zu untersuchen haben, 
welche Gegenstände wir ursprünglich begehren, und welche 
Ursachen uns dazu fülii-en, Dinge zu begehi-en, die uns ur- 
sprünglich gleichgültig oder sogar unangenehm sind usw." ^ 
Dem entsprechend verwirft er in seinen Noten zur Analyse 
von James Mill nicht bloß die Ansicht des Verfassers so 
wie Herbert Spencers, daß der Glaube in einer untrennbar 
festen Assoziation von Vorstellungen bestehe, sondern er 
leugnet auch, daß, wie diese beiden Denker notwendig an- 
nehmen mußten, der Glaube nur nach den Gesetzen der 
Ideenassoziation sich bilde. ,,Wäre dies der Fall", sagt er, 
„so würde das Fürwahrhalten eine Sache der Gewohnheit 
und des Zufalls und nicht der Vernunft sein. Sicher ist 
eine Assoziation zwischen zwei Vorstellungen, so stark sie 
auch sein mag, kein hinreichender Grund des Fürwahr- 
haltens; sie ist kein Beweis dafür, daß die betreffenden 
Tatsachen in der äußeren Natur verbunden sind. Die 
Theorie scheint jeden Unterschied aufzuheben zwischen 
dem Fürwahrhalten des Weisen, welches durch Beweis- 
gründe geleitet wird und den wirklichen Sukzessionen und 



1 Ded. u. lud. Logik B. VI, Kap. 4, § 3. 



- 64 — 

Coexistenzen der Tatsachen iii der Welt entspricht, und 
dem Fürwahrhalten eines Toren, welches durch irgend- 
welche zufälhge Assoziation, w^elche die Vorstellung einer 
Sukzession oder Coexistenz in dem Geiste hervorruft, 
mechanisch hervorgebracht worden ist, einem Fürwahr- 
halten, das treffend charakterisiert wird durch die gemein- 
übliche Bezeichnung, , etwas für wahr halten, weil rnan es 
sich in den Kopf gesetzt hat'" ^ 

Es wäre überflüssig, jetzt länger bei einem Punkte zu 
verweilen, der genügend klar und, mit geringen Ausnahmen, 
auch von allen Denkern anerkannt wird. Spätere Er- 
örterungen werden das, was hier über die besonderen Ge- 
setze der Urteile und der Gemütsbewegungen gesagt 
worden ist, noch mehr ins Licht setzen^. 

Unser Ergebnis ist also dieses: Aus der Analogie aller 
begleitenden Verhältnisse ist aufs neue ersichtlich, daß, 
wenn zwischen Vorstellung und Liebe, und überhaupt 
irgendwo zwischen zwei verschiedenen psychischen Phäno- 
menen, auch zwischen Vorstellung und Urteil eine funda- 
mentale Verschiedenheit der Beziehung zum Objekte an- 
genommen werden muß. 

§ 10. Fassen wir die Beweisgründe für diese Wahrheit 
kurz zusammen, so sind es folgende: 

Erstens zeigt die innere Erfahrung unmittelbar die 
Verschiedenheit in der Beziehung auf den Lihalt, die wir 
für Vorstellung und Urteil behaupten. 

Zweitens würde, wenn nicht ein solcher, überhaupt 
kein Unterschied zwischen ihnen bestehen. Weder die An- 
nahme einer verschiedenen Intensität, noch die Annahme 
eines verschiedenen Inhaltes für die bloße Vorstellung und 
das Urteil ist haltbar. 

Drittens endlich findet man, wenn man den Unter- 
schied von Vorstellung und Urteil mit anderen Fällen 

' a. a. 0. Ch. XI, Note 108; I, p. 407. 

2 Buch IV und V. (Nicht zum Drucke gelangt). 



— (35 — 

psychischer Unterschiede vergleicht, daß von allen Eigen- 
tümlichkeiten, welche sich anderwärts zeigen, wo das Be- 
wußtsem in völlig verschiedenen Weisen zu einem Gegen- 
stande in Beziehung tritt, auch hier nicht eine einzige 
mangelt. Also, wenn nicht hier, so dürften wir wohl auch 
in keinem anderen Falle einen solchen Unterschied auf 
psychischem Gebiete anerkennen. 

§ 11. Es bleibt uns nun noch eine Aufgabe zu lösen. 
Außer dem Irrtum in der gewöhnlichen Ansicht müssen 
wir auch den Anlaß des Irrtums nachweisen. 

Die Ursachen der Täuschung waren, wie mir scheint, 
von doppelter Art. Der eine Grund war ein psychischer, 
d. h. eine psychische Tatsache, welche die Täuschung be- 
günstigte; der andere ein sprachlicher. 

Der psychische Grund scheint mir vorzüglich darin 
zu liegen, daß in jedem Akte des Bewußtseins, so einfach 
er auch sein mag, wie z. B. in dem, worin ich einen Ton 
vorstelle, nicht bloß eme Vorstellung, sondern zugleich 
auch ein Urteil, eine Erkenntnis beschlossen ist. Es ist 
dies die Erkenntnis des psychischen Phänomens im inneren 
Bewußtsein , deren Allgemeinheit wir früher nachwiesen ^ 
Dieser Umstand, der manche Denker dazu veranlaßt hat, 
alle psychischen Phänomene unter den Begriff des Er- 
kennens als unter eine einheitliche Gattung zu subsumieren, 
hat andere bestimmt, wenigstens Vorstellung und Urteil, 
weil sie nie getrennt erscheinen , in eins zu fassen, indem 
sie nur für die Phänomene, die, wie Gefühle und Be- 
strebungen, in besonderen Fällen hinzukommen, besondere 
neue Klassen aufstellten. 

Ich brauche, um diese Bemerkung zu bestätigen, nur 
eine schon fi'üher einmal angezogene Stelle aus Hamiltons 
Vorlesungen in Erinnerung zu bringen. „Es ist offenbar", 
sagte er, „daß jedes psychische Phänomen entweder ein 
Akt der Erkenntnis oder einzig und allein durch einen Akt 

1 Bucli II, Kap. 3 m. Psych, v. cmp. St. 
Brentano, Klassifikation fler psychischen PhSnomeue. 5 



— Öi) — 

der Erkenntnis möglich ist, denn das innere Bewußt- 
sein ist eine Erkenntnis; und dies ist der Gruml. 
weshalb viele Philosophen — wie Descartes, Leibniz. 
Spinoza, Wolff, Platner u. a. — dazu geführt wTirden, die 
vorstellende Fähigkeit, wie sie sie nannten, die Fähigkeit 
der Erkenntnis, als das Grundvermögen der Seele zu be- 
trachten, von dem alle anderen sich ableiteten. Die Ant- 
wort darauf ist leicht. Jene Philosophen beachteten nicht, 
daß, obwohl Lust und Unlust, Begierde und Willen bloß 
sind, insofern sie als seiend erkannt werden, dennoch in 
diesen Modifikationen ein absolut neues Phänomen 
hinzugekommen ist, welches nie in der bloßen Fähig- 
keit der Erkenntnis enthalten war, und daher auch nie 
daraus entwickelt werden konnte. Die Fähigkeit der 
Erkenntnis ist sicher die erste der Ordnung nach 
und insofern die conditio sine qua non der übrigen usw.\ " 

Wir sehen, weil kein psychisches Phänomen möglich 
ist, außer insofern es von innerer Erkenntnis begleitet ist, 
so glaubt Hamilton, ein Erkennen sei der Ordnung nach 
das erste in uns, und unterscheidet, indem er das Vor- 
stellen mit ihm in eines faßt, nur noch für Gefühl und 
Streben besondere Klassen. In der Tat ist es aber nicht 
richtig, daß ein Erkennen der Ordnung nach das erste ist, 
da ein solches zwar in jedem und darum auch in dem ersten 
psychischen Akte auftritt, aber nur sekmidär. Das primäre 
Objekt des Aktes ist nicht immer erkannt (sonst könnten 
wir nie etwas falsch beurteilen) und auch nicht immer be- 
urteilt (sonst würden die Frage und Untersuchung darüber 
wegfallen), sondern oft und in den einfachsten Akten nur 
vorgestellt. Und auch hinsichtlich des sekundären Objekts 
bildet die Erkenntnis in gewisser Weise nur das zweite 
Moment, indem sie wie jedes Urteil die Vorstellung des 
Beurteilten zur Vorbedingung hat, also diese (wenn auch 
nicht zeitlich, doch der Natur nach) das Früliere ist. 

Auf dieselbe Weise, wie Hamilton für die Erkenntnis, 

1 Lectures on Metaphysics I, p. 1«7. 



— 67 - 

könnte man auch für das Gefühl den ersten Platz in der 
Ordnung der Phänomene in Anspruch nehmen und infolge 
davon auch dieses mit Vorstellung und Urteil konfimdieren. 
Denn, wie wir gesehen haben, kommt auch ein Gefühl als 
sekundäres Phänomen in jedem psychischen Akte vor '. 
Wenn dieses nicht oder doch nicht so häufig wie die All- 
gemeinheit der begleitenden inneren Wahrnehmung zu 
einem ähnlichen Mißgriffe veranlaßte, so erklärte sich dies 
nur daraus, daß einerseits die Allgegenwart der Gefülile 
nicht so allgemein erkannt wurde, und andererseits gewisse 
Vorstellungen uns wenigstens relativ gleichgültig lassen, 
und dieselbe Vorstellung zu verschiedenen Zeiten von ver- 
schiedenen, ja entgegengesetzten Gefühlen begleitet ist^. 
Die innere Wahrnehmung dagegen besteht immer und 
wechsellos mit derselben Fülle der Überzeugung, und wemi 
sie einem Unterschiede der Intensität unterliegt, so ist es 
ein solcher, der mit einer Intensität des von ihi* begleiteten 
Phänomens in gleichem Grade steigt und fällt ^. 

Dies also ist, was ich den psychischen Grund des Irr- 
tums nannte. 

§. 12. Zu ihm kommt, wie gesagt, auch ein sprach- 
licher. 

Wir können nicht erwarten, daß Verhältnisse, die sogar 
scharfsinnigen Denkern der Anlaß einer Täuschung wurden, 
nicht auch auf die gewöhnlichen Ansichten einen Einfluß 
gewonnen haben sollten. Aus diesem aber erwächst die 
Sprache des Volkes. Und so müssen wir von vorn herein 
vermuten, daß unter den Namen, mit welchen das gemeine 
Leben die psychischen Tätigkeiten zu bezeichnen pflegt, 
sich einer finde, welcher auf Vorstellungen wie Urteile, aber 
auf kein anderes Phänomen anwendbar, beide wie zu einer 



1 S. Buch II, Kap. 3, § 6 m. Psych, v. emp. St. — Vgl. iihei auch 
die Erörterungen im Anhang und meine Untersuchungen zur Sinnos- 
psychologie, auf die sie verweisen. 

^ Vgl. ebend. 

^ S. ebend. § 4 

5* 



— 68 — 

einheitlichen, weiteren Klasse gehörig zusammenfaßt. Dies 
zeigt sich in der Tat. Wir nennen Vorstellen und Urteilen 
mit gleicher Ungezwungenheit ein Denken; auf ein Fühlen 
oder Wollen dagegen können wir den Ausdruck nicht wohl 
anw^enden, ohne der Sprache Gewalt anzutun. Auch fmden 
wir in fremden Sprachen, antiken wde modernen, Bezeich- 
nungen, die in demselben Umfange gebräuchlich sind. 

Wer die Geschichte der wissenschaftlichen Bestrebungen 
kennt, värd mir nicht widersprechen, wenn ich diesem Um- 
stand einen hindernden Einfluß zuschreibe. Wenn sehr be- 
rühmte Philosophen der Neuzeit, ein um das andere Mal, 
sogar dem Paralogismus der Äquivokation erlegen sind, wie 
sollte nicht eine Gleichheit der Benennung bei der Klassi- 
fikation eines Erscheinungsgebietes verführerisch für sie 
gewesen sein ? Whewell in seiner Geschichte der inductiven 
Wissenschaften zeigt solche Versehen und andere ihnen ver- 
wandte Fehler in reichen Beispielen ; denn wde zu einem 
Verbinden, wo keine Gleichheit, so führte die Sprache oft 
zu einem Unterscheiden, wo keine Verschiedenheit vorlag, 
und die Scholastiker waren nicht die einzigen, die Distink- 
tionen auf bloße Worte gründeten. Es ist also sehr natürlich, 
wenn die Homonymie des Namens „Denken" in unserem 
Falle nachteilig gewirkt hat. 

§ 13. Aber weit mehr ohne Zweifel hat eine andere 
Eigenheit des sprachlichen Ausdrucks die Erkenntnis des 
richtigen Verhältnisses erschwert. 

Die Aussage eines Urteils ist, man kann sagen, durch- 
gehends ein Satz, eine Verbindung mehrerer Worte, was sicli 
auch von unserem Standpunkte leicht begreifen läßt. Es 
hängt damit zusammen, daß eine Vorstellung die Grundlage 
eines jeden Urteiles ist, und daß bejahende und verneinende 
Urteile hinsichtlich des Inhalts, auf den sie sich beziehen, 
übereinstimmen, indem das negative Urteil nur den Gegen- 
stand leugnet, den das entsprechende affirmative anerkennt. 
Obwohl der Ausdruck des Urteils der vorzügliche Zweck 
.sprachlicher Mitteilung war, so war es daher sehr nahe gelegt, 



— 69 — 

den einfachsten sprachlichen Ausdruck, das einzelne Wort, 
nicht für sich allein dazu zu verwenden. Benützte man es 
für sich als den Ausdruck der einem Urteilspaare gemein- 
sam zu Grunde liegenden Vorstellung, und fügte man, um 
Ausdrücke für die Urteile selbst zu erhalten, eine doppelte 
Art von Flektion oder auch eine doppelte Art von stereotypen 
Wörtchen (wie „sein" und „nicht sein") hinzu, so ersparte 
man durch diesen einfachen Kunstgriff dem Gedächtnis die 
Hälfte der Leistung, indem dieselben Namen in den affir- 
mativen und in den entsprechenden negativen Urteilen Ver- 
wendung fanden. Außerdem hatte man den Vorteil, bei der 
Weglassung jener Ergänzungszeichen den Ausdruck einer 
anderen Klasse von Phänomenen, der Vorstellungen, rein für 
sich zu besitzen, welcher, da die Vorstellungen auch für 
Begehren und Fühlen die Grundlage sind, in Fragen, in 
Ausrufungen, in Befehlen u. s. f. noch weitere treffliche 
Dienste leisten konnte. 

So konnte es nicht fehlen, daß längst vor den Anfängen 
eigentlich wissenschaftlicher Forschung der Ausdruck des 
Urteils eine Zusammensetzung aus mehreren unterscheid- 
baren Bestandteilen geworden war. 

Danach bildete man sich die Ansicht, das Urteil selbst 
müsse ebenfalls eine Zusammensetzung, und zwar — da die 
Mehrzahl der Worte Namen, Ausdrücke von Vorstellmigen, 
sind — eine Zusammensetzung von Vorstellungen sein ^ Und 
stand einmal dieses fest, so schien ein unterscheidendes Merk- 
mal des Urteils von der Vorstellung gegeben, und man fühlte 
sich nicht aufgefordert näher zu untersuchen, ob dies der 
ganze Unterschied zwischen Vorstellung und Urteil sein könne, 
ja ob ihre Verschiedenheit nur irgendwie in dieser Weise 
sich begreifen lasse. 

Nach allem dem vermögen wir es uns recht wohl zu 
erklären, weshalb das wahre Verhältniss zwischen zwei funda- 



1 Man vergleiche zum Beleg das erste Kapitel der Aristotelischen 
»Schrift De Interpretatioue. 



— 70 — 

mental verschiedenen Klassen psychischer Erscheinungen so 
lange Zeit verborgen blieb. 

§. 14. Inzwischen hat natürlich die falsche Wurzel man- 
nigfache Schösslinge des Irrtums hervorgetrieben, welche in 
weiter Verzw^eigung nicht bloß über das Gebiet der Psycho- 
logie, sondern auch über das der Metaphysik und Logik sicli 
ausbreiteten. Das ontologische Argument für das Dasein 
Gottes ist nur eine ihrer Früchte. Die gewaltigen Kämpfe, 
welche die mittelalterlichen Schulen über essentia und 
esse, ja über esse essen tiae und esse existentiae 
führten, geben von den convulsivischen Anstrengungen einer 
energischen Denkkraft Zeugnis, w^elche sich müht des un- 
verdaulichen Elementes Herr zu werden. Thomas, Scotus, 
Occam, Suarez — alle beteiligen sich lebhaft an dem Kampfe; 
jeder hat in der Polemik, keiner in seinen positiven Auf- 
stellungen Recht. Immer dreht sich die Frage nur darum, 
ob die Existenz des Wesens eine andere, oder ob sie dieselbe 
Realität wie das Wesen sei. Scotus, Occam, Suarez leugnen 
mit Recht, daß sie eine andere Realität sei (was besonders 
Scotus sehr hoch anzurechnen und schier bei ihm wie ein 
Wunder zu betrachten ist) ; aber sie fallen in Folge dessen 
in den Irrtum, die Existenz eines jeden Dinges gehöre zum 
Wesen des Dinges selbst, sie betrachten dieselbe als seinen 
allgemeinsten Begriff. Hier war nun der Widerspruch der 
Thomisten im Rechte, obwohl ihi-e Kritik den eigentlich 
schwachen Punkt nicht traf und sich vornehmlich auf die 
Grundlage gemeinsamer irriger Annahmen stützte. Wie, 
riefen sie, die Existenz eines jeden Dinges sein allgemeinster 
Begriff? - Das ist unmöglich! — Würde doch seine 
Existenz sich dann aus seiner Definition ergeben, und folg- 
lich die Existenz des Geschöpfes so selbstevident und von 
vorn herein notwendig wie die des Schöpfers selber sein. 
Aus der Definition eines kreatürlichen Seins ergibt sich 
nicht mehr, als daß es ohne Widerspruch, also möglich 
ist. Das Wesen einer Kreatur ist demnach ihre blosse Mög- 
lichkeit, und jede wirkliche Kreatur ist aus zwei Bestand- 



— 71 — 

teilen, aus einer realen Möglichkeit und einer realen Wirk- 
lichkeit zusammengesetzt, deren eine von der anderen im 
Existentialsatz ausgesagt wird, und die sich ähnlich wie 
nach Aristoteles Materie und Form in den Körpern zu- 
einander verhalten. Die Grenzen der Möglichkeit sind natür- 
hch auch die der in ihr aufgenommenen Wirklichkeit. Und 
so ist die Existenz, die an sich etwas Schrankenloses und 
Allumfassendes wäre, in der Kreatur eine beschränkte. Anders 
ist es bei Gott. Er ist das in sich selbst notwendig Seiende, 
auf welches alles Zufällige zurückweist. Er ist also nicht 
aus Möglichkeit und Wirklichkeit zusammengesetzt. Sein 
Wesen ist seine Existenz ; die Behauptung, daß er nicht sei, 
ein Widerspruch. Und eben darum ist er unendlich. In 
keiner Mögliclikeit aufgenommen, ist die Existenz bei ihm 
unbeschränkt ; und so ist er der Inbegriff aller Realität und 
Vollkommenheit. 

Dassmd hochfliegende Spekulationen, die aber niemanden 
mehr mit sich über die Wolken erheben werden. Bezeich- 
nend ist es aber, daß ein eminenter Denker, wie Thomas 
von Aquin sicher einer war, wirklich mittels eines solchen 
Beweises die unendliche Vollkommenheit des Urgrundes 
der Welt dargetan zu haben glaubte. Ich brauche hienach 
nicht mehr auf die allbekannten Beispiele der neueren Meta- 
physik zu verweisen, welche den nachteiligen Einfluß irriger 
Anschauungen über die Urteile und das, was damit in näch- 
stem Zusammenhange steht, nicht minder anschaulich machen 
könnend 

§. 15. Auch in der Logik hat die Verkennung des We- 
sens der Urteile mit Notwendigkeit weitere Irrtümer er- 
zeugt. Ich habe den Gedanken nach dieser Seite in seine 
Konsequenzen verfolgt und gefunden, daß er zu nichts Ge- 
ringerem als zu einem völligen Umsturz aber auch zu einem 
Wiederaufbau der elementaren Logik führt. Und Alles wird 

1 Einwirkungen auf Kants Transzendentalphilosophie wurdon im 
vorausgehenden berührt. 



ri 



dann einfacher, durchsichtiger und exakter. Nur in einigen 
Beispielen will ich den Kontrast zwischen den Regeln 
dieser reformierten Logik und der althergebrachten nach- 
weisen, indem uns hier die vollständige Durchführung und 
Begründung natürlich zu lange aufhalten und zu weit von 
unserem Thema abfühi*en würde*. 

An die Stelle der früheren Regeln von den kategorischen 
Schlüssen treten als Hauptregeln, die eine unmittelbare 
Anwendung auf jede Figur gestatten, und für sich allein 
zur Prüfung eines jeden Syllogismus vollkommen ausreichend 
sind, folgende drei: 

1. Jeder kategorische Syllogismus enthält 
vier Termini, von denen zwei einander entgegen- 
gesetzt sind und die beiden anderen zweimal zu 
stehen kommen. 

2. Ist der Schlußsatz negativ, so hat jede 
der Prämissen die Qualität und einen Terminus 
mit ihm gemein. 

3. Ist der Schlußsatz affirmativ, so hat die 
eine Prämisse die gleiche Qualität und einen 
gleichen Terminus, die andere die entgegenge- 
setzte Qualität und einen entgegengesetzten 
Terminus. 

Das sind Regeln, die ein Logiker der alten Schule zu- 
nächst nicht ohne Grauen hören wird. Vier Termini soll 



* Zum Behuf meiner Vorlesungen über Logik, die ich im Winter 
1870'71 an der Würzburger Hochschule hielt, habe ich eine auf die neue 
Basis gegründete logische Elementarlehre vollständig und systematisch 
ausgearbeitet. Da sie nicht bloß bei meinen Zuhörern, sondern auch 
bei Fachmännern in der Philosophie, denen ich davon Mitteilung machte, 
Interesse erregte, so ist es meine Absicht, sie nach vollendeter Heraus- 
gabe meiner Psychologie nochmals zu revidieren und zu veröffentlichen. 
Die Regeln, die ich hier im Texte beispielsweise folgen lasse, werden, 
mit den übrigen, in dieser Schrift jene sorgfältige Begründung finden, 
die man bei einem Widerspruch gegen die gesamte Tradition seit 
Aristoteles gewiß zu verlangen bei'eehtigt ist. Übrigens werden viele 
vielleicht von selbst die notwendige Verkettung mit der dargelegten 
Ansicht von der Natur des Urteils erkennen. Vgl. hiezu Franz Hille- 
brand, Neuere Theorien von den kategorischen Schlüssen. 



— 73 - 

jeder Syllogismus haben: und er hat die Quaternio ter- 
minorum immer als Paralogismus verdammt ^ Negative 
Schlußsätze sollen lauter negative Prämissen haben: und 
er hat immer gelehrt, daß aus zwei negativen Prämissen 
nichts gefolgert werden könne. Auch unter den Prämissen 
des affirmativen Schlußsatzes soll sich ein negatives Urteil 
finden: und er hätte darauf geschworen, daß er unum- 
gänglich zwei affirmative Prämissen verlange. Ja, für einen 
kategorischen Schluß aus affirmativen Prämissen ist gar 
kein Raum gelassen: und er hatte doziert, daß die affir- 
mativen Prämissen die vorzüglichsten seien, indem er, wo 
eine negative sich dazu gesellte, diese als die „pejor pars" 
bezeichnete. Von „allgemein" und „partikulär" endlich hört 
man in den neuen Regeln gar nichts: und er hatte diese 
Ausdrücke sozusagen immer im Munde geführt. Und haben 
nicht seine alten Regeln sich bei der Prüfung der Syllo- 
gismen so geeignet erwiesen, daß nun umgekehrt wieder die 
tausend an ihrem Maßstabe gemessenen Schlüsse für sie 
selbst Probe und Bewähi'ung sind? Sollen wir den be-_ 
rühmten Schluß: „Alle Menschen sind sterblich, Cajus ist ein 
Mensch, also ist Cajus sterblich", und alle seine Begleiter 
nicht mehr als bündig anerkennen ? — Das scheint eine un- 
mögliche Zumutung. 

Doch so schlimm steht die Sache auch nicht. Da die 
Fehler, aus welchen die früheren Regeln der Syllogistik 
entsprangen, in der Verkennung der Natur der Urteile nach 



1 In der allerneuesten Zeit hat auch ein englischer Logiker, B o o 1 e , 
richtig erkannt, daß manche kategorische SyUogismen vier Termini haben, 
von denen zwei einander kontradiktorisch entgegengesetzt seien. Ändert^ 
haben ihm beigepflichtet, und auch A. Bain, der in seiner Logik ausführlich 
über Booles Zusätze zur Syllogistik berichtet, gibt seine Zustimmung 
unzweideutig zu erkennen (I, p. 205). Obwohl Boole diese Syllogismen 
mit vier Terminis nur neben Syllogismen mit drei Terminis stellt, statt 
die Quaternio terminorum als allgemeine Regel anzuerkennen, und (.b- 
wohl die ganze Weise seiner Ableitung mit der meinigen keine Ähnlich- 
keit hat: so war sie mir doch interessant als ein Zeichen, daß man 
auch jenseits des Kanals an dem Gesetze der Dreiheit der Termini zu 
zweifeln anfängt 



— 74 — 

Inhalt und Form bestanden, so glichen sie, bei der Anwen- 
dung derselben konsequent festgehalten, meistens ihre nacli- 
teilige Wirkung selber aus^ Von allen Schlüssen, die man 
nach den bisherigen Regeln für richtig erklärte, waren nur 
die nach vier Modis gefolgerten ungültig, wogegen auf der 
anderen Seite freilich auch eine nicht unbedeutende Zahl 
richtiger Modi übersehen wurde 2. 

Schädlicher waren die Folgen in der Lehre von den so 
genannten unmittelbaren Schlüssen. Nicht bloß ist z. B. 
die richtige Regel für die Konversion, daß jeder kategorische 
Satz simpliciter konvertibel ist (man muß nm- über das 
wahi-e Subjekt und über das wahre Prädikat im Klaren 
sein), sondern man erklärte nach den alten Regeln auch 
viele Konversionen für gültig, die in Wahrheit ungültig 
sind, mid umgekehrt. Bei den so genannten Schlüssen 
durch Subalternation und Opposition ergibt sich dasselbe \ 
Auch stellt sich, wenn man kritisch die alten Regeln mit 
einander vergleicht, seltsam genug heraus, daß sie zuweilen 
miteinander im Widerspruch stehen, so daß, was nach der 
einen als gültig nach der anderen als ungültig zu bezeichnen 
wäre. 

§. 16. Doch wir überlassen es einer künftigen Revision 
der Logik, dies im Einzelnen auszuführen und zu bewähren*. 

' Sagte mau z. B. infolge des Mißverständnisses der Sätze: zum 
richtigen kategorischen Schlüsse gehören drei Termini, so bewirkte das- 
selbe Mißverständnis, daß man im einzelnen Schlüsse drei Termini iah, 
wo in Wahrheit vier gegeben waren. 

- Letzteres wurde auch von den vorerAvähnten englischen Logikern 
bereits erkannt. Die vier ungültigen Modi, von denen ich spreche, sind 
m der dritten Figur Darapti und Felaptou und in der vierten Bamalip 
und Fesapo. 

^ Unzulässig ist die Konversion eines sogenannten allgemein be- 
jahenden in einen partikulär bejahenden Satz; die gewöhnlichen Schlüsse 
durch Subalternation sind sämtlich ungültig, und von denen durch 
Opposition die Schlüsse auf die Unwahrheit der sogenannten konträren 
so wie die auf die Wahrheit der sogenannten subkonträren Urteile. 

* Vgl. die inzwischen erschienene Abhandlung von Franz Hille- 



— ro 



Uns gehen hier weniger die nachteiligen Folgen an, welche 
die Verkennung der Natur des Urteils für Logik oder Meta- 
physik hatte, als diejenigen, welche für die Psychologie sich 
ergaben und, wegen des Verhältnisses der Psychologie zur 
Logik, allerdings auch für diese ein neues Hindernis 
fruchtbarer Entwickelung wurden. Die bisherige Psychologie 
hat, man kann sagen, durchwegs die Erforschung der Ge- 
setze der Entstehung der Urteile in ungebührlicher W^eise 
vernachlässigt; und dies kam daher, weil man immer Vor- 
stellen und Urteilen als „Denken" zu einer Klasse zusammen- 
rechnete, und mit der Erforschung der Gesetze der Auf- 
einanderfolge der Vorstellungen auch für die Urteile das 
Wesentliche getan glaubte. So sagt selbst ein so eminenter 
Psychologe wie Hermann Lotze: „In bezug auf die Urteils- 
kraft und Einbildungskraft werden wir ohne Bedenken zu- 
geben, daß diese beiden nicht zu dem angeborenen Besitze 
der Seele gehören, sondern Fertigkeiten sind, die sich durch 
die Bildung des Lebens, die eine langsam, die andere schnell 
entwickeln. Wir werden zugleich zugestehen, daß zur Er- 
klärung ihrer Entstehung nichts als die Gesetze des 
Vorstellungslaufes nötig sind"^ Hier zeigt sich 
der Grund des großen Versäumnisses unverhüllt. Er lag 
in der mangelhaften Klassifikation, die Lotze von Kant über- 
kommen hatte. 

Richtiger hat hier J. St. Mill geurteilt. In den fi-üher 
von uns zitirten Stellen sahen wir ihn mit Nachdruck eine 
spezifische Erforschung der Gesetze des Fürwahrhaltens 
als unumgängliches Bedürfnis betonen. Eine bloße Ablei- 
tung aus den Gesetzen des Vorstellungsverlaufes schien ihm 
in keiner Weise genügend. Aber die Vorstellungsverbindung, 
die Zusammensetzung von Subjekt und Prädikat, die er bei 
sonst sehr richtigen Ansichten über die Natur des Urteils 
immer noch für wesentlich hielt, ließ den Charakter des- 



brand, Neuere Theorien der kategorischen Schlüsse, welche bei dem. 
was ich hier berührte, eingehender verweilt. 
1 Mikrokosmus 1. Aufl., I, S. 192. 



— 76 — 

selben als einer besonderen, den andern ebenbürtigen Grund - 
klasse nicht hinreichend hervortreten. Und so ist es ge- 
kommen, daß nicht einmal Bain, der Mill so nahe stand 
die von ihm gegebenen Winke zur Ausfüllung einer weit- 
klaffenden Lücke der Psychologie benützt hat. 

Das Wort, welches die Scholastik von Aristoteles ererbt 
hatte, „parvus error in principio maximus in fine" hat also 
in unserem Falle nach jeder Seite hin sich bewährt. 



77 



Viertes Kapitel. 

Einheit der Griiiidklasse für Gefühl und 
Willen. 

§ 1. Nachdem Vorstellung und Urteil als verschiedene 
I Grundklassen psychischer Phänomene festgestellt sind, 
haben wir uns noch in betreff unserer zweiten Abweichung 
von der herrschenden Klassifikation zu rechtfertigen. Wie 
wir Vorstellung und Urteil trennen, so vereinigen wir Ge- 
fühl und W^illen. 

I Hier sind wir nicht so sehr wie im früheren Pimkte 
I Neuerer; denn von Aristoteles bis herab auf Tetens, 
Mendelssohn und Kant hat man allgemein bloß eine 
Grundklasse für Fühlen und Streben angenommen; und 
unter den psychologischen Autoritäten der Gegenwart sahen 
wir Herbert Spencer nur zwei Seiten des Seelenlebens, eine 
kognitive und eine affektive, unterscheiden. Doch dies soll 
uns bei der Wichtigkeit der Frage nicht abhalten, mit der 
gleichen Sorgfalt und unter Benutzung der sämtlichen ims 
zu Gebote stehenden Hilfsmittel unsere Lehre zu begründen 
und zu sichern. 

