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Full text of "Wirtschafts- und Verkehrsgeographie der europäischen Staaten, mit besonderer Berücksichtigung der Österreichisch-ungarischen Monarchie"

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in 2010 with funding from 

University of Toronto 



http://www.arcliive.org/details/wirtschaftsundvOOstoi 



Wirtschafts- und Verkehrsgeographie 
^ der europäischen Staaten ^ 



Mit besonderer Berücksichtigung der 
Östcrreichiscii-ungarischen Monarchie 



Von 



Dr. Josef Stoiser 

Professor an der Wiener Handelsakademie 




Wien und Leipzig 1912 n Kaiserliche und königliche Hof- 
Buchdruckerei und Hof-Verlags-Buchliandlung Carl Fromme 




JUL 24 1^'- 



HF 

,'7 



Verlags- Archiv Nr. 1290. 



K. u. k. Hofbiicndruckerei Carl Fromme in Wii 



Vorwort. 



Der Verfasser bietet in dem vorliegenden Buche als Fortsetzung 
zu seinem im Jahre 1910 erschienenen „Grundriß der allgemeinen 
Wirtschafts- und Verkehrsgeographie" eine kurze Darstellung 
des Wirtschaftslebens der europäischen Staaten. Dabei wurden die 
wirtschaftlichen Verhältnisse unserer Monarchie als Ausgang der 
Betrachtung genommen und ihnen ein breiterer Raum als denen 
anderer Länder gewidmet. 

Die physischen Grundlagen der Wirtschaft werden bei den ein- 
zelnen Ländern nur kurz erörtert, dagegen die Bevölkerungs- und 
Verfassungsverhältnisse ausführlicher besprochen, weil sie nicht nur 
das wirtschaftliche Leben stark beeinflussen, sondern auch das Ver- 
ständnis für politische Fragen der Gegenwart eröffnen. Die Kolonien 
werden nur kurz erwähnt. 

Um den Text nicht mit Zahlenmaterial zu überlasten, wurden 
im in. Abschnitte eine Reihe von statistischen Übersichten gegeben. 

Die Literaturangaben beziehen sich auf neuere und leicht zu- 
gängliche Werke, die ein tieferes Eindringen in einzelne Abschnitte 
ermöglichen. Vollständigkeit wurde dabei weder angestrebt, noch 
wäre sie im engen Rahmen dieses Buches möglich. 

Von einem Sachregister konnte bei der Ausführlichkeit des 
Inhaltsverzeichnisses abgesehen werden. 

Diese Wirtschaftskunde der europäischen Staaten will Studieren- 
den an höheren Handelslehranstalten, besonders aber den Abiturienten 
an österreichischen Handelsakademien einen Lehrbehelf an die Hand 
geben, der der Eigenart des Geographieunterrichtes an dieser Art 
von Fachschulen Rechnung trägt. Doch dürfte das Buch auch weiteren 
Kreisen Aufschluß über wirtschaftliche Fragen bieten. 

Die außereuropäischen Staaten werden in einem eigenen Bänd- 
chen behandelt werden. 

Wien, am 1. September 1912. 

Dr. Josef Sioiser. 

1* 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Vorwort HI 

I. Teil. Allgemeiner Überblick über Europa. 

l.NatürlicheBeschaffenheit 3 

Größe und Weltlage 3 

Küstenumriß und Meere 3 

Die Gewässer des Festlandes 4 

Bodenplastik 5 

Klima ö 

Pflanzen- und Tierwelt 6 

2. Politische Verhältnisse 7 

Bevölkerung "i 

Dichte und Städtewesen 8 

Staaten 8 

3. Wirtschaft, Verkehr und Handel 9 

Produktionsverhältnisse 9 

Eisenbahnen . . 11 

Wasserstraßen .11 

Seeverkehr 12 

Handel 12 



II. Teil. Wirtschafts- und Verkehrsgeographie der europäischen 

Staaten. 

I. Abschnitt: Die Staaten des mitteleuropäischen Wirtschaftsgebietes. 

Die österreichisch-ungarische IVIonarchie 15 

Geschichtliche Entwicklung und geographische Bedingtheit 15 

Staat und Volk 16 

1. Die Verfassung 16 

Gemeinsame Angelegenheiten 17 

Das Kaisertum Österreich 17 

Das Königreich Ungarn 18 

Bosnien und Hercegovina 19 

Das gesamte Gebiet der österreichisch-ungarischen Monarchie .... 19 



VI 

Seite 

2. Die Bevolkerung3verhaltni8.se 19 

Die Verbreitung der einzelnen Völker 20 

Österreich 20 

Ungarn 22 

Bosnien und Hercegovina 23 

Bevölkerungszunahme und Auswanderung 23 

Religionsbekenntnisse und Volksbildung 23 

Natürliche Beschaffenheit 24 

1. Größe, Weltlage, Grenzen 24 

2. Bodenplastik 25 

3. Die Einzellandschaften und ihre Ausstattung 26 

DieAlpenundihr Vorland 26 

Bodengestalt 26 

Klima und Gewässer 28 

Siedlungen 29 

Land- und Forstwirtschaft 30 

Viehzucht 31 

Mineralproduktion 32 

Industrie • 33 

Wien als Industriestadt 34 

Der Verkehr 35 

Das Karstgebiet 35 

Bodengestalt 36 

Klima und Gewässer 36 

Siedlungen 3T 

Produktionsverhältnisse 37 

Der Verkehr 38 

DasKü stengebiet 38 

Küstengestalt 38 

Klima 39 

Siedlungen 39 

Produktionsverhältnisse 40 

Der Verkehr 40 

Die böhmische Masse und das Marchbecken 40 

Bodengeetalt 40 

Klima 42 

Siedlungen 42 

Land- und Forstwirtschaft 43 

Viehzucht 44 

Mineralproduktion 44 

Industrie 45 

Der Verkehr 47 

Das subkarpathische Hügelland und die podolische Platte . . . . 48 

Bodengestalt 48 

Klima 49 

Siedlungen 49 

Land- und Forstwirtschaft 49 

Viehzucht 50 

Minei'alproduktion 50 



VII 

Seite 

Industrie 51 

Verkehr 51 

Die Karpathen und das ungarische Becken 52 

Bodengestalt 52 

Flußnetz und Klima 54 

Städtewesen 55 

Land- und ForstwirtBchaft .55 

Viehzucht 57 

Mineralproduktion 57 

Industrie ^8 

Verkehr 69 

Das gemeinsame Verwaltungsgebiet Bosnien uad Hercegovina . . 60 

Bodengestalt und Klima 60 

Städte 60 

Land- und Forstwirtschaft 61 

Viehzucht 62 

Mineralproduktion 62 

Industrie 62 

Verkehr 63 

D a s W i r t s e h a f i s 1 e b e n 63 

1. Die Wirtschaft in Österreich 63 

Berufsgliederung der Bevölkerung 63 

Die Urproduktion 64 

Die Industrie 66 

2. Die Wirtschaft in Ungarn 68 

Die Urproduktion 68 

Die Industrie 70 

Das Verkehrswesen 71 

Das Straßenwesen 71 

Die Eisenbahnen 71 

Die Wasserstraßen 72 

Der Seeverkehr 73 

Die österreichischen Häfen und Schiffahrtsgesellschaften 74 

Ungarns Hafen und Schiffahrtsgesellschaften . . 75 

Post, Telegraph, Telephon, Funkentelegraphie 76 

Der Handel 77 

1. Der Innenhandel 77 

2. Der Zwischenhandel mit Ungarn 78 

3. Der Außenhandel 79 

Zollgebiet und Handelspolitik 79 

Handelsgebiet und Gegenstände des Handels 79 

Die Handelsbilanz 81 

Liechtenstein 81 

Die Schweiz 82 

Staat und Volk . 82 

Weltlage 82 

Verfassung 82 

Bevölkerungsverhältnisse 83 



vm 

Seite 
DieNaturdesLaudes 83 

1. Die Landschaft des Jura 84 

Bodengestalt und Klima 84 

Erwerbstätigkeit 84 

Siedlungen . . 84 

Verkehr 85 

2. Das Mittelland 85 

Bodenj,^estalt und Klima 85 

Siedlungen 86 

Landwirtschaft und Viehzucht 86 

Industrie • 87 

Verkehr 87 

3. Die Alpen 87 

Bodengestalt 87 

Klima 88 

Siedlungen 88 

Produktionsverhältnisse 89 

Verkehr 89 

DasW rtsc haftsieben i'O 

Berufsgliederung der Bevölkerung 90 

Land- und Forstwirtschaft 90 

Die Viehzucht 91 

Mineralproduktion ... 92 

Industrie 92 

VerkehrundHandel 94 

Die Straßen • 94 

Die Schiffahrt 94 

Die Eisenbahnen 94 

Der Fremdenverkehr 95 

Der Handel 95 

Das Deutsche Reich 96 

Der Nationalstaat des deutschen Volkes 96 

Staat und Volk 97 

1. Die Verfassung 97 

Das Bundesoberhaupt 9S 

Die Organe der Gesetzgebung und Verwaltung 98 

Angelegenheiten des Reiches 98 

Heer und Marine 99 

2. Die Bevölkerung 99 

DieNaturdesLaudes 101 

1. Die süddeutschen Beckenlandschaften 101 

Die deutschen Alpen und ihr Vorland 101 

Das Main-Neckarbecken 102 

Die oberrheinische Tiefebene 103 

2. Die mitteldeutsche Gebirgsschwelle 104 

Das rheinische Schief ergebirge und rheinisch-westfälische Tiefland . . 104 

Das hessische und Weser Bergland • 106 

Das Thüringer Becken und der Harz 107 

Das Erzgebirge und die Sudeten mit ihren Vorländern 108 



IX 

Seite 

3. Die norddeutsche Tiefebene 109 

4. Die Küsten und die Flüsse 112 

Das Wirtschaftsleben 113 

Die Landwirtschaft H-t 

Die Viehzucht .... 116 

Die Montanproduktion 116 

Die Industrie 118 

Der Verkehr ... 123 

Landstraßen 124 

Die Eisenbahnen 124 

Post, Telegraph, Telephon 125 

Die Binnenwasserstraßen 125 

Die Seeschiffahrt 128 

Die Häfen 128 

Die Schiffahrtsgesellschaften 130 

Der Handel 131 

Der Innenhandel 131 

Der Außenhandel =t 132 

Die Kolonien des Deutschen Reiches 132 

Luxemburg 134 

Dänemark 135 

Staat und Volk 135 

Die Natur des Landes 136 

Das Wirtschaftsleben 137 

Verkehr und Handel 138 

Die Nebenländer Dänemarks 138 

II. Abschnitt: Die Staaten des nord- und osteuropäischen Wirtschaftsgebietes. 

Skandinavien 140 

Bodengestalt und Gewässer 140 

Das Klima 142 

Staaten 142 

Norwegen 142 

Staat und Volk 142 

Das Wirtschaftsleben 143 

Land- und Forstwirtschaft 143 

Viehzucht und Fischerei ■ 144 

Mineralproduktion 144 

Industrie 144 

VerkehrundHandel 145 

Schweden 146 

StaatundVolk 146 

Weltlage 146 

Verfassung und Bevölkerung 146 

Siedlungen 147 

DasWirtschaftsleben . . . 147 

Land- und Forstwirtschaft 147 

Viehzucht 148 

Mineralproduktion 149 

Industrie • 149 

Verkehr und Handel 150 



X 

Seite 

Das Russische Reich Ifi2 

Staat und Volk 152 

Größe 162 

Weltlage und Grenzen 162 

Verfassung 153 

BeTölkerungsverhältnisse 163 

Volksdichte und Auswanderung 155 

DieNaturdesLandes 156 

I. Das russische Flachland . '. 166 

1. Die Einzellandschaften des russischen Flachlandes 167 

Die zentralrussische Tafel 167 

Die nordrussische Abdachung 157 

Die baltische Abdachung 158 

Russisch-Polen 168 

Das Dnjeprbecken 159 

Der südrussische Landrücken und das pontische Küstenland 159 

Die Halbinsel Krim 160 

Das Dongebiet und Wolgaplateau 160 

Das uralische Plateau und der Ural 161 

2. Klima, Bewässerung und Kulturgebiete des russischen Tieflandes .... 161 

II. Die finnische Landbrücke, Lappland und Kola 162 

Finnland 162 

Lappland und Kola 163 

Das Wirtschaftsleben 163 

Berufstätigkeit der Bevölkerung 163 

Land- und Forstwirtschaft 164 

Die Viehzucht 166 

Montanproduktion 167 

Die Industrie 167 

Das Wirtschaftsleben Finnlands 169 

Der Verkehr 170 

Das Straßenwesen 170 

Eisenbahnen 170 

Wasserstraßenverkehr 171 

Die Seeschiffahrt 172 

Häfen und Schiff ahrtsgesellschaften 172 

Handel 172 

DieasiatischenNebenländer . 173 

Rumänien 174 

Staat und Volk 175 

Größe und Weltlage 175 

Verfassung 175 

Bevölkerungsverhältnisse 176 

DieNaturdesLandes 175 

Bodengestalt 175 

Bewässerung und Klima 176 

Siedlungen 177 

Das Wirtschaftsleben 177 

Land- und Forstwirtschaft 177 

Die Viehzucht 178 



XI 

Seite 

Mineralproduktion 179 

Industrie 179 

VerkehrundHandel 180 

Eisenbahnen 180 

Fluß- und Seeschiffahrt 180 

III. Abschnitt: Die Staaten des mittelländischen Wirtschaftsgebietes. 
A. Die europäische SUdosthalbinsel. 

Bodengestalt 182 

Gewässer und Klima 183 

Politische Verhältnisse 184 

Bulgarien 184 

StaatundYolk 18.5 

Größe und Weltlage 185 

^^ Verfassung 185 

Bevölkerungsverhältnisse 18.ö 

^ Siedlungen ... 186 

Das Wirtschaftsleben 186 

Land- und Forstwirtschaft 186 

Die Viehzucht 187 

Mineralproduktion 187 

Industrie 187 

VerkehrundHandel 187 

Serbien 188 

Staat und Volk 189 

Größe und Weltlage 189 

Verfassung 189 

Bevölkerungsverhältnisse 189 

Das Wirtschaftsleben 190 

Land- und Forstwirtschaft 190 

Die Viehzucht 190 

Mineralproduktion 191 

Industrie 191 

Verkehr und Handel 191 

Montenegro 192 

Die europäische Türkei 193 

Staat und Volk 193 

Größe und Weltlage 193 

Vei'fassung 194 

Bevölkerungsverhältnisse 194 

Siedlungen 195 

Das Wirtschaftsleben 195 

Land- und Forstwirtschaft 195 

Viehzucht 196 

Mineralproduktion 196 

Industrie 197 

Verkehr und Handel 197 

Die außereuropäische Türkei 198 

Griechenland 199 

Staat und Volk 199 



XII 

Sei 

Verfassung 199 

Bevölkerung 200 

Siedlungen 200 

Das Wirtschaftsleben 200 

Land- und Forstwirtschaft 200 

Viehzucht 201 

Mineralproduktion 201 

Industrie 202 

Verkehr und Handel 202 

Kreta 203 

B. Die Apenninenhalbinsel. 

Italien 204 

Das geeinigte Italien 204 

Staat und Volk 205 

Größe und Weltlage 205 

Verfassung 205 

Bevölkerungsverhältnisse 206 

DieNaturdesLandes 208 

1. Das festländische Italien 208 

Die Alpen und die Riviera 208 

Das oberitalienische Tiefland 209 

2. Die apenninische Halbinsel 210 

8. Die Inseln 212 

Das Wirtschaftsleben 213 

Land- und Forstwirtschaft 213 

Viehzucht und Seefischerei 215 

Mineralproduktion 216 

Industrie 217 

Der Verkehr 218 

Straßenwesen 218 

Die Eisenbahnen 219 

Post-, Telegraphen- und Telephonwesen ... 220 

Die Binnenschiffahrt 220 

Die Seeschiffahrt 220 

Der Handel 221 

DieKolonienltaliens 222 

San Marino 223 

C. Die Pyrenäenhalbinsel. 

Bodengestalt und Bewässerung 223 

Klima 224 

Staaten 224 

Spanien 224 

Staat und Volk 225 

Größe 225 

Verfassung und Bevölkerungsverhältnisse 225 

Siedlungen 226 

Das Wirtschaftsleben 226 

Land- und Forstwirtschaft 226 



XTII 

Seite 

Viehzucht 22T 

Mineralproduktion 228 

Die Industrie 228 

Verkehr und Handel 229 

DiespanischenKolonien 230 

Portugal 281 

Staat und Volk 231 

Das Wirtschaftsleben 232 

Verkehr und Handel 233 

DieKolonienPortugals 234 

IV. Abschnitt: Die Staaten des atlantischen Wirtschaftsgebietes. 

Frankreich 235 

S t a a t u n d V o 1 k 236 

Größe und Weltlage 236 

Verfassung 236 

Bevölkerungsverhältnisse 237 

Die Natur des Landes 238 

1. Die französischen Beckenlandschaften 238 

Das Pariser Becken 238 

Das Garonnebecken 239 

Das Saöne-Rhöne Becken 240 

2. Das französische Schollenland 241 

Das Zentralmassiv . 242 

Die Bretagne oder das armorikanische Massiv 242 

Die nordöstlichen Massive und der Jura 243 

3. Die Landschaft des Hochgebirges 244 

Die Westalpen und die französische Riviera 244 

Die P.yrenäen " . . 245 

4. Küstengestalt, Flüsse und Klima 246 

5. Korsika 248 

Das Wirtschaftsleben 248 

Land- und Forstwirtschaft 249 

Der Weinbau 251 

Viehzucht 252 

Mineralproduktion 253 

Industrie 254 

Paris als Industriestadt 255 

DasVerkehrswesen 256 

Landstraßen 256 

Eisenbahnen 256 

Der Nachrichtenverkehr 257 

Binnenschiffahrt 257 

Die Seehäfen und Schiffahrtsgesellschaften 258 

Der Handel 259 

Die französischen Kolonien 260 

Monaco 261 

Belgien 261 

Staat und Volk 262 

Größe und Weltlage 262 



xrv 

beite 

Verfassung 262 

Die Bevölkerung 262 

Die Natur des Landes 263 

Niederbelgien 263 

Hochbelgien 264 

Das Wirtschaftsleben 26t 

Land- und Forstwirtschaft 264 

Die Vielizuclit 265 

Die Mineralproduktion 265- 

Industrie 265 

Verkehr und Handel 266 

Das Eisenbahnwesen . 266 

Binnenwasserstraßen 267 

Der Seeverkehr 267 

Der Handel 267 

Der belgische Kongo 268 

Die Niederlande 268 

.Staat und Volk 268 

Größe und Weltlage 268 1 

Verfassung und Bevölkerung 269 

DieNaturdesLandes 269 

Das Küsten- und Marschgebiet 269 

Das Geestland und die Moorgebiete 271 

Das Wirtschaftsleben 271 

Landwirtschaft 271 

Viehzucht und Seefischerei 272 

Mineralprodukte 272 

Industrie 273 

Verkehr und Handel. . 273 

Eisenbahnen • . 273 

Binnenwasserstraßen 274 

Häfen und Handelsflotte 274 

Der Handel 275 

Hollandals Kolonialmacht 275 

Großbritannien und Irland 276 

Staat und Volk 276 

Größe und Weltlage 276 

Verfassung 277 

Die Bevölkerung 278 

Die Natur des Landes 279 

Die Einzellandschaften der britischen Inseln 279 

1. England und Schottland 279 

Das Londoner Becken 279 

Die Gebirgsländer des Westens 280 

Das schottische Bergland 281 

2. Irland 281 

3. Die Inseln im Kanal und im Norden 282 

4. Küstengestalt. Bewässerung und Klima 282 

Das Wirtschaftsleben 283 



XV 

Seite 

Land- und Forstwirtschaft 284 

Viehzucht und Seefischerei ... 286 

Mineralproduklion 287 

Industrie 288 

DasVerkehrswesen 290 

Die Eisenbahnen 290 

Post- und Telegraphenwesen 291 

Die Binnenwasserstraßen . 292 

Die Häfen 292 

Die englische Handelsflotte . . 29.S 

Der Handel 294 

Dasenglische Kolonialreich 296 

III. Teil. Statistische Übersichten. 

I. Die Staaten Europas 299 

II. Kolonialbesitz der europäischen Staaten 300 

III. Überseeische Auswanderung 301 

IV. Ausnützung der Bodenfläche in den Staaten Europas in Prozenten der 
Gesamtfläche 301 

V. Ernteerträge Europas im Jahre 1910 302 

VI. Viehbestand Europas 303 

VII. Montanproduktion Europas 303 

VIII. Industrieproduktion in Europa 304 

IX Die europäischen Expreßlinien 305 

X. Statistik der Eisenbahnen in den Staaten Europas im Jahie 1910 . . 307 

XL Die Post- und Telegrapheneinrichtungen Europas im Jahre 1908 . . . 307 

XII. Die europäischen Binnenwasserstraßen 308 

XIII. Seeverkehr der wichtigeren europäischen Häfen im Jahre 1909 in Netto- 
Reg.-Tonnen 308 

XIV. Die Handelsmarine der europäischen Staaten im Jahre 1910 .... 309 
XV. Spezialbandel der europäischen Staaten im Jahre 1910 309 

XVI. Tafel der europäischen Großstädte 310 



i 



I. Teil. 

Allgemeiner Überblick über Europa. 



st 018 er, Wirtschafte- und Verkehrsgeographie d. enrop. Staaten. 



Europa*). 

1. Natürliche Beschaffenheit. 

Aus historischen und geographischen Gründen muß Europa 
als selbständiger Erdteil betrachtet werden. Abgesehen von seiner 
Geschichte und vielseitigen Kultur, die auf seinem Boden die höchste 
Blüte der Menschheit erreichte, und der Tatsache, daü unser Erd- 
teil die Welt politisch und kulturell beherrscht, weist er in Bau, 
Klima und Gliederung die größten Unterschiede gegen Asien auf, 
als dessen westliche Fortsetzung er erscheint. 

Größe und Weltlage. Europas Bodenfläche beträgt ungefähr 
10 Mill. /./»-, das ist Ti^o des gesamten Flächenraumes der Erde. Seine 
Ausdehnung erstreckt sich über 35 Breiten- und 747« Längengrade. 

Es ist unter allen Kontinenten am reichsten gegliedert und 
schon aus dem Grunde geeignet, der Hauptträger des Weltverkehrs 
zu sein, wozu es auch durch seine günstige Weltlage berufen ist. 
Inmitten der Landhalbkugel und der drei Nordkontinente gelegen, 
hat es besonders zu Afrika, Vorder- und Westasien eine vorteil- 
hafte Yerkehrsstellung. Durch die Anlage des Suezkanales wurde die 
frühere Ungunst der Verbindung mit Süd- und Ostasien sowie mit 
Australien sehr gebessert. Infolge des Anteiles am Atlantischen Ozean, 
der Hochstraße des Weltverkehrs, vermochte Europa die Vorherr- 
schaft auf dem Weltmeere zu behaupten. 

Küstenumriß und Meere. Mit seiner Meeresbegrenzung von 
80.000 hm, der buchtenreichen Küste mit tiefen Einschnitten, Halb- 
inseln und Inseln, weist Europa unter allen Erdteilen die größte Auf- 
geschlossenheit und dadurch eine leichte Zugänglichkeit auf, zumal 
auch die mittlere Meeresferne nur 340 hm beträgt. 

Aus dem Festlandsrumpfe ragen im Norden die Halbinseln 
Skandinavien und Jütland, im Süden die Pyrenäen-, Apenninen- und 

*) Literatur: Giithe- Wagner, Lehrb. d. Geogr., 5. Aufl. 2. Teil, Hannover 
1883. — Kirehhoff, Allg. Länderkunde von Europa, Wien, Pi'ag, Leipzig. Seit 1887. — 
Ferner die Länderkunden von Hettner, Scobel, Sievers und die wirtschaftsgeogr. 
Werke von Heidericli, Friedricli. Eckert und Gruber. 

1* 



— 4 — 

Balkanhalbinsel in die vorgelagerten Meere hinaus, den Landverkehr 
fördernd, dem Seeverkehr nur teilweise ein Hindernis. Auch an 
Inseln ist unser Erdteil reich. Im Westen haben wir die Britische 
Inselgruppe, im Süden Korsika, Sardinien, Sizilien, die Inseln au der 
dalmatinischen und jonischen Küste und im Äg"äischen Meere. 

Am Meere hat Europa durch das Nördliche Eismeer sowie 
durch den Atlantischen Ozean mit seinen Nebenmeeren Anteil. Das 
arktische Meer und die nördliche Atlantis an der skandinavischen Küste 
sind tiefe Meeresbecken, im übrigen ist die Westseite Europas von 
einer seichten Flachsee umgeben. Sowohl die weit in das Festland ein- 
dringende Ostsee als auch die Nordsee sind flache Becken, die 
nicht unter 200 m hinabreichen. In diesem westeuropäischen Streifen 
von Flachsee, einem überschwemmten Teile des Festlandes, ist nur 
eine große Senkung, die über 5000 m tiefe Bucht von Biscaj^a. Die 
Nord- und Westküste Europas hat daher als Flachküste 
(Dünenküste) geringen Verkehrswert. Doch begünstigen die 
Mündungstrichter großer Ströme die Anlage brauchbarer Häfen, 

Von wesentlich anderer Beschaffenheit ist die mediterrane Seile 
Europas. Das Ost- und Westbecken des Mittelmeeres sind Senkungs- 
gebiete von großer Tiefe (im Westen 3149 m, im Osten 4400 m) mit 
reich gegliederter Steilküste. Nur die Adria ist ein flaches Binnen- 
meer. Das Marmarameer und das Schwarze Meer sind wieder tiefe Ein- 
bruchsstellen. 

Die Gewässer des Festlandes. Die Gewässer Europas gehören 
dem atlantischen und dem mediterran-kaspischen Meeresgebiete 
an. Die Bildung von Riesenströmen war nur im osteuropäischen 
Flachlande möglich. Von drei großen hydrographischen Zentren 
aus, der Waldaihöhe (Wolga, Newa, Düna, Dnjepr). der Pforte von 
Weißkirchen zwischen Sudeten und Karpathen (Donau, Elbe, Oder, 
Weichsel) und den Alpen zwischen Bernina und Bern er Ober- 
land (Donau, Rhein, Po, Rhone), strömen die großen Flüsse dem 
Meere in zwei Richtungen zu. In südöstlicher Richtung anedi- 
terran-kaspisches Gebiet) fließen der Uralfluß und die Wolga 
in das Kaspische Meer, Don, Dnjepr, Dnjstr und Donau in das 
Schwarze Meer, Po, Rhone und Ebro in das Mittelmeer. Von den in 
nordwestlicher Richtung (atlantisches Gebiet) sich hinziehenden 
Strömen eilen die Petschora und Dwina in das Nördliche Eismeer, 
Newa, Düna, Njemen, Weichsel und Oder in die Ostsee, Elbe. Weser 
Rhein und Maas in die Nordsee, Seine, Loire, Garonne, Duero und 
Tajo in den Atlantischen Ozean. 

Au Seen sind die Gebiete ehmaliger Vergletseherung (Finn- 
land, Skandinavien, Norddeutschland und die Alpen) sehr reich. 



Bodenplastik. Seinem Aufbaue nach gliedert sich das europä- 
ische Festland in das nordeuropäische Schollenland und in die süd- 
europäische Faltenregion. 

Das nordeuropäische Schollenland besteht aus zwei Teilen, 
der skandinavisch-russischen Tafel und dem nordwesteuropäischen 
Schollenlande. Erstere, die den ganzen Osten und Norden Europas 
erfüllt, ist seit den ältesten geologischen Formationen, seit der 
ai'chaischen Zeit nicht mehr gefaltet worden. Diese riesige Schicht- 
tafel ist nur durch die großen Ströme Osteuropas in eine welliges 
Flachland von 200 bis 300 m Höhe gegliedert. Die Ostgrenze des 
russischen Tieflandes bildet das Uralgebirge, ein archaisch paläo- 
zoisches Rumpfgebirge mit starker Faltung und sanften Formen, im 
Westen dieses Gebietes ist das skandinavische Rumpfgebirge 
mit 2560 ?M Maximalerhebung. Auch das nordeuropäische Schol- 
lenland (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) besteht aus flachen 
Rumpfgebirgen, die mit mesozoischen Ablagerungen überdeckt und 
seit der Tertiärzeit stark zerstückelt sind. Dazwischen liegen Becken- 
landschaften, wie das ostenglische, das Pariser Becken, die ober- 
rheinische Tiefebene, das thüringische und das schwäbisch-fränkische 
Becken. In diesem Schollenlande gibt es auch alte Eruptivgebiete, 
wie im französischen Mittelgebirge, in der Auvergne, in der Eifel, 
im Vogelsberge, in Nordböhmen, ferner am Innenrande der Alpen 
und Karpathen. Jungvulkanische Erscheinungen treffen wir in 
Europa auf Island, an der Westseite von Italien (Ätna. Vesuv, 
Liparische Inseln) und auf Santorin. Die Oberflächengestalt Nord- 
europas (Skandinavien, Finnland bis zum Deutschen Mittelgebirge), 
der Alpen und der Gebirge Schottlands ist durch die Eiszeit stark 
umgestaltet worden. 

Die südeuropäische Faltenregion umfaßt das Dinarische 
Gebirgssystem, das von Kreta über die europäische Südosthalb- 
insel bis Krain sich hinzieht und außerdem nachstehende zwei mäch- 
tige Gebirgsbogen : 

aj Alpen — Apennin —Sizilien — Atlas — Andalusisches Faltenge- 
birge — Balearen ; 

b) Kaukasus— Jailagebirge (Krim) — Balkan— Karpathen — Alpen- 
Gebirge der Provence — Pyrenäen. 

Innerhalb dieser Faltenregion liegen noch alte paläozoisch- 
archaische Rumpfgebiete (spanische Meseta, Korsika, Elba, Sar- 
dinien und das thrakisch-makedonische Schollenland), große Meeres- 
becken (die verschiedenen Teile des Mittelmeeres) und Landsen- 
ken (ungarische Ebene, oberitalienische Ebene, Wiener Becken). 

Dieser Bauart zufolge gliedert sich Europa in folgende natür- 



— 6 — 

liehe Landschaften: in die Landschaft des Hochgebirges (Alpen),] 
des Mittelgebirges (deutsches und französisches), des Tieflandes 
(russisches, deutsches, französisches), in das Mittelmeergebiet 
(Pyrenäen-, Apenninen- und Balkangebiet), das Karpathenland, 
Skandinavien, die Britische Inselgruppe und Irland. Diese von der 
Natur gegebenen Landschaften haben vielfach die Entstehung selb- 
ständiger politischer und wirtschaftlicher Einheiten begünstigt. 

Klima. Der ganze Erdteil Europa liegt im kühleren Teile der 
gemäßigten Zone und ist den übrigen Kontinenten in gleicher Breite 
gegenüber begünstigt. Vom geringen Anteile am Polarklima abgesehen, 
lassen sich in Europa drei Klimaprovinzen unterscheiden: 

Das westeuropäische Seeklima ist bestimmt durch die Piand- 
lage am Atlantischen Ozean und den Einfluß des warmen GoK- 
stromes. Es zeichnet sich durch günstige Temperaturverhältnisse 
aus. Die Winter sind mild, nebelig und regenreich, die Sommer 
kühl und trüb. Die reichlichen Niederschläge fallen zu allen Jahres- 
zeiten. Am regenreichsten sind die den atlantischen Winden aus- 
gesetzten Gebirge Westeuropas in Norwegen, Großbritannien, der 
Bretagne und Spanien. Dieses Klimagebiet umfaßt Norwegen, Groß- 
britannien, Deutschland bis an die Elbe, Niederlande, Belgien und 
den größten Teil Frankreichs. 

Das osteuropäische Landklima hat einen ausgesprochen 
kontinentalen Charakter mit sehr kalten Wintern und heißen Som- 
mern. Die Temperaturschwankimgen sind sehr groß. Die Nieder- 
schläge fallen zum größten Teile im Sommer. Im südlichen Rußland 
werden sie aber so gering, daß der Baumwuchs zurücktritt und die 
Grassteppe sich ausbreitet. 

Das Klima des Mittel meergebietes ist durch Winterregen 
und Sommerdürre gekennzeichnet. Die Temperaturen sind dem sub- 
tropischen Gepräge dieses Klimas entsprechend sehr hoch. Die 
langandauernde Trockenheit des Sommers, die Reinheit und Durch- 
sichtigkeit der Luft erzeugen den ewig klaren Himmel des Südens. 
Die Niederschläge betragen im Jahresmittel 750 vim. Der körper- 
lichen und geistigen Leistungsfähigkeit des Menschen ist es besonders 
zuträglich. An schädlichen Einflüssen ist die Malaria zu erwähnen. 
Doch kann diese Geißel für die Bevölkerung mit fortschreitender 
Kultur behoben werden. 

Pflanzen- und Tierwelt. Seit der Eiszeit haben sich in Europa 
vier Floren reiche ausgebildet, die zum Teil ineinander über- 
greifen, im ganzen aber von klimatischen Voraussetzungen bedingt 
sind. Im Norden an der Grenze des Eismeeres ist das Tundr en- 
gebiet. Da sie durch 7 bis 8 Monate zugefroren sind, verhindern 



sie den Baumwuchs. Nur Moose und Flechten gedeihen und ermög- 
lichen die vorübergehende Besiedlung durch Renntierzüchter. Süd- 
wärts folgt das Waldgebiet, das 66'Vu Europas einnimmt. Im Norden 
überwiegt der Nadelwald, in Mitteleuropa ist der Mischwald vor- 
herrschend. Neben den Nadelbäumen ist besonders die Eiche und 
Buche verbreitet. Im Bereiche dieser gemischten Wälder sind aus- 
gedehnte Wiesen. Das Steppengebiet des südöstlichen Europa setzt 
sich vorwiegend aus Gräsern und Stauden zusammen. Bäume sind 
meist nur an den Wasserläufen. Das westliche Steppengebiet in 
Piumänien und Ungarn ist zum Teil schon in Ackerland umgewandelt 
worden. Die Pflanzenwelt des Mittelmeergebietes wird durch 
die sommerliche Trockenheit bestimmt, daher das Überwiegen immer- 
grüner Laubpflanzen und Fehlen von Wiesen und Wäldern. An Stelle 
des Hochwaldes tritt die Buschformation oder Macchia. 

Auch die Tierwelt zeigt in Europa gemischtes Gepräge. Durch 
den Menschen wurden die Wildtiere überall zurückgedrängt, jetzt 
geben die Haustiere das charakteristische Bild in der Fauna 
unseres Erdteiles ab. 

2. Politische Verhältnisse. 

Bevölkerung. Europa ist mit seinen 443-5 Mill. Bewohnern der 
dichtest besiedelte Erdteil. Die wechselvolle Geschichte brachte es 
mit sich, daß die Be Völker ungs Verhältnisse unseres Kontinentes 
recht mannigfaltige sind. Den Grundstock bilden die arischen Ger- 
manen, Slaven und Romanen, denen sich noch Reste der europäischen 
Urbevölkerung wie die Basken und mehrere nichtarische Völker 
zugesellen. 

Die wichtigste der drei Völkergruppen sind die Germanen, 
128 Mill. (Deutsche, Niederländer, Vlämen, Engländer, Skandinavier). 
Sie bewohnen Mittel- und Nordeuropa und nehmen durch ihre über- 
legene Kultur und dadurch, daß sie den Welthandel beherrschen, 
eine führende Rolle in der Menschheit ein. 

Der Zahl nach folgen die Slaven mit 125 Mill. Seelen (Russen, 
Ruthenen, Polen, Tschechoslaven, Serbokroaten, Bulgaren, Letten 
und Litauer). Ihr Wohngebiet ist der Osten und Südosten Eu- 
ropas. In ihrer kulturellen Entwicklung sind sie hinter Mittel- und 
Westeuropa zurückgeblieben. 

Den Südwesten Europas besiedeln die 108 Mill. Romanen 
(Portugiesen, Spanier, Franzosen, Wallonen, Italiener, Ladiner, Ru- 
mänen). Sie haben eine ruhmvolle Vergangenheit, gegenwärtig sind 
aber nur die Franzosen und Italiener als große Kulturvölker zu 
betrachten. 



Zu den Ariern gehören auch die Griechen, Albanesen, Armenier, 
Kelten und Zigeuner. 

Die nichtarischen Völkerschaften, wie die Magyaren, Türken, 
Finnen, Basken und die semitischen Juden (in Polen, Rumänien, 
Ungarn) wohnen inmitten der großen indoeuropäischen Völker. 

Wiewohl Europa in seiner Gesamtheit ein christlicher Erdteil 
ist, entspricht doch der räumlichen Verteilung der indoeuropäischen 
Stämme auch eine Dreiteilung der Religionen. 

Im Süden und Westen herrscht der Katholizismus vor. Alle 
Romanen, mit Ausnahme des rumänischen Volkes, die Westslaven, 
die Magyaren, ein großer Teil der Deutschen und Engländer, sowie 
die Iren hängen ihm an. 

Griechisch-orthodox sind Rußland, Rumänien und die 
Balkanhalbinsel. 

Der Protestantismus herrscht im Gebiete der Nord- und 
Ostsee vor. Er ist das Bekenntnis der Germanen. 

Dem Islam gehören die Türken, ein Teil der Albanesen und 
Balkanslaven, sowie die Kirgisen und Baschkiren in Rußland an. 

Zur mosaischen Religion bekennen sich die Juden. Heiden 
gibt es noch in Rußland (Kalmücken, Samojeden). 

Dichte und Städtewesen. Die Bevölkerung Europas ist keines- 
wegs über den ganzen Erdteil gleichmäßig verbreitet. In den 
Industriegebieten Mittel- und Westeuropas drängen sich auf einer 
Fläche von etwas über 2 Mill. km- 210 Mill. Menschen zusammen, 
während der Süden und Osten nur dünn bevölkert ist. Die relative 
Dichte der Bevölkerung beträgt in Belgien 255, in den Niederlanden 
176, in Großbritannien 145, im Deutschen Reiche 121, dagegen in 
Spanien nur 38, in Rußland 25, Schweden 12 und Norwegen 7. Die 
außerordentliche Verdichtung der Bevölkerung führte auch das 
mächtige Anwachsen der Städte im Gebiete der europäischen 
Vollkultur herbei. Von den 160 Großstädten Europas haben sich 
8 zu Millionenstädten entwickelt (London, Paris, Berlin, Hamburg- 
Altona, Wien, St. Petersburg, Moskau und Konstantinopel). Das 
rasche Wachstum der Städte im 19. Jahrhundert hat in manchen 
Ländern, z. B. England, ein volkswirtschaftlich ungesundes Über- 
wiegen der städtischen über die ländliche Bevölkerung zur Folge 
gehabt. 

Staaten. In politischer Hinsicht zerfällt Europa in 25 selb- 
ständige Staaten, die sich in ihrer Mehrzahl aus rein dynastischen 
Gebilden zu Nationalstaaten entwickelten. Die Bodengestalt unseres 
Erdteiles hat dieser politischen Zersplitterung starken Vorschub ge- 
leistet. An Größe und Bevölkerungszahl weisen diese Gebilde be- 



I 



deutende Unterschiede auf, so daß es weder in wirtschaftlicher, noch 
in politischer Beziehung ein „europäisches Gleichgewicht" gibt*). 
Neben 6 Großmächten sind 13 Mittelstaaten und 6 Zwergstaaten. 
Europa ist der feste Hort der Monarchien mit alteingelebten Dj'- 
nastien. Nur Frankreich, die Schweiz und jüngst Portugal sind 
Republiken. In allen Staaten herrscht konstitutionelle Regierungsform. 

Über Größe und Bevölkerungszahl der europäischen 
Staaten gibt die Tabelle I im 3, Abschnitte Aufschluß. 

Unter diesen Staaten nehmen die 6 Großmächte zusammen 
eine Fläche von 77 Mill. km- mit 375 Mill. Einwohnern, d. i. 787o 
des Flächeninhaltes und 84"67o der Bevölkerung von Europa ein; 
es ist daher einleuchtend, daß in allen Fragen der europäischen und 
internationalen Politik diese Mächte das entscheidende Wort zu 
sprechen haben. 

3. Wirtschaft, Verkehr und Handel. 

Produktionsverhältnisse. Trotz der großen Unterschiede in 
Hinsicht auf Klima, Bodenbau und der geschichtlichen Entwicklung 
hat Europa die höchste Stufe im Wirtschaftsleben der Erde erreicht. 
Es ist eben ein alter Kulturboden und da den meisten seiner Völker 
eine rege Betriebsamkeit und eine ausgesprochene Vorliebe für den 
Landbau eigen ist, wurden besonders in der Urproduktion selbst 
bei geringerer Bodenergiebigkeit schöne Erfolge erzielt. Das un- 
produktive Areal Europas beträgt den 5. Teil seiner Oberfläche, das 
sind nicht weniger als 2 Mill. km^ und verteilt sich besonders 
auf die nördlichen Gebiete Rußlands und Skandinaviens, aber auch 
auf kulturell zurückgebliebene Länder wie Portugal, Griechenland 
und die Türkei. 

Die klimatischen Unterschiede zwischen dem nordwestlichen, 
dem mittleren und östlichen sowie dem südlichen Teile Europas 
prägen sich auch deutlich in der Naturproduktion aus. 

Im Landschaftsbilde West- und Mitteleuropas ist das Vor- 
herrschen des Ackerlandes, des Waldes und der Wiesenflächen 
kennzeichnend. Gegen Norden und Osten ist eine starke Zunahme 
des Waldes zu bemerken. Österreich-Ungarn, Deutschland, Rußland 
und Schweden sind die Hauptwaldgebiete unseres Erdteiles. Neben 



*) Das „europäische Gleichgewicht' ist in Wirkliclikeit nur eine Fik- 
tion. Man vergleiche folgende Angaben: Die Dreibundmächte Deutschland, Öster- 
reich-Ungarn. Italien haben zusammen eine Bodenfläche von 1,484.000 '^m- mit 
150 Mill. Einwohnern. Für die Mächte der „Tripelentente" Rußland. Frankreich. 
England ergeben sich 62 Mill. lim- mit 225 Mill. Einwohnern. Auch in bezug auf 
wirtschaftliehe und militärische Leistungsfähigkeit besteht eine große Ungleichheit. 



— lo- 
dern reichen Waldbesitze ist auch das Auftreten ausgedehnter Wiesen 
und des Weidelandes ein großer Vorteil, denn es ermöglicht 
namentlich in England, Dänemark, Holland, Deutschland, Österreich- 
Ungarn und der Schweiz eine lohnende Rassenzucht von Pferden, 
Rindern, Schafen und Schweinen. Allerdings bedürfen England, das 
Deutsche Reich und Österreich einer starken Fleischeinfuhr, obwohl 
sie selbst eine rationelle Tierzucht haben. Sehr vielseitig und ertrag- 
reich ist auch der Ackerbau Mittel- und Westeuropas. Es werden 
alle Getreidearten der gemäßigten und teilweise sogar der sul3tro- 
pischen Zone gebaut, doch sind die dichtbevölkerten Industrie- uu'l 
Handelsstaaten dieses Gebietes auf ständige Einfuhr von Brot- 
früchten angewiesen. 

Ein wesentlich anderes Bild zeitit wieder der Süden und 
Südosten Europas. Der Hochwald und die Wiesen ziehen 
sich auf die Gebirge zurück, immergrüner Buschwald und steppen- 
artige Weiden treten an deren Stelle. Der Landbau gibt bei künst- 
licher Bewässerung reiche und mannigfaltige Erträge. Der sorgfältig 
betriebene Gartenbau liefert bis zu drei Ernten im Jahre. Die Ge- 
treideproduktion, vorwiegend Weizen und Mais, ist nur in den unteren 
Donauländern und in Italien bedeutend, sonst produziert der Süden 
hauptsächlich Tafelfrüchte, Wein und Olivenöl. Von den Tieren wer- 
den besonders Maultiere, Esel und Ziegen gehalten. 

In Osteuropa überwiegt der Landbau, der in extensivem Betriebe 
wegen der Größe der Anbaufläche bedeutende Beträge auf den 
Weltmarkt zu bringen vermag. 

Unser Erdteil kann auch als die Heimat des Bergbaues 
bezeichnet werden. Nur an Edelmetallen ist er auffallend arm, da- 
gegen nimmt er in der Eisen- und Kohlengewinnung die beherrschende 
Stellung auf der Erde ein, trotz der Bemühung der Union, den Vor- 
sprung zu bekommen. In einem Umkreis um die Nordsee mit gün- 
stigen Zufuhrverhältnissen zum Weltmeere sind in England, am 
Rande des deutschen Mittelgebirges, in Belgien und Nordfrankreich 
die ausgedehnten Kohlen- und Eiseulager, die die Grundlage der 
industriellen Größe Europas bilden. Den ersten Rang behauptet 
Europa auch in der Gewinnung von Quecksilber, Zink und Alumi 
nium, in der Produktion von Kupfer. Nickel, Petroleum und Steinsalz 
wetteifert es mit Amerika. 

Die große Bevölkerungsdichte und die reiche Naturausstattung 
befähigte Europa auch, der Erdteil der Industrie und der Mittel- 
punkt des internationalen Warenumsatzes zu werden. Es ist 
der Sitz einer Riesenindustrie, wie sie in solcher Mannigfaltigkeit 
und in einem derartigen Umfange nirgends auf der Welt besteht. 



— 11 — 

Ihre Hauptgebiete sind in England, Nordfrankreich, Belgien, Deutsch- 
land, Schweiz und in Österreich. Mit seinen Fabrikserzeugnissen 
beherrscht Europa den ganzen Welthandel. 

Eisenbahnen. Auch im Verkehrswesen ist das kleine Europa 
auf einer vorbildlichen Stufe der Entwicklung angelangt. Der eigent- 
liche Träger des Binnenverkehrs sind die Eisenbahnen, deren Schie- 
nenlänge im Jahre 1910 bereits 330.000 hu betrug. (Siehe Tabelle im 
3. Teile.l 

Nach allen Richtungen durchziehen unseren Erdteil wichtige 
Verkehrslinien, selbst der Wall der Alpen bildet kein Hindernis mehr. 
An zwei Stellen überschreiten die Bahnen die Ostgrenze Europas 
(bei Tscheljabinsk die sibirische und bei Orenburg die mittelasia- 
tische Bahn). Die nördlichste Linie führt von Stockholm nach Narwik 
(Lappland Expreß). 

Die Dichte des Schienennetzes ist bei der reichgegliederten 
Bodengestalt Europas eine recht ungleichmäßige. Während England, 
Belgien, die Rheinprovinz, Sachsen und Nordböhmen die größte 
Verdichtung aufweisen, ist Nord-, Ost- und Südeuropa erst von 
einem sehr weitmaschigen Bahnnetz bedeckt. Durch die Geschlossen- 
heit ihrer Anlage ragen besonders das französische und ungarische 
Verkehrsgebiet hervor. Die größte Verkehrsbedeutung kommt den 
mitteleuropäischen Bahnen zu. Alle großen Expreßlinien führen durch 
Zentraleuropa und hier entwickelten sich daher auch Köln, Berlin, 
München und Wien zu Knotenpunkten erster Ordnung, mit denen 
noch Paris, Brüssel, Warschau und Moskau verglichen werden 
können. 

Wegen der Großartigkeit ihrer Anlage verdienen besonders die 
Alpenbahnen, wie die Simplon-, Lötschberg-, Gotthard-, Arlberg-, 
Tauern- und Semmeringbahn, sowie die kühn geführten Berg- und 
Touristenbahnen (Jungfrau-, Rigi-, Pilatusbahn u. a.) hervorgehoben 
zu werden. 

Wasserstraßen. Neben den Eisenbahnen spielen in einigen 
Teilen Europas die Flüsse und Kanäle als Verkehrsadern eine her- 
vorragende Rolle. Besonders eignen sich die in den Atlantischen 
Ozean mündenden F'lüsse Westeuropas wegen ihrer geringen Vereisung 
und unbedeutenden Geschiebeführung sowie ihrer weiten Mündungs- 
trichter wegen ausgezeichnet für den Verkehr. Dazu kommt noch, 
daß die starke Entwicklung der Gezeitenströmungen eine Fortsetzung 
der Schiffahrt weit landeinwärts ermöglicht. Dies gilt vor allem für 
die Flüsse Englands, Frankreichs und des Deutschen Reiches. Der 
Rhein und die Elbe zählen zu den befahrensten Strömen der Welt. 
Weniger geeignet für die Schiffahrt sind die in das Schwarze Meer 



— 1-2 — 

sich ergießenden Flüsse. Sie liegen abseits von den Straßen des Welt 
Verkehrs und sind im Winter monatelang mit Eis bedeckt. Auch 
sind die Deltamündungen der Schiffahrt nicht vorteilhaft. 

Als wertvolle Ergänzung zu den natürlichen Wasserstraßen 
kommt im Deutschen Reiche, in Frankreich, Belgien, Holland und 
England ein dichtes Netz von Kanälen dazu. (Siehe Tabelle im 3. Teile.) 

Seeverkehr. Der Verkehr Europas mit den übrigen Erdteilen 
ist fast ausschließlich Seeverkehr. Die intensivste Verkehrsbewegun 
richtet sich nach Nordamerika und erst in zweiter Linie nach 
Südamerika. Von Hamburg aus wird z. B. New-York in 5 Tagen, 
Buenos -Aires von Genua aus in 16, von Bremen in 28 Tagen 
erreicht. Die atlantische Küste hat die günstigste Weltlage und 
die reichsten Wirtschaftsgebiete als Hinterland, daher treffen wir in 
Westeuropa auch die größten Häfen: Hamburg, Bremen, Rotter 
dam, Antwerpen, Le Havre und Bordeaux auf dem Kontinente 
London und Liverpool in Großbritannien. Im Mittelmeere haben sie 
nur Triest, Genua und Marseille besonders mit Rücksicht auf die 
vorteilhafte Lage zum Suezkanal als Weltverkehrshäfen zur Geltung 
gebracht. Die Führung im Seeverkehr Europas haben die germani- 
schen Engländer, Deutschen, Holländer, Norweger und Schweden, 
während von den Romanen nur die Franzosen und Italiener noch 
als Seehandelsvölker aufzufassen sind. 

Handel. Die gewaltige wirtschaftliche Überlegenheit Europas 
über die übrigen Erdteile äußert sich auch in seiner Beteiligung 
am Welthandel. Vom gesamten Umsatz im Außenhandel aller Kon- 
tinente im Jahre 1909 im Werte von 131 Milliarden Mark entfielen 
auf Europa nicht weniger als S3 Milliarden, d. i. 63^o des Welt- 
handels. 



n 



Die Errungenschaften auf dem Gebiete der materiellen und 
geistigen Kultur machten Europa zum überlegenen Herrn der Welt. 
Noch behauptet unser Erdteil diesen Vorrang, den ihm seine bis- 
herige geschichtliche Entwicklung angewiesen, aber schon ist in 
Nordamerika ein zukunftssicherer Rivale erstanden, der mit Europa 
die Herrschaft über die Welt teilen will. 

Seine geschichtliche Sendung wird Europa aber nur dann er- 
füllen können, wenn es nicht nur der Sitz einer hohen materiellen 
Kultur, sondern auch der Hort der geistigen Güter der Menschheit 
bleibt. 



IL Teil. 

Wirtschafts- und Verkehrsgeographie 
der europäischen Staaten. 



I. Abschnitt. 

Die Staaten des mitteleuropäisclien Wirt- 
schaftsgebietes. 

Die österreicliiseli-ungarisclie Monarchie '■). 

Geschichtliche Entwidmung und geographische Bedingtheit. 

Die österreichisch-ungarische Monarchie hat sich infolge der 
glücklichen Politik des Hauses Habsburg und unter dem staats- 
bildenden Einflüsse der Bodeugestalt aus kleinen Anfängen 
zu ihrer heutigen Größe und Machtstellung entwickelt. Sie hat den 
Stürmen der Jahrhunderte erfolgreich standgehalten und ihr Bestand 
ist schon mit Rücksicht auf ihre geographische Lage eine politische 
Notwendigkeit. 

Der Aufbau des Gesamtstaates ist von der deutsch-österreichi- 
schen Ländergruppe ausgegangen, die unter den Babenbergern die 
ersten Ansätze einer politischen Einigung aufweist, von den Habs- 
burgern sodann in vollem Umfange dauernd zusammengefaßt wurde. 

Das Jahr 1526 bezeichnet durch den Anfall der böhmischen 
und ungarischen Ländergruppe den Beginn der österreichischen 
Großmachtstellung. Bis dahin haben die drei Ländergebiete eine 
durchaus selbständige Entwicklung genommen, seit dieser Zeit laufen 
ihre Geschicke parallel. Das bunt zusammengewürfelte, nur durch 
Personalunion locker verbundene Länderkonglomerat wurde durch 
die ^Pragmatische Sanktion" 1713 zu einem einheitlichen Staats- 
organismus verschmolzen. 

