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Full text of "Wahrheit und Ordnung [microform] : Universitätspredigten"

Master Negative # 
IND 08-6146-02 



Microfilmed For 

UNIVERSITY LIBRARIES OF 

NOTRE DAME 



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May 2008 
Microfilmed By 



Bethlehem 



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William 
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The Copyright law of the United States - Title 
17, United States Code - concerns the making 
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of the Copyright law. 



Guardini, Romano 



Wahrheit und Ordnung : 

Universitätspredigten / von Romano 
Guardini. Vol(s) 1-33 



[München] : 1956-1959. 



IND 08-6146-02 






BIBLIOGRAPHIC RECORD TARGET Master Negative # IND 08-6146-02 



System Numher: 000651135 



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a IDJ |c IDJ |d IND 

aINDU|v 1-30, 31/32, 33 

aBX1756.G85|bW3 

a Guardini, Romano, |d 1885-1968. 

a Wahrheit und Ordnung : |b Universitätspredigten / |c von Romano Guardini 
a 1. Aufl. 

|a [München] : |b Werkbund-Verlag ; |a Würzburg : |b Fränksche Gesell schaftsdruckerei |c 1956-1959 

a 33 v. (792 p.); |c 25 cm. '' 

la Issued in fascicles paged individually as well as cumulatively. 

!a Vol. 13, 18 are photocopies. 

la Mamly sermons given at St. Ludwig, Munich, Germany. 

a Cathohc Church |x Sermons. 

|a Sermons, German. 

a BATCH |b 00 |c 19981225 |1 NDU01 |h 0335 

c 2001 1208 |1 NDU01 |h 0234 

a RKUSMER |b 20 |c 20080212 |1 NDU01 |h 1 1 14 



Restrictions on use: 



COPYRIGHT 



UNIVERSITY LIBRARIES OF NOTRE DAME 
Preservation Department, Reformatting Unit 

TECHNICHAL INFORMATION 



FILM SIZE: 35mm 

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REDUCTION RATIO: /^X 



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is hoped that this practice will result in a 
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WAH RH E IT 

UND 
ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 
GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebend 
Wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund -Verlages 
Hans Waltmann 



DER GEIST DER PSALMEN 



UNIVERSITYsf 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 



v/.| 



Wir beginnen heute mit den Sonntagsbetrachtungen dieses 
Semesters; wollen es aber nicht tun, ohne zuerst Gott 
zu bitten, daß Er unsere Bemühungen segne. In ihnen geht es ja 
nicht um eine bloß intellektuelle Wahrheit, die dem Verstände 
klar werden, sondern um das lebendige Wort Gottes, das ins Herz, 
in den Grund unseres Seins gelangen soll, damit es dort Wurzel 
fasse und Frucht trage. 
So möge Gottes Heiliger Geist uns geben, daß das auch geschehe. 

Wir wollen uns in diesem Semester einem größeren Gegenstand 
zuwenden, und zwar den Psalmen. 

Sie bilden ein Buch des Alten Testamentes, das zwischen den 
Schriften der Propheten und den Weisheitsbüchern eingeordnet 
ist und aus einhundertundfünfzig geistlichen Dichtungen: Liedern, 
Gebeten, liturgischen Texten, Meditationen, Lehrgedichten, be- 
steht. Aus ihnen werden wir - ohne bestimmte Ordnung - ein- 
zelne herausnehmen und genauer zu verstehen suchen. Was den 
Text angeht, so halten wir uns an die Übersetzung, die im Auf- 
trag der deutschen Bischöfe gemacht worden und unter dem Titel : 
»Deutscher Psalter« im Kösel- Verlag erschienen ist. 



Die heutige Betrachtung nun soll alle ferneren einleiten und fra- 
gen, was die Psalmen für uns bedeuten, wenn wir sie nicht wissen- 
schaftlich, also philologisch, oder historisch, oder wie immer lesen, 
sondern als Wort Gottes in unser Leben hereinnehmen ? 



3 



Sie bilden, wie gesagt, eine Sammlung von einhundertundfünfzig 
geistlichen Dichtungen, welche sich durch eine lange Zeit hin zu- 
sammengefunden haben. Die frühesten sind von König David, 
also um die Jahrtausendwende vor Christus verfaßt; die letzten in 
der Zeit der Makkabäerkämpfe, also dem zweiten Jahrhundert. 
Sie sind sehr verschieden. Unter ihnen gibt es sowohl umfang- 
reiche, denken wir etwa an den großen hundertachtzehnten, mit 
seinen fast hundertachtzig Versen. Kurz vorher aber steht der 
kleinste, das »punctum psalterii«, Pünktchen im Psalter genannt, 
der nur zwei Verse hat. 

Verschieden ist auch ihr Inhalt. Es gibt solche, die Dank sagen für 
erfüllte Bitten ; andere, die voll sind vom Jubel über die Herrlichkeit 
der Welt Gottes; wieder andere, in denen sich das Bewußtsein 
großer Schuld ausdrückt. Manche Psalmen steigen aus unmittelba- 
rer Not auf, etwa der Bedrängnis durch Feinde, oder erlittenem 
Schicksal; andere tragen einen betrachtenden Charakter, sinnen 
nach über Gottes Werke in der Natur, oder über die Macht, mit 
der Er die Geschichte seines Volkes geführt hat, oder über die Weis- 
heit seines Gesetzes, welches das Leben der Glaubenden ordnet. 

» 

In ihnen herrscht also große Mannigfaltigkeit, doch wird alles 
durch etwas Gemeinsames verbunden. Da ist zunächst die ein- 
fache Tatsache der Tradition, die sie immer als Einheit gesehen 
hat. Dann aber die wichtigere, daß diese Dichtungen Gebete sind: 
Worte, die aus der Ergriffenheit des gläubigen Herzens kommen 
und das, was im Leben geschieht, vor Gott tragen. 
So haben die Psalmen denn auch in der Geschichte der christlichen 
Frömmigkeit eine große Rolle gespielt. Sie bilden den Grund- 
stofffür das Gebet der Kirche. Die Liturgie ist von Psalmentexten 
ganz durchsetzt. Sie sind wie ein Strom, der durch alles hindurch- 






geht. Auch stehen sie hinter vielen geistlichen Liedern; erscheinen 
in der christlichen Verkündigung wie im täglichen Sprachge- 
brauch und so fort. 



Und nun fragen wir: Was bedeuten die Psalmen? Was bedeuten 
sie für unser Leben ? 

Man hat gesagt, sie seien wunderbare Dichtungen. Die Schönheit 
ihrer Sprache, die Kraft ihrer Bilder wirke jene Erhebung des Ge- 
mütes, welche nur die große Kunst hervorzubringen vermag. Das 
ist wahr, aber doch nur bis zu einem gewissen Grade. Sicher gibt 
es unter den Psalmen herrliche Stücke, denken wir etwa an den 
großen Schöpfungspsalm, den vierundsechzigsten; oder an den 
fünfzigsten, der aus dem Bewußtsein tiefer Schuld entstanden 
ist, das »Miserere«. Es gibt aber auch andere, die, dichterisch ge- 
sehen, von nur durchschnittlichem Rang ; sogar solche, die einfach 
Handwerk sind. Man muß das sagen dürfen; und kann es um so 
leichter, als die eigentliche Bedeutung der Psalmen nicht in ihrer 
Uterarischen Qualität Hegt - ebensowenig wie etwa die Bedeutung 
der Paulinischen Briefe darin Hegt, daß sie kühne Gedanken ent- 
halten, oder die des Johannes-Evangeliums, daß es in metaphy- 
sische Höhen aufsteigt. Die Psalmen sind vielmehr Wort Gottes; 
Wort, das Er sagt, indem ein von Ihm ergriffener Mensch sein 
Menschenwort spricht. So sind sie Offenbarung, die zum Heil 
führt. 

Das aber in einer besonderen Form, nämlich der des Gebetes. Sie 
kommen nicht aus dem Erlebnis eines Menschengeistes - etwa 
eines Propheten - der göttliche Wahrheit erkannt hätte und nun 



5 



sagte: »also spricht der Herr«; sondern aus der Ergriffenheit eines 
Menschen, der sich betend zu Gott wendet. 
So ist die Weise, wie man eigentlich die Psalmen aufnehmen soll, 
nicht die, sie zu lesen, zu betrachten, zu studieren, sondern jene, 
sich von ihnen in ihre Bewegung zu Gott hineinnehmen zu lassen. 
Da aber wird man vielleicht eine eigentümliche Erfahrung machen. 
Man wird in Zweifel kommen, ob sich denn der Christ diese Ge- 
bete aneignen könne ? Ob in ihnen das Irdische nicht eine Rolle 
spiele, welche christlicher Gesinnung widerspricht ? Ob in ihnen 
die Leidenschaften nicht in einer Weise durchbrechen, die sich mit 
dem Geist Christi nicht vereinbaren läßt ? Manche unter ihnen, die 
sogenannten »Fluchpsalmen«, reden sogar die Sprache offenen 
Hasses. Sie rufen alles Unheil, ja Gottes Fluch und ewiges Ver- 
derben über den Feind herab. So kann es sein, daß das christliche 
Gefühl sich dagegen verwahrt; und es fehlt nicht an Stimmen, die 
fordern, diese Psalmen müßten entfernt; alle aber auf Anstößiges 
dieser Art hin durchgesehen werden. 

Andererseits besteht die Tatsache, daß wir es in ihnen mit Gottes 
Wort zu tun haben; der Mensch aber kein Recht hat, über dieses 
Wort zu urteilen oder an ihnen etwas zu ändern. Nehmen wir 
- was die Vorbedingung jedes gültigen Nachdenkens über die 
Offenbarung ist - diese Tatsache zum Ausgangspunkt, so wird uns 
gerade das, was Anstoß zu geben droht, zum Hinweis auf etwas 
Wesentliches. 



Man hat, um die genannten Schwierigkeiten auszuräumen, viel 
Scharfsinniges gesagt; und natürlich ist alles zu begrüßen, was zu 
tieferem Verständnis führen kann. Ich glaube aber, es gibt einen 



1 



i 



Gesichtspunkt, der geeignet ist, uns ohne allen Aufwand, mit der 
schlichten Kraft der Wahrheit weiter zu führen. 
Wer redet denn in denPsalmen > EinMensch, der keinHeide mehr 
ist. Die Göttlichkeit, an die er sich wendet, ist nicht mehr die 
der Mythen und Mysterien. Diese war die religiöse Tiefe des 
Alls, die religiöse Mächtigkeit des Daseins, aber mißverstanden 
als Göttlichkeit der Welt selbst. Wenn der Mensch sich in den 
heidnischen Mythen bewegte, dann nahm er die Welt als das Ein- 
und-Alles, gab sich ihr hin, verfiel ihr. Mit einer solchen Frömmig- 
keit hat der Beter der Psalmen nichts mehr zu schaffen. 
Der zu dem sie reden, ist der Lebendige Gott, welcher über aller 
Welt steht. Wir können die schwierige Frage, was »Götter« in 
Wahrheit seien, hier nicht erörtern; so wollen wir der Einfachheit 
wegen sprechen, als ob sie wirklich Etwas seien. Jedenfalls bedür- 
fen sie der Welt. Es gäbe keinen Zeus, wenn die Himmelswölbung 
und die Ordnung der Gestirne; keine Gaia, wenn die dunklen und 
fruchtbaren Tiefen der Erde nicht wären. Der Gott der Psalmen 
ist Jener, welcher der Welt nicht bedarf. Er ist in sich selbst, und 
durch sich selbst. Der Name, unter dem Er sich in der entschei- 
denden Stunde auf dem Horeb geoffenbart hat, »Jahwe«, wird 
durch die griechische und lateinische und nach ihnen die deutsche 
Übersetzung mit dem Wort »der Herr« wiedergegeben. »Herr« 
aber ist Er nicht erst deshalb, weÜ Er über die Welt herrscht, son- 
dern weil Er seiner selbst mächtig ist. 

Dieser Gott ist es, an welchen der Psalm sich wendet. Der Glaube 
an Ihn löst den Betenden aus der Bannung, die in jeder Äußerung 
heidnischer Frömmigkeit hegt, so herrlich sie im einzelnen sein 
mag. Der Anruf dieses Gottes hebt den Menschen in eine Freiheit 
die es von der Welt her nicht gibt - weder in der kühnsten Meta- 
physik, noch in der tiefsten natürlichen Kontemplation. 



Das alles ist wahr. Wahr ist aber auch, daß der Mensch der Psal- 
men noch kein Christ ist. Er hat die Botschaft von Gottes drei- 
einigem Leben und Seiner darin begründeten Freiheit noch nicht 
vernommen. Ebensowenig die Kunde, daß dieser Gott die Welt 
Hebt, in freier personaler Liebe; so sehr, daß Er die Verantwortung 
für die Schuld seines empörerischen Geschöpfes auf sich nimmt. 
Daß Er selbst diese Schuld sühnt, und damit einen Anfang schafft, 
aus welchem ein neues Dasein hervorgeht. Von alledem weiß der 
Mensch des Alten Testaments noch nichts. Er ist erst vom Heid- 
nischen zum Christlichen unterwegs. Wohl auf dem rechten Wege, 
der immer weiterführt, aber noch nicht im Eigentlichen. 
In der Geschichte des Alten Testaments hat sich etwas ereignet, 
das sich tief in das Gedächtnis des Volkes eingegraben hat; ja zur 
Grundform geworden ist, wie es sein Dasein verstanden hat: die 
lange Wanderung aus Ägypten - des Landes, in welchem sich 
Mythos und Mysterium in eindrucksvollster Weise entfaltet ha- 
ben - durch die Einsamkeit der Wüste, geführt durch die persön- 
liche Gegenwart des Lebendigen Gottes, ins versprochene Land. 
Das ist das Daseinsbild des alttestamentlichen Menschen: er ist 
unterwegs. 

Aus diesem Unterwegs-sein heraus reden die Psalmen. So tritt in 
ihnen alles zutage, was im Menschen lebt: die Freuden, die Nöte, 
die Ängste, die Leidenschaften. Alles wird aber vor Gott getragen. 
Nicht dionysisch. Nicht in einer All-Bejahung des Daseins. Nicht 
so, daß gesagt würde : Lebe ; je stärker und glühender, desto besser ! 
Es wird nicht gesagt: Auch der Haß, auch die Rache, auch Ver- 
wünschung und Fluch sind Leben und deshalb gut. Sondern es 
wird gesagt: So ist der Mensch; voll von Erdenwillen; voll von 
Lebenshunger; voll von Leidenschaft aller Art, von Haß und 



8 



Rachsucht, aber er bleibt bei Gott. Er tritt vor Ihn. Er zeigt sich 
Ihm, wie er ist. 

So steht der Heilige über allem, was da gesagt wird, und alles er- 
fährt von Ihm her Gericht. Nehmen wir jene Psalmen, die den här- 
testen Anstoß geben: die Fluchpsalmen. Vergleichen wir sie mit 
Formen religiöser Verfluchung, wie sie in der heidnischen Magie 
vorkommen, dann sehen wir den Unterschied. Diese offenbaren 
den Willen, Hand auf Gott zu legen; Ihn durch Reizung und Be- 
schwörung zu zwingen, daß Er die vernichtende Wirkung aus- 
übe. Davon findet sich im Psalm nichts. Gottes Freiheit bleibt un- 
angetastet. Immer ist Er der Herr und der Richter. Alle Leiden- 
schaft, aller Haß werden vor Ihn getragen, und ebendamit voll- 
zieht sich Unterscheidung; wird Wahrheit; geschieht Befreiung. 



Nun könnte aber einer sagen : Ich bin doch nicht mehr unterwegs. 
Ich bin ja Christ! Ihm wird man antworten müssen: Bist Du das 
wirklich ? Wagst Du zu sagen, Du habest die Christlichkeit ver- 
wirklicht ? 

Was heißt denn das : ein Christ sein ? Die erschöpfendste Antwort 
hat vielleicht Paulus gegeben, wo er im Galater-Brief sagt: »Ich 
lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir« (2,20). 
Und dann denkt man weiter: »Und eben dadurch bin ich erst Ich- 
selbst.« Ist das so bei Dir ? Kannst Du sagen, Du seiest in die leben- 
dige Einwohnung, in die heilige Gesinnung Christi eingegangen, 
und aus ihr heraus Du selbst geworden ? Man braucht diese Frage 
ja doch nur zu stellen, um zu wissen, woran man ist. 
Was da im Menschen des Alten Testamentes lebt, ist ja doch auch 
noch in uns. Nicht in der Weise, wie im Menschen der Zeit, da 



das Werk der Offenbarung und der Erlösung geschichtlich noch 
nicht » vollbracht« waren Qoh 19, 30). Wohl aber in der Weise der 
Verwirklichung in uns. Auch wir sind ja erst zum Christ-sein 
unterwegs. Wir haben wohl die Botschaft vernommen und sind 
getauft, und glauben -bemühen uns, zu glauben, sagen wir besser; 
aber das alles ist erst ein Wandern und Sich-durchkämpfen. Auch 
dafür hat Paulus das Entscheidende gesagt, wenn er im Römer- 
brief davon spricht, daß in uns der neue Mensch, der »gleich- 
förmig ist dem Bilde von Gottes Sohn« (Rom 8, 29), durchdringen 
muß durch den alten, der in Auflehnung und Verwirrung steht; 
daß wir den alten »ausziehen«, hinter uns lassen und den neuen 
»anziehen«; aus einem verknechteten und verdorbenen Zustande 
hinübergehen müssen in die Freiheit und wesenhafte Wahrheit des 
in Christus Wiedergeborenen. 

Wollte aber jemand weiter auf seinem Recht bestehen und sagen: 
Ich habe aber doch in der Schule Christi gelernt; in mir ist kein 
solcher Haß wie der im Psalm! - dann könnte man nur aber- 
mals antworten: Ist das wirklich so? Oder nur deshalb, weil Du 
noch keine Gelegenheit hattest? Liegen in Dir nicht die gleichen 
Möglichkeiten, und würden erwachen, wenn der Anlaß käme ? 
Vielleicht sogar noch schHmmere ? 

Ein gern und leicht erhobener Einwand gegen die Wirklichkeit 
der Erlösung lautet: Ist denn die Welt nach Christi Tod und Auf- 
erstehung besser geworden ? 

Sehen wir einmal von alledem ab, was durch Ihn und sein Wort 
wirklich besser, ja anders und ganz anders geworden ist. Lassen 
wir die Frage redlich zu: Ist die Welt in ihrer geschichtlichen 
Ganzheit besser geworden? Vielleicht müssen wir sie verneinen. 
Vielleicht ist ihr unmittelbarerZustand sogar scHimmer geworden. 



10 



V 



Die Person Christi hat den Unterschied zwischen Gut und Böse 
offenbar gemacht. Gutes wie Böses sind mündig geworden. Der im 
mythischen Bewußtseinszustand lebende Mensch weiß noch nicht 
wirklich, worum es da geht. Alles spielt noch in Eins, wie die 
Kräfte der Natur. Der Unterschied zwischen Gut und Böse geht 
immer in den von Schön und Häßlich, oder Edel und Unedel, 
oder Gesund und Krank über. Erst an Christus scheiden sichWerte 
und Wege. Er erst ist das Gericht. 

Wenn nun der Mensch das Gute wollte, war es das SittHch-Heilige, 
das Tun wie Er tut, und hatte den Ernst des Kreuzes. Ebenso wie 
das Böse nun den Widerspruch gegen den Mensch gewordenen 
Sohn des Heiligen Gottes bedeutete; der Aufstand gegen Den, der 
»in sein Eigentum gekommen war, und den die Seinen nicht auf- 
nahmen« Qoh 1,11); nein, den sie töteten. 
So ist das Böse seitdem furchtbarer denn je; offenbar, bewußt und 
gewollt. Nie sind in der heidnischen Zeit Dinge geschehen, wie 
sie in den letzten vierzig Jahren geschehen sind. Wir aber gehören 
zu unserer Zeit und haben alle Ursache, anzunehmen, daß das 
Schreckliche auch in uns ist. Es kommt nur darauf an, wie weit 
Gott die Bitte erfüllt: »Führe uns nicht in Versuchung«. 

Die Psalmen können für uns eine große Bedeutung haben: Daß 
wir nämlich, sie sprechend, uns selbst offenbar werden. Daß wir 
unser Herz, so wie es ist, und nicht bloß so wie wir es kennen; 
auch sein Verborgenes, auch seine dunkle Tiefe vor Gott tragen. 
Daß wir die Worte, die da gesprochen sind, annehmen: Ich bin 
in die Bindungen des Daseins eingeflochten. Ich denke immerfort 
an Irdisches. Ich hasse. Ich wünsche meinem Feinde Böses. Ich 
würde ihn vernichten, wenn es in meiner Möglichkeit stünde . . 
Aber, Herr, ich stelle mich vor Dich, mit allem, was in mir ist. 



11 



I 



Du sollst es sehen. Du sollst es richten, und mögest Du mich 
heilen! 

Wenn wir die Dinge so betrachten, dann sehen wir, wie wichtig 
diese Texte sind. Man darf ruhig sagen: Je stärker ihr Wort um 
stoßt, desto mehr Anlaß haben wir, zu denken, daß wir darin 
offenbar werden. Daß wir es also annehmen und in ihm betend zu 
Gott gehen sollen. 



6 



WEG UND FRUCHT 
Der erste Psalm 



** 



iz 



I 






LIEBE FREUNDE, 



Wir haben am vergangenen Sonntag angefangen, über die 
Psalmen nachzudenken. Um sie besser zu verstehen, haben 
wir die Frage gestellt, aus welcher Innerlichkeit diese Dichtungen 
hervorgegangen seien. 

Man nimmt an den Psalmen vielfach Anstoß, weil sie so sehr 
menschlich, so ^sehr irdisch seien, auch so viel Dunkles in ihnen 
durchdringe, und fragt, wie sie dem Christen als Gebet dienen 
können, der doch durch das Vaterunser zu einer ganz anderen 
Haltung erzogen werde. Alles das muß aber, haben wir gesehen, 
aus der Verfassung des Menschen verstanden werden, der die 
Psalmen spricht. Er ist kein Heide mehr. Er hat die Befreiung 
erfahren, welche die Einsicht gibt, daß die Welt nicht gött- 
liches All, sondern Gottes Werk; daß der Mensch wohl er selbst, 
aber von Gott gerufen und Ihm verantwortlich ist. Doch ist 
dieser Mensch noch kein Christ und weiß noch nicht von Got- 
tes erlösender Liebe. So ist er erst vom Ersten zum Anderen un- 
terwegs. 

Aus diesem Zustand heraus redet er in den Psalmen. So, wie er 
ist, stellt er sich vor Gott. 

Die Schrift sagt also nicht: Den Feind so zu hassen, wie es da ge- 
schieht, ist gut; sondern sie sagt: der Mensch ist so - und Du 
ethisch Überlegener, bist es auch, trotz Deiner angeblichen Christ- 
lichkeit. Laß die Gelegenheit kommen, dann dringen aus Deinem 
Herzen die gleichen Gefühle und Wünsche. Und wir haben uns 
daran erinnern müssen, daß der moderne Mensch, nachdem er 
getan, was in den letzten vierzig Jahren geschehen ist, jedes Recht 



15 



zu einer Kritik an der Ethik des Alten Testaments verloren hat. Er 
soll schweigen, bis er ein wenig begriffen hat, wofür er Verant- 
wortung trägt. 

Und nun wenden wir uns dem ersten der Psalmen zu. Er bildet 
das Eingangstor, durch das man in die reiche Welt dieser ändert- 
halb hundert Dichtungen eintritt, und lautet: 

Selig der Mann, 

der nicht dem Rate der Gottlosen folgt, 

der Sünder Weg nicht betritt, 

im Kreise der Spötter nicht sitzt; 

vielmehr seine Freude hat am Gesetz des Herrn, 
bei Tag und bei Nacht über Seinem Gesetze sinnt. 
Er ist wie ein Baum, 
an Wasserbächen gepflanzt, 

der Frucht hervorbringt zur rechten Zeit 
und dessen Blätter nicht welken: 
alles, was er beginnt, gerät ihm wohl. 

Nicht also die Gottlosen, nein, nicht so, 
wie Spreu sind sie, die der Wind verweht. 

So werden die Gottlosen nicht im Gerichte bestehn, 
die Sünder nicht in gerechter Gemeinde. 

Der Herr umsorgt den Gerechten, 

der Weg der Gottlosen aber führt in den Untergang. 



16 



Das Gedicht ist sehr einfach. In ihm findet sich weder ein großer 
Aufstieg zu metaphysischen Höhen, noch ein Niederdringen in 
die Abgründe des Daseins. Je mehr man sich aber hineindenkt, 
desto reicher und schöner wird es. 

Es ist auf drei Bildern aufgebaut. Bildern, die aus dem Leben des 
Volkes stammen, in dessen Mitte der Psalm entstanden ist; die 
aber unter diese Besonderheiten in die Tiefen des Daseins über- 
haupt hinabreichen; Urbildern, mit denen jeder Mensch sein 
Leben deutet. * 

Das erste erscheint gleich im ersten Vers: das Bild des Weges. 
»Weg« ist etwas, das wir vollziehen, so oft wir irgendwohin 
gehen - und wir gehen ja immer irgendwohin. »Weg« bedeutet, 
daß man von einem Ausgangspunkt aus vorangeht; von Stelle 
zu Stelle weitergegeben wird, Schritt um Schritt - und es wäre 
schön, meine Freunde, wenn Sie das Gefühl wegtäten, das seien 
Selbstverständlichkeiten, über die sich nicht lohne, nachzudenken; 
vielmehr die Urgestalt empfänden, die sich da zeigt. »Weg« 
bedeutet, daß jeder Schritt bei dem vorhergehenden anknüpft 
und den nächsten vorbereitet; daß die Bewegung Richtung hat, 
auf ein Ziel zu, bei welchem der Gehende endlich anlangt; daß 
man müde werden kann, aber auch ruhen; richtig gehen und 
auch falsch . . 

»Weg« ist eine Grundfigur, nach welcher alles Geschehende 
geschieht. Wenn da eine Pflanze wächst: erst ist sie ein Samen- 
korn, dann wird sie zum Keimling, dann formt sie sich weiter, 
Stufe um Stufe - ist das nicht auch Weg ? Der Weg im Wachstum 
und im Wandel der Gestalt? Auch hier bereitet ein Vorher- 
gehendes ein Nachfolgendes vor. Das Zweite seinerseits ruht auf 
dem Ersten, und ist Schritt zum nachher Kommenden. Nichts 



17 



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steht für ■«* allein; alles ist Glied eines Zusammenhangs. Auch 
eine Richtung ist da: die auf das Werden dieser Pflanze zu, und 
nicht emer anderen; Gefährdung istda und Gelingen, undsofort.. 
Auch in emer Arbeit ist Weg: Ich fange an; dann gehe ich von 
Abschnitt zu Abschnitt weiter. Ich kann nicht zuerst tun, was 
Zweites ist. Jedes wird vom Vorhergehenden vorbereitet und 
macht seinerseits, daß das Folgende verwirklicht werden könne. 
Auch Richtung ist darin, auf ein Ziel zu, nämlich das fertige 

Werk;Mude-werdenundAusruhen;Gefahr und Überwindung 
Weg ist auch in einer persönlichen Begegnung. Ich treffe einen 
Menschen, und schon hegt ein langer Weg dahinten, denn ich 
komme aus meinem Leben her; er aus dem seinen; und jeder hat 
sein Schicksal gehabt. Die Begegnung geschieht; das Gemüt er- 
fahrt einen Eindruck; ein Interesse erwacht; ein Vertrauen ent- 
steht, und es entwickelt sich, von Mal zu Mal, was da werden 
soll: eme Freundschaft, eine Werkgemeinschaft, eine Liebe, samt 
allem was es darin an Krisen und Überwindungen, an ErfülW 
und Enttäuschung gibt. ö 

Der Weg ist ein Ur-Bild: Weise, wie das Endliche sich in Zeit 
und Raum verwirklicht. Es taucht überall auf, in Weisheit und 
Dichtung, ui Mythus und Traum. Dieses Bild wird vom Psalm 
als Ausdruck für das Tun des Menschen gebraucht 
Zuerst spricht er vom falschen Weg. Denn wenn es den rechten 
Weg g,b t , gibt es auch den verkehrten; zum Gehen gehört die 
Möglichkeit des Irrens. Der Mensch, der hier spricht, weiß davon ■ 
er lebt ja m Palästina und ist Nachbar der Wüste. Wie sieht aber 
der Irr- Weg aus ? 

Er besteht im Tun des Menschen, »der dem Rat der Gottlosen 
tolgt, der Sünder Weg betritt, im Kreise der Spötter sitzt«. Wenn 

18 



einer zum Zögernden sagt : Sei nicht dumm. Nimm Deinen Vor- 
teil. Alle tun es, und wenn Du Dich richtig anstellst, merkt es 
schon keiner - wenn der so Beratene sich darauf einläßt, geht er 
den falschen Weg . . Das gleiche tut, wer sich der heiligen Wahr- 
heit überlegen dünkt; es besser zu wissen meint als sie, weil dieser 
Philosoph, jener Dichter so sagt; wer sich über die altmodischen 
Vorurteile lustig macht, weil er doch das Leben kennt und ein 
Mann der Praxis ist . . 

Inwiefern ist da Weg ? Nehmen wir an, jemand lasse sich auf die 
Möglichkeit eines unehrlichen Gewinns ein. Das ist beim ersten 
Mal schwer. Er muß sein Gewissen zum Schweigen bringen; 
muß die Widerstände überwinden, die durch gute Erziehung und 
rechte Berufssitte aufgebaut worden sind. Das nächste Mal geht 
es schon leichter, weil ein Zusammenhang entstanden ist, der im 
Abnehmen des Widerstandes besteht; in der Leichtigkeit, dem 
Impuls zu folgen. Eine Art Gefälle hat sich gebildet, auf die Un- 
ehrlichkeit hin. Das ist Weg. 

Kein schlechtes Tun steht nur im Augenblick; immer ist etwas 
vorausgegangen, und etwas folgt. Noch dem sclilimmsten Ver- 
fallensein - an Unordnung und Unwahrheit, an die Leidenschaft, 
an den Haß - ist etwas vorausgegangen, und dem wieder etwas, 
und diesem ein Früheres, und zuerst war ein Beginn. Dann war 
alles Schritt; jeder hat Weg geschaffen ; hat ihn breiter, glatter, 
abschüssiger gemacht . . 

Dann aber spricht der Psalm vom guten Weg ; und tut es so, daß er 
sagt, der Mensch, der ihn geht, habe » Freude am Gesetz des Herrn «. 
Meine heben Freunde, es gibt eine Art, das Gute zu sehen, die 
schon die Wahrscheinlichkeit in sich enthält, man werde es nicht 
tun - daß man nämlich nur denkt : ich soll ; daß man das Gute nur 



19 



als Pflicht versteht. Natürlich ist das Gute Pflicht, die man tun 
»soll« aber das bildet nur die eine Seite seines Wesens; die andere 
besteht darin, daß das Gute etwas Großes ist, und man es tun 
»darf«. Wir Menschen haben von Gott die Möglichkeit erhalten 
das Gute tun zu können; das wunderbare Recht, es tun zu dürfen' 
Das zu wissen, ist mit der »Freude am Gesetz des Herrn« gemeint.' 
Wer Gottes Willen nur als ein Joch versteht, das getragen werden 
muß-und wie manche Morallehre tut so; immer nur: das sollst 
du, das darfst du nicht - der sieht nicht, wie das Gute leuchtet. 
Er weiß nichts von jener Freude. Die sollen wir aber empfinden; 
ruhlen, wie schön, wie heilig-kostbar das Gute ist. 
Weiter wird gesagt, den guten Weg gehe »der Mann, der bei Tag 
und bei Nacht sinnt über Gottes Gesetz«. Bei Tag und bei Nacht - 
wohen wir doch einmal, jeder von uns, einen Gedanken der Selbst- 
prüfung zulassen: Wieviel Mühe gebe ich mir, das Gute zu ver- 
stehen? Wieviel Zeit verwende ich darauf, zu erkennen, was in 
meinem Leben recht ist und was falsch > Welchen Bruchteil auch 
nur der Aufmerksamkeit, die ich der Zeitung gebe, verwende ich 
darauf» Müssen wir nicht sagen: so gut wie nichts? Und wie 
sieht es dann mit unserem Weg aus ? 

Hier sagt der Psalm: Der richtige Weg besteht darin, nicht jede 
Torheit zu lesen, die heilige Wahrheit aber auf sich beruhen 
sondern ihr mit Geist und Herzen nachzugehen, und sich die Er- 
kenntnis auch wirklich etwas kosten zu lassen. 



Dann die zwei anderen Bilder, beide schön und groß. Das eine 
sagt: Der den guten Weg geht - und nun wird das Bild des 



20 



Weges verlassen, und ein anderes aufgerufen - »wird wie ein 
Baum, an Wasserbächen gepflanzt«. 

Wir denken an den Orient, wo die Sonne brennt und das Wachs- 
tum zerstört - an einem Bach aber, selbst schon eine Kostbarkeit 
für den Menschen dieser Länder, steht ein Baum; dessen Wurzeln 
greifen in die feuchte Tiefe hinunter und saugen reiche Nahrung; 
der Stamm wächst auf wie eine Säule der Festigkeit; die Zweige 
breiten sich aus, grünen und blühen und fruchten . . Auch das ist 
ein Ur-Bild. Erinnern wir uns an den Lebensbaum, der in Mythen 
und Märchen erscheint und jenes Dasein bedeutet, das Stand und 
Gestalt hat; mit seinen Wurzeln dort hinreicht, wo die Quellen 
sind; blüht und Frucht trägt. 

So ist der Mensch, der klare Sinngestalt hat, in festem Grunde 
steht und reiche Lebensfrucht bringt - »in Geduld«, wie der Herr 
sagen wird, stetig und nicht zu ermüden. 

Diesem Bild wird für den Menschen, der den falschen Weg geht, 
ein drittes gegenübergestellt : » Nicht also die Gottlosen, nein, nicht 
so, wie Spreu sind sie, die der Wind verweht.« 
Wenn der palästinensische Bauer das Getreide geerntet hat, bringt 
er es auf die Tenne. Die hegt hoch, so daß der Wind über sie 
hinwehen kann. Darauf wird das Getreide gedroschen, das Stroh 
herausgeholt, und nun hegt der Rest da, ein Gemenge von Kör- 
nern und Spreu. Dann nimmt der Bauer die Wurfschaufel und 
wirft den Drusch quer durch den Wind hindurch. Die schweren 
Körner kommen auf dem Haufen an, der immer höher ansteigt 
- im Hohenlied ist diese Häufung reifen Korns ein Bild für die 
Schönheit - die Spreu hingegen wird durch den Wind weg- 
geweht, zusammengefegt und verbrannt. 
So das Bild, und nun dessen Sinn: Der den falschen Weg geht, 



21 



' 



wird nicht wie reifes, schweres Korn, fest geformt und voll von 
Leben, sondern wie die Spreu, die leer und dürr ist, von jedem 
Wmd weggeweht und zu nichts gut, als in kurzer Flamme zu 
verbrennen. 



Wie reich ist der einfache Psalm! Nur sechs Verse hauen ihn auf • 
aber wie sind sie dicht an Gestalt und voll von Sinn. Freilich muß 
man ihn erforschen. 

Man muß ihn befragen. Nur der wirklich Fragende erhält Ant- 
wort. Gewiß es gibt Fragen, die keine Antwort bekommen - 
dann, wenn der Befragte keine weiß; wie das so oft der Fall ist 
wenn er ein Mensch ist. Hier redet aber Gott. Wenn der Ernst 
des Gewissens wirklich Antwort will, und das Herz bereit ist sie 
anzunehmen, dann kommt sie. 

So oft man den Psalm vernimmt, stellen sich auch Erinnerungen 
an das Neue Testament ein. 

Etwa an die Worte, die Johannes der Täufer vom Messias sagt- 
»Der nach mir kommt, ist stärker als ich. Ich bin nicht gut genug' 
Ihm die Riemen seiner Schuhe zu lösen. Er aber wird euch taufen 
mit Heiligem Geist und mit Feuer.« Und weiter: »Er hat die 
Wurfschaufel in der Hand und wird die Tenne rein machen. Er 
wird seinen Weizen in die Scheuer bringen; die Spreu aber ver- 
brennen mit Feuer, das niemand löscht. « (Mt 3, 12) Die Bilder des 
Psalms! Christus ist Jener, der die Frucht sondert und wägt; das 
Gutgewichtige in die Ewigkeit trägt, das Leere aber der Ver- 
wehung preisgibt. 

Vom gleichen Christus wird auch das andere Bild gesagt - nein, 



Er sagt es selbst: »Ich bin der Weg!« (Joh 14,6). Das heißt einmal- 
»Ich zeige ihn«; durch Gebot und Weisung. Darüber hinaus aber 
meint es, daß Er selbst der Weg ist; in Dingen des Heils das ist 
was in Dingen des Verkehrs die Straße und der Pfad. Daher 
jeder, der sich gegen Christus stellt, aus der rechten Richtung 
kommt; jener nämlich, die zum Vater führt. Gott, der lebendige 
Vater, steht nicht auf dem Markt, so daß jeder Ihn sichten und 
fassen kann. Er ist nicht einfachhin verfügbar, weder für das 
religiöse Bedürfnis noch das selbstherrliche Denken. Sondern Er 
ist der verborgene Gott; und Christus hat ausdrücklich gesagt- 
» Niemand kommt zum Vater, es sei denn durch Mich ! « (Joh 14, 6) 
Zum Vater kommen wir nur durch Jenen, den der gleiche Vater 
zu uns gesandt hat. Er ist der Weg. Wer den nicht gehen will, 
endet ganz anderswo. 

Paulus aber antwortet auf die Frage nach dem wirklichen Gott 
Er sei »der Gott und Vater Jesu Christi« (Rom 15, 6). Keine vom 
freien Erleben und Erdenken erreichbare Göttlichkeit, sondern 
Jener, den Jesus meint, wenn Er sagt: »Mein Vater«. Dieser, und 
nur Dieser. Alles andere führt in die Irre. 
Das ist so, ob es uns gefällt oder nicht. Jeder würde es für Torheit 
halten, eine Stadt, die im Süden hegt, so erreichen zu wollen daß 
er nach Norden ginge. Die Unerbittlichkeit, welche den Weg 
zum Vater bestimmt, ist von noch ganz anderer, von absoluter 
Strenge. 



22 



23 



I 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis . i. Auflage 1956 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



/ 



BX 
!l756 

.G85 

W3 



V.2 



2 



WAHRHEIT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung ; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



GOTTES HIRTENSORGE 



Psalm 22 



UNIVERSITYif 
NOTREDAME 




LIBRARIES 









LIEBE FREUNDE, 




754 

V. 2- 



j\/| anche der Psalmen wachsen aus der Geschichte des be- 
X T Xrufenen Volkes heraus; andere wieder aus dem persön- 
üchen Leben emes Einzelnen. Unter diesen ist der zweiunW 
-gs e besonders eindrucksvoll. Bevor wir uns ihm zuwend" 

Ar &2 die Atmosphäre naheb — - # 

S* ist uns fremd geworden. Wir wissen nichts mehr von der 

It £T ^ d u r Men ? "* ^ Tieren -ammenlebt 
die e kennt und hebt, von denen er Nahrung und Kleidung hat 

nttcXi ^ .^^r "* ^ K *h« Gefahrene' 
mrem Geheimms. Von mm zu seinen Tieren geht wie ein Strom 

vo U n n CSer /t "^iT* Vsaim - Er ist der Überlieferung nach 
von David selbst verfaßt, der ja als junger Hirt von den Herden 

t 1 :! Z d Tr ' d ? Königs Saul kam > & SÄd - ££ 

lascne und den Stab m der Hand — 

Das berufene Volk war ein Volk von Hirten. Die Genesis berich- 

et, wie Gottes Befehl Abraham, seinen Ahnen, in Mesopo ££. 

Sri "' dCm RU£ **"™- °* -- Herden in^ 

tf hT^ T , t: we seine Famili e dort zu ^ roßer ZalJ ***** 

wachst und sich dann, zur Zeit einer harten Hungersnot nach 
Ägypten flüchtet; aus ihr dort ein Volk wird; es 2ÖÖ 
Knechtschaft gerät und schließlich durch Moses befreit 3*5 

Smofr^ " n F tT g "* "^ Herden durch d - Wüste 
kämpft, und vom verheißenen Land Besitz nimmt. 



[3] 



2 7 



Der Hirt mit seiner Herde sind diesem Volk ein altvertrautes Bild, 
und was zwischen ihnen geschieht, wird ihm ohne weiteres zum 
Gleichnis für die Dinge des Lebens. — 
Der Psalm aber lautet so: 

Der Herr ist mein Hirt, nichts kann mir fehlen; 
Er läßt mich rasten auf grüner Au. 

Er führt mich zur Ruh an lebendige Wasser, __ 

gewährt meiner Seele Erquickung. 

Auf rechten Wegen leitet Er mich, 
um Seines Namens willen. 

Und müßte ich gehn in dunkler Schlucht, 
ich fürchte kein Unheil : Du bist bei mir. 

Dein Stock und Dein Stab, 
sie geben mir Zuversicht. 

Den Tisch bereitest Du mir 

ins Angesicht denen, die mich bedrängen. 

Du salbest mit Öl mein Haupt, 
und übervoll ist mein Becher. 

Die fluid und die Gnade gehen mir nach 
durch all meines Lebens Tage, 

und wohnen darf ich im Hause des Herrn 
durch lange und lange Zeit. 

Eine große Innigkeit durchzieht den Psalm. Der Mann, der da 
redet, fühlt sich als Glied von Gottes Herde, und er hat sicheres 



ÄSE*" *•* Dieser ist der H - - •-*■ im 

Denn wie leicht »fehlt, etwas in einem Lande, das zum großen 

ohZTS'jT best t ! Die ist * ärlich fc~**Ä 

tdjf Zu ta8e SUchen ' bis sie Gras ™*hs findet Er- 

STh i me ' >grÜne AU « - * kostbar * * dann - Wem 

Gab „ m> dCm T rd diCSe gfÜne FüUe ' Gleic ^ aUe gu^n 
Oaben, immer gewährt. — g 

ist daf w"^ T ^ " Iebendf S e Wa — Im ^nd der Bibel 

stehet dt l o ^ WaSSer<<> im Unt ^hied «» Zi- 

Ze'cS O H T*^ 11 ™™ gCSammelt hat ' d - Zackig 
cnmeckt, Quelle, che immer fließt und kösthch den Durst löscht 

Um 2U sagen, wie wunderbar das Paradies war, erzähl d e Ge 
nesxs von seinen Flüssen, deren vier, strömend von küHer Füt 
das Land fruchtbar machen. ' 

Wer s ich Go^s Sorge anvertraut, der wird zu einem Reichtum 
gefuhrt dessen Unerschöpfhchkeit nicht nur hin und wfeder eT 

örs eruhig ; nde sicherhdt gibt - «^ Ss 

das Worr SPendet D ° rt fmdet » Seine &*« - und 

q tk!ng, memt SCm §an2eS lebCndiSeS MenSch — - »Er- 

* Auf "*£ We 8 en le »et Er mich.« Denken wir an das Land 
zurück, das zum großen Teil Einöde ist, in welcher nicht "l 
gebahnte Wege führen. Wie leicht kann da ein hT f e uthen 
» wasser ose Gegenden kommen, wo die Herde JunStfa 
» ge ahrhche, wo Räuber sie überfalle, Gott «leitet auf rec£ 



28 



[4] 



[5] 



29 



Das aber tut Er »um Seines Namens willen«. Der »Name« ist die 
Offenbarung, in welcher Gott kund getan hat, wer Er ist- der 
Mächtige, aber auch der Gütige und Sorgende. Jener, der sich in 
heiligem Bund diesem Volk verpflichtet hat. Nicht, weil Er, wie 
die heidmschen Numina, die mythische Verdichtung eines Volks- 
lebens wäre, sondern weil Er in freier Gnade dieses Volk erwählt 
und zum Träger der erlösenden Geschichte gemacht hat. - 
»Und müßte ich gehn in dunkler Schlucht« - nach anderer Über- 
setzung: »in der Schlucht des Todes« - »ich fürchte kein Unheil- 
Du bist bei mir«. Im Gebirge kann es ja geschehen, daß die Sonne 
untergeht, rasch, fast plötzlich, wie sie das im Süden tut, und der 
Hirt mit seiner Herde durch eine Talenge ziehen muß. Darin ist 
es unheimlich. Raubtiere können anspringen; Wegelagerer vor- 
brechen. Die Herde geht dichtgedrängt dem Hirten nach; sie hat 
aber keine Angst, denn »sein Stock und sein Stab, sie geben ihr 
Zuversicht«. 

Mit »Stab« ist der Hirtenstab gemeint, Ausdruck für die Wach- 
samkeit, die Erfahrung und ruhige Sicherheit des Mannes, der mit 
semer Herde verwachsen ist und die Anzeichen kennt. Darauf ver- 
läßt sich die Herde. Vielleicht dürfen wir auch daran denken, daß 
der Gehende bei jedem zweiten Schritt mit dem hohen Stab an 
den Boden stößt, so daß seine Tiere den Aufprall hören und auch 
im Dunkel der führenden Gegenwart gewiß bleiben. Was aber 
den »Stock« angeht, so ist mit ihm die Keule gemeint, die der 
Hirt zur Verteidigung führt und mit der er seine Herde schützt 
So sagt der Betende zu Gott: »Bei Dir bin ich geborgen!« 

An das Bild des Hirten schließt sich ein anderes, ebenfalls aus der 
Wirklichkeit dieser Welt genommen: das der Gastfreundschaft 
»Den Tisch bereitest Du mir.« Der Wanderer ist einen langenWeg 



30 



[6] 



■* allem, ÄtSSSSSS^ ^ £ ^^ «* 
Den Tisch aber bereitet er dem Wanderer »ine a ■ «. . 
die ihn bedrängen« Dieser hat IT 1 u Angesicht denen, 
folgt; nun i/er SS^Ä^^^*^^ 
^her, bietet ^Ö^Ä^ ^ 
sehen, wie sein Schiit»!»,,» • l , , ble mo g e n zu- 

^en daß £^^^^*^ 

lebend: Segnet bT ^Äf* * * ** * 
Hause L pSÄ^^S ^ ft * * 
keit vorhält- »Ich bin S£T5 , CSem Seme Un l>öfhch- 

Wasser iürd m"!^ " f^^ du ha * ™ k ™ 
»hat mir die Kßettlhfen T ••" "' " *** VOn M ^ h " 
getrocknet. SSbTÄÄ f**?* # ** Haaren 
dem Augenbhck Z T g ? geben; sie aber h « von 

Füße zu kÜssen Du\a S Z Tu ^ nach S eI — , mir die 

aber hat JT^Ts^ T "% "* Ö1 «***> sie 
l^^l^SSÄff*" ( Lk7 ' 44 -^) Das öl 

verbreitet fesfhehen Duff 1 U S A "? Sp ? aden ^ Scht «* 
freundschaft. da$ * em Brauch der Gast- 

»Und übervoll ist mein Becher « Mi^.- i--- i- t 

»Huld und Gnade« selb7sLd e T V^****"™** ^ 

smd es, die dem von Gott Gehebten 

[7] 

3i 



»nachgehen«, ihn förmlich verfolgen und so eine unerschöpfliche 
Gute offenbaren. 

»Und wohnen darf ich im Hause des Herrn.« Damit ist hier wohl 
nicht der Tempel gemeint; sondern »Haus des Herrn« ist das ganze 
Land das ja Gott gehört, und in welchem der, der Ihm vertraut 
Sem Gast ist. Wo immer der Glaubende weÜt, ist er in Gottes 
Haus, gastfreundlich aufgenommen, geschützt und mit reichen 
Gaben bedacht. 



Eine innige Nähe waltet hier. Unbedingtes Vertrauen, das sich 
dem Heihg-Mächtigen in die Hände gibt. Um das zu verstehen 
müssen wir auf die religiöse Grunderfahrung des berufenen Vol- 
kes zurückgehen: daß Gott es in einer ausdrücklichen Weise mit 
sich verbunden hat. 

Damit ist nicht die Vorsehung gemeint, die Gott allem zuwendet 
was Er geschaffen, sondern jenes Geschehnis, von dem uns die 
ersten Kapitel des Buches Exodus sprechen: Gott ist zu diesem 
Volk gekommen und hat es in einer geheimnisvollen Weise an 
sich gezogen. Er welcher der Welt nicht bedarf - auch dieses 
Volkes nicht, hält Er doch immerfort über es Gericht - hat ge- 
sprochen und was Er gesprochen, in Freiheit getan, in Treue 
begründet: »Ich will inmitten der Israeliten wohnen und will ihr 
Gott sein« (Ex 29. 45 f). Und wieder: »Ich will in eurer Mitte 
wandeln und euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein« 
(Lev 26, 12). 

Aus dieser Verbindung geht das Bewußtsein hervor, das sich im 
Bild vom Hirten und seiner Herde ausdrückt. Aus ihr kommt 
jenes Vertrauen, das keine Bedingungen kennt. - 
Die Bücher des Alten Testaments sind voll von Vorgängen die 
zeigen, wie die Geschichte dieses Volkes sich aus der Kraft der 



32 



[8] 



Bundesschheßung heraus verwirklicht. Nicht aus der R^V 
kunst semer Könige, nicht aus der Tapf «iS ^^"T 
aus dem Fleiß seiner Arbeitenden hat es cZZ ^ ^'^ 
alles natürlich sein m.^ j existiert - so wichtig das 

Handeln GoteXrTuf ~ "^ * * ****** **4» 
SJjÄ^ -/-Buch der Richter. Da wird er- 

»Da Ä^S^H^ 

gesamten M-naJ^^tiricÄ "i" £*» ™ der 

sagte der Herr zu Gideon 0^1^^ ^ g ' " ' Da 
zahlreich, als daß Ich Tma ' V du bei dir hast ' ™ *> 

Die Israeheen ko^tthttsT^ * ^ 2?* ^ " oDte 
haupten: Wir äK^Ägfi ** « *» 
vor dem Volke laut ausrufen wfrTf EF3 Damm W 
kehre um. Da zosren S \ furdltet Und An §« hat, 

10000 bheben Z ;S D^T 011 ^ ^^ * U ° d 
ist immer noch zu zahlllf P"t *S ZU Gide0n: Das VoIk 
will Ich sie * ÄÄKSÄ* 2 WaSSCr: d ° rt 
soll mit dir ziehen, der soll d clbel 1 ^ ""%?!"» 
die Leute an das Wasser hin a K„J»t f ' """ Gldeon 

ihm: Jeden der [sich Ti , g ^" W ' Sa § te der H ^ »» 
leckt, wie de Hunf u^ 7* *" WaSSer "* der 2«# 

sich aber die Zahl der., diels ^|£ SÄ 
hundert Mann- olU ,-u • i gciecKt natten, auf drei- 

gelassen, mTwaLer SC £^ ^ ^ * **« ^ 
Darauf sagte faS^ £? ^ 'S *" ^ 2U trinken " 
die das wl £ lt Z Z r 1 ^ "; ?r h ^ dreihunde " Ma -, 

geoen . . .« (R, 7. i_7) Nlc jy. das natür]icIie 

[9] 

33 



I 



Volk ist es, das hier die eigene Geschichte führt, sondern Gott. Er 
handelt, und handelnd offenbart Er sich. 

Ein wunderbares Echo findet das Bild des Psalmes im Neuen 
Testament. Da erscheint Jesus als der eigentliche Hirt. Etwa dort, 
wo es heißt: »Und Jesus zog umher in allen Städten und Dörfern,' 
und lehrte in ihren Synagogen, und verkündete das Evangelium 
vom Reich, und heilte alle Krankheiten und Gebrechen. Da Er 
aber die Massen sah, erbarmte es Ihn, daß sie mißhandelt und 
preisgegeben waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.« (Mt 
9,35f) Oder im Gleichnis von dem Tier, das sich aus der Herde 
verloren hat (Mt 12,11t). Und so noch öfter. 
Besonders eindringlich spricht Er bei Johannes im zehnten Ka- 
pitel. Da sagt Jesus : »Der Dieb i - wie er etwa in der Todesschlucht 
hätte lauern können - »kommt nur zum Stehlen und Schlachten 
und Verderben. Ich bin gekommen, damit [die Schafe] Leben 
haben und Überfluß. Ich bin der gute Hirt.« Und wieder: »Der 
gute Hirt setzt sein Leben ein für die Schafe. Der Mietling, der 
nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht wie der Wolf 
kommt und verläßt die Schafe und flieht . . . weil er ein Mietling 
ist, und ihm an den Schafen nichts hegt. Ich bin der gute Hirt und 
kenne die Meinen. Und die Meinen kennen mich, so wie mich 
der Vater kennt, und ich den Vater kenne. Und ich gebe mein 
Leben für meine Schafe.« (Joh 10,10-15) 
Welche Tiefe gewinnt hier das Bild! Christus ist in der Freiheit 
der Liebe »gekommen«, um sie zum Leben zu führen; zur Fülle 
des Lebens, reich wie das strömende Wasser. Er »kennt« sie, die 
an Ihn glauben, und sie kennen Ihn. Es ist das Kennen aus jenem 
Innersten, das zwischen dem Erlöser und dem Erlösten waltet; 
eng, ja vielleicht, der Liebe wegen, die da »gehebt worden ist bis 



i 



34 



[10] 



GesItT ? h 2 1} ' ,T gef n ° Ch ' ^ ^ ZWiSGhen Schö Pfer und 

stteler S-f ^ 5 t™ ^ ** ™«> S d- Eins- 
Setzung der Sühne sein geworden — 

Und nun ein unerhörter Satz: Er »kennt« seine Schafe, >,so, wie 

sirsS 2EÄ5 't' T d Wk ^ Sohn de * *£ kennt« 
Sehen Sk, wie her die Beziehung zwischen Hirt und Herde hin- 
eingeschlungen wird in den Abgrund Gottes i 
Unausdenkbar ist das, was hier aus der Innigkeit von Gottes Le 
ben^zum Menschen ausstrahlt, der sich glaubend mit Z vt 

Die'tbT^ 2 T ?* *& *#* LAea für ™™ Schafe, 
Die Verbundenheit Jesu mit den Seinen geht durch das Letzte 

Schlund- 'ff , T ° deSbUnd : » ^ d - **Ä SB 
Schenkung Jesu, die Eucharistie, ein Sakrament ist, das aus Tesu 

Tod hervorgeh, Am Abend vor seinem Leiden is es geÄ 

als sein »Leib, der für uns dahingegeben . . . sein Blut, da! fü™ 

vergossen« worden (Mt26,26ff). Paulus aber sagt: »So of I 

^dieses Brot esset und diesen Becher trinket, vefkündet ihr d^ 

2?££s 2S 11,2 J 6) Die Binheit ' die * waitet > *£ 

tief, w le die zwischen dem, der für den andern stirbt, und dem 

AberTR ü ^t^ ^ ^ tUt ' der AUmächtige is t - 
Aber die Beziehung geht, wie alle echten Beziehungen auch in 
umgekehrter Richtung - und nun erreicht das Bild vom wTdem 
m der dunklen Schlucht erst seinen letzten Sinn, denn d^Tode" 
scUuchtistunserSterben.Daist niemand mehr bei uns nicht Vater 

nSw och t^t ' mcht Liebender -ä 

Kai ™*™ l $C Mt mck mehr ' Und ** Kunst und nicht 
Kultur Allein gehen wir durch die dunkle Schlucht. Aber Chri- 

Er vorher für uns gelebt und dann, vom Grabe erstehend, den 

[11] 

35 



; 



Tod überwunden hat. Da hat Er eine geheimnisvolle Einssetzung 
zwischen sich und uns vollzogen. Er ist so gottgewaltig in unser 
Schicksal eingegangen, daß in jedem Glaubenden Er dessen Leben 
lebt, wie Paulus sagt: »Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern 
Christus lebt in mir« (Gal 2,20). Wo immer ein Glaubender »Ich« 
sagt, sagt Christus »Ich« in ihm. Wo immer ein Glaubender 
Schicksal erfährt, ist Er es, der es in ihm erfährt. 
Ebenso wie, nun abermals in heiliger Umkehrung, der Vater 
schenkt, was Paulus den Seinen erbittet: »daß Christus wohne 
durch den Glauben in euren Herzen, und ihr in Liebe gewurzelt 
und gegründet seiet, damit ihr in vollen Stand kommt, mit allen 
Heiligen zu fassen, welches die Breite, die Länge, die Tiefe, die 
Höhe sei; und die alle Erkenntnis übersteigende Liebe des Chri- 
stus zu erkennen, damit ihr erfüllt werdet zur ganzen Gottesfülle« 
(Eph 3,17-19). — 

Vielleicht haben Sie, meine Freunde, schon einmal den eigenen 
Tod vorausgeahnt. Haben die Stunde vorausgefühlt, in welcher 
die absolute Einsamkeit sein wird, da alles abfällt, alles zurück- 
bleibt. Und je größer die Wörter waren, die vorher gesprochen 
worden, desto wesenloser verfliegt, was sie verheißen haben: 
Volk, Familie, Fortschritt, Kultur. 

Nur ein einziges Vertrauen behält recht, das auf Christus. Er 
bleibt. Er geht mit. Er stirbt den Tod jedes Menschen mit, der 
an Ihn glaubt. Und Er »wird ihn auf erwecken am längsten Taee« 
(Joh6,39). * 



GEBORGENHEIT IN GOTT 

Psalm 90 



) 



36 



[12] 



LIEBE FREUNDE, 



» 

* 



i 



Wir wenden heute unsere Aufmerksamkeit dem neunzig- 
sten Psalm zu. Er ist einer der schönsten - wenn es über- 
haupt einen Sinn hat, bei Worten, in denen Gott spricht, von 
mehr oder weniger schön zu reden. Tritt der Leser in den Psalm 
ein, dann öffnet sich ein weiter Raum, und darin wird ihm eine 
stille Gegenwart fühlbar, die ganz Macht ist und ganz Güte. Er 
wird an die Hand genommen und gelehrt, wie er mit ihr in ein 
Einvernehmen kommen könne; und folgt er, dann ist er ge- 
borgen. 

Wir werden den Text gleich vernehmen. Vorher aber noch zwei 
kurze Hinweise, die uns das Verständnis erleichtern sollen. 
Im Psalm reden drei Personen, wenn man so zählen darf - wir 
werden gleich sehen, warum die Verwahrung. 
Da ist einmal Jener, der ihn spricht. Er hat eine tiefe Erfahrung 
gemacht und redet von ihr her mit Autorität über das Leben, 
dessen Not und Gefährdung, und darüber, was geschieht, wenn 
der Mensch in lebendigem Vertrauen mit Gott verbunden ist. 
Dann ist da ein Zweiter; der spricht nicht, sondern lauscht. Aber 
wir wissen ja, wie das Wort, das einer spricht, sich erst aus dem 
Herzen und dem Geiste dessen vollendet, der es vernimmt. So 
müßte hier wohl ein gutes und tiefes Hören sein, aus welchem das 
Wort jenes Ersten voll würde. Und lesen wir den Psalm richtig, 
dann sagt jeweils der, der liest : der Hörende bin ja ich ! 
Endlich aber, in den drei letzten Versen, spricht ein abermals 
Anderer, und das ist überhaupt der Eigentliche - Jener, der von 
Wesen Recht hat, zu reden: Gott. Er bestätigt, daß das, was der 
Erste gesagt hat, richtig ist. — 



6 



[15] 



39 



Dann noch etwas. Der Psalm besteht aus lauter Bildern. Eins folgt 
immer auf das andere; die vielen sagen aber alle das gleiche. Alle 
sprechen sie von der Bedrängnis des Lebens, vom Vertrauen 
dessen, der wirklich glaubt, und von der nie versagenden Güte 
des mächtigen Gottes. 

Bilder aber, meine Freunde, versteht man nicht dadurch, daß man 
aus ihnen Begriffe macht, sondern wollen als das genommen sein 
was sie sind, nämlich eben als Bilder. Man muß sie vor dem 
inneren Auge aufrufen, in sie hineingehen, sie durchfühlen; dann 
erfahrt man ihre Botschaft. Das ist aber nicht möglich, wenn der 
Lesende oder Sprechende schnell durch sie hinläuft. So muß man 
langsam gehen; immer wieder innehalten; die eigenen Bedräng- 
nisse in die Bilder hineinhalten und die Worte, die so trostmäch- 
tig herkommen, auch wirklich aufnehmen, als hier und zu dieser 
Stunde an einen selbst gerichtet. — 
Und nun der Text: 

Der du wohnst in des Höchsten Schutz, 
m des Allmächtigen Schatten lebst, 

sprich du zum Herrn: »Meine Zuflucht und meine Burg, 
mein Gott, auf den ich vertraue !« 

Er rettet dich vor der Schlinge des Jägers 
und vor der Pest, die Verderben bringt. 

Mit Seinen Flügeln beschirmt Er dich, 
in die Hut Seiner Fittiche birgst du dich, 
Seine Treue ist Schild dir und Schutz. 

Dann fürchtest du nicht den Schrecken der Nacht, 
und nicht den Pfeil, der am Tage fliegt; 



40 



auch nicht die Pest, die im Finstern schleicht, 
und nicht das Unheil, das mittags schlägt. 

Es fallen Tausende neben dir, 

und zehnmal tausend zu deiner Rechten, 

dir aber nahet es nicht. 

Doch schauen sollst du mit eigenen Augen 
und sehn, wie den Frevlern vergolten wird. 

Denn deine Zuflucht ist der Herr, 

den Höchsten hast du zur Burg erwählt. 

Es fällt dich kein Unheil mehr an, 
und keine Plage naht sich deinem Zelt. 

Er entbietet für dich Seine Engel, 

daß sie dich schützen auf all deinen Wegen. 

Sie tragen dich auf ihren Händen, 

damit sich dein Fuß an keinem Steine stoße. 

Du gehst über Schlangen und Nattern, 
trittst Löwen nieder und Drachen. 

»Er war Mir treu, so mach Ich ihn frei; 

Ich schütze ihn, denn er kennt Meinen Namen. 

Wenn er Mich anruft, so hör Ich ihn; 
Ich bin bei ihm in seiner Bedrängnis; 
Ich rette und ehre ihn. 

Mit langem Leben mach Ich ihn satt, 
und laß ihn schauen Mein Heil.« 



[16] 



[17] 



41 






nächste weiter- fi™, i„ , ' ™ d « lbt ae M <ks 

J. « Wanderer S S^ÄKS*Ä£ 
Sonne bre™,, „„d „f dessen Wegen G^CtaT^- 

Jericho HtTJ - t£Ä *£ r./™*- MCh 
(U 10.30«) . . , n dtesem lld isf lo dt ET" "*"*" 
gewesen, k, viel ferfwerden."'™ f "T ""f* 

Den erkannt hat, der ihm wohl will und was Er Jn i 
macr rl^r ^t^x-u • i , ' was • tr W1 h\ auch ver- 

Cwifcr: .«* zÄ^^.*** - •* 
AeTJT "^ *? * "** '-h <"»* =in Wort 

von Mauern umgeben, durch starke T™' u? ^ 

r sich flüchten g kann ; >)Du Ki^3*2£ t 

ie Burg; »in« i hm wohnt> ^ ^^ J' £r > G °« selbst, zst 
»Er rettet dich von der Schlinge des Jägers, Der legt Schlingen 



42 



[18] 



aus und in diese Köder, um Vögel und kleines Wild zu fangen: 
so sind jedem Menschen Tücken und verdeckte Fallen gelegt; 
lauernde Verführungen, Möglichkeiten des Abgleitens, Anlaß zu 
Irrtum und Torheit, Unmaß und Haß, wie sie in die verschie- 
denen Situationen des Lebens eingeflochten sind. 
Sofort wird eine weitere Gefahr genannt, dem Menschen der 
heißen Länder besonders furchtbar: die »Pest, die Verderben 
bringt«. Die schreckliche Seuche, die so schnell über ein Volk 
kommen kann, und gegen welche frühe Zeiten nur so schwache 
Mittel wußten. — - 

»Mit Seinen Flügeln beschirmt Er dich.« Das Bild des Vogels, der 
mit starken Flügeln seinen Jungen beisteht, ist der Schrift wohl 
vertraut - denken wir an den Adler, der schützend über seinem 
Nest schwebt (Deut 32, 11); und wieder an das Bild, das Jesus 
braucht, wie Er auf der Höhe vor Jerusalem steht, die Stadt vor 
sich sieht und sagt: »Jerusalem, Jerusalem ... wie oft habe ich 
deine Kinder um mich sammeln wollen, wie die Henne ihre 
Küchlein sammelt unter ihre Flügel!« (Mt 23,37f). Dieses Bild 
erscheint hier für Gott selbst: »Mit Seinen Flügeln beschirmt Er 
dich, in die Hut Seiner Fittiche birgst du dich.« 
In dieses Bild spielt aber wieder ein anderes hinein: Ein Kampf ist 
im Gang; einer droht zu unterliegen, ist vielleicht verwundet, da 
kommt sein Freund und hält den Schild vor ihn. So tut Gott: 
» Seine Treue ist Schild dir und Schutz.« 

»Dann fürchtest du nicht den Schrecken der Nacht, und nicht den 
Pfeil, der am Tage fliegt.« 

Der Schrecken der Nacht kann alles sein, was im Dunkel gefähr- 
lich ist. Er kann auch die Unheimlichkeit der Finsternis selbst 
bedeuten, die dem Menschen das Herz lähmt. Aber wir müssen 



[19] 



43 



zur genaueren Deutung die Weise beachten, wie die Psalmen 
dichten. Ihre Verse bestehen nämlich aus je zwei Zeilen, deren 
jede das gleiche sagt, nur anders gewendet, mit einer anderen Be- 
tonung, einem anderen Bild: der sogenannte Parallelismus, die 
Gleichsinnigkeit der Zeilen. Daraus kommt das Ruhige, Schwe- 
bende, wie auch das Eindringlich-Überredende der Psalmen- 
sprache. Auf Grund dieser Gleichsinnigkeit kann man unter Um- 
standen, wenn die Bedeutung einer Zeile unklar ist, aus der an- 
deren heraus verstehen, was sie meint. Hier heißt es nun: »Dann 
furchtest du nicht . den Pfeil, der am Tage fliegt«, den feind- 
hchen Angriff also, der am Tag erfolgt; und ebensowenig »den 
Schrecken der Nacht«, den Überfall, der im Dunkel einbricht 
und da um so gefährlicher ist. — 

»Auch nicht die Pest, die im Finstern schleicht.« Wieder erscheint 
der furchtbare Feind, der im Alten Testament immer droht, und 
im Volk schon solche Verwüstungen angerichtet hat; den Gott 
durch Moses und die Propheten den Abtrünnigen verheißt. 
»Und nicht das Unheil, das mittags schlägt.« Vielleicht ist damit 
wieder die Pest gemeint, die mit steigender Hitze gefährlicher 
wird; vielleicht aber auch die Strahlen der Sonne, die den Men- 
schen in der Tageszeit tödlich treffen können. - 
»Es fallen Tausende neben dir, und zehnmal tausend zu deiner 
Rechten.« Beide Male wird die rechte Seite genannt, weil sie die 
im Kampf ungeschützte ist. Den Schild trägt der Krieger links 
da ist er also gedeckt; rechts führt er die Waffe, und da droht ihm 
Gefahr. Ja der Psalm redet von einer Gefahr, die so groß ist, daß 
auf dieser ungeschützten rechten Seite Tausende und Zehntau- 
sende allen unzählig viele also; ihm aber, dem Einen, »naht das 
Unheil nicht«, denn da steht Gott. 
»Doch schauen sollst du mit eigenen Augen und sehn, wie den 



Frevlern vergolten wird«: denen, die sich auf ihre eigene Kraft 
verlassen; die sich wider Gott empören; die Ihn gar leugnen. An 
ihrem Schicksal wird um so deutlicher werden, wie ganz anders 
das des Menschen ist, der mit Gott im Bündnis des vollkommenen 
Vertrauens steht. — 

»Denn deine Zuflucht ist der Herr, den Höchsten hast du zur 
Burg erwählt.« Wieder das Bild der befestigten Stadt auf der 
Höhe, in welche die Landbewohner ringsum sich zurückziehen, 
wenn der Feind naht; wo auch der Wanderer, der fern von seiner 
Heimat ist, um Aufnahme bitten kann. 

»Kein Unheil fällt dich an, und keine Plage naht sich deinem 
Zelt«, wenn du auf der Wanderung bist und nachts im Zelt 
schläfst, dessen schwache Wände keinen Schutz geben. — 
Und nun das schöne Bild, das so ganz in unseren Sprach- und 
Denkgebrauch übergegangen ist, daß uns gar nicht mehr bewußt 
wird, woher es kommt: »Er entbietet für dich Seine Engel, daß 
sie dich schützen auf all deinen Wegen« - die heiligen Boten und 
Kämpfer, die freudig und genau Gottes Willen erfüllen, schützen 
den Menschen, der auf ihren Herrn vertraut. 
Ja sie tun mehr, Überschwengliches : »Sie tragen dich auf ihren 
Händen, daß sich dein Fuß an keinem Steine stoße.« Auf den 
schlecht gebahnten Wegen sind scharfe Kanten; so kann es sein, 
daß sich der Mensch, der barfuß oder in Sandalen geht, daran 
verletzt. Das darf nicht sein; so legen die Engel die Hände unter 
die Füße des Gehenden. 

Auch über Gefährliches geht er hinweg, Schlangen und Nattern, 
Löwen und Drachen, ohne nur zu wissen, wie tödlich das war, 
was ihm gedroht hat, denn er ist behütet. 



44 



[20] 



[21] 



4S 






Und nun spricht Gott: »Er war Mir treu, so mach Ich ihn frei . 
Treue gegen Gott ist Treue gegen Den, der selbst die Treue ist 
So m sie Wahrheit; Wahrheit aber knechtet nicht, sie befreit. 
»Ich schütze ihn, denn er kennt Meinen Namen«: das Wort führt 

ZEEL r T f n ' we T man *- ^ Wir woU - - 

Schluß dieser Betrachtung noch einmal darauf zurückkommen. - 
»Wenn er Mich ruft, so hör Ich ihn,, Der Ruf zu Gott geht nicht 
™ Leer, Der All-Gewaltige; der Anfang, vor dem nichts ist; 
der Herr, wie memand Herr sein kann - Er ist dem gläubig 
Rufenden freundlich gesinnt und »hört« ihn; »neigt Sein Ohr und 
vernimmt ihn«, wie es bei den Propheten heißt. Wir fühlen das 
Geheimnis von Gottes Herwendung. Er, der alles weiß, weiß in 
vielfacher Art: als der Schöpfer von dem Ursprung des Seins her ■ 
als der Richter in der Unbestechlichkeit seines Uneils. Er wem 

i'ttlt /^t^ MK ° d Und ^ Sdne Herwendung 
st selb* schon HAic. Sie setzt sich fort in der Nähe, worin Gott 

»bei« dem Rufenden ist. Wieder das Geheimnis, daß der All- 
gegenwartige ^nicht nur mit seiner All-Wirklichkeit anwesend ist; 
nicht nur das Seiende im Sein hält und durchwaltet; sondern auch 

sLen O« ^ ^T GCSChöpf ^ = Üchti ^ 8«* Lesern 

,nT K n ' t* CS "* SCinem endlichen D ^in »vor« 

und »bei« Dem sei, der einfachhin und in sich selbst ist 

Gott »rettet und ehrt ihn« . . Meine Freunde, welch ein Gedanke! 

m Ehren halt! Was geschähe mit uns, wenn dieser Herr uns nur 
in seiner Macht gegenüberstünde» Aber Er ist vornehm; so vor- 
nehm ui seinem Sinn, wie groß in Seiner Mach, Er will es nicht 
nut Sklaven zu tun haben Er hat die Dinge in ihren Sinn gestellt, 
und freut sich daran, daß sie sind. Er hat den Tieren ihr Leben 
gegeben, und jede ihrer Regungen ist Sein Geschenk. Er hat den 



Menschen ins Sein - nicht gestellt, sondern gerufen, und hält ihn 
in beständigem Anruf. So hegt die Haltung des Ehrens schon im 
Grund Seines Schaffens und tritt dann in der Vorsehung überall 
hervor, um sich endlich in dem Geheimnis zu vollenden, das im 
Neuen Testament Gotteskindschaf t heißt. — 
»Mit langem Leben mach Ich ihn satt!« Im Alten Testament spielt 
der Gedanke des ewigen Lebens keine große Rolle. Lange Zeit 
tritt er überhaupt nicht hervor; aber auch nachher tut er keine 
entscheidende Wirkung. Worum es geht, ist das Leben hier auf 
der Erde, mit Gott und für Seine Sache. So lautet die Verheißung: 
Langes Leben wird er haben; satt an Leben erst wird er sterben. 
Und: »Ich laß ihn schauen mein Heil!« Das Heil ist Gottes Nähe 
selbst; die Tatsache, daß Gott ist, und seinem Geschöpf in Gnaden 
zugewendet. 

Sie haben gesehen, wie tief und schön der Psalm ist. Vielleicht 
haben Sie schon einmal den Wunsch empfunden, zu Ihrem per- 
sönlichen Gebrauch einige gute Gebetstexte zu haben. Man will 
ja doch wohl manchmal beten, und weiß nicht wie. Und immer 
nur »ein Vaterunser« zu beten, hat ja auch nicht viel Sinn; im 
Gegenteil, es gefährdet das heiüge Gebet des Herrn. Da wäre es 
gut, wenn Sie sich zehn oder zwölf Psalmen auswählten, sie ganz 
zu eigen gewännen und so für Ihr Gebet zur Verfügung hätten. 
Der neunzigste, den wir heute betrachtet haben, könnte einer 
davon sein. 

Und nun möchte ich noch einmal auf ein Wort zurückkommen, 
das im drittletzten Vers steht und lautet: »Ich schütze ihn, denn 
er kennt Meinen Namen.« 
Das heißt zunächst einmal, daß der, von dem da die Rede ist, 



46 



[22] 



[23] 



47 



' 



den Lebendigen Gott und Seinen Dienst von den Göttern der 
hinsehen Mythen und Kulte zu unterscheiden weiß. S£ 
war Ja von nesigen heidnischen Kulturen umgeben: Ägypten 
Babylon Persien Syrien - Götter über Götter überall^ 
Teil große Gestalten, zum Teil herrliche, zum Teil furchtbare 

sori htt , ChC - AüeS ^ Um S ibt den Menscl ™> ^ da 

berti U 35 G ° tt: UMer aU den umgestalten, die 

aber so mächtig auf das Menschenherz eindringen* weiß deser 

vom wirklichen, vom lebendigen Gott 

Der Satz kann noch eine zweite Bedeutung haben. Der Name 

Go^s « Gott selbst. So sagt Gott vom Heiligtum in Silo, d!ß 

Er dort zuerst seinen Namen habe wohnen lassen« (Ter 7 12) 

Und zu David sagt Er, des vielen Blutes wegen, das dieser ver- 

kemen'r ." ^T™ "^ ^ ^ das »' Gott 
kernen Tempel errichten. Wer also den heiligen Namen kennt 

der kennt Gott; ist mit Ihm vertraut - 

Endlich ist da aber noch ein Letztes. Haben Sie sich einmal zu 
Bewußtsem gebracht, wie Gott heißte Wem man diese Frage 
stellt, der ist meistens überrascht. Hat denn Gott einen Namef* 
Er hat ihn; ja Er hat ihn selbst genannt, in jener Stunde, da die 

dem Horl ** ^^ "* ***** ^ «* 

2 vl et b E ef ^ ^ MOSCS ' " SOÜe ^ *«**» B ehen ** 
das Volk befreien. Moses sagt: «Wenn ich nun aber zu den Is- 
raeliten komme und zu ihnen sage: Der Gott eurer Väter hat 
nnch zu euch gesandt; und sie fragen mich: Wie heißt Er denn > 
was soll ich ihnen da antworten , Da sagte Gott zu Moses : Ich bin* 
der Ich bin- Dann fuhr er fort: So sollst du zu den Israeliten sagen • 

gIT r 71 ^ f , eUCh geSandt " ( Ex 3 > 13 ~ 14 ) So heißt also 
Gott! »Ich bin, der Ich bin« ist sein Name. 



Darin redet einmal die Majestät, die keinen Namen annimmt, der 
von außen kommt . . Dann aber ist damit gesagt: Gott ist Der, 
der allein aus sich selbst wirklich und aller Macht mächtig ist. Wir 
Menschen »sind« nicht eigentlich. Gewiß, wir sind wohl; von 
Ihm uns selbst geschenkt. Aber wir sind nur »vor« Ihm und »auf 
Ihn hin«. Bei Gott ist es anders. Er ist Der, dessen Wesen bedeutet, 
daß Er sei. Ein Abgrund von Name. Abgrund für den Geist, der 
das denkt. Tieferer Abgrund für das Herz, welches das erfährt. 
Geschieht das, dann öffnet sich im Menschen selbst, dem End- 
lichen, eine antwortende Unergründlichkeit, von der er sonst 
nicht weiß. — 

Wenn Sie, meine Freunde, niederknien und Ihr Gebet verrichten; 
und es so verrichten, wie es geschehen soll, nachdem Sie sich näm- 
lich gesammelt haben und still geworden sind - denn sonst gibt es 
kein Gebet, sondern nur einen Ablauf von Wörtern - wenn Sie 
so in wacher Stille sind und zu sich selbst sagen: »hier ist Gott«, 
dann könnten Sie sich versucht fühlen, fortzufahren: »und auch 
ich bin hier«. Tun Sie so, dann erhebt aber Ihr Herz Einspruch: 
Das geht nicht! Du kannst nicht sagen: »Gott ist hier - und ich 
auch.« Sondern wenn Er »hier ist«, dann bist Du es nicht »auch«; 
sondern Du bist nur »vor Ihm«. Dazwischen steht die Unnahbar- 
keit der Majestät. Da kann die Gnade gewährt werden, daß man 
den Namen Gottes erfahre. 

Dieser Gott aber, der lautere Wirklichkeit ist aus sich selbst und 
in sich selbst - Der ist es, zu dem der Psalm uns ins Einvernehmen 
führt. Daraus kommt dann das große Vertrauen. 



48 



[24J 



[25] 



49 



I 







Mit kirchlicher Druckerlaubnis • 1. Auflage 1956 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



4 



BX 

1756 
.685 
W3 

3 



WAHRHEIT 

UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 

Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaf dich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vorneherein 
näher zusammen; es sind solche, die das Tortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften liinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



GOTTES ERKENNEN 
Psalm 138 



UNIVERSIW 
NOTREDAME 



l^JÖi 



LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 




CS 5 
v-3 



Wir wenden uns heute dem gewaltigen Psalm einhundert- 
achtunddreißig zu, dem Lied vom Wissen Gottes. Zu- 
erst wollen wir aber, wie wir das in unseren Betrachtungen oft 
ton, einen Anlauf aus der eigenen Erfahrung gewinnen. Und zwar 
durch die Frage, wie für den heutigen Menschen die Welt zur 
Wahrheit, zum Erkanntsein stehe. 

Die Natur enthält Gestalten in unabsehlicher Fülle; Dinge und 
Geschehnisse in nicht zu messender Menge und Mannigfaltigkeit 
Sie steigen ins Unerreichbar-Große; sie sinken ins Ununterscheid- 
bar-Kleine. Sie sind bestimmt von Gesetzen, gesättigt mit Sinn. 
Sie stehen m Beziehungen und Ordnungen verschiedenster Art . . 
Das alles - ist das erkannt? Der heutige Mensch sagt: Die Welt 
ist seiend, sie hat aber selbst, als Ganzes, kein Bewußtsein, noch 
steht sie m einem solchen. Sie hat mit Wahrheit nichts zu tun 
nur mit Wirklichkeit. Von einem Erkennen kann erst die Rede 
sein, wenn der Mensch die Welt erkennt. Er erst bringt Wahrheit 
in sie hinein. - 

Wie lange gibt es nun den Menschen? Die Wissenschaft sagt- 
etwa seit emer Million von Jahren. Und wie lange wird er da sein > 
Die Wissenschaft kann eine Schätzung versuchen: so lange, als die 
Abkühlung der Erde sie noch nicht hat vereisen lassen . . Oder 
aber, wie wir heute nach dem Gang und Wesen der Geschichte 
sagen müssen: so lange, als derWissenshunger der Forschung und 
der Machttrieb der Technik noch nicht die Bedingungen des Le- 
bens zerstört haben . . 

Während dieser Frist - wie kurz im Vergleich zur Dauer des 
Weltalls! - leuchtet das Licht des Wahrheit findenden Erkennens, 



[3] 



55 



und es reicht so weit, als die Existenz des Menschen reicht. Aber 
was ist das gegen das Geistesdunkel, das vorher war, und nachher 
sein wird ? 

Und wo sind Menschen ? Auf dem kleinen, im Welt-All ver- 
schwindenden Erdkörperchen, und auch da ja doch nur in den 
bewohnten TeÜen seiner Oberfläche. Aber auf den anderen Him- 
melskörpern? In den unausdenkbar großen, unvorstellbar leeren 
Räumen zwischen den Gestirnen ? 

Und wie schwach ist die Erkenntnis dort, wo sie ist! Wer hat 
schon ehrlich im Dienst der Wahrheit gearbeitet, ist also im 
Stande, sich ein UrteÜ zu bilden, und hat sich dann umgesehen 
was eigentlich dahintersteckte, wenn die Leute im Gespräch in 
der Zeitung, in Reden und Aufsätzen, in Gutachten, Zeugenaus- 
sagen und Urteilen erklärten: das und das ist so; die Sache ist die- 
serweise gegangen; der hat das und jenes getan; diese Verhältnisse 
liegen so und so? - wer hat das getan und war schließlich nicht 
entmutigt, beleidigt, ja angewidert durch die Leichtfertigkeit, wie 
Wahrheit behauptet wurde, wo keine war ? - 
Was weiß der Mensch von dem, was ihm doch vor allem bekannt 
sein müßte, vom Menschen selbst ? Einerseits sehr viel ; die Anthro- 
pologie, das Wort im weitesten Sinn genommen, dringt unauf- 
horÜch vor, und die Menge des Gefundenen wird unübersehbar 
Ist ihr aber War, was »der Mensch« ist? Manchmal möchte man 
meinen je mehr Anthropologie, desto weniger Einsicht in das 
wirküche Menschenwesen. 

Einer weiß vom Anderen so viel, daß er mit ihm umgehen kann- 
auf der Straße, in der Familie, im Leben der Wirtschaft oder des 
Rechts, obenhin, annähernd. Wissen wir aber tiefer, was mit denen 
ist die da auf der Straße gehen, mit denen wir in den Werkstätten, 
in den Büros, in den Ämtern zusammen sind ? Wissen wir von 



56 



[4] 



ihrem inneren Leben? Von ihrem Schicksal? Ein wenig Ober- 
flache, einige Charakterzüge, einige Gewohnheiten - darunter 
geht es ins Unbekannte. 

Wer einem Anderen näher verbunden ist, sieht gewiß mehr; der 
Vater, die Mutter, der Liebende, der Freund. Geht aber sein Blick 
bis ms wirklich Innere ? In die Meinung des Herzens ? In die Tiefe 
der Gesinnung? In die innerste Not? Und ist es nicht so daß 
manchmal gerade die Liebe falsch sieht? Weil sie den Anderen 
nach dem eigenen Bild gestaltet; ihn so haben möchte, wie es ihr 
richtig erscheint? Ins Allertiefste aber, dahin, wo der Mensch sich 
selbst in Händen hält, wo sich sein Schicksal knüpft - dahin dringt 
überhaupt kein Blick. 

Unser Erkennen ist ein Inselchen von Helligkeit; um es herum 
hegt unabsehliches Dunkel. 

Denkt auch die Offenbarung so ? Daß die Welt eine endlose gei- 
stige Finsternis des Nicht-Erkanntseins ist, in der sich dort wo 
ein Mensch lebt, ein wenig Licht bildet, mühsam und schwan- 
kend; es aber nach kurzer Zeit erlischt, und wieder alles dunkel 
und stumm ist ? Denkt sie so ? 

Nein, sondern sie sagt: Die Welt ist erkannt. Alles von ihr. Jedes 
Einzelne, jeder Zusammenhang und das Ganze. Ihre Wesens- wie 
ihre Wertfülle, ihr Sein wie ihr Sinn. Jene Welt, von welcher die 
Neuzeit redet, die im Dunkel des bloßen Seins liegt, gibt es nicht. 
Der Begriff von ihr ist ein Begriff der Empörung; gewolltes Hei- 
dentum. Sondern die Welt ist erkannt von Grund auf und von 
Anfang her, denn sie ist geschaffen. Erkannt von Dem, der sie 
erschaffen hat. Seine Erkenntnis kommt nicht erst zum Sein hin- 
zu, so, daß da zuerst die Welt wäre, und dann Gottes Blick sich 
auf sie richtete und sie durchdränge, sondern sie ist erkannt noch 



[5] 



57 



bevor sie ist. Als sie wurde, war der Akt der All-Macht, der sie 
schuf, zugleich Akt des All-Wissens, der sie im Licht hielt. Nur 
aus Gottes schöpferischer Erkenntnis heraus ist sie überhaupt 
seiend. 

Im Prolog des Johannes-Evangeliums heißt es: »Im Anfang war 
das Wort.« Nicht die »Tat«; nicht die Macht, sondern die im Wort 
sich öffnende Wahrheit. »Wort« aber, Logos, ist nur ein anderer 
Name für Gottes ewigen Sohn. Er ist wesenhafte Wahrheit, denn 
in Ihm wird der Vater sich selbst offenbar. »Und das Wort war 
auf Gott zu«; anders gesagt: der ewige Sohn war dem Vater zu- 
gewendet, aus Wahrheit geboren und in Wahrheit antwortend. 
»Und das Wort war selbst Gott«, seiend in Ewigkeit. »Alles«, 
alles Geschaffene, »ist geworden durch das Wort; und ohne das 
Wort ist nichts geworden von dem, was geworden ist.« 
Ungeheure Sätze. Unergründbar, unausschöpfbar. Aber jeder 
Funke, den man daraus empfängt, erhellt den Geist und belehrt das 
Herz. In ihnen ist gesagt, daß es vom »Anfang«, vom Grund der 
Welt, von ihrer reinen Wirklichkeit her keine Finsternis gibt, 
weil alles im Licht von Gottes Erkenntnis steht. Und daß es am 
Menschen hegt, ob er dieses Licht ins Bewußtsein nimmt, oder 
es vergißt. Das aber kann geschehen, so ganz und bis in den 
Grund, daß aus dem Werk des Logos die dunkle Undurchdring- 
lichkeit der neuzeitlichen »Natur« wird. 

So sind auch wir selbst im Licht. Auch wir geschaffen von Gottes 
Macht, die gleichbedeutend ist mit Seiner Wahrheit. Auch wir 
durchdrungen von Gottes Erkenntnis bis ins Tiefste unseres Seins, 
vom Grund unserer Geschaffenheit her, ob wir es wissen, oder es 
vergessen haben ; es wollen, oder uns dagegen empören. - 
Welch ein Gedanke: Alles, was ist, ist erkannt! Alles bewegt sich 
im Raum von Gottes Licht. Alles redet. Alles spricht durch We- 



58 



[6] 



sen und Bestand das Wahrheitsbild aus, das Gott schaffend in es 
hineingedacht hat. 

Unser eigenes Erkennen aber ist keine selbstherrliche Welter- 
hellung, sondern das Bemühen, die Sinn-Linien nachzuwandern, 
die Gottes Erkennen im Anfang gezogen hat. 
Und unsere Selbsterkenntnis ist der Versuch, nachzudenken, was 
Gott von uns weiß. Meine Wahrheit ist in Seinem Wissen; und 
so viel weiß ich wirklich von mir, als ich mich aus Ihm heraus 
weiß. - 

Kommt der Gedanke uns aber näher, dann weckt er ein sehr 
zwiespältiges Gefühl. 

Es ist Glück. Unser Geist wird weit. Wie groß ist das, daß alles 
in der Wahrheit steht! Die Unwahrheit ist nur eine Schatten- 
schicht zwischen uns und den Dingen. Eigentlich und vom We- 
sen her steht alles in der Wahrheit: die Dinge und auch ich. Mein 
Geist und mein Leib, meine Kräfte und meine Eigenschaften - 
alles steht in Gottes Licht. 

Dann aber schlägt das Gefühl um: Alles von mir erkannt ? Wirk- 
lich alles ? Daß das Meinige im Klaren sei, ohne Zwielicht noch 
Mißverstehen, ist beruhigend, ist groß, o, gewiß. Aber daß alles 
gewußt sei, was ich bin und tue und denke - daraus kann der 
Schrecken über einen kommen. 

Aus diesem Kampf der Gefühle kommt der Psalm, der uns be- 
schäftigen soll. Er ist sehr lang, wir können ihn nicht ganz und 
nicht in allen Einzelheiten durchgehen. Hören wir aus ihm ein 
Stück. 

Herr, Du prüfest und kennest mich; 

wo ich sitze und stehe, weißt Du um mich. 



[7] 



59 



Meine Gedanken erkennst Du vcn fern; 

mag ich gehn oder liegen, es ist Dir vor Augen, 

all meine Wege sind Dir kund. 

Und ist mir ein Wort noch nicht auf die Zunge gelangt: 
sieh, o Herr, schon kennst Du es ganz. 

Vom Rücken, von vorn umschließest Du mich, 
und Deine Hand hast Du auf mich gelegt. 

Allzu wunderbar ist für mich dies Wissen, 
allzu hoch, ich fasse es nicht. 

Wohin könnte ich gehn, von Deinem Geiste fort? 
wohin fliehn vor Deinem Angesicht ? 

Steig ich zum Himmel hinauf, so bist Du dort; 

bette ich mich in die Unterwelt : siehe, auch da bist Du. 

Nehm ich Flügel der Morgenröte, 

laß ich mich nieder am Ende des Meers, 

wird auch dort Deine Hand mich führen, 
Deine Rechte mich halten. 

Spreche ich aber: So soll die Finsternis mich überdecken, 
Nacht mich umgeben an Stelle des Lichts - 

noch die Finsternis wird Dir nicht dunkel sein; 
wie der Tag wird die Nacht Dir erstrahlen, 
und die Finsternis ist Dir wie Licht. 

Denn Du hast mein Innres gebildet, 
mich gewoben in meiner Mutter Schoß. 



60 






[8] 



Ich preise Dich, daß ich so wunderbar bin gestaltet worden, 
daß Deine Werke so würdig des Staunens sind! 

Du kennst meine Seele bis auf den Grund; 
mein Wesen war nicht verborgen vor Dir, 

als ich im Dunkeln gebildet ward, 
gewoben ward in der Erde Schoß. 

Deine Augen haben schon damals meine Taten geschaut; 
alle sind sie in Deinem Buche verzeichnet, 
alle Tage bestimmt, ehe noch einer war. 

Wenn wir den Worten aufmerksam gelauscht haben, dann war 
da eine Gewalt im Raum. Eine Lichtmacht, die alles durchdrang. 
Wir haben schon davon gesprochen, daß wir die Frömmigkeit 
des Alten Testamentes nur verstehen, wenn wir im Sinn behalten, 
daß in ihm alles durch die große Erfahrung von Gottes Wirklich- 
keit durchdrungen ist. Jenen Menschen war Er nicht nur eine 
Idee, ein Weltgrund, ein unbestimmtes Weben, gar nur ein Er- 
lebnis - Er war ihnen wirklicher als der Boden, auf dem sie stan- 
den. Und nicht allgemein wirklich, sondern hier, jetzt, in der je- 
weiligen Lebensstunde, weil ihre ganze Geschichte nur Geschichte 
aus Gottes handelnder Gegenwärtigkeit sein sollte. Dieser Gott 
aber war Erkenntnis. - 

In der Genesis gibt es eine wunderbare Stelle, die erzählt, wie 
Hagar, Saras Magd, von ihrer Herrin in die Wüste geflohen ist. 
Dort hat sie sich an einem Brunnen niedergesetzt, ratlos, was sie 
tun solle. Da erscheint ihr Gott und sagt, sie solle zurückgehen, 
wohin sie gehöre. Nachher aber heißt es: »Sie rief den Namen des 
Herrn an, der mit ihr geredet hatte: <Du bist der Gott des 
Schauensb Denn sie sprach: <Habe ich gewiß nicht den geschaut, 



w 



61 



der mich angeschaut hat ?> Darum nennt man die Stätte < Brunnen 
des Lebendigen, der mich sieht). Er liegt zwischen Kades und 
Bared« (Gen 16,13-14). 

Fühlen Sie die Gewalt in den Worten : »Er sieht mich« ? Die Wahr- 
heitsmacht, die durch nichts aufgehalten werden kann ? Der Blick, 
der sich auf den Menschen, nein, jeweils auf »mich« richtet? Das 
ist es, wovon der Dichter unseres Psalms spricht. 
Und nun mögen Sie sich selbst den Psalm hernehmen und ihn in 
der Stille einer guten Stunde meditieren. Sich innerlich mit dem 
Mann einssetzen, der da redet - vielleicht wird Ihnen einmal ge- 
schenkt, ein wenig den Blick der großen, stillen Augen zu spüren. 

Fühlen Sie, wie dieser Bück immer weiter dringt ? Wie der Mann 
versucht, ob es nicht doch möglich wäre, Gottes Erkennen ab- 
zuwehren; aber Er durchdringt alles . . Oder Ihm zu entfliehen, 
etwa zur Höhe des Himmels hinauf: aber da ist ja Gott von je! 
Oder in die Tiefe der Unterwelt : » Siehe, auch da bist Du ! « . . 
Oder er »nähme die Flügel der Morgenröte«: Sobald in der klaren 
Luft des Orients die Sonne aufgeht, fährt die Helligkeit mit einem 
Ruck über die Erde : wenn er so schnell, wie morgens das Licht 
über die Erde schießt, fliehen könnte, weit weg, »ans Ende des 
Meeres« - nicht jenes, das an Palästina grenzt, sondern des Welt- 
meeres, das gar kein anderes Ufer hat - auch da »würde Seine 
Hand ihn führen«. Keinen Schritt könnte er gehen, wenn sie ihn 
nicht hielte. Ins Ortlose würde er fallen, wenn das nicht geschähe, 
denn ein Gehen gibt es nur, weil Gott den Weg gibt und den 
Schritt. 

Oder wie der Redende zu ermessen sucht, wie tief Gottes Er- 
kennen reiche, und sich sagen muß, Gott sehe nicht nur den Kör- 
per, sondern auch die Seele; und in der Seele den Lauf der Ge- 



62 



[10] 



f 



f 



danken; und diese Gedanken schon »von fern«, das heißt, wenn 
sie noch unterwegs sind vom Grund der Seele herauf zur Helle 
des Eewußtseins, und auf diesem Wege noch weit weg - schon 
dann sind sie von Gott erkannt. 

Noch einmal kühner: Als er noch nicht geboren war; noch »ge- 
woben ward in der Erde Schoß« - das Bild der Mutter dieses Men- 
schen, und das der Mutter alles Lebendigen, der Erde, gehen in 
einander - schon damals haben Seine Augen geschaut, was der 
nun erst Werdende später, in seinem Leben, tun würde. 
Keine Entfernung im Raum, keine Entlegenheit des Geistes, kein 
Verhülltsein im Noch-nicht-Geschehenen ist fähig, etwas dem 
Blick Gottes zu entziehen. 

Das ist die große Wahrheit vom Wissen Gottes. Je nach dem, wie 
Einer sich zu Ihm stellt, wird sie zum Trost - aber auch zur 
Furchtbarkeit, denn dieses Wissen ist durch sich selbst Gericht. 
Wenn Gott alles weiß, weiß Er auch mein Tun, das gute wie das 
böse. Und nicht nur, was ich tue, sondern auch warum: aus wel- 
chen Absichten und zu welchen Zwecken; offenbaren und ver- 
borgenen. Er weiß das alles aber nicht nur, sondern Er beurteilt 
es; stellt es in sein Maß; und das Maß gilt, ohne Fehler noch Un- 
sicherheit. So stehe ich nicht nur im Licht seines Blicks, sondern 
auch im Urteil Seines Gerichts. Darin wird deutlich, was mit mir 
ist, wie immer die Menschen sich zu mir stellen, was immer ich 
selbst von mir denken mag. Darin hegt der letzte Ernst des Da- 
seins - und wie schwer kann der aufs Gemüt fallen! - 
Es gibt aber nicht nur das bittere Beurteiltwerden durch den un- 
beeinflußbaren Richter, sondern auch das Einvernehmen mit dem 
Allgütigen. Darin spricht der Mensch: Herr, ich weiß, daß ich 
vor Dir nicht bestehe. Wo immer Du in mich blickst, findest Du 



[in 



63 






SdYT t° n i Ch * SChe "* ™ Crst Du ' ^m »offen 
sind der Menschen Herzen, Und dennoch! Ich bin einverstanden 

was S oT r t ? h ^ fm Lkht DebeS BHckeS -• ^ 
was ich bin, tue ich hinein in Deine Wahrheit - 

Es gibt ein Wissen, das nur Wissen ist, nur Feststellung von Wahr- 
heit. Das ist unbarmherzig. Denken wir an die Wdse, wietin 
Forscher seine Apparate auf den Gegenstand richtet, den er unter- 
such ; oder wie ein mitleidloser Richter herausbringt, was der 
Angeklagte getan hat. Das Erkennen Gottes ist nicht so. Es ist 
eins mit Seiner Liebe. Worauf es sich richtet, hat Er ja selbst £ 
schaffen und häk es immerfort im Sein. Gottes Wahrheit ist le- 
danke aber auch Herz, sie ist Licht, aber auch Glut. 
Und der Mensch, der sich mit Gott verbindet, der glaubt - und 
»glauben« heißt ja doch, sich Ihm »angeloben« - wer so tut der 
spricht: Du sollst alles wissen. Mein Wesen und ml Tun'utd 
meinen Sinn Meine Freude und mein Leid. Das Gelungene und 
das Zerbrochene Was ich habe, wie das, was mir verloren ist 

Das Gute und Edle, aber auch das Böse, Häßliche, Niedrige und 
Besch e„d, M „ ^ fa ^ ^ ^ » £* d 

g hoben ; alles, auch das Schlimmste. Sein Licht ist Liebe und Er- 
lösung. Es wird alles zum Rechten führen. 



DER LEBENDIGE GOTT 
Psalm nj 



64 



[12] 



1 



LIEBE FREUNDE, 






¥ 



i 



Der hundertunddreizehnte Psalm ist von einem Geschehen 
beherrscht, das sich tief in das Gedächtnis des berufenen 
Volkes eingegraben hat: der Befreiung aus der Knechtschaft in 
Ägypten und dem langen Zug durch die Wüste ins versprochene 
Land. Er beginnt mit den Worten : 

Als Israel aus Ägypten zog, 

Jakobs Stamm aus dem fremden Volk, 

ward Juda zu Gottes Heiligtum, 
zu Seinem Reiche ward Israel. 

Vorher war Israel Eigentum seiner Zwingherren gewesen und 
hatte Frondienst für sie tun müssen; mitbauen an den Städten und 
Festungen Ägyptens, an den Tempeln seiner Götter und den Pyra- 
miden seiner Herrscher. Jetzt wurde es zu »Gottes Heiligtum«, 
zum Herrschafts- und Wohnreich Dessen, der es berufen. Be- 
freiung und Wüstenzug haben sich unauslöschlich in das Bewußt- 
sein des Volkes eingeprägt; wir begegnen ihren Spuren in den 
Schriften des Alten Testamentes immer wieder. Was hat aber ge- 
macht, daß sie ihm derart ins Gemüt gegangen sind ? 
Vor allem bedeutet jene Zeit die heroische Epoche des Volkes; 
seinen Eintritt in die Geschichte, umwittert von Gefahren, Kämp- 
fen und großen Taten . . Dann ist da aber noch etwas anderes, und 
wir müssen uns dessen Bedeutung ganz klar machen, weil wir 
sonst die Eigenart dieses Volksdaseins nicht verstehen. - 
Am Sinai, wo »der Herr mit Moses von Angesicht zu Angesicht 
geredet hat, wie jemand mit seinem Freunde redet« - im tiefen 
Bewußtsein dieser Huld sagt der Berufene zu Gott: »Wenn Du 



[15] 



67 



V 



nicht persönlich mitziehst, dann laß uns Heber überhaupt nicht 
weiterziehen. Woran soll man denn erkennen, daß ich Gnade in 
Deinen Augen gefunden habe, ich und Dein Volk ? Nicht daran, 
daß Du mit uns ziehst, wodurch wir, ich und Dein Volk, vor 
allen anderen Völkern auf Erden ausgezeichnet werden ?« Gott 
aber erwidert: »Auch das, wonach du soeben begehrt hast, will 
ich tun; denn du hast Gnade in meinen Augen gefunden, und 
ich kenne dich mit Namen!« (Ex 33,11. 15-16. 17). Es wird denn 
auch immer wieder gesagt, der Herr sei »vor ihnen hergezogen«, 
und dieses Vorausziehen Gottes vor Seinem Volke hatte ein ge- 
heimnisvoll ausdrückendes Zeichen: die heilige Wolke. Im glei- 
chen Buche Exodus heißt es: »Die Wolke bedeckte das Begeg- 
nungszelt, und des Herrn Lichtglanz erfüllte die Wohnstätte. Mo- 
ses war nicht im Stande, in das Begegnungszelt hineinzugehen; 
denn es lagerte darauf die Wolke, und des Herren Herrlichkeit 
erfüllte die Wohnung. Wenn sich nun die Wolke von der Wohn- 
stätte hinweg erhob, dann machten sich die Israeliten stations- 
weise auf den Weg. Erhob sich aber die Wolke nicht, so brachen 
sie auch nicht auf, bis zu dem Zeitpunkt, da sie sich wiederum 
erhob. Denn die Wolke des Herrn war über der Wohnstätte des 
Herrn am Tage; des Nachts aber war Feuer darin, vor den Augen 
des gesamten Hauses Israel während all seiner Wanderungen.« 
(Ex 40,34-38) 

Gott wohnt unter ihnen. In einem Zelt, wie sie selbst. Freilich 
durch strenges Gebot von frevelnder Annäherung abgeschieden. 

Was heißt das aber, daß Gott mit diesem Volke wandert; daß Er 
unter ihm wohnt; daß Er, wie ebenfalls berichtet wird, durch den 
Mund des Moses Weisung gibt und Recht spricht, daß Er seine 
Kämpfe kämpft und für seine Notdurft sorgt ? 



68 



[161 



Wenn man einem, der damals dabei gewesen, eingewendet hätte: 
Gott ist doch überall; wie konnte Er da unter Euch wohnen und 
vor Euch herziehen? - dann hätte der wohl erwidert: ich weiß, 
daß Er überall ist; aber Er war bei uns, und ist mit uns gezogen,' 
und hat Recht gesprochen, und hat unsere Kämpfe gekämpft. D J 
haben wir erfahren, und es war so wirklich, wie daß die Sonne am 
Himmel ihre Bahn zog, und der Erdboden unsere Füße trug. 
Hier ist ein Geheimnis, das sich durch die ganze Geschichte der 
Offenbarung erstreckt: Gott, der einfachhin ist, und darum auch 
an allen Orten und zu jeder Zeit, kann in eine bestimmte Stunde 
eines Menschenlebens, will sagen, in die Geschichte eintreten, und 
Er hat es immer wieder getan. Das bedeutet nicht nur, daß man 
Ihn als Nähe erlebt hätte, oder Seine Hilfe wirksam geworden 
wäre; durch solche Erklärungen würde das Eigentliche verwa- 
schen. Es ist vielmehr genau das gemeint, was jeden Rationalismus 
stößt: ein ausdrückliches Eingehen Gottes in die Endlichkeit, in 
Ort und Stunde, das sich dann, »in der Fülle der Zeit«, durch die 
Menschwerdung des Sohnes Gottes vollendete, so daß man sagen 
konnte, sie sei an diesem Orte geschehen und nicht anderswo; in 
diesem Jahr, nicht in einem früheren oder späteren; Er sei dieses 
Weges gegangen, und habe zu diesen bestimmten Leuten ge- 
sprochen. 

Ein großes Geheimnis, das aber den Wesenskern des christlichen 
Glaubens bildet. Es hat begonnen, als Gott sich seinem Volke 
nahte, in ausdrücklichem Kommen, wunderbar und furchtbar, 
damals, als Er auf dem Sinai seinen Bund mit ihm schloß. Es voll- 
zog sich auf der langen Wanderung durch die Wüste. Und als 
diese ihr Ziel erreicht hatte, verwirklichte es sich im Tempel zu 
Jerusalem. Dort hat Gott gewohnt; nicht nur psychologisch er- 
lebt, sondern wirklich, lebendig, persönlich darin weilend. 



[17] 



69 



II I 

m 



Diese Gegenwärtigkeit Gottes war die Ursache, warum der Zug 
durch die Wüste, und was auf ihm geschah, so tief ins Gedächtnis 
des Volkes Israel eingegangen ist. Von diesem Ungeheuren her 
war alles von Geheimnis umwittert und von ewiger Bedeutung 
erfüllt. 

Jetzt verstehen wir die Atmosphäre der nächsten Verse: 

Das Meer sah es und floh, 

der Jordan wandte den Lauf zurück. 

Die Berge sprangen, den Widdern gleich, 
den Lämmern gleich die Hügel. 

Was ist dir, Meer, daß du fliehst ? 

dir Jordan, daß du wendest den Lauf zurück ? 

ihr Berge, daß ihr springet, den Widdern gleich, 
den Lämmern gleich, ihr Hügel ? 

Erbebe, Erde, vor dem Antlitz des Herrn, 
vor dem Antlitz von Jakobs Gott, 

der den Felsen verwandelt in Wasserflut, 
in strömende Quellen den Stein. 

Wovon da erzählt wird, ist der Zug durch das Rote Meer zu 
Anfang der Wanderung und der Übergang über den Jordan an 
ihrem Ende. Dann ist die Rede von erdbebenartigen Ereignissen, 
vielleicht der Erschütterung des Sinai durch die Gotteserscheinung, 
wie sie im neunzehnten Kapitel des Buches Exodus berichtet wird. 
Endlich von jener Durstnot in der Wüste, für die Moses auf Gottes 
Geheiß das Wasser aus dem Felsen schlug (Ex 17, 2 ff). 



Alles aber ist von einer geheimnisvollen Atmosphäre umgeben: 
das Meer »flieht«; der Jordan »weicht zurück«; die Berge »sprin- 
gen«. Das sind nicht nur dichterische Bilder, sondern Ausdruck 
für das Ungeheure, das damals waltete. 

So erhebt sich der Lobpreis: 

Nicht uns, o Herr, nicht uns, 

nein, Deinem Namen die Ehre, 

um Deiner Gnade willen und Deiner Treue. 

Was sollen die Heiden sprechen: 
Wo ist ihr Gott ? 

Im Himmel ist unser Gott - 

alles, was Ihm gefiel, hat Er vollbracht. 

Was da geschehen ist, soll aber seinen richtigen Ort haben. Der 
Verfasser des Psalms will kein Heldenlied schreiben. Ihm geht es 
nicht um nationale Größe, oder um den Ruhm hervorragender 
Persönlichkeiten aus der Geschichte Israels: eines Moses, oder Saul, 
oder David. Was er verkündet, ist die Ehre Gottes; was gesagt 
wird, ist Gebet und Bekenntnis. 

Israel spielt in der Geschichte der Völker eine eigentümliche Rolle. 
Das ihm zugewiesene Schicksal war groß und hart zugleich. Es 
stand nicht auf eigener Kraft, aber auch nicht auf Freundschaften 
und Bündnissen mit anderen Nationen. Zwischen ihm und allen 
anderen, mochten sie ihm volklich auch noch so verwandt sein, 
erhob sich immer die unerbittliche Grenze des Herausgerufen- 
seins durch Den, der kein Gott geschichtlicher Volkheiten, son- 
dern Jener war, der jede Benennung von der Welt her zurück- 
gewiesen und auf die Frage des Moses geantwortet hatte: »Ich bin 



70 



[18] 



[19] 



71 



} 



■ 



IV 



I 



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der ich bin.« Israel war sein Volk. Es hatte keine andere Wesens- 
bestimmung. Alle anderen Völker aber waren »Heiden«, die sich 
zur Bestätigung ihrer naturhaften Geschichtlichkeit ihre jewei- 
ligen Götter schufen, ägyptische und babylonische, persische und 
syrische, griechische und römische. Diese waren auf Sein und 
Nichtsein an das Leben ihrer Erzeuger gebunden. Geht das ägyp- 
tische Volk unter, dann erlöschen auch seine Götter. Israels Gott 
aber ist »im Himmel«, jenseits der Erdenwirklichkeit, eigenen 
Rechts und ewiger Wirklichkeit. Die Götter der Heiden leben 
und handeln, wie sie müssen, weil sie nichts anderes sind als der 
religiöse Ausdruck von Daseinsmächten. Er aber ist der Herr; 
Herr seiner selbst und darum Herr alles Seienden, und »voll- 
bringt«, was Ihm gefällt. - 

In der Zeit, von welcher der Psalm spricht, ist dem berufenen 
Volke etwas Besonderes geschehen. Es ist physisch aus der poli- 
tischen Knechtschaft ausgewandert - hat das aber auch geistig 
getan, und zwar aus der Welt des Heidentums. Als es durch den 
Ruf Gottes getroffen wurde, sich aus der jahrhundertelang ge- 
wohnten Umgebung löste und in die Gefahren der Wüste zog, 
erfuhr es aufs Intensivste, wer der Geheimnisvoll-Gewaltige war,' 
durch dessen Befehl es geführt, und von dessen Nähe es um- 
geben war. 

Das Volk Israel hatte wahrlich Gelegenheit gehabt, zu sehen, was 
»Götter« sind; in Ägypten, mit seinen uralten Mythologien, sei- 
nen ungeheuren Tempelanlagen, seinen unzähligen Bildwerken; 
herrlichen Gestaltungen menschlichen Könnens, zugleich aber 
auch tiefen Entehrungen des wahren Herrn der Welt. Es hatte die 
magische Macht dieser Welt erfahren - nun erfuhr es die herr- 
scherliche Wirklichkeit des Lebendigen, die glühende Heiligkeit 
Seiner Nähe. Jetzt wußte es den Unterschied. - 



Die gläubige Existenz beginnt mit der Unterscheidung zwischen 
den Mächtigkeiten von Natur und Menschenwerk und Jenem, 
»der da ist«. An ihr hängt alles. Diese Unterscheidung wird hier 
vollzogen. So scharf, so alle Zweideutigkeit durchschneidend, daß 
sie ihren Ausdruck in Worten von großartiger Naivität findet: 

Doch ihre Götzen sind Silber und Gold, 
Werke von Menschenhand. 

Sie haben Lippen und reden nicht, 
haben Augen und können nicht sehn; 
sie haben Ohren und hören nicht, 
eine Nase und können nicht riechen. 

Sie haben Hände und tasten nicht, 

haben Füße und gehen nicht, 

aus ihrer Kehle geben sie keinen Laut. 

Diese Gestalten, vom künstlerischen Standpunkt aus oft herrlich, 
für das unmittelbare Gefühl von magischer Mächtigkeit - sie wer- 
den in den Augen dessen, der da redet, wie nackt: »Werke von 
Menschenhand«. 

Bei den Propheten findet sich für die Götter ein Wort, das sie 
gleichsam auslöscht: sie sind »Nichtse«; das Nichts in Figuren. 
Jsaias sagt: »Ihr Land ist von Götzen voll, unzählbar sind ihre Bil- 
der . . Doch diese Götzen verschwinden ganz und gar.« (2,8. 18) 
Und Jeremias: »Hat je ein Volk seine Götter vertauscht, die nicht 
einmal Götter sind? Mein Volk ater hat seine Ehre vertauscht 
gegen ein ohnmächtiges Etwas!« (2, 1 1) Gewiß sind sie nicht Null; 
in ihnen gestaltet sich religiöse Weltmächtigkeit und oft tiefe 
Welterfahrung. Aber der Blick, den die Begegnung mit dem 



7* 



[20] 



[21] 



73 



Lebendigen Gott gibt, geht auf den Kern. Er schaut durch alles hin- 
durch, was der Mensch religiös, philosophisch, ästhetisch, poli- 
tisch und wie immer zum Gottesbilde macht, und sieht: Da ist 
nichts. 

So grotesk wird der Widerspruch zwischen der angemaßten Ma- 
jestät und der realen Ohnmacht; zwischen dem Aufwand an Denk- 
werk, Kunst, Feierlichkeit auf der einen Seite und der inneren 
Leere der Göttergestalten, denen er gilt, auf der anderen, daß der 
Psalm anfängt, über sie zu höhnen: Sie haben Augen und sehen 
nicht; haben Ohren und hören nicht - nichts sind sie! Der heutige 
Gebildete empört sich über solche Reden. Er empfindet darin 
Kulturlosigkeit und Fanatismus. Es steht auch gewiß nicht jedem 
zu, so zu sprechen; der es aber hier tut, hat die große Erfahrung 
gemacht, von welcher der ungläubige Kulturmensch nichts weiß, 
und die doch alles entscheidet. Von ihr her hat er göttlich recht. 
Die ganze Geschichte des berufenen Volkes ist von dieser Grund- 
erfahrung beherrscht. Sie bedeutet noch nicht, daß nun alle fromm 
und gehorsam gewesen wären. Die Einen waren es, die Anderen 
nicht, vielleicht Viele nicht. Es hat unter ihnen sehr schlimme Zu- 
stände gegeben, Faustrecht, Zwietracht, Sittenverderbnis, Gott- 
losigkeit - die Propheten beben vor Empörung darüber. Für das 
Ganze des Volksbewußtseins aber war Gott lebendige Wirklich- 
keit, während ringsum Göttergestalten und Göttermythen die 
Welt erfüllten, oft geformt durch große Kunst, gedeutet durch 
tiefe Weisheit, im Letzten aber ein Nichts. 

Weiter heißt es: 

Ihnen gleich sollen werden, die sie machen, 
jeder, der auf sie sein Vertrauen setzt. 



Der Vers soll uns am Ende unserer Betrachtung noch besonders 
beschäftigen; so lassen wir ihn fürs erste noch stehen. 

Dann fährt der Psalm fort: 

Israels Haus vertraut auf den Herrn, 
Er ist sein Helfer und Schild. 

Aarons Haus vertraut auf den Herrn, 
Er ist sein Helfer und Schild. 

Alle, welche den Herren fürchten, vertraun auf den Herrn, 
Er ist ihr Helfer und Schild. 

Gegenüber den leeren Göttern und Götzen erhebt sich der Leben- 
dige, der sich dem berufenen Volk auf dem Sinai offenbart hat; 
»der Herr«, der keines Dings bedarf; der von keinem Volke ab- 
abhängt, aber in freier Gnade eines berufen hat, daß es Sein Volk 
sei, und Er sein Gott, und Er im Gang der heiligen Geschichte von 
ihm aus allen Völkern das Heil bringe. Auf Ihn vertraut »das 
Haus Israel«, »das Haus Aaron«, zwei Stämme des Volkes genannt 
für alle anderen. 

Auf Ihn vertrauen »alle, die den Herrn fürchten«. Gott fürchten 
heißt nicht, sich vor Ihm fürchten, sondern in Ihm den Heiligen 
erfahren; den Unnahbaren und doch Genahten; den Allein-Wirk- 
lichen, der Seine furchtbare Macht den Seinen in Gnade zuwendet. 
Darum vor allem zurückschrecken, was Ihm widerspricht; zu- 
gleich aber ihm vertrauen, grenzenlos, über alle endlichen Mächte 
hinweg. 

Von Ihm kommt dann auch der »Segen«. Segnen kann nur, wer 
erschaffen kann. Das Segnen ist gleichsam eine Fortsetzung des 



74 



[22] 



[23] 



75 



r 



I 



II 



I 



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I 



Erschaffens in die Zeit hinein. Es macht, daß das, was geworden 
ist, Bestand hat; daß das Werdende gedeiht; das Lebendige frucht- 
bar wird. 

Der Herr ist unser gedenk - 
segnen wird Er uns. 

Segnen wird Er Haus Israel, 
segnen Aarons Haus. 

Segnen wird Er jene, welche Ihn fürchten, 
die Kleinen wie auch die Großen. 

Dieser Segen kommt aus heiliger Tiefe, aus der InnerHchkeit Got- 
tes, wenn man so sagen darf; aus Seiner Gesinntheit gegen die 
Seinen, deren Er »gedenkt«; die Er nicht vergißt, sondern ohne 
Wandel gegenwärtig hält. - 

Und nun tritt der meditierenden und betenden Rede eine andere 
entgegen; wie man wohl annehmen muß, aus Handlung heraus. 
Ein Träger von Vollmacht, vielleicht ein Priester, nimmt gleich- 
sam das Segnen Gottes in seine Befugnis und spricht es in litur- 
gischen Worten aus: 

Wachsen läßt euch der Herr, 
euch und eure Kinder. 

Und seid gesegnet vom Herrn, 
der Himmel und Erde geschaffen. 

Darauf antwortet der Chor der also Gesegneten: 

Der Himmel ist Himmel des Herrn, 

die Erde aber hat Er den Menschen gegeben. 



Nicht Tote loben den Herrn, 

noch irgend einer, der zur Tiefe hinabgestiegen. 

Wir aber preisen den Herrn 
jetzt und in Ewigkeit. 

Wieder der Hinweis auf Gottes unzugängliche Majestät; der 
Pummel ist sein Ihm vorbehaltenes Reich. Er hat aber auch den 
Menschen ein Reich gegeben : die Erde. 

Ein tiefes Gefühl bricht durch: auf der Erde Fug und Recht zu 
haben, für Leben und Werk. Die liier reden, werden der Wurzeln 
ihres Seins inne. Sie liegen in der Erde; aber Gott hat sie ihnen 
hineingesenkt. Das Gefühl ist um so tiefer, als der Mensch, der 
hier redet, noch kein wirkliches Bewußtsein ewigen Lebens hat. 
Der Tod löscht zwar nicht aus, er bedeutet aber ein »Hinabsteigen 
zur Tiefe«, in ein Schattenreich unter der Erde. So sammelt sich 
das ganze Gefühl von Sein, Leben, Welterfassung, Werk in die 
Frist, die auf Erden gewährt ist. Es bedarf aber keiner besonderen 
Betonung, daß das nichts mit Materialismus zu tun hat. Es hat 
vielmehr eine besondere Bedeutung im Zusammenhang der Heils- 
ordnung, über die wir aber hier nicht sprechen können. 

Doch müssen wir nun zu dem Vers zurückkehren, den wir uns 
aufgespart haben, und der von den Göttern und Götterbildern der 
Heiden sagt: 

Ihnen gleich sollen werden, die sie machen, 
jeder, der auf sie sein Vertrauen setzt. 

Ein furchtbarer Satz - besonders angesichts des Ästhetizismus 
und der Leichtfertigkeit, mit der man heute von Göttern redet. 
Wir müssen ihn von dem Hintergrund der Worte Gottes her 



76 



[24] 



[25] 



77 



I 



verstehen, welche die Gründungsurkunde des menschlichen We- 
sens bilden. Sie stehen in der Genesis im ersten Kapitel, und lau- 
ten: »Gott sprach: Lasset uns den Menschen machen nach un- 
serem Bilde!« Da schuf Gott, der über allen Bildern ist, ein We- 
sen, in welchem Seine Herrlichkeit erscheint. Er übersetzt - wenn 
man sich so ausdrücken darf - seine unendliche, durch nichts zu 
umschreibende Wesensfülle in ein endliches Bild, und das ist der 
Mensch. 

Der Mensch ist Gott ähnlich; worin besteht aber diese Ähnlich- 
keit > Die Schrift bestimmt sie so, daß sie sagt, Gott selbst herrsche, 
und Er habe dem Menschen gegeben, es auch zu tun. Dieses 
»auch« muß recht verstanden werden: Gott herrscht von Wesen, 
weil Er Gott ist; der Mensch aber von Gnaden, weil Gott ihm 
schenkt, es zu können. Er steht im Gehorsam zu Gott; von daher 
gehorcht ihm die Welt. Erkennend, wertend, handelnd, gestal- 
tend formt er die Welt zu seinem Reich; und da er selbst im 
Dienst des höchsten Herrn steht, wird es dadurch Reich Gottes. 
Das ist die Ebenbildlichkeit. 

Wäre der Mensch darin verharrt, so wäre er Gott immer ähnlicher 
geworden. Immer vollkommener hätte er die Welt zu eigen ge- 
nommen und sie in immer reinerer Liebe Gott zurückgegeben. 
Er hat sich aber empört; hat von eigenen Gnaden herrschen; hat 
die Welt für sich selbst haben wollen. Das Ergebnis war, daß er 
der Welt verfiel. Er hat den wahren Herrn verraten; dafür ist die 
Welt sein Gott geworden. Ausdruck davon sind die Götter. Ver- 
dichtungen der Macht, welche die Welt über den Menschen ge- 
wann, als er von Gott abfiel. So ist der Mensch, der Gott ähnlich 
sein sollte, den Göttern ähnlich geworden. Was das aber bedeutet, 
mag deutlicher werden, wenn man nicht nur auf Apollon und 
Athene, sondern auch auf die dunklen und die furchtbaren und 



78 



[26] 



die scheußlichen Gestalten blickt, denen die Menschen göttliche 
Ehre erwiesen haben. Dann wird der Blick ernüchtert genug, um 
auch in den glänzendsten Olympiern die leere Kälte, das anonyme 
»Es« zu sehen. - 

Das ist eine Wahrheit, die wir an uns heranlassen sollen. Was der 
Mensch ist, wird letztlich nicht von ihm selbst, sondern von der 
Göttlichkeit her bestimmt, an die er glaubt. Rationalisten pflegen 
zu sagen, der Mensch denke sich das Göttliche so, wie sein Cha- 
rakter, sein Temperament, seine Lebensbedürfnisse es wünschen. 
Das spricht mit, gewiß; im Eigentlichen verhält es sich aber um- 
gekehrt: So, wie das Göttliche ist, an das der Mensch glaubt, so 
wird er selbst. Und wenn er an gar keines glaubt, dann ist es dieses 
Nichts, was sein Innerstes bestimmt. 

Wenn der Mensch sich zum Beispiel bewußt ist, Gott habe ihn 
durch Seinen Anruf geschaffen, so daß er von Wesen Angerufener 
ist; wenn er die verschiedenen Situationen seines Lebens als Wei- 
sen ansieht, wie dieser Anruf dringlich wird, sein eigenes Tun 
aber als Antworten, die er darauf gibt - dann wird der Kern seiner 
Person immer fester und sicherer; sein Wesen immer reicher und 
ewigkeitshaltiger. 

Denkt er aber Gott so, wie der Pantheismus es tut, als den All- 
Geist, oder das Urgeheimnis, oder den Wesensgrund der Welt 
dann ist da kein reines und verpflichtendes Du, sondern nur eine 
verschwimmende Unbestimmtheit. Dann geht die Unbestimmt- 
heit auch in sein innerstes Wesen, und er verliert die Fähigkeit, 
in den entscheidenden Fragen des Daseins klar Ja oder Neinj 
so und nicht anders zu sagen . . Oder wenn er wieder ins Mythi- 
sche zurückwill, wie in den zwölf Jahren des Unsinns, als die 
germanischen Götter aufleben sollten; oder wie bei Philosophen 
und Ästheten, die behaupten, die griechischen Götter seien für sie 

[27] 

1 79 



t' 



gültige Wahrheit, dann kommt in den Menschen der absolute 
Unernst, denn die Götter sind »Nichtse«, in welcher Form sie auch 
auftauchen mögen, politisch, oder philosophisch, oder ästhetisch . . 
Wenn aber vollends das Göttliche überhaupt geleugnet und 
ausgerottet wird, der radikale Positivismus oder Materialismus 
herrscht, dann entsteht in der Tiefe des Menschen eine böse Leere. 
Sie wird zwar vom Zwang der Macht, vom Getöse des Fortschritts, 
vom Schein des Wohlstandes überdeckt, aber sie ist da, macht den 
Menschen zu innerst wehrlos, und die Gewalt des Staates kann 
zugreifen. - 

Der Gott, an den wir glauben, der Lebendige und Freie, ist unser 
Halt und Schutz; vergessen wir das nicht. Im Maß Er aus dem 
Bewußtsein des Menschen verschwindet, verdirbt dessen Wesen. 
Er weiß nicht mehr, wer er ist. Seine Wissenschaft mag noch so 
exakt, seine Technik noch so fortgeschritten, seine Kultur noch so 
verfeinert sein - in Wahrheit wird er ortlos und haltlos, jeder Lüge 
und jeder Gewalt preisgegeben. Es ist genau so, wie der Psalm 
sagt: der Mensch wird, wie der Gott ist, an den er glaubt. - 
Das ist die ungeheure Erfahrung, die aus unserem Psalm redet. 
Das Volk, das in Ägypten war und dort erlebt hat, was Götter 
sind, wird inne, wer der Lebendige Gott ist. 
Das geht uns an! Die Grund-Entscheidung unseres Lebens besteht 
darin, ob wir erkennen, wer Er ist, angesichts der Göttlichkeiten, 
Halbgöttlichkeiten, Gottlosigkeiten in Politik und Kultur und 
Dichtung und wo immer. Nur, weil Gott ihn in sein Wesen be- 
gründet hat, ist der Mensch, was er ist. Nur sich selbst von Gott 
empfangend, bleibt er seiner selbst gewiß. Nur im Angerufensein 
durch Gott kann er überhaupt sprechen: Ich. Denn sein ganzes 
Dasein ist nichts anderes als die Antwort auf den schaffenden 
Anruf: »Du!« 



80 



[28] 



üniversity Libraries of Notre Dame 




Mit kirchlicher Druckerlaubnis • 1. Auflage 1956 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



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1756 

.G85 

W3 

V.4 



4 



WAH RH E IT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen ; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund- Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefugt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fordau- 
fende Thema eines Semesten bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichdich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geisdicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



DAS GOTTESLOB DER WELT 



Psalm 148 



UNIVERSITYsT 
NOTREDAME 



I*-l*St 




LIBRARIES 






LIEBE FREUNDE, 



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Unter den Psalmen gibt es eine Gruppe, die einen besonders 
freudigen Charakter hat: die sogenannten Lobpsalmen. Ihr 
Dichter fühlt die Herrlichkeit der Werke Gottes und durch sie 
hindurch die Größe Dessen, der sie geschaffen. Was ihm da übers 
Herz kommt, spricht er Gott in feierlichen Worten zu. 
Die Lobpsalmen ziehen sich durch das ganze Buch hindurch. Im 
hundertachtundvierzigsten, also im Ausklang des Buches, faßt sich 
die ganze Schöpfung, der Dinge und des Menschen, wie zu einem 
großen Schlußakkord zusammen und steigt zu Gott auf. 
Er lautet so: 

Lobet den Herrn von den Himmeln, 
lobet Ihn in den Höhn. 

Lobet Ihn, all Seine Engel, 
lobet Ihn, Seine Scharen. 

Lobet Ihn, Sonne und Mond, 
lobet Ihn, all ihr funkelnden Sterne. 

Lobt Ihn, ihr höchsten Himmel 

und ihr Wasser über dem Firmament. 

Sie alle sollen den Namen des Herrn loben, 
denn Er befahl, und sie waren da. 

Bestand gab Er ihnen für immer und ewig, 
erließ ein Gesetz, das nie vergeht. 



[3] 



83 



Lobet den Herrn von der Erde, 

ihr Ungeheuer und all ihr Tiefen des Meers. 

Feuer und Hagel, Nebel und Schnee, 
Sturmbraus, der Sein Gebot erfüllt, 

Berge und Hügel alle, 

fruchtbare Bäume und Zedern alle; 

wilde Tiere und Herden zumal, 
kriechende Wesen, Vögel im Federkleid; 

alle Herrscher und Völker der Erde, 
alle Fürsten und Richter der Erde, 

Jünglinge ihr und Jungf raun auch, 
Greise und Kinder zumal. 

Alles lobe den Namen des Herrn, 
erhaben ist Sein Name allein. 

Es hebt Seine Hoheit sich über Erde und Himmel, 
und wachsen läßt Er die Kraft Seines Volks. 

All Seinen Frommen ist Lob verliehen, Israels Söhnen, 
dem Volke, welches Ihm nahe ist. 

Wie würde man es wohl anzugehen haben, wenn man das ganze 
Dasein so zusammenfassen wollte, daß seine Fülle wie auch seine 
Einheit deutlich würden, und man alles in einem einigen Lob vor 
Gott tragen könnte ? 

Vielleicht so, daß man nach einem äußersten Punkt unserer leben- 
digen Welt suchte, von dem aus man das Ganze in seinem Zu- 
sammenhang durchblicken und durchfühlen könnte. Dazu würde 



84 



M 






der Gedanke an die Pole der Welt - nicht der astronomischen 
oder physikalischen, sondern unserer Lebenswelt - helfen können 
Diese PoleliegennichtOben und Unten, sondern Obenundlnnen- 
im Erhabenen und im Innerlichen. Es sind die »Orte«, an denen 
der Sinn Gott findet: seine Majestät und seine Nähe. - 
So könnte man - um den zweiten Weg zuerst zu nennen - ins 
Innere hineintauchen; in die Tiefe des Herzens, so wie ein Augu- 
stinus es tut, wenn er im Bericht über seine erste, Vieles ent- 
scheidende religiöse Erfahrung sagt: »Und von dorther« - einem 
Pauluswort - »gemahnt, zu mir selbst zurückzukehren, trat ich 
von Dir geführt, in mein Innerstes ein, und vermochte es, weil Du" 
mein Helfer warst« (Bekenntnisse 7, 10). Hinein bis in jenes Letzte, 
wo wenn man so sagen darf, unser Sein von der Mitte her an das 
Nichts grenzt; wo die Hand Gottes einen hält. Das wäre ein sol- 
cher Punkt, von dem man sagen könnte, weiter komme man 
nicht. 

Von dort her könnte man dann hinausdringen, Schicht um Schicht : 
m die Gesinnungen, Vorstellungen, Gedanken; dann in das Wort 
das von innen hinaustritt; weiter in die Beziehungen zu den Men^ 
sehen, den nächsten, den nahen, den ferneren, Gruppe um Gruppe 
hinaus, bis ins Menschengesamt auf Erden. Könnte dann von der 
Erde hinausdenken in den Weltraum mit der Folge seiner Ord- 
nungen - und so schließlich eine Ahnung von dem ungeheuren 
Ganzen gewinnen, das sich aus der Stille der inneren Mitte ins 
AU-Weite hinausbaut. 

Das wäre ein guter Weg. Man kann aber auch einen anderen ein- 
schlagen: sich zur höchsten erreichbaren Höhe erheben, zur wei- 
testen Weite, zur fernsten Ferne und von dort zur menschlichen 
Nähe, zum eigenen Selbst und dessen täglichem Leben herab- 
steigen - so macht es unser Psalm. - 



[5] 



85 






Gleich der erste Vers schwingt sich hinauf: »Lobet den Herrn von 
den Himmeln, lobet Ihn in den Höhn.« Das dürfen keine bloßen 
Worte bleiben. Wenn wir sie verstehen wollen, müssen wir das 
Ungeheure des »Ganz-Oben« fühlen. Etwas von der Art jenes 
Antriebs muß sich erfüllen, der den Menschen aus den Niederun- 
gen zu den Bergen treibt, ihre Erhebung hinauf, bis er auf dem 
Gipfel steht, hinaus- und hinabblickt. Jeder anzutreffende Gipfel 
ist ja eine Vorbedeutung des letzten, des »Daches der Welt«, der 
Höhe einfachhin, die nie erreicht wird, aber in jeder einzelnen 
Berghöhe gemeint ist. 

Die dort stehen, sollen Gott loben; das aber sind - und nun er- 
scheint ein BÜd, das eigentlich ein Akkord von Bildern ist - es 
sind die Engel; die Heerscharen Gottes; die unzähligen Geist- 
wesen, die Gott vor den Dingen erschaffen hat, und die Seinem 
Willen dienen. 

Im Wort »Heerscharen« klingt aber ein zweiter Sinn mit. Es meint 
die Engel, und auch die Gestirne. Wir müssen daran denken, daß, 
der hier redet, im Süden lebt, wo die leuchtenden Gebilde des 
Himmelsraumes so sehr viel heller und körperhafter sind als bei 
uns; so sehr viel stärker an das Gefühl des Menschen dringen. Dür- 
fen auch nicht vergessen, daß die Gestirne für den antiken Men- 
schen nicht nur astronomische Weltkörper sind wie für uns, son- 
dern von ihm als Mächte empfunden werden, die geheimnisvolle 
Majestät haben, walten und lenken. Ihr Bild geht mit dem der 
Engel zusammen, eine Vorstellung, die bis in unsereNeuzeit nach- 
gewirkt hat. Diese funkelnden Mächte werden angerufen: Engel 
und Gestirne sollen Gott loben. - 

»Lobt Ihn, ihr höchsten Himmel.« Für den Mann, der da redet 
ist die Erde eine große flache Scheibe, die feste Basis seiner Welt' 
Über ihr erhebt sich die himmlische Höhe. Sie gibt dem Hinauf- 



86 



[6] 



■ 



schauenden das Gefühl der Unersteigbarkeit und Unerschöpflich- 

w"',u DieSeS V n § eheure ««• gegliedert: in der Mitte eine feste 
Wölbung - die Vorstellung ist uns noch im Wort »Firmament« 
vertraut. Unter der Wölbung das bewegte Luftmeer; über ihr 
das Meer der Höhe, aus dem der Regen kommt. Noch einmal 
hoher erhebt sich der Thronsaal Gottes. 
Alle diese höchsten Regionen werden aufgefordert, Gott zu loben. 

»Denn Er befahl, und sie waren da« - das entscheidende Wort 
Was der Psalm unter »Lob« versteht, ist nur möglich, wenn die 
Welt Gottes Werk ist. Ist sie »Natur«, so wie die Neuzeit das 
Wort meint, dann gibt es kein Lob. Dann geht von der Welt 
nichts zu einem ewig-heiligen Ursprung empor. Dann kündet sie 
nicht Wahrheit, und atmet nicht Freude, und trägt nicht ihr We- 
sen dankend ihrem Urheber zu. Was Philosophen und Dichter 
von solcher Art sagen, ist zerronnene Gläubigkeit, oder inhaltslose 
Rhetorik. In Wahrheit ist alles bloß da; schwer und stumm. 
Das Lob entspringt erst aus dem Wissen um das Unsägliche daß 
»zuerst« - nicht der Zeit, denn die Zeit selbst wird ja erst, wenn 
Er die Welt schafft, sondern dem Sinn nach - nichts ist; »dann« 
Er gebietet; »endlich« Welt wird, und nun, in Geist und Gemüt 
dessen der glaubend weiß, das Staunen, der selige Dank die Augen 
aufschlägt, sein zu dürfen, durch des Schöpfers Großmut - 
Wenn nur Natur ist, kann der redliche Geist nicht loben, so wenig 
er bitten oder danken kann. Das sind dann zu Unrecht angeeig- 
nete und im Halbsinn verwendete Worte. Die Natur ist nur, sonst 
nichts; sie erwartet kein Lob, noch vernimmt sie es 
»Bestand gab Er ihnen für immer und ewig.« Gott hat die Welt 
mit der Fülle ihrer Wesenheiten und im Gefüge ihrer Ordnungen 
geschaffen. Dadurch ist sie etwas Sinnvolles, das wir anschauen 



[7] 



87 



und erkennen, in dem wir leben und unser Werk tun können. Das 
ist gut. Denken wir an das Wort der Genesis: »Gott sah alles an, 
was Er geschaffen, und siehe, es war gut« und »sehr gut«. Gültig 
in sich; wert, daß es sei. 

Das war der erste Satz der heiligen Symphonie, die sich im Psalm 
entfaltet: das Lob Gottes von der Höhe her. 

Dann steigt es herab: »Lobet den Herrn von der Erde, ihr Un- 
geheuer und all ihr Tiefen des Meers. « 

Nach dem ersten großen Eindruck, den der Bewohner Palästinas 
empfangen mußte, vom »Übermaß der Sterne«, war der zweite 
jener, der von der geheimnisvollen Fülle des Meeres ausging. 
Denen, die mit ihm vertraut waren, ist das Meer immer als Ur- 
schoß des Lebens erschienen. Wie die Genesis von der Erschaffung 
der Tiere spricht, nennt sie zuerst die der Fische - eine Wahrheit, 
die von der Wissenschaft bestätigt wird. Dieser Urschoß geht 
immer tiefer hinab - so wie der Himmel immer höher hinauf; 
zwei Unergründlichkeiten, die einander Ruf und Antwort zu- 
senden. An ihn ergeht nun die Aufforderung des Psalms, Lob zu 
sprechen. Alles, was sich in ihm regt, soll es sprechen, unermeß- 
lich, wie die Zahl der funkelnden Bilder droben. - 
Nachdem die Tiefe berührt ist, geht der Weg des Lobes in den 
Luftraum hinaus: »Feuer« - der Blitz - »und Hagel, Nebel und 
Schnee, Sturmbraus, der Sein Gebot erfüllt« - sie alle sollen es 
sprechen. 

Auch die »Berge und Hügel« sollen es sprechen, die Gebilde des 
menschlichen Lebensraumes, in denen die Erde sich emporhebt; 
seit je Gleichnis des Herzensdranges, der hinauf will; ahnende 
Verwirklichungen dessen, was »Höhe« ist. Und ist nicht die Offen- 
barung des Namens Gottes am Horeb geschehen ? Und die Kund- 



88 



[8] 



gäbe von Gesetz und Bund am gleichen Berg, der auch Sinai 
heißt? Und ist Jesus nicht immer wieder »allein auf einen Berg 
gestiegen«, zu heiliger Zwiesprache mit dem Vater? 
»Fruchtbare Bäume und Zedern alle«: die geheimnisvollen We- 
sen, die so still sind und doch so lebendig; die aus der Erdentiefe 
in die Weite des Raumes hinauswachsen, grünen und blühen und 
fruchten. Unter ihnen jene, die der Mensch pflanzt und pflegt, 
und von deren Frucht er ißt - aber auch jene, die frei wachsen; 
unter ihnen besonders genannt die Zedern, herrliche Geschöpfe, 
die in der Schrift als Gleichnis der Lebenskraft und Schönheit er- 
scheinen. Sie alle sollen Den loben, der sie geschaffen. 
Und ebenso das Getier der Erde: das freie, »wilde«; ebenso wie 
das gezähmte und menschennahe, »die Herden«. Was immer fliegt 
und was kriecht : alles soll Den loben, durch den Jegliches ist. - 
Dann aber geht der Schritt des Liedes zu den Menschen. Wieder 
fängt es beim Hohen und Gewichtigen an: den großen Lebewesen, 
»Völker« genannt, die sich in ihren »Herrschern« verfassen; den 
»Fürsten und Richtern«, welche Gesetz geben und Recht spre- 
chen - um dann abzusteigen zu »Jünglingen und Jungfrauen, 
Greisen und Kindern«. Sie alle, der Mensch in der Mannigfaltig- 
keit seiner Wesensarten und Rangstufen, Ordnungen und Befug- 
nisse, Werke und Schicksale, sollen Gottes Namen loben und lo- 
bend ihr Dasein zu Gott zurücktragen. - 

Wir wissen: Gott hat einen Namen. Er selbst hat ihn genannt, 
und er lautet: »Der Ich-bin« (Ex 3, 14) . . 