Wir halten hier denselben Gang wie bei der Unter- 
suchung über das Verhältnis von Vorstellung und Urteil 
, ein; war berufen ims daher vor allem auf das Zeugnis un- 
I mittelbarer Erfahrung. Die innere Wahrnehmung, sagen 
wir , zeigt deutlich hier den Mangel , wie dort das Vor- 
handensein eines fundamentalen Unterscliiedes ; und hier 
jeine wesentliche Übereinstimmung, wie dort eine völlige 
Verschiedenheit in der Weise der Beziehung zum Objekt. 

Wenn wirklich der rückständige Teil der psychischen 



— 78 — 

Phänomene, von welchem wir jetzt handeln, einen ähnlidi 
tiefgreifenden Unterschied wie das vorstellende mid m-- 
teilende Denken zeigte ; wenn wirklich auch zwischen 
Fühlen und Streben von der Natur selbst eine scharfe 
Grenzlinie vorgezeichnet wäre: so könnten vielleicht in 
die Bestimmung der eigentümlichen Natur der einen und 
anderen Klasse Irrtümer sich einmischen; aber die Al)- 
grenzung der Gattungen, die Angabe, welche Erscheinungen 
der einen und welche der anderen Gattung angehörten, 
würde sicher ein Leichtes sein. So wird man ohne Zögern 
sagen, daß „Mensch" eine bloße Vorstellung, „es gibt 
Menschen" ein Fürwahrhalten ausdrücke , auch wenn man 
über die Natur des Urteils völlig im unklaren ist; und 
Ähnliches gilt für das ganze Gebiet der einen und anderen 
Gattung des Denkens. Aber bei der Frage, was ein Gefühl 
und was ein Begehren, Wollen oder Streben sei, verhält 
es sich ganz anders ; und ich wenigstens weiß in Wahrheit 
nicht, wo die Grenze zwischen beiden Klassen eigentlich 
liegen sollte. Zwischen den Gefühlen der Lust und Unlust 
und dem, was man gewöhnlich Wollen oder Streben nennt, 
stehen andere Erscheinungen in der Mitte; und zwischen 
den Extremen mag der Abstand groß erscheinen. Wenn 
man aber die mittleren Zustände mit in Betracht zieht: 
wenn man immer nur das nächststehende mit dem nächst- 
stehenden Phänomene vergleicht: so zeigt sich auf dem 
gesamten Gebiete nirgends eine Kluft, sondern ganz all- 
mähUch finden die Übergänge statt. 

Betrachten wii- als Beispiel die folgende Reihe: Traurig- 
keit — Sehnsucht nach dem vermißten Gute — Hoffnung. 
daß es uns zuteil werde — Verlangen, es uns zu ver- 
schaffen — Mut, den Versuch zu unternehmen — Willens- 
entschluß zur Tat. Das eine Extrem ist ein Gefühl, das 
andere ein Willen; und sie scheinen weit voneinander ab- 
zustehen. Wenn man aber auf die Zwischenglieder achtet 
und immer nur die nächststehenden miteinander vergleicht, 
zeigt sich da nicht überall der innigste Anschluß und ein 
fast unmerklicher Übergang? — Wenn wir klassifizierend 



— 79 — 

in Gefühle und Strebungen sie scheiden wollen, zu welcher 
von beiden Grundklassen sollen wir die einzelnen rechnen ? — 
Wir sagen: „ich fühle Sehnsucht", „ich fühle Hoffnung", 
„ich fühle ein Verlangen, mir dieses zu verschaffen", 
„ich fühle Mut, dieses zu versuchen" ; — nur, daß er einen 
Willensentschluß fühle , wird wohl keiner sagen : ist 
darum vielleicht hier die Grenzmarke und gehören alle 
Mittelglieder noch der Grundklasse der Gefühle an ? Wenn 
wir durch den Sprachgebrauch des Volkes uns bestimmen 
lassen, werden wir allerdings so urteilen; und in der Tat 
verhalten wenigstens die Traurigkeit über die Entbehrung 
und die Sehnsucht nach dem Besitze sich etwa so, wie sich 
die Leugnung eines Gegenstandes und die Anerkennung 
seines Nichtseins zueinander verhalten. Aber liegt nicht 
demungeachtet schon in der Sehnsucht ein Keim des 
Strebens? und sprießt dieser nicht auf in der Hoffnung, 
und entfaltet sich, bei dem Gedanken an ein etwaiges 
eigenes Zutun, in dem Wunsche zu handeln und in dem 
Mute dazu; bis endlich das Verlangen danach zugleich die 
Scheu vor jedem Opfer und den Wunsch jeder längeren 
Erwägung überwiegt und so zum Willensentschluß gereift 
ist? — Sicher, wenn wir diese Reihe von Phänomenen 
nun doch einmal in eine Mehrheit von Grundklassen zer- 
teilen wollen, so dürfen wir die mittleren Glieder ebenso- 
wenig mit dem ersten Gliede dem letzten unter dem Namen 
Gefühl, als mit dem letzten Gliede dem ersten unter dem 
Namen Willen oder Strebung entgegensetzen: vielmehr 
wird nichts übrig bleiben, als jedes Phänomen für sich als 
eine besondere Klasse zu betrachten. Dann aber, glaube 
ich, ist es für jeden unverkennbar, daß die Unterschiede 
der Klassen hier keine so tief einschneidenden Differenzen 
wie die zwischen Vorstellung und Urteil, oder zwischen 
ihnen und allen übrigen psychischen Phänomenen sind ; und 
so nötigt uns der Charakter unserer inneren Erscheinungen, 
die Einheit derselben natürlichen Grundklasse über das 
ganze Reich des Fühlens und Strebens auszudelmen*. 

1 Es ist interessant und leluTeich, das vergebliche Bemühen der 



— 80 — 

^ 2. Wenn die Grundklasse für die Phänomene des 
Gefühls und Willens dieselbe ist, so muß, nach dem von 

Psychologen um eiue feste Greuzbestimmung zwischen Gefühl und 
Willen oder Streben zu beobachten. Sie widersprechen dabei dem her- 
kömmliehen Sprachgebrauche; und der eine widerspricht dem anderen, 
ja nicht selten sogar sich selbst. Kant rechnet schon die hoffnungs- 
lose Sehnsucht nach anerkannt Unmöglichem zum Begehrungsvermögen, 
und ich zweifle kaum , daß er auch die Reue dazu gerechnet haben 
würde ; und doch stimmt dies ebensowenig mit der gewöhnlichen Weise 
der Bezeichnung, da man von einem Gefühle der Sehnsucht spricht, als 
mit seiner Definition des Begehrungsvermögens als „Vermögens durch 
seine Vorstellungen Ursache von den Wirklichkeiten der Gegenstände 
dieser Vorstellungen zu sein" (s. o. S. 21). Hamilton wundert sich 
über die, wie er anerkennt, sehr häufige Konfusion von Erscheinungen 
der beiden Klassen, da es doch so leicht sei, die natürliche Grenzscheide 
zwischen ihnen zu erkennen (Lect. on Metaph. II, p. 433); aber seine 
wiederholten Bemühungen, eine genaue Bestimmung dafür zu geben, 
zeigen, daß dies keineswegs eine leichte Sache ist. Er bestimmt, Avie 
wir schon hörten, daß die Gefühle objektlos im vollen Sinne des Wortes, 
daß sie „subjektivisch subjektiv" seien (11, 432; vgl. o. S. 18\ während 
nach ihm die Strebungen alle auf ein Objekt gerichtet sind; und hierin, 
sollte man meinen, werde man ein einfaches und leicht anwendbares 
Kriterium besitzen: aber so sicher dies der Fall sein müßte, wenn die 
Bestimmung der Eigentümlichkeit der Erscheinungen entspräche, so 
wenig konnte Hamilton bei ihrer tatsächlichen Unrichtigkeit mit ihr 
ausreichen; selbst bei den entschiedensten Gefühlen, wie Freude und 
Trauer, wird eben jeder sagen, auch sie schienen ihm ein Objekt zu 
zu haben. Da macht denn Hamilton noch einen anderen Unterschied 
obwohl vielleicht nicht ohne einigen Widerspruch zum ersten, geltend ; 
er bestimmt, daß das Gefühl es bloß mit Gegenwärtigem zu tun habe, 
während die Strebung auf Zukünftiges sich richte. — „Lust und Un- 
lust", sagt er, „als Gefühle, gehören ausschließlich der Gegenwart an. 
während die Strebuug sich einzig und allein auf die Zukunft bezieht; 
denn Strebung ist ein Verlangen, ein Trachten, entweder den gegen- 
wärtigen Zustand dauernd zu erhalten , oder ihn gegen einen anderen 
zu vertauschen" (II, p. 633). Diese Bestimmungen sind nicht wie die 
vorigen in der Art verfehlt, daß der einen von ihnen in Wahrheit kein 
psychisches Phänomen entspräche. Das ist aber auch ihr einziges Lob : 
denn die Scheidung des Gebietes nach Gegenwart und Zukunft ist so- 
wohl unvollständig als Avillkürlich. Sie ist unvollständig, denn wohin 
sollen wir jene Gemütsbewegungen rechnen , die nicht auf Gegen- 
wärtiges oder Zukünftiges, sondern wie die Reue und das Dankgefühl 
auf Vergangenes sich beziehen?— Man müßte wohl für sie eine dritte 



— Si- 
nns angenommenen Prinzipe der Einteilung, die Weise der 
Beziehung des einen und anderen Bewußtseins eine wesent- 
lich verwandte sein. Was aber sollen wir als den gemein- 
samen Charakter ihrer Richtung auf die Gegenstände an- 
Klasse bilden. Doch das wäre das geringere Übel; viel schlimmer ist 
die Willkürlichkeit, mit welcher, in Rücksicht auf verschiedene Zeit- 
bestimmungen der Objekte, psychische Erscheinungen, die sich ^•orzüg- 
lich nahe stehen, hier in verschiedene Grundklassen zu sondern wären. 
So z. B. gehen die Phänomene, die man als Wünsche zu bezeichnen 
pflegt, teils auf Zukünftiges, teils auf Gegenwärtiges, teils auf Ver- 
gangenes. Ich wünsche dich oft zu sehen; ich möchte, ich wäre ein 
reicher Mann; ich wünschte, ich hätte das nicht getan; das sind Bei- 
spiele, welche die drei Zeiten vertreten; und wenn die letzten beiden 
Wünsche unfruchtbar und aussichtslos sind, so bleibt doch, wie Kant, 
Hamiltons vorzüglichste Autorität, anerkennt, der allgemeine Charakter 
des Wunsches dabei gewahrt. Es kann aber sogar geschehen, daß, 
indem einer wünscht, sein Bruder sei glücklich in Amerika angekommen, 
sein Wunsch sich auf Vergangenes bezieht, ohne darum auf etwas zu 
gehen, dessen Unmöglichkeit offenbar ist. Sollen wir nun die psychischen 
Zustände, welche die Sprache hier unter dem Namen der Wünsche ver- 
einigt, als in keiner Weise enger verwandt betrachten? sollen wir sie 
voneinander scheiden, um einen Teil mit den Willensakten, einen 
anderen mit Lust und Unlust, einen dritten mit der für die Vergangen- 
heit zu bildenden Klasse zu vereinigen? Ich glaube, keinem entgeht, 
wie ungerechtfertigt und widernatürlich ein solches Verfahren wäre. 
Es ist demnach auch dieser Versuch einer Grenzbestimmung zwischen 
Gefühl und Willen völlig verunglückt. Kein Wunder daher, wenn die 
Konfusion zwischen Gefühlen und Strebungen, die Hamilton an andern 
tadelte, ihm selbst in keiner Weise erspart bleibt. Hört man die Be- 
griffsbestimmungen, die er von den spezielleren Erscheinungen gibt, so 
wird man oft schwerlich erraten, zu welcher von seinen zwei Grund- 
klassen er die eine oder andere rechnen wollte. Die Eitelkeit definiert 
er als „den Wunsch anderen zu gefallen aus Begierde von ihnen ge- 
achtet zu werden" und rechnet sie — zu den Gefühlen (II, p. 519); und 
ebendazu rechnet er die Reue und die Scham, d. i. „die Furcht und 
Sorge, die Mißachtung anderer sich zuzuziehen" ; als ob nicht bei beiden 
ihre Richtung auf ein Objekt, und — bei der einen an sich schon, bei 
der anderen nach der Definition, die Hamilton gibt — ihre Beziehung 
auf etwas nicht Gegenwärtiges aufs deutlichste ersichtlicli wäre. Dieser 
vollständige Mißerfolg eines so angesehenen Denkers bestätigt, glaube 
ich, in einer schlagenden Weise, was ich über den Maugel einer von 
der Natur selbst vorgezeichneten, deutlichen Abgrenzung zwischen den 
angeblichen zwei Grundklassen bemerkt habe. 

Brentano, Klassifikation der psychisolion Phänomene. 6 



— 82 — 

geben? Auch lüerauf muß. wenn unsere Ansicht richtig 
ist, die innere Erfahrung antworten. Sie tut dies wirklich 
und liefert so noch unmittelbarer den Beweis für die Ein- 
heit der höchsten Klasse. 

Wie die allgemeine Natur des Urteils darin besteht, 
daß eine Tatsache angenommen oder verworfen wird, so 
besteht nach dem Zeugnisse der inneren Erfahrung auch 
der allgemeine Charakter des Gebietes, welches uns jetzt 
vorliegt, in einem gewissen Annehmen oder Verwerfen; 
nicht in demselben, aber m einem analogen Sinne. Wenn 
etwas Inhalt eines Urteils werden kann, insofern es als 
wahr annehmlich oder als falsch verwerflich ist, so kann 
es Inhalt emes Phänomens der dritten Grundklasse werden, 
insofern es als gut genehm (im weitesten Sinne des Worten ) 
oder als schlecht ungenehm sein kann. Es handelt sich, 
wie dort um Wahrheit und Falschheit, hier um Wert und 
Unwert eines Gegenstandes. 

Ich glaube, niemand wird meine Worte so verstehen, 
als wollte ich sagen, die Phänomene dieser Klasse seien 
Erkenntnisakte, vermöge deren Güte oder Schlechtigkeit, 
W^ert oder Unwert in gewissen Gegenständen wahrgenommen 
werde ; doch bemerke ich ausdrücklich, um jede solche Aus- 
legung vollends unmöglich zu machen, daß dies eine gänz- 
liche Yerkemiung meiner wahren Meinmig wäre. Einmal, 
würde ich ja sonst diese Phänomene zu den Urt^.ilen 
rechnen; ich trenne sie aber von ihnen als eine besondere 
Klasse; und dann, würde ich die Vorstellungen von Güte 
und Schlechtigkeit, Wert und Unwert für diese Klasse v^on 
Phänomenen allgemein voraussetzen, während dies so wenig 
der FaU ist, daß ich viehnehr zeigen werde, wie alle der- 
artigen Vorstellinigen erst aus der inneren Erfahrung dieser 
Phänomene entspringen. Auch die Vorstellungen voii 
Wahrheit und Falschheit werden, wie wohl niemand be- 
zweifelt, nn Hinblick auf Urteile und miter Voraussetzung 
ihrer uns zuteil. Wenn wir sagen, jedes anerkennende 
Urteil sei ein Fürwahrhalten, jedes verwerfende ein Für- 
falschhalten, so bedeutet dies also nicht, daß jenes in einer 



— 83 — 

Prädikation der Wahrheit von dem Fürwahrgehaltenen. 
dieses in einer Prädikation der Falschheit von dem Für- 
falschgehaltenen bestehe ; unsere früheren Erörterungen 
haben vielmehr dargetan, daß, was die Ausdrücke bedeuten, 
eine besondere Weise intentionaler Aufnahme eines Gegen- 
standes, eine besondere Weise der psychischen Beziehung 
zu einem Inhalte des Bewußtseins ist. Nur das ist richtig, 
daß, wer etwas für wahr hält, nicht bloß den Gegenstand 
anerkennt, sondern dann, auf die Frage, ob der Gegenstand 
anzuerkennen sei, auch das Anzuerkennensein des Gegen- 
standes, d. h. (denn nichts anderes bedeutet der barbarische 
Ausdruck) die Wahrheit des Gegenstandes ebenfalls an- 
erkennen wird. Und damit mag der Ausdruck „Fürwahr- 
halten" zusammenhängen. Der Ausdruck „Fürfalschhalten" 
aber wird in analoger Weise sich erklären. 

Ebenso bedeuten uns denn die Ausdrücke, die wir hier 
in analoger Weise gebrauchen, „als gut genehm sein", „als 
schlecht ungenehm sein", nicht, daß in den Phänomenen 
dieser Klasse Güte einem als gut Genehmen, oder Schlechtig- 
keit einem als schlecht Ungenehmen zugeschrieben werde, 
vielmehr bedeuten auch sie eine besondere Weise der Be- 
ziehung der psychischen Tätigkeit auf einen Inhalt. Nur 
das ist auch hier richtig, daß einer, dessen Bewußtsein sich 
in solcher Weise auf einen Inhalt bezieht, die Frage, ob 
der Gegenstand von der Art sei, daß man zu ihm in die 
betreffende Beziehung treten könne, infolge davon bejahen 
wird; was dann nichts anderes heißt, als ihm Güte oder 
Schlechtigkeit, Wert oder Unwert zuschreiben. 

Ein Phänomen dieser Klasse ist nicht ein Urteil: „dies 
ist zu lieben", oder „dies ist zu hassen" (das wäre ein 
Urteil über Güte oder Schlechtigkeit); aber es ist ein 
Lieben oder Hassen. 

Im Sinne der gegebenen Erläuterung wiederhole ich 
also jetzt ohne Besorgnis mißverstanden zu werden, daß es 
sich analog wie bei den Urteilen um Wahrheit oder Un- 
wahrheit bei den Phänomenen dieser Klasse um Güte und 
Schlechtigkeit, um Wert oder Unwert der Gegenstände 



— 84 — 

handelt. Und diese charakteristische Beziehung zum Ob- 
jekte ist es, die, wie ich behaupte, bei Begehren und Wollen 
so wie bei allem, was wir Gefühl oder Gemütsbewegung 
nennen, die innere Wahrnehmung in gleich unmittelbarer 
und evidenter Weise erkennen läßt. 

§ 3. Beim Streben, Begehi-en und Wollen darf, was 
ich sage, als allgemein anerkannt betrachtet werden. Hören 
wir darüber einen der hervorragendsten und einflußreichsten 
Verteidiger der fimdamentalen Scheidung von Gefühl und 
Willen. 

Lotze, wo er diejenigen bekämpft, welche das Wollen 
als ein Wissen fassen und sagen, das .,ich will" sei gleich 
einem zuversichtlichen ,,ich werde", setzt das Wesen des 
Wollens in eine Billigung oder Mißbilligung, also in ein 
Gutfinden oder Schlechtfinden. „Nm- die Gewißheit viel- 
leicht, daß ich handeln werde", sagt er, „mag gleich- 
geltend sein mit dem Wissen meines Wollens, aber 
dann wird in dem Begriffe des Handelns jenes eigentüm- 
liche Element der Billigung, der Zulassung oder Absicht 
eingeschlossen sein, welches den Willen zum Willen 
macht." Und wiederum, gegen diejenigen gewendet, welche 
den Willen als eme gewisse Macht zum Wirken begreifen 
wollen, erklärt er: „Diese Billigung nmi, durch welche 
unser Wille den Entschluß, welchen die drängenden Be- 
weggründe des Vorstellungslaufes ihm darbieten, als den 
seinigen adoptiert, oder die Mißbilligung, mit welcher 
er ihn von sich zurückweist, beide würden denkbar sein, 
auch wenn keiner von beiden die geringste Macht besäße, 
bestimmend und verändernd in den Ablauf der inneren Er- 
eignisse einzugreifen" '. — Was ist diese Billigung oder 
Mißbilhgung, von der Lotze spricht? Es ist klar, daß er 
nicht ein Gut- und Schlechtfinden im Sinne eines prak- 
tischen Urteils meint, da er die Urteile, wie wir sahen, 
zur Klasse der Vorstellungen rechnet. Was lehrt er also 



* Mikrokosmus, 1. Aufl., I, p. 280. 



— 85 — 

anderes, als daß das Wesen des WoUens in einer be- 
sonderen Beziehung der psychischen Tätigkeit auf den 
Gegenstand als gut oder schlecht bestehe? 

Ähnlich könnten wir Stellen von Kant und von 
Mendelssohn, den vorzüglichsten Begründern der üb- 
lichen Dreiteilung, anführen, die dafür sprechen, daß eine 
solche Beziehung auf den Gegenstand als gut oder schlecht 
den Grundcharakter eines jeden Begehrens ausmache ^ 
Doch wir greifen lieber sogleich in das Altertum zurück, 
um das Zeugnis der antiken Psychologie mit dem der 
modernen zu verbinden. 

Aristoteles spricht hier mit einer Deutlichkeit, die 
nichts zu wünschen übrig läßt. „Gut" und „begehrbar" 
sind ihm gleichbedeutende Ausdrücke. „Der Gegenstand 
des Begehrens" (xo opsxxov), sagt er in seinen Büchern von 
der Seele, „ist das Gute oder das als gut Erscheinende"; 
und am Anfange seiner Ethik erklärt er: „Jede Handlung 
und jede Wahl scheint nach einem Gute zu streben; wes- 
halb man mit Recht das Gute als dasjenige bezeiclmet hat, 
wonach alles strebt" ^. Daher identifiziert er auch die 
Zweckursache mit dem Guten ^. Dieselbe Lehre erhielt sich 
dann im Mittelalter. Thomas von Aquin lehrt mit aller 
Klarheit, daß, wie das Denken zu einem Objekt als erkenn- 
barem, das Begehren zu ilim als gutem in Beziehmig trete. 
So könne es geschehen, daß ein und dasselbe Gegenstand 
ganz heterogener psychischer Tätigkeiten sei*. 

Wir sehen an diesen Beispielen, wie die hervorragend- 
sten Denker verschiedener Perioden hinsichtlich des 
Strebens und WoUens in der Anerkennung der von uns 
geltend gemachten Erfahrungstatsache einig sind, wenn sie 
auch vielleicht nichi alle in gleicher Weise ihre Bedeutung 
würdigen. 



1 Vgl. Mendelssohn, Gesammelte Schriften IV, p. 12 '2 ff. 
'•= De Anim. III, 10. Eth. Nie. I, 1. Metaph. A, 7. Vgl. aucli 
Kliet. I, 6. 

^ Metaph. A, 10 u. anderwärts. 

4 Vgl. z. B. Summ. Theol. P. I. Q. 80. A. 1 ad 2. 



— 86 — 

§ 4. Wenden wir uns zn den andern Phänomenen, um 
die es sich handelt, und namentlich zu Lust und Unlust, 
die am meisten als Gefühle von dem Willen gesondert zu 
werden pflegen. Ist es richtig, daß auch hier die innere 
Erfahrung jene eigentümliche Weise der Beziehung zum 
Inhalte, jenes „als gut Genehmsein" oder „als schlecht Unge- 
nehmsein'" als Grundcharakter der Erscheinungen mit Klar- 
heit erkennen läßt? Handelt es sich auch hier deutlich in 
ähnlicher Weise um den Wert und Unwert, wie beim Ur- 
teile um die Wahrheit und Falschheit der Gegenstände? — 
Was mich betrifft j so scheint mir dies bei ihnen nicht 
minder einleuchtend als beim Begehren. 

Weil man aber glauben könnte, daß eine Voreinge- 
nommenheit hierbei im Spiele sei und mich die Erschei- 
nmigen mißdeuten lasse, so will ich mich auch hier wieder 
zugleich auf die Zeugnisse anderer berufen. 

Hören wir auch in diesem Punkte vor allem Lotze. 
.,War es eine ursprüngliche Eigentümlichkeit des Geistes", 
sagt er in seinem Mikrokosmus ^, „Veränderungen nicht nur 
zu erfahren, sondern sie auch vorstellend wahrzunehmen, 
so ist es ein ebenso ursprünglicher Zug desselben, sie nicht 
nur vorzustellen, sondern in Lust und Unlust auch des 
Wertes inne zu werden, den sie für ihn haben." Un- 
mittelbar darauf äußert er sich ähnlich: ,,Im Gefühle der 
Lust wird die Seele sich der Übung ihrer Kräfte als einer 
Steigerung in dem Werte ihres Daseins bewußt." So 
wiederholt er noch öfter den Gedanken und hält bei 
höheren wie niederen Gefühlen gleichmäßig ihn fest. Der 
eigentliche Kern des sinnlichen Triebes ist nach ihm „immei- 
nur ein Gefühl, das in Lust und Unlust uns den Wert 
eines \delleicht nicht zur bewaißten Einsicht kommenden 
körperlichen Zustandes veri'ät"^; und „die sittlichen Grund- 
sätze jeder Zeit waren Aussprüche des wertempfinden- 
den Gefühles"; sie „wurden stets von dem Gemüte in 



1 Mikrokosmus 1. Aufl., I, p. 261. 

2 j:bend. p. 277. 



— 87 — 

einer anderen Weise gebilligt als die Wahrheiten 
der Erkenntnis" \ 

Wie sich Lotze das Empfinden des Wertes in dem 
Gefühle denkt, wage ich nicht mit voller Sicherheit zu be- 
stimmen; daß er aber das Gefühl selbst nicht als die Er- 
kenntnis eines Wertes ansah, ist unzweifelhaft, nicht bloß 
wegen einzelner Äußerungen^, sondern auch schon darum. 



1 Mikrokosmus 1. Aufl., p. 268. 

2 So setzte er in der eben mitgeteilten Stelle die Billigung durch 
das Gefühl als eine „andere Weise der Billigung" jeder Anerkennung 
einer Wahrheit entgegen. Und p. 262 sagt er, die Gefühle der Lust 
oder Unlust würden „immer von uns auf irgend eine unbekannte Förde- 
rung oder Störung gedeutet werden". Die Annahme folgt also erst 
dem Fühlen, wenn auch vielleicht auf dem Fuße. — Fragen wir aber, 
warum jene Gefühle immer so gedeutet werden, so bekommen wir von 
Lotze, wie mir scheint, keine ganz genügende Antwort. Daß die Vor- 
stellung einer Lust ohne eine gleichzeitige Förderung wie die, auf 
welche wir sie nach Lotze deuten, eine Kontradiktion enthalten würde, 
scheint nicht seine Ansicht; woher also jene Notwendigkeit oder unüber- 
windliche Neigung? — • Wir-, auf unserem Standpunkte, können, glaube 
ich, die Frage beantworten. Mit derselben Notwendigkeit, mit welcher 
jemand dem Objekte eines anerkennenden oder verwerfenden Urteils 
infolge dieses Urteils Wahrheit zuschreibt, mit derselben Notwendigkeit 
schreibt er bei der Ausübung einer Tätigkeit der dritten Grundklasse 
infolge dieser Tätigkeit ihrem Objekte einen Wert oder Unwert zu 
(s. 0. S. 83). So denn auch bei Lust und Unlust. Haben wir also eine 
von Lust begleitete sinnliche Empfindung, so schreiben wir der Emp- 
findung einen Wert zu, und insoweit ist der Prozeß oifenbar notwendig. 
Wir werden aber alsbald weiter geführt. Indem wir z. B. bemerken, 
daß die angenehmen Empfindungen von gewissen körperlichen Pro- 
zessen abhängen, werden uns notwendig auch diese Avegen ihrer Folgen 
wertvoll sein; und vermöge der eigentümlichen Gesetze, welche wir 
später für dieses Gebiet der Seelenerscheinungen festzustellen haben, 
wird es dann geschehen, daß sie allmählich auch ohne Berücksichtigung 
der Folgen Gegenstand unserer Liebe und Wertschätzung werden. Ja 
es kann dazu kommen, daß wir ihnen Vorzüge beilegen, für deren An- 
nahme wir nicht den mindesten vernünftigen Anhalt besitzen, wie wenn 
wir ohne jede Erfahrung, daß wohlschmeckende Speisen der Gesund- 
heit zuträglicher seien, ihnen um ihres Wohlgeschmackes willen auch 
diese gute Eigenschaft zuschrieben. Hat ja der Aberglaube des Volkes 
in dem Golde, weil es in anderer Hinsicht sich vielfach wertvoll und 
nützlich erwies , infolgedessen auch ein tretfliches Heilmittel vermutet. 



weil er es sonst seiner ersten Klasse untergeordnet haben 
würde. Danach scheint aber der Ausdruck nur mehr in 
einer Weise, und zwar im Sinne unserer Anschauung sich 
rechtfertigen zu lassen. Es ist auch bemerkenswert, daß 
Lotze nicht bloß sagt, daß das Gefühl Wert und Unwert 
empfmde, und es so zu dem Gegenstand als gut und 
schlecht in Beziehung setzt, sondern bei ihm auch ganz 
derselben Bezeichnung „billigen" sich bedient, die er zuvor 
angewandt hatte, um das „eigentümliche Element, welches 
den Willen zum Willen macht", zu benennen. Umgekehrt 
sagt er em anderes Mal für „Wollen" „herzliche Teil- 
nahme"^, ein Ausdruck, der gewöhnlich für Phänomene 
von Lust und Leid gebraucht wird. Wie sollte nicht in 
dieser Übertragung der am meisten charakteristischen Be- 
nennungen des einen Gebietes auf das andere ein unwill- 
kürliches, aber bedeutungsvolles Zeugnis für die wesentliche 
Verwandtschaft in der Beziehungsweise der beiderseitigen 
Erscheinungen zu ihren Objekten und somit füi* ilii-e Zu- 
sammengehörigkeit zu einer Grundklasse liegen? 

Hamilton — denn auch diesen großen Verteidiger 
der Sonderstellung der Gefühle wollen wir nicht unberück- 
sichtigt lassen — nennt mit ganz ähnlichen Ausdrücken 
wie Lotze „Lust und Unlust" „eine Schätzung des relativen 
Wertes der Objekte"^, wobei wir es freilich ihm selbst 
überlassen müssen, diesen Ausspruch mit dem, wie er uns 
lehrte, ..subjektivisch subjektiven" Charakter der Gefühle 
in Einklang zu bringen. Solche Äußerungen, welche die 
Beziehung der Gefühlsphänomene auf die Gegenstände als 



Doch gibt es in unserem Falle auch spezifische Erfahrungen, die einen 
sehr weitgehenden Zusammenhang von Lust und organischer Förderung 
erkennen lassen., und so eine vernünftigere Vermutung gestatten, es 
möge auch in dem einzelnen, vorliegenden Falle dasselbe gelten. Auch 
diese mögen, wenn nicht allgemein, doch in der Eegel zu den vorher 
besprochenen Motiven hinzukommen und mit ihnen zusammenwirken. 

1 Ebend. p. 280. 

2 Lgct. on Metaph. I, p. 188. 



— 89 - 

gut und schlecht deutlich anerkennen, kehren bei ihm auch 
anderwärts, ja sehr häufig wieder \ 

Kant endlich, in seiner Kritik der Urteilskraft, be- 
zeichnet gerade da, wo er Gefühl und Begehren scheiden 
will, beide als ein Wohlgefallen, nur das eine als un- 
interessiertes, das andere als praktisches. Näher untersucht, 
läuft dies darauf hinaus, daß man in dem Gefühle bloß an 
der Vorstellung eines Gegenstandes, in dem Begehren an 
der Existenz eines Gegenstandes ein Interesse habe; und 
auch dieser Unterschied würde aufgehoben, wenn es sich 
zeigen sollte, daß, was Kant hier Gefühl nennt, in Wahr- 
heit auf jene Vorstellung selbst als seinen Gegenstand ge- 
richtet ist. In einer früheren Schrift aber sagt Kant ge- 
radezu: „Man hat es in unseren Tagen allerst einzusehen 
angefangen, daßdas Vermögen, das Wahre vorzustellen, 
die Erkenntnis, dasjenige aber, das Gute zu empfinden, 
das Gefühl sei, und daß beide ja nicht miteinander 
müssen verwechselt w^erden" -. 