Die wiederholten Versuche unter Kaiser Josef 11., später 1851 und 
1861, den österreichischen Einheitsstaat dauernd zu begründen, 

*) Literatur: Heiderich, Österr.-Ungarn, in Andrees Geogr. des Welthandels, 
I. Bd., Frankfurt a. M. 1910. — Grund, Länderkunde von Österr.-Ungarn. Samm- 
lung Göschen 244. — Sieger, Die Alpen. Ebd. 129. — Ludwig, Grundriß der Ver- 
kehrsgeographie. Wien 1911. — Rauchberg, österr. Bürgerkunde. Wien 1911- 



— 16 — 

scheiterten an der festen Entschlossenheit der Ungarn, ihre staat- 
liche Selbständigkeit zu wahren. Im Jahre 1804 wurde Österreich 
zum Kaisertume erhoben. 

Im Ausgleiche mit Ungarn 1867 erfolgte die Rückbildung 
des Einheitsstaates und die Errichtung der österreichisch- 
ungarischen Doppelmonarchie. 

Den beiden durch Realunion verbundenen Staaten wurde im 
Oktober 1908 endgiltig Bosnien und Hercegowina angegliedert. 

Der Zusammenhang zwischen dem Umfange des Staates und 
seiner Bodenplastik ist schon durch die Bezeichnung „Donaustaaf 
angedeutet, denn fast 75% der Bodenfläche des Reiches gehören 
dem Stromgebiete der Donau an. Es unterliegt keinem Zweifel, daß 
der Donaustrom, die größte natürliche Wasserstraße Mitteleuropas, 
staatsbildend gewirkt hat. 

Als Ganzes ist der österreichische Staat von der Natur 
nicht vorgezeichnet. Er hat für sich allein eine ganz unmögliche 
Form und hätte ohne Zusammenhang mit den übrigen Ländern 
weder entstehen noch für die Dauer sich halten können. Wohl aber 
mußte das böhmische Massiv und das Marchbecken eine staat- 
liche Einheit werden. Auch eigneten sich die Ostalpen, aus deren 
Tallandschaften die heutige Form der Alpenkronländer sich ent- 
wickelte, zu einheitlicher Zusammenfassung. Ihm gliedert sich als 
geographische Einheit das Karstgebiet mit dem Meeresanteile an. 

Am auffallendsten hat die Natur aber in Ungarn das Ent- 
stehen eines staatlichen Gemeinwesens begünstigt. Die weite zentrale 
Ebene mit ihren gebirgigen Randlaudschaften stellt ein gut abge- 
schlossenes Gebiet dar, das sich zur Aufrichtung des ungarischen 
Staates ausgezeichnet eignete. 

Der natürlichen Gliederung des Bodens schließt sich auch die 
Verteilung der Völker des Reiches an. 

Staat und Volk. 

1. Die Verfassung. 

Seit dem Ausgleiche mit Ungarn besteht die österreichisch- 
ungarische Monarchie aus zwei Staatsgebieten, dem österreichi- 
schen und dem ungarischen Staate. Beide sind durch Realuuion 
miteinander verbunden. Um die Großmachtstellung der Monarchie 
aufrecht zu erhalten, sind eine Reihe von Einrichtungen beiden 
Staaten gemeinsam, die sogenannten pragmatischen Angelegen- 
heiten: die Dynastie und die Person des Herrschers, die auswärtigen 
Angelegenheiten, das gemeinsame Heer und die Marine, die Finanzen 



17 



für gemeinsame Ausgaben, die Währung, die Österreichisch-Ungarische 
Bank, eine gemeinsame Zollinie, endlich erfolgt in beiden Staaten 
die Besteuerung einiger Artikel, wie Spiritus, Zucker und der Be- 
trieb des Tabak- und Salzmonopols nach gemeinsamen Grundsätzen. 
Für die gemeinsamen Auslagen zahlt Österreich eine Quote von 
G3-60/o, Ungarn 36-40'o. 

Gemeinsame Angelegenheiten. Der Kaiser hat in beiden 
Staaten die oberste Stellung, er führt den Oberbefehl über die be- 
waffnete Macht, sanktioniert die Beschlüsse der Parlamente, ernennt 
die Minister, in seinem Namen wird die .Gerichtsbarkeit geübt, er 
hat das Recht. Amnestie zu gewähren. Der Kaiser ist geheiligt, un- 
verletzlich und unverantwortlich. 

Ihre Behandlung finden die gemeinsamen Angelegenheiten in der 
Delegation, die jährlich abwechselnd in Wien und Budapest tagt, und 
je 60 Mitglieder zählt, die aus der Mitte des Reichsrates, beziehungs- 
weise Reichstages gewählt werden. Die Exekutive besorgen die ge- 
meinsamen Ministerien des Äußeren, des Krieges und der F'inanzen. 

Die Wehrmacht der Monarchie bildet das gemeinsame Heer 
und die Marine, wozu dann noch die österreichische Landwehr und 
die ungarische Honved kommen. 

Das gemeinsame Heer ist in 16 Korps (1. Krakau, 2. Wien, 3. Graz, 4. Budapest, 
5. Preßburg, 6. Kaschau. 7. Temesvar, 8. Prag, 9. Leitmerit2. 10. Przemysl. 11. Lem- 
berg, 12. Hermaunstadt. 13. Agram, 14. Innsbruck. 15. Serajevo, 16. Ragusa) for- 
miert. Die Friedensstärke des gemeinsamen Heeres beträgt zirka 400.000 Mann. 
Im Kriege kann die Monarchie eine Feldarmee von 900.000 Mann. 330.000 Mann 
Landwelir, außerdem Landsturm und Ersatzreserven, zusammen 23 Mill. aufbringen. 
Die Marine, die in Ausgestaltung begriffen ist, hat ihren Stützpunkt in Pola. Sie 
zählte 1911: 168 Kriegsfahrzeuge (12 Schlachtschiffe. 4 im Bau, 11 Kreuzer, 
73 Torpedoboote, 22 im Bau. mit zusammen 15.800 Mann Bemannung) und außer- 
dem 14 Donaumonitore. Das Flottenprogramm für die Zeit von 1911 bis 1916 sieht 
den Bau von 4 Schlachtschiffen (Dreadnoughts), 3 Kreuzern, 18 Torpedofahrzeugen 
und 6 Unterseebooten vor. 

Dem Ministerium des Äußern unterstehen die diplomati- 
schen (Botschaften, Gesandtschaften) und kommerziellen Vertretungen 
(Konsulate) im Auslande. 

Das Kaisertum Österreich besteht aus folgenden 17 Kron- 
ländern, die zu einem Einheitsstaate verbunden sind: 



Länder 



Größe 



Bevölkerung pro ^»»^ 



Außerkarpathische Länder: 

Galizien 78.500 hn""- 

Bukowina 10.400 hn-^ 



8,025.000 
800.000 



102 

77 



Übertrag 88.900 kvi^ 8,825.000 

Stoiser, Wirtschafts- und Verkehrsgeographie d. europ. Staaten. 



89 



18 



Linder Grüüe |j Bevölkerung pro /m'^ 

|1 11 l"' 

Fürtrag 88.900 Im-i \' 8,825.000 ' 89 

Sudetenländer: 

Böhmen 51.9(»0 ^m^ 6.769.000 l'iO 

Mähren ... 22.200 /to2 I 2,622.000 118 

Schlesien 5100 Im-^ 7.57.000 147 

Alpenländer: 

Österreich unter der Enns . . . 19.800 /.mJ 8,.531.000 178 

ob „ „ . . . 11.900 /w2 Sö.'i.OOO 71 

Salzburg • • 7.100 im2 215.000 30 

Steiermark 22.400 ^•m 2 1,444.000 64 

Kärnten 10.300 /.to2 ;^96 000 38 

Tirol und Vorarlberg 29.200 ^m2 1,092.000 45 

K a r s 1 1 ä n d e r : 

Krain 9.900 / ^2 525.000 53 

Küstenland 7.900 /w^ 894.000 95 

Dalmatien 12.800 /»i^ 646.000 50 

Zusammen iOd.OOO /.wi2 28.571.^00 '.•"> 

Die Gesetzgebung und Verwaltung des österreichischen Staates 
beruht auf konstitutioneller Grundlage. Der Reichsrat setzt sich 
aus dem Abgeordnetenhause und dem Herrenhause zusammeo. 
Das Haus der Abgeordneten zählt 516 Mitglieder, die auf Grund 
des allgemeinen Wahlrechtes auf 6 Jahre gewählt werden. Das 
Herrenhaus besteht aus erblichen und lebenslänglichen Mitgliedern 
(mindestens 150 und nicht mehr als 170). Für die Giltigkeit eines 
Gesetzes ist die Annahme von beiden Häusern des Reichsrates und 
die Sanktion des Kaisers erforderlich. 

Außer dem Reichsrate gibt es für jedes Kronland ein Landes- 
parlament (Landtag). 

Die Exekutive besorgen in Österreich 9 Ressortministerien 
(Inneres, Kultus und Unterricht, Handel, Justiz, Finanzen, Eisen- 
bahnen, öffentliche Arbeiten, Landesverteidigung, Ackerbau), ferner 
gibt es noch sogenannte Landsmannministerien für die Deutschen, 
Tschechen und für Galizien. Den Vorsitz im Ministerium führt der 
Ministerpräsident, der für die Politik des gesamten Ministeriums 
verantwortlich ist. 

Das Königreich Ungarn besteht aus folgenden Teilen: 

Länder Größe Bevölkerung pro ^»12 

' Ungarn mit Siebenbürgen . . 282823 /,m2 18.264.C00 || 65 

Fiume mit Gebiet 21 /! w2 49.000 il — 

Kroatien und Slavonien ... 42.534 /m'i 2.57.5.000 ' 62 

Zusammen . . . 324.878 /ni2 2(t.s.sr,.00«i r,4 



— 19 — 

Auch im ungarischen Staate besteht das Zweikammersystem. 
Der König teilt dort das Recht der Gesetzgebung mit dem Reichstage, 
der aus dem Magnatenhause und dem Repräsentantenhause 
besteht. Ungarn hat wie Österreich 9 Ministerien (darunter l Minister 
für Kroatien und 1 Minister am kgl. Hoflager). Kroatien-Slavonien 
hat für die Regelung seiner autonomen Angelegenheiten einen eigenen 
Landtag von 90 gewählten Mitgliedern und entsendet in den unga- 
rischen Reichstag 40 Abgeordnete und 3 Magnaten sowie 5 Mitglieder 
in die Delegation. 

Das staatsrechtliche Verhältnis Ungarns zu Kroatien-Slavonien wurde im 
Ausgleich des Jahres 1868 geregelt. Darnach bilden Ungarn und Kroatien sowohl 
Österreich als auch dem Auslande gegeniiber eine und dieselbe Staatsgemeinschaft. 
Die Vei'waltung gewisser Angelegenheiten, wie die innere Verwaltung, Religions- 
und Unterrichtsangelegenheiten und die Rechtspflege hat sich Kroatien vorbehalten. 
In Kroatien-Slavonien ist das Kroatische die Sprache der Gesetzgebung und Ver- 
waltung. Es gibt keine kroatisch-slavonische Staatsbürgerschaft. An der Spitze 
der kroatischen Landesregierung steht der Banus. Nach ungarischer Auffassung ist 
Ungarn ein Einheitsstaat und Kroatien eine mit weitgehender Autonomie ausge- 
stattete Provinz. Die Kroaten jedoch behaupten dem gegenüber ihren staatlichen 
Bestand und die Gleichstellung mit Ungarn. Die Beschränkung ihrer Staatsgewalt 
zugunsten des ungarischen Staates beruhe nur auf einer Vereinbarung mit diesem. 
„So groß auch das Übergewicht ist, das sich Ungarn im kroatischen Ausgleich 
gesichert hat, so werden doch die Argumente für den staatlichen Sonderbestand 
Kroatiens in der praktischen Politik durch den nationalen Gegensatz zu Ungarn 
verstärkt." (Rauchberg, Österreichische Bürgerkunde, S. 70 f.) 

Bosnien und Hercegovina unterstehen als gemeinsames Ver- 
waltungsgebiet dem gemeinsamen Finanzministerium. Doch haben 
beide Länder seit 191Ü eine eigene Verfassung und einen Landtag 
(Sabor). 

Das gesamte Gebiet der österreichisch-ungarischen Monarchie 
setzt sich sonach aus 3 Ländergebieten zusammen. 



Staatsgebiet Größe Bevölkerung 1 pro Im"^ 



Österreichisches Staatsgebiet . '| 300.000 /.■ni2 '' 28,571.000 !' 95 



Ungarisches Staatsgebiet 
Bosnien und Hercegovina 



Zusammen 



325.000 ^-«2 20,886 000 04 

51.000 Am2 1.931.000 L 38 



676.000 /^m'i ' 51,390.000 76 



2. Die Bevölkerungsverhältnisse. 

Die österreichisch-ungarische Monarchie ist ein typischer Natio- 
nalitätenstaat, denn innerhalb ihrer Grenzen wohnen neun Völker, 
deren Sprachen landesüblich sind: Deutsche, Tschechen, Polen, Ru- 
thenen, Slovenen, Serbokroaten, Italiener, Rumänen und Magyaren. 

Diese Völker sind an Zahl, Kultur und wirtschaftlicher Ent- 
wicklung sehr verschieden, alle beherrscht aber ein mächtiges Selbst- 



2^ 



;ü — 



bewußtseiu und ein starker Expansionsdrang. Trotz der nationalen 
Gegensätze ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit stark entwickelt 
und hat sich in Zeiten der Gefahr stets aufs glänzendste bewährt. 

Nach den neuesten Angaben*) gliedert sich die Bevölkerung 
der ganzen Monarchie in 

Deutsche 12 Mill. =-= 24% der Gesamtbevölkerung 

Slavische Völker ... 24 , = 487o „ 

Magyaren 10 „ = 207o « 

Romanen 4 „ = 8"','o -, ^ 

Aus der großen Zahl der Slaven darf nicht gefolgert werden, 
daß die Monarchie ein slavisches Staatswesen wäre, denn die 48<^ o 
des slavischen Bevölkerungsanteiles verteilen sich auf fünf sprachlich 
und kulturell sehr verschiedene Völkerschaften. Auch fehlt es den 
Xordslaven (Tschechoslaven, Polen, Ruthenen) und Südslaven (Slo- 
venen, Serboki'oaten) an einer gemeinsamen slavischen Verraittlungs- 
sprache. Die Rolle derselben fällt noch immer dem Deutsehen zu. 

Die Romanen zerfallen in die Italiener und Ladiner im Westen 
und in die Rumänen im Osten der Monarchie. 

Betrachten wir jede der beiden Reichshälften für sich, so 
bekommt man ein ähnliches Bild, denn nicht nur Österreich, auch 
Ungarn ist von zahlreichen Nationalitäten bewohnt. 



Österreic 


h: 


Deutsche . . 


9-95 


Mill. = 36% 


Tschechoslaven 


6-43 


. = 237o 


Polen . . . 


4-96 


. = 18% 


Ruthenen . . 


3-52 


. = 127o 


Slovenen . . 


1-25 


., = 40/0 


Serbokroaten 


0-78 


.. = 30/0 


Italiener . . 


0-76 


. = 30/0 


Rumänen . . 


027 


. = l»o 



Ungarn: 

Magyaren . 1000 Mill. 
Rumänen 298 

Serbokroaten 29 4 



= 4T-50/0 
= 14-3% 

= 141% 
= 10-JO/, 

= 10% 

= 2-3«/o 



0-35 



1-7% 



Slovaken . 2-l0 
Deutsche . 200 
Ruthenen 048 

Andere . 
Zigeuner 

Die Verbreitung der einzelnen Völker. 
Österreich. Unter den österreichischen Völkern stehen die 
Deutschen durch ihre hohe geistige und materielle Kultur obenan. 
Ihr geschlossenes Wohngebiet umfaßt den größten Teil der Alpen- 
länder (Nieder- und Oberösterreich, Salzburg und Vorarlberg sind 
ganz deutsch, in Tirol reicht das deutsche Wohngebiet bis in die 
Gegend von Trient, in Kärnten bis an die Drau und Gail, in Steier- 
mark an die Drau bis Marburg, von da in einer Linie bis Rad- 
kersburg) und in Böhmen die Randlandschaften. Außerdem wohnen 

*) Für Österreich und Bosnien-Hercegovina nach der Zählung 1910, für 
Ungarn nach einer Berechnung vom Jahre 1909. 



I 



— 21 — 

die Deutschen in zahlreichen Sprachinseln verstreut im slavischen 
und romanischen Wohngebiete. 

Die wichtigsten deutschen Sprachinseln sind die von Gottschee in 
Krain, alle Städte und Märkte in Südsteiermark (Cilli, Pettau, Rann), ferner sind 
in den Sudetenländern besonders Budweis, Iglau, Brunn, Olmütz große Sprachinseln, 
vermischt mit den Tschechen wohnen in großer Zahl Deutsche in Prag, Pilsen 
u. a. O. Selbst in Galizien und in der Bukowina ist die Zahl der Deutschen 
eine namhafte. Die deutschen arischen Bauernkolonien in Galizien zählen etwa 
90.000 in 105 reindeutschen selbständigen Landgemeinden und 113 deutschen Sied- 
lungen, die keine eigene Gemeinde bilden, die Deutschen der Bukowina 168.800, 
das ist 1 5 der Bevölkerung. Auch Südtirol hat deutsche Siedlungen. 

Das deutsche Volk in Österreich hat die geringste Anzahl der 
Analphabeten, seine Universitäten in Prag, Wien, Graz, Innsbruck 
und Czernowitz, die technischen Hochschulen in Wien, Prag, Graz 
und Brunn, die montanistischen Hochschulen in Pfibram und Leoben, 
die tierärztliche Hochschule und die Hochschule für Bodenkultur in 
Wien sind die Brennpunkte seiner geistigen Bestrebungen. Da fast 
die ganze Industrie, die Banken, Aktiengesellschaften und Bergwerks- 
betriebe sich in deutschen Händen befinden, erhellt daraus auch 
ihre wirtschaftliche Überlegenheit. Die Deutschen tragen auch den 
größten Teil der Steuern, denn sie zahlen 54% der Grundsteuer, 
737o der Gebäudesteuer und Sl^/o der Personaleinkommensteuer. 

Politisch von der Vorherrschaft durch die Slaven verdrängt, 
sind die Deutschen gleichwohl der wichtigste Faktor im öffentlichen 
Leben Österreichs. Auch ist das Deutsche noch immer die Kommando- 
sprache der Armee und der Landwehr, in den meisten Zweigen der 
staatlichen Verwaltung Amtssprache und die allgemein verstandene 
Vermittlungssprache unter allen Völkern der Monarchie. 

Von den Slaven in Österreich sind die Tschechoslaven 
(Tschechen, Mährer, Slovaken) am meisten in der Entwicklung be- 
griffen. Sie bewohnen das Innere Böhmens, Mährens und teilweise 
Schlesiens und als fleißige Industriearbeiter strömen sie in großer 
Zahl in die Industriegebiete der Sudetenländer und in die Haupt- 
stadt des Reiches, nach Wien. 

Die Polen*) wohnen in Westgalizien und Ostschlesien und ihr 
Sprachgebiet reicht bis Lemberg. Ihre Nachbarn in Ostgalizien und 
in der Bukowina sind die Ruthenen**). Diese gehören der griechisch- 
unierten, jene der katholischen Kirche an. 

Zu den Südslaven, die durch die Alpendeutschen und Magyaren 



*) Nach den Wohngebieten zerfallen die Polen in Goralen (Bergbewohner). 
Masuren oder Lachen (Bewohner der Ebene) und Lasowiaken (Wäldler). 

**) Von den Ruthenen wohnen die Podolier und Wolhynier auf dem Vorlande 
der Karpathen, die Huzulen und Bojken im Gebirge. 



— 22 — 

von ihren nördlichen Stammesbrüdern getrennt sind, zählen die 
Slovenen in Krain, Südsteiermark, Kärnten und im Küstenlande 
bis Triest und das Volk der Serbokroaten in Istrien, Dalmatien 
und den vorgelagerten Inseln. Kulturell stehen die Nordslaven höher 
als die Südslaven. 

Die Italiener siedeln in geschlossenen Massen in Südtirol 
(Trentino), woselbst auch die stammverwandten Ladin er sind und 
in den Städten des Küstenlandes und Dalmatiens. 

Rumänen wohnen in der Bukowina und in geringerer Zahl 
auch in Istrien. 

Weit verbreitet ist auch das Volk der Juden. Sie wohnen 
hauptsächlich in Galizien, in den Städten der Sudetenländer sowie 
besonders in Wien und befassen sich fast ausschließlich mit dem 
Handel. Ihre Zahl beträgt in Österreich 1'3 Mill. 

Ungarn. Ebenso mannigfaltig wie in Österreich sind die 
Bevölkerungsverhältnisse in Ungarn, obwohl das herrschende Volk 
der Magyaren sich bemüht, eine einheitliche ungarische Nation zu 
schaffen und die 12 Mill. Deutschen, Rumänen und Slaven mit dem 
magyarischen Staatsgedanken zu versöhnen. 

Der Zahl nach das stärkste Volk sind die Magyaren, die das 
zentrale Tiefland bewohnen. Ihre Sprache ist die Staatssprache und 
durch eine entsprechende Schulgesetzgebung wird für deren Aus- 
breitung gesorgt. Kulturell stehen sie mit Ausnahme der Deutschen 
höher als die übrigen Nationalitäten. Im magyarischen Volke gehen 
in großer Zahl auch die Juden, die einen großen Prozentsatz der un- 
garischen Bevölkerung ausmachen, auf. Ihre Zahl betrug 1910:932.594, 
davon wohnten in Budapest allein 20:3.169. d. i. 23% der haupt- 
städtischen Bevölkerung. 

Südlich von der Drau breiten sich die Kroaten aus, die in 
politischer Hinsicht sich eine große Selbständigkeit bewahrt haben. 

Die Deutschen in Ungarn haben kein geschlossenes Wohn- 
gebiet, sondern wohnen in Sprachinseln im ganzen Lande zerstreut. 
Sie wurden einst von den ungarischen Königen als Kulturträger ins 
Land gerufen. Deutsche wohnen vor allem in Siebenbürgen, wo die 
Sachsen (Moselfranken aus der Eifelgegend) im 12. Jahrhundert 
unter den Romanen sich niederließen. Sie stehen auf hoher Stufe 
der Kultur, sind vielfach wohlhabend, haben keine Analphabeten und 
kein Proletariat. Deutsche Sprachinseln gibt es ferner in Oberungarn 
(Zips, Kesmark, Schmöllnitz, Deutsch-Proben), im Banat, in Syrmien, 
in der Umgebung von Fünfkirchen, im Mittelgebirge, in der Öden- 
burger Gegend. In Kroatien-Slavonien wohnen zirka 150.000 Deutsche. 
In geschlossenen Massen siedeln sie zwischen Ruma und Semlin. 



— 23 — 

von da in einem Streifen der Drau entlang' bis Essegg und von 
hier bis gegen Djakuva. Die Deutschen in Ungarn werden fälschlich 
Schwaben genannt. 

Die Rumänen bewohnen Ostungarn und Siebenbürgen. Im ober- 
ungarischen Hochlande sind die Wohnsitze der Slovaken. Gering ist 
die Zahl der Ruthenen. Ohne feste Wohnsitze leben die Zigeuner. 

Bosnien und Hercegovina. Ethnographisch ist die Bevölkerung 
dieser Länder durchaus einheitlich serbokroatisch. Doch gliedert sie 
sich nach Konfessionen in Serben (griechisch-orthodox t, Türken 
(mohammedanisch), Kroaten (katholisch) und Spaniolen (Juden). 
Außerdem gibt es noch 22 deutsche Kolonien. 

Bevölkerungszunahme und Auswanderung. Die Bevölkerung 
der österreichisch-ungarischen Monarchie weist eine starke Zunahme 
auf, sie beträgt in Österreich 0'97oj in Ungarn 0"987o und in Bosnien 
1'6%, für die ganze Monarchie '2 j^üH- Menschen im Jahre. Die 
stärkste Eigenvermehrung weisen die Slaven auf. Diese rasche Ver- 
mehrung der Bevölkerung findet trotz der seit Jahren bestehenden 
überseeischen Auswanderung statt. Sie erstreckt sich auf die 
wirtschaftlich schwächeren Völker, die Polen, Ruthenen, Slovaken 
und Magyaren. 

Stark ist auch die innerhalb der Monarchie sich vollziehende 
Binnenwanderung, die ein Zuströmen landwirtschaftlicher Be- 
völkerung zu den Brennpunkten der Industrie in Nordböhmen, 
Mähren, Wien, Nordsteiermark und Vorarlberg darstellt. 

Religionsbekenntnisse und Volksbildung. In Österreich-Ungarn 
sind folgende Religionen staatlich anerkannt: der Katholizismus, 
Protestantismus (A. B. und H. B.), das griechisch-orthodoxe und 
griechisch-unierte Bekenntnis, die mosaische Religion, die Unitarier 
und der Islam. Die Altkatholiken genießen wie sonstige nicht genannte 
Bekenntnisse freie Religionsübung ohne staatliche Anerkennung. 
Während Österreich weitaus zum größten Teil katholisch ist, beträgt 
in Ungarn der Prozentsatz der Katholiken nur (32%. 

Die allgemeine Volksbildung steht nicht überall auf wünschens- 
werter Höhe, da trotz der 20.000 Volksschulen in Österreich und 
der 18.000 in Ungarn sowie einer großen Anzahl in Bosnien-Herce- 
govina die allgemeine Schulpflicht nicht strenge durchgeführt wird. 
Während in Österreich die Deutschen, Tschechen und Italiener nur 
wenige Analphabeten aufweisen, beträgt ihre Zahl bei den Rumänen, 
Ruthenen und Serbokroaten über 70%. In Ungarn steht es außer bei 
den Deutschen und Magyaren mit der Volksbildung noch schlimmer. 
Für die ganze Monarchie betrug die Zahl der Analphabeten 1910 
etwa 300/0. 



— 24 — 

Eines ausgezeiclnieteii Kules erfreuen sich die öslerreichischen 
i\Iittel- und Fachschulen aller Art und die deutscheji Hcjchschulen 
Osterreiclis gehören mit denen des Deutschen Kelches zu den besten 
der Erde. Nichtdeutsche Hochschulen gibt es in Prag (eine tschechische 
Universität und Technik) und in Brunn (eine tschechische Technik). Die 
Polen besitzen zwei Universitäten in Krakau und Leniberg und eine 
technische Hochschule (in Lemberg). In Ungarn gibt es zwei magyari- 
sche Universitäten in Budapest und Klausenburg und eine ki'oatische 
in Agrani, außerdem eine Anzahl von Rechtsakademien. Neue Uni- 
versitäten werden in Preliburg und Debrezin gegründet. Auch in 
Bosnien und Hercegovina wurde das Schulwesen modern ausge- 
staltet. 

Natürliche Beschaffenheit. 

1. Größe, Weltlage, Grenzen. 

Die österreichisch-ungarische Monarchie ist nach Rußland der 
größte Staat Europas. Sie übertrifft sowohl das Deutsche Reich als 
auch Frankreich um ein Bedeutendes in der Bodenfläche. Diesem 
Vorrange in der Flächenausdehnung entspricht aber nicht auch ein 
Übergewicht in der Bevölkerungsziffer, hierin ist das um 135.000 km- 
kleinere Deutsche Reich um 14 Hill, voraus. 

Österreich-Ungarn liegt im nördlichen Teil der gemäßigten 
Zone und hat, da es von zahlreichen Nachbarn umgeben ist, eine aus- 
gesprochene Mittellage. Durch den Anteil an der Adria und durch 
die beiden Wasserstraßen der Donau und Elbe-Moldau erstrecken 
sich seine wirtschaftlichen Interessen auf das Mittelmeergebiet, den 
Südosten und Osten Europas und auch auf die Nordsee. An der 
Grenze der hochentwickelten westlichen Kultur und des Bereiches 
der östlichen Halbkultur ist es nicht nur berufen als Kulturträger 
nach dem Osten zu wirken, sondern auch den Güteraustausch 
zwischen dem industriellen Westen und dem agrarischen 
Osten zu besorgen. In politischer Hinsicht ist die große Anzahl der 
Nachbarstaaten kein Vorteil, weil sich mancherlei Reibungsflächen 
bieten und die äußere Politik erschweren, wirtschaftlicl^ ist dieser 
Umstand aber günstig. Die zentrale Lage der Monarchie kommt auch 
dadurch zur Geltung, daß wichtige internationale Verkehrswege auf 
ihrem Boden sich kreuzen. 

Die Abgrenzung Österreich-Ungarns gegen seine Nachbarstaaten 
geschieht zum größten Teil durch physische Grenzen, Flußläufe, 
Gebirgskämme und die Meeresküste der Adria, zum Teil aber auch 
durch politische Grenzlinien, die ohne Rücksicht auf die Boden- 
beschaffeoheit gezogen sind. Die natürlichen Grenzen überwiegen. Nur 



— 25 — 

gegen Preußen und Rußland fehlt es an solchen, dort ist auch die 
strategisch schwächste Stelle der Monarchie. 

Im Westen verläuft die Grenze gegen Italien und die Schweiz vom Gardasee 
zum Bodensee quer durch die Alpen über die Adamello- und Ortlergruppe, die 
Graubündneralpen, den Rätikon und eine Strecke am rechten Ufer des Rheines. 
Gegen Bayern ist die Monarchie durch die Nordtiroler Kalkalpen, die Salzach, den 
Inn, die Donau und den Böhmerwald abgegrenzt. Der Austritt des Inn aus den Alpen, 
die Bucht von Salzburg und die Donau sind die natürlichen Ausfallstore Österreichs 
n;ich Süddeutschland. Böhmen hat gegen Sachsen und Preußen im Erzgebirge und 
den Sudeten, zwischen denen der für den Verkehr so wichtige Elbedurchbruch 
liegt, natürliche Grenzscheiden. In Schlesien, Galizien und der Bukowina fehlt es 
an einer ausgesprochenen, von der Natur vorgezeichneten Marklinie gegen Preußen 
und Rußland, da hier die Monarchie über die Karpathen hinaus nach Norden vor- 
geschoben ist. Nur stellenweise bilden Flußläufe, darunter die Weichsel, die Grenze. 
Im Osten zieht sieh die Grenze gegen Rumänien auf der Kammlinie der Ostkarpathen 
und der Transylvanischen Al^jen bis zum Eisernen Tore hin. Sodann scheidet die 
Donau, Save und Drina die Monarchie von Serbien. Gegen Novibazar (Taslidscha) und 
Montenegro ist eine künstliche Grenze. Vom äußersten Süden Dalmatiens, von Spizza 
bis zu den Lagunen von Grado und Aquileja begrenzt die Adria Dalmatien und 
das Küstenland. Von hier bis wieder zum Gardasee verläuft die österreichische 
Grenze zuerst in der Ebene, hierauf über die Karnischen Alpen und die Dolomiten. 
Der Paß von Pontafel-Pontebba und die Etschpforte sind die wichtigen Verkehrs- 
tore dieses Teiles. 

2. Die Bodenplastik. 

Die Bodenfläche der österreichisch-ungarischen Monarchie ist 
zum größten Teile mit Gebirgen erfüllt und weist in ihrer Zusam- 
mensetzung die größten Gegensätze auf. 

Im Westen erhebt sich der Zug der Ostalpen. Ihre Ketten 
reichen bis an die Donau bei Wien und leiten in den Inselgebirgen 
Ungarns zu den Karpathen über. Diese umsäumen in einem weiten 
Bogen das ungarische Tiefland von der Donau bei Preßburg bis zum 
romantischen Durchbruchstale des „Eisernen Tores". Im Süden 
schließen sich an die Alpen die unfruchtbaren Hochflächen des 
Karstes an, der als dinarisches Gebirge außerhalb der Monarchie 
sich bis Griechenland fortsetzt. Ihrer Entstehung nach sind die Alpen, 
Karpathen und das dinarische Gebirgssystem Faltengebirge. 

An die Alpen und Karpathen lehnt sich an der Außenseite ein 
breiter, hügeliger Streifen an, das Alpenvorland und das subkar- 
pathische Hügelland. Durch das böhmische Massiv hat die 
Monarchie auch am deutschen Mittelgebirge Anteil. Im Nordosten 
breitet sich die podolische Platte aus. Beide, die böhmische Masse 
und die podolische Platte, sind zerstückelte Schollenländer, die sich 
nicht nur durch die Art der Entstehung, sondern auch in ihrem Aus- 
sehen stark von den Faltengebirgen unterscheiden. 



— 26 — 

Innerhalb der Faltengebirge liegen die zentralen Beckenland- 
schaften der Monarchie, das Wiener Becken, die große und kleine 
ungarische Tiefebene und das slavonische Zwischenstromland. 
Zu erwähnen sind noch das Marchfeld, die alpinen Beckenland- 
schaften, die Ebene an der Elbe und am Isonzo. 

Schon aus dieser Verteilung des Hoch- und Tieflandes erklärt 
sich die Tatsache, daß in der gebirgigen Westhälfte der Monarchie 
die natürlichen Vorbedingungen für die Viehzucht, Waldwirtschaft 
und Industrie überwiegen, während die Ebenen die Kornkammern 
der Monarchie sind. 

3. Die Einzellandschaften und Ihre Ausstattung. 

Die Alpen und ihr Vorland. 

Bodengestalt. Die Alpen, deren östliche Hälfte auf dem Boden 
der Monarchie sich ausbreitet, sind infolge ihrer Massenentwicklung 
und Höhe das gewaltigste Gebirge Europas, ein Stück Norden im 
Herzen des Kontinentes, wo von einer eigenartigen Pflanzenwelt und 
Fauna umgeben, der Norden über Gletscher und Schneefelder seine 
rauhe Herrschaft übt, eine Welt für sich, der der Mensch lange nichts 
anhaben konnte und deren Natur erst im 19. Jahrhundert vollends 
erschlossen wurde. Dieses Alpengebäude mit seinem unerschöpflichen 
Reichtum an Naturwundern ist kein einfach gebauter Gebirgszug, 
sondern gliedert sich infolge seiner eigenartigen Entstehung in drei 
Zonen, die durch große Längstalsysteme voneinander getrennt sind 
und durch ihr verschiedenartiges Aussehen sich deutlich voneinander 
abheben. 

Die Alpen sind ein geologiseli junges Gebirge, dessen Bildungsprozeß erst in 
der Kreide- und Tertiärzeit seinen Abschluß fand. Durch Seitendruck und Faltung 
wurden sie von Süden aus zusammengeschoben, bis die Falten am böhmischen 
Massiv sich stauten. Durch die Zusammenschiebung fand eine Verengung der Grund- 
fläche, für die Ostalpen um 50, für die Schweizer Alpen um 120 /■)((. statt. Die Alpen 
stellen sonach eine Massenanhäufung dar. Über ganz Europa verteilt, würden die 
Alpen die Oberfläche des ganzen Kontinentes um 27 m erhöhen. Der dui'ch die auf- 
bauenden Kräfte gebildete Rohbau erhielt durch die zerstörenden Wirkungen der 
Verglet-'cherung in der Eiszeit der Abtragung und Abspülung des fließenden 
Wassers seine jetzige Formenfülle und Schönheit. 

Von den drei Zonen der Ostalpen besteht die Urgebirgszone 
oder die Zentralalpen (Gneis, Granit, kristallinische Schiefer) in 
ihrem westlichen Teile bis zum Brennerpaß aus einzelnen Gebirgs- 
stöcken mit strahlenförmiger Gliederung, östlich davon nehmen sie 
den Charakter fortlaufender Höhenzüge mit fiederförmiger Anord- 
nung an. Je weiter gegen Osten, desto niedriger und leichter zu- 



— 27 — 

gänglich werden sie. Gegen die nördliche Zone der Kalkalpen sind 
die Zentralalpen durch die Längstäler des Inn, der Salzach, Enns 
und Mürz, gegen die südlichen Kalkalpen durch das Drau- und 
Pustertal geschieden. 

Im Zuge der Zentralalpen unterscheidet man vier Gruppen: 
die Rätischen Alpen (Rätikon, Silvretta, Ötztalergruppe), die 
Hohen und Niederen Tauern, die Norischen Alpen (Gurktaler-, 
Lavantaler-, Koralpe, Bachergebirge und Bossruck) und die 
steirisch-niederösterreichischen Alpen (Grazer Bucht, Glein- 
alpe, Fischbacheralpe). 

Ihrem Aussehen nach zeigen die Urgesteinsalpen eine regelmäßige Anord- 
nung der Gebirgsketten und des Flußnetzes. Sie atmen Ernst und erhabene, schwer- 
mütige Größe. Die Berge sind weit hinauf bewaldet und steigen in sanften Formen 
an. Ihre Oberfläche ist zumeist mit feuchten Hochwiesen bedeckt, zahlreiche 
Quellen und Bäche rieseln die Abhänge hinunter. Ihren Hauptreiz bilden die 
Gletscher. Die ausgedehnten Grasfluren oberhalb der Waldgrenze sind die Grund- 
lage für die Viehzucht und Almwirtschaft. Die reichen Wasserkräfte, die günstigen 
Verkehrsmöglichkeiten, Industrie und eine verhältnismäßig dichte Besiedlung be- 
dingen ihr wirtschaftliches Übergewicht über die Kalkalpen. 

Die nördlichen Kalkalpen zeigen bis zur Saaiach den T3'pus 
des Kettengebirges, östlich sind sie in Gebirgsstöcke und Hoch- 
flächen aufgelöst. Die einzelnen Gruppen dieser Zone sind die All- 
gäueralpen, die Nordtiroler Kalkalpen (Wetterstein-, Karwendel-, 
Sonnwend-, Kaisergebirge), die Salzburger- und Oberöster- 
reichischen Kalkalpen (Berchtesgadeneralpen. Tännengebirge, 
Dachstein, Totesgebirge, Höllengebirge) und die steirisch-nieder- 
österreichischen Kalkalpen (Ennstaleralpen, Hochschwab, Rax, 
Schneeberg, ötscher). 

Die Kalkalpen zeichnen sich durch Wildheit und Zerrissenheit aus. Ihre 
Oberfläche ist arm an Wasser, am Fuße der Berge dagegen entspringen bachartige 
reiche Quellen. Das Landschaftsbild der Kalkalpen ist unruhig, abwechslungsreich 
und anziehend. Dem Verkehr setzen sie große Hindernisse entgegen. Der Wald ist 
am Empordringen durch Felswände behindert. Da es an ausgedehnten Waldfluren 
fehlt, tritt die Viehzucht und Almenwirtschaft hinter die Holzgewinnung zurück. 
Die Kalkgebirge sind in der Regel verkehrsarm und dünn bevölkert. 

An die nördlichen Kalkalpen ist eine Sandstein- oder Flysch- 
zone enge angegliedert. Sie besteht aus einem blaugrauen Sandstein 
mit sanften Formen. Diese Zone ist reich bewaldet, sehr fruchtbar 
und leicht zugänglich. 

Eigenartig gebaut ist die südliche Kalkalpenzone. Sie ist 
durch tiefe Bruchlinien (Judikarienlinie, Valsugana, Gailtal) in ein- 
zelne Schollen aufgelöst und an mehreren Stellen tritt Eruptiv- und 
Urgestein zutage. Wegen der zahlreichen Quertäler sind sie leichter 
passierbar als die nördlichen Kalkalpen. 



— 28 — 

Auf österreichischem Boden liegen folgende Gruppen: dasEtsch- 
buchtgebirge (Brentagruppe, Monte Baldo, Nonsbergeralpen, Vicen- 
tinische Alpen), das Südtiroler Hochland (Cima d'Asta. Bozenei 
Porphyrplateau, Dolomiten), der Drauzug (Karnische Alpen, Kara- 
wanken) und die Julischen Alpen (Raibleralpen, Steineralpen) 

Die Dolomiten sind der schönste Teil der südlichen Kalkzone. Sie ruhen 
auf sanft geböschten Unterlagen von Schiefer und Porphyr, sind durch zahlreicht 
Tiefenlinien in einzelne Gebirgsstöcke aufgelöst und zeigen wildromantische Land- 
sehaftsbilder mit zackigen Felsformationen, Türmen und Schutthalden (Rosengarten, 
Langkofel. Drei Zinnen. Monte Cristallo). Dieses Gebiet mit seinen im großen Stile 
angelegten Landschaftsbildern ist durch schöne Kunststraßen zugänglich gemacht 
und weist großen Fremdenverkehr auf. 

Am Ostrande und im Innern der Alpen sind durch Einbrüche 
große Senkungsfelder entstanden, wie die Bucht von Salzburg, 
das Wiener Becken, die Grazer Bucht, die Becken von 
Klagenfurt, Laibach, die Senken von Judenburg, Seckau und 
Leoben sowie das große niederungarische Becken. 

In den Senkungsfeldern finden wir die Braunkolilenablagerungen bei 
Trifail, Sagor, llrastnigg, Eibiswald. Köflaeh und Leoben. in der Oststeiermark 
sowie im oberungarischen Becken. 

Das Alpenvorland schließt im Norden unmittelbar an die 
Flyschzone an und senkt sich gegen die Donau zu ab. Es ist ein 
welliges Hügelland, durch das die Alpenflüsse der Donau zueilen 
und besteht aus den Schottermassen und Moränen der eiszeitlichen 
Gletscher mit großen Schotterterrassen an den Flüssen. Die Sand- 
und Geröllgebiete sind unfruchtbar, die mit Lehm bedeckten Teile 
dagegen ergiebig. Der Reichtum an Seen bewirkt die landschaftliche 
Schönheit des Alpenvorlandes (Salz'kammergut). 

Klima und Gewässer. Klimatisch sind die Alpen eine große 
Wind- und Wetterscheide, in ihrer Gesamtheit stellen sie aber 
doch eine selbständige Einheit dar. Auf der Nordseite herrscht das 
mitteleuropäische Kontinentalklima mit überwiegenden Westwinden 
und Niederschlägen zu allen Jahreszeiten. Die Südhänge stehen schon 
unter dem Einflüsse des milden Mittelmeerklimas mit Herbstregen 
und südlicher Vegetation. Besonders begünstigt sind das gegen 
Süden offene Etschtal südwärts von Meran, das Gebiet des Garda- 
sees und die Bucht von Görz. 

Das eigentliche alpine Klima ist kalt, feucht, extrem. So haben 
die großen Längstäler und Beckenlandschaften (Klagenfurt, Lungau) 
strenge Winterkälte. Die Sommer sind in den Alpenländern der 
Höhenlage wegen durchaus gemäßigt (Sommerfrischen). Die 
Niederschläge betragen im Mittel 1000 mm, und sind an den Rändern 
ergiebiger als im Innern des Gebirges. 



— 2!^ — 

Mit dem alpinen Klima in Zusammenhaag stehen zahlreiche Natui'- 
erscheinungen von allgemeinem Interesse, wie der Föhn, Lawinen, Gewitter und 
heftige, langandauernde Regengüsse, Gletscher, Muren (Erd- und Steinlawinen), 
Bergstürze usw. Mit diesen Naturgewalten liegt der Bewohner der Alpen in be- 
ständigem Kampfe. 

Die reichen Niederschläge bedingen einen großen Reichtum an 
stehenden und fließenden Gewässern. 

Die Alpenseen, deren Zahl in den Ostalpen allein 2460 beträgt, zeichnen 
sich durch große Tiefe und landschaftlichen Reiz aus. So ist der Gardasee 346 ?h, 
der Bodensee 252 m und der Wörthersee 84 m tief. 

Die Flüsse der Alpen senden ihre Wasser zum größten Teil 
der Donau zu (Inn, Salzach, Traun, Enns, Mur, Drau, Save), nur die 
Etsch und der Isonzo münden in die Adria, Trotz ihrer reichen 
Wasserführung im Sommer sind die Alpenflüsse des starken Gefälles 
wegen nur für die Flößerei, nicht aber für die Schiffahrt geeignet. 

Die reißende Beschaffenheit der meisten Alpenflüsse richtet durch Hoch- 
wässer viele Verheerungen an, denen man durch Wildbachverbauungen und durch 
Schutzwälder mit Erfolg zu begegnen sucht. 

Die größte Bedeutung kommt den Flüssen der Alpen als Kraft- 
quelle (, weiße Kohle") zu, durch deren Ausnutzung den Alpen- 
ländern eine große wirtschaftliche Zukunft bevorsteht. 

In politischer Hinsicht umfassen die Ostalpen die Kron- 
länder Tirol mit Vorarlberg, Salzburg, Kärnten und Steiermark. 
Doch sind auch Ober- und Niederösterreich, trotzdem ein Teil ihres 
Gebietes über die Donau nordwärts hinausgreift, aus historischen 
Gründen und wegen ihrer engen wirtschaftlichen Verknüpfung mit 
den übrigen als Alpenländer zu betrachten. 

Siedlungen. Der gebirgige Charakter der Alpenländer bedingt, 
daß sie weniger dicht besiedelt, ärmer an Städten und wirtschaftlich 
nicht durchwegs so hoch entwickelt sind wie andere Teile der 
Monarchie. Da die meisten Siedlungen mit der Agrarwirtschaft 
verknüpft sind, so liegen in den fruchtbaren Talböden und im Vor- 
lande die Mehrzahl der Städte und Dörfer. Im Innern der Alpen 
sind die Siedlungen aus Gründen des Verkehrs und der Industrie 
wegen emporgekommen. Im ganzen Bereiche der österreichischen 
Alpen gibt es nur zwei Großstädte, Wien und Graz. Die meisten 
Städte liegen am Rande der Alpen, wo ein größerer Fluß in das 
fruchtbare Vorland hinausführt. So liegt Salzburg (36.000 Einw.) 
am Ausgange des Salzachtales, Gmunden des Trauntales, Steyer 
des Ennstales, St. Polten des Traisentales, Wien (2,031.000 Einw.) 
des Donautales und Graz (152.000 Einw.) des Murtales. Nur Linz 
(83.000 Einw.) liegt im Vorlande der Alpen an der Donau, wo der 
schiffbare Strom mit der wichtigen von Budweis kommenden Ver- 



-- 30 — 

kehrslinie sich ki't'U/t. Von den iuueralpiiien größeren Siedlungen 
sind hervorzuheben, in Vorarlberg Bregenz, der österreichische 
Bodenseehafen, die ludustrieorte Dornbirn und Feldkirch, in Tirol 
Innsbruck (53.000 Einw.), wo die Brennerstraße mit dem Inntal 
sich vereinigt, südwärts des Brenners Bozen, Meran, Trient, Rove- 
reto, Arco und Riva: Kärnten besitzt keine größeren Städte außer 
Klagenfurt (29.000 Einw.) und Villach. In Steiermark sind außer 
der Hauptstadt Graz in Obersteiermark die Industrieorte Mürz- 
zuschlag. Brück a. d. Mur, Leoben, Donawitz, Eisenerz, Juden- 
burg, in der südlichen Steiermark Voitsberg, Deutsch-Lands- 
berg, Fürstenfeld,Radkersburg, Pettau, Marburg (28.000 Einw.) 
und Cilli zu erwähnen. In Oberösterreich sind außer den schon 
genannten Orten noch wichtig Hallstadt, Ischl, Wels und Frei- 
stadt. Besonders reich an Städten ist Niederösterreich. Hier liegen 
Aspang, Neunkirchen, Wiener-Neustadt (33.000 Einw.), Baden, 
Mödling, Schwechat, Krems, Stockerau, Korneuburg, Kloster- 
neuburg und vor allem Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt. 
Wien ist schon durch die Gunst seiner Lage berufen, die Hauptstadt des 
Reiches zu sein. Denn hier ist der Brennpunkt der großen von der Natur vor- 
gezeichneten Verkehrslinien. In westöstlicher Richtung erstreckt sich das Donau- 
tal, hier vereinigen sich alle von Xorden kommenden Verkehrswege des böhmischen 
Massivs und des Marchgebietes und von hier führt auch die wichtige Verkehrs- 
linie über den Semmering in das Bereich des Mittelmeeres. So ist Wien nicht 
nur Millionenstadt, sondern auch der politische Mittelpunkt der Monarchie, deren 
größtes Verkehrszentrum und die größte Fabriksstadt geworden. 

Land- und Forstwirtschaft. Das wirtschaftliche Leben der 
Alpenländer ist durch die Gebirgsnatur stark beeinflußt. Drei Zweige 
der Produktion bilden die Haupteinnahmsquelle der fleißigen Bevöl- 
kerung: die Forstwirtschaft, die Viehzucht und die Industrie. 

Der Grundstock der alpenländischen Bevölkerung ist der bäuer- 
liche, denn mit Ausnahme von Vorarlberg und Niederösterreich 
befassen sich in allen Kronländern mehr als die Hälfte der Bewohner 
mit der Landwirtschaft. 

Für den Getreidebau sind nur die tiefer gelegenen Talböden 
und die Beckenlandschaften geeignet, können aber für den heimischen 
Bedarf nicht aufkommen. Die Brotfrucht der Alpenländer ist der 
Roggen, daneben gedeiht überall gut Gerste, Hafer, Buchweizen und 
die Kartoffel. Die Weizenproduktion ist unzureichend und erfordert 
starke Zufuhr. Am Ost- und Südrande der Alpen wird Maisbau be- 
trieben, mit bestem Erfolge in Steiermark, Kärnten und Tirol, 
während er in Oberösterreich und Salzburg ganz fehlt. In Steiermark 
und Oberösterreich sind Flachs, Hanf und Hopfen (Fürstenfeld 
Cilli, Mühlviertel) sehr verbreitet. 



— 31 — 

Auf hoher Stufe der Entwicklung steht in den Alpenländern 
der Weinbau. Die geschätztesten Sorten liefert Niederösterreich im 
Wienerbecken (Yöslau, Gumpoldskirchen, Pfaffstätten, Grinzing) und 
im Viertel unter dem Manhartsberge (Retz, Mailberg, Markersdorf). 
Steiermark ist bekannt durch seine weststeirischen Rotweine 
(„Schileher" in Ligist, Stainz, Deutsch-Landsberg, Sausal) und die 
Weingegenden Südsteiermarks (Marburg, Luttenbel-g, Pettau, die 
Kollos). Durch Güte und Menge ragt in der Weinproduktioii auch 
Tirol hervor, wo das Etschtal gute Weine zur Reife bringt (Meran, 
Bozen, Kaltem, Tramin). Die Verheerungen, die durch die Reblaus 
und den Mehltau in den Weingärten entstanden sind, wurden zum 
großen Teile behoben. 

Im Obstbau haben die Alpenländer gleichfalls eine große Be- 
deutung. Die Kultur von Edelobst (Äpfel, Birnen) ist besonders in 
Tirol (Bozen und Meran) und in der südlichen Steiermark am 
glänzendsten entwickelt. Oberösterreich ragt durch Quantität hervor. 
Der Cider (Apfel- und Birnenwein) ist in Steiermark und Ober- 
österreich Volksgetränk. Der Pflaumenbau ist in Südsteiermark 
sehr verbreitet (Sliwowitz). 

Wichtiger als der Getreide- und Weinbau ist in den Alpenländern 
die Forstwirtschaft, Sie ist durch strenge Gesetze geregelt und 
der Wald erfährt hier besonders von den Großgrundbesitzern, die 
schon der Jagd wegen große Waldkomplexe besitzen, eine rationelle 
Pflege. Der zersplitterte bäuerliche Besitz hingegen und die Be- 
lastung der Wälder mit Servitutsrechten sind einem geordneten 
Forstbetriebe nicht günstig. Dazu kommt noch übermäßige Streu- 
und Weidenutzung und Kahlschlag. In den eigentlichen Alpenländern 
ist Steiermark das waldreichste Land. Besonders im oberen Mur- 
und Ennstale sind ausgedehnte Waldbestände. Oberösterreich hat im 
Kobernauserwald zwischen Traun und Inn sowie nördlich der Donau 
im Mühlviertel große Wälder. Das größte Waldgebiet Niederösterreichs 
ist das Waldviertel mit seinen sorgfältig gepflegten Forsten, ferner 
noch die Auwälder im Wiener Becken zu beiden Seiten der Donau 
und die Schwarzföhrenbestände des Wienerwaldes. Kärnten, Salzburg 
und Tirol sind noch mit ausgedehnten Waldflächen bedeckt. 

Die Verwertung des Holzes erfolgt in den zahlreichen Wasser- 
und Dampfsägen. Das Schnittmaterial wird größtenteils nach dem 
Deutschen Reiche und nach Italien ausgeführt. Außerdem besteht 
von alters her eine starke Gewinnung von Holzkohle, wozu jetzt noch 
die Zündhölzchenfabrikation und die Erzeugung von Holzstoff in 
zahlreichen Holzschleifereien kommt. 

Viehzucht. Den lohnendsten Erwerbszweig der alpenländischen 



— 32 — 

Landwirtschaft bildet die Viehzucht. Die aus^^edehnten Weidefhiren 
der Alpen mit ihren saftigen Kräutern sind eine natürliche Vor- 
bedingung für eine ausgebreitete Viehhaltung, Überall herrseht die 
Zucht edler l^assen vor. Der Anbau von Futterkräutern und eine 
reiche Heugewinnung auf gut gepflegten Wiesen ermöglicht das 
Halten größerer Viehbestände auch zur Zeit der lange dauernden 
Stallfütterung. Besonders geschätzte Kinder züchten Tirol-Vorarlberg 
(Montavoner-, Allgäuer-, Inntaler-, Zillertaler-, Pustertalerschlag), Salz- 
burg (Pinzgauer Rind) und Steiermark (Mariahof er und Mürztaler 
Rind). In den Donauländern werden die Innviertler und die Wald- 
viertler Kasse gehalten. Die Rinder der Alpenländer zeichnen sich 
durch Milchergiebigkeit und Mastfähigkeit aus. Erstklassiges Schlacht- 
vieh wird in die Schweiz und nach dem Deutschen Reiche ausgeführt, 
in der Käse- und Buttergewinnung aber stehen unsere Alpenländer 
hinter der Schweiz, Dänemark und Holland weit zurück. 