Es gibt eine schöne jüdische Legende. Da hat ein Schüler aus- 
gelernt und ist von seinem Meister weg ins eigene Leben ge- 
gangen. Eines Tages besucht er ihn wieder und klopft abends an 
den Laden des geschlossenen Fensters. Der Meister fragt: »Wer ist 
draußen?«, und er antwortet: »Ich bin's.« Da bleibt es lange still; 



[9] 



8 9 



schließlich aber sagt der Meister mit schwerem Ernst: »Wer darf 
sagen: Ich bin's, außer dem Einen, Gott?« Dieser Mann hat ge- 
wußt, was der Gottesname bedeutet. 

Niemand darf einfachhin sagen: »Ich bin«, noch »ich bin der und 
der«. Nur Er, Gott. Ihn, Seinen Namen, der ja, in der Form des 
Wortes, Er selbst ist; der deshalb, weil Er der Seiende ist, machen 
kann, daß Endliches sei - Ihn sollen wir loben. 

»Es hebt Seine Hoheit sich über Erde und Himmel, und wachsen 
läßt Er die Kraft Seines Volks.« Er ist »über« Allem, dadurch, daß 
Er mächtiger, weiser, dauernder ist als Alles; dadurch, daß Er 
Schöpfer und Herr ist von Allem - Er hat unter den vielen Völ- 
kern eines, das »Sein Volk« ist. Er hat es erwählt, gerufen und 
durch die Treuknüpfung des Bundes sich zu eigen gemacht. Ihm 
hat Er »Lob verliehen«: das Loben-können und Loben-dürfen als 
Gnade und besonderes Vorrecht geschenkt. - 
Was heißt das also: loben? Gehen wir auf die einfachste Wirk- 
lichkeit zurück. Wenn wir einen Menschen loben - was sagen wir 
da? Etwa: »Du hast das gut gemacht«; das geht auf sein Werk 
Oder: »Du bist klug«; das geht auf ihn selbst. Loben bedeutet also, 
daß man das, was tüchtig ist, gut, schön, als solches erkennt, es 
schätzt und das dem, der es getan hat, oder dem es zugehört, auch 
sagt. Das ist dann eine Freude für den, der es hört, wie auch für 
den, der es selbstlosen Herzens ausspricht. 
Können wir aber dergleichen Gott gegenüber tun ? Offenbar wohl. 
Gott selbst hat es ja getan. In der Schöpfungsgeschichte heißt es 
jedesmal, wenn ein Tag zu Ende ist, und das Werk genau und 
groß dasteht: »Gott sah es, und es war gut.« Am Schluß aber: 
»Und Gott sah alles, was Er geschaffen hatte, und siehe, es war 
sehr gut.« Damit billigt Gott, was aus seinem Schaffen hervor- 



90 



[10] 



gegangen ist; und gibt ihm das Recht, da zu sein. Er erklärt daß 
es da sei, sei gut; die Tat Dessen, der es geschaffen, sei glorreich 
Der wichtige Begriff von Gottes Ehre wird deutlich. Sie ist die 
Herrlichkeit davon, daß Er ist, der Er ist; und geschaffen hat, was 
Er geschaffen hat. Diese Ehre nimmt Er selbst in Anspruch- 
»Meine Ehre werde ich niemandem geben «, hat Er gesagt (Js4? 8) 
Nie wird Gott dulden, daß wahr sei, jemand anders als Er habe 
die Welt erschaffen, noch auch, sie sei unerschaffen und bestehe 
aus eigenem Recht. Nie wird Gott dulden, daß wahr sei, die Welt 
sei schlecht; sinnlos oder verkehrt in ihrem von Ihm geschaffenen 
Wesen; wie Er auch Rechenschaft von Jedem fordern wird der 
durch Schuld und Lässigkeit Sein Werk verdirbt. 
Wenn der Mensch lobt, nimmt er diesen Akt Gottes in seine 
Freiheit auf und vollzieht ihn nach: Er erkennt die Gültigkeit von 
Gottes Werk. Er würdigt es. Er trägt es Dem zu, der es vollbracht 
hat. Eigentlich sollte die ganze Welt loben; sie kann es aber nicht 
Baume, Tiere, Meer und Sterne sind stumm. Im Geist und Herzen 
des Menschen sollen sie gewußt und gefühlt; von seinem Munde 
sollen sie Gott zugetragen werden. - 

Fällt es aber uns Heutigen leicht, diesen Gedanken zu denken? 
Erhebt es sich mit Selbstverständlichkeit aus unserem Leben, wenn 
wir für Himmel und Erde und Meer, für Baum und Tier loben 
sollen? Wohl kaum; und warum? 

Etwas stellt sich dazwischen, das seit einigen Jahrhunderten das 
Bewußtsem des neuzeitlichen Menschen bestimmt: der Begriff 
der Natur. Diese ist für den modernen Menschen das einfachhin 
Gegebene; das Selbstverständliche, In-sich-Gültige und In-sich- 
Begrundete; das nicht Anfang noch Ende hat, und nach dessen 
Grund zu fragen sinnlos ist. Wem dieser Begriff den Geist be- 
herrscht, der kann nur sagen: Wie schön ist das! Er kann die 



[11] 



9i 



Herrlichkeit empfinden und sagen: Wie gut, daß es das gibt' Er 
kann durch die Schönheit in Begeisterung gehoben werden . . 
Das alles ist aber nicht das Gotteslob des Psalms, weil die so 
gedachte Welt Anspruch erhebt, von eigenen Gnaden zu sein. 
Aber die Welt ist nicht Natur, sondern Werk. Darin ist alles ent- 
halten, was Philosophie und Dichtung und Wissenschaft je über 
die Natur sagen können, selbstverständlich, aber mit ganz an- 
derem Charakter. Es gibt die Welt in Gottes Hand zurück. Doch 
geht das nicht von selbst. Wer es versucht hat, weiß, was für ein 
»opus maximum« das bedeutet. Es muß aber geleistet werden, 
weil sonst jene, die nicht glauben, uns ihre Gedanken aufnötigen 
Dann leben wir in den Vorstellungen einer Allgemeinheit, die 
von Gott nichts weiß, und setzen nur einige christliche Akzente 
darauf. Erst in dem Maße, als wir die Welt als Sein Werk denken 
können wir den Psalm in seinem richtigen Sinn sprechen, und so 
den Schöpfer loben. 



DIE ERSCHAFFUNG DER WELT 



Psalm 103 



92 



[12] 









LIEBE FREUNDE, 






I J er u e r Ste SatZ def Heäigea Schrift lautet: » A m Anfang 
JU-r schuf Gott den Himmel und die Erde«, das heißt, die 

Welt, alles Der Satz geht uns leicht von der Zunge; verwirk- 
lichen wir aber auch, was er sagt » 

Versuchen wir doch einmal zu denken: Nichts ist; nichts End- 
liches. Aber Gott ist - Der, für den »das Sein« Name ist, wie Er 
selbst am Berge Horeb gesagt hat: »Ich bin der Ich-bin.« (Ex 3 14) 
In remer Freiheit, aus unerforschbarer Tiefe des Entschlusses will 
Gott, daß die Welt sei, und sie ist. Diesen Schritt ins Sein können 
wir nicht denkend vollziehen; versuchen wir aber, uns wenigstens 
an ihn heranzufühlen, dann ahnen wir das Geheimnis von Gottes 
allmächtiger Tat. 

Ein Ungeheures. Ein Geschehnis über alle Maße des Geschehens 
hinaus. Etwas, zu dem, menschlich gesprochen, nicht nur Weis- 
heit und Macht, sondern Großmut, Kühnheit, Begeisterung ge- 
hört - und was bedeuten diese Worte, wenn es Gott ist, den sie 
meinen l Hier ist schon Der am Werk, der die Urdinge ermög- 
licht; der Herr des Anfangs, der Stürmende und Glühende: der 
Heilige Geist. - 

Die Welt ist Fülle der Dinge und Vorgänge; Unabsehlichkeit der 
Gestalten; in immer gewaltigere Größen hinauswachsendes in 
immer winzigere Kleinheiten sich entziehendes Gewebe der Zu- 
sammenhänge. Alles das ist durch Gott gedacht, gewollt, ver- 
wirklicht. Ihm war nichts vorgegeben; keine Modelle noch Ma- 
tenahen. Alle diese Gestalten und Ordnungen, so voll von Wahr- 
heit, die auszuschöpfen die Wissenschaft beständig arbeitet um 
immer wieder zu sehen, daß sie sich ins Unerforschte hin fort- 
setzen - Gott hat sie geschaffen. 



[15] 



95 






Auch das kann man nicht nur in der trockenen Nüchternheit 
eines wenn auch noch so gewaltigen Könnens denken, sondern 
hier ist sich öffnende Tiefe, urhebendes Erdenken, Glut, Flamme, 
Gewalt über alle Gewalt. - 

Suchen wir ein Gleichnis dafür in den Bereichen menschlichen 
Vollbringens, im Werk des Genies. Wenn den genialen Menschen 
die Eingebung trifft, dann hat er das Gefühl: das kommt von 
anderswo her, aus entlegenster Ferne, und doch bin ich es selbst. 
Es ist größer als ich; eben darin aber weiß ich, in Seügkeit und 
Bedrängnis zugleich: jetzt endlich bin ich! Von Beethoven er- 
zählt man, wenn er fühlte, daß sich ein neues Werk ankündigte, 
sei er bis ins innerste Herz hinein erschrocken vor dem, was er 
nun würde durchzustehen haben . . Wie muß das aber sein in 
Gott! 

Was muß das für Ihn sein: Schaffen! Und nun wirklich schaffen; 
denn der Mensch dürfte ja dieses Wort eigentlich gar nicht brau- 
chen, er, der nicht im Stande ist, auch nur das Geringste aus dem 
Nichts ins Sein zu heben, sondern immer nur, an bereits Seiendem 
zu arbeiten; aus bereits Seiendem anderes zu bilden. Gott aber 
schafft. Nichts ist, und Er macht, daß etwas sei. Keine Wesen- 
heiten sind, und Er wirkt jene unabmeßbare Fülle, welche »Welt« 
heißt. Das tut Er nicht in trockener Tüchtigkeit. Auch nicht, weil 
Er damit Zwecke erreichen will. Sondern in herrscherlicher Frei- 
heit schafft Er; in verschwendendem Übermaß und feinster Ge- 
nauigkeit zugleich. Und - wir reden menschlich-töricht, und wie 
sollen wir es sonst tun? - welch ein Sturm des Entzückens muß 
in Ihm gewesen sein! . . 

Nachdem wir uns aber so gemüht haben; Worte gesucht, um das 
Ungeheure anzudeuten, das da waltet, ruft unser Gewissen uns 
zur Ordnung: Was tust du da? Glaubst du wirklich, Ihm durch 



k 



Bilder des Übergroßen nahe zu kommen ? Und wir nehmen alles 
wieder hinein in das ganz Mühelose, worin sich erst die wahre 
Allmacht ausdrückt; in die vollkommene Leichtigkeit des Ge- 
botes »Es werde«, durch das alles geworden ist. 
Auch das aber; die leichte Freiheit, die weder von Kampf noch 
von Getöse weiß, sich selbst ganz eigen in der Vollkommenheit 
der Macht - auch sie ist im Heiligen Geist, für den die Sequenz 
der Pfingstmesse das Wort stillsten Wissens hat: »lux beatissima, 
seligstes Licht«. - 

Dieses Unsägliche geschieht im Heiligen Geist. Er ist der »Creator 
Spiritus«. Wie denn auch die Schrift, nachdem sie vom Urbeginn 
gesprochen, sagt: »Alles war wüst und wirr, und Gottes Geist 
schwebte über der Urflut. « (Gen 1 , 2) Das Wort ruft das Bild eines 
ungeheuren Vogels vor die Augen, der über der Flut schwebt, 
bereit, die Gestalt zu packen, die Er schaffen will .. Es kann aber 
auch übersetzt werden: »Gottes Geist brauste über der Urflut«; 
und dann kommt das Bild vom Wind, vom Sturm, vom großen 
Odem, der über das Unabsehlich-Brauende hinfährt, unermeß- 
barer Kräfte voll. - 

Wieder aber besinnen wir uns darauf, daß das Größte gerade das 
Stillste ist, das vollkommen Mühelose, Anmutig-Selige. Und wir 
vernehmen dessen reine Freiheit in dem schlichten Wort: »Im 
Anfangschuf Gott denHimmel unddieErde. « Aber auch das spricht 
vom Heiligen Geist. 

Alles ist geschaffen in Ihm. Von daher ist es »neu«. Menschenwerk 
ist im Grunde immer »alt«; schon beim Entstehen, weil es bereits 
Vorhandenes formt. Was Gott schafft, ist neu, aus dem reinen 
Ursprung her, ohne Vorfahr. Es ist voll des Sinnes und uner- 
schöpflich. Die Erschöpfungen kommen von uns, weil wir müde 
werden und unser Gefühl matt. 



96 



[16] 



[17] 



97 



vielmehr mit der Kraft seiner R i 7 dd vemehn ™ - als 
der innere, *~^£?£££^^*-. 

Er beginnt mit der Anrufung von Gottes Herrlichkeit: 

Preise den Herrn, meine Seele: 

Herr, mein Gott, überaus groß bist Du! 

Mit Hoheit und Pracht bist Du angetan- 
wie m einen Mantel gehüllt in Licht. 

Du hast den Himmel gespannt wie ein Zelt 
über den Wassern Dir Deinen Saal erbaut. 

Du nimmst Dir die Wolke zum Wagen 
auf Flügeln des Sturms fährst Du dahin. ' 

Die Winde machst Du zu Deinen Boten 
zu Deinem Diener das lodernde Feuer. ' 

Wir sehen das alte Weltbild. Darin ist die R»U i c 

detes, da man ja von den G~!^ u , "" Fest g e g rün - 

nichts weiß übet ü, Zh t T , kosnuschen ***** noch 

«•^^^ÄiÄ w ? T noch w » das 

Hier heißt sie K'iÄÄSrS*^ Wölh ^ 

welchem Er thront l» v ,,' der .^"g^he Raum, in 
überholt Wi^wcL 2, T g * Wissenschaf ^h längst 
Augenschi is^n d Tu *"*""• ^ ™ das B ^ des 

Beim wX^ATteTT "' ^ * ^^ "» " 
oegntt des Alten Testaments müssen wir ein Doppeltes 

98 

[18] 



vor Augen haben. Einmal, daß sich in ihm nichts von Pantheismus 
findet. Pantheismus ist Unreinheit des Geistes ; wo der Heilige Gott 
redet, ist dafür kein Raum. Gott allein ist Gott; die Welt nur 
Geschöpf. Ebendann ist sie aber wirklich, hat Wesen und Sinn. 
Das ist die erste Klarheit, die alles ins Rechte stellt. 
Gott ist aber in allem. In allem gibt Er sich kund. Das erhellte 
Auge sieht in der Weite des Raums seine Größe; im Licht der 
Höhe seinen Mantel. Und wie leuchtend ist Er, Licht über alles 
Licht hinaus, wenn die Strahlen von Sonne und Gestirn Ihm 
»Hülle« bedeuten. 

In allem Geschehen waltet Er. Wenn im Gewitter die schweren 
Wolken dahinjagen - Er ist es, der in ihnen fährt, dunkel don- 
nernd. Dann wieder ist der Sturm ein mächtiger Vogel und auf 
seinen Flügeln trägt er den Herrn. Und wieder: »Die Winde 
machst Du zu Deinen Boten, zu Deinem Diener das lodernde 
Feuer«, den Blitz: alles kündet Seine Wahrheit. 
Uns sind die Winde zu bloßen Luftströmungen geworden, in 
denen sich die Unterschiede von Wärme und Druck ausgleichen; 
der Blitz eine elektrische Entladung, nur dem Maß nach anders 
als der Funke im Spielzeug. Die Wissenschaft hat alles genau be- 
stimmt und durchsichtig gemacht. Das war richtig und gut; ist 
es aber auch alles ? Wenn nicht mehr wäre - wäre die Welt dann 
nicht dünn und arm ? Haben nicht die Menschen von je geahnt, 
daß in allen Erscheinungen das Geheimnis redet > 

Und nun erzählt der Psalm vom Werden der Din<*e: 

Du hast die Erde auf ihre Festen gegründet, 
in Ewigkeit wankt sie nicht. 



[19] 



99 



Du hast sie mit der Urflut gedeckt wie mit einem Kleid, 
bis über die Berge standen die Wasser; 

sie wichen von Deinem Dräun zurück, 
sie flohen bebend vor Deinem Donner. 

Nun stiegen die Berge empor, und es fielen die Täler, 
jegliches an den Ort, den Du ihm gewiesen. 

Du setztest den Wassern ihre Grenze; 

sie dürfen sie nicht überschreiten, 

daß sie nicht wieder das Wohnland bedecken. 

Zuerst schafft Gott das Fundament : die Erde. Die Welt des Psalms 
ist ja nicht die astronomische, sondern die Daseinswelt, in welcher 
Schicksal sich zuträgt, und Heil sich entscheidet. So gründet Er 
zuerst den festen Ort für jedes Geschehen: die Erde. - 
Auf ihr ist am Anfang Chaos, Urflut, Reich der Urgewalten 
Aber auch sie haben einen Herrn: Ihn. Er »dräut« ihrem Toben 
und sie fürchten seine Gebärde. Er setzt ihnen Grenze und Ord- 
nung, und es entsteht der Raum für menschliches Dasein. Wieder 
dringt das Bild des Gewitters durch: die Wasser »fliehen bebend 
vor seinem Donner«. Erinnerung an lang Vergangenes hallt nach; 
vielleicht an die Sintflut; vielleicht an noch Früheres, an Urge- 
schehen . . In das Bild von Gegenwärtigem, das jeder sehen kann 
- eines Gewitters, eines Erdbebens - spielt dunkles Einst herein 
und erfüllt es mit Schauer. Die Psalmen reden oft so: Gegen- 
wärtiges ist da, und dahinter, hereinspielend, lang Vergangenes - 
oder Künftiges. Beides Prophetien, für welche die Zeiten durch- 
sichtig werden. 

Dann gliedert sich die Oberfläche der Erde - und wie groß wer- 
den ihre Formen in Bewegung übersetzt: Die Berge »steigen em- 



ioo 



c 



[20] 



por«; »die Täler fallen«; jegliches findet »seinen Ort«. Das Chaos 
weicht und die Ordnung entsteht, in welcher der Mensch leben 
kann. 

Aus Quellen lassest Du Bäche fließen, 
zwischen den Bergen eilen sie hin. 

Sie bieten Trank allen Tieren des Feldes, 
die wilden Esel stillen aus ihnen den Durst. 

Die Vögel des Himmels wohnen an ihnen 

und lassen in dem Gezweig ihre Stimme erschallen. 

Du bist's, der aus Seinen Kammern die Berge benetzt; 
die Erde wird satt von der Frucht Deiner Werke. 

Um die Verse recht zu würdigen, müssen wir an den Menschen 
des heißen Südens denken, für den strömendes Wasser etwas un- 
säglich Kostbares ist. Das läßt Gott aus den Quellen entspringen, 
in den Bächen dahingehen, und alles Lebendige lebt daraus. Ge- 
tier aller Art gedeiht; Bäume wachsen; vielstimmiger Vogellaut 
erfüllt das Gezweig. - 

Aus Gottes Schaffen kommt, was sich auf Erden entfaltet . . Wie- 
der müssen wir etwas bedenken. Für das alte Weltbild gibt es 
keine Naturenergien noch Naturgesetze. Alles Geschehen kommt 
unmittelbar aus Gottes Initiative. Dafür gibt es eine bezeichnende 
Parallele. Auf alten Inschriften -ägyptischen, oder babylonischen- 
wird etwa kundgetan, was unter der Regierung eines Herrschers 
geschehen ist. Das geschieht aber so, daß der König spricht: »Ich 
habe die und die Stadt errichtet. Ich habe diese Kriege geführt. 
Ich habe so und so viele Schiffe gebaut. « Natürlich waren es seine 
Baumeister, die geplant, seine Sklaven, welche die Steine bewegt 



[21] 



IOI 



M t tf u r ^ ^ Hemcher ' steht da > °°A das 
Werk, das er befohlen hat. Anfangsgebot und Endwirkung gehen 

Rammen . . So wird auch Gottes Verhältnis zur Welt gedacht 
Was immer geschieht, ist sein unmittelbares Werk. 

Gräser heißest Du sprossen den Weidetieren 
dazu Gewächs, das dem Menschen dient; 

auf daß er Brot von der Erde gewinne 
und Wein, der des Menschen Herz erfreut; 

daß Öl sein Antlitz erblühen mache, 
und Brot erquicke des Menschen Herz. 

Die Bäume des Herrn auch trinken sich satt 
che Zedern des Libanon, die Er gepflanzt. 

In ihnen bauen die Vögel ihr Nest, 
die Pinien tragen der Störche Horst. 

Dem Steinbock gehören die hohen Berge 
die Dachse finden Zuflucht im Felsgeröll. ' 

« und C T aUf E » en ^T RCiChtUm SeÜler GeStalten ' *» Pnan- 
voüzi aBaa abCT * Ef Und Wirkt ' daß - -h 

Und alles ist auf den Menschen bezogen. Eine verlassene Natur, 

auf den t U Cfe ' kelmt ^ SchHft "^ Immer ™ ** Natu 
auf den Menschen zu; Gott aber hat die Beziehung gefügt. - 

Du schufest den Mond, den Zeiten Gesetz zu geben- 
die Sonne weiß, wann sie untergeht. 



102 



[22] 



Gebietest Du Finsternis, und es wird Nacht, 
dann schweifen in ihr die Tiere des Walds. ' 

Die jungen Löwen brüllen nach Raub 
und heischen von Gott ihre Speise. 

Erhebt sich die Sonne, so schleichen sie heim 
und legen sich nieder auf ihrem Lager. 

Nun geht der Mensch an sein Tagewerk, 
an seine Arbeit bis zum Abend. 

Alles Leben hat seine Gezeiten, bestimmt durch die großen Ge- 
stirne des Himmelsraumes. 

Der Mond beherrscht die Nacht. In ihr rühren sich die Tiere und 
treiben ihr heimliches Wesen. Erhebt sich die Sonne und bringt 
den Tag dann verschwinden sie; der Mensch aber, der zum Licht 
gehört, beginnt sein Werk. 

Da kommt es dem Mann über's Herz: So groß ist alles! So voll 
von Leben! So viele Gestalten überall! 

Wie sind Deiner Werke, o Herr, so viel! 

In Weisheit hast Du alles gemacht, 

von Deinen Geschöpfen ist die Erde erfüllt. 

Siehe das Meer, so groß und weit: 
zahllos Gewimmel in ihm, 
kleines und großes Getier. 

Die Schiffe ziehn in ihm ihre Bahn; 

den Drachen hast du geschaffen, daß er drin spiele. 



[23] 



103 



In der früheren lateinischen Übersetzung steht der Redende im 
Geiste am Ufer des Meeres: »Ecce mare, spatiosum manibus«, 
sagt er: »sieh da, das Meer, den Händen so weit!« Wir fühlen die 
Gebärde, die sich ausbreitet, die Weite zu durchgreifen, diese 
aber ist zu gewaltig. 

Und im Meer die Fülle der Wesen, Gestalten zahllos. In seiner 
Tiefe beginnt ja das Leben der Tiere. Im Schöpfungsbericht heißt 
es: »Dann sprach Gott: <Es wimmle das Wasser überall von le- 
benden Wesen, und Vögel sollen über der Erde am Himmels- 
gewölbe hinfliegen ! > Da schuf Gott die großen Seetiere und alle Ar- 
ten der kleinen Lebewesen, die sich regen, von denen die Gewässer 
wimmeln, dazu alle Arten der mit Flügel begabten Vögel. Und 
Gott sah, daß es gut war. Da segnete Gott sie mit den Worten: 
<Seid fruchtbar und mehret euch und füllet das Wasser in den 
Meeren; und auch die Vögel sollen sich auf der Erde mehren») « 
(Gen 1,20-22) 

Dieses Meer ist auch Raum für den Menschen, Bahn für seine 
Schiffe, Länder und Völker verbindend. 

Und in ihm, unheimlich-ge waltig, »der Drache«. Vielleicht ist da- 
mit das größte aller lebenden Wesen gemeint, der Walfisch; viel- 
leicht auch ein Geheimnistier, der Leviathan; schwer zu sagen. 
Jedenfalls wäre aber auch dieser kein Wesen heidnischer Mythen- 
welt, sondern geschaffen von Dem, für den auch dieses Ungeheuer 
souveränes Beheben ist. Und welche Großartigkeit des Gedan- 
kens: Der hohe Herr da droben hat es geschaffen, daß es »spiele 
im Meer« - fast ist man versucht zu denken, so etwas wie Humor 
wetterleuchte über das Riesenbild hin. - 



104 



[24] 



Die Wesen alle warten auf Dich, 

daß Du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit. 

Spendest Du ihnen, so lesen sie's auf, 

öffnest Du Deine Hand, sind sie mit Gutem gesättigt. 

Wovon das Tier sich nähren mag, sei's von Pflanzen, sei's von der 
ihm gemäßen Beute, immer ist es die Hand Gottes, die ihm die 
Nahrung reicht. - 

Verbirgst Du aber Dein Antlitz, sind sie verstört; 
nimmst Du ihnen den Odem, vergehen sie 
und kehren wieder in ihren Staub zurück. 

Doch sendest Du Deinen Odem aus, sind andere da, 
und also erneust Du der Erde Angesicht. 

Versagt sich die Gunst: etwa so, daß Dürre kommt, und das 
Wachstum verkümmert; ein Gewitter alles zerschlägt, Krankheit 
ausbricht - immer bedeutet das in Wahrheit, daß Gott im Groll 
sein Antlitz verhüllt, und kein Leben mehr bestehen kann. Dann 
aber kehren sich die Umstände wieder zum Guten; neues Wachs- 
tum rührt sich, und junges Getier beginnt zu leben, denn Gott 
ist freundlich. 

Das Werden und Vergehen und Wieder-Werden des Lebens ist 
dem Redenden kein naturalistisches Geschehen, sondern ein bestän- 
diges Walten Gottes. Seine Macht weckt es und läßt es gedeihen; 
seine Macht bestimmt ihm das Ende und ruft es neu. 

In diesem Zusammenhang wird ein Wort hörbar, das in gewisser 
Weise den Schlüssel zum Verständnis bildet: »Odem«, der Hauch. 
Wir haben zu Eingang gesagt, der ganze Psalm spreche imGrunde 



125] 



105 



vom Heiligen Geist, dem Schöpfer, dem Herrn der Sinngestalten. 
Das wird durch die Bewegung deutlich, die in allen Sätzen vi- 
briert; die Erregung des Verwirklichen; das Übermaß von Herr- 
lichkeit. Durch das Wort »Odem« tritt das Gemeinte ins Offene. 
Die Geschichte des Wortes zeigt, daß darin mancherlei Bedeu- 
tungen in einander fließen. Einmal der Atem; jenes Geheimnis- 
volle, das man nicht sehen kann, aber fühlt; das immerfort ein- 
und ausgeht, Ruf und Sprache ermöglicht und macht, daß Leben 
sei. Dann der Wind, der Atem der Welt, unsichtbar auch er und 
doch wirklich, vom Hauch bis zum Sturm; von dem man »nicht 
weiß, woher er kommt, noch wohin er geht« Qoh 3,8). Weiter 
die Seele ; das Inwendige, nicht zu Greifende und doch so Inten- 
sive; das Schmerz und Freude und Begehren fühlt; das im Traum 
ein rätselhaftes Wesen hat; das weiß und will. So geht der Begriff 
über in den des Geistes; vor allem jenes Geistes, der ahnt und 
schaut, der in der Inspiration den Propheten ergreift . . 
Das alles fließt im Begriff des Geistes Gottes zusammen. Richtiger 
gesagt: Es wird zum Material, durch das sich die Erfahrung von 
Gottes unendlicher Schöpferschaft ausdrückt. Überwältigend of- 
fenbar zu Pfingsten, wie der Eintritt des Pneuma in die Geschichte 
sich durch die Elementargewalten von Sturm und Flamme, durch 
prophetisches Künden und inneres Neuwerden offenbart. 
Dieser Gotteshauch ist es, der in allem wirkt. Er ist es auch, der 
sich in der inneren Bewegung des Psalms kund tut. 

Ewig währe des Herren Herrlichkeit, 
es freue der Herr sich Seiner Werke! 

Wunderbare Verse, innig erfüllt von Ehrerbietung und Vertrau- 
lichkeit zugleich. »Des Herren Herrlichkeit« ist seine Schöpfung, 



106 



[26] 



die »Werke«, von denen gleich nachher gesprochen wird. Sie sind 
»gut« und »sehr gut«. Und nicht nur im Sinne natürlicher Voll- 
endung, sondern so, daß durch sie Gottes eigene Herrlichkeit hin- 
durchstrahlt. Der Glaubende des Alten Testaments sieht die Welt 
nicht naturwissenschaf dich, aber auch nicht ästhetisch. Er sieht sie 
prophetisch; als Antlitz, aus dem ihn Der anbÜckt, der an sich im 
Unzugänglichen wohnt. Wir aber sollten uns fragen, ob wir 
hier nicht etwas wiedergewinnen müßten. Im Gang der neuzeit- 
lichen Entwicklung sind unsere Augen matt geworden. Nicht die 
natürlichen - obwohl auch die nicht genug sehen, sonst könnten 
zum Beispiel über den Menschen nicht so törichte Dinge gesagt 
werden - aber die des Glaubens. Haben die nicht verlernt, die 
Welt als »Werk« zu sehen und damit Den, der es getan hat ? Als 
Gestalt, die verhüllt, zugleich aber durchscheinen läßt ? 
Dann aber wünscht der im Psalm Redende Gott zu, Er möge 
»sich seiner Werke freuen«. Wie tief ist dieser Mensch im Einver- 
nehmen mit Gott, daß er so sprechen kann! Und wie nahe rührt 
er an das Geheimnis, darin der Ewig-Selbstherrliche gewollt hat, 
die Welt solle Ihn so angehen, daß Er sich ihrer freuen könne! 
Und ihre Schuld ertragen, ja sie in seine eigene Verantwortung 
nehmen und sühnen . . Wer versteht das, dieses alle Maße Über- 
steigende, vor dem nur die Wahl bleibt, Ärgernis zu nehmen und 
den Glauben zu verlieren - oder aber gerade aus dem, was uner- 
träglich scheint, die Wirklichkeit Gottes zu erkennen und größer 
zu glauben ? - 

Wieder aber werden wir erinnert, daß die Welt aus dem Geiste 
erschaffen ist, nicht aus stummen Naturnotwendigkeiten. Nie 
könnte ihre Herrlichkeit uns so übers Herz kommen, wenn sie 
nur die Wirkung toter Kausalitäten wäre. - Gewiß gibt es Natur- 
kräfte und ihre Gesetze; aber sie sind mehr als nur das, was Wis- 



[27] 



107 






senschaf t und Allgemeinbildung in ihnen sehen. Jede Gestalt der 
Natur ist eine Geheimnisschrift, dem deutlich, dessen Augen offen 
sind. Aus jedem Geschehnis der Natur redet den Menschen der 
Bibel Der an, der alles wirkt: 

Er, der die Erde anblickt, und sie erbebt; 
der an die Berge rührt, und sie rauchen. 

Ein Erdbeben, oder der Ausbruch eines Vulkans - alles aber zu- 
tiefst Sein Walten. 

Singen will ich dem Herrn mein Leben hindurch, 
meinem Gott auf der Harfe spielen, solang ich bin. 

Möge mein Dichten Ihm Wohlgefallen; 
ich aber will mich freuen im Herrn. 

Möge es mit den Frevlern ein Ende nehmen auf Erden, 
und die Gottlosen nicht mehr sein. 
Preise den Herrn, meine Seele! 

Ein furchtbarer Mißklang ist aber in dieser gottgewirkten Welt: 
die Existenz der »Frevler« und der »Gottlosen«. Die Frevler sind 
jene, die glauben, tun zu können, was sie wollen: lügen, rauben, 
zerstören . . Doch ein Mensch, der es erfahren hat, Hagar in der 
Wüste, hat von Gott gesagt, Er sei »Der, der mich sieht«, und 
einmal kommt das Gericht. 

Die Gottlosen aber sind jene, die sprechen: »Es ist kein Gott« 
(Ps 13,1). Sie erklären, die Welt stehe in sich; ein Gefüge von 
Natur-Energien und Natur-Gesetzen. Meinen, damit werde 
Klarheit geschaffen - in Wahrheit machen sie die Welt kahl und 
leer. In ein so verstandenes Dasein sucht der Mensch mit seiner 



108 



[28] 



kleinen Geisteskraft vergeblich ein wenig Licht zu bringen. Sind 
dann die paar Jahrtausende oder Jahrhunderttausende vorbei, und 
die Erde vereist, dann ist alles stumm und tot. Wie kann man 
dieses Bild aufstellen und meinen, es habe den höchsten Rang, den 
Rang der Wissenschaft ? - 

Das Wort »Wissenschaft« ist gefallen. Ich hoffe, meine Freunde, 
Sie haben weder daraus, noch aus irgend etwas sonst, das in die- 
sen Betrachtungen gesagt worden ist, eine Nichtachtung ihrer 
Arbeit herausgehört. Dieser Gottesdienst gehört ja zur Welt der 
Universität; wie könnte das, was darin gesagt wird, vergessen, 
wie groß und ernst deren Aufgabe ist: das mit natürlicher Er- 
kenntniskraft und natürlicher Methode Erreichbare zu erkennen: 
die Gesetze der Natur, den Gang der Geschichte, das Gefüge der 
Sprache, die Ordnung des Rechts. 

Das alles ist aber, trotz der Größe seines Gewichts und der Fülle 
seiner Inhalte, immer nur erst ein Vorletztes. Dahinter steht das 
Geheimnis, und von diesem spricht der Glaube. 
Verhängnisvoll wird es, wenn die Wissenschaft den Anspruch 
macht, über das Letzte sprechen zu können; dann tut sie, was sie 
nicht verantworten kann. Ebenso wie es verhängnisvoll ist, wenn 
Jener, der über Offenbarung und Glauben redet, den Anspruch 
macht, von daher über die Dinge der natürlichen Wissenschaft 
urteilen zu dürfen. Das steht ihm nicht zu. 
Die Ordnungen müssen gewahrt werden. Dann dient alles Gott. 



[29] 



io9 



University Libraries of Notre Dame 




Mit kirchlicher Druckerlaubnis • 1. Auflage 1956 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



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WAHRHEIT 

UND 
ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 
GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof . Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntaglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



DIE FREUDE DES CHRISTEN 

Die Botschaft des Fronleichnamsfestes 



UNIVERSITYsT 
NOTREDAME 




LIBRARIES 






LIEBE FREUNDE, 




Wir haben am vergangenen Donnerstag das Fest gefeiert, 
das den Namen »Fronleichnam« trägt - will sagen: das 
Fest des Herrenleibes, des Altarssakraments. 
Sie haben die Zeichen der Freude bemerkt, die in der Kirche, aber 
auch außerhalb ihrer sichtbar wurden: den Schmuck der Häuser; 
das Gras und die Blumen auf den Straßen; die vier Altäre, die ari 
besonderen Stellen errichtet waren. Vor allem aber die Prozession; 

darmcUefestUchgekleidetenKmder,diekirchHchenVereimgimgen 
mit ihren Fahnen und Abzeichen, die vielen mitziehenden Gläu- 
bigen, den sonst auf der Straße nicht gehörten Klang der Lieder 
und Gebete - alles gerichtet auf die Hostie, die in der Monstranz 
dahingetragen wurde und auf den Altären Verehrung empfing. 
Der Eindruck, den Sie empfangen haben, war sicher sehr ver- 
schiedener Art. Manches wird Ihnen gefallen, anderes wird Sie 
befremdet haben. Gewisse Dinge sind Ihnen vielleicht äußerlich 
vorgekommen; von anderen haben Sie das Gefühl gehabt, sie ge- 
hörten besser in die Kirche als auf die Straße; wieder andere haben 
Sie abgestoßen . . Wer in der Geschichte der Religionen bewandert 
war, hat sich erinnert, daß der Festzug eine der Grundformen reli- 
giöser Feier bildet, und etwas, das aus ältester Vergangenheit her- 
aufkam und sonst kaum noch in unserem Leben erscheint, hat ihn 
berührt. 

Auf jeden Fall aber: wenn Ihnen Geschmacklosigkeiten in Bildern 
und Zieraten, oder gedankenloses und ungemäßes Benehmen der 
Beteiligten nicht allzu peinlich geworden sind, haben Sie doch 
gewiß empfunden, daß hier etwas Wesentliches nach Ausdruck 
drängte. - 



f3] 



"5 






Fronleichnam, Fest der Eucharistie - es gibt noch ein anderes im 
Gang des Kirchenjahres : der Gründonnerstag, das Gedächtnis ihrer 
Einsetzung. Es ist sehr feierlich. Seine Lesungen und Gebete sind 
voll heiliger Tiefe. Aber etwas, das sich ausdrücken möchte, kann 
an diesem Tage offenbar nicht ins Licht gelangen, weil er so ganz 
vom schweren Ernst der Karwoche eingeschlossen ist. Das tritt am 
Fronleichnamsfest hervor: es ist Freude. 
Freude aber - worüber ? 

Stellen wir uns einen ernsten Menschen vor; intelligent und ge- 
wohnt, über die Fragen des Daseins nachzudenken; von leben- 
digem religiösem Sinn, aber kein Christ. Wenn wir den fragten, 
was er unter Religiosität verstehe -was würde er wohl antworten ? 
Er würde wahrscheinlich sagen: Die Welt ist voll von Sicht- 
barem, Dingen und Geschehnissen. Darin ist vieles groß, ernst, 
beglückend; vieles trüb, quälend, voller Fragwürdigkeit. Alles 
wandelt sich, entsteht und vergeht, ohne Halt noch Dauer. Da- 
hinter aber empfinde ich ein Eigentliches, das rein und voll- 
kommen ist; vom Wandel nicht berührt wird, sondern in unnah- 
barer Ewigkeit steht. Das nenne ich Gott. 
Er würde weiter sagen: Auch im Menschen ist viel Fragwürdig- 
keit; auch in ihm ein beständiges Werden und Zerfallen. Dahinter 
aber ist auch bei ihm etwas Eigentliches, das nicht vergeht. Es 
lebt; aber nicht nach der Weise des Körpers, der sich aufbaut, reift 
und schließlich stirbt. Sein Leben kann nicht sterben. Das nenne 
ich Seele. Dieses kleine Ewige aber sucht Beziehung zum großen. 
Es ahnt dessen Wirklichkeit und möchte Anteil an ihm haben. Es 
sinnt über sein Wesen nach ; sucht nach Bildern, die es ausdrücken ; 
fühlt sich von ihm beeinflußt; bemüht sich, mit ihm in Einklang 
zu kommen, und hofft, die UnbegreifHchkeiten und Ungerech- 



116 



[4] 



tigkeiten, Schmerzen und Zerstörungen unseres Daseins werden 
in ihm Lösung erfahren. Das alles ist Religion. 
So ungefähr würde er wohl antworten, und es wären schöne Ge- 
danken. Hätte er damit ausgedrückt, was die christliche Botschaft 
verkündet? Ganz gewiß nicht. 

Was meint also diese Botschaft ? Reihen wir einige ihrer Aussagen 
aneinander. 

Sie spricht vom Werden des ersten Menschen und sagt, Gott habe 
ihn nach Seinem Ebenbilde geschaffen. Was bedeutet das aber? 
Wir neigen zur Meinung, es sei die Seele in ihrer Unsterblichkeit, 
Freiheit und Erkenntniskraft; doch wäre das nicht richtig. Nicht 
»die Seele« ist Ebenbild, sondern der Mensch. Ausdrücklich wird 
gesagt: »Gott sprach: Lasset Uns den Menschen machen nach 
Unserem Bild, Uns ähnlich.« (Gen 1,26) Auch die Leiblichkeit, 
weil sie die des Menschen und nicht jene des Tieres ist, steht also 
im Ebenbild. - 

Die Offenbarung sagt weiter: Der Mensch hat sich gegen Gottes 
Gebot aufgelehnt. Daraus ist das Unheil über ihn gekommen. 
Und worin besteht dieses Unheil ? Die Schrift sagt: es ist der Tod. 
Wessen Tod aber ? Der des Menschen einf achhin, mit all den Zer- 
störungen, die er für Leib und Seele, Sein und Werk, Natur und 
Gnade bedeuten kann, und es wäre ein langer, bitterer Gedanken- 
gang, der es durchwandern wollte. - 

Dem Menschen wird aber Erlösung verheißen. Und was geht aus 
ihr hervor ? Wie ist der Mensch, der Erlösung gefunden hat ? Wir 
antworten: Ihm sind die Sünden vergeben; er ist gerechtfertigt; 
er ist in eine Freundschaft mit Gott aufgenommen, während vor- 
her Feindschaft war; er ist geheiligt . . Das wäre alles wahr; es 
dürfte aber nicht nur von der Seele gemeint sein, sondern von 



[5] 



117 



Gottes Geschöpf, dem Menschen. Und wenn wir nach einem Aus- 
druck suchten, der alles zusammenfaßte, was aus der Erlösung her- 
vorgeht, so fänden wir ihn im paulinischen Gedanken: Ein neuer 
Mensch wird (Rom 6, 1-14). Nicht »eine neue Seele«, sondern »ein 
neuer Mensch«, geformt nach dem Bilde Dessen, der die Erlösung 
errungen hat, Christus (Rom 8,29). Auch ein alter Mensch ist da, 
selbstsüchtig, widerspenstig, verwirrt, und zwischen beiden geht 
ein Kampf, den Jeder in sich erlebt. Immer wieder muß der neue 
Mensch den alten überwinden. Dadurch wächst er aber heran, 
durch alles hin, was das Leben bringt, bis zum Maße des »Voll- 
alters Christi« (Eph 4, 13). 

So verkündet Paulus das Geheimnis der Wiedergeburt und ihrer 
Vollendung - wieder aber zu betonen: nicht nur der Seele, son- 
dern des Menschen. - 

Wenn wir den Apostel fragten, wie denn die Erlösten zu einander 
stehen, dann würde er wohl und eindringlich von einer Gemein- 
samkeit des Glaubens und Denkens und Gesinntseins reden; die 
entscheidende Antwort aber würde lauten: sie sind Kirche. 
»Kirche« aber ist »Leib«; so der erste Korintherbrief : »Denn wie 
der Leib Einer ist und er [doch] viele Glieder hat; alle einzelnen 
Glieder des Leibes aber, so viel ihrer sind, zusammen einen Leib 
bilden, so ist es auch mit Christus. Denn durch einen [und den 
nämlichen] Geist sind wir alle zu einem [einzigen] Leibe getauft 
worden, Juden oder Griechen, Knechte oder Freie, und sind alle 
mit einem [und dem nämlichen] Geist getränkt worden, wie auch 
der Leib nicht aus einem, sondern aus vielen Gliedern besteht.« 
(12, 12-14) Nicht unsichtbare Geistesgemeinschaft also, sondern 
sichtbare Gestalt, die in der Geschichte steht - das ist es, was aus 
der Erlösung heraus wird. Sie entfaltet ihr Leben im Wort der 
Wahrheit und der Weisung; aber auch in den Sakramenten und 



118 



[6] 






in den mannigfachen Ordnungen des Lebens. Wie eindrucksvoll 
ist es, daß die Handlung der Taufe ein Geburtssymbol bildet Qoh 
3, 5) und die von Christi Selbstschenkung ein Mahl (Mt 26 26-28 ■ 
Joh 6,51-58)! 

Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, daß auch das »Wort Gottes« 
durchaus nicht nur »geistig« ist, wie man zu sagen pflegt, um die 
angebliche Dinglichkeit der Sakramente herabzusetzen. Auch das 
Wort ist geistlich-leiblich, eben menschlich; die feinste Blüte der 
von Gott angeredeten Menschlichkeit. - 

Ja, der gleiche Paulus sagt: In diese Gemeinschaft der Kirche, die 
sich immerfort im Vollzug der Sakramente entfaltet, soll die ganze 
Schöpfung hineingenommen werden. Wie, wendet vielleicht ein 
Spiritualist ein : auch die Dinge >. Gewiß, erwidert Paulus ; auch sie : 
die Erde, das Meer, die Bäume, die Sonne, die Gestirne, alles! Die 
großen Eingänge der Briefe an die Epheser und die Kolosser reden 
hier eine kühne Sprache. So sagt der Kolosserbrief von Christus, 
Er sei »das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, Erstgeborener aller 
Schöpfung, weil in Ihm alles geschaffen worden, im Himmel und 
auf der Erde, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne, Hohei- 
ten, Herrschaften, Mächte - alles ist durch Ihn und auf Ihn hin 
geschaffen, und Er ist vor allem, und alles besteht in Ihm. Und Er 
ist das Haupt des Leibes, der Kirche, [Er], der da ist Anfang, Erst- 
geborener von den Toten, auf daß Er in allem den ersten Platz 
habe; denn er [der Vater] hat beschlossen, in Ihm solle die ganze 
Fülle wohnen, und alles solle durch Ihn versöhnt werden, [hin] zu 
Ihm, [dem Vater] ... was auf Erden ist, wie was im Himmel« 
(1, 15-20). Welche Bewegung geht da durch die Welt! Wie wird 
da alles in das große Neuwerden hineingezogen! 
Wo ist aber der Ansatzpunkt 1 Von wo geht, wenn man so sagen 
darf, der all-ergreifende Sog aus i Vom erlösten Menschen! Dafür 



[7] 



119 






J 



hat Paulus im achten Kapitel des Römerbriefes einen so kühnen 
Ausdruck, daß wir ihn lange durchdenken müssen, bevor wir ihn 
verstehen. Er sagt nämlich, daß »die ganze Schöpfung sich sehnt 
nach dem Offenbarwerden der Gottessöhne«, weÜ sie »vom Dienst 
der Verwesung«, das heißt, vom Tod erlöst und hineingenommen 
sein will in »die Herrlichkeit der Kinder Gottes«. Dann: »Wissen 
wir doch, daß die ganze Schöpfung mit [dem Menschen] seufzt 
und mit in Geburtsnot hegt«, daß das Neue werde. Und weiter- 
»Auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, 
seufzen in unserem Innern in Erwartung der Sohnesrechte«, die 
uns die Erlösung gegeben hat. Worin wird aber die Verwirk- 
lichung dieser Rechte gipfeln, durch die auch die Schöpfung vom 
Todesdienst in die Fülle des Lebens gehoben werden soll ? Die Ant- 
wort ist nicht nur kühn, sie muß für jeden Spiritualisten ein Ärger- 
nis sein. Sie wird gipfeln in »der Erlösung unseres Leibes«. - 
Das Letzte aber, der Inbegriff alles dessen, was dieErlösung schafft 
tritt in dem gewaltigen Bilde der Apokalypse hervor, wo sie von 
der himmlischen Stadt, dem ewigen Jerusalem, spricht. Die Stadt, 
die Polis, war ja dem antiken Menschen Ausdruck für das erfüllte 
Dasein, worin sich Geist und Leib, Mensch und Ding, Werk und 
Ordnung zusammenfassen. Dieses Bild erscheint als Symbol für 
die vollbrachte Erlösung: »Und er trug mich im Geiste auf einen 
großen und hohenBerg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, 
herabkommend aus dem Himmel von Gott her, mit der Herrlich- 
keit Gottes. Ihr Glanz ist dem köstlichsten Edelstein gleich; ist wie 
[der] ein[es] Jaspis-Kristalls.« (Apok 21,10-11) »Und einen Tem- 
pel sah ich nicht darin, denn der Herr Gott, der Allherrscher, ist 
ihr Tempel, [Er] und das Lamm. Und die Stadt bedarf nicht der 
Sonne noch des Mondes, daß sie ihr scheinen; denn die Herrlich- 
keit Gottes hat sie erleuchtet, und das Lamm ist ihre Leuchte. Und 









120 



[8] 



die Volker werden in ihrem Lichte wandeln, und die Könige der 
Erde ihre Herrlichkeit zu ihr bringen.« (Apok 21, 22-24) 
Wie anders würde der Apostel sprechen, wenn es sich in der Er- 
lösung nur um die »unsterbliche Seele« handelte! Wie weit hat 
sich das übliche christliche Denken von dem der Offenbarung ent- 
fernt Welch ein verhängnisvoller Spiritualismus hat sich da ein- 
geschlichen! Und vergessen wir nicht: die Anschauung, die allen 
Nachdruck auf »das Geistige« legt, bildet die andere Seite von 
jener, für welche alles in der Materie besteht. Beide verraten den 
Menschen, sein Leben und sein Werk. 

Und wie geschieht das, was alles entscheidet, die Erlösung ? An 
sich konnte sie geschehen, wie immer Gott wollte. Er ist der Herr • 
wer will sagen, was Er vermag und was nicht > Er könnte sie durch 
die einfache Vergebung vollziehen und in jeder Seele sein Licht 
aufleuchten lassen. Wie geschieht sie aber in Wahrheit? So daß 
der Sohn Gottes Mensch wird. 

Meine heben Freunde, in diesen Betrachtungen war schon oft Ge- 
legenheit, auf den großen Feind unseres religiösen Lebens auf- 
merksam zu machen : die Gewohnheit. Sie legt sich wie ein grauer 
Staub auf alles Lebendige. Sie macht, daß die Worte nicht mehr 
reden; die Botschaft nicht mehr andringt; dasHerrliche nicht mehr 
strahlt. Versuchen wir sie doch wegzutun. Versuchen wir, uns in 
die ungeheure Wahrheit hineinzudenken, nach welcher der ewige 
Gottessohn Mensch geworden ist. Nicht nur, daß er eine Men- 
schenseele angerührt hat, sich ihr offenbart hat, sondern daß Er 
selbst Mensch geworden ist. - 

Das ist eine Aussage zum Fürchten, denn auf sie antwortet sofort 
die Frage: Wie kann das sein, wenn Gott doch der Absolute ist' 
Man möchte sagen, was die Hörer in Kapharnaum gesagt haben, 

W 

121 



als Christus vom Sakrament seines Leibes und Blutes sprach: »Die 
Rede ist ja doch unmöglich! Wer kann sie anhören?« (Joh 6,60) 
Aber genau das ist gesagt. Genau das ist geoffenbart. Es ist die 
Offenbarung einfachhin. Es gibt keine andere. So müssen wir in 
tiefer Ehrfurcht fragen: Wer ist Gott, wenn es sich wirklich so 
verhält? Und die Antwort lautet: Jener, der dieses tut. Aber wel- 
cher Abgrund! Welche Umstürzung alles dessen, was die Philo- 
sophie des Absoluten aufgerichtet hat.. Denken Sie doch: Der 
Ewige, der Schöpfer, der Herr wird Mensch! Nie wieder wird Er 
nicht mehr Mensch sein . . Und da seine Werke ja doch in der 
Ewigkeit gedacht und gewollt sind, war Er nie ohne den Gedan- 
ken und Willen, Mensch zu werden . . Was wir da reden, ist eine 
schwankende, wahrscheinlich törichte Sache, denn wie können 
wir aus unserer Zeitlichkeit heraus über Gottes Ewigkeit sprechen ? 
Aber wie sollen wir es anders machen, wenn wir nicht schweigen 
wollen ? - 

Das Geheimnis setzt sich fort. Der Menschensohn lebt, Er stirbt, 
und dann - wieder wollen wir töricht sprechen, siehe den zweiten 
Korintherbrief (11,23) - welche Möglichkeit, dieses Stückchen 
Endlichkeit da, den am Kreuz zerstörten und entehrten Menschen- 
leib, wegzutun, um in die freie Herrlichkeit des Geistes zurück- 
zukehren! Die Lehre der Doketen hat einst so gesagt; aber es war 
eine Irrlehre. Sie hat nicht gewußt, was der Mensch ist; und nichts 
gewußt vom ewigen Ernst der Menschwerdung Gottes. Sondern 
Er steht von den Toten auf, als Mensch, die Wundmale an seinem 
verklärten Leibe (Jon 20,24-27), und nimmt diese Menschlich- 
keit in die Ewigkeit hinauf. »Auferstanden von den Toten, auf- 
gefahren in den Himmel, sitzet Er zur Rechten Gottes, des all- 
mächtigen Vaters«, sagt das Credo. 
Denn was ist das, »der Thron« ? Das Symbol von Gottes Majestät. 



122 



[10] 



Dort, hineingenommen in die Herrlichkeit Dessen, »der da ist«, 
lebt für immer Christi Menschenleib. Lassen wir uns das doch nahe 
kommen! Wie muß Gott sein, wenn das möglich werden soll? 
Und was für eine Schätzung, nein, was für eine Liebe muß in Gott 
zum Menschenwesen sein, wenn Er in das Geheimnis, das wir mit 
dem Wort von der »Rechten des Vaters« andeuten, unser Men- 
schenwesen limeinnimmt ? 

Wie anders ist das Christentum, als die laue AllverständÜchkeit, 
die in der Welt herumgeht! Zum Entflammtwerden ist es - oder 
zum Sich-Empören. 

Aus diesem Geheimnis geht hervor, wovon vorbin die Rede war : 
das Neuwerden. Paulus drückt es so groß aus: »Darum, wo einer 
in Christus ist, das ist neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, 
siehe, es ist neu geworden.« (2 Kor 5, 17) 

Die Freude darüber aber ist es, was im Fronleichnamsfest ausbricht. 
Das Gefühl, dieses Unnennbare sei werdend in uns. In uns, denen 
das Leben auf Erden so armselig zugeteilt ist; die wir immerfort 
versagen; die wir Unglück aller Art erfahren, krank sind und 
sterben müssen. 

Daß so Unsägliches in uns wird; meistens uns nicht bewußt, 
manchmal leise ins Gefühl durchdringend, vielleicht aber auch ein- 
mal über alles Begreifen hinaus selig erfahren - das ist es, was sich 
in der Ur-Form des Festzuges ausdrückt, im Schmuck der Häuser, 
in den Blumen auf der Straße, in den Bildern und Fahnen, im 
Gehen und Beten und Singen, alles eine Ausnahme unter dem, was 
sonst für üblich und erlaubt gilt. Gewiß, es ist nicht immer schön 
geformt, oft kümmerlich und sentimental, nicht selten einfach ge- 
schmacklos - und man sollte nicht einfach alles so lassen, wie es ist, 
weil es immer so war; sollte sich Gedanken machen, wie es über- 



[11] 



r\ 






123 






zeugend und schön werden könne. Vor allem aber sollten die 
Handelnden besser wissen, und die Zuschauenden besser verstehen, 
worum es geht: die christliche Freude. - 

Aber wir wollen uns die Sache nicht zu leicht machen. Man 
könnte, wie das ja immer wieder geschehen ist, einwenden, Pau- 
lus sei in Wahrheit doch ein Spiritualist gewesen und habe den 
Leib verachtet. Er habe doch zum Beispiel gesagt: »Denn die nach 
des Fleisches Art sind, sinnen, was des Fleisches ist, die aber nach 
des Geistes Art, was des Geistes. Das Sinnen des Fleisches nämlich 
bedeutet den Tod - das des Geistes Leben und Frieden. Deshalb, 
weil das Sinnen des Fleisches feind ist wider Gott . . So können 
denn jene, die im Fleische zu Hause sind, Gott nicht gefallen. Ihr 
aber seid nicht im Fleisch zu Hause, sondern im Geiste, wenn 
anders Gottes Geist in euch wohnt . .« (Rom 8,5-9) Beweist das 
nicht, daß Paulus die Erlösung nur auf den Geist, die Seele bezieht, 
und den Leib ausschließt ? 

Es wäre ein großes Mißverständnis, so zu folgern. Das wird gleich 
nachher deutlich, wo es heißt: »Wohnt aber der Geist Dessen, der 
Jesus von den Toten erweckt hat, in euch, so wird Der, der Chri- 
stus Jesus von den Toten erweckte, auch eure sterblichen Leiber 
lebendig machen durch seinen Geist, der [bereits] in euch wohnt. « 
(Rom 8,11) Das Wort für »Fleisch« meint also in diesem Zu- 
sammenhang nicht den Körper im Unterschied zum Geist, son- 
dern den altenMenschen im Unterschied zum neuen, erlösten ; den 
Menschen der Auflehnung im Unterschied zu jenem, der glaubt. 
Nach dieser Bedeutung ist der Geist, wenn er sich der Botschaft 
Christi verschließt, genau so »Fleisch« wie der Körper; der Trieb 
ebenso wie Verstand und Wille, Wissenschaft und Kunst und alle 
Kultur. Wenn der Mensch nicht glaubt und aus dem Glauben lebt, 
ist all sein Menschliches »Fleisch«, dem Tode verfallen. Ebenso wie 



124 



[12] 



umgekehrt der »geistige« Mensch, der werden soll, nicht das Spiri- 
tuelle ist im Unterschied zum Körperlichen, sondern der erlöste 
Mensch im Unterschied zum Unerlösten: Seele wie Leib, Stoff wie 
Geist, alles, im Maße es in das eingeht, was Christus wirkt. - 
Aber noch ein weiteres Mißverständnis hegt hier vor, nämlich die 
Verwechslung von heiligem und natürlichem Geist. Wenn Pau- 
lus vom Geiste redet, meint er nicht den Verstand, die Vernunft, 
die Urteilskraft, die immaterielle Seelensubstanz, sondern den Geist 
Gottes, das Pneuma. Der aber ist dem Körper, den Dingen, der 
Erde, dem Meer, der Sonne und den Gestirnen nicht fremd. Es 
steht ja doch geschrieben: »Am Anfang schuf Gott den Himmel 
und die Erde«, das heißt, die Welt. Die war zuerst noch »wüst und 
wirr«, Chaos; aber »der Geist Gottes schwebte über der Ur-Flut«, 
bereit, zuzugreifen und sie zu formen (Gen 1). So wenig ist Gottes 
Heiliger Geist den Dingen, dem Körper feind, daß Er im Gegen- 
teil ihr Bildner ist, Freund alles dessen, was Form bedeutet. 
Im gleichen Geiste ist der Sohn Gottes Mensch geworden, wie das 
Evangelium sagt: »Und der Engel antwortete und sprach zu ihr: 
Heiliger Geist wird über Dich kommen und Kraft des Höchsten 
wird dich beschatten; darum wird auch, was da entsteht, heilig 
genannt werden, Gottes Sohn.« (Lk 1,35) Abermals ein Zeugnis, 
wie nah, wie im Innersten vertraut der Geist Gottes der Erden- 
gestalt und nun der höchsten, dem Menschenleibe, ist. 
Durch Ihn sind amPfingstfest die Menschen ergriffen worden, daß 
die Herzen brannten, und die Zungen redeten in der Rede aller 
Völker. Da hat der gleiche Geist sich als den Herrn des Wortes und 
den Beweger der Herzenswelt bezeugt. - 
Im Bericht über die letzte Vision der Heiligen Schrift von der 
himmlischen Stadt aber steht nach dem Anruf der Sehnsucht an 
Jesus, Er möge kommen und alles vollenden, das geheimnisvolle 



[13] 



125 



Wort: »Der Geist und die Braut sprechen: Komm!« Die Braut 
ist die in Liebe entflammte Schöpfung; der Geist aber lehrt sie den 
Ruf, in dem alle Sehnsucht zum Wort gelangt. 
Es ist also nicht wahr, daß der Geist dem Leibe, dem Leben feind- 
lich sei. Wer so sagt, verleumdet Gott. Das Gegenteil ist wahr Der 
Geist ist es, der durch das Geheimnis der Gnade, der Wiedergeburt 
der Verwandlung alles in das neue und eigentliche Leben führt' 
Seele und Leib, Wille und Werk, Mensch und Ding, Welt und 
Geschichte. - 

Einer könnte aber doch noch einmal widersprechen und sagen- 
Gleitest du da nicht aus der christlichen Nüchternheit ins Phan- 
tastische? Verfällst du nicht dem uralten Hang ins Dionysische 
der in der Auswirkung des Körperhch-Sinnenhaf ten religiöse My- 
sterien zu finden glaubt ? 

Zunächst wird man antworten: Hier gibt es kein Abgleiten noch 
Verf allen, sondern die Worte der Schrift stehen da und sind klar . . 
Dann ist da aber noch etwas anderes. Meine Freunde, zwischen 
dem, was ich da eben mit schwachen Worten zu zeichnen ver- 
suchte, und uns, die wir sind, wie wir sind, steht das Kreuz mit 
semer Unerbitthchkeit; der Tod des Erlösers. 
Das neue Leben, von dem gesprochen worden ist, hat mit dem 
Enthusiasmus der antiken Mysterien nicht das Geringste zu tun. 
Es kommt nicht aus den Tiefen der Natur, noch aus den Rhythmen 
von Geburt und Tod, noch aus den trüben Ekstasen des Eros, son- 
dern aus dem Tode des Sohnes Gottes. Den muß, wer die Erlösung 
will, in irgend einer Weise mitvollziehen. Paulus sagt das in be- 
drängender SchärfcWohl sollen wir an der Herrlichkeit von Christi 
Auferstehung und seiner Heimkehr in den Himmel teilhaben; 
aber vorher an seinem harten Sterben und an seinem Grab. Im 
Römerbrief stehen die schweren Sätze : » Oder wisset ihr nicht, daß 



126 



[14] 



wir alle, so viel wir auf Christus getauft sind, getauft sind auf seinen 
Tod ? So sind wir also mit Ihm begraben, durch die Taufe auf den 
Tod, damit, wieChristus auferweckt worden von denToten durch 
die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in der Neuheit des Lebens 
wandeln sollen. Wenn wir so in seines Todes Bild hineingewach- 
sen smd, so wird das auch mit seiner Auferstehung geschehen er- 
kennend, daß unser alter Mensch mitgekreuzigt ward, damit'der 
Leib der Sunde vernichtet werde, auf daß wir nicht mehr Knechte 
der Sünde seien.« (6,3-6) Und wie geschieht das? Durch die täg- 
liche Überwindung unserer selbst; das Maßhalten im Trieb; das 
Tragen der Lebensnot; die tägliche Arbeitslast. Wenn Sie je damit 
ernst gemacht haben, wissen Sie, wie schwer das ist, und wie das 
wirklich, nach dem Wort der geistlichen Meister, ans »wehtuende 
Untergehen« führt. Das ist gesagt; und dann erst heißt es: »Sind 
wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit 
Ihm leben werden.« (Rom 6, 8) 

Das ist der große Zusammenhang, von dem, wenn wir genau hin- 
hören, das Fronleichnamsfest redet: Die Freude der erlösten Krea- 
tur, welche die Fülle des Lebens ahnt, die ihr in Christus zuteÜ 
werden soll. 



[15] 



127 



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University Libraries of Notre Dame 




6 775 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis . l.Auflage 1956 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Wareburg 



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6 



WAH RH E IT 

UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 
GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
'werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der VerwirkHchung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprüngHchen Ge- 
dankengang, sondern ^uch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



DER ENGEL DES MENSCHEN 



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NOTREDAME 



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LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 



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zu^r versteh r -?* was das Fest - ^ £St 
äs ti StffiSS sagt D r ■■** ^S 

d^S" £ \ Cmen fein äSthetischen Char ^er. Um 

Ebene ^en"« 2T ^ " * EntS P^ung auf tieferer 
*Dene zu denken, namhch an das sentimentale Wesen nein an den 
Unfug und die Entehrung, welche die w„l,„ l ! 
der Engelgestalt treibt Wedmachtsmdustne mit 

stTbs^dl h Td VerkÜi ;t 8Un8 ^ DeUtUn ^ des <*"***> 
seiest viel Schuld, denn welche Gestalt aus der heiligen Weh ht 

dann wohl üe f er verdorben worden als die der Engll 5 VoTdthe 
Kann man gut versteh™ A.a - i 5 vonaaner 

gut verscenen, daß einer, der es mit Arm ru„u 
-t meint ^ fa Rede ^ ^ ^ ™ d^G, au b en 

den Sentunentahtäten nichts mehr wissen will § ' 

Aber so sind ja die Engel nicht! Nach allen Worten der Offen 
barung smd sie gewaltige und herrliche Wesen, S^r" 

schuttern und Gottes Näh,* *„ n-i. ß. • i . 

/ ^ 1Naile zu -Bewußtsein bringen So oft in A™ 

Berichten der Schrift ein Engel erscheint 1,,^ 

*£&. l j«i . , & erscnemt > la uten seine ersten Wortp- 

B ^cu raui), seine Gegenwart zu ertragen. 



[3] 



131 



Die Engel haben im Zusammenhang der heiligen Geschichte eine 
große Bedeutung. Wir können hier nicht ins Genauere gehen; es 
würde eine eigene Betrachtung fordern. Bleiben wir also beim 
Mittelpunkt dieser Geschichte, dem Leben Jesu Christi. 
Schon in der ersten Kundwerdung, Gottes Sohn solle Mensch 
werden, erscheint der Engel. Er ist es, der Maria die Botschaft 
bringt - ebenso wie er, Gabriel, es ist, der die Geburt des Vorläu- 
fers ankündigt (Lk 1,26-38. 11-20). 

Wieder erscheinen die Engel in der Nacht, da Jesus geboren wird. 
S le bringen den Hirten die Kunde und singen Gottes Lob (Lk 
2,8-14) • • Ein Engel gibt Joseph im Traum die Weisung, es vor 
Herodes nach Ägypten zu retten und dann, wie die Gefahr vor- 
über ist, es wieder zurückzubringen (Mt 2, 13. 19-20) . . Nachdem 
Jesus in der Einsamkeit der Wüste vierzig Tage fastend beim Vater 
gewesen und nachher in der Macht des Geistes den Versucher ab- 
gewiesen hat, heißt es : »Engel kamen und dienten Ihm« (Mt4, n).. 
Wieder kommen Engel und »dienen Ihm« nach der furchtbaren 
Nachtstunde auf dem Ölberg, in welcher Er den Willen des Vaters 
bis in die innerste Tiefe annimmt (Lk 22,43) . . Wir sehen sie am 
Morgen der Auferstehung heiligen Dienst am Grabe tun (Mt 
28,2-7) • • Und abermals nach den geheimniserfüllten vierzig Ta- 
gen, während derer Er immer wieder den Jüngern erschienen ist 
und ihnen vom Reiche Gottes Kunde gegeben hat: in der Stunde 
der Heimkehr zum Vater (Apg 1,10-11). - 
Sie sehen, wie eng die Engel in den Zusammenhang der heiligen 
Geschichte gehören. Man kann sie nicht herauslassen, ohne diesen 
Zusammenhang zu verletzen. 

Auf die Frage aber, was sie bedeuten, ließe sich manches antwor- 
ten. Das Entscheidende hat Jesus an heiligster Stehe gesagt, näm- 
lich in dem Gebet, das Er die Seinen gelehrt hat. In dessen dritter 



132 



[4] 



Bitte sollen wir Gott angehen, Sein Wille möge auf Erden so er- 
füllt werden, wie es im Himmel geschehe. Die das aber tun, sind 
die Engel. Sie, von denen gesagt ist, daß sie »allezeit das Angesicht 
des Vaters schauen, der im Himmel« ist (Mt 18, 10), verstehen mit 
hebendem Bhck die Meinung des Vorsehenden, und vollbringen 
in reiner Bereitschaft, mit einer Herrlichkeit von Kraft und Ge- 
nauigkeit Seinen Willen. 

Was dieses Tun in der Enthobenheit des Himmels bedeutet, soll 
hier nicht weiter bedacht werden; jedenfalls sind sie im geheimen 
Gewebe der Heilsgeschichte am Werk, und haben so, obwohl 
selbst der Erlösung nicht bedürftig, an ihr Anteil. 



Und nun sagt uns die Kirche, unter ihnen gebe es solche, denen 
Gott einen besonderen Dienst im Leben des einzelnen Menschen 
zugewiesen hat. Man nennt sie die Schutzengel ; wir wollen sie wie 
gesagt, die Engel der Menschen nennen. 

Worin besteht aber ihr Dienst >. Was schützt der Engel in dem 
Menschen, mit dem ihn Gott verbunden hat? Wenn wir darüber 
ernsthaft nachdenken wollen, müssen wir all die rührseligen 
Bilder wegtun, die ihn zeigen, wie er auf einem Steg ein Kind vor 
dem Hinunterfallen bewahrt, oder eine Schlange abwehrt die es 
anzungelt. Wir müssen in den Kern des menschlichen Daseins 
gehen: den Bestand und die Unversehrtheit seiner Person - 
Bei vielen Völkern findet sich eine eigentümliche Gestalt, die uns 
die Richtung andeuten kann, in welcher sich unsere Gedanken be- 
wegen müssen: der Schutzgeist oder Folgegeist. Von ihm wird 
gesagt, jedem Menschen sei ein Wesen zugeordnet, das irgendwie 
seine Eigenschaften in sich trägt; das sogar in gewisser Weise er 
selbst ist, er noch einmal; das aber in der Form geheimnishafter 



[5] 



133 



Mächtigkeit. Der Mensch selbst sieht den Folgegeist nicht, denn 
er geht ihm immer nach, ist »hinter« ihm, im Unzugänglichen 
Doch sind ihm Bestand und Gedeihen in diesem Wesen gewähr- 
eistet. Einmal aber kommt es herum und tritt ihm entgegen- das 
bedeutet den Tod. 

Eine Sage, gewiß ; aber in ihr redet eine tiefe Ahnung. Diese erfüllt 
sich in der Offenbarung vom Engel, den Gott dem Menschen zum 
Freund und Schützer in sein Leben mitgibt. 



Ein Hinweis auf ihn hegt wohl schon im neunzigsten Psalm, wo 
es im elften und zwölften Vers heißt: 

»Er entbietet für dich Seine Engel, 

daß sie dich schützen auf all deinen Wegen. 

Sie tragen dich auf ihren Händen, 

damit sich dein Fuß an keinem Steine stoße.« 

Wir denken dabei an den Orientalen, der mit Sandalen oder gar 
bloßen Fußes über steinige Wege geht. Das Wort ist um so be- 
deutungsvoller, als es im Leben Jesu wiederkehrt; im Bericht von 
der Versuchung in der Wüste, wo Satan mit dem Hinweis auf 
diesen Schutz Jesus zum frevelhaften Wagnis seiner selbst zu ver- 
führen sucht (Mt 4,6). So spricht der Psalm von einer besonderen 
Sorge Gottes, mit der Er den Menschen »auf allen seinen Wegen« 
der Hut der Engel anvertraut. - 

Eine andere und nun entscheidende Stelle findet sich im Matthäus- 
Evangelium, wo Jesus mit großer Liebe von den Kindern spricht 
Da heißt es : » Sehet zu, daß ihr nicht eines von diesen Kleinen ge- 
ringschätzt, denn ich sage euch, ihre Engel in den Himmeln sehen 



134 



[6] 



allezeit das Antlitz meines Vaters in den Himmeln.« (Mt 18,9-10) 
»Ihre Engel« - die Worte drücken eine enge Zusammengehörig- 
keit aus. Das Kind darf sagen: »mein Engel«, und dieser: »mein 
mir anvertrautes Kind« . . Doch wäre es Sentimentalität, dieses 
Verhältnis nur auf die Kinder zu beschränken. Des Schutzes, von 
dem hier die Rede ist, bedürfen die Erwachsenen ebenso -ja sie 
vielleicht noch mehr. 

Der Mensch ist ein seltsames Wesen; um so schwerer zu verstehen, 
je länger man sich um ihn bemüht, je länger man selbst Mensch 
ist. In ihm sind hohe Eigenschaften und große Kräfte, aber auch 
wieviel Armseliges, Schemhaftes und Böses. Sein Tun hat unaus- 
löschbaren Sinn, seine Entscheidung bestimmt ewiges Schicksal; 
zugleich ist er aber gebrechlich und schwankend zum Verzagen! 
Alle Elemente seines Wesens wie seines Tuns gehen in einander; 
jeder Schritt des Geschehens, das ihn trifft, bildet am Ganzen seine^ 
Lebensganges mit, was alles heißt, daß er Gestalt intensivster Art 
ist; in allem aber wirkt eine tiefe Verwirrung. Er hat das Vorrecht, 
»Ich« sprechen zu können: weiß er aber, wer er ist > Steht er nicht 
beständig in Gefahr, sich mißzuverstehen > Er ist frei, Herr seiner 
selbst: hat er sich aber in der Hand ? Wird er sich nicht beständig 
weggeholt, durch Dinge, die ihn begehrlich machen; durch Ver- 
wicklungen, die ihn verstricken; durch Geschehnisse, die ihn er- 
schrecken ? Und droht ihm nicht stets die Urgef ahr, welcher der 
erste Mensch erlegen ist, statt Gottes Ebenbild »sein zu wollen wie 
Gott«, Herr der Welt? 

Und ist der Mensch, der in tausenderlei Beziehungen und Gemein- 
schaften lebt, immerfort redend, hörend, gebend, nehmend, er- 
greifend und ergriffen, gebrauchend und gebraucht - ist er nicht 
im Grunde allein, bis in die Einsamkeit des Sterbens ? - 
Hier sagt uns Jesu Wort, daß Gott dem Menschen einen Gefährten 



[7] 



135 



mitgibt, der sein Eigenes und Eigentliches schützt: sein Wesen, das 
im Verhältnis zu Gott beruht ; sein Ich, das nur Bestand hat in' der 
Antwort auf Gottes währenden Anruf; seine Wahrheit, die nichts 
anderes bedeutet, als zu sein, wie Gott ihn will. Das ist sein Engel. 
Er weiß besser um uns, als wir selbst. Er weiß um unser Gott- 
Ebenbild - der Engel jedes Menschen um dessen besonderes Eben- 
bdd, geschaffen durch den Anruf, mit welchem Gott ihn und ihn 
allein in sein Dasein gesteht hat. Um das, was sich im »neuen 
Namen« offenbaren soll, welchen Gott in der ewigen Begegnung 
dem als treu Befundenen gibt, und den »niemand weiß, als Gott, 
und der ihn empfängt« (Apok 2, 17). Der Engel aber, so denken 
wr, weiß ihn, denn er ist ja für »seinen« Menschen nicht einfach- 
hin »ein Anderer«, sondern der Hüter von dessen Selbst. Ebenso 
wie der Engel all die Verwirrungen und Verstörungen sieht, die 
seinen Mensch-Freund von innen her bedrohen; sie in Unbestech- 
lichkeit beurteilt, aber mit ihm zusammen dagegen steht, als wäre 
es für sich selbst. 

Das alles weiß er, weil er »immer das Angesicht des Vaters schaut, 
der im Himmel ist«. Er ist bei Gott und bei dem ihm Anbefohlenen 
zugleich, und hier kann er sein, weil er dort ist. Denn Gott ist 
jedem Menschen der in Wahrheit »Nächste«, stehend zwischen 
ihm und dem Nichts; dem guten, aus dem Er ihn einst heraus- 
gehoben, wie dem bösen, das ihn immerfort bedroht. In Gott sieht 
der Engel die Wahrheit des Menschen eigentlicher, als sie in diesem 
selbst ist; denn diese Wahrheit denkend hat Gott ihn geschaffen- 
ihn denkend hält Gott ihn im Sein. Im »Angesicht des Vaters« liest 
der Engel diese schöpferische Wahrheit; und von Seiner Liebe er- 
leuchtet, sieht er, wie bedroht sie durch die Schwäche des Men- 
schen ist. Darum kennt er seinen so fragwürdig-wunderbaren 
Mensch-Freund bis in den innersten Grund. - 



136 



[8] 






Dieses, des Menschen eigenstes Wesen, schützt der Engel in den 
Verhüllungen, Wirrnissen, Gewaltsamkeiten des Lebens. Denn 
Gott hat ihn durch seinen Auftrag ins Einvernehmen der Vor- 
sehung gezogen, und er dient ihrer Verwirklichung - der Vor- 
sehung über diesem bestimmten Menschen, wie auch über dem 
Ganzen der Welt, sofern es sich in diesem Einen entscheidet und 
verwirklicht. 

Er schützt es nicht nur gegen die Gefahr, die von außen, sondern 
auch gegen jene, die aus dem Menschen selbst kommt: seine Un- 
botmäßigkeit, seine Unredhchkeit, seine Trägheit, sein Unmaß. 
Er tut es in der Stimme des Gewissens, in den Warnungen des 
Herzens, im Wort der Freunde, in den Folgen des Tuns, im Sinn 
der Geschehnisse - in alledem spricht seine Stimme mit. 
Der Engel des Menschen hilft ihm, er-selbst zu sein - richtiger aus- 
gedrückt: er-selbst zu werden. Gott hat von Sich gesagt: »Ich bin 
der Ich bin.« Er ist die triumphierende Personalität; vollkommen 
Er-selbst; Seiner ewig mächtig und sicher, der Herr einfachhin 
Der Mensch hingegen ist Person von Gnaden; im Angerufensein 
durch Gott. Und so, daß er erst dazu heranreifen muß; durch be- 
ständige Gefahr, seine Personalität in naturhafte Verstrickung preis- 
zugeben, oder zu unwahrer Autonomie zu verfälschen. In diesen 
tödlichsten aller Gefahren steht sich der Engel zu ihm und hilft 
ihm, in Ehre und Demut - beides ist wesentlich und gehört zu- 
sammen - er-selbst zu werden. - 

Freilich: weil es sich um Wesen und Person handelt, kann diese 
Hilfe sich nur in Freiheit verwirklichen. Der Mensch wird in sein 
Eigentliches - daß er sei, als was der Gottesgedanke ihn begründet 
und ebendarin er-selbst sei - nicht hineingehoben. Der Engel kann 
nichts tun, als in tiefer Sorge seines Freundes Freiheit anrufen; in 
reiner Treue bei ihm ausharren. 



[9] 



137 



Der Mensch aber kann den Ruf auch überhören, ihn mißachten, 
ihm widerstreben, und so alle Hilfe vergeblich machen. Dann muß 
der Engel - wohl in einem Schmerz, der über unser Begreifen 
geht - im Gericht auf die Seite des Urteils treten. Denn hier 
geht es nicht um Märchen, sondern um Wahrheit. 

Wir haben uns dem Geheimnis des Engels nur eben nähern können ; 
aber es hat sich gezeigt, daß der Weg, wenn wir ihn weiter gingen, 
tief ins Geheimnis unserer Existenz führen würde. 
Wir müssen uns das versagen; aber etwas anderes wollen wir tun: 
uns bewußt werden, daß hier die Möglichkeit einer Beziehung ist, 
für die wohl kein besseres Wort zur Verfügung steht, als das der 
Freundschaft, die sich auf das Eigenste bezieht, und die unser 
Schöpfer selbst uns zuweist. - 

Was ist denn ein Freund ? Ein Mensch, der bei mir nicht sich selbst 
meint, sondern wirklich mich. Der mich kennt, mein Gutes wie 
mein SchHmmes; mich aber so, wie ich bin, für wert und wichtig 
hält. Der mich Hebt, und ebendeshalb wahr gegen mich ist. Der 
mein Bestes will, aber dabei meine Freiheit in Ehren hält. Auch 
eine Ebenbürtigkeit gehört zur echten Freundschaft. In dieser darf 
kein Übergewicht sein, das abhängig macht, nicht den Einen noch 
den Anderen. Besteht aber ein solches auf einem Gebiet des Seins, 
oder Könnens, oder Habens, dann muß es auf einem anderen sein 
Gegengewicht finden. 

Eine solche Freundschaft ist sehr kostbar, und um so seltener, je 
reiner man sie sieht. Sie mag aber noch so rein, noch so tief sein, 
immer stößt sie an Grenzen. Wer kann sagen, daß er den Freund 
ganz verstehe ? Aus seinem eigentlichsten Wesen, seiner innersten 
Gesinnung her ? Wessen Selbstlosigkeit ist so echt, daß sie den Freund 



138 



[10] 



lauter meint, ohne Nebenabsichten noch Hintergedanken ? Und 
welche Treue ist so fest, daß sie nicht nur den Wandel der Ver- 
hältnisse, sondern auch den der Verbundenen selbst, ihrer An- 
schauungen, Lebenserfahrungen, inneren und innersten Zustände 
überdauert? 

Vor allem aber : Keine Freundschaft, sie sei noch so großmütig, hebt 
die Tatsache auf, daß der Eine immer doch nur er-selbst und nicht 
der Andere ist. Daß immer eine Grenze besteht, vom Selbst ge- 
zogen. Und, daraus kommend, eine letzte Einsamkeit, die durch 
keine Gemeinschaft aufgehoben werden kann. 
Wenn das, was wir da bedacht haben, richtig ist, dann steht es mit 
dem Engel - meinem Engel, muß jeder sagen - anders. Er ist groß, 
und ich werde mich mit ihm nicht vergleichen. Aber wir sind 
beide geschaffen und darin einander gleich. Und Gott hat uns in 
einer Gemeinschaft verbunden, die das Letzte angeht, und für die 
es im Irdischen keine Entsprechung gibt. Zwischen uns besteht 
eine Solidarität, unmittelbar von Gott her. In ihr geht es um mein 
Heil - wer aber kann sagen, was für die eigene Ewigkeit desEngels 
von mir abhängt? - 

Hier wäre eine Möglichkeit der Freundschaft, wie sie sonst nir- 
gendwo ist . . Wenn nur nicht ein so schweres Hindernis wider sie 
stünde, daß wir des Gedankens an unseren Engel so ganz entwöhnt 
sind! Daß er uns so sehr ins Ästhetische oder gar ins Kindische 
entglitten ist! 

Hier wäre etwas zu entdecken, das wir verloren haben. Wir müß- 
ten uns zu etwas durchgraben, das verschüttet ist. Ob es sich nicht 
lohnen würde ? Besonders wenn wir bedenken, daß esja doch keine 
einseitige Bemühung wäre, denn der Engel ist jadoch da, still, ge- 
genwärtig, unbeirrbar uns zugewendet. So würde er also doch'hel- 
f en, mit leiser, hebender Kraft, die Fremde zu durchdringen 



["] 



139 



Ob dadurch nicht die Stunden der Einsamkeit einen neuen Sinn 
gewinnen könnten ? Das Dunkel der Schwermut ? Die Wand des 
Nicht-Verstandenseins ? Alles ganz ruhig, ohne Phantastereien und 
Überspanntheiten, einzig vertrauend auf Jesu Wort - und, durch 
dieses Wort erhellt, auf die tiefe Ahnung des Menschengeschlechts, 
daß wir mit unserem Selbst, dem zerbrechlichen und fragwür- 
digem, das aber doch eben das unsere, für jeden von uns eine und 
einzige ist, nicht allein im Dasein stehen, wie es mit unseren 
menschlichen Beziehungen auch immer bestellt sein möge 



CHRISTI HIMMELFAHRT 
UND WIEDERKUNFT 



140 



[12] 



., 



LIEBE FREUNDE, 



$ 

* 



I 



I n meinem ersten Bericht, lieber Theophilus, habe ich davon ge- 
J. handelt, was Jesus alles tat und lehrte, von Anfang an bis zu dem 
Tage, da er erhoben ward. [Das geschah, nachdem] er den Apo- 
steln Auf träge gegeben durch den Heiligen Geist- denen, die er aus- 
erwahlt hatte; welchen er sich auch lebendig erwiesen nach seinem 
Leiden durch viele Beweise, indem er sich durch vierzig Tage hatte 
sehen lassen, und über das Reich Gottes Aufschluß gegeben. 
Da er nun so mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, sich nicht 
von Jerusalem zu entfernen, sondern die Verheißung des Vaters 
abzuwarten, die <ihr von mir gehört habt; denn Johannes hat mit 
Wasser getauft; ihr aber sollt in Heiligem Geiste getauft werden, 
in wenigen Tagen von heute ab>. 

Da fragten ihn die Versammelten : <Herr, richtestDu in dieser Zeit 
das Reich wieder auf für Israel >> Er erwiderte ihnen: <Es ist nicBt 
eure Sache, Zeiten und Fristen zu kennen, die der Vater bestimmt 
hat m seiner Macht. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der 
Heilige Geist auf euch kommt, und meine Zeugen sein in Jerusa- 
lem und in ganz Judäa und Samaria und bis ans Ende der Erde > 
Und als er dies gesagt, ward er unter ihrem Zuschauen in dieHöhe 
gehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, von ihren Augen fort 
Und wie sie ihre Augen auf den Himmel richteten, während er 
dahin ging, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen 
Kleidern und sprachen: <Ihr galiläischen Männer, was steht ihr 
und blickt gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch fort gen 
Himmel erhoben worden, er wird ebenso kommen, in dergleichen 
Weise, wie ihr ihn gesehen habt in den Himmel dahin gehen >« 
(Apg i, 1-12) & 



I 



[15] 



143 



Mit diesem Text fängt das Buch der Apostelgeschichte an, das 
Lukas, der Schüler des Apostels Paulus, verfaßt hat - der gleiche, 
von welchem das dritte Evangelium stammt. Zu Beginn des 
Buches sagt er ja dem Manne, dem es gewidmet ist, Theophilus, 
er habe in seinem ersten Bericht alles vom Leben Jesu berichtet, 
»vom Anfang an bis zu dem Tage, da Er erhoben ward«. 
Mit diesem letzten Ereignis hat er das Evangelium geschlossen; 
mit ihm beginnt er die Apostelgeschichte, die von der Herabkunft 
des Geistes, von der Urgemeinde und von der frühesten Aus- 
breitung des Evangeliums erzählt; und wir werden sehen, welch 
tiefen Sinn es hat, daß er jenes Ereignis an den Anfang stellt. 
Zuerst spricht der Text von den vierzig Tagen nach der Aufer- 
stehung, in denen der Herr seinen Jüngern mancherlei »über das 
Reich Gottes« gesagt hat. Das Meiste davon ist nicht im Wortlaut 
auf uns gekommen; es ist aber in die Substanz der Verkündung 
eingeflossen. Dann berichtet Lukas, wie Jesus befiehlt, die Jünger 
sollten nach seinem Weggang in Jerusalem warten, bis der Heilige 
Geist über sie kommen werde. Der werde sie »taufen«; nicht, wie 
der Vorläufer getan, durch eine irdische Gleichnishandlung, son- 
dern durch eine Tat göttlicher Macht. Die Taufe wurde früher 
durch ein Eintauchen in das Wasser vollzogen, welches Tod und 
Leben gibt, Grab ist und Schoß. Dadurch wurde deutlicher, als 
heute, was sie meint: daß »altes«, irdisches Leben untergeht und 
»neues«, göttliches ersteht. Das sollte nun durch jenen Geist ge- 
schehen, der einst am Beginn ȟber den Wassern des Urmeeres 
geschwebt« hatte (Gen 1,2). 

Die nächsten Sätze zeigen, wie wenig die Jünger zu Jesu Lebzeiten 
verstanden haben, was Er war und wollte. Sie waren der Meinung, 
es gehe um eine irdische Theokratie, in welcher das Volk Israel 
Mittelpunkt von Gottes Weltreich und Träger aller Ehren sein 



144 



[16] 



solle. Diese Hoffiiung hatte sich nicht erfüllt, denn Jesus war 
- menschlich gesprochen - unterlegen. Nun ersteht sie neu : »Rich- 
test Du in dieser Zeit das Reich wieder auf für Israel?« Jesu Er- 
widerung aber bedeutet: Es hat keinen Sinn, jetzt darüber zu 
sprechen. Wartet, bis der Heilige Geist kommt. Durch Ihn werdet 
ihr erkennen, worum es geht. 

Und dann das geheimnisvolle Ereignis: Jesus wird »unter ihrem 
Zuschauen in die Höhe gehoben«. »Unter ihrem Zuschauen« sind 
Worte des Zeugen: So war es. Es ist gesehen worden. »In die 
Höhe gehoben« aber heißt: dorthin gehoben wo Gott ist. Damit 
soll nicht gesagt sein, Gott sei »droben« statt »drunten«, denn Er 
ist überall und ist nirgendwo - ganz abgesehen davon, daß, was 
auf der einen Seite der Erde oben, auf der anderen unten ist. Trotz- 
dem ist die Richtung hinauf ein wesenhaftes Symbol für den » Ort« 
Gottes: die Enthobenheit in der Höhe, im Erhabenen, in der 
Majestät. 

Die »Wolke« aber, von welcher die Rede ist, meint keines der 
Gebilde, die wir am Himmel stehen und wandern sehen, sondern 
die Lichtwolke, die uns im Alten Testament öfter begegnet; die 
»Herrlichkeit«, welche Gott offenbart und verhüllt zugleich. Lesen 
wir etwa im Buch der Könige nach, wo über die Einweihung des 
Tempels gesprochen und erzählt wird, wie die Wolke dessen gan- 
zen Raum erfüllt, so daß kein Mensch einzutreten vermag - 
Offenbarung davon, was das »Haus Gottes« eigentlich bedeutet 
(1 Kön 8, 10-13). 

Während aber die Jünger so stehen und ihre Augen auf den 
Himmel richten - genauer müßte man sagen: in der Richtung 
nach oben hinüber-schauen, hinüber-f ühlen ins Entlegene - stehen 
plötzlich »zwei Männer bei ihnen in weißen Kleidern«. Es sind 
zwei jener Wesen, welche die letzten Ereignisse im Leben des 



[17] 



HS 



Herrn semes Todes und seiner Auferstehung mit ihrem Dienst 
umgeben haben. Und wir tun gut, darauf zu achten, wie sie be- 
zeichnet werden: als »Männer«. An ihnen ist also nichts von der 
sentimentalen Lieblichkeit, durch welche die Neuzeit die herrlich- 
furchtbaren »Heerscharen Gottes« entstellt hat, sondern sie sind 
Cjestalten der Macht. 

Sie holen die Blicke der jünger zurück und richten sie auf das 
Kommende: Der von ihnen gegangen ist, wird einst wieder- 
kehren, Welt und Geschichte zu richten. 



Wenn wir uns genauer in das Geschehnis hineinf ühlen, erscheint 
es uns zuerst als Abschluß eines mächtigen Lebens. Der, um den 
es sich da handelt, hat Gewaltiges vollbracht; Er hat gekämpft 
hat gelitten ist ün Opfer Seiner selbst untergegangen; nun aber 
offenbart sich in einem strahlenden Ende der Sieg. Die christliche 
Kunst hat das Ereignis gern so dargestellt; denken wir etwa an 
Renaissance und Barock, die es um seiner triumphierenden Größe 
wihen so sehr gebebt haben. Die Auffassung hat ihr Richtiges, 
sagt aber nicht alles. ö 

Gewiß bildet das Ereignis der Himmelfahrt das Ende von Jesu 
irdischem Dasein; aber Gottes Boten sagen: »Dieser Jesus ... wird 
ebenso kommen in der gleichen Weise, wie ihr ihn gesehen habt 
m den Himmel dahin gehen. . Ihre Worte holen also die Blicke der 
Junger von der Glorienhöhe des »Himmels« auf die Erde, in die 
Geschichte zurück und richten sie auf deren fernste Zukunft. So 
bildet das Ereignis keinen Abschluß, sondern öffnet sich nach 
vorn, auf ein Kommendes hin. Ein Bezug entsteht zwischen dem 
Heimgang des Herrn und seiner Wiederkehr. Ein Raum der Er- 
wartung wölbt sich hinaus, und es wird klar: Das ist der Raum 



146 



[18] 



in welchem von nun an die Geschichte gehen wird. Erst die Wie- 
derkehr Christi wird das wirkliche Ende sein. Dann erst wird die 
Bewegung des Glaubens sich nicht mehr auf etwas Künftiges rich- 
ten, sondern in der Ewigkeit erfüllt sein. - 
Diese Erwartung hat ihren Ausdruck im Glaubensbekenntnis ge- 
funden: »Von dannen« - das heißt: von dort, vom Thron Gottes 
her, auf welchem der Herr sitzt zur Rechten des Vaters - »Er 
kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. « Sie hat 
in der Frühzeit die ganze christliche Haltung bestimmt. Der erste 
Brief an die Thessalonicher zeigt, daß Paulus denkt, Christus 
werde noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen (4,15-5,11) 
Seine späteren Briefe, die einander durch ein Vierteljahrhundert 
hin folgen, lassen erkennen, wie die Dringlichkeit dieser Erwar- 
tung dann nachläßt, und der Apostel lernt, im Warten Fuß zu 
fassen. Dieses wird zur Form des christlichen Lebens einfachhin. 
Wie wach es war, zeigt der Schluß der Apokalypse: »Und der 
Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, soll 
sprechen: Komm!« Dann wieder: »Es spricht, der das bezeugt: 
Ja, ich komme bald. Amen. Komm, Herr Jesus!« (22,17 20) So 
schließt die Heilige Schrift, und der Schluß tönt weiter durch die 
ganze Geschichte hin. 

Allmählich aber haben die Gläubigen sich in der Zeit eingerichtet 
unddieErwartung ist eingeschlafen. Nicht erstorben; bei bestimm- 
ten Anlässen ist sie wieder aufgelebt, so zum Beispiel um das Jahr 

Tausend, alsdurchganzEuropadieErwartungging,dasWelt-Ende 
stehe bevor. Aber das waren nur Ausbrüche, Wehen des Gefühls, 
keine lebendige Haltung mehr. In der Neuzeit vollends ist, außer 
in sektenhaf ten Bewegungen, von ihr nicht mehr viel zu spüren. 
Warum ist das so gegangen ? 



[19] 



147 



Zunächst einmal, wen das Ereignis, auf das die Erwartung sich 
nutete immer länger ausblieb, und es dem Menschen schwer 
tallt, auf die Dauer in einem Spannungszustand zu leben. Dazu 
kam aber etwas anderes, nämlich der Wandel, den das Bild der 
Welt vom Mittelalter zur Neuzeit erfuhr 
Dort war die Welt etwas Endliches; endlich war daher auch die 
Geschichte. Sie hatte für die allgemeine Vorstellung einen Beginn 
und einen Abschluß. Das wurde aber dann anders. Das Bild der 
Welt reckte sich nach allen Seiten und sprengte die Grenzen, die 
es zuerst hatte, des Raumes wie der Zeit. Das Denken lernte, von 
der Gegenwart immer weiter in die Vergangenheit zurückzu- 
bringen: durch die verschiedenen geschichthchen Epochen der 
Geschichte zu einer angeblich vorausgehenden tierischen Entwick- 
lungsreihe, deren Beginn ihrerseits aus Urvorgängen in der Ma- 
terie hervorgehen sollte. So verlor sich die Geschichte in unabseh- 
licne Vergangenheit. 

fa» Unabsehhche erstreckte sie sich aber auch nach vorn: Man sah 
den Menschen aus einem primitiven Zustand zu immer höheren 
technischen, sozialen, kulturellen Daseinsformen unterwegs. Ta 
der Gedanke meldete sich, sein körperhch-geistiges Wesen selbst 
sei nichts Abgeschlossenes, sondern trage unabschätzbare Möglich- 
keiten in sich. Wie er über das Tier bis zu seinem jetzigen Zustand 
herabgestiegen sei, so könne er auch über diesen hinausgelangen- 
und der Übermensch Nietzsches blieb nicht nur die Phantasie 
eines an der Gegenwart leidenden Geistes, sondern wurde zum 
Ausdruck einer wirklichen Hoflhung, ja eines politischen Willens 
So entstand ein ganz anderes Bild von der Geschichte des Men- 
schen als es uns aus der Offenbarung entgegentritt. Für diese hat 
sie Anfang und Ende im klaren Sinne des Wortes. Sie beginnt mit 
seiner Erschaffung und Prüfung - wobei die Frage, wann diese 



148 



[20] 



geschehen sei, und welche empirische Erscheinung sie gefunden 
habe, der Wissenschaft überlassen bleibt. Zu einer Zeit aber, die 
»bestimmt ist durch die Macht des Vaters«, wird Christus wieder- 
kehren und aller Geschichte ihr Ende setzen. Damit hat das 
menschliche Dasein Maß und Grenze. Eben damit hat es aber auch 
Gestalt; und in dieser Gestalt findet der Einzelne mit Wesen und 
Tun seinen Ort. Nun aber verändert sich alles. Die Linie geht nach 
beiden Richtungen ins Unabsehhche. Damit verliert der Mensch 
seinen Ort, denn im Endlosen gibt es keinen; dafür gewinnt seine 
Geschichte den Charakter nicht meßbarer Möglichkeit. 
Man kann geradezu sagen, im neuen Bewußtsein trete die Mög- 
lichkeit an die Stelle der Gestalt. Das Mittel der Verwirkhchung 
aber bildet der Begriff des »Unendlichen«. Damit ist nicht das 
Absolute gemeint, welchem das Endlich-Bedingte gegenübersteht, 
sondern eine Art Zwischending zwischen beiden. Nun gibt es 
freilich ein solches in Wahrheit nicht; daß man es aber ersonnen 
hat, charakterisiert den geistigen Zustand der Neuzeit. Das »Un- 
endliche« meint: Alles geht immer weiter, und aus dem ersten 
Ansatz kann alles werden. Man muß nur die Abwandlungen ganz 
klein nehmen, »unendlich klein«; sie müssen in »unendlich großer« 
Zahl auf einander folgen; das muß sich durch »unendlich lange« 
Zeit hin fortsetzen, dann - und nun ist das Wahrheitsgewissen 
eingeschläfert - kann alles werden. Sogar - was ? Der Mensch 
kann Gott werden. 

Das hat der neuzeitliche Mensch denn auch herbeizuführen ge- 
sucht. Im Maße die Welt wuchs, hat er in seinem unwillkürlichen 
Gefühl Gott entmächtigt. Er hat Ihm gleichsam keinen eigenen 
Platz mehr gelassen. Er hat Ihn in die Welt hereingezogen, und 
der neuzeitliche Pantheismus - er hat sich selbst an Seine Stelle 
gesetzt, und der moderne Titanismus ist entstanden. 



[21] 



149 



I 



Man versteht, wie es in dieser Atmosphäre dem Gläubigen schwer 
wurde, sein Leben als ein Warten auf Christi Wiederkunft zu ver- 
stehen Wenn er sich seines Glaubens bewußt wurde, bekannte er 
wohl die Welt sei erschaffen und sie werde untergehen; die Ge- 
schichte habe begonnen und sie werde in Christi Gericht enden 
Sobdd er aber unwillkürlich dachte, dachte er wie Alle, das heißt 
im Bild der unendlichen Erstreckung und des immer weiter- 
gehenden Werdens. Dann mußte er die Wahrheit der Offenbarung 
mit Mühe in das Weltgefühl der Zeit hineinglauben, und ein 
echtes Ganzes wollte nicht zu Stande kommen. - 
Nun aber scheint das Bild sich wieder zu wandeln. Eine eigen- 
tümhche Ernüchterung ist eingetreten. Die Menschen haben den 
Unendlichkeitsrausch der Neuzeit ausgelebt. Physik und Astro- 
nomie denken die Welt als endlich. Die Biologie betont die Gren- 
zen zwischen den Arten. In der Politik bestimmt die Tatsache des 
geschlossenen Feldes das Denken und Verhalten. Im Wirtschaft- 
üchen und Sozialen wird das Planen immer wichtiger. Ein eigen- 
tumlicher Akt des Überschauens und Umfassens richtet sich auf 
die Welt. Das große Abenteuer der Zukunft scheint gerade darin 
zu bestehen, daß der Mensch es auf Tod und Leben mit einer 
Welt wagt, die nicht mehr in der Scheinfestigkeit des Unend- 
uchen begründet, sondern endlich und damit gefährdet ist 
Dieser Wandel bedeutet eine große Möglichkeit für den Glauben. 
Die Offenbarung vom einstigen Ende der Geschichte bekommt 
ein freieres Feld, und es könnte auch sein, daß der Grund des 
chnstlichen Daseinsgefühls, das Warten, wieder in irgendeiner 
Weise durchdränge. 

Dann würde die Botschaft von der Wiederkehr des Herrn zu 
neuem Leben erwachen. 



Tatsächlich spricht man denn auch seit einiger Zeit viel vom 
»eschatologischen Charakter« des christlichen Daseins und meint 
damit, dessen Schwerpunkt hege nicht in der - wenn auch auf die 
Ewigkeit bezogenen - Gegenwart, sondern in der Zukunft. Ge- 
nauer gesagt, in jener Zukunft, in welcher alle Zeit endet; eben 
der Wiederkehr des Herrn und dem, was sie bewirkt. Diese Ge- 
danken stehen wohl in einem Zusammenhang mit jenem Zerfall 
des Unendhchkeitsgefühls, von welchem die Rede war. - 
Der heutige Mensch weiß viel von der Geschichte; mehr, als 
irgend eine Zeit vorher. Auch viel davon, wie das Leben vor sich 
geht, im Sozialen, Wirtschaftlichen, Politischen. Das Ganze des 
Menschendaseins tritt ihm immer deutlicher vor die Augen; das 
Verheißungsvolle darin, aber auch das Bedrohliche. 
Er sieht, wie da immer ein Moment gegen das andere steht: etwa 
der alles durchgreifende Ordnungswille gegen die Freiheit, und 
umgekehrt; die kollektive Initiative gegen die individuelle. Die 
fortschreitende Technik befriedigt ein Bedürfnis nach dem an- 
deren; aber sie holt auch den Menschen von seiner Natürlichkeit 
weg und treibt ihn ins Künstliche. Das Dasein wird immer mehr 
gesichert; zugleich wachsen aber die Gefahren in ungeheuerlicher 
Weise. Die Leistungen werden größer, doch das Herzensleben 
kältet aus. Immer wird ein Wert gewonnen, dafür ein anderer 
verloren. Bestimmte Kräfte des Menschen entfalten sich, andere 
verkümmern. Überall ist Widerspruch und Kampf, von den ge- 
waltigen Formen der Weltmächte an bis in die kleinsten Bezie- 
hungen der Einzelnen zu einander. Initiativen erwachen, Arbeiten 
setzen an, um wieder durchkreuzt zu werden - von denen nicht 
zu sprechen, die überhaupt nicht zur Entfaltung gelangen. Gutes 
wird unternommen und verkehrt sich in SchHmmes ; Wesentliches 
wird vom Oberflächlichen, Wahrheit von Irrtum überdeckt. 



150 



[22] 



[23] 



151 



Aus alledem erhebt sich die Frage: Kommt die Wirrnis nie in 
Ordnung» Wird all das Arbeiten, Kämpfen, Schaffen der Men- 
schen me die Klarheit erringen? Wird das Wahre nie als wahr 
offenbar werden» Wird die grauenhafte Flut des Bösen nie beur- 
teilt, das Unrecht nie gesühnt ? 

Die Neuzeit hat einen Gedanken hervorgebracht, dessen Bedeu- 
tung dann immerfort gestiegen ist : den des »Fortschritts«. Er hängt 
mit jenem Gefühl des unendlichen Weitergehens zusammen, von 
welchem die Rede war und besagt, im Menschenwesen selbst, in 
der Tiefe der Geschichte hegen die Kräfte, durch welche das Da- 
sein ms mimer Bessere vordringe. Aus ihr selbst heraus werde die 
Menschheit »einst« ins Freie und Vollkommene gelangen, und das 
Gluck gewinnen. Dieser Gedanke bildet den großen Glaubenssatz 
der Neuzeit um so fester aufrecht gehalten, je schwächer das 
Wissen um den Lebendigen Gott wurde. In Amerika bildet er 
woH immer noch die herrschende Idee; in der kommunistischen 
Welt tragt er einfachhin das Leben. 

Vielleicht darf man aber auch sagen, daß er an entscheidenden 
Stellen fraglich zu werden beginnt. Überall beginnen nämlich 
Menschen zu sehen, daß dieser Fortschritt eine Illusion ist. Daß es 
Illusion ist zu glauben, die Geschichte könne sich aus ihr selbst 
heraus vollenden. Sie geht nicht so, daß sich aus einem ersten An- 
satz heraus mit innerer Notwendigkeit Entfaltung vollzöge Sie 
gelangt nicht durch eigene Bewegung ins Offene der Wahrheit 
und Ordnung, denn die Verwirrung sitzt schon im ersten Ansatz, 
und jeder Schritt voran treibt auch die Verwirrung weiter. Soll 
dasDasem insKlare gelangen, dann muß etwas entgegenkommen. 
Woher kommt aber das große »Entgegen«, die vollendende Defi- 
nition? Angesichts dieser Frage ist es sehr aufschlußreich, daß alle 
tieferen Religionen vom Weltgericht sprechen. Die Definition 



152 



[24] 






der Geschichte kann nur von jenseits aller Geschichte her erfolgen, 
nämlich von Gott. So darf man vielleicht hoffen, aus der inneren 
Folgerichtigkeit all der Erfahrungen, von denen die Rede war, 
werde eine neue Empfänglichkeit für die Botschaft von der Wie- 
derkehr des Herrn hervorgehen. 



Das Gleiche wäre auch aus dem individuellen Bereich her zu 
sagen. 

Veranlaßt uns die Erfahrung, die wir im Gang unseres Lebens 
machen, zur Annahme, dieses werde aus ihm selbst heraus zur 
Klarheit und Vollendung kommen ? Das geschieht vielleicht in 
der Jugend. Sie glaubt, Unabsehliches Hege vor ihr. Wenn aber 
dann der Herangewachsene immer wieder seine Grenzen erlebt, 
vor Aufgaben versagt, in Entscheidungen fehlgreift - wie ist es 
dann? Eine Zeitlang mag er noch auf die Zukunft rechnen; den- 
ken, die Erfahrung werde sich vertiefen, die Kraft wachsen, das 
Maß errungen werden, und so werden alle Dinge ins Rechte 
kommen. Aber wie lange kann er das guten Gewissens tun ? Wenn 
er sieht, wie bis in den Grund hinein das Dasein verstört, wie von 
Widersprüchen durchsetzt es ist, und wie zäh es in seinem Zustand 
beharrt ? Wenn er sieht, wie in ihm selbst die Motive einander 
durchkreuzen; in seinem Guten Schhmmes ist, und Richtiges im 
Verkehrten; hinter den unmittelbaren Beweggründen andere He- 
gen, diese noch einmal tiefere verbergen, und das Ganze so ver- 
flochten wird, daß er nicht mehr durchzusehen vermag ? Wenn 
ihm zu Bewußtsein kommt, welche Verwirrung er in seinem 
Leben schon angerichtet, wie viele Menschen er enttäuscht, wie 
manche Pflichten er versäumt, wie große MögHchkeiten er uner- 
füllt gelassen hat ? Das Gefühl immer deutHcher wird, wie schwer 



[25] 



153 



d^S,"^' ^ * Fr3ge " antworten -- Was hast du mit 

^22?£ Und a f ^ daß *- «*■ ä r 

eben gestellten Fragen von ihm selbst her keine Antworten gibt- 
Stl^r W ^ *~ ^ndungshraft he^ 

SL B ÄTn kÖ T I ^ MCnSChen * Wahrhe * nahe 
bringen, daß die Vollendung des Lebens ihm nur von jenseits her 

kommen kann. Daß Gott ihm entgegentreten und 2KÄ 

öare bnngen wird. Der gleiche Glaube aber sagt ihm daß DeT 

der mm entgegentreten wird, kein Gott der bloßen G^ e S 1 

und verzehrenden Heiligkeit ist, sondern Jener, der X« von 

uns geworden« ist, Christus. Sein Entgegentreten wirHr T 

Sg 2 lebe ' denn " ** ie VoB »*»* d* *- 



154 



[26] 




University Libraries of Notre Dame 



0000 




Mit kirchlicher Druckerlaubnis . i. Auflage 1956 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



J 



BX 
1756 

,G85 

W3 

lv.7 



7 



WAH RH E IT 

UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 
GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an «fte Uni- 
versität München berufen worden war und er <fen 
sonntaglichen akademischen Gottesdienst kt der 
St,-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert* 
der Text* der Pre<ÖgteÄ möge* zufeängfeh gemactfc 
werden* dam# man ihä mit größer ük߀ dur* 
denken könne. Eier Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden ecnter christlicher Weltanschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasei». 
Manche <$er Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zri Begmn uütsere* fteiÜfe die Auslegung eini- 
ger Psaftnen; später Vorträge über Ab Wesen der 
Kirche und Inter^retaöonen det ersten Geness- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch 6ie in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
afcges^hloSself üffd können für sich genommen 
wefclenl 

Der Text de? Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aker bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge wewlen also im wesentlichen das wieder- 
firideri, was sk in St. Ludwig vernommen haben. 
Nor soweit e$ nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zd lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag däft Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von B bis io 
Lieferungen berechnet sind. 



München, derbst 1955 



DAS GLEICHNIS VOM SÄEMANN 



UNMRsmy 

NOTRE DAME 




LIBRARIES 



©er Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 






LIEBE FREUNDE, 







Als nun eine große Menge zusammenströmte, und die Leute 
von Stadt zu Stadt zu Ihm kamen, sprach Er im Gleichnis: 
<Der Säemann ging aus, seine Saat zu säen. Und da er säete, fiel 
das eine an den Weg hin und ward zertreten, und die Vögel des 
Himmels fraßen es auf. Anderes fiel auf Fels, trieb dort und ver- 
dorrte, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Wieder anderes fiel mitten 
unter die Dornen, und die Dornen wuchsen mit auf und erstickten 
es. Anderes fiel auf die gute Erde und wuchs und brachte hundert- 
fältige Frucht.) Als Er dies gesagt hatte, rief Er: <Wer Ohren hat 
zuhören, der höre.) 

Da fragten Ihn seine Jünger, was dieses Gleichnis bedeute. Er aber 
sagte: <Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu 
erkennen; den andern aber [werden sie] in Gleichnissen [verkün- 
det], damit sie sehen und doch nicht sehen, hören und nicht ver- 
stehen. 

Das Gleichnis nun bedeutet dieses : Der Same ist das Wort Gottes. 
Die am Wege sind Jene, die es hören; dann kommt der Teufel 
und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, daß sie nicht glauben und 
gerettet werden. Die auf dem Fels sind Jene, die das Wort hören 
und es mit Freuden annehmen; sie haben aber keine Wurzel, glau- 
ben für den Augenblick und zur Stunde der Versuchung fallen sie 
ab. Was unter die Dornen fiel, sind Jene, die gehört haben und 
hin gehen und unter den Sorgen und Reichtümern und Genüssen 
des Lebens ersticken und nicht zur Reife kommen. Das aber in 
rechter Erde sind Jene, die das Wort hören, es in rechtem und 
gutem Herzen bergen und Frucht bringen in Beharrlichkeit!)« 
(Lk 8,4-15) 



[3] 



159 



Das Gleichnis führt uns ins tägliche Leben des Landes. Es ist Saat- 
zeit. Der Acker ist gepflügt, die Erde geebnet, der Bauer geht aus, 
seine Saat zu säen. Und nun wird erzählt, wie es den Körnern er- 
geht, die da ausgeworfen werden. Am Acker entlang läuft ein 
Weg, und beim Streuen fallen einige darauf: Die Vorübergehen- 
den zertreten sie, und die Vögel picken sie weg. An einer Ecke 
des Feldes kommt der steinige Untergrund herauf, und auch da 
fallen Körner hin: Sie keimen, finden aber keine Feuchtigkeit und 
verdorren. An einer anderen Seite ist das Feld von Dornen- 
sträuchern eingefaßt, und einige Körner geraten hinein: Die 
Pflänzchen wachsen auf, die Dornen aber auch und ersticken sie. 
Andere endlich - und es ist ein tröstlicher Gedanke, daß es doch 
die meisten sind - fallen in die gute Erde und bringen Frucht. 
Dann fragen die Jünger, was das Gleichnis bedeute, und Jesus legt 
es aus. Gleichnisse verbinden den Gedanken mit der Phantasie; 
dadurch machen sie die Einsicht bildhaft und packend. Freilich 
haben sie auch ihre Gefahren. So kann es sein, daß der Sinnpunkt 
des Bildes nicht genau mit dem der verkündeten Wahrheit über- 
einstimmt; dann lenkt es mehr ab, als daß es hinführt. Oder das 
Bild macht sich selbständig und wuchert aus; dann wird es inter- 
essanter als die Wahrheit und verdeckt sie. Unser Bild ist ganz auf 
die Wahrheit eingestimmt, die es erläutern soll. Wenn man ihm 
nachgeht, sieht man mit Freude, wie jeder Zug eine neue Seite 
an ihr auf schließt. - 

Der Säemann also ist der Bote Gottes jesus selbst. Die Saat ist das 
Wort der frohen Botschaft, und der Acker das Menschenherz. 
Was erzählt wird, ist das Schicksal, das Gottes Wort bei den ver- 
schiedenen Arten der hörenden Menschen erfährt, damit aber 
auch jenes, das den Menschen selbst daraus erwächst. 
Der »Weg«, von dem zuerst gesprochen wird, sind jene, die rein 



160 



[4] 



äußerlich hören; hinhören und sich wieder fortkehren. Bei ihnen 
fällt das Wort Gottes ins Ortlose, und es entsteht überhaupt nichts. 
Der »Fels« sind die Interessierten, rasch Begeisterten, die aber keine 
Tiefe zuwenden. So ist die Wirkung eine Augenblickssache und 
hat keine Dauer. Die »Dornen« sind die in das Gestrüpp des Da- 
seins, seine Arbeiten und Geschäfte, Freuden und Leiden, Ereig- 
nisse und Kämpfe Verstrickten. Sie nehmen das Wort wohl auf, 
und es kann auch Wurzel schlagen; aber es kommt nicht zur Ent- 
faltung, weil sich so viel darüber legt und es erstickt. Die »gute 
Erde« aber sind jene, die aufmerksam lauschen, das Wort in ihr 
Herz aufnehmen und es mit Geduld und Beharrlichkeit zu ver- 
wirklichen suchen. - 

Und noch etwas anderes dürfen wir aus dem Gleichnis heraus- 
hören : daß der Säemann seine Körner nicht auf die gleiche Stelle 
wirft. Denn dann würden sie faulen und nicht keimen; was aber 
keimte, würde sich gegenseitig ersticken. Das wären dann Jene, 
die zu viel hören, so daß ein Vorsatz den anderen entkräftet. Dar- 
um verteilt der Säemann die Körner über den Acker hin, und jede 
Stelle bekommt so viel, als auf ihr wachsen kann. Das sind dann 
Jene, die aufnehmen, was sie auch verarbeiten, und Vorsätze fassen, 
die sie vollbringen können. 

Das Gleichnis ist so durchsichtig, daß daran zunächst nicht viel zu 
erklären ist - um so weniger, als Jesus es ja selbst erklärt hat. 
Wollen wir also mit Nutzen weiterdenken, dann müssen wir aus 
ihm etwas Einzelnes herausholen, es ans Leben halten und sehen, 
was dann sichtbar wird. Versuchen wir es in folgender Weise. 
Gottes Bote ist ein Säemann, und was Er bringt, ein Samenkorn. 
Etwas Lebendiges also, das Wurzeln schlagen, sich entfalten, 
Frucht tragen soll. Was von Gott kommt, ist nichts Fertiges, son- 



[5] 



161 






dem ein Anfang. Das »Korn« kann sehr verschiedene Gestalt 
haben. Es kann ein Satz sein, aus einer Ansprache, oder einem 
Buch; ein Geschehnis froher, oder schmerzlicher Art; das Ver- 
halten eines Menschen, oder der Tonfall einer Antwort. Die 
mannigfachsten Formen kann ein solches Saatkorn haben, sonder- 
bare sogar, ja törichte. Worauf es ankommt, ist, ob der Mensch es 
aufnimmt und ihm Raum gibt. Dann kommt etwas in Gang : Das 
Wort schenkt eine erste Einsicht; wird sie zugelassen, dann er- 
schließt sich aus ihr eine neue ; so hebt sich Schicht aus Schicht. - 
Solcher Art könnte man vieles sagen. Immer würde es den Grund- 
Satz erläutern, daß die Dinge Gottes nicht als fertige Ergebnisse, 
sondern als lebendige Anfänge kommen; daß sie keine festen Sy- 
steme sind, sondern Wachstum von Gestalt zu Gestalt. Der Mensch 
aber muß sich für das Herkommende bereit machen, es rein auf- 
nehmen, sich mit ihm einlassen ; dann führt ihn die Logik des gött- 
lichen Lebens von einem Schritt zum anderen. - 
Ich möchte dafür ein Beispiel bringen. Es ist nicht erdacht, son- 
dern aus dem Leben eines Menschen abgelesen, den ich kenne, und 
der nichts dagegen hat, wenn ich es erzähle. 

Dieser Mensch war im Glauben aufgewachsen, hatte ihn aber all- 
mählich verloren; so stellte sich ihm die Frage, wo der Sinn des 
Daseins Hege. Er versuchte es mit verschiedenen philosophischen 
Gedanken und religiösen Lehren, fand aber nicht, was er suchte. 
Eines Tages stieß er im Matthäus-Evangelium auf das Wort: 
»wer sein Leben gewinnt, der wird es verlieren, und wer sein 
Leben verliert um meinetwillen, der wird es gewinnen« (10,39), 
und das Wort machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Nun ist es 
mit dem Auffassen eines Satzes etwas Eigentümliches. Er steht 
wohl da, aber man liest ihn aus einer bestimmten Situation heraus ; 






so bezieht er sich auf einen besonderen Punkt hin, der für diese 
Situation wichtig ist. Aus dem Wort, das auf griechisch »psyche« 
heißt und sowohl »Leben« wie »Seele« bedeutet, hörte der Mann 
die » Seele« heraus. Auch das Wort » verlieren« bekam einen beson- 
deren Sinn. Er verstand es nämlich nicht als ein Schicksal, sondern 
als ein Tun: als Verloren-geben, Weggeben, Hingeben. Und nun 
lautete der Satz: »Wer seine Seele behält, wird sie verHeren; wer 
sie aber hingibt, wird sie gewinnen.« Damit bedeutete er genau 
das, worauf es für den Mann ankam. 

Sein Herz war in dem Augenblick »gute Erde«, so fiel das Wort 
hinein und keimte. Ihm wurde nämlich klar, daß es ein Grund- 
gesetz des Daseins ausspreche und sage: Wer seine Seele, also sich 
selbst, festhält, in Ängstlichkeit, Berechnung, Stolz, Rechthaben- 
wollen, kurzum in Selbstsucht aller Art, der verkümmert. Wer 
sich aber hingibt, in Vertrauen, Wagnis, Dienst, der findet sich in 
dem, woran er sich hingegeben hat, wieder. Denn mit dem Le- 
ben der Person steht es anders, als mit den Dingen. Wenn man 
die haben will, muß man sie greifen und festhalten. Gibt man sie 
weg, dann sind sie eben weg - obwohl es auch da nicht ganz 
stimmt; doch lassen wir das auf sich beruhen. Mit dem persön- 
lichen Leben jedenfalls ist es so, daß man es hingeben muß, wenn 
es einem wirklich zu eigen werden soll ; hält man es aber fest, dann 
hat man es überhaupt nicht mehr. 

Das empfand der Mann. Er fühlte: Hier öffnet sich der Weg zur 
Wahrheit - nicht der Wissenschaft, sondern des Lebens, des Da- 
seins. Und nun kommt alles darauf an, daß ich ihn Schritt vor 
Schritt gehe, so wie er mich führt. Ja, sprach sein Innerstes, ich 
will. Ich will die Seele geben. Aber wem? Und wie? - 
Man kann sie einem Menschen geben, in der Treue der Freund- 
schaft, oder in der Lauterkeit der Liebe. Dann erfährt man, daß 



162 



[6] 



[7] 



163 



wirklich auf Ihn treffen wollte. Offenbar stand Er in einer Art 
Schwebe, sichtbar und verhüllt zugleich. Sollte man Ihm wirklich 
begegnen, so, daß man Ihm seine Seele geben konnte, dann mußte 
Er selbst sich enthüllen, entgegentreten, anrufen. Wo geschah das 
aber ? Eine neue Frage also, hervorgehend aus der voraufgehenden 
Antwort; und die neue Antwort, die der Mann sich geben mußte, 
lautete: in Christus. 

Christus ist der Bote Gottes. Mehr, Er ist durch Wort und Sein, 
Tun und Schicksal, Wesen und Gesinnung Gottes lebendige Er- 
scheinung, seine Epiphanie: »Wer mich sieht, der sieht den Vater«, 
hat Er gesagt (Joh 14,9). Wem es also ernst damit ist, wirklich an 
Gott und nicht in der Vorstellung von Ihm an das Bild des ei- 
genen, gesteigerten Selbst zu geraten, der muß zu Christus gehen. 
Auf die Frage: wer ist Gott? lautete also die richtige Antwort: 
Jener, von dem Christus redet, wenn Er sagt »mein Vater«. Nur 
aus Christi Wort und Person, Tun und Schicksal tritt Gott in 
ursprünglicher Freiheit an den Menschen heran. Nur Christus be- 
wahrt das Gottesbild davor, vom Menschen nach dessen eigenem 
Bild und Willen geformt zu werden. Diese Wirkung gehört zum 
Wesen der Erlösung. Christus erlöst Herz und Geist von jener 
Blindheit, welche das eigene Selbst an die Stelle Gottes schiebt, 
und läßt den Wahren und Heiligen selbst aufleuchten. So ist 
Christus Jener, dem man seine Seele geben muß. Er muß zum 
Maßstab werden. Wahrheit muß sein, was von Ihm her wahr ist. 
Gut muß sein, was Er als gut verkündet. Er muß zur bestimmen- 
den Gestalt des eigenen Lebens werden. 

Wieder hatte sich aus dem göttlichen Keime eine neue Wahrheit 
erhoben, und ein neuer Schritt konnte getan werden. Er bestand 
darin, dem Rufe Christi zu folgen, der mahnte : » Folge mir nach ! « 



166 



[10] 



Aber noch war die Bewegung nicht am Ende. Dem Manne wurde 
nämlich zu seiner Beunruhigung klar, daß man auch Christus ins 
eigene Selbst einfangen könne, so daß, wenn man an Ihn zu glau- 
ben meint, es im Grunde ein Idealbild natürlicher Mensch-Gött- 
lichkeit ist, an das man glaubt. Und zwar kam ihm diese Er- 
kenntnis aus der Leben-Jesu-Forschung selbst; denn der geschärfte 
BHck erkannte, daß der in so manchen Büchern gezeichnete »Je- 
sus« nichts anderes war als das Wunschbild - oder Haßbild - des 
Verfassers. 

Wieder wies die Wahrheitsbewegung voran. Wieder entließ die 
letzte Antwort eine neue Frage: Wer schützt Christus vor mir 
selbst ? Wer hält Ihn frei von der List meines Ich, das der echten 
Hingabe ausweichen will? Und die Antwort lautete: die Kirche. 
Christus steht seinem Sendungssinn nach nicht irgendwo im Fluß 
der Geschichte oder des Erlebens, sondern Ihm ist ein Raum zu- 
geordnet, der richtig gebaut ist, so daß Er darin recht gesehen und 
vernommen werden kann, und das ist die Kirche. So hat Er selbst 
es gewollt. Wenn man aufmerksam geworden ist, merkt man es 
im Neuen Testament auf Schritt und Tritt. Denken wir etwa an 
die Abschiedsreden, wie Er den Heiligen Geist verheißt und sagt: 
»Er wird vom Meinigen nehmen und es euch künden. « (Joh 16, 15) 
Oder wenn Paulus in aller Schärfe erklärt: »Niemand kann auch 
nur sprechen <Herr Jesus> - das Wort des Bekenntnisses - es sei 
denn im Heiligen Geiste.« (1 Kor 12, 3) Der Geist aber ist mit der 
Kirche verbunden. Er ist, wenn man so sagen darf, in ihr Ge- 
schichte geworden. 

Der Gedanke hatte zunächst etwas Befremdendes. Der neuzeit- 
liche Mensch ist ja doch überzeugt, die Kirche sei die Feindin der 
Freiheit; sie fessele den Geist durch das Dogma, das Leben durch 



[11] 



167 



das Regiment der Priester, und wie die Formeln alle lauten. Nun 
sollte das Gegenteil wahr sein - und durch Beobachten und Prüfen 
und Nachdenken erkannte der Mann, daß es sich wirklich so ver- 
halt. Wer der List und Gewalttätigkeit des Menschengeistes 
gegenüber die Freiheit Gottes, die Freiheit Christi aufrecht hält, 
ist die Kirche. 

Hier waltet eine Ordnung, die niemand umstoßen kann: Der 
Vater wird offen in Dem, den sein Ratschluß gesandt hat, dem 
Sohn; der Sohn wiederum in Jenem, den Er gesandt hat, dem 
Heiligen Geist. Der Heilige Geist aber ist keine freiströmende 
Mächtigkeit, sondern auf eine geschichtliche Wirklichkeit be- 
zogen; auch Er hat eine »Epiphanie«, und das ist die Kirche 
Nun lagen die Dinge klar. Christus erhebt sich in der Kirche, aus 
ihrer Verkündigung, ihrer Liturgie, ihrer Ordnung; aus dem 
Glauben und der Liebe der in ihr lebenden Menschen; aus dem 
Geheimnis ihres inneren Lebens. Damit war die Frage, wo die 
Seele so abgefordert werde, daß kein Ausweichen freistehe; wem 
sie so gegeben werden könne, daß sie wirklich gegeben sei, end- 
gültig beantwortet: der Kirche. Durch sie steht die Forderung im 
Ernst der Geschichte. Sie tritt dem Menschen entgegen, wenn er 
ausweicht. Sie widerspricht ihm, wenn er falsch denkt. Sie mahnt 
wenn er lässig wird. Auf die Bitte der Apostel: »zeige uns den 
Vater« hat Christus mit dem bereits angeführten Wort erwidert- 
»Philippus, wer Mich sieht, der sieht den Vater. « Er hat aber auch 
em Wort gesprochen, das auf die unausgesprochene Bitte ant- 
wortet: »zeige uns Dich selbst«, und es lautet: »Wer euch hört 
der hört Mich ; wer euch verwirft, der verwirft Mich. « (Lk 10 16) 
»Euch«, das heißt, die Apostel. Die aber gibt es nicht nur in'der 
Zeit vom Pfingstfest bis zum Tode des Johannes, sondern »bis ans 
Ende der Welt«, nämlich in der Kirche. 



/ 



168 



[12] 



I 

4 



Ü 

b 






Für den Mann, von dem ich erzähle, ist die endgültige Antwort 
vor der Kirche gefallen - und im Grunde fällt sie hier für Jeden. 
So hatte sich das Samenkorn des Wortes von Mal zu Mal ent- 
faltet. Am Anfang schien es ein einfacher Lebensgedanke zu sein. 
Als damit ernst gemacht wurde, entließ es aus sich eine Konse- 
quenz um die andere. Jede wurde zur Forderung und führte wei- 
ter voran, um schließlich in die endgültige Entscheidung aus- 
zumünden. - 

Freilich wäre nun noch die Frage möglich, ob der Eigenwille nicht 
auch die Kirche zu mißbrauchen vermöge? Etwa so, daß der 
Mensch in ihr seinem Verlangen nach träger Unselbständigkeit 
nachgeben, oder seineRechthaberei befriedigen,oder seinenMacht- 
willen auswirken könne? Sicher kann das geschehen, aber anders 
als vor Gott und vor Christus. Hier deshalb, weil die Ordnung 
noch nicht vollendet war, und die heilige Wirklichkeit noch im 
Ordosen stand; dort nur in der Form des Mißbrauchs. Ein Miß- 
brauch aber korrigiert sich, wenn der gute Wille da ist, aus sich 
selbst, wie der alte Satz sagt: »Die Wahrheit ist Richterin ihrer 
selbst und des Irrtums.« 

Wer bereit ist, findet in der Kirche Christus, weil Christus selbst 
will, daß Er in ihr gefunden werde. 



[13] 



169 






DAS GLEICHNIS VON DEN ARBEITER 



N 



IM WEINBERG 



■ 



LIEBE FREUNDE, 






Denn das Reich der Himmel ist einem Hausherrn gleich, der 
am frühen Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Wein- 
berg zu dingen. Nachdem er aber mit den Arbeitern auf einen 
Denar für den Tag übereingekommen war, schickte er sie in 
seinen Weinberg. 

Und da er um die dritte Stunde ausging, sah er andere müßig auf 
dem Markte stehen und sprach zu ihnen: < Gehet auch ihr in den 
Weinberg, und ich will euch geben, was recht ist. > Sie aber gingen 
hin. Dann ging er wieder um die sechste Stunde, und um die 
neunte, und tat ebenso. Als er aber um die elfte Stunde ausging, 
fand er andere dastehen und sagt zu ihnen : <Was steht ihr hier den 
ganzen Tag müßig ? > Sagen sie zu ihm : < WeÜ uns niemand gedun- 
gen hat. > Sagt er zu ihnen : < Geht auch ihr in den Weinberg. > 
Als es aber Abend geworden, sagt der Herr des Weinbergs zu 
semem Verwalter: <Rufe die Arbeiter und zahle den Lohn aus, 
von den letzten an zu den ersten.) Als aber die um die elfte 
Stunde [Gedungenen] kamen, empfingen sie je einen Denar. Als 
[dann] die ersten kamen, dachten sie, mehr zu bekommen, und 
bekamen doch ebenfalls je einen Denar. 

Wie sie [ihn] empfingen, murrten sie gegen den Gutsherrn und 
sprachen: <Die da, die letzten, haben eine Stunde gearbeitet, und 
du hast sie uns gleichgestellt, die wir die Last des Tages und die 
Hitze getragen haben!) Er aber antwortete einem von ihnen: 
< Freund, ich tue dir kein Unrecht. Bist du nicht auf einen Denar 
mit mir übereingekommen? Nimm also das Deine und geh. Ich 
will aber diesem, der der Letzte ist, so viel geben wie dir auch - 
und darf ich nicht mit dem Meinen tun, was ich will > Oder blickt 
dein Auge neidisch darauf, daß ich gut bin >>« (Mt 20, 1-15) - 



[17] 



173 



Abermals ein Gleichnis aus dem Leben der Zeit. Ein Mann hat 
Weinberge und braucht Arbeiter dafür. Aus seinem ganzen Ver- 
halten sehen wir aber, daß er auch den Trieb hat, an der Ordnung 
da allgemeinen Dinge mitzuwirken; so widerstrebt es ihm, Leute 
unbeschäftigt zu sehen, und er holt sie heran. Schon früh - ge- 
meint ist die erste Stunde nach der damaligen Tageseinteilung, 
also sechs Uhr morgens - geht er dorthin, wo Arbeit Suchende 
sich zu sammeln pflegen und verpflichtet sie zu einem bestimmten 
Lohn, einem Denar. Das ist eine römische Silbermünze im Wert 
von siebzig bis achtzig Pfennigen alter Währung. (Allerdings muß 
dabei berücksichtigt werden, daß das Geld damals höheren Wert 
hatte.) Entweder hat er noch nicht genug Leute, oder er glaubt 
nach dem Rechten sehen zu müssen; jedenfalls geht er wieder hin' 
um die dritte Stunde, und nimmt, zum gleichen Lohn, in Arbeit 
wen er findet - und so fort, den ganzim_Tag hindurch. Schließlich 
ist es die elfte Stunde, und er holt wieder, was sich angesammelt hat. 
Wie der Tag zu Ende ist, läßt er seinen Verwalter Abrechnung 
halten, aber so, daß zuerst jene entlohnt werden, die zuletzt ge- 
kommen sind und also kürzeste Arbeit getan haben. Natürlich 
erwarten daraufhin die Voraufgehenden mehr; so sind sie ent- 
tauscht, ebenfalls nur den ausgemachten Lohn von einem Denar 
zu bekommen und geben ihrer Unzufriedenheit Ausdruck Der 
Gutsherr aber antwortet ihnen, wie zu lesen steht; und da die 
Sache rechtlich in Ordnung ist, müssen sie sich damit abfinden - 
Was das Gleichnis unmittelbar bedeutet, wird aus dem Zusammen- 
hang klar. Die Arbeiter sind die Menschen, beziehungsweise die 
Volker. Der Weinberg ist die Geschichte. Die Arbeit das, was die 
verschiedenen Völker in ihr für das Reich Gottes zu tun haben 
Und zwar sind die Frühgerufenen das Volk des Alten Bundes ; die 
Spateren jene, die aus den Heiden kommen. Der Denar aber 'der 



Lohn, ist der Anteil am Reiche Gottes, die Gemeinschaft der 
ewigen Dinge. Den Ersten nun, welche »die Last des Tages«, das 
heißt die Anstrengungen, Schicksale und Leiden der langen Jahr- 
hunderte von Abraham an über den Bundesschluß am Sinai bis 
zu Christus getragen haben, wird nicht mehr gegeben als denen, 
die spät, in der letzten Stunde, aus demHeidentum hinzukommen.' 
Damit antwortet Jesus auf einen Protest, der vom Alten Bunde her 
gegen die Gleichstellung der Heiden erfolgt: Wenn ich diesen, 
die in der letzten Stunde kommen, die gleiche Fülle der göttlichen 
Gaben geben will wie euch, die ihr die Last von anderthalb Jahr- 
tausenden getragen habt - was geht euch das an ? - 
Das Gleichnis stößt unser Rechtsgefühl. Auf die Frage des Guts- 
herrn: »Darf ich nicht mit dem Meinen tun, was ich will?« ant- 
worten wir unwillkürlich: »Nein, das darfst Du nicht! Du bist 
nicht in solcher Weise Herr über das Deine, daß Du das dürftest; 
denn Du stehst mitsamt Deinem Besitzen und Verfügen unter der 
gleichen Gerechtigkeit, wie wir mit unserem Verdienen und For- 
dern.« Sehen wir aber genau zu, dann merken wir, daß Jesus 
gerade diesen Stoß gegen das Gerechtigkeitsgefühl benutzt, um 
auszudrücken, worum es geht. 

Worum geht es aber? Um jene Art von »Gerechtigkeit«, die in 
den Dingen Gottes und seines Reiches gilt, um die Ordnung der 
Gnade. Lassen wir, um ihr näher zu kommen, die heilsgeschicht- 
liche Bedeutung des Gleichnisses bei Seite; sprechen wir nicht vom 
jüdischen Volk und seiner Beziehung zu den Völkern der Heiden- 
welt, sondern von uns selbst. Auch da ist »der Denar« das Anteil- 
bekommen an Gott, das ewige Leben. »Die Arbeiter« sind wir 
Menschen; »der Weinberg« ist die Geschichte; »die Arbeit« darin 
das, was jeder von uns für Gottes Reich zu tun hat. 



174 



[18] 



[19] 



175 



f 






V 



Der Weg, den che verschiedenen Menschen im religiösen Leben 
zurücklegen, ist nun sehr verschieden. Einer war von Kindheit an 

SwT ^^ 8Cblieben md hat sich ^ bemühe, 
Gottes Willen zu tun. Der andere hat von der heiligen Botschaf 

nichts gewußt; hat die Gedanken gedacht, die ihm kamen^g tT 
was er für recht hielt, und ist mit der Zeit zum Glauben gekn«' 
Eni dritter hat es gemacht, wie der verlorene Sohn im GleiclinL,' 
der das Vaterhaus verläßt: er hat den Glauben aufgegeben, d OT 
Gehorsam gekündigt; erst in später oder sehr später Stunde sein" 
Dienstages hört er den Ruf und folgt. Sie alle bekommen den 
Denar - ist das recht ? Ist es in Ordnung, daß ein Mensch nach 
emem m Bhndheit, oder Leichtsinn, oder Umecht verbrachten 
Leben zur Gemeinschaft des gleichen Gottes gelangt, wie jener 
der immer treu gedient hat? J ' 

Die Frage dringt tief. So oft im Gang des Jahres das Evangelium 

u£t W J TT SiCh ^ ° ft ^ ** * D ^ en ^ 
Heils der Widerstand des unwillkürhchen Gefühls an, daß es um 

etwas Wichtiges geht. Die Offenbarung will von der Gesinnung 
d^ Menschen zur Gesinnung Gottes führende heftiger also unsef 
erstes Empfinden gegen eins ihrer Worte protestiert, desto wun- 
der ist die berührte Stelle, und desto wichtiger, zu verstehen, was 
die Botschaft meint. - 

Wasist das, das Gott gibt, der Denar? Wir haben es schon «* 

SS Cken T r U ? t: def AaUä «» Rei <* Gottes, die Gemein- 
schaft mit Ihm, das ewige Heil. Gibt es hierin jene »Gerechtig- 

2k ?\ 7 Unmittelbare S ™ ^s Wortes meint? Ein fest- 
steUbares Verhältnis zwischen Anspruch und Erfüllung, aus dem 
heraus wir das Gleichnis beurteilen könnten > 

SuchenwirunsereAugenandasWesendieserDmgezugewöhnen. 
Bhcken wir m die Art, wie sich unser natürliches Leben zuträgt 



176 



[20] 



Geht darin alles so, daß dabei Gerechtigkeit im genannten Sinne 
waltet ? Damit ist nicht gemeint, ob es auch Ungerechtigkeit gebe. 
Das brauchen wir nicht zu fragen; sie scheint fast den Zustand der 
Welt zu bilden. Sondern gibt es menschliche Dinge, in denen es, 
wenn sie in Ordnung sein sollen, gar nicht nach dieser Art Ge^ 
rechtigkeit gehen darf ? Jetzt sind wir bei dem Punkt: Gibt es in 
menschlichen Dingen nicht auch eine andere Ordnung als die der 
»Gerechtigkeit«? - 

Wie geht es etwa zu, wenn ein Mann um die Liebe einer Frau 
wirbt - um wirkliche Liebe, nicht nur um Nachgiebigkeit ? For- 
dert er da ? Fragen wir genauer, denn natürlich kann er fordern - 
darf er es aber, wenn er dem Sinn des Liebesbezuges gerecht 
bleiben will ? Offenbar nicht, denn die Liebe kommt aus der Frei- 
heit des Herzens. Da gibt es das Recht des Forderns und die Pflicht 
des Gebens nicht. Wenn man diese Art der Ordnung auf sie an- 
wendet, zerstört man alles. Keiner darf sagen: Ich hebe Dich, des- 
halb mußt auch Du mir Liebe geben. Es kann ihn schmerzen, 
wenn sie verweigert wird, aber er kann nicht sagen, dadurch ge^ 
scheheihmUnrecht. UndwirddieLiebeerwidert, sogibtes wieder- 
um keine Ordnung der » Gerechtigkeit « hinsichtlich der Zeit, inner- 
halb derer es geschieht. Der eine hat lange werben müssen, dem 
anderen wird sie im ersten Augenblick geschenkt, und auch hier 
ist kein Einspruch möglich, denn die Liebe ist freie Gabe. 
Also gibt es in solchen Dingen überhaupt keine Ordnung ? Doch: 
jene der Lauterkeit; des Gehorsams gegen die Wahrheit; der Be- 
reitschaft, das Schicksal, das aus der Freiheit des Herzens erwächst, 
rein zu erfüllen. Wenn es mit Gott und uns ähnlich stünde ? 

Sofort kann man einwenden, was für Menschen gilt - also die 
Begegnung und das Berührtwerden des Herzens, wie auch alles 






[21] 



177 






^Entstehende also das Schicksal - gebe es für Gott nicht. 