Solche Zeugnisse aus dem Munde der am meisten her- 
vorragenden Gegner sind gew4ß von unleugbarer Be- 
deutung. Und auch hier verbinden sich mit den modernen ^ 



^ Vgl. ebenda II, p. 434 ff. besonders p. 436 Nr. 3 u. 4. 

2 Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natür- 
lichen Theologie und Moral (I, S. 109), eine Schrift aus dem Jahre 1763. 

3 Einige andere, freilich sehr unfreiwillige neuere Zeugnisse für 
den übereinstimmenden Charakter von Gefühl und Willen führt Herbart 
an. Wenn man die Psychologen nach dem Ursprünge der Grenze 
zwischen Fühlen und Begehren fragt, sagt er: „drehen sich ihre Er- 
klärungen im Zirkel" .... Maaß in dem Werke über die Gefühle 
(S. 39 des I. T.) erklärt Fühlen durch Begehren („ein Gefühl ist an- 
genehm, so fern es um seiner selbst willen begehrt wird"), aber 
eben derselbe, in dem Werke über die Leidenschaften (S. 2, vgl. S. 7) 
sagt: es sei ein bekanntes Naturgesetz, zu begehren was als gut, zu 
verabscheuen, was als böse vorgestellt werde. Wobei die Frage ent- 
steht, was denn gut, und was denn böse sei? Darauf nun er- 
halten wir die Antwort: die Sinnlichkeit stelle als gut vor das, wovon 
sie angenehm affiziert werde usw. Und hiermit sind wir im Zirkel 
herum geführt. — Hoffbauer, in seinem Grundrisse der Erfahrungs- 
seelenlehre, fängt die Kapitel vom Gefühlsvermögen und Begehruugs- 



— 90 — 

die übereinstimmenden Aussagen längst vergangener 
Perioden. Wie wenig es richtig ist, daß man, wie Kant 
meinte, erst zu seiner Zeit ein besonderes Vermögen, 
welches sich auf etwas als gut bezieht, dem, welches auf 
etwas als wahr gerichtet ist, zur Seite zu stellen anfing, 
hat uns imser historischer Überblick gelehrt. Die ältere 
Psychologie, so weit und so lange Aristoteles sie be- 
herrschte, schied ja in diesem Sinne Denken und Begehren. 
In dem Begehren - so sehr entschränkte sie den Aus- 
druck — waren auch die Gefühle von Lust und Unlust imd 
überhaupt alles, was nicht ein vorstellendes oder urteilendes 
Denken ist, begriffen. Hierin lag, was uns bei unserer 
Frage vorzüglich interessiert, die Anerkennung, daß die 
Relation zu den Objekten als guten oder schlechten , die 
wir als den allgemeinen wesentlichen Grundcharakter der 
Gefühle behaupten, bei ihnen nicht minder als beim Be- 
gehren und Wollen gegeben sei. Dasselbe zeigen die Aus- 
sprüche des Aristoteles über die Beziehung der begleitenden 
Lust zur Vollkommenheit des Aktes, die man in der Niko- 
machischen Ethik findet, und die wir bei der Untersuchung 
über das Bewußtsein erwähnt haben, sowie einige Stellen 
seiner Rhetorik ^ Die Peripatetische Schule des Mittel- 
alters, insbesondere Thomas von Aquin in seiner 
interessanten Lehre von dem Zusammenhange der Gemüts- 
bewegungen vertritt aufs Unzweideutigste dieselbe An- 
schauung ^. 

Auch die Sprache des gewöhnlichen Lebens deutet dar- 
auf hin, daß bei Lust und Unlust eine Beziehung zum 



vermögen so an: „Wir sind uns manclier Zvxstände bewußt, welche wir 
uns bestreben hervorzubringen, diese nennen wir angenehm: ge- 
wisse Vorstellungen erzeugen in uns das Bestreben ihren Gegenstand 
wirklich zu machen, dies nennen wir Begehren" usw. Hier ist einerlei 
Grund, das Bestreben, den Gefühlen und Begierden untergelegt. (Lehr- 
buch zur Psychologie T. 2, Abschn. 1, Kap. 4, § 96). 

* S. Buch II, Kap. 'S, § 6 m. Psych, v, emp. St. und Ehet. I, 11, 
besonders p. 1370, a, 16; II, 4, p. 1:381, a, 6. 

2 Summ. Theol. P. U, 1. Q. 26 ff. 



- 91 — 

Gegenstand bestehe, die derjenigen des Wollens wesentlich 
verwandt ist. Sie liebt es, Ausdrücke, die sie zunächst auf 
dem einen Gebiete anwandte, dann auf das andere zu über- 
tragen. So nennen wir angenehm das, was uns Lust, unan- 
genehm das, was uns Unlust gewährt, wir sprechen aber 
auch von einem Genehmsein und einer Genehmigung auf 
der Seite des Willens. Ebenso wurde das „Placet" im Sinne 
einer Gutheißung offenbar aus dem Gebiete des Gefühls auf 
einen Willensentschluß übertragen ; und nicht minder deut- 
lich hat der deutsche Ausdruck „gefallen" in „tue, was 
dir gefällt!" oder „ist Ihnen etwas gefällig?" u. s. f. das- 
selbe erfahren. Ja selbst das Wort „Lust" wird in der 
Frage: „hast du Lust?" zur unverkennbaren Bezeichnimg 
einer Willensrichtung. Andererseits ist der „Unwillen" kaum 
ein Wille zu nennen, obwohl der Ausdruck daher entlehnt 
ist, und der „Widerwillen" als Bezeichnung gewisser Er- 
scheinungen des Ekels ist unverkennbar der Name eines 
Gefühls geworden. 

Die Sprache tut aber mehr als daß sie gewisse Namen 
von Erscheinungen des einen auf Erscheinungen des anderen 
Gebietes überträgt. Sie hat in den Ausdrücken „Liebe" 
und „Haß" ein Mittel der Bezeichnung, das in ganz eigent- 
hcher Weise bei jedem Phänomen in dem gesamten Be- 
reiche anwendbar ist. Denn, sind sie auch in dem einen 
oder anderen Fall minder üblich, so versteht einer doch, 
wenn man sie gebraucht, was damit gemeint ist, und er- 
kennt, daß sie ihrer eigentlichen Bedeutung nicht entfremdet 
werden. Das Einzige, was in solchen Fällen gegen sie 
spricht, ist, daß der Sprachgebrauch hier spezielleren Be- 
zeichnungen den Vorzug zu geben pflegt. Denn in Wahr- 
heit sind sie in einem sehr gewöhnlich, obwohl nicht aus- 
schließlich damit verbundenen Sinne Ausdrücke, welche 
die unserer dritten Grundklasse eigentümliche Weise der 
Beziehung zum Gegenstande in ihrer Allgemeinheit kenn- 
zeichnen. 

Die Zusammenstellmigen von „Lust imd Liebe" „lieb 
und leid" und dgl. zeigen den Ausdruck „Liebe" auf die 



— 92 — 

entschiedensten Gefühle angewandt. Und wenn wir sagen 
„lieblich", „häßhch", was meinen wir anderes als eine Lust 
oder Unlust erweckende Erscheinung? Andererseits weisen 
Äußerungen wie „es beliebt mir", „tue was dir lieb ist 
deutlich auf Phänomene des Willens liin. In dem Satze „er 
hat eine Vorliebe für wissenschafthche Beschäftigung" ist 
etwas ausgesprochen, was vielleicht manche zu dem Gefühle 
rechnen, während es andere für eine habituelle Richtung 
des Willens erklären werden. Ebenso überlasse ich es 
anderen, zu entscheiden, ob bei Namen wie „mißliebig", „un- 
liebsam", „Liebling" („Lieblingspferd" und „Lieblingsstudium" 
miteinbegriffen) mehr Gründe für die Einordnung des Lie- 
bens, von dem die Rede ist, in das Gebiet, das sie Gefühle 
nennen, oder in das, welches sie dem Willen zuweisen, sich 
anführen lassen. Was mich betrifft, so glaube ich, daß es 
als allgemeinerer Ausdruck auch in diesem einzelnen Falle 
beide umspannt. 

Wer sich nach etwas sehnt, der liebt es zu haben ; wer 
über etwas trauert, dem ist das unlieb, worüber er trauert : 
wer sich über etwas freut, liebt, daß es so ist; wer etwas 
tun will, liebt es zu tun (wenn nicht an und für sich, so 
doch in Rücksicht auf diese oder jene Folge) u. s. f., und 
die genannten Akte sind nicht etwas, was bloß mit einem 
Lieben zusammen besteht, sondern sie selbst sind Akte der 
Liebe. So zeigt sich, daß „gut sein" und „irgendwie zu lieb.3n 
sein" so wie andererseits „schlecht sein" und „irgendwie zu 
hassen sein" dasselbe besagen, und wir sind gerechtfertigt, 
wenn wir den Ausdruck „Liebe" zum Namen unserer dritten 
Grundklasse wählten , indem wir dabei, wie schon bemerkt, 
wie man bei Begehi-en und Wollen ähnlich zu tun pflegt, 
den Gegensatz miteinbegriffen. 

Als Ergebnis unserer Erörterung dürfen wir also aus- 
sprechen, daß die innere Erfahrung deutlich die Einheit der 
Grundklasse für Gefühl und Willen offenbart. Sie tut es, 
indem sie uns zeigt, daß nirgends zwischen ihnen eine scharf 
gezogene Grenze ist, und daß ein gemeinsamer Charakter 
ihrer Beziehung auf den Inhalt sie von den übrigen psychi- 



— 93 — 

sehen Phänomenen unterscheidet. Was die Philosophen der 
verschiedensten Richtung und selbst die, welche das Gebiet 
in zwei Grundklassen sondern, darüber äußerten, wies deut- 
lich auf diesen gemeinsamen Charakter hin und bestätigte, 
ebenso wie die Sprache des Volkes, die Richtigkeit unserer 
Beschreibung der inneren Erscheinungen. 

§. 5. Verfolgen wir weiter den Plan unserer Unter- 
suchung. 

Als es sich darum handelte, Vorstellung und Urteil als 
zwei verschiedene Grundklassen psychischer Phänomene zu 
erweisen, begnügten wir uns nicht damit, das direkte Zeug- 
niß der Erfahrung anzurufen; vielmehr haben wir auch ge- 
zeigt, daß der große Unterschied, der unleugbar zwischen 
dem einen und anderen Phänomene besteht, gänzlich auf 
Rechnung der verschiedenen Weise ihrer Beziehung zum 
Objekte zu setzen ist. Von diesem Unterschiede abgesehen, 
würde jedes Urteil mit einer Vorstellung sich gedeckt haben 
und umgekehrt. Werfen wir jetzt in betreff der Gefühle 
und des Willens die gleiche Frage auf. Wäre, wer keiner- 
lei Unterschied in der Weise des Bewußtseins zwischen 
einem Fühlen von Freude und Schmerz und einem Wollen 
anerkennte, vielleicht ebenfalls außerstande irgend etwas 
als unterscheidend namhaft zu machen ? wüi'de auch zwischen 
ihnen jede Verschiedenheit dann ausgeglichen sein? — 
Sicher ist dieses nicht der Fall. 

Wir haben früher gesehen, wie zwischen dem Fühlen 
einer Freude oder eines Schmerzes und dem Wollen im 
eigentlichsten Sinne eine Reihe von Seelenzuständen so zu 
sagen in der Mitte steht, von welchen man nicht recht 
weiß, ob sie bei einer Scheidung des Gebietes in Gefühl 
und Willen besser der einen oder anderen Seite zugerechnet 
werden. Sehnsucht, Hoffnung, Mut und andere Erscheinungen 
gehören hieher. Gewiß wird niemand behaupten, jede dieser 
Klassen sei von der Art, daß sich außer einer etwaigen Be- 
sonderheit der Beziehung zum Objekte kein Unterschied 
dafür angeben lasse. Eigentümlichkeiten der Vorstellungen 



— 94 — 

und Eigentümlichkeiten der Urteile, die ihnen zugrunde 
liegen, dienen dazu, die eine von der anderen zu unter- 
scheiden ; und an solche Unterschiede hat man sich darum 
gehalten, da man in älterer wie neuerer Zeit Versuche 
machte, sie definierend gegeneinander abzugrenzen. Dies 
hat schon Aristoteles in seiner Rhetorik , so wie in der 
Nikomachischen Ethik getan, und andere wie z. B. Cicero 
im vierten Buch der Tusculanae Quaestiones sind seinem 
Beispiele gefolgt. Später finden wir ähnliche Versuche bei 
Kirchenvätern me Gregor von Nyssa, Augustinus und 
anderen , und in einem vorzüglichen Maße im Mittelalter 
bei Thomas von Aquin in seiner Prima Secundae. Wiederum 
begegnen sie uns in der Neuzeit bei Descartes in seiner 
Abhandlung über die Leidenschaften, bei Spinoza im dritten 
Teile seiner Ethik, wohl dem verdienstvollsten des ganzen 
Werkes; ferner bei Hume, Hartley, James Mill usf. bis auf 
unsere Zeit. 

Natürlich konnten solche Definitionen, indem sie die 
einzelne Klasse nicht bloß gegen eine, sondern gegen jede 
andere abgrenzen wollten, nicht immer von dem Gegensatze 
absehen , welcher dieses Gebiet , wie Anerkennung und 
Leugnung das der Urteile durchdringt, und ebenso mußten 
sie auf die Unterschiede in der Stärke der Phänomene mit- 
unter Rücksicht nehmen. Mehr aber ist in der Tat nicht 
nötig, und im übrigen mit den zuvor erwähnten Mitteln Lei 
der Bestimmung eines jeden zu diesem Gebiete gehörigen 
Klassenbegriffes voUkonnnen auszureichen; womit selbst- 
verständlich nicht gesagt sein soll, daß jeder Versuch, den 
man mit ihrer Hilfe gemacht hat, auch wirklich ge- 
lungen sei. 

Lotze, der in seiner medizinischen Psychologie hinsicht- 
lich verschiedener Klassen, die er zu den Gefühlen rechnet, 
denselben Weg der Definition betritt, enthält sich dagegen 
in betreft' der Besonderheit des Wollens eines jeden solchen 
Versuches, indem er ihn für notwendig erfolglos hält. „Ver- 
geblich'', sagt er, „sucht man das Vorhandensein des 
Wollens zu leugnen, ebenso vergeblich, als wir uns be- 



— 95 — 

mühen würden, seine einfache Natur, die nur unmittelbar 
sich erleben läßt, durch umschreibende Erklärungen zu ver- 
deutlichen ^ " . Dies ist auf seinem Standpunkt konsequent 
geurteilt ^; richtig aber scheint es mir in keiner Weise. Jedes 
Wollen partizipiert an dem gemeinsamen Charakter unserer 
dritten Grundklasse; und wer darum das Gewollte als 
etwas, was jemand lieb ist, bezeichnet, hat dadurch schon 
einigermaßen und in äußerster Allgemeinheit die Natur der 
Willenstätigkeit gekennzeichnet. Fügt man dann Bestim- 
mungen über die Besonderheit des Inhaltes, über die Eigen- 
tündichkeit der Vorstellung und des Urteils hinzu, die dem 
Wollen zugrunde liegen, so ergänzt sich die erste Angabe 
in ähnlicher Weise zu einer genau abgrenzenden Definition, 
wie in anderen Fällen die einer Klasse von Gefühlen. Jede;^ 
Wollen geht auf ein Tun, von dem wir glauben, daß es in 
unserer Macht liege, auf ein Gut, welches als Folge des 
Wollens selbst erwartet wird. An diese spezialisierenden 
Bestimmungen hat schon Aristoteles gerührt, indem er das 
Wählbare als ein durch Handeln zu erreichendes Gut be- 
zeichnete. Eingehender haben James Mill und Alexander 
Bain die besonderen Bedingungen des Phänomens, die in 
den zugrunde liegenden Vorstellungen und Urteilen ge- 
geben sind, analysiert. Diese Analysen, selbst wenn einer 
das eine oder andere noch daran auszusetzen fände, werden 
doch, glaube ich, in jedem, der sie beachtet, die Über- 
zeugung erwecken, daß man wirklich auch das Wollen in 
ähnlicher Weise und mit ähnlichen Mitteln wie die ein- 
zelnen Klassen der Gefühle definieren kann, und daß 



1 Mikrokosmus 1. Aufl. I, S. 280. 

2 Kant und Hamilton haben freilich die Kousequeuz nicht gezogen: 
aber einerseits waren sie bei ihren Versuchen wenig glücklich, ander- 
seits so weit sie Erfolg hatten, geben sie dadurch nur selbst gegen 
ihren Grundgedanken eines fundamentalen lvlassenunterschicdi>s Zeugnis. 
So Kant, wenn er das Wohlgefallen des Willens, als Wohlgefallen am 
Sein, dem Wohlgefallen des Gefühles als dem uninteressierten Wohl- 
gefallen, welches durch die bloße Vorstellung befriedigt ist, gegenüber- 
stellt. (S. o. S. 89.) 



— 96 - 

es nicht so unbeschreiblich einfach ist, wie Lotze uns 
lehrte K 

§ 6. Wenn wir indessen sagten, daß das Wollen durcli 
Hinzufügung von solcherlei Bestimmungen zum allgemeinen 
Begriffe der Liebe definierbar sei, so meinen w^ir damit 
nicht, daß jemand, der das spezielle Phänomen nie selbst 
in sich erfahren hätte, durch die Definition zu vollkommener 
Klarheit darüber gelangen körnite. Dies ist keineswegs der 
Fall. Es besteht in dieser Beziehung ein großer Unter- 
schied zwischen der Definition des WoUens und der Begriffs- 
bestimmung einer besonderen Klasse von Urteilen durch 
Angabe der Gattung des Inhaltes, auf welchen sie an- 
erkennend oder verwerfend gerichtet sind. Wenn man nur 
irgendwelche bejahende und verneinende Urteile gefällt hat, 
so kann man sich jedes andere Urteil anschaulich vor- 
stellen, sobald man weiß, worauf es bejahend oder ver- 
neinend gerichtet ist. Hätte sich dagegen jemand auch 
noch so häufig liebend und hassend betätigt und in mannig- 
fachen Abstufungen der Stärke, so würde doch füi" ihn, 
wenn er nie in specie etwas gewollt hätte, aus der Angabe 
der Besonderheit des WoUens in den erwähnten Beziehungen 
das Phänomen in seiner eigentümlichen Natur nie voll- 
kommen vorstellbar werden. Wenn Lotze nichts anderes 
hätte sagen wollen, so würden mr uns vollkommen mit ihm 
einverstanden erklären. 

Aber dies ist nichts, was nicht ebenso für andere 
spezielle Klassen, die man gewöhnlich dem Gefühle unter- 
ordnet, gelten würde ; denn auch von ihnen zeigt, um mich 
eines Ausdruckes von Lotze selbst zu bedienen, jede eine 
besondere Färbung. Wer nur Gefühle der Freude und der 
Trauer gehabt hätte, dem würde durch eine Definition des 
Hoffens oder Fürchtens dessen innere Eigentümlichkeit un- 
möglich vollkommen anschauHch werden ; ja schon hinsicht- 
lich verschiedener Arten von Freude gilt dasselbe: die 

^ Im fünften Buche werden wir uns eingehend mit der Frage zu 
beschäftigen haben. 



— 97 - 

Freude des guten Gewissens und die Lust bei angenehmer 
Erwärmung, die Freude beim Anblick eines schönen Ge- 
mäldes und die Lust beim Wohlgeschmacke einer Speise 
sind nicht etwa bloß quantitativ, sie sind qualitativ von- 
einander verschieden, und ohne eine spezifische Erfahrung 
würde die Angabe des besonderen Objekts zur Erweckung 
einer vollkommen entsprechenden Vorstellung nicht führen 
können. 

Um dieser qualitativen Verschiedenheiten willen wird 
man allerdings zugeben müssen, daß innerhalb des Gebietes 
der Liebe noch Unterschiede in der Weise der Beziehung 
zum Objekte bestehen. Aber damit ist nicht gesagt, daß 
nicht die Einheit derselben Grundklasse alle Phänomene 
der Liebe umfasse. Wie vielmehr zwischen qualitativ ver- 
schiedenen Farben, so besteht auch zwischen qualitativ 
verschiedenen Phänomenen der Liebe eine wesentliche Ver- 
wandtschaft und Übereinstimmung. Auch der Vergleich 
mit dem Gebiete des Urteils macht dies deutlich. Auch 
hier fehlt es nicht an Unterschieden in der Weise der Be- 
ziehung zum Objekt, wie denn vor allem der Unterschied 
von Anerkennen und Verwerfen ganz offenbar als ein 
solcher zu betrachten ist\ Man nennt sie mit Recht 
qualitativ verschieden. Dennoch erstreckt sich, da sie in 
ihrem allgemeinen Charakter miteinander übereinstimmen, 
die Einheit derselben Grundklasse über beide, imd ihre 
Scheidung, obwohl ebenfalls durch die Natur vorgezeichnet, 
ist doch keine, welche auch nur annähernd eine ähnlich 
fundamentale Bedeutung wie die zwischen Vorstellung und 
Urteil hätte. Ganz dasselbe gilt in unserem Falle. Ja, es 
ist womöglich noch einleuchtender, daß bei einer Grund- 
einteilung der psychischen Phänomene die qualitativen 
Unterschiede spezieller Weisen des Liebens nicht in Betracht 
kommen können, als daß die Unterschiede der Qualität der 



^ Auch an die Unterschiede von eviihMit und nicht evident, apo- 
diktisch und bloß assertorisch und noch andere mehr wäre hier zu 
denken. 

Brentano, Klassifikation der jisychischen Phänomene. 7 



— 98 — 

Urteile nicht dabei zu berücksichtigen sind. Die höchsten 
Klassen würden außerordentlich zahlreich oder vielmehr 
geradezu unzählig werden, namentlich da dasjenige, was zu 
einem geliebten oder gehaßten Gegenstande in Beziehung 
tritt, selbst wieder Gegenstand einer Liebe oder eines 
Hasses wird, und sehr gewöhnlich mit einer veränderten 
Färbung des Phänomenes. Auch würde die enge Umgrenzunii. 
die jede von diesen höchsten Klassen erhielte, dem Zwecke 
einer ersten und fundamentalen Einteilung entgegen sein. 
Darum haben auch diejenigen, welche das von uns ein- 
heitlich umschriebene Gebiet in mehrere Grundklassen zer- 
legten, bei ihrer Einteilung nicht allen diesen Unter- 
schieden Rechnung getragen. Sie scheiden nur zwei 
Klassen, Gefühl und Willen; alle speziellen Färbungen der 
Phänomene der Liebe und des Hasses, welche innerhall) 
des Gebiets, das sie Willen nennen, und zahlreicher noch 
innerhalb des Bereiches der Gefühle bestehen, lassen sie 
dagegen unberücksichtigt. So erkennen sie durch ihr prak- 
tisches Verhalten in der bei weitem größeren Zahl der 
Fälle an, daß solche untergeordnete Unterschiede nicht eine 
Sonderung in verschiedene Grundklassen rechtfertigen, und 
hiermit ist, wenn misere Auseinandersetzung richtig ist, 
auch die Verwerfung ihrer Unterscheidung von Gefühl und 
Willen als höchster Klassen im Prinzipe zugegeben. 

S 7. Wir kommen zu einer dritten Reihe von Er- 
örterungen, welche die von uns behauptete Zusammen- 
gehörigkeit von Gefühl mid ^^'illen zu einer natürlichen 
Grundklasse bestätigen wird. 

Da es sich um die Feststellung der fundamentalen Ver- 
schiedenheit von Vorstellung und Urteil handelte, zeigten 
wir, wie alle Umstände darauf hinweisen, daß ein grund- 
verschiedenes Verhältnis zum Inhalte das eine von dem 
anderen Phänomen unterscheidet. Wo das Urteil zur Vor- 
stellung hinzutritt, findet man eine ganz neue Gattung von 
Gegensätzen, eine ganz neue Gattung von Intensität, eine 
ganz neue Gattung von Vollkommenheit und Unvollkommen- 



— 99 — 

heit und eine ganz neue Gattung von Gesetzen der Ent- 
stehung und Aufeinanderfolge. Auch die Klasse der Liebe 
und des Hasses, als Ganzes genommen, zeigte sich uns da- 
mals der Vorstellung und dem Urteile gegenüber in der- 
selben allseitigen Weise durch Eigentümlichkeiten aus- 
gezeichnet. Sollte innerhalb dieser Klasse selbst noch ein 
fundamentaler Unterschied in der Beziehungsweise zum 
Objekte bestehen, so dürfen wir demnach erwarten, daß 
auch hier in ähnlicher Art das eine Gebiet von dem 
anderen in jeder der angegebenen Richtungen die Besonder- 
heit seines Charakters offenbaren w^erde. 

Aber in keiner Weise ist dies der Fall. 

Vor allem wird man sich leicht überzeugen, daß inner- 
halb des ganzen Gebietes von Gefühl und Willen nirgends 
eine Verschiedenheit von Gegensätzen auftritt , von 
denen das eine Paar dem anderen so heterogen w^äre, wie 
es der Gegensatz von Liebe und Haß dem von Anerkennung 
und Leugnung ist. Auch wenn wir Freude und Traurigkeit 
mit Wollen und Nichtwollen vergleichen, erkemien wir, daß 
hier und dort im Grunde genommen derselbe Gegensatz 
von Lieb- und Unliebsein, Gefallen und Mißfallen uns ent- 
gegentritt. Allerdings erscheint er in jedem der beiden 
Fälle etwas modifiziert, entsprechend der verschiedenen 
Färbung der Phänomene; aber der Unterschied ist nicht 
größer als der, welcher zwischen den Gegensätzen von 
Freude und Trauer, Hoffnung und Furcht, Mut und Ver- 
zagen , Verlangen und Fliehen und vielen anderen in der 
Klasse gefunden wird. 

Da.sselbe gilt in betreff der Stärke. Die Gesamtheit 
der Klasse ist deutlich durch eine besondere Gattung von 
Intensität ausgezeichnet. Die Unterschiede der Gewißheit 
sind, wie schon früher bemerkt, mit den Unterschieden der 
Grade des Liebens und Hassens unvergleichbar ; ja geradezu 
lächerlich würde es sein, wenn einer sagte : es ist mir dies 
doppelt so wahrscheinlich , als mir jenes lieb ist oder der- 
gleichen. Aber innerhalb der Klasse selbst gilt nirgends 
dasselbe. Wie die verschiedenen Stufen der Überzeugimg 

7* 



— 100 — 

im Anerkennen und Verwerfen, so lassen auch die Grad- 
unterschiede im Lieben und Hassen sich miteinander ver- 
gleichen. Wie ich ohne Inkonvenienz sagen kann, daß ich 
das eine mit größerer Gewißheit annehme, als ich das 
andere leugne : so kann ich auch sagen , daß ich das eine 
in höherem Maße liebe, als ich das andere hasse. Und 
nicht bloß die Stärke von Gegensätzen, sondern auch die 
von Freude und Verlangen und Willen mid Vorsatz kann 
ich im Verhältnis zueinander als größer und geringer be- 
stimmen. Ich freue mich mehr darüber, als ich nach jenem 
verlange; mein Verlangen ihn wieder zu sehen ist nicht 
so stark, als mein Vorsatz ihn meine Mißbilligung empfinden 
zu lassen usf. 

Äluiliches zeigt sich in Hinsicht auf die Vollkommen- 
heit und U n V o 1 1 k m m e n h e i t. Wir sahen, wie in den 
Vorstellungen einerseits weder Tugend noch sittliche 
Schlechtigkeit, anderseits weder Erkenntnis noch Irrtum 
liegt. Mit den Phänomenen des Urteilens kommen die 
letzten beiden hinzu; das erste Paar dagegen liegt, wie 
schon gesagt, ausschließlich in dem Gebiete der Liebe und 
des Hasses. Findet es sich nun vielleicht nur in der einen 
der beiden Klassen, in welche man das Gebiet zerlegt hat, 
in dem Willen, nicht aber in dem der Gefühle? — Man 
erkennt leicht, daß dies nicht der Fall ist, sondern daß es 
wie einen sittlich guten und sittlich schlechten Willen, auch 
sittlich gute mid sittlich schlechte Gefühle gibt, wie z. B. 
Mitleid, Dankbarkeit, Heldenmut, Neid, Schadenfreude, feige 
Furcht usf. Wegen des besprochenen Mangels deutlicher 
Abgrenzung weiß ich freilich nicht, in wie weit einer ein- 
zelne von diesen Beispielen vielleicht lieber zum Gebiete 
des Willens rechnet; aber auch nur eines von ihnen 
würde zu unserem Zwecke genügen \ Auch kann man nicht 



^ Es ist lichtig, daß die Nameu Tugend ixud Schlechtigkeit voa 
uns in einem zu engen Sinne gebraucht zu werden pflegen, als daß man 
von jedem Akte der Liebe oder des Hasses sagen könnte, er sei 
tugendhaft oder schlecht. Nur gewisse ausgezeichnete Akte, in welchen 
das wahrhaft Liebenswürdige geliebt, das wahrhaft Hassenswürdige 



— 101 - 

behaupten, daß zwar Tugend und Schlechtigkeit beiden 
Gebieten gemein, aber im Willen noch eine neue, l)esondere 
Klasse von Vollkommenheit und Unvollkommenheit zu 
ihnen hinzugekommen sei; und bis jetzt wenigstens hat, 
meines Wissens, niemand eine solche bezeichnet. 

Wenden wir uns zu dem letzten Punkte des Vergleiches, 
zu den Gesetzen der Sukzession der Erscheinungen. 

Bei den Urteilen, obwohl sie von den allgemeinen Ge- 
setzen des Vorstellungslaufes sich keineswegs unabhängig 
zeigen, kommen doch noch andere, besondere Gesetze hinzu, 
welche aus ihnen nicht abgeleitet werden können. Wir 
bemerkten bereits, daß diese Gesetze die vorzügliche 
psychologische Grmidlage der Logik ausmachen. Bei Liebe 
und Haß, sagten wir damals, sei etwas ähnliches der Fall; 
und in der Tat sind zwar diese Phänomene weder von den 
Gesetzen des Vorstellungslaufes noch von denen der Ent- 
stehung und Sukzession der L'rteile unabhängig; aber 
dennoch zeigen auch sie besondere unableitbare Gesetze 
ihrer Aufeinanderfolge und Entwickelung , welche die 
psychologische Grundlage der Ethik bilden. 

Fragen wir nun, wie es mit diesen Gesetzen sich ver- 
halte. Sind sie vielleicht auf die Klasse des Willens allein 
beschränkt? oder beherrscht wenigstens nur ein Teil von 
ihnen Gefühle und Willenstätigkeiten gemeinsam, wälu-end 
ein anderer, durch einen neuen und eigentümlichen Cha- 
rakter ausgezeichnet, für die Phänomene des Wollens aus- 
schließlich Geltung hat? — Keines von beidem ist richtig; 
vielmehr gehen in ganz ähnlicher Weise in einem Falle 

gehaßt wird, ehren wir mit dem Namen Tiit,''end: und ebenso legen wir 
nur gewissen ausgezeichneten Akten, in Avelcheu ein entgegengesetztes 
Verhalten stattfindet, den Namen Schlechtigkeit bei. Akte von Liebe 
und Haß, bei welchen ein entsprechendes A'erhalten selbstverständlich 
erscheint, werden wir nicht als tugendhaft bezeichnen. Wir köuntcu 
vielleicht zeigen, wie sich die Begriffe zu einer vollkommen allgemeinen 
Anwendbarkeit entschränken ließen. Doch genügt es uns hier, dar- 
getan zu haben, daß sie so, wie mau sie gemeiniglich anwendet, wenig- 
stens der üblichen Unterscheidung von Gefühl und AVillen keine Stütze 
bieten. 