Die Pferdezucht ist in den Alpenländern am besten durch den 
schweren norischen Schlag (Pinzgauer) vertreten, der ausgezeichnete 
Zugpferde liefert. 

Überall wird auch die Ziegen- und Schafzucht betrieben, doch 
kommt diesem Zweige der Tierzucht keine besondere wirtschaftliche 
Bedeutung zu. Wichtiger ist die Züchtung der Schweine, vielfach 
schon der englischen Yorkshirerasse. In Südtirol hat die Seiden- 
raupenzucht einige Wichtigkeit. Weit verbreitet ist die Geflügelzucht, 
die besten Arten liefert Mittelsteiermark (Poulard de Styrie). 

Zu erwähnen sind- noch Jagd und Fischerei, denen volks- 
wirtschaftliche Bedeutung zukommt. Tirol und Steiermark besitzen 
die schönsten Gemsenreviere. Hirsche, Rehe, Hasen, Fasanen und 
Auerwild sind die verbreitetsten Jagdtiere. In Kärnten wird der 
Steinbock gehegt. Bären und Wildschweine kommen in den Alpen 
nicht mehr vor. 

Die Seen und Flüsse der Alpen sind reich an edlen Fischen 
(Forellen). Beeinträchtigt wird die Fischerei vielfach durch schonungs- 
losen Fang und durch die Abfallwässer der Fabriken. In zahlreichen 
Teichen wird die Karpfenzucht betrieben, 

Mineralproduktion. An Mineralschätzen sind die Alpenländer 
nicht sehr reich ausgestattet. Am meisten findet sich noch 
Eisen und Kohle. Das Eisen wird in unerschöpflicher Menge und 
ausgezeichneter Güte im steirischen Erzberge im Tagbau gewonnen 
und in den Industrieorten des oberen Mur- und Mürztales verhüttet. 
Das Salz ist in mächtigen Lagern in den Triaskalken der nördlichen 
Kalkalpen vorhanden und wird in den staatlichen Salinenwerken 
(Monopol) in Hall in Tirol, Hallein in Salzburg, Ischl, Ebensee, 



— 33 — 

Hallstadt in Oberösterreich und Aussee in Steiermark ausgebeutet. 
Edle Metalle besitzen die Alpenländer fast gar nicht. Kupfer wird 
in Brixlegg in Tirol und Mitterberg in Salzburg, Blei in Bleiberg in 
Kärnten, Graphit in Obersteiermark und Niederösterreich und Mag- 
nesit ebenfalls in Xiederösterreich abgebaut. Schönen Marmor liefert 
Laas in Tirol. 

Verhältnismäßig arm sind die Alpenländer an guter Kohle. 
Während Steinkohle in nur geringen Mengen gewonnen wird, ist die 
Braunkohle in den Revieren von Wolfsegg im Hausruck (Oberöster- 
reich), St. Stefan-Wolfsberg (Kärnten), Fohnsdorf, Seegraben, Voits- 
berg-Köflach, Wies-Eibiswald, Hrastnigg-Trifail (Steiermark) reichlich 
vorhanden. 

An zahlreichen Orten der Alpenländer sind berühmte Thermen 
und Mineralquellen, die zum Entstehen von besuchten Bädern 
und Kurorten geführt haben. Die namhaftesten sind Levico und 
Mitterbad in Tirol, Hall in Oberösterreich, Wildbad-Gastein in Salz- 
burg, Preblau in Kärnten, Gleichenberg, Radein, Rohitsch-Sauerbrunn, 
Tüffer und Römerbad in Steiermark sowie Baden bei Wien. 

Industrie. Trotz mancher von der Natur gegebenen Hindernisse 
sind die Alpenländer längst schon eines der wichtigsten Industrie- 
gebiete der Monarchie geworden. Die relativ guten Verkehrsverhält- 
nisse, die reichen Wasserkräfte und die Ausstattung mit wertvollen 
industriellen Rohstoffen sowie die günstige Lage zum Meere und 
zum Donautale, ließen eine sehr leistungsfähige, wenngleich nicht 
sehr vielseitige Industrie erstarken. Die alpenländische Industrie 
ist mit Ausnahme der Baumwollindustrie durchaus bodenständig. 
Wir unterscheiden vier große Industriezentren: das vorarlbergische, 
das obersteirische, das niederösterreichische und das oberöster- 
reichische. 

Das vorarlbergische Industriegebiet mit Feldkirch, Bludenz 
und Dornbirn als Mittelpunkten ist ein Hauptsitz der Baumwoll- 
spinnerei, die dort schon seit dem 18. Jahrhundert besteht. In 
Ob er Österreich mit seinen reichen Wasserkräften und elektri- 
schen Anlagen blüht seit alters her die Eisenindustrie in Steyr 
(Waffen, Fahrräder), Micheldorf (Sensen, Sicheln) und Linz. Daneben 
kommt der Leinen- und Baumwollindustrie (Kleinmünchen, Gmunden) 
sowie der Fapierfabrikation (Steyrmühl) noch Wichtigkeit zu. Zu 
den erfolgreichsten Industriezentren der Alpen gehört Obersteier- 
mark. Das Vorhandensein von Kohle, Eisenerzen und Wasserkraft 
begünstigte im Mur- und Mürztale seit Jahrhunderten eine leb- 
hafte Kleineisenindustrie, wozu jetzt der moderne Großbetrieb 
gekommen ist. Eisenerz, Vordernberg, Knittelfeld, Zeltweg, Donawitz 

Stoiser. Wirtschafts- und Verkehrsgeographie d. europ. Staaten. 3 



— 34 — 

(Alpine Montangesellschaft)*), Kapfenberg (Böhlerwerke), Kiud- 
berg und Mürzzuschlag sind die Sitze leistungsfähiger "Werke. An 
mehreren Orten des Mürztales ist die Kleineisenindustrie noch immer 
gut vertreten (Sensen, Sicheln). In Mittelsteiermark ist die Glas- 
fabrikation (Graz, Voitsberg, Wies), die Zündwarenindustrie (Graz, 
Stainz, Deutsch-Landsberg, Leibnitz) und Bierbrauerei (Graz, Goß) 
entwickelt. An Vielseitigkeit und Leistungsfähigkeit der Industrie 
übertrifft Niederösterreich die genannten Gebiete. Das Steinfeld 
und Wien sind die Sitze der größten industriellen Regsamkeit. Die 
Eisen- und Metallwarenindiistrie wird im größten Maßstabe in Wiener- 
Neustadt (Lokomotiven, Motore), Neunkirchen, Ternitz, Leobersdorf 
und Berndorf (Krupp) sowie noch in Waidhofen a. Y. betrieben. Das 
Stein feld ist auch ein Hauptgebiet der Baum Wollindustrie (Neun- 
kirchen, Pottendorf, Trumau, Felixdorf) und der Papierindustrie 
(Schlöglmühl, Pitten, Kleinneusiedl). Ferner sind hier große Brauereien 
(Brunn, Liesing und Schwechat). 

Wien als Industriestadt. Die Reichshaupt- und Re^idenzstadt 
Wien ist nicht nur der größte Verbrauchsmarkt, sie ist auch trotz 
der Ungunst der Verhältnisse die größte Fabriksstadt der Monarchie. 
Die Wiener Bevölkerung ist der Fabriksarbeit abgeneigt und über- 
läßt sie den zugewanderten Tschechen. Die hohen Grundwerte, die 
teuren Lebens- und Arbeitsverhältnisse sind die Ursache, daß es an 
einer bodenständigen Großindustrie fehlt. Dafür sind eine ganze Reihe 
von Wiener Geschmacksindustrien zur Blüte gelangt, wie die 
Herren- und Damenkonfektion, Klavierindustrie (Musikstadt), Drechs- 
lerei (Bernstein, Meerschaum, Perlmutter), Ledergalanteriewaren, 
Wiener Kunstgewerbe (Möbel, Bronzewaren usw.). Von moderneu 
Großindustrien sind vor allem die Betriebe der Kommune (Gas, 
Elektrizität, Bier), Ziegeleien, Tonfabrikation, Brauereien (15 in Wien 
und Umgebung), große Brotfabriken, elektrische Industrie, Waggon- 
fabriken, Tabakfabriken, Maschinen und Feinmechanik, die graphi- 
schen Gewerbe und die chemischen Inaustrien (Parfümerien, Farben, 
Lacke) zu nennen. 

*) Die Österreichische Alpine Mon taugesellschaf t hat sich seit 1882 
durch Fusion kleinerer obersteirischer Betriebe entwickelt. Einen großen Auf- 
schwung nahm sie durch die Konzentration ihrer Anlagen in Donawitz bei 
Leoben. Sie besitzt in Donawitz einen Hochofen, eine Martinhütte, ein Walzwerk 
mit den dazu gehörigen Xebenbetrieben und Stahlwerke, in Zeltweg ein Blech- 
und Blockwalzwerk sowie eine Martinhütte, in Eisenerz einen der größten Hoch- 
öfen der Welt, außerdem noch Walzwerke in Kindberg und Neuberg, sämtliche 
Anlagen in Obersteiermark. Sie produzierte im Jahre 1911 an Kohle 11-4 Mill. q, 
Erze 17-8 Mill. g, Roheisen 5-5 Mill. q und fertige Walzwaren 2-7 Mill. </. Die 
Alpine Montangesellschaft ist das größte Unternehmen der Alpenländer. 



I 



— 35 — 

Der Verkehr. Die Hochgebirgsnatur der Alpen und der rauhe 
Charakter des Klimas während eines großen Teiles des Jahres setzen 
dem Verkehr große natürliche Hindernisse entgegen. Trotzdem sind 
die Verkehrszustände der österreichischen Alpenländer auf einer 
relativ hohen Entwicklungsstufe angelangt. Die Ostalpen mit ihren 
dicht bevölkerten und wirtschaftlich hochentwickelten Randland- 
schaften haben eine ausgezeichnete Verkehrslage. Über sie vollzieht 
sich der ganze Durchgangsverkehr vom Donautale und Süddeutsch- 
land in das Bereich der Adria und des Mittelmeeres. Die großen 
Längstäler mit niedrigen Talwasserscheiden und zahlreiche Quer- 
täler, die durch leicht überschreitbare Pässe verbunden sind, begün- 
stigen seit den Zeiten der Römer die Anlage großer Straßenzüge. 
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dann die berühmten 
Alpenbahnen mit großen Kosten und unter Überwindung bedeutender 
Schwierigkeiten gebaut. Die wichtigsten Bahnen der Alpen sind jetzt 
folgende: 

Q u e r b a h n e n : 

1. Wien — Graz — Laibach — Triest. (Südbahn.) 

2. Amstetten — Selztal — Unzmarkt — Villach — Pontafel (frühere 
Kronprinz Rudolf-Bahn). 

3. Salzburg — Bischofhofen — Schwarzach — St. Veit — Gastein — 
Villach— Aßling— Görz — Triest (Tauern-, Karawanken- und Wocheiner- 
Bahn). 

4. Kufstein— Innsbruck— Brenner — Ala (Brennerbahn, Südbahn). 
Längsbahnen: 

1. Wien — St. Polten — Linz — Salzburg (frühere Elisabeth-West- 
bahn) — Bischof shofen—Wörgl — Innsbruck (Giselabahn). 

2. Wien — Brück a. M. — St. Michael — Selztal — Bischofshofen — 
Wörgl — Innsbruck— Arlberg — Bregenz, beziehungsweise Buchs. 

3. Marburg — Klagenfurt — Franzensfeste (Südbahu, Drautalbahn). 
Außer diesen Hauptlinien sind noch zahlreiche Nebenlinien, die 

einen raschen Verkehr nach allen Richtungen gestatten. 

Das Karstgebiet. 

Bodengestalt. Im Südosten schließt sich an den Zug der Alpen 
die Hochfläche des Karstes an, die in einem 180 km breiten Streifen 
die adriatische Küste umsäumt und sich südwärts bis an den Skutari- 
see fortsetzt. Das Landschaftsbild des Karstes weist durch seine Öde, 
Einförmigkeit und Unfruchtbarkeit ein scharf gekennzeichnetes Ge- 
präge auf. Er besteht aus Kalkstein der mesozoischen Formation 
mit dazwischen eingelagerten Sandsteinmulden (Flysch), die die 

3* 



— 36 — 

eigentlichen Träger der Fruchtbarkeit in diesem Gebiete sind. In- 
folge der Wasserdurchlässigkeit des geschichteten Kalkes und seiner 
leichten Löslichkeit wegen ist der Karst arm an Vegetation und 
zeigt vielfach wüstenähnlichen Charakter. Die Kulturlandschaften treten 
nur oasenhaft auf. An der Oberfläche des Karstes sind unzählige 
kreisförmige Vertiefungen (Dolinen) meist geringen Umfanges und 
geringer Tiefe und stellenweise sind große Senkungsfelder (Poljen), 
in deren Grunde sich fruchtbares Erdreich sammelt. Das Innere 
der Karstgebirge ist von zahlreichen Höhlen, Grotten und Fluß- 
läufen durchsetzt. Am bekanntesten sind die Grotten von Adelsberg, 
S. Canzian und Opeina bei Triest. 

Man gliedert das ganze Gebiet des Karstes in zwei Teile, die 
durch die Tiefenlinie der Zermanja und Una getrennt sind. 

Das nördlich dieser Linie liegende Gebiet, der krainisch- 
istrisch-kroatische Karst, besteht aus dem eigentlichen Krainer 
Karst (Krainer Schneeberg 179 6 m), dem Triestiner Karst, dem 
Tschitschenboden (Monte Maggiore 1396 m) und dem wüsten Plateau 
von Hochkroatien (Lika). Der südlich davon gelegene illja'ische 
oder dinarische Karst setzt sich aus dem westbosnischen Karst- 
gebiet, dem ostbosnischen Kalkgebirge, den Dinarischen Alpen und 
dem dalmatinischen Küstengebirge zusammen. Das reich bewaldete 
und gut bewässerte Binnengebiet des dinarischen Karstes umfaßt 
zunächst das bosnische Mittelgebirge, das im bosnischen Erzgebirge 
reich an Mineralschätzen ist. 

Klima und Gewässer. Das Klima des binnenländischen Karstes 
ist als sehr rauh zu bezeichnen, während das Küstengebiet unter 
dem mildernden Einflüsse des Meeres steht. Die Sommer sind sehr 
heiß und regenarm, die Winter weisen niedere Temperaturen auf und 
über die schneeigen Hochflächen streichen kalte Stürme hinweg, die 
dann an der Küste der Adria als die gefürchtete Bora auftreten. 
Der mittlere jährliche Niederschlag ist reichlich über 1000 mm, die 
große Wasserarmut der Karstländer im Sommer wird durch die 
Klüftigkeit des Kalkes verursacht. 

Eigenartig und aus der Beschaffenheit des gebirgsbildenden 
Gesteins, des Kalkes, zu erklären, ist die Entwässerung des 
Karstes. Sie erfolgt zur Save (Laibach, Gurk, Kulpa, Una, Vrbas, 
Bosna, Drina) und zur Adria (Krka, Zermanja, Narenta). Die Flüsse 
laufen häufig in unterbrochenen Tälern, teilweise oberirdisch und 
teilweise in Höhlen, wobei die einzelnen Teilstrecken des Flusses 
oft verschiedene Namen führen (Poik — Unz — Laibach, Recka — Timavo). 

Bei der großen Wasserarmut des Karstes in den regenloseu Monaten ist 
für die Bewohner dieser Länder die Frage nach der Versorgung mit gesundem 



— 37 -- 

Wasser besonders wichtig. Neben der althergebracliten Gewohnheit des Sammeins 
des Wassers in Zisternen, ist in neuerer Zeit durch das Fassen von Quellen, Fern- 
leitungen und die Anlage von Wasserleitungen für Städte usw. besonders in Bos- 
nien-Hercegowina vom Staate Mustergiltiges geschaffen worden. 

Siedlungen. Das Karstgebiet in Österreich umfaßt in politischer 
Hinsicht den größten Teil von Krain, das Küstenland (Görz-Gradiska, 
Triest mit Gebiet, Istrien) und Dalmatien. Die Ungunst der natürlichen 
Verhältnisse im Karste bringt es mit sich, daß diese Kronländer, 
soweit sie „verkarstet" sind, nur eine geringe Bevölkerungsdichte 
aufweisen. Alle größeren Siedlungen liegen daher in Krain und in 
Görz-Gradiska noch im Bereiche der Alpen, südwärts hauptsächlich 
in der Flyschformation oder an der Küste. Die wichtigsten Orte 
sind in Krain Laibach (42.000 Einw.) in der Laibacher Ebene, 
Krainburg, Idria, Gottschee. Im binnenländischen Teile des 
Küstenlandes liegen in gartenähnlicher, fruchtbarer Gegend Görz 
und Gradiska. Die istrischen und dalmatinischen Küstenstädte 
werden in anderem Zusammenhange erwähnt. 

Produktionsverhältnisse. In wirtschaftlicher Hinsicht sind die 
Karstländer in ihrer Entwicklung weit hinter den übrigen Teilen der 
Monarchie zurückgeblieben. Die schlechte physische Ausstattung des 
Bodens, der geringe Bildungsgrad der Bevölkerung, die primitive 
Betriebsweise und die allzu große Parzellierung des Kulturlandes 
bringen es mit sich, daß der Ackerbau in diesen Ländern nur einen 
geringen Teil des Bedarfes zu decken vermag. Der Weizenbau wird 
im größeren Umfange nur noch in Krain betrieben, im Küstenlande 
überwiegt bereits die Maiskultur. Dalmatien, das öO^/o kahler Karst- 
boden ist, liefert fast nur Mais und Tabak. Dagegen findet der 
Weinbau überall gute Vorbedingungen. So produziert Krain in der 
Wippacher Gegend und in Ostkrain gute Weine. Im Küstenlande und 
in Dalmatien ist der Weinbau geradezu die Grundlage des wirt- 
schaftlichen Lebens. Die istrischen und dalmatinischen Weine sind 
überwiegend Rotweine und genießen zum Teil schon guten Ruf (Brioni, 
Lissa, Almissa). Weit verbreitet ist in diesen südlichen Provinzen 
der Obstbau (Görz) und die Olivenkultur. Die Waldverhältnisse 
haben unter dem Raubbau früherer Zeiten (Römer, Venezianer) stark 
gelitten. Durch Pflege des vorhandenen Waldes und erfolgreiche 
Aufforstung besonders in Krain hat die Waldfläche dieser Länder 
wieder eine bedeutende Ausdehnung erfahren. In Krain sind besonders 
im Ternowanerwald und um Gottschee große Bestände. Das Küsten- 
land hat um Flitsch und Tolmein schönen Hochwald, in Istrien 
gibt es stellenweise schöne Eichen- und Buchenwälder, im übrigen 
überwiegt, wie in Dalmatien überall, die Buschwaldformation (Macchia) 



— 38 — 

Auch für die Viehzucht fehlt es im Süden an entsprechenden 
Voraussetzungen. Es maugelt vor allem an Wiesen und die vor- 
handenen kümmerlichen Weiden sowie der Buschwald ermöglichen 
nur die Kleinviehzucht. Die Haltung von Rindern und Pferden ist 
nur für Krain und Görz-Gradiska erwähnenswert. In Lipizza bei 
Triest ist sogar ein berühmtes kaiserliches Gestüt. Sonst werden 
Schweine, Ziegen, Schafe, Esel, Maultiere, Hühner gezüchtet und die 
Seidenraupenzucht in Görz und Dalmatien betrieben. 

In der Montanproduktion weist Krain mit dem Quecksilber- 
bergwerke in Idria das einzige größere Unternehmen auf. Außer der 
Braunkohlenförderung in Sagor und bei Gottschee, in Carpano bei 
Albona (Istrien, Brikettfabrikation), Siveric (Dalmatien) und der 
Asphaltgewinnung in Dalmatien ist kaum etwas zu erwähnen. 

Mit Rücksicht auf die ärmliche Ausstattung dieser Länder mit 
Naturschätzen ist auch die industrielle Entwicklung unserer 
Karstländer stark zurückgeblieben. Sie sind industriearm, aber 
keineswegs industrielos. Die größte industrielle Regsamkeit weist 
Krain auf. Dort sind in Laibach die Baumwoll-, Leder-, Papier-, 
Strohhut- und Tabakfabrikation vertreten und in Aßling große Eisen- 
und Stahlwerke, die der krainischen Eisenindustriegesellschaft ge- 
hören. In Görz bestehen Fabriken für Baumwoll- und Seiden- 
spinnerei, für Papier und keramische Erzeugnisse. Dalmatien hat viel- 
seitige Hausindustrie (Branntwein, Schmuckgegenstände, Stickereien), 
die moderne Großindustrie hat dort noch nicht festen Fuß gefaßt. 

Der Verkehr. Den Verkehr vom Zentrum des Reiches nach den 
Karstländern besorgen zwei große Bahnen, die Hauptlinie der Süd- 
bahn, die über Laibach nach Triest führt und in St. Peter eine Ab- 
zweigung zu dem ungarischen Hafen Fiume aufweist, und die neue 
Staatsbahn (Karawanken- und Wocheinerbahn), die aus dem Klagen- 
furterbecken südwärts über Görz ebenfalls nach Triest leitet. Sehr 
im Rückstand ist das Verkehrswesen Dalmatiens. Doch soll dieses 
Land durch eine große Bahn durch die Lika über Kroatien direkt 
mit der Monarchie verknüpft werden. 

Das Küstengebiet. 

Küstengestalt. Von der italienischen Grenze bis an die Süd- 
spitze Dalmatiens besitzt die Monarchie an der Adria ein Küsten- 
gebiet, das sich in einer Länge von 2113 km hinzieht. Geologisch ist 
dieser Küstensaum ein Teil des Karstes, dessen Kalkplateaux unmittel- 
bar an das Meer herantreten. Durch Einbruch, Absinken und Über- 
fluten flachgelegener Festlandsteile entstand die steile Längs- 
schollen- und Ingressionsküste, wobei höher gelegene Fest- 






— 39 — 

landsstücke als luseln abgetrennt wurden. Wegen der Steilheit der 
Ufer ist unsere Küste sowohl von der Land- als von der Seeseite 
schwer zugänglich, wodurch sie einen großen Teil ihres Verkehrs- 
wertes verliert, zumal auch keine größeren Flüsse den Zugang in das 
Hinterland erleichtern. 

Klima. Klimatisch unterscheidet sich das Küstengebiet wesent- 
lich vom Binnenlande des Karstes, weil die Steilheit der Küste die 
mildernde Einwirkung des Meeres landeinwärts behindert. Die Küsten 
und Inseln der Adria haben heiße, trockene Sommer und milde, 
feuchte Winter. Das Maximum der Niederschläge fällt im Herbst. 
Unter den Luftströmungen der Adria ist das Wehen des feucht- 
warmen, regenbringendeu Scirocco und des kalten Fallwindes 
der Bora charakteristisch. Am mildesten ist das Klima in Süd- 
dalmatien und auf den Inseln. Die Pflanzenwelt zeigt alle Vertreter 
des Mittelmeerklimas: Lorbeer, Zypressen. Oliven, Agrumen, immer- 
grüne Hartlaubgewächse usw. Nur die Palmen fehlen. 

Das milde Seeklima mit seiner reinen Luft, die intensive Sonnenstrahlung und 
die landschaftliehe Schönheit unserer Küste haben das Emporblühen zahlreicher 
klimatischer Kurorte begünstigt. So genießen Grado, Porto Rose, die Brioiiischen 
Inseln bei Pola, die „österreichische Riviera" mit dem Hauptorte Abbazia, die Inseln 
des Quarnero, Ragusa u. a. Orte schon verdienten Ruf und der Fremdenverkehr 
ist in rascher Zunahme begriffen. Nur an wenigen Stellen tritt die für das Mittel- 
meergebiet bezeichnende Malaria auf, wie im Lagunengebiete des Isonzo, in Istrien 
an der Küste von Rovigno bis Pola und in einigen sumpfigen Talniederungen. 

Siedlungen. An der adriatischen Küste haben von unseren 
politisch-administrativen Einheiten Anteil Görz-Gradiska, das reichs- 
unmjttelbare Triest, Istrien und Dalmatien. Von Fiume südwärts 
erstreckt sich in einer Länge von 150 km der ungarische Küsten- 
besitz, das Litorale, und an zwei Stellen reicht in Dalmatien Bosnien- 
Hercegowina bis an das Meer. 

Berühmt durch ihre malerische Lage und Bauart, ihre bis ins 
Altertum reichenden geschichtlichen Erinnerungen und neuestens 
auch durch wirtschaftliche Bedeutung sind die Küstenstädte an der 
Adria. Das einst mächtige Aquileja ist jetzt schon landfest. In den 
Lagunen liegt Grado, das besuchteste österreichische Seebad. Dann 
folgt Triest (229.000 Einw.), das Ausfallstor unseres Handels zur 
See, in herrlicher Lage. An der Westküste Istriens sind Pirano, 
Parenzo, Rovigno und Pola (70.000 Einw.), der Stützpunkt unserer 
Seemacht, zu erwähnen. An der Ostküste Istriens liegen die Kurorte 
Lovrana, Abbazia und Voloska. Die dalmatischen Küstenstädte 
Zara, Sebenico, Spalato, Metkovich an der Narenta, Ragusa, 
Gravosa und Cattaro sind als Fischereihäfen und als Ausgangs- 
punkte für die Küstenschiffahrt von Wichtigkeit. 



— 40 — 

Produktionsverhältnisse. Der wirtschaftliche Wert unserer 
Küste ist in erster Linie nach ihrer Vorkehrsbedeutung zu beurteilen. 
Die Produktionsmöglichkeiten sind nur geringe. 

Für die Bewohner der Küste und Inseln sind der ergiebige 
Fischfang und der Handel die maßgebenden Zweige des Wirtschafts- 
lebens. Die für das Küstenland und Dalmatien früher erwähnten 
Produktionszweige gelten im allgemeinen auch für das Küstengebiet, 
wobei nur noch auf die große Bedeutung, die der Weinbau auf den 
Inseln spielt, hingewiesen werden soll. An der Seefischerei beteiligen 
sich etwa 18.000 Fischer mit über iOOO Booten. In zahlreichen Orten 
entwickelte sich infolgedessen eine bedeutendeFischkonservenindustrie. 
In Capodistria und Pirano wird in Salzgärten Seesalz gewonnen. Die 
Industrie hat ihren Hauptsitz in Triest, wo der Schiffbau (Lloj'd- 
arsenal, Stabilimento tecnico, Cantiere navale in Monfalcone), Hoch- 
ofenbetrieb (Krainische Eisenindüstriegesellschaft in Servola), Ölraffi- 
nerien, Keisschälfabriken, Jutefabrikation und Brauerei stark vertreten 
sind. In Pola ist gleichfalls der Schiffbau (Marine Arsenal) wichtig. 

Der Verkehr. Da es in unserem Küstengebiete an Bahnen noch 
sehr fehlt, so wird der ganze Verkehr vom „österreichischen Lloyd", 
der „Ungaro-Croata" und einigen kleineren Reedereien besorgt. Das 
Projekt einer Inselbahn Preluka — Cherso— Vegiia — Arbe — Pago — Zara 
würde nicht nur der wirtschaftlichen Entwicklung dieses Gebietes 
zugute kommen, sondern vor allem auch den Fremdenverkehr, heute 
schon eine der wichtigsten Einnahmsquellen des Südens, sehr fördern, 
denn Dalmatien wäre dann von Wien aus mit der Bahn in 18 Stunden 
zu erreichen. 

Die böhmische Masse und das Marchbecken. 
Bodengestalt. Den nordwestlichen Teil der Monarchie erfüllen 
das böhmische Massiv und das Marchgebiet, zwei Beckenland- 
schaften, die von mäßig hohen Gebirgen umrahmt sind und durch 
ihre gute Abgeschlossenheit zum Entstehen zweier Länder, Böhmens 
und Mährens, beigetragen haben. Im Süden greift die böhmische 
Masse durch das österreichische Granitplateau über die Donau und 
leitet so zu den Alpen über, während die Karpathen den Ostrand 
des Marchbeckens bilden. 

Die bölimische Masse ist ein Teil des deutschen Mittelgebirges. Sie ist aus 
einem alten Gebirge entstanden, dessen weichere Teile durch Denudation erniedrigt 
wurden. Das Innere stellt ein großes Senkungsfeld dar. das durch jüngere Ab- 
lagerungen, besonders aus der Kreide- und Tertiärzeit und durch vulkanische Bil- 
dungen ausgefüllt ist. Auch das Marchbecken ist ein Einbruchsgebiet, aus dem 
inselartige Reste der eingesunkenen karpatliisohen Außenzone herausragen (Pollauer- 
berge, Maregebirge). 



— 41 — 

Im Gegensatze zu den Alpen weisen die Gebirge des böhmischen 
Massivs nur runde Mittelgebirgsformen auf. 

Orographiseh ist das böhmische Becken von allen Seiten gut 
abgeschlossen. Den Südwesten bilden die bewaldeten Höhen des 
Böhmerwaldes mit einer Höhenentwicklung im Arber bis 1460m. 
Verkehrsgeographisch wichtig sind die Pässe dieses Grenzgebirges, 
wie die Senken von Kuschwarda, Eisenstein, Taus und Waldsassen, 
über die alte Verkehrsstraßen und jetzt Eisenbahnen führen. 

Durch seine ausgedehnten Xadelwaldungen und Moorei bekommt die Land- 
schaft des Böhmerwaldes ein düsteres Aussehen. Die höher gelegenen Teile sind 
mit Granitblöcken und Trümmerfeldern bedeckt. In Höhen von etwa 1000 »i liegen 
dunkle Waldseen. Das Gebiet des Bolimerwaldes gewährt nur ungünstige Existenz- 
bedingungen; die nicht sehr dicht ansässige Bevölkerung beschäftigt sich haupt- 
sächlich mit Holzarbeit. 

Den Nordwestpfeiler der böhmischen Masse bildet das schon 
in Bayern gelegene Fichtelgebirge. Ostwärts zieht sich das Erz- 
gebirge hin, das steil gegen Süden abfällt, gegen Sachsen sich aber 
sanft abdacht. Zu beiden Seiten der Elbe erheben sich die bizarren Ge- 
bilde des Elbesandsteingebirges. („Böhmisch-sächsische Schweiz".) 
Die Fortsetzung der nördlichen und nordöstlichen Umrandung des 
böhmischen Beckens führt die Gesamtbezeichnung Sudeten — dar- 
nach werden Böhmen, Mähren und Schlesien auch Sudetenländer 
genannt — die bis zum Durchbruche der Oder reichen. Sie gliedern 
sich in das Lausitzer-, Iser-, Riesengebirge Sclmeekoppe KjOO m), 
die Sandsteingebirge von Adersbach und Weckelsdorf, das 
Glatzer Gebirgsland und in das Gesenke (Altvater 1490 r/i). Den 
Südostrand bildet der böhmisch-mährische Höhenzug. 

Im Innern des böhmischen Beckens zieht sich im Norden eine 
große Bruchlinie von Karlsbad über Prag nach Caslau bis Lettowitz. 
Zu beiden Seiten dieser Senkungszone breitet sich das Becken der 
Eger und Elbe mit seiner dichten Bevölkerung und seinem inten- 
siven Wirtschaftsleben aus. Das südböhmische Massiv ist ein welliges 
Hochland, in dem die Becken von Pilsen, Budweis und Wittingau 
eingebettet sind. 

Die Entwässerung des böhmischen Massivs ist eine zentrale. 
Alle Flußläufe sind wegen der Gebirgsumrandung gegen das Innere 
gerichtet, sammeln sich in der Moldau und Elbe, welch letztere dann 
alle Gewässer dieses regelmäUigen Fluß.systems bei Bodenbach hinaus 
und der Nordsee zuführt. Im kleinen ist das System der Beraun 
im Pilsener Becken eine Wiederholung des Flußsystems Bölimens. 

Das Marchbecken wird im Westen vom böhmisch-mährischen 
Höhenzug und im Osten vom Sandsteinzug der Karpathen begrenzt. 
Getuen Süden ist es offen und im Norden führt die Senke von Weiß- 



— 42 — 

kirchen in das Gebiet der Oder. Die 400;// hoch grelegene fruchtbare 
Hanna und das Becken von Olmütz sind besonders zu erwähnen. 

Auch das Marchbecken hat eine einheitliche Entwässerung, die 
durch das Flußs3'-stem der March zur Donau erfolgt. 

Klima. Das Klima des böhmischen Massivs zeigt die Eigenschaft, 
daß die höher gelegenen südlichen Teile sehr rauh sind, während die 
Ebenen im Norden an der Eger, das Becken von Teplitz und das 
Elbegebiet milde Temperaturen haben, so daß daselbst Wein, Obst, 
Hopfen und die Zuckerrübe gedeihen, wogegen im Süden der Mais 
nicht mehr gebaut werden kann. Am rauhesten sind die Gebirgs- 
ränder, deren Außenseite sehr regenreich ist. Im Innern betragen 
die Nieder.schläge 4 00 bis 600 ww, sind aber ziemlich gleichmäßig 
auf die einzelneu Jahreszeiten verteilt. Trotzdem herrscht im Sommer 
oft große Dürre. Das Marchbecken hat hohe Temperaturen, aber 
verhältnismäßig wenig Niederschlag, der zum größten Teil im 
Sommer fällt. 

Das böhmische Massiv und das Marchbecken, das die drei 
Kronländer Böhmen, Mähren und Schlesien umfaßt, ist das dichtest 
besiedelte und wirtschaftlich fortgeschrittenste Gebiet der Monarchie. 

Siedlungen. Groß ist vor allem in Böhmen die Zahl der Städte 
und Industrieorte. Im Herzen des Landes liegt Prag (m. V. 520.000 
Einw.) der wirtschaftliche und Verkehrsmittelpunkt des Landes. Das 
industriereiche deutsche Nordböhmen ist mit Städten dicht besät. 
Im Norden sind Asch, Eger, Franzensbad, Karlsbad, Marien- 
bad, Saaz, Komotau, Brüx, Dux, Teplitz, Aussig (39.000 Einw.), 
rechts von der Elbe Rumburg, Leitmeritz, Reichenberg, Gab- 
lonz, Trautenau, Königgrätz, Pardubitz. Das Beraunbecken hat 
gleichfalls wichtige Orte, so Pilsen (81.000 Einw.), Klattau, Kladno. 
Im mehr agrarischen und tschechischen Innern Böhmens liegen 
Pfibram, Schüttenhofen, Strakonitz, Tabor, Deutsch-Brod, 
Caslau, Kuttenberg. Unter den südböhmischen Städten sind 
Winterberg, Protiwin, Budweis, Wittingau und Krumau 
wichtig. 

In Mähren ragen neben der iudustriereichen Hauptstadt 
Brunn (125.000 Einw.) besonders Iglau, Znaim, Lundenburg, 
Göding, Kremsier, Prerau. Olmütz, Sternberg, Neutitschein, 
Witkowitz und Mährisch- Ostrau (37.000 Einw.) hervor. 

Das kleine Schlesien hat in Troppau, Würbental, Jägern- 
dorf, Freudental, Oderberg, Teschen, Karwin und Bielitz 
gewerbefleißige Orte. Bei Besprechung der wirtschaftlichen Verhält- 
nisse wird auf die spezielle Bedeutung dieser einzelnen Städte hin- 
gewiesen werden. 



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Land- und Forstwirtschaft. Die Sudetenländer sind nicht nur 
ein hochentwickeltes Agrar-, sondern auch das erste Industrie- 
gebiet der Monarchie. Zur natürlichen Fruchtbarkeit des Bodens 
gesellt sich eine fortgeschrittene Betriebsweise. Überall herrscht der 
intensive Landbau. Vorbildlich wirkt in diesen Ländern, besonders 
hinsichtlich der Forstwirtschaft, der stark vertretene Großgrund- 
besitz, der in Böhmen 28^ n, in Mähren 250/o und Schlesien 31% 
des Bodens ausmacht. 

Der Getreidebau liefert an erster Stelle Roggen und Hafer, 
dann folgt Gerste, deren Ruf als Braugerste über die Grenzen des 
Reiches gedrungen ist. Die „Hanna" in Mähren bringt das beste 
Produkt. Während der Weizenbau noch reiche Ernten liefert, tritt 
der Mais ganz zurück. Als Viehfutter wird er noch in Südmähren 
gebaut. Hülsenfrüchte und Kartoffeln sowie Hanf und Flachs nehmen 
weite Anbauflächen ein. Zu den Glanzpunkten der sudetenländischen 
Landwirtschaft gehört der Hopfenbau, der um Saaz, Auscha, 
Dauba und in Nordmähren betrieben wird. Der Saazer Hopfen wird 
in großen Mengen ausgeführt. Das Elbe-Egerbecken und die March- 
ebene sind die Hauptanbaugebiete für die Zuckerrübe. Obstbau 
(Äpfel) wird am erfolgreichsten an der unteren Elbe bei Leitmeritz 
betrieben, der Pflaumenbau (Dörrpflaumen, Pflaumenmus, Slivowitz) 
ist in ganz Böhmen und Mähren verbreitet. Für die Kultur der 
Weinrebe sind die klimatischen Voraussetzungen nur an den hügeligen 
Ufern der Elbe bei Melnik und in Südmähren bis in die Breite von 
Brunn gegeben. Die südmährischen Weißweine sind noch von guter 
Qualität. Zu erwähnen ist in Mähren noch die Gartenwirtschaft um 
Znaim (Gurken), Eibenschütz und Brunn (Spargel). 

Einen hohen Stand der Entwicklung hat die Waldwirtschaft der 
Sudetenländer erreicht. Der Wald bedeckt hier 29% des Bodens und 
ist zumeist in den Händen des Großgrundbesitzes,*) der sich die 
Pflege des Waldes besonders angelegen sein läßt, aber auch der 
Staat besitzt ebenso wie in den Alpen ausgedehnte Waldungen, vor 
allem im Erzgebirge und um Joachimstal. In Mähren und Schlesien 
gibt es keine Staatswälder. Reich bewaldet sind besonders die Rand- 
gebirge Böhmens. Der Böhmerwald stellt überhaupt das größte 
mitteleuropäische Waldgebiet dar. Die Ausnutzung dieser 
reichen Holzschätze erfolgt sehr rationell. In Brenn- und Bauholz 



*) Die größten Waldbesitzer der Sudetenländer sind der Fürst Schwarzen- 
berg, der im ßöhmerwalde 107.6.52 ha, der regierende Fürst von Liechtenstein, der 
in Böhmen 19.000 und in Mähren 92.000 Aa, der Erzherzog Friedrieb, der in 
Schlesien 65.000 ha Wald besitzt, ferner das Olmützer und Breslauer Bistum, der 
Deutsche Ritterorden und der Fürst Clam-Gallas. 



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findet ein gewaltiger Ex|)ort die Moldau und Elbe abwärts bis nach 
Hamburg, aber auch nach Niederösterreich statt. Zur Verarbeitung 
des Holzes gibt es in diesen drei Kronländern etwa 2000 Wasser- 
und über 300 Dampfsägen, ferner über 80 Holzstoff- und Zellulose- 
fabriken. Weit verbreitet ist auch die Hausindustrie in Holzwaren 
und als Besonderheit ist die Erzeugung von Resonanzholz für 
Musikinstrumente zu erwähnen. 

Viehzucht. In raschem Aufschwünge ist die Viehzucht der 
Sudeteuläuder. Schöne Rinderschläge sind im Egerlande und im Kuh- 
ländchen (Neutitschein). Die Pferdezucht liefert gute Zugtiere. In 
Kladrub ist ein großes Staatsgestüt. Abgenommen hat nur die 
Schafzucht. Eine wichtige Einnahmsquelle für die Bevölkerung bildet 
auch die Geflügelzucht, worin besonders Mähren (Gänse, Enten) 
obenan steht, sowie die Bienenzucht. Die Jagd ist infolge der aus- 
gedehnten Waldbedeckung sehr ergiebig (Hasen, Rebhühner). Des- 
gleichen ist die Teichwirtschaft mit Karpfenzucht in den süd- 
böhmischen Teichgebieten um Wittingau und Rosenberg und in Süd- 
mähreu (Eisgrub) sehr lohnend. 

Mineralprodüktion. Reicher noch als die Erträge der Landwirt- 
schaft sind die Ergebnisse des Bergbaues,*) denn auch hierin kann 
sich kein Teil der Monarchie mit den Sudetenländern messen. Obenan 
steht die Kohlenförderung und zwar Braunkohle. Böhmen ist eines 
der reichsten Braunkohlengebiete Europas und liefert allein über 80% 
der Produktion Österreichs. Die großen böhmischen Braunkohlen- 
lager sind im Egertale (Egerländer-, Falkenauer-, Elbogener-, 
Komotauer-, Brüxer- und Teplitzer Revier) und im Kuttenberger 
Becken. Vielfach kann die Braunkohle im Tagbau gewonnen werden. 
In Mähren findet sich bei Ga3'a etwas Braunkohle. Die böhmische 
Braunkohlenproduktion betrug 1910: 208 Mill. q. Braunkohle ist einer 
der wichtigsten Ausfuhrgegenstände der Monarchie. Aber auch mit 
Steinkohle sind die Sudetenländer gut ausgestattet. Die reichsten 
Lager sind im Prag-Pilsener Becken (Kladno, Schlan, Rakonitz, 
Mies, Nürschan), in den Sudeten bei Schatzlar, in Mähren bei Rossitz, 
Boskowitz, vor allem aber im Ostrauer und Karwiner Revier. 
Die Jahresproduktion für Böhmen, Mähren und Schlesien betrug 1910 
123 Mill. q (von 13 8 Mill. q der Gesamtausbeute Österreichs). An 
zweiter Stelle ist die Gewinnung- von Eisen zu nennen. Die wieh- 



*) Die größten Bergbauunternehmungen der Sudetenländer sind: die Brüxer 
Kohlenbergbaugesellseliaft. die Braunlcohlenwerke der Dux-Bodenbacher Eisenbahn, 
der Montanbesitz der Nordbahn, die Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengesell- 
schaft (Bankhaus Rothschild und Gebr. Gutmann), die österreicliische Berg- und 
Hüttenwerksgesellschaft u. s. w. 



— 45 — 

tigste Fundstelle ist der Erzberg bei Nucitz. In den Sudetenländern 
werden aber auch viel fremde Erze verhüttet. Gering ist die 
Ausbeute anderer Metalle. Silber und Blei wird in Pfibram, 
Zinn im Erzgebirge und Uranerze in Joachimstal (Radiumgewinnung) 
gewonnen. Weltruf haben die berühmten Thermen und Säuerlinge 
der Sudetenländer. In Böhmen haben sich in Karlsbad, Marienbad, 
Franzensbad, Teplitz-Schönau, Johannisbad, in Mähren in Luhatscho- 
witz. in Schlesien in Gräfenberg vielbesuchte Kurorte entwickelt. 
Bedeutenden Export von Mineralwässern haben Bilin und Gießhübl. 

Industrie. Bei dieser reichen Ausstattung der Sudetenländer 
mit allen Schätzen der Natur, der hohen Kultur und dem Fleiße der 
beiden Volksstämme, der Kapitalskraft und der günstigen Verkehrs- 
lage ist es begreiflich, daß sie sich zum Hauptindustriegebiete 
des Reiches entwickeln konnten. 

Die sudetenländische Industrie, die in ihren Anfängen bis in 
die Zeit Wallensteins zurückreicht, kraftvoll aber im 18. Jahrhundert 
einsetzte, zeichnet sich sowohl durch ihre Leistungsfähigkeit als auch 
Vielseitigkeit aus. Vor allem hat die reiche Agrarproduktion eine 
ganze Reihe landwirtschaftlicher Industrien ins Leben gerufen. 
In 700 Fabriken wird in Böhmen und Mähren die berühmte Bier- 
brauerei und Mälzerei betrieben, die eine ausgezeichnete Gerste 
und den besten Hopfen verarbeiten kann. Die besten Biere braut 
Pilsen*), die in großen Mengen ausgeführt werden. Namhafte 
Brauereien sind ferner in Smichow bei Prag, Budweis, Protiwin, 
Wittingau, Maffersdorf, Brunn, Prerau, Olmütz und Troppau. 

Die Rübenzuckerfabrikation, unsere erste Exportindustrie, 
hat ihre Sitze fast ausschließlich in Böhmen und Mähren (Aussig, 
Melnik, Caslau, Taus, Budweis, Brunn, Rohrbach, Lundenburg, Göding, 
Bisenz, Olmütz u. a. Orte). Mit der Ergiebigkeit des Getreidebaues 
hängt auch eine bedeutende Mühlenindustrie zusammen, deren 
Mittelpunkte die großen Industriestädte (Prag, Pilsen, Beran, Klattau, 
Budweis, Brunn, Jägerndorf) als die Hauptverbrauchsmärkte sind. Die 
Branntweinerzeugung, die 40''/o der österreichischen Produktion 
liefert, wird in zahlreichen kleinen Unternehmungen, aber auch in 
großen Fabriken (Mährisch-Ostrau, Schönpriesen, Pardubitz) ausgeübt. 
Ärarische Tabakfabriken sind in Böhmen 7, in Mähren 6. Daß sich 
auf Grund der ausgedehnten Waldbedeckung eine mannigfache Holz- 
industrie entwickelte, wurde schon früher erwähnt. So sind neben 



*) In Pilsen ist das Bürgerliche Brauhaus (800.000 hl Jahreserzeugung) die 
größte Brauerei der Monarchie. Es folgen dann im Range Smichow, Schwechat 
bei Wien. St. Marx (Wien), Steinfeld und Puntigam (Graz), Ottakring, Liesing 
(Wien), Okocim (bei Krakau), Pilsener Aktienbräu, Lemberg. 



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deu zahlreichen Sägewerken, Holzschleifereien uud Zellstoffabriken 
große Papierfabriken ins Leben yerufcn worden (Hohenelbe, Arnau, 
Trautenan, Tetschen, Krumau, Heinrichstal, Groß-Ullersdorf, Troppau, 
Freiwaldau). Die Erzeugung von Bugholzmöbeln, eine österreichische 
Spezialindustrie, hat zur Errichtung großer Unternehmungen (Teschen, 
Wsetin) geführt. Klaviere in guter Qualität werden in Reichenberg, 
Königgrätz, Böhniisch-Leipa und Georgswalde erzeugt. Die Zünd- 
warenfabrikation ist besonders im Böhmerwalde (Bergreichenstein, 
Schüttenhofen) bodenständig. 

Aus handwerksmäßigen Gewerben sind die Lederbereitung 
und die Handschuhfabrikation (Kaaden) an zahlreichen Orten 
in den Großbetrieb übergegangen. 

Gut vertreten sind auch die verschiedenen Zweige der kera- 
mischen Industrie. In der Nähe der Städte sind fast überall große 
Ziegeleien, die reichen Kaolinlager des Pilsener Beckens bilden die 
Grundlage der erstklassigen Porzellanindustrie (Karlsbad, Elbogen, 
Klösterle,. Schlaggenwald). Feine Tonwaren liefern Teplitz uud Znaim. 
Uralt ist in Böhmen die Glasfabrikation, da feiner Quarzsand und 
Holzasche leicht zu beschaffen waren. Die größten Unternehmungen 
sind in Prag, Karlsbad, Eleonorenhein, Winterberg, Aussig, Neuwelt, 
Heida, Steinschönau und Gablonz. Die Gablonzer Artikel (Glas- 
perlen, Ringe, Prismen, Schmucksteine etc.), die von etwa 25.000 
Heimarbeitern erzeugt werden, kommen in alle Länder der Erde zur 
Ausfuhr und gehören zu den weltbekanntesten Erzeugnissen der 
österreichischen Industrie. Einen gewaltigen Aufschwung hat auch die 
chemische Industrie genommen. Sie ist besonders in Aussig 
(Schichtwerke), Bodenbach, Pilsen, Budweis und Brunn vertreten. 

Das Schwergewicht der sudetenländischen Industrie ruht aber in 
der Textil- uud Metallindustrie. 

In der Textilindustrie steht dieBaumwollindustrie obenan. 
Sie ist in ganz Nordböhmen von Asch bis Rumburg über Reichen- 
berg ostwärts nach Nordmähren und Schlesien verbreitet. Export- 
fähig und gut vertreten ist auch die Schafwollindustrie mit den 
Mittelpunkten Reichenberg (40 Fabriken), Brunn (60 Fabriken), Bielitz 
Czirka 60 Betriebe) und Iglau. Die Leinenindustrie hat zwei Ver- 
breitungsgebiete, nämlich im Riesen- und Isergebirge (Trauteuau, 
Rumburg, Georgswalde, Schönlinde, Arnau, Nachod) sowie in Nord- 
mähren und Schlesien (Mährisch-Schönberg, Sternberg, Römerstadt, 
Zwittau, Freiwaldau, Freudental, Würbental) gefunden. 

Hier mag auch die leistungsfähige Fabrikation von Herrenhüten 
(Neutitschein, Brunn), Fes (Strakonitz) und die Konfektion Erwähnung 
finden. 



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Die maniiigfacheu Zweige der metallurgischen Industrie sind 
besonders im Prag-Pilsener Becken und in Nordmähren im Gebiete 
der großen Kohlenreviere vertreten. Das größte Unternehmen befindet 
sich in Witkowitz*), das neben den heimischen auch ungarische 
und schwedische Erze verarbeitet. Daneben sind die Werke der 
Prager Eisenindustrie (Kladno) und die Skodawerke**) in 
Pilsen zu nennen. Im übrigen sind alle Arten der Metallindustrie, 
von der Maschinenfabrikation (Prag, Pilsen, Brunn, Adamstal, Teplitz), 
dem Waggon- und Lokomotivenbau (Smichow) bis zur Erzeugung der 
kleinsten Schlosser- und Messerschmiedewaren (Karlsbad, Nixdorf 
bei Rumburg) vertreten. Besonders verdient auch der namhafte 
Automobilbau in Reichenberg, Jungbunzlau und Nesselsdorf (bei 
Neutitschein) hervorgehoben zu werden. 

Neben dem industriellen Großbetriebe nimmt auch die gewerb- 
liche Heimarbeit einen breiten Raum ein. So wird die Weberei 
in Wolle und Leinen (Nordmähren), die Stickerei und Spitzen- 
klöppelei (Erzgebirge), die Holzschnitzerei und Glasindustrie (Gablonz) 
in Heimstätten betrieben. 

Bemerkenswert ist, daß diese hochentwickelte sudetenländische 
Industrie zum weitaus größten Teil in deutschen Händen sich befindet. 

Der Verkehr. In keinem Teil der Monarchie hat das Verkehrs- 
wesen einen so hohen Stand der Entwicklung aufzuweisen wie in 
den Sudetenländern. 

Von Wien aus führen strahlenförmig wichtige Eisenbahnlinien 
nach Böhmen und Mähren, die durch ihre Fortsetzung außerhalb 
der Grenzen internationale Wichtigkeit erlangt haben. Die wichtigsten 
dieser Linien, durchwegs Staatsbahnen, sind; 



*) Die Witko witzer Bergbau- und Eisenhütten gesellschaft beschäftigt 
16.000 Arbeiter und 500 Beamte. Außer Gußstahl werden Panzerplatten, Geschütz- 
rohre, Geschosse, große Schmiedestücke, Waggonräder etc. erzeugt. Zu den Werken 
gehören eine Maschinenfabrik, eine Brückenbauanstalt, eine Kesselfabrik, ein 
Röhren- und Walzwerk, eine Kupferextraktionsanstalt und zahlreiche Neben- 
betriebe sowie ein eigener Schießplatz in Belowetz. Mustergiltig sind auch die 
sozialen Einrichtungen für die Beamten und Arbeiter. 

**) Die „Skodawerke, A.-G. in Pilsen", sind ein Großunternehmen ersten 
Ranges. Sie wurden von Emil R. v, Skoda (1839 bis 1900) gegründet und im Jahre 
1899 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Werke umfassen eine Wal'fen- 
fabrik mit Munitionslaboratorium und Schießplatz, eine Groß- und Kleinschmiede, 
eine Gußstahlhütte für Gußstücke bis zu 60.000 A-//, eine Eisen- und Metallgießerei 
mit Abgüssen bis zu 100.000 /fcy, eine Maschinenfabrik, eine Kesselfabrik und Brücken- 
bauanstalt. Sie liefern außer Maschinen, Berg- und Hüttenwerksoinrichtungen beson- 
ders Geschütze und das gesamte Artilleriematerial für das österreichische Heer und 
die Marine. Zu Beginn des Jahres 1911 beschäftigten die Skodawerke 600 Beamte 
und über 6600 Arbeiter. 