Darauf ist mc ht leicht zu erwidern, denn nun geht es ins tiefste 

Geheimnis der Offenbarung. Immerhin wollen wir es versuchen. 

Gewiß gibt es für Gott kein Schicksal in der Art, wie es einem 
Menschen von einem anderen kommen kann, denn Er ist der 
Herr, m .einem unbedingten und keinerlei Einschränkung dul- 
denden Sinne. Was heißt das aber: »Gott hebt« > 
Von uns aus können wir höchstens sagen, es heiße, daß Er gütig 
« und unser Bestes will. Damit wäre natürlich schon viel gesagt 
denn das Dasein macht - trotz aller Behauptung von Denkern und 
Dichtern - durchaus nicht den Eindruck, darin werde unser Bestes 
gewollt. Aber um uns dessen zu versichern, bedurfte es nicht der 
Menschwerdung Gottes. Das ungeheure Geschehnis, worinGottes 
Sohn, dem Vater ebenbürtig, in unser Dasein eintritt, »Einer von 
uns, wird und unser Le ben lebt, ist um einer ebenso ungeheuren 
Wahrheit willen geschehen, nämlich jener, daß Gott im Ernst 
hebt. .La Ernst« aber heißt, daß Er selbst in diese Liebe eingeht - 

Sf-fn^xtT Außeme andM nennen > * daß dari » G°tt 
Schicksal hat , Nicht in dem unreinen Sinne pantheistischer Tief- 

sinmgkeiten, wonach Gott sich im Weltgeschehen allmählich aus 
,nT L Un \ CWuß * eit *» Geistig-Klare hinaufränge, oder sich 
m den Menschenseelen zur Freiheit hinauslitte. Das dies ist nur 
scheinbare Tiefe so glänzend die Namen leuchten mögen, die sie 
verkünden. Sondern in einem ganz anderen Sinne, vomMenschen 
her nicht zu erdenken, nicht einmal zu ahnen, nur im Glauben 
entgegenzunehmen: daß Gott durch freien Entschluß endhch- 

S7n e 7" C u afft r d Skh " dercn endliche Entscheidung 
bindet Das druckt sich an jeder Stelle des Lebens Jesu aus. Oder 

was soh das sonst bedeuten, wenn gesagt wird, Er sei uns »in 

allem gleich geworden, außer der Sünde«? Wenn die Entschei- 



ds 



düng der Menschen sein Leben bestimmt, und dieses Leben sich 
amKreuz vollendet . WennEr auferstehtundmitseinemMenschen- 
wesen zum Vater zurückkehrt, das heißt, aber Mensch bleibt in 

Ewigkeit, die WundmaleanseinenHändenundanseinerSeite'- 
Und nun sagt das Gleichnis: Gott kommt zu den Menschen, um 
sie, jeden Einzelnen, in ein Schicksal der Liebe zu rufen. Was kann 
da »Gerechtigkeit« bedeuten? 

Schon auf die Frage, ob Gott in jenem Ernst, den Christus bezeugt 
mich hebe, gibt es von mir aus keine Antwort, denn es geschieht 
aus der Freiheit Seines Herzens. Diesem Gedanken dürfen wir gar 
nicht zu tief nachdenken, sonst verlieren wir uns in einem unheil- 
bruigenden Wirrsal. Schon manchen hat er in die Schwermut 
geführt. Aber Gott selbst hat uns hier in Christus eine Gewähr 
gegeben. Denn was die Worte : »> kommet Alle zu Mir « (Mt 1 1 28) 
naherhin auch meinen mögen - so viel bedeuten sie sicher, 'daß 
Jeder vertrauen darf: »also auch ich«. Er könnte aber gar nicht 
»kommen«, wenn Gott ihn nicht hebte. - 
Was aber die anderen Fragen angeht: wann Gott den einzelnen 
Menschen rufe; auf welchen Wegen Er ihn zu sich führe; durch 
welche Prüfungen Er sein Herz offen mache, daß es den Ruf ver- 
nehme; wie Er es stärke, daß es Ihm folgen könne - so gibt es auf 
sie eine Antwort, die aus der »Gerechtigkeit« käme, nicht. Des- 
wegen ist da ganz gewiß keine Willkür. Auch hier ist Ordnung 
und eine um so viel höhere, als die Liebe über der Gerechtigkeit 
steht. Aber man kann sie nur aus ihr selbst heraus verstehen 
Augustmus sagt einmal: »Laß einen Liebenden hier sein, er weiß 
was ich meine. « Die Ordnung der Liebe versteht man, wenn man" 
nebt; und um so tiefer, je reiner die Liebe wird. 

Was folgt aus alledem? Ich glaube, man kann es in einem Satz 



[22] 



[23] 



179 









zusammenfassen: Daß man nicht vergleichen darf. Jeder von uns 
soll wissen, alles, was von Gott zu ihm kommt - das heißt aber 
einfachhin alles; denn es gibt nichts, das nicht im Gefüge Seiner 
Vorsehung stünde - alles kommt aus Seiner Liebe. Diese aber ist 
für Jeden neu, denn wirkliche Liebe gibt es nicht nach Muster und 
Maß. Daraus, wie sie sich in einem Menschen verwirklicht folgt 
nichts dafür, wie sie es im anderen tue. Für Jeden ist das Leben ein 
Geheimnis zwischen Gott und ihm, das weder Regel empfängt 
noch Regel schafft. r 8 ' 

So bildet es einen Weg zum Frieden, nicht zu vergleichen. Es ist 
kern leichter Weg, denn wir möchten die Regel. Je höher aber 
Dinge stehen, desto weniger haben sie eine solche. Die höchsten 
jene, die sich zwischen Gott und dem Menschen zutragen, haben 
überhaupt keine. Was immer da geschieht, geschieht nur einmal, 
weil es aus Gottes personaler Liebe kommt. Wenn es uns gelänge 
zu verstehen, daß alles, Gutes und Schlimmes, Frohes und Leides' 
von dorther zu uns kommt; und daß wir also ohne ein Bücken 
nach Dem und Jenem uns hineingeben sollen - welcher Friede 
würde daraus hervorgehen! 

In der Geschichte eines Heiligen wird erzählt, wie Gott zu ihm 
sagt: »Ich und deine Seele - sonst gibt es nichts auf der Welt.« 
Da fragt er: »Herr, und die Anderen?« Gott aber erwidert: »Für 
jeden Menschen gibt es nur Mich und seine Seele, sonst nichts « 
Damit wird ihm nicht gesagt, die Anderen gingen ihn nichts an, 
und er könne im frommen Egoismus versinken. Sondern der 
innerste Kern des Verhältnisses zwischen Gott und ihm ist ein 
Liebesgeheimnis; ist einzig und neu und steht unter keiner Regel 
So soll er es aus ihm selbst heraus leben und nicht vergleichen 
Das aber scheint es auch zu sein, was uns das Gleichnis von den 
Arbeitern im Weinberg sagt. 




180 



[24J 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis . 1. Auflage 1956 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



/ 






Volume 8 



Tbx 

1756 
.G85 

W3 
v.8 



8 



WAH RH E IT 

UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 

Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebcns- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprüngHchen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichdich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet 6ic Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnitdichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlagcs 
Hans Waltmann 



DIE KIRCHE 

Meditationen um Pfingsten 



I 



JESU ABSICHTEN 



UNIVERSHW 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 




Wir wollen heute mit einem größeren Gedankenzusammen- 
hang beginnen, geleitet durch die Frage, was die Kirche sei. 
Offenbar ist sie etwas, das nicht ohne weiteres erfaßt werden kann. 
Die Einen sehen in ihr die selbstverständliche Weise ihres religiösen 
Daseins, wissen sich von ihren Kräften genährt und von ihrer Ord- 
nung getragen - die Anderen empfinden sie als Verkörperung gei- 
stiger Unduldsamkeit und als das Mittel, die Menschen religiös zu 
beherrschen. Ist der Widerspruch nicht seltsam ? Wie kann er sich 
bilden, da die Kirche doch seit fast zwei Jahrtausenden da ist, offen 
unter den Menschen; sich nach allen Seiten hin kundgetan, ent- 
faltet, definiert hat, so daß man doch eigentlich wissen müßte, 
woran man mit ihr ist? Es muß also mit ihr eine besondere Be- 
wandtnis haben. 

Denken wir, da wäre Jemand, der etwas von geschichtlichen 
Dingen wüßte, und man fragte ihn: Was hältst du von einer Ge- 
meinschaft, die den Menschen Lehren verkündet, welche ihnen zu 
schaffen machen, und Forderungen an sie stellt, die mit ihren un- 
mittelbaren Wünschen und Bedürfnissen durchaus nicht überein- 
stimmen, dennoch aber von Unzähligen anerkannt, ja gehebt 
wird? Einer Gemeinschaft mit genauer Verfassung und eindeu- 
tigem Oberhaupt, die sich durch die verschiedensten Länder und 
Kulturen erstreckt, überall in die Spannungen des politischen Ge- 
schehens gezogen wird, sich aber in allen Erschütterungen aufrecht 
hält? Von allen Strömungen der Zeiten, allen Wandlungen der 
Jahrhunderte erfaßt worden, aber in ihrem Wesen unversehrt ge- 
bheben ist ? Der Gefragte würde antworten : Das gibt es nicht! 
Und doch gibt es das ! Diese Kirche ist da ; so haben wir allen Anlaß 



[3] 



183 



zu fragen, was sie sei, wie sie bestehe, welche Kräfte in ihr wirk- 
sam sind ? 

Eine genauere Frage soll uns den Weg weisen. Wie hat Jener, den 
wir als den Herrneinfachhin verehren, Jesus Christus, den Fortgang 
seiner Lehre und seines Werkes durch die Geschichte hin gewollt ? 
Er hat gesagt, dieser Gang werde zu allen Völkern und bis an das 
Ende der Zeiten führen (Mt 28, 191) - wie hat Er ihn gedacht ? 
Jesus hat gewußt, daß das, was Er brachte, von absolutem Range 
sei : »Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte wer- 
den nicht vergehen. « (Mt 24, 3 5) Was für ein Bewußtsein, sich ent- 
faltend in den johanneischen Sätzen: »Ich bin das Licht der Welt« 
(8, 12) ; »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben« (14, 6) ! Er 
hat der Autorität des Alten Bundes, der Gesetzgeber, Propheten 
und Weisen die seine entgegengesetzt: »Ihr habt gehört, daß zu 
den Alten gesagt worden ist - Ich aber sage euch. « (Mt 5,21) Wel- 
che Sicherheit! Der Schluß des Markus-Evangeliums sagt: »Wer 
glaubt und sich taufen läßt, wird das Heil finden; wer aber nicht 
glaubt, wird verloren sein. « (16, 16) Glaubt - wem ? Ihm und seinen 
Boten. Was für ein Anspruch! Wer so redet, muß sich die Frage 
gestellt haben, in welcher Weise das von Ihm Bewirkte und Ge- 
sprochene durch die Zeit weitergehen werde. Und wie hat Er sie 
beantwortet ? 



Was würden wir Heutige, historisch Geschulte, auf eine solche 
Frage antworten ? Wir würden sagen : Man muß alles aufschreiben, 
genau beurkunden. Die so geschaffenen Urkunden müssen sicher 
aufbewahrt, sorgsam vervielfältigt und Allen zugänglich gemacht 
werden . . Was aber sagt Christus ? Gibt Er den Auftrag, seine 
Worte, Taten, Bestimmungen aufzuzeichnen? Bezieht Er sich 
überhaupt auf etwas Geschriebenes ? Auf ein Buch ? 



184 



[4] 



Er könnte es tun, denn für die religiöse Welt, in der Er steht, bildet 
ja tatsächlich ein Buch, das Alte Testament, die Grundlage. Er 
selbst anerkennt es auch als solche. Immer wieder hören wir aus 
seinem Munde das Wort: »Es steht geschrieben.« Die Absage an 
den Versucher zu Beginn seiner öffentlichen Wirksamkeit zum 
Beispiel geschieht in der Form einer solchen Berufung (Mt 4,41). 
Wie Einer kommt und fragt: »Meister, was soll ich tun, um das 
ewige Leben zu erlangen ?«, verweist Er ihn auf die zehn Gebote, 
die im Buche Exodus stehen (Mk 10, 17). Wie ein Anderer Ihn in* 
Verlegenheit bringen und wissen will, welches das größte Gebot 
im Gesetze sei, antwortet Er mit dem Satz aus dem Deuteronium: 
»Du sollst den Herrn, deinen Gott, Heben mit deinem ganzen Her- 
zen, und mit deiner ganzen Seele, und mit allen deinen Gedanken« 
(Mt22,37). 

Jesus kennt das Buch der Heiligen Schriften genau und anerkennt 
seine göttliche Autorität - was läge näher, als daß Er das Seinige 
ebenfalls einem solchen Buch anvertraute ? Daß Er seinen Jüngern 
sagte: Schreibet auf? . Ja, wir können sogar die Möglichkeit ins 
Auge fassen, Er selbst hätte geschrieben, und welche Herrlichkeit 
wäre das gewesen! Man darf nicht einwenden, der Sohn Gottes 
könne mit einem solchen Tun nicht in Verbindung gebracht wer- 
den ; lesen wir doch im Buche Exodus, wie Gott von den Tafeln des 
Gesetzes sagt: »Auf sie schreibe ich die Worte [der zehn Gebote]« 
(34, 1 • 28). Wie immer dieses Schreiben zu verstehen sei - auf jeden 
Fall bedeutet es, daß Gott seine Verkündigung in engsten Zu- 
sammenhang mit einer Schrift setzt. Durchaus hätte Jesus das Ent- 
scheidende aufschreiben - oder doch tun können, was Gott im 
Alten Bunde tut, wenn Er zum Propheten spricht: »nimm dir eine 
Tafel und schreibe darauf mit Menschengriffel« (Js 8, 1). Der Pro- 
phet schreibt, und das Geschriebene geht dann weiter durch die 



[5] 



185 



Zeiten. Wie leicht hätte Er also zu seinen Jüngern sprechen können : 
Merket euch, was Ich euch sage. Schreibet es auf, damit ihr es 
später lesen könnt, und eure Kinder es aus euren Händen emp- 
fangen, und von ihnen ihre Kinder, und so fort durch alle Ge- 
nerationen, wie es im Buche der Psalmen heißt. 

Das hat Er aber nicht getan. Kein Wort aus dem Munde Jesu be- 
zieht sich auf eine schriftliche Urkunde über sein Werk und seine 
Lehre. Wohl sind später solche Urkunden verfaßt worden. Bald 
nach seinem Weggang hat man »Sprüche des Herrn« gesammelt 
und sie dann in größere Darstellungen verarbeitet. So sind die 
Evangelien entstanden, vier, von Matthäus, Markus, Lukas und 
Johannes; kostbare Texte, von gleicher Autorität, wie die münd- 
liche Verkündigung der Apostel, von denen sie verfaßt, oder durch 
die sie gewährleistet worden sind. Auch Lehrbriefe wurden ge- 
schrieben, welche die Gedanken Jesu weitergaben und entwickel- 
ten: durch Paulus, Jakobus, Judas, Petrus, Johannes. Ferner durch 
Lukas ein Bericht über die erste Zeit der jungen Gemeinde: die 
Apostelgeschichte. Als letzte Schrift die Apokalypse des Apostels 
Johannes, welche die Gestalt Jesu in ihrer ewigen Herrlichkeit 
zeigte. Das Ganze aber wurde am Ende des ersten Jahrhunderts 
zusammengefaßt, trat als » Neues Testament « dem » Alten « zur Seite, 
und bildete fortan mit diesem zusammen »die heilige Schrift«. 
Das alles ist geschehen; aber nicht aus einem ausdrücklichen Auf- 
trag Jesu heraus. Er hat nicht Schrift und Buch als maßgebende 
Form für die Weitergabe des Seinigen bestimmt, sondern Er hat, 
wie wir gleich sehen werden, Boten bestellt, die verkünden und 
lehren sollten. Für sie war dann auch das schriftliche Wort eine 
je nachdem sich nahelegende Ergänzimg des mündlichen. So ent- 
standen die neutestamentlichen Schriften aus besonderen Situatio- 



186 



[6] 



nen; »zufällig«, sofern der Ausdruck besagt, daß es ohne Pro- 
gramm, als ein Moment innerhalb eines tragenden und umfas- 
senden Ganzen geschah. Die Schriften des Neuen Testaments sind 
Wort Gottes, Botschaft des Heils. Sie lassen uns, mehr oder weniger 
unmittelbar, die Rede Jesu selbst und die seiner Apostel vernehmen, 
und bringen uns mit dem Leben der ersten Gemeinden in Fühlung. 
Das ist für das erste Werden wie für das fernere Wachsen und Sich- 
Vertiefen des Glaubens; für die Entfaltung der Glaubensgedanken 
wie für die Selbstkritik des gläubigen Denkens von größter Be- 
deutung. Aber die Botschaft Jesu wäre ihren Gang durch die Ge- 
schichte gegangen, auch wenn die Urheber der heiligen Schriften 
sie nicht geschrieben hätten. Das ist nicht gesagt, um ihre Bedeu- 
tung herabzusetzen, sondern um den Ort zu unterscheiden, wo sie 
stehen, und die Funktion, die sie ausüben. Tatsächlich ist ja auch 
etwas von ihnen verloren gegangen, nämlich ein Brief des Apostels 
Paulus an die Laodicäer, und vielleicht einer an die Korinther; das 
hat aber die Vollständigkeit der Verkündung nicht beeinträchtigt. 
Mit anderen Worten: Das Buch des Neuen Testaments ruht nicht 
in sich selbst; redet nicht aus sich selbst; kann nicht aus ihm selbst 
heraus verstanden werden. Es steht vielmehr in einem Zusammen- 
hang, der es trägt, es umfaßt, aus dem heraus es allein verstanden 
werden kann, und das ist die Kirche. 

Was ist aber die Kirche ? Wir wollen nicht mit Begriffen anfangen, 

sondern sehen, was sich zugetragen hat. 

Gleich zu Beginn seines Wirkens sammelt Jesus Menschen um 

sich - denken wir an die schönen Berufungsberichte am Anfang 

des vierten Evangeliums, wie da Johannes zu Ihm kommt, Andreas, 

Simon Petrus, Philippus, Nathanael. 

Aus diesen wählt Er in f eierlicher Stunde - Lukas sagt, nachdem Er 



[7] 



187 



in der Stille lange gebetet hat (6,12) - zwölf aus (Mk 3,13-19; 
Mt 10,1-4). Die Zahl bildet zunächst eine wirkliche Ziffer: die 
zwölf Männer, deren Namen genannt werden. Sie bedeutet aber 
auch ein Symbol: die zwölf Stämme des Volkes Israel, das heißt, 
die Gesamtheit des erlösten Gottesvolkes. Die Zahl ist so wichtig, 
daß sie festgehalten wird, auch nachdem es dreizehn Apostel ge- 
worden sind. Nachdem Judas, der Verräter, seinem Leben ein Ende 
gemacht hat, wird an seiner Stelle Matthias gewählt, und nachher 
kommt Paulus dazu - wir sprechen aber immer noch von den 
»Zwölf Aposteln«, als dem Inbegriff der Boten, die zur Menschheit 
gesendet worden sind. - 

Aus dieser Schar hebt sich Einer besonders hervor, Petrus. Er 
spricht Gedanken aus, die sich im ganzen Jüngerkreis rühren; so 
wenn er nach dem Lohn der Nachfolge fragt (Mt 19, 27). In wich- 
tigen Augenblicken tritt er vor und redet, wie in der entscheidungs- 
vollen Stunde in Kapharnaum, in der es darum geht, ob angesichts 
der Offenbarung der Eucharistie gleich den »vielen seiner Jünger« 
auch »die Zwölf« Ihn verlassen wollen (Joh 6, 60 ff). Die Weise, 
wie er sich beim letzten Abendmahl, bei Jesu Gefangennahme und 
nach der Auferstehung Jesu verhält, zeigt ohne weiteres, daß er 
gewohnt ist, zum Geschehenden Stellung zu nehmen, und man 
ihm das auch zugesteht; wobei noch ins Gewicht fällt, daß es Jo- 
hannes ist, der mit besonderem Nachdruck davon spricht, obwohl 
er auch den Verrat des Petrus eingehend berichtet (Joh 1 3 , 6 ff. 3 6 ff; 
i8,ioff.i5ff; 20,1 ff; 21,7). Hier wird ein Vorrang deutlich, der 
sich nach dem Weggang Jesu noch viel stärker abzeichnet und 
ohne irgendein Zeichen von Widerstand anerkannt wird. Denken 
wir nur an die Weise, wie Petrus die Wahl des neuen Apostels 
veranlaßt; wie er das Ereignis der Pfingsten deutet und daraus die 
Konsequenzen zieht, und anderes mehr. Wieder dadurch betont, 



188 



[8] 



daß Johannes neben ihm steht, der Akzent der Autorität aber nicht 
auf den Jünger fällt, der allein unter dem Kreuz ausgeharrt hat, 
sondern auf Petrus (Apg i,i 5 ff; 2 ,i 4 ff; 3 ,iff ; 5>I ff. I5 u . ö.). 
Der Vorrang des Petrus war kein solcher der Begabung; das darf 
in aller Ehrfurcht gesagt werden. Johannes war bedeutender als er, 
und Paulus ebenso. Auch kein Vorrang des Charakters; Petrus' 
wird als wankelmütig gezeichnet, und er war es ja auch, der seinen 
Meister verleugnet hat. Der Vorrang kommt auch nicht daraus, 
daß Jesus ihn besonders geliebt hätte ; wer sich » den Jünger « nennen 
durfte, »den Jesus Hebte«, war Johannes. Von welcher Art war also 
dieser Vorrang ? Ein Bericht, der nicht von Petrus selbst, noch von 
einem seiner Schüler stammt, sondern von Matthäus, erzählt, wie 
Jesus in feierlicher Stunde an die Seinen die Frage richtet: »für wen 
halten die Leute den Menschensohn ? «, und sie antworten, für Den 
und für Jenen. » Für wen aber haltet ihr mich ? « Da tritt Petrus vor 
und sagt : »Du bist der Christus, der Sohn des Lebendigen Gottes. « 
Darauf Jesus: »Selig bist du, Simon, des Jonas Sohn. Denn nicht 
Fleisch und Blut« - der biblische Ausdruck für das unmittelbare 
Menschenwesen - »haben dir das geoffenbart, sondern mein Vater, 
der im Himmel ist. Und nun sage Ich dir: Du bist Kephas [der 
Felsenmann], und auf diesen Felsen will Ich meine Kirche bauen, 
und die Pforten [die Macht] der Unterwelt werden sie nicht über- 
wältigen.« (Mt 16, 13 ff) Das heißt: der Vorrang des Petrus ist ein 
solcher der Berufung. Diese mag an natürliche Eigenschaften und 
Neigungen anknüpfen; im Wesentlichen ist sie Gnade und ant- 
wortet auf kein Warum noch Wozu. Johannes aber berichtet, wie 
sie nach der Auferstehung wieder in Galiläa sind. Jesus erscheint 
ihnen am See, und sagt ihm selbst wie dem Petrus das Wort ihres 
künftigen Schicksals: Johannes erhält die geheimnisvolle Weis- 
sagung vom Bleiben bis zur Parusie; Petrus aber den Auftrag und 



[9] 



189 



die Gewalt, die Herde des Herrn zu hüten - dem Sinn nach das 
Gleiche, wie in Caesarea Philippi. - 

Um den engen Kreis der Apostel sammelt sich ein weiterer: jener 
der Jünger. Sie begegnen uns immer wieder; in besonderer Weise, 
wo Lukas berichtet, daß »der Herr weitere siebzig bestimmte und 
sieje zwei vor sich her jeweils in die Städte und Orte sandte, wohin 
Er kommen würde« - und dann folgen die großen Worte über das 
Bote-Sein. Wie sie aber zurückkehren und berichten, was sie getan, 
hören wir von dem geheimnisvollen Ausbruch, worin Jesus, »ju- 
belnd im Geist« das Geheimnis seines Verhältnisses zum Vater und 
seiner messianischen Machtfülle ausspricht und sagt, auf wie ganz 
anderen Voraussetzungen die Erkenntnis und die Gemeinschaft des 
Gottesreiches ruhen, als irdischer Rang . . Johannes berichtet aber 
von »Jüngern« auch in einer anderen Weise: Jesus offenbart in der 
Souveränität seiner Verkündung den Zusammenhang, der zwi- 
schen Erlösung, Opfer und Eucharistie besteht, und dann heißt es: 
»Viele nun von seinen Jüngern, da sie das hörten, sprachen: <Das 
ist eine harte Rede. Wer kann sie hören ? >. . . Von da ab traten viele 
von seinen Jüngern zurück und wandelten nicht mehr mit Ihm « 
(6,60.66) 

Den Zwölf hat Jesus seine Botschaft anvertraut. Sie heißen »Apo- 
stel«, das heißt, Gesendete. Sie nennen sich selbst »die Zeugen« und 
sind sich ihrer Bedeutung so sehr bewußt, daß sie nach dem Hin- 
gang Jesu sich zusammenfinden und feststellen: »Judas, der sich 
zum Führer für die Häscher Jesu gemacht hat, weil er zu uns gezählt 
war und das Los dieses Dienstes empfangen hatte ... sein Amt soll 
ein anderer übernehmen. So muß nun einer von den Männern, 
welche mit uns gezogen sind - durch die ganze Zeit hin, da der 
Herr Jesus bei uns ein- und ausging, von dem Anfang mit der Taufe 



des Johannes an bis zu dem Tage, da Er auf erhoben ward von uns 
weg - von diesen muß einer mit uns Zeuge für seine Auferstehung 
werden.« (Apg 1,17.21-22) Also wählen sie an Stelle des Un- 
getreuen durch das Los den Matthias. Nun ist die heilige Zahl 
wieder voll, und sie können tun, wozu der Herr sie bestellt hat als 
. " a . Ch "■* A "fentehung sprach: »Mir ist alle Gewalt gegeben 

im Himm^el und auf der Erde. Gehet hin undmachet alle Völker zu 
Jungern durch die Taufe auf den Namen des Vaters und des Sohnes 
und des heiligen Geistes, und lehret sie alles halten, was Ich euch 
befohlen habe. Und siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis an das 
Ende der Welt.« (Mt 28,18-20) 

Die Worte sagen, daß der apostolische Auftrag sich nicht auf die 
Erstberufenen beschränkt, sondern ein echtes Amt begründet, das 
sich auf die Sache des Gottesreiches bezieht. So geht er über den 
Kreis der Ersten hinaus. Schon die Wahl des Matthias läßt keinen 
Zweifel daß die Apostel sich dessen bewußt sind und mit Selbst- 
verständlichkeit für den Fortgang des Amtes sorgen. Die Paulus- 
bnef e aber zeigen, wie die Gründung neuer Wirkbereiche auch die 
Bestellung eines Mannes mit sich bringt, der den Auftrag und die 
Vollmacht des Apostels empfängt, des Bischofs : » Denn der Bischof 
muß unbescholten sein, als Haushalter Gottes, nicht eigenmächtig, 
nicht jähzornig, nicht dem Wein ergeben, nicht gewalttätig, nicht 
unmaßig auf Gewinn bedacht, vielmehr gastfrei, dem Guten zu- 
getan, sittsam, gerecht, heilig, enthaltsam, festhaltend am Wort 
das der Lehre entspricht, damit er im Stande sei, in der gesunden 
Lehre zu ermahnen und die Widersprechenden zu überführen 
(Tit 1,7-9; auch 1 Tim 3,1 ff). 

So geht es weiter durch die Zeiten, wird weitergehen bis an das 
hnde der Geschichte, und das ist die Kirche. 



190 



[10] 



[11] 



191 



Was bildet aber den Kern dieser Kirche ? Worin besteht ihr Inhalt ? 
Was gibt ihr Gewähr und Gültigkeit ? Jesus sagt es in aller Klarheit 
selbst: »Wer euch hört, der hört Mich; und wer euch verwirft, 
der verwirft Mich; wer aber Mich verwirft, der vertieft Den, der 
Mich gesandt hat.« (Lkio,i6) Im Schlußwort des Matthäus- 
Evangeliums aber heißt es : »Und siehe, Ich bin bei euch alle Tage 
bis an das Ende der Welt. « (28, 20) Wenn die Gesendeten kommen, 
kommt Er; wenn sie sprechen, ist Er es, der spricht. - 
Aber da ist noch mehr. Sie entsinnen sich, wie Er am letzten Abend 
mit den Seinen Mahl hält. Da heißt es : »Und als sie aßen, nahm Er 
Brot, segnete und brach und gab es ihnen, und sagte : <Nehmet, das 
ist Mein Leib.) Und Er nahm einen Becher, dankte, gab ihn ihnen, 
und sie tranken alle daraus; und Er sagte zu ihnen: <Das ist Mein 
Bundesblut, das für viele vergossen wird.)« (Mk 14,22-24) Lukas 
aber läßt den Sinn des Geschehens noch deutlicher -hervortreten 
und berichtet: »Und als die Stunde kam, setzte Er sich nieder, und 
die Apostel mit Ihm. Und Er sagte zu ihnen: < Herzlich hat Mich 
verlangt, dieses Passah mit euch zu essen, bevor Ich leide. Denn Ich 
sage euch, Ich werde es nimmermehr essen, bis es in Erfüllung geht 
im Reiche Gottes. ) Und Er nahm einen Becher, dankte und sprach : 
< Nehmet ihn und teilet ihn unter euch. Denn Ich sage euch, Ich 
werde von jetzt an nicht mehr trinken vom Gewächs des Wein- 
stocks, bis das Reich Gottes kommt.) Und Er nahm Brot, dankte, 
brach und gab es ihnen und sprach : < das ist Mein Leib, der für euch 
gegeben wird; das tut zu Meinem Gedächtnis.) Und den Becher 
ebenso nach dem Mahl, und sprach: < dieser Becher ist der neue 
Bund, in Meinem Blut, der für euch vergossen wird.)« (22, 14-20) 
Die Männer, zu denen Er spricht, sind keine neuzeitlichen Psycho- 
logisten und Symbolisten, sondern antike Menschen, die leibhaftig 
denken. Wenn Er zu ihnen sagt: »Das ist Mein Leib« und »das ist 



1 



Mein Blut«, dann »ist« es eben das, und »bedeutet« es nicht bloß. 
So wissen sie, darin gibt Er, im Geheimnis eines unausdenklichen 
Opfers, sich ihnen selbst. Auch das ist Inhalt der neuen Gemein- 
schaft, die da gestiftet wird. Es ist ihr Mittelpunkt, ihr innerstes 
Heiligtum. Wieder wird damit ausgesagt, was der Inhalt der Kirche 
ist: der lebendige Christus, der Sich den Seinen mitteilt. 

Am Anfang ist alles noch ungeformt; noch nichts im einzelnen 
definiert. Der Zustand ist, möchte man sagen, jenem ähnlich, der 
am Anfang der Genesis erscheint, wenn es da heißt: »Im Anfang 
schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde war wüst und leer, 
Finsternis lag über der Urflut, und der Geist Gottes schwebte über 
den Wassern. « (1, 1-2) Dann greift der Geist zu, und wenn es heißt : 
es werde Licht . . es werde die Ordnung von Wasser und festem 
Land . . werden sollen die Gestirne, und das Wachstum, und die 
Tiere - dann ist Er, der Geist es, der da gestaltet und ordnet, denn 
alles Schaffen geschieht in Ihm. Ähnliches ist hier. 
Alles ist da, aber wartend auf ein Geschehnis, das formt und defi- 
niert. Jesus hat gelebt, gelehrt und Zeichen vollbracht. Er hat ge- 
litten, ist gestorben und auferstanden. Er lebt im ewigen Licht, 
Herr aller Macht im Himmel und auf Erden und will »alles an sich 
ziehen« Qoh 12,32) . . Die Seinen sind da, noch nicht begreifend, 
aber bereit und auf Entscheidendes gefaßt . . Ihnen hat Er gesagt, 
sie sollen warten; der Geist werde kommen, sie »Alles« lehren und 
ihnen »Alles« geben (Joh 16). 

Durch den »Geist der Wahrheit« wird die Kirche geboren werden 
und Christi Wille offenbar sein. 



192 



[12] 



[13] 



193 






II 



DIE GEBURT DER KIRCHE 



: 






LIEBE FREUNDE, 



Jesus hat gewußt, daß seine Botschaft das Heil der Menschen ent- 
scheidet; der Menschen jedes Landes und jeder Zeit. So kann es 
gar nicht anders sein, als daß Er einen bestimmten Willen hinsicht- 
lich der Weise gehabt hat, wie sie »zu allen Völkern und bis an das 
Ende der Zeiten« getragen werden, und auf diesem langen Wege 
ungebrochen und unverfälscht bleiben solle. Wir heutige denken 
sofort an Schrift und Druck, aber kein Wort Jesu spricht von der- 
gleichen. Wohl weiß Er von einem Buch, das die Lehre des Heils 
enthält ; das ist aber das Alte Testament. Seine eigene Lehre vertraut 
Er nicht einem Buche, sondern Menschen an, mit denen Er gelebt, 
und die Er geformt hat. Er gibt ihnen Auftrag, zu verkünden, 
Zeugnis zu geben, Leben zu wecken und zu ordnen. Wie sie das 
tun würden, überläßt Er der Zukunft ; denjeweiligen Verhältnissen 
und ihrem vom Geist erleuchteten Urteil. 
Es gehört zum Charakter des Lebens Jesu, daß der Erfolg - wenn 
wir uns bei so heiligen Dingen dieses Wortes bedienen dürfen - 
nicht während seines irdischen Lebens sichtbar wird. Er hat Säe- 
mann bleiben müssen; ernten sollten andere. Hat Er doch selbst 
gesagt : »Denn hier hat der Spruch seine Wahrheit, daß ein Anderer 
ist, der da sät, und ein Anderer, der da erntet. Ich habe euch aus- 
gesandt zu ernten, wofür ihr nicht gearbeitet habt; andere haben 
gearbeitet, und ihr seid in ihre Arbeit eingetreten.« (Joh 4,37-38) 
Das gilt auch von Ihm selbst. Was aus seinem Beten, Lehren und 
Tun hervorgehen sollte, Hegt jenseits seines Todes. 
Und nun ist alles im Werden ; voll Verheißung, aber ohne sichtbare 
Gestalt. Die künftigen Apostel selbst ohne Klarheit. Voll Bereit- 
schaft, aber in Furcht vor den Feinden Jesu. Ihr Gedächtnis erinnert 



[17] 



197 



sich aller Worte, Taten, Schicksale ihres Meisters ; den eigentlichen 
Sinn und Zusammenhang verstehen sie aber noch nicht. Ihr Meister 
bedeutet ihnen alles; wer Er in Wahrheit ist, wissen sie aber noch 
nicht - ebenso wie ihre Treue noch nicht jene ist, die alles Irdische 
überwindet. 

So fühlen sich die Jünger nach Jesu Tod in einem Zustand des 
Wartens. Noch im letzten Augenblick, in der von Geheimnis über- 
vollen Stunde seiner Rückkehr zum Vater fragen sie: »Herr rich- 
test Du in dieser Zeit das Reich wieder auf für Israel?« (Apg t,6) 
Das Reich, in dem sie - so darf man im Hinblick auf Mt 18 i und 
20, 20 ergänzen - auf »den zwölf Thronen« sitzen würden, von 
denen Er in so ganz anderem Sinne gesprochen hat (Mt 19,28). 
Also warten sie. 



Und nun erzählt die Apostelgeschichte: »Als der Pfingsttag ge- 
kommen, waren sie alle an einem Orte beisammen, und es kam 
plötzlich ein Brausen vom Himmel, wie wenn ein Sturmwind 
daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen. Und es er- 
schienen ihnen Zungen, die sich verteilten, wie von Feuer, und es 
Keß sich auf jeden Einzelnen von ihnen nieder, und sie wurden alle 
voll Heiligen Geistes, und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, 
wie der Geist ihnen auszusprechen gab. « (2, 1 -4) 
Der Vorgang wird bemerkt; vor dem Hause läuft eine Menge zu- 
sammen: »Es waren aber in Jerusalem Juden wohnhaft; fromme 
Männer von allen Völkern unter dem Himmel her. Als aber diese 
Stimmen ertönten, strömte die Menge zusammen, und war voll 
Wunders, weiljeder hörte, wie sie in seiner eigenen Sprache redeten 
Sie staunten aber, und waren erschüttert und sprachen : < Sind nicht 
alle diese, die da reden, Galiläere Wie kommt es, daß wir Jeder 
seine Sprache hören, in der wir geboren sind ?> . . . Sie staunten aber 



198 



[18] 



alle zusammen und wußten nicht Bescheid, und sprachen Einer 
zum Andern : < Was will das bedeuten > > Andere aber spotteten und 
sagten: <Sie sind voll süßen Weins.>« (2,5-8. 12-13) 
Nun ist es Zeit für das erste Zeugnis: »Es trat aber Petrus vor mit 
den Elf, erhob seine Stimme und redete sie an: <Ihr judäischen 
Männer und ihr Bewohner von Jerusalem alle, das soll euch kund 
sein, höret auf meine Worte. Keineswegs sind diese trunken, wie 
ihr behauptet; ist es doch [erst] die dritte Stunde am Tag; sondern 
dies ist, was verkündet worden durch den Propheten Joel: Und es 
wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da gieße ich aus 
von meinem Geist über alles Fleisch ... und sie werden weissagen. > « 
(14-18) Und weiter : » Ihr israelitischen Männer, höret diese Worte : 
Jesus, den Nazarener, ein Mann, von Gott her bei euch offenbar 
gemacht durch gewaltige Taten und Wunder und Zeichen, die 
Gott in eurer Mitte durch Ihn getan, wie ihr selbst wisset - diesen, 
den Gott durch seinen beschlossenen Willen und seine Voraussicht 
hingegeben, habt ihr durch die Hand der Gesetzlosen ans Kreuz 
geschlagen und getötet ... So erkenne nun das ganze Haus Israel 
ohne [möglichen] Zweifel, daß Gott Ihn zum Herrn und Gesalbten 
gemacht hat - diesen Jesus, den ihr gekreuzigt.« (22-24. 36) 
Das ist die erste Verkündung der Botschaft, und sie hat heilige 
Macht: »Wie sie aber das hörten, ging es ihnen durchs Herz, und 
sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: <Was sollen wir 
tun, ihr Männer und Brüder >> Petrus aber zu ihnen: <Tut Buße, 
und lasse ein Jeder von euch sich taufen auf den Namen Jesu des 
Christus, zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr die Gabe des 
heiligen Geistes empfangem ... Die nun sein Wort annahmen, 
ließen sich taufen, und an jenem Tage kamen etwa dreitausend 
Seelen hinzu. « (37-3 8 . 41) Das ist das Ereignis, auf das sie gewartet 
haben. Und was geschieht darin > 



[19] 



199 



Eine Macht geheimnisvoller Art tritt ins Werk. Was sie wirkt 
drückt sich in Bildern aus, die von den Elementargewalten der 
Welt genommen sind : flammendemFeuer und brausendem Sturm. 
Sieselbst ist aber nicht naturhaft; denn es heißt sofort, die Flammen 
haben Gestalt von Menschenzungen, und was aus dem Brausen 
hervorgeht, seien Worte, das heißt, Geist und Sinn. 

Um zu verstehen, was da am Werk ist, müßten wir eigentlich 
einen Gang durch das Alte Testament machen und sehen, wie da 
der Geist wirkt. Das Wort meint nicht Verstand, Logik, Planung, 
sondern religiösen Geist, Pneuma. Darin geht vielerlei in einander' 
Einmal jene Wirklichkeit, die unsichtbar und doch so wirksam ist, 
der Atem; Kraft und Ausdruck des Lebens. Dann der große Atem 
der Welt; der Wind, den man nicht sieht -Jesus sagt zu Niko- 
demus: »du weißt nicht, woher er kommt, noch wohin er geht« 
Qoh 3 , 8) - und der doch Segel füllen und Bäume zerbrechen kann 
Weiter die Seele, die Keiner greift, und durch die wir doch leben 
und leisten. Alles das geht in eins und weist auf etwas Weiteres, 
noch Geheimnisvolleres zurück, das unmittelbar von Gott her 
kommt: den Heiligen Geist. Er bewirkt, daß da irgendwo ein 
Mann ist, gebürtig von irgendwoher - Isaias, oder Jeremias, oder 
Jonas - und zum Propheten wird: fähig, zu verstehen, was Gottes 
Walten in der Zeit bedeutet, hier, in dieser Stunde; und mutig 
vorzutreten und zu verkünden : » Also spricht der Herr ! « Der Geist 
weckt den Führer im Geschehen der heiligen Geschichte, wie jenen 
unbegreiflich Großen, Moses. Er ruft den Helden, der nicht für die 
eigene Ehre, sondern für den Vollzug von Gottes Willen kämpft, 
wie Gedeon, oder David. Er erleuchtet den Richter, der im Volke 
Gottes Recht spricht; wir denken wieder zuerst an Moses, oder an 
Josue, oder an die Gestalten des Richterbuches. Er beseelt den 



200 



[20] 



Künstler, der für das Heiligtum arbeitet, siehe die Erweckung des 
Bezaleel (Ex 35, 301). Alles das aber nicht im Sinn natürlicher Be- 
gabung, sondern so, daß sich darin Gottes Macht erweist. 
Der Geist ergreift das innerste Leben. Wie durch den Atem die 
Luft ins Innere des Körpers, so dringt durch den Geist Gotteskraft 
ins Menschenwesen und schafft es um. Samuel sagt zu Saul: »Der 
Geist des Herrn wird über dich kommen und du wirst ... in einen 
anderen Menschen verwandelt werden.« (1 Sam 10,6) Der Geist 
macht, daß der Mensch einer Wahrheit inne wird, die er von sich 
aus nicht verstehen könnte ; eine Gesinnung in ihm erwacht, zu der 
er sonst nicht fähig wäre; eine Gottesnähe erfährt, in die er selbst 
nie gelangen könnte. Dieser Geist waltet hier. 

Lassen wir alle Theorie bei Seite ; blicken wir auf das, was sich zeigt : 
Was waren denn die Männer, die hier sprechen, Petrus und die Elf, 
vor dem Ereignis? Leute, deren Verhalten ganz gewiß keinen 
heroischen Eindruck machte; es heißt ja ausdrücklich, daß sie hin- 
ter verschlossenen Türen gesessen haben, aus Furcht, ihnen werde 
geschehen, was ihrem Meister geschehen war (Jo1i20,iq). Nunaber 
treten sie vor und sprechen. Und man muß daran denken, was für 
eine Zeit es ist, in der das geschieht : die Wochen der großen Wall- 
fahrt, in welcher Jerusalem von Menschen aus allen Ländern 
wimmelt; erregbar, wie solche Massen sind, menschlich, religiös, 
politisch. Jederzeit kann ein Funke zünden, und fanatische Wut auf 
die Anhänger des vor kurzem Hingerichteten niedergehen. Vor 
eine solche Menge treten sie hin und sagen: »Erkenne denn das 
ganze Haus Israel in aller Klarheit, daß Gott zum Herrn und zum 
Gesalbten den Jesus gemacht, den ihr gekreuzigt habt ! « (Apg 2, 3 6) 
Es sind die gleichenMenschen, die sich vorher furchtsam verborgen 
haben - und doch ganz anders. Das hat der Geist bewirkt. 



[21] 



201 



Sie sprechen mit bezwingender Autorität. Nicht nur so, wie wenn 
jemand eine Erfahrung gehabt hat und nun zu einem Anderen sagt : 
» Es ist so, ich habe es erlebt ! « Auch darin wäre Autorität ; aber eine 
aus gewonnener Einsicht und durchstandener Not. Hier ist An- 
deres; eine Autorität von über dem Menschen her, die man nicht 
diskutieren kann; der man gehorcht, oder gegen die man re- 
voltiert. 

Was aber sagen sie, wie sie mit solcher Vollmacht die Menge an- 
reden? Was ist der Inhalt ihrer Rede? Es ist Christus. Aber in 
welcher Weise ? Wenn wir die Art, wie die Apostel vor Pfingsten 
zu Ihm stehen, mit jener vergleichen, die sich jetzt zeigt, dann be- 
merken wir einen tiefen, nein wesentlichen Unterschied. Gewiß 
ist Er schon vorher ihr Meister, ihr Ein und Alles. Sie gehen mit 
Ihm, hören sein Wort, sehen, was Er tut ; sie sind Zeugen von allem, 
so daß sie später werden sagen können, keiner dürfe Apostel wer- 
den, der nicht von Anfang an dabei gewesen sei und im Stande, mit 
Fug darüber zu sprechen. Kann man aber behaupten, sie verstünden 
Ihn ? In etwa natürlich. Wenn Er sagt, seine Jünger sollen nicht nur 
die Taten, sondern auch die Worte des Hasses meiden; nicht nur 
so und so oft verzeihen, sondern immer zur Vergebung bereit 
sein - und was immer Er sie über die Gesinnung der Kinder Gottes 
lehrt, dann verstehen sie. Sie empfinden auch wohl seine Reinheit 
und Selbstlosigkeit; die Macht des Helfens, die von Ihm ausgeht; 
die Atmosphäre der Stille, die trotz aller Bedrängnis um Ihn ist - 
immer aber bleibt Er sozusagen »vor« ihnen, drüben. Immer gehen 
sie aus einer Entfernung auf Ihn zu; aus der Ferne ihrer alttesta- 
mentlichen Denkweise und Anschauungswelt. Nachdem aber der 
Geist gekommen ist, hat sich eine geheimnisvolle Ortsveränderung 
vollzogen. Jetzt sprechen sie von Ihm her. Er ist nicht mehr vor, 
Er ist in ihnen. Indem sie sprechen, spricht Er. Aus tiefster Er- 



202 



[22] 



fahrung wird einst Paulus über dieses » In « schreiben : Er in Christus ; 
Christus in ihm. »Ich lebe jetzt nicht als ich selbst, es lebt in mir 
Christus.« (Gal 2,20) 

Aber weiter: Wenn diese Zwölf reden - dann ist das nicht so, 
als wenn da eine Gruppe von zwölf Leuten wäre, die das gleiche 
Erlebnis gehabt hätten, und nun erklärte jeder durch sein Vortreten 
(Apg 2 » 1 ^-): auch ich stehe dazu; auch ich bestärke, was unser 
Sprecher da sagt . . Wenn von »den Zwölf« die Rede ist, dann 
bedeutet das nicht nur eine Zahl - zwölf, statt zwanzig oder hun- 
dert - sondern ein Symbol, nämlich die zwölf Stämme Israels, die 
dann in die zwölf Stämme des neuen heiligen Volkes, das heißt, in 
das glaubende Gesamt umgedacht werden. Diese Zwölf sind keine 
bloße Zahl, sondern eine Gestalt. 

Wie dicht und stark die ist, zeigt sich bald nachher an einem folgen- 
reichen Ereignis. Nach dem Geschehen am Pfingsttag geht Paulus 
von Jerusalem nach Damaskus, um die ausgebrochene Verfolgung 
auch dorthin zu tragen. Auf dem Wege tritt ihm der Herr entgegen, 
und er stürzt auf der Straße zusammen. Dieses Entgegentreten ist 
Sieg und Berufung zugleich: Jesus macht den Verfolger zu seinem 
Diener und Apostel. Sofort fängt Paulus denn auch an, zu lehren, 
und tut es mit einer Kraft, die noch heute aus seinen Briefen her- 
dringt. Wenn Einer im Stande gewesen wäre, allein zu gehen, bloß 
auf die Berufung durch Jesus hin, dann wäre er es. Menschlich 
gesprochen, muß er auch dazu sehr versucht gewesen sein, denn 
die Alt- Apostel haben es ihm nicht leicht gemacht. Bei der Wahl 
des Matthias hatten sie ja die Regel aufgestellt, Apostel dürfe nur 
sein, wer von Anfang an mit Jesus gewesen sei. Paulus aber hat 
Ihn in irdischer Gestalt nie gesehen; so haben sie den Hinzu- 
gekommenen zunächst als irregulär empfunden - ganz abgesehen 



[23] 



203 



davon, daß er es ja gewesen war, der den schönen Frieden der 
ersten Gemeinde so tief zerstört hatte. Wie groß also die Ver- 
suchung, zu sagen: Ich brauche euch nicht. Ich bin vom Herrn 
selbst berufen. Zu Beginn des Galaterbriefes nennt er sich ja mit 
Nachdruck : » Paulus, Apostel, nicht von Menschen her, noch durch 
einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott den Vater, 
der Ihn von den Toten erweckt hat. i (i, i) Die Erregung der ersten 
Situation klingt noch lange nach; wir brauchen bloß im zweiten 
Korintherbrief zu lesen, wie er von seinem schweren Apostel- 
Leben; oder auf den Ton zu achten, mit welchem der Galaterbrief 
von Jakobus und Petrus und Johannes spricht, »die als die Säulen 
gelten« (2,9). Er aber, der von sich sagen konnte: »ich habe viel 
mehr gearbeitet, als [die Anderen] alle« (1 Kor 15, 10), ist nach 
Jerusalem gegangen, hat den Aposteln über das, was er getan, 
Rechenschaft gegeben und ihre Entscheidung darüber, was er auf- 
recht halten könne und was nicht, angenommen (Apg 21, 15-26; 
Gal 2, 1-10). 

Das alles heißt: »Die Zwölf« waren nicht bloß eine Zahl von 
Männern, die so und so groß war und ebenso gut hätte kleiner oder 
größer sein können, sondern sie waren - zusammen mit denen, die 
sich um sie scharten - eine Gestalt, ein Ganzes, ein Organismus, 
der in objektiver Gültigkeit und Autorität dastand. Sie waren - 
Kirche! 



Wenn wir diesen Zusammenhang bedenken - wie würden wir 
dann ausdrücken, was zu Pfingsten geschieht l Zuerst legt sich der 
Ausdruck nahe: die Kirche wird gegründet. Das würde aber den 
Vorgang, von dem die Apostelgeschichte erzählt, nicht richtig er- 
fassen. Sondern da ist etwas vorausgegangen. Jesus hat die Zwölf 
ausgewählt, und ihnen das Seinige anvertraut; hat zu Petrus das 



204 



[24] 



Wort vom Felsgrund gesprochen, auf dem Er seine Kirche bauen 
will; hat dem Kommenden die Eucharistie zur Mitte und zum 
Herzgeheimnis bestimmt - nicht davon zu reden, daß Er die ganze 
Zeit mit ihnen gelebt, zu ihnen gesprochen, seine heilige Gestalt 
ihnen in Geist und Sinn hineingewoben hat. Doch das alles war 
noch nicht geschichtliche Verwirklichung, sondern erst Vor- 
bereitung, Grund und Keim. Dann aber, auf Pfingsten, wird die 
Kirche geboren. 

Sie ist keine erdachte und konstruierte Institution, sondern ein 
lebendiges Wesen; aus einem Geschehnis geboren, das göttlich 
und menschlich zugleich ist, dem Pfingstereignis. Sie lebt durch die 
Zeit weiter; werdend, wie alles Lebendige wird; sich wandelnd, 
wie alles Geschichtliche sich in Zeit und Schicksal wandelt - den- 
noch bleibt sie im Wesen immer die gleiche, und ihr Inhalt ist 
Christus. 

Von hier aus, meine Freunde, bestimmt sich die Weise, wie wir sie 
verstehen müssen. So lange wir die Kirche nur als eine Organi- 
sation ansehen, die bestimmten Zwecken dient; als eine Behörde, 
welche der individuellen Freiheit gegenübersteht; als einen Zu- 
sammenschluß Solcher, die in religiösen Dingen gleicher An- 
schauung und Gesinnung sind, haben wir zu ihr noch nicht das 
richtige Verhältnis. Sondern sie lebt, und unser Verhältnis zu ihr 
muß selbst Leben sein. 

Doch darüber werden wir noch genauer nachdenken müssen. 



[25] 



205 









University Libraries o' Notre Dame 




000 




6 742 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis . i. Auflage 1956 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstcllung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



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1756 
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WAHRHEIT 

UND 
ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 
GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntaglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um 6ic Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaf dich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt- Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden diirchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



III 



OFFENBARUNG UND VERHÜLLUNG 



UNIVERSITYsf 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 






WA sprechen von der Kirche, die 2U Pfingsten aus dem Hei- 
r V ligen Gast geboren wurde. Ihr hat Christus sich und das 
Seme anvertraut. Sieist nichtnur die Gesamtzahl derer, die'chtu 

GlaT ; 'r 11 ; AUCh ^ ^ * G -einschaf t, die au dem 
Glauben der Einzelnen an die gleiche Wahrheit und dem GehT 

Uh^Tf f 1 ^™*- Am beStCn ^ ** * -i ein 
dtrri l I L geb ° ren W ° rdm ist M ™ ^ an durch 

Doch müssen wi den Skn ^ ( ^ wdcher 

£ S 1 " f Tu bedenken - DerVOndiesemchri ^en 
»In« nicht nur emdnnghch, sondern geradezu prophetisch e e- 
sprochen hat, war Paulus. Er ist aller WahrschLfchke nSi 
Christus zu dessen Lebzeiten nicht begegnet. Doch sagt eTauch 

euch Bruder, daß es mcht Menschensache ist. Habe doch auch ich 
es mcht von einem Menschen empfangen, noch bin ich TZwt 
einem solchen] unterwiesen worden, sondern durch eine Offin 
barungJesuChnsti.«(Gal MI _ Ia) Auf demW egenachDamafku 

n&^u • l i n ' ' 20 ' Was memt dles es »In« > 

Offenbar mcht „ur daß er sich innerlich mit der Person, der Lehre' 

dem Werk und Schicksal Christi beschäftige; daß er Inn vernS 
[3] 

211 






und hebe und auf Ihn vertraue. Es meint mehr : daß der Herr wirk- 
SkT T T abCr auchnicht ^ißen, Christus befinde sich 

irdzsch-Wretmmm.wieetwa-derLesermögederKlärungwe- 
gen den Vergleich zulassen - das Kind im Schoß der MutteT 

Wenn wir ihn recht verstehen, denkt Paulus so : Als Christus starb 
und auferstand, « „* Ihm etwas Geheimnisvolles VQr sich 
gangen. Der Geist - der gleiche, in welchem Gottes Sohn eL 
Mensch geworden ist und aus dessen Macht heraus Er gelehrtTa 
(Lk i, 3 5 ; Mk i, xofF) - hat Ihn durchwirkt und verwandelt Da i 
aus dem Jesus des irdischen Daseins, der von allen Schranken um- 
grenzt war, m denen auch wir leben, der Herr der Herrlichkeit 
geworden. Damit ist nicht gemeint, Er habe den Leib abgestreift- 
nicht umsonst berichtet Johannes, wie Jesus nach der Aufefstlung 

denSenngenersclnenenistunddemzweifebdenJüngerdieWund- 
malegeze 1 gthat,gleichsamalsInbegrifFseinesErdendaseins( 2027 ) 
Was nnmer Er getan und was Ihm geschehen ist - alles bleibt in 
Ihm, zu ewiger Wirklichkeit 

2 ZTlT ^ "* ^ u A T 8e gemdnt ' der > SUS der Ge ^hte 
m ein bloßer, wenn auch religiös noch so gewaltiger Mensch ge- 
wesen ; erst nach seinem Tode sei Er im Erleben der Gemeinde zum 
Chnstus des Glaubens geworden. Wohl ist er Mensch geworden 
aber gebheben was Er »von Anfang« an war, der ewige Solu 

der Srb ? T ^ S**** * fa * ldche ™ ^ Jesus 
der Verhüllung, aber nun frei und waltend ohne irgend ein Hinder- 
nis. So kann Er auch m dem Menschen sein, der an Ihn glaubt Der 
heutige Mensch ist ein Subjektivist und Psychologis, Empfind 

eTeuilfh ^ AUSSag ff SSph ^ ch<<oder '>^ch^derwieLmIr 
er eine Scheu vor klarer Benennung verkleiden mag. In Wahrheit 

hatervergessen,was-nichtlntellekt, oder Logik, sondern -leben- 
diger Geist, Pneuma und pneumatische Wirklichkeit ist. 



212 



14] 



griff des ,sö™ rl "»^P'Kk«, Äff, PaAs de» Be- 

*», der alles Mem Äfr £* "' T S * "* 

istdasEbenbilddes m „Vl,,l, '^ l 3) ° Jw ' eder:,D «4' 

fung - denn !^ÄSSSi* 

wie der iÄ^Jf 3 £*?** Erche bilden : »Denn 
, T ., , mer lst und Zugleich viele Ghederhaf a lU rU»A 
des Leibes aber, obwohl ihrer viele sinH A n T alleGüeder 

Leib bilden so ist es **+ Tj * Smd ' doch lammen Einen 
sind wir alle l^t^ ^ Ghristus - Denn * *•*» Geist 
chen, ob Kne^X *£ ! ^^ * **» <** Grie- 

~ÄSf^i" ""*«*"« d es Staates 
Funktionen gib ^^"^ "** « ** GIi ^r und 
einem neuen ffirJL^E * mmm \ PauIus ™ d füllt ihn mit 

c äs: i?E ber r sagen : Er ist <£*äs 

S li« d7e KirX STcT W1C ^^^^-hwirk, 
iurcne. in ihr lebt Chnstus, und sie kündet Ihn der Welt. 

(5J 

213 



Durch ihr Wort, ihre Sakramente und Ordnungen, ihr ganzes 
lebendes Sein das ja selbst ein Wunder ist, denfnach allenT 
gebt der Geschichte hätte sie längst zerstäubt und zerstoben sein 
müssen - macht sie den Herrn kund. 

Sobald wir das bedenken drängt sich uns aber auch etwas anderes 
auf . die Moghchkeit, an der Kirche Ärgernis zu nehmen. 
Als der Sohn Gottes Einer von uns wurde, bedeutete das nicht nur, 
daß Er einen Menschen, der Jesus hieß und in Nazareth wohnte 
innerlich ^berührte oder ihm zum prophetischen Erlebnis wurde 
sondern Er trat mit ihm in die Einheit personaler Existenz; so daß 
fortan, was Dieser tat, die Tat des Sohnes Gottes war, und was 
Diesem widerfuhr, zum Schicksal von Gottes Sohn wurde Jo- 
hannes sagt denn auch ausdrücklich, wer Diesen schaue, schaue den 
Logos : »Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des 
Emgeborenen vom Vater, voll der Gnade und Wahrheit.« (i, H ) 
Das Gleiche sagt er zu Beginn seines ersten Briefes, und es ist, ah 
wolle er die ungeheure Kunde so einhämmern, daß nichts sie ver- 
wischen könne : »Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir 
gehen haben mit unseren Augen, was wir geschaut, und unsere 
Hände gegriffen haben, vom Wort des Lebens -ja, das Leben ist 
offenbar geworden, und wir haben gesehen und bezeugen und ver- 
künden euch das ewige Leben, welches bei dem Vater war und uns 
offenbar geworden ist - was wir gesehen und gehört haben, ver- 
künden wir auch euch . . . « (I i, 1-3) 

2fr !?•? W 7 CnhdtC ° ffaiba ™S- * Ihm hat, wenn wir so 
sprechen dürfen, der ewige Gottessohn sich ins Menschliche über- 
setzt Er der an sich »im unzugänglichen Lichte« wohnt, am Her- 
ren des Vaters lebt (Joh 1, l8 ), ist unter uns getreten; hat sichtbar 
dagestanden m diesem Menschenwesen, das Jesus von Nazareth 



214 



[6] 



Körper^ W^ T™Jl£ *"** W ° tt = War ZU ***» » &•* 

gewordene Sohn Gottes, lebendige Offenbarung ist. 

Snll^ 5 ™ abef ^ ^^ -*sam S werden. Der Be- 
gegnende konnte sagen : Wie soll Dieser Gottes Sohn sein wenn Er 
doch in allem als Mensch erscheint, Sie entsinnen «SdeTS^ 
msses wie Jesus in seiner Heimatstadt in die Synagoge geht fLk 

pneten isaias Er öffnet sie und stößt auf die Weissaeun* ™ m 
Messias der kommen wird und Allen helfen Qs^T^Z 
gas: » Heute hat sich dieses Wort vor euren Ohrin Ä n Z 
hch in semer Person. Und was geschieht, Zuerst preisen sie & 
Gnadenmacht seiner Rede. Dann aber wundern sie sich wTe Er 
voT^d '^^-^^^S^J^ 

*Z 4 ^enShchet" ^ * *** "«* 
^tsieau^ 

sTen^rh" f S r ken " !** ^ °«arung ^ch t 
ehen. »Wahrhch, ich sage euch, kein Prophet wird [als solcherl 

angenommen in seiner Heimatstadt« Da schlaf A; cl- 

um EW W., f „;„ ** j, , , . schla gt die Stimmung 

ZmllJ VTZ ^ bricht aus ' "* sie hängen Am 
Jw^ StadtbergCS ' Um *■ ^-terzustürzen. Ist das nic£ 

tZ ZrfZrZ AUg t nbli ? ^ * ^«^Macht sein. 

Wortes empfinden - dann aber alles anders wird, und ein Vorlauf 

jenes Geschehens sich ereignet, das sich auf Golgatha erf üllen 3. 

Was m Jesus den Sohn Gottes offenbaren soll'daß sich SSS 

[7] 

215 



Ihm die Göttlichkeit ins Menschliche übersetzt und geschaut wer- 
den kann - dieses nämliche Verhältnis verhüllt Ihn auch, so daß eine 
Schwebe entsteht, in welcher Entscheidung fällt: zum Ja oder zum 
Nein. Aber so ist nicht genug gesagt; es muß heißen: zum Ja, das 
Liebe wird, nämlich zum Glauben - oder zum Nein, das sich in 
Haß verwandelt, nämlich zum Ärgernis. Die Möglichkeit, daß 
vor Ihm eines geschehen könne, aber auch das andere, gehört zum 
Wesen des Menschgewordenen. So hat Er selbst es gewußt. Wie 
der Täufer aus dem Kerker Boten zu Jesus sendet und fragen läßt: 
»Bist Du es, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen An- 
deren warten > «, erwidert er mit dem Isaiaswort von den messiani- 
schen Wundern. Sie sind eingetreten, und seine Messianität kann 
»gesehen, gehört, mit Händen gegriffen« werden. Sofort aber fügt 
Er hinzu: »Und selig ist, wer an Mir nicht Ärgernis nimmt.« 
(Mt 11,2-6) 

Wann fällt aber die Entscheidung richtig ? Wann sieht der Christus 
Begegnende durch die Schwebe von Offenwerdung und Ver- 
hüllung hindurch? Wenn er guten Willens ist. Wenn, was das 
Gleiche bedeutet, die Gnade ihm den Blick hell macht. Die Berg- 
predigt spricht noch genauer, indem sie sagt : » Selig, die reinen Her- 
zens sind, denn sie werden Gott schauen.« (Mt 5, 8) Der Satz ist zu- 
nächst eine Verheißung für die Ewigkeit; aber die Ewigkeit be- 
ginnt schon in der Zeit, jeweils in der gegenwärtigen Stunde. Für 
diese sagt er : Die reinen Herzens sind, das heißt, richtig heben; das 
Rechte Heben und in der rechten Weise, die werden fähig, richtig 
zu sehen. Denn in diesen Dingen sieht das Auge vom Herzen her. 
Von dort her wird es hell und vermag zu unterscheiden, oder es 
wird blind und verwirrt die Dinge. 

Auch hierfür gibt es eine Entsprechung im Verhältnis von Mensch 
zu Mensch ; einen ahnenden Vorentwurf gleichsam für die Schwebe, 



216 



[8] 



m welcher sich die Begegnung mit Jenem vollzieht, der sich selbst 
aen»Menschensohn« g enannthat. Der Mensch ist Gottes Ebenbild 
geschaffen im Anruf Seiner Liebe, zu Freiheit und Würde. Das 
druckt sich schon in seiner aufrechten Gestalt, in seinem Antlitz und 
in jeder seiner Gebärden aus. Wer sehende Augen hat, sieht das und 
antwortet mit der Achtung, die solchem Wesen gebührt. Es kann 
aber auch so gehen, daß Einer sagt: Was will denn dieses Geschöpf 
da, das geboren wird und stirbt; das aller Notdurft unterworfen 
ist; von Trieben gedrängt und von Ängsten geplagt t Was will die- 
ses zweibeinige Tier ? Daraus entsteht dann jene Nichtachtung, die 
gar nicht mehr sieht, was der Mensch ist, und die überall am Werk 
ist. Denn das Wesen des Menschen steht nicht einfach da, ist nicht 
unmittelbar festzustellen und zu greifen, sondern es offenbart sich 
und verhüllt sich zugleich; so daß der Begegnende den Menschen 
als Person erkennen und ehren, aber auch ihn zu einem Ding 
machen ihn gebrauchen und mißbrauchen kann. Also muß das 
Auge fähig sein, zu sehen, von einem Herzen her, das »rein« ist- 
bereit, jenen Forderungen zu genügen, die sich vor der Person er- 
heben, und das Verhalten so viel schwerer als einem bloßen Ding 
gegenüber, dafür aber auch so viel edler und erfüllender machen 
Immer steht der Mensch in Gefahr, »Ärgernis« am Menschen zu 
nehmen - und wird es nicht fast zum Zustand, daß er das tut > 

Nun aber: diese Notwendigkeit, sich zwischen Glaube und Ärger- 
nis zu entscheiden, die für unser Verhältnis zu Christus wesentlich 
ist - wo gelangen wir vor sie, nachdem der Herr die unmittelbar 
geschichtliche Gegenwart verlassen hat und in seine Herrlichkeit 
emgegatigen ist > Wer übt, wenn man so sagen darf, die Funktion 
des Offenbarem und zugleich des Verhüllens, in welcher die 
Schwebe entsteht > Das tut die Kirche. 



[9] 



217 



Ihr hat Christus sich anvertraut. In ihr lebt Er als »der Weg, die 
Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6), ewig gültig. Aber sie steht 
nicht in metaphysischer Enthobenheit, sondern in der Zeit. Sie ist 
Geschichte. In geschichtlicher Konkretion tritt sie dem Einzelnen 
gegenüber, und »selig ist, wer an ihr nicht Ärgernis nimmt«. Der 
Begegnende kann in ihr das Ewige sehen; schon daß sie nach zwei 
Jahrtausenden noch besteht, ist offenbarend. Er kann in ihr die Aus- 
strahlung des inneren Christus wahrnehmen. Das ist es ja, was der 
zur Kirche Kommende eigentlich sucht : die geheimnisvolle Innen- 
welt, die sich in der Eucharistie, in den Sakramenten, in den Hei- 
ligen, in der übergeschichtlichen Wahrheit ihrer Dogmen kund- 
gibt. Er kann sie »sehen, hören, greifen«, wenn sein Herz »rein« ist, 
bereit zur rechten Liebe. Er kann aber auch sagen: Was will denn 
dieses Gebilde da, das doch eine »Religionsgemeinschaft« ist unter 
so vielen anderen; zu der und der Zeit entstanden; in so und so 
gearteter Geschichte sich entwickelnd - wie kann die einen solchen 
Anspruch machen ? Er kann auf ihre Mängel und Mißstände hin- 
weisen, auf all die Trägheit des Herzens, die Veräußerlichung, den 
Ungeist, die Herrschsucht in ihr und sagen: Das will die heilige 
Kirche Christi sein 1 

Daß es so ist, gehört zu ihrem Geheimnis. In ihr spricht Christus 
sich selbst in die Zeit hinein. Dieses sein Wort kann vernommen 
werden, und dann wird Glaube. Es kann aber auch durch all das 
Schlimme, Verwirrte, Zerstörte aufgehalten werden, und dann 
wird Ärgernis. So entsteht die Schwebe, in der Entscheidung ge- 
schieht. Und nicht nur einmal, sondern immer wieder, in immer 
neuen Situationen. 

Wenn wir also sagen: in der Kirche sei Christus, dann dürfen wir 
das nicht so auffassen, als ob Er einf achhin sichtbar und faßbar da- 



218 



[10] 



stünde - in der Weise, wie ein Baum dasteht und nicht anders ver- 
standen werden kann, denn als ein Baum; oder wie ein Naturge- 
setz deutlich wird und ist dieses Gesetz und nichts sonst. Sondern es 
meint, daß Er in der Kirche nach der Weise der Offenbarung da ist, 
die immer Kundwerdung und Verhüllung zugleich bedeutet. Daß 
es der inneren Bereitschaft bedarf, der Klarheit des Auges, die ihrer- 
seits aus dem Herzen kommt, welches rein ist, richtig hebt und 
nichts als die Wahrheit will. 

Und auch das dürfen wir nicht vergessen: die Erkenntnis der Kir- 
che und die Entscheidung zu ihr ist etwas Lebendiges, das nicht 
behebig geschehen kann; nicht zu jeder Zeit, nicht in jeder Situa- 
tion, nicht aus jedem inneren Zustand heraus. Sie braucht ihre Zeit, 
um zu reifen, das Ja zu wagen und sich immer neu zu vertiefen! 
Gar nicht davon zu reden, daß sie Gnade ist, und Gott diese gibt, 
wann Er will und in der Weise, die vor Ihm richtig ist. 

Endlich aber müssen wir uns sagen, und das mit großem Ernst, daß 
» die Kirche«jeder von uns ist. Jeder von uns offenbart Christus, und 
jeder verhüllt Ihn. Nie dürfen wir von ihr so sprechen, als ob sie 
drüben stünde, und hier wir, jeweils ich - und nun könnte ich sie 
bettachten und analysieren, über sie urteilen, Verantwortlichkeiten 
und Fehler feststellen. Immer muß ich in das Bild, das ich mir von 
ihr mache, mich selbst mit hineinnehmen; das Urteil, das ich über 
sie fälle, auch auf mich beziehen. Dann werden BÜd und Urteil 
anders werden - so, wie wenn ich über die Fehler eines Menschen 
spreche, mit dem ich lebendig verbunden bin. Ich werde sagen 
was wahr, und ablehnen, was fehlerhaft ist; immer aber wird alles 
in der Einbegreif ung, in der Liebe stehen. Dann erst werden wir 
tief er in das Wesenjener geheimnisvollen Wirklichkeit eindringen 
die schon seit zwei Jahrtausenden durch die Geschichte geht - ge- 






[11] 



219 






liebt, wie noch nie etwas Irdisches geliebt worden ist, aber auch 
gehaßt und verfolgt, wie noch nie etwas Haß und Verfolgung er- 
fahren hat. 



V 



IV 



WAHRERIN DER WAHRHEIT 



i 



I 



LIEBE FREUNDE, 



Wir haben in unserer letzten Betrachtung von der Doppel- 
wirkung gesprochen, die von der Kirche ausgeht. Sie steht 
in der Geschichte und tut mit der Kraft des Heiligen Geistes durch 
ihr Sein, ihr Wort, ihr Handeln den Erlöser kund ; übersetzt Ihn in 
die Sprache unseres geschichthchen Daseins ; bringt Ihn mit dessen 
Kräften und Gestalten in Beziehung. Ebendadurch aber, daß sie das 
tut, das heißt also, daß sie menschlich ist, kommt in ihr auch alles 
Menschliche zum Vorschein. Man ist fast versucht, zu sagen, in der 
religiösen Atmosphäre entwickle sich dieses Menschliche beson- 
ders stark, jedenfalls sei es besonders heftig zu fühlen. So zieht es 
sich wie eine Hülle über die Kundwerdung und schafft die Möglich- 
keit, ja bildet den Anreiz, diese als unglaubwürdig abzulehnen. Von 
daher ist die Kirche das immerwährende Zeichen, an dem sich nach 
der Heimkehr des Herrn vor allem die große Entscheidung zum 
Glauben oder zum Ärgernis vollzieht. 

Der Inhalt der Kirche ist Christus. Indem sie Ihn bewahrt, bewahrt 
sie sich selbst, denn außer Ihm ist sie nichts. Indem sie Ihn und seine 
Botschaft versteht, versteht sie sich selbst, denn der Sinn ihres Da- 
seins ist Er. Indem sie Ihn weitergibt, lebt sie selbst; denn wenn sie 
auch im Zusammenhang der Geschichte die verschiedensten kul- 
turellen Wirkungen ausübt, so besteht doch ihre eigentliche Tätig- 
keit darin, die Christuswirkhchkeit in unser Dasein zu tragen. 

Versuchen wir nun genauer zu sehen, wie das vor sich geht, wenn 
die Kirche Christus in der Geschichte aufrecht hält. Und zwar wol- 
len wir das von einem bestimmten Blickpunkt aus tun, nämlich 
durch die Frage, wie sie die heilige Wahrheit rein und voll erhalte. 



[151 



223 



Kaum hat nach Jesu Hingang zum Vater die Verkündigung der 
Botschaft begonnen, beginnt auch die Deutung Seiner Person. 
Wer von Christus spricht, kann es ja nur mit Gedanken und Wor- 
ten tun, wie sie ihm aus den Voraussetzungen seines persönlichen 
Daseins und der geschichtlichen Situation heraus zur Verfügung 
stehen. Darin Hegt schon der Versuch, den heiligen Inhalt zu ver- 
stehen, ihn aufzuschließen und zur Gedankenwelt der Zeit in Be- 
ziehung zu setzen - ebendamit entsteht aber auch sofort die Gefahr 
der Mißdeutung. 

Die ersten uns vorliegenden Schriften des Neuen Testaments sind 
die frühen Briefe des Apostels Paulus. Dieser hat Jesus selbst nie 
gesehen. Er hat die Kunde vom Herrn zuerst aus dem Munde derer 
empfangen, die ihm in Jerusalem begegneten; dann aber, und nun 
entscheidender Weise, durch die innere Erfahrung auf dem Weg 
nach Damaskus. So ist sein Sprechen von Christus bereits Verar- 
beitung, und wird es immer mehr, je länger er denkend, betend, 
lehrend in Sein heiliges Wesen eindringt. Sieht man genauer zu, 
dann bemerkt man, daß er es auch mit Gegnern zu tun hat, die 
ebenfalls deuten, aber unrichtig. Es sind die Judaisten, welche das 
Ritualgesetz des Alten Bundes auch für den Neuen verbindlich 
machen und so die Souveränität Dessen in Frage stellen, der von 
sich gesagt hat, »der Menschensohn sei Herr auch über den 
Sabbat« (Mt 12,8). 

Eine zweite Entstellung der Christusgestalt zeigt sich in den Paulus- 
briefen an, um sich dann durch die ganze christliche Geschichte 
hinzuziehen, immerfort von der Kirche abgewehrt und immer neu 
sich erhebend: die Gnosis. Gegen diese führt Johannes in seinem 
Evangelium, seinen Briefen und auch in der Geheimen Offen- 
barung, einen harten Kampf. Manche seiner Worte werden nach 



224 



[16] 



Charakter und Tragweite überhaupt nur daraus her verständlich. 
Die Gnostiker gehen von einem Weltbild aus, worin Geist und 
Materie einander feindlich gegenüberstehen. Der Geist ist gut, er 
ist Gott ; die Materie hingegen ist böse, ist der Dämon. Von hierher 
gesehen kann es keine wirkliche Menschwerdung geben, denn der 
Logos, der ja doch vom guten Gott kommt, kann sich nicht mit 
einer solchen Materie verbinden. So hat Er, lehren die Gnostiker, 
auf Erden nur einen Scheinleib, führt ein Scheinleben und stirbt 
einen Scheintod. Im Augenblick, da der Mensch Jesus stirbt, löst 
sich der Logos von ihm und kehrt zum Vater zurück. Das klingt 
sehr geistig, in Wahrheit ist alles zerstört; denn in der christlichen 
Botschaft geht es nicht um Erhebung der Seele zu bloßer Geistig- 
keit, sondern um die Befreiung des Menschen zu einem neuen, hei- 
ligen Dasein. Das Herrenwort Mt 16, 26 wird gern übersetzt : »was 
nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber 
Schaden leidet an seiner Seele«; richtig muß es aber heißen: » Scha- 
den leidet an seinem Leben«. In Jesu Botschaft geht es um den 
Menschen, der auferstehen und als Mensch ewiges Leben haben 
soll. Das aber setzt voraus, daß der Logos selbst Mensch geworden 
sei, wirklich und ganz ; daß im Menschen Jesus Er gestorben sei, und 
auferstanden, und in gottmenschlicher Herrlichkeit »zur Rechten 
des Vaters sitze«. Das bezeugt die Kirche ; und mit welcher Energie 
sie das tut, mögen Sie aus dem Prolog des Johannesevangeliums 
ersehen, wo der Satz steht : »das Wort ist Fleisch geworden«. Nicht 
nur »Mensch«, sondern, mit einer Härte, die fast anstößig wirkt: 
»Fleisch«. 

Nachdem klargestellt worden, daß wirkliche Menschwerdung ge- 
schehen ist, erhebt sich die Frage, was denn Christi Göttlichkeit für 
die Grundaussage der biblischen Religion bedeute, wonach Gott 
nur Einer ist ; Er allein Herr der Welt, weil Herr seiner selbst ? 



[17] 



225 



Die damalige Welt empfand noch polytheistisch. In ihr war der 
religiöse Trieb die Vielheit der Welt in verschiedenen Götter- 
gestalten auszudrücken, noch stark. Von dorther war auch die Ge- 
ahr groß, entweder die Einzigkeit Gottes, oder aber Christi Gött- 
lichkeit in Frage zu stehen, und es begannen die langen, durch das 
vierte und fünfte Jahrhundert gehenden arianischen Kämpfe mit 
ihren vielen Abarten und Verwicklungen - um so folgenreicher, 
als sich che theologische Auseinandersetzung mit politischen Mo- 
tiven verband. Daraus hob sich in klarer Bewußtheit die Lehre vom 
inneren Leben Gottes hervor, welche sagt, Gott sei der Eine und 
Einzige, aber auch der Unendlich-Fruchtbare, in welchem Zeu- 
gung und Geburt geschieht. Und Er sei wohl der Herr einf achhin 
wohnend im »unzugänglichen Licht«; aber weder einsam noch 
stumm, sondern lebendig eines Lebens, in welchem Ich und Du 
Wort und Antwort ist. 

Was sich da heraushebt, ist die Lehre vom dreieinigen Leben Got- 
tes - so scWechthin entscheidend für den Glauben, daß sich zeigen 
aßt, wie ihre Auflösung eine Vorstufe zum Atheismus bildet. Die 
Lehre geht über alles Begreifen, denn wie sollte der Mensch die 
Weise begreifen können, nach welcher Gott lebt. Und dennoch 
bildet sie das Ergebnis genauer Verstandesarbeit - eines Verstandes 
treihch, der von der Offenbarung ausgeht und sich innerhalb ihrer 
Gegebenheiten bewegt, so daß er ihr Geheimnis nicht zerstört 
sondern bewahrt und erschließt. Es ist der Verstand der Kirche' 
bzw. des Einzelnen, sofern er »Kirche« ist und aus ihr heraus denkt' 
Dieses Denken ist scharf und unbeirrbar. Sein Ergebnis ist die »lex 
credendi«, das Dogma, welches Gehorsam fordert. Ebendadurch 
halt es aber die Gestalt Christi unversehrt und gibt dem Glauben die 
Freiheit vom Bann der naturhaften Denkimpulse zur reinen Wahr- 
heit. Christus ist gleichen Wesens mit seinem Vater, denn es gibt 



226 



[18] 



nur einen Gott; Er steht aber zu Ihm in der ewigen Gemeinschaft 
von Ich und Du; im ewigen Gespräch von Wort und Gegenwort. 

Die Arbeit an der Auf Schließung des Geheimnisses - welche Auf- 
schließung aber zugleich dessen Bewahrung ist - geht weiter. Die- 
ser Jesus Christus - wie verhält sich in Ihm das Göttliche zum 
Menschlichen ? 

In Alexandrien besteht eine berühmte Theologenschule von meta- 
physisch-mystischer Denkart, deren Aufmerksamkeit vor allem 
auf die Einheit von Christi Gestalt gerichtet ist. Hinzu kommt der 
Einfluß, der von den Asketen der ägyptischen Wüste ausgeht, 
Menschen, die mit inbrünstiger Entschiedenheit all ihre Kraft an 
Eines setzen : Gott zu finden und dafür alles zu geben. Wie sich also 
die Frage erhebt, in welchem Verhältnis das Göttliche und das 
Menschliche in Jesus zu einander stehen, antwortet die Schule: sie 
verschmelzen zu einem einzigen Wesen. Der Gedanke ist von einer 
Unbedingtheit, die wir bewundern; aber die Wahrheit Christi 
kommt zu Schaden. Denn wie kann der Mensch mit Gott ver- 
schmelzen ? Was wäre das für ein Gott, der mit Menschlichem, und 
was für ein Menschliches, das mit dem Göttlichen in Eins fließen 
könnte ? In einer solchen Vorstellung bleibt nichts mehr echt; nicht 
Gott, und nicht der Mensch, und nicht Christus. 
So steht die nüchterne Theologenschule von Antiochien dagegen 
auf und betont die Unmöglichkeit der Verschmelzung, denn Gott 
ist allein Gott, der Mensch aber nur Mensch. Kraft der eigentüm- 
lichen Dialektik nun, nach welcher ein zum Extrem getriebener 
Gedanke, sozusagen im Widerhall, seinen Gegengedanken hervor- 
ruft, sehen wir, wie sich das Widerspiel zu jener Christusdeutung 
abzeichnet: Was in der Menschwerdung des Logos geschieht, ist 
überhaupt keine Vereinigung im Sein, sondern nur eine solche in 



[19] 



227 



? 



■ 



der Gesinnung. Diese Gesinnung des Menschen Jesus war so rein 
und restlos an den ewigen Gottessohn hingegeben, daß sie eine voll- 
kommene Vereinigung bewirkte . . . Damit geht aber die Wahr- 
heit Chnsü abermals verloren, denn nun ist Er nicht mehr der Ge- 
heimnisvolle, der sagen konnte : »Mich dürstet«, und zugleich : »Ich 
und der Vater sind eins«, sondern doch nur ein zum Höchsten 
gesteigerter Mensch. 

So geht mit einer Leidenschaft geführt, die wir kühl Gewordene 
nicht mehr kennen, die Auseinandersetzung weiter, und das Ergeb- 
nis, in feierlichen Entscheidungen ausgesprochen, lautet: Die Ein- 
heit die der lebendige Christus bildet, ist einzig in ihrer Art. Sie ist 
die Selbigkeit der Person in verschiedenen Naturen. »Person« ist 
kern Ding, kerne Energie, kein Geschehen, sondern die Weise wie 
ein geistbestimmtes Seiendes in sich besteht, sich gehört, sich 'ver- 
antwortet, mit einem Wort Es-selbst, »Ich« ist. Dieses Ich war in 
Christus das Ich des ewigen Sohnes Gottes. Er war es, in dem das 
Menschenwesen Jesu seinen Stand hatte, und der das Tun dieses 
Wesens verantwortete. Dadurch waren die Gottnatur des Logos 
und die Menschennatur wunderbar geeint. Nicht vermengt; die 
Emheitwar heilig-keusch. Aber sie war soinnig, daß inihr, was des 
einen Wesens war, auch dem anderen gehörte. Damit ist eine 

nlT Lo? S 'u eine E f tenZ aUSgeS ^' & einzi S ist ™* ^ 
nur durch die Offenbarung kund wird. Auch im Glauben kann der 

Verstand sie nicht durchdringen; sie wird aber dem Geiste, der mit 
ihr umgeht zu lauter Licht. Ebenso wie sich ihm eine Welt heiliger 
Verwirklichung öffnet, wenn er fragt, in welche Nähe diese Ein- 
heit das Menschenwesen Jesu zum Gotteswesen des Logos brachte 
und was ihm darin geschah-aber auch, was die nie zu begreifende 
Liebesdemut dieser Einheit für den Logos selbst bedeutete 
Das ist eine Aussage, die nichts »erklärt«; im Gegenteil, das Ge- 



228 



[20] 



heimnis zu seiner ganzen Dichte bringt. Sie umgibt es mit Schutz- 
begriffen und hält so die heüige WirkHchkeit Christi rein, voll und 
einig. Es ist, wie wenn eine Quelle aufspringt und nun der Brunnen- 
bauer kommt und sie faßt: Umgriffen vom festen Ring, strömt sie 
stet und lebenspendend. Christi Wirklichkeit überschreitet die 
Grenzen unseres Verstandes. So besteht immer die Gefahr, daß 
dieser sie auf ein Teilmoment hin zu vereinfachen suche. Dann 
scheint Christus »erklärt«; aber Er ist nicht mehr der Herr, dessen 
Souveränität über menschliche Maßstäbe erhaben ist. Das Dogma 
bricht die Anmaßung des Verstandes und bereitet der Hoheit des 
Mensch gewordenen Gottessohnes den Thron. Indem der Mensch 
gehorcht und glaubt, geht er in die Freiheit des Götthch-Wahren 
ein. 

In der Neuzeit erwacht eine andere Frage: Jesus Christus steht in 
der Geschichte - wie tut Er das aber ? In der Geschichte hängt immer 
eins vom andern ab und wird so von ihm bestimmt. Die Dinge 
entstehen aus gegebenen Voraussetzungen und vergehen, wenn 
diese nicht mehr wirksam sind und so fort. Wie steht Jesus Christus 
in diesem Zusammenhang psychologischer, sozialer, kultureller 
Abhängigkeiten, diesem beständigen Werden, Sich-Verändern 
und Sich- Auf lösen ? 

Die alte Anschauung hat Ihn in einer eigentümlichen Zeitlosigkeit 
gesehen. Denken wir etwa an den Christus der Mosaiken, wie Er 
in der Apsis der alten Basiliken thront. In seiner Gestalt tritt das 
Ewige so beherrschend hervor, daß die zeitlichen Bedingtheiten 
gar nicht mehr empfunden werden. In der Neuzeit hingegen 
dringen gerade diese ins Bewußtsein und werden für das Verständ- 
nis bestimmend. 

So stößt zum Beispiel der Forschende auf die typischen Erschei- 
nungsformen des großen Menschen und benutzt sie, um das Wesen 



[21] 



229 



und die Wirkung Jesu zu deuten. Etwa wird er auf das Bild des 
Weisen aufmerksam, der zur Einsicht in den Sinn des Lebens führt 
und versteht Jesus als einen solchen. Oder er begegnet den Be- 
gründern der verschiedenen Religionen und sieht in Jesus einen aus 
ihrer Reihe. Oder er entdeckt das Phänomen jenes Genies, in wel- 
chem das religiöse Organ schöpferisch wird und verwendet es, um 
die Erscheinung Christi zu deuten. Forscher, die an den sozialen 
Problemen interessiert sind, sehen in Ihm den großen Reformer, 
der die Not der Menschen erlebt und sie vom Religiösen her zur 
Freiheit und zur Wohlfahrt führen will. Rehgionshistoriker unter- 
suchen das Phänomen der Mythenbildung; stellen fest, daß die 
Sehnsucht nach dem Großen und Befreienden sich gern an einen 
bestimmten Menschen heftet und ihn zu einer Bedeutung erhebt 
die er an sich gar nicht hat. Ja daß diese Sehnsucht sich zu einer 
Gestalt verdichten kann, in welcher überhaupt kein realer Kern ist 
So kommen sie zu einer Theorie eines »Christus des Glaubens« für 
welchen der »Jesus der Geschichte« nur den Anknüpfungspunkt 
bildet - oder gar zur »Christusmythe«, die mit einer historischen 
Person mchts mehr zu tun hat. 

Überblickt man alle diese Versuche, dann erscheinen sie wie ein 
Wirbel um die Gestalt des Herrn. Jeder von ihnen enthält irgend 
etwas Richtiges. Jeder bemüht sich, von seinem besonderen Aus- 
gangspunkt her, Ihn in die Geschichte einzuordnen. Dieses Be- 
mühen tut recht ; denn Gottes Sohn ist wirklich Mensch geworden 
und aus dieser Tatsache dürfen auch die Konsequenzen gezogen 
werden. Das aber nur, solange es von einem entschiedenen Glauben 
an die ewige Gottessohnschaft des Herrn bestimmt wird. Denken 
wir an die noch kaum untersuchten Probleme der Psychologie 
Christi, sobald damit die Frage gemeint ist, von welcher Art das 
Bewußtsein des Gottmenschen gewesen sei, sein Wollen, seinEmp- 



230 



[22] 



finden, sein Beten, die innere Führung seines Lebens und so fort . . 
was alles aber nur angefaßt werden kann, wenn man Ihn nicht von 
vornherein in die Formen des allgemein-menschHchen Daseins ein- 
ordnet, sondern die besonderen Kategorien herausarbeitet, welche 
seine gottmenschliche Wirklichkeit fordert - eine theologische 
Psychologie also, die ebenso dringlich wie unerforscht ist. Sobald 
sich aber diese Versuche vom Glauben lösen, gleiten sie ins Rela- 
tivistische, und der eigentliche Christus verschwindet. 
Was den Menschen zum Herrn führt, ist das Verlangen nach Er- 
lösung. Die aber bedeutet, was jenes Wort sagt, das einst an Abra- 
ham erging: »Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Ver- 
wandtschaft und aus deinem Vaterhaus in ein Land, das Ich dir 
zeigen will. « (Gen 12, 1) Das heißt frei zu werden vom Eigenwillen 
des empörten und verwirrten Selbst für den sich offenbarenden 
Gott. Was tun aber alle jene Deutungen Christi ? Sie ziehen Ihn ins 
Nur-Menschliche -jeweils in das, was der, der da spricht, beson- 
ders hoch schätzt, oder besonders tief haßt. Wer einmal darauf auf- 
merksam geworden ist, braucht ein solches Leben Jesu nur aufzu- 
schlagen, um den Mann vor sich zu bekommen, der es geschrieben 
hat. Das Bild, das der zeichnet, ist jeweils, positiv oder negativ 
gewertet, sein eigenes, nur ins Große gehoben. Es spricht seine 
innerste Gefahr aus. Von ihr sollte der Erlöser ihn befreien; er aber 
schafft sich einen Christus, der ihn darin bestätigt. Er macht den 
Erlöser vergeblich. Vom Standpunkt des empörten Menschen aus, 
der sich in sich selbst verschließt, möchte man sagen : er macht Ihn 
unschädlich. 

Alledem stellt die Kirche sich entgegen und sagt: Christus ist der 
Sohn Gottes, aber eingegangen in die Geschichte. Mensch gewor- 
den in Land, und Volk, und »in allem uns gleich«. Nie aber wird Er 
durch das Menschliche aufgesogen. Er, der Befreier, ist selbst un- 



[23] 



231 






endlich frei in seiner realen Göttlichkeit Um diese Grundwahrheit 
unserer Erlösung führt die Kirche einen beständigen Kampf. Darin 
ist sie unbeirrbar und nicht zu beugen. 

Diese Haltung kann im Einzelfall zur Härte werden. Sie verwirk- 
licht sich ja selbst in der Geschichte, das heißt aber in Menschen 
Damit entsteht die Möglichkeit, daß deren Menschliches in den 
Akt der Wahrheitswahrung einfließe: der Wille, recht zu haben, 
zu siegen, zu herrschen ; die Verengung des Blicks durch die Gegen- 
stellung des Kampfes; die Gleichsetzung vom Willen zu ewiger 
Wahrheit mit dem Mißtrauen gegen neue Fragen und Versuche. 
Das alles kann sein. Es ist dann eine Formjener Gefahr zum Ärger- 
nis, von der wir gesprochen haben und legt den Menschen, die sie 
schaffen, große Verantwortung auf. Aber durch all diese oft tra- 
gischen Entstehungen hindurch ist das, was da geschieht, doch die 
Aufrechterhaltung des einen und ganzen Christus. 
Nur von hierher versteht man das Dasein der Kirche und ihre 
Geschichte durch den Gang der Zeiten. 



232 



[24] 



Universrty Libraries of Notre Dame 




Mit kirchlicher Druckerlaubnis . 1. Auflage 1956 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



/ 



BX 
1756 

.G85 

W3 

_v,10 



10 



WAH RH E IT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt- Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund- Verlages 
Hans Waltmann 



DIE SICHTBARKEIT DER KIRCHE 



UNIVERSUM 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 




1756 



\Wir haben nun schon manches vom Wesen der Kirche zu 

1 ru VerSt t en L geSUCht : Wie Sk &**& wurde d "rch ^n Wil- 

1?h"T 8e ,u° ren T ^ ^ d£S HeiH 8 en Geis ^ ™ ihr 
hhalt der Herr selbst «. den sie durch die Geschichte weiterträgt; 

wie an ihr sich immer wieder die Geister scheiden, da auf sie die 

z?m Zdch ' d ° ffe t renden u *"*«« * ; g -tzt zu sl 
zum Zeichen, dem widersprochen wird« (Lk 2, 36), so daß, wer ihr 

begegnet, sie entweder als Weg zu Christus glaubt, oder aber an ihr 
Ärgernis nimmt. 

ScUießhch haben wir einen Blick in die Weise getan, wie die 
Kirche die Wahrheit Christi aus ihren Gefährdung^ herausheb" 
und diese Wahrheit dabei immer klarer wird . . Die Kirche tu 

ttlhT f V f aad T« md Bewah ™8 dessen, was Christi 
ist (Jon 16, 14), auch in anderen Formen : durch die Weise, wie sie 
das Herzgeheimnis ihres Lebens, die Eucharistie übt und erhält; 
durch die Ordnung der heiligen Zeiten und Orte, Symbole und 
Handlungen die wir Liturgie nennen ; durch den Dienst der Liebe 

wLT/n en L f de] , den T richtet ' n " i anderes nocL *»*™ 

wurde die Doppelwirkung deutlich werden: daß sich die Wirk- 
hchkei« ^kundtut welche mitten im Irdischen von Gott Zeugnis 
gibt aber auch daß sich Menschliches vordrängt und das Urteil zu 
rechtfertigen scheint, hier könne von Göttlichem keine Rede sein 
Wir rechen hier im Zusammenhang mit der Universität, jenes 
Lebens- und Arbeitsbereiches, der vom Dienst an der Wahrheit 
bestimmt ist ; so haben wir bedacht, wie groß, wie offenbarend und 
wie aufreizend zugleich der Vorgang ist, der sich durch nun fast 
zwei Jahrtausende hinzieht: daß mitten im Feld des Fragens und 

[3] 

235 



Denkens, Zweif eins und Leugnern eine Wahrheit aufrecht erhalten 
wird, die nicht aus der Logik der Welt kommt, vielmehr über alles 
Begreifen hinausgeht. 

Nun wollen wir von einem neuen Gesichtspunkt aus an das Pro- 
blem der Kirche herantreten, und zwar durch die Frage nach ihrer 
Sichtbarkeit. 

In Zeiten unbezweif elten Ansehens hat sich das Leben der Kirche 
glanzvoll entfaltet, ist aber damit auch oft einer Äußerlichkeit ver- 
fallen, die zu ihrem inneren Geheimnis inWiderspruch stand. So 
kann man verstehen, wenn dem gegenüber die Geistigkeit und 
Innerlichkeit der Kirche betont wurde - bis das aber so weit ging 
zu sagen, sie habe mit äußerer Definition überhaupt nichts zu tun' 
die eigentliche Kirche sei unsichtbar. So daß man auf die Frage wo 
sich diese Kirche finde, die Antwort gab: da, wo Menschen glau- 
ben; oder auf die Frage, was sie in ihrem Wesen sei, erwiderte- die 
Gemeinschaft derer, die sich zu Christus bekennen. Das äußere 
Gefüge hingegen; die Gestalt, die in der Geschichte steht; der In- 
begriff von Ämtern und Befugnissen, von Sakramenten und Sym- 
bolen, von Ordnungen und Gesetzen, wurde als etwas Nebensäch- 
liches, gar als eine Verfälschung des echten und wahren Willens 
Christi angesehen. Wie steht es damit ? 

Hier zeigt sich eine Auffassung, die durch den ganzen Zusammen- 
hang des Glaubens hin wirksam wird. Auf die Frage zum Beispiel, 
wer Jesus Christus sei und was der neutestamentliche Begriffseiner 
Gottessohnschaft bedeute, antwortet sie folgendermaßen Jesus war 
em Mensch von einer religiösen Mächtigkeit, wie sie sich in der 
Geschichte nur selten erhoben hat. Sein Bewußtsein war von der 
Wirklichkeit des Lebendigen Gottes ganz erfüllt. Er hat erlebt, was 
das Alte Testament über das Heil durch die Erfüllung des Gesetzes 



236 



[4] 



sagt, m aber darüber hinausgegangen. In seiner Erfahrung wurde 
Gott so heilig-groß, daß Ihm der Gedanke, durch Erfüllung des 
Gesetzes könne das Heil erworben werden, sinnlos erschien. So 
wurde Er überzeugt, der Mensch könne nichts tun, als sich ganz in 
Gottes Gnade geben. Eine weitere Erfahrung kam hinzu: Er fühlte 
in Gott eine Gesinnung auf sich gerichtet, die Er »Liebe« nannte 
und wurde inne, daß Gott von Ihm eine entsprechende Gesinnung 
und Lebenshaltung forderte, richtiger gesagt, Ihn dazu befähigte 
Diese Erfahrung vertiefte sich immer mehr, und fand schließlich 
ihren Ausdruck in dem Satz : »Er ist mein Vater ; ich bin sein Sohn « 
Und ein Drittes : Er wurde inne, daß Er berufen und fähig sei, auch 
die anderen Menschen in diese Gottesbeziehung zu führen; deutete 
die prophetische Erwartung des Messias darauf hin und erlebte sich 
selbst als Jenen, der das Heil bringen, das Reich des Vaters herauf- 
fuhren sollte . . Fragt man aber dann : ist das alles auch wirklich so, 
redliche und saubere Wirklichkeit? - dann fangen die Doppel- 
sinnigkeiten an : gewiß, es ist so ; aber innerlich, psychologisch; als 
Inhalt von Erlebnis; als Weise, die eigene Existenz auf Gott hin zu 
verstehen. Darüber hinaus von Wirklichkeit zu reden, wäre Mate- 
rialismus, Mythik oder was immer. 

Liebe Freunde, so zu denken, ist Neuzeit; ja es ist im Grunde sogar 
schon vergangen. Jedenfalls denkt die Offenbarung nicht so. Wenn 
Sie das Neue Testament zur Hand nehmen, sehen Sie, daß in ihm 
von einer solchen psychologistischen, rein innerlichen Gottessohn- 
schaft nirgendwo die Rede ist. Im Gegenteil : von den Synoptikern 
uberPaulus zuJohannes hebt sich immer deutlicher diese ungeheure 
Tatsache heraus : In der Ewigkeit lebt der Sohn Gottes, des Vaters. 
Als die Zeit erfüllt war, ist Er in die Geschichte eingetreten. Er ist 
wiejohannes sagt, »Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt«' 
»sein Zelt gehabt«, gelebt; die Berufenen aber haben Ihn »mit 



[5] 



237 



Augen geschaut, mit Ohren vernommen, mit Händen getastet« 
(Joh 1,1-14; 1 1,1-3). 

Entsprechendes sagt man von der Kirche: Sie sei nichts objektiv 
Wirkliches ; nichts, was seinen bestimmten Ort in Raum und Zeit 
seine unverwechselbare Gestalt in der Geschichte hat, sondern 
etwas Innerliches; ein Zusammenhang unter jenen Menschen, die 
an Christus glauben. An eine Kirche im Sinn objektiv-geschicht- 
licher Gründung und Geformtheit, im Sinn von Autorität, Amt 
und Ordnung habe Jesus nie gedacht. Wohl an eine Gemeinschaft 
unter den Erlösten ; aber als eine, die immerfort frei aus dem Wehen 
des Geistes, aus dem Sich-Öffhen der Herzen, aus dem Innewerden 
der Geschwisterschaft aller Menschen zum gleichen Vater hin er- 
wachsen sollte, und so viel wirklich sein, als dieses Erleben wirken 
würde. 

Auch das ist Neuzeit; neuzeitlicher Subjektivismus und Individua- 
lismus - der sich jetzt bereits auflöst und in sein Widerspiel das 
Gewaltwesen der politisch-ökonomischen Mächte umschlägt Das 
Neue Testament weiß von dergleichen nichts. Wenn wir es darauf- 
hin esen, sehen wir, mit welcher Energie es die Kirche in die Wirk- 
lichkeit der Geschichte steht. Ein besonders eindrucksvoller Beweis 
dafür ist das Verhalten des Apostels Paulus, von dem bereits einmal 
die Rede war. Wenn einer fähig gewesen wäre, ohne sichtbare 
Kirche zu bestehen, dann war er es. Er hebt ja aufs nachdrücklichste 
hervor, daß er, ohne alle menschliche Vermittlung, von Christus 
persönlich belehrt worden sei (Gal 1, 12) - wie nahehegend wäre es 
gewesen, zu Folgerungen zu kommen, wie den oben entwickelten 
und zu sagen: Ich brauche keine sichtbare Instanz. Christus weiß 
um mich; ich weiß von Christus; das ist genug. Und dann hätte er 
weiter gefolgert: Das ist überhaupt genug, für Jeden, der im Glau- 
ben vergewissert ist. Und er hätte die Seinen den gleichen Weg 



238 



[6] 



gelehrt: Ihr kennt Christus ; Christus kennt euch. In dieser Gewiß- 
heit habt ihr das Heil. Darin seid ihr aller alten und neuen Gesetze 
ledig; kerne Knechte mehr, sondern freie Kinder Gottes. In diesem 
Bewußtsein aber, das euch frei macht, habt ihr auch Gemein- 
schaft unter einander ; heilige Geschwisterschaft zum Vater hin. 
So hätte er sagen können, und so wird er ja auch oft genug gedeutet 
Aber zu Unrecht. Paulus hat durchaus nicht so gedacht, noch sich 
so verhalten, noch die Seinen so gelehrt. Sondern er ist, wie der 
gleiche Galaterbrief (2,1 ff) berichtet, nach Jerusalem gegangen- 
hat den Aposteln, Petrus an ihrer Spitze, Rechenschaft über seine 
Verbindung gegeben und angenommen, was ihm in der damals 
brennenden Frage nach dem Verhältnis der christlichen Lebens- 
ordnung zu der des Alten Bundes von den Altaposteln auferlegt 
wurde. ° 

Er hat noch mehr getan. Er hat als Erster eine gedankliche Durch- 
dringung, eine Theorie von der Kirche versucht. Und zwar hat er 
dafür einen BegrifFverwandt, mit welchem die antike Rechtslehre 
den Staat dachte, nämlich den des »Corpus«, der objektiven orga- 
nischen Einheit, in welcher die Einzelnen Glieder sind ; welche Ein- 
heit nicht vom Willen oder Erleben der Einzelnen abhängt son- 
dern objektiv in sich steht. Mit Hilfe dieses Begriffes hat er den des 
»Soma Christou« gebildet; der Kirche als des »Leibes Christi« 
(1 Kor 12, 1 ff). Sie ist die große Einheit, in welcher jeder Einzelne 
Glied ist, Christus aber das Haupt. Diese Einheit ist in sich wirklich 
objektiv da, gegründet und verfaßt, ruhend auf den Aposteln und 
ihrenNachfolgern, sichausdrückendingültigerLehre, verpflichten- 
den Ordnungen und liturgischen Handlungen. Die Bezeichnung für 
sie ist nicht »Versammlung« oder »Gemeinde«, wie neuzeitlicher 
Individualismus das griechische »ekklesia« übersetzt, sondern 
»Kirche«. In jeder Gemeinde wird »Kirche« gegenwärtig; sie selbst 



[7] 



239 






und als solche aber « mehr als die hier und jetzt zusammentretende 
Gemeinschaft Gleichgesinnter - es sei denn, man gäbe dem Wort 
gemeinde« einen Sinn, der über den üblichen hinausgeht, und 
vemunde darunter die durch Christus begründete und in den Apo- 
£b verfaßte Einheit der Getauften. Dann wäre das aber nur ein 
Unterschied in der Bezeichnung. 

Das Herzgeheimnis der Kirche ist die Eucharistie. Beide Wirklich- 
st ? h l n ™ mdei so nahe - d ^ *■ B- für Augustinus der . mysti- 
sche Leib Christi« mit dem des Sakraments und mit der Einheit 
des Glaubens fast in eins geht. Wie versteht jene Auffassung der 
christlichen Dinge die Eucharistie ? g 

Wenn wir einen Menschen, der so denkt, fragen: was ist das, die 
Eucharistie >. dann antwortet er: das Gedächtnis Jesu (Lk 22 io- 
i Kor ii,24);seinerPerson, seiner Liebe, seines erlösenden Lebens' 
Lehrens und Schicksals; und im gläubigen Gedächtnis ein geistiges 
Angaben an Ihm. Was ist aber gemeint, wenn es heißt f.dJS 

memLeib<< ? Darauf antwortet er:DieWortemußmansymbohsch 
nehmen, für »das bedeutet«. Was sich da vollzieht, ist ein Gemein- 
schaftssymbol; eine Verdichtung dessen, was, seinem ursprüng- 
hchen Sinn nach^edes Mahl bedeutet, nur auf Christus hin. Indem 
d r Hen ^d es Mahles den Seinen das Brot und den Wein reicht, ruft 

SSSt" G ° tteSkindSChaft «* *< * -r ihnen ge- 
Wieder ist also das Eigentliche rein innerlich, psychologisch, gei- 
sttg -standen Und wieder muß gesagt werden: das isf Neufeit. 
Die Schrift weiß davon nichts. Sie sagt: das »ist« mein Leib, und 
.«. muß es bleiben. Nehmen wir die Worte der synoptischen 
Evangelien mit dem zusammen, was Paulus im ersten Korinther- 
bnet (ii, 23 ff) sagt, und dem, was im sechsten Kapitel bei Johannes 



240 



[8] 



daß Cl, . ^ ^ Verkündun 8 von etwas Unerhörtem • 

da£ i Christus in einer Weise, die alle natürlichen Gedanken, abe 
auch alles im Alten Testament Offenbarte übersteigt sich selbst 
sein lebendiges Sein den Menschen gibt - eine lJc^TI 

£K3S *"*? Wkd ' WCnn * M ™> ** ** chri"! 
üche Verkundung mcht nur einer spirituellen Seele, sondern dem 

ganzen Menschen gilt, der sich in der Auferstehung zu einem ewi" 
gen Leben vollenden soll. 

D erneuzeithcheMensch erlebt die Wirldichkeit der Welt so *& 

Seteh at e> r Htisch ;' tec Whe wkkHchk - - **% 

daß sein religiöses Leben aus dem Bereich des Sichtbaren auswan^ 
den und sich in die reine Innerlichkeit zurückzieh, Daran ma™ 
zu Bewußtsein kommen, was das Johannes wort bedeutet- JES 
der Sieg, der die Welt überwunden hat : unser Glaube. « ( Joh 5 4 

iTnär rb hdß i nämJich giauben ' ^ ™*»*™£ 

zug mcht voUziehen, sondern in täghehem Bemühen die heilig- 
te Wirkhchkeit Gottes, Christi, Seines Werkes und Semer 
Stiftung gegen die gewalttätige Realität der Welt aufrichten. 

Vorstellung Gott bindet ? Du mußt Ihm doch seine Freiheit lassen • 

»i^cL ft , Sag , St: *"* S eschich ^he Persönhchkeit 
»st« Gott« Sohn; diese Religionsgesellschaft »ist« Seine Kirche- 
diese Kultgestalt »ist« Christi Leib, legst du ja Hand auf Ihn - 
Das Hingt sehr eindrucksvoll, besonders wenn man sieht wie 
jnanchmal mit den Geheimnissen des Glaubens umgegangen wS 
Dann erscheint die Forderung, man müsse auf jede^ussfge d ^ 
Ar verzichten und die Wirldichkeit Gottes in ihrer unbedingten 
durch keinerlei Aussage festgelegten, durch keinerlei Gestalt ein! 

[9] 

241 



s 



geengten Freiheit lassen, als Ausdruck reinster Frömmigkeit Ist sie 
aber richtig ? Sie wäre es, wenn durch sie der Mensch von sich aus 
den Gnffnach Gott versuchte. Aber es ist ja umgekehrt! Die For- 
derung ist selbst höchste Anmaßung; denn wie darf der Mensch 
denken, er sei befugt, Gott seine Freiheit zu erhalten, wenn Er selbst 
es ist, der sich gebunden hat > 

Was kann tiefere Bindung sein als die Menschwerdung ? Wenn der 
Sohn Gottes, wie Johannes sagt, in der Ewigkeit »am Herzen des 
Vaters « war, aber . Fleisch wurde« in der Zeit und » unter uns Woh- 
nung hatte«, so war Er doch »gebunden« ! Denn wenn Er sich dann 
in Jerusalem aufhielt, konnte Er nicht sagen, Er sei in Nazareth- 
wenn Er am dritten Tag der Woche etwas tat, war es Ihm nicht 
möglich, zu sagen, es sei am ersten geschehen; wenn Er aß, verbot 
die Wahrheit, zu behaupten, Er schlafe. Das sind doch Bindungen- 
Einfügungen in die Unterschiede und Grenzen des irdischen Da- 
seins. Als die Schergen des Hohen Rates kamen und Ihn fesselten - 
wer war da gebunden? Bloß ein Mensch Jesuse Oder der Sohn 
Gottes ? Wenn wir keine Doketen sein wollen, die Ihm nur einen 
Scheinleib zusprechen, müssen wir doch sagen: Gottes Sohn war 
es. Und als das Urteil des Pilatus erging, war es da nicht der ewig- 
Ireie Herr, der im Geheimnis des Ratschlusses unserer Erlösung auf 
den Tod hin gebunden wurde ? 

Sie sehen : Gerade das ist der Kern des christlichen Bewußtseins, daß 
der Sohn Gottes sich nicht wie durch eine metaphysische Isoher- 
schicht von der Wirklichkeit der Menschen abgeschieden hält, son- 
dern daß Er in diese Wirklichkeit hineingegangen ist und eben- 
danut sich selbst gebunden hat . . Ist man aber einmal auf diesen 
Zusammenhang aufmerksam geworden, dann sieht man, daß er ja 
doch schon viel früher anfängt; schon damit, daß Gott überhaupt 
die Welt geschaffen hat. Haben Sie einmal darüber nachgedacht - 



242 



[10] 



doch nicht nur eben »gedacht«, sondern innerlich, mit Geist und 
Herzen, erwogen, was das heißt, daß Gott die Welt schafft ? Er der 
Absolute, diese unsere endliche Welt « Sie mag sich noch so unab- 
sehhch ins Große wie ins Kleine erstrecken, noch so unerschöpf bar 
in ihren Gestalten und unergründbar in ihrem Wesen sein, immer 
ist sie doch Etwas, das gegenüber Gott nicht in Betracht kommt- 
nachdem Gott sie aber geschaffen hat, ist sie unaufhebbar da. Lassen 
Sie sich doch den Gedanken nahekommen : Seit der Schöpfung gibt 
es Gott ohne die Welt nicht mehr. Ich weiß, der Satz ist logisch ein 
Unsinn, denn die Worte »seit« und »nicht mehr« drücken Zeitlich- 
keit aus, und Zeit gibt es erst, sobald die Welt ist; aber wir können 
ja mcht anders sprechen, als so. Und es ist auch wohl klar, was der 
Satz meint : etwas Ungeheures ; etwas zum Irrewerden, sobald man 
mn mcht in Frömmigkeit und Gehorsam denkt. Besagt das aber 
nicht eine Bindung Gottes ? Durch seinen eigenen souveränen Wil- 
len ? Eine Bindung, die nie aufhören wird, da uns doch seine Offen- 
barung sagt, daß diese unsere Welt nach ihrem Untergang in einem 
neuen Himmel und einer neuen Erde auferstehen wird ? Und ist es 
nicht abermals Bindung, daß Er den Menschen geschaffen hat, der 
nie mehr ausgelöscht wird? So daß von Gott her zu jedem Men- 
schen das heihge Ich-Du besteht, in das Er ihn gerufen hat, und in 
dem der Gerufene sprechen kann : »Mein Herr und mein Gott ? « 
Das Unbegreiflich-Große, das die Offenbarung uns kundtut, und 
™i™ Zum , Kem «*»«« Daseins wird, ist gerade die 
Wahrheit, daßGott sich um unseretwillen gebunden hat. Sokommt 
es dem Menschen nicht zu, sich eine Fürsorge für Gottes Freiheit 
anzumaßen sondern er soll in Anbetung undLiebe annehmen, was 
die Gnade ihm schenkt. 

Meine Freunde, keine antike Humanität, kein östlicher Tief sinn 
kern neuzeitliches Ubermenschentum hatje die Welt und denMen- 



["] 



243 



sehen so ernst genommen, wie der christliche Glaube. Nie sind sie 
so groß gesehen worden wie durch die Offenbarung. WcTw£ 

wekhe 7- T" t^^- g^nüber gesinnt 3K 
we che Begehung Er An aufgenommen habe, dann wird uns Z 

2T? sagt ; t sie ? cht * Menschen > sond - » <£ t 

ginne (I 4, 10). Em Geheimnis solcher Großmut, daß es einen 
ganz erschüttern kann. Hüten wir uns davor, Go t, dem H™ 
vorschoben zu wollen, wie Er Zu sein habe, noch £ ^2 

luX u "' ^ 7* aM nach Endweichen Maßstäben 2 
gebheh nchdger Götthchkeit denken, ist Menschengebild Z 
wxrkhche Gott ist so, wie Er sich selbst kund tu, Und Er mt 2h 
kund als Den der solche Dinge denkt und solche Dinge nTt wt 
wir ste betrachtet haben. 8 ' 

WsouveräneFreiheithatsichauchindießrchegebunden.Und 
wir mögen uns m acht nehmen, daß sich in unser Denken über sie 
kerne Unwahrhaftigkeit einschleiche. Daß wir nicht sagen £ 
muß frei sein - und meinen: Ich will Herr meiner selbs! bleibt 

sSeX ristlich r ?r begründende Tat - he > ** Gou 

sich bmdet, bedeutet auch, daß ich gebunden bin. Wenn Gott will 
daß ich sei, bindet Er sich selbst in die Liebe, mich immer aufZ' 

MST t n ~ ^^ ^ CS ^ *"* — -h e. 
klarte ich wolle nicht sein; vielmehr soll ich den Gehorsam des 

Z Ä „ f f' lm kkren Süm geschichtheher Eindeutigkeit 
sie gllha" ^ 8ebUnden ' Sk * ^ —-*»». * - *r 



? 

* 



VOM DENKEN UND LEIDEN 
DES HEILIGEN AUGUSTINUS 



Zur 1600. Wiederkehr seines Geburtstage* 



244 



[12] 






LIEBE FREUNDE, 



Wir feiern das Gedächtnis jenes Mannes, von dem man wohl, 
ohne Anderen Unrecht zu tun, sagen darf, er sei der größte 
unter den alten Lehrern der Kirche: des heiligen Aurelius Augu- 
stinus. Er wurde vor sechzehnhundert Jahren geboren; seine Wir- 
kung aber geht durch die ganze Geschichte des christlichen Den- 
kens, heute noch lebendig wie je. Diese Wirkung ist um so bedeu- 
tungsvoller, als die Gedanken Augustins niemals autoritativ als 
Norm aufgestellt worden sind. Vielmehr geht sie immer neu aus 
der Ursprünglichkeit seines Denkens, aus der Frömmigkeit seines 
Herzens, aus der Ergriffenheit seines Wesens hervor. 
Wie erscheint dieser Mann im Bewußtsein derer, die Näheres von 
ihm wissen ? Wir werden sehen, daß es fruchtbar ist, die Frage zu 
stellen. 



Das erste, was der Begegnende in Augustinus empfindet, ist die 
Kraft seiner Persönlichkeit. Aber das Wort »Kraft« genügt nicht; 
unwillkürlich drängt sich ein anderes auf, nämlich das der Leiden- 
schaft : der Sinne, des Geistes, der Frömmigkeit. 
Er stand mitten in den geistig-religiösen Auseinandersetzungen 
seiner Zeit. Als Kind war er nicht getauft worden. Kein Christ im 
genauen Sinne, hatte er bis in sein Mannesalter überhaupt keine 
feste religiöse Überzeugung; das Buch seiner »Bekenntnisse« sagt 
uns aber, wie ruhelos er nach der Wahrheit gesucht hat. Auch ein 
mächtiger Ehrgeiz war in ihm; so bildete er sich in den Wissen- 
schaften der Zeit, bis er Lehrer der Rhetorik - wir würden sagen, 
Professor der Geisteswissenschaften und zugleich der praktischen 
Betätigung im öffentlichen Leben wurde. Zuerst lehrt er in seiner 



[15] 



247 



Heimatstadt Thagaste, dann in Karthago. Dort wird es ihm zu eng ; 
er verläßt die Provinz und geht nach Rom. Die Verhältnisse sind 
aber auch da nicht günstig ; so siedelt er nach Mailand über und hat 
nun Erfolg. Welcher Drang ihn treibt, sehen wir aus einer Bemer- 
kung der »Bekenntnisse«, die sagt, er habe sich überanstrengt und 
dadurch einen Schaden an der Lunge erlitten (IX 2,4). Durch alles 
das geht aber der Kampf um die Wahrheit weiter und gipfelt 
schließlich in der großen Entscheidung, von welcher die Con- 
fessionen im achten Buch berichten: Er erkennt die Gültigkeit der 
christlichen Botschaft, glaubt und empfängt die Taufe. Das ist ein 
erster Abschluß : Augustinus hat festen Stand gewonnen. 
In seinem schönen Buch »Augustinus der Seelsorger« macht F. van 
der Meer darauf aufmerksam, wie das Interesse f ür Augustins Leben 
in der Regel an diesem Punkt erlischt. Die einen sagen: Der ruhe- 
lose Sucher ist zum Glauben durchgedrungen; fortan lebt er als 
glaubiger Christ; damit ist alles in seine Ordnung gekommen 
Die anderen sagen : Der Kämpfer ist zu einem Gehorsamen gewor- 
den, und also nicht mehr interessant. Als jene Entscheidung fiel 
war Augustinus aber dreiunddreißig, und als er starb, vierundsieb- 
zig Jahre alt. Der größte Teil seines Lebens hegt also nach ihr ein- 
undvierzig Jahre. Was geschah während dieser Zeit ? Sollte es nicht 
wichtig sein, danach zu fragen, wenn der, der sie lebte, Augu- 
stinus heißt ? 



Um die Frage in ihrer ganzen Eindringhchkeit zu empfinden, wol- 
len wir uns einen Text ansehen, der im siebenten Buch der Con- 
fessionen steht. Er soll uns deutlich machen, von welchem Rang 
dieser Mann war. 

Zuvor aber eine Bemerkung. Unter den theoretischen Schwierig- 
keiten, die sich Augustinus bei seinem Suchen nach Gott entgegen- 



248 



[16] 



stellten, war die größte, daß es ihm nicht gelang, den Geist als 
Wirklichkeit zu denken. Vielleicht wundern wir uns, da wir doch 
den Begriffso unbedenklich zu handhaben pflegen ; ob wir ihn aber 
auch wirklich vollziehen ? Nicht nur mit ihm etwas meinen, son- 
dern das Gemeinte auch innerlich sehen und durchführen ? Ob wir 
nicht Geist mit Logik verwechseln? Mit Abstraktion? Oder, auf 
dem Gegenpol der Bedeutungen, mit irgendeinem Gefühl des 
Schöpferischen, irgendeiner Begeisterung ? Ich glaube, wir haben 
Anlaß, zu zweifeln und sollten dankbar sein, wenn ein Großer mit 
solcher Ehrlichkeit sagt, was sehr wahrscheinlich auch für uns gilt. 
Augustinus wollte von Gott nicht nur reden. Ihn nicht nur mit 
einem Wort bezeichnen, sondern innerlich vor Ihn gelangen; Ihn 
empfinden, sein Wesen verstehen. Das aber - siehe die ersten Ka- 
pitel des siebenten Buches - wollte ihm nicht gelingen. Für ihn war 
nur wirklich, was man sinnenhaft sehen und greifen kann, das 
Materielle. So konnte er Gott nur als eine feine Stofflichkeit den- 
ken, und wußte doch, daß das falsch, ja im Grunde frevelhaft sei. 
Nun aber kommt er an die Schriften des griechischen Philosophen 
Plotin, welche Victorinus ins Lateinische übersetzt hatte, und eine 
unvergeßliche Stelle seines Buches berichtet Folgendes: 
»Von dort her gemahnt, zu mir selbst zurückzukehren, trat ich 
unter Deiner Führung in mein Innerstes ein; das aber vermochte 
ich, weil <Du mein Helfer wurdest). 

Ich trat ein und erschaute mit einem irgendwie gearteten Auge 
meiner Seele, über ebendiesem Auge meiner Seele, über meinem 
Geiste, ein unwandelbares Licht. Es war nicht dieses gewöhnliche 
und allem Fleische sichtbare Licht; auch nicht nur sozusagen inner- 
halb der gleichen Art größer, so etwa, als ob es viel und nochmals 
viel heller als dieses geleuchtet und alles mit seiner Größe erfüllt 
hätte. Nicht das war jenes [Licht], sondern etwas Anderes, sehr 



[17] 



249 



Anderes als alles dieses. Und nicht in der Weise war es über meinem 
Geiste, wie Öl über dem Wasser, oder wie der Himmel über der 
Erde, sondern es war höher dadurch, daß es mich geschaffen hatte, 
und ich niedriger dadurch, daß ich von ihm geschaffen war. 
Wer die Wahrheit kennt, der kennt es, und wer es kennt, der kennt 
die Ewigkeit. Die Liebe ist's, die es kennt. O ewige Wahrheit, und 
wahre Liebe, und Hebe Ewigkeit! Du bist mein Gott; nach Dir 
seufze ich <Tag und Nacht). Und gleich als ich Dich so erkannte, 
hobst Du mich auf, daß ich zu sehen vermöchte, was ich da schaute, 
sei wirklich ; ich aber sei noch nicht so, daß ich wirklich zu schauen 
die Kraft habe. Und Du strahltest gewaltig in mich ein und schlugst 
meinen schwachen Blick zurück, und ich erbebte in Liebe und 
Grauen . . . 

Und ich . . . sprach: <Ist denn deswegen die Wahrheit ein Nichts, 
weil sie weder durch begrenzte noch durch grenzenlose Räume 
und Orte ausgebreitet ist ? > Und Du riefst von ferne : < Wahrlich im 
Gegenteil : Ich bin, der Ich bin. > Und ich vernahm, so wie man im 
Herzen vernimmt, und keine Möglichkeit war mehr, zu zweifeln. 
Und leichter hätte ich daran gezweifelt, daß ich lebe, als [gedacht,] 
es gebe jene Wahrheit nicht, welche < durch das, was geschaffen ist, 
erkannt) und geistig angeschaut wird.« (7, 10, 16) 
Der angeführte letzte Satz stammt aber aus dem Römerbrief 1,20 
und besagt, daß diese »Wahrheit« Gott ist. 

Meine Freunde, wenn der Text Ihnen nahe kommt, werden Sie 
eine tiefe Bewunderung fühlen. Er ist von einer Dichte und zu- 
gleich von einer Klarheit, daß man nur sagen kann: Welch ein 
Geist, der Solches gedacht hat! Lassen Sie uns ein wenig in das ein- 
dringen, was er sagt - richtiger, was in ihm geschieht. 
Augustinus kommt in eine tiefe Sammlung und sein Seelenauge 



schaut. Damit ist nicht der Verstand gemeint, der mit Begriffen 
arbeitet; auch nicht nur die Vernunft, welche Sinngestalten ver- 
steht. Man wird kaum anders können, als hier eine religiöse Er- 
fahrung zu sehen; eine mystische Erfahrung im eigentlichen Sinne 
des Wortes. Was da schaut, ist das, was die Mystiker die »acies 
mentis«, den »hohen Grat des Geistes« nennen. Der ist kein bereit- 
stehendes Organ, das nach Bedarf gebraucht werden könnte. Die- 
ses Auge schlägt sich nur auf, wenn Gott es öffnet, indem Er sich 
kundtut. Augustinus verwendet als Ausdruck für das an sich Un- 
aussagbare das Bild des Lichtes - wir denken daran, daß Johannes 
gesagt hat: »Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in Ihm« (1, 1,5). 
Dieses Licht berührt den Schauenden, und er wird inne: Gott ist 
wirklich. 

Der Gedanke geht weiter. Augustinus sieht Gott über sich. Dieses 
»über« muß aber genau bestimmt werden. Es ist nicht jenes, das 
gemeint ist, wenn man sagt: das Öl schwimmt über dem Wasser, 
oder: der Himmel ist über der Erde. Sondern - und nun tut der 
Gedanke einen Schritt, welcher jeden, der Augustinus näher kennt, 
mit Entzücken erfüllt, nämlich den aus der psychologischen Er- 
fahrung in den metaphysischen Sinn. Er sagt: Nicht so war das 
Licht höher, als ob es räumlich oben gestanden hätte, oder seine 
Leuchtkraft größer gewesen wäre, sondern so, daß es anders war 
als er selbst; anders im Wesen und daher höher im Rang; dadurch 
anders, daß es ihn geschaffen hatte. Damit erkennt er : Gott ist nicht 
nur wirklich, sondern der eigentlich Wirkliche. Er ist der Herr, der 
Mensch aber Sein Geschöpf. Aber so ist es nicht richtig gesagt; wir 
müssen in die erste Person der Aussage gehen : Er ist mein Schöpfer, 
und ich bin Sein Geschöpf. Er ist wirklich von Wesen und in Ho- 
heit, »Der, der da ist«; ich bin wirklich nur von Gnaden, seiend 
durch Ihn. 



250 



[18] 



[19] 



251 



Das versteht Augustinus, und er sagt: »Wer die Wahrheit kennt, 
der kennt dieses Licht. « Es ist nicht nur Wirklichkeit, sondern Fülle 
des Sinnes. Jenes Gültige, im Geiste Gebietende, aber ebendadurch 
Frieden Gebende, das wir erfahren, wenn wir nach sorgfältiger 
Denkbemühung feststellen: so ist es, und das wir »Wahrheit« 
nennen - von dem sagt Augustinus, Gott sei die Wahrheit einf ach- 
hin. So oft wirWahrheit erkennen, erkennen wir etwas, das ewig 
in Gott steht. Weiter sagt der Text : »Die Liebe erkennt es. « Gott ist 
nicht nur wirklich, nicht nur wahr, sondern Er ist kostbar. Herr- 
lichkeit, die auf die Knie wirft ; Trank, der den Durst löscht ; Schatz, 
der beseligt. Er ist Jenes, von dem der Mensch, wenn er es berührt, 
sagt: Keines anderen bedarf ich mehr. So heißt es schließlich mit 
wunderbarer, ganz augustinischer Ursprünglichkeit: »Und ich 
vernahm, so, wie man im Herzen vernimmt. « Nicht nur der Ver- 
stand und die Vernunft sind es, die das Sich-Kundtuende erfassen, 
sondern das Herz, in welchem die Wahrheit als Wert erfahren 
wird. Daraus kommt jene Gewißheit, nach der Augustinus ge- 
hungert hat, »und keine Möglichkeit ist mehr, zu zweifeln«. 
Auf diesen Gott hin richtet sich die absolute Ehrfurcht des Ge- 
schaffenen für den Schöpfer; die friedengebende Gewißheit des 
endlich Erkennenden, aber auch die Seligkeit der Liebe, welche 
weiß : das ist Alles, und es genügt. 

Wir haben den Text noch lange nicht erschöpft. Wenn wir die 
Analyse fortsetzten, würde sie uns zu noch erhabeneren Höhen und 
in noch innigere Tiefen führen. Was wir gefunden haben, reicht 
aber wohl hin, um uns das Gefühl zu geben : Welch ein Geist ! Wie 
rein schaut sein Blick; wie scharf arbeitet sein Denken; wie genau 
benennt sein Wort; mit welcher Sicherheit bewegt er sich auf den 
verschiedenen Ebenen des Seins ! Was wird er tun, nachdem er 



durch die Mühen, Kämpfe, Erfahrungen der voraufgegangenen 
Jahre zur »Wiedergeburt aus dem Wasser und dem Geiste « (Joh 3 , 5) 
gelangt ist ? 

Das neunte Buch der Bekenntnisse sagt uns, was er selbst in dieser 
Hinsicht gehofft und geplant hat: sich aus dem Gewirr des Tages 
in eine durch Entsagung ermöglichte Stille zurückzuziehen; darin 
mit Gleichgesinnten ein Leben der Meditation und inneren Läu- 
terung zu führen; in einsamem Denken, aber auch in erleuchteter 
Gemeinschaft die Kräfte des Geistes auf die Erkenntnis der heiligen 
Wirklichkeit zu richten. Auf diesem Wege wäre es ihm wohl ge- 
lungen, das große Werk zu schaffen, das ja nicht geschaffen worden 
ist, und durch welches das Erbe des antiken Geistes, seines Verhält- 
nisses zum Sein wie seiner Suche nach der Wahrheit, in den christ- 
lichen Raum geholt - ebenso wie umgekehrt der Inhalt der christ- 
lichen Botschaft mit Hilfe der dort gefundenen Einsichten entfaltet 
worden wäre. 

Er fängt auch tatsächlich mit der Verwirklichung dieser Absicht an. 
Zur Zeit seiner Bekehrung ist ja eine solche Gemeinschaft in Cassi- 
ciacum bei Mailand schon da. Nach seiner Taufe tut er allen Ehr- 
geiz irdischen Forschens, alle Wünsche nach Erfolg und Ansehen 
von sich und kehrt in seine Heimat zurück. Dort gründet er die 
Gemeinschaft neu. Die Vereinigten leben zusammen, beten, den- 
ken, führen Gespräche, und alle Vorbedingungen fruchtbarsten 
Schaffens scheinen gegeben. Aber wenige Jahre, und Gottes Hand 
ergreift ihn: er wird Bischof von Karthago und muß die Last der 
Diözese auf seine Schultern nehmen. 

Vielleicht fragen Sie, was man dagegen einwenden könne ? Es sei 
doch richtig, wenn dieses Amt der größten Persönlichkeit anver- 
traut werde - ebenso wie es für diese selbst keine edlere Möglich- 



252 



[20] 



[21] 



253 



keit zur Auswirkung ihrer Kräfte geben können. Das ist wahr ; was 
bedeutet aber ein solches Amt für einen Menschen, der nach Stille 
lechzt, auf daß er sich sammeln und vertiefen, erfahren und denken 
könne ? Was bedeutet es für einen Künstler, welcher der Freiheit 
bedarf, um das Geschaute und Erkannte auszusprechen; in Muße 
an Sätzen und Kapiteln und Büchern zu arbeiten? Da hat für 
Augustinus ein Leben des Leidens begonnen. 
Im Jahre 396 ist er Bischof geworden ; 430 ist er gestorben. Vierund- 
dreißig Jahre lang hat er also das Amt verwaltet. Die von ihm han- 
deln, denken viel zu wenig daran, was das für einen Mann bedeu- 
tete, der von Ideen so voll, vom Drang der Gestaltung so getrieben 
war; so sensiblen Wesens und, was ebenfalls ins Gewicht fällt, so 
schwankender Gesundheit. 

Augustinus war kein Mann, der ein Amt übernommen, sich aber 
reichliche Zeit für persönliches Schaffen freigehalten hätte. Er hat 
es nicht nur gewissenhaft, sondern mit aller Bereitschaft der Liebe 
geführt; was das aber bedeutete, kann das vorhin genannte Buch 
van der Meers nahebringen. Der Bischof war damals nicht nur, was 
er heute ist, nämlich das geistliche Oberhaupt der Diözese, son- 
dern er hatte auch die Gerichtsbarkeit in all jenen Dingen, die nicht 
unter das Straf recht fielen. Die Folge war, daß alle Armseligkeiten 
des Daseins bei ihm zusammenkamen. Sobald Titus einen Streit 
mit Caius wegen seines Äckerchens hatte, ging er zum Bischof, und 
der mußte die Sache in Ordnung bringen. Wenn Caius sich mit 
Sempronius in einer Erbschaftssache nicht einigen konnte, hatte der 
Bischof zu schlichten. Was heißt das aber ? Augustinus predigte 
sehr oft; wir haben ja viele seiner Predigten, zum Teil in genauen 
stenographischen Aufnahmen; er sorgte sich um den geistigen 
Stand der Diözese; er griff bestimmend in die Lehrstreitigkeiten 
der Zeit ein und hatte die Leitung der Diözesankonzilien - wurde er 



254 



[22] 



dann außerdem noch von all den Menschen angegangen, die Hilfe 
und Recht in ihren täglichen Nöten begehrten, was blieb ihm da an 
Muße für sich selbst ? Die Conf essionen erzählen, wie er in Mailand 
zu Ambrosius kam und sah, daß der große Mann keine freie Zeit 
für sich fand, weil immerfort Menschen auf ihn eindrängten: so 
ging es ihm selbst. Und schlimmer noch als Ambrosius, weil in 
seinem Geiste iinvergleichlich reichere Kräfte zum Schaffen dräng- 
ten als in dem mehr auf Ordnung und Regierung angelegten ehe- 
maligen Prokonsul. 

Nun will aber doch sein Werk entstehen: die Deutung des Men- 
schen und der Welt aus der Offenbarung; der Aufbau der christ- 
lichen Wahrheit in ihrem inneren Zusammenhang ; das Verständnis 
der christlichen Geschichte, wie sie sich in der so furchtbar bedräng- 
ten Gegenwart verdichtete - wann, und wie, und durch welche 
Kräfte konnte das geschehen? Das Leben Augustins muß eine 
beständige Entsagung und Überanstrengung gewesen sein. Da ist 
er zu dem geworden, was bei seiner Würdigung meistens ver- 
gessen wird : zum Heiligen. Thomas von Aquin ist heilig geworden 
durch die alles andere ausschließende Bemühung um die Wahrheit 
der Offenbarung ; Augustinus, möchte man sagen, dadurch, daß er 
immer wieder das Denken um der Liebe willen opferte. 
Das neunte Buch der Bekenntnisse berichtet über ein Gespräch, das 
er auf der Rückfahrt nach Afrika mit seiner Mutter in Ostia geführt 
hat; einen »Aufstieg des Geistes zu Gott«, der zur Mächtigkeit pla- 
tonischer Gedankengänge die tiefe Innigkeit christlicher Gottes- 
erfahrung hinzugewinnt. Er ist beherrscht vom Gedanken, daß die 
Geschöpfe schweigen müssen, wenn jene Stille eintreten soll, in 
welcher Gott reden kann. Augustinus hat nach dieser Stille ge- 
hungert, nach einer Lebensform verlangt, die sie leichter ermög- 
lichen würde, aber er hat immer im Lärm der menschlichen Nöte 



[23] 



255 






leben müssen. Das hätte ihn zerstört, wäre in ihm nicht eine Liebe 
erwacht, die anders war, als der Eros Piatons und die Absolutheits- 
sehnsucht Plotins. Es war die Liebe zu den Menschengeschwistern, 
die ihm durch sein Amt von Gott anvertraut waren. 

Das ist Augustinus, meine Freunde - und sagen wir nicht, er habe 
trotz allem sein Werk geschaffen. Das Werk, das eigentlich hätte 
werden sollen, hat er eben nicht schaffen können. Das wird nicht 
ausdrücklich gesagt; aber der Gedanke drängt sich auf, wenn man 
näher mit ihm umgeht. 

Man braucht nur das Buch zu betrachten, das in seinem Leben und 
in seinem Nachruhm eine so große Rolle spielt, die »Civitas Dei«, 
den Gottesstaat. Wohlmeinende, aber nicht sehr erleuchtete Lob- 
redner sprechen von der Größe und dem Glanz des Werkes; in 
Wahrheit offenbart es die ganze Lebensmühsal seines Verfassers. 
Zu seiner Fertigstellung hat Augustinus zwei Jahrzehnte gebraucht ; 
und jeder, der etwas vom Handwerk versteht, sieht, wie es in 
kärglich bemessenen freien Stunden zusammengeholt ist. Hätte 
sein Verfasser in Muße schreiben können, dann wäre es zur großen 
Synthese gediehen. Am Leitgedanken der Geschichte von Gottes 
Reich hätte es dargestellt, was die vorchristliche Welt war und die 
christliche werden sollte; das ist aber nicht wirklich zu Stande ge- 
kommen. Das Buch ist erschütternd zu lesen; aber man liest es 
zugleich in tiefer Bewunderung, denn man sieht darin das bestän- 
dige Opfer denkerischer und künstlerischer Möglichkeiten für 
den Mann, der gerade hereinkam, vom Streit mit seinen Nachbarn 
erzählte und verlangte, der Bischof solle ihm helfen. 
Augustinus hat auf die Ewigkeit hoffen müssen. Was er in der Zeit 
hätte schaffen können, das hat er, glaube ich, nicht schaffen dürfen, 
um der Liebe willen. 




256 



[24] 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis . 1. Auflage 1956 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



i 




WAHRHEIT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 
GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen'; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was skm St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



UNGARN 



UNIVERSITYsf 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 



.CK 

v.1.1 



Am heutigen Tage zu Beginn des Semesters, soll unser Blick 
sich auf das richten, was im Osten, in Ungarn geschehen 
ist und noch immer weiter geschieht. Das Gewissen fordert es, 
und wir dürfen seinem Anruf nicht ausweichen. 
Es versteht sich von selbst, daß wir darüber nicht in politischer 
Weise reden können. Auf der Kanzel darf, wenn auch in alle Un- 
zulänglichkeiten des Menschen gehüllt, nur Gottes Wort laut wer- 
den. So werden wir zu fragen haben, was dieses Wort zu jenem 
Geschehen zu sagen hat. 

Was man da getan hat, ist von so schauerlicher UnmenschHchkeit, 
daß es uns enthüllt, wie es mit dem Menschen steht. 
Schicken wir aber eine Besinnung voraus : Wie denkt unsere Zeit 
den Menschen ? Sie denkt ihn in einem Bild, worin sich Wissen- 
schaft und Phantasie seltsam mischen. Danach hat sich, vor rund 
einer Milliarde von Jahren, aus der toten Materie das Leben gebil- 
det; warum und wie, weiß niemand. Das hat dann begonnen, sich 
zu rühren. Warum das so sehr verletzliche Leben sich erhalten hat, 
statt gleich wieder zu Grunde zu gehen, weiß man ebenso wenig; 
es wird als selbstverständlich angenommen. Es hat sich aber nicht 
nur in seiner ersten, primitivsten Form erhalten, sondern sich zu 
immer reicheren, wertvolleren Gestalten emporgebildet. Auch da- 
für ist von den uns bekannten Voraussetzungen her kein Grund er- 
sichtlich. Es gibt aber einen ZauberbegrifF, der zwar keine Wissen- 
schaft ist, jedoch dafür angenommen wird, nämlich den der »Ent- 
wicklung«. Er soll das Rätsel erklären. Wenn wir bei der Sache 
bleiben, müssen wir sagen, das Leben hätte auch in einer Früh- 



[3] 



259 



form stehen bleiben, ja, es hätte sich zu einer Krüppelform ver- 
bilden können. Warum im Gang seiner unzähligen Generationen 
eine aufsteigende Linie deutlich wird, weiß, sobald sie redlich 
bleibt, kerne Wissenschaft. Der Gläubige weiß es: Gott hat diese 
geheimnisvolle Steigekraft in das Leben gelegt. 
Es hat sich also entwickelt, und in einem bestimmten Augenblick 
- sagt die Theorie weiter - ist aus irgendeiner Tierform der Mensch 
entstanden. Abermals muß festgestellt werden, daß die Wissen- 
schaft, wenn sie redlich bleibt, dafür weder ein Warum, noch ein 
Wie zu nennen vermag. Aber auch dieses Rätsel wird durch den 
Zauberbegriff zugedeckt. Ja, er wirkt weiter; denn der so ent- 
standene Mensch hat in sich den Drang, auch als Mensch immer 
wertvoller zu werden, immer höher zu steigen. Und zwar nimmt 
dieser Drang im Raum der Menschengeschichte eine neue Form 
an: die des »Fortschritts«. Auch sie hat die Macht, Lösungen vor- 
zutäuschen, wo keine sind. Denn warum der Mensch zu immer 
Höherem fortgeschritten ist, statt in irgendwelchen Frühformen 
stecken zu bleiben, oder gar unter dem Druck der damaligen un- 

vorsteUbarschwerenDaseinsbedingungenzu entarten, weiß wieder 
niemand. Auch hier hat nur der Glaubende von der Offenbarung 
her die Antwort: weÜ Gott dem Menschen nicht nur eine Gestalt 
sondern einen Auf trag gegeben hat, der sich imGang derGeschichte 
auswirkt. Die Neuzeit denkt aber, im Menschen wirke ein Gesetz, 
das ihn im Gang der Geschichte mit Notwendigkeit zu immer 
höherer Leistung, immer reicherer Entfaltung seiner Kräfte, immer 
edlerer Gesinnung vorantreibt. 