— 102 — 

Akte des Wollens wie in einem anderen Akte der Freude 
und Traurigkeit auseinander hervor. Ich freue mich oder 
betrübe mich über einen Gegenstand um eines anderen 
willen, während er sonst mich unberührt gelassen hätte; 
und ebenso begehre und will ich etwas wegen eines anderen, 
obwohl ich sonst nicht danach verlangte. Auch erzeugt 
die Gewohnheit des Genusses bei eingetretenem Mangel 
eine stärkere Begierde, wie umgekehrt ein vorausgegangenes 
längeres Verlangen den eingetretenen Genuß verstärkt und 
hebt. 

Doch wie? — Wir sagen, daß wesentlich dieselben 
Gesetze auf dem Gebiete der Gefühle und auf dem des 
Willens Geltung haben; und doch scheint gerade hier der 
größte Gegensatz zu bestehen, der überhaupt auf psychi- 
schem Gebiete sich zeigt. Denn der Wille, im Unter- 
schiede von allen übrigen Gattungen, gilt als das Reich 
der Freiheit, welches, wenn nicht jeden Einfluß, doch sicher 
eine Herrschaft von Gesetzen, wie sie auf den anderen 
Gebieten besteht, von sich ausschließe. Somit scheint hier 
ein starker Grund für die herkömmliche Scheidung von 
Gefühl und Willen vorzuliegen. 

Die Tatsache der Willensfreiheit, auf weiche sich 
dieser Einwand stützt, hat bekanntlich von altersher den 
Gegenstand eifrigen Streites gebildet, an dem wir selbst 
uns erst an einem späteren Orte beteiligen werden ^ Aber 
ohne dem künftigen Ergebnis irgendwie vorzugreifen , sind 
w^ir. glaube ich, schon jetzt das Argument zurückzuweisen 
imstande. Angenommen, es finde sich auf dem Gebiet des 
Willens wirklich jene volle Freiheit, welche in demselben 
einzelnen Fall ein Wollen und Nichtwollen und ein ent- 
gegengesetztes Wollen als möglich erscheinen läßt : so be- 
steht dieselbe doch sicher nicht auf dem ganzen Gebiete, 
sondern nm* etw^a da, wo entweder verschiedene Arten des, 
Handelns oder wenigstens Handeln und Nichthandeln, jedes 
in seiner Weise als ein Gut in Betracht kommt. Dies 



^ Als solcher war Buch V in Aussicht genommen. 



— 103 — 

wurde von den bedeutendsten Vertretern der Willens- 
freiheit immer und ausdrücklich anerkannt. Was aber, 
obwohl vielleicht minder deutlich ausgesprochen, dennoch 
ebenso unverkennbar als ihre Überzeugung sich zu erkennen 
gibt, ist, daß sich unter jenen Seelentätigkeiten, die nicht 
als ein Wollen bezeichnet werden können, und die man 
den Gefühlen zurechnet , gleichfalls freie Akte fhiden. So 
hält man den Schmerz der Reue über ein früheres Ver- 
gehen, die schadenfrohe Lust und viele andere Phänomene 
der Freude und Traurigkeit für nicht weniger freie Akte, 
als den Vorsatz, sein Leben zu ändern und die Absicht, 
jemand einen Nachteil zuzufügen. Ja, die Gefühle einer 
kontemplativen Gottesliebe gelten vielen als verdienstlicher 
als die hilfreiche Betätigung des Willens im Dienste des 
Nächsten, obwohl sie nur bei freien Betätigungen von Ver- 
dienst und Mißverdienst sprechen wollen. Wenn man 
trotzdem im allgemeinen nur von Willens fi-eiheit sprach, 
so hing dies bei älteren Philosophen mit dem, wie wir 
sahen, erweiterten und auf Gefühl und Willen im engeren 
Smne gleichmäßig ausgedehnten Gebrauche dieses Namens, 
bei modernen aber häufig mit anderen Unklarheiten zu- 
sammen, die sich in ihre Untersuchung einmischten. So 
hat selbst Locke die Unterscheidung zwischen dem Ver- 
mögen, eine Handlung, je nachdem man sie will oder nicht 
will, zu üben oder zu unterlassen, und der Möglichkeit, 
unter denselben Umständen sie zu w^ollen oder nicht zu 
wollen, niemals klar vollzogen. Es ist also sicher, daß, 
wenn überhaupt auf dem Gebiete der Liebe und des Hasses 
Freiheit besteht, dieselbe nicht auf Akte des Wollens 
allein, sondern ebenso auf gewisse Betätigungen der Ge- 
fühle sich erstreckt, und daß anderseits ebensowenig jeder 
Akt des Wollens als jeder Akt des Fühlens frei gemmnt 
werden kann. Dies genügt, um zu zeigen, wie durch die 
Anerkennung der Freiheit die Kluft zwischen Gefühl und 
Willen nicht erweitert und der hergebrachten Klassen- 
einteilung keine Stütze geboten wird. 



ij^x — 104 — 



«*-' 



§ 8. Wir haben nun den vorgezeichneten Weg unserer 
Untersuchung auch seinem dritten Teile nach zurückgelegt. 
Es war wesentlich derselbe Gang, den wir jetzt einhielten, 
da wir das Verhältnis von Gefühl und Begehren prüften, 
wie früher, als es sich um den Nachweis des fundamentalen 
Unterschiedes zwischen Vorstellung und Urteil handelte. 
Aber Schritt für Schritt waren unsere Wahrnehmungen 
dieses Mal die entgegengesetzten. 

Fassen wü- das Ergebnis kurz zusammen. 

Erstens hat uns die innere Erfahrung gezeigt, wie 
zwischen Gefühl und Willen nirgends eine scharfe Grenze 
gezogen ist. Wir haben bei allen psychischen Phänomenen, 
die nicht Vorstellungen oder Urteile sind, einen überein- 
stimmenden Charakter der Beziehung auf den Inhalt ge- 
funden, und können sie alle in einem einheitlichen Smne 
als Phänomene der Liebe mid des Hasses bezeichnen. 

Zweitens, wenn bei Vorstellmig mid Urteil mit der 
Leugnung einer Verschiedenheit in der Weise des Bewußt- 
seins die Angabe eines Unterschiedes überhaupt unmöglich 
wurde: so haben wir auf dem Gebiete von Gefühl und 
Willen im Gegenteile gesehen, daß unter Zuhilfenahme des 
Gegensatzes von Liebe und Haß und ihrer Gradunter- 
schiede sich jede einzelne Klasse durch Berücksichtigung der 
besonderen zugrunde liegenden Phänomene definieren läßt. 

Drittens endlich haben wir gesehen, daß eine 
Variation von Umständen, wie sie bei einer Verschiedenheit 
der Weise des Bewußtseins anderwärts sich zu zeigen pflegt, 
bei Gefühl und Willen nicht gefunden wird. 

Somit dürfen wir wohl die Einheit unserer dritten 
Grundklass(' als vollkommen erwiesen ])etrachten, und es 
bleibt uns nur noch übrig, wie früher ])ei Vorstellung und 
Urteil, so jetzt bei Gefühl und Willen die Gründe auf- 
zudecken, welche eine Verkennung des wahren Verhältnisses 
begünstigten. 

§ 9. Diese Anlässe der Täuschung scheinen mir von 
dreifacher Art gewesen zu sein: psychische, sprach- 



— 105 — 

liehe und, wenn wir sie so nennen wollen, historische, 
d. h. solche Anlässe, welche durch vorausgegangene Ver- 
irrungen der Psychologie in anderen Fragen gegeben 
wurden. 

Betrachten wir zunächst die vornehmsten psychi- 
schen Gründe. 

Wir haben früher gesehen, wie die Phänomene des 
inneren Bewußtseins in eigentümlicher Weise mit ihrem 
Objekt verschmolzen sind. Die innere Wahrnehimmg ist 
in dem Akte, den sie wahrnimmt, mitbegriffen, und ebenso 
ist das innere Gefühl, welches einen Akt begleitet, selbst 
Teil seines Gegenstandes. Es lag nahe, diese besondere 
Weise der Verbindung mit dem Objekte mit einer be- 
sonderen Weise von intentionaler Beziehung zu ihm zu 
verwechseln, und so die zum inneren Bewußtsem gehörigen 
Phänomene der Liebe und des Hasses von allen übrigen, 
wie eine Grundklasse von einer anderen zu sondern. 

Wenn wir an die Weise zurückdenken, in welcher Kant 
über den Unterschied des Gefühls und Begehrens sich 
äußerte, so glaube ich, werden wir deutliche Spuren eines 
Zusammenhanges seiner Lehre mit dem eben erwähnten 
Unterschiede erkennen ; sagte er doch, daß das Begehrungs- 
vermögen eine „objektive Beziehung" habe, während das 
Gefühl „bloß aufs Subjekt" sich beziehe '. 

Bei Hamilton tritt dasselbe in dem Maße auffälliger 
hervor, als er sich ausführlicher über die Scheidung von 
Gefühl und Streben verbreitet; und Bestimmungen, die im 
übrigen schwer miteinander in Einklang zu bringen sind, 
weisen doch übereinstimmend darauf hin, daß ihm bei der 
Klasse des Gefühls hauptsächlich die zum inneren Bewußt- 
sein gehörigen Gefühlsphänomene vorschwebten. Seine Be- 
stimmung, daß das Gefühl ausschließlich der Gegenwart 
angehöre, ist dann gerechtfertigt; und seine Charakteristik 
der Gefühle als „subjektivisch subjektiv" wenigstens be- 
greiflich geworden. Auch steht die Untersuchung über die 



1 S. oben S. 19 Aum. 3. 



— 106 — 

Entstehimg der Gefühle, wie man sie im zweiten Bande 
seiner Yorlesimgen findet, vollkommen mit einer solchen 
Auffassung im Einklang ^ 

Wie kommt es aber, daß. wenn hier die besondere 
Verbindung der inneren Phänomene mit ihrem Objekte zu 
einer Unterscheidung zweier Grundklassen führte, auf dem 
Gebiete der Erkenntnis nicht dasselbe der Fall war? 
Warum hat man nicht auch die innere Wahrnehmung von 
jeder anderen Erkenntnis als eine eigene, grundverschiedene 
Weise des Bew^ußtseins abgesondert ? — Die Antwort hier- 
auf ist leicht. Wir haben gesehen, wie es eine Eigen, 
tümlichkeit unserer dritten Grundklasse ist, eine Menge 
von Arten in sich zu schließen, die mehr als besondere 
Klassen von Urteilen voneinander verschieden sind. So 
war es denn hier überhaupt leichter, die Übereinstimmung 
im allgemeinen Charakter der Beziehung zum Objekte zu 
verkennen als bei den Phänomenen der Erkenntnis; und 
derselbe Umstand, der auf diesem Gebiete keinerlei Ver- 
suchung mit sich führte, konnte auf dem anderen die 
Täuschung veranlassen. 

§ 10. Zu dem angegebenen kommt aber noch ein 
anderer psychischer Grund. Wie wir uns erinnern, 
machten Kant und seme Nachfolger für die fundamentale 
Verschiedenheit des Wollens von dem Gefühle seine Un- 
ableitbarkeit aus den Phänomenen dieser Klasse geltend. 
Es ist außer Frage, daß die Erscheinungen des Willens 
wirklich aus anderen psychischen Phänomenen nicht ab- 
geleitet w^erden können. Und ich meine hier nicht etwa 
dies, daß die besondere Färbung der Willensbetätigungen 
nur durch spezifische Erfahrung erkannt werden kann ; denn 
das ist etwas, w^as ebenso für andere spezielle Klassen der 
Liebe und des Hasses gilt. Die besondere Färbung der 
Hoffnung gegenüber dem besitzenden Genüsse, die besondere 



^ Lectures on Metaphysics II, p. 4:36 ss. Vgl. auch Lotze, Mikro- 
kosmus 1. Aufl. I, S. 261 ff. und a. a. 0. 



— 107 — 

Färbung der edlen geistigen Freude gegenüber der niederen 
Sinnenliist sind ebenfalls unableitbar. Ein anderer Um- 
stand ist, der in einer ganz vorzüglichen Weise gerade das 
Wollen als unableitbar erscheinen und gerade bei ihm die 
Neigung entstehen läßt, es als Betätigung eines l)esonderen 
Urvermögens zu fassen. 

Jedes Wollen oder Streben im eigentlicheren Sinne 
bezieht sich auf ein Handeln. Es ist nicht einfach ein Be- 
gehren, daß etwas geschehe, sondern ein Verlangen, daß 
etwas als Folge des Verlangens selbst eintrete. Ehe jemand 
die Erkenntnis oder wenigstens die Vermutung gewonnen 
hat. daß gewisse Phänomene der Liebe und des Verlangens 
die geliebten Gegenstände unmittelbar oder mittelbar als 
Folge nach sich ziehen , ist ein Wollen für ihn unmöglich. 
Wie soll er nun aber zu einer solchen Erkenntnis oder 
Vermutung gelangen? - Aus der Natur der Phänomene 
der Liebe, seien sie Phänomene der Lust oder Unlust, des 
Verlangens, der Furcht oder andere, läßt sie sich nicht 
schöpfen. Es bleibt also nur übrig, entweder anzunehmen, 
daß sie ihm angeboren sei, oder daß sie, ähnlich wie auch 
andere Erkenntnisse von Kraftbeziehungen, von ihm der 
Erfahrung entnommen werde. Das erste wäre offenbar die 
Annahme einer ganz außerordentlichen Tatsache, die, wenn 
irgend etwas, keine Ableitung zuließe. Das zweite aber, 
das gewiß von vornherem unvergleichlich wahrscheinlicher 
ist, setzt deutHch einen besonderen Kreis von Erfahrungen 
und die Existenz und wirkliche Betätigung einer besonderen 
C4attung von Kräften voraus, auf welche diese Erfahrungen 
sich beziehen. Somit ist die Kraft gewisser Phänomene 
der Liebe zur Verwirklichung der Gegenstände, auf welche 
sie gerichtet sind, eine Vorbedingung des Wollens, und 
gibt, auch wenn man nicht, wie Bain es getan hat, das 
Vermögen zu handeln als das Vermögen des Wollens selbst 
betrachtet, in gewisser Weise erst die Fähigkeit zu ihm. 
Da nun diese Kraft zur Äußerung und Betätigung der Liebe 
und des Verlangens der Fähigkeit zu diesen Phänomenen 
selbst völlig heterogen ist, und darum nicht mehr, ja eher 



— 108 — 

noch viel weniger aus ihr, als sie aus dem Vermögen der 
Erkenntnis, ableitbar erscheint: so erscheint natürlich auch 
die Fähigkeit zum Streben und Wollen als ein in ganz 
vorzüglicher Weise unableitbares Vermögen, obwohl die 
Unmöglichkeit der Ableitung nicht darin ihren Grund hat. 
daß die betreffenden Phänomene selbst einen von den 
übrigen Phänomenen der Liebe fundamental verschiedenen 
Charakter zeigen. 

Im Gegenteile wird man bei näherer Erwägung finden, 
daß sich hier aufs neue ein Zug der Verwandtschaft der 
Willensphänomene mit anderen Erscheinungen der Liebe 
und des Verlangens offenbart. Wenn das Wollen die Er- 
fahrung eines Einflusses von Phänomenen der Liebe znr 
Hervorbringung des geliebten Gegenstandes voraussetzt, so 
setzt es offenbar voraus, daß auch Phänomene der Liebe, 
welche kein Wollen genannt werden können, ähnlich wie 
das Wollen, wenn auch vielleicht in schwächerem Grade, 
sich wirksam erweisen. Denn würde eine solche Einwirkuns; 
sich ausschließlich an das Wollen knüpfen, so würde man 
in einen verhängnisvollen Zirkel verwickelt. Das Wollen 
würde die Erfahrung des Wollens voraussetzen, während 
natürlich umgekehrt auch diese das Wollen voraussetzt. 
Anders, wenn auch schon das bloße Verlangen nach ge- 
wissen Ereignissen ihr Eintreten zur Folge hat; es kann 
dann mit der Modifikation, welche die Kenntnis von dieser 
Kraftbeziehung ihm gibt, d. i. als Wollen sich wiederholen. 

Mögen diese Andeutungen genügen, bis wir später uns 
eingehend mit dem Probleme der Entstehung des Wollens 
beschäftigen werden. 

Wenn wir aus einer früher betrachteten Äußerung 
Kants über die Eigentümlichkeit der Gefühle den Zu- 
sammenhang seiner Klassifikation mit der Zugehörigkeit 
gewisser Phänomene der Liebe zum inneren Bewußtsein 
erkannten, so weisen andere, und nicht wenige, sehr deut- 
lich auf die eben betrachteten Verhältnisse hin. Hat doch 
Kant das Begehrungsvermögen geradezu als das „Vermögen 
durch seine Vorstellungen Ursache von der Wirklichkeit 



— 109 — 

der Gegenstände dieser Vorstellungen zu sein" definiert, 
und an derselben Stelle, an welcher er von einer Beziehung 
von Vorstellungen „bloß aufs Subjekt" redet, hinsichtlich 
welcher sie „im Verhältnisse zum Gefülde der Lust be- 
trachtet werden", spricht er von einer anderen, „objektiven 
Beziehung, da sie, zugleich als Ursache der Wirklichkeit 
dieses Objektes betrachtet, zum Begehrungsvermögen gezählt 
werden". Nun fällt aber die Abgrenzung der beiden Klassen, 
welche sich ergibt, w^enn man die inneren Phänomene der 
Liebe als Gefühle zusammenfaßt und allen übrigen ent- 
gegenstellt, keineswegs mit jener zusammen, zu welcher 
man gelangt, wenn man das Streben nach einem Gegen- 
stande, das die besprochene Kraftbeziehung als bekannt 
voraussetzt, von allen übrigen Phänomenen der Liebe 
scheidet. Daher finden wir bei Kant jene befremdende 
Behauptung, daß jeder Wunsch, und wenn es ein anerkannt 
unmöglicher wäre, wie z. B. der Wunsch Flügel zu haben, 
schon ein Bestreben sei, das Gewünschte zu erlangen, und 
die Vorstellung der Kausalität unserer Begehrung ent-, 
halte ^ Sie ist ein verzweifelter Versuch die Grenzlinie 
der beiden Klassen, so wie die eme Rücksicht sie verlangt, 
auch mit der anderen in Einklang zu bringen. Andere 
haben es vorgezogen, die Klasse der Gefühle weiter und 
bis zur Grenze des eigentlichen Wollens auszudehnen ; und 
wieder andere haben jeder der beiden Klassen mehr oder 
minder beträchtliche Teile von dem Zwischengebiete zu- 
gewiesen. Daher die Unsicherheit der Grenzscheidung, die 
wir gefunden haben. 

§ 11. Wir sagten, zu den psychischen Gründen, die in 
der eigentümlichen Natur der Phänomene selbst liegen, 
seien sprachliche Anlässe hinzugekommen. 

Aristoteles, welcher die Einheit unserer dritten Grund- 
klasse richtig erkannt hatte, bezeichnete sie, wie wir hörten, 
mit dem Namen Begehren (opscu:). Der Ausdruck war wenig 



1 Kritik der Urteilskraft, Eiuleitun;,^ III, Amn. 



— 110 — 

passend gewählt ^ ; denn nichts liegt dem Sprachgebrauche 
des gewöhnlichen Lebens ferner, als die Freude ein Be- 
gehren zu nennen. Doch dies hinderte nicht, daß das 
Mittelalter sich hier wie in so mancher anderen Beziehung 
von der Autorität des „Philosophen" und seiner Übersetzer 
leiten ließ und das Vermögen zu den sämtlichen hierher 
gehörigen Akten als „facultas appetendi" bezeichnete^; 
und an die Ausdrücke der Scholastiker schloß sich später 
Wolff bei der Unterscheidung seines Erkenntnis- und Be- 
gehrungsvermögens an. Da nun der Namen Begehren im 
Leben eine viel zu enge Bezeichnung hat , als daß er alle 
psychischen Phänomene außer denen des Denkens umfassen 
könnte, so lag der Gedanke nahe, daß es Phänomene gebe, 
die in den bisher aufgestellten Klassen nicht inbegriffen 
seien, und daß somit diesen eine neue Klasse koordiniert 
werden müsse. Daß wirklich auch dieser Umstand nicht 
ohne Einfluß blieb, zeigt eine fi'üher aus Hamilton an- 
gezogene Stelle^. 

§ 12. Wir sagten aber, die Täuschung hinsichtlich der 
Einheit dieser Klasse psychischer Phänomene habe auch 
noch eine dritte Art von Ursachen gehabt; in früheren 
Untersuchungen begangene Fehler haben hier 
nachteilig eingewirkt. 

Der Irrtum, den wir hier vorzüglich im Auge hatten, 
war der, daß man Vorstellung und Urteil als Phänomene 



^ Aristoteles wurde auf ihn wahrscheiulich durch eine verallge- 
meinernde Zusammenfassung von jbfj-oc und ir.(.>)'j'M'x geführt, die in 
Piatons Einteilung neben dem Äoytsao; erscheinen; ein Zeichen mehr 
für die Wahrheit unserer früheren Bemerkung, daß sich die Grund- 
einteilungen des Aristoteles sämtlich aus der Platonischen entwickelt 
haben. Nach anderen Seiten hin ist der Zusammenhang ohnehin un- 
verkennbar. 

- Nur einzelne Male zeigen sich Spuren von Emanzipation, wie 
z. B. bei Thomas von Aquin, Avenn er Summ. Theol. P. I, Q. 37, art. 1 
und öfter den Ausdruck „amare" als allgemeinsten Klassennamen ge- 
braucht. 

3 Lectures on Metaph. II, p. 420; vgl. oben Kap. 1, § 4. 



— 111 — 

derselben Griindklasse betrachtete. Man fand die drei 
Ideen (wie man sie oft mit Auszeichnung nennt) des 
Wahren, G u t e n und Schönen; und sie schienen 
einander koordiniert. Man glaubte, sie müßten eine Be- 
ziehung zu drei koordinierten, grundverschiedenen Seiten 
unseres Seelenlebens haben. Die Idee des Wahren teilte 
man dem Erkenntnisvermögen, die Idee des Guten dem 
Begehrungsvermögen zu : da war denn das dritte Vermögen, 
das der Gefühle , eine willkommene Entdeckung , um ihm 
die Idee des Schönen als seinen Anteil zuzuweisen. So ist 
schon bei Mendelssohn, wo er von den drei Seelenvermögen 
spricht, von dem Wahren, Guten und Schönen die Rede. 
Und Kant wird es von späteren Vertretern einer ähnlichen 
Dreiteilung zum Vorwurfe gemacht, daß er das Gefühl der 
Lust und Unlust „einseitig auf das ästhetische Geschmacks- 
urteil" beschränkte, und ebenso „das Begehrungs vermögen 
nicht als rein psychologische Kraft, sondern in Beziehung 
zum Ideal des Guten, dem es dienen soll, betrachtete^'". 

Bei einer genaueren Untersuchung, ob die Verteilung 
des Wahren, Guten und Schönen auf die drei Klassen des 
Erkenntnis-, Begehrungs- und Gefühlsvermögens wirklich 
zu rechtfertigen sei, wird sich freilich manches Bedenken 
erheben. 

Wir haben früher eine Stelle von Lotze angeführt, 
worin dieser Denker, der doch selbst Willen und Gefühl 
als Grundvermögen scheidet, „die sittlichen Grundsätze jeder 
Zeit" als „Aussprüche eines wertempfindenden Gefühles" 
bezeichnet. In der Tat hat Herbart ^ die ganze Ethik, wie 
einen besonderen Zweig, der Ästhetik als der allgemeineren 
Wissenschaft zugewiesen, so daß bei ihm das Ideal des 
Guten ganz in dem des Schönen unterzugehen droht, oder 



1 J. B. Meyer, Kants Psychologie, S. 120. 

- Im Grunde genommeu schon Adam Smith, wenn anders Kant 
Recht hat, indem er sagt, schön sei, was uninteressiertes Wohlgefallen 
en-ege. Ja, lauge vor ihnen sagte Augustinus: „Honestum voco in- 
telligibilem pulchritudinem, quam spiritualem nos proprie dicimus." 
(83 Q. Q. quaest. 30 nahe am Auf.) 



— 112 — 

doch als eine besondere Gestaltung dem umfassenderen 
Gedanken sich unterordnet. 

Andere haben einen entgegengesetzten Versuch ge- 
macht; sie haben das Schöne unter den Begriff des Guten 
gestellt, wie z. B. Thomas von Aquin, indem er sagt, gut 
sei das, was gefalle, schön das, dessen Erscheinung gefalle \ 
Hier wird zunächst die Erscheinung des Schönen als etwas 
Gutes betrachtet, und dann natürhch ist auch das, was die 
Erscheinung hervorruft, in Rücksicht darauf ein Gut. In 
der Tat gehört die Schönheit in diesem Sinne ohne Zweifel 
unter die Güter; aber auch von der AYahrheit muß Ähn- 
liches gesagt werden ; und somit scheint der Charakter des 
Begehrenswerten allen dreien gemeinsam zu sein, wie es 
ja auch darum, weil es sich um drei Ideale handelt, nicht 
anders denkbar ist. 

Es tut also not, in einer etwas anderen Weise die Drei- 
heit des Schönen, Wahren und Guten zu fassen, und 
es wird sich dann zeigen, daß sie wirklich zu einer Dreiheit 
der Seiten unseres Seelenlebens in Beziehung steht; nicht 
aber zu Erkenntnis, Gefühl und Willen, sondern zu jener 
Dreiheit, die wir in den drei Grundklassen der psychischen 
Phänomene unterschieden haben. 

Jede Grundklasse von psychischen Phänomenen hat eine 
ihr eigentümliche Gattung von Vollkommenheit; und diese 
gibt sich in dem inneren Gefühle, welches, wie wir sahon, 
jeden Akt begleitet, zu erkennen. Den vollkommensten 
Akten jeder Grundklasse wohnt eine darauf bezügliche, wie 
wir sagen, edle Freude inne. Die höchste Vollkommenheit 
der vorstellenden Tätigkeit liegt in der Betrachtung 
des Schönen, sei diese nun durch die Einwirkung des Ob- 
jektes unterstützt, oder von einer solchen unabhängig. An 



^ De ratione boni est quod in eo quietetur appetitus. Sed ad 
rationem pulchri pertinet quod in ejus aspectu seu cognitione quietetur 
appetitus .... Pulchrum addit supra bonum quendam ordinem ad 
vim cognoscitivam ; ita quod bonum dicatui- id quod simpliciter com- 
placet appetitui; pulchrum autem dicatur id cujus ipsa apprehensio 
placet. (Summ. Theol. P. II, 1, Q. 27, A. 1 ad 3.) 



— 113 — 

sie knüpft sich der höchste Genuß, welchen wir in der 
vorstellenden Tätigkeit als solcher finden können. Die 
höchste Vollkommenheit der urteilenden Tätigkeit liegt 
in der Erkenntnis der Wahrheit; am meisten natürlich in 
der Erkenntnis solcher Wahrheiten, die mehr als andere 
eine reiche Fülle des Seins uns offenbaren. Dies ist z. B. 
dann der Fall, wenn wir ein Gesetz erfassen, durch welches, 
wie durch das Gesetz der Gravitation, mit einem Schlage 
ein weites Gebiet von Erscheinungen erklärt wird. Darum 
ist das Wissen eine Freude und ein Gut an und für sich 
und abgesehen von allem praktischen Nutzen, den es ge- 
währt. „Alle Menschen verlangen von Natur nach dem 
Wissen", sagt der große Denker, der mehr als viele andere 
die Freuden der Erkenntnis verkostet hat. Und wiederum 
sagt er: „die erkennende Betrachtung ist das Süßeste und 
Beste ^ " . Die höchste Vollkommenheit der liebenden 
Tätigkeit endlich liegt in der durch Rücksicht auf eigene 
Lust und eigenen Gewinn ungehemmten freien Erhebung 
zu höheren Gütern, in der opferwilligen Hingabe ihrer 
selbst an das, was um seiner Vollkommenheit willen mehr 
und über alles liebenswürdig ist, in der Übung der Tugend 
oder der Liebe des Guten um seiner selbst willen und 
nach dem Maße seiner Vollkommenheit. Die Freude, die 
der edlen Handlung und überhaupt der edlen Liebe inne- 
wohnt, ist es, die in ähnlicher Weise dieser Vollkommen- 
heit, wie die Freuden der Erkenntnis und der Betrachtung 
des Schönen der Vollkommenheit der anderen beiden Seiten 
des Seelenlebens, entspricht. Das Ideal der Ideale be- 
steht in der Einheit alles Wahren, Guten und Schönen, 
d. i. in einem Wesen, dessen Vorstellung die unend- 
liche Schönheit und in ihr wie in ihrem unendlich über- 
ragenden Urbilde alle denkbare endliche Schönheit zeigt; 
dessen Erkenntnis die unendliche Wahrheit und in ihr 
wie in ihrem ersten und allgemeinen Erklärungsgrunde alle 



1 Arist. Metapli. A, 1; A, 7. 
Brentano, Klassifikation der psychischen Phänomene. 



— 114 — 

endliche "Wahrheit offenbart; und dessen Liebe das un- 
endliche, allumfassende Gut und in ihm jedes andere liebt, 
welches in endlicher Weise an der Vollkommenheit Teil 
hat. Das, sage ich, ist das Ideal der Ideale. Und die 
Sehgkeit aller Seligkeiten bestände in dem dreifachen 
Genüsse dieser dreifachen Einheit, indem die unendhche 
Schönheit angeschaut, und aus ihrer Anschauung durch sich 
selbst als notwendige und unendliche Wahrheit erkannt, 
und als unendliche Liebenswürdigkeit offenbar geworden 
mit gänzlicher und notwendiger Hingabe als das unendliche 
Gut geliebt würde. Dies ist auch die Verheißung der Selig- 
keit, welche in der vollkommensten der Religionen, die in 
der Geschichte aufgetreten sind, in dem Christentume, ge- 
geben wird ; und mit ihm stimmen die größten Denker des 
Heidentums und namentlich der gottbegeisterte Piaton in 
der Hoffnung auf ein solches beseligendes Glück überein. 
Wir sehen, auch wenn man mit uns das Gefühl als 
eine Grundklasse verwirft, wenn man nur zugleich im 
Übrigen unsere Grundeinteilung sich eigen macht, läßt die 
Dreiheit der Ideale, des Schönen, Wahren und Guten, sich 
aus dem System der psychischen Vermögen wohl erklären. 
Ja sie wird dadurch erst in voUer Weise verständlich ge- 
macht; und selbst bei Kant fehlt es nicht an Äußerungen, 
welche dafür zeugen, daß nur diu-ch die von uns durch- 
geführte Beziehung des Schönen zur vorstellenden Tätig- 
keit die richtige Stellung ihm gegeben wird. Unter vielen 
will ich hier nur die eine oder andere Stelle aus ver- 
scliiedenen seiner Schriften hervorheben. In der Kritik der 
Urteilskraft sagt Kant -. „Wessen Gegenstandes Form in der 
bloßen Reflexion über dieselbe als der Grund einer Lust 
an der Vorstellung eines solchen Objektes be- 
urteilt wird; mit dessen Vorstellung wird diese 
Lust auch als notwendig verbunden geurteilt, 
folglich als nicht bloß für das Subjekt, welches diese Form 
auffaßt, sondern für jeden Urteilenden überhaupt. Der 
Gegenstand heißt alsdann s c h ö n ; u n d d a s V e r ■ 
mögen durch eine solche Lust (folglich auch all- 



- 115 — 

gemeingültig) zu urteilen, der Geschmack^". luden 
metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre (1797) 
wiederholt er nochmals, daß es eine Lust gebe, welche mit 
gar keinem Begehren des Gegenstandes, sondern mit der 
bloßen Vorstellung, die man sich von einem Gegen- 
stande macht, schon verknüpft sei, und bemerkt: „Man 
würde die Lust, die mit dem Begehren des Gegenstandes 
nicht notwendig verbunden ist, die also im Grunde nicht 
eine Lust an der Existenz des Objektes der Vorstellung 
ist, sondern bloß an der Vorstellung allein haftet, 
bloß kontemplative Lust oder untätiges Wohlgefallen nennen 
können. Das Gefühl der letzteren Art von Lust nennen 
wir Geschmack-." 

