$
: +
\
• * .
*\
JgENBiryORKTOTAfflCMiflUBK
Vorgeschichtliche Botanik.
«-^ji^
I
Vorgeschichtliche Botanik
der
l'iiltm- nihi Nutzpflanzen der alten Welt
auf Grund prähistorischer Funde.
Von
Georg Busch au.
Dr phil. et med.
LIBRARY
NEW YORK
BOTANICAL
GARDEN
t^^^j
Breslan 1895.
J. TJ. Kern's Verlag
(Max Müller).
Herrn Geheimen Regierungsrath
Professor Dr. Ferdinand Cohn
in Breslau
in Hochachtung und Dankbarkeit
gewidmet
voni Verfasser.
ubrarv
NEW YORK
Vorrede botani
Veranlassung zu der Entstellung der vorliegenden Studie gab
eine im Jahre 1883 von der philosophischen Fakultät der König-
lichen Universität zu Breslau ausgeschriebene Preisarbeit über
das Thema: „Ueber die Urvegetatiou und über die Kulturpflanzen
des gesammten Deutschland, ihre Einführung und Verbreitung
in den verschiedenen geschichtlichen Perioden: in der antiken
Zeit, zur Zeit der Völkerwanderung, im Mittelalter und bis auf
unsere Tage", an deren Lösung ich mich mit Erfolg betheiligte.
In dein von der Fakultät abgegebenen Gutachten heisst
es über den wissenschaftlichen ^Verth meiner Arbeit, unter
anderem, wie folgt: „Der Verfasser hat seine Abhandlung weniger
vom botanischen als vom kulturhistorischen Gesichtspunkte aus
bearbeitet und in derselben den Versuch einer Kulturgeschichte
Deutschlands, insofern diese in dem Anbau gewisser Gewächse
sich darstellt, zu geben versucht Wenn nun auch
der Verfasser hierbei zumeist auf das schon in früheren Be-
^ arbeituugen gesammelte Material angewiesen blieb, so hat er
cr> doch wenigstens für ein spezielles Gebiet, nämlich für Schlesien,
[75 neue selbstständige Untersuchungen angestellt, indem er die im
schlesischen Provinzialarchiv niedergelegten Urkunden, sowie die
schlesischen Lokal- und Provinzial-Geschichtsschreiber für seinen
E£ Stoff ausbeutete. Ganz besondere Anerkennung aber gebührt
der Abhandlung darum, weil in ihr zum erstenmale eine bisher
unbenutzte Fundgrube für die Kulturgeschichte unserer Heimath
in Bearbeitung genommen ist; der Verfasser hat aus den im
Breslauer Museum schlesischer Alterthümer aufbewahrten Gräber-
funden die darin enthaltenen Sämereien und andere Pflanzen-
reste sorgfältig gesammelt und bestimmt und ist dadurch in den
Stand gesetzt worden, neue Aufschlüsse über die prähistorischen
Kulturverhältuisse Schlesiens zu geben."
Während des verflossenen Dezenniums fand ich reichlich
Müsse, diese „bisher unbenutzte Fundgrube" reichlich auszu-
VIII
beuten. Dank meinen persönlichen Beziehungen zu vielen anthro-
pologischen Gesellschaften, Museen und Privatgelehrten des lu-
und Auslandes, gelang es mir, eine immerhin bedeutende Samm-
lung prähistorischer Kulturpflanzen — gegenwärtig belauft sich
dieselbe auf 150 Einzelfundc — im Laufe der Jahre zusammen-
zubringen, auf der die vorliegenden Untersuchungen basiren.
Im besonderen bin ich für liebenswürdige Zusendung des dies-
bezüglichen Materials, sowie für bereitwilligst erthcilte Auskunft
zum grossen Danke verpflichtet: den Herreu Vorständen der
Museen zu Berlin (Voss), Breslau (Luchs f, Grempler),
Dresden (Deichmüller), Danzig (Conwentz), Guben (Jen t seh),
Halle (Schmidt), Hannover (Tewes), Kiel (Messdorf), Königs
berg (Tischler f), Sclnverin (Beltzi, Stettin (Lemke), im
Ausland zu Pest (v. Török, Hampel), Triest (Puschi), Bo-
logna (Brizio), Modena (Boui), Parma (Strobel), Reggio-Emilia
(Bandieri), Rom (Pigorini), Verona (Cav. di Stefani t),
Ncuchätel (Wavre), ferner den Herren Castelfranco (Mailand),
D c g e n e r (Freiwalde), D e i ni u g e r (Keszthely), Mortille t (Paris),
M u g n i e r (Chambery), M u c h (Wien), S i r e t (Antwerpen), Wo ldri eh
(Brunn), Wosinsky (Arpad) u. A. m. Speziell bei der botanischen
Bestimmung zweifelhafter Funde habe ich freundliche Unter-
stützung von Seiten der Herren Professoren Dr. Körnickc-Bonn,
Dr. Wittmack- Berlin und Dr. Fcrd. Cohu-Brcslau erfahren,
von denen der letztere mir bei meinen Untersuchungen stets mit
seinem Rath liebenswürdig zur Seite stand, wie ich ihm überhaupt
die Anregung zu diesem Spezialstudiuni zu verdanken habe.
Das pflanzliche Material, das meinen Untersuchungen zu
Grunde liegt, befindet sich, soweit es nicht an das betreffende
.Museum wieder zurückgegangen ist, getheilt im Museum für
Völkerkunde zu Berlin, im Pflanzenphysiologischen Institut zu
Breslau und in meinem Privatbesitz.
■st <5t tin, den 1. Mai 1895.
G. Buschan.
Inhalts -Yerzeichiiiss.
I. Gramineae.
II. Cyperaceae.
III. Aroideae.
IV. Paluiae.
V. Aspltodeleae.
VI. Asparagineae.
YII. Coniferae.
Seite.
1. Triticuin 1
2. Ilordeum 35
3. Seeale cereale 50
4. Avena sativa 57
5. Andropogon Sorghum 63
G. Andiopogon laniger 65
7. Andropogon Schoenanthus 66
y. Penicetum spicatum 66
9. Eragrostis abessiniea 66
10. Eragrostis cynosuroides 67
1 1. Panicuni niiliaeeum 67
12. Panieuin italicum 67
1. Cyperus Papyrus 74
2. Cyperus esculentus 79
3. Cyperus alopecuroides SO
Aeorus Calainus 81
1. llyphaene thebaica 82
2. Medemia Argun 83
3. Phoenix daetylifera .85
1. Alliuin Cepa 91
2. Allium sativuni 94
3. Allium ascolonicum 95
4. Allium Porrum 97
Asparagus officinalis 98
1. Juniperus phoenicea 99
2. Pinus Cedrns 100
X
Yin.
IX.
x.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.
XVIII.
XIX.
XX.
XXI.
XXII.
XXIII.
XXIV.
XXV.
XXVI.
XXVII.
XXVIII.
XXIX.
XXX.
Inhalts -Verzcichniss.
Seite.
Cnpuliferae. 1. Castanea vesea 101
2. Fagus silvatica 104
3. Coiylus avcllana 104
Jnglandeae. Juglans regia 107
Artocarpeac. 1. Ficus Sycomorus 109
2. Ficus carica Hl
Urticeae. Cannabis sativa 115
Celtidoideae. Celtis australis 117
Staphjieacoae. Staphylea pinnata L18
Euphorbiaceac. Ricinus communis 1 1 ^
Polygoneae. 1. Polygonum vulgare und
Polygonum convolvulus 120
2. Polygonum fagopyrum 121
Labiatae. 1- Mentha piperita 123
2. Rosmarinus officinalis 12-1
CoilTOlvulaceae. Convolvulus Scoparius 124
Sesameae. Sesam Orientale 121
Jasutineae. Jasminus Sambuc 12(1
Oleineae. Olea europaea 127
Ebenaceac. Ebenoxylum verum 136
Rnbiaceae. 1. Sambucus nigra 137
2. Sambucus Ebulus 137
Vaccinieae. Vaccinium myrtillus 138
Sapotaceae. Mimusops Schimperi 138
Cordiaceae. Cordia myxa 140
Coilipositae. 1. Carthamus tinctorius 141
2. Cynara Cardunculus 143
3. Lactuca sativa .' 143
4. Ceruana pratensis 144
Hederaceae. Cornus mas 145
ITmbelliferaC. 1. Anethum graveolens 147
2. Apium graveolens 147
3. Pastinaca sativa 148
4. Cuminum cyminum 148
5. Daucus carota 148
6. ' lamm carvi 149
7. Coriandram sativum 149
s. Pimpinella Anisuni 149
Cliciiopodiacoac. Chenopodl albnm 150
Porlulnceae. Porfnlaca oleracea 151
Inhalts-Verzeichniss. XI
Seite.
XXXI. Cncnrbitaceae. 1. Citrullua vulgaris 151
2. Lagenaria vulgaris 152
3. Cucumis Melo 153
4. Cucumis Chate 153
5. Momordica Balsamina 154
XXXII. Granateae. Punica Granatum 155
XXXIII. Myrtaceae. Myrtus communis 1G0
XXXIV. Tamaricaceae. Tamarix nilotica 101
XXXV. Lythraceae. . Lawsonia inermis 1G2
XXXVI. Onagraceae. Trapa natans 1G4
XXXVII. Pomaceae. 1. Pirus malus 1GG
2. Pirus communis . . 173
* 3. Pirus aria 17G
4. Sorbus aucuparia 17G
XXXVHI. Amygdaleae. 1. Prunus avium 177
2. Prunus insiticia 1SI
3. Prunus spinosa 183
4. Prunus Padus 184
5. Prunus Mahaleb 18G
G. Prunus Persica 1SG
Fragariaccae. 1. Fragaria vesca 188
2. Rubus idaea 188
3. Rubus fruticosus 1S8
Mimosaccac. 1. Acacia nilotica 190
2. Moringa aptera 193
Caesalpiniaceac. Ceratonia siliqua 194
Papilionaceac. 1. Lupinus Tennis 19G
2. Indigofera tinctoria 197
3. Cicer arietinum 198
4. Pisum arvense et sativum 199
5. Ervum Ervilia 202
G. Ervum lens 203
7. Lathyrus sativus 20S
8. Lathyrus hirsutus 209
9. Faba vulgaris 209
10. Cajanus indicus 21G
XLIII. Terebinthaeeae. 1. Pistacia Terebinthus 217
2. Pistacia lentiscus 21S
XLIV. Rhainneao. 1. Zizyphus Spinae Christi 219
2. Zizyphus lotus 219
3. Zizyphus vulgaris 219
XXXIX.
XL.
XLI.
XLII.
XII Inhalts -Verzeichniss.
Seite.
XLV. Ampelideae. Vitis vinifera 220
XLVI. Aurantiaceae. 1. Citrus aurantium 230
2. Citrus medica 230
XLVII. Olacineae. Balanites aegyptiaca 231
XLVIII. Tiliaceae. Oncoba spinosa 231
IL. Malvaceae. 1. Gossypium herbaceum 232
2. Gossypium religiosum 232
L. Liueae. 1. Linum angustifolium 234
2. Linum usitatissimum vulgare 234
3. Linum usitatissimum humile 234
LI. Crnciferae. 1. Raphanus sativus 243
2- Beta vulgaris 211
3. Sinapis arvensis 244
LH. Papaveraceae. Papaver setigerum 245
Yerzeiclmiss der Fundorte mit vorgeschichtlichen Cnltnrpflauzen. 249
Literatur 2G3
I. Gramineae.
1. Triticum. Weizen. .
A. Stammformen der Weizensorten.
Ueber die Stammformen der verschiedenen Saatweizen gingen
die Ansiebten der Botaniker bis vor nicht zu langer Zeit sehr
auseinander; die eingehenden Untersuchungen Körnicke's haben
jedoch nunmehr Klarheit über diese Frage geschaffen.
Hiernach ist die Einheit der verschiedenen Weizensorten zur
unumstösslicheu Thatsache geworden. Harz 1 ) freilich glaubt,
noch vier Stammformen unterscheiden zu müssen: Triticum vul-
gare, durum, polonicum und dicoecum, und betrachtet die übrigen
Sorten als Kreuzungsproducte zwischen einzelnen derselben; so
Triticum turgidum als Kreuzung zwischen Triticum vulgare und
durum; Triticum spelta als solche zwischen Triticum vulgare
und monocoecum, und Triticum dicoecum endlich als Kreuzung
zwischen Triticum durum und monocoecum. Körnicke' 2 ) da-
gegen nimmt mit Recht einen anderen Standpunkt ein. Er
scheidet von vornherein Triticum monocoecum als selbstständige
Art von den übrigen Weizensorten aus und fasst diese alle,
nämlich Triticum vulgare, compactum, turgidum und durum
als Varietäten, beziehungsweise Abkömmlinge der gemeinsamen
Stammform des gewöhnlichen Weizens (im weitesten Sinne) auf;
Triticum polonicum dagegen mit seinen Varietäten Triticum
spelta und Triticum dicoecum hält er für nahe Verwandte dieses
Triticum vulgare. - Diese Eintheilung von Körnicke, unserem
unstreitig grössten Getreidekenner, die entschieden auf einem
eingehenden Studium beruht, soll für uns bei der nachfolgenden
Betrachtung der einzelnen Weizensorten maassgebend sein.
1 ) Harz, Lanriwirtlisch. Samenkunde S. 1179.
2 ) Kör nicke, Getreidebau S. 40.
G. Buschan, Vorgeschichtliche liotanik.
£ I. Gramineae. — Triticum.
Kör nicke theilt die Weizensorten ein, wie folgt:
I. 1. Triticum vulgare Vill. Spindel zäh, Körner beim Drusch
gelöst.
a) Triticum vulgare im engeren Sinne,
b) Triticum compactum Horst. Zwergweizen,
c) Triticum turg'ulum L. englischer Weizen,
d) Triticum durum Desf. Hartweizen.
2. Triticum polonicum. Spindel zerbrechlich, Körner beim
Drusch in den Aehrchen eingeschlossen.
II. Triticum monococcum.
Als Urform sämmtlicher unter I aufgeführten Weizeusorten
muthmasst Körnicke 1 ) die Gattung Aegilops, und von den
heutigen Varietäten als dieser Urform am nächsteu stehend den
Spelt, da dieser in gewissen Eigenthümlichkeiten sehr stark an
einige Aegilopsarten noch erinnert. Tausch ging sogar soweit,
eine bestimmte Aegilopsart, die sehr viel Aehnlichkeit mit dem
Spelt besitzt, deswegen als A. speltoides zu bezeichnen. Jedoch
kann diese nach Köm icke 's Ansicht als noch lebende Urform
insofern nicht in Betracht kommen, als sie eine zu dünne Aehre
und nur ein Würzelchcn im Keimling besitzt, im Gegensatz zu
dem Saatweizen, der 'eine dicke Aehre und drei Würzelchen
aufweist.
Wittmack 2 ^, der sich gleichfalls mit der Frage nach der
Abstammung der Getreidearten seit längerer Zeit beschäftigt hat,
ist im Grossen und Ganzen zu dem gleichen Resultate wie
Körnicke gekommen. Auch er fasst sämnitlichc angebauten
Weizensorten als Angehörige einer einzigen Art auf und dehnt
diese Zugehörigkeit sogar noch auf das Einkorn aus. Körnicke
hatte anfänglich die gleiche Auffassung vertreten, sie jedoch
später zu Gunsten seiner jetzigen Theorie wieder fallen gelassen.
Für ihn gilt Triticum monococcum als eine eigene Species, zu
der auch eine besondere Urform, Triticum aegilopodiuides Ball.
gehört 3 ).
Nach Wittmack soil die mutmassliche Urform sämmtlicher
Weizensorten dem Triticum dicoecum am nächsten stehen. Ob
man nun aber den Spelt (Triticum spelta) oder den Ennner
(Triticum dicoecum) als die der Urform am meisten verwandte
') Körnicke, Getreidebau s. 34.
■*) Wittmack, in Nachrichten a. d. Rlub der Landwirthe 1881. S. 779.
3) Körnicke, Getreidebau 9. 34.
I. Giiirnineae. — Triticum. 3
heutige Pflanze annimmt, bleibt sieb meines Eracbtens gleicb.
Denn der erstere scheint nur eine besondere Kulturform des
letzteren zu sein, dem, wie es scheint, das höchste Alter von
den Weizensorten gebührt. Körnieke's und Wittmack's An-
sichten über die Stammform des Weizens dürften sich somit
einander begegnen.
B. Allgemeines über die Kulturformen.
Der Weizen ist unstreitig die älteste Kulturpflanze, welche
die alte Welt kennt; denn bereits Jahrtausende vor unserer Zeit-
rechnung besitzt derselbe eine Verbreitung, die sich nicht bloss
über die alten Kulturstaaten Asiens (Mesopotamien, Babylonien,
China, Indien) und Afrikas (Aegypten), sondern auch über einen
grossen Theil unseres eigenen Continents (jüngere Steinzeit)
erstreckt.
Für das Pharaoneuland liegen als Beweis eine Fülle bildlicher
und schriftlicher Darstellungen vor, die bis ins 3. Jahrtausend
v. Chr. zurückreichen und uns belehren, dass hier der Weizen
als hauptsächlichste Brodpflanze im Grossen angebaut wurde.
Diese Darstellungen behandeln die verschiedensten Manipulationen
des Ackerbaues, vom Säen an bis zum Brodbacken, auf deren
Wiedergabe wir hier verzichten wollen, da eine Schilderung der-
selben allein ganze Seiten füllen würde. Es sei hinsichtlich der
Einzelheiten 1 ) auf die interessante Studie von Wönig „Ueber
die Pflanzen des alten Aegypten" verwiesen, auf die wir im
Laufe dieser Schrift, so oft es sich um Gewächse des alten
Pharaonenlandes handeln wird, noch vielfach zurückkommen
werden.
Wie bei diesem grossen Ansehen, welches nachweislich die
Weizenpflanze in Aegypten seit Bestehen des Reiches genoss,
Herodot 2 ) die Behauptung aufstellen konnte, dass seine Be-
wohner es für Schimpf und Schande hielten, von Weizen und
Gerste zu leben, ist nicht recht erklärlich. Für die Gerste dürfte
diese Mittheilung, wie wir an anderer Stelle noch sehen werden,
auch nur im beschränkten Maasse Gültigkeit besitzen. — Aus
den monumentalen Darstellungen sowohl, als auch aus den Funden
geht im Gegentheil hervor, dass die alten Aegypter bereits zwei,
wo nicht sogar drei — das Vorkommen der dritten Spezies ist,
») Wönig, Pflanzen S. 164 n. f.
») Herodot 11, 36.
4 I. Gramineae. — Triticam.
wie wir sogleich seilen werden, streitig — Sorten anbauten :
den gewöhnlichen Weizen (Triticum vulgare Will.), den Ennner
(Triticum dicoccum Sehr.) und den Bartweizen (Triticum turt/i-
dum L.). Für die beiden ersteren Sorten besitzen wir sichere
Belege in exaet bestimmten Samenfanden aus den Gräbern. Die
dritte Spezies will De Candolle zwar auch in sehr alten
Mumiensärgen festgestellt, haben, jedoch wird die Richtigkeit
dieser Bestimmung von einzelnen Autoren in Zweifel gezogen.
Immerhin lässt sich für sie der Umstand ins Feld führen, dass
eine Abbildung existirt, auf welcher der Künstler neben be-
granntem Weizen, auch solchen mit unbegrannten Aehren, offenbar
also den Bartweizen , zur Wiedergabe bringt. — Der Spelt
(Triticum Spelta L.) soll, wie verschiedentlich angenommen wird.
gleichfalls im alten Aegypten Kulturpflanze gewesen sein, jedoch
dürfte diese Behauptung berechtigtem Zweifel begegnen, wie ich
weiter unten des Ausführlichen noch darlegen werde.
Für Palästina lässt sich die Kenntniss vom Weizen und seiner
Kultur in gleicher Weise bis in die älteste Zeit zurück nach-
weisen. Im Pentateuch ' ) wird dieses Land als ein an Weizen
höchst fruchtbares geschildert, das, wie sich auch später noch
herausstellte, nicht nur seine Bewohner in überaus reichlichem
Maasse mit dieser Getreideart versorgen konnte, sondern auch,
wenigstens zur Zeit des Propheten Hezechiel -2 ), nach auswärts
hin lebhaften Weizenexport betrieb. Besonders berühmt war der
Weizen von Minnith, jenseits des Jordan im altanaiuonitischen
Gebiet. — Wenn wir Jesaias 8 ) Glauben schenken dürfen, war
es in Palästina nicht üblich, den Weizen in unserer Art auszusäen,
sondern ihn vielmehr wie ein Gartengewächs in Reihen zu
pflanzen, offenbar um hierdurch eine grössere Fruchtbarkeit zu
erzielen. Strabon 4 ) scheint dasselbe Verfahren im Sinne zu
haben, wenn er aus Babylonien berichtet, dass man dort die
Körner weit von einander säe, weil jede Pflanze mit ihren
Wurzeln viel Raum beanspruche. In neuerer Zeit konnte es
Niebuhr noch bei einigen Völkei schalten des südlichen Arabien
beobachten. — Ein eigenthümlichcs Gericht der alten Hebräer
») 5. Mos. VIII, 8 undXXXli, II: ferner Richter Vi || ; •_> Samuel IV
G u. a. in.
*) Hezechiel XXV11. 17, h 1 Kön. V, ll
8) Jesaiaa XXVIII, 25.
*) Strabon XV, 3
I. Gramineae. — Triticum. J
war das geres carmel, d. b. zerriebene grüne Aehren, ein Gericht,
das nach Rosenmüller ') mit einer Speise identisch gewesen
sein soll, welche das Volk in Unterägypten als ferik noch heutigen
Tages geniesst und sich in der Weise herstellt, dass es Weizen-
ähren vor der Reife abschneidet, trocknet und leicht im Ofen
röstet, sodann zerstösst und mit Fleisch zusanimenkocht.
Das gleiche, was für Palästina hinsichtlich des Weizenbaues
gilt, lässt sich auch auf die angrenzenden Euphratländer über-
tragen. Die Schriftsteller der Alten schildern diese Niederungen
als äusserst fruchtbare Gebiete: in diesem Sinne preist Herodot' 2 )
Assyrien, das Weizenblätter von reichlich vier Finger Breite er-
zeuge, ferner Theophrast :i ) und Strabon 4 ) Babylonien, wo
man sogar genöthigt sei, den Weizen im Jahre zweimal zu
schneiden und zum dritten Male von den Schafen abweiden zu
lassen, um ihn dann erst in den Halm wachsen zu lassen.
Gehen wir noch weiter, nach Osten, so können wir auch für
Indien das hohe Alter des Weizens nachweisen; denn das
Sanscrit besitzt bereits zwei Namen für diese Halmfrucht:
sumana und göclhuma.
Was ferner China betrifft, so soll nach einer Sage der Söhne
des Reiches der Mitte der Weizen ums Jahr 2800 v. Chr. durch
Kaiser Schen-nung (oder Sehin-nong) hierselbst eingeführt worden
sein. Dieser Fürst verordnete gleichzeitig, dass zu den fünf
Samensorten, die bei einer alljährlich wiederkehrenden Festlich-
keit, wie es Sitte war, ausgesät wurden, auch der Weizen ge-
hören solle. Hierin haben wir entschieden einen Beweis für das
hohe Ansehen, welches der Osten Asiens dieser Getreidepflanze
schon frühzeitig entgegenbrachte. Halten wir auf dem europäischen
Continente Umschau, so können wir an der Hand der zahlreichen
prähistorischen Samenfunde, die weiter unten Gegenstand aus-
führlicher Darstellung werden sollen, mit Sicherheit konstatiren,
dass mit dem Beginne der sogenannten neolitischen Kultur-
strömung, als deren Vertreter man die Arier schlechthin be-
zeichnet, auch Ackerbau, darunter vor allem Weizen, seinen
Einzug in Europa hielt. Gegen Schluss dieser Periode finden
') Rosenmfiller, Bibl. Naturgeschichte S. 81 ; Jesaias V, 11; Ruth 11,12.
Samuel XVII, 17.
*) Herodot I, 193,
3 ) Theophrast, de caus. plant VIII, 7.
4) Strabon XV, 3.
I. Gramineae. — Triticu
in.
wir diese Halmfrucht bereits über einen grossen Länder complex ver-
breitet, der sich nicht bloss auf die Küsten des Mittelnieeres be-
schränkt, sondern sogar auch bis nördlich der Alpen ausdehnt. Was
im speziellen die Völker des klassischen Alterthums betrifft, so er-
scheint bereits der Weizen als Kulturpflanze beim Beginne ihrer
Geschichte. Es ist überflüssig, sich über dieses bereits breit-
getreteue Thema näher auszulassen. Hervorheben will ich nur,
dass die homerischen Griechen zwei Weizensorten kannten: Tivpoc,
den gewöhnlichen Weizen, und SXopa, eine Sorte, die als Spelt (?)
gedeutet wird, wahrscheinlich aber den Emmer bedeutet, und
dass zur Zeit des Theophrast die Kultur schon viele Sorten
Weizen hatte entstehen lassen, die sich nach Farbe, Grösse,
Gestalt und anderen Eigenthümlichkeiten, wie Wirkung und Nähr-
werth unterschieden.
Da ich in dieser meiner Arbeit vorwiegend auf die vor-
geschichtlichen Samenfunde Gewicht lege , so gebe ich im
folgenden eine der Zeit und dem Ort nach geordnete Zusammen-
stellung aller darauf bezüglichen Fundstelleu, von denen ich ent-
weder in der Litteratur oder durch zugesandte Samenprobeu
Kenntniss erhalten habe. (Von den mit einem Sternchen bezeich-
neten Fundstätten besitze ich Proben in meiner Sammlung.)
I. Neolithische Periode.
A. Europa.
Belgien: Pfahlbau Bovere im Scheldethale.
Deutschland :*Aschengruben am Andreasthor von Erfurt,
*Hüttcnbewurf von Ettersberg in Thüringen,
Opferhügel von Mertendorf in Thüringen,
*Pfahlbau zu Schussenried in Würteniberg.
Frankreich: Pfahlbau von Martres-de-Veyre.
Italien: Pfahlbau von Casale in Oberitalien,
Pfahlbau auf Isola Virginia im Varese-See,
Pfahlbau von Lagozza,
Ilüttenreste auf dem Monte Castellacio,
Terramare von Oogozzo.
Oesterreich: Pfahlbau im Mondsee.
Schweiz: "Pfahlbau zu liobenhausen,
Pfahlbau zu Wangen,
Pfahlbau zu Lttseherz.
Ungarn: 11 ütteubewurf von Mayaräd im Hontcr Komitat,
I. Gramineae. — Triticum.
der Höhle von Naüdor im
Ungarn : Feuerherdreste in
Hunyader Komitat,
Schanzwerk von Lengyel,
Niederlassung in der Aggtelek- Höhle,
*Niederlassung von Felsö-Dobsza.
B. Afrika:
Aegypteu: Ziegel von Eileythia.
Ziegel von Dashür.
Italien:
Oesterreich:
Schweiz :
Spanien:
II. Bronze -Periode.
A. Europa.
*Terramare zu Castione.
Höhle von Byeiskäla in Mähren,
Pfahlbau Olmütz in Mähren.
Quadenfestuug Stillfried.
Pfahlbau auf der Petersiusel.
*Pfahlbau zu Auvernier,
Pfahlbau zu Montelier.
*Niederlassung zu Oficio;
*Niederlassung zu Jueuta,
*Niederlassung zu Lugarico viejo,
-Niederlassung zu Argar.
*Terrarnare von Toszeg,
Niederlassung zu Kölesd.
Bronzegefässfund auf Laaland.
B. Afrika.
Verschiedene Funde.
C. Asien.
Klein-Asien: *Zweite Stadt des Burgberges zu Hissarlik(Alt-Troja).
Ungarn :
Schweden :
III. Eisen- Periode.
Deutschland :*Burgwall von Schliebeu in Sachsen,
"Burgwall von Koschütz in Sachsen, /
*Urnenfeld (?) zu Aschersleben in Sachsen,
Italien :
Urnenfeld von Starzeddel in Brandenburg,
*Urneufeld von Karzen in Schlesien.
*Fund zu Aquileja.
*Fund zu Pompeji.
Oesterreich: *Urnenfeld zu Lobositz.
sämnitlicfa
»gen.
spät-römische Zeit.
" I. Gramineae. — Triticum.
Den weitaus grössten Theil dieser Weizenfunde habe ich
selbst in Augenschein nehmen und prüfen können. Gleichzeitig
überzeugte ich mich dabei, wie ausserordentlich schwierig es ist,
die Spezies zu bestimmen, wenn man hierbei nur auf Körner und
manchmal nur auf solche in sehr beschränkter Anzahl, nicht auf
A ehren oder ganze Pflanzen angewiesen ist, wenn gleich zum
Vergleiche Proben aus einer ganzen Reihe Fundstätten vorliegen.
Ist es doch schon mit Schwierigkeiten verknüpft, einem einzelnen
Weizeukorn modernen Ursprunges anzusehen, zu welcher Sorte
dasselbe gehört, nun wie viel schwieriger wird dies für die vor-
geschichtlichen Körner halten, die sich nicht selten in ziemlich
defectem Zustande conservirt haben. Uebcrdies treten uns diese
Samen in beinahe ebenso vielen Variationen schon entgegen, wie
die der Jetztzeit; denn wir können an ihnen alle Uebergänge
zwischen den einzelnen Formeu der modernen Weizensorten be-
obachten. Aus diesem Grunde sind die Speziesbestimmungen in
diesem und den folgenden Kapiteln zum Theil mit Vorbedacht
aufzunehmen. Einen weitereu Beweis von der Schwierigkeit bei
der Bestimmung einzelner Körner erhielt ich durch die Thatsache,
dass selbst Autoritäten auf dem Gebiete der Getreidekenntniss,
wie die Herren Professoren Körnicke und Wittmack, an denen
ich bei der Bestimmung vorgeschichtlicher Samen eine überaus
freundliche Unterstützung fand, nicht nur nicht immer im Stande
waren ihr Urtheil bestimmt abzugeben, sondern sogar in der
muthmasslichen Bestimmung einzelner Funde öfters von einander
abwichen. Bei solcher Meinungsverschiedenheit in der Arten-
bestimmung habe ish im folgenden dieselbe entweder angegeben
resp. die Bestimmung mit einem Fragezeichen versehen oder Hin-
durch Vergleich mit anderen Funden eiii selbstständiges Urtheil
gebildet.
C. Die einzelnen Weizenart en.
Triticum vulgare Villar. Gewöhnlicher Weizen. Triticum
vulgare war, wie bereits in dem Kapitel allgemeinen Inhalts über
den Weizen hervorgeholten, sehr verbreitet im Pharaonenlande.
Den Beweis für sein hohes Alter lieferte Unger 1 ), insofern er
in den Ziegelresten verschiedener Pyramiden neben lang-
geschnittenem Stroh auch Körnerreste des gewöhnlichen Weizens
nachwies. Die Beschaffenheit dieser Körner, sowie die der aus
>) Unger, Streifzüge IV. S. 97.
I. Gramineae. — Triticum. "
den Königsgräbern stammenden wird von den Botanikern, denen
sie zur Begutachtung vorlagen/ verschiedentlich angegeben.
Während einige derselben keine Abweichung von den heutigen
Formen herausfinden konnten, glaubten andere dagegen Exemplare
darunter beobachtet zu haben, deren Grösse die unserer heutigen
Sorten noch übertrifft, und Seh weinfurth ') im Gegensatz hierzu
findet seine Exemplare von auffallender Kleinheit und vergleicht
sie mit dem heutigen Bahara-Weizeu. — Der hieroglyphischc
Name für den Weizen war sou, und hat sich als souö noch im
Koptischen forterhalten.
Von Weizenkörner-Funden aus der Vorzeit der alten asiatischen
Kulturstaaten, deren einträglichen Weizenbau wir auf Grund
der Nachrichten der Alten wohl voraussetzen dürfen, habe ich
keine Kunde erhalten.
Dagegen lieferte unser europäischer Continent reichliches
Material aus seiner Vorzeit. Wir finden unter diesem alle mög-
lichen Formen vertreten : vom kleinsten Korn an, das weit hinter
den kleinsten Exemplaren der Neuzeit zurücksteht, bis zu
grösseren, die den modernen Samen in der Grösse wenig nach-
stehen, und von denen sich schwer sagen lässt, ob wir sie nicht
lieber zu Triticum turgidum rechnen sollen. — Bekanntlich hat
Heer' 2 ) in seinem Schriftchen über die Pflanzen der Pfahl-
bauten eine durch ihre winzige Grösse auffallende Weizenart von
dem gewöhnlichen Weizen abgezweigt und als besondere Unterart
aufgestellt, der er den Namen Triticum vulgare antiquorum
beilegte. Er kennzeichnet dieselbe mit folgenden Worten: Hat
eine kurze, dicht gedrängte, klein- aber vielkörnige, grannenlose
Aehre mit sehr scharf gekielten Spelzen und weicht vom gewöhn-
lichen Weizen ebenso weit ab, wie der Wunder- und Hartweizen,
stellt daher eine sehr ausgezeichnete und wie es scheint unter-
gegangene Weizenform dar. Sie unterscheidet sich vom gewöhn-
lichen Weizen nicht allein durch die Kleinheit der Körner,
sondern auch durch den scharf vorstehenden Kückenkiel der
Spelzen und dadurch dass je 8 -4 Körner in jedem Aehrchen
sich ausbilden, während beim gewöhnlichen Weizen nur 2 — 3.
In der Bildung der Spelzen nähert sie sich mehr dem Hartweizen,
von dem sie freilich durch die gar viel kleineren, namentlich
kürzeren Körner und den Mangel der Grannen sehr abweicht.
i) Schweini'urth, Neue Beiträge 1883. S. 54-1.
*) Heer , Pflanzen S. 13.
10 I. Gramineae. — Triticum.
Die ganze Aehre hatte wahrscheinlich eine Länge von etwa
44 mm, bei einer Dicke von 10 mm, die einzelnen Aehrchen aber
sind 6—7 mm hoch und 9—10 mm breit, die äussere Hüllspelze
aber hat 5 mm Länge. Sie besitzt einen sehr scharfen, vom
Grund ausgehenden Rückenkiel und eine kurze, etwas einwärts
gekrümmte Spitze; neben dem Kückenkiel tritt jederseits noch
ein mehr oder weniger deutlicher Längsstreifen hervor. Die
äussere Deckspelze ragt beträchtlich über die Hüllspelze hinaus
und endet auch in eine kurze gekrümmte Spitze, besitzt daher
keine Granne. Das Korn ist durchschnittlich 5 mm, zuweilen
aber auch nur 4 mm lang und hat eine Dicke von 3'/2 mm.
Es ist stumpf abgerundet, tief gerinnt, auf der Rückenseite
stark gewölbt. Die drei- bis viersamigen Aehrchen stehen
ungemein dicht beisammen und überdecken die Spindel voll-
ständig.
He er 's Bestimmung, die für spätere Autoren maassgebend
war, hat bei Körnicke keinen Beifall gefunden. Er hält die
von Heer als Triticum vulgare antiquorum abgebildeten Körner
für weiter nichts als für solche des Triticum compactum. Zu-
gegeben, dass diese Abbildungen einen solchen Eindruck machen,
so lehrt hingegen die Betrachtung der in meiner Sammlung be-
findlichen Weizensorten und ein Vergleich derselben unter einander,
dass ohne Zweifel unter den vegetabilischen Funden der Vorzeit
Weizenkörner vorkommen, die durch ihre eigenartige Form und
Kleinheit von dem gewöhnlichen Weizen ein gewisses ab-
weichendes Verhalten zeigen, und sich mehr dem Triticum
compactum nähern, ohne jedoch mit diesem identisch zu sein.
Körner von der Grösse und Form, wie sie Heer beschreibt, sind
mehrfach von den Autoren unter den vorgeschichtlichen Funden
beobachtet worden; so bestimmte sie Staub aus der Aggtelek-
Höhle, Sordelli aus der Pfahlbaute zu Lagozza, Unger aus
dem Ziegel zu Dashür, Rostrup aus einem Bronzefund auf
Laaland, Regazzoni aus dem Varese-See u. A. m. Die end-
gültige Entscheidung der Frage nach der Art der fraglichen
Körner wird uns wesentlich dadurch erschwert, dass — abgesehen
von den schweizerischen Pfahlbautenfunden — nirgends Aehren
derselben gleichzeitig erhalten geblieben sind. Dass die von
Heer (Fig. 18) abgebildeten Körner insgesammt zu Triticum
compactum zu rechnen seien, will mir nicht einleuchten. Viel-
mehr scheinen die in der ersten Reihe nur verkümmerte Formen
des gewöhnlichen Weizens zu sein; solche kleine, schmale
I. Gramineae. — Triticum.
11
Exemplare kommen mitten unter viel grösseren Körnern mehrfach
vor. Dagegen würde die zweite Reihe der Abbildungen (Fig. 18)
eher zu der Auffassung von Körnicke berechtigen, wenn nur
nicht die exquisite Kleinheit der Körner und ihre abgerundete
Form ein Hinderuugsgrund wären, Eigenschaften, die deutlich
durch Vergleich mit den in Fig. 19 abgebildeten auffallen. Die
Form dieser von Heer in der zweiten Reihe der Fig. 18 ab-
gebildeten Körner nun, sowie solcher aus mehreren anderen
Funden, die ich ziemlich passend mit Kaffeebohnen vergleichen zu
dürfen glaube, ist so tibereinstimmend, dass kein Zweifel darüber
bestehen kann, es handele sich hier um eine besondere Form oder
vielmehr Abart. Der Rücken ist stark gewölbt, so dass der
Same nicht selten fast kugelig erscheint; die Enden sind ab-
gerundet, die Furche ziemlich tief. — Halten wir Umschau unter
den modernen Weizensorten, so würden diese Eigenschaften noch
am meisten auf Triticum compactum. den Binkelweizen, passen;
nur die Kleinheit der Körner und ihre starke Abrundnng an den
beiden Enden wäre ein nicht wegzuleugnender Unterschied,
üemgemäss stelle ich die fraglichen Körner zwar zum Binkel-
weizen, halte sie aber für eine eigene Abart und schlage für
diese die Bezeichnung Triticum compactum var. globiforme vor.
Hierdurch ist zugleich auch die Gestalt der Körner charakterisirt.
Nähere Details will ich in dem Kapitel über den Binkelweizen
geben und somit diese Körnerart bei der folgenden Betrachtung
des Triticum vulgare unberücksichtigt lassen. Zuvor möchte
ich aber noch darauf hinweisen, dass auch Deininger 1 ) in
seiner jüngst erschienenen Monographie über die Pflanzenreste
von Lengyel an einer Anzahl Körner neben ihrer auffälligen
Kleinheit im besonderen das Verhältniss der Länge zu der
Breite betont hat, das so gering sei, dass das Korn, von
der Rückseite betrachtet, kugelförmig erscheine. Dieses eigen-
artige Verhalten veranlasste Deininger, diese Körner als
besondere Abart aufzufassen, die er indessen zu Triticum
vulgare stellt und nach He er 's Vorgang als Triticum
vulgare antiquorum bezeichnet. Mir scheint jedoch die Zu-
gehörigkeit dieser Körner zu Triticum compactum natürlicher
zu sein.
l ) Deininger, Pflanzenreste S. 271 0. f.
12
I. Gramineae. — Triticura.
Verbreitungsgebiet des Triticum vulgare auf Grund vor-
geschichtlicher Funde.
I. Neolithische Periode
Deutschland
: Andreasthor,
Ettersberg,
Schussenried,
Mertendorf.
Frankreich:
Martrcs-de-Veyre
Italien:
Castellacio,
Lagozza.
Oesterreich:
Mondsee.
Schweiz :
Robenhausen,
Wangen.
Ungarn :
Felsö-Dobsza,
Aggtelek,
Lengyel.
Aegypten:
Dashür.
II. Bronze - Periode.
Italien:
Castione.
Spanien:
Oficio,
Juenta,
Lugarico viejo.
Ungarn :
Kölesd.
III. Eisen-Periode.
Deutschland
: Schlieben,
Koschütz.
Oesterreich :
Lobositz,
Labegg.
Die Weizenkörner, die aus diesen vorgeschichtlichen Nieder-
lassungen etc. stammen, gehören unstreitig der Spezies Triticum
vulgare an und unterscheiden sich in nichts von modernen
Körnern. Wie an diesen, finden wir auch an ihnen alle mög-
lichen Grössenverhältnisse vertreten, über welche die folgende
Tabelle Auskunft giebt:
I. Gramineae. — Triticum.
13
Triticum vulgare Vill.
Das i
;rösste
Korn
Das kleinste Korn
Fundort.
Zeit.
Mittel in mm.
in mm.
in mm.
Länge.
Breite.
Dicke
Länge.
Breite.
Dicke.
Länge.)
Breite. Dicke.
Robenhausen . . .
N.
4,4
3,3
2,7
5,2
3,6
3,0
4,0
3,2
2,4
B.
4,6
3,4
—
5,6
4,0
—
3,2
2,8
—
E
4,8
3,1
2,5
6,4
3,6
2,8
4,0
2,4
1,6
B.
4,9
3,4
■ —
5,6
3,2
—
4,0
3,2
—
Ettersberg
N.
5,1
3,5
2,8
7,2
3,6
3,2
4,8
3,2
2,8
Andreasthor . . .
N.
5,1
2,7
2,2
6,9
3,4
2,8
4,4
2,5
2,0
N.
5,2
2,6
—
5,6
2,8
—
4,8
2,4
—
Oficio
B.
N.
5.2
5,2
3,2
3,2
2,4
5,6
6,0
3,2
3,2
2,8
4,8
4,4
2,8
3,8
—
Felsö-Dobzsa . .
2,0
B.
! 5,4
2,8
2,5
6,0
3,2
2,6-
4,8
2,4
M
Lobositz
E.
5,6
3,2
3,1
6,4
3,2
3,6
5,6
2,4
2,4
Schusscnrlcd . . .
N.
6,3
3,9
3,5
7,1
4,0
3,7
4,6
4,0
2,6
Kolesd
B
6,4
3,3
3,2
7,2
3,6
3,6
' 5,6
2,8
—
Schlieben
N.
6,4
3,5
3,1
7,2
3,2
2,8
! 5,6
2,8
2,4
i Fl
6,4
3,6
3,2
5.6
4,0
3,2
6,4
3,2
3,2
E.
Q,6
3,4
3,1
8,4
4,0
3,6
5,2
3,2
2,8
Heutiger Weizen
nach Werner .
—
6—7
3,5-4
—
8,0
4,0
—
5,0
3,5
—
Aus dieser. Zusammenstellung der Grössenverhältnisse lässt
sich zwar erkennen, dass im allgemeinen die kleinsten Weizen-
sorten in der jüngeren Steinzeit und beginnenden Bronzezeit vor-
herrschen und andrerseits die grössten hauptsächlich erst zur
Eisenzeit auftreten; jedoch wäre es voreilig, dieser Längen-
zunahme den Einfluss des fortschreitenden Ackerbaues zu Grunde
legen zu wollen. Der Fund aus der steinzeitlichen Höhle zu
Aggtelek lehrt im Gegentheil, dass damals schon vollentwickelte
Formen des Weizen vorkamen.
Triticum sativum Scythicum Deing. Die Aufstellung dieser
neuen Varietät des gemeinen Weizen rührt von Deininger her,
der dieselbe zu Lengyel und sonst nirgends unter den vorgeschicht-
lichen Funden beobachtet haben will. Seiner Schilderung 1 ) zu-
folge besteht ein Hauptmerkmal dieser neuen Form darin, dass
das obere Ende des Kornes sich so eigenthümlich verjüngt, dass
die meisten Körner wirkliche Birnform annehmen und ferner
darin, dass die Rinne, die, wie bekannt, meistens bis über die
Mitte des Weizenkornes in das Innere reicht, bei diesem Weizen
') Deininger, Pflanzen S. 272.
14
I. Graniineae. — Triticum.
fehlt und auf der ebenfalls etwas bauchigen inneren Seite nur
durch eine sehr seichte Furche angedeutet ist; wegen dieses
Mangels der wirklichen Keime theilt sich das Weizenkorn an
der Vorderseite nicht in zwei Partien, ist daher in vielen Fällen
dicker als breit und im Querschnitt nahezu stielrund. Aus der
stielrunden Beschaffenheit der Kürner folgert Deininger weiter,
dass bei dieser Weizensorte in den Aehrchen nur eine Blüthe
vorhanden gewesen und sich dementsprechend nur ein Korn aus-
gebildet haben kann, da, wenn sich mehrere Körner in einem
Aehrchen ausgebildet hätten, diese durch gegenseitigen Druck
eine Verflachung der inneren Seite bekommen haben würden.
Aehren hatten sich unter den Funden leider nicht erhalten.
Dieses eigenartige Verhalten der fraglichen Samenkörner,
deren ausschliessliches Vorkommen zu Lengyel ich — nach meinem
Materiale zu urtheilen — bestätigen kann, bestimmten Deininger
in ihnen eine noch primitivere Form, als der kleine Pfahlbauten-
weizen es ist, zu erblicken und geradezu als eine der Urformen
des Weizens zu betrachten. Die weitere Entwickelung dieser
Urform glaubt Deininger an seinem Weizenmateriale aus
Lengyel nachweisen zu können. Zunächst entstand aus ihr durch
Ausbildung zweier Körner in einem Aehrchen, sowie durch Ab-
ruudung des Obertheiles des Kornes der kleine Pfahlbauten-
weizeu. Als höhere Entwickelungsstufe unterscheidet Deininger
sodann den „Uebergaugsweizen" zum eigentlichen Saatweizen;
diese Uebergangsform stimme in der Grösse mit der vorigen
überein, nur besitze sie dickere und weniger regelmässig ge-
formte Körner. Die Maassverhältnisse der besprochenen Weizen-
sorten aus Lengyel giebt Deininger wie folgt an:
Die meisten Körner
Länge. Breite. Dicke.
Die grössten
Länge.| Breite. I Dicke
Die kleinsten
Länge. I Breite | Dicke.
Trit. sativ. Scylliicum .
Trit. vulg. antiquorum .
Trit. salir. vulg., Ueber-
gang8forni
Tri/, mttir. rtilg. Lamark
4,2
4,1
5,4
5,1
2,2
3,1
2,7
2,7
2,2
2,4
2,3
2,2
4,5
4,3
6,5
6,9
3,0 2,6
3,4 2,8
3,6
3,4
3,2
2,9
3,3
3,4
4,4
4,4
2,0
2,5
2,1
2,5
1,8
2,0
2,1
2,0
Es bedarf wohl keines Hinweises, dass die Entwicklungs-
stufen, wie sie Deininger aufstellt, rein willkürliche sind; denn
auch unter einer grossen Menge moderner Körner wird es möglich
sein, grössere und kleinere Exemplare in der Weise heraus-
I. Gramineae. — Triticum. 15
zufinden, dass sie eine anscheinend fortlaufende Entwicklungsreihe
darstellen. Deininger hat das Gleiche an dem vorgeschicht-
lichen Weizen aus Lengyel gethan.
Triticum compactum Host. Zwerg- oder Binkelweizen. Das
Vorkommen dieser Weizenspezies in der Vorzeit beschränkte sich,
den Funden nach zu urtheilen, nur auf Mitteleuropa. Dem
Orient war die Pflanze nicht bekannt.
I. Neolithische Periode.
Schweiz: Robenhausen, Wangen, Moosseedorf, Stoore.
II. Bronze -Periode,
Italien :
Parma.
Schweiz :
Montelier, Petersinsel.
III. Eisen- Periode.
Deutschland :
Starzeddel.
Oesterreich :
Labegg.
Aus dieser Zusammenstellung der Fundorte ist ersichtlich,
dass Triticum compactum - wenn wir von der von mir Triticum
globiforme benannten Unterart absehen, wie es auch in der obigen
Tabelle geschehen ist — in der Stein- und Bronzezeit aus-
schliesslich in der Schweiz und Oberitalien zum Anbau gelangte.
In der Eisenzeit treten zwar zwei Funde noch aus anderen Gebieten
hinzu, indessen sind dieselben mit Vorbedacht aufzunehmen. Die
Körner von Labegg können mit gleichem Recht als solche von
Triticum vulgare kleinerer Form aufgefasst werden — dieser
Zwiespalt der Ansichten besteht thatsächlich unter den Autoritäten,
denen diese Körner zur Begutachtung vorlagen — ; dem anderen
Fund, dem aus Starzeddel, ist, weil er nur in einem einzigen
Korne besteht, auf das sich die Bestimmung von Professor
F. Cohn stützt, keine allgemeine Bedeutung beizulegen.
Heer 1 ) giebt die Grösse der aus den schweizerischen Pfahl-
bauten stammenden Körner der uns interessirenden Weizenart
auf (5 — 7 mm Länge und 3—4,4 mm Dicke an. Ich selbst fand
als durchschnittliche Grösse einer Anzahl Körner aus
Robenhausen: Länge 6,0; Breite 4,6; Dicke 3,2 mm und
Lüscherz: = 5,5; * 4,0; * 3,3 mm.
») Heer, Pflanzen S. 14.
16
I. Gianiineae. — Tritienni.
Sonst konnte ich an diesen nichts Bemerkenswerthes heraus-
finden. — Nach Werner betragt die Körnergrösse des heutigen
Binkelweizens, der noch in Steiermark, Würtemberg, Waadt und
Freiburg i. Schi., also fast unter denselben Himmelsstrichen wie
in der Vorzeit, angebaut wird, 6 : 3,5 mm, wobei Schwankungen
nach oben und unten zu vorkommen.
Triticum compactum var. globi forme Buschan. Kugelweizen.
Auf Grund des in meiner Sammlung befindlichen Materials glaube
ich, wie ich schon an anderer Stelle ' ) betonte, zu der Auf-
stellung dieser neuen, vielleicht ausschliesslich der Vorzeit an-
gehörigen Unterart des Binkelweizens berechtigt zu sein. Um
es noch einmal zu recapituliren, so sind für mich hierbei zwei
Gründe hauptsächlich ausschlaggebend gewesen: einmal die auf-
fällige sich ziemlich constant bleibende Kleinheit dieser Körner, zum
anderen das massenhafte Vorkommen an den verschiedenen Fund-
orten, das den Verdacht ausschliesst, es könnte sich hier nur
um einzelne kleinere Exemplare einer unserer bekannten Formen
handeln.
Das Charakteristische an diesen Körnern — Aehren fehlen
leider — ist folgendes: der Rücken ist sehr stark gewölbt, daher
die Form des Korns annähernd halbkugelig oder wenigstens
einer Kaffeebohne nicht unähnlich. Mithin sind Längs-, Breiten-
mul Dicken-Durchmesser sich einander ziemlich gleich, wie aus
der untenstehenden Tauelle ersichtlich ist.
Fundort.
Zeil
Mittel in mm.
Länge. Breite. Picke
Das grösste Korn
in mm.
Länge. Breite. Dicke
Daa kleinste Korn
in mm.
Länge. Breite Dicke.
.Tuenta . . . .
Schiissenried
Lugarico . . .
Argar . . . .
Lengyel
(nach Messungen
von Deininger).
B.
5,2
N.
4,8
B.
4,6
B.
4,6
N.
4,1
3,7
3,7
3,4
3,2
3,1
3,4
3,3
2,4
5,6
6,0
5,6
5,2
4,3
4,4
4,0
4,0
3,2
3,4
4,0
3,2
2,8
4,8
4,0
3,2
4,0
3,4
3,2
3,6
2,8
3,2
2,5
3,2
3,2
1,9
An den Enden ist das Korn stumpf abgerundet; auf der
Bauchseite besitzt es eine tiefe Furche.
Es dürfte sich Triticum compactum var. gl obi forme, dessen
Merkmale ich im Vorstehenden gegeben habe, mit der von Heer
i) cfr. S. II.
I. Gramineae. — Triticum. 17
als Triticum valg. antiquorum beschriebeuen Spezies theilweise
decken, und ein grosser Theil jener Weizenfande, die von
den Autoren nach dem Vorgang von Heer als Triticum anti-
quorum bestimmt worden sind, mögen zu Triticum globiforme
gehören. Leider war es mir nicht möglich, die letzteren in
Augenschein zu nehmen; jedoch spricht die Beschreibung, die in
einzelnen Fundberichten den Weizenkörnern mitgegeben ist, für
eine solche Identifizirung. Nehmen wir dieselbe als vorhanden
an, so würde sich die Verbreitung des Triticum globiforme
zeitlich und örtlich, wie folgt, gliedern.
I. Neolithische Periode.
Deutschland : Schussenried.
Italien: Isola Virginia, Lagozza.
Schweiz: Store, Wangen.
Ungarn: Aggtelek, Lengyel.
Aegypten : Dashür.
IL Bronze - Periode.
Oesterreich: Olmütz, Stillfried.
Schweden: Laaland.
Spanien: Juenta, Lugarico viejo, Argar.
Triticum turgidum L. Aegyp tischer Weizen, Bartweizen*
Wie im allgemeinen Theile über den Weizen bereits erwähnt,
glaubt eine Anzahl der Autoren annehmen zu dürfen, dass der
Bartweizen im Pharaonenlande zu den Landesproducten zählte.
Denn auf ägyptischen Denkmälern findet sich neben begranntem
Weizen auch solcher mit unbegrannten Aehren dargestellt, den
Wönig 1 ) für Bartweizen anspricht. Ausserdem sind Ueberreste
der Pflanze von Unger' 2 ) in einem Ziegel der alten Stadtmauer
von Eileythia, sowie von A. P. De Candolle*) in sehr alten
Mumiensärgen nachgewiesen worden. Unger glaubt auf Grund
dieser Funde für das Indigenat des Bartweizens in Aegypten ein-
treten zu dürfen, um so mehr, als dieser gegenwärtig hier die
am meisten angebaute Weizenart ausmacht. Indessen scheint
diese Hypothese Unger 's wenig Wahrscheinlichkeit zu besitzen.
Wie A. De C and olle hervorhebt, existirt weder ein hebräischer,
') Wönig, Pflanzen S. 16li.
2 ) Unger, Streifzüge IV. ö. 97.
3 ) De Candolle, Ursprung S. 454.
ö. Buschan, Vorgeschichtliche Botanik.
18 I. Gramineae. — Triticum.
oder aramäischer, ebensowenig ein Sanskrit-, auch nicht einmal
eiu persischer oder indischer Name für diese Art. Dieser Um-
stand spricht allerdings wenig dafür, dass Aegypten das Vaterland
des Bartweizens sein könne, denn in solchem Falle hätte die
Pflanze sicherlich frühzeitig in den Nachbarländern Verbreitung
gefunden und dementsprechend auch liier einen Namen erhalten.
Gleichzeitig wird dadurch aber auch der Anbau des Bartweizens
im alten Aegypten selbst in Zweifel gezogen. Da nämlich die
vorgeschichtlichen ägyptischen Funde dubiöser Natur sind und
die Darstellungen überdies auch noch andere Deutungen zulassen.
so steht die Annahme von einer Kultur der fraglichen Weizensorte
im alten Aegypten auf nur schwachen Füssen, und die Entscheidung
dieser Frage wird von weiteren Funden abhängig zu machen sein.
Auch für die europäische Vorzeit ist der Nachweis von dem
Vorkommen der uns interessirenden Weizenspezics sehr
problematisch. Heer will zwar Körner und Aehren in den
steinzeitlichen Pfahlbauten von Kobenhausen und Wangen nach-
gewiesen haben, jedoch erkennt Körnicke die von ihm in
Fig. 20 seines Schriftchens gegebenen Abbildungen nicht als
solche des Triticum turgidum au, sondern glaubt sie vielmehr
zu Triticum vulgare stellen zu müssen. Auch an den Körnern,
die ich in meiner Sammlung besitze, ist die Entscheidung, ob es
sich um eine dieser beiden zuletzt angeführten Spezies oder gar
um Triticum durum, das gleichfalls in Betracht kommen kann,
handelt, fast ein Ding der Unmöglichkeit, da sonstige Anhalts-
punkte für die Bestimmung, wie Spelzen, Aehren u. s. w. fehlen.
Körnicke und Wittmack, denen ich diese fraglichen Körner
zur Begutachtung vorlegte, haben aus diesem Grunde ihr Urtheil,
das übrigens nicht immer übereinstimmt, nur unter Reserve ab-
gegeben. Wo Zwiespalt in der Auffassung dieser beiden Autoren
bestand, habe ich mich an diejenige Bestimmung gehalten, die
mit meiner eignen ursprünglichen Bestimmung übereinstimmte.
Hiernach würde sich Triticum turgidum — natürlich unter der
Voraussetzung, dass eine absolut sichere Bestimmung der Art
nicht möglich ist — unter den vegetabilischen Resten der Vorzeit
au folgenden Orten nachweisen lassen.
I. Neolithische Periode.
Italien: Castellacio, Monte Lotl.i.
II. Bronze -Periode.
Italien: Castioue, Pfahlbauten Parma's.
1. Giamincae. — Tritirurn.
10
III. Eisen -Periode.
Deutschland: Karzen.
Diese als Triticum turr/idum bestimmten Körner zeichnen sich
duich ihre exquisite Grösse aus, die bei der Unterscheidung von
Triticum vulgare für mich hauptsächlich maassgebend gewesen ist.
Fundort.
Zeit.
Mittel in mm.
Länge. Breite. i Dicke
Das grösste Korn
in mm.
Länge. Breite.! Picke
Das kleinste Korn
in mm.
Länge.] Breite.] Picke.
( 'astellacio .
Monte Loffa
Castione . . .
Karzen. . . .
Heutige Körner,
(nach Wem er).
N.
N.
B.
E.
5,1
6,8
6,5
5,6
7—8
3,4
4,2
3,7
3,6
4,0
2.9
3,7
3,7
2,9
5,6
7,2
7,2
6,4
9,0
3,2
4,0
4,0
4,0
4,5
2,8
3,5
4,0
2,6
4,4
3,2
6,4
4,0
5,2
3,6
4,8
3,6
5,5 -6
3
1
2,S
3,2
3,2
3,2
Einzelne der vorgeschichtlichen Körner sind mehr oder weniger
gedrungen, im ersteren Falle von bauchiger Form.
Leider besitzen wir von dem vorgeschichtlichen Bartweizen
nur eine einzige Aehre, die aus der Pfahlbaute Robenhausen
stammt. An ihr machte Heer 1 ) seine Studien. Dieselbe hat nach
seiner Angabe eine Breite von 17 mm — ihre Länge lässt sich
nicht mehr feststellen, weil ein vollständig erhaltenes Exemplar
nicht vorliegt — und scheint auf jeder Seite der Spindel ungefähr
1 1 Aehrchen besessen zu haben, von denen noch 8 nachweisbar,
die anderen ausgefallen sind. Die Aehrchen enthalten meist 3,
einzelne aber nur 2 Samen. Die Hüllspelzen sind breit, be-
deutend kürzer als die Deckspelzeu, und haben von Grund aus
eine scharf vorstehende Rückenkante, die in eine kurze, etwas
gekrümmte Spitze ausläuft; neben dei selben ist die Spelze etwas
ausgeraudet und zur Seite mit einem ziemlich starken Längsnerv
versehen. Die äussere Deckspelze ist vorn in eine Granne ver-
längert, die allerdings nur am Grunde erhalten ist; man sieht
aber deutlich, dass sie abgebrochen ist. Die Samen bilden dicke,
stumpfe, am Rücken stark gewölbte Körner von 7,3 mm Länge
und 5 mm Breite.
Ich erwähnte bereits oben, dass auch die Körner von Triticum
durum sehr leicht eine Verwechslung mit denen von Triticum
tur//idum abgeben können und will im Anschlüsse hieran noch
nachtragen, dass Wittmack' 2 ) sich nicht entscheiden konnte,
») Heer, Pflanzen S. 15.
2 ) Wittmack, in Nachr. a. <1. Klub d.
Landwirfhe 1881. No. 115.
2*
20 1. Graniineae. — Triticnm.
ob die ihm vorgelegten Körner aus altägyptischen Grabkaminern
der einen oder der anderen Art zuzuzählen seien. Nach
Körnicke 1 ) sollen zwar die Körner des Hartweizens dadurch
charakteristisch sein, dass sie nach beiden Enden zu sich ver-
schmäleru und daher bei oberflächlicher Betrachtung wie spitzlich
erscheinen, ferner dadurch, dass sie oft ziemlich stark von der
Seite zusammengedrückt sind. Jedoch scheinen diese Unter-
schiede nicht zuverlässig zu sein. Unterziehen wir die von uns
als Triticnm turgidum bezeichneten Körner in diesem Sinne
einer Untersuchung, so finden wir, dass ihnen die Eigenschaften,
die Körnicke aufzählt, fehlen. Somit können wir mit ziem-
licher Sicherheit Triticum darum ausschliessen.
Bleiben wir schon an der Hand der prähistorischen Funde
in Ungewissheit über die vorgeschichtliche Existenz des Bart-
weizens, so sind wir es noch viel mehr hinsichtlich der Nach-
richten der Alten. Theophrast erwähnt eine Weizenart, die
er zpulavi'a? benennt und die Fraas für Triticum turgidum
erklärt. Jedoch scheint diese Hypothese der Begründung zu
entbehren; vielmehr lässt Heldreich'-) die Einführung dieser
Getreideart in Griechenland jüngeren Datums sein. Eine Stelle
des Plinius, an der von einem Weizen mit verzweigten Aehren,
die 100 Körner enthalten sollen, die Rede ist, hat man gleichfalls
als diese Spezies gedeutet ; indessen ist zu wenig aus dieser
kurzen Beschreibung zu ersehen.
Unsere Betrachtung führt uns, um das Facit aus dein Vor-
hergehenden zu ziehen, zu dem Schlüsse, dass, wenn wirklich
die von anderen und uns als Triticum turgidum angesprochenen
Körner solche sein sollten — ich muss gestehen, dass ich auch
hinsichtlich der Funde und Darstellungen im alten Aegypten
etwas stutzig geworden bin — die Kultur dieser Weizenart sich
auf Aegypten und Nord-Italien, sowie die Schweiz (?) in der
Vorzeit beschränkt haben muss. Heutzutage hingegen erstreckt
sich ihr Verbreituugsbezirk über die Mittelmeerländer von Spanien
bis Kleinasien und Aegypten hin. — Wahrscheinlicher erscheint mir
zwar, den Bartweizen aus der Liste der vorgeschichtlichen Kultur-
pflanzen ganz zu streichen und in ihm eine spätere Kulturfonn
zu erblicken, die, wie auch De Candolle - ') bereits an-
genommen hat, aus dem gemeinen Weizen hervorging.
') Körnicke, Gctrcidcltau S. G5. *) Heldreich, Nutzpflanzen S. 5.
*) I>e C an dolle, Ursprung S. 485.
I. Gramineae. — Triticum.
21
Triticum durum Desfont. Hartweizen. Der einzige Fund
von Hartweizenkörnern, von dem ich Kenntniss erhalten habe,
stammt aus dem Burgwall von Hissarlik, aber nicht aus den
bekannten Schichten der sogenannten zweiten Stadt (dem Troja
Homers), sondern aus einer der darüber liegenden Niederlassungen
jüngeren Datums. — Anfänglich wurden diese Körner, die
Schliemann in einem Pithos faud, von Wittmac k und Wem er
als Triticum turgidum bestimmt. Jedoch hat sich Wittmack jetzt
zu der Ansicht Körnicke's bekehrt, dass es sich bei den frag-
lichen Körnern um solche des Hartweizens handele. Körnicke
legt bei dieser Bestimmung auf die lange Form und den nicht
gerundeten Rücken der Körner Gewicht. Ihre Grösse beträgt
nach Wittmack:
Mittel in mm.
Länge. Breite. Dicke
Das grösstc Korn
in mm.
Länge. Breite Dicke.
Das kleinste Korn
in mm.
Länge. Breite. I Dicke.
6,3
3,8
3,3
7,3
4,0
3,2
4,7
3,4
2,8
Nach Werner 's Messungen an Exemplaren der Neuzeit stellt
sich das Grössenverhältniss des Hartweizens auf 8 : 3,5 — 4 mm
(bei grösseren auf 9 : 3,5 — 4, bei kleineren auf 7 : 3 mm).
Ausser diesem Funde aus Hissarlik besitzen wir keine weiteren
Anhaltspunkte für das Vorkommen des Hartweizens in der Vor-
zeit. — Heutzutage ist sein Anbau über die Mittelmeerländer
verbreitet. Hauptsächlich ist es Spanien, woselbst zahlreiche
Varietäten gezüchtet werden und allein 15 Namen für diese Ge-
treideart existiren sollen. Auf Grund dieser eigenartigen Er-
scheinung hält De Candollc ') Triticum durum für eine Kultur-
form, die in Spanien und Nordafrika, vielleicht zum ersten Male
um Christi Geburt herum, aufgetreten sei. So lange aber sowenig
Material vorliegt, wie bis jetzt, glaube ich, dass die Frage nach
dem Alter und der Heimath des Hartweizens eine noch offene ist.
Triticum Spelta L. Spelt, Dinkel. Der Spelt zählt gleich-
falls zu denjenigen Gewächsen, deren Alter und Verbreitung in
der Vorzeit den Pflanzenhistorikern manches Kopfzerbrechen ver-
ursacht. Denn vegetabilische Funde existiren nicht und auch
die Nachrichten der Alten, die uns sonst in manchen Fällen aus-
') De Candolle, Ursprung. S. 485.
22 I. Gramineae. — Triticum.
helfen, sind hier unzuverlässig und lassen der Deutung grossen
Spielraum, zumal da die betreffenden Autoren es mit der Unter-
scheidung der Getreidearten nicht recht genau nehmen. Indessen
wollen wir versuchen, das Wenige, was über den Spelt in der
klassischen Litteratur existirt, zusammenzufassen und zusehen,
ob wir daraus ein einheitliches Bild herleiten können.
Beginnen wir mit Asien. Im Sanskrit vermissen wir einen
Namen für den Spelt; in gleicherweise fehlt ein solcher in den
neueren indischen Sprachen, auch im Persischen und Chinesischen.
Dieser Umstand spricht ohne Zweifel dafür, dass in diesen
Ländern der Spelt unmöglich in vorgeschichtlicher Zeit Kultur-
pflanze gewesen sein kann. — Nicht anders liegen die Dinge
für das westliche Asien, beziehungsweise für die südöstlichen
Mittelmeerländer. Im alten Testament ' ) kommt zwar des Oefteren
eine Pflanze, Namens kussemet oder kusmin, in Verbindung mit
Weizen vor, von der soviel feststeht, dass sie eine Feldfrucht
war (nach Jesaias eine solche, die als Einfassung anderer Ge-
treidearten am Rande des Ackers gesät wurde) und zum Brod-
backen Verwendung fand; weiter erfahren wir von ihr aber nichts.
Kör nicke 2 ) nun vermuthet in diesem Gewächse den Spelt,
De Candolle 3 ) hingegen das Einkorn. Indessen beide Hypothesen
sind vollständig unbegründet. Mit mehr Kecht, so scheint mir,
dürfte man den fraglichen Pflanzennamen mit Triticum dicoccum
in Verbindung bringen, für dessen Vorkommen im alten Pharaonen-
lande thatsächliche Beweise vorliegen.
Herodot 4 ) führt eine Getreideart, Namens okopa, an, dessen
Mehle die Aegypter zur Bereitung ihrer täglichen und unentbehr-
lichsten Nahrungsmittel vor dem Mehle des Weizens und der
Gerste den Vorzug gegeben hätten. Körnicke r ') hält diese
Getreidespezies gleichfalls für Spelt. Jedoch ist hiergegen ein-
zuwenden, dass der Spelt bisher weder auf den Darstellungen
noch unter den vegetabilischen Ueberresten aus Alt-Aegypten
nachgewiesen worden ist. Ausserdem gilt es gar nicht für aus-
gemacht, dass oIü[jol den Spelt bedeutet. De Candolle z. B.
übersetzt das Wort mit Triticum monocoecum, andere wieder mit
i) 2. Mos. IX, 32; Ezechiel IV, 9; Jesaias XXVIII, 25.
2 ) Körnicke, Getreidebau. S. 77.
3 ) De Candolle, Ursprung, a. a. O.
«) Herodot, II, 36 u. 77.
ft ) K ö r nicke, Getreidebau. S. 77.
I. Gramineae. — Triticum, 23
Reis. Mir will es scheinen, als ob unter der tfXopa der Emmer,
Triticum dicoccum, zu verstehen ist. In jüngster Zeit hat
Schweinfurth ') die oauo-x gleichfalls mit dem Emmer
identificirt; er hält nach dein Vorgange De Candolle's an
der nicht unwahrscheinlichen Hypothese fest, dass der Emmer
eine der älteren Kulturfoimen des Speltes darstelle. Auf diese
Weise ist es auch zu erklären, dass die ursprüngliche Bezeich-
nung für den Emmer in einzelnen Sprachen auf diese Sorte über-
gegangen ist. Die hicroglyphische Bezeichnung böte (auch böti
oder bet geschrieben i, worunter B rüg seh den Emmer verstanden
wissen will, nahm später im Koptischen die Bedeutung des
Speltes an.
Bei den Griechen sollen oXup« und Cefa Herodot zufolge
gleichbedeutend gewesen sein; beide dienten neben der Gerste
als Pferdefutter. Ausser Herodot gaben uns noch Theophrast
und Dioscorides Andeutungen über beide Getreidesorten.
Theophrast nennt die oXuoa das alexandrinische Korn und
Dioscorides unterscheidet zwei Arten von Zeia, die, wie aus
den charakterischen Beiwörtern dicoecos und haple hervorgeht,
Triticum dicoccum und monocoecum sein dürften. Ob den Griechen
der Spelt schon als solcher oder noch in seiner Stammform
als Emmer bekannt gewesen ist, lässt sich schwer entscheiden.
Bei den römischen Autoren herrscht dieselbe Unklarheit in
Betreff 1 der Namen, wie bei den griechischen. Eine Getreideart,
die bei ihnen far heisst, ursprünglich aber den Namen ador führte,
galt für das älteste Getreide des römischen Volkes. Nach Angabe
des Verrius Flaccus soll dasselbe dreihundert Jahre lang dessen
einzige Körnernahrung gewesen sein. Dass diese Nachricht nicht
wörtlich zu nehmen ist, geht aus dem Umstände hervor, dass
bereits ums Jahr 454 v. Chr. die griechischen Kolonien Süd-
italiens nachweislich die Ausfuhr von Weizen und Gerste im grossen
Maassstabe betrieben. Far wird von den Philologen allgemein
als Spelt übersetzt. Wahrscheinlicher ist jedoch, wie aus unserer
bisherigen Betrachtung hervorgeht, dass unter diesem Worte der
Emmer zu verstehen ist. Zu welcher Zeit sich die Umwandlung
des Emmer in den Spelt, wie wir annehmen zu dürfen glauben,
vollzog, darüber lässt sich keine bestimmte Entscheidung treffen.
Da der Spelt unter den vorgeschichtlichen Funden — mit einer
Ausnahme, deren Richtigkeit ich allerdings in Zweifel ziehe —
*) Schweinfurth, Aegyuteaa Beziehungen. S. 654.
24 I. Gramineae. — Triticum.
fehlt, so möchte ich diesen Zeitpunkt in die geschichtliche Zeit
verlegen. Die Verschiedenheit der Bezeichnungen in den nicht
romanischen Sprachen spricht für solche Annahme. Im Neuhoch-
deutschen z. B. heisst die Pflanze Dinkel, im Polnischen orkisz,
im Russischen pobla; füglich muss der Spelt bei seinem ersten
Auftreten in diesen Ländern eine neue Erscheinung gewesen
sein, die einen besonderen Namen erforderlich machte. Das
Wort spelty taucht zum ersten Male im Jahre 301 nach unserer
Zeitrechnung auf und scheint nach Körnicke ') an Stelle von far
angewendet worden zu sein; im Jahre 400 wird es gleichbedeutend
mit far erklärt. Von ihm sind die Bezeichnungen in den ver-
schiedenen romanischen Sprachen herzuleiten, unter anderem
auch das französische epeautre.
Wie ich schon hervorhob, fehlt der Spelt unter den vegetabi-
lischen Funden der Vorzeit. Der von Heer-) angeführte und in
der ganzen prähistorischen Botanik bisher vereinzelt dastehende
Fund von der Petersinsel scheint mir zweitelhafter Natur zu sein.
Leider enthält uns Heer die Beschreibung dieser Körner vor.
Der Abbildung nach zu urtheilen, würde ich dieselben eher zu
Triticum dicoecum stellen.
Fassen wir unsere bisherigen Betrachtungen über den Spelt
zusammen, so scheint es das Wahrscheinlichere zu sein, dass diese
Halmfrucht in der vorgeschichtlichen Zeit noch nicht existirte,
sondern erst später durch Züchtung aus einer anderen Weizen-
sorte, vermuthlich aus Triticum dicoecum, hervorgegangen ist.
Als ihr Ursprungsland, d. h. als dasjenige Land, in dem sich
dieser Umwandlungsprozess vollzog, dürfte das gemässigte Ost-
Europa und seine benachbarten asiatischen Gebiete anzusehen
sein. — Ueber den Zeitpunkt, wann dies ungefähr der Fall war,
sind wir gleichfalls nur auf Vermuthungen angewiesen. Wie ich
oben bereits ausführte, glaube ich den Griechen und Römern des
klassischen Alterthums die Kenntniss des Speltes mit Recht ab-
sprechen zu dürfen: o/.upct, feto, ador und far der Autoren sind
sämmtlich Bezeichnungen für den Emmer. Das Auftreten des
Speltes in diesen Ländern, wie überhaupt im Westen Europas,
scheint mir dagegen mit dem ersten Vorkommen des Wortes
spelta zeitlich zusammen zu fallen. Als diesen Zeitpunkt können
wir dementsprechend wohl die ersten Jahrhunderte unserer Zeit-
') Körnickc, Getreidebau. S. 76.
») Heer, Pflanzen d. Pfahlbauten. S. 15-
T. Crraminene. — Tritioum. ~&
rechnung annehmen. De Candolle'j hat die Veimuthung aus-
gesprochen, dass der Spelt aus dem gemeinen Weizen oder aus
einer Zwischentbrm zu einer nicht sehr alten, aher immerhin prä-
historischen Periode hervorgegangen sei. Wir entwickelten oben
die Gründe, warum wir von der Annahme einer vorgeschichtlichen
Existenz des Speltes Abstand nehmen, wenigstens für die gut
erforschte Vorzeit Mittel- und Süd-Europas (Stein- und Bronze-
Periode). Für Ost-Europa, wenn wirklich dorthin, wie auch
De Caudolle annimmt, die Anfangskulturversuche zu verlegen
sind, lasse ich die Hypothese dieses Autors eher berechtigt sein.
Wenn erst die vorgeschichtlichen Forschungen in Russland soweit
gediehen sein werden, dass sie uns mit pflanzlichem Material
aus seiner Vorzeit zur Hand gehen können, dann verspreche ich
mir Bestätigung für diese meine Theorie.
Triticum dicoccum Schrk. Emmer. Meine Auslassungen im
vorigen Kapitel haben den Emmer verschiedentlich schon ge-
streift, so dass ich mich im Folgenden kürzer fassen kann.
Nach Schweinfurth' 2 ) soll der Emmer die älteste Getreide-
pflanze gewesen sein; das hieroglyphische Wort böti, das aller
Wahrscheinlichkeit nach diese Kornart bedeutet, wurde nach
Brugsch zur Bezeichnung des Monats Fybi, des hauptsäch-
lichsten Erntemonats in Aegypten, hingestellt. Brugsch glaubt
daher auch, dass der Emmer das Hauptgetreidc des Landes ge-
wesen sei. Wir w T olleu über diese noch nicht spruchreife Be-
hauptung, die nach dem Zugeständniss des Autors selbst noch
weiterer Nachforschungen bedarf, nicht richten. Nachgewiesen
ist der Emmer unter den pflanzcnrestlichen Funden des Pharaonen
landes bisher nur einmal, in dem Grabe des Ani zu Gebelin
(XI. bezw. XXI. Dynastie'). Aehren und Körner, die Körnicke
als solche von Trit. dicoccum var. farrum AI. (nach Schwein-
furth als Trit. dicoccum var. tricoccum Schübl.) bestimmt hat,
lagen hier in einem Körbchen. Dem heutigen Aegypten fehlt
diese Art.
Dass ich den Kusserueth der Bibel, den Andere ohne
Grund für Spelt erklären, für Emmer halte, betonte ich bereits
») De Candolle, Ursprung. S. 461.
2 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen, in Verhandl. der Berl. anth.
Ges. 1891. S. 654.
3 ) Schweinfurth, ehendaselbst; auch die letzten botan. Entdeckungen
in Engler 1887. S. 16.
26
I. Graniineae. — Triticum.
oben 1 ); desgleichen dass o'Xupa, Cet'a Sixoxxo?, ador und far der
Alten diese Pflanze allein bedeuten dürften.
Für das Vorkommen des Emmer in der Vorzeit Europas haben
wir Beweise in mehreren Funden. Heer') erwähnt dasselbe
tür die steinzeitliche Pfahlbaute zu Wangen. Ich selbst glaube
die Spezies unter den vegetabilischen Funden zu Aquileja (römisch)
und den bronzezeitlichen Pfahlbauten zu Auvernier und auf der
Petersinsel nachgewiesen zu haben; denn verschiedene der hier
gefundenen Weizenkörner machen ganz den Eindruck von Triticum
dicoccnm, wie auch Prof. Wittmack mir bestätigt hat. — Aus
den drei zuletzt angeführten Niederlassungen sind uns nur Körner
überkommen, aus Wangen jedoch auch eine Aehre. Dieselbe
besitzt nach Heer's Beschreibung eine Breite von 14,5 mm und
eine Dicke von nur 6 mm, kann also als platt bezeichnet werden.
Die zweisamigen Aehrchen, die sehr dicht, dachziegelartig über-
einander stehen, sind vorn gewölbt, auf der inneren Seite dagegen
ziemlich flach. Die Hüllspelzen sind vom Grunde aus scharf
gekielt, vorne gezahnt und kürzer als die Deckspelzen, welche
in eine kurze Spitze auslaufen. Die Aehre war daher unbegranut.
Hiernach soll die Pflanze der Pfahlbauten, wie Heer weiter
ausführt, einmal durch die recht dicke Aehrenstellung, anderer-
seits durch den gänzlichen Mangel der Grannen von dem heutigen
Emmer abweichen und eine jetzt erloschene Form dieser Ge-
treideart darstellen. Die Körner selbst beschreibt Heer nicht.
Lassen wir daher eine Beschreibung der uns zur Verfügung
stehenden Körner folgen. Dieselben entstammen dreien Funden,
von denen zwei, von der Petersinsel und Auvernier (beides Pfahl-
bauten) bis in die vorgeschichtliche Zeit (Bronzeperiode) zurück-
reichen, der dritte, aus Aquileja, dagegen aus einem Grabe (?)
der römischen Kaiseizeit stammt. Die Grösse dieser Körner beträgt:
Fundort.
Zeit.
Auvernier.
Petersinsel
Aquileja . .
B.
B.
E.
Mittel in mm.
Länge Breite. Dicke
6,2
6,1
3,9
3,6
3,6
3,. r >
3,6
Das grösstc Korn
in mm.
Länge. Ilrcitc.| Dicke
7,2
7,2
6,8
4,2
4,0
3,2
4,0
3,6
Das kleinste Korn
in mm.
Länge. Iircitc. Dicke
5,6
5,6
5,6
4,0
3,2
3,2
3,2
3,2
') efr. 8. 22.
2 ) Heer, Pflanzen S. 15; nach De Candolle, Ur.-jinmg S. 4G1, .sollen
auch die Pfahlbauten von Robenhausen Bmmerreete geliefert haben; mir ist
sonst nichts davon bekannt geworden.
I. Gramineae, — Triticum. -'
Nach Werner stellt sich die durchschnittliche Grösse des
heutigen Emmers auf ungefähr 7 — 10 mm Länge und 3— 8,5 mm
Dicke. Die vorgeschichtlichen Körner stimmen hinsichtlich der
Grösse so ziemlich unter einander übereiu, hinter den modernen
Körnern stehen sie indessen zurück. Es scheint demnach diese
G rosse nzunahme der letzteren auf der fortgesetzten Züchtung zu
beruhen.
Die Körner von der Petersinsel und auch die aus Auvernier
sind, soweit es möglich ist, an diesen letzteren die Konturen
noch zu erkennen — dieselben sind nämlich durch Brand zu-
sammengebacken uud dadurch theilweise unkenntlich gemacht —
an beiden Enden abgerundet oder wenigstens rundlich zugespitzt;
der massig gewölbte Rücken geht ohne scharfe Kante in die
Bauchfläche über. Die Rinne der letzteren ist schmal und besitzt
scharfe Kanten. — Die Körner aus Aquileja gleichen den vorigen
hinsichtlich ihrer Grösse und Form; nur erscheinen sie durch-
schnittlich mehr von der Seite her zusammengedrückt, so dass
ein Querschnitt durch sie, statt die Gestalt eines Kreis-
segmentes, eher die eines Dreiecks annehmen würde. — lieber
die Körner aus dem Grabe des Ani konnte ich nichts Näheres
erfahren.
Die weite Verbreitung des Emmers in der Vorzeit (Aegyptcu,
Syrien, europäische Mittelmeerländer und Centraleuropa^ macht
es wahrscheinlich, dass derselbe ein mindestens ebenso hohes
Alter wie der gewöhnliche Weizen besitzen und mit diesem das
Ursprungsland gemeinsam haben mag. Erwähnt sei schliesslich
noch, dass Kotschy die Pflanze im wirklich wilden Zustande
am Hermon gefunden haben will.
Triticum monocoecum L. Einkorn. Der pharaonischen Welt
scheint das Einkorn noch nicht bekannt gewesen zu sein;
wenigstens besitzen wir zur Zeit noch keine Beläge für sein Vor-
kommen im alten Aegypten. — Dagegeu^tritt diese Getreideart
schon frühzeitig in Kleinasien^auf. Schliemann lieferte hierfür
den Beweis durch das Aufdecken einer beträchtlichen Menge von
Einkornkörnern unter den Trümmern des homerischen Troja.
Uebrigens scheinen Kleinasien und die jenseits des Hellespontes
gelegenen Gebiete, wie ich am Schlüsse weiter ausführen will,
diejenigen Länderstrecken gewesen zu sein, woselbst das Ein-
korn zuerst Kulturpflanze wurde. Auf Grund dieser Voraus-
setzung liegt zwar die Vermuthung sehr nahe, dass kussemeth
28 I. Gramineae. — Triticum.
der alten Hebräer das Einkorn gewesen sein kann, eine Vermuthnng,
die auch De Candolle ausgesprochen hat; jedoch neige ich
mehr zu der Erklärung als Emmer. Denn das Vorkommen dieser
Kornart im alten Aegypten ist erwiesen, und wie so viele andere
Kulturpflanzen, dürfte auch diese von hier aus nach Palästina
hin Eingang gefunden haben.
Was die Mittelmeerländer Europas betrifft, so finden wir, dass
die Griechen ' ) bereits zu Beginn der Republik von dem Einkorn,
das bei ihnen die Bezeichnung tt^poi führte, Kenntniss hatten
und nähere Notiz von dieser Pflanze nahmen. Aristoteles er-
wähnt sie zuerst, und zwar als Schweiuefutter; gleichzeitig kommt
sie bei dem Arzte Mnesitheus vor. Später finden wir sie
wieder bei Theophrast und Galen. Der Letztere führt das
Einkorn als Kulturpflanze in Mysien, nicht fern vom alten Troja
an, wo sie, wie oben erwähnt, bereits 2000 Jahre früher nach-
weislich Gegenstand des Anbaues gewesen ist. Die häufige
Erwähnung der Pflanze von Seiten der griechischen Autoren
spricht dafür, dass man sie auch auf der hellenischen Halbinsel
angebaut haben mag. — Dioscorides -) unterscheidet das Ein-
korn als „einfache zea u d. h. als solche, die nur einen Samen
trägt, von der zweisamigen, der zea dicoecos, worunter ohne
Zweifel der Emmer zu verstehen ist.
Ueber einen etwaigen Anbau des Einkorn bei den Römern
zur Zeit der Republik besitzen wir keine Angaben. Jedoch ist
anzunehmen, dass dasselbe, da es bereits zur jüngeren Neuzeit in
den angrenzenden Gebieten Ungarns und der Schweiz nachgewiesen
ist, auf die Dauer den Römern nicht unbekannt geblieben sein
kann. Da die alten Schriftsteller indessen nichts verlauten
lassen, so ist wahrscheinlich, dass von einem rechten Anbau der
fraglichen Weizenart auf der italienischen Halbinsel zur Zeit der
Republik nicht die Rede gewesen sein mag. Die nördlichen
Provinzen besassen die Pflanze zur Kaiserzeit, wie ein Fund aus
dieser Periode lehrt, der zu Aquileja gemacht wurde. Wenn
aber Körnicke :i ) annimmt, dass das Einkorn aus Kleinasien
zuerst nach Spanien gekommen und den Römern unbekannt ge-
blieben sei, so rechnet er entschieden nicht mit diesem Funde
aus Aquileja und den übrigen aus der Vorzeit Mitteleuropas, die
') Körnicke, Getreidebau. S. no.
l ) DiosooriHes, de mat. med. II.
3 ) Körn icke, Getreidebau. S. 110.
I. Gramineae. — Triticum.
29
vielmehr dafür sprechen, dass die Verbreitung des Kornes nach
dem Westen Europas über Ungarn, Schweiz und Frankreich* ge-
gangen ist.
Die ältesten vorgeschichtlichen Funde, die wir vom Einkorn
besitzen, beschränken sich, wie schon hervorgehoben, auf Klein-
Asieu und Ungarn -Schweiz. Zeitlich gliedern sich dieselben
folgen dermassen:
I. Neolithische Periode.
Schweiz: Pfahlbau zu Wangen,
Ungarn: Niederlassung zu Lengyel.
Niederlassung in der Aggtelek-Höhle,
Niederlassung zu Felsö- Dobzsa.
Klein-Asien: Zweite Stadt von Hissarlik (Alt-Troja).
II. Bronze -Periode.
Ungarn: Terrainare zu Toszeg.
III. Eisen - Periode.
Italien: Grab (?) zu Aquileja.
Der letztere Fund fällt zwar schon in die historische Zeit,
jedoch sei er der Vollständigkeit halber auch mit aufgeführt.
Von Dobsza, Hissarlik, Toszeg uud Aquileja besitze ich Körner-
proben; die Ueberreste aus Wangen (eine Aehre) sind schon zu
Heer's Zeiten verloren gegangen. Heer 1 ) beschreibt sie als
flache Aehre, die sich aus sehr dicht beisammenstehenden, ein-
samigen begrannteu Aehrchen zusammensetzte. Von Aggtelek
endlich habe ich keine Proben erhalten ; die Bestimmung der Körner
als solche von Triticum monococcum rührt von Deininger' 2 ) her.
Die Grössenverhältnisse der antiken Samenkörner, die ich
untersuchen konnte, stellen sich folgendermasseu:
Fundurt.
Zeit
1
Mittel in mm.
lks grüsste Korn
in mm.
Das kleinste Korn
in mm.
| Länge. Breite. Dicke.
Länge Breite. | Dicke.
Länge. | Breite. 1 Dicke.
Hissarlick nach
Wittiuack
N.
5,0
2,2
1,8
5,5
1,5
1,8
4,5
2,0
1,8
Nacli meinen
Messungen . . .
\.
4,8
1,7
1,8
4,8
2,0
1,8
4,8
1,6
1,8
Lengyel
N.
4,8
2,7
2,9
5,8
2,5
3,0
3,4
1,5
1,6
B.
5,3
2,6
3,1
6,0
2,8
3,2
4,8
2,4
2,8
E.
5,2
2,7
2,8
5,6
3,2
3,2
4,8
2,4
2,4
') Heer, Pflanzen. S. 10. *) Nach Staub. 8. 282.
30 I. Gramineae. — Triticum.
Zum Vergleiche führe ich die Grössenverhältnisse moderner
Formen an, wie sie Wittmack') angiebt:
gevvönliches Einkorn: Länge 7,3, Breite 3,3, Dicke 1,7 mm,
engrain double: * 7,5, == 2,7, * 2,2 mm,
darunter auch Körner von: - 6,7,. * 3,4, * 1,8 mm.
Alle vorgeschichtlichen Körner zeichnen sich dadurch aus
und sind insofern als solche des Einkorn unverkennbar, dass sie
von der Seite her stark zusammengedrückt erscheinen. Ihr
Rücken ist daher nicht gewölbt, sondern winklig zugespitzt,
so dass das Korn im Querdurchschnitt einem Dreieck nicht im
ähnlich sieht. Am auffälligsten tritt dieses Zusammengedrücktsein
an den Körnern aus Hissarlik zu Tage. Ihr etwas abweichendes
Verhalten von der heutigen Form des Einkornes war für Witt-
mack lange Zeit hindurch befremdend, sodass er glaubte, dass
es sich bei den fraglichen Samen um alles andere handeln könne,
als um diese Spezies. Anfänglich hielt derselbe die alttrojauischen
Samen für solche von Triticum durum'-), und zwar schuf er für
dieselben eine besondere Varietät, var. trojanum\ später be-
stimmte er sie als solche des Triticum äicoccum*)\ jedoch
kürzlich kam auch er nach dem Vorgänge von Körnicke zu
der Ueberzeugung, dass man es mit den Samen des Einkorn zu
thun habe. Vom gewöhnlichen Einkorn der Gegenwart unter-
scheidet sich dieses antike durch seine Kleinheit, wie die voran-
gegangene Tabelle lehrt, Wittmack 4 ) macht auf einen weiteren
Unterschied zwischen beiden Formen aufmerksam, der darin be-
steht, dass die Furchenseite, welche beim modernen Einkorn
meistens fast ebenso gewölbt ist, wie die Rückseite beim
trojanischen Korn im Gegentheil gerade und flach verläuft.
Schliesslich ist bei diesem die Bauchfurche auch deutlicher aus-
geprägt als beim modernen Korn. Interessant ist es, von Körnicke
noch zu erfahren, dass es ihm nie gelungen ist, beim künstlichen
Verkohlen von Einkornsamen der verschiedensten Vaiietäten, die
Form der gleichfalls verkohlten trojanischen Körner hervorzurufen.
Es spricht diese Thatsache doch sichtlich dafür, dass die antiken
i) Wittmack, in Verhandl. der Berl. anthrop. Gescllsch. 1890. 9. Ulli.
-) Wittmack, in Monatsschr. d. Vereins z. Beförd. d. Gartenbaues in
den königl. preuss. Staaten 1879, October; cfr. auch derselbe, Sämereien aus
der alten und neuen Welt in Nachr. aus dem Klub d. Landuirthe zu Berlin
1881. No. 151; sowie deutsche hotan. Gesellseh. IV, S. XXXIII.
3 ) Weil zwei Körner an der Fufchenseite zuweilen an einander hafteten,
<») Wittmack, in Verhandl. der Berl, anthrop, Gesellseh 1890 S. tili;
I. Gramineae. — Triticum. Hl
Samen unmöglich ihre Form in Folge von Verkohlutig erhalten
haben können, wie von verschiedenen Seiten behauptet
worden ist.
Von den Körnern aus der Aggtelek-Höhle berichtet Staub 1 ),
class ihm an diesen ihre geringe Länge und Breite im Gegensatz
zu gleich dicken Exemplaren rccenten Ursprunges aufgefallen sei.
Deininger, der diese vorgeschichtlichen Körner als solche dieser
Art bestimmt hat, hebt ihre grössere Breite im Verhältniss zu
den Körnern aus Hissarlik hervor.