So geht es also voran, durch Millionen von Jahren - bis schließlich, 
im Jahre 1956, geschieht, was in Ungarn geschehen ist! 



260 



[4] 



Meine Freunde, lassen Sie diese Dinge an sich herankommen. Es 
hangt viel davon ab, daß Sie hier wirklich sehen und begreifen 
Was in dem unglücklichen Land geschehen ist - und weiter ge- 
schieht - ist nicht von Dschingis-Khan vollbracht worden, sondern 
von einem Staat, der sich selbst den modernsten, den leistungs- 
machogsten, kurzum, den in jeder Beziehung fortgeschrittensten 
nennt. Von dem Staat, der jedes Heil bringen wird. Sagt uns das 
nicht etwas darüber, wer der Mensch in Wahrheit ist ? Wenn wir 
die Zauberwörter von »Entwicklung« und »Fortschritt« dorthin 
werfen, wohin sie gehören, nämlich zu den Mitteln, durch die der 
Mensch sich selbst betrügt t Und uns vor Augen halten, daß solche 
Dinge nicht etwa nur drüben, sondern auch bei uns geschehen 
sind, zwölf Jahre lang ? Denn wie könnte ein anständiger Mensch 
die Millionen von Unschuldigen vergessen, die bei uns gequält und 
getötet worden sind ? 

Ja Ähnliches geschieht auch jetzt noch, bei uns und anderswo. Man 
muß es nur sehen wollen. Muß nur willens sein, das Wesentliche 
auch in milderen Erscheinungsformen zu erblicken. Nehmen Sie 
eine alltäglich gewordene Erscheinung, die Sie alle kennen : Wenn 
die Illustrierte oder die Wochenschau Bilder bringen, auf denen 
Frauen über ihre getöteten Männer und Kinder weinen - haben da 
Photograph und Redaktion nicht im Grunde etwas Ähnliches ge- 
tan wie jene, die getötet haben? Ist nicht auch in ihnen die Ehr- 
furcht vor dem Menschen erloschen? Haben nicht auch sie den 
Menschen als » Objekt« genommen ? Und geschieht das nicht in der 
ganzen Welt, auch in der fortgeschrittensten, demokratischsten, 
freiheitlichsten? 

Was folgt daraus ? Daß es nichts ist mit dem Fortschrittsdogma 
dieser Verderbnisform der christlichen Lehre von Gottes Vor- 
sehung! Sie verstehen, wie ich das meine. Natürlich gibt es ein 



[5] 



261 



' 



Vorwärtsstreben zum Besseren. Wir alle arbeiten ja daran, daß die 
Wissenschaft immer tiefer in die Probleme eindringe; die Technik 
die Aufgaben der Weltgestaltung immer vollständiger bewältige; 
die Hygiene dem Leben immer gesündere Bedingungen schaffe' 
Kommt aber dabei auch der Mensch in seiner Menschlichkeit 
voran? 

Es ist falsch und gefährlich, den Menschen als das Wesen zu be- 
stimmen, das fortschreitet. Nein, er ist das Wesen, das durch keinen 
Fortschritt gesichert ist, sondern sich immer aufs neue zwischen Gut 
undBöse, zwischen Edel und Gemein entscheiden muß. DieseNot- 
wendigkeit, sich zu entscheiden, bestand schon für den frühesten 
Menschen, und wird noch für den spätesten bestehen. Und jedesmal 
kann er alles zum Besseren, aber auch zum Schimmeren wenden 
denn er ist, trotz aller Scheingesetze psychologischer oder soziolo^ 
gischer Art, Herr seines Tuns. So stehen die Dinge, undnicht anders. 

Vielleicht sagen manche von Ihnen: Gut, das sehen wir ein. Aber 
angesichts all der Schrecknisse möchten wir wissen, was wir tun 
können, und hätten recht. 

Auch auf diese Frage kann ich hier nichts Politisches antworten. 
Allenfalls die Hoffnung aussprechen, der Westen möge doch end- 
lich den Nebel der Propaganda wegtun und sehen, was drüben in 
Wirklichkeit ist. Doch das gehört nicht hierher. Das aber könnte 
dem Fragenden geantwortet werden: Er solle helfen; er solle ge- 
ben. Und, meine Freunde, ernsthaft geben, nicht bloß ein Almosen. 
So geben, daß er es spürt. So, wie er es tun würde, wenn ein Mensch 
in Bedrängnis käme, der ihm teuer ist. Ein altes Wort sagt- 
»Brennen soll die Gabe auf deinen Händen, bis du sie dem gereicht 
hast, der ihrer bedarf. « In allen Zeitungen steht, wohin man geben 
kann; und der Caritasverband ist auf jeden Fall da. 



262 



16] 



Bei dieser Gelegenheit wäre es auch gut, sich daran zu erinnern, wie 
leicht der heutige Mensch die Verpflichtung des Helfens auf den 
Staat abwälzt. Gott wird uns nicht danach fragen, ob wir in einem 
Gemeinwesen gelebt haben, das eine gute Sozialfürsorge organi- 
siert, sondern ob wir selbst auf den Ruf geantwortet haben, den die 
Not an uns gerichtet hat. 

Der Fragende könnte ein Zweites tun, nämlich das, was drüben 
gescheht, in sein Gebet hereinnehmen. Wie ist das: Haben wir 
schon für die Welt gebetet, daß ihre unendliche Not sich lindere l 
Für den Gang der Geschichte, daß er richtig gehe , Tragen wir das, 
was che Nachrichten melden, vor Gott ? Wenn wir uns abends zur 
Ruhe legen; haben keine Mörder vor der Türe, sondern können in 
Frieden schlafen - denken wir dann vorher an jene, die es nicht 
können ? Ich weiß, wenn man das tut, kann einem zuMute werden 
als ob man von einem Windhauch erwartete, er werde einen Berg 
umwerfen. Aber in der Schrift steht, Gott »lenke die Herzen der 
Machtigen wie Wasserbäche«. Wo haben die Geschehnisse der Ge- 
schichte, auch die breitesten und gewaltigsten, ihren Ursprung 
wenn nicht in Herz und Geist des Menschen ? Kann sich dort nicht 
mjedem Augenblick ein neuer Entschluß bilden und den Gang der 
Dinge wenden, wenn das Gebet der Gnade des Herrn den Weg zur 
Freiheit der Handelnden öflhet ? 

Dann aber etwas anderes. Lassen Sie mich ein Bild aufrufen. Wenn 
wir in ein Zimmer treten, wo ein Mensch große Schmerzen leidet 
vielleicht auf den Tod zugeht : können wir in diesem Zimmer Be- 
üebiges tun ? Können wir, an seinem Bett sitzend, überlegen wie 
wir es anstehen müssen, um uns einen Vorteil zu verschaffen 1 Öder 
uns etwas Angenehmes schmecken lassen? Oder lachen und uns 
amüsieren? Würde der Anstand uns nicht zur Ordnung rufen» 



[7] 



263 






Würde er nicht sagen : So lange du dich in der Gegenwart des Lei- 
dens befindest, steh auch dazu ? Aber, meine Freunde, wir befinden 
uns doch in einem Raum, in dem ein Mensch, ein Volk Furchtbares 
leidet, gequält wird, stirbt! Europa ist so klein geworden, daß es in 
kürzester Zeit überflogen werden kann - die Ungarn sind in un- 
serem Zimmer, wenn die Kälte unseres Herzens und der Lärm des 
Betriebes nicht Wände zwischen ihnen und uns aufrichten! 
Lassen wir den Blick dieser Leidenden doch zu uns kommen. Blei- 
ben wir stehen in diesem Blick. Rennen nicht gleich zum nächsten 
Wichtigen und Interessanten und Amüsierenden fort! Sagen wir 
uns : In diesem Raum, Europa genannt, wo so Grausiges geschieht, 
kann ich nicht leben, als ob das nicht geschähe. Damit ist nichts 
Übertriebenes gemeint. Gemeint ist, daß es uns ernster mache. 
Ernster in der Erfüllung unserer Pflichten, auch und gerade der 
schweren. Strenger in der Art, wie wir leben. Härter gegenüber 
Genuß und Vergnügung. Und wenn das beschwerlich wird, 
müssen wir denken: Wie, wenn ich selbst drüben wäre ? 

Dann aber ein Zweites : Wir wollen aus jenem furchtbaren Ge- 
schehen für uns selbst lernen. Alle menschlichen Dinge - auch die 
am lautesten donnern, am stärksten die Öffentlichkeit erschüttern - 
haben im Herzen des Menschen, bestimmter Menschen ange- 
fangen. Wollen wir also lernen, so müssen wir uns sagen: Die An- 
triebe zu dem, was in Ungarn geschehen ist, sind auch in uns. Es ist 
nicht so, daß »da drüben« Verbrecher wären, und »hier hüben« 
brave Leute, nämlich wir selbst! Sondern wir sind Menschen, wie 
jene es sind. Und es kommt nur auf die Gelegenheit an, ob das ver- 
borgene Böse durchdringt und in welcher Weise es das tut. 
So sollten wir das Furchtbare dort drüben als Zeichen verstehen, 
das uns offenbar macht, was in uns ist. Dazu bedarf es keiner tief- 



j 



264 



[8] 



grabender Analysen ; es kann durch ganz einfache Fragen ans eigene 
Gewissen geschehen : Wie verhalte ich mich fremder Not gegen- 
über ? Wie benehme ich mich, wenn die Situation mir Macht in die 
Hand gibt ? Wie behandle ich den Schwächeren ? Wie setze ich 
meinen Nutzen gegen den Anderer durch? Und so weiter; ich 
brauche keine Register zu geben. Ihr eigenes Herz wird Ihnen 
sagen, wohin die Fragen gehen sollen - auch und gerade die un- 
angenehmsten, nämlich jene, die unsere eigene Schwäche treffen. 
Dann wird jenes Geschehen zu einem Spiegel und zeigt, wie es mit 
uns steht. 

Es gibt im Menschen eine Neigung, die alles Lernen solcher Art 
erschwert: die, zu vergessen. In einem gewissen Maß muß ja Ver- 
gessen sein; wie könnten wir sonst leben? Ein schwermütiger 
Mensch, dem ein erfahrenes Schrecknis wie mit Widerhaken im 
Gemüt sitzt, muß es lernen, weil er sonst nicht weiterkommt. Von 
einem solchen rede ich nicht. Ich rede von den Vielen, die es nur 
allzu gut können. Sie sehen, hören, lesen, sind im Augenblick be- 
wegt, dann kommt etwas anderes, und alles ist weg. Erinnert man 
sie aber, dann sind sie gereizt: »laß mich doch in Frieden!«, sagen 
sie. Das sind die Menschen, für welche das Furchtbare, das in den 
zwölf Jahren bei uns getan worden, weggetan und verschwunden 
ist. Mahnt man sie aber daran, dann werden sie böse: »Schweig 
doch endlich davon. Wir wollen leben und uns freuen können. 
Was gewesen, ist gewesen. « Falls das Vergessen nicht so tief geht, 
daß sie mit wirklicher Entrüstung erklären, das alles sei nicht wahr, 
es sei Propaganda und was noch. Diese Menschen meine ich, und 
zu ihnen gehören in irgendeiner Beziehung die meisten von uns. 
Wir wollen gegen dieses große Hindernis auf dem Weg zum 
Besseren und Edleren wachsam sein. Wir wollen nicht vergessen; 
dürfen es nicht. Wir wollen an das Geschehene denken und daraus 



[9] 



265 



lernen. Wir wollen nicht fortlaufen, sondern im Blick des Schreck- 
lichen ausharren, und daraus Konsequenzen für unsere eigene 
Verantwortung ziehen. Dadurch wird von Geschehenem gewiß 
nichts ungeschehen gemacht. Aber einst, im Gericht, wird es sich 
vielleicht doch als etwas Versöhnendes offenbaren, wenn die Un- 
menschlichkeit uns zum Anlaß geworden ist, gerechter und He- 
bender zu werden. 

Aber noch eine Bitte. Sollte in dem, was gesagt worden ist, irgend 
ein Klang von Schulmeisterei oder Selbstgerechtigkeit gewesen 
sein, dann verzeihen Sie das. Es war nicht so gemeint. Wir sind zu- 
sammen gerufen und wollen zusammen antworten. 
Und möge Gott unsere stumpfen Herzen berühren, daß sie ein 
wenig besser verstehen, was, nach Gottes Sinn, das Leben des Men- 
schen bedeutet. 






DER ANFANG ALLER DINGE 

Eine Auslegung der ersten drei Kapitel der Genesis 



I 



DIE FRAGE NACH DEM ANFANG 



b 



266 



[10] 



* 
* 



LIEBE FREUNDE, 



Die Sonntagsbetrachtungen dieses Semesters sollen dem Buch 
gewidmet sein, mit dem die Heilige Schrift beginnt, der 
Genesis - näherhin seinen drei ersten Kapiteln. 
»Genesis« bedeutet Entstehung. Das Buch, das so heißt, sagt uns in 
den genannten Kapiteln, wie alles begonnen hat: die Welt, der 
Mensch, die Schuld und die Erlösung. So legt es den Grund für alles, 
was nachher im Lauf der Offenbarung gesagt wird. 
Wir wollen dem, was sie sagen, sorgsam nachgehen. Dabei wollen 
wir nichts abschwächen, nichts an die Meinungen von Tag und 
Zeit anpassen, sondern uns die heilige Botschaft in der ganzen 
Größe ihres Geheimnisses zu Bewußtsein bringen. Anderseits aber 
auch nicht beim bloßen Wortlaut stehenbleiben, sondern zur Tiefe 
vorzudringen suchen, aus welcher der Sinn des Gesagten erst wirk- 
lich klar wird. 



Die Frage nach dem Anfang, nach dem, was zuerst war, ist eine 
der Urf ragen, die der Mensch stellt. Sie ist in seinem Wesen grund- 
gelegt. Er trifft auf die Dinge, und will zuerst wissen: Was ist das ? 
Dann aber gleich : Wo kommt es her ? Was war vor ihm ? Und so 
immer weiter zurück, bis er zur Frage gelangt: Was war zuerst? 
Woraus ist alles Spätere geworden ? 

Wenn man an einem Fluß steht, erwacht ganz von selbst die Über- 
legung: Wo kommt er her? Und es wäre eine große Lehre dar- 
über, wie überhaupt die Dinge unserer Welt bestehen, wenn man 
dann hinaufwandern könnte, immer weiter an seinem Ufer ent- 
lang, bis zur Quelle. Dort würde man eine eigentümliche Ruhe 
empfinden: Hier beginnt er! Hier entspringt, was nachher, auf 



[13] 



269 









düS ^ L i T CrfWt WaChsCnd ' ZU dem *»*»» Orte führt, 
iese O T ^T : ^ MÜndUng *" Meer - Und ™ würd 

sxssr der QueUe überhaupt «***■• d - 

ä£Sä*T Ersten ' dem **■* k - - * ** 

S IT e ; nat ™ enschaf ^ tun. Etwa würde man von der 
Fülle lebendiger Gestalten ausgehen, denen wir in der Welt be- 
gegnen und forschen, wie siegeworden sind. Würde dieReihe der 
Entwicklungsstufen zurückverfolgen, um schließlich bei einer er- 
sten anzulangen, welche »die Quelle« aller späteren wäre. Bei ihr 
wurde der Geist die Ruhe empfinden, welche das Erste dem gib 
der den Fortgang erlebt ha, Bald aber würde er weitergetrieben 
werden und fragen: Aber woher kommt das erste Leben f Und *e 
Suche wurde neu beginnen . . Seine Frage könnte auch an der Ge- 
schichte ansetzen; an den wirtschaftlichen, politischen, kulturellen 
Erscheinungen und wissen wollen, was jeweils vorh r war und 
noch emmal früher, und so immer weiter zurück, bis er zu In 
ersten erreichbaren Formen geschichtlichen Daseins käme. Ge- 
knge es ihm wirklich an den ersten Anfang zu kommen, d^n 
wurde er auch dort jene Ruhe finden, von welcher die Rede^aT 

vtm W e / raS ? ber "t -*" SteUen ' Reitet nicht so ^ 
vom Wissensdurst des Intellekts als vom Verlangen des persön- 
lichen Menschen, sich selbst zu verstehen. Ähnliches tut jaWer 
7X l V SS 1 ^ Vorwärtsd -gens das Bedarf*«^ 

Sit". t n ' "" Leben ZU durchf o-hen, dessen Zu- 

sammenhange zu erkennen und anderen zu erzählen, wie es ge- 
gangen ist Auch er sucht nach einer Quelle, der seinigen. Er fühlt 
das Vergehen und versichert sich seines Beginns. So feht er übe 



270 



die Zeiten der Arbeiten und Kämpfe zurück zur Jugend, und weiter 
zur Kindheit, und würde seinen Willen ganz erreichen, wenn er 
verstehen könnte, wie er aus dem Leben der Eltern und aus dem 
Hauch Gottes geworden ist. Darin würde er seiner selbst innig ver- 
gewissert sein. 

Eine Frage von solcher Art ist es, auf welche die Offenbarung ant- 
wortet. Ihre Antwort hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Ich er- 
innere mich gut, mit welcher Mühe man noch zu Beginn dieses 
Jahrhunderts zu zeigen versuchte, inwiefern der Schöpfungs- 
bericht der Schrift mit den Ergebnissen der Wissenschaf t überein- 
stimme. Das war eine Sisyphusarbeit, denn die Lehre der Genesis 
vom Anfang hat weder mit Naturwissenschaft noch mit Früh- 
geschichte etwas zu tun, sondern richtet sich an den Menschen, der 
in Frömmigkeit fragt: Wo entspringt die Quelle meines Daseins ? 
Was bin ich ? Was ist mit mir gewollt ? Von woher soll ich mich 
verstehen ? 

Versuchen wir, diesen Weg zur Quelle zurückzulegen. In raschen, 
ganz raschen Schritten natürlich, zwischen denen nur allzu vieles 
zu fragen bleibt. 

Denken wir uns, zur Zeit Christi wäre jemand nach Jerusalem ge- 
kommen und hätte gefragt: »Was ist das Wichtigste in Eurer 
Stadt ?« Darauf hätte man ihm wohl geantwortet: »Der Tempel«. 
Er hätte dann weitergefragt: »Und warum?« Darauf hätte sein 
Gewährsmann vielleicht erwidert, was die Apostel gesagt haben, 
als sie mit Jesus den Tempel verließen: »welcher Bau, welche 
Steine ! « (Mk 13,1)- denn der Tempel, den Herodes errichtet hatte, 
war ein prunkvolles Werk. Das wäre aber noch nicht die eigent- 
liche Antwort gewesen; die hätte gelautet: »Der Tempel ist Gottes 
Haus. « Ort des heiligen Wohnens in jenem Sinne, wie es sich in den 



[14] 



[15] 



271 



I 

I 

1 






i 



Worten des Knaben Jesus ausdrückt, als dessen Eltern Ihn nach 
Wem Suchen im Tempel wiederfanden und Er sagte: *£■ 
habt Ar mich gesucht ? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein m7 
was meines Vaters ist ? « (Lk 2, 49) ' 

da m - «Nein«, wäre die Antwort gewesen; »Herodes hat ihn ge- 

m ITgS " w eren ' t 11 "- Volk errichtet ^ ** 

aus der Gefangenschaft in Babylon zurückkam. Und vor diesem 
war noch einmal ein anderer da, der erste, glorreichste, den" 
fast tosend Jahren Salomon, der dritte König, errichtet ha, , 

euer Volk f ^ 7^ *" "*" M ^™ = »War denn 
euer Volk immer in diesem Lande« - »Nein, wir sind herge- 
kommen, aus Ägypten, vor fast anderthalb tausend Jahren. Dort 
haben ^ J Zdt fa ^^ ^ ^^ ^ o 

Gott einen Mann gesendet, der Moses hieß und gewaltig und 

runT" ^ - ^ * WÜSte ^ührtfGott Lt 
mit uns gewandert. « 

er sagt. Gott ist über jedem Ort, so ist Er überall und braucht nicht 
zu gehen um von einem Land ins andere zu gelangen. Es ist'be 

Vo t wir ^ °f S K ft ZUm GehdmniS ^ HeÜS ' da * Er bei -inem 
Volk war und mit ihm gewandert ist. Die sechs ersten Bücher der 

W Tu V ° n di T m Gehdmnis > wori » bereits das des 

Tempels beginnt, um sich in Gottes letztem Ankommen, der 
Menschwerdung, zu erfüllen. 

Aber der Mann ist noch nicht zufrieden: »Wart ihr denn vorher 
immer m Ägypten , « - . Nein, unsere Ahnen sind dorthin gezogen 
zur Zeit der großen Hungersnot, als sie noch erst wenig! wafen' 
Dann sind sie dort gebheben, zuerst im Frieden, später in harS 
Knechtschaft. , - » Und euer erster Ahn , , - , Das w£ Abrlm E 



hat zuerst in Chaldäa gewohnt. Dann hat ihn Gott berufen und ihm 
verheißen, er werde zu einem großen Volk heranwachsen. Dieses 
Volk solle Gottes Volk sein, und durch es werde Er seinen heil- 
bringenden Willen vollziehen. Und das sind nun wir.« 
»Vor Abraham aber: was war da ? « - »Da war die dunkle Zeit, in 
welcher der Zusammenhang des Heils nur wie ein feiner Faden 
weiterlief, umgeben, ja fast erdrückt von der schweren Gottes- 
fremde der Schuld. « - » Schuld, sagst du : welcher Schuld ? « - »Der 
Schuld des ersten Menschen, der Gottes Vertrauen verraten und 
versucht hat, sich selbst zum Herrn des Daseins zu machen. « 
» Und wie ist der geworden ? « - »Gott hat ihn geschaffen, als Mann 
und Weib, in der Herrlichkeit Seines Ebenbildes ; aus dem Staub 
des Ackers und dem Hauch Seines Mundes. Er hat ihm die Erde 
anvertraut, und alles war im Frieden der ersten Liebe. Alles war 
dem Menschen Untertan, dieser selbst aber diente Gott, und das war 
das Paradies. « 

» Und die Erde selbst ? Der Himmel und alle Dinge zwischen Him- 
mel und Erde? Woher sind die gekommen?« - »Gott hat sie ge- 
schaffen. Und keiner brauchte Ihm zu helfen, noch mußte Er dazu 
einen Stoff suchen, noch bedurfte Er eines Werkzeugs ; sondern 
seine Weisheit hat alles erdacht, und Er hat geboten, und es 
war da. « 

So würde der Weg des Fragens zurückführen zum Anfang aller 
Dinge; das erste Kapitel der Schrift aber berichtet, wie dieser 
Anfang sich vollzog. Der Bericht - wir sagten es bereits - hat nichts 
mit Wissenschaft zu tun, sondern ist ein gewaltiger Hymnus, der im 
Bild einer Woche schildert, wie der göttliche Werkmeister mit 
Weisheit und Macht und hebender Sorgfalt in sechs Tagen der 
Arbeit die Welt ins Sein hebt, bis Er am siebenten Tage »ruht«. 



272 



[16] 



[17] 



273 



V 



Zuerst erschafft Er die Urf ülle, formlos brauend. Dann die großen 
Ordnungen und Gestalten: das Licht im Wechsel von Tag und 
Nacht; den Raum der Höhe mit den Geschehnissen der Witterung 
und den der Erde, auf welchem der Mensch sein Leben führen 
wird; die Gliederung des Erdenbereichs in Land und Meer; den 
Pflanzenwuchs mit seiner Mannigfaltigkeit; die Gestirne und ihre 
Ordnungen; die Welt der Tiere im Wasser, in der Luft und auf 
dem Lande; schließlich den Menschen in seinem leiblich-geistigen 
Wesen, der Gottes lebendiges Bild ist und daher bestimmt, über 
die Welt zu herrschen. 

Der ganze Bericht aber wird überwölbt vom ersten Satz: »Am 
Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde« - biblischer Aus- 
druck für »das All«. Nachher, für das Werden der Ordnungen und 
Gestalten, heißt es jeweils: »Er machte«; ein Wort, das göttliche 
Handwerksarbeit meint. Doch für den eigentlichen Anfang ist ge- 
sagt : »Er schuf. « Was das Wort bedeutet, begreift kein Mensch. Es 
ist das Urgeheimnis. Dort Hegt der Beginn einfachhin. 

Dem Fragenden aber wäre das Wort von der Schuld ins Herz 
gegangen, und er würde von dem anderen Anfang, dem zweiten, 
bösen hören wollen, der im ersten, welcher rein und gut aus Gottes 
Schöpfergnade kam, nicht enthalten ist. Er würde also weiter 
fragen: 

»Du sagst, Gott schuf den Menschen. War der denn so, wie er heute 
ist? Voll von all der Gewalt, der Gier, der Lüge, dem Haß?« - 
»Nein«, müßte der Gefragte antworten. »Sondern in diesem gro- 
ßen Aufstieg zum ersten Anfang ist eine Stelle, wo beinahe das 
Ende gekommen wäre. Der Mensch sollte ja nicht in der Art wach- 
sen wie die Pflanze oder das Tier, sondern bei ihm sollte es in Frei- 
heit geschehen. Die Freiheit aber bewährt sich in der Entscheidung. 



So hat ihm denn Gott eine Entscheidung auferlegt, von der sein 
Schicksal abhängen sollte. In der Gestalt des Paradieses hat Er ihm 
die Welt übergeben. Kraft des Herrentums, das in seiner Gott- 
Ebenbildlichkeit lag, sollte der Mensch sie »bewahren und bebauen«. 
An einem Zeichen aber, dem Baum der Erkenntnis, sollte er kund- 
tun, ob er das in Wahrheit und Gehorsam tun wolle. Doch er hat 
der Lüge des Versuchers geglaubt und den Anspruch erhoben, selbst 
Gott zu sein. 

Das war der zweite, der böse Anfang, und er hätte sofort zum Ende 
werden können. Gott hatte ja doch den Menschen gedroht : »Wenn 
ihr vom Baume esset, werdet ihr sterben. « So hätten sie eigentlich 
an ihrer Sünde sterben müssen. Denn der reine Mensch, der ur- 
sprünglich-unzerstörte, begeht nicht die furchtbarste Schuld und 
lebt weiter. Das können nur wir von der Sünde Verseuchten. Gott 
aber hat ihm erlaubt, weiterzuleben. 

Damit hat sich ein neuer, guter Anfang geöffnet; der zweite von 
Gott her ; der Anfang der Erlösung. Daß der Mensch nicht an seiner 
Schuld starb, war schon Erlösung und sie hat weitergewirkt, durch 
alles hindurch, was aus der Schuld gekommen ist. 

Da also hegt der Beginn, aus dem heraus ich mich, und die Men- 
schengeschwister, und die Welt in Sein und Sinn verstehen kann. 
Der Wille Gottes, daß ich sei, seine auf mich gerichtete schöpferi- 
sche Liebe - das ist mein Anfang. In dem Maß ich verstehe - doch 
von einem »Verstehen« ist ja keine Rede; sagen wir also lieber : im 
Maß ich heimisch werde im Geheimnis dieser Kundwerdung, be- 
kommt mein Leben seinen Sinn. 

Rätsel, Probleme sollen gelöst werden ; dann gibt es sie nicht mehr. 
Hier ist nicht Rätsel, sondern Geheimnis. Geheimnis aber ist Über- 
maß der Wahrheit; Wahrheit, die größer ist als unsere Kraft. Es ist 



274 



[18] 



[19] 



275 



= 



University Libraries of Notre Dame 






nicht dafür da, daß der Mensch es auflöse und so zum Verschwinden 
bringe, sondern daß er mit ihm ins Einvernehmen komme, in ihm 
atme, in ihm Wurzel fasse. Die Wurzeln meines Wesens hegen in 
dem seligen Geheimnis, daß Gott gewollt hat, ich solle sein. Und 
warum hat Er das gewollt ? Was hat Er davon, Er, der unendlich 
Reiche, daß wir, die Endlichen, seien ? Geheimnis noch einmal - 
aber die Schrift sagt, es sei gut, und sie nennt es »Liebe«. 
Darüber werden wir noch zu sprechen haben - wie über alles, was 
im Vorausgehenden in der Form einer kurzen Vorwegnahme ge- 
sagt worden ist. Wir werden zur Quelle unseres Daseins gehen und 
dort eine Ruhe finden, die kein Menschengedanke geben kann. 




276 



[20] 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis • 1. Auflage 1956 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



y 






BX 



1756 

|.G85 

'W3 
/.12 




WAHRHEIT 

UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an* die'Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt- Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vortrage jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnitdichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



II 



ERSCHAFFEN UND ERSCHAFFENSEIN 



UNIVERSITYsf 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 



U3 1 



Wir haben am vergangenen Sonntag angefangen, mit ein- 
ander den Schöpfungsbericht zu bedenken. 
Zum Wesen des Menschen gehört, daß er vor dem, was ist, fragen 
muß, woher es komme. Diese Frage kann er wissenschaf dich stel- 
len. Dann forscht er, wie die jeweilige Erscheinung durch eine vor 
ihr hegende andere bedingt ist, diese wieder durch eine voraus- 
gehende und so fort - vom Willen gedrängt, zum Aller-Ersten zu 
gelangen, um dann, zurückkehrend, von ihm her das Spätere zu 
verstehen . . Er kann aber, sahen wir, die Frage auch anders stellen; 
so, daß er den Strom seines persönlichen Lebens hinauf wandert: 
Wo komme ich her ? Woher meine Eltern ? Woher mein Volk ? 
Woher die Menschheit, als die Einheit jener Wesen, zu denen ich 
gehöre, und die auf der Erde ihr Werk tun ? Auf dem Weg dieser 
Frage sucht er nach seinem eigenen ersten Anfang, um von ihm her 
sein Dasein zu verstehen . . 

Die zweite Frage ist es, die wir an Gottes Offenbarung, an die Hei- 
lige Schrift gestellt haben. Sie hat uns Schritt um Schritt zurück zu 
jenem Beginn geführt, wie er in dem gewaltigen Satz ausgesprochen 
ist : »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde «, das heißt, die Welt. 
Das ist der echte Anfang. In ihm beginnt alles. 

Damit wir besser verstehen, was die Offenbarung sagt, wollen wir 
aber zuerst eine andere, ebenfalls religiöse Antwort bedenken, näm- 
lich jene, die der Mythos gibt. 

Da erscheint, heldisch strahlend, oder dunkel sich mühend ein 
Mächtiger, der formt und ordnet. Er ist aber nicht das Aller-Erste. 
Vor ihm war schon etwas Anderes, nämlich das Chaos, das Un- 



[3] 



279 



geformte, Unfaßbare und Unnennbare, Ur-Möglichkeit und Ur- 
Bereich - ein Zwielichtiges, das zu denken ins Wirre führt. Dieses 
Chaos aber, sagt der Mythos, war immer, anfangslos . . Eine andere 
Antwort lautet: Unsere Welt hat einst begonnen, als sie aus stum- 
mer Notwendigkeit entstand. Vor ihr aber Hegt der Untergang 
einer früheren Welt, die ebenfalls ihren Anfang gehabt hat; und 
vor diesem abermals ein Untergang, jener Welt, die ihr voraus- 
gegangen ist - eine Reihe, die ins Unabsehbare zurückgeht, und in 
welcher immer eine Welt zu sein beginnt, nachdem vor ihr eine 
frühere zu Ende gegangen ist, trostlose Kette der Wiederholungen. 
Weder in der ersten, noch in der zweiten, noch in einer anderen 
mythischen Antwort bekommt der Begriff* des Anfangs einen 
klaren Sinn. Vom echten, reinen Anfang redet nur die Offen- 
barung. Sie, die allein Wissende, kündet ihn. 

Diesen Anfang spricht das Wort aus: »Gott schuf«. Und Er schuf 
» Himmel und Erde «, das heißt, Alles. Was war vor diesem Anfang ? 
Nichts. Damit ist aber nicht das verschwommene Nichts des un- 
klaren Denkens gemeint ; der Seinsnebel, der nicht ist und doch ist. 
Ebensowenig jenes, von dem heute so viel die Rede ist, daß es das 
Sein bedrohe, Ausgeburt der Angst des nicht glaubenden Geistes. 
Vielmehr das redliche, saubere Gar-Nichts. Und was war? Gott! 
Der aber steht in keiner Kette des Werdens und Vergehens. Er ist, 
einfachhin, wie Er selbst gesagt hat, als Er sprach : »Ich bin, der Ich 
bin« (Exod 3, 14). Durch sich selbst ist Er und bedarf keines Dings. 
Wäre nichts als Gott - der Satz ist unsinnig; aber es gibt Unsinns- 
formen, die wir brauchen, weil wir nichts Besseres haben, um zu 
sagen, was wir meinen - dann wäre doch »Alles« da, und würde 
»genügen«. Wenn wir aus dem Innersten unseres Daseins heraus 
fragen : was ist ? oder richtiger : wer ist ? - dann lautet die Antwort : 



280 



[4] 



Gott. Damit ist zunächst und eigentlich Alles gesagt. Dann aber, 
außerdem, vor Gott und durch Ihn, als im Letzten nicht zu ver- 
stehende Gabe seiner Großmut, sind wir; die Welt und in ihr wir 
Menschen. 

Das, meine Freunde, ist die Ordnung der Wahrheit: Gott ist Der, 
der ist; und wir dürfen sein vor Ihm. Wenn das in unserem Geiste 
lebt; so klar und stark, daß sofort etwas warnt, sobald das angetastet 
wird, dann ist die Grundlage der Wahrheit da. 

Gott hat geschaffen. Was hat Er geschaffen ? Alles, und das ganz. 
Hat Er dafür ein Material gehabt, wie die Demiurgen des Mythos ? 
Nein, keins und von keiner Art. Auch noch das Chaos hat Er ins 
Sein gerufen ; denn jenes Anfängliche, von dem der zweite Vers der 
Genesis sagt, es sei »wüst und wirr« gewesen, erscheint ja innerhalb 
des All-Ganzen, von welchem der erste Vers verkündet, daß »am 
Anfang Gott den Himmel und die Erde schuf«. Es ist der Baustoff, 
den der Meister für die Gestaltungen innerhalb der Welt bereit- 
gestellt hat. 

Hat Gott für sein Weltwerk eine Vorlage gehabt ? Eine Idee, in 
ewiger Urbildlichkeit gegeben, daß Er danach schüfe ? Auch das 
nicht. Er hat alles nicht nur erschaffen, sondern auch es erdacht. 
Fühlen Sie, wie schön das Wort ist: »erdacht« ? Herausgedacht aus 
der ewigen Weisheit ? 

War jemand bei Ihm, als Er schuf ? Niemand. Keiner hat Ihm ge- 
holfen bei seinem alle Begriffe übersteigenden Werk. Keiner hat 
die unausdenkliche Verantwortung mit Ihm geteilt. Keiner in dem 
nur von Gott zu bestehenden Ungeheuren der Ur-Verwirkhchung 
neben Ihm gestanden. 

Diese Tat hat unser Dasein begründet. In ihr hegen die Wurzeln 
unseres Wesens. Wenn wir fragen: Wohin gelangen wir zuletzt, 



[5] 



281 



wenn wir die Werdebahn unseres Bestehens zurückgehen ? - dann 
ist es dieses: daß Er geschaffen hat, die Welt, die Menschen, mich. 

Versuchen wir, dem ein wenig nahezukommen. Die großen Ge- 
danken des Glaubens haben zwei Eigenschaften: sie sind einfach, 
wie das Licht, aber auch unergründlich - wieder wie das Licht; 
denn wer, dessen Augen mehr aufzufassen vermögen, als ein Ap- 
parat, wäre je dem klaren Licht auf den Grund gelangt ? So können 
die Gedanken des Glaubens auch dem Schlichtesten eingehen, wenn 
sein Herz offen ist; aber kein Geist schöpft sie aus, und sei er noch 
so gewaltig. 

Wenn wir der Wahrheit näherkommen wollen, Gott habe ge- 
schaffen, dann müssen wir es so tun, daß wir denken: mich hat Er 
geschaffen; die Welt und mich in der Welt. Ich muß mich dem 
Strahl des göttlichen Willens aussetzen; muß in ihm weitergehen, 
bis in jenes Letzte und Innerlichste : daß Gott mich meint. Und das 
ganz still tun; immer wieder, bis Gott mir vielleicht eines Tages 
schenkt, der seligen Wahrheit inne zu werden, daß ich bin durch 
Seinen Willen. Vielleicht mir sogar schenkt, Seinen Blick zu füh- 
len, der auf mir ruht, und der Gewißheit froh zu werden, daß ich 
lebe aus diesem Blick. 

Freilich kann es geschehen, daß sich die Empörung erhebt: Ich 
will nicht geschaffen sein. Sie zieht sich ja als Wille zur Autonomie 
durch die ganze Neuzeit und kann sehr verschiedene Formen 
annehmen. Etwa die des Idealismus, der sagt : Dringe ahnend, erle- 
bend, denkend durch dein kleines Selbst in die innere Tiefe, dann 
findest du darin das absolute Ich und darfst sagen : Das bin ich ; und 
die Welt habe ich erschaffen . . Oder auch die umgekehrte, die sagt: 
Das sind Illusionen ; von Weltgefühlen verdeckte Denkfehler. Die 



282 



[6] 



Wahrheit ist, daß ich aus der Natur komme, wie Pflanze und 
Tier; wie sie wieder in die Natur hinein vergehe - und sonst ist 
nichts 

Meine Freunde, ist es nicht seltsam, daß der Mensch der Neuzeit 
immer wieder diese beiden Gedanken denkt ? Auf der einen Seite : 
ich bin Gott - auf der anderen : ich bin ein Stück Natur ? Sehen Sie, 
wie hier die Grundwahrheit verloren ist, und der Gedanke aus 
einem Irrtum in dessen Gegenspiel taumelt ? Die Gefahr aber, daß 
das geschehe, in irgendeiner Form, offen oder verdeckt, besteht für 
jeden von uns. Also müssen wir annehmen, geschaffen zu sein. 
Uns selbst aus der Hand Gottes entgegennehmen. Uns in dieses 
Sich-selbst-Empf angen, das so ungewohnte, hineingewöhnen. 

Vielleicht erwacht aber auch eine andere Art von Widerstand, 
nämlich Angst. Die könnte sich etwa so ausdrücken : Wenn das 
wahr ist, daß Gott mich geschaffen hat - was geschieht dann mit 
mir ? Kann ich wirklich sein, wenn Er ist, und Der ist, als den Ihn 
die Offenbarung kund tut ? Kann ich Würde haben, frei sein, wal- 
ten und werken, wenn sein Schatten über mir hängt ? Man hat es 
ja doch in allen Weisen ausgesprochen - philosophisch, politisch, 
künstlerisch - die Entscheidung, auf welche alles zudrängt, laute: 
Gott oder der Mensch; Er oder ich! 

Wer so denkt, in dem ist ein Irrgedanke wirksam geworden: Gott 
sei ein Anderer; der große Andere, der den Menschen erdrückt. 
Aber Er ist ja gar nicht der Andere, sondern Jener, der gemacht hat, 
daß ich sei, ich selbst sei, wirklich, redlich und unbeneidet. Die 
Götter der Heiden beneiden den Menschen, mißgönnen ihm sein 
Dasein, weil sie Zwie- Wesen sind, die nicht richtig im Sein stehen. 
Gott aber, der Lebendige - wie sollte Er uns gef ährlich werden, der 
unberührbar lebt in seiner Majestät ? Dessen Wille aber der Grund 



[7] 



283 



ist für alles, was ich bin j Wenn Er - Gedanke, ebenso unsinnig wie 
schrecklich - aufhörte zu sein, dann würde ich ja zu Nichts. Er ist 
es ja doch, der mich in mein Sein gestellt hat, so daß ich stehe und 
lebe und in eigenem Schritt gehe. Daß ich Freiheit habe, sogar die 
furchtbare Freiheit, mich gegen Ihn wenden zu können. Wer kann 
Derartiges tun J Wer kann es auch nur erdenken > Wie sollte ich da 
Angst vor Ihm haben > 

Nein ; je reicher Gott in mir lebt, je mächtiger sein Wille im meinen 
wirkt, desto lebendiger und freier werde ich Ich-selbst. Das ist die 
Wahrheit, und alles andere trügt und zerstört. 

Die Antwort des Herzens aber, die auf das GeschafFensein kommt, 
ist die Anbetung. Man hat sie weithin vergessen und verlernt, weil 
der Gottesgedanke weithin eingeschrumpft ist, klein und armselig 
geworden. Deshalb ruft er nicht mehr die Anbetung hervor, denn 
die ist ein großer Akt. Sie ist jenes tiefe Neigen des Innern, das aus 
der Erfahrung hervorgeht: Gott ist »Der, der ist«; ich aber bin 
durch Ihn und vor Ihm. Dieser Akt ist Wahrheit, vollbringt Wahr- 
heit; die Grundwahrheit, mit der alle andere anfängt. Und Wahr- 
heit zu vollbringen, ist Friede und ist Freiheit. Das geschieht in der 
Anbetung. Wir können den Tag nicht richtiger beginnen, meine 
Freunde, als indem wir, so still und so tief innen, als wir vermögen 
den Gedanken denken: Du, Gott, bist, und bist hier; ich aber bm 
vor Dir. Darin wird sich von selbst unser Inneres neigen, in einer 
Weise, die Wahrheit und Freiheit und Adel ist. 
Das Zweite, das aus dem Glauben an die Schöpfung hervorgeht 
ist Vertrauen. Wir können nichts Besseres tun, als uns in Gottes^ 
Weisheit hinein zu geben, die uns erdacht, und in seine Güte, die 
uns uns selbst gegeben hat. Wer soll es von Grund auf gut mit uns 
meinen, wenn nicht Er > Von wem könnten wir mehr erwarten, als 



284 



[8] 



von Ihm >. Ob die Kümmerlichkeit unseres Daseins nicht daher 
kommt, daß wir uns mit ihrer bequemen Enge zufrieden geben 
und Seine Großmut nicht in Anspruch nehmen ? Die wäre f reilich 
fordernd, und wir müßten uns anstrengen. Sie würde uns aber ins 
Größere und Freiere führen - wer kann sagen, wie weit >. 
Endlich ein Drittes: der Dank. Haben wir schon einmal versucht, 
Gott dafür zu danken, daß wir sind > Dann wissen wir, daß es wohl- 
tut und heilt. Es macht uns einig mit uns selbst, wenn wir vom 
Innersten her sprechen: Ich danke Dir, Herr, daß ich sein darf. 
Denn das ist nicht selbstverständlich ! Es könnte ja auch sein, daß Er 
nicht gewollt hätte, ich solle existieren. Es ist doch ein unsägliches 
Wunder, daß sein Ratschluß dahin gef allen ist, es solle mich geben - 
und mich geben für immer; bedenken Sie doch, für immer! Nie 
werde ich ausgelöscht sein. Wohl irdisch sterben, sicher, aber auf- 
erstehen und ewig leben, wie Er verheißen; und dann wird end- 
lich wirkliches Leben sein ! Damit ist nichts von alledem übersehen, 
was Schweres auf uns Hegt: Entbehrung, Krankheit, Sorge, nichts.' 
An der Wurzel von allem aber Hegt das Wort: Ich danke Dir, daß 
ich sein darf. 

Das sindGrundakte der Frömmigkeit. Sie werden leicht von äußer- 
licheren zurückgedrängt und sind doch so wichtig. Versuchen Sie, 
in ihnen zu Gott zu gehen; Sie werden fühlen, wie es Sie innerlich 
gesund macht: die Annahme des GeschafFenseins . . die Anbetung 
des allein wahrhaft Seienden . . das Vertrauen in seine schöpferische 
Weisheit und Güte . . der Dank für alles. 



[9] 



285 



\ 



III 



DER ERSTE SCHÖPFUNGSBERICHT 



UND DER TAG DES HERRN 






LIEBE FREUNDE, 



* 



I 



■5 



Wir haben die gewaltige Überschrift erwogen, welche, als 
erster Vers der Genesis, nicht nur über dieser selbst, sondern 
über der ganzen Heiligen Schrift und damit über dem gläubigen 
Dasein steht : » Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde ! « 
Was ist, ist geschaffen von Ihm. Alles kommt von Ihm, und zu Ihm 
geht alles. In seinem schöpferischen Willen Hegen die Wurzeln 
unseres Daseins. Er ist der Herr. Was ist, gehört Ihm. Wir sind 
sein - aber nicht als Sache, wie ein Gefäß dem gehört, der es ge- 
macht oder gekauft hat, sondern etwa so, wie ein lebendiger 
Mensch dessen ist, der ihn Hebt; als Person, die in sich steht und 
überhaupt nicht besessen, sondern immer nur aus freier Selbst- 
schenkung empfangen werden kann. Wohl hat Gott auch dieses 
unser Person-sein geschaffen; aber um das Geheimnis unserer Frei- 
heit zu begründen. Freiheit auch Ihm gegenüber - aber nun ver- 
sinkt der Gedanke im Geheimnis . . 

Die beiden ersten Kapitel der Genesis erzählen dann, wie innerhalb 
dieses Schöpfungs-Gesamts Gott weiter wirkt. Wie Er die un- 
zähligen Dinge werden und ihre Ordnungen hervortreten läßt; 
wie Er den Menschen ins Dasein ruft und ihm seinen Ort in der 
Welt zuweist. Diese Erzählung entfaltet sich in zwei Berichten. 
Den ersten kennen wir unter dem Namen des Sechs-Tage-Werkes. 
Er umfaßt das erste und dreieinhalb Verse des zweiten Kapitels und 
läßt, Stufe um Stufe, das große Geschehen vor unseren Augen sich 
ereignen. Der andere beginnt mit der zweiten Hälfte des genannten 
vierten Verses, reicht bis zum Ende des Kapitels und spricht vor 
allem von der Erschaffung des Menschen. 



[13] 



289 



Die beiden Berichte sind also in verschiedener Weise angelegt- in 
einem aber sind sie gleich, nnd das wollen wir ins Bewußtsein 
nehmen, damit wir ihren Sinn richtig verstehen: sie haben nichts 
mit Wissenschaft zu tun. An keiner Stelle überkreuzen sie sich mit 
dem, was die Forschung, wenn sie in ihren Grenzen bleibt, über das 
Entstehen des Weltsystems und die Gestaltung der Erde, über das 
Werden des Lebens und dessen Fortgang, über den Ursprung des 
Menschen und seine erste Geschichte sagen kann, sondern ihr Sinn 
ist ganz religiös. Wohl sprechen sie von der gleichen Wirklichkeit 
von welcher auch die Wissenschaft spricht: von der Welt, den 
Dingen und uns selbst. Die Absicht aber, unter welcher dieses 
Sprechen steht, ist eine andere als die der Forschung. Man hat lange 
gemeint, was Astronomie und Paläontologie sagen, müsse in der 
Genesis wiedergefunden werden, und hat in harter Mühe die ver- 
schiedenen Aussagen einander anzugleichen gesucht. Das war sehr 
ernst gemeint; ; es ging ja aus der Ehrfurcht vor der Wahrheit der 
Heihgen Schrift hervor. Aber es beachtete nicht, daß die Wahrheit 
reich ist, und vom gleichen Gegenstand in wahrer Weise unter 
ganz verschiedenen Gesichtspunkten gesprochen werden kann. 

Wir wenden uns nun dem ersten der beiden Schöpfungsberichte 
zu. Er beginnt mit dem Satz: »Die Erde war wüst und wirr, und 
Finsternis lag über der Urflut, und der Geist Gottes schwebte über 
den Wassern!« 

Die Worte drücken den biblischen Begriffdes Chaos aus. Damit ist 
etwas anderes gemeint als im Mythos. Für diesen ist das Chaos die 
Urwirkhchkeit, die einfachhin war, ungeschaffen und selbst »gött- 
lich«- eine Vorstellung, welche in die des Unheimlichen und Dä- 
monischen übergeht. Das Chaos hingegen, von dem die Offen- 
barung spricht, ist klar und gut. Es ist die Schöpf ung in ihrem ersten 



290 



[14] 



Zustand, aber aller Möglichkeiten voll; Energiefülle, die noch 
gegenstandslos, aber bereits auf göttlich geplante Zukunft aus- 
gerichtet ist. 

Hier bedarf es keines Demiurgen, der ordnete und gestaltete. In 
Gottes Werk war nie Unordnung. Nie war dessen Zustand so, daß 
er durch die Bilder einer empörten Urmacht, oder eines gebärenden 
und verschlingenden Urschoßes ausgedrückt werden müßte. In 
solchen Bildern sucht die Auflehnung des abgefallenen Menschen 
sich zu rechtfertigen, indem sie die eigene Gesinnung in den Grund 
der Dinge verlegt. Über dem Chaos der Genesis waltet vielmehr 
der Heilige Geist, der im Alten Testament dann erscheint, wenn 
Gott Licht zur Gestaltung, Kraft zur Tat, Weisheit zu Werken der 
Ordnung gibt. Diesen Heiligen Geist müssen wir uns zu allem hin- 
zudenken, was nachher im Bericht gesagt wird. 

Und nun beginnt das Werk : » Es werde ! « 

Wie geht im Mythos das Schaffen vor sich ? Ein gewaltiges Wesen 
kommt, packt das widerstrebende Chaos, kämpft mit ihm, be- 
zwingt es, formt es - so daß man mit Augen sieht : das ist nicht Gott, 
sondern der mühselige Mensch, ins Riesige hinaufgesteigert. Wie 
ganz anders die Offenbarung! Da spricht Gott: »es werde!« und 
es wird. Sein Schaffen geschieht nicht durch die Faust, sondern 
durch das Wort, das heißt, durch den Geist und die Wahrheit. 
Dieses Schaffen ist mühelos. Die Allmacht strengt sich nicht an. Sie 
tut ihr Werk in der Freiheit Dessen, der Herr ist. Wirklich Herr; 
nicht nur Sieger über Feinde und Hindernisse. Für Ihn gibt es nicht 
Feind noch Hindernis. 

Was aber zuerst werden soll, ist das Licht. An dieser Aussage hat 
man viel herumgerätselt. Die Antwort wird nur richtig, wenn man 
Sinn und Absicht des ganzen Berichts im Auge behält. Denn was 



[15] 



291 



ist das für ein Licht, wenn, wie der vierzehnte Vers sagt, Sonne und 
Mond erst nach ihm geschaffen werden ? Offenbar nicht das gleiche, 
das der Physiker meint, wenn er vom Licht redet. Es wird »Tag« 
genannt; sein Gegenspiel aber, das Dunkel, »Nacht«; und die bei- 
den werden voneinander »geschieden«. Das Werk der Scheidung, 
will sagen, der Ordnung beginnt. Diese bezieht sich aber nicht auf 
die Welt als Natur, sondern als Lebensraum des Menschen, auf die 
Daseinswelt. So entsteht der Tag als jener Zeitbereich, in welchem 
der Mensch wacht, seine Wege geht, sein Werk tut - und die Nacht 
als der andere Bereich, in dem der Mensch sich zurückzieht, vom 
Werke ruht, schläft. 

Dann heißt es : »Es ward Abend, und ward Morgen : der erste Tag. « 
Später : » der zweite Tag «, und » der dritte «, und so fort. Der Schöp- 
fungsbericht hat nämlich die Form eines Lehrgedichts und stellt 
das Schöpfungsgeschehen im Bild einer Arbeitsfolge dar, die sich 
durch eine Woche hin vollzieht, so daß dieses Geschehen sich nach 
den Tagen der Woche gliedert. Nicht daß Gott wirklich »arbei- 
tete«, wir sagten das bereits; darin würde ja wieder der Demiurg 
des Mythos erscheinen. Sondern auch dieses Bild bezieht sich auf 
die Daseinswelt des Menschen und begründet die Ordnung von 
dessen Leben. Darüber gleich mehr. - 

Die Scheidungen gehen weiter. Ein Gewölbe entsteht: das Firma- 
ment. Das alte WeltbÜd wird deutlich, in welchem es eine Him- 
melsglocke gibt, die sich über der Erde wölbt und die Wasser 
scheidet. »Wasser« zunächst noch als Ausdruck für Chaos gemeint, 
Nicht-Gestaltetes, überall Hinfließendes. Das wird nun geschieden 
und verschiedenen Bereichen zugewiesen: dem der Wolken, aus 
denen der Regen kommt, und dem der Erdoberfläche mit ihren 
Gewässern. 

Alle diese Dinge haben mit Kosmologie ebensowenig zu tun, wie 



das Licht, von dem die Rede war. Auch bei ihnen handelt es sich 
um Ordnung von Lebensbereichen: dem der Höhe, der Gott die- 
nenden Wettergewalten, und dem der Erde, wo die Menschen ihr 
Leben führen und ihre Arbeit tun. 
Das ist das Werk des zweiten Tages. - 

Am dritten wirkt Gott Scheidung auf der Erde selbst. Sie beginnt 
mit der zwischen dem Wasser und dem Trockenen, und es ent- 
stehen Meer und festes Land. Wiederum: Worum es da geht, ist 
keine Geologie. »Erde« ist vielmehr der Raum, wo der Mensch 
sein Haus hat und seinen Acker bebaut; »Meer« das für ihn zu- 
nächst Unbetretbare, auf dem aber dann, wie der große Schöp- 
fungspsalm - der hundertunddritte - sagt, seine Schiffe sich Wege 
neuer Art bahnen. 

Dann heißt es : » Gott sah, es war gut ! « Der Satz wendet sich gegen 
den babylonischen Dualismus, dessen Weltbild böse Urmächte 
enthielt, und sagt: Vom »Anfang« her gibt es in der Welt kein 
Böses. Alles, was Gott geschaffen und geordnet hat, ist gut. Erst 
der Mensch hat das Böse in die Welt gebracht. Es bildet kein Prin- 
zip dieser Welt. Es ist nicht notwendig, damit Spannung entstehe, 
Leben werde, Geschichte sich entfalte. Solcherlei Gedanken sind 
der schhmme Vers, den der Mensch sich auf seine Tat und ihre Fol- 
gen gemacht hat. Gegen solche Anschauungen richten sich die 
Worte des Schöpfungsberichts : Der Allsehende wägt sein Werk 
und erklärt : »Es ist gut ! « Fünf Mal spricht Er so ; zum sechsten Mal 
aber, am Ende des ganzen Werkes, heißt es, und es ist die endgültige 
Besiegelung: »Gott sah alles, was Er gemacht hatte, und siehe, es 
war sehr gut!« - 

Darauf entsteht die Welt der Pflanzen. An ihnen wird besonders 
die wunderbare Eigenschaft genannt, » Samen zu tragen in ihnen 
selbst«, das heißt, fruchtbar zu sein. 



292 



[16] 



[17] 



293 



' 



Von ihnen wird dann, im 29. Vers, gesagt, sie sollten dem Men- 
schen zur Nahrung dienen. - 

Wie wenig das Ganze unter naturwissenschaf tlichen Gesichtspunk- 
ten steht, zeigt wieder die vierte Strophe. Sie spricht von der Ent- 
stehung der Himmelskörper und sagt, diese erfolge nach dem 
Werden der Pflanzenwelt. 

Auch die Gestirne erscheinen nicht als bloße Naturgebilde, sondern 
als Elemente des menschlichen Daseins. Der frühe Mensch steht ja 
tief unter ihrem Einfluß. Sonne und Mond bestimmen sein Leben; 
nicht nur als Zeitmesser, sondern auch als Mächte. Sie durchwirken 
mit ihren Rhythmen seine Vitalität; ordnen seine Arbeiten und 
Feste, Reisen und Unternehmungen. Die Gestirne in dieser Macht- 
fülle und Bedeutung sind es also, von denen der Schöpfungsbericht 
redet. - 

Nachdem die Pflanzenwelt da ist, treten die Tiere ins Dasein; die 
fünfte Strophe spricht davon und noch die sechste. Sie leben Von 
denPflanzen, und es erscheinen die dreiBereiche, die sie bewohnen : 
das Meer, das Land und die Luft. 

In den Tieren, wie sie da schwimmen und fliegen und laufen, zeigen 
sich recht eigentlich Leben und Fruchtbarkeit. So spricht die Offen- 
barung in diesem Augenblick vom Segen Gottes. Der gehört zum 
Leben. Er macht, daß dieses, das so vielfach gefährdete, in dem aber 
doch die Tiefe ist, aus welcher Wachstum aufsteigt, Zeugung und 
Geburt geschieht - daß dieses Leben heil bleibe, gedeihe und sich 
mehre. Für den Menschen des Alten Testaments gibt es weder 
Naturenergien noch Gesetze, sondern alles vollzieht sich unmittel- 
bar durch Gottes Wirken - auch und gerade die Vorgänge des Le- 
bens. Der Segen aber ist die Gotteswirkung, durch welche dieses 
besteht; die Psalmen sprechen immer wieder davon, denken wir 
an den herrlichen vierundsechzigsten. 



294 



[18] 



Nun spricht Gott: »Lasset uns Menschen machen nach unserem 
Bilde.« Das Wort, das hier als Gottesname erscheint, »Elohim«, ist 
im Hebräischen ein Plural; man kann also auch übersetzen: »Ich 
will Menschen machen nach Meinem Bilde«. 
Über die Erschaffung des Menschen wird der zweite Schöpfungs- 
bericht genauer sprechen. Im ersten wird gesagt, daß er erscheint, 
sobald das Ganze der Welt in der Fülle seiner Gestalten wie in der 
Weisheit seiner Ordnung da ist. Weiter wird gesagt, daß er Gottes 
Ebenbild ist, und daß er es ist als Mann und als Weib. Ebenbild 
Gottes aber ist er dadurch, daß er über die Welt herrschen kann. 
Gott ist der Herr von Wesen und Ewigkeit; alles Herrentums Ur- 
bild. Den Menschen aber hat Er zum Herrn gemacht von Gnaden, 
und darin besteht dessen Gottährdichkeit. Das ist das Vorzeichen, 
unter welchem sein ganzes Dasein stehen soll : daß er im Bewußt- 
sein verharrt, Herr zu sein im Abbild, und also unter Gott, willens, 
gehorchend zu herrschen - oder aber sich im Geiste verwirrt und 
ein Herrentum beansprucht, das aus eigener Wesensmacht er- 
wächst. Daran, wie er dieses Vorzeichen setzt, wird sich alles ent- 
scheiden. 

Auch über den Menschen aber spricht Gott seinen Segen : über sein 
Leben, daß es fruchtbar werde; über sein Werk, daß es gelinge und 
die Erde mit allem, was auf ihr ist, in seine Macht einbeziehe. 

» So wurden vollendet«, heißt es dann, »der Himmel und die Erde 
und all ihr Heer.« Das »Heer« aber ist die Vielzahl der Gestalten: 
im Himmel die Gestirne, auf Erden die lebendigen Wesen. 
Damit hat Gott sein Werk getan : » Und Gott vollendete am sieben- 
ten Tag sein Werk, das Er geschaffen, und ruhte am siebenten Tag 
von all seinem Werke, das Er geschaffen.« Geheimnisvolles Wort: 
Gott »ruhte«! Seine Allmacht hat ja doch beim Schaffen keine 



[19] 



295 



Anstrengung erfahren - wie soll Er da der Ruhe bedürfen | Und 
dazu noch »nachher«, Er, für den keine Zeit gilt > Aber von Ihm ist 
wie wir gesehen haben, in der Weise eines Werkmeisters gespro^ 
chen worden, der an sechs Tagen arbeitet und am siebenten sich 
erholt; als Urbild also, dem das Leben des Menschen Ebenbild sein 
soll So wird der siebente Tag zum Ruhetag auch für die Menschen, 
und der Sabbat ist begründet. 

Übergehen wir die Frage, ob das Wort der Ruhe nicht doch 
auch für Gott selbst etwas bedeuten, und wo etwa sein Sinn gesucht 
werden könne. Jedenfalls wird hier eine menschliche Lebensord- 
nung nämlich die der Arbeit und der Ruhe, in die Schöpfung selbst 
verankert. Sehen wir nämlich genauer zu, dann wird uns deutlich 
wie der ganze Aufbau des Berichts auf die Verkündung des Sabbats 
zugeht - wieder ein Beweis, wie wenig es sich darin um Natur- 
wissenschaftliches handelt. Warum wird aber auf diesen Tag ein 
solches Gewicht gelegt ? 

Die Ebenbildlichkeit des Menschen besteht darin, daß er herrschen 
kann, es aber als Ebenbild Gottes tun soll. Nicht aus eigenem Recht 
sondern im Ebenbild zu Gott, das heißt, im Gehorsam gegen den 
eigentlichen Herrn soll er nach dem Willen des Schöpfers sein 
Herrentum ausüben. Aber auch nicht als Knecht, weder eines ir- 
dischen Machthabers, noch auch seiner Arbeit selbst, sondern wie- 
derum im Ebenbild zu Gott, das heißt in Freiheit. Es ist sehr auf- 
schlußreich, zu sehen, wie die gleiche Zeit, welche Gott nicht mehr 
als den Herrn des Daseins anerkennt, sondern autonom sein will 
den Menschen in einer Weise an die Arbeit verknechtet, wie keine 
zuvor. Der siebente Tag soll dem Menschen die Freiheit des werk- 
losen Daseins geben, damit er darin zum vollen Bewußtsein seines 
Adels komme. 

Er bedeutet aber noch etwas anderes. In der Stille des siebenten 



Tages soll der Mensch seine Krone niederlegen, und das Bild des 
eigentlichen Herrn soll sich erheben. Im Geheimnis seiner Ruhe soll 
Gott sichtbar werden. Daher die große Bedeutung dieses Tages. Er 
soll immer wieder die Grundordnung der Dinge klarbringen: daß 
Gott Herrscher ist von Wesen, wir aber von Gnaden und unter 
Ihm. Er hat im Urbeginn das große Weltwerk geschaffen; wir 
sollen es in Gehorsam gegen Ihn durch die Zeit hin fortsetzen. Alle 
Angriffe gegen den Herrentag sind Angriffe gegen Gott. 
Durch Christus aber ist aus dem Sabbat der Sonntag geworden, der 
Tag Seiner Auferstehung. Die ersten Christen haben beide Tage 
gehalten, den Sabbat und auch den Sonntag. Dann hat sich der 
erste in den zweiten aufgelöst. Nun ist er der Tag, an dem wir uns 
des Weltenwerkes bewußt werden sollen, das der Schöpfer rein 
und groß vollendet; aber auch des Werkes der Erlösung, das der 
Sohn des ewigen Vaters so unbegreiflich vollbracht hat. 

Der erste Schöpfungsbericht sagt also einmal: Alles ist von Gott 
geschaffen. Wir können die Wahrheit auch so ausdrücken: Es gibt 
keine Natur im modernen Sinn. Diese hat der neuzeitliche Mensch 
erdacht, um Gott überflüssig zu machen. Er hat in die Natur alles 
das hineingelegt, was in Wahrheit dem Herrn des Daseins zu- 
kommt: sie sei das, was immer war; das Urgeheimnis, aus dem 
alles kommt; der All-Raum, in dem alles verläuft; das letzte Meer, 
in das alles mündet. Diese Natur gibt es nicht. Die Welt ist nicht 
Natur, sondern Werk. Nicht das Ur-Erste, sondern das Zweite, 
wesenhaft Zweite, durch den Willen des Schöpfers Gewordene. 
Erlauben Sie mir dazu ein persönliches Wort. Ich habe Jahre ge- 
braucht, bis ich verstanden habe, worin der Unterschied besteht, 
und was er bedeutet. Sollte er Ihnen nicht klar sein - aber wirklich 
klar, nach Wesen und Folgerung - dann suchen Sie es zu erreichen. 



296 



[20] 



[21] 



297 



— — 



JÄEÄiäaHf of No,re Da™ 



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Alle Dinge werden von hierher einen anderen Charakter be- 
kommen Der neuzeitliche Naturgedanke verfälscht alle Bestim- 
mungen des Daseins. Die Erkenntnis, daß die Welt Werk ist, und 

cfcw Dessen steht> der sie gewoUt hat > •*"* * ie » 

Der Bericht sagt ein Zweites: Alles ist voU Weisheit. Es bedarf nicht 
des Menschen um sie zu ordnen, weil sie an sich chaotisch wäre, 
wie die gleiche Neuzeit behauptet hat; sie zu ordnen durch die 
Kategonen des menschlichen Geistes und die sinnverleihende 
Macht seines Willens. Auch das ist gedacht worden, um Gott über- 
flussig zu machen; aber auch dieses Seins-Chaos gibt es nicht. Die 
Weinst Gottes Werk ; daher in sich geformt, ehrtürdig und ver- 

Das Dritte aber: Das Dasein ist gut. All die tragischen Weltan- 
schauungen, welche sagen, das Böse gehöre zur Welt, damit gei- 
s«ge Spannung entstehe und Geschichte in Gang komme, sind 
Theorien, dieder Mensch erdenkt, um das Unheil zu rechtfertigen 
das er angerichtet hat. Vom Ursprung her ist das Dasein gut. Das 
Böse, das sie jetzt verwirrt, ist erst nachher in sie gekommen. Der 
Sabbat aber, oder vielmehr der Sonntag, soll der Tag sein, an dem 
wnnnmer wieder lernen, zu unterscheiden, indem wir Gott geben 




298 



[22] 



J 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis • i. Auflage 1957 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



J 



13 



WAH RH E IT 

UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 






VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an" die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntaglichen akademischen Gottesdienst in der 
- St-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
naher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge _eweils 
abgeschlossen und können für sich genommen* 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



IV 



DER ZWEITE SCHÖPFUNGSBERICHT 
UND DIE ORDNUNG DER EHE 



LIEBE FREUNDE, 




)75k 

■ G.S5 
i/.lS 



Die Betrachtung des vergangenen Sonntags hat uns zum ersten 
Schöpfungsbericht geführt. Über ihm steht der gewaltige 
Satz, der Macht hat, das Herz zu wandeln, das sich ihm öflhet: 
» Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. « Darauf folgt, 
angeordnet nach dem Gang einer Woche und als Werk von sechs' 
Tagen, das Werden der Weltgestalten. Diese Werkfolge geht auf 
die Erschaffiing des Menschen zu, der nach dem Ebenbilde Gottes 
gestaltet ist und über alles herrschen soll, was sich auf Erden findet 
Dann aber wird eine Schranke aufgerichtet. Der Mensch soll Herr 
sein, jedoch unter Gott. So soll er am siebenten Tag von seinem 
Herrschaftswerk ruhen. Einmal, weil er kein Sklave ist und Freiheit 
haben - aber auch, weil er seine Macht niederlegen soll, damit sich 
im Raum der Sabbatruhe die Hoheit des wahren-Herm erhebe. 

Und nun sprechen wir vom zweiten Bericht, der unmittelbar auf 
den ersten folgt. Er wird durch einige Sätze eingeleitet, die in neuer 
Weise sagen, am Anfang habe Chaos geherrscht, Wirrnis. Kein 
Wachstum sei geschehen, noch ein Werk auf Erden getan wor- 
den: »Als Gott der Herr die Erde machte und den Himmel, da 
gab es noch kernen Steppenstrauch, und Grünkraut sproßte noch 
nicht auf dem Felde; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen 
lassen auf den Erdboden, und kein Mensch war da, den Boden zu 
bebauen. Nur Grundwasser stieg von der Erde auf und wässerte 
den ganzen Erdboden. « (Gen 2, 4b - 6) 

Sofort aber wird die Erschaffimg des Menschen berichtet: »Da 
bildete Gott der Herr den Menschen aus Staub der Erde und 
hauchte in seine Nase den Odem des Lebens, so ward der Mensch 



[3] 



303 



S ^\ ?) ^ Sehen ' im Mittd P»»fa des Berichtes steht der 
Mensch; alles andere ordnet sich um ihn her. Die Weise, wie sein 
Werden geschildert wird, hat wieder nichts mit Wissenschaft zu 
tun Sie gent in Bildern ; Bilder aber müssen anders gelesen werden 
als begriffliche Aussagen. Man muß sie geistig aufrufen, anschauen 
empfinden, von mnen her ihren Sinn verstehen. Und zwar heißt es 
Gott, der Herr, habe den Menschenleib aus »> Staub der Erde« Gebil- 
det; aus Erde vom gleichen Acker, auf welchem das Korn wichst 
das ihm Brot sibt. 

Wenn aber vom »Menschenleib« gesprochen wird, und vom 
» Odem«, den Gott ihm einhaucht, dann ist damit nicht der Unter- 
schied gemeint, an den wir denken, wenn wir von . Leib und Seele « 
reden »L>ib« ist hier tote Figur. Sie hegt da, wie das Gebilde das 
entsteht, wenn ein Künsder in den Lehm greift und ihn formt. 
Michelangelo hat in seinem berühmten Deckenbild der SLxtina 
den Menschen dargestellt, wie er schon lebt und Gott die Hand ent- 
gegenstreckt, um vom Finger des Schöpfers den Funken des Geistes 
zu empfangen. Das ist geistreich gedacht, es verfehlt aber den Sinn 
des : heiligen Berichts. Was nach diesem da liegest zuerst noch totes 
Gebüde. Dann aber beugt sich Gott gleichsam über es und haucht 
ihm »Odem des Lebens« ein. In dem Wort geht vielerlei inein- 
ander: der Atem, der geheimnisvoll den Körper durchdringt- das 
Leben das wächst, empfindet und sich regt; der Geist, der denkt 
und plant; ja sogar das Pneuma, der Gotteshauch, der den Pro- 
pheten erfüllt. Alles das klingt an und läßt das Unerhörte der 
menschlichen Existenz empfinden. 

Wenn also der Mensch sinnend in seine innere Tiefe hineinfühlt • 
zu ertasten sucht, wohin die Wurzeln seines Seins führen, dann be- 
langt er zuerst in den »Staub der Erde«, in die Tiefe des Ackers 
Dann aber - sagen wir es kühn mit den Worten, welche die Schrift 



304 



14] 



selbst uns gibt - in Gottes Brust. Wir wollen an den Bildern nicht 
viel herumdeuten, sondern sie lassen, wie sie sind, leibhaftig und 
lebendig, und vernehmen, was sie uns so tief-berührend sagen: daß 
unser Menschenwesen aus der Tiefe der Erde kommt, aber auch 
aus der Brust Gottes.Deshalb ist der Mensch in der Welt und auch 
wieder außerhalb ihrer. So kann er die Welt verstehen und Heben, 
aber auch Herr sein über sie. Es ist furchtbar, wenn er mit der Welt 
zu tun haben will, aber Gott nicht dabei sein soll! 

Dem Menschen bereitet nun Gott den Raum seines Lebens, das 
heißt, Er schafft das Paradies. Dieses erscheint unter dem Bild eines 
Gartens oder Parks - so etwa, wie ein Herrscher der damaligen Zeit 
einen anlegen Heß, um sich darin ergehen zu können. Einen um- 
hegten Bereich ; durchflössen von reinen Gewässern - » lebendigem 
Wasser«, wie die Schrift zu sagen pflegt, um es vom abgestandenen 
der Zisternen zu unterscheiden - und bewachsen mit schönen, 
Frucht tragenden Bäumen; für den Bewohner jener sonnendurch- 
glühten Länder ein InbegrifFköstlicher Lebensfülle. Diesen Garten 
gibt Gott dem Menschen, daß er ihn behüte und bestelle. 
Wieder ein Bild ; aber was bedeutet es ; Es bedeutet die Welt, sofern 
sie dem Menschen in die Hand gegeben ist, damit er sie in seiner 
Sorge halte und in ihr sein Werk tue ; das aber so, daß Gott in allem 
dabei ist. In das Bild des Gartens, der dem Menschen zugewiesen 
ist, spielt nämlich etwas anderes hinein: daß in ihm Gott selbst 
wohnt. Das zeigt sich im Bericht von der Versuchung, dort, wo 
erzählt wird, wie Gott sich im kühlenden Wind des sinkenden Ta- 
ges darin ergeht (3,8). Ein liebliches Bild dafür, wie Gott an allem 
Tun semer Menschen teilnehmen wollte; mit ihnen zusammen 
wohnend in der geheiligten Welt. Alles, was Menschenleben und 
Werk heißt, Geschichte und Kultur sollte sich entfalten - aber alles 



[5] 



305 



in Gottes Nähe und zusammen mit Ihm, so daß der Mensch nie 
hatte zu tun brauchen, was nachher wieder mit einem Bild gesagt 
wird: sich vor Gott zu verstecken. * D 

Dann heißt es: »Der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch 
allein sei. « In der Erzählung ist der Mensch bis dahin nur als Mann 
da. Das aber »> ist nicht gut «. Das Mensch-Wesen ist darin noch nicht 
erfülle; ja es ist gefährdet. So gibt Gott dem Manne »Hilfe« zu 
Leben und Werk, Gemeinschaft. Wirkliche Gemeinschaft kann der 
Mensch aber nur mit dem Menschen haben: »So bildete Goce der 
Herr aus Erde allerlei Feldgetier und allerlei Himmelsvögel und 
brachte sie zum Menschen, um zu sehen, wie er sie benennen würde ; 
eben danach sollte ihr Name sein. Der Mensch gab allem Vieh, allen 
Himmelsvögeln und allem Feldgetier Namen; aber für ihn fand sich 
keine Gehilfin, die seinesgleichen war.« (19-20) 
Was hier geschieht, ist »Begegnung« im wesentlichen Sinn des 
Wortes. Der Mensch gelangt vor das Tier, betrachtet, versteht und 
benennt es. Für die frühe Anschauung bedeutet der Name das Ge- 
nannte selbst in der Offenheit des Wortes: wo also der Mensch 
etwas benennt, faßt er dessen Wesen ins Wort, und nimmt dadurch 
das Ding in das Gefüge seiner Sprache, in die Ordnung des eigenen 
Daseins auf. So benennt der Mensch die Tiere, und es zeigt sich, daß 
sie keine »Hilfe« sein würden, welche den Einsamen lebensfähig 
machen könnte. Das heißt: die Wesensfremdheit zwischen Mensch 
und Tier wird deutlich. 

Es ist wichtig, die Lehre zu verstehen, welche da dem Menschen 
»am Anfang« seiner Existenz gegeben wird: daß er anders ist als 
das Tier. Daß er bei diesem jene Gemeinschaft, die ihm das »Du« 
und »Wir« schenkt, nie finden wird. Er kann zum Tier ein sehr 
lebendiges Verhältnis gewinnen, in welchem die mannigfachsten 



306 



[6] 



Beziehungen spielen. ImTier kann ihm die Natur so nahe kommen, 
als Natur kommen kann - ähnlich, wie es im Garten durch die Welt 
der Pflanzen geschieht. Aber die Wesensgrenze bleibt immer be- 
stehen; und etwas hat sich verkehrt, wenn der Mensch das Tier in 
eine Beziehung nimmt, in welcher nur der andere Mensch stehen 
dürfte, als Kind, oder als Freund, oder wie immer. Von jener Ver- 
störung der Wahrheit nicht zu reden, die sich einstellt, wenn er das 
Göttliche im Bild des Tieres verehrt. Denken wir an den grauen- 
vollen Abfall, der sich im heiligen Bereich des Sinai vollzieht, wäh- 
rend auf dessen Gipfel Moses für das Volk die Offenbarung des 
Lebendigen Gottes empfängt : wie sie von Aaron verlangen, er solle 
ihnen »Götter machen, daß sie vor ihnen herziehen«; er aus dem 
Schmuck der Frauen den goldenen Stier gießt, und das Volk in 
heidnischem Taumel dem Idol huldigt (Ex 32, i ff). 

So erzählen die nächsten Verse, wie Gott dem Manne die wesens- 
gerechte Gefährtin schafft - was auch heißt, daß diese den ihr ge- 
mäßen Gefährten empfängt : » Da Heß Gott der Herr einenTief schlaf 
auf den Menschen (Adam) fallen, so daß er einschlief, nahm ihm 
eine seiner Rippen und verschloß die Stelle mit Fleisch. Gott der 
Herr baute die Rippe, die er dem Menschen entnommen hatte, zu 
einem Weibe aus und führte es ihm zu. « (21-22) 
Auch das ist keine begriffliche Aussage, sondern ein Bild. Lassen Sie 
sich die Wiederholung nicht verdrießen; es ist wesentlich, der 
Weise bewußt zu bleiben, wie der heilige Text redet. Was nun ge- 
schieht, ereignet sich im » Tief schlaf «, in einer Ekstase, durch welche 
der Mensch aus dem natürlichen Bewußtseinszusammenhang her- 
ausgehoben wird. In diesem Zustande nimmt Gott einen Teil seines 
Leibes und baut daraus das Weib : lebendigster Ausdruck für die 
Wesensgleichheit, die zwischen Mann und Weib besteht. Wie we- 



[7] 



307 



nig das mit Biologie oder Anatomie zu tun hat, wird unterstrichen 
wenn man sieht, daß vielleicht der ganze Vorgang sogar als Vision 
verstanden werden muß. 

So gestaltet Gott das Weib, führt es dem Manne zu, und es ereignet 
sich Begegnung im Lebendigsten, Erkenntnis bis ins Wesen hüfein 
Das zeigt sich in den beiden folgenden Sätzen, die ein Jubel sind- 
»Das ist nun endlich Bein von meinem Bein und Fleisch von mei- 
nem Fleisch! Diese soll man Männin heißen, denn vom Manne ist 
sie genommen!« (23) 

Nun ist menschliche Gemeinschaft möglich. Und es sagt etwas 
Wichtiges, daß diese zuerst als »Hilfe« bezeichnet wird: als ein 
Zusammenstehen im Dasein; ein Sich-Ergänzen in Leben und 
Werk. Was also das Wesen dieser Verbundenheit zuriefst be- 
stimmt, istnichtdas Geschlechtliche, sondern das Personale. Sie ent- 
hält alles, was zwischen Mann und Weib erwacht: die Anrührun<r 
der Liebe, die menschliche Fruchtbarkeit, die Begegnung mit der 
Welt, die Inspiration des Werkes; alles das ist mit »Hilfe «gemeint 
Der zweite Bericht von der Erschaffung des Menschen sagt also 
in semen BÜdem das Gleiche, wie der erste durch den Satz: »So 
schuf Gott den Menschen nach seinem Bilde. Nach dem Gottesbilde 
schuf Er ihn. Als Mann und Weibschuf Er sie. « (1,27) »Der Mensch« 
ist Mann und Weib. Das wird da in zusammenfassenden Sätzen 
im zweiten Bericht durch eine Erzählung gesagt; beidemaledie 
»magna charta« der Beziehung zwischen den Geschlechtern. 

»Und darum«, heißt es weiter, »wird der Mann Vater und Mutter 
verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden zu einem 
einzigen Fleisch. « (24) 

Der erste Bericht hat in der Grundlegung des Herrentages, der 






308 



[8] 



Ordnung geheiligter Lebenszeit geendet; der zweite in der Be- 
gründung der Ehe, der Ordnung geheiligter Menschengemein- 
schaft. Auf diese läuft alles zu, was er säst. 
Er findet ein Echo im Matthäusevangelium. Da kommen Leute zu 
Jesus und fragen: »Ist es erlaubt, seine Frau auf jede Klage hin zu 
entlassen?« (19,3) Sie wissen, daß der Mann in der Ordnung des 
Alten Testamentes das Scheiderecht hatte. Er konnte sich aus Grün- 
den, die im Gesetz festgelegt waren, von seiner Gattin trennen. Und 
nun fragen die Gegner: Aus irgendwelchen Gründen? Vielleicht 
aus jedem? Aus jeder Laune? Also eine der Fangfragen, wie man 
sie an den Herrn richtete, um Ihn bloßzustellen. Da antwortet Er: 
» Habt ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer sie im Anbeginn als Mann 
und Frau erschuf ? Und sagte : Darum wird der Mensch Vater und 
Mutter verlassen und seinem Weibe anhängen, und die zwei wer- 
den ein Fleisch sein. « Das aber heißt : er darf sie überhaupt nicht ent- 
lassen. Wie aber die Frager recht behalten wollen und einwenden: 
»warum hat denn dann Moses geboten, einen Scheidebrief zu ge- 
ben und so Entlassung zu vollziehen?« erwidert Er: »Eurer Her- 
zernshärtigkeit wegen hat Moses euch gestattet, eure Frauen zu 
entlassen. Im Anbeginn aber ist es nicht so gewesen.« (Mt 19,4 ff) 
In den Worten Jesu vernehmen wir den Widerhall von dem, 
was » am Anfang « war. Damals ist die Ehe begründet worden, und 
sie ist von Wesen unauflöslich. Was nachher kam, waren Zu- 
geständnisse an die Schwäche der Menschen ; gewährt in einer Zeit, 
in welcher die Entscheidungen der Offenbarungsgeschichte anders- 
wo fallen mußten. Damals waren die »harten Herzen« noch nicht 
fähig, zu begreifen, was Liebe heißt, die immer auch Opfer ist. 

So ist jeder der beiden Schöpfungsberichte auf die Begründung 
einer Lebensordnung ausgerichtet : der erste auf die von Arbeit und 



[9] 



309 



Ruhe, sich ausdrückend in den sechs Tagen, die dem Menschen ge- 
hören, und dem siebenten, der Gott gehört ; der zweite auf die Ord- 
nung der Ehe als Gemeinschaft des Lebens und der Fruchtbarkeit. 
Wie eng diese Gemeinschaft ist, sagt der bereits angeführte Vers 24 : 
so eng, daß der Mann um seines Weibes willen » Vater und Mutter 
verlassen« wird. Um ihretwillen löst er sich aus dem ursprünglich- 
sten Zusammenhang, den die alte Kultur kennt: den der Sippe 
Daß aber die hier sich äußernden Gedanken sehr alt sind, könnte 
daraus hervorgehen, daß es nicht heißt, das Weib werde Vater und 
Mutter verlassen und dem Manne nachfolgen, sondern der Mann 
werde den Schritt tun. Dann würde der Text auf eine Zeit zurück- 
weisen, in welcher die soziale Ordnung auf der Führung durch die 
Frau, das heißt, dem Matriarchat ruht. 

Diese beiden Ordnungen schützen die Würde des Menschen und 
rufen seine Verantwortung an: die gegenüber dem Werk und die 
gegenüber dem Menschen des anderen Geschlechts. Ebendamit bil- 
den sie aber auch eine Schranke. Der siebente Tag forden, der 
Mensch solle während seiner Dauer die Herrschaft niederlegen, auf 
daß im Raum seiner Sülle die Hoheit Gottes sich allbeherrschend 
erhebe. Die Unauflöslichkeit der Ehe forden, der Vitalwille des 
Menschen solle sich am Bund der Treue bescheiden. 
Sie sehen, welch tiefe Dinge sich ergeben, wenn man diese Texte in 
Ehrfurcht und Sorgfalt durchdenkt. Die ganze Weisheit der Welt 
enthält nichts, das den innersten Kern der Menschendinge so deut- 
lich machte, wie diese einfachen Aussagen. Sie sind tiefer als alle 
Mythen und wesenhafter als alle Philosophien: Urwone, die von 
Gott kommen. 

Lesen wir nicht nur äußerlich, öflhen wir unser Herz, dann erfah- 
ren wir, wie sich Wahrheit erhebt. Die Dinge werden richtig ge- 



steht. Der Sinn wird klar. Das Leben wird fordernd und <»ro& 



DAS PARADIES 



. 



* 



310 



[10] 



LIEBE FREUNDE, 



Die Betrachtungen der vergangenen Sonntage haben uns jene 
Wahrheit zu Bewußtsein gebracht, die alle andere Wahrheit 
trägt: daß Gott das All geschaffen: hat, und uns in ihm, und also 
unser Dasein in der Freiheit Seiner Liebe ruht. Sie haben uns an die 
Fülle der Dinge erinnert, die aus Seiner unerschöpflichen Macht 
hervorgegangen sind; an die Ebenbildlichkeit, die Er dem Men- 
schen geschenkt, und an die Weltverantwortung, die Er in seine 
Hand gelegt hat. Und endlich an die beiden Ordnungen, welche 
das menschliche Leben und Schaffen in ihrem Maß halten sollen: 
den Tag des Herrn und die Ehe. 

Das Bild einer Welt hat sich vor unserem Geiste erhoben, die im 
Glanz einer aus Gottes Urmacht aufsteigenden Neuheit strahlte; 
vom Schöpfer als » gut « bezeugt und von seiner Liebe umhütet. Vor 
dem Menschen aber hat sich ein Dasein geöffnet, dessen Möglich- 
keiten des Lebens und des Werkes jede Vorstellung übersteigt. 
Wie zeichnet die Offenbarung dieses ursprungsschöne, reiche und 
heile Leben i Wir erwarten wieder ein Bild, das uns Geist und Herz 
belehre - erscheint ein solches i Und wie tritt es uns vor die Au<>en > 

Versuchen wir wieder, wie wir es in diesen Betrachtungen so oft 
getan haben, dem Wort der Offenbarung einen Hintergrund zu 
schaffen; und zwar durch die Frage, wie der erste Mensch sonst, in 
der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst, dem täglichen Umsan- 
erscheine. " 8 

Die Wissenschaft - die echte, ihrer Verantwortung bewußte - ist 
sehr zurückhaltend. Sie scheint zu sagen, der Mensch habe sich in 
einer weiter nicht bestimmbaren Weise aus vormenschlichen 



[13] 



313 



Lebensf ormen herausgehoben ; habe angefangen, innerlichErschau- 
tes in Bildern zu offenbaren, Zwecke zu setzen und Mittel zu deren 
Verwirklichung zu finden, Wahrheit zu verstehen und sie im Wort 
auszudrücken. So habe das Eigentlich-Menschliche begonnen. Tut 
man weg, was sich als Hypothese oder gar Phantasie herumlegt, 
dann bleibt als deutlich faßbares Ergebnis, das menschliche Dasein 
habe sich während langer Zeit und durch winzige Schritte der Er- 
fahrung und Leistung von primitivster Stufe hinauf entwickelt. 
Ein zweites Bild kommt aus dem romantischen Denken. Es sieht 
den ersten Menschen als Kind; harmlos, unschuldig, in? harmoni- 
schem Einklang mit der Natur, und einer Ordnung gehorsam, die 
sein Leben in frommen Maßen hält. Das Idyll dauert aber nicht. 
Das Kind erwacht, lehnt sich gegen die Autorität der höheren 
Mächte auf und nimmt sich eigenes Recht. Damit besinnt das 
eigentliche menschliche Leben. 

Eine dritte Vorstellung ist ebenso unerfreulich wie weit verbreitet. 
Darin verbindet sich das Bild unschuldig-natürlichen Daseins mit 
geheimer Lüsternheit. Diese lauert unter der Idylle und wartet auf 
den Anlaß, um auszubrechen. Es ist die Vorstellung, welche weit- 
hin in Schrift und Rede, in wirklicher und angeblicher Kunst zum 
Vorschein kommt. 

Wie spricht die Offenbarung ? 

Sie sagt: Die ersten Menschen waren keine dumpfen, gerade eben 
aus dem Tierischen sich herausringenden Wesen. Sie waren auch 
keine unmündigen Kinder. Und schon gar nicht schein-unschul- 
dige, im Innern bereits verdorbene Geschöpfe. Sondern sie erstan- 
den, stark und lebensvoll, aus einem Vorstoß göttlicher Schöpfer- 
macht. Wie das näherhin zugegangen sei ; wie das Bild der Erde, 
aus welcher ihre Gestalt geformt worden, und des Gotteshauches, 



, 



3H 



[14] 



durch den sie den leben wirkenden Geist empfangen haben, von der 
Wissenschaft her zu verstehen sei, ist eine Frage für sich und kann 
uns nicht weiter beschäftigen. 

Worum es hier geht, ist die Gestalt, in welcher die Offenbarung das 
menschliche Dasein des Anfangs darstellt. Die aber steht in reiner 
Größe vor uns. Es gibt eine Auffassung, die das Höhere vom Nied- 
rigeren herleitet; die Offenbarung spricht nicht so. Nach ihr ist 
der Anfang Werk Gottes, und das ist vollkommen. Damit ist nicht 
Vollendung gemeint; die erscheint erst am Ende des Werdens. 
Vielmehr Fülle des Anfangs, der nicht aus Vorausgehendem ab- 
geleitet, sondern aus ihm selbst, richtiger gesagt, aus der ihn her- 
vorbringenden Schöpferkraft heraus verstanden wird. Was dann 
kommt, ist Geschichte - das, was die Freiheit mit den Möglich- 
keiten des Anfangs macht. 

Die ersten Menschen waren Anfang, Jugend, aber voll Herrlich- 
keit. Wenn sie in den Raum träten, in dem wir wären, dann würden 
wir sie nicht ertragen können. Uns würde vernichtend klar werden, 
wie klein, verworren und häßlich wir sind. Wir würden ihnen zu- 
rufen: Geht weg, damit wir uns nicht allzusehr schämen müssen! 
Sie waren ungebrochen im Wesen ; mächtig im Geist ; klar im Her- 
zen; strahlend schön. In ihnen war das Ebenbild Gottes; das heißt 
aber auch, daß Er sich in ihnen offenbarte. Wie muß Seine Herrlich- 
keit in ihnen geleuchtet haben! Und vergessen wir nicht, daß auf 
ihre Schultern die Entscheidung gelegt war, welche der mensch- 
lichen Geschichte ihre Richtung geben sollte. Wie könnte Der- 
artiges Kindern oder dumpf sich herausringenden Wesen zuge- 
mutet werden! 

Auch das dürfen wir nicht vergessen: daß diese Ersten unsere Ah- 
nen waren. Über die Ahnen aber spricht man in Ehrfurcht - eine 
Tugend, die verschwunden ist, denn der moderne Mensch weiß 



[15] 



315 



Seesen" SÜSS" SaSt & ** ^ "* - P ^> 

wo 5C St" M t gen ' ° dCr V ° m Land HeS P en -. 
faW^d«S£ ^r^^n: vom Schlaraf- 

Mensch hemmtk u^ l § ^ ^^ b wekhe - ^er 
bis endüch ÄdT k™ ""V? " "* ** ****** ^ 
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kühle Gewässer, die unerschöpflich strömen ; Bäume, die ££ 



316 



[16] 



geben, Blüten und Früchte bringen; vielgestaltige Tiere, schön an- 
zusehen. Das alles ist Bild, und es meint die Welt. Die Welt aber, 
sofern sie von einem Menschen erlebt wird, der selbst in reiner Ge- 
meinschaft mit Gott steht. 

Lassen Sie uns ins tägliche Leben blicken, damit wir die Tragweite 
des Gedankens sehen. Geschieht in jedem Menschenleben das 
Gleiche » Wenn da Einer gütig und hilfsbereit ist, seinem Neben- 
menschen Raum und Freiheit läßt - ein Anderer aber engherzig 
und gewalttätig ist und will, daß alles nach seinem Kopf »ehe - 
geschehen in ihren Lebenswelten die gleichen Dinge > Hat°darin 
das Dasein den nämlichen Charakter ? Benehmen sich dieMenschen 
in derselben Weise . Doch gewiß nicht. In der einen atmen sie frei 
haben Vertrauen, fühlen sich wohl; in der anderen sind sie ängst- 
lich, wehren ach, werden hinterhältig. An sich die gleiche Welt 
die gleichen Menschen, und doch wie anders hier und dort' Den 
Unterschied aber bewirkt der Geist der Beiden; die Strahlung die 
von ihrem Wesen ausgeht. Denn jeder Mensch formt sich dadurch 
daß er «, wie er ist und lebt, wie seine Art und Gesinnung ihii 
rühren, aus der allgemeinen Welt seine eigene heraus 
Ein anderes Beispiel. Sagt man nicht: »Heute bin ich mit dem ver- 
kehrten Fuß aus dem Bett gestiegen«, und alles geht schief? Man 
kommt mit den Menschen nicht zurecht; die sonderbarsten Hin- - 
dernisse tauchen auf; die Werkzeuge sperren sich; Dinge fallen 
einemausder Hand oder zerbrechen; man meint, Dieser habeeinen 
unfreundhchenBhck, Jener verratefeindhehe Absichten. An einem 

n °! 1? ~ * dfa andetS - Die Mens chen scheinen wohl- 
wollend; die Dinge fügen sich günstig; Federhalter und Hammer 

sl?S-T, C IT SelbSt ; WaS bedeUtCt daS ! GesKm war docl > die- 
selbe Wirklichkeit w ie heute: die gleichen Menschen, die gleichen 

[17] 

317 



Werkzeuge, die gleichen Verhältnisse! Das wohl, aber wir selbst 
sind verschieden; unsere Gedanken, unsere Stimmung, unsere Ner- 
ven. Einmal ausgeglichen und in sich sicher; das andere Mal un- 
ruhig, mißlaunig, von widersprechenden Impulsen verwirrt. Da 
müssen sich ja die Dinge verschieden geben! Denn das, was eigent- 
lich »Welt« heißt, ist etwas, das sich beständig aus der Begegnung 
des Menschen mit dem Gegebenen formt. 

Nun stellen Sie sich vor, der Mensch, um den es sich handelt, sei, 
wie er aus der Hand Gottes hervorgegangen ist: lebensvoll, stark, 
klar und heil. In seinem Herzen keine Lüge, keine Gier, nicht Auf- 
lehnung noch Gewalttätigkeit. Alles in ihm offen zu Gott hin; in 
reinem Einklang mit Dem, der ihn geschaffen. Alles durchwaltet 
von Seinem Licht, sicher Seiner Liebe, gehorsam Seiner Weisung. 
Wenn es dieser Mensch ist, der den Dingen begegnet - welche Welt 
ersteht aus seinem Sehen, Fühlen, Erleben, Handeln ? Das Paradies ! 
»Paradies« ist die Welt, wie sie beständig wird, atmet, sich ent- 
faltet in der Nähe des Menschen, der Ebenbild Gottes ist und nichts 
sein will als Sein Ebenbild. Der Gott hebt, Ihm gehorcht, und die 
Welt beständig in die heilige Einheit hereinholt. Sie sehen, wie das, 
worum es sich handelt, etwas so ganz Anderes ist, als in den Vor- 
stellungen, von denen die Rede war, naturalistisch, oder roman- 
tisch, oder abschätzig, oder lüstern. Dieses Paradies war die Welt, 
die Gott eigentlich gewollt hat; die zweite, die immerfort aus der 
Begegnung des Menschen mit der ersten erstehen sollte. Und in ihr 
aber sollte alles geschehen und geschaffen werden, was Menschen- 
leben und Menschenwerk heißt: Erkenntnis und Gemeinschaft, 
Gestaltung und Kunst - aber in Gnade, Wahrheit, Reinheit und 
Gehorsam. 



Wenn wir das so bedenken, wird uns auch etwas anderes klar: 
dieser Zustand war nicht gesichert, sondern in die Probe gestellt. 
Daß die Sonne aufgeht, wenn die Zeit kommt ; ein Ding fällt, wenn 
man es losläßt; ein Stoffsich entzündet, wenn er in eine bestimmte 
Hitze gebracht wird - das alles ist sicher, denn die Naturgesetze 
gewährleisten es. Das Tun des Menschen aber ist frei, und Freiheit 
bedeutet, daß das Tun in der Form des Ur-Sprungs, des Heraus- 
sprungs aus dem inneren Anfang hervorgeht, der sich selbst be- 
sitzt. Pier gibt es keine Sicherheit, denn sie würde sofort die Frei- 
heit zerstören. Hier ist alles dahingestellt. 

Wie muß da erst ein Zustand dahingestellt und gewagt sein, der so 
ganz aus der Gnade und Vornehmheit Gottes hervorgeht, wie je- 
ner, der Paradies heißt ? Worin der Herr aller Dinge seine Welt 
dem Menschen in die Hand gibt, auf daß er in ihr sein Reich baue, 
welches ebendamit das ReichGottes werden sollte ? Wie sehr mußte 
das durch die Probe der Treue sehen! 

So hören wir denn, daß sich »inmitten des Gartens«, im Zentrum 
des ganzen göttlichen Zusammenhangs, der »Paradies« heißt, ein 
Zeichen erhebt, durch das derMensch in dieProbe gestellt ist : » Und 
Gott der Herr ließ vom Erdboden allerlei Bäume aufsprießen, lieb- 
lich anzuschauen und gut zu essen . . . aber mitten im Garten auch 
den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ... Er gebot ihm: 
Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, nur vom Baum der 
Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen ; denn am Tage, 
da du davon ißt, mußt du sterben.« (Gen 2,9 . 16-17) An diesem 
Baum soll es sich entscheiden, ob der Mensch in der Wahrheit des 
Ebenbildes leben will, oder den Anspruch erhebt, Urbild zu sein. 
Ob er Geschöpf Gottes sein will, oder sich anmaßt, aus Eigenem zu 
bestehen. Ob er Gott heben und Ihm gehorchen und daheraus zu 



318 



[18] 



[19] 



319 






immer höherer Freiheit aufsteigen, oder sich und die Weit in eigene 
Herrschaft nehmen will. 

Daran hat sich das Schicksal der Menschen entschieden - das un- 
serer Ahnen, und in ihnen unser eigenes. Es hat sich aber auch - wir 
sagen es in großer Ehrfurcht - etwas entschieden für Gott selbst. 
Denn das Werk, das von Ihm mit so göttlichem Sinn erfüllt worden 
war und das Er Hebte, hatte Er in heiliger Vornehmheit den Men- 
schen in die Hand gegeben, ihm zutrauend, er werde es in Ehren 
halten und in ihm ein Werk tun, das Gottes Werk fortführen wür- 
de. Der Mensch aber hat dieses Vertrauen verraten und den f reveln- 
den Versuch gemacht, Gott Seine Welt aus der Hand zu nehmen. 



320 



[20] 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis . 1. Auflage 1957 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamthentellung : 

fränkische Gesdlschaftsdruckerei Würzburg 



I 

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1756 
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"1 



14 



WAHRHEIT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in enter Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapiteL Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Weltmann 



VI 



DER BAUM DER ERKENNTNIS DES GUTEN 

UND DES BÖSEN 



UNIVERSITYif 
NOTREDAME 



i*,»i 




LIBRARIES 






' 



LIEBE FREUNDE, 




Wir haben am vergangenen Sonntag vom Paradies ge- 
sprochen, dem Garten voll blühender und fruchtender 
Bäume, durchflössen von kühlen Gewässern, erfüllt von Schönheit 
und Frieden. Ein Bild für den Zustand des Menschenherzens, das 
rein, für Gott offen und von Seiner Gnade durchwaltet war, wie 
auch für das Einvernehmen, das zwischen diesem Menschen und 
der Schöpfung waltete. Es war kein Naturzustand, den Gesetze und 
Notwendigkeiten gesichert hätten; die freie Treue des begnadeten 
Menschen mußte ihn aufrecht halten. 

DieErprobung aber, in welcher diese Treue sich zu bewähren hatte, 
drückt die Schrift wieder durch ein Bild aus. Sie sagt: »Gott der 
Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß 
er ihn bebaue und bewache. Er gebot ihm: < Von allen Bäumen des 
Gartens darfst du essen, nur vom Baum der Erkenntnis von Gut 
und Böse darfst du nicht essen; denn am Tage, da du davon issest, 
mußt du sterben.)« (Gen 2, 15-17) 
Was meint das Bild ? Was bedeutet der Baum ? 
Für ihn gibt es mancherlei Deutungen. Etwa hat man, vom Namen 
ausgehend, den die Schrift ihm gibt, gesagt, mit ihm sei die tragische 
Wirkung gemeint, die vom Fragen und Erkennen ausgeht. Danach 
ist der Mensch im Paradies, so lange er - sei es als Kind, sei es als 
Volk auf primitiver Kulturstufe - in Einfalt dahinlebt, der Ordnung 
des Daseins vertrauend, wie sie sich in Natur und Herkommen 
kundtut. Alles ist dann klar und gut, und er ist glücklich. Sobald er 
aber anfängt, kritisch nach Wozu und Warum zu fragen, beginnen 
Unruhe und Mißtrauen; Konflikte entstehen, welche Unrecht und 
Leid zugleich sind, und das Paradies ist zerstört. 



[3] 



323 



Diese Deutung wird durch die mythische Bedeutung des Wissens 
religiös vertieft. Danach gibt das Wissen dem, der es besitzt, ma- 
gische Macht. So will die Gottheit es für sich behalten; die Men- 
schen aber sollen unwissend bleiben, damit sie leicht regiert werden 
können. Das Wissen-Wollen wird zum Unrecht erklärt, die Un- 
wissenheit hingegen zur Tugend erhoben. »Paradies« aber ist das 
Scheinglück, das die Gottheit den Menschen vorspiegelt, damit sie 
unterwürfig bleiben. Folgerichtig wird dann der Durchbruch des 
Geistes zur Erkenntnis Schuld und Befreiung zugleich. Das Para- 
dies zerbricht, aber das wirkliche Menschendasein, groß und eben- 
damit gefährlich, nimmt seinen Anfang. 

Man braucht den Text der Genesis nur sorgfältig zu lesen, um zu 
sehen, wie vollkommen diese Deutung seinen Sinn entstellt. Nichts 
darin gibt Anlaß, in der Gesinnung Gottes, desHeilig-Großmütigen, 
den Neid mythischer Nurnina zu vermuten. Auch mit der tragi- 
schen Wirkung der Erkenntnis hat das Symbol des verbotenen 
Baumes nichts zu tun, denn diese Wirkung gehört ja zum Dasein 
des gefallenen Menschen und zur Verwirrung, welche die Schuld 
darin angerichtet hat. Der im Gehorsam der Wahrheit stehende 
Mensch hätte von solcher Wirkung nichts erfahren. 
Abgesehen davon aber: der Mensch soll ja doch erkennen! Ihm ist 
die Herrschaft über die Welt übertragen und die beginnt mit der 
Erkenntnis. So besteht denn auch die erste Herrschaftshandlung des 
Menschen darin, daß er, wie Gen 2,19t erzählt, denTieren »Namen« 
gibt, das heißt, ihr Wesen versteht und es im Wort ausdrückt. Was 
ihm verwehrt wird, ist etwas anderes, nämlich eine bestimmte 
Weise des Erkennens. In allem Fragen und Forschen, Auflösen und 
Dahinterschauen, in jedem geistigen »Begreifen« hegt eine Ent- 
scheidung : ob es in Gehorsam gegen den Urheber des Daseins, oder 



324 



[4] 



in Auflehnung und Stolz geschieht. Dieser Stolz ist es, den das Ver- 
bot memt. Was sich am Baum voUziehen soll, ist nicht der Verzicht 
auf Erkenntnis, sondern, im Gegenteil, Grundlegung alles Er- 
kennens: die von personalem Ernst getragene Einsicht und Aner- 
kenntnis, daß Gott allein Gott ist, der Mensch aber nur Mensch. Die 
Bejahung oder Verneinung davon ist jenes »Gute und Böse«, vor 
welchem sich alles entscheidet. Im Raum dieser Grundwahrheit 
soüte sich dann jede weitere Erkenntnis vollziehen, und sie wäre 
von der herrlichen Geisteskraft des reinen Menschen wahrlich 
mit einer anderen Fruchtbarkeit vollzogen worden als von uns 
denen die Sünde eine so tiefe Verwirrung in Blick und Urteil ge- 
bracht hat. ö 



Eine andere Interpretation geht nicht vom Namen des Baumes 
sondern von der Bedeutung aus, welche dessen Bild im Mythos wie 
im Unbewußten hat. Der Baum, der mit seinen Wurzeln in die 
riete der Erde hinabgreift und von dort seine Säfte heraufholt ; der 
in den Raum aufsteigt, wächst und sich entfaltet, ist ein Symbol der 
Lebenskraft. Jedes Jahr sammelt er sich in die Frucht; die Frucht 
aber setzt ihn in neue Baumwesen fort. 

So sagt die Deutung: Der Baum im Paradies ist der mythische 
Lebensbaum, und seine Frucht die reifende GescWechtlichkeit Was 
das Gebot verwehrt, ist die geschlechtliche Erf üllung. So lange der 
Mensch Kind ist und der Trieb schläft, lebt er unschuldig und 
glücklich. Die Elemente seiner Welt stehen in Eintracht mitein- 
ander und es ist Friede. Sobald sich der Vitaltrieb regt, fängt die 
Unruhe an. Das Kind kommt in Widerspruch mit sich selbst, ver- 
steht sich nicht mehr. Es kommt auch in Konflikt mit den Erwach- 
senen. Die Ordnung, welche diese vertreten, verbietet ihm die Er- 
füllung des Triebes; es wird heimlich und widerspenstig. Nun will 



[5] 



325 



es aber das volle Leben, folgt dem Trieb, und darin zerbricht das 
Paradies der kindlich-glücklichen Unschuld. Doch muß das ge- 
schehen, weil das heranwachsende Menschenwesen nur so in die 
Reife des Lebens mit seiner Fruchtbarkeit, seinemGlück und seinem 
Ernst kommt. Was die Genesis berichtet, wäre also die Urdarstel- 
lung dieses Dramas, das sich im Leben jedes Menschen begibt. 
Auch diese Deutung ist aber falsch. Wie der Mensch geschaffen 
wird, heißt es : » So schuf Gott die Menschen nach seinem Bilde, 
nach Gottes Bilde schuf er sie, männlich und weiblich. « (Gen i, 27) 
Ihre geschlechtliche Bestimmung gehört also mit in die Gotteben- 
bildlichkeit hinein. Und es heißt weiter: »Gott segnete sie und 
sprach : (Pflanzet euch fort und mehret euch und füllet die Erde. > « 
(1,28) Das ist vor der Prüfung, bei der Grundlegung ihres Wesens 
gesagt und will, daß die Menschen sich zur Fülle des Lebens und 
der Fruchtbarkeit entfalten sollen. 



Wie kommt es aber zu einer derart falschen Deutung ? Weil man 
den jetzigen Zustand des Menschen ; die jetzige, an Erfüllungen wie 
auch an Zerstörungen reiche Geschichte des geschlechtlichen 
Werdeganges in den Plan Gottes zurückverlegt und vergißt, daß 
zwischen dem Menschen, wie er heute ist, und jenem, von wel- 
chem die Genesis redet, jene furchtbare Katastrophe steht, welche 
»Sünde« heißt. 

Der Baum bedeutet also nicht die Trieberfüllung, und das Gebot 
sagt nicht, sie sei verwehrt. Sondern es geht, wie bei der Erkenntnis, 
um die Weise, wie das geschieht. Auch der Trieb bringt den Men- 
schen vor eine Entscheidung. Er kann zum Stolz werden, der sich 
gegen Gott und seine Ordnung auflehnt; kann aber auch Gehor- 
sam sein, der Ordnung und Wahrheit bejaht. Am Schluß des zwei- 
ten Berichtes heißt es : » Beide aber, der Mann und sein Weib, waren 



326 



[6] 



nackt, aber sie schämten sich nicht.« (2,25) Die ersten Menschen 
existierten in der Offenheit ihres Wesens, klar und mit sich selbst 
einig, und nichts gab ihnen das Gefühl, mit ihnen sei etwas nicht 
m Ordnung. Das aber nicht deshalb, weil sie Kinder gewesen 
wären, sondern weil sie mit ihrem ganzen Sein im Willen Gottes 
standen. Darum schämten sie sich nicht; und hätten sich auch nicht 
geschämt, wenn sie in der gleichen Gesinnung sich als Mann und 
Weib verbunden und das Gebot erfüllt hätten: »Pflanzet euch fort 
und mehret euch und Met die Erde. « (1, 28) Und es wäre ohne all 
die Verwirrung, all die Not und all die Entwürdigung geschehen, 
welche der Trieb jetzt in das Leben des Menschen bringt. 

Was bedeutet also der Baum? Weder die Erkenntnis, noch das 
Geschlecht; weder das Verlangen nach geistiger Mündigkeit noch 
den Schritt in die Weite der Weltbeherrschung. Er ist vielmehr das 
Malzeichen von Gottes Hoheit, sonst nichts. Er soll sagen : In deiner 
Erkenntnis, in deiner Gesinnung, in deinem Willen, in deinem gan- 
zen Leben soll die Tatsache stehen, daß nur Gott Gott ist, du aber 
Geschöpf bist. Daß du sein EbenbÜd bist, aber nur Ebenbild ; Urbild 
ist Er. Du darfst und sollst Herr über die Welt sein; aber von Sei- 
nen Gnaden, denn Herr von Wesen ist nur Er. Das ist die Ordnung. 
Aus ihr heraus verstehe dich und in ihr lebe. In ihr erkenne die 
Wahrheit, erfülle dich m Fruchtbarkeit und nimm die Welt in 
Besitz. 

Daran zu erinnern, war das Wesen des Baumes. Das Verbot, zu 
essen, bedeutet nichts anderes als den in der konkreten Gestalt der 
Frucht sich ausdrückenden Anlaß, sich zwischen Gehorsam und 
Ungehorsam zu entscheiden. Sonst nichts. 

Man muß die Heilige Schrift mit der Bereitschaft annehmen, zu 
hören, was sie sagt, nicht ihr befehlen woUen, was sie zu sagen habe. 



[7] 



327 









Wer mit dieser Bereitschaft in die ersten Kapitel der Schrift hinein- 
horcht, gewinnt eine Einsicht in das Wesen des menschlichen Da- 
seins, der Kultur, der Geschichte, wie keine natürliche Forschung 
sie geben kann. 






VII 



VERSUCHUNG UND SÜNDE 






328 



[8] 









LIEBE FREUNDE, 



Wir haben in unseren vergangenen Überlegungen gesehen, 
daß der Zustand gnadengeschenkter Harmonie, inweichem 
der erste Mensch mit Gott, und von Ihm her mit sich selbst und mit 
allen Dingen lebte, in die Erprobung kommen mußte. Es mußte 
deutlich werden, daß er mit dem Ernst wirklicher Entscheidung 
das wollte, was den ganzen Zustand trug : den Gehorsam des Ge- 
schöpfes gegen den Schöpfer und damit die Wahrheit des Seins. 
Diese Entscheidung drückt die Schrift in einem Bild aus: der 
Mensch soll inmitten der Fülle fruchtreicher Bäume, wie sie ihn im 
Paradies umgeben, einen als verwehrt anerkennen. Von allen darf 
er essen; von diesem nicht. Und das nicht, weil sich im Verwehrt- 
sein der Frucht eine Wesenskrise des Lebensganzen symbolisch aus- 
drückt, sondern weil sich darin die Hoheit Gottes erhebt und Ge- 
horsam fordert. 

Und nun heißt es im dritten Kapitel: »Die Schlange aber war listi- 
ger als alles andere Feldgetier, das Gott der Herr geschaffen hatte. 
Sie sprach zum Weibe: <Hat Gott wohl gesagt: Ihr dürft von kei- 
nem Baum des Gartens essen ?> Da sprach das Weib zur Schlange: 
<Von den Früchten der Gartenbäume dürfen wir essen, nur von 
den Früchten des Baumes in der Mitte des Gartens hat Gott gesagt : 
<Esset nicht davon, ja rühret sie nicht an, damit ihr nicht sterbet.) 
Die Schlange sprach zum Weibe: <Auf keinen Fall werdet ihr 
sterben. Denn Gott weiß : Sobald ihr davon esset, werden euch die 
Augen aufgehen, und ihr werdet wie Gott sein, wissend Gutes und 
Böses.) Da sah das Weib, daß der Baum geeignet sei zu naschen, 
lieblich anzuschauen und begehrenswert, dadurch klug zu werden. 
Sie nahm von seiner Frucht, aß und gab auch ihrem Manne neben 



[11] 



33i 









tt Tan f ^ r L ^ 8 T n bdder A ^ en auf ■ «"» * -kann- 
ten, daß sie nackt waren. « (1-7) 

Ein abgründiger Text. Was wird in ihm gesagt i 

Vor aUem: Das Böse lag nicht in der ersten Natur des Menschen 

est^ hir ^™^ h » * Wdt gebracht, Ä 

su huT^ he ,T 8 T en ' ^ UrSpnm g hat & Form «*« Ver- 
suchung durch fremden Willen, und die Sünde bestand darin daß 

der Mensch diesem Willen nachgab. Also ist jemand da, da Gott 

und semeOrdnung haßt und den Menschen in diesen Haß nhSl- 

Die menschliche Natur war ursprünglich nicht so, wie wir sie 
nun kennen, mtt guten und bösen Trieben, ordnenden und ve 
^enKraften welch letztere dann bd ngendeineÜ ^ 
wacht waren. Noch weniger steht es so, wie die zynische im 
Grunde so dumme Deutung meint, die Menschen hätt^ rieh m 
Paraches gelangweilt, und das hätte sie darauf gebracht, nur 2 
Böse sei mteressant. Von dem und Ähnhchem ist kerne Rede 
sondern dxe Offenbarung sagt, die Geschichte des Guten^und t 

f^EnTb Z ^ M,^ feinen GdSteS ZUrikk > - d do " « * 
erste .Entscheidung gefallen. 

sTituetrT r* em im Lauf der offenbarun 8 ****. 

Seme volle Klarhat gewmnt es in der Versuchung Christi (Mt 
4, iff). Vonmr werden wir belehrt, daßesein Wesen gibt, welches 
den Menschen und durch ihn die Welt von Gott wegreißen wuT 
Sam-jhn unddie Seinen. Damit ist nicht, wie es ofthefßt, das S. 
2 ^ Bösen gememt. Ein Prinzip des Bösen gibt es nicht. Es wird 
ftnen meme Freunde, nicht gelingen, ein solches Prinzip zu Z- 

£££ Ter u aUP ^ bÜdCt ^ Slekhen ^^ ™ -» ^ - 
Pnnzm der Unwahrhat zu sprechen. Die Gnosis hat so gedacht 

und das Böse zu emem der beiden Grundelemente des Daseins er- 



klärt; viele haben es ihr nachgeredet und dadurch eine tiefe Weis- 
heit auszusprechen gemeint. Was es aber einzig gibt, ist das Prinzip 
des Guten und der Wahrheit, und das ist Gott. Doch kann die Frei- 
heit sich gegen Ihn stellen, in Verneinung und Ungehorsam, und 
das ist das Böse. So gibt es auch kein Wesen, das von Natur böse 
wäre, sondern nur solche, die sich gegen Gott aufgelehnt haben; 
denen die Entscheidung bis ins Mark gegangen ist, und die Ihn nun 
hassen. 

Das hat Christus uns kundgetan. So sollen wir wissen, wir haben 
Feinde, die unser Unheil wollen, Satan und die Seinen. Er war 
von je am Werk. Er ist es, der die ersten Menschen versucht hat. 

Sein Name wird nicht genannt, sondern wieder erscheint ein Bild, 
das der Schlange. 

An sich ist diese ein Tier wie andere auch und als solches so wenig 
böse, als ein Adler oder ein Löwe. Was das Bild begründet, ist der 
Eindruck, den die Schlange macht : sie bewegt sich lautlos, schlüpft 
hinein und hinaus, ist stumm und kalt, und ihr Biß vergiftet. Alles 
das verdichtet sich in dem Satz: »Sie ist listig«. So kann sie zum 
Bild für Satan werden, der sich kalt und tückisch dem Menschen 
nähert, um ihm sein Leben zu zerstören. 

Er spricht : » Hat Gott wohl gesagt : Ihr dürft von keinem Baum des 
Gartens essen ? « Sie merken, wie gleich der erste Satz eine Atmo- 
sphäre der Zweideutigkeit schafft. Er behauptet nicht: Gott hat 
gesagt - darauf käme die klare Erwiderung : das ist wahr. Sondern : 
Ist das wahr, was man so hört ? Zwielicht also, in welchem kein 
klares Ja und Nein ist, Gut und Böse sich nicht sauber scheiden. 
Was wäre darauf die richtige Antwort ? Überhaupt keine zu geben. 
Die Angeredete weiß ja doch in der Klarheit ihres Gemütes : was da 
herweht, ist böse; da gehört Gott nicht hinein. So müßte sie jedes 



332 



[12] 



[13] 



333 



Gesprach ablehnen. Statt dessen antwortet sie, und hat sich damit 
schon eingelassen. Zwar verteidigt sie noch und sagt: »Von den 
Fruchten der Gartenbäume im Garten dürfen wir essen. « Aber was 
braucht sie Gott zu verteidigen > Diesem bösen Wesen da Rechen- 
schaft über Sein Tun zu geben « Das ist schon Verrat an dem heiligen 
Vertrauen, das der so großmütig hebende Gott in den Menschen 
gesetzt hat. 

Dann sagt sie: »Nur von den Früchten des Baumes in der Mitte des 
Gartens hat Gott gesagt: <Esset nicht davon, ja rühret sie nicht an 
damit ihr nicht sterbet.)« (3) Aber Er hat gar nicht das ausgesagt! 
Sie verteidigt Gott mit einer Übertreibung. Und wer übertreibt t 
Der schon unsicher ist. Er sucht sich die Gültigkeit dessen einzu- 
hämmern, was ihm schon nicht mehr fest steht. 

Nun weiß die Schlange, daß sie der Angeredeten die Unruhe ins 
Gemüt gebracht hat und es Zeit ist für den offenen Angriff. 
»Die Schlange sprach zum Weibe: <Auf keinen Fall werdet ihr 
sterben. Denn Gott weiß : Sobald ihr davon esset, werden euch die 
Augen aufgehen, und ihr werdet wie Gott sein, wissend Gutes und 
Böses >« ( 45 ) Der Angriff richtet sich gegen Gottes Gesinnung. 
Der Versucher gibt sich, als wisse er Bescheid. Er schaut hinter die 
ganze Anordnung da - heute würde man sagen: hinter den Prie- 

f tt ™S¥ nttt daS Kapitalistenmaaöver. Er weiß, wie die Dinge 
in Wirklichkeit stehen, und Wärt den Menschen auf 
Was bedeutet das> Sehen wir einmal von der Verkehrung aller 
Wahrheit ab, die hier geschieht, und fragen: Wann spricht man 
denn richtig über Gott > So lange man lebendig in dem Bezug steht 
der unser ganzes Dasein begründet : Du, Gott, Schöpfer und Herr - 
ich, Mensch, Dein Geschöpf, über Ihn kann man nicht in unbetei- 
ugter Objektivität reden, sondern nur im Glauben und grundsätz- 



334 



[14] 



liehen Gehorsam. Hier nun wird der Mensch aufgefordert, aus 
diesem Gehorsam herauszutreten, auf einen Standpunkt angeblich 
unabhängiger Kritik, von dem aus er autonom über Gott und 
das Dasein urteilen werde - philosophisch, soziologisch, historisch 
und wie immer. Dann werde er feststellen, ob Gott sich richtig ver- 
halte, ob Er richtig gesinnt, ja ob Er überhaupt wirklich Gott sei. 
Und nun sagt der Versucher weiter: Wißt ihr auch, warum Gott 
euch die Frucht verbietet ? Weil Er Angst hat . . Wie aber das ? Sa- 
tan verfälscht das wahre Bild des Lebendigen Gottes in das mythi- 
sche. Der mythische Gott ist nämlich ein Wesen, dessen Herrentum 
von Bedingungen abhängt, und eine von diesen ist das magische 
Wissen um die Geheimnisse des Daseins. Dieses Wissen gibt Macht : 
so lange er die allein hat, ist er seiner Herrschaft sicher. Wenn aber 
andere Wesen dieses Wissen gewinnen, kommt die Macht in Ge- 
fahr, und der Gott der gegenwärtigen Weltstunde wird von dem 
der kommenden entthront .. Das ist der Kern dessen, was Satan 
sagt. Er macht den reinen, großen, keines Dinges bedürfenden 
ewigen Gott zu einem Numen, das von Weltbedingungen ab- 
hängt, und gibt dem Menschen den Gedanken ein, er könne diese 
Bedingungen zerstören und sich an Gottes Stelle drängen. 
Die Versuchung muß furchtbar gewesen sein, denn sie hat an das 
Lebensgefühl der frühesten Menschen gerührt. Die waren keine 
Kinder, sondern Wesen, die leuchteten von der Fülle reiner Kraft, 
wie sie aus Gottes Schöpfermacht hervorgegangen war. Diese Kraft 
empfanden sie - und nun sagt die Versuchung: Die Lebensmacht, 
die ihr fühlt, kann noch viel größer werden. Sie kann die Welt um- 
fassen; kann dem All gebieten. Ihr könnt seine Herren werden, so 
wie Gott jetzt sein Herr ist. Damit verkehrt der Versucher die 
Gott-Ebenbildlichkeit, in welcher die Wahrheit des Menschen 
ruht, in den Trug der Gleichheit -ja der Überlegenheit. 



[15] 



335 









Diese Einflüsse nimmt die Hörende in sich auf, und auf einmal wird 
der Baum, der soeben noch in der Unnahbarkeit des Heilig-Ver- 
botenen stand, zudringend, verlockend, verheißend: »Da sah das 
Weib, daß der Baum geeignet sei zu naschen, lieblich anzuschauen 
und begehrenswert, dadurch klug zu werden. Sie nahm von seiner 
Frucht, aß und gab auch ihrem Manne neben ihr, und der aß 
auch.« (6) 

Die Versuchung ist zuerst an das Weib herangetreten, weil das Zu- 
sammenhangsgefühl ihrer Natur sie für das Verschwimmen der 
Unterschiede empfänglicher macht. Von ihr greift die Wirkung 
zum Manne über. Er könnte Einhalt tun, aber auch er erÜegt. 

Und nun verändert sich dies: »Da gingen beider Augen auf, und 
sie erkannten, daß sie nackt waren. « (7) Schon einmal hat es gehei- 
ßen: »Beide, der Mann und sein Weib, waren nackt, doch sie 
schämten sich nicht. « Das war eine andere Nacktheit ; die des reinen 
Offenseins. Was sie waren, durfte jeder sehen, denn alles war rein 
Die Reinheit entspringt im Geist; ist der klar, dann ist es auch der 
Leib. Nun ist im Geiste der Abfall geschehen. Der Frevel hat den 
Menschen in Widerspruch zu Gott und darum auch zu sich selbst 
gebracht. Das bringt ihm auch Trieb und Sinne in Unordnung 
und er schämt sich. Er fühlt sich anf ällig für die Mächte der Ver- 
störung, und sucht sich durch die Hülle des Kleides zu schützen. 

Meine Freunde, lesen Sie den kurzen Bericht mit Sorgfalt ; Sie wer- 
den sehen, welche Kenntnis des Menschen aus ihm spricht. Er wird 
Ihnen zum Spiegel werden, aus dem nicht nur ein Begebnis her- 
blickt, das sich einst, am Anfang der Menschengeschichte zuge- 
tragen hat, sondern Sie werden fühlen: In dieser Geschichte habe 
ich schon selbst gestanden. 



336 




[16] 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis . i. Auflage 1957 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



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15 



WAH RH E IT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof . Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntaglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in enter Linie um die Ansprachen 
in St Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St, Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



VIII 



DIE RECHENSCHAFT 
UND DER VERLUST DES PARADIESES 



UNIVERSITYff 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 




W 5 



Der Mensch hat in der Prüfung versagt. Er hat sein wollen 
»wie Gott«, Herr über die Dinge und über sich selbst. Daran 
ist das Paradies zerbrochen und alles, was es für den Menschen und 
sein Werk bedeutete. 

Im dritten Kapitel der Genesis heißt es: »Da vernahmen sie die 
Stimme Gottes des Herrn, der im Garten beim Windhauch des 
Tages hin- und herging. Und es wollten sich der Mann und sein 
Weib verstecken vor dem Angesicht Gottes des Herrn mitten unter 
den Bäumen des Gartens. Gott der Herr aber rief dem Menschen zu 
und sprach zu ihm : < Wo bist du ? > Er antwortete : < Deine Stimme 
hörte ich im Garten; ich hatte Scheu; denn nackt bin ich ja; so ver- 
steckte ich mich denn.> Er sprach: <Wer tat dir kund, daß du nackt 
bist: Hast du etwa von jenem Baume gegessen, von dem zu essen 
ich dir verboten habe?> Der Mensch entgegnete: < Das Weib, das 
du mir als Gefährtin gegeben, hat mir etwas vom Baume gereicht, 
und ich aß.> Da sprach Gott der Herr zum Weibe: <Was hast du 
getan ? > Das Weib erwiderte : < Die Schlange hat mich betört, und 
ich aß.>« (Gen 8-13) 

Am Schluß des Kapitels aber heißt es : »Er vertrieb den Menschen, 
Heß ihn östlich vom Garten Eden wohnen und stellte die Kerubim 
und die flammende Schwertklinge auf, den Weg zum Baum des 
Lebens zu behüten. « (24) 

Wieder redet die Offenbarung in Bildern. Sie sind einfach, fast 
kindlich, aber groß und von unerschöpflicher Tiefe für den, der sie 
richtig befragt. 

Die Menschen haben dem Versucher mehr geglaubt als Gott. Im 



[3] 



239 



Maß sie sich auf seine Worte eingelassen, hat sich ihnen die Wahr- 
heit verwirrt, welche die Grundlage ihres Daseins bildete : daß Gott 
allein Gott ist, sie aber seine Geschöpfe; Er Urbild, sie aber Eben- 
bilder; Er Herr von Wesen, sie Herren von Seinen Gnaden. Aus 
dieser Wahrheit allein hätte ihr Leben sich richtig, groß und frucht- 
bar verwirklichen können. Sie haben sich aber von ihr wegverlo- 
ren und im Maß das geschah, wurde das Verwehrte verlockend, 
und sie erlagen dem Versucher. Nun stehen sie als Betrogene da; 
verwirrt im Kern ihres Daseins, beraubt des Eigentlichen von Le- 
ben und Werk, brennend vor Scham. 

Und was geschieht ? Sie »hören« Gott, fühlen sein Kommen und - 
verstecken sich ! Wir haben Mühe, uns in das hineinzudenken, was 
sich da ereignet. Der Mensch verbirgt sich vor Dem, aus dessen 
Hand er immerfort das Dasein empfängt, sich selbst, die Dinge, die 
Möglichkeit, zu herrschen und zu schaffen, fruchtbar und glücklich 
zu sein. Vor Dem verbirgt er sich. In dem Impuls drückt sich der 
furchtbare Widersinn aus, der in sein Dasein gekommen ist. Der 
Wahrheit nach müßte aus dem Menschenwesen elementar die Be- 
wegung hervorgehen: Hin zu Gott; hinein in seine Nähe, in der 
alles Gute entspringt; offen sein vor Ihm und in Ihm! Statt dessen 
die qualvolle Sinnlosigkeit, sich vor Ihm verbergenden von Ihm 
wegnehmen zu wollen - ebenso sinnlos, wie vorher der Wille, zu 
sein wie Er. Die Scham aber ist der Ausdruck des Bewußtseins, in 
diesen unerträglichen Widersinn hineinbetrogen worden zu sein. 
Nun fragt Gott den Mann: »Hast du etwa von jenem Baume ge- 
gessen, von dem zu essen ich dir verboten habe ?« Es ist nicht die 
Frage des Allwissenden; der braucht nicht zu fragen; sondern die 
des Richters, der zur Rechenschaft zieht, und verlangt, der Schul- 
dige solle sich verantworten. Solle Dem, der das Gebot gesetzt hat, 
bekennen, was er getan und so zu seiner Tat stehen. Das ist der Be- 



240 



[4] 



ginn zur Aufarbeitung des Geschehenen, der erste Schritt ins Neue 
- und wer weiß, was möglich geworden wäre, wenn der Mensch 
die Wahrheit gesprochen hätte. Statt dessen weicht er seiner Ver- 
antwortung aus. 

Der Mann sagt: »Das Weib, das du mir als Gefährtin gegeben, hat 
mir etwas vom Baume gereicht, und ich aß. « Was ist da alles zer- 
brochen! Als Gott ihm das Weib zuführte, hat er über die voll- 
kommene Gefährtin gejubelt ; also müßte er sich doch zu ihr, vor sie 
stellen - und wie hätte Gott, der Vornehme, das gewürdigt! Der 
aber, der den Anspruch gemacht hat, Herrscher der Welt zu sein, 
läßt seine Gefährtin im Stich und wälzt seine Verantwortung auf sie 
ab. Welche Enthüllung ! Wie wird da offenbar, daß die Empörung 
gegen Gott durchaus nicht groß ist, durchaus nicht heroisch, son- 
dern im Grunde armselig, weil sie die Wahrheit überlügt. 
So wendet sich Gott an das Weib und fragt sie: »Was hast du ge- 
tan ? « Wieder der Augenblick, zur eigenen Tat zu stehen. Sie aber 
erwidert: »Die Schlange hat mich betört, und ich aß.« Auch sie 
weicht also aus. Auch sie schiebt die Verantwortung von sich ab. 
Beide versagen. Der Mensch versagt in der Wahrheit, im Gehor- 
sam gegen das Gebot, in der Treue gegen Gottes Vertrauen - aber 
auch im sittlichen Mut, wie im Anstand der Person gegen sich 
selbst und gegen den Anderen. 

Doch noch Schlimmeres ist geschehen. In der Antwort des Mannes 
steht ein kleiner Satz, den man leicht überliest. Er sagt nicht nur: 
»mein Weib hat mir etwas vom Baume gereicht«, sondern: »das 
Weib, das Du mir als Gefährtin gegeben«, hat es getan. Das heißt 
aber : »Du bist schuld ! « 

Die Auflehnung, die der Mensch vorher als Ungehorsam gegen 
Gottes Gebot vollzogen hat, setzt sich nun in der Anklage fort: 



[5] 



241 



( 



Du, Gott, bist verantwortlich für das, was ich getan habe. Damit 
bestreitet er dem Richter das Recht, ihn zur Verantwortung zu zie- 
hen, und es beginnt die Anklage, die von da ab durch die ganze 
Geschichte gehen wird: Gott selbst sei Schuld am Bösen, das die 
Menschen tun, und am Unheil, das ihnen daraus erwächst. Er habe 
die Menschen erschaffen, wie sie sind; habe ihnen die Freiheit und 
damit die Möglichkeit gegeben, wider das Gute zu handeln; habe 
vorausgesehen, was sie tun würden, und sie doch in die Lage ge- 
bracht ; das ganze Dasein sei so gebaut, daß es in ihm ohne das Böse 
nicht gehe - und wie immer die Weisen lauten mögen, in denen 
der Mensch das Gericht umzukehren, sich zum Richter und Gott 
zum Angeklagten zu machen sucht. 

Darauf spricht Gott das Urteil: Sie werden das Paradies verlieren. 
» So sandte Gott der Herr ihn aus dem Garten Eden fort, daß er den 
Ackerboden bearbeite, von dem er genommen war.« (23) Jedes 
Wort ist wichtig in diesen sparsamen Sätzen. 
Die ersten Menschen müssen aus dem Paradies fort, »hinaus«. Und 
was ist draußen? »Die Erde«, die der Mensch nun bebauen soll. 
Aber der Garten war doch auch »Erde«. Und schon auf ihn hin hat 
es doch geheißen: »Gott der Herr nahm den Menschen und setzte 
ihn in den Garten Eden, daß er ihn bebaue und erhalte. « (Gen 2, 15) 
Erde da und Erde hier; Arbeit da und Arbeit hier. Die Dinge sind 
also die gleichen, und gleich ist das Tun. Aber dort war diese Erde 
im Raum von Gottes Willen und Wohlgefallen; von des Men- 
schen Ehrfurcht und Gehorsam. Sie war Paradies. Jetzt hingegen 
ist sie die Erde, die der Mensch aus dem Einvernehmen mit Gott 
herausgerissen hat. Sie ist Fremde und bleibt es, trotz aller Bemü- 
hungen, in Land und Haus, Menschenwerk und Menschenge- 
meinschaft Heimat zu schaffen. Und während der Mensch dort 






242 



[6] 



sein Werk im Frieden mit Gott tat, und es daraus her frei und 
fruchtbar wurde, hat er sich jetzt wider den Herrn der Welt erho- 
ben, und seine Arbeit wird schweren Stand haben. 
Gegenüber falschen Deutungen des Paradieses haben wir uns schon 
früher gesagt, daß in ihm alles geschehen sollte, was Menschenleben 
und Menschenwerk ausmacht; im Einvernehmen mit Gott und in 
einer Schöpfung, welche sich willig in die Herrschaft des Menschen 
fügen würde. Jetzt ist das Kraftfeld dieses Einvernehmens zerfallen. 
Die Dinge sind hart und schwer geworden. Sie sind so geworden, 
wie sie heute sind, sperrig und widerspenstig. Lassen wir uns doch 
vom Worte Gottes belehren: daß der Zustand, in dem die Dinge 
jetzt sind, nicht ihr ursprünglicher ist. Daß ihr Zusammenhang für 
den Menschen nicht jene Natur ist, die Gott gewollt hat, vertraut 
und freundlich; sondern daß im Verhältnis zu ihr etwas zerrissen 
ist. Wenn wir Augen haben, zu sehen, und ein Herz, zu fühlen, 
dann merken wir, daß in allen Beziehungen, die der Mensch zu den 
Dingen haben mag, etwas nicht in Ordnung ist. Und lassen wir 
uns über diese Erfahrung nicht durch Redensarten vom Fortschritt 
wegtäuschen, der angeblich höher und immer höher steigt, alles 
besser und immer besser macht. Dieser Fortschritt ist ja selbst nicht 
in Ordnung; und nicht deshalb, weil dies noch falsch, und jenes 
noch unvollkommen und das Ganze noch nicht lang genug im 
Gang wäre, sondern weil im Innern der Beziehung des Menschen 
zu jedem Ding etwas verkehrt ist. 

Die Schrift sagt noch etwas anderes, das eine neue Tiefe öffnet. Es 
hat geheißen: »Da vernahmen sie die Stimme Gottes des Herrn, 
der im Garten beim Windhauch des Tages hin- und herging. Und 
es wollten sich der Mann und sein Weib verstecken vor dem An- 
gesicht Gottes des Herrn mitten unter den Bäumen des Gartens.« 



[7] 



243 



(3,8) Haben wir uns aber schon alles nahekommen lassen, was in 
den Worten gesagt ist ? 

Zunächst sind wir versucht, sie wie Märchenworte zu hören, die 
man Kindern erzählt: Der Hebe Gott ist in seinem schönen Garten 
spazieren gegangen, abends, als der kühle Wind wehte, und hat 
nachgesehen, ob alles in Ordnung sei. . So ist es aber nicht. Es sind 
keine Märchenworte, sondern sie stellen wieder ein Bild vor unsere 
Augen, das wir als solches erschauen und erfühlen sollen; dann 
offenbart es uns sehr tiefe Dinge. Aber wir müssen zuerst etwas 
weiter ausholen. 

Zu den Aufgaben, welche die religiöse Reifung dem Menschen 
stellt, gehört vor allem die, daß er lerne, Gott richtig zu denken. 
Dazu muß er sich die Begriffe erwerben, mit denen er das tun kann. 
Wo findet er die aber ? Als Kinder haben wir sie in den Begriffen 
des täglichen Umgangs mit Vater und Mutter und den Dingen 
unserer Umwelt gefunden. Da »kam« Gott, und »sprach«, und 
»tat« das und das. Das war in Ordnung und nichts dagegen einzu- 
wenden. Dann aber wurden wir bewußt und kritisch und streiften 
die Kinderbegriffe ab - sagen wir genauer : wir taten sie in die Tiefe 
des Gemütes, ins Gebet und in den Traum. Für Gott aber lernten 
wir den Begriff des höchsten Wesens, indem wir uns bemühten, 
alles auszuscheiden, was fehlerhaft, eingeschränkt, vergänglich 
und nur das zu behalten, was sinnvoll und vollkommen ist. So bil- 
deten wir den Gottesbegriff des Ganz-Heiligen und Absolut- 
Seienden; Dessen, der alles weiß und vermag, des Ewigen und 
Seligen. Diesen Begriff errungen zu haben, war vielleicht die höch- 
ste Leistung der Menschengeschichte; und jeder von uns muß sie 
in irgend einer Weise neu vollziehen, weil er ohne diesen Begriff 
Gott nicht denken kann. Genügt er aber ? Werden wir mitihm allein 
der Wirklichkeit Gottes gerecht, wie sie sich in der Offenbarung 



244 



[8] 















bezeugt ? Können wir in ihn alles das hineinholen, was die Schrift 
sagt, ohne daß es uneigentlich und blaß wird ? 
Nehmen wir ein Beispiel. Wenn Einer von meinem Freund spräche 
und sagte : Er ist geboren und wird sterben ; er hat Verstand, hat die 
Gabe der Freiheit und des Fühlens; er arbeitet, freut sich und leidet 
- wäre ich damit zufrieden ? Ich würde erwidern : Was du sagst, ist 
richtig; es ist die allgemeine Wahrheit, die auf jeden normalen 
Menschen paßt. Aber darin fehlt ja das Wichtigste, nämlich er 
selbst ! Der Lebendige, Persönliche, mit keinem zu Verwechselnde, 
den ich kenne und hebe, und mit dem umzugehen ich mich freue. 
Wenn das fehlt, fehlt doch das Eigentliche. 
Das gilt auch für Gott. Wenn wir mit der Heiligen Schrift ver- 
trauter werden, dann kommt uns etwas zu Bewußtsein, das uns zu- 
erst vielleicht ratlos macht, dann aber immer wichtiger wird: daß 
es nämlich zu wenig ist, von Ihm nur zu sagen : Er ist der Allheilige, 
Allmächtige, Allwissende, kurz, der Absolute. Um das Wichtigste 
zu wenig : um Ihn-selbst. Sein Lebendig-Persönliches, Eigentliches 
gehört in die Gottesaussage hinein, wenn sie fähig sein soll, alles das 
aufzunehmen, was die Offenbarung von Ihm sagt. Dazu brauche 
ich Bilder, die von den Dingen der Natur, vom Leben der Men- 
schen genommen sind. Etwa sage ich : Gott ist Licht, wie es im Pro- 
log des Johannesevangeliums steht. Das ist ein Bild, und ich muß 
es als Bild lassen, sonst zerstöre ich seinen Sinn. Ich darf es nicht 
ersetzen durch die Aussagen: In Gott ist kein Irrtum, keine Lüge, 
keine Unwissenheit, nur Wahrheit und Einsicht usf. Das wäre na- 
türlich alles richtig, aber das Bild wäre verschwunden, und mit 
ihm das Eigentlich-Gemeinte. Nein, sondern : Gott ist Licht. Sogar 
das Licht, das eine und einzige, und was immer Licht heißt in der 
Welt, ist ein Abglanz von ihm.. Entsprechendes gilt von all den 
konkreten Aussagen der Heiligen Schrift, wenn es da heißt, daß 



[9] 



245 






Gott kommt, und wohnt, und sieht, und handelt, und all das Un- 
zählige, was von seinem persönlichen Wesen und Verhalten gesagt 
wird. 