So bewährt sich unsere Behauptung, daß die Ver- 
kennung der fundamentalen Verschiedenheit von Vorstellung 
und Urteil die Annahme eines anderen fmidamentalen Unter- 
schiedes, der nicht wirklich vorhanden ist, vorbereitete; 
und daß so der erste in der Einteilung der psychischen 
Phänomene begangene Fehler zur Entstehung des zweiten 
wesentlich beitrug. Es scheint, als ob dieser Umstand nicht 
am wenigsten ein störendes Moment geworden sei. 

Außerdem wurde der neue Irrtum natürlich auch durch 
den Mangel an Klarheit über das eigentliche Prinzip der 
Einteilung begünstigt. Wir haben davon schon früher ge- 
sprochen mid können uns darum jetzt jedes weitere Wort 
ersparen. 

Was immer sonst noch dazu beigetragen haben mag, 
daß man Gefühl und Willen irrtümlich für zwei verschiedene 
Grundklassen psychischer Erscheinungen hielt: die haupt- 



1 Krit. d. Urtpilskr. Einl. VI. 

2 Metaph. Anfangsgr. der Eeehtslehre Kap. I. — Auch Thomas 
von Aquin, der, wie überhiuipt die Pcripatetisehe Schule, deu Fehler 
der Vereinignug von Vorstellung und Urteil in derselben Grundklasse 
mit Kant gemein liatte, gibt in der oben (S. 112 Anm. 1) mitgeteilten 
Stelle der Beziehung des Schönen zur Vorstellung Zeugnis. Au einem 
anderen Orte sagt er: „Bonum proprie respieit appetitum . . . Pulchrum 
autem respieit vira cognoscitivam: pulchra enim dicuntur, quae visa 
placent." (Summ. Theol. P. I, Q. 5, A. 4 ad 1.) 

8* 



— 116 — 

sächlichsten Anlässe der Täuschung haben wir, glaube ich. 
in der vorausgegangenen Untei*suchung zusammengestellt. 
Sie sind so mannigfach und bedeutend , daß wir uns nicht 
darü])er verwundern können, wenn sich auch mancher her- 
vorragende Denker dadurch verführen ließ; und so hoffe 
ich, wird durch ihre Darlegung das letzte Bedenken gegen 
die von uns verfochtene Zusammengehörigkeit von Gefühl 
und Willen verschwunden sein. Dami aber scheint unsere 
Grundeinteilung überhaupt gesichert. Wir dürfen es daher 
als feststehend betrachten, daß die psychischen Phänomene 
nicht mehr und nicht weniger als einen dreifachen funda- 
mentalen Unterschied hinsichtlich ihrer Beziehung zum In- 
halte, oder, wie wir uns ausdrücken können, hinsichtlich 
der Weise des Bewußtseins zeigen; und daß sie hienach 
in drei Grundklassen zerfallen: in die Klasse der Vor- 
stellungen, in die der Urteile und in die der Phäno- 
mene der Liebe und des Hasses. 



— 117 — 



Fünftes Kapitel. 

Vergleich der drei Griindklasseii mit dem drei- 
fachen Phänomene des inneren BeAvnßtseins. 
Bestimmnng ihrer natürlichen Ordnung. 

ij 1 . Die drei von uns festgestellten Grundklassen der 
y orstellimg , des Urteils und der Liebe erinnern uns an 
eine früher gefundene Dreilieit von Phänomenen. In dem 
inneren Bewußtsein, das jede psychische Erscheinung be- 
gleitet, sahen wir eine darauf gerichtete Vorstellung, eine 
Erkenntnis und ein Gefühl beschlossen, mid offenbar ent- 
spricht je eines dieser Momente einer der drei Klassen der 
Seelentätigkeiten, die sich uns jetzt ergeben haben. 

Hieraus ersehen wir, daß Phänomene der drei Grund- 
klassen aufs innigste sich miteinander verflechten. Denn 
eine innigere Verbindung als die zwischen den drei 
Momenten des inneren Bewußtseins ist nicht mehr denkbar. 

Wir erkennen ferner, daß die drei Klassen von äußerster 
Allgemeinheit sind; es gibt keinen psychischen Akt, bei 
welchem nicht alle vertreten wären. Jeder Klasse kommt 
eine gewisse Allgegenwart in dem ganzen Seelenleben zu. 

Daraus folgt aber, wie auch früher bemerkt, nicht, daß 
sie auseinander ableitbar sind. Aus jedem Gesamtzustande 
des psychischen Lebens läßt sich erkennen, daß ein Ver- 
mögen zu jeder der drei Gattungen von Tätigkeiten vor- 
handen ist. Aber ohne Widerspruch ließe es sich denken, 
daß ein psychisches Leben bestände , dem die eine oder 
auch zwei von den Gattungen, sowie die Fähigkeit zu ihnen 
mangelte. Ebenso bleibt ein Unterschied zwischen psychi- 
schen Akten, die in einem relativen Sinne bloße Vor- 



— 118 — 

Stellungsakte zu nennen sind, und solchen, bei welchen dies 
nicht der Fall ist, insofern das primäre Objekt eines Aktes 
bald bloß vorgestellt, bald auch anerkannt oder geleugnet, 
bald zugleich in irgendwelcher Weise geliebt oder gehaßt 
wird. Bei den letzteren werden Saiten, die in dem ersten 
Falle nur mitgeklungen hatten, sozusagen direkt an- 
geschlagen. 

Die Tatsache gibt also nur der universellen Bedeutung 
jeder der drei Klassen Zeugnis; und dieses Zeugnis ist, wo 
es sich um die Frage nach dem fundamentalen Charakter 
der Klasse handelt, gewiß willkommen. Die übliche Drei- 
teilung in Erkenntnis, Gefühl und Willen kann es nicht in 
gleicher Weise für sich anführen. Hamilton, wahrschemlich 
weil er die Bedeutsamkeit des Umstandes begriff, hat freilich 
auch für die Willenstätigkeit den Anspruch vollkommener 
Allgemeinheit erhoben. ..In unseren philosophischenßüchern", 
sagt er, .,da mögen allerdings Erkenntnis, Gefühl und Be- 
strebung, jedes von dem anderen getrennt in Büchern und 
Kapiteln stehen: in der Natur sind sie aber miteinander 
verwoben. In jeder, auch der einfachsten Modifikation des 
Geistes finden sich Erkenntnis, Gefühl und Willen zu- 
sammen, um den psychischen Zustand zu bilden"^, usf. 
Aber demjenigen, welcher den Begriff des Wollens analy- 
siert, kann es nicht zweifelhaft bleiben, daß Hamilton für 
seine dritte Grundklasse Unmögliches behauptet. Wird doch 
ein Wollen, wie wir auch früher sagten, erst durch den 
Gedanken an ein eigenes Wirken möglich; ein Umstand 
der, wie er überhaupt den weniger generellen Charakter 
dieses Klassenbegriffes anzeigt , in.sbesondere beweist . vrie 
weit er davon entfernt ist, auf eine primitive Betätigung 
Anwendung fmden zu können. 

So sehen wir auch nach dieser Seite hin unsere Klassi- 
fikation gegenüber der gegenwärtig üblichen im Vorteile, 
obwohl ich diesem Umstände nicht eine gleich entscheidende 

1 Lect. on Metaph, I, p. 188. Später (ebenda II, p. 433) wiederholt 
er nochmals denselben Gedanken , aber nicht mehr mit der gleichen 
Zuversicht. 



— 119 - 

Bedeutung wie manchen Ergebnissen früherer Erörterung 
beilegen möchte. 

§ 2. Es bleibt uns jetzt nur noch eine Frage zu be- 
antworten, und auch für sie ist die Entscheidung in den 
vorangegangenen Untersuchungen vorbereitet, ja gewisser- 
maßen schon antizipiert. Es ist die Frage nach der natür- 
lichen Reihenfolge der drei Klassen. 

Wie ülierall, so muß auch in unserem Falle die relative 
Unabhängigkeit, Einfachheit und Allgemeinheit der Klassen 
für ihre Ordnung bestimmend werden. 

Nach diesem Prinzipe ist es klar, daß der Vorstellung 
der erste Platz gebührt: denn sie ist das einfachste der 
drei Phänomene, indem Urteil und Liebe immer eine Vor- 
stellung in sich schließen ; sie ist ebenso das unabhängigste 
unter ihnen, da sie die Grundlage der übrigen ist; und 
ebendarum ist dieses Phänomen auch das allgememste.^ Ich 
sage dies nicht, als wollte ich leugnen, daß auch Urteil 
und Liebe in jedem psychischen Zustande irgendwie ver- 
treten seien; dies haben wir vielmehr soeben noch aus- 
drücklich hervorgehoben. Aber wir haben dennoch zugleich 
einen gewissen Unterschied der Allgemeinheit bemerkt, in- 
sofern ^das primäre Objekt notwendig und allgemein nur in 
der dem Vorstellen eigenen Weise der intentionalen Em- 
wohnung im Bewußtsein gegenwärtig ist. Auch könnte man 
sich ohne Widerspruch ein Wesen denken, welches, ohne 
Vermögen für Urteil und Liebe, allein mit dem Vermögen 
der Vorstellung ausgestattet wäre, nicht aber umgekehrt; 
und die Gesetze des Vorstellungslaufes bei einer solchen 
psvchischen Fiktion könnten einige von den Gesetzen sein, 
die auch jetzt in unserem psychischen Leben ihren Einfluß 

offenbaren. ., t •. 

Aus ähnlichen Gründen gebührt dem Urteile die zweite 
Stelle. Denn das Urteil ist nächst der VorsteUung die ein- 
fachste Klasse. Es hat nur die Vorstellung zu seiner Grund- 
lage nicht aber die Phänomene der Liebe mid des Hasses. 
Der Gedanke eines Wesens, das mit der Tätigkeit zum 



— 12U — 



Vorstellen die zum Urteilen verbände, aber ohne jede 
Regung der Liebe oder des Hasses bliebe, enthält keinen 
Widerspruch; und wir sind imstande zu jenen Gesetzen 
des Vorstellungslaufes , von welchen wir sprachen, einen 
gewissen Kreis von besonderen Gesetzen des Urteiles liinzu- 
zufügen, worin noch von allen Phänomenen der Liebe gänz- 
lich Umgang genommen wird. Anderes gilt dagegen von 
diesen Erscheinungen, wenn man sie in ihrem Verhältnis 
zu den Urteilen betrachtet. Es ist gewiß nicht nötig, daß 
derjenige, welcher etwas liebt, glaubt, daß es existiere, 
oder auch nur existieren könne; aber dennoch ist jedes 
Lieben ein Lieben, daß etwas sei; und wenn eine Liebe 
die andere erzeugt, wenn eines um des anderen willen ge- 
liebt wird, so gescliieht dies nie, ohne daß ein Glauben an 
gewisse Beziehmigen des einen zum anderen dabei beteiligt 
ist. Je nach dem Urteile über das Sein oder Nichtsein, die 
Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit dessen, was 
man hebt, ist der Akt der Liebe bald Freude, bald Trauer, 
bald Hoffnung, bald Furcht, und nimmt so noch mannig- 
fache andere Formen an. So scheint es in der Tat un- 
denkbar, daß ein Wesen mit dem Vermögen der Liebe und 
des Hasses begabt wäre, ohne an dem des Urteiles Teil zu 
haben. Und ebenso ist es unmögHch, irgendwelches Gesetz 
der Aufeinanderfolge für diese Gattung von Phänomenen 
aufzustellen, welches von den Phänomenen des Urteiles gänz- 
lich absieht. Li bezug auf Unabhängigkeit . in bezug auf 
Einfachheit, und eben darum auch in bezug auf Allgemein- 
heit steht also diese Klasse der des Urteiles nach; an All- 
gemeinheit natürlich nur in dem Sinne, in welchem allein 
auch bei Vorstellung und Urteil von einem Unterschiede 
der Allgemeinheit gesprochen werden konnte. 

Man erkennt aus dem Gesagten, wie vollständig die- 
jenigen den wahren Zusammenhang der Tatsachen ver- 
kennen, welche, vde es gerade in unseren Tagen von 
mehreren Seiten geschieht, den Willen unter allen psy- 
chischen Phänomenen als das erste betrachten. Nicht bloß 
das Vorstellen ist offenbar eine Vorbedingung des WoUens ; 



— 121 — 

die eben geführten Erörterungen zeigen, daß auch das Ur- 
teilen dem Lieben und Hassen überhaupt, und um so mehr 
dem relativ späten Phänomene des Wollens vorgeht. Jene 
Philosophen verkehren also die naturgemäße Ordnung 
geradezu in ihr Gegenteil. 

Wie die gefundene natürliche Klassifikation, so werden 
wir auch die natürliche Ordnung ihrer Glieder den folgen- 
den spezielleren Untersuchungen zugrunde legen. Wir werden 
zuerst von den Gesetzen der Vorstellungen, dann von denen 
der Urteile, endlich von denen der Liebe und des Hasses 
sprechen. Allerdings wird es unmöglich sein, bei der Be- 
trachtung der früheren Klasse einen Blick auf die spätere 
völlig auszuschließen, da ihre Unabhängigkeit ja nur in 
einem beschränkten und relativen Sinne von uns behauptet 
wurde und behauptet werden konnte. Der Wille greift 
herrschend nicht bloß in die Außenwelt, sondern auch in 
das innere Gebiet der Vorstellung ein und auch die Gefühle 
beeinflussen ihren Lauf. Ebenso ist es bekannt, wie häufig 
die Menschen etwas darum für wahr halten, weil es ihrer 
Eitelkeit schmeichelt oder sonst ihren Wünschen entspricht. 
Wie die natürlichste Einteilung, so ist auch die natürlichste 
Ordnung ihrer Glieder immer noch etwas Künstliches. Da 
Comte in seiner berühmten Hierarchie der Wissenschaften 
alle theoretischen Disziplinen in eine Reihe ordnete, stellte 
ihr Herbert Spencer seine Lehre von dem „Consensus" 
aller Wissenschaften entgegen, welcher es verbiete, die 
eine der anderen gegenüber als die frühere zu bezeichnen. 
Vielleicht ging diese Behauptung zu weit ; aber Comte selbst 
hatte zugegeben, daß seme Stufenleiter keine absolute sei, 
und daß auch die frühere Wissenschaft vielfach durch die 
spätere gestützt und gehoben werde. 



122 — 



Anhang. 

Nacliträgliclie Bemerkungen zur Erläuterung- 

und Verteidigung, Avie zur Berichtigung und 

Weiterftilirung der Lehre. 



I. Die psychische Beziehimg im Unterschied tou der 
Relation im eigentlichen Sinne. 

Das Charakteristische für jede psychische Tätigkeit 
besteht, wie ich gezeigt zu haben glaube, in der Beziehung 
zu etwas als Objekt. Hienach scheint jede psychische 
Tätigkeit etwas Relatives. Und in der Tat hat Aristoteles, 
wo er die verschiedenen Hauptklassen seines r.poc ii aul- 
zählt, auch der psychischen Beziehung Erwähnung getan. 
Doch versäumt er nicht auf etwas aufmerksam zu machen, 
was diese Klasse von anderen unterscheide. Wenn bei 
anderen Relationen sowohl Fundament als Terminus ^eal 
sind, sei es hier nm- das Fundament. 

Verdeutlichen wir uns ein wenig seine Meinung ! Wenn 
ich ein Relativ aus der weiten Klasse von Vergleichs- 
verhältnissen nehme, z. B. ein Größeres oder Kleineres, S(^ 
muß, wenn das Größere ist, auch das Kleinere sein. Ist 
ein Haus größer als ein anderes Haus, so muß auch das 
andere Haus sein und eine Größe haben. Ähnliches wie 
von Verhältnissen der Gleichheit und Verschiedenheit gilt 
auch von jedem Verhältnis von Ursache und Wirkung. 
Damit ein solches bestehe, muß sowohl das, was verursacht, 
als das, was verursacht wird, existieren. Das Wirkende 
wirkt nur so lange, als das Gewirkte gewirkt wird. Kein ,, 



— 123 — 



Wirken ohne zeitlichen Kontakt. Und was sich zeitlich 
herührt, hat die zeitliche, wie das, was sich räumlich be- 
rührt, die räumliche Grenze gemein. Dauert die Einwirkung 
fort, so besteht für Wirkendes und Gewirktwerdendes 
ebenso lange eine zeitliche Koinzidenz. 

Ganz anders ist es dagegen bei der psychischen Be- 
ziehung. Denkt einer etwas, so muß zwar das Denkende, 
keineswegs aber das Objekt seines Denkens existieren; ja, 
wenn er etwas leugnet, ist dies in allen Fällen, wo die 
Leugnung richtig ist, geradezu ausgeschlossen. So ist denn 
das Denkende das einzige Ding, welches die psychische 
Beziehung verlangt. Der Terminus der sogenamiten Relation 
muß gar nicht in Wirklichkeit gegeben sein. Man könnte 
darum zweifeln, ob hier wirklich etwas Relatives vorliege, 
und nicht vielmehr etwas in gewissem Betracht einem Rela- 
tiven Ähnliches, was man darum als etwas „Relativ- 
liches" bezeichnen könnte. Die Ähnlichkeit besteht darm, 
daß, wie derjenige, der ein Relativ im eigentlichen Sinne 
denkt, auch der, welcher eine psychische Tätigkeit denkt, 
in gewisser Weise zugleich zwei Objekte denkt, das eine 
sozusagen in recto, das andere in obliquo. Denke ich emen 
Blumenliebenden, so ist der Blumenliebende das Objekt, 
das ich in recto denke, die Blumen aber sind das, was ich 
in obhquo denke. Das aber ist ähnlich dem Fall, wo ich 
einen denke, der größer ist als Cajus. Der Größere wird 
in recto, Cajus in obliquo gedacht. 

Es ist mir nicht unbekannt, daß heutzutage manche im 
Gegensatz zu Aristoteles leugnen, daß auch dazu, daß etwas 
größer oder kleiner sei als ein anderes, die Existenz des 
anderen gefordert werde. So sei z. B. eine Menge von 
drei kleiner als eine Trillion, möge es nun eine Trillion 
geben oder nicht. So erschiene denn jener Unterschied, 
von dem ich sprach, aufgehoben. Ja, wii- sähen ihn geradezu 
ins Gegenteil verkehrt, wenn wir auch noch die weitere 
Behauptung, in der sich manche gefallen, gelten heßen, 
daß eine Menge von drei auch noch dann kleiner sei als 
eine Trillion, wenn wie die Trillion auch die Drei nicht 



- 124 — 

existierten. Denn dazu, daß etwas in psychischer Be- 
ziehung stehe, gehört wesenthch, wenn nicht die Existenz 
des Objektes, doch die eines psychisch sich darauf Be- 
ziehenden. Doch wie sollte eine Menge von drei noch 
kleiner als eine Trilhon sein, wenn sie gar nicht mehr eine 
Menge von drei ist ? Und sie ist ja nicht länger eine Menge 
von drei als sie ist. Wie ein Würfel, wenn man ilm zur 
Kugel umgeformt hat, indem er dann aufgehört hat zu sein, 
auch aufgehört hat sechs quadratische Flächen zu haben 
und ein Würfel zu sein. Wir sehen also, daß hier eine 
Täuschung durch Äquivokation vorliegt. Wer sagt, drei 
sei kleiner als Trillion, will nicht positiv die Existenz einer 
Relation behaupten, vielmehr sagt er nur, daß, w^enn eine 
Menge von drei und eine Trillion bestehen, jene Relation 
zwaschen ihnen bestehen nmß ; mit anderen Worten, daß in 
keinem Fall drei und eine Trilhon ohne jene Relation be- 
stehen können. 

Ähnlich darf man sich auch nicht auf Fälle berufen, 
w^o wir sagen, ein Enkel sei größer, als sein Großvater ge- 
wesen sei, wo dann der Großvater doch nicht ebenso wde 
der Enkel existiert. Auch hier besagt die Behauptung 
nicht soviel wie, der Enkel sei größer als der Großvater. 
Denn wäre dies, so würde für einen Fall, wo ein älterer 
Mensch von einem jüngeren überw-achsen wnrd, in dem Augen- 
blick, wo dieser ihn an Größe erreicht, nicht bloß gesagt 
werden können, daß er jetzt ihm gleich groß, sondern auch 
größer und kleiner als er sei. Das aber ist absurd, richtig 
vielmehr nur, daß er, wie w^r uns ausdrücken, größer ist, 
als jener war und kleiner ist, als er sein wird, was nicht 
mehr bedeutet, als daß, wenn der Jüngere noch die Größe 
hätte, die er frülier gehabt hat oder schon die Größe hätte, 
die er erreichen wird, der Ältere nicht ihm an Größe gleich, 
sondern größer bzw. kleiner als er sein w^ürde. 

Und ähnlich ist es auch, wenn ich sage: ,,Titus ist 
größer, als Cajus glaubt. '= Ein eigentliches Größen Verhältnis 
besteht hier nicht, wenn auch eine gewisse andere Art von 



— 125 — 

Vergleichsbeziehiing zwischen dem , was groß ist und was 
ihm urteilend eine Größe zuschreibt, bei welcher, wie man 
leicht erkennt, der eigentümliche Charakter der psychischen 
Beziehung mit hereinspielt. Kant sagt einmal, daß hundert 
wirkliche Taler um keinen Taler mehr seien, als hundert 
gedachte Taler. Die Wahrheit aber ist, daß hundert ge- 
dachte Taler nicht bloß um einen, sondern um volle hundert 
Taler weniger sind als hundert Taler oder vielmehr, daß 
sie. weil sie gar keine Geldsumme sind, ja gar nicht sind, 
auch in gar keinem Größenverhältnis, wie es zwischen 
Geldsummen besteht, weder in dem von gleich zu gleich, 
noch von größer imd kleiner oder kleiner und größer zu 
den wirklichen hundert Talern stehen können. 

Ich will diese Erörterung über die psychische Be- 
ziehung nicht schließen, ohne mit einem Worte eine 
Meinung berücksichtigt zu haben, welche zwischen „sein" 
imd ., existieren" unterscheidet. Dabei soll das eine wie 
andere in ganz eigentlichem Sinn genommen werden. *Es 
könnte nämlich daraufhin einem einfallen zu sagen, wenn 
einer sich psychisch auf etwas als Objekt beziehe, so sei 
dieses immer ebenso eigentlich wie er selbst, wenn es auch 
nicht immer ebenso wie er selbst existiere. 

Vielleicht ist von den Vertretern dieser Meinung bisher 
keiner ganz so weit gegangen. Doch von dem Roten, 
Blauen, das wir sehen, von den Tönen, die wir hören und 
anderen Empfindungsobjekten, an deren Existenz die 
Wissenschaft nicht glaubt, lehren allerdings viele von 
ihnen, daß sie zwar nicht existierten, aber doch seien. Und 
wenn wir allgemeine Begriffe denken, so behaupten sie, 
daß die Universalien, welche unsere Objekte sind, als Uni- 
versalien seien, obwohl nicht existierten. 

Ich bekenne, daß ich unfähig bin, dieser Unterscheidung 
zwischen Sein und Existenz überhaupt irgendwelchen Sinn 
abzugewinnen. Was die Universalien anlangt, so ist die 
Aimahme, sie seien, jedenfalls ebenso absurd wie die, daß 
sie existierten, denn sie führt zu Widersprüchen. Und der 



— 126 — 

Satz des Widerspruches verwirft nicht bloß, daß dassellje 
zugleich existiere und nicht existiere , sondern jedenfalls 
ebenso, daß dasselbe zugleich sei und nicht sei. Was wäre 
unter einem für sich bestehenden Dreieck im allgemeinen 
zu denken? — Offenbar etwas, dem alles das zukäme, was 
von allen einzelnen Dreiecken gemeinsam gilt, aber nichts 
von dem, was von dem einen gilt und von dem anderen 
nicht gilt. Darum wäre von dem für sich bestehenden 
Dreieck im allgemeinen zu leugnen, daß es rechtwinklig 
sei und ebenso, daß es spitzwinklig sei und ebenso, daß es 
stumpfwinklig sei, woraus sich ergeben müßte, daß es 
weder rechtwinklig, noch spitzwinklig, noch stumpfwinklig 
sei. Aber gerade dies widerspricht der Natur des Dreiecks 
im allgemeinen, da es, allgemein gesprochen, kein einzelnes 
Dreieck geben kann, das weder rechtwinklig, noch spitz- 
winklig, noch stumpfwinklig ist. So kommt es denn auch 
jedem einzelnen Dreieck zu , daß es spezifizierende und 
individualisierende Differenzen besitzt , wenn auch diese 
Differenzen von Dreieck zu Dreieck wechseln. Und somit 
müßte es auch dem für sich bestehenden Dreieck im all- 
gemeinen eigen sein, daß es spezifizierende und individuali- 
sierende Differenzen besäße. Das aber zugeben und noch seine 
Universalität und Freiheit von allen individuellen Differenzen 
behaupten, wäre ein Widerspruch, wie er fiagranter nicht 
gedacht werden kann. — Doch der Nachweis, daß es un- 
tunlich ist. jene Unterscheidung zwischen Sein und Existenz. 
der ich keinen vernünftigen Sinn abgewinnen kann, für die 
psychische Beziehung allgemein zu verwerten, ergab sich 
ja schon genugsam aus dem ol)en gegebenen Hinweis auf 
die Fälle, wo wir ein Objekt, das wir vorstellen, zugleich 
zum Gegenstand einer richtigen Leugnung machen ^ — 



1 Ich habe mich in dem Vorstehenden hinsichtlich des Temiiuns 
„Relation" an den Sprachgebrauch des Aristoteles gehalten, erkenne 
aber gerne an, daß dies keineswegs geboten ist. Will einer darum. 
weil nicht bloß das was ist, sondern auch das was war und das was 
sein wird, im Gegensatz zu dem. was niemals ist, in gewisser Weise 



— 127 — 

II. Tou der psychischen Beziehung auf etwas als 
sekundäres Objekt. 

Wenn wir sagten, daß die Beziehung zu etwas als 
Objekt, das für die psychische Tätigkeit am meisten 
Charakteristische sei, so darf dies nicht so gedeutet werden, 
als sei unter „psychischer Tätigkeit" und „Beziehung zu 
etwas als Objekt" geradezu dasselbe zu verstehen. Das 
Gegenteil zeigt sich mit Khirheit schon darin, daß, wie wir 
sagten, jede psychische Tätigkeit sich auf sich selbst als 
Objekt bezieht, aber nicht primär, sondern sekundär oder 
wie Aristoteles, von dem die Tatsache bereits bemerkt 
worden war, sich ausdrückt „nebenbei" (iv -rapspYto). Wu* 
haben also bei einheitlicher psychischer Tätigkeit immer 
eine Mehrheit von Beziehungen und eine Mehrheit von 

Objekten. 

Als sekundäres Objekt der psychischen Tätigkeit hat 
man sich aber, wie ich schon in meiner „Psychologie vom 
empirischen Standpunkt betonte, nicht eine einzelne dieser 
Beziehungen, wie etwa die zum primären Objekt zu denken, 
was leicht ersichtlich zu einer unendlichen Vervielfältigung 
führen würde (müßte doch eine dritte Beziehung vorhanden 
sein, welche die sekundäre, eine vierte, welche die so hinzu- 
kommende tertiäre Beziehung usw. usw. zum Objekt hätte), 
sondern die psychische Tätigkeit, genauer gesprochen das 
psychisch Tätige, in welchem mit der primären Beziehung 
auch die sekundäre selber beschlossen ist. Obwohl nun 
aber jene unendliche Vervielfältigung der psychischen Be- 
ziehungen £v -7.p£pYto nicht statt hat, so folgt daraus doch 
nicht, daß sie als eine einzige zu denken sei. Die psy- 
chischen Beziehungen, auch wenn sie dasselbe Objekt haben, 
können ja noch immer mehrere sein, wenn die Modi der 
Beziehungen mehrere sind und so finden wir es bei den 
psychischen Beziehungen iv TrapIpYto. Wir haben drei Grund- 



zum Bereich des Tatsächlichen gehört, auch von Relationen zu Ver- 
gangenem und Zukünftigem sprechen, so wäre es töricht, sich m emeu 
Wortstreit mit ihm einzulassen. 



— 128 — 

klassen von Modis unterschieden: Vorstellung, Urteil und 
Gemütsbeziehung. Es ist selbstverständlich, daß bei den 
psychischen Beziehungen h •Kotpsp-to die der Vorstellung 
niemals fehlt, denn sie ist die Vorbedingung der andern. 
So wenig wie diese, fehlt aber auch jemals das Urteil, und 
zwar liegt immer eine evidente Anerkennung vor. Außer- 
dem glaubt man auch sehr allgemein, in jeder psychischen 
Tätigkeit einen sogenannten „Gefühlston" gegeben, was 
soviel sagen würde, als daß jede psychische Tätigkeit', wie 
der Gegenstand einer in ihr beschlossenen Vorstellung und 
eines in ihr beschlossenen, evident anerkennenden Urteils, 
so auch der einer in ihr beschlossenen Gemütsbeziehung 
sei. Ich selbst hatte mich in meiner Psychologie vom 
empirischen Standpunkt dieser Meinung angeschlossen. Seit- 
dem aber bin ich davon zurückgekommen und glaube nun 
mehr, daß es sogar unter den Sensationen viele gibt, 
welchen diese Gemütsbeziehung, also jede in ihnen selbst 
beschlossene Lust und Unlust, fehlt. Ja, die ganzen weiten 
Klassen der Gesichts- und Gehörsempfindungen halte ich 
für gänzlich frei von dem Charakter eines Affekts ; was nicht 
ausschließt, daß sehr lebhafte Affekte von Lust und Unlust 
sie mannigfach gesetzmäßig zu begleiten pflegen. Man ver- 
gleiche darüber meine „Untersuchungen zur Sinnespsycho- 
logie". 

Die Tatsache, daß das psychisch Tätige, wie immer es 
primär sich auf anderes als Objekt bezieht, sekundär sich 
selbst zum Objekte hat, ist von großer Wichtigkeit. Es. 
gibt daraufhin keine Aussage über primäre Objekte, in. 
welcher nicht mehrere Behauptungen enthalten sind. Sage 
ich z. B. „es gibt einen Gott", so liegt darin zugleich aus- 
gesagt, daß ich urteile, es gebe einen Gott. Oder „es gibt 
keinen Gott", so liegt darin, daß ich leugne, daß es einen 
gebe. Dies ist bei der psychologischen Analyse der Urteile 
gar wohl zu beachten; denn es wird sich für sie darauf- 
hm bei gehöriger Sorgfalt des Verfahrens sehr oft ergeben^ 
daß die Objekte der Urteile und der ihnen zu Grunde liegen- 
den Vorstellungen ganz andere sind, als man sich gemeinig- 



— 12i> — 

lieh einbildet, und ein guter Teil von ihnen wird sich als 
Gegenstand der sv 7rotf>ep7oj gegebenen Beziehungen erweisen, 
welche mit den primären Objekten in eigentümlicher Weise 
determinierend zusammengesetzt werden. 

In bezug auf das Gesagte erscheint es aber nicht über- 
flüssig, noch einige Bemerkungen beizufügen, welche Miß- 
verständnissen vorbeugen und gegen naheliegende Ein- 
wände schützen, die denn auch wirklich des öfteren er- 
hoben werden. 