Die Körner ans Tos/.eg und Aquileja, die durchschnittlich
grösser sind, als die von Hissarlik, ohne jedoch die Grösse der
modernen Samen zu erreichen, zeichnen sich ebenfalls durch eine
tiefe, aber sehr schmale Furche aus. Die Bauchseite kann man
nicht gerade als flach, eher als ein wenig gewölbt bezeichnen.
Als Vaterland des Einkorns, d. h. als die Gebiete, in denen
dasselbe vermuthlich zuerst in Kultur genommen wurde, dürften
die Erdstriche gelten, die sich von den unteren Donauländern
an bis nach Kleinasien hinein erstrecken. Die Botaniker sind
darüber einig, dass man als Stammpflanze ~) des Triücum
monococcum eine Triücum- ktt annehmen muss, die unter ver-
schiedenen Namen, wie Triücum boeoticum Boiss., Triücum
nit/rescens Pansch u. a. m. als spontan für Serbien, Griechenland
Taurien, Kleinasien, Kappadocien und Mesopotamien beschrieben
worden ist, allgemein aber die Bezeichnung Triücumaeifdopoäioides
Ballansa führt. Das Verbreitungsgebiet dieser wilden Einkornart
scheint in der Vorzeit ziemlich dasselbe gewesen zu sein, wie in
der Gegenwart. Jedenfalls ging es nach Osten zu nicht über
die angegebene Grenze hinaus; denn weder das Sanscrit 3 ), noch
das Persische oder Arabische, noch das Aegyptische verfügt
über einen darauf bezüglichen Namen. Die Nachrichten der
Schriftsteller, sowie das verhältnissmässig häufige Vorkommen in
dem Landstrich, der dem heutigen Ungarn entspricht, deuten
darauf hin, dass der Anfang der Einkornkultur in die Gebiete
nördlich vom schwarzen Meere zu verlegen ist.
Früher vereinigte man Triücum monococcum mit Trit. vulgare
Vill. 4 ) als eine Varietät des letzteren; andere Botaniker, darunter
i) Staub, S. 282.
*) Körnicke, Getreidebau. 8. 110.
S) De C and oll.-, Ursprung. S. 4(i3-
4 ) Alef'eld, Landwirtlisch. Flora. S. 333-
32 I. Gramineae. — Triticum.
Kör nicke, stellten es zu Trit. dicoccum. Seitdem aber Vill-
marin 1 ) und Bejerink' 2 ) durch ihre ruisslungenen Kreuzungs-
versuche mit anderen Weizensorten die Selbstständigkeit des
Einkorn nachgewiesen haben, dürttc es au der Zeit sein, seine
Identität mit dem gewöhnlichen Weizen als eine Abart desselben
aufzugeben und das Einkorn als eigene Spezies hinzustellen.
D. Heiinath des Weizens.
Die Frage nach der Heimath des Weizens, sowie der Getreide-
arten überhaupt, ist eine sehr umstrittene, die vielleicht nie end-
gültig gelöst werden wird. Denn die ältesten vegetabilischen
Fundstücke, die wir kennen, sind bereits Kulturformen, die schon
damals auf ein sicherlich hohes Alter zurückblicken konnten.
Dem paläolithischen Menschen (der Diluvialzeit, älteren Stein-
zeit) waren Halmfrüchte, sowie Ackerbau überhaupt, vollständig
fremd; denn nirgends ist man bisher in den diluvialen Ablage-
rungen Europas auf Ueberreste von solchen Pflanzen gestosseu,
die heutigen Tags sowie bereits zur jüngeren Steinzeit die Nahrung
der Völker bilden. Es liegt auch in der Natur der Sache, dass
es nach dem Ausgange der letzten grossen Glacialzeit erst wieder
einer Einführung von Gewächsen aus wärmereu Gegenden be-
durfte, die entweder durch Thiere, oder durch Wind und Wasser,
oder durch Menschen vor sich gehen konnte. Dass alle drei
Factoren bei dieser Einführung thätig waren, versteht sich von
selbst; der Mensch hat aber daran unstreitig den grössten Au-
theil genommen.
Zur jüngeren Steinzeit Mittel- und Südeuropas erscheinen auf
einmal fast alle Kulturgewächse, und überdies, wie ich dies so-
eben schon erwähnte, in einer verhältnissmässig entwickelten
Form. Diese Thatsache an und für sich dürfte schon genügen,
um jeglichen Zweifel darüber zu beseitigeu, dass die sogenannte
neolithische Kultur ihren Einzug in Europa mit dem Vordringen
eines neuen Volkes resp. mehrerer Völkerschaften nach dem
Westen dieses Continents gehalten haben muss. Woher diese
Völker kamen, ob direct vom Süden oder vom Südosten her,
lässt sich schwer sagen; wahrscheinlich ist, dass ihre Einwanderung
von beiden Himmelsrichtungen her erfolgte.
») Villmarin, in Bullet, de la soeiete botan. de France 1883. S. G2.
*) Bejerink, in Nederlansch Krindkunding Archief 2. »er. 4. deel und
3 Biglege tot de 38. Verg. d. Nederl. botan. Vereen 1884, 26 Jan
I. Gramineae. — Triticum. «'^
Sehen wir nunmehr zu, wieweit die Nachrichten der Alten
über die vermeintliche Heimath der Getreidepflanzen für unsere
Untersuchung von Belang sind. Nach dem ältesten aller Ge-
schichtsschreiber, dem chaldäischen Priester Berosus, von dessen
Schriften Herodot nur Bruchstücke aufbewahrt hat, gab es in
Mesopotamien zwischen Euphrat und Tigris wildwachsenden
Weizen. Aristobul berichtet nach Angabe des Strabon, dass
in dem Lande der Musicani (an den Ufern des Indus auf dem
25. Breitengrade) ein Korn im spontanen Zustande wachse, das
dem Weizen sehr ähnlich sei.
Der Odyssee (IX, 204) zu Folge wuchs Weizen auch in
Sicilien ohne Hilfe des Menschen. Diodor, ein geborener
Sicilianer, bestätigt diese Nachricht; desgleichen in neuerer Zeit
Bertolini, der wildwachsenden Weizen aus Sicilien und Sardinien
erhalten haben will.
In ähnlicher Weise wie von den Schriftstellern der Alten
liegen auch von Seiten neuerer Forscher verschiedentlich Nach-
richten darüber vor, dass sie den Weizen im wildwachsenden
Zustande aufgefunden hätten. Linne führt Heintzelmann als
Zeugen an, der Weizen im spontanen Zustande im Lande dei
Baschkieren sah. Der französische Reisende ülivier traf Weizen,
Gerste und Spelt am Euphrat in einer zur Kultur ungeeigneten
Schlucht gleichfalls in einem Zustande an, der deutlich an-
zeigte, dass diese Pflanzen hier nicht absichtlich ausgesät sein
konnten; ähnliches berichtet Balansa vom Weizen in Klein-
asien. Micha ux giebt den Spelt als wildwachsend für
Persien an; Bieberstein das Einkorn desgleichen für die
sonnigen Ebenen der Krimm und die östlichen Abhänge des
Kaukasus u. a. m.
Trotzdem solche Angaben der Reisenden ziemlich zahlreich
sind, so haben sie für unsere Frage nach der Heimath des
Weizens keine wesentliche Bedeutung; sie machen sämmtlich den
Eindruck, als ob es sich bei ihnen nur um verwilderten Weizen,
nicht mehr um solchen im Urzustände gehandelt haben mag.
Unsere Hauptfrage dreht sich, wie ich schon in der allgemeinen
Einleitung über den Weizen hervorgehoben habe, um die Auf-
findung der gemeinsamen Urform. In diesem Sinne mögen exaete
Untersuchungen bei feineren Exemtionen am Platze sein; ob sie
aber diese Stammform überhaupt noch ausfindig machen werden,
bleibe dahingestellt. Soviel wissen wir aber zur Zeit, dass die
G. Buschan, Vorgeschichtliche Botanik. 3
34 I. Grämineae. — Tritictun.
Kultur und somit auch die Kulturpflanzen vom Osten beziehungs-
weise »Südosten und Süden her Europa erreichten. Die Theorie
von einem skandinavischen Ursprung derselben ist ein eitles
Hirngespinnst.
Für einzelne Getreidearteu, wie für das Einkorn, den Roggen
und den Hafer, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Stamm-
pflanzen, die wir zu kennen glauben, zuerst im Osten Europas
in Kultur genommen worden sind. Was die übrigen Arten be-
trifft, so sind wir hier bisher nur auf Vermuthungen angewiesen;
jedoch werden diese Vermuthungen mehr und mehr Bestätigung
finden, wenn unsere Kenutniss von der Vorgeschichte der süd-
östlichen Mittelmeerländer Europas solchen Uiniang angenommen
haben wird, wie die des nordöstlichen Afrika (Aegypten). — Die
Theorie vom Hochlande von Pamir als „Wiege des Menschen-
geschlechtes" gilt allgemein für abgethan; die Entstehung der
Menschenrassen ist entschieden eine multiloculäre. Neuere Unter-
suchungen, von denen ich im besonderen die von Koppen und
Schrader hervorheben will, habenden Nachweis geliefert, dass
die i-rosse Familie der Arier (Indogermauenj ihre Stammessitze im
Mündungsgebiet der Wolga (südrussische Steppe) gehabt hat und
dass sich an sie im Norden die Finno-Ugrier, im Süden jenseits
des Kaukasus die Völkerschaften semitischer Abstammung an-
schlössen. Es müssen demnach im Süden des Schwarzen Meeres
Arier und Semiten eine Zeit lang mit einander in Berührung ge-
standen haben. Die ursprünglichen Stammsitze der einzelnen semi-
tischen Stämme scheinen mir sich nach Westen zu über Kleinasicn
bis zu dem griechischen Inselmeer hin erstreckt zu haben, zu einer
Zeit, als das letztere vermuthlich noch mit Asien und Afrika
eine zusammenhängende Festlandsmasse bildete. Hierhin ist.
allgemeiu gesagt, die Entstehung der Getreidearten zu vor
legen: in die Landstrecken zwischen griechischem Festland,
Schwarzes Meer, Wolgamündung, Westküste des Kaspisecs
und einer Linie, die vom Südrande dieses Binnenmeeres bis
nach dem heutigen Suezlandwege verläuft und die Euphrat
niederungen mit einschlicsst.
I. Gramineae. — Hordeum. «>5
2. Hordeum. (ierste.
Stamniformeu der Gerstenarten.
Ueber die Stammformen der Geiste verdanken wir gleichfalls
Prof. Körnicke 1 ) eingehende und auf umfangreichem Material
basirende Forschungen.
Als wilde Stammform der Gerste gilt für diesen Autor Hordeum
spontane um C. Koch, eine Pflanze, die sich gegenwärtig vom
Kaukasus bis nach Persien hin verbreitet findet,
Sie steht am nächsten der zweizeiligen langen Gerste (var.
nutans), von der sie sich nur durch das Auseinanderfallen der
Aehrenspindel in einzelne Glieder bei der Keife unterscheidet.
Die übrigen Varietäten, vier- und sechszeilige Gerste, sind nur
Formen einer und derselben Art. Die Entstehung derselben
stellt sich Körnicke in geistreicher Weise folgendermassen vor.
Als man begann, Hordeum spontaneum in Kultur zu nehmen,
wurde seine Aehrenspindel zäh und verlor gleichzeitig die bis
dahin charakteristische Eigenschaft bei der Keife auseinander-
zufallen. Die Aehrchen begannen sich zu verlängern und die
Früchtchen sich zu vergrössern, während die Grannen sich ver-
dünnten. So bildete sich die Varietät Hordeum nutans Schübl.
aus. Indem nun weiterhin die Spindelglieder sich verkürzten und
somit die Scheinfrüchte mehr von der Spindel abgedrängt wurden,
entstand die Varietät erectum Schübl., und bei weiterem Fort-
schreiten des Prozesses, indem die Spiudelglieder kürzer wurden
die Früchte nach der Basis zu und ebenso die Spreizen der-
selben mit ihren Grannen sich vergrösserten, die Varietät zeoeriton.
Als nun gar erst die Seitenährchen fruchtbar wurden und gleich-
zeitig durch Bildung der Grannen den Mittelährcheu sich voll-
ständig anpassten, bildete sich aus Hordeum nutans die vier-
zeilige Gerste, Hordeum tetrastichum var. pallidum Ser. (oder
vielleicht var. coerulescens Ser.), hingegen aus Hordeum erectwm
die var. parall. Krnk. und aus Hordeum zeocrlton L. die var.
pyramidatu/m Krnk.
Dass Körnicke 's Folgerungen richtig sind, beweist der Um-
stand, dass es wiederholt gelungen ist, die zweizeilige Gerste durch
Züchtungsversuche in die vierzeilige überzuführen. Alex. Braun' 2 )
') Kornicke, Getreidebau. 8. 141 u. IV.
«) Boten. Zeitschr. 1875. S. 437.
36 I. Gramineae. — Hordeum.
beobachtete den Uebergang von Hord. vülg. abessynicum in die
zweizeilige Gerste; einen ähnlichen Vorgang konnten Schimper,
Wittmack nnd Körnicke constatiren. In jüngster Zeit gelang
es Beyerink 1 ) durch seine umfangreichen Kreuzungsversuche
an verschiedenen Gerstensorten (Hordeum vulgare, distichum,
zeocriton und trifurcatum) festzustellen, dass alle unter einander
Kreuzungen eingingen und vollständig fruchtbare Bastarde in der
ersten Generation erzeugten. Die dritte Generation von Hord.
vulgare 2 und zeocriton c? trug Hord. hexastichum. — Auch
De Candolle' 2 ) hat bereits die Ansicht vertreten, dass die
vier- und sechszeilige Gerste aus „der zweizeiligen durch vor-
geschichtliche Kultur hervorgegangen seien, und die Anfänge dieser
Züchtung in eine Zeit verlegt, die selbst der Entstehung der
ägyptischen Pyramiden noch vorausging. Nach Körnicke scheint
var. nutans zuerst in Vorderasien entstanden zu sein.
Zu Theoph rast's Zeiten war die Ausbildung der ver-
schiedenen Gerstensorten bereits abgeschlossen. Denn derselbe 3 )
führt ausser der zweizeiligen Gerste (wohl var. nutans, wie
Körnicke 4 ) vermuthet), die, weil er sie an erster Stelle auf-
führt, die verbreitetste gewesen zu sein scheint, noch eine drei-,
vier-, fünf- und sechszeilige Gerste an.
Hordeum vulgare L. Gerste. In Aegypten reicht der Anbau
der Gerste in ein ebenso hohes Alter zurück, wie der des
Weizens. Unter der hieroglyphischen Bezeichnung iöt & ) (nach
Loret 6 ) ati), die sich im Koptischen forterhalten hat, kommt
viese Halmfrucht bereits auf den Denkmälern aus der V. Dynastie
nor. — Der älteste Fund 7 ), den wir kennen, stammt aus den
schon mehrmals erwähnten Ziegeln der Umfassungsmauer der
alten Stadt Eileythia und der Pyramide zu Dashür. Und zwar
sind es bereits zwei Varietäten der Gerste, die sich hier
dachweisen lassen: die gemeine vierzeilige (Hordeum rulg. L.
subspec. tetrastichum Krk.) und die sechszeilige (Hordeum ruh/.
>) Königl. Niedcrl. Akademie d. Wissensch. 1888 Referat in Natur.
1888. S. 477.
2) De Candolle, Ursprung. S. 468.
8) Hist. plant. VIII e. 4.
«) Körnicke, Getreidebau. S. 177.
6 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. 8. 655.
«) Loret, la llore. S. 11.
7) Wönig, Pflanzen. S. 159.
I. Gramineae. — Hordeum. o7
L. subspec. hexastichum Krk.). Die erstere, und zwar vermuthlich
var. coerulescens, (wie Kör nicke die ihm von Lepsius zu-
gesandten Exemplare bestimmt hat) scheint nach der allgemeinen
Annahme der Autoren im Pharaonenlande häufiger angebaut
worden zu sein, als die letztere, vermuthlich var. pyramidatum. —
Fragmente (zertrümmerte und arg verwitterte Aehren), die
Mariettc in einer Schale der Katakombe von Saqquarah ent-
deckte, bestimmte Schweinfurth als solche der vierzeiligen
Gerste. Nach Maspero's Annahme sollen diese Gerstenreste,
beziehungsweise Breimassen, aus roh geschroteter Gerste, wie
man sie noch in jüngerer Zeit häufig als Beigabe in kleinen
irdenen Schalen auf dem "Boden der Grabkammern antrifft,
Totenopfer der Ueberlebenden darstellen und der mola salsa der
alten Römer vergleichbar sein.
Auf den Abbildungen aus der Pyramide zu Gizeh, die gleich-
falls dem alten Reiche entstammt, constatirte Unger die Dar-
stellung einer Gerstenernte: einen Mann, der mittelst einer Sichel
Gerstenhalme abschneidet. — Den Schriftstellern der Alten zu
Folge soll die Gerste im Pharaonenreiche nicht dieselbe be-
deutungsvolle Rolle gespielt haben, wie ihre Schwesterfrucht der
Weizen, und nur ein Nahrungsmittel der ärmeren Volksschichten
gewesen sein. Wenn auch die verhältnissmässig zahlreichen
Funde für das Gegentheil zu sprechen scheinen, so können wir
uns doch nicht versagen, diesen Nachrichten eine gewisse Be-
rechtigung einzuräumen. Denn auch von verschiedenen anderen
Völkern des Alterthums wird ein gleiches berichtet. Wie
Rosenmüller an der Hand des alten Testamentes nachweist,
galt bei den Israeliten die Gerstenfrucht der des Weizens gegen-
über für minderwerthig. — Auch die Römer schätzten dieselbe
nicht sonderlich hoch, weil sie angeblich kraftlos sei. Gersten-
brod erhielten aus diesem Grunde die römischen Cohorten als
Strafe für Flucht vor dem Feinde oder für mangelhafte Exercitien,
und Phädrus nennt die Gerste geradezu vile hordeum.
Die hauptsächlichste Verwendungsweise im Alterthum mag
daher die zu Opferzwecken gewesen sein. In Aegypten braute
man aus ihr ausserdem noch Bier, und zwar vorzugsweise in
denjenigen Landestheilen, in denen die Rebe fehlte. Ausführliche
Auslassungen über diese Ausnutzung der Gerste folgen am
Schlüsse dieses Kapitels.
In Palästina war der Anbau der Gerste (hebräisch seorah)
schon zu Zeiten Moses recht verbreitet, erreichte jedoch nicht
38 I. Graraineae. — Hordeum.
solche Ausdehnung wie die Weizenkultur. Im 3. Buche des Pcnta-
teuch wird ein Gerstenacker erwähnt und an verschiedenen anderen
Stellen ist von einem Einernten dieser Halmfrucht die Rede. Wie
reichlich der Ertrag unter diesem Himmelsstrich ausfiel, geht aus
einer anderen Stelle hervor, woselbst in etwas überschwenglicher
Weise der Ernteertrag an Gerste zu Gerar als hundertfältig ge-
rühmt wird. — Die Gerste diente als Nahrung für Menschen (zu
Brod gebacken) und Vieh (Pferdefutter); jedoch scheint sie als
menschliches Nahrungsmittel, wie ich schon hervorhob, nicht
dem Weizen gleich geschätzt worden zu sein. Das Kali der
Bibel soll geröthete Gerste gewesen seiu. Diese Art der Zu-
bereitung traf Hartmann noch mehrfach bei den Beduinen-
stämmen Mittel- und Unterägyptens an, die solche, auf thönernen
oder eisernen Backplatten geröstete Gerste, scheYr von ihnen ge-
nannt, als Reisevorrath mit sich zu führen pflegen. Aehnliches
berichtet derselbe von den Beduinen Ost-Tripolitaniens, der Oasen
und des steinigen Arabiens, bei denen es Sitte ist, entweder
aus zerquetschter gerösteter Gerste eine schleimige Suppe zu
bereiten, an Geschmack etwa unserer mit geröstetem und ge-
fettetem Weizenmehle angemachten Suppe vergleichbar, oder nur
eine handvoll gerösteter Körner an Stelle eines Brodbissens in
den Mund zu nehmen.
Der homerischen Welt ist die Gerste gleichfalls bekannt. Sie
diente sowohl zur Fütterung der Pferde, als auch im besonderen
zu heiligen Zwecken. Späterhin war es Sitte, dass die jung-
vermählten Frauen dem Ehegatten ein <pp6fSTpov, d. h. ein Gefäss
zur Röstuug von Gerste mit ins Haus brachten.
Auf der italischen Halbinsel wurde die Gerste schon frühzeitig
zum Gegenstand der Kultur gemacht. Auf altitalischcn Münzen des
ö., 5. und der folgenden Jahrhunderte aus Unteritalicn ist deutlich
die sechszeilige Gerste zu erkennen; die vierzeilige Form scheint
damals und auch in späterer Zeit noch für Italien fremd gewesen
zu sein. Sie fehlt auch unter den vorgeschichtlichen Funden
Oberitaliens-, desgleichen unter denen der angrenzenden nördlichen
Gebiete. — Unter den vegetabilischen Ueberrestcn aus den
schweizerischen Pfahlbauten ist bisher nur — mit einer Aus-
nahme — die sechszeilige Gerste nachgewiesen worden; diese
Ausnahme ist die zweizeilige Gerste. Ein einziges wohlerhaltenes
Korn, das sich unter den zahlreichen Gerstenüberresten aus dem
vorgeschichtlichen Salzbergwerk von Hallein (Heidenschacht) vor-
fand, soll mit solchen der gewöhnlichen zweizeiligen Gerste über-
I. Gramineae.
Iloideiun.
39
einstimmen. Hiernach zu nrtlieilen scheint Hordeimi distichamwohl
schon in der Vorzeit, aber nur sehr sporadisch angebaut worden
zu sein. (?) — Co 1 um e IIa führt zwei Gersteusorten au: die
sechszeilige oder Pferdegerste (caninum) und die zweizeilige,
die er auch die galatische benennt.
Zur jüngeren Steinzeit findet sich bereits die Gerste bis nach
Mitteldeutschland hin verbreitet.
Vorgeschichtliche Funde.
I. Neolithische Periode.
A. Europa.
Deutschland: Hüttenbewurf von Ettersberg in Thüringen.
Frankreich: Pfahlbau von Matres-de-Veyre.
Griechenland: Niederlassung vou Santoriu.
Italien: Pfahlbau von Lagozza.
Oesterreich: Pfahlbau im Mondsee.
Schweiz: Pfahlbau zu Kobenhausen,
Pfahlbau zu Wangen,
Pfahlbau zu Stoore,
Pfahlbau zu Lüscherz,
Pfahlbau zu Steckborn,
Pfahlbau zu Bleiche-Arbon,
Pfahlbau zu Cortaillod.
Ungarn: Niederlassung iu der Aggtelek-llöhle,
Niederlassung zu Felsö-Dobsza.
B. Afrika.
Aegypteu: Ziegel zu Eileythia,
Ziegel vou Dashür,
Grabmal zu Saqquarah u. a. m.
II. Bronze -Periode.
Frankreich: Pfahlbau von Bourget.
Italien: Terrainare von Castione,
Terramare von Parma.
Schweiz: Pfahlbau auf der Petersinsel,
Pfahlbau zu Montelier.
Spanien: Niederlassung zu Zapata.
40 I. Gramineae. — Hordeum.
Spanien: Niederlassung zu Oficio,
Niederlassung zu Lugarico viejo.
Ungarn: Terramare von Toszeg.
Deutschland:
Frankreich :
Italien:
Oesterreich :
III. Eisen -Periode.
Hüttenreste auf Burgwall Niemitsch (Zeit des
Lausitzer Typus).
Gallische Station zu Kelern,
Römische Reste von Villeneuve-Saint-Georges.
Etruskischer Tempel auf dem Monte Gurazzo.
Grabhügel zu Rabensburg,
Grabhügel zu Bernhardsthal,
Salzbergwerk Heidengebirge bei
Hallein,
Hüttenbewurf zu Kreuzendorf, j
Htittenbewurf zu Jägerndorf. )
Hallstadt-
Periode.
Zeit des Lau-
sitzer Typus.
Heer 1 ) hat an seinem Material aus den schweizerischen
Niederlassungen zwei Varietäten der sechszeiligen Gerste fest-
gestellt, die sich durch - die Grösse der Körner und dement-
sprechend auch durch den Umfang der Aehren von einander
unterscheiden sollen. Die Sorte mit den kleineren Körnern (von
6 — 7 mm Länge und 3 — 4 mm Breite, ohne Spelzen) nannte er
kleine Pfahlbautengerste (Kord, hexast. sanctum), die mit den
bedeutend grösseren Körnern (von 7,3 — 8,8 mm Länge und
3,3 — 4,6 mm Breite) dichte sechszeilige Gerste (Horü. hexast.
clensum). Für die erste Abart, die bei weitem am häufigsten in
jenen Gegenden der Schweiz angebaut worden sein soll, giebt
er eine Aehrendicke von 1 1 mm bei einer Länge von 44 mm an.
Ein Aehrenrest der sechszeiligen Gerste, der aus der Pfahlbaute
im Mondsee stammt, scheint mir mit Horä. sanctum Heer in der
Breite der Aehre (11,2 mm Länge) und der Länge der Körner
(7 mm) übereinzustimmen. — Mit Ausnahme dieses einen Aehren-
fragmentes (24 mm Länge) haben mir zur Untersuchung nur
Körner vorgelegen, an denen die Sorte festzustellen überaus
schwierig ist. Die folgende Tabelle möge über die Grössen-
verhältnisse Auskunft geben.
') Heer, S. 12.
I. Gramineae.
Hordeuin.
41
Fundort.
Zeit
Ohne Spelzen.
Mittel
in mvi.
Länge. Breite
Oficio 1
Zapata
Gurazzo
Argar
Lugarico
Oficio II
Wangen
Lüscherz
Ettersberg
JJord. sanct. nach
Heer
Mondsee
Hord. densum
nach Heer
Bonrget
Petersinsel
B.
B.
E.
B.
B.
B.
N.
N.
N.
N.
N.
N.
B.
B.
4,8
5,7
5,8
6,0
6,1
6,2
6,3
6,4
6,4
6-7
7,0
7,3-8,1
7,5
7,7
3,2
3,2
3,2
3,1
3,1
3,2
3,3
4,1
2,6
3-4
3,3
3,3-4,6
3,5
3,5
Das grösste
Korn
in mm
Länge.
5,6
6,4
6,4
6,4
6,4
7,2
7,2
7,2
Das kleinste
Korn
in mm
Breite. Länge. | Breite. Länge. Breite
Mit Spelzen.
Mittel
in mm
7,2
8,8
8,6
3,2
3,2
3,2
3,2
3,6
3,2
3,6
3,6
3,6
4,8
4,0
4,8
5,6
5,6
5,6
5,6
5,6
5,6
4,2
5,6
6,6
6,8
3,2
3,2
3,2
2,4
2,8
2,8
2,8
4,0
3,2
3,2
3,2
7,6
7,1
8,0
3,6
3,7
3,2
Die von Heer horcleum densum genannte Varietät vermochte
ich an meinem Material nur einmal herauszufinden: es dürften
dies die Körner aus Ltischerz sein. Die Samen aus Wangen
und dem Mondsee ähneln zwar den von Heer abgebildeten Körnern
dieser Abart, jedoch scheinen sie mir wegen ihrer Kleinheit eher
zu Hord. sanctum zu gehören.
Die Samen aus den spanischen Niederlassungen stimmen in
der Form und Grösse unter sich und mit denen vom Monte
Gurazzo überein ; in der Oficio genannten Niederlassung sind zwei
Sorten von Körnern zu unterscheiden, grössere und kleinere. —
Die Körner aus den bronzezeitlichen Pfahlbauten von Bourget
und der Petersinsel sind die grössten der vorgeschichtlichen
Gerstensorten und in der exquisit spindelförmigen Form ein-
ander sehr ähnlich.
Das Bier der Alten. Die Entstehung des Bierbrauer-
handwerkes reicht bereits bis in die Vorzeit zurück. Die älteste
Nachricht von der Existenz des Bieres verdanken wir dem
Schriftsteller Hekataeus 1 ), der uns im zweiten Buche seiner
') Hekataeus bei Athen. Deipn. X, 67.
42 I. Graminene. — Hoideum
Geographie überliefert, dass die alten Bewohner dos Pharaonen
Landes durch Zermahlen der Gerste (xä§ /piD«; &U tö -waa
xaxaXiouatv) einen Trunk herzustellen verstanden haben. Dass
dieses Zermahlen in der That bei der Bierfabrication üblich
war, beweist uns ein ägyptisches Bierrezept, das weiter unten
noch ausführlicher mitgethcilt werden soll. Weiteres erfahren
wir sodann von llerodot 1 ), der die Entstehung des Brauer
handwerkes auf den Mangel an Reben in Aegypten zurückführt.
< offenbar scheint diese Nachricht nur für bestimmte Landestheilc
Gültigkeit gehabt zu haben; denn erwiesener Maassen war die
Weinkultur in gewissen Distrikten des ägyptischen Reiches eine
recht bedeutende. Mehr Glauben verdient daher die Nachricht
des Diodor, der zu Folge Osiris nur dort, wo der Boden für
den Weinstock nicht geeignet erschien, die Aegypter gelehrt
habe, aus Gerste einen den Rebensaft ersetzenden Trank zu
bereiten. — Der erste, der uns den Namen dieses ägyptischen
Gebräues verräth, ist Theophrast' 2 ). Zu&oc nennt er es, eine
Bezeichnung, die mehrfach bei den Schriftstellern :| ) der späteren
Zeit, zwar unter etwas abweichender Schreibweise wiederkehrt.
Diodor versichert, dass die Aegypter selbst das Bier so be-
nennen. Dieser Wortlaut hat den Autoren zu der Auslegung
Veranlassung gegeben, dass das Wort Cuöos in Aegypten ent-
standen, mithin ägyptischen Ursprunges sei. Loret dagegen,
der sich, wie bereits öfter erwähnt, mit der Erforschung der
pharaonischen Botanik eingehend beschäftigt hat, lehrt uns, dass
die hieroglyphische Bezeichnung für Bier haqi hiess. Hiernach
ist C6i)oc offenbar nicht ägyptischen Ursprunges, sondern scheint
die Bezeichnung der griechischen Schriftsteller gewesen zu sein.
Von welchem Volke dieses Wort aber zuerst gebraucht wurde,
ist zur Zeit noch dunkel. Möglicherweise finden wir einen
Fingerzeig für seine Entstehung in dein Umstände, dass im
Kussischen noch heute sytha das llonigwasscr bezeichnet, und
dass die Moskowiter des 15. Jahrhunderts (schon Vergil,
(it'orgic. III, 1376 schildert uns das gegohrene Getränk der
Skythen) nach Josafath Barbaros' Reisebeschreibung ein aus
Honig oder Weizen und Hopfen bereitetes Getränk genossen
haben, das bei ihnen gleichfalls den Namen sytha führte. Wenn
i) Herodot, II, 77.
*) Theophrast, de caus. plant. VI, 12.
•T) Diodor, IV, 2; Strabon, XVII, 2; Dioscorides, II, 109 u.a.m.
I. Gramineae. — Hordeutp* 4o
es erlaubt ist, aus diesen kurzen Mittheilungen einen Schluss zu
ziehen, so wäre es der, dass Cööoc möglicherweise hei den Völker-
schaften nördlich des Schwarzen Meeres entstunden und von den
Griechen übernommen worden ist, die diesen Namen sodann auf
das ägyptische Bier übertrugen.
Ueber den Umfang der Bierindustrie der Aegyptcr geben uns
nicht nur die Nachrichten der Alten Ausschluss, sondern auch,
und zwar in ausfuhrlicherer Weise, einige Handschriften und
Papyrus. Aus ihnen spcciell erfahren wir mancherlei Einzel-
heiten über die Herstellung und den Konsum im Pharaonenlande.
Das ägyptische Bier muss für den damaligen Geschmack sehr
„Süffig" gewesen sein, denn Diodor aus Sicilien rühmt den
ägyptischen Gerstentrank, der hinsichtlich seiner Kraft und seines
Aromas dem Weine nahe komme, und A eschy 1 us nennt ihn sogar
„Meto aus Gerste". Was Wunder, dass schon in den ältesten
Epochen das Berauschen in Bier bei Alt und Jung, bei Vornehm
und Gering ein weitverbreitetes Uebel war. Denn gar zu häufig
ertönt nach Wönig 1 ) aus dem Munde weiser Philosophen die
Warnung vor übermässigem Biergenuss. So lässt sich der
Schreiber Ani zu folgenden Ermahnungen vernehmen: „Versitz
nicht im Bierhaus die Zeit, und Uebles vom Nächsten darfst Du
auch im Kausche nicht reden. Denn fällst Du zu Boden und
brichst Dir die Glieder, reicht keiner die Hand Dir zu helfen.
Siehe! Deine Kumpane, sie trinken und sagen: Geh' heim, der
genug Du getrunken." Wönig citirt ferner eine Stelle aus dem
Briefwechsel des Hicrogrammaten, in dem ein gewisser Qagabu
das leichtsinnige Leben seines Amtsbruders Ennara mit folgenden
scharfen Worten geisselt: „Es ist der Fall, dass mir gesagt wurde,
Du verlassest das Schriftthum, Du sehnest Dich nach Lustbar-
keiten, Du gehest von Kneipe zu Kneipe 5 der Biergeruch, wohin
führt er? Man meidet den Biergeruch; er entfernt die Leute,
er bringt Deinen Geist in Rückgang." — Dass der Bierconsum
in Aegypten grosse Dimensionen annahm, erfahren wir mehrfach.
Sl rabon* 2 ) z. B. berichtet ein solches über die Stadt Alexandria.
In den Papyrus aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. ist verschiedentlich
von Bierstcucr die Rede. Dieselbe muss sehr einträglich gewesen
sein, denn sie wird oft in den grossen offiziellen Budgetberech-
nungen an erster Stelle angeführt. Der Betrag von 45 Talenten
') Wonig, Pflanzen Aegyptens. S. 170.
••'•) Strabon XVII, 1.
44 I. Gramineae. — Ilordeum.
und 31 (>() Drachmen, der in einem Monat in der Stadt Memphis
eingegangen zu sein scheiut, ist der höchste Satz, den uns die
Papyrus hinterlassen haben. Wessely 1 ) glaubt annehmen zu
dürfen, dass zur ptolemäisch-römischen Zeit die Herstellung der
Biere nicht bloss ein Vorrecht einzelner Brauereien war, sondern
auch in den Häusern Privater vor sich ging, und dass diese
Hausindustrie, wenn wir sie so nennen dürfen, durch Finanzorgane
kontrollirt und der Staatssteuer unterworfen wurde. Wir kennen
diese Art Bierbrauens noch aus verschiedenen Ortschaften unseres
deutschen Vaterlandes: ich erinnere nur an die Lichten- und
Ziegenhainer Bauern, die das Recht besitzen, in ihrem eigenen
Hause Bier zu brauen und auszuschenken.
Die Papyrus berichten uns des weiteren, dass es in Aegypten
auch besondere Professionisten gab, die mit dem Verkauf des
Bieres ein Gewerbe trieben und als solche dementsprechend
Steuern zahlen mussten. — Die Verrechnung der Biersteuer ging
zweimal im Jahre vor sich, im Sommer und im Winter. Interessant
ist hierbei zu erfahren, dass im Wintersemester die Monate zu
35 Tagen, im Sommersemester dagegen nur zu 25 Tagen ge-
rechnet wurden, jedenfalls aus dem Grunde, weil die Hitze des
Sommers mehr zum Trinken anregte und somit ein grösserer
Konsum zur Verrechnung kam.
Man trank das Bier in Aegypten, wie Plinius 2 ) ausdrücklich
hervorhebt, unverdünnt, eine für unsere Auffassung vom Wesen
des Gerstensaftes ganz selbstverständliche Erscheinung; dem
Römer jedoch, der seinen Wein mit Wasser zu trinken gewohnt
war, fiel sie auf. — Nebenbei sei bemerkt, dass das Bier dem
Pariser Zauberpapyrus zufolge auch als Libation bei Götterfesten
mit Wein und Honig zusammen verwendet wurde.
In der gleichen Weise wie wir heutzutage in Deutschland
die verschiedensten Sorten Bier, wie Münchener, Kulmbacher,
Pilsener, Grätzer u. a. m. unterscheiden, geradeso verfügte der
alte Aegypter schon über mehrere Bräus. Das berühmteste der-
selben wurde vormals in Pelusium verzapft und hiess pelusisches
Bier. Zur Zeit des Plinius :l ) erfreute sich das Bier von Utica
in Afrika grosser Beliebtheit. Das Charakteristische des Bieres
von Pelusium bestand in dem Zusatz besonderer Ingredienzien,
') Wessely, Zythoa und Zythera, Wien 1887.
«) Plinius, liist. nat. XIV, 22.
») Plinius, bist. nat. XV III, 7.
I. Gramincae. — Hordeum. 4o
die demselben Würze und einen eigenen Geschmack verleihen
sollten. Columella 1 ) verräth uns diese Substanzen:
iam siser Assyriaqua venit quae semine radix,
sectaqtie praebetwr madido sociata liqrino,
ut Pelusiaci proritet xiocula zythi.
Nach Wessely") ist unter siser wohl sium sisarum L., die
Zuckerwurzel, und unter assyria radix das Radieschen zu ver-
stehen. Wessely theilt uns ferner ein ägyptisches Rezept für
die Bierbereitung mit, das er zweien Wiener Handschriften ent-
nahm, die genaue Kopien eines in Venedig befindlichen Perga-
ments des 11. Jahrhundert n. Chr. sind. Der Seltenheit wegen
geben wir dieses Braurezept hier wörtlich wieder. „Nimm helle,
reine, schöne Gerste; benetze sie einen Tag, quelle sie oder
lasse sie an einem windstillen Orte bis zum andern Tage in der
Frühe lagern und benetze sie dann wiederum durch fünf Stunden;
schütte sie dann in ein ai-mtiefes poröses Gefäss und halte sie
im benetzten Zustande; dann lass sie trocknen, bis gleichsam
Flocken entstehen ; wenn sie entstehen, dörre sie an der Sonne,
bis sie sich wirft; denn das Flockige ist bitter; schliesslich mahle
sie — xataXioooi des Herodot — und bereite Brode, (d. h. Malz-
brode), indem du Sauerteig wie zu gewöhnlichem Brod hinzu-
giebst; dann röste diese Brode, aber nur oberflächlich, und wenn
sie Farbe bekommen, so kläre ein süsses Wasser ab und seihe
es durch einen Seiher oder ein feines Sieb ; andere wieder rösten
die Malzbrode, geben sie in eine Kufe mit Wasser und lassen
das Ganze etwas aufkochen, damit es nicht schäume oder fade
werde, lassen es aufquellen, seihen ab, bedecken die Flüssigkeit,
erhitzen sie und richten sie an."
Ein anderes Rezept finden wir bei Lenz (Botanik der alten
Griechen und Römer, Gotha 1859) verzeichnet, das eigentlich nur
ein Excerpt des vorigen ist. Dasselbe soll der Abhandlung
eines gewissen Zosimos aus Panopolis „Ttepi Cuöcuv -oir^ostos"
entstammen und lautet folgendermaassen : „Man soll Gerstenmehl
in einem Kessel kochen, dann zu kleinen Broden oder Kuchen
formen, diese mit einem GährungsstofFe in Wasser legen und
letzteres durch Seihen abtrennen, sobald die Gährung vollendet."
Leider erfahren wir aus beiden Brau Vorschriften nichts über
das Alter ihrer Abfassung. Immerhin jedoch lernen wir aus
') Columella, de re rust. X, 114.
i ) \V issely, s. o.
46 l. Gramineae. — Hordeuro.
ihnen, dass bereits eine lange Erfahrung in der Bierbereitimg
vorausgegangen sein inuss, ehe man eine solche erprobte Methode,
die nach Wessely in nichts von den in unseren modernen
Handbüchern der Bierbrauerkunst angegebenen Regeln abweicht,
aufstellen konnte. Es finden sich hier z. B. die drei Akte der
Malzbereitung bis ins kleinste Detail dargestellt: einmal die Ein-
leitung des Keimungsprozesses, das Quellen, dann das Keimen
selbst durch Hinzufügung des Wassers, der Wärme und der
atmosphärischen Luft, und drittens das Unterbrechen des Keim-
prozesses durch Entziehung der Feuchtigkeit und Zutritt der
freien Luft in der Luftdarre. Aber auch die übrigen Manipula-
tionen bieten viele Analogien zu unserem heutigen Verfahren.
Es liegt ausserhalb meines Themas, näher auf dieselben einzu-
gehen ; wer sich hierfür interessirt, findet eine eingehende Dar-
stellung bei Wessely. — Den Beweis für das Keimen der
Gerstenkörner glaubt Schweinfurth 1 ) dadurch, dass er in
einem Grabe der XXI. Dynastie (Scheich- Abd-el-Qurna) bei
Theben ein Paket Gerstenkörner gefunden, die mehrere Centi-
meter lange Wurzeln getrieben hatten, gegeben zu haben.
Verlassen wir jetzt Aegypten und wenden uns dem europäischen
Kontinente zu, wo wir die Kenntniss des Bieres schon bei ver-
schiedenen Völkern der vorarischen Urbevölkerung verbreitet
finden. Vorzüglich war es Spanien, dessen Bewohner als Bier-
trinker berüchtigt waren. Nach Strabo 2 ) tranken die Lusitauier
selten Wein, meistens aber Bier, nach dessen Genuas sie sich
veranlasst sahen, „nach dem Takte der Flöte und der Trompete
zu tanzen und dabei in die Höhe zu springen." Bier scheint
im Alterthum speziell das Nationalgetränk der Iberer gewesen
zu sein. Denn noch in der späteren Zeil begeisterten sich die
Numantiner 3 ) vor der Schlacht an diesem ihrem Landesgetränk
(indigena ex fermento potio) zum Kampfe. Helm führt als
weiteres Beispiel dieser Anhänglichkeit einen iberischen König
au, der Polybius zufolge als Halbcivilisirter seinen Palast nach
Art des Palastes des Phäakenkönigs einrichten Hess, dagegen
eine Ausnahme insofern machte, als er gestattete, dass in der
Mitte des Gebäudes silberne und goldene Gefässe stehen
blieben, die mit Gerstensaft angefüllt waren. — Noch zu
l ) Schweinfurth, Die letzten botan. Entdeckungen. 8. 12.
») Strabon III, 3.
3) Flor. Epit 1, 34, citirl von Hehn.
I. Gratnineae. — Hordeum. 4/
Plinius 1 ) Zeiten hatte Spanien seinen Ruf als altes Bierlaud
bewahrt und erzeugte sogar ein Bräu, das sich längere Zeit
halten konnte, also eine Art Exportbier. Der Name für das
iberische Bier war cerea ('später in cerevisia übergegangen,
Pliuius XXII, 164) a ).
Wie die Iberer huldigten auch die Ligurer dem Genüsse des
edlen Gerstensaftes (xpi'ihvov itou-ot, Strabon IV. G). Dieses
gleichzeitige Vorkommen des Bieres bei beiden stammverwandten
Völkerschaften Südeuropas, die viele Autoren aus den nördlichen
Gebieten des schwarzen Erdtheils eingewandert sein lassen, giebt
der Vermuthuug Kaum, dass es sich bei ihnen um ein Ver-
mächtnisa ihrer libyschen Vorfahren handeln mag, die Aegypten
benachbart waren.
Von den Völkern arischer Abstammung werden als die ältesten
Biertrinker die Phrygier und Tbracier genannt. Arcbilochns 5 )
schildert sie ums Jahr 700 v.Chr. schon als eifrige Zecher, „die
ganze Ströme von Bier wieder von sich gäben", und benennt
dieses Getränk ßpo-coc, ein Wort, das bei Aeschylus und
Sophocles wiederkehrt. Hecataeus (Athen. Deipn. a. a. 0.)
fügt hinzu, dass die Päonier, eine gleichfalls thracische Völker-
schaft, bereits zwei Sorten Bier tranken, eins aus Gerste, das
bei ihnen ßpotos hiess, und ein anderes aus Hirse, das sie
napaßi7] nannten, und dass sie demselben ein Kraut als Würze
(xovt>Ca) beisetzten.
Xenophon 4 ) lernte auf seinem Marsche durch die armenischen
Dörfer gleichfalls eine Sorte „Gerstenbier" kennen, das in Krügen
aufbewahrt und mittels Bohrhalmen in den Mund gesogen wurde.
1 >ieses Bier, so fährt derselbe fort, war stark und sehr be-
rauschend, wenn mau nicht Wasser hiuzugoss, aber nur für den,
der sich noch nicht daran gewöhnt hatte. Leider verschweigt
der Autor den Kamen dieses Getränkes.
Den alten Griechen war das Bier gleichfalls bekannt. In der
ältesten Zeit jedoch scheinen die griechischen Helden dasselbe
verachtet zu haben, denn bei Acschylos rühmt der König von
Argos den aus Aegypten gekommenen Dauaiden gegenüber sein
i) Plinius, bist, nat XIV, 149.
2 ) Nach Schrader, Sprachvergleichung sollen xop-ju« und cer-ea auf
••in Primitivum cer = Gerste zurückzufuhren sein, das auch dem xpi-{by
zu Grunde liegt.
3 ) Bei Athenaeus, Deipnos. X, 67.
4 ) Xenophon, Anabasis IV, 5. 26 u. f.
48 I. Graniineae. — Hordcum.
Land als eines, das „eine männliche Bevölkerung und nicht
Trinker von Gerstenwein erzeuge." Zu Aristoteles' Zeiten da-
gegen niuss das Bier sich bereits eingebürgert haben; denn der-
selbe weiss von einer Eigenthümlichkeit der Bierwirkung zu be-
richten, die darin bestehen soll, dass man ausschliesslich nach
rückwärts falle und nicht nach allen Seiten, wie dies bei über-
mässigem Weingenuss der Fall sei.
Dioscorides 1 ) kennt bereits die schädlichen Eigenschaften
des Gerstenbieres, das er xoupu,i nennt; es wirke schädlich auf
die Nerven, verschlechtere die Säfte und erzeuge Kopfschmerzen.
Wir haben hier offenbar die erste Schilderung eines regulären
Katzenjammers. Hippocrates 2 ) widmete dagegen dem Biere
ein eigenes Buch.
Was Italien betrifft, so wissen wir über seine Bierverhältnisse
weiter nichts, als was Plinius 3 ) berichtet, dass nämlich in
Kampanien zu seiner Zeit ein Weizenbier gebraut wurde, das
tragwn hiess.
Gallien war im Alterthum gleichfalls als Bierland bekannt.
Posidonius (im Anfange des 1. Jahrhunders v. Chr.) erwähnt
ein aus Weizen und Honig hergestelltes Bier als Nationalgetränk
der Kelten und giebt uns sogar eine eingehende Schilderung
einer keltischen Gastwirthschaft. Ich lasse Hehns 4 ) treffende,
auf moderne Verhältnisse übertragene Uebersetzung der be-
treffenden Stelle (bei Athen. Deipn. IV, p. 151) folgen: „Aus dem-
selben Fasse (ex to5 aurou iroxrjpiou) wird fleissig (iruxvorepov)
Seidel nach Seidel (oü ttXsov xuaöou) verzapft und von den
Kellnern (6 ttoi?) rechts und links ausgetheilt." — Noch bei
späteren Schriftstellern findet sich das keltische Bier nicht selten
erwähnt; es erhielt sich nach He hn in Nordfrankreich, Belgien,
den britischen Inseln während des ganzen römischen Kaiserreiches
bis zum Mittelalter und sogar bis in die Neuzeit hinein. Im
Keltischen hiess dieses Bier xopu.ot, ein Wort, das sich bei
Dioscorides 6 ) als xoupu.i wiederzufinden scheint und, wie
Hehn vermuthet, mit der spanischen Bezeichnung cerea*) identisch
•) Dioscorides, de mat. med. II, HO.
a ) Nach Plinius, hist. nat. XVIII, 7
») Plinins, hist. nat. XVIII, 17.
*) II eh ii, Kulturpflanzen. S. 147.
6 ) Dioscorides, de mat. med. II, llo
6 ) Vgl. hierzu Aiun. 2 auf S. 47.
I. Gramineae. — Üordeuni. 49
ist. Es scheint daher die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, viel-
mehr ist es höchst wahrscheinlich, dass die Kenntniss des Bieres
und seiner Bereitung von der iberischen Halbinsel aus nach
Frankreich gelangte.
Es erübrigt sich noch einige Worte über die Verbreitung des
Bieres bei den germanischen Völkerschaften zu sagen. Von den
modernen Schriftstellern werden die alten Deutschen allgemein
als tapfere Zecher geschildert, trotzdem die Alten uns gar keine
Anhaltspunkte für eine solche Auffassung gegeben haben. Der
älteste, der uns mit dem germanischen Bier bekannt macht, ist
der Schriftsteller Pytheas 1 ) (um 300 v. Chr.). Derselbe be-
obachtete auf seiner Seereise längs der Ostseeküste, dass die-
jenigen Völkerschaften, deren Land Getreide und Honig erzeuge,
aus diesen Stoffen sich ein Getränk zu bereiten verstanden. Eine
weitere Nachricht rührt von Tacitus -) her, der in seiner Germania
des aus Gerste oder Getreide gebrauten weinartigen Getränkes
der Deutschen gedenkt. Pliuius dagegen, dem wir zum grössten
Theile unser Wissen vom Bier der Alten verdanken, berührt
merkwürdiger Weise mit keinem Worte den germanischen Gersten-
saft. Diese Thatsache spricht ohne Zweifel dafür, dass die Bier-
bereitung bei den germanischen Völkern sich nicht solcher grossen
Verbreitung erfreut haben mag, wie man heute allgemein an-
nimmt. Daher dürfte Hehn nicht mit Unrecht vermuthen, dass
die Kunst Bier zu bereiten, bei den Germanen jüngeren Datums
ist. Grimm und Wackernagel :! ) weisen darauf hin, dass das
Wort Bier vom lateinischen bibere herstammen könne. Hehn
theilt diese Auffassung, die in S ehr a der einen Gegner findet.
Nach Schrader soll Bier ein urgermanisches Wort sein (angel-
sächsisch biör, altnordisch björr = Gersteusaft nach R. Kögel)
und mit der germanischen Bezeichnung für Gerste (angelsächsisch
beö, altnordisch bygg) einen gemeinsamen Stamm haben.
Weiter glaubt Schrader die germanische Grundform, die viel-
leicht bevo hiess, mit (icapa) $'-/ z r n dem päonischen Worte für
Gerstensaft, vereinigen zu können. Hierdurch wäre vielleicht ein
Fingerzeig gewonnen für die Richtung, aus welcher die Kenntniss
des Bieres zu den deutschen Volksstämmen gelangte, nämlich
i) Nach Strabon IV, 5.
'*) Tacitus, Germania, c. XXIII.
3 ) Schrader, in Hehn, Kulturpflanzen. S. 158.
Q. Busch an, Vorgeschichtliche Botanik.
50 I. Gramineae. — Hordeum.
aus dem Osten. Ein anderes Wort, das auf die Bierbereitung
Bezug nimmt, weist auf denselben Ursprung hin. Es ist dies
das Wort brauen (altdeutsch briwvan, altnordisch bragga,
angelsächsisch breöven), das seine Entstehung aus dem thracischen
ßputov deutlich verräth. Weiter dürfen vielleicht die nordischen
Bezeichnungen ale, öl etc. (altnordisch öl, angelsächsisch ealu),
die Seh rader auf einen alten t- Stamm alut zurückführt, von
den Völkerschaften im Osten Europas übernommen worden sein,
von deren Bezeichnung alut (?) das litthauische alüs = Bier,
altpreussische alu = Meth, altslavische olü die Ueberreste sein
mögen. Sehr ad er freilich hält diese Worte für Entlehnungen
aus dem Germanischen. — Mir erscheint es jedoch unzweifelhaft,
dass die Germanen die Bierbereitung von ihren slavischen Nach-
baren überkommen haben mögen. Zur Zeit der Entstehung der
älteren Edda hatte sich das Bier bei den nordischen Völker-
schaften bereits eingebürgert und erfreute sich, einer Stelle ' )
in diesem Werke nach zu urtheilen, allgemeiner Beliebtheit. An
besagter Stelle wird nämlich die Frage aufgeworfen „wie
heisst das Bier, das alle trinken in den einzelnen Welten?" und
darauf die Antwort zu Theil: „öl bei den Menschen, björr bei
den Äsen, die Wanen nennen es veig, die Riesen hrein log,
in Hei heisst es mjöth, und bei Suttungs Söhnen sumbl."
3. Seeale cereale L. Roggen.
Der Roggen ist ein verhältnissmässig sehr junges Kultur-
gewächs, d. h. für die mittel- und südeuropäischen Länder.
Auch den orientalischen Völkerschaften war er in der Vorzeit
unbekannt und ist es zum Theil auch noch geblieben. Ob in
gleicher Weise den Griechen und Römern des Alterthums die
Kenntniss vom Roggen abzusprechen ist, darüber sind die An-
sichten getheilt. Aus den Nachrichten der Alten scheint wenigstens
soviel hervorzugehen, dass das altgriechische Volk in der That
Kenntniss von der Pflanze besass; ob es dieselbe aber anbaute,
ist mehr als zweifelhaft. In gleicher Weise hatten die Römer
zur Kaiserzeit von ihr Kunde.
Galen' 2 ) spricht vom Roggen als einer Kulturpflanze Thraciens
und Macedoniens, die das Material zu einem schlechten, schwarzen
Brod liefere. Der galenische Name ßp^Ca, sowie eine andere im
1 ) A I v 6 s s m a 1 , Strophe 34—35.
*) Galen, de alim. fac. I, 13. p. 510 ed. Kühn.
I. Gramineae. — Secale cerealc. 51
alten Griechenland übliche Bezeichnung, oi'xaXi, haben sich unter
diesem Himmelsstrich bis in die Neuzeit hinein erhalten 1 ). Auf
der eigentlichen griechischen Halbinsel scheint dagegen zur Zeit
der klassischen Periode der Roggenbau noch keinen Auklang
gefunden zu haben. Denn wir suchen vergebens nach
einer Nachricht oder einem Namen bei den Schriftstellern der
damaligen Zeit. — Auch auf der italischen Halbinsel war zu
Zeiten der Republik der Roggen noch eine unbekannte Halmfruclit.
Funde aus dieser oder einer älteren Periode fehlen uns bisher;
ebensowenig haben uns die Autoren hierüber etwas hinterlassen.
Die älteste Nachricht rührt von Plinius 2 ) her, der uns von der
Pflanze aber bereits eine sehr natürliche Schilderung giebt. Er be-
nennt sie secale und führt sie als ein Kulturgewächs der Tauriner
an, einer Völkerschaft am Fusse der Alpen, bei welcher dasselbe
den Namen asia führe. — Ueber den Ursprung des Wortes secale
ist viel gestritten worden. Körnicke 3 ) z. B. und mit ihm
andere Forscher halten dasselbe für keltisch — bei den Bretonen 4 )
heisst der Roggen segal, bei den Basken cekela, zikhalea, bei
den Franzosen seigle, bei den Dako-Romanen secara, bei den
Albanesen thekere — und nehmen an, dass die Römer diese Be-
zeichnung von den Galliern, bezw. deren Grenznachbarn, den
Iberern, entlehnt hätten 5 ). Mir scheint die Wanderung des
Wortes eher den umgekehrten Weg, d. h. von Osten nach Westen,
eingeschlagen zu haben. Denn wäre das Wort secale gallischen,
also keltischen Ursprunges, so würde Plinius von den in
Gallia cisalpina wohnenden keltischen Völkern nicht besonders
hervorgehoben haben, dass diese einen eigenen Namen asia an
Stelle der bei den Römern üblichen Bezeichnung secale besässen.
Andererseits ist nicht unwahrscheinlich, dass das ossetische")
syl, sil = Roggen mit secale, und ebenso das tartarische arescJi
mit asia in Verbindung zu bringen sind. Es würde dieser muth-
maassliche Zusammenhang, in den vielleicht die Philologen mehr
Licht bringen könnten, auf einen osteuropäischen Ursprung der
>) Lenz, Botanik. S. 259; Heldreich, Nutzpflanzen. S. .">.
*) Plinius, hist. nat. XVIII, IC.
3 ) Körnicke, Getreidebau. S. 124.
4 ) De Candolle, Ursprung. S. 469.
5 ) Grimm leitet das Wort secale vom lateinischen secare her. Nach
Krause existirt in Afrika im Maghred die Bezeichnung gavJar und *i
in Aegypten ghalleh. Mittheil. d. Wien, anthr. Gesellsoh. II, S. 20.
«) De Candolle, Ursprung. S. 4G9.
4*
52 I. Gramineae. — Seeale cereale.
Worte secale und asia hinweisen. Für mich scheint es nicht
unmöglich, dass der Name secale (aixaXi) von den im Norden
der Balkanhalbinsel wohnenden Völkerschaften, deren Gebiete
ja für die Ausläufer des ursprünglichen Verbreitungsgebietes des
wilden Roggens gelten, seinen Ausgang nahm.
Ausser den beiden angeführten Worten existirt noch eine dritte
Bezeichnung für unsere Halmfrucht, die sich vorzugsweise in den
germanischen Idiomen vorfindet, aber auch in einzelne slavische,
sowie ugrisch-finnische übergegangen ist. Es ist das Wort
Roggen mit folgenden Varianten '): angelsächsisch ryge oder rig\
altnordisch rugr\ altdeutsch ruyyo oder rocco\ skandinavisch
rügr\ litthauisch ruggys; lettisch roh-, esthnisch rukki; englisch
rye\ altslavisch ruji oder roji; polnisch rez '; böhmisch rez\
russisch rosh' ; illyrisch rez\ tscheremissisch rsa ; magyarisch rosz
und finnisch ruis. Auch ßpuot des Galen dürfte auf dieselbe
Wurzel zurückzuführen sein. Den romanischen Sprachen ist die-
selbe fremd geblieben. Aus dieser Zusammensetzung geht deut-
lich hervor, dass die gemeinschaftliche Urform aller dieser Namen
entstanden sein muss, als die Stammsitze der Germauen, Slavo-
Letten und Finno-Ugrier noch einander benachbart waren. Sie
beweist ferner, dass zu dieser Zeit nicht nur die verschiedenen
iranisch-indischen Völkerfamilien sich vom grossen Hauptstamme
der Arier bereits losgelöst hatten, sondern dass auch die Graeco-
Romano-Kelten bereits nach Süden ausgewandert waren. Nach-
dem diese Trennung sich vollzogen hatte, dann erst begann der
nördliche Zweig der Arier den Roggen in Kultur zu nehmen
und ihm einem Namen zu geben. Gleichzeitig muss man aber
auch in den nördlichen Balkanländern Versuche mit seinem
Anbau angestellt haben, jedoch nicht in so ausgedehntem Maasse,
wie im Osten Europas, in Thracien und Macedonien entstand
damals vielleicht das Wort sicale (albanesich thekere).
Was nunmehr die vorgeschichtlichen Funde von Roggenkörnern
betrifft, so finden wir mehrfach solche verzeichnet: so im Szadelöer-
Thal'-) in Ungarn, in einer Hüttenniederlassung auf dem Monte
Loffa') und in einem Pfahlbau im Gardasee 4 ) in Oberitalien, sowie
i) Pictet, les origines. 2. Aufl. I, S. 344; Koppen, in Archiv für
Anthropologie XX, S. 2G8.
2) Staub, S. 287.
•) Goiran, aleuu. notiz. S. 30.
*) Goirau, alcuu. notiz. S. 24-
I. Gramineae. — Seeale cereale. 53
in einem Pfahlbau zu Ölmütz 1 ) in Mähren. Von diesen Funden
müssen wir jedoch die beiden erstgenannten als werthlos für unsere
Betrachtung ausscheiden, den aus dem Szadelöer-Thal deshalb,
weil die Nachrichten über sein Alter und die sonstigen Verhält-
nisse recht unsichere sind, und den vom Monte Loffa aus dem
Grunde, weil es sehr fraglich erscheint, ob die wenigen Körner,
die Stefan i dort im Grunde einer Hütte fand, wirklich Roggen
vorstellen (forse mescolato a qaalche granello di avena e di
segale), und weil überdies das Alter der betreffenden Schicht, in
der gleichzeitig Stein-, Bronze- und Eisengerathe zum Vorschein
kamen, sich nicht sicher feststellen lässt. Mehr Bedeutung glaube ich
dagegen einem anderen Funde aus Oberitalien beilegen zu dürfen,
dem bereits angeführten aus dem Pfahlbau Bor im Gardasee. Hier
ist der Roggen thatsächlich nachgewiesen. Auch über sein Alter sind
wir so ziemlich orientirt. Wie aus einigen anderen daselbst gefun-
denen pflanzlichen Ueberresten (der Wallnuss und Kastanie)
hervorgeht, gehört er der späten Eisenzeit, vielleicht der Periode
der römischen Republik an, wo bereits der Roggenanbau bei einigen
oberitalischen Völkern gallischer Abstammung verbreitet gewesen
zu sein scheint. — Ich will noch hinzufügen, dass wir zwei
weitere Funde von Roggen kennen, die aber der spätrömischen Zeit
angehören, also nicht mehr vorgeschichtlich sind. Der eine
stammt aus einem römischen Gebäude bei Buchs ' ) im Kanton
Zürich (ungefähr aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.), der andere aus
einer gleichfalls römischen Ruine bei Grädistia ' ) in Ungarn.
Der älteste aller verbürgten Funde ist aber unstreitig der aus
Olmütz in Mähren, einem Pfahlbau, welcher der Bronzezeit zu-
geschrieben wird. — Von allen angeführten Funden sind mir
leider keine Proben zur Untersuchung zugänglich gewesen. Auch
die Autoren, die die darauf bezüglichen Berichte veröffentlicht haben,
geben keine Beschreibung der Samenkörner. Selbst Heer be-
gnügt sich damit, uns eine Abbildung einiger Körner zu liefern.
Soweit aus dieser ersichtlich, bieten die Samen auch nichts
Besonderes dar.
Ich muss mich daher bei meiner descriptiven Schilderung der
Roggenkörner auf die frühmittelalterlichen Funde beschränken,
an denen die slavischen Niederlassungen besonders reich sind.
Ich erwähne hier das Vorkommen des Roggens in den Burg-
wällen von Ahrensberg, Czerwentzütz, Kaaksburg, Niemitzsch
») Heer, Pflanzen. S. 16.
51
I. Grainineac. — Secalc cerealc.
(slavische Schicht), Oldeuborg, Poppschütz, Striesow (slavische
Schicht), Torno, sowie von Labegg in Kärnten, ferner in den
gleichfalls slavischen Pfahlbauten auf der Dominsel in Breslau,
bei Wismar u. a. m. Vor dieser Periode, der die Burgwälle
und norddeutschen Pfahlbauten angehören, finden sich Roggen-
körner nirgends unter den vorgeschichtlichen Funden aus Nord-
und Mitteldeutschland. Durch diese beschränkte Verbreitung der
Pflanze ist offenbar der Beweis dafür erbracht, dass dieselbe
erst mit dem Vordringen der Slaven in jenen Gegenden Eingang
und Verbreitung fand. Hierdurch wird gleichzeitig die von
Mejer aufgestellte, übrigens vollständig unbegründete Be-
hauptung 1 ), dass der Roggen das „Urkorn der Indogermanen"
sei, hinfällig.
Die Form der Roggenkörner aus den frühmittelalterlichen
Niederlassungen stimmt so ziemlich mit der der modernen Körner
überein. Nur hinsichtlich der Grössenverhältnisse bieten sie
einige Abweichung dar. Dieselben sind an den frühgeschicht-
lichen Körnern folgende:
Fundort.
Mittel
li mm.
Das grösste Korn
Das kleinste Korn
in mm.
in mm.
Länge.
Breite.
Länge. Breite.
Länge. | Breite.
6,7
2,8
7,2
2,8
5,6
3,2
6,5
2,8
7,2
3,0
5,6
2,4
6,1
2,6
6,4
2,8
5,6
3,0
6,1
2,1
7,2
2,6
5,8
1,6
Poppschütz
Torno . . .
Kaaksburg .
Czerwentzütz
3
Sommer- Roggen
j mo-
6,0
3,1
7,2
1,8
8,7
(iöttinger Koggen
dern
5,4
2,0
4,7
1,0
5,4
Vergleicht man mit dieser Zusammenstellung die Längenmaasse
für einzelne moderne Roggensorten, wie sie Wittmack' 2 ) angiebt,
1,9
2,4
so fälltauf, dass diese letzteren im Durchschnitt an Grösse noch hinter
den gewiss kleinen mittelalterlichen Körnern zurückstehen. Die
gleiche Beobachtung konnte Wittmack' 2 ) an einem Roggen
machen, der aus der Zeit des dreissigj ährigen Krieges stammte.
Bei diesem betrug die Länge im Durchschnitt 7,2 mm, die Breite
M Corresp.-Bl. d. deutsch, anthrop. Gesellsch. 1893. S. 121.
2 ) Wittmack, über einen Koggen ans dem dreissig jährigen Kriege im
.lahrbuch d. deutsch. Landwirtlischaftsgesellsch. 1888, HI. Sonderabdruck S. 73.
I. Gramineae. — Seeale cereale. 55
1,9 mm idie grössten Exemplare 7,9 — 8 : 0,8 — 3,3 mm\ das
kleinste 5,6 : 0,7 mm).
Am scblankesten sind von den mittelalterlichen Körnern die
aus Czerwentzütz gebaut; ihnen kommen am nächsten die aus
der Kaaksburg. Schon gedrungener sind die aus Tornow, und
am meisten gleichen den modernen Körne in die aus Poppschütz.
Das untere Ende, das den Embryo trägt, ist bei allen mehr oder
minder zugespitzt; am meisten trifft diese Erscheinung für die
Körner aus Tornow und Poppschütz zu.
Als Stammform des kultivirten Roggens ist nach den jüngsten
botanischen Forschungen Seeale montanum Guss 1 ) mit seinen
Varitäten See. anatolicum Boiss., dalmaticam Vis. und serbicum
Pans. anzusehen. Die Art und Weise, wie die Botaniker zu
dieser Auffassunggelangt sind, verdient, weil diese Theorie auf
verschiedene andere Kulturpflanzen schon Anwendung gefunden
hat und auch in anderen fraglichen Fällen die Auffindung der
wilden Stammform erleichtern kann, im folgenden näher aus-
geführt zu werden. Landwirthen und Botanikern war es schon
früher aufgefallen, dass einzelne unserer einjährigen Roggen-
pflanzen nach der Ernte verschiedentlich aus der Stengelbasis
Sprossen entwickeln, die den Gedanken an ein Perenniren nahe
legen; keinem jedoch — mit Ausnahme der russischen
Oekonomen — war es bekannt geworden, dass in einigen süd-
lichen Gouvernements des europäischen Russland der Roggen in
der That als mehrjähriges Gewächs angebaut wird. Die ersten
diesbezüglichen Angaben veröffentlichte J. Th. Kaidur ow im
Gouvernement Stawropol, auf Grund deren Professor Kostyczew
seinen Schüler A. Batalin' 2 ) mit der Untersuchung der von
dorther besorgten Exemplare des perennirenden Roggens betraute.
Hierbei stellte sich folgendes heraus: „Jede Roggenpflanze ist
stark besteckt, mit /ahlreichen Schösslingeu versehen. Auf jedem
Exemplare sieht man die Stengel von zweierlei Alter — die
älteren schon abgeschnitten, von voriger Ernte, und die
jüngeren noch mit den Aehren, welche zum Herbste desselben
Jahres, nach der erfolgten Ernte, sich ausgebildet haben. Diese
Stengel mit den reifenden Aehren ordneten sich vorwiegend auf
dem äusseren Rande des Wurzelstockes, und eine genaue Be-
') Körnicke, Getreidebau. S. 124.
-2 ) Batalin, in Acta Horti Petropolitani. 1880- Vol. VI. No. 6. Referat:
Das Perenniren des Roggens in Naturw. Wochenschrift. 1890. No. 52.
5n I. Crramineae. — Seeale cereale.
trachtnng zeigte, dass diese Stengel wirklich und zweifellos die
jüngeren Schösslinge von den früher abgeernteten Pflanzen dar-
stellen; die Zahl solcher sekundärer Stengel schwankte von
10 — 15 auf jedem Wurzelstock — und schon diese bedeutende
Zahl von Schösslingen zeigt die Neigung der Roggenpflanze, zu
perenniren." Hierdurch war der Beweis erbracht, dass der
Roggen ursprünglich ein perennirendes Gewächs gewesen ist; gleich-
zeitig stellte sich aber auch heraus, dass die an Batalin gesandten
Pflanzen dem Seeale montanum Boiss. sehr nahe standen, das
sich nur durch die Zerbrechlichkeit der Spindel, die Kleinheit
der eingeschlossenen Früchte und die perennirende Lebensdauer
von der Kulturform unterscheidet. Es lag somit der Schluss sehr
nahe, dass die dem eultivirten Roggen nächstverwandte gleich-
falls perennirende Pflanze, Seeale montonum Boiss. — einjährige
wilde Seeale- Arten giebt es nicht — die Stammpflanze desselben
sein müsse. Seeale montanum findet sich nach Kör nicke 1 )
gegenwärtig über Marokko, Südspanien, am Aetna, Dalmatien,
Serbien, Griechenland, Kleinasien, Armenien, am Kaukasus,
Kurdistan und Centralasien verbreitet; Seeale fragile M. B., das
nur eine Varietät des vorigen ist, fand v. Bieber stein wild in
der kaspisch-kaukasischen Steppe 2 ). Dieses zuletzt angeführte
Gebiet, sowie Armenien und seine Nachbarländer (in Schugnan
und Taschkent sollen nach E. Regel die Wiesen mit dem als
Viehfutter benutzten wilden Roggen so dicht bewachsen sein,
dass es den Eindruck macht, als ob derselbe hier ausgesäet wäre)
scheinen, wie schon oben hervorgehoben, diejenigen Länder ge-
wesen zu sein, wo der wilde Roggen zuerst in Kultur genommen
wurde. Hier mögen es besonders zwei Gebiete gewesen sein,
die gleichsam als Ausstrahlungscentren der Verbreitung des
Roggenbaues anzusehen sind: die kaspisch-kaukasische Ebene,
bezw. das Gebiet der unteren Wolga (hierin verlegt Koppen :| )
die gemeinsamen Wohnsitze der Slavo-Germanen und Ugro-Finnen)
und die nördlichen Balkanländer. An beiden Stellen bildeten
sich spezifische Namen für die neue in Kultur genommene Ge-
treideart aus. — Auch De Candolle 4 ) hält für die Heimath
des Roggens die Gegend zwischen Alpen und Schwarzem Meer.
Merkwürdig bleibt dabei, dass nach Osten, nach China zu, der
Roggenanbau keine Verbreitung gefunden hat.
») Körnicke, Getreidebau. S. 124. *) Link, Urwelt. S. 401.
») cfr. oben S. 34. «) De Candolle, Ursprung. 8, 471.
I. Grainineae. — Aveua sativa.
57
4. Avena sativa L. Hafer.
Für die Verbreitung des Hafers in der Vorzeit liegen die
Verhältnisse ähnlich wie für den Roggen.
Bei den Aegyptern und Hebräern wurde der Hafer noch nicht
angebaut. Ebensowenig war er in der Vorzeit in Indien oder
China bekannt; denn das Sanskrit und auch die neueren indischen
Sprachen kennen keinen Namen für diese Pflanze, und für China
ist ihr erstes Auftreten erst in einem historischen Werke über
den Zeitraum von 626—907 n. Chr. nachgewiesen 1 ).
Dagegen dürfte der Haferanbau in Kleinasien älteren Datums
sein. Galen -2 ) wenigstens erwähnt, dass Hafer zu seiner Zeit
daselbst, besonders oberhalb von Pergamum in Mvsien als Futter-
pflanze für Lastthiere, zu Hungerszeiten aber auch als mensch-
liches Nahrungsmittel (zu Brod gebacken, oder mit Wasser ge-
kocht, und mit süssem Wein oder gegohrenem Most oder mit
Wein und Honig angerührt) angebaut wurde. Zu Homer's Zeiten
scheint dies jedoch noch nicht der Fall gewesen zu sein; auch
unter den Getreideresten aus den Trümmern von Alt-Ilion
(Hissarlik) ist Hafer nicht gefunden worden. — Ob die Griechen
und Römer den Hafer als Kulturpflanze kannten, scheint sehr
fraglich zu sein. Auf die Nachrichten der Autoren ist wenig
Gewicht zu legen, da dieselben wohl stets nur den im ganzen
Süden wildwachsenden Flughafer bei der Abfassung ihrer
Schriften im Auge hatten. Es existiren bei ihnen zwar zwei
Bezeichnungen für unsere Pflanze, bromos und aegilops; jedoch
ist aus den unklaren Beschreibungen, wie sie z. B. The oph rast H |
giebt, nicht zu erkennen, ob beide Worte etwa identisch sind,
oder ob eins davon den Flughafer, das andere den Saathafer
bezeichnet, oder endlich, ob unter dem zweiten nicht vielmehr
unsere heutige Aegilops ovata L. zu verstehen ist. Körnicke 4 )
neigt sich zwar stark zu der Ansicht, dass der Saathafer den
alten Griechen bekannt gewesen sei; jedoch ist dies, wie schon
gesagt, nur eine bis jetzt unbegründete Vermuthung.
!) Uc Candolle, Ursprung. S. 472.
a ) Galen us, de aliin. fac. I, 14.
3 ) Theophrast, bist. pl. VIII, 9. Daselbst findet sich ausserdem die
Bemerkung, dass beide Pflanzen wild wachsen.
4 ) Körnicke, Getreidebau. S. 200 u. f.
58 I, Gramineae. — Avena sativa.
Bei den römischen ScbriftstellerD herrscht dieselbe Unklarheit
über unsere Halnifrucht. Cato 1 ) spricht sicherlich von ihr noch
als von einem Unkraut, dessen Ausjäten auf dem Getreidefelde er
seinen Bauern zur Pflicht macht. Bei Columella'-) diente
Hafer nur als Grüntutter oder als Heu für das Vieh. Beide Mit-
teilungen sprechen doch dafür, dass man damals in Italien auf
den Hafer als Kulturpflanze noch kein Gewicht legte. Zu welche 1
Zeit sein Anbau hier allgemeiner geworden ist, lässt sich
schwerlich feststellen. Vielleicht gelangte die Anregung hierzu
über Griechenland aus Kleinasien nach der italienischen Halb-
insel. Plinius 3 ) wenigstens nennt die Halersorte, bei der die
Samen nicht herausfielen, also den Saathafer, „griechischen Hafer".
Ebenso wahrscheinlich ist aber auch, dass die Gallier den
Saathafer von Norden her nach Italien einführten. Für diese
Ansicht würden die vorgeschichtlichen Funde sprechen, die aus
den im Norden an Italien angrenzenden Gebieten stammen,
nämlich aus den bronzezeitlichen Pfahlbauten von Montelier und
Petersinsel 4 ) in der Schweiz, von Bourget 5 ) in Savoyen, sowie
aus dem derselben Periode angehörigen Salzbergwerke Heiden-
schacht bei Hallein 6 ). Aus der historischen Zeit stammen die
Funde aus der römischen Ruine von Buchs A ) in der Schweiz
und von Villeneuve-Saint-Georges ft ) in Frankreich. — Bei den
keltischen Völkerschaften scheint besonders der Hafer ein sehr
altes Hauptnahrungsmittel gewesen zu sein. Es beweist dies
u. a. ein eigner Name r ), den diese Cerealie in den keltischen
Sprachen besitzt: irisch coirce, cuirce, corca; armoricanisch kerch.
Noch heute bildet dieselbe in Irland und Schottland, sowie auf
den Orkney- und Shettland- Inseln seit Menschengedenken
die Hauptnahrung der ländlichen Bevölkerung. Flache Hafer-
kuchen sind hier ein Lieblingsgericht und haben Schottland
spottweise den Namen Kuchenland eingebracht.
Wenn wir Plinius 8 ) Glauben schenken, so war Haferbrei
auch ein Hauptgericht der altgermanischen Küche. Schon der
») Cato, de rc nist. XXXVII. 5.
2) Columella, de re rast. II, 10.
3) Plinius, bist. nat. XVIII, 149.
+) Heer, Pflanzen. S. 16.
») Mortillet, la soei6te. S. 256.
6 ) Stapf, Püanzenrestc. 8. 7.
7 ) Körnicke, Getreidehau. S. 260 h. f.; De C an dolle, Ursprung. S. 472.
») Plinius, bist. nat. XVIII, 17.
1. Gramineae. — Avena sativa. 5,'
Umstand, dass Plinius diese Thatsache als etwas besonderes
hervorhebt, spricht dafür, dass bei den Römern der Haferfrucht
als Nahrungsmittel keine Beachtung geschenkt wurde. Den
Beweis für die Nachricht unseres Gewährsmannes haben uns
einige Grabfunde aus der Nähe von Wittenberg ' ) erbracht, die
dem ersten Jahrhundert n. Chr. angehören sollen. Möglicher
Weise sind sie jedoch älter — die Zeitangabe stammt aus einer
Zeit, wo die Kenntniss der nordeuropäischen Vorgeschichte noch
im Argen lag — und fallen in die Periode des sogenannten
Lausitzer Typus, also ungefähr in die Mitte des letzten Jahr-
tausend resp. in die jüngsten Jahrhunderte vor Beginn unserer
Zeitrechnung. Dass in den nordischen Landen noch in späterer
Zeit Hafermus ein Lieblingsgericht und somit der Hafer Gegen-
stand des Ackerbaues gewesen ist, ersehen wir aus einer Stelle
der Edda 2 ), woselbst Thor dem Fuhrmann Harbard die Worte
zuruft: „Ehe ich ausfuhr, ass ich in Ruh, Hering und Hafermus".
Körnicke will aus einer anderen Stelle desselben Epos, an der
von „dünnen Broden von weissem Weizen" im Hause der Reichen
die Rede ist, darauf schliessen, dass Haferbrei oder Haferbrod
nur eine Speise der ärmeren Leute gewesen sein mag. Im
13. Kapitel der Eyrbyggia-Saga ') wird Grütze als ein Gericht
aufgeführt, welches man vornehmen Freunden nicht vorsetzen
dürfe. Hiermit ist also direkt ausgesprochen, dass Hafergrütze
das Nahrungsmittel der ärmeren Bevölkerung gebildet haben
muss. Es bleibt dabei nur auffällig, dass man bisher unter den
vorgeschichtlichen Funden aus den nordischen Ländern meines
Wissens nur einmal auf Haferreste (die schon angeführten aus
der Nähe von Wittenberg) gestossen ist. Wenn man aber in
Betracht zieht, dass vegetabilische Ueberreste hier überhaupt
selten sind, da die Vorgeschichtsforscher ihr Augenmerk bisher
lieber auf mehr in die Augen fallende Beigaben, wie Stein-
und Metallgeräthe gerichtet haben, so dürfte diese Erscheinung-
weniger befremden.
In Norwegen 4 ) ist es heute noch üblich, Hafermehlgrütze als
eine Art von Polenta zu geniessen, indem man dieselbe bis zur
festen Consistenz mit Wasser einkocht und dann mit Milch geniesst,
l ) Nach De Candolle, Ursprung. S. 472.
*) Harbardhs - Liodh, übersetzt von Simrock. S. 66.
3 ) Gisla Sursson's Saga. Kopenhagen 1849. S. 72.
4 ) Schübeier, Pflanzen Norwegens. S. 45.
60 I. Gramioeae. — Avena sativa.
oder sie zu einer Art Brod (cfr. das oben über Schottland gesagte)
zu verbacken, dem sogenannten Flasbröd (= flaches Brod), das
zu runden Scheiben von 2—3 Fuss Durchmesser imd ungefähr
einer Linie Dicke aufgerollt wird. In norwegischen Gräbern der
Eisenzeit haben sich flache Backpfanuen gefunden, die einen an
der Mitte der Scheibe mittelst eines eisernen Zapfens derartig
befestigten laugen Stiel tragen, dass diese Scheibe nach allen
Seiten zu drehen ist. Im 15. Jahrhundert ist bei verschiedenen
Gelegenheiten von diesen Kuchenpfannen (brödjärn — Brodeisen)
die Rede.
Aus unserer bisherigen Betrachtung geht hervor, dass der
Hafer als spezifisches Kulturgewächs der nördlichen und west-
lichen Gegenden Europas anzusehen ist. Die Uebereinstimmung
der Bezeichnungen ' ) für Hafer in den slavischen und litthauischen,
sowie germanischen Sprachen führt uns zu der Vermuthung, dass
dieselben einen gemeinsamen Ausgangspunkt in jenen Gegenden
genommen haben mögen, wo Slavo-Letten und Germanen noch be-
nachbarte oder gemeinsame Wohnsitze hatten. Es sind dies die
Worte: altslavisch ovisu, ovesu, ovsa\ russisch ovesu\ litthauisch
awka\ lettisch ausas; ostjakisch ahls\ deutsch hafer. Auch die
lateinische Bezeichnung avena -), die ihrerseits wieder verschiedenen
romanischen Namen den Ursprung gab, ist mit den angeführten
Bezeichnungen gemeinsamen Stammes. Sollte sie aus dem
slavischen Idiomen entlehnt worden sein, wie zu vermuthcn
steht, so würden wir hierdurch einen Fingerzeig für die Richtung
erhalten, aus der zu den Römern die Kenntniss vom Hafer als
Kulturpflanze gelangte, nämlich aus dem Nordosten. — Mit dem
Vordringen der Slaven nach dem Westen tritt unter den diesem
Volke in Norddeutschlaud zugeschriebenen Ueberresten auch der
Hafer wiederholt auf. Es ist dies schon ein Beweis für den
östlichen Ursprung der Pflanze und den Beginn ihrer Kultur bei
den Völkerschaften slavischer Abstammung. Von den verschiedenen
Haferfunden aus dieser slavisch-mittelalterlichen Periode führe
ich die aus den Burgwällen von Ahrensburg und Poppschutz
und den Pfahlbauten auf der Dominsel in Breslau and von
Wismar an.
') Pictet, les origines I, S. 350-
'*■) Fick leitet die römischen, slavischen und verwandten Namen vom
Sanskritworte acasa = Halm, Kraut ab. Ich vermag über die Möglichkeit
einer solchen Verwandtschaft nicht zu entscheiden; jedenfalls würde sie nie
beweisen, dass der Ursprung d<-s Hafers ein indischer ist.
T. Gramineae. — Avena sativa.
61
Die Grösse der vorgeschichtlichen Haferkörner steht hinter
der der jetzt angebauten Formen zurück. Für die aus den
Niederlassungen von Montelier, auf der Petersinsel und zu Buchs
stammenden Exemplare giebtHeer 1 ) als durchschnittliche Grösse
6,2 mm Länge und 2 mm Breite an. Er beschreibt sie als
schwach gewölbte Körner, die an dem einem Ende spitz zulaufen,
an dem andern abgerundet sind und auf der Bauchseite eine
schwache Rinne erkennen lassen.
Ueber die Haferkörner aus dem Halleiner Heidengebirge
existirt meines Wissens keine Beschreibung.
Die Körner aus den slavischen Niederlassungen, die mir zur
Untersuchung vorgelegen haben, sind durchweg grösser als die
aus den genannten helvetischen Pfahlbauten.
Fundort.
Zeit.
Mittel in mm.
Länge. Breite.
Das grösste Korn
in mm.
Länge Breite.
Das kleinste Korn
in mm.
Länge. Breite.
Ahrensburg . .
Dominsel ....
Poppschütz . .
m
r
»3
7,3
6,9
6,7
2,4
2,7
2,3
8,0
8,0
7,6
2,6
2,6
2,4
6,4
5,6
6,0
2,4
2,0
2,0
Werner giebt als durchschnittliche Grösse für die heutige
Form des Saathafers 12—16 : 2,5 — 3 mm (für grössere Exemplare
25 : 6 — 7 mm; für die kleinsten 8 — 9 : 2 mm) an. Es würde
hiernach die Länge der vorgeschichtlichen Körner nicht einmal
die der kleinsten Haferkörner der Jetztzeit erreichen. Besonders
unter den Samen von der Dominsel fallen sehr kleine Exemplare
auf. — Der Kücken der Körner ist zumeist flach gewölbt; bei
einzelnen Exemplaren aus Poppscbütz ist diese Wölbung stärker
ausgeprägt. Die Bauchfurche erscheint bald sehr flach (Ahrens-
burg und Dominsel), bald verhältnissmässig tief (Poppschütz).
Einzelne Körner sitzen noch vollständig in den Spelzen; an
anderen sind die Haare des Gipfelpolsters noch nachweisbar.
Die Stammpflanze' 2 ) des Kulturhafers scheint Avena fatua L.
zu sein; unter welchem Himmelsstrich dieselbe aber zuerst in
Anbau genommen wurde, darüber sind die Ansichten getheilt.
») Heer, Pflanzen. S. 16.
2 ) Die Annahme, dass Avena strigosa Schrb. die Mutterpflanze sein könne,
ist von der Hand zu weisen. Uebrigens ist diese Spezies noch nicht spontan
gefunden worden.
62 I. Gramineae. — Avena sativa.
Während Haussknecut 1 ) die Ansicht vertritt, dass deutsche
Stämme es waren, die den wildwachsenden Hafer, der bei ihnen als
Pferdefutter Verwendung gefunden habe, behufs weiterer Verbreitung
in ihren Landen zur Kulturpflanze zu machen versucht hätten,
glaubt Körnicke -2 ) seinerseits diese Möglichkeit in Abrede
stellen zu müssen, und zwar aus zwei Gründen. Einmal ist es
das in unseren Gebieten nur sehr sporadische Auftreten der avena
fatua, das unmöglich den Bedarf als Futterpflanze für Pferde
nur im Geringsten decken konnte, zum andern die grosse Em-
pfindlichkeit des Hafers gegen Winterkälte. Gerade der letztere
Umstand weise auf einen südlicheren Ursprung des Hafers hin.
Auf der andern Seite sprechen aber auch sprachliche Gründe,
die wir bereits oben angeführt haben, dafür, dass der Anbau des
Hafers ursprünglich ein Privilegium der slavischen, also der einst
im Osten unseres Continentes ansässigen Völkerschaften gewesen
sein muss. Nach alledem werden wir uicht fehl gehen, wenn wir die
ersten Kulturversuche nach dem Osten bezw. Südosten verlegen,
und zwar in eine Zeit zurück, die auf die Trennung der
griechisch-römischen Völkerschaften von den slavisch-ugrischen
und germanischen, die fortan noch länger mit einander Fühlung
behielten, folgte. Die Existenz eines eigenen Namens in den
keltischen Idiomen, sowie das ausschliessliche Vorkommen von
vorgeschichtlichen Ueberresten der Pflanze in den Niederlassungen
dieses Volkes spricht dafür, dass auch die Kelten unabhängig
von den übrigen Völkerschaften schon frühzeitig Kulturversuche
mit dem Flughafer angestellt haben mögen. Wir konstatirten die
gleiche Erscheinung oben beim Roggen. — Auch De Candolle 5 )
nimmt an, dass das gemässigte Osteuropa dem Kulturhafer den
Ursprung gegeben habe. K ö r n i ck e verlegt denselben noch weiter
östlich nach Armenien oder vielleicht auch bis nach Centralasien
hin. Für die letzere Möglichkeit solle der Umstand ins Gewicht
fallen, dass in Turkestan Avena fatua und dieser verwandte
Arten noch jetzt vorkommen; ferner der ausgedehnte und auch
sehr alte Anbau der Pflanze in Kleinasien. Gegen einen central-
asiatischen Ursprung lässt sich aber das verhältnissmässig sehr
späte Bekanntwerden unserer Pflanze in Indien und China 4 )
■) Haussknecht, in (1. Mittheil, d.gcograph. Gesollseh. in Jena 18S4. 8.241*
*) Körnicke, Getreidebau. 8. 205-
3 ) De Candolle, Ursprung. S. 472.
*) Für China wird Hafer zuerst in einem historischen Werke über die
Jahre 626— 907 der christlichen Zeitrechnung erwähnt; De Candolle, S. 472.
I. Gramineae. — Avena sativa. 63
einwenden. Das Wahrscheinlichste bleibt somit, dass der Flug-
hafer, dessen Verbreitung sich einst über den Osten der ganzen
Mittehneerläuder bis nach Südrussland und vielleicht Armenien hin
erstreckte, lange Zeit von der arischen Völkerfamilie unbeachtet
gelassen oder höchstens nur als Viehfutter verwerthet worden ist,
ohne indessen im letzteren Falle wirklich angebaut worden zu
sein, und dass erst nach der Trennung der Erano-Indier uud
Graeeo-Komanen die slavisch-germanischen Stämme ihn in Kultur
nahmen, und für die Verbreitung dieses neuen Kulturgewächses
Sorge trugen.
5. Andropogon Sorghum. Brot. Mohrhirse.
Dass die Mohrhirse im alten Aegypten Gegenstand der Kultur
gewesen ist, steht zweifellos fest. Man hat zwar behauptet, dass
die vegetabilischen Funde aus den alten Katakomben unsicherer
Bestimnmug seien, denn die von Rosellini in einem Grabe zu
Theben gesammelten Samen waren zu defect, als dass sich mit
Sicherheit die Spezies feststellen liess '). Jedoch hat Pickering-)
Blatt- und Stengelreste dieser Pflanze mehrfach in den Grab-
denkmälern aufgefunden, so in dem zu Saqquarah. Den besten
Beweis für das hohe Alter :| ) der Mohrhirse im Pharaonenlande
besitzen wir aber in einer Anzahl charakteristischer Abbildungen 4 ),
die Wilkinson, Lepsius und Unger als solche auf den Dar-
stellungen von Opfergaben in Saqquarah, Gizeh und Theben er-
kannt haben. Auf einem Gemälde aus dem Grabe des Amenembe
in Beni-Hassan und einigen anderen Gemälden ähnlichen Inhalts
ist bei einer Erntescene die Mohrhirse als mannesboher unten
hellgrüner, oben gelber mit rothem kolbenförmigen Fruchtstande
besetzter Getreidehalm so deutlich dargestellt, dass eine Ver-
wechselung ausgeschlossen erscheint. In jüngster Zeit hat
Schweinfurth 5 ) das Vorkommen unserer Pflanze im alten
Aegypten in Abrede gestellt und die von Wilkinson und
A. Erman (Aegypten, S. 578) citirten Tempelbilder als Dar-
stellungen der Flachspflanze zu erklären versucht. Er ist der
') Wönig, Pflanzen Aegyptens. S. 172.
2 ) Unger, Streifzüge. S. 99.
•) Schweinfurth freilieh verlegt die Zeit der Einführung erst in die
griechische Periode. Aegyptens Beziehungen. S. 6GS.
4 ) Wönig, Pflanzen Aegyptens. S. 172 u. f.
°) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. 654.
I. Gramineae. — Andropogon Sorghum.
Ansicht, dass die Mohrhirse nicht vor der römisch-byzantinischen
Periode Gegenstand des Feldbaues gewesen sei. Dieser Behauptung
sind die Darstellungen aut den Denkmälern gegenüber zu halten
die nach dem Urtheile sachkundiger Autoren keinen Zweifel an
der Wiedererkennung der Pflanze aulkommen lassen. Auch
heutigen Tages gilt die Mohrhirse für ein einheimisches Gewächs
des tropischen Afrika, was auch schon die Schriftsteller der Alten
bezeugen und selbstSchweinfurth zugesteht. Diodor,Strabon
und auch Plinius nennen die Mohrhirse das Hauptnahrungsmittel
der Aethiopier, und der Araber Abu-Said-Hassan 1 ) bestätigt dies
eine geraume Zeit später (gegen Ende des 9. Jahrhundert
n. Chr.) für die Bewohner von Sansibar, das er Zendj nennt.