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1. die Nordbahn: Wien^Prerau — Oderberg — Krakau. Ihre 
Fortsetzungen führen nach Berlin und über Warschau nach Peters- 
burg und Moskau; 

2. die Staatsbahnlinie (früher St.-E.-G.) : Wien— Brunn— Prag— 
Bodenbach ; 

3. die Nordwestbahn: Wien— Znaim— Iglau — Deutsch-Brod — 
Kolin — Leitmeritz — Tetschen. Beide Linien stellen die Hauptverbinduug 
mit Dresden, Berlin und Hamburg dar; 

4. die Franz-Josefsbahn: Wien — Gmünd — Budweis — Pilsen — 
Eger. Sie setzt den Verkehr über Leipzig nach Berlin und nach 
Westdeutschland fort. 

Von den zahlreichen Nebenlinien, Verbindungs- und Lokal- 
bahnen seien noch erwähnt: 

Die böhmische Transversalbahn: Taus — Klattau — Pisek — 
Tabor — Igiau und ihre Fortsetzung, die mährische Transversal- 
bahn: Iglau — Okrischko — Brunn — Bisenz — Vlarapaß (Trentschiu — 
Teplitz in Ungarn), dieBuschtiehraderbahn: Prag — Kladno — Saaz — 
Komotau — Eger, und die Aussig-Teplitzerbahn: Komotau — Brüx 
— Dux — Teplitz — Aussig. 

Prag, Pilsen und Brunn haben sich zu Verkehrszentren erster 
Ordnung entwickelt. 

Zum lebhaften Eisenbahnverkehr kommt noch die wichtige 
Wasserstraße der Moldau — Elbe. 

Das subkarpathische Hügelland und die podolische Platte. 

Bodengestalt. Der Nordostrand der Monarchie, der in einem 
breiten Streifen sich an den Gebirgsbogen der Karpathen anlehnt, 
ist vom karpathischen Vorlande und der podolischen Platte erfüllt. 
Das Landschaftsbild zeigt im Westen und Osten durchaus verschie- 
denen Charakter. 

Sein Aussehen verdankt das Karpathenvorland Westgaliziens 
der von Skandinavien hereinreichenden Vergletscherung. Die Vor- 
berge der Karpathen sind mit diluvialen Ablagerungen bedeckt. Das 
sich daranschließende plateauartige Lößgebiet senkt sich gegen die 
Weichsel in eine mit Sümpfen, Mooren und Teichen bedeckte 
Niederung hinab. Im San- und Buggebiet treten bogenförmige Dünen 
auf. Nördlich der Weichsel breitet sich das Krakauer Hügelland, 
eine Fortsetzung des polnisch-schlesischen Berglandes, aus. 

Die podolische Platte (400 m) in Ostgalizien, die sich an die 
Ausläufer der Karpathen angliedert, stellt eine baumlose Hochfläche 
dar und ist teils fruchtbares Getreideland, teils steppenartiges Weide- 



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gebiet. In steilwandigen Tälern, die oft große landschaftliche Schön- 
heit aufweisen, liegen die menschlichen Siedlungen. 

Durch die außerkarpathischen Länder geht die große Haupt- 
wasserscheide Europas. Die Flüsse, die größtenteils mit dem Gebirge 
parallel laufen (Oder, Weichsel, San) senden ihr Wasser im Westen 
der Ostsee, im Osten (Dnjestr, Pruth, Sereth, Bistritza) dem Schwarzen 
Meere zu. 

Klima. Das Klima dieses Gebietes ist streng kontinental mit 
sehr heißen Sommern und langdauernden, schneereichen Wintern. Die 
Temperaturextreme sind in der Regel sehr groß. Von den Winden 
herrschen die aus der russischen Ebene ungehindert über die 
Hochflächen streichenden Nord- und Nordostwinde vor. Die Nieder- 
schläge fallen zum größten Teil im Sommer, wodurch Dürre ver- 
hindert wird und sind in Westgalizien noch reichlich zu nennen. 
Sie betragen hier 750 mm und rufen eine üppige Vegetation hervor. 
Auf der podolischen Platte fallen nur mehr 580 mm Niederschläge. 
Aber während auf den Talgehängen es noch prachtvolle Buchen- 
und Eichenwälder gibt, begegnen wir im Osten schon den Anfängen 
der russischen Steppe. 

Siedlungen. Im reichbevölkerten Nordosten der Monarchie liegen 
die beiden Kronländer Galizien und Bukowina. Als große Agrar- 
gebiete weisen diese Länder neben zwei Großstädten durchaus Klein- 
und Mittelstädte auf. In Westgalizien liegt die altberühmte Stadt Kra- 
kau (150.000 Einw.), der Brennpunkt des Polentums. Gegenüber ist 
Podgorze. An der schlesischen Grenze sind Biala und Saybusch. 
Ostwärts von Krakau, am Rande des Karpathenvorlandes, verdienen 
Bochnia, Tarnow, Jaroslau, Przemysl und gegen das Gebirge 
hin Neusandec Erwähnung. Das Innere der podolischen Platte 
Ostgaliziens ist arm an größeren Siedlungen. Am Rande sind die 
Hauptstädte Lemberg (207.000 Einw.) und in ihrem weiteren 
Umkreise Sambor, Drohobycz, Boryslaw, Stryj, Stanislau, 
Kolomea, ferner gegen die Grenze Brody und Tarnopol. In der 
Bukowina sind neben der Hauptstadt Czernowitz (87.000 Einw.), 
einem Vorposten deutscher Kultur im Osten, noch die beiden 
Landstädte Radautz und Suczawa zu nennen. 

Land- und Forstwirtschaft. Trotz günstiger natürlicher Voraus- 
setzungen ist in Galizien und Bukowina das ganze Wirtschaftsleben 
in seiner Entfaltung weit hinter dem der westlichen Kronländer 
zurückgeblieben. Schuld daran sind nicht nur die große Unwissenheit 
und Dürftigkeit der Bevölkerung, sondern auch die primitive Betriebs- 
weise der maßgebenden Erwerbszweige und die ungleichen Besitz- 
verhältnisse. Mehr als der dritte Teil des Bodens ist im Besitze des 

4. 

S toi 8 er, Wirtschatts- und Verkehrsgenfrraiiliie d. europ. Staaten. 



— 50 — 

polnischen Adels, der Rest ist Parzellenwirtschaft, der mittlere und 
großbäuerliche Grundbesitz fehlt fast ganz. 

Ackerbau in Verbindung mit Viehzucht und Forstwirtschaft 
sind die wichtigsten Erwerbsquellen des Volkes. Die Erzeugnisse der 
Landwirtschaft übersteigen weitaus den örtlichen Bedarf, weshalb 
die österreichischen Karpathenländer die Agrarproduktion des indu- 
striellen Westens ergänzen müssen. Auf der podolischen Platte 
herrscht ein ausgedehnter Weizen- und Gerstenbau, in den gebirgigen 
Teilen aber ist der Roggen und Hafer vorherrschend. In der Buko- 
wina betreiben die Rumänen mit Erfolg Maisbau. 

In der Produktion von Kartoffeln, Hülsenfrüchten, Flachs und 
Hanf stehen diese Länder an erster Stelle. Aber auch Tabak. Hopfen 
und die Zuckerrübe gedeihen in großen Mengen. Der Obstbau ist 
außer der Gewinnung von Pflaumen für die Branntweinbrennerei 
vollständig vernachlässigt. Der Weinbau, ganz im Süden, ist von 
untergeordneter Bedeutung. Sehr reich sind die außerkarpathischen 
Länder an Wäldern. Sie bedecken in Galizien 25%, in der Buko- 
wina 43<' des Bodens, aber nirgends ist die Pflege und Ausbeutung 
des Waldes eine rationelle. Im ersteren Lande ist er auch sehr un- 
gleich verteilt. Der trockene, sandige Boden Westgaliziens ist wald- 
arm, dagegen bilden sechs ostgalizische Bezirke einen fast ununter- 
brochenen Waldgürtel. Das Hügelland und die podolische Platte 
sind hauptsächlich mit Laubholz bedeckt. Während die Wälder 
Galiziens zum überwiegenden Teile im Privatbesitz sind, gibt es in 
der Bukowina über 50^ o Staats- und Fondsforste *). Die Verwertung 
der Holzschätze erfolgt in zahlreichen Sägewerken, die Schnittholz. 
Eisenbahnschwellen und Faßdauben zur Ausfuhr liefern. 

Viehzucht. Die Viehzucht ist bei den zur Verfügung stehenden 
ausgedehnten Weideflächen sehr entwickelt, legt aber mehr auf große 
Menge als auf wertvolle Rassen Gewicht. Eine Ausnahme besteht 
nur in der gut entwickelten Pferdezucht. Das allgemein verbreitete 
langhörnige podolische Rind ist wohl als Zugtier brauchbar, aber 
wenig miichergiebig. Die Schaf-, Schweine- und Geflügelzucht ist 
überall reichlich vertreten. Die Jagd ist ohne wirtschaftliche Be- 
deutung, die Fischerei liefert in Flüssen und Teichen reiche Erträge. 

Mineralproduktion. In der Mineralproduktion hefert Galizien 
hauptsächlich Salz und Petroleum. Beide Produkte finden sich in 
unerschöpflichen Mengen im subkarpatbischen Hügellande. Die Aus- 



*) Der griechisch-orientalische Religionsfonds besitzt in der Bukowina 
227.000 ha Wälder. Ihm unterstehen 27 Forst- und Domänenverwaltungen. 
Diese Fondsforste werden von Holzindustriellen auf Grund niehi'jähriger Ab- 
stockungsverträge reichlich ausgenützt. 



— 51 — 

beute von Salz erfolgt in Wielicka und Bochnia, ferner in den 
Salinen von Drohobycz und Kaczj'ka (Bukowina). Petroleum findet 
sich in einer etwa 100 Im langen Zone von Neusandec bis in die 
Bukowina. Gegenwärtig sind zwei Erdölgebiete in Betrieb, das west- 
galizische (Krosno, Tarnava, Gorlice) und das viel ergiebigere ost- 
galizische in Tustanowice, Boryslaw, Schodnica und Drohob3^cz. Erd- 
wachs liefern Drohob3'-cz und Stanislau. 

Galizien ist erst seit 1883 in die Reihe der Petroleumprodiizenten getreten, 
allerdings in einem Zeitpunkte, als die Union und Rußland den ganzen Petroleum- 
handel beherrschten. Wegen der schlechten Verkehrsverhältnisse, der ungeregelten 
Besitzverhältnisse und unvollkommenen Betriebsweise entwickelte sich die galizisehe 
Erdölgewinnung nur langsam. Erst seit 1895 (Erbohrung des Jakobsschachtes in 
Schodnica) trat eine rasche Steigerung ein. Im Jahre 1911 betrug die Produktion 
14-U Mill. g. 

Von Wichtigkeit sind noch die Mineralschätze des Krakauer 
Hügellandes. Dort werden Steinkohle (Jaworzno, Siersza), Eisenerze, 
Blei und Zink gewonnen. 

Auch an Mineralquellen sind die karpathischen Außengebiete 
ziemlich reich. Die besuchtesten Bäder und Sommerfrischen sind: 
Zakopane, Krynica und Dorna Watra (Bukowina). 

Industrie. Die industrielle Tätigkeit beider Länder ist noch 
eine sehr geringe, sie vermag in keinem Zweige den Bedarf zu decken, 
ist indessen in den meisten Gattungen bereits vertreten. 

Am vielseitigsten ist die Gruppe der landwirtschaftlichen In- 
dustrien. Die Branntweinbrennerei, die 46^0 der österreichischen 
Produktion liefert, ist über das ganze außerkarpathische Gebiet, 
zumeist in Kleinbetrieben, verbreitet. Die Brauerei wird in Saybusch, 
Okocim und Lemberg, im ganzen mehr als 100 Anlagen betrieben. 
Auch die Zuckerfabrikation hat bereits festen Fuß gefaßt (Jaroslau, 
Czernowitz). Sehr leistungsfähig ist dagegen die Mühlenindustrie, 
die ihre Hauptsitze in Czernowitz, Kolomea, Brody, Przemysl und 
Sambor hat. Die Papier- und Holzstoff er zeugung zahlreicher 
Orte hängt mit dem Waldreichtum dieses Gebietes zusammen. Der 
im Lande gebaute Tabak wird in fünf ärarischeu Fabriken verar- 
beitet. Eisenwaren und Maschinen erzeugt hauptsächlich Krakau. 
Die chemische Industrie ist bereits an mehreren Orten (Krakau, 
Podgorze, Tarnow, Brody und Czernowitz) vertreten. Von der Textil- 
industrie ist die Verarbeitung der Schafwolle (Biala, Saybusch) 
und Baumwolle (Stanislau) gut entwickelt. 

Verkehr. Verhältnismäßig günstig sind die Verkehrszustände 
der österreichischen Karpathenländer. Die wichtigste Eisenbahnlinie 
nimmt folgenden Verlauf: 

Oderberg — Krakau — (Nordbahn) — Przem5^sl — Lemberg 

4* 



— 52 — 

(Karl-Ludwigsbahn, Zweiglinien über iJrody und Podwoloczyska 
nach Rußland) — Stanislau — Czernowitz — Suczawa (Lemberg- 
Czernowitz-Jassybahn). Ihre Fortsetzungen führen nach Rußland 
(Nowusielica) und Rumänien (Itzkany). 

Parallel mit dieser Hauptlinie verläuft die galizische Trans- 
versalbahn: Zwardon — Saybusch — Neusandec — Stryj — Stanislau — 
Husiatjni. 

Durch die fünf über die Karpathen führenden ungarisch-gali- 
zischen Verbindungsbahnen, die an die nördlichen Hauptbahnen an- 
schließen, wird ein wertvolles Verkehrsnetz gebildet. 

Der Wasserstraßenverkehr auf den galizische Flüssen ist 
ganz unentwickelt. Nur auf der Weichsel und dem Dnjestr wird 
etwas Schiffahrt und Holzflößerei betrieben. Von Krakau an die 
schlesische Grenze ist ein Kanal in Bau begriffen. 

Die Karpathen und das ungarische Becken. 

Bodengestalt. Die Osthälfte der Monarchie, das Königreich 
Ungarn, umfaßt ein Gebiet von großer Einheitlichkeit im Aufbau und 
einer weitgehenden natürlichen Abgeschlossenheit in der Umrandung. 
Ungarn ist eine gewaltige Beckenlandschaft, die von dem hufeisen- 
förmigen Gegirgsbogen der Karpathen umsäumt wird. 

Unterhalb Wiens beginnen die Karpathen bei der „Preßburger 
Pforte", wo die Donau zwischen Alpen und Karpathen durchbricht, 
und ziehen in einen nach Innen offenen Bogen weit gegen Osten 
ausholend zur unteren Donau, zum „Eisernen Tor". 

Die Karpathen sind ein junges Faltengebirge, das in geologischer Hinsicht 
mit den Alpen manche Ähnlichkeit aufweist. Die zonenweise Anordnung der 
Gebirgsketten ist nur an der Außenseite deutlich vorhanden, an der Innenseite ist 
die kristallinische Urgesteinszone eingesunken. Xur einzelne Stöcke sind davon 
übrig geblieben. Dafür treten mächtige vulkanische Erhebungen auf. In der Tal- 
bildung überwiegen die Quertäler, Längstalsysteme wie in den Alpen fehlen. Ihre 
Formen sind größtenteils sanft und weniger mannigfaltig als in den Alpen, da in 
der Eiszeit nur die höchsten Gipfel von Gletschern bedeckt waren. Auch jetzt reichen 
die Gipfel dei Karpathen nirgends in das Bereich des ewigen Schnees. Daher felilt 
ihnen nicht nur der Schmuck der Gletscher, sondern überhaupt die Großartigkeit 
und Formenfülle der alpinen Gebirgswelt. Xur das Gebiet der Hohen Tatra macht 
hievon eine Ausnahme. Die weite Entfernung vom Meere — in Obeiungarn liegen 
die meerfernsten Orte der Monarchie — verursacht auch die Rauheit des Klimas. 

In ihrer Gestalt zeigen die Karpathen eine deutliche Dreiteilung. 
Sie setzen sich aus dem oberungarischen Hochlande, den Waldkar- 
pathen und dem siebenbürgerischen Hochlande zusammen. 

Das oberungarische Hochland (Kleine- und W^eii3e Kar- 
pathen, Beskiden, Hohe Tatra, ungarisches Erzgebirge, Heg3'alja) ist 



— 53 — 

ein durch Brüche zerstückeltes, wegsames Gebirgsland, in das frucht- 
bare Senkungsfelder eingebettet sind. 

Der schönste Teil dieses Gebietes ist die formenreiche Hohe Tatra, die 
durcli die Wildheit ihrer schroffen Gipfel und die zahlreichen herrlichen Gebirgs- 
seen (Meeraugen) alpine Szenerien aufweist. Aus diesem Grunde sind in der Tatra 
zahlreiche Bäder und Sommerfrischen und herrseht dort ein lebhafter Fremden- 
verkehr. 

Die Waldkarpathen bestehen aus zwei Zonen dichtbewaldeter 
Rücken mit rundlichen Mittelgebirgsformen. Ihrer starken Bewaldung 
wegen sind sie zum großen Teile eine unwirtliche, menschenarme 
Wildnis. Über ihre Pässe (Lupkow-, Vereczke- und Körösmezöpaß) 
führen wichtige Eisenbahnen. 

Den östhchen Pfeiler bildet das siebenbürgische Hochland. 
Das Innere ist eine Beckenlandschaft, die durch tiefeingeschnittene 
Flüsse in ein welliges Hügelland von 500 — 600 m Höhe aufgelöst 
erscheint. 

Die Umrandung dieses sehr fruchtbaren Senkungfeldes erfolgt 
durch den Karpathenbogen (Ostkarpathen, Transsylvanische Alpen) 
und das Biharergebirge. Die Gebirgsränder Siebenbürgens werden 
von zahlreichen, zum Teil allerdings hochgelegenen Pässen (Stiol 
P. 1413 ni, Borgo P. 1230 m, G3'iraes P. 720m, Oitoz P. 846??;, Tömöser 
P. 1050 /H, Törzburger P. 1240 ??i, Roterturm P. 350 m, Vulkan P. 
1624 m, Teregova P. [Porta orientalis] 515 m) durchbrochen, daher 
ist die Abgeschlossenheit des Beckens im Innern keineswegs so 
groß als es den Anschein hat. 

Innerhalb des großen Karpathenbogens treten die letzten Aus- 
läufer der Alpen als iuselförmige Gebirge von mäßiger Höhe auf, 
wie das ungarische Mittelgebirge (Bakonj'^ald. Pills, Matra, Bükk), 
das die Grenzscheide zwischen dem ober- und niederungarischen 
Tieflande bildet. Auch in diesem treten solche Inselgebirge auf. 
Dazu gehören das Fünfkirchner Bergland (Kohle) und die zwischen 
Drau und Save liegenden Erhebungen. 

Das große Senkungsgebiet innerhalb des Karpathenbogens wird 
von der ober- und niederungarischen Tiefebene ausgefüllt. 

Die oberungarische Tiefebene (mittlere Erhebung 138 m) 
ist ein fruchtbares Schwemmland zu beiden Seiten der Donau. Sie 
reicht im Süden über den Neusiedler See (3 m tief, sumpfige Ufer) 
hinaus. 

An Größe und Bedeutung wird sie vom niederungarischen 
Tieflande übertroffen. Dieser ausgedehnte Schwemmlandboden 
(108 III hoch) mit seiner unerschöpflichen Fruclitbarkeit ist die eigent- 
liche Kornkammer der Monarchie. 



— 54 — 

In ihrem Aussehen zeigt die große ungarische Tiefebene bemer- 
kenswerte Unterschiede. Vom Mittelgebirge bis zur Donau ist sie 
ergiebiger Lößboden, der in sanfte Hügelwellen aufgelöst ist. Am Rande 
des Mittelgebirges liegt der Plattensee mit seinen malerischen Ufer- 
landschaften. Das Gebiet zwischen Donau und Theiß, das , ungarische 
Mesopotamien" ist im Norden ein fruchtbares Lößgebiet, geht dann 
aber in die große Kecskemeter Heide und in das Flugsandgebiet von 
Kleinkumanien mit Sümpfen, kleinen Seen und Dünen über. Den 
südlich.sten Teil bildet die fruchtbare Bäcska. Auch östlich von der 
Theiß treten noch ausgedehnte Flugsandgebiete auf (Heidukenland), 
den größten Teil nimmt aber das fruchtbare Alföld ein, dessen 
südlicher Teil, das Banat, gleich der Bacska von großer Fruchtbar- 
keit ist. 

Ein großer Teil der ungarischen Tiefebene ist wegen der Regenarmut im 
Sommer eine baumlose Grassteppe, Puszta genannt. Auf ihr tummeln sich große 
Herden halbwilder Pferde, langhörnige Steppenrinder, Schweine und Schafe. Aber 
das romantische Steppenleben des Czikos (Pferdehirten), der den Lasso schwin- 
gend auf wildem Rosse über die Ebene reitet, ist im Schwinden begriffen. Die 
Puszta wird immer mehr unter den Pflug genommen, das Weideland wird einge- 
schränkt, Straßen und Eisenbahnen durchziehen das früher nur von Herden belebte 
Grasland Auch die Flugsandgebiete mit ihren kleinen Xatronseen werden jetzt 
wirtschaftlich ausgenützt. Weite Strecken sind schon aufgeforstet oder erfolgreich 
mit Reben bepflanzt. Die Uferlandschaften der Donau und Theiß sind weithin 
mit Sümpfen und Auwäldern bedeckt, an der Theiß tritt an Stelle des Waldes 
vielfach das Schilfrohr auf. Scharen von Wasservögeln beleben die Ufer beider 
Ströme, die deshalb ein wahres Eldorado für Jäger sind. 

Flußnetz und Klima. Die Entwässerung des ungarischen Tief- 
landes erfolgt durch die große Stromader der Donau mit ihren 
zahlreichen Nebenflüssen (links: March, "VVaag, Neutra, Gran, Eipel, 
Theiß, Temas; rechts: Leitha, Raab, Drau, Save). Der Hauptstrom 
des niederungarischen Flachlandes ist aber die Theiß mit den aus 
dem siebenbürgischen Hochlande kommenden Flüssen (Szamos, 
Koros, Maros), die ein wegen ihrer Hochwässer für die Bewohner 
der Ebene gefährliches Stromsj'-stem bilden. Durch großzügig an- 
gelegte Uferschutz- und Dammbauten sucht man den Hochfluten zu 
begegnen. 

In einem 120 Am langen Durchbruchstale, dem „Eisernen Tor", 
verläßt die Donau die ungarische Ebene und die Monarchie. 

Die klimatische Beschaffenheit der Karpathen und des 
ungarischen Flachlandes ist durch ausgesprochen kontinentalen 
Charakter gekennzeichnet. Die Sommer sind heiß und trocken, die 
Winter extrem kalt. Die Temperaturextreme sind am größten im 
Osten (Siebenbürgen), im Süden mildern sie sich bedeutend. Die 
Niederschläge betragen nur 500 bis 600 ?>??« und setzen im Spätsommer 



und Herbste ganz aus, wodurch Dürre und der Steppencharakter 
des Tieflandes verursacht werden. 

Städtewesen. Auffallend groß ist im Karpathengebiete die 
Zahl der Städte, von denen aber nur zwei zu Großstädten sich 
entwickelten, die übrigen tragen vielfach dorfartigen Charakter, wie 
es anderseits in der ungarischen Ebene die größten Dorfsiedlungen 
mit bis zu 20.000 Bewohnern gibt. In Oberungarn sind die deutschen 
Gebirgsstädte Schemnitz (Selmeczbanya*) und Kremnitz (Körmöcz- 
hanya), ferner Eperjes, Kaschau (Kassa», Tokaj, Erlau (Eger), an 
der Donau liegen Preß bürg (Pozsouy), Komorn (Komaron\ Gran 
(Esztergom) und Weizen (Vacz). Westlich von der Donau sind 
Ödenburg (Sopron), Steinamanger (Szombathely), Raab (Györ), 
Papa, Stuhlweißenburg (Szekes-Fehervär), Kaposvär und Fünf- 
kirchen (Pecs). An der Donau, im natürlichen Mittelpunkte des 
Landes liegt Budapest (880.000 Einw.), die Hauptstadt und der 
Brennpunkt des nationalen und wirtschaftlichen Lebens der Magyaren. 
In der Ebene sind vor allem Kecskemet, Kalocsa, M. Theresiopel 
(Szabadka), Zombor, Neusatz (Ujvidek), im Gebiete der Theiß die 
Städte Munkacs, Marmaros-Sziget, Debreczen, Szolnok, Groß- 
wardein (Nagy Värad), Szegedin (Szeged 120.000 Einw.), Arad, 
Temesvar und W^erschetz (Versecz) zu nennen. Im Bereiche des 
siebenbürgischen Hochlandes sind folgende namhafte Städte: Klaus en- 
burg (Kolosvär), Maros Väsarhel}^ Mediasch (Medgyes), Schäß- 
burg (Segesvär), Hermannstadt (Nagy Szeben) und Kronstadt 
(Brasso). 

Das zum Staatsverbande Ungarns gehörige Kroatien- Slavonien 
ist weniger städtereich. Im Zwischenstromlande zwischen Drau und 
Save sind die Städte: Warasdin, Krapina-Teplitz, Esseg, Karlo- 
witz, Semlin, Sissek, Agram (Zagreb 80.000 Einw.), Karlstadt 
(Karlovac) und die königlich ungarische Stadt Fiume (45.000 Einw.) 
der Hafen Ungarns. 

Land- und Forstwirtschaft. Die natürliche Beschaffenheit des 
Landes, die große Fruchtbarkeit und die Vorliebe der Bewohner für 
den Landbau haben Ungarn zu einem Agrarstaate erster Ordnung 
geradezu prädestiniert. 

Der Ackerbau ist im ganzen Bereiche Ungarns in aufblühendem 
Zustande, er liefert mannigfache und reiche Erträge, trotzdem die 
Betriebsmethoden noch rückständig sind (Dreifelderwirtschaft). Auch 
sind die Besitzverhältnisse recht ungleiche. Fast ein Drittel des 
Bodens gehört den Magnaten und auch der zersplitterte Kleinbesitz 

*) Die ungarische Regierung hat durch ein Ortsnamengesetz die alten histo- 
rischen Städtenamen magyarisiert. 



— se- 
ist sehr verbreitet. Ungarn ist vor allem ein Land des Weizenbaues. 
Das Produkt der ungarischen Tiefebene gehört zum besten der Welt. 
Eine gewaltige Anbaufläche nimmt auch der Mais ein, nicht nur im 
Tieflande, sondern auch in Siebenl)ürgen und in Kroatien-Slavonien. 
Der Roggen wird mehr im gebirgigen Teile des Landes, aber auch 
im Alföld gebaut. Gerste, Hafer und Hülsenfrüchte erntet Ungarn 
in großer Menge im ganzen Lande: Hanf, Flachs, Zuckerrüben und 
Kartoffeln werden dagegen besonders in Oberungarn kultiviert. 
Bekannt ist Ungarn auch als Land des Tabakbaues. Im Alföld und 
am Plattensee sind die ausgedehntesten Pflanzungen. Die ungarische 
Produktion beträgtDreiviertel der Tabakerzeugung der Monarchie. Ganz 
unentwickelt bis auf wenige Gegenden ist der Obstbau. Der ungarische 
Bauer legt mehr auf große Menge als auf die Kultur von Edelobst 
Gewicht, In Kroatien-Slavonien hat der Pflaumenbau allgemeine 
Verbreitung gefunden (Slivowitz aus Sj'rmien). Besser steht es jetzt 
wieder mit dem Weinbau. Die durch die Reblaus angerichteten 
Verheerungen sind zum großen Teile wieder behoben und das jähr- 
liche Durchschnittserträgnis beläuft sich jetzt wieder auf 4 bis 
5 Mill. hl. Österreich ist hierin jetzt Ungarn bedeutend voraus, während 
früher das Gegenteil der Fall war, Weinbau wird im ganzen Lande, 
im Hügelland sowohl wie in der Ebene, betrieben. Die berühmtesten 
Weingegenden liegen um Tokaj, Erlau, am Neusiedler- und Platten- 
see, im Fünfkirchner Berglaude, im Hügellande zwischen Drau und 
Save, um Arad, in der Gegend von Werschetz und in Siebenbürgen 
an den Kokelflüsseu. 

Ausgedehnt vor allem im Bereiche der Karpathen ist noch die 
Waldbedeckung Ungarns, sie beträgt 28^70 der Bodenfläche, Früher 
wurden die Wälder nur der Jagd wegen gepflegt, jetzt herrscht aber 
fast überall schon geregelte Forstwirtschaft, zumal der ungarische 
Staat selbst große Forste besitzt*). Bemerkenswert ist der Umstand, 
daß 797o der ungarischen Wälder Laubwald (1/3 Eichen, Vs Buchen 
und anderes Laubholz) und nur 2lVo Nadelholz sind. Besonders 
Kroatien-Slavonien ist reich an schönen Eichenwaldungen, die allein 
im Jahre 30 Millionen Stück Faßdauben für den Export liefern. In 
der Tiefebene sind nur wenige Gebiete mit zusammenhängenden 
Wäldern bedeckt. Eine eigenartige Formation des Waldes sind die 
.Auwälder an den Ufern und auf den Inseln der Donau und Theiß. 



*) Die ausgedehntesten Staatsfoi'ste liegen in den Forstwirtschaftsbezirken 
Mannaros Szigeth. Bustin, Klausenburg, Mühlbach, Orsova und Neusohl. Große 
PrivaUvaldungen gehören zum allerhöchsten Familienbesilz (Gödöllö, Nytra, Preß- 
burg), dem Grafen Schönborn-Buchstein (Domäne Munkacä mit 106.700 A«), der 
österr. St.-E.-G. (Resicza) u. a. 



— 57 — 

Viehzucht. Als Land der Viehzucht ist Ungarn altberühmt. In 
der Art des Betriebes überwiegt noch immer die Massenzucht, obwohl 
auch die Rassenzucht nicht mehr unbekannt ist. An erster Stelle muß 
die Pferdezucht erwähnt werden, die einen besonders guten Ruf genießt. 
Schon in der Zeit der Türkenherrschaft ist im Lande für die Rassen- 
verbesserung des ausdauernden heimischen Schlages durch Kreuzungen 
mit arabischen Vollblutpferden viel geschehen und der ungarische Staat 
läßt auch jetzt der Pferdezucht besondere Sorgfalt angedeihen. Das 
leichte ungarische Pferd ist sehr leistungsfähig, es wird daher nicht 
nur als Wagenpferd, sondern auch in der Armee verwendet. Die 
langhörnigen Rinder sind gute Zugtiere und eignen sich auch zur 
Mast, sind aber wenig milchergiebig. In den Sumpfgebieten Süd- 
ungarns wird der Büffel gehalten. Die ausgedehnten Eichenwaldungen 
und der Maisbau begünstigen die massenhaft betriebene Schweine- 
zucht. Das wollhaarige ungarische Schwein zeichnet sich durch 
raschen und starken Fettansatz aus, liefert aber ein minderwertiges 
Fleisch. Die fortwährenden Seuchen haben die Schweinezucht stark 
geschädigt. Im Rückgang begriffen ist die Schafzucht. In der Züch- 
tung von Geflügel jeder Art wird Ungarn höchstens von Frankreich- 
erreicht. Die Zucht der Seidenraupe wird wieder mit großem Erfolge 
in Südungarn und Syrmien betrieben. Auch die Jagd (Hochwild, 
Sumpf- und Wassergeflügel) liefert ein gutes Erträgnis. An edlen 
Fischen sind nicht nur die Donau und die Theiß, sondern auch die 
Seen reich. 

Mineralproduktion. Eine rasch zunehmende Entwicklung hat 
auch der Bergbau aufzuweisen. Diesem Zweige der Produktion ist 
lange keine richtige Würdigung zuteil geworden, die letzten zwei 
Jahrzehnte erst brachten hierin eine Änderung. Wichtig war von 
jeher die Goldproduktion. Sie beträgt schon 3500 hg jährlich. Man 
gewinnt es im siebenbürgischen Erzgebirge, in Oberungarn (Schem- 
nitz und Kremnitz) und im mittleren Szamosgebiete. Die Silber- 
produktion rentiert sich wegen der Konkurrenz der überseeischen 
Minen immer weniger und ist daher in Rückgang begriffen. Dasselbe 
gilt auch von Blei und Kupfer. Dafür zeigt sich die Eisen- und Kohlen- 
gewinnung in raschem Aufschwünge begriffen. Die wichtigsten Eisen 
erzlager befinden sich im Komitate Hunj^ad (Vajda Hunyad, Ploczko), 
im Banatergebirge (Moravicza, Dognacska) und in Oberungarn (Gömörer, 
Rudnaer und Zipser Komitat). In der Kohlengewinnung vermag 
Ungarn seinen Bedarf trotz reichlichen Vorkommens noch nicht zu 
decken (zirka 4 Mill. q Ausfuhr, aber 18 Mill. q Einfuhr). Wie in 
Österreich tritt auch in Ungarn die Steinkohlengewinnung hinter der 
Braunkohlenausbeute zurück. Steinkohle wird nur in zwei Revieren 



— 58 — 

gefunden, im Banat (Ilesicza, Steierdorf — Anina) und im Fünfkirchner 
Berglande. Braunkohle dagegen wird an zaiilreichen Orten abge- 
baut (im Ödenburger Komitat, im Bakonywald, in den kroatisch- 
slavonischen Inselgebirgen, in Siebenbürgen (Petroseny) und in 
Oberungarn. Salz wird als Staatsmonopol in drei Gebieten ausge- 
beutet (Marosüjvär, Aknaslatina, Soovär bei Eperjes). 

Zahlreich sowohl in Ungarn als auch in Kroatien-Slavonien sind 
die Mineralquellen, die zum Entstehen besuchter Bäder Anlaß 
gaben. Die bekanntesten sind in Ungarn Pistyan, Trentschin-Teplitz, 
Herkulesbad bei Mehadia, Schmeks (Tatra Füred), in Kroatien- 
Slavonien Topusko, Lipik, Warasdin- und Krapiua-Teplitz u. a. 

Industrie. Ungarn war lange Zeit ein industriearmes, von 
Österreich und dem Auslande vollständig abhängiges Wirtschafts- 
gebiet. Auch in dieser Beziehung ist in den letzten Jahrzehnten 
vieles anders geworden. Die günstigsten Voraussetzungen finden im 
agrarischen Ungarn die verschiedenen Arten der landwirtschaftlichen 
Industrien. So ist die ungarische Dampfmühlenindustrie trotz der 
amerikanischen und deutschen Konkurrenz eine der ersten der Welt, 
die für den Export erstklassige Mahlprodukte liefert. Ihre Haupt- 
sitze sind: Budapest, Kecskemet Debreczin, Arad, Großwardein, 
Temesvar. in Kroatien-Slavonien Agram und Esseg. Die Brannt- 
weinbrennerei und Spiritusfabrikation wird nicht nur in zahlreichen 
Kleinbetrieben, sondern auch in vielen großen Unternehmungen be- 
trieben (Budapest, Raab, Groß-Kanizsa). Sehr im Rückstande 
geblieben ist dagegen die Bierbrauerei mit nicht ganz 2 Mill. hl 
Jahresproduktion *). Im oberungarischen Tiefiande ist die Rüben- 
zuckerindustrie der Komitate Ödenburg, Preßburg nnd Neutra in 
Aufschwung begriffen (1907: 22 Fabriken). Wie in Österreich wird 
auch in Ungarn die Tabakindustrie als Staatsmonopol betrieben. In 
11 ärarischen Fabriken wird zum größten Teil heimischer Tabak 
verarbeitet. Von der vielseitigen industriellen Holzverwertung sind 
die zahlreichen Sägewerke, die Möbel- und Parkettfabriken sowie die 
Erzeugung von Faßdauben, Holzstoff und Zellulose zu erwähnen. 
In der Textilindustrie sind zwar alle Zweige vertreten, im ganzen 
ist Ungarn auf diesem Gebiete aber noch stark von Österreich ab- 
hängig. Auch die keramische Industrie, die wie die Glasindustrie 
schon sehr alt ist, vermag den Bedarf in feineren Erzeugnissen noch 
lange nicht zu decken. Trotz des Reichtums au Eisen und Kohle ist 
auch die metallurgische Industrie noch wenig leistungsfähig mit 
Ausnahme des Waggonbaues und der Herstellung elektrischer 

*) Die größte Brauerei Ungarns befindet sieh in Steinbruch (Köbanya) bei 
Budapest. 



— 59 — 

Motoren. Flußschiffe werden in Budapest gebaut und in Fiume ist 
die Danubiuswerft in Ausgestaltung begriffen, so daß in Zukunft 
auf ihr auch die größten Handels- und Kriegsschiffe gebaut werden 
können. Die chemische Industrie ist in einigen Zweigen schon recht 
gut vertreten, so die Seifen- und Kerzenfabrikation (Budapest, Raab, 
Kaschau, Hermanstadt), Petroleumraffinerien, Starke- und Zündwaren- 
fabrikatiou, die Herstellung von Explosivstoffen (Preßburg), Kunst- 
dünger usw. 

Der eigentliche Mittelpunkt des industriellen Lebens in Ungarn 
ist Budapest. Als Hauptstadt und größter Verkehrsknotenpunkt 
des ungarischen Staates und als dessen erster Marktplatz (großer 
Rinder-, Schweine- und Getreidemarkt) konnte die rasch aufgeblühte 
Stadt sich auch zum Zentrum der Industrie entwickeln. Die wich- 
tigsten Industrien Budapests sind Dampfmühlenindustrie, Spiritus- 
und Biererzeugung, Leder- und Tabakindustrie, Textilindustrie, 
Eisengießerei, Maschinenbau, Schiffbau, elektrische Industrien und 
\Vaffenfabrikation. 

Auch das ungarische Fiume hat nebst seiner Geltung als See- 
hafen sich als ludustrieort mächtig entwickelt (Reisschäl- und Stärke- 
fabrikation, Leder- und Papierindustrie, Seilerei, Torpedofabrikation 
[Whitehead] und Schiffbau [Danubiuswerft]). 

Industriell ganz unentwickelt trotz fleißiger Bevölkerung und 
reicher Naturschätze ist Kroatien -Slavonien. Die ungarische 
Regierung hat ihre großzügige Industrieförderung auf diese Länder 
so gut wie gar nicht erstreckt — die Gründe hietur sind politischer 
Natur — was daher an Industrie vorhanden ist, ist auf private 
Unternehmungslust zurückzuführen. Am besten vertreten ist die 
Mühlenindustrie, Branntweinbrennerei, Tabakindustrie, Gerberei und 
die Glasindustrie. 

Verkehr. Die Verkehrszustände der ungarischen Länder sind 
sehr gute. Freilich hat man hier dem Straßenwesen weniger Pflege 
zugewendet als in anderen Ländern, zumal das Flachland die 
Anlage von Straßenzügen kostspielig macht, dafür hat das Eisen- 
bahnwesen eine umso intensivere Ausgestaltung erfahren. Von der 
Hauptstadt strahlen nach allen Richtungen wichtige Schienenwege 
aus, die wieder durch zahlreiche Neben- und Verbindungslinien 
verbunden sind. Die wichtigsten Eisenbahnlinien Ungarns sind: 

1. Budapest — Wien (über Waitzen — Marchegg oder Komorn 
bis Brück a. L.); 

2. Budapest^ — Graz (über Steinamanger); 

3. Budapest — Pragerhof (Südbahnlinie über Stuhlweißen- 
burg, Plattensee, Groß-Kanisza); 



— 60 — 

4. Budapest — Fiume (über Dombovar, Agram); 

5. Budapest — Brod (links der Donau: über Maria Tiieresiopel, 
Gombos, Dalja, Vinkovce, oder rechts der Donau: über Dombovar, 
Fünfkirchen, Esseg, Dalja); 

6. Semlin — Agram (Savotalbahn, über India, Vinkovce, Brod, 
Sissek); 

7. Budapest — Semlin (über Maria Theresiopel, Neusatz, Fort- 
setzung über Belgrad nach Konstautinopel, beziehungsweise Saloniki); 

8. Budapest — Orsova (über Czegled, Szegedin, Temesvar, 
Fortsetzung über Bukarest nach Konstanza); 

S.Budapest— Kronstadt (über Szolnok, Großwardein, Klausen- 
burg, Fortsetzung über Predeal nach Bukarest); 

10. Budapest — Premysl (über Miskolz, Lupkowpaß); 

11. die Kaschau — Oderbergerbahn (Fortsetzung über Breslau 
nach Berlin). 

Außer den Eisenbahnen hat Ungarn auch noch die Wasser- 
straßen der Donau, der Theiß, Drau und Save, sowie den Franzens-, 
Franz Josefs- und Begaschiffahrtskanal. 

Das gemeinsame Verwaltungsgebiet Bosnien und Hercegowina. 

Bodengestalt und Klima. Die im Jahie 1908 der Monarchie 
dauernd angegliederten früheren türkischen Provinzen Bosnien und 
Hercegowina stehen mit dem Karstgebiete im engsten Zusammen- 
hange. Welche Gebirge am Aufbaue dieser Länder beteiligt sind, 
wurde bereits (S. 36) erwähnt. 

Der gc-birgige Charakter, die reiche Bewaldung und die Binneu- 
lage dieses Gebietes bedingen das kontinentale Klima, das aber 
infolge der südlichen Breitenlage und der Nähe des Meeres im ganzen 
Lande milde mittlere Jahrestemperaturen zur Folge hat. Die Nieder- 
schläge sind reichlich (Bosnien 1030?«/», Hercegowina 1600/»/«). Im 
südwestlichen Bosnien und in der Hercegowina fallen besonders 
Winterregen, wodurch diese Gebiete bereits den Übergang zum 
Mediterranklima darstellen. 

Die Entwässerung beider Länder erfolgt zum größten Teil 
nordwärts zur Save (Una, Vrbas, Bosna, Driua) und durch die Narenta 
zur Adria. 

Städte. An städtischen Siedlungen ist das gemeinsame 
Verwaltungsgebiet nicht sehr reich. Sie zeigen noch alle orientalisches 
Gepräge neben Ansätzen zu moderner Entwicklung. So ist vor allem 
Sarajevo (Bosna Sarai) mit 52.000 Einw. eine moderne Stadt geworden. 
Auch Mostar an der Narenta hat größere Bedeutung erlangt. Außer- 



— 61 — 

dem verdienen noch Banjaluka, Donja-Tuzla, Brcka, Bjelina 
Travnik, Ilidze und Trebinje Erwähnung. 

Land- und Forstwirtschaft. Seit der Besetzung- dieser Länder 
durch unsere Monarchie ist eine bedeutsame Umwandlung aller 
Kultur- und Lebensverhältnisse vor sich gegangen. Durch zielbewußte 
Kulturarbeit und durch eine von großen Gesichtspunkten getragene 
Verwaltung wurde aus Bosnien- Hercegowina das bestentwickelte 
Gebiet im Südosten Europas geschaffen. Besonders segensvoll wurde 
die neue Herrschaft für das Wirtschaftsleben dieser Länder. Trotz 
des geringen Bildungsgrades der Bevölkerung zeigen sich auf allen 
Gebieten des Erwerbslebens die größten Fortschritte. 

Der größte Teil der Bevölkerung (887o) betreibt in herkömmlich 
primitiver Weise die Landwirtschaft, doch vermag der Getreidebau 
noch nicht den Bedarf des ohnehin nicht sehr dicht bevölkerten 
Landes zu decken. Die wichtigste Kulturpflanze ist der Mais, der 
die Hauptnahrung der Bevölkerung bildet. Aber auch Weizen, Gerste 
und Hafer nehmen schon weite Anbauflächen ein. Die Kartoffel, die 
jetzt viel gebaut wird, wurde erst zur Zeit der Okkupation dort- 
hin gebracht und war früher gänzlich unbekannt. Auf niederer 
Stufe steht auch noch der Obstbau. Nur die Pflaumenkultur (Slivowitz, 
bosnische Dörrpflaume*) hat längst schon volkswirtschaftliche 
Bedeutung erlangt. In der Hercegowina gedeihen bereits Südfrüchte, 
Zu den besten Erzeugnissen der bosnischen Landwirtschaft gehört 
der Tabak, der besonders in der Zigarettenfabrikation Verwendung 
findet und mit dessen Anbau sich zirka 21.000 Pflanzer befassen. 
Der Weinbau, der in der Zeit der Türkenherrschaft vollständig 
vernachlässigt worden war, wird jetzt in der Hercegowina wieder 
erfolgreich betrieben**). 

Einen großen Reichtum für Bosnien-Hercegowina stellen die 
ausgedehnten Waldungen dar, die noch die Hälfte der Bodenfläche 
bedecken. Da fast 807o des Waldes im Besitze des Staates sind, so 
war vom Anfang an eine rationelle Wirtschaft möglich. Die Wälder 
dieser Länder weisen eine sehr interessante Flora auf, sie zeigen 
mitteleuropäischen Mischwald und alpine Typen, in der Hercegowina 
die mediterrane Flora (immergrüne Gehölze, Buschformation) und 
daneben die poutische Waldformation, die durch verschiedene 
Eichenarten vertreten ist. Der Holzhandel und die Holzindustrie 
spielen bereits eine große Rolle. 

*) Aus Brcka, dem Mittelpunkte des bosnischen Pflaumenhandels, kommen in 
guten Jahren 3000 bis 3500 Waggons Pflaumen zur Ausfuhr. 

**) Seit 1888 besteht in Mostar eine Wein- und Obstbauschule mit 11 '7 ha 
Versuchsweingärten und 6'2 fia Obstfeldern. 



— 62 — 

Das größte Hemmnis für einen rascheren Aufschwung der Landwirtschaft 
in Bosnien-Hercegowina bildet die noch ungelöste Agrarfrage. Die Bauern sind 
meist Hörige (Knieten), die nicht nur dem Staate eine Steuer zu zahlen, sondern 
ihrem Gutsherrn (Beg', Aga, Spahija) die Tretina. d. i. ein Drittel des Bodenertrages 
abzuliefern haben. Gegenwärtig gibt es noch fast 80.000 solcher abhängiger Kmeten- 
familien, während über 20.000 seit dem Jahre 1879 bereits losgekauft wurden. Jetzt 
wird der freiwilligen Ablösung der Knieten von ihren Gutsherren wieder besondere 
Aufmerksamkeit zugewendet. Zur Hebung der landwirtschaftlichen Produktion 
wurden von der Regierung zahlreiche Musterwirtschaften und landwirtschaftliche 
Stationen ins Leben gerufen. 

Viehzucht. Große Fortschritte hat infolge der Beschaffung edlen 
Zuchtmaterials für Rinder und Pferde die Viehzucht aufzuweisen. 
Neben dem leistungsfähigen kleinen bosnischen Pferd ist im Tief- 
und Hügellande die Rinderzucht so erfolgreich, daß schon sehr viel 
Schlacht- und Zugvieh ausgeführt werden kann. Die grüßte Ver- 
breitung hat aber noch immer die Schaf- und Ziegenzucht. Auch die 
Geflügelzucht, Bienenzucht, Seidenzucht und Fischerei ist von Be- 
deutung. Die Jagd ist jetzt geregelt und liefert noch viel Raubwild. 

Mineralproduktion. Dem Bergbau undHüttenbetriebe wurde 
erst seit der Okkupation größere Aufmerksamkeit zugewendet. Er liefert 
drei Hauptprodukte: Kohle, Eisenerze und Salz. Die Kohlengewinnung 
beschränkt sich hauptsächlich auf Braunkohle, da die Steinkohle 
ganz fehlt. Große Kohlenbergwerke sind in Kreka bei Donja-Tuzia 
(ärarisch), Zenica, das Flöze bis zu 18 m Mächtigkeit aufweist, Kekanj- 
Doboj, in geringen Mengen auch bei Livno, Gacko und Mostar. 
Eisen wird um Vares („Vareser Eisenindustrie A.-G.'") gewonnen und 
kommt daselbst und in Zenica zur Verarbeitung. In geringeren 
Mengen kommen auch Manganerze, Blei und Kupfer zur Ausbeute. 
Salz findet sich in mächtigen Lagern um Donja-Tuzla, von wo die 
Sohle in Rohrleitungen nach den Salinenwerken in Siminhan und 
Kreka zur Erzeugung von Sudsalz gebracht wird. Berühmte 
Mineralquellen sind die arseneisenhältige Guberquelle bei Srebrenica 
(jährlich 300,000 Flaschen Export) und die Schwefelquellen von Ilidze. 

Industrie. Das gewei^bliche und großindustrielle Leben hat in 
Bosnien-Hercegowina seit der österreichischen Herrschaft einen großen 
Aufschwung zu verzeichnen. Uralt, aber vor der Okkupation voll- 
ständig verfallen, ist das einheimische bosnische Kunstgewerbe, 
das durch die Fürsorge der Landesregierung wieder zu neuem Leben 
erweckt wurde und jetzt in der Teppichweberei, Stickerei, Holz-, 
Metall- und Lederbearbeitung wieder Schönes leistet*). Aber auch 

*) Zur Wiederbelebung der alten Kunstg'ewerbe wurden 1892 die Kunst- 
gewerblichen Ateliers, eine ärarische Teppichweberei und eine Fachschule für 
Stickerei in Sarajevo gegründet. Diese Anstalten haben bereits die größten Erfolge 
aufzuweisen. 



— 63 — 

die bis dahin unbekannte Großindustrie hat im Lande bald Einzug 
gehalten und beschäftigt jetzt schon über 1 00.000 Menschen. Gut 
vertreten sind vor allem die landwirtschaftlichen Industrien, wie 
Spirituserzeugung und Branntweinbrennerei, die Tabakfabrikation 
(Fabriken in Serajevo, Mostar, Banjaluka und Travnik), ferner gibt 
es mehrere Brauereien, eine Zuckerfabrik, eine Petroleumraffinerie 
und große Unternehmungen für Holzverwertung*) im Lande. Bosnien 
hat auch eine bedeutende chemische Industrie. Der größte Teil der 
Industriegegenstände muß freilich noch eingeführt werden. 

Verkehr. Vielleicht auf keinem Gebiete ist ein so vollständiger 
Wandel der Verhältnisse eingetreten als im Verkehrswesen. Straßen 
für den Wagenverkehr gab es früher überhaupt nicht, während jetzt 
alle größeren Orte durch schöne Kunststraßen verbunden sind. Dazu 
kommen 1699 km meist schmalspurige Eisenbahnen. Die wichtigsten 
Linien sind: 

1. Doberlin — Banjaluka (normalspurig); 

2. Bosnisch-Brod — Serajevo — Mostar — Metkovic (mit Abzweigun- 
gen nach Gravosa und Zelenika) ; 

3. Serajevo — Uvac (bosnische Ostbahn, mit einer Abzweigung 
an die serbische Grenze nach Vardiste). 

Das Wirtschaftsleben. 
1. Die Wirtschaft in Österreich. 

Nach der Darlegung der natürlichen Beschaffenheit und der 
wirtschaftlichen Entwicklung der Einzellandschaften Österreich- 
Ungarns soll nun eine zusammenfassende Übersicht über die maß- 
gebenden Wirtschaftszweige in beiden Staatshälften, die tatsächlich 
selbständige Wirtschaftseinheiten darstellen, folgen. 

Berufsgliederung der Bevölkerung. Nach der Berufszählung 
vom Jahre 1900 beschäftigen sich in Österreich mit 
Land- und Forstwirtschaft . 8,206.000 Pers. = 52Vo d. Erwerbstätigen 
Bergbau und Industrie . .3,139.000 „ =27^/q „ „ 

Handel und Verkehr . . . 723.000 „ = lOVo „ 
Heer und Marine .... 229.000 „ = 2Vo » r 

Öffentl. Dienst u. freie Berufe 388.000 „ = 3% „ 



*) Die Holzindustrie beschäftigt fast ausschließlich fremde Arbeiter, wie 
Huzulen, Ruthenen und Italiener. Das größte Unternehmen ist die Bosnische Forst- 
industrie A.-G. Otto Steinbeis in Doberlin. Es hat große Sägewerke, 150 /.w eigene 
Waldbahnen und beschäftigt 7000 Arbeiter, Auch die Bosnische Holzindustrie Eißler 
und Ortlieb in Zavidovic hat 70 ^m eigene Bahnen, beschäftigt .3500 — 4500 Arbeiter 
und unterhält eine eigene deutsche Schule, 



~ 64 — 

Dienstboten 479.000 Pers. = 4% d. Erwerbstätigen 

Sonstige Erwerbszweige . . 313.000 „ = 2'Vo « 

Daraus ergibt sich, daß Österreich noch in überwiegendem 
Maße ein Agrarstaat ist, aber bereits im Begriffe steht, zum In- 
dustriestaat überzugehen. In den Sudetenländern und in Nieder- 
österreich ist dieser Schritt schon vollzogen, die Alpen- und Karst- 
länder sowie Galizien und Bukowina sind noch agrarisch. 

Die Urproduktion. Die Landwirtschaft findet in Österreich 
fast überall günstige Vorbedingungen. Zur Gunst des Klimas, das in 
allen Teilen des Kaiserstaates einen intensiven Landbau gestattet, 
kommt eine große natürliche Fruchtbarkeit des Bodens und fast 
überall auch eine rationelle Betriebsweise. Die verbesserte Dreifelder- 
und Fruchtwech Seiwirtschaft hat längst schon die ßrachwirtschaft 
verdrängt. Viel geschieht auch von Seiten des Staates für die För- 
derung der Landwirtschaft. 