Nicht alles, was erfaßt wird, wird explizit und distinkt, 
manches vielmehr nur implizit und konfus erfaßt. Ich glaube 
so in meinen „Untersuchungen zur Sinnespsychologie" nach- 
gewiesen zu haben, daß die in einem Akkord vereinigten 
Töne und die in multiplen Farben gegebenen Farben- 
elemente zwar immer wirklich erfaßt, aber oft nicht unter- 
schieden werden. Der noch heute nicht beendete Streit 
über die Einfachheit oder Zusammensetzung des phänome- 
nalen Grün hängt damit zusammen. Ja, ich glaube gezeigt 
zu haben, daß auch die Intensitätsunterschiede der sen- 
siblen Objekte auf Unterschiede phänomenaler Dichtigkeit 
zurückzuführen sind. Der Sinnesraum ist stellenweise 
wechselnd erfüllt und leer, die einzelnen vollen und leeren 
Teile aber werden nicht deutlich unterschieden. Gilt dies 
von den physischen Phänomenen, so Analoges auch von 
der darauf bezüglichen psychischen Tätigkeit. Wir haben 
also hier, und vielfach auch anderwärts psychische Tätig- 
keiten , die nicht in allen ihren Teilen explizit wahr- 
genommen werden. Die innere Wahrnehmung ist vielmehr 
konfus, und obwohl diese Unvollkommenheit die Evidenz 
nicht beeinträchtigt, so hat sie doch zu mannigfachen 
Irrungen Anlaß gegeben, welche selbst wieder gewisse 
Psychologen verleitet haben, die Tatsache der Evidenz, ja 
sogar der Richtigkeit der inneren Wahrnehnmng als eine 
allgemein gültige zu bestreiten. 

Zu derselben irrigen Ansicht wurden andere geführt, 
indem sie jede Vorstellung und jedes Urteil, welches sich 

Brentano, Klassifikation der psychischen Phänomene. 9 



— 13(1 — 

auf e gene psychische Tätigkeit bezieht , ohne weiteres- zur 
inneren Wahrnehmung rechneten. Aber mit Unrecht; nicht 
bloß Physisches, auch Psychisches kann primäres Objekt 
werden, wie z.B. ganz unverkennbar, wenn wnr uns das innere 
Seelenleben eines andern veranschaulichen, was wir und 
auch die Tiere in häutigen Fällen tun. Wir erkennen oder 
vermuten, daß sie in einer gewissen Weise empfinden, denken 
und w^oUen, die mit unserer Weise zu empfinden, zu urteilen 
und zu begehren mehr oder minder übereinstimmt oder ihr 
widerstreitet. Ganz ähnlich stellen wir uns nun oft vor, daß 
wir selbst unter gegebenen Bedingungen so oder so psychisch 
tätig sein würden, und sind auch oft überzeugt, daß wir 
wirklich so empfinden und wollen w^erden oder empfunden 
und gewollt haben. Nun ist freilich auch dann immer eine 
innere Wahrnehmung gegeben, aber sie geht nicht auf das 
genannte eigene psychische Tun, sondern auf ein ändert^ 
jetzt in uns wirkliches . welches auf jenes als primäres 
Objekt gerichtet ist. 

Alle unsere Erinnerung und Erwartung, die sich auf 
eigne psychische Erlebnisse bezieht . hat es mit ihnen al> 
primärem und mit sich selbst nur als sekundärem Objekt 
oder als Teil von diesem zu tun. 

Dies gibt mir das Mittel zur Verteidigung gegen einen 
mir gemachten Vorwurf. Man hat daran Anstoß genommen, 
daß ich sagte, die innere Wahrnehmung könne nicht zur 
inneren Beobachtung w^erden, wohl aber beobachteten wir 
oft früher innerlich Wahrgenommenes später gewissermaßen 
im Gedächtnis, und hat dagegen geltend gemaciit, daß das 
Gedächtnis nur eine schwächere Wiederholung des psychi- 
schen Aktes sei, an den wir uns erinnern. Doch man erkennt 
leicht, daß dies nicht der Fall ist ; müßte doch sonst einer, 
der sich eines früheren Irrtums erinnert, wieder irren und 
einer, der eines früheren sündigen Wollens reuig gedenkt, 
wieder sündigen. Die frühere eigene psychische Tätigkeit. 
deren ich gedenke, erscheint nicht als sekundäres Objekt 
£v -7.f>£[>Yoj, sondern als primäres, ähnlich wie wenn ich einen 
andern vorstellend oder sonstwie psychisch tätig glaube. 



— 181 — 

III. Ton den Modis des Torstellens. 

Wenn ich Vorstellen, Urteilen und Gemütsbeziehung 
als die drei Grundklassen der psychischen Beziehungen be- 
2;eichnete, so war damit bedeutet, daß sie noch mannigfacher 
Untereinteilungen fähig sein mögen. In Wahrheit ist eine 
solche für die Grundklasse des Urteilens bereits in dem 
Gegensatz von Anerkennen und Verwerfen und für die 
Grundklasse der Gemütsbeziehung in dem zwischen Lieben 
und Hassen gegeben. Aber auch von der Grundklasse der 
Vorstellung gilt, daß die im allgemeinen gleiche Beziehungs- 
weise sich in besonderen Modis differenziert. Und wie zwei 
Urteile, die dasselbe Objekt haben, trotzdem, wenn das 
eine Urteil anerkennt, was das andere verwirft, der Art 
nach verschieden sind, so sind es oft auch zwei Vor- 
stellungen trotz der Gleichheit des Objektes. 

Als ich meme „Psychologie vom empirischen Stand- 
punkt" schrieb, war mir dies noch nicht oder wenigstens 
nicht in seinem vollen Umfang offenbar geworden, und 
manches bleibt mir infolge davon nicht bloß zu ergänzen, 
sondern auch zu berichtigen. 

Vor allem sind als verschiedene Modi des Vorstellens 
seine temporalen Differenzen zu bezeichnen. Wer Gegen- 
wart, Vergangenheit und Zukunft für Differenzen der Ob- 
jekte halten würde, der würde ebenso irren wie der, welcher 
Existenz und Nichtexistenz für reale Attribute ansähe. 
Wenn wir in Rede oder Melodie eine Tonfolge hören, oder 
wenn wir einen Körper schauen, der in Bewegung oder 
Farbenveränderung begriffen ist, so erscheint uns derselbe 
individuelle Ton, dasselbe örtlich und qualitativ individuell 
bestimmte Farbige zuerst als gegenwärtig, dami mehr und 
mehr als vergangen, während andere als gegenwärtig auf- 
treten, deren Vorstellung dann dieselbe modale Veränderung 
erleidet. Wer diese Unterschiede für Unterschiede der 
Objekte nehmen würde, ähnlich wie die räumlichen Diffe- 
renzen, wenn ich etwas mehr rechts oder mehr links im 
Sehfelde vorstelle, es ohne Zweifel sind, der würde dem 
großen Unterschied, der zwischen Raum und Zeit besteht. 



— 182 — 

nicht gerecht werden können. Was den Raum anlangt, so 
vermögen wir ohne Absurdität anzunehmen, daß es auch 
imräumliche Dinge gebe : Geister ohne Länge , Breite und 
Tiefe und ohne eigentliches Hier und Dort; und ebenso 
(was der neuesten Geometrie ein sehr geläufiger Gedanke 
ist) Topoide von vier und mehr Dimensionen, bei welchen 
die vierte zu Länge, Breite und Tiefe analog wie beim 
Körperlichen die Tiefe zur Breite, die Breite zur Länge 
hinzukäme und von jeder weiteren Dimension in bezug auf 
die vorausgehende wieder dasselbe gelten würde. Dagegen 
wäre es schlechterdings absurd, wenn einer eine Hypothese 
aufstellte, nach welcher etwas wäre, ohne gegenwärtig und 
mit allem andern, was ist, zugleich zu sein, indem es ent- 
weder ohne jedes Analogon zu dem Jetzt, oder in einem 
Chronoid von mehr als einer Dimension dauernd oder 
wechselnd bestände. Wie ein Qualitätsmodus keinem Urteil 
fehlen kann, und wir dies zuversichtlich für alle urteilenden 
Wesen zu behaupten vermögen, so ist auch ein Temporal- 
modus schlechterdings für jedes Vorstellen erforderlich und 
es kann dies ohne Kühnheit nicht bloß für Mensch und 
Tier, sondern für jedes vorstellende Wesen überhaupt ge- 
sagt werden. Es gilt mit derselben Sicherheit wie der Satz, 
daß es keine Vorstellung gibt ohne Objekt. 

Dieser Punkt ist von höchster Wichtigkeit, hat die 
weittragendsten Konsequenzen, und ich behalte mir vor, 
ein anderes Mal eingehender bei ihm zu verweilen. Dann 
werde ich auch auf die Frage eingehen, ob nicht vielleicht 
bei allem, was eine Zeit lang besteht, außer der kontinuier- 
lichen Reihe der Temporalmodi, mit welchen es zu denken 
ist, auch eine kontinuierliche Sukzession realer Differenzen 
angenommen werden müsse, welche aber dann, als ganz trans- 
zendent, in keiner unserer Anschauungen gegeben sein würden. 

Dagegen will ich es nicht ganz unerwähnt lassen, daß 
es nicht möglich ist. mit einem verallgemeinerten Temporal- 
modus vorzustellen, wie, wenn etwas unbestimmt als ge- 
wesen, zukünftig oder noch un})estimmter als irgend einmal 
tatsächlich erschiene. Es ist dies so untunlich, wie daß 



— 138 — 

einer mit einem unbestimmten qualitativen Modus urteilt, 
also urteilend weder anerkennt noch leugnet. Wie sich 
aber der Schein erkläre, als ob dem doch so sei, darauf 
will ich hier nicht näher emgehen. 

Es braucht wohl kaum ausdrücklich bemerkt zu werden, 
daß die Frage , was unter Zeit zu verstehen sei , mit der. 
was uns bei der Messung zeitlicher Größen und Abstände, 
sei es durch verstandesmäßige Beurteilung, sei es durch 
gewohnheitsmäßige oder ursprünglich instinktive Schätzung, 
zum Anhalt diene . keineswegs zusammenfällt. Auch die 
letztere ist von hohem psychologischen Interesse und führt 
den Forscher auf ähnlich teleologische Momente, wie sie in 
dem blinden Vertrauen auf das Gedächtnis, der gewolmheits- 
mäßigen Erwartung und manchen natürlichen Zuneigungen 
und Abneigungen gefunden werden. Doch nicht sie, son- 
dern nur die erste, vor allen wichtige Frage ist es. mit der 
wir uns hier zu beschäftigen hatten. 

Ein anderer wichtiger Gesichtspunkt, unter welchem 
von einem Unterschied von Modis der Vorstellung zu 
sprechen ist, ist schon früher berührt worden. Es ist der, 
von welchem aus wir den Modus rectus und den Modus 
obliquus unterscheiden. Der erste fehlt zwar niemals, 
wenn wir vorstellend tätig sind; der zweite aber ist neben 
ihm gegeben, so oft wir ein psychisch sich Beziehendes 
oder auch im eigentlichen Sinn Relatives denken. Außer 
dem psychisch Tätigen, das ich in recto denke, wird 
von mir inmier auch sein Objekt, außer dem Fundament 
der Relation, das ich in recto denke, ilii- Terminus 
in obliquo gedacht. Und der modus obliquus selbst ist 
eigentlich nicht einer, vielmehr ist er mannigfach differen- 
ziert. Er ist ein anderer, wenn es sich um eine Grüßen- 
beziehung, ein anderer, wenn es sich um ein Kausalverhält- 
nis, ein anderer, wenn es sich um eine psychische Beziehung 
zum Objekt handelt; ja, er ist ein anderer, wenn diese 
psychische Beziehung ein bloßes Vorstellen oder ein Ur- 
teilen, ein anderer, wenn sie ein anerkennendes oder ver- 
werfendes Urteilen ist usw. usw. 



\ 



— 134 — 

IT. Ton der attributiven TorstellungsYerbindung in reeto 
und in obliquo. 

Bekannt ist, daß wir Objekte, die nicht ganz einfach 
sind, bald mehr, bald minder deutlich vorstellen. So oft 
wir sie einigermaßen deutlich vorstellen, ist die vorstellende 
Beziehung eine mehrfache und mehrfach klare im cartesiani- 
schen Sinn. Sie geht wie auf das Ganze, so auch im besonderen 
noch auf Teile, die dann determinierend mit einander ver- 
bunden erscheinen; so z.B. wenn ich einen roten Fleck als 
farbig, als rot, als räumlich, als hier befindlich, als dreieckig 
usw. unterscheide und ihn als durch alle diese Merkmale 
charakterisiert denke. Eines erscheint dann als etwas, was 
mit dem anderen determinierend verbunden ist. Jede Vor- 
stellungsbeziehung zu einem Merkmal hat ein besonderes 
Objekt, das, indem sich die Merkmale determinieren, mit 
den anderen zusammen die Verdeutlichmig des anschaulich 
vorgestellten einheitlichen Ganzen bildet. 

Wir vermögen nun aber daraufhin die verschiedensten 
Objekte identifizierend miteinander zu verbinden, gleichviel 
ob sie in Wirklichkeit miteinander verträglich seien oder 
nicht, und konmien so zu einem Objektganzen von attribu- 
tiver, obwohl nicht anschaulicher Einheit; wie ich denn 
z. B. in solcher Weise ein rundes Viereck, einen schwarzen 
Schimmel und ein blaues Rotes zu denken vermag. Auch 
kann ich so dasselbe Merkmal mit sich selbst identifiziert 
vorstellen, wie z. B. ein weißes Weißes, wo dann die Identi- 
fikation zu einem Äquivalent des Merkmals selbst führt, 
und es ist leicht ersichtlich, daß es älmlich geschehen kanji. 
daß wir auch solche Merkmale, die einer anschaulichen Ver- 
einigung fähig wären , wie z. B. eine gewisse Gestalt und 
eine gewisse Farbe, nicht in anschaulicher, sondern in bloß 
attributiver Weise vorstellend vereinigen. 

Daß, wer zwei Merkmale in der Vorstellung attributiv 
identifiziert, hiemit noch nicht ein Urteil fällt, welches 
eins von dem anderen aussagt, habe ich in meiner Psycho- 
logie ausführlich dargelegt. Doch soll, wie es für jeden. 
der an das zuvor über die sekundäre Beziehung Ausgeführte 



— 135 — 

zurückdenkt, selbstverständlich ist, hiemit nicht gesagt 
sein, daß hier jedes Urteil überhaupt fehle. Ja, auch das 
dürfte sich bei genauer Untersuchung ergeben, daß w4r, so 
oft wir deutlich vorstellen, uns in gewisser Weise negativ 
urteilend verhalten, indem wir erkennen, daß die psychische 
Beziehung zum einen Teil von der psychischen Beziehung 
zum andern verschieden ist. 

Es ist klar, daß eine Verdeutlichung der Vorstellung 
durch eine Zergliederung des Objekts sowohl in recto als 
in obliquo statthaben kann. Und so sind denn auch jene 
freien Identifizierungen ebenso in obliquo wie in recto 
möglich. Und auch , was in recto gedacht wird , kann mit 
einem in obliquo Gedachten identifiziert werden, wie z. B. 
wenn ich in recto Blumen und einen nach diesen Blumen 
verlangenden Blumenliebhaber vorstelle, wo dann Blumen 
in recto und in obliquo vorgestellt und miteinander identifi- 
ziert werden. Stelle ich mir einen grünen Baum vor, so denke 
ich den Baum in recto und wohl auch das Grüne in recto 
und identifiziere beide vorstellend. Stelle ich mir dagegen, 
wie man sagt, einen nicht grünen Baum vor, so scheint das 
Verfahren ein viel komplizierteres; denn Aristoteles wenig- 
stens leugnete, daß ein Negatives Objekt sein könne. Und 
wenn dies, wie ich nicht bezweifle, wirklich unmöglich ist, 
so bleibt wohl nichts übrig, als anzunehmen, daß wir emen 
Baum vorstellen, von welchem man mit Recht leugne, daß 
er grün sei, so daß es sich dann um eine Identifikation in 
obliquo handelt. Wir werden darauf später zurückkommen. 
Von dem Verneinenden hob schon Leibniz hervor, daß er 
als solcher nicht etwas Negatives sei und es besteht darum 
für ihn nicht dasselbe Bedenken wie für das Nichtgrüne, 
ihn als Objekt einer Vorstellung zu fassen. 

Y. Ton der Modifikation der Urteile und Gemüts- 
bewegungen durch die Modi des Vorstellens. 

Wie die Differenzen der Objekte der Vorstellungen, so 
haben auch die Differenzen ihrer Modi nicht bloß für sie 
selbst, sondern auch für die Urteils- und Gemütsbeziehungen 
Bedeutung, da sich ja diese auf die Vorstellungen gründen. 



h 



— 18() — 

Es gilt dies deutlich von den Tempoialmodis. Wenn 
ich urteile, ein Baum sei, und, ein Baum sei gewesen, so 
erkenne ich ihn in beiden Fällen an, aber mit einem andern 
Modus der Anerkennung. Wie das Objekt der Vorstellung 
„Baum" nicht bloß die Vorstellung, sondern auch die An- 
erkennung zu einer andern macht, so auch der Temporal- 
modus der Vorstellung; er differenziert auch die An- 
erkennung temporal. Und ähnlich ist es, wemi ich etwas 
für die Gegenwart oder für die Zukunft wünsche. Beides 
sind Akte der Liebe, aber sie sind temporal differenziert 
wie die Vorstellungen, auf die sie sich gründen. 

Man bemerkt hier leicht, daß dies ohne Vermittlung 
eines temporalen Urteils geschieht. Der Wunsch für die 
Gegenwart oder für die Zukunft schließt weder den Glauben, 
daß das Gewünschte sei oder sein werde, noch die ihm ent- 
gegengesetzte Leugnung ein. Und ich unterlasse nicht, 
dies ausdrücklich hervorzuheben, weil jemand wegen der 
besonderen Rücksichtnahme der Konjugation des Zeitwoi"ts 
auf die Zeitunterschiede zu der Meinung hinneigen könnre. 
daß es sich bei den Temporalmodis um Differenzen handle, 
die erst das Urteil, nicht aber ebenso schon die Vorstellung 
treffen. Denn das Zeitwort ist jene sprachliche Form, 
welche besonders dazu dient, den Ausdruck des Urteils zu 
ergänzen. 

In bezug auf die Differenz von Modus rectus und obli- 
quus gilt, daß nur auf die Vorstellungen in modo recto sich 
Urteile mid Gemütsbeziehungen gründen, nicht auf Vor- 
stellungen in modo oblique für sich allein, wie diese ja auch 
nie für sich allein gegeben sind, vielmehr nur in derselben 
Tätigkeit mit dem Modus rectus. Stelle ich einen vor, ja, 
erkenne ich einen an, der etwas leugnet, so leugne ich selbst 
dieses nicht in modo obliquo, so wenig als ich, wenn ich 
denke, daß eine Ursache etwas bewirke, dieses selbst ver- 
ursache, obwohl das indirekte Objekt und der besondere 
Modus obliquus, mit welchem sich mein Denken darauf 
bezieht, für den Inhalt meines Urteils nicht gleichgültig 
ist; es ist ja infolge davon auf ein anderes C»)jekt gerichtet. 



— 137 — 



Indem Meinong den Fall, wo einer sagt: „Locke lehrte, 
daß es keine angeborenen Ideen gebe", einer psychologischen 
Analyse unterzog, erkannte er ganz richtig, daß, wer diese 
Behauptung ausspricht, nicht behauptet, daß es keine an- 
geborenen Ideen gebe. Statt aber wie wir zu sagen, daß 
er hier in recto den die angeborenen Ideen leugnenden 
Locke vorstelle und anerkenne, in obliquo aber sich mit 
doppeltem Modus obliquus auf die angeborenen Ideen vor- 
stellend beziehe, meint er, daß man es hier mit einer vierten 
Grundklasse der Beziehungen zu einem Objekt zu tun habe, 
die zwischen der des Yorstellens und des Urteilens in der 
Mitte stehe, und die dem in der Sprache traditionellen 
Ausdruck „annehmen" entspreche. Es ist leicht nachweisbar, 
daß er hier in mehrfacher Täuschung befangen ist. 

Der Modus obliquus des Yorstellens ist, wenn wir einen 
ein Objekt Anerkennenden oder Leugnenden denken, zwar 
ein anderer, als wemi wir einen es Vorstellenden denken. 
Aber dies gilt ähnlich auch im Fall, wo wir einen das 
Objekt Liebenden oder Hassenden denken: und wn- haben 
in dem ersten Fall so wenig als in dem zweiten enien 
Grund von einer besonderen Hauptklasse von psychischen 
Beziehungen zu sprechen, müßten wir doch sonst, kon- 
sequent gesprochen, es sogar auch da tun, wo wir, indem 
wir eine Ursache in recto, die Wirkung in obhquo vor- 
stellen. Vielmehr handelt es sich deutlich um Unterarten 
der indirekten Vorstellungsweise, welche dann freilich, wie 
schon bemerkt, auch für das auf die Vorstellung mit dem 
Modus rectus gegründete Urteil Bedeutung gewinnen. 

Außerdem wird kein Kenner der deutschen Sprache 
Meinong zugestehen, daß er hier das Wort .annehmen" in 
einer der bisher üblichen Bedeutungen verwende. ^^ le 
Meinong es gebraucht, würden wir oft zugleich Entgegen- 
gesetztes annehmen, wie z.B. wenn wh' sagen: Locke be- 
hauptet, daß Descartes unrecht habe, wenn er lehrt daß 
es angeborene Ideen gebe". Denn hier würden wir zugleich 
annehmen, daß einer unrecht habe, wenn er lehrt, daß es 
angeborene Ideen gebe, und auch annehmen, daß es an- 



k 



— 138 — 

geborene Ideen gebe. Andernfalls hätte ja Meinong für 
diese indirekte Beziehung zweiter Ordnung wieder eine 
neue Grundklasse aufstellen müssen . die sich zu seinem 
^annehmen" wie sein „annehmen" zum Urteil verhalten 
würde. 

Manchmal wird „annehmen" synonym mit „anerkennen" 
und namentlich mit „zustimmen" gebraucht, wenn ein 
anderer eine Behauptung ausgesprochen. Manchmal und 
in besonders häufigen Fällen bedeutet es aber ein noch 
komplizierteres psychisches Verhalten, nämlich das absicht- 
liche Festhalten der Vorstellung, als ob ich etwas urteile, 
um zu untersuchen, zu welchen anderen Urteilen oder 
praktischen Entschlüssen ich also denkend vernünftiger- 
weise geführt werden würde. Wie ich ein Objekt analy- 
sieren kann, ohne es anzuerkennen, so kann ich auch die 
Folgerungen, zu denen ein Urteil führen muß, mir klar 
machen, indem ich den Urteilenden nur vorstelle imd nicht 
anerkenne. Der hypothetisch Verfahrende verfährt so, ob- 
wohl er etwas nicht weiß, ganz analog, als wenn er es 
wüßte. Man hat es also auch bei dem, was wahrhaft dem 
Namen „annehmen" entspricht, nicht mit einer besonderen 
Grundklasse, sondern mit einer Komplikation von mehreren 
bereits sehr spezifizierten psychischen Tätigkeiten zu tun. 
(Vgl. Marty. Zur Grundlegung der allgemeinen Grammatik 
und Sprachphilosophie S, 244 If.) 

YI. Ton der Unmöglichkeit, jeder psychischen Beziehung 

eine Intensität zuzuerkennen und insbesondere die Grade 

der Überzeugung und Bevorzugung als Unterschiede der 

Intensität zu fassen. 

Als ich in meiner Psychologie es unternahm, den Nach- 
weis zu erbringen, daß man es bei Vorstellen und Urteilen 
mit zwei verschiedenen Grundklassen der psychischen Be- 
ziehung zum Objekt zu tun habe, berief ich mich auch auf die 
Unvergleichbarkeit der Grade der Intensität dieser beiden 
ßeziehungsweisen , indem ich dabei der herkömmlichen 
Meinung folgte, nach welcher die Uberzeugungsgrade als 



— 130 — 

Unterschiede der Intensität der Urteile zu fassen wären. 
Allein diese Meinung ist, wie ich jetzt erkannt habe, eine 
iiTige. Ich verweise dafür auf meine „Untersuchungen zur 
Sinnespsychologie". Hier zeigte ich auch, daß ähnlich die 
Grade der Bevorzugung und die Grade der Entschiedenheit 
des Wohens nichts den Intensitätsgraden einer Sensation 
Analoges sind, und daß überhaupt die Meinung, daß jede 
psychische Beziehung eine Intensität im eigentlichen Sinne 
aufweise, aufgegeben werden müsse, da auch Vorstellungen 
(wie z. B. die der Zahl „drei" im allgemeinen) ohne Intensi- 
tät gefunden werden. Wer im Unterschied von einem 
anderen, der etwas mit Ausschluß jedes Zweifels anerkennt, 
mit bloßer Wahrscheinhchkeit daran glaubt, der fällt nicht 
dasselbe Urteil wie jener, nur mit geringerer Intensität; 
vielmehr ein, ja mehrere inhaltUch davon verschiedene 
Urteile, die nur in obliquo das berühren, worauf das Urteil 
des andern in recto gerichtet war. Schon Laplace erkannte 
dies recht wohl, als er sagte, die Wahrscheinlichkeit setze 
sich zusammen aus einem mehrfachen Wissen: erstens 
dem Wissen, daß von einer Mehrheit sich ausschließender 
Fälle der eine oder andere gegeben sei und zweitens 
dem, daß ich nicht mehr Grund habe, den einen als den 
andern Fall für wirklich zu halten. Man darf sich nicht 
dadurch täuschen lassen, daß man wie von Graden der 
Intensität einer Sensation auch von Überzeugungsgraden 
spricht. Auch bei der Geschwindigkeit einer Bewegung 
spricht man von verschiedenen Graden; und doch hat das, 
was man daraufhin Intensität der Bewegung nennen möchte, 
keine tiefere Verwandtschaft mit der Intensität, wie sie 
einer Sensation zukommt. Der Naturforscher weiß, daß 
der Zustand der Ruhe an Realität keinem Zustand der 
Bewegmig etwas nachgibt. Wenn der Schwerpunkt der 
Welt statt zu ruhen in irgend einer Richtung sich mit be- 
hebig großer Geschwindigkeit fortbewegte, so würde dies 
für den inneren Zusammenhang der physikaHschen. chemi- 
schen und physiologischen Prozesse vollständig gleichgültig 
sein. Ganz anders ist es bei der Intensität, wie sie der 



— 14U — 

Sensation eignet. Ein laut Hörender übertrifft als solcher 
an Realität des Hörens einen leise Hörenden , wie einer, 
der nicht bloß hört, sondern auch Tastempfindungen hat 
und riecht und schmeckt, caeteris paribus an Reahtät 
des Empfindens einem, der nur hört, überlegen ist. 
Und so wäre auch ein lauter Ton, wenn er, wie phäno- 
menal, auch in Wirklichkeit bestünde, ein Mehr von Realität 
als ein leiser. 

Dies also in Kürze zur Berichtigung eines früher be- 
gangenen Fehlers. Ich brauche kaum eigens hinzuzufügen, 
daß ich durch den Entfall dieses Argumentes meine Beweis- 
führung für die Scheidung von Vorstellung und Urteil als 
Grundklassen im allgemeinen nicht entkräftet glaube. 

TU. Ton der Unmöglichkeit, Urteil und (xemütsbezieliung 
in einer Grundklasse zu vereinigen. 

Ich habe in meiner Psychologie bemerkt, daß man. 
wenn man Urteilen und Begehren zwei verschiedenen Grund- 
klassen zuweist, um so weniger Anstand nehmen dürfe, 
Vorstellung und Urteil als fundamental verschiedene Klassen 
von Beziehung anzuerkennen, da sich für Urteil und Gemüts- 
beziehung vielfache Ähnlichkeiten zeigten, die bei der Vor- 
stellung im Vergleich mit dem Urteil nicht beständen. So 
fuide sich unter den Gemütsbeziehungen ein Gegensatz von 
Liebe und Haß, wie unter den Urteilsbeziehungen ein Gegen- 
satz von Anerkennen und Verwerfen; bei der Vorstellung 
aber sei ein ähnlicher Gegensatz nicht vorhanden. Damit 
hängen für Urteile und Gemütsbeziehungen weitere Ana- 
logien zusammen, zu welchen auf dem Gebiet der Vor- 
stellung die Parallele fehlt. Wie die Urteile teils richtig, teils 
unrichtig sind, so gibt es auch ein Richtig und Unrichtig auf 
dem Gebiet von Liebe und Haß. Man vergleiche darüber meine 
Abhandlung „ Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis " , wo ich auch 
nachgewiesen habe, daß, wie manche Urteile auch manche Ge- 
mütsbeziehungen unmittelbar als richtig charakterisiert sind. 
Ich hätte hier bei eingehenderer Erörterung auch noch zeigen 
können , wie die Gemütsbeziehungen , die uns unmittelbar 



— 141 — 

als richtig einleuchten, eine Ähnlichkeit mit den Urteilen 
haben, welche, wie man sagt, ex terminis evident sind. Sind 
wir uns hier bewußt, daß unser richtiges Urteil aus einer 
Vorstellung mit Notwendigkeit hervorgeht, mit anderen 
Worten, daß wir als Vorstellende uns als so Urteilende 
wirkend hervorbringen, so gilt Ähnliches bei der unmittel- 
bar als richtig charakterisierten Gemütsbeziehung. Und wie 
wir darum dort das Urteil als allgemein und notwendig 
richtig erkennen, so gilt bei einer solchen Gemütsbeziehung 
das Gleiche ; wie wir denn z. B. nicht als bloß für den ein- 
zelnen Fall oder wenigstens bloß für uns Menschen, sondern 
als allgemein und notwendig erkennen, daß caeteris paribus 
die Freude dem Leid, die Erkenntnis dem Irrtum vorzu- 
ziehen ist. In einer Note zur englischen Übersetzung meiner 
erwähnten ethischen Abhandlung, die von Marty herrührt, 
findet man den Gedanken noch weiter erläutert. 

Unter solchen Umständen darf es nicht allzusehr be- 
fremden, wenn manche, die sich durch die Ausführungen 
in meiner Psychologie davon überzeugt fanden, daß das 
Urteil von der Vorstellung der Grundklasse nach zu scheiden 
sei, nun auf den Gedanken gerieten, es mit den Gemüts- 
beziehungen in einer Grundklasse zu vereinigen und die 
Anerkennung wie eine Art Liebe, die Leugnung wie eine 
Art Haß aufzufassen. Gar manche gemeinübliche sprach- 
liche Ausdrücke könnten als Bestätigung erscheinen, wie 
denn das Wort „Anerkennung" auch im Sinne von „Hoch- 
schätzung'' gebraucht wird und für Leugnung oder Ver- 
neinung wohl auch der Ausdruck „Verwerfung'' üblich ist, 
welcher auch dem Schlechten, Mißfälligen gegenüber in 
Gebrauch ist. 

So erscheint es denn nicht überflüssig, nnt kurzem 
Worte darzulegen, wie trotzdem das Urteil so wenig mit 
der Gemütsbeziehung als mit der Vorstellung zur selben 
Grundklasse zu rechnen ist. 