Unter diesen Verhältnissen ist nicht einzusehen, aus welchem
Grunde dieses im tropischen Afrika uralte Kulturgewächs in
dem benachbarten Aegypten so lange unbekannt geblieben sein
sollte.
Mehr streitig ist schon die Frage, ob die Israeliten Kenntniss
von der Pflanze gehabt haben. Der Prophet Hezechiel' 2 ) erwähnt
zwar eine Getreideart Babyloniens, Namens doclian, die ihm zur
Bereitung des Brodes dienen sollte, jedoch ist dieses Wort von
den Uebersetzern durch die Namen verschiedener Hirsearten
wiedergegeben worden. Die Uebereinstimmung des fraglichen
Wortes mit dem arabischen dochn, dolxhn, duchn u. ä., was alles die
Hirse im allgemeinen bezeichnet, lässt vermuthen, dass es sich
in unserem Falle nur um eine Hirseart handeln könne. Forskai
und mit ihm Delile treten für die Erklärung Mohrhirse, Barth
und andere dagegen für die von Negerbirse (Pennicetum spicatum)
ein. Diese zweite Deutung hat gerade in der letzten Zeit
mehrere Vertreter gefunden, deren Angabe zufolge dochn etc.
im Arabischen und Abessyniscben speziell Pennicetum bedeuten
solP). — In gleicher Weise dürfte die baumhohe Hirseart,
die Herodot für Babylonien anführt, als Pennicetum, das nach
Kör nicke 1— 6 m Höhe erreicht, und nicht als Andropogon zu
deuten sein.
Ueber einen etwaigen Anbau der Mohrhirse auf der griechischen
Halbinsel fehlen uns jegliche Nachrichten. Was Italien anbetrill't.
t) Körnicke, Getreidebau. S. 303.
») Hezechiel IV, 9.
3 ) Körnicke, Getreidebau. S. 303.
I. Graniineae. — Andropogon Sorghum. — Andropogon laniger. bo
so erfahren wir erst von Plinius '), dass die Pflanze hier ungefähr
zehn Jahre vor der Abfassung seines Werkes, und zwar von Indien
her, Eingang gefunden habe. Er nennt sie milium nigrum und
beschreibt sie als ein 7 Fuss hohes Gewächs.
Als wilde Stammform der kultivirten Mohrhirse ist Andropogon
halepensis Brot, anzusehen, ein heutzutage in allen wärmeren
Ländern weit verbreitetes Gewächs' 2 ). Der Unterschied zwischen
beiden Pflanzenformen liegt nach Kör nicke, abgesehen von der
Grösse der Samen, hauptsächlich in der Form der Aehrchen: bei
jener sind dieselben schmal, lanzettlich und zugespitzt, bei dieser
für gewöhnlich verkehrt eiförmig. Jedoch ist dieses Merkmal nicht
durchgreifend, denn Hackel s ) beobachtete auch Uebergänge
zwischen beiden Formen.
Die circumscripte Verbreitung der Mohrhirse in der vor-
geschichtlichen Zeit über Aegypten und vielleicht auch über
Arabien lässt keinen Zweifel darüber bestehen, wohin wir den
Beginn ihrer Kultur zu verlegen haben: nach Afrika, und zwar
genauer gesagt nach seinen centralen Gebieten 4 ). Die Angabe
des Plinius, dass diese Pflanze aus Indien eingeführt worden
sei, bestimmte die Pflanzengeographen bisher, in der Mohrhirse
ein indisches oder sogar chinesisches Gewächs zu erblicken. Ein
Beweis für einen derartigen Ursprung liegt aber nicht vor. Nach
Körnicke treten die Sanscritnamen yavanäla, jonnäla u. a. erst
spät und überdies selten auf. In China fand die Pflanze nach-
weislich zuerst um das 4. Jahrhundert n. Chr. Eingang 5 ),
6. Andropogon laniger. Desf.
= Oymnathelia laniger a. Anders.
Wönig fi ) vermuthet, dass diese wohlriechende Graminee
im alten Aegypten zu heilkräftigen Tränken Verwendung ge-
funden habe. Auch jetzt wird sie noch in ägyptischen Apotheken
unter dem Namen maharet verkauft, soll jedoch nach Loret 7 )
dort nicht mehr vorkommen. Schwein furth entdeckte voll-
ständige Aehrchen und Halme, die ihren Wohlgeruch noch bewahrt
hatten, in einem Grabe zu Deir-el-Bahari (XXII. Dynastie).
») Plinius. bist. nat. XVIII, 7. -) K 5 rn icke, Getreidebau. 8. 300 u. £
3 ) Hackel, Die kultivirten Sorghum-Formen und ihre Abstammung.
Engler's boten. Jahrb. VII, S. 115.
4 ) Heiin, Kulturpflanzen. S. 492. ft ) Körnicke, Getreidebau. S. 302
6 ) Wönig, Pflanzen Aegyptens. S. 133. 7 ) Loret, la tlore. S. 12.
O. Busch an, Vorgeschichtliche Botanik 5
66 I. Grainineae. — Andropogon Schoenanthus. — Eragrostis abcssinica.
7. Andropogon Schoenanthus. L.
Reste dieser Grasart sind zwar unter den vorgeschichtlichen
Funden Aegyptens meines Wissens nicht aufgefunden worden,
jedoch wird die Pflanze nach Loret 1 ) öfters in ägyptischen
Rezepten aufgeführt. — Die Bezeichnungen „Rohr aus Aethiopien",
„Binse vom Süden", oder „westliches Gras" scheinen darauf
hinzudeuten, dass dieselbe in Aegypten selbst nicht wuchs, eben-
sowenig wie sie heutigen Tags dort vorkommt, sondern wahr-
scheinlich aus Central afrika importirt wurde.
8. Penicetum spicatum. Krk. Negerhirse.
Für das Vorkommen der Negerhirse im alten Aegypten fehlt
es bisher an Belegen; jedoch ist wohl anzunehmen, dass sie
auch hier Kulturpflanze war. Ich erwähnte bereits an anderer
Stelle 2 ), dass sie in Babylon nach dem Zeugnisse desHezechiel
und Herodot angebaut wurde und hier, bezw. bei den Hebräern
den Namen dochn führte.
Die griechischen und römischen Autoren erwähnen die
Pflanze nicht.
Die wilde Stammform der Negerhirse ist bisher noch nicht
gefunden worden. Körnieke 3 ) nimmt als ihre Heimath Afrika an.
9. Eragrostis abessinica. Link. Tef.
Zahlreiche Reste in den Ziegeln von Dashür und Tell-el-
Maskhouta 4 ) scheinen für den Anbau dieser Pflanze im alten
Pharaonenreiche zusprechen. Körnicke 5 ) bezweifelt zwar die
richtige Bestimmung dieser Samen und glaubt, dass Ungersich
durch die Körner von Eragrostis jnlosa Beauv. habe täuschen
lassen. Denn heutzutage ist Eragrostis abessinica aus Aegypten
verschwunden, wird dagegen unter dem Namen tef noch in
Abessynien und im Reiche der Galla in ausgedehntem Maasse
angebaut und ist besonders als Brodmehl sehr beliebt. — Die
wilde Stammform 6 ) der Kulturpflanze ist Eraijrostis pilosa, die
«) Loret, Ja flore. S. 11. *) cfr. oben. S. 64.
3) Körnicke, Getreidebau. S. 289. 4 ) Loret, la Höre. S. 9.
*) Körnicke, Getreidebau. S. 319 u. 330.
6 ) Körnicke, Getreidebau. S. 818; Hösel, Studien über die geograph.
Verbreitung der Getrcideai ten Nord- u. Mittelafrikas ete. Mittheil. d. Vereins
f. Erdkunde /.u Leipzig 1890. S. 115-1 IS.
I. Gramineae. — Eragrostis cynosuroides. — Panicum italicum. 67
sich von jener nur durch die wagerecht abstehenden Rispenäste
unterscheidet und — mit Ausnahme von Australien — über alle
Erdtheile hin verbreitet findet. Die Früchte beider Formen sind
in der Grösse nicht sonderlich von einander verschieden.
10, Eragrostis cynosuroides. Rom. et Schult. Haifagras.
= Leptochloa bvpinnata. Retz.
Wie ein Grabfund aus dem Grabe des Ani zu Gebeltn lehrt,
fand die Pflanze zur Anfertigung von Körben und Schwingen im
alten Aegypten Verwendung 1 ). — Ein Bund lose in den Sarg
gelegter Halme entdeckte Schweinfurth an der Seite einer
Königsmumie zu Deir-el-Bahari 2 ).
Für das Indigenat der Pflanze in Aegypten spricht das Vor-
kommen von Fragmenten, darunter von keimenden Körnern in
Ziegeln der Pyramide zu Dashür.
11. Panicum miliaceum. L. Rispenhirse.
12. Panicum italicum. L. Kolbenhirse.
= Setaria italica P. B.
Die Hirse ist nächst dem Weizen die älteste und verbreitetste
Halmfrucht der Welt. Welche von den beiden bei uns jetzt
angebauten Arten die ältere Kulturpflanze ist, lässt sich jedoch
schwer feststellen. Denn gerade so wie die Schriftsteller der
Alten bei ihren Angaben zumeist keinen Unterschied zwischen
Rispen- und Kolbenhirse machen, so thun dieses auch die meisten
Autoren der Neuzeit, wenn sie über Hirsefunde aus vorgeschicht-
lichen Niederlassungen Bericht erstatten. Sie geben nur immer
an, dass Hirse gefunden sei, unbekümmert um die Spezies-
bestimmung. Freilich mag dieselbe wohl recht oft grossen
Schwierigkeiten begegnen, oder überhaupt auch unmöglich sein,
denn die vorgeschichtlichen Körner — solche sind fast immer
nur überkommen — haben fast durchweg stark unter dem Brande
gelitten, und sind nicht selten gleichzeitig zu unkenntlichen
Massen (Brod?) zusammengebacken, sodass eine Speziesbestim-
mung aus der Natur des Kornes oder seiner Hülle unmöglich
gemacht ist. Da somit eine gesonderte Betrachtung der beiden
Arten nicht angängig ist, werde ich im folgenden dieselben ge-
meinsam abhandeln.
') Schweinfurth, Die letzten botan. Entdeckungen. S. 15
2 ) Schweinfurth, Neue Funde. S. 189.
5*
68 I. Graniineae. — Panioum iniliaceum et italicuin.
Was zunächst Aegypten betrifft, so ist für dieses Gebiet das
Vorkommen der Hirse in der Vorzeit noch nicht erwiesen.
Unger') zählt zwar die Rispenhirse anter den Pflanzen des
alten Pharaonenlandes auf und beruft sich hierbei auf eine
Nachricht des Herodot, wonach Hirse um Babylon und am
Borystenis augebaut wurde. Dass unter diesem Babylon aber
gerade das ägyptische (Memphis) zu verstehen sei, wird, wie
Loret' 2 ) hervorhebt, durch nichts wahrscheinlich gemacht. —
In gleicher Weise ist die Kolbenhirse für die vorgeschichtliche
Flora der Nilländer noch sehr in Frage zu stellen, wenn auch
Pickering 3 ) sie auf einem Gemälde im Grabe des Ramses
Sethos und in El Kab erkannt haben will. Da aber Hirsereste
unter den vegetabilischen Grabbeigaben bisher noch nirgends
nachgewiesen sind, so ist der Ansicht Unger's, der übrigens
auch De Candolle 4 ) beipflichtet, wenig Glauben zu schenken.
Dieses vermeintliche Vorkommen der Hirse im alten Aegypten
mag De Candolle 5 ) Veranlassung gegeben haben, derselben
einen ägyptisch-arabischen Ursprung zuzuschreiben. — Ob die
Israeliten die Hirse kannten, ist nicht zu entscheiden. Nach-
richten und Belege hierfür fehleu uns. Das biblische Wort
dochan, das Luther mit Hirse übersetzt, dürfte die Negerhirse
gewesen sein 6 ).
In Ostindien, woher der allgemeinen Annahme zufolge der
Anbau der Hirse seineu Ausgang nahm, reicht derselbe in sehr
alte Zeiten zurück. Denn das Sanscrit besitzt zwei Worte, die
Hirse bezeichnen: unu und vriliib heda 1 ). Möglicher Weise
sind hierunter beide Arten zu verstehen. — Gleich alt mag die
lliisekultur in China sein. Kolben- und Rispenhirse zählen zu
denjenigen Feldfrüchten 8 ), die mau seit Alters her (2800 v. Chr.)
in Gegenwart des Kaisers auszusäen pflegte. Im Chouli aus
dem Jahre 1100 v. Chr. werden gleichfalls zwei Sorten Hirse,
tei und sliu, aufgeführt, von deuen die eine ein bröckliches, leicht
/Aireibbares, die anderen dagegen ein fest zusammenhaltendes
') Unger, Streifzüge. -S. 100.
*) Loret, )a llore. S. 8.
3) Unger, Sti-eifzüge. S. ioo.
*) De Candolle, Ursprung. S. 475-
6 ) De Candolle, Ursprung. S. 478.
•■) cfr. oben. 3. 64.
f) De Candolle, Ursprung. 8. 170.
*) cfr. oben. S. 5.
I. Gramineae. — Panicuin niiliaceum et italicum. 69
ßrod lieferte. Körnicke 1 ) vermuthet, dass dies bereits zwei
Züchtungsvarietäten der Rispenbirse gewesen seien , während
De Candolle unter shu lieber die Mohrhirse verstanden wissen
will. Die letztere Erklärung scheint jedoch, wie leicht einzusehen,
die unwahrscheinlichere zu sein. Noch jetzt nimmt die Hirse
im Reiche der Mitte ein grosses Kulturareal in Anspruch.
Namentlich trifft dies für Nordchina zu, woselbst man sie zumeist
als Brei gekocht oder zu Branntwein gebrannt geniesst, nebenbei
aber auch zu Brod verbacken bei gewissen Opferhandlungen
verwendet.
Die noch heutigen Tags weite Verbreitung 2 ) der Hirse über
Centralasien und weiter westlich hinaus über Persien, Turkestan,
Transkaukasien etc. bis nach Südrussland und den Donauländern,
berechtigt zu dem Schlüsse, dass wir es in diesen Gebieten mit
sehr alten Stätten für Hirseanbau zu thun haben. Was im be-
sonderen Kleinasien betrifft, so haben uns die Alten, wie Herodot,
Xenophon, Strabon, Galen u. A. ausführlichere Nachrichten
hierüber hinterlassen. Hiernach ist freilich auch anzunehmen,
dass die Israeliten die Hirse gekannt haben mögen. In dem
Worte nisman des Jesaias 3 ) vermuthen einige Erklärer diese
Frucht. — Von Asien aus setzte sich die Hirsekultur höchstwahr-
scheinlich zu beiden Ufern des Schwarzen Meeres nach Europa
fort. Nach dem Berichte des Xenophon lebte zu seiner Zeit
an der Südküste dieses Meeres sogar eine thracische Völkerschaft,
die wegen ihrer Vorliebe für diese Getreidefrucht den Namen
der Melinophagi = Hirseesser führte. Dass auch die Bewohner
des übrigen Thracien am Hirsegenuss grossen Geschmack ge-
funden haben, bezeugen Demosthenes und späterhin Strabon
und Plinius. Die thatsächlichen Beweise für den Hirseban
in diesen Gegenden liegen in einem der jüngeren Steinzeit an-
gehörigen Funde aus Coucouteni 4 ) in Rumänien vor. Noch gegen
Ende des 6. Jahrhunderts n. Ohr. bauten die im heutigen Rumänien
ansässigen Slaven, wie Mauritius berichtet, Rispen- und Kolben-
hirse im grossen Umfange an. — An den Fund von Coucouteni
reihen sich weiter westlich die aus den Niederlassungen von
') Körnicke, Getreidebau. S. 249.
*) Körnicke, Getreidebau. S. 250.
3 ) Jesaias XXVIII, 25.
4 ) Diamandi, in Bull, de la societe d'anthroi». de Paris 1889. Sitzung
vom 21. November.
70 I. Gramineac. — Panieum miliareum et italicum.
Lengyel und in der Aggtelek-Höhle an, die den Anbau der
Hirsefrucht für die Gebiete des heutigen Ungarn zur neolithischen
Zeit bezeugen. — Aus Osteuropa fehlen uns zwar vorgeschicht-
liche Funde, jedoch ist anzunehmen, dass auch hier die Hirse-
kultur sehr verbreitet gewesen sein muss. Aus einer Notiz des
Plinius 1 ) geht hervor, dass Hirse ein Hauptnahrungsmittel
slavischer Stämme gewesen ist, denn die Sarmaten (d. h. Slaven)
bauten diese Frucht mit Vorliebe an. In Russland war es nach
Jaschtschurshinsky 2 ) bis vor 50 Jahren noch Sitte, dem
Todten ausser Brod und Branntwein noch einen Topf voll Hirse
mit ins Grab zu geben.
Trotzdem das hohe Alter der Hirse in Kleinasien mehrfach
belegt ist, sodass hierüber kein Zweifel bestehen kann, so suchen
wir doch vergebens nach einer darauf bezüglichen Angabe bei
den homerischen Sängern. Zum ersten Male tritt uns die Pflanze
bei Hesiod entgegen; jedoch wollen die Philologen in den be-
treffenden Stellen spätere Einschiebsel erblicken 3 ). Dagegen
begegnen wir der Hirse öfters in den Werken der späteren
Schriftsteller. Von den Lacedämoniern erzählt Hesychius, dass
sie die Kolbenhirse kochten und genossen. Theophrast 4 ) giebt
von der Rispen- und Kolbenhirse (xs-p/p°s und I^op-oc) eine
Beschreibung in seiner Art; Galen 5 ) nennt das aus Hirse ge-
backene Brod einen Ersatz für Getreidebrod bei schlechtem
Ausfalle der Ernte. Er kennt gleichfalls beide Arten, findet aber
die in Kleinasien angebaute Hirse schlechter an Geschmack als
die italienische. Trotz dieser immerhin häufigen Erwähnung von
Seiten der griechischen Schriftsteller machen alle diese Angaben,
wie Körnicke bemerkt, den Eindruck, als ob die Hirse auf
der griechischen Halbinsel nie zu allgemeiner Bedeutung gelangt
sei, ebensowenig wie dies heute der Fall ist.
In Italien dagegen fand die Hirse eine viel grössere Ver-
breitung als in Griechenland. Wenn auch ihr Anbau den edleren
Getreidearten gegenüber in Mittel- und Unteritalien zurücktrat,
so bildete sie immerhin, besonders in Campanien ein nicht un-
bedeutendes Landesprodukt 6 ). Man ass die Hirse entweder mit
i) Plinius, hist. nat. XVIII, 10.
2 ) In Archiv f. Anthropologie. 1890. S. 392.
8 ) Körnicke, Getreidebau. S. 250.
4 ) Theophrast, hist. plant. VIII, 1 u. f.
*) Galen, de ahm. fac. I, 15.
«) Plinius, hist. nat. XVIII, 10.
1. Gramineae. — Panicum miliaceum et italicum. 71
]\Eilch zu Brei gekocht oder zu Brod gebacken. Das letztere
soll nach Columella') gar nicht so übel geschmeckt haben,
solange es noch warm war. Plinius nennt die Hirse ein zwar
bäuerliches, aber sehr liebliches Gericht. — Auf einem der
pompejanischen Wandgemälde findet sich eine Wachtel dargestellt,
die an einer Hirsenrispe (Von Panicum italicum) zupft.
Bei den oberitalischcn Völkerschaften, Avie überhaupt bei den
Kelteu spielte die Hirse als Nahrungsmittel eine grosse Rolle.
Zahlreiche Funde aus den Gebieten diesseits und jenseits der
Alpen, in Italien, Schweiz und Frankreich bezeugen den Anbau
der Pflanze bereits zur jüngeren Stein- und Bronzezeit in diesen
Ländern. Auch Polybius, Strabon und Diodor berichten,
dass Hirse sich bei den Völkerschaften keltischer Abstammung
grosser Beliebtheit erfreue. Noch im 16. Jahrhundert wurde die
Hirse nach Matthioli in Oberitalien als Speise benutzt.
Von den Iberern nördlich der Pyrenäen wird ein ähnliches
wie von ihren keltischen Nachbarn berichtet, die ihnen offenbar
die Hirse übermittelten. Ueber die spanische Halbinsel selbst
erfahren wir nichts; ebensowenig förderten meines Wissens die
immerhin an vegetabilischen Ueberresten reichen Ausgrabungen
bisher darauf bezügliches Material zu Tage. Es dürfte
hiernach den Anschein haben, als ob in der vorgeschichtlichen
Zeit die Ausbreitung des Hirsebaues an den Pyrenäen ihre
Grenze erreichte. Dass die zwischen diesem Gebirgsstock und
der Garonne ansässigen Iberer die Hirse anbauten, geschah nur
aus Mangel an etwas besserem; denn Strabon hebt ausdrucklich
hervor, dass der Boden unter diesem Himmelsstrich grösstenteils
sandig und mager, sowie für andere Feldfrüchte wenig geeignet
sei. — Erst Varro 2 ) erwähnt die Hirse für Spanien, die sich
seiner Angabe nach hier in Erdgruben mehr als hundert Jahre
halten sollte.
Was endlich die nördlichen Gebiete unseres Continentes be-
trifft, so sind wir zur Zeit noch nicht im Stande ein endgültiges
Urtheil über die vorgeschichtliche Verbreitung in diesen Land-
strichen abzugeben. Aus der jüngeren Steinzeit sind meines
Wissens bisher keine Funde bekannt geworden. Körnicke 3 )
stellt das Auftreten der Rispenhirse in dem westlichen Deutschland
l ) Columella, de re rast. II, 9.
*) Varro, de re rust. I, 57.
3 ) Kör n icke, Getreidebau. S. 252.
72
I. Gramineae. — Panicuiu miliaceum et italicum.
vor dem Eindringen der Römer in Abrede. Diese Annahme
wird jedoch widerlegt durch mehrere, der Hallstadtperiode an-
gehörige Funde aus dem Stromgebiete der Oder: zu Niemitzsch
und Freiwalde in der Mark, sowie zu Jägerndorf in Oesterreich-
Schlesien. Pytheas, der dem Zeitalter, dem diese Funde an-
gehören, nicht fernsteht, weiss gleichfalls vom Hirsebau an der
Bernsteinküste zu berichten. — In den Kapitularien l ) Karls des
Grossen finden sowohl Rispen- als auch Kolbenhirse Erwähnung.
Während die erstere Art, wie wir vermuthen, schon frühzeitig
über Russland zu den baltischen Völkern gelangt sein kann,
scheint die letztere erst später und zwar durch Vermittlung der
Römer eingeführt worden zu sein. Wenigstens ist die deutsche
Bezeichnung Fennich aus dem lateinischen panicum herzuleiten.
Von vorgeschichtlichen Hirsefunden habe ich folgende zu
verzeichnen.
I. Neolithische Periode.
vacat.
Pfahlbau zu Casale,
Pfahlbau zu Isola Virginia im Varese-See
Niederlassung von Coucouteni bei Jassy.
Pfahlbau zu Robeuhausen,
Pfahlbau zu Wangen.
Niederlassung in der Aggtelek-Höhle,
Niederlassung zu Lengyel.
Deutschland:
Italien :
Rumänien:
Schweiz :
Ungarn :
Dänemark: ■
Deutschland
Frankreich :
Italien:
Oesterreich:
Schweiz :
II. Bronze -Periode.
Fund im Bronzegefäss auf Laaland.
vacat.
Pfahlbau von Bourget.
Pfahlbau zu Parma.
Niederlassung in der Bynskäla-Höhle,
Pfahlbau zu Olmütz,
Heidenschacht bei Halleiu.
Pfahlbau auf der Petersinsel,
Pfahlbau zu Montelier.
Deutschland
III. Eisen -Periode.
Hüttenreste auf Burgwall Niemitzsch, j y jC - ü ^ es
Flachgrab von Pribbernow in Pommern, \ Lausitter
Gräberfeld zu Freiwalde. \ Typus.
i) Capitiil. do villis. 44 u. 62.
I. Gramineae. — Panicum iiiiliaceuin et italieum. /o
Deutschland: Gräberfeld an der Elster zwischen i Zeit des
Schlieben und Wittenberg, ' Typus.
Burgwall bei Burg,
Niederlassung bei Königswalde, slaviseh-
>T . , , ^i t-v • i • ' mittclalter-
Niederlassuug aut der Doininsel m |; cno
Breslau. Funde.
Oesterrcich: Salzbergwerk Heidengebirge bei Hallein, i 1 {; lll f ta(lt "
o o o 7 ^ Periode.
Hüttenbewurf bei Jägerndorf, / Zeit der
Gräberfeld zu Zollfeldt bei Klagenfurt. ( Periode.'
Schweiz : Helveto-römische Niederlassung von Buchs b. Zürich.
Da uns die Hirsekörner aus der Vorzeit ausschliesslich in
zusammengebackenen und durch Brand unkenutlich gemachten
Klumpen überkommen sind, so hält es schwer eine descriptive
Beschreibung derselben zu geben. Soweit eine Untersuchung der
Körner überhaupt möglich ist, lässt sich an denselben fesstellen,
dass Unterschiede zwischen ihnen und modernen Körnern nicht
existiren; ebensowenig vermochte Heer an seinem Materiale
solche herauszufinden.
Die Frage nach der Heimath der Eispenhirse ist eine noch
offene. Man ist gewohnt, dieselbe nach Ostindien zu verlegen,
ohne jedoch irgendwelche Anhaltspunkte für eine solche An-
nahme zu besitzen. Wenn auch Herodot 1 ) berichtet, dass
unter gewissen Himmelsstrichen Indiens ein Gras wild wachse,
welches Körner so gross wie Hirsekörner in einer Hülle erzeuge,
so darf man aus dieser Notiz nicht voreilig einen Schluss auf
unsere Hirse machen. Denn, wie Körn icke hierzu richtig
bemerkt, werden in Indien die Früchte verschiedener hirseartiger
Gräser genossen.
Leider ist es den Botanikern auch noch nicht gelungen, die
wilde Stammform der Rispenhirse aufzufinden. Kör nicke'-)
schliesst aus der grossen Empfindlichkeit der bei uns angebauten
und wildwachsenden Arten der Gattung Panicum gegen niedere
Temperaturen, dass der Ursprung der Hirsekultur unter einem
Himmelsstriche zu suchen ist, wo frostfreier Winter die Regel ist,
und hält es unter diesen Verhältnissen nicht für ausgeschlossen,
dass dies Ostindien oder ein nördlicheres Grenzgebiet gewesen
sein kann.
>) Herodot III, 100.
2 ) Körnicke, Getreidebau. S. 240.
/ -1 I. Gramineae. — Panicum miliaceum et italicnm.
Die wilde Stammform der Kolbenbirse ist uns dagegen be-
kannt. Es ist dies Panicum viride L., ein im gemässigten
Europa bis nacb Finnland hinauf weitverbreitetes Unkraut, das
sich nur durch die Grössenverhältnisse und das freiwillige Ab-
fallen der Fruchtährchen von der kultivirten Form unterscheidet 1 ).
Trotzdem uns nun diese Mutterpflanze bekannt ist, so stehen wir
jedoch auch hier vor einem Räthsel, wo dieselbe zuerst in Kultur
genommen sein mag. Insgemein nimmt man ja auch Ostindien
als Heimath der Kolbenhirse an, jedoch, wie es scheint, mit
Unrecht. Denn nach Körnicke 2 ) kommt hier Panicum viride
überhaupt nicht vor. Vielmehr glaubt dieser Autor das Ursprungs-
land unserer Hirse in die nördlich von Indien gelegenen Gebiete
verlegen zu müssen, wo der Winter noch mild erscheint.
IL Cyperaceae.
/. Cyperus Papyrus. L. Papierschilf.
Die Papyrusstaude (Papierschilf) war eine für das wirthschaft-
liche Leben der alten Ägypter hochwichtige Pflanze. Als ursprüng-
liches Produkt des Landes war ihre büschelförmige Inflorescenz
das hieroglyphische Symbol für die Anfange der ägyptischen
Geschichte, sowie des Deltalandes 3 ). Trotzdem kennt man bis
jetzt, wie Loret 4 ) hervorhebt, noch kein hieroglyphisches Wort
für die Pflanze. Diese Auffälligkeit lässt sich indessen leicht da-
durch erklären, dass das Papierschilf ein zu allbekanntes Gewächs
in Aegypten war und dass man sich aus diesem Grunde damit
begnügte, es nur figürlich in den Inschriften darzustellen, ohne
ein phonetisches Zeichen hinzuzusetzen. Da aber das Symbol
für die Pflanze dieselbe Bedeutung wie die Silbe ha hatte, so
ist nicht unwahrscheinlich, dass ha vielleicht ihr Name gewesen
sein mag. — Das Wort papyrus- soll nach S. Seyfferth von
papuro d. h. königlich abzuleiten sein.
») Körnicke, Getreidebau. S. 2G3 tt. £
2 ) Körnicke, Getreidebau. S. 264.
3 J Wönig, Pflanzen Aegyptens. S. 75.
4 ) Loret, la flore. S. 15.
II. Cyperaceae. — Cyperus Papyrus. 75
Die ungemein starke Verbreitung des Papierschilfes in Aegypten
brachte es mit sich, dass seine verschiedensten Theile von den
Bewohnern zu ökonomischen Zwecken ausgebeutet wurden.
Theophrast 1 ) hebt die hohe Bedeutung der Pflanze als
Nahrungsmittel hervor, und auch Herodot 2 ) äussert sich in
diesem Sinne. Der untere Theil des Schaftes, sowie der stärke-
mehlreiche Wurzelstock wurden beiden Autoren zufolge entweder
im rohen oder gekochten, auch im gebratenen Zustande durch-
gekaut und der in ihnen enthaltene Saft verschluckt. Die zuletzt
angeführte Zubereitungsweise soll nach Herodot die schmack-
hafteste gewesen sein. Interessant ist eine Nachricht des
Diodor 3 ), dass die Kindernahrung in grössten Khizomen der
Papyrusstaude bestanden habe, und dass unter solchen Verhält-
nissen das erwachsene Kind den Eltern an Nahrungskosten im
ganzen nicht über 20 Drachmen, also ungefähr 12 Mark zu
stehen kam. — Aus Plinius 4 ) geht hervor, dass zu seiner Zeit
der Genuss des Wurzelstockes beliebt war; und nach Loret 5 )
soll jetzt noch das Kauen roher oder gekochter Rhizome in
Aegypten gang und gebe sein.
Dass dem Papierschilf auch Heilkräfte beigelegt wurden, ist
selbstverständlich. Dioscorides 6 ) und Plinius 7 ) empfehlen
das schwammige Mark zur Erweiterung und zur Austrocknung
von Fistelgängen, das verkohlte Papier als Aetzmittcl u. a. m. —
Die vertrockneten oder holzigen Wurzelstöcke wurden nicht etwa
als nutzlos bei Seite geworfen, sondern fanden als Brennmaterial
vielfach noch Verwendung.
Eine recht mannigfaltige Verwerthung wurde dem Schafte der
Staude zu Theil. Vorzüglich diente er zur Herstellung von
Flechtarbeiten 8 ), wie Segeln, Matten, Teppichen, Sandalen,
Kleidern, Seilen, Sieben, Dachschindeln, Käfigen, selbst leichten
Booten. Verschiedentlich hat man diese Dinge in den Gräbern
aufgefunden. — Besonderes Interesse beanspruchen hiervon
die Boote. Sie, die man, um sie wasserdicht zu machen, mit
») Theophrast, bist, plant. IV, 8.
*) Herodot II, 92.
3) Diodor I, 80.
*) Plinius, bist. nat. XIII, 10.
») Loret, la flore. S. 15 u. f.
6 ) Dioscorides I, 115.
7 ) Plinius, bist. nat. XXIV.
8 ) Herodot II, 37; Theopbrast IV, 8; Pli nius, XIII, 11 u. a. m.
76 II. Cyperaceae. — Gyperua Papyrus.
Harz auspichte, waren die verbreitesten Fahrzeuge auf dem Nil,
und standen wegen des geheiligten Materials, aus dem sie her-
gestellt waren, im Rufe besonderer Dauerhaftigkeit. Wie Achilles
Tatius 1 ) tiberliefert, sollen diese Nachen so winzig klein ge-
wesen sein, dass sie nur für eine Person ausreichten und dass
der Insasse beim Passiren seichter Stellen sein Boot auf der
Schulter weiter zu tragen vermochte. Bei den Aethiopiern waren
nach Heliodor" 2 ) und Jesaias 3 ) ähnliche, wenn auch nicht ganz
so kleine Boote aus Papyrus — 2 — 3 Menschen fanden in ihnen
Platz — in Brauch, mittelst deren sie über den Astaborus fuhren;
und noch gegen Ende des vorigen Jahrhundert führt Bruce 4 )
solche Nachen an, die in Abessynien allgemein üblich waren.
Die hauptsächlichste Verwerthung der Papyrusstaude bestand
jedoch in der Verarbeitung ihrer Faser zu Papier, das
hieroglyphisch djamä hiess 5 ). Durch diesen Industriezweig hatte
sich Aegypten im Alterthum bekanntlich einen Weltruf begründet.
Während nämlich die bisher angeführten Gegenstände, die man
aus der Pflanze und ihren Theilen herstellte, grösstentheils nur
im Lande selbst Verwendung fanden, bildete das Papier einen
geschätzten Exportartikel. — Die Papierindustrie reicht in
Aegypten, nach Abbildungen zu schliessen, bis ins 3. Jahrtausend
v. Chr. zurück. Denn schon aus dem Grabe des Patah-hotep
i V. Dynastie, 3566 —3333 v. Chr.) rührt eine prächtige, bis in die
kleinsten Details gehende Darstellung der Papyrusernte her 6 ).
Ueberhaupt sind figurale Schilderungen solcher Ernten eine nicht
seltene Erscheinung auf den Wandgemälden, so zu Chum-el-
Achmar, im Grabe des Amenembe zu Benihassan u. a. m. Wie
Wönig 7 ) in seiner interessanten Wiedergabe dieser Gemälde
betont, kann dieses Einsammeln der Papyrusstauden nur auf die
Papierfabrikation Bezug haben; dafür spricht allein schon die
sorgfältige Behandlung der an der Wurzel abgelösten Schäfte.
Merkwürdig ist nur, dass uns jegliche Darstellungen des weiteren
Verfahrens bei der Papierherstellung fehlen, eine gewiss empfind-
liche Lücke in unserem Wissen von der Kultur des Pharaonen-
i) f'itirt viim Rosenmüller. S. 184
2 ) Heliodor, AeAiop. X, S. 4G0.
3) Jesaias XVIII, 2.
4 ) Citirt von Rosenmüller. S. 185.
ft ) Loret, la florc. 8. 15 u. f.
Ö J Wönig, Pflanzen Aegyptens. S. 84.
T ) Wönig, Pflanzen Aegyptens. S. 87.
II. Cyperaceae. — Cyperus Papyrus. ' '
reiches, die indessen durch eine Nachricht aus späterer Zeit,
und zwar des Plinius 1 ) zum Theil ausgefüllt wird. Zwar ist
die Darstelluugsweise dieses Gewährsmannes eine nicht ganz
korrekte, insofern sie mit den modernen Versuchen nicht tiber-
einstimmt, die man verschiedentlich an den Bastfasern der Pflanze
behufs Papiergewinuung angestellt hat. Ich verweise hinsichtlich
dieses Punktes auf Wönig's lehrreiche AuseiDaudersetzungen.
Der Grund, warum die alten Aegypter uns nichts über die Papier-
fabrikation hinterlassen haben, ist vielleicht in einem Geheimhalten
der dazu erforderlichen Manipulationen zu suchen.
Wie bedeutend dieser Industriezweig in Aegypten gewesen
sein mag, davon erhalten wir ein Bild durch die Menge von
Papyrusrollen, die der Nachwelt überkommen sind, noch mehr
aber durch die verbürgte Thatsache, dass die Staatsbibliothek
Alexandria allein 400000 Bände besass' 2 ). — Die scharfgespitzten
Hüllblätter der Doldenstrahlen lieferten gleichzeitig das Material
zu den Schreibfedern.
Die Darstellung des Papiei Schilfes auf den altägyptischeu
Wandgemälden ist eine sehr stilistische. „Grösstenteils begnügte
sich der Künstler damit," so lässt sich Wönig 3 ) über diesen
Punkt aus, „durch die einfach skizzirte Glockeuform den Habitus
der Dolde anzudeuten. Anderenfalls giebt er der Glocke an
ihrem oberen Theil eine grössere Ausbuchtung und markirt die
überhängenden Enden der Doldenstrahlen durch eine zweite
Kreislinie, welche mit der ersten parallel läuft oder sich nach
der Mitte der Glocke zu tiefer senkt .... Schaft und Blüthen-
glocke zeigen durchgängig ein lebhaftes Grün. Der Rand des
letzteren ist entweder hellgelb oder dunkelroth gehalten, der
Kelch purpurrot!], matt ziegelroth oder orange."
Auch für den Religionskultus scheint die Papyrusstaude von
Bedeutung gewesen zu sein. Aus ihr flocht man Kränze für
Götter, Könige und sonstige verdienstvolle Männer. Eine grosse
Anzahl Mumien, darunter die der Könige der XVIII. Dynastie,
hielten ganze Papyrusschäfte mit ihrer Dolde in den Händen 4 ).
Auf einem Gemälde aus dem Pyramidengrab No. 17 zu Saqquarah
(V. Dynastie) sind die Papyrusschäfte unter den Opfergabeu
') Plinius, bist. nat. XIII, 11 — 17.
2) Unger, Streifzüge. S. 102.
3 ) Wönig, Pflanzen Aegyptens. S 115.
4 ) Loret, la flore. S. 13-
78 II. Cyperaceac. — Cyperus Papyrus.
deutlich zu erkenuen *). — In einem Grabmal zu Kom-Mer, dessen
Alter noch nicht bestimmt ist, dienten die Papyrusschäfte zur
Umhüllung mumificirter Gazellen, Wildschafe uud Steinböcke 2 ).
Von Aegypten aus fand das Papierschilf über die Sümpfe
des westlichen Asien Verbreitung. Ob diese Wanderung sich
bereits zur Pharaonenzeit vollzog, lässt sich nicht entscheiden.
Theophrast 3 ) erwähnt das Vorkommen der Papyrusstaude in
einem syrischen See, den Guiland ini 4 ) als See Genezarath
deutet, und Plinius 5 ) giebt ihren Verbreitungsbezirk auch für
Babylonien au. Ebensowenig sind wir darüber unterrichtet, zu
welcher Zeit die Papyrusstaude nach Sicilien und Calabricn ge-
langte. Da uns die Schriftsteller der Alten nichts über diesen
Vorfall berichten, so glaubt Pariatore als Zeitpunkt der Ein-
führung das 9. Jahrhundert n. Chr. und als Verbreiter der
Pflanze die Araber annehmen zu dürfen.
Einzelne der aus Papierschilf hergestellten Gegenstände scheinen
dagegen schon frühzeitig Gemeingut der Nachbarvölker des
Nildeltas geworden zu sein. Der homerische Sänger fi ) wenigstens
führt bereits aus Papyrus hergestellte Taue als Schiffsausrüstungs-
gegenstände der Griechen an; desgleichen Herodot 7 ) solche
aus dem Feldzuge des Xerxes. — Zu Zeiten des Theophrast 8 )
war das ägyptische Papier, xa ßtßXt'a, schon weltbekannt.
Die sehr alte und fast ausschliessliche Verbreitung der Papyrus-
staude in den Nilländern berechtigt zu dem Schlüsse, dass diese,
im besonderen Nubien und Aegypten, als ihr Vaterland gelten
können. — Heutzutage erstreckt sich das Vegetationsgebiet der
Pflanze nach Süden und Norden über beide Wendekreise bis
zum 38 ° nördlicher und bis zum 2G ° südlicher Breite, nach
Osten bis zum 65 ° östlicher und nach Westen bis zum 32 °
westlicher Länge hin 9 ).
Es erübrigt sich noch zu untersuchen, ob die altägyptische
Papyrusart und die heutige etwa von einander abweichen oder
>) Wönig, Pflanzen Aegyptens. S. 11!»
») Scliwcinfurth, Pflanzenreste. S. 371.
3) Theophrast, bist, plant. IV, 8.
*) Wönig, Pflanzen Aegyptens. S. Pili.
ß) Plinius, bist. nat. XIII, 22.
6) Homer, Odyssea XXI, 390.
7) Herodot VII, 25.
8) Theophrast, hist. plant, IV, 8.
») Wönig, Pflanzen Aegyptens. S H'J.
II. Cyperaceae. — Cyperus Papyrus et esculentus. ' "
zu derselben Spezies zu rechnen sind. Pariatore 1 ) ging bei
der Untersuchung dieser Frage von der Betrachtung der antiken
Darstellungen auf den Wandgemälden aus und glaubte auf diesen
verschiedene Unterschiede von den heutigen Papyrusgewächsen
entdeckt zu haben. Er bezeichnete die antike Doldenform als
kelchförmig, die der modernen Pflanzen dagegen als strahlig;
bei jener zählte er 5—6, und zwar breite, rauhrandige und den
Blüthenstand au Länge überragende Kelchhüllblätter, bei dieser
aber deren nur 3 — 4, aber schmale und stets kürzere als die
Doldenstrahlen' 2 ). Neuere Untersuchungen jedoch, besonders die
von Caspary, Oliver und Schweinfurth haben das Irrige
der obigen Ansicht klargelegt und die Identität der modernen
und antiken Papyruspflanze nachgewiesen 3 ).
2. Cyperus esculentus. L. Erdmandel.
Kleine rund-ovale Knollen finden sich mehrfach unter den
Todtenspeisen in den Grabkammera, z. B. in den zu Dra-Abu-
Negga 4 ), Der-el-Bahari 5 ), Gebelin 6 ) u. a. m. — Heutzutage wird
die Pflanze wegen ihrer öl- und zuckerreichen Rhizome im ganzen
Nildelta angebaut, kommt aber auch mehrfach im verwilderten
Zustande vor. Ihre fleischigen Knollen bilden unter dem Namen
hab-el-asis 7 ) einen als Nahrungsmittel geschätzten Handelsartikel
auf den Märkten. Die in dem Berliner Museum befindlichen
antiken Knollen, desgleichen die heutigen Tags in Aegypten
gezogenen Exemplare sind nach den Untersuchungen Braun's 8 )
rundlicher und kleiner, als die der in den botanischen Gärten
kultivirten Pflanzen, die vorwiegend längliche Knollen besitzen.
Sie gleichen mehr den Knollen der im Mittelmeergebiete, sowie
auch in Aegypten vielfach wildwachsenden Form des Cyperus
esculentus, die man wiederholt als eigene Art unter dem Namen
') Pariatore, Memoires presentes par divers savants. etc. Scienc. mathem.
et phys. T. XII, 1884. S. 469 u. f.
2 ) Wönig, Pflanzen Aegyptens. S. 127.
3 ) Braun, Pflanzenreste. S. 295.
4) Schweinfurth, Neue Funde. S. 198.
5 ) Schweinfurth, Pflanzenreste. S. 371.
6 ) Schweinfurth, Die letzten botan. Entdeckungen, S. 3.
7 ) Braun, Pflanzenreste. S. 296.
8 ) Braun, Pflanzenreste. S. 296.
80 II. Cyperaceae. — Cyperus esculentua et alopecuroides.
Cyperus aureus Ten. und Cyperus melanorrhizus Del. be-
schrieben hat.
Theop hrast ') scheint die Erdinandel gleichfalls im Sinne
gehabt zu haben, als er die malinathalle beschreibt, eine Pflanze,
deren von Gestalt rundliche Wurzel an Grösse gleich der Mispel,
aber ohne Kerne und Schale sei und Blätter gleich denen des
Cyperngrases treibe. Er berichtet weiter von diesem Gewächs,
dass die Aegypter seine Knollen einsammelten und in Gersten-
trank zerkochten, wodurch dieser einen süssen Wohlgeschmack
erhielte. Die Heimath der Pflanze scheint das mediterrane
Florenreich zu sein 2 ).
3. Cyperus alopecuroides. Rottb.
== Cyperus dives. D.
Reste dieser Cyperus- Art, die noch heutigen Tages vorzugs-
weise in der Provinz Fajüni zur Herstellung von Matten Ver-
wendung findet, wurden von Schweinfurth ! ) in einem Grabe
zu Der-el-Bahari nachgewiesen. Auch hier waren die halbirten
Schäfte zu einer Rollmatte zusammengefügt, die nach der An-
nahme Schweinfurtb's dazu bestimmt war, die Umhüllung
der Prinzessin Nessi Chonsu auszufüllen.
•) Theophrast, bist, plant. IV, 8.
2 ) Hock, Nährpflanzen. S, 31.
3 ) Schweinfurth, Die letzten botan. Entdeckungen. S. IG-
III. Aroideae. — Acorus Calamus. 81
III. Aroideae.
Acorus Galamus. L. Kalmus.
Kalmuswurzel bildete einen beliebten Bestandteil der orienta-
lischen Parfiimerien. — In den hieroglyphischen Texten 1 ) wird
die Pflanze kanna genannt, ein Wort, welches mit der arabischen
und hebräischen Bezeichnung- für Kalmus, gannah, identisch ist
und sich im Griechischen und einigen romanischeu Sprachen
(auch im Französischen als canne) wiederfindet. „Wohlriechendes
Rohr" (— calamus aromaticus der Alten) und „Rohr aus Phönizien"
lauten die charakteristischen Bezeichnungen in mehreren ägyp-
tischen Texten. Der letztere Ausdruck dürfte darauf hinweisen,
dass der Kalmus keine einheimische Pflanze des Nilgebietes ge-
wesen ist, sondern damals ans dem Osten, höchstwahrscheinlich
von Arabien her, zu Räucherzwecken importirt wurde. Unter
den Waaren, welche aus Arabien nach Tyrus zu Markte gebracht
werden, erwähnt He zech iel 2 ) auch den Kalmus (keneh bösem,
auch kaneh hattob): noch zu Zeiten des Plinius 3 ) wurde der
beste Kalmus aus Arabien bezogen; er verbreitete einen so
intensiven Geruch, dass derselbe sich schon von Ferne bemerkbar
machte.
Bei den Hebräern war die Kalmuswurzel als Ingredienz zu
den Räucherrezepten für gottesdienstliche Handlungen vor-
geschrieben 4 ). Auch ein Oel wurde aus ihr gewonnen, das einen
Bestandteil des heiligen Salböles ausmachen sollte 5 ).
') Loret, la flore. S. 14.
2) Hczccliiel XXVII, 19.
3) Plinius XII, 22.
4) Jesaias XLIII, 24; Jercmias VI, 20.
*) 2. Moses XXX, 23.
O. Baschan, Vorgeschichtliche Botanik
82 IV. Palmao. — Byphaene thehaica.
IV. Palmae.
1. Hyphaene thehaica. Mart. Düm-Palme.
= Hyphaene coccifera. Pers. Coccifera thehaica. Desf.
Die Dümpalnie muss ein in ganz Aegypten verbreitetes
Gewächs gewesen sein, denn ihr Vorkommen wird durch zahl-
reiche Funde und mehrfache Darstellungen belegt. — Unger 1 )
z. B. sammelte vortrefflich erhaltene Früchte in einem Grabe zu
Deir-el-Bahari (XXII. Dynastie) bei Theben; Schweinfurth 2 )
ebensolche in dem zu Dra-Abu-Negga (XII. Dynastie), die von
den apfelgrossen Früchten der heutzutage in ganz Aegypten
(von Fajüm und Djardjen an bis zum Aequator) angebauten und
in den Gebirgsthälern Südnubiens, sowie im Osten der Sinai-
halbinsel wildwachsenden Dumpalme nicht im geringsten ab-
weichen. Pickering 3 ) glaubt diese Palmenart, die sich durch
gabelartige Theilung des Stammes unschwer kenntlich macht, in
einigen aus den Zeiten der Pharaonen der 2. Periode stammenden
Darstellungen, auf denen sie als angepflanzter Baum der Gärten
uns entgegentritt, erkannt zu haben; desgleichen Unger ein
junges Exemplar auf dem Gartenplan von Tell-el-Amarna.
Die scharf markirten, rostbraunen Ringbildungen der Rinde
am dunkelbraun kolorirten Stamme, die frischgrünen schwert-
förmigen Glieder der sich fächerartig entfaltenden Blätter, die
schweren gelbbraunen Fruchtgehänge stempeln diese Darstellung,
wie Wönig 4 ) hervorhebt, zu einem Kunstwerkchen altägyptischer
Malerei.
Der hieroglyphische Name der Pflanze hiess mama h )\ die
moderne Bezeichnung Dumpalme stammt aus dem Arabischen.
Die Araber nennen diese Palmenart nämlich dum (nach Wönig
e'-döm), ein Wort, das mit dem hebräischen qouqpu verwandt
sein dürfte, das seinerseits wieder der griechischen Benennung
') Unger, Streifzüge IV, S. 1G7.
2 ) Scbweinfurth, die letzten botan. Entdeckungen. S. 7: Derselbe,
Neue Kunde. S. 198.
8; Unger, Streifzflge IV, lue.
«) Wönig, Pflanzen. 8. 316.
») Loret, la Qore, S. 15.
IV. Palmae. — Ilyphaene thebaica. 83
den Ursprung' gegeben liaben mag. Tbeophrast 1 ) führt eine
der Dattelpalme an »Stamm und Blättern sehr äbulicbe Pflanze als
zouxiocpopov = qonqou- tragendes Gewäcbs an. Aus seiner Be-
schreibung, die die scbon genannte sehr charakteristische gabelige
Theilung des Stammes, sowie die schilfartigen, fächerförmigen
Blätter hervorhebt, geht deutlich hervor, dass nur unsere Spezies
damit gemeint sein kann. Derselbe Autor fügt noch die Notiz
hinzu, dass die Fruchtsteine dieses Baumes zu Ringen für bunte
Decken verarbeitet wurden, dass die Blätter zu Flechtarbeiten
Verwendung fanden, und dass das Holz, besonders von den
Persern, als Material für Bettstellen geschätzt war. Strabon 2 )
ferner weiss zu berichten, dass man aus den Kukifrüchten eine
besondere Art Brod, Kukus genannt, herzustellen verstand, das
sich als ein werth volles Mittel gegen Diarrhoe erweisen sollte. —
Welcher Art die Verwendung der Dumpalme im alten Aegypten
gewesen, können wir uns nach diesen Schilderungen der
griechischen Schriftsteller ungefähr denken. Unger 3 ) behauptet,
dass die Frucht ungeniessbar sei und höchstens bei der Bier-
brauerei von Bedeutung gewesen sein könne. Dagegen betont
Braun 4 ), dass die ziemlich dünne, äussere Fruchtschicht von den
Eingeborenen gegenwärtig wegen ihres angenehm-pfefterkucheu-
ähnlichen Geschmackes abgekaut, oder, wie Wönig 5 ) mittheilt,
abgezogen und mit Durramehl vermengt zu Brod verbacken
werde. Die Blätter verarbeitet man, wie schon in der Vorzeit,
auch gegenwärtig noch zu Geflechten.
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Dumpalme muss sich,
der Uebereinstimmung der für dieselbe existirenden Namen nach
zu urtheilen, von Aegypten bis nach Persien und Palästina hin
ausgedehnt haben.
J o y
2. Medemia Argun. P. W. Wärt. Dellalt-Palme.
= Hypliaene Argun. Mart. ;= Areca Passalacquae. Knth.
Früchte dieser Palmenart erhielt Unger 6 ) zusammen mit
anderen aus Königsgräben) stammenden Früchten in Theben zum
Verkauf angeboten; die Passalacqua-Sammlnng im ägyptischen
') Theophrast, de caus. plant. I, 10; auch Lenz, Botanik. 8. 331.
2) Strabon, XVII, I.
3 ) Unger, Streifzüge IV. S. Ulli.
4 ) Bin un. Pflanzenreate. S. 297.
5 ) Wönig, Pflanzen. S. 316.
6 ) Unger, Streifzüge IV. S. 107.
84 IV. Palmae. — Mcdemia Anjun.
Museum in Berlin, sowie die ägyptische Sammlung in Florenz
enthalten eine Anzahl Früchte 1 ); in jüngster Zeit lieferte eins
der schon öfters erwähnten Gräber zu Dra-Abu-Negga' 2 )
(XII. Dynastie) ebenfalls einige Stücke. Das Vorkommen dieser
Palmenspezies in ägyptischen Gräbern ist insofern von Wichtig-
keit, als Hyphaene Argwn heutigen Tags nicht mehr in Aegypten
vorkommt, vielleicht auch früher hier nicht recht verbreitet
gewesen ist. Sie wächst gegenwärtig nur noch inNubien, namentlich
auf der Strecke innerhalb der grossen Nilkrümmung zwischen
Quorosquo und Abu-Hamed unter dem 21. Grad n. B. Von hier
aus mögen ihre Früchte auf Haudelswegen nach Aegypten ge-
langt und möglicherweise auch hier verereinzelt angepflanzt
worden sein. Denn in den Texten wird der Baum, der in den-
selben v mama mit Nüssen" heisst, unter den Gewächsen im
Leichengarteu des Schreibers Anna in Theben (XV1I1. Dynastie)
aufgeführt 3 ).
C. Kunth liess sich durch mancherlei Aehnlichkeiten der
Früchte mit denen der ostindischen Arecapalme, namentlich durch
ein besonders autfälliges Merkmal, den von braunen Faltungen
durchzogenen Eiweiskörper, dazu bestimmen, diese Früchte für
identisch mit denen der gemeinen Arecapalme zu erklären und den
Baum zu Ehren des Auffinders derselben als besondere Spezies,
Areca Passalacquae hinzustellen 4 ). Unger klärte später diesen
Irrthum auf und fand durch Vergleich mit den von ihm von seiner
Studienreise aus Aegypten mitgebrachten Dellahfrüchten heraus,
dass es sich nur um solche handeln könne. — Heutzutage werden
diese von den Eingeborenen der nubischen Wüste Arguu oder
Delläch genannten Früchte, wenn sie noch unreif sind, nach
den Beiseberichten von De Pruyssenaere* 1 ), auf einige
Zeit vergraben, um so dem Eiweisskörper einen der Kokusnuss
ähnlichen Geschmack zu verleihen. Ob diese Prozedur auch
im alten Aegypten au den Früchten vollzogen wurde, wissen
wir nicht.
i) Braun, Pflanzenreste. S. 297 u, f.; Won ig, Pflanzen. S. 318-
<k ) Seh wc i n f'urtli, Neue Funde. S. 198.
") Loret, la flore. S. IG.
4 J Braun, Ebendaselbst s. o.
IV. Palmae. — Phoenix dactylifera. 85
3. Phoenix dactylifera. L. Dattel-Palme.
Die Dattelpalme war für das wirtschaftliche Leben der Be-
wohner des Pharaoneureiches von derselben, wenn nicht von
noch höherer Bedeutung wie die Sycomore. Trotzdem ihr
Tndigenat nicht in Aegypten zu suchen ist, so fand sie doch
bereits in den frühesten Perioden Eingang in den Nillanden.
Picke ring 1 ) setzt die Zeit ihrer Einführung ungefähr in das
Ende der XII. Dynastie, also ums Jahr 2200 v. Chr., und findet
in Unger seinen Partner. Beide Autoren haben jedoch das
Alter des Palmenbaumes in Aegypten entschieden zu niedrig
augegeben, denn auf Grund einer bildlichen Darstellung aus der
Zeit der XII. Dynastie (2460 — 2260), eines Wandgemäldes zu
Beni-Hassan, das zum Gegenstand der Darstellung das Umhauen
von Dattelbäumen hat, ist der Schluss vollberechtigt, dass zu
dieser Zeit die Kultur des Dattelbaumes schon längere Zeit in
den Nillanden bestanden haben muss. Wir können mit Recht
daraus weiter folgern, wie es Wönig 2 ) gethan hat, dass die Ein-
führung des Palmenbaumes in eine frühere Zeit, in die Periode
der X. oder XL Dynastie, zurückgehen muss, . Wönig hält die
XL Periode für die wahrscheinlichere; denn einer Inschrift in
Hamamit zufolge unternahm der König Se-änch-ka-ra eine
Expedition von 3000 Mann nach dem Lande Punt, womit Arabien
gemeint ist, um sich von hier Weihrauch, Edelsteine und andere
Kostbarkeiten zu holen. Dieser Feldzug, der für die Aegypter
in günstigem Sinne verlief, berührte sicherlich auch die südlich
von Aegypten gelegenen Gebiete und verschaffte von hier dem
Pharaonenlande das kostbarste Gewächs der mittelafrikanischen
Flora, die Dattelpalme.
Der altägyptische Name für diesen Baum, der in vielen
Texten vorkommt, hiessLoret zufolge bounnou oder phoannou 3 )
und bezeichnete eigentlich einen heiligen Vogel, der besonders
zu Heliopolis Verehrung genoss. Bei den Semiten hiess derselbe
chol oder chul und bei den Griechen jihoinix, ein Wort, das
möglicherweise auf phoannou zurückzuführen ist 4 ). Dieser Vogel
galt bekanntlich als das Symbol für die Gottheit des Lichtes,
') Unger, Streifzüge IV, 104-
*) Wönig, Pflanzen. S. 308.
3) Loret, la flore. S. 16.
*) Wönig, Pflanzen. S. 305.
86 IV. Palmae. — Phoenix dactylifera.
für den Sieg des ewig unvergänglichen Lebens über den Tod.
Die farbenreiche Phantasie des Orientalen übertrug den Namen
dieses Vogels auf die Palme. Denn „sie ist es, die der Monotonie
der endlosen, starren, todten, gclbgrauen Fläche erst Leben ver-
leiht; in ihr kündet sich der Pulsschlag der schaffenden Natur,
der auch unter den brennenden Saudwelleu nicht schlummert".
Wöiiig 1 ) führt als hieroglyphische Bezeichnungen aus den
Inschriften die Worte bener, bener-t, baner, benra, am, am-t,
amam, aamt mu\ ammer an. Loret dagegen erwähnt in seiner Mono-
graphie von allen diesen nichts. Er tritt gleichzeitig der von Unger
aufgebrachten irrthümlichen Ansicht entgegen, dass baq oder &eg
— in dem Turiner Todtenbuch wird Acgypten das Land des
heq - Baumes genannt — die Bezeichnung für die Dattelpalme
sei. Seine Forschungen führten ihn vielmehr darauf hin, dass
dieses Wort die Moringa bedeuten müsse.
Ein einziger Blick auf die monumentalen Bildwerke über-
zeugt uns, wie überaus wichtig die Dattelpalme für das Leben
der alten Aegyptcr gewesen ist. Ueberaus zahlreich sind diese
Darstellungen : vom einfachsten skizzenhaften, schematischen Ent-
wurf an bis hinauf zur sorgsamsten, vollendeten, naturgetreuen
Wiedergabe der Blätter, Stämme und Früchte, sowohl als einzelner
Baum, als auch in Gruppen oder Alleen. — Ueberrestc der
Dattelpalme machen einen wesentlichen Theil der vegetabilischen
Gräberfunde aus. — Besonders häufig sind Dattelfrüchte unter
diesen Grabbeigaben vertreten. Schweinfurth'-) z. B. sammelte
Datteln in verschiedenen Sarcophagen aus der Zeit der XVI IL bis
XXL Dynastie; diese Früchte besitzen ein schwarzes oder auch
ein ledergelbes Aussehen und sollen sich in nichts von den auf
den heutigen Märkten Aegyptens feilgebotenen getrockneten
Datteln unterscheiden. Wilkinson will sogar in den Gräbern
Thebens einen Dattelkuchcn gefunden haben. Wir kennen ferner
Kerne aus den Grabkammern von Dcir-el-Bahari(XXn. Dynastie) 11 );
Unger entdeckte Trümmer von Blattstielen in denen von Saq-
«juarah 4 ) u. a. m.
Die Ausnutzung der Dattelpalme im alten Acgypten war eine
recht mannigfaltige. Stiele, Blätter, Früchte, Kerne — Alles
i) Wönig, Pflanzen. S. 805.
•) Schweinfurth, Neue Funde. 8. 189.
3) Wönig, Pflanzen. S. .",1 1.
«) Unger, Streifzfige IV. 8. 105-
IV. Palinae. — Phoenix tlactylifera. 87
fand die weitgehendste Verwendung. Die Mediannerven der
Blätter lieferten das Material für die verschiedensten Flecht-
arbeiten, besonders für Käfige und leichte Sessel ; die Filamente
an der Basis der Blätter, die man slwu nou bounnou d. h.
Haare des Dattelbaumes nannte, dienten zum Abstauben ge-
brechlicher Gegenstände 1 ); aus den jungen, zarten, saftigen
Blatttricben, dem sogenannten Palmenhirn, bereitete man ein
sehr beliebtes Gemüse. Weiter gewann man aus der Pflanze
ein sehr geschätztes alkoholisches Getränk. Wie die Schriftsteller
der Alten erzählen, waren zwei Methoden bei der Herstellung
dieses Palmenweines üblich-). Entweder ritzte man mit einem
Messer die Stämme an, fing den ausfliessenden Saft in Gefässen
auf und Hess ihn gähren, oder man presste die frischen Datteln
aus und überliess den so gewonnenen Saft der Gährung.
Hcrodot 3 ) scheint bei seiner Berichterstattung wohl die
zweite Methode im Sinne gehabt zu haben. Dattelwein war neben
dem aus Gerste hergestellten Biere (siehe hierüber S. 42 u. f.)
vorzugsweise ein Getränk der ärmeren Volksschichten. Dass
solcher Wein auch einen gewissen Prozentsatz an Alkohol ent-
hielt, geht aus einer Nachricht des Xenophon 4 ) hervor, wonach
sein Genuss heftige Kopfschmerzen erzeuge. — Schliesslich sei
noch erwähnt, dass Dattelwein und Dattelhonig zur Zeit des
alten Reiches als Heilmittel in Gebrauch waren, und dass der
erstere auch als Reinigungsmittel der Eingeweide beim Eiu-
balsamiren diente. — Wenn wir die Verwerthung der einzelnen
Theile der Dattelpalme, wie sie uns Strabon 5 ) aus dem Lande
der Babylonier schildert, auch für die Bewohner des Nilthaies
gelten lassen, so blieben selbst die Kerne nicht unbenutzt: ge-
trocknet gaben sie eine gute Kohle bei den Schmiedearbeiten,
eingeweicht ein vortreffliches Viehfutter in der Landwirth-
schaft ab.
Im religiösen Kult spielte der Dattelbaum gleichfalls keine
untergeordnete Rolle. Palmenzweige schmückten die heim-
kehrenden Sieger und begleiteten die Abgeschiedenen zur letzten
Ruhestätte, der man überdies süsse Dattelfrüchte als Todten-
1 ) Loret, la flore. S. 16.
2) Wönig, Pflanzen. S. 311.
8) Herodot II, 86.
«) Expedit. Cyri II, 3.
f>) Strabou XVI, 1.
SS IV. Palmae. — Phoenix daetylifera.
speise beizusetzen pflegte; die Priester trugen bei ihren feier-
lichen Aufzügen Palmcnzwcige in den Iländeu u. a. ni.
Herodot und hieroglyphischen Texten zufolge waren die
alten Aegypter bereits über die beiden Geschlechter der Dattel-
palme orientirt 1 ); nur hielten sie den männlichen Baum für den
fruchtbringenden und benannten ihn auch so. Theophrast'-)
dagegen ist über die künstliche Befruchtung der weiblichen
Bäume durch männliche Blüthen bereits vollständig im Klaren.
Neben Aegypten waren in den frühesten Zeiten die Länder
am Euphrat und Tigris 3 ) eine Hauptstätte, vielleicht auch der
Ausgangspunkt 4 ) der Kultur der Dattelpalme. Zeugniss hiervon
legen sowohl die Funde 5 ) von Dattelkernen ab, die in den
babylonischen Gräbern keine Seltenheit bilden, als auch im be-
sonderen die zahlreichen Darstellungen des Baumes auf den
assyrischen Monumenten 6 ). Wie Schrader 6 ) angiebt, führte
die Palme bei den Assyriern den Namen musukkan (sumerisch-
akkadischen Ursprunges = himmelhäuptig) und erscheint, sofern
ihr Holz Tributgegenstand ist, lediglich als solcher eines
babylonischen, im besonderen sudbabylonischen Herrschers, nie-
mals als Tributgegenstand westlicher syrisch-palästinischer Völker.
Diese auffällige Erscheinung lässt sicherlich den Schluss zu, dass
zur damaligen Zeit in Syrien und Palästina die Dattelpalme noch
nicht angebaut wurde.
Späterhin wurde sie jedoch auch in diesen Ländern Gegenstand
sorgsamer Kultur. Wir ersehen dies aus einer Stelle des alten
Testamentes 7 ), woselbst die Früchte der Palme unter den Landes-
produkten aufgeführt werden. Den Baum nannten die Hebräer
tamär\ den aus seinem Safte hergestellten Honig dibs.
In Europa war die Dattelpalme zur Zeit, als sie unter dem
augeführten Himmelsstriche Afrikas und Asiens schon prächtig
gedieh, noch unbekannt Die Paläontologie besitzt im übrigen auch
keine Anhaltspunkte für das Vorhandensein der Palme in Europa
nach der Glacialzeit 8 ). Die älteste Kenutniss, die wir erhalten,
') Loict , la flore. S. 16.
*) Theophrast, de caus. plant. II. fi; V, (!.
3 ) Herodot I, 193; Strabon, 16, 1. 14.
4 ) Ritter in Helm, Kulturpflanzen. 8. 263.
*) Rauher, Urgeschichte I, S. 329.
fi ) Seli rader in Ilchn, Kulturpflanzen. S. 274.
rj 1. Mos. XXXXIII, 11.
8 J Engler in Helm, Kulturpflanzen, 8. J73.
IV. Palmae. — Phoenix dactylif'era. "9
sind die Darstellungen des Baumes auf den Denkmälern von
Mycene; aus der gleichen Zeit datirt eine Zeichnung desselben
auf einem goldenen Gefässe aus dem jüngst erschlossenen Grabmal
Vaphio 1 ) bei Sparta. Allein die Auflassung der Archäologen
geht dahin, dass diese Fundstücke, wenn auch nicht gerade in
Aegypten selbst angefertigt, so doch sicherlich Nachahmungen
von importirteu Gegenständen ägyptischer oder phönizischer
Provenienz sind. Helm scheint daher nicht Unrecht zu haben,
wenn er die Einführung der Dattelpalme auf den griechischen
Inseln ins Jahr 1000 v.Chr. verlegt. Der Sänger der Odyssee 2 )
gedenkt nämlich zwar der Palme als eines Gewächses auf der
Insel Delos, allein, worauf Schwendend- 3 ) zuerst aufmerksam
gemacht hat, mit Worten, die keinen Zweifel darüber lassen,
dass es sich hier um eine für den griechischen Archipel neue
Erscheinung aus der Pflanzenwelt gehandelt hat. — Von den
griechischen Inseln breitete sich die Dattelpalme und ihre Kultur
sehr bald nach dem Festlande aus; ums Jahr 700 v. Chr. begann
mau sie nach Seh wen den er bereits in Attica und Korinth an-
zupflanzen. Wann der Baum nach Italien gelaugte, hält schwer
zu sagen. Denn einmal scheinen die römischen Schriftsteller
seine Wedel mit denen der Zwergpalme (Cliamaerops humilis)
zusammenzuwerfen, zum audern vermögen wir auch nicht zu
entscheiden, ob die im Jahre 459 v. Chr. zum ersten Male 4 ) als
Siegespreis bei den römischen Spieleu eingeführten Palmenwedel
von bereits einheimischen Bäumen herrühren oder von auswärts
importirt worden sind. Der erstere sichere Nachweis 5 ) des
Vorkommens der Palme auf dem italieuischeu Festlande (Antiam)
fällt ins Jahr 291 v. Chr.
Was die Stammpflanze der Phoenix dactylifera anbetrifft, so
ist dieselbe heutigen Tags nicht mehr mit Sicherheit zu eruiren.
Die ihr nächst verwandte Art scheint Phoenix spinosa zu sein,
ein im tropischen Afrika einheimischer Baum, dessen Existenz
aber an ein durch tropische und Fassatregen feuchtes Klima ge-
knüpft ist. Aus diesem Grunde reicht das gegenwärtige Ver-
') 'Egrituglg i' Qxcdoloyixi] ISNS. S. 136; l'Anthropologie 1890. * •">•"> |.
*) Odyssca VI, 162.
3 ) Schwendener, Kulturpflanzen. S. 25.
4 ) Livius, tust. X, 47.
ft ) Val. Max. I, 8, 2.
90 IV. Palmae. — Phoenix dactylifera.
breit uugsgcbict der Phoenix spinosa nicht bis Aegypten hinauf,
und that dies höchstwahrscheinlich auch nicht im Alterthume.
Dieser an ausgiebige Feuchtigkeit gebundene Baum musste
daher, so führt Fischer 1 ) aus, durch Kultur in der Weise
umgeändert werden, dass er allerdings noch immer eines gewissen
Feuchtigkeitsgrades des Bodens benöthigte, aber auf Regen und
Luftfeuchtigkeit Verzicht leisten konnte. So bildete sich die Phoenix
spinosa zur dactylifera um. Diese Umgestaltung, bezw. Anpassung
muss sich nördlich vom Aequator, vielleicht in der Gegend der
grossen Seen vollzogen haben. Die Acgypter waren es wohl nicht,
unter deren Händen diese Umwandlung vor sich ging; denn die
Ausbreitung der Phoenix spinosa erreichte, wie bereits hervor-
gehoben, diese Gebiete nicht. Vielmehr mögcu sie den Dattel-
baum schon als solchen auf ihren Streifzügen nach Süden, wie
Wönig annimmt, zur Zeit der XL Dynastie bei der Invasion
nach Arabien, kennen gelernt und nach dem Nildelta ein-
geführt haben.
Arabien ist also nicht, wie bisher allgemein angenommen
wurde, das Heimathsland der Dattelpalme, sondern das
tropische Afrika. Jedoch ist nicht in Abrede zu stellen, dass
die Bewohner der arabischen Halbinsel schon sehr frühzeitig
die Dattelpalme als Kulturpflanze kennen lernten und für
ihre Verbreitung in den Niederungen des Euphrat und Tigris
Sorge trugen.
l ) Th. Fi soll er, Die Dattelpalme. Ergänzungsheft zu Petermann's
Mittheilungen 1881. N T <>. 64.
V Asphodeleae, — Aliium Cepa. •'!
V. Asphodeleae.
/. Allium Cepa. L. Zwiebel.
Die Zwiebel bildete eins der ältesten Nahrungsmittel der
asiatischen und nordostafrikanischen Völker.
Im Sanscrit 1 ) existirtcn bereits drei Bezeichnungen für diese
Pflanze, palandu, latarka und sulumdaka; und im Chinesischen
wird ihr Name durch einen einzigen Buchstaben (tsung) aus-
gedrückt Es scheint dieser Umstand nach Brettschneider
für das Indigeuat der Pflanze in China zu sprechen. Die
hebräische Sprache besitzt drei ähnlich klingende Namen,
hi l sn Um, bezalim und berel, die wohl vom ägyptischen badjar
vsiehe hiervon weiter unten) abzuleiten sind' 2 ).
Im Pharaonenlande erfreute sich die Zwiebel, wie überhaupt
ihre nächsten Anverwandten, der Lauch und die Schalotte, als
sehr beliebtes Volksnahrungsmittel seit der frühesten Zeit des
Reiches eines grossen Rufes, geradeso wie dies den Berichten der
Reisenden zufolge daselbstnoch heute derFallsein soll. Herodot 3 )
führt als Merkwürdigkeit an, dass die Arbeiter an der Pyramide
des Cheops (IV. Dynastie, um 3600 v. Chr.) laut einer an der-
selben angebrachten Inschrift für 1600 Silbertalente Rettige,
Zwiebeln und Knoblauch consumirt hätten. Wenn auch diese
Angabe übertrieben zu sein scheint, so bleibt sie immerhin
noch ein Beweis für das hohe Alter und die Vorliebe 4 ) der Nil-
thalbewohner für die Zwiebelgewächse, von der auch die
monumentalen Darstellungen reichlich Zeugniss ablegen. Aus
derselben Zeit, in die der Pyramidenbau fällt, stammt eine solche
Zeichnung der Zwiebel in dem Pyramidengrabe No. 10 zu
Saqquarah (V. Dynastie) 5 ). Auf einer anderen, zeitlich nicht
viel jüngeren Darstellung (VI. Dynastie, 3300 — 3100 v. Chr.)
•) De Candolle, Ursprung. S. 85.
2) Wönig, Pflanzen. S. 194.
3 ) Herodot II, 125; von Engler (Helm, S. 202) wird dieser Nachricht
die Glaubwürdigkeit überhaupt abgesprochen; weshalb, ist nicht einzusehen.
4) Wonig, Pflanzen. S. 198.
5 ) Noch heute heisst ein Sprüchwort der ägyptischen Türken: sie möchten
nicht im Himmel sein, wenn es dort nicht Zwiebeln gäbe.
92 V. Asphodeleae. — Alliuni Cepa.
begegnen wir unter den Landesgewächsen, die in einem feier-
lichen Aufzuge von Männern und Frauen dem Könige Phiops
Ka-neferka) dargebraclit werden, gleichfalls diesem Gewächs.
Im Allgemeinen haben die Darstellungen unserer Pflanze sehr
häufig religiöse Handlungen zum Thema. Als Opfergaben
„stecken Zwiebeln entweder in Füllhörnern, liegen in Bündeln
frei auf den Opfertischen und den verschiedensten Spenden,
oder hängen glockenförmig zusammengebunden über denselben,
gleichsam um das Opfer zu weihen". — Ausser diesen Dar-
stellungen religiösen oder rituellen Inhaltes bringen die Wand-
gemälde auch solche, die unter anderem die Art des Einsammelns,
des Tragens auf den Markt, des Feilhaltens daselbst u. a. m.
veranschaulichen. Wönig 1 ) giebt in seiner Publikation eine
Fülle interessanter Einzelheiten über diesen Punkt.
Die bildliche Wiedergabe der Zwiebelgewächse kann man
eine recht natürliche nennen. Wönig unterscheidet drei stereotype
Formen: entweder eine Pflanze mit schmalen Blättern, welche
den Schaft bis zur Mitte sctieidenartig umschliessen — diese
Form hält er für Knoblauch — oder eine solche mit kugeliger,
etwas gekanteter Zwiebel und langen bauchig aufgeblasenen
Blättern — in dieser erblickt er die Küchenzwiebel — oder eine
Pflanze mit lang- eiförmiger Zwiebel und langem runden Schafte —
diese letzte Form identificirt er mit der Schalotte. Was ferner
die Farbe betrifft, so „erscheinen die Zwiebelgewächse gemeiniglich
weiss, ihre Konturen sind roth, die Schattirungen roth oder
braunroth oder schwarz. Die Blätter erhalten als Zeichen völliger
Keife nicht selten an der Spitze einen gelben Ton, der untere
Theil des Schaftes und der Blattscheiden ist blassroth kolorirt.
Die Faserwurzeln sind grau oder purpurroth gezeichnet."
Der hieroglyphische Name für die Zwiebel ist noch nicht
sicher festgestellt worden; jedoch dürfte derselbe gleichlautend
mit houdj gewesen sein. Denn diese Silbe wird durch das
Zeichen einer Zwiebel wiedergegeben. Maspero dagegen hat
in einem Grabe zu Theben an der Seite einer Mumie, die ein
Dirndel Zwiebeln in der Hand hielt, das Wort bodjar entziffert.
Wenn dieses die richtige Bezeichnung für unser Gewächs sein
würde, dann besässeu wir in ihm gleichzeitig einen Fingerzeig
für seine Ableitung bezw. Verwandschaft mit der hebräischen Be-
nennung, bezel, sowie der arabischen, bassal. Der koptische
'i Wönig, I'lliin/.cii. S. 195 u. £
V. Asphodeleae. — Alliuin Cepa. 93
Naine, emdjöl, dürfte, wie Luret 1 ) verniuthet, vielleicht durcb
Umwandlung des Buelistaben b in m gleichfalls daraus entstanden
sein. Die Aegypter der Neuzeit nennen die Zwiebel bassal oder
bussuJ 2 ).
Ueber den starken Zwiebelverbrauch im Pharaonenlande
stimmen die hierüber existirenden zahlreichen Nachrichten der
Alten überein. Die daselbst einst ansässig gewesenen Israeliten
hatten sich während ihres Aufenthaltes in dem Maasse an denGenuss
der Zwiebelgewächse gewöhnt, dass sie dieselben in der Wüste
sehnlichst zurückwünschten. — Der religiösen Verehrung, welche
die Zwiebel beim ägyptischen Volke genoss, gedachten wir bereits
an anderer Stelle. Als weiteren Belag hierfür wollen wir noch
eine Notiz des Plinius 3 ) anführen, der zufolge das Volk Knob-
lauch und Zwiebeln den Göttern bei Eidschwüren gleichschätzte,
d. h. es rief den Namen derselben wie den der Gottheiten an,
eine Sitte, die den Römern zu der spöttischen Bemerkung Ver-
anlassung gab, den Aegyptern wüchsen ihre Götter in den
Kücheugärten 4 ). Ucberbleibsel dieser Heiligkeit haben sich in
Aegypten bis auf unsere Tage hinein erhalten; so z. B. hängt
man über das Hausvieh Zwiebelbündel auf, um Krankheit und
sonstige Unglücksfälle hierdurch von diesem abzuwenden 5 ).
Für das Vorkommen der Zwiebel in der Vorzeit Europas be-
sitzen wir keine Belege. Vegetabilische Funde sind bis jetzt
noch nicht vorgekommen. Wenn wir den Schriftstellern der
Alten Glauben schenken, so war die Zwiebel zur Zeit des
homerischen Sagenkreises den Griechen bereits bekannt. Kpou.uov
des Homer dürfte die Küchenzwiebel gewesen sein, \uuh) dagegen
keine bestimmte Zwiebelart, sondern nur eine sagenhafte Pflanze.
Das erste Wort bezeichnet als krommudi bei den Neugriechen
noch gegenwärtig dasselbe Gewächs.
Der Ursprung der Zwiebel dürfte im westlichen oder centralen
Asien zu suchen sein. Dafür spricht schon das hohe Alter, welches
diese Pflanze besonders in Indien und China besitzt. Neuere
Forschungen haben in der That die Spontanität der Zwiebel
verschiedentlich in jenen Gegenden nachgewiesen, so in Indien
«) Loret, la flore. S. 17.
») De Candolle, Ursprung. S. 83-
3) Plinius, hist. nat. XIX, 32.
«) Juvenal XV, 9.
6 ) Engler. Die letzten botan. Entdeckungen. S. 11.
94 V. Asphodeleac. — Alliiun Ccpa.
(Griffith), in Labore (Thomson), in Afghanistan (Boissier), in
Beludschistau (Stokes), in Turkcstan (Regel) und an anderen
Orten '). Bis zu den Nillanden scheint sich indessen das Indigenat
nicht ausgedehnt zu haben. Wir verinuthen dies aus einer Notiz
des Plinius' 2 ), des Inhaltes, dass es in Aegypten ..wilde Zwiebeln
nicht gäbe". Auf jeden Fall aber fand dieses Gewächs, d:is
sich durch seine einfache und schnelle Vermehrung auffällig
leicht Verbreitung verschafft, hier bereits in sehr früher Zeit
Eingang. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Begründer des
alten Reiches es bereits von ihren östlicher gelegenen Wohnsitzen
in die neue Heimath mitbrachten.
2. Allkim sativum. L. Knoblauch.
Wie die Zwiebel bildete auch der Knoblauch ein Haupt-
uahrnngsmittel des altägyptischen Proletariats. Es erscheint
überflüssig die zahlreichen Darstellungen und die mehrfachen
Nachrichten der Alten, die uns dies bezeugen, .an dieser Stelle
noch einmal wiederzugeben. Hervorheben wollen wir nur, dass
uns auch mehrere Gräberfunde den Beweis hierfür geliefert haben.
Ein Grab bei Assassif zu Theben 3 ) enthielt eine Anzahl 6 cm
langer Allium-SWele und -Blätter, die in der Mitte umgebogen
durch eine Schnur aus Dattelpalmenblättern zu einem Bund
vereinigt waren; und in den Gräbern von Dra-Abu-Negga
(XII. Dynastie) entdeckte Schiaparelli drei Päckchen von
10— 12 cm langen Stielen, die in Gestalt eines Knäuels zusammen-
gewickelt, ebenfalls mit Bändern aus Dattelpalmenblättern ge-
schlossen gehalten wurden. In beiden Gräbern fehlten merk-
würdiger Weise an den Stielen die Blüthenköpte. Seh w e i n f u r t h
schliesst an diese Erscheinung die Vermuthung an, dass der
Knoblauch in der soeben geschilderten Verpackung auf den
Märkten des alten Aegypten feilgeboten wurde. Loret war bei
der Abfassung seines Schriftchens über diese Funde entschieden
noch nicht unterrichtet, denn er leugnet das Vorkommen des
Knoblauchs im alten Aegypten, sowie seine Darstellung auf den
Denkmälern. Hcrodot wäre seines Wissens der einzige, der
dieses Land mit dem Knoblauch in Beziehung brächte.
') Di' Candolle, Ursprung. S BS 85; Hohn. Kulturpflanzen. S. 202;
Hock, Nährptlanzcn. S. :;o.
*) PI in in s, hisi. int. XX. 20.
') Sch weinfurth, Die letzten boten. Entdeckungen. S. lo.
V. Asphodrleae. — Allium sativum. 9o
Einen ägyptischen Namen kennen wir freilich noch nicht. Im
Koptischen heisst die Pflanze shgrn oder shdj&n, ein Wort, das
auf ein etwa sagin oder shagin lautendes altägyptisches Wort
hindeuten würde. Ein solches fehlt aber in den Texten '). —
Die hebräische Bezeichnung schum (plur. sclmmhn) ist in das
arabische toüm übergegangen und findet sich in dem punischen
oouu, sowie dem assyrischen sumu wieder, geht mithin weit in
die Urzeit der semitischen Völkerschaften zurück 2 ). Im Sanscrit
cxistirt ein Wort ifiahuschouda, von dem das Bengalische loshoum
abstammt 3 ). Dieses letztere scheint den semitischen Bezeichnungen,
speziell der hebräischen nicht fernzustehen.
Homer kenut den Knoblauch noch nicht; dagegen unter-
scheidet Theophrast 4 ) ihn bereits als besondere Art, Namens
oxopuSov, von der Küchenzwiebel, xpou-uov. Der altgriechische
Name scorydon ist im Neugriechischen als shordon die Bezeich-
nung für die gleiche Pflanze geblieben. — In der späteren Zeit
bauten die Griechen und auch die Kömer, wie Wönig wissen
will, den Knoblauch, der ein ausgezeichnetes Nahrungsmittel für
die niederen Volksschichten der grossen Städte, wie Schiffer,
Soldaten und Sklaven abgab, in besonderen Knoblauchsgärten
an. Bei den Römern spielte er auch in der Medizin eine
grosse Rolle.
Die Heimath der Knoblauchpflanze dürfte sich im Grossen
und Ganzen mit der der Küchenzwiebel decken, wenn es auch
bisher noch nicht möglich gewesen ist, ihre Spontanität für Indien
nachzuweisen. Regel 5 ) will sie wildwachsend in der Kirgisen-
steppe (Thäler des Kaumann und Chautan in der Songarei) an-
getroffen haben. De Candolle nimmt als Ursprungsland gleich-
falls diesen Himmelsstrich, sowie das gemässigte Centralasien an.
Aus Südeuropa kennt man die Pflanze bisher nur verwildert 6 ).
3. Allium ascalonicum. L. Schalotte.
Unger 7 ) glaubt auf einem ägyptischen Monument zu Sarbout-
el-Khadem am Sinai die Darstellung einer Schalotte heraus-
') Loret, la flore. S. 18.
* 2 ) Low, aram. Pflanzennamen S. 393.
3 ) De Candolle, Ursprung. S. 554.
4 ) Theophrast, de eaus. pl. VII, 4.
ft ) Regel, alliorum monographia. Peiropol. 1875- s - 44.
6 ) Ilehn, Kulturpflanzen. S. 202.
7 ) Unger, Streifzüge IV. 108.
96 V. Asphodelcae. — Allium ascalonicum.
gefunden zu haben. Loret 1 ) dagegen ist geneigt dieselbe für
solche der gewöhnlichen Küchenzwiebel anzusprechen. Ich be-
rührte an anderer Stelle, dass auch Wönig dein Vorhandensein
dieser Pflanze auf den ägyptischen Bildwerken, die sich durch
ihre eiförmig-längliche Wurzel und den langen röhrigen Schaft
zur Genüge charakterisiren soll, das Wort redet. — Die nahe
Lage des Pharaonenreiches au Judäa, von dessen Stadt Ascalon
die Pflanze ihren Namen erhalten haben soll* 2 ), sowie die nahe
Verwandschaft, ich will nicht sagen Identität, mit der Zwiebel —
die Schalotte wird von den meisten Botanikern nur als Varietät
der letzteren angesehen') — machen es wahrscheinlich, dass auch
den Aegyptern die Schalotte nicht fremd war. Gräberfunde, die
diese Vermuthung zur Gewissheit machen könnten, besitzen wir
bisher nicht.
Im Sanskrit soll die Pflanze pulandu heissen, ein Wort, das
last identisch mit palandu klingt, womit die Kücheuzwiebel ge-
meint ist.
Auch schon die Alten fassten die Schalotte, die sie -yij&oov
benannten, als eine Abart der gewöhnlichen Zwiebel auf, die
von ihnen von geringerer Weichheit geschildert wird, als die in
Griechenland wachsende Küchenzwiebel. Sie scheint hier Gegen
stand ausgedehnter Kultur gewesen zu sein 4 ).
Der Ursprung der Schalotte ist bisher noch nicht sicher fest-
zustellen gewesen; immerhin dürfte die Annahme die wahrschein-
lichere sein, dass dort, wohin das Indigenat der Zwiebel verlegt
wird, auch das für die Schalotte zu suchen ist, also nach Central-
asien. Wenn man dieselbe bisher nirgends im spontanen Zu-
stande angetroffen hat, so darf dies nicht Wunder nehmen, denn
die Schalotte ist ja eben eine Kulturform. Wann dieselbe ent-
stand, ist nicht zu ermitteln, jedoch dürfte dies ohne Zweifel
schon in der Vorzeit der Fall gewesen sein. Die Behauptung
De Candolle's, dass dieser Vorgang sich erst im Anfauge der
christlichen Zeitrechnung abspielte, widerspricht sicherlich den
ägyptischen Darstellungen und den Nachrichten der Alten.
•) Loret, la flore. S. 18.
*) PI in ins, tust nat. XIX, fi.
3 ) Engler in Helm, Kulturpflanzen S. 202
*) Ebendaselbst
V. Asphodeleae. — Allium Porrum. 97
4. Allium Porrum. L. Porree.
Für das Vorkommen des Porree in der altägyptischeu Küchen-
flora besitzen wir zwei Anhaltspunkte. Der eine ist der direkte
Nachweis von Ueberresten durch Schweinfurth in alt-
ägyptischen Gräbern; der andere eine darauf bezügliche Nach-
richt des Plinius 1 ). Nach Volkens Untersuchungen deckt sich
der aus den Grabkammern stammende Porree nicht ganz mit
einer der heutigen Arten, sondern weist verschiedenen Spezies
gemeinsame Merkmale auf. Schweinfurth hält ihn für ein
Mittelding zwischen A. Porrum und Ampeloprasum L. — Noch
heute wird die Pflanze in Aegypten als Salat zu gesottenem
Fleische oder von den Armen auch roh als Zukost zu trockenem
Brode genossen' 2 ).
Nach dem Vorgange des Plinius hat man das hebräische
Wort chazar, womit eine Pflanze gemeint ist, nach deren Genuss
sich die hungernden Israeliten in der Wüste zurücksehnten 3 ),
als Porree gedeutet. — Die in den hieroglyphischen Texten vor-
kommenden Bezeichnungen für Zwiebel und Knoblauch stimmen,
wie wir oben in den darauf bezüglichen Kapiteln gesehen haben,
mit den modernen semitischen Bezeichnungen überein; bei dem
Porree ist dies auffälliger Weise nicht der Fall, denn dieser
heisst jetzt im Arabischen korrat*). — Der altägyptische Name
soll nach den neuesten Untersuchungen Lore t 's aaqi heissen r> ).
Homer erwähnt den Porree (irpacov) als ein Suppengemüse,
das in besonderen Gärten angebaut wurde.
Hinsichtlich der Heimath der Pflanze dürften dieselben Be-
trachtungen maassgebend sein, die wir bei den vorhergenannten
Zwiebelgewächsen angestellt haben.
') Plinius, hist. nat. XIX, 33-
? ) Rose um üll er, bibl, Naturgeschichte. S. 95.
3) 4. Mos. XI, 5.
4 ) Wönig, Pflanzen. S. 260.
b ) Loret, recherches No. X — XII.
Q, Uiischaii, Vorgeschichtliche Botanik
98 VI. Asparagineae. — Asparagus officinalis.
VI. Asparagineae.
Asparagus officinalis- L. Spargel.
Unger 1 ) will in mehreren Darstellungen der altägyptischen
Kunst den Spargel erkannt haben. Loret' 2 ) jedoch läset diese
Annahme auf einem Irrthum beruhen, weil Unger nur unkolorirle
Bilder vor Augen gehabt hat. Er selbst, da er Gelegenheit
fand dieselben an Ort und Stelle zu prüfen, hält die vermeint-
lichen Spargel'') für Kalbsfüsse, zu zweien und zweien, oder zu
vieren und vieren zusammengebunden. Jedoch muss ich meiner
seits gestehen, dass allerdings eine grosse Phantasie dazu gehört,
um in den von Unger wiedergegebenen, wenn auch unkolorirten
Abbildungen Kalbsfüsse herauszukennen. Jedem unbefangenen
Betrachter muss die Aelmlichkeit mit Spargelköpfen auffallen. —
Wenn uns daher auch die Alten über das Vorkommen dieser
Pflanze im alten Aegypten nichts hinterlassen haben, so hindert
dieser Umstand doch nicht, auf Grund so charakteristischer Dar-
stellungen dasselbe anzunehmen, und zwar dies um so weniger,
da der Spargel in allen Mittelmeerländern gegenwärtig wild vor-
kommen soll.
Seine Heimath ist noch nicht sicher nachgewiesen; De
Candolle giebt als solche Europa und das gemässigte
Asien an.
«) Unger, Streifzüge IV. S. 10S.
*) Loret, la flore. S. 19.
3) Unger, ebendaselbst, Fig. 25, 30, 31.
VII. Coniferae. — Juniperus phoenicea. JJ
i-i
VII. Coniferae.
/. Juniperus phoenicea. L. Phönizischer Wachholder.
Wachholderbeeren wurden mehrfach als Todtenspeise der
Mumien unter den vegetabilischen Funden aus Aegypten nach-
gewiesen, so z. B. in den Gräbern von Deir-el-Bahari und Dra-
Abu-Negga 1 ). Die Grösse dieser vollständig erhaltenen Beeren
ist eine recht verschiedene und übertrifft merkwürdiger Weise
die der heutigen Früchte. Während die grössten der letzteren
nur 8 — 14 mm im Durchmesser erreichen, weisen die antiken
einen solchen von 9—17 mm auf. Jede Beere enthält nur drei
Samenkörner.