In der Geschichte der religiösen Reifung, die soeben erzählt worden 
ist, haben wir allmählich gelernt und verstanden, daß man der 
heiligen Wirklichkeit Gottes nicht gerecht wird, wenn man Ihn 
nur als das absolute Wesen denkt, sondern man muß Ihn denken, 
wie die Schrift es tut, mit all den konkreten und lebendigen Aus- 
sagen, die da von Ihm gemacht werden. Und das sind dann keine 
Zugeständnisse, wie man sie Ungebildeten macht, die nicht philo- 
sophisch oder theologisch genau zu denken vermögen, sondern sie 
sind richtig - vorausgesetzt natürlich, daß man das Element der 
Absolutheit zugleich festhält. Dieses »Zugleich« und »Zusammen« 
kann man dann zwar nicht logisch vollziehen, aber das Herz fühlt 
die Wahrheit. Es ist jene, welche der Name ausdrückt, mit dem die 
Schrift Ihn nennt: »der Lebendige Gott« - und der andere, mit 
welchem das Herz Ihn nennt, wenn es Seine Nähe erfährt: »mein 
Gott« ; f ür jedenMenschen, » meiner«, und mein, wie keines Anderen. 
Gelangt der Glaubende im Gang seines Lernens dahin, dann hat er 
die Sprache seiner Kindheit wiedergewonnen, aber den Ertrag 
seines erwachsenen Denkens, den Begriff des Absoluten, beibe- 
halten. Wenn er jetzt die Dinge Gottes zu denken versucht, dann 
kommen ihm die Begriffe aus beiden Quellen, und sind genau und 
lebendig zugleich. 

Das war ein langer Anlauf, aber er hat uns etwas gelehrt, das über 
den Anlaß hinaus wichtig ist. Nun kehren wir zu unserem Text 
zurück : ein solches Bild für Gottes Lebendigkeit ist hier. Er hat den 
Menschen dasParadies gegeben; einen »Garten«, daß sie darin woh- 
nen und walten sollten. Dahinter aber steht, unausgesprochen, 



246 



[10] 



etwas anderes: Daß in diesem Bereich aller Fülle Er selbst wohnt; 
und daß Er dem Menschen seine heilige Vertrautheit schenkt. Und 
wenn, nach der Glut des Tages, zur Stunde, da der Abendwind 
Kühlung bringt, der große Herr durch den Garten geht, dann 
kommen seine Menschen zu Ihm und sprechen mit Ihm. 
Ist das Bild nicht schön ? So schön, daß es einem das Herz bewegt ? 
Wie die Menschen, reine, edle Wesen, zu ihrem Schöpfer kommen 
und im Einvernehmen Hebenden Vertrauens mit Ihm sprechen ? 
Über was aber mit Ihm sprechen ? Ich denke, über die Welt. Sie 
sprechen mit Gott über die Erde, die Bäume, die Sonne, über alles, 
was Er geschaffen hat. Nicht in spielerischer Idylle, sondern ernst, 
begierig zu erkennen. Aber zu erkennen so, wie man es nur mit 
Gott zusammen kann, so daß Denken und Beten, Erkennen und 
Erfahren eins werden. Wie müssen die Dinge in diesem Gespräch 
geleuchtet haben! Wie muß den Menschen aufgegangen sein, so 
klar als tief, was alles ist. Worauf geht denn die Frage des Kindes, 
wenn es wissen will : Mutter, was ist das ? Auf etwas, das im Grun- 
de keine Mutter ihm sagen kann. Denn wenn sie ihm antwortet, 
sagt sie Worte und Begriffe. Das Kind aber möchte wissen, wie 
die Dinge wirklich sind ; und es wirklich wissen, im inneren Leuch- 
ten ihres Wesens. Das kann aber kein Mensch geben; das kann nur 
Gott. Wenn Er es gibt, spricht das Innere des Menschen: Ja, das 
ist es! . . Ich denke, in jenen Gesprächen mit dem Herrn des Para- 
dieses, zur Stunde des Vertrauens, haben die Menschen gelernt und 
verstanden, was keine Wissenschaft zu verstehen gibt. 
Und über sich selbst haben sie zu Gott gesprochen. Er hat ihnen 
geantwortet, und sie haben sich verstanden. Verstehen wir uns, 
meine Freunde ? Das, was uns das Nächste ist, ganz nah, weil wir 
es ja selbst sind ? Verstehen wir, warum wir dies getan haben oder 
jenes ? Dies uns erfreut, das andere uns betrübt, das dritte uns er- 



in] 



247 



schütten ? Verstehen es wirklich, aus dem Grund heraus ? Verstehen 
wir die so viel verflochtene, nach oben wie nach innen geschich- 
tete Welt, die wir selbst sind ? Ist mir klar, wer ich bin ? Daß ich 
bin, statt nicht zu sein ? Von alledem erfaßt unser Geist immer nur 
einige Fäden, einige Bewegungen, ein unbestimmt sich verzwei- 
gendes Gewese und Geschehen - aber wirklich verstehen ? 
Der Mensch ist so groß und lebt so hoch über sich hinaus und so 
tief in sich hinein - wenn er im Ernst fragt : was, und wer, und wie, 
und warum, dann kann nur Gott antworten. Damals hat Er ge- 
antwortet, und wie gütig ernst, wie innig vergewissernd müssen 
seine Antworten gewesen sein! Jede Antwort Ihn selbst mit ent- 
haltend; Ihn als das, was in jedem Gedanken mitgedacht, in jedem 
Wort mitgesagtwerden muß, soll es wirklich wahr und vollständig 
sein. 

Und nun stellen wir uns vor, was daraus hervorgegangen wäre: 
welcher Reichtum des Menschenlebens, welche Fülle des Men- 
schenwerkes ! Das alles aber haben wir nur bedacht, um nun sagen 
zu müssen, daß der Mensch in der Verstörung seiner Schuld vor 
dieser heiligen Nähe geflohen ist und sich in der schon fremd ge- 
wordenen Natur »unter den Bäumen des Gartens« vor Gott ver- 
borgen hat. 



9 



IX 
DERTOD 



« 



248 



[12] 



i 



LIEBE FREUNDE, 



Im Zusammenhang dessen, was die Genesis über das Paradies 
berichtet, begegnen wir einer Aussage, die uns sehr fremd be- 
rührt, weil sie unserem Bilde vom Menschen und seinem Leben 
widerspricht; der Aussage nämlich, daß er, wäre er in der Erpro- 
bung treu gebheben, nicht hätte zu sterben brauchen. 
Nun könnte man denken, es handle sich um ein märchenhaftes 
Nebenmotiv, das auch wegfallen dürfe, ohne daß das Wesentliche 
der Offenbarung über das Paradies beeinträchtigt würde. Bald 
sieht man aber, daß das nicht angeht. Denn was Gott zum ersten 
Menschen sagt, ist ebenso klar wie eindringlich: »Von allen Bäu- 
men des Gartens darfst du essen. Nur vom Baum der Erkenntnis 
von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tage, da du 
davon issest, mußt du sterben.« (Gen 16-17) Das Hebräische redet 
noch dringlicher: »mußt du des Todes sterben«, oder, wie andere 
übersetzen: »mußt du sterben, ja sterben«. 
In ihrem Gespräch mit dem Versucher sagt das Weib: »Nur von 
den Früchten des Baumes in der Mitte des Gartens hat Gott gesagt : 
Esset nicht davon, ja rühret sie nicht an, sonst müßt ihr sterben.« 
(Gen 3,3) Der Versucher aber antwortet: »O nein, auf keinen Fall 
werdet ihr sterben, sondern es verhält sich so, daß Gott wohl weiß : 
Sobald ihr davon isset, werden euch die Augen aufgehen, und ihr 
werdet wie Gott sein, wissend Gutes und Böses ! « (Gen 3 , 4-5) 
Es handelt sich also um etwas, das in den Zusammenhang der Lehre 
vom Paradies wesentlich hineingehört. 

Was ist aber damit gemeint? Die rationalistische Erklärung ist 
schnell fertig. Sie behauptet, es handle sich um eine der Paradieses- 
sagen, wie sie sich vielfach finden. Um das Sehnsuchtsbild des 



[15] 



251 



Menschen von einem wunderbaren Dasein, in dem es nichts von 
alledem gebe, was ihn jetzt drückt, nur Schönes und Beglückendes. 
So sei in diesem Land aller Erfüllung auch kein Tod, sondern nie 
endendes Leben - und natürlich Leben in nie welkender Jugend- 
lichkeit. 

Andere nehmen die Aussage wohl im Ganzen des Geoffenbarten 
an, fühlen sich aber durch sie in Verlegenheit gebracht. Sie nehmen 
das neuzeitliche Bild vom Menschen als selbstverständliche Grund- 
lage ihres Denkens ; so leugnen sie zwar jene Aussage nicht gerade- 
zu, schieben sie aber an den Rand des Bewußtseinsfeldes, so daß 
sie praktisch daraus verschwindet. Dabei gehört sie in den Kern- 
bereich der Offenbarung und macht unser heutiges Dasein erst 
verstehbar. 

Die Lehre der Genesis vom Tode findet ein mächtiges Echo im 
Neuen Testament, und zwar im Römerbrief. Da sagt Paulus im 
fünften Kapitel : »Darum, wie durch Einen Menschen die Sünde in 
die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und der 
Tod sich auf alle Menschen verbreitet hat, darauf hin, daß sie alle 
gesündigt haben ...«(5,12) Noch eindringUcher spricht er nachher, 
wenn er sagt, daß der Tod »durch den Ungehorsam des Einen zur 
Herrschaft gelangt sei« und »über Alle geherrscht habe« (5, 17. 14) 
- in unmittelbarer Verbindung mit diesen Gedanken aber die 
großen Ausführungen über die Erlösung und das neue Leben 
durch Christus folgen. 

Wir sehen : hier von sagenhaften Nebenmotiven zu reden, ist ganz 
unmöglich. Der Gedanke des Todes und der Sünde rücken so eng 
zu einander, daß sie geradezu eins werden. Es wird von einer Herr- 
schaft des Todes gesprochen; von einem Zustand, der aus jener 
Herrschaft kommt, und in dem sich alle Menschen befinden. Die 



252 



[16] 



Gnade der Erlösung aber wird, dieser Herrschaft gegenüber, als 
unzerstörbares Leben verstanden. 

Endlich ist da das wunderbare achte Kapitel des Römerbriefes, in 
welchem von der Sehnsucht der Schöpfung gesprochen wird, die 
hoffend auf den Augenblick wartet, da die Kinder Gottes vollendet 
und in ihrer Herrlichkeit offenbar werden sollen. Jetzt ist sie »der 
Vergänglichkeit«, das heißt, dem Tod »unterworfen«; dann aber 
wird sie »von diesem Sklavendienst der Vergänglichkeit befreit 
zur Freiheit der Herrlichkeit der Gotteskinder«. Und Inbegriff 
dieser Herrlichkeit ist »die Erlösung unseres Leibes« in der Aufer- 
stehung der Toten. (8, 19-23) 

Es handelt sich also um etwas, das im Mittelpunkt der Heilsbot- 
schaft steht. 

Wir alle, meine Freunde, leben im Zusammenhang des neuzeit- 
lichen Denkens. Das geht in der Frage, die uns hier beschäftigt, 
von der Voraussetzung aus, der Mensch unserer Erfahrung sei der 
Mensch einfachhin; das Dasein, wie wir es erleben, das Dasein 
einf achhin. In diesem gebe es wohl Störungen und Zerstörungen, 
und dem Denken seien die schwersten Probleme gestellt. Über sie 
könne aber nur aus dem Zusammenhang heraus gedacht und ge- 
sprochen werden, der uns gegeben ist. Gehe der Gedanke über ihn 
hinaus, dann seien das Märchen, Spiele der Phantasie, die einen 
psychologischen oder ästhetischen Sinn haben mögen, keinesfalls 
aber beanspruchen dürfen, ernsthafte Wahrheit zu sein. Unter 
diesen Umständen denkt der Mensch, wenn er über sich selbst 
nachdenkt, immer aus dem Zustand heraus, in welchem er sich 
jetzt vorfindet. Die Folge davon ist, daß er den Kopf aus seinem 
Zustand nie herausbekommt. Sein Denken läuft auf vorbestimm- 
ten Wegen und bestätigt ihm daher immer neu, daß das, was jetzt 



[17] 



253 



ist, das Einzige und Wirkliche ist. Begegnen ihm dann in der Ge- 
nesis Gedanken, wie die soeben angeführten, dann tut er sie aus 
dem Bereich des Ernsthaft-Realen hinaus. 

Ist er aber wirklich gläubig; vertraut er der Offenbarung als der 
Quelle göttlicher Wahrheit ; nimmt er diese Gedanken, auch wenn 
sie ihn zunächst befremden, im Ernst der Botschaft entgegen, dann 
öffnen sie ihm den Blick für die wirkliche Wirklichkeit. Sie sagen 
ihm, daß der Zustand, in welchem der Mensch sich jetzt vorfindet, 
wie ihn aber auch die ganze Geschichte zeigt, nicht der echte Ur- 
und Normalzustand ist; vielmehr etwas geschehen ist, das den 
wirklich ersten Zustand verändert hat. So kann der heutige nicht 
aus ihm allein heraus begriffen werden. 

Einen solchen Blick ins Eigentliche öffnet uns auch die Aussage der 
Schrift, wonach der Tod nicht zu der Lebensgestalt gehört, die 
Gott dem Menschen eigentlich zugedacht hat. 

Wie sollen wir aber die Lehre der Offenbarung denken, ohne alles 
in Verwirrung zu bringen, was uns tägliche Erfahrung und wissen- 
schaftliche Erkenntnis über das menschliche Dasein sagen ? Ja ohne 
mit unserem Wahrheitsgewissen in Konflikt zu kommen, da echte 
Erfahrung wie echte Wissenschaft uns doch verpflichtet ? 
Die heutige Anthropologie hat Einsichten gewonnen, die wichtige 
Beziehungen zur Aussage der Offenbarung hin schaffen. In der 
Zeit vor dem ersten Krieg hat man den Menschen als ein ge- 
schlossenes Gebilde gedacht, in welchem alles nach physikalischen, 
chemischen und biologischen Gesetzen verläuft. Auch das Psy- 
chische und Geistige schien diese Auffassung nicht zu stören, denn 
es wurde als letzte Differenzierung bestimmter Zell- und Nerven- 
vorgänge bzw. als ein regulierendes Element des organischen Gan- 
zen angesehen - oder aber als etwas, das irgendwie und unerklärbar 



254 



[18] 



neben dem Organischen herläuft. Heute wissen wir aber aus immer 
zahlreicheren Beobachtungen und tiefer eindringender Analysen, 
daß dieses Bild falsch ist. Der Körper bildet durchaus kein ge- 
schlossenes System, sondern ist der Initiative offen, die aus Seele 
und Geist kommt. Immerfort werden die Vorgänge in diesem 
Körper von der Stimmung, von der personalen Haltung, vom 
Gewissen beeinflußt. 

Da sind zum Beispiel zwei Leute, die neben einander arbeiten. Ihre 
körperliche Konstitution wie ihr berufliches Können halten sich 
die Waage. Der eine sieht aber die Arbeit als etwas Sinnvolles und 
Verpflichtendes an, während sie dem anderen nur ein Mittel ist, 
Geld für Sport und Vergnügen zu bekommen - werden die ange- 
sichts einer schwierigen Aufgabe über die gleiche Kraft verfügen ? 
Doch gewiß nicht. Die aus dem Geist kommende Initiative ist ver- 
schieden. . Jeder Arzt weiß, was es bedeutet, wenn bei einer Krise 
der Kranke entschlossen ist, zu leben, weil die Seinen ihn brauchen, 
und er sein Werk liebt, oder ob er vor dem Tod kapituliert. Im 
ersten Fall gehen aus dem Willen die überraschendsten Kräfte der 
Abwehr hervor; im zweiten stirbt der Kranke von innen heraus. . 
Die Psychologie lehrt, daß manche Unfälle nicht nur durch äußere 
Ursachen bewirkt werden, sondern unter einer geheimen Regie 
stehen, die vom Menschen selbst ausgeht.. Die Erscheinung der 
Suggestion und Hypnose zeigt uns, welch gerade verwirrende 
Wirkungen vom Willen ausgehen können.. Und mehr derart. 
Alles das besagt, daß der menschliche Körper unter der beständigen 
Einwirkung des Geistes steht ; von ihm gestört oder gefördert wird. 
Wir können den Menschenkörper ebenso gut ein Geschehen wie 
ein festes Gebilde nennen - die Lenkung dieses Geschehens aber 
liegt zum guten Teil beim Geist. 
Ist das so - was muß es dann bedeuten, wenn der Mensch, um den 



[19] 



255 






es sich handelt, neu aus Gottes Hand kommt, rein im Herzen, 
ganz in der Wahrheit lebend, Ihm, der die Wahrheit und Ordnung 
ist, gehorsam von Grund auf? Wenn der Geist dieses Menschen 
es ist, der den Körper regiert ? Und wenn dieser Gott seine immer- 
fort schaffende Kraft reich und stark in diesen Menschen einströ- 
men lassen kann, weil die Türe - der freie Wille, das seiner selbst 
mächtige Herz - ihr weit offen steht? Was kann einem solchen 
Menschen geschehen ? 

Darüber, meine Freunde, kann die Wissenschaft gar nichts sagen 
weder dafür, noch dagegen. Um so weniger, als es diesen Menschen 
mcht mehr gibt, denn der heutige ist anders und lebt unter anderen 
Bedingungen. Er bÜdet sich zwar ein, »der« Mensch zu sein, ist es 
aber durchaus nicht. Er ist ein verstörter Mensch, der wohl unge- 
heure Leistungen der Wissenschaft, des Eroberns und Gestaltens 
voUbringt, in alles aber die Verwirrung trägt, die in ihm selbst lebt. 
Und nun sagt die Offenbarung: In dem ersten Menschen, der so 
offen zu Gott stand, wie wir zu sagen versuchen, hat Er die Gnade 
einer Lebendigkeit gewirkt, die nicht erlöschen soUte. Natürlich 
hätte der Lebensgang sein Ende gehabt, denn er ist eine Gestalt, und 
jede Gestalt ist Grenze. Aber dieses Ende wäre selbst Werk der 
Lebensmacht des so ganz lebendigen Geistes gewesen: Durchgei- 
stung, Umwandlung, Überschritt. Das ist etwas ganz anderes, als 
der Märchengedanke einer Unsterblichkeit, die immer weitergeht, 
einer Jugend, die nie altert. Es ist etwas, das es nicht mehr gibt;' 
aber wir können einiges davon ahnen, wenn wir in das Antlitz 
eines Menschen blicken, der wirklich überwindet, die Selbstsucht 
hinter sich läßt, in der Wahrheit Wurzel faßt. Wenn wir uns vor- 
stellen, das würde nie verstört und entfaltete sich immer weiter - 
das weist in die Richtung. Mit Naturwirkungen hat das aber nichts 
zu tun. Es kommt vom Geist, der in Gott lebt. 



Als die Menschen Gott verrieten, verging dieser Zustand, und eine 
neue Welt öffnete sich: die Welt des Todes. 
Im Grunde versteht man gar nicht, wie sie den Augenblick der Em- 
pörung überhaupt überleben konnten. Daß sie daran nicht zu 
Grunde gegangen sind, sondern am Leben blieben und Geschichte 
hatten, war nur möglich, weil Gott sie auf die einstige Erlösung zu- 
führte. Es war schon Erlösung. Aber welche Schwermut muß sie 
gedrückt, welche Sehnsucht sie verzehrt, welche Ängste müssen 
sie überfallen haben - Bedrängnisse, die jetzt noch aus der Tiefe 
unseres Unbewußten aufsteigen und weder aus biologischen Ur- 
sachen, noch aus irgendwelchen seelischen Komplexen, sondern 
aus uralten Erlebnissen des Menschen stammen, in einer Welt, die 
fremd und feindlich war. In dieser Welt lebt er nun; unter der To- 
desherrschaft, von der Paulus spricht. 

Meine Freunde, lassen wir uns doch einmal nahekommen, welch 
dunkle Flut des Tötens und Sterbens allein in den letzten fünf Jahr- 
zehnten über die Welt gegangen ist! Und hören wir dann, mit 
welcher Selbstverständlichkeit man davon spricht, daß so und so 
viele Millionen getötet, Millionen verwundet, verkrüppelt, hei- 
matlos geworden sind - ist das natürlich ? 

Man sagt, das sei eben der Kampf ums Dasein. Der gehe unter allem 
Lebendigen vor sich ; wie bei denTieren, so auch bei denMenschen. 
Aber so ist es ja doch mcht. Es ist eine blinde Täuschung, den Be- 
griff desDaseinskampf es der Tiere auf denMenschen zu übertragen. 
Wenn das Tier Hunger hat, tötet es seine Beute, verzehrt sie, und 
damit ist der Vorgang abgeschlossen. Der Mensch aber tötet, weil 
er zerstören will, und tut es mit allen Hilfsmitteln der Forschung 
und der Technik. Er entwickelt eine Wissenschaft des Heilens, baut 
Krankenhäuser und Sanatorien, schafft Kunstlehren der Pflege und 



256 



[20] 



[21] 



257 






■ 



organisiert Berufe des Helf ens - wendet aber zugleich gar nicht ab- 
zuschätzende Summen von Geld, Arbeit, Opfer aller Art daran, 
wie er Bevölkerungen ausrotten, Kulturen zerschlagen, Länder un- 
fruchtbar, ja unbewohnbar machen könne. Ist das »natürlich« ? 
Liebe Freunde, lassen Sie sich nicht in biologische Begriffe ein- 
wickeln. Einer hat gesagt, es sei eine große Gnade, sehen zu dürfen, 
was ist. Wie hat das Wort recht ! Bücken sie hin, unterscheiden Sie, 
beurteilen Sie, wie der Mensch ist, der wirkliche, in der Geschichte 
wie in der Gegenwart, um uns her wie in uns selbst. Dann werden 
Sie nicht mehr sagen, das sei ein natürlicher, das heißt aber wesens- 
gemäßer Zustand. Ein verstörter Zustand ist es. Herrschaft des To- 
des, die bis in die Instinkte gegangen ist. Wie könnte sonst der 
Mensch, der nach der Theorie in so langer Entwicklung aus der 
Materie heraufgestiegen ist, also in allem nach den Gesetzen natür- 
licher Vernünftigkeit und Ordnung gebaut sein müßte, sich in 
einer Weise verhalten, in der kein Tier sich verhält ? Da ist etwas 
geschehen, das bis in den Kern des Menschenwesens gegangen ist 
und bei ihm - gerade weil er kein Tier ist, auch kein noch so dif- 
ferenziertes ; gerade weil in ihm der Geist ist, der jedem Impuls eine 
nur von ihm her mögliche Freiheit und nur durch ihn zu bewir- 
kende Radikalität gibt - eine so furchtbare Zerstörungskraft ge- . 
winnen konnte. 

Von diesem Sinnzusammenhang redet die Schrift. Diesen Tod 
hätte der Mensch nicht zu sterben ; dieser Todesmacht hätte er nicht 
zu verfallen brauchen. 

In der Schule dieser Lehre verändert sich unser Blick auf das Dasein. 
Der Bann der Naturhaftigkeit lockert sich. Die Voraussetzung, 
welche überall, vom Alltag bis zur Philosophie, das Denken be- 
herrscht, und nach welcher der Mensch einfachhin so ist, wie er 



heute ist, verliert ihre stumme Selbstverständhchkeit. Es wird deut- 
lich, daß unser Denken alles andere als »voraussetzungslos« ist, und 
wir beginnen, diese Voraussetzung in Frage zu stellen. Wir ahnen, 
daß der Mensch nicht »Natur«, die Geschichte nicht natürliche 
» Entwicklung « ist, sondern das Dasein tragischen Charakter trägt - 
welche Tragik aber von anderer Art ist, als die immanente der Ver- 
gänglichkeit alles Irdischen, oder der Unerbittlichkeit des Lebens- 
kampfes. Es ist vielmehr die Schuld eines Verrates, den der Mensch 
an Gott verübt und durch den er eine unendliche Möglichkeit ver- 
loren hat - geschehen vor dem Beginn dessen, was jetzt Ge- 
schichte ist. 

Mit solcher Einsicht gewinnen wir dem Dasein gegenüber Stand; 
werden fähig, es zu beurteilen und aus seinen Bannungen frei zu 
werden. Wir ahnen aber auch, was Erlösung bedeutet, die ja schon 
in solchem Stand-Fassen wirksam wird, und ahnen, was die Ver- 
heißung einstiger Freiheit meint. Das ist dann nicht eine neue Da- 
seinstheorie neben so vielen anderen - optimistischen, pessimisti- 
schen, absurdistischen und welche immer ausgedacht werden mö- 
gen - sondern ein neuer Beginn, der in die Wahrheit führt. 
Und lassen Sie mich, meine Freunde, aus einem langen Leben des 
Fragens und Denkens persönlich sprechen : Man erfährt, wie richtig 
das ist, was die Offenbarung sagt - unheimUch richtig ! Darin wer- 
den Mensch und Welt nicht weniger ernst genommen, sondern 
göttlich ernst. Nicht weniger sachlich, sondern nun erst ganz sach- 
lich. Denn glauben Sie mir: nicht nur die Märchen phantasieren; 
oft tun Philosophen es auch. Und manchmal tun Wissenschafter 
es ebenfalls - vor allem dann, wenn sie ihre Arbeit auf Voraus- 
setzungen bauen, die sie nie prüfen; ja von denen ihnen gar nicht 
zu Bewußtsein kommt, daß sie bestehen. 



258 



[22] 



[23] 



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f'- 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis • I. Auflage 1957 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



I 



BX 

1756 

,G85 

W3 

V.16 



V. 16 _ 

15" 



WAH RH E IT 

UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Vcrlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
liebt regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



X 



DIE VERSTÖRUNG DES MENSCHENWERKES 



UNIVERSITY^ 
NOTREDAME 




LIBRARIES 






LIEBE FREUNDE, 






BX 

115 



Nachdem der Mensch - und in wie armer Weise! - seinen 
Ungehorsam bekannt hat, sagt Gott zu ihm: »Du hast auf 
deines Weibes Stimme gehört und vom Baume gegessen, von dem 
zu essen ich dir streng verboten habe; darum soll der Ackerboden 
verflucht sein um deinetwillen; mühsam sollst du dich von ihm 
nähren alle Tage deines Lebens. Dornen und Gestrüpp soll er dir 
sprießen, und Kraut des Feldes sollst du essen. Im Schweiße deines 
Angesichtes sollst du dein Brot verzehren, bis du zum Ackerboden 
wiederkehrst, von dem du genommen bist. Denn Staub bist du, 
und zum Staube sollst du heimkehren.« (Gen 3 , 17-19) 
Das klingt fremd und hart ; aber wir haben uns ja entschlossen, nicht 
den Konventionen des Denkens zu folgen, die uns umgeben, son- 
dern dem Wort der Schrift zu trauen und uns von ihm führen zu 
lassen. Was ist also hier gesagt ? 

Es ist gesagt, der Mensch solle den Ackerboden bebauen; der aber 
steht für die Welt. An ihr soll der Mensch sein Werk tun; von ihr 
soll er sich nähren ; in ihr soll er alles das schaffen, was wir Kultur im 
weitesten Sinne des Wortes nennen. In alledem aber wircf, so ver- 
hängt es Gott, eine Verwirrung walten. Die Dinge werden nicht 
geben, was der Mensch von ihnen erwartet. Die Arbeit wird harte 
Mühe kosten und die Freude am Ertrag verderben, den sie bringt; 
der Ertrag selbst wird karg sein; und so wird es für den Menschen 
bleiben bis zum Ende seines Lebens. Das Ende aber ist der Tod. 
Bittere Bilanz eines Daseins, in welchem der Mensch hatte »sein 
wollen wie Gott«. Ist sie Wahrheit geworden ? 

Gott hat den Menschen nach Seinem Bilde geschaffen, auf daß er 
Herr der Welt sei von Gnaden, so wie Gott es ist von Wesen. Die 



[3] 



363 



Dinge der Welt sollten sich seinem Willen fügen, wie er selbst ge- 
horsam sein sollte gegen den eigenen Herrn. In dessen Dienst sollte 
der Mensch sein Herrentum üben, und die Welt wäre »Paradies« 
gewesen; im Einvernehmen stehend mit dem Menschen durch die 
Gnade, die alles durchwalten wollte. 

Diese Welt sollte der Mensch »bebauen«, wie es in Genesis 2, 15 
heißt: die Dinge erkennen, den Reichtum der Welt in sich auf- 
nehmen, die Fülle seiner neugeschaffenen Kräfte an ihnen auswir- 
ken, die Taten und Werke vollbringen, zu denen die Begegnung 
mit ihnen ihn auffordern würde . . Und er sollte die Welt »bewah- 
ren«. Sie war ihm in die Hand gegeben, daß er sie in der Wahrheit 
und in der Ordnung halte; ihr die Möglichkeit gebe, in seinem 
Lebensraum ihr Wesen, ihre Größe und Schönheit zu entfalten. 
Das sollte er tun, indem er sich selbst in seiner Wahrheit und Ord- 
nung hielte und so sich selbst »bewahrte«. 
Wie haben aber die Worte ihren Sinn geändert! »Bebauen und 
bewahren« - wie anders klingen sie in Gottes Urteil nach der Auf- 
lehnung als in Seinem Auftrag vor ihr. Eins ist vom andern nicht zu 
lösen, meine Freunde : man kann nicht herrschen überGottes Werk, 
wenn man ungehorsam gegen den Herrn dieses Werkes ist. Der 
Mensch hat Gott den Gehorsam gekündigt - da hat die Natur es 
ihm gegenüber getan. 

Der Mensch ist kein Apparat, der, selbst immer gleich, ein stets 
gleichförmiges Produkt hervorbrächte, sondern er lebt, und was 
er tut, ist Auswirkung dieses Lebens. So wirkt in das, was er tut, 
notwendig hinein, was er selbst ist. Sein Werk wird durch den Zu- 
stand beeinflußt, in dem er sich befindet. Die Verstörung, in die er 
durch seinen Verrat an Gott geraten war, mußte also sein Werk an 
der Welt mitverstören. 
Nicht nur das. Die Dinge sind ja kein bloßes Material, das behebig 



364 



[4] 



gehandhabt werden könnte, sondern Gott hat ihnen ihr Wesen 
gegeben, und sie fügen sich in den GrifFdes Menschen, wenn dieser 
sie in der Wahrheit ihres Wesens nimmt. Die erste Herrschaft übte 
der Mensch im Zustand der Klarheit, einig mit dem eigenen We- 
sen, mit reinem Willen und sicherer Hand. Und er tat es sehenden 
Auges und ehrf üchtigen Herzens für das Wesen der Dinge und die 
Ordnung, in der sie standen. So behielt die Natur in seinem Werk 
die Freiheit ihres Seins, ja wurde darin mehr sie selbst, als sie es ihm 
ersten Zustand war. 

Das ist anders geworden. Weithin ist es so, daß der Mensch die Na- 
tur zu seinem Willen zwingt und sie dabei zerstört. Die Welt ist 
voll von verwüsteter und unnatürlich gewordener Natur. Die 
Kehrseite davon aber ist, daß der Mensch der Natur, die er zu be- 
herrschen meint, verfällt. Der Natur Gewalt antun und ihr ver- 
fallen, sind zwei Seiten des Gleichen. Das Verhältnis des Menschen 
zur Natur ist falsch geworden, und das wirkt in alles hinein, was 
der Mensch tut. 



Sie wenden vielleicht ein, wie man so vom Werk des Menschen 
sprechen könne, da er doch so Gewaltiges leiste ? Was er leistet, ist 
wirklich gewaltig. Die Zeit der uns bekannten Geschichte ist ver- 
hältnismäßig kurz ; in ihr wächst sein Werk mit Staunen erregender 
Schnelligkeit, und heute hat der Mensch das Gefühl, ihm sei grund- 
sätzlich alles möglich. Wo ist da noch Kargheit des Ertrages > Wo 
sind die Dornen und Disteln ? 

Wir wollen uns vorweg eines vor Augen stehen, das wie mit einem 
Ruck die Wahrheit erhellt: Während es einem verhältnismäßig 
kleinen Teil der Erdbevölkerung gut geht, hat ein großer Teil von 
ihr nicht die Nahrung, die er haben müßte, um gesund leben zu 
können, und ein geradezu erschreckend hoher Prozentsatz stirbt 



[5] 



365 



jedes Jahr am Hunger. Redet das allein nicht schon deutlich genug > 
Aber schauen wir uns die Werke selbst genauer an. Wenn wir die 
Pyramiden sehen könnten, wie sie einst in der ägyptischen Wüste 
standen, riesigen Edelsteinen gleich in der Sonnenglut blitzend 
dann würden wir sagen : Welche Herrlichkeit ! Aber die Hundert- 
tausende von Sklaven, die in der furchtbaren Arbeit ihrer Errich- 
tung verkamen - was war mit denen ? Das Unrecht, nein das Ver- 
brechen, das an diesen Menschen begangen worden, ist in die 
Werke eingegangen und vergiftet ihre Größe, und es ist Lüge 
angesichts dieser Größe von jenen Furchtbarkeiten abzusehen 
Vielleicht erwidert man, das sei die Zeit der Sklaverei gewesen- 
heute habe man sie überwunden. Sehen wir davon ab, daß es heute 
noch Sklavenjagd und Sklavenhandel - in verschiedenen Formen - 
gibt: doch wie ist das mit den Kanalbauten in Rußland > Mit der 
Trockenlegung von Sümpfen? Mit den Bergwerken und Urbar- 
machungen ? Die werden später wunderbar auf den Karten stehen 
und die Kulturgeschichte wird erzählen, wie riesenhaft die Leistung 
war - aber die Millionen von Zwangsarbeitern, die sie vollbracht 
haben und dabei zu Grunde gegangen sind, was ist mit denen ? Von 
innen redet man nicht, sie sind vergessen. Aber Gott weiß von ihnen 
und weiß, daß ihr Blut an den Werken haftet. Die Sklaverei ist 
wieder da, und zwar als offizielle Institution. Sie heißt nur anders : 
Arbeitslager, Konzentrationslager, Vernichtung der Volksfeinde 
Dquidaüon der Reaktionäre und Kapitalisten, und wie die Lügen- 
worte alle heißen. Sie war auch bei uns wieder da in den zwölf 
Jahren; und wer leistet Gewähr, daß sie nicht auch später in irgend- 
welchen Formen erscheinen wird l . . Dazu dann all die verborgene 
Sklavenarbeit, geleistet im Zwang der wirtschaftlich-technischen 
Systeme, unter dem Druck der Not, in ungeliebten Berufen, mit 
unzulänglichen Kräften, mit krankem Körper und müdem 



Herzen - was ist damit ? Man sagt, das werde im Fortgang der 
kulturellen Entwicklung alles immer besser werden - es gehört 
schon der Elan der Jugend, oder der Gehorsam des Parteimenschen 
dazu, um das zu glauben. 

Und selbst jene, die ihren Beruf wählen dürfen - hält er ihnen, was 
er versprochen hat, als sie mit ihm begannen ? Die Zuversicht, man 
werde etwas Wertvolles leisten; der Wille, im Beruf reines Werk 
zu tun; das Gefühl von Begabung und Kraft; die Hoffnung auf 
Erfolg und Ertrag - findet das alles seine Erf üllung ? Dauert es ? 
Auch wenn der Reiz des Neuen verflogen ist, die Widerstände 
kommen, die tägliche Mühsal zu drücken beginnt ? . . Wenn man 
die Menschenim Büro, in der Fabrik, in den Ämtern fragte : Findest 
du in deiner Arbeit, was du von ihr erwartet hast» dann wüßten 
sie wohl allerlei vom Bewußtsein erfüllter Pflicht und vom Sinn 
zu sagen, den die Arbeit trotz allem hat - ob man aber auch merken 
würde, sie leben in fruchtbarer Arbeit, und die Dinge fügen sich 
ihrem Willen ? Ganz gewiß nicht, sonst sähen ihre Gesichter anders 
aus. Fragte man aber, warum sie doch dabei bleiben, dann würde 
die Antwort lauten: Weil ich muß. Weil ich nichts Besseres weiß. 
Weil die Zeit des Umlernens vorbei ist. Weil die Familie an mir 
hängt. Weil, im Grunde, doch alles einerlei ist . . 
Und wie ist es mit den Großen ? Meine Freunde, blicken Sie doch 
in das Antlitz Beethovens: Woher kommt der furchtbare Ernst 
darin ? Woher die Traurigkeit in den Augen Michelangelos ? Die 
Bitterkeit in den Zügen Dantes i Haben die großen Wissenschafter 
und Philosophen Gesichter, aus denen erfüllte Hoffnung spricht? 
Sehen die bedeutenden Staatsmänner, Erzieher, Sozialreformer 
aus, als seien sie ihres Werkes wirklich und im Innersten froh 
geworden ? 



366 



[6] 



[7] 



367 



Aber dringen wir noch einmal tiefer : Da ist ein Mensch, der etwas 
Gutes will. Er setzt seine ganze Kraft ans Werk, ist mutig, opfer- 
bereit, ausdauernd. Er leistet auch Vortreffliches; immer wieder 
zeigt sich aber eine unheimliche Erscheinung : das Gute, das er will 
ruft f örmlich dessen Widerspruch heraus. 
Was gibt es Nobleres, als sagen zu können: ich kämpfe in dieser 
oder jener Beziehung für die Gerechtigkeit? Das bedeutet natür- 
lich auch, daß er gegen jene Menschen kämpft, die hier der Gerech- 
tigkeit im Wege stehen. Wird er aber dann ihnen gerecht > Woher 
kommt das alte Wort: »summumjus, summa injuria - höchstes 
Recht, höchstes Umecht« i Es kommt aus der Erfahrung, daß in der 
Substanz des menschlichen Daseins etwas Unheimliches wirkt : So- 
bald man einen an sich ganz guten und klaren Impuls hineinsendet 
verstrickt der sich, verwirrt und verkehrt er sich, und Konsequen- 
zen kommen zum Vorschein, vor denen man erschrickt . . Oder 
jemand leidet unter all dem Unrat in Bild und Druck, Schaustel- 
lung und Vergnügungsbetrieb. Er geht dagegen an, damit die Welt 
reinlicher werde, die jungen Menschen mit einem klaren Gefühl 
für Ehre und Anstand aufwachsen können. Er spricht, schreibt 
sucht Gesetz und Behörde in Bewegung zu bringen, gewinnt Men- 
schen gleicher Gesinnung - wie lange dauert es, bis sich um seine 
Bemühungen eine Aura von Enge, Peinlichkeit, Komik legt, so 
daß die Gegner leichtes Spiel bekommen ? 
Warum geht das so i Nehmen Sie, welche Werte Sie wollen- Ge- 
sundheit, Wohlfahrt, Ordnung, Recht, Kunst, Wissenschaft - so- 
bald sie in die Wirklichkeit des Daseins geworfen werden, ist es 
als ob sie selbst den Widerspruch gegen sich organisierten. Ist das iii 
Ordnung ? 

Liebe Freunde, wir haben uns in diesen Betrachtungen schon oft 
gemahnt, die Gewohnheit wegzutun, die alles grau macht; die 



368 



Konventionen zu durchbrechen, die um uns her gelten; die Ein- 
flüsse abzuschütteln, welche aus Büchern und Reden, Rundfunk 
und Zeitung auf uns einwirken. Tun wir das doch ! Was sehen wir, 
wenn wir uns das Gerede von Fortschritt und Bildung und Kultur 
vom Leibe halten ? Daß gewiß Ungeheures geleistet worden ist und 
immer weiter geleistet wird, in Wissenschaft, Sozialordnung, Tech- 
nik und Hygiene -aber auch, daß alles von einer tiefen Verwirrung 
durchsetzt ist. Und das nicht bloß als Unvollkommenheit am An- 
fang, oder als Krisenerscheinung an bestimmten Stellen des Fort- 
gangs, sondern immer und überall. Denn die Verwirrung sitzt im 
Kern, so tief, daß Menschen, die vom Leben wirklich etwas wissen, 
uns sagen, im Grunde sei es nicht zu ordnen. Das sind die »Dornen 
und Disteln«, die dem Menschen erwachsen, wenn er am Acker 
des Daseins seine Arbeit tut. 

Was sollen wir also tun ? Zuerst, meine Freunde, die Wahrheit wol- 
len. Die Lüge des Fortschrittsglaubens durchschauen. Der Feigheit 
des Optimismus entgegentreten, der überall nur die Punkte des 
Gelingens sieht, aber nicht, was fehlgeht. Ehrlich sein, und sehen, 
was der Mensch für sein Werk bezahlen muß, nachdem er es aus 
seiner Wahrheit herausgerissen hat. Das ist kein Pessimismus. 
Pessimist ist, wer seineLust daranhat, festzustellen, daß alles schlecht 
geht - weil er selbst versagt hat, weil er dem Leben grollt, weil er 
neidisch ist. Wir meinen nichts davon, sondern wollen Wahrheit. 
Daraus kommt ein Ernst, der tiefer und edler ist als all das Kultur- 
gerede, denn er steht für den Menschen ein, wie er wirklich ist. 
Das Zweite: für das Rechte arbeiten und kämpfen, und sich nicht 
entmutigen lassen. Denn worum es geht, ist nicht Fortschritt und 
Herrlichkeit auf Erden, sondern Wahrheit und Treue. 
Was dann an Nicht-Gemäßem bleibt: das Durcheinander, die 



[8] 



' 



[9] 



3<59 



Mühsal die Vergeblichkeit - für alles das gibt es nur ein Wort, das 
wirklich standhält: das Wort der Sühne. Das ist das Dritte. Der 
Mensch muß durch die Not seiner Arbeit sühnen, was die Hybris 
seines Ungehorsams gefehlt hat. Aber wer denkt daran» Überall 
Analysen, Reformprogramme, Utopien - wer denkt daran, als 
Mensch für das Menschen-Dasein einzustehen und das Menschen- 
Unrecht zu sühnen ? 

Lassen wir sie uns durch Kopf und Herz gehen, die Wahrheit vom 
Acker den wir bebauen müssen, und der uns Dornen und Disteln 
tragt. Wir werden mit ihr nicht fertig, wenn wir über sie hinweg- 
phantasieren, sondern wenn wir es im Ernst des Glaubens mit ihr 
aufnehmen. 



XI 



DIE VERSTÖRUNG IM VERHÄLTNIS DER 
GESCHLECHTER ZUEINANDER 



370 



[10] 



LIEBE FREUNDE, 



6 






i 



I 1 er Mensch hat Gott den Gehorsam aufgesagt ; von daher ist 
i-^ Unordnung in sein ganzes Dasein gekommen. In unserer 
letzten Betrachtung war davon die Rede, wie dieseUnordnung sich 
im Werk des Menschen ausgewirkt hat. Sie fällt zuerst auf den 
Mann, der ja im antiken Denken der Träger des öffentlichen Han- 
delns und Werkschaffens ist; gilt aber natürlich nicht nur für seine 
Arbeit, sondern auch für die der Frau. Die Schrift ist kein systema- 
tisches Buch. Sie entwickelt ihre Gedanken nicht nach allen Seiten, 
sondern setzt sie an Stellen, wo sie repräsentative Bedeutung haben, 
und überläßt es ihrer inneren Wahrheitskraft, weiter zu wirken. 
Wenn wir genauer in die Geschichte hineinschauen - ebenso aber 
in unsere Zeit, ja in unsere eigene Umgebung - sind wir bald be- 
lehrt, wie schwer das Joch der Arbeit auf der Frau Hegt ; welch harte 
Sklaverei sie erfahren hat und weiter erfährt, und wie viel »Dornen 
und Disteln« ihr der Acker des Daseins trägt. Das vergangene halbe 
Jahrhundert ist vom Kampf der Frau um ihre soziale und wirt- 
schaftliche Freiheit durchzogen, und sie hat viel erreicht. Die 
letzten Jahre haben das Losungswort ihrer Gleichberechtigung ge- 
bracht, hinter welches nur zu leicht das der gleichen Art und Lei- 
stung tritt. Mögen aber jene, die den Kampf führen, ihre Augen 
offenhalten und darüber wachen, daß aus alledem keine neue Ar- 
beits- und Leistungsknechtschaft der Frau werde, nicht weniger 
zerstörend und entehrend als die frühere. 

Die Unordnung, von welcher die Rede war, dringt auch in das 
unmittelbare Leben selbst, in die Beziehung zwischen Mann und 
Weib. Wir haben früher gesehen, daß Gott den Menschen ge- 



[13] 



373 



schaffen hat nach Seinem Bilde; im Atem aber des gleichen Satzes 
heißt es: »als männlich und weiblich erschuf er sie.« (Gen i 27) 
Dadurch ist gesagt, daß die Gliederung des Menschenwesens in' die 
Geschlechter nicht etwas Nebensächliches ist, das unter dem Ge- 
sichtspunkt irgendeines Zweckes hinzukäme, sondern daß sie in 
den Grundplan gehört, nach welchem es gebaut ist. Jede Auffassung 
des Menschen die ihn in irgendeinem Sinne dualistisch sieht, also 
die Geschichtlichkeit für niedrig, oder böse, oder auch nur für 
unwesentlich ansieht, entstellt den Sinn der Offenbarung 
Dadurch ist weiter gesagt, daß Mann und Weib in gleicher Weise 
in der Gottebenbildhchkeit stehen; in diese Ebenbildlichkeit also 
auch ihre Gemeinschaft gehört. Die Bildverwandtschaft, in welche 
dieGroßmut vonGottes Liebe den Menschen zu Ihm selbst erhoben 
hat, ist nicht etwas, das nur dem übergeschlechtlichen Geiste, als 
den Hohen des Eigentlich-Menschlichen angehörte, während »un- 
ten«, in den Niederungen des Biologischen, der Bereich des Unter- 

menschhchenlägedasseinUrbildimTierhätte.DerganzeMensch 
ist Gottes Ebenbild, und sein ganzes Leben soll sich darin voll- 
ziehen Die Ebenbildlichkeit bedeutet, daß er, im Gehorsam gegen 
den wahren Herrn, Herr sein kann und sein soll, über die Welt, wie 
über sich selbst. So soll auch die Geschlechtlichkeit des Menschen 
eine Weise dieses Herrentums sein. 

Wie mehrmals gesagt wurde, entfaltet die Schöpfungslehre der 
Genesis sich in Bildern. So läßt der zweite Bericht, der auf die Ord- 
nung der Ehe ausgerichtet ist, zuerst den Mann allein erscheinen 
Dann aber sagt Gott: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei ' 
Ich wiü Jim eine Hilfe machen als seinen Gegenpartner.« (Gen 
2, 18) Hilfe - wozu ? Zu allem, was Leben und Werk heißt. Und 
nun wird gesucht, ob diese Gehilfenschaft dem Menschen von 



374 



[14] 



einem anderen Lebewesen her erstehen könne; es zeigt sich aber, 
daß das nicht möglich ist. Nicht aus der Natur, von keiner tieri- 
schen Lebensform her kann dem Menschen die Gemeinschaft und 
Lebenshilfe verwachsen, deren er bedarf. So bildetGott demManne 
aus dem gleichen WesensstofF, wenn man so sagen darf, aus wel- 
chem er selbst besteht, das Weib. Jetzt erst ist die Gehilfin da, deren 
er bedarf. 

In einem anderen Zusammenhang sind wir bereits auf die wichtige 
Tatsache aufmerksam geworden, daß der Begriff*, durch den die 
Offenbarung das Verhältnis von Mann und Weib bestimmt, nicht 
der des Triebes ist, sondern jener der Gehilfenschaft. Der ganzen 
Anlage des Berichtes nach ist diese zunächst vom Manne her ge- 
sehen; sie gilt aber ebenso vom Weibe her. Jeder soll dem An- 
deren Gehilfe sein - in allem, was Leben und Werk bedeutet: im 
Hervorbringen neuen Lebens, dessen Hut, Pflege und Erziehung; 
in der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, die sich an der des 
Anderen vollzieht; im Aufbau des Heims, jener kleinen Welt, die 
es erst möglich macht, daß der Mensch sich in der großen nicht ver- 
liere; im Verhältnis zu den Dingen, deren Fülle sich nur dem Lie- 
benden öffnet; in der Herrschaf t über das Dasein, die nur dem gan- 
zen Menschen gelingt; ganz aber wird er erst in der Gemein- 
schaft . . In alledem sollen Mann und Weib einander Gehilfen sein. 

Und nun sagt der Text, wie in dieser so tiefen und umfassenden 
Beziehung die Zerstörung einsetzt. Gehilfenschaft ist nur auf Grund 
der Achtung des Einen gegen den Anderen möglich, in Freiheit 
und in Ehre. Das aber setzt voraus, daß beide in der Loyalität des 
Gehorsams gegen Den stehen, dem zuerst die Ehre gebührt. Die 
Menschen aber haben sich gegen Gott aufgelehnt und damit den 
Grund der Lebensordnung in Frage gestellt. So entsteht jetzt das 



[15] 



375 



Verhältnis der Geschlechter zu einander «,•- , • l 

in j- , , st CUS 0anze verwirrt und ventört 
Im Paraches hat der Geschlechtstrieb in der EinheT^« n 
gemeinten Menschenbildes gestanden nTslT T G ° tt 

gehorsam seiner geistigen ftffST ^^^^it 
Herrn des Daseins 8 So fag d^Sel ££&££ *» 
vernehmen mit Gott, und von da aus *»tZ j cnenw « ens "» Em- 

Der Tr«b war von der Pers0 „ fe.^, ™Zl£ 

Aus: Gw r ite äsäsj 

Ordnung: dar Z ^g^ A^TT^ ™» 
»llre in ei«, Ordnung Sfl^lt ^ MenSdM 



376 



ten; 



[16] 






unter Schmerzen sollst du Kinder gebären. Und doch steht dein 
Begehren nach deinem Manne; er aber soll herrschen über dich « 
(Gen 3, 16) 

Die Beschwerden, Schmerzen und Gefahren von Schwangerschaft 
und Geburt gehören zu jener Macht des Todes, von der in einer 
trüheren Betrachtung die Rede war. Niemand zweifelt daran daß 
Wissenschaft, ärztlicheTechnik undHygiene hier sehr viel erreicht 
große Gefahren beseitigt, quälende Leiden behoben haben. Es be^ 
rührt aber den Einsichtigen nicht nur als Frevel, sondern als kin- 
dische Uberhebung, wenn triumphiert wird, nun sei »der Fluch 
der Genesis« gegenstandslos geworden. Die Bedrängnisse und Ge- 
fahren des Frauenlebens kommen zunächst aus Mißständen, die 
abgestellt werden können, zutiefst aber aus Wurzeln, denen Medi- 
zin und Psychologie nicht beikommen können. War es nicht schon 
oft so, daß ein Mißstand überwunden wurde, und ein anderer sich 
bildete , Wenn wir aber die Vorteile von Diagnose, Therapie und 
Hygiene überhaupt beurteilen wollen, so müssen wir sie in ihrem 
Verhältnis zum Ganzen des Daseins sehen. Dann wird es uns doch 
nachdenklich machen, wenn wir feststellen, wie sehr durch sie 
beziehungsweise die sie tragende Kultur der Mensch von der Natur 
entfernt, verkünstlicht, ja verdorben wird. 
Was aber das »Herrentum« des Mannes angeht, von dem der Text 
spricht, so sind damit nicht nur soziale und kulturelle Mißstände 
gemeint, obwohl die schwer genug wiegen. Die Mißachtung und 
Entrechtung der Frau durch die Gewalttätigkeit einer maskulinen 
Lebensordnung war nicht nur großes Umecht, sondern hat sich 
auch immer verhängnisvoll ausgewirkt. Worum es aber eigentlich 
geht, ist jene Verstörung, die wirksam wird, auch wo die Frau alle 
Rechte undFreiheiten genießt - vielleicht sogar sozial dieOberhand 
gewonnen hat. 



[17] 



377 



i 



Es handelt sich um das, was Psychologie und Literatur den » Kampf 
der Geschlechter« nennen. Davon wird manchmal recht leichten 
Herzens gesprochen, gar mit dem Gefühl, so zu tun, beweise Er- 
fahrung und Lebensüberlegenheit. In Wahrheit drückt sich darin 
die ganze Verwüstung aus, welche die Sünde angerichtet hat; und 
das nicht nur in der Frau, sondern genauso im Mann 
Damit ist gemeint, daß Eines nach dem Anderen Verlangen trägt 
darüber aber ihm verfällt; Eines dem Anderen Erfüllung schenk 
und es dabei unterjocht. Es ist der Verrat an der Gehilfenschaft Der 
hat begonnen, als die Versuchung an das Weib herantrat. Da hätte 
der Mann sich neben es stellen und es vor sich selbst schützen sollen ■ 
statt dessen hat er es allein gelassen. Und das Weib hätte aus der 
Tiefe semer Liebe fühlen sollen, es gehe um das Heil dessen, dem es 
verbunden war, und hellsichtig sein, noch für ihn mit. Hätte auch 
nach ihrem Fall ihn genug heben sollen, um ihn vor dem gleichen 
Unheil zu bewahren. Statt dessen hat es ihn mit hineingezogen. Als 
aber das Unrecht geschehen war, hätten beide in der Bitterkeit 
ihrer Schuld vor Gott zusammenstehen, Eins des Anderen Last 
tragen, Ems das Andere in die Reue führen sollen. Statt dessen haben 
sie ihre Schuld von sich weggeschoben; besonders kläglich der 
Mann, der die Gefährtin, die er einst so freudig willkommen ge- 
liehen, für das Unheil verantwortlich gemacht hat. Dieser Verrat 
an der GehÜfenschaft wirkt weiter. Immer wieder lassen Mann und 
Frau einander allein, und die beiden so eng Verbundenen können 
nebeneinander einsamer sein als Fremde. 

Nicht nur das : im Geschlechts verlangen, das sich mit solcher Macht 
durchsetzt wirkt ein geheimer Groll. Die eine Person fühlt die 
Abhängigkeit und revoltiert gegen die andere, von der sie ab- 
hangig wird. Ja das Begehren selbst hat den Keim der Abneigung 
in sich. In der verwirrten Menschennatur ist ja nur die echte Ent- 



scheidung des Geistes, die reine Wahrheit des Gewissens eindeutig; 
der Trieb hingegen und das von ihm bestimmte Gefühl können 
jederzeit in ihre Gegenrichtung umschlagen. Die Liebe der Ge- 
fährtenschaft, die von Person zu Person geht, ist eindeutig ; sie ruht 
auf der Wahrheit und verwirklicht sich in der Treue. Die des Trie- 
bes hingegen begehrt, und schlägt in Widerwillen um. Sie meint, 
ohne dem Anderen nicht leben zu können, und kann ihn wieder 
nicht ertragen. 

Ist es nicht so durch die ganze Geschichte gegangen, und geht 
immer noch, und kein Absehen, wie es anders werden soll, trotz 
aller großen Reden von Freiheit und gleichem Recht > Daß der 
Mann die Frau zur Sklavin macht, und die Frau den Mann zum 
Narren - und umgekehrt nicht minder i 

Wie tief ist aber das Bild der Gemeinschaft von Mann und Weib 
dem Menschen eingeprägt, wie nötig ist ihm die Gehilfenschaft, 
wenn dieses Wesentliche trotz der furchtbaren Verstörungen doch 
immer wieder durchdringt. Denn die Geschichte ist auch durch- 
wirkt von den Kräften der Liebe und Treue, des Opfers und der 
täglichen Meisterung des Schicksals um des Anderen willen - Kräf- 
ten freilich, die um so stiller ihr Werk tun, je echter sie sind. 

Dann aber kommt Christus und gibt jedem seine Würde, der Frau 
wie dem Mann. Er erklärt das Vorrecht für nichtig, das »die Her- 
zenshärte« des Mannes sich im Alten Bund angemaßt hatte: »Da 
traten die Pharisäer heran und fragten ihn: < Ist es einem Mann er- 
laubt, seine Frau zu entlassen > > Sie wollten ihn damit auf die Probe 
stellen. Er aber antwortete ihnen : <Was hat euch Moses geboten ?> 
Sie sagten : < Moses hat erlaubt, einen Scheidebrief zu schreiben und 
die Frau zu entlassen.) Jesus sprach zu ihnen: < Eurer Herzenshärte 
wegen hat er euch dieses Gebot gegeben. Vom Anfang der Schöp- 



378 



[18] 



[19] 



379 



I 



iZt M Z * Maim ^ FraU 8«*«*». Deshalb 

wird emMannsemen Vater und seine Mutter verlassen [und seiner 

std'atT 11 ' T* & ZWd WCTden Cin ^ F " -in 1 " 
smc I also nicht mehr zwei, sondern ein einiges Fleisch. Was nun 

Gott verbunden hat das soll der Mensch nicht trennen,« (M T 

Äd ^ u Tut u ChUmg V ° r dem ***** sch - * 
Blick und Gedanken : »Ihr habt gehört, daß [zu den Alten] gesagt 

worden «: Du sollst nicht ehebrechen! Ich aber sage euch Si 

ttro f ^ FraU begehrlich ■* hat Sch0n <& EheitS 
gebrochen m seinem Herzen.« (Mt 5,27-28) Und Paulus nimmt 

den Gedanken der Genesis wieder auf und sagt: »Es gilt aber im 

Herrn weder der Mann, unabhängig von der Iran, noch die Fra" 

2l ?*% ^ r J dCnn ** * FfaU aus dem Mann, so is 
auch^der Mann durch die Frau; alles aber ist aus Gott.« (, Kor 

neue W^T Ü^Ü"? gCWimit * Geschäft eine 
neue Wurde Tiefe und Zartheit. Gewiß, was die Auflehnung der 

ersten Schuld an Wirrnis und Wildheit in das Menschenwesen 

fS V Ift l rlÖSUng ^ *»* U —berung. Aber & 
große Moghchkeit öfmet sich: der echten Ehe als der Gehilfen- 
schaft unter Kindern Gottes in Achtung und Treue, und dZh^ 
Alleinseins für Gott im jungfräulichen Leben ohne Neid und Ver- 
härtung. Hedige über Heilige erscheinen, die das Geheimnis des 
einen wie des anderen Standes sichtbar machen und den Weg in 
die Freiheit zeigen. g 

khTeflb^T^ NeUZek "? VerkÜndet & Autonomie - Sie 
khnt es ab, das Leben von Gott her zu ordnen; das menschliche 

SS ^r" Her ™ d L erW elther zulegitimieren. Sierichtetdie 
Freiheit aus eigenem Recht auf. Was durch Christus geworden ist 
gibt sie preis, oder macht es zur Sache eigenständig^ ^ 



380 



licher Entfaltung - scheinbar gerechtfertigt durch das Versagen 
unzähliger Christen, welche die große Möglichkeit nicht verwirk- 
lichen. So entsteht, mitten in den Leistungen fortgeschrittener Kul- 
tur ein neues Chaos der Geschlechtsbeziehungen, das schlimmer 
ist als jenes, bevor Christus kam. Schlimmer deshalb, weil durch 
Ihn der Mensch sittlich mündig, zur Erkenntnis und personalen 
Entscheidung fähig geworden war. 

Um aber noch einmal von der Gleichberechtigung der Frau mit 
dem Manne zu sprechen: Das Grund-Recht, in welchem Gleich- 
heit sein soll, besteht im Recht auf das eigene, von Gott begründete 
Wesen. Wohin kommt es aber damit auf dem Weg, den der 
Mensch allein gehen will, ohne Gott, nur auf die eigene Einsicht 
und die Antriebe des eigenen Herzens vertrauend ? Gelangt der 
Mann in die Freiheit seines Wesens, wenn die Staatsmaschine ihn 
zum Rad in ihrem Getriebe macht ? Wird die Frau zu sich selbst 
frei, wenn sie ins Bergwerk gehen und als Soldat kämpfen muß ? 
Dringt da nicht eine Tendenz durch, Mann und Frau auf ein Drittes 
hin auszugleichen ? Auf ein Wesen ohne eigenen Charakter, das 
den anonymen Mächten des Staates, der Wirtschaft, der Technik 
dient ? Diese Tendenz entspringt aber in der Beziehung von Mann 
und Frau, wenn sie nicht mehr aus der Eigenständigkeit ihres ver- 
schiedenen Wesens einander Gefährten sein wollen. 

Wir schließen unsere Meditationen über die ersten Kapitel der 
Genesis ab. Ihre einfachen, manchmal scheinbar kindlichen Aus- 
sagen führen in tiefe Wahrheit. Man spricht heute oft von 
Existenzphilosophie, und meint damit die Frage, wie das sei, 
wenn der Mensch da ist; in welcher Weise er richtig sei, und aus 
welchen Kräften er das leiste. In der Genesis - wie auch nachher 
in den Paulusbriefen - Hegen die Grundgedanken zu einer christ- 



[20] 



[21] 



38i 



ÜchenExistenzphilosophieund-theologieEinFreun^^ , • 
«*1 gesagt, das erste Buch der HeiliSn S c ^ t ? ron - 

wandt. Ihre Gestalten reden «UM ersten Rangehen ver- 
Größe, die später verschwL det " "" ******* ™» 
Sie zeigt dem sehwilligen Bliclc r^iV r^ j 



382 



c 



[22] 




Mit kirchlicher Druckerlaubnis . i. Auflage 1957 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Fränkische Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



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17 



WAH RH E IT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 
GUARDINI 



ADVENT 



UNIVERSmy 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE 



5 

v/,/7 



Mit dem heutigen Sonntag beginnt der Advent. Überall be- 
gegnen wir seinem Symbol, dem Kranz; in allen Formen, 
kleinen und großen, bescheidenen und prunkvollen, und wir fra- 
gen uns unwillkürlich, was jene, die ihn schenken oder empfangen 
oder in ihren Wohnungen anbringen, sich wohl dabei denken. 
Manch einer wahrscheinlich gar nichts, sondern er sieht in ihm nur 
einen hübschen Brauch und macht ihn eben mit. Er ist ja auch wirk- 
lich schön, der grüne Kranz mit den roten Lichtern, dem Tannen- 
duft und den ihn umgebenden Erinnerungen .. Andere empfin- 
den einen Hauch des Geheimnisses. Der dunkle Winter, die bren- 
nenden Kerzen, deren Zahl von Sonntag zu Sonntag wächst und 
auf eine Erfüllung zugeht - alles das berührt sie mit einer Ahnung 
von etwas Heilig-Lebendigem. Das ist schon mehr, aber es genügt 
noch nicht .. Was bedeutet also der Kranz? 
Er ist ein Symbol für die Zeit, die nach dem Fall des ersten Men- 
schen vergehen mußte, bis der Erlöser kam. Er spricht vom »ad- 
ventus Domini«, der Ankunft des Herrn, und mahnt, sich auf diese 
Ankunft zu bereiten. 

Im Kranz stehen vier Kerzen: vier Sonntage, vier Jahrtausende des 
Wartens. Die Vierzahl ist aber selbst wieder symbolisch. Wir be- 
gegnen ihr in der Heiligen Schrift oft; sie meint ein großes Maß. 
So bedeuten die vier Jahrtausende eine sehr lange Zeit; Paläo- 
graphie und Frühgeschichte belehren uns, wie lange sie gewährt 
hat. Vom Warten durch den endlosen Gang dieser Zeit reden die 
vier Kerzen. An jedem Sonntag wird eine mehr angezündet und 
spricht: wieder ein Dunkel vorbei - bis alle vier brennen, die 
»Fülle der Zeit« im Licht steht, und Weihnachten ist da. 



[3] 



387 



Die Menschen haben gewartet, und der Erlöser ist gekommen. 
Beides, das Warten wie das Kommen, ist also gewesen. Von hier- 
her betrachtet, sagen die Kerzen nur: Denk an das lange Harren 
durch die dunklen Zeiten und an das leuchtende Geschehen vor 
neunzehneinhalb Jahrhunderten. Freue Dich der heiligen Ankunft 
und sei dankbar .. Sagt der Advent aber nur das ? 
Gewiß nicht. Die Feste der Kirche erinnern wohl an Vergangenes, 
sie sind aber auch Gegenwart, lebendiger Vollzug; denn was ein- 
mal in der Geschichte geschehen ist, soll sich im Leben des Glau- 
benden immer wieder ereignen. Damals ist der Herr gekommen, 
für Alle; Er muß aber immer neu kommen, für Jeden. Jeder von 
uns soll das Warten, jeder die Ankunft des Herrn erfahren, damit 
ihm daraus das Heil werde. 

Wenn wir das so hören, kommt uns vielleicht der Gedanke: Was 
im Leben wichtig ist, muß ich doch selbst finden! Es muß aus 
meinem eigenen Leisten und Kämpfen hervorgehen. So muß auch 
das Heil Sache meines eigenen Ernstes und meiner Bemühung sein. 
Was soll da das Warten auf Einen, der von anderswoher kommt l 

Das wäre aber nicht richtig gedacht. Gewiß muß ich, was mein 
Eigenstes angeht, selbst wollen und leisten; doch wäre das nicht 
alles und nicht einmal das Entscheidende. 

Was gibt es Wichtigeres, als daß ich in meinem Leben den Freund 
finde? Ein Freund ist einer, der nicht nur an sich denkt, sondern 
auch an mich ; dem daran hegt, daß es mit mir richtig werde. Etwas 
Großes und Kostbares ist also ein Freund. Kann ich ihn mir aber 
selbst schaffen ? Gewiß nicht! Kann ich ihn mir irgendwo holen ? 
Doch ebensowenig. Ich kann empfänglich und wachsam sein, da- 
mit ich es merke, wenn ein Mensch mir nahekommt, der für mich 
wichtig werden kann - aber er muß kommen! Herkommen aus 



388 



[4] 



dem unabsehlichen Raum des menschlichen Lebens. Bei irgend 
einer Gelegenheit begegnen wir einander, kommen ins Gespräch, 
und dann entwickelt sich jenes Fruchtbar-Schöne, das man Freund- 
schaft nennt .. 

So ist es auch mit der Liebe. Der Mann bedarf der Frau, die ihm 
Gefährtin, und die Frau des Mannes, der ihr Heimat sein könne, 
damit sie dann mit einander jene lebendige Welt scharfen, die Fa- 
milie und Haus heißt - kann aber der Eine sich den Anderen her- 
stellen? Abermals nicht. Er kann ihn suchen; aber Suchen heißt 
Absichten haben, und wie leicht verdirbt die Absicht alles. Nein, 
sondern der Andere muß kommen, aus der Weite der Welt, aus 
der Vielzahl der Menschen, irgendwann einmal auf ihn zu . . 
Wenn wir uns genau besinnen, dann ist es mit unserem Beruf, 
unserer Lebensarbeit, unserer Stellung im Ganzen des Daseins ähn- 
lich. Manches davon können wir erringen - Anderes aber und nicht 
Unwichtiges muß sich aus den Fügungen des Lebens ergeben. Die 
Möglichkeit muß sich öffnen; ich muß sehen: hier, jetzt - und 
dann zugreifen. Wohl bin dann ich selbst es, der zugreift und 
leistet, aber die Möglichkeit vorher hat sich mir aufgetan. 
Vieles, Wichtiges, Entscheidendes ruht auf Fügungen und Begeg- 
nungen, die ich nicht selbst habe machen, mit eigener Kraft er- 
zwingen können. Sie sind gekommen, haben sich mir gegeben. 

Auf einem Kommen ruht auch unser Heil. Den, der es wirkt, den 
Erlöser, haben die Menschen nicht selbst erdenken noch hervor- 
bringen können; Er ist aus dem Geheimnis von Gottes Freiheit zu 
ihnen gekommen. Wie oft haben sie es versucht! In allen Völkern 
erscheinen uns Heilbringergestalten, die aus dem Erlebnis der Da- 
seinsnot hervorgegangen sind. Sie tragen die Züge der Griechen 
und Römer, Inder und Germanen und verkörpern in ihrem Bild, 



[5] 



389 



was ihr Volk und ihre Zeit unter Heil verstanden haben. Weil sie 
aber aus der Welt geboren worden, haben sie die Welt nicht ins 
Freie führen können; und weil sie aus dem Stoff der Zeit gebildet 
sind, sind sie mit ihr vergangen. 

Der wirkliche Erlöser ist aus der Freiheit Gottes gekommen: in 
ein kleines Volk, das wohl kein Rat der Völker gewählt haben 
würde; in eine Zeit, die niemand als die richtige erweisen könnte; 
in eine Gestalt, angesichts derer uns, wenn es uns gelingt, die Ge- 
wohnheit abzustreifen, das Staunen befällt : warum gerade in diese ? 
So besteht die Entscheidung des Glaubens zu einem guten Teil 
darin, die eigenen Maßstäbe des Richtigen und Ansprechenden 
wegzutun und den aus Gottes Freiheit Hertretenden aufzunehmen : 
»Hochgelobt, der da kommt im Namen des Herrn!« (Mt 21,9) 

Das sagt uns der Advent. Jedes Jahr mahnt er uns, das Wunder 
dieses Kommens zu bedenken. Erinnert uns aber auch daran, daß 
es seinen Sinn erst dann erfüllt, wenn der Erlöser nicht nur zur 
Menschheit im Ganzen, sondern auch zu jedem Menschen im Be- 
sonderen kommt: in dessen Freuden und Nöte, Einsichten, Rat- 
losigkeiten und Versuchungen, in alles das, was sein nur ihm 
eigenes Wesen und Leben ausmacht. Er soll inne werden: Christus 
ist mein Erlöser Jener, der mich bis in mein Eigenstes kennt, mein 
Schicksal in seine Liebe nimmt, mir den Geist erhellt, das Herz 
berührt und den Willen zum Rechten wendet. 
So ist der Advent die Zeit, die mahnt, daß wir uns fragen, jeder in 
sein Gewissen hinein : Ist Er zu mir gekommen ? Weiß ich um Ihn ? 
Ist Vertrauen zwischen Ihm und mir ? Ist Er mir Lehrer und Mei- 
ster ? Daraus aber sofort die weitere Frage : Steht in meinem Innern 
die Türe für Ihn offen ? Und der Entschluß : Ich will sie auf tun. 
Wie könnte das geschehen, meine Freunde ? 



390 



[6] 



Lassen Sie uns ins Ganz-Praktische gehen. Was könnten wir tun ? 
Vor allem uns bemühen, etwas von Ihm zu erfahren. Wir könnten 
uns ein Buch nehmen, das von Ihm spricht, und darin lesen, an 
jedem Tag dieser Wochen, die zum Weihnachtsfest führen. Aber 
nicht so lesen, wie wir es tun, um uns über irgend etwas zu unter- 
richten, sondern mit offenem Herzen, im Verlangen des Geistes. 
So lesen, daß uns aus den Worten die lebendige Wahrheit ent- 
gegenkommen könne; in der Weise, die Augustinus meint, wenn 
er in seinen »Bekenntnissen« erzählt, wie er an die Schriften Plotins 
gekommen und ihm daraus die Geistigkeit Gottes aufgegangen sei. 
»Und ich vernahm«, sagt er, »wie man mit dem Herzen ver- 
nimmt.« Der ganze Augustinus ist in dem Wort - aber auch der 
Mensch überhaupt; denn wenn ein Großer aus seinem Eigensten 
redet, dann redet in ihm das Wesen Aller. »Und«, sagt er weiter, 
»keine Möglichkeit war mehr, zu zweifeln.« (Conf. 7, 10) So soll 
uns Jesus Christus klar werden; »einleuchten«, wie das schöne 
Wort sagt; sein Wesen, sein Tun und sein Schicksal. 

Damit das aber geschehen könne, ist mehr nötig, als bloßes Lesen 
und Denken. So unerläßlich das sein mag, es genügt nicht. Denn 
was da erkennen soll, ist tiefer als der natürliche Geist; tiefer als das 
Herz, das die Geburt uns gegeben hat. Es ist der neue Mensch in 
uns, der »aus Gott geboren« ist und ins ewige Leben wächst 
(Joh 1,13). So sagt Augustinus, wo es um die Wahrheit gehe, gebe 
es wohl den »magister exterius docens«, den Meister, der von außen 
her lehrt : also den Menschen, der zu uns spricht, oder das Buch, das 
wir lesen. Deren Worte bleiben aber äußerlich, so lange der »ma- 
gister interius docens«, der von innen her lehrende Meister nicht 
redet. Der aber ist Gott. 
Es genügt also nicht, nur zu lesen und zu denken ; wir müssen auch 



[7] 



391 



beten. Einer kann die Texte des Alten und Neuen Testamentes im 
Kopf haben, mit dem Stand der Leben-Jesu-Forschung vertraut 
sein und doch das Eigentliche nicht wissen. Wir müssen bitten, 
Der, der allein vom lebendigen Christus weiß, der Heilige Geist! 
möge wirken, daß die heilige Gestalt des Herrn uns einleuchte! 
Daß uns geschehe, was Johannes meint, wenn er sagt: »Wir haben 
seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen 
vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.« (i, 14) »Epiphanie«, nicht 
nur des Geistes, sondern auch des Herzens. Das Aufgehen der 
Augen und das Berührtwerden des Gemütes in Einem. 
Dann kommt die Gestalt Christi aus dem bloßen Geredet-sein 
heraus. Er wird wirklich, wird nahe, und zwischen Ihm und uns 
entstehtjene Verbundenheit, welche Gehorsam, Treue, Vertrauen, 
Einvernehmen ist und »Glaube« heißt. Wirklicher Glaube, nicht 
bloßes » Für-wahr-halten«. Letzteres ist die äußere Ordnung ; wirk- 
licher Glaube aber ist die Klarheit im Geiste, das Berührtsein im 
Herzen, das lebendige Bewußtsein der heiligen Wirklichkeit. Das 
kann nur Gott geben, aber wir müssen Ihn darum bitten. 
Das wäre das Zweite, das wir im Advent tun können. 

Ich glaube aber, wir müssen noch ein Drittes hinzunehmen, näm- 
lich daß wir die Liebe üben. Man kann Christus nicht so erkennen, 
wie man irgend einen Menschen der Geschichte erkennt, sondern 
nur aus jener inneren Tiefe heraus, die in der Liebe wach wird. 
Vielleicht wendet man ein : Was sagst du da ? Man könne Christus 
nur erkennen, wenn man Ihn hebe - wie soll ich Ihn aber Heben, 
wenn ich noch nichts von Ihm weiß ? Das ist richtig - obwohl die 
Liebe ja viele Stufen hat, und schon im ersten Suchen Liebe sein 
kann, indem sie mehr ist, als bloßes Wissen-Wollen. Aber lassen 
wir das auf sich beruhen, und denken wir daran, daß es Liebe zu 



392 



[8] 



Christus ist, wenn wir seine Brüder heben. Johannes sagt in seinem 
ersten Brief: »Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, 
kann Gott nicht heben, den er nicht sieht. « (4, 20) 
Also wollen wir in diesen Tagen die Liebe üben, damit uns die 
Augen für Christus aufgehen. Wollen es dort tun, wo wir stehen, 
an den Menschen, mit denen wir leben : ihnen das Recht geben, 
zu sein, wie sie sind ; sie immer aufs neue annehmen und in Freund- 
lichkeit mit ihnen auskommen .. Von diesem nächsten Bereich 
um uns her, unserer Familie, unserer Freundschaft, unserem Beruf 
breitet sich die Liebe dann zu denen aus, die ferner sind -je nach 
der Weise, wie das Leben ihr Wesen und ihre Not an uns heranträgt. 

Diese drei Dinge gehören zusammen. Zuerst das Suchen und Den- 
ken und Lesen, damit unser Wissen von Christus reicher werde. 
Denn fragen wir uns doch einmal in Ehrlichkeit : Was lese ich alles 
im Laufe einer Woche ? Wie viel davon ist überflüssig ? Wie viel 
nichtsnutzig ? Und wie viel Zeit wende ich an Bücher, die vom 
Wichtigsten sprechen? Wenn wir ernstlich fragen und ehrlich 
antworten, werden wir uns wahrscheinlich schämen. 
Das Zweite ist, daß wir Gott bitten, Er möge uns erleuchten. Dazu 
genügen die einfachsten Worte. Wollen wir aber Texte voll gött- 
licher Kraft, dann stehen sie zu Gebote; denken wir nur an die 
beiden herrlichen Hymnen » Veni Creator Spiritus: Komm, Schöp- 
fer Geist« und » Veni Sancte Spiritus: Komm, o Geist der Heilig- 
keit«, die beide im Meßbuch stehen. 

Das Dritte ist, daß wir der Erleuchtung den Weg öffnen, indem 
wir die Liebe üben. Nicht in bloßen Worten, sondern im Ernst; 
nicht in Gefühlen, sondern im Tun. 

Wirklicher Advent entsteht aus dem Innern. Aus dem Innern des 
glaubenden Menschenherzens und, nein vor allem, aus der Tiefe 



[9] 



393 



von Gottes Liebe. Aber wir müssen Seiner Liebe den Weg bereiten. 
Nicht umsonst erscheint im Evangelium der Messe vom vierten 
Adventssonntag die Gestalt des Vorläufers, und die » Stimme eines 
Rufers in der Wüste« ertönt: »Bereitet den Weg des Herrn, macht 
gerade seine Pfade! Jedes Tal soll ausgefüllt, und jeder Berg und 
Hügel soll abgetragen werden. Was krumm ist, soll gerade, und 
die unebenen Wege sollen eben werden. Und alles Fleisch wird 
schauen Gottes Heil.« (Lk 3,4-6) 



394 



[10] 



HEILIGE NACHT 






LIEBE FREUNDE, 



■ 



I 

* 



\Y/ir sind hier in der Heiligkeit des Gotteshauses zur Feier der 
V V Christnacht zusammengekommen. So wollen wir nun still 
werden und alles, was nicht hergehört, aus dem Gemüt wegtun. 
Die Tage vor Weihnachten sind vorbei : die schöne Geschäftigkeit, 
welche Anderen Freude machen wollte, aber auch der aufdring- 
liche Marktbetrieb, der sich dieser Festzeit bemächtigt hat. Vorbei 
ist auch die Feier selbst, zu Hause, mit ihren Lichtern und Liedern. 
Wir haben uns der Verbundenheit unserer Familie vergewissert, 
haben Freude gegeben und empfangen - und nehmen wir auch 
alles das mit hinein, was der Einzelne an Einsamkeit und Enttäu- 
schung erfahren haben mag. Jetzt aber wollen wir das alles wegtun 
und uns in das hineindenken, was diese Nacht in sich birgt. 
Ich möchte es von einem Gedanken her versuchen, der mir in 
diesen Tagen nahegekommen ist. Vielleicht berührt er Sie zuerst 
fremd; wenn Sie sich ihm anvertrauen, wird er Ihnen aber doch 
das eine oder andere aus der Fülle der christlichen Botschaft näher- 
bringen. 



v 



i 
! 



Im neunzehnten Kapitel seines Evangeliums erzählt Johannes von 
der letzten Lebensstunde seines Herrn, wie Er, dem Tode nahe, 
mit dem Blick auf Johannes weisend, zu Maria sagt: »Frau, siehe 
da deinen Sohn«. Dann spricht Er zum Jünger: »Siehe da deine 
Mutter.« (26-27) 

Die Worte offenbaren Jesu Liebe zu seiner Mutter. Sie bleibt allein 
zurück; so vertraut Er sie dem Jünger an, »den Er hebte«. Nun ist 
sie geborgen. Es heißt denn auch ausdrücklich: »Von jener Stunde 
an nahm der Jünger sie zu sich« - ergänzen wir: und sie lebte bei 



[13] 



397 



ihm. Daran denkt man und empfindet es als schön und tröstlich 
für sie, die so Bitteres erduldet hatte. 

Nicht so leicht aber denkt man dabei an den Jünger selbst: was 
dieses Zusammenleben für ihn bedeutet haben möge. Man nimmt 
das Wort: »siehe da deine Mutter« nicht nahe, nicht lebendig ge- 
nug. Durch den Liebeswillen des sterbenden Herrn und Marias 
Bereitschaft ist Johannes ja doch wirklich und in einzigartiger 
Weise der Sohn von Jesu Mutter geworden. So soll man sich das 
Wort mit seinem innigen Geheimnis nahekommen lassen. Fortan 
war er nicht nur Jener, der ihr Obdach gab und Speise und Kleid, 
sondern er durfte zu ihr sagen: »meine Mutter«. 
Was in der tiefen Nähe dieses Zusammenseins geschehen ist, 
wissen wir nicht; Johannes hat in seinem Evangelium nichts dar- 
über gesagt. Es hat ja auch nicht in die Botschaft hineingehört, die 
sich an alle richtete, sondern war etwas, das nur Maria und ihn 
anging. Aber die Heilige Nacht lädt zum Sinnen ein; nicht ohne 
Grund ist um sie her die Welt der Legende entstanden. So wird es 
auch uns erlaubt sein, die Gedanken wandern zu lassen. Sie machen 
keinen Anspruch, im unmittelbaren Sinne zuzutreffen; aber in 
einem tieferen werden sie, hoffe ich, doch wahr sein. 

Wir denken uns also, in einer Stunde voll Stille und Nähe hätten 
sie beisammen gesessen, und Johannes hätte sie gefragt: »Mutter, 
wie hast Du alles das ertragen können, was Gott Dir auferlegt hat ? « 
Die Frage war wohl berechtigt, denn es war nicht nur groß, son- 
dern auch über unser Ermessen hinaus schwer gewesen. Maria war 
gewohnt, zu schweigen. Wenn das Evangelium sagt, daß sie Worte 
und Begebnisse »in ihrem Herzen bewahrte« (Lk 2,51), so meint 
das nicht nur, sie habe nichts davon vergessen, sondern auch, sie 
habe alles in der inneren Stille behütet. So wird sie wohl auf die 



398 



[14] 



Frage zuerst geschwiegen haben. Dann aber hat sie gefühlt, es 
würde ihr wohltun, einmal über alles zu einem Menschen sprechen 
zu können, der fähig wäre, sie zu verstehen; und wenn einer, dann 
war das Johannes. So hat sie geantwortet: »Gewiß, mein Kind, 
es war groß, aber auch sehr hart, und ich war darin ganz allein. « 

Dann hat sie wohl erzählt, wie sie in ihrer Jugend, gleich allen 
Frommen ihres Volkes, von der Sehnsucht nach dem Messias erfüllt 
war. Diese Sehnsucht aber hatte in ihrem reichen Wesen eine 
andere Lauterkeit und Tiefe als bei den Leuten, die damit so viel 
Verlangen nach Befreiung aus irdischer Not und so viele Wünsche 
nach irdischer Herrlichkeit verbanden. Vielleicht hat in ihr auch 
eine Ahnung gelebt, die sie selbst nicht hätte deuten können : ein 
Gefühl, die geheimnisvolle Gestalt Dessen, »der da kommen sollte« 
gehe sie ganz persönlich an.. 

Dann wurde sie von ihrem Vormund mit Joseph verlobt, und 
während sie noch im elterlichen Haus wohnte, trat der Engel mit 
seiner Botschaft an sie heran. Das gläubige Gemüt hat sich gewöhnt 
das Geschehnis als eine Stunde des Gebetes zu verstehen. Die Kunst, 
die ja immer aufs neue die Geheimnisse des Heils zu deuten sucht, 
hat es gern so dargestellt, daß Maria kniet oder sitzt, in die Worte 
der Heiligen Schrift versunken. Das ist gewiß schön, und ist auch 
wahr, sofern es die Heiligkeit des Geschehens ausdrückt. Aber es 
ist doch wohl richtiger, es anders zu deuten; denn der Anruf der 
Gnade vollzieht sich nicht in eine gleichsam zubereitete Situation 
hinein, sondern trifft das Herz quer durch alles Irdische hindurch. 
Vielleicht ging Maria über den Hof und mußte, angerufen durch 
den Engel, plötzlich stehen bleiben . .Oder sie saß bei einer Arbeit, 
und die leuchtende Nähe, nur ihr deutlich, umhüllte sie. 
Das hat sie Johannes erzählt. Hat ihm gesagt, wie sie bis in die Tiefe 



[15] 



399 



ihres Wesens erschrak - in einem Schrecken, der kein Zurück- 
scheuen war vor einer Gefahr, sondern ein Erschauern in der Nähe 
des Heiligen, das sich ihr zuwendete. So hat sie erzählt, was wir im 
Evangelium lesen: wie sie zuerst die Worte der Botschaft nicht 
verstand; der Engel sie aber an die Allmacht Gottes verwies, und 
ihr Herz bereit war, zu gehorchen. 

» So bin ich in den Willen Gottes hineingegangen, und von da an 
habe ich nicht mehr mir selbst gehört. Aber«, hat sie vielleicht 
hinzugefügt, »da hat erst mein Leben angefangen. 
Freilich auch meine Einsamkeit; und die habe ich nur überstehen 
können, weil Er mich hielt. Denn zu wem hätte ich sprechen 
sollen ? Nicht einmal zu meinem Verlobten konnte ich es, der mir 
doch so lieb war. Er hätte gedacht, ich hätte ihm die Treue ge- 
brochen und wolle mein Unrecht unter törichten Gedanken ver- 
bergen. Oder er hätte gefürchtet, ich sei einem Wahn verfallen. 
So hat, was doch Freude über alle Freude war, die Gestalt einer 
Einsamkeit angenommen, in der ich nicht wußte, was die nächste 
Stunde an Schwerem bringen würde. 

Doch dann hat der Engel Joseph belehrt. Er hat mich zu sich ge- 
nommen, und nun waren wir in dem Wissen zusammen. Aber, 
das verstehst du doch wohl, mein Kind, daß es in der Tiefe dieses 
Geheimnisses keine Gemeinsamkeit gibt. Joseph war mir Gefährte 
und Schützer, von einer Treue, wie sie auf Erden wohl nie mehr 
gewesen ist - aber im letzten habe ich doch allein gestanden «. 

»Dann kam die Verordnung des Kaisers, und wir haben nach 
Bethlehem gehen müssen, weil Joseph von dorther stammte. Es 
war eine Wanderung voll Beschwerde; umgeben von Gottes 
Nähe, gewiß, aber doch ein Weg ins Unbegreifliche. Wir kamen 



400 



[16] 



nach Bethlehem, und nirgendwo war Platz für uns. Die Einen 
konnten nicht, und die Anderen wollten nicht. So haben wir mit 
dem Stall vorheb nehmen müssen, der zur Herberge gehörte. 
Endlich schlug meine Stunde, und das Kind lag in meinen Armen. 
Alles war erfüllt. Alles war Freude. Aber ein Geheimnis umschloß 
mich, in dem kein Mensch mit mir war. 

Nach der vorgeschriebenen Zeit trugen wir den Knaben nach Je- 
rusalem, in den Tempel, Ihn nach dem Gesetz dem Herrn darzu- 
bringen. Da trat der Prophet Simeon zu uns, und dankte Gott, 
daß der Messias erschienen sei. Darauf wendete er sich an mich 
und sprach: < Siehe, dieser ist bestimmt zum Fall und zum Auf- 
stehen Vieler in Israel, und zu einem Zeichen, dem man wider- 
sprechen wird - und auch deine eigene Seele wird ein Schwert 
durchdringen). (Lk 2,34-35) Aber das habe ich schon vorher ge- 
wußt, in jener Nacht, in Bethlehem: Freude über alle Freude, und 
Leid über alles Leid.. 

So bin ich immer tiefer ins Unbegreifliche hineingegangen; an 
Seiner Hand, aber allein. « 



Vielleicht hat da Johannes erwidert: »Aber Mutter, der Herr war 
doch bei Dir, Dein Sohn ! « Darauf hat sie wohl zuerst geschwiegen, 
und dann gesagt: »War es für euch leicht, mit Ihm zu sein, als Er 
lebte ? Erinnerst Du Dich an das, was am See geschehen ist, nach 
dem großen Fischfang ? Wie da Petrus auf seine Kniee fiel und 
rief : < Herr, geh weg von mir > , weil der Schrecken Gottes, von dem 
die Schrift redet, über ihn gefallen war ? So war es ja bei mir nicht, 
denn wie hätte ich sonst leben können; aber glaubst Du, daß es 
leicht war, immer in dieser Gegenwart zu sein ? 
Gewiß, Er war gütig, wie niemand sonst gut sein kann. Er war 
mehr als das, Er war demütig. Als wir zu seiner ersten Wallfahrt 



[17] 



401 






mit Ihm in Jerusalem waren, und Er uns verloren ging ; wir Ihn 
schließlich im Tempel wiederfanden, und ich aus der Angst meines 
Herzens sagte : < Kind, warum hast du uns das angetan ? Siehe, dein 
Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht) - da schaute Er 
uns an und sprach : < Warum habt ihr mich gesucht ? Wußtet ihr 
nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist ? > (Lk 2, 48 ff) 
Ahnst Du, was ich da fühlen mußte ? Daß Er wohl bei uns war, und 
dennoch immerfort weggenommen in <das, was seines Vaters 
war> ? Wohl ist er dann mit uns nach Nazareth gegangen, und war 
uns Untertan - aber was heißt das, wenn ein Solcher Untertan ist ? 
Was glaubst Du wohl, daß mein Herz empfand, wenn ich Ihm 
sagte: < tu das>, und Er tat es ?« 

Dann hat sie dem Lauschenden erzählt, wie sie nach Ägypten 
fliehen mußten, weil die Willkür des Herodes das Kind bedrohte; 
in das Land, das wohl äußere Sicherheit gab, aber mit seinen un- 
zähligen Göttern und Tempeln doch so fremd war. Wie sie dann 
nach der Weisung des Engels zurückkehrten; Joseph sich zuerst 
in Bethlehem niederlassen wollte, wo er Geburtsrecht hatte, aber 
auf neue Weisung hin doch nach Nazareth gehen mußte. Und das 
war schwer, denn die Menschen dort waren nicht f reundlich. Noch 
heute gibt es ein arabisches Sprichwort, das sagt: »Wen Gott 
strafen will, dem gibt er ein Mädchen aus Nazareth zur Frau. « 
Sie hatten scharfe Zungen, die Frauen des Städtchens, dessen Name 
uns so innig klingt, und die Verleumdung wird oft um Marias 
Haus gestrichen sein. 

Aus der späteren Zeit lesen wir, wie Jesus zur Zeit seines Wirkens 
nach Nazareth kommt, in der Synagoge spricht, und sie zuerst 
von der Macht und Anmut seiner Rede überwältigt sind; bald 
aber ein wütender Haß ausbricht, und sie Ihn aus der Stadt hinaus- 



402 



[18] 



drängen, um Ihn vom Berge hinabzustürzen. Darin kommt wohl 
jene Gefahr zum Ausdruck, von welcher die Botschaft Jesu immer 
umgeben war, daß nämlich statt des Glaubens das Ärgernis ein- 
trete; aber auch der Haß der Nachbarn bricht aus: »Ist der nicht 
des Joseph Sohn?« (Lk 4, 22 ff) 

»Dann ist Joseph gestorben«, hat sie weiter erzählt, »der Treue und 
Gütige. Schließlich ist auch mein Sohn von mir gegangen, Du 
weißt, daß ich Ihn das eine oder andere Mal aufgesucht habe ; Er 
aber hat immer die Grenze gezogen : damals in Kana . . und wieder, 
als man Ihm berichtete, ich stehe vor der Tür und wolle mit Ihm 
reden, und Er zu den Menschen um Ihn her sagte : < wer ist meine 
Mutter, und wer sind meine Brüder ?> und auf seine Jünger wies: 
< Das sind meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen 
meines Vaters tut, der im Himmel ist, der ist mein Bruder, meine 
Schwester und meine Mutter !> (Mt 12,47-50) Was meinst Du 
wohl, mein Kind, was das für mich bedeutet hat ? Wie weit da die 
Ferne wurde zwischen Ihm und mir ? « 

Darauf hat sie erzählt, wie sie mit der ganzen Kraft ihres Herzens 
hoffte, die Menschen würden erkennen, wer Er war, würden seine 
Worte und Wunder verstehen und glauben - alle Begeisterung 
aber nur äußerlich blieb. Das Volk wollte einen Messias nach 
seinem Sinn und war enttäuscht, als Er nicht tat, worauf es wartete. 
Von Anfang an waren die Feinde am Werk, hetzten und verleum- 
deten. Immer mehr zog sich das Dunkel zusammen, und schließ- 
lich geschah das Unfaßliche, daß sie den Tod Dessen erzwangen, 
der das Leben selbst war. 

»Das hast Du ja alles miterlebt, und niemals habe ich aufgehört, 
Dir zu danken, daß Du mit mir zusammen in den letzten Stunden 



[19] 



403 



ausgeharrt, Du, und Maria von Magdala, und die Mutter des 
Kleophas. Du weißt, in welcher Schrecknis wir damals standen, 
Er am Kreuz, und um uns her der Haß und der Hohn. . Und als 
Er sagte - es soll Dir nicht wehe tun, mein Kind, aber ich will es 
doch aussprechen - als Er sagte : < Frau, siehe da deinen Sohn>, und 
der warst Du. . nicht wahr, Du verstehst ein wenig, was das für 
mich bedeutete ? Du erinnerst Dich, wie Er in den letzten Augen- 
blicken zu seinem Vater rief: < warum hast du mich verlassen ?>. 
Da war Er allein; wie tief, erfaßt kein Menschenherz. Aber etwas 
von dieser Finsternis kam auch auf mich. . 

Doch es wurde Ostern, und als Er mir erschien, war ich erlöst.. 
Dann Pfingsten. . der Geist kam herab, auch über mich - Er, von 
dem ich einst den Verheißenen empfangen - und gab Ihn mir 
wieder, und nun wird Er mir nie mehr genommen . . « 

Meine heben Freunde, vielleicht haben Sie sich während dieser 
Erwägungen gewundert. Haben sich gefragt, was ihr Ernst solle, 
heute, an dem Fest, das doch voll ist von Lichtern und Liedern 
und Freuden ? 

Gewiß, Weihnachten ist der Tag, an dem einst, nach den Worten 
des Engels, »die Botschaft einer großen Freude« an die Menschen 
erging. Aber einer Freude von anderer Art, als Menschenfeste sie 
ausstrahlen. Nie dürfen wir vergessen, daß Bethlehem und Gol- 
gatha zusammengehören. Was vollends unsere Zeit angeht, so 
müssen wir in ihr jenen Zusammenhang besonders wach halten, 
denn wir haben die Aufgabe, das Weihnachtsfest aus einer immer 
schlimmer werdenden Verwüstung heraus zu holen. Das Weih- 
nachtsfest, an dem uns »die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes 
erschienen« (Tit 3,4), ist zu einem Jahrmarkt der Begehrlichkeiten 
geworden. Aus dem Lichterbaum, der ein Gleichnis jenes Lichtes 



404 



[20] 



sein soll, das aus dem ewigen Glanz uns aufgestrahlt ist, hat man 
ein Reklamemittel gemacht. 

Aber bleiben wir bei uns selbst. Lassen wir uns den Gedanken nahe- 
kommen, der in unserer Betrachtung immer wiedergekehrt ist: 
von der Einsamkeit Jener, welche die Gnade doch in die innigste 
Nähe des Heils hineingenommen hat. Von ihr hat Elisabeth gesagt : 
» Selig Du, die geglaubt hat. « (Lk 1, 45) Wir sehen Maria zu sehr als 
Jene, die im Lichte letzter Erkenntnis steht. Dahin ist sie gelangt, 
gewiß; aber erst nach Pfingsten, als auch über sie die Fülle des 
Geistes kam. Vorher aber galt nicht nur von Joseph, sondern auch 
von ihr : » Sie verstanden das Wort nicht, das Er zu ihnen sprach. « 
(Lk 2,50) So hat sie glauben müssen; einen Glauben von einer 
Härte, wie vielleicht niemand sonst. Und in diesem Glauben war 
sie mit Gott und ihrem Herzen allein. 

Das geht uns an. Weihnachten ist ein Fest des Glaubens. Auch der 
Familie, auch der Freundlichkeit des einen Menschen zum andern, 
gewiß; aber auf Grund des Glaubens an Gottes Menschwerdung. 
Jedes Geschenk muß im Grunde Symbol der einen großen Gabe 
sein, in welcher Gott für das Heil der Welt seinen Sohn gegeben 
hat (1 Joh 4, 9 ff). Das muß dahinterstehen; sonst wird alles leer, 
und man täte besser, wie es ja gefordert worden ist, statt der 
Heiligen Nacht Sonnwende zu feiern. 

Aber Glauben ist nicht immer leicht. Manchmal ist es sogar sehr 
schwer - schwer und im Alleinsein des Gewissens zu vollbringen. 
Gewiß gibt es die Gemeinschaft im Glauben : den Zusammenhang 
der Verkündung, der von Pfingsten her durch alle Zeiten geht, 
und in dem am Wort des Kündenden der Geist des Hörenden hell 
wird. Wie könnte man die Kirche schöner deuten, als indem man 
sagt, sie sei die Gemeinschaft derer, die einander zu glauben helfen ? 
Und wohl jeder von uns hat in seinem Leben einen Menschen, 



[21] 



405 



der ihm dazu geholfen hat, Bürge und Gefährte im Glauben war 
Das ist alles richtig. Im letzten vollzieht sich aber der Glaube doch 
im einsamen Gegenüber des Gewissens zu Gott. In dieses Innerste 
tritt niemand ein. Da ist jeder auf die Einsicht seines Geistes, auf 
die Erfahrung seines Herzens, auf die Großmut seiner Freiheit an- 
gewiesen. Wohl von der Gnade getragen und durchwirkt; ohne 
sie wurde ja die Botschaft stumm bleiben, und das Herz kalt 
Dem Tun und Erleben nach aber vollzieht die Entscheidung sich 
in der Einsamkeit. 

Da mögen Gedanken wie die, welche wir in dieser Stunde durch- 
dacht haben, uns hilfreich sein. 



406 



[22] 



Erschienene Universitätspredigten : 



UnivefSity Libraries of Notre Darne 





406 973 



Heft 1 

Heft 2 

Heft 3 

Heft 4 

Heft 5 

Heft 6 

Heft 7 

Heft 8 

Heft 9 

Heft 10 



Heft 11 






Heft 12 



Heft 13 



Heft 14 



Heft 15 



Heft 16 



Heft 17 
Heft 18 



Der Geist der Psalmen 

Weg und Frucht - Der erste Psalm 

Gottes Hirtensorge - Psalm 22 

Geborgenheit in Gott - Psalm 90 

Gottes Erkennen - Psalm 138 

Der lebendige Gott - Psalm 113 

Das Gotteslob der Welt - Psalm 148 

Die Erschaffung der Welt - Psalm 103 

Die Freude des Christen 

Die Botschaft des Fronleichnamsfestes 

Der Engel des Menschen 

Christi Himmelfahrt und Wiederkunft 

Das Gleichnis vom Säemann 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg 

Die Kirche / Meditationen um Pfingsten 

I. Jesu Absichten II. Die Geburt der Kirche 

III. Offenbarung und Verhüllung 

IV. Wahrerin der Wahrheit 

V. Die Sichtbarkeit der Kirche 
Vom Denken und Leiden des heiligen 
Augustinus 

Ungarn / Der Anfang aller Dinge 

Eine Auslegung der ersten drei Kapitel der 

Genesis 

I. Die Frage nach dem Anfang 

II. Erschaffen und Erschaffensein 

III. Der erste Schöpfungsbericht und der Tag 
des Herrn 

IV. Der zweite Schöpfungsbericht und die 
Ordnung der Ehe 

V. Das Paradies 

VI. Der Baum der Erkenntnis des Guten 
und des Bösen 

VII. Versuchung und Sünde 

VIII. Die Rechenschaft und der Verlust 
des Paradieses 

IX. Der Tod 

X. Die Verstörung des Menschenwerkes 

XI. Die Verstörung im Verhältnis 
der Geschlechter zueinander 
Advent / Heilige Nacht 
Jahreswechsel / Epiphanie 



Heft 19 Liebe und Licht / Über Worte aus dem 

ersten Johannesbrief 

I. Offenbarung II. Die Welt 
Heft 20 m. »Gott weiß alles« 

IV. Licht der Wahrheit 

Heft 21 V. Das Wesen von Gottes Liebe 
VI. Licht der Liebe 

Heft 22 VII. Gottes Liebe und der Zustand der Welt 
VIII. »Herz Jesu« 

Heft 23 Gebet und Wahrheit 

Meditationen über das Gebet des Herrn 

Der Text 

Die Anrede I. Der Vater 
Heft 24 H. Der Himmel 

III. Die Gotteskindschaft 
Heft 25 Die erste Bitte I. Der Name Gottes 

II. Die Heiligung des Namens 
Heft 26 Die zweite Bitte 

I. Das Reich Gottes im Alten Testament 

IL Das Reich Gottes im Neuen Testament 

Heft 27 Die zweite Bitte HI. Die Verwirklichung des 
Reiches Gottes 
Die dritte Bitte I. Die Engel 

Heft 28 Die dritte Bitte IL Der Wille des Vaters 
Die vierte Bitte I. Das tägliche Brot 

Heft 29 Die vierte Bitte IL Die Vorsehung 
Die fünfte Bitte I. Die Schuld 
und Gottes Vergebung 

Heft 30 Die fünfte Bitte IL Die Vergebung des 
Menschen 
Die sechste Bitte I. Versuchung und Gnade 

Heft 31/32 Die sechste Bitte IL Die Versuchung des 
Nächsten 
Die siebente Bitte I. Das Leiden der Welt 

II. Das Übel und das Böse 
Das Amen I. Das Gericht 

Heft 33 Das Amen II. Die Ewigkeit 

in. Die Ewigkeit und die menschliche 
Schwäche 

Mit kirchlicher Druckerlaubnis 

3. Auflage 1963 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung Frank. Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



J 



18 



WAH RH E IT 
UND 




Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

* 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in enter Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit — aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter chrisdicher^Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube undjWeltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



JAHRESWECHSEL 



LIEBE FREUNDE, 



|75fc 






Wir begehen heute den Anfang des neuen Jahres. Der Tag 
eilt als ein Fest - das Fest ist aber, wenn man es recht be- 
denkt, sehr sonderbar. 

Der Neujahrstag wird nicht durch die Natur begründet. Kein Ge- 
schehen im Zusammenhang der Dinge trägt ihn; weder im Gang 
der Sonne noch in dem der Vegetation. Wenn es ein Vorgang der 
Natur wäre, der den Beginn des Jahres bestimmt, dann würde er 
anders liegen, etwa auf dem Tag der Sonnenwende, oder in einer 
Zeit, wenn sich das Leben der Pflanzen- undTierwelt wieder rührt . . 
Aber auch die Kirche hat ihn nicht eingesetzt, sondern sie hat sich 
- und das nur zögernd - einem Brauch angeschlossen, den sie im 
bürgerlichen Leben vorfand, nämlich in der Zeitordnung der Rö- 
mer. So ist Neujahr ein Tag der Konvention: man hat sich darauf 
geeinigt, am ersten Januar solle das neue Jahr beginnen. Daher hat 
dieser Tag auch keine rechte Wurzel. Auf die Frage, warum mit 
ihm das neue Jahr beginne, antwortet er, es sei eben so. 
Es ist ein sonderbarer Tag; und sonderbar ist auch die Weise, wie 
sich die Menschen an ihm benehmen. Eigentlich sollte man denken, 
sie hielten inne und würden ernst. Nach der Konvention, aus der er 
hervorgegangen, ist doch an ihm ein Jahr vorbei, ein Stück Leben 
vergangen» und zwar ein betrachtliches. So wäre für Jeden Anlaß 
genug, sich zu fragen, was für ihn in dessen Verlauf geschehen sei ; 
Geburt, Begegnung und Tod, Freude, Leid, Gewinn und Verlust. 
Und ebenso, was er mit der Zeit angefangen habe : Recht oder Un- 
recht getan, Liebe oder Haß gegeben, Leben aufgebaut oder ver- 
geudet oder zerstört. . Von solcher Besinnung ist aber, nach dem 
allgemeinen Eindruck zu urteilen, nicht viel die Rede. Was den 



[3] 



411 



Tag - sagen wir genauer, seinen Beginn in der vorausgehenden 
Nacht erfüllt, ist ausgelassener Trubel ; und der Tag selbst trägt den 
Charakter, der den Nachhall jeder Ausgelassenheit bildet, nämlich 
Mißmut und Überdruß. 

Fühlen wir aber genauer hinein, so merken wir, daß unter der Aus- 
gelassenheit etwas anderes gelegen hat, nämlich Angst. Das mag 
sonderbar klingen, aber es ist so : in der vergangenen Nacht haben 
die Menschen im Grunde Angst gehabt, nämlich vor dem Enden, 
und die haben sie mit Spektakel zugedeckt. Neujahr ist der Tag 
der Vergänglichkeit. Einer aber, die von keinem Geheimnis durch- 
waltet ist, weder des natürlichen noch des religiösen Lebens, son- 
dern nackter Vergänglichkeit: ein Jahr aus - ein neues an! Etwas 
Trosdoses redet aus dem Tag. 

Mit dem Vergehen haben wir es allezeit zu tun; unser Leben voll- 
zieht sich ja darin. Immerfort geht etwas zu Ende : eine Stunde, ein 
Tag. Immer wieder sagt der Samstag, die Woche sei vorüber. Wie 
lang wird es dauern, und das Jahr, das heute begonnen hat, rinnt 
aus > Ist es nicht, als sei letztes Neujahr gerade erst gewesen mit 
denselben Wünschen um zwölf Uhr, dem gleichen Trubel bis in 
den Morgen nachher, dem nämlichen faden Geschmack am Tag 
darauf; 

Wie lang währt ein Zusammensein mit Heben Menschen > Wie 
lang ein Urlaub und seine Freiheit > Wie lang die Genesungsfreude 
nach überstandener Krankheit > 

Wenn wir an ein Werk denken, das wir nach reiflicher Überlegung 
begonnen, mit viel Mühe und mancher Sorge durchgeführt haben 
- Hegt es nicht in der Erinnerung, als wäre es nie wirkHch gewesen ? 
Wie sprechen aus unserem eigensten Innern die Worte Walthers 
von der Vogelweide: 



412 



[4] 



» O Weh, wohin sind versch wunden alle meine Jahr ! 
Hat mir mein Leben geträumet, oder ist es wahr ? « 

Als ein Vergehendes leben die Menschen ihr Leben; so suchen sie 
es zu halten. Manche machen es so, daß sie Ämter, Verbindlich- 
keiten, Geschäfte hineintun, mehr und immer mehr; sich Arbeit 
und noch größere Arbeit aufladen; sich härter und immer härter 
anstrengen und streben und kämpfen - alles im dunklen Gefühl, 
dadurch werde das Leben größeres Gewicht bekommen und lang- 
samer gehen. In Wahrheit läuft es nur um so schneller, denn der 
Sinn wird immerfort von Einem zum Nächsten fortgerissen und 
verweilt nie. In der Zeitung wird dann dem Verstorbenen nach- 
gerühmt, er habe ein pflichtenreiches, fruchtbares Leben gelebt - 
hätte man in seinen letzten Stunden ihn selbst gefragt, so° würde 
er wohl geantwortet haben: Ich weiß nur, daß es vorbei ist • 
Manche versuchen es vom andern Ende her, und füllen das Leben 
mit »Erlebnis«: fahren in immer neue Länder und Städte; rasen 
über immer andere Straßen; lernen immer mehr Menschen ken- 
nen, bedeutende, einflußreiche, interessante; hören Musik, lesen 
Dichtung, bemühen sich um die bildenden Künste; suchen Sensa- 
tion und Genuß in den tausenderlei Weisen, die unsere ruhelose Zeit 
möglich macht. Sie meinen, dadurch ihre Tage und Jahre leben- 
diger und wirkHcher zu machen - in Wahrheit werden sie nur 
leerer und flüchtiger, weil kein Ernst darin ist. Und immer hart- 
näckiger und unheimHcher wird das Gefühl : Vorbei ! 

• 

Alle diese Bemühungen täuschen sich. Sie suchen die Überwindung 
der Vergänglichkeit auf falschem Wege. Sie meinen, den Gang der 
Zeit durch Mengen aufhalten zu können : durch die Vielheit dessen 
was sich in ihr zuträgt; durch die Größe der Anstrengung die 



[5] 



413 



geleistet wird; durch die Heftigkeit des Gefühls, das die Erfahrung 
hervorruft. Das alles macht aber das Gefälle nur um so stärker und 
den Lauf nur um so rascher. Anders muß es geschehen, vom Innern 
der Persönlichkeit, vom Sinn des Tuns her. Wie also ? 
Wenn eine Arbeit zu tun ist, kann ich es mir leicht machen; sie 
erledigen, rasch, nach dem Maßstab: viel Geld für wenig Mühe. 
Dadurch wird sie angenehmer und vorteilhafter, sie verliert aber 
auch ihren Sinn. Ist sie vorbei, dann ist sie es auch ganz und gar . . Ich 
kann aber auch der Meinung sein, eine Arbeit müsse recht gemacht 
werden, so, wie die Sache es verlangt, und mich um dieses Rechte 
bemühen. Dann geschieht etwas Eigentümliches : die Arbeit voll- 
zieht sich in der Zeit und endet mit ihrer Zeit; die Tatsache aber, 
daß das Rechte gewollt worden ist, bleibt. Sie geht in jenen Zu- 
sammenhang ein, der das Dasein rechtfertigt. 
Wenn ich vor einer Entscheidung stehe, kann ich sie auf Vorteil 
und Erfolg hin treffen. Dann sinkt alles in den Strom der bloßen 
Ursächlichkeit und vergeht mit der Wirkung : der Genuß ist emp- 
funden, der Vorteil verbraucht, der Erfolg ausgenutzt, alles ist vor- 
bei - soweit es sich nicht in Schuld gewandelt hat. .Ich kann aber 
auch den Anruf des Gewissens vernehmen und ihm Folge leisten, 
selbst wenn die Sache mir Verdruß und Schaden und Schwierig- 
keiten bringt. Wieder vergeht das Unmittelbare der Tat; ihre Ge- 
sinnung aber hat sich an das Gute gebunden, und das ist ewig, denn 
es ist Gott. Von dort her kommt in das vergehende Tun ein gött- 
licher Sinn, und der bleibt. 

Wenn Einer mich um Hilfe angeht, kann ich sie ihm geben, weÜ 
ich auf Gegendienst rechne. Das ist zunächst durchaus vernünftig, 
denn das Leben besteht aus einem Austausch von Diensten. Die 
geleistete Hilfe hat dann den gleichen Charakter, wie der zweck- 
mäßige Gebrauch eines Werkzeugs. Sie ist ein Stück des prak- 



414 



[6] 



rischen Lebens und vergeht, wie dieses.. Ich kann die Hilfe aber 
auch ohne Absicht und Rechnung geben; deshalb, weil der 
Bittende Mensch ist, Bruder im Dasein, Kind Gottes. Dann ver- 
wirklicht sich im gleichen Tun etwas ganz anderes : Freundlichkeit, 
Güte, Liebe. Das ist Abbild der Gesinnung, aus welcher Gott han- 
delt, und gibt dem Tun ein Sinngewicht, das mit seinem zeitlichen 
Enden nicht vergeht. Es hat ewigen Gehalt und der bleibt. 

Als Gott uns schuf - aber jeder muß nun sagen : als Gott mich schuf, 
hat Er mit mir etwas im Sinn gehabt. Er hat gewollt, ich solle zu 
etwas werden, das nicht nur für mich, sondern auch für die Welt 
Unersetzbares bedeuten würde, ja an dem Er selbst Freude haben 
könne. Die Schrift nennt es das Gott-Ebenbild. Das gibt es so viel- 
mal, als es Menschen gibt; denn der Mensch ist Bild Gottes nicht 
im allgemeinen, sondern Jeder ist es in seiner eigenen, unwieder- 
holbaren Weise. 

Worin bestellt aber dieses Bild - meines im Unterschied zu dem 
jedes Anderen ? Das, worin meine Eigentlichkeit liegt; das Was und 
Warum und Wozu meines Daseins; Gottes Gedanke von mir? 
Manchmal, in seltsamen Augenblicken, ahnt man es. Da zeichnet 
sich, ganz flüchtig, etwas ab ; »neben« mir, »hinter« mir, »in« mir . . 
fremd und doch tief vertraut. . enthoben und dochzu mir gehörig . . 
So sehr, daß ich wohl erschrecken würde, wenn ich ihm offen 
begegnete. Wahrscheinlich werde ich ihm einst begegnen, im 
Tode; richtiger gesagt, nach dem Tod, in Gottes Licht, und dann 
erst ganz ich selbst sein. Jetzt aber sieht es nur mein Engel, und 
hütet es, und mahnt mich daran, im tiefsten Gewissen . . 
Wie ist dieses mein Eigentliches ? Wie hat Gott mich gemeint ? 
Was hat Er mit mir gewollt ? Kann ich das erkennen ? ■ Seinen 
Gedanken von mir, die Seele meiner Seele ? 



[7] 



415 



Ich kann es, ohne alle Geheimniskrämerei, »in Tat und Wahrheit«. 
Ich kann mit Ihm in ein Einvernehmen kommen. Das fängt damit 
an, daß ich mich aus Gottes Hand annehme ; mich so annehme, wie 
ich bin. Nicht gegen mein Dasein protestiere; nicht mich ausihm 
hinauswünsche; nicht neidisch auf die blicke, die reicher, ange- 
sehener, gesünder, schöner, begabter, schöpferischer sind als ich 
Das heißt gewiß nicht, ich müßte alles bejahen, was an mir ist, 
auch wenn ich es für unangenehm, oder häßlich, oder böse ansehen 
muß. Das wäre Lüge; und Lüge bringt Dem nicht näher, der die 
Wahrheit ist. Aber ich soll das, was ich bin, im Gehorsam des Ge- 
schafFenseins als Grund und Ausgang meines Lebens anerkennen - 
und von da aus an mir arbeiten. 

Dadurch komme ich in Fühlung mit dem Gedanken, durch den 
Gott mich gedacht; mit dem Willen, durch den Er meinem Dasein 
die Richtung gegeben hat. Und es kann sein, bei irgendeiner Ge- 
legenheit wird mir auch wie von fernher deutlich, was »Vor- 
sehung« heißt, das für mich Vorgesehene: Dieser bin ich! So steht 
es mit meinem Leben. Dieses Schwere muß sein, damit jenes 
Andere leicht werden könne. Hier ist mir die Fessel angelegt, 
damit ich dort Freiheit habe. Ich bin bei mir selbst zu Hause, weil 
ich mit Anderen nicht leicht in Kontakt komme. Die Gabe, leicht 
fremdes Leben zu verstehen, bezahle ich damit, daß ich jede Un- 
freundlichkeit so stark empfinde und immer so lang brauche, um 
wieder in Ordnung zu kommen und so fort. Ich verstehe etwas' von 
dem, was das heißt: mein Leben, mein Schicksal, meine Aufgabe, 
eben »ich« - und »ich mit den Anderen«, und »ich in der Welt«. ! 
So entsteht, langsam, durch manche Dunkelheiten, Überwin- 
dungen, Opfer hindurch, das Einvernehmen mit Gott, und mein 
Leben schlägt Wurzel im eigenen - nein in Seinem Sinn. 



416 



[8] 



Doch dann : tun, was Er will. Sonst bleibt ja alles nur Gedanke. 
Woher weiß ich aber, was Er will? Nicht schon aus Buch oder 
Unterweisung; die sagen mir immer nur das Allgemeine: die 
Normen, die für den gläubigen Menschen überhaupt gelten; die 
Aufgaben, welche dem Menschen der heurigen Zeit gestellt sind, 
und mehr derart. Von dort ist aber noch ein weiter Weg bis zum 
konkreten Tun, und darin wird doch der Wille Gottes erst aktuell. 
Woher erfahre ich aber, was Er da von mir verlangt ? Wie komme 
ich hierüber mit Ihm ins Einvernehmen ? Durch die Situation, in 
die Er mich jeweils stellt. Um die zu verstehen, sind die allgemeinen 
Ordnungen und Gebote natürlich grundlegend, aber lebendig wer- 
den sie erst durch das Sinngef üge der Wirklichkeit um mich her : 
Was die Arbeit verlangt, die jetzt fällig ist; wessen der Mensch 
bedarf, der mir hier begegnet; wie das Leid getragen sein will, das 
mich gerade getroffen hat; was ich aus der Freude entgegen- 
nehmen darf, die sich mir gibt - alles das spricht zu mir : Tu deine 
Augen auf und sieh, was vor dir Hegt. Brauche Dein Urteil und 
entscheide, was hier das Rechte ist. Entschließe dich und handle ! 
Wenn ich diese Aufforderung aus Gottes Mund vernehme und 
mich bereit mache, verstehe ich, was Er mit mir will, komme ich 
ins Einvernehmen mit seiner Weisung. Und es ist ja nicht so, daß 
Er mir nur von fern Weisung gäbe und mich damit allein ließe, 
sondern seine Weisung ist zugleich helfende Macht. Weisend tritt 
Er selbst in die Stunde ein und hilft mir zur Ausf ührunir, wie Paulus 
gesagt hat: »Gott ist es, der nach seiner Gnade in euch das Wollen 
wirkt und [auch] das Verwirklichen« (Phil 2, 13). 
So geschieht es in dieser Situation, und in der nächsten und wieder 
der nächsten. Und da jede Situation ein Element in jenem Ganzen 
ist, das »mein Leben« heißt - richtiger gesagt: da mein Lebens- 
ganzes in jedem Jetzt anwesend wird und zur Verwirklichung 



[9] 



417 



drängt, verstehe ich immer besser, was nach Gottes Sinn dieses 
mein Leben bedeutet. 

Erst so wird die Vergänglichkeit überwunden. Nicht durch Häu- 
fung von Arbeit und Erlebnis und Genuß - was Dauer gibt, ist die 
geheimnisvolle Verbindung zu Gott hinüber, in der sich Seine 
Führung verwirklicht - alles das, was Jesus von der Vorsehung 
sagt. Darin lerne ich zu sprechen : »Du, mein Gott. . und ich durch 
Dich- wir wissen, worum es geht. « Dadurch wird, mitten im Ver- 
gehen, wirkliche Ewigkeit. 



EPIPHANIE 



i 






418 



[10] 



LIEBE FREUNDE, 



Die Feste der Kirche - und Epiphanie ist eins der größten; es 
folgt in seinem Rang gleich nach Ostern und Pfingsten - 
sind an Gedanken von Gottes Wahrheit und an Gaben Seiner Güte 
derart reich, daß leicht Nebensächliches vor die Hauptsache treten 
kann. So ist es mit diesem Fest gegangen, denn in der Volkssprache 
heißt es »Dreikönigstag«. 

Dazu ist einmal zu sagen, daß dieMänner, welche nach dem Bericht 
der Evangelien kamen, um dem »neugeborenen König der Juden 
zu huldigen« (Mt 2, 2), keine Könige waren, sondern ein Zwischen- 
ding zwischen Gelehrten und Wahrsagern. Sie lebten im Euphrat- 
gebiet, dessen reine Luft es zu einem Ursprungsland der Stern- 
beobachtung gemacht hat. Die Religion seiner Bewohner war 
durch die Vorstellung von Gestirngottheiten und Himmelsmäch- 
ten bestimmt; die Sterne erschienen ihnen als Wesen, welche das 
Dasein beherrschen. Daher waren sie auch des Glaubens, es sei mög- 
lich, den Einfluß zu erkennen, den die Sterne, je für sich, wie in 
ihren Beziehungen zu den anderen, als Sternbilder, auf das Leben 
des Menschen- ausüben; festzustellen, welche Zeitpunkte für die 
Schließung einer Ehe, für den Antritt einer Reise, für den Beginn 
eines Unternehmens und für was immer günstig oder ungünstig 
seien. So gab es an den Tempeln Fachleute solcher Kunst, die den 
Lauf der Sterne beobachteten, ihn mit dem Gang der Weltgescheh- 
nisse und Einzelschicksale verglichen und Fragenden Auskunft 
gaben. Männer dieser An waren es, die nach Bethlehem kamen. 

Dann aber müssen wir noch etwas anderes bedenken. Das Euphrat- 
gebiet war auch das Land, wohin das Volk Israel nach der Zer- 



[13] 



421 



Störung von Jerusalem verschleppt worden war. Dessen Schrift- 
gelehrte hatten unter ihren Habseligkeiten natürlich auch die hei- 
hgen Bücher mitgebracht; so hatten solche unter den Sternkun- 
digen die kerne bloßen Geschäftemacher oder Praktikanten des 
Abergkubens waren, Gelegenheit, die Worte der Propheten zu 
lesen. Daraus erfuhren sie von der Hoffnung Israels auf den Mes- 
sjas; vom Reich des Heils, das dieser aufrichten sollte; und auch 

daß esaUenehrhchenHerzenoffenstehen werde. Männervonsot 
eher : Gesinnung waren es, von denen das Evangelium berichtet. 
So stellen wir uns vor, wie sie sich in der Srille einer Nacht auf ihrer 
Sternwarte befinden; eine Konstellation bemerken, der die Über- 
lieferung besondere, auf Königtum und Weltheil bezügliche Be- 
deutung zuschrieb, und in ihremHerzen die StimmeGottes spricht • 
Das ist das Zeichen des Messias ! Ihr Herz ist offen, ihr Wille bereit' 
und sie machen sich auf den Weg - ein immer gültiges Bild des' 
d^Heirbl" t Wande ™g 8*k umjenen zu finden, der 

Das Bild ist schön und voll Wahrheit. Man kann verstehen, wie die 
Phantasie des gläubigen Volkes von ihm gefangen worden ist und 
die Gestalten der fernher Kommenden mit aller Herrlichkeit des 
Onene umkleidet hat. Trotzdem hegt aber nicht bei ihnen und 
ihrer Wanderung der Sinn des Festes. Es heißt nicht » Tag der Wei- 
sen aus dem Morgenland«, sondern »Epiphanie«, was soviel be- 
deutet wie »Erscheinung «. Erscheinung aber wovon, von wem » 
Das Wort stammt aus dem antiken Kaiserkult. Für den Menschen 
jener Zeit war der Herrscher etwas Göttliches, ein »Sotör«, ein 
Heilbnnger. So bedeutete der Tag, an welchem er seine Regierung 
antrat, das erste Sich-Zeigen seines Heils, seine erste Epiphanie 
Daher man denn auch die Zeitrechnung mit jedem Herrscher neu 



-i 



422 



[14] 



begann: »Im so und sovieltenjahr des Kaisers Augustus, oderDio- 
cletians «. Epiphanie war es aber auch, einjeweils neues Aufleuchten 
des Heils, wenn der Herrscher eine Stadt besuchte und feierlich in 



sie einzog. 






Dieses Wort hat die Kirche übernommen und gesagt: Die wirk- 
liche Epiphanie ist das Erscheinen des wahren Heils-Herrn- das 
Offenbarwerden des Erlösers vor den Augen der Menschen In 
diesem Fall: vor den Augen einiger Menschen, die von weit her 
aus heidnischem Land gekommen waren, und in ihrer Person all 
die Völker vertraten, welche nicht zum Alten Bund gehörten. 

Wir müssen aber tiefer in das hineinblicken, was sich da in Beth- 
lehem zugetragen hat. 

Als die Männer sich dem Städtchen nahten, zu welchem der Stern 
sie geführt hatte, und wo sie den »neugeborenen König der Juden« 
sehen sollten, hatten sie wohl erwartet, ihnen werde sich Glän- 
zende, zeigen: Palasträume, Dienerschaft, prunkende Gewandung 
Statt dessen fanden sie eine unscheinbare Umgebung und darin' 
wie es im Evangelium heißt, »das Kind und seine Mutter«. Was 
naben sie da gesehen ? 

Offenbar doch nicht nur ein beliebiges Kind und eine Mutter die 
es betreute. Es muß mehr gewesen sein ; etwas, das sie veranlaßt hat 
wie es im Evangelium heißt, » sich niederzuwerfen und ihm zu huL 

SiT jtSffJ 1 ^"^^^ihmGaben darzubringen 
£th" Y**?*? < Mt *'"); Dinge also, wie sie nach der 
Prophet» des Isaras dem Messiaskönig von den Heiden darge- 
bracht werden sollten : »Völker wallen zu deinem Licht«, heißes 
da, » und Konige zu deinem strahlenden Lichtglanz ... Eine Men-e 
von Kamelen verhüllt dich ganz, Jungkamele von Midianll 
tpha; von Saba kommen sie alle mitsamt, tragen Goldund Weih- 

[15] 

433 



rauch herbei und künden froh des Herren ruhmreiche Taten« 
(Is 60,3.6). 

Dieses Etwas aber - was war das ? Die Legende denkt : das Kind hat 
in göttlichem Glanz gestrahlt ; die Mutter von überirdischer Freude 
geschimmert; Engel standen und taten himmlischen Dienst. .Von 
dergleichen sagt aber das Evangelium kein Wort. Was haben sie 
also gesehen ? 

Und nun müssen wir tun, was uns in diesen Betrachtungen immer 
wieder weiter geholfen hat: in unsere Erfahrung bücken, um von 
ihr her einen Zugang zum genaueren Verständnis der Glaubens- 
botschaft zu gewinnen. Und zwar soll das die Erfahrung sein, was 
unsere Augen vermögen. 

Denken wir uns, wir stünden vor einem blühenden Gewächs, sagen 
wir, einem Rosenstrauch - was würden wir an ihm sehen ? Etwa 
bloß dünne Gebilde, die wir »Stengel«, flächige Dinge, die wir 
»Blätter« nennen, etwas schön Geformtes, Farbiges, von dem die 
Übereinkunft lautet, es sei eine »Rose«, im Unterschied zu einer 
Narzisse oder einer Fliederdolde ? Doch gewiß nicht, sondern ein 
lebendiges Pflanzenwesen: eben den Rosenstrauch. Wir sehen die 
Proportion in den verschiedenen Teilen seines Aufbaus; die 
charakteristischen Formen von Stiel, Blatt und Blüte; wir bemer- 
ken mit einem leisen Gefühl der Rührung neben der Zartheit der 
Blüten die Waffe der Dornen; erinnern uns, daß am Morgen die 
Blume noch geschlossen war, Knospe, jetzt aber offen ist; nehmen 
die frühere Gestalt mit der jetzigen zusammen und sehen so Wer- 
den und Wachstum.. Das und manches Andere noch bildet ein 
vielfältig gegliedertes Ganzes, in welchem unser Auge das Leben 
sieht. Dieses besondere Lebendige, den Rosenstrauch, im Unter- 
schied zu einem Fliederbusch oder einem Apfelbaum. 



' 



424 



[16] 



Wenn wir mit einem Tier vertraut sind, sagen wir, einem Hund, 
und er ist uns heb ; nun kommen wir nach Hause, und er springt 
uns entgegen - was sehen wir da ? Doch wieder nicht nur äußere 
Formen und Vorgänge, sondern in seinen Augen, seiner Gestalt, 
seinen Bewegungen, in der ganzen Art, wie er sich gibt und was er 
tut, sehen wir die Freude und Anhänglichkeit des Tieres ; sehen 
seine Eigenart, die Lebendigkeit dieses Hundes, im Unterschied zu 
der eines anderen, oder eines Pferdes, oder eines Voeels. 
Und wie ist es mit dem Menschen ? Wenn ich einen Altbekannten 
lange nicht gesehen habe, und nun begegnen wir einander ; er bückt 
mich an, weiß zuerst nicht, wer ich bin, dann kommt es ihm, und 
er geht grüßend auf mich zu - was sehe ich da ? Ein inneres Ge- 
schehen : Nicht-Wissen, Verwunderung, Wiedererkennen, Freude. 
In seinem Gesicht, seiner Gebärde, seiner Haltung sehe ich sein 
Wesen, seine Seele. Je lebendiger das Auge ist, desto sicherer liest 
sein Blick in jedem Element des menschlichen Äußeren drüben 
dessen Innerlich-Seelisches; desto tiefer dringt er ein und sieht 
noch hinter der Gefühlsäußerung die Gesinnung; hinter einem 
ersten Motiv ein zweites, verborgenes und so fort. 
Unser Auge ist also etwas ganz anderes als ein photographischer 
Apparat, der nur festhält, was sich optisch bietet. Es lebt und sieht 
das Leben. 

Und nun sagt die Schrift : Das Auge kann noch viel mehr sehen, als 
was bisher genannt worden ist. Im Römerbrief heißt es: »Denn 
sein [an sich] Unsichtbares wird seit Erschaffung der Welt an den 
geschaffenen Dingen verstehend geschaut, nämlich seine ewige 
Kraft und Gottheit, so daß [jene, die Ihn leugnen], keine Entschul- 
digung haben« (1,20). Von den Dingen der Welt her erschließen 
wir nicht nur, vor ihnen denken wir nicht nur, sondern aus ihnen 



[17] 



425 



erschauen wir das Geheimnis ihres Geschaffenseins. Dieses aber: 
der Schimmer des Geheimnisses, das Durchleuchten der sie er- 
schaffenden Gottesmacht ist es ja doch, was den Dingen ihren 
Sinn gibt. 

Wenn man bewirken könnte, daß wahr würde, was der Atheist 
behauptet, nämlich Gott sei nicht und es gebe nur die Welt - sehen 
wir für einen Augenblick von dem Unsinn ab, der in diesen Wor- 
ten gesagt wird, nehmen wir nur einmal an, es wäre so - was dann 
bliebe, diese »bloße Welt«, wäre entsetzlich. Sie würde uns an- 
starren, wie manche Bilder der neuesten Kunst, in denen nichts Ort 
noch Sinn hat. So ist sie aber nicht. Wo immer wir auf Dinge tref- 
fen, haben sie Stand, Wesen, Kostbarkeit; etwas, das uns innerlich 
berührt und vergewissert, und das ist ihr Geschaffensein. 
Durch ihr empirisches Sein leuchtet Gottes Macht hindurch, und 
das ist schon » Epiphanie «. Sagen wir richtiger : die Grundlage dazu, 
der Beginn davon. Das Auge aber nimmt das wahr, auch wenn es 
nicht besonders zu Bewußtsein kommt. Den wirklichen Atheisten, 
das heißt, den Menschen, der in echter Weise überzeugt wäre, Gott 
sei nicht, kann es also in Wahrheit gar nicht geben. Was es gibt, ist 
der Mensch, der gegen sein eigenes Auge und Herz Atheist sein 
will. Es sei denn, er wäre blind und stumpf geworden; das ist aber 
dann keine wirkliche Überzeugung, sondern innere Verarmung. 

Zu Beginn seines ersten Briefes sagt Johannes: »Was von Anfang 
an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen haben ; 
was wir schauten und unsere Hände betasteten vom Logos des 
Lebens - und das Leben ist erschienen, und wir haben es gesehen, 
und legen Zeugnis ab, und verkünden euch das ewige Leben, das 
beim Vater war und sich uns offenbarte - was wir [also] gesehen 
und gehört haben, das verkünden wir auch euch!« (1,1-3) Wir 



426 



[18] 



fühlen die Macht der Worte, aus tiefer Ergriffenheit kommend 
und jeden ergreifend, der bereit ist, zu verstehen: Kerygma, Wahr- 
heitsmitteilung und Glaubensbefehl zugleich. Was sie aber ver- 
künden, ist das Ereignis der eigentlichen Epiphanie : daß der ewige 
Sohn Gottes r welcher » wohnt im unzugänglichen Licht, den keiner 
der Menschen gesehen hat, noch zu sehen vermag« (1 Tim 6, 16), 
nun gesehen werden kann, weil Er Mensch geworden ist ; gewisser- 
maßen zur tieferen Seele nicht bloß eines Menschenleibes, sondern 
auch noch einer Menschenseele geworden, nämlich jenes Einen, 
der Jesus von Nazareth heißt. In Ihm ist der ewige Sohn für den, 
der die Augen hatte, sichtbar geworden. Wer Ihn hörte, wer Ihn 
sah, wer seine Hand faßte, der hörte und sah und faßte »den Lo<»os 
des Lebens«. 

• 

Im Evangelium des gleichen Johannes sagt Jesus am Abend vor 
seinem Tod zu seinen Jüngern : » Hättet ihr mich erkannt, so würdet 
ihr auch meinen Vater kennen; von jetzt an kennt ihr Ihn und habt 
Ihn gesehen. Philippus sprach zu Ihm: <Herr, zeige uns den Vater, 
und es genügt uns. > Jesus sprach zu ihm : < So lange Zeit bin Ich bei 
euch, und du hast mich noch nicht erkannt, Philippus. Wer mich 
gesehen hat, hat auch den Vater gesehen. Wie kannst du da sagen: 
Zeig uns den Vater ? > « (14, 7-9) Im lebendigen Jesus von Nazareth 
ist der ewige Sohn durchgeleuchtet. Der besteht aber nur als Sohn; 
wer Ihn also sieht, sieht Ihn als Jenen, der wesenhaft zum Vater 
hinüberführt. Das ist die eigentliche Epiphanie. 

Freüich gehört dazu das Auge, das sehen kann. Vielleicht antworten 
Sie: Wenn Du so sagst, nimmst Du ja alles wieder zurück, denn 
damit setzest Du etwas Besonderes voraus, das nur Auserwählte 
haben: Mystik oder Vision, oder was sonst. . 
Aber ist es nicht immer so, daß ein Ding nur von dem gesehen 



[19] 



427 



wird, der das Auge dafür hat ? Führen Sie zwei Menschen vor den 
blühenden Rosenstrauch. Dem Einen geht das Herz auf, und er 
sagt: »wie schön«; der Andere fragt: »was hat er gekostet? «Jener 
hat das Auge, dieser nicht. Lassen Sie zwei Menschen ein Kunst- 
werk betrachten : der Eine ist ergriffen, der Andere langweilt sich. 
Für alles bedarf es des zugeordneten Auges. Nur ist das bei den 
Dingen der Welt eine Begabungssache. Schon anders steht es, wenn 
es sich darum handelt, die Menschen, ihre Seele, ihr Wesen zu 
sehen. Da ist nur vorausgesetzt, daß der Blickende Liebe zum Men- 
schen habe, sonst sieht er bloß Körperlichkeit und äußeres Tun. 
Worin besteht aber das Auge für das Schauen der Epiphanie ? Die 
Bergpredigt sagt: »Selig die reinen Herzens sind, denn sie werden 
Gott schauen. « (Mt 5, 8) Das gilt nicht nur für das Leben der Ewig- 
keit, sondern schon für das hier auf Erden. Was heißt das aber: 
»reinen Herzens sein«? Denken wir nicht gleich an Sinnlichkeit 
und Geschlecht; es reicht weit darüber hinaus. Ein reines Herz hat, 
wer die richtige Liebe hat; wer nach dem Heiligen verlangt. Ist das 
so, dann schauen die Augen an den Dingen der Schöpfung Den, 
der sie geschaffen. Sobald aber diese Augen Jesus begegnen, dann 
schauen sie in Ihm das Geheimnis der Menschwerdung, den Logos 
des Lebens. 

Meine Freunde, der heutige Tag sagt, daß die Männer aus dem 
Morgenland dieses Auge hatten. Ihnen ist in dem Kinde der Erlöser 
»erschienen«, und sie haben Ihn »gesehen«. Der gleiche Tag er- 
innert Jeden von uns: Denke daran, was dein Auge vermag. Es ist 
dir verliehen, auf daß du die göttlichen Dinge schauen könnest. 
Denke daran, daß du es rein haltest und gebrauchest! 
Nun könnte einer aber immer noch sagen: Die Weisen haben das 
göttliche Kind leibhaftig vor sich gehabt, und Johannes hat einige 



428 



[20] 



Jahre in seiner Nähe gelebt. So konnten sie die Epiphanie erf ahren. 
Aber wir, die von Ihm nur hören - was vermögen wir ? . . Ge. /iß, 
unsere Situation ist anders als die ihre ; aber wir dürfen auch nicht 
vergessen, was der Herr gesagt hat: »Ich bin bei euch alle Tage bis 
ans Ende der Welt. « (Mt 28, 20) Er hat das zu den Aposteln gesagt, 
es gilt aber uns allen. Auch » bei uns « ist Er, in der Kirche. 
»Kirche« ist das, worin Christus und das Scinige weitergeht durch 
die Zeit. Die Heilige Schrift ist Kirche ; für sich allein genommen, 
stünde sie im Ortlosen. Die Verkündung der Botschaft ist Kirche; 
sie ist deren Laut und Sprache. Kirche ist der heilige Dienst; die 
Feier der Eucharistie und die Mannigfaltigkeit der Sakramente. 
Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen; ihr Schicksal in der 
Geschichte, ihre Freuden, ihre Leiden, ihre Verfolgungen.. Alles 
das ist Kirche, und in ihr wird Jesus Christus geschaut, und in Ihm 
der Vater. 

Nur muß das Herz rein sein. Denn vom Herzen her ist das Auge 
sehend; nicht nur vom Optischen und nicht nur vom Intellekt. 
Wir müssen sorgen, daß unser Herz nicht von Irdischem erfüllt sei, 
von Ehrgeiz, Gewinnsucht, Sinnlichkeit, Vergnügen, Angst, vom 
Gedräng und Getöse des Daseins, denn dann sehen wir nurMensch- 
liches und oft nur Allzumenschliches. Dann stehen wir im Gottes- 
dienst und warten nur, daß er zu Ende geht. Dann bemerken wir 
an Personen und Einrichtungen nur Unzulänglichkeiten und Feh- 
ler und werden irre am Wesen. 

Dem hingegen, der sein Herz frei hält, wird eines Tages gegeben, 
daß sich mitten im Wandel ein Bleibendes, in der Selbstsucht eine 
Liebe, in der Sinnlosigkeit eine Verheißung, im Alleinsein eine 
Freundschaft kund tut, die einen Namen trägt Jesus Christus. Wir 
müssen aber danach verlangen und darum bitten. Er hat ja gesagt: 
»Wenn ihr, die ihr doch böse seid, euern Kindern gute Gaben zu 



[21] 



429 



geben wißt, um wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen 
Gutes geben, die Ihn bitten ! « (Mt 7, 1 1) Die Gabe aller Gaben aber 
ist, Christus zu erkennen und Ihn zu heben. 



430 



[22] 





Urm/ersity Libraries of Notre Dame 



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WAH RH E IT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den" "ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



LIEBE UND LICHT 



Über Worte aus dem ersten Johannesbrief 



I 



OFFENBARUNG 



UNIVERSITYsf 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 







In den Sonntagsbetrachtungen dieses Wintersemesters soll uns 
ein Text des Neuen Testaments beschäftigen, genauer gesagt, 
einzelne Worte aus diesem Text, nämlich aus dem ersten Brief des 
Apostels Johannes. 