In Wien besteht eine Hochschule für Bodenkultur, in allen Kronländern 
gibt es höhere und niedere landwirtschaftliche Schulen. Wanderlehrer sowie über 
2500 landwirtschaftliche Vereine wirken aufklärend beider bäuerlichen Bevölkerung. 
Zahlreiche Musterwirtschaften, Musterkellereien, Ausstellungen und Prämiierungen 
bezwecken die Hebung der heimischen Landwirtschaft, während Bodenkredit- 
anstalten und Raiffeisenkassen dem Kreditbedürfnisse des Landwirtes entgegen- 
kommen. Fördernd wirkt auf die Landwirtschaft auch die Schutzzollpolitik unserer 
Handelsverträge zugunsten der inländischen Agrarproduktion. 

Vorteilhaft ist auch die Ausnützung des kulturf ähigen 
Bodens. Es entfallen auf 

Acker- und Gartenland 37% 

Waldungen 33% 

Wiesen und Weiden . 240/0 
Weingärten OSVo 

Unproduktiv sind nur die Hochregionen der Alpen, sowie der 
größte Teil des Karstes, im ganzen nicht mehr als 67o c^ei* Boden- 
fläche. 

Die Agrarverhältnisse Österreichs ruhen schon aus dem Grunde 
auf einer volkswirtschaftlich gesunden Grundlage, weil die Besitz- 
verhältnisse gut geregelt sind. Es überwiegt der mittlere und 
kleine Besitz, große Bauerngüter sind besonders in den Alpen, 
während der Großgrundbesitz in Böhmen und in Galizien stark ver- 
treten ist. Österreich besitzt einen lebensfähigen und stellenweise 
wohlhabenden Bauernstand. 

Der wichtigste Zweig unserer Landwirtschaft ist der Getreide- 
bau, neben dem die Kultur des Weinstockes, der Anbau der Zucker- 
rübe und der Kartoffel sowie diq Forstwirtschaft noch von hervor- 



— 65 — 

ragender Wichtigkeit sind. Im Durchschnitte des Jahrzehntes 
1900 — 1910 sind die Erträgnisse des Bodenbaues ' bei den 
wichtigsten Produkten folgende : 

Weizen 16 Mill. q Mais 4 Mill. q 

Roggen 29 ^ q Kartoffel .... 140 „ q 

Gerste 17 „ q Tabak 60 „ q 

Hafer 24 ., q Wein G „ hl 

Trotz zunehmender Anbaufläche und gesteigerten Ernteerträg- 
nisses pro Hektar infolge arbeits- und kapitalsintensiven Betriebes 
vermag Österreich selbst in Jahren günstiger Ernte den inländischen 
Bedarf nicht mehr zu decken, Österreich ist seit Jahren schon 
ein Getreideimportstaat geworden. 

Bedeutend sind die Fortschritte, die in den verflossenen zwei 
Jahrzehnten auf dem Gebiete des Weinbaues gemacht wurden. Die 
Reblausschäden sind zum großen Teil wieder behoben. Österreich 
übertrifft jetzt Ungarn in der Weinproduktion, während früher das 
Gegenteil der Fall war. 

Der Anbau der Zuckerrübe, der sich auf die Sudetenländer 
und Westgalizien beschränkt, liefert so reiche Ergebnisse, daß die 
Rübenzuckerindustrie dieser Kronländer zur ersten Exportindustrie 
Österreichs sich entwickeln konnte. 

Auf die Wichtigkeit des Kartoffel baues wurde schon oben 
(Seite 50) hingewiesen. 

Dem Getreidebau ebenbürtig zur Seite steht unsere Forst- 
wirtschaft. Ihre Wichtigkeit erhellt schon aus dem Umstände, daß 
das Holz unter den Ausfuhrgegenständen unseres Zollgebietes die 
erste Stelle einnimmt. Nach Rußland und Schweden ist Österreich 
das waldreichste Land Europas. Besondere Sorgfalt läßt der Groß- 
grundbesitz dem Wald an gedeihen, während der bäuerliche Besitz 
keinen geordneten Forstbetrieb kennt. In Österreich sind 976 Mill. ha 
mit Wäldern bedeckt, wovon der größte Teil, 6-7 Mill. ha, Privat- 
wälder, über 1 Mill. ha Staatswald und der Rest im Besitze von 
Gemeinden und Genossenschaften ist. 

Der Reichtum an Wäldern gestattet Österreich, seine waldarmen 
Nachbarländer in ausgiebiger Weise mit Brenn- und Nutzholz zu 
versorgen. 

Große Aufmerksamkeit wurde in Österreich seit jeher der Vieh- 
zucht zugewandt. Sie ist in allen Teilen des Reiches verbreitet, wird 
aber nur im Westen als Rassenzucht betrieben, wo der Anbau von 
Futterkräutern und die Wiesenkultur am besten entwickelt ist. Im 
Osten herrscht die Massenzucht minderwertiger Rassen. Die Vieh- 
zählung im Jahre 1910 ergab folgendes Resultat: 

Stoiäor, Wirtschafts- und Verkehrsgcogvaphie d. ei:rop. Staaten. 5 



— 66 — 

Rinder 9,159.000 Esel, Maultiere. . . 73.000 

Schweine 6,431.000 Bienenkörbe. . . . 1,232.000 

Schafe 2,428.000 Geflügel 35,742.000 

Pferde 1,801.000 

Im Vergleiche zu früheren Jahren ist besonders die Rinder- und 
Schafzucht in Abnahme begriffen, wogegen die Schweine und Ge- 
flügelzucht erhebliche Fortschritte macht. Bei der raschen Zunahme 
der Bevölkerung vermag die heimische Viehzucht für den Inlands- 
bedarf nicht mehr aufzukommen, weshalb eine starke Fleischeinfuhr 
notwendig ist. Butter kann exportiert, Käse muß zum größten Teil 
eingeführt werden. Die Schafzucht wird wegen der überseeischen 
Konkurrenz immer weniger rentabel. Viel ist für die Veredlung der 
Pferde durch die Staatsgestüte in Lipizza, Kladrub und Radautz 
geschehen. 

Auch der Bergbau und das Hüttenwesen sind im Aufblühen. 
Wissenschaftlich findet dieser lebhafte Aufschwung Förderung durch 
die Geologische Reichsanstalt in Wien sowie durch d^e montanistischen 
Hochschulen in Leoben und Pfibram. Die Ergebnisse der Montan - 
Produktion im Jahre 1910 waren: 
Roheisen . . . 12-15 Mill. q Petroleum . . 1700 Mill. q 

Braunkohle . . 270-00 „ q Salz 4-00 „ q 

Steinkohle . . . 14000 „ q Quecksilber. . 5-03 Tausend 9 

Bei aller Vielseitigkeit der Mineralproduktion hat nur die 
Gewinnung von Eisen, Kohle, Petroleum, Salz und Quecksilber wirt- 
schaftliche Bedeutung. An Edelmetallen ist Österreich arm. Die 
schwierigen Verkehrs Verhältnisse, die räumliche Entfernung der 
Eisen- und Kohlenlager, sowie nicht zuletzt die überseeische Kon- 
kurrenz sind die Ursache, daß wir in der Mineralproduktion von 
zahlreichen anderen Staaten übertroffen werden. Der Wert der 
österreichischen Bergbauproduktion beläuft sich im Jahre auf etwa 
300 Mill. K, der der Hüttenproduktion auf 150 Mill. Ä'. 

Industrie. Aus der gewerblichen Regsamkeit der Alpen- und 
Sudetenländer, die schon am Beginne der Xeuzeit eine hohe Blüte 
erreicht hatte, entwickelte sich in Österreich im 19. Jahrhunderte 
eine moderne Großindustrie, die durch ihre Leistungsfähigkeit und 
Vielseitigkeit nicht nur den inländischen Markt zu befriedigen 
vermag, sondern auch mit Erfolg den Wettbewerb mit den maß- 
gebenden Zentren der Industrie in Europa aufgenommen hat. 

Die Ursachen der erfolgreichen industriellen Entfaltung Österreichs sind 
nicht nur in der reichen Ausstattung aller Kronländer mit Rohstoffen, in den gut 
entwickelten Verkehrsverhältnissen, der Kapitalskraft, der Intelligenz und dem 
Fleiße der Bewohner, sondern auch in einer modernen Gewerbegesetzgebung und 



-- 67 — 

ia den technischen Fortschritten auf allen Gebieten des Fabrikationswesen zu 
suchen. 

Die Rolle, welche die wichtigsten Industrien spielen, ist aus der 
folgenden Zusammenstellung nach der gewerblichen Betriebszählung 
vom Jahre 1902 zu ersehen: 



Gewerbeklasse 



Personen 



Bekleidungsindustrie | 397.000 

Textilindustrie 337.000 

Nahrungsindustrie 329.000 

Baugewerbe 309.000 

Metallindustrie 245.000 

Stein- und Glasindustrie 216.000 

Holzindustrie 192.000 

Maschinenindustrie 162.000 



Erzeugungsgewerbe zusammen 2,870.000 

Handels- und Verkehrsgewerbe zusammen 716.000 



Gesamtsumme . . j 3,586.000 

Der Schwerpunkt des industriellen Lebens liegt in den Sudeten- 
ländern, denen Niederösterreich und einige Teile der Alpenländer 
ebenbürtig zur Seite stehen. Der Süden und Osten des Staates ist 
industriearm. 

Den ersten Rang behauptet die Textilifudustrie, die in allen 
Zweigen vertreten ist. Die Baumwollin dustrie beschäftigt allein 
48 Mill. Spindeln, die 47o der Welternte an Baumwolle ver- 
spinnen. Die Verarbeitung von Wolle, Flachs und Hanf ist lange 
schon auf einer solchen Entwicklungsstufe angelangt, daß die heimi- 
schen Rohstoffe nur mehr einen geringen Teil des Bedarfes zu 
decken vermögen. Auch hat die österreichische Konfektion wegen 
des guten Geschmackes und der Solidität ihrer Erzeugnisse einen 
guten Ruf. Gewaltige wirtschaftliche Werte schafft auch die Eisen- 
und Metallindustrie, die trotz ihrer Leistungsfähigkeit im 
Maschinenbau und selbst im Schiffsbau vom Auslande noch nicht 
ganz unabhängig ist. Unsere keramische Industrie hat in einzelnen 
Zweigen, wie in der Porzellan- und Glasindustrie, Weltruf erlangt. 
Verhältnismäßig jung ist noch die chemische Industrie. Hierin 
ist noch eine starke Einfuhr notwendig. Dafür haben die landw^irt- 
schaftlichen Industrien umso größere Fortschritte aufzuweisen. 
Die Zucker-, Bier-, Spiritus- und die vom Staate monopolisierte 
Tabakfabrikation, sowie die Mühlenindustrie sind in jeder Hinsicht 
hervorragend und exportfähig. Aber auch die Industrien in Holz, 
Leder, Papier und die graphischen Gewerbe sind in zahlreichen 
leistungsfähigen Großbetrieben vertreten. 

5* 



— 68 — 

Alle Gebiete des Wirtschaftslebens in Österreich zeigen einen 
großen Aufschwung, doch ist weder die Landwirtschaft noch dio 
Industrio an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. 

2. Die Wirtschaft in Ungarn. 

Die Länder der ungarischen Krone stehen mit Österreich in 
einem engen staatsrechtlichen und wirtschaftlichen Verbände, gleich- 
wohl sind sie seit dem Jahre 1867 ein selbständiges Wirtschafts- 
gebiet, dessen ökonomische Entwicklung und wirtschaftliche Gesetz- 
gebung von Österreich unabhängig ist und oft in direktem Gegen- 
satze steht. Daher muß das Bild der Wirtschaft in Ungarn auch für 
sich betrachtet werden. 

Ungarn ist noch ein ausgesprochener Agrarstaat, der mit 
seinem reichen Ernteerträgnisse den fehlenden Bedarf an Brotfrüchten 
im industriereichen Westen ergänzt. Das zeigt auch die Beruf s- 
statistik. Es beschäftigten sich 1900 mit 

Land- und Forstwirtschaft 687o (1890 noch 72-5" o) 

Industrie und Gewerbe 13°/o 

Handel und Verkehr 5% 

Sonstige Berufe 9% der Erwerbstätigen. 

Die Urproduktion. Bei seiner großen natürlichen Fruchtbarkeit 
ist Ungarn eine der großen Kornkammern Europas. Das Kultur- 
land umfaßt: 427o Ackerland, 23% Wiesen und Weiden, 28» o Wald. 
Volkswirtschaftlich weniger vorteilhaft sind die Besitzverhältnisse, 
denn 3 P/o der Bodenfläche sind als Latifundien im Besitze der 
Kirche und der Magnaten. 

Der landwirtschaftliche Betrieb steht noch nicht überall auf ent- 
sprechender Höhe, gleichwohl übertrifft Ungarn in der Produktion 
von Weizen, Mais und Tabak Österreich um ein Bedeutendes. Das 
Durchschnittsergebnis der ungarischen Ernte von 1900 bis 1910 betrug 
Weizen ... 45 Mill. q Mais .... 42 Mill. q 

Roggen ... 13 „ r/ Kartoffel . . 43 „ g- 

Gerste ... 13 ^ q Tabak ... 700 „ q 

Hafer .... 11 ^ q Wein ... 6 ^ fd 

Sonach erntet Ungarn etwa viermal mehr Weizen und zehnmal 
mehr Mais und Tabak als Österreich, dagegen ist das österreichische 
Ernteergebnis in Roggen, Gerste, Hafer und besonders in Kartoffeln 
ein ungleich größeres. Der Getreidebau macht in Ungarn große 
Fortschritte und die Anbaufläche nimmt auf Kosten des Weide- 
landes zu. 

Eine schwere Krise ist über den ungarischen Weinbau herein- 



— 69 — 

gebrochen. Seit 1875 wurden mehr als TO'^o des alten ertragfähigen 
Weinlandes durch die Reblaus (Phylloxera vastatrix) zerstört. Der 
größte Teil dieser Weinplantagen ist bereits wieder hergestellt. 
Ungarweine werden besonders nach Österreich, Bosnien und in das 
Deutsehe Reich, in die Schweiz, nach Rußland und selbst in die 
Union ausgeführt. 

Auf den großen Waldreichtum Ungarns wurde bereits (S. 5 6) 
hingewiesen. Das gesamte Waldgebiet beträgt 9 Mill. ha, wovon der 
achte Teil Eigentum des Staates ist. Diese Staatswaldungen stellen 
einen Wert von 2 Milliarden K dar und bringen einen jährlichen 
Reingewinn von 10 Mill. K ein. Bemerkenswert ist in Ungarn der 
Rückgang des Laubwaldes, besonders der herrlichen Eichen- 
waldungen, wohl eine Folge der übermäßigen Ausnützung. Die 
Ausfuhr von hartem und weichem Sägeholz, sowie von Faßdauben- 
holz ist bedeutend. , 

Die Viehzucht ist in wenigen Ländern Europas von solcher 
Wichtigkeit wie in Ungarn. Schon im Mittelalter hatte Ungarn eine 
namhafte Ausfuhr von Rindern und auch jetzt bildet die Vieh- 
haltung eine Hauptstütze der Volkswirtschaft. Seit der Mitte des 
19. Jahrhunderts ist die Tierzucht in Ungarn aber in Rückgang be- 
griffen, der bis jetzt noch nicht zum Stillstande gekommen ist. Die 
Ursachen liegen in der Einschränkung des Weidelandes, im Auf- 
treten von Viehseuchen und in der übermäßigen Ausfuhr. Nach 
der im Jahre 1910 durchgeführten ungarischen Agrarstatistik betrug 
der Viehstand: 

Rinder 6-18 Mill. Schafe 764 Mill. 

Pferde 2-00 ,. Schweine 6-41 „ 

Esel, Maultiere . . . 028 „ Geflügel 32-00 , 

Bienenstöcke .... OST Mill. 

Die größte Abnahme zeigt die Zahl der Schweine (von 1895 bis 
1910 um über 2 Mill. d. i. um Vs) und der Pferde. 

Der berühmteste Zweig der ungarischen Tierzucht ist noch 
immer die Pferdezucht. 

Zu ihrer Hebung geschieht schon seit Kaiser Josef II. sehr viel. Es bestehen 
vier Staatsgestüte in Mezöhögyes, Kisber, Bäbolna und Fogaras. Der Pferdestand 
in diesen Gestüten beträgt über 5000. Die Opfer, die der ungarische Staat für die 
Pferdezucht brachte, verhalfen ihm zu einer großen Bedeutung auf diesem Gebiete. 
Neben dem hervorragenden Pferdehandel im Inlande, nimmt die Ausfuhr nach 
Italien, Frankreich, dem Deutschen Reiche und den Balkanländern von Jahr zu 
Jahr zu. 

Auch die Rinderzucht erfreut sich besonderer staatlicher 
Fürsorge. Die Viehmärkte von Torda. Szikszo, Marmaros Sziget, 



— 70 — 

Koros und Agram haben im Jahre einen Auftrieb von 20.000 bis 
40.000 Rindern und zählen zu den größten Europas. 

Im raschen Aufblühen ist seit 1880 in Südungarn die Seiden- 
raupenzucht. Es beschäftigen sich mit ihr etwa 3000 Gemeinden. 
Die Rohseide (2 Mill. hg Kokons) wird teils ausgeführt, teils im 
Lande versponnen. 

Über die Bedeutung des Bergbaues in Ungarn wurde bereits 
das Nötige gesagt (Seite 57 f.\ 

Die Industrie. Vor dem Jalire 18ß7 gab es in Ungarn so gut 
wie gar keine Industrie. Seit dem Ausgleiche mit Österreich setzte 
aber eine zielbewußte Industriepolitik ein. Zuerst wurde die boden- 
ständige Agrarindustrie, wie die Mühlen-, Spiritus- und Zucker- 
industrie gefördert und daneben gab es in den Städten ein altes 
Kleingewerbe. Die eigentliche systematische Industrieförderung geht 
in Ungarn, auf das Jahr 1881 zurück, machte dann in der Folgezeit 
große Fortschritte und wurde durch das Industrieförderungsgesetz 
vom Jahre 1907 besonders nachdrücklich in Angriff genommen. 
Seit dieser Zeit wurden zahlreiche industrielle Neugründungen 
durchgeführt. 

Xaeh dem erwähnten Gesetze vom Jahre 1907 genießen industrielle Neu- 
gründungen weitgehende Unterstützungen von Seiten des Staates, wie Steuer- und 
Gebührenfreiheit, Subventionen, Beteiligung des Staates. Begünstigung bei öffent- 
lichen Lieferungen usw. Diese staatliehen Unterstützungen können sieh auf eine 
Dauer von 15 Jahren erstrecken. Auch das gewerbliche Unterrichtswesen wurde 
neu geregelt. 

Die Folgen dieser Industrieförderung sind schon stark fühlbar. 
Nach der Gewerbestatistik des Jahres 1906 gab es in Ungarn bereits 
2726 Fabriken, die um 2 Milliarden Kronen Waren produzierten. 
Zu großer Leistungsfähigkeit brachten es besonders die landwirt- 
schaftlichen Industrien. Aber auch die Eisen- und Stahlwerke, die 
Maschinenindustrie, die Leder-, Holz-, Papier- und die keramische 
Industrie vermögen schon einen großen Teil des Bedarfes zu er- 
zeugen. Nur die Textilindustrie ist noch ganz unzureichend. 

Diese industrielle Entwicklung Ungarns M'ar möglich trotz der 
Ungunst der Arbeiterverhältnisse und den relativ hohen Produktions- 
kosten. Gegenwärtig ist Ungarn allerdings noch sehr von Österreich 
und vom Auslande abhängig. 

Das Verkehrswesen. 

Der Ausgestaltung eines den gesteigerten Bedürfnissen des 
modernen Wirtschaftslebens entsprechenden Verkehrswesens ist in 
beiden Staatshälften der Monarchie volle Aufmerksamkeit zugewendet 



! 



— 71 — 

worden. Die gebirgige Beschaffenheit des größten Teiles unseres 
Reiches setzt dem Verkehre viel größere Schwierigkeiten entgegen 
als im ebenen Nord- oder Osteuropa, trotzdem wurde Großes und 
Mustergiltiges geschaffen. 

Das Straßenwesen. In der Anlage von Kunststraßen hat 
besonders Österreich einen hohen Stand der Entwicklung aufzuweisen. 
Vor allem bilden die vom Staate angelegten und gepflegten Reichs- 
straßen ein stellenweise dichtes Netz von Verkehrswegen. Die Länge 
der Landstraßen beträgt in Österreich 120.000 A-?», in Ungarn 92.000 hn 
und in Bosnien-Hercegowina, wo es vor der Okkupation überhaupt 
keine Straßen gab, bereits 7000 km. Berühmt sind die herrlichen 
Kunststraßen in den Alpen, wie die Semmering-, Brenner-, Stilfserjoch- 
und Dolomitenstraße. Weniger entwickelt ist das Straßenwesen in den 
östlichen Kronländern. 

Die Eisenbahnen. Die Monarchie besitzt gegenwärtig ie.lOO km 
Schienenwege, wovon auf Österreich 22.700 A'???, auf Ungarn 20.200 A-?)i 
und auf das gemeinsame Verwaltungsgebiet 1669 Aw entfallen. 

Das Eisenbahnnetz Österreichs, daß in seinen Hauptzügen 
längst ausgebaut ist, gleicht einem grobmaschigen Fischernetz, denn 
die weitausholende Gestalt des Kaiserstaates von Dalmatien bis in 
die Bukowina verhindert eine derart zentrale Anlage wie in Ungarn. 
Daher kommen neben dem Hauptknotenpunkte Wien auch noch 
Brunn, Prag, Pilsen, Salzburg und Laibach als Kreuzungspunkte 
großer Schienenwege in Betracht. 

Anfangs wurden die österreichischen Bahnen als Staatsbahnen 
gebaut, gelangten dann in den Fünfziger- und Sechzigerjahreu des 
verflossenen Jahrhunderts fast alle in Privatbesitz und seit einigen 
Jahren sind alle wichtigeren Bahnen wieder im Staatsbetriebe. Von 
größeren Linien sind nur noch die Südbahn und die Graz — Köflacher- 
bahn, die Wien — Aspangbahn, die Aussig — Teplitzerbahn und die 
Buschtiehraderbahn im Besitze von Privatgesellschaften. 

In Österreich verlegte man sich bald nach dem Aufkommen der Dampf- 
bahnen auf die Anlage von Schienenwegen und unser Staat war auf dem Gebiete 
des Bahnwesens lange Zeit vorbildlich. Die erste große Bahn war die Kaiser- 
Ferdinands-Nordbahn, die auf der Strecke Wien — Lundenburg bereiis im Juni 1838 
in Betrieb gesetzt wurde. Im Jahre 1856 war Wien schon mit Krakau und Triest 
verbunden. Besonders lebhaft war die Bautätigkeit von 1871 bis 1874, damals 
wurden 7000^?/« neue Bahnen angelegt. Seit 1881 wurde die Idee der Staatsbahnen 
systematisch verwirklicht. In rascher Folge wurde die Verstaatlichung der 
wichtigen Bahnen durchgeführt. Große Projekte wurden in den Jahren 1904 bis 
1908 zur Ausführung gebracht: in diesem Zeiträume entstanden die Tauern-, 
Karawanken-. Wocheiner- und die Pyrhnbahn sowie mehrere Lokalbahnen. Seit 
1896 unterstehen die Staatsbahnen einem eigenen Eisenbahnministerium. In 



— 72 — 

Tarif- und Fahrplanfragen steht diesem Ministerium eine beratende Körperschaft 
von 50 Mitgliedern, der k. k. Staatseisenbahnrat, zur Seite. 

Das Kapital, das in den österreichischen Eisenbahnunternehmungen 
angelegt ist, beläuft sich auf 5 44 Milliarden Kronen. Die Verzinsung 
beträgt aber nur 34%. Die Einnahmen resultieren zu 75% aus dem 
Frachtenverkehr. 

Die Leistungsfähigkeit unserer Bahnen ist eine sehr große. Im 
Jahre 1910 wurden 228 Mill. Personen befördert und 133 Mill. Tonnen 
Güter bewältigt. 

Neben den Vollbahuen wurden von den einzelnen Kronländern 
noch zahlreiche Lokalbahnen gebaut, die teilweise schon zum 
elektrischen Betriebe übergegangen sind z. B. St. Polten— Maria-Zeil, 
Wien- Baden, Wien^ — Preßburg (noch im Bau). 

Das ungarische Eisenbahnnetz weist eine großartige 
Zentralisierung in seiner Anlage auf. Von Budapest strahlen 25 Haupt- 
liuien nach allen Richtungen aus, die durch zahlreiche Nebenlinien 
verbunden sind. So gleicht ihre Anordnung einem Spinnennetze. 
Schon seit 1889 sind alle wichtigen Bahnen im Besitze des Staates. 
Verkehrswichtige Privatbahneu sind die Kaschau — Oderbergerbahn, 
die Linien der Südbahn, die Arad— Csanader- und die Raab — Öden- 
burg — Ebenfurterbahn. Sehr stark sind in Ungarn die Lokalbahnen, 
im ganzen 10.000 A-m, vertreten. Sie wurden vielfach an Stelle von 
Straßen gebaut. Ein großer Teil wurde durch eine planlose Konzessions- 
wirtschaft ins Leben gerufen und ist ganz unrentabel. 

Die Bahnen Bosniens und der Hercegowina wurden als 
schmalspurige Militärbahnen angelegt und sollen jetzt ausgebaut 
werden. 

Die Wasserstraßen. Von untergeordneter Bedeutung ist in 
unserer Monarchie der Wasserstraßenverkehr. Als stark benützte 
Wasserwege kommen nur die Elbe und die Donau in Betracht. 

Die Elbe mit der Moldau entwässert als schiffbarer Fluß das 
wirtschaftlich hochentwickelte böhmische Becken, fließt dann durch 
eine reiche Kulturlandschaft des Deutschen Reiches und mündet 
unterhalb Hamburgs in die Nordsee. Sie ermöglicht daher den 
gewinnbringenden billigen Talverkehr in Massengütern. Ihre Ufer 
sind reguliert, die Schiffahrt leidet aber im Sommer häufig unter 
niedrigem Wasserstande und im Winter stockt sie etwa 2 Monate des 
Eises wegen. Die wichtigsten Häfen und Umschlagplätze sind Leit- 
meritz, Melnik, Laube, Schönpriesen und Aussig. Der gesamte Elbe- 
Moldauverkehr auf österreichischem Boden betrug 19u9: 38 Mill. q. 
Elbeabwärts werden Braunkohle, Holz, Glas, Zucker, Gerste, Obst, 
Bausteine usw. verfrachtet. Der Elbeimport dagegen umfaßt Roheisen, 



— 73 — 

Diingmittel, Baumwolle, Salz u. a. Daneben besteht auch ein sehr 
lebhafter Personenverkehr. 

Den Gütertransport besorgt die 1833 gegründete „Vereinigte 
Elbeschiffahrts-Gesellschaften Aktiengesellschaft'' mit 167 
Dampfern und 1063 Elbekähnen, während den Personenverkehr auf 
der Moldau die „Prager Moldau-Elbe-Dampfschiffahrts- Ge- 
sellschaft" mit 15 Dampfern betreibt. 

Weniger begünstigt ist der Verkehr auf der Donau, obschon 
sie in ihrem ganzen Laufe durch die Monarchie (1350 km) schiffbar 
ist. Die Schiffahrtshinderuisse wurden durch umfangreiche Regu- 
lierungsarbeiten beseitigt, doch beeinträchtigt der niedrige Wasser- 
stand im Herbste die Schiffahrt und im Winter ruht der Verkehr 
durch zwei Monate der starken Eisbildung wegen. Auch fließt die 
Donau, zumal in Ungarn, wo sie ein breiter Tieflandsstrom ist, auf 
weite Strecken durch kulturarme Uferlandschaften. Bei der Schiff- 
fahrt auf der Donau kommt fast nur der teure Bergverkehr, durch 
den Getreide, Vieh und landwirtschaftliche Produkte stromaufwärts 
verfrachtet werden, zur Geltung. Der Talverkehr in Massengütern 
als Rückfracht fehlt fast ganz. Die nautisch-technischen Einrichtungen 
der Donauhäfen in Linz, Korneuburg, Wien. Preßburg, Budapest, 
Neusatz und Semlin sind mustergiltig. Die Träger des Donauver- 
kehrs sind die „Erste k. k. priv. Donau-Dampf schiff ahrts- 
gesellschaft" mit 135 Dampfern und 856 Schleppern und die 
„Ungarische Fluß- und See-Dampfschiffahrtsgesellschaft" 
mit 48 Dampfern und 264 Schleppern. Der gesamte Donauverkehr 
erreicht in Österreich kaum 20 Mill. q, wogegen der Getreidever- 
kehr in Budapest allein rund 20 Mill. q aufweist. 

Die in die Donau mündenden Nebenflüsse werden in ihrem 
Unterlaufe auch von Dampfern befahren, wie die Save bis Sissek, 
die Drau bis Bares, die Theiß bis Szolnok. Ergänzt werden diese 
natürlichen Wasserwege noch durch den 118 hn langen Franzens- 
kanal zwischen Donau und Theiß und den davon zur Donau 
abzweigenden Franz Josefskanal. 

Österreich besitzt gar keine Schiffahrtskanäle und die projek- 
tierten künstlichen Wasserstraßen dürften kaum zur -Ausführung 
gelangen. 

Irii ganzen gibt es in der Monarchie 4400 km für Dampfer be- 
fahrbare Binnenwasserstraßen, davon sind 3100 km in Ungarn. 

Der Seeverkehr. Unsere reichgegliederte istrisch-dalmatinische 
Küste besitzt über 200 ausgezeichnete Hafenbuchten, deren Verkehrs- 
wert aber durch die schwierige Zugänglichkeit und geringe Produk- 
tivität des Hinterlandes beeinträchtigt wird. Für die Machtstellung 



— 74 — 

unserer Monarchie ist dieser Küstensaum doch von ungeheurer 
Wichtigkeit, weil er den Zugang zum Weltmeere darstellt. 

Der Wert dieser Küste erhellt nicht nur aus dem lebhaften 
istrisch-dalmatinischen Küstenverkehr, sondern auch daraus, 
daß durch den Anteil um Meere die ]\Ionarchie Seemacht geworden ist. 

Die österreichischen Häfen und Schiffahrtsgesellschaften. Für 
den Überseeverkehr sind nur Triest und Fiume wichtig, alle übrigen 
Häfen dienen nur dem Lokalverkehr. 

Triest, das Ausfallstor Österreichs zur See, hat eine vorteil- 
hafte geographische Lage in der nördlichsten Bucht der Adria, wo 
der Karst am leichtesten zu überschreiten ist. Durch zwei Haupt- 
schienenwege (Südbahn, Tauerubahu) ist es mit dem Hinterlande in 
guter Verbindung und gehört neben Genua und Marseille zu den 
größten Häfen des Mittelmeeres. 

Der Aufschwung Triests ist trotz mancherlei Übelstände erfolgt. Der Hafen 
ist ein Kunsthafen, der besonders der Bora ausgesetzt ist und nur, wenig Raum 
für die Ausbreitung der Stadt bietet. Genua und Fiume machen Triest heftige 
Konkurrenz. Auch gravitiert der größte Teil Österreichs nach Hamburg. Viel 
trugen zum Aufschwünge Triests die Eröfinung des Suezkanals, die Ausgestaltung 
des Freihafens, die Anlage des neuen Kaiser Franz Josef-Hafens und die Ein- 
führung von Differenzialzöllen für die wichtigsten Stapelartikel bei. Die technische 
Ausgestaltung des Hafens ist durchaus modern *). 

Das eigentliche Verkehrsgebiet von Triest ist von jeher das 
Ostbecken des Mittelmeeres, wozu jetzt immer mehr auch der 
Atlantische Ozean sowie Süd- und Ostasien kommen. Seiner Handels- 
bewegung zufolge ist Triest überwiegend Importhafen, es hat 
wenig internationalen Verkehr, nur 207o der Schiffe sind fremd, 
während in Genua 80*' ^ einer fremden Flagge' angehören. Die maß- 
gebenden Stapelartikel in der Einfuhr sind Kaffee, Baumwolle, 
Reis, Südfrüchte, Getreide, Felle und Häute, in der Ausfuhr Holz, 
Zucker, Spiritus, Papier und Glaswaren. 

Die Hafenfrequenz betrug 1910 23.G00 Schiffe mit 6i Mill. 
Reg.-Tonneu Ladung. Triest ist der Sitz zweier großer Schiffahrts- 
gesellschaften, des Österreichischen Lloyd und der Vereinigten 
Österreichischen Seeschiffahrtsgesellschaft (Austro-Ameri- 
cana). 

Der Lloyd wurde im Jahre 1836 gegründet und zählt jetzt zu 
den großen Schiffahrtsgesellschaften der Welt. Bis in die neueste 
Zeit war er der einzige Vermittler unseres Überseehandels. Ihm 

*) Nach Fertigstellung des Franz Josef-Hafens wird Triest 12 /m nutzbare 
Ufer haben (Hamburg 24-3 Im, Genua 8-4 l-m) und der Belegraum der Magazins- 
bauten wird künftig 510.000 ni^ nutzbare Belegfläche ausmachen (Hamburg 
500.000 nii). 



verdankt Triest einen großen Teil seines Aufschwunges. Er besitzt 
65 Dampfer mit 225.000 Reg.-Tonnen. Von der Regierung genießt 
er eine namhafte Subvention für die Beförderung der Post und die 
Aufrechterhaltung bestimmter Eillinien. Der Lloyd besorgt den 
Schiffahrtsdienst nach Dalmatien, Albanien, Griechenland, Konstan- 
tinopel, in das Schwarze Meer, nach Klein asien, SjTien, Ägpypten, 
Indien, Japan und Brasilien. 

DieVereinigteösterreichischeSeeschiffahrtsgesellschaft 
oder Austro-Americana unterhält regelmäßige Verbindungen mit 
der Union, Westindien, Brasilien und Argentinien. Sie betreibt haupt- 
sächlich den österreichischen und griechischen Auswanderersverkehr 
und bringt als Rückfracht Baumwolle, Getreide und Kaffee nach 
Triest. Diese Gesellschaft besteht seit 1884 und verfügt über 33 
Dampfer mit 150.000 Brutto-Tonnen, d. i. ein Drittel der Tonnage 
der ganzen österreichischen Handelsmarine. Sie besaß in der 
, Martha Washington" mit 8312 Reg.-Tonnen und 17-5 Seemeilen 
Geschwindigkeit den größten und schnellsten Dampfer unserer 
Handelsflotte, der von dem „Kaiser Franz Josef I." mit 11.500 
Brutto Tonnen, der seit Mai 1912 in Dienst gestellt ist, übertroffen 
wurde. 

Beide Gesellschaften bauen ihre Schiffe auf heimischen Werften. 
Die größten dieser Werftenunternehmungen sind das Stabi- 
limento Teenico Triestino, das Llo5'darsenal (zum größten 
Teil aufgelassen) und das Cantiere navale in Monfalcone. 

Außer Triest sind als Häfen noch Spalato, Zara, Gravosa, Pola, 
Sebenico, Lussinpiccolo und Cattaro zu nennen. Den dalmatinischen 
Küstenverkehr besorgen die Gesellschaften „Dalmatia", „Ragusea" 
und die Aktien-Gesellschaft ^Istria-Trieste", 

Kleinere Schiffahrtsgesellschaften von nur lokaler Bedeutung 
sind noch die Reederei Tripkovich, die Navigazione Generale 
Austriaca Gerolimich, die Navigazione Libera Triestina und 
die Reederei Marinovich. 

Insgesamt zählt die österreichische Handelsflotte 330 Dampfer 
mit 367.785 Reg. Tonnen. Die Zahl der Segelschiffe für weite Fahrt 
beträgt nur mehr vier. 

Ungarns Hafen und Schiffahrtsgesellschaften. Fiume, der 
einzige Hafen, der durch seine Einrichtungen und den Umfang 
seines Verkehres für das Wirtschaftsleben Ungarns von Bedeutung 
ist, weist in seiner Lage im Quarnero manche Ähnlichkeit mit Triest 
auf. Alsbald nach dem Ausgleiche mit Österreich ging die ungarische 
Regierung daran, den vollständig vernachlässigten Hafen auszu- 
gestalten, um den heimischen Seeverkehr zu beleben und von Triest 



— 76 — 

unabhängig zu machen. Das heutige Fiume ist ein Kunsthafen mit 
allen modernen Einrichtungen*) und direkt mit der Hauptstadt in 
Verbindung. Im Gegensatze zu Triest ist der ungarische Hafen 
hauptsächlich Transitplatz und Exporthafen. Die Hauptausfuhr- 
gegenstände sind Holz, Getreide und Mahlprodukte, Spiritus, Pferde, 
in der Einfuhr Reis, Petroleum, Kolonialwaren usw. Den lebhaften 
Auswandererverkehr besorgt die englische Cunard-Line. 

Als Konkarrenzhafen zu Triest hat Fiume große Fortschritte gemacht. Im 
Jahre 1871 war der Triester Seehandel noch 18mal größer als der Fiumes,. 1900 
kaum noch doppelt so groß. Von 1891 bis 1900 steigerte sich die Schiffszahl des 
österreichischen Hafens um 15"/y, der Tonnengehalt um 38'5'^' q, der Verkehr Fiumes 
dagegen um 98"/^, beziehungsweise 835%. 

Im Jahre 1910 betrug der Hafenverkehrs Fiumes über 5 Mili. 
Reg.-Tonnen. 

Di^. größte ungarische Seeschiffahrtsgesellschaft ist die Kgl- 
Ungarische Dampfschiffahrtsgesellschaft „Adria", die im 
Jahre 1882 gegründet wurde. Sie besitzt 33 Dampfer mit 70.000 Tonnen 
und unterhält Linien nach dem westlichen Mittelmeere, nach England 
und Nordamerika. An zweiter Stelle ist die Ungarisch-Kroatische 
Seeschiffahrts Aktiengesellschaft (Ungaro Croata) zu nennen. 
Sie besteht seit 1891 und hat 11 Dampfer. Ihre Schiffe verkehren 
an der dalmatinischen Küste, nach Triest, Venedig und Ancona. Eine 
dritte Gesellschaft wurde 1905 ins Leben gerufen. Es ist dies die 
Ungarische Levante-Seeschiffahrts-Aktiengesellschaft mit 
9 Dampfern für den Levante verkehr. Zur Belebung des Schiffsbaues 
wurde in Fiume die „Danubiuswerft" gegründet, die auch für den 
Bau von Kriegsschiffen ausgestaltet wurde. 

Außer Fiume sind im ungarischen Küstengebiete noch Porto Re, 
Selce, Novi, Zengg, Crkvenica, St. Giorgio, Stinizza, Jablauca und 
Carlopago als Hafenorte zu nennen. Für den Verkehr sind sie 
nahezu bedeutungslos. 

Die gesamte ungarische Handelsflotte zählt 116 Dampfer mit 
113.000 Tonnen. 

Post, Telegraph, Telephon, Funkentelegraphie. Österreich- 
Ungarn besitzt ein mustergiltig eingerichtetes Fostwesen. In 
Bosnien-Hercegowina wird der Postdienst seit der Okkupation noch 
von der Militärbehörde besorgt. Die Zahl der Postämter betrug 
1909 in Österreich 9323, in Ungarn 5089 und im gemeinsamen 



*) In der Zeit von 1871 bis 1905 wurden für den Ausbau der Hafenanlagen 
Fiumes 87 Mill. A' ausgegeben. Die Hafenkais haben eine Länge von 3 Im. Große 
Lagerhäuser mit den neuesten Ladevoriichtungen, ein eigener Petroleumhafen, 
ein großer Wellenbrecher, sowie 4 Moli erleichtern den Verkehr. 



Verwaltungsgebiet 105. An Briefsendungen wurden im gleichen 
Jahre in diesen drei Gebieten 21 Milliarden, beziehungsweise 806Mill. 
und 31 Mill. befördert. 

Österreich unterhält auch den Postverkehr im Fürstentume 
Liechtenstein und hat in der Türkei eigene Konsulatsposten. 

Das Telegraphenwesen stand ursprünglich im Dienste der 
Eisenbahnen, ist aber längst schon ein selbständiger Zweig des 
Verkehres geworden. Im Jahre 1909 hatte das Telegraphennetz eine 
Drahtlänge von 383.500/.;«. Die Zahl der beförderten Depeschen 
betrug in Österreich 20 Mill., in Ungarn 11 Mill. 

In der Entwicklung des Telephonbetriebes ist die Monarchie 
noch nicht auf entsprechender Höhe angelangt, sie w'ird hierin z. B. 
von Dänemark und der Schweiz übertroffen, obschon in den letzten 
Jahren Fortschritte zu verzeichnen sind. In Österreich gab es 1910: 
81.700, in Ungarn 44.600 Sprechstellen. 

Auch die drahtlose Telegraphie hat praktische Anwendung 
gefunden. Alle unsere größeren Überseedampfer sind verpflichtet, eine 
staatliche radiotelegraphische Station an Bord zu führen. Die wich- 
tigste festländische Station ist in Pola. 

Der Handel. 

1. Der Innenhandel. 

Das reich entwickelte Wirtschaftsleben der Monarchie äußert 
sich auch in einem lebhaften Handel im Inlande und über die 
Grenzen des Reiches hinaus. Über die Größe und den Umfang der 
Handelstätigkeit innerhalb der Grenzen des Staates gibt mit Aus- 
nahme für den Zwischenhandel mit Ungarn keine Statistik Aus- 
kunft, allein bei der Größe der Bevölkerung und dem gewaltigen 
Inlandsbedarf ist der Umsatz naturgemäß ein sehr großer. Im all- 
gemeinen spielt sich der Innenhandel dergestalt ab, daß von Osten 
nach Westen Nahrungsmittel und industrielle Rohstoffe geliefert 
werden, in entgegengesetzter Richtung aber Fabrikate jeder Art als 
Gegenwerte wanderu. Die Brennpunkte des Innenhandels sind vor 
allem die großen Städte als Hauptverbrauchsmärkte und Bezugs- 
orte wie Wien, Brunn, Krakau, Lemberg, Reichenberg, Prag, Pilsen, 
Linz und Triest. In Ungarn beherrscht Budapest den ganzen Handel 
des Landes. 

Die in früheren verkehrsarmen Zeiten charakteristischen Formen 
des Handels, der Wanderhandel, Märkte und Messen sind durch 
den modernen Geschäftsbetrieb zum größten Teil überflüssig 
geworden, für die Alpenländer, Galizien und Ungarn sind sie aber 



— 78 — 

noch unentbehrlich. Bekannt sind in dieser Hinsicht die großen 
Viehmärkte in den Alpen \ind in Ungarn, wo gleichzeitig auch 
Warenmärkte veranstaltet werden. 

Für den Großhandel und Geldverkehr sind die Börsen und 
Banken notwendige Einrichtungen. Auf dem internationalen Geld- 
markte spielt unsere Monarchie allerdings eine geringere Rolle als 
etwa England oder Frankreich, daher haben unsere Börsen und 
Geldinstitute zunächst für das Inland Wichtigkeit. Die maßgebenden 
Effektenbörsen sind die Wiener und die Budapester Börse, 
außerdem die Produktenbörsen in den beiden Hauptstädten des 
Reiches. Spezialbörsen gibt es noch in Triest für Kaffee, in Saaz 
für Hopfen, in Aussig eine Zucker-, Kohlen- und Frachtenbörse. 

Die Aufgabe der Banken ist die Vermittlung des Geld- und 
Kreditverkehrs. Unser größtes Geldinstitut ist die Österreichisch- 
Ungarische Bank, die das ausschließliche Recht auf die Ausgabe von 
Noten hat. Ihr größtes Verdienst ist die Wiederherstellung geord- 
neter Geldverhältnisse in der Monarchie. Außerdem sind noch die 
Wiener Großbanken, die Budapester Banken^ die Banken in Prag, 
Brunn, Lemberg und Triest zu nennen. Für das Kreditbedürfnis 
breiter Massen sorgen besonders die Sparkasssen und Vorschuß- 
kassen. Zu den wichtigsten Geldinstituten gehört auch die Post- 
sparkasse sowohl in Österreich als auch in Ungarn. Sie ist die 
Bank des kleinen Sparers. 

Der Förderung und Belebung des Innenhandels dienen auch 
die Handelskammern, deren es in Österreich 29 gibt. Sie sind eine 
Art volkswirtschaftliches Verwaltungsorgan. Auch Ungarn und Bos- 
nien-Hercegowina haben Handelskammern. 

Im Jahre 1901 riefen die österreichisclien Handelsliammern die Handels- 
politische Zentralstelle ins Leben. Dieses Amt sammelt handeis- und zollpoliti- 
sches Material und macht sich durch die Veröffentlichung statistischer Angaben, 
sowie durch wertvolle und exakte Auskünfte sehr verdient. 

2. Der Zwischenhandel mit Ungarn. 

Beide Staatshälften der Monarchie sind selbständige Wirtschafts- 
gebiete mit verschieden gearteten Produktionsverhältnissen. Bei 
dem Fehlen einer ZwischenzoUinie und einer natürlichen Abhän- 
gigkeit des industriellen Österreich von dem agrarischen Ungarn 
findet ein lebhafter Güteraustausch nach beiden Richtungen statt. 
Der Wert dieses Zwischenverkehrs mit Ungarn beträgt etwa ein 
Drittel des österreichischen Gesamthandels, während der unga- 
rische Handel zu V4 nach Österreich gerichtet ist. In der Ausfuhr 
Österreichs nach Ungarn überwiegen Textilwaren und die Erzeugnisse 



— 79 — 

der Wiener Konfektion, Modeartikel, Eisenwaren und Maschinen, 
Papier. Glaswaren und Zucker. Ungarn bezahlt diese Produkte mit 
den Erzeugnissen seines Landbaues. Der Gesamtumsatz dieses 
Zwischenhandels beläuft sich auf über 2 Milliarden K und ist für 
Österreich aktiv. 

3. Der Außenhandel. 

Zollgebiet und Handelspolitik. Das Zollgebiet der Monarchie 
umfaßt außer den beiden Staatshälften Österreich und Ungarn auch 
Bosnien-Hercegowina und das Fürstentum Liechtenstein. Die Gemein- 
den Jungholz und Mittelberg in Tirol-Voralberg gehören dem Zoll- 
verbande des Deutschen Reiches an. 

In der Handelspolitik ist man in der Monarchie nach man- 
cherlei Schwankungen seit dem autonomen Zolltarife des Jahres 1878 
zur schutzzöllnerischen Richtung übergegangen. In den Han- 
delsverträgen des Jahres 1882 wurde diese Richtung durch die 
Aufnahme agrarischer Schutzzölle erweitert und die im Jahre 1906 
abgeschlossenen und bis 1917 geltenden Handelsverträge zeigen die 
gleichen schutzzöllnerischen Grundsätze nur noch in gesteigertem 
Maße. 

Handelsgebiet und Gegenstände des Handels. Obwohl die 
österreichisch-ungarische Monarchie kein ausgesprochener Handelsstaat 
ist und am Welthandel nur mit 3% partizipiert, steht sie doch mit 
fast allen Ländern der Erde in Verkehr. Die geographische Lage 
unseres Reiches inmitten der großen Agrikulturgebiete im Osten 
und Südosten des Kontinentes und der Industriestaaten Westeuropas 
bringt es mit sich, daß unserem Außenhandel die Aufgabe zufällt, ost- 
wärts Erzeugnisse unseres Gewerbefleißes zu exjDortieren und dafür 
Rohstoffe und Nahrungsmittel einzuführen, nach dem Westen aber 
Rohstoffe abzugeben und von dort Industrieprodukte zu beziehen. 

Der Binnenlage unseres Staates wegen ist der Außenhandel 
überwiegend Landhandel, nur Ve ist Seehandel 

Eine Betrachtung der Gegenstände unseres Außenhandels zeigt, 
daß er immer mehr industriellen Charakter annimmt, zumal die Einfuhr 
von Getreide und tierischen Produkten immer größer wird. Sehr 
stark passiv ist vor allem der Handel mit Rohstoffen. Er wird nur 
zum Teil durch die Mehrausfuhr von Fabrikaten gedeckt. 

Unter den Gegenständen der Einfuhr sind dem Werte nach 
die wichtigsten: 

1. Baumwolle, um etwa 200—300 Mill. iC jährlich, d. i. 10% vom 
Werte der gesamten Einfuhr. Mehr als die Hälfte stammt aus den 
Vereinigten Staaten, der Rest aus Indien und Ägypten. 



— 80 — 

2. Steinkohle und Koks. Fast Vio werden aus dem Deutschen 
Reiche bezo<ren, der übrige Teil ist qualitativ hochwertige Schiffskohle 
(Admiralitätskühle) aus England. 

3. Wolle. Sie wird zumeist auf indirektem Wege aus Australien 
und Argentinien über Hamburg oder Antwerpen importiert. 

i. Unedle Metalle, besonders Kupfer, das vom Deutschen 
Reiche und der Union geliefert wird. 

5. Getreide in sehr wechselnder Menge, je nach dem Ernte- 
ausfall im Inlande. Unser größter Getreidelieferant ist Rumänien mit 
657o> dann folgen Rußland, Serbien und Argentinien. 

6. Felle und Häute werden in großer Menge aus Indien, 
Rußland und der Levante eingeführt. 

Sonstige wichtige Importgegenstände sind ferner Maschinen, 
Seide, Kolonialwaren, Woll- und Baumwollgarne, Schlachtvieh, Chemi- 
kalien usw. 

In der Ausfuhr sind die wichtigsten Handelsartikel dem 
Werte nach: 

1. Holz und Holzwaren, im Durchschnitte um 300 Mill. K 
jährlich, d. i. 11% der Gesamtausfuhr*). Mehr als die Hälfte geht 
nach dem Deutschen Reiche, sehr viel nach Italien und in den 
Orient. 

2. Zucker, 7 bis 8^ q des Außenhandels. Die Hälfte davon be- 
zieht England, das Übrige die Türkei, Schweiz und Indien. 

3. Baumwollwaren, nach den Balkanländern und für den 
Veredlungsverkehr in die Schweiz. 

4. Geflügeleicr, die fast alle nach Deutschland ausgeführt 
werden. 

5. Eisen- und Eisenwaren, für die Ausfuhr nach dem 
Deutschen Reiche, Italien, Rumänien und Rußland. 

6. Schlachtvieh, in hervorragender Qualität, aber in ab- 
nehmender Zahl, fast nur in die Schweiz und nach dem Deutschen 
Reiche, ferner Getreide, Konfektionswaren, Glas, Wollwaren, Papier,. 
Hopfen, Leinenwaren usw. hauptsächlich nach Deutschland und nach 
den Balkanländern. 

Ein Vergleich der Herkunfts- und Bestimmungsländer bei 
unserem Außenhandel ergibt, daß der größte Teil desselben mit dem 
Deutschen Reiche sich abspielt, denn 30% der Einfuhr stammen von 
dort und 40» o der Ausfuhr sind dorthin bestimmt. Mit 12 bis 60'o 
derEinfuhr sind Großbritannien, Rußland, Frankreich und die Schweiz 

*) Die Monarchie wird in der Holzausfuhr nur von der Union mit 400 Mill. K 
und Rußland mit 350 Mill. A' Holzexport übertroffen und von Schweden mit 
300 Mill. £: erreicht. 



I 



beteiligt, mit 95 bis 87o des Ausfuhrwertes Italien. Großbritannien 
und die Schweiz. 

Die Handelsbilanz. Das Ergebnis unseres Außenhandels hat 
sich seit dem Jahre 1907 gegen früher sehr verändert, unsere 
Handelsbilanz ist passiv geworden. In der Zeit von 1905 bis 
1910 nahm die Einfuhr um 32% zu, während die Ausfuhr nur eine 
Steigerung von 6% aufweist. 

Der Spezialhandel Österreich-Ungarns betrug in Mill. Kronen 





Einfuhr 


Ausfuhr 


Ergebnis 


1905 


2146 


2243 


+ 97 


1906 


2341 


2380 


+ 39 


1907 


2501 


2457 


— 44 


190S 


2391 


2255 


— 143 


1909 


2746 


2318 


— 427 


1910 


2 843 


2392 


— 451 



Die Ursachen für diese Verschlechterung der Handelsbilanz 
liegen in der zunehmenden Industrialisierung unseres Wirtschafts- 
gebietes, in der immer größer werdenden Getreideeinfuhr und in 
den Schwankungen des Wirtschaftslebens seit der Hochkonjunktur 
des Jahres 1907. Die ungünstige Handelsbilanz berechtigt durchaus 
nicht zu pessimistischen Urteilen, zumal alle Industriestaaten passive 
Bilanz des Außenhandels haben. 

Eine vorurteilslose Betrachtung der Lage unseres Reiches wird 
auf allen Gebieten des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens einen 
gesunden Entwicklungsprozeß und eine gesteigerte Anspannung aller 
Kräfte wahrnehmen können. Noch ist unser Vaterland lange nicht 
am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt. Pflicht seiner Bürger 
aber ist es, die noch brachliegenden geistigen und materiellen 
Schätze heben zu helfen. 