Kunth' 2 ) bestimmte diese Beeren als solche der Jwfhiperus
lihoenicea L. :1 ), einer über die ganzen Mittelmeerländer — mit
Ausnahme gerade von Aegypten, wo überhaupt keine Nadelhölzer
vorkommen — heutzutage verbreiteten Conifere. Dass ihre Ver-
breitung in der Vorzeit gleichfalls nicht Aegypten umfasste,
scheint mehr als wahrscheinlich zu sein, schon aus dem Grunde,
weil der Juniperus in den Texten „syrisches Holz" genannt
wird. Die in den Gräbern aufgefundenen Wachholderbeeren
mögen somit eingeführte Waare aus Kleiuasien oder Syrien ge-
wesen sein. Dass trotzdem nach diesem Importartikel, der einen
ähnlichen Zweck, wie gegenwärtig, nämlich als Bestandtheil einer
Räuchermischung, erfüllt haben dürfte, grosse Nachfrage bestanden
haben muss, beweist der Umstand, dass die hieroglyphischen
Texte einen eigenen Namen für die Beeren enthalten. Derselbe
hiess pershou und scheint auf semitischen Ursprung hinzuweisen.
Es beweist dies ferner die Mannigfaltigkeit, die in den Aus-
drücken für die ganze Pflanze herrscht, wie oium, aoun, annou.
arou und arlou, und die ausserdem auf einen fremdländischen
Ursprung derselben hindeutet 4 ).
i) Schwein furth, Die, letzten botan. Entdeckungen. S. 7.
«> Unger, Streifzüge IV. S. 109.
3 J Die Speziesbestimmung ist in Frage zu stellen, denn in den ägyptischen
Nachbarländern kommen noch mehrere Juniperus- Arten vor, z. ß. Juniperus
excelsa M. B. in Vorderasien, auf Thasos und in Abessynien. Braun. S. 299.
*) Loret, la flore. S. l l J.
7*
100 VII. Coniferae. — Junlpenis phoenicea.
Ausser für die Wachholderbeeren scheinen die Bewohner des
Pharaonenlandes auch für das Holz der Pflanze Verwerthung
gefunden zu haben. Aus ihm, dem syrischen Holz, wie es heisst,
wurden Sarkophage, Stöcke und andere Gerätschaften gearbeitet;
und in der That kommen solche aus Coniferenholz angefertigte
in den Grabkammern zahlreich vor 1 ).
Die alten Griechen schätzten gleichfalls das Holz des Wach-
holderbaumes. Von den von Homer als Räuchermaterial auf-
geführten beiden Gewächsnamen xlBpos und Buiov scheint sich
der letztere auf Juniperus phoenicea zu beziehen; x£8poc dagegen
ist nach Kochs 2 ) Erklärung nicht die Ceder, sondern Juniperus
oxycedron. Wie es noch jetzt in Griechenland üblich ist, mag
auch schon damals daselbst, vielleicht aucli in Aegypten, das
Wachholderholz zusammen mit dem von Erica arborea zur An-
fertigung von Kohle Verwerthung gefunden haben. Zur Zeit des
Theophrast wurden Juniperus phoenicea und oxycedros zu
einer Gattung xeSpos vereinigt, und unter ttuiov auschliesslich eine
andere Cypressacee, der Saudarak (Callitris quadrivalvis Vent.)
verstanden.
2. Pinus Cedrus. L. Ceder.
Wenn auch die Ceder in den altägyptischen Gräbern nirgends
Spuren in Gestalt von Aesten oder Fruchtzapfen hinterlassen hat,
so ist doch ziemlich sicher, dass wir es in ihr mit'einem für
Aegypten einheimischen Baume zu thun haben, der wenigstens
zur Zeit der Pyramiden noch im Lande selbst wuchs. Eine
Darstellung im Grabe des Ti zu Saqquarah (V. Dynastie), die
zwei Menschen bei der Bearbeitung von Cedernholz zum Gegen-
stand hat, sowie die Erwähnung des Baumes in einem religiösen
Texte der Pyramide des Köuigs Pepi (VI. Dynastie) lassen diese
Vermuthung zur Gewissheit werden. Der in den Texten sich
öfters wiederholende Name sib hat sich im Koptischen als sibe
oder sehe forterhalten 3 ).
Die hohe Bedeutung des Cedernbaumes kam vor allem bei
den rituellen Handlungen zum Ausdruck, im besonderen bei der
Einbalsamirung der Leichen. Das sogenannte Mumienharz setzte
sich vorwiegend ans Cedernharz zusammen. Den Todten der
») Unger, Streifzüge IV, 109; Loret, ebendaselbst.
*) Koch, Bäume. S. yjj.
») Loret, la floie. S. 20-
VIII. Cupuliferae. — Castanea vesca. 101
ärmeren Volksschichten wurde dasselbe mittelst einer Röhre hoch
in den Darm gespritzt; die wohlhabenderen dagegen Hessen die
Leibeshöhle der Abgeschiedenen mit einem Gemisch wohl-
riechender Stoffe ausfüllen, bei denen Cedernholzspäne (us-n-~äs
im Berliner medizinischen Papyrus genannt) und Cederntheer
eine grosse Rolle spielten').
Der hohcu Bedeutung der Geder für das Leben der
semitischen Volksstämme bedarf es keiner Erörterung.
VIII. Cupuliferae.
/. Castanea vesca. L. Kastanie.
Dass den alten Griechen die Kastanie als Nahrungsmittel
frühzeitig bekannt war, ist aus mehrfachen Gründen anzunehmen.
Sie hiess bei ihnen ar^oc, ein Wort, über dessen Deutung von
Botanikern, Prähistorikern und Philologen vielfach hin und her
gestritten worden ist. Die griechischen Autoren stellen die epr^o;
zur Gattung Eiche; es erklärt sich dieser Irrthum einfach aus
der grossen Aehnlichkeit des Kastanienbaumes mit der in
Griechenland gleichfalls wildwachsenden Quercus aegilops.
Theophrast 2 ) beschreibt die Früchte der ©7370? von rundlicher
Gestalt und nennt sie eine sehr wohlschmeckende Frucht, die
auch im wildwachsenden Zustande diese Eigenschaft besässe.
Er hebt weiter hervor, dass es auf kulturfähigem B<den auch
zahme, also veredelte Bäume gebe, und dass die Macedonier
noch eine „Eichenart" mit besonders wohlschmeckenden Früchten
als ixojxoopu: unterschieden. Unter A.oc ßaXavo?, dieTheophrast :i )
auch als wohlschmeckende, in der Süssigkeit den Feigen und
Datteln gleichkommende Frucht in stachliger Umhüllung
schildert, sowie unter dem xaa-ctvaüx&v xaovov, die er an einer
anderen Stelle 4 ) erwähnt, sind zweifelsohne gleichfalls Kastanien-
früchte zu verstehen. Ar is top hau es ferner führt die 97)70; als
>) Wönig, Pflanzen. S. 3-S6 u. ff.
2 ) Theophrast, de eaus. pl. 111, ö-
3) Ebendas. III, 10.
«) Ebendas. IV, 8-
102 VIII. Cupuliferae. — Castanea vesca.
einen Leckerbissen auf, der bei festlichen Gelagen nicht fehlen
dürfe, und Plato 1 ) erwähnt sogar schon das jetzt noch ge-
bräuchliche Rösten dieser Frucht. Auf Grund aller dieser An-
gaben kann kein Zweifel darüber bestehen, dass unter cpifto«
der griechischen Klassiker die Kastanie, und nicht etwa eine
Eichelsorte zu verstehen ist. — Gehen wir in die Vorzeit zurück,
so finden wir, dass sich schon bei Homer diese Pflanze nach-
weisen lässt. Homer 2 ) unterscheidet drei, zum Genus Eiche ge-
hörige Bäume: jrptvo?, ein Baum mit immergrünen Blättern, op6c,
einen solchen mit abfallenden Blättern, und cp>}f6s. Die Früchte
des letzten Baumes, also Kastanien, dienten einzelnen Völker-
schaften des homerischen Sagenkreises von Alters her als
Nahrung. — Hesiod 3 ) führt die Kastanie unter den Waldbäumen
seines Vaterlandes auf.
Wie ich schon oben betonte, tritt uns die Kastanie unter diesem
Namen (xaoxavixq) xapu«)) zum ersten Male bei Theophrasf)
entgegen, jedoch wird diese Stelle z. B. von Hehn für unecht
angesehen. Vielleicht mit Unrecht. Denn an einer andereu
Stelle 5 ) erwähnt derselbe griechische Autor, dass auf Magnesia
und der gegenüberliegenden Insel Euboi ein reicher Ertrag an
euböischen Nüssen eingeerntet werde. Magnesia gehört aber zu
Thessalien. Erst Nicander*) (im 2. Jahrhundert n. Chr.)
spricht deutlich von einer Nuss, die das Land Kastanis erzeuge.
Bei Herodot 7 ) aber finden wir bereits eine Stadt Thessaliens,
Namens Kaoilavoua erwähnt, die örtlich mit einer Gegend zu-
sammenfallen soll, die nach Koch 's Zeugniss noch gegenwärtig
reich an Kastanien waldein ist. — Dioscorides 8 ) stellt als
gleichbedeutende Namen die Bezeichnungen Eichel aus Sardes
(2ocpöiavai ßot'Xavoi), Eichel des Jupiter (Aioc ßa'Xavoc) und Kastanie
(xaoxavo) zusammen.
Wenden wir uns jetzt nach Italien, so ist hier der Kastanien-
baum schon in der Bronzezeit nachgewiesen worden. Kastanienholz
fand bereits zur Herstellung der Pfahlbauten und Terrainaren hier
«) Plato, de re publ, II. 27:;
■) Nach Koch, Pflanzen Griechenlands. S. 46.
3) Hesiod, Erga 232. 233.
*) Theophrast, tust, pl. IV. s. 11.
»] Ebenda«. IV, 5. 4.
6 ) Nie ander, Alexiph. 271.
7) Herodot VII, 183.
s ) Dioscorides, de mat, med. I, 121. 145.
VIII. Cupuliferae. — Castanea vesca. 103
Verwendung'); Früchte dagegen sind unter den Antikaglien
aus diesen Niederlassungen bisher noch nicht zum Vorschein ge-
kommen. Höchstwahrscheinlich trug der Baum zur damaligen
Zeit wegen des in der Poebeiie noch ungünstigen Klimas keine
Früchte. — Der erste Nachweis von vorgeschichtlichen Kastanien
auf dem Boden der italienischen Halbinsel fällt in den Beginn
der römischen Zeit. Ich kenne einen Fund aus den oberen
Schichten der Terrainare zu Gorzano und einen zweiten aus dem
ziemlich gleiclialterigen Pfahlbau Hör im Gardasee. Als erster
Schriftsteller erwähnt Cato' 2 ) die Frucht. Er führt „nacktsamige
Nüsse" (naces calvas) an, die Hehn :) ) nach Analogie anderer
Autoren wohl mit Recht als Kastanien deutet. Das Wort Kastanie
selbst findet sich zuerst bei Vergil 4 ). Zur Zeit des Plinius 5 )
unterschieden die Römer bereits 8 Varietäten. Auf den Wand-
gemälden von Pompeji findet sich der Baum mehrfach dar-
gestellt 6 ). — Die Zubereitungsweisc der Früchte bestand bei den
Römern in einem langsamen Dämpfen im Wasserdampf.
Für das frühzeitige Auftreten der Kastanie auf der iberischen
Halbinsel spricht das Vorkommen von Früchten in den Nieder-
lassungen aus der Uebergangsperiode vom Stein zur Bronze 7 ).
Auch in Südostfrankreich muss der Baum sehr alt sein ; wir
schliessen dies mit Hock 8 ) aus der jetzigen intensiven Kultur
unter diesem Himmelsstriche. — In die Gebiete nördlich der
Alpen scheint der Baum erst zur Römerzeit gelangt zu sein und,
speziell an gewissen Stellen Süddeutschlands, zahlreiche Ver-
breitung gefunden zu haben. In der Pfalz findet sich ein
Kastanienbaum, dessen Alter man bis auf die Zeit des Kaisers
Probus zurückdatirt, und in Mainz ist man bei den Ausgrabungen
aus römischer Zeit wiederholt auf Kastanien gestossen 9 ).
Der frühzeitige Nachweis der Castanea vesca auf der griechischen
und iberischen Halbinsel sowie die heutige Verbreitung 1 ") des
') Nach Heibig, Die Italiker. S. 17.
2) Cato, de re rast VIII, •_>.
3) Helm, Kulturpflanzen. S. 382-
4) Vergil, Eclog. II, 52.
»I Plinius, tust nat. XIX, 23.
6 ) Comes, illustrazione. S. 18.
7 ) Siret, les premiers äges. S. 21.
8) Hock, Nährpflanzen. S. 20.
9) Ebendas.
>°) Engler, in Hehn, Kulturpflanzen. S. 386.
104 VIII. Cupulifcrae. — Fagus silvatica.
Baumes im wilden Zustande, von Transkaukasien an über das
westliche und nördliche Anatolien, Thracien und Griechenland
bis nach Croatien und Ungarn hinauf sprechen dafür, dass die
Heimath der echten Kastanie in den nördlicheren Gebieten der
südeuropäischen Halbinseln zu suchen ist.
2. Fagus silvatica. L. Buche.
Dass die Frucht der Buche in der Vorzeit Mitteleuropas als
Nahrung diente, beweist nicht bloss das überaus häutige Vor-
kommen von Bucheckern in verschiedenen Niederlassungen,
sondern noch mehr der Umstand, dass in diesen massenhaft
Hülsen aufgespeichert lagen, die bereits ihres Inhaltes beraubt
waren. Ob der fettreiche Kern dieser Bucheckern roh
verspeist worden ist oder ob aus ihm nur ein Oel gepresst
wurde, vermögen wir nicht zu entscheiden. Beide Methoden der
Ausnutzung können möglich gewesen sein.
Bucheckern sind unter den Küchenabfällen der steinzeitlichen
Pfahlbauten von Wangen, Robenhausen, Moosseedorf, Mondsee,
Petit-Cortaillod u. a. m. nachgewiesen worden.
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Buche umfasst so
ziemlich das ganze Europa (den südlichen Theil Spaniens,
England, Nordskandinavien und Russland ausgenommen). Nähere
Angaben finden sich hierüber bei Krause 1 ).
3. Corylus avellana. L. Haselnuss.
Haselnussschalen fehlen nur selten unter den vegetabilischen
Ueberresten der vorgeschichtlichen Niederlassungen Mitteleuropas.
Von den zahlreichen Funden will ich nur einige hier anführen.
I. Neolithische Periode.
Belgien: Pfahlbau zu Bovere.
Nordische Länder: Kjökkenmöddinger auf Sylt.
Italien: Pfahlbau zu Lagozza.
Oesterreich: Pfahlbau im Laibacher Moor,
Pfahlbau im Mondsee,
Pfahlbau zu Weyeregg.
Schweiz: Pfahlbau zu Bleiche-Arbon,
Pfahlbau zu Cortaillod,
Pfahlbau zu Erlenbach,
*) Krause, Die indogermanischen Namen etc. Globus Bd. ß2- No. 10u. 11-
VIII. Cupuliferae. — Corylus avellana.
105
Schweiz:
Würtemberg :
Italien:
Oesterreich :
Savoyen :
Deutschland:
Pfahlbau zu Bevaix,
Pfahlbau zu Haltenau,
Pfahlbau zu Krähenried,
Pfahlbau zu Moosseedorf,
Pfahlbau zu Nussdorf,
Pfahlbau zu Rauenegg,
Pfahlbau zu Robenhausen,
Pfahlbau zu Wangen.
Pfahlbau zu Schussenried.
II. Bronze -Periode.
Pfahlbau im Lago di Fimon,
Pfahlbau im Varese-See,
Pfahlbau im Gardasee (Peschierra),
Terramare zu St. Ambrogio.
Pfahlbau zu Olmütz.
Pfahlbau zu Gresine.
III. Eisen - Periode,
Pfahlbau zu Wismar,
Pfahlbau im Probkeu-See,
Pfahlbau im Arrasch-See,
Burg wall zu Garz.
An einzelnen Fundstätten fanden sich die Haselnüsse in be-
trächtlichen Mengen angehäuft. So deckte Messikommer')
zu Robenhausen eine ausschliesslich aus aufgeschlagenen Schalen
bestehende Schicht von 10 — 20 cm Mächtigkeit und dabei rund-
liche Steine, ähnlich den sogenannten Kornquetschern, auf, an
denen die Schlagfurche noch deutlich zu sehen war. Hiernach
zu schliessen, muss die Haselnuss ein beliebtes Nahrungsmittel
der Pfahlbauern gewesen sein.
Die grosse Verbreitung der Haselnüsse in Mitteleuropa lässt
vermuthen, dass wir es mit einem in dieseu Gegenden ein-
heimischen Gewächse zu thun haben. Man hat die Früchte dieses
Strauches verschiedentlich in den diluvialen Ablagerungen Nord-
deutschländs -) nachgewiesen. Greininger') ferner will zwei
') Vcrhandl. der Berliner anthrop. Gesellsch. 18S3. S. 234.
2) Botan. Centralbl. XXVI. S. 53.
3 ) Nach schrifcl. Mittheil, des Dr. Greininger in B61a.
106 VIII. Cupuliferae. — Corylus avellana.
Exemplare in einer paläolithisehen Kulturschicht des Kalktuffs zu
Ganocz am Fusse der Karpathen gefunden haben u. a. in. Dass
das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Haselnuss einerseits
sogar bis Dänemark heraufreichte, andrerseits sich bis nach
Mittelitalien hinein erstieckte, beweist ihr zahlreiches Vorkommen
in den dänischen Torfmooren 1 ) — heutigen Tags reicht die
Staude sogar bis Finnland, Norwegen und Schweden hinauf-) — ,
sowie im Quaternär Koms. — Göschke 1 *) in seiner Spezial-
studie über die Haselnuss kommt gleichfalls zu dem Endresultat,
dass diese Pflanze in dem nordischen und einem Theile des
mediterranen Floreugebietes eiuheimisch sein müsse.
Bereits in der vorgeschichtlichen Zeit tritt uns die Haselnuss in
mehreren Formen entgegen. Heer 4 ) unterscheidet auf Grund der
schweizerischen Pfahlbautenfunde Exemplare von kurz-eiförmiger
Gestalt, die wenig länger als breit und dick sind (Corylus avellana
ovata Willd.) und solche von längerer, länglich ovaler, etwas
flach gedrückter Gestalt. Beide Formen sollen sich diesem
Gewährsmann zufolge schon in dem diluvialen Schieferthon vor-
finden. — Auch Goiran 5 ) will unter den oberitalienischen
Funden zwei Formen herausgefunden haben. Die eine bezeich-
net er als var. sylvestris (nux cylindriaca), die andere als var.
ovata (vav. subrotunda ovata); die erstere Form unterscheidet
das Veroneser Volk als nosella von der zweiten, der oleme.
Interessant ist an den vorgeschichtlichen Nüssen, dass einzelne
Exemplare kleine runde Löcher oder Grübchen aufweisen; die
ersteren rühren vom Stich der Larve des Balaninus nueum 6 ),
die letzteren vom Biss des Menschen oder der Mäuse 7 ) her.
') Vcrhandl. der Berliner anthrop. Gesellsch. 1883. S. 13.
2 ) Hock, Nutzpflanzen. 47.
3 ) Gaschke, Die Haselnuss, ihr Alter und ihre Kultur. Beilin 1>^7.
■•) Heer, Die Pflanzen. S. 30.
s ) Goiran, notizie. S. 25.
6 ) Heer, eliendas.
7) Much, in Mittli. d. Wiener anthrop. Gesellsch. IV. S. 306.
IX. Juglandeae. — Jnglans regia.
107
IX. Juglandeae.
Juglans regia. L. Wallnussbaum.
Da der Wallnussbaum offenbar ein Gewächs des centralen,
bezw. westlichen Asieus ist, so muss hier sein Anbau iu hohe
Zeiten zurückreichen. Speziell für den Anbau des Baumes in
Persien ') scheint eine Stelle im Hohenliede zu sprechen, an der von
Nussgärten (egos = Nuss) die Rede ist. Eine weitere Bestätigung
erfährt unsere Annahme durch Josephus, der von dem gedeih-
lichen Wachsthume der Nussbäume in der Gegend um den See
Genezareth berichtet. — Im Südosten Asiens fand der Nussbaum
sehr frühzeitig Verbreitung; dies beweist sein Sanscritname
akschöäa (akhöda oder dkhöta). Nach China dagegen muss ei-
erst ums Jahr 14(1—150 v. Chr. gekommen sein, wofern wir nicht
gerade annehmen, dass dieser von den chinesischen Chronisten
angegebene Zeitpunkt der Einführung sich auf eine veredelte
Sorte bezieht.
Was Europa betrifft, so fand wahrscheinlicher Weise der Wall-
nussbaum auch hier, besonders auf dem griechischen Boden, in
früher Zeit Eingang, erfuhr indessen als Nutzpflanze nicht sonder-
liche Beachtung. Theophrast freilich unterscheidet bereits wild-
wachsende und cultivirte Nüsse; Dioscorides 2 ) giebt dagegen
an, dass die veredelte Varietät erst später als Königsnuss
(karyon basilicon) nach Griechenland gelangte. Eine Haupt-
stätte für die Kultur des Baumes scheinen die Küstenstrecken
am schwarzen Meere, im besonderen die Stadt Sinope gewesen
zu sein; wenigstens deuten die auf diese Gegenden bezug-
nehmden Bezeichnungen: xctpu« 2tva>7ctxä bei Athen aeus 1 ),
icovTta zapua bei demselben sowie bei Dioscorides 4 ), ponticae
nuces bei Plinius 5 ) auf eine solche hin.
Die Römer lernten den Baum erst zur Zeit der Könige kennen
und schrieben ihm persischen Ursprung zu. Für die grosse
1 ) Plinius nennt die Wallnuss auch die persische. Hist. nat. XV, 87.
2 ) Dioscorides, de mat. med. I, 178, 179.
3 ) Athenaeus, Deipnos. II, S. 53, 54.
*) Dioscorides ehendas.
ft ) Plinius, hist. nat. XV, 88.
108 IX. Juglandeae. — Juglans regia.
Bedeutung, die sich die Wallnuss bei diesem Volke sehr bald
erwarb, scheint der alte Brauch zu sprechen, bei Hochzeitsfeier-
lichkeiten mit solchen Nüssen zu werten. — Die Angabe der
Alten über den Zeitpunkt der Einführung des Wallnussbauni
nach Italien finden ihr Bestätigung in der Thatsache, dass seine
Früchte oder sonstigen Ueberreste in den Niederlassungen aus
der Terramarenzeit bisher noch nicht nachgewiesen worden
sind. — Bei Varro treffen wir Juglandes schon mehrfach an;
auch einmal bei Cicero.
Die vorgeschichtlichen Funde vertheilen sich folgendermassen:
III. Eisen -Periode 1 ).
Frankreich: Pfahlbau zu Paladru (mittelalterlich),
Souterrain du Cros (mittelalterlich),
Leichenschacht des Bernhard (römisch).
Italien: Pfahlbau zu Fontanellato,
Pfahlbau im Gardasee.
Die Heimath des Wallnussbaumes scheint das gemässigte
Asien zu sein. Man hat denselben im wilden Zustande ange-
troffen im nordwestlichen Himalaya und Sikkim, Beludschistan,
Afghanistan, Nordpersien, Transkaukasien, Kleinasien und auch
in Griechenland und im Banat' 2 ). Jedoch scheinen die von
Heldreich auf den Gebirgen Griechenlands als wildwachsend an-
gegebenen Bäume eher verwilderte zu sein. Zwar hat man Blattreste
einer Wallnussart in den postglacialen Ablagerungen Süd- und Mittel-
europas (Deutschland und Provence) :t ) aufgefunden, allein diese
gehören nicht zur Species Juglans regia, sondern zu einer dieser
nahe verwandten Art: Juglans acuminata. Auf Grund dieser
Funde ist von einigen Autoren 4 ) diese letztere Spezies als Stamm-
pflanze der Juglans regia angesprochen worden. Indessen begeg-
net solche Annahme berechtigtem Zweifel. Vielmehr weisen die
von uns oben gebrachten Thatsachen auf einen asiatischen Ur-
sprung des Baumes hin.
1 ) Dass die Wallnuss unter den steinzeitlichen Funden aus dein Pfahlbau
Haltenau am Bodensee (Schnarrenberger, Pfahlbauten S. 21.) bereits vor-
kommt, dürfte nach den bisherigen Funden zu nrtheilen wohl mein- als zweifel-
haft erscheinen.
2 ) Engler in Helm, Kulturpflanzen. S. 386.
3 ) Botan.CentralbI.XXVI,S.5S; Koppen, Verbreit. I, 8.75; Hehns.oben.
4 ) Hock, Nahrpflanzen. S. 19.
X. Artocarpeae. — Ficus Sycomorus. 109
X. Artocarpeae.
/. Ficus Sycomorus. L. Sykomore, Eselsfeige.
Unter den für das volkswirtschaftliche Leben der alten
Aegypter wichtigsten Gewächsen nimmt die Sykomore einen der
ersten Plätze ein. Abgesehen davon, dass ihre nicht gerade
wohlschmeckende Frucht ein sehr geschätztes Nahrungsmittel war,
lieferte besonders ihr Holz das Material zu den mannigfachsten
Arbeiten.
Nach Unger 1 ) bildete die Sykomore unter den einheimischen
Bäumen 'der Nilebene den ursprünglichen Waldbestand. Dafür
spricht unter anderem auch die Thatsache, dass die Hieroglyphe
für diese Pflanze, noulü' 1 ), „ein kurzer, dicker Stamm mit eiförmig
zugespitzter oder ovaler Krone" vollständig in den allgemeinen
Begriff für Baum überging und auch auf neu eingeführte Bäume
übertragen- wurde; so erhielt der Balsambaum den Namen
Sykomore mit Weihrauch, der eigentliche Feigenbaum den Namen
Sykomore mit Feigen, der Terpentinbaum den der Sykomore
mit Harz u. a. m.
Das unverwüstliche Sykomorenholz fand, wie zahlreiche Ab-
bildungen und Funde lehren, nicht bloss zum Häuser- und
Schiffsbau Verwendung, sondern auch zur Anfertigung von allerlei
Hausstands-, Kunst- und Industriegegenständen :1 ). Die Reliefs
auf den Särgen und an den Tempeln, die Statuen der Gottheiten,
Priester und Staatsoberhäupter, kurz alle Holzschnitzereien, ferner
die Mumienkästen und Sarkophage, sowie vieles andere mehr sind
fast ausschliesslich aus Sykomorenholz hergestellt. Man pflegte
das Holz vor der Bearbeitung, wie Theophrast 4 ) überliefert
und Plinius*) bestätigt, uoch grün abgeschnitten auf kürzere
») Unger, Streifzüge IV, S. 109.
2 ) Schweinfurth, Pflanzeineste. S. 368. Derselbe Amor lässt den
Baum in frühprähistorischer Zeit aus dem glücklichen Arabien eingeführt
worden sein. Aegyptens Beziehungen. S. 657.
3 ) Unger, ebendas. u. f.: Wönig, Pflanzen. S. '283.
*) Theophrast, de eaus. plant. IV, 2.
») Plinius XIII, 14.
110 X. Artocarpeae. — Ficus Sj'comorus.
oder längere Zeit in Wassergräben oder Teiche zu versenken,
um ihm Widerstandsfähigkeit und Härte zu verleihen.
Auch in der religiösen Verehrung spielte die Sykoniore bereits
in den ältesten Zeiten eine grosse Rolle ' ). Pyramidenförmig zu
grossen Haufen in Körbchen aufgethürmt erscheinen ihre Früchte
auf den bildlichen Darstellungen unter den Opfer- uud Todten-
spenden. — Die Sykomore war als Baum des Lebens der Isis,
Nephthys Nut und Hathor heilig. „Unter einer Sykomore zu
wandeln und die Seele in ihrem kühlen Schatten zu erlaben, ist
nach den zahlreichen Inschriften der heisseste Wunsch der Ab-
geschiedenen." Sykomorenzweige finden sich daher mehrfach
als Beigaben der Todten in den Grabkammern, so z. B. lag eine
Mumie zu Scheich-Abd-el-Qurna zwischen Sykornorenzweigen
vollständig eingebettet -).
Zahlreiche farbige Gemälde aller Epochen, darunter schon solche
aus der Zeit der V. und VI. Dynastie, veranschaulichen das Ein-
ernten der Früchte, sowie das Abholzen der Bäume in recht
charakteristischer Weise. „Erscheinen die Früchte farbig, so sind
sie von einem intensiven Goldgelb, roth umrandet und roth
schattirt, nur selten sind sie gelbbraun kolorirt." Nicht minder
typisch sind die Zeichnungen der Bäume ausgeführt. Ich ver-
weise in diesem Punkte auf Wönig's lichtvolle Darstellung.
Die Durchsuchung der Grabkammern förderte vielfach
Sykomorenfrüchte, sogenannte Eselsfeigen, zu Tage. Dieselben,
die in nichts von den heutigen Formen abweichen, verdienen
dadurch noch unser besonderes Interesse, dass sie dieselben
charakteristischen Einschnitte aufweisen, wie sie die heutige
Bevölkerung Aegyptens noch an diesen Früchten vorzunehmen
pflegt, um die Eutwickelung der Blastophagen zu verhindern (so
zu Scheich-Abd-el-Qurna und zu Gebelin), eine Procedur, durch
welche die Feigen ihren bitteren Geschmack verlieren sollen 3 ).
Auch in der Heilkunde fanden die Eselsfeigen eine ausgedehnte
Anwendung; denn unzählige Male werden sie in den medizinischen
Papyrus aufgeführt.
Das antike Sykomorenholz soll nach Schenk 's histologischen
>) Wönig, Puanzen. S. '285 ". f.
2 ) Seil wein furth, Die letzten l><>t;m. Entdeckungen. S. 12.
») Ebendas. S. 3.
X. Artocarpeae. — Ficus Syoomorus.
Untersuchungen in nichts von dem des Baumes der Jetztzeit ab-
weichen 1 ); ebensowenig die Blätter' 2 ).
Der hieroglyphische Name für die Sykomore war neh, neh-t
oder nehi; im heutigen Arabisch heisst sie, liiervon abweichend,
(jimmayz.
Den Griechen war die Sykomore bekannt; von den griechischen
Schriftstellern giebt als erster Theophrast eine recht gute
Beschreibung der Pfiauze und ihrer Früchte.
Als Ursprungsland des Baumes gilt ohne Zweifel Arabien
sowie das tropische Afrika' 2 ). Solms-Laubach'M vermuthet,
und zwar nicht mit Unrecht, als Stammpflauze die Sycomorus
trachyphylla Miq. — Der heutige Vegetationsbezirk von Ficus
sycomorus und ihrer Varietät Ficus populifolia erstreckt sich uach
Süden bis weit in das Stromgebiet des weissen Nils hinein* 5 ).
2. Ficus cariea L. Gewöhnliche Feige.
Der Feigenbaum war im Vergleich zu seiner Schwesterpflanze,
der Sykomore, im Pharaonenlande von mehr untergeordneter Be-
deutung. Er fehlt in den Darstellungen der ältesten Grabdenk-
mäler und erscheint erst zur Zeit der XII. Dynastie, und zwar
auf einem Wandgemälde des Grabes No. 2 zu Beni- Hassan 5 )
(Feigenernte). Diesem verhältnissmässig späten Auftreten nach
zu urtheilen, dürfte der Zeitpunkt der Einführung mit der Ent-
stehung dieser ersten Darstellung ungefähr zusammenfallen oder
vielmehr ein wenig früher als diese zu setzen sein.
Unter den vegetabilischen Funden treten die Feigen nur sehr
sporadisch auf. Die Passalacqua'sche Sammlung in Berlin enthält
eine Anzahl wohlerhaltener Exemplare aus unbestimmter Zeit fi );
eine Feige wurde auch aus den Gräbern von Dra-Abu-Negga
gewonnen 7 ). Dieser letztere Fund ist aber synchron mit der
Entstehung des erwähnten Wandgemäldes. Die füuflappigen
Blätter auf demselben in eigenartig blaugrüuem Colorit und die
flaschenförmigen braungelben Früchte geben den Baum in höchst
') Wonig, Pflanzen. S. 291.
2 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. 8. 653 u. f.
3 ) So lins- La üb ach, Abhdl. d.K. Ges. d.Wissensch. zu Göttingen. Bd. 24.
*) Wönig, Pflanzen. S. 292.
ft ) Unger, Streifzüge IV, S. HO.
ö ) Wönig, Pflanzen. S. 297.
r j Schweinfurth, Neue Funde. S. 198.
112 X. Artocarpeae. — Ficus carica.
naturgetreuer Weise auf demselben wieder. — Die antiken Feigen-
reste stimmen gleichfalls mit den beutigen Formen überein.
Die hieroglyphische Bezeichnung für die Frucht hiess tab,
für den Baum nouhi net tab d. h. Sykomore mit Feigen'). —
Das seltene Auftreten der Feige sowohl unter den Darstellungen
als auch unter den pflanzlichen Ueberresten lässt es als wahr-
scheinlich erscheinen, dass dem Baume und seiner Pflege keine
grosse Bedeutung beigelegt wurde. Anders ist es heutzutage,
wo Feigen zu den beliebtesten Obstfrüchten der Aegypter zählen.
Den Semiten war der Feigenbaum gleichfalls bekannt und
erfreute sich bei diesem Volke grossen Ansehens 2 ). Seine Früchte
wurden theils frisch, theils zu einem Brei zerdrückt und zu runden
Kuchen gepresst, theils einfach getrocknet genossen. In der
Bibel geschieht des Feigenbaumes und seiner Frucht (tcena)
verschiedentlich Erwähnung'). Feigengehören zu den gepriesenen
Vorzügen des gelobten Landes 4 ). Syrische Feigen waren, wie
die Denkmälerinschriften uns berichten, wegen ihrer Schmack-
haftigkeit selbst in Aegypten ein begehrter Importartikel.
In Babylonien, Medien und Persien fand der Feigenbaum
verhältnissmässig erst spät Eingang; denn Herodot 5 ) zählt ihn
unter den zeitgenössischen Fruchtbäumen dieser Länder noch
nicht mit auf. Auch spricht für solche Annahme die bekannte
Anekdote von Xerxes, der sich durch attische Feigen täglich
daran erinnern Hess, dass die ihm unterstellten Landstriche diese
Frucht noch nicht zeitigten. Demnach scheint sich in der früh-
geschichtlichen Zeit die Verbreitung des kultivirten Feigenbaumes
auf Syrien, Aegypten und Arabien beschiänkt zu haben. Die
Möglichkeit, dass auch den Trojanern zur Zeit ihrer Kämpfe
mit den Griechen die Feige bekannt war, lässt sich wegen der
Nähe dieser Stadt an die Landstriche mit alter Feigenkultur nicht
in Abrede stellen. In der trojanischen Veste hat Schliemann
indessen keine vegetabilischen Ueberbleibsel der Feige aufgefunden.
Auch in der Iliade geschieht dieser Frucht keine Erwähnung,
wofern man nicht etwa in dem spiveö?, der aber allgemein für
der wilde Feigenbaum erklärt wird''), die schon kultivirte
>) Loret, la flurc. S. 72.
«) Wönig, Pflanzen. S. 295.
») 4. Mos. XX, 5; Richter IX, 10 u. f.; 1. Kön. IV, 15 u. a. m.
«) 5. Mos. VIII, 8; 4. Mos. XIII, 24.
») Herodot I, 71, 93.
öj Athenaeus Deipn. XIV, S. 52.
X. Artocarpeae. — Ficus carica. 113
Form verstanden wissen will; erst in den Odyssee kommt diese
unter der Bezeichnung ouxoe') vor, freilieb an zweien Stellen,
welche die Philologen für spätere Einschiebsel halten. Dieser
Zweifel an dem hohen Alter der Belagstelle scheint in der That
berechtigt zu sein; denn auch Hesiod spricht noch nicht von
der Feige. Hehn-) spricht daher den homerischen Griechen
die Kenntniss von der Veredelung der Feige ab. Zum ersten Male
erscheint sie für das griechische Festland und Inselreich ums
Jahr 700 v. Chr. bei Archilochus litterarisch belegt, der Feigen-
bäume unter den Gewächsen seiner Heimath Paros aufführt 1 ).
— In der späteren Zeit bildeten Feigen ein Hauptnahrungsmittel
der ärmeren attischen Bevölkerung. Nach Plutarch spielte
der Baum auch bei den Dionysien eine grosse Rolle, an denen
aus Feigenbaumholz hergestellte Phalli dem Zuge vorangetragen
wurden.
Wann die Feige in Italien Eingang fand, lässt sich nicht
sicher angeben; jedoch ist anzunehmen, dass dies zur Zeit der
griechischen Kolonisation geschah. Der Feigenbaum, unter dem
der Sage nach die Gründer des römischen Weltreiches gesäugt
wurden, dürfte ein wilder gewesen sein. Vegetabilische Funde
aus diesem Zeitalter fehlen uns leider. Wie schnell aber die
Verbreitung der Feige auf der italienischen Halbinsel zunahm,
dafür ist Beweis genug, dass die Römer zur Zeit des Plinius 4 )
bereits 29 Sorten Feigen züchteten. — Auf den pompejanischeu
Wandgemälden findet sich auch die Feige wiedergegeben 5 );
desgleichen bezeugen Fruchtreste, die man daselbst ausgrub, ihr
Vorkommen in Mittelitalien. — Der Vorgang der Caprification
durch die Feigengallwespe war den Alten bereits wohlbekannt;
denn Theophrast' 5 ) und noch mehr Plinius 7 ) beschreiben
denselben in ziemlich eingehender Weise.
Die Heimath des veredelten Feigenbaumes dürfte nach den
scharfsinnigen Untersuchungen des Grafen Solms-Laubach")
auf der arabischen Halbinsel zu suchen sein, d. h. unter diesem
i) Odyssea VII, llä u. f.; XI, 588.
«) Hehn, Kulturpflanzen. S. 94.
3 ) Seh wendener, Kulturpflanzen 8. 18; Archilochus, Fragin. 51; Bergk.
*) Plinius, Iiist. nat. XV, 18.
6 ) Com es, illustrazione. S. 28.
6 ) Theophrast, de caus. plant. II, 8.
7 ) Plinius, hist. nat. XV, 21.
8 ) Solms-Laubach, Die Herkunft. S. 45.
O. Hu mc ha n, Vorgeschichtliche Botanik. g
114 X. Artocarpeae. — Ficus carica.
Himmelstriche scheinen die ersten Kulturvers ache an der wild-
wachsenden Form vorgenommen zu sein. — Das Tertiär Europas
kennt noch keine Ueberreste der Ficus carica; wohl aber finden
sich solche überaus zahlreich in den tertiären Schichten West-
asiens und Ostafrikas. In Europa erscheint der Baum zuerst zur
Quaternärzeit. Eine grosse Menge von Blätter- und Früchte-
abdrücken sind an verschiedenen Stellen des südlichen Europa
(Tuffe von Meyrargues und Aygalades bei Marseille, Süsswasser-
bildungen von Castelnau bei Montpellier, Tuffe von la Celle bei
Morel und Paris, Travertiuen bei Prota, Gallerage, Poggio in
Toscana, Quaternär des Monte Pariolo bei Rom) aufgefunden
worden 1 ). Wir dürfen hiernach mit gutem Recht auch ein
Iudigenat des Baumes für die Landstrecken am Mittelmeerbecken
annehmen. Heutigen Tags wird das Vorkommen der Feige im
wilden Zustande gemeldet für das nordwestliche Ostindien,
Beludschistan, Persien, Mesopotamien, Arabien, Kleinasien, ferner
Transkuukasien, die Krim, europäische Türkei, Macedonien,
Thracien, Griechenland, den Archipel, Italien und seine Inseln,
Südtirol und Frankreich 2 ). Wenn wir auch nicht gerade behaupten,
dass dieses weite Florengebiet als die ursprüngliche Heimath des
Feigenbaumes aufzufassen ist, so nehmen wir doch mit Engler
an, dass die europäische Feige von dem Osten aus bereits in
der frühesten vorgeschichtlichen Zeit, noch ehe sie Kulturpflanze
geworden war, sich nach Europa ausgebreitet haben muss. Der
Anbau des Baumes jedoch scheint, wie schon gesagt, von dem
glücklichen Arabien her seinen Ausgang genommen zu haben.
Schweinfurth 3 ) nimmt seinerseits an, dass Ficus palmata
Forsk (= F. pseudocarica Höchst.), ein Baum, der sich von
manchen Formen der kultivirten Art nur durch die etwas kleineren
Früchte sowie die stets keimfähigen Samen unterscheidet und in
Südarabien und Nordabessynien noch heute ganze wilde Bestände
bildet, möglicher Weise für die Stammpflanze gelten kann.
') Engler in Hehn, Kulturpflanzen. S. 97; Antonelli, contrib. alla flora
fossile de suolo di Roma. Bullet, della Soc. ital. VII, 293.
■) Hehn, Kulturpflanzen. S. 98.
8 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. G57.
XI. Urticeae. — Cannabis sativa. 115
XJ. Urticeae.
Cannabis sativa. L. Hanf.
Die Hypothese, dass den Bewohnern des Nilthaies der Hanf
schon bekannt gewesen sei, entbehrt jeglicher Begründung.
Unger 1 ), der sie zuerst aufgestellt hat, glaubte zwei Gründe
hierfür ins Feld führen zu können: einmal berief ersieh auf die
Erzählung von der Polydama, der Gemahlin des Thon, die der
Helena zur Betäubung der Sorgen eine narkotisirende Substanz
gegeben haben soll, und identiticirte das daraus bereitete Getränk
mit Haschisch — eine Vermuthung, die sich wissenschaftlich
nicht entscheiden lässt; zum andern sah er die fächerförmig aus-
gebreiteten Bündel von Stengeln, die auf einer Darstellung das
Diadem der Göttin Anek zieren, für solche vom Hanfe an. Hier-
gegen ist einzuwenden, dass das Deutbild für diese Stengel,
hemä, nur die Graspflanze im allgemeinen bezeichnet, also
ebensogut den Flachs bedeuten kann' 2 ). — Etw T aige Spuren von
Hanf oder hänfenen Geweben sind bisher unter den ägyptischen
Funden noch nicht nachgewiesen worden. Passalacqua will
solche Fäden zwar erkannt haben, jedoch ist seiner Bestimmung,
weil er nicht Botaniker vom Fach ist, keine Bedeutung beizu-
legen. Mir selbst sind eine grosse Anzahl vorgeschichtlicher
Gewebe, nicht bloss solche aus Aegypten, sondern auch der nord-
europäischen Bronze- und frühen Eisenzeit angehörige behufs
mikroskopischer Untersuchung durch die Hände gegangen, aber
niemals bin ich darunter Hanffäden begegnet :1 ).
In den Schriften der Hebräer geschieht des Hanfes gleichfalls
nirgends Erwähnung.
Der Hanf ist vielmehr ein Gewächs des centralen uud nördlichen
Asien. So ist es auch erklärlich, dass er in China und Indien sehr
frühzeitig auftritt. In den ältesten Schriftstücken des Reiches der
Mitte, besonders in dem aus dem 5. Jahrhundert stammenden
Shuking wird die Hanfpflanze genannt. — Als Sanscrituamen
») Unger, Streifzüge IV, S. 111.
2) Loret, la flore. S. 27 u. f.
3 ) Buschan, Ueber prähistorische Gewebe und Gespinnste. Braun-
schweig 1889.
116 XI. Urticeae. — Cannabis sativa.
existiren banga und gangika, die beide den indogermanischen
und auch den semitischen Namen den Ursprung gegeben haben.
So heisst im Hindostaui und Persischen die Pflanze bong, im
Bengalischen ganga, im Deutschen Hanf, im Englischen hemp,
im Keltischen und Neubretonischen kanas, im Griechischen und
Lateinischen cannabis, ferner im Arabischen cannab — alles
Worte, die von einer gemeinsamen Wurzel, vielleicht kanna oder
ken x ), herrühren mögen. Von Centralasien aus fand der Hanf
nach dem europäischen Continente Verbreitung. De Candolle 1 )
nimmt an, dass es scythische Stämme waren, die auf ihren
Wanderzügen ums Jahr 1500 v. Chr. den Hanf nach Russland
einschleppten. Denn derselbe Volksstamm war es auch, der zur
Zeit des Herodot-) den Bast dieser Pflauze, die er überdies
anbaute, zu Kleidern verarbeitete und bereits an ihren betäu-
benden Eigenschaften Gefallen fand. Die Art und Weise, wie
das letztere geschah, ist höchst originell. Wollen die Scythen
baden, so fährt unser Gewährsmann fort, so stellen sie drei
Stangen gegeneinander, breiten wollene Decken darüber aus und
schliessen so das Zelt gegen die äussere Luft ab. Sodann legen sie
glühende Steine hinein und streuen Hanfsamen auf sie, wodurch
ein Rauch und Dampf entsteht, an dem die Scythen ein Wohl-
gefallen finden. Herodot hebt bei dieser Gelegenheit noch be-
sonders hervor, dass den Griechen zur damaligen Zeit (484 v. Chr.)
die Hanfpflanze noch nicht bekannt war. Beiläufig sei als
Curiosität angeführt, dass Marc. Varro 3 ) in dem oiraptov des
Homer nicht das Spartgras, sondern Hanf und Werg vermuthete.
Doch davon kann keine Rede sein, denn die Griechen lernten
die Haufpflanze erst spät kennen. In dem ganzen mittleren und
westlichen Europa war sie zur jüngeren Stein- und Bronzezeit
und auch wohl noch zur Eisenzeit unbekannt; das erste hänfene
Gewebe, das in jenen Gegenden gefunden wurde, stammt nach
meinen Untersuchungen aus der Völkerwanderungsperiode.
Die erste Erwähnung des Haufs von Seiten der Römer fällt
ums Jahr 100 v. Chr. Es geschieht dies bei dem Schriftsteller
Lucilius 4 ). Hiero II. soll bereits hänfene Schiffstaue vom
') De Candolle, Ursprung. S. 184.
2) Herodot IV, 73—75.
>) Gel litis, noct. attin. XVII, 3.
4 ) Hehn, Kulturpflanzen. S. 187.
XI. Urticeae. — Cannabis sativa. 117
Rhonefluss her bezogen haben l ), eine allerdings wenig glaubhafte
Nachricht. Varro-) und Columella 3 ) berichten von dem
Hanf als einer Kulturpflanze auf Feldern und der Vervverthung
seiner Bastfasern zu Seilen und Stricken; Dioscorides 4 ) giebt
ähnliches an. Plinius 5 ) endlich flicht in seine Beschreibung der
Pflanze eine ausführliche Notiz über den Anbau derselben ein.
Zu seiner Zeit lieferte der alabendische Hanf (aus Karien) das
beste Material für Netze.
Als Ursprungsland des Hanfes dürfte nach den Berichten der
Reisenden, die ihn daselbst im wilden Zustande angetroffen
haben wollen, Sibirien und die Kirghisensteppe, sowie das nord-
westliche und centrale Asien, vielleicht auch Südrussland an-
zusehen sein 6 ).
XII. Celtidoideae.
Celtis australis. L. Zürgelbaum.
Theophrast 7 ) unterscheidet zwei Arten des cyrenäischen
Lotus, von denen er die eine als baumartig, die andere, Paliurus
genannt, als strauchartig beschreibt. Die letztere wird von den
Autoren als Zisyphus latus W., die erstere als der Zürgelbaum
gedeutet 8 ). Dieser war wegen seines festen schwarzen Holzes
(nach Plinius 9 ) hauptsächlich zur Herstellung von Flöten be-
nutzt), sowie seiner wohlschmeckenden kirschgrossen Früchte,
aus denen eine Art Wein fabricirt wurde, sehr geschätzt.
Theophrast berichtet gleichzeitig, dass dieser Baum von Afrika
nach Griechenland verpflanzt worden sei.
Die vorgeschichtliche Botanik hat einen Fund von Celtis-
Steinen zu verzeichnen, und zwar aus der bronzezeitlichen
') Athenaeus, Deipn. V, 40.
2 ) Varro, de re rust. I, 23.
3 ) Columella, de re rust. II, 10.
*) Dioscorides, de mat. med. III, 155-
5 ) Plinius, hist, nat. XIX, 9.
6 I De Candolle, Ursprung. S. 185; Hohn. Kulturpflanzen. S. 189.
7 ) Theophrast, hist. plant. IV, 3.
8 I Wönig, Pflanzen. S. 335.
»J Plinius, hist. nat. XIII, 32-
118 XII. Celtidoidoae. — Celt. australis. — XIII. Staphyleaceae. — Stapb. pinnat.
Niederlassung zu Argar in Spanien. Diese Steine, deren Spezies-
bestimmung ich Herrn Prof. Dr. Wittmack verdanke, haben
eine längliche Kugelform mit einem Längsdurchmesser von 7,3 mm
und einem Querdurchmesser von 6,3 mm\ die Samen selbst
messen 4,8 mm in der Länge, 4 mm in der grössten Breite.
Wie weit diese Fruchtsteine von den modernen abweichen,
vermag ich nicht zu sagen, da mir solche nicht zur Verfügung
stehen.
Der Zürgelbaum ist ein Gewächs der mediterranen Flora
und scheint demnach ebensogut in Griechenland, wie in
Spanien einheimisch zu sein.
XIII. Staphyleaceae.
Staphylea pinnata. L. Pimpernuss.
Früchte der Staphylea sind nach Heibig 1 ) in den ober-
italienischen Terminalen nachgewiesen worden. Heutzutage
kommt die Pflanze in diesen Gegenden nicht mehr wild vor.
XIV. Euphorbiaceae.
Ricinus communis. L. Wunder/bäum.
Dass der Ricinus-St rauch von den alten Aegyptern wegen
seines Keichthumes an Oel eifrig angebaut wurde, ersehen wir
aus den Nachrichten verschiedener klassischer Autoren und aus
mehreren Funden. Herodot 2 ) beschreibt ausführlich die Art
und Weise der Anpflanzung und der Oelgewinnung, die entweder
durch Zerstampfen und Auspressen der Samen, oder durch Er-
hitzen über Feuer vor sicli ging. Als einheimische Bezeichnung
wird von unserem Berichterstatter das Wort Jcilii angegeben.
Dasselbe kehrt bei den späteren Autoren, wie Theophrast : '),
') Hei big, Die Italiker. S. 1<;.
*) Herodot II, 94.
3 ) Theophrast, liist. plant. I, 10.
XIV. Euphorbiaceae. — Ricinus communis. 119
Strabon 1 ) und Dioscorides-), wieder und ist auch von den
Neugriechen beibehalten worden; merkwürdiger Weise findet es
sich aber nicht in den Inschriften oder Texten. — Das Hebräische
dagegen besass eine ähnlich klingende Bezeichnung für die
Pflanze: Mkajon 3 ). Wenigstens scbliesst man dies aus zweien
Eigenschaften, welche die Pflanze auszeichnen und die auch an
der betreffenden Stelle 4 ) des alten Testaments hervorgehoben
werden, das schnelle Wachsthum der Pflanze und ihr schnelles
Verwelken. — Das Arabische besitzt drei Worte, die aber von
den oben angeführten gänzlich verschieden sind: kerna, kerroa
und cherua.
Nach Dioscorides diente das aus dem Wunderbaume ge-
wonnene Oel (xixtvov s'Xotiov) zu Beleuchtungszwecken. Einen
weiteren Beweis für sein Vorkommen im alten Aegypten besitzen
wir noch in einigen Samen 5 ), die aus den Gräbern herstammen.
Die Passalacqua-Sammlung in Berlin und das ägyptische Museum
in Wien besitzen solche, die ihr marmorirtes Aussehen noch
deutlich bewahrt haben und in denen es dem Pariser Chemiker
Julia Fontanelle gelungen sein soll, noch Oel nachzuweisen 6 ).
In neuerer Zeit hat Schweinfurth ebensolche Samen in einem
Grabe zu Dra-Abu-Negga (XII. Dynastie) 7 ) aufgedeckt, jedoch
setzt derselbe einigen Zweifel in ihr hohes Alter.
Unger 8 ) führt zwei Zeichnungen aus Theben und El-
Amarna an, in denen er Darstellungen des i&cmws-Strauches
vermuthet. Ganz einwandfrei sind diese Zeichnungen jedoch
nicht, denn sie lassen auch noch andere Deutungen zu. Loret 9 )
z. B. glaubt in ihnen eher Theile des Feigenbaumes zu erkennen,
dessen Blätter bei flüchtiger Zeichnung mit denen des Wunder-
baumes leicht Verwechslung geben könuen. Ein unbefangener
Betrachter dieser Abbildungen wird trotzdem sich eher der Auf-
fassung Unger 's anschliessen und dieselben für solche des Ricinus-
Strauches erklären, denn das strauchartige Aussehen spricht
i) Strabon XVII, 2.
*) Dioscorides IV, 161.
3 ) Rosenmüller, biblische Naturgeschichte. S. 124 u. f.
«) Jonas IV, 5.
5) Wönig, Pflanzen. S. 340; Braun, Pflanzenreste. S. 360.
6) Braun, Pflanzenreste. S. 360.
7 ) Schweinfurth, Die letzten botan. Entdeckungen. S. 6.
8) Unger, Streifzüge IV, S. 128.
») Loret, la floie. S. 23.
120 XV. Polygoneae. — Polygonum vulgare et convolvulus.
offenbar gegen eine Deutung als Feigenbäume ; andrerseits zeigen
die fünflappigen, an den einzelnen Lappen scharf zugespitzten
Blätter deutlich die charakteristische Form der Blätter jener
Pflanze.
Gegenwärtig wird der Ricinus-Stranch, von dem man vier
Arten kennt, behufs Oelgewinnung in Aegypteu verschiedentlich
angebaut. Besonders soll Ricinus africanus W. diesem Zwecke
in ergiebiger Weise entsprechen ').
Die Pflanze tritt wildwachsend in Abessynien, Sennar und
Kordofan, überhaupt in einem grossen Theile des tropischen
Afrika auf 2 ). Seine Heimath soll Indien sein (?)' 2 ).
XV. Polygoneae.
1. Polygonum vulgare. L. und Polygonum convolvulus. L. 8 )
Knöterich.
In Ermangelung des Buchweizens scheineu einzelne demselben
verwandte Arten wegen ihres immerhin nicht zu unterschätzenden
Mehlreichthumes in der Vorzeit Gegenstand der Kultur gewesen
zu sein. Wenigstens lässt das massenhafte Auftreten solcher Samen
an verschiedenen Fundstellen diesen Schluss zu. Mortui et 4 )
bestätigt das Vorkommen einer Anzahl Samen von Polygonum
vulgare in einem Topfe aus einem neolithischen Grabe zu Pierre
ä Mousseau (Seine-et-Oise).
Staub 5 ) bestimmte Samen von Polygonum convolvulus zu-
sammen mit solchen von Polyg. lapathifolium L. unter den vege-
tabilischen Besten aus der Aggtelek-Höhle in Ungarn; ich selbst
konnte in einem Gefässe vom Lausitzer Typus aus Kreuzburg
in Oberschlesien die erstere der beiden soeben genannten Arten
in reichlicher Menge zusammen mit Obstresten, ferner unter den
>) Unger, Streifzüge IV, S. 128.
2 ) De Candolle, Ursprung. S. 536.
3 ) Polygonum aviculare fand Unger im Ziegel von Tell-el - Valioudi ;
Loret, S. 24.
«) Mortillet, l'^cole. S. 257.
6) Staub, Präh. Pflanzen. S. 284.
XV. Polygoneae. — Polygonum vulgare et convolvulus. 121
Nahrungsmitteln aus Schusseuried nachweisen. — Derselben
Spezies gehört ein Fund aus verhältnissmässig junger Zeit an,
aus der slavischen Niederlassung (Burgwallzcit) auf der Bischofs-
insel bei Königswalde ') (Kr. Sternberg) in Norddeutschland, wo-
selbst eine grosse Anzahl von Körnern zum Vorschein kam.
A. Braun' 2 ), der dieselben untersuchte, beschreibt sie von sehr
kleiner, aber denen des Buchweizens gleicher Form, die ihm
den Verdacht nahe legt, dass es sich um diese letztere Art
handeln könnte. Jedoch war die theilweis noch vorhandene
Persistenz des Kelches an der Frucht, die bei Polygonum Fago-
pyrum hinfällig ist und die Frucht nicht einschliesst, für ihn
bei der Bestimmung Ausschlag gebend.
Dass in der norddeutschen Ebene noch in späterer Zeit die
Früchte des Polyg. convolvul., die in Pommern beim Volke noch
jetzt den Namen des wilden Buchweizens führen 3 ), thatsächlich
als Nahrungsmittel Verwendung fanden, beweist die Nachricht
eines gewissen Homann 4 ), der zufolge man zu seiner Zeit
(Anfang unseres Jahrhunderts) „aus diesem Samen, wiewohl
wenig, weisses geniessbares Mehl" gewinne. — Es mag somit
auch in der Vorzeit diese Frucht, wenn auch nicht gerade sehr
verbreitet gewesen, so doch hier und da in einzelnen Gegenden,
vielleicht bei schlechtem Ernteausfall, ausgesät worden sein.
2. Polygonum fagopyrum. L. Buchweizen.
Der Buchweizen fand erst während des Mittelalters im Westen
und Süden Europas Eingang. Somit dürfte auch ein im Museum
Hannover befindlicher Fund aus Barmen, dessen Alter nicht sicher
zu bestimmen ist feinige Samen in einer Urne) der modernen Zeit
angehören. Die erste Nachricht vom Anbau der Pflanze in
Deutschland datirt aus dem Jahre i486 und findet sich in einem
mecklenburgischen Register 6 ). Etwa hundert Jahre später fällt
eine Angabe in der Dipnosophia s. Sitologia des Bruyerinus
Champegius, des Inhalts, dass der Buchweizen vor Kurzem aus
Griechenland und Asien nach Europa gekommen sei rt ). Um
i) Zeitschr. f. Ethnologie II, S. 477.
») Verhandl. d. Berliner anthr. Ges. 1871. 8. 105-
3) Verhandl. d. Berliner anthr. Ges. 1870. S. 472; 1S71- S. 105.
4 ) Homann, Flora von Pommern. Cöslin 1828. S. 272.
6 ) De Candolle, Ursprung. S. 441.
6 ) Hehn, Kulturpflanzen. S. 494.
122 XV. Polygoneae. — Polygonum fagopyrum.
dieselbe Zeit ungefähr (i. J. 1536) führte Ruelle bereits den
Buchweizen als frumentum turcicum an '), das bereits in Gallien
eifrig augebaut werde.
Alle diese Nachrichten weisen auf das südöstliche Europa als den
Ort hin, woselbst der Buchweizen zuerst, wahrscheinlich durch das
Vorrücken türkischer Völkerschaften — worauf die verschiedenen
Bezeichnungen, wie grano saraceno, ble sarazin, frumentum
turcicum Jatarka (polnisch), tartari (finnisch), Heidenkorn (böhmisch
polianka, magyarisch poliank = von den Heiden überkommene
Pflanze) und andere Worte ähnlichen Inhaltes hinweisen — Eingang
fand und weitere Verbreitung erfuhr. Die russische Bezeichnung greca
oder gretucha (polnisch grgka, litth. grikai)' 1 ) spricht es geradezu
aus, dass der Buchweizen aus Griechenland nach Russland gelangte.
Noch heute gehört der Buchweizen besonders in den nordöst-
lichen und auch nördlichen Gebieten unseres Kontinentes zu den
wichtigsten Kulturpflanzen 3 ). Nichts geht dem Russen über
seine kasa, der aus Buchweizen bereiteten Grütze, und über die
aus soichem Mehl gebackenen Vorfastenspeise.
Als Ursprungsland des Buchweizens (Fagopyrum esculentum
Mch.) ist das nördliche Asien anzunehmen. Hier, besonders in
der Mandschurei, am Ufer des Amur und in der Nähe des Baikal-
sees findet er sich im natürlichen Zustande allenthalben ver-
breitet 4 ). Bis nach Indien hin erstreckte sich sein ursprüngliches
Vegetationsgebiet dagegen nicht; denn das Sanscrit kennt keinen
Namen für diese Pflanze. Eine zweite, gegen die Kälte weniger
empfindliche Art, Fagopyrum tartaricum Gärtn. wächst in der
Tartarei und in Sibirien bis nach Dahurien, fehlt aber im Amur-
gebiet. Dass Griechen und Römer den Buchweizen nicht kannten,
bedarf wohl keiner Erwähnung. Die Bezeichnung Fagopyrum, die
in der Botanik üblich ist, stammt aus der neueren Zeit und ist
von der Aehnlichkeit der Früchte mit Bucheckern hergenommen.
') Körnicke, Getreidebau. S. 358.
*) Hehn, ebendaselbst s. 496.
3 ) Schwendener, Kulturpflanzen S. 57.
4 ) De Candolle, Ursprung. S. 440; Engirr in Iklin, Kulturpflanzen.
S. 497.
XVI. Labia tae. — Memli;i piperita. »23
XVI. Labiatae,
/. Mentha piperita. L. Pfefferminze.
Das Vorkommen der Pfefferminze im alten Aegypten wird
durch einen Grabfund 1 ) aus der Zeit der XX.— XXVI. Dynastie
(1200—600 v. Chr.), sowie durch hieroglyphische Inschriften
belegt.
In einem Grabe zu Abd-el-Qurna 2 ) entdeckte Maspero
einen Kranz, der sich aus 10 cm langen, rings um ein Bündel
gespaltener Dattelpalmblätter geflochtenen Zweigen- und Blüthen-
quirlen einer Labiate zusammensetzte. Schweinfurth 3 ), dem
diese vollständig geschwärzten Reste zur Begutachtung vorlagen,
giebt von ihnen folgende detaillirte Beschreibung: „Internodien
zwischen den Blattpaaren 1 — 2,5 cm lang; Blätter sitzen an
einem 0,5 cm langen Stiel; ihr Spreite ist 2 cm lang, 1 cm breit;
ihre Foim elliptisch-eiförmig-spitz, an der Basis in den Stiel
zusammengezogen oder fast abgerundet; 10 — 15 spitze Zähne
sitzen jederseits am Rande; die Seitennerven sind meist zu 6 auf
jeder Seite . . . u Auf Grund dieser so charakteristischen Eigen-
schaften bestand für Schweinfurth kein Zweifel mehr, dass
es sich nur um Ueberreste der Pfefferminze bandeln könne.
Der hieroglyphische Name für die Pflanze war agai, auch
wohl nakpata. Doch glaubt Loret 4 ), dass unter der letzteren
Bezeichnung der Rosmarin zu verstehen ist. — Heutzutage wird
die Pfefferminze in Unterägypten nur in Gärten gezogen, nirgends
wild angetroffen. Auch im alten Pharaonenlande mag sie nur
Gartengewächs gewesen sein, das vielleicht zu medizinischen
Zwecken oder als Zusatz zu Speisen angepflanzt wurde. Die
Einführung fand wohl von Europa aus statt 6 ).
Im neuen Testamente wird die Pflanze gleichfalls als
Gartengewächs Palästinas aufgeführt 6 ). — In der Küche der
1 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. 6(30.
2) Wönig, Pflanzen. S. 236; Loret, la flore. S. 25-
8) Schweinfurth, Pflanzenreste. S. 366.
4 ) Loret, la flore. S. 25-
6 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. 666.
«) Evaug. Matthaei XXIII, 23; Lucae XI, 42-
1 24 XVI. Labiatae. — Rosm. ofiicin. — XVII. Convolvulaceae. — Conv. Scopar.
Körner spielte die Pfefferminze eine grosse Rolle'); im Koch-
bnclie des Apicins wird der grünen und der getrockneten Minze
fast auf jeder Seite gedacht.
2. Rosmarinus officinalis. L. Rosmarin.
Das einzig bekannte Stück aus dem ägyptischen Alterthum
ist von Prosper Alpinus, einem Arzte und Botaniker des IG. Jahr-
hunderts, nachgewiesen worden' 2 ). Es waren Zweige, die in
einer Mumie steckten. — Weitere Anhaltspunkte fehlen uns.
Möglicherweise ist das hieroglyphische Wort nakpata als Ros-
marin zu deuten.
XVII. Convolvulaceae.
• Convolvulus Scoparius. L.
Die Verwendung der Pflanze bei der Parfiimeriebereitung
wird durch alte Rezepte z. B. das von Kyphi bezeugt. Ihre
altägyptischen Namen djäbi und djalmä haben in den späteren
Idiomen keine Spuren hinterlassen 3 ).
Aspalathos der Griechen soll dieselbe Pflanze gewesen sein.
XVIII. Sesameae.
Sesam Orientale. L. Sesamstrauch.
Dass der Sesam im alten Pharaonenlande Gegenstand der
Kultur gewesen, ist wohl anzunehmen, jedoch noch nicht sicher
bewiesen. Die in den Gräbern zu Dia- Abu-Negga 4 ) gefundenen
Samenkapseln werden von Schweinfurth, weil sie Zeichen
des Drusches zeigen, für die Ueberreste moderner Speicher
gehalten, sind also nicht beweiskräftig. Immerhin nimmt der-
») Plinius, hist. nat. XIX, 8; XX, 14.
2 ) Loret, la flore. S. 20.
3 ) Loret, la flore. S. 26.
4 ) Schweinfurth, die letzten botan. Entdeckungen. S. 7-
XVIII. Sesameae. — Sesam Orientale. 125
selbe 1 ) an, dass der Sesam noch zur vorgriechischen Zeit iu
Aegypten Eingang fand; Plinius" 2 ) wenigstens behauptet dies.
Bildliche Darstellungen der rflanze fehlen uns gleichfalls. Die
Vermuthung Ungers 1 ), dass unter den Samen, mit denen auf
einem Gemälde im Grabe Ramsas III. zu Theben (XX. Dynastie,
1200 v. Chr.), einer Schilderung der Vorgänge in einer altägyptischen
Bäckerei, ein Bäckerjunge dieBrode bestreut, auch solche des Sesam
zu verstehen seien, beruht auf einem Rückscbluss von modernen
Verhältnissen her. — Mehr Anhaltspunkte gewinnen wir dagegen
in den sprachlichen Verhältnissen. Der arabische Name unserer
Pflanze ist semsem oder simsim. Ein ähnlich klingendes Wort kommt
in den hieroglyphischen Inschriften für eine Pflanze vor, deren
Samen man genoss. Dieses Wort heisst sh emshem 4 ). Ausserdem
findet sich daselbst ein Wort ake für eine Pflanze, aus der man Oel
gewann und deren Samen in der Heilkunde Verwendung fanden;
ake hat aber Aehnlichkeit mit oke, der modernen koptischen
Bezeichnung für Sesam. Daher könnte ake wohl den Sesamstrauch
bedeuten und shemshem würde sein semitisch-ägyptischer Name
sein. Hierdurch wäre sodann der Beweis erbracht, dass der
Sesam den alten Aegyptern doch bekannt gewesen ist; auffällig bleibt
nur, dass sonstige Andeutungen fehlen. Theophrast 5 ) und
Dioscorides*) berichten zwar, dass eine Sesam genannte
Pflanze wegen ihres Oelreichthumes in Aegypten Gegenstand der
Kultur gewesen sei, und Plinius 7 ) fügt hinzu, dass dieselbe
aus Indien herstamme, in den Nilläudern jedoch auch wild vor-
komme. De Candolle") will unter dieser spontan auftretenden
Pflanze den Ricinusstrauch verstanden wissen und datirt die Ein-
führung des Sesam in Aegypten nicht viel weiter zurück als in
die Zeit, in der Theophrast seine Mittheilung niederschrieb.
(Zeit der griechischen Einwirkung.)
Im babylonischen Reiche muss Herodot") zufolge der Anbau
der Sesampflanze ein sehr ausgedehnter und ein sehr alter gewesen
') Seh wein für th, Aegyptcns Beziehungen S. GGO.
«) Plinius, Inst, nat. XVIII. 10.
3) Unger, Streifzüge IV. 112; auch Wönig, Pflanzen S. 178.
4 ) Loret, la flore ebendaselbst u. f.
6 ) Theophrast, de caus. plant. I, 8.
6 ) Dioscorides, de mat. med. I, 2.
T ) Plinius, hist. nat. XVIII, 10.
8 ) De Candolle, Ursprung. S. 533.
9 ) Herodot I. 193.
126 XVIII. Sesameae. — Ses. Orientale. — XIX. Jasmineae. — Jasm. Sambuc.
sein ; denn seine Bewohner genossen als Speisenzusatz ausschliess-
lich das aus ihr gewonnene Oel. — Im alten Testament geschieht
des Sesem keine Erwähnung; erst im Talmud tritt sein Name
(semsem) uns wieder entgegen. De Candolle nimmt an, dass
die Kenntniss von der Pflanze zur Zeit des Auszuges der Israeliten
aus Aegypten Verbreitung gefunden habe.
Als Ursprungsland des Sesamstrauches bezeichnen die Pflanzen-
geographen allgemein Indien. Die Sauscritbezeichnung tila soll
sich in neueren Sprachen Indiens, besonders Ceylons, noch fort-
erhalten haben. Nach Ostasien gelangte der Strauch erst in
verhältnissmässig sehr später Zeit, wahrscheinlich nicht vor
Beginn unserer Zeitrechnung. Die ersten darauf bezüglichen
Angaben (chinesisch nioa oder chima, japanisch koba) datireu
aus einem dem 5. oder 6. Jahrhundert n. Chr. angehörigeu Werke ')•
XIX. Jasmineae.
Jasminus Sambuc L. Jasmin.
Blumenguirlanden, die sich aus Jasminblüthen zusammen-
setzen, fand Maspero in einer Nische des Königsgrabes von
Deir-el-Bahari-). Nach SchweinfurthV) Bestimmung haben
diese Blüthen am meisten Aehnlichkeit mit denen der heutzutage
nicht nur in Aegypten, sondern auch in Ostindien sehr beliebten
und zum Ausschmücken von Tempeln, sowie zur Herstellung wohl-
riechender Oele angebauten Spezies Jasminus Sambuc. L. (arabisch
füll oder feü genannt).
') De Candolle, Ursprung. S. 5ol n. I'.
*) Lo ret, In flore. S. 27.
3 j Sehweinfurth, Neue Beiträge. 8. ,>i6; derselbe, Pflanzcnreste. S. 851.
XX. Olei'neae. — Olea europaea. 12/
XX. Oleineae.
/. Olea europaea. L. Oelbaum.
Die Kultur der Olive reicht im Pharaonenlande in eine sehr
hohe Zeit zurück. Die Schriftsteller der Alten haben uns zwar
sehr ausführliche Angaben über die Pflege des Olivenbaues
hinterlassen, jedoch schweigen sie sämmtlich darüber, zu welchem
Zeitpunkt dieselbe etwa ihren Anfang nahm. Aus diesem Grunde
sind wir nur auf Vermuthungen angewiesen. — Loret') findet
bereits in den Texten aus der Epoche der Ramsesiden die Er-
wähnung eines Oeles, das als Speisezusatz sowohl, als auch als
Brennmaterial für Tempellampen Verwendung fand, djadi mit
Namen, und glaubt aus dem sehr seltenen Vorkommen dieses
Wortes auf eine erst kurz vorher erfolgte Einführung des
Olivenbaumes schliessen zu dürfen, also ungefähr zur Zeit der
XVIII. Dynastie (15. Jahrh. v. Chr.). In Pleyte findet solche
Annahme gleichfalls ihren Vertreter. — Schweinfurth' 2 ) da-
gegen rückt den Zeitpunkt der Einführung schon weiter zurück
und zwar in den Beginn des mittleren Reiches, also in die Zeit
der XI. Dynastie (3000 v. Chr.). Aber sowohl Loret's als auch
Seh weinfurth's Schätzungen scheinen nach den Untersuchungen
Mas per os entschieden noch zu niedrig gegriffen zu sein, denn
bereits in den Texten der VIII. Dynastie tritt uns ein Wort
tat*) entgegen, das sowohl den Olivenbaum als auch das aus
seinen Früchten gewonnene Produkt bezeichnet.
Die Schriftsteller der Alten haben uns, wie bereits erwähnt,
mancherlei ausführliche Nachrichten über die Olivenzucht im
Pharaonenlande hinterlassen. Theophrast 4 ) redet von einträg-
lichem Olivenbau in der Thebais (ungefähr 30 — 50 Meilen land-
') Loret, la flore. S. 27.
*) Schweinfurth, d. letzt, botan. Entdeckung. S. 7; derselbe, Aegyptens
Beziehungen. S. 663.
3 ) Unger, Streifzüge IV, 111. Die von Wönig S. 329 angeführten
Bezeichnungen auf den Inschriften bek, bekt, beka, haha, die Brugsch für die
des Oelbaum hält, sind nach Loret's Untersuchungen auf die Möringa zu
beziehen. Siehe diese Pflanze.
*) Theophrast, de caus. plant. IV, 2.
128 XX. Olcincae. — Olea europaea.
einwärts vom Nilstrom, wahrscheinlich in den Oasen der lybischen
Wüste), woselbst der Oelbau noch in unseren Tagen prächtige
Früchte zeitigen soll, fügt indessen die Notiz hinzu, dass das
übrige Aegypten ein an Oelbäumen armes Land sei. Strabon J
vertritt die gleiche Ansicht. Abgesehen von den Gärten
Alexandrias, so führt er weiter aus, erzeuge nur der arsinoetische
Gau, das heutige Fajüm, „hohe, volhvüchsige, schöufrüchtige"
Bäume. — Der Grund für dieses sporadische Auftreten des Oel-
bauines im altäiiyptischen Reiche mag au den Bodenverhältnissen
gelegen haben. Die Olive liebt einen leichten und trockenen
Boden, und so kommt es, dass sie nur in einer gewissen Ent-
fernung vom Inuudationsgebiet des Nils ihr Fortkommen finden
konnte und gegenwärtig noch findet: die Oasen Libyens und die
Provinz Fajüm haben ihren alten Ruf als olivenveiche Land-
schaften bewahrt. Nach Schweinfurth's -) Schilderungen
finden sich dort noch uralte, riesige Bäume vor, deren Alter
bis in die griechisch-römische Epoche zurückreichen mag. In
den übrigen Theilen des Reiches (Mittel- und Unterägypten) ist
der Oelbaum zwar auch ziemlich verbreitet, seine Früchte können
zur Oelgewinnung aber nicht herangezogen werden, sondern
dienen nur noch als Speise.
Trotz der immerhin beschränkten Verbreitung der ertrag-
fähigen Olive in den Gebieten des Niles, mag der Verbrauch an
Oel hier recht bedeutende Dimensionen angenommen haben.
Denn Olivenöl diente nicht nur als Speiseöl oder als Zusatz zum
Backwerk, sondern auch als Brennmaterial, Opferspende und
Salbenconstituens 4 ). Gerade die Verwendung zu dem zuletzt
angeführten Zwecke darf nicht unterschätzt werden. Dies beweist
einmal das Aufspeichern von Oelamphoren in den Vorraths-
kammern der Landhäuser und Taläste, zum andern aber haupt-
sächlich die Wiedergabe des Begriffes Wohlgeruch in der
Hieroglyphenschrift durch eineu solchen Oelbehälter.
Die Darstellung des Oelbaumes auf den Denkmälern ist nicht
selten eine recht naturgetreue, besonders in den Blattformen und
Früchten. Wönig führt als bezeichnendes Beispiel den Garteu-
uud Villenplau zu Tell-el-Amarua (XVI II. Dynastie) an. —
Olivenblätter und Aeste gehören zu den häufigsten Vorkommnissen
i) Strabon, XVII, l.
*) Schwein für th, Neue Funde. 8. l l J8.
3) Wönig, Pflanzen. S. 329.
XX. OlcTneae. — Olea europaea. 129
in den ägyptischen Königsgräbern; der älteste Fund geht jedoch
nicht über die XX. Dynastie hinaus. Zumeist sind es ganze
Aeste oder aneinandergereihte Blätter, das llauptmaterial für
Todtenkränze und Sargguirlanden. Besonders in der griechisch-
römischen Periode war es Sitte, die Stirn der Todten mit einem
Kranz aus Olivenblättern zu schmücken. Eine aus dieser Zeit
stammende Mumie von Nofert Sekheru bei Theben trug einen
solchen Stirnschmuck. In gleicher Weise war eine Mumie aus
Abd-el-Qurna ') (XX.— XXI. Dynastie; mit Oelblattguirlanden
geziert, deren Blätter theils auf feine Garnfäden geheftet, theils
mit Leinwandstreifen umwunden, an Dattelblattstreifen befestigt
waren. Olivenblätter waien ein Symbol der Rechtfertigung des
Abgeschiedenen vor dem Richterstuhle des Osiris. — Ein
interessantes Stück, dessen Bedeutung nicht recht klar ist, be-
findet sich im Berliner ägyptischen Museum: es ist dies eine
Ruthe, die sich aus fünf kleineren, von je einem Palmenblatt-
streifeu zusammengehaltenen Bündeln von Olivenzweigen zu-
sammensetzt' 2 ). Ob wir es in diesem eigenartigen Dinge mit
einem Züchtigungsgegenstand für Kinder zu thun haben, wie
Lepsius vermuthet, oder mit einem kleinen Handbesen, bleibe
dahingestellt. Die Blätter sind an diesen Zweigen in so vor-
trefflichem Zustande erhalten geblieben, dass Braun die Schuppen-
haare an ihrer Unterseite unter dem Mikroskop deutlich als
zierliche Sternchen zu erkennen vermochte. — Auch Olivenkerne
sind in den Gräbern nachgewiesen worden. Schiaparelli ent-
deckte solche in einem Sarkophage zu Dra-Abu-Negga :< |, dessen
Beisetzung in die Zeit der XII. Dynastie fallen dürfte. An
diesen Samen lassen sich dem Autor zufolge zwei Formen
unterscheiden; die einen sind an beiden Enden spitzig oder ein
wenig spindelförmig zusammengezogen, die anderen mehr länglich
und an den Enden abgerundet.
In der semitischen Welt wurde der Oelbaum schon sehr früh-
zeitig bekannt. In den ältesten Theilen des alten Testamentes 4 )
geschieht seiner unter der Bezeichnung sait oder zeit wiederholt
Erwähnung. Den Kindern Israel wird die Olive als die Frucht
des verheissenen Landes gepriesen 5 ), dessen Ertrag einer anderen
•) Schwein furth, Pflanzenreste. S. 367.
2 ) Braun, Pflanzenreste. S. 298.
8 ) Schwein furth, Die letzten boten. Entdeckungen. S. 7.
*) 5. Mos. VI, 11; VIII, 8, 28, 40; Josua XXIV, 13 u. a. ....
ö) 2. Mos. III, 11; 5. Mos. VIII, 8: XI, 14 u. a. in.
O. 15 uk Uan , Vorgeschichtliche Botanik. y
130 XX. OleTneae. — Olea europaea.
Angabe zufolge so reichlich ausfiel, dass die israelitischen Könige
den Pharaonen ein Geschenk mit gutem Oel machen ' ) und das
Volk dieses sein Landesprodukt auf den Märkten von Tyrus
feilbieten konnte 2 ). Die besten Oliven soll die Gegend von
Thekoa erzeugt haben. Jeder Grundeigenthümer besass in
Palästina seinen eigenen Oelgarten oder Oelberg*), auch seine
eigene Oelkelter 4 ). Das gewöhnliche Oel wurde einfach gekeltert,
d.h. entweder getreten oder durch Oelpressen ausgepresst 5 ); das
feinste dagegen im Mörser gestossen ). Von der Ertragsfähigkeit
der königlichen Oelgarten legt der Umstand hinreichend Zeugniss
ab, dass Salomo die phönizischen Arbeiter am Tempelbau unter
anderem mit 20000 Bath Oel bezahlte'). Der Bedarf an Olivenöl
im öffentlichen und Privatleben muss auch ein nicht unbedeutender
gewesen sein, denn Olivenöl spielte nicht nur im Sacralkultus,
sondern auch im alltäglichen Leben der Israeliten eine be-
deutungsvolle Rolle. Es fand Verwendung zu denselben Zwecken,
wie im Aegyptenlande (Speiseöl, Lampenöl, Arzeneimittel für
Wunden, Salböl). - Von dem Oelbaume sait wird vom Propheten
Nehemia 7 ) noch ein anderes ebenfalls ölgebendes Gewächs als
ez-schemem = Baum des Oeles unterschieden, das Rosen -
müller 8 ) als den wilden Oelbaum deutet.
Die Uebereinstimmung^) des hebräischen Wortes sait oder
zeit mit dem persischen seitun, dem arabischen setnn oder seitun,
sowie dem türkischen und tartarischen seitun lässt das hohe
Alter des Oelbaumes sowohl, als auch sein Indigenat im Orient
für sehr wahrscheinlich erscheinen. Von den Autoren wird auch
allgemein Syrien als Heimath der Olive angegeben, d. h. der
Anfang ihrer Kultur, bezw. der ersten Veredlungsversuche der
wildwachsenden Sorte. Denn die wilde Form (olea europ. var.
oleaster L.) ist ohne Zweifel auch über dieses Gebiet hin als
einheimisch zu betrachten.
Bei dem hohen Alter des Oelbaumes an der kleinasiatischen
i) Hosea XII, 2; Jes. LVII, 19.
2) Hezech. XXVII, 17; Esra III, 7.
3) 5. Mos. VI, 11; 1. Samuel VIII, 14; 2. Kön. V, 26.
4) Jerem. XXXXI, 8.
») Micha VI, 15; Hiob XXIV, 11.
ö) 1. Kön. V, 11; 2. Chronic. II, 10.
7) Nehemia VIII, 15.
8 ) Bosenmflller, Biblische Naturgeschichte. S. 260.
») De Candolle, Ursprung. S. 365.
XX. Olei'neae. — Olea europaea. 131
und auch arabischen Küste bleibt es immerhin auffällig, dass
das benachbarte Babylouien zur Zeit des Herodot 1 ) dieses
Gewächs noch nicht besass, vielmehr seinen Bedarf an Oel aus-
schliesslich durch das gleichwertige Produkt des Sesamstrauches
deckte. Diese Nachricht des Herodot findet ihre Bestätigung in
der ebenfalls auffälligen Thatsache, dass weder das Babylonische
noch das Assyrische einen Namen für den Oelbaum und sein
Erzeugniss kennt' 2 ). Wir dürfen uns dieses Fehlen der Olive im
Euphrat- und Tigrisgebiet vielleicht durch den hohen Feuchtig-
keitsgehalt des Bodens erklären, der für den Anbau dieses Ge-
wächses zu ungünstig gewesen sein mag.
Was weiter Griechenland betrifft, so scheinen auch hier
klimatische Verhältnisse der frühzeitigen Einführung der Oliven-
kultur hinderlich gewesen zu sein. Der homerische Sänger schildert
zwar das Olivenöl als ein auf dem griechischen Kontinente so-
wohl, als auch auf dem griechischen Inselreiche weitverbreitetes
Lebensbedürfniss (als Salböl für den Körper und zum Geschmeidig-
machen der Gewebe) :1 ); jedoch sollen die darauf bezüglichen
Stellen den Eindruck machen, als ob dieses Olivenöl kein Ertrag
des einheimischen Bodens, sondern vielmehr ein Importartikel
gewesen ist 4 ). Schrader und Engler') sind neuerdings solcher
Auffassung entgegengetreten und berufen sich dabei auf die That-
sache, dass Oel bei der Herstellung der leinenen Gewebe viel-
fach Verwendung gefunden habe und dementsprechend, als stark
begehrter Bedarfsartikel, im Lande selbst gewonnen sein müsse.
Ich meinerseits kann dieser Ansicht nicht beipflichten. Ich kann
der Annahme nicht Raum geben, dass der Verbrauch an Olivenöl
zur damaligen Zeit ein so massenhafter gewesen sein soll,
dass man unmöglich dasselbe als importirte Waare auffassen
könnte. Das Weben war immer nur ein Vorrecht vornehmer
Frauen und ebenso das Salben des Körpers hauptsächlich ein
solches vornehmer Personen; demgemäss kann der Konsum an
Olivenöl kein so starker gewesen sein, dass die Einfuhr des-
selben zu kostspielig ausgefallen wäre. Ich bestreite nicht, dass
der Oelbaum damals schon in Griechenland existirte, wohl aber,
dass er schon Gegenstand der Kultur gewesen ist. Wäre das
letztere zur homerischen Zeit schon der Fall gewesen, so. würde
») Herodot I, 193. 2 ) Schrader in Helm. Kulturpflanzen. S. lli).
8) Hehn, Kulturpflanzen. 8. 102 u. f.
4 ) Schwendener, Kulturpflanzen. S. 20.
•) Hehn. Kulturpflanzen. S. HS.
r
132 XX. OleTneae. — Olea europaea.
der Baum, wie Hehn 1 } richtig bemerkt, auch in jenen ländlichen
Scenen, die sich auf dem Schilde des Achilles dargestellt finden,
wiedergegeben sein ; allein wir vermissen unter diesen den Olivenhain.
Desgleichen finden wir bei Hesiod keine Andeutung von Oliven-
zucht in Attika. Wie schon gesagt, bedarf dieser Baum vieler Wärme,
und diese fehlte ihm in der Vorzeit offenbar auf dem griechischen
Boden, wie die Schriftsteller der Alten bezeugen. Engler -)
hat hiergegen einzuwenden gesucht, dass eine Darstellung von
Oelbäumen auf einem Goldblech, das mau in dem der Mycenä-
periode angehöligen Grabmale zuVaphio :t ) aufgedeckt hat, den
Anbau in Argolis beweise; er übersieht aber dabei, dass dieses
Schmuckstück sicherlich nicht, nach einheimischen Modellen au-
gefertigt worden ist, sondern nach der Annahme der Archäologen
importirte, oder wenigstens nach importirten Mustern angefertigte
AVaare vorstellt. Genannte Abbildimg beweist somit keineswegs
das Vorkommen der kultivirten Olive in Griechenland. Auch
die von Schliemaun und Tsuutas in deu Königsgräbern zu
Myceuae 4 ) aufgefundenen Olivenkerne sind meiner Ansicht nach
nicht beweiskräftig, so lange nicht festgestellt worden sind, dass
sie der kultivirten Form angehören. Die aus der spanischen
Vorzeit stammendeu Olivenkerne (siehe unten) stehen in ihren
Dimensionen nach meinen Messungen doch beträchtlich hinter
denen der heutigen Kulturform und selbst denen des verwildert
in Griechenland wachsenden Baumes zurück.
Wenn wir Herodot Glauben schenken, wurde der griechische
Fcstlandboden erst zur Zeit des Solon mit der Einführung der
zahmen Olive beschenkt, deren Anbau sich aber erst die Pisi-
stratiden angelegen sein Hessen 5 ).
Auf dem Archipel (Delos, Miletos, Rhodos, Samos) dagegen
muss die Einführung schon früher erfolgt sein"); denn zur Zeit des
Philosophen Thaies, der ein Zeitgenosse der solonischen Ver-
fassung war, hatte die Oliveuzucht auf den Inseln Chios und Miletos
schon erfreuliche Verbreitung gefunden 7 ). liier hatten offenbar Jonier
oder Phönizier für Bekanntwerden derselben Sorge getragen.
>) Hehn, Kulturpflanzen. S. 104.
•*) Engler in Hehn, Kulturpflanzen. S. 117. 3 ) Siehe oben. S. S9.
*) 'ErpqutQig ccQxaioXoytxl; I891j 3, •-'; Hehn, Kulturpflanzen. S. 119.
6 ) Schwendener, Kulturpflanzen. 3. "JO; Plutarch Solon XXIII, 10;
XXIV, 1; Dio Chrysost. orat, 25, B. 281.
fl ) Aeachylua (Pers. NS-1) nennt Samos vXuiötpoTOf.
f) II eh ii, Kulturpflanzen. 8. 106 u. <■
XX. Olei'neae. — Olea europaea. 133
Der wilde Oliveubaurn dagegen, griechisch xoxivoc genannt,
war ein ursprüngliches Gewächs der griechischen Halbinsel.
Von ihm wurden die Zweige hergenommen, mit denen man die
Sieger in den Kampfspielen schmückte. Sein Holz war wegen
der Härte sehr geschätzt 1 ). — Koch und Hausknecht läugnen
zwar die Spontanität des Oleaster im Orient und glauben in den
wild vorkommenden Exemplaren Rückfälle der zahmen Olive zu
erblicken; jedoch entbehrt diese ihre Behauptung jeglicher Be-
gründung und wird durch die Untersuchungen anderer Forscher,
z. B. die Heldreich's, zur Genüge widerlegt.
Die Griechen waren die Verbreiter des Oelbaumes nach der
italienischen Halbinsel. Nach den südlichen Gestaden, sowie
den Inseln, und zwar zuerst nach Sardinien, dann nach Sicilien,
scheint derselbe, wie Hehn-) aus mehrfachen Gründen schliesst,
bereits früher durch phönizische Einwandrer gelangt zu sein.
„Im Laufe des siebenten, sicher aber in denen des sechsten
Jahrhunderts bedeckten sich nach und nach die herrlichen Hügel-
landschaften und Küstenabhänge der Inseln und Süditaliens mit
jener fruchttragenden und immer grünen Waldung." — Ueber den
Einzug der Olive in Latiuni besitzen wir eine diesbezügliche
Notiz des Chronisten L. Fene Stella, die uns Plinius 3 ) auf-
bewahrt hat. Dieser Angabe zufolge wurde der erste Oelbaum
unter der Regierung des Tarquiuius Priscus im 173. Jahre der
römischen Aera, d. h. ungefähr ums Jahr 027 v. Chr. nach dem
Herzen Italiens verpflanzt. Diese Zeitangabe deckt sich ungefähr
mit der, die wir annähernd aus den vorgeschichtlichen Funden
gewinnen. Das erste sicher beglaubigte Auftreten von Oliven-
bäumen im nördlichen Italien fällt in dessen Eisenzeit. Es sollen
zwar eine Anzahl derartiger Samen in einer Höhle bei Mentone
gefunden worden sein 4 ), deren Alter von einigen Urgeschichts-
forschern bis in die ältere (?) Steinzeit zurückdatirt wird, jedoch
ist dieser Fund sehr zweifelhafter Natur. Denn es gilt nicht
für erwiesen, dass die fraglichen Kerne wirklich von dem gleichen
Alter sind wie die Kulturschicht, in der sie gefunden wurden.
Man gewinnt vielmehr den Eindruck, dass dieselben erst später,
und zwar durch Thiere hineingeschleppt worden seien, andererseits
können es möglicher Weise auch nur Samen des wilden Oelbaumes
l ) Koch, Bäume. S. 125; Odvssea IX. 320; XXIII, S. 90 u. f.;
Ilias XIII, 612.
*) Hehn, Kulturpflanzen. S. HO. 3 ) Plinius, hist. im. XV, 1.
4 ) Verhandl. der Berliner anthrop. Gesellsch. 1883. S. 404.
134 XX. Oleineae. — Olca europaea
sein, dessen Indigenat für Italien feststehen dürfte. Die erste Annahme
hat aber mehr Wahrscheinlichkeit für sich ; denn in derselben Kultur-
schicht finden sich auch Kirschkerne, die wegen ihrer respektablen
Grösse nicht auf die Bezeichnung prähistorischer Kerne Anspruch
machen können. — Zeitlich genauer zu bestimmen ist ein Fund
in den oberen Schichten der Terramare von Gorzano, die offen-
bar römischen Ursprunges sind. Einige Male sind auch Oliven-
blätter aus der Eisenzeit bestimmt worden, so unter den vege-
tabilischen Ueberresten aus einer Pfahlbaute im Torf des Garda-
sees und in der von Bor bei Pacengo; jedoch hat Goiran 1 ),
der die Bestimmung derselben vornahm, nicht angegeben, ob er
darunter Blätter des wilden oder des zahmen Oelbaumes
verstanden wissen will. Soweit aus seiner kurzen Notiz zu
schliessen ist, dürfte er die letztere Art im Sinne gehabt haben.