Es ist etwas ganz anderes an ein Objekt glauben und 
es lieben, und ebenso etwas ganz anderes ein Objekt leugnen 
und es hassen; sonst wäre jede Trauerbotschaft aus- 



— 142 — 

geschlossen. Und es genügt hiegegen zur Abwehr nicht, 
darauf zu verweisen, daß, weil dasselbe unter verschiedenen 
Gesichtspunkten schlecht und gut gefunden, auch etwas 
zugleich gehaßt und glaubend geliebt werden könne. Denn, 
wenn einer einen Gegenstand im übrigen haßt, so ist er 
ihm gewiß nicht darum lieber, weil er ist, da er vielmehr 
wünscht, daß er nicht sei. Auch darf man nicht übersehen- 
daß. wemi zwischen dem Gebiet des Urteils und dem der 
Gemütsbeziehung vielfache Analogien bestehen, dieselben 
doch nicht durchgängig gefunden werden. Ich hebe hier 
einen Punkt als besonders bezeichnend hervor, auf den ich 
auch in meinem Ursprung sittlicher Erkenntnis aus be- 
sonderem Grund die Aufmerksamkeit lenken mußte. Es 
gibt auf dem Gebiet des Urteils ein Wahr und Falsch. Da- 
zwischen aber gibt es kein Mittleres, so wenig als zwischen 
Sein und Nichtsein, nach dem bekannten Gesetz des aus- 
geschlossenen Dritten. Dagegen gibt es für das Gebiet der 
Liebe nicht bloß ein „gut" und „sclüecht'^ sondern auch ein 
„besser" und „weniger gut", „schlechter" und „weniger 
schlecht". Es hängt dies mit der Eigentümlichkeit des 
Bevorzugens zusammen, einer besonderen Klasse von Ge- 
mütsbeziehungen, der, wie ich in meinem Ursprung sitt- 
licher Erkenntnis zeige, auf dem Gebiet des Urteils nichts 
entspricht. Auch wird durch Hinzufügung von Gutem zu 
Gutem ein Besseres gewonnen; ja auch zu Schlechtem ge- 
fügt ergibt das Gute mit ihm ein Ganzes, welches wir viel- 
leicht einem gewissen andern reinen Gut für sich allein mit 
Recht vorziehen, wie man in der Theodicee zu sagen pflege. 
Gott habe das Schlechte in der Welt zugelassen, weil die 
Welt infolgö dieser Zulassung alles in allem jeder von 
allem Schlechten freien an Vollkommenheit überlegen sei. 
So will man denn und wählt oft implizit das Schlechte mit, 
während man urteilend, bei richtigem Verfahren niemals 
einer Unwahrheit Zutritt gestattet, um dadurch das Ganze 
wahrer zu machen. 

Noch eins I Bei dem, was wir mit Recht lieben, unter- 
scheiden wir solches, was an sich und solches, was nur um 



— 148 — 

eines andern willen gut ist, und nennen das letztere „nütz- 
lich". Bei dem, was wir mit Recht anerkennen, gibt es 
einen analogen Unterschied nicht ; alles, was existiert, auch 
wenn es in einem andern seine wirkende Ursache hat, 
ist als solches (und nicht bloß in Rücksicht auf jenes) 
existierend. 

YIII. Ton der Unmöglichkeit für Gefühl und Wille in 

Analogie zu Vorstellung und Urteil verschiedene Grund- 

klassen anzunehmen. 

Haben wir eben gesehen, wie manche neuere Forscher 
die Zahl der von uns aufgestellten Grundklassen durch die 
Subsumtion des Urteils unter die Gemütsbeziehung auf zwei 
reduzieren wollen, so finden sich daneben andere, welche 
noch immer nicht zugeben, daß mit den Gefühlen von 
Freude und Leid auch alles das, was wir begehren, vor- 
ziehen, wünschen, wollen und wählen nennen, in einer 
Grundklasse vereinbar sei. Und wenn ich auf die All- 
mählichkeit des Übergangs zwischen dem , was man fühlen 
und wollen nennt, hinwies, so hörte ich namentlich einen 
Punkt als einen solchen namhaft machen, wo die Grenze 
denn doch in scharfer Zeichnung hervortrete. Unter jenen 
psychischen Beziehungen, welche ich als Liebe dem Haß 
entgegengesetzt habe, sagte man, fänden sich solche, welche, 
obwohl auf Unvereinbares gerichtet, nicht selbst mit- 
einander unvereinbar seien. Das Gegenteil gelte aber 
von gewissen anderen Beziehungen, welche ich ebenfalls 
derselben Klasse zugewiesen habe. So könne einer z. B. 
recht wohl zugleich an dem Aufenthalt in jeder von zwei 
schönen Gegenden Gefallen finden, dagegen könne er nicht 
zugleich in der einen wie andern Gegend sich aufhalten 
wollen. Es sei dies ähnlich, wie wir zugleich Entgegen- 
gesetztes vorstellen und in mannigfacher Beziehung ver- 
gleichen können, während im Urteil die Anerkennung des 
einen Entgegengesetzten, die des andern ausschließt. Und 
so erscheine denn, wie Urteilen von Vorstellen, auch 
Wollen von Lieben verschieden. Es möge das Wollen das 



— 144 — 

Lieben voraussetzen, wie ja auch das Urteilen das Vorstellen 
voraussetzt, aber doch nur, um wie eine psychische Be- 
ziehung von anderer Grundklasse sich darauf zu gründen. 

Doch der Vergleich mit dem Verhältnis von Vorstellen 
und Urteilen, wenn man ihn genauer anstellt, läßt er- 
kennen , daß die Sache in diesem Fall wesentlich anders 
liegt. Kommt zum Vorstellen das Anerkennen hinzu, so 
liegt darin keine Addition, welche Vorstellen zu Vorstellen 
fügt. Hier dagegen erscheint, wenn ich von zwei un- 
vereinbaren Dingen, die beide mir gefallen, das eine wähle, 
zu dem Lieben, das im Gefallen zutage trat, eine neue 
Betätigung der Liebe zum selben Objekt hinzuzukommen. 

Auch sind es keineswegs jene psychischen Beziehungen 
zum Objekt, die man Wollen und Wählen nennt, in welchen 
allem jene Ausschließlichkeit sich zeigt. Das Wollen und 
Wählen geht immer auf das Praktische. Und so kann 
denn z. B. niemand, der nicht wie ein Äolus über Wind 
und Wetter zu gebieten glaubt, wollen, daß in drei Tagen 
dies oder jenes Wetter sei. Aber doch kann es Fälle 
geben, wo ihm an demselben Tage aus gewissem Grunde 
das schöne, aus anderem das schlechte Wetter lieb ist, in- 
dem hier wie anderwärts Wohlgefallen mit Wohlgefallen 
sich verträgt; daß er aber doch ganz entschieden wünscht, 
daß das eine und nicht das andere eintrete. 

Sollen wir nun sagen, daß das Bevorzugen es sei, 
welches vor anderem . was wir Gemütsbeziehmig nannten, 
diesen Charakter der Ausschließlichkeit besitze? — Wenn 
dies, so wäre es wohl unverkennbar, daß es sich um eine 
wahre Liebesbeziehung handelt, wie darum ja auch die ge- 
meine Sprache von „Vorliebe" spricht. Oder sollen wir, 
da, wenn mehr als zwei unvereinbare Objekte in Frage 
kommen, oft das, was vor einem bevorzugt, zugleich einem 
Dritten nachgesetzt und dann nur dieses, wie man sich 
ausdrückt, „gewünscht^' wird, das nicht bloß relative, 
sondern absolute Bevorzugen allein als ein Beispiel jener 
neuen Grundklasse betrachten ? — Man sieht, daß dies eben- 
sowenig Schein für sich hat. 



— 145 — 

Vielleicht sagt aber einer, nicht um einen Unterschied 
des Bevorzugens vor anderem, was einem lieb ist. oder des 
Bevorzugens vor allem gegenüber dem Bevorzugen vor 
einigem handle es sich ; es gebe Fälle, wo wir die als schön 
erkannte Handlungsweise vor allen anderen bevorzugen 
und doch, von der Leidenschaft beherrscht, entgegengesetzt 
wollen und handeln. Doch wenn dies, so wäre es nur 
etwa, wie Aristoteles den Fall auffaßt, zu denken; daß 
nämlich die Leidenschaft die höhere Liebe und Wert- 
schätzung nicht recht zu Wort kommen ließe; daß sie ver- 
hinderte, daß sie sich zu ihren Konsequenzen entwickelt, 
indem sie selbst nach innen wie außen prädominierte. Ob- 
wohl das Verlangen nach einer sinnHchen Lust nicht mit 
dem , was die Vernunft bevorzugen heißt , im Einklang ist, 
so kommen doch Vernunftüberlegungen in den Dienst der 
Leidenschaft, machen die Mittel ausfindig, die zur Erreichung 
der Lust dienen und die Liebe und Lust der Bevorzugung 
übertragen sich auf die Mittel und führen zm- Handlung, 
während die entgegengesetzte edle Bevorzugung ohne Ein- 
fluß bleibt. Fassen wir die Sache so, so haben wir es also 
mit einer Komplikation von Beziehungen zu tun. An den 
Affekt knüpfen sich Vorstellungen und Urteile und darauf- 
hin noch weitere Akte der Liebe, worin wir nach etwas 
als Mittel begehren, und schließlich die äußere Handlung, 
Man wird aber auch hier vergeblich nach einem Moment 
suchen, das uns zur Annahme einer neuen Grundklasse 
berechtigte. 

IX. Ton den wahren und fiktiven Objekten. 

Alles ps}' chisch sich Beziehende bezieht sich auf Dinge. 

Die Dinge, auf welche man sich psychisch bezieht, sind in 
vielen Fällen nicht. Man pflegt aber zu sagen, sie seien auch 
dann als Objekte. Es ist dies ein uneigentlicher Gebrauch 
des Wortes „sein", den man sich der Bequemlichkeit halber 
ebenso ungestraft erlaubt, wie den des „Auf- und Unter- 
gehens" in seiner Anwendung auf die Sonne. Man sagt damit 
eben nicht mehr, als daß sich ein psychisch Tätiges darauf 

Brentano, Klassittkation der psychiseheu Phäaomone. 10 



— 140 — 

beziehe. Es ist nur konsequent, wenn man sich daraufhin 
auch Äußerimgen erlaubt wie „ein Zentaur ist halb Mensch, 
halb Pferd", obwohl ein Zentaur im eigenthchen Sinn nicht 
ist und darum im eigentlichen Sinn kein Zentaur ist, keinen 
Leib hat. der zur Hälfte menschlich und zur Hälfte pferde- 
artig wäre. 

Wie die Eigentümlichkeit des psychisch Tätigen, sich 
auf Dinge zu beziehen, dazu geführt hat, von Objekten zu 
sprechep, die in dem psychisch Tätigen seien, so hat der 
Umstand, daß sich das psychisch Tätige verschiedentlich 
auf dasselbe Ding bezieht, dazu geführt, von etwas zu 
sprechen, was in gewisser Weise mehr als das Objekt sei, 
dasselbe in sich enthalte und ebenfalls in dem psychisch 
Tätigen sich finde. Man nannte es den „Inhalt" der psy- 
chischen Beziehung. Namentlich bei der urteilenden psy- 
chischen Tätigkeit sprach man außer von einem Objekt von 
einem Inhalt des Urteils. Wenn ich urteile: „ein Zentaur 
ist nicht", so sagte man, das Objekt sei Zentaur, der 
Inhalt des Urteils aber sei, daß ein Zentaur nicht sei oder 
auch das Nichtsein eines Zentauren. Sagt man, dieser In- 
halt sei in dem psychisch Tätigen, so gebraucht man wieder 
das „sein" in einem uneigentlichen Sinn und sagt nichts 
anderes, als was man beim Gebrauch des „seins" im eigent- 
lichen Sinne in den Worten ausspricht: ,.ein psychisch 
Tätiges verneint in dem Modus praesens einen Zentauren". 
Man ist aber hier noch weiter geführt worden und hat 
in Rücksicht auf den Unterschied des richtig und unrichtig 
urteilend Tätigen von Inhalten gesprochen, welche in 
Wirklichkeit seien und solchen, die in Wirklichkeit nicht 
seien. So z. B, da der, welcher einen Zentauren leugnet, 
richtig urteilt, sagte man, das Nichtsein des Zentauren sei 
wirklich, wähi-end das Sein des Zentauren nicht wirklich 
sei. Und umgekehrt, weil es wahr ist, daß es einen Baum 
gibt, so sagte man nicht bloß, es sei ein Bamn, sondern 
auch, es sei das Sein eines Baumes und es sei nicht sein 
Nichtsem. Man behandelte also die Inhalte analog wie die 
Objekte, von denen man solche unterscheidet, die nur im 



— 147 — 

uneigentlichen Sinn im psychisch Tätigen und solche, die 
außerdem im eigentlichen Sinne sind, wo sie dann zu den 
wirklichen Dingen gehören. Da man aber doch Anstand 
nahm, das Nichtsein eines Zentauren für ein wirkliches 
Ding zu erklären, so glaubte man diesem Unterschied und 
jener Ähnlichkeit zugleich Rechnung zu tragen, indem man 
die Inhalte „Objektive" nannte. 

Doch sicher handelt es sich hier nur um Fiktionen. Wer 
sagt, daß das Nichtsein eines Zentauren sei, oder auch die 
Frage, ob ein Zentaur nicht sei, mit einem „so ist es'" 
beantwortet, will nichts anderes sagen, als daß er den 
Zentauren mit dem Modus praesens leugne und als Folge 
davon auch glaube, daß jeder, der einen Zentauren leugne, 
richtig urteile. Aristoteles sagt darum ganz richtig, jenes 
„so ist es", wodurch wir einem Urteil beipflichten, besage 
nichts anderes, als das Urteil sei wahr, und die Wahrheit 
bestehe nicht außer dem Urteilenden, mit andern Worten 
nur in jenem uneigentlichen Shm, nicht aber eigentlich und 
in Wirklichkeit. Es würde zu den heillosesten Kompli- 
kationen führen, wenn man sich an dieser aristotelischen 
Lehre irr machen ließe und jene Fiktionen für etwas im 
eigentlichen Sinne Bestehendes nähme. Es gäbe dann 
außer einem Apfel auch das Sein eines Apfels, das Nicht- 
sein des Nichtseins eines Apfels, das Sein des Nichtseins 
des Nichtseins eines Apfels usw. in infinitum, und unendlich- 
facli würden sich die unendlichen Komplikationen verviel- 
fältigen. 

Wenn man dafür, daß das Nichtsem eines Zentauren 
eigentlich und in Wirklichkeit bestehe, sich auf den Satz 
berief: „die Wahrheit eines Urteils ist seine Übereinstinunung 
mit der Wirklichkeit" und sagte, daß, da diese Überein- 
stimmung beim negativen Urteil, wenn nicht etwas ihm Ent- 
sprechendes in Wirklichkeit, sich fände, fehlen würde: so 
ist darauf zu erwidern, daß man hier den Sinn jener alt 
überlieferten Worte in unannehmbarer Weise deutet. Sic 
wollen nichts anderes sagen, als daß ein affirmatives Urteil 
wahr genannt werde, wenn das, wovon es sagt, es sei, es 

10* 



— 148 — 

sei gewesen oder werde sein, ist, war oder sein wird, und 
ein negatives, wenn das, wovon es sagt, daß es nicht sei. 
nicht gewesen sei oder nicht sein werde, nicht ist, nicht 
war und nicht sein wird. Um eine positive Überein- 
stimmung mit einem Dinge handelt es sich dabei nur etwa 
im Falle der affirmativen Urteile im Modus praesens, wäh- 
rend es für das negative im Modus praesens genügt, daß 
keine Disharmonie besteht, wie sie z. B. für die Leugnung 
eines Zentauren gegeben wäre, wenn ein Zentaur im eigent- 
lichen Sinne bestände. 

Die Analogie zwischen Inhalten und Objekten, welche 
darin liegen soll, daß die einen wie die anderen nicht bloß 
in uneigentlichem Sinn sind, sondern auch im eigentlichen 
Sinn teils sind, teils nicht sind, besteht also nicht zu Rechte. 

Wie die Inhalte nicht im eigenthchen Sinne, so können 
sie auch nicht in genau demselben uneigentlichen Sinn 
bestehen, in welchem die Objekte sind, d. h. sie können 
keine Objekte werden, wie umgekehrt kein Objekt das 
Ganze eines Inhalts ausmachen kann. Man sieht leicht, wie 
dieser Satz mit dem Frühergesagten zusammenhängt; denn 
könnte ein Inhalt, z. B. das Sein Napoleons oder dessen 
Nichtsein, Objekt werden, so müßte es auch von ihm gelten, 
daß es entweder ist oder nicht ist. und man müßte wie von 
Napoleon wohl auch von dem Sem Napoleons im eigent- 
lichen Sinn sagen können, daß es bald sei, bald nicht sei, 
jetzt anfange und jetzt ende. Niemals wird ein Inhalt in 
dem Sinne vorgestellt, daß er Objekt der Vorstellung wäre, 
niemals auch in dem Sinne anerkannt, wie ein Objekt an- 
erkannt wird, auch von solchen nicht, welche ihn so an- 
zuerkennen glauben : womit ich natürlich nicht leugnen will, 
daß man nach einem anderen, sogar gemeinüblicheren Ge- 
brauch, statt zu sagen, man erkenne ein Ding an, sagen 
kann, man erkenne an. daß ein Ding sei. Vielmehr stellt 
man immer nur einen das betreffende Urteil Fällenden vor 
und urteilt, daß man, indem man ihn \ orstelle, einen Richtig- 
urteilenden vorstelle. Streng genonnnen drücken wir uns 
darum auch nicht ganz richtig aus, wenn wir sagen, wir 



— 149 — 

leugneten, daß der Inhalt eines Urteils existiere. Wir sollten 
vielmehr sagen, wir leugneten, daß etwas existiere, wof'ü]- 
das Wort „Inhalt" Benennung sei. ähnlich wie bei Worten 
wie „von" und „aber", welche für sich allein keinen Sinn 
haben, kein Ding benennen. „Ein Von ist nicht", „ein Aber 
ist nicht" hat so wenig Sinn, wie „ein Poturi Nulongon ist 
nicht". Wohl aber hat es einen Sinn zu sagen: es gibt 
kein Ding, welches durch die Präposition „von" oder die 
Konjunktion „aber" benannt würde. 

Es steht uns also fest: 

Man kann nicht wie einen Zentauren, so das Sein oder 
Nichtsein eines Zentauren zum Objekte machen, sondern 
nur einen den Zentauren Anerkennenden oder Leugnenden, 
in welchem Falle der Zentaur ebenfalls zugleich in einem 
besonderen Modus obliquus Objekt wird. Und so gilt 
denn überhaupt, daß nie etwas anderes als Dinge, welche 
sämtlich unter denselben Begriff des Realen fallen, für 
psychische Beziehungen ein Objekt abgibt. Weder Gegen- 
wart, Vergangenheit und Zukunft, oder auch Gegenwärtiges, 
Vergangenes und Zukünftiges, noch auch Existenz und 
Nichtexistenz, oder auch Existierendes und Nichtexistieren- 
des, noch Notwendigkeit und Nichtnotwendigkeit, Möglich- 
keit und Unmöglichkeit, oder auch Notwendiges und Nicht- 
notwendiges, Mögliches imd Unmögliches, noch Wahrheit 
und Falschheit, oder Wahres und Falsches, noch Güte und 
Schlechtigkeit, noch eine sogenannte Wirklichkeit (ivs^oYcta. 
IvteXe/öia) oder Form (sioo?. ao-jOc, aopcpi^), von denen Aristo- 
teles spricht und welchen in der Sprache die Abstrakta wie 
Röte, Gestalt, Natur des Menschen u. dgl. zum Ausdruck 
zu dienen pflegen, noch die Objekte als Objekte, wie An- 
erkanntes, Geleugnetes, Geliebtes, Gehaßtes, Vorgestelltes, 
können jemals, so wie Reales, das sein, worauf wir uns als 
Gegenstand psychisch beziehen. 

Es würde hier zu weit führen, dies in bezug auf jedes 
Einzelne nachzuweisen. Und so sei denn nur im allgemeinen 
bemerkt, daß jeder, der einen Fall genau untersucht, wo 
man geneigt sein könnte, das Gegenteil anzunehmen, ent- 



— 150 — 

decken wird, daß man dann immer auch Dinge zu Objekten 
hat, teils in recto, teils in obliquo; und weiter noch, daß^ 
man für jeden Satz, der etwas von dem Erwähnten zum 
Subjekt oder Prädikat zu haben scheint, einen äquivalenten 
bilden kann, bei welchem Subjekt und Prädikat durch Reales 
ersetzt sind. Schon Leibnitz hat dies . im besonderen was 
die sogenamiten Nomina abstracta betrifft, erkannt und in 
seinen „Nouveaux Essais" Liv. II, Chap. XXIII. § 1 eine 
Übersetzung, wie wir sie angedeutet, erkannt, mit welcher 
man dann einer Fülle von subtilen und abstrusen Er- 
örterungen, die Metaphysik und Logik verwirrten, sich ent- 
hoben sehen werde. 

Dies hindert aber nicht, daß in vielen Fällen die Fiktion,, 
als hätten wir noch anderes als Reales wie z. B. Nicht- 
seiendes ebenso wie Seiendes zum Objekt, sich bei logischen 
Operationen unschädlich erweist, ja, daß diese dadurch, weil 
im Ausdruck und auch im Denken selbst vereinfacht, er- 
leichtert werden können ; ähnlich wie der Mathematiker sich 
mit Vorteil der Fiktionen von Zahlen unter Null und vieler 
anderer zu bedienen pflegt. Ein vielfach kompliziertes Vor- 
stellen und Urteilen läßt sich bei solcher Methode be- 
handeln, als wenn es em einfaches wäre, und man ist der 
in gewissen Fällen nutzlosen Mühe einer genaueren Ver- 
deutlichung eines konfus erfaßten psychischen Vorganges 
überhoben. 

So hat die gemeine Logik von altersher vielfach von 
Urteilen als einheitlichen und emfachen gesprochen, die es 
eigentlich nicht sind. Sie glaubte z. B. in den vier Klassen 
kategorischer Sätze, die sie mit den Buchstaben a, e, i, o 
bezeichnete, Klassen einfacher, einheitlicher direkter Urteile 
zu unterscheiden, während tatsächlich viele davon, ja ge- 
wissermaßen alle, kompliziert sind, und namentlich Urteile 
des Innern Bewußtseins mit einbegreifen. 

Ich will es nicht unterlassen, etwas in ihre psycho- 
logische Analyse einzugehen. Wenn man die dadurch sich 
ergebende Komplikation mit der Einfachheit des Verfahrens 
vergleicht, zu der man durch Anwendung gewisser nahe- 



— 151 — 

liegender Fiktionen gelangt, so wird man dieselben in ihrem 
Verdienst sehr wohl zu würdigen wissen. 

Von den genannten vier kategorischen Formeln ist die 
Formel i am leichtesten zu analysieren. „Ein S ist P" ist 
äquivalent einem Existenzialsatz, welcher das Ganze, zu 
dem ich, wenn ich S mit P identifiziert vorstelle, gelange, 
mit dem Modus praesens anerkennt. Und drückte der Satz, 
wie die Logik fingiert, ein einfaches Urteil aus. so wäre er 
mit dem in diesem Existenzialsatz ausgedrückten Urteil 
geradezu identisch. Genau besehen bezeichnet er aber ein 
Doppelurteil, dessen einer Teil das Subjekt anerkennt und 
dessen anderer, nachdem das Prädikat vorstellend mit dem 
Subjekt identifiziert worden ist, das zunächst für sich an- 
erkannte Subjekt nun auch noch mit dieser Zugabe an- 
erkennt, d. h. ihm das Prädikat P zuspricht. 

Ähnliches finden war bei der Formel o. Die Logiker 
nennen sie die partikulär verneinende, was höchst ungenau 
ist und wenn es als genau gesprochen betrachtet würde, 
etwas geradezu U^nmögliches besagte. Denn es kann nicht 
geschehen, daß ein rem verneinendes Urteil anders als uni- 
versell verneint, wie es auch umgekehi't unmöglich ist, daß, 
wo es sich um universelle Begriffe handelt, ein bejahendes 
Urteil anders als partikulär bejaht. Wie der Satz: „es gibt 
nicht einen Baum" universell verneint, w^ährend der Satz 
„es gibt einen Baum" partikulär bejaht, so gilt dasselbe 
ausnahmslos für „es gibt nicht ein A" und „es gibt ein A". 
Nur wo ein mit P identifiziertes S vorher durch einen Zu- 
satz restringiert worden ist, kann darum einer, der sich 
verneinend auf die Verbindung eines S mit einem P bezieht, 
sie anders als nach dem ganzen LTmfang von S verwerfen. 
Zu einer solchen Restriktion kommt es nun aber bei der 
Formel o dadurch, daß sie wie die Formel i, genau be- 
sehen, ein Doppelurteil ausdrückt. Das eine besteht, wie 
bei der Formel i, in der Anerkennung des Subjektes S, 
und dieses ist der Grundbestandteil des Doppelurteils, auf 
welchen dann der zweite Teil Bezug nimmt und ihn in der 
Art zur Voraussetzung- hat, daß or davon unabtrennbar ist- 



- - 152 — 

Und dieser zweite Teil ist negativ ; er spricht dem S, welches 
der erste Teil des Doppelurteils anerkannt hat, nicht wie der 
zweite Teil bei der Formel i ein Merkmal zu. sondern er 
spricht ihm eines ab. So leugnet er nicht die Verbindung von 
P mit S schlechtweg, sondern die Verbindung von P mit 
einem S, welches ich anerkenne und da jede Anerkennung 
partikulär ist, durch diese Anerkennung selbst partikulari- 
siere. Es ist also, wie gesagt, nicht ein S schlechthin, 
dessen Verbindung mit P geleugnet wird, sondern ein in 
seinem Umfang restringiertes S, und so scheint denn infolge 
des partikulären Charakters des grundlegenden, affirmativen 
Teils des Doppelm-teils o auch der darauf aufgebaute nega- 
tive Teil desselben partikulär, ohne es eigentüch zu sein. 
Doch, wenn einer es vorzieht, mag er auch sagen, daß das 
zweite Urteil wahrhaft partikulär sei, aber nur, weil e.s 
nicht rein negativ ist, sondern eine Affu'mation impliziert. 

Wenn wir bei der Formel i fanden, daß das Doppel- 
urteil „S ist P" dem einfachen Existenzialurteil „es gibt 
ein S P", d. i. „ein P seiendes S" äquivalent war, so kann 
nach dem Gesagten für die Formel o in bezug auf die 
existenziale Formel „es gibt nicht ein S P" nicht Ähnliches 
gelten, denn hier, wo es an aller Bejahung fehlt, fehlt es 
auch an jedem restringierenden Moment, das den scheinbar 
partikulären Charakter des negativen Urteils erklärlich macht. 

Ich darf es aber nicht unterlassen, auf eine sprachliche 
Eigentümlichkeit der Formeln i und o, wie sie gewöhnlicli 
ausgesprochen werden, aufmerksam zu machen. Man sagt 
gemeiniglich nicht einfach „ein S ist P", „ein S ist nicht 
P", sondern „irgend ein S ist P", „irgend ein S ist nicht 
P". Dieses „irgend" ist eigentlich nur da im Gebrauch, wo 
es sich um eines aus einer Mehrzahl handelt. Man kann 
darum z. B. nicht ebenso gut sagen „es lebt irgend ein 
Gott" als „es lebt ein Gott". 

Zu einer ähnlichen Bemerkung gibt der gemeinübliche 
Ausdruck für die Formeln a und e Anlaß. Man sagt „alle 
S sind P" oder „jedes S ist P". indem man das eine Mal 
geradezu den Plural anwendet, das andere Mal einen 



— 15;^ — 

Singular, der aber auf eine Vielheit, zu der das Einzelne 
gehört, hinweist. Etwas weniger sichtlich ist die Beziehung 
zum Plural, wenn man die Formel e durch „kein S ist P" 
ausdrückt. Doch liegt es nahe auch hier das „kein" im 
Sinne von „keines unter allen" zu fassen. 

Faktisch werden aber die Formeln viel allgemeiner ver- 
wendet. So gibt man als Beispiel von ihnen Sätze wie 
.,Cajus ist ein Mensch", „kein schlechthin vollkommenes 
Wesen ist ungerecht", obwohl es sich in beiden Fällen im 
Subjekt um etwas handelt, was nicht in der Mehrzahl sein 
kann. Und ich kann auch sagen „jedes runde Viereck muß 
rund und viereckig zugleich sein", obwohl es nicht einmal 
ein rundes Viereck, geschweige denn eine Vielheit von 
runden Vierecken gibt und geben kann. 

So sehen wir denn, daß die Formeln, wie sie jetzt ge- 
handhabt werden, nur der Ausdrucksweise nach, nicht aber 
dem Sinne nach etwas mit einer Mehrheit zu tun haben. 
Und ich habe darum bei der eben gegebenen Analyse der 
Formeln i und o auch nicht auf eine solche Rücksicht ge- 
nommen. Und auch bei den noch zu untersuchenden 
Formeln a und e will ich es nicht tun. Täte ich es aber, 
so würde ich den Begriff der Zahl fiktiv so erweitern müssen, 
daß ich auch „Eins" und „Null" mit darunter begriffe. 
Dann versteht es sich von selbst, daß es für jegliches Sub- 
jekt eine Gesamtzahl gibt. Eben darum wäre aber auch 
nichts damit gewonnen, daß man ausdrücklich dies geltend 
machte und z. B. statt „ein S ist P" sagte „in der Gesamt- 
zahl von S findet sich eine Einheit, welche P ist" und statt 
„ein S ist nicht P" „in der Gesamtheit von S ist ein S 
nicht P". Auch in den beiden anderen Formeln wird so 
gut wie garnicht auf ein Kollektiv Bezug genonnuen. Es 
macht ja nicht den geringsten Unterschied zu sagen, daß 
etwas sich nicht vorfinde oder daß es in der Gesamtheit 
der Dhige sich nicht vorfinde; und wer sagt, eine Gesamt- 
heit sei etwas, z. B. sie sei grün, unter den Gesamtheiten 
aber „Eins" und „Null" mitbegreift, von dem ist offenbar, 
daß er von einem Kollektiv weder kollektiv noch, wie die 



— 154 — 

Logiker meinen, distributiv etwas prädiziere. da für den 
Fall, daß die Gesamtheit Null ist, keine Einheiten darin 
gegeben sind, von welchen das Prädikat ..grün" Stück für 
Stück von der ersten bis zur letzten ausgesagt werden 
könnte. Fort also mit dem Ballast, der sich zudem als 
etwas darstellt, was noch vieler w^eiteren psychologischen 
Analysen bedürfen würde , um in seinem Inhalt voll ver- 
deutlicht zu werden. Diese würden uns insbesondere mehr- 
fach auf Vorstellungen von negativ Urteilendem füliren, 
würden uns aber dann auch endgültig vor dem neu auf- 
getauchten Irrtum behüten, die Termini „Zahl", „Gesamtheit" 
u. dgl. seien Begriffe, die keiner Anschauung, weder einer 
äußeren noch inneren entnonnnen sind. Dies in Kürze, um 
einem Einwand vorzubeugen , welcher sonst leicht sowohl 
dem schon ausgeführten, als insbesondere dem noch rück- 
ständigen Teil unserer Analyse der vier kategorischen 
Formeln gemacht werden könnte. 

Nachdem wir die Formeln i und o untersucht, wenden 
wir uns jetzt zur Formel e. 

Wie sich die Formel i als ein Äquivalent des Existenzial- 
satzes „es gibt ein S P (d. i. ein P seiendes S) erwies, so 
ergibt sich der Satz .,kein S ist P" deutlich als ein Äqui- 
valent der existenzialen Formel „es gibt nicht ein SP". 

Ich sage: „als ein Äquivalent" und gebe dadurch zu er- 
kennen, daß er psychologisch betrachtet nicht ganz derselbe 
ist. Wir wollen uns dies durch eingehendere Analyse klar 
machen. Wer sagt „kein S ist P" stellt einen „ein S ist 
P" Urteilenden vor und erklärt, daß er, indem er ilin so 
urteilend vorstelle, einen irrig Urteilenden vorstelle ; einen, 
der dem Urteil des Vorstellenden selbst kontradiktorisch 
Entgegengesetztes behaupte. Nun sahen wir, daß, wer 
urteilt „ein S ist P" ein Doppelurteil fällt, dessen erstes 
Partialurteil S anerkennt und dessen zweites dem S, welches 
im ersten anerkannt worden, das Merkmal P als Prädikat 
beilegt. Somit liegt in dem Gesagten, daß er eines wenig- 
stens der beiden Urteile für falsch hält, jedenfalls aber das 
zweite, da dieses das erste Partialurteil impliziert und somit^ 



— 155 — 

wenn dieses falsch ist, ebenfalls nicht richtig sein kann. 
Und darum ist denn auch die Äquivalenz des existenzialen 
Urteils, welches die Vereinigung der beiden Merkmale ver- 
wirft, ganz offenbar. 