Dieser Brief wurde am Ende des ersten Jahrhunderts geschrieben; 
genau ist die Jahreszahl nicht anzugeben. Er richtet sich nicht an 
eine bestimmte Empfängerschaft, wie das etwa die Schreiben des 
Apostels Paulus an die Gemeinde von Korinth oder an die von 
Rom tun, sondern er gehört zu den »katholischen Briefen«, das 
heißt zu jenen, die sich an eine »allgemeinere« Hörerschaft richten, 
nämlich an die Gemeinden von Kleinasien. 
Sein Text ist kurz, in seiner j etzigen Einteilung sind es nur fünf Kapi- 
tel, aber reich an lebendiger Wahrheit. So oft man ihn aufschlägt, 
trifft man auf ein Wort, das anrührt und bereichert. Daher muß man 
ihn sehr langsam lesen, damit seine Gedanken in Geist und Herzen 
Raum finden. Im Grunde ist es auch gar nicht anders möglich, 
denn der Brief redet nicht in der Form einer fortgehenden Ent- 
wicklung, mit der man rasch voraneilen könnte; er besteht viel- 
mehr aus kleinen Gedankengruppen, deren jede aus der inneren 
Bewegung des sinnenden Geistes aufsteigt und daher auch sorgsam 
erwogen sein will. Dann öffnet sich ihre innere Tiefe. 

Der Apostel, von dem dieser Brief stammt, ist der Christenheit 
teuer geworden; zumal das Mittelalter hat ihn sehr geliebt. Dabei 
ist aber mit seiner Gestalt etwas Eigentümliches vor sich gegan- 
gen: sie ist auf bestimmte Elemente seines Wesens hin stilisiert 
worden. 



[3] 



435 



Vor allem hat man ihn als Jüngling gesehen. Nun war Johannes, als 
er dem Herrn begegnete, wirklich ein junger Mensch, wohl der 
jüngste aller Apostel. Auch lag in seinem Wesen etwas Stürmisches, 
Kühn-Auf steigendes; nicht ohne Grund hat man ihm das Symbol 
des Adlers zugeordnet, von welchem die Apokalypse spricht (4, 7). 
Darüber dürfen wir aber nicht vergessen, daß der gleiche Johannes 
unter allen Aposteln das höchste Alter erreicht hat, und seine 
Schriften, die uns doch sein geistiges Bild vermitteln, aus seinen 
letzten Lebensjahren stammen. Wenn wir sie aufmerksam lesen, 
sehen wir denn auch, daß die Weise, wie er die Gestalt seines Mei- 
sters zeichnet und dessen Botschaft wiedergibt, aus weitem Rück- 
blick, langem innerem Umgang und tief eindringender Meditation 
hervorgeht. 

Noch ein zweites Element seines Wesens ist bei der Ausgestaltung 
des Johannesbildes maßgebend geworden: man hat in ihm den 
Liebesjünger gesehen. Dabei hat man den Begriffder Liebe meist in 
einem gefühlsmäßigen Sinn genommen und aus Johannes eine 
innigzarte Persönlichkeit gemacht. Dadurch wurde aber seinWesen 
verfehlt, denn Johannes war ein glühender Mensch, der sehr hart 
sein konnte. Der ersten Anlage nach hatte er alle Möglichkeit, ein 
Fanatiker zu werden; manche Stellen in den Evangelien zeigen es. 
Denken wir nur an den Bericht, wie Jesus mit seinen Jüngern durch 
Samaria wandert (Lk 9, 51 ff). Zwischen den Bewohnern des Lan- 
des und denen von Judäa bestand alte Feindschaft, so unduldsam, 
daß einem Wanderer, der durch Samaria nach Judäa ging, unter 
Umständen die Gastfreundschaft verweigert wurde. Tatsächlich 
nimmt denn auch die Ortschaft, die sie betreten, den Herrn nicht 
auf; da rufen Jakobus und Johannes: »Herr, willst Du, daß wir 
sagen, Feuer soll vom Himmel fallen und sie verzehren?« Das 
klingt nicht nach zarter Liebesart. Jesus aber, heißt es weiter, 



436 



[4] 



»wandte sich um und verwies es ihnen streng«. Eigentlich meint 
das griechische Wort: »Er fuhr sie an«; und in einer Textüber- 
lieferung heißt es: »ihr wißt nicht, wes Geistes ihr seid!« Hätte 
Johannes sich nicht in die Schule Jesu gegeben und von ihr bÜden 
lassen, dann hätte »sein Geist« aus ihm etwas ganz anderes 
machen können als einen Liebesjünger. Was seine Botschaft der 
Liebe m Wahrheit meint, werden wir noch sehen. 

Der Eingang des Briefes nun sagt: »Was von Anfang war, was wir 
gehört, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir schau- 
ten und unsere Hände griffen vom Wort des Lebens -ja, das Leben 
offenbarte sich, und wir haben es gesehen, und gaben Zeugnis, und 
verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und sich 
uns offenbarte - was wir [also] gesehen und gehört haben, das ver- 
künden wir auch euch.« (1, 1-3) 

Wenn wir die Worte lesen, fühlen wir uns auf andere hingewiesen 
die ebenfalls am Eingang einer Schrift stehen, nämlich des Evan- 
geliums des gleichen Apostels. Da heißt es zu Beginn des Prologs ■ 
»Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott 
war das Wort. Dieses war im Anfang bei Gott.« Der Schluß des 
gleichen Prologs aber sagt: »Niemand hat Gott je gesehen« der 
einziggeborene Sohn, der am Herzen des Vaters ruht, der hat 
Kunde gebracht.« (1, 1-2. 18) 

»Anfang« bedeutet hier nicht einen Zeitpunkt, mit dem etwas be- 
gonnen hätte, sondern den Ur-Anfang; die Weise, wie Gott lebt 
allem Anfangen und Enden, Werden und Vergehen enthoben die 
Ewigkeit. In ihr war »das Wort«, und dieses Wort »war bei Gott 
und es war [selbst] Gott.« Am Schluß des Prologs aber geht die 
Bezeichnung »Wort «-Lo^- in die des »Sohnes« über; das »bei 
Gott sem« vertieft sich in die innige Aussage : »Er war an der Brust« 



[5] 



437 



- am Herzen - »des Vaters« - und wir denken unwillkürlich an die 
Stelle des Evangeliums, wo gesagt ist, daß »einer von den Jüngern 
an Jesu Brust lag, der, den Jesus [besonders] lieb hatte« (13, 23), und 
fühlen, woher Johannes die Erfahrung gekommen ist, was gött- 
liche Nähe bedeutet. 

Diese Sätze reden vom Geheimnis des inneren Lebens Gottes. Mit 
einer Zurückhaltung, welche die Schule des Alten Testamentes sie 
gelehrt hat, machen sie in der unduldenden Einzigkeit und reinen 
Einheit Gottes eine Unterscheidung deutlich. Das Unterschiedene 
nennt Johannes »das Wort«, den »Logos« ; ebendamit zeichnet sich 
aber auch Jener ab, der das Wort spricht. Sagen wir also : der 
gesprochene Gott und der sprechende. Am Schluß aber nennt er 
diesen den »Sohn«, jenen den »Vater«. Und während er zu Beginn 
des Prologs gesagt hat : »das Wort war auf Gott [den Sprechenden] 
hin«, heißt es am Schluß: »der Sohn war am Herzen des Vaters«. 
Ein hohes Geheimnis, das höchste von allen. Wir dürfen nicht zu 
leicht über es reden. Uns nicht anmaßen, es mit Spekulationen er- 
klären zu wollen. Versuchen wir, uns in Ehrfurcht nahe zu bringen, 
was von ihm gesagt ist. 

Gott ist der Eine und Einzige. Kein Anderer ist neben Ihm. Mit 
Bezug auf Ihn ist es sinnlos, überhaupt von »einem Anderen« zu 
sprechen, denn »Gott« bedeutet wesentlich Einzigkeit - «Ihn«. 
Immerfort und mit unerbittlicher Strenge hat das Alte Testament 
diese Grundwahrheit alles Glaubens eingeprägt. Dieser Gott ist 
aber nicht einsam. In Ihm, der Seinesgleichen nicht hat, ist das Ich 
und das Du. Wie das sein könne in der unduldenden Einzigkeit 
seines Gott-Seins, wissen wir nicht. Dazu helfen auch keine Bilder 
noch Entsprechungen aus geschaffenem Leben. Sie sind nur Hin- 
weise, die sehr behutsam gebraucht werden müssen, sollen sie nicht, 



statt die Wahrheit deutlich zu machen, sie verdecken. Gottes Wort 
sagt uns, daß in Ihm das Ich ist, und das Du, und die Innigkeit un- 
endlicher Gemeinschaft. Diese heilige Tatsache nennt es den Vater 
und den Sohn, und in der Ehrfurcht des Glaubens sprechen wir es 
ahnend nach. 

Der Prolog des Evangeliums redet nur vom Vater und vom Sohn. 
Was in der Tiefe ihrer Gemeinschaft west, tun Jesu Abschiedsreden 
im gleichen Evangelium kund, dort, wo sie vom Heiligen Geist 
sprechen, den »der Vater in Jesu Namen«, den aber auch Jesus 
selbst »vom Vater sendet« (Joh 14, 26; 16, 7). Und was dieser Geist 
m Gott wirkt, ahnen wir aus seiner Wirksamkeit im Menschen 
im Ereignis der Pfingsten. Da schafft Er, daß Christus dem Glau- 
benden inne wird; jenes Lebensgeheimnis entsteht, von dem Pau- 
lus spricht, wenn er sagt: »ich lebe, doch nicht mehr ich [als ich] 
sondern es lebt in mir Christus« (Gal 2,20); ebendarin aber der 
Christ ganz er selbst wird. Von hierher geht eine Ahnung zum 
Wirken des Geistes in Gott: Er ist jener Lebendige, der macht, daß 
der Vater am Sohn Vater wird, und der Sohn am Vater Sohn. Er 
wirkt die Gemeinschaft ohne Vermengung, und die Eigenständig- 
keit ohne Zerreißung. 

Und nun sagt Johannes weiter: Von dort her ist Der zu uns ge- 
kommen, der »das Wort« und »der Sohn« genannt wird. »Er kam 
m die Welt« ; »ist Fleisch geworden und hat bei uns gewohnt. « Das 
meint: Er ist nicht bloß durch unser Leben hindurchgegangen, 
sondern Einer von uns geworden. 

Meine Freunde, wenn wir doch bewirken könnten, was wir so gar 
nicht zu bewirken vermögen : daß die Worte, mit denen wir diese 
heiligsten Dinge sagen, neu würden ! Es gibt ja nur die paar Worte, 
und die sind stumpf und staubig geworden. Wenn wir doch neue,' 



438 



[6] 



[7] 



439 



blanke fänden, die mit Macht das Ungeheure zu sagen vermöchten, 
daß Er, der »im Anfang«, in der Ewigkeit wohnt, in die Zeitlich- 
keit eingetreten, unser geworden ist! Gekommen und nie mehr 
weggehend; bei uns und unser für immer. Denn das ist in der 
Menschwerdung geschehen. 

Dann aber folgen seltsame Sätze. Damit die uns nahekommen, 
wollen wir einen Gedanken zu Hilfe rufen : daß Johannes etwas er- 
lebt haben muß, was ihm das Innerste berührt hat. Im ersten Ka- 
pitel seines Evangeliums erzählt er von den frühesten Begegnungen 
der späteren Jünger mit Jesus. Da heißt es: »Am anderen Tage 
stand Johannes [der Tauf er] wieder da und zwei von seinenjüngern ; 
und er blickte auf Jesus, der vorüberging, und sagte: <seht das 
Lamm Gottes!)« - ein Begriff aus dem Alten Testament, der das 
Opfer der Sühne für die Schuld meint. »Die zwei Jünger hörten 
ihn das sagen und gingen Jesus nach. Jesus aber wandte sich um, 
und als Er sie nachkommen sah, sprach Er zu ihnen : <Was sucht 
ihr ?> Sie sagten zu Ihm: < Rabbi... wo wohnst Du?> Er sprach zu 
ihnen: < Kommt, so werdet ihr sehen!) Da gingen sie mit und 
sahen, wo Er wohnte, und blieben den Tag bei Ihm. Es war um die 
zehnte Stunde [um drei Uhr nachmittags].« (35-39) 
Was war das, was Johannes da nahegekommen ist ? Er hat eine 
Menschengestalt gesehen; Einen, der des Weges kam, den sie an- 
redeten und mit dem sie dann im Hause zusammensaßen. An Ihm 
hat ihn etwas betroffen, das mehr war als bloßes Menschenwesen. 
Ein Leuchten ist ihm in den Geist gefallen, eine Nähe hat ihm das 
Herz berührt, für die er kein Wort hatte. Im Alten Testament gab 
es nichts derart; und vergessen wir auch nicht, daß sich alles vor 
Pfingsten zutrug, also bevor noch der Heilige Geist das Verstehen 
gegeben und die Zunge für die neue Botschaft gelöst hatte. Hätte 



Einer gefragt, dann hätte Johannes vielleicht geantwortet: »Ich 
weiß nicht, was es war - aber ich will dort sein, wo das ist. « Im täg- 
lichen Umgang mit Jesus, im beständigen Berührtwerden und 
Sehen und Hören hat sich dann dieses erste Erleben immer weiter 
vertieft, und wie er nun seinen Brief schreibt - fast sechzig Jahre 
später sagt der Altgewordene: »Was wir mit unseren Augen ge- 
sehen haben, was wir schauten und was unsere Hände griffen. . .« 
und wiederholt es dreimal. 

Mit diesen Sätzen steht Johannes in einem Kampf gegen die Idea- 
listen der damaligen Zeit. Gegen solche, die von der »ewigen Idee« 
und vom neuplatonisch verstandenen »Logos« redeten und die 
Menschwerdung leugneten. Nach ihnen bedeutete das Ereignis 
der Erlösung, der Logos sei im Geist eines Menschen, Jesus ge- 
nannt, aufgeleuchtet, um dann, bei dessen Tod, ihn wieder zu ver- 
lassen. Ganz moderne Leute also; Leute, die der Grundtatsache 
alles Christentums und seinem Ärgernis aus dem Wege gingen, 
indem sie das Wirkliche ins Ideell-Symbolische umdeuteten. 
Gegen sie sagt Johannes: Der Logos ist nicht nur dem Geist eines 
Menschenwesens aufgegangen, sondern - und nun begnügt er sich 
nicht damit, zu sagen: Er ist Mensch, sondern hämmert ein: Er ist 
Fleischgeworden ! Wasjohannes aber einst erfahrenhat, immerfort, 
die ganze Zeit, da er mit Jesus ging, war, daß er etwas nicht nur' 
geistig geschaut, spirituell erlebt, sondern es mit seinen lebendigen 
Augen gesehen, mit seinen Ohren vernommen, mit seinen Händen 
gegriffen hat. Was das war, ist ihm zu Pfingsten im Licht des Hei- 
ligen Geistes klar geworden : das Menschgewordensein des ewigen 
Gottessohnes, erfahren im Geschehnis der Epiphanie. 
Das Wort stammt aus dem antiken Kaiserkult - in der Betrachtung 
über die Botschaft des Epiphanief estes war schon einmal davon die 



440 



[8] 



[9] 



441 



Rede, und der Leser möge nicht ungehalten sein, wenn manche 
Gedanken hier wiederkehren. Der Kaiser galt als » Soter«, als Heil- 
bringer. Wenn der in eine Stadt einzog, dann wurde das Volk von 
dem Gefühl ergriffen: Aufleuchten des Heils, »epiphaneia!« Das 
Wort ging dann in die christliche Sprache ein und meinte nun, daß 
an einer irdischen Gestalt Gott offenbar wird. Daß wir also in Chri- 
stus Gott nicht nur denken, sondern Ihn schauen; Seiner nicht nur 
geistig inne werden, sondern Ihn hören; Ihn nicht nur fühlend 
ahnen, sondern Ihn greifen. Ja, im sechsten Kapitel des Johannes- 
evangeliums mutet Jesus den ratlosen Hörern die Botschaft zu, 
der Glaubende solle im Mysterium der Eucharistie den Mensch- 
Gewordenen ins leibhaftige Leben aufnehmen, Ihn essen (6, 57). 
Das ist die Wurzel des Christlichen. Von ihr spricht Johannes. Je 
älter er wird, desto mächtiger wächst ihm, desto mehr vertieft sich 
ihm das Geheimnis. Wenn Sie von hierher sein Evangelium lesen, 
dann sehen Sie, wie er sich müht, aus der Gestalt, dem Werk und 
dem Schicksal Jesu das herauszuheben, was »im Anfang war«: den 
Logos des Sprechenden, den Sohn des Vaters. Wie falsch, zu sagen, 
er habe das ursprüngliche Evangelium verlassen und angefangen, 
über Jesus zu philosophieren. Nein, sondern während der langen 
Zeit, die er nach Jesu Tod gelebt hat, ist ihm immer klarer gewor- 
den, was Epiphanie heißt. 

Uns aber kommt eine bedrängende Frage: Wie kann Gott der- 
gleichen tun? Lassen wir uns die Frage nahekommen; sie zu er- 
fahren, ist wichtig für unser christliches Verständnis. Besser, wir 
empören uns über die Zumutung, als wir nehmen die Botschaft 
einfach hin, ohne ihrer Bedeutung inne zu werden. 
Wie kann der ewige Gott Mensch werden ? Und nicht so, wie die 
Mythen es meinen, wenn sie von Göttern reden, die mit irdischen 



Frauen Heroen zeugen, welche dann Rettendes vollbringen. Daran 
ist kein Begriff echt; der des Gottes nicht und der des Menschen 
auch nicht, und der des heilbringenden Heros ebensowenig, weÜ 
das alles nur Elemente eines selbstherrlichen Alls sind. Nicht so, 
sondern in dem unduldenden Ernst, der dem Christen aus den 
anderthalbtausend Jahren Erziehung durch das Alte Testament zu- 
wächst. Wie kann der Gott, der dort so gewaltig seine heilige Un- 
abhängigkeit bezeugt, Mensch werden und es bleiben für immer ? 
Die Frage muß Johannes manchmal bis in den Grund erschüttert 
haben : Wie kann das sein ? Er hat aber die Antwort gefunden, und 
sie hat gelautet: weÜ Gott Hebt. Im vierten Kapitel des Briefes 
heißt es: »Dadurch hat sich Gottes Liebe an uns geoffenbart, daß 
Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt sandte, damit wir durch 
ihn leben. « (9) 

Meine Freunde, wir haben in diesen Betrachtungen schon so man- 
ches Mal von Gottes Liebe gesprochen, und werden es noch oft tun 
müssen, denn die Kunde von ihr ist das Grund- und Herzstück der 
christlichen Botschaft. Jedesmal aber müssen wir unsere Begriffe 
reinigen. Wenn Johannes von der Liebe Gottes spricht, so meint 
das Wort keinen Allgemeinbegriff, sondern einen Namen. Nicht 
die Güte, das Wohlwollen, die Hilfsbereitschaf t, die Freundschaft, 
wie sie im menschlichen Dasein wirksam sind, nur ganz rein, ganz' 
groß, ganz schöpferisch - es meint vielmehr die Gesinnung, die 
Gott zu jenem Ungeheuren veranlaßt hat, von dem wir reden. Das 
hat mit dem, was gängigerweise Liebe heißt, nichts zu tun, son- 
dern es bezeugt sich aus sich selbst. Von uns aus wissen wir gar nicht, 
daß es das gibt; wir erfahren es erst, indem Gott es uns offenbart! 
Auch von seiner Liebe gilt, was Gott am Horeb auf des Moses 
Frage nach Seinem Namen über sich selbst gesagt hat: »Ich bin, 



442 



[10] 



[11] 



443 



Der Ich bin« (Ex 3, 14) ; seiend in freier Souveränität, von nichts 
Geschaffenem her zu benennen ; so daß man von Ihm zunächst nur 
sagen kann, Er sei so, wie Er sich durch sein Tun offenbare. Das 
gilt auch von seiner Liebe. Gottes Liebe ist jene Gesinnung, aus 
der heraus Er das Ungeheure der Menschwerdung tut. Über sie 
können wir nicht von uns her denken noch urteilen, sondern alles 
Denken und Urteilen beginnt davon her, daß Er uns sagt: so ist es. 
In seinem Brief erklärt Johannes denn auch ausdrücklich: »Nicht 
darauf steht die Liebe, daß wir Gott gehebt hätten, sondern daß Er 
uns hebte und seinen Sohn sandte zur Versöhnung für unsere Sün- 
den.« (4,10) Wenn aber Christus vom Menschen Liebe zu Gott 
und zum Nächsten verlangt, dann meint Er damit, der Glaubende 
solle durch die Gnade in diese Gesinnung Gottes eingehen und sie 
mitvollziehen. Darum spricht die Theologie mit Recht von der 
»göttlichen Tugend« der Liebe, denn sie ist in ihrer Wurzel eine 
»Tugend« Gottes und nicht des Geschöpfes. Und darum heißt Jo- 
hannes der Liebesjünger, weil die Erfahrung dieses Urgeheimnisses 
unserer Erlösung ihn so tief durchdrungen hat. 
Diese Gesinnung steht hinter allem. Weil Gott so liebt, hat Er die 
Welt geschaffen - und wie groß wird daran der Frevel der ersten 
Schuld! 

Weil Er so hebt, hat Er die Schuldigen nicht ihrem Willen über- 
lassen, sondern den Ratschluß der Erlösung gefaßt. 
Weil Er mit dieser Liebe hebt, hat Er den Schritt in die Welt getan 
und ist Mensch geworden - und einfachhin alles hängt davon ab, 
daß wir das verstehen. Denn erlöst werden bedeutet, in diese Liebe 
einzutreten. 



» 



II 



DIE WELT 



$ 



444 



[12] 



LIEBE FREUNDE, 



Im zweiten Kapitel seines Briefes sagt Johannes : »Habt nicht Heb 
die Welt und nicht, was in der Welt ist. Wenn einer die Welt 
heb hat, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm. Denn alles, was in 
der Welt ist, Lust des Fleisches und Lust der Augen und Hoffart des 
Lebens, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt 
vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt 
in Ewigkeit.« (15-17) 

Die Worte klingen hart. Wenn die Dinge so stehen, dann scheinen 
Jene recht zu haben, die sagen, der Christ könne nicht freudig leben 
und schaffen, sondern müsse alles verachten, was dem Menschen 
sonst wertvoll ist. Wenn man sich in die Worte »habt nicht heb 
die Welt« hineindenkt, dann scheint wirklich nicht viel übrigzu- 
bleiben. Denn wie soll man leben können, wenn man nicht liebt, 
was »in der Welt ist«, Dinge, Menschen, Arbeit, Kultur? Ist aber 
»alles in der Welt« wirklich nur »Lust des Fleisches«, will saeen 
Sinnengier, »Lust der Augen«, das heißt leerer Schein, und »Hof- 
fart des Lebens«, also Hochmut und Selbstüberhebung, dann ver- 
dient sie wirklich keinen freundlichen Gedanken. Kommt dann 
hinzu, daß »die Welt mit ihrer Lust«, das heißt aber, alles, was ist 
und wie es in Zustimmung und Freude erlebt wird, keinen blei- 
benden Bestand noch gültigen Sinn hat, sondern »vergeht«, dann 
lohnt es nicht, sich darum zu mühen. 

Nun schlagen wir aber im Evangelium des gleichen Apostels das 
dritte Kapitel auf. Da heißt es im 16. und 17. Vers : »Also hat Gott 
die Welt geliebt, daß Er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der 
an Ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. 



[15] 



447 



Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit Er die 
Welt verurteile, sondern damit die Welt durch Ihn gerettet werde. « 
Das ist vom gleichen Apostel gesprochen, aber es hat einen anderen 
Klang als die Sätze, die zuerst angeführt worden sind. 
Und noch müssen wir tun, meine Freunde, wozu wir uns in diesen 
Betrachtungen so oft gemahnt haben: die Gewohnheit abstreifen, 
welche die Worte grau macht. Wenn da steht : » Gott hat die Welt 
geliebt«, so müssen wir der Aussage ihr ganzes Gewicht geben. 
Gott Hebt die Welt wirklich. Und es wird auch der Maßstab dieser 
Liebe genannt: sie ist von solcher Art, daß Er seinen Sohn »in [die 
Welt] sendet«, damit sie gerettet werde. Bedenken wir aber genau, 
wie das geschehen ist : Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, 
damit Er sich, wie später die Gnosis gelehrt hat, im Tode wieder 
vom Körper löse und in die reine Geistigkeit zurückkehre, sondern 
damit Er Mensch werde und bleibe. Das heißt, damit von da ab das 
Menschentum Christi, und also Schöpfung, »Welt«, »zur Rechten 
des Vaters sitze«. 

Auch das ist wahr. Was bedeutet dieser scheinbare Widerspruch ? 
Daß das Wort »Welt« beim Apostel Johannes Verschiedenes meint, 
und wir unterscheiden müssen. Versuchen wir also, in diesen Be- 
griff, der so oft wiederkehrt, tiefer einzudringen. 

Zunächst: Was meint das Wort überhaupt im biblischen Sprach- 
gebrauch ? Die grundlegende Aussage steht im ersten Satz der 
Schrift: »Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.« 
(Gen i, i) Im Hebräischen gibt es das Wort »Welt« nicht; an dessen 
Stelle erscheint der Doppelausdruck »Himmel und Erde«, will sa- 
gen: »das Ganze«. Das heißt: die Heilige Schrift hebt mit dem Satz 
an : »Im Anfang schuf Gott die Welt. « 
Gott hat sie also geschaffen. Er allein. Kein Wesen sonst hat die 



448 



[16] 



Hand im Spiel gehabt. Das bedeutet aber, daß Gott, wenn es er- 
laubt ist, so zu sprechen, die Verantwortung für das Dasein der 
Welt trägt - für dieses Ungeheure an Energien, Stoffen, Dingen, 
Geschehnissen, Zusammenhängen und Gesetzen; dieses Unabseh- 
liche, das sich ins Große hinaus, aber auch, wie die Wissenschaft 
gerade der letzten Jahrzehnte gezeigt hat, ins Kleine hinein er- 
streckt; dieses unauslebbar Reiche, das nirgendwo eintönig ist, 
nirgendwo dürftig, uns vielmehr, wo immer wir hinblicken, eine 
Überfülle ursprünglichster Bildungen zeigt. Der heilige Text 
spricht diese alleinige »Verantwortung« im ersten Schöpfungs- 
bericht der Genesis aus, wenn es darin nach fast jeder Stufe des 
großen Werkes heißt: »Und Gott sah, es war gut!« Zuletzt aber: 
»Und Gott überschaute alles, was Er geschaffen hatte, und siehe, 
es war sehr gut.« (1, 10 ff) 

Das alles bedeutet: Die Welt ist groß und kostbar vor Gott, und 
kein Tadel an ihr. 

Nun geht es aber weiter: Gott hat gewollt, daß diese Welt nicht 
nur bestehe, sondern daß sie in lebendigem Bewußtsein stehe, er- 
kannt sei. So hat Er den Menschen geschaffen und ihm die Fähig- 
keit gegeben, die Dinge anzuschauen; ihr Wesen zu verstehen; die 
Gesetze zu erkennen, nach denen sie gebaut sind und wirksam wer- 
den. Dadurch tauchen die Dinge, die sind, im Geiste des Menschen 
auf; sind dort gleichsam noch einmal, und nun in der Form des 
Erkanntseins, der Wahrheit. 

Mehr hat Gott getan. Er hat dem Menschen die Fähigkeit gegeben, 
zu empfinden. Wenn dieser den Himmel sieht in seiner Herrlich- 
keit, dann fühlt er dessen Hoheit und Geheimnis. Vor einer Blume 
folgt sein Herz den Formen ihrer Schönheit. Im Antlitz eines Men- 
schen empfindet er die Freundlichkeit oder den Zorn. So taucht die 



[17] 



449 



Mannigfaltigkeit der Dinge in der Innerlichkeit seines Gefühls auf 
und gewinnt darin eine neue Dimension : sie ist erlebt. 
Und der Mensch kann urteilen. Er kann sagen : das ist nützlich, das 
ist gut, das ist schön - aber auch : das ist gef ährlich, das ist häßlich, 
das ist böse. Das heißt: er kann die Dinge bewerten. Er kann eine 
Rangordnung unter ihnen begründen und sagen : das ist wichtiger 
als jenes ; dieses besser als das andere. So kehren die Dinge, die sind, 
in seiner Schätzung, in seinem Gefühl für Wert und Geltung 
wieder. 

Auf Grund solchen Erkennens, geleitet vom lebendigen Empfin- 
den, weise gemacht durch sein Urteil, kann der Mensch in der 
Welt handeln und zugreifen. Er kann die Dinge in Besitz nehmen, 
sie seinen Zwecken anpassen, sie in das Gefüge seines Lebens auf- 
nehmen. Er kann sie formen und so für seine Zwecke verwenden; 
er kann sie zum Stoffmachen, um innerlich Angeschautes sichtbar 
darzustellen, Empfundenes für Andere ausdrücken. 
Das alles heißt, daß der Mensch lebend der Wirklichkeit der Dinge 
begegnet, und aus dieser Begegnung eine »Welt« von neuer Art er- 
steht. Was unmittelbar, »von selbst«, besteht, ist sozusagen Welt 
ersten Grades. Indem der Mensch ihm in der Vielfalt seiner Lebens- 
äußerungen gegenübertritt, ersteht daraus eine Welt zweiten 
Grades -jene, die Gott, wenn wir den Sinn der Offenbarung recht 
verstehen, eigentlich gewollt hat. Nachdem am sechsten Tag sein 
Werk vollendet war, hat Er gewissermaßen dem Menschen gesagt : 
Nun arbeite du weiter und mache aus der ersten Welt die zweite. 
Das Hegt in den zunächst so einfach klingenden Worten des 
Auftrags, der Mensch solle Gottes Schöpfung »bebauen und 
bewahren« (Gen 2, 15). 



Diese zweite Welt sollte groß und schön werden. Der biblische 
Ausdruck dafür ist das Paradies; wir haben in früheren Betrach- 
tungen eingehend darüber gesprochen. Es meint den Zustand des 
Daseins, der entsteht, wenn der Mensch, der im Einvernehmen des 
Glaubens und des hebenden Gehorsams mit Gott lebt, den Dingen 
begegnet. Dieser Zustand wird mit dem Bild des Schönsten aus- 
gedrückt, das die südliche Welt kannte, nämlich des wohl angeleg- 
ten Gartens, von lebendigem Wasser durchströmt, von blühenden 
Gewächsen und fruchttragenden Bäumen erfüllt. Das »Paradies« 
ist also weder ein Kinderreich, noch ein Schlaraffenland, sondern 
die Welt, wie Gott sie gewollt hat. Was in ihr an Menschen- 
geschichte und Menschenwerk verwirklicht werden sollte, können 
wir zerrüttete Wesen uns nicht mehr vorstellen. 
Der Mensch hat aber Gott den Gehorsam gekündigt und aus 
eigenem Recht existieren, kein Ebenbild, sondern Urbild sein 
wollen. Da ist die Verstörung in sein Wesen gegangen, und die 
unter Ihnen, meine Freunde, die noch jung sind, mögen sich von 
Einem, der schon lange gelebt hat, sagen lassen : Wie furchtbar 
diese Verstörung im Menschen wirkt, welche Torheit des Begeh- 
rens, welche Blindheit des Blicks, welche Unwahrhaftigkeit und 
Gewalttätigkeit des Handelns sie in sein Leben bringt, das lernt man 
erst allmählich sehen. 

Auch dieser Mensch begegnet aber der Schöpfung, tut es immer- 
fort, denn das Leben vollzieht sich ja darin. So wirkt die Verstörung 
schon in seinem Sehen und Erkennen. Machen Sie einmal den Ver- 
such: wählen Sie etwas, von dem Sie zu wissen glauben, es sei 
richtig und wertvoll - eine Persönlichkeit, ein Kunstwerk, eine 
soziale Idee - und beobachten Sie, wie das von den Leuten an- 
geschaut wird. Sie werden über die Entstellung erschrecken, die es 
schon im ersten Blick erfährt. 



450 



[18] 



[19] 



451 



ü 



Dieser gleiche Mensch urteilt auch: hat er aber im allgemeinen 
auch nur die Bereitschaft, dem Gegenstand gerecht zu werden ? 
Kennt er die Maßstäbe ? Ist er fähig, sie zu gebrauchen ? Wieder, 
beobachten Sie, wie die Menschen über andere urteilen : wie leicht- 
fertig das geschieht; wie sehr ihr Urteil von Eitelkeit, Empfind- 
lichkeit, Herrschsucht, Rechthaberei, Neid und was immer be- 
stimmt ist! 

Und die Werke des Menschen! Wenn man von Kulturgeschichte 
spricht, hat man in der Regel die Dinge im Auge, die gelungen 
sind - was ist aber mit denen, die nicht gelingen durften ? Denken 
wir an all die Pläne, die vereitelt wurden, an die Vergeudung 
lebendiger Menschenkraft, an die Willkür der Mächtigen, an die 
endlosen Zerstörungen und Grausamkeiten, an den Irrsinn, in dem 
sich Größenwahn, Phantastik und Macht zusammengefunden 
haben. Das alles gehört auch in das Werk des Menschen hinein, 
wie es sich unter dem Einfluß der Verstörung vom Anfang her 
verwirklicht hat. Erinnern wir uns doch nur an das, was in den 
letzten Jahrzehnten geschehen ist; was Menschen - wir Menschen, 
müssen wir sagen, denn hier stehen wir ja zusammen - da getan 
haben; und es ist nur ein kurzes Stück der langen Geschichte, wie 
der Mensch mit Gottes Schöpfung umgegangen ist. 

Diese Verwirrungen und Zerstörungen hängen mit einander zu- 
sammen. Wenn zum Beispiel einer von Machtgier besessen ist und 
kein Gottesgebot anerkennt; er hat aber ein Idol, das »voll- 
kommener Staat« heißen mag, oder »neuer Mensch«, oder »reine 
Rasse«, oder »allgemeine Wohlfahrt« oder wie immer, und um es 
zu verwirklichen, vergewaltigt er die Menschen. Darauf antworten 
die Bedrängten mit Angst, Heimlichkeit, Haß, Gegenwehr, Rache. 
Dann folgen neue Gewalt, neue Lüge, neue Zerstörung - und so 



geht es weiter, her und hin. Hier erkennen wir doch einen Zu- 
sammenhang, nicht wahr ? 

Solcher Zusammenhänge falschen Sehens, verkehrten Urteilens 
und bösen Wollens, der Verwirrung, Vergewaltigung, Zerstö- 
rung gibt es aber unzählige. Sie erstrecken sich durch die Vielzahl 
der Menschen, durch Länder, Völker und Zeiten. Das so entstan- 
dene dunkle Ganze ist jene »Welt«, von welcher die Worte im 
zweiten Kapitel des Johannesbriefes sprechen. Nicht die Welt als 
Schöpfung Gottes. Aber auch nicht das, was in der Begegnung mit 
ihr aus dem reinen Menschen des Anfangs hervorgehen sollte; son- 
dern der Zusammenhang des Bösen, Verwirrten, Verdorbenen, 
der schließlich in dem endet, was der Fluch Gottes über die Schul- 
digen unter »Tod« versteht (Gen 3, 19). Und wenn anderwärts die 
Schrift von der Finsternis spricht (Joh 1,5), welche den mensch- 
gewordenen Sohn Gottes nicht einläßt ; vomReich, das Satan wider 
Gott aufrichtet (Mt 12, 25 ff) ; von der Welt, für die Jesus nicht ein- 
mal mehr betet (Joh 17,9), dann ist eben dieser Zusammenhang 
gemeint, sofern er sich in sich selbst zusammenschließt und die 
Sinnesumkehr verweigert. 

Das andere Wort aber, von dem wir sprechen, sagt, Gott habe es 
dabei nicht bewenden lassen, sondern einen neuen Anfang gesetzt: 
Er hat seinen Sohn in die Welt gesandt, wie sie jetzt ist, die ver- 
wirrte, von soviel Blindheit und Torheit, soviel Bösem und Zer- 
störendem durchwirkte. Er ist Mensch geworden wie wir; hat 
gehungert und gedurstet; ist gewandert, hat sich gemüht, war 
müde, hat gelitten und ist gestorben, wie es Menschen geschieht - 
war aber zugleich, nein in alledem Gottes heiliger Sohn, dem Vater 
in vollkommener Liebe gehorsam. Dadurch hat Er die unendliche 
Schuld von den Ureltern her gesühnt. Er hat einen neuen Anfang 



452 



[20] 



[21] 



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p 



geschaffen, den Anfang seiner Liebe. Und dieser Anfang ersteht in 
jedem Menschen, der sich Ihm in Glaube und Gehorsam zuwendet : 
er wird »wiedergeboren aus dem Wasser und dem Heiligen 
Geiste« (Joh 3,5). 

Auch dieser Mensch, der neue, in welchem der von Christus ee- 
schaffene Anfang ist, begegnet dem, was ist. Und auch aus dieser 
Begegnung mit Dingen und anderen Menschen, in Freundschaft, 
Liebe, Familie, Beruf, Arbeit am Gemeinwesen - auch daraus geht 
»Welt« hervor, »neue« Welt. 

Sie ist von der alten nicht abgetrennt, vielmehr überall in sie hin- 
einverflochten - ebenso wie im glaubenden Einzelnen der neue 
Mensch in den alten verflochten ist - aber sie ist da und wird vom 
alten empfunden und bekämpft. Sie ist nicht vollkommen, son- 
dern enthält alle Unzulänglichkeiten unseres Daseins ; wird immer- 
fort in Frage gestellt, gestört, geschwächt, aber sie enthält die Kraft 
des neuschaffenden Gottes. Diese Welt wird oft ganz unsichtbar 
gemacht, daß man zweifeln kann, ob es sie überhaupt gebe; aber 
Gottes Wort vergewissert uns ihrer, und im Glauben sollen wir sie 
aufrecht halten. 

Paulus aber ist ihr Prophet. Er spricht in Worten, die aus tiefster 
Erfahrung kommen, vom neuen Menschen und seinem Kampf mit 
dem alten ; von seinem geheimnisvollen Wachsen und Werden, 
von seiner Hoffnung und seiner einstigen Vollendung - und von 
der Bedeutung, die das für die Welt der Dinge hat. Hören wir, was 
das achte Kapitel seines Briefes an die Römer sagt: 
»Die Leiden dieser Welt wiegen gering gegen die Herrlichkeit, die 
sich künftig an uns offenbaren soll« - an den Menschen, die neu 
geworden sind aus dem Anfang, den Christus gebracht hat. Aber 
nicht nur an den Menschen soll das geschehen, sondern auch an der 



ganzen Schöpfung. Der Vorwurf, meine Freunde, der Christ hasse 
und verachte die Welt, ist so falsch, wie er alt ist. In Wahrheit 
nimmt niemand sie so ernst und so groß wie der wirkliche Christ; 
nur macht er sich keine Illusionen über den Zustand, in welchem 
»das sehnsüchtige Harren der Schöpfung«, wie Paulus sagt, »auf 
die Offenbarung der Söhne Gottes wartet«. Das Geschaffene wartet 
darauf, daß der Mensch sich vollende, damit aus ihm heraus alles 
vollendet werde: »vom Dienst der Verwesung befreit werde zur 
Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes« (18-21). 

Das wird dann die Welt sein, die Gott letztlich meint. Von ihr sagt 
Johannes am Schluß der Geheimen Offenbarung Worte, die von 
Verheißung leuchten : » Und ich sah einen neuen Himmel und eine 
neue Erde« - eine neue Welt also - »denn der erste Himmel und die 
erste Erde« - die alte, verdorbene Welt - »sind vergangen.« 
Dieses Neue sieht er wieder unter einem Bilde. Das Bild der ersten, 
vom unverletzten Menschen gestalteten Welt war der Garten 
Eden, das Paradies, aller Schönheit göttlichen Beginnens voll; das 
der künftigen hat anderen Charakter. Johannes sagt: »Ich sah die 
heilige Stadt, das neue Jerusalem, herabkommen von dem Himmel 
aus Gott. « Das Bild, unter welchem er die Welt schaut, wie sie einst 
in ihrer Vollendung sein wird, ist die polis, das Höchste, das die 
Antike kannte; die klar gebaute, wehrhaft umschlossene, von Le- 
ben erfüllte Stadt. Sie erscheint aber in geheimnisvoller Gestalt, 
soviel breit, wie tief, wie hoch; symbolischer Ausdruck für ihre 
Vollkommenheit. Und sie Hegt da, wie ein einziges Juwel: »ihr 
Glanz war wie der eines überherrlichen Edelsteins« (21, 11). 
Das Bild ist aber nicht starr. Die kristallene Härte der Stadt geht 
über in die Zartheit lebendigsten Lebens. In unmittelbarem Über- 
gang, wie ihn die Vision vollzieht, heißt es : » Sie war wie eine Braut, 



454 



[22] 



[23] 



455 






Bereits erschienene Universitätspredigten 



für ihren Gemahl geschmückt.« (21,2.9) Die gemauerte Herrlich- 
keit der Stadt wandelt sich in Schönheit des hebenden Menschen. 
Die ganze Welt ist im Zustande der Liebe und geht Dem ent- 
gegen, der sie erlöst hat. 




Mit kirchlicher Druckerlaubnis 

I. Auflage 1958 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Frank. Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



456 



[24] 



j 



Heftl Der Geist der Psalmen 

Weg und Frucht - Der erste Psalm 

Heft 2 Gottes Hirtensorge - Psalm 22 

Geborgenheit in Gott - Psalm 90 

Heft 3 Gottes Erkennen - Psalm 138 

Der lebendige Gott - Psalm 113 

Heft 4 Das Gotteslob der Welt - Psalm 148 

Die Erschaffung der Welt - Psalm 103 
Heft 5 Die Freude des Christen 

Die Botschaft des Fronleichnamsfestes 
Heft 6 Der Engel des Menschen 

Christi Himmelfahrt und Wiederkunft 
Heft 7 Das Gleichnis vom Säemann 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg 
Heft 8 Die Kirche / Meditation um Pfingsten 

I. Jesu Absichten IL Die Geburt der Kirche 

Heft 9 HL Offenbarung und Verhüllung 

IV. Wahrerin der Wahrheit 

Heft 10 V. Die Sichtbarkeit der Kirche 

Vom Denken und Leiden des heiligen Augustinus 
Heft 11 Ungarn / Der Anfang aller Dinge 

Eine Auslegung der ersten drei Kapitel der Genesis 

L Die Frage nach dem Anfang 

Heft 12 II. Erschaffen und Erschaffen sein 

HL Der erste Schöpfungsbericht und der Tag 
des Herrn 

Heft 13 IV. Der zweite Schöpfungsbericht und die Ordnung 
der Ehe 

V. Das Paradies 

Heft 14 VI. Der Baum der Erkenntnis des Guten 
und des Bösen 
VII. Versuchung und Sünde 

Heft 15 Vffi. Die Rechenschaft und der Verlust 
des Paradieses 
DC Der Tod 

Heft 16 X. Die Verstörung des Menschenwerkes 

XI. Die Verstörung im Verhältnis der Geschlechter 
zueinander 

Heft 17 Advent / Heilige Nacht 
Heft 18 Jahreswechsel / Epiphanie 



BX 

1756 
,G85 
W3 

.20 



WAHRHEIT 

UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mitgrößerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 



III 



»GOTT WEISS ALLES« 



UNIVERSITYsT 
NOTREDAME 



i*üS\ 



LIBRARIES 



Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



LIEBE FREUNDE, 




C 



ns6 

v.10 



Im dritten Kapitel unseres Briefes steht ein Satz von tiefem Klang, 
dem wir heute nachgehen wollen. Er lautet: »Wenn unser Herz 
uns anklagt, dann istGott größer als unser Herz und weiß alles. « (20) 
So oft wir ihn lesen, berührt er uns mit geheimnisvollem Hauch. 
Die ersten Worte in ihm sind leicht zu verstehen. Sie sprechen von 
einer Anklage, die sich in unserem Herzen erhebt und mahnt: Du 
hast Unrecht getan. Auch die folgenden Worte machen keine 
Schwierigkeiten, wenn sie sagen, Gott sei »größer als unser Herz«. 
Unsere kurzen Gedanken, unsere unzuständigen Urteile, die Zwei- 
fel und Bedrücktheiten unseres Gewissens - Gott ist größer als alles 
das. Was würden wir aber nun erwarten ? Was müßte folgen, 
wenn »Gott größer ist als unser Herz« mit all seiner Unruhe ? Doch 
wohl, daß es hieße: und Er verzeiht uns; oder: Er gibt uns Licht, 
das unsere Unwissenheit belehrt; Kraft, welche die Versuchung 
überwindet. Statt dessen hören wir die Worte: »Er weiß alles!« 
Dann wäre es also ein Trost, von Gott gewußt zu sein. Warum 
aber ? Wie kann im Wissen Gottes die Anklage unseres Herzens 
sich lösen ? 



Die Anklage, von welcher hier gesprochen wird, ist sittlicher Art; 
so könnte man denken, das griechische Wort kardia müsse mit 
»Gewissen« übersetzt werden. In dieser Anklage werden aber vie- 
lerlei Stimmen laut, und manche von ihnen kommen von sehr tief 
herauf; Stimmen des Gewissens, aber auch solche des verwundeten 
Lebens, des verletzten Wesens. So wird das Wort »Herz« doch 
bleiben müssen ; jedes andere wäre zu genau, zu eng . . Wie könnte 
eine solche Anklage des Herzens wohl lauten ? 



[3] 



459 



Etwa haben wir etwas getan, das ganz in Ordnung schien. Das Herz 
aber sagt: Du hast Nebenabsichten gehabt. Du bist wohl für das 
Rechte eingetreten, warst aber eitel und hast groß dastehen wollen 
Als der Bedrängte sich an dich wandte, hast du ihm geholfen. Es 
war aber im Grunde Rechnung, denn beim Geben hast du an die 
Gegenleistung gedacht, die später kommen würde . . 
Oder etwas Wichtiges ist fehlgegangen, und wir rechtfertigen uns : 
Ich habe nichts dazu gekonnt. Das Herz aber sagt : Hast du wirklich 
nichts dazu gekonnt ? War dein Wille so im Guten entschieden, 
wie er sein mußte, hätte alles richtig gehen sollen ? Oder war nicht 
doch ein Gegenwille im Spiel ? Ein innerer Vorbehalt, der die Linie 
des Handelns beirrte ? Ein geheimer Wunsch, die Sache möge fehl- 
gehen ? . . 

Wir sind schwach geworden und entschuldigen uns : Ich habe nun 
einmal diese Anlage. Sie hegt in unserer Familie. Der Großvater 
war schon so, und bei meinen Brüdern kommt es auch heraus. Da 
sagt das Herz: Stehst du wirklich unter einem unüberwindlichen 
Zwang ? Hättest du, wenn es dir ernst gewesen wäre, nicht ganz 
anders widerstehen können ? Hast du nicht mit dem Schhmmen 
gespielt, immer wieder, bis es soweit war ? Und wenn du schon 
weißt, daß der Hang in dir ist: müßtest du nicht ein richtiges Trai- 
ning auf dich nehmen, das deine Widerstandskraft steigert ? . . 
Oder wir geben uns Rechenschaft über einen Tag, eine Woche, 
einen Lebensabschnitt; überblicken die Zeit und meinen, es sei 
eigentlich gar nicht so schlecht gegangen. Das Herz aber sagt: Und 
alles das, was du aus deinem Gedächtnis verdrängt hast ? Was in die 
Tiefe gesunken ist ? Gib einmal die Möglichkeit zu, da könne aller- 
lei sein, das nicht in Ordnung ist, und sieh genau hin : Wird da nicht 
mancherlei ans Licht deines Gedächtnisses kommen ? Prüfe zum 
Beispiel deine Beziehung zu dem und jenem Menschen . . den 



460 



[4] 



Gang, den die und die Geschäftssache genommen hat . . Erinnere 
dich an den bitteren Zug im Gesicht deines Freundes, als du ihm 
so genau auseinandersetztest, du seiest im Recht, und er nichts mehr 
erwidern konnte ? Kam da nicht aus deinem Innern der sonderbare 
Einwand : wer so glatt recht hat, hat unrecht ? 

Fragen dieser Art steigen aus der Tiefe des Herzens; auf Neben- 
wegen sozusagen, neben den sauber geführten Straßen des deut- 
lichen Erinnerns. Sie beunruhigen, und es ist nicht leicht, auf sie zu 
antworten. Immerhin kann man ihnen gegenüber zur Klarheit 
kommen, wenn man die Sache genau ins Auge faßt und ruhig 
durchdenkt. Es gibt aber noch andere Fragen, die drängender und 
unbestimmter zugleich sind, weil sie aus den Unklarheiten unseres 
verworrenen Daseins kommen. 

Etwa lautet eine: Wieweit geht meine Verantwortung für diesen 
Menschen, der mir nahesteht ? Bin ich schuld, daß es mit ihm so und 
so gegangen ist ? Hätte ich nicht ganz anders eingreifen müssen ? . . 
Oder : Warum gehen Begegnungen mit dem und dem immer so 
scrilimm aus ? Warum gibt es zwischen uns immer Reizbarkeiten, 
Mißverständnisse, übereilte Bemerkungen ? . . Aber auch mit mir 
selbst : Was habe ich mit meinem Leben gemacht ?Mit den Anlagen, 
die mir gegeben waren; mit meiner sozialen und wirtschaftlichen 
Position; mit der kostbaren Zeit? Hätte ich nicht einen anderen 
Weg gehen sollen ? Hat Gott mir nicht Möglichkeiten angeboten, 
die ich habe zerrinnen lassen ? . . Manchmal können auch Träume, 
deren Grundthema oft wiederkehrt, tief beunruhigen. Man weiß 
nicht, was sie meinen, fühlt aber, daß hier eine Mahnung aus der 
Tiefe des Lebens aufsteigt, und es wichtig wäre, sie zu verstehen . . 
Für alle diese Stimmen genügt das Wort »Gewissen« nicht; sie 
kommen aus verborgenerer Innerlichkeit. Das »Herz« redet da, 



[5] 



461 



sagt Johannes, und »klagt an«. Seine Anklage kann sehr bitter wer- 
den, zumal wenn der Mensch, in dem sie sich erhebt, ein schweres 
Gemüt hat. Ein solcher ist nur allzu bereit, sich schuldig zu fühlen, 
auch wo er es gar nicht ist; oder wo das Moment der Schuld so tief 
mit Erbe und Umgebung, Beruf und Schicksal verwoben ist, daß 
die Unterscheidung schwer wird. Ihm kann alles dunkel werden. 
Der Sinn des Lebens kann ihm verloren gehen, so daß er nicht mehr 
weiß, ob es nicht nur ein sinnloses Dahingleiten ist. 

Johannes sagt: »Gott weiß alles«. Das Wissen Gottes sieht jedes 
Geschehen, durchblickt jeden Zusammenhang, versteht jede Ver- 
flochtenheit bis in die letzten Wurzeln. Das ist ein Gedanke, der 
wohl helfen kann. 

Helfen zunächst einmal in dem Sinn, daß er ernst macht. Jeder von 
uns hat schon die Unklarheit des Gewissens kennengelernt: daß er 
nicht weiß, was in einem bestimmten Fall recht und was unrecht 
ist; nicht sieht, wieweit seine Verantwortung reicht; zweifelt, wie 
er eine ethische Aufgabe anfassen soll - und wie immer sich dar- 
stellen mag, daß der innere Sinn, der sein sittliches Leben leitet, 
unsicher wird. Das kann mancherlei Gründe haben; einer ist oft 
der, daß es am Ernst fehlt. Nicht klar zu sehen, bedeutet oft, daß 
man nicht sehen will; bedeutet meistens, daß man es nicht ent- 
schieden und beharrlich genug will. Der gleiche Mensch, dem das 
Urteil über andere so rasch und hart vom Munde geht, hat sich 
selbst gegenüber lauter »weiß nicht« und »vielleicht« und »mög- 
licherweise«. Er würde mit sich schneller ins Reine kommen, wenn 
er sich mit Gottes Wissen verbündete. Oft klären sich sittlich ver- 
wirrte Situationen, sobald man sich in Gottes Blick stellt und für 
alles bereit macht: Ich will, was vor Ihm richtig ist, das, oder jenes, 
oder auch das andere, das mir so schwer fällt . . 



Schwerer ist es mit den Anklagen, die aus Wunden des Gemütes 
und Wirrnis des Geistes kommen. Sie würden wahrscheinlich 
sclilimmer werden, wenn er sich bloß an den Blick des Alldurch- 
schauenden erinnern wollte. Um ihnen zu begegnen, müssen wir 
tiefer dringen. 

Der Wille, zu wissen, kann von verschiedener Art sein. Es gibt 
einen sehr ordinären, der heißt Neugier. Er hat nicht Ehrfurcht 
noch Scham. Er geht durch unsere ganze Zeit. Überall ist seine 
schamlose Gewalttätigkeit am Werk : drängt sich in das persönli- 
che Leben der Anderen; zerrt es in Zeitung und Illustrierte und 
Wochenschau; stellt das Unglück, den Schmerz, die Liebe bloß; 
verkauft alles Menschliche an die Sensation. Möge das, was uns 
teuer ist, vor diesem Blick bewahrt bleiben, über dessen Gemein- 
heit nicht leicht zu hart geurteilt werden kann ! Nichts dergleichen 
meint Johannes, wenn er sagt, Gott wisse alles - Er, der dem Men- 
schen die Ehrfurcht als Zeichen inneren Adels gegeben hat. 
Eine andere Art des Willens zum Wissen ist jene, die den Forscher 
treibt. Wo sie echt ist, hat sie nichts mit Sensation zu tun. Ihr geht 
es um die Wahrheit, und nur um sie. Der Forscher will die Dinge 
sehen, wie sie sind; sucht nach Tatsachen und Zusammenhängen, 
Ursachen und Gesetzen. An diesem Erkenntniswillen hängt die 
Ehre der Menschheit, ebenso wie ihre Wohlfahrt. Er ist sachlich, 
kühl, ja kalt. Doch kann er zur Leidenschaft werden, und ist dann 
zu jeder Kühnheit bereit. An dem aber, was er erforscht, ist er nicht 
beteiligt. Er nimmt es als Gegenstand, an dem ihn nichts interessiert 
als die Frage : was ist, und wie ist es, und warum ? Auch in dieses 
Gewußtsein möchten wir jenes Persönlichste, aus dem die Anklage 
des Herzens kommt, nicht hineingeben. 
Es gibt aber noch ein drittes Wissen, das ist mit der Liebe verbun- 



462 



[6] 



[7] 



463 



den. Es hatEhrfurcht, ist gütig und warm. Es ist jenes, das der Freund 
für den Freund hat; die Mutter für das Kind; der liebende für den 
geliebten Menschen. Der so weiß, betrachtet jenen, den er erkennt, 
nicht aus kühlem Abstand, sondern stellt sich zu ihm. Er sagtnicht : 
»Ich hier und du dort drüben«, sondern »wir zusammen ; und deine 
Sache ist auch die meine; und soviel will ich von dir wissen, als ich 
zu heben vermag«. Solcher Art ist das Wissen, mit dem Gott uns 
weiß. Aber so ist es noch nicht richtig gesagt: Wenn Menschen in 
dieser Weise von einander wissen, dann ist das ein Abglanz von 
jener Erkenntnis, mit welcher Gott sein Geschöpf - sagen wir noch 
einmal genauer: sein Kind, seinen Sohn, seine Tochter umfaßt. 
Hier verstehen wir, daß es eine Hilfe für den von Anklagen Gequäl- 
ten sein muß, an dieses Wissen Gottes zu denken. Wenn die Unruhe 
aufsteigt, die Dinge sich verwirren, das Gefühl der Schuld an- 
dringt, und er nicht weiter weiß - dann soll er sich in Gottes Wissen 
hineingeben, wie in ein stilles, reines Licht; wie in eine warme 
Nähe : Herr, ich weiß nicht ; aber Du weißt. Dein Wissen ist größer 
als mein unruhiges Herz ; größer als meine Schuld ; und Du bist die 
Liebe. Große Ruhe kann daraus kommen. Der Blick wird klarer. 
Man kann besser unterscheiden. Und wenn nichts anderes möglich 
ist, kann man sagen : Herr, nimm es in Deine Liebe auf, die ja auch 
die großeGeduld ist. Ich vertraue esDir an und lasse es ruhen. Wenn 
die Zeit kommt, wirst Du mich lehren, daß ich sehe, was ich soll, 
und mich stärken, daß ich es tue. 



Lassen Sie uns noch einmal tiefer dringen. Die Worte des Apostels 
Johannes kommen aus sechzigjährigem Sinnen und Beten; wenn 
wir uns von ihnen an die Hand nehmen lassen, führen sie uns immer 
weiter ins Wesentliche. 
Zu Beginn seines Evangeliums heißt es: »Im Anfang war das 



464 



[8] 



Wort«, der Logos, Gottes Sohn; geboren aus der ewigen Wahr- 
heit; nein, Er selbst die ewige Wahrheit, weil in Ihm, vom Vater 
ausgesprochen, das Wesen Gottes ins Licht des Person-Seins tritt. 
Dann heißt es weiter: »Alles ward durch den Logos; und ohne Ihn 
ward nichts von alledem, was geworden ist!« 
Das besagt : Alle Dinge sind aus der Wahrheit geworden. Nicht aus 
dunklem Drang, nicht aus stummer Notwendigkeit, sondern aus 
heller, lebendiger Wahrheit. Oft liest man Sätze wie diese: Die 
Natur hat das so und so eingerichtet; die Natur hat diesem Wesen 
die und die Organe gegeben; die Weisheit der Natur zeigt sich in 
diesen Beziehungen und so fort. Das sind törichte, ja verlogene 
Sätze! Die Natur hat gar keine Weisheit und weiß gar nichts; sie 
richtet nichts ein und gibt weder, noch versagt sie. Sie ist überhaupt 
kein Jemand. In keinem Satz kann sie dort stehen, wo das Subjekt 
eines Tuns steht. Sondern sie ist da; ist, wie sie ist und vollzieht 
sich als ein unabsehliches Gewebe stummer Notwendigkeiten. Gott 
allein ist Subjekt »und noch muß sofort, damit jede pantheitische 
Unsauberkeit ferngehalten sei, hinzugefügt werden, daß Er nicht 
etwa das Subjekt der Natur ist, sondern Herr einfachhin, über sich 
selbst und deshalb über jedes etwa Seiende. Er hat die Natur ge- 
schaffen, aus der Klarheit seines Wahrheitsgedankens und dem 
Ernst seiner Liebe. Dadurch ist alles geworden, was ist, auch wir - 
und spreche hier jeder: auch ich. 

So steht Gottes Wissen an der Wurzel meines Wesens. Ich komme 
nicht aus dem »Schoß des Seins«, nicht aus dem »Urgrund der 
Natur«, nicht aus dem »Dunkel des Welt- Werdens«, und wie die 
pantheitischen Redensarten heißen mögen, die so großartig klin- 
gen ; greift man aber zu, dann bleibt einem nichts in der Hand, doch 
auf der Zunge der böse Geschmack, genarrt zu sein. Nein, ich 
komme aus dem Licht von Gottes Wahrheit. 



[9] 



465 



Lassen Sie sich, meine Freunde, eine Einsicht nahekommen, die im 
Geiste Augustins einen Sturm des Wahrheitsglücks entfesselt hat: 
Gott hat einen Gedanken von mir ! Von mir steht in Gott ein leben- 
diges Bild, durch Ihn erdacht und bestätigt und gehebt! Darin ist 
alles richtig und rein. Alles hat klaren Zusammenhang. Sein und 
Tun und Lebensgang haben ihren Sinn, in ihnen selbst wie im 
Ganzen der Welt. 

Zuweilen, in seltsamen Augenblicken, wird man von einer Ah- 
nung dieses Bildes gestreift. Wird vom Gefühl berührt: Hinter 
meinem Dasein steht etwas, das ist gut vor Gott. Dieses Dasein, das 
so zerrissen ist; in dem heute das geschieht, morgen jenes; hier tue 
ich dieses, anderswo anderes; bald habe ich Freude, bald Schmerz; 
und alles ist oft so zerfallen, so ohne Ordnung noch Sinn - dahinter 
ist ein Bild in Gottes Gedanken und leuchtet von Wahrheit. Und 
wenn Seine Gnade es gibt, dann kommt einmal der Augenblick, 
da werde ich diesem meinem Bild begegnen und mit ihm eins 
werden im ewigen Licht. Dann werde ich wirklich sein. 
Von solchen Gedanken aus tun wir einen tiefen Blick in das jo- 
hanneische Wort. Es sagt: Wenn dein Herz dich unruhig macht; 
wenn du fühlst, daß die Dinge nicht stimmen, daß nichts ist, wie 
es sein sollte; wenn dich die Verantwortung drückt für dieses und 
jenes und schließlich diegroßeMitverantwortunganallemMensch- 
lichen - dann gib dich ins Wissen Gottes. Er weiß. Er weiß in 
ewiger Liebe um alles, auch um dich. Und einmal zeigt Er nicht 
nur dich dir selber, sondern Er macht, daß Sein ewiger Gedanke 
und dein lebendiges Sein eins werden. Dann schweigt alle Anklage 
des Herzens. Dann bekommt das große »Warum«, das immer ver- 
geblich fragt, seine Antwort. 



IV 



LICHT DER WAHRHEIT 






466 



[10] 



LIEBE FREUNDE, 



Im ersten Kapitel des Apostelbriefes, der uns beschäftigt, heißt es : 
»Dies ist die Botschaft, die wir von Ihm vernommen haben und 
euch verkünden : Gott ist Licht und keine Finsternis ist in Ihm. 
Wollten wir sagen, wir hätten Gemeinschaft mit Ihm und würden 
dabei in der Finsternis wandeln, so würden wir lügen und nicht 
nach der Wahrheit tun. Wandeln wir aber im Licht, wie Er im 
Lichte ist, so haben wir Gemeinschaft [mit Ihm und dadurch] mit- 
einander. « (5-7) 

Die Sätze enthalten zwei Bilder. Das erste, vom Licht, beherrscht 
den Gedankengang. In es dringt aber noch ein zweites ein, das von 
der geistigen Weite, und gibt ihm einen besonderen Klang. 
Unser Denken und Sprechen enthält viele Bilder; sie haben aber 
sehr verschiedene Gültigkeit und Kraft. Manche sind zuf ällig, auf 
Grund äußerlicher Ähnlichkeiten und Konventionen zustande 
gekommen; bloße Allegorien, die erklärt werden müssen. Denken 
wir etwa an die Frauengestalt, die früher an Gerichtsgebäuden an- 
gebracht wurde; deren Augen verbunden waren, und die eine 
Waage in der Hand hielt. Sie sollte die richterliche Gerechtigkeit 
bedeuten, die nicht auf die Person des Angeklagten sieht, sondern 
nur abwägt, was seine Tat vor dem Gesetz gilt. Diese Bedeutung 
wird aus der Gestalt selbst nicht unmittelbar klar, sondern ruht auf 
einer Konvention. Es gibt aber auch Bilder, die aus einer reinen 
Begegnung des menschlichen Wesensgrundes mit dem Leben und 
den Dingen hervorgehen. Sie bedürfen keiner Erklärung, um an- 
schauend verstanden zu werden, sondern drücken das Gemeinte 
unmittelbar aus ; Symbole, welche das Dasein deuten und ordnen. 
Zwei solcher Bilder treten uns aus dem Text entgegen. 



[13] 



469 



Das erste ist das vom Licht. Ein rascher Blick durch die Geschichte 
unserer Kultur zeigt, daß das Licht immer als ein Symbol für den 
Geist gegolten hat. Sagen wir genauer: für das Leben des Geistes; 
noch einmal besser: für das Leben des Geistes, sofern es sich in der 
Erkenntnis auswirkt. 

Das Bild dringt in der Sprache immer wieder vor. Ich sehe es ein, 
sagt man, wenn man versteht; sehen aber kann man nur im Licht! 
Solange der Beobachtende den Sinn eines Vorgangs nicht begreift, 
nennt er ihn dunkel; wird ihm das Was und Warum deutlich] 
dann sagt er befriedigt, die Sache werde ihm War. Von einem Men- 
schen, der fähig ist, rasch das Wesentliche zu erfassen, sagen wir, er 
sei ein heller Kopf ; von einem Buch, das den Leser leicht zum Ver- 
ständnis der Wahrheit führt, es sei erleuchtend . . So könnte man 
viele Beispiele bringen, in denen das Licht als Bild für die Wahrheit 
erscheint, in welcher der Geist erkennend ist. 
Nun wird der Satz des Johannesbriefes deutlich. Er sagt: Wer er- 
kennt, dessen Geist tritt ins Licht. Um ihn her wird es geistig hell. 
In dieser Helligkeit sieht er die Dinge als das, was sie sind, findet zu 
ihnen das richtige Verhältnis, kann auf sie hin das Rechte tun. 
Erkennt er nicht, sieht er schief, urteilt er falsch, dann ist sein 
»Wandeln«, sein Tun und Sich-Verhalten wie das irre Tappen eines 
Menschen im finsteren Raum. 



Dann die große Aussage : Das Leben Gottes ist ganz im Licht. Nein, 
Gott selbst ist Licht. Wenn einer einfachhin »Licht« sagt, und läßt 
das Wort zu seiner Ur-Fülle kommen, dann sagt er »Gott«. Was 
heißt das ? 

Es heißt zunächst, daßGott die Dinge, dieMenschen, das Geschehen 
unter den Menschen bis auf den Grund durchblickt. Für Ihn gibt es 
da keine verhüllten Bereiche. Er sieht das Wesen, versteht das Ge- 



470 



[14] 



schehen, kennt den Sinn. Wir haben früher einmal den gewaltigen 
Psalm 138 betrachtet, der Gottes Erkennen feiert. 
Wenn wir Menschen uns um Erkenntnis bemühen, dann geht es 
damit so : Wir begegnen einem Gegenstand oder einem Vorgang 
und suchen, in ihn einzudringen. Unser Geist tritt von außen an 
ihn heran, denn der Gegenstand besteht ohne unser Zutun. Wir 
stellen fest, vergleichen, zerlegen, bis wir verstanden haben. Gott 
hingegen erkennt vom Grund der Dinge her - das Wort sowohl für 
ihr Wesen wie für ihren Ursprung gemeint - denn Er hat sie ge- 
schaffen. Seine Erkenntnis folgt seinem Schaffen nicht nach, so daß 
Er, wie der Pantheismus meint, zuerst aus unbewußter Tiefe die 
Welt herausgehoben hätte und dann erst seinen Bück auf sie rich- 
tete; sie geht dem Schaffen aber auch nicht voraus, wie ein Archi- 
tekt erst den Plan des Hauses durchdenkt und ihn dann verwirk- 
licht, sondern beides ist eins. Stellen wir uns vor, wir wären fähig, 
zu überlegen, wie etwas zu sein habe, und ebendadurch würde es 
auch schon wirklich : das wäre schöpferisches Denken, ist aber uns 
endlichen Wesen versagt. Nur bei Gott ist es so. Er denkt das, 
was sein soll, und es ist. Dieses sein Denken ist die Wurzel des end- 
lichen Seins ; und von daher steht Ihm alles Seiende im Licht. Nein, 
in Seinem Licht. Durch sein Licht ist das Seiende es selbst und ist 
wirklich. Jedes Seiende; auch - erschreckend und tröstlich zu- 
gleich - ich. 

Aber der Gedanke muß weitergehen: Gott wäre der All-Erken- 
nende, wäre das Licht auch dann, wenn es gar keine Dinge gäbe, 
denn auch dann erkennte Er das Eigentlich-Seiende : Sich selbst. 
Sich erkennen - wie steht es denn damit bei uns ? Wenn wir uns 
nichts vortäuschen, müssen wir sagen, daß wir von uns selbst nur 
eine dünne Schicht erkennen ; bald fängt das Unbekannte an. Etwa 



[15] 



47i 



habe ich vor einigen Tagen einem Menschen geholfen. Davon ver- 
stehe ich zunächst das unmittelbare Geschehnis: ich habe ihm das 
und das gegeben. Ich kann tiefer dringen und fragen, warum ich 
das getan habe. Antwort : er war in Not, und ich wollte ihn daraus 
befreien. Ist damit alles geschehen? Bei genauerer Prüfung kann 
mir klar werden : nein, sondern ich habe für später auf seine Unter- 
stützung in der und der Sache gerechnet. Noch einmal tiefer: ich 
habe es aus Eitelkeit getan, denn ich wollte der sein, der groß da- 
steht. Ja vielleicht tritt mir bei irgendeiner Gelegenheit - etwa früh, 
im Halbschlaf , wenn die Dinge so seltsam durchsichtig werden,* 
weil die Selbstbehauptung noch nicht am Werk ist - grell vor die 
Augen: ich habe es ja aus Rache getan, weil ich ihn demütigen 
wollte! Sie sehen: immer tiefer hinein geht es im eigenen Innern; 
der Blick kommt auf keinen Grund. Unser eigenes Sein verliert 
sich vor uns ins Dunkel. Die Psychologie des Unbewußten sagt uns, 
wieviel in dem Dunkel hegt : eine ganze Welt. 
Wie anders ist es bei Gott! Er steht sich selbst im Blick. Er ist sich 
selbst ganz hell, bis in den Grund. Aber nie wird Er seiner müde, 
denn Er ist unendlich. Diese Unendlichkeit erblickt Er in reiner 
Gegenwärtigkeit; und sie füllt seinen Blick, der selbst unendlich 
ist, ganz aus. Unbegreiflich ist das. Es hat einen Namen: Ewigkeit. 

Johannes aber sagt: Mit diesem Gott hast du Gemeinschaft, wenn 
du nach der Wahrheit suchst. Aber wir müssen genau sein: Die 
Wahrheit, von welcher der Apostel spricht, ist nicht einfach die der 
täglichen Feststellung oder der wissenschaf tlichen Forschung, oder 
der philosophischen Einsicht, sondern jene, welche uns durch die 
Offenbarung kund wird: der Menschwerdung des Logos; der 
Liebe, die sich in Ihm bezeugt ; der Erlösung durch sein Opf er.Daß 
diese Taten Gottes dem Menschen offenbar werden; daß der 



Mensch sie glaubt und in ihnen lebt, das ist die Wahrheit, um die es 
hier geht. 

So sagt Johannes: Wenn Du nach dieser Wahrheit verlangst, dich 
um sie bemühst, dann hast du Gemeinschaft mit dem Gott, der sich 
uns geoffenbart hat. Und hast Gemeinschaft mit dem anderen Men- 
schen, der ebenfalls nach dieser Wahrheit sucht. Wenn du aber, so 
geht der Gedanke weiter, Gott den Glauben verweigerst, die heilige 
Botschaft in dir verkommen lassest, gar sie wissentlich entstellst, 
dann wird Gott dir fern und fremd, und fern und fremd wird auch 
der andere Mensch. 

Noch ein zweites Bild ist in dem Text, aber verhüllt, so daß wir es 
herauslesen müssen. Es steht hinter den Worten, die sagen, daß wir 
im Licht beziehungsweise in der Finsternis »wandeln«. 
Wir haben gesehen, Erkenntnis hat etwas mit Licht zu tun. In die 
Wahrheit gelangen, heißt ins Klare gelangen. Erkenntnis hat aber 
auch etwas mit Weite zu tun. So lange ich ein Ding nicht verstehe, 
ist es wie ein Zimmer, das verschlossen ist, und in das ich nicht ein- 
treten kann. Erkennen hingegen öffnet. Freilich muß es wirkliche 
Einsicht sein, kein bloßes Sich-Informieren und Registrieren. 
Wirkliche Einsicht bedeutet, daß ich zur geistigen Anschauung 
vom Wesen des Gegenstandes durchdringe; sehe, wie die ver- 
schiedenen Elemente seines Bestandes ineinanderspielen, und wie 
er in den Zusammenhängen des Seins steht. Wirkliche Einsicht 
bedeutet, daß ich seines Sinnes inne werde. Gelingt das, dann öffnet 
sich die Verschlossenheit, und es entsteht eine geistige Weite. 
Die Weite des inneren Raumes, die aus der Wahrheit entsteht, ist 
wunderbar. In ihr atmet unser Geist. In ihr bewegt er sich. Wege 
werden ihm deutlich, und er kann sie gehen -jene Wege, welche 
durch die Linien des Sinnes gebildet werden: von Ursache und 



472 



[16] 



[17] 



473 



f 






Wirkung, von Zweck und Mittel, von Ganzheit und Teil, von 
Wert und Unwert, und so fort. Auf ihnen geht der Geist durch das 
Seiende, erfährt den Zusammenhang der Dinge und formt die 
Figuren des Lebens. Aus Chaos wird Ordnung; aus Kerker wird 
Freiheit. 

Irrtum hingegen engt ein und verschließt. Lüge fesselt und bannt. 
Hinterhältigkeit, List, Heuchelei fangen und verstricken. Wenn 
wir doch einsähen, daß jede Unwahrheit Unfreiheit wirkt! 
Diese Weite, sagt Johannes, hat ihren Ursprung in Gott. In Ihm ist 
nicht Irrtum noch Unwissenheit, nicht Lüge, noch Hinterhältig- 
keit, noch List. Er weiß von keinem Vorurteil, keiner Eitelkeit, 
keiner Rechthaberei, keinem Herrschen-Wollen. In Ihm ist nur 
Wahrheit. Nein, Er »ist« Wahrheit. Er ist »die« Wahrheit. Es gibt 
kerne außer Ihm. Wahrheit ist die Weise, wie Gott ist. Denn Er ist 
der Unendliche und Allgültige, der - wir sprachen bereits davon - 
sich selbst ganz im Blick hat, sein Leben durchaus versteht, und so 
in sich selbst unendliche Weite hat, in der kein Schritt Grenzen 
findet; reine Freiheit. 

Also geh in die Freiheit durch die Wahrheit, sagt Johannes; dann 
hast du Gemeinschaft mit Ihm, der die Freiheit selbst ist. 

Wieder aber hat sich, was wir da gesagt haben, noch erst im Philo- 
sophischen gehalten. Die Weite, die Johannes eigentlich meint, ist 
eine andere. Sie kommt aus der Offenbarung. Die Wahrheit ist 
Christus. Wer Ihn kennt, sich mit Ihm einläßt, von Ihm her das 
Leben versteht, der ist in der Freiheit. 

Wer unter Ihnen, meine Freunde, der christlichen Wahrheit noch 
fremd gegenübersteht, oder aber mit ihr noch nicht ernst gemacht 
hat, der empfindet diesen Satz vielleicht als dogmatische An- 
maßung. Aber er weiß noch nicht, worüber er urteilt. »Dogma« 



ja; das Wort in seinem tiefsten Sinne, als die absolute Gültigkeit 
der Glaubensforderung verstanden, wie sie aus der Offenbarung 
kommt - Anmaßung ganz gewiß nicht, denn die Forderung 
kommt von Gott. Und sie macht frei. Chesterton hat einmal ge- 
sagt, das Dogma - wir können auch sagen: die Offenbarung - sei 
wie die Sonne. Hineinschauen können wir nicht, aber in ihrem 
Licht sehen wir die Dinge. Ein schönes Wort, und so ist es. Die 
Offenbarung ist Geheimnis. Christus ist Geheimnis; muß es sein. 
Der Christus, den man vom Menschlichen her versteht - als reli- 
giöses Genie, als Religionsstifter, als Menschenfreund - ist nicht 
der wirkliche, sondern ein Gebilde des Menschen. Der wirkliche 
Christus wird so wenig durchschaut, ab das Auge die Lichtfülle 
der Sonne durchdringen kann. Er ist »das« Geheimnis; im Maße 
wir uns aber Ihm verbinden, sehen wir in Seinem Licht die Dinge 
richtig, und sie öffnen sich. 

Der Schein fällt ab. Die Kerker zerfallen. Die Weite tut sich auf. 
Du kannst atmen und gehen. 



474 



[18] 



[19] 



475 



Bereits erschienene Universitätspredigten 



Umversrty Libraries ot Notre Dame 









940 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis 

i. Auflage 1958 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung: 

Frank. Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



/ 



Heft 1 Der Geist der Psalmen 

Weg und Frucht - Der erste Psalm 
Heft 2 Gottes Hirtensorge - Psalm 22 

Geborgenheit in Gott - Psalm 90 
Heft 3 Gottes Erkennen - Psalm 138 

Der lebendige Gott - Psalm 113 
Heft 4 Das Gotteslob der Welt - Psalm 148 

Die Erschaffung der Welt - Psalm 103 
Heft 5 Die Freude des Christen 

Die Botschaft des Fronleichnamsfestes 
Heft 6 Der Engel des Menschen 

Christi Himmelfahrt und Wiederkunft 
Heft 7 Das Gleichnis vom Säemann 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg 
Heft 8 Die Kirche / Meditation um Pfingsten 

I. Jesu Absichten IL Die Geburt der Kirche 
Heft 9 HI. Offenbarung und Verhüllung 

IV. Wahrerin der Wahrheit 
Heft 10 V. Die Sichtbarkeit der Kirche 

Vom Denken und Leiden des heiligen Augustinus 
Heft 11 Ungarn / Der Anfang aller Dinge 

Eine Auslegung der ersten drei Kapitel der Genesis 

L Die Frage nach dem Anfang 
Heft 12 II. Erschaffen und Erschaffen sein 

III. Der erste Schöpfungsbericht und der Tag 

des Herrn 
Heft 13 IV. Der zweite Schopfungsbericht und die Ordnung 

der Ehe 

V. Das Paradies 

Heft 14 VI. Der Baum der Erkenntnis des Guten 

und des Bösen 

VE. Versuchung und Sünde 
Heft 15 VÜX Die Rechenschaft und der Verlust 

des Paradieses 

DC. Der Tod 
Heft 16 X. Die Verstörung des Menschenwerkes 

XL Die Verstörung im Verhältnis der Geschlechter 

zueinander 
Heft 17 Advent / Heilige Nacht 
Heft 18 Jahreswechsel / Epiphanie 
Heft 19 Liebe und Licht / Über Worte aus dem ersten 
Johannesbrief 

I. Offenbarung IL Die Welt 



| #56 

.G35 

W3 
v.21 



"~i 



21 



WAH RH E IT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntaglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, Vorausgesetz«-, daß sie nach Inhalt wie 

Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



DAS WESEN VON GOTTES LIEBE 



UNIVERSnW 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



BX 



LIEBE FREUNDE, 



In diesen Betrachtungen ist schon verschiedentlich von Gottes 
Liebe die Rede gewesen. Wie hätte das auch anders sein können, 
da doch ihre Verkündung das große Anliegen des Apostels Jo^ 
hannes ist. Zu verstehen, was die christliche Botschaft mit dieser 
Liebe meint, ist aber so wichtig, daß wir uns heute ganz in die 
Frage nach ihrem Wesen sammeln wollen. Die Überlegungen wer- 
den zuerst einen etwas philosophischen Charakter haben, dann 
aber um so intensiver auf den Sinn der Botschaft eingehen. 
Das vierte Kapitel des ersten Johannesbriefes sagt im siebenten bis 
zehnten Vers : »Gehebte, lasset uns einander heben, denn die Liebe 
ist aus Gott, und jeder, der hebt, ist aus Gott gezeugt und erkennt 
Gott. Wer nicht hebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die 
Liebe. Daran ward die Liebe Gottes an uns offenbar, daß Gott 
seinen einzigen Sohn für uns in die Welt gesandt hat, damit wir 
durch Ihn leben. Darauf steht die Liebe : nicht daß wir [zuerst] Gott 
gehebt hätten, sondern daß Er [als Erster] uns gehebt und seinen 
Sohn gesandt hat als Sühne für unsere Sünden.« 
In diesen Sätzen wird die Frage gestellt und beantwortet: Wo 
kommt die Liebe her? Wo beginnt sie? Sofort müssen wir aber 
hinzufügen: die wirkliche Liebe; jene, die das Neue Testament 
meint, wenn es das Wort braucht. 

Um den Sinn der johanneischen Aussage besser zu verstehen, wol- 
len wir denken, einige Menschen säßen bei einander und tauschten 
ihre Gedanken darüber aus, was unter der Liebe zu verstehen sei, 
und der Erste sagte: 

Sie kommt aus dem Innersten des menschlichen Herzens. Sie ist 



[3] 



479 



seine eigentliche Kraft. Lange Zeit war sie durch den überall toben- 
den Kampf der Menschen mit der Natur und miteinander gebun- 
den, so daß sie nicht durchdringen konnte. Im Fortgang der Ge- 
schichte wurde aber der Egoismus soweit gebändigt, daß das Herz 
des Menschen die Freiheit gewann, auch das Recht des Anderen zu 
sehen und sich für ihn verantwortlich zu fühlen. So entstand das, 
was wir den Altruismus nennen ; die Gesinnung, welche nicht, wie 
der Egoismus, nur für das ego, das eigene Selbst, sondern auch, 
und zwar spontan, für den alter, den anderen Menschen fühlt. 
Das Christentum aber ist nichts anderes als dieser Altruismus, sofern 
er sich, als die Zeit reif war, zu einer Lebenshaltung, einer Wert- 
ordnung, einem Menschenideal ausgestaltete. Es hat, wie nicht 
anders möglich, die Vollendung dieses Liebesethos in Gott selbst 
gelegt und Ihn als Jenen verstanden, der mit reiner Güte an »die 
Anderen«, nämlich seine Geschöpfe denkt. Jesus von Nazareth aber 
war die große Persönlichkeit, welche diese Gesinnung und den auf 
ihr ruhenden GottesbegrifFin der tiefsten Weise erlebt und ver- 
wirklicht - auch durch Sprache, Lehre und religiöse Symbolik f ür 
sie den geschichtlich wirksamen Ausdruck geschaffen hat. 
Das ist es, faßt der erste Sprecher zusammen, was die Johanneischen 
Sätze meinen. 



Ihm antwortet ein Anderer: Du mißverstehst sie ganz und gar, 
denn im zehnten Vers sagt der Apostel mit klaren Worten : »Dar- 
auf steht die Liebe : nicht daß wir [zuerst] Gott gehebt hätten, son- 
dern daß Er [als Erster] uns gehebt hat. • Die Liebe, von welcher die 
christliche Botschaft spricht, beginnt nicht im menschlichen 
Herzen, sondern in Gott. Und dafür haben wir einen großen 
philosophischen Ausdruck, nämlich im Neuplatonismus. Nach 
dessen Lehre ist Gott der unendlich Reiche, unermeßbar im Wesen 



480 



[4] 



übervoll an Kräften des Lebens. So sehr, daß Er nicht in sich bleiben 
kann, sondern sich ergießen muß. Er wird zum schöpferischen An- 
fang, und das Bild für ihn ist die Quelle. Diese kann nur sein, indem 
sie strömt. Ebenso muß Gott von Wesen sich ausströmen, und 
dadurch entsteht die Welt. Die sich schenkende Reichtumshebe 
Gottes ist die Wurzel alles Seins, und die Welt nichts anderes, als 
mitgeteilte Gottesfülle, objektiv gewordene Liebe 
Sobald dann die Gott entströmte Welt Stand faßt, erwacht die 
Gegenbewegung zur Quelle zurück. Sie geht durch alle Dinge ; im 
Menschen aber tritt sie ins Bewußtsein. Er erkennt die Quelle aus 
der all«, und also auch er selbst kommt ; antwortet auf deren Selbst- 
mitteilung mit der Liebe des Heimverlangens und strebt über die 
verschiedenen Stufen derReinigung, Erleuchtung und Vereinigung 
zur ersten Einheit zurück. 8 

Johannes aber ist jener Verkünder des Christentums, der die neu- 
platonische Lehre der Selbstmitteilung Gottes an die Person Jesu 
geknüpft und aus seiner Lehre heraus entfaltet hat. 

Ein Dritter würde widersprechen und sagen: Das kann nicht rich- 
tig sein. Die Weise, wie Plotin von der Liebe des höchsten Wesens 
rede^ zeigt ja doch deutlich, daß er sie wohl geistig, aber als eine 
Art Naturmacht des Geistes versteht. Sein Gott ist nicht frei. Wie 
die Quelle strömen muß, soll sie Quelle sein, so muß dieser Gott 
sich mitteilen, weil das Gesetz seines Wesens es so verlangt 
Nach der Botschaf t Jesu - und also auch des Apostels - ist aber Gott 
schlechthin frei. Er ist Herr von Wesen. Er läßt die Welt nicht aus 
sich hervorgehen, sondern schafft sie aus Nichts. Und dazu ist Er 
durch keine Notwendigkeit gezwungen, auch nicht seiner eigenen 
Natur, sondern Er handelt aus souveränem Entschluß 
Freilich erhebt sich, würde der Redende weiter sagen, aus alledem 



[5] 



481 



ein großes Rätsel: Wie kann dieser Gott die Welt und den 
Menschen lieben ? Welches Motiv kann Ihn, den Selbstherrlichen, 
Unendlichen, Ewigen dazu veranlassen, sich in solcher Weise auf 
Endliches zu beziehen ? Wie soll eine solche Bindung des schlecht- 
hin Freien an das Bedingte überhaupt möglich sein ? Wenn ich das 
bedenke, komme ich zu keinem Ergebnis. Am liebsten würde 
ich sagen, die ganze Lehre von Gottes Welt-Erschaffung und 
Selbst-Hinwendung zum Menschen sei nur ein Symbol für etwas 
schlechthin Unbegreifliches, und man tue am besten, in Ehrfurcht 
davor stehenzubleiben. 

Darauf wäre nun wieder eine Antwort möglich. Ein Vierter könnte 
nämlich sagen : Du wirst der Welt nicht gerecht. Du hast noch 
nicht erlebt, wie reich sie ist. Dir ist noch nicht zu Bewußtsein ge- 
kommen, welche Unerschöpflichkeit an Gestalten und Vorgängen, 
welches nie zu begreifende Gewebe von Beziehungen sie enthält. 
Wo immer du hingreifst, findest du Neues und immer Richtiges. 
Die Wissenschaft forscht und kommt an kein Ende, dennjede Ant- 
wort auf eine Frage zieht eine Kette neuer Fragen herauf. 
Und welche Größe in der Welt ! Wir auf der Erde haben über uns 
die Sonne. Mitsamt der Sonne bilden wir ein winziges Element im 
System der Milchstraße. Von dieser aber sagen uns die Gelehrten, 
es gebe über eine Million von Weltkörper-Ordnungen ihrer 
Größe . . Und wie ins Große, geht es auch ins immer Kleine. Je 
weiter hinein die Forschung dringt, desto reicher werden die 
Formen, desto gewaltiger die Energien. 

Der Mensch aber - was birgt sich alles in seiner kleinen Gestalt! 
Von ihm sagt ja das alte Wort, er sei Mikrokosmos, die Welt noch 
einmal, zusammengefaßt in der Begrenzung seines Leibes und 
seiner Seele. Alle ihre Phänomene kehren im Menschen wieder, 



482 



[6] 



in einen neuen, letzten Zusammenhang aufgenommen durch seine 
geistige Seele. Und dann denke daran, was der Mensch hervor- 
bringt : all das Unabsehliche, das sich in den Begriffen der Erkennt- 
nis, der Wertung, des Ordnens und Schaffens ausdrückt. Denke an 
die menschlichen Gemeinschaften und steigenden politischen Bil- 
dungen ; an den endlosen Gang der Geschichte. Sollte das alles nicht 
groß, reich, edel genug sein, um einen würdigen Gegenstand für 
Gottes Liebe zu bilden ? 



Der vorher gesprochen hat, würde aber wieder antworten: Was 
du da gesagt hast, macht zuerst starken Eindruck. Hat man sich aber 
aus ihm zurückgeholt, dann sieht man nur allzu klar: Du kannst 
Größen häufen und Herrlichkeiten steigern, soviel du willst - nie 
erreicht es den absoluten Gott; wesentlich nicht. Die Steigerung 
des Endlichen nähert sich Ihm, dem wirklich und im strengen Sinn 
Unendlichen, überhaupt nicht. Er steht jenseits aller Maße und 
Wesenheiten. Wie soll Er dieses Ihm Unvergleichbare Heben 
können ? 

Und, vergiß nicht, heben im Ernst - denn so meint es doch die 
christliche Botschaft. Was heißt das aber: im Ernst heben? Nicht 
bloß, der Welt wohlwollen; nicht bloß, Freude daran haben, daß 
der Mensch lebe und glücklich sei; nicht bloß, ihm in der Not bei- 
stehen. Der Ernst der Liebe erscheint erst dann, wenn - und laß für 
dies Gespräch ein Wort zu, das wir eigentlich mit Gott gar nicht 
zusammen denken können, das aber doch allein nahebringt, worum 
es geht - wenn die Liebe dem Liebenden zum Schicksal wird. Wie 
soll eine solche Liebe zu einem so ungemäßen Gegenstand er- 
wachen können ? 

So habe ich Anlaß, noch einmal und mit noch größerem Recht zu 
sagen : Das Wort von der Liebe Gottes ist ein Rätsel. Es spricht von 



[7] 



483 



etwas, das unser Begreifen übersteigt. So ganz und endgültig über- 
steigt, daß wir es in unsere Gedankengänge gar nicht einordnen 
können, weil dann entweder diese Gedanken zerfallen, oder aber 
das vom Wort gemeinte Eigentliche ins Menschlich-Bekannte ab- 
gleitet. Gottes Liebe ist etwas, vor dem man nur schweigen - vor 
dem man, vielleicht, knien kann. 

Meine Freunde, das Gespräch der Vier hat uns ganz nah an den 
Punkt herangeführt, wo wir im Gehorsam, aber auch im Mut des 
Glaubens versuchen können, zu sagen, was zu sagen ist. 
Setzen wir an dem an, was der Dritte im Gespräch gesagt hat. Wie 
ist das, wenn ein Mensch zum anderen in Beziehung tritt ? In der 
Regel geschieht es so, daß die Beiden einander kennen und Be- 
ziehungen zueinander haben mögen, der Sympathie, des Wohl- 
wollens, der Hilfeleistung und welche immer, zwischen ihnen aber 
eine Schranke hegt. Sie drückt sich in den Sätzen aus: »ich, nicht 
er - er, nicht ich . . das habe ich - darum hat es nicht er . . er ist 
krank - ich bin es nicht . . « Diese Schranke kommt aus der Eigen- 
ständigkeit der Individualitäten; die schirmt die eine gegen die 
andere ab. So muß es auch sein, sonst wäre kein persönliches Be- 
stehen möglich, sondern Jeder würde in das Leben des Anderen 
hineingerissen. 

Sobald sich aber der Mensch dem Anderen im Ernst der Liebe zu- 
wendet, löst diese Schranke zwischen ihnen sich auf. Eine Mutter, 
der das Kind krank wird, sagt nicht mehr : »es - nicht ich«, sondern 
ihr ist, als ob sie selbst erkrankte. Der Freund schiebt den Freund 
nicht mit dem Satz zurück: »er - nicht ich«, sondern er fühlt sich 
in dem, was der Freund erlebt, unmittelbar beteiligt. Wenn Mann 
und Frau in wirklicher Liebe verbunden sind, nimmt jedes von 
ihnen das Andere mit sich zusammen: »Er und darum auch ich«. 



484 



[8] 



Was dem Anderen geschieht, wird für den Liebenden zum Schick- 
sal - um so unmittelbarer und fragloser, je reiner die Liebe aus dem 
Ernst der Person und der Wahrheit des Herzens kommt. 

Und nun sagt Johannes, und spricht damit das Tiefste der Offen- 
barung aus : So ist es bei Gott geschehen. In göttlichem Ernst Hebt 
Er » die Welt«, den Menschen - spreche jeder : mich. 
Wir wissen, meine Freunde, daß auf die Kanzel eigentlich nichts 
Persönliches gehört. Lassen Sie mich aber doch etwas Derartiges 
sagen. Seit langem überfällt mich immer wieder die Frage: Wie 
soll das sein können, daß Gott die Welt, den Menschen hebt ? 
Wenn ich die Sentimentalitäten und BequemHchkeiten wegtue, 
die sich hinter den Reden vom » Heben Vater im Himmel « und Ähn- 
Hchem verstecken; wenn ich den Gedanken ernst denke - vtfesoU 
das sein können, daß der ewig-unendHche Gott den endHchenMen- 
schen Hebt? Fast möchte man sagen: Gehört sich das? Wird die 
Würde Gottes dadurch nicht angetastet ? Um so mehr, als wir doch 
belehrt sind, daß Er, um zu Heben, unserer nicht bedarf, weil ewige, 
personale Liebe in Gott selbst ist, zwischen Vater, Sohn und 
HeiHgem Geist ? Wie das sein könne, ohne daß Gottes Einheit 
zersprengt wird, können wir ja nicht verstehen; aber diese Wahr- 
heit, um welche die ersten Jahrhunderte in tiefer Leidenschaft des 
Glaubens gekämpft haben, ist Ausdruck für das Unerhörte, daß ein 
einziger Gott ist, in Ihm aber Sprechen und Antworten, Zeugen 
und Geborenwerden, Gemeinschaft in Wahrheit und Liebe. Was 
soU Ihm da eine Liebe zu uns ? 

Ich habe erfahren, daß man mit dieser Frage nicht fertig wird, so- 
lange man sich nicht - und immer aufs neue - entschHeßt, zu sagen : 
Wie du da denkst, ist falsch, denn du legst deinen Gedanken von 
Gott den Maßstab des »absoluten Wesens« zu Grunde, den der 



[9] 



485 



Menschengeist herausgearbeitet hat. Du hast aber nicht zu fragen, 
ob Gott das und das tun könne, und Ihn dabei als das Absolute der 
Philosophie zu denken, sondern du mußt die Offenbarung hören, 
und sie sagt dir: Gott tut so. Er Hebt die Welt. Das ist die Gnade 
einf achhin, aus welcher alle Gnaden kommen. Von da hast du aus- 
zugehen. Glauben heißt nicht, vom Menschlichen her über den 
Offenbarenden urteilen, sondern sein Wort vernehmen, und alles 
Denken und Urteilen von Ihm ausgehen lassen. 
Sobald du das verstanden hast, wirst du sagen : Der Gott, der wirk- 
lich ist, ist Jener, der so tut. Einen anderen gibt es nicht. Das findet 
seinen Ausdruck in dem johanneischen Satz: »Gott ist die Liebe« 
(i Joh 4, 8). Ein ungeheurer Satz. Man macht sich die Sache leicht, 
wenn man sagt, das sei Piatonismus, dessen Eigenart darin bestehe, 
aus den abstrakten Begriffen ewige Wesenheiten zu machen. O 
nein; sondern hier wird gesagt, daß dieses »Lieben« kein Akt ist, 
den Dieser, und Jener, und auch Gott vollzöge, sondern es ist der 
Akt, den nur Er vollziehen kann, so einzig Ihm gehörig, wie sein 
Wesen Ihm gehört. Da es aber in Gott keine Scheidung zwischen 
Wesen und Tun gibt, da Er sein Tun ist, in der Einfachheit ewigen 
Lebens, so ist die Liebe, von welcher Johannes spricht, Gott selbst. 
Sie ist ein Name Gottes. Wer sie ausspricht, spricht Ihn. 

Von hierher erschließt sich erst, was die Offenbarung sagt, die im 
Alten Testament beginnt und sich im Neuen zu ihrer Fülle voll- 
endet: Gott ist Jener, der die Welt im Ernst hebt. Warum, kann 
niemand beurteilen. Er tut es, weil Er will. 
Weil Er will, zieht Er die Welt in solcher Weise an sich heran, daß 
sie Ihm zum Schicksal der Liebe wird: »So sehr hat Gott die Welt 
gehebt, daß Er seinen einzigen Sohn gegeben hat . . . damit die Welt 
durch Ihn gerettet werde« (3, 16-17), heißt es im Evangelium des 



486 



[10] 



gleichen Apostels. Und wo ist mehr » Schicksal« als in Christus, der 
aus der Heiligkeit des Lebendigen Gottes gekommen ist ; der nichts 
wollte, als sein Leben in uns einfluten lassen, und den sie beseitigt 
haben, wie man ein gef ährliches Wesen beseitigt ? Und man muß 
sogar sagen: nicht obwohl Er hebte, sondern weil Er das tat; weil 
Er in dieser göttlich-anbetungswerten Gesinnung kam, bereit zu 
allem, um darin »den Willen des Vaters zu tun« Qoh 6, 38). 

Diese Liebe, die von Gott her zu uns kommt, soll in uns Wurzel 
fassen und von uns aus zu Anderen weitergehen. Darum heißt es: 
»Lasset uns einander heben ! Denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, 
der hebt, ist aus Gott geboren. « (1 Joh 4, 7) In dem Menschen, der 
sich dem Ewig-Lebendigen verbindet, geschieht ein Wunder. Ein 
neues Leben erwacht in ihm, und ihm ist gegeben, in der Schwäche 
seiner Endlichkeit zu tun, wie Gott tut. 

Wieweit das geschieht, wieweit Einer diese Möglichkeit verwirk- 
licht, ist eine andere Frage. Sie ist aber da, die unsägliche Möglich- 
keit, über sich hinwegzugehen, nicht nur in Sympathie, nicht nur 
in Pflicht, nicht nur in einer der vielen Mitverantwortungen des 
Lebens, sondern aus dem gleichen Geheimnis heraus, aus dem her- 
aus Gott gewollt hat, daß Welt sei ; aus dem heraus Er diese Welt 
an sich gezogen und Sich ihr so gegeben hat, daß Johannes sagen 
darf: Er hebt sie. 

Von diesemGeheimnis spricht im Grunde der ganze erste Johannes- 
brief . Bei uns hegt es nun, wieweit wir es glauben, mit ihm Kon- 
takt suchen, seine Kraf t zur Auswirkung bringen. Und das immer 
neu, trotz alles dessen, was vom »alten Menschen« und der »ersten 
Welt« entgegensteht. Wieweit wir dazu willens sind, das entschei- 
det über unsere Ewigkeit. 



[11] 



487 




VI 



LICHT DER LIEBE 



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LIEBE FREUNDE, 



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Am vergangenen Sonntag haben wir die Stelle im ersten Ka- 
pitel des Johannesbriefes bedacht, wo vom Licht die Rede 
ist. Dieses Licht haben wir als ein Gleichnis für das Leben des Geistes 
verstanden - genauer gesagt, für jenes Leben, das der Geist in der 
Erkenntnis der Wahrheit lebt. Im zweitenKapitel des gleichenBrie- 
f es rinden wir nun ein Wort, das jenem verwandt ist und folgender- 
maßen lautet: »Wenn Einer sagt, er sei im Licht, haßt aber seinen 
Bruder, dann ist er immer noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder 
Uebt, der bleibt im Licht und kein Anstoß ist in ihm. Wer aber sei- 
nen Bruder haßt, ist in der Finsternis, und wandelt in der Finster- 
nis, und weiß nicht, wohin er geht, weil die Finsternis seine Augen 
blind gemacht hat. « (9-1 1) 

Das Wort ist dem ersten ähnlich und doch von ihm verschieden; 
es sagt im Grunde das Gleiche, stellt es aber in eine neue Bezie- 
hung. Das macht uns wieder auf etwas aufmerksam, das wir bereits 
in der ersten Betrachtung berührt haben, nämlich auf die Weise, 
wie die Gedanken des Briefes geführt werden. 
Sie bewegen sich nämlich nicht nach einem durchgehenden Plan, 
so, daß jeweils ein Abschnitt den voraufgehenden weiter entwik- 
kelte und den folgenden vorbereitete; sondern ein Gedanke taucht 
aus der Tiefe auf, entfaltet sich, sinkt wieder zurück und ein neuer 
erhebt sich. Dadurch scheint auf den ersten Blick Unordnung zu 
entstehen. Das ist aber nicht der Fall; auch hier ist Ordnung, aber 
die des ergriffenen Gemütes - ergriffen von einer heilig-mächtigen 
Wirklichkeit. In diesem Gemüt geht die Bewegung der Gedanken 
wie ein stiller Wellenschlag, ohne systematische Regel, aber von 
der Tiefe her geeint. 



1 



[15] 



491 



Die Einheit kommt in verschiedener Weise zum Ausdruck. Etwa 
so, daß bestimmte Worte wiederkehren, die Mal um Mal etwas 
Heilswichtiges einprägen. Oder aber - und das geht unsere heutige 
Betrachtung an - so, daß die Gedanken einander antworten. Dann 
ist es, als ob sich in einem Satz eine Stimme erhöbe und sagte das 
Ihre ; darauf eine andere und spräche ihre Gedanken aus ; dann aber 
würde eine dritte deutlich, in deren Rede die der ersten widerhallte. 
So geht es durch den Brief wie Hall und Widerhall, und die Ge- 
danken verbinden sich zu tiefem Einklang. Etwas Derartiges ge- 
schieht durch unsere Stelle. 

Im ersten Kapitel war vom Licht die Rede, und es ist »Licht der 
Wahrheit« genannt worden (5-6). Darauf wurde von anderem 
gesprochen ; dann aber - in unserer S teile - kommt das Licht wieder 
und ist nun »Licht der Liebe« (2,9-10). »Finsternis« war zuerst die 
Lüge; jetzt ist es der Haß. Und nachdem zuerst von Gott gesagt 

wurde,Ersei»LichtundkemeFmsternisinIhm«(i, 5 ),heißtesnun: 
»Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott« 
(4, 16). So gehen die Stimmen und ihr Echo durch den Brief und 
machen ihn zu einem lebendigen Ganzen. Der aber liest ihn richtig, 
der sich in diese Bewegung hineingibt und aufmerksam lauscht. 

Johannes sagt also, die Liebe sei Licht. Aber wie kann sie das sein ? 
Daß Wahrheit durch das Bild des Lichtes ausgedrückt wird, ver- 
stehen wir leicht, aber Liebe ? 

In der Geschichte des Denkens gibt es eine alte und sehr edle Tra- 
dition, welche sagt, die Wahrheit und ihre Erkenntnis werde von 
der Liebe getragen. Schon die platonische Philosophie empfängt 
von hierher ihre tiefste Kraft. Im Neuplatonismus wirkt der Ge- 
danke weiter, um sich dann, christlich umgedacht, im Werk Augu- 
stins mächtig zu entfalten. Das Mittelalter nimmt sein Erbe auf 



und spricht vom »lumen cordis«, dem »Licht des Herzens«. Es ent- 
wickelt den Gedanken systematisch in Abhandlungen und Lehr- 
werken - aber auch dichterisch. Sie kennen die wunderbare Se- 
quenz der Messe vom Pfingstsonntag, die eigentlich jeder auswen- 
dig wissen müßte, weil es kaum ein mächtigeres und inständigeres 
Gebet gibt: » Veni sancte spiritus - komm, o Heilger Geist«. Darin 
heißt es : » veni lumen cordium - komm, Du Licht der Herzen ! « Und 
später folgt eine Strophe, die man sich immer wieder vorsagen 
kann, ohne ihrer müde zu werden, weil auf ihre Tiefe die im 
eigenen Innern mit so freudigem Einverständnis antwortet : » O lux 
beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium - o Du allerseligstes 
Licht, fülle Deiner Gläubigen innersten Herzensgrund!« Eine der 
Orationen zum Heiligen Geist aber sagt : » O Gott, Du hast die Her- 
zen Deiner Gläubigen durch die Einstrahlung des Heiligen Geistes 
belehrt. « Dieses » Herz « aber, das die Einstrahlung empfängt, belehrt 
wird und Wahrheit lernt - was ist das anderes, als der innere Herd 
der Liebe ? 

Inwiefern ist nun die Liebe Licht ? Gibt es ein Licht, das im Herzen 
aufleuchtet, während wir doch in unserer früheren Betrachtung 
gesagt haben, das Licht gehöre dem erkennenden Geiste an ? Dar- 
auf ist zunächst zu erwidern, daß das »Herz«, von welchem da 
gesprochen wird, nichts Ungeistiges, Emotionales, gar Sentimen- 
tales ist, sondern selbst Geist; aber Geist, der warm ist; Geist, der 
glühen kann. Doch wir wollen tun, was wir hier in unseren Betrach- 
tungen immer wieder getan haben, nämlich göttliche Wahrheiten 
an tägliche Erfahrungen knüpfen. 

Jeder von uns hat schon erlebt, daß ihm trüb zumute war; alles 
drinnen stumpf und schwer. Dann aber hat er etwas Schönes ge- 
sehen, etwa eine rein geformte und duftende Blüte, und mit einem 



492 



[16] 



[17] 



493 



Mal wurde ihm hell im Herzen . . Oder er ging auf einer Wan- 
derung durch den Wald. Da öffiiete der sich ; dem Schauenden lag 
weit und reich bewegt das Land vor Augen, und die Freiheit 
machte ihm das Gemüt klar . . So kann dem Empf anglichen in vie- 
len Weisen aus dem, was schön und frei ist, ein »Licht« kommen, 
das sein Herz erleuchtet: aus einer vornehmen Gesinnung, einem 
mutigen Wort, einer edlen Tat. Wo immer Wertvolles ist, berührt 
es unser Inneres als etwas Helles und weckt in dessen Tiefe selbst 
ein Licht auf. Dieses Licht bleibt nicht nur im Inneren, sondern 
dringt in das Körperliche vor, in das Gesicht, in die Miene, und wer 
den Menschen sieht, der sagt: »er strahlt«. 

Man kann den Gedanken aber auch umwenden und sagen: Das 
Edle draußen sieht nur, wer dieses Licht im Herzen hat. Dafür, daß 
einer die schönen Dinge, die in der Welt sind, bemerke, ihre Offen- 
barungsmacht erfahre, genügen scharfes Hinblicken und genaues 
Beobachten nicht. Für Jenen, der nur das hat, bleibt die freudigste 
Fülle am blühenden Baum und die zarteste Gebärde der fernen 
Berge unsichtbar. In ihm selbst muß etwas leuchten, damit ihm das 
Schöne draußen erscheine. 

Und gar beimMenschen ! Geht das so ohne weiteres, eine vornehme 
Handlung zu würdigen, die aus reinem Glauben an das Gute her- 
vorgeht? Wie groß ist die Versuchung, dieses und jenes an ihr zu 
kritisieren und sie dadurch ins Alltägliche hinabzuziehen. Wer 
nicht, wie ein inneres Licht, das Verlangen nach dem Edlen in sich 
trägt, das hinausleuchtet und sucht, in dem wird das Herabziehende 
Meister und macht die edelste Tat grau . . Oder eine Kühnheit, in 
welcher der Mensch sich ohne Zögern in die Gefahr wirft? Wir 
wissen doch, wie nah beim Großen das Törichte steht, und welche 
Entlastung es für seine Armseligkeit bedeutet, wenn der Durch- 



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[18] 



schnittliche über Don Quixote den Mund verziehen kann ? . . Eine 
Treue, die Jahr um Jahr durchdauert und der Vernünftigkeit des 
Alltags Anlaß gibt, festzustellen, es sei doch lächerlich, sich so zu 
opfern . . Güte, die immer wieder verzeiht; Hilfsbereitschaft, die 
sich durch keine Enttäuschungen abschrecken läßt; Großmut, die 
entsagt, während die Anderen es sich wohl sein lassen ; Ehrlichkeit, 
die lieber Schaden nimmt, als sich untreu zu werden, und so fort - 
versteht man das alles ohne weiteres, wenn im Menschen so starke 
und listige Antriebe am Werk sind, den Anderen zu entwerten, um 
dadurch selbst höher zu kommen ? Muß nicht der Blick, der das 
alles bemerken soll, selbst eine Helligkeit hinaussenden, die es her- 
austreten läßt ? Öffnet sich das Wesen der schönen Geschehnisse 
nicht erst dann, wenn das Auge ihm Raum schafft ? 
Es ist schon so. Wer hier richtig sehen, die Werte würdigen will, 
muß dem Andern seinen Rang gönnen. Ja er muß sich freuen, daß 
jener so hoch steht. Seine Seele muß weit und hell sein - das heißt, 
er muß Liebe haben. Goethe spricht eine tiefe Lebenskenntnis aus, 
wenn er sagt, angesichts großer Vorzüge im Anderen gebe es nur 
eine einzige Gegenwehr : ihn zu heben. Darüber wäre viel zu sagen. 
Ja selbst die Erkenntnis des Unguten im anderen Menschen, seiher 
Schwächen und Fehler - wer beurteilt sie richtiger, weil besser aus 
dem Zusammenhang seines Wesens heraus: der sie kühl feststellt, 
sie gar verachtet, oder aber jener, dem daran hegt, daß der Fehlende 
seine Gefährdung erkenne und ihrer Herr werde, das heißt aber, der 
die Liebe des erzieherisch Besorgten hat ? . .Wer versteht die fremde 
Schuld tiefer : der Vergeltung fordert, oder aber jener, der verzeiht ? 
Und ist Verzeihen, wirkliches, nicht Liebe ? . . Wer wird selbst dem 
Laster besser gerecht, weil er es in der Verflechtung des Daseins 
sieht: der Ethisch-Unduldsame, oder jener, in dessen Auge das 
Flämmchen des Humors schimmert ? Und ist das nicht auch Liebe ? 



[19] 



495 



. 



■ 



Fragen wir aber ganz grundsätzlich : Wie können wir überhaupt 
den anderen Menschen verstehen > Nun gibt es gewiß allgemeine 
Gesichtspunkte, nach denen der andere Mensch begrifflich erfaßt 
und eingeordnet werden kann : Typen, Strukturen, Organisations- 
tormen, Anlagen, Impulse, und so fort. Diese Erfassung geschieht 
sachlich-abstrakt, und man könnte sich denken, daß eines Tages 
Apparate konstruiert würden, die das leisten. Aber das Eigentliche 
im Menschen geht ja doch in keiner Struktur auf, nämlich daß er 
Dieser ist. Dafür steht kein Begriff, sondern nur sein Name« Er- 
selbst Erst von daher bekommt alles andere seinen Charakter, denn 
es ist die Weise, wie dieser Er-selbst besteht und lebt. Wie ver- 
stehen wir aber dieses Eigentliche? Ihn, und daß er so geartet ist 
sein Leben so geht, sein Schicksal sich so fügt ? 
Sicher nicht mit dem bloßen Verstand, sondern nur aus einem Hell- 
werden des Herzens heraus. Durch eine Bewegung, in welcher wir 
den Gang seines Lebens mitgehen, den Puls seines Wesens mitvoll- 
ziehen, die Sympathie. Aber mehr noch: wir müssen mit seiner 
Existenz einverstanden sein. Damit ist nicht gesagt, daß er uns ge- 
falle, oder daß wir alles für richtig finden, was er tut - wir müssen 
ihm aber das Recht zugestehen, der zu sein, der er in seinem Wesen 
ist; zu leben, wie es ihm gemäß ist; sich zu entfalten und immer 
mehr er-selbst zu werden. Und noch die Kritik, die wir an ihm 
üben, muß auf der Basis dieser Bejahung erfolgen; im Einverneh- 
men mit seinem eigentlichen Wesen gegen das, was dieses Wesen 
beeinträchtigt. Das aber ist Liebe. 

Die haben wir durchaus nicht ohne weiteres. Beobachten wir uns 
doch einmal, wenn wir einem Anderen begegnen: wie leicht wir 
auf ihn mit emem Gefühl der Abneigung antworten, oder des Miß- 
trauens, oder der Geringschätzung, oder der Kälte. Solange wir in 



dieser Haltung sind, kommt kein Verstehen zustande. Und die 
Kritik, die wir aus ihr heraus üben, mag sachlich noch so genau 
sein, sie läuft falsch, weil sie den Mittelpunkt, »Ihn«, nicht freigibt. 
Wenn wir uns in diese Gedanken vertiefen, dann ahnen wir, wie 
Gott urteilt. Er hat ja diesem Menschen das Sein gegeben; das ist 
die erste Liebe. Wenn Er dann urteilt, der Mensch handle falsch, 
dann widerruft Er jene erste Liebe seines Schaffens nicht, sondern 
Er hält sie aufrecht, ja setzt sie in seinem Urteil fort. Gottes Urteil 
über einen Menschen ist die Fortführung der Liebe, aus der heraus 
Er ihn geschaffen hat. 

Wie schwer ist es aber, so zu urteilen, und wir verstehen wir von 
hier aus das Wort Jesu: »Richtet nicht!« (Mt 7, 1). Jedes Richten, 
dem die Liebesbejahung der fremden Existenz fehlt, geht in seiner 
Konsequenz darauf, dem Anderen das Recht des Seins abzu- 
sprechen. 

Was über die Kälte und lauernde Feindseligkeit unseres Innern 
Herr wird, ist das Licht des Herzens, die Liebe. 
Welche Mutter könnte ihrem Kind wirklich Mutter sein, die dieses 
Licht nicht in Herz und Augen hat ? Wer dem Freunde wirklich 
Freund ohne es ? Wie kann ein Liebender dem Geliebten werden, 
was der erhofft, wenn in ihm nicht das Licht ist, das hell macht, weil 
es warm ist ? Wann war einer ein wirklicher Erzieher, wenn er die 
ihm anvertraute Jugend nicht im » lumen cordis« sah ? 

Sobald aber der Haß kommt, sagt Johannes, zieht sich Finsternis 
zusammen. Dabei braucht das Gefühl, das sich gegen den Anderen 
richtet, nicht einmal die furchtbare Form anzunehmen wie im 
ersten Sohn Adams, Kain, der es nicht ertragen konnte, daß sein 
Bruder Abel rein und gut war, so daß es ihm finster vor den Augen 
wurde, und er ihn auf dem Felde niederschlug. Erinnern wir uns 



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[20] 



[211 



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1 . 



I* 



I 



■ 



doch an die Worte in der Bergpredigt : » Ihr habt gehört, daß zu den 
Alten gesagt worden ist : Du sollst nicht töten ! Wer aber tötet, soll 
dem Gericht verfallen sein. Doch Ich sage euch: Ein jeder,' der 
seinem Bruder zürnt, soll dem Gericht verfallen sein. Wer aber 
[ergänze : in Verachtung] zu seinem Bruder sagt : Du Tor ! soll dem 
Hohen Rat verfallen sein; und wer [wieder: in Haß] spricht: Du 
Narr! soll der Feuerhölle verfallen sein.« (Mt 5,21-22) Der Herr 
mahnt da : Die Finsternis, in welcher das Bild des Menschenbruders 
so tief verschwindet, daß die Tat des Mordes möglich wird, beginnt 
schon viel früher: in kränkenden Worten, in verachtenden Gedan- 
ken, in giftigen Empfindungen, in einem Urteilen, das den Fehler 
des Anderen verwirft, ohne ihn selbst aufrecht zu erhalten. 
Wenn du das aufkommen läßt, sagt Johannes, dann verdunkelt sich 
dir das Bild des Anderen. Du verstehst ihn nicht mehr. Du siehst 
Absichten, wo keine sind. Die klarsten Worte werden zweideutig 
Du gehst mit ihm nicht mehr im Licht, sondern im Dunkel, und 
was da geschieht, kann von den törichtesten Zufällen abhängen. 

Und nun sagt der Apostel : » Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe 
bleibt, der bleibt in Gott. « (1 4, 16) Das Liebeslicht, welches macht, 
daß wir den Anderen verstehen, ist seiner Urgestalt nach die Ge- 
sinnung Gottes - nein, die Johanneische Sprache ist kühn und sagt : 
Gott »ist« selbst die Liebe. 

Wo begegnen wir ihr zum ersten Mal ? Als Grund dafür, daß wir 
überhaupt sind, daß es die Welt gibt. Haben Sie sich schon einmal 
in den Gedanken hineingedacht - nicht nur oberflächlich, sondern 
ernst, mit beteiligtem Herzen - daß die Welt nicht notwendig ist 1 
Für den Mythos muß sie sein; für das neue Heidentum des Natur- 
glaubens muß sie sein; für die Offenbarung nicht. Sie sagt« die 
Welt ist, weil Gott will, daß sie sei. Und Er will das - weil Er es will 



Die Welt ruht in Seiner Freiheit ; die Gesinnung dieser Freiheit aber 
ist Liebe. 

Doch seien wir vorsichtig. Die Aussage bedeutet nicht, daß wir 
nach dem Motiv von Gottes Welt-Erschaffen in der Weise fragen, 
wie wir etwa fragen mögen, warum dieser Mann sich mit so harter 
Arbeit plage, und die Antwort lautet: weil er seine Kinder Hebt. 
Für menschliches Handeln gibt es verschiedene Beweggründe: 
Dankbarkeit, Vorteil, Eitelkeit, Zwang und so fort. Unter ihnen 
gibt es auch den der Liebe, und das Tun des Mannes, von dem wir 
sprechen, hat diesen Beweggrund. Was aber Gott tut, wenn Er die 
Welt erschafft, ist kein Fall unter anderen, sondern etwas schlecht- 
hin Einziges ; und außer aller Vergleichbarkeit steht auch das Motiv 
seiner Liebe. Er bedarf ja keines Dings; bedarf der ganzen Welt 
nicht. Wenn Er sie erschafft, wird Er dadurch nicht reicher, oder 
glücklicher, oder wissender. Er ist auch nicht verpflichtet, sie zu 
erschaffen. Es gibt keine Norm, die es forderte, noch eine Gemäß- 
heit, die es ratsam machte. 

Eher könnte man denken - der Gedanke ist töricht, wie übrigens 
alles, was wir über die Motive Gottes sagen mögen; aber sprechen 
wir ihn aus, denn er klärt - eher könnte man denken, es wäre für 
Ihn besser gewesen, Er hätte die Welt nicht geschaffen, denn dann 
hätte Er sie nicht immer an seiner Macht hängen. Er, der Absolut- 
Unendliche, diese Welt, die bei all ihrer Ungeheuerlichkeit vor 
Ihm doch nur ein Armselig-Weniges ist ! Daß Er aber will, sie solle 
sein ; es in Freiheit will, in göttlicher Freude - das ist die Liebe, von 
welcher die Offenbarung redet. Warum Er so hebt ? Man kann ein 
Leben lang darüber nachdenken und kommt an kein Ende, denn 
diese Liebe hat keinen Grund, der ihr vorausginge. Sie ist Anfang; 
der Anfang aber ist Grund für das, was aus ihm entspringt ; er selbst 
hat keinen Grund außer ihm selbst. Gottes Liebe ist; damit fängt 



498 



[22] 



[23] 



499 



I 



alles an. Sie will, daß wir seien, und Er sei gepriesen dafür, daß wir 
es dürfen - sein dürfen aus dem heiligsten Grund : weil Seine Liebe 
es will. 

Aus dieser gleichen Liebe heraus versteht Gott sein Geschöpf jedes 
Ding, jedes Geschehen, jeden Menschen. Jesus sagt: »Alle Haare 
deines Hauptes sind gezählt.« (Mt 10,30) AUes weiß Er von dir 
Doch nein, nicht »alles von dir«, sondern »dich«. Sein Liebeswissen 
geht aus seinem Herzen in mein Eigenstes und Eigendichstes.Durch 
es bin ich durchblickt und umhütet und gewährleistet. Es ist in mir 
dort wo ich nach innen hin an das Nichts grenze. Da ist es, und hält 
mich in Wesen und Wirklichkeit. 

Im innersten Kern jedes Seienden ist Gottes Liebeslicht. Und nun 
sagt Johannes: Wenn du willst, daß dieses Licht in deinem Leben 
Macht bekomme, mußt du selbst heben. Für den Menschen unserer 
Zeit aber würde er hinzufügen: Vergiß nicht, daß in deiner Zeit 
alle Worte der heiligen Botschaft in Auflösung begriffen sind ! 
Mit Liebe meint nämlich der Herr nicht die Fürsorgetätigkeit der 
letzten hundert Jahre, so gut und richtig die ist. Sie bildet einen Teil 
der modernen Staatsführung, angesichts derer aber nicht vergessen 
werdendarf, wiekaltblütigdiegleicheFührung über die lebendigen 
Rechte des Menschen hinweggehen kann, wenn es ihr zweckdien- 
lich scheint. Ursprung und Urbild der Liebe, die Gott verlangt 
hegen in Ihm, dem Schaffenden und Erlösenden. Und der Mensch' 
zu dem Johannes redet, istjener, der »aus Gott« (3, 10) ist; in Glaube 
und Taufe aus Gottes Leben neu geboren, und dessen Lieben ein 
Mitvoliziehen der Liebe Gottes sein soll. 

Immer wieder soll es sich an der Gesinnung Gottes prüfen und nach 
ihr ausrichten. Der Begriff des »Nächsten« entsteht hier der ia 
etwas anderes meint, als den Nebenmenschen. Er meint jenen 



Anderen, den Gottes Vorsehung ihm jeweils zuführt, zwischen 
dem und ihm selbst das Geheimnis der Geschwisterschaft in Chri- 
stus erstehen soll, und den man dann heben soll, »wie sich selbst« 
(Mt 22,39). Nicht nur vermeiden, was man selbst nicht erfahren 
möchte, sondern tun, was man wünschte, es solle einem selbst 
geschehen. 

Das kann so weit gehen, daß man bereit sein muß, »für die Brüder 
das Leben einzusetzen« (I Joh 3, 16). Aber wir wollen nicht von so 
großen Dingen reden, denn das hat meist die Wirkung, daß man 
dann, wenn es darauf ankommt, nur »dem Wort nach und mit der 
Zunge hebt«. Wir wollen es »in Tat und Wahrheit« (I Joh 3, 18) 
tun, in der Wirklichkeit des Alltags. Das geschieht, wenn wir uns 
bemühen, den Anderen zu verstehen. Willens sind, ihn gelten zu 
lassen, weil der große Einklang des Daseins viele Stimmen hat, und 
jede aus ihr selbst heraus klingen muß. Bereit sind, zu helfen, wo es 
not tut, und so weit die eigenen Möglichkeiten reichen, und so 
fort, bis in die unscheinbarsten Dinge - immer wieder innerlich 
hinachtend, hinfühlend zur Liebe Gottes. So oft wir das versuchen, 
ist es allemal ein Eintreten in jene Klarheit, die Johannes meint, 
wenn er sagt, daß wir »im Licht wandeln« sollen. 



500 



[24] 



[25] 



501 



University Libraries of Notre Dame 



0000 




Mit kirchlicher Druckerlaubnis 

i. Auflage 1958 

ADe Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Frank. Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



Bereits erschienene Universitätspredigten 



Der Geist der Psalmen 

Weg und Frucht - Der erste Psalm 

3ottes Hirtensorge - Psalm 22 

Geborgenheit in Gott - Psalm 90 

Gottes Erkennen - Psalm 138 

Der lebendige Gott - Psalm 113 

Das Gotteslob der Welt - Psalm 148 

Die Enchafiung der Welt - Psalm 103 

Die Freude des Christen 

Die Botschaft des Fronleichnamsfestes 

Der Engel des Menschen 

Christi Himmelfahrt und Wiederkunft 

Das Gleichnis vom Säemann 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg 

Die Kirche / Meditation um Pfingsten 

L Jesu Absichten IL Die Geburt der Kirche 

IIL Offenbarung und Verhüllung 

IV. Wahrerin der Wahrheit 

V. Die Sichtbarkeit der Kirche 

Vom Denken und Leiden des heiligen Augustinus 

Ungarn / Der Anfang aller Dinge 

Eine Auslegung der ersten drei Kapitel der Genesis 

L Die Frage nach dem Anfang 

IL Erschaffen und Erschaffen sein 

IIL Der erste Schöpfungsbericht und der Tag 

des Herrn 

IV. Der zweite Schopfungsbericht und die Ordnung 
der Ehe 

V. Das Paradies 

VI. Der Baum der Erkenntnis des Guten 
und des Bösen 

VIL Versuchung und Sünde 

VIIL Die Rechenschaft und der Verlust 

des Paradieses 

DC. Der Tod 

X. Die Verstörung des Menschenwerkes 

XL Die Verstörung im Verhältnis der Geschlechter 

zueinander 

Advent / Heilige Nacht 

Jahreswechsel / Epiphanie 

liebe und Licht / Über Worte aus dem ersten 

lohannesbrief 

L Offenbarung IL Die Welt 

IIL tGott weiß allest 

IV. Licht der Wahrheit 



Heft 3 
Heft4 
Heft 5 
Heft 6 
Heft 7 
Heft 8 
Heft 9 
Heft 10 
Heft 11 

Heft 12 

Heft 13 

Heft 14 

Heft 15 

Heft 16 



Heft 17 
Heft 18 
Heft 19 



Heft 20 



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22 



WAHRHEIT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



'Hümtimk^t 



■MMi Hl l - 1 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
rinden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



VII 



GOTTES LIEBE 



UND DER ZUSTAND DER WELT 



UNIVERSIW 
NOTREDAME 



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LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 



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Wir haben am vergangenen Sonntag darüber nachgedacht, 
was die Botschaft des Apostels Johannes über die Liebe 
Gottes sagt : daß sie nicht die menschliche, nur ins Absolute hinauf- 
gesteigerte Liebe, sondern Ausdruck von Gottes Souveränität ist. 
Wer im Zusammenhang mit Gott von der Liebe spricht, spricht 
von einem großen Geheimnis - man darf wohl sagen, von der 
Wurzel der christlichen Geheimnisse überhaupt. Darin hat Gott 
sich entschlossen, der Mensch und seine Welt solle Ihm wichtig 
sein. So wichtig, daß Ihm daraus - wenn es erlaubt ist, das Wort auf 
Ihn zu beziehen - Schicksal erwachsen mußte. Die Offenbarung 
dieses Schicksal schaffenden Liebes-Ernstes Gottes ist Jesus Chri- 
stus und was Ihm widerfahren ist. 

Dem Menschen aber, sagt Johannes weiter, ist gewährt - gewährt 
und aufgegeben zugleich - durch Glauben und Wiedergeburt diese 
Liebe in sein Herz zu empfangen und sie zum Maßstab seines 
eigenen Verhältnisses zu den anderen Menschen, den Geschwistern 
in Gott, zu machen : » Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, dann 
müssen auch wir einander heben« (i Joh 4, 11). 
Das haben wir bedacht; nun aber wollen wir einen Einwand zu 
Worte kommen lassen, den vielleicht der Eine oder Andere von 
Ihnen empfunden hat. Sie könnten nämlich fragen: Wenn es wahr 
ist, daß Gott die Menschen und die Welt hebt, müßte dann diese 
Menschenwelt nicht anders aussehen, als sie sich uns zeigt ? Müßte 
man nicht merken, wie diese Liebe überall am Werk ist, und 
durch sie alles anders, alles gut, ja heilig wird? Statt dessen: wieviel 
Verwirrung und Leiden; wieviel Unrecht, Lüge, Gewalt! 
Einer könnte den Einwand auch aus dem eigenen Dasein heraus 



['3] 



507 



erheben und sagen: Wenn Gottes Liebe alles regiert - warum ist 
dann mein Leben so schwer ? Warum habe ich so oft entbehren 
und verHeren müssen ? Warum ist mir im Erbe meiner Geburt so 
viel Gefährdendes mitgegeben ? Warum muß ich in mir selbst mit 
so viel Niederziehendem kämpfen ? Warum erfahre ich von den 
Menschen immerfort Lieblosigkeit und Verkennung? Warum 
wird so viel guter Wille verkannt ? Bleibt so viel ehrliche Mühe 
umsonst ? 

Es gibt Menschen, denen solche Gedanken wohl kommen, sie ver- 
gessen sie aber bald wieder und leben in einem natürlichen Opti- 
mismus voran. Andere hingegen sind anders veranlagt. Ihnen ar- 
beiten die Gedanken im Gemüt weiter. Die schweren Erfahrungen 
haben Widerhaken und lassen nicht mehr los. 

Ich glaube, die Antwort auf diese Fragen Hegt in dem gleichen 
Moment, das wir als entscheidend für den BegrifFder Liebe erkannt 
haben, nämHch dem des Ernstes. 

Denken wir zurück: Wie ist nach der Offenbarung das Leben des 
Menschen auf Erden gegangen ? Wir hören, daß Gott am Anfang 
den Menschen zu sich heranzieht und ihm ein unbegreif Hches Ver- 
trauen schenkt: das Vertrauen des großen Herrn, der, wenn Er 
gibt, ganz gibt. So gibt Gott dem Menschen seine Welt und zwar 
dadurch, daß Er ihn zum freien, erkennenden und urteilenden 
Wesen - nein mehr und unvergleichbar darüber hinaus : dadurch, 
daß Er ihn zu seinem Ebenbild und Statthalter in der Welt ge- 
macht hat. 

So lange die Geschöpfe Gottes nur Dinge sind - KristaUe, Pflanzen, 
Tiere - gibt es in der Welt kein Selbst, sondern nur Gegenstände. 
»Selbst« ist dann Gott allein, und Er freüich einfachhin; Herr des 
eigenen Seins und Herr der Welt. Im AugenbHck aber, da Er ein 



508 



[4] 



Wesen ins Sein ruft, das »Ich« ist - wieder mehr und unvergleich- 
bar darüber hinaus : im AugenbHck, da Er sich diesem Wesen zum 
ewigen »Du« schenkt, bekommt das Dasein einen neuen Charak- 
ter. Mag der Ort, wo das geschieht, in der Ordnung des Raumes so 
verschwindend sein, wie die Erde im Weltall; die Zeit, während 
der das Leben dieses Wesens dauert, so kurz, wie die Spanne unserer 
Geschichte in den Jahr-MilHarden des Weltwerdens; die Zahl der 
Menschen in der Unübersehbarkeit des Universums so klein, wie 
sie tatsächHch ist; ja wäre dieses Wesen auch nur ein einziges und 
bestünde nicht länger als eine einzige Stunde - alles würde dadurch 
anders. Denn dieses Wesen wäre fähig, die Welt zu erkennen, sie 
anzureden, sie in seiner Antwort an Gott Ihm entgegenzutragen. 
Darin würde die Entscheidung über den Sinn des Alls faUen. 
Der Mensch aber hat Gottes Vertrauen verraten. Er hat versucht, 
Ihm die Welt aus der Hand zu reißen - die Lästerreden so mancher 
Philosophen und Machthaber unserer Zeit heben klar ans Licht, 
was die Tat der Ur-Eltern bedeutet hat. So wurde die unendHche 
MögHchkeit, die Gott gegeben hatte, verdorben. 

Dadurch ist aber eine ganz neue Situation entstanden. Wie ist das : 
wenn ein Freund den anderen verrät - können dann die Beiden das 
Geschehene einfach wegwischen und im Bisherigen weiterfahren ? 
Doch offenbar nicht, sonst hätte ihrer Freundschaft der Ernst ge- 
fehlt. Dieser drängt vielmehr auf eine Entscheidung hin : entweder 
zerfäUt aUes, oder etwas Neues entsteht. Ein Vorstoß aus dem 
Kern der Freundschaft muß erfolgen und sie zu etwas machen, das 
mehr ist, als was gewesen. 

Entsprechendes gilt - auf einer höheren, sagen wir besser: einfach- 
hin hohen Ebene - für jene Beziehung, in die Gott den Menschen 
zu sich selbst erhoben hat. Daß dieser das unsägHche Vertrauen 



[5] 



509 



seilies Schöpfers verraten hat, konnte nicht durch eine gnädige 
Handbewegung ausgelöscht werden. Gerade weil Gottes Liebe von 
so furchterregendem Ernst getragen war, konnte das Leben des 
Menschen, nachdem er sie verraten hatte, nicht einfach im Bis- 
herigen weitergehen. Wie bis auf den Grund das Verhältnis des 
Menschen zu Gott, zu sich selbst, zur Welt erschüttert war, können 
wir ja noch heute am Menschen ablesen. In einem Mißverständnis 
wissenschaftlicher Erkenntnisse sagt man, der Mensch sei einfach- 
hin eine Fortentwicklung des Tieres ; so sei alles SchUmme in seinem 
Wesen und Verhalten als Überrest aus dem animalischen Kampf 
um das Dasein zu verstehen. Wenn wir uns diesen Kurzschlüssen 
gegenüber ein unabhängiges Urteil wahren, werden wir niemals 
sagen, der Mensch sei eine natürlich-klare Angelegenheit ! Die tiefe 
Verstörung, die in allem wirkt, was menschlich heißt, ist kein 
Überbleibsel aus überwundenen Entwicklungsstufen, sondern von 
ganz anderer Art. Sie ist eine Verwirrung in den Wurzeln - Aus- 
wirkung des Verrates, den der Mensch Gott angetan hat. 
Und noch offenbart das, was sich im Gang der Zeiten zuträgt, nicht 
die ganze Furchtbarkeit des Geschehenen, denn Gottes Liebe hat es 
ja aufgefangen. Hätte Er das nicht getan, hätte Er den Menschen 
den Konsequenzen seiner Tat überlassen, dann wäre die Geschichte 
eine Geschichte der Verzweiflung geworden - vorausgesetzt, daß 
Jene, die den Verrat begangen, ihn überhaupt hätten überleben 
können. Daß das nicht geschah, war schon der Anfang der Er- 
lösung. 

So hat sich denn auch ein neuer Anfang geöffnet. Das Unrecht ist 
gesühnt; das verratene Vertrauen ist abermals und in größerer 
Großmut geschenkt worden. Gott selbst ist es, der das getan hat, 
und sein Tun nennen wir Erlösung. Mit einem Ernst des Liebens, 
der noch tiefer ist als der der Schöpfung - so tief, daß wir für ihn 



keinenBegriffhaben - nimmt derEwig-Heilige die Verantwortung 
für die Sünde auf sich selbst. Er wird Mensch und tritt mit der 
Gesinnung dieser Heiligkeit, das heißt aber, ohne Schutz und preis- 
gegeben, in die Geschichte ein. Was das bedeutet, zeigt Jesu Schick- 
sal. Das war die Sühne der Schuld, zu der wir Schuldige nicht fähig 
waren. Aus ihr heraus dürfen wir nun als Versöhnte leben. 

Das bedeutet aber nicht, daß Gott das Geschehene ungeschehen 
gemacht hätte, denn das wäre unwahr. Er zaubert auch den Men- 
schen nicht um, das wäre unernst. Was geschehen ist, bleibt ge- 
schehen und wirkt als Verstörung, als Trieb zum Bösen, als Be- 
irrung des Blicks, als Bedrängnis und Leid in seinem Leben weiter. 
Der Mensch steht wohl in der neuen Gottesbeziehung, aber als 
jener, zu dem er sich selbst gemacht hat; nur daß sich ihm jetzt 
- und das bedeutet allerdings Unterschied einfachhin - die neue, 
unendliche Möglichkeit der Gnade öffnet. 
So ist es sehr töricht, um nicht Schärferes zu sagen, wenn jemand 
erklärt, ein hebender Gott könne dem Menschen so Schweres nicht 
antun, da doch er selbst, der Mensch, es ist, der alles verschuldet hat. 

Wenn jetzt der Mensch aufs neue Gott Heben will, dann muß er es 
»in Wahrheit« tun; im Ernst der Wirklichkeit (i Joh 3, 18) ; in der 
Geschichte, wie sie durch ihn geworden ist und immer weiter wird. 
Diese Liebe fängt damit an, daß der Mensch an Gottes Liebe glaubt, 
obwohl die Welt ist, wie sie ist. Johannes sagt in seinem Brief ein 
eigentümliches Wort : »Das ist der Sieg, der die Welt überwunden 
hat, unser Glaube.« (5,4) Diese »Überwindung« kann man mehr 
äußerlich verstehen, als Festigkeit in feindlicher Umgebung, als 
Tapferkeit in Zeiten des Kampfes, und so fort. Ich denke aber,'der 
Sinn ist tiefer und meint, der Glaubende müsse auf das Wort der 



510 



[61 



[71 



5ii 



Offenbarung hin in die Welt hineinglauben, daß Gott Der ist, der 
Er ist, und gesinnt, wie Er seine Gesinnung kund getan hat. Denn 
der Zustand der Welt scheint diesen Glauben immerfort Lügen zu 
strafen. Immerfort und in immer neuen Weisen erklärt sie, Gott 
könne unmöglich gesinnt sein, wie die Offenbarung es sagt, wenn 
die Welt sei, wie sie ist. Und gibt es nicht Stunden, in denen wir 
uns selbst wie Narren vorkommen, an solche Dinge wie Gottes 
Liebe und Gnade zu glauben, während alles in der Welt geht, wie 
es geht ? Johannes antwortet: Diesen Anschein mußt du aus dem 
Glauben heraus überwinden. 

Was heißt das aber ? Doch nicht, daß wir die Welt zurechtphan- 
tasieren! Also was ? Nehmen wir an, da seien zwei Menschen, die 
einander von innen her kennen und heben. Sie werden manchmal 
das Richtige tun, manchmal versagen, vom Staub des Alltags nicht 
zu reden, der alles grau macht. Der Ernst des Liebens bedeutet dann, 
daß jeder das Bild des Freundes trotz allem Widerspruch der 
äußeren Erfahrung immer wieder in die eigentliche Wirklichkeit 
zurück hebe. Ebendas, sagt Johannes, müssen wir mit Bezug auf 
Gott tun. 

Wie die Welt sich zu fühlen gibt ; was wir von ihr im persönlichen 
Erleben wie im Raum der Geschichte zu spüren bekommen, gibt 
uns wenig Anlaß, sie als Werk von Gottes erlösender Liebe anzu- 
sehen. Meistens ist sie gleichgültig, oft unf reundlich, zuweilen aber 
kann uns zumute sein, als sei ihr Grund kalte Grausamkeit. Dann ist 
es Zeit, Gottes verborgene Liebe glaubend festzuhalten; die Welt 
in diese Liebe hineinzuglauben. Das ist dann nicht, wie Skepsis und 
Enttäuschung uns vorhalten könnten, Phantasie, sondern bedeutet, 
daß unser Glaube wider den Anschein die tiefere Wahrheit zum 
Sieg bringt. 



Damit tut der Liebesglaube den ersten Schritt, der zweite aber be- 
steht darin, daß wir diese Welt annehmen -Jeder von uns so, wie 
sie ihm begegnet und da, wo er steht. 

Das ist schneller gesagt als getan, denn das Dasein macht uns diese 
Annahme nicht leicht, und manchen macht es sie sehr schwer. So 
wollen wir uns vorweg darüber klar sein, daß damit nicht gemeint 
ist, wir sollten uns Illusionen zurechtdenken. Was schlimm ist, 
können wir nicht gut nennen. Vom Leiden können wir nicht sagen, 
es sei eine Annehmlichkeit. Das Unrecht, die Gewalt, die Lüge in 
der Welt verbieten uns, zu urteilen, mit ihr stehe es gut. Es gibt 
Leute, die überzeugt sind, man müsse die Welt nur mit den rich- 
tigen Augen anblicken, dann werde man sehen, wie schön sie sei. 
Müsse mit frohem Mut zufassen, und alles werde sich gut fügen. 
Die so sprechen, schaden mehr, als sie ahnen. Wenn sie es programm- 
mäßig tun, kann man nur vonDummheit und Unehrlichkeit reden. 
Aber auch die gutmeinenden Optimisten sind gef ährlich, denn sie 
verführen zu falschem Sehen. Und sie selbst erfahren oft ein böses 
Schicksal. Das Leben widerlegt sie, und dann werden aus ihnen die 
Enttäuschten und Verbitterten. 