— Die Bemerkung Hehn's 2 ), dass jenseits des Appenin das
Klima, wie es auch heutzutage noch der Fall sein soll, schon
damals keinen Oelbaum geduldet habe, dürfte nach unserer obigen
Betrachtung nur für die ältesten Zeiten Gültigkeit besitzen. Dass
andrerseits auch heute noch der Olivenbaum an ganz denselben
Stellen, wie zur Vorzeit (Gardasee, Mentone) üppig gedeiht, davon
kann sich ein jeder selbst überzeugen, der eine Wanderung durch
die Gefilde längs des Gardasees uud der Riviera unternimmt.
Was schliesslich die spanische Halbinsel betrifft, so haben hier
die umfangreichen Ausgrabungen der Gebrüder Sir et dargethau,
dass bereits zur neolithischen Zeit die Olive als Nahrungsmittel
bei den Iberern Verwendung fand. Jedoch scheinen diese Samen,
die aus der Niederlassung von El Garcel stammen, eher dem
wilden als dem zahmen Oelbaume anzugehören. Wenigstens spricht
ihre Kleinheit sehr für diese Vermuthung. Die wenigen Exemplare,
die mir zur Untersuchung vorliegen, zeigen folgende Grössenvcrhält-
nisse: Länge 7,2 — 8,8 (im Mittel 7,9) mm; hicke 4,0 — 5,6 (im
Mittel 5,0) mm. Für die Exemplare, die ich in Olivenwäldern
des Orients sammelte, stellen sich die entsprechenden Grössen-
verhällnisse wie folgt: Länge 8,0— 10,4 (im Mittel 9,5) Wim; Dicke
1,8 — 6,4 (im Mittel 5,6) mm. Sollten die Olivenkerne aus El Garcel
dennoch der veredelten Sorte angehören, was sich mit Bestimmtheit
nicht entscheiden hisst, so würde diese Thalsache nichts wunderbares
an sich haben, sobald wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass
die Phönizier den veredelten Baum sehr frühzeitig bei ihren Welt-
reisen auch nach der iberischen Halbinsel verpflanzt haben können.
'I Goiran, ootizie. 8. 26. *) Hehn, Kulturpflanzen. S. 113.
XX. Olei'iieac. — Olea europaea. lo5
Als Stammpflanze der zahmen Olive ist ohne Zweifel der wilde
Oelbaum (olea europaea var. oleaster) anzusehen. Es fragt sieh
nur, in welchem Lande dieser Baum zuerst in Pflege genommen
wurde. Man hat mehrfach Arabien als Ursprungsland der Oliven-
kultur hingestellt. Doch mit Unrecht; denn diese Annahme wird
durch die neuesten Untersuchungen Schweinfurths ') illusorisch
gemacht. Schweinfurth hat nämlich beobachtet, dass der Oel-
baum im glücklichen Arabien so gut wie unbekannt ist und nur
in einigen wenigen Gärten neueren Datums daselbst vorkommt.
Die in den Gebirgen von Jemen, sowie in ganz Abessynien ver-
breitete, oft ganze Bestände bildende wilde Spezies, oleachrysophylla
Lam., kann überdies auch gar nicht die Mutterpflanze sein; denn
obwohl sie der zahmen Art sehr ähnlich ist, so zeigt sie doch
nicht genügend spezifische Uebereinstimmung in den Merkmalen,
um als Stammvater derselben gelten zu können. Schwein furth
hält es daher für richtiger anzunehmen, dass die Olivenzucht von
Syrien aus ihren Ausgang nahm. Zu einem ähnlichen Ergebnisse
kommt Lagarde-j auf Grund sprachforschlicher Studien. Er
findet, dass die hebräische, phönizische, arabische und aramäische
Bezeichnung für den Oelbaum bezw. sein Produkt (zeitu), sowie
die armenische (ze : ) und die ägyptische (t'et-t) zum gemeinsamen
Ausgangspunkt das armenische oder eine diesem nächststehende
Sprache Kleinasiens (vielleicht Ciliciens) haben müssen, und dass
von hier aus das ägyptische und das semitische Wort, das erstere
auf dem Landwege, das letztere auf dem Seewege, entlehnt worden
seien. Er glaubt ferner, dass auch die griechische Bezeichnung
:/.'*'>/ oder Daiov mit dem armenischen Stammwort zusammenhängt.
Auf Grund aller dieser Argumente kann es keinem Zweifel
unterliegen, dass die Olivenkultur vom Orient | Kleinasien) aus
ihren Anfang genommen hat. Als Stammpflanze darf, wie schon
gesagt, mit Sicherheit die wilde Form gelten, deren spontanes
Vorkommen heutigen Tags für Beludschistan, Persien bis Traus-
kaukasien hin, Syrien, Palästina, Bithynien, Cilicien, Thracien,
Macedonien, Griechenland, Italien, das südliche und südöstliche
Spanien, selbst das südliche Frankreich, ferner für Nordafrika
von Tuuis bis Marocco hin festgestellt ist :i ).
') Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. 663.
«) Lagarde in Mittheil. III, S. 214.
3 ) En gl er in Hehn, Kulturpflanzen. S. 116, 117.
13ö XXI. Ebenaccae. — Ebenoxylum verum.
XXL Ebenaceae.
Ebenoxylum verum. Lour. Ebenholzbaum.
Nach Loret's 1 ) Untersuchungen soll der Ebenholzbaum in
Aegypten noch zur Zeit des alten Reiches spontan vorgekommen
sein. Denn von der Periode der Pyramiden her datirt eine sehr
ausgedehnte Nutzanwendung seines Holzes, die ungefähr zur
Zeit der XII. Dynastie ihren Höhepunkt erreichte. Leichenstatuetten,
Stühle, Bettstellen, Koffer, Stöcke, Löffel, Spiegelgriffe u. a. m.
wurden, wie die zahlreich in deu Museen vertreteneu Funde uns
lehren, aus Ebenholz angefertigt. Ebenholzspäne waren überdies
ein übliches Mittel gegen Augenleiden und sind von Theophrast,
Dioscorides und Plinius als solches empfohlen worden.
Diese massenhafte Verwerthung des Ebenholzes hatte das früh-
zeitige Aussterben des Baumes zur natürlichen Folge. Um den
Bedarf zu decken, sah man sich bereits zur Zeit der XVIII. Dynastie
gezwungen, das Holz von auswärts sich zu verschaffen; die
Königin Hatasou z. B. liess sich dasselbe aus dem Lande der
Somalis kommen.
Der hieroglyphische Name' 2 ) für das Ebenholz war habin, ein
Zusammenhang mit dem hebräischen haben oder Jiobnim 3 ), sowie mit
der griechisch-römischen Bezeichnung ebenos ist nicht zu verkennen.
Im Lande der Israeliten wuchs der Baum indessen nicht;
dasselbe deckte seinen Bedarf an solchem Material durch Import
aus dem Süden, wie die Schilderungen des Propheten Hezechiel 4 )
von dem Handel des alten Tyrus beweisen, in denen dieser be-
richtet, dass die Tyrier Elfenbein und holmim aus der Hafenstadt
Dedan (im südlichen Arabien) erhalten hätten.
Zur Zeit desDioscorides 5 ) wurde dem afrikanischen Ebenholz
vor dem indischen der Vorzug gegeben. — In Rom soll Pompeins
im Triumphzuge über Mithridates zum ersten Male Ebenholz
gezeigt haben 6 ).
i) Loret, la flore. 8. 28. 2 ) Loret, ebendas.
3 i Rosenmfiller, Biblische Naturgeschichte. 8. 254.
*) Hezechiel XXVII, 15. ft ) Dioscorides, <!<• mat med. I, 130.
6 ) Plinius, last. nat. XII, 4.
XXII. Rnbiaceae. — Sambucus nigra et Ebulus. 137
XXII. EuMaceae.
/. Sambucus nigra. L. Hollunder, Flieder.
Samen, die in den steinzeitlichen Niederlassungen zu Moos-
seedorf, Robenliausen ' ) und Varese, sowie in den bronzezeitlichen
Terrainaren Parma's aufgefunden wurden, lassen vermuthen, dass
die Bewohner der Schweiz und Oberitaliens in der Vorzeit die
schwarzen Hollunderbeeren einsammelten und vielleicht, wie es
in vielen Gegenden gegenwärtig noch Sitte ist, zu Mus ein-
kochten.
Nach Heer 1 ) gleichen die länglich-ovalen, 5 mm langen und
2 mm breiten, glatten, dicht mit kleinen, in Querrunzeln ge-
ordneten Wärzchen bedeckten Samen ganz und gar den modernen
Früchten.
2. Sambucus Ebulus. L. Attich.
Ebenso wie der eigentliche Flieder scheinen auch die Attich-
beeren in der Küche der Vorzeit Verwendung gefunden zu haben.
Wie Heer berichtet 1 ), kommen sie in den Pfahlbauten zu Moos-
seedorf und Robenhausen ebenso häufig, als die des Hollunder-
flieders vor. Auch in der Niederlassung zu Aggtelek sind sie
nachgewiesen worden. Heutzutage dürften diese Früchte wegen
ihres widerwärtigen Geruches und ihres säuerlichen und bitter-
süsslichen Geschmackes wohl kaum mehr genossen werden. —
Heer' 2 ) giebt noch eine zweite Möglichkeit der Verwendung in
der Vorzeit an, nämlich zum Blaufärben der .Zeugstoffe, denn
die Beeren des Attich enthalten einen blauen Farbstoff.
Die Samen aus den Pfahlbauten messen nach Heer in der
Länge 3 mm, in der Breite 2 mm. Abgesehen von dieser ihrer
geringeren Länge unterscheiden sie sich von den Samen des
Hollunders noch durch ihre stärkere Wölbung am Rücken.
») Heer, Pflanzen. S. 29-
2 ) Heer, ebendas.
138 XXIII. Vaccinieae. — Varc. myrtill. XXIV. Sapotaceae. — Mim. Schimp.
XXIII. Vaccinieae.
Vaccinium myrtillus. L. Heidelbeere.
Das Vorkommen von Heidelbeersamen und Frnchtfragmenten
zwischen den Samen des Mohnes und der Himbeeren zu Roben-
hausen 1 ) beweist, dass die Pfahlbaueru diese Pflanze kannten.
Sehr verbreitet scheint sie damals nicht gewesen oder wenigstens
nicht beachtet worden zu sein; denn die Ueberrestc sind eine
sehr seltene Erscheinung 2 ) unter den vorgeschichtlichen Vege-
tabilien' 2 ).
XXIV. Sapotaceae.
Mimusops Schimperi. Höchst.
Zahlreiche Todtenkrünze und Guirlanden, deren Hauptbestand-
theile Blätter einer Mimusops-Art ausmachen, sprechen für den
Anbau dieses Baumes im alten Aegypteu. — Eine Mumie aus
dem Grabe von Nofert-Sekheru bei Scheich-Abd-el-Qurna (Theben,
XVIII. Dynastie) war von oben bis unten mit Guirlanden aus
Blättern dieser Pflanzen umhüllt 3 ). Nach der Beschreibung, die
Schweinfurth von diesem Funde entwirft, sind die Blätter
zweimal der Quere nach zusammengefaltet, auf Fäden aus
gespaltenen Dattelpalmenblattcrn neben einander aufgereiht, und
mit gleichen Fäden durch lange Stiche zusammengenäht. Altei-
es finden sich hier keinerlei Blüthen oder BIttthentheile in die
einzelnen Blattgrübchen eingefügt, wie es bei den Guirlanden der
alten Zeit der Fall zu sein pflegt. Die ausgewachsenen Blätter
messen in der Länge ohne Stiel, der kurz abgerissen war, 8 cm.
üass diese Blätter trotz ihrer Kleinheit vollständig entwickelt
waren, beweist ein Mimusopszweig aus einem Grabe zu
Gebelm 4 ), au dem zugleich Früchte und Blätter sassen. Auch
>) Heer, Pflanzea S. :ii).
2 ) Prcisselbeersamen ( Vaccinium vitia idacu. L.) sind bisher nirgends unter
den vegetabilischen Ueberresten der vorgeschichtlichen Niederlassungen nach-
gewiesen worden.
3 J Schweinfurth, Neue Funde. S. 197,
4 ) Schweini'tirth, Die letzten botan. Entdeckungen. S. 5.
XXIV. Sapotaceae. — Mimusops Scldmperi. lov
hier zierten die beigesetzten Mumien ähnliche Guirianden aus Blättern
der Mimusops und der Olive; in derselben Weise war dies der Fall bei
der Mumie der Prinzessin Nessi-Chonsou zu Deir-el-Bahari') u. a. m.
Der Todtenkranz galt im Pharaonenreiche, wie bereits an
anderer Stelle erwähnt, als das Symbol für die Rechtfertigung,
den die wandernde Seele am Eingange zum Taser empfängt,
und „dessen Gewinde der Persia, dem Lebensbaum selber ent-
nommen ist. Von ihm aus spendet die mit demselben identificirte
Gottheit der als Vogel (Sperber) mit einem Menschenkopf dar-
gestellten Seele das Lebenswasser, welches derselben die Unsterb-
lichkeit verleiht; mit erhobenen Händen fängt die Seele die herab-
fallenden Strahlen des göttlichen Trankes auf und schlürft ihn
mit Begierde ein'-)." Verschiedene Darstellungen auf den Denk-
mälern versinnbildlichen diesen Vorgang. — Die Mimusopspflanze
selbst war der Isis geheiligt 1 ) und mag aus diesem Grunde
nach Schweinfurth's Vermutlmng in den Tempelgärten der
Göttin gezogen worden sein. Unter den Opfergaben und in den
Händen der Götter trifft man nicht selten ihre Blätter an. —
Zu Dra-Abu-Negga wurden unter den Todtenspeisen auch Samen-
kerne der Mimusops gefunden 4 ).
Die Darstellungen sowohl, als auch Blätter und Fruchtreste
haben den Botanikern zu abweichenden Deutungen Aulass gegeben.
So glaubte Unger*) in einer Abbildung und einigen von Kunth
als Mimusops Elengi L. bestimmten Früchten solche von Corclia
crenata Decand. zu erkennen; Kunth selbst erklärte andere
Samen für solche einer Diospyros- Art, Braun ri ) endlich, dessen
Bestimmung dem wahren Sachverhalt schon näher kommt, trat
für Mimusops Kümmel ein. Jedoch haben es S c h w e i u f u r t h 's 7 )
eingehende Untersuchungen zweifellos festgestellt, dass es sich
in allen Fällen um Theile derselben Art, der im tropischen
Afrika einheimischen Mimusops Schimperi Höchst, handelt. Die
Grösse der Blattstiele, die spitze Gestalt der Blattspreite, die
Grösse und Form der Samenkerne unterscheiden diese Spezies
von der ihr verwandten Art Mimusops Kümmel Br.
Heutzutage ist Mimusops Schimperi aus Aegypteu verschwunden.
ij Ehendas. S. 9. 2) YVönig, Pflanzen. S. 322.
3 ) Plutarch, de Isid. et Osir. S. 548; auch Verhandl. d. Berliner antfarop.
Gesellsch. 1891. S. 657.
4 ) Schwein furth, Nene Funde. S. 198.
*) Unger, Streifzüge IV, S. 113. «) Braun, Pflanzenreste. S. oOl.
7 ) Seh wein furth, Pflanzenreste. S. 364.
140 XXV. Cordiaceae. — Cordia myxa.
Schweinfurth 1 ) fand sie noch wild in Jemen uud nimmt aus
diesem Grunde als Ursprungsland der Pflanze das südliche Arabien
an. Auch in Abessynien und den angrenzenden Landstrecken soll
die Pflanze heutigen Tags noch vorkommen. Im Alterthume scheint
sie dagegen über ganz Aegypten verbreitet gewesen zu sein.
Die griechischen und römischen Schrifsteller, wie T heophrast,
Diodor, Strabon, Plutarch, Plinius, Galen u. a., führen eine
Pflanze, namens persea au, die abweichende Erklärungen von
Seiten der verschiedenen Botaniker erfahren hat. Wir deuten
sie nach Schweiufurth 's Vorgang als Mimusops Schimperi.
XXV. Cordiaceae.
Cordia myxa. L. = Cordia crenata. Delil.
Mehrere Früchte, die in den ägyptischen Museen zu Wien
und Florenz'-) aufbewahrt werden, sowie die Darstellung dieser
Pflanze auf einer in dem Museum zu Wien befindlichen Stele,
deren Deutung in dem U ng e r ' sehen Sinne als Cordia A. B r a u n :t )
zwar einigem Zweifel unterliegt, machen es wahrscheinlich, dass
dieser Baum wegen seiner maulbeerschwarzen Steinfrüchte von
süsslich-schleimigem Wohlgeschmack und wegen seines dauer-
haften Holzes in der Vorzeit in Aegypten angepflanzt wurde.
Die Heimath des Baumes scheinen die oberen Nilländer zu
sein. Nicht so will Schweinfurth''), der denselben aus der
Subhimalaya-Region durch die Araber nach Aegypten eingeführt
sein lässt. — Gegenwärtig trifft man ihn im östlichen Indien
sowohl als in Nubicu, Abessynien und den Gebieten des Gazcllen-
stromes im wildwachsenden Zustande an. Nach den Forschungen
v. Heugliu's 5 ) soll Cordia crenata einen wesentlichen Bestand-
teil der Baumflora in den Nuer-Ländern ausmachen.
Wönig 6 ) vennuthet, dass unter der coccomelea des T heo-
phrast, von der dieser berichtet, dass sie in der Thcbais sehr
häufig sei und dass man aus den getrockneten Früchten Kuchen
bereite, Cordia myxa zu verstehen ist.
') Schweinfurth, (Jeher seine Reise in dem glücklichen Arabien, in Verh.
d. Ges. f. Erdkunde zu Berlin 1889. No. 27; auch derselbe, Aegyptens Bezieh. S. 657.
a ) Unger, Streifzüge IV, 113; Wönig, Pflanzen. S. 332.
8 J Braun, Pflanzenreste. S. 301.
4 J Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. 661.
6 ) v. Heuglin, Reise in d. Gebiet d. weissen Nil etc. S. 108, 112 u. 128.
«) Wöoig, Pflanzen. S. 333.
XXVI. Compositae. — Carthamus tinctorius. 141
XXVI. Compositae.
/. Carthamus tinctorius. L. Safflor.
Dass im alten Aegypten der Safflor Gegenstand eifriger Kultur
gewesen ist, wird durch verschiedene Funde, Abbildungen und
Nachrichten der Alten bestätigt. — Die chemische Analyse,
welche Thomsen an den Mnmienbinden, besonders den äusseren,
von rothbraunem Kolorit angestellt hat, ergab, dass diese Farbe
vom Safflor herrührt ' ). Ueberreste der Pflanze, deren Biuthen
ihren Farbstoff noch vollständig bewahrt haben, sind mehrfach
gefunden worden' 2 ). Die Mumie des Königs Amenhotep I.
(XVI II. Dynastie, um 1600 v. Chr.) war von Blumenguirlanden
eingehüllt, die aus zu kleinen Bündeln vereinigten Blüthentheilen
vom Safflor gewunden waren. Andere Mumien zu Dra-Abu-Negga,
sowie zu Deir-el-Bahari trugen ebenfalls diesen Schmuck 3 ).
In den hieroglyphischen Texten 4 ) wird eine Pflanze als nasi
oder nasti aufgeführt, deren Blüthen zum Rothfärben dienten.
Offenbar ist hiermit der Safflor gemeint. Für das hohe Alter
seiner Kultur im Pharaouenlande spricht die Thatsache, dass
sich das Wort nas bereits in einer Inschrift der Pyramide des
Königs Teti (VI. Dynastie) nachweisen lässt. Als weiterer Beweis
gilt für Schweinfurth 5 ) der Umstand, dass sich speziell in
Aegypten eine lange Reihe von Formen aus der angebauten
Pflanze herausgebildet haben, die man in anderen Ländern ver-
misst. Solche Spielarten, die sich häufig auf den Feldern Aegyptens
vorfinden, scheinen eine Tendenz des Zurückschiagens in die
wilde Stammform zu bekunden, die sich durch sehr dornige Formen
mit pappusgekrönten Achänen zwischen den wehrlosen und völlig
pappuslosen Achänen andeutet. Plinius 6 ) berichtet zwar, dass
>) Unger, Streifzüge IV, S. 113.
2 ) Schweinfurth, Neue Funde. S. 189; derselbe, Die letzten botan.
Entdeckungen. S. 9.
3) Loret, la flore. S. 20.
4 ) Ebendaselbst.
5 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. 665.
6 ) Plinius, bist. nat. XXI, 53.
142 XXVI. Compositae. — Carthamus tinctorius,
der Safflor von den Aegyptern seines Oelgehaltes wegen —
das ans der Pflanze gepresste Oel nennt er oleum euer in um
aegyptiacum — angebaut worden sei, wie dies noch gegenwärtig
im Nilthale der Fall ist, jedoch findet sich in den Texten keine
Andeutung von einer derartigen Ausnutzung der Pflanze.
Die Bezeichnungen für den Safflor in den arabischen Idiomen
sind mehrfache: usf'/ir, ihridh, rnorabu, qorton und kurtum*);
aus den beiden letzten Worten ist offenbar das lateinische
carthamus entstanden. — Das Sanscrit kennt zwei Namen:
cusumbha und kamalottara, ein Zeichen, dass die Kultur der
Pflanze in Indien ebenfalls sehr alt sein muss. Wenn G. Watt -)
hiergegen einwendet, dass der Gebrauch von Safflorblüthen als
Farbstoff in Indien erst neueren Ursprunges ist, so weiss ich
nicht, zu welchem Zwecke denn sonst derselbe in der Vorzeit
dort augebaut worden sein soll. Vielleicht behufs Oelgewinnung,
wie P 1 i n i u s von Aegy pten angiebt. Eine solche Erklärung scheint
mir aber unwahrscheinlich zu sein.
Die grosse Mannigfaltigkeit in den Namen, die der Safflor in den
verschiedenen Sprachen besitzt, drängt zu dem Schlüsse, dass der-
selbe an mehreren Stellen der Erde gleichzeitig in Kultur genommen
wurde. Sein ursprüngliches Gebiet mag sich hiernach von Indien bis
nach Aegypten ausgebreitet haben. Wenn De Candolle :! ) und
Schweinfurth 4 ), der eine Arabien, der andere das nördliche Syrien
und Armenien als Ursprungsland angeben, so ist dieser Bezirk ent-
schieden zu eng abgesteckt, wie unsere bisherige Betrachtung lehrt.
Ob den Griechen und Kömern der Safflor schon bekannt war,
will De Ca nd olle als sehr zweifelhaft hingestellt sein lassen.
Andere Autoren glauben freilich in dem hrihos resp. cnicus der
Alten diese Pflanze gefunden zu haben. Die bereits oben wieder-
gegebene Notiz des Plinius spricht für diese Ansicht. —
Unger's Angabe zufolge soll bereits Homer mit Safflor gefärbte
Gewänder erwähnen.
Als Stammpflanze nehmen De Candolle, Boi ssier, C. B.
Clarkeu. A. Cartliamus oxyacantha M. B. an, Sehweiufurth
hüll es dagegen aus botanischen Gründen für ausgeschlossen,
dass eine solche Annahme haltbar ist. Ihm scheint es wahr-
i) De Candolle, Ursprung. S. 204
*) Sc li w e i ii fu rt li . ebendas.
s) De Candolle, ebendas.
*) Schweinfurth, ebendiiN.
XXVI. Compositae. — Cynara Cardunculus et Lactuca sativa. 143
scheinlicher zu sein, dass Carthamus flavescens W. der Kulturform
den Ursprung gab. Weil sich nun das Verbreitungscentrum
dieser Pflanze hauptsächlich in- Armenien findet, so trägt
Seh weinfurth kein Bedenken, dieses Land für das Hcimaths-
land der Safrlorkultur zu erklären.
2. Cynara Cardunculus. L. Artischocke.
3. Lactuca sativa. L. Salat.
Die Behauptung, dass die alten Aegypter die Artischocke
oder eine dieser verwandte cssbare Distelart angebaut hätten,
müssen wir mit einer gewissen Vorsicht aufnehmen. — Es kommen
auf den Opfertischeu, Fruchttablets und Gemüsekörben der Wand-
gemälde zwar recht oft vegetabilische wurzellose Gebilde vor,
die, wenn sie auch in den Einzelheiten von einander abweichen,
doch einen gemeinsamen Grundzug, die Aehnlichkeit mit einem
noch unentwickelten länglichrunden Blüthenkopf aus dachziegel-
artig übereinander gelegten Schuppen, zeigen. Die Farbe dieser
Gebilde ist in dunkel- oder lebhaftgrün gehalten, die schuppen-
förmigen Blätter sind mehrfach auch mit gelbem Saum versehen.
Der ganze Habitus in der Anordnung der schuppenartigen Blätter,
sowie ihr Kolorit weisen aber darauf hin, dass es sich um eine
in der Entwickelung begriffene Composite handelt '). — Unger' 2 )
sprach diese eigenartigen Formen für Blüthenknospen der Garten-
artischocke, Cynara scolymus L., an; Wönig bezweifelt stark?
dass die Alten die echte Artischocke, die, wie man annimmt,
durch Kultur aus der spanischen Artischocke, Cynara Cardun-
culus L., entstanden sein soll, gekannt hätten und deutet daher
die fraglichen Abbildungen vielmehr als diese ihre Stammform :t ).
Loret 4 ) endlich erblickt in ihnen Aenlichkeit mit den Köpfen
des Gartensalates, Lactuca sativa L. Wenn wir einzelne dieser
Darstellungen, z.B. eine mit ausgebuchteten Blättern ins Auge fassen,
die Wönig freilich nur für den flüchtigen Umriss einer Artischocke
ansieht, so dürfte die Annahme Loret 's wohl viel für sich haben.
Wönig ist ferner der Ansicht, dass alle derartigen Abbildungen
von der am Eingange dieses Kapitels geschilderten Form — und
l) Wönig, Pflanzen. S. 209.
«) Unger, Streifzüge. IV, 112.
3 ) Einzelne Autoren haben diese Gebilde für Zapfen einer Conifere erklärt;
hiergegen spricht aber der gekrümmte Stiel, sowie die Verschiedenheit in der
Darstellung.
4 ) Loret, la llore. S. 31.
144 XXVI. Comnositae. — Cynara Cardunculus et Lactuca sativa.
er hat deren fünfunddreissig verschiedene herausgefunden — nur
Modificatiouen des Grundtypus der Artischocke seien, die bald
sorgfältiger, bald flüchtiger ausgeführt erscheinen. Offenbar
geht Won ig hierin zu weit. Wir dürfen von dieser Fülle
figürlicher Darstellungen einzelne absondern und mit gutem
Recht für solche des Gartensalats ansprechen. Es geschieht
hierdurch dem Vorkommen der wilden Artischocke im Pharaoneu-
reich kein Eintrag. Auch Schweinfurth 1 ) hält das Vorkommen
der Pflanze durch Darstellungen, die bis in die XVII. Dynastie
heraufreichen sollen, für erwiesen. De Candolle geht seiner-
seits sehr skeptisch zu Werke und zweifelt das Vorkommen der
Artischocke in Aegypten überhaupt an.
Plinius -) nennt die Artischocke eine Speise der orientalischen
Völker, eine Nachricht, die immerhin gegen De Candolle in
die Wagschale fällt. — Gegenwärtig ist die Artischocke eins
der bestkultivirten Gartengemüse in Aegypten und bildet hier
ein beliebtes Gericht seiner Bevölkerung 3 ).
Die weite Verbreitung der Cynara Cardunculus an der
Küste des mittelländischen Meeres macht es wahrscheinlich,
dass die Völker des klassischen Alterthumes sie schon als
Gartengewächs gekannt haben (oxoXujjlo? der Griechen). Zur
Zeit des Plinius 4 ) bildeten Artischocken eine Leckerei für die
wohlhabenderen Stände; für ihre Zubereitung giebt Apicius
eine Unmasse Recepte.
Als Vaterland der Cynara dürften, wie schon hervorgehoben,
die Mitteliueerländer anzusehen sein. — Der Lactuca satira,
für deren wilde Stammform Lactuca scariola gilt, schreibt
Schweinfurth 5 ) gleichfalls mediterranen Ursprung zu.
4. Ceruana pratensis. Forsk.
Mehrere aus Gräberfunden z. B. zu Gebelin' 1 ) und Dra-Abu-
Negga 7 ) stammende Besen, die aus den noch mit Blüthenköpfchen
besetzten derben Stengeln dieser Pflanze angefertigt sind, beweisen,
<) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen, s. 662.
*) Plinius, hist. nat. XXII, 43.
3 ) Unger, Streifzüge IV, 112.
«) Plinius, hist. nat. XIX, 43. XX, 9 l J.
*) Schweinfurth, ebendas.
r ') Schweinfurth, Die letzten botan. Entdeckungen 1887. S. 8.
7 ) Schweinfurth, Neue Funde 1884. S. 198.
XXVF.Compositac — Ceruanaprat. — XXVII. Hederaceae.— Cornusinas. 145
dass dieselbe schon in der Vorzeit zu denselben Zwecken Ver-
wendung fand, wie im modernen Aegypten. Heutzutage werden
auf allen ägyptischen Märkten aus solchem Material hergestellte
Handbesen feilgeboten, die sich wegen ihrer Steif 1 ; cit und Derbheit
zum Ausfegen und Scheuein der aus Steinfliessen bestehenden
Fussbüden besonders gut eignen. Das Museum in Gizeh, das
botanische Museum in London und das Völkermuseum in Leipzig
besitzen solche Besen ' ).
Der arabische Name der Ceruana ist gef oder schedul; den
hieroglyphischen Namen kennen wir nicht. — Die Pflanze kommt
gegenwärtig in ganz Aegypten und Nubien vor und findet ihr
Fortkommen besonders auf Nilthon 2 ). Zur Zeit der Fruchtreife
nehmen ihre Stengel eine zähe, holzige Beschaffenheit an.
XXVII. Hederaceae.
Cornus mas. L. Kornelkirschbaum.
Die Kornelkirsche scheint dem überaus zahlreichen Vorkommen
nach za urtheilen in der Vorzeit der südeuropäischen Länder
ein beliebtes Nahrungsmittel gewesen zu sein. Denn dicke
Schichten von solchen Kirschsteinen hat mau in einer ganzen
Iveihe italischer Pfahlbauten aus der neolithischen und Bronze-
periode aufgedeckt. Auch in den österreichischen Niederlassungen
siud solche nachgewiesen worden, merkwürdiger Weise aber
bisher nicht in den Pfahlbauuiederlassungen der Schweiz. —
Noch heute ist die Kornelkirsche in Italien sehr verbreitet, da
ihre Fürchte von den Einheimischen roh verzehrt werden. Eine
gleiche Gewohnheit mögen ihre Vorfahren gepflogen haben. Viel-
leicht verstanden sie es aber auch, wie Parazzi aus einer
ähnlichen Verwendung in der Neuzeit schliesst, aus den ge-
gohrenen Früchten eine Art Wein zu bereiten.
Den alten Griechen war der Kornelkirschbaum bekannt und
wegen seines harten Holzes zur Herstellung von Lanzen sehr
geschätzt. Nur verstanden sie es noch nicht, diesen Baum von dem
Vogelkirschbaum zu unterscheiden, denn sie belegten beide GewäcliM'
') Schweinfurth, Neue Beiträge. S.545; ilerselhc, Pflanzenreste S. 364;
Wönig, Pflanzen. S. 239.
•) Verhandl. d. botan. Vereins d. Mark Brandenburg 1881. S. XVIII.
G. Buschan, Vorgeschichtliche Botanik. 10
14G
XXVII. Ilcderaceae. — Cornus mas.
mit einen und demselben Namen xpctvEia oder xpavsa. — Schon
Homer rühmt die aus Kornelkirschholz angefertigten Lanzen,
die einen Schmuck vorzugsweise seiner arkadischen HeJden auf-
machten. Die Früchte des Baumes scheinen zu seiner Zeit als
menschliche Nahrung nicht gewürdigt worden zu sein; sie
dienten nur zum Mästen der Schweine.
Die vorgeschichtlichen Funde, die von der Beliebtheit der
Früchte als Nahrungsmittel Zeugniss ablegen, sind folgende:
I. Neolithische Periode.
Italien: Pfahlbau zu Casale,
Pfahlbau zu Lagozza,
Pfahlbau zu Sabbione,
Pfahlbau zu Bodio,
Pfahlbau zu Pozzolo,
Pfahlbau zu Arquä-Petrarca,
Niederlassung auf dem Monte Loffa.
Oesterreich: Pfahlbau im Moor zu Laibach.
II. Bronze -Periode.
Italien: Pfahlbau im See von Fimon,
Terrain are zu Castellacio,
Terramare zu Castione,
Terramare zu St. Ambrogio.
III. Eisen -Periode.
Italien: Niederlassungen im Gardasee, zu Gorzano u. a. m.
Die vorgeschichtlichen Steine, die mir zur Untersuchung vor-
lagen, bieten nichts Auffälliges. Ihre Grösse schwankt, wie die
folgende Zusammenstellung zeigt, zwischen 8 und 14 mm.
Fnudort.
Peschierra . .
Monte Lofla
Castellacio .
St. Ambrogio
Zeit.
Mittel in mm.
Länge. Breite.
Der grösste Stein
in mm.
Länge. I Breite.
Der kleinste Stein
in mm.
Länge. I Breite.
E.
10,9
5,6
11,6
4,8
8,0
N.
11,4
5,1
13,6
4,8
0,6
li.
12,0
5,6
—
Ii.
14,2
6,4
14,4
6,4
i
4,8
4,8
Als lleiinalhsland der Kornclkirschc dürften die südlicheren
Landstrecken des gemässigten Europa zu betrachten sein.
XXVIII. Unibelliferae. — Anetliuin et Apium graveoleus. 14'
XXVIII. Umbelliferae.
1. Anethum gravcoln*. L. Dill.
Der Dill scheint in den Gemüsegärten der alten Aegypter
angebaut worden zu sein; denn er wird in den medizinischen
Papyrus (Ebers) als Mittel gegen Kopfschmerzen und zur Er-
weichung der Armgefässe empfohlen. Sein hieroglyphischer
Name war ammisi*). — Pflanzenreste fanden sich bisher nicht
in den Gräbern.
Die Israeliten bauten den Dill gleichfalls in ihren Gemüse-
gärten an, wenigstens zur späteren Zeit' 2 ).
2. Apium graveolens. L. Sellerie.
Eine Mumie aus den Gräbern zu Scheich-Abd-el-Qurna 3 ) trug
unter dem Halse ein im Halbkreis auf der Brust ausgebreitetes
Blumengewinde, das sich aus Lotusblüthen und -Blättern, sowie
blühenden Zweigen der Sellerie zusammensetzte und mit Papyrus-
fasern umschnürt war. Durch diesen Fund ist der Beweis für
das Vorkommen der Pflanze im alten Aegypten erbracht. —
Schweinfurth macht gelegentlich der Erwähnung dieser Grab-
guirlanden auf die bei Griechen und Römern gleichfalls bestehende
Sitte, Sellerie bei Leichenfeierlichkeiten zu verwenden, auf-
merksam, worauf auch die Redensart asXt'vou Ssitai als Bezeich-
nung für einen bevorstehenden Tod zurückzuführen ist,
In der Odyssee und bei Theophrast 4 ) geschieht der Sellerie
bereits Erwähnung-, jedoch dürfte hier nur die wildwachsende
Pflanze gemeint sein. Erst Dioscorides 5 ) und Plinius 6 )
sprechen von wildwachsender und angebauter Sellerie.
Die Untersuchung, welche S c hwe i n f u r t h an seinem ägyptischen
Material angestellt hat, ergab, dass es sich bei diesem gleichfalls
um die wildwachsende Art handelt, die in Aegypten an nassen
Orten, an den Ufern der Kanäle und unter dem Schatten der
') Loret, la flore. S. 32.
2) Evang. Mattli. XXIII, 23.
3 ) Schweinfurth, Die letzten hotan. Entdeckungen. S. i;i.
4 ) Theophrast, de cans. pl. VII. 6.
6 ) Dioscorides, de mat, med. III, G7 u. I.
6 ) Plinius, hist. nat. XIX, e. 7.
10*
US XXVIII. Umbelliferae. — Pastinaca sativa et Cuminum cyminum.
Bäume in Gürten ziemlich häufig angetroffen wird und der vor-
geschichtlichen Art vollständig gleicht.
3. Pastinaca sativa. L. Pastinak.
Das Vorkommen von Pastinakflüchten in den Pfahlbauten
von Moosseedorf 1 ), Fontancllato und Mercurago macht die An-
nahme sehr wahrscheinlich, dass die vorgeschichtlichen Bewohner
der Schweiz und Oberitaliens in dieser Pflanze ein Gemüse be-
sessen haben.
Als Heimath dürften dieser urzeitlichen Verbreitung zufolge
die Mittelmeerländer anzusehen sein.
4. Cuminum cyminum. L. Mutterkümmel.
Der Mutterkümmel scheint eine alte Kulturpflanze der östlichen
Mittelmeerländer gewesen zu sein. Nach Dioscorides *) erzeugte
Aegypteu, besonders das Nildelta, den besten Kümmel, dem
Hippocrates sogar die ehrenvolle Bezeichnung Königskümmel
beilegte. Am persischen Hofe war gleichfalls äthiopischer Kümmel
beliebt 3 ).
Die semitischen Bezeichnungen 4 ), hebräisch l-ammon, arabisch
kammün, gaben den griechischen und römischen Worten xöjmvov
und cuminum (desgleichen den althochdeutschen chumin und
altrussischen kjumenü) den Ursprung. — Galatien und Cilicien,
desgleichen die Umgegend von Tarent, sowie Carpetania in
Spanien zeichneten sich im Alterthum durch ihren guten Kümmel
aus, der bei Griechen und Kömern in gleicher Weise nach
den Angaben der Alten als Gemüse beliebt war 5 ).
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Mutterkümmels
scheinen hiernach die Mittelmeerländer zu sein"). Im wilden
Zustande ist die Pflanze bisher aber nur in Turkestan an den
Ufern des Kisilkim gefunden worden 7 ).
5. Daums carota. L. Mohrrübe.
Die einzigen Uebcrreste, die für den Anbau der Mohrrübe in der
Vorzeit sprechen können, stammen aus der Pfahlbaute von lloben-
hausen").
') Heer, Pflanzen. S. 22.
2 ) Dioscorides, de mat. med. III, Cd ; auch P 1 in ins, liist. nat XIX. 1dl.
3) Polyaenus Strat IV. 3, 22; nach Holm, Kulturpflanzen. S. 204.
il ) II c h ii, ebendas.
ft ) Dioscorides, de mat med. III. Gl; Theophrast, bist pl. VII, 3;
IX, 2; IM in ins, hist. nat. XIX, li;i.
,; ) Schweinfurth, Aegyptena Beziehungen. S. <rj-'.
7 ) Englcr in Hehn, Kulturpflanzen, S. 205. *l Heer, Pflanzen. 8. 22-
XXVIII. Unibclliferae. — Caruni carvi, Coriandrum sativ.ct Pimp. Anisuiu. 149
6. Carum carvi. L. Gemeiner Kümmel.
Da Samen dieser Pflanze in der Pfahlbaute von Robenhausen
vorkommen und überdies dieselbe zur indigenen Flora des
mittleren Europa gebort, so ist anzunehmen, dass der Kümmel
den Pfahlbauern als Gewürz bereits bekannt war.
7. Coriandrum sativum. L. Coriander.
Der Coriander war ein Haupterzeugniss der ägyptischen
Kücbengärtcu ' ) ; denn der ägyptische Coriander galt für der
beste im Altcrthume, wie PI in ins' 2 ) hervorhebt. Der hiero
glyphische Name für die Pflanze hiess ounshävu (wenshivu),
für die Samenkörner ounslü. Wie einige Funde, z. B. zu Deir-
cl-Babari 3 ) (XXII. Dynastie) undHawara 4 ) (griechisch-römische
Periode) u. a. m., sowie verschiedene Darstellungen, von denen
die älteste bis in die Zeit der V. Dynastie zurückreicht, bezeugen,
geborten die Samen zu den Opfer- und Todtengaben. Ausserdem
standen dieselben im Kufe eines anregenden und belebenden
Mittels, zumal wenn sie mit Wein angesetzt waren. Die Medizin
endlich machte von ihnen einen ausgiebigen Gebrauch gegen die
verschiedenartigsten Krankheiten der Leber, des Darmes, der
Augen etc. 5 ).
Den Israeliten war der Coriander ebenfalls bekannt; sein
hebräischer Name hiess gad, ein Wort, welches an piS anklingt,
nach Dioscorides' 5 ) die Bezeichnung der Afrikaner für die
Pflanze. An zwei Stellen 7 ) des alten Testamentes werden die rund-
lichen Samen der Pflanze mit der Gestalt des Manna verglichen.
Der Coriander ist mediterranen Ursprunges und scheint, wie
Schweinfurth annimmt, von Syrien aus nach Aegypten Ein-
gang gefunden zu haben.
8. Pimpinella Anisum. L. Anis.
Wenn auch bisher keine Funde aus den Gräbern vorliegen,
so steht doch fest, dass der Anis im alten Pharaonenlande Kultur-
pflanze gewesen ist. Dioscoridcs*) und Plinius 9 ) berichten,
dass der beste Anis im Altcrthume der von Crcta gewesen sei,
dass aber der aus Aegypten ihm ziemlich den Rang abgelaufen
habe. Einheimisch war die Pflanze jedoch in Aegypten nicht;
i) Prosp. Alpimis, de plant. Aeg. c. 42. 2 ) Plinius, bist. nat. XX, 20.
3 ) Schweinfurth, Pflanzenreste! S. 359.
♦) Loret, recherches No. VI— IX. 5 ) Ebendaselbst
«) Dioacorides,.de mat. med. III, 61. *] ■>. Mos. XVI, 31; 4. Mos. XI, 7
8 ) Dioseoridcs, de mat., med. III, 58- 9 ) Plinius, bist. nat. XX, 73.
150 XXIX. Chenopodiaceae. — Chenopodium album.
ebensowenig wie sie es heute hier ist. Luret') verniuthct als
Zeitpunkt der Einfühlung- den Beginn der XVIII. Dynastie. Die
hieroglyphischen Bezeichnungen scheinen nach Loret mäquQt
und mähi (das letztere für einen Theil der Pflanze) gelautet zu
haben. Im Papyrus Ebers (XL, 4 — 5) wird rnäquai als
Stoniachicum empfohlen.
Im spontanen Zustande hat mau, wie schon gesagt, den Anis
bisher in Aegypten noch nicht angetroffen, Avohl aber auf Cypern,
Chios und in Böoticn. Als Knitarpflanze wird er nach Schwcin-
furth's und Figari's Angaben allenthalben in Obcriigypten
angebaut' 2 ).
XXIX. Chenopodiaceae.
Chenopodium album. L. Melde, Gänsefuss.
Das massenhafte Vorkommen von Chenojwäium-Samen in der
Pfahlbaute zu Robenhausen 3 ) lässt den Schluss wahrscheinlich
erscheinen, dass dieselbeu in solcher Mächtigkeit unmöglich durch
Zufall unter die Nahrungsmittel gelangt sein können, sondern
von den Pfahlbauern in irgend einer Absicht eingesammelt
worden seien. Die modernen Verhältnisse dürften uns über
den Zweck, zu welchen die Samen des Gänsefusses hier
aufgespeichert lagen, Aufschluss gewähren. In Südostrussland
besteht zu Zeiten einer Hungersnot!) noch die Sitte, die Samen
von Chenopodium als Surrogat für Brod zu einem Teig zu ver-
backen, das nach der chemischen Untersuchung von Salkowski
ein au Eiweiss und Fett reiches Nahrungsmittel abgeben soll 4 ).
Hiernach dürfen wir auch wohl für die Vorzeit annehmen, dass
die Pfahlbaucrn die ChenopodiumSsLm&a zu dem gleichen Zwecke
einsammelten und benutzten. Möglicher Weise bauten sie die
Pflanze deshalb zeitweilig auch an. — Nach dem Berichte von
Philipp in Santiago 5 ) wird heutigen Tags in Bolivia, Chile
und anderen Orten Südamerikas Chenopodium Quinoah. sowohl
der Samen wegen, die man als Suppe oder auch anzubereitet, gc-
nicsst, als auch der Blätter wegen, die eine ähnliche Zubereitung wie
bei uns der Spinat erfahren, vielfach angebaut. Der gleiche
Gewährsmann citirt eine Stelle aus Rosenthal, synops. plant,
diaphoric, S. 211, wonach diese Pflanze auch in Deutschland in
neuerer Zeit zum Anbau komme.
•) Loret, recherches No. XIII— XIV. 2 ) Ebendaselbst
3) Praehist. Varia 1889. S. 9; Verhdl. d. Berliner autln-. Geaellech. L898. 8.228.
4) Verhandl. ebendas. 1S92. S.506. 6 ) Verhandl. oI.cihI.is. 1SU3- S. 552.
XXX. Portulaceae. — Portulaca oleracea. 151
XXX. Portulaceae.
PortuLacä oleracea. L. Portulak.
Aus dem Vorkommen des hieroglyphischen Namen makhmaJchai
und dem Anklang desselben an die moderne koptisebe Bezeichnung
für Portulak, mehmouhi, scbliesst Loret '), dass dieses Gewächs
den alten Aegyptern als Färbepflanze bekannt gewesen sein
müsse. Diese Annahme gewinnt an Wahrscheinlichkeit durch eine
Mittheilung des Apulejus, dass die ägyptische Bezeichnung für
Purpur mothmutim heisse, ein Wort, das auch auf einen Zu-
sammenhang mit mehmouhi hindeutet.
XXXI. Cucurbitaceae*).
1. Citrullus vulgaris. Sehrad. var. eoloeynthoides. Schwf.
= Cucurbita Citrullus. L., Cucumis Citrullus. L. Wassermelone.
Die Wassermelone gilt für ein spezifisches Gewächs der
oberen Nilländer, im besonderen des tropischen Afrika. Somit
darf es nicht auffällig erscheinen, dass sie uns auf den Denk-
mälern Aegyptens überaus häutig entgegentritt, bald als Opfer-
gabe, bald als Erfrischungsmittel, das die Diener auf Tabletts
herumreichen 3 ).
Im Sarg des Priesters Neb-Seui zu Deir-el-Bahari konnte
Schweinfurth 4 ) zwischen Deckel und Mumie zum Theil noch
i) Loret, la flore. S. 32.
2 ) Nach Wo n ig 's Beobachtungen (S. 207) haben die ägyptischen Künstler
auf (las Kolorit der Gurken und Melonen in den Darstellungen fünf Farben
verwandt: grün, gelb, braun, roth und weiss. „Die Gurken prangen durch-
gängig im saftigsten Grün; bei den Melonen thcils grün, theils hellbraun oder
inattgelb und braun oder roth umrissen, sind die Rippen durch braune Linien
angedeutet. Werden Gurken im überreifen Zustande dargestellt, dann /.eigen
sie als Charakteristicum eine gelbe Spitze, Flaschenkürbisse dagegen eine
weisse Unterseite".
3) Unger, Streifzüge IV, S. 124.
4 ) Schweinfurth, Pflanzenreste, S. 361.
152 XXXI. Cucurbitaceae. — Citrullus vulgaris var. colocynthoides.
vollkommen erhaltene Blätter der Wassermelone nachweisen, die
beim Auflösen in heissem Wasser ihr intensives Grüu entfalteten.
Wegen der auf der Epidermis noch sichtbaren Knötchen und
Schwielen entschied sich Schweinfurth für die Bestimmung
var. colocynthoides, eine minder entwickelte Form der eigentlichen
Wassermelone, die gegenwärtig in Aegyptcn unter der Bezeich-
nung (jjürma wegen des Oclgehaltes ihrer Samen vielfach an-
gebaut wird. — In einem anderen Grabe zu Theben wurden
auch Samen dieser Spielart nachgewiesen. Au einer ebendaselbst
unter den Grabbcigabeu aufgefundenen Kauke liess sich die
Spezies nicht genauer feststellen.
Der hieroglyphische Name für die Wassermelone war bont-
touka, im Koptischen als bettuJce erhalten '). Ein Zusammenhang
dieses ägyptischen Wortes mit den arabischen Bezeichnungen
batteik, Lattich und batteca' 1 ) einerseits, sowie der hebräischen
battichim andererseits ist nicht zu verkennen. Die Pflanze ge-
hörte zu den ägyptischen Früchten, nach denen sich die Israeliten
bei ihrem Zuge durch die AVüste zurücksehnten 3 ). (Luther über-
setzt das Wort batticliim an dieser Stelle irrthümlich mit Pheben,
(1. h. Kürbis, entstanden aus pepo.)
Als Heimat der Wassermelone gilt allgemein das äquatoriale
Afrika; Livingstone und Brown haben sie daselbst, im
oberen Nilgebiet sowie im Westen und Süden Afrikas, im wilden
Zustande angetroffen" 1 ). Schweinfurth dehnt ihr ursprüngliche^
Verbreitungsgebiet nördlich bis nach Acgypten hinauf aus - '').
2. Lagcnaria vulgaris. Ser. Flaschenkürbis.
= Cucurbita Lagcnaria L.
Die Früchte dieser Kürbisart, jene höchst charakteristischen
bald Haschen-, bald kculen- oder kugelförmigen Gebilde, die
man noch heute überaus häufig auf den Märkten der Mittelmeer-
länder antrifft, kommen in den ägyptischen Gräbern nicht gerade
selten vor. So hat man sie verschiedentlich in den Gräbern zu
•) Loret, la flore. S. 33.
»J 13 raun, Pflanzenreste. S. 303.
3) 1. Mos. V, 11.
4 ) Wönig, Pflanzen. 8. 202; Braun, ebeudaa.; Eugler in Helm.
Kulturpflanzen. S. 312.
6 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. 656.
XXXI. Cucurbitaceae. — Lagenaria vulgaris et Cucumis Melo. 15o
Dra-Abu-Negga beobachtet 1 ). — Auch Samen einer Cucurbitacee
haben sich unter den pflanzlichen Ucberresten erhalten. Loret* 2 )
spricht einzelne derselben, die sich in der Passalacqua'schen
Sammlung befinden, und die nach Kunth's Bestimmung weder
dein Kürbis noch der Melone oder Gurke angehören, als solche
des Flaschenkürbis an. — Mehrfache Darstellungen auf den
Wandgemälden lassen nicht leicht eine Missdeutung zu.
Das frühzeitige Auftreten unserer Pflanze im alten Aegyptcn
macht es wahrscheinlich, dass ihre Heimath in diesem Lande
selbst zu suchen ist. Andererseits aber drangt ihr nicht minder
hohes Alter in Indien — im Sanscrit wird sie als ulavu von
einer anderen bitteren Art, luitu-tiimbi bereits unterschieden' 1 ) —
zu der Annahme einer ursprünglichen Verbreitung bis Südasien
hin. — Im 1. Jahrhundert n. Chr. erscheint der Flaschenkürbis
in cinoin chinesischen Werke von Tschong-tsclii-schu.
3. Cucumis Melo. L. Melone.
Die gemeine Melone, kenntlich an ihren eiförmig-kugeligen
gerippten oder gefurchten Früchten, begegnet uns vielfach unter
den altiigyptischen Darstellungen 4 ). Die grosse Abwechselung
in der Form lässt indessen nicht immer eine sichere Entscheidung
zu, ob damit diese Spezies oder ihre Abart, die Agyur-Nelonc
gemeint ist.
Der ursprüngliche Verbreitungsbezirk der Pflanze scheint
derselbe, wie der der übrigen gurkenartigen Gewächse gewesen
zu sein und sich von Aegyptcn bis nach den westlichen Land-
strecken Indiens erstreckt zu haben*).
4. Cucumis Chate. L. Aggur.
Mehrfache Darstellungen auf den Bildwerken 6 ) sprechen da-
für, dass auch diese Kürbisart, die der vorigen sehr nahe steht,
in Aegyptcn Gegenstand der Kultur gewesen ist. Die lateinische
') Schweinfurth, Pflauzenreste. S. 361; derselbe, Neue Funde S. 198.
2 ) Loret, ia flore. S. 3-4.
3 ) Wonig, Pflanzen. S. 28-1.
4) Wönig, Pflanzen. S. 206.
6 ) De Candolle, Ursprung. S. 362; llöek, Nälirpflanzen. S. 2S;
Engler in Ilehn, Kulturpflanzen. S. 312.
6) Wönig, Pflanzen. S. 201.
154 XXXI. Cucurbitaceae. — Cucumis Chatc et Momordica Balsamiaa.
Bezeichnung Chate, die Linne der Pflanze gab, scheint von dem
arabischen qatta hergenommen zu sein ' ). Dieses Wort kehrt auch
in den hieroglyphischen Texten als qadi wieder, womit ein „auf
dem Bauche sich hinrankendes Gewächs" gemeint ist. — Das
hebräische Wort lüschuim, die Bezeichnung für eine kürbisartige
Frucht (Luther begeht auch bei der Wiedergabe dieses Wortes
den Fehler, es mit Kürbis zu übersetzen), die mit der Wasser-
melone zusammen an der schon öfters citirten Stelle aus dem
Pentateuch vorkommt, wird gleichfalls als Cucumis Chate gedeutet.
Beiläufig sei noch erwähnt, dass ein an die koptische Be-
zeichnung für Cucumis sativa, shoobe oder shöbe anklingendes
Wort sich im Altägyptischen als slioupi vorfindet, das möglicher
Weise gleichfalls die Gurke bedeuten kann - '). Unter solcher Vor-
aussetzung, die freilich zur Zeit noch fraglich erscheint, würde
das Vorkommen dieses Gewächses im Pharaonenlaude wahr-
scheinlich gemacht sein.
Das Ursprungsland der Aggurgurke ist Aegypten selbst, wo
auch nach der Annahme Schwein furth's die ersten Kultur-
versuche mit der wildwachsenden Pflanze angestellt worden sein
sollen 4 ).
6. Momordica Balsamina. L. Springgurke.
Das Vorkommen der Springgurke im alten Aegypten ist bisher
nur eine wenig begründete Vermuthung, die auf der Angabe von
Pickering beruht, der sie auf alten Wandmalereien an ihrem
tieflappigen, kletternden Laubwerk erkannt haben will r '). Heut-
zutage gehören mehrere Momordica- Arten [M. Balsamina L.,
M. Elaterium L. und M. cylindria L.) der ägyptischen Flora an 6 ).
Ein im 2. Buche der Könige 7 ) als pakkuoth angeführtes
schlechtscbmcckcudes Rankengewächs wird von Kosenmüller 8 )
als Springgurke gedeutet.
>) Loret, la flore. S. 33.
*) Braun, Pflanzenreste. 8. :'»o;}.
3 ) Lore t, ebendas.
4 ) Engler in Helm, Kulturpflanzen. S. :>r.'.
6) Ungcr, Streifzüge IV, S. 125.
<*) Wönig, Pflanzen. 8. 206 u. f.
T) 2. Könige IV, 30.
8 ) Rosen mfi 11 er, Bibl. Naturgeschichte. S. 127.
XXXII. Granateae. — Punica Granatum. 155
XXXII. Granateae.
Punica Granatum L. Granatbaum.
Der Granatäpfelbaum war für die Bewohner des alten Aegypten
ein wichtiges Kulturgewächs. Seine Einführung seheint in
den Beginn des mittleren Reiches zu fallen, denn der älteste
Nachweis des Baumes stammt aus der Zeit der XII. Dynastie.
Es sind dies Früchte, die in einem der Gräber zu Dra-Abu-Negga
gefunden wurden'). Loret' 2 ) hingegen nimmt als Zeitpunkt der
Einführung erst die XVII. Dynastie, also den Beginn des neuen
Reiches an, wobei er sich auf die erste Erwähnung des Baumes
beruft, die aus dieser Periode stammt und sich in den hiero-
glyphischen Texten (Grab des Anna, der unter Touthmer I. starb)
vorrindet. Offenbar muss ihm hiernach der Fund aus Dra-Abu-
Negga unbekannt geblieben sein. Wir gewinnen im Gegentheil
den Eindruck, dass zur Zeit der XVIII. Dynastie sich der Granat-
baum auf ägyptischem Boden bereits eingebürgert hatte, denn
er erscheint damals schon auf den uns erhalten gebliebenen
Grundrissen von Garten- und Villenanlagen (Tell-el-Amarna) 3 ).
Für den Rcichthum des Landes an Granatbäumen spricht ferner
jene Stelle aus dem Pentatcuch 4 ), an der es heisst, dass die
Israeliten murrten, weil Moses sie in ciue Wüste gelockt habe,
woselbst es weder Granatäpfel noch Weintrauben gäbe, die sie
in Aegypten vordem in Fülle genossen hätten.
Zahlreich sind im übrigen die Darstellungen der Pflanze auf
den Wandgemälden aus den verschiedensten Epochen 5 ). In
ziemlicher Naturtreue repräsentirt sich dieselbe auf diesen bald
als Fruchtbaum, bald als blühender Strauch. Im ersteren Falle
behängt der Künstler an dem Baume, unter Beiseitelassen dergrünen
Blätter, das braune Geäst mit rothgclben Blüthen; im anderen
Falle umkleidet er ihn wieder mit üppigem Blattgrün und
') Schweinfurth, Die letzten botan. Entdeckungen. S. 7.
2 ) Loret, la flore. S. 34.
3) Wönig, Pflanzen. S. 324.
4) 4. Mos. XX, 5.
5 ) Unger, Streif'züge IV, S. 130 und Wönig, ebendas.
156 XXXII. Granateae. — Punica Granatum.
schliesst das Ende eines jeden Zweiges mit einer glockenförmigen
Blüthc ab.
Von vegetabilischen Resten der Pflanze seien Bltithen erwähnt,
die in einem Grabe zu Scheich-Abd-el-Qnrna 1 ) aufgedeckt wurden.
Sic hatten hier das Material zu den Sargguirlanden abgegeben;
jedoch fehlen ihnen die Kronenblätter, die Stiele und meistens
auch die Staubgefässe. Um sie dennoch zu Guirlaudenzweckeu
brauchbar zu machen, waren den Blüthenkelcheu kleine Holz-
stäbchen als passender Ersatz für den Stiel aufgesetzt worden.
Ferner haben uns die' Gräber, wie schon erwähnt, auch Grauat-
frtichte aufbewahrt' 2 ). Nach der Beschreibung von A. Braun 3 )
sind dieselben etwas kleiner und einfacber gebaut als die heutigen
Aepfel. Während nämlich die letzteren gewöhnlich 6—8 Fächer
besitzen, haben die antiken deren nur 4-6. Eine am Sinai 4 )
zur Zeit noch vorkommende Granatäpfelart soll dieselbe Klein-
heit der Früchte aufweisen, wie die vorgeschichtlichen. — Granat-
äpfel erscheinen öfters auf den reichbcladeucn Opfertischen der
Grabgemälde.
Der hieroglyphische Name für die Mauze soll nach Wönig*)
tet, teb oder tep, nach Loret 6 ) dagegen arkmani gewesen sein.
Der Granatbaum gehörte zu den Fruchtbäumen des den
Israeliten verheissenen Landes 7 ). Dass er hier nicht ursprüng-
lich einheimisch gewesen, sondern eingeführt worden ist, geht
daraus hervor, dass die alttestamentlichen Schriftsteller — die
hebräische Bezeichnung ist rimmon — ihn stets nur als angebaute
Art anführen 8 ). Trotzdem gewann das Gewächs in Palästina
sehr bald grosse Verbreitung; der Reichthum au Granatbäumen
nahm hier so überhand, dass viele Ortschaften des Landes ihren
Namen von seinem Anbau erhielten 9 ): so Rimmon im Stamme
Juda 1 "), im Stamme Benjamin 1 ') und im Stamme Scbulou 1 ' 2 ),
1 ) Seh wei u l'u rth , Pflanzen res te. S. 35!) u. f.
■*) Schweinfurth, Neue Funde. 8. 189.
3 ) Braun, Pflanzenreste. S. 307.
4 ) Schweinfurth, Neue Beiträge. S. 546.
ft) Wonig, Pllaiizcn. S. 324.
6) Loret, la llorc. S. 34.
T) 5- Mos. V, 8.
») De Candolle, Ursprung. S. 297,
9 ) Posen nni I ler, Biblische Naturgeschichte. 8. '.'7:'..
««') Josua XV, 32.
11) 1. Samuel XIV, 2.
«) l. Paralipom. VII, 77.
XXXII. Granateae. — Punica Granatum. 157
ferner Gatk-Riininon (d. h. Kelter der Granate) im Stamme
Manasse ' ) und Dan' 2 ) — Im Kultus der Hebräer spielten die
Blüthe und die Frucht des Granatbaumes eine bedeutungsvolle
Rolle 3 ). Die Priester mussten, weun sie ins Heiligthum eintraten,
ein Kleid anlegen, an dessen Saume Granatäpfel hingen; die
Säulen im salomonischen Tempel trugen Verzierungen in Gestalt
pyramidenförmig aufgeschichteter goldener Granatäpfel u. a. m.
— Eine practische Verwendung fanden die Früchte, ausgenommen
dadurch, dass sie im frischen Zustande zur Nahrung dienten, noch
in der Weise, dass man aus ihnen eine Art Most presste 4 ). Besonders
in den Ortschaften Gath-Rimmon scheint dieser Industriezweig aus-
gebildet gewesen zu sein; denn Gath-Rimmon bedeutet „Kelter
der Granate". Philostratus berichtet in ähnlicher Weise
von Erythrae in Jonien, dass die hier angebauten Granaten
einen weinartigen Saft als Getränk abgäben. Dioscorides 5 ) ge-
denkt gleichfalls des aus reifen Früchten gepressten Granatweines.
Das hebräische Wort rimmon ist offenbar stammverwandt
mit dem arabischen mmän oder rumin, dem altägyptischen
arhmanl sowie dem davon abgeleiteten koptischen erman oder
herman 6 ). Es ging ferner (durch Umwandlung des einen m in
ein Digamma) ins Griechische über und wurde hier zu pijxßai,
worunter Hesychius eine Sorte grosser Granatäpfel versteht 7 ).
Bei den Griechen führte der Baum später den abgekürzten
Namen poia oder poa\ es kommt aber noch eine andere Be-
zeichnung für ihn recht häufig vor, die De Candolle 8 ) für
pelasgischcn Ursprunges hält, nämlich aiö/j. — Ob dem
homerischen Zeitalter der Granatapfelbaum bekannt war, ist
fraglich. Der Dichter erwähnt ihn zwar an einer Stelle des
jüngeren Werkes, der Odyssee 9 ), indessen werden diese Zeilen
von den Philologen allgemein für spätere Einschiebsel erklärt.
Dem Herodot dagegen waren der Baum und seine Frucht sehr
wohl bekannt. Erst einmal auf dem griechischen Festlande ein-
geführt, gedieh der Granatbaum hier sehr bald in erfreulicher
•) Josua XXI, 25.
2) Josua XIX, 55-
3) 4. Mos. XVIII, 22; 2. Mos. XXVIII, 34; 1. Reg. VII, IS
*) Hohes Lied, Salom. VIII, 2.
6 ) Dioscorides, de mat. med. V, 34.
6) Lorct, la flore. S. 34.
7 ) Hehn, Kulturpflanzen. S. 573.
8) De Candolle, Ursprung. S. 297.
9) Hohier, Odyssea VII, 115 u. f.
lo8 XXXII. Granatoae. — Punica Granatum.
Weise. Wie grosse Anerkennung seiner Frucht zu Theil wurde,
beweisen eine Anzahl Städte- und Ortschaftsuamen, die, wie es
in Palästina der Fall war, von dem dort schwunghaften Anbau
des Granatapfels (oi'ötj) abzuleiten sind. Hehn 1 ) führt deren
folgende als Beispiel an: Side (Stadt in Lakonien und Painphylien),
Sidene (Stadt und Ortschaft in Troas, desgleichen in Lycien),
Sidus (Flecken bei Koriuth und Hafenort in Megaris, ferner Dorf
bei Klazonienä und Erythrä), Sidussa (in Jonien) u. a. m. Einzelne
dieser Ortschaften werden von den Schriftstellern ausdrücklich
als äusserst ergiebig an Productiou von Granatäpfeln geschildert.
Wie die stattliche Anzahl der auf die Granatäpfelzucht bezug-
nehmenden Ortsnamen beweist, lief auch Kleinasieu in dieser
Hinsicht dem griechischen Festlande keineswegs den Rang ab.
— Theophrast' 2 ) beschreibt ziemlich deutlich die Kultur des
Baumes. Er führt bereits herbe und süsse Aepfel, ferner solche
mit uud ohne Kerne an etc. Dioscorides enthält sich zwar einer
Beschreibung des Baumes, erwähnt aber die medizinischen Eigen-
schaften seiner Blüthen und Schalen. Er unterscheidet den
kultivirten Baum als xuxivo? von dem verwilderten, ßaXauottov. —
In der Mythologie der Griechen, besonders im Kulte der Hera
spielte der Granatapfel eine grosse Rolle. Es genüge in diesem
Punkt auf Hehn 's detaillirte Ausführungen zu verweisen.
Die religiöse Bedeutung der Frucht mag es auch gewesen sein,
die die Veranlassung zur Verbreitung des Baumes nach Süditalien
gegeben hat. Von den campanischen Griechen mögen dann weiter
die Römer Kenntniss erhalten.haben, uud zwar zu einem Zeitpunkt,
der mit der Einführung der zahmen Olive nach Mittelitalien
zusammenfällt 3 ). Auch von den Römern wurde der Granatfrucht
dieselbe Wichtigkeit im Ritualkultus beigelegt, wie von den
Griechen. Thönernc Nachbildungen von Granatäpfeln zugleich
mit sonstigen Früchten ähnlicher Votivbestimmung wurden zahl-
reich in uuteritalischeu, hauptsächlich nolanischen Gräbern, aufge-
funden 4 ). — Trotzdem das Klima Mittelitaliens dem Anbau des
Granatapfels nicht gerade günstig gewesen sein mag, so gewann
derselbe doch immerhin unter diesem Himmelsstrich ziemliche
Verbreitung. — Cato 5 ), zu dessen Zeiten der Baum schon alltäglich
war, spricht von seinen wurmabtreibenden Eigenschaften. Zu
• ) Hehn, Kulturpflanzen. 8. 234 u. f.
*) Theophrast, de caus. plant II, 7 u. a. a. O.
3 ) cfV. oben S. 133 j auch Schwendener, Kulturpflanzen. S. 25.
•) Hehn, Kulturpflanzen, 8. 236. ft ) Cato, de re rast 127.
XXXII. Granatcae. — Punica Granatum. 159
PI in i us Zeit lieferte Carthago die besten Granatäpfel; es mag
dieser Umstand sicherlich zu der ungerechtfertigten Bezeichnung
malum punicum Veranlassung gegeben haben. Auf den pompe-
janischen Wandgemälden findet sich der Baum öfters dargestellt 1 ).
— Vegetabilische Ueberreste hat man meines Wissens aber
nirgends bisher aufgefunden.
Die Frage nach der Herkunft des Granatapfels ist nicht so
leicht zu erledigen. Wie Schweinfurth* 2 ) ausführt, bieten sich
in dieser Hinsicht zwei Möglichkeiten dar: entweder stammt der
Baum aus Persien bzw. dem Nordwesten von Vorderindien oder
aus dem südlichen Arabien. Für Europa kommt die Frage nach
dem Indigenat nicht in Betracht, denn fossile Funde der Punica
Granatum existiren bisher hier ebensowenig wie anderwärts und
die für einzelne Himmelsstriche als wild angegebenen Bäume sind
sicherlich nur verwilderte. Eiuige im Pliocen von Meximieux
(Depart. Ain) aufgefundene Blätter- und Blüthenknospen gehören
nicht zu unserer Spezies, sondern zu der etwas abweichenden Art
Punica Planchoni Sap. 3 ). — Im wildwachsenden Zustande will
man die eigentliche Granate wohl in einzelnen Districten Mittelasiens
(Persien, Beludschistan, Afghanistan) und im Nordwesten Indiens
angetroffen haben, indessen scheint es sich doch nur um verwilderte
Reste früherer Kulturformen gehandelt zu haben. Sprachliche, prä-
historische und geschichtliche Gründe weisen vielmehr auf Arabien
als Ursprungsland des Granat äptelbaumes hin. Auf der Insel
Socota 4 ) fand Balfour und nach ihm Schweinfurth eine wirk-
lich wildwachsende Punica-Art, die der angebauten sehr nahe
kommt, insofern sie sich von dieser nur durch grössere und mehr
fleischige Blätter, sowie durch einreihige Karpelle unterscheidet,
und die demgemäss wohl als die Mutterpflanze des heutigen Granat-
baumes angesehen werden darf. Auf Grund dieser Argumente
gewinnt die Hypothese, dass in dem glücklichen Arabien das
Indigenat des Granatbaumes zu suchen ist, mehr an Wahrschein-
lichkeit als die Annahme De Candolle's 5 ), dass Persien, Belud-
schistan und das nordwestliche Indien die Heimath des Baumes
sein sollen, oder gar die Behauptung Engler's ), dass Vorder-
asien und die Balkanhalbinsel dies wären.
') Comes, illustrazione. 8. 58.
2 ) Schweinfurth, Acgyptens Beziehungen. S. 658.
3 ) Engler in Hehn, Kulturpflanzen S. 239. *) Schweinfurth, ebendas.
*) De Candolle, Ursprung. S. 299 und 559.
6 ) Engl er in Hehn, Kulturpflanzen. S. 239.
160 XXXIII. Myrtaceae. — Myrtug commuiiis.
XXXIII. Myrtaceae.
Myrtus communis. L. Myrte.
Die Annahme von dem Vorkommen des Myrtenstrauches im alten
Aegypten stützt sich bisher nur auf die Nachrichten des
Theophrast und Plinius. Unger') und Pickering wollen
zwar auf den Wandgemälden auch Myrtenreiser als Schmuck
der ägyptischen Schönen bei Festzügen und Gelagen, bei Musik-
aufführungen und Tänzen erkannt haben; jedoch fehlen uns zur
Bestätigung bis jetzt noch vegetabilische Funde sowie sprachliche
Nachweise. Im Arabischen führt die Myrte den Namen as. Nun
kommt zwar in den hieroglyphischen Texten eine Pflanze as
oder asi vor, die den Verdacht erwecken könnte, als ob sie mit
der Myrte identisch sei; allein asi ist eine Wasserpflanze' 2 ),
kann somit unmöglich auf die Myrte passen.
Myrten 3 ), hebräisch hadas genannt, sollen jene Bäume ge-
wesen sein, welche die Juden nach ihrer Rückkehr aus der Ge-
fangenschaft unter Esra bei der Feier ihres ersten Laubhütten-
festes aus den benachbarten Bergen Jerusalems herbeiholten 4 ).
Den späteren Griechen war die Myrte bekannt; ob etwa schon
zu Zeiten des Homer, erscheint fraglich. Helm 5 ) indessen ver-
muthet aus der Vergesellschaftlich ung von Myrte und Oelbaum,
dass cpu).i« des Homer") die Myrte bezeichnen kann. Theo-
phrast 7 ) giebt bereits eine genaue Beschreibung der Pflanze
und erwähnt sie besonders wegen ihres wohlriechenden Oeles. —
Im Kultus war die Pflanze der Aphrodite geheiligt. — Bei den
Römern scheint sie gleichfalls von grosser religiöser Bedeutung
gewesen zu sein. Plinius 8 ) lässt sich über sie des Ocfteren aus.
>) Ung er, Streifzuge IV, S. 131.
2 ) Loret, la flore. S. 36.
3 ) Rosenmüller, Biblische Naturgeschichte. S. 256.
«) Nehem. VIII, 12; Jesaias XLl, 1«.) etc.
6 ) II eh n , Kulturpflanzen. S. 105.
6 ) Homer, Odyssca V, 477.
7 ) Theophrast, de caus. plant. III, IQ.
8 ) IM in ins, hist. nat XV, 2i).
XXXIV. Tamaricaceae. — Tamarix nilotica. 1C1
XXXIV. Tamaricaceae.
Tamarix nilotica. Ehrbg. Tamariske.
Von dem Vorkommen der Tamariske im Pharaonenlaude er-
balten wir Kunde durch einen Grabfund von Scheich-Abd-el-
Qurna ' ). Hier lag die Mumie auf einer aus Tamariskenzweigen
geflochtenen Matte. Durch einen anderweitigen Fund (Tamarisken-
fragmente im Ziegel der Umfassungsmauer zu El Kab) aus dem
Jahre 2000 ungefähr wird das hohe Alter des Baumes in Aegypten
bewiesen.
In den hieroglyphischen Texten findet sich ein Baum Namens
aser erwähnt. Die Uebereinstimmung dieses Wortes mit dem
Arabischen agl und dem Hebräischen ashel, beides Bezeichnungen
für Tamariske, berechtigen zu der Annahme, dass unter aser
dieser Baum zu verstehen ist 2 ). — Im religiösen Leben der Aegypter
erfreute sich die Tamariske als ein dem Osiris geweihtes Ge-
wächs grosser Verehrung. Leider fehlen uns hierüber nähere
Nachrichten. Ebensowenig erfahren wir etwas aus den Dar-
stellungen oder Inschriften über die ökonomische Verwerthung des
Gewächses. Nur Herodot 3 ) berichtet, dass man bei niederem
Wasserstande des Niles zusammengebundene Tamariskensträucher
vor den Booten hertreiben liess, um durch sie die Tiefe und den
Lauf der Strömung zu erfahren.
Es ist sehr fraglich, ob das Manna der Israeliten etwa der
durch den Stich der sogen. Mannaschildlaus (coccus manniparus)
ausgeschwitzte Saft des Tamariskenstrauches gewesen ist, oder
nicht vielmehr eine essbare Flechte (Parmelia esculenta Spgl.),
die durch Regengüsse und Winde losgelöst an beliebigen Stellen
niedergeschlagen wurde 4 ). Wenu man schon in der früh-
geschichtlichen Zeit den Tamariskensaft aufgefangen und ge-
nossen hätte, wie es gegenwärtig eine in den dortigen Gegenden
') Schweinfurth, Die. letzten botan. Entdeckungen. S. 14.
2 ) Lorct, la flore. S. 3G.
3 ) Herodot II, 9C
4 ) Wönig, Pflanzen. S. 342.
O. Ruscuan, Vorgeschichtliche Botanik. \{
162 XXXIV. Tamaricaccac. — Tamarix nilotica.
weit verbreitete Sitte ist, so hätten uns die Inschriften sicherlich
eine darauf bezügliche Angabe hinterlassen. — Heutzutage ist
die Tamariske einer der gewöhnlichsten Bäume Aegyptens.
Plinius 1 ) erwähnt eine besondere Art unter den Sträuchern
Aegyptens und Syriens, die er brya benennt.
Das hohe Alter der Pflanze im Pharaonenlande lässt ver
muthen. dass hier auch ihr Indigenat zu suchen ist. Dasselbe
mag sich bis Palästina und Arabien hin erstreckt haben; denn
in beiden Ländern tritt die Tamariske nach den Berichten der
Reisenden waldbildend auf. — Homer erwähnt die Pflanze
mehrfach in der Iliade (jiopixrj), die griechischen Tragiker und
Komiker jedoch nicht' 2 ).
XXXV. Lythraceae.
Laiosonia inermis. Lam. Henna-, Alkanna-Strauch.
Ueberreste dieser Pflanze wies Schweinfurth 3 ) in mehreren
Gräbern aus der XV. Dynastie nach: geschlossene und wohl-
erhaltene Blütheuknospen, aber auch geöffnete Bliithen, denen
die meisten Kronenblätter und Staubgefässe fehlten. Hierdurch
ist das Vorkommen des Strauches im alten Aegypten erwiesen. —
Die Art der Verwendung mag hier in der Vorzeit dieselbe ge-
wesen sein, wie sie noch gegenwärtig an verschiedenen Punkten der
indisch- arabischen Welt üblich ist. Es pflegen sich nämlich Männer
und Frauen aus den niederen Volksschichten, besonders aber die
letzteren, Nägel und Handteller mit einem wässerigen Auszuge
aus den pulverisirten Blättern zu färben, wodurch diese Theile
ein orange-rothes Aussehen gewinnen, oder den Blätterstaub,
zu einer teigigen Masse verbacken, auf die Nägel zu binden,
wodurch man denselben Erfolg erzielt. Und in der Tbat hat
man an vielen Mumien die Beobachtung machen können, dass
sie rothgclb gefärbte Nägel trugen. Dass auch Bart- und Kopf-
haar auf die geschilderte Weise rothblond gefärbt wurden,
i) Plinius, hist. nat. XIII, 37.
2) Koch, Bäume, s. 257.
3 ) 8chweinfurth. Pnan/enrostr. S 360
XXXV. Lythraceae. — Lawsonia inermis. 163
weiss Dioscorides von den Aegyptern zu berichten. Nocb in
unseren Tagen werden Hennapräparate zu demselben Zweck
für die Modewelt von Paris ausgeführt 1 ). — Die strob- oder
ockergelbe Farbe der Muinienbinden scbeint von demselben
Pflanzenextrakte herzurühren, deun Leinwand und Baumwolle
erbalten durch Behandlung mit Henna nach den Untersuchungen
von v. Minutoli ein solches Colorit' 2 ).
Eine weitere Ausnutzung des Hennastrauches, von der uns
die ägyptischen Texte und Schriftsteller der Alten berichten,
bestand in der Herstellung wohlriechender Salben und Wasser.
Nach Loret 's Zusammenstellung kommt die Pflanze nur vier
Mal. in den Texten vor, jedoch jedesmal in Parfümrezepten,
z. B. in dem des Kyphi. Die cyprinische Salbe, deren kostbarste
Sorte aus Kanopus kam, erhielt ihren Wohlgeruch durch den
Zusatz von Hennablüthen 3 ); das cyprinische Oel, in dem die
gleichen wohlriechenden Stoffe an Olivenöl gebunden waren,
diente als Heilmittel bei mancherlei Leiden 4 ).
Das hieroglyphische Wort für die Pflanze war pouqer h )\ aus
ihm, das sich im Koptischen als khouper — in Abessynien sagt
man kafra — erhalten hat, ging ohne Zweifel das hebräische
koalier 6 ) hervor. — Die arabische Bezeichnung faglwu lässt
Loret durch Wegfall des Endlautes r, wie dies in allen
semitischen Sprachen üblich sei, in gleicher Weise aus dem
ägyptischen Worte entstehen. Das griechiche xuitpo? endlich ist
nur der in der Aussprache und Endung gräcisirte hebräische
Name.
Die moderne Bezeichnung lienna dürfte vielleicht indischen
Ursprunges sein 7 ). Hina heisst die Pflanze nämlich im Hindostani,
lianna im Persischen, woraus im Neugriechischen lünna ent-
standen ist. — Die Araber gebrauchen für sie ausser dem schon
oben angeführten Namen noch die Bezeichnung sliagarat-elhenne.
Der erste Theil dieses Wortes stimmt mit salachera übereiu,
das der Sanscritname gewesen sein soll. Demnach würde diese
zweite Bezeichnung des Hennastrauches aus dem Osten, von der
i) Loret, la flore. S. 37.
2 ) Wönig, Pflanzen. S. 351.
3) Plinius, hist. nat. XIII, 1.
4 ) Dioscorides, de inat. med. I, 125.
ft ) Loret, la flore, ebendaselbst.
fi ) Hohe Lied Saloni. I. M: IV, 13-
7) De Candolle, Ursprung. S. 172.
11*
164 XXXV. Lythraceae. — Lawsonia inerniis.
indischen Halbinsel, her übernommen worden sein. Gleichzeitig
besässen wir in ihr einen Beweis für das hohe Alter der Pflanze
in Vorderindien.
Die Verschiedenheit der Namen, die auf der arabischen Halb
insel zusammentreffen, lässt vermuthen, dass die Kultur des
Hennastrauches dorthin von zwei entgegengesetzten Punkten, vom
Osten und Westen her, gekommen sein mag. Der eine Ausgangs
punkt war ohne Zweifel Vorderindien, was auch Seh weinfurth ')
zugesteht; der andere aber Nubien bezw. Aegypten. Emin
Pascha hat ja auch im Osten vom oberen Bahr-el-Gebel die
Lawsonia im wilden Zustande angetroffen. Wenn auch Seh wein-
furth diese Angabe anzweifelt, so weisen dennoch verschiedene
Thatsachen darauf hin, dass in diese Landstrecken das Indigenat
der Pflanze mit demselben Rechte zu verlegen ist, wie nach
Indien. Schweinfurth's weitere Annahme dagegen, dass Persien
bei der Verbreitung der Pflanze von Indien aus die Vermittler-
rolle nach Aegypten hin gespielt habe, erscheint mir unbegründet.
XXXVI. Onagraceae.
Trapa natans. L. Wassernuss.
Die Verbreitung der Wassernuss war in der Vorzeit und auch
noch im Beginne der historischen Zeit nachweislich eine viel
ausgedehntere als gegenwärtig. Natu or st in Stockholm z. B.
hat ihre Früchte auf dem Boden einzelner Laudseen in Schonen,
desgleichen Gunner im Torfmoor Grimarp in Smäland in Schweden,
in grosser Menge herausgefischt 2 ), dagegen hat man sie in der
gegenwärtigen Flora dieser Gegenden nirgends mehr angetroffen.
Desgleichen ist die Pflanze in den Gewässern in der Umgegend
von Danzig ausgestorben, während sie nach Conwentz 3 ) in
den früheren Florenverzeichuissen Westpreussens als eine häufige
Wasserpflanze aufgeführt wird. — Wie ferner die Funde aus den
Pfahlbauten zu Robenhausen und Moosseedorf lehren, erfreute
sich die Wassernuss hier in der Vorzeit grosser Verbreitung,
heutzutage aber kommt sie nur noch in einem kleinen Teiche un-
weit St. Urban im Kanton Luzern vor. Aus Krain, wo sie deu
') Schwcinfurth, Aegyptcns Beziehungen. 8. 658«
2) Zeitschrift £ Ethnologie. III, S. 107; 8. auch Heer, Pflanzen. S, 32.
8 ) Naturwissensch. Wochenschrift. 181)1. 8. 426.
XXXVI. Onagraceae. — Trapa natans. loo
Laibacher Moosfunden nach zu urtheilen überaus häufig gewesen
sein muss, ist sie augenblicklich vollständig verschwunden. —
Solche Beispiele von dem Aussterben der Wassernuss in den
letzten Jahrhunderten sind sehr häufig ; die angeführten mögen
als Beweis dafür genügen, dass die Pflanze in der vorgeschicht-
lichen Zeit sich einer weiten Verbreitung erfreute.
Der mehlreiche Kern der Früchte fand Verwerthung als Speise;
im Laibacher Moor bildeten die Schalen stellenweise eine 6 Zoll
dicke Schicht. — Nach Aussage des Plinius 1 ) verstanden es
die Thracier am Strymon, aus ihnen eine Art Brodt zu bereiten;
bei den am östlichen Ufer der March wohnenden Slovaken soll
eine ähnliche Zubereituugsweise noch in unseren Tagen üblich
sein. Die Bewohner des Kaspisees, die Inder und Chinesen,
die Laudieute Oberitaliens, selbst unsere im Dessauischen an-
sässigen Bauern besitzen in den Früchten der Wassernuss ein
beliebtes Nahrungsmittel. — Im vorigen Jahrhundert noch be-
trieben die Mönche des Cisterzienserklostcrs Sittich in Krain den
Anbau der Pflanze in ihren Teichen, eine Erscheinung, die zu
der Annahme berechtigt, dass auch die alten österreichischen
Pfahlbautenbewohner dieselbe gezüchtet haben mögen. Grosse
Mahlsteine, die D esc h mann zu Laibach aufdeckte, deuten
darauf hin, dass sie zum Zerquetschen resp. zum Zerkleinern
der Nüsse gedient haben mögen.
Die römischen Schriftsteller kennen die Wassernuss unter der
Bezeichnung tribulus und heben an ihr im Besonderen ihre Ess-
barkeit hervor 2 ).
Die vorgeschichtlichen Stationen, in denen man bisher die
Früchte der Pflanze nachgewiesen, gehören sämmtlich der
jüngeren Steinzeit an. Es sind dies die Niederlassungen von
Robeuhausen, Moosseedorf (Schweiz) und Laibach (Kärnten).
Diese Früchte stimmen nach Heer 's Untersuchungen 3 ) voll-
ständig mit denen der Jetztzeit überein ; wie bei dieser, sind die
oberen Stachelspitzen bald mehr, bald weniger scharf abgesetzt
und nach vorn gerichtet.
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass wir es in der
Wassernuss mit einem einheimischen Gewächse des gemässigten
und nördlichen Europa zu thun haben.
») Plinius, bist. Hat. XXII, 10.
2 ) ci". J. Jäggi, die Wassernuss, Trapa natans L. und der tribulus der
Alten. Zürich 1883.
3) Heer, PÜanzen S. 32.
160 XXXVII. Pomaceae. — Pirus malus.
XXXVII. Pomaceae,
1. Pirus malus. L. Apfel.
Ob den alten Aegypteru der Apfelbaum bekannt gewesen ist,
lasst sich nicht sicher entscheiden. Die richtige Beantwortung
dieser Frage hängt, so lange uns vegetabilische Funde aus den
Gräbern fehlen, lediglich von der richtigen Deutung des ägyptischen
Wortes dapih ab. Ramses II. Hess in seinen Gärten des Nildeltas
Obstbäume pflanzen, die den Namen dapih führen; Ramses III.
gab den Priestern von Theben 848 Körbe voll derartiger
Fruchte 1 ). Loret will unter dem fraglichen Worte Acpfel
verstanden wissen; er beruft sich hierbei auf die Ueber-
einstimmung von dapih mit den Bezeichnungen für Apfelbaum
in den semitischen Sprachen. Taffah ist sein arabischer, djepeh
sein arabisch-koptischer und tapouh sein hebräischer Name. Von
anderer Seite, namentlich von Höfer, ist gegen diese Ansicht
das für den an die nordisch-tcmpeiirte Zone gewohuten Apfel-
baum ungünstige Klima des Orients geltend gemacht worden,
freilich Hess man dabei die nicht zu verkennende Identität von
tuffali und tapouh aus dem Spiel. Tajwuh sollte die Orange
bedeuten. Wir müssen zwar zugeben, dass dieser Einwurf
Höfer 's ziemlich berechtigt erscheint, können uns jedoch nicht
verhehlen, dass die Uebereinstimmung von dapih, djepeh und
tapouh für die Loret 'sehe Annahme etwas Bestechendes hat.
Nun hat man zwar Aepfel in den altägyptischen Gräbern bisher
noch nicht gefunden, und ebensowenig Abbildungen dieses Obstes
auf den Wandgemälden entdecken können, und so lange uns diese
handgreiflichen Beweise fehlen, müssen wir die Hypothese Loret 's
noch in suspenso lassen, „dass der Apfelbaum unter der
XIX. Dynastie bereits ein allgemein in Aegypten angebautes
Gewächs gewesen ist." Doch soll dabei die Möglichkeit nicht
ausgeschlossen bleiben, dass in den königlichen Gärten eine An-
zahl Bäume als Seltenheit angepflanzt waren, deren Ertrag
Ramses III. in schuldiger Weise den Priestern darbrachte. —
Für Palästina ist das Vorkommen des Apfelbaumes, wie unsere
•) Loret, la dorr. S. 38.
XXXVII. Pomaceae. — Pirus malus. 167
bisherige Betrachtung lehrt, ein gleichfalls strittiger Punkt.
Neben tapouh soll in den hebräischen Texten noch ein Wort
vorkommen, das mau gleichfalls für den Apfel erklärt hat, nämlich
peri 1 ). Dem gegenüber betont freilich Koch 1 ), dass peri ur-
sprünglich nur Frucht im Allgemeinen bedeutete und erst später,
als man den Apfel kennen lernte, auf diesen übertragen wurde.
Ein Theil der arischen Völker, d. h.die Germanen, Slavo-Letten
und Kelten, also jene Stämme, bei denen wir schon mehrfach
eine Uebercinstimmung in der Bezeichnung der Kulturpflanzen
constatirt haben, besitzt einen gemeinsamen Namen für die Apfel-
frucht, der zur Wurzel nach De Candolle's Angabe-) die
Silben ab, af\ au und ob zu haben scheint. Es sind dies die
Worte : irisch ab all und ubhal, kymrisch afal, amerikanisch aval,
altdeutsch aphal, angelsächsich appel, skandinavisch apli, hoch-
deutsch apfel, litthauisch obohjs, altslavisch jabluko, abluko,
rassisch jabhko. Diese Ucbereinstimmung in den Namen 3 ) spricht
offenbar dafür, dass der Apfelbaum diesen Volksstämmen vor
ihrer Trennung schon bekannt gewesen ist. Weiter geht aus
ihr hervor, dass diese Bekanntschaft erst entstanden sein kann,
als Griechen und Kömer sich bereits von der grossen arischen
Völkerfamilie losgelöst hatten; denn bei diesen findet sich
kein Zusammenhang mit den Bezeichnungen der nordarischen
Stämme.
Uebrigeus lässt sich schwer eruiren, ob den Griechen der
älteren Zeit der Apfelbaum schon bekannt war. Denn auch hier
hängt die Beantwortung der Frage von der richtigen Deutung
des Wortes p.y ( Xov furzet, a^Xsa) ab. Homer, Ilesiod und
Herodot kennen entschieden die Pflanze noch nicht. Der
erstere spricht zwar in seinen Gesängen 4 ) von einer Sorte p-r/a, die
man das ganze Jahr hindurch haben könne, also von Winteräpfeln,
i) Koch, Pflanzen Griechealands. S. 179.
2 ) De Candolle, Ursprung; auch Helm, Kulturpflanzen. S. 593.
3 ) Sehr gesucht ist ollenbar die Ableitung Schrader's (Sprachver-
gleichung. S. 400). Derselbe erklärt alle diese Worte nicht für urverwandt,
sondern leitet sie von der campanischen Stadt Abella (heute Avella vecchia)
her, die durch ihre Obstbauinzucht vordem berühmt war (Vergil, Aen. VII,
340). Er nimmt ferner an, dass keltische Stämme bei ihrem Einbruch in
Italien ein dem irischen aball verwandtes Wort in ihre Sprache aufgenommen
und nach den indogermanischen Völkerschaften hin verbreitet hätten. Dass
diese Auflassung mit den vorgeschichtlichen Funden nicht in Einklang zu
bringen ist, liegt auf der Hand.
4) Odyssea VII, 115, XI, 589.
168 XXXVII Pomaceae. — Pirus malus
wie es hiernach den Anschein hat; allein, da ein so hoher Grad
in der Obstkultur damals wohl noch nicht anzunehmen ist, so
hält Koch mit Recht diese Stellen für Einschiebsel einer späteren
Zeit. — Erst bei Theophrast 1 ) erscheint mit Sicherheit das
Wort jatjXoc oder jjnqXsa, und gleichzeitig wird von ihm schon eine
wildwachsende und eine angebaute Sorte unterschieden. Man
hat diese Obstfrucht allgemein als Aepfel gedeutet-, Koch' 2 ) da-
gegen, dem die Schilderung, welche Theophrast von dem
Baume und seiner Frucht entwirft, nicht auf den Apfelbaum
passt, will unter p,^Xea lieber die Früchte des Pfirsichbaumes
verstanden wissen. Er hält es weiter für sehr wahrscheinlich,
dass die Griechen den Apfelbaum erst von den Römern erhielten.