Analog wie die Formel e zur Formel i verhält sich die 
Formel a zur Formel o. Bestand die Bedeutung von dieser 
in dem Doppelurteil ,,es gibt ein S und dieses ist nicht P'\ 
so besagt der Satz „jedes S ist P", daß, wer die beiden 
Urteile fällt, falsch urteilt. Ich stelle einen als ein S an- 
erkennend und ihm P absprechend vor und erkläre, daü 
ich, indem ich ihn so urteilend vorstelle, einen irrig Ur- 
teilenden vorstelle ; einen, der meinem eignen Urteil kontra- 
diktorisch Entgegengesetztes behaupte; womit zutage liegt,, 
daß ich infolge des von mir eingenommenen Standpunktes 
glaube, daß es einen P dem S richtig Absprechenden über- 
haupt nicht geben könne. 

Dies sind die etwas komplizierten Ergebnisse einer 
psychologischen Analyse der vier logischen Formeln kate- 
gorischer Sätze, die man als a, e, i, o bezeichnet, wenn 
man sie auf ihre allerwesentlichsten Momente reduziert. 
Sehen wir jetzt, mit welchem höchst einfachen Kunstgriff der 
Logiker sich hier die Operationen, die durch solche Kompli- 
kationen erschwert zu werden drohen, vereinfachen kann! 

Es genügt, wenn er fingiert, daß es auch Negativa als 
Objekte gebe. Die Fiktion ist wie viele andere dem 
Laien geläufig; redet er doch wie von einem Klugen so 
von einem Unklugen und wie von einem Le])enden von 
einem Leblosen. „Schönes" und „Unschönes", „Rotes" mid 
„Nichtrotes" betrachtet er gleichmäßig als Namen, d. i. als 
Worte, die ein Objekt nennen und auch Aristoteles, der 
doch recht gut weiß, daß ein Negativum kein Objekt werden 
kann, fügt in dem Buch De Literpretatione zu dem ..ovoua". 
dem Worte, das etwas nennt, das „ovoaa äor>ia-ov", welches 
nichts anderes als j ene negativen Ausdrücke wie „Nichtweißes " , 
„Nichtmensch" u. dgl. begreifen soll. Der Ausdruck „unend- 
liches Urteil", welchen Kant für eine dritte Klasse von Urteilen 
gebraucht, die er neben den affirmativen und negativen in 



— 15Ü — 

seiner Kritik der reinen Vernunft unterscheidet, scheint mit die- 
sem aristotelischen Terminus historisch zusammenzuhängen. 
Die Logik hat davon längst mannigfachen Gebrauch 
gemacht, und sie hätte ihn. wie ich in meiner Psycho- 
logie, und meinen Spuren folgend Hillebrand in seiner 
Schrift über die kategorischen Schlüsse zeigte, noch weit 
geschickter davon Gebrauch machen können. Man ge- 
langt dann dazu, wie den kategorischen Satz „ein S 
ist P" auf den Existenzialsatz „es gibt ein S P" oder 
„es gibt ein P seiendes S", so den kategorischen Satz 
„irgend ein S ist nicht P" auf den Existenzialsatz „es gibt 
«in S non P", d. i. ..es gibt ein nicht P seiendes S" und 
ferner wie den kategorischen Satz „kein S ist P" auf den 
Existenzialsatz „es gibt nicht ein SP", den kategorischen 
Satz „alle S sind P" auf den existenzialen ..es gibt nicht 
ein S non P" zu reduzieren. Ich habe in meiner Psycho- 
logie die drei einfachen syllogistischen Regeln ausgesprochen, 
welche, wenn man diesen Kunstgriff handhabt, die ganze 
Verwicklung, zu welcher die kategorische Schlußlehre durch 
Unterscheidung von Figuren und Modis der Figuren seit 
Aristoteles gelangt ist. ohne dadurch auch nur in allen 
Fällen genügend vor Irrtum zu schützen, überflüssig machen. 
Zugleich tritt bei solcher Behandlung die wichtige Wahr- 
heit in unverkennbarster Weise hervor, daß die ganze Syl- 
logistik in nichts als in einer fortlaufenden Applikation das 
Satzes des Widerspruches besteht ; eine Wahrheit, an welcher 
Alexander Bain in dem Maß irr werden konnte, daß er 
meinte, wir hätten für die Richtigkeit der syllogistischen 
Regeln keine andere Gewähr als ihre bisherige ausnahms- 
lose Bestätigung durch die Praxis. 

Ein ähnlicher Kunstgrifi:' vereinfacht auch die hypo- 
thetische und disjmiktive Schlußlehre und macht, daß ihre 
Sätze auf den Existenzialsatz rückführbar werden. Ich 
brauche hier nur zu der Fiktion zu greifen, daß auch die 
Inhalte von Urteilen Objekte werden können, auf die man 
.sich dann anerkennend und leugnend bezieht, sowohl für 
sich allein, als indem man sie mit anderen identifiziert oder 



- 157 — 

sonstwie in Beziehung setzt. So kann z. B. der Satz „wenn 
alle A B sind, ist irgend ein C nicht D ' auf den Existenzial- 
satz „es ist nicht das Nichtsein von A non B, ohne das Sein 
von C non D" gebracht werden. Nimmt man dazu den Satz 
„es ist das Nichtsein von A non B", so folgt nach dem Modus 
ponens „es ist das Sein von C non D", oder nimmt man den 
Satz hinzu „es ist nicht das Sein von C non D", so folgt nach 
dem Modus toUens, „es ist nicht das Nichtsein von A non B". 
Setzt man für den terminus „Nichtsein von A non B" den 
Buchstaben o. und für den Terminus .,Sein von C non D" ß^ 
so erscheinen die Schlüsse in der einfachen Gestalt: 

„Es ist nicht 7. ohne [1 

Nun ist 7.. 

Also ist auch ß." 

„Es ist nicht a ohne ß. 

Nun ist ß aber nicht. 

Also ist auch a nicht." 

Freilich ist die Anwendung des Kunstgriffs hier in dem 
Maß von geringerem Belang, als die Lehre von den kondi- 
tionalen und disjunktiven Schlüssen eine geringere Verwick- 
lung als die von den sogenannten kategorischen Schlüssen 
darbietet. Das dürfte auch der Grund sein, warum Aristo- 
teles, der sie so gut wie wir kannte, sie in seinen Analytica 
Priora ganz unberücksichtigt ließ. 

Um Mißdeutungen vorzubeugen, bemerke ich aber aus- 
drücklich , daß ich, auch was die kategorischen Schlüsse 
anlangt, hier so wenig als in meiner Psychologie alles, was 
für sie in Betracht kommt, berührt habe. So z. B. habe 
ich auf die Komplikationen, zu welchen die Berücksichti- 
gung des Temporalmodus sowie des apodiktischen Charak- 
ters führt, der Kürze halber keinen Blick geworfen, um zu 
zeigen, wie den besonderen Schwierigkeiten und Gefahren, 
welche sich auf Grund ihrer ergeben, am leichtesten zu 
begegnen ist. 

Der Umstand, daß solche Fiktionen in der Logik ge- 
bräuchlich sind, hat manche dazu geführt zu glauben, daß 
sie außer den Dingen auch Nichtdingc zum (Objekt habe 



ior^ 



und somit der Begriff ihres Objektes allgemeiner als der 
des Realen selbst sei. Dies ist aber durchaus unrichtig, 
ja , nach dem Gesagten schon darum unmöglich , weil es 
andere als reale Objekte garnicht geben kann, und derselbe 
einheitliche Begriff des Realen als schlechthin allgemeinster 
Begriff alles, was wahrhaft Objekt ist, unter sich faßt. Auch 
die Termini der gemeinen Sprache sind in den häufigsten 
Fällen nicht psychologisch, sondern nur grammatikalisch 
Namen. Sie nennen nicht Dinge, aber darum bleibt es um 
nichts weniger wahr, daß die Rede, in die sie verflochten 
sind, sich mit nichts anderem als mit Dingen beschäftigt. 
Vielmehr ist das Objekt der Logik weit enger als der Be- 
griff des Dinges. Sie ist eine technische Disziplin und geht 
darauf aus, uns in Stand zu setzen, prüfend und forschend 
der Erkenntnis teilhaft zu werden, Sie ist eine Kunst des 
Urteils. Nur insofern wir beim Urteilen Dinge aller Art 
zum Objekte haben, kommen auch diese s. z. s. indirekt 
in Betracht, während direkt die Erkenntnis (genau ge- 
sprochen der Erkennende) als ihr Objekt zu bezeichnen ist. 

X. Ton den Tersuchen, die Logik zu mathematisieren. 

Ein Bedürfnis nach Reform der elementaren Logik wurde, 
wie von mir, auch von anderen gefühlt, und namentlich mach- 
ten manche den Versuch, der Logik durchwegs einen mathe- 
matischen Charakter zu geben, in der Hoffnung, den sämt- 
lichen Beweisführungen die Durchsichtigkeit der mathemati- 
schen Beweise zuteil werden zu lassen. Die Allgemeinheit, 
welche nach unserer Darlegung allen negativen Urteilen als 
solchen eigen ist, faßten sie bei den kategorischen Aussagen 
als eine Quantifikation des Subjektbegriffes, und infolge 
davon drängte sich ihnen der Gedanke auf, daß es besser 
wäre, wenn, wie das Subjekt, auch das Prädikat quantifiziert 
würde. Dieser Gedanke war schon dem Altertum nicht 
ganz fremd geblieben, so zwar, daß Aristoteles ihn berück- 
sichtigt ; aber freilich nur polemisch, indem er treffend sagt, 
wer, statt nur dem Subjekt das Wörtchen „alle" oder ,.jeder" 
beizufügen, es vor dem Prädikat wiederhole, der komme 



— 159 — 

durchwegs zu falschen Behauptungen. Denn nicht einmal 
Sätze wie „alle Menschen sind alle Menschen " und „jeder 
Mensch ist jeder Mensch" könnten als richtig zugelassen 
werden. So wenig seien alle Menschen alle Menschen, daß 
vielmehr kein Mensch alle Menschen sei. Und so ist denn 
auch kein Mensch jeder Mensch; denn wäre es auch nur 
einer, z. B. Cajus, so würde darin liegen, daß Cajus nicht 
bloß Cajus, sondern auch Sempronius und Tullius usw. wäre. 
Es liegt hier ein gänzliches Mißverstehen der Sprachform vor. 

In jüngster Zeit hat Gomperz in seiner Darstellung der 
Philosophie des Theophrast bemerkt, daß dieser die moderne 
Lehi'e von der Quantifikation des Prädikats antizipiert habe. 
Doch wenn man die Stelle genau besieht, so findet man 
das Gegenteil. Er berührt den Gedanken ganz so wie vor 
ihm Aristoteles nur, um ihn zu verdammen. 

Ein ähnliches Mißverständnis leitete die, welche mehi- 
ten, daß jedes kategorische Urteil ein Gleichheitsverhältnis 
zwischen Subjekt und Prädikat ausdrücke. Lotze scheint 
auf diese Weise zu der eigentümlichen Lehre geführt worden 
zu sein, daß, wenn wir sagen „ein Baum ist grün", unter 
„Baum" stillschweigend ein grüner Baum, und auch unter 
„grün" nicht einfach grün für sich allein, sondern ein mit 
einem Baum identisches Grünes, also ebenfalls ein grüner 
Baum gedacht werde. Da hätten wir denn die Gleichung: 
„ein grüner Baum = ein grüner Baum". Allein was für 
einen Wert würde es haben, wenn die kategorischen 
Aussagen alle in Gleichungen bestünden, bei welchen 
dasselbe sich selber gleichgesetzt würde? Wenn alle 
Gleichungen des Mathematikers nichts anderes sagten, als 
2 ist 2 und 10 ist 10 u. dgl., so würden sie zur Förderung 
der Wissenschaft wenig dienen. Wenn wirklich der Satz 
„ein Baum ist grün" in den Satz „ein gTÜner Baum ist ein 
grüner Baum" ohne wesentliche Änderung des Inhalts ver- 
wandelt wird, so erkennt man leicht, daß das Prädikat „ein 
grüner Baum" ohne Nachteil ganz weggelassen werden kann, 
und man kommt zu dem einfachen Existcnzialsatz „ein 
grüner Baum ist" als Äquivalent des Satzes „ein Baum ist 



— 1 (j( » — 

grün", ganz so wie wir es lehren, übler würde man fahren, 
wenn man Sätze wie „alle Menschen sind gut'' daraufhin 
für gleichbedeutend mit „alle guten Menschen sind gute 
Menschen'" erklären wollte. Ist doch dieser so gewiß selbst- 
verständlich, als jener der Erfahrung widerspricht. 

So bin ich denn, so sehr ich im allgemeinen mit dem 
Streben, die Lehrsätze der elementaren Logik einleuchten- 
der zu machen und ihre Operationen zu erleichtern, sym- 
pathisiere, doch weit entfernt, diese Versuche der Mathe- 
raatisierung der Logik billigen zu können, und ich verwahre 
mich dagegen, daß mein Versuch der Reduktion der kate- 
gorischen Aussagen auf Existenzialsätze mit ihnen kon- 
fundiert werde. Wenn wir zuvor von solchen sprachen, 
welche dem Objekt der Logik eine übertriebene Allgemein- 
heit geben wollen, so müssen wir von denen, welche meinen, 
daß alle Urteile, mit welchen die Logik sich befaßt, nur 
von Gleichungen und anderen Größenverhältnissen handelten, 
sagen, daß sie in den entgegengesetzten Fehler verfallen. 
Sie verengen die Aufgabe der Logik zu sehr und möchten 
aus ihr einen Teil der Mathematik machen, wähi'end mir 
umgekehrt die ganze Mathematik ein Teil der Logik zu 
sein scheint, der uns lehrt, wie man gewisse Fragen der 
Erkenntnis (nämlich die der Größemnessung) am besten 
methodisch behandelt. 

Es gibt unter den neueren Reformversuchen der Logik 
auch solche, welche das Prädikat nicht quantifizieren, und 
die doch noch immer an dem Fehler einer verengenden 
MathematisieruDg der logischen Operationen leiden, indem 
sie wenigstens das Subjekt quantifizieren, was, wie ich ge- 
zeigt zu haben glaube, keineswegs dazu erforderlich ist, 
um von allgemeinen und partikulären Urteilen sprechen zu 
können. Hierin, keineswegs aber in der Verwendung von 
Buchstaben als allgemeinen Zeichen für Begriffe und Be- 
griffskomplexe, sowie für Urteile und Urteilskomplexe, nach 
Art der Algebra, so wie auch von anderen Zeichen analog dem 
+ und — , =, >, < u. dgl. zur Andeutung logischer Operationen 
und Verhältnisse, finde ich etwas, was ich nicht zu billigen 



— lÜl — 

vermag. Doch halte ich es auch für bedenklich, wenn sie sich 
solcher Zeichen und Ausdrücke, die schon beim Mathe- 
matiker in Gebrauch sind, in verändertem Sinne bedienen ; 
wie z. B. einen grünen Baum als eine Multiplikation von 
..grün" und „Baum' bezeichnen und eine Linie auf der 
dritten Potenz, nicht etwa für einen Kubus, sondern für 
etwas der Linie selbst Gleiches erklären, weil „eine linie- 
seiende linieseiende Linie" gleich „eine Linie" ist und doch, 
nach der eben angeführten Weise zu sprechen, eine wieder- 
holte Multiplikation der Linie mit sich selbst wäre. Wo 
der Schutz vor Äquivokationen eines der wesentlichsten 
Interessen ist, sollte man sich wohl hüten, neue Äqui- 
vokationen, wie die eben erwähnten zu schaffen. Und 
nichts als der ganz zufällige Umstand, daß die Algebra zum 
Ausdruck der Multiplikation zwei Buchstaben, wie der 
schriftliche Ausdruck der Rede Eigenschaftswort und zu- 
gehöriges Hauptwort, einfach einander folgen läßt, scheint 
dazu den Anlaß gegeben zu haben. 

Ganz besonders nachteilig könnten diese werden, wenn 
man, wozu die Allgemeinheit der Logik drängt, auch mathe- 
matische Probleme nach der neuen Methode behandeln 
\vollte. Und man ist tatsächlich daran gegangen. Allein, 
wenn man bedenkt, daß der ganze Versuch dadurch ver- 
anlaßt wurde, daß die mathematischen Operationen eine 
Durchsichtigkeit besitzen, welche man auch den Argumen- 
tationen auf anderen Gebieten zu geben wünschte, so muß 
es doch sehr befremdlich erscheinen, wenn man die Methode 
der mathematischen Operationen selbst zu reformieren sucht. 
Ich verspreche mir hier keinen wahren Gewinn; vielmehr 
das Gegenteil. Und wenn ich die Freunde dieser neuen 
Logik in ihrem Enthusiasmus prophezeien höre, daß sie die 
Wissenschaft auch hier sogar zu einem ungleich rascheren 
Fortschritt bringen werde, so erinnert mich dies an die 
hohen Erwartungen, w-elche Rainmndus Lullus an seine 
,.Ars magna" knüpfte. Sie ist völlig unfmchtbar geblieben. 
Und so finden wir denn auch jetzt nicht, daß eine der be- 
deutenden Entdeckmigen der jüngsten Zeit der Anwendung 

Brentano, Klassifikation der psychischen Phänomene. 11 



— l()2 — 

des neuen, vielfach so absonderlichen Algorithmus zu 
danken wäre. 

Daß diese mathematisierende Logik nicht genugsam 
für die Sicherung der logischen Operationen, die doch 
mehr noch als ihre Kürzung und Vereinfachung von Inter- 
esse ist, Sorge getragen hat. dafür ist wohl noch folgendes 
ein Zeichen. Sie kritisiert zwar die alte und macht ihr. 
ähnlich wie ich, ihre Unvollständigkeit zum Vorwurf; aber 
nirgend, so weit ich entnehmen konnte, macht sie auf die 
vielen Fehler und Widersprüche in den Regeln der alt- 
überlieferten Logik aufmerksam, die ich bei meinem Reform- 
versuch hervorhob. So z. B. bemerkt sie nicht, daß es falsch 
ist, wenn man sagt, in der Behauptung, alle S seien P, sei die 
Behauptung, irgend ein S sei P. eingeschlossen. Wir sahen, 
daß die Gesamtzahl auch eins und Null sein kann: im 
letzteren Falle aber wird es, obwohl es noch immer wahr 
ist, daß alle S P sind, doch nicht mehr wahr sein, daß eine 
Einheit von S P ist, da vielmehr kein S P ist. Und somit 
ist auch die Regel falsch, daß die Wahrheit von ..alle S 
sind P" mit der von ..kein S ist P" inkompatibel ist, wie 
auch die, daß von den beiden Sätzen „irgend ein S ist P" 
und „irgend ein S ist nicht P" der eine oder andere in 
jedem Falle wahr sein müsse. 

Es gibt hier kein Mittel, die alte Logik zu verteidigen. 
Wollte man es tun, indem man sagte, sie setze bei allen 
kategorischen Aussagen die Existenz des Subjekts voraus 
und betrachte sie als bloß hypothetische L^rteile, so würde 
dies, wenn man es gelten ließe, noch immer den Vorwurf 
des Selbstwiderspruches bestehen lassen ; denn von zwei Be- 
hauptungen, die beide nur unter einer gewissen Voraus- 
setzung gelten sollen, kann man nicht mehr sagen, daß sie 
nicht zusammen wahr sein könnten. Vielmehr kann man aus 
der Wahrheit beider dilemmatisch die Falschheit der Voraus- 
setzung erschließen. So folgt z. B. aus der Wahrheit der 
beiden Sätze „alle S sind P" und ..kein S ist P", wenn 
beide hypothetisch den Fall der Existenz von S ins Auge 
fassen, daß eben diese Hypothese falsch ist, d. h. daß es 



— 163 — 

kein S gibt. Sagt man dagegen, die kategorischen Urteile 
seien nicht stillschweigend hypothetisch auf den Fall der 
Existenz des Subjekts beschränkt zu denken, sondern sie 
schlössen die Behauptung der Existenz des Subjekts geradezu 
ein, so würde auch dies nicht retten. Denn wenn die Formel 
a und die Formel o beide die Behauptung, S sei, ein- 
schließen, so können und müssen sie zusammen falsch sein, 
sobald S nicht ist. Sie sind also nicht mehr kontradiktorisch. 

Nur bei meinem logischen Reformversuch traten diese 
und andere Verirrungen in den elementarsten logischen 
Regeln, zu denen auch vier der üblichen kategorischen 
Schlußmodi gehören, sofort klar hervor. Und er dankt dies 
dem energischen Geltendmachen des Satzes, daß jeder ein 
Universale Leugnende es dem ganzen Umfang des Begriffes 
nach leugnet, und jeder, der es anerkennt, es partikulär 
anerkennt ; während umgekehrt jeder, der etwas anerkennt, 
was mehrere Merkmale unterscheiden läßt, es nach allen 
seinen Merkmalen, also seinem ganzen Inhalte nach, an- 
erkennt, keiner aber, der es leugnet, auch jeden Teil, jedes 
einzelne darin begriffene Merkmal leugnet. Man kann darum 
sagen,, daß das negative Urteil, wenn der Begriff nicht ganz 
einfach ist, ihn nie dem ganzen Inhalt, wie das affirma- 
tive, wenn der Begriff nicht ganz individuell ist, ihn nie 
dem ganzen Umfang nach beurteilt. 

Die neue mathematisierende Logik hat sich eine neue 
Sprache erfunden. Es scheint mir aber, daß es ein geringeres 
Verdienst ist, uns eine neue Sprache sprechen, als in der 
allen Völkern gemeinsamen Sprechweise uns richtig be- 
wegen zu lehren. Die Menschen werden nicht aufhören, die 
Zeichen dieser Sprechweise mit dem Gang der Gedanken 
zu verknüpfen. Und so gilt es denn vor allem, die Gefahren, 
die hieraus entspringen können, auszuschließen ; was geschieht, 
indem man die Funktion eines jeden Redeteiles verständlich 
macht, wodurch dann die so häufig bestehenden und in allen 
Sprachen analog wiederkehrenden und darum auch gewiß 
irgendwelchem Zwecke dienlichen Äquivokationen nicht be- 
seitigt, aber unschädlich gemacht werden. Daß der Satz 

11* 



— 164 — 

„A ist A", wo er zum Ausdruck eines a priori einleuchtenden 
Urteils angewandt wird, nicht affirmativ sei, hatten weder 
Descartes, Spinoza und Leibniz, noch Kant bemerkt. Jenen 
wäre es sonst erspart worden, in den Paralogismus des 
ontologischen Arguments fürs Dasein Gottes zu fallen; dieser 
aber hätte sich nicht zu der falschen Definition des ana- 
lytischen Urteils verleiten lassen, wonach ein affirmatives 
Urteil analytisch sem soll, wenn sein Prädikat im Subjekt- 
begriff enthalten ist ; ein Irrtum, mit welchem viele w^eitere 
in der Kritik der reinen Vernunft zusammenhängen, unter 
anderem auch der verhängnisvolle Wahn, daß bloße ana- 
lytische Urteile die Erkenntnis nicht erweitern. Heute noch 
lebt er in vielen fort, obwohl er von Aristoteles schon zum 
voraus w^iderlegt worden ist, und Kant selbst unvermerkt 
einmal in auffälliger Weise dagegen Zeugnis gibt. Soll 
doch die Logik nach ihm rein analytisch und doch wahr- 
haft eine Wissenschaft, also eine Bereicherung miserer Er- 
kemitnis sein. Albert Lange, der große Bewunderer von 
Kant, bemerkte den Widerspruch, und um ihm abzuhelfen, 
verfiel er darauf auch die Logik auf synthetischen Erkennt- 
nissen a priori beruhen zu lassen. Da diese aber nur 
phänomenale Gültigkeit haben sollen, so erklärte Lange die 
Anschauung des Raumes als Unterlage aller logischen 
Operationen für wesentlich. Die geometrischen Zeichnungen 
von ineinander oder außereinander liegenden oder sich schnei- 
denden Kreisen, welche manche logische Lehrbücher der 
Darstellung der kategorischen Syllogismen beifügen, seien 
nicht etwas Nebensächliches, sondern es liege in ihnen 
geradezu der Nerv der Beweisführung. 

Doch sollte einer wirklich im Gegensatz zu dem, was 
einst Cicero sagte, glauben können, daß es im eigentlichen 
Sinne runde oder viereckige Begriffe von Tugend, Gerechtig- 
keit und anderen Laiiversalien gebe? — Gewiß nicht. Sie 
räumlich ausgedehnt nennen, wäre nur eine Metapher. Aber 
diese Übertragung, so gewüß sie aus dem Gebiet der Raum- 
anschauung hinaus führte, würde eine nur durch sie be- 
dingte xVnwendbarkeit von synthetischen Erkenntnissen 
a priori nicht weiter bestehen lassen. 



— ] 05 — 

XI. Tom Psychologismus. 

Man hat meiner Erkenntnislehre den Vorwurf des 
Psychologismus gemacht; ein neu aufgekommenes Wort, 
bei dem sich mancher fromme Philosoph, wie mancher 
orthodoxe Katholik bei dem Namen Modernismus, als stecke 
der Gottseibeiuns selbst darin, bekreuzigt. 

Um mich gegenüber einer so schweren Anklage zu ver- 
antworten, muß ich aber vor allem fi'agen, was denn eigent- 
lich damit gemeint sei ; denn man ist wieder und wieder 
mit dem Schrecknamen bei der Hand, auch wo es sich um 
sehr verschiedene Dinge handelt. Als ich bei einer freund- 
schaftlichen Begegnung Husserl und dann gelegentlich auch 
andere, die den von ihm neu eingeführten Terminus im Munde 
führen, um eine Erklärung ersuchte, sagte man mir, man 
meine damit eine Lehre, welche die Allgemeingültigkeit der 
Erkenntnis bestreitet; eine Lehre, nach der andere Wesen 
als der Mensch Einsichten haben könnten, die den unsrigen 
geradezu entgegengesetzt sind. 

In diesem Sinne verstanden bin ich nun nicht bloß 
kein Psychologist, sondern habe einen solchen absurden 
Subjektivismus sogai allezeit aufs entschiedenste verworfen 
und bekämpft. 

Doch darauf höre ich erwidern, ich sei dennoch Psycho- 
logist und hebe die Einheit der Wahrheit für alle auf; denn 
diese liestehe nur darum . weil dem wahren LTrteil etwas 
außerhalb des Geistes entspreche, welches für alle Urteilen- 
den ein und dasselbe sei. Bei den negativen Urteilen und 
bei denen, die etwas als möglich, unmöglich, gewesen oder 
zukünftig bezeichnen, könne nun aber dieses Etwas kein 
Ding sein und somit hebe ich, indem ich neben Dingen 
nicht auch gewisse Undinge, wie Nichtsein, Mögliclikeit. Un- 
möglichkeit, Gewesensein, Zukünftigsein u. dgi. als etwas, 
was sei, gelten lasse, hier die Einheit der Wahrheit für 
alle auf. 

Ich antworte, daß, selbst wenn in der Konsequenz jener 
Leugnung die Aufhebung der Allgemeingültigkeit der Er- 
kenntnis läge, es noch inmier nicht anginge, mich als 



— lß(3 — 

Psychologisten zu verschreien, da ich selbst diese Kon- 
sequenz nicht ziehe. Man dürfte nur etwa sagen, ich stelle 
Sätze auf, die in ihren Folgerungen zum Psychologismus 
führen müßten. 

Doch nicht einmal dies ist richtig; denn warum sollte 
es nicht auch ohne Voraussetzung solcher Undinge ein- 
leuchten können, daß zwei Urteile, von welchen das eine 
in einer gewissen Weise anerkennt, was das andere in der- 
selben Weise vermrft, ebenso wenig beide richtig sind, 
wemi zwei verschiedene Personen die beiden Urteile fällen, 
als wenn eine und dieselbe Person sie fällen würde? Es 
wird ja doch wohl niemand behaupten, daß, wenn selbst 
jene Undinge beständen, die Wahrnehmmig dieser Undinge 
und ihr Vergleich mit den eigenen Urteilen vorausgehen 
müßten, um uns in der Übereinstimmung oder Nichtüberein- 
stimmung der einen mit den anderen die Walu^heit oder 
Falschheit unserer Urteile erst erkennen zu lassen. Immer 
werden vielmehr unmittelbar evidente Wahrnehmungen von 
Dingen und unmittelbar evidente Leugnungen von Ver- 
bindungen, in die sie in unseren Vorstellungen eingegangen^ 
es sein, welche uns bei der Kritik, wie eigener, so fremder 
Gedanken den letzten Anhalt bieten. 

Dies zur Abwehr eines verunglimpfenden Geredes, von 
dem ich kaum glauben kann . daß man es wirklich jemals 
aus dem Munde irgendeines meiner persönlichen Schüler 
vernommen habe. Müßte ich es doch sonst, um Schlimmeres 
auszuschheßen , als Zeichen äußerster Gedächtnisschwäche 
deuten ^. 



^ Wenu wir heute noch mancheu die Eigeutümliclikeit der Evi- 
denz verkennend, die logische Gültigkeit mit der geuetischeu Not- 
wendigkeit eines Gedankens, sei es für den Einzelneu, sei es für die 
Gesamtheit des menschlichen Geschlechtes, verwechseln sehen: so habe 
ich wenigstens, sowohl in meinen Vorlesungen als auch in meinen 
Schi'iften, zwischen Gesetzmäßigkeit im Sinne der natürlichen Not- 
wendigkeit und im Sinne der Korrektheit einer Betätigung immer auf» 
Bestimmteste unterschieden. Ja, kein Früherer und (auch Husserl 
nicht ausgenommen) kein Späterer hat sich hierüber deutlicher und mit 
mehr Nachdruck aussprechen können, als ich es getan habe. 



— 107 — 

Doch nein ! Es bietet sich auch noch eine dritte Hypo- 
these. Man kennt die Art der Menschen, nnd daß sich 
ihnen unvermerkt die Begriffe verschieben, wo sie dann 
infolge der entstandenen Aquivokationen selbst nicht recht 
wissen, was sie sagen. So mag denn einem, der mich 
Psychologist nennt, solches Menschliche begegnet sein. 
Und in der Tat, nicht bloß der Subjektivist, auch der soll 
des Psychologismus geziehen werden, der da glaubt, daß 
die Psychologie in der Erkenntnislehre und Logik irgend 
ein Wort mitzusprechen habe. So sehr ich aber den Sub- 
jektivismus verdamme, so wenig werde ich mich dadurch 
zur Verkennung dieser Wahrheit verleiten lassen. Viehnehr 
steht sie mir so entschieden fest, als es mir paradox, ja 
absurd erscheinen müßte, wenn einer leugnete, daß die Er- 
kenntnis ein Urteil und das Urteil dem psychischen Gebiete 
zugehörig ist. Auch gilt darum, daß, wenn andere Wesen 
als wir an dex* Erkenntnis teilhaben, sie an solchem teilhaben 
müssen, was auch ins menschlich -psychische Gebiet fällt 
und nur hier direkt unserer Forschung zugänglich ist. 



Alteilburg 

Fierersche Hofbuchdruckerei 

Stephan Geibel & Co. 



BF 123 B 73 1.911 

University of British Columbia Library 



DUE 


DATE 


























































FORM 310 

1 



!^r'nY^f?.?.!77.,f?.^ B.c. LIBRARY 



3 9424 02944 0317 



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