Liechtenstein. 

Das selbständige Fürstentum Liechtenstein, das zwischen Vor- 
arlberg und der Ostschweiz an den Ausläufern des Rätikon bis an 
den Rhein sich erstreckt, hat eine Größe von 15 9 hm- mit 10.000 
Einwohnern. Die durchgehends deutsche Bevölkerung dieses Länd- 
chens lebt in behaglichen wirtschaftlichen Verhältnissen und be- 
schäftigt sich mit Ackerbau, Obst- und Weiukultur sowie Alpenwirt- 
schaft. Auch wird etwas Baumwollindustrie und Maschinstickerei 
betrieben. Der Hauptort ist Vaduz mit 1200 Einwohnern. 



Stoiser, Wirfschafts- und Veikehisgeofiraphie d. euiop. Staaten. 



— 82 — 

Die Scliweiz^'). 

Die im Herzen Europas gelegene Bundesrepublik Schweiz hat 
einen Flächenraum von 41.000 Am- und wird von 3,765.000 Menschen 
bewohnt. 

Staat und Volk. 

Weltlage. Die Schweiz ist ein Alpenstaat mit ausgesprochener 
Binnenlage. Durch ihre Gebirgsnatur weist sie eine weitgehende 
natürliche Abgeschlossenheit auf; nur gegen das Deutsche Reich 
sind offene Grenzen. Die zentrale Lage inmitten von vier fest- 
ländischen Großmächten sichert dem kleinen Lande gleichwohl eine 
angesehene politische und wirtschaftliche Stellung. 

Verfassung. Die schweizerische Eidgenossenschaft ist unter 
den bestehenden Republiken der Welt die älteste (seit 1291). Völker- 
rechtliche Souveränität genießt sie seit dem Jahre 164 8. Die heutige 
eidgenössische Verfassung, die auf breitester demokratischer Grund- 
lage aufgebaut ist, stammt in ihren Hauptzügen aus dem Jahre 1848 
und wurde seither besonders im Sinne einer Verstärkung der 
Bundesgewalt wiederholt ergänzt. 

Die Schweiz besteht aus 25 selbständigen Staaten oder Kantonen, 
die nach außen hin eine Föderativrepublik bilden und eine gemein- 
same Bundesregierung besitzen. 

Bundesangelegenheit sind der diplomatische Verkehr mit dem Aus- 
lande, der Abschluß von Staatsverträgen, die Errichtung von Gesandtschaften, das 
Zollwesen, Maß und Gewichte, das Münzwesen, die Staatsbank, Post, Telegraphen 
und Eisenbahnen, das Militärwesen, die Fremden- und Grenzpolizei. Ferner besteht 
schon ein allgemeines bürgerliches Gesetzbuch, dem ein Strafgesetzbuch folgen wird. 

Den Kantonen obliegt die Gesetzgebung über Jagd und Fischerei, für das 
Kirchen-, Schul- und Gemeindewesen und die Rechtsprechung. 

Die Gemeinden besitzen eine ausgedehnte Selbstverwaltung. Die Stellen 
der Geistliclien, Lehrer, Richter und Geschworenen werden durch Volkswahl besetzt. 

Die oberste Gewalt der Eidgenossenschaft liegt bei den beiden 
gesetzgebenden Körpern, dem Ständerat (44 Mitglieder) und dem 
Nationalrat (169 Mitglieder). Beide bilden zusammen die Bundes- 
versammlung. Für besondere Fälle gibt es die allgemeine Volks- 
abstimmung, das „Eidgenössische Referendum". Die Exekutive 
besorgt der Bundesrat, der aus 7 Mitgliedern besteht. Die 
Amtsdauer des Präsidenten beträgt 1 Jahr. Der Sitz der Bundes- 
regierung ist Bern, des Bundesgerichtes Lausanne. 



*) Literatur: Forster, Die Schweiz, in Andree, Geogr. d. Welthandels. 
I. Bd. — Walser H., Landeskunde der Schweiz. Sammlung Göschen 398. — Spreng 
A., Wirtschaftsgeogr. der Schweiz. 2. Aufl. Bern 1909. 



— 83 — 

Musterg^iltig ausgestaltet ist das Wehrsystem der Schweiz. Es 
besteht kein stehendes Heer, sondern nur eine Volksmiliz. 

Jeder Schweizer Bürger ist welir- oder ersatzsteuerpfiichtig. Das Heer setzt 
sich aus 145.000 Mann Auszug (vom 20. bis 32. Altersjahre) und 90.000 Mann 
Landwehr (bis zum 40. Jahre) zusammen. Die Kommandogewalt ruht beim Bundes- 
rat, in Kriegszeiten wird ein General mit außerordentlicher Vollmacht ernannt. 

Bevölkerungsverhältnisse. Die kleine Schweiz ist ein Nationali- 
tätenstaat, denn auf ihrem Boden grenzen die Sprachgebiete dreier 
großer Nationen, der Deutschen, Franzosen und Italiener aneinander. 
Die Deutschen bewohnen 60% der Schweiz. Ihre Zahl beträgt 
2-6 Mill., d. i. 697o der Gesamtbevölkerung. Sie breiten sich im Norden 
und Osten des Landes bis tief in die Alpen aus. Die Franzosen 
zählen 796.000, d. i. 21% der Bewohner. Ihr Wohngebiet umfaßt 
die Westschweiz. Im Süden wohnen 301.000 Italiener = 8" o und 
die mit ihnen verwandten Rätoromanen. Die Sprachgrenzen ver- 
schieben sich nur wenig. Eine große Anzahl von Schweizern spricht 
mehrere Sprachen. Nationale Gegensätze fehlen fast ganz. 

Groß ist in der Schweiz die Zahl der Ausländer, sie macht schon Iö^/q 
der Gesamtbevölkerung aus und die Fremdenfrage wird für das Land immer 
wichtiger. Am stärksten sind die Deutschen und Italiener vertreten, die vornehm- 
lich aus wirtschaftliehen Gründen einwandern. Von jeher war die freie Schweiz 
auch eine Zufluchtsstätte politischer Flüchtlinge. * 

Trotz günstiger Wirtschafts Verhältnisse findet aus der Schweiz 
auch eine nicht unbedeutende Auswanderung statt, die zirka 
5000 Personen im Jahre beträgt. Sie gehen als Farmer in die Ver- 
einigten Staaten und nach Argentinien, als „Schweizer" (gelernte 
Sennen) auf die großen Rittergüter Deutschlands und Rußlands, sie 
stellen seit altersher die vatikanische Leibgarde (meist Oberwalliser) 
und als Hoteliers und Sprachlehrer trifft man sie in aller Welt. 

Nach Konfessionen scheidet sich die Bevölkerung in 56% 
Protestanten, 427o Katholiken, 12% Andersgläubige und 0'5% Juden. 
Im Jura und im Mittellande überwiegt die reformierte Kirche, die 
Alpenbevölkerung ist überwiegend katholisch. 

Die Volksbildung weist in der Schweiz, dem Lande Pesta- 
lozzis, eine Entwicklung auf, wie nur in den kultiviertesten Teilen 
Europas. Das Schulwesen ist mustergiltig. Die Schweiz besitzt eine 
eidgenössische technische Hochschule in Zürich sowie 6 Universitäten 
(Zürich, Basel, Bern, Genf, Lausanne, Freiburg), die wie die zahl- 
reichen Pensionate und Erziehungsinstitute internationalen Ruf ge- 
nießen und von Schülern aus aller Herren Länder besucht werden. 

Die Natur des Landes. 
Seinem Aufbaue nach setzt sich das Oberflächenbild der Schweiz 
aus drei ganz verschieden gearteten Erhebungssystemen zusammen. 

6* 



— 84 — 

Im Nordwesten ziehen sich die zahlreichen Parallelketten des Jura 
als Wasserscheide zwischen Rliein und Rhone hin. 

Mehr als die Hälfte der Bodenfläche bedecken die Alpen mit 
ihren Schneefeldern und Gletschern. 

Zwischen Alpen und Jura lie<,ft das Vorland oder Mittelland, 
eine hügelige Ebene, die durch die Alpenflüsse reich gegliedert ist. 
Auf diesem Gebiete drängt sich der größte Teil der Bevölkerung 
zusammen und hier herrscht das intensivste Wirtschaftsleben. 

1. Die Landschaft des Jura. 

Bodengestalt und Klinna. Der Jura zieht sich in einem 400 Am 
langen Bogen von der Rhone bei Genf bis zum Durchbruch der 
Aare bei Brugg. Im nordöstlichen Teile liegt er in der Schweiz. Da 
er gegen das Mittelland steil abfällt und gegen Frankreich hin ab- 
gedacht ist, erfolgt seine Entwässerung gegen Westen. Er ist ein 
Faltungsgebiet mit langgestreckten Falten. Das gebirgsbildende 
Gestein ist der Kalk. Die Täler und Hochflächen waren einst stark 
vergletschert. Erratische Blöcke und Moränenschutt erinnern an das 
Walten der Eiszeit. Im Landsehaftsbilde des Jura zeigt sich zwischen 
dem französischen und Schweizer Jura ein bemerkenswerter Unter- 
schied. Im Westen herrscht der Plateaucharakter mit steilen und 
engen Tälern vor. Der Schweizer Jura zeigt deutlich ausgebildete 
Ketten mit großem Formenreichtum und zahlreichen Quertälern 
(Klüsen). Anschließend an den Kettenjura ist ein Tafelland, das sich 
bis gegen den Rhein hin erstreckt und den größten Teil des Kantons 
Baselland umfaßt. 

Die wichtigsten Tallandschaften und Hochflächen des Jura, 
die gewissermaßen Oasen dichter Besiedlung darstellen und als 
Zentren der Industrie von Bedeutung sind, sind das Vallee de Joux, 
das Val de Travers, das Val-de-Ruz, die Hochfläche von La Chaux- 
de-Fonds, das Läugstal von St. Imier und das Münstertal. 

Klimatisch ist dieses Gebiet ziemlich rauh, die Winter sind 
schneereich und kalt, die jährlichen Niederschläge betragen über 
\ 00 cm. Die Oberfläche ist aber des Karstcharakters wegen wasserarm. 
Die Waldgrenze ist auf 1000 — 1700 m herabgedrückt. 

Erwerbstätigkeit. Die Bevölkerung des Jura ist überwiegend 
französisch. Wegen der geringen Ergiebigkeit des Bodens bildet die 
Vieh- und Waldwirtschaft den eigentlichen Erwerbszweig, daneben 
ist eine rege Industrietätigkeit emporgekommen. Die weltberühmte 
Schweizer Uhrenindustrie hat hier ihren Sitz. 

Siedlungen. An größeren städtischen Siedlungen ist der Jura 
nicht reich, dafür gibt es dort zahlreiche Industrieorte. Zu nennen 



I 



— 85 — 

wären St. Croix am Juraplateau (Uhrenindustrie, Steinschleiferei, 
Musikdosenfabrikation), Neuen bürg (Neuchätel mit 24.000 Einw.), 
La Chaux-de-Fonds (38.000 Einw.) und Le Loele (13.000 
Einw.), St. Imier, die Hauptsitze der Uhrenindustrie, ferner 
Biel (24.000) und am Rheinknie Basel (132.000 Einw.) in wich- 
tiger Verkehrslage, wo die aus dem Deutschen Reiche und aus 
Frankreich kommenden Verkehrswege sich kreuzen. Die Stadt ist 
berühmt durch den hohen Stand ihres Schulwesens, durch ihre 
Einrichtungen für soziale Fürsorge und als Industriestadt (Seide, 
Anilinwaren). 

Verkehr. Dem Verkehr setzt der Jura große Schwierigkeiten 
entgegen, gleichwohl führen acht Schienenwege darüber. Die wich- 
tigsten sind: 

1. Lausanne— Pontarlier — Paris. 

2. Neuenburg — Paris. 

3. Basel— Delsberg— Delle— Beifort. 

4. Basel — Oberlaufen — Schaffhausen — Konstanz. 

5. Basel — Ölten — Brugg — Zürich. 

2. Das Mittelland. 

Bodengestalt und Klima. Den weiten Raum zwischen Alpen 
und Jura erfüllt das alpine Vorland, das vom Genfer- bis zum 
Bodensee reicht. Seine Fläche beträgt 12.500 km- und erstreckt sich 
auf 15 Kantone. Die heutige Oberflächengestalt des Mittellandes 
wurde durch die Eiszeit geschaffen. Täler mit breiten Sohlen, lange 
Bergrücken und langgestreckte alpine Randseen sind die charak- 
teristischen Gebilde dieser aus Moränenmaterial aufgebauten Hoch- 
fläche. 

Im Landschaftsbilde und in seiner wirtschaftlichen Entwicklung 
zeigt das Mittelland in einzelnen Teilen große Unterschiede. Im 
Westen herrscht die Plateauform (Waadtländer und Freiburger 
Plateau), im mittleren und östlichen Teile ist welliges Hügelland. 

Die Entwässerung des ganzen Gebietes erfolgt durch die Aare 
und deren Nebenflüsse. Sie mündet in den Rhein, der vom Bodensee 
bis Basel die Ufer der Schweiz bespült. Bei Schaffhausen bildet er 
den berühmten Rheinfall. 

Infolge der geschützten Lage des Mittellandes zwischen zwei 
Gebirgssystemen ist das Klima verhältnismäßig mild. Die mittlere 
Jahrestemperatur beträgt 8 — 9", die Niederschläge, im Jahresmittel 
nicht ganz 100 cm, sind jahreszeitlich recht gleichmäßig verteilt. Die 
Winter sind schneereich. Oft lagert sich ein ausgedehntes Nebelmeer 
über die Täler des Vorlandes, während die winterlichen Höhen über 



— 86 — 

800 m klaren Himmel haben. Bezeichnend ist das Auftreten des Föhns 
im Vorlande der Alpen. 

Siedlungen. Weitaus der größte Teil der Bevölkerung des 
Mittellandes ist deutsch. In diesem Gebiete liegen auch die volks- 
reichsten und besuchtesten Städte der Schweiz. Im Westen ist Genf 
(123.000 Einw.) als Fremdenstadt, Sitz der größten Universität 
imd durch seine Uhrenfabrikation, Bijouteriewarenindustrie und seine 
Präzisionsmechanik berühmt. An den herrlichen Ufern des Genfer 
Sees ist eine Reihe berühmter Fremdenorte, wie Lausanne (Uni- 
versität, Bundesgericht), Vevey, Montreux, auf dem Freiburger 
Plateau ist Frei bürg (katholische Universität^ im Berner Mittel- 
lande liegt Bern (85.000 Einw.), der politische Mittelpunkt der 
Schweiz, der Standort einer Universität, der Bundesämter, des Welt- 
postvereins und der internationalen Telegraphen-Union. Am gleich- 
namigen See ist Thun (Artillerieplatz, Käsehandel), an der Aare 
Solothurn gelegen. Im reichen Emmentale sind als Mittelpunkte 
des Käsehandels Langnau, Sumiswald und nordwärts Huttwyl 
von Bedeutung. Ostwärts ist Luzern (39.000 Einw.) die Stadt des 
modernen Fremdenverkehrs und allen voran Zürich (190.000 Einw), 
die größte Stadt der Schweiz, der Hauptverkehrspunkt der Ostschw'eiz, 
ferner der Sitz einer Universität, der eidgenössischen technischen 
Hochschule und einer bedeutenden Industrie. Auch die Ostschweiz 
hat wichtige Städte, wie Winterthur (25.000 Einw.) mit vielseitiger 
Industrie, Einsiedeln (Seidenstickerei), Romanshorn (Uhren- und 
Aluminiumindustrie), Appenzell (Mittelpunkt der Handstickerei), 
endlich die Bodensoehäfeu Rorschach und Schaffhausen. 

Landwirtschaft und Viehzucht. Die W^irtschaftsbedingungen 
sind im ganzen Bereiche des Mittellandes glänzende. Die Ufer des 
Genfer Sees sind berühmt durch ihre Weinproduktion in den Land- 
schaften La Cote und La Vaux. Auch am Waadtlander Plateau gedeiht 
ein ausgezeichneter goldgelber Wein. Der Getreidebau ist im mittleren 
und westlichen Teil am ergiebigsten. Vor allem ist die Tallandschaft 
der Juraseen, das Seeland, die reichste Bauerngegend. Dort gedeihen 
Weizen, Roggen, Obst, Gemüse, Tabak, Mais und auch die Zucker- 
rübe. In der Ostschweiz ist der Thurgau reich an Mais, Obst und 
Wein. Überall im Mittellande wird bei reichen Niederschlägen dem 
Anbau von Futterpflanzen und der Wiesenkultur große Sorgfalt 
zugewendet. 

Den Stolz der Wirtschaft im Vorlande bildet die Viehzucht, 
die ausgesprochene Rassenzucht ist. Besonders schöne Schläge hat 
der Kanton Freiburg. Mustergiltig ist die Ausnützung der tierischen 
Produkte. Das Molkereiwesen, Käsefabrikation, die Herstellung von 



— 87 — 

kondensierter Milch, Milchschokoladen, Milchnährpräparaten ist einzig 
dastehend. 

Industrie. Im Mittellande ist auch der Schauplatz der ungemein 
leistungsfähigen Schweizer Industrie. Sie hat ihren Hauptsitz in 
der Ostschweiz, im Gebiete des entwickeltsten Verkehrs und der 
größten Bevölkerungsdichte. Die Mittelpunkte der Industrie sind 
Zürich, Winterthur und Schaffhausen. Ihre wichtigsten Zweige sind 
die Baumwollspinnerei und Weberei, die Seidenindustrie, Maschinen- 
und Handstickerei, die Maschinenfabrikation und Aluminiumerzeu- 
gung (Neuhausen). 

Verkehr. Die wichtigsten Eisenbahnlinien des Mittellandes sind: 

1. Arlberg — Zürich — Basel. 

2. Stuttgart — Zürich — St. Gotthard— Mailand. 

3. Basel — Ölten — Aarburg — Luzern— Goldau(Göschenen— Chiasso 
— Mailand). 

4. Bodensee (Rorschach- oder Romanshorn) — Winterthur — 

Zürich — 01ten< .^ ^ 

\Bern — Genf. 

3. Die Alpen. 

Bodengestalt. Die Schweizer Alpen, die den größten Teil des 
Landes mit ihren gewaltigen Massen erfüllen, sind der höchste und 
schönste Abschnitt dieses Gebirges überhaupt. Durch eine große 
Längstalfurche von Martigny — Rhone — Furka Paß — Urserental — 
Oberalp Paß -Rhein bis Chur werden sie in zwei Zonen, die Nord- 
und Südalpen gegliedert. 

Die Nordalpeu bilden bis zur Reuß die Gruppe der Bern er 
Alpen, das landschaftlich schönste Gebiet der Schweiz, mit Höhen 
von über 4000 m (Jungfrau, Finsteraarhorn, Aletschhorn) und den 
größten Gletschern. Das vorgelagerte breite Talsystem der Aare ist 
das Berner Oberland mit dem Thuner- und Brienzer See und 
berühmten Fremdenorten. 

Ostwärts erstrecken sich zwischen Reuß und Rhein die Gl am er 
Alpen und deren Ausläufer mit dem Säntis*). 

Im seenreichen Vorlande der Glarner Alpen erheben sich in 
der Umgebung des Vierwaldstättersees die bekannten Aussichts- 
punkte Rigi, Pilatus, das Stanser Hörn und der Bürgenstock. 

Südlich der großen Längstalzone zeigt das Schweizer Alpenland 
eine gesteigerte Massenerhebung. Vom Massive des Mont Blanc 
(4810 ni) erstrecken sich in östlicher Richtung die Walliser Alpen 

*) Auf dem Säntis ist die höchste meteorologische Gipfelstation Europas in 
2.'304 m Höhe. 



— 88 — 

mit dem Monte Rosa (4G38 m) und der Steilpyramide des Matter- 
horns. Dem Hauptkammo ist gegen das Rhonetal hin eine Reihe 
von Querzügen mit 16 bewohnten Seiteutälern vorgelagert, die den 
Kanton Wallis bilden, der durch seine strenge Abgeschlossenheit 
auffällt. Über diese Gruppe führen zwei sehr verkehrsreiche Pässe, 
der Große St. Bernhard und der Simplon. 

Die Fortsetzung bilden die Lepontinischen- und die Grau- 
bündneralpen, die die Kantone Tessin und Graubünden umfassen. 
In der ersteren Gruppe ist das Massiv des St. Gotthard mit dem 
Passe der wichtigste Teil. Die Graubündner Alpen sind das Einzugs- 
gebiet des Rheines und des Inn (Engadin), der die Berninagruppe 
vom Hauptkamme trennt. 

Die Alpen verdanken ihren landseliaftlichen Reiz besonders den Gletschern, 
Seen und Flüssen. Die mächtigen Eisströme der Gletscher, die zahlreiche Fremde 
anlocken, sind im Gebiete des Finsteraarhorns und des Monte Rosa am großartigsten 
entwickelt. Der größte ist der Aletschgletscher mit 130 /■ «i^ Fläche. Wirtschaftlich sind 
sie dadurch wichtig, daß sie große Wassermassen für den Sommer aufspeichern. 

Ungemein reich ist die Schweiz an Seen, deren schöne Uferlandschaften 
viel besucht sind und die von Städten und Ortschaften umsäumt werden. Auf allen 
grolien Seen herrscht regelmäßiger Dampfschiffverkehr. 

Nach Schweden ist die Schweiz das wasserreichste Land Europas. Tau- 
sende von Bächen mit großem Gefälle und starker Sehuttführung strömen in das 
Vorland hinaus. Ungeheure Wasserkraft ist in diesen Alpenflüssen aufgespeichert. 
Die stete Überschwemmungsgefahr machte zahh-eiohe Uferkorrektionen und Schutz- 
bauten notwendig (Jurawässer- und Rheinkorrektiou). 

Klima. Die Schweizer Alpen sind eine große Klima- und 
Wetterscheide, an beiden Seiten des Gebirges herrscht häufig 
entgegengesetztes Wetter. Das alpine Klima ist besonders durch die 
starke Temperaturabnahme und den Niederschlagsreichtum 
ausgezeichnet. Im Norden überwiegen die Sommerregen, im Süden 
die Frühjahrs- und Herbstregeu. Unter den Luftströmungen sind 
die Süd- und Westwinde am häufigsten, in den nördlichen Alpen- 
tälern tritt der Föhn auf. Infolge seiner erwärmenden Wirkung 
gedeihen selbst in den nördlichen Alpentälern der Weinstock, die 
Edelkastanie, Mais und Obst. Das mildeste Klima zeigen die wind- 
geschützten Becken des Lugano- und Langensees. Dort herrscht 
eine milde Temperatur, die Niederschläge (150 — 200 cm) sind reich- 
lich und es breitet sich eine südliche Vegetation aus. Die Edel- 
kastanie kommt bis in Höhen von 1000 m vor; an den Seeufern 
gedeihen Oliven, Agaven, Mais, Wein, der Maulbeerbaum und Tabak. 

Ein gesundes Klima zeigen besonders die sonnigen Hochtäler 
von Davos und Arosa. 

Siedlungen. Die Bevölkerung des Alpengebietes beträgt etwa 
V4Mill. und gehört zur Hälfte dem deutschen Stamme an. Im Tale 



— 89 — 

Überwiegt die Dorf Siedlung-, größere Städte außer den Fremden- 
verkehrsorten fehlen. Zu nennen sind in Wallis Sitten (Sion), Leuk 
und Leukerbad, Zermatt und Brieg. Im Berner Oberland genießen 
die Fremdenverkehrsorte Interlaken, Grindelwald und Meiringen 
internationalen Ruf. Am Nordfuße des St. Gotthard liegt Göschenen, 
im Tessin sind Bellinzona, Locarno und Lugano, der besuchteste 
Ort der italienischen Schweiz, zu nennen. In Graubünden liegen Chur, 
die Höhenkurorte Davos und Arosa, Thusis und die Fremden- 
orte im oberen Engadin, St. Moritz, Samadeu, Silvaplana, Sils 
und Pontresina. 

Produktionsverhältnisse. In den Alpenkantonen herrscht die 
Alpenwirtschaft mit wechselnder Berg- und Talnutzung. Auf den 
Hochweiden mit ihren würzigen Kräutern werden edle Rinderrassen 
gezüchtet und wird in mustergiltiger Weise Milchwirtschaft be- 
trieben. Der Ackerbau und die Forstwirtschaft treten zurück. In den 
vom Föhn bestrichenen nördlichen Alpentälern ist der Obst- und 
Weinbau sehr lohnend. Trotz reicher Wasserkräfte ist die Industrie 
im eigentlichen Alpenanteile mit Ausnahme großer elektrischer Kraft- 
anlagen nur schwach vertreten. Nur Glarus hat Weiß- und Woll- 
weberei. Reichen Ersatz bringt dafür der stai'k entwickelte Fremden- 
verkehr. Besondere Anziehungskraft zeigen das Berner Oberland, 
die üferlandschaften des Vierwaldstättersees, das obere Engadin und 
die Seegebiete im Tessin. 

Verkehr. Bewunderungswürdig ist das Verkehrswesen in den 
Schweizer Alpen. Schöne Kunst Straßen führen über die höchstgele- 
genen Bergpässe. 

Dazu kommen die berühmten Alpenbahnen: 

1. Die Simplonbahn, Genf — Brieg — Domodossola— Mailand. 
Sie hat einen Tunnel mit Doppelstollen von 20 km Länge. Der Betrieb 
ist elektrisch. Sie ist seit 1906 eröffnet und dient besonders dem 
Personenverkehr. 

2. Die Gotthardbahn, mit lohn langem Tunnel. Zürich— 
Göschenen — Chiasso— Mailand. Sie ist seit 1832 in Betrieb. 

3.Die Lötschbergbahn. im Ausbau begriffen, mit eineml5"6 /^m. 
langen Tunnel, wird eine sehr wichtige Zufahrtslinie zur Simplon- 
bahn sein. 

4. Die Albulabahn. die bisher nur Touristenbahn ist und 
südwärts fortgesetzt werden soll. 

5. Projektiert ist in der Ostsehweiz die Splügenb ahn. 

Außer diesen großen Schienenwegen gibt es noch eine Anzahl 
kleinerer Touristenbahnen und die interessanten Bergbahnen^ 
wie die 



— 90 — 

1. Jungfraubahn, die höchste Bahn Europas (Station Jung- 
fraujoch 34Ö7 m); 

2. Gornergratbahn 3136//*; 

3. Die Stanserhornbahn; 4. Mürrenbahn; 5. die Pilatus- 
bahn; 6. die Rigibahn, 

Die meisten dieser Bahnen haben elektrischen Betrieb. 

Das Wirtschaftsleben. 

Trotz der Kleinheit des Staates weist das Wirtschaftsleben der 
Schweiz eine große Mannigfaltigkeit auf. Die Gebirgsnatur des Lan- 
des, die Armut an Bodenschätzen und die verhältnismäßig hohen 
Transportkosten setzten der Entfaltung der Wirtschaftskräfte große 
Hindernisse entgegen, aber der Fleiß und die Ausdauer des Volkes, 
verbunden mit einer hohen Bildungsstufe, haben in der Schweiz 
eine blühende Landwirtschaft und eine leistungsfähige Export- 
industrie in das Leben gerufen, die Bewunderung verdient. 

Berufsgliederung der Bevölkerung. Nach der Zählung des 
Jahres 1900 beschäftigten sich von der Schweizer Bevölkerung. 
41"7*'/o mit Industrie 
13-6% « Handel und Verkehr 
32-2'Vo r, Landwirtschaft. 

Die Schweiz ist daher schon ein ausgesprochener Industriestaat. 
Die Zahl der in der Landwirtschaft berufstätigen Personen ist in 
stetem Rückgange begriffen, doch ist der Wert der landwirtschaft- 
lichen Produkte gestiegen. 

Land- und Forstwirtschaft. Der Getreidebau nimmt nur 
etwa 20% des kulturfähigen Bodens ein und die Schweiz vermag mit 
dem inländischen Ertrage ihre Bewohner höchstens 80 — 100 Tage 
im Jahre zu ernähren. Es muß daher die 3 — 4fache Menge der 
eigenen Produktion, im Werte von etwa 200 Mill. Francs eingeführt 
werden. Im Mittellande wird vorwiegend Weizen, im Gebirge Roggen, 
Gerste und Hafer, im Tessin und Wallis besonders Mais gebaut. 
Der Anbau der Kartoffel macht große Fortschritte. Sehr ausgebreitet 
ist die Gemüsekultur, die für Zwecke der Konservenfabrikation 
in Saxon, Lenzburg und Rohrschach feldbaumäßig betrieben wird. 
Tabak kultivieren die Seebezirke in Waadt und Freiburg. 

Hervorragend entwickelt ist der Wein- und Ostbau. Die Jahres- 
produktion an Wein beträgt etwa 1'3 Mill. /)/ im Werte von 50 Mill. 
Francs. Des Fremdenverkehrs wegen wird aber ebensoviel aus 
Frankreich, Italien, Spanien und Österreich eingeführt. Mit Ausnahme 
der ürkantone gedeiht fast überall Wein, am meisten in Tessin. Die 
besten Sorten liefern aber die Kontone Waadt, Wallis, Neuenburg 



— -91 — 

und Schaffhausen. Der Obstbau bildet überall eine einträgliche 
Nebenbeschäftigung der Landwirtschaft. Obstmost kann nach Süd- 
deutschland ausgeführt werden, Tafelobst wird zumeist aus Österreich 
bezogen. In Tessin werden große Mengen Kastanien gewonnen. 

Immer wichtiger für die schweizerische Landwirtschaft wird 
die Wiesenkultur und Futterproduktion. Auf den „Kunstwiesen" 
des Vorlandes und des Jura wird viel Klee, Esparsette und Luzerne 
gebaut. Weideflächen von größerer Ausdehnung gibt es nur im Jura 
und in den Hochalpen. 

Die Forstwirtschaft steht in der Schweiz nicht auf jener 
Höhe wie die übrigen Zweige der Agrarproduktion. Der Wald be- 
deckt nur mehr 21% des Bodens. Die Gebirgswälder sind wegen 
der Lawinengefahr Schutzwälder, deren Bewirtschaftung von der 
Eidgenossenschaft strenge überwacht wird. Zur Einfuhr kommt 
österreichisches Holz um etwa 20 Mill. Francs. 

Die Viehzucht hat eine so glänzende Entwicklung aufzuweisen 
wie nur mehr in Holland und England. Sie findet in den herrlichen 
Alpenweiden und im Futterbaue die besten Vorbedingungen. Außer- 
dem geschieht auch von der Bundesregierung sehr viel zur Hebung 
dieses wichtigen Erwerbszweiges. In der Schweiz wird nur die Auf- 
zucht erstklassiger schwerer Rassen betrieben. Obenan steht die 
Rinderzucht. Sie ist in großem Aufschwünge begriffen. Die be- 
kanntesten Schläge sind das Braunvieh im Osten und Süden des 
Landes, im Westen und Norden das Fleckvieh, wie die gelbweiße 
Simmentaler Rasse und das schwarz-weiß gefleckte Freiburgervieh. 
Für schöne Rassentiere werden ungewöhnlich hohe Preise gezahlt. 
Zuchtvieh wird in großen Mengen ausgeführt, dagegen muß Schlacht- 
vieh eingeführt werden. Im Zusammenhange mit der Rinderzucht 
steht die hochentwickelte Milchwirtschaft und Käseproduktion. 
Die Bereitung von Butter und Käse, Kindermehl und Milchschokolade 
ist weltberühmt. Doch genügt die Butterproduktion nicht, es muß 
viel eingeführt werden. Die Ausfuhr der kondensierten Milch erstreckt 
sich besonders nach England und dessen Kolonien für die Bedürf- 
nisse der Schiffahrt. Unübertroffen ist auch die Fabrikation von 
Feinkäse (Emmentaler, Spalenkäse, Greierzer), die 40 — 50 Mill. Francs 
in das Land bringt. Die besten Abnehmer für Schweizer Käse sind 
Frankreich, Deutschland, die Union und Italien. 

Von den übrigen Zweigen der Viehzucht ist die Haltung von 
Pferden, Schafen und Ziegen nicht sehr verbreitet. Sowohl Luxus- 
ais Armeepferde werden eingeführt. Sehr stark nimmt die Schweine- 
zucht zu, am meisten in den westlichen Kantonen des Mittellandes 
(Luzern, Bern, Solothurn und Freiburg). Ganz unentwickelt ist die 



— 92 — 

Geflügelzucht, so daß eine bedeutende Einfuhr von Geflügel und 
Eiern stattfindet. Bienen- und Seidenraupenzucht wird in Tessia 
betrieben. Jagd und Fischerei haben keine nennenswerte volkswirt- 
schaftliche Bedeutung. 

Mineralproduktion. Allgemein gilt die Schweiz als ein mineral- 
armes Land. Das trifft nur in bezug auf Eisen und Kohle zu. Eisen 
wird in unzureichender Menge im Jura gewonnen. In Choindez befindet 
sich der einzige Hochofen der Schweiz. Von Kohle wird Braunkohle 
(Käpfnach am Züricher See) und Anthrazit im Wallis ausgebeutet. 
Dagegen werden bei 100 Torfmoore, besonders im Entlebuch am 
oberen Züricher See und im Tale der Glatt ausgenützt. Sehr nam- 
haft ist die Asphaltgewinnung im Traverstale und die Salzproduktion 
(Baselland: Schweizerhall; Aargau: Kaiseraugst, Rheinfelden, Ryburg, 
und Waadt: Bex). Außerdem gibt es in der Schweiz eine große 
Anzahl von Mineralquellen, hauptsächlich in Graubünden (St. Moritz, 
Tarasp, Val Sinestra) und Thermen (Weißenburg. Leukerbad. Lavay 
mit 520 (j jie heißeste der Schweiz, Baden und Pfäffers). Doch wird 
auch aus Frankreich und dem Deutschen Reiche viel Mineralwasser 
eingeführt. 

Industrie. Die Schweiz bietet das Bild eines Landes, das trotz 
zahlreicher von der Natur gegebener widriger Umstände, wie es 
das Fehlen von Kohle und Eisen sowie die Schwierigkeit des Verkehrs 
darstellen, durch die Unternehmungslust und die Intelligenz seiner 
Bewohner es zu industrieller Größe gebracht hat. Zu den Anregungen 
von außen, wie dem alten italienisch-rheinischen Handel, der Einwan- 
derung religiöser Flüchtlinge, die aus Italien und Frankreich neue 
Industrien mitbrachten, kam der Umstand, daß man infolge Über- 
völkerung sich neuen Erwerbsarten zuwenden mußte, da die Landwirt- 
schaft nicht hinreichend Beschäftigung bot. Der industrielle Auf- 
schwung beginnt aber erst im 19. Jahrhundert. Die große Kapitals- 
kraft und der Reichtum au Wasserkräften sind wertvolle Voraus- 
setzungen dieser Entwicklung. Da die Beschaffung der Rohstoffe 
zum größten Teil über fremde Häfen erfolgen muß, so verlegte man 
sich von Anfang an auf solche Industrien, bei denen nur ein geringer 
Aufwand an Rohstoffen notwendig ist, dafür aber die Arbeitsleistung 
gezahlt wird, wie bei der Uhren- und Bijouteriewareuerzeugung oder 
bei der Maschinstickerei. Die Hauptsitze der Industrie sind das 
Mittelland und die Täler des Jura. 

Am intensivsten werden die einzelnen Zweige der Textil- 
industrie, die Seiden- und Baum Wollweberei sowie die Maschinstickerei 
gepflegt. Zürich und Basel sind die Zentren der Seidenindustrie, 
die in Fabriken und in Heimstätten betrieben wird. Das Rohprodukt 



— 93 — 

wird aus Italien und Ostasien eingeführt. Zürich ist mit seiner Seiden- 
stoffweberei einer der ersten Seidenmärkte Europas. In Basel und im 
Basellande ist die Seidenbandweberei verbreitet. Insgesamt beschäf- 
tigen sich 60.000 meist weibliche Arbeiter mit diesem Industriezweige. 

Die Baumwollindustrie hat ihren Sitz in der Ostschweiz. Mit 
ihr befassen sich gegen 100.000 Menschen. Unter der heftigen Kon- 
kurrenz der Nachbarländer ist die Baumwollindustrie im Rückgänge 
begriffen. Dagegen ist die Maschinstickerei mit dem Mittelpunkte 
St. Gallen einzig dastehend. Mittels sinnreich konstuierter Stick- 
maschinen wird die Plattstich- oder Feinstickerei und die Ketten- 
stich- oder Grobstickerei in größtem Umfange betrieben. Der Wert 
dieser Erzeugnisse, die nach England, Frankreich und in die Union 
ausgeführt werden, beläuft sich auf 120 Mill. Francs. Weniger ent- 
wickelt ist die Schafwoll- und Leinenindustrie, in diesen Artikeln 
findet eine Mehreinfuhr statt. Im Kanton Aargau ist die Strohflech- 
terei zuhause, leidet aber unter der Konkurrenz Italiens. 

Ganz Hervorragendes leistet die Schweiz auf dem Gebiete der 
Uhren- und Maschinenfabrikation. 

Die Sitze der Uhrenindustrie sind Genf, der Jura und 
Schaffhausen. Genf liefert fast nur Golduhren mit Gravierung und 
Email Verzierung. In Neuenburg werden besonders Chronometer ver- 
fertigt, im Berner Jura und Solothurn herrscht Massenproduktion 
vor. Die Herstellung von Uhren und Uhrenbestandteilen erfolgt 
immer mehr in großen Fabriksbetrieben, doch ist im Jura auch die 
Hausindustrie sehr verbreitet. Zur Förderung dieses wichtigen 
Erwerbszweiges wurden mehrere Uhrmacherschulen errichtet (Genf, 
Locle, Chaux-de-Fonds, Neuenburg, St. Imier). In dieser Industrie 
sind 50.000 Menschen tätig. Es werden etwa 10 Mill. fertige Uhren 
und Unmassen von Uhrenbestandteilen zusammen im Werte von 
150 Mill. Francs ausgeführt. 

Großes wird auch auf dem Gebiete der Maschinenindustrie 
geleistet. Sie erzeugt besonders elektrische Motoren, Maschinen 
und Lokomotiven. Maschinen werden besonders nach Italien geliefert. 
Die Schweiz besitzt auch in Neuhausen die größte Aluminiumfabrik 
der Welt. Die wichtigsten Orte für die Maschinenindustrie sind Zürich, 
Winterthur, Basel, Baden, Örlikon und Luzern. 

Von großer Leistungsfähigkeit ist noch die chemische In- 
dustrie. Ihr wichtigstes Zentrum ist Basel für Farben und Medi- 
kamente. Die Herstellung von Kalziumkarbid und Zündwaren erfolgt 
in mehreren großen Betrieben. Außer verschiedenen Zweigen der 
Holzindustrie und der Schuhwarenfabrikation für den Export 
(Winterthur, Ölten und Schönenwerd [Schuhfabrik Bally mit 4000 



— 94 — 

Arbeitern]) nimmt die Gruppe der Nahrungs- und Genußmittel- 
verarbeitung eine bedeutende Stelle ein. Obenan stehen die Her- 
stellung von Käse, kondensierter Milch und Kindermehl 
(Nestle in Vevey). Bekannt sind die Schokoladefabrikation 
(Cailler, Suchard), die Zuckerbäckerei und die Konserven- 
fabriken besonders für Obst und Gemüse iMaggi in Kemptal-. Die 
Bierbrauerei erzeugt nur etwa 2 Mill. ///. Das meiste Bier wird aus 
Bayern und Osterreich eingeführt. Die Tabakindustrie ist im 
Westen (Waadt, Freiburg, Aargau) und im Tessin vertreten. 

Verkehr und Handel. 

Auf die hohe Entwicklung des Verkehrs wurde schon bei der 
Schilderung der Einzellandschaften verwiesen. In keinem anderen 
Lande Europas gab es größere Schwierigkeiten zu überwinden, aber 
die moderne Technik hat im Straßen- und Eisenbahnwesen der Schweiz 
große Triumphe gefeiert. Das gesamte Verkehrswesen ist mustergiltig 
in der Anlage und im Betriebe. 

Die Straßen. Schon in der Römerzeit führten über die wich- 
tigsten Pässe fahrbare Straßen, Kunststraßen wurden aber erst seit 
dem 18. Jahrhunderte angelegt. Die bekanntesten dieser Straßen sind 
die Simplonstraße (erbaut von Napoleon I. 1800 — 1806), die Furka- 
straße vom Rhone- ins Rheinthal, die Gotthardstraße (ausgeführt 
1820 — 1830), neueren Datums sind die Grimsel-, Klausen- und Um- 
brailstraße, die Straße über den Großen St. Bernhard und den 
Splügen. Für den Post- und Touristenverkehr sind diese herrlichen 
Kunststraßen von großer Wichtigkeit. 

Die Schiffahrt ist nur auf den Seen von Belang. Auf den 
15 größeren Seen verkehren etwa 100 Dampfer und zahlreiche 
Motorschiffe. Dampfer verkehren außerdem auf dem Rhein zwischen 
dem Bodensee und Schaffhausen. Neuesteus wird überdies die Rhein- 
schiffahrt von der Mündung bis Basel betrieben und soll bis zum 
Rheinfall fortgesetzt werden. Romanshorn und Rorschach sind auch 
durch Trajektverkehr mit den übrigen Bodenseehäfen in Verbindung. 

Die Eisenbahnen. Mit dem Bau von Bahnen hat die Schweiz 
verhältnismäßig spät angefangen, dann aber das Schienennetz rasch 
ausgestaltet. Gegenwärtig beträgt die Länge der Bahnen 5072 Jun. 
Die ursprünglich von Privaten und den Kantonen gebauten Linien 
sind jetzt alle eidgenössisch. Zuletzt wurde 1909 die Gotthardbahn 
verstaatlicht. Am dichtesten ist das Bahnnetz im Mittellande. Die 
wichtigsten Knotenpunkte sind Zürich, Ölten, Basel und Genf. 

Bei der Anlage der Schweizer Bahnen gab es große Schwierigkeiten zu 
überwinden. Im ganzen gibt es 300 Tunnels. Der projektierte Splügentunnel mit 
30 km wird der längste sein. Wegen der vielen Tunnels und Krümmungen ist die 



— 95 — 

Fahrgeschwindigkeit geringer als in der Ebene. Ein beträchtlicher Teil (500 ^»0 
der Bahnen wird bereits elektrisch betrieben. 

Die einzelnen Linien der Bahnen wurden schon S.85ff. angeführt. 

In jeder Beziehung mustergiltig und des Fremdenverkehrs wegen 
sehr stark in Anspruch genommen sind auch die Post, das Tele- 
graphen- und Telephonwesen. 

Der Fremdenverkehr. Die landschaftliche Schönheit, die 
Heilquellen, die Gesundheit des Höhenklimas, die günstigaii Gele- 
genheiten für jede Art des Sommer- und Wintersportes sowie die 
Sprachenverhältnisse der Schweiz locken jedes Jahr über eine Million 
Fremde in das Land, zum größten Teil Deutsche (30*^ o); Eng- 
länder, Franzosen und Amerikaner, die mindestens 120 Mill. Francs 
im Lande lassen. Dieser einzig dastehende Fremdenverkehr hat den 
An.5toß zur Entwicklung einer großartigen „Fremdenindustrie" 
gegeben. Es gibt in der Schweiz gegen 2000 Fremdenhotels mit 
etwa 125.000 Fremdenbetten und 35.000 Angestellten. Im diesem 
Hotelwesen ist ein Kapital von 800 Mill. Francs investiert, das sich 
mit 4 — 5" verzinst. Der Förderung dieses Verkehrs dienen eine 
eigene Hotelschule in Ouch}-, zahlreiche Verkehrsbureaux, Kurse für 
Bergführer usw. 

Der Handel. Die zentrale Lage der Schweiz zeigt ihre Wir- 
kungen auch auf dem Gebiete des Handels. Denn ein sehr großer 
Teil der Güterbewegung ist Durchfuhrhandel, der ia rascherer 
Zunahme begriffen ist als der Innenhandel. Der Außenhandel erhält 
dadurch sein Gepräge, daß die industrielle Schweiz fast alle Roh- 
stoffe und den größten Teil der Nahrungsmittel aus dem Auslande 
beziehen muß. Aus diesem Grunde ist auch die Handelsbilanz stark 
passiv, doch wird diese Unterbilanz durch den Fremdenverkehr 
reichlich gedeckt. In der Zollpolitik huldigt die Schweiz einem ge- 
mäßigten Schutzzollsysteme. Nach Warengruppen erstreckte sich die 
Einfuhr der letzten 10 Jahre auf Lebensmittel (27 — 307o), Rohstoffe 
(37— 407o) und Fabrikate (30— 330o), iu der Ausfuhr dagegen auf 
Fabrikate (75—77%), Rohstoffe (12° o) und Lebensmittel (11— 137o)- 
Der lebhafteste Handel spielt sich mit dem Deutschen Reiche (Vs 
der Einfuhr, 1/4 der Ausfuhr), Frankreich, Italien, England, der 
Union und Österreich-Ungarn ab. 

Die Schweiz nimmt trotz der Kleinheit ihres Landes eine sehr 
angesehene Stellung in Europa ein und sie ist durch ihre freiheit- 
lichen Einrichtungen, ihre mustergiltige Volkswirtschaft und durch 
das friedliche Zusammenleben der sie bewohnenden Völker ein nach- 
ahmenswertes Vorbild auch für ihre Nachbarn geworden. 



— 96 — 

Das Deutsche Beiclf). 

Der Nationalstaat des deutschen Volkes. 

Später als den anderen Nationen Europas ist dem deutschen 
Volke die Sehnsucht nach einem kraftvollen und festgefügten eigenen 
Staate in Erfüllung gegangen. Im ganzen Verlaufe des Mittelalters 
und d^r Neuzeit verhinderten die Sonderbestrebungen des 
Fürstentums und der partikularistische Zug im Volkscharakter der 
Deutschen eine Zusammenfassung aller Stämme. Das „heilige römische 
Reich deutscher Nation" war ein bloßer Schein, in Wirklichkeit war 
Deutschland nur ein geographischer Begriff, ein locker zusammen- 
gefügter Staatenbund. Die zentrale Lage Deutschlands in Europa 
und die Schwäche des Reiches ermutigten die fremden Völker nur, 
ihre Kämpfe auf deutschem Boden auszutragen, wie es im Dreißigjähri- 
gen Kriege und im Zeitalter Napoleons der Fall war. 

Die Wiege der deutschen Einheit stand in der norddeutschen 
Tiefebene. Brandenburg-Preußen mit seinem schlagfertigen Heere, 
seinem wohlorganisierten Beamtentum und seiner straffen Organi- 
sation im Staate war zur Neuordnung Deutschlands berufen. Die 
deutsche Frage konnte aber erst dann gelöst werden, nachdem 
Österreich infolge der Ereignisse des Jahres 1866 aus dem deutschen 
Bunde ausgeschieden war. 

Das Jahr 1870 brachte die deutsche Einheit. Nach der Nieder- 
ringung des Erbfeindes auf den blutigen Schlachtfedern Frankreichs 
wurde der deutsche Nationalstaat unter Wahrung der Sonderrechte 
der Einzelstämme gegründet und die alte Kaiserherrlichkeit erneuert. 

Seit den 40 Jahren seines Bestandes hat das Deutsche Reich, 
nachdem es im Innern durch eine moderne Gesetzgebung ausgebaut 
war, auf allen Gebieten der geistigen und materiellen Kultur einen 
gewaltigen Aufschwung zu verzeichnen. Begünstigt durch die lang- 
dauernde Zeit des Friedens und eine starke Volksvermehrung 
ist es ein Welthandels- und Industriestaat geworden, sein National- 
vermögen hat sich vervielfacht und das früher arme Volk ist jetzt 
der Gläubiger zahlreicher Staaten. Als erste Militärmacht der Welt 
hat es sich nicht bloß auf das Festland beschränkt, sondern ist auch 

*) Literatur: Heiderich Fr.. Das Deutsche Reich, in Andrees Geogr. des Welt- 
handels. I. Bd. Frankf. a. M. 1910. — Penk A., Das Deutsche Reich. Kirchhofs Länd- 
derkunde von Europa. Wien und Leipzig 1887. — Ratzel Fr., Deutschland, 2. Aufl. 

1907. — Zweck A., Deutschland nebst Böhmen und d. Mündungsgebiet des Rheins. 

1908. — Ferner die wirtschaftsgeogr. Werke von Eckert, Friedrich, Gruber, das 
Handb. d. Geogr. von Sej-dlitz, endlich die Wirtsehaftskunde von Keiehel u. Ober- 
bach, 1. Teil. 5. Aufl. Potsdam 1911 u. a. 



— 97 — 

in die Reihe der Kolonialmächte eingetreten und hat seinen Küsten- 
saum intensiv ausgenützt, es hat sich auch zur starken Seemacht 
entwickelt. 

Diesen großen Aufschwung verdankt das Deutsche Reich nicht 
nur der Tüchtigkeit seiner Bewohner, sondern es hat auch die Natur 
des Landes ihren Anteil daran. 



Staat und Volk. 

1. Die Verfassung. 

Nach der Reichsverfassung vom 16. April 1871 ist das Deutsche 
Reich ein Bundesstaat von 25 selbständigen monarchisch regierten 
Ländern und Städterepubliken und einem Reichslande mit dem 
Rechte eines Bundesstaates, Elsaß-Lothringen. Die Mitglieder des 
Deutschen Reiches sind folgende: 



Bundesstaat 



Größe in 
Quadratkilom. 



Bevölkerung 
im Jahre 1910 



pro 1 hm^ 



Königreiche; 

Preußen 

Bayern 

Sachsen 

Württemberg 

Großherzogtümer: 

Baden 

Hessen 

Mecklenburg-Schwerin 
Sachsen-Weimar . . . . 
Mecklenburg-Strelitz . . . 
Oldenburg 

Herzogtümer: 

Braunschweig 

Sachsen-Meiningen . . . 

„ -Altenburg . . . . 

„ -Coburg-Gotha . . 
Anhalt 



Fürstentümer: 
Schwarzburg- Sondershausen 

„ -Rudolstadt . . 

Waldeck 

Reuß ä. Linie 

n ]• n 

Schaumburg-Lippe .... 
Lippe 



348.T56 
75.870 
14.993 
19.512 

15.068 
7.689 

13,127 
3.611 
2.930 
6.428 

3.672 
2.468 
1.324 
1.977 
2.299 



862 
940 

1.121 
316 
827 
340 

1.215 



40,165.000 
6,887.000 
4,806.000 
2,437.000 

2,142.000 
1,282.000 
640.000 
417.000 
106.000 
483.000 



494.000 
278.700 
216.000 
257.000 
331.000 

89.000 
100.700 

61.700 

72.600 
152.700 

46.600 
151.000 



115 

91 

320 

125 

142 

167 

49 

116 

36 

75 



135 
113 
163 
130 
144 



104 
107 
55 
230 
185 
137 
124 



Stoiser, Wirtschafts- und Verkehvsgeograplüe d. ourop. Staaten. 



— 98 



Bundesstaat 



Größe in 



Bevölkerung 



Quadratkilom. im Jahre 1910 j 



pro 1 Am« 



Freie Städte: 
Hamburg ....... 

Bremen 

Lübeck 

Reichsland: 
Elsaß-Lothringen . . . 

Zusammen 



415 
256 

14.522 



1,016.000 
299.000 
117.000 



1,872.000 



2448 

1167 

391 

120 



540.827 



64,926.000 



120 



Das Bundesoberhaupt. An der Spitze des Deutschen Reiches 
steht als Bundespräsident mit dem Titel , Deutscher Kaiser"' der 
jeweilige König von Preußen. Der Kaiser ist der Vertreter, nicht aber 
der Inhaber der Reichsgewalt. Er ist kein Organ der Gesetzgebung, 
denn die vom Reichstage und Bundesrate beschlossenen Gesetze 
bedürfen nicht seiner Sanktion, sie werden nur in seinem Namen 
veröffentlicht. Das Oberhaupt des Reiches hat die Befehlsgewalt über 
das Heer — in Bayern nur im Falle eines Krieges — und die 
Marine, die völkerrechtliche Vertretung des Reiches, das Recht über 
Krieg und Frieden. Der Kaiser beruft ferner die Vertretungskörper 
und ernennt die Reichsbeamten. 

Die Organe der Gesetzgebung und Verwaltung. Die gesetz- 
gebenden Körperschaften des Deutschen Reiches sind der Reichs- 
tag, der aus 3ft7 Mitgliedern besteht, die auf Grund des allgemeinen 
Wahlrechtes für 5 Jahre gewählt werden, und der Bundesrat, dessen 
Mitgliederzahl jetzt 61 beträgt. Dieser ist kein Oberhaus, sondern 
eine Art Direktorium einer Staatenrepublik, das unter Vorsitz des 
Reichskanzlers besonders die auswärtigen Angelegenheiten und die 
Durchführung der Reichsgesetze zu überwachen hat. 