Dieser Möglichkeit wollen wir ihre Berechtigung nicht absprechen-,
auch für uns ist es sicher, dass der Apfelbaum nicht zur
indigenen Flora des alten Griechenland gehörte. Nur darüber
Hesse sich streiten, ob Theophrast mit jj.9]Xa den Pfirsich oder
schon den Apfel gemeint habe. Soviel steht fest, dass diese
Bezeichnung später von den Griechen auch auf den Apfel an-
gewendet wurde. Dioscorides 3 ) unterscheidet bereits drei
Sorten Aepfel: 1. t?Ypt6[i.vjXov, die Frucht des wilden Apfelbaumes,
2. |xy)Xmj.7]Xov, den Honigapfel (bei Theocrit -jXuxüjxYjXa genannt)
3. TjTretpomxrjv [xtjXov, den epirischen Apfel, vielleicht die Reinette,
wie Koch vermuthet.
Den Römern war der Apfel schon frühzeitig bekannt, wie
durch die Nähe der Pfahlbautendörfer, deren Bewohner den
Baum schon anpflanzten (?), erklärlich ist. Die römischen Land-
wirthe legten sich sehr bald auf die Obstbaumzucht, so dass
Varro 4 ) mit Recht sagen konnte, Italien sei ein zusammen-
hängender Obstgarten. Plinius führt bereits eine grosse Anzahl
Kulturäpfel an. Diese Thatsache fällt um so mehr ins Gewicht,
wenn wir bedenken, dass ein gleichzeitiger griechischer Schrift-
steller, Dioscorides, deren erst zwei Sorten kennt. — Die
römische Bezeichnung für den Apfel war bekanntlich malus,
malum, ein Wort unbestimmten Ursprunges, das sich im
Griechischen als iatjXov wiederfindet. Gerade diese Thatsache
scheint mir dafür zu sprechen, dass die Römer mit der Ver-
') Theophrast, de «aus. plant. I, 3. I, 9. IV, 13. U, a. in.
2) Koch, Bäume. S. 179 u. f.
3 ) Dioscorides, de mat. med. I, 161 U. f.
*) Varro, de re rust. I, 2.
XXXVII. Pomaceae. — Pirus malus. 169
breitung des Apfelbaumes auf der griechischen Halbinsel dorthin
auch ihren Namen für dieses neue Gewächs verpflanzten, und
dass somit jujXov des Theophrast den Apfel bezeichnen
müsse. — Im Albanesischen hat sich das Wort als mole erhalten.
Dem Mitteleuropäer war das einheimische Gewächs des Apfel-
baumes schon zur jüngeren Steinzeit wohl bekannt. Unter den
vegetabilischen Funden der Vorzeit in der Schweiz, Ocsterreich,
Italien, Savoyen kommen mehrfach Apfelreste vor. — Es sind
zumeist sogen. Apfelspalten, in 2 oder 3 Theile zerschnittene
Früchte, an denen man diese Theilung offenbar zu dem Zwecke
vollzog, um sie besser rösten zu können. Vollständige Exemplare
kommen wohl mitunter auch vor, jedoch sind es nur die kleineren
Stücke, die man ungetheilt Hess. Wie die runzelige Aussenseite
dieser Apfelscheiben beweist, hat man sie au der Sonne oder
am Feuer getrocknet und dadurch eine unserem Backobst analoge
Speise gewonnen. Durch dieses Verfahren wurden die sauren
Holzäpfel — denn um solche handelt es sich, wie wir weiter
unten noch ausführen werden — geniessbar gemacht. Dass sie
dessenungeachtet auch in frischem Zustande als Speise dienten,
ist bei dem noch nicht verwöhnten Gaumen der Pfahlbauern
wohl anzunehmen. Ferner ist nicht auszuschliessen, dass damals
noch eine dritte Verwendung in Frage kam, die man heutigen
Tags in verschiedenen Ländern noch verbreitet findet, wenn auch
nicht gerade vom Apfel, wohl aber von anderen sauerschmeckenden
Obstsorten; ich meine die Herstellung eines sauren Obstweines.
Diese Annahme wird durch Palladius ') wahrscheinlich gemacht,
der uns berichtet, dass die Alten aus Aepfeln Weinessig fabricirt
hätten. Die grosse Menge von Apfelspalten, die in einzelnen
Pfahlbauten zum Vorschein kamen, lassen vermuthen, dass dieser
Baum in den dortigen Gegenden eine grosse Verbreitung hatte
und dass seine Frucht sich grosser Beliebtheit erfreute. — Ueber
die vorgeschichtlichen Funde, die mir bekannt geworden sind,
giebt die folgende Zusammenstellung Aufschluss.
I. Neolithische Periode.
Italien: Pfahlbau zu Lagozza.
Oesterreich : Pfahlbau zu Laibach,
Pfahlbau im Mondsee.
Schweiz': Pfahlbau zu Moosseedorf,
') Palladius, de re rast. 325.
1/0 XXXVII. Pomaceae. — Pirus malus.
Schweiz: Pfahlbau zu Wangen,
Pfahlbau zu Robenhausen,
Pfahlbau zu Raucnegg,
Pfahlbau zu Nussdorf.
IL Bronze -Periode.
Frankreich: Pfahlbau zu Gresiue iu Savoyen.
Italien: Pfahlbau zu Bardcllo.
Schweiz: Pfahlbau zu Coucise.
III. Eisen -Periode.
Deutschland: Pfahlbau im See von Soldin I slavisches
J Mittelalter.
Der Typus der vorgeschichtlichen Acpfclrcstc, besonders die
Kleinheit der Frucht und der innere Bau des Kerngehäuses,
zeigt eine auffällige Uebereinstinimung mit dem in unseren
Wäldern wildwachsenden Holzapfel. Schon Heer 1 ) war es, der
an seinem Material diese Beobachtung machen konnte. Er unter-
schied an demselben zwei Formen: den kleinen Holzapfel und
den grösseren runden Pfahlbauapfel, wie er sie benannte. Der
erstcre ist nach seiner Beschreibung fast kugelrund, nur etwas
breiter als hoch, indem sein Längsdurchmesser-) 15—24 mm
beträgt, während sein Querdurchnicsser um etwa IJ mm grösser
ist. Beim Stiel und Kelch ist er stumpf abgerundet oder doch
nur wenig vertieft. Das runde Kernhaus hat einen grossen
Durchmesser bis zu 13 und 15 mm, nimmt daher einen bedeutenden
Theil der Frucht ein, sodass nur eine kleine fleischige Partie übrig
bleibt. Jedes Frachtfach enthält in der Regel zwei Samen, wird
aber zuweilen durch Verkümmerung eines Stückes einsamig. —
Heer wies diese kleine Apfelsorte 3 ), die iu ihrer Gestalt und
ihrem Bau stark au den Holzapfel erinnert, in den Pfahlbauten
von Wangen, Robenhausen, Moosseedorf und Concise nach.
Sordelli bestimmte als ebendieselbe ein Exemplar —
zwei halbe Stücke wurden nur dort gefunden — aus dem
Pfahlbau von Lagozza; er giebt für dasselbe eine Länge von
17 und eine Breite von 19 mm au. Die gleichen Grösscuverhältnissc
i) Heer, Pllaii7.cn. S. 25.
2 ) Die in der „English botany" abgebildeten wilden Aepfel Englands sind
17 mm hoch und 22 mm breit; De Candolle, Ursprung, S. 293.
3 ) Einige von Gross an De Candolle aus einer weniger alten Pfahl-
baute des Neuenburger Sees übersandten Exemplare hatten gleichfalls nur
eiue Länge von 17 reap. 22 mm; De Candolle, Ursprung. S. 293.
XXXVII. Pomaceae. — Pirus malus. 1/1
und denselben inneren Bau weisen nieine Exemplare aus der
Pfahlbaute von Bourget auf. Ich fand für sie einen Läugs-
dnrclimesser von 17 — 18 und einen Querdiirchmcsser von 17 bis
20 mm, bei einem Kerngehäuse von 15—17 mm. — Von Wangen
besitze ich nur Apfelstiele und Kerne, deren geringe Grösse
(4,8— 7,2 mm Länge, 4,0— 4,8 mm Breite) die Zugehörigkeit der-
selben zu der gleichen Apfelsorte wahrscheinlich macht. — Nach
dem Vorgange von Heer bestimmten auch Mucli ') einige wenige
Exemplare aus dem Moudsec und Deschinann die aus dem
Laibacher Moor als solche der kleinen Sorte der schweizerischen
Pfahlbauten.
Was nunmehr die zweite Sorte, den grösseren runden Pfahlbau-
apfel (nach Heer), betrifft, so weicht diese durch den grösseren
Umfang der Frucht, dann aber auch durch eine hierzu nicht im
Verhältniss stehende Ausdehnung des Kerngehäuses, mithin durch
die Grössenzunahmc des fleischigen Theiles (Epikarp), von der
vorigen ab. Heer fand sie in Robenhausen in beträchtlicher
Menge neben den kleinen Holzäpfeln vor. Er schildert sie zwar
von der gleichen Form wie die letzteren, aber von einer Höhe
von 19 — 22 mm bei einem Querdurchmesser, der bis zu 36 mm
ansteigt. Dieser Grössenzunahmc der Frucht entspricht aber
keineswegs die des Kerngehäuses. Es ist zwar absolut grösser
als bei der vorigen Sorte, steht aber nicht in demselben Ver-
hältnisse zu der ganzen Frucht wie bei dieser. Der fleischige
Theil erscheint daher entwickelter. Sordelli machte dieselbe
Beobachtung an einem anderen Exemplare aus der Pfahlbaute
von Lagozza, das eine Länge von 11) und eine Breite von 27 mm
besass. Auch einige der im See von Bardello gefundenen Exemplare
zeigten diese Anzeichen einer gewissen Veredelung.
Es tragt sich nunmehr, ob wir es in diesen Fällen wirklich
mit veredelten Früchten, also mit Kulturäpfeln zu thun
haben. Heer nimmt keinen Anstand, diese Möglichkeit einzuräumen.
Er betrachtet diese grössere Apfelsorte als „eine aus dem Holz-
apfel durch Kultur erzielte und daher wohl saure Apfelsorte,
die Ursorte der überaus zahlreichen Apfelsorten der Jetztzeit. 1 '
Ich selbst stelle mich auf denselben Standpunkt wie Heer. Ich
sehe in der kleineu, grosskerngehäusigen Apfelsorte das ein-
heimische Produkt des schweizerischen Bodens, in der grösseren
dagegen eine vom Osten her mit der Einwanderung der Pfahl-
«) Much in Mittheil. d. Wiener antlirop. Gcsellsch. VI, 18$.
172 XXXVII. Pomaceae. — Pirus malus.
bauern eingeführte, bereits in den Anfängen der Veredelung
begriffene Sorte. Diese Annahme erscheint um so gerechtfertigter,
als uns sprachliche Beweise dafür vorliegen, dass Kelten, Germanen
und Slaven vor ihrer Trennung den Apfelbaum schon gekannt
und wahrscheinlich auch schon Kulturversuche mit ihm angestellt
haben. Zwar will ich nicht vergessen hervorzuheben, dass von
landwirtschaftlicher Seite darauf aufmerksam gemacht worden
ist, dass es jetzt noch in unseren Wäldern ziemlich grosse Wild-
äpfel giebt.
Die grosse Anzahl der heutigen Tags existirenden Varietäten
erschwert die Nachforschung sehr, ob eine oder mehrere Arten
und welche davon etwa die Stammpflanze unserer Kulturformen ge-
wesen sind. — Nach De Candolle 's ' ) Forschungen ist der Apfel-
baum im Allgemeinen ebenso einheimisch in Europa wie in
Anatolien, dem Süden des Kaukasus und Nordpersieu, wo er
sich im wildwachsenden Zustaude noch jetzt zeigen soll. In
der Nähe von Trapezuut z. B. will der Botaniker Bourgeau
ein ganzes Wäldchen solcher Wildäpfelbäume angetroffen haben.
Die hier, speziell in der Gegend von Trapezunt nach der persischen
Provinz Ghilan zu, vorkommende Form besitzt Blätter, deren
Unterseite wollig ist, einen kurzen Blüthenstiel und süsse Früchte' 2 ).
Boreau 3 ) hat wildwachsende Bäume mit denselben Merkmalen
aus Frankreich beschrieben. De Candolle ist daher geneigt,
bei der Frage nach der Heimath und der Urform des Apfel-
baumes von dieser Form auszugehen. Engler 4 ) seinerseits ver-
tritt die Ansicht, dass der Kulturapfel aus verschiedenen Stamm-
pflanzen hervorgegangen ist, von denen er als muthmassliche
die im Kaukasus und im südlichen Altai vorkommende Pirus
pumila Mill., die ebenfalls im Orient einheimische Pirna rfasy-
[thylla Borkh. und die in Sibirien einheimische Pirus prtmi-
folia Willd. namentlich anführt; hingegen glaubt er, dass der
in Mitteleuropa verbreitete und einheimische Holzapfel, Pirus
silvatica Mill. an der Entwickelung der Kulturformen nur wenig
betheiligt gewesen ist. — Wie ich schon oben hervorhob, drängen
uns die vorgeschichtlichen Funde dazu, bereits für damals zwei
Formen vorauszusetzen, die höchstwahrscheinlich auch verschiedenen
») De Candolle, Ursprung. S. 294.
2 ) Hoissier, flor. orient. II, 656.
3 ) Boreau, flore du centre de la France II, 236.
4 ) Engl er in I lehn, Kulturpflanzen. S. 594.
XXXVII. Pomaceac. — Pirus malus et communis. 173
Ursprung besitzen. Die kleinere Sorte identifizire ich vollständig
mit dem wilden Holzapfel, einem Baume, der sich über das
ganze centrale Europa hin bis nach Norddeutschland hinauf ver-
breitet findet und gebe ferner zu, dass diese saure Sorte wohl
nie zu Kulturformen geführt haben mag. Der grösseren Sorte
der vorgeschichtlichen Aepfel dagegen schreibe ich osteuropäischen
oder asiatischen Ursprung zu; ich vermuthe, dass diese schon
eine in Kultur genommene süsse Form gewesen ist, die der von
DeCandolle, B o u r g e a u u. A. beschriebenen süssen Wildsorte
aus Trapezunt oder einer der von Engler aufgestellten Urformen
verwandt sein dürfte. Hier wäre demnach auch ihr Ursprung
zu suchen.
2. Pirus communis. L. Birnbaum.
Ueber das Alter und den Ursprung des Birnbaumes sind wir
ziemlich gut unterrichtet, trotzdem seine Ueberreste unter den
vegetabilischen Funden der Vorzeit nur sehr sporadisch auftreten.
Für ein Vorkommen des Baumes im alten Aegypten oder
in Palästina fehlen uns jegliche Anhaltspunkte. Es ist aus
klimatischen Gründen auch nicht gut anzunehmen, dass derselbe
unter diesen Himmelsstrichen sein Gedeihen gefunden haben
könne. — Dagegen tritt uns der Birnbaum schon sehr frühzeitig
in Griechenland entgegen.
Homer '),und nach ihmTheophrast 2 ), Dioscorides 3 )u.A.
erwähnen ihn mehrfach unter den Namen er/vai, amo? und ay.pa*.
Nach den Angaben der Alten scheint man mit o^vr; und üypd;
den wilden Birnbaum, mit arcio? den veredelten gemeint zu
haben. — Schrader 4 ) führt die beiden Namen für die wild-
wachsende Form auf eine gemeinsame Wurzel zurück und bringt
mit derselben (engh, ongh, ngh) auch die altgriechischen Be-
zeichnungen für Lanze Itx°«> ^TX ei1 1 i n Verbindung. Das Holz
des Birnbaumes wurde nachweislich in Griechenland vielfach zu
Schnitzarbeiten verwendet, und ursprünglich scheint man aus ihm
Lanzenschäfte hergestellt zu haben. Schon diese Thatsache
würde für ein hohes Alter des Baumes, vielleicht auch für sein
Indigenat auf der Balkanhalbinsel sprechen. Das häufige Vor-
>) Homer, Odyssea XXIV, 234.
a ) Theophrast, hist. plant. II, 5 u. a. Stellen.
3) Dioscoritles, de mat. med. I, 1G7.
4 ) Seh rader, Sprachvergleichung. S. 328, 440.
174 XXXVII. Pomaceae. — Pirus communis.
kommen des Birnbaumes im Peloponnes wird uns von den
Schriftstellern der Alten mehrfach bezeugt. Einer Angabe des
Athenaeus') zufolge führte diese Halbinsel aus diesem Grunde
den Namen Apia (von ä-toc) = Birnenland. Nach Börnes 9 )
liegen noch andere sprachliche Gründe vor, die auf das Indigenat
des Birnbaumes auf der Balkanhalbinsel hinweisen. Das albanische
Wort für Birne, (tarda findet sich bereits in einer Anzahl vor-
geschichtlicher Namen, wie Dardani, Daräania und ähnlichen.
Die Italiker brachten den Birnbaum vermuthlich aus dem
Norden des Balkan nach der nach ihnen benannten Halbinsel.
Von dem Vorkommen des Baumes in Oberitalien zeigt nur ein
einziger Fund, der 'in die Bronzezeit fällt: aus dem Pfahlbau
Baradello im Varese-See. In der steinzeitlichen (?) Pfahlbautc
zu Casale soll eine Pirus-krt zwar auch nachgewiesen worden
sein, doch giebt der Autor nicht an, welche Spezies darunter zu
verstehen ist. Es könnte sich nämlich auch — und vielleicht
mit mehr Wahrscheinlichkeit — um Pirus aria handeln. — In
der späteren Zeit nahm der Anbau des Birnbaumes in Italien
grosse Ausdehnung an. Zu Plinius 3 ) Zeiten existirten bereits
eine grosse Anzahl Varietäten. Auf den Wandgemälden von
Pompeji tritt uns der Baum recht oft entgegen 4 ). Die Römer
bildeten sich ein eigenes Wort für den für sie neu überkommenen
Baum, pirus. Dasselbe hat sich im Irländischen als peir, im
Kymrischen bezw. im Amerikanischen als per, im Französischen
als poire u. s. w. ft ) noch erhalten. Man könnte mit gleichem Recht
auch annehmen, dass die Bewohner der italischen Halbinsel den
Namen pirus von den keltischen Völkerschaften erhalten hätten.
Denn in den steinzeitlichen Pfahlbauten der Schweiz 6 ) (Wangen
und Robenhausen) kommt bereits die Birne, wenn auch nur
sporadisch, vor. — Es ist übrigens auffällig, wie mannigfaltig
die Bezeichnungen sind, welche die Birne in den verschiedenen
arischen Sprachen führt: griechisch o/vr, oder or/pote (auch dhnoc),
lateinisch pirus, ungarisch vatzkov, russich gruscha, illyrisch Icruka,
baskisch udarea und madaria, armenisch und georgisch pouta 1 ).
•) Athenaeus, Deipnos. XIV, 63.
2) II ö rnes, in Mittheil. d. Wiener anthrop. Geaellsch. 18S8. 8. 217.
3) Plinius, bist nat. XV, 15; XXIII, 7.
*) Cornea, illustrazionc. S. 59.
6 ) De Candolle, Ursprung. S. 288.
6) Heer, Pflanzen, S. 2G.
7) De Candolle, Pflanzen. 8. 28
XXXVII. Pomaccac. — Pirus communis. 175
Eine solche Reichhaltigkeit in den Namen, die keinen Zu-
sammenhang untereinander erkennen lassen, besitzt keine andere
Kulturpflanze.
Von vorgeschichtlichen Funden kennen wir bloss, um es noch
einmal zu erwähnen, einige Birnenstücke aus Robenhausen,
Wangen und Baradello ' ). Sie sind gleichfalls getheilt, wie die
vorgeschichtlichen Aepfel. Die Exemplare aus den schweizerischen
Pfahlbauten 2 ) sind 28 mm hoch und 19 mm im Querdurchmesser;
sie besitzen ein sehr grosses gekörntes Kernhaus und dem
entsprechend ein schmales Epikarp. Die Basis der Frucht geht
länglich in den Stiel über. Es kann kein Zweifel darüber be-
stehen, dass wir es hier mit wilden Holzbirnen zu thun haben,
und zwar mit der Varietät Achras (im Gegensatz zu den am
Grunde zugerundeten und kugeligen Früchten der anderen Varietät
Pyraster). Aucb die Birne aus dem See zu Baradello gehört
dem Acliras-Ty])i\8 an. Sie misst in dem Längsdurchmesser
25 mm und im Querdurchmesser 16 mm, ist also noch kleiner als
die Birnen der schweizerischen Pfahlbauten.
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Birnbaumes muss
ein sehr circumscriptes gewesen sein. Bis zu den gemeinsamen
Sitzen der verschiedenen Völker arischer Abstammung scheint
es sich nicht erstreckt zu haben. Denn sonst würden wir nicht
so grundverschiedene Bezeichnungen bei diesen Volksstämmen
besitzen. Vielmehr ist anzunehmen, dass dieselben den Baum
erst auf ihrem Zuge nach dem Westen kenneu gelernt haben.
Die Griechen fanden ihn vielleicht im Norden des Balkan, eben-
daselbst später die Kelten; die Germanen und die Slaven
aber in den Gebieten nördlich der Karpathen. Die Heimath des
Birnbaumes scheint hiernach das gemässigte Europa gewesen zu
sein, speziell die Landstrecken von den Ostalpen bis zum
Ursprung der Elbe und Oder hinauf 3 ), und in der anderen
Richtung bis jenseits der Karpathen und bis zum Unterlauf der
Donau. Der Birnbaumer Wald beweist durch seinen Namen,
dass einst auf ihm der Birnbaum einheimisch war.
Heutzutage dagegen tritt der Baum im wildwachsenden Zu-
stande nicht nur im ganzen gemässigten Europa, sondern auch
in Westasien, vorzugsweise in Anatolien, im Süden des Kaukasus,
>) Sordelli, plante. S. 37.
2) Heer, Pflanzen. S. 26.
3 ) Potonie, in Naturw. "Wochenschrift III, S. 19.
1/6 XX'XVII. Pomaceae. — Pirus communis, aria et Sorbus aucuparia.
und in Nordpersien, vielleicht auch in Kaschmir auf ' ). Freilich
hält es sehr schwer zu sagen, ob manche dieser als spontan
gemeldeten Exemplare nicht etwa von zufällig dort ausgesäten
uud dann verwilderten Kulturformen herstammen; denn die Ab-
weichungen dieser von manchen angebauten Varietäten sollen
nach De Candolle nur verschwindend kleine sein. — Wie fin-
den Kulturapfel, so nimmt Engler 2 ) auch für die moderne
Kulturbirne einen mehrfachen Ursprung an; er vermuthet, dass
vier im Orient einheimische Pirus- Arten die Stammformen sein
könnten: Pirus achras Eichn. (Centralasien), P. persica Pers.
(Syrien und Persien), P. cordata Desv. und P. elaeagrifolia Pall.
(beide im Orient). Die Hauptstammform scheint unseres Er-
achtens doch immer die sowohl in Europa als auch in Asien
spontane Pirus achras zu bleiben.
3. Pirus aria. L. Mehlbeerbaum.
Einige Kerne aus Wangen und Kobenhausen 3 ) machen es
wahrscheinlich, dass auch diese Frucht zur Nahrung der
Pfahlbauern gehörte. Man hat sie ebenso wie das Holz des
Baumes auch in den oberitalienischen Pfahlbauten nachgewiesen:
in dem zu Caldiero 4 ) (Uebergang von der Steinzeit zur Bronze-
zeit), zu Fontanellato 5 ) (Eisenzeit) und, was nicht sicher ist, zu
Casale (Steinzeit).
Der Mehlbeerbaum gehört ohne Zweifel ebenfalls der Flora
des gemässigten Europa an.
4. Sorbus aucuparia. L. Vogelbeere.
Samen, die mit solchen der Eberesche oder Vogelbeere Aehu-
lichkeit haben, sind in der Pfahlbaute im Mondsee") aufgefunden
worden. Much macht hierzu die Mittheilung, dass diese Früchte
in den dortigen Gegenden noch gegenwärtig theils als Vichfuttcr,
theils zur Branntweinfabrikation benutzt werden.
>) De Candolle, Ursprung. S. 285.
2 ) Engl er in Ilehn, Kulturpflanzen. S. o'.ll
3) Heer, Pflanzen. S. 26.
4 J Goiran, notizie. S. 28.
6 ) Pigorine, abitaz. palustri etc.
«) Mittheil. d. Wiener anthrop. Gesellsch. IV, 300.
XXXVIII. Amygdaleae. — Prunus avium. 1 / (
XXXVIII. Amygdaleae.
1. Prunus avium. L. Vogelkirsche.
Die Süss- oder Vogelkirsche war den mittel- und süd-
europäischeu Völkern bereits in der frühesten Zeit bekannt.
Dies beweisen sowohl vorgeschichtliche Funde (aus der jüngeren
Steinzeit der Schweiz und aus der Bronzezeit Südfrankreichs), als
auch die Nachrichten der Alten. Die letzteren lassen leider
trotz ziemlicher Ausführlichkeit viel zu wünschen übrig. Denn
griechische und römische Schriftsteller werten Vogelkirsche,
Kornelkirsche und vielleicht auch Felsenkirsche zusammen und
geben diesen den gemeinsamen Namen xpaveia oder xepaoia
(xepaoos).
T he ophra st f ) unterscheidet die männliche xpaveia, die nur
wegen ihres Holzes geschätzt war, also wohl den Hartriegel, von
der weiblichen, die essbare und süsse Früchte trug, womit wohl
die Vogelkirsche gemeint sein dürfte. Ein anderes Wort, das
The ophra st für ein Kernobst gebraucht, ist xspaata; dieses hat
man gleichfalls als Süsskirsche ausgelegt. Koch' 2 ) dagegen will
unter xepdoia lieber die Felsenkirsche verstanden wissen, weil
die Beschreibung, die Theophrast giebt, nicht auf jene passe.
Sollte die xspdoia des Theophrast mit der des Athenaeus 3 )
identisch sein, so müsste man hierunter doch Süsskirschen ver-
stehen. Athenaeus nämlich führt aus den Schriften des
Diphylus von Siphnus, eines Zeitgenossen des Königs Lysimachus
(im 4. Jahrhundert v. Chr.) mehrere Sorten xspobia an, von denen
er als die besten die rötheren und die milesischen, offenbar also
veredelte Formen, besonders hervorhebt. Nun könnte man aber
auch denken, dass der Autor nicht Süsskirschen, sondern Sauer-
kirschen gemeint habe, weil er von Milesischen spricht. Diese
Frage lässt sich nicht entscheiden, denn wir besitzen weder für
die eine, noch für die andere Auffassung irgendwelche sichere
Anhaltspunkte. — Das Wort xepaoo« (zspaaia) soll nach den
i) Theophrast, de caus. plant. III, 12.
2) Koch, Bäume. S. 19S.
3 ) Athenaeus, Deipn. II, 51.
G. Busc h an , Vorgeschichtliche Botanik 12
I i ß XXXVIII. Ajnygdaleae. — Prunus avium.
Untersuchungen, die Koch 1 ) angestellt hat, kein ursprünglich
griechisches Wort sein, sondern entstand im politischen Gebirge
und ging von hier aus als Bezeichnung für beide Kirschsorten,
die sauere und die süsse, in alle Sprachen über. Noch heute
sollen die dortigen Bewohner die Süsskirsche kirahs (r ist aus-
zusprechen wie das polnische li nennen. Hiernach hätte die
Stadt Kerasus von der Kirsche den Namen erhalten, und nicht
umgekehrt die Kirsche den ihrigen von dieser Stadt, wie man
vielfach annimmt Versuchen wir das Facit aus unserer Be-
trachtung zu ziehen, so müssen Mir gestehen, dass wir nicht zu
entscheiden vermögen, ob den Griechen bloss die Süsskirsche oder
bloss die Sauerkirsche oder auch beide Sorten gleichzeitig bekannt
gewesen sind.
Ueber Italien sind wir besser unterrichtet. Hier tritt die
Süsskirsche, wahrscheinlich als einheimisches Gewächs, im Norden
bereits zur jüngeren Steinzeit (im Pfahlbau von Lagozza) und
noch häufiger zur Bronzezeit (Tcrramare von Parma) auf. Es
steht hiernach zweifellos fest, dass die Römer die Kirsche gekannt
haben müssen, und dass es somit nicht erst einer Einführung
dieses Baumes durch Lucullus bedurfte. Bekanntlich hat uns
Plinius' 2 ) überliefert, dass dieser Feldherr nach seinem Siege
über Mithridates (i. J. 68(1 nach Gründung der Stadt) den Kirsch-
baum aus der Gegend von Cerasus (an der politischen Küste
zwischen Siuope und Trapezunt) nach Italien verpflanzt haben soll.
und durch diese Notiz zu einem Streit über die Frage Veran-
lassung gegeben, ob Lucullus in der That Italien mit einer für
dasselbe neuen Obstgattung beschenkt oder nur eine veredelte
Sorte eingeführt habe. Die Beantwortung ist mit Schwierigkeiten
verknüpft. Thatsache ist, dass die saure Kirsche bis dahin in
Italien vollständig fehlte; alle vorgeschichtlichen Kerne aus
Mitteleuropa und Oberitalien gehören nachweislich der Vogel-
kirsche an. Es wäre also ganz gut denkbar, dass Lucullus die
saure Sorte mitgebracht hat. Andrerseits kann man aber auch
mit gutem Recht annehmen, dass derselbe Italien mit einer ver-
edelten Varietät der Süsskirsche bekannt gemacht hat. Ich
muss gestehen, dass ich bisher immer die erste Annahme ver-
treten habe, dass ich mich jetzt aber, besonders auf die Be-
obachtungen von Koch hin, die ich sogleich wiedergeben werde,
') Koch, Bäume. B. l'.i.V
2) Plinius, tust nat. XV, 2 r .y-
XXXVIII. Amygdaleae. — Prunus avium. 1/9
zu der zweiten hinneige. Obwohl die Vogelkirsche in Oberitalien
als einheimisch zu betrachten ist, so erfahren wir von den
römischen Autoren doch nichts über einen Anbau des Baumes,
beziehungsweise Veredelungsversuche an demselben. Cato nennt
in seinen Schriften die Kirsche überhaupt nicht, und Varro 1 )
gedenkt ihrer nur ein einziges Mal. Servius' 2 ) ferner bezeugt,
dass in Italien wohl schon vor Lucullus Kirschbäume gewachsen
seien, aber nur solche mit herben Früchten. Es ist demnach
sehr gut möglich, dass Lucullus die veredelte Süsskirsche in
Italien einführte. Eine weitere Stütze erhält diese Hypothese
durch die interessante Beobachtung von Koch, dass gerade der
Süsskirschbaum wild und verwildert auf beiden Seiten der Küste
des schwarzen Meeres, ost- und westwärts von Trapezunt (heute
Trebisond), auch jenseits des politischen Gebirges auf dem eigent-
lichen Hochland Armenien vorkommt, dass es aber andererseits
nirgends in diesen Gegenden Sauerkirschen giebt 3 ). Der letzteren
Beobachtung wird freilich von andren Botanikern widersprochen 4 ).
Koch fand ferner, dass die Bewohner der pontischen Gebirge mit
kirahs die Süsskirsche zu bezeichnen pflegen. Als dritte Stütze seiner
Ansicht führt Koch endlich eine Mittheilung des Dioscorides 5 )
an, wonach der politische zspaoict-Baum Gummi (Harz) ausschwitze,
eine Erscheinung, die bekanntlich nur der Süsskirsche zukommt.
— Um zum Schluss zu kommen, so sprechen doch verschiedene
Thatsachen dafür, dass Lucullus eine veredelte Sorte der Süss-
kirsche nach Italien verpflanzte. Ueber die Einführung der
sauren Kirsche erfahren wir von den Schriftstellern nichts; sie
scheint demnach unbemerkt vor sich gegangen zu sein. An-
scheinend erfolgte sie bald nach der Einführung der Süsskirsche;
denn auf zwei Wandgemälden von Pompeji, die Kirschbäume
darstellen, findet sich nach der Angabe von Comes fi ) auch
Prunus cerasus, also die Sauerkirsche, wiedergegeben.
Die vorgeschichtlichen Funde von Kirschkernen vertheilen
sich folgendermassen.
') Varro, de re rast. I, 39.
*) Servius, ad Vergil. Georgic. II, v. 18.
3 ) Entschieden zu weit geht Koch, wenn er fortfährt, dass die Süsskirsche
in nirgend einem anderen Lande, als dem politischen Gehirge wild wachse,
sondern sonst nur verwildert vorkomme. S. 196-
4 ) z. B. Engler in Helm, Kulturpflanzen. S. 394.
6 ) Dioscorides, de mat. med. I. 157: Koch, S. l'.K'i.
6 ) Cornea, illustrazione. S. 56.
12*
180
XXXVIII. Amygdaleae. — Prunus avium.
I. Neolithische Periode.
Italien: Pfahlbau von Lagozza.
Oesterreich: Pfahlbau im Mondsee.
Schweiz: Pfahlbau zu Bleiche-Arbon,
Pfahlbau zu Petit-Cortaillod,
Pfahlbau zu Robenhausen.
II, Bronze-Periode.
Frankreich : Pfahlbau zu Bourget.
Italien: Teiramaren von Parma.
III. Eisen-Periode.
Deutschland: Burgwall von Lenzen, ) Periode des
Urnenfund zu Kreuzburg, j. lausitzer Typus.
Pfahlbau zu Schwachenwalde, ) slavisches
Pfahlbau im Potichbach. \ Mittelalter.
Frankreich: Pfahlbau von Paladru (Merovinger Zeit).
Von allen aufgeführten Funden habe ich nur die von Cortaillod,
Kreuzburg und Lenzen einer persönlichen Prüfung unterziehen
können. Nach den Angaben von Heer 1 ) und meinen Messungen
weisen die vorgeschichtlichen Kirschkerne, — soweit die Maasse
derselben veröffentlicht sind, — folgende Grössenverhältnisse auf:
Fundort.
Länge
mm
Mittel
mm
kleinere
Exemplare
mm
mm
Breite
kleinere
Exemplare
mm
Mittel
mm
Robenhausen ,
Cortaillod . . .
Lenzen
8—10
9,6
8,8—11,2
10
7,5-8
6—7,5
8,8
7.6—8,8
7,5-8
8,3
Dieser Zusammenstellung nach stimmen die vorgeschichtlichen
Kirschkerne unter sich annähernd überein. Die Untersuchung ergiebt
ferner, dass sie von den modernen Formen hinsichtlich ihrer Grösse
nicht sonderlich abweichen, eine Erscheinung, die neben Heer
auch Sordelli und Wittmack aufgefallen ist und diese beiden
letzten Forscher dazu veranlasste, den betreffenden Kernen
jüngeren Ursprung zuzuschreiben als die Kulturschichten, in
denen man sie fand. — Es lassen sich an den vorgeschichtlichen
Kirschkernen zwei Formen unterscheiden, die einen fast kugel-
rund (nach Heer an seinem Material aus Robenhausen 7,5— 8 mm
im Durchmesser), die andern kurz eiförmig (nach Heer 8—10 mm
i) Heer, Pflanzen. S. 26.
XXXVIII. Amygdaleae. — Prunus avium. 181
laug-, 6 — 7,5 mm im Querdurchmesser). Diese Formenunterschiede,
auf die meines Eracbtens kein sonderliches Gewicht zu legen
ist, sind auch von anderen Forschern bestätigt worden ; ich selbst
kounte sie auch an meinem Material aus Kreuzburg und Lenzen
feststellen. Die vorgeschichtlichen Steine aus der Stein- und
Bronze-Periode gehören, wie ich schon hervorhob, der Vogel-
oder Süsskirsche an. Sie lassen sich nach Heer als solche leicht
daran erkennen, dass sie nicht eine scharf vorspringende Rücken-
linie, wie die Kerne der Sauerkirsche, besitzen. Auch die Steine
aus Kreuzburg und Lenzen rechne ich aus diesem Grunde zu
der gleichen Sorte.
Als Heimath der Vogelkirsche gilt nach De Candolle 1 ) das
gemässigte Europa und das gemässigte Westasieu. Man trifft
den Baum im wilden Zustande gerade so gut im südlichen
Norwegen — im Kirchspiel Urnaes im Stifte Bergen befindet sich
ein förmlicher Wald von diesen Bäumen, der ungefähr V 4 Meile
lang ist 2 ) — , wie in den gebirgigen Theilen Griechenlands,
Italiens und Spaniens, ferner in Südrusslaud, in den Wäldern
der pontischen Gebirge, in Armenien, im südlichen Turkestan
und nördlichen Persien an 3 ). Die vorgeschichtlichen Funde be-
weisen ja auch, dass der Baum bereits zur jüngeren Steinzeit,
in Dänemark und Böhmen sogar schon zur paläolithischen
Periode, bekannt war 4 ). — Die Veredelung des Baumes scheint
vom Osten, vielleicht von Kleinasien und der Nordküste des
Schwarzen Meeres ausgegangen zu sein 5 ).
2. Prunus insiticia. L. Kriecherpflaume.
Pflaumensteine gehören zur vorgeschichtlichen Flora Mittel-
europas. Man hat dieselben in stein- und bronzezeitlichen Nieder-
lassungen der Schweiz, Oesterreichs und Italiens nachgewiesen.
i) De Candolle, Ursprung. S. 558.
2 ) Seh übeler, Pflanzen Norwegens. S. 131.
3 ) Ledebour, flor. ross. II, 6; Boissier, flor. orient. II, G45; Engler
in Hehn, Kulturpflanzen. S. 394.
4 ) In den Torfmooren zu Bohuslän wurden Kirschsteine gefunden, Hehn,
S. 394. — Woldrich fand im diluvialen Lehme Böhmens (Prachover- Felsen)
„Abdrücke von Samen, oval, von der Grösse einer kleinen runden Vogelkirsche,
die vielleicht identisch mit dieser sind". Jahrb. d. k. k. geolog. Reichsanstalt.
Wien 1877, Bd. 37, Heft 2.
5 ) Ueber den Ursprung der Sauerkirsche (Prunus Cerasus) wissen wir zur
Zeit nichts; De Candolle vermuthet, dass sie aus Prunus avium, bereits zur
vorgeschichtlichen Zeit, hervorgegangen ist. S. 260.
182 XXXVIII. Aniygdaleae. — Prunus insiticia.
Den Griechen scheint die Pflaume gleichfalls schon frühzeitig-
bekannt gewesen zu sein. Sie hatten für die Pflaumenfrucht die
allgemeine Bezeichnung xoxxujayjXov und unterschieden zur Zeit
des Dioscorides 1 ) die coccumelea ihres Landes von denen
Syriens. Unter letzteren verstanden sie höchstwahrscheinlich die
Zwetschge (Prunus clomestica), deren Heimath thatsächlich im
Orient zu suchen ist, unter ersteren dagegen die einheimische
Pflaume, die bei ihren Epigonen noch gegenwärtig den Namen
coromeleia führt* 2 ). — Dass auch in Italien die Pflaume wild
vorkam, beweisen die vorgeschichtlichen Funde. Die lateinische
Bezeichnung war jmmus, ein Wort, das wohl aus dem Griechischen
übernommen wurde, ursprünglich aber aus Klcinasieu stammen
soll, woselbst es eigentlich die Damascener-Pflaume (Zwetschge)
bezeichnete 3 ). Die römischen Schriftsteller werfen leider diese
Sorte mit der einheimischen Pflaume zusammen, sodass es schwer
ist zu sagen, welche von den beiden Arten sie jedesmal meinen.
Die Damascenerpflaume kam nachweislich erst spät nach Italien;
wie Plinius angiebt, erst nach der Zeit des Cato. — Zu seiner
Zeit 4 ) gab es bereits eine grosse Menge Pflaumensorten. Auf-
fällig ist, dass sich auf den pompejanischen Wandgemälden
keine Darstellung der Zwetschge findet.
Ueber das Vorkommen der Pflaume in der Vorzeit geben
uns folgende Funde Aufschluss.
I. Neolithische Periode.
Italien: Pfahlbau zu Casale.
Oesterreich: Pfahlbau zu Weyeregg.
Schweiz: Pfahlbau zu Robenhausen.
II. Bronze -Periode.
Italien: Pfahlbau zu Mercurago,
Terramare zu S. Ambrogio.
III. Eisen -Periode.
Deutschland: Pfahlbau zu Seh wachenwalde (slav. Mittelalter).
Frankreich: Pfahlbau zu Paladru (Merovinger Zeit).
Italien: Pfahlbau zu Fontaneila to.
') Dioscorides, de niat. med. I, 174.
*) Heldreich, Nutzpflanzen. S. 68.
3 ) Galenus, de aliin. f'ae. VII, 35.
«) Plinius, hist. nat. XV, 13.
XXXVIII Amygdaleae. — Prunus insiticia et spinosa. 183
Ueber die Grössen- und Forraenverliältnisse der vorgeschicht-
lichen Pflaumensteine existirt nur eine Angabe von Heer 1 ),
welche die Steine ans Robenhausen betrifft. Heer fand, dass
diese Steine, deren Länge sich auf 12 mm bei einer Breite von
10 mm und einer Dicke von 5 mm beläuft, der Haferschlehe
{Fr. insiticia avenaria Tub.) am nächsten stehen. Sie sind
glatt, mit einer tiefen Rückenfurchc und Sachen Kunzein versehen;
die Bauchnaht ist von tiefen Furchen eingefasst, au der Rücken-
nabt stehen die Ränder in scharfen Kanten hervor.
Die Heimath der Kriecherpflaume scheinen das gemässigte
Europa, die Kaukasusländer und Kleinasien zu sein; denn hier,
sowie in Nordafrika ist sie vielfach im wilden Zustande in den
Wäldern angetroffen worden' 2 ).
3. Prunus spinosa. L. Schlehe.
Dass die Schlehe schon frühzeitig zu den Nahrungsmitteln
der mitteleuropäischen Bevölkerung zählte, beweisen eine Anzahl
Funde aus der neolithischen Periode. Ihr herber Geschmack mag
sie nicht gerade wohlschmeckend gemacht haben. Parazzi 3 )
vermuthet daher, dass man nur die Schlehensteine benutzt haben
möge und zwar zur Herstellung eines alkoholhaltigen Getränkes,
wie solches beutigen Tags noch in Italien unter dem Namen
vino di prugnola daraus hergestellt und genossen wird. De
Candolle 4 ) seinerseits glaubt eher, dass man hauptsächlich das
Fleisch der Schlehe verwerthet habe, um daraus vielleicht eine
Art Mus zu bereiten. Vielleicht mag aber auch das Fruchtfleisch
im rohen Zustande dein damaligen Gaumen gemundet haben,
was für das frühe Mittelalter noch zutrifft; denn die heilige
Hildegard aus Bingen führt unter den Obstbäumen ihrer Zeit
auch die Schlehe an.
Den alten Griechen war die Schlehe höchstwahrscheinlich
auch schon bekannt. Einzelne Autoren haben die stoxxuu.T}Xea als
solche gedeutet; wahrscheinlicher ist aber, dass mau mit cntQvBuäts
den Schlehdorn gemeint hat. Denn das erstere Wort passt besser
auf die Pflaume.
>) Heer, Pflanzen. S. 27.
2 ) Engler, in Ilehn, Kulturpflanzen. S. 377.
3) Bnllettino di Paletnologia ital. 1886. S. 54.
4 ) De Candolle, Ursprung. S. 265.
184 XXXVIII. Amygdaleae. — Prunus spinosa et Padus.
Unter den vorgeschichtlichen Funden ist die Schlehe ziemlich
reichlich vertreten, ein Beweis für ihre grosse Beliebtheit bei
der damaligen Bevölkerung.
I. Neolithische Periode.
Italien: Pfahlbau zu Casale,
Pfahlbau auf Isola Virginia (tiefste Schicht).
Schweiz: Pfahlbau zu Moosseedorf,
Pfahlbau zu Greing,
Pfahlbau zu Bleiche-Arbon,
Pfahlbau zu Wangen,
Pfahlbau zu Kobenhausen.
II. Bronze -Periode.
Frankreich: Pfahlbau zu Bourget.
Italien: Pfahlbau im See von Fimon.
Schweiz: Pfahlbau zu Auvernier.
Die Grösse der vorgeschichtlichen Schlehenkerne ist ziemlich
übereinstimmend. Ich fand für die Steine von Auvernier eine
Länge von 8,2 (8,0 — 8,8) mm und eine Breite von 7,0 (6,4 — 7,2) mm ;
für die aus Fimon (8,3 (8,0-8,8) mm bezw. 7,7 (7,2—8,0) mm.
Heer') beobachtete an seinem Material aus den schweizerischen
Pfahlbauten gleichfalls Exemplare von 7,5 — 9 mm, aber auch
solche von 10 mm Länge. Die vorgeschichtlichen Schlehensteine
sind kenntlich an ihrer starken Runzelbildung, einer ziemlich
tiefen Rückenfurche und einer Bauchnaht mit dicken, breiten
Rändern. Es lassen sich kugelige und mehr längliche Exemplare
unterscheiden.
Die Heimath der Schlehe dürften das mittlere und die nörd-
lichen Partien des südlichen Europa sein'-).
4. Prunus Padus. L. Traubenkirsche.
In derselben Weise wie die vorgenannten Prunus -Äxten
sammelte der steinzeitliche Mitteleuropäer auch die Früchte der
Traubenkirsche ein. Die Verwerthung derselben dürfte eine
ähnliche gewesen sein, wie sie uns Herodot 4 ) von den Argippiieni
schildert. Dieser Volksstamm, in dem Lenz 5 ) die Vorfahren
•) Heer, Pflanzen. S. 27.
») Hock, Nährpflanzen. S. 25.
») Herodot IV, 23.
*) Lenz, Botanik der Alten. S. 713.
XXXVIII. Amygdaleae. — Prunus Padus. 185
der heutigen Baschkiren am südlichen Ende des Ural vermuthet,
lebte nach Angabe des Herodot von den bohnengrossen, kern-
haltigen Früchten eines Baunies, der die Grösse eines Feigen-
baumes haben sollte und Ponücum hiess. Diese Früchte nun
schlugen die Agrippäer in Tücher ein und pressten aus ihnen
eine dicke schwarze Flüssigkeit, aschy genannt, heraus, die ent-
weder unvermischt, oder mit Milch verdüunt genossen wurde;
die Treber wurden ausserdem noch zu Kuchen verwerthet.
Dieses von Herodot geschilderte Verfahren traf Ermann auf
seiner Heise durch Sibirien noch gegenwärtig bei den heutigen
Baschkiren an, in deren Sprache sich merkwürdiger Weise noch
derselbe Name für den Traubenkirschensaft, wie ehedem, nämlich
atschni erhalten hatte. Lenz schliesst aus diesem Zusammen-
treffen, gewiss mit Hecht, dass Ponücum des Herodot der
Traubenkirschbaum gewesen sein müsse.
Das vorgeschichtliche Vorkommen der Pflanze beschränkt sich
auf die schweizerischen und österreichischen Pfahlbauten.
Neolithische Periode.
Oesterreich: Pfahlbau im Moor zu Laibach.
Schweiz: Pfahlbau zu Wangen,
Pfahlbau zu Moosseedorf,
Pfahlbau zu Greing,
Pfahlbau zu Robenhausen.
Wie noch heutzutage, trat schon in der Steinzeit nach He er 's
Untersuchungen l ) die Traubenkirsche in zwei Formen auf, in
runden, fast kugligen oder doch nur wenig flachen Steinen und
in solchen, die an einem Ende zugerundet, am andern aber zu-
gespitzt sind. Die Fruchtsteine ähneln zwar sehr denen der
kleineren Schlehensorte, sind aber kürzer, 6 — 7 mm lang, uud
mit einer schwachen, öfters verwischten Rückenfurche versehen.
Die Verbreitung des Baumes erstreckt sich heute über das ganze
mittlere Europa und Sibirien'-). In Griechenland ist er nicht
wild gefunden worden, dagegen hier und da in den Gebirgs-
gegenden Norditalicns. Die vorgeschichtliche Verbreitung dürfte
sich so ziemlich hiermit decken.
») Heer, Pflanzen. S. 27.
2 ) Lenz, Botanik. S. 712.
186 XXXVIII. A.mygdaleae — Prunus Mahaleh et Persica.
5. Prunus Mahaleh. L. Felsenkirsche.
In einzelnen Pfahlbauten der Schweiz (Robenhausen und
Cortaillod) und Oberitaliens (Parma) wurden Fruchtsteine auf-
gefunden, die denen der Felsenkirsche sehr ähnlich aussehen.
Indessen ist diese Bestimmung immerhin anzufechten, wie Heer 1 )
selbst zugesteht. Sie haben eine Länge von etwa 7 mm und
eine Breite von ß mm, sind etwas platt und glatt, meistens auf-
gesprungen uud mit einer sehr schmalen, aber scharfkantigen
Kückennaht versehen.
6. Prunus Persica. Benth. u. Hook. Pfirsichbaum.
Der Anbau des Pfirsichbaumes reicht in China bis in das
3. Jahrtausend vor Christo zurück; denn im Schan-hai-king, einer
Schrift, die ums Jahr 2200 entstanden ist, findet sich die Frucht
als einheimisches Gewächs unter dem Namen sing erwähnt-).
Die Abgeschlossenheit des chinesischen Reiches gegen die Ausseu-
welt hatte zur Folge, dass der Baum im Westen erst verhältniss-
mässig spät bekannt wurde. Im Sanscrit und im Hebräischen
existirt keine Bezeichnung für ihn.
Ob den Griechen der Pfirsichbaum bekannt war, bleibe dahin
gestellt. Koch 3 ) will unter den uyiet des Theophrast solche
Früchte verstanden wissen und nimmt dementsprechend auch an,
dass der Baum schon in sehr früher Zeit nach Unteritalien verpflanzt
worden sei. Andere Autoreu setzen die Einführung erst in das
1. Jahrhundert der Kaiserherrschaft. Die bis dahin unbekannte
Frucht erhielt wegen ihrer Aehnlichkeit mit dem Apfel und ihrer
vermeintlichen persischen Heimath den Namen des mal am pt rsicum.
Unter derselben Bezeichnung, Trepotx&v |x>jX.ov, führt sie gleichzeitig
Dioscorides als gesunde Speise an. — Thatsache ist, dass
wir den Baum bei Cato, Varrö, Cicero und den übrigen
landwirtschaftlichen Autoren des römischen Freistaates, sowie
des augustinischen Zeitalters vergebens suchen; sogar von Plinius
hat man behauptet, dass sich aus seinen Schriften nicht ersehen
lasse, ob ihm der Baum bekannt gewesen sei. Doch dürfte dies
wohl anzunehmen sein, denn apf den pompejanischen Wand-
gemälden finden wir bereits seine bildliche Darstellung 4 ).
•) Heer, Pflanzen. 8. 28.
«) De Candolle, Ursprung S. 268 u. f.
•'<) Koch, Bäume. S. 186.
4 ) Coincs, illustraaione. S. 14-
XXXVIII. Amygdaleae. — Prunus Persir,.. 187
Aus den ersten Jahrhunderten nach Beginn unserer Zeit-
rechnung stammen zwei Funde 1 ) von Pfirsichkernen, die man
gemacht hat. Pater de la Croix entdeckte einen kleinen Kern
in einer römischen Mauer beim Dürfe Sanxay Poitou), die um
das 2. — 5. Jahrhundert n.Chr. errichtet sein soll; Stefano di Stefani
desgleichen zwischen römischen llausresten der Villa Sospirogna
in der Gemeinde Casaleone. Aus der Merovinger Periode rührt
ein Fund der Pfahlbauuicderlassung von Paladru her. Ein
vierter Fund, der aus dem Pfahlbau Bor bei Pacenga, ist un-
bestimmbaren Alters ' ). Wir gewinnen aus unserer Betrachtung
den Eindruck, dass die Annahme derjenigen, die die Einführung
des Pfirsichbaumes nach Italien iu die Zeit um Christi Geburt
setzen, wohl die richtige ist.
Was die Heimath des Baumes betrifft, so kann man wohl
mit Sicherheit behaupten, dass dieselbe in Ostasien zu suchen
ist. Wie schon oben erwähnt, ist hier, besonders in China,
seine Kultur eine uralte. Ausserdem kommt auf den Gebirgen
um Peking herum, sowie in den Provinzen Schensi und Kansu
eine wildwachsende Spezies, Prunus Davidiana Ch. - ), vor, die
möglicher Weise die Mutterpflanze der Prunus persica sein
kann. Diese letztere will man im wildwachsenden Zustande
im südlichen Himalaya und in der persischen Provinz Ghilan
angetroffen haben.
Wenn wir der Ueberlieferung Glauben schenken, so scheint
das Jahr 128 v. Chr. der Zeitpunkt gewesen zu sein, zu dem
die westlich von China gelegeneu Länder mit der veredelten
Form des Baumes bekannt gemacht wurden. Iu diesem Jahre
nämlich bekamen die Länder am Oxus und Jaxai tes Dank dem
thatkräftigen Vordringen des Generals Tschang-kien mit den
Chinesen Fühlung, die fortan mit dem dort ansässigen Volke
der Ani, vermuthlich den Parthern, in lebhaften Handelsverkehr
traten. Dadurch scheint auch die Gelegenheit zur Einführung
und Verbreitung des Pfirsichbaumes nach dem Westen hin gegeben
worden zu sein 3 ).
1 ) Goiran, aotizie. S. 27.
2 ) Eng ler in Helm, Kulturpflanzen. S. 418.
3 ) Ebendaselbst.
188 XXXIX Fragariaceae. — Fragaria vesca, Huhns idaeua et fruticosus.
XXXIX. Fragariaceae.
/. FrcHjaria resca. L. Erdbeere.
Die Erdbeere zählt nicht gerade zu den häufigen Vorkomm-
nissen der vorgeschichtlichen Flora. Bisher sind ihre Samen erst
dreimal mit Sicherheit nachgewiesen worden: in den steinzeit-
lichen Niederlassungen zu Robenhausen, Wangen und Clairvaux.
Ueber die Völker des Alterthums erfahren wir nichts, dass
bei ihnen die Pflanze in Kultur gewesen wäre; dass sie aber in
Griechenland und Italien als einheimisch zu betrachten ist, darf
nicht geleugnet werden. Immerhin bleibt es auffällig, dass die
älteren Schriftsteller sie nicht erwähnen. Erst Vergil *), Ovid 2 ),
Plinius und andere Autoren der nachklassischen Zeit führen
eine Frucht Namens Fragum auf, die die Erdbeere zu bedeuten
scheint.
Die vorgeschichtlichen Samen sind nach Heer 's 4 ) Be-
schreibung sehr klein (etwa 1,5 mm lang), am Rücken gewölbt
und ganz glatt.
Die heutige Verbreitung 5 ) der Pflanze erstreckt sich von den
Shettlands-Inseln und Lapplaud an bis nach Spanien, Sicilien und
Griechenland, auch über das temperirte Asien hin. Ueber ihre
Verbreitung in der Vorzeit wissen wir nichts Bestimmtes.
*o
2. Rubus idaeus. L. Himbeere.
3. Rubus fruticosus. L. Brombeere.
Dass den alten Aegyptern die beiden Pflanzen bekannt ge-
wesen seien, ist nicht wahrscheinlich anzunehmen; möglicherweise
wuchsen sie aber in Palästina wild. Einigen Erklärern zufolge
soll der brennende Busch (hebräisch seneJi), den Moses 6 ) am
Fusse des Berges Horeb sah, ein Brombeerstrauch gewesen sein 7 ).
M Vergil, Eclog. III, 92
*) Ovid, Bletam. I. KU.
3) IM in ins, hiat. nat XV, 24.
*) Heer, Pflanzen. 8. 29.
») De C and olle, Ursprung. S. 281.
«) 2. Mus. III, 2 u. f.
7 ) Bosenmfiller, Biblische Naturgcsrhichtf. S. 204.
XXXIX. Fraeariaceae. — Rtlbus idaeus et fruticosus. 189
-e
Die alten Griechen hingegen kannten beide Pflanzen sehr
wohl, die sie aber unter der Bezeichnung [ia-roc vereinigten; ßdtTo
heisst die Brombeere noch jetzt in der griechischen Sprache, —
Theophrast nennt die Himbeere ßdtoc öp&ocpoVje, Dioscorides 1 )
ßatos lüola, das letztere aus dem Grunde, weil der Strauch
hauptsächlich auf dem Berge Ida auf Kreta in Menge
wachsen soll. Neueren Beobachtungen zufolge kommt derselbe
hier aber gar nicht vor und wuchs wahrscheinlich hier auch
nicht im Alterthume. In Griechenland soll er gegenwärtig
fast nur im Hochgebirge wachsen' 2 ). — Dagegen ist die Brombeere
ein im heutigen Griechenland ziemlich häufiges Gewächs. Schon
bei Homer 3 ) finden wir die Pflanze aufgeführt: Laertes arbeitete
in seinem Garten mit ledernen Stiefeln und Handschuhen, um
sich durch diese vor den Wunden der dort wuchernden Brombeer-
sträucher zu schützen. Theophrast 4 ) und Dioscorides 5 ) er-
wähnen die Pflanze gleichfalls; der letztere hebt im besonderen
noch die medicamentüse Bedeutung ihrer Blätter und Früchte
hervor. Palladius 6 ) endlich giebt ein Kezept zur Zubereitung
von Brombeergelee. Er empfiehlt in demselben, den ausgepressten
Saft gähren zu lassen, dann mit einem Drittel Honig zu mischen
und die ganze Mischung bis zur schleimigen Consistenz ein-
zukochen.
Für die Vorzeit Mitteleuropas ist das Vorkommen beider
Riibus- Arten durch stein- und bronzezeitliche Funde erwiesen.
Leider lassen uns die Angaben der Autoren zumeist darüber
im Stich, welche der beiden Arten sie im einzelnen Falle
gefunden haben; sie geben dann einfach nur Rubus an. Jedoch
möge zu ihrer Entschuldigung hinzugefügt werden, dass die
Unterscheidung der beiden Pflanzen, wenn man nur Samen zur
Untersuchung besitzt, eine sehr schwierige ist. Unter diesen
Verhältnissen erscheint es uns zweckmässig, in der nachfolgenden
Zusammenstellung der Fundorte beide Pflanzen zusammenzufassen.
I. Neolithische Periode.
Deutschland: Pfahlbau zu Schussenried.
Frankreich: Pfahlbau im See von Clairvaux.
•) Dioscorides, de inat. med. IV, 38.
2) Lenz, Botanik. S. 701.
3) Homer, Odyssea XXIV, 230.
♦) Theophrast, de caus. pl. I, 9; III, 18.
6 ) Dioscorides, de mat. med. IV, 37.
6) Palladius, de re rast XIV, 16.
190 XXXIX. Fragariaceae. — Rubus idaeus et fruticosus.
Oesterreicb: Pfahlbau im Moor zu Laibaoh.
Schweiz: Pfahlbau zu Bleiehe-Arbon.
Pfahlbau zu Wangen,
Pfahlbau zu Meilen,
Pfahlbau zu Moosseedorf,
Pfahlbau zu Greing,
Pfahlbau zu Kobenhausen.
II. Bronze - Periode.
Italien: Pfahlbau im See von Fimon.
Wie ich soeben betonte, hält es bei den überaus mannigfachen
Samenformen, unter denen die Brombeeren auftreten, sehr schwer, an
denselben scharfe und durchgreifende Eigenschaften herauszufinden.
Die einzigen Unterschiede, die Heer allenfalls für angängig hält,
bestehen darin, dass die Brombeersamen etwas kürzer und dicker
sind, und die Rippen, welche die Grübchen umgeben, etwas
weniger scharf hervortreten, als bei den Himbeereusamen. Diese
Eigenschaften nun treffen bei weitaus den meisten Samen aus
den Pfahlbauten nicht zu, weshalb Heer diese zu den Him-
beeren stellt.
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der beiden Pflanzen
scheinen das mittlere und östliche Europa, sowie die Gebirgs-
gegenden Transkaukasicns und Kleinasiens gewesen zu sein;
heutzutage erstreckt dasselbe sich über die ganze gemässigte Zone.
XL. Mimosaceae.
1. Acacia nilotica. Del. Nilakazie.
Das Auftreten der Nilakazie im alten Aegypten ist ohne
Zweifel ein spontanes gewesen; sie scheint in der Vorzeit den
Hauptbestandteil der Uferwaldungen ausgemacht zu haben. —
In den Inschriften, die gleichen Alters mit den Pyramiden sind,
wird der Baum bereits als Vegetationspflanze des Pharaouen-
landcs angeführt. Derselben Periode gehören Holzreste im Ziegel
von El-Kab an. Weitere pflanzliche Fragmente besitzen wir aus
der Zeit der XVIII. Dynastie. Die Mumien der Könige Athmes I.
und Amenhotep I. (1630 v. Chr.) waren mit Blumcnguirlanden
geschmückt, die aus Weidenblättern und Akazienblüthen in der
XL. Mimosaceae. — Acacin nilotiea. 191
Weise gewunden waren, dass die agraffenartig zu kleinen Päck-
chen gehefteten Weidenblätter die glockenförmig herabhängenden
kugligen Blüthenköpfchen der Akazie hielten 1 ). — Belzoni* 2 )
fand in der gleichen Weise Hals und Brust einiger Mumien in
den Gräbern Thebens mit Akazienblüthen geschmückt Samen
der Pflanze ; über deren Alter nichts Näheres mehr zu erfahren
ist, befinden sich in der Sammlung des ägyptischen Museums
in Berlin :i ).
Das hellrothc Holz der Akazie war wegen seiner Festigkeit
und Zähigkeit überaus geschätzt und machte als Material zu
technischen Zwecken dem der Sycomorc gewaltig Concurrenz.
Die zahlreichen Gerätschaften, die uns in den Gräbern über-
kommen sind, treten den Beweis dafür an, dass Akazienholz die
weitgehendste Ausnutzung fand: zur Herstellung von Särgen,
Möbeln, Thüren, Pfeilern und Bildsäulen, kurz überall da, wo
Festigkeit des Gegenstandes in Frage kam, wählte man Akazien-
holz. Besonders war dasselbe wegen seiner beinahe unverweslichen
Eigenschaften zum Schiffsbau geeignet. Theophrast 4 ) und
Plinius ') haben uns über die Verwendungsweise nähere An-
gaben hinterlassen, und Herodot ) giebt sogar einen ganz aus-
führliehen Bericht über die Art uud Weise, wie die Schiffe
gebaut wurden. Seine Schilderung wird illustrirt durch mehrere
bildliche Darstellungen auf den Grabgemäldcn, die die Technik
des Schiffbaus zum Inhalt haben. Schiffszimmerleute sind mit
Aexten, Bohrern, Meissein, Hämmern fleissig bei der Arbeit, die
Planken zum Schiffskörper aus Akazieuholz zusammenzufügen 7 ).
Das Holz der Segal-Akazie diente zu denselben Zwecken wie
das der gewöhnlichen Nilakazie. — Beide Arten, sowie als dritte
im Bunde, die Acacia Farnes iana Willd. 8 ) lieferten in ihren
überaus wohlriechenden Blüthen auserdem noch die Haupt-
ingredienz für Parfüms und Räucherwerk. Aus ihnen gewann
') Schweinfurth, Pflanzenreste. S. 363.
2) Belzoni, voyages cn Egypte et Nnbie. Paris 1821. S. 270,
3) Wonig, Pflanzen. S. 30-i.
4 ) Theophrast, de caus. plant. IV, 2.
6 ) Plinius, bist. nat. XIII, 19 u. f.
6) Herodot II, 96.
7) Wönig, Pflanzen. S. 300.
*) Braun (Pflanzenreste. S. 308) hält diese Blüthenköpfe nicht für solche
der Ar. Farneriana, sondern der nilotica, da die erstere neuerdings erst in
Aegypten eingefühlt sein und aus dem tropischen Amerika stammen soll.
192 XL. Mimosaceae. — Acacia nilotica.
mau ausserdem auch eiu heilkräftiges Medicameut, in gleicher
Weise aus dem aus Schalen und Blättern ausgepressten Saft eine
wirksame Paste. Die Rinde schliesslich und die perlschnur-
ähnlichen Schoten fanden wegen ihres Reichthums an Gerbstoff
unter dem Namen qarrad bei der Lederbereitung Verwendung.
Die Schriftsteller der Alten 1 ) berichten uns des öfteren von
einer Vorliebe der Aegypter für Sträusse und Kränze aus Akazien-
blüthen. Ihren Duft Hessen sie in ihre Wohnräume und Salons
einströmen; bei festlichen Gelegenheiten streuten sie dieselben
aus dem gleichen Grunde auf den Boden u. a. m. — Trotzdem
die Akazie im alten Aegypten im spontanen Zustande vorkam,
so war sie damals dennoch Gegenstand der Pflege in Gärten und
Anlagen. Strabo' 2 ) erwähnt Akazienhaine in der Gegend von
Memphis und Abydos.
Der altägyptische Name für die Nilakazie war shant*). Er
hat sich im Koptischen als slwnte oder slwnti erhalten und wurde
von den Hebräern als shett (schitta), sowie den Arabern als
sant (tont) übernommen. — Die Bezeichnungen für die Varietäten
der Akazie, deren wir oben gedachten, weichen indessen von dieser
Wurzel ab. Acacia Segal wird in den Texten als ash erwähnt,
Acacia Famesiana als pershan, ein Wort, welchem wir unter
den Substanzen begegnen, welche zur Bereitimg des Kyphi
dienten. — In der Hieroglyphensprache ist eine die Schote dar-
stellende Figur das Determinativum des Namens der Akazie. —
Wönig 4 ) macht mit Recht darauf aufmerksam, dass die hübschen
Fiederblätter und die reizenden goldgelben Blüthenköpfchen des
Baumes sich so selten auf den Denkmälern wiedergegeben finden.
Ihm ist nur eine einzige farbige Abbildung bekannt geworden,
doch ist dieselbe in Blatt, Blüthe und Dorn von ganz frappanter
Treue. Die Zweige sind braunroth, die Fiederblätter freudig grün,
und die kugeligen Blüthenköpfchen goldgelb gemalt.
Die Hebräer scheinen sich die Akazie in derselben Weise wie die
Aegypter nutzbar gemacht zu haben. Verschiedene Geräthschaften
in der Stiftshütte waren aus diesem Holze angefertigt 5 ). Der
hebräische Name schitta (shett), der deutlich seine Herkunft vom
ägyptischen shonte verrätli, spricht dafür, dass die Juden den
Baum in Aegypten kennen gelernt haben.
*) Plinius, 1. c. ; Theophrast, 1. c. ; Athen actis XV, •_>,').
2) Strabon, VII, l. 3) Loret, la flore. S. 38.
*) Wönig, Pflanzen. S. 305 u. f.
*) ->. Mos. XXV, 5; XXVI. 26 u. a, Stellen.
XL. Mimosaceae. — Acacia nilotica et Morfnga aptera. 198
Theophrast 1 ) imd Pliniu« 2 ) geben eine eingebende Be-
sebreibung der Nilakazie und flechten in dieselbe verschiedene
Angaben über die Art und Weise ihrer Verwcrthung im Pharaonen-
lande ein.
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Nilakazie
in ganz Aegypten ihr ludigenat gehabt hat. Nach Schwein-
furth's Beobachtungen') muss sie einen Hauptbestandteil der
vorzeitlichen Uferwaldungen ausgemacht haben; gegenwärtig wird
sie in diesem Zustande erst unter dem 10. oder 11. Breiteugrade
längs des Nilstromes angebaut und auch verwildert angetroffen.
Wildwachsend kommt sie jetzt in Aegypten nicht mehr vor' 1 ).
Acacia Famesiana soll nach Hooker aus Indien stammen.
Schweinfurth hingegen glaubt, dass sie hierhin erst nach Be-
ginn der türkischen Epoche gelangt sein mag.
2. Moringa aptera. Gärtn.
= Moringa arabica. Pers.
Loret r ') erklärt das altägyptische Wort baq, das sich schon
zur Zeit des Pyramidenbaues vorfindet, für die Moringa. Es
veranlasste ihn zu einer solchen Deutung die Ucbereinstimmung
einer Stelle in den hieroglyphischen Texten mit einer Notiz des
Plinius. Diesen Texten zufolge lieferte die &ag-Pflanze ein
grünes und rothes Oel, das baqi hiess und sich sowohl als Zusatz
zu Parfüms als auch als Heilmittel in der Medizin sehr bewährte.
Plinius seinerseits berichtet nun auch von einem Oele, das vom
myrobalum-B&ume gewonnen wurde und in Aegypten eine rothe,
in Arabien aber eine grüne Farbe erhielt. Unter myrobalum
verstanden die Alten aber nacliweisslich die Moringa. Somit
erscheint es ganz natürlich anzunehmen, dass baq dieses Gewächs
und nicht den Oelbaum, wie man bisher talschlich annahm ),
zu bedeuten hat. Ein einziges Samenkorn, das in einem Grabe
zu Dra-Abu-Negga gefunden wurde, ist nach Schweinfurth's 7 )
Vermuthuug vielleicht modernen Ursprunges. Trotzdem liegt
*) Theophrast, de caus. plant. IV, 2.
»j Plinius, bist. nat. XIII, 19.
3 ) Schweinfurth, Pflanzenreste. S. 3G3; derselbe, Aegyptens Be-
ziehungen. S. 656 u. 661.
*) Wönig, Pflanzen. S. 299.
ft ) Loret, la flore. S. 27.
<>) Ungcr, Streifzüge IV, S. 104.
r ) Schweinfurth, die letzten botan. Entdeckungen. S. 8-
. Buschan, Vorgeschichtliche Botanik. l;l
194 XL. Mimosaceae. — Moringa aptera.
kein Grund vor, das hohe Alter dieses Baumes in Aegypten in
Zweifel zu ziehen, da Loret dasselbe durch sprachliche Gründe
nachgewiesen hat.
Die Griechen besassen für die Pflanze zwei Namen, jxupo-
ßaXavov, wie schon angedeutet, und ßccXavo? ou-fUTrcta 1 ); bei
Dioscorides 2 ) finden sich beide Namen als ßc&avo; [xopt^ixT]
vereinigt. Theophrast hebt die Verwendbarkeit der Früchte
zu wohlriechenden Salben, sowie die Brauchbarkeit des Harzes
zu Schiffszwecken hervor. Dioscorides giebt als Verbreitungs-
gebiet der Pflanze das Negerland, Aegypten, Arabien und
Peträa an.
Seine Heimath dürfte sich mit dem Bezirke, den dieser Autor
anführt, wohl decken.
XLI. Caesalpiniaceae.
Ceratonia Siliqua. L. Johannisbrodbaum.
Der Johannisbrodbaum ist durch Inschriften und Funde füi
das Pharaonenreich belegt; ob er dort aber auch Landesprodukt
gewesen ist, bedarf noch der Entscheidung. — Ein Stückchen
Holz, welches Kotschy seiner Zeit aus einem Mumiengrabe mit-
brachte, erwies sich bei genauerer Untersuchung als solches des
Johannisbrodbaumes 3 ). Eine Abbildung, die sich unter den auf
den Opfertischen dargebrachten Spenden zu Beni-Hassan befindet,
ist vielleicht gleichfalls auf dieses Gewächs zu beziehen 4 ). Weiteres
Beweismaterial für sein Vorkommen in Aegypten sind aber seine
besonderen hieroglyphischen Namen. Die Inschriften geben
drei Namen für die Frucht des Johannisbrodbaumes an: darouga,
ouäh und djari. Von den beiden ersten Worten, die, wie Loret 5 )
nachgewiesen hat, ursprünglich einen gekrümmten Gegenstand
mit spitz zulaufenden Enden (vom Vergleich mit dem zunehmenden
Mond hergenommen) und im besonderen eine Schote bezeichnen
(ähnlich dem Griechischen xpsct? = Mondhornundxsp<rriov==Schote),
scheint das erstere semitischen Ursprunges — von einer
Wurzel grt, qrt, trg oder trt abzuleiten, wie die semitischen
') Theophrast, de caus. plant. IV, 2.
'*) Dioscorides, de mat. med. IV, 157.
») Unger, Streifzüge IV, S. 132.
«) Wönig, (Pflanzen. S. 132) und Schweinfurth (mir la flore S. 41)
zweifeln diese Deutung an.
*) Loret, recherches No. VI — IX.
XLI. Caesalpiniaeeae. — Ccratonia Siliqua. 19;>
Worte garouta, qaronga, darouta etc. (auch ins Französische
als carouhe oder carowje übergegangen) — zu sein und zur Zeit
der Ramsessiden Aufnahme in die ägyptische Sprache gefunden
zu haben; hingegen dürfte ouäh die ursprünglich ägyptische Be-
zeichnung für die Frucht gewesen sein, die gegen Ende der
Pharaonenzeit in Vergessenheit gerieth (im Koptischen keine An-
kliinge mehr). Der dritte Name endlich war ein in der Medizin
gebräuchlicher Ausdruck für die getrocknete Pulpe der Johannis-
brodschote, die wegen ihres honig- oder zuckersüssen Geschmackes
den Arzneien zugesetzt wurde.
Das Ursprungsland des Johaunisbrodbaumes scheinen die
östlichen Mittelmeerländer zu sein. Man trifft heutigen Tages
denselben in wahrscheinlich wildem Zustande in Palästina und
Syrien, im südlichen und östlichen Anatolien, auf den griechischen
Inseln, sowie in den wärmeren Theilen des Festlandes, auf Cypern,
in der Cyrenaica, in Algier und im glücklichen Arabien an 1 ).
Schweinfurth 2 ) glaubt, dass nur dieses letztere die Heimath
der Pflanze sein könne, und dass Syrien oder Palästina als solche
nur insofern in Betracht kämen, als von hier aus speziell
Aegypten, und zwar zur Zeit des griechischen Einflusses, mit
dem Baume bekannt wurde. — Die Schriftsteller 3 ) der Alten geben
als Ursprungsland Syrien, Jonien und Rhodus an. Auch sprach-
liche und pflanzengeographischc Beweise weisen auf diese Gebiete
als Indigenat des Baumes hin. Somit glauben auch wir, dass in Syrien,
im besonderen in Palästina, der Baum ursprünglich zu Hause ist 4 ).
In Aegypten scheint der Johannisbrodbaum nie gewachsen zu
sein, denn Theophrast 5 ) überliefert, dass die ^sptuv'a — womit
er unseren Baum meint — , obwohl ihre Frucht den Namen
„ägyptische Feige" führe, doch nicht in Aegypten wachse,
sondern in Syrien und den von uns schon angeführten an-
grenzenden Landschaften.
Auch gegenwärtig kommt die Pflanze nach Schweinfurth 's
Beobachtungen weder wildwachsend, noch angebaut in dem Nil-
gebiete oder Abessynien vor 6 ).
') Engler in Ilehn, Kulturpflanzen. S. 443.
2 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. G57.
3 ) Theophrast, de caus. plant. I, 11; IV, 2: Dioscorides, de inat.
med. I, 158; Plinius, hist. nat. XIII, 8.
") De Candolle, Ursprung. S. 425; Koch, Bäume. S. 213.
s ) Theophrast, de caus. plant. IV, 2, 4.
6 ) Dagegen fand derselbe sie wildwachsend auf den Bergen bei Taes.
13*
196 XLII. Papilionaccae. — Lupinus Termis.
XLIL Papilionaceae.
/. Lupinus Tennis Forsk. Aegyptische Wolfsbohne.
Eine Schote dieses Schmetterlingsblüthlers aus der Zeit
der XX— XXVI. Dynastie, deren hohes Alter Schweinfurth ')
jedoch in Zweifel zieht, sowie das Vorhandensein eines koptischen
Namens für die Pflanze macht ihr Vorkommen im alten Aegypten
sehr wahrscheinlich. Da sich aber im Hebräischen kein Name findet,
so nimmt De Candolle* 2 ) mit Recht an, dass der Zeitpunkt der
Einführung später fallen muss als der Auszug der Israeliten aus
Aegypten; Schweinfurth 3 ) glaubt diesen Zeitpunkt genauer als
die griechische Periode spezifiziren zu können. — Vermuthlich
diente die Frucht der Wolfsbohne wegen des in ihr enthaltenen
Bitterstoffes als Ingredienz zum Bier. Heutzutage werden die
Samen in Salzwasser zerkleinert und dann gekocht genossen.
Theophrast 4 ) kennt die Wolfsbohne unter der Bezeichnung
Hspjj.oc, ein Wort, das aus einer semitischen Sprache entlehnt
zu sein scheint; denn im Arabischen heisst die Pflanze termus.
Dioscorides 5 ) unterscheidet die augebaute Art als Ospu.oc r^sp*,
eine Speise- und Arzneipflanze, von der wilden, freppoc ötYptoc mit
den gleichen Eigenschaften. — Bei den römischen Agricultur-
schrifstellern Varro 6 ) undCato 7 ) führt die Pflanze den Namen
lupinus. Ihre Samen wurden unter den vegetabilischen Ueber-
resten aus Pompeji festgestellt ).
Als Heimath der Wolfsbohne sind die südeuropäischen Mittel-
meergebiete, speziell die Balkanhalbinsel 9 ), anzusehen. Gussone
traf sie im spontanen Zustande auf Sicilien, Sardinien und Coriü an :
Boissier und Hartmann auch inSyrien und selhstin Aegypten ' °).
') Schweinfurth, Die letzten botan. Entdeckungen. S. 6.
2) De Candolle, Ursprung. S. 411.
3 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. GG6.
4 ) Theophrast, de caus. plant. VIII, 11.
B ) Dioscorides, de mat. med. II, 132.
«) Varro, de re rust. I, 13. 7 ) Cato, de re rust. XXXIV, u. f.
8) Mortillet, l'ecole. S. 257.
9 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. Ci'.C; Ilück, Ileimath d.
Hülsenfrüchte.
,0 ) De (and olle, ebendas.
XLII. Papilionaceae. — Indigofera tincioria. 197
2. Indigofera tincioria. L. Indigo.
Dass der Indigo bei den alten Aegyptern Färbemittel war,
ist durch die chemische Untersuchung der blauen Gewänder von
Seiten Thomsen's festgestellt worden'). Pickering" 2 ) ver-
muthet, dass die Körbe, die man bei Processionen herumzutragen
pflegte, mit Indigo angefüllt waren. Leider besitzen wir über
diesen Brauch keine weiteren Anhaltspunkte auf den Wand-
gemälden. Die Texte erwähnen jedoch eine blaufärbende Pflanze,
die man höchstwahrscheinlich auf den Indigo beziehen darf.
Dinkou 3 ) heisst dieselbe; sie kommt auch in den medizinischen
Papyrus vor. Sollte dieser Name wirklich den Indigo bedeuten,
dann hätten wir in ihm gleichzeitig eine Erklärung für die Ent-
stehung des Wortes indicon gefunden, das fälschlicher Weise
nach Ansicht der Griechen und Römer von Indien hergeleitet
wird. Indicon würde demnach nur eine (Korruption des hiero-
glyphischen dinkou sein.
Das Sanscrit kennt gleichfalls einen eigenen Namen für die
Pflanze; es liegt hierin ein Beweis für ihr hohes Alter in Indien.
Dieser Name weicht aber vollständig von der altägyptischen
Bezeichnung ab; er heisst nämlich nili und hat sich auffälliger
Weise in dem heutigen Arabischen Aegypten als nil, nilch auch
neeleh erhalten 4 ). Einige Forscher glauben durch diese Ueber-
einstimmung in den Sprachen den indischen Ursprung des Indigo
beweisen zu können. Wenn aber dinltou die ursprünglich in
Aegypten entstandene Bezeichnung für die Pflanze ist, wie es
zweifelsohne den Anschein hat, dann wäre hierdurch gleichzeitig
das Indigenat für Aegypten erwiesen. — Auf Grund dieser That-
sache müssen wir den ursprünglichen Verbreitungsbezirk des Indigo
von Aegypten 5 ) bis nach Indien ausdehnen. An den beiden Enden
des so abgesteckten Gebietes scheint er gleichzeitig von den dort
ansässig gewesenen Völkern nutzbar gemacht worden zu sein.
Heute tritt die Pflanze spontan im südlichen Aegypten, Nubien
und Abessynien auf* 5 ).
I) Unger, Streifzüge IV, S. 132. 2 ) Ebendaselbst.
S) Loret, la flore. S. 41. 4 ) De Candolle, Ursprung. S. 169.
5 ) Durch diesen Nachweis wird die Vermuthung Uugers (S. 132) und
Wönigs (S. 353), dass die Pflanze durch Araber nach Aegypten aus Indien
eingeführt worden sei, hinfällig. Uebrigens stützt sich diese Annahme auf
keine Thatsachen.
«) Loret, la flore. S. 42.
198 XLII. Papilionaceae. -- Okcr arietinum.
3. Cicer arietinum. L. Kichererbse.
Ueber einen etwaigen Anbau der Kichererbse im alten Aegypten
fehlen uns jegliche Anhaltspunkte. Denn weder auf den Denk-
mälern existiren hierüber Andeutungen, noch kennen wir bisher
vorgeschichtliche Samenfunde. Picke ring') nimmt im Gegen-
theil an, dass die Aehnlichkeit des Samens mit einem Widder-
kopfe 2 ) den Aegyptern Veranlassung gegeben haben könnte, die
Pflanze als unrein zu verabscheuen. — Heutzutage freilich verspeist
mau in den Nilländern die noch jungen Hülsen im rohen,
gekochten oder geröstetem Zustande.
Ob bei den alten Hebräern die Kichererbse schon Eingang fand,
lässt sich schwer entscheiden. Reynier 3 ) verum thet zwar, dass
mit dem Worte ketsech, das sich bei Jesaias findet, unsere
Legnminose gemeint sein könne, erfährt jedoch von anderen
Autoren Widerspruch, die mit demselben Recht leetsech für den
Schwarzkümmel (Nigella sativa L.) oder die Wicke (Vicia
sativa h.) zu erklären suchen.
Den alten Griechen soll die Pflanze unter dem Namen ipißivöoc
bekannt gewesen sein; indessen scheinen sprachliche Gründe
eher dafür zu sprechen, dass hierunter die Erbse zu verstehen
ist. Dagegen führt Dioscorides 4 ) eine Hülsenfrucht unter dem
Namen xpfoc an, der gleichfalls auf eine Aehnlichkeit mit einem
Widderkopf Bezug nimmt und mit mehr Wahrscheinlichkeit unsere
Kichererbse bedeuten kann. Für das hohe Alter der Kichererbse
in den südeuropäischen Ländern besitzen wir mancherlei Beweise.
Die lateinische Bezeichnung cicer scheint, wie De Candolle 5 )
angiebt, Verwandtschaft mit dem albanischen Worte hihere zu
haben, und lässt daher auf eine frühzeitige Entstehung zu Zeiten
der Pelasger schliessen. — Zwiebeln und Kichererbsen bildeten
in Italien die frugalste Mahlzeit der ärmeren Volksschichten. —
Für die iberische Halbinsel dürfen wir mit gleichem Rechte ein
hohes Alter der Pflanze annehmen, die hierhin schon durch die
Phönizier gebracht sein soll. Heutigen Tags noch machen
(jarbanzos (= Kichererbsen) so recht das eigentliche National-
gemüse des Spaniers für Arm und Reich aus. Wenn man einen
>) Unger, Str.it/iige IV, S. 131.
2) I'liniiis, liist. mit. XVIII, 22.
3 ) Reynier, l'economie dea Axabea el Juifs. Paris 1820. S. 430-
4 ) Dioscorides, de nun. med. II, 126.
ft ) De Candolle, Ursprung. S. 406.
XLII. Papilionaceac. — Cicer arietinum. 199
recht armen Menschen bezeichnen will, dann pflegt man zu sagen,
er zähle seine Kichererbsen 1 ).
Merkwürdiger Weise fehlt die Kichererbse unter den
vegetabilischen Kesten aus den schweizerischen und öster-
reichischen Pfahlbauten; somit scheint sie unter diesem Himmels-
strich in der Vorzeit nicht Gegenstand der Kultur gewesen zu
sein. De Candolle' 2 ) schuldigt das kalte Klima der dortigen
Gegend dafür an; vielleicht mit Recht.
Die Spontanität der Kichererbse ist mit Sicherheit noch nirgends
nachgewiesen worden. Ledebour führt sie als fast spontan
für die Krim, den Norden und besonders den Süden des Kaukasus
auf; neuere Autoren haben diese Angaben in Zweifel gezogen 3 ). — '■
Die botanischen, historischen und linguistischen Thatsachen führen
vielmehr zu der Ueberzeugung, dass das Vaterland der Kicher-
erbse von Persien bis nach Griechenland zu verlegen ist. Auch
De Candolle entscheidet sich für die Landstrecken von Griechen-
land an bis zum Himalaya.
4. Pisum arvense et sativum. L. Erbse.
Die Erbse scheint in Aegypten nicht Kulturpflanze gewesen
zu sein. Es fehlen uns hierüber sowohl vegetabilische Funde
als auch darauf bezügliche Darstellungen und Nachrichten der
Alten. Zwar will Unger zu Daschür zwei Cotyledonen einer
Legumiuose gefunden haben, die er mit denen von Pisum arvense
indentifizirt; indessen scheint es sich, wie Seh wein fürt h 4 )
vermuthet, hier eher um Vicia narbonensis gehandelt zu haben.
Ebensowenig erfahren wir etwas über einen etwaigen Anbau der
Pflanze bei den Hebräern. Es scheint demnach in der That die
Erbse den semitischen Völkern unbekannt geblieben zu sein.
Dagegen müssen die Griechen dieselbe schon frühzeitig an-
gebaut haben. Der homerische Sänger 5 ) spricht in einem Ver-
gleiche von der epsßivDoc, die ethymologisch mit der opoßoe, der
späteren Griechen zusammenhängt und somit die wirkliche Erbse,
nicht die Kichererbse bezeichnen dürfte, wie vielfach angenommen
wird. Die ursprüngliche Wurzel J-op /-or, auf die beide Worte
zurückzuführen sind, verräth einen innigen Zusammenhang mit
») Globus XXIII, S. 262.
2) De Candolle, Ursprung. S. 407.
3 ) De Candolle, ebendas.
*) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. 662.
*) Homer, llias XIII, 588.
200 XI. II. Papilionaceae. — Pisum arvense el sativum.
der Bezeiclniung in den übrigen arischen Sprachen: lateinisch
ervum, angelsächsisch earfe, althochdeutsch araiclz, neuhoch-
deutsch Erbse, russisch goroch, polnisch groch, czechisch hräch.
Die zuletzt angeführten Namen der slavischer Mundarten will
Hehn 1 ) lieber mit dem plinianischen cracca'm Zusammenhang
bringen-, eine Ableitung von der oben angegebenen Wurzel /-op,
poc scheint mir wenigstens mehr Wahrscheinlichkeit zu besitzen.
Die andere Bezeichnung m'ooc (albanisch noch jetzt piselle*),
die gleichfalls in die lateinische Sprache als piswm übergegangen
ist, bedeutet nach Hehn weiter nichts, als eine Körnerfrucht,
eigentlich runde Stückchen, Kügclcheu, wie sie beim Zerstampfen
(pinsere) oder Zermalmen sich ergeben und bei grobem Kies,
Hagelkörnern u. a. der Anschauung vorliegen. Somit ist auch
gar nicht bewiesen, dass unter diesem Namen die Griechen,
bezw. die Römer speziell die Gartenerbse verstanden haben-,
vielmehr mögen leicht Verwechselungen zwischen Feld- und
Gartenerbse unter sich sowohl, als auch mit verschiedenen anderen
Hülsenfrüchten bei den Autoren der Alten vorgekommen sein.
Den vorgeschichtlichen Funden nach zu urtheilen, muss die
Verbreitung der Erbse in der ältesten Vorzeit Europas eine ziemlich
beschränkte gewesen sein. Es sind mir nur vier Fundstätten aus
derselben, d. h. aus der jüngeren Stein- und der Bronzezeit
bekannt geworden.
I. Neolithische Periode.
A. Europa.
Schweiz: Pfahlbau zu Lüscherz,
Pfahlbau zu Moosseedorf.
B. Asien.
Kleiuasien: Zweite Stadt von Hissarlik (Alt-Troja).
II. Bronze -Periode.
Schweiz: Pfahlbau auf der Petersiusel.
Spanien: Niederlassung zu Argar.
III. Eisen -Periode.
Deutschland: Burgwall zu Schlichen, j Zeit des
Gräberfeld zu Freiwalde, j Lausitzer Typus,
Niederlassung in der Karhofhöhle,
Niederlassung in der Barghöhle im Klusenstein,
Burgwall zu Poppschtttz, j slavisches
BurgwaU zu Treuenbrietzeri, I Mittelalter.
') Hehn, Kulturpflanzen. S. 213 u. f.
*) Heldreich, Nutzpflanzen. S. 71.
XLII. Papilionaceae. — Pisum arvense et sativum. -<H
Es sind hiernach die Schweiz und Kleiuasien die einzigen
Länder, in denen sich in der frühesten Periode der Vorgeschichte
der Erbsenbau durch Funde nachweisen lässt. Spanien ist erst
gegen Ende der Bronzezeit durch einen Fund vertreten: hei
diesem handelt es sich aber anscheinend noch nicht um die
Kulturform, sondern um die wildwachsende Erbse. In Deutschland
tritt die Frucht nachweislich erst zur Hallstadt-Periode, also
ungefähr um die zweite Hälfte des 1. Jahrtausend v. Chr. auf.
Die vorgeschichtlichen Erbsen weichen sämmtlich, die einen
mehr, die anderen minder, von unseren moderneu Formen in der
Grösse ab, wie die folgende Tabelle lehrt.
Fundort.
Durchmesser
in mm.
Argar ,
Petersinsel . . .
Poppschütz . . .
Troja
Ticucnbrietzen
Lüscherz
Schlieben
Karhofhöhle . .
Klusenstcin . . .
Freiwalde ....
B.
B.
E.
N.
E.
N.
E.
E.
E.
E.
2,7
3,6
3,6
4,0
4,0
4,0
4,2
4,2
4,2
4,8
Trotz dieser Kleinheit glaube ich annehmen zu dürfen, dass
alle diese Erbsen — ausgenommen die von Argar, die zu exquisit
klein sind — schon Kulturformen darstellen. Heer 1 ), dem die
geringe Grösse der vorgeschichtlichen Erbsen gleichfalls auffiel,
hielt dieselben für eine eigenthümliche, wie es ihm schien, jetzt
erloschene Varietät der Garteuerbse, die der kleinen weissen
Felderbse ■ am nächsten zu stehen scheine. Seine Exemplare
besassen einen Durchmesser von 4,4 mm, die kleinsten sogar nur
einen solchen von 3,5 mm. — Sonst ist an den vorgeschichtlichen
Erbsen nichts Abweichendes oder Auffälliges zu bemerken.
Die Gartenerbse ist bisher nirgends im wilden Zustande mit
Sicherheit aufgefunden worden 2 ). Unter diesen Umständen werden
wir bei unserer Suche nach dem Ursprünge dieser Kulturpflanze
vor zwei Möglichkeiten gestellt: entweder anzunehmen, dass die
wilde Art derselben heutigen Tags gänzlich ausgestorben ist.
oder dass die Gartenerbse durch Züchtung aus der gewöhnlichen
i) Heer, Pflanzen. 8. •>:',.
*) De Candolle, Ursprung. S.413; Engler inHehn, Kulturpflanzen. S.214.
202 XLII. Päpilionaceae. — Pisum arvense et sativum.
Felderbse hervorging. Die Tkatsachen sprechen zu Gunsten
dieser letzteren Auffassung, die schon früher in Alefeld ') ihren
Vertreter gefunden hat, von Engler 2 ) aber neuerdings wieder
in Abrede gestellt wird. Wie schon gesagt, lässt sich die all-
mählige Entwicklung der Gartenerbse aus der Felderbse an der
Hand der vorgeschichtlichen Funde verfolgen; weiter gelang es
Knight 3 ), durch Kreuzung der Felderbse mit einer Varietät
der Gartenerbse vollständig fruchtbare Mittelformen hervorzurufen.