Hier ist nichts dergleichen gemeint, denn es wäre Unwahrheit. 
Gemeint ist die Wahrheit; und zwar die des Herzens, worin Klar- 
sicht, Bereitschaft und mutiges Vertrauen zusammengehen. Sie 
bedeutet, daß wir mit einem Ja zum Dasein anfangen müssen, nicht 
mit einem Nein. Dieses Ja aber ist eine Bewegung der Liebe zum 
Dasein als dem Werk Gottes. Sie ist eine wirkliche Tat, denn sie 
überwindet, mit Johannes zu reden, die Welt und ihren Anschein. 
Sie dringt zu dem Ursprungspunkt alles Seienden durch, zur Schöp- 
fungstat Gottes, welche Liebe ist; die erste Liebe, aus der heraus 
alle Liebe erst möglich wird. Sie sieht, die Welt ist nicht gut; doch 
Gott hat sie gut gewollt. Sie ist durch unsere, der Menschen Schuld, 



512 



[8] 



[9] 



513 



verstört; doch Gott hat sie uns aufs neue in die Hand gegeben, da- 
mit sie wieder gut werde. Das aber nicht in idealistischem Rausch 
oder perfektionistischen Programmen, sondern in Gnade und 
Treue und durch all das Leid hindurch, das aus der Verstörung 
kommt. 

So bedeutet die erste Liebe, das Dasein anzunehmen. Und nicht nur 
so, daß wir auf das hin resignieren, was nun einmal nicht anders 
sein kann, sondern so, daß wir in Gottes Intention eingehen, und 
von ihr her das Unendlich-Große im Blick halten, das Er vollbracht 
hat, als Er die Welt schuf und sie erlöste. Diese Haltung drückt sich 
am schönsten darin aus, daß sie immer wieder - vor allem morgens, 
wenn der Tag frisch ist - Gott dafür dankt, daß Er die Welt ge- 
schaffen. Fühlen Sie, wie wahr und wichtig es ist, so zu tun ? Wie 
es das Dasein richtig macht ? 

Das Gleiche gilt für die eigene Person und das eigene Leben. Auch 
mit ihm werden wir nur fertig, wenn wir mit einem Ja anfangen, 
nicht mit einem Nein. Gewiß ist darin viel Schweres: Verlust, 
Bedrängnis, Leid. Aber das ist nicht durch eine Härte Gottes hin- 
eingekommen, sondern steht im großen Zusammenhang der Ver- 
störung, die der Mensch in die Welt gebracht hat. Es ist verständ- 
lich, daß der Bedrängte an Gott die Frage richtet : Warum ich ? war- 
um das mir ? Aber er darf die Frage nicht zur Anklage werden 
lassen. Er muß zu der Liebe Gottes durchdringen, die im Innersten 
des Daseins steht, mit ihr ins Einvernehmen treten und von ihr her 
sich selbst annehmen. Nicht, um zu resignieren. Er soll kämpfen 
und um das Bessere ringen; aber von einem ersten Ja aus. 
Auch hier gehört es zu den Grundakten gläubigen Daseins, Gott 
für das eigene Dasein zu danken. Wieviel sich gegen eine solche Zu- 
mutung empören kann, Hegt auf der Hand. Ein elementares Gefühl 






kann sich erheben und sagen: es ist schlimm genug, daß mir das 
aufgeladen wird - und nun soll ich dafür auch noch dankbar sein ? 
Die Reaktion ist verständlich ; sobald sie aber herrschend wird, ver- 
sperrt sie den Weg in den Kern, und der Kern alles Daseins ist das 
Einverständnis mit Gott, der uns geschaffen hat. Nur von ihm her 
wird man mit dem Leben fertig - so fertig, daß es wahr und frucht- 
bar wird. 

Das Leben jedes Menschen, der zum Eigentlichen durchgedrungen 
ist, enthält diesen Grundakt: die Annahme seiner selbst, wie er ist; 
mit Körper und Geist, Erbe und Umgebung, Veranlagung und 
Lebensfügung. Dadurch erst hört alles auf, wie ein stummer Block 
dazuliegen. Es kommt in Bewegung. Es tritt in jenen Vorgang der 
Umwandlung ein, aus welchem der neue Mensch hervorgeht, auf 
dessen Werden sich unsere Hoffnung richtet. 



5H 



[10] 



[11] 



515 



» 



HERZ JESU 



« 



j 



* 



LIEBE FREUNDE, 




or kurzem hat die Kirche das Fest des Herzens Jesu gefeiert, 
und wir wollen zu verstehen suchen, was es meint. 
Das ist notwendig, denn die Atmosphäre, welche das Herz-Jesu- 
Symbol umgibt, enthält manches, das befremden kann. Die Bilder, 
die ihm Ausdruck geben, sind oft von schwer erträglicher Senti- 
mentalität. Die Sprache, die in seinem Bereich gesprochen wird 
und die Gefühle, die in ihm zutage treten, sind nicht selten unecht 
und unnatürlich. Kommt dann etwa hinzu, was auch wohl ge- 
schieht, daß Persönlichkeiten, die gern vom Herzen Jesu reden, 
einen nicht sehr glaubwürdigen Eindruck machen, so wundert man 
sich nicht, wenn Menschen von ernster Christlichkeit und zurück- 
haltender Art dem Gedanken ablehnend gegenüberstehen. 
Auf der anderen Seite sehen wir aber, daß die Kirche ihm und der 
auf ihm sich aufbauenden Frömmigkeit einen großen Wert bei- 
mißt. Religiös bedeutende, ja heilige Menschen haben in ihm die 
stärksten Motive für ein reines, sogar heroisches Leben gefunden; 
und es ist eine Tatsache, die nachdenklich macht, daß es manchmal 
gerade sehr männliche Naturen sind, denen das Symbol des Her- 
zens Jesu wichtig wird. So haben wir Anlaß, zu fragen, was es 
meint. 

Der Mittelpunkt des christlichen Lebens ist Jesus Christus. Mit ihm 
haben die Glaubenden verehrenden Umgang. In Ihm suchen sie 
die Motive rechten Verhaltens und die Ordnung fruchtbaren Tuns. 
So hat sich im Lauf der Geschichte auf die Person Jesu hin auch ein 
reiches Andachtsleben entfaltet. Dieses Leben entwickelt sich, je 
nach dem Anlaß und der Veranlagung der anregenden Persönlich- 



[15] 



519 



keiten, in verschiedener Weise. In der Mannigfaltigkeit, die sich da 
zeigt, werden aber zwei Grundformen deutlich. 
Die erste könnte man die realistische nennen. In ihr versuchen die 
Glaubenden sich zu vergegenwärtigen, welche Ereignisse sich im 
Leben Jesu zugetragen haben, was Er gesagt, was Er getan, welches 
Schicksal Ihn betroffen hat. Sie durchdenken es, fragen nach Grund 
und Sinn und suchen ihr Leben dazu in Beziehung zu setzen. Die 
Vorstellungen, die auftauchen, sind ganz konkret. Sie bemühen 
sich, der Persönlichkeit Jesu, wie sie gewesen ist, und seinem Le- 
bensgang, wie er sich geschichtlich zugetragen hat, so nahezu- 
kommen als möglich. Der Glaubende liest und durchforscht die 
Texte, die von Ihm Kunde geben, und wohl jeder von uns hat 
schon einmal den Wunsch gehabt, die Berichte möchten doch von 
dem, was geschehen ist, mehr erzählen und in dem, was sie erzäh- 
len, genauer ins Einzelne gehen, als sie es tun. 
Wir sehen denn auch, daß im Andachtsleben der Kirche sich be- 
stimmte Formen herausgebildet haben, welche diese konkrete 
Wirklichkeit des Lebens Jesu zu Bewußtsein bringen. Denken wir 
nur an die älteste und ehrwürdigste von ihnen, die wohl bald nach 
dem Hingang des Herrn entstanden ist: den Kreuzweg. Es kann 
gar nicht anders sein, als daß schon sehr früh die Glaubenden, von 
der Überlief erung belehrt, in Jerusalem dem Weg gefolgt sind, den 
Er zum Tode gegangen ist. Sie haben bedacht, was sich an den ver- 
schiedenen Orten zugetragen, was Er hier und dort gesprochen hat ; 
haben sich in alles hineinversetzt, und für manch einen mag es zur 
inneren Wende geworden sein, wenn er in solcher Weise die 
letzten Stunden des Herrn miterlebt hat. 

Es gibt aber noch eine zweite Weise, der Persönlichkeit des Herrn 
nahezukommen; wir wollen sie mit einem etwas unbestimmten 



520 



[16] 



Ausdruck die mystische nennen. Das Interesse des Mystikers richtet 
sich nämlich nicht so sehr auf die einzelnen Charakterzüge der Per- 
sönlichkeit Jesu, die konkreten Handlungen, die Er vollzogen, und 
die geschichtlichen Zusammenhänge, in denen Er gestanden hat, 
als vielmehr auf sein Wesen, wie es sich in allem Einzelnen offen- 
bart; auf die Sinnmitte, aus welcher alle Worte und Handlungen 
hervorgehen. Er will nicht die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen 
ausbreiten, sondern sie in Inbegriffen zusammenfassen. Gregor der 
Große erzählt in seinem Leben des heiligen Benedikt, wie dieser 
einmal in einem Lichtstrahl die Fülle der Welt geschaut hat - in 
ähnlicher Weise sucht der Mystiker den Reichtum der Person und 
des Lebens Jesu in einem einfachen Bild anzuschauen. 
Wenn wir es recht bedenken, hat Jesus selbst diese Art geistlicher 
Einbegreifung ermutigt. Ja Er hat geradezu deren Urform ge- 
schaffen, als Er den Glaubenden sich und das Seinige, Person und 
Gesinnung, Tun und Schicksal im Mysterium der Eucharistie 
schenkte. Da ist die Mannigfaltigkeit der gottmenschlichen Exi- 
stenz in die einfache Gestalt der Speise zusammengenommen, wie 
Er gesagt hat: »Ich bin das Brot des Lebens ... Wer von diesem 
Brot ißt, wird leben in Ewigkeit.« (Joh 6,48.51) 
Eine Einbegreifung ähnlicher Art drückte sich im Symbol des Her- 
zens Jesu aus. Der Kern aber, um den sie sich vollzieht, ist Seine 
Gesinnung. 

Die »Gesinnung« ist das Letzt-Eigentliche, nach dem wir fragen, 
wenn wir uns zu vergewissern suchen, woran wir mit einem Men- 
schen sind. Wichtig ist natürlich schon, was er sagt, Erzählungen, 
Pläne, Versprechen; es steht aber dahin, wie er es meint. Wichtig 
ist, wie er sich verhält, sein Tun und Lassen und Sich-Geben ; damit 
allein weiß man aber noch nicht, welche Absichten er hat. Wollen 



[17J 



521 



wir eines Menschen gewiß werden, dann prüfen wir, wie er ge- 
sinnt ist. Also nicht nur, was er tut, oder sagt, oder denkt, sondern 
welche Absichten er hat, wie er es meint. Und nicht nur einmal, 
oder hin und wieder, sondern als Grundrichtung und für immer. 
Gesinnung ist die Weise, wie ein Mensch in der Wahrheit seines 
Herzens zu Gut und Böse, Wahr und Falsch steht. Weiter aber 
auch, wie er in gleicher Wahrheit zum anderen Menschen steht, 
zum Freund, zum Kameraden, zu dem, der ihn hebt - was der ihm 
bedeutet, was er ihm zuwünscht, wozu er ihm gegenüber bereit ist. 
Gesinnung ist die Weise, wie ein Mensch es überhaupt mit dem 
Anderen, mit dem Leben, mit dem Dasein meint: ob freundlich 
oder kalt, helfend oder egoistisch, großmütig oder kleinlich, be- 
jahend oder verneinend. Heißt nicht ein letztes Urteil über einen 
Menschen : er meint es mit dem Dasein gut - oder : er ist ihm f eind - 
oder : er nutzt es aus ? 

Nach der Gesinnung, die hinter ihnen steht, beurteilt Gott Tat und 
Wort und Gedanken. Danach, wie ich den Anderen mir gegenüber 
gesinnt finde, vertraue ich ihm, oder halte mich zurück, oder weiß 
nicht, woran ich mit ihm bin. 

Und nun ist von der Gesinnung Jesu die Rede: sie ist die des 
Erlösers. 

Der Gott, meine Freunde, an den wir glauben, ist nicht so, daß Er 
in olympischer Enthobenheit thronte, während unten das arme 
Menschenleben sich quälen müßte, sondern Er hat den Menschen 
an sich herangezogen. Er hat gewollt - lassen wir uns das Wort 
nahekommen - daß der Mensch Ihm wichtig sei. Nicht weil dieser 
es von ihm selbst aus wäre. Durch den Eigenwert unseres Tuns und 
Leistens können wir demHemg-Allmächtigenmemals bedeutungs- 
voll werden. Er ist Herr seiner selbst und bedarf keines Dings. Als 



522 



[181 



Er uns aber schuf, hat Er gewollt, wir sollten nicht - wie Stern, Berg 
und Meer, Pflanze und Tier - bloße Bestandteile seiner Schöpfung 
sein. Er hat uns nicht als Gegenstände einfachen Werdebefehls ins 
Sein gestellt, sondern Er hat uns als Personen gewollt. So war sein 
schaffendes Wort für uns ein Anruf, der jedem von uns das Unsäg- 
liche gab, Ihm als unserem »Du« antworten zu dürfen. Darin drückt 
sich Gottes Wille aus, wir sollten seinem Herzen etwas bedeuten. 
Als nun der Mensch sündigte, hat Er ihn nicht weggeworfen - wie 
heidnische Numina tun, welche die Welt bilden, um sie dann, 
wenn sie ihrer überdrüssig sind, in Scherben zu treten - sondern Er 
hat ihn festgehalten. Ist aber der Mensch Gott wichtig geblieben, 
so auch die Sünde des Menschen. Man könnte fragen, was das Biß- 
chen Sünde des kleinen Geschöpfs dem allmächtigen Herrn bedeu- 
ten könne. Vom Eigenwert des Menschen her gewiß nicht viel. 
Aber Gott hat den Menschen ans Herz genommen. Er hat ihm sein 
Vertrauen geschenkt, ihn zum Gestalter der »zweiten Welt« be- 
rufen, die aus der ersten hervorgehen sollte. Da ist, von Ihm gewollt, 
eine Nähe entstanden; Nähe zwischen dem Herzen des Menschen 
und dem Herzen Gottes. 

In der Innigkeit dieser Nähe, in der Lauterkeit dieses Vertrauens hat 
sich kund getan, wie Gott gesinnt ist : so großmütig, wie mächtig ; 
so freudig schenkend, wie reich; so kühn und - ein Freund hat das 
Wort gesagt - arglos, wie edel. Der heilige Adel von Gottes Ge- 
sinnung hat sich geofFenbart - und Ihm hat die Gesinnung seiner 
Menschen geantwortet: rein, schön, stark, leuchtend in der Wahr- 
heit der Anbetung und brennend in Bereitschaft. 
Dann aber hat sich das nie zu Begreifende ereignet, daß diese Men- 
schen gesündigt haben. Gewiß, es wird uns gesagt, daß Satan sie 
verführt hat. Aber wie soll man verstehen, daß sie, die doch rein 
waren, verführt werden konnten ? Und verführt nicht zu einer 



[19] 



523 



Kindersünde, sondern zur Empörung wider Gott ; zum Willen, Ihn 
aus seiner Hoheit zu verdrängen ; selbst auf seinem Thron zu sitzen. 
Da ist das furchtbare Geheimnis der bösen Gesinnung entstanden. 
Denn jene Sünde ist aus dem Innersten hervorgegangen - um das 
zu sehen, brauchen wir nur auf das zu blicken, was nachher daraus 
geworden ist: vom Brudermord des Kain bis in die Entsetzlich- 
keiten unserer Tage. 

Aus der Nähe, in die Gottes Gesinnung den Menschen gezogen hat, 
ist das alles hervorgegangen - so ahnen wir, wie groß die Schuld 
sein mußte. 

Diese Schuld zu sühnen, war der Mensch nicht fähig. Ganz abge- 
sehen von der Unvergleichbarkeit, in welcher er zum Heilig- 
Ewigen stand - aber die Empörung hatte ja die Nähe zerstört, aus 
der heraus sie geschehen war. Der Mensch war nicht mehr der 
gleiche, der er bei der Tat gewesen. Da hat Gott - Gnade über 
allem, was erdacht werden kann - den Ratschluß gefaßt, selbst in 
die Verantwortung für die Sünde des Menschen einzutreten. 
Eigentlich müßten wir uns gegen diese Aussage auflehnen, weil sie 
so ungeheuerlich ist. Jeder Heide lacht über sie. Jeder Rationahst 
lacht über sie. Jeder Philosoph, der nicht glaubt, sagt: Welch ein 
Unsinn ! Aber genau das ist der Kern der christlichen Botschaft. So 
wichtig nimmt Gott die Sünde, daß Er sie nicht ohne Sühne läßt. 
Diese Sühne kann der, der sie eigentlich schuldet, nicht voll- 
bringen ; daher tut seine Liebe das Unbegreifliche und nimmt sie 
selbst auf sich. 
So ist Gott gesinnt, daß Er das tut. 

Wir haben einfach gesagt: Gott tut das. Die Offenbarung lehrt uns 
aber, zu unterscheiden: Der Vater faßt den Ratschluß im »unzu- 



524 



[20] 



gänglichen Licht« (1 Tim 6,16) der Ewigkeit. Der Sohn aber ist 
bereit, in der Liebe des Heiligen Geistes den Ratschluß zu erfüllen. 
Er tritt in die Welt, indem Er Mensch wird. Im Brief des Apostels 
Paulus an die Philipper heißt es : » Seid in euch selbst gesinnt, wie 
Christus Jesus gesinnt war . . .Er erniedrigte sich, indem Er gehorsam 
wurde bis zum Tod, und zwar zum Tod am Kreuz. « (2, 5-8) 
In den Sätzen taucht das Wort von Jesu Gesinnung auf - der Ge- 
sinnung, die erlöst. Sie ist die Antwort auf jene, die im Menschen 
erwachte, als er Gott verriet. Im Vater ist sie als Ratschluß, der den 
Sohn sendet; im Sohn als Gehorsam, der die Sendung erfüllt. Von 
dieser Gesinnung geleitet, hat Er in der Welt gestanden. Er, der 
Schuldlose, hat die Sünde der Menschen als eigene auf sich ge- 
nommen. Er ist in die Verantwortung der Tat eingetreten, die Er 
nicht begangen hatte. In einem Ernst der Liebe, der offenbart, wer 
Gott ist, hat Er die Schuld der Menschen auf sich genommen und 
gesühnt. 

Die Sühne aber bestand darin, daß Er, in der unduldenden Heilig- 
keit Gottes lebend, es auf sich nahm, als Mensch in dieser vom Bösen 
verstörten Welt zu sein.Was würde ein vornehmer Mensch emp- 
finden, wenn man ihn zwänge, unter Lügnern und Verrätern zu 
leben ? Müßte ihm nicht jeder Atemzug unerträglich werden ? 
Dennoch wäre es ein mildes Schicksal, verglichen mit jenem, das 
der Sohn Gottes in seiner gottmenschlichen Existenz auf Erden 
durchlebte. Die Evangelien sagen nicht viel von solchen Dingen ; 
wer sie aber mit wachem Gefühl liest, entdeckt hier und da Stellen, 
in denen die furchtbare Not dieses sühnenden Leidens durchdringt. 
Mehr als das ist geschehen : Er, der Wahrhaftige und Gerechte, hat 
die Botschaft des Vaters verkündet, Sein Reich ausgerufen, das 
Böse, das überall regierte, offenbar gemacht - und auf sich ge- 
nommen, was Ihm in der Welt, die war, wie sie war, daraus 



[21] 



525 



kommen mußte. Das Wort, das Er zum Täufer spricht: »es ziemt 
sich für uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen« (Mt 3, 15), meint zu- 
nächst, daß Er sich in die allgemeine Ordnung stellt, nach welcher 
die Gläubigen des Alten Bundes durch den Täufer auf das Kom- 
mende vorbereitet werden sollten. Man darf es aber doch auch tie- 
fer verstehen : Für Ihn, der gekommen war, den Zustand des Da- 
seins zu sühnen, »ziemte es sich«, durch nichts sich selbst vor diesem 
Zustand zu schützen, noch sich durch irgendwelche Technik sei- 
nem furchtbaren Andringen zu entziehen. Seiner Souveränität 
wäre es ein Leichtes gewesen, die Situation zu meistern. Wie Er 
darauf verzichtet; wie Er sich dieser Situation bis ins Letzte hinein 
aussetzt, ist erschütternd. Eine Reinheit im Ethos des Erlösers, eine 
Absolutheit der Sühne-Gesinnung enthüllt sich, die Schrecken 
erregt. 

Diese Gesinnung hat in Jesus Christus gelebt. Aus ihr ist alles ge- 
kommen, was Er sprach und tat. Sie ist es, die sich im Symbol des 
Herzens Jesu ausdrückt. Die Andacht zum Herzen Jesu aber - sagen 
wir mit allgemeineren Worten: die Beziehung der Menschen zu 
diesem Symbol besteht darin, ebendiese Gesinnung zu verstehen, 
sich ihr zu nähern und, soweit menschliche Kärglichkeit es vermag, 
sie mitzuvollziehen. 

Nun ahnen Sie wohl, meine Freunde, wie groß der Herz-Jesu- 
Gedanke ist; also müssen wir ihn auch so zu nehmen suchen. Die 
Geschmacklosigkeiten und Sentimentalitäten wegtun, wo wir 
können ; wo wir es nicht können, sie übersehen. Und zum Wesent- 
lichen durchdringen, zur nie zu erschöpfenden Wahrheit, daß in 
Christus Gottes Liebe die Verantwortung für unsere Schuld auf 
sich genommen und gesühnt hat. 
Wenn wir das tun, bringt Seine Gesinnung sich in uns zur Geltung. 



526 



[22] 



Dann können wir das Böse nicht mehr so leicht nehmen. Lüge, 
Neid, Untreue, Unlauterkeit, Pflichtvergessenheit - wir lernen das 
alles ernster anzusehen. Wir werden inne, daß jedes Unrecht, das 
wir tun, Christi Liebe belastet. Ein Einvernehmen zwischen un- 
serem Gewissen und der Gesinnung des Erlösers entsteht. Es kommt 
uns nahe, wie - lassen Sie mich das Alltagswort brauchen - un- 
anständig es ist, Böses zu tun, wenn Er dafür büßt. 
Im Maße es gelingt, dieses Bewußtsein zu gewinnen und wach- 
zuhalten, entsteht ein Ehrgefühl aus dem Glauben heraus, das lang- 
sam, aber folgerichtig unser Leben ändert. Wenn man an all die 
Gef ühlsseligkeit denkt, die als unerf reuliche Atmosphäre den Herz- 
Jesu-Gedanken umgibt, dann klingt es paradox ; es ist aber wirklich 
so : was diese Frömmigkeitsform trägt, ist eine heilige Vornehm- 
heit. Der Herr der Welt tritt für den Menschen ein, damit dessen 
Schuld gesühnt sei, und er in Freiheit leben könne; der Mensch 
aber, der versteht, empfängt daraus das Ehrengebot, wachsam zu 
sein, damit das eigene Tun die unendliche Last nicht vermehre, die 
auf Christus hegt. 



[23] 



527 



Bereits erschienene Universitätspredigten: 




Heft 1 Der Geist der Psalmen 

Weg und Frucht - Der erste Psalm 

Heft 2 Gottes Hirtensorge - Psalm 22 

Geborgenheit in Gott - Psalm 90 

Heft 3 Gottes Erkennen - Psalm 138 

Der lebendige Gott - Psalm 113 

Heft 4 Das Gotteslob der Welt - Psalm 148 
Die Erschaffung der Welt - Psalm 103 

Heft 5 Die Freude des Cliristen 

Die Botschaft des Fronleichnamsfestes 
Heft 6 Der Engel des Menschen 

Christi Himmelfahrt und Wiederkunft 
Heft 7 Das Gleichnis vom Säemann 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg 

Heft 8 Die Kirche / Meditation um Pfingsten 

I. Jesu Absichten II. Die Geburt der Kirche 

Heft 9 III. Offenbarung und Verhüllung 

IV. Wahrerin der Wahrheit 
Heft 10 V. Die Sichtbarkeit der Kirche 

Vom Denken und Leiden des heiligen 
Augustinus 

Heft 11 Ungarn / Der Anfang aller Dinge 

Eine Auslegung der ersten drei Kapitel der Ge- 
nesis 
I. Die Frage nach dem Anfang 

Heft 12 II. Erschaffen und Erschaffen sein 

III. Der erste Schöpfungsbericht und der Tag 
des Herrn 

Heft 13 IV. Der zweite Schöpfungsbericht und die Ord- 
nung der Ehe 

V. Das Paradies 

Heft 14 VI. Der Baum der Erkenntnis des Guten 
und des Bösen 
VII. Versuchung und Sünde 

Heft 15 VIII. Die Rechenschaft und der Verlust 
des Paradieses 
IX. Der Tod 

Heft 16 X. Die Verstörung des Menschen Werkes 
XI. Die Verstörung im Verhältnis 
der Geschlechter zueinander 

Heft 17 Advent / Heilige Nacht 

Heft 18 Jahreswechsel / Epiphanie 



Heft 19 Liebe und Licht / Über Worte aus dem 
ersten Johannesbrief 
I. Offenbarung II. Die Welt 

Heft 20 III. »Gott weiß alles« 

IV. Licht der Wahrheit 

Heft 21 V. Das Wesen von Gottes Liebe 
VI. Licht der Liebe 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis 

i. Auflage 1958 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Frank. Gesellschaftsdruckerei Würzburg 






BX 
1756 

.G85 

W3 

v.23 



23 



WAH RH E IT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen ; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



GEBET UND WAHRHEIT 



Meditationen 
über das Gebet des Herrn 



UNiVERsmy 

NOTREDAME 



§.smi 




LIBRARIES 



VORBEMERKUNG 

I 1« folgenden Hefte sollen eine Reihe von Erwägungen über 
-L-^ das Vaterunser bringen. Der Titel »Gebet und Wahrheit« 
ist dafür mit Bedacht gewählt. Er soll sagen, daß das Gebet nicht 
aus dem unberechenbar wechselnden Gefühl, sondern aus dem 
Licht der Wahrheit und der Tiefe des Herzens kommen soll. 
Vielleicht wäre statt »Wahrheit« besser »Wirklichkeit« zu sagen, 
denn was der Herr verkündet und worauf Er unser Leben ge^ 
gründet hat, sind nicht nur Gedanken und Weisungen, sondern 
es ist das Reich des Lebendigen Gottes. Doch mag das Wort 
»Wahrheit« mit seiner klaren Schärfe stehen bleiben; aber so ge- 
meint, daß es nicht nur die Gültigkeit der Erkenntnis, sondern 
auch die Festigkeit des erkannten Seins bedeutet. 



DER TEXT 



. 



LIEBE FREUNDE, 



i/o 2 ) 

V.2-3 



Das Gebet des Herrn - oder, wie man meistens sagt, das 
Vaterunser - wird uns im Neuen Testament an zwei Stellen 
überliefert. Einmal von Lukas im elf tenKapitel seines Evangeliums. 
Da heißt es : »Und es geschah an einem Orte, daß Er betete. Als Er 
aufhörte, sagte einer von seinen Jüngern zu Ihm: <Herr, lehre uns 
beten, wie auch Johannes seine Schüler gelehrt hat!> Er aber sagte 
zu ihnen: <Wenn ihr betet, so sprecht: 
Vater, geheiligt werde Dein Name. 
Es komme Dein Reich. 

Unser nötiges [oder: unser ausreichendes] Brot gib uns täglich. 
Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der 
an uns schuldig geworden ist. 
Und führe uns nicht in Versuchung.) « (1-4) 
So die eine Stelle. Die andere findet sich im sechsten Kapitel des 
Matthäusevangeliums, in jenem großen Zusammenhang, den wir 
die Bergpredigt nennen. Da heißt es: »Und wenn ihr betet, dann 
soll es bei euch nicht sein wie bei den Heuchlern. Die verrichten 
gern ihr Gebet in den Synagogen und an den Straßenecken stehend, 
um sich den Menschen zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch, sie haben 
ihren Lohn gehabt ! Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer 
und schließe deine Tür, und bete zu deinem Vater, der im Verbor- 
genen ist, so wird dein Vater, der im Verborgenen sieht, dir ver- 
gelten. Wenn ihr aber betet, so sollt ihr nicht plappern wie die Hei- 
den, denn die meinen, sie werden gehört mit ihrer Wortmacherei. 
Werdet ihnen nicht gleich; denn euer Vater im Himmel weiß, 
wessen ihr bedürfet, ehe ihr's von Ihm begehrt. So sollt ihr denn 
also beten: 



[5] 



533 






Unser Vater, der Du bist in den Himmeln, 

Geheiligt werde Dein Name. 

Es komme Dein Reich. 

Es geschehe Dein Wille, wie im Himmel, so auch auf Erden. 

Unser nötiges [oder: ausreichendes] Brot gib uns heute. 

Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben 

unseren Schuldigern. 

Und führe uns nicht in Versuchung, 

Sondern erlöse uns von dem Bösen [oder: von dem Übel].« (9-13) 

Als Sie diese beiden Texte hörten, haben Sie wahrscheinlich die 
Frage empfunden, wie sie denn zu einander stünden, da sich doch 
zwischen ihnen so große Verschiedenheiten zeigen. Darauf sind 
manche Antworten gegeben worden; die überzeugendste scheint 
mir folgende zu sein: Wer die Situation der ersten Entstehung 
zeichnet, ist Lukas. Als Jesus nämlich eines Tages aus einer jener 
Zurückgezogenheiten des Gebetes, die Er Hebte, wieder zurück- 
kam, empfanden seine Jünger die heilige Nähe, die um Ihn war, und 
verlangten danach, selbst in sie eingelassen zu werden. Dazu kam 
f reilich auch sehr Menschliches. Johannes der Täufer wirkte näm- 
lich noch, und zwischen seinem Jüngerkreis und dem um Jesus ging 
allerlei Eifersucht hin und her. Als die letzteren nun erfuhren, Jo- 
hannes habe die Seinen gelehrt, wie sie beten sollten, wollten sie 
nicht zurückstehen und baten ihren Meister: »Lehre doch auch 
uns!« 

Was aber den Bericht des Matthäusevangeliums anlangt, so ist das 
Herrengebet dort in jene Zusammenfassung früher Lehrworte Jesu 
eingefügt, die wir unter dem Namen der »Bergpredigt« kennen. 
Sie stehen im scharfen Widerspruch zur veräußerlichten Religions- 
übung der Zeit; stellen dem Lippenwerk und der Eitelkeit der 



534 



[6] 



Scheint rommen den Ernst des echten Gottesverhältnisses entgegen, 
und das Vaterunser erscheint als der reinste Ausdruck lauterer 
Frömmigkeit. 

Daß aber der Text in so verschiedener Form überliefert ist, läßt 
vermuten, Jesus habe den Seinen kein genau formuliertes Gebet 
gegeben, sondern ihnen gesagt, zu wem sie beten sollten, nämlich 
zum Vater, den Er ihnen kundgetan hatte. Und weiter gesagt, 
worum sie bitten sollten: Zuerst um das Wichtigste, nämlich das 
Kommen des Reiches, die Erfüllung von Gottes Willen und die 
Verherrlichung seines Namens. Darauf um die Dinge, die sie selbst 
angingen: das tägliche Brot, die Vergebung der Sünden und die 
Befreiung von der Macht des Bösen. Nach dieser Weisung hätten 
dann die verschiedenen Gemeinden und Einzelnen ihr Gebet zu 
gestalten versucht, und so wären verschiedene Formulierungen ent- 
standen; allmählich aber hätte sich jene Fassung, die Matthäus gibt, 
durchgesetzt und wäre zum offiziell aufgenommenen »Gebet des 
Herrn« geworden. Sie wird wohl um die Mitte des Jahrhunderts 
den allgemein angenommenen Text gebildet haben. 

Im Gebrauch der evangelischen Christen folgt nach dem Schluß 
des Herrengebetes die sogenannte Doxologie. Sie lautet: »Denn 
Dein ist das Reich und die Macht und die Herrlichkeit. Amen. « 
Dieser Satz findet sich im Neuen Testament nicht. Er begegnet uns 
zum ersten Mal in der sogenannten »Didache« oder »Lehre der 
zwölf Apostel«, die im letzten Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts, 
also ungefähr gleichzeitig mit den Schriften des Apostels Johannes 
entstanden ist. Wir verstehen leicht, wie er sich eingefügt hat, denn 
im liturgischen Gebrauch der Psalmen findet sich eine Parallele zu 
dem Vorgang. Wie nämlich ein Psalm auch lauten möge, immer 
schließt er mit einer Doxologie, einer Lobpreisung von Gottes 



[7] 



535 



Herrlichkeit, und zwar den Worten : »Ehre sei dem Vater und dem 
Sohn und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, so auch jetzt 
und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen. « Der preisende Ausklang 
wäre dann aus dem gottesdienstlichen Bedürfnis mancher Gemein- 
den heraus dem eigentlichen Text angefügt worden. 

Was bildet nun den Kern dieses Gebetes, das der Herr als einziges 
den Seinen hinterlassen hat ? 

Es gibt eine Antwort, die sagt, im Vaterunser rede der Urlaut des 
religiösen Herzens. Sie wird durch die Einfachheit und Überzeu- 
gungskraft nahegelegt, welche dem heiligenText eignen und klingt 
sehr einleuchtend ; in Wahrheit ist sie aber nicht nur oberflächlich, 
sondern auch falsch. Sie kommt aus dem Geist der Aufklärung und 
ihrer Ansicht von der Natur des Menschen. Sobald man aber diesen 
nimmt, wie er in Wirklichkeit ist, dann sieht man bald : der Mensch, 
der außerhalb der Offenbarung lebt und aus seinem unmittelbaren 
religiösen Gefühl heraus betet, wird es nie mit den Worten des 
Vaterunsers tun. Wir brauchen uns nur die religiösen Texte anzu- 
sehen, die wir haben, griechische, ägyptische, babylonische und 
welche sonst, um uns hierüber klar zu werden. Wie anders reden 
die! 

Was das Gebet des Herrn vom »Vater« sagt, der »im Himmel ist«, 
hat mit den Vatergottheiten der Mythen ebensowenig zu tun wie 
mit dem Allgefühl der Naturfrömmigkeit. Die Väterlichkeit, von 
welcher da gesprochen wird, ist ein Name für das Erlebnis der 
Himmelshöhe, des Lichterfüllten, Umfassenden und Überwölben- 
den; für einen religiösen Eindruck also, der aus der Natur kommt. 
Oder für das Erlebnis der Ordnung, die alles Seiende durchwaltet 
und der Führung, die alles Geschehen lenkt; ein natürlicher Ein- 
druck auch er, den der fromm Sinnende aus dem Gang des Lebens 



536 



[8] 



WW^*^' 



gewinnen mag. Beides groß und schön, gewiß ; was aber Jesus 
meint, ist nicht das. 

Der Vater, von dem Er spricht, ist, von der Welt her gesehen, der 
»unbekannte Gott«, von dem niemand weiß, es sei denn, Er selbst 
nenne sich. Jesus sagt es ja ausdrücklich im Matthäusevangelium: 
» Niemand . . . kennt den Vater als nur der Sohn, und wem der Sohn 
es will offenbaren« (11,27). Ebenso in den Abschiedsreden bei Jo- 
hannes: »Niemand kommt zum Vater, es sei denn durch Mich« 
(14, 6) . So ist der Angeredete des Gebetes » der Gott und Vater unse- 
res Herrn Jesu Christi « (2 Kor 1,3), sonst niemand und nichts. Kein 
Allwesen, dem das Herz sich natürlicherweise entgegenweitete. 
Keine Vatergottheit der Höhe, zu der dann notwendig auch eine 
der Tiefe, nämlich die »Mutter Erde« gehören würde, und in ihrem 
Gefolge all die anderen Numina, des Meeres, der Fruchtbarkeit, des 
Krieges und welche noch . . Nichts derart ist gemeint. Zum Vater 
des Herrengebetes gelangen wir nur an der Hand Jesu Christi. So- 
bald wir sie loslassen und aus der Unmittelbarkeit unseres Gefühls 
»Vater« sprechen, zerrinnt alles. Denn der Text, um den es hier 
geht, ist Offenbarung; vernehmbar nur aus dem Munde und der 
Meinung Dessen, der sie gibt. Indem Er uns lehrt, zum »Vater «zu 
sprechen, sagt Er uns zugleich, wer Dieser ist -Jener, den Jesus 
meint, wenn Er sagt: »mein Vater«. 

So gibt es denn auf die Frage, was zutiefst in diesem Gebet rede, 

noch eine andere Antwort, die zunächst ebenfalls einleuchtend 

scheint und sagt, das Vaterunser sei der Ausdruck von Jesu eigener 

Frömmigkeit. 

In ihr ist natürlich etwas Wahres. Wer die Sätze des Vaterunsers in 

sich wiederklingen läßt, der fühlt, daß in ihnen die gleiche Tiefe 

und Liebe und das gleiche rückhaltlose Vertrauen reden, wie in 



[9] 



537 



allen Worten Jesu. Da ist aber etwas, auf das wir vielleicht noch 
nicht aufmerksam geworden sind, und das uns stutzen läßt: daß 
nämlich Jesus selbst und für sich das Vaterunser nicht spricht. Wir 
müssen uns diese Tatsache ganz nahekommen lassen; wenn wir sie 
verstehen, wird uns vieles deutlich. Es wird uns öfters berichtet, 
wie Jesus betet, und einige Male dürfen wir sogar tiefer in dieses 
Gebet hineinhören. Denken wir etwa an den Bericht des Lukas- 
evangeliums, wie die Jünger, die Er ausgesendet hat, zurück- 
kommen, voll Freude über das, was sie ausgerichtet haben, und es 
dann heißt: »Da jubelte Er im Heiligen Geiste und sprach: <Ich 
preise Dich, Vater, daß Du dieses Weisen und Klugen verborgen, 
Kleinen aber geoffenbart hast. Ja, Vater, so war es wohlgefällig vor 
Dir.>« (10,21) Oder an das Gebet in Gethsemane, wo Er mit dem 
Willen des Vaters ringt, um ihn schließlich ganz in sein Herz hin- 
einzunehmen : Nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine (Mt 
26, 39). Oder an das am Kreuz, wo Er in der Einsamkeit der letzten 
Stunde zum Vater spricht: »Vater, in Deine Hände befehle ich 
meinen Geist« (Lk 23 , 46). In dieses Gebet, meine Freunde, hat Jesus 
den Menschen nicht hereingenommen; auch nicht durch die inni- 
gen Worte des Vaterunsers. Das bleibt ein Geheimnis zwischen 
Ihm und dem Vater; und es ist ein Bild für diese Ausschließlich- 
keit, wenn es heißt: »Er ging wieder auf den Berg, Er allein, um 
zu beten.« (Joh 6,15) 

Gewiß hat Er auch zusammen mit seinen Jüngern gebetet. So wird 
zum Beispiel vom letzten Abendmahl berichtet: »Nach dem Lob- 
gesang gingen sie hinaus an den Ölberg.« (Mt 26,30) Er, der von 
sich gesagt hat, Ihm zieme es, »alle Gerechtigkeit zu erfüllen« (Mt 
3, 15), hat mit den Seinen natürlich auch die Gebete gesprochen, die 
zum Leben der Gemeinschaft gehörten. Mit dem Vaterunser steht 
es anders. In ihm drückt sich das Verhältnis aus, in welchem der 






538 



[10] 



bloße Mensch zu Gott steht. Wenn es also den Ausdruck von Jesu 
eigener Frömmigkeit bildete, dann würde das bedeuten, Er selbst 
sei nichts anderes als ein Mensch gewesen ; und ganz von selbst hätte 
die Gelegenheit kommen müssen, in der Er zu ihnen gesagt hätte: 
Lasset uns zusammen zu unserem Vater gehen und Ihn bitten. Das 
hat Er aber nie getan. Nie hat Er die Jünger und die Menschen sonst 
mit sich in seinem Verhältnis zum Vater zusammengenommen. 
Stellen wir diese Tatsache in den Zusammenhang, in den sie gehört. 
Man hat gesagt: Jesus ist Mensch gewesen, wie die Menschen alle; 
Er hat aber erfahren, was vor Ihm keinem zu Teil geworden ist : das 
Verhältnis zu Gott, in welchem Dieser dem Menschen die Sünde 
vergibt, indem Er ihn Hebend zu seinem Kinde macht. Zugleich ist 
Ihm offenbar geworden, dieses Geheimnis stehe allen offen, die 
glauben würden, denn dafür sei die Zeit - »die Fülle der Zeit« (Gal 
4, 4) - gekommen. Das hat Er verkündet und alle aufgefordert, mit 
Ihm zu Dem zu gehen, der jedem Glaubenden Vater sein wolle. 
Freilich müsse er auch in die gleiche Gesinnung eintreten, die Jesus 
hatte, und nichts wollen als Gottes Reich. Das ist aber der mensch- 
lichen Feigheit zu schwer gewesen ; so hat man Ihn in den absoluten 
Abstand gestellt und, statt mit Ihm zu Gott zu gehen, Ihn selbst 
zum Gott gemacht hat; statt mit Ihm zusammen das Gebet zum 
gemeinsamen Vater zu sprechen, Ihn angebetet. . Das klingt sehr 
ernst, ist aber falsch bis in den Grund. Wohl ist Er »in allem den 
Brüdern ähnlich« (Hebr 2,17), aber im Geheimnis der Mensch- 
werdung des ewigen Gottessohnes. Wohl sollen wir »Ihm nach- 
folgen«, aber auf einem Weg, der nicht einfachhin den Menschen 
als solchen offen steht, sondern den Er durch die Tat der Erlösung 
überhaupt erst gebahnt hat. So ist sein Sohn-Sein und Vater- 
Sprechen von anderer Art, als das unsere. Ihm gehört es von We- 
sen, uns ist es geschenkt durch Gnade. Auch hierfür steht im 



[11] 



539 



Johannesevangelium das letzte Wort, wenn Er sagt: »Ich gehe 
zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem 
Gott.« (Joh20,i7) 

Wenn wir dann genau in den Text des Vaterunsers eindringen und 
die einzelnen Sätze mit dem vergleichen, was bei Johannes steht: 
»ihr nennt mich Meister und Herr, und habt recht, denn Ich bin es« 
(13.13), so sehen wir, daß ihr Inhalt mit Jesu Wesen nicht zusam- 
mengeht. Die Bitte, »der Vater möge Ihn nicht in Versuchung 
führen«, hätte in seinem Leben ebensowenig Raum, wie die, Er 
möge seinen Sohn »vom Bösen erlösen«. Jesus ist wohl vom »Geist 
in die Wüste geführt worden, auf daß Ihn Satan versuche « (Mt 4,1); 
aber nur, damit offenbar werde, was Er in den Abschiedsreden von 
der zweiten, furchtbareren »Versuchung«, nämlich der Leidens- 
probe sagt : »nun kommt der Fürst dieser Welt, aber er hat keinen 
Anteil an mir« (Joh 14,30). 

Jesus hat uns das Vaterunser geschenkt, damit es unser Gebet sei, 
und wir wollen es sprechen in seinem Geiste und an semer Hand! 
Jesu eigenes, persönliches Gebet zum Vater aber bleibt ein Geheim- 
nis, in das wir nicht eindringen - auch nicht, wenn wir sein Gebet 
sprechen. 

Damit ist die Frage beantwortet, die wir gestellt haben, worin Kern 
und Wesen des Vaterunsers bestehe: es ist das Menschengebet; 
aber jenesMenschen, der vom ewigen Sohn erlöst und in dieGottes- 
kindschaft aufgenommen worden ist. Wohl wahr und echt ein- 
fachhin, Urlaut tiefsten Menschenwesens - aber jenes Menschen, 
der aus der Gnade geboren ist. Wohl Ausdruck der innersten Gei 
sinnung Jesu, aber nicht, weÜ Er uns wesensgleich wäre, sondern 
weil Er uns in seiner Liebe Anteil an dieser Gesinnung gibt; so, wie 
es Paulus meint, wenn Er mahnt, wir sollen » gesinnt sein wie Chri- 



« 

P 
I 



stus Jesus «, obwohl Dieser an sich » in Gottesgestalt ist« (Phil 2,5-6). 
Das Vaterunser ist Ausdruck der Gnade, die uns gegeben worden 
und bleibt, was es ist, nur, wenn wir seine Wahrheit nicht antasten. 

Also wollen wir es in Ehren halten. Und es besteht Anlaß, meine 
Freunde, an diese Pflicht zu erinnern. Gewiß, in Dingen des Ge- 
betes darf man keine starren Regeln aufstellen, sondern jeder mag 
seinem Herzen folgen. So kann es gut sein, daß einer das Vater- 
unser aus der Bewegung seines Gemütes schnell spricht; im all- 
gemeinen gilt aber, daß es durch schnelles Sprechen zerstört wird. 
Es ist heilig, und der Betende soll es in Sammlung sprechen, jeden 
Satz »im Herzen erwägend«. Es kann auch sein, daß einer, nachdem 
er dieses Gebet aller Gebete gesagt hat, es wieder zu sagen wünscht, 
und vielleicht noch einmal, weil es ihn dem Vater nahebringt; im 
allgemeinen gilt aber doch, daß man es nicht leichthin wiederholen 
soll. Seine Worte sind so schwer von göttlichem Gewicht, daß sie 
Schaden leiden, wenn man sie oft hintereinander spricht. 
Von selbst legt sich aber dann eine weitere Aufgabe nahe. Man 
möchte doch oft länger beten, im Gebet weilen ; dann ist das Vater- 
unser zu kurz. Anderseits hat man aber nicht immer eigene Worte 
genug. Das macht auf die Tatsache aufmerksam, daß unsere - wenn 
man so sagen darf - Gebetskultur sehr dürftig ist. Sie bringt uns 
immer wieder in die Lage, entweder dieEhrf urcht vor demHerren- 
gebet zu wahren und zu rasch fertig zu werden, oder aber es öfter 
zu sprechen und die heiligen Worte zu verbrauchen. So sollten wir 
uns andere Texte zu eigen machen; einige Psalmen zum Beispiel, 
oder das Tedeum, oder die schönen Hymnen zum Heiligen Geist; 
sie auswendig lernen, um sie bereit zu haben, wenn wir ihrer 
bedürfen. 



540 



[12] 



9 

1 



U3] 



541 






Das Vaterunser ist ein Gebet. Wenn man ein solches verstehen will, 
so kann man natürlich darüber nachdenken; es besteht ja aus Ge- 
danken. Man kann, wie es soeben geschehen ist, fragen, wann es 
entstanden sei und was es bedeute. Richtig erschließt sich aber ein 
Gebetstext erst, wenn man ihn eben - betet. Auf die Frage, was 
Beten heiße, gibt der Katechismus die Antwort: sein Herz zu Gott 
erheben. Wir können auch sagen: mit seinem lebendigen Innern 
zu Gott gehen. Jedes Gebet ist ein Weg, auf dem man geht. Ver- 
traut man sich ihm an, dann wird man von Wort zu Wort, von 
Satz zu Satz weitergeführt, Jenem entgegen, zu dem man spricht. 
Indem man so tut, erschließt es seinen Sinn. 
Wir wollen während der Zeit, in der wir über das Vaterunser 
nachdenken, es immer mit besonderer Ehrfurcht und Sorgfalt voll- 
ziehen. Der Lehrer, der, wie Augustinus sagt, »von außen her 
lehrt«, richtet nichts aus, wenn nicht zugleich jener redet, der es 
»von innen her« tut, und das ist Jesus Christus - Er, der in diesem 
Fall so ganz besonders zuständig ist, hat Er uns doch dieses Gebet 
geschenkt. Denn es ist nicht genug, daß Er es einmal gelehrt hat,- 
damals, als die Jünger Ihn baten, sondern Er muß es immer neu 
tun, für Jeden von uns. Wir wollen das Vaterunser von seinen 
Lippen her sprechen und in seinem Geist, dann wird uns das, was 
hier nur in gedanklicher Weise gesagt werden kann, überhaupt 
erst richtig aufgehen. 



DIE ANREDE 



I 



Der Vater 



542 



[14] 



LIEBE FREUNDE, 



Am vergangenen Sonntag haben wir uns zuerst über den Text 
des Herrengebetes vergewissert und uns dann die Frage vor- 
gelegt, wie denn Jener, der es uns gelehrt hat, Christus, zu ihm 
stehe. Nun wenden wir uns dem Gebet selbst zu, und zwar der 
Anrede, mit der es beginnt. 

Jedes Sprechen ist eine Bewegung des Geistes und Herzens; so hat 
es eine Richtung, hin zu Dem, dem es etwas sagen will. Auch mit 
dem Beten ist es so; es sucht Jenen, den es meint. Wer das ist, sagt 
der erste Satz des Textes: »Unser Vater, der Du bist in den 
Hirnmein. « 

Wir haben uns in diesen sonntäglichen Betrachtungen immer be- 
müht, das Wort Gottes in seiner Fülle zu vernehmen. Alles soll 
gehört sein, was Gott sagt; alles angenommen, auch wenn es, wie 
die Widerspenstigen in Kapharnaum damals murrten, »hart zu 
hören« ist (Joh 6,60). Und es soll rein vernommen werden. Diese 
Reinheit müssen wir aber immer wieder herstellen, denn die Ge- 
danken der Offenbarung haben sich abgenutzt, sind verschiffen 
und verflacht. Ebenso wie sie, die ursprünglich etwas Genaues 
meinten, weithin ins Unbestimmte geglitten sind. So hat der Christ 
die Aufgabe der Unterscheidung und muß sie immer aufs neue 
erfüllen. Er darf nicht nur fragen: was sagt die Offenbarung ?, son- 
dern auch: was sagt sie nicht? Womit darf ihr Sinn nicht ver- 
wechselt werden ? Erst diese zweite Frage stellt die Antwort auf die 
erste ganz ins Klare. 

Was ist also mit diesem »Vater im Himmel« nicht gemeint ? Wir 
müssen etwas neu aufnehmen, das in der letzten Betrachtung 
bereits kurz berührt worden ist. 



[17] 



545 



I! 






In der Geschichte der Religionen erscheinen Göttnchkeiten von 
vaterhcher Art, deren Bild in der Regel mit der Vorstellung des 
ttmmels zusammenhängt. Wenn ein Mensch diesen betrachtet 
- bei Tage, wenn er von Sonne leuchtet, oder bei Nacht, wenn er 
von Sternen funkelt - dann hat er das Gefühl von etwas Weitem 
Hohem, Unermeßlichem. Zugleich aber auch das Gefühl, daß 
die Unermeßlichkeit droben sich wölbt. Er mag gehen, wohin er 
will, mimer ist er von dieser Wölbung übergriffen; immer hat er 
den Eindruck, unter einer Macht zu stehen. In diesem sich wöl- 
benden Raum geht, den Tag bestimmend, die Sonne ihren Gang- 
erscheinen nachts schweigend und bildmächtig die Gestirne Dar- 
aus kommt ein Eindruck von Regel, von festem Gesetz und un- 
brechbarer Ordnung, die auch in den Erdenraum hereinwirken 
und das Menschenleben bestimmen. Von diesem Himmel kommt 
der Regen auf die Erde herab und befruchtet sie zu allem Wachs- 
tum; von ihm kommen auch der Sturm und Blitz und bringen 
Verderben Dieses Große, in Macht über dem Menschen Stehende 
weckt in ihm das religiöse Gefühl der Scheu und zugleich das der 
Geborgenheit. So entsteht die Vorstellung, da oben walte eine 
Gotthchkeit, und sie verdichtet sich in den verschiedenen Gestalten 
der Vatergötter, wie sie uns in den Mythen der Völker begegnen - 
Zeus, Jupiter, Odin und so fort. 
Ist der Vater, den das Herrengebet meint, ein Gotteswesen solcher 

5 ? ,?T g f Wlß nicht! Den EÜldruck solcher Überwölbungen 
und Mächtigkeiten hat es immer gegeben, und immer wieder sind 

daraus je nach dem Charakter des betreffenden Volkes und Landes 
naher bestimmt, väterliche Numina entstanden. Von Dem hin- 
gegen, den Jesus meint, hat Er gesagt: »Niemand ... kennt den 
Vater als nur der Sohn, und wem der Sohn es will offenbaren« 
(Mt 1 1 , 27) ; und wieder : » Niemand kommt zum Vater, es sei denn 



durch mich« (Joh 14,6). Der Vater, den Er meint, ist also natür- 
licherweise verborgen. Wir können geradezu sagen, Er sei an sich 
der unbekannte Gott, der sich erst durch diese Offenbarung 
kundtut. 

Er hängt in nichts von der Welt ab. Zeus, Jupiter und wie sie alle 
heißen, stehen und fallen damit, daß die Menschen den Eindruck 
des Himmelsgewölbes haben. Verschwände dieser Eindruck, dann 
würden mit ihm auch die Vatergötter verschwinden, denn sie sind 
nichts anderes als der zu Gestalten verdichtete Geheimnischarakter 
eines Weltbereiches, wie ihn frommes Empfinden erfährt und reli- 
giöse Phantasie gestaltet. Immer aber wäre der Lebendige Gott 
Der, der Er ist, und sein Wort könnte dem Menschen die Kunde 
von seinem heiligen Dasein geben. 

So hängt jene Väterlichkeit, die Jesus meint, von keiner Welt- 
erscheinung, keinen natürlich-religiösen Erfahrungen des Über- 
wölbt- und Beherrscht- und Umfangenseins ab, sondern Gott ist 
Vater in Ihm selbst. 

Der Prolog des Johannesevangeliums beginnt mit den Sätzen : »Im 
Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott; und das Wort 
war [selbst] Gott. Solchergestalt war es im Anfang bei Gott.« 
Geheimnisvolle Aussagen ; nicht leicht zu verstehen. Sie werden 
deutlicher, wenn wir den letzten Satz des Prologs hinzunehmen, 
der sagt: »Gott hat keiner je gesehen. Der Einziggeborene, der an 
der Brust des Vaters war, Er hat Ihn beschrieben« oder »hat Ihn uns 
kundgetan.« (1,18) 

Das Wort »Gott« hat im ersten Text zwei verschiedene Bedeu- 
tungen. Im Satz: »das Wort war bei Gott«, ist damit der Vater 
gemeint, während »das Wort« - griechisch »Logos« - soviel besagt 
wie »der Sohn«. Das zeigt sich gleich nachher, wenn es vom Logos 



546 



[18] 



[19] 



547 




heißt, daß Er »bei Gott war und [selbst] Gott«. Ganz klar aber wird 
es im zweiten Text, wo das gleiche Bild in anderen Ausdrücken 
wiederkehrt, und Jener, der »bei Gott« ist, nun »der Einzig- 
Geborene«; Der, »bei« dem Er ist, »Vater« genannt wird. Die 
Innigkeit aber des Bei-Einander-Seins wird mit den Worten aus- 
gesagt, der Sohn sei »an der Brust«, am Herzen des Vaters. 
Hier tritt der Grund des christlichen Glaubens hervor, die Offen- 
barung des inneren Lebens Gottes: daß Er in sich selbst, in seinem 
ewig-heiligen Dasein, das Geheimnis der Fruchtbarkeit hat; daß in 
Ihm Gemeinschaft ist, und in unendlichem Einvernehmen zwi- 
schen Vater und Sohn göttliches Gespräch geschieht. Von dem 
Einvernehmen aber, der Liebe, die da waltet, deuten die Abschieds- 
reden an, sie sei selbst wesenhaft und nennen sie den »Heiligen 
Geist« (Joh 14,26; 16,7. 13). Das ist in der Ewigkeit, unabhängig 
von allem, was »Welt« heißt; und dort ist der Vater, den Jesus 
meint. Jener, von dem es am Ende des Prologs heißt, niemand auf 
Erden wisse von Ihm; nur der Gekommene allein, der ewig am 
Herzen des Vaters ist, »habe Ihn uns kundgetan«. 
In dieses Geheimnis ewiger Liebe, souverän über aller Welt, soll 
der erlöste Mensch hineingenommen werden und durch Jesus, »den 
Erstgeborenen unter vielen Geschwistern« (Rom 8,29), an der 
Liebe des Vaters Anteil haben. Dieser ist es, zu dem das Herren- 
gebet spricht. Sobald wir die Offenbarung Jesu, sein Wort und 
seine Hand loslassen, bleibt nichts übrig als ein Gefühl des Behütet- 
seins und des Vertrauens ohne Gestalt noch Gewähr. 

Nun könnte aber einer sagen: Ich fühle doch die Vatergüte über- 
all! Ich fühle mich geliebt. Dafür brauche ich keine Metaphysik; 
mein Herz gibt mir die Gewißheit. Das mag sein und ist dann 
schön; aber hier geht es um das Letzte, um das Heil. Da erwacht 



die Verantwortung und fordert Rechenschaft : Woher kommt die- 
ses Gefühl ? Ist es nicht ein Rückstand aus zerronnener christlicher 
Vergangenheit ? Wie viele religiöse Empfindungen, die heute um- 
gehen, sind solche dahintreibenden Gedanken, Bilder, Worte, die 
nicht mehr wissen, woher sie kommen - gehört dieses Gefühl 
nicht auch dazu ? 

Abgesehen davon aber: Wie ist das mit Deiner Behauptung, Du 
fühlest Gottes Liebe, und das genüge Dir als Grundlage für Dein 
religiöses Leben ? Wann fühlst Du sie ? Immer, oder nur dann, 
wenn Dir zumute ist, als solltest Du die Welt umarmen und Du 
mit den Worten aus dem »Lied an die Freude« denkst, »droben 
überm Himmelszelt muß ein guter Vater wohnen«? Das wäre 
nichts als eine Euphorie, mit der Stunde verfliegend. Oder fühlst 
Du die Liebe des Vaters auch im Mißgeschick ? In Krankheit, Ent- 
behrung und Anfeindung ? 

Die Liebe, von welcher das Neue Testament spricht, ist kein ins 
Unendliche ausgedehntes menschliches Liebesgefühl, keine All- 
Empfindung hoher Stunden, sondern ein Geheimnis, das uns nur 
Christus verbürgt. Was ist also mit ihr gemeint ? 
Wir werden noch oft von ihr zu sprechen haben, wollen es aber 
schonjetzt zu Beginn dieser Reihe tun. Was meint die Offenbarung 
mit dem Wort ? Etwa die Tatsache, daß es in der Welt eine Ord- 
nung des Gedeihens gibt und in ihr Leben sich erfüllen kann ? Oder 
daß aus allem Sein und Geschehen ein metaphysisches Wohlwollen 
fühlbar wird ? Wie stünde es aber dann mit dem Leid in der Welt ? 
Mit alledem, was entbehrt und verkümmert ? Mit der furchtbaren 
Grausamkeit des Daseins? Fiele das alles aus der Liebe heraus? 
Oder wäre es gar nötig, damit auf seinem dunklen Hintergrund das 
Freudige um so mehr glänze ? Ganz gewiß nicht! 



548 



[20] 



[21] 



549 



Zuerst muß der Klarheit wegen gesagt werden, daß Gott der Welt 
nicht bedarf; das haben wir bereits bedacht. Keine Welt ist nötig, 
damit es für Ihn Liebe gebe, denn die ist wesenhaft in Gott selbst 
und bedeutet, daß Jener, der »Vater« heißt und Jener, der »Sohn«, 
im »Heiligen Geiste« eins sind. Dieser Geist macht, daß Gott glüht. 
Die Liebe ist zuerst und ewig Er. Dann aber ist Liebe, daß Gott die 
Welt schafft. Wiederum : Nicht weil irgendwelche Notwendig- 
keit Ihn zwänge, sondern weil Er will, in heiliger Freiheit. Auf die 
Frage aber, warum Er es wolle, gibt es vom Menschen her keine 
Antwort, sondern Sein Schaffen ist selbst die Antwort. Darin 
offenbart sich eine Gesinnung von so geheimnisvoll-ungeheurer 
Art, daß wir es nur glauben können, weil Er uns ihrer vergewissert, 
und eben sie heißt »Liebe«. 

Meine Freunde, lassen Sie sich die Frage ganz nahekommen: Wie 
soll das sein, daß der ewige Gott eine endlich-zeithafte Welt 
schafft ? Und daß Er ihrer, nachdem sie geschaffen worden, nicht 
überdrüssig wird ? Sie kennen ja wohl den indischen Mythos vom 
Gott Shiwa, der die Welt hervorbringt, dann aber sie nicht mehr er- 
trägt, sie in Scherben tritt und eine neue macht. Der Mythos ist 
sehr aufschlußreich, denn so denkt der Mensch sich schöpferische 
Göttlichkeit, wenn er sie selbst erdenken muß : daß ihr nämlich 
keine Welt genügen kann, und daher alles vergeblich bleibt. Der 
Gott, von dem Christus redet, ist nicht so. Er schenkt der Welt, die 
doch in all ihrer Größe Ihm gegenüber nichts ist, daß sie Ihm wich- 
tig sei, für immer wichtig. Er nimmt sie in seine Verantwortung ; 
hält sie, sein Werk, in Ehren; ist ihr treu - lauter Begriffe, die von 
der Welt selbst her unsinnig sind und ihren Sinn erst erschließen, 
wenn wir sie auf ein Geheimnis beziehen, das hinter aller Schöp- 
fung hegt. 



550 



[22] 



Dieser Gott schafft den Menschen und stellt ihn in eigene Freiheit. 
In echte Freiheit, zu welcher gehört, daß der Mensch auch gegen 
Ihn wollen könne. Ist Derartiges denkbar ? Fühlt man sich vor 
einer solchen Aussage nicht versucht, zu sagen, sie sei irre ? Doch 
es ist so, Gottes Wort sagt es. Und der Mensch tut, was er kann, 
aber niemals sollte : er wendet sich gegen Gott. Der aber vernichtet 
den treulos Gewordenen nicht, sondern hält ihm Seine Treue. Er 
tritt selbst in das menschlicheDasein ein, nimmt die Verantwortung 
für es auf sich und sühnt die Schuld. Nicht nur das, sondern das 
Unausdenkliche geschieht, daß Er Mensch bleibt, und in Christus 
unser Menschenwesen ewig »zur Rechten des Vaters sitzt«. 
Sie sehen, das sind Dinge von ganz anderer Ordnung als jede 
monistische All-Liebe, mag sie sich nun in den Gedankenflügen 
Plotins, oder den Visionen Hölderlins, oder im Enthusiasmus Beet- 
hovenscher Musik ausdrücken. Vor ihnen wird alles andere un- 



ernst. 



Durch das Vaterunser sagt uns Der, der allein » weiß «, Christus, daß 
dieser Gott sich uns zum Vater gibt; daß von Ihm eine Liebe zu uns 
kommt, die im Ewigen entspringt und ins Ewige führt, stärker als 
Endlichkeit, Schuld und Zerstörung. Um sie geht es im Vaterunser. 
Wieder sehen wir, daß es von der Person Christi nicht losgelöst 
werden kann, weil es sonst seinen Sinn verliert. Wir vollziehen die 
Anrede, mit der es beginnt, nur dann richtig, wenn in ihr unser 
betendes Sprechen Den sucht, auf den Jesus uns hinweist. 
Wer zu einem Menschen spricht, sucht mit seinen Worten dessen 
Angesicht, will sagen: seinen Geist, sein Herz, seine Person. So soll 
unser Gebet Gottes Angesicht suchen. Von dem spricht das Alte 
Testament oft. »Laß über Deinem Knecht Dein Antlitz leuchten«, 
heißt es in den Psalmen (118,135); und wieder: »nach Deinem 



[23] 



551 



University Libraries of Notre Dame 



Antlitz such ich, o Herr« (26,8), und abermals: »Aus ganzem 
Herzen flehe ich zu Deinem Angesicht« (118,58). Damit soll nicht 
gesagt sein, Er habe ein Antlitz wie wir. Aber schon beim Menschen 
hegt doch in dem leiblichen Gebilde, hinter ihm, etwas anderes, 
nämlich das innere Angesicht; das dringt ins Äußere vor, und erst 
beides zusammen ist das Ganze: das Sich-Zeigen des Menschen; 
seine Herwendung, durch die er sagt, daß er für uns da sein will. So 
ist Gottes Angesicht seine hebende Herwendung - freilich auch 
die richtende, heißt es doch im dreiunddreißigsten Psalm: »Das 
Antlitz des Herrn aber richtet sich gegen die Übeltäter, tilgt ihr 
Gedächtnis von der Erde hinweg. « (17) 

Daß Er aber in Liebe zu uns hergewendet ist, wissen wir aus keinem 
autonomen Erlebnis. Einem solchen könnten wir genau so gut eine 
Gleichgültigkeit Gottes entnehmen, oder Grausamkeit, oder ir- 
gendeine furchtbare Eigenschaft sonst, wie manche Mythen sie aus- 
drücken oder moderne Religionen sie nahelegen. Nein, nur Chri- 
stus sagt uns, daß Gott uns hebend meint und will. In dieses Her- 
gewendetsein hinein sollen wir die heiligen Worte des Gebetes 
sprechen und vertrauen, daß sie aufgenommen werden. 

Wie wichtig also, daß wir uns vor dem Gebet sammeln, um dieses 
Antlitz Gottes zu suchen; im Geiste Den suchen, zu dem unser 
Wort gehen soll. Unsere Aufmerksamkeit wird aber bald abgleiten, 
und wir werden Ihn wieder verlieren. Dann müssen wir uns aufs 
neue zusammenholen und Ihn suchen, und nochmals und aber- 
mals. Denn kein Gebet gelangt zu seiner Eigentlichkeit, wenn es 
nicht findet, wohin es doch gehen soll: das Angesicht Gottes. Das 
aber kann nur mit Jesus zusammen geschehen. Von Ihm gewiesen, 
müssen wir ins Angesicht Dessen sprechen, von Dem Er gesagt hat : 
»Niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich. « 



552 



[24] 



Bereits erschienene Universitätspredigten: 

Heft 1 Der Geist der Psalmen 

Weg und Frucht - Der erste Psalm 

Heft 2 Gottes Hirtensorge - Psalm 22 
Geborgenheit in Gott - Psalm 90 

Heft 3 Gottes Erkennen - Psalm 138 
Der lebendige Gott - Psalm 113 

Heft 4 Das Gottcslob der Welt - Psalm 148 
Die Erschaffung der Welt - Psalm 103 

Heft 5 Die Freude des Christen 

Die Botschaft des Fronleichnamsfestes 

Heft 6 Der Engel des Menschen 

Christi Himmelfahrt und Wiederkunft 

Heft 7 Das Gleichnis vom Säemann 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg 

Heft 8 Die Kirche / Meditation um Pfingsten 

L Jesu Absichten n. Die Geburt der Kirche 

Heft 9 III. Offenbarung und Verhüllung 

IV. Wahrerin der Wahrheit 

Heft 10 V. Die Sichtbarkeit der Kirche 

Vom Denken und Leiden des heiligen 
Augustinus 

Heft 11 Ungarn / Der Anfang aller Dinge 

Eine Auslegung der ersten drei Kapitel der Ge- 
nesis 
L Die Frage nach dem Anfang 

Heft 12 II. Erschaffen und Erschaffen sein 

HL Der erste Schöpfungsbericht und der Tag 
des Herrn 

Heft 13 IV. Der zweite Schöpfungsbericht und die Ord- 
nung der Ehe 

V. Das Paradies 

Heft 14 VL Der Baum der Erkenntnis des Guten 
und des Bösen 
VIL Versuchung und Sünde 

Heft 15 VnL Die Rechenschaft und der Verlust 
des Paradieses 
DC Der Tod 

Heft 16 X. Die Verstörung des Menschenwerkes 
XL Die Verstörung im Verhältnis 
der Geschlechter zueinander 

Heft 17 Advent / Heilige Nacht 

Heft 18 Jahreswechsel / Epiphanie 




Heft 19 Liebe und Licht / Über Worte aus dem 
ersten Johannesbrief 
L Offenbarung IL Die Welt 

Heft 20 m. »Gott weiß alles« 

IV. Licht der Wahrheit 

Heft 21 V. Das Wesen von Gottes Liebe 

VL Lacht der Liebe 
Heft 22 VE. Gottes Liebe und der Zustand der Welt 

VÜL »Herz Jesu« 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis 

I. Auflage 1958 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Frank. Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



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1756 

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V.2M 



24 



WAH RH E IT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI- 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St,-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
• ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapiteL Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vortrage jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



DIE ANREDE 



II 

Der Himmel 



UNIVERSITYff 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 




756 



Wir haben am vergangenen Sonntag über die Anrede des 
Herrengebetes nachgedacht und uns vergegenwärtigt, 
wer der »Vater« ist, der da angeredet wird: Keine aus der Welt 
sich erhebende Väterlichkeit, sondern der Gott, von dem niemand 
weiß ; nur erst sein Sohn jesus Christus, hat Ihn uns kundgetan. Zu 
Ihm geht unser Gebet ; aber wir können es nur in Gemeinschaft mit 
Dem sprechen, der uns die Kunde gebracht hat. Sobald wir Ihn 
verlassen, wird aus dem Vaterunser etwas Freundlich-Belangloses, 
wenn nicht Unwahres. 

In der gleichen Anrede steht ein anderes Wort, dem wir uns heute 
zuwenden wollen: jenes nämlich, das sagt, daß der Vater »im 
Himmel«, oder »in den Himmeln« ist. Was heißt das? Was ist 
dieser Himmel ? 

Zunächst ist mit dem Wort der Weltraum über uns gemeint, vor- 
gestellt nach den Möglichkeiten der Zeit, in welcher das Gebet zu- 
erst gesprochen worden ist. Das Alte Testament sieht den Mittel- 
punkt der Welt in der Erde; diese selbst aber stellt es als flache 
Scheibe vor. Über der Erde ist der Luftraum, in welchem sich die 
atmosphärischen Vorgänge vollziehen. Darüber eine Wölbung, in 
deren Bild sich jenes Gefühl des Überhöhtseins ausdrückt, das uns 
ankommt, wenn wir hinaufschauen. Sie besteht aus kostbarer, un- 
vergänglicher Substanz; so wird zum Beispiel in den Gottes- 
gesichten des Alten Testamentes gesagt: »Sie schauten den Gott 
Israels. Unter seinen Füßen war es wie Saphirplatten, und wie der 
Himmel in seiner strahlenden Reinheit« (Ex 24, 10). Über allem 
endlich erhebt sich der Saal Gottes, in welchem der Thron seiner 
Herrlichkeit steht. 



13] 



555 



Wir dürfen diese Vorstellungen nicht pedantisch nehmen. Sie sind 
längst überholt; schon die Kinder werden heute anders belehrt. 
Wenn uns aber der Bildungsdünkel nicht eng macht, empfinden 
wir sie doch nicht als Unsinn. Einmal sind es Bilder, welche den 
Augenschein deuten, wie er sich uns immer wieder darstellt - der 
Begriff des »Firmaments«, an welchem »die Sterne stehen«, er- 
scheint ja immer noch in unserer Sprache. Dann aber bedeuten sie 
noch mehr. Wenn wir ihnen dort begegnen, wo sie hin gehören, 
nämlich in den heiligen Texten und durchflutet von deren Leben, 
empfinden wir sie als Symbole dafür, wie Gott sich dem Gedränge 
der irdischen Dinge ins Unzugängliche enthebt; in ein Geheimnis, 
das »Höhe« ist, Hoheit. Wir werden gleich sehen, daß es noch ein 
anderes gibt. 

Wenn wir heute »im Himmel« sagen, dann haben wir dabei in der 
Regel keine genaue Vorstellung von Räumen und Stuf ungen. Wir 
wissen, daß die Kugelgestalt der Erde kein absolutes Oben oder 
Unten erlaubt. So kann » Oben « nur eine relative Bedeutung haben : 
über Jenem, um den es sich jeweils handelt. Dabei wandelt sich der 
Begriff. Aus der äußerlich-physischen Räumlichkeit wird die le- 
bendig-persönhche, existentielle: sein Lebensraum, in dem er at- 
met, strebt, sich entscheidet, handelt, Schicksal hat. Mit Bezug auf 
ihn spricht er von oben und unten, und die Vorstellung der räum- 
lichen Höhe wird durch die geistig-werthafte einer Erhabenheit 
und Majestät durchdrungen, vor der er sich neigt. 



Im Neuen Testament begegnet uns eine Vorstellung, in welcher 
die Vergeistigung noch weitergegangen ist. Im ersten Brief an 
Timotheus sagt Paulus, Gott sei »der selige, alleinige Gebieter, der 
König der Könige, der Herr der Herrscher, der allein Unsterbliche, 
der da wohnt in einem Licht, in das niemand eindringen kann ; den 



556 



[4] 



kein Mensch gesehen hat noch zu sehen vermag. Ihm sei Ehre und 
ewige Herrschaft!« (6, 15-16). 

Ein Bild vollGeheimnis. In ihm drückt sich die gleicheEmpfindung 
aus, wie in jenem, von welchem soeben die Rede war: daß Gott 
»droben« ist. Aber statt der Vorstellung eines Bereichs erscheint die 
des Lichtes. »Licht« war immer Symbol für den Geist, genauer den 
Heiligen Geist, das Pneuma; so wird nun der Himmel als Licht der 
Höhe gedacht; geistig-heiliges Licht, in das kein geschaffenes We- 
sen eindringen kann. Und nicht, weil sein Raum höher läge, als wir 
zu steigen vermöchten, sondern weil es über jeder meßbaren Höhe 
ist: Herrlichkeit des heiligen Gottes, in die vom Geschöpf her kein 
Weg, sondern nur ein gnadengewährter Überschritt führt. 

Das Bewußtsein vom Himmel als der Höhe und vom Beten als 
einem Aufstieg findet in der Heiligen Schrift noch ein drittes Bild. 
Darin neigt sich die Majestät Gottes zu uns herab, und unser Wort 
hat leichten Weg zu Ihm. Von diesem Bild war bereits in früheren 
Erwägungen die Rede; es ist das von Gottes Angesicht. Denken 
wir etwa an das Psalmenwort: »Laß über Deinem Knecht Dein 
Antlitz leuchten« (118, 135). 

Darin dringt ein Gefühl durch, das uns ebenfalls kommen mag, 
wenn wir in den Himmel schauen: daß sich von droben her etwas 
Großes, Heilig-Strahlendes auf uns richte; die Gotteshoheit uns 
meine, sich in Huld uns zuwende. Als Bitte, diese Zuwendung 
möge nicht verweigert werden, erscheint das Bild in einem anderen 
Psalmenwort: »Verbirg Dein Angesicht nicht vor mir!« (101,3) 
Ein Vorgang, wie wir ihn oft beobachten können, spielt herein: 
die Sonne hat erst freundlich gestrahlt; dann aber tritt sie hinter 
Wolken, und der Mensch bekommt das Gefühl, die Huld habe ihn 
verlassen. Davor, bittet der Psalm, möge Gott ihn bewahren. 



[5] 



557 



Die Herwendung kann auch in richtender Strenge, in vernichten- 
dem Zorn geschehen; so meint es der Psalm, wenn er sagt: »Du 
hast ... unsere heimliche Schuld vor Dein Angesicht« gestellt 
(89,8); und der andere, der verkündet, Gottes Feinde seien »vor 
Seinem Antlitz zunichte geworden« (Ps 9,4). 

In diesen Bildern drückt sich der Himmel aus, der Hoheit ist ; er hat 
aber noch eine andere Form : die der Innigkeit. 
Durch die Briefe des Apostels Paulus zieht sich folgende Vorstel- 
lung. Im glaubenden Menschen ist eine innere Tiefe, tiefer drinnen 
als alles Natürliche. Also nicht die der Organe im Unterschied zur 
Oberfläche des Körpers; auch nicht die der Seele im Unterschied 
zum Leibe; noch einmal nicht das Unbewußte, das unter dem 
hellen Bewußtsein, oder die Gesinnung, die noch unter den Ent- 
schlüssen und Handlungen Hegen. Vielmehr ein Innenbereich, der 
zunächst überhaupt nicht da ist. Paulus wird aber nicht müde, zu 
sagen, daß Jesus, als Er von den Toten erstand, durch die Kraft des 
Heiligen Geistes zum Herrn der Herrlichkeit wurde, und als solcher 
die Verheißung erfüllte, die Er den Seinen gegeben hat: »Ich gehe 
hin und komme zu euch« (Joh 14,28). »Gegangen« ist Er aus dem 
natürlichen Daseinsraum der Geschichte zum Vater, in die Ewig- 
keit; ebendamit ist aber Er, der Vecgeistete, für den es keine ir- 
dische Grenze noch Bedingungen mehr gab, zu den Seinen »ge- 
kommen«, »in« sie, in ihr Innerstes. Nein, mehr: Er hat diese 
Innerlichkeit überhaupt erst in ihnen geschaffen. 
Nun »wohnt« Gott durch Christus im glaubenden Menschen und 
wirkt in ihm das neue Leben. Der neue Mensch, der so mitten im 
alten wird, ist der eigentliche, nun erst wahrhaft Er-selbst, weil in 
ihm Christus lebt. So lebt, wie es in dieser Weise nur in diesem 
Menschen geschehen kann, denn Christus will den Menschen als 



Person, das heißt, jeden als diesen Einmalig-Einzigen. So sagt denn 
Paulus im Brief an die Galater : »Ich lebe, aber nicht mehr ich, son- 
dern es lebt in mir Christus.« (2,20) Im Johannesevangelium aber 
drückt sich die Tiefe der Innerlichkeit, aus der sich dieses Werden 
vollzieht, wunderbar aus, wenn da Jesus am Jakobsbrunnen sagt: 
»Wer von dem Wasser trinkt, das Ich ihm geben werde, den wird 
nicht mehr dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das Ich ihm 
gebe, wird in ihm zu einer Quelle von Wasser, die aufsprudelt zu 
ewigem Leben.« (4, 14) Das Wasser ist ja ein Bild des Lebens, hier 
des neuen; dessen Quell aber entspringt, von Christus geweckt, im 
Menschen selbst. 

Auch das ist »Himmel«, sagen wir genauer, auch da wird ein Weg 
zum Himmel deutlich, zu dem der Innigkeit. Er führt nicht in die 
Höhe, sondern nach Innen. Auch das freilich durch einen Über- 
schritt - so viel »weiter hinein«, als Gottes Thron »höher oben« ist 
gegenüber jeder Höhe, die sich in der Welt über dem Menschen 
erheben kann. 

Hier kommen die beiden Pole des menschlichen Daseins zum Aus- 
druck. »Oben« und - nun aber nicht »Unten«; das wäre Körper- 
lichkeit, sondern »Innen«. Dorthin richtet der Mensch sich aus: 
nach dem ersten durch alles das, was Aufblick heißt, Erhebung, 
Aufstieg des Geistes und Herzens ; nach dem andern durch Einkehr, 
Verinnerlichung, Wurzelfassen im inneren Grund. Nach beiden 
Richtungen hin hegt für unsere menschliche Anschauung auch 
Gottes Enthobenheit; sein Himmel, in den kein von der Welt her 
vorgegebener Weg, sondern nur, durch die Offenbarung gewiesen 
und die Gnade gewährt, der Überschritt des Glaubens und des 
Gebetes führt. Beide Male aber ist es der eine und gleiche Himmel. 
Denn »Oben« und »Innen« sind, mit Bezug auf Gott gesagt, nur 
Bilder für Unaussagbares. Für uns Menschen, die wir im Raum 






558 



[6] 



[7] 



559 



leben und denken, sind sie getrennt; für Ihn, den Enthobenen, Ein 
und das Gleiche. Dahin richtet sich das Gebet dessen, der das Vater- 
unser spricht. 

Wenn Gott aber - sei's nach der Höhe, sei's nach der Innigkeit 
hin - allen geschaffenenMächten und Zusammenhängen enthoben, 
»im Himmel« ist: bedeutet das dann nicht, daß Er sich von der 
Welt wegwendet und den Betenden von ihr wegholt ? Das Gegen- 
teil ist wahr: gerade weil Er nicht zur Welt gehört, kann Er sich 
ihr überhaupt erst so zuwenden, wie das Evangelium es uns ver- 
kündet, nämlich in einer Liebe, die sich selbst schenkt. 
So oft ich über diese Dinge nachdenke, stellt sich mir ein Bild ein: 
Wenn da zwei Geschwister einander herzlich zugetan sind, zwei 
Andere aber von irgendwoher kommen, einander begegnen und 
sich in Freundschaft oder Liebe verbinden - bei welchen ist die 
größere Nähe ? Die ersten Beiden kommen aus dem gleichen Blut 
und derselben Kinderwelt. Ihre Lebenswurzeln hegen in der glei- 
chen Erde, sie sprechen die nämliche Grundsprache, so sind sie ein- 
ander von dorther unmittelbar verbunden - vorausgesetzt f reilich, 
daß die Nähe nicht in ihr Gegenteil, nämlich jene Gereiztheit, ja 
Feindschaft umschlage, wie sie sich gerade an dieser Verbunden- 
heit entwickeln kann. Das also vorausgesetzt, besteht zwischen 
ihnenjene schöne Selbstverständlichkeit des Zu-Einander-Stehens, 
die eben Geschwisterschaft heißt. Die Anderen aber, deren jedes aus 
eigenem Leben kommt, die einander begegnen, sich in den Blick 
treten - in den inneren Blick, der das Wesen sieht - und sich in 
Freundschaft oder Liebe, in Vertrauen und Treue verbinden: sie 
treten, gerade weil sie aus der Ferne her zu einander kommen, in 
eine ganz andere Nähe. Das ist nur ein Bild; ich glaube aber, das 
einzige, das uns hier helfen kann. 



560 



[8] 



Es gibt Vorstellungen vom Verhältnis Gottes zur Welt, für die Er 
mit dieser eins ist : ihr » Urgrund«, ihre »Wurzelkraft«, ihre » Seele« 
oder wie immer. Mythik und Pantheismus denken so. Da scheint 
Gott allem ganz nahe, denn in der Tiefe wäre Er ja alles selbst. Sehen 
wir davon ab, was solche Vorstellungen zerstören, weil in ihnen 
nichts mehr sauber bleibt: Gott nicht mehr deutlich Gott, die 
Welt nicht reinlich Welt, vielmehr alles verwischt und versudelt. 
Jedenfalls scheint da zunächst eine große Nähe zu sein - sie kommt 
aber in keinen Vergleich zu jener, die wird, wenn Gott aus seiner 
souveränen Freiheit, aus seinem » Himmel « heraus an denMenschen 
herantritt. Das mag Er aus der Höhe her tun, wie es sich etwa in 
Jesu seliger Botschaft von der Vorsehung ausdrückt; als Herr der 
Zeiten und Dinge, der um alle Menschen weiß; der den Sinn- 
zusammenhang des Geschehens daraufhin lenkt, daß in Jedem der 
neue Mensch und von Jedem her der »neue Himmel und die Erde« 
werde : dann ereignet sich ein Kommen in Huld, ein Erkennen und 
Lieben in personaler Zuwendung, und eine Nähe entsteht, gegen 
die alle pantheistische All-Einheit nur Naturzusammenhang bleibt. . 
Oder Er mag es aus dem tiefsten Innen her tun, von dorther, 
wo - vielleicht sagt Ihnen der Gedanke etwas - der Mensch ans 
Nichts grenzt und Gott ihn hält: dann ereignet sich ein Aufsteigen 
im Innersten, und wieder entsteht eine Nähe, mit der sich nichts 
vergleichen kann, was die pantheistischen Dithyramben von Gott- 
Natur und All-Einheit verkünden mögen. 
Sie sehen : wenn das Vaterunser uns lehrt, betendGott »imHimmel« 
zu suchen, über allen Dingen, oder innert aller Dinge; in der Höhe 
seiner Majestät über allem Geschaffenen, oder in der Innigkeit sei- 
ner Liebe, tiefer als alles Geschaffene - wenn wir den Schritt aus 
unserem Raum hinaus in den Seinen tun, dann gelangen wir zu 
Ihm in eine Nähe, in welcher jenes Gebet möglich wird, das Er will. 



[9] 



561 



j 



Denn dieses Hinausgehen aus dem Unseren bedeutet Freiheit - die 
wirkliche, positive, zum wirklichen Gott und zum wirklichen 
Selbst. Das Wort, mit dem die Geschichte des Heils beginnt, näm- 
lich der Ruf an Abraham, hat gelautet : » So geh aus deiner Heimat, 
aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhause hinaus in 
ein Land, das ich dir zeigen werde!« (Gen 12,1) Sind nicht auch 
wir »in unsere Heimat und in unsere Verwandtschaft und unser 
Vaterhaus« eingewoben, wie in ein Netz? Tausend Abhängig- 
keiten der Familie, des Berufes, des Gemeinwesens, des Staates 
schließen uns ja doch ein; die Wirkungen von unserem und der 
Anderen Tun binden uns ; überall treten wir in Verantwortungen, 
die uns nachher belasten - und so fort ins Unabsehliche. Sobald wir 
im Ernst sprechen: »Vater unser, der Du bist im Himmel«, öffnet 
sich für einen Augenblick das Netz, und wir treten hinaus, in die 
Weite Gottes und in die Eigentlichkeit unser selbst. 
Das Gleiche geschieht, wenn wir Gott drinnen suchen. In welche 
Oberflächlichkeiten werden wir zerstreut, in den Häusern, auf der 
Straße, in Büro und Werk; aber auch in uns selbst, in unseren 
Trieben und Gedanken und Bestrebungen! Wie dünn ist das 
alles - so dünn, daß seine Oberflächlichkeit ihres Gleichen nur in 
der Gewalttätigkeit findet, mit der sie sich uns aufdrängt. Wenn 
wir aber, vomHerrn gerufen, durch sie hindurch ins Innere dringen 
und Gott in der Innigkeit der Tiefe suchen, dann finden wir die 
Nähe, in die wir gehören; den Ort, den Gott uns anweist, wo wir 
»bei Ihm« sind und die Mitte des Daseins gewinnen. 

Vielleicht, meine Freunde, werden Sie aber sagen : nun hast Du 
eine halbe Stunde über diese Dinge geredet - an alles das soll ich 
denken, wenn ich beim Beten des Vaterunsers in wenigen Sekun- 
den die Worte »im Himmel« spreche ? 






562 



[10] 



Darauf wäre manches zu erwidern. Einmal, wie wichtig das ist, 
woran wir uns früher gemahnt haben, nämlich das Gebet des 
Herrn in Ehren zu halten. Nicht »ein« Vaterunser zu sprechen, und 
drei und fünf und zehn - sondern » das « Vaterunser, gesammelt und 
im Ernst jedes Wortes. Jedes echte Sprechen des Vaterunsers ist 
ein Vollzug der heiligen, uns kund gewordenen Ordnung. Es 
nimmt der Welt ihre Überheblichkeit und weist sie in ihre Wahr- 
heit zurück, welche heißt, geschaffen zu sein. Dann geht es über 
diese Welt hinaus zu Dem, Der sie in einer nie zu verstehenden 
Großmut geschaffen hat und erhält. So werden die Dinge richtig : 
Die Welt . . Gott, ihr Schöpfer . . der, der zu Ihm spricht . . 
Christus, durch den allein dieses Sprechen möglich wird . . 
Dann aber - und damit erinnern wir uns an den Sinn, den unsere 
Überlegungen überhaupt haben - wenn wir hier über diese Dinge 
nachdenken, auch im Laufe der Woche manchmal zu ihnen zu- 
rückkehren, sammelt sich in den Worten etwas an. Sie werden 
eigentlicher, voller, gewichtiger, und das macht sich auch geltend, 
wenn wir sie relativ schnell sprechen - sprechen müssen, weil ja 
das Gebet notgedrungen seine Zeit hat. 



[11] 



563 






I J 



1/ 



DIE ANREDE 



III 



Die Gotteskindschaft 



/ 









LIEBE FREUNDE, 



Wir wollen die Anrede des Herrengebetes noch einmal auf- 
nehmen und zwar so, daß wir fragen, wer es denn sei, der 
sie spricht ? Wo ein Vater, ist auch ein Kind - welches Kind ist es 
aber, das da redet ? 

Daß das Neue Testament mit großer Eindringlichkeit von der hei- 
ligen Kindschaft spricht, weiß jeder, der es nur ein wenig kennt. 
Jesus hat - um ein einziges Wort anzuführen - gesagt : »Wenn ihr 
nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das 
Reich Gottes eingehen. « (Mt 18, 3) Das Wort ist mißverstanden, ja 
entstellt worden. Man hat gesagt, um Christ zu sein, müsse man 
eine bestimmte Gemütsart haben; müsse unselbständig, anleh- 
nungsbedürftig, fügsam, sagen wir es gerade heraus : man müsse 
geistig infantil sein. Eine Persörilichkeit mit entschiedenem Selbst- 
bewußtsein, die aus kräftigen Impulsen lebe und entschlossen sei, 
sich ihren Anteil an der Welt zu erobern, könne die ChristHchkeit 
nur ablehnen. Ein großes Mißverständnis, ja eine böse Verleum- 
dung, denn jene Kindschaft und Kindhchkeit, von welcher das 
Neue Testament redet, ist ernst und voll Verantwortung. 
Nebenher müssen wir aber noch auf etwas anderes aufmerksam 
werden: daß nur von »Kind« und »Kindtum« gesprochen wird, ist 
eine Besonderheit der deutschen Sprache; andere reden von »Söh- 
nen« und »Töchtern« Gottes. Warum das so sei, wäre interessant zu 
fragen; doch können wir darauf nicht eingehen. Sicher ist jeden- 
falls, daß Christus nie etwas Infantil-Unselbständiges gemeint hat. 
Wer seiner Veranlagung nach anlehnungsbedürftig ist, kann gewiß 
Christ sein; vielleicht wird eine natürliche Fügsamkeit ihm den 
Glaubensgehorsam sogar erleichtern. Wenn er aber mit dem Geiste 
Jesu ernst macht, erfährt er bald, was es heißt, in christlicher 



[15] 



567 



Verantwortung zu stehen und in der jeweiligen Situation den 
Willen Gottes zu tun. 

Das Kindtum, von dem Jesus spricht, ist auch keine bloße Stim- 
mung, sondern etwas Reales. Gottes Kind zu sein, besteht nicht 
darin, sich von einer hohen Macht umfangen und das eigene Ge- 
schick in ihrenHänden behütet zu wissen, sondern es ist einGeheim- 
nis heiliger Wirklichkeit; denken wir an das paulinische Wort, 
nach dem Gott jene, die Er zum Glauben führt, »vorherbestimmt 
zur Eingestaltung in das Bild seines Sohnes, auf daß Christus der 
Erstgeborene sei unter vielen Geschwistern« (Rom 8, 29). 

Doch wollen wir tiefer zu verstehen suchen, was das bedeutet. Im 
dritten Kapitel des Johannesevangeliums wird erzählt, wie ein Mit- 
glied des Synedriums, des obersten Rates, Nikodemus mit Namen, 
den Herrn aufsucht. Er fürchtet sich vor den Feinden Jesu, des- 
wegen kommt er nachts; aber es drängt ihn, besser zu verstehen, 
was der neue Lehrer meint, dessen Wort die Öffentlichkeit so tief 
erregt. Zuerst spricht er die Verehrung und das Vertrauen aus, die 
er für den Meister empfindet, dann sagt Jesus: »Wahrlich, ich sage 
dir, wenn einer nicht von oben her geboren wird, kann er das 
Reich Gottes nicht schauen. « Nikodemus wundert sich, wie das 
sein könne, daß Einer, der schon lebt, gar schon bei Jahren ist, neu 
solle geboren werden; da erwidert Jesus : »Wahrlich, wahrlich, ich 
sage dir: Wenn einer nicht geboren wird aus Wasser und Geist, 
kann er in das Reich Gottes nicht eintreten«. Und um ihn darauf 
aufmerksam zu machen, es handle sich um etwas, auf das schon die 
Offenbarung des Alten Testamentes zuführt, leitet Er seine Ant- 
wort mit den Worten ein: »Du bist Lehrer in Israel und verstehst 
das nicht ? « (3 ff) 

Die Worte reden die Sprache des Mysteriums, des religiösen Ge- 



heimnisses. In ihnen werden zwei, sagen wir, Elemente genannt, 
durch welche die »Geburt« gewirkt wird, von der die Rede ist. 
Einmal »das Wasser«, das heißt, in der Sprache des Apostels Jo- 
hannes, die Taufe. Deren Symbol begegnet uns in der Religions- 
geschichte oft. Das Wasser ist Bild für den Tod und für das Leben; 
sagen wir genauer, für das Grab, in welchem altes Leben stirbt und 
den Schoß, aus dem neues ersteht. Was das Alte Testament angeht, 
so brauchen wir nur an den letzten Propheten und Vorläufer Jesu 
zu denken : » So trat Johannes als Täufer in der Wüste auf und pre- 
digte die Bekehrungstaufe zur Vergebung der Sünden. Das ganze 
judäische Land und alle Bewohner Jerusalems gingen zu ihm hin- 
aus, ließen sich von ihm im Jordanfluß taufen und bekannten dabei 
ihre Sünden.« (Mk 1,4-5) Wenn wir aber das Symbol in seiner 
ganzen Kraft sehen wollen, schlagen wir die Texte der Liturgie 
vom Karsamstag auf: sie sagen, wie in der Weihe des Taufwassers 
die Wirklichkeit eines geheimnisvollen Schoßes deutlich wird. 
Denken wir dazu noch an den alten Ritus, nach welchem das Tauf- 
becken ein Brunnen mit strömendem Wasser war, in den der Neo- 
phy t hinabstieg, vom taufenden Priester niedergetaucht wurde und 
sich dann wieder erhob, so ist der Sinn mit Augen zu sehen. 
Seine eigentliche Wirklichkeit bekommt das Zeichenhafte des 
Symbols durch den Heiligen Geist. Er ist der Schöpfer. Im Bericht 
über die Erschaffung der Welt heißt es: »Die Erde war wüst und 
wirr, und der Geist Gottes schwebte über der Urflut«, eine ge- 
heimnisvolle Gewalt, bereit, ins Chaos zu greifen und die künftigen 
Gestalten herauszuholen (Gen 1,2). Was aber nachher über die 
Werke der sechs Tage gesagt wird, entfaltet dieses Schaffen ins 
Einzelne . . Dieser Geist ist es, der im sichtbaren Geschehen der 
Taufe die verborgene Wirklichkeit werden läßt: Wer sich glau- 
bend in es hineingibt, wird zu einem neuen Dasein geboren. Der 



568 



[16] 



[17] 



569 






1 



Mensch, der schon ist, wird in eine Schoßtiefe der Gnade gezogen 
und ersteht neu, eines Lebens teilhaftig, das aus Gott stammt. 
In den Streitgesprächen Jesu mit seinen Gegnern aber, wie sie der 
gleiche Johannes berichtet, erscheint bestürzend der Gedanke, nur 
der könne Ihn heben und Seine Botschaft verstehen, der »aus Gott 
ist«, aus Gott geboren (8,42 ff). Deswegen sind die Gespräche zwi- 
schen den Gegnern und Ihm so hoffnungslos, weil sie aus einer 
anderen »Geburt« kommen als Er. Sie lassen sich nicht in die Gna- 
denmacht des Lebendigen Gottes los, sondern halten sich in ihnen 
selbst fest. Das bedeutet eine Entscheidung, denn sie bleiben dann 
nicht nur-menschhch, sondern werden »Kinder des Satans«. 

Unter den Autoren des Neuen Testaments ist es Paulus, der sich die 
Frage gestellt hat, was das denn sei : ein Christ ; in welcher Weise er 
existiere, und wie er zu dem heranwachse, was zu werden Gott ihm 
bestimmt habe. So hat Paulus eine Formel geschaffen, mit der er 
das Dasein des christlichen Menschen zu verstehen sucht, der so 
geheimnisvoll ist, ja so widersprüchig, daß man oft nicht weiß, 
was er nun eigentlich sei. Und zwar sagt er, in jedem Christen leb- 
ten gewissermaßen zwei Wesen. Das eine nennt er den » alten « oder 
»fleischlichen«, das andere den »neuen« oder »geistlichen Men- 
schen«. Die beiden stehen miteinander im Kampf; wenn der aber 
richtig geführt wird, dann wächst der geistliche darin zu einer 
Reife heran, die Paulus »das Vollalter Christi« nennt (Rom 8, 1 ff). 
Man hat auch diese Gedanken mißverstanden und gesagt, Paulus 
sei ein Dualist. Für ihn gehöre der Leib und dessen Leben zum Bö- 
sen und Vergehenden; gut und ewigkeitsfähig sei nur der Geist. 
Also müsse, wer Christ sein wolle, das Leiblich-Lebendige abtun 
und sich ins Bloß-Geistige hinüber erziehen. Davon ist nichts wahr. 
Denn der »fleischliche Mensch« im paulinischen Sinn ist der Leib 



des Menschen zusammen mit seiner geistigen Seele; Herz und Ver- 
stand, Wille, Erkenntnis und Handeln. Alles also, der ganze Mensch 
ist »fleischlich«, so lange er unerlöst ist und sich in sich selber fest- 
hält. Und der »geistliche« Mensch ist nicht die Spiritualität, der 
Intellekt - die Gnosis sagt so, gegen die sich Paulus als Erster ge- 
wendet hat. Sondern »geistlich« ist wiederum der ganze Mensch, 
Leib und Geist, Trieb und Herz, Inneres und Äußeres, doch von 
Gottes Gnade ergriffen und im Glauben Gott zugewendet. Das 
wird besonders im 1. Korintherbrief deutlich, wo von einem »irdi- 
schen «, naturhaften und einem » geistlichen Leib « gesprochen wird, 
der einst in der Auferstehung offenbar werden soll (15,42-44). 
Der geistliche Mensch aber wird in Glaube und Taufe geboren. 
Und wie ist er geartet ? Um einen Menschen in die natürlichen Zu- 
sammenhänge einzuordnen, sagt man wohl: er trägt die Züge 
seines Vaters, oder er ähnelt diesem oder jenem seiner Geschwister. 
In entsprechender Weise sagt Paulus : »Wir werden in eben das Bild 
[des Herrn] verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie 
[es nur geschehen kann] vom Herrn des Geistes her. « (2 Kor 3,18) 
Wer sich wirklich ins gläubige Leben hineingibt, gewinnt darin 
eine neue Art: die Züge Christi kehren in ihm wieder; abgewan- 
delt nach seiner persönlichen Veranlagung ; nach der Zeit, in der er 
lebt; dem Volk, zu dem er gehört; mit anderem vermischt, ge- 
brochen, ja verwirrt, und dennoch da, heißt er doch nicht umsonst 
»Christianus«, Christus-Mensch. Das soll in all der Nüchternheit 
der Selbstkritik gesagt sein, die jeder Blick in uns selbst uns auf- 
erlegt - aber auch in der Zuversicht, die uns der Glaube erlaubt. 
Das ist das Kind Gottes ; und Paulus sagt, wir können von seiner 
Wirklichkeit durch alles Widersprechende hindurch eine innere 
Gewißheit bekommen: »Ihr habt ja nicht den Geist der Knecht- 
schaft empfangen, um euch von neuem zu fürchten, sondern den 



570 



[18] 



[19] 



571 



Geist der Kindschaft, in welchem wir rufen: Abba, Vater! Eben 
dieser Geist bezeugt es unserm Geist, daß wir Kinder Gottes sind.« 
(Rom 8, 15-16) 

Dieser neue Mensch, sagt Paulus, ist durch den alten verhüllt. 
Mehr, sie kämpfen miteinander: »das Fleisch gelüstet wider den 
Geist, der Geist aber wider das Fleisch; sie sind wider einander«, 
heißt es im Galaterbrief (5, 17) - die Begriffe des Fleisches und des 
Geistes so verstanden, wie wir vorhin gesehen haben. So verwoben 
sind ihre Bilder, daß man sie oft nicht unterscheiden kann. Was 
einer körperlich ist, kann man sehen; es steht da. Was einer geistig 
ist, kann man feststellen; man fragt, er antwortet, und darin zeigt 
sich seine Art. Der neue Mensch hingegen ist verhüllt. Man weiß 
nicht, wie es mit ihm steht - so wenig, daß der Christ sogar sich 
selbst verborgen ist. Paulus sagt einmal das merkwürdige Wort: 
»nicht einmal über mich selbst urteile ich . . . sondern wer urteilt, ist 
der Herr« (1 Kor 4, 3-4). Das gilt für uns alle; denn wer würde so 
kühn sein, einf achhin zu behaupten, er sei Christ ? 
Es ist wohl so: daß wir Christen sind, müssen wir glauben. Man 
möchte fast sagen, im Credo fehle ein Artikel, der lauten müßte: 
»ich glaube an den Christen in mir«. Wir müssen an das glauben, 
was wir aus Christi Erlösung sind. Als Anfang sind; und vertrauen, 
daß wir es durch die Zeit hin immer mehr werden und die Voll- 
endung erfahren in der Ewigkeit. Dafür gibt es einen wunderbaren 
Ausdruck im achten Kapitel des Römerbriefes. Da heißt es: »Ich 
halte nämlich dafür, daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen 
sind mit der Herrlichkeit, deren OfFenbarwerden für uns bevor- 
steht. Denn das Harren der Schöpfung ist ein Warten auf die 
Offenbarung der Kinder Gottes. Die Schöpfung ist ja der Hin- 
fälligkeit unterworfen, nicht von sich aus, sondern Dessentwegen, 



572 



[20] 



der sie unterworfen hat, der Hoffnung zu, daß auch sie, die Schöp- 
fung, von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit wird zur 
Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. « (18-21) Daß wir Kin- 
der Gottes, Söhne und Töchter Gottes sind, soll einst offenbar 
werden, den Anderen, aber auch uns selbst, damit wir darin, end- 
lich, die Ruhe und Freude ewig-eigentlichen Daseins gewinnen. 
Johannes sagt im ersten Brief: »Seht, welch große Liebe uns der 
Vater erwiesen hat, daß wir Gottes Kinder heißen und es sind. Dar- 
um erkennt uns die Welt nicht, weil sie Um nicht erkannt hat. 
Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes ; aber noch ist es nicht offen- 
bar, was wir einst sein werden. Wir wissen, daß wir Ihm, wenn Er 
sich offenbaren wird, ähnlich sein werden; denn wir werden Ihn 
schauen, wie Er ist. « (3 , 1-2) Die Gotteskindschaf t ist ein Abbild 
der ewigen Sohnschaft des Logos; darum teilt sie deren Schicksal, 
in der Welt verkannt zu werden. So muß sie sich selbst daraufhin 
verstehen, daß sie erst einst, wenn der Herr in seiner Herrlichkeit 
wiederkommt, offenbar werden soll. Und wie abgründig ist der so 
ganz johanneische Satz: »wir werden Ihm ähnlich sein, denn wir 
werden Ihn sehen, wie Er ist «. Ihn » sehen «, Ihn erkennen kann nur, 
der Ihm ähnlich ist. Es gilt aber auch umgekehrt : Ihn zu erkennen, 
wie Er ist, macht den Erkennenden Ihm ähnlich, denn dieses 
Erkennen ist ein Schauen, ein Ergriffenwerden vom Licht des Ge- 
schauten, und es gestaltet den Schauenden ein in seine Herrlichkeit. 

Die Apokalypse beginnt mit den sieben Sendschreiben, die der 
Thronende im Himmel, Christus, an die sieben Gemeinden sendet, 
welche stellvertretend für die ganze Kirche stehen. Im Schreiben an 
die Gemeinde von Pergamon heißt es : »Wer ein Ohr hat, der höre, 
was der Geist den Gemeinden sagt: Dem Sieger werde ich vom 
verborgenen Manna geben, und ich werde ihm einen weißen Stein 



[21] 



573 



geben und auf den Stein geschrieben einen neuen Namen, den nie- 
mand weiß, als der ihn empfängt.« (2, 17) Sie fühlen den Tonfall; 
es sind Worte aus der Sphäre des Mysteriums. Und zwar sprechen 
sie vom Namen dessen, der »überwunden hat«; »Name« aber ist 
das Wesen des Menschen, dem er gehört, hineingegeben in das 
Wort. Wenn das so ist, dann haben wir noch keinen richtigen 
Namen ; denn unseren jetzigen, bürgerlichen tragen ja auch andere. 
Wer ich wirklich bin, weiß ich noch nicht - ich, gestern geboren, 
morgen tot, jetzt hineinverloren ins endlose Dasein; irgend einer, 
und doch eben ich, mir selbst jener, an dem alles hängt; nicht zu 
verdrängen, nicht zu vertreten - welch ein Abgrund der Un- 
begreiflichkeit für jeden, der ein Herz hat, zu fühlen! Dieses Ge- 
heimnis ist jetzt noch unverstanden und unbenannt. Einst aber wird 
es seinen Namen erhalten ; den, der mich sagt und mich allein. Und 
der wird der Name des Sohnes, der Tochter Gottes sein. Auch er 
noch Geheimnis ; dann bedeutet aber das Wort » Geheimnis « etwas 
anderes : die Geborgenheit im Wissen zwischen Gott und mir. 
Meine Freunde, in solchen Gedanken spüren wir die Tiefe dessen, 
was »Existieren« heißt, und was christliche Existenz. Denn weiß 
ich wirklich, wer ich bin ? Manchmal geschieht es wohl, daß ich 
dasitze, vielleicht am stillen Abend, und die Frage weht mich an: 
Was ist eigentlich mit mir ? Was steht hinter all dem, was ich so im 
sichtbaren Getriebe des Alltags bin und tue und treibe, an Kummer 
habe und an Freuden? Was ist das: »Ich?« Wer bin ich? Auf die 
Frage antwortet keine Wissenschaft, keine Sozialordnung, keine 
Philosophie. Einmal aber, so ist verheißen, soll ich es erfahren; und 
was sich dann kund tut, wird der Name sein, den Gott mir gibt. 
Die Herrlichkeit, die sich darin offenbart, wird in die ganze erlöste 
Schöpfung übergehen, und das wird jenes Mysterium sein, von 
welchem die letzten Kapitel der Apokalypse sprechen. 



574 



[22] 



) 



Bereits erschienene Universitätspredigten: 

Heft 1 Der Geist der Psalmen 

Weg und Frucht - Der erste Psalm 

Heft 2 Gottes Hirtensorge - Psalm 22 

Geborgenheit in Gott - Psalm 90 

Heft 3 Gottes Erkennen - Psalm 138 

Der lebendige Gott - Psalm 113 

Heft 4 Das Gotteslob der Welt - Psalm 148 
Die Erschaffung der Welt - Psalm 103 

Heft 5 Die Freude des Christen 

Die Botschaft des Fronleichnamsfestes 

Heft 6 Der Engel des Menschen 

Christi Himmelfahrt und Wiederkunft 

Heft 7 Das Gleichnis vom Säemann 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg 

Heft 8 Die Kirche / Meditation um Pfingsten 

I. Jesu Absichten IL Die Geburt der Kirche 

Heft 9 III. Offenbarung und Verhüllung 

IV. Wahrerin der Wahrheit 

Heft 10 V. Die Sichtbarkeit der Kirche 

Vom Denken und Leiden des heiligen 
Augustinus 

Heft 11 Ungarn / Der Anfang aller Dinge 

Eine Auslegung der ersten drei Kapitel der Ge- 
nesis 
L Die Frage nach dem Anfang 

Heft 12 IL Erschaffen und Erschaffen sein 

III. Der erste Schöpfungsbericht und der Tag 
des Herrn 

Heft 13 IV. Der zweite Schöpfungsbericht und die Ord- 
nung der Ehe 

V. Das Paradies 

Heft 14 VI. Der Baum der Erkenntnis des Guten 
und des Bösen 
VII. Versuchung und Sünde 

Heft 15 VIII. Die Rechenschaft und der Verlust 
des Paradieses 
IX. Der Tod 

Heft 16 X. Die Ver Störung des Menschenwerkes 
XL Die Verstörung im Verhältnis 
der Geschlechter zueinander 

Heft 17 Advent / Heilige Nacht 

Heft 18 Jahreswechsel / Epiphanie 




Heft 19 Liebe und Licht / Über Worte aus dem 
ersten Johannesbrief 
L Offenbarung IL Die Welt 

Heft 20 IIL »Gott weiß alles« 

IV. Licht der Wahrheit 

Heft 21 V. Das Wesen von Gottes Liebe 

VI. licht der Liebe 
Heft 22 VII. Gottes Liebe und der Zustand der Welt 

VHL »Herz Jesu« 

Heft 23 Gebet und Wahrheit 

Meditationen über das Gebet des Herrn 

Der Text 

Die Anrede I. Der Vater 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis 

I. Auflage 1958 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Frank. Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



i 



BX 

1756 
.G85 
W3 

lv.25 



25 



WAHRHEIT 

UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 
GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt- Anschauung ; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt, 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt, So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



DIE ERSTE BITTE 



Der Name Gottes 



UNIVERSITYsf 
NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 






BX 

1756 
V, 2 - 5 



Nachdem wir die Anrede des Herrengebetes bedacht und 
einiges aus ihrer Tiefe herausgeholt haben, wenden wir uns 
nun den eigentlichen Bitten zu. Es sind ihrer sieben, und die erste 
lautet : » Geheiligt werde Dein Name ! « Damit stehen wir mitten im 
Geheimnis der Offenbarung ; denn hat Gott einen Namen ? Einen, 
den nicht der Mensch Ihm gegeben hat, sondern mit dem Er selbst 
sich nennt ? 

Im zweiten Schöpfungsbericht der Genesis wird erzählt, wie Gott 
den Mann erschaffen hat, dieser die Einsamkeit fühlt, und der Herr 
ihm die Tiere zuführt, damit deutlich werde, ob der Mensch mit 
ihnen Gemeinschaft haben könne. Dann heißt es : »Der Mensch gab 
allem Vieh, allen Vögeln der Luft und allem Feldgetier Namen; 
aber für Adam fand sich keine Hilfe von seiner Art.« (Gen 2,20) 
Erkennend faßt der Mensch die Eigenart der Lebewesen auf und 
spricht sie im Namen aus. Indem er versteht, was das Tier, versteht 
er, was er selbst ist, und daß er anders ist als jedes Tier. Dann schafft 
Gott aus der Lebenssubstanz des Mannes das Weib, gleichen We- 
sens wie er, und zwischen ihnen erst entfaltet sich die Gemeinschaft 
ebenbürtigen Menschentums. 

Im Nennen vollzieht sich also ein Schauen und Erfassen, aber auch 
eine Unterscheidung. Wir werden sehen, was das bedeutet. 

Als Gott den Menschen schuf, sagt die gleiche Genesis, »schuf Er 
ihn nach Seinem Bild, Ihm ähnlich.« (1,26) Damit wird der We- 
sensname des Menschen genannt: er ist Jener, der Gottes Ebenbild 
ist. Damit deutet sich aber auch der Name Gottes an : Er ist Urbild. 
Was der Mensch sein soll und darf, wird ihm gegeben; sein Maß 



[3] 



579 



steht über ihm. Was Gott ist, ist Er aus Ihm selbst: Er ist seines 
Wesens Herr. 

Damit wird die Unterscheidung vollzogen, in welcher der Grund 
für die Wahrheit desDaseins hegt. Was immer ausLebenserfahrung, 
Philosophie, Weisheit über den Menschen gesagt werden kann - 
alles ist wahr nur, wenn es in diesem Satz steht: Gott ist Urbild, 
Herr von Wesen, weil Herr dieses seines Wesens; der Mensch ist 
Ebenbild, empfängt sein Wesen, und ist daher Herr nur von Gna- 
den. Wird diese Grundwahrheit aus den Aussagen über den Men- 
schen und über Gott hinausverloren, dann mögen sie aller Wissen- 
schaft und Weisheit voll sein - alles gleitet ins Namenlose, und 
Verwirrung und Verstörung breitet sich aus. 
So sehen wir denn auch, wie genau an diesem Punkt die Ver- 
suchung einsetzt. Gott hat vor dem Menschen ein Hoheitszeichen 
aufgerichtet : den Baum, von dessen Frucht er nicht essen soll. (In den 
Betrachtungen über den > Anfang aller Dinge, im vierzehnten der 
Hefte, haben wir gesehen, was er bedeutet.) Dieser Baum sagt, daß 
Gott das Recht hat, Gebot zu geben, der Mensch aber die Pflicht, es 
zu halten. Daran soll sich entscheiden, ob dieser sich in seinen Na- 
men, in seine Wahrheit, das heißt, in seine Ebenbildlichkeit stellt, 
oder nicht. Der Versucher aber sagt : Ebenbild ? O nein ! Gott weiß 
genau, daß ihr das Gleiche seid wie Er ; Urbild auch ihr ! Ihr sollt es 
nur nicht erfahren, damit ihr Ihm Untertan bleibt. Lehnt euch auf 
gegen Gott; dann werdet ihr inne, daß ihr Ihm gleich seid! . . Er- 
kennen Sie den Klang der Worte ? Den so furchtbar vertrauten 
Willen, der sich heute überall vordrängt, in Philosophie und 
Literatur, Zeitung und Politik ? . . Die Menschen aber tun, was der 
»Lügner von Anbeginn« ihnen einredet, und die Frucht ist der 
»Tod« im ganzen Schrecknis seiner Bedeutung. 
Nun beginnt die bittere Geschichte des Menschen, der um seinen 



: 



580 



[4] 



Namen nicht mehr weiß, weil er jenen Namen verraten hat, in 
welchem der seinige begründet ist. Nun geht er herum und fragt: 
wer bin ich ? - und bekommt keine Antwort. Denn was wird ihm 
alles geantwortet! Welche Torheiten, welche Widersprüche, wel- 
che Selbstüberhebung ! 

Gott aber läßt den Menschen nicht fallen. Schon daß dieser am 
ersten furchtbaren Stoß nicht zu Grunde gegangen ist, war Gnade 
und Beginn der Erlösung. Wie dann, nach endlosem Harren in 
Ferne und Finsternis, die gesetzte Zeit kommt, ruft Gott den Men- 
schen an. Es ist das Ereignis, mit dem die äußere Geschichte der 
Erlösung beginnt, die Berufung des Moses. 
Der weidet seine Herde in der Wüsteneinsamkeit des Horeb. In 
dieser Stille, deren Mächtigkeit wir lärmigen Stadtbewohner uns 
weder vorstellen können, noch auch zu ertragen vermöchten, hat 
er eine Vision : er sieht ein Dorngebüsch brennen, aber es verbrennt 
nicht, und aus den Flammen redet ihn jene geheimnisvolle Gestalt 
an, von der nur die ersten Bücher der Schrift sprechen, der »Engel 
des Herrn«, Bote Gottes und zugleich irgendwie Er selbst. Dieser 
gebietet ihm, das geknechtete Israel aus Ägypten hinauszuführen. 
Moses erschrickt über den Auftrag, aber er tritt in den Befehl; und 
um sich vor dem Volk ausweisen zu können, fragt er, wie der An- 
rufende heiße : » Moses sprach zu Gott : < Wenn ich nun zu den Kin- 
dern Israels komme und zu ihnen spreche : der Gott eurer Väter hat 
mich zu euch gesandt und sie mich fragen: wie heißt Er? - 
was soll ich ihnen dann antworten ?> Gott entgegnete dem Moses 
darauf: <Ich bin der Ich-bin!> und sprach weiter: < So sollst du zu 
den Israeliten sprechen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt>.« 
(Ex 3, 13-14) 



[5] 



58i 



So lautet, von Ihm selbst ausdrücklich genannt, der Name Gottes : 
»Der Ich-bin«. Geheimnisvoller, beunruhigender Name - sehen 
wir aber genauer zu, dann trägt er das ins Offene, was wir soeben 
bedacht haben. 

Zuerst bildet er eine Abweisung jedes Namens, der von der Erde 
her genommen werden könnte. Dann aber macht er die Weise, wie 
Gott ist; die Tatsache Seines Stehens im eigenen Wesen und seines 
Waltens aus eigenem Recht, zum Namen. Dieses Sich-Erheben 
und Walten geschieht nicht irgendwo, im Allgemeinen, im Raum 
der Ideen, sondern jetzt, hier, mit Bezug auf Moses und die nun 
beginnende heilige Geschichte. Gott heißt also »Jahwe«: »der, Der 
hier ist und vermag«. Die griechische Bibel übersetzt den Namen 
mit » Kyrios « ; die lateinische mit » Dominus « ; die deutsche sagt » der 
Herr«. 

Gottes Name spricht sein Wesen aus : Er ist Der, der einf achhin ist, 
aber als Solcher hier ist und anruft. Eben dadurch wird aufs neue 
auch der Mensch benannt. Dieser ist kein Naturwesen, sondern 
steht in Geschichte von Anfang an, denn er ist schon im Anruf 
geschaffen. So ist Gott für jeden Menschen »Der, der hier ist«, und 
ihm seinen Ort anweist, nämlich »vor Gott«. Auf diesen Ort muß 
er sich stellen, immer neu, im beständigen Gehorsam des Geschaf- 
fenseins, und dadurch verwirklicht er sich. 

Gott ist Herr; aus einer Vollmacht, die keiner Legitimierung be- 
darf. Der Mensch aber ist legitim nur von Gott her, im Sein wie im 
Recht. Das ist sein Name, und er geht ins Wirre, wenn er ihn ver- 
läßt. Dann entsteht das wilde Geschöpf, das Autonomie bean- 
sprucht, in Wahrheit keine hat und sie durch Lüge und Gewalt zu 
erzwingen sucht - ob es nun der Einzelne ist, der so tut, oder der 
Staat. Und mutet einen die Geschichte nicht manchmal wie die 
Kette der Verhängnisse an, in welche der Wille des Menschen, 



582 



[6] 



Herr aus Eigenem zu sein, ihn immer aufs neue führt ? Während er 
es doch nur aus Lehen ist, weil Gott ihm die Welt in die Hand 
gegeben hat, und er über alles, was er mit ihr tut, Rechenschaft 
geben muß ? 

Moses ist eine der größten Gestalten der Geschichte ; nur der Wider- 
wille gegen die Offenbarung hat bewirkt, daß er nicht als solche 
im allgemeinen Bewußtsein steht. Er führt das Volk Israel aus 
Ägypten hinaus. Am Sinai gibt er ihm von Gott her Gesetz und 
Verfassung. Aus der Vertrautheit, die ihm gewährt worden, bittet 
er dann, Gott möge ihm doch offenbaren, wer Er ist, auf daß er im 
Innersten belehrt sei. So heißt es im vierunddreißigsten Kapitel des 
Buches Exodus : »Da kam der Herr in der Wolke herab. Moses trat 
dort neben Ihn und rief den Namen des Herrn an. Da zog der Herr 
an ihm vorüber und rief : < Der Herr ist ein barmherziger und güti- 
ger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue! Huld bewahrt Er 
bis ins tausendste Geschlecht ! Schuld, Frevel und Sünde vergibt Er ; 
aber Er läßt sie nicht ganz ungestraft, denn bis ins dritte und vierte 
Geschlecht sucht Er die Schuld der Väter an den Kindern und Kin- 
deskindern heim>.« (5-7) 

Sie sehen, wie falsch die Stelle oft angeführt wird: Gott ahndet das 
Böse bis ins dritte und vierte Geschlecht, aber Er vergilt die Treue 
mit Huld bis ins tausendste ! Abermals offenbart sich GottesHerren- 
tum; nun aber als Souveränität der Gnade. Daß Er so gesinnt ist, 
wissen wir von uns aus nicht. Wenn so zuversichtlich gesagt wird, 
Gott und seine Eigenschaften könnten aus der Welt erkannt wer- 
den, dann ist das meistens sehr leichtfertig gesagt. Damit man es 
wirklich könne, müssen Bedingungen erfüllt sein; man muß - so 
steht es in der Bergpredigt (Mt 5,8) - ein reines Herz und ein 
erleuchtetes Auge haben; muß fähig sein, durch Schein und 



[7] 



583 



Verwirrung zu blicken und verstehen, was Geschichte ist. Alles das 
vergißt man meistens über der bloßen Logik. Denn das Bild der 
Welt und des menschlichen Daseins sieht nicht nach der Herrschaft 
eines gütigen Gottes aus. Zu behaupten, es sei doch so, ist fromme 
Rhetorik ; unwahr in dem Munde, der sie von sich gibt und ver- 
hängnisvoll für den, der sie hört und echte Antwort haben möchte. 
Daß Er wirklich, trotz der Undurchsichtigkeit und Grausamkeit 
des Daseins, der Herr der Gnade ist, sagt Er selbst uns. An dieses 
Wort können wir uns halten und Ihn erinnern : Herr, Du hast ge- 
sagt, daß es so ist; erweise Deine Gnade an uns! 
An diesem Gottesnamen aber - » Herr der Gnade « - wird der Name 
des Menschen noch einmal deutlicher : Er ist Jener, der aus der 
Gnade Gottes lebt. 

Die Genesis beginnt mit den Worten: »Im Anfang schuf Gott den 
Himmel und die Erde. « Noch ein anderes Buch in der Schrift be- 
ginnt mit den Worten »im Anfang«: das Evangelium des Apostels 
Johannes. Dort heißt es: »Im Anfang war das Wort«, der Logos, 
»und das Wort war bei Gott, und das Wort war [selbst] Gott«. Der 
Satz spricht vom Geheimnis der Innerlichkeit Gottes und sagt, dar- 
in sei nicht Monotonie, sondern allreiches Leben, Erkenntnis und 
Liebe und Fruchtbarkeit, Ich und Du, inniger Umgang. 
Aus diesem Geheimnis kommt Einer zu uns. Er wird Mensch, und 
tut sich als den Sohn Gottes kund. Dadurch wird Letzterer als »der 
Vater« geoffenbart - wie denn Jesus von Gott fast immer als vom 
Vater spricht, »seinem Vater und unserem«; Vater eines neuen 
Lebens, das Er uns gibt, wenn wir in Glaubensgemeinschaft mit 
Jesus treten. Dieser Vatername enthält die Ur-Herrlichkeit des 
Schöpfers und Urbildes; die Macht Dessen, der sich auf dem 
Horeb Jenen genannt hat, » der da ist «, und die unerschöpf liehe Güte 









1 



584 



[8] 



des Herrn der Gnade. Alles das strömt in die Größe und Innigkeit 
des Vaternamens ein. 

Von daher bekommt auch unser Name eine neue Tiefe: wir sind 
dieses Vaters Söhne und Töchter; so wirklich, daß Johannes von 
denen redet, die »aus Gott geboren sind«; Paulus aber von der Er- 
wartung, einst, in der Auferstehung werde, an uns die Fülle der 
Herrlichkeit offenbar werden (Rom 8,24). 

So also ist Gottes Name: der im Urbild Existierende; der Herr 
seiner selbst und der Welt; der Herr der Gnade und Vater des 
neuen Lebens. Wir Menschen aber haben am Namen Gottes den 
unseren: daß wir jene sind, die im Ebenbild existieren, die im An- 
ruf stehn, die aus Seiner Gnade leben, die Seine Söhne und Töch- 
ter sind. 

Das ist unsere Wahrheit. Sie besagt, daß unser Name an den Namen 
Gottes gebunden ist. Wir sind unseres Wesens nur gewiß, wenn 
wir von Ihm wissen. Blicken Sie doch in die Geschichte und sehen 
Sie, wie der Mensch die Frage nach ihm selbst beantwortet, sobald 
er von Gott wegsieht. Der Eine sagt: der Mensch ist differenzierte 
Materie . . der Andere: er ist autonomer Herr seines Daseins . . ein 
Dritter: er ist identisch mit dem Absoluten . . wieder Einer: der 
Mensch ist so, daß er jeden Augenblick aus vollkommener Freiheit 
sein Sein bestimmt . . ein Letzter : er ist nichts als eine Funktion der 
Gesellschaft, ein Werkzeug des Staates . . Graut ihnen nicht vor 
dem Chaos ? Einem Chaos, das aber nicht von der Art jener frucht- 
baren Verwirrung ist, wie sie im Anfang einer neuen Frage 
herrscht, um dann vom Denken schrittweise geklärt zu werden, 
sondern einer bösen, zerstörenden, die sich immer neu erzeugt. 
Vielleicht muß man sogar sagen, daß sie immerfort wächst. Jeden- 
falls ist sie in der Neuzeit bei allem Fortschritt exakten Wissens 



[9] 



585 



I 



größer, als im Mittelalter, denn das hat solch tödlichen Widersinn 
über den Menschen nicht gedacht. Warum ist aber heute der 
Mensch trotz all des Fortschritts sich selbst so unbekannt ? Weil er 
weithin den Schlüssel zum Wesen des Menschen verloren hat. Das 
Gesetz unserer Wahrheit sagt, daß der Mensch sich nur von über 
ihm herab erkennt, von Gott her, weil er nur von Gott her exi- 
stiert. Hinter jeder falschen Aussage über den Menschen steht eine 
falsche Aussage über Gott. 

Der verkehrte Begriff vom Menschen hat aber auch immer ein 
verkehrtes Lebensverhältnis erzeugt. Er hat dazu geführt, daß der 
Mensch den Menschen vergöttert oder entwürdigt, ihn verwöhnt 
oder ihn mißhandelt. Sehen Sie sich doch um in der Welt: in der 
Umgebung, in der jeder von Ihnen steht; im Land, das das Ihrige 
ist; in Europa, in Asien, in der ganzen Welt! Was geschieht da mit 
dem Menschen ? Wie kann er so grauenhaft preisgegeben sein ? 
Weil er den Haltepunkt verloren hat, an dem sein Wesen hängt, 
den Namen des Lebendigen Gottes. Weil er dadurch in eine Un- 
wahrheit und Rechtlosigkeit geraten ist, aus denen keine Philo- 
sophie noch Politik ihn herausbringt. 

So verstehen wir, daß die erste Bitte im Herrengebet Gott anruft, 
sein Name möge heil bleiben unter uns. 






DIE ERSTE BITTE 



II 



Die Heiligung des Namens 



586 



[10] 



LIEBE FREUNDE, 



V 



6 



6 



/\ m vergangenen Sonntag haben wir angefangen, über die 
± 1> erste Bitte des Herrengebetes nachzudenken, welche lautet : 
»geheiligt werde Dein Name!« Es ist aber doch noch einer beson- 
deren Besinnung wert, daß unter den sieben Bitten, die unser zeit- 
liches und ewiges Dasein umfassen, am Anfang die steht, der Name 
Gottes möge geheiligt werden. Es erinnert uns daran, daß unser 
Leben bis in seine Tiefe durch unser Verhältnis zu Gott bestimmt 
ist. In der gleichen Bergpredigt, in der auch das Herrengebet steht, 
spricht Jesus von der Vorsehung und sagt: »Trachtet zuerst nach 
dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit und das alles« - alles 
für das irdische Dasein Nötige - »wird euch zugegeben werden« 
(Mt 6, 33). Was »das Reich« ist, wird uns noch eingehend beschäf- 
tigen; hier ist die Ordnung wichtig, von der gesprochen wird, und 
die allem Suchen und Sorgen Maß und Verhältnis geben soll: zu- 
erst Gottes Reich, dann alles andere. Eben dadurch aber, daß sein 
Reich zuerst gesucht wird, ist »alles andere« gewährleistet. Diese 
Ordnung erscheint auch im Aufbau des Herrengebetes. So haben 
wir allen Anlaß, uns daraufhin zu prüfen, ob denn das Schicksal des 
heiligen Namens für uns wirklich Gegenstand der ersten und 
wachesten Sorge sei . . Und wagen wir es denn, diese Frage im 
Ernst zu stellen ? Müssen wir sie nicht sofort in beschämender 
Weise dahin einschränken, ob wir hier überhaupt eine wirkliche 
Sorge empfinden? . . 

Gottes Name ist uns also geofFenbart, und wir können ihn nennen. 
Er weist uns den Ort unseres Daseins an, denn durch ihn werden 
wir unseres eigenen Wesens inne. Wenn wir Gott richtig nennen, 
nennen wir richtig uns selbst. Daher sollen wir wissen, und betend 



[13] 



589 



immer neu als Grundwahrheit alles Daseins bekennen, daß Er Ur- 
bild und Schöpfer ist, wir aber im Ebenbild Geschaffene; Er der 
Herr von Wesen, wir aber Gerufene und Gehorchende; Er der 
Herr der Gute, wir aber lebend aus seiner Gnade ; Er der Vater wir 
aber in Christi Gemeinschaft, seine Söhne und Töchter und also 
Geschwister zu einander. Sich lauteren Herzens in dieser Ordnung 
zu halten, ist das, was die Schrift die » Furcht Gottes « nennt und sagt 
sie sei »der ganze Mensch« (Ekkl 12, 13). Soviel wir sie verwirf 
heben werden wirklich wir selbst; soviel wir von ihr abweichen 
verderben wir unser Wesen und verlieren wir unseren Sinn. 

Warn wir zu Gott sprechen wollen, wissen wir also, wie wir Ihn 
zu nennen haben . . Aber, meine Freunde, halten wir doch noch 
einmal inne. Haben Sie nicht schon erfahren, daß Sie sich an- 
schickten zu beten, und plötzlich überwehte es Sie: Wie komme ich 
dazu, Gott anzureden 1 »Du« zu Ihm zu sagen 1 Ist das nicht Frevel t 
Ja noch mehr : hat ein solches Reden überhaupt einen Sinn ? Ist denn 
jemand da der hört 1 Wenn aber jemand da ist - ist es dann wirk- 
lich Er ? Alles Anreden ist doch ein Rufen, und alles Rufen läßt sich 

^ wTl 7 en \ lasse ich «^ da ™> ^ jener innersten Offenheit 
und Wehrlosigkeit, welche »Beten« heißt 1 Denken wir an die be- 
unruhigende Stehe in Augustins »Bekenntnissen«, wie er bittet 
Gott möge sich ihm bezeugen, damit er wisse, wen er rufe, »könnte 
es doch sein, daß einer ein Anderes riefe, als er meint, wenn er in 
Unwissenheit ruft« (1 1). Und wahrlich, es wäre schon Anlaß zu 
einem Scheuwerden und Innehalten, denn was haben die Menschen 
alles gerufen, behauptend, sie riefen Gott! 
Dadurch aber, daß Jesus uns das Gebet gab, und nicht nur sagte : so 
dürft ihr, sondern: so sollt ihr beten, hat Er diese Frage beant- 
wortet - sie, die eine Frage der Wahrhaftigkeit sein kann, aber 



590 



[14] 



auch eine solche der Schwäche oder der Trägheit oder der Flucht. 
Dadurch hat Er gesagt: Wenn du diese Worte sprichst, bist du in 
der Wahrheit. Wenn du diesen Namen rufst, rufst du den Leben- 
digen Gott, deinen Vater. Und was sich dir dann zuwendet, ist 
seine Liebe. 



Die erste Bitte sagt also, Gott möge geben, daß sein Name gehei- 
ligt werde. Doch was heißt das ? Wenn wir die Schrift fragen, wor- 
in die Eigenschaft bestehe, die alles bestimmt, was zu Gott gehört, 
sein Unduldend-Eigenstes und der Duft seiner Nähe, dann ant- 
wortet sie : die Heiligkeit. Wieder aber, was bedeutet das : Heilig- 
keit ? Versuchen wir, ob es möglich ist, etwas über sie zu sagen, 
ohne allzu Törichtes zu reden. 

Gottes Heiligkeit bedeutet vor allem, daß mit Ihm nicht zu- 
sammen genommen werden darf, was gemein, niedrig, unedel ist. 
Mehr: es bedeutet, daß Gott nicht » weltlich« ist, sondern anders als 
alles, was Welt heißt ; geheimnisvoll enthoben und unnahbar. Kein 
Begriffdrückt Ihn aus. Keine Gewalt kann Hand auf Ihn legen. So- 
bald Er sein Geschöpf anrührt, erschauert es. 
Gottes Heiligkeit bedeutet weiter, daß in Ihm nichts Böses ist, 
keine Lüge, keine Ungerechtigkeit, keine Gewalttat, keine Un- 
reinheit, sondern Gott ist gut. Das Gute aber ist kein Gesetz, das 
über Ihm stünde, und Er genügte ihm in der vollkommensten 
Weise, sondern Er ist es selbst. Wer vom Guten redet, redet von 
Ihm. So erwidert denn auch der Herr dem Jüngling, der Ihn ehren 
will : »Was nennst du mich gut ? Niemand ist gut, außer dem Einen, 
Gott.« (Mk 10, 18) Diese Gutheit ist in Ihm nicht nur Gesinnung, 
sondern Wirklichkeit; nicht nur Meinen und Streben, sondern 
Sein. Gutheit und Wirklichkeit sind in Ihm eins, und aus dieser 
Einheit bricht ein Leuchten: das ist die Heiligkeit. 



[15] 



591 



Sie erinnern sich der Worte im »Sanctus« der Messe: »Heilig hei- 
lig, heilig der Herr, der Gott der Scharen!« Sie stammen aus der 
Vision, durch die der Prophet Isaias berufen wurde. Da erscheint 
»der Herr, sitzend auf hohem und erhabenem Thron, und die 
Säume [seines Gewandes] füllen den Tempel«. Seraph-Engel aber 
mächtige Wesen, jedes geheimnisvoll sechsfach beflügelt um- 
geben ihn. Vom Schauer Seiner Hoheit erschüttert, verbergen sie 
ihr Angesicht, und rufen Gottes Heiligkeit aus : »Die ganze Erde ist 
Seiner Herrlichkeit voll!« Die Erschütterung greift auf Stein und 
Bauwerk über, und »die Fundamente der Tempelschwellen er- 
beben«. Auf den Propheten aber fallt der Schrecken des schuldigen 
Menschen vor der Gegenwart des heiligen Gottes : »Da sprach ich ■ 
< Weh mir, ich bin verloren! Denn ein Mann mit unreinen Lippen 
bin ich, und wohne unter einem Volke unreiner Lippen. Denn den 
König, den Herrn der Heerscharen, haben meine Augen gesehen > « 

U s 6 > 1-5) 

WelchesBild ! Die Heiligkeit, in welcher Gutheit und Wirklichkeit 
Gesinnung und Macht eins sind, leuchtet. Dieses Leuchten ist die 
Herrlichkeit Gottes, furchtbar dem Wesen, das sich schuldig weiß. 

Die erste Bitte hegt Gott an, seine Heiligkeit möge in Ehren 
gehalten werden. Doch wir wollen genau sein; denn sie sagt 
noch mehr: Gottes Name, das heißt also, Er selbst, möge »gehei- 
ligt« werden. Um das zu verstehen, müssen wir von dem aus- 
gehen, was die Grundlage unseres Glaubens überhaupt bildet 
Was sollte, denkt man, aus Gottes Heiligkeit, die Herrlichkeit ist 
eigenthch folgen? Doch wohl, daß Er in jenem »unzugänglichen 
Licht« bliebe, m das, wie Paulus sagt, »niemand Zutritt hat« (1 Tim 
6, 16). In Wahrheit ist Gott, kraft eines Ratschlusses, der unserem 
UrteÜ entzogen ist, zu uns gekommen. Wir haben über das Ge- 



592 



[16] 



heimnis dieses Kommens schon öfter nachgedacht; aber lassen wir 
es wieder zu uns sprechen, denn an ihm hängt ja alles. Es meint 
nicht nur, daß Gott » überall «ist, also auch bei uns ; daß Er » immer « 
da ist, also auch in unserer Zeit. Das allein wäre es nicht, wofür unser 
Glaube so staunend, und doch wieder in so tiefem Einverständnis 
dankt. Denn wenn wir nur sagen : Gott ist hier, dann schreitet seine 
Über-Räumlichkeit ja doch sofort über dieses »Hier« hinaus und 
entzieht sich ins Unbekannte. Und ebenso, wenn wir sagen: Er ist 
jetzt unter uns, denn dieses »Jetzt« zergeht vor seiner Majestät, und 
Er enthebt sich uns Zeitgebundenen in seine Ewigkeit. Gott tut 
aber mehr als das; geheimnisvoll Anderes. Er kommt, wenn man 
so sagen darf, über die Grenze, die uns von Ihm scheidet, herüber 
und ist nun »bei uns«. Er teilt unser Dasein und »wohnt unter uns«. 
Die ganze Geschichte des berufenen Volkes kreist um das Un- 
geheure, daß Gott in seiner Mitte ist, und unter ihm wohnt, und es 
führt, und seinen Kampf kämpft. Das drückt sich im heiligen Zelt 
und dann im Tempel aus, die ja in einem ausdrücklichen Sinn 
Wohnung Gottes waren. 

Nimmt man das aber ernst, dann erhebt sich sofort die Frage, ob 
denn ein Volk dieses Bewußtsein aushalten könne ? Daß der Le- 
bendige Gott, fast hätte ich gesagt »leibhaftig« unter ihm wohnt ? 
Drohen da nicht zwei große Gefahren: die eine, daß es die furcht- 
bare Gegenwart nicht mehr ertrage und in die Verantwortungs- 
losigkeit des Heidentums gehe - die andere, daß es versuche, Hand 
auf dieses Geheimnis zu legen und es magisch zu mißbrauchen ? 
Nach beiden Weisen wäre Gott entehrt; und die Schrift sagt 
ja, daß Derartiges wirklich geschehen ist. So wird die Gegen- 
wart mit einem Schutz umgeben, und das ist das Gesetz.Die Bücher 
Exodus, Numeri, Leviticus, Deuteronomium zeigen, wie zuerst 
Gottes eigene Willensäußerung den Kern des Gesetzes verkündet; 



[17] 



593 



dann die Führer und Richter des Volkes ihn weiter entwickeln und 
Vorschrift an Vorschrift reihen. Dieses Gesetz hat man aus den 
verschiedensten Gesichtspunkten -politischen, soziologischen, hy- 
gienischen - zu erklären versucht. Davon trifft sicher manches zu; 
sein eigentlicher Grund Hegt aber nicht darin. Sondern all die Ver- 
bote und Gebote sollten die Glaubenden immer wieder daran er- 
innern, daß Gott unter ihnen wohne. Mit jedem Schritt sollten sie 
an eine Vorschrift stoßen, die sie aus Vergessenheit und Selbstver- 
ständlichkeit aufschreckte, und an das Ungeheure denken, das 
ihnen ebensoviel gewährt wie auferlegt war. Das Gesetz sollte eine 
heilige Mauer um Gott sein, die Ihn und die Menschen um Ihn her 
schützte; jede seiner Vorschriften aber auch ein Tor, das zu Ihm 
führte. 

So wurde Gott durch das Gesetz geheiligt. Das Wort meint in der 
Sprache des Alten Testamentes, daß von Ihm und dem Seinigen das 
Profane ferngehalten; daß Er mit Scheu und Ehrfurcht umgeben, 
ebendadurch aber auch der Mensch vor der Glut des Heiligen ge- 
schützt wurde, die ihn zerstören mußte, wenn er zu nahe heran- 
trat. Denken wir an das aufs erste Lesen hin so befremdende 
Geschehnis bei der Wegführung der Bundeslade aus dem Land der 
Philister : wie sie vom Wagen zu gleiten drohte, ein Nicht-Befug- 
ter sie halten wollte, »der Zorn des Herrn aber wider ihn ent- 
brannte« und »ihn schlug« (i Chron 13,10). So sagte das Gesetz 
den Glaubenden immer aufs neue: Hütet euch, in eurer Mitte 
wohnt Gott! Und nicht nur in der, wenn man so sagen darf, aus- 
geglichenen Weise der Allgegenwart, sondern in der besonderen, 
macht-übenden, die am Sinai begonnen hat. Übt heiligende Ehr- 
furcht! . . Wenn aber dann der Glaubende vom Unnahbaren 
scheuend zurücktrat, dann erfuhr er dessen Gnade. Im Maß er die 
Unterscheidung vollzog, wurde er der Leben spendenden Nähe 



594 



[18] 



inne. So oft er sich hütete, das Heilige zu gebrauchen, segnete es 
ihn. Da aber Gott selbst sein Name ist, wurde auch der Name vom 
Horeb: »Jahwe«, was bedeutet: »Er, der da ist« geheiligt. Seine 
Nennung wurde mit Schranken umgeben, immer strengeren, bis 
er überhaupt nicht mehr genannt wurde, und Umschreibungen an 
seine Stelle traten. 