Angelegenheiten des Reiches sind die Beziehungen zum Aus- 
lande, die Diplomatie und das Konsularwesen, die Wehrmacht und 
die Marine, die Handels- und Zollpolitik, das Geld- und Bankwesen, 
Sozial- und Gewerbepolitik, Presse und Vereinsgesetzgebung, das 
bürgerliche, Handels- und Strafrecht, das Postwesen mit Ausnahme 
in Baj^ern und Württemberg. 

Zur Verwaltung der gemeinsamen Angelegenheiten gibt es eine 
Reichsverwaltung, an deren Spitze als einziger verantwortlicher 
Minister der Reichskanzler steht, der aus praktischen Gründen 
auch immer zugleich preußischer Ministerpräsident ist. Die Reichs- 
ämter (Auswärtiges Amt, Reichspostamt, Reichsmarineamt, Reichs- 



— 99 — 

amt des Innern usw.) werden von Staatssekretären geleitet. Viel- 
fach bedient sich die Reichsverwaltung der bundesstaatlichen Be- 
hörden. Die Rechtsprechung obliegt den einzelnen Bundesstaaten, 
ist aber insoferne einheitlich, als die wichtigsten Justizgesetze im 
ganzen Reiche giltig sind. Die oberste gerichtliche Instanz ist das 
Reichsgericht in Leipzig. 

Den Bundesstaaten ist ein weitgehendes Selbstbestimmungs- 
recht gewahrt. Sie haben ihre eigenen Dynastien und Vertretungs- 
körper, volle Autonomie in Stadt und Gemeinde sowie ein eigenes 
Finanzwesen. Sie haften mit für die Schulden des Reiches. Im all- 
gemeinen gilt der Grundsatz: Reichsrecht bricht Landrecht. 

Heer und Marine. Das deutsche Volk darf sich rühmen, die 
stärkste Wehrmacht der Welt zu besitzen. Heer und Flotte verbür- 
gen die Weltstellung des Reiches. Das Heer ist auf dem Grund- 
satze der allgemeinen Wehrpflicht aufgebaut, für die meisten Truppen- 
gattungen besteht die zweijährige Dienstzeit. Es ist in 23 Armee- 
korps (davon 17 preußische, 3 bayrische, 2 sächsische und 1 württem- 
bergisches) gegliedert. Die Friedensstärke beträgt zirka 625.000 Mann. 
im Kriege vermag das Reich 25 Mill. Mann ohne Landsturm und 
Ersatzreserven ins Feld zu stellen. Im Frieden stehen an der Spitze 
des Heeres die vier Kriegsminister der Königreiche. Durch seine 
Körperausbildung, Manneszucht und Pflichttreue steht das deutsche 
Heer unübertroffen da und ist auch eine gute Schule für die gesamte 
Volkserziehung. 

Die kaiserliche Marine steht ganz unter der Leitung des 
Reiches, Im Frieden ist an ihrer Spitze ein Großadmiral. Die Richt- 
linien der deutschen Flottenpolitik beruhen auf dem Gesetze vom 
Jahre 1898. Die Zahl der Kriegsfahrzeuge betrug 1910 1911 133 Schiffe, 
davon 58 Kreuzer, 7 Dreadnoughts, außerdem noch 136 Torpedo- 
fahrzeuge und 7 Luftkreuzer. Eine größere Zahl von Schiffen ist 
im Bau. Der Gefechtswert dieser Flotte, die ihre Stützpunkte in 
Kiel und Wilhelmshafen hat, ist ein sehr großer. 

2. Die Bevölkerung. 

Die Bevölkerung des Deutschen Reiches, die zu Beginn des 
19. Jahrhunderts etwa 20 Mill. zählte, hat sich seither mehr als ver- 
dreifacht, sie betrug Ende 1910: 65 Mill. Der weitaus größte Teil, 
nämlich 93% gehören dem deutschen Stamme an. Daneben gibt es 
noch 3 Mill. Polen in Oberschlesien, Posen und Westpreußen, doch 
ist das polnische Sprachgebiet überall von deutschen Siedlungen 
durchsetzt. In Schleswig wohnen 140.000 Dänen, in der Rheinpfalz 
und in Lothringen sind 212.000 Franzosen. An der Ostgreuze und 



— 100 — 

in den Industriegebieten gibt es noch Bruchteile kleinerer Völker- 
schaften (Masuren, Litauer, Kassuben, Wenden, Tschechen und Hol- 
länder). 

Sehr groß ist die Bevölkerungszunahme. Sie beträgt l'5"/o, 
d. i. 800.000 bis 900.000 jährlich*). Abgesehen von der starken 
Eigenvermehrung liegt die Ursache dieser großen Zunahme auch in 
der Abnahme der Auswanderung. Seit der Gründung des neuen 
Reiches hat die überseeische Auswanderung fast aufgehört, sie 
beträgt nur mehr 25.000 bis 30.000 Menschen im Jahre. Die Zahl 
der Fremden, besonders Österreicher, Niederländer, Russen, Ita- 
liener, Schweizer, Franzosen und Amerikaner macht über eine Million 
Menschen aus. 

Die durchschnittliche Dichte der Bevölkerung beträgt 120 
im Geviertkilometer. Am dichtesten sind das Königreich Sachsen 
mit 320, die Rheinprovinz mit 2G3, Reuß ä. L. mit 230, Hessen mit 
167, am dünnsten die beiden Mecklenburg mit 40 Bewohnern pro 
1 km^ bevölkert. In den 48 Großstätten wohnten 1910 allein 14 3 Mill. 
Menschen. Im Jahre 1905 betrug die Zahl der städtischen Bevöl- 
kerung 34*8 Mill., die ländliche dagegen nur mehr 25*8 Mill. 

Nicht so geschlossen wie in nationaler ist die Bevölkerung in 
konfessioneller Hinsicht. Im Norden herrscht die evangelische 
Kirche vor. Zu ihr bekennen sich 62Vü- Dei' Katholizismus, dem 
36% der Bewohner angehören, ist in Posen, Oberschlesien, in der 
Rheinprovinz und im Süden verbreitet. Die Juden wohnen in den 
großen Handelsstädten (Berlin, Frankfurt a. M., Nürnberg und Ham- 
burg). Ihre Zahl beträgt 600.000. 

Die geistige Kultur im Deutschen Reiche steht auf einer 
bisher unerreichten Höhe. Für den Elementarunterricht sorgen 
61.200 Volksschulen, so daß Analphabeten eine Seltenheit sind. Das 
Fachschulwesen ist mustergiltig. Weltberühmt sind die deutschen 
Universitäten, technischen Hochschulen und Handelshochschulen. 

Die Zahl der Universitäten beträgt 21. Ihre Sitze sind Berlin, Breslau, Königs 
berg, Greifswalde, Rostock, Kiel, Münster, Göttingen, Jena, Halle, Leipzig, Mar- 
burg, Gießen, Bonn, Straßburg, Freiburg, Heidelberg, Tübingen, Würzburg, Er- 
langen und München. Berühmte technische Hochschulen sind in Charlottenburg, 
Danzig, Breslau, Darmstadt, München, Stuttgart, Karlsruhe, Hannover, Braunschweig 
und Aachen. Handelshochschulen gibt es bis jetzt in Berlin, Leipzig, Frankfurt 
a. M., Köln, Mannheim und Hamburg (Kolonialinstitut). 



*) Auf 1000 Einwohner kommen im Deutschen Reiche 36 Geburten, in Frank- 
reich 22, in Österreich-Ungarn 37 und in Rußland 50. Ein französischer Statistiker 
meinte: Dem deutsclien Volke wird jeden Tag ein Regiment in voller Kriegsstärke 
geboren, dem französischen aber nur ein Bataillon. 



— 101 — . , 

Die Natur des Landes. 
Die Bodenbeschaffenheit des Deutschen Reiches zeigt eine Ab- 
dachung von Süden gegen Norden. Der Osten und Norden ist erfüllt 
von der norddeutschen Tiefebene, im Süden sind die Höhenzüge 
der mitteldeutschen Gebirgsschwelle und die süddeutschen 
Beckenlandschaften mit dem Anteile an. den Alpen. Dieser Bodeu- 
beschaffenheit zufolge ist auch die Laufrichtung der Flüsse nach 
Norden gerichtet und der Zug zum Meere daher schon in der Natur 
des Landes begründet. 

1. Die süddeutschen Beckenlandschaften. 

Die deutschen Alpen und ihr Vorland. Der Anteil des Deutschen 
Reiches an den Alpen beschränkt sich auf einen schmalen Streifen 
der nördlichen Kalkalpenzone vom Boden- bis zum Königssee. Die 
einzelnen Teile dieses an landschaftlicher Schönheit reichen Gebirgs- 
landes sind die Allgäuer, die Bayrischen und die Berchtes- 
gadener Alpen. Die höchste Erhebung ist die Zugspitze mit 3000 m. 
Den Alpen vorgelagert ist die schwäbisch-bayrische Hoch- 
ebene, die sich zur Donau hin senkt. Sie ist teils Hügelland, teils 
Ebene, die mit Geröll, Mooren und Seen bedeckt ist und nur 
im Norden fruchtbarer Ackerboden. An dieses Alpenvorland schließt 
sich die vom Bayrischen Wald, Böhmerwald, Fichtelgebirge und 
dem Jura eingeschlossene Hochebene der Oberpfalz an. 

Das Klima ist rauh und reich an Niederschlägen. München hat 
— 2*50 Januar, 1710 Juli und 7 2'' C mittlere Jahrestemperatur. 
Ähnlich ist es auch in der Oberpfalz. Die Flüsse strömen alle der 
Donau zu. Es sind dies Hier, Lech, Isar, Inn mit der Salzach und 
von Norden der Nab. Sie haben starke Schuttführung und wenig 
Verkehrsbedeutung. Bekannt und viel besucht sind die Seen dieses 
Gebietes, der Königssee, der Chiemsee, der Starnbergersee u. a. 

Die dürftigen Existenzbedingungen der Alpen und ihres Vor- 
landes sind auch die Ursache ihrer geringen Besiedlung. Im Gebirge 
liegen Kempten, die Fremdenorte Partenkirchen, Oberammer- 
gau und Berchtesgaden. Am Bodensee liegen das bayrische Lindau, 
das württembergische Friedrichshafen und das badensische Kon- 
stanz. Weiter draußen im Vorlande ist München (596.000 Einw.), 
eine der größten Industriestädte Süddeutschlands (Bier und Kunst) 
und der Schnittpunkt der Verkehrsrichtung Wien — Paris und Berlin 
— Rom. Außerdem haben es Rosenheim, das Solbad Reichenhall, 
Augsburg (123.000 Einw.) und die Donaustädte Ulm, Regensburg 
und Passau zu größerer Bedeutung als regsame Industriestädte 
gebracht. 



— 102 — 

Im Wirtschaftsleben des deutschen Alpenanteiles stehen die 
Waldwirtschaft und die Viehzucht im Vorderj^runde. Holzindustrie, 
Schnitzerei, Milchwirtschaft und der Fremdenverkehr sind die wich- 
tigste Einnahmsquelle für die Bevölkerung. An Montanprodukten 
findet sich nur Salz und Marmor. Die reichen Wasserkräfte der 
Alpen haben aber eine nennenswerte Industrie in Holz und Baum- 
wolle erstehen lassen. 

Das Vorland eignet sich gut für die Landwirtschaft. Am 
Bodensee wird Wein- und Obstbau betrieben, in der Ebene 
an der Donau viel Getreide, Hopfen, Hanf und Tabak gebaut. Die 
Gegend von Ingolstadt bis Passau, der „Donaugäu" ist die reichste 
Getreidegegend Bayerns. Die Oberpfalz liefert besonders Getreide, 
Kartoffel und Hopfen und hat herrliche Kiefernwaldungen. Die 
Teichwirtschaft hat dort eine große Verbreitung gefunden. 

Von Industriezweigen sind besonders die Baumwollindustrie 
in Kempten und Augsburg, die Maschinenindustrie in München und 
Augsburg und die Bierindustrie sowie das Kunstgewerbe in München 
vertreten. Im Böhmerwalde ist eine uralte Glasfabrikation und haben 
die reichen Eisenerzlager in der Oberpfalz eine bedeutende Eisen- 
industrie in das Leben gerufen. 

Das Main-Neckarbecken. Die Flußgebiete des Mains und 
Neckars sind eine Beckenlandschaft, die vom schwäbischen und frän- 
kischen Jura, dem Frankenwald, vom Rhön, Vogelsberg, Spessart, 
Oden- und Schwarzwald umsäumt wird. Das Innere ist ein Stufenland, 
das sich gegen Westen absenkt. In dieser Richtung erfolgt auch 
durch den Neckar und dessen Nebenflüsse Jagst und Kocher sowie 
durch den Main die Entw^ässerung in den Rhein. Eine niedrige 
Wasserscheide trennt das Neckar- vom Mainlande. 

Das Neckarland ist eine ungemein fruchtbare Landschaft mit 
reicher Bewaldung im Schwarzwalde und im Jura. In den wasser- 
reichen Tälern sind ausgedehnte Getreidefluren und an den sonnigen 
Hängen gedeiht ein berühmter Wein und Obst. Aus diesem Grunde 
ist das Neckarland auch reich besiedelt. In einer Seitenbucht des 
Neckars liegt Stuttgart (286.000 Einw.) mit lebhafter Industrie für 
Möbel, Buchdruck, Klaviere, Maschinen und chemische Produkte. 
Ferner sind noch zu nennen Tübingen, Ludwigsburg, Eßlingen 
und Heilbronn. 

Im Main lande herrscht eine mannigfachere Bodengestalt vor. 
Stellenweise ist es rauh und unfruchtbar, waldreich und dünn be- 
völkert. Nur das Maintal selbst ist eine blühende Gegend mit 
Getreidebau, Obst und Wein. In Franken ist das erste Hopfengebiet 
des Deutschen Reiches. Von den Städten dieser Landschaft ist an 



— 103 — 

erster Stelle Nürnberg (333.000 Einw.) zu nennen. Es ist einer der 
wichtigsten Knotenpunkte des Verkehrs, der größte Hopfenmarkt 
Deutschlands und eine Industriestadt (Spielwaren, Lebkuchen, Bier, 
Bleistifte, elektrische Industrie). Außerdem sind noch Hof, Bayreuth, 
Bamberg, Erlangen, Aschaffenburg und Würzburg (84.000 
Einw.) wichtig. 

Die oberrheinische Tiefebene. Vom Schweizer Jura bis zum 
rheinischen Schiefergebirge erstreckt sich eine 30 Am breite und 
300 km lange Schwemmlandsebene, die durch Ausfüllung eines 
großen Einbruchbeckens entstanden ist. Auf beiden Längsseiten wird 
diese Ebene von parallel angeordneten Oebirgen begrenzt. Den 
Ostrand bildet der Schwarzwald, der sich im Norden zum Kraichgau 
hinabsenkt und im Odenwald wieder ansteigt. Im Westen streichen die 
Vogesen, das Tafelland der Hardt und das Pfälzer Bergland. 

Westlich der Vogesen und des Pfälzer Berglandes breitet sich 
das lothringische Stufenland nach Frankreich hinein aus. Es ist 
ein Hügelland, das von der Saar entwässert wird. 

In klimatischer Hinsicht ist die oberrheinische Tiefebene 
der begünstigste Teil des Deutschen Reiches. Die mittlere Jahres- 
temperatur beträgt 10*^ und die Niederschläge erreichen 500—600 mm. 

An Städten ist diese fruchtbare vom Rhein in ihrer ganzen 
Länge durchströmte Ebene sehr reich. Die namhaftesten dieser 
gewerbefleißigen und Verkehrs wichtigen Städte sind Freiburg im 
Breisgau, Mühlhausen (95.000 Einw.), Colmar, Straßburg (179.000 
Einw.), ein wichtiges Zentrum der Industrie und ein Binnenhafen, 
Karlsruhe. Heidelberg, Mannheim (193.000 Einw.), einer der 
größten Industrie-, Geld- und Speditionsplätze im Südwesten des 
Reiches, Ludwigshafen, Speier, Worms, Darmstadt, Mainz, ein 
großer Rheinhafen, und Frankfurt a. M. (415.000 Einw.), einer der 
größten Geldplätze und Verkehrsknotenpunkte des Deutschen Reiches. 
Im lothringischen Stufenlande sind Saarbrücken (105.000 Einw.) und 
die Festungsstadt Metz die größten Siedlungen. 

Der fruchtbare Boden der ausgedehnten Rheinebene ist die 
Grundlage für den intensiv betriebenen Acker- und Gartenbau, 
der neben der Industrie die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung 
bildet. Außer Weizen wird vornehmlich Mais, Hopfen (Hagenau), die 
Zuckerrübe, Tabak und Wein gebaut. Berühmte Weine reifen im 
Breisgau (Markgräfler), im Hardt (Pfälzerweine), die edelsten Sorten 
liefern aber die sonnigen Südwestabhänge des Taunus, der Rheingau 
(Johannisberg, Rüdesheim, Steinberg). Die reichen Holzschätze des 
Schwarzwaldes werden zum Teil rheinabwärts verfrachtet, teils 
industriell verwertet. 



— 104 — 

Von großer Ergiebigkeit des Bodens ist auch das lothringische 
Stufenland, das durch Getreide und Weinbau hervorragt. Nicht 
weniger lohnend als der Ackerbau ist auch die Viehzucht, die durch 
den Anbau von Futterkräutern ermöglicht wird. 

Im Bereiche der oberrheinischen Tiefebene hat sich auch, be- 
günstigt durch die Nähe der lothringischen Eisenlager und des 
Kohlenrevieres im Saarbecken, eine vielseitige und leistungsfähige 
Industrie entwickelt. Außer der Tabak- und Zuckerindustrie ist die 
Textilbranche besonders vertreten. Mühlhausen und Colmar sind 
die Zentren der Baumwollindustrie, daneben wird Leinen- und Woll- 
weberei noch hausindustriell betrieben („Markirchner Artikel"). Im 
Nordjn ist der Sitz der chemischen-, besonders der Farbwaren- 
industrie (Mannheim, Ludwigshafen, Höchst, Frankfurt a. M.). Für 
das Schwarzwaldgebiet ist die Holz- und Uhrenindustrie sowie der 
Fremdenverkehr (Baden-Baden, Wildbad, Wintersport) sehr wichtig. 

Das Verkehrswesen dieser Gebiete findet seine natürlichen Brenn- 
punkte in Frankfurt a. M., Mannhein und Straßburg. 

2. Die mitteldeutsche Gebirgsschwelle. 

Das ganze deutsche Land wird in westöstlicher Richtung von 
einem fortlaufenden Höhenrücken durchzogen, der die norddeutsche 
Tiefebene vom deutschen Mittelgebirge trennt. Die einzelnen Teile 
dieser mitteldeutschen Gebirgsschwelle sind das rheinische Schiefer- 
gebirge mit dem rheinisch-westfälischen Tieflande, das hessische 
und Weser Bergland, das Thüringer Becken und der Harz, das Erz- 
gebirge und die Sudeten mit ihren Vorländern. 

Das rheinische Schiefergebirge und rheinisch-westfälische 
Tiefland. Zu beiden Seiten des Mittelrheins breitet sich eine aus 
Schiefer bestehende Hochfläche aus. die vom Durchbruchstale des 
Rheines von Bingen bis Bonn und den tiefeingeschnittenen Neben- 
flüssen gegliedert wird. Im linksrheinischen Teile liegen der wald- 
reiche Hundsrück und das alte Vulkangebiet der Eifel mit kreis- 
runden Kraterseen (Maare) und bekannten Heilquellen (Neuenahr, 
Apollinaris, Gerolstein). Am rechten Rheinufer sind der Taunus 
mit schönen Buchenwäldern und berühmten Badeorten an seinen 
Rändern (Wiesbaden, Soden, Homburg, Nauheim, Selters und Schwal- 
bach). Ihm schließen sich der verkehrsarme Westerwald, das 
Siebengebirge (Bad Ems) und das sich gegen die westfälische 
Ebene verflachende Sauerland an. 

Keilförmig in das Gebirge dringen die Kölner und Münster- 
länder Bucht ein, die zusammen die dicht bevölkerte rheinisch- 
westfälische Tiefebene bilden. 



— 105 — 

Die Entwässerung dieses Gebietes erfolgt zum Rhein. Sein 
Durchbruchstal durch das Schiefergebirge, das die ober- und nieder- 
rheinische Tiefebene verknüpft, ist durch die Schönheit seiner Ufer- 
landschaften, die zahlreichen Burgen und malerisch gelegenen Städte 
sowie den regen Verkehr weltberühmt. Die Nebenflüsse des Rheins 
auf dieser Strecke, die Nahe, Mosel, Lahn, Sieg, Wupper und Ruhr 
haben einen stark gewundenen Lauf. In den romantischen Tälern 
wurden zahlreiche Talsperren und Kraftstationen angelegt. 

Das Klima dieser Landschaften ist in den Tälern und in der 
Ebene sehr gemäßigt und steht unter dem Einflüsse des Atlantischen 
Ozeans. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 10 bis 11", die Nieder- 
schläge erreichen 700 mm. Auf den Hochflächen dagegen herrscht 
ein rauhes Klima, die mittlere Jahrestemperatur beträgt 6 bis 8<*, 
die Niederschläge machen 1300 mm aus. 

An Städten ist der gebirgige Teil dieses Gebietes arm, größere 
Siedlungen liegen an den Flußläufen, die rheinisch-westfälische Land- 
schaft aber ist die dichtest besiedelte Provinz des Deutschen Reiches 
überhaupt. Außer den oben genannten Badeorten im Taunus sind an 
der Mosel Trier, an ihrer Mündung Koblenz, am Rhein Bonn, 
Köln (516.000 Einw.), Düsseldorf (358.000 Einw.), Duisburg 
(229.000 Einw.), Ruhrort, im Gebiete links des Rheins liegen 
Aachen (156.000 Einw.) und Krefeld (129.000 Einw.), in der rechts- 
rheinischen Ebene Solingen, Remscheid, Eiber feld (170.000 Einw.), 
Barmen (169.00 Einw.), Essen (295.000), Mühlheim a. d. Ruhr 
(113.000 Einw.), Dortmund (214.000 Einw.), Gelsenkirchen 
(170.000 Einw.), Bochum (137.000 Einw.) und Münster (90.000 Einw.) 

Wirtschaftlich sind die Täler und die Ebene den Hochflächen 
gegenüber außerordentlich begünstigt. Im Tieflande herrscht eine 
intensiv betriebene Land- und Gartenwirtschaft, die Getreide, 
Tabak und Gemüse liefert. Auf den sonnigen Talgehängen des 
Rheins, der Nahe und der Mosel gedeihen die besten Weine Deutsch- 
lands. Die Höhen sind reich bewaldet und gestatten nur den Anbau 
von Hafer, Buchweizen und Kartoffeln. Die Viehzucht wird in der 
Ebene wie im Gebirge in großem Umfange betrieben. Im ganzen 
tritt in diesem Teile des Reiches die Landwirtschaft gegenüber der 
industriellen Betätigung sehr stark zurück, mit ihr befassen sich 
nur mehr 207o der Bevölkerung. 

Die eigentliche Grundlage der hochentwickelten Industrie der 
Rheinlande bilden die reichen Eisen-, Kohlen- und Erzlager dieser 
Gegend. In diesem ersten Industriegebiete des Deutschen Reiches 
hat die Eisenverhüttung sowie die Groß- und Kleineisenindustrie 
einen enormen Umfang angenommen (Köln-Deutz, Duisburg, Gelsen- 



— lÜÜ — 

kirchen, Essen, Düsseldorf, Remscheid, Solingen, Iserlohn). Ihr reihen 
sich ebenbürtig die Baumwollwarenerzeugung (Elberfeld, Barmen, 
Aachen), die Seiden- und Samtfabrikation (Krefeld), die chemische 
(Düsseldorf, Köln), die Glas-, Papier- und keramische Industrie an 
die Seite. Münster ist der Sitz einer bedeutenden Bierbrauerei. Die 
ganze rheinisch-westfälische Ebene, die größte Werkstatt deutschen 
Fleißes, trägt durch die zahlreichen Fördertürme der Bergwerke, 
die ausgedehnten Schlackenhalden, den Wald von Schornsteinen und 
ihren Städtereichtum das typische Gepräge einer hochentwickelten 
Industrielandschaft. 

Der Verkehr in diesem Gebiete hat in keinem anderen Teile 
Deutschlands eine ähnliche Entwicklung aufzuweisen. Von Köln ab- 
wärts erreicht auch die Rheinschiffahrt ihren Höhenpunkt. 

Das hessische und Weser Bergland. Zwischen dem rheini- 
schen Schiefergebirge, dem Harz und dem Thüringer Hügelland 
erstreckt sich gegen den Main hin die wellige Hochfläche des 
hessischen Berglandes, aus dem sich die Basaltkuppe des Vogels- 
berges und die Rhön erheben. Das nördlich gelegene Weser Berg- 
land zeigt deutlichen Kettencharakter. Seine Ausläufer verlieren sich 
im westfälischen Tieflande. Die tiefeingeschnittenen Täler der Weser, 
beziehungsweise der Werra und Fulda machen dieses Bergland leicht 
zugänglich und zum natürlichen Durchgangslande von Nord- nach 
Süddeutschland. 

Wie im Schiefergebirge zeigt das Klima auch in dieser Land- 
schaft ein rauhes Gepräge (6^ mittlere Jahrestemperatur) und großen 
Niederschlagsreichtum. 

Die wichtigsten Siedlungen im hessischen Gebiete sind Bad 
Nauheim, Marburg, Gießen, Kassel und die alte Bischofstadt 
Fulda. Nordwärts in der Ebene sind Minden, Münster, Pader- 
born, Bielefeld, Osnabrück. Hannover, an der Leine Göttingen 
und außerdem die kleine Residenz Bücke bürg gelegen. 

Der Boden der beiden Bergländer ist im allgemeinen unfrucht- 
bar. Erst im Norden wird der Landbau durch Flachs- und Zucke r- 
rübenkulturlohnend. Die ausgedehnten Buchen-, Kiefern- und Eichen- 
waldungen werden gut bewirtschaftet. Hochentwickelt ist auch die 
Viehzucht, besonders die Schweinehaltung (Westfäler Schinken, 
Wurstfabrikation). 

An Bodenschätzen sind die Braunkohlenlager im Habichts- 
walde und in den Ausläufern des Teutoburgerwaldes, die Eisenlager 
an der Hase, die Mineralquellen und Solbäder (Nauheim, Salz- 
hausen, Schwalheim und Pyrmont) zu nennen. 



— 107 — 

Die Industrie ist besonders leistungsfähig in der Leinen- 
erzeugung (Bielefeld, Herford) und in den verschiedenen Zweigen 
der Metallbearbeitung (Kassel: Lokomotiven'; Wetzlar, Osnabrück, 
Hildesheim und Göttingen: Präzisionsinstrumente). 

Für den Verkehr ist das Leinetal am wichtigsten. 

Das Thüringer Becken und der Harz. Das thüringische Becken 
ist ein flachwelliges Hügelland von etwa 300 m Höhe, das vom Harz, 
der Werra, dem Thüringer- und Frankenwald sowie der Saale um- 
schlossen wird. Diese reichbewaldeten Gebirgsränder mit ihren 
schönen Tälern und idyllisch gelegenen Städchen sind vielbesuchte 
Sommerfrischen. Als Vorposten erhebt sich im Norden der erzreiche 
Harz (Brocken 1100 w), dem ein Hügelland vorgelagert ist, das in 
der „Magdeburger Börde" von außergewöhnlicher Fruchtbarkeit ist. 

Die thüringischen Landschaften erfreuen sich eines milden 
Klimas mit reichen Niederschlägen und sindvongroßer landschaftlicher 
Schönheit. Nur der Harz ist rauh, so daß auf ihm die Waldgrenze 
auf 1000 m herabgedrückt wird. Diese Beckenlandschaft wird von der 
Saale und ihren Nebenflüssen, der Unstrut und Elster, zur Elbe 
entwässert. 

In politischer Hinsicht bildet Thüringen einen Überrest ehe- 
maliger Kleinstaaterei, denn auf engem Räume sind hier die meisten 
Herzog- und Fürstentümer, durchsetzt mit zahlreichen Enklaven, zu- 
sammengedrängt. Aber auch viele gewerbefleißige Städte sind auf 
diesem Boden entstanden. Die wichtigsten sind: Koburg, Sonne- 
berg, Meiningen, Schmalkalden, Gotha, Eisenach, Ruhla,Mühl- 
hausen, Erfurt, Jena, Weimar, Staßfurt, Magdeburg (280.000 
Einw.) und Braunschweig. 

Eine bunte Mannigfaltigkeit zeigt auch das wirtschaftliche Leben. 
Die Landwirtschaft tritt im allgemeinen zurück. Nur die Täler im 
Thüringer Becken, die „Goldene Aue" südlich des Harz und die 
„Magdeburger Börde" sind ergiebig an Getreide, Obst, Zuckerrüben 
und die Stätte der berühmten deutschen Gemüse- und Samengärtnerei. 
An Wäldern ist der Thüringer Wald besonders reich. Viehzucht wird 
infolge des Reichtums an Wiesen überall betrieben. Für den Harz 
ist die Schaf- und Kanarienzucht wichtig. Den besten Ersatz für die 
Agrarwirtschaft findet die Bevölkerung in der Industrie und im 
Fremdenverkehr. Da der Bergbau Eisenerze (Schmalkalden), 
Kupfer, Silber und Blei (im Harz) liefert, so konnte sich hier eine 
bedeutende Eisenindustrie entfalten (Schmalkalden, Meiningen, Magde- 
burg). Von anderen Industriezweigen sind die Hersteilung chemischer 
Artikel (Staßfurt), von Glaswaren (Lauscha, Ilmenau, Weimar, Jena), 
von Nahrungsmitteln, besonders Zucker (Braunschweig, Magdeburg, 



— 108 — 

Halberstadt, Gotha) sowie die Textilbranche (Apolda, Altenburg, 
Greiz, Mühlhausen; zu erwähnen. Für den Thüringerwald ist die 
Holzindustrie und Spielwarenerzeugung (Koburg, Sonneberg, Hild- 
burghausen) sowie die Glas- und Porzellanindustrie besonders charak- 
teristisch. 

Der Verkehr dieser Landschaft ist hauptsächlich Durchgangs- 
verkehr. Sein wichtigstes Zentrum ist Magdeburg. 

Das Erzgebirge und die Sudeten mit iliren Vorländern. Den 
östlichen Teil der mitteldeutschen Gebirgsschwelle bilden das Erz- 
gebirge bis an die Elbe, von da an bis zur Oder die einzelnen 
Gebirgszüge der Sudeten und ostwärts der Oder die ober- 
schlesisch-polnische Platte (Tarnowitzer Plateau), die sich nach 
Rußland fortsetzt. Diesen Höhen sind die sächsische Abdachung 
(Vogtland), die nach Norden in die Leipziger Tieflandsbucht 
übergeht, den Sudeten das Lausitzer und Waldenburger Berg- 
land, der Glatzer Kessel und die schlesische Tieflandsbucht 
vorgelagert. 

Von den Wasseradern dieses Gebietes fließen die Saale mit der 
Elster, die Mulde und Spree der Elbe, die Neisse und der Bober der 
Oder zu. 

Klimatisch weist dieser ausgedehnte Landstrich insoferne Unter- 
schiede auf, als die Gebirgszüge rauh und niederschlagsreich, das 
ebene Vorland aber verhältnismäßig mild ist. 

Dieser Teil der Mittelgebirgsschwelle gehört zum Königreiche 
Sachsen und zu Preußen und ist sehr städtereich. Im sächsischen 
Berglande liegen Plauen (121.000 Einw.), Zwickau, Chemnitz 
(287.000 Einw.), die erste Fabrikstadt Sachsens, die alte Bergwerks- 
stadt Freiberg; an der Elbe ist die Kunststadt Dresden (548.000 
Einw.). Auch die Leipziger Bucht hat große Städte wie Merseburg, 
Halle (181.000 Einw.) in günstiger Verkehrslage, dann Leipzig 
(589.000 Einw.), nach Berlin die wichtigste Binnenhandelsstadt des 
Deutschen Reiches. Sitz des deutschen Buchhandels und ein 
Hauptknotenpunkt des Verkehrs, ferner Dessau, Torgau und 
Wittenberg. Im Bereiche der Sudeten sind vor allem Breslau 
(514.000 Einw.), Bautzen und Zittau, ferner Görlitz, Hirschberg, 
Waidenburg, Glatz und im Odergebiete Ratibor. Königshütte, 
Beuthen, Oppeln und Liegnitz zu nennen. 

Das wirtschaftliche Bild dieses dicht bevölkerten Gebietes 
ist schon mit Rücksicht auf den Gegensatz zwischen dem Gebirge 
und den daraus sich erstreckenden Tälern und fruchtbaren Tief- 
landsbuchten kein gleichartiges. So gehören die Leipziger Bucht, das 
Elbetal und die schlesische Bucht mit ihrem fetten Lehm- und 



— 109 — 

Lößboden zu den gesegnetsten Gegenden des Deutsehen Reiches, 
in denen ein ausgedehnter Weizen-, Zuckerrüben-, Obst- und Gemüse- 
bau betrieben wird. In der Umgebung von Dresden und in Schlesien 
bei Grünberg (52° n. Br. !) wird sogar noch Weinbau betrieben. Im 
Gebirge gedeihen nur die widerstandsfähigeren Pflanzen wie Roggen, 
Hafer, die Kartoffel und der Flachs. Daher verlegen sich die Ge- 
birgsbewohner des Erzgebirges auf die Spitzenklöppelei und Erzeu- 
gung von Posamentierarbeiten, in den Sudeten aber besonders auf 
die Holzschnitzerei und Weberei. Die Wälder sind noch reichlich 
vertreten, im Gebirge die Nadelhölzer, in der Ebene der Laubwald. 
Die rationell betriebene Viehzucht ist in großem Aufschwünge 
begriffen, nur die Schafzucht zeigt einen steten Rückgang. 

Den Hauptreichtum dieser Gebiete bilden aber die Boden- 
schätze. Die Steinkohlenlager um Zwickau und Chemnitz, im Plaueu- 
schen Grunde bei Dresden, im Waldenburger und im oberschlesischen 
Revier, das Vorkommen von Braunkohle in der Leipziger Bucht, 
von verschiedenen Metallen, von Kaolin und von Mineralquellen (Bad 
Elster, Berggießhübel) haben reges industrielles Leben in diese 
Gegenden gebracht. Vor allem ist Sachsen der Typus eines Industrie- 
landes geworden. Hohe Bedeutung haben besonders die Holzindustrie, 
Brauerei, Zuckerindustrie, die Glas- und Porzellanwarenerzeugung 
(Meißen, Hirschberg, Glatz), die mannigfachen Zweige der metall- 
urgischen Industrie (Zwickau, Breslau), die Reproduktionsgewerbe 
(Leipzig), die verschiedenen Zweige der Textilindustrie (Chemnitz, 
Plauen, Görlitz, Sagan, Hirschberg), endlich die Konfektions- und 
Modewarenindustrie. 

Hinsichtlich des Verkehrswesens ist besonders Sachsen gut 
ausgestattet, sein Eisenbahnnetz wird an Dichte nur von Belgien 
übertroffen. Leipzig, Dresden und Breslau sind die Hauptschnitt- 
punkte des Verkehrs. 

3. Die norddeutsche Tiefebene. 

Das norddeutsche Tiefland ist ein Teil des nordeuropäischen 
Flachlandes, das vom Ural bis zu den Pyrenäen sich erstreckt. 
Hinsichtlich der Bodengestalt zeigen sich östlich und westlich 
der Elbe starke Abweichungen. Das ostelbische Tiefland hat eine 
größere Mannigfaltigkeit im Oberflächenbilde, ist hügelig und seen- 
reich, das westelbische dagegen ist mehr flach mit abwechselnder 
Sumpf- und Heidelandschaft. 

Seine heutige Oberfläche erhielt das Tiefland durch die Eiszeit und die flie- 
ßenden Gewässer. An das Walten der Eiszeit erinnern außer der dilluvialen Boden- 
bedeckung die zahlreichen Findlingsblöcke schwedischen Ursprungs und eine Unzahl 



— 110 — 

von Seen in der Moränenlandschaft des baltischen Landrückens. Nur die Dünen 
und das tiefgelegene Flachland (Marschen) an den Flüssen und der Küste der] 
Nordsee sind neuere Bildungen. 

Im ostelbischen Tieflande unterscheidet man vom Meerej 
bis zum Mittelgrebirge vier Zonen. Zuerst wird die Ostsee in ihrem 
ganzen Verlaufe von einem zusammenhängenden Dünenwall be- 
gleitet, der aus feinem Meeressand besteht und durch Seewinde auf- 
geworfen wurde. 

Den Dünengürtel begleitet in einiger Entfernung vom Meere 
der baltische Landrücken, der in einem nach Norden offenen 
Bogen die Ostsee umschlingt. Er ist eine Grundmoränenlandschaft 
mit hügeligen Formen. Durch die Weichsel, Oder und die Senke 
des Elbe-Travekanals wird er in den preußischen, pommerschen, 
mecklenburgischen und schleswig-holsteinischen Landrücken geglie- 
dert. Dieser Höhenzug mit seinen zahlreichen Seen ist im Osten von 
Nadelholzbeständen, im Westen von herrlichen Buchenwaldungen 
bedeckt. Der höchste und schönste Teil liegt westlich von der Lü- 
becker Bucht und wird etwas übertrieben die „Holsteinische 
Schweiz" genannt. 

Noch weiter landeinwärts breitet sich die „Zone der Urstrom- 
täler" aus, eine Reihe von Tiefenlinien in ost-westlicher Richtung, 
die sich an dem Rande der sich zurückziehenden Gletscher gebildet 
hatten. Durch ihre Richtung erleichtern sie den Verkehr bedeutend, 
nur die Seen und Brüche (Moore) nötigen zu Umwegen. Diese von 
Osten kommenden Täler konvergieren in der Gegend von Berlin, 
das dadurch das größte Zentrum des Verkehrs in der Ebene werden 
konnte. 

Die wichtigsten dieser Urtäler sinddasThorn — Eberswalder Tal, das von 
der Weichsel. Netze. Warthe, Oder, Rhinbruch und Havel benützt wird und sich 
von Thorn über Bromberg, Landsberg, Küstrin, Eberswalde nach Havelberg er- 
streckt, ferner das Warschau — Berliner Tal von Warschau über Posen, Grün- 
berg, Berlin nach Havelberg, endlich das Glogau — Spreewalder Tal und das 
Breslau — Magdeburger Tal. 

Im Süden ist eine Zone von Landrücken (russisch-polnisches 
Plateau, Katzenberge, Niederlaussitzer Hügel, Fläming), die über die 
Lüneburger Heide bis zur Nordsee sich erstreckt. 

Das westelbische Tiefland, an das sich ein seichtes Watten- 
meer anschließt, ist an der Nordsee und an den Flüssen fruchtbares 
Marschenland, das aus feinen Schwemmstoffen besteht und durch 
Dämme geschützt wird, da es tiefer liegt als der Meeresspiegel. Das 
Hinterland dieser flachen Küstenstriche ist teils die sandige, höher 
gelegene Geest, teils und zwar besonders westwärts der Weser aus- 
gedehntes Moorland. Gegen das Mittelgebirge hin ist fruchtbarer 



— m — 

Lößboden. Die Lüneburger Heide zwischen Elbe und Weser ist 
Geestland. 

Unter Watten sind seichte Meeresteile am Kiiatensaume zu vsrstehen, die 
zur Zeit der Flut unter Wasser gesetzt sind und bei Ebbe trocken liegen, so daß 
man dann oft zu Fuß küstennahe Inseln erreichen kann. Die Marschen sind 
tiefgelegenes Land an der Küste und an Flüssen. Sie sind fruchtbarer Ackerboden, 
der meist eingedeicht ist, oder üppiges Weideland. Sie sind gut bevölkert und 
bieten mit ihren stattlichen Gehöften ein Bild der Wohlhabenheit. Ganz anderer Art 
ist die Geest. Sie ist höher gelegener sandiger Boden mit Mooren und klei- 
nen Seen. 

Einen großen Teil der westelbischen Geest nimmt die Lüneburger Heide 
ein. Eine eigenartige Poesie breitet sieh über die einsame Heidelandschaft. Ganze 
Teppiche von Heidekraut, Ginster, Waeholdergebüsch, Birken und Kiefern wechseln 
mit öden Sandflächen. Das menschenarme, unfruchtbare Land bietet in der Schaf- 
und Bienenzucht, der Torfgewinnung und dem Anbaue von Buchweizen dürftige 
Erwerbsquellen. Aber allmählich beginnt sich dieses Bild zu ändern. Weite Strecken 
werden mit Erfolg aufgeforstet und andere unter den Pflug genommen. 

Das deutsche Tiefland wird von allen großen Strömen der Ost- 
und Nordsee durchflössen, der Weichsel, Oder, Elbe, Weser und 
dem Rheine. 

Klimatisch gehört die Ebene östlich der Elbe dem russischen 
Kontinentalklima an. Mit zunehmender Entfernung vom Ozean werden 
die Temperaturgegensätze größer, da die Ostsee ohne Einfluß ist. 
Auch die Niederschläge, die meist als sommerliche Gewitterregen 
fallen, nehmen gegen Osten ab. Hingegen steht das westelbische 
Tiefland unter dem mildernden Einfluß des Atlantischen Ozeans, 
die Temperatur ist gemäßigt, die Niederschläge sind reichlich. 

Dieses ausgedehnte Tiefland mit seinem fruchtbaren Boden, 
dem lebhaften Verkehr und seinem intensiven Wirtschaftsleben 
weist auch zahlreiche und große Städte auf. So im Osten Posen 
(157.000 Einw.), Bromberg, Königsberg (24(5.000 Einw.), Danzig 
(170.000 Einw.), Thorn, Graudenz, in Schleswig-Holstein Kiel 
(211.000 Einw,), der größte Kriegshafen, in Brandenburg Berlin 
(2,070.000 Einw., m. V. 35 Mill Einw.), in ausgesprochener Mittel- 
lage im norddeutschen Tieflande, die Hauptstadt des Reiches, der be- 
deutendste Knotenpunkt der Bahnen und der Wasserstraßen, die größte 
Industrie- und Handelsstadt Mitteleuropas überhaupt, außerdem ein 
Brennpunkt für Kunst und Wissenschaft. In der Nähe Berlins sind 
besonders Potsdam und Spandau zu nennen. Von den Städten 
Pommerns ist Stettin (237.000 Einw.), der Seehafen Berlins und 
ein großer Fischmarkt der Ostsee sowie Greifswalde als Universitäts- 
stadt wichtig. Im westelbischen Tieflande liegen Hamburg (932.000 
Einw.), der größte Hafen des Festlandes, Altona (173.000 Einw.), der 
Vorhafen Cuxhafen, außerdem Lüneburg, Bremen (247.000 Einw.), 



— 112 — 

mit Geestemünde und Bremerhafen, Oldenburg:, Wilhelms- 
hafen, ein Flottenstützi)unkt an der Nordsee, und Emden, die 
Ausgangsstation für den überseeischen Telegraphenverkehr. 

Reich und vielfältig ist das Wirtschaftsleben des deutschen 
Tieflandes. Die Lößgebiete am Rande des Mittelgebirges, die Fluß- 
niederungen des Ostens sowie das Marschenland im Westen gehören 
zu den fruchtbarsten Gegenden Deutschlands. Sie liefern Getreide, 
Zuckerrüben, Kartoffeln und Gemüse. Die herrlichen Marschland- 
schaften an der Nordsee, an den Küsten Holsteins und Mecklenburgs, 
die Wiesen der Neumark und Litauens ermöglichen eine hochent- 
wickelte Rassenzucht milchergiebiger Rinder und schwerer Pferde, 
in den weniger fruchtbaren Gegenden ist noch die Schafzucht lohnend. 
Die Bewohner der Küste betreiben Seefischerei. Ln westelbischen 
Flachlande ist ein festgegründetes Großbauerntum mit den stattlichen 
Einzelhöfen der Sachsen und Friesen, in Ostelbien herrscht das 
Rittergut und die Dorfsiedluug mit stark überwiegendem Groß- 
besitz vor. 

Die landwirtschaftliche Rohproduktion hat auch zahlreiche Be- 
triebe des Molkereiwesens, Brennereien, Rübenzucker- und Stärke- 
fabriken ins Leben gerufen. Doch sind infolge günstiger Verkehrs- 
verhältnisse auch zahlreiche andere Industrien wie Eisen- und Metall- 
w^aren-, Gewebe- und Holzindustrie entstanden. In den Städten an 
der Wasserkante blüht der Schiffbau. 

Der Verkehr konzentriert sich zum großen Teil nach Berlin 
und drängt wie der Aufbau des Landes dem Meere zu, nach Bremen 
und Hamburg, Kiel, Lübeck, Stettin, Danzig und Königsberg, den 
großen Ausfallstoren des deutschen Fleißes und Handels. 

4. Die Küsten und die Flüsse. 

Das Deutsche Reich hat au der Nord- und Ostsee Anteil ^on 
der 2400 km langen Wasserkante entfallen 600 hm auf die Nord- 
see, 1800 hm auf die Ostsee. Dieser Küstensaum ist als Flachküste 
von der Natur wenig begünstigt, da er schwer zugänglich ist. In 
ihrer Beschaffenheit zeigen die Küsten der Ost- und Nordsee große 
Gegensätze. 

Die Küste der Ostsee weist eine reiche Gliederung auf, die 
in Schleswig- Holstein durch tiefeingeschnittene Buchten, Förden 
genannt, im mittleren Teile durch Bodden, das sind flache Strand- 
seen, und im Osten durch Haffe, die durch langgestreckte schmale 
Landzungen (Nehrungen) begrenzt sind, hervorgerufen wird. In 
Pommern treten Dünenbildungen stark hervor, an einigen Stellen 
wie auf der Insel Rügen sind auch Steilküsten. An Bedeutung steht 



~ 113 — 

die Ostsee der Nordsee nach, weil ihr Hinterland vorwiegend agrari- 
schen Charakter hat und seit der Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanales 
auch Hamburg in den Ostseehandel eingetreten ist. 

Das verkehrsreichste deutsche Meer ist die Nordsee. Die Küste 
zeigt eine Art Doppelsaum. Den äußeren Rand bilden die flachen 
ost- und nordfriesischen Inseln, hinter ihnen liegt das seichte Watten- 
meer und dann folgt die Marschenküste. Obwohl nur im Mündungs- 
gebiete der Elbe, Weser und Ems für große Schiffe zugänglich, ist 
die Nordseeküste doch das eigentliche Ausfallsgebiet des deutschen 
Seehandels, weil ihr Hinterland die großen Industriegebiete des 
Reiches sind. 

An Verkehrsbedeutung gewinnen die deutschen Küsten ganz 
besonders durch die Einmündung der großen Ströme, die sich an 
der Mündung zu großen Trichtern erweitern, wodurch die Anlage 
von Flußmündungshäfeu sowie der Schiffsverkehr in das Innere des 
Landes ermöglicht wird. Diese Ströme sind im Gebiete der Nordsee 
der Rhein, dessen Mündung allerdings in Holland liegt, der aber 
trotzdem die belebteste Wasserstraße des Reiches geworden ist. 
Der Rheinverkehr erstreckt sich bereits bis Basel. Ganz auf deutschem 
Boden sind die Tieflandsströme Ems und Weser. Dazu kommt die 
Elbe mit der Moldau. Da die Elbe auch im Oberlaufe schiffbar 
ist, erstreckt sich der Einfluß Hamburgs bis nach Böhmen. 

Im Gebiete der Ostsee sind die Oder, Weichsel, Pregel und 
Memel die größten Flüsse. Sie sind von ihren Mündungshäfen an auf 
deutschem Boden in ihrem ganzen Verlaufe schiffbar. 

Durch Regulierung und durch ein weitverzweigtes Netz von Kanä- 
len sind die natürlichen Bedingungen für die Binnenschiffahrt sehr 
verbessert worden, so daß der weitaus größte Teil des Deutschen Reiches 
durch seine Ströme mit dem Meere in enger Verbindung steht. Dies 
ist um so leichter der Fall, als auch die mittlere Meeresferne von 
der Nord- und Ostsee nur 250 ä»i beträgt*). 

Das Wirtschaftsleben. 

Ebenso wie in politischer ist das Deutsche Reich auch in wirt- 
schaftlicher Hinsicht eine Einheit. Alle Zweige des Erwerbslebens 
sind auf das beste vertreten und haben seit der Reichsgründung 
einen großen Aufschwung genommen. Aber im allgemeinen Charakter 
des Wirtschaftslebens ist seit den Siebziger jähren des 19. Jahrhunderts 

*) Für die österreichisch-ungarische Monarchie beträgt die mittlere Meeres- 
ferne .357 /l-m. Während in Deutschland nur 10*/o der Bodenfläche über 400 z^?« vom 
Meere abliegen, ist in Österreich-Ungarn fast die Hälfte des Areals mehr als 400 ^m 
vom Meere entfernt. 

Stoiser, Wirts chafts- und Verkehrsgeofjraphie d. europ. Staaten. 8 



— 114 — 

eine vollständige Änderung eingetreten. Bis dahin fand die Mehrzahl 
der Bewohner in der Landwirtschaft lohnende Beschäftigung. Seit 
dieser Zeit ist aber die Industrie mächtig emporgekommen und 
nimmt jetzt die erste Stelle ein. Als dritte Quelle des deutschen Natio- 
nalreichtums kommt ein weltumspannender Handel dazu. 

Die überwiegende Beschäftigung der Bevölkerung ist aus der 
Berufsstatistik des Jahres 1907 zu ersehen. Danach befassen sich 
von der Gesamtbevölkerung 

290/0 mit Land- und Forstwirtschaft 
430/0 » Industrie und Bergbau 
13'', „ Handel und Verkehr 
1% als Lohnarbeiter und Dienstboten 
6^0 « Beamte und in freien Berufen 
8% ohne festen Beruf. 
Die Landwirtschaft. Die große Bedeutung der deutschen Land- 
wirtschaft geht schon aus der Tatsache hervor, daß sie im Jahre 
Werte von 14 Milliarden Mark schafft. Trotz ihrer Vielseitigkeit, des 
kapitals- und arbeitsintensiven Betriebes, vermag sie den Bedarf 
schon lange nicht mehr zu decken. Trotz staatlicher Maßnahmen hat 
sie ebenso wie in anderen Ländern unter der Verteuerung des 
Betriebes infolge des Abströmens der ländlichen Arbeiter zur In- 
dustrie und unter der überseeischen, die Preise drückenden Kon- 
kurrenz zu leiden. Die feste Stütze der deutschen Landwirtschaft 
ist aber ein kräftiger, lebensfähiger Bauernstand, dem V4 von Grund 
und Boden gehören. Der Großgrundbesitz ist besonders östlich der 
Elbe vertreten. Stattliche Bauerngüter liegen zwischen Oder und 
Elbe, in Schleswig-Holstein, Westfalen und Hannover, in den übrigen 
Teilen überwiegt die Parzellenwirtschaft. Die Bodennutzung ist 
mustergiltig, die Ödländereien werden immer mehr eingeschränkt. 
Etwa 10^ lo sind unproduktiv. 

Der wichtigste Zweig ist der Getreidebau. Er deckt etwa 
für 11 Monate den Jahresbedarf. Die eigentliche Brotfrucht ist der 
Roggen, der im Tieflande in solcher Menge gedeiht, daß davon sogar 
ausgeführt werden kann. Dagegen muß Weizen, dessen Anbaugebiet 
in Südwestdeutschland liegt, eingeführt werden. Hafer wird überall, 
die Gerste in fruchtbaren Niederungen gebaut. Eine führende Rolle 
behauptet Deutschland im Kartoffel- und Rübenbau. Arm an Kar- 
toffeln sind nur die schwäbisch-bayrische Hochfläche, Schleswig- 
Holstein und die Nordseeküste. Die Zuckerrübe ist besonders im 
fruchtbaren Lößboden am Rande der mitteldeutschen Gebirgsschwelle 
(Schlesien, Magdeburger Börde, Anhalt, Braunschweig), verbreitet und 
ihre Bearbeitung wird zumeist von polnischen Wanderarbeitern 



— 115 — 

(^ Sachsengänger") besorgt. Wirtschaftlich von Bedeutung ist auch der 
Obst- und Gemüsebau. Zu den ersten Obstgegenden Deutsch- 
lands gehören die oberrheinische Tiefebene, die Abhänge des 
Odenwaldes, des Taunus, die Täler der Mosel, des Rheins und des 
Mains sowie die Ufer des Bodensees. In der Nähe von Hamburg 
werden jährlich für 90.000 Mark Erdbeeren geliefert. Der Gemüsebau 
hat seinen Mittelpunkt in Erfurt, ferner in der Magdeburger Börde, 
in Braunschweig und in der Umgebung volkreicher Städte. 

Den Stolz der deutschen Landwirtschaft bildet aber der Wein- 
bau. Die Jahresproduktion beträgt zwar nur 2 — fy Mill. hl, wertet 
aber über 70 Mill. Mark. Die berühmtesten Weinrieden sind in den 
Tälern des Rheins, der Mosel, Saar, Nahe, des Mains und Neckars. 
Aber auch im Königreich Sachsen und in Schlesien gedeiht noch Wein. 