Somit kann kein Zweifel mehr über die Herkunft der Garten-
erbse entstehen. — Es fragt sich nun weiter, unter welchem
Himmelsstrich die wildwachsende Felderbse zuerst in Kultur ge-
nommen sei. Die ältesten vorgeschichtlichen Funde, die sich auf die
Schweiz und Kleinasien beschränken, sowie der durch die Nach-
richten der Alten verbürgte frühzeitige Anbau in Griechenland
drängen zu dem Schlüsse, dass es die unteren Donauländer so-
wie die Gebiete, die sich von dort aus bis zum Süden- des
Kaukasus erstrecken, gewesen sein mögen, die der Gartenerbse
den Ursprung gaben. De Candolle 4 ) geht über diese östliche
Grenze hinaus und will die Gartenerbse aus dem westlichen
Asien, vom Süden des Kaukasus bis nach l'ersien herleiten. —
Die Felderbse ist im wildwachsenden Zustande über die ganzen
Mittelmeerländer hin, vom Orient bis Spanien und Algier nach-
gewiesen worden. Für Spanien besitzen wir überdies einen sicht-
lichen Beweis aus der Vorzeit in dem Funde zu Argar.
5. Ervum Ervilia. Erwenwicke.
Die Linsen- oder Erwenwicke ist von zu untergeordneter
Bedeutung, als dass sie jemals Gegenstand ausgedehnter
Kultur als menschliches Nahrungsmittel geworden wäre. Der
einzige vorgeschichtliche Fnnd, den wir kennen, stammt aus
Alt-Troja (zweite Stadt von Hissarlik). Die Nachrichten der
Alten bestätigen den Anbau der Pflanze in Griechenland,
und zwar als Viehfutter. Sie scheinen keinen Unterschied
zwischen ihr und der Erbse gemacht zu haben-, denn sie nannten
sie gleichfalls opoßoe, ein Wort, das sich in der Sprache der
heutigen Nachkommen der Griechen, bei denen die Erwenwicke
>) Alefeld, botan. Zeitung. 1860. S. 264.
2 ) Engler in Ilrlm, Kulturpflanzen. S. 214.
>) Darwin, Variiren dir Pflanzen.
4 ) De Candolle, Ursprung S. 415; auch Engler in Helm, Kultur-
pflanzen. S. 215.
XLII. Papilionaeeae. — Ervum Ervilia et lens. 203
gleichfalls als Futterpflanze sich eines verbreiteten Anbaues erfreut,
als poßi, öpoßi und poß&ta erhalten hat 1 ).
Die Samen aus Troja hat Wittinack-) zum Gegenstand
eingehender Beschreibung gemacht. Er giebt ihren Durchmesser
auf 2,4 — 3,2 mm an. Sie sind deutlich dreieckig-rundlich und
haben das lange schmale Würzelchen von Ervum Ervilia, oder
wo dies fehlt, die demselben entsprechende Kinne. Auf beiden
Hälften der Keimblätter etwas jenseits der Spitze des Würzelchens
finden sich meist zwei flache Gruben.
Die Heimath der Art scheint sich längs der ganzen sud-
europäischen Küste (Griechenland, Italien, Spanien), vielleicht
auch bis nach Algier erstreckt zu haben 1 ).
6*. Ervum lens L. Linse.
(== Lens esculenta Mch.)
So zahlreich auch die Nachrichten der Alten (Herodot,
Theophrast u. A.) über einen ausgedehnten Anbau und Ver-
brauch der Linse im Pharaonenlande sind, sie finden ihre Be-
stätigung nur durch einen einzigen Grabfund aus Dra-Abu-Negga
(XII. Dynastie) 4 ). Die hier in Thonnäpfchen beigesetzten Todten-
speisen bestehen theils aus grobgeschroteten Gerstenkörnern, theils
aus breiartig eingedickten Linsenmassen, von denen einzelne noch
wohl erhaltene Samen denen der heutigen Tages in Aegypten
angebauten Art vollständig gleichen. Seh wein furth vermuthet,
dass die Linse von den Euphratländern aus, vielleicht zur Zeit
der XI. Dynastie nach den Nilländern gelangt sein müsse 5 ). —
Nach den Angaben der Alten bildete die Linse hierselbst von
der ältesten Zeit an ein Hauptnahrungsmittel der ärmeren Volks-
klassen. Besonders soll es die Stadt Phacusa gewesen sein,
der ihr in grossem Umfange betriebener Linsenbau diesen Namen
einbrachte 6 ). Noch zur Zeit der römischen Herrschaft war der
Export an Linsen aus den Nilländern, namentlich aus Pelusium,
ein recht bedeutender zu nennen 7 ). Das Transportschiff des
») Hcldreich, Nutzpflanzen. S. 71.
») Verhandl. d. Berliner antlir. Gesellsch. 1890. S. 617.
3 ) De Candolle, Ursprung. S. 134.
«) Seh wein furth, Pflanzenreste. S. 362.
6 ) Schweinfurth, Beziehungen. S. 658.
6) Hehn, Kulturpflanzen. S. 209-
7) Zeitsschr. f. Ethnologie. I. 102.
204 XLII. Papilionaceae. — Ervum lens.
Kaisers Caligula, welches den grossen Obelisken nach Rom über-
führte, soll 120 000 Scheffel Linsen als Schiffsballast zu sich
genommen haben 1 ) — gewiss ein Beweis für die Ertragfähigkeit
des ägyptischen Bodens an Linsen. — In Arsinoe gab es eine
eigene Zunft der Linsenhändlcr, die ihre Läden in einem beson-
deren Stadtheile, der Linsenmarktgasse (aVfoSov ©axeivoüu>Xfojv),
besassen 2 ).
Plinius 3 ) führt zwei Arten von Linsen als ägyptisches
Landesproduct an. — Einen Beweis für das hohe Alter der
Frucht besitzen wir ausserdem noch in einer Nachricht des
Strabon 4 ), der zufolge seine Zeitgenossen die linsenförmigen
Abfälle, die vom Behauen der Pyramidensteine her an Ort und
Stelle haufenweis liegen geblieben waren, als Mahlzeitüberreste
der Erbauer dieser Monumentalbauten gedeutet hätten. — Linsen
scheinen sogar auch auf die Tafel der Vornehmen gekommen zu
sein. Auf einem berühmten Gemälde aus dem Grabe Ramses III.
zu Theben, das uns mit den Geheimnissen der königlichen
Bäckerei vertraut macht, erblicken wir u. a. einen Diener, der
in hockender Stellung in einem Kessel für die Bäcker Linsen
kocht, mit denen bereits zwei neben ihm stehende Körbe an-
gefüllt erscheinen 5 ). Es war Brauch, die Linsen mit Oel und
Knoblauch zusammen zu kochen, wodurch sie eine chocoladen-
braune Färbung erhielten. Das rothe Gericht des älteren Sohnes
des hebräischen Erzvaters soll nach Reynier seine Farbe der
noch jetzt in Aegypten bestehenden Sitte verdanken, die Linsen
vor dem Kochen ihrer Hülsen zu befreien, wodurch sie eine
blassrothe Farbe annehmen 6 ). — In Zeiten der Noth wurden
Linsen unter Zusatz von etwas Geistenmehl auch zu Brod ver-
backen, wie es noch heute vielfach bei hohen Getreidepreisen
der Fall zu sein pflegt.
Der ägyptische Name für die Linse, der sich zum ersten
Male zur Zeit der XIX. Dynastie findet, war nrshd oder arshana
(Wönig schreibt den Namen arosana) ; ähnlich heisst die Frucht
im Koptischen noch heute arslian oder arshin 7 ).
«) Wönig, Pflniizcii. S. 215.
2 ) Wesseley, Zytlms. S. 42.
3) Plinius, hisfc nat. XVIII, 31,
•») Strabon XVII, i. *) Wönig, Pflanzen. 8. 215.
6 ) Reynier, l'economie p»il>l i*m o et rurale des Amins et dos .Tuifs.
Genf 1820. S. 429.
f) Loret, la flore. S. 42.
XLII. Papilionaeoae. — Ervum lens. 205
Für die hohe Bedeutung der Linse bei den Hebräern und ihr
hohes Alter in Palästina genügt es anzuführen, dass Esau für
dieses köstliche Gericht das Recht seiner Erstlingsgeburt ver-
kaufte 1 ). Warum dasselbe an der betreffenden Stelle gerade
ein rothes genannt wird, war soeben Gegenstand der Erörterung.
— Dem David steckten seine Freunde bei seinem Aufenthalt iu
der Wüste neben Weizen, Gerste, Mehl etc. auch Bohnen und
Linsen als Nahrungsmittel-) zu, u. a. m. Dass man in Palästina
gleichfalls aus Linsen Brod buk, geht aus einer Stelle des Propheten
Hezechiel hervor 3 ). — Die hebräische Bezeichnung für diese hoch-
beliebte Feldfracht war adaschim oder adaschum, ein Wort, das
mit der altägyptischen nichts gemein zu haben scheint. Araber
und Perser haben das semitische Wort übernommen 4 ); ads be-
deutet im ägyptischen Arabisch der Neuzeit eine kleine, wohl-
schmeckende oraugegelbe Spielart der Linse, die in den Nilländern
sehr gern genossen wird 5 ).
Den Griechen war die Linse auch nicht fremd. Wenn wir
sie auch bei Homer vergebens suchen, so gehörte sie doch nach
den Ausgrabungen Schliemann's zu den Gerichten der alt-
trojanischen Küche. — In Athen hatte sich die Linse seit Mitte
des 5. Jahrhunderts die Stellung eines Volksnahrungsmittels
erworben 6 ), das sich nach Aristophanes bei den Armen grosser
Beliebtheit erfreute 7 ). Unter 901x73 verstand man die Linsenfrucht
und das aus ihr bereitete Gericht, unter cpaxo? dagegen die ganze
Pflanze. — In einem grossen Pithos zu Hcraclea auf Greta
wurden von Schliemaun Linsen gefunden 8 ).
Auf der italienischen Halbinsel treffen wir die Linse bereits
zur jüngeren Steinzeit an, wie der Fund vom Monte Loffa beweist.
— Der alte Cato giebt in seinem Buche über die Landwirtschaft
mancherlei Belehrungen über den Anbau von Linsen. Für die
grosse Verbreitung der Pflanze auf der italischen Halbinsel
spricht ferner der Umstand, dass der Name Lentulus auf lens
zurückzuführen ist. Welchen Ursprung aber das Wort Uns selbst
hat, darüber besitzen wir bis jetzt keine Anhaltspunkte.
Auch für Mitteleuropa wird die Verbreitung der Linse durch
neolithische Funde bezeugt und zwar für Ungarn, Schweiz und
Süddeutschland.
i) 1. Mos. XXV, 34. 2 ) 2. Samuel XVII, 28. 3 ) Hezechiel IV, 9.
*) De Candolle, Ursprung. S. 404. 5 ) Zeitschr. f. Ethnologie I, 102.
6) Helm, Kultlirpflanzen. S. 176. 7 ) Aristophanes, Plut. 1004-
») Bericht d. deutsch, bot Gesellsch. IV, S. XXXIII.
200
XLII. Papilionaceae. — Ervuni lens.
Deutschland :
Italien:
Schweiz:
Ungarn :
Kleinasien:
Frankreich :
I. Neolithische Periode.
A. Europa.
Pfahlbau zu Schussenried.
Niederlassung auf dem Monte Loffa.
Pfahlbau zu Lüscherz.
Niederlassung in der Aggtelek-llöhle,
Niederlassung zu Lengyel,
Niederlassung von Felsö-Dobsza.
B. Asien.
Zweite Stadt von Hissarlik (Alt-Troja).
II. Bronze -Periode.
A. Europa.
Pfahlbau zu Boumet.
Griechenland: Pithos von Heraclea.
Schweiz:
Periode des
Lausitzer Typus.
Pfahlbau auf der Petersinsel.
B. Afrika.
Grab zu Dra-Abu-Negga.
III. Eisen -Periode.
Niederlassung zu Niemitzsch, \
Niederlassung in der Karhofhöhle,
Niederlassung in der Burghöhle im Klusenstein.
Römische Ueberreste zu St. Paulien.
Pfahlbau Bor bei Pacengo, \
Grab(?) zu Aquileja, j spätrömisch.
Stadt Pompeji. )
Römische Ruine bei Buchs.
Die Grösse der vorgeschichtlichen Linsen steht weit hinter
der unserer angebauten Arten zurück. Insbesondere fallen die
Samen aus Troja durch ihre exquisite Kleinheit auf.
Aegypten:
Deutschland :
Frankreich :
Italien :
Schweiz:
Fundort.
Zeit.
Durchmesser
in Mittel
in mm.
Durchmesser
des grössten
Samens
in nun.
Durchmesser
des kleinsten
Samens
in »um.
Troja
Monte Loffa . . .
Lengyel
Niemitzsch ....
Petersinsel
Dra-Abu-Negga
Karhof höhle . . .
Klusenstein ....
Schussenried. . .
Aquileja
N.
N.
N.
E.
B.
B.
E.
E.
N.
E.
2,3
3,2
3,0
3,2
3,3
3,5
3,5
3,5
3,6
3,8
2,4
3,2
nur ein Exemplar,
nur ein Exemplar.
3,6
2,3
3,2
3,2
3,6
3,5
3,6
3,5
3,6
3,2
4,0
3,6
XLII. Papilionaceae. — Ervum lens. 20/
Diese Zusammenstellung der Grössenverbältnisse lehrt ferner,
dass man im Allgemeinen mit der Zunahme der Kultur, bezw.
mit dem Fortschreiten der Zeit, d. b. in den späteren vorgeschicht-
lichen Perioden auch eine Zunahme in der Grösse constatiren
kann, gewiss ein Anzeichen des Anbaues der Pflanze. Die Linsen
der Bronzezeit sind schon ein wenig grösser als die der jüngeren
Steinzeit — auch die aus der Aggtelek-Höhle sollen nach Staub 's
Untersuchungen ' ) kleiner als die von der Petersinsel sein — und
die aus der spätrömischen Zeit haben sich schon bedeutend von
der Kleinheit der neolithischen Linse entfernt. Auf alle Linsen
der Vorzeit hat jedoch die obige Behauptung nicht Gültigkeit;
denn die Exemplare aus der steinzeitlichen Pfahlbaute Schussen-
ried nähern sich in der Grösse schon bedeutend denen aus
römischer Zeit. Auf den Fund zu Niemitzsch ist kein weiteres
Gewicht zu legen, denn er besteht bloss in einem einzigen Korn.
Heer' 2 ) hat die vorgeschichtlichen Linsen zu der Abart der
kleinen Feldlinse gestellt, mit der sie allerdings die grösste
Aehnlichkeit besitzen. Dass ihre Kleinheit nicht etwa die Folge
des Verkohlungsprozesses (Einschrumpfung) ist, konnte Heer
durch Versuche an frischen Exemplaren nachweisen, die beim
Verkohlen in keiner Weise an Grösse abnahmen. — Wenn Heer
ferner betont, dass die Linse von der Petersinsel sich durch ihre
Plattheit und flache Wölbung auszeichne, so kann ich ihm hierin
nicht beistimmen. Die Exemplare meiner Sammlung sind im Gegen-
theile ziemlich stark gewölbt; desgleichen sind es die vom Monte
Loftä und die von Schussenried. Das Verhältniss des Flächen-
durchmessers zum Dickendurchmesser dürfte bei diesen Exemplaren
dasselbe sein, wie bei den modernen Sorten; nur die Linse aus
Niemitzsch und die Exemplare aus Aquileja fallen durch ihre
grosse Flachheit auf.
Die Uebereinstimmung der vorgeschichtlichen Linsensorten
mit unserer Feldlinse, sowie die fortschreitende Grössen-
zunahme der ersteren im Laufe der Zeit, die, wie ich schon
oben auseinandersetzte, eine Folge der Züchtung sein kann,
berechtigen zu dem Schlüsse, dass die Gartenlinse aus der Feld-
linse hervorgegangen ist. — Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet
der Feldlinse lässt sich nicht mit Sicherheit angeben; denn im
spontanen Zustande ist sie nicht mehr vorhanden. Die Floren von
Südeuropa, von Nordafrika, vom Orient und von Indien erwähnen sie
i) Staub, prähistorische Pflanzen S. 284. 2 ) Heer, Pflanzen. S. 23.
20S XLII. Papilionaceae. — Ervum lens et Lathynis sativus.
stets nur als angebaut oder auf den Feldern als Beigabe anderer
Kulturen 1 ). C. A. Meyer will sie in den Provinzen im Süden
des Kaukasus angebaut und hiev und da in der Nähe von Dörfern
fast spontan angetroffen haben-); G-eorgi führt sie als spontan
für das südliche Russland an 3 ) etc. Neuere Forschungen wider-
sprechen jedoch diesen Angaben.
Trotz alledem scheint es höchstwahrscheinlich zu sein, dass
die Heimath der Linse in die Küstengebiete des Mittelmeeres zu
verlegen ist; speziell der Orient dürfte das Land gewesen sein,
dessen Bewohner sie zuerst in Kultur nahmen. Die ihr zunächst
verwandte Art, lens Schnittspalini Met', findet sich von Kleinasien
bis Afghanistan verbreitet''). Hock 5 ) zählt die Linse gleichfalls
zu den Pflanzen der mediterranen Flora.
7. Lathyrus sativus. L. Gemüseblatterbse.
Es hat den Anschein, als ob diese Pflanze im alten Aegypten
Gegenstand der Kultur gewesen ist. Wir können dies aus zwei
Funden zu Dra-Abu-Negga ) und Gebelin 7 ) schliessen, die
Seh weinfurth als Samen der Gemüseplatterbse bestimmte. Sic
sind leicht an ihrer Gestalt kenntlich, die einer viereckigen Beil-
klinge gleicht. Die armenisch-pontisch-kaspischen Gebiete scheinen
nach Schweinfurth 8 ) die Gegenden gewesen zu sein, woher
Aegypten die Pflanze erhielt. Hebräern und Indiern war dieselbe
nicht bekannt; denn das Hebräische besitzt ebensowenig einen
Namen für sie, wie das Sanscrit. — Desgleichen fehlt die
Platterbse unter den vegetabilischen Resten aus den schweizerischen
und oberitalieuischen Pfahlbauten. Die beiden einzigen steiu-
zeitlichen Funde stammen aus Ungarn aus den Niederlassungen
zu Lengyel und in der Aggtelek-Höhle. In der letzteren fand
sie sich aber in so grossen Mengen vor, dass man daraus Ver-
dacht auf eine Kulturpflanze schöpfen könnte. Deininger, der
diese Samen untersuchte, hebt ihre Kleinheit (Länge 3,2 mm,
Breite 4,2 mm, Dicke 4 mm) hervor, die sie kaum so gross als
1) De Candolle, Ursprung S. 4ot-
2 ) Meyer, Ver/.eiehniss der kaukasischen Pflanzen. S. 117.
8 ) Ledebour, llor. rossic.
4) Engler in Helm, Kulturpflanzen. S« 215.
6 ) Ilöek, Nährpflanzen. S. 46 u. f
6 ) Schweinfurth, Die letzt botan. Entdeckungen 7. S 6
7) Luret, l,i flore. S. 43.
ö ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. 665.
XLII. Papilionaceaä — Lathvnis sativus et liirsutus. 209
die Hälfte unserer gewöhnlichen angebauten Art erscheinen läset 1 ).
Nur in der Umgegend von Sevilla soll noch eine Platterbse an-
gebaut werden, die um ein Geringes grosser als diese vor-
geschichtliche ist.
Die Griechen 2 ) kannten die Pflanze und scheinen sie auch
als lathyros augebaut zu haben. Den Beweis hierfür besitzen
wir in den Samen aus Alt-Troja.
Als ursprüngliches Verbreitungsgebiet weist De C and olle J )
der Gemüseplatterbse die Landstrecken vom Süden des Kaukasus
oder Kaspisees bis nach Nordiudien hin zu. Hiergegen spricht
aber einmal das Fehlen eines Namens für die Pflanze im Sanscrit,
zum andern das frühzeitige Auftreten derselben in Ungarn und Klein-
asien. Beide Thatsachen weisen vielmehr daraufhin, dass man die
Heimath der Platterbse, beziehungsweise den Ort, wo sie Kultur-
pflanze wurde, weiter nach Westen, also nach den östlichen
Mittelmeerländern zu verschieben hat. — Gegenwärtig wird die
Gemüseplatlerbse in Indien, in dein ganzen Orient, in Aegypten,
Abessynien bis nach Süd- und theilweise auch bis nach Mittel-
europa hin angebaut.
8. Lathyrus hirsutus.
Schweinfurth bestimmte diese Art in einem von Schiaparelli
aufgedeckten Grabe zu Theben (XX. Dynastie); jedoch scheint
ihr hohes Alter hier sehr zweifelhaft zu sein 4 ).
9. Faba vulgaris. Mch. Sau-Bohne.
Im Pharaonenlande scheint die Bohnenfrucht nicht zu rechter
Verbreitung gelangt zu sein, trotzdem wir ihr Indigeuat in
Aegypten wohl voraussetzen dürfen. Anders liegen die Verhält-
nisse heutigen Tags; denn gerade in Aegypten und Nubien soll nach
Hart man n der Anbau und Verbrauch von Bohnen, die man zu
Brodt verbacken zu gemessen pflegt, ein recht ausgedehnter sein 5 ).
In den ägyptischen Grabkammern, die uns doch so manche
der noch heute angebauten Pflanzen aus der ältesten Zeit auf-
bewahrt haben, sind bisher erst zwei Bohnensamen aufgefunden
>) Staub, prähistor. PHanzen. S. 283; Deininger, Pflanzen. S. 275.
*) Theophrast, de caus. plant. VIII, 3 u. 10.
3 ) De Candolle, Ursprung. S. 138.
4 ) Loret, la flore. S. 43.
6 ) Hartmann, Zeitschr. £ Ethnologie. III.
G. Bus oli an, Vorgeschichtliche Botanik. [±
210 XLII. Papilionaceae. — Faba vulgaris.
worden, die der Zeit der XII. Dynastie entstammen'). Der
Grund für dieses äusserst spärliche Auftreten der Pflanze unter
den vegetabilischen Resten findet nach Aussage der Alten seine
Erklärung in einem Abscheu der Nillandsbewohner gegen diese
Hülsenfrucht, llerodot 2 ) überliefert uns, dass man in Aegypten
Bohnen weder auf den Feldern aussäe, noch solche, die spontan
dort vorkommen, roh oder gekocht verspeise. Die Priester, so
fährt unser Gewährsmann fort, ertrügen nicht einmal den Anblick
derselben, in dem Glauben, dass sie es mit unreinen Dingen zu
thun hätten. In ähnlicher Weise läset sich Plutarch 3 ) ans.
Eine weitere Erklärung für diese auffällige Erscheinung verdanken
wir Plinius 4 ), dem zufolge die ägyptischen Priester aus dem
Grunde diese Hülsenfrucht gemieden hätten, weil sie dieselben
bei Todtenfestliehkeiten zu verwenden und den Göttern nach
alter Sitte einen Bohnenbrei als Opfer darzubringen die Pflicht
hatten. Diese Auslegung des Plinius erfährt durch den obigen
Fund ihre Bestätigung; denn hier finden sich die Bohnen in der
That unter den Todtenspeisen. Nicht unerwähnt will ich lassen,
dass auch den jüdischen Hohenpriestern der Bohnengeuuss am
Versöbnuugsfeste untersagt war. — Dass die Pflanze in Aegypten
spontan wuchs, lässt sich aus der soeben angeführten Notiz des
Herodot entnehmen; dass sie aber in der Vorzeit in Aegypten
in Cultur gewesen ist, dürfte nach den Auslassungen der Alten,
und nach dem vereinzelt dastehenden Fund zu artheilen, für
noch nicht bewiesen gelten. Ueberdies fehlen uns auch hierüber
jegliche Andeutungen auf deu Denkmälern.
Bei den Hebräern dagegen bildeten Bohuen, frisch oder
geröstet, eine besonders in der ärmeren Bevölkerung beliebte
Speise 5 ). Die alttestamentliche Bezeichnung ist pol, ein Wort,
das der arabisch -ägyptischen Bezeichnung für Hohne, ful, fol
oder foul verwandt erscheint.
Dass Bohnen zu den Mahlzeiten der alten Trojaner gehörten,
beweist Schlieinann 's Entdeckung von reichlichen Bohnen-
masseu unter den Ruinen des alten Troja.
i) Bchweinfurth, Pflanzenreste. S. 862 u. i\
«) llerodot, II, 37.
3) Plntarch, de Isid.et Osirid. V, <;.
*) Plinius, List, Dat. XVIII, 12.
6) 2. Samuel XVII, 28; Hesekiel, IV, 9.
XLII. Papilionaceae. — Faba vulgaris. 21 1
In Europa blickt, der Anbau der Saubohne gleichfalls auf
ein sehr hohes Alter zurück. Wir können seine Spuren bereits
in der neolithischeu Zeit nicht nur über die Mittelmeerländer hin,
sondern auch über die im Norden angrenzenden Gebiete, Schweiz
und Ungarn, hin verfolgen. Die Nachrichten der Alten, die sich
über das hohe Alter der Saubohne in Griechenland auslassen,
liefern uns den Nachweis der Pflanze auch für diesen Himmels-
strich. — Der Sänger der Ilias führt bereits Bohnen mit schwarzer
Hautfarbe als Culturgewächs au 1 ). Auch die späteren Schrift-
steller erwähnen diese Frucht recht häufig. Der Brauch der
alten Griechen, bei Stimmenabgabe in Amtsangelegenheiten sich
der Bohnen zu bedienen, weist auf ein hohes Alter der Pflanze
in Griechenland hin. — Von vegetabilischen Ueberresten aus
der griechischen Zeit kann ich nur einen Fund von Heraclea
auf der Insel Greta anführen. — Nach Angabe des Dioscorides" 2 )
fand bei den Griechen die Zubereitung der Bohnen in der
Weise statt, dass man sie samint der Hülse nach Art des
Spargels sott.
Noch mehr als auf der griechischen Halbinsel bildete die
Bohne auf der italischen von jeher ein beliebtes Volksnahrungs-
mittel. Schon in den bronzezeitlichen Terrainen Oberitaliens
treten unter den Speiseresten auch Bohnen auf. — Eine bedeutungs-
volle Rolle wurde der Bohne ausserdem in dem religiösen Kultus
der Römer zu Theil. Am Festtage der Göttin Carna brachte
man Bohnenbrei als Opfer dar; der betreffende Tag führte von
diesem Brauche her den Namen der Cdlendae Fdbariae 3 ). In
gleicher Weise war die Bohne im Kulte der Lemuren für die
Larentia von Bedeutung, die hiervon den Namen Fabula erhielt;
bei den Floreutien war es Sitte, Bohnen unter das Volk zu
werfen, das sie mit Gelächter aufzufangen suchte 4 ) u. a. in.
Mythische Persönlichkeiten, wie Modius Fabras und Mettius
Fufetius leiteten ihren Beinamen von dieser Pflanze her; desgleichen
benannte sich nach ihr das ganze Geschlecht der Fabicr.
Alle diese Thatsacheu sind gewiss Beweis genug dafür, dass
die Bohne mit dem Volksleben der Griechen eng verknüpft
») Homer, Ilias XIII, 589.
*) Dioscorides, de mat. med. II, 117.
3) Ovidius, fast. VI, 1G4; Macrobius, sat. I, 12.
*) Horatius, sat. II, 3.
14*
212 XLTI. Papilionaeeae. — Faba vulgaris.
gewesen, also auf ein hohes Alter in diesem Lande zurück-
blicken rauss.
Dass auch die Kelten in der Bohne ein Hauptnahrungsmitte]
besassen, beweisen nicht nur eine Reihe Funde aus keltischen
Niederlassungen, sondern auch eine, wenn auch wohl übertriebene.
Notiz des Plinius 1 ) des Inhaltes, dass die keltischen Völker-
schaften am Po überhaupt kein Gericht zu essen gewohnt wären,
das sie nicht mit Bohnen zubereitet hätten.
Was hier für die Kelten im Allgemeinen gesagt ist, gilt in
gleicher Weise für die ueolithischen Bewohner der iberischen
Halbinsel, wie die Gebrüder Siret. durch ihre Ausgrabungen
auf spanischem Boden bestätigen. Hierdurch erfährt gleichzeitig
die Behauptung De Candolle's^, die Iberer hätten die Bohne
nicht gekannt, eine Behauptung, die sich auf sprachliche Gründe
stützen soll, ihre Widerlegung.
Von den steinzeitlichen Bewohnern Ungarns erwähnte ich
bereits, dass, den Funden nach zu schliessen, von ihnen die
Bohne angebaut wurde. — Für Südfrankreich stammt der älteste
Fund aus der Bronzezeit. Nördlich der Alpen treten Bohnen erst
zur jüngeren Eisenzeit (Hallstadtperiode) auf. Gleichzeitig können
wir aber mehrere Funde verzeichnen, die der Periode des Lausitzer
Typus angehören. Plinius 3 ) berichtet, dass die Bohne aui
einigen Inseln des nördlichen Ozeans wild vorkäme, die deswegen
von den römischen Soldaten den Namen Fahariae = Bohuen-
inselu 4 ) erhalten hätten. Von diesen Inseln hebt er eine namentlich
hervor, die Insel Burchana, die man als Borkum gedeutet hat. Es
ist schwer zu sagen, wie weit dieser Nachricht des Plinius
Glauben beizumessen ist. Möglicherweise fand die Bohne schon
frühzeitig vom Süden her in diesen Gegenden Eingang — zur
Zeit des Lausitzer Typus, also ungefähr 100 v. Chr. tritt sie ja
mehrfach unter den Pflanzenresten aus den Gebieten zwischen
Elbe und Oder auf — und mag zur Zeit der römischen Feldzüge
schon verwildert gewesen sein. Aber ebensogut ist die Annahme
möglich, dass sich das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der
Pflanze bis nach der Nordsee hin erstreckte. Bei der Wahl
i) Plinius, bist. nat. XVIII, 2.
2) De Candolle, Ursprung.
3) Plinius, tiist. nat. IV, 27; XVIII, 80.
4) Nach Mflllenhoff s<>H der Name Jiavoviac dasselbe bedeuten (ab-
zuleiten vom alten bauna, altdeutsch bona = Bohne).
XLI. Papilionaceae. — Faba vulgaris.
213
zwischen beiden Möglichkeiten neige ich mich der letzten Auf-
fassung zu.
Zeitlich und örtlich geordnet, sind die vorgeschichtlichen
Bohnenfunde folgende.
Italien:
Spanien ;
Ungarn ;
Kleinasien :
Aegypten:
Frankreich:
Griechenland:
Italien:
Schweiz:
Spanien :
I. Neolithische Periode.
A. Europa.
Niederlassung auf dem Monte Lotfa.
Niederlassung von El Garcel,
Niederlassung von Campos (schon Uebergaug zur
Metallzeit).
Niederlassung in der Aggtelek-Höhle,
Niederlassung von Lengyel.
B. Asien.
Zweite Stadt von Hissarlik (Alt-Troja).
C. Afrika.
Grab aus der XII. Dynastie.
II. Bronze -Periode.
Pfahlbau zu Bourget.
Fund zu Heraclea auf Creta.
Terramare zu Castione,
Terrain are zu Ambrogio,
Terramare von Parma.
Pfahlbau auf der Petersinsel,
Pfahlbau zu Montelier,
Pfahlbau zu Corcelettes.
Niederlassung zu Lugarico viejo,
Niederlassung zu Ifre.
Deutschland:
Italien
III. Eisen -Periode.
Grabfeld zu Müschen,
Grabfeld zu Freiwalde,
Burgwall zu Schlieben,
Zeit des
Lausitzer Typus.
Burgwall zu Koschütz,
Niederlassung in Karhofhöhle,
Niederlassung in der Burghöhle im Klusenstein.
Etruskischer Tempel auf dem Moute Gurazzo,
Grabfund (?) zu Aquileja, ) römische
Ruinen von Pompeji. ) Kaiserzeit.
21 1 XI. II. Papilionaceae. — Faba vulgaris.
Grössenvcrhältnisse der vorgeschichtlichen Bohnen.
Fundort.
Zeit
Mittel
in ??i?)i.
Länge. Breite.
Das grösste
Exemplar
in mm.
Länge.
Breite.
Das kleinste
Exemplar
in mm
Länge.
Freiwalde
Heraclea
Hissarlik
El Garcel
Monte Gurazzo.
Lcngyel
(nach Deiningerj
Schliefen
Koschütz
Maschen
Ifre
Petersinsel
Monte Lofta . . .
Klusenstcin
Lugarico
Campos
Castione
Theben
Bourget
Karhof
Aquileja
E. •
B.
N.
N.
E.
N.
E.
E.
E.
B.
B.
N.
E.
B.
N.
B.
B.
B.
E.
E.
4,8
5,4
5,6
6,3
6,6
6,7
(6,1
6,8
6,9
7,1
7,1
7,2
7,4
7,8
7,9
8,1
8,4
8,6
8,7
8,8
9,1
4,0
4,2
4,4
4,7
5,0
5,4
4,7
5,6
5,5
4,6
6,3
5,6
6,4
6,2
6,4
7,2
6,7
6,6
6,5
6,8
6,4
7,6
7,2
8,4
8,1
8,0
7,6
7,6
7,2
8,0
8,8
9,2
9,6
8,8
10,8
10,4
9,6
11,6
4,0
5,2
4,8
5,6
6,4
M
7,2
5,6
6,4
6,4
8,0
6,4
6,4
8,0
7,6
6,4
6,4
4,8
4,8
5,2
5,6
5,2
4,0
5,6
6,4
6,4
7,2
6,4
6,4
7,2
6,4
8,0
6,5
8,0
8,4
8,0
Breite.
4,4
4,0
4,8
4,0
5,6
2,9)
4,8
4,0
6,0
4,8
5,6
5,6
6,4
6,4
6,4
6,4
5,6
Früher, als mein Material an vorgeschichtlichen Bohnen noch
nicht ein so reichhaltiges war, wie jetzt, glaubte ich aus dem-
selben den Eindruck zu gewinnen, dass die Bohnen der kleinsten
Dimensionen fast nur unter den Funden aus der jüngeren Stein-
zeit, schon grössere unter denen aus der Bronzezeit und die
grössten, die den modernen Kulturformen schon ziemlich nahe
kommen, erst zur späteren Eisenzeit vorkämen. In dieser mit
dem Zeitalter fortschreitenden Grössenzunahme glaubte ich die
Anzeichen einer fortgesetzten Züchtung zu erblicken und zog
weiter daraus den Schluss, dass unsere heutigen Bohnen im Laufe
der Jahrtausende aus den prähistorischen Bohnen durch Cultnr
hervorgegangen wären 1 ). Mit dieser Auffassung trat ich gleich-
zeitig der Theorie einer Abstammung der Saubohne von der
narbonensischen Wicke entgegen. Jedoch bestätigte sich
diese Annahme nur zum Thcil. Es darf allerdings nicht in Ab-
>) In Ausland 1891. No. 15-
XLII. Papilionaceae. — Faba vulgaris. 215
rede gestellt werden, dass unter den Funden eines geographisch-
physikalisch abgrenzbaren Gebietes diejenigen Bohnen, die dem
Zeitalter entstammen, in welche die Anfänge der Kultur des
betreffenden Himmelsstriches fallen, im allgemeinen die kleinsten
sind, dagegen die in der Grösse am entwickeltsten Formen einer
späteren Kulturperiode angehören, eine Erscheinung, die sich
zweifelsohne durch fortgesetzten Anbau der Pflanze erklären
lässt. Jedoch gehören auch hier Ausnahmen zur Regel.
An dem mir nunmehr vorliegenden Materiale aus der Vorzeit
glaube ich bereits zwei oder noch mehr Varietäten von Bohnen
unterscheiden zu können, die möglicher Weise verschiedenen
Ursprunges sind. — Die Bohnen aus den Fundstätten des öst-
lichen Europa (Griechenland, Ungarn, Schweiz, Italien und auch
Kleinasien) sind kleiner und von mehr rundlicher Form; sie
ähneln somit unseren Perlbohnen. Die aus den westlicheren
Fundstätten dagegen sind mehr länglich, flacher und schmaler
und zeigen die eigentliche Bohnen (Nieren) -Form. Zu der
ersteren Kategorie dürften die Funde aus Hissarlik, Heraclea,
Lengyel, Aggtelek, Petersinsel und Monte Gurazzo zählen; unter
den spanischen Funden ist diese Form nicht vertreten. Dagegen
kommt hier ausschliesslich die zweite, mehr längliche Varietät
vor, die übrigens auch in den Funden aus Bourget, Castione,
Aquileja und anscheinend auch in denen aus Koschütz, Müschen,
Schlieben, Karhofhöhle und Klusenstein wiederkehrt. Aus dieser
gleichsam geographischen Zusammengehörigkeit der Funde glaube
ich den Schluss herleiten zu dürfen, dass diese beiden Varietäten
von verschiedenen Richtungen her ihren Ausgang genommen
haben müssen, die eine von den mehr westlichen, die andere von
den östlichen resp. ostmittelländischen Gebieten. Es muss weiteren
Forschungen vorbehalten bleiben hierüber Klarheit zu schaffen.
Es erübrigt sich noch die Frage nach der muthmasslichen
Abstammung der Saubohne von der Vicia narbonensis, einer in
den Mittelmeerländern und im Orient bis nach dem Kaukasus,
Nordpersien und Mesopotamien hin wildwachsenden Art, die
vielfach heutigen Tags als Nahrungspflanze angebaut wird. Diese
nun zeigt, nach den mir von Stefani in Verona als wildwachsende
zugesandten und von mir ausgesäten Exemplaren zu urtheilen,
eine grosse Uebereinstimmung sowohl hinsichtlich der Form als
auch so ziemlich hinsichtlich der Grösse (für Vicia narbonensis
fand ich eine durchschnittliche Länge von 10,3 mm und eine
solche Breite von 8,8 mm) mit denjenigen Bohnen, die ich zur
21 () XI. II. Papilionaceae. — Faba vulgaris.
zweiten Varietät gezählt habe. Es scheinen hiernach die vor-
geschichtlichen Bohnen des westlichen Europa Angehörige dieser
Wickenart, bezw. Kulturformen derselben zu sein. Schwein -
furth 1 ) hat neuerdings wieder der Verum thung Raum gegeben, dass
Vicia narbonensis die Mutterpflanze der Saubohne sein könnte.
Er beruft sich hierbei auf die Thatsache, dass diese Art in den
abessynischen Idiomen die „baharische Erbse" genannt wird.
Bächer (altsemitisch bähar) ist aber die jetzt bei den Fellachen
von Fajün und des Deltas übliche Bezeichnung für die narbonen-
sische Wicke. — Ueber die Beschaffenheit der aus den
ägyptischen Gräbern stammenden Bohnen lässt sich S c h w e i n f u r t h
leider nicht ausführlicher aus.
Eng mit der Frage nach der Stammpflanze der Saubohne
ist die Frage nach dem Ursprungslande derselben verknüpft.
De Candolle' 2 ) nimmt einen doppelten Ursprung unserer Bohne
an: für den einen Ausgangspunkt der Kultur erklärt er die
Länder südlich vom kaspischen Meere, für den anderen Nord-
afrika. Meine Untersuchungen führen mich, wie ich schon oben
auseinandersetzte, zu ziemlich dem gleichen Resultat, dass näm-
lich die Heimath der ersten Varietät, die ich als rundlich be-
schrieben habe, die südkaspischen, kleinasiatischen und vielleicht
auch osteuropäischen Gebiete, die der länglichen Varietät, für
die Vicia narbonensis als Stammpflanze angesehen werden kann,
hingegen die westlicher gelegenen Mittelmeergebiete, auch Spanien
und Nordafrika sein mögen.
Die heutigen Tags bei uns allgemein angebaute Gartenbohne
(Phaseolus vulgaris L.) ist, wie Wittmack 3 ) und Körnicke 4 )
nachgewiesen haben, erst durch die Entdeckung Amerikas nach
Europa gelangt; vordem war sie auf der alten Welt nicht bekannt.
10. Cajanus indicus. Spr. Bohnenstrauch.
Einen Samen dieser Pflanze constatirte Schweinfurth ft )
unter den Speiseresten aus einem Grabe der XII. Dynastie zu
Dra-Abu-Negga. Derselbe stimmt mit den Samen der heutigen
Form vollständig überein.
i) Seh wein furth, Aegyptens Beziehungen. S. 661.
2 ) De Candolle, Ursprung.
3 ) Wittmaek, Compte-rendu du Congr. intern, des Amdric. Berlin 1888.
s. 325,
4 ) Kör nicke, in Verli. d. naturw. Ver. d. preuas. Rheinl. 1885- S. 136.
6 ) Seh wein furth, Pflanzenreste. S. 363; auch Neue Funde S. 202.
XLII. Papilionaceae. — Cajamis iridicus. ^w
Die Pflanze kommt gegenwärtig spontan im tropischen
Afrika vor, zeigt sich aber auch in Oberägypten häufig verwildert.
Schweinfurth traf sie in Aegypten nirgends als Kulturpflanze
an, wohl aber in Nubien und dem ägyptischen Sudan. Die
kleineu, in Form und Grösse unseren Erbsen ähnlichen Samen
werden dort gegessen, sind aber nicht sonderlich wohlschmeckend
und schwer verdaulich. Ob der Bohnenstrauch im alten Pharaonen-
lande Gegenstand des Anbaues gewesen ist, lässt sich aus dem
einen Funde zwar nicht beurtheilen, dürfte jedoch anzunehmen
sein. Auf jeden Fall wird durch ihn aber bewiesen, dass nicht
allein Indien das Vaterland der Pflanze ist, wie bisher all-
gemeine Voraussetzung war, gondern dass dasselbe sich bis nach
Aegypten, vielleicht über die ganzen Tropengebiete hin er-
streckte ; denn auch in Südamerika wird heute der Bohnenstrauch
angepflanzt 1 ).
XLIII. Terebintliaceae
/. Pistacia Tcrebinthus L. Pistacie, Terpentinbaum.
In den ägyptischen Handschriften findet sich öfters ein Harz
Namens sounter erwähnt, das, wie die ähnlich klingenden
koptischen Bezeichnungen sonte oder sonti für das Harz der Pistacie
vermuthen lassen, aus ebeu dieser Pflanze gewonnen zu sein
scheint 2 ). Der Baum selbst wird in den Texten nicht erwähnt.
Dieses Harz diente nach der Angabe der medizinischen Papyrus
zu arzneilichen Zwecken 3 ).
Als hebräisches Wort für den Baum vermuthen die Autoren 4 )
übereinstimmend el oder elah (eigentlich = starker Baum), das
sich mehrfach im alten Testamente, und zwar in seinem ältesten
Theile, findet 5 ). Wofern diese Erklärung die richtige ist, muss
die Pistacie in Palästina recht häufig gewesen sein. Der Hein
Mamre, in dem Abraham seinen Sohn opfern sollte, bestand aus
solchen Bäumen 6 ) u. a. m. Es existirt aber noch ein zweites
1) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. 656.
2) Loret, la flore. S. 44. 3 ) Wönig, Pflanzen. S. 393.
4 ) Rosenmüller, Biblische Naturgeschichte. S. 229.
*) 1. Moses XXXV, 8; Richter VI, 11, IX, 6; 1. Samuel XVII, 2 etr.
6) 1. Moses XIII, 18, XVIII. etc.
218 XI. III. Terebinthaceae. — Pistacia Terebinthus et lentiscus.
Wort im alten Testamente, hotnhn (gleichbedeutend mit dem
Assyrischen bntnu), das von einigen Erklärern gleichfalls als die
Frucht dieser Pistacienspezies ausgelegt, von anderen Autoren
wieder, z. B. Engler und Wetzstein 1 ), als solche in Abrede
gestellt und für die Frucht der wahren Pistacie gehalten wird.
Unter den vorzüglichen Früchten Palästinas, die Jacob seinem
Sohne Joseph als Geschenk nach Aegypten übersendet, werden
solche hotnhn aufgeführt 2 ).
Noch mehr als die Israeliten scheinen die Perser eine Vorliebe
für die Früchte des Terpentinbaumes und das aus ihnen gewonneue
Gel bekundet zu haben. Die Schriftsteller 3 ) der Alten geben
öfters eine hierauf bezügliche Notiz und bezeichnen dieses Volk
geradezu als Terebinthenesser (-sptj.ivuV.f'rfot) 4 ).
Als Heimath der Pistacia Terebinthus können die Mittelmeer-
gebiete gelten. Eine derselben nahe verwandte Art Pistacia
Kliinjuk Stocks, die in den Steppengebieten Vorderasiens und des
westlichen Himalaya spontan vorkommt, trifft man auch im
mittleren Aegypten, eine andere nahe stehende Art, Pistacia
atlanüca Desf. in Afrika von den Kanaren bis Cypern an. Für
die Tertiärzeit Südfrankreichs ist eine weitere verwandte Art,
Pistacia miocenica Sap. nachgewiesen 5 ).
2. Pistacia lentiscus, L. Mastixbaum.
Dieser Baum erscheint im alten Aegypten unter der Bezeichnung
shoub. Sein zur Herstellung wohlriechender und medikamentöser
Essenzen verwandtes Harz, das bei uns deu Namen Mastix führt,
wird in deu hieroglyphischen Inschriften durch das Bild eines
auf einem Ithinozeros reitenden Kindes bezeichnet und hiess
fatti*). Man unterschied bereits zur Zeit der Pharaonen drei
Sorten dieses Harzes: schwarzes, weisses, rothes 7 ).
Unter den griechischen Schriftstellern erwähnt als Erster
Herodot den Baum unter dem Namen a/ivoc.
Auch für den Mastixbaum ist das Indigcnat im ganzen Medi-
terrangebiet von Syrien und Palästina an bis nach den Kanarischen
Inseln, sowohl nördlich als südlich vom Mittelmeer anzusetzen s ).
') Engler in Hehn, Kulturpflanzen. 8. IM-
«) 1. Moses XI. III. II: Rosenmüller, S. 247.
•) Polyaen. Strat. 4, :'»: Strabon 15, •"> "■ ;>• '»•
•») Aeol. V. II. :;. 89; Holm, Kulturpflanzen. 8. 409.
"I Engler in Helm, Kulturpflanzen. S. im. fi ) Loret, In flore, S, ll.
7 ) Wfinig, Pflanzen. 8. 857. ö ) Engler, ebeod&s. 8. 113.
XVIY. Rhamneae. — Zizyphus Spinae Christi, lotus et vulgaris. 219
XLIV. Rhamneae.
/. Zizyphus Spinae Christi. Willd.
= Rhamnus Spinae Clirisü. L.
2. Zizyphus lotus. W.
3. Zizyphus vulgaris. Lam.
In den ägyptischen Texten, vorzugsweise in den Verzeichnissen
der Opfergaben, kommt recht häufig ein Wort nahas vor, das
möglicher Weise nach der Annahme der Autoren als Zizyphus
Spinae Christi zu deuten ist 1 ). Man buk Brod aus ihm, eine
Verwerthung der Frucht, wie sie noch heute in Aegypten üblich ist.
Diese Bezeichnung hat sich für die Frucht im Arabischen in dem-
selben Sinne als nabaq erhalten, während der Baum selbst in dieser
Sprache sidr heisst. In den arabisch-koptischen Wörterbüchern
führt derselbe dagegen den Namen kenari, kle und chroouni:
allein diese Worte dürften wohl kaum aus dem Altägyptischen
herzuleiten sein, denn hier fehlen die gleichen oder anklingende
Namen.
Reife Früchte des Zizyplms-B&ximes fanden sich in einem
Körbchen aus dem Grabe des Ani -2 ); desgleichen wurden eine
Unmasse derselben, sowie Blätterwerk in einem Grabe zu Gebelin
aufgedeckt 3 ). — In El-Kab soll die Abbildung einer rothen
Frucht das fragliche Gewächs darstellen 4 ).
Nach Schweinfurt h 's Untersuchungen 5 ) gehört der Zizyphus
Spinae Christi der indigenen Flora des Nilthaies an; besonders
in den oberen Gebieten dieses Stromes tritt er sehr häufig wild-
wachsend auf, und seine Frucht bildet hier eine Lieblingsspeise der
Eingeborenen. Als Kulturpflanze kommt der Baum in den
ägyptischen Anlagen und Gärten vor.
Unter dem Lotus der Alten sind zweifelsohne mehrere
Pflanzen zu verstehen. Eine derselben ist, wie Uesfontaines")
i) Loret, la flore. S. 44.
2 ) Schweinfurth, Die letzten botan. Entdeckungen. S. 15.
3) Ebendas. S. 3.
«) Unger, Streifzüge IV, 8. 127.
*) Schweinfurth, in hüllet, de ['Institut egypt. 1373. S. 200—206-
«) Wönig, PÜanzen. S. 335.
220 XLIV. Rhamneae. — Zizyphus Spinae Christi, lotus et vulgaris.
wahrscheinlich gemacht hat, auf den ZizyphiAS-B&um, speziell
die Abart Zizyphus Iotas W. zu beziehen; aus einer detailirten
Beschreibung, die Polybius von dem Baume giebt, ist ersichtlich,
dass mit dem Paüurus des Theophrast 1 ) und Polybius 2 )
nur diese Spezies gemeint sein kann. Auch Strabon 3 ) dürfte
bei seinem Melilotus, desgleichen Homer bei seinem Lotus diese
Pflanze im Sinne gehabt haben. — Nach Angabe des Herodot 4 )
wurde aus Melilotus ein weinartiges Getränk bereitet, das in
der ärmeren Bevölkerung Alexandriens seine Abnehmer fand.
Zizyphus vulgaris soll nach Angabe des Plinius vom Konsul
Sextus Papirius gegen Ende der Regierung des Augustus von
Syrien nach Rom gebracht worden sein und hier eine ungemein
schnelle Verbreitung gefunden haben.
XLV. Ampelideae.
Vitis vinifera. L. Weinstock.
Im Pharaonenreiche wurde der Weinbau nach der Fülle der
darauf bezüglichen Darstellungen (Rebenlauben und Erntescenen
auf den Wandgemälden zu Theben, Beni-Hassan, Souiet-el-
Meitin, Karnak, Abd-el-Qurna u. a. m.) zu schliessen in grossem
Umfange betrieben. Weingelände durchzogen das lange gesegnete
Nilthal hinauf bis zum ersten Katarakt und noch darüber
hinaus. — Die ältesten Spuren der Rebenzucht lassen sich bis
in die Periode des Pyramidenbaues zurückverfolgen; besonders
waren es aber die Zeiten der V., VI., XII., XIII., XVIII. bis
XIX. Dynastie, in denen dieser Agrikulturzweig einen grossen
Aufschwung zu verzeichnen hatte.
Die einfachste und weniger sorgfältigste Art des Weinbaues
bestand darin, dass man die Rebe an Stöcken frei in die Höhe
schiessen und sich zu Hecken vereinigen Hess. Häufiger zog
man sie schon an Spalieren oder parallel laufenden Stützen
(geschnitzten und bemalten Säulchen), die mit einander oben
verbunden sich zu Weinlaubeu oder Bogengängen umwandelten 5 ).
') Theophrast, de caus. plant. IV, :>.
2 ) Athenaeus XIV, 65.
3 ) 8trabon XVII, 3.
4 ) Her od ol IV, 177.
&) Wüiiig, Pflanzen. S. 203.
XLV. Ampelideae. — Vitis vinlfcra. 221
Die Zeichnung der fünf- bis siebenlappigen, bell- oder dunkel-
grün kolorirten Blätter auf den Gemälden lässt freilieb oft zu
wünseben übrig; diese sind gleicbsam sebematisirt. Auch die
Trauben sind tbeilweise nur sebematisirt (läugs-ovaler Umriss),
tbeilweise stilisirt (Tunkte innerhalb des Umrisses, die Beeren
darstellen sollen), tbeilweise aber auch in natürlicher Weise wieder-
gegeben. Im letzteren Falle ist die Farbe durchweg schön
dunkelblau und die Beeren sind besonders noch durch schwarze
Punkte hervorgehoben. Hin und wieder treten uns auch Trauben
von blassrothem oder blassviolettem Kolorit entgegen, ohne
Zweifel ein Beweis für damals schon vorhandene Varietäten.
Der Weinstock selbst ist zumeist naturalistisch wiederbeleben
und an seinen rothbraunen Reben, sowie den gleichfarbigen oder
grünen Ranken deutlich als solcher erkennbar.
Das Keltern des Rebensaftes geschah auf verschiedene Weise.
Das einfachste Verfahren war das Austreten der Trauben mit
den Füssen in einem starken Kasten aus Akazienholz, über dem
ein Balken schwebte, der durch herabhängende Stricke den
kelternden Männern zum Anhalten diente. In Unterägypten
spielte sich der Keltervorgang in der Weise ab, dass die Trauben
in einen langen Schlauch gethan wurden, den man dann durch
an den Enden angebrachte Stäbe zusammendrehte. Die weitere
Behandlung des Mostes, die Gährung, die Aufbewahrung in weit-
halsigen bunten Thon- und Steinkrügen, alles dies findet sich
auf den Denkmälern ziemlich ausführlich dargestellt. Ich ver-
zichte auf die Wiedergabe der Einzelheiten und verweise auf
Wönig's 1 ) eingebende Studie, die sich mit diesen verschiedeneu
Prozeduren beschäftigt.
Dieser hohe Grad von Pflege, welchen die alten Aegypter
der Rebe zu Theil werden Hessen, schuf schon frühzeitig ver-
schiedene Weinsorten, die sich durch Geschmack, Farbe und
Güte unterschieden. Nach Loret's.-) Zusammenstellung kommen
in den hieroglyphischen Texten bereits acht Weinsorten vor:
„Weisswein, Rothwein, besserer Wein, zweiter Wein von Syene,
Nordwein, Wein des mittleren Landes, Wein tekhes und Wein
neka". Die meisten dieser Namen sind schon zur Pyramiden-
periode vorhanden. — Eine Unmasse von aufgespeicherten Krügen
und Amphoren, die vielfach als Etiquette die Bezeichnung arp
i) Wönig, Pflanzen. S. 268 u. f.
2 ) Loret, la flore. S. 4G.
2-2 XLV, Ampelideao. — Vitis vinifeia.
— Wein tragen, legen mehr als alle Inschriften und Nachrichten
der Alten von dem grossen Consum an Wein im Nilthale und
der Vorliebe seiner Bewohner für dieses Getränk Zeuguiss ab,
dessen schädliche Folgen bei übermässigem Genuas auf einzelnen
Wandgemälden (Beni- Hassan, Theben), in recht drastischer
Weise illnstrirt werden. Bei der Techu- (= Volltrink) Feier am
bachanalen Bnbastisfeste soll allein mehr Wein getrunken worden
sein, als im ganzen Jahre in Bubastis selbst. — Neben seiner
Eigenschaft als Genussmittel spielte der Wein auch unter den
Opfergaben, welche man den Göttern darbrachte, eine grosse
Rolle. Durch Gründe religiöser Natur mag daher auch der
grosse Consum am Bnbastisfeste bedingt worden sein. —
Herodot 1 ) zufolge wurden ausser Weihrauch, Myrrhen, Honig
und Feigen auch Rosinen in den Bauch des der Isis zu opfernden
Stieres getban. Solche getrocknete Beerenreste von schwarzem
Kolorit sind zu wiederholten Malen in den Gräbern, auch schon
in solchen der ältesten Zeit, aufgefunden worden. Braun' 2 ),
der die im Berliner Museum befindlichen Weinbeeren zu unter-
suchen Gelegenheit hatte, schildert sie von der Grösse mittel-
mässiger grosser Rosinen von 10 — 18 mm Grösse und etwas
länglicher (nicht spitzer) Form. Ihre Farbe ist schwarz und löst
sich, wenn die Beeren im Wasser gewaltsam zerdrückt werden,
in ein ziemlich dunkles Kastanienbraun aut; diese Erscheinung
deutet auf eine ursprünglich dunkelblaue Farbe der Beeren hin.
Kunth bestimmte dieselben als solche der Vitis rinifera var.
monopyrena; Braun jedoch konnte darunter auch Exemplare
mit drei Kernen constatiren. Die Samengrösse der Berliner
Trauben stimmt mit der grosser Rosinen überein; die Länge be-
trägt etwa 7 mm, die Breite 4,5 — 5 mm. Sie sind jedoch
etwas stärker als diese, plattgedrückt und tiefer ausgerandet,
zweilappig und etwas plötzlicher in das untere schnabelartige
Ende verschmälert. — Seh weinfurth 3 ) beschreibt Rosinen
aus Gebclin, die gleichfalls von schwarzer Farbe sind, eine
dicke Haut und 3 — 4 Sameukerne besitzen. Trotz starken
Zusammenschrumpfens belauft sich ihre Länge noch auf 16 bis
17 mm, ihre Breite auf 10 — 11 mm. Die langgezogenen Samen
sind an der Spitze abgestumpft und messen in der Länge 7, in
«) Herodol II, 40.
*) Braun, Pflanzenreste, s. ;;oi;.
3 ; Schweinfurth, Pflanzenreste. S. .
XLV. Ampclidcac. — Vitis vinifora. 223
der Breite 4 und in der Dicke 3 mm. Die Wcinblättcr, die
einem Grabe aus Theben entstammen , unterscheiden sich in
Form und Grösse in nichts von den Blättern der heutigen Bebe
Aegyptens, sind aber an der inneren Fläche von einem Filz von
weissen Haaren bedeckt, eine Erscheinung, die Seh wein l'urth
an den eingebornen Beben nirgends beobachtete.
Der Weinstock gehörte gleichfalls zu den Erzeugnissen Palästinas.
Die Männer, welche Moses abgesandt hatte, um das den Hebräern
verheissene Land zu erforschen, brachten zum Beweise der Frucht-
barkeit dieses Himmelsstriches in das israelitische Lager eine
Weintraube von ungewöhnlicher Grösse mit'). Aber auch an
manchen anderen Stellen wird der Uebertluss Palästinas an Wein-
gcländeu geschildert. Der Wein vom Libanon erfreute sich eines
guten Bufes' 2 ). Die grosse Pflege, die dem Weinstocke von
Seiten der Israeliten gewidmet wurde, Hess sogar eine besonders
veredelte, wie es scheint, kernlose Sorte entstehen, die den
Namen sord; führte' 1 ).
Von Acgypten und Palästina aus scheint sich die Bebe schon früh-
zeitig nach dem griechischen Insclmeer verbreitet zu haben. Im
Zeitalter der homerischen Helden 4 ) war der Bebensaft nicht nur ein
allgemein verbreitetes Getränk 5 ) — Brod und Wein gehören neben
der Kleidung zu den drei ersten Lebensbedürfnissen — , sondern
der Anbau der Bebe erfreute sich in Kleinasien sowohl, wie auf
dem griechischen Archipel und Festlande schon ausgedehnter Ver-
breitung. Dies bezeugen eine Unmasse Stellen aus den homerischen
Dichtungen, ferner gleichzeitige Gemälde aus griechischen Gräbern,
welche die Weintraube zum Gegenstand haben. Auf dem Schilde
des Achill tindet sich neben anderen Scenen aus dem ländlichen
Leben auch ein Weinberg dargestellt, auf welchem fröhliche
Winzer und Winzerinnen mit der Traubenlese beschäftigt, sind.
Verschiedene griechische Städte, Dörfer und Landschaften
(Pedasos, Arne, Histiaca, Epidaurus) werden als rebenreiche
geschildert, und einer grossen Anzahl anderer brachte ihr Beben-
bau den Namen ein: Aegina hiess ursprünglich Oivcuvr, • in
>) 5. Moses VIII, 7 u. f.
*) Hoeea XIV, 8.
3 ) Rosenmüller, Biblische Naturgeschichte. S. 21S.
4 ) Ausführlicheres bei Ilchn, Kulturpflanzen S. G5 u. f.
5 ) Tsountas glaubt zu Mycenae auf dem Boden eines Thongefässes
Spuren eines Nicdersat'/es von "Wein oder Essig erkannt zu haben. Helm,
Kulturpflanzen. S. 94.
224 XLV. Ampelitleae. — Vitis vinifera.
Acarnanien gab es eine Stadt Namens Oivtaoat, im ozoliscben
Locris ein Ofvetov, iu Attika zwei Ortschaften (Kvfy, eiu Name, der
ausserdem noch in Megaris, Argolis und Elis vorkommt, u. a. m. l ).
Die griechische Mythologie endlich bietet uns eine Fülle von
Sagen, Persönlichkeiten und sonstigen mythischen Dingen, die
auf das Keimen, Blühen und Verdorren der Rebe Bezug haben,
llehn ") hat eine umfassende Zusammenstellung derselben gegeben.
Nach alledem unterliegt es wohl keinem Zweifel, dass der
Weinbau auf dem griechischen Inselmeer und Festlande in sehr
früher Zeit Eingang gefunden haben muss. Wie Hehn :t ) mit
einer Anzahl Stellen aus den griechischen Klassikern belegt,
muss von der ganzen Baikauhalbinsel besonders Thracien als
hauptsächlichste Heimath und Ausgangspunkt des Dionysiuskultus
angesehen werden; hierhin mag die Rebe und die Keuntuiss
ihres Anbaues noch vor der Zeit des trojanischen Krieges durch
die Invasion von Mysern und Teukrern gelangt sein. Mit dem
Vordringen thracischer Stämme verbreitete sich dieses neue
Kulturgewächs dann weiter nach dem Süden, nahm Macedonien
in Beschlag und gelaugte über den Parnass, Delphi und Theben
nach den attischen Gefilden. — Diesem Kulturstrom entgegen
machte sich schon frühzeitig ein anderer geltend, der vom Süden,
beziehungsweise vom Südosten der griechischen Halbinsel her
seinen Ausgang nahm und auf den Inseln des ägäischen Meeres
zuerst festen Fuss fasste. In seinem Gefolge trat auch der
Weinstock auf; und besonders Greta gestaltete sich zum Mittel-
puukt phöuizischer Ansiedelungen und Rebenpflanzungen. Naxos
und Ohios wurden weitere Etappen des Weinbaues und über-
mittelten denselben sehr bald dem griechischen Festlande. Von
zwei entgegengesetzten Richtungen her, die aber auf einen
gemeinsamen Ausgangspunkt hinzuführen scheinen, gelaugte
Griechenland mithin in den Besitz des Weinstockes. — Die Anzahl
der vorgeschichtlichen Funde von Rebeuresten ist unter diesem
Himmelsstriche eine sehr beschränkte. Ich kenne nur den aus
Tirynth, der dem aus Alt-Troja der Zeit nach an die Seite zu
stellen ist.
Was Italien betrifft, so müssen wir auf Grund vorgeschicht-
licher Funde zwar zugeben, dass die Rebe den steinzeitlicheu
Bewohnern der nördlichen Laudstrecken bereits bekannt gewesen
') Hehn, Kulturpflanzen. S. 66.
-') Hehn, 8. 3) Dere. S. 69.
XLV. Ampelideae. — Vitis vinifera. 22:>
ist, können aber gleichzeitig mit Sicherheit annehmen, dass sie
damals noch nicht Kulturpflanze war, sondern dass die betreffenden
Ueberreste, die nicht nur aus dieser Periode, sondern auch aus
der ihr folgenden Terramarenzeit stammen, einer, wahrscheinlich
über ganz Südeuropa verbreiteten, wilden Spezies angehören.
Es ist wohl möglich, dass die alten Italiker mit dieser Pflanze
Kulturversuche angestellt haben; allein dieselben mögen wegen
der zur damaligen Zeit noch herrschenden ungünstigen klimatischen
Verhältnisse negativ ausgefallen seiu. „Der immergrüne Gürtel,
der heute die Küsten der Mittelmeerländer umzieht, fehlte damals
fast vollständig. Waldungen mit nordischem Gepräge, aus
düsteren Fichten und Föhren, aus Buchen mit verschiedenartigem
Unterholz, hier und da auch aus immergrünen oder laubabwerfenden
Eichen bestehend, zogen sich in unabsehbaren Beständen an den
Abhängen der Berge dahin und herunter bis in die Ebene, nur
unterbrochen von den saftigen Triften der Flussniederungen und
stellenweise von unzugänglichen Sümpfen." Den Beweis für die
Unmöglichkeit der Weinkultur unter diesen Verhältnissen bringt
uns ausserdem Columella') in einem Ausspruche des land-
wirtschaftlichen Schriftstellers Saserna des Inhaltes, dass das
Klima Italiens sich geändert habe, denn die Gegenden, die vor-
dem zur Reben- und Olivenzucht zu kalt gewesen wären, hätten
jetzt Ueberschuss au diesen Producten. Auch Plinius 2 ) betont,
dass der Ackerbau auf der italienischen Halbinsel viel älter
wäre, als der Weinbau :t ). — Das Vorkommen von Trauben-
kernen in den Terramaren spricht dafür, dass die Traube den
Bewohnern derselben zur Nahrung diente. Jedoch scheint die
Weinbereitung ihnen noch fremd gewesen zu sein. Denn nirgends
hat man bisher — worauf Hei big aufmerksam macht — unter
den Terramarenresten Vorrichtungen zum Keltern der Trauben
entdecken können, man müsste denu gerade annehmen, dass
die Insassen der Pfahlbauansiedelungen beim Auspressen des
Sattes so verfahren hätten, wie es Koch 4 ) uns von den Ein-
geborenen in Kolchis schildert. Dieses Verfahren, das hier bei
der Herstellung des Weines für den Hausgebrauch im Jahre 1830
i) Columella, de re rustic. I, 1, 5.
2) Plinius, hist. nat. XVIII, 24.
3 ) Nach Ilehn's Ausführungen S. 72 sprechen verschiedene altherge-
brachte Gebräuche im romischen Kultus dafür, dass der Wein zur Zeit der
Gründung der Stadt noch nicht den Römern bekannt war.
*) Koch, Bäume Griechenlands, S. 2-18.
O. Busc h an , Vorgeschichtliche Botanik. ] .',
226 XLV. Ampelideac. — Vitis vinifera.
noch üblich war, soll darin bestehen, dass sie den durch Treten
ausgepressten Rebensaft in Erdlöcher von Gefässform einlaufen
lassen und mit einer schweren Schieferplatte luftdicht abschliessen,
durch deren von Zeit zu Zeit vorzunehmendes Lüften die sich
bei der Gährung bildende Kohlensäure entweicht. Diese oder
eine ähnliche primitive Methode mag immerhin von den Italikern
geübt worden sein. Die veredelte Rebe dagegen scheint erst
später, vielleicht mit dem Vordringen der Etrusker, auf italischem
Boden Eingang gefunden zu haben. Hiermit soll aber nicht in
Abrede gestellt werden, dass sie schon früher nach den süd-
italischen Küsten durch griechische oder phönizische Kolonisten
verpflanzt worden sein kann. Nähere Daten habe ich hierüber
nicht zurHand. — Phönizische Einwanderer führten die Rebe gleich-
zeitig an der südfrauzösischen Küste ein, wo ihre Kultur bald
einen grossen Aufschwung zeigte. Anzunehmen wäre hiernach,
dass auch die spanische Halbinsel auf diese Weise in den Besitz
des Weinstock gelangt wäre; leider haben uns die an pflanz-
lichen Ueberresten so reichen Ausgrabungen der Gebrüder Siret
den Beweis hierfür noch nicht liefern können.
Aus der Vorzeit Mitteleuropas (neolithische und Bronze-Periode)
kennen wir mit Sicherheit bisher ebenfalls noch keine Reben-
reste ; es ist auch nicht gut anzunehmen, dass man solche jemals
hier finden wird. Denn die Schilderung der klimatischen Ver-
hältnisse aus der Vorzeit Oberitaliens hat für die der Schweiz,
Ungarns und Oesterreichs in noch höherem Grade Gültigkeit. —
Ueber die ersten Anfänge des Weinbaues in Nordeuropa habe
ich mich an anderer Stelle ausgelassen 1 ).
Von vorgeschichtlichen Funden habe ich im Ganzen folgende
zu verzeichnen:
I. Neolithische Periode.
A. Europa.
Belgien: Pfahlbau zu Bovere (Holzreste).
Italien: Pfahlbau zu Casale (desgl.).
Schweiz: Pfahlbau zu Haltnau (Kerne)' 2 ).
B. Asien.
Klein-Asien: Zweite Stadt von Hissarlik (Alt-Troja).
1) Buschan, Zur Geschichte des Weinbaues in Deutschland, in Aus-
land, 1S90. No. 44.
2 ) Wohl nicht ncolithisch, da auch andere Pflanzen dort vorkommen, die
nachweislich aus späterer Zeit stammen.
XLV. Ampelideae. — Vitis vinifera.
227
II. Bronze -Periode.
Griechenland: Königsburg von Tirynth.
Italien: Terramare von Parma,
Terramare von St. Ambrogio,
Terramare im Lago di Fimon,
Terramare von Castione,
Terramare von Cogozza.
Mit Ausnahme der Funde von Casale und Bovere, die in
Holzresten einer Vitis-Art bestehen (ob Vitis vinifera, lässt sich
nicht an ihnen entscheiden), haben wir es in allen übrigen Fällen
mit Traubenkernen zu thun. Nach meinen Messungen und denen der
betreffenden Autoren zeigen dieselben folgende Grössenverhältnisse.
Fandort.
Zeit.
Länge in mm.
Breite in mm.
ß.
B.
B.
N.
B.
B.
3,9
4,1
4,8
5,0
5,G
5,6
7,0
3,2
3,0
3,8
4,0
4,5
4,5
4,5—5,0
Troja
Wie Heer 1 ) und nach ihm Goiran 2 ) hervorgehoben haben,
stimmen die vorgeschichtlichen Samen vollständig in ihrer Grösse
mit denen der wilden blaubeerigen Weintraube überein, einem
in den Wäldern Italiens und Griechenlands spontan vorkommenden
Gewächs. Die Samen aus Tirynth sind ein wenig kleiner, und
der eine Traubenkern aus Ambrogio weicht sowohl in der Grösse
als auch in der Form vollständig von den übrigen ab. Ob wir
es bei diesem nur mit einer verkümmerten Form oder einer be-
sonderen Abart zu thun haben, vermag ich aus dem äusserst
spärlichen Material nicht zu entscheiden. Die erstere Möglichkeit
scheint mir näher zu liegen. Die Kleinheit der Exemplare aus
Tirynth und Troja legt den Verdacht nahe, dass auch sie einer
noeh wilden Weinsorte angehören könnten. Wenn ich auch diese
Möglichkeit nicht gerade bestreiten will, so glaube ich doch eher
i) Heer, Pflanzen. S. 28-
*) Goiran, noti/.ie. S.«26.
15*
228 XLV. Ampelideae. — Vitis vinifera.
dass dieselben schon von den eisten Kulturversuchen herrühren
mögen, die man zur damaligen Zeit bereits in Griechenland unter-
nommen hatte. — Der Einfluss des längeren Anbaues tritt deutlich
an den Kernen aus der Vorzeit Aegyptens zu Tage. Ihre Länge
von 7 mm und ihre Breite von 4,5 — 5 mm stehen den heutigen
Rosinenkernen in nichts nach, übertreffen sie nach Braun sogar
theilweise. Zum Vergleiche liegen mir eine Anzahl Weinbeeren
vor, die ich auf den kleinasiatischen Inseln zu sammeln Ge-
legenheit hatte. Diese besitzen eine durchschnittliche Länge von
6 — 7, und eine Breite von 4,2 — 4,8 mm. Die grössere Länge
der kultivirten Samen ist lediglich auf Kosten einer längeren
Spitze zu setzen, durch die sie nach Heer ') sich von denen der
wilden Sorte unterscheiden sollen. Das Exemplar aus Ambrogio
besitzt gar keine Spitze. Es ist in seinen Umrissen annähernd
herzförmig. Die Kerne aus Tiryns gleichen schon mehr der
Eiform, sind aber, wie auch die übrigen vorgeschichtlichen Kerne,
im Verhältniss zur Länge ziemlich dick. Die Samen aus Finion
und Castione gleichen einander; an ihnen ist schon eine, wenn
auch nur kurze Spitze, bemerkbar. Von den Weinkerneu aus
den ägyptischen Grabkammern war bereits oben die Rede.
Die Heimath und der Ursprung des Weinstockes lassen sich
mit ziemlicher Sicherheit feststellen. Die Paläontologie' 2 ) lehrt,
dass zwar im mittleren Tertiär (Braunkohlen-Periode) in Deutsch-
land, Oesterreich und der Schweiz die Weinrebe auftritt, dass
diese aber mehr Zugehörigkeit zur Spezies Vitis- cordifolia Mich,
und zu den nordamerikauischen Sorten zeigt, als zu der eigent-
lichen Vitis vinifera. Die letztere erscheint erst in den jüngeren
Ablagerungen fossiler Pflanzen, so im diluvialen Tuff von Mont
pellier, Meyrargues, Castelnau und St. Antonie des Bouches-du-
Rhöne (Frankreich), im alten Travartin des Vel' d'Era, bei Sau
Viraldo, von Fiano Romano am Tiber, im vulkanischen Tuff von
Pejerina auf der Via Flaminia (Italien) etc. Unter den gleichen
Himmelsstrichen hat sich der Weinstock von der diluvialen
Periode her bis in die späteren Zeitepochen hinein erhalten.
Wir treffen ihn in einigen neolithischen Niederlassungen
Belgiens und Italiens an; in der gegenwärtigen Zeit finden wir
ihn wild in Südspanien, Frankreich, dem Elsass, Baden, Nord-
') Heer, Pflanzen. 8. l 2<s.
*) Kurier in Helm, Kulturpflanzen. 8. 88 »■ '•; Clerici, in ftiv. ital.
di acienze natur. del Borgi. 1891. 8, 122
XLV. Ampelideae. — Vitis vinifera. 229
italien, auf der Balkanhalbinsel, in dem Banate, dem ungarischen
Tieflande, in Podolicn, Bcssarabien und auf der Krim, dann
weiter in Asien, iii Anatolien, Palästina, dem westlichen Trans-
kaukasien, bis Armenien und zum Talyscbgebirge hin, von dort
ostwärts bis zur persischen Provinz Ghilan, nordöstlich bis
Turkestan ' ). Dementsprechend scheint sich das spontane Ver-
breitungsgebiet von den Mittelmeerländern an bis nach dem
gemässigten Asien hinein erstreckt zu haben.
Es fragt sich nun für uns weiter, ob wir annehmen dürfen,
dass unter den angeführten Himmelsstrichen auch die Rebenkultur
ihren Ursprung genommen hat, mit anderen Worten gesagt, ob
der veredelte Weinstock unserer Tage von der wilden europäischen
Rebe abstammt. Wir gaben schon oben der Vermuthung Raum,
dass etwaige Kulturversuche der Vorzeit, falls solche überhaupt
angestellt worden sind, zu keinem nennenswerthen Resultate
geführt haben mögen, sondern dass es vielmehr der Einführung
der bereits in Kultur genommenen Sorten nach den südeuropäischen
Halbinseln bedurfte. Wie ich im Anschluss an Hehn bereits
erörterte, sprechen verschiedene Thatsachen dafür, dass die
Rebenkultur im Orient ihren Anfang genommen hat. Nach den
Schilderungen der Reisenden tritt die Rebe in den Gegenden
zwischen dem Schwarzen Meere und dem Kaspisee, besonders
aber in der persischen Provinz Ghilan wildwachsend auf und
gedeiht hier in der üppigsten Weise. Wie Gmelin 2 ) berichtet,
schliugt sich in Ghilan der Weinstock in unabsehbarer Höhe
über die höchsten Bäume hinweg, und seine armdicken Ranken
verwickeln sich so miteinander in die Breite, dass es an manchen
Stellen unmöglich ist, dieses Dickicht zu durchbrechen. Es ist
dies dieselbe Gegend, wo nach Strabon's Angabe 3 ) in Margiana,
einer Landschaft südwestlich vom kaspischen Meere, Weinstöckc
wuchsen, die sich kaum von zwei Männern umspannen Hessen
und Trauben von zwei Ellen Länge hervorbrachten. Unter diesem
Himmelsstrich ist zweifelsohne die Heimath der Rebenkultur zu
suchen ; von diesem Centrum aus nahm die Verbreitung derselben
ihren Weg auf der einen Seite nach Norden bezw. Nordwesten
(Kleinasien, Thracien), auf der anderen nach dem Süden (Aegypten)
hin. — Schrader 4 ) meint auf Grund sprachvergleichender
*) De Candolle, Ursprung. S. 558; Eng ler in Hehn, ebendas.
a ) Gmelin, Reise durch Russland und das nördliche Persien. III, S. 431.
3) S trab on II, 73.
*) Schrader in Hehn, Kulturpflanzen. S. 91.
230 XLVI. Aurantiaceae. — Citrus aurantium et medica.
Forschungen, dass nicht die Semiten es waren, die die Reben-
kultur erfanden und weiter verbreitet haben, wie man bisher
immer angenommen hat, sondern vielmehr indo-germauische
Stämme des westlichen Kleinasien. Nach Hommel 1 ) war der
Weinbau von Hans ans in Mesopotamien, auch bei der sumerisch-
akkadiscben Urbevölkerung unbekannt. Ebensowenig ist, wie
Sehr ad er nachweist, das griechische Wort oivo? (poivoc,
vinum etc.) eine Entlehnung aus dem Hebräischen jäin, sondern
vielmehr ein ursprünglich indo-germanisches Wort, das mit der
Wurzel voino, voinä, vino etc., der Bezeichnung für Ranke,
rankendes Gewächs in Zusammenhang zu bringen ist.
XLVI. Aurantiaceae.
1. Citrus aurantium. L. Orange.
2. Citrus medica. L. Cilrone.
Nach unserer bisherigen Kenntniss ist anzunehmen, dass beide
Pflanzen den alten Aegyptern noch fremd geblieben sind.
Loret 2 ) hat bisher auch noch kein ägyptisches Wort auffinden
können, das sich auf die Orange oder Citrone beziehen Hesse.
Der koptisch-arabische Name gitre scheint aus dem griechischen
xi'-pov entstanden zu sein. — Zwei Früchte im Museum zu
Berlin 3 ) (als Citrus aurantium beschrieben) und im Louvrc zu
Paris' 2 ) (als Citrus medica) sind zweifelhafter Herkunft.
') II oni in el , Die spracligeschichtliclie Stellung d. Assyrisch-Babylonischen.
8. 04.
*) Loret, la ttore. S. 47.
3) Ungcr, Streifzüge IV, S. 130.
XLVII.Olacineae.— Balan.aegypt. — XLVIIl.Tiliaceae.— Oncobaspinosa. 231
XLVII. Olacineae.
Balanites aegyptiaca. Del. = Ximenia aegyptiaca. L.
Fruchtkerne dieses Baumes, die mittelst eines scharfen
Instrumentes angebrachte Einschnitte aufweisen, fanden sich in
einem Grabe zu Dra-Abu-Negga ■ ) ; sie sind aber auch sonst
mehrfach aufgedeckt worden. — Won ig 2 ) deutet das in den
hieroglyphischen Texten vorkommende Wort shaouab (auch
shuab oder shaub) als Balanites, Loret 3 ) seinerseits hält es
nur für eine Varietät von slioub, was Linse bedeutet. Andere
Autoren übersetzen es mit der Persea der Alten, einer Pflanze,
die gleichfalls mehrfache Auslegungen erfahren hat. Delile und
Unger halten diese für Balanites, E. Meyer für Diospyros
mesjieliformis , Sehr eb er und Sprengel für Cordia myxa,
Schweinfurth endlich für Mimosups Schimperi 4 ). Die letzte
Auffassung hat entschieden von allen noch die meiste Berechtigung.
Gegenwärtig kommt Balanites wildwachsend sehr häufig im
südlichen Nubien, Abessynien, im Süden und im Gebiete des
weissen Nils vor; in den Gärten Aegyptens wird der Baum ver-
einzelt angepflanzt angetroffen 5 ). Schweinfurth 6 ) hält ihn für
einheimisch in Aegypten.
XLVIII. Tiliaceae.
Oncoba spinosa. T.
Eine holzige, rundliche Frucht, die vermuthlich von diesem
Baume herstammt, fand sich in einem der Gräber von Dra-Abu-
Negga. Jedoch ist nicht sicher zu ermitteln gewesen, ob sie
alten oder recenten Ursprunges ist.
Oncoba spinosa besitzt ihr Indigenat im glücklichen Arabien
und im tropischen Afrika 7 ).
*) Schweinfurth, Neue Funde. S. 189; Derselbe, Die letzten botan.
Entdeckungen. S. 7.
*) Wönig, Pflanzen. S. 302. s ) Loret, la flore. S. 48.
4 ) Unger, Streifzüge VI, S. 127; Wönig, edeudas. ; Loret, ebendas.
6 ) Schweinfurth, Pflanzenreste. S. 362.
6 ) Schweinfurth, Aegyptens Beziehungen. S. 669.
7 ) Schweinfurth, Die letzten botan. Entdeckungen. S. 6.
232 IL. Malvaceae. — Goasypium herbaceutn et religiosum.
IL. Malvaceae.
1. Gossypium herbaceum. L.
2. Gossyinum religiosum. L.
Dass die alten Aegyptcr die Baumwollcnstaudc bereits kannten,
beweisen eine Anzahl Samen, die Rosellini in einem Gefässe
von Theben aufdeckte, und die sich bei näherer Untersuchung
als solche des Gossypium religiosum herausstellten ' ). Die Richtig-
keit dieses Fundes ist wohl nicht in Frage zu stellen, denn
Rosellini hatte als erster das Grab geöffnet. — Indessen ist
wohl anzunehmen, dass die Pflanze zur damaligen Zeit noch
nicht Gemeingut der ägyptischen Bevölkerung gewesen ist;
die älteren Schriftsteller, wie Herodot und Theophrast,
berichten auch gar nichts von ihrem Vorkommen im Pharaoncn-
lande, sondern machen nur Angaben über ein solches in Indien.
Für die Kostbarkeit der Baumwolle in Aegypten noch zur Zeit der
XIX. Dynastie (14. Jahrb.. v.Chr.) spricht der Umstand, dass Pharao
dem Joseph bei seiner Erhebung zum ersten Würdenträger des
Reiches ein solches Kleid verehrte 2 ). — Erst mit der Einwanderung
der Perser (gegen 525 v. Chr.) scheint der Anbau des Baumwollen-
strauches in Aegypten grössere Ausdehnung angenommen zuhaben.
Die mikroscopische Untersuchung einer Anzahl alter Gewebreste
hat ferner nur Wolle und Leinewand feststellen können. Dass
trotzdem hin und wieder vielleicht importirtes Baumwollengewcbc
auch vorkommt, geht aus der Untersuchung eines älteren Zeug-
fetzens hervor, die von Deverin angestellt worden ist und
Baumwolle ergeben haben soll 3 ). — Plinius 4 ) ist der erste, dem
wir nähere Nachricht über den Anbau der Baumwollenpflanze
in Oberägypten verdanken. Pollux, der ein Jahrhundert nach
ihm lebte und geborener Aegypter war, spricht sich schon recht
deutlich über dieselbe und ihre Verwendung aus, sagt aber nichts,
von wo dieselbe hergekommen ist, und ob sie sich auch in Unter-
ägypten schon eingebürgert hatte.
') Uiigei-, Streifzflge IV, S. 125.
») 1. Mus. XU, 12.
•) Wöiiig, Pflanzen. S. ;j-}7.
4 ) Plinius, liist. nat. XIX, 1.
IL. Malvaceae. — Gossypium herbaceum et religiosum. -ob
Es ist vielfach behauptet worden, der Byssus der Alten wäre
die Baumwolle. So einfach liegt die Sache jedoch nicht. Der
neueren Auffassung zufolge, wie sie Curtius und Ritter an-
gegeben haben, ist byssus überhaupt derGcsammtausdruck für Garn
feinerer Qualität und kann im einzelnen Falle daher auch feine
Leinewand bezeichnen. Pausanias 1 ) und Plinius"") scheiuen
diese letztere Bedeutung dem byssus beigelegt zu haben, wenn
sie von seinem ausgedehnten Anbau in Elis sprechen. Dass die
alten Griechen die Baumwollstaude kannten, steht zwar fest —
vielleicht gelangte die Keuntniss von ihr durch die Feldzüge
Alexanders des Grossen nach dem Westen — , dass sie dieselbe
aber zur Zeit der klassischen Periode bereits zum Kulturgewächs
ihres Landes gemacht haben sollten, ist sicher auszuschliessen.
Vielmehr mögen es, wie man allgemein annimmt, die Araber
gewesen sein, die sich die Verbreitung der Pflanze nach den
europäischen Mittelmeerländern angelegen sein Hessen. Die
arabische Bezeichnung qutn oder kutn ist in die romanischen
Sprachen als cotone, coton und alyodon übergegangen 3 ).
Wenn das hebräische Wort schesch, das sich in den beiden
ersten Büchern des Peutateuch gegen dreissig Mal vorfindet,
wirklich die Baumwolle bedeutet, dann müssen die Israeliten
von dieser Garnsorte bereits ausgedehnten Gebrauch gemacht
haben 4 ). In den späteren Büchern des alten Testamentes
(Paralipomena, Esther, Hezechiel) kommt zur Bezeichnung baum-
wollenen Zeuges noch ein anderes Wort vor, buz, von dem das
griechische byssos herzustammen scheint. JBuzxv&r eins der Produkte,
die aus Syrien nach Tyrus zu Markte gebracht wurden a ). Von den
Phöniciern erfahren wir ausserdem durch Theophrast 5 ), dass sie
auf der Insel Tylos im persischen Meerbusen grosse Baumwolleu-
plantagen besessen haben. Auch in Palästina betrieb man
Baumwolleukultnr; es spricht wenigstens dafür eine Stelle in
den Büchern der Chronica 7 ), an der von einer Familie die Rede
ist, die eine Baumwollenfabrik aulegte.
') Pausanias, V, 5; VI, 26.
2) Plinius, liist. nat. XIX, 1.
3 ) De Candollo, Ursprung S. 512.
4 ) Rose n m ü I ler, Biblische Naturgeschichte S. 170-
») Hezecluel, XXVII, 16.
6 ) Theophrast, de caus. plant. IV, 'J.
7) 1. Chronic IV. 21.
234 IL. Malvaceae. — Gossypium herbaceum et religiosutn.
In Indien, woselbst das Indigenat der Pflanze zu suchen ist,
reicht dementsprechend ihr Anbau in sehr alte Zeiten zurück.
Das Sanscritwort karpasoi, das wohl auf Baumwolle zu beziehen
ist, hat sich im Bengali als kapase und im Hindostani als kapas
forterhalten ' ). — Von Indien aus verbreitete sich die Kenntniss
und die Kultur der Baumwollenstaude frühzeitig nach Persien
und Baktrien. Hier lernten sie die Griechen auf dem Feldzuge
Alexanders des Grossen kennen. — China dagegen hielt sich
lange gegen seine Einführung verschlossen ; denn dieselbe erfolgte
hier erst gegen Ende des 9. oder 10. Jahrhunderts nach Beginn
unserer Zeitrechnung.
Als Heimath der Baumwollenstaude gelten die westlichen
Gebiete Ostindiens. Heutzutage wird die Pflanze im wild-
wachsenden Zustande auch unter anderen Himmelsstrichen, so
z. B. in den oberen Gebieten des weissen Niles angetroffen.
L. Liiieae.
/. Linum angustifolium. Huds. Flachs, Lein.
2. Linum usitatissimum vulgare. Schübl. et Mart.
'3. Linum usitatissimum humile. Heer.
= Lin. humile Mill. = Lin. crepitans Böen.
Der Flachs ist eins der ältesten Kulturgewächse des Orients.
Die mehrfachen Fundevon Samenkapseln, die aus alten Gräbern* 2 )
(Dra-Abu-Negga, Abd-el-Qurna, Assasif) herstammen, liefern
deutlich den Beweis, dass damals bereits zwei Flachs-
sorten in Anbau waren: der gewöhnliche Lein (Dreschlein,
Schliesslein, Linum usitat. vulgare) und der Spring- oder
Klenglein (Linum humile). Auf die näheren Einzelheiten
kommen wir weiter unten bei der speziellen Beschreibung der
vorgeschichtlichen Samen noch einmal ausführlicher zurück. —
Wie Kör nicke 3 ) vermuthet, hat sich der gewöhnliche Flachs
aus Linum angustifolium entwickelt, einer über die ganzen
i) De CandoIIe, Ursprung. S. 512.
«) Unger, Streifzüge. VII, S. 15; Wönig, Pflanzen. S. 183.
3) Körnicke, Bemerkungen S. 380—384.
L. Lineae. — Linuinaiigustifoliiun,usitatissiniuin vulgare et usitat.humile. *6d
Mittelmeerländer hin verbreiteten wildwachsenden Pflanze mit
sich bei der Reife öffnenden Kapseln und kleinen Samen. Diese
Umwandlung muss sich schon vollzogen haben, bevor die Pflanze
in Aegypten Eingang fand, da sie hier bereits als vorgeschrittene
Kulturform mit geschlossenen Kapseln als Linum usitatissimum
auftritt. Wenn wir andererseits bedenken, dass zur jüngeren
Steinzeit der Schweiz noch die Stammpflanze, Linum angnstifoliiim,
allein angebaut wurde, dann können wir uns leicht einen Begriff
machen, in wie fernzurückliegende Zeiten der Beginu der Flachs-
kultur in Aegypten zu verlegen ist, wo, wie gesagt, in der Vor-
zeit die aus dieser Art hervorgegangenen Kulturformen schon
ausschliesslich angebaut wurden. Es ist wohl anzunehmen, dass
diese letzteren schon fertig nach Aegypten gelangten.
Obwohl Unger') in einem Ziegel der Pyramide zu Dashur
Kapseln und Bastfasern vom Flachs nachgewiesen hat, so ist
dennoch fraglich, ob man zu diesem Zeitpunkte bereits ausge-
dehnten Gebrauch von der Pflanze gemacht haben mag. Die in
der gleichaltrigen Pyramide von Gizeh beigesetzte Mumie des
Königs Menkare (IV. Dynastie) ist noch in wollene Gewänder
und nicht, wie die der späteren Zeit, in solche aus Lein ge-
wickelt 2 ).— Ein Jahrtausend später jedoch schon machte der Flachs
ein nicht unbedeutendes Landesprodukt aus. Ueber seinen An-
bau legen zahlreiche Inschriften und Gemälde hinreichend Zeugniss
ab. Interessante Scenen, z. B. in dem Grabe des Sciumnes zu
Chum-el-Achmar, schildern uns die Flachsernte; andere wieder,
z. B. zu Beni-Hassan, orientiren uns über die verschiedenen
Manipulationen, die zur Fertigstellung des Garnes erforderlich
waren, wie Rösten, Trocknen und Mürbemachen der Faser,
ferner Spinnen, Weben, Walken u. a. m. Ich verweise hinsicht-
lich der Einzelheiten auf Wilkinson 3 ) und Wönig 4 ), die uns
erschöpfende Darstellungen der verschiedenen Methoden aus dem
alten Aegypten vorführen. — Zur Zeit des Auszuges der Kinder
Israel waren die ägyptischen Gefilde reich mit Flachs bestellt,
dessen Missernte einen grossen Verlust in volkswirtschaftlicher
Beziehung herbeigeführt haben muss, denn sonst hätte man die-
selbe nicht unter die sieben Plagen aufgenommen 5 ).
i) Unger, Streifzüge VII, S. 15.
*) Wönig, Pflanzen. S. 182.
3) Wilkinson III, 134 u. f.
4) Wönig, Pflanzen. S. 186 u. f.
*) 2. Moses IX, 31; Jesaias XIX, 9.