Im Neuen Bund verschwindet das Gesetz. Der Name Gottes ver- 
tieft sich zu dem des Vaters. In das Gebet aber, das den Seinen zur 
Form ihres Gottesumgangs werden soll, nimmt Jesus jene Grund- 
forderung der alten Frömmigkeit auf. So mahnt die erste Bitte den 
Christen, er solle die Sorge um den heiligen Namen in seinem Her- 
zen haben. Solle durch seinen Glauben, seine Liebe, seine ganze 
innere Haltung den Namen des Vaters heiligen, in ihm selbst, wie 
in seiner Umgebung. Ja die Bitte sagt, so gesinnt zu sein, bedeute 
keine aus der Gesinnung des wohlgearteten Menschen erwachsende 
religiöse Selbstverständlichkeit, sondern Gnade. Es ist die Gnade 
der Frömmigkeit einf achhin ; der Herr lehrt uns ja, um sie zu beten. 
Und wir dürfen in der Heiligung Gottes nicht nur eine Pflicht 
sehen, die uns auferlegt, sondern ein Großes, das uns anvertraut ist. 
Der aber, der es uns anvertraut, gibt uns Einsicht und Herzenskraft, 
seinem Vertrauen zu genügen. 

Doch wir müssen noch einmal tiefer in dieHerrenworte eindringen, 
um zu ihrem vollen Sinn zu gelangen. Es heißt nämlich nicht: gib 
uns, daß wir Deinen Namen zu heiligen vermögen, sondern: daß 
er geheiligt werde, das Geheimnis der Heiligung sich vollziehe. Im 
Grunde ist das Heiligen also gar kein Akt des Menschen, sondern 
Gottes selbst. Er ist es, der sich im Menschen heiligt. Er bezeugt 
sich dem Menschen als der Wesenhaft-Heilige und macht, daß 
dieser sich »im Schauer der Anbetung« neigt. Darin wird ihm 



[19] 



595 



deutlich : Gott allein ist Gott ; ich bin geschaffen. Er allein ist heilig • 
ich bin sündig. Diese Deutlichwerdung stellt den Menschen in die 
Wahrheit seiner Existenz. Sie ist die Grundgnade des erlösten Da- 
seins, und der Herr lehrt uns, vor allem anderen um sie zu beten. 

Aber wie alltagsnötig ist auch Gottes Hilfe, soll sein Name heilig 
bleiben ! Vergegenwärtigen Sie sich doch, meine Freunde, wie über 
Ihn gesprochen wird : von ganzen und halben und Viertelsphiloso- 
phen ; vonDichtern und Politikern, Schreibern und Wortemachern 
aller Art ! Was würden wir empfinden, wenn von einem Menschen, 
den wir Heben, so gesprochen würde, wie von Gott? Und sehen 
wir selbst von den Leugnungen und Lästerungen ab, die immer 
schamloser werden - der Name Gottes ist ja weithin zu einer blo- 
ßen Betonungssilbe geworden. Wenn einer den anderen fragt: 
gefällt dir das? antwortet der: »Gott, ja!« Ist das nicht eine be- 
ständige Entwürdigung ? 

Gott hat alle Dinge in ihr Wesen und ihre Wirklichkeit gestellt - 
die Dinge und uns Menschen. Alles ist nur, weil Er es hält. Wenn 
wir fragten : was ist ? dann würde die erste Antwort lauten : Gott. 
Er ist einfachhin und durch sich; alles, was Welt heißt, nur durch 
Ihn und vor Ihm. So müßte Er eigentlich überall hindurchleuchten 
Die Dinge müßten blühen von Ihm. Statt dessen ist alles stumpf 
und stumm. Wie kann das sein? Hat Sie nicht schon einmal das 
Staunen darüber berührt, daß Gott ist, und man leben kann als 
wäre Er mcht ? Welch harte Mauer muß, in all seiner Armseligkeit, 
der Mensch sein, daß er Gott hindert, herauszuleuchten ! 
In seiner Großmut hat Er aber gewollt, der Mensch solle frei sein- 
wirklich frei, also tun können, wie er will, auch wider den heiligen 
Willen. So hat Gott gleichsam an sich gehalten; hat dem Menschen 
Raum gegeben, damit er Ja sagen könne und Nein - mit dem Ver- 



trauen des wahrhaft großen Herrn, der Freigegebene werde den 
Gott, der ihn in so hoher Weise ehrt, seinerseits in Ehren halten. 
Der Mensch aber hat Nein gesagt; da ist solches Dunkel auf die 
Welt gefallen, solche Verwirrung in sie eingedrungen, daß der 
Mensch leben kann, als ob Gott nicht wäre ; Philosophien ausden- 
ken, welche diese Leugnung zur Grundlage ihres Systems machen; 
eine Politik treiben, die als Voraussetzung für alle Macht und 
Wohlfahrt den Glauben auslöscht . . Wahrlich Mysterium des 
Bösen! 

Meine Freunde, lassen Sie uns in großem Ernst Gott bitten, Er 
möge seinen Namen heiligen, in uns und durch uns, damit von 
daher Licht werde in der kalten Unwahrheit, die überall herrscht. 
Lassen Sie uns nie vergessen, daß nur in der Heiligung des Gottes- 
namens der Mensch heil bleibt. So oft im Gang der Geschichte der 
Name Gottes mißhandelt oder vergessen wird, wird mißhandelt 
und vergessen der Name des Menschen. Eine ihre Grenzen über- 
schreitende Wissenschaft sieht im Menschen die höchst entwickelte 
Tierart; eine blinde Kulturphilosophie nimmt ihn für ein ökono- 
misches oder soziologisches Wesen; schließlich ist der Totalismus 
gekommen und hat ihn zum Material für seine Machtzwecke 
gemacht. Es ist wohl nötig, daß wir die Bitte des Vaterunsers 
sprechen. 

Wir wollen Gott rufen, daß Er uns in Geist und Herz groß werde. 
Der siebenundsechszigste Psalm beginnt mit den Worten: »Gott 
steht auf, seine Feinde zerstieben« -ja, so wollen wir Ihn rufen: 
Steh auf, Herr, in meinem Leben! Laß nicht zu, daß alles Mögliche 
in mir wirklich sei, nur Du nicht. Daß ich den Tag hindurch an 
tausend Dinge denke, nur nicht an Dich. Mich morgens und abends 
mühsam an Dich erinnern müsse, und wieder schnell von Dir 



• 



596 



j 



[20] 



[21] 



597 



weglaufe. Sei Du in meinem Leben Jener, der wahrhaft wirklich 
ist, und heilig ist, und Herr! 

Wer die Einigkeit und Kraft des Herzens hätte, könnte das Gebet 
des ganzen Lebens mit der Bitte bestreiten : » Herr, steh auf in mir ! « 
Sie wurde alles in Ordnung bringen: die Normen, die Werte, die 
Autgaben. Es würde unterschieden zwischen Groß und Klein 
Echt und Unecht, Sein und Schein. Zu einem Gebet von solcher 
Macht smd wir aber nicht im Stande ; so bitten wir Gott denn nach 
unseren kleinen Kräften. Bitten wir Ihn, Er wolle uns die Herzens- 
haltung schenken, die aus der Kenntnis seines Namens kommt- die 
Furcht Gottes. Nicht die Furcht vor Ihm, die ist Krankheit - nein 
SeineFurcht. Das Erfülltsein von Seiner Wirklichkeit; das Berührt- 
sem von semer Heiligkeit. Das ist »der ganze Mensch «(Pred 12 13) 



598 



[22] 



Bereits erschienene Universitätspredigten: 



University Libraries of Notre Dame 



0000 




Heftl Der Geist der Psalmen 

Weg und Frucht - Der erste Psalm 

Heft 2 Gottes Hirtensorge - Psalm 22 

Geborgenheit in Gott - Psalm 90 

Heft 3 Gottes Erkennen - Psalm 138 

Der lebendige Gott - Psalm 113 

Heft 4 Das Gotteslob der Welt - Psalm 148 
Die Erschaffung der Welt - Psalm 103 

Heft 5 Die Freude des Christen 

Die Botschaft des Fronleichnamsfestes 

Heft 6 Der Engel des Menschen 

Christi Himmelfahrt und Wiederkunft 

Heft 7 Das Gleichnis vom Säemann 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg 

Heft 8 Die Kirche / Meditation um Pfingsten 

I. Jesu Absichten II. Die Geburt der Kirche 

Heft 9 III. Offenbarung und Verhüllung 

IV. Wahrerin der Wahrheit 

Heft 10 V. Die Sichtbarkeit der Kirche 

Vom Denken und Leiden des heiligen 
Augustinus 

Heft 11 Ungarn / Der Anfang aller Dinge 

Eine Auslegung der ersten drei Kapitel der Ge- 
nesis 
I. Die Frage nach dem Anfang 

Heft 12 II. Erschaffen und Erschaffen sein 

III. Der erste Schöpfungsbericht und der Tag 
des Herrn 

Heft 13 IV. Der zweite Schöpfungsbericht und die Ord- 
nung der Ehe 

V. Das Paradies 

Heft 14 VI. Der Baum der Erkenntnis des Guten 
und des Bösen 
VII. Versuchung und Sünde 

Heft 15 VIII. Die Rechenschaft und der Verlust 
des Paradieses 
IX. Der Tod 

Heft 16 X. Die Verstörung des Menschenwerkes 
XI. Die Verstörung im Verhältnis 
der Geschlechter zueinander 

Heft 17 Advent / Heilige Nacht 

Heft 18 Jahreswechsel / Epiphanie 



Heft 19 Liebe und Licht / Über Worte aus dem 

ersten Johannesbrief 

L Offenbarung 0. Die Welt 
Heft 20 HI. tGott weiß alles« 

IV. Licht der Wahrheit 

Heft 21 V. Das Wesen von Gottes Liebe 

VL Licht der Liebe 
Heft 22 VII. Gottes Liebe und der Zustand der Welt 

VIIL »Herz Jesu« 
Heft 23 Gebet und Wahrheit 

Meditationen über das Gebet des Herrn 

Der Text 

Die Anrede I. Der Vater 
Heft 24 n. Der Himmel 

III. Die Gotteskindschaft 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis 

I. Auflage 1958 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung : 

Frank. Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



BX 

1756 

,G85 

W3 

V.26 



H 




WAHRHEIT 

UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

«... 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntäglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung ; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



DIE ZWEITE BITTE 



Das Reich Gottes im Alten Testament 



UNivERsrny 

NOTREDAME 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 




U?3 



Wir stehen bei der zweiten Bitte des Herrengebetes, die lautet : 
»Zu uns komme«, genauer: »ankomme Dein Reich!« Das 
Wort vom Reiche Gottes ist ein Grundwort der Botschaf t Jesu und 
ein Schlüsselwort für sein Schicksal; wir wollen seiner Bedeutung 
sorgfältig nachgehen. 

Es steht schon über den frühen Kinderjahren des Herrn. Wir lesen 
im Evangelium des Matthäus, wie die Magier aus dem Morgen- 
lande kommen und fragen : »Wo ist der neugeborene König der 
Juden ? Wir haben seinen Stern im Morgenland gesehen und sind 
gekommen, ihm zu huldigen.« (2,2) Sie sprechen das Wort vom 
Reich und seinem Herrscher, und die Wirkung ist, daß jener, der 
augenblicklich die Macht hat, Herodes, Gefahr wittert, Maß- 
nahmen anordnet, wie man heute sagen würde, und die Eltern das 
Königskind nach Ägypten bringen, um es vor der Gewalt zu 
bergen. 

Auf die Rückkehr folgt eine lange stille Zeit in Nazareth. Wie dann 
Jesus zum ersten Mal die Botschaft verkündet, geschieht es mit den 
Worten : »Die Zeit ist erfüllt, und das Reich'Gottes ist nahe herbei- 
gekommen. Sinnet um und glaubet der Frohen Botschaft I« (Mk 
1, 15) In der Folgezeit kündet Er immer wieder in eindringlichen 
Gleichnissen vom Reiche Gottes - wir werden von ihnen noch ein- 
gehend zu sprechen haben. Schließlich sammelt sich aber der Haß 
seiner mannigfachen Feinde, und es ist dasReich Gottes, um dessent- 
willen Er angeklagt wird. Im Johannes-Evangelium lesen wir, wie 
Pilatus, der römische Richter, im Verhör fragt : »Bist Du der König 
der Juden? «Jesus vergewissert sich, was der Prokonsul meint, um 
dann auf dessen neue, dringlichere Frage sich zu seinem Königtum 



[3] 



603 






zu bekennen, aber hinzuzufügen : »< Mein Reich ist nicht von dieser 
Welt» ... Sagt Pilatus zu Ihm : < Also bist Du ein König > > Jesus ant- 
wortet: <Ja, du sagst es, Ich bin ein König. Dazu bin Ich geboren 
und dazu in die Welt gekommen, daß Ich für die Wahrheit Zeugnis 
gebe. Und jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme > 
Sagt Pilatus zu Ihm : < Wahrheit - was ist das ? > « Der Erfahrene sieht, 
dieses Reich und Königtum ist von anderer Art, als was die Natio-i 
nalisten der Zeit darunter verstehen; trotzdem gibt er dem Druck 
nach und verurteilt Jesus als Aufrührer gegen den politischen Herr- 
scher zum Tode. Auf das Kreuz aber läßt er - ohnmächtiges Zeug- 
nis für seine Unschuld - die Aufschrift setzen : »Jesus von Nazareth 
Konig der Juden« (18,33-38; 19, 19). 
Was ist das, dieses Reich, für das Jesus in den Tod gegangen ist ? 

Die früheste Kunde davon steht im Bericht über den Ursprung 
aller Dinge, der Genesis. Dort heißt es : » Und Gott schuf den Men- 
schen als sein Bild. Als Gottes Bild schuf Er ihn. Er schuf sie als 
Mann und als Weib, und . . . sprach zu ihnen : < Seid fruchtbar, und 
mehret euch, und erfüllet die Erde. Machet sie euch Untertan, und 
herrschet über des Meeres Fische, über des Himmels Vögel und 
über alle Lebewesen, die auf Erden wimmeln!) « (1,27-28) 
Gott ist der Ur-Ewige, Inbegriff aUes Seins und Sinnes. Er macht 
den Menschen zu seinem Ebenbild, und diese Ebenbildlichkeit 
bestimmt der heilige Text als eine solche der Herrschaft: Gott ist 
Herrscher von Wesen; der Mensch soll es sein von Gnaden. Gott 
übergibt seinem Geschöpf das, was an sich nur Ihm gehört- die 
Welt. Sie soll des Menschen Reich sein, und die Gestalt dieses Rei- 
ches ist das Paradies. Hier handelt es sich weder um ein Märchen 
noch um ein Kinderland der frühesten geschichtlichen Entwick- 
lung - wir haben in früheren Betrachtungen darüber nachgedacht - 



604 



[4] 



vielmehr um Ernst und Wirklichkeit. Es ist die Welt, hinein- 
gegeben in die Verantwortung des Menschen. Dadurch, daß die- 
ser, m reinem Gehorsam gegen Gott lebend, sie zum Menschen- 
reich machen würde, sollte sie zum Reich Gottes werden. Etwas 
von unausdenkbar Größe sollte werden; getragen von Gottes 
Gnade und dem Ernst des ungebrochenen Menschengeistes, erfüllt 
von allemReichtum des Lebens und Schaffens, geadelt durch kühne 
Freiheit aber in jener Wahrheit verwirklicht, die allein das Sein 
echt und das Tun fruchtbar macht, nämlich im Gehorsam gegen 
den ersten Herrn. 



In diese heilige Möglichkeit dringt der Empörer von Anbeginn 
und es gelingt ihm, den Menschen in seine eigene Auflehnung zu 
ziehen. Er redet ihm ein, was von da ab die Botschaft des Unglau- 
bens durch alle Zeit sein wird : der Mensch könne wirklich Herr der 
Welt und semer selbst nur werden, wenn er Gott den Gehorsam 

aufsage.DannwerdedieWeltsein,desMenschen,nichtGottesReich 

werden Aus einerTorheit,vonderwirnichtverstehen,wiesiemög- 
hch werden konnte, hört der Mensch auf ihn und empört sich gegen 
Gott. In der furchtbaren Scham schuldig gewordener Nacktheit 
erkennt er, daß er betrogen ist; doch das Reich ist zerbrochen. 
Es folgt die lange, dunkle Zeit, über die wir so wenig wissen. Von 
ihr spricht aber ein Zeugnis, das sind die dunklen Ängste im Inner- 
sten unseres Gemütes. Denn die kommen letztlich nicht aus Zu- 
standen früher Bedrohtheit durch eine noch übermächtige Natur 
schon gar nicht aus Rückständen vorausgehender Entwicklungs- 
stufen, sondern aus einem Bruch im Kern unserer Person. 

Gott öffnet aber einen neuen Beginn. Sein Ratschluß erwählt einen 
Mann nach seinem Herzen, Moses. Diesem offenbart Er sich auf 



[5] 



605 






dem Horeb als Herrn aller Macht und sendet ihn, das Volk Israel 
aus Ägypten, dem »Haus der Dienstbarkeit«, hinauszuführen, denn 
wieder soll heiliges Reich werden. Das geschieht. Wie der hundert- 
dreizehnte Psalm von dieser Befreiung spricht, sagt er: »Als Israel 
aus Ägypten zog, Jakobs Stamm aus dem fremden Volk, ward Juda 
zu Gottes Heiligtum; zu Seinem Reiche ward Israel.« Am Sinai 
schließt Gott mit ihm den geheimnisvollen Bund; es »soll Sein 
Volk, und Er will ihm Gott sein« - eine Verbindung, wie sie sich 
bis dahin nicht verwirklicht hat und seitdem nie mehr ist verwirk- 
licht worden. Durch Moses gibt Gott seinem Volke Verfassung 
und Lebensordnung ; darin ist aber von keinem Oberhaupt die 
Rede. Niemand steht dort, wo sonst im Leben der alten Völker der 
König steht, denn Gott will selbst der König dieses Volkes sein. Er 
will es selbst führen. Des Volkes Taten sollen Gottes Taten, des 
Volkes Ehre die Ehre Gottes sein. 

Das ist etwas nicht nur Großes, sondern - wir sagten es - schlechthin 
Einzigartiges, und wir wollen uns klar zu machen suchen, was es 
bedeutet. Was hier begonnen hat, ist echte Geschichte, eines wirk- 
lichen Volkes in dieser wirklichen Welt, jedoch anders sich voll- 
ziehend, als sich sonst Geschichte vollzieht. Sonst ist da ein Volk 
mit seiner ethnologischen Eigenart, hat seine Möglichkeiten und 
Grenzen und sucht seinen Platz in der Welt zu erringen. Es nimmt 
von einem Land Besitz, schafft sich seine Ordnung, arbeitet, be- 
hauptet sich. Kriegerische Fähigkeiten großer Führer, politische 
Begabungen eines Herrscherhauses fassen die im Volke Hegenden 
Kräfte zusammen, formen und sichern sie. So entsteht aus den 
natürlichen Anlagen des Volkes, aus den Möglichkeiten des Landes, 
aus Leistungen der Tapferkeit und Beharrungskraft, was wir Ge- 
schichte nennen - so viel gelingend, als natürliches Schicksal 
gewährt. 



Beim Volke Israel sollten die Dinge sich nicht so zutragen. Seine 
Geschichte sollte aus Gottes beständig wirkender Gnade und des 
Volkes Glauben an Ihn hervorgehen . . Nun könnte man sagen, 
jede Geschichte eines Volkes müsse aus Glauben hervorgehen, denn 
an Gottes Gnade hänge doch alles. Gewiß, doch nicht so wie hier; 
sondern was sonst aus eigenem Instinkt und Wagnis, aus politischer 
Erwägung und kriegerischem Entschluß entspringt, soll hier aus 
der unmittelbaren Weisung Gottes hervorgehen. Ist das aber vor 
jeder natürhch-poHtischen Einsicht und Erfahrung nicht einfach 
Unsinn ? Nein, nicht Unsinn, sondern einzigartige göttliche Ge- 
währung - und, freilich, auch Zumutung in einem. 
Daraus sollte nämlich Reich Gottes, Königtum des Herrn der Welt 
hervorgehen. Immer neu sollten von Ihm her Menschen erstehen, 
Führer, Propheten Gesetzgeber, Richter, Weise und sagen: »Also 
spricht der Herr ! « Moses zuerst ; Josue nach ihm ; darauf die Reihe 
derer, die wir »die Richter« nennen, und von denen Samuel der 
letzte war; dann Gestalten, jenen gleich, deren Stimme wir im 
Alten Testament verkündend, mahnend, strafend vernehmen: 
Elias, Nathan, Isaias, Jeremias und so fort. Das Volk sollte ihnen 
glauben, vertrauen, gehorchen, und in der VerwirkUchung dieses 
Unerhörten wäre es zu einer nirgends, auch nicht in den höchst- 
stehenden Völkern sonst erhörten heiligen Größe herangereift. Das 
wäre auch keine »Theokratie« gewesen, wie die Geschichte sie als 
Verfassungsform kennt, sobald Priester an der Spitze stehen, eben- 
sowenig wie Monarchie, oder Oligarchie, oder was immer; viel- 
mehr Reich Gottes als Form von Geschichte. 

Aber noch einmal gefragt: Ist etwas Derartiges denn möglich? 
Handelt es sich da nicht doch um eine Sage aus völkischer Frühzeit ? 
Kann der Ewig-Allmächtige, dessen Wesen und Leben ja doch den 



606 



[6] 



[7] 



607 



Charakter des Absoluten trägt, mit Derartigem zusammengedacht 
werden ? Daß Er alles Geschehen durchwaltet und es letztlich auch, 
vom schöpferischen Ursprung her, wirkt, ist verständlich - soweit 
in diesen Beziehungen von Verstehen überhaupt die Rede sein 
kann. Verständlich auch, daß Er in jedem Menschenherzen das 
Rechte bezeugt und das Gewissen anruft und es dadurch führt. 
Doch daß Er gerade hier und jetzt und in diesen Zusammenhang 
nicht nur wirkend, sondern handelnd eintritt - hebt das nicht den 
Begriff des absoluten Gottes auf ? 

Und außerdem: Was so geschieht, fällt doch auf Ihn zurück. Es 
wird sozusagen zu seinem Schicksal - wir werden gleich sehen, 
wie sehr; denken wir nur an die Person Jesu, an der sich alles 
erfüllen wird. Und es wird zum Gegenstand seiner, des All- 
heiligen, Verantwortung; und Verantwortung in einer noch 
ganz anderen Weise, als die Welt und das Menschendasein 
es schon dadurch sind, daß Er sie geschaffen und den Men- 
schen in seine Freiheit gestellt hat. Ist es also möglich, dergleichen 
von Gott zu sagen ? 



Es gibt eine Periode in der Entwicklung des religiösen Denkens, in 
welcher so vom Göttlichen gesprochen wird, und zwar in der des 
mythischen Bewußtseins. Da erzählt etwa ein Stadtmythos, wie 
Poseidon und Aphrodite Troja gründen und fortan für es kämpfen, 
um schließlich gegen andere Götter zu unterliegen. Hier erscheint 
das Göttliche als die religiöse Grundkraft des betreffenden Volkes 
im Unterschied zu anderen; als Macht, die sein geschichtliches Le- 
ben schützt, ihm zur Selbstdurchsetzung und zum Gedeihen hilft. 
Das ist aber etwas ganz anderes, als was im Alten Testament vor 
sich geht. Da ist nicht von einer numinosen Natur- oder Ge- 
schichtsmacht, die zu dem betreffenden Weltbereich gehörte, son- 



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dem vom Lebendigen Gott die Rede, der allem Weltsein gegen- 
über souverän ist. 

Nach der mythischen Periode setzt die Arbeit des kritischen und 
vertiefenden Geistes ein und gewinnt in langer religiöser und philo- 
sophischer Bemühung die Idee des absoluten Wesens - vielleicht 
seine gewaltigste Leistung, uns so selbstverständlich geworden, daß 
sie uns gar nicht mehr als solche zum Bewußtsein kommt. Die 
Idee meint das Vollkommen-Seiende, das aus reiner Wesenhaf tig- 
keit lebt, unberührbar über allen Schicksalen, unangreifbar von 
allem Wandel. Ein wichtiger Begriff; eine gewaltige Befreiung 
von Vorstellungen, die bei allem Tiefsinn im einzelnen und aller 
dichterischen Kraft doch unwürdig sind. Nicht umsonst hat sich 
außer der Wahrheitskritik des Geistes auch der Spott des gesunden 
Menschensinnes gegen sie gewendet . . Ist aber das, was die Schrift 
sagt, nicht ein Rückfall in die Weltgebundenheit des Mythos ? 
Es ist das Gegenteil davon. In ihm wird uns die höhere Wahrheit 
kund; reine, gnadengeschenkte Offenbarung: daß Gott wohl un- 
aufhebbar der Absolute ist, doch sein Wesen die Grenze der bloßen 
Absolutheit überschreitet. Daß Er, der All-Einbegreif ende, Immer- 
Seiende, jeder Begrenzung Enthobene, zugleich fähig und willens 
ist, in unser Dasein einzutreten ; unter uns eine Geschichte zu führen, 
deren Verantwortung auf sich zu nehmen und daran Schicksal 
zu erfahren. Vor allem bloß natürlichen Denken unerhört; in 
Wahrheit selige Offenbarung. Sie sagt uns: Gott ist so, daß Er das 
tun kann . . und daß es vor Ihm heilig und recht ist . . und daß Er 
uns in die Beziehung hmeinnimmt, die dadurch entsteht. 
Die Erfüllung davon ist das Dasein Christi. Vom bloß-absoluten 
Gott her gibt es keine Menschwerdung. Sie wird erst möglich, 
wenn in Ihm ein Geheimnis ist, das wir »Liebe« nennen; nicht nur 
Huld, sondern nie zu begreifende Gewilltheit, sich für uns in 



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Schicksal zu geben. Dieses Geheimnis besteht; und seiner ver- 
gewissert zu sein, ist unser Glaube. 

Die Geschichte des Alten Testamentes zeigt uns, wie Gott durch 
dieses sein Bei-uns-sein und Handeln und Führen bemüht ist, sein 
Reich aufzurichten - »bemüht«, sage ich, denn es erfüllt sich nicht. 
Im ersten Buch Samuel steht ein erschütternder Bericht. Der Krieg 
ist seit langem dauernder Zustand. Im Volke selbst herrscht das 
Faustrecht. Samuel - der letzte aus der Reihe der Richter und erste 
aus jener der großen Propheten - ist alt geworden; und seine 
Söhne taugen nichts. Da kommen die Ältesten zu ihm und sagen: 
» So setze einen König über uns, daß er uns regiere, wie es bei allen 
Völkern Brauch ist. « Die Bedeutung des Ansinnens geht über den 
Anlaß weit hinaus. In Wahrheit wollen sie nicht mehr, wie bisher, 
in der unmittelbaren Führung durch Gott, im Geheimnis des direk- 
ten Dienstes an Seinem Reiche stehen. Diese Gottgehörigkeit wird 
ihnen zu schwer ; sie wollen leben » wie alle Völker «. Samuel ist ent- 
setzt und klagt vor Gott ; da antwortet der Herr - und lassen Sie sich 
die Worte nahekommen, meine Freunde; nehmen Sie sie nicht 
symbolisch, sondern genau, denn aus ihnen redet das Schicksal des 
Gotteswillens in der Menschengeschichte - Er sagt: »Tue denn 
ihren Willen in allem, was sie von dir verlangen. Denn nicht dich 
haben sie verworfen, sondern Mich, daß Ich nicht mehr König sein 
soll über sie.« (i Sam 8, 5-7) 

Das ist die erste, ich möchte sagen, grundsätzliche Erschütterung, 
die Gottes Reich in der Geschichte des Alten Testamentes erfährt. 
Doch Er nimmt die Entscheidung der Menschen an und bewahrt 
den Ungetreuen die Treue. So soll also fortan der König sein Sach- 
walter sein. 



Said wird von Gott dazu bestimmt. Er ist ein reckenhafter, groß- 
gearteter Mann, aber unbeherrscht und gewalttätig, und versagt 
bei der ersten Erprobung. Das Volk liegt nämlich im Kampf mit 
dem Erbfeind, den Philistern, und eine entscheidende Schlacht steht 
bevor. Samuel ist abwesend, und hat Saul sagen lassen, der Angriff 
dürfe nicht beginnen, bevor er zurückkehre und das Opfer für den 
Sieg darbringe: eine der Situationen, in denen die Gottesführung 
in Widerspruch zur unmittelbaren Vernunft zu treten scheint, und 
der Mensch sich entscheiden muß. Samuels Rückkehr zieht sich 
hinaus; die Lage wird immer schwieriger; da folgt Saul seinem 
militärischen UrteÜ und vollzieht das Opfer selbst, um den Angriff 
befehlen zu können. Da erscheint der Prophet und spricht zum 
König: »Du hast töricht gehandelt. Hättest du des Herrn, deines 
Gottes Befehl, den Er dir gegeben, befolgt, dann hätte der Herr 
dem Königtum über Israel für immer bestätigt. So aber wird dein 
Königtum keinen Bestand haben. Der Herr hat sich bereits einen 
Mann nach seinem Herzen erwählt, und ihn bestellt Er zum Fürsten 
über sein Volk. Denn du hast nicht befolgt, was der Herr dir be- 
fohlen.« (1 Sam 13,13-14) 

Dieser Mann heißt David. Die Zeit seiner Regierung ist von Krieg 
und Gewalt erfüllt ; doch er hält Gott die Treue. Sein Sohn - Sohn 
aus Davids Unrecht an der Ehe des Feldherrn Uria ! - ist Salomon. 
Gott schenkt ihm seine Huld, überschüttet ihn mit allen Gaben des 
Gedeihens und gewährt ihm, den Tempel zu bauen. Im Alter wird 
Salomon aber von seinen Frauen zum Götzendienst verleitet, und 
Gott spricht zu ihm : »Dieweil du dies im Sinne gehabt und meinen 
Bund und meine Gesetze, die Ich dir aufgetragen, nicht befolgt 
hast, nehme ich dir« - das heißt, deiner Nachkommenschaft - »nun 
das Königtum.« (1 Kön 11, 11) 
Das Reich fällt in zwei Teile, Nordreich und Südreich, auseinander, 



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und es beginnt die furchtbare Geschichte der beiden Königshäuser 
Israels und Judas. Ein Abfall geschieht nach dem andern. Zwischen- 
durch erhebt sich die Gestalt eines Treuen; bald folgt ihr aber wie- 
der ein Empörer und macht alles zunichte. Bis schließlich die Baby- 
lonier die beiden Hauptstädte, Samaria und Jerusalem, erobern, das 
Land verwüsten und das Volk in die Knechtschaft führen. 

In diesen sich immer mehr verdüsternden Zustand hinein, in wel- 
chem Gottes Reich nicht mehr erkennbar ist, verkünden die Pro- 
pheten eine geheimnisvolle Gestalt: einen Herrscher, der Gott in 
lauterem Gehorsam ergeben sein und von dorther das Volk lenken 
wird, den Messias. 

So lesen wir beim Propheten Isaias : »Hier ist mein Knecht, dem Ich 
Stütze bin; der von mir Auserkorene, der meinem Herzen wohl- 
gefällt. Ich lege meinen Geist auf ihn; den Heidenvölkern wird er 
Wahrheit künden. Nicht macht er Geschrei und ruft nicht laut; 
nicht läßt er sich auf den Gassen hören. Geknicktes Rohr zerbricht 
er nicht; verlöschenden Docht zerdrückt er nicht. Hinaus trägt er 
Wahrheit in Treue. Er wird nicht müde und ermattet nicht, bis auf 
Erden Wahrheit durchgeführt ist; die Inseln warten ja auf seine 
Weisung. « (Is 42, 1-4) Und wieder : » Ich setze als Regierung dir den 
Frieden ein, als deinen Obern die Gerechtigkeit. Nicht weiter hört 
man von Gewalt in deinem Lande, in deinen Grenzen nicht von 
Drangsal und Bedrückung. Du heißest deine Mauern < Sieg> und 
deine Tore <Ruhm>. Zum Tageslicht dient dir nicht die Sonne; 
noch braucht desMondes Schimmer dir zu leuchten. Ein ewig Licht 
ist dir der Herr; denn deine Trauertage sind für dich vorbei.« 
(60, 17-19) 

Die Worte - und manche andere noch - künden vom heiligen 
Herrscher, der einst das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit auf- 



richten, und durch den Gott selbst König sein wird. Von ihm wird 
heilige Wirkung in alle Welt ausgehen. So heißt es: »Auf! Werde 
Licht! Dein Licht will kommen; die Herrlichkeit des Herrn er- 
strahlt dir. Denn Finsternis bedeckt die Erde, und Wolkendunkel 
die Nationen. Doch über dir erstrahlt der Herr und seine Herrlich- 
keit. In deinem Lichte wandeln Heidenvölker, und Könige im 
Glänze deines Strahlern. « (Is 60, 1-3) Ja selbst die Dinge sollen er- 
griffen und verwandelt werden, und in geheimnisvoller Vision 
offenbart sich dem Propheten ein Zustand neuen Daseins, in wel- 
chem Gott alles durchwaltet: »Seht, ich erschaffe einen neuen 
Himmel und eine neue Erde, des Vergangenen wird nicht mehr 
gedacht und keinem kommt es in den Sinn! Nein! Jauchzet und 
frohlocket immerdar ob dem, was ich erschaffe. Denn seht, Jeru- 
salem, das schaffe ich zum Jubel um, sein Volk zur Freude.« 
(65, 17-19) 

Freilich wird auch das Werden dieses Reiches keine Magie sein. 
Das zeigt sich an dem eigentümlichen Doppelcharakter des Mes- 
sias. Denn von Ihm sagt der gleiche Prophet : »Wer glaubte unserer 
Botschaft ? Wem wird der Arm des Herrn enthüllt ? Er [der Mes- 
sias] wächst für sich so weit wie ein Reis, so, wie aus dürrem Erd- 
reich eine Wurzel, ist ohne Schönheit und Gestalt. Nicht zieht er 
auf sich unsere Blicke, ist ohne Ansehen, aller Reize für uns bar. Er 
ist verachtet und von aller Welt verlassen, ein Schmerzensmann, 
bekannt der Krankheit, verachtet so, wie wer sein Antlitz vor uns 
verhüllen muß; wir rechnen riimmermehr mit ihm. Und doch 
trägt er von uns die Leiden, trägt von uns die Schmerzen, und 
scheint, als ein von Gott Getroffener, nur Schläge zu verdienen und 
Qualen. So ist er denn durch unsere Schuld zerfleischt, durch unsere 
Verschuldung so zerschlagen. Zu unserer Wohlfahrt einzig nur 



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fällt er der Züchtigung anheim, durch seine Striemen wird uns 
Heilung. Wir sind wie Schafe allesamt verlaufen, ein jeder folgt 
nur seinem Wege. So läßt der Herr all unsere Schuld ihn treffen. « 
(53,i-6) 

In der Verkündigung vom Messias erscheinen zwei Gestalten: der 
Herr der Herrlichkeit und Gnadenfülle - und auch der geschlagene 
Gottesknecht. Immer redet die Prophetie so, daß das Bild des Ge- 
schauten schwankt. Denn sie bezieht sich auf die Geschichte; die 
aber ist kein notwendiger Vorgang im Zwang stummer Gesetze, 
sondern ein Geschehen aus Freiheit, die sich so entscheiden kann 
und anders. Wie das Volk sich zum Messias stellen wird, so wird er 
wirken können ; danach werden die Dinge ihren Lauf nehmen und 
wird sein Schicksal sich gestalten. Denn die Verwirklichung von 
Gottes Reich ist wohl Gnade, doch alle Gnade geht durch das Herz 
des Menschen. 



9 



DIE ZWEITE BITTE 



II 



Das Reich Gottes im Neuen Testament 



Bis dann eines Tages Jesus erscheint und Johannes zu Ihm sendet: 
» Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen Anderen 
warten?« Jesus antwortet mit den Worten des Isaias; weist auf 
die Wunder hin, welche dieser als Zeichen des Messias verkündet 
hat und die durch Ihn vollbracht worden sind, und die Boten ver- 
stehen: »Er ist es.« (Mt 11, 1-6) 

Nun öfihet sich die dritte Möglichkeit des Reiches Gottes. Jesu Ver- 
kündung lautet: »Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, 
sinnet um und glaubet der frohen Botschaft. « Das Reich steht vor 
den Toren der Welt; die aber sind in euren Herzen. Macht sie auf, 
und es kommt, und die Prophezeiung des Messias erfüllt sich. 
So hätte es geschehen können. In unserer nächsten Betrachtung 
werden wir hören, wie es in Wahrheit gegangen ist. 






614 



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LIEBE FREUNDE, 



Zu uns komme Dein Reich« - oder, genauer und dringlicher : 
i ankomme Dein Reich « - lautet die zweite Bitte des Herren- 
gebetes. Am vergangenen Sonntag haben wir bedacht, daß das 
Wort vom »Reich« ein Grundwort unseres gläubigen Daseins ist. 
Der Ewige hat - wenn es erlaubt ist, so zu sprechen - die Welt ge- 
schaffen, um sie dem Menschen in die Hand zu geben. Dieser sollte 
sie in seiner Verantwortung halten und in freiem Gehorsam Gott zu 
eigen machen. So wurde die erste Gestalt des Reiches : das Paradies. 
Doch die Menschen empörten sich, und das Paradies zerbrach. 
Nach einer langen Zeit des Dunkels, von der wir nichts wissen, ruft 
Gott das Volk Israel und macht es, wie es der hundertunddrei- 
zehnte Psalm sagt, zu Seinem Reich. Das Wunder einer Geschichte 
soll sich ereignen, die sich unmittelbar aus dem Gottesgehorsam 
verwirklicht. Auch dieses Reich darf sich aber nicht entfalten. Sagen 
wir richtiger: es dauert immer nur durch kurze Zeiten hin; dann 
bricht immer neu die Empörung aus. In diese Verwirrung redet das 
Wort der Propheten und verkündet einen Herrscher, der einst 
kommen und Gottes Reich in Reinheit und Freiheit aufrichten soll, 
den Messias. 

Das ist die Situation, in welche Jesus eintritt. Er nimmt die Prophe- 
zeiung des Isaias für sich in Anspruch und erklärt sich als den Erwar- 
teten. Das tut Er zum ersten Mal in der Synagoge seiner Heimat- 
stadt Nazareth. Er steht auf, um zu sprechen, und der Diener reicht 
Ihm die Buchrolle, welche die Schrift des Propheten enthält. Er 
öffnet sie, und sein Auge fällt auf die Stelle: »Der Geist des Herrn 
ruht auf mir, weil mich der Herr gesalbt, den Elenden gar Fröh- 
liches zu verkünden, und mich gesandt, um zu verbinden Herz- 



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gebrochene, um den Gefangenen die Freiheit anzukünden, Gefes- 
selten die Entfesselung. Ein Gnadenjahr, vom Herrn zu künden und 
einen Tag der Ahndung unseres Gottes, alle Trauernden zu trösten. « 
(Is 61, 1-2) Er liest die Stelle vor, setzt sich dann nieder und spricht : 
»Heute ist das Schriftwort, das ihr gehört habt, zur Erfüllung ge- 
kommen.« (Lk 4, 16-21) 

Vom anderen Selbstzeugnis berichtet Matthäus. Der Täufer ist im 
Kerker und schickt seine Jünger zu Ihm, daß sie Ihn fragen: »Bist 
Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen Anderen war- 
ten ? « Und Jesus antwortet: »Gehet hin und meldet dem Johannes 
was ihr hört und seht : Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige wer- 
den gereinigt, Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird die 
Heilsbotschaf t verkündet. Und selig ist, wer an mir kein Ärgernis 
mmmt!« (Mt 11,3-6) Das heißt: Die Zeichen, die Isaias für den 
Messias nennt (35,5-6), sind geschehen. Ich bin es! 
Das Reich Gottes kommt von Gott, und seine Verwirklichung ist 
Gnade; aber es ruft die Freiheit des Menschen an, so hängt sein 
Anlangen von dessen Entscheidung ab. Das wird furchtbar deut- 
lich; denn nachdem Jesus sich als den Messias kundgetan, und die 
Hörer die Macht seines Wortes bezeugt haben, empören sie sich 
darüber, daß Er, Einer aus ihrer Stadt, sich selbst derart erhebt: 
»Als sie solches hörten, wurden alle in der Synagoge voll Wut; sie 
sprangen auf, und stießen Ihn zur Stadt hinaus, und drängten Ihn 
bis an den Rand des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, um Ihn 
hinabzustürzen. Doch Er schritt mitten hin durch ihre Reihen und 
zog weiter.« (Lk 4,28-30) Nicht umsonst hat Er den Worten der 
jesajanischen Weissagung, welche Johannes offenbaren sollen, wer 
Er sei, die Warnung beigefügt: »Und selig ist, wer an mir kein 
Ärgernis nimmt « (Mt 11,6). 
Was wird also geschehen ? 



Immer wieder spricht Jesus vom Reiche Gottes, vor allem in seinen 
Gleichnissen. Diese muß man so lesen, wie sie gemeint sind : nicht 
als Lehrstücke und Definitionen, sondern als Bilder. Und Bilder 
faßt man nicht mit dem Verstände auf, sondern man schaut in sie 
hinein, empfindet sie, atmet in ihnen - dann erst darf man anfangen 
und fragen: Was bedeutet dieses? warum ist jenes gesagt? Das 
allein genügt aber noch nicht. Man muß auch Den hinzunehmen, 
der sie spricht; sonst steht man daneben und merkt nicht, was 
gemeint ist. Das Wort des Neuen Testamentes ist Sein Wort, und 
von Ihm her müssen wir es verstehen. 

Gleich die erste Verkündung, zu Anfang seiner öffentlichen Wirk- 
samkeit, spricht in einem solchen Bilde vom Reiche Gottes: »Die 
Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen! 
Sinnet um und glaubet der Frohen Botschaft ! « (Mk 1,15) Das Reich 
Gottes erscheint da als ein Wesen, das von fern her, von Gott, ge- 
kommen ist, nun vor den Toren der Welt steht und herein will. Es 
muß aber eingelassen werden; die in der Welt sind, die Menschen, 
müssen es tun, denn in ihren Herzen ist das Tor der Welt. Und wie ? 
Indem sie ihren Sinn ändern, der Gott fernhält, die Lüge, den 
Hochmut, die Besitzgier, die Genußsucht, die irdische Gesinnung; 
indem sie sich Gott zuwenden und Ihm ihr Herz öffnen. Dann 
kann es eintreten. 

Von diesem Reiche spricht Jesus. So sagt Er zu seinen Jüngern: 
»Fürchte dich nicht, du kleine Herde; es hat eurem Vater gefallen, 
euch das Reich zu geben.« (Lk 12, 32) Ein andermal zu den Phari- 
säern: »Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem 
Volke gegeben werden, das seine Früchte bringt.« (Mt 21,43) Es 
ist Gabe; doch die Gabe muß entgegengenommen und von innen 
heraus verwirklicht werden. 



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Wo immer Jesus über das Reich Gottes spricht, wird deutlich, daß 
es Entscheidung fordert. Der Hörende muß zwischen ihm und der 
Welt - richtiger gesagt, dem Reiche Gottes und dem Reich seines 

Feindes-wählen.Die Wahl hatvielerlei Gestaltjenach der Wesens- 
art und Situation des Einzelnen, je nach dem besonderen Ruf, den 
Gott an ihn richtet. Sie kann Entscheidung zwischen dem Reich 
und Irdisch-Hinderndem bedeuten: Vorteilen, Gütern, mensch- 
lichen Beziehungen, Möglichkeiten der Macht und des Genusses. 
Sie kann sich zwischen dem Reich und alledem erheben, was dem 
Menschen das Liebste ist: Familie, Eigentum, Verfügung über die 
eigene Freiheit. Auf jeden Fall aber und immer ist sie Entscheidung 
zwischen dem Willen Gottes und dem, was Ihm widerspricht, dem 
Bösen. Diese Entscheidung muß durch das ganze Leben aufrecht 
erhalten, das heißt, immer neu vollzogen werden. So sagt denn 
der Herr : » Niemand, der seine Hand an den Pflug legt und zurück- 
blickt, ist tauglich für das Reich Gottes.« (Lk 9,62) 

In anderen Bildern erscheint dasReichGottes als ein geistigerRaum, 
in den man eintritt und in dem man lebt. So sagt Jesus : »Wenn ihr 
nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr in Gottes Reich nicht ein- 
gehen. « (Mt 1 8, 3) Es ist Ort des Lebens und Heimat des Herzens. 
Daher bildet es einen Ausdruck der Verlorenheit, aus ihm aus- 
gewiesen zu werden: »Da wird das große Heulen und Zähneknir- 
schen sein, wenn ihr Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten 
im Reiche Gottes, euch aber draußen verbannt seht.« (Lk 13,28) 
»Draußen zu sein« ist Verdammnis ; ein Begriff, welcher in den der 
»äußersten Finsternis« übergeht, in die der unnütze Knecht und der 
Hochzeitsgast ohne f estliches Gewand geworfen werden (Mt25, 30 ; 
22,13); »drinnen« hingegen, im Reich, ist die Nähe' Gottes,' ihr 
Licht und ihre Wärme, verdichtet im Bilde des f estlichen Mahles 



seiner Kinder um den heiligen Tisch : »Das Himmelreich ist einem 
König gleich, der seinem Sohne Hochzeit hielt« (Mt 22,2). 
Gottes Reich ist auch Ordnung. Diese ist von anderer Art als die 
irdische; so antwortet Jesus den Jüngern auf die Frage, wer der 
größte sei im Himmelreich, es bedürfe einer Abkehr vom irdischen 
Geltungswillen, um in es einzugehen ; somüsse, wer zu ihm gehören 
wolle, wie ein Kind werden und ein Vertrauen auf Gott haben, das 
vor irdischer Klugheit töricht erscheint (Mt 6, 3 1 fF). 
Die Ordnung des Reiches, das durch Christus kommt, ist sogar 
anders als die des Alten Bundes. Das sagt Er, nachdem die Boten 
weggegangen sind, welche die Frage des Täufers gebracht haben: 
»Wahrlich, Ich sage euch, kein Größerer ward erweckt unter den 
vom Weibe Geborenen als Johannes der Täufer - der Geringste im 
Himmelreich aber ist größer als er « (Mt 1 1 , 1 1) . 

Zwei schöne Gleichnisse sprechen davon, wie Gottes Reich, wenn 
man so sagen darf, sich verhält. Eins ist das vom Senfkorn. Das 
Reich ist wie ein solches Korn ; winzig klein, aber voll Lebenskraft. 
Das Korn wird gesät und wächst dann zu einer Pflanze, die so groß 
ist, daß die Vögel sich hineinsetzen können. So wird das Reich 
Gottes in die Erde des Menschenlebens getan. Zuerst ist es klein; in 
einer ganzen Stadt gehören vielleicht nur Einer oder Zwei zu ihm. 
Es ist aber Leben, und alles Lebendige fängt als Keim an, dann 
wächst es und wird groß. Wenn die ersten Wenigen glauben und 
es ernst meinen, greift die Kraft des Keimes aus. Andere kommen 
hinzu, und eineGemeinschaf t entsteht : eme Familie, eineGemeinde, 
ein gläubiges Land. Das sind Lebensräume, in denen die Vögel des 
Himmels - altes Gleichnis für die Seele - leben, wohnen können. 
Immer weiter wächst das Reich, bis es die ganze Welt durchwaltet ; 
denken wir an die großen Gedanken der Briefe an Epheser und 



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Kolosser, in denen von der Einbegreifung der Schöpfung ge- 
sprochen wird (i, 3-14 und 1, 13-20). Ein Gleichnis also, worin das 
Werden des Gottesreiches in einen Unterschied zu allem Machen 
undBetreiben und Organisieren gebracht wird : still, nach eigenem, 
lebendigem Gesetz wächst es, kraftvoll und stetig; und wenn die 
Gerufenen in Treue zu ihm stehen, kann keine irdische Macht es 
aufhalten. 

Das andere Gleichnis sagt Ähnliches, nimmt aber das Bild aus dem 
häuslichen Leben. Da will eine Frau Brot backen. So holt sie die 
richtige Menge Mehl und rührt sie zum Teig. Dann nimmt sie den 
nötigen Sauerteig, knetet ihn hinein und arbeitet das Ganze so 
lange durch, bis alles gleichmäßig durchsäuert ist. Wieder ein Bild 
für ein Wirken von innen her, das still, langsam, doch unaufhaltsam 
vor sich geht und das Ganze ergreift. Wir können sagen: Das 
Reich Gottes ist Gesinnung. Jemand hat bei irgend einer Gelegen- 
heit einen Gedanken des Evangeliums gehört; nun dringt der ihm 
in Herz und Geist, und durchwirkt seine eigenen Gedanken, seine 
Gewohnheiten, sein tägliches Tun. Das geht so weiter, bis er 
schließlich ein anderer Mensch geworden ist. Ich habe einmal 
gesehen, wie einem jungen Freunde das Wort des Herrn ins Herz 
fiel, und er geradezu ein anderes Gesicht bekam. 
In diesem Zusammenhang wird das Wort Jesu wichtig, das Er den 
Pharisäern antwortet, wie die Ihn fragen, wann das Reich Gottes 
kommen werde : »Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man mit 
dem Finger darauf weisen oder sagen könnte : Hier oder dort ist es. 
Denn das Reich Gottes ist inwendig in euch.« (Lk 17,20-21) Das 
griechische Wort »entös« kann man so übersetzen; dann meint es 
Herzensmeinung und lebendige Gnade - aber auch mit »mitten 
unter euch« ; und dann spricht es von einer Macht, dieVon Gott her 
bereit ist und nur auf die Willigkeit der Menschen wartet, um wirk- 



sam zu werden. In beiden Ausdrucksweisen, würde der Herr sagen, 
die Dinge des Reiches Gottes seien nicht so, daß sie äußerlich fest- 
gestellt und kontrolliert werden könnten, sondern Gesinnung und 
Lebenskraft, die aus der Wahrheit wirken. 

Zwei andere Gleichnisse sagen, das Reich Gottes sei etwas Kost- 
bares. Sie stehen neben einander im dreizehnten Kapitel bei 
Matthäus (44-46). 

Zuerst das vom Schatz im Acker. Ein Mann führt seinen Pflug über 
das Feld ; da stößt er plötzlich auf etwas Festes. Er gräbt nach, findet 
einen Schatz, der früher - vielleicht in Kriegszeiten - dort verbor- 
gen worden ist, und sagt sich: den muß ich haben! Nun ist er aber 
nur Pächter oder gar Knecht, und der Acker gehört nicht ihm. So 
verkauft er sein ganzes Hab und Gut, erwirbt den Acker, und der 
Schatz ist sein. Jetzt ist er reich. 

Das andere erzählt von der kostbaren Perle. Da ist ein Juwelen- 
händler, der gute Stücke sucht. Er hat herausbekommen, daß je- 
mand eine besonders vollkommene Perle hat; sie ist aber teuer; der 
Preis übersteigt sein flüssiges Geld. Doch wittert er großen Gewinn ; 
so verkauft er alles, was er hat - spielt »va banque«, würden wir 
sagen - erwirbt das Juwel und hat gewonnen, denn es ist wertvoller 
als alles, was er hineingegeben hat. 

So, sagt der Herr, ist das Reich Gottes : kostbarer als alles, was dir 
wertvoll scheinen mag ; bedenke es und gib den Preis. Worin der 
besteht, siehst du von Mal zu Mal : in einem Gewinn, der zu Un- 
recht gemacht würde; einer Position, die nur durch Verleugnung 
des Glaubens errungen werden könnte ; einer Leidenschaft, die eine 
Familie zu zerstören droht . . Dann mußt du dich fragen: ist mir 
Gottes Reich so viel wert, daß ich bereit bin, den Preis zu geben ? 
Vielleicht steht es sogar so, daß »alles« gefordert ist, Gesundheit, 



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p 



Besitz, Leben; in dieser Zeit der Gewalt kann es schnell dahin 
kommen. Dann zeigt es sich, ob Perle und Schatz dir »alles« wert sind. 

Wie groß die Wertfülle des Gottesreiches ist, tritt uns aus dem Be- 
ginn der Bergpredigt, den Seligpreisungen, entgegen. 
Gleich die erste verheißt es den »Armen im Geiste«; jenen also, die 
Not und Entbehrung auf Gott vertrauend tragen : ihnen wird es 
Reichtum über allen Reichtümern. In entsprechender Weise haben 
wir von den anderen Preisungen her das Reich als göttliche Er- 
füllung irdischer Not zu verstehen: den »Trauernden« als unend- 
lichen Trost; den »Sanftmütigen«, die keine Gewalt üben, als das 
Segensland des Messias; denen, die »nach Gerechtigkeit hungern 
und dürsten«, als Rechtsprechung vor dem ewigen Richter; den 
»Barmherzigen« als Gottes überströmende Liebe; den »reinen Her- 
zen« als Offenbarung seiner Wahrheits- und Herrhchkeitsfülle; 
jenen, die sich »um den Frieden mühen«, als Aufnahme in Gottes 
Nähe; den »um der Gerechtigkeit willen Verfolgten« als Reich 
seliger Geborgenheit; und allen, die »um des Namens Christi 
willen entehrt werden«, als übergroße Freude. 
Gottes Reich ist Inbegriff alles Sinnes. 

Doch dürfen wir über dem Gesagten eines nicht vergessen: das 
Reich Gottes hat auch einen Feind. Das Matthäusevangelium er- 
zählt im dreizehnten Kapitel Jesu Gleichnis von der bösen Saat 
(24-30). Ein Mann hat seinen Acker gut bestellt, aber mitten im 
Weizen schießt das Unkraut auf. Da fragen ihn die Knechte : »Herr, 
hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät ? Woher hat er 
denn das Unkraut ? « Das Reich Gottes ist gutes Gewächs in Gedan- 
ken und Werken; doch mitten darunter wuchert es: böse Gedan- 
ken, häßliche Worte, zerstörendes Tun. 



Der Glaubende wundert sich, wie das sein könne. Es gibt aber 
Einen, der das Reich haßt: jenen, der es schon im Paradies, und 
nachher immer wieder durch die Geschichte des berufenen Volkes 
hin zerstört hat. Er hat versucht, Jesus selbst zu Fall zu bringen; hat 
erreicht, daß unter den zwölf Aposteln einer zum Verräter wurde, 
daß Petrus seinen Meister verleugnete, daß alle flohen, und Jesus 
den furchtbaren Tod am Kreuz sterben mußte. Er arbeitet immer 
weiter, und sät seine finstere Saat unter den guten Weizen. 
Sehen Sie sich im Dasein um. Ist das so, wie es sein müßte, wenn in 
ihm nur gute Kräfte wirkten ? Könnte so furchtbare Verwirrung 
herrschen, soviel Gier sein, soviel Lüge, soviel Haß, solch kaltes 
Töten, wenn nicht eine Macht von anderswoher am Werk wäre, 
die ein Reich wider Gott aufrichten will ? Jesus spricht denn auch 
offen vom »Fürsten dieser Welt«. Der kennt den Menschen so von 
Grund auf, wie nur der Haß zu kennen vermag. Er braucht keine 
Mirakel zu wirken ; braucht nur zu nutzen, was »im Menschen ist« 
(Joh 2,25), und es gegen Gottes Reich zu führen. 

Das Reich Gottes ist ein einziges großes Geheimnis, und viele Ge- 
heimnisse sind in ihm. Jesus hat ausdrücklich gesagt: »Euch ist das 
Geheimnis des Gottesreiches [offen] gegeben; die Außenstehenden 
aber erhalten alles in Gleichnissen. « (Mk 4, 1 1) Es ist schwer zu ver- 
stehen, warum in ihm die Dinge gehen, wie sie gehen ; warum gute 
Möglichkeiten ungenützt bleiben, Gutes verdirbt, Schönes und 
Schhmmes in eins gewirrt sind. Darum kann man so schwer unter- 
scheiden, so wenig ordnen, das Ganze so gar nicht ins Klare 
bringen. Im Gleichnis heißt es denn auch: »Da sagten die Knechte 
zu ihm: Willst du nun, daß wir hingehen und [das Unkraut] zu- 
sammenlesen ? Er erwiderte : Nein, sonst würdet ihr beim Zu- 
sammenlesen des Unkrautes zugleich mit ihm auch den Weizen 



624 



[24] 



[25] 



625 



ausreißen. Laßt beides miteinander wachsen bis zur Ernte. Zur Zeit 
der Ernte will ich den Schnittern sagen: Leset zuerst das Unkraut 
zusammen und bindet es in Büschel, es zu verbrennen, den Weizen 
aber sammelt in meine Scheune.« (Mt 13,28-30) 
Was das Reich Gottes ist, geht über die Geschichte hinaus auf ein 
Letztes zu, das einstens kommen muß, das Gericht. Das wird zwi- 
schen dem scheiden, was gut, und dem, was böse ist. In den großen 
Gerichtsreden spricht Jesus davon, und wieder fällt das Wort vom 
Reich: »Wenn der Menschensohn in Begleitung aller Engel in 
seiner Herrlichkeit kommt, so wird Er sich auf den Thron seiner 
Majestät setzen. Da werden sich die Völker vor Ihm versammeln, 
und Er wird sie von einander scheiden, wie der Hirt die Schafe von 
den Böcken scheidet. Die Schafe wird Er zu seiner Rechten, die 
Böcke zu seiner Linken stellen. [Und nur] zu denen auf seiner Rech- 
ten wird der König sagen : Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters ! 
Nehmt in Besitz das Reich, das euch seit Anbeginn der Welt 
bereitet ist. « (Mt 25, 3 1-34) 

Dann wird das Reich ewiges Leben, allerfüllende Gottesgemein- 
schaft sein. 



626 



[26] 



.. - 



- 



Bereits erschienene Universitätspredigten: 

Heft 1 Der Geist der Psalmen 

Weg und Frucht - Der erste Psalm 

Heft 2 Gottes Hirtensorge - Psalm 22 

Geborgenheit in Gott - Psalm 90 

Heft 3 Gottes Erkennen - Psalm 138 

Der lebendige Gott - Psalm 113 

Heft 4 Das Gotteslob der Welt - Psalm 148 

Die Erschaffung der Welt - Psalm 103 
Heft 5 Die Freude des Christen 

Die Botschaft des Fronleichnamsfestes 
Heft 6 Der Engel des Menschen 

Christi Himmelfahrt und Wiederkunft 
Heft 7 Das Gleichnis vom Säemann 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg 
Heft 8 Die Kirche / Meditation um Pfingsten 

I. Jesu Absichten II. Die Geburt der Kirche 
Heft 9 m. Offenbarung und Verhüllung 

IV. Wahrerin der Wahrheit 
Heft 10 V. Die Sichtbarkeit der Kirche 

Vom Denken und Leiden des heiligen 
Augustinus 

Hest 11 Ungarn / Der Anfang aller Dinge 

Eine Auslegung der ersten drei Kapitel der Ge- 
nesis 
I. Die Frage nach dem Anfang 

Heft 12 II. Erschaffen und Erschaffen sein 

HI. Der erste Schöpfungsbericht und der Tag 
des Herrn 

Heft 13 IV. Der zweite Schöpfungsbericht und die Ord- 
nung der Ehe 

V. Das Paradies 

Heft 14 VI. Der Baum der Erkenntnis des Guten 
und des Bösen % 
VII. Versuchung und Sünde 

Heft 15 VIH. Die Rechenschaft und der Verlust 
des Paradieses 
IX. Der Tod 

Heft 16 X. Die Verstörung des Menschenwerkes 

XI. Die Verstörung im Verhältnis 

der Geschlechter zueinander 
Heft 17 Advent / Heilige Nacht 
Heft 18 Jahreswechsel / Epiphanie 



University Libraries of Notre Dame 





._ n 



Heft 19 0Ö00 ° 

ersten Johannesbrief 

I. Offenbarung II. Die Welt 

Heft 20 HI. »Gott weiß alles« 
IV. Licht der Wahrheit 

Heft 21 V. Das Wesen von Gottes Liebe 
VT. Licht der Liebe 

Heft 22 VII. Gottes Liebe und der Zustand der Welt 
VIII. »Herz Jesu« 

Heft 23 Gebet und Wahrheit 

Meditationen über das Gebet des Herrn 

Der Text 

Die Anrede I. Der Vater 
Heft 24 II. Der Himmel 

III. Die Gotteskindschaft 
Heft 25 Die erste Bitte I. Der Name Gottes 

II. Die Heiligung des Namens 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis 

1. Auflage 1959 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung 

Frank. Gesellschaftsdruckerei Würzburg 



!BX 

1756 

I.G85 
|W3 
V.27 



27 



WAHRHEIT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntaglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt- Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



DIE ZWEITE BITTE 



III 



Die Verwirklichung des Reiches Gottes 



UNIVERSITYsf 
NOTREDAME 



Ülff 



LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 







\)y lr haben an den letzten beiden Sonntagen über den zweiten 
▼ V Satz des Herrengebetes nachgedacht, der bittet, Gottes Reich 
möge kommen. Wir müssen aber noch einmal zu ihm zurück- 
kehren. Die Worte der Offenbarung sind unerschöpflich, und wir 
haben keine Eile. So wollen wir die einzelnen Bitten nicht ver- 
lassen, bevor wir nach unserem Vermögen an den Kern ihrer 
Wahrheit gekommen sind. 

Das Reich Gottes - wir haben gesehen, daß die Botschaft von ihm 
den Herzgedanken des Evangeliums bildet. Das Paradies war seine 
erste Verwirklichung, doch sie ist zerbrochen. Die Schriften des 
AltenTestamentes erzählen von einer beständigen, durch fast andert- 
halb Jahrtausend gehenden Bemühung Gottes, sein Reich neu 
aufzurichten, und wie sie immerfort scheitert. Bis » die Zeit erfüllt«, 
die höchste Möglichkeit da ist, und Christus erscheint. Wie ein 
geheimnisvolles Wesen steht das Reich vor dem Tor der Welt - 
und das Tor ist überall da, wo ein Mensch lebt. Es ist sein lebendiges 
Herz; tut das sich auf, dann kann das Reich anlangen. 

Nehmen wir zu den Worten Jesu die Prophetie des Isaias hinzu und 
sehen in ihr nicht nur schöne Bilder, sondern Wahrheit, dann 
ahnen wir, welch unsägliche Möglichkeit sich da auf getan hat. Von 
ihr zu sprechen, ist schwer - ebenso schwer, wie etwas Verantwort- 
bares über jene erste Möglichkeit zu sagen, die einst im Paradies 
offen stand, denn weder die eine noch die andere hat sich erfüllt. 
Wir haben schon öfter bedacht, daß die Offenbarung keine Philo- 
sophie, keine allgemeine Heilslehre ist, die überall und zu jeder Zeit 
erfaßt werden könnte, sondern sich auf die Geschichte bezieht, die 



[3] 



631 



Gott in dem berufenen Volke gewirkt hat. Dahinein ist, zu einer 
bestimmten Stunde-als »die Zeit erfüllt war« (Mk i, 15) - der Er- 
löser eingetreten. Dadurch hat Gott dem Bund, den Er einst am 
Sinai mit dem Volk geschlossen, die letzte Treue gehalten; an 
diesem Volk war es nun, selbst treu zu sein und den Gekommenen 
aufzunehmen: am Hohenpriester, der damals regierte; am Hohen 
Rat, der ihn umgab; an den Menschen, aus denen damals das Volk 
bestand. Sie waren die Angerufenen; ihre herrliche und schwere 
Sache war es, zu antworten. Für sie konnte niemand eintreten. 
Hätten sie die Botschaft angenommen, dann wäre etwas Unnenn- 
bares geschehen. Etwas, von dem die Prophetie des Isaias uns eine 
Ahnung erweckt: das Anlangen des Gottesreiches in offener Herr- 
lichkeit; die Verwandlung des Daseins durch den Heiligen Geist 
von Christus her. 

Es ist ein Gedanke zum Fürchten, daß der allmächtige Gott aus hei- 
ligem Entschluß heraus etwas will; doch das, was Er will, an die 
Entscheidung menschlicher Armseligkeit geknüpft ist. So ist es 
aber, denn Gott ist ein Gott der Wahrheit und Ehrfurcht. Er hat die 
Freiheit des Menschen geschaffen, so hält Er sie in Ehren und macht 
ernst mit ihr. Wenn sie nicht will, muß Er dulden, daß der Ruf 
nicht angenommen wird -ja daß die Gerufenen alles tun, was in 
ihren Kräften steht, um das Reich zu vernichten. 

Mit diesem Reiche ist etwas vor sich gegangen, das schwer aus- 
zudrücken ist. Als das berufene Volk den Messias ablehnte, konnte 
das Reich Gottes so, wie es möglich gewesen wäre, nicht anlangen 
Doch zog es sich, um bei dem BÜde zu bleiben, nicht ganz zurück, 
sondern blieb gleichsam wartend stehen ; in einer beständigenMög- 
lichkeit des Anlangens; immerfort andrängend an das Tor der 
Welt. Erst von hierher verstehen wir den Sinn, den die Bitte jetzt 



632 



[4] 



hat. Als der Herr sie den Seinen gab, war die Möglichkeit des 
offenen Anlangens noch da, denn die Entscheidung war ja noch 
nicht gefallen. Damals rief die Bitte nach der großen Erfüllung. 
Jetzt ist die Stunde vorbei. EinZustand hat sich gebildet, in welchem 
nur noch ein Anlangen von Mal zu Mal möglich ist: bei diesem 
Menschen oder jenem; hier am Ort oder dort; jetzt oder zu einer 
anderen Stunde. Immerfort drängt das Reich, an die Tür jedes Her- 
zens, jeder Situation, jeder menschlichen Gemeinschaft, jedes Lan- 
des und jeder Zeit. Die Bitte aber ruft zu Gott, das Kommen möge 
sich ereignen. Und ruft immerfort; denn nie ist das Kommen so, 
daß es das Ganze der Menschheit ergriffe, die volle irdische Zeit 
und das Gesamt des Erdenraumes. Immer nur Einzelne; und mit 
jedem Menschen und jeder Stunde seines Lebens, mit jeder Zeit der 
Geschichte und jeder Situation in ihr wird die Entscheidung neu 
gestellt. 

Und wie ist das jetzt, wenn das Reich Gottes anlangt ? Am ver- 
gangenen Sonntag haben wir uns bemüht, aus den Worten Jesu 
heraus zu verstehen, was das Reich bedeutet; versuchen wir nun, 
durch seine Worte erleuchtet, vom Menschen her zu sehen, wie es 
anlangt. Man kann sein Wesen in einem einfachen Satz ausdrücken : 
Gottes Reich bedeutet, daß Er im Menschen regiert. Wie würde 
das zugehen ? 

Er würde in unserem Denken regieren. Das wäre der Fall, wenn 
der Gedanke an Ihn immer wiederkehrte. Wenn Er zum Mittel- 
punkt für das Fluten der inneren Bewegung würde; es von Ihm 
ausginge und zu Ihm zurückkehrte. Wenn dabei das Bild von Ihm 
immer reicher und tiefer, das Gefühl seiner Nähe immer stärker 
und inniger würde. 

Ist das der Fall ? Wir müssen ehrlich gegen uns selbst sein, meine 






[5] 



633 



Freunde^ Vergehen nicht in Wahrheit ganze Tage, viele Tage, 
ohne daß wir überhaupt an Ihn denken > Und wenn wir es tun - 
geschieht es dann nicht deshalb, weil ein Gespräch, oder eine Lek- 
türe, oder irgend eine gesetzte Ordnung - etwa das Morgen- und 
A bendgebet - uns an Ihn erinnern » Wenn Gott wirklich in unserem 
Denken regierte, dann würde Er darin von selbst aufsteigen, mit 
innerer Ursprünglichkeit. Er würde in unsere Überlegungen ein- 
treten ; unsere Meinung über Menschen und Dinge bestimmen ; die 
Antwort auf so manche Frage sein. Unser Denken würde Ihm zur 
Verfugung stehen, so daß Er seine Wahrheit immerfort hinein- 
heben könnte . . Doch so ist es nicht, sondern was in Wirklichkeit 
von selbst aufsteigt, sich immer neu meldet, die Herrschaft hat, das 
sind die Angelegenheiten des Berufes, menschliche Beziehungen 
Plane, Sorgen, Hoffnungen . . 

Reich Gottes würde bedeuten, daß Gott in unserem Willen re- 
gierte Dann würden wir uns im Lauf des Tages immer wieder 
gemannt fühlen: Er will das - das will Er nicht. Nicht wie durch 
eine unsichtbare Polizei, die von außen her in unser Tun hinein- 
redete, sondern in der Weise eines inneren Einvernehmens. Wir 
wurden vor Ihm leben, mit Ihm, von Ihm her und auf Ihn zu. Unser 
Handeln ginge - wenn das Geheimnis der Gnade in einen so drei- 
sten Satz gefaßt werden darf - aus einem Ineinander unseres Wil- 
lens mit dem Seinen hervor. 

Wiederum: so ist es ja doch nicht. Sondern wir tun, was wir 
selbst wollen; was der Beruf will; was Vorteü und Leidenschaft 
wollen. Und kommt eine Norm zur Geltung, dann in einem all- 
gemeinen Sinne, als Sittengesetz, als Regel für das, was gut, oder 
nchtig, oder üblich ist. Diese Regel steht natürlich mit Gott in Be- 
ziehung, ist ein Ausfluß Seines Willens; was Jesus »Reich Gottes« 



634 



nennt, meint aber doch etwas anderes. Von ihm könnten wir 
sprechen, wenn Gottes Wille unmittelbar in der Freiheit unseres 
Willens wirksam, wenn sozusagen Er es wäre, der in uns wollte - 
wobei sich das Wunderbare ereignen würde, daß ebendarin wir 
selbst erst richtig zu unserem eigentlichen Selbst-Wollen kämen. 

Reich Gottes würde bedeuten, daß Gott in unserem Herzen re- 
gierte, daß Er unsere Liebe wäre. Meine Freunde, es wird soviel 
von der Liebe Gottes geredet - manchmal denkt man, es wäre 
besser, es würde mehr von ihr geschwiegen. Die Worte sind schon 
verdorben genug . . Was hieße denn wirklich, Gott zu heben? 
Vielleicht wäre es nützlich, vorher zu fragen, ob es denn über- 
haupt möglich sei ? Einen Menschen zu heben, gewiß ; eine Heimat, 
ein Werk, eine Idee, sicher - aber Gott, den Unsichtbaren und Un- 
endlichen und Ewigen > Offenbar ist es möglich, denn Menschen, 
denen wir glauben dürfen, sagen es uns. Sie sagen, Ihn könne maii 
besser heben und mehr, als jedes Geschöpf. Er fordert es ja; »aus 
unserem ganzen Herzen, aus unserer ganzen Seele, aus unserem 
ganzen Gemüte und mit allen unseren Kräften« sollen wir es tun 
(Mt22,34fF). 

Wie sollen wir das vermögen 1 Dazu müßten wir Ihm begegnet 
sein. Müßten erfahren haben, wie Er ist. Seine Nähe müßte uns 
angerührt haben, so daß der Funke gesprungen wäre. Er müßte in 
uns leben, wie das Bild eines gehebten Menschen in uns lebt, zu 
dem das Herz immerfort hingeht. Und wenn das alles verblaßte, 
wie ja doch jedes Erleben Zeiten der Blässe hat, dann müßte eine 
Leere in uns sein, die schmerzte, wie das Heimweh nach jenem 
Menschen, falls er fern wäre . . Ist das bei uns so mit Gott ? Auch 
nur irgendwie und in noch so bescheidenem Maß >. Bei wem das so 
ist, der soll Ihm danken alle Tage, und bitten, es möge so bleiben. 



16] 



[7] 



635 



Doch meistens ist es nicht so - und das wäre doch erst Reich Gottes 
im Herzen. 

Aber die Dinge sindja noch viel elementarer. Lassen Sie uns wieder 
zu dem Ereignis zurückkehren, bei welchem das Nachdenken über 
Gott immer wieder ansetzen muß : der Vision auf dem Horeb Wie 
Moses da in der Einsamkeit steht, Gott ihn anruft und sendet, und 
der Erschütterte fragt: »was ist Dein Name?«, antwortet Gott- 
»Ich bin der Ich-bin«. Das heißt : der Wirkliche, der aus sich selbst 
und einfachhin Wirkliche, der hier, und jetzt, und in Macht Wirk- 
liche. Alle Dmge könnten auch nicht sein, doch Er - sein Name 
lautet ja »Ich-bin«! Wer »Sein« sagt, reines, einfachhin seiendes 
lebendiges Sem, der deutet auf Gott. Wenn das so ist - wie kann' 
es dann geschehen, daß wir leben und gar nicht merken, Er sei» 
Nicht irgendwo sei, im Ideellen oder Metaphysischen, sondern 

f! Cr A Jet f ' jeWeÜS da ' wo der * den « ang^t, das heißt also: ich. 
Mußte dieser Ur-Wirkliche nicht lebendig in meinem Innern ste- 
hen >. Ragen, wie ein Berg , Mächtig sein, wie eine waltendeMacht > 
Alles durchströmend, wie eine Quelle ? 

Statt dessen - was meinen wir, wenn wir von Wirklichkeit reden j 
Wir meinen die Dinge, die Menschen, das Geld, das Geschäft, die 
Politik, die Wissenschaft - das alles ist uns »wirklich«. Gott hin- 
gegen ist uns etwas Undeutliches, Fernes. Vielleicht eine leise 
Stimme; ein Schimmer, zu dem wir - mit welcher Mühe' - den 
Weg suchen, wenn wir beten. Reich Gottes aber würde bedeu- 
ten daß Er in unserm Innern das Eigentliche wäre - und dann wäre 
auch Liebe. 

Und schließlich, ganz realistisch gesprochen: Reich Gottes würde 
bedeuten, daß wir Ihm gehörten, mit Seele und Leib sein Eigentum 



636 



[8] 



wären. Nicht von außen her, wie früher der Sklave durch ein wi- 
dernatürliches Recht Eigentum seines Herrn war; oder wie der 
moderne Sklave, durch dämonische Theorie und Gewalt Eigen- 
tum des totahstischen Staates, sondern so, wie der wahrhaft Lieben- 
de dem gehebten Menschen eigen ist, aus der Freiheit des Herzens 
heraus, das sich ihm geschenkt hat, und der Treue, die sich ihm 
bewahrt. So würden wir Gott gehören, und darin wäre Er unser. 
Das wäre »Reich«- das Seine, und, ebendann, das unsere. Und was 
sich dann in uns verwirklichen würde, davon geben uns die Schrif- 
ten Jener einen Begriff, die es erfahren haben. 
Wie so ganz anders steht es in Wirklichkeit! Menschen gehören 
wir, und oft in welch schlimmer Weise. Der Arbeit gehören wir, 
dem Geschäft, dem Geld, der Politik. Was soll man da sagen ? 

Wir können nichts anderes tun, als immer wieder die Bitte erheben, 
Gottes Reich möge kommen. In uns möge es ankommen, damit Er 
uns lebendig werde; unser Wille Ihm verbunden sei; Er als der 
Wirkliche in unserem Leben stehe; wir seine unsägliche Kostbar- 
keit fühlen. Das Gleichnis von der Perle sagt, daß der Mann für sie 
alles gibt, was er hat. Doch er sieht sie schimmern; er darf fühlen, 
wie sie kostbar auf der Fläche seiner Hand hegt. Bitten wir also' 
daß auch wir ihre Schönheit empfinden, damit das Reich Gottes 
uns deutlich und wir fähig werden, dafür zu geben, was verlangt 
wird. Immer wieder müssen wir bitten : Herr, laß in mir Wahrheit 
werden. Und »Wahrheit« ist, daß Du der Wirkliche seiest, und 
nicht alles Mögliche sonst. Du der Kostbare, und nicht jedes Ding 
mehr als Du. Dein Wille das Dringliche des Daseins, und nicht 
Vorteil und Menschenrücksicht und Vergnügen. 
Dann würde alles anders werden. Nicht in dem Sinne, daß etwa 
andere Menschen zu uns kämen, oder andere Dinge in unseren 



[9] 



637 



Besitz gelangten, oder andere Schicksale sich zutrügen Das Ma- 
terial des Daseins wäre das gleiche wie vorher, aber sein Sinn würde 
sich wandeln. Ein Verlust wäre ein Verlust, und eine Krankheit 
wurde schmerzen - und doch wäre alles anders, denn Verlust 
wie Krankheit wären in einen neuen Sinnzusammenhang auf- 
genommen. Die Arbeit, die wir zu tun hätten, bliebe so mühsam 
wie sie eben ist. Sie würde sogar schwerer, denn wir würden sie 
ernster nehmen. Aber wir hätten das Bewußtsein, daß sie vor Ihm 
geschähe, und auf Ihn zu, und dadurch würde sie einen neuen Wert 
bekommen. 

Ja vielleicht würde sich sogar das Geschehen des Lebens selbst in 
etwa verändern. Denn sehen Sie, was heißt das: Vorsehung > Wir 
stellen sie uns gern wie eine Art geheimnisvoller Wohlfahrtspflege 
vor, die vom Himmel her in der Welt am Werk ist. Was Jesus mit 
dem Worte meint, ist etwas anderes, als was zum Beispiel die helle- 
nistische Religionsphilosophie mit der »heimarmene«, der Welt- 
lenkung durch die All-Vernunft meinte. Er hat vielmehr gesagt: 
»Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit 
dann wird euch dies alles hinzugegeben werden.« (Mt 6,33) Seine 
Vorsehungslehre hängt mit der Botschaft vom Reich zusammen 
und es ist wichtig, zu verstehen, in welcher Weise das der Fall ist ' 
Was an uns kommt, hat einen doppelten Ursprung. Einmal die 
äußeren Umstände und Vorgänge: Dieses geschieht, weil jenes 
vorher geschehen ist; das wieder hatte seine Ursachen, die waren 
ihrerseits Wirkungen, und so fort. Solche Geschehnisketten laufen 
in unzählbarer Menge und undurchschaubaren Verflechtungen 
und erfassen auch uns. Dann ist da aber noch ein zweiter Ursprung 
der hegt m uns selbst. Bis zu einem gewissen Grade darf man sagen,' 
daß den Menschen nicht Behebiges trifft, sondern ihm Zuge- 
höriges, denn in ihm wirkt etwas, das bestimmte Dinge heran- 



638 



[10] 



i 
I 



läßt und andere zurückhält: seine Veranlagung, seine Erziehung, 
seine Gesinntheit, alles, was er eben ist. Beides zusammen erst, das 
Äußere und das Innere, ergibt Schicksal. Und nun sagt Jesus: 
Trachte zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, 
und die Dinge um dich her werden auf dein Heil zugehen. Deine 
Gesinnung wie auch das ganze aus ihr kommende Verhalten wird 
auf das Geschehen Wirkung ausüben, wird Werkzeug des gött- 
lichen Waltens sein. Daher der Eindruck, den die Ereignisse im 
Leben der Heiligen machen, und den die Legende dann gern durch 
den Begriff des Wunders ausdrückt, auch wenn im einzelnen Fall 
gar kein solches vorliegt. Sie meint aber etwas Richtiges: daß im 
Leben des Menschen, der sich ganz Gott gibt, die Dinge anders 
gehen als bei jenem, der seinen eigenen Willen lebt. Das würde auch 
uns geschehen. Nichts im üblichen Sinne Wunderbares, nichts Auf- 
fallendes, und doch würde alles anders sein. 
Paulus spricht in seinen Briefen von einem geheimnisvollen Ge- 
schehen. Da ist, sagt er, der alte Mensch; ist so, wie seine Freunde 
ihn kennen, und seine Feinde auch. In ihm aber hat die Gnade 
durch Glauben und Taufe einen anderen Menschen erzeugt. Dieser 
andere Mensch wächst quer durch alles Geschehen hindurch, und 
sein Dasein ist »Reich Gottes«. Das verwebt sich mit dem Reich der 
Welt; wird dadurch verhüllt, gestört, zurückgeworfen - wenn 
aber Glaube und guter Wille nicht sterben, erhebt es sich immer 
wieder neu und wächst weiter. Von ihm her, sagt Paulus im achten 
Kapitel des Römerbriefes, strahlt das Neuwerden sogar in die Welt 
hinaus und bewirkt auch in ihr eine heilige Heimlichkeit. Sie 
kennen sicher BÜder, die das Geheimnis der Weihnacht darstellen : 
Überall ist Dunkel; das Kind aber leuchtet aus sich selbst in der 
Krippe. Und aus dem Dunkel drängen Menschen- und Tierge- 
stalten hinzu und blicken in die Krippe, sehnsüchtig, daß ihnen von 



[11] 



639 









dorther etwas Unsägliches geschehe. So blickt die Welt, sagt Pau- 
lus, auf den, der sich bemüht, Reich Gottes zu werden, und hofft * 
einst von ihm Verwandlung zu empfangen. Von dieser Verwand- 
lung ist das, was Jesus »Vorsehung« nennt, der Anfang. 

»Reich Gottes « ist einGeheimniswort. Es sagt von einer Bewegung 
in welcher das Jetzige auf ein Kommendes zugeht. Der Glaubende 
wartet auf eine Zukunft, in welcher das, was schonjetzt ist, offenbar 
werden soll. Jetzt ist es werdend und verdeckt; doch einst, in der 
Ewigkeit, wird seine heimlich heranwachsende Gestalt vollendet 
sein und leuchten. 

Wenn Sie sich heute eine freie Stunde schaffen können, sollten Sie 
die beiden letzten Kapitel der Apokalypse lesen. Sie reden von der 
einstigen Verwandlung, und tun das in zwei Bildern. Im ersten 
erscheint das neue Dasein wie eine » Stadt«, die »> von Gott her herab- 
steigt«; von Ihm her umgeschaffen. Diese Stadt - für den antiken 
Menschen Inbegriff vollendeten Daseins - ist ganz Licht ganz 
Kostbarkeit. Sie hat Formen, die alle Vorstellung übersteigen- ist 
so lang, wie breit, wie hoch. In ihr aber sind Straßen und Plätze- 
die Sehgen wohnen in ihr, und der himimische Strom fließt durch 
sie hin - Vision alles, die man nicht denken, sondern ahnen und 
fühlen muß . . Und dann, in einem Augenblick, wie das in Visionen 
geschieht, ist das neue Jerusalem »die Braut«; ein Bild von Schön- 
heit, Liebe und Lebenserfüllung, in welchem die Schöpfung auf 

Gott zugeht.Darinwirdoffenbar,wasReichGottes ist. Jetztmüssen 
wir es glauben, wider unsere eigene Armseligkeit. Einst werden 
wir schauen - und sein. 

Also wollen wir bitten, Tag um Tag, Jahr um Jahr, solange Gott 
uns Atem gibt: Reich Gottes, komm; zu mir, zu den Meinen zu 
uns Menschen allen! 






DIE DRITTE BITTE 



I 
Die Engel 



i> 



640 



[12] 



4 



LIEBE FREUNDE, 



Die dritte Bitte des Vaterunsers lautet: »Dein Wille ge- 
schehe, wie im Himmel, also auch auf Erden.« Sobald wir 
uns dem Satz nähern, fühlen wir das Geheimnis : der ihn spricht, 
bittet, Gottes Wille, der doch allmächtig ist, möge verwirklicht 
werden. Das Geheimnis der Gnade in ihrem Verhältnis zur Freiheit 
kündigt sich an . . Heute wollen wir uns aber den letzten Worten 
zuwenden: Gottes Wille möge so auf Erden geschehen, wie er im 
Himmel geschieht. Durch wen geschieht er im Himmel derart 
vollkommen, daß sein Tun zum Vorbild für uns auf Erden wird ? 
Man könnte sagen - und es wäre keine schlechte Antwort - mit 
»Himmel« sei die Weite des Weltraums gemeint, wo die Schöp- 
fung sich entfaltet und ihrem fernen Ziel zubewegt. Dann würde 
die Bitte bedeuten : wie dort der Wille des Schöpfers mit Notwen- 
digkeit geschieht, den Gesetzen folgend, die Er der Natur einge- 
schaffen hat, so möge, doch nun in Freiheit, Sein Wille auf der 
Erde geschehen, nämlich durch den Gehorsam desMenschen gegen 
Gottes Gebot, wie es sich im Gewissen kundtut. Das ist aber nicht 
gemeint, sondern jene Erfüllung des Gotteswillens, die zum Maß 
erhoben wird, geschieht ebenfalls in Freiheit, reinster Freiheit, und 
zwar durch die Engel. So wollen wir uns der Frage zuwenden, wie 
es denn mit ihnen bestellt sei. 



Wenn wir einen rationalistischen Religionshistoriker, oder einen 
liberalen Theologen fragten, welche Bewandtnis es mit den Engeln 
der Heiligen Schrift habe, dann würde er uns wahrscheinlich aus- 
einandersetzen, sie seien eine Form des Geisterglaubens, wie er sich 
bei den verschiedensten Völkern finde. Auf früher Kulturstufe 



[15] 



643 






aTen zu «S* *1 ***" *" D ^ *» "*>**« Ur- 
sachen zu erklaren ; so dächten sie Wesen hinein, welche die Natur- 

fS 8 ^ 81 ^ 11 - £" Cr WÜfde "*»• das re %-e SSL 
Sk^Tf' T SChCn ^ hÖChstCn Gotthdt »idcrMann^ 

und nach oben vermitteln; das seien dann Wesen, die höher stün- 
den als der Mensch, aber tiefer als Gott. Motive solcher Art kam" 

zur Geltung, und das Ergebnis sei die Vorstellung von Engeln 
H*. komme, daß die bMschen Schriften unter dem EinflJvt 
Kulturen entstanden sind, in denen die Vorstellung von solchen 
Zwtschenwesen sehr entwickelt war : Assyrien, Babylon P rsST 

££ SS mache sich " der , bMschen » 32T ~ 

Fragte man dann weiter, wie es denn mit Jesus stehe, so würde die 
Antwort lauten, Er habe in der Geschichte seines Volkes geleb 

slerfeL S P dChm ^^ "^ * ■«** KfcS 
seiner Lehre sei Er zu ganz reinen rehgiösen Vorstellungen durch- 
gedrungen; im übrigen habe Er gedacht wie Alle 
Meine heben Freunde, immer wieder wundert man sich daß zur 

Ar? b t Ch T ^^ * mö ^hen Ursfche^ 
angeführt werden, die naheüegendste aber nicht. Wenn nämHch 

Menschen von einem rehgiösen Rang, wie die Lehrer des Aken 

und Neuen Bundes -Jesus selbst gar nicht zu nennen - über Engel 
^den d tun aus dem einfachm ngd 

gibt. Sie haben es erfahren, und diese Erfahrung bezeugt Wirklich 
keit ; so wie das Reden von Adlern auf der Tatsache ruht, dlß W 
mit Augen Ad er gesehen haben. Es berührt einen senrtebam 

r e r e der G Sr £ n r eImten ° der —*-ä 

derts - der selbst vielleicht nie wirkhche religiöse Erfahrungen 
gemacht hat, noch in echter religiöser Tradition steht - daX 



644 



[16] 



urteilen will, was es bedeutet, wenn die Genesis, oder Isaias, oder 
gar Jesus von Engeln reden. Es ist gut, sich von Zeit zu Zeit an die 
Rangordnungen des Geistes zu erinnern . . 

Schon die erstenBücher des AltenTestaments sprechen von Engeln. 
In ihren Berichten erscheint jene geheimnisvolle Gestalt, die sich 
einer genauen Bestimmung entzieht, weil sie einerseits als Gottes 
Bote auftritt, anderseits Er selbst ist, nämlich der »Engel des 
Herrn«. VieUeicht können wir sagen, sie sei Gott, sofern Er sich in 
die Geschichte hineinwende. So heißt es im Bericht über die 
Vision des Moses am Horeb zuerst: »Der Engel des Herrn erschien 
ihm in einer Feuerflamme, die aus eiaem Dornbusch hervorlo- 
derte« - sofort nachher aber: »der Herr sah, wie jener herankam 
um nachzusehen; da rief Gott mitten aus dem Dornbusch und 
sprach...« (Ex 3,2.4) 

Oft verbindet sich das Bild Gottes als des Weltherrschers mit dem 
der Engel, die Ihn wie ein Hofstaat oder eine unübersehbare Heer- 
schar umgeben. Der hundertundzweite Psalm zum Beispiel sagt- 
»Preiset den Herrn, ihr Seine Scharen alle, Seine Knechte, die ihr 
Semen Willen erfüllt« (21). Zu Bethel sieht Jakob sie im Traum 
die Himmelsleiter auf- und absteigen, als Boten, die im Dienst des 
Allherrn zwischen Ihm und der Erde vermitteln (Gen 28, 12) Daß 
Gott auf den Flügeln der Cherubim dahinfährt, ist Ausdruck sei- 
ner Gewitterherrlichkeit (Ps 17,11). In der Berufungsvision des 
Ezechiel haben sie geheimnisvolle Gestalt, die sie als Wesen von 
ungeheurer pneumatischer Mächtigkeit kundtut (Ez 1,4 ff) Im 
neunzigsten Psalm endlich umgeben sie den Lebensweg dessen 
der auf Gott vertraut, und vollbringen an ihm das Werk der Vor- 
sehung: »Er entbietet für dich Seine Engel, daß sie dich schützen 
auf all deinen Wegen« (11). So wäre noch manches zu nennen 



[17] 



645 



Im Neuen Testament sind die Gestalten und Dienste der Eneel 
mdoshch mit dem Leben Jesu verbunden. Der Erzengel >Gabrie f 
der vor Gott steht«, sagt Zacharias, ihn, solle ein Solf T tZ ' 

sÄer Met/" 5 ' Z* ^ **" ** "^Ä 

scnatt der Menschwerdung von Gottes Sohn (Lk i ?.*_, a\ b i 

verkünden den Hirten die frohe Kunde (Lk7 8 ÄV St ^ 'i § t 

für Je Sicherheit des Kindes (Mt 2, i 3 ff i9ff).NachdenTdeXr 
die Stunde der Versuchung durchgestanden hat, heißt" f£3 
kamen und dienten Ihm« /"Mf ^ ttA c- l- , »tngel 

der Nacht auf rS, ( j i' erschemen &»• wie Er in 

(Lk »Z f 2^?** ^ C äußeme Ent ^eidung vollbringt 

muh X 2 8 T g ff1 "äü^ Ge ^ d,en der Aufemehung bt 
muht (Mt 28 , iff), und nach Christi Himmelfahrt sind sie ef die 
den Jungern verkünden, was sich ereignet hat ™A 
sollen (Apg 1, 10). g ' Und was Sle taa 

Glut e de^? m ^Ärr^ ^ ganZ VOm Licl * -d der 
Glut der Pfingsten durchwalteten Gemeinde zeigt der Bericht 

wder da, geheimnisvolle Tun der Gottesboten (vgl Ap, 5 1 
menh' ^ "' " ^ *** - ter ™de etn 2W 

^ R ff , ?' Hemchaften ™ d Mächte« (Eph i.zi ; Kol x 
16) Begriffe, che als Gemeinsames die Fülle der Geistesmacht zu 
gWh aber Unterschiede im Charakter und der übuT die" 
Macht ausdrücken. Die Apokalypse endlich zeigt, wie iTmanl 
^cheDtenste in der Führung und Vollendung^ WehsSS 

ThJv T T ^ "" Machtwe ^n des Ezechiel (4, 6) ; den 
sieben »Engeln die vor Gott stehen«, mit solcher Stärke bLbT 
daß -ie furchtbare Gegenwart ertragen (8, z) , von den üS- 
gen den Heerscharen, welche die heihgen Handlungen umgeben 
(5, xx) ; von jenen, die im Vollzug des Endgerichts dienen (8^ 



646 



[18] 



Das ganze Geschehen der Apokalypse ist von ihrem Tun durch- 
zogen ; doch machen die Erklärer darauf aufmerksam, wie zurück- 
haltend die Schilderung im Vergleich zur Phantastik der zeitge- 
nössischen Literatur ist. Nie haben sie eigene Initiative, sondern 
ihre ganze Existenz ist dadurch bestimmt, daß sie, obwohl gewaltig 
in Wesen und Macht, vollkommen im Willen Gottes stehen, in 
Freiheit Ihm ergeben. 

Diese Engel sind dem biblischen BÜd des Heilsgeschehens derart 
eingeordnet, daß kein Purismus »geistiger« Christlichkeitsie daraus 
lösen kann, ohne es zu verletzen. 

Aus dem Zusammenhang der Offenbarung ersehen wir, daß vor 
der Erschaffung der sichtbaren Welt sich die einer rein geistigen 
ereignet hat, nämlich der Engel. Die da erschaffen wurden, sind 
nicht nur Kräfte oder Beziehungen, sondern Wesen ; Personen mit 
Emsicht, Freiheit und Verantwortung. So steht auch in ihrem 
Dasein eine sittliche Entscheidung. Darüber sagt uns die Offen- 
barung nichts Näheres, denn auch das Wort: »Ich sah den Satan 
wie emen Blitz vom Himmel fallen« (Lk 10, 18), ist von der Ent- 
machtung der Widersacher durch die Erlösung zu verstehen 
Jedenfalls sind aber die Engel vor die Probe gestellt worden, ob 
sie Gottes heilige Souveränität anerkennen würden oder nicht.' Da 
ist die erste Entscheidung zwischen Gut und Böse gefallen. Zum 
ersten Mal ist der Wille Gottes getan worden. Daß dieser Wille 
getan werde, ist Gottes Reich - so hat da das »Reich Gottes« be- 
gonnen. 

Ebenda hat aber auch die Auflehnung gegen den Willen Gottes 
begonnen. Wesen von höchster Kraft der Erkenntnis, des Willens 
der Freiheit und Verantwortungsfähigkeit haben sich wider Gottes 
Herrschaft empört und Herren von eigenen Gnaden sein wollen 



[19] 



647 






Dadurch haben = sich für das Böse bestimmt: sie sind Zu saeani- 

s IbarT LT 8eW ° rd T- ^ ^ mÖ ^ ch Sei ' ™* *°* -ver- 
döset " ^ SmySteriUm *****»> daS Geh ™ 
Um es ^umgehen, ist immer wieder der Versuch gemacht wor- 

2 ^ Urmäl ^^ "^ " dCnken: S ° S daß nX 
r ^^f ^nommen wurden, eine gute und eine böse 

t UnbT t CSChiChte ^ Ebenda ^ ™ de *« auch 

dtse^st? V °u 5 Ut ^ BÖSC a ^ ehoben ' d ™ nach 
diese Ansaht wäre ja beides nötig. Ja Gott selbst wird entthront, 

ZLZ So T töri , c n e r ie lästerliche Potat - »&*- 

gestellt. Philosophen und Dichter, selbst höchsten Ranges haben 

^ fTL d.lf t 11 ^ ^ aESthetisiert - Der "*** 

öef ste Sinn des Dasems und sein eigentlicher Ernst hegen darin daß 

der Eine Gott, der »heilige Allherrscher«, in unbegrekhe 2ol 

mutsemenGeschöpfendieGabederFreiheitverhehenhat-ech^ 
redhcherFreiheit;derFäHgkeit, Z u wählen, auchgegenmn 

So sehen wir denn, daß im Leben Jesu auch die bösen Engel auf- 

™ C De^ ^ d3raUS ebemOWe ^ *~ ■ ^ I 
guten. Der Anspruch, das Neue Testament, das ja doch auf dem 

Bewußesem Jesu ruht, »reinigen« 2U wollen, ist anmaßend un" 
töricht. Wir wollen von den Maßstäben, die es setzt, die Hände 
lassen, sonst »spotten wir unser selbst und wissen nicht wie« 
Bevor Jesus anfängt, Zu lehren, geht Er in die Einöde im Osten des 

F^enhet SKT ***** *" W ~ *■ & ein W 
Stt^TS^ ^ dleSemZustandhöch «-Seinsgefühlsnähert 
sich Ihm der Femd Gottes und versucht, das werdende Reich in 
seinem tiefsten Ursprung zu zerstören, denn dieser Ursprung Z 



648 



der Wille Jesu, der den Willen seines Vaters erfüllt. Daß Er in die 
Einsamkeit geht, weg von Menschen und Menschenwerk; daß Er 
fastet, alles von sich tut, gleichsam bloß im Sein wird, hat nur den 
einen Sinn, sich ganz mit diesem Willen eins zu machen, von dem 
Er einmal sagen wird, ihn zu tun, sei »seine Speise« Qoh 4, 34). In 
diese Stunden tiefster Sammlung, reinster Gespanntheit, dringt 
der Feind Gottes ein, um den Willen Jesu vom Willen seines 
Vaters loszubrechen. Er versucht, den Hungernden zur Gier, den 
von göttlicher Stärke Erfüllten zum Übermut, den wahrhaft zur 
Herrschaft Fähigen zur Weltbemächtigung zu verleiten - um den 
Preis, daß Er sich verehrend vor Satan in den Staub werfe, wie das 
vor dem orientalischen Herrscher geschah. Jesus aber weist ihn ab, 
wissend, klar, ohne einen Hauch des Kompromisses. Da ist Wille 
Gottes geschehen auf Erden, und Reich Gottes ist geworden. 

Durch das, was die Offenbarung über die Engel sagt, wird der 
Mensch in Beziehungen gebracht, die uns Heutige fremdartig 
berühren. Wie sieht denn unsere Zeit die Situation des Menschen 1 
Für die Einen ist er ein Wesen, das sich aus der allgemein-biologi- 
schen Linie heraufentwickelt, geistige Fähigkeiten und sittlichen 
Rang gewonnen hat, im letzten aber ein Teil der Natur bildet, wie 
alle anderen auch. Für Andere ein trotz aller Fragwürdigkeit unab- 
hängiges Wesen, Herr seiner selbst und seines Schicksals, berech- 
tigt, sich und der Welt das Gesetz zu geben . . Die Schrift sieht den 
Menschen nicht so. 

Für sie gibt es den bloß menschlichen Menschen nicht. Sie ent- 
sinnen sich der Stelle im Evangelium, wo Jesus von den Kindern 
spricht und über den, der eins von ihnen zum Bösen verführt, das 
Wehe ausruft. Dann fährt Er fort : » Denn Ich sage euch : ihre Engel 
im Himmel schauen allezeit das Angesicht meines Vaters im Him- 



[20] 



[21] 



649 






mel. << (Mt 1 8, 10) Ein abgründiges Wort I El «ot AA fc j 

Menschen, der ein »Mi - L J l I 8 ' daß hmtcr dem 

heit ein H Ifer steh t ü^ "* Skh »"^ » W ^" 

das Kind dls Wh r S ^° rt ^ «*> "»* »« ** 
Menschenhaß To h^T d" ^S ?£" 
Illusionen darüber, wie ^JSJSts^Z £? 
renste im Grunde ist. Die Menschheit W 7 , rfah " 

Sage vom Schutz „ n ^ _ , enschheit hat ** immer geahnt; die 
Hilfe ii Fo W lst 2 «gt es. Dessen Gestalt ist keine 

^fsvorstehung, mit welcher das Selbsterlebnis sich m^SZ 

Menschenit sie X^£ f "jf "T * 
WO« istda, das ihr hilft, »Ich« zu seinSS mts^em 

Sä t D rw' " S ^^ C ° der die GeschtchtX 

verlassenes - Selbstwesen ist, sondern m SSSSÜS 

Doch auch etwas anderes ist wahr- daß es W«. l j- , 
Menschen hassen: die abgefallen«, W1 c f^ dle den 

Sie sind dem Menschen S "Tl ^ *** *° Sdnen ' 

beleidigt hätte oT*Ä, ^"^ Nicht Weü er * 
Gott ihn hebt^ wed dtlrt' em "* " Mensch ist ' ^ 

Willen Gottes bleibe ; so wollen diese W« u f * , er m 



65O 



Reich seiner selbst wollen - und nicht merken, daß er dabei Reich 
des Satan wird. 

So ist der Mensch ein umkämpf tes Wesen. Es lohnt, das mensch- 
liche Dasein einmal von hier aus zu betrachten. Wenn Sie es nur 
vom Welthaften her am, werden Sie es nie verstehen. Versuchen 
Sie es; überall werden Sie Lücken fühlen, vorausgesetzt natürlich, 
Sie haben den ganzen Menschen im Blick und verlangen ganze 
Erklärung. Versuchen Sie es auf den Wegen von Kant oder Hegel 
Marx oder Sartre, soziologisch oder biologisch oder psychologisch 
- Sie werden Hypothesen machen und Konstruktionen bauen 
doch die Sache wird nicht aufgehen. Immer werden sich Lücken 
zeigen, unmer Über- oder Unterwertungen, immer Wider- 
spruche. Und wenn Sie jene Ehrlichkeit und jenen Mut haben, der 
notig ist, um die Konsequenz zu ziehen, werden Sie zum Ergebnis 
kommen: der Mensch ist aus ihm selbst allein nicht zu verstehen; 
sein individuelles Dasein ebensowenig wie seine Geschichte. Er ist 
Er-selbst und noch ein Mehr dazu. Er ist Ich, aber in diesem seinem 
Ich beschützt und auch bedroht. Ist jenes Wesen, das von vorn- 
herem einen Freund und einen Feind hat, die beide nicht von dieser 
Welt, aber in semer Existenznähe wirksam sind 
So geht die Bitte dahin: Herr, gib, daß Dein Wille auf Erden so 
durch mich geschehe, so wie er geschehen ist durch Jene, die Dir 
gehuldigt haben und Engel der Herrlichkeit geworden sind. Und 
pb daß sie, die Deinen Willen zum Sieg gebracht haben im Him- 
mel, ihn auch zum Sieg bringen in uns. 

Die Lehre der Offenbarung scheint auf den ersten Blick etwas 
Kindliches zu haben, oder etwas Märchenmäßiges, oder welchen 
Namen man der Befremdung geben mag, die man vor ihr empfin- 
det - bis man sich mit ihr einläßt. Dann sieht man, wie wirkHch- 



[22] 



[23] 



651 



keitsgemäß, wie wahr sie ist. Von einer Wahrheit, die nicht aus 
Entdeckungen kommt, die heute gemacht werden und morgen 
überholt sind, noch aus Theorien, die immer nur Teile und Blick- 
flachen, nie das Ganze erreichen; einer Wahrheit vielmehr, die aus 
dem ewigen Ursprung kommt und die ganze Wirklichkeit erfaßt 
Wir stehen meine Freunde, im Raum der Universität, und die 
Wissenschaft ist unsere hohe Aufgabe. Sie muß uns mehr sein, als 
etwas, das uns später eine Position gibt; sie soll das Ethos unseres 
Lebens bestimmen. Das steht fest; doch dürfen wir aus ihr nicht 
mehr machen als sie ist. Uns durch sie nicht dort einschüchtern 
lassen wo ihr kein Recht zusteht. Die letzten Fragen werden von 
ihr mcht beantwortet; auf die kommt die Antwort von Gott 
Eine solche Lehre, wie die von den Engeln, ist Offenbarung. Von 
ihr ^konnte man in manchen Kreisen nicht reden; alles würde 
kcheln. Dennoch sagt sie uns über den Menschen etwas, das keine 
Wissenschaft noch Philosophie zu sagen vermöchte: daß er nicht 
auf eigene Faust im Dasein steht. Er existiert nicht aus den Tiefen 
der Natur nicht aus dem Prozeß der Geschichte und des Geistes 
nicht aus dem Gefüge von Wirtschaft und Gesellschaft heraus' 
sondern ist Person, hat Würde und Verantwortung. Doch ist er 
immer in Gefahr, diese zu vergessen oder zu übersteigern; seine 
Person an irgendwelche Mächte aufzugeben, die ihm dafür Wohl- 
fahrt und Macht verheißen, oder sich selbst zum Herrn über das 
Scbcksal zu machen. In dieser Gefahr ist er von Wesen umgeben, 

W ^ T;] C o 2U , Sein ' Verantwo «™g *» tragen, und das in 
Wahrheit und Maß. Aber auch von Wesen, die ihn aus dem Willen 
Gottes reißen wollen, in dessen Erfüllung er überhaupt erst wirk- 
lich Mensch wird. 

Von hier aus versteht man das Wesen der Person tiefer, als aus allen 
bloß psychologischen oder philosophischen Erwägungen. 



652 



[24] 



(Bereits erschienene Universitätspredigten: 

Heftl Der Geist der Psalmen 

Weg und Frucht - Der erste Psalm 

Heft 2 Gottes Hirtensorge - Psalm 22 

Geborgenheit in Gott - Psalm 90 

Heft 3 Gottes Erkennen - Psalm 138 

Der lebendige Gott - Psalm 113 
Heft 4 Das Gotteslob der Welt - Psalm 148 

Die Erschaffung der Welt - Psalm 103 
Heft 5 Die Freude des Christen 

Die Botschaft des Fronleichnamsfestes 
Heft 6 Der Engel des Menschen 

Christi Himmelfahrt und Wiederkunft 
Heft 7 Das Gleichnis vom Säemann 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg 
Heft 8 Die Kirche / Meditation um Pfingsten 

I. Jesu Absichten IL Die Geburt der Kirche 
Heft 9 in. Offenbarung und Verhüllung 

IV. Wahrerin der Wahrheit 
Heft 10 V. Die Sichtbarkeit der Kirche 

Vom Denken und Leiden des heiligen 

Augustinus 

Hest 11 Ungarn / Der Anfang aller Dinge 

Eine Auslegung der ersten drei Kapitel der Ge- 
nesis 
I. Die Frage nach dem Anfang 

Heft 12 II. Erschaffen und Erschaffen sein 

HI. Der erste Schöpfungsbericht und der Tag 
des Herrn 

Heft 13 IV. Der zweite Schöpfungsbericht und die Ord- 
nung der Ehe 
V. Das Paradies 

Heft 14 VI. Der Baum der Erkenntnis des Guten 

und des Bösen 

VIL Versuchung und Sünde 
Heft 15 Vin. Die Rechenschart und der Verlust 

des Paradieses 

DC Der Tod 

Heft 16 X. Die Verstörung des Menschenwerkes 

XL Die Verstörung im Verhältnis 

der Geschlechter zueinander 
Heft 17 Advent / Heilige Nacht 
Heft 18 Jahreswechsel / Epiphanie 



S/BESSl Libraries of Notre Dame 




Heft 19 Liebe und Licht / Über Worte aus dem 

ersten Johannesbrief 

L Offenbarung IL Die Welt 
Heft 20 in. »Gott weiß alles« 

IV. Licht der Wahrheit 
Heft 21 V. Das Wesen von Gottes Liebe 

VI. Licht der Liebe 

Heft 22 VIL Gottes Liebe und der Zustand der Welt 

VUL »Herz Jesu« 
Heft 23 Gebet und Wahrheit 

Meditationen über das Gebet des Herrn 

Der Text 

Die Anrede I. Der Vater 
Heft 24 H. Der Himmel 

HI. Die Gotteskindschaft 
Heft 25 Die erste Bitte I. Der Name Gottes 

IL Die Heiligung des Namens 

Heft 26 Die zweite Bitte I. Das Reich Gottes im Alten 
Testament 
H. Das Reich Gottes im Neuen Testament 



Mit kirchlicher Druckerlaubnis 

1. Auflage 1959 

Alle Rechte beim Verlag 

Gesamtherstellung 

Frank. Gcsellschaftsdruckerei Würzburg 



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28 



WAHRHEIT 
UND 

ORDNUNG 



Universitätspredigten 



von 



ROMANO 

GUARDINI 



VORBEMERKUNG 



Nachdem Prof. Romano Guardini an die Uni- 
versität München berufen worden war und er den 
sonntaglichen akademischen Gottesdienst in der 
St.-Ludwigs-Kirche übernommen hatte, wurde 
von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, 
der Text der Predigten möge zugänglich gemacht 
werden, damit man ihn mit größerer Muße durch- 
denken könne. Der Verwirklichung dieses Wun- 
sches standen zunächst technische Schwierigkeiten 
entgegen; diese wurden aber inzwischen behoben. 
Der Leiter des Werkbund-Verlags ist nun in der 
Lage, die genannten Predigten vorzulegen. Und 
zwar in der Form von Einzelheften, die in mög- 
lichst regelmäßigen Abständen erscheinen sollen. 
Obwohl es sich in erster Linie um die Ansprachen 
in St. Ludwig handelt, sollen auch solche eingefügt 
werden, die in anderem Zusammenhang gehalten 
worden sind, vorausgesetzt, daß sie nach Inhalt wie 
Form den Charakter von Universitätspredigten 
haben. 

Damit ist gemeint, daß sie sich vornehmlich an 
solche Zuhörer wenden, die im Bereich der Uni- 
versität arbeiten. Sie suchen deren wissenschaftlich 
verantwortliches Denken zum tieferen Verständnis 
der Glaubenswahrheit - aber auch, von ihr aus, 
zum echteren Verständnis der heutigen Lebens- 
wirklichkeit zu führen. In der Weise, die durch Ort 
und Anlaß, also durch den Gottesdienst bestimmt 
ist, sollen sie der Aufgabe dienen, um die auch die 
Universitätstätigkeit ihres Autors bemüht ist: dem 
Werden echter christlicher Welt-Anschauung; der 
Begegnung zwischen Glaube und Weltdasein. 
Manche der Ansprachen hängen von vornherein 
näher zusammen; es sind solche, die das fortlau- 
fende Thema eines Semesters bildeten wie z. B. 
gleich zu Beginn unserer Reihe die Auslegung eini- 
ger Psalmen; später Vorträge über das Wesen der 
Kirche und Interpretationen der ersten Genesis- 
kapitel. Andere behandeln Einzelthemen, die für 
sich stehen. Doch sind auch die in einem solchen 



Zusammenhang eingeordneten Vorträge jeweils 
abgeschlossen und können für sich genommen 
werden. 

Der Text der Predigt ist genauer durchgearbeitet 
worden, wie das bei dem Übergang aus dem 
gesprochenen in das geschriebene und gelesene 
Wort nicht anders sein kann. Der Verfasser war 
aber bemüht, nicht nur den ursprünglichen Ge- 
dankengang, sondern auch Form und Tonfall so- 
weit als möglich festzuhalten. Die Hörer der Vor- 
träge werden also im wesentlichen das wieder- 
finden, was sie in St. Ludwig vernommen haben. 
Nur soweit es nötig war, ist der Gedanke inhalt- 
lich weiter entwickelt, und seine Form genauer 
gefaßt bzw. so gestaltet worden, wie es das ge- 
schriebene Wort im Unterschied zum gesproche- 
nen verlangt. 

Der Verleger möchte noch hinzufügen, daß er 
natürlich keine Vorschriften hinsichtlich der Länge 
der Vorträge machen konnte. Der Verfasser mußte 
die Freiheit haben, zu sagen, was er für richtig 
hielt. So haben die Vorträge verschiedenen Um- 
fang, und der Verlag bittet die Leser, damit ein- 
verstanden zu sein. Entsprechend wurde der Preis 
der einzelnen Lieferung auf Grund ihrer voraus- 
zusehenden durchschnittlichen Länge berechnet. 
Wieweit es möglich sein wird, aus den Vorträgen 
später eine geschlossene Publikation hervorgehen 
zu lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. Für 
den Augenblick bleibt die Absicht darauf gerichtet, 
dem Bezieher eine mit gewisser Regelmäßigkeit 
wiederkehrende Möglichkeit geistlicher Lesung zu 
geben. Eine Möglichkeit, die wohl auch für beson- 
dere Situationen, wie Reise oder Krankheit, will- 
kommen sein mag. Damit aber die einzelnen Hefte 
doch zusammengefaßt werden können, stellt der 
Verlag den Beziehern Sammelmappen zur Ver- 
fügung, die jeweils für den Umfang von 8 bis 10 
Lieferungen berechnet sind. 



München, Herbst 1955 

Der Leiter des Werkbund-Verlages 
Hans Waltmann 



DIE DRITTE BITTE 



II 

Der Wille des Vaters 



UNIVERSITYsf 
NOTREDAME 



LKM% 




LIBRARIES 



LIEBE FREUNDE, 






I J? Betrachtun § des letzten Sonntags hat den zweiten Teil 
*-^ der Bitte bedacht, wer das sei, der im Himmel den Willen 
des Vaters vollkommen erfüllt, und gesehen, daß es die Engel sind ■ 
das hat zu der Frage geführt, wie es mit den Engeln stehe. Nun 
wenden wir uns dem ersten Teil der Bitte zu, der lautet: »Dein 
Wille geschehe!« 

Geheimnisvolle Worte! Wir rufen Gott an, sein Wille möge sich 
verwn-khchen - aber wer ist denn Der, den wir so anrufen? Er ist 
der Allmächtige; also Jener, der vermag, was Er will, einfachhin 
weil seine Macht absolut ist, weil es für seinen Willen kein Hin- 
dernis gibt. Und Er ist der Allheilige; also Jener, dessen Wollen 
einfachhin gut ist, wahr, recht und fruchtbar. Was soll das dann 
heißen, wenn der Herr uns bitten lehrt, dieser Wille möge ge- 
schehen i Genügt es denn nicht, daß der Vater wolle >. Kann es auch 
sem, daß er nicht geschehe > Wir wollen der Frage sorgsam nach- 
gehen. Sie wird uns tief ins Verständnis unseres Daseins führen. 

Wann hat Gott zum ersten Mal mit Bezug auf uns gewollt > Wir 
fühlen die Unzu änglichkeit der Frage, denn was soll es mit Bezug 
auf den Ewigen bedeuten, wenn „ach einem »ersten Mal« gefragt 
wird ? Aber wir in die Zeit Eingeschlossene können es ja nicht 
anders machen. Wann geschah das also > Am Anfang aller Dinge 
als Er die Welt schuf. 8 ' 

Das hat Er ganz und rein getan. Er hat sie nicht auf Grund irgend- 
welcher Vorgegebenheiten geformt, aus einem Ur-Chaos oder 
nach Ur-Bildern, wie es der Mythos erzählt, denn zuerst und ohne 
sein Schaffen war nichts. Er hat sie auch nicht aus Im selbst erflie- 



[3] 



655 



Ben lassen, wie Plotin sagt; noch sie, wie die idealistische Philoso- 
phie meint, sich entgegengesetzt, um an ihr seiner selbst bewußt 
und mächtig zu werden. Jede Form des Pantheismus, meine 
Freunde, ist Unreinheit des Gedankens. Sondern Gott hat die 
Welt »geschaffen«. »Zuerst« - kindlich gesprochen - war nichts 
Damit ist nicht das Gespenst der Wesenlosigkeit gemeint, von dem 
heute so viel geredet wird, sondern das saubere, klare Gar-Nichts 
»Dann« wollte Gott, daß Welt sei, und sie wurde. Noch einmal 
gesagt, es ist ungemäß, hier von » zuerst « und » dann « zu reden, denn 
»Zeit« ist erst durch Ihn geworden. Aber so müssen wir reden - 
oder ganz schweigen. 

Die Welt ist also, weil Gott gewollt hat, daß sie sei. Und Er hat es 
gewollt - weil Er gewollt hat. Damit endet der Gedankengang. 
Die Welt hängt in seiner souveränen Freiheit. Großes Geheimnis, 
das Dasein des Endlichen! Zunächst scheint es, als sei die Welt das 
Gewisse, und das Problem bestehe darin, ob »es Gott gebe«, und 
wie Er dann zu denken sei. Das ist aber Schein; Täuschung der 
durch ihren Eigenwillen blind gewordenen Endlichkeit. In Wahr- 
heit ist Gott der Selbst-Herrliche und Selbst-Verständliche, absolut 

mSemundSinn-hingegenistdieFragezustellen,wie»außerIhm« 
Endliches sein könne. Wahrlich, das Endliche, wir selbst und die 
Welt, sind Geheimnis; anzunehmen, gar als sinnvoll zu empfinden 
nur aus Seinem heilig-freien Willen. Einmal wird sich auch alles 
umwenden, und wir werden richtig sehen. Paulus sagt es im ersten 
Kormtherbrief : »Jetzt sehen wir durch einen Spiegel, rätselhaft, 
dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stück- 
weise; dann aber werde ich erkennen, so wie auch ich [von Gott] 
erkannt bin«, das heißt ganz und bis in den Grund (13, 12). 
Wie es damit auch stehen möge - die Welt ist Verwirklichung von 
Gottes Willen. Alles endliche Sein ist Gehorsam. 



I 



Gehorsam, Erfüllung von Gottes Willen, sind die Dinge und Vor- 
gänge in der Welt; denn Gott hat gewollt, daß sie seien, wie sie 
sind, und sich verhalten, wie es geschieht. Was Erfahrung und 
Wissenschaft uns zeigen: vom Atom bis zum Welt-Ganzen, samt 
allem Dazwischenliegenden; die Vielfalt der Energien und Stoffe, 
Gestalten und Vorgänge; das unabsehbare Getriebe der Weltkör- 
per, und unter ihnen, verschwindend klein gegenüber ihren er- 
drückenden Größen, aber Ort unserer Existenz, die Erde - alles das 
ist, weil Gott gewollt hat, daß es sei. Die Gesetze aber, nach denen 
alles besteht und sich verhält, sind Ausdruck seines Willens. 
Er hat auch gewollt, daß Leben sei; Pflanzen in der Fülle ihrer 
Erscheinungen, die grünen, blühen und Frucht tragen. Gott hat 
gewollt, daß Wesen da seien, die sich aus innerem Antrieb bewe- 
gen und ihre Welt um sich her aufbauen, die Tiere. Sie alle haben 
ihr Wesensbild in sich, nach dem sie sich verwirklichen und ver- 
halten. Diese Bilder sind Ausdruck seines Willens, und ihre Ver- 
wirklichung ist ein Gehorsam, der nirgends und nie durchbro- 
chen werden kann, weil dadurch das Lebewesen selbst zerstört 
würde. 

Der Schöpfungsbericht der Genesis breitet das ungeheure Ge- 
schehen vor unseren Augen aus, und immer wieder heißt es: 
»Gott sprach: es werde ... und es ward«. Was aber ward, war »gut« 
und »sehr gut« (Gen 1,4.31); richtig, seinswürdig, durch Ihn selbst 
verantwortet und von Ihm gehebt. 

Doch nun geschieht der große Schritt: »Dann sprach Gott: Lasset 
uns Menschen bilden nach unserem EbenbÜde, uns ähnlich; sie 
sollen herrschen über des Meeres Fische, über die Vögel der Luft, 
über das Vieh, über alle Landtiere und über alle Kriechtiere am 
Boden. So schuf Gott den Menschen nach seinem Abbild, nach 
Gottes BÜd schuf Er ihn, als männlich und weiblich erschuf Er 



656 



[4] 



[5] 



657 



sie.« (Gen 1,26-27) Nach Gottes Willen wurde so ein Wesen, das 
anders ist als das Tier. Es trägt die Möglichkeit des Tieres in sich, 
aber einbezogen in einen neuen Sinnzusammenhang. Der Mensch 
nimmt die Dinge nicht nur wahr, sondern versteht sie: ihr Wesen 
und ihre Ordnungen, Ursache und Wirkung, Ursprung und Ziel, 
Zweck und Sinn. Der Mensch handelt; nicht genötigt, wie das* 
Tier, sondern frei ; Freiheit aber bedeutet, daß er nicht in den Kreis- 
lauf der Ursachen und Wirkungen eingeschlossen ist, sondern 
selbst und aus sich heraus anfangen kann. 

Indem der Mensch so Dingen begegnen, sie verstehen, ergreifen, 
gestalten würde, sollte er jene Welt bauen, die Gott eigentlich , 
gemeint hat. Auch das aber im Gehorsam gegen seinen Willen, 
und nun in dessen eigentlicher Form: als Gehorsam des geistbe- 
stimmten Wesens, in Erkenntnis und Freiheit. Gott hat dem Men- 
schen die Welt in die Hand gegeben, auf daß er, wie es heißt, »sie 
bebaue und bewahre« (Gen 2, 15) - sie in den Raum der Freiheit 
hinein vollende. 

Wenn wir den Anfang des Menschen denken, dürfen wir nicht im 
Naturhaften stecken bleiben, denn Gott hat sich ihm in einer Weise 
zugewendet, die über das der Natur Gemäße hinausgeht. Er hat ihn 
»gemeint« - so gemeint, wie Einer es tut, wenn er zum Andern 
sagt: »Du bist mir wert; ich bin Dir gut; ich stehe zu Dir.« Dieses 
Meinen drückt die Offenbarung mit dem Satz aus: Gott Hebt den 
Menschen. Das bedeutet - wir haben es uns schon oft zu Bewußt- 
sein gebracht - nicht nur Güte oder Wohlwollen, sondern etwas 
ganz Persönliches; eine Verbundenheit, an der Ihm Hegt. Diesem 
Menschen hat der Schöpfer seine Welt anvertraut, und damit er 
das Vertrauen rechtfertigen könne, hat Er ihm Anteil gegeben an 
seiner eigenen heiHgen Kraft: wir nennen das die Gnade. Aus sol- 



658 



[6] 



. 



chem Einvernehmen soUte Leben und Werk des Menschen hervor- 
gehen. 

Der Ausdruck von alledem war das Paradies. Es ist die Nähe, in die 
Gott zum Menschen getreten ist; die Freude, die Er an ihm gehabt 
hat. AUes Große soUte im Paradies werden, Menschenleben und 
Menschenwerk; aber im Gehorsam der Ehrfurcht und der Treue, 
im Einvernehmen der heiHgen Nähe. 

Wenn Gott dem Menschen Freiheit gibt, dann tut Er das aufrichtig 
und redHch ; die RedHchkeit dieses Freigebens in eigenen Stand und 
Wülen bedeutet, daß der Mensch auch »Nein« sagen kann. Gott 
hat also das Unerhörte getan, die Erfüllung seines Willens in die 
Freiheit des Menschen zugeben. Sofern sich sein Wüle in den Natur- 
gesetzen ausdrückt, muß er geschehen; sie sind Formen der Not- 
wendigkeit. Sofern er das Wachstum der Pflanzen und das Leben der 
Tiere bestimmt, kann er nicht unwirkhch bleiben ; auch hier waltet 
Notwendigkeit. Sofern aber Gottes Wille sich der Freiheit des 
Menschen anvertraut hat, » muß « er nicht, sondern » soU « geschehen 
- und der Mensch kann es auch verweigern . . Lassen wir uns doch 
ganz nahekommen, was für ein Gott da verkündet wird : Einer, der 
das, was Er Hebt, nämHch seine Schöpfung, dem Menschen anver- 
traut, der es bewahren und verderben kann! 
Und er hat es verdorben. Wir werden belehrt, daß er Gott ver- 
raten, sich gegen Ihn empört hat - eine Tat, deren Gewicht nicht 
zu messen ist. Denn was sie wiegt, wird an den Wirkungen deut- 
Hch, die sie verursacht, und an dem Schicksal, mit welchem der 
Erlöser sie gesühnt hat. Das ganze Dasein steht unter dem Zeichen 
dieser Tat. Niemand versteht den Menschen, noch seinLeben, noch 
die Geschichte, der sie aus den Augen läßt. 



f7] 



659 






Gott zieht aber aus dieser Tat nicht die Konsequenz, sein Werk zu 
verwerfen, sondern Er hält den Menschen und die Welt fest. Das 
ist rasch gesagt und doch ein großes Mysterium. Kann der absolute 
Gott denn ein Endlich-Geschaffenes so über Verrat und Empörung 
hinaus werthalten? Wir sind schon einmal auf einen indischen 
Mythos aufmerksam geworden, der uns die Schwere der Frage 
nahebringt. Er sagt, sobald der Gott Shiva die Welt erschaffen hat 
findet er für eine Weile Gefallen an ihr; dann wird er ihrer über- 
drüssig, tritt sie in Scherben und schafft eine neue. Der Mythos 
drückt unsere Frage aus : Kann das Endliche dem absoluten Gott so 
wert bleiben, daß Er es für immer aufrecht hält ? Müßte Er nicht 
durch das Mißverhältnis, in welchem jede Endlichkeit zu Ihm 
steht, der Schöpfung überdrüssig werden ? Dann gar, wenn sie im 
Menschen sich wider seinen WÜlen stellt l Gott aber hat den Bund 
der schon in der Erschaffung lag, gehalten und seinem Werk die 
Treue bewahrt. Eine Treue, deren Weise und Größe den Menschen 
vor die Entscheidung stellt, zu glauben und anzubeten, oder sich 
aufzulehnen und Ärgernis zu nehmen - Ärgernis um Gottes selbst 
wÜlen, mdem er urteilt, ein solcher Gedanke bringe den Absoluten 
in den Unsinn. 

Und zwar hat Gott die Verantwortung für die Schuld der Men- 
schen auf sich selbst genommen. Der Wille des Vaters hat den Sohn 
m die Welt gesandt, daß Er Mensch werde und es bleibe in Ewig- 
keit ; der Gesendete aber hat den Willen des Vaters in seinen WÜlen 
aufgenommen und erfüllt. Da sind Gebot und Gehorsam in Gott 
ems geworden : der Gehorsam so göttlich wie das Gebot. Da wurde 
die Ungeheuerlichkeit der menschlichen Auflehnung gesühnt, und 
im Dasein öffnete sich ein neuer Anfang, von dem aus der Wille 
des Vaters wieder und in neuer Weise zur Ordnung der Freiheits- 
welt werden soUte. 



660 



[8] 



Immer kehrt im Munde Jesu das Wort vom Wülen des Vaters 
wieder. Der ist Sinn und Mitte seines Lebens. »Meine Speise ist«, 
so sagt Er, » den Wülen Dessen zu tun, der mich gesandt hat. « (Joh 4, 
34) Diesen Wülen verkündet Er als das Entscheidende: »Nicht 
jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Himmelreich ein- 
gehen; sondern wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel 
ist [der wird in das Reich der Himmel gelangen] . « (Mt 7, 21) Und 
dafür, daß der heilige Wille in der Welt verwirklicht wird, hat 
Jesus ein wunderbares Wort, wir haben es soeben berührt: »Reich 
Gottes«. Es ist der Zusammenhang jener Menschen, Gesinnungen, 
Handlungen, in denen Gottes Wüle regiert. 
Im Herzen Jesu aber, von dem gesagt ist, daß Er »wußte, was im 
Menschen ist« (Joh 2,25), war die Sorge, der neuen Möglichkeit 
des Reiches Gottes könne es ergehen, wie es der ersten ergangen 
ist: der Mensch, der zum Paradies Nein gesagt hat, weil er seine 
eigene Herrschaft wollte, könne auch das Reich Gottes verneinen, 
wie es aus der Erlösung kommt, weü er sein eigenes Reich will. Aus 
dieser Sorge lehrt Er uns zu sprechen: »Dein Wüle geschehe!« 
Damit gibt Er dem Menschen, der glaubt, die gleiche Sorge um 
Gottes Reich ins Herz; um jene Ordnung der Dinge, in welcher 
der Wüle Gottes geschieht. Er lehrt ihn bitten, der allmächtige 
Gott, der die Macht der Gnade hat, möge geben, daß sein Reich 
nicht zerstört werde. 



Wie ist das aber ? Widersprechen wir uns hier nicht ? Wir haben 
uns doch gesagt, das Besondere des Menschen bestehe in der Frei- 
heit : wird die nicht aufgehoben, wenn Gott »gibt«, daß der Mensch 
Seinen Wülen tue? Wir haben uns gesagt, das Geheimnis von 
Gottes Großmut bestehe darin, daß Er seinen Willen in die Freiheit 
des Menschen wagt : verschwindet diese Großmut nicht in ein neues 



[9] 



661 



Sicherheitsverhältnis, wenn der Allmächtige »gibt«, daß geschehe, 
was Er will ? Wir stehen hier vor dem Geheimnis der Gnade. Das 
können wir nicht verstandesmäßig auflösen, wohl aber derart in 
den Blick bekommen, daß gerade seine Überbegreiflichkeit sich 
uns als wahr offenbart. 

Der Mensch ist von Gott frei geschaffen und soll im Fortgang 
seines Lebens zur vollen Freiheit gelangen. Diese besteht aber nicht 
darin, daß der Mensch aus dem »Feld« des göttlichen Waltens 
herausträte und autonomer Herr seiner selbst würde, sondern sie 
verwirklicht sich gerade dadurch, daß er rein in den Willen Gottes 
gelangt. Die Freiheit ist kein Eigenrecht des Menschen, das er von 
irgend sonsther hätte und gegen Gottes Herrschaftsanspruch ver- 
teidigen müßte, sondern er ist frei, nämlich Mensch, durch eben 
den göttlichen Willen, und seine Freiheit wächst in dem Maße, 
als dieser Wille in ihm mächtig wird. 

Das ist kein Widerspruch, sondern die Undurchdringbarkeit des 
menschlichen Existenzkerns. Für sie gibt es einen - von Gott selbst 
geschaffenen - Vorentwurf, und zwar in der Bedeutung, welche 
die Liebe eines Menschen für einen anderen gewinnen kann. Nicht 
die Liebe des Begehrens, sondern die wirkliche, personale; jene 
Gesinnung also, in welcher dem Liebenden der Andere wichtiger 
wird, als er sich selbst ist. Er will, daß Jener recht werde, gut und 
wahr; daß er sich zu seinem eigentlichen Wesen erfülle. Diese 
Gesinnung ist eine Macht; in ihr wird die ganze Persönlichkeit 
wirksam, Geist und Herz und alle Kräfte des unmittelbaren 
Lebens. Wenn sie sich auf den Andern richtet - macht sie ihn dann 
unfrei ? Nur soviel, als in ihr noch Selbstsucht ist, ein Herrschen- 
und Habenwollen. Soviel sie aber rein ist, ruft sie den Menschen, 
den sie meint, zu seiner eigenen Freiheit, denn nur von ihr aus kann 
er ja doch der werden, der er sein soll. 



662 



[10] 



Das ist ein Bild, aber eins, das Gott selbst gleichsam als Vorent- 
wurf für das Geheimnis seiner Gnade geschaffen hat. Wenn das 
Herrengebet Gott bittet, Er möge geben, daß sein Wille geschehe, 
dann ruft es seine Liebe; die aber will nichts anderes, als daß der 
Mensch in Wahrheit werde, was er sein soll, nämlich im Willen 
Gottes frei. Das ist das Geheimnis der Gnade. 

Kehren wir zurück: Wie die Geschichte der Menschen nun wirk- 
lich gehen, wer von ihnen das Reich Gottes aufnehmen und ent- 
falten, wer ihm gleichgültig gegenüberstehen, wer es bezweifeln, 
anfeinden, zerstören werde, ist verhüllt. So drängt alles auf ein 
Ereignis zu, in welchem das Dasein offen und endgültig in Gottes 
Willen gestellt wird : das Gericht. Von dem her, was wir hier be- 
dacht haben, könnte man seinen Sinn so bestimmen, daß der 
Richter zum Menschen spräche: »Wie du dich zum Willen Gottes 
gestellt hast, so soll dir geschehen. « 

Diesem Urteil kann nicht mehr widerstanden werden, denn es ist 
von Gottes Allmacht getragen. Es ist aber auch unwidersprechbar, 
weil in ihm die Wahrheit von Gut und Böse offenbar wird. Die 
Möglichkeit, zu dieser Wahrheit Nein zu sagen, gehört zur ersten 
Freiheit, jener der Erde, wo alles in Verhüllung und Kampf steht. 
Einmal wird aber die Verhüllung fallen und der Kampf entschie- 
den sein; dann öffnet sich die Freiheit der Ewigkeit. Dann steht die 
Wahrheit mit solcher Macht im Raum, daß es nicht mehr möglich 
ist, sie zu verkennen; und der Mensch ist so bis in den Grund seines 
Wesens mit dem heiligen Willen eins, daß er sich selbst aufheben 
müßte, wollte er ihr widersprechen. 

Folgendes wird dann sein, meine Freunde, und es ist ein Gedanke 
zum Jubeln und zum Erschrecken: die Wahrheit wird so viel 
Macht haben, als sie wahr ist. Heute, in der Geschichte, ist es fast 



[11] 



663 



umgekehrt : je wahrer ein Gedanke in sich, desto schwächer erweist 
er sich im Kampf der unmittelbaren Wirklichkeit; je edler ein 
Wert, desto leichter wird er zur Seite geschoben; je höher eine 
Gesinnung, desto schneller ist sie lächerlich gemacht. Wenn einst 
die Ewigkeit aufgeht, wird das Gute so mächtig sein, als es gut ist. 
Dann steht der Mensch im Licht und kann nicht anders, als mit 
seinem ganzen Wesen den Willen Gottes bejahen. Dann erst ist er 
wirklich frei - frei zur Wahrheit und zum Guten. 






DIE VIERTE BITTE 



I 



Das tägliche Brot 



I) 



664 



[121 






LIEBE FREUNDE! 






\Y/ir stehen vor jener Bitte des Herrengebetes, in der sich das 
V V Vertrauen des vielbedürfenden Menschen zum reichen und 
gütigen Gott so rein ausspricht, und die lautet: »Unser tägliches 
Brot gib uns heute!« 

Bevor wir auf ihren Inhalt eingehen, wollen wir uns zuerst des 
Textes vergewissern. In ihm steht ein Wort, dessen Bedeutung 
nicht ohne weiteres klar ist, daher es denn auch in vielfacher Weise 
übersetzt wird. Was wir mit dem deutschen Wort »täglich« wieder- 
geben, heißt im Griechischen »epiüsios« und kommt im Neuen 
Testament nur an dieser Stelle vor. Manche Übersetzer geben ihm 
einen zeitlichen Sinn und sagen, es bedeute das Brot »für den näch- 
sten Tag«; so daß der Sprechende, der im Heute steht, Gott bitten 
würde, Er möge geben, was sein Leben auch morgen nährt, und 
ihn so von der Sorge für die nächste Zukunft befreien. Andere über- 
setzen: das Brot, das uns »jeden Tag« ernährt, gib uns auch heute; 
so der lateinische und der von ihm bestimmte offizielle deutsche 
Text. Wieder Andere sehen in dem Wort eine Eigenschafts- 
bestimmung und meinen, es bedeute das Gemäße, Wesentliche, 
Notwendige. Danach würde um das Brot gebeten, das richtig ist, 
uns wohltut. Endlich findet sich noch eine vierte Deutung, die mit 
der johanneischen Gedankenwelt und der Welt des Mysteriums 
zusammenhängt. Sie knüpft an den Bestandteil an, der vom grie- 
chischen »usia«, Wesen kommt, und versteht das Wort im Sinne 
von»über-wesentlich«, alles Natürliche übersteigend. Danach wäre 
das Brot der Eucharistie gemeint, von dem Jesus sagt, es sei »das 
wahre Brot, das vom Himmel kommt« (Joh 6,32). 
Wie es nun auch damit stehen möge -jedenfalls erhebt sich aus die- 



[15] 



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ser Bitte das Bild des Vaters als des großen Hausherrn der Welt der 
für die Seinen Sorge trägt, so daß sie sicher sein dürfen, wenn sie 
mit Vertrauen zu Ihm gehen und bitten, werde Er ihnen geben 
was not tu, Wir fühlen uns an das Wort des Psalms erinnert » Die* 

Zeit. Spendest Du ihnen, so lesen sie's auf, öffnest Du Deine Hand 
sind sie mit Gutem gesättigt.« (103,27-28) 

Wie der Sinn aber auch verstanden werden müßte, er wäre groß 
und schon Jesus, der vom Bewußtsein der Liebe und Macht seines 
Vaters erfüllt ist, würde mahnen : Gehet zu Ihm und bittet um das 
was not tut ; Er wird es euch geben. 

Nun wollen wir tiefer dringen und fragen, was denn mit dem 
Wort »Brot« gemeint sein könne. Denn die Reden der Schrift 
bestehen wohl aus Worten einer bestimmten Persönhchkeit zu 
emerpebenenZei^^ 

was aber in ihnen redet, ist göttliche Tiefe - dann vollends, wenn* 
Jesus es ist, der sie sprich, So erschließen sie sich erst allmähhch, aus 

stT w 5 ' r/ UCh ? ^ Be2iehun S' » welch - - zu and ren 
stehen. Was bedeutet also das »Brot« > 

Zunächst die Grundform der Speise; das, was aus der Frucht des 
Ackers bereitet wird. Doch hat »Brot« und »Brot-Essen« im Neuen 
Testament eine weitere Bedeutung und meint das Mahl einfach- 

r^et urT • W ™/r PH ^ ^ V ° m ***** der A ™ 
rede, und einer der Zuhörer sagt: »Selig, der im Reiche Gottes 

S LTT w" 5*^ ÜmÄhen ^ Anteil haben wird 
£k 14, 15). Wie denn in der Sprache des Alten Testaments »Brot 
brechen« soviel besagt wie Mahl halten; denn zu dessen Beginn 
nahm der Hausherr Brot vom Tisch, dankte, brach es und ga ^je- 
dem ein Stuck. Damit war die Gemeinschaft des Mahles heJLteUt 



668 



[16] 



Dann sehen wir aber, wie der Sinn des Wortes wächst. Sie erinnern 
sich an das, was Johannes im sechsten Kapitel erzählt. Da hat Jesus 
die Hungrigen in der Wüste gespeist, hat sich dann in die Einsam- 
keit zurückgezogen und ist schließlich über den See nach Kaphar- 
naum gegangen. Unterdes sind dort die Leute zusammengelaufen, 
und Er sagt zu ihnen : »Ihr sucht nach mir nicht deswegen, weil ihr 
Zeichen gesehen « - ergänze : und sie verstanden - » sondern weil ihr 
von den Broten gegessen habt und satt geworden seid«, und das soll 
nun, meint ihr, wieder geschehen. Müht euch doch nicht so um 
irdische Speise! Es gibt ein anderes Brot, das nicht von der Erde 
ist, sondern »vom Himmel herabkommt und der Welt Leben 
gibt«. Das ist das eigentliche - und dann der ungeheure Satz: »Das 
Brot des Lebens bin Ich!« 

Damit ist zunächst gemeint, daß Er das Verlangen des Menschen 
nach der Wahrheit sättigt: »Wer zu Mir kommt, wird nicht mehr 
hungern«, das heißt, ungestillt bleiben, »und wer an Mich glaubt, 
wird nie mehr dürsten« (6,26-35). Er, mit seinen Worten, mit 
allem, was Er tut und ist, stillt den Hunger des Menschen nach dem 
Eigentlichen. In den Seligpreisungen der Bergpredigt, nahe bei der 
Stelle, wo das Vaterunser steht, werden ja jene gepriesen, die 
»hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit« (Mt 5,6). Diesen 
Hunger nach Wahrheit und Gerechtigkeit und Liebe und Frieden 
stillt Er, wenn der Mensch Ihn glaubend in sein Leben aufnimmt. 
Da murren die Zuhörer, weil Er sich so Großes herausnehme ; seine 
Botschaft aber tut einen Schritt in noch Größeres, scheinbar alle 
Maße des Verständigen und Gemäßen Überschr