Die deutsehen Weine sind ein vielbegehrter Handelsartikel. Am bekanntesten 
sind die Rhein- und Moselweine, die zumeist nach England und in die Union 
ausgeführt werden. Hauptweinmärkte sind Trier, Mainz, Frankfurt a. M., Würz- 
burg, Eßlingen und Heidelberg. Auch die Schaumweinfabrikation ist in über 
300 Fabriken gut vertreten und liefert ein dem französischen Sekt fast ebenbür- 
tiges Erzeugnis. 

Der Tabakbau in Südwestdeutschland sowie der Hopfenbau 
(Franken, Oberpfalz) decken den größten Teil des Bedarfes. 

Sehr rationell wird auch die Forstwirtschaft betrieben. Das 
einst sehr waldreiche Deutschland ist nur mehr auf 26" o seiner 
Bodenfläche mit Wald bedeckt. Im allgemeinen überwiegt der Nadel- 
wald, besonders im kühleren Osten. Waldarm sind die Küsten an 
der Nordsee, außerdem Ost- und Westpreußen. In den waldreicheren 
Gegenden besteht eine lebhafte Verarbeitung des Holzes in Säge- 
werken, Papier- und Zellulosefabriken, in Thüringen, im Erzgebirge 
und Schwarzwald blüht die Holzschnitzerei und Spielwarenerzeugung. 
Große Mengen von Holz müssen in Deutschland aus Österreich, 
Rußland und Skandinavien des großen Bedarfes wegen eingeführt 
werden. Der größte Holzmarkt ist Hamburg. 

Die Viehzucht ist ein sehr lohnender Zweig der Landwirtschaft. 
Sie wird am eifrigsten auf den kleinen und mittleren Bauerngütern 
betrieben, der Großgrundbesitz dagegen befaßt sich mehr mit dem 
Getreidebau. Der Tierstand ist ein sehr grqßer (vgl. Tabelle VI im 
3. Teile). 

Der Wert dieses Viehbestandes beläuft sich auf mindestens 
8 Milliarden Mark. Hochentwickelt ist vor allem die Pferdezucht. 
Sie wird in den wiesenreichen Niederungen Posens.. Ost- und West- 
preußens, Mecklenburgs, Holsteins und Hannovers am meisten ge- 
pflegt. Bekannt ist das ostpreußische Landpferd, eine leichte, aus- 
dauernde Rasse. Halbschwere Pferde werden in Hannover und 

8* 



— 116 — 

Schleswig -Holstein, schwere im Westen und Süden Deutschlands 
gezogen. Eingeführt werden außer Luxuspferden schwere Zugtiere aus 
Belgien und Dänemark. 

Berühmte Gestüte sind in Trakehnen, Graditz, Neustadt a. d. Dosse, Beber- 
beck bei Kassel, Wickrath b. M. -Gladbach und "Weil in Württemberg. 

Die Rinderhaltung ist am verbreitetsten im Marschengebiete 
der Nordsee, in den Flußniederungen Ostelbiens, am Rhein und in 
den baj'^rischen Alpen. Für die Fleischversorgung reicht die heimische 
Produktion ebensowenig aus wie in Österreich. Das Molkereiwesen 
ist hochentwickelt, jedoch müssen Butter und Käse in großen Mengen 
eingeführt werden. 

Zurückgegangen ist die Schaf- und Ziegenzucht. Nur 
Pommern und Mecklenburg haben noch große Schafherden. Die 
Schweinezucht dagegen ist in mächtigem Aufschwünge begriffen. 
Während die Jagd infolge Entwaldung und der Zunahme des Ver- 
kehrs gegen früher an wirtschaftlicher Bedeutung stark eingebüßt hat, 
ist die Fischerei zu neuer Wichtigkeit gekommen. Die Flußfischerei ist 
aus mancherlei Ursachen im Ertrage zurückgegangen, nur der Rhein, 
die Weser und Warthe haben ergiebigen Lachsfischfang. Viel wichtiger 
ist jetzt die Ausbeute der Seen und Fischzuchtanstalten. Großartig 
entwickelt ist aber die Seefischerei, die vornehmlich auf Heringe, 
Sprotten, Schellfische und Flunder gerichtet ist. Gegenwärtig ist die 
Fischerei an den Küsten und im Wattenmeere noch wichtiger als 
die Hochseefischerei. Im ganzen sind etwa 800 Schiffe mit 5000 Mann 
Besatzung bei der Seefischerei in Verwendung. Mit Erfolg wurde 
auch die drahtlose Telegraphie in ihren Dienst gestellt. Große 
und mustergiltig eingerichtete Fischereihäfen sind Geeste- 
münde, Emden, Cuxhafen, Kolberg. Fischkonservenfabriken und 
Räuchereien bestehen in Geastemünde, Stettin (Heringe), Kiel 
(Sprotten), Ahlbeck. Swinemünde und Pillau. Trotz des Aufschwunges 
der Seefischerei findet noch eine namhafte Einfuhr von Fischen aus 
England, den Niederlanden und Dänemark statt, denn für die Volks- 
ernährung sind die Erzeugnisse der Fischerei im Deutschen Reiche 
ungleich wichtiger als bei uns in Österreich-Ungarn. 

Die Montanproduktion. Auf den großen Reichtum an Boden- 
schätzen wurde schon bei Besprechung der Einzellandschaften hin- 
gewiesen. Für alle Zweige der Mineralproduktion ist eine stete Zu- 
nahme der Ausbeute festzustellen, vor allem gehört das Deutsche 
Reich zu den ersten Eisen- und Kohlenproduzenten der Welt. 

An Wichtigkeit obenan steht die Kohle. Sie ist zum größten 
Teile hochwertiffe Steinkohle. 



— 117 — 

Die wichtigsten Steinkohlenreviere des Deutschen Reiches 
nach der Größe ihrer Produktion sind: 

1. das Ruhrbecken zwischen Ruhr, Lippe und Rhein*). Jahres- 
produktion 1910 : 8G-8 Mill. t; 

2. das oberschlesische Becken mit den Hauptorten Beuthen, 
Königshütte und Kattowitz. Jahresproduktion 40 Mill. t; 

3. das Saarrevier bei Saarbrücken und Neunkirchen. Es ist 
zum größten Teil in staatlichem Besitz und liefert jährlich 11 Mill. i; 

4. das sächsische Revier bei Zwickau, Ölsnitz i. E. und im 
Plauenschen Grunde bei Dresden. Jährlich 5 Mill. t-, 

5. das niede rschlesische Becken bei Waidenburg mit 
4 Mill. t Jahresausbeute; 

6. das Aachener oder Wurmrevier mit jährlieh 2 Mill. t. 
Braunkohle findet sich an zahlreichen Orten. Den größten Teil 

liefert der Bergamtsbezirk Halle („Mitteldeutsches Braunkohlensyn- 
dikat in Leipzig") und die Umgebung von Bonn. Sehr viel wird auf 
der Elbe aus Böhmen eingeführt. 

Der Torf, der im Moorgebiete in großen Mengen gewonnen 
wird, dient weniger zu Brenn- als zu Streuzwecken. 

Auch das Eisen kommt in zahlreichen abbauwürdigen Lagern 
und meist in nächster Nähe der Kohle vor. Die ergiebigsten Eisen- 
erzlagerstätten sind in 

1. Lothringen mit 70<^/o der Gesamtproduktion (1909 : 145 
Mill. t): 

2. Rheinland, am Xordrande der Eifel und im Hundsruck; 

3. Westfalen im Sauerland; 

4. Ob er Schlesien bei Beuthen, Gleiwitz, Königshütte und 
Kattowitz, ferner in Hessen-Nassau, im Harz und Erzgebirge. Ein- 
geführt werden spanische, schwedische und auch ungarische Erze. 

Von anderen Mineralprodukten sind noch zu nennen das Zink 
(Tarnowitz und Beuthen, Iserlohn, Aachen), worin Deutschland in 
Europa die größte Menge liefert, ferner das Blei, worin es nur von 
der Union und Spanien übertroffen wird, und das Kupfer, das in 



•) Von der Großartigkeit des Betriebes im Ruhrliohlenrevier geben folgende 
Angaben eine Vorstellung: im Jahre 1908 waren dort 335.000 Arbeiter beschäftigt. 
Täglich werden 21.000—23.000 Waggon Kohle von je 10 < verlangt und geliefert. 
Die größten Zechen liegen um Dortmund und Gelsenkirchen und die wichtigsten 
Kohlenbergbaugellschaften. wie die Aktiengesellschaften ..Gelsenkirchen", ..Harpe- 
ner Bergbau", ,,Hibernia" und 'j.Rheinpreußen" sind im rheinisch-westfälischen 
Kohlensyndikate kartelliert. Obwohl der preußische Staat im Besitze zahlreicher 
Gruben ist, vermochte er auf die Preisbildung noch keinen maßgebenden Einfluß 
auszuüben. 



— 118 — 

reicher Menge im Mansf eider Bergland zur Ausbeute gelangt. Doch macht 
die hochentwickelte Elektrizitätsindustrie die Einfuhr aus der Union, 
Australien und Spanien notwendig. 

An Edelmetallen ist Deutschland arm. Nur die Silbergewinnung 
im Harz ist bedeutend, leidet aber unter den niedrigen Silber- 
preisen. 

Kochsalz wird in 11 Salzbergwerken (z. B. Berchtesgaden, 
Friedrichshall, Staßfurt) und in 77 Salinen (Halle, Schönebeck, Kreuz- 
nach, Nauheim usw.) ausgebeutet. Für die Landwirtschaft wichtig ist 
die Förderung von Abraum- und Kalisalzen, die in mächtigen 
Schichten das Steinsalz bedecken. Die reichsten Lager sind im Mag- 
deburg-Halberstädter Becken (bei Staßfurt). 

Sonstige nutzbare Produkte des Minerali-eiches sind verschie- 
dene Arten von Bausteinen, wie Granit, Sandstein, Basalt, Marmor 
(Berchtesgaden, bei Düsseldorf), lithographischer Schiefer (Solnhofen, 
Eichstädt'i, Porzellanerde (Schlesien, Sachsen) und Bernstein, der an 
der Küste Ostpreußens gefunden und bergmännisch gewonnen wird. 

Von den zahlreichen Mineralquellen war bereits früher die Rede. 

Die Industrie. Das rasche Aufblühen der deutschen Industrie 
seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, besonders aber seit der Reichs- 
gründung, ist eine bewunderungswürdige Erscheinung, zumal sie 
nicht als Folge politischer Maßnahmen und künstlicher Förderung 
durch Subventionen, sondern aus der gesamten Volkswirtschaft 
heraus erwachsen ist. Allerdings hat auch die Reichsgründung und 
die daraus sich ergebende allgemeine Rechtssicherheit, die Vereinheit- 
lichung des Zollwesens und eine industriefreundliche Handels- 
politik günstig gewirkt. Ihr Aufblühen verdankt sie aber außer 
den natürlichen Grundlagen, die in der reichen Ausstattung des 
Landes gelegen sind, der besonderen Begabung und Vorliebe für 
industrielle Produktion, der finanziellen Tätigkeit, dem Handel, Ver- 
kehr und Schiffahrt sowie dem Fleiße, der Erfindsamkeit, Unter- 
nehmungslust und zähen Ausdauer des deutschen Volkes. Mächtig 
vorwärtsgebracht hat die Industrie aber auch die praktische Ver- 
wendung der wissenschaftlichen Ergebnisse, die in den Labo- 
ratorien der Hochschulen und Fabriken zutage gefördert wurden. 

Das Deutsche Reich ist ein Industriestaat, denn die Industrie 
beschäftigt viel mehr Menschen als die Landwirtschaft. Es ist aber 
sehr charakteristisch, daß sie trotz ihres in das Riesenhafte gehenden 
Wachstums noch immer zumeist für den Inlandsbedarf arbeitet und 
daß nur etwa der fünfte Teil der Fabrikate in das Ausland geht. 

Mustergiltig sind auch die sozialen Einrichtungen für die 
Arbeiter, wie Arbeiterschutz, Kranken-, Unfall-, Alters- und Invaliden- 



I 



— 119 — 

Versicherung. Die deutschen Industriearbeiter haben einen ebenso 
hohen Standard of lifewie die englischen und ihrer hohen Volksbildung 
ist nicht zum geringsten Teil der industrielle Aufstieg zu danken. 
Ähnlich wie in Amerika macht sich auch in der deutschen In- 
dustrie eine starke Konzentrationsbewegung und die Gründung 
von Kartellen, Syndikaten und Preiskonventionen bemerkbar*). 

Die räumliche Ausbreitung der Industrie ist keine zufällige. 
Sie hängt mit den Wasserkräften der Alpen und des Mittelgebirges, 
den Steinkohlenschätzen der mitteldeutschen Gebirgsschwelle, den 
Braunkohlenlagern Xorddeutschlands und dem Verkehrswesen zusam- 
men, weshalb alle großen Eisenbahnknotenpunkte (Berlin, Leipzig, 
Nürnberg, München) sowie auch die Seehäfen sich auch zu großen 
Industriestädten entwickelten. Die wichtigsten Industrielandschaften 
sind Schlesien, Brandenburg, das Königreich Sachsen, die Rhein- 
provinz und Elsaß-Lothringen. Ganz industrielose Gebiete gibt es 
nirgends. 

An Wichtigkeit übertrifft die Eisen- und Stahlindustrie 
alle anderen Industriezweige. Sie beschäftigt gegen 1'5 Mill. Arbeiter. 
Die größten Betriebe sind in den Rheinlanden (Essen, Duisburg, 
Saarbrücken, Neunkirchen), in Westfalen (Bochum, Dortmund, Hagen), 
in Schlesien (Beuthen, Kattowitz), in Sachsen (Zwickau) und Loth- 
ringen. Die Eisen- und Stahlwerke liefern Schienen, Traversen, Platten, 
Eisenbahnräder und Achsen, Gußwaren und Kriegsmaterial. 

Das größte deutsche Unternehmen für Eisen- und Stahlindustrie ist die 
Friedrich Krupp A.-G. in Essen. 

Ihr gehören die Gußstahlfabrik in Essen, 1034 auf Eisenstein verliehene 
Felder in Deutschland und Spanien, 3 Kohlenzechen, 3 Hochofenanlagen am Mittel- 
rhein (Rheinhausen), darunter die Friedrich Alfred-Hütte, das größte Hütten- und 
Stahlwerk Deutschlands, das Stahlwerk Annen in "Westfalen, das Grusonwerk in 
Magdeburg-Buckau, die Germaniawerft in Kiel sowie ein Schießplatz von 30 l-m 
Länge in Meppen. Insgesamt waren Mitte 1910 auf allen Kruppschen Werken 
68.900 Personen, davon 6840 Beamte und Techniker beschäftigt. Die Zahl aUer Zu- 
gehörigen beträgt 230.000. Täglich wird an Lohn 200.000 Mark, im Jahre an 60 Mill. 
verausgabt. Die Versicherungsbeiträge und Unterstützungen erreichen jährlich die 
Höhe von 10 Mill. Mark. Großzügig sind vor allem die Wohlfahrtseinrichtungen 
für die Angestellten des Werkes. 

Von den Erzeugnissen der Firma Krupp sind besonders die Kanonen, Pan- 
zerplatten, verschiedenes Kriegsmaterial, Schmiede-. Walz- und Stahlgußfabrikate, 
Schienen, Achsen und Räder für Eisenbahnen hervorzuheben. Auch werden alle 
Werkzeuge und Maschinen für den eigenen Bedarf verfertigt. 

*) Die größten dieser Verbände sind in der Montanindustrie, wie der deutsche 
Stahlwerksverband, die 1?04 gegründete Organisation der deutschen Stahlwerke, 
deren Vertrag 1912 ablief und teilweise bis 1917 erneuert wurde und das rheinisch- 
westfälische Kohlensyndikat, das 1903 mit der Giltigkeitsdauer bis 1915 ge- 
gründet wurde. 



— 120 — 

Der Begründer dieses Riesenunternehmens ist Alfred Krupp (1812 — 1887), 
der im Alter von 14 Jahren den kleinen Eisenhammer in Essen nach dem Tode 
seines Vaters übernahm, und um die Mitte des IH. Jahrhunderts bereits einer der größten 
Industriellen Europas war. der lOOO Arbeiter hatte. Die Kriege der Sechzigerjahre 
und der deutsch-französische Krieg mit dem ungeheuren Bedarf an Kriegsmaterial 
hatten eine unausgesetzte Vergrößerung des Werkes zur Folge. Seit 1890 ging das 
Werk zur Herstellung von Panzerplatten über. Sein Nachfolger war Friedrich 
Alfred Krupp (1854—1902). Die technische und kommerzielle Leitung hat seit 
1802 ein sechsgliedriges Prokuristenkollegiuni inne. Im Jahre 190;> wurden die 
Kruppwerke in eine Faniilien-Aktiengesellsehaft umgewandelt, die im Besitze der 
Erben Krupps blieb. 

Von großer Leistungsfähigkeit ist auch der Maschinenbau, 
dessen Hauptsitze in Duisburg, Kassel (Lokomotiven: Häntschel und 
Söhne), Magdeburg, Berlin (Borsig, für Maschinen und Lokomotiven), 
Chemnitz, Breslau, Offenbach, Nürnberg, München, Mannheim (Heinrich 
Lanz), Düsseldorf (Rheinische Metalhvaren und Maschinenfabrikvormals 
Gebr. Erhardt) und Köln-Deutz sind. Landwirtschaftliche Maschinen 
erzeugen hauptsächlich Magdeburg, Breslau und Danzig. 

Die Kleineisenindustrie, ursprünglich ein Ableger der steiri- 
schen, ist am glänzendsten in Solingen (J. A. Henkels Zwillingswerk), 
Remscheid und Iserlohn vertreten. 

Im raschen Aufschwünge ist die Automobilindustrie. Die 
bekanntesten Werke sind in Kannstadt (A.-G. Daimler), Mannheim 
(Benz & Co.), Frankfurt a. M (Adlerwerke), Russeisheim a. M. 
(Opel), Untertürkheim (Mercedes), Berlin (N. A. G) u. a. 

Einen ungeahnten Aufschwung hat seit Mitte der Siebzigerjahre 
des verflossenen Jahrhunderts*) der Schiffbau genommen. Deutsch- 
land baut auf seinen Werften die modernsten Kriegsschiffe und elegan- 
testen Ozeandampfer für eigene und fremde Rechnung. Auf 30 Werften 
sind ungefähr 60.000 Arbeiter beschäftigt. Die größten dieser Werften 
sind die Vulkan-Werft in Stettin und Hamburg, die leistungs- 
fähigste dieser Unternehmungen, ferner die kaiserlichen Werften 
in .Kiel, Wilhelmshafen und Danzig, Blohm und Voß in Hamburg, 
die Germania-Werft in Kiel, die Weser-Werft in Bremen, die 
Howaldswerft in Kiel, die Schichau-Werft in Elbiug und 
Danzig. 

Auch alle übrigen Zweige der Metallwarenindustrie sind her- 
vorragend vertreten. Besonders verdienen erwähnt zu werden die 
Kunstgewerbe- und Schmuckarbeiten in Gold und Silber 
(Pforzheim, Hanau, Berlin, Breslau, Stuttgart und Kannstadt), sowie 



'-'■) Im Jahre 1875 wurde auf der Vulkan-Werft in Stettin das erste Panzer- 
schiff vom Stapel gelassen, das von heimischen Ingenieuren und ganz aus deutschem 
Material hergestellt war. 



- 121 — 

die Herstellung wissenschaftlicher Instrumente (Jena — Zeiss- 
werke). 

Einzig dastehend ist die Elektrizitätsindustrie, mit deren 
Erzeugnissen Deutschland den Weltmarkt beherrscht. Berlin, Nürn- 
berg und Frankfurt a. M. sind ihre maßgebenden Mittelpunkte*). 

Die hohe wirtschaftliche Bedeutung der metallurgischen Industrie 
erhellt aus dem Umstände, das aus dem Deutschen Reiche im Jahre 
1910 um 1678 Mill. Mark Waren dieser Art ausgeführt wurden. 

Den zweiten Rang behaujDtet die Textilindustrie, die über 
1 Mill. Personen beschäftigt. Am verbreitetsten ist die Baumwoll- 
verarbeitung, die im Jahre 1910 : 10 Mill. Spindeln und 250.000 
Webstühle zählte. Ihre größten Verbreitungsgebiete sind das rheinisch- 
westfälische (Köln, Duisburg, Elberfeld-Barmen, München-Gladbach), 
das elsässisch-badische (Mühlhausen, Kolmar), das südbajnrisch-würt- 
tembergische (Augsburg, Kempten, Göppingen) und das nordbayrisch- 
sächsisch-thüringische (Plauen, Hof, Chemnitz, Zwickau, Apolda). Ein 
bodenständiges Gewerbe ist auch die Wollindustrie, die im Rhein- 
lande (Aachen, Düren), in Sachsen (Chemnitz, Glachau, Leipzig), in 
Thüringen (Gera, Greiz, Apolda), Brandenburg (Kottbus, Lukenwalde) 
und Schlesien (Görlitz, Sagan. Lieguitz) zu Hause ist. Von alters her 
ist die Leinenweberei in Blüte. Sie wird fabriksmäßig besonders 
in Schlesien, in der Lausitz und in Westfalen (Bielefeld), als Haus- 
industrie im Waldenburger Bergland und im Eulengebirge betrieben. 
Auch die Seidenindustrie vermochte in Krefeld und Umgebung 
erfolgreich Fuß zu fassen. Juteindustrie ist in Berlin, Elberfeld- 
Barmen und Bonn. Zu einem mächtigen Industriezweige hat sich die 
Herstellung von Konfektionsartikeln, die meist in Heimstätten für 
Rechnung großer Firmen erfolgt, entwickelt. Berlin. Dresden, Frank- 
furt a. M., Nürnberg und Stuttgart erzeugen am meisten. Leipzig ist 
seiner Pelzwaren wegen berühmt. 

Die keramische Industrie, die im Lande reiche Lager von Ton, 

*) Die bekanntesten dieser groiien Werke für elektroteclinische Industrie sind 
die Aktiengesellschaft Siemens & Halske mit dem ..Wernerwerk" in Berlin- 
Nonnendamm für Schwachstromtechnik (Telegraphen und Telephonapparate, See- 
kabel, Zentral-Uhrenanlagen, elektromedizinische Apparate, Wassermeser und Zähl- 
apparate, Glühlampen usw.), die Siemens -Schuckertwerke G. m. b. H. in Berlin- 
Charlottenburg und Nürnberg für Starkstromtechnik (Massenfabrikation von 
elektrotechnischen Maschinen, Apparaten, Scheinwerfern, Kabeln und Automobilem 
und die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (A. E. G.) in Berlin (ursprüng- 
lich ,, Deutsche Edison Gesellschaft"), die in ihren Fabriken 41.000 Arbeiter hat. 
Sie besitzt in fast 700 Städten des In- und Auslandes Vertretungen. Ihre Erzeug- 
nisse sind Glühlampen, Maschinen, Turbinen, Kabel, Automobile, sie befaßt sich 
außerdem besonders mit der Anlage von elektrischen Straßen- und Vollbahnen. 
Die A. E. G. ist ein Weltunternehmen ersten Ranges 



— 122 — 

Koalin und Quarzsand vorfindet, liefert in künstlerischer Ausführung 
Tonöfen, Majolikawaren und Terrakotten, in der Nähe der großen 
Städte bestehen zahlreiche Ziegelfabriken und auch die Zement- 
industrie (Westfalen, Hamburg, Stettin) hat rasch an Bedeutung 
gewonnen. Zu den berühmtesten und ältesten Erzeugnissen dieser 
Gruppe gehört die Porzellanmanufaktur, deren Aufschwung von 
Meißen, Charlottenburg und X3'mphenburg ausgegangen ist. Diese 
in der Blütezeit des Rokoko gegründeten Fabriken (Meißner Por- 
zellan!) sind auch heute noch tonangebend. Der Hauptsitz der Por- 
zellanindustrie ist jetzt neben Sachsen besonders Thüringen. Nicht 
minder alt ist die Glasindustrie, die im Riesengebirge, Böhmer- 
walde und in Thüringen am meisten vertreten ist. 

Führend ist Deutschland vor allem auf dem weitverzweigten 
Gebiete der chemischen Fabrikation geworden, worin es längst 
schon die ältere englische überholt hat. Sie liefert Farben (Ludwigs- 
hafen: Badische Soda- und Anilinwarenfabrik; Mannheim, Höchst 
und Frankfurt a. M., Düsseldorf), Explosivstoffe, Zündwaren, Kunst- 
dünger, Öle, photographische und chemische Präparate jeder Art, 
Margarin usw. 

Von den Industrien in Holz, Leder und Papier sollen nur die 
wichtigsten hervorgehoben werden. So hat die deutsche Möbel- 
industrie (München, Berlin) bereits die französische und englische 
überflügelt. Ihre Erzeugnisse sind im Material gediegen und im Stil 
von erlesenem Geschmacke. Die Massenproduktion von Spielwaren 
erfolgt fabriksmäßig in Nürnberg und in Thüringen (Ruhla, Sonneberg). 
In der Ledererzeugung und Verarbeitung ist Deutschland noch auf 
fremde Zufuhr angewiesen, leistet aber in der Handschuh- und Schuh- 
fabrikation sowie in der Herstellung von Ledergalanteriewaren schon 
seit langem Hervorragendes. 

Die Papierfabrikation und der damit im Zusammenhang ste- 
hendeBuchdruck sowie dieverschiedensten Arten der Reproduktions- 
gewerbe sind besonders in Berlin, Leipzig, München und Stuttgart 
in so glänzender Weise vertreten, wie in keinem anderen Lande der 
Welt. (Im Jahre 1910 wurden um 97 Mill. Mark Bücher ausgeführt) 

Unter den Agrarindustrien ragt die Rübenzuckerfabrikation 
hervor. Deutschland ist der erste Rübenzuckerproduzent der Welt. 
Im Jahre 1909 bestanden 358 Zuckerfabriken und 39 Raffinerien. 
Der Mittelpunkt dieser Industrie ist Magdeburg. Die Produktion im 
Jahre 1911 betrug 25 Mill. q. 

UraltistderBrauereibetrieb. Jährlich werden gegen lO^liW.hl 
Bier erzeugt. Diese Menge wird weder in der Union noch in England 
erreicht. Malz und Hopfen muß viel aus Österreich eingeführt 



— 123 — 

werden. Am meisten Brauereien hat Bayern (München* : Löwen-, 
Spaten-, Leist-, Psehorr- und Hof brau; Nürnberg: Brauerei Tucher; 
Erlangen, Kulmbach), das allein 30 Mill. hl erzeugt. Die dunklen 
bayrischen Biere werden in großer Menge ausgeführt. Aber auch 
Norddeutschland hat große Brauereien (Berlin: A.-G. Schultheiß, die 
größte Deutschlands, Friedrichshöhe; Leipzig, Dortmund, Breslau, 
Königsberg, Stettin, Aachen). 

Die kleinen Brauereien werden immer mehr aufgelassen und 
von den Großbetrieben der Aktiengesellschaften verdrängt. Zur Ein- 
fuhr kommt österreichisches Pilsner- und englisches Porterbier. 

Stärkefabrikation und Spiritusbrennerei erfolgen meist im 
landwirtschaftlichen Nebenbetrieb und sind über das ganze Reich 
verbreitet. 

Die Müllerei hat ihren Sitz in den Seehäfen und Städten an 
schiffbaren Flüssen wegen der vorteilhaften Getreidezufuhr, wie in 
Königsberg, Danzig, Bromberg, Kiel, Altona, Köln, Mannheim und 
Ludwigshafen. 

Anbau und Verarbeitung von Tabak sind im Deutschen Reiche 
nicht Staatsmonopol. Am verbreitetsten ist die Tabakfabrikation in 
Elsaß, Baden, in der Pfalz, namentlich aber in Bremen und Ham- 
burg. In der Umgebung dieser Städte wird sie als Hausindustrie 
betrieben. Zigaretten liefern Dresden, Berlin und Frankfurt a. M. 
Der Hauptmarkt für ausländische Tabake ist Bremen, für inländische 
Mannheim. 

Den früher genannten Industrien, welche landwirtschaftliche 
Rohstoffe veredeln und umgestalten, schließen sich noch die Kondi- 
toreiwaren-, Lebkuchen- und Schokolade Warenerzeugung (Berlin, 
Dresden, Hamburg, Göttingen, Nürnberg), ferner die Gemüse- und 
Fleischkonservenindustrie (Rheinland, Braunschweig, Sachsen) und 
eine qualitativ hochstehende Fleischwarenindustrie (Braunschweig, 
Gotha, Frankfurt a. M., Hamburg, Westfalen, Pommern) an. 

Der Verkehr. 

Die gute Wegsamkeit des Bodens mit der vorteilhaften Ab- 
dachung gegen das Meer hin sowie die Schiffbarkeit der Ströme 
sind die Grundlage für den hohen Stand des Verkehrswesens im 
Deutschen Reiche. Im ausgedehnten Flachlande findet der Verkehr 
gar keine Schwierigkeiten, über die mitteldeutsche Gebirgsschwelle 
führen mehrere natürliche Senken und in Süddeutschland sind in 

*) München hatte 1908 22 Großbrauereien mit einer Jahreserzeugung von 
über 3 Mill. Kl. Der Bierkonsum pro Kopf betrug im Jahre 1890 noch 487 l, ist 
aber im Jahre 1908 auf 286 l gesunken. 



— 124 — 

den Rändern der Beckenlandschaften zahlreiche Täler und Lücken, 
die von den Bahnen benützt werde'n. 

Landstraßen. Ein dichtes Netz von gut gehaltenen Kunststraßen 
bedeckt das ganze Reich, die durch den zunehmenden Automobil- 
verkehr wieder reges Leben aufweisen. 

Die Eisenbahnen. Die Ausgestaltung des Bahnnetzes wurde 
nach der früheren Planlosigkeit in der Linienführung seit 1871 syste- 
matisch betrieben. Im Jahre 1910 hatte das Deutsche Reich 60.600 Arw 
Bahnen, wovon 36.000 km auf Preußen entfielen. Die Mehrzahl, nämlich 
92"57o aller Linien sind verstaatlicht. Preußen hat auch das Eisenbahn- 
wesen der Mittel- und Kleinstaaten in die Hand genommen. Auch 
sonst wurden mit den einzelnen Staaten (Bayern, Sachsen, Baden, 
Württemberg), die selbständige Bahnen haben, Vereinbarungen ge- 
troffen, die eine rasche Abwicklung des Verkehrs gewährleisten 
(Preußisch-hessische Eisenbahngemeinschaft, Deutsche Güterwagen- 
gemeinschaft, Preußisch-ba)''rische Personenwagengemeinschaft). Unter 
den Staaten der Erde hat nur die großräumige Union mehr 
Bahnen als das Deutsche Reich. Die Schnelligkeit, Sicherheit und 
vorzügliche Einrichtung der deutschen Bahnen ist bekannt. Zentral- 
weichen, automatische Signalvorrichtungen und Luftdruckbremsen 
sind selbst auf kleineren Nebenlinien eingeführt. Praktisch und 
großartig ist die Einrichtung der Bahnhöfe, zumal der großen Zentral- 
bahnhöfe in Hamburg, Köln, Gelsenkirchen*), Mannheim, Frankfurt 
a. M., Nürnberg, München, Dresden und Leipzig. 

Die dichteste Anordnung zeigt das Bahnnetz in der Rheinpro- 
vinz, im Königreich Sachsen und in Brandenburg. Als Hauptknoten- 
punkte kommen vor allem Berlin mit 15 ausstrahlenden Liüien, 
Magdeburg, Hannover und Köln für Norddeutschland, Leipzig, 
Frankfurt a. M. und Nürnberg für das mittlere, München, Ulm und 
Straßburg für das südliche Deutschland in Betracht. 

Von den wichtigsten Eisenbahnlinien seien folgende genannt: 

1 . Berlin — Wittenberge — Hamburg, 

2. Berlin — Warnemünde — Gjedser — Kopenhagen, 

3. Berlin- Stettin— Stralsund- Saßnitz-Trelleborg (Schweden), 

4. Berlin — Küstrin — Königsberg— St. Petersburg, 

5. Berlin — Frankfurt a.O. — Posen — Thorn — Warschau — Moskau, 

6. Berlin — Oderberg — Wien, beziehungsweise Budapest, 

7. Berlin — Dresden — Prag — Wien, 

8. Berlin — Leipzig — München — Brenner — Italien, 

9 Berlin — Halle — Erfurt — Frankfurt — Mainz - Bingen— Metz, 

*) Der Bahnhof in Gelsenkirchen hat 72 Geleise und ist in dieser Hinsicht 
der größte der Welt. 



— 125 — 

10. Berlin — Kassel — Gießen — Frankfurt,beziehungsweiseGießen — 
Koblenz — Metz, 

1 1 . Berlin — Hannover — Köln — Paris, 

12. Berlin — Stendal — Bremen, 

13. Frankfurt a. M. -Nürnberg — Passau — Wien, 

14. Frankfurt a. M. — Nürnberg — München, 

15. Frankfurt a. M. — Gießen — Kassel— Hamburg, 

16. Frankfurt a. M. — Kreuznach — Metz — Paris, 

17. Köln — Straßburg — Basel, 

18. Köln — Düsseldorf — Münster— Hamburg — Kiel, 

19. Köln — Aachen — Herbestal — Brüssel — Ostende, 

20. Köln— Wesel— Holland, 

21. München — Regensburg — Hof— Leipzig— Hamburg oderBerlin, 

22. München — Rosenheim — Salzburg — Wien, 

23. München— Stuttgart— Karlsruhe— Straßburg -Avricourt— Paris. 
In den Bahnen des Deutschen Reiches ist ein Kapital von über 

15 Milliarden Mark angelegt, das sich mit über 6% verzinst. Ihre 
Leistungsfähigkeit ist eine sehr große. Jährlich werden 1200 Mill. 
Reisende und gegen 500 Mill. t Güter befördert. 

Post, Telegraph, Telephon. Auch diese Verkehrseinrichtungen 
sind in größtem Umfange und mustergiltig vorhanden. In den 10.000 
Postämtern (außerdem 204 Postanstalten im Auslande und in den 
Kolonien) werden im Jahre über 85 Milliarden Sendungen besorgt. 
Zu hoher Blüte gelangte besonders das Telegraphen- und Telephon- 
wesen. Die drahtlose Telegraphie ist auch schon dem Privatverkehre 
zugänglich gemacht worden. 

Im überseeischen Telegraphen verkehre war Deutschland bis zu 
Beginn des 20. Jahrhunderts auf fremdländische Kabel angewiesen. Nur mit Skan- 
dinavien und den Inseln der Nord- und Ostsee war es durch eigene Kabel ver- 
bunden. Seit 1900 besitzt es folgende wichtige Kabellinien: 

1. Borkum — Fayal — New-York, 7671 ^-nj lang, seit 1904 wurde auf der 
gleichen Strecke ein zweites gelegt. 

2. Tschifu — Tsingtau— Sehanghai, 1159 Ä-m. 

3. Menado — Tab — Guam und Yap — Schanghai 6330 /Im. 

4. An die eigene telegraphische Verbindung der Reichstelegraphenverwaltung 
Berlin— Breslau — Bukarest wurde von der osteuropäischen Telegraphengesell- 
schaft das Kabel Konstanza— Konstantinopel gelegt, wodurch eine direkter Depeschen- 
verkehr bis an den Persischen Meerbusen ermöglicht wurde. 

Die Binnenwasserstraßen. Die deutschen Ströme sind wegen 
ihres geringen Gefälles und ihres Wasserreichtums schon von Natur 
aus gut schiffbar, wurden aber durch Regulierungsarbeiten in ihrer 
Leistungsfähigkeit noch gesteigert. Im ganzen besitzt das Deutsche Reich 
15.200 hn schiffbare Wasserstraßen, darunter sind 6600 hm Kanäle. 



— 126 — 

Mehr als die Hälfte Deutschlands wird zur Nordsee entwässert, 
die den Zugang zum offenen Meere vermittelt. Daher haben auch 
die in dieses Meer einmündenden Ströme den größten Verkehrswert. 
Die belebteste aller Binnenwasserstraßen ist der Rhein. Er 
durchströmt das kultivierteste, industrie- und städtereichste Gebiet 
des Reiches. Sein Gefälle ist gering und da er von den Gletschern 
der Schweiz gespeist wird, ist sein mittlerer Wasserstand das ganze 
Jahr hindurch ein hoher. Der einzige Nachteil liegt darin, daß er in 
Holland mündet. Die Rheinschiffahrt erstreckt sich bis Basel. Bis 
Köln können kleinere Seeschiffe, bis Mannheim noch Schiffe mit 
2000 t und bis Straßburg solche mit 1600 t gelangen. Die größten 
Rheinhäfen sind Duisburg-Ruhrort, der größte Kohlenhafen des 
Kontinentes, Düsseldorf, Köln und Mannheim. Die modernsten 
Hafenanlagen mit Dampf- und elektrischen Kranen, Getreideeleva- 
toren und ausgedehnten Lagerhäusern besitzt Köln. Von Mainz bis 
Köln besteht durch das Durchbruchtal ein sehr lebhafter Personen- 
verkehr. 

Von den Nebenflüssen ist der Main bis Frankfurt für größere 
Dampfer, bis Bamberg noch für Kähne mit 120 t befahrbar, die 
Mosel*) und Saar für Kähne und der Neckar bis Heilbronn für 
kleinere Schiffe. 

Von Straßburg aus führt der Rhein-Rhone -Kanal südwärts 
und durch die burgundische Pforte zur Rhone, der Rhein- Marne- 
Kanal westwärts zum Flußsystem der Seine. 

Die größeren Gesellschaften für den Verkehr auf dem Rhein 
und seinen Nebenflüssen sind die Badische A.-G. für Rheinschiff- 
fahrt und Seetransport, die Rheinschiff ahrts-A.-G., beide in 
Mannheim, die Rhein- und Seeschiffahrts-Gesellschaft, die 
Rheinische Transport-Gesellschaft und die Köln-Düssel- 
dorfer-Gesellschaft in Köln. 

Da die Rheinmündung in Holland liegt, wurde durch die künst- 
liche Fahrrinne des Dortmund-Ems-Kanales ein direkter Zugang 
vom rheinisch-westfälischen Industriegebiet zur Nordsee geschaffen. 
Dieser 270 km lange Kanal führt von Dortmund in die Ems und 
überwindet ein 14 m hohes Gefälle durch das Schiffshebewerk zu 
Henrichenburg. Er hat eine Tragfähigkeit von 600 t. Emden verdankt 
sein Aufblühen dieser Wasserstraße, durch die die Kohle des Ruhr- 
gebietes in Norddeutschland die englische zurückdrängen konute. 
Auch die in Bremen einmündende Weser ist flußaufwärts bis zum 

■■) Wegen ihres gewundenen Laufes braucht ein Dampfer auf der Mosel von 
Koblenz bis Trier 2 Tage, während ein Schnellzug diese Strecken in 2 Stunden 
durchfährt. 



— 127 — 

Zusammenflusse der Fulda und Werra für Schiffe mit 600 t, darüber 
hinaus auf der kanalisierten Fulda bis Kassel für kleinere Fahrzeuge 
schiffbar. Von ihren Nebenflüssen werden die Aller und Leine 
befahren. 

Nach dem Rheine ist die Elbe die wichtigste Schiffahrtsstraße 
des Deutschen Reiches. Sie fließt aus Böhmen durch das industrielle 
Sachsen und durch reiche Kulturlandschaften nach Hamburg und 
mündet 120 km unterhalb in die Nordsee. In trockenen Sommern 
leidet der Verkehr unter dem niedrigen Wasserstande. Von Hamburg 
bis Aussig (660 hm) kann sie mit Schiffen von 800 t benützt werden. 
Ihr Verkehrsgebiet reicht durch die Havel und Spree bis Berlin, 
durch den Oder-Spree-Kanal bis Breslau. Von der Elbe führt seit 
dem Jahre 1900 der Elbe-Travekanal nach Lübeck. 

Die größten Reedereien auf der Elbe sind die „Vereinigte Elbeschiff- 
f ahrtsgesellschaften-A.-G." in Dresden und die ..Norddeutsche Flußdampf- 
sehiffahrts- Gesellschaft" in Hamburg. Von Dresden bis Leitmeritz wird auf der 
Elbe Kettenschiffahrt betrieben. 

Die gut kanalisierte Oder ist bis Breslau für größere, bis Kosel 
für Schiffe mit -iOO t befahrbar. Sie ist durch den Finow- und den 
Plauenschen Kanal, der einen direkten Wasserweg von Berlin 
nach Magdeburg darstellt, mit der Elbe verbunden. 

Unter den östlichen Wasserstraßen haben die Weichsel, Pregel 
und Memel an Bedeutung eingebüßt, seitdem Rußlan"d die Agrar- 
produkte seiner Ostseeprovinzen über die eigenen Häfen ausführt. 
Königsberg und Danzig haben aber durch den Bau des Elbing- 
Oberländischen und des Masurischen Schiffahrtskanales 
gewonnen. Durch den Bromberger Kanal, die Netze und Warthe, 
steht die Weichsel mit der Oder in Verbindung. 

Das große Projekt eines Mittellandkanales von der Elbe 
zum Rhein (Magdeburg — Hannover — Minden —Rhein) wurde zwar 
abgelehnt, aber zwei Teilstrecken, von Hannover nach Dortmund 
und der Dortmund-Rheinkanal als Fortsetzung des Dortmund- 
Emskanales wurden im Jahre 1905 vom preußischen Landtage 
bewilligt und werden gebaut werden. 

Von strategischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus ist 
der 99 km lange Nord-Ostsee- oder Kaiser Wilhelm-Kanal von 
besonderer Bedeutung, denn durch ihn wird der Weg um die Halbinsel 
Jütland vermieden und der Schiffahrtsweg zwischen der Ost- und 
Nordsee stark verkürzt. Im Jahre 1910/11 passierten den Kanal 
45.569 Schiffe, davon 38.000 deutsche und außerdem 1040 Schiffe 
der Kriegsmarine. 

Der Bau dieser wichtigen Kanalverbindung wurde vom Reichstage im Jahre 
1886 beschlossen und 1895 dem Verkehr übergeben. Er ist am Spiegel 60 m breit 



— 128 — 

und 9 ju tief. Gegenwärtig wird er bedeutend verbreitert und auf lim Tiefe 
gebracht. An beiden Eingangsstellen bei Holtenau und Bruusbüttel ist er durch 
große Schleusen geschützt. Die Zahl der Ausweichstellen wird von 7 auf 11 ver- 
mehrt werden. Über ihn führen mehrere mächtige Hochbrücken. Die Fahrt durch 
den Kanal dauert i;:i Stunden. Die Kanalgebühr schwankt pro Tonne zwischen 
40 Pfennig und 1 Mark und bringt im Jahre über 35 Mill. Mark ein. 

Mit Ausnahme desNord-Ostsee-Kanales werden auf allen deutschen 
Binnenschiffahrtsstraßen jährlich bei 90 Mill. t Güter befördert, wovon 
die Hälfte auf den Rhein entfällt. Damit verglichen, bewältigt der 
Eisenbahnverkehr fünfmal soviel (500 Mill. t). 

Die Seeschiffahrt. Deutschland war in der Zeit der Hansa 
schon einmal eine große Seemacht gewesen. Nach dem Verfalle 
dieses mächtigen Städtebundes mit seiner großen Flotte und seinen 
weitreichenden Handelsbeziehungen geriet der ganze Überseehandel 
in fremde Hände. Aber der alte hanseatische Geist lebte in den 
Bewohnern von Hamburg und Bremen weiter und schon vor der 
Einigung des Reiches hatten Hamburg und Bremen wieder eine 
namhafte Flotte, die regelmäßige überseeische Linien unterhielt. Als 
dann im neuen Reiche die Seeinteressen gepflegt und gefördert 
wurden, konnte auf einer festen Grundlage weiter gebaut werden. 
Den größten Aufschwung nahm die deutsche Schiffahrt seit der 
zweiten Hälfte der Achtzigerjahre des verflossenen Jahrhunderts. Am 
Beginne des 20. Jahrhunderts wurde die Handelsflotte des Deutschen 
Reiches nur mehr von der Englands übertroffen. Ihr Anteil an der 
Welthandelsflotte beträgt über lOVo- Im Jahre 1910 besaß Deutsch- 
land 4658 Seeschiffe mit 2-8 Mill. Reg.-Tonnen netto, davon 1950 
Dampfer mit 2-3 Mill. Tonnage und 73.516 Mann Besatzung. Die Segel- 
schiffahrt ist wie auch in anderen Ländern in Rückgang begriffen, 
doch baut man noch immer große Stahlsegler mit 3 bis 5 Masten 
und kleinen Hilfsmaschinen.*) 

Unerreicht ist die deutsche Seeschiffahrt durch die aus- 
gezeichnete Organisation ihres Betriebes, Großzügigkeit des Verkehrs, 
Größe und Eleganz der Schiffe, sowie in der technischen Ausge- 
staltung der Häfen. Die Handelsflotte ist der Stolz Deutschlands. 

Der Großteil des Verkehrs fällt der Nordsee zu. Noch um die 
Mitte des 19. Jahrhunderts betrug die Reederei der Ostsee Sö^Iq, in 
den Siebzigerjahren war sie in beiden Meeren gleich und jetzt hat 
die Nordsee eine 4mal größere Schiffszahl, eine über 7mal größere 
Tonnage und Besatzung. 

Die Häfen. In der Ostsee ist Stettin der wichtigste Hafenplatz. 



*) Die größten deutschen Segelschiffe sind die Fünfmaster „Potosi"' 
(4026 Reg.-Tonnen) und C. Rickmers (5548 Reg.-Tonnen). 



— 129 — 

Sein Handel richtet sich besonders nach Rußland, Skandinavien, 
aber auch nach England und Nordamerika. Es ist der Ausfuhrplatz 
für die Industrie Schlesiens und Berlins, aber doch überwiegend 
Importhafen. Auf seinen großen Schiffbau wurde schon früher hin- 
gewiesen. Andere hervorragende Ostseehäfen sind noch Königsberg, 
Danzig, Rostock, Lübeck mit dem Vorhafen Travemünde und 
das als Kriegs- wie als Handelshafen wichtige Kiel im Hintergrunde 
der tief eingeschnittenen Kieler Förde. 

Unter den Häfen der Nordsee ist Hamburg der größte nicht 
nur des Deutschen Reiches, sondern auch Europas. Es ist zweifellos 
der besteingerichtete Hafen der Welt überhaupt. Obwohl es vom 
offenen ]Meere sehr weit entfernt ist, können der hohen Flutwelle 
wegen selbst die größten Seeschiffe in seinen Hafen gelangen. Seit 
1882 ist es kein Freihafen mehr, besitzt aber einen ausgedehnten 
Freihafenbezirk. 

Der Hamburger Hafen ist sehr übersichtlich und macht mit seinem lebhaften 
Treiben einen überwältigenden Eindruck. Er bietet ein Bild deutscher Schaffenskraft 
und Tüchtigkeit. Von der Elbe zweigen zahlreiche Hafenbassins mit riesigen Lager- 
häusern, Gleisanlagen, Kranen, Elevatoren, Kohlenladevorrichtungen, Trocken- 
und Schwimmdocks ab. Er hat eine Wasserfläche von 250 /-« und vermag ein halbes 
Tausend Seeschiffe aufzunehmen. 

Hamburg ist der Sitz der größten deutschen Seeschiffahrts- 
gesellschaften und verfügte am 1. Jänner 1911 über 1332 eigene 
Schiffe (711 Dampfer, 621 Segler und Leichterschiffe). Sein Handel 
ist weltumspannend. Die wichtigsten Stapelartikel sind Kaffee, Ge- 
treide, Holz, Petroleum, Kohle, Zucker, Leder, Erze und Industrie- 
erzeugnisse jeder Art. Auch ist es ein bedeutender Auswanderer- 
hafen. Seine Börse ist eine der größten der Erde, es besitzt zahl- 
reiche Banken und Versicherungsgesellschaften. Die Industrie Ham- 
burgs umfaßt Schiffbau, Maschinenfabrikation, Zigarrenmanufaktur, 
Gummi- und chemische Industrie und Brauerei. 

Das an Hamburg unmittelbar angrenzende preußische Altona 
strebt gleichfalls mächtig empor. Cuxhafen, der Vorhafen Hamburgs, 
ist der Ausgangspunkt der deutschen Hochseefischerei, und das der 
Elbemündung vorgelagerte Helgoland ist eine starke Seefestung 
und ein besuchtes Seebad. 

An der unteren Weser liegt die alte Hansastadt Bremen. Ihre 
Bedeutung reicht an die Hamburgs nicht heran, doch unterhält sie 
auch zahlreiche überseeische Verbindungen. Sie ist der größte Aus- 
wandererhafen Deutschlands und ein Stapelplatz für Baumwolle, 
Reis, Petroleum, Tabak und ist Standort wichtiger Schiffahrtsgesell- 
schaften. Bremens eigener Bestand an Schiffen beträgt 435 Dampfer 
und 252 Segler und Leichterschiffe. Sein Vorhafen ist Bremenhafen. 

Stoiaer, Wirtschafts- und V'erkehrsgpographie d. europ. Staaten. 9 



— 130 — 

Dort legen die großen Schiffe an. Benachbart ist das preußische 
Geestemünde mit seinen ausgedehnten Fischhallen. 

Im Jadebusen hat Deutschland in Wilhelmshafen sich einen 
Flottenstützpunkt an der Nordsee geschaffen. Am Dollart ist Emden 
gelegen, der Ausgangspunkt der deutschen Kabellinien und eine der 
größten europäischen Telegraphenstationen. 

Die Schiffahrtsgesellschaften. Die Handelsflotte des Deutschen 
Reiches gehört großen Schiffahrtsgesellschaften, die fast alle in 
Hamburg und Bremen ihren Sitz haben. Die wichtigsten der etwa 
300 Reedereien sind: 

Die Hamburg — Amerika -Linie (H. A. L., früher Hamburg 
Amerikanische Paketfahrt A.-G. oder Hapag) mit dem Sitze in Ham- 
burg. Sie ist die größte Reederei der Welt. Ihr Schiffspark zählte 
1910:385 Schiffe mit 1,022.450 Reg.-Tonnen, darunter 168 Ozean- 
dampfer. Sie unterhält 56 feste Dampferlinien mit 350 Häfen in 
allen Teilen der Welt. 

Die Hamburg— Amerika Linie wurde im Jahre 1847 gegründet und unterhielt 
zuerst einen monatlichen Dienst von Hamburg nach Xew-York mit 3 Segelschiffen. 
Im Jahre 1856 wurde dann der erste Dampfer eingestellt. Sie besitzt sehr große 
und elegant ausgestattete Schiffe. Der neueste Dampfer „Imperator", der auf der 
Vulkanwerft in Stettin seiner Vollendung entgegengeht, ist das größte Schiff, das 
jemals die Wellen des Ozeans durchfurchte. Es ist 268 m lang, 29"9 in breit, 19-2 ra 
tief, hat 50.000 Brutto- Tonnen und ist für die Aufnahme von 4370 Passagieren 
bestimmt. Diese Gesellschaft pflegt außer dem regelmäßigen Personen- und Waren- 
verkehr besonders die Seetouristik. Großartig sind ihre Betriebseinrichtungen. Sie 
besitzt große Auswandererhallen, in Hamburg steht der Kaiser Wilhelm-Hafen und 
der Ellerholzhafen zu ihrer ausschließlichen Verfügung, wofür sie an den hamburgi- 
schen Staat 1' 2 Mill. Mark zahlt. In fast allen größeren Häfen der Welt besitzt 
die Hamburg — Amerika- Linie eigene Verwaltungsgebäude und Pieranlagen. Ihr gesam- 
tes Betriebspersonal beträgt 22.700 Personen. 

Der Norddeutsche Lloyd in Bremen ist mit seiner Flotte 
von 196 Dampfern mit 740.000 Reg.-Tonnen die zweitgrößte Schiff- 
fahrtsgesellschaft der Welt. Er unterhält gleichfalls eine große Anzahl 
von regelmäßigen Linien, darunter zahlreiche staatlich subventionierte 
Fostdampfer-Linien. 

Die wichtigste der überseeischen Linien des Lloyd ist die von Bremen nachXew- 
Yorkmit den bekannten vier eleganten Schnelldampfern ..Kaiser Wilhelm der Große", 
„Kaiser Wilhelm IL", „Kronprinz Wilhelm"' und „Kronprinzessin Cecilie". Daneben 
werden von den Reisenden die beiden Riesendampfer ..Georg Washington" (mit 26.000 
Brutto-Tonnen, für 3266 Passagiere) und „Prinz Friedrich Wilhelm" sehr gesucht. 

Die Bemannung auf der Flotte des Lloyd beläuft sieh auf 12.000 Mann, am 
Lande sind 600 kaufmännische und 3400 technische Angestellte, dazu kommen noch 
6000 Dockarbeiter. 

Andere Schiffahrtsgesellschaften sind noch die Hamburg— Süd- 
amerikanische Dampfer-Gesellschaft, die Woermann-Linie 



-- 131 — 

für den Westafrika-Dienst, die Deutsch-Ostafrika-Linie, die 

Deutsch