236 L. Liaeac. — Linum aiigustifoliuni, usitatissinium vulgare et usitat.humi e.
In Palästina war bereits zur Zeit, als die Juden von diesem
Lande Besitz nahmen, der Flachs, pischta genannt, in Anbau.
Wir erfahren dies aus dem Umstände, dass die Kundschafter,
welche Josua ausgesandt hatte, von der Rachab auf dem Dache
ihres Hauses unter Flachsstcngeln verborgen gehalten wurden '),
der hier offenbar zum Rösten durch die Sonne ausgebreitet lag. —
Die Verwendung der Flachsfaser muss bei den alten Hebräern
eine recht vielfache gewesen sein. Wir finden sie zu Schnuren' 2 ),
Saiten 3 ), Lampendochten 4 ), Gürteln 5 ), wie überhaupt zu den
verschiedenartigsten Kleidungsstücken verarbeitet. Feinere linnene
Gewänder waren den Priestern bei der Ausübung ihres Amtes als
Tracht vorgeschrieben 6 ); grobe Gewänder aus ungeröstetem Flachs
bildeten hingegen die Bekleidung der ärmeren Volksklassen 7 ).
Die Verarbeitung des Flachses fand allgemein in den Privat-
häusern statt und scheint ein Privilegium der Frauen gewesen
zu sein.
Auch für Babylonien dürfen wir eine rege Flachsindustrie
voraussetzen. Strabon 8 ) zeichnet im Besonderen die babylonische
Stadt Borsippa als eine grosse Werkstätte für Leinwandindustrie
(Xivoup-fstov \i£"(a) aus.
Im Kulturkreise der homerischen Epen treten uns leinene
Gewebe und Gewänder, auch Panzer bei den verschiedensten
Völkerschaften überaus häufig entgegen. Es liegt kein Grund
vor, mit Hehn 9 ) anzunehmen, dass die Griechen zur damaligen
Zeit sich noch nicht auf die Herstellung von Geweben verstanden,
sondern ihren Bedarf aus dem Orient bezogen hätten, zumal da
zu ungefähr der gleichen Zeit ihr Schwesterstamm, die Italiker,
und andere Abkömmlinge der arischen Völkerfamilie, nämlich
die Pfahlbauern nördlich der Alpen, schon die Fertigkeit des
Flachsspinnens und Wcbens nachweislich besassen. Die Stoffe
feinerer Qualität mögen wohl Importartikel aus dem Orient ge-
wesen sein; denn die für sie existirenden Bezeichnungen sind von
orientalischen Namen entlehnt: so odövott vom hebräischen ethün,
>u apo? vom ägyptischen paar und ytxa»v vom hebräischen ketonet ' ").
Die grobe Leinewand hingegen war ein Produkt der griechischen
») Josua II, 6. ») Ile/echiel XL, 3.
3) Judicea XV, 13. •>) Jeeaiaa XLII, 3; XLIII, 17.
*) Jerem. XIII, 1. «) 2. Mos. XXVI II, 42 u. a. in.
7) Sirach XL, 4. 8 ) Strabon XVI, 1.
9 ) Helm, Kulturpflanzen. S. 165 u. E
W) Seh rader, Sprachvergleichung. S. 485.
L. Lineae. — Linmn angustifolium, usitatissimum vulgare et usitat. humile. 237
Hausindustrie. Freilich bleibt es immerhin auffällig, dass die
ältesten griechischen Schriftsteller über den Anbau der Flachs-
pflanze auf griechischem Boden schweigen. Hesiod spricht
nirgends vom Flachsbau, und Theophrast 1 ) erwähnt nur ge
legentlich als Erforderniss desselben einen guten Boden. Erst
Pausanias" 2 ) berichtet von den Bewohnern der Landschaft Elis,
dass sie je nach der Beschaffenheit des Bodens bald Hanf oder
Lein oder Byssus aussäten.
Was die italische Halbinsel betrifft, so kann es keinem Zweifel
unterliegen, dass hier ebenfalls der Flachsbau sehr alt ist.
Sprachliche Beweise sprechen dafür, dass den Indogermanen
bereits vor ihrer Trennung die Kenntniss der Leinenfabrikation
bekannt war. Seh rader 3 ) nimmt als gemeinsame Grundwurzel
aller Idiome der europäischen Indogermanen die Silbe U an, die
Flachs und primitives Gewebe bedeuten soll. Diesem Argumente
zufolge scheint der Flachs schon in der Heimath der Indo-
germanen Kulturpflanze, und als solche durch diese bei ihrem
Zuge nach dem Westen den europäischen Gebieten bekannt ge-
worden zu sein. — In Italien nun fehlen der Lein resp. leinene
Gewebe in den Niederlassungen der vorarischen Bevölkerung.
Erst für die italischen Pfahlbauten (Lagozza) ist sein Nachweis
bisher gelungen (Leinkapseln und Flachsfasern) 4 ).
Für die steinzeitlichen Bewohner der schweizerischen und
österreichischen Pfahlbauten ist der Flachsbau durch mehrfache
Funde (Robenhausen, Wangen, Moosseedorf, Mondsee) erwiesen;
desgleichen steht fest, dass diese sich bereits auf die Anfertigung
kunstvoller Webereien verstanden. Ich habe mich über den
letzten Punkt an anderer Stelle ausführlich ausgelassen 5 ). Die
schweizerischen Pfahlbauern waren aber vermuthlich Kelten. Da
nun die Bezeichnungen für Flachs und leinene Gewebe (ir. lin,
lymr. Hin, cornw. bret. lin = Flachs; ir. Im = Netz; Icymr.
IVitan, cornw. bret. lien = Leinen etc.) in den keltischen Idiomen
einen sichtlichen Zusammenhang mit der gemeinschaftlichen Ab-
leitung Vi erkennen lassen* 5 ), so erscheint wohl die Annahme
') Theophrast, de caus. plant. IV, 5.
2) Pausanias VI, 26, 4.
3 ) Seh rader, Sprachvergleichung. S. 425.
4 ) Hei big, Die Italiker. S. IG, 67.
*) Buschan, Die Weberei in der Vorzeit Verhandl. d. Berliner anthrop.
Gesellsch. lSS'J. S. 227 u. fl".
6 ) Seh rader in Helm. Knlturpflan7en. S. 185-
238 L. Lineac. — Linum angustifoliuni, usitatissimum vulgaic et usitat. humile.
gerechtfertigt, dass diese Volksstämme bei ihrem Erscheinen in
Mitteleuropa den Flachs bereits mit sich führten. Heer 1 ) nimmt
hingegen an, dass die keltischen Pfahlbaueru der Schweiz die
Flachskapseln aus dem südlichen Europa bezogen haben ; er be-
ruft sich hierbei auf das Vorkommen von Samen der Silcnc
cretica unter dem vorgeschichtlichen Lein, einer Pflanze, die
seiner Ansicht nach nur in diesen warmen Mittelmeerländern
einheimisch sein soll. Neuere Forschungen haben das Irrthümliche
dieser Annahme nachgewiesen. Somit liegt kein Grund vor, dem
Flachs der Pfahlbauern einen südlichen Ursprung zuzuschreiben.
Auf der iberischen Halbinsel dürften der Flachsbau und die
Verwerthung der Pflanze zu Geweben etc. auch erst mit dem Er-
scheinen indogermanischer Volksstämme Eingang gefunden haben,
trotzdem anzunehmen ist, dass der Flachs selbst hier einheimisch
gewesen sein mag. Zu dieser Annahme berechtigen uns sprach-
liche Gründe. Die griechischen und römischen Schriftsteller ge-
brauchen des Oefteren ein Wort carbasos als Bezeichnung für
Flachs und feinere linnene Gewebe, das, wenn wir Plinius 2 )
Glauben schenken, spanischen Ursprunges ist. Die Sprachforscher
bringen dieses Wort carbasos aber mit dem Sanscritworte
karpasam in Verbindung, der Bezeichnung für ein leinenes
Kleid (persisch kirbas oder korfas) 3 ). Auf Grund solcher
Wortetymologie dürfen wir wohl annehmen, dass carbasos sich
aus einem alten indogermanischen Wurzelworte, aus dem auch
karpasam hervorgegangen ist, auf spanischem Boden heraus-
gebildet hat. Die heutigen Basken besitzen noch ein anderes
Wort für Flachs, liho, Uno, li (je nach Dialekt), das gleichfalls
seinen indogermanischen Ursprung verräth. Demnach scheinen
die arischen Einwanderer auch nach der iberischen Halbinsel die
Kenntniss der Flachsindustrie verbreitet zu haben. Soweit die
prähistorischen Funde ein Urthcil zulassen, tritt der Flachs erst
zur Bronzezeit hier auf; zu Argar fanden die Gebrüder Sir et
Flachskapseln. — Nach den Nachrichten der Alten zeichnete
sich Spanien durch seine Flachsiudustrie aus. Wie Plinius 4 )
angiebt, sollen die feineren Seile aus Flachsfäden eine spezifisch-
spanische Erfindung sein. Tarraco und Saetabis erfreuten sich
') Heer, Pflanzen. S. 36.
2) Plinius, liist. plant. XIX, 1.
3 ) II o sc ii niii 1 1 er, Biblische Altertlimnskunde. S. 17/).
«) Plinius, bist nat. XVIII, 108.
L. Lineae. — Linum angustifolium, usitatissinuun vulgare et usitat. humile. 2ov
eines besonderen Rufes wegen ihrer feinen Leinenfabrikate 1 ).
In der Schlacht bei Cannae trugen die spanischen Truppen nach
alter Vätersitte (xaxa xa 7raTpia) noch linnene Panzer 2 ). Alle
diese Thatsachen sprechen für ein hohes Alter der Flachs-
industrie auf der iberischen Halbinsel.
Auch für die germanischen Stämme stützt Schrader 3 ) durch
sprachliche Gründe das hohe Alter der Flachsindustrie, die nach
dem Zeugnisse des Tacitus zu den Obliegenheiten der germanischen
Hausfrau gehörte. Die Worte gothisch lein-jö, angelsächsisch
lene, altdeutsch lina, althochdeutsch lina etc. weisen auf eine
gemeinsame Ableitung von lin- hin. Doch scheinen leinene Ge-
webe ursprünglich nur ein Vorrecht vornehmer Germanen ge-
wesen, und die wolleneu Gewänder mehr unter dem Volke ver-
breitet gewesen zu sein. Wenigstens kommen diese letzteren unter
den Grabfunden recht häufig, die ersteren nur sehr selten vor 4 ).
Beschäftigen wir uns nunmehr mit der Frage, welche Arten
Flachs in der Vorzeit angebaut worden sind. Es ist das Ver-
dienst He er 's 5 ), als Erster die Aufmerksamkeit auf diesen
Punkt gerichtet zu haben. Heer untersuchte die in den
schweizerischen Pfahlbauten zu Robeuhausen, Wangen und
Moosseedorf aufgefundenen Reste von Flachskapseln und Samen
und kam hierbei zu dem überraschenden Resultate, dass die
damals angebaute Art nicht unser gewöhnlicher Flachs, sondern
eine über die Mittelmeerländer hin wildwachsende, diesem nahe
verwandte Spezies, linum angustifolium Huds., gewesen sei.
Spätere Untersuchungen an dem aus dem Pfahlbau vou
Lagozza und Mondsee gewonnenen Materiale bestätigten diese
Beobachtung.
Linum angustifolium ist eine sowohl einjährig als mehrjährig
vorkommende Pflanze, mit zahlreichen, vom Grunde aus auf-
steigenden Stengeln, die sich besonders durch die kleineren,
bei der Reife aufspringenden Kapseln und kleineren Samen aus-
zeichnet, während linum usitatissimum grössere, geschlossen
bleibende Kapseln, sowie grössere, geschnäbelte Samen besitzt.
— Die vorgeschichtlichen Funde aus Europa nuu gehören, soweit
») Hehn, Kulturpflanzen. S. 173.
*) Polybius III, 114.
3 ) Schrader, in Hehn, Kulturpflanzen. S. 185-
4 ) Buschan, prähistorische Gewebe und Gespinnste. Braunschweig 1889.
») Heer, Pflanzen. S. 35.
240 L. Lineae. — Linum angustifolium, usitatissimum vulgare et usitat. humile.
unsere Kenntniss reicht, zu der ersteren Form ; hingegen die aus
der frühgeschichtlichen Zeit Aegyptens stammenden Flachsfunde
zu der zweiten Form, wie Braun 1 ), Schweinfurth 2 ) und
Körnicke 3 ) überzeugend dargethan haben. Die weiter unteu
folgende Zusammenstellung der characteristischeu Eigenschaften
dieser Kapseln zeigt nämlich, dass im alten Aegypten zum
mindesten zwei Varietäten in Anbau waren, von denen die eine
(zu Dra-Abu-Negga) deutliche Uebereinstinimung mit dem bei
uns angebauten linum usitatissimum aufweist. Nebenbei sei
noch erwähnt, dass auch Plinius 4 ) von 4 Varietäten Flachs
in Aegypten berichtet.
Wie Kör nicke annimmt, müssen die alten Aegypter den
Flachs schon in der ausgebildeten Abart linum usitatissimum
erhalten haben. Als Stammpflanze derselben gilt nach der
allgemeinen Annahme der Botaniker aber linum angustifolium.
Wir können uns die Entstehung der Form linum usitatissimum
in der Weise vorstellen, dass sowohl die grosse Trockenheit der
heisseren Himmelsstriche, als auch auf der anderen Seite die
grosse Strenge der kältereu Gebiete dem Fortkommen des an
ein gemässigt -warmes Klima gewöhnten linum angustifolium
ungünstig war und so aus der mehrjährigen Pflanze mit auf-
springenden Früchten eine einjährige mit geschlossenen Früchten,
nämlich linum usitatissimum, hervorgehen liess. Dass somit
diese nur eine andere Form einer und derselben Art ist, beweist
auch der Umstand, dass die oben für jede der beiden Formen
angegebenen Unterschiede sich bei einer weiteren Form, linum
ambiguum Jord. unklar, verwischt vorfinden.
Wie schon erwähnt, dürfte linum usitatissimum bereits in
dieser Form nach Aegypten eingeführt worden sein. Denn
linum angustifolium kennen wir weder aus den vorgeschicht-
lichen Funden, noch treffen wir heutigen Tages diese Pflanze
in Aegypten an; hingegen kommt dieselbe wohl in Kleinasieu
und den Kaukasusländern vor. Unter diesem Himmelsstriche,
so nehmen wir mit De C and olle 5 ) an, mag sich die Um-
wandlung der perennirendeu Stammpflanze in ihre einjährige
•) Braun, Pflanzcnreste. S. 4.
2) Schweinfurth, Ber. d. deutsch, botan. Gesellscli. I, S. 540; II, S. 360.
3 ) Körnicke, Ber. d. deutschen liotan. Gesellscli. VI, S. 380.
*) Plinius, bist: nat. XIX, 1.
ö ) De Candolle, Ursprung. S. 159.
L. Lineae. — Linum angustifolium, usitatissimum vulgare et usitat. humile. 241
Abart vollzogen haben. In altchaldäischen Gräbern hat man
bereits den Lein gefunden ' ).
Heutigen Tags trifft man die einjährige Pflanze im spontanen
Zustande in den Gebieten zwischen persischem Golf, Kaspisee
und dem schwarzen Meere an' 2 ), während das Indigenat der
perennirenden Form für die ganzen Mittelmeergebiete von den
Kanaren bis nach Palästina und den Kaukasusländern hin nach-
gewiesen ist 3 ).
Die vorgeschichtlichen Funde von Flachskapseln und Samen
vertheilen sich wie folgt:
Italien :
Oesterreich
Schweiz:
A. Europa.
I. Neolithische Periode.
Pfahlbau zu Lagozza.
Pfahlbau im Mondsee.
Pfahlbau zu Moosseedorf,
Pfahlbau zu Robenhausen,
Pfahlbau zu Wangen.
Spanien :
II. Bronze-Periode.
Niederlassung zu Argar.
III. Eisen-Periode.
Deutschland: Burgwall zu Poppschütz (slavische Zeit).
B. Afrika.
Gräber zu Dra-Abu-Negga,
Gräber zu Assasif,
Gräber zu Scheich-Abd-el-Qurna.
Ueber die Grössen Verhältnisse der Früchte, sowie über einige
charakteristische Einzelheiten derselben aus verschiedenen dieser
Funde giebt die folgende Zusammenstellung Aufschluss.
') Maspero, Histoire ancienne des peuples de l'Orient. Paris 1878. S. 13.
«) De Candolle, Ursprung. S. 159.
3 ) Engler in Helm, Kulturpflanzen. S. 183.
G. Buschan, Vorgeschn-htliche Botanik. lt>
242 L. Lineac. — Linnm angustifolium, usitatissimum vulgare et usitat. humile.
K a p s
e 1
Samen
Fandort.
Höhe
in in
Dicke
mm
Eigenschaft.
Länge 1 Breite
mm )»»i
Eigenschaft.
Robenhausen, \
6,5
4
deutlich
3,5
2,3
keine scharf
Wangen, >
(unreif
lange
abgesetzte
Moosseedorf )
4,5-5)
Spitze
Spitze.
—
—
—
3-3.5
1,4-1,6
abgerundet.
Kaihofhöhle . . .
3,3
1,7
ein wonig abge-
setzte, leicht
hakenförmige
Spitze.
4,8
2,4
4
1,8—2
^_^
Poppschütz ....
— - ■
—
4,0-4,4
2,4—2,5
abgerundet,
keine scharfe
Spitze.
Dra-Abu-Negga
7,8-8
6-7
deutliche
Spitze,
ge-
schlossen
4,5-5
2
geschnäbelt -
zahlreiche
Härchen an der
Innenseite der
Kapsel.
8,5
6,5-8
Scheide-
lwand nur
5
2-2,5
—
Scheich-Abd-el-
j sehr
8,8
8
/ schwach
J be-
1 wimpert
\oder kahl
5
2,5
jg / Linum humile
'3
(= linum usit.
iß
var. crepif.
>
Schuld, und
~ lMart.) a. Spa-
S Inien, Italien .
10-11
8-9
be-
6—6,5
£ \
wimpert
13 |Lein aus d.
'<M
heutigen
<o
Aegypten . . .
8,5-10
7-8
be-
5-5,5
2,5-2,8
wimpert
-3
Lein aus Ccn-
§
tral-Europa .
7-8
7-8
glatt
4-4,5
2-2,5
Die Funde aus den süd- und mitteleuropäischen Nieder-
lassungen der Vorzeit gehören somit zur Spezies linnm angusti-
folium, die aus den altägyptischen Gräbern zu linumtisitatlsshnu m .
der Fund zu Poppschütz scheint, soweit ein Urthcil aus den
.Samen allein möglich ist, der Uebergangsform anzugehören.
LI. Cruciferae. — Raphanus sativus. 243
LI. Cruciferae.
1. Raphanus sativus. L. Rettig.
Mehrere Abbildungen auf den ägyptischen Wandgemälden,
deren Deutung als Rettige zwar nicht ganz einwandfrei ist,
scheinen den Anbau der Pflanze im Pharaonenreiche zu be-
weisen 1 ), was Plinius 2 ) für die spätere Zeit wenigstens be-
stätigt. Diesem Autor zufolge soll die Rettigzucht dem Lande
mehr eingebracht haben, als der Getreidebau, und der Zweck
dieses Industriezweiges die Oelgewinnung aus den Samen gewesen
sein. Für das hohe Alter der Pflanze und ihre Beliebtheit als
Nahrungsmittel bei den ärmeren Volksschichten spricht jene be-
kannte Nachricht des Herodot 3 ), dass nach den Aufzeichnungen
an der Pyramide des Cheops die Erbauer dieses Monumentes
neben Zwiebeln und Knoblauch auch Rettige in Masse zu essen
bekommen hätten.
Die bildlichen Darstellungen geben die Pflanze als unbe-
blätterte Wurzel von der üblichen Rettigform wieder, wie solche
besonders deutlich z. B. unter den Opferspeisen auf dem Gemälde
des Tempels zu Karnak zum Ausdruck kommt 4 ). Unger 5 )
will auch einzelne beblätterte Exemplare, wie sie sich z. B. auf
dem Gemälde zu Beni-Hassan dargestellt finden, als Rettige
aufgefasst wissen 5 jedoch spricht die ganze Figuration des
Wurzelgebildes gegen solche Autfassung, vielmehr für eine
Deutung als Runkelrübe.
Den Griechen war die Pflanze wohl bekannt ; Herodot nennt
sie oupixaicz, Theophrast pccpavic.
Das Indigenat des Rettigs ist nicht mit Sicherheit zu eruiren,
scheint jedoch mit jenem Himmelsstriche zusammen zu fallen, unter
dem die Zwiebelgewächse überhaupt in Kultur genommen worden
>) Unger, Streifeüge. IV, S. 117; Wönig, Pflanzen. S. 21G.
2) Plinius, bist nat. XIX, 2G.
') Herodot II, 25.
4) Unger, S. 117.
6 ) Ebendaselbst.
16*
244 LI. Cruciferae. — Beta vulgaris et Sinapis arvensis.
sind. De Caudolle 1 ) giebt als Heiinath die Landstrecken
zwischen Kaukasus, Kleinasien und Palästina an.
Raphanus Raphanistrnm L. wurde von Unger'-) im Ziegel
von Daschür nachgewiesen.
2. Beta vulgaris. L. Runkelrübe.
Für den Anbau der Runkelrübe im alten Aegypten sprechen
deutlich die bereits im vorigen Kapitel angeführten Abbildungen
auf dem Grabgemälde zu Beni-Hassan. Es sind längliche, fleischige
Wurzelgebilde von weisser Farbe, die in hellgrüner Schattiruug
die Narben verloren gegangener Blätter an sich tragen und an
ihrem verbreiterten Ende mit blaugrünen, weissgerippten Blatt-
büscheln ausgestattet sind 3 ). — Pickering war zwar im Zweifel,
ob er die fraglichen Abbildungen als solche des Rettigs oder
der Runkelrübe deuten sollte; Unger glaubte sie mit Sicherheit
für solche des Rettigs und Roselli sogar für solche des Palmen
kohls 4 ) halten zu dürfen. Jedoch glaube ich mit Wönig 5 ),
dass kein Zweifel darüber aufkommen kann, dass es sich nur
um die Runkelrübe handelt.
Die Spontanität der Pflanze an den Küsten des Mittelmeeres,
besonders auch in Nordafrika, drängt zu der Vermuthung, dass
dieselbe schon sehr frühzeitig in Kultur genommen wurde, und
nicht erst im 4. — 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, wie
De Caudolle 6 ) will. — Den Griechen und Römern war daher
die Runkelrübe sehr gut bekannt. Theophrast 7 ) führt sie unter
tsutov uiXav an.
3. Sinapis arvensis. L. Ackersenf.
Sieben Schoten, die Schweinfurth 8 ) unter Flachskapseln
in einem Grabe zu Dra-Abu-Negga aufdeckte, sprechen augen-
scheinlich für ein hohes Alter der Pflanze in Aegypten. Nach
i) De Candolle, Ursprung. S. 37, 38.
«) Unger, Streif/.üge. IV, S. 51.
») Wönig, Pflanzen. S. 217.
«) Unger, Streif'züge. IV, S. 117.
ft ) Wonig, Pflanzen. S. 21G u. IV.
6 ) De Candolle, Ursprung. S. 74.
7 ) Theophrast, de caus. pl. VII, 7.
<*) Schweinfurth, Neue Funde. S. 200.
LI. Cruciferae. — Sinap. arvens. — LH. Papavcraceae.— Papav. setigerum. 245
der Schilderung, die derselbe entwirft, sind diese Schoten fast
kuglig, haben einen laugen Schnabel und sitzen auf Stielen, die
halb so lang sind als die Gesammtfrucht. — Der geschilderte
Habitus lässt die Wahl zwischen zwei Senfarten: sinapis turgi-
dum Del. und sinapis arvensis L. var. Allionii Jacq.
Schweinfurth und Asche rson haben sich für die letztere
Annahme entschieden, weil diese Spezies noch heute in Aegypten
unter dem Flachs sehr verbreitet ist.
Dass der Ackersenf im Pharaonenreiche nicht blos Unkraut,
sondern auch Nutzpflanze war, erfahren wir von Plinius '), der
uus überliefert, dass die Aegypter von einer von ihm sinapi
genannten, wildwachsenden Pflanze ein vorzügliches Oel her-
zustellen verstünden.
Von den Hebräern scheint der Senf als Gartenpflanze ge-
zogen worden zu sein -2 ).
Das spontane Vorkommen in Mittel- und Südeuropa, sowie
im Norden von Afrika macht wahrscheinlich, dass die Mittel-
meergebiete die Heimath des Ackersenfes sein müssen.
LH. Papaveraceae.
Papaver setigerum. De Cand. (P. somniferum. L.?) Mohn.
Da uns weder Inschriften oder Darstellungen, noch Nach-
richten der Alten von einem Vorkommen des Kulturmohnes im
alten Aegypten Kunde geben, desgleichen keine Pflanzenfunde
uns zu Gebote stehen, so ist wohl anzunehmen, dass derselbe
hier in der Vorzeit oder frühgeschichtlichen Zeit noch unbekannt
gewesen ist. Die erste Nachricht hierüber stammt von Plinius 3 )
') Plinius, hist. plant. XIX, 54.
2 ) Rosenmüller, bibl. Altcrthumsluinde. S. 104.
3) Plinius, hist. nat. XX, IS.
246 LH. Papavcraceae. — Papavcr setigenim.
her; zu seiner Zeit scheinen hiernach die Aegypter den Mohnsaft
als Heilmittel in Anwendung gezogen zu haben.
In gleicher Weise blieb die Pflanze in Palästina längere Zeit
noch unbekannt; wenigstens datiren die ersten Nachrichten über
ihr dortiges Vorkommen erst aus der römischen Periode. Es ist
diese Erscheinung um so auffälliger, als gerade die im Norden
von Klciuasien angrenzenden Gebiete diejenigen Landstrecken
gewesen zu sein scheinen, in denen die Mohnkultur nachweislich
ein hohes Alter besass.
Dagegen waren die Griechen über den Kulturmohn und seine
narkotisirenden Eigenschaften sehr wohl unterrichtet. Homer,
Theophrast, Dioscorides u. A. m. heben dieselben mehrfach
hervor ; der letztere l ) spricht auch schon von der Varietät mit
weissen Samen. — Da das griechische Wort mekon (dorisch
maJcon) mit den Bezeichnungen für Mohn in mehreren slavischen
und südkaukasischen Mundarten Zusammenhang verräth — in
diesen heisst der Mohn malt — , so liegt die Annahme nahe, dass
die Griechen den Mohn als Kulturpflanze von den nördlich ge-
legenen Gebieten, vielleicht von der Küste des Schwarzen
Meeres, her erhalten haben mögen 2 ). Hier lag die Stadt
Sinope, die in der hesiodischen Theogonie noch ihren ur-
sprünglichen Namen Mekone = Mohnstadt führt 3 ); dieser
Umstand beweist, dass hier eifrig Mohnkultur getrieben
worden ist.
Die Römer dürften den Mohn in seinem wilden Zustande
wohl sehr frühzeitig gekannt haben; denn Sordelli fand Mohn-
samen unter den vorgeschichtlichen Vegetationen der neoli-
thischen Pfahlbaute zu Lagozza. Für den Gartcnmohu steht
fest, dass er zur Zeit der Könige schon Kulturgcwäehs ge-
wesen ist.
Wie das Vorkommen des Mohnes in den Pfahlbauten zu
Robenhausen und Bourget beweist, zogen die neolithischeu und
bronzezeitlichen Bewohner des mittleren Europa denselben als
Nutzpflanze schon in Anwendung; jedoch erscheint es immerhin
fraglich, ob dieses schon der Gartenmohn gewesen seiu mag.
Denn die zu Robenhausen, Bourget und Lagozza gefundenen
') Dioscorides, de mit. med. IV, G5-
2 ) De ('and olle, Ursprung. S. 505.
3) Hch n, Pflanzen. S. 30(1.
LII. Papaveiaccae. — Papaver setigerum. -•!/
Kapseln und Samenkörner zeigen tbeilweise die Eigenschaften
des Gartemnohnes, tbeilweise dies des Ackermobnes.
Heer 1 ) bat sieb mit dieser Frage eingebender beschäftigt;
er liisst sieb über die zu Robenhausen gefundeneu Mobnreste
fülgeudermaassen aus: „In Grösse stehen diese Samen in der
Mitte zwischen deneu des Acker- und Gartenmohnes. Bei
ersterem sind sie 0,7 — 0,8 mm lang, während beim letzterem
durchschnittlich 1,5 mm. Die Grösse kann es daher zweifelhaft
lassen, zu welcher Art sie zu bringen seien, die Skulptur aber
entscheidet für deu Gartenmohn. Bei diesen haben wir nämlich
verhältnissmässig grosse, fünf- und sechseckige Maschen, welche
in keine regelmässigen Reihen geordnet sind; beim Ackermohn
sind diese Maschen viel kleiner, vier- oder fünfeckig und mehr
reihenweise gestellt, besonders am Rücken des Samens. In dieser
Maschenbildung stimmen die Samen der Pfahlbauten völlig zum
Gartenmobn, indem die Maschen grösser sind, als bei P. rhoeas
und Verwandten, und 5 — 6 eckige, scharf abgesetzte Felder
bilden. Da die Felder dieselbe Grösse haben, wie beim
Gartenmohn, während die Samen kleiner sind, besitzt ihr Netz-
werk weniger Felder, und dies mit der geringern Grösse des
Samens und der acbtstrahligen Narbe zeigt uns, dass der
Pfahlbautenmohn nicht völlig mit dem Gartenmobn der Jetztzeit
zusammenfällt."
Weiter führt Heer aus, dass die zu Robenhausen aufgefundene
Fruchtkapsel hinsichtlich ihrer Grösse (12 mm Länge, 10 mm
Querdurtfhmesser) mit der des Ackermobnes (Papaver rhoeas L.),
hinsichtlich ihrer allgemeinen Form (Kapsel oben zusammen-
gezogen, daher kuglig) mit der des Gartenmohnes, und hinsicht-
lich der acbtstrahligen Narbe mit der des Papaver setigerum Dec.
übereinstimmt. Wir haben daher den Mohn der Pfahlbauten, so
scbliesst Heer sein Urtheil ab, als eine besondere Sorte zu
bezeichnen.
Nach den Funden zu urtheilen, mag die Nutzanwendung der
l'llanze von Seiten der Pfahlbaucrn derartig gewesen sein, dass
man ursprünglich ihre Samen zu Mohnkuchen zusammenbuk
(Fund Robenbausen); jedoch bleibt nicht ausgeschlossen, dass
auch aus den Samen bereits ein Oel gepresst wurde, das mög-
>) Heer, Pflanzen. S. 31.
248 LH. Papaveraeeae. — Papaver setigerum.
lieber Weise wegen seiner spezifisch berauschenden Eigenschaften
schon als Genussmittel von Bedeutung war.
Der Gartenmohn ist bisher nirgends im wildwachsenden Zu-
stande angetroffen worden. Als seine Stammpflanze gilt nach
der übereinstimmenden Annahme der Botaniker Papaver seti-
ijerum Dec, eine über die ganze Mittelmeerregion hin, besonders
in Spanien, Algier, Korsica, Sicilien, Griechenland und Cypern
spontan vorkommende Art 1 ).
*) De Candolle, Ursprung. S. 505; Heer, Pflanzen. S. 33.
Anhang.
Verzeichniss der Fundorte mit vorgeschichtlichen
Culturpflanzen.
Aggtelek: im Comitat Gömö (Ober-Ungarn). Tropfsteinhöhle (sogen.
Bärenhöhle), deren 1 Va m tief in dem Tnf befindliche Culturschicht
Skelette, Stein- und Knochengeräthe, sowie verkohlte Samen in
beträchtlicher Menge enthielt. Anscheinend neolithische Periode.
Von den Vegetabilien bestimmte Prof. Deininger Triticum.
Hordeum, Panicum, Vicia faha, Ervam, Lathyrus n. a, m.
Literatur: Verhdl. d. Berl. anthrop. Gesellsch. 1877. S. 310.
Nyäri (s. u.), Staub (s. u.).
Ahrensburg: Kreis Stormam (Schleswig-Holstein). Anscheinend ein
Burgwall aus slavischer Zeit. Von Vegetabilien Hafer und Roggen
in Thongefässen. Fundort übrigens unsicher. Literatur: Correspbl.
d. deutsch, anthr. Gesellsch. 1870. S. 47 u. 96.
Audreasthor: in Erfurt (Sachsen). Ansiedlungen (Aschengruben)
daselbst am Ufer der Gera, die aus der neolithischen Periode
stammen. In einem Gefässe Weizenkörner. Literatur: Mitth. d.
Ver. f. d. Gesch. u. Alterthumskunde v. Erfurt XHI. S. 10.
Aquileja: im Küstenlande (Oesterreich) in nächster Nähe des adria-
tischen Meeres. Römische Stadt. Vegetabilien aus einer Grab-
stätte (V), deren Alter sich nicht näher bestimmen lässt — sie
stammen sicher noch aus der Römerzeit — : Weizen, Bohnen,
Linsen. Schriftl. Mitth. des Directors Puschi in Triest.
Argar: in der Provinz Murcia (Südostspanien). Niederlassung aus
der Bronzeperiode. Vegetabilien: Weizen, Erbsen, Flachs, Celtus
australis. Literatur: Siret (s. u.); schriftliche Mittheilung •!<•-
Ingenieur Siret in Antwerpen.
Arqua-Petrarca: in der Provinz Padua (Italien). Pfahlbau aus der
neolithischen Periodo. Vegetabilien: Kornelkirschensteine. Lite-
ratur: Bullett. di Paletnol. ital. 1888. S. 120.
250 Verzeichniss der Fundorte.
Arrasch-See: in Livland (Russland). Pfahlbau der slavischen Periode.
Vegetabilien : Haselnüsse. Literatur: Verhandl. d. Berl. antlir.
Gesellsch. 1876. S. 157.
Aschers! efoeu : im Kreise Aschersleben. Gräberfeld aus der Zeit des
Lausitzer Typus. Vegetabilien: Weizen. Literatur: Miindl. Mitth.
des Museumsdirectors Dr. Schmidt in Halle.
Auyerilier: im Neuchäteler-See (Schweiz). Pfahlbau der Bronzezeit.
Vegetabilien : Weizen, Prunus spinosa. Schriftl. Bericht d. Conserv.
Prof. Warne in Neuenburg.
Bardello: bei Varese (Provinz Como), Torfmoor mit Pfahlbau aus der
Periode der schönen Bronzezeit. Vegetabilien: Gerste, Aepfel,
Birnen. Literatur: Revue d'anthrop. XVII. S. 581.
Beui-Hassan: bei Theben (Aegypten). Grab mit Darstellungen von
Palmenbäumen, der Weingewinnung etc. Literatur: R.osellini
(s. u.); Wönig (s. u.).
Boiiiliaidstli.il : in Niederösterreich. Grabhügel aus der Bronze-
periode. Vegetabilien: Gerste. Literatur: Mitth. d. Wien, anthrop.
Gesellsch. VIH. S. 246.
Bevaix-Treytel : im Neuenburger See (Schweiz). Pfahlbau. Schriftl.
Mitth. d. Conserv. Prof. Warne in Neuenburg.
Bleiche-Arbon: am Bodensee (Schweiz). Pfahlbau der neolithischen
Periode. Vegetabilien: Haselnüsse, Himbeeren, Brombeeren,
Schlehen, Vogelkirschen, Gerste. Literatur: Antiqua 1885. S. 155;
Ausland 1885. S. 1004.
Bodio: siehe Monate.
Bor : bei Pacengo im Gardasee (Oberitalien). Pfahlbau aus der frühesten
Eisenzeit. An Vegetabilien gefunden: Cornus, Vitis, Prunus
avium, Pr. Mahdleb, Ervum Uns, Seeale cereale, Castanea
sativa, Olea europaea, Prunus, persica. Literatur: Goir.in
(s. u.).
Bourget: in Savoien (Frankreich). Pfahlbau aus der Bronzeperiode.
Vegetabilien: Gerste, Hirse, Erbsen, Bohnen, Apfelschcibcn,
Kirschen, Schlehen, Eicheln, Haselnüsse. Literatur: Scander(s.u.).
Bovere : in Belgien (Scheidethai). Pfahlbau aus der jüngeren Steinzeit.
Fundstücke: verkohlte Getreidereste (Weizen), Corylus avellana,
Reben von Vitis. Literatur: Delvaux (s. u.).
Buchs : im Canton Zürich (Schweiz). Ruine aus der hclvcto-römischcn
Zeit. Vegetabilien: Weizen, Hirse, Hafer. Literatur: Heer (s. u.)
Byciskäla-Höhle: bei Adamsthal (Mähren). Fürstengrab aus der
llallstattperiode. Zwischen Skeletten erhoben sich kleine Häufchen
Verzeichniss der Fundorte. ^51
verkohlten Getreides; mit solchem waren auch verschiedene
bronzene Gefässe angefüllt: Gerste, Weizen, Hirse, Wicken.
Literatur: Wankel, Bilder aus der Mährischen Schweiz und ihrer
Vergangenheit; auch Hörn es, S. 615 (s. u.).
(Jaldiero: in der Provinz Verona (Oberitalien). Im Torfmoore Loffia
daselbst (Pfahlbau) gefunden Holz von Pirus aria. Literatur:
Goiran (s. tu).
Camp08 : in Südspanien (Prov. Murcia). Niederlassung aus der Ueber-
gangszeit vom Stein zur Bronze. Vegetabilien : Bohnen. Schriftl.
Mittheil, des Herrn Sir et in Antwerpen.
Casale: bei Viadana am Po (Oberitalien). Pfahlbau aus der neoli-
thischen Periode. Vegetabilien (nach der Bestimmung von Prof.
Mattirolo in Turin): Prunus, Pirus, Vitis, Comus, Triticum,
Panicum, Quercus, Far/us. Literatur: Bullett. di Paletnol.
ital. 1886. S. 54.
Castellacio: bei Imola (Oberitalien). Niederlassung aus der späten
neolithischen Periode (fondi di capanne). Vegetabilien: Weizen,
Kornelkirschen und Eicheln. Literatur: Scarabelli (s. u.),
auch Hörnes, S. 272 (s. u.).
Castioue : im Gebiet von Parma (Oberitalien). Terramare der Bronze-
zeit. Vegetabilien: Weizen, Gerste, Bohnen, Weintraubenkerne.
Literatur: Att. della r. Accad. dei Lincei 3. ser. VIII. 1883. Roma.
Clairvaux : See im Jura (Frankreich). Pfahlbaute der jüngeren Stein-
zeit. Vegetabilien: Erdbeer- und Brombeersamen. Citirt von
Mortillet (s. u.).
CogOZZO: in der Gemeinde Viadana am Po (Oberitalien). Terramare
aus der späten neolithischen Periode. Vegetabilien: Weizen und
Weinbeerkerne. Literatur: Bullett. di Paletnol. ital. 1882. S. 60.
Coreelettes : bei Granson am Neuenburger See (Schweiz). Pfahlbau
aus der Bronzezeit. Vegetabilien : Bohnen.
Cortaillod: im Neuenburger See (Schweiz). Pfahlbau der neolithischen
Periode. Vegetabilien: Gerste, Kirschkerne, Haselnüsse, Eicheln,
Buchein. Literatur: Anz. f. Schweiz. Alterthumskunde V. S. 40.
CoiiCOllteni: bei Jassy (Rumänien). Niederlassung aus der Ueber-
gangsperiode von der Stein- zur Bronzezeit (nach Diamandi
ungefähr um 400 v. Chr.). Vegetabilien: Hirsekörner. Literatur:
Diamandi in Bullet, de la Soc. d'anthrop. de Paris 1889.
S. 593.
Czerwentzütz : im Kreise Ratibor (Schlesien). Opferplatz (Nieder-
lassung) aus der slavischen Periode. Ein Gefäss daselbst mit
252 Verzeichnis.** der Fundorte.
gebranntem Getreide (Roggen) angefüllt Literatur: Schlesiens
Vorzeit IV, S. 535.
Dasckiir: in Aegypten. Ziegelpyramide aus der Zeit der V. Dynastie
(3 — 4000 v. Chr.). Vegetabilien : AVeizen-, Gersten- Uebcrrcste.
Literatur: Unger (s. u.).
Dcil'-el-Bakari: bei Theben (Aegypten). Grabdenkmäler mit Mumien
aus der 18. 19. u. 22. Dynastie (circa 1650— 1 100 v. Chr.). Die
Ausbeute an Pflanzen behandeln: Scliweinfurth, Unger und
Wönig in ihren Schriften (s. u.).
Dobsza: siehe Felsö-Dobsza.
Dominsel: in Stadt Breslau (Schlesien). Pfahlbanniederlassung aus
der slavischen Periode. Vegetabilien: Weizen, Hirse. Literatur:
Bresl. Zeitung 1879, Juli 14*, Correspbl. d. deutsch, anthrop.
Gesellsch. 1884. S. 105.
Dra-Abu-Negga: bei Theben (Aegypten). Gräber aus der XII. Dy-
nastie (um 2500 v. Chr.) Literatur: s. o. unter Deir-el-Bahari.
Draber-See: in der Mark Brandenburg (Preussen). Pfahlbau aus
der slavischen Periode. Vegetabilien: Weizen. Literatur: Verb.
d. Berl. anthrop. Gesellsch. I, S. 413.
El Oarcel: in der Provinz Murcia (Südspanien). Niederlassung aus
dem Anfange der neolithischen Periode. Vegetabilien: Bohnen,
Olivenkerne. Literatur: Sir et (s. u.); schriftliche Mitth. des
Ingenieur Sir et in Antwerpen.
El Kab : griechisch Eileythia am rechten Ufer des Nils, die befestigte
Stadt der „Tab mit". Nach Unger fällt die Erbauung der aus
grossen Backsteinen aufgeführten Umfassungsmauer in den Zeit-
raum zwischen Invasion der Hyksos und ihrer Vertreibung, also
von 2817 — 1726 v. Chr. Die Untersuchung eines Ziegels dieser
Mauer ergab: Gerste, Weizen, Hirse. Literatur: Unger (s. u.).
Erleubach: im Züricher See (Canton Zürich). Pfahlbau aus der
neolithischen Periode. Vegetabilien: Haselnüsse. Literatur:
Antiqua 1884, No. 6; 1886 S. 79.
Estavayer-Staffis : = im Züricher See (Canton Zürich). Pfahlbau
aus der Bronzezeit. Vegetabilien: Getreide. Schriftl. Mitth. des
Conservators Prof. W. Warne in Neuenburg.
Ettersbürg: IV* Stunde nördlich von Weimar (Sachsen). Im Lchm-
bruch eine Niederlassung aus der späten neolithischen Periode.
Vegetabilien: Gerste, Weizen, Apfelkerne Literatur: Klop-
fleisch, Vorgesch. Alterth. der Prov. Sachsen, lieft II, S. '.»2
bis 106.
Verzeichniss der Fundorte. 2o3
Felsö-Dobsza: im Comitat Abany (Ungarn). Niederlassung aus der
neolithischen Periode. Vegetabilien: Weizen, Gerste, Linsen.
Literatur: Archaeologiai ertesitö II, 94; Staub (s. u.).
Fimon: im Gebiet von Vicenza (Oberitalien, Prov. Venezia). Pfahl-
bau im gleichnamigen See aus der Bronze-Periode. Vegetabilien :
Himbeeren, Schlehen, Liebeln, Kornelkirsclien, Haselnüsse; kein
Getreide. Literatur: Lioy (s. u.); Scbriftl. Mittli. des Directors
Dr. Boni in Modena.
Foiltaiiellato: im Gebiet von Parma (Oberitalien). Pfahlbau aus der
Eisenzeit. Vegetabilien: Juglans, Pirus aria, Prunus insiticia,
Vitis vimfera, Coryhts, Pastinaca. Literatur: Pigorini (s. u.).
Freiwalde: in der Niederlausitz (Preussen). Urnenfeld aus der Blüthe
der Lausitzer Periode. In mehreren Gräbern grössere Mengen
von verbranntem Gebäck (?), auch verkohlte Hirse, Erbsen.
Literatur: Verbdl. d. Berl. anthrop. Gesellsch. 1890. S. G27.
Garz: Kreis Randow (Pommern). Pfahlbau aus der slaviscben Zeit.
Vegetabilien: Haselnüsse und Bucheckern. Literatur: Walter,
präbist. Funde zwischen Oder und Rega. Stettin 188'.».
Gebelin: in der Nähe des alten Aphroditespolis (Aegypten). Gräber
aus der Periode der XL bezw. XXI. Dynastie (circa 2400 bis
1000 v. Chr.). Literatur: s. o. unter Deir-el-Bahari.
Gorzano : in der Gemeinde Maranello (Provinz Modena). Terramare, in
deren oberen, vielleicht schon römischen Schichten gefunden wurden :
Triticum vulgare und turgidum, Vitis, Olea, Castanea,
Amygdalus, Comus und Corylus. Literatur: Coppi (s. u.).
Greing: am Murtner-See (Canton Freiburg). Pfahlbauniederlassung
aus der neolithischen Periode. Vegetabiüen: Schlehen, Trauben-
kirschen, Himbeeren. Literatur: Heer (s. u.).
Gr&sine: inSavoien (Frankreich). Pfahlbauniederlassung der Bronze-
zeit. Vegetabilien: Haselnüsse, Acpfel. Literatur: Mortillet (s.u.).
II all nun: am Obersee (Bodensee, Schweiz). Pfahlbau der jüngeren (V)
Steinzeit. Vegetabilien : Haselnüsse, Kirschen, Schlehen, Zwetschen,
Traubenkeme etc. Literatur: Schnarrenberg er (s. u.).
Heidengebirge: bei Hallstatt (Oesterreich). Schachtbergbau aus der
Bronzeperiode. Vegetabilien: Spelzen von Hirse, Hafer, Gerste:
ein Gerstenkorn, Haferkorn (?). Literatur: Stapf (s. u.).
Ueraclea: auf der Insel Creta (Griechenland). Niederlassung. Zeit V
Vegetabilien: Bohnen und Linsen. Literatur: Berichte d. deutsch,
bot. Gesellsch. Ls.sG. IV, S. XXXII.
2o4 Verzeichniss der Fundorte.
Hissarlik: in der Ebene des Skamauder am Hellespont (Kleinasien).
Zweite Stadt Schlieniann's entsprechend dem homerischen Troja
(2000 v. Chr.). An einzelnen Stellen daselbst, theils frei, theils
in grossen Gefässen (Pithoi) zahlreiche Massen von Vegetabilieu,
vor allem Weizen, Erbsen, Linsen, Bohnen, Weintraubenkerne,
Kichererbsen etc. gefunden. Literatur: Schliemann (s. u.);
Virchow (s. u.); Verhdl. d. Berl. anthrop. Gesellsch. 1879. S. 270.
1890. S. 342, 614; Wittmack (verschiedene Abhandlungen s. u.).
Jägerndorf: in Oesterreich-Schlesien. Niederlassung aus vorslavischer
(germanischer) Zeit. Im Hüttenbewurf Gerstenhülsen und Hirse-
körner. Literatur: Mitth. d. Wiener anthrop. Gesellsch. 1889.
S. 16 u. 21. Das Gleiche gilt für Kreuzendorf (siehe dieses).
Ifre: in der Provinz Murcia (Südspanien). Niederlassung aus der
frühen Bronzeperiode. Vegetabilieu: Bohnen. Literatur: Siret
(s. u.)j schriftl. Mitth. des Ingenieur Siret in Antwerpen.
Isola Virginia: siehe Varese.
Juenta: in Provinz Murcia (Südspanien). Niederlassung aus der
Bronzeperiode. Vegetabilien: Weizen. Literatur: Siret (s. u.);
schriftl. Mitth. des Ingenieur Siret in Antwerpen.
Kaaksburg: im Kirchspiel Hohenaspe (Schleswig-Holstein). Burgwall
aus der slavischeu Periode. Vegetabilien: Roggen. Mittheil.
d. Conserv. Frl. Mestorf in Kiel.
Karhof-Höhle und Barg-Höhle im Klusenstein: beide im Hönne-
Thal (Westfalen). Niederlassungen aus der frühen Eisenzeit.
Vegetabilien: Weizen, Gerste, Hirse, Bohnen, Erbsen, Linsen,
Roggen — konnte ich nicht bestimmen — , Flachs. Literatur:
Nachr. über deutsche Alterthumsf. 1894. S. 70.
Kurzen : in Oberschlesien (Schlesien). Urnenfriedhof aus der Zeit des
Lausitzer Typus (germanisch). Vegetabilien: Weizen. Mittheil.
des Museums schles. Alterthümer in Breslau.
KZlern: im Depart. Finistere (Frankreich). Niederlassung (?) aus der
gallischen Zeit. Vegetabilien: Weizen. Literatur: Mortui et (s. u.).
Klusenstein: siehe Karhof-Hühle.
Kölesd: im Comitat Tolna (Ungarn). Grubenwohnungen einer Wall-
burg der Bronzeperiode. Vegetabilien : Hirse und Weizen. Schriftl.
Mitth. des Herrn Pfarrer Wosinsky in Arpad.
Königswalde: im Kreise Sternberg (Preussen). Höhlenwohnung auf
der Bischofsinsel aus slavischer Zeit. Fundstücke: Knochenreste
(Bär, Elen, Wildschwein, Ente, Huhn), Hirse und Buchweizen.
Literatur: Verhdl. d. Berl. anthrop. Gesellsch. 1870. S. 47(1.
Verzeichniss der Fundorte. ^55
Koschütz: in der Provinz Sachsen. Burgwall ans der vorslavischen
(germanischen) Zeit. Vegetabilien : Weizen, Erbsen, Bohnen.
Mitth. d. Herrn Dr. Deichmüller, Conservators in Dresden.
Krähenried : bei Kaltenbrunn (Kanton Thurgau). Pfahlbaunieder
lassung aus der neolithischen Zeit. Vegetabilien: Haselnüsse.
Literatur: Anzeiger f. Schweiz. Alterthumskunde III. S. 654.
Kreuzburg: im Kreise Kreuzburg in Oberschlesien (Preussen). Urnen-
feld aus der Zeit des Lausitzer Typus. Zwischen den Scherben
fanden sich eine Menge Kirsch- und Pflaumenkerne, die ersteren
zum Theil durchlocht, die letzteren der Länge nach gespalten,
sowie Samen des Polygonum Convolvulus. Literatur: Correspbl.
d. deutsch, anthrop. Gesellsch. 1884. S. 103.
Kreuzendorf: in Oesterreich-Schlesien; siehe Jägerndorf.
Laaland: Dänische Insel. In einem bronzenen Hängegefäss Hülsen
von Weizen, Hirse und ein ganz erhaltenes Weizenkorn. Literatur:
Rostrup (s. u.).
Labegg: Ruine bei St. Johann am Brückl (Kärnthen). Hügel (Burg-
wall?) aus später, anscheinend slavischer Zeit. Vegetabilien:
verkohlte Gerste, Hirse, Weizen, Roggen. Bericht des Landes-
museums in Graz.
Lagazzi: in der Provinz Cremona (Italien). Pfahlbauniederlassung
aus der neolithischen Periode. Literatur: Bullettino di Palet-
nolog. 1891. No. 1.
Lagozza: in der Gemeinde Besnate (Provinz Mailand). Pfahlbau der
neolithischen Periode. An Vegetabilien daselbst gefunden : Weizen,
Gerste, Obst, Mohn, Flachs, Haselnüsse, Kornelkirsche. Literatur:
Regazzoni; ferner Sordelli und Castelfrancö (s. u.).
Laibach: in Krain (Oesterreich). Pfahlbau aus der neolithischen Zeit
im dortigen Moor. Vegetabilien: Kornelkirschen, Aepfel, Trauben-
kirschen, Haselnüsse, Himbeeren, Wassernuss. Literatur: Sacken
(s. u.); Deschmann (s. u.).
Lengyel : im Oomitat Tolna (Ungarn). Niederlassung aus der späteren
Steinzeit. Unterirdische kleine Wohnungen und Vorrathskammern
mit verkohlten Samen in grossen Massen. Gerste, Weizen, Hirse,
Bohnen etc. Literatur: Wosinsky, Das prähistorische Schanz-
werk zu Lengyel. Deininger (s. u.).
Lenzen: bei Elbing (Preussen). Burgwall aus vorslavischer (ger-
manischer) Zeit. Daselbst in einer Tiefe von 0,G m eine Menge
Kirschkerne gefunden. Schriftl. Mitth. d. Herrn Prof. Dorr
in Elbing.
250 Verzeichniss der Fundorte.
Litzelstetten: am Ueberlinger See gegenüber der Insel Mainau (Baden).
Pfahlbau aus der neolithischen Periode. Vegetabilien: Getreide,
Brot. Literatur: Schnarrenberger (s. u.).
Lobositz: in Böhmen, Urnenfeld (bei den Lobositzer Ringöfen) mit
Gefässen vom Lausitzer Typus. In einer Urne ein Conglomerat
TOfl gebrannten, fest mit einander verbundenen Weizenkörnern
von metallisch -glänzender, eisenschwarzer Farbe. Literatur:
Mittheil, der Wiener anthrop. Gesellsch. 1886. S. 95.
Locras: siehe Lüscherz.
Loffa: in der Gemeinde Breonio (Verona), ein Berg. Niederlassung
auf demselben, die von der neolithischen Periode an bis zum Ein-
bruch der Gallier in Oberitalien bestand. Vegetabilien: Weizen,
Kornelkirschen, Linsen, Bohnen. Literatur: Stefani (s. u.).
Liisclierz: im Bieler-See (Schweiz). Pfahlbaute der jüngeren Stein-
zeit. Vegetabilien: Weizen, Gerste, Erbsen, Linsen. Literatur:
Schriftl. Mitth. des Herrn Dr. Messikommer in Zürich.
LllgaricO vie.jo: in der Provinz Murcia (Südspanien). Niederlassung
aus der Bronzeperiode. Vegetabilien: Weizen, Gerste, Buhnen.
Literatur: Sir et (s. u.); schriftl. Mitth. des Ingenieur Sir et
in Antwerpen.
Martres-de-Veyre : in Puy-de-döme (Frankreich). Niederlassung aus
der neolithischen Periode. Vegetabilien: Weizen, Gerste. Literatur:
Pommerol (s. u.); Archiv f. Anthrop. III. S. 162.
Meilen: im Züricher See (Schweiz). Pfahlbauniederlassung ans der
Bronzezeit. Vegetabilien: Himbeersamen. Literatur: Heer (s.u.).
Meiltone: bei Genua (Ober-Italien). Höhlenniederlassung ans der
paläulithischen Periode. Fundstücke: geschlagene Feuersteine,
aufgeschlagene Thierknochen, keine Topfscherben ; „in der gleichen
Kultursehicht mit den übrigen Gegenständen" eine grosse Anzahl
Olivenkerne, suwie ein Kirschkern. Das huhe Alter der vegeta-
bilischen Funde wird vun einigen Autoren stark angezweifelt.
Literatur: Verhdl. d. Berl. anthrop. Gesellsch. 1883. S. 404.
MercuragO: im Gebiete vun Parma (Ober-Italien). Pfahlbau aus dem
Uebergange von der Bronze zur Eisenzeit. Nach Prüf. Gastaldi
wurden daselbst an Vegetabilien gesammelt: Früchte vun Coryhis.
Julians, Pirus aria, Primus insiticia, Vitis vinifera,
Pastinaca. Literatur: Pigorini (s. u.).
Mertendorf : in Sachsen-Weimar. Opferhügel aus der aeolithischen
Periode. In einer mit gebranntem Thon ausgekleideten Grube,
Verzeichnisa der Fundorte. *-iO/
die in den Grundboden des Hügels eingegraben war, neben
Getreidequetschern gerösteter Weizen. Literatur: Correspbl. der
deutsch, anthrop. Gesellsch. 1881. S. 139.
Mincio: bei Peschierra (Verona). Pfahlbau der Bronzezeit. Vegeta-
bilien: Cormis (in ungeheurer Menge), Haselnüsse, Eicheln.
Literatur: Stefani (s. u.).
Monate : See in der Lombardei (Oberitalien). Pfahlbaustationcn Bodio,
Sabbione und Pozzolo aus der neolithischen Zeit. Fundgegen-
stände: Eicheln und Steine von Cormis mas. Literatur: Castel-
franco (s. u.); Marin oni (s. u.).
Mondsee: in Oberösterreich. Pfahlbauniederlassung aus der neoli-
thischen Periode. Vegetabilien : Gerste, Weizen, Hagebutten,
Haselnüsse, Kirschen, Aepfel, Ebereschen. Literatur: Mittheil,
d. Wiener anthrop. Gesellsch. IV, S. 306.
Moiltale: im Gebiet von Modena. Künstlich autgeschüttete Terra -
mare aus der Bronzezeit. Schriftl. Mitth. des Directors Dr. Boni
in Modena.
Monte Gurazzo : auf dem Bologneser Appennin (Italien). Etruskischer
Tempel. Daselbst an Vegetabilien gefunden: Faba vulgaris,
Gerste. Literatur: Notiz, degli seavi d'antich. comm. all' Accad.
dei Lincei 1882. S. 370.
Moiltelier: am Murtner-See (Canton Freiburg). Pfahlbauniederlassung
aus der Bronzezeit. Vegetabilien: Weizen, Gerste, Hirse, Hasel-
nüsse, Bohnen. Literatur: Heer (s. u.).
Monte Loffa: siehe Lofta.
Moosseedorf: beim Münchenbruchsce im Canton Bern (Schweiz).
Pfahlbauniederlassung der Bronzezeit. Vegetabilien: Haselnüsse,
Aepfel, Schlehen, Traubenkirschen, Himbeeren, Erbsen. Literatur:
Heer (s. u).
M lisch en: im Kreise Cottbus (Brandenburg). Urnenfriedhof aus der
Zeit des Lausitzer Typus (germanisch). Vegetabilien: Bohnen.
Literatur: Verhdl. d. Berl. anthrop. Gesellsch. 1883. S. 248.
Mycenae: in Argos (Griechenland). Königsgräber aus der Zeit der
nach ihnen so benannten mykenischen Periode. Vegetabilien:
Olivenkerne, Traubenkerne. Literatur: Schliemann, Mycenae
(s.u.); Hernes, S. 505 (s. u.); 'E^jispis dpx«ioXofixiq 1891. 3,2.
Niemitszsch: bei Guben (Provinz Brandenburg). Burgwall ; untere
Schicht aus der vorslavischen (germanischen), obere Schicht ans
der slavischcn Periode. Vegetabilien: in der unteren Schicht
Gerste, Hirse, Linsen; in der oberen Eloggen; Literatur: Ztschr.
G. Buschan, Vorgeschichtliche Botanik. 17
258 Verzeichniss der Fundorte.
f. Etlmol. XIV, S. 112; Verhdl. der Beil. anthrop. Gesellsch.
1887. S. 509; Jentsch (s. u.).
Nussdorf: am Ueberlinger See (Baden). Pfahlbau aus der neolithischen
Periode. Vegetabilien : Haselnüsse, Aepfel. Literatur: Antiqua
1855 No. 7; Schnarrenberger (s. u.).
Officio: in der Provinz Murcia (Südspanien). Niederlassung aus der
Bronzezeit. Vegetabilien: Weizen und Gerste. Literatur: Sir et
(s. u.).; schriftl. Mitth. des Ingenieur Sir et in Antwerpen.
Oldeilborg in Holstein (Schleswig-Holstein). Burgwall aus der sla-
vischen Zeit. Vegetabilien: Roggen. Mitth. d. Conserv. Fräul.
Mestorf in Kiel.
Olmütz: in Mähren (Oesterreich). Pfahlbau aus der Bronzezeit,
errichtet in einem dort früher fliessenden Arme der March. Von
Pflanzenresten daselbst gefunden: Haselnüsse, Hirse, Weizen and
Roggen. Literatur: Mitth. d. Wiener anthrop. Gesellsch. I, S. 217.
Paladru: im Departement Isere (Frankreich). Pfahlbau aus der
späten Eisenzeit (Merovinger Periode). Vegetabilien: Kirschen,
Pflaumen, Pfirsiche, Nüsse, Haselnüsse, Eicheln. Literatur: Chautre,
sur les palafittes du lac de Paladru in Materiaux 1870. S. 177;
auch Antiqua 1887. S. 28.
Pescbierra: am Garda-See (Oberitalien). Pfahlbaute, deren ältere
Schicht dem Ende der Bronzeperiode, die jüngere schon der Eisen-
zeit entspricht. Vegetabilien: Roggen, Weintraubenkerne, Kornel-
kirschensteine. Literatur: Castelfranco (s. u.); Hörnes,
S. 426 (s. u.); Mitth. d. Wiener anthrop. Gesellsch. IX. S. 220.
Petersinsel : im Bieler-See (Schweiz). Pfahlbauniederlassung aus der
Bronzezeit. Vegetabilien: Bohnen, Erbsen, Linsen, Geiste. Weizen,
Hafer. Literatur: Heer (s. u.).
Petit-Cortaillod: siehe Cortaillod.
Pompei: bei Neapel (Italien). Römische Stadt, die im Jahre 70 v. Chr.
vom Vesuv verschüttet worden ist. Vegetabilien: Weizen, Buhnen etc.
Literatur: Com es (s. u.).
Poppschütz: in der Feldmark Freistadt (Schlesien). Burgwall aus
der slavischen Periode. Vegetabilien: Hirse, Koggen, Hafer,
Erbsen, Leinsamen. Literatur: Correspbl. d. deutsch, anthrop.
Gesellsch. 1884. S. 103.
Poiichbiicli: bei Deutsch-Neukirch (Kreis Ratibor, Schlesien). Pfahl-
bau ans der sl.-i\ isclieu /eil. Vegetabilien: ein Kirschkern.
Fundberichl d. Mus. Bchles. Alferth. in Breslau.
Verzeichnis.* der Fundorte. -f>9
Pozzolo: siehe Monate.
PribborilOw: Kreis Cammin (Pommern). Hügelgräber ;ms der Bronze-
zeit. Vegetabilien : Hirse. Literatur: Verheil, d. Bcrl. anthrop.
Gesellsch. 1884. S. 167.
Probken-See: im Kreise Rössel (Prenssen). Pfahlbau aus der sla-
vischen Periode. Vegetabilien: Haselnüsse. Literatur: Verheil.
d. Berl. anthrop. Gesellsch. 1884. S. 56a
Kauenegg: am Obersee (Bodensee). Pfahlbau aus der neolithischen
Periode. Vegetabilien: Getreideähren, Haselnüsse, Aepfelspalten.
Literatur: Schnarrenberg (s. u.).
Robeilhausen : im Pfäffikersee (Canton Zürich). Pfahlbau aus der
neolithischen Periode. Vegetabilien : Weizen, Gerste, Hirse, Aepfel,
Birne, Kirsche, Pflaume, Schlehe etc. Literatur: Heer (s. u.).
SabbiOlie: siehe Monate.
Santorin: — Thera, eine der Cycladen-Inseln (Griechenland). Bei
Therasia Wohnstätten unter einer von dem Insularvulkan her-
rührenden Puzzuolenschicht aus der vorhellenischen (neolithischen)
Periode (ungefähr 2000 v. Chr.) An Vegetabilien wurde daselbst
nur Gerste in Töpfen gefunden. Literatur: Fouque (s. u.), auch
Archiv f. Anthropol. III. S. 363; Ausland 1869 No. 48; Correspbl.
d. deutsch, anthrop. Gesellsch. 1889. S. 215.
Saqquarah: in'Aegypteu. Gräber aus der Zeit der V. (?) Dynastie
(3000 v. Chr.). Literatur: s. o. unter Deir-el-Bahari.
Scheich -Abd-el-Qurna: in Aegypten. Gräber aus der Zeit der
XXI. Dynastie (circa 1200 v. Chr.) Literatur s. o. unter
Deir-el-Bahari.
Schlieben: Kreis Schweinitz (Sachsen). Burgwall aus vorslavischer
(germanischer) Zeit. „Auf einigen'Stellen liegt der gebrannte reine
Weizen, zuweilen mit Erbsen durchmengt, in 1 V-2 — 2 elliger Tiefe,
in starken und schwachen Schichten, desgleichen auch der Hirsen."
Literatur: Wagner (s. u.).
Schusseuried: im O.-A. Waldsee (Württemberg). Niederlassung
(Knüppeldamm, Opferplatz?) aus der neolithischen Periode. Vege-
tabilien: Weizen, Buchein, Himbeeren, Linsen, Haselnüsse, Eicheln,
Leinsamen, Polygonum-Samen. Literatur: Correspbl. d. deutsch. -
anthrop. Gesellsch. 1887. S. 162.
Schwachenwalde: in Brandenburg (Preussen). Pfahlbau aus der
slavischen Periode. Vegetabilien: zahlreiche Kirschkerne und einige
Pflaumenkerne. Literatur: Zeitschr. f. Ethnol. I, S. 413.
17*
2t>0 Verzeichniss der Fundorte.
Soldiner-See: im Kreise Soldin (Brandenburg). Pfahlbau aus der
slavischen Periode. Vegetabilien: ein verkohlter Apfel. Literatur:
Zeitschr. f. Etlmol. I. S. 413.
St. Alllbrogio: in der Provinz Modeua (Italien). Terraraare aus der
Bronzezeit. Vegetabilien: Traubenkerne, Bohnen, Zwetschken,
Haselnüsse. Mitth. des Directors Boni in Modena.
Starzeddel : im Kreise Guben (Brandenburg). Gräberfeld aus der
Periode des Lausitzer Typus. Vegetabilien: in einer gehenkelten
Flasche ein angekohltes Weizenkorn. Literatur: Niederlausitzer
Mitth. I, S. 123; Verhdl. der Berl. anthrop. Gesellsch. 1885.
S. 386; Jentsch (s. u.).
Steckboril: am Untersee (Bodensee) in der Schweiz. Pfahlbau aus
der neolithischen Periode. Vegetabilien: Weizen, Gerste, Flachs.
Literatur: Schnarrenberger (s. u.).
Stillfried: in Niederösterreich. Ansiedlung aus nicht näher zu bestim-
mender Zeit. Vegetabilien : Weizen. Bericht des Dr. Mu ch in Wien.
StOOre: im Greifensee (Canton Zürich). Pfahlbauniederlassung aus
der jüngsten Steinzeit. Vegetabilien: Gerste, Weizen. Literatur:
Correspbl. d. deutsch, anthrop. Gesellsch. 1894. No. 5.
St. Paulien: im Depart. Haute -Loire (Frankreich). Vegetabilien:
Linsen. Literatur: Mortillet (s. u.).
Stl'ieSOW: im Kreise Cottbus (Preussen). Burgwall aus der slavischen
Zeit. An Vegetabilien daselbst gefunden: Roggen. Literatur:
Niederlaus. Mittheil. IL S. 403.
Szilialom: im Komitat Borsod (Ungarn). Terramare (?) aus der
Bronzezeit. Vegetabilien: Hirse. Literatur: Compt. - rend. du
Congr. intern, d'anthrop. de Budapest II, 2. S. 35.
Tell-el-Aniariia: in Aegypten. Grab aus der Zeit der XVIII. Dynastie
(lfiOO v. Chr.) mit der Darstellung eines Gartenplanes (Granat-
bäume, Oelbäume, Ricinus, Balanitis etc.). Literatur: Wönig(s. u.).
Tirynth: in der Ebene von Argolis (Griechenland). Burgfeste aus
der vorgriechischen Zeit (um 2000 v. Chr.). Vegetabilien: Wein-
Iraubenkerne. Literatur: Hörnes, S. 495 (s. tu); Wittmack,
Sitzber. d. naturf. Freunde zu Berlin 1884. S. 87; Tagebl. d.
Vers. d. Naturf. und Aerzte zu Berlin 1886. S. 194.
Torno : bei Lübben (Preussen). Burgwall aus der slavischen Periode.
Unter Scheiben „nesterweise eingesprengt bedeutende Lagen ver-
kohlter Getreidekorner", (Roggen und Weizen). Literatur: Verhdl.
d. Berl. anthrop. Gesellsch. 1885. S. 155.
Verzeichnisa der Fundorte. £t>l
Toszeg: im Comitat Fest (Ungarn). Terramare aus der Bronzezeit.
In der Kulturschicht „förmliche Heerde von gebranntem Getreide,
stellenweise liandhohe Schichten" (Weizen, Gerste). Literatur:
Verhdl. d. Berl. anthrop. Gesellsch. 1876. S. 243; Mittheil. d.
Wiener anthrop. Gesellsch. 1889. S. 125; Archaeologiai ertesitö
1876. No. 9. 1877. No. 3.
Trenenbrietzen: im Kreise Zauch-Belzig (Brandenburg). Pfahlbau
aus der spät-slavischen Zeit. Vegetabilien : verkohltes Getreide
(Weizen), Erbsen. Literatur: Nachr. über deutsche Alterthums-
kunde 1893. No. 3.
Troja: siehe Hissarlik.
Vaphio bei Amyclae (Griechenland). Kuppelgrab aus der Periode
von Mycenae. Auf einem goldenen Gefässe finden sich Palmen-
und Oelbäume dargestellt. Literatur i'E'f^txsolc «p/aioXo^ixrj 1889;
L'Anthropologie 1890. S. 552; Buschan, in Natur und Offen-
barung 1892. Bd. 38. S. 480.
VarailO: See in Oberitalien. Pfahlbau aus der neolithischen Periode.
Fundstiicke : Eicheln und Steine von Cornus mas. Literatur:
Castelfranco (s. u.).
Var&se-See: im Südosten von Lugano (Lombardei). Pfahlbau, der
zum Theil der neolithischen Zeit (Isola Virginia), zum Theil
(obere Schichten) der späten Bronzezeit, bezw. ersten Eisenzeit
angehört. In den steiuzeitlichen Kulturschichten an Vegetabilien:
Hirse, Weizen, Schlehe, Weinkerne, Haselnüsse. Literatur: Regaz-
zoni (s. u.); auch Revue d'anthrop. XVII. S. 574.
Villeiieuve-Saint-Georges: im Depart. Seine-et-Oise (Frankreich).
Römisches Grab. Vegetabilien: Weizen, Roggen. Litteratur:
Mortillet (s. u.).
Wangen: am Atternsee (Schweiz). Pfahlbau aus der neolithischen
Periode. Daselbst reiche Ausbeute an Vegetabilien: Aehren,
Körner von Gerste und Weizen, die centnerweise aufgehäuft
lagen, Aepfelspalten, Himbeer- und Brombeersamen, Flachs, Hasel-
nüsse u. a. m. Literatur: Keller (s. u.); Heer (s. u.);
Schnarrenberger (s. u.).
Weyeregg: im Untersee, Salzkammergut (Ober-Oesterreich). Pfahl-
bau aus der neolithischen Periode. Von Vegetabilien dort ge-
funden: Haselnüsse, Prunus insiticia, Steine von Cornus
succisa. Literatur: Mitth. d. Wiener anthrop. Gesellsch. II.
S. 267.
262 Verzeichniss der Fundorte.
Wittenbergs: im Kreise West-Priegnitz (Preussen). Gräberfeld aus
nicht mehr näher zu bestimmender Zeit (Lausitzer Typus?).
Vegetabilien: Hafer. Literatur: De Ca nd olle (s. u.)
Zapata: iu der Provinz Murcia (Südspanien). Niederlassung aus der
Bronzeperiode. Vegetabilien: Flachs, Gerste. Literatur: Sir et
(s. u.); schriftl. Mitth. des Ingenieur Sir et in Antwerpen.
Zollfeld: bei Klagenfurt (^Oesterreicli). Grabfeld aus der Zeit des
Lausitzer Typus. Vegetabilien: Hirse. Literatur: Mitth. des
Museums in Klagenfurt.
Literatur.
Asclierson, P. u. Schweiufurth , E.: Illustration de la flore d'Egypte!
Memoir. de l'Institut Egyptien. 1887. II. Caire S. 25—260-
Balf'our, J. H.: the plants of the Bible. London 18S5-
Ball, V.: on the Identification of the animals and plants known to early
greek authors. Proc. of the R. Irish Acad. II, No. 6. 1SS5. S. 302.
Basola u. Rocca-Cocn: dell' agricoltura pressi gli antichi Ebrei. monogr.
Venezia 1891.
Batalin, A.: das Perenniren des Roggens. Acta Horti Petropolitani XI.
1890. No. 6. Referat in Naturw. Woehensehr. 1S91. No. 52-
Beauredou, J. : la culture de la vigne dans l'antiquite. Dax. 1SSS.
Bona via, E. : the flora of the Assyrian monnments and its outeomes.
Constahle 1894.
Braun, A. : über die im Kgl. Museum zu Berlin aufbewahrten Pflanzenreste
aus altägyptischen Gräbern. Zeitsehr. f. Ethnol. 1S77. IX. S. 289—310.
Buschan, G.: flora dellc capanne del M. Loffa. Bullet, di paletnol. ital.
1889. XV. No. 12.
— die Heimath und das Alter der europäischen Culturpflanzen. Correspbl.
d. deutsch, anthrop. Gcsellsch. 1890. No. 10.
— zur Vorgeschichte der Obstarten der alten Welt. Vcrhdl. d. Bcrl. anthrop.
Gesellseh. 1891- Jan. 17.
— zur Geschichte des Weinbaues in Deutschland. Ausland 1890 No. 44.
— zur Kulturgeschichte der Hülsenfrüchte. Ebds. 1891. No. 15-
— zur Geschichte des Hopfens etc. Ebds. 1891- No. 31.
— das Bier der Alten. Ebds. 1891. No. 47.
— botanique preMiistorique. Bullet, de la Soc. d'anthropologie de Paris.
1893. Juli 20.
( upus, G.: sur les plantcs eultivees, qu'on trouve ä l'etat sauvage ou subspon-
tane dans le Thian-schan oeeident. Annal. des scienc. natur. G. ser.
XVIII. tom. 1884. S. 278—292.
Castelfrano : le stazione lacustri dei laghi di Monate e di Varano. Atti
della soc. ital. dei scienz. nat. Milano XXI. 1878.
— les villages lacustres et palustres et les terremares. Revue d'anthrop.
1887. XVI. S. 607.
Cecll, 0.: ober die geographische Verbreitung des Hopfens im Alterthume.
. Bullet, de la Soc. Imper. des sc. nat. de Moscou 1882. S. 54—78.
Colin, Ferd. : Prähistorische Pflanzenfunde in Schlesien. Correspbl. d. deutsch.
anthrop. Gcsellsch. 1884. XV. S. 101.
264 Literatur.
Comes, Or. : illustrazione delle piante rappresentate nei dipinti ponipeiani in
Pompei e la rcgione sotterrata dal Vesuvio. Memor. public, dall' Uflicio
tecn. degli scavi. Napoli 1879.
Coppi, G. : monografia e iconografia della terramarc di Gorzano. Modona
2 Bd. 1S71 u. 1S74.
De Candollo, Alpli.: l'origine des plantes cultivecs. Biblioth. scientif. inter-
nat. LX1II. Paris 1S83; ifbers. von Edm. Götze. Leipzig 1884.
— sur l'origine botanique de quelques plantes eultivees et les causes pro-
bables de l'extinction des especes. Archiv, des scienc. phys. et natur.
3. ser. XVII. t. 1887. S. 5—18.
Deiniiiger, E. T. : Pflauzenreste der prähistorischen Fundstätte von Lengyel, in
Wosinski, das prähistorische Schanzwerk von Lengyel III. Budapest 1S90.
Delyaux, E.: les alluvions et les tourhieres aux environs d'Audcnarde.
Liege 1SS5.
Deschmann, K, : Bericht über die Pfablbauaufdcckungcn im Laibacher Moor.
AVien 1S77.
Dressel, H.: Weinsorten von Titakazon. Zeitschr. f. Numisin. XVII. S. 285-
Dyer, H. T.: the cereals of prehistoric times. Nature 1886. XXXIV. S. 545-
Ermann: Acgypten und ägyptisches Leben im Alterthum. Tübingen 1885.
Fouque, F.: premier rapport sur une mission scientifique ä l'ilc de Santoiin.
Paris 1868.
Girardin: über die Keimkraft alter Samenkörner. Journ. de pharmacic 1849.
S. 46. Bericht in Dingler's Polyt. Journal. Bd. CX1I. S. 384
Goiran, A.: aleune notizie veronesi di botanica archcologica. Nuov. Giorn.
botan. Italiano 1890. XXII. No. 1.
Groser, W. H. : trees and plants of the biblc. London 18S7.
Gross, V.: les Protohelvetes ou les premiers Colons sur les bords des lacs
de Bienne et Neuchätel. Berlin 1883.
Hamilton, Fr.: la botanique de la biblc. Niece 1S71.
Hartmann, R. : Einiges über Pfahlbauten. Zeitschr. f. Ethnol. III. S. 93.
Harz, C. 0. : Landwirtschaftliche Samenkunde. Berlin 1885- 2 Bände.
Heer, 0.: die Pflanzen der Pfahlbauten, in Mitth. d. antiq. Gesellsch. zu
Zürich 1865.
— über den Flachs und die Flachskultur im Alterthum. Zürich 187"J.
Hehn, V.: Kulturpflanzen und Hausthierc. 6. Aufl. von O. Schrader und
A. Eng lcr. Berlin 1894.
Heibig, W. : die Italiker in der Poebcne. Leipzig 1869-
Heldreicb, Tll. V. : Beiträge zur Kenntniss des Vaterlandes und der geo-
graphischen Verbreitung der Rosskastanie, des Nussbaums und der Buche.
Sirzbcr. d. bot. Ver. d. Mark Brandenburg. Berlin 1S79. S. 148.
— die Nutzpflanzen Griechenlands. Athen 1S62.
Hock, F.: die nutzbaren Pflanzen und Thierc Amcrika's und der alten Welt.
Leipzig, Engelmann 1885.
— ursprüngliche Verbreitung der Obstpflanzen und deren Einlluss auf die
Kultur der Menschheit. Die Natur 1889. No. 35.
— die Heimath der Getreidepflanzen. Mitth. d. natnrw. Ver. z. Frankfurt a./().
1886. S. l :;;>.
— Heimath der angebauten Gemüse Berlin 18110.
Literatur. 265
Hink, F.: Nährpflanzen Mitteleuropas, ihre Heimatb, Einführung in das Gebiet
und Verbreitung innerhalb desselben. Stuttgart 1800-
HÖrneS) M.: Hie Urgeschichte des Mensehen. Wien 189i'.
Jäggi, J.: die Wassernuss und der tribulus der Alten. Zürich, 1884.
Janczewski, Edw. : nasz spadek pomony (die Erbschaft unserer Obstarten).
\iua, XXV. 1884. S. 665-
Jcutsch, H.: die prähistorischen Altcrthünier aus dein Stadt- und Landkreise
Guben. Guben 1892.
ImhofT-Blnmer u. Keller, 0.: Thier- und Pflanzenzenbilder auf Münzen und
Geninien des klassischen Alterthums. Leipzig 18S9.
Keller, 0.: Pfahlbauten, Heft 3; iu Mittheil. d. antiq. Gesellsch. zu Zürich.
Bd. IX. 1854 (1. Berieht); XII. 1858 (2. Ber.); XIII. 1860 (3. Bcr.);
XIV, 1. 1861 (4. Ber.); XIV, 6. 1863 (5. Ber).
Koppen: Geographische Verbreitung der Holzgewächse des europäischen
Russlands. Petersburg 1888. 2. Bände.
Körnicke, Fr. : die Arten und Varietäten des Getreides. Bd. I. des Hand-
buches des Getreidebaues von Kör nicke und Werner. Berlin 1S85-
— zur Geschichte der Gartenbohne. Verhdl. d. naturvv.-histor. Vereins d.
preuss. Rheinlande. 1885-
— wilde Stammformen unserer Kulturweizen. Sitzber. d. Niederrh. Gesellsch.
in Bonn 1889. März 11.
— Bemerkungen über den Flachs des heutigen und alten Aegypten. Berichte
d. deutsch, bot. Gesellsch. VI. S. 380-3S4.
Krause, E. : die indogermanischen Namen der Birke und der Buche in ihrer
Beziehung zur Urgeschichte. Globus, Bd. 62. No. 10 u. 11.
Kremer: Semitische Kulturentlehnungen aus dem Pflanzen- und Thierreich.
Ausland 1875. No. 1 — 5.
Kunth : recherches sur les plantes trouvees dans les tombeaux egypt. Annal.
d. sc. natur. 1826. VIII. S. 418.
Lagarde, P. de: die Heimath der zahmen Kastanie und des Oelbauines. Nachr.
v. d. Gesellsch. d. Wissensch. zu Göttingen 1889. No. 11. S. 229—319.
Lenz, 0.: Botanik der alten Griechen und Römer. Gotha 1859.
Lepsius, C. R. : Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien. Berlin 1849 — 1858.
Link, H. F.: Die Urwelt und das Alterthum, erläutert durch die Naturkunde.
I. Berlin 1834.
Lisch, F.: Pfahlbauten in Mecklenburg. Schwerin 1867.
Lioy, P. : le abitazione lacustri della etä della pietra nel lago di Fimon.
Att. dell' istituto Ven. di scienz lett. 1864/65. Venezia 1865-
Loret, V.: la flore pharaonique d' apres les documents hieroglyphiques et les
speeimens decouvertes dans les tombes. Paris 1887.
— recherches sur plusieurs plantes-connues des anciensEgyptiens. No. VI —XI.
Paris 1893; No. X— XII. 1894; No. XIII— XIV. 1894.
Marinoni, C. : le abitazione lacustri e gli avanzi di umani industria in Lom-
bardia. Memor. della Soc. ital. di seien, nat. IV, 3 Milano 1868.
Mcjer: der Roggen das Urkorn der Indogermanen. Correspbl. d. deutsch,
anthrop. Gesellsch. 1893. S. 121.
Meissner: Babylonische Pflanzennamen. Zeitschr. f. Assyriol. 1891. IV. 3.
266 Literatur.
Mcssikonimer: Sämereien der Pfahlbauten. Zeitschr. f. Ethnol. IV. S. 234.
— Sämereien und Früchte auf der Pfahlbaute Robenhausen. Verheil, d. Beil.
anthrop. Gesellsch. 1883. S. 233.
Mortillct, Gr. de: agriculture palethnologique in La Societe, l'Ecole et le Labo-
ratoire d'anthropologie de Paris 1889. S. 253.
Nyary, E.: az aggtcleki barlang mint oskori temetö. Budapest 1881.
— les lioimnes de läge de la pierre dans la caverne d'Aggtelek. Congr.
intern d'anthrop. Budapest 1S76. S. 631.
Passalacqua, J. : catalogue raisonne et historique des antiquites decouvertes
en Egypte. Paris 1826. S. 227. examen botanique par M. C. Kunth.
Perrin : etude prehistorique sur la Savoie, specialement ä l'epoque laeustre.
Chambery 1870.
Philipps, H. : history of eultivated vcgctables. London 1822.
Pictet, Ad.: les origincs des pcuples indo-europecns. Paris 1878.
Pigorini, L. : le abitazione palustri di Fontanellata dell' epoca dcl ferro.
Parma 1865.
Pommerol: Station de läge de pierre aux Martres-de-Veyrc. Bull, de la
Soc. d'anthrop. de Paris. III. ser. 2. vol. S. 220-
Rcgazzoni: dei nuovi seavi nell' Isola Virginia. Rivista arch. dclla prov.
di Como XVII. 1870. S. 1—22.
— la stazione preistorica della Lagozza. Bullett. di Paletnol. 1SS7. S. 1.
Roynicr: leeonomie publique et rurale des Arabes et des Juifs. Gcnevc 1820.
Richter, W. : die Kulturpflanzen im Dienste der Menschheit. Westennann
Monatschr. 1889. S. 829.
Roscnmüller, F. K. : das biblische Mineral- und Pflanzenreich. Theil I. der
biblischen Naturgeschichte. Leipzig 1830.
Rossellini, J.: tnonumenti dell"Egitto e della Nubia, disegnati della spedizionc
scientifico litter. Toscana etc. 1832 — 1844. 3 Bände. o
Rostrup, E.: en notits om plantcvaextcn i üanmark i Broncealderen. Arböger
l'or nord. olds. 1877. S. 78—82.
Roth, Ling: üii the origin of agriculture. Anthrop. Instit. of Great Britain
and Ireland. London XVI. 1885-
Kolli, E.: die Pflanzen des alten Aegypten. Humbold. IX. S. 81.
Sacken, Ed. v.: der Pfahlbau im Laibacher Moor. Mitth. des k. k. Centralkoni.
z. Erforsch, etc. Wien 1876. IL S. 24.
— der Pfahlbau im Gardasec. Sitzber. d. Acad. d. Wisscnsch. d. philos.-
histor. Klasse. Bd. 48- 1865. S. 298.
Saporta, G. de: Originc paleontologique des arbres eultives ou utilises par
rhomme. Paris 1S88.
Scandcr, Ad, : aleuni eenni di studi preistoriei sulla Savoja. Atti dclla Soc.
di sc. nat. di Pisa. 1877.
Scarabelli, G. : stazione preistorica sul Monte del Castellacio. Imola 1887.
Sc'hliemann, H. : Mykenae. Bericht über meine Forschung, und Entdeck, in
Mykenae n, Tirynth. Leipzig 1878-
— Bios, Stadt und Land der Trojaner. Leipzig 1881.
Schnarrcnberger, W.: Die Pfahlbauten des Bodensees. Konstanz 1891.
Schiibelor, P. C. : bidrag tili Kiiltuiväxtcrnas historia. Svcnska Trädgards
füren. 'I'idskr. 1884. S, 9 — 15-
Literatur. 26 ^
Sclnvehifurtb, G.: über Pflanzenfunde in altägyptischen Gräbern. Sitzber.
d. bot. Ver. d. Prov. Brandenburg XXIII. 1881/82..
— neue Beiträge zur Flora des alten Aegypten. Berichte d. deutsch, bot.
Gesellsch. I. 1883. S. 5-44.
— die Flora des alten Aegypten. Nature 1883. Mai.
— noticc sur les restes de vcgetaux de l'ancienne Egypte contcnues dans
uue annoire du Musee de Boulaq. Arch. des sc. phys. et nat. XI.
Gcneve 1884. S. 183.
— neue Funde auf dein Gebiete der Flora des alten Aegypten. Englcrs
Jahrbücher 1884. V. S. 1S9.
— über Pllanzenreste aus altägyptischen Gräbern. Ber. d. deutsch, bot.
Gesellsch. II. 1884. S. 351.
— die letzten botanischen Entdeckungen in den Gräbern Acgyptens. Engler's
Jahrb. 1886. VIII. S. 1.
— über seine Reise nach dem glücklichen Arabien. Verb. d. Gesellsch. für
Erdk. zu Berlin 1S87. No. 7.
— sur les derniers travaux botaniques dans les tombeaux de l'ancienne
Egypte. Bull, de l'instit. egypt. 1887.
— rapports entre la flore de l'Arabie Heureuse et celle de l'Egypte. Conipt.
rend. des scienc. de la Soc. de phys. et d'hist. nat. de Geneve 1890.
VII. S. 7.
— Aegyptens auswärtige Beziehungen hinsichtlich der Culturgewächse.
Verhdl. d. Berl. anthrop. Gesellsch. 1891. S. 649.
Schwendeuer, S. : aus der Geschichte der Culturpflanzen. Basel 1872.
Schrader, 0.: Sprachvergleichung und Urgeschichte. 2. Aufl. Jena 1890.
— Thier- und Pflanzengeographie im Lichte der Sprachforschung. Samml.
gemeinverst. wissensch. Vortr. Heft 427. Berlin 1S84.
Sirct, H. u. L.: les premiers äges du metal dans le sud-est de l'Espagne.
Revue des questions scientif. Bruxelles 1888.
— L, : la fin de l'epoque neolithique. L Anthropologie 1892. III. S. 385.
Solms-Laubach : die Herkunft, Domestication und Verbreitung des gewöhn-
lichen Feigenbaumes. Abhdl. der k. Gesellseh. d. Wissensch. zu Göttingen.
Bd. 28. 1S82.
— die Geschlechtsdifferenzirung bei den Feigenbäumen. Botan. Zeitung 1885.
Sonlelli, F.: sulle piante della torbiera et della stazione preistorica dclla
Lagozza. Atti della Soc. ital. di sc. nat. Milano. Vol. 23. 1880.
Stapf, 0.: Die Pflanzenreste des Hallstätter Ileidengcbirges. Verhdl. der
k. k. zooh-bot. Gesellsch. in Wien 18S6. S. 407.
Staub, M. : prähistorische Pflanzen aus Ungarn. Engler's Jahrbücher 1S82.
S. 281.
Stef'ani, de: sopra gli seavi fatti nelle antichissime capanne di pietra del
M. Loffa. Atti dell' Accad. d'agieolt. arti e commerc. di Verona LXII.
ser. 3. S. 161.
— degli oggetti preistorici raecolti nella stazione dell' ctä del bronzo scoperta
nel Mincio presso Peschierra. Atti dell' Accad. di agricoltura, arti e com-
incrcio. Verona 1880-
— nuove esplorazioni nella palafitta del Mincio presso Peschierra. Roma 1884.
268 Literatur.
st Hau i, de: notizie storiche delle scoperte palctuologiche fatte nel comune di
Breonio-Veronese. Atti doli' Aecad, dei lincci. 1885/86. Koma 1886.
Strobel, P. u. Pigorini, L.: lc terreraare c lc palafitte dcl Parmente.
2± rclaz. Milano 1864. S. 28.
riiiiiiien, L. v.: zur Geschichte der Getreidearten. Ausland 18S5. S. 15.
Ungcr: botanische Streifzüge auf dem Gebiete der Culturgeschichte. Sitzber.
der inath.-naturw. Klasse der Kais. Academie der Wissenschaften.
IV. Bd. 38, 1859 S. 69-140; V. Bd. 45, 1862 S. 75-88; VI. Bd. 54, 1866
S. 33-62; VII. Bd. 55. 1867. 8. 198-205.
VircllOW, R. : Beiträge zur Landeskunde der Troas. Abhdl. der kgl. Academie
d. Wissensch. zu Berlin 1879.
Volz, K. W. : Beiträge zur Kulturgeschichte. Leipzig 1852.
Wagner, F. A.: Aegypten in Deutschland. Leipzig 1838.
Werner, H. : die Sorten und der Anbau des Getreides. Band II. des Hand-
buches des Getreidebaus von Körnicke und Werner. Berlin 1885.
Wcssely, K. : Zythos und Zythera. XIII. Jahresber. des k. k. Staats-Gym-
nasiums in Hernais. Wien 1887.
Wittinack: Sämereien aus der alten und neuen Welt in ihren Beziehungen
zur Gegenwart. Nachr. aus dem Klub der Landvv. zu Berlin 1881 No. 115.
S. 781.
— unsere jetzige Kenntniss vorgeschichtlicher Samen. Berichte der deutsch,
bot. Gesellsch. 1886. IV. S. XXXI; Tagcbl. d. Vers, deutscher Naturf.
u. Acrzte zu Berlin 1886. S. 194.
— Führer durch die vegetabilische Abtheilung des Museums d. landw. Hoch-
schule zu Berlin 1S86. S. 41.
— Landwirtschaftliche Culturpflanzen in Neumayer, Aul. z. wissensch. Bcob.
auf Reisen. 2. Aufl. 1888. II, 109-138.
— Samen aus den Ruinen von Hissarlik. Verhandl. der Berliner anthrop.
Gesellsch. 1890. S. 614.
Wollig, Fr.: Die Pflanzen im alten Aegypten. Leipzig 1886.
Druck von R. Nieehkowsky in Breslau.
■ _ Nev » Y ork Botanlcal Garden Llbrarv
QK46 .B8 gen
3 5185 00104 4492
!
' .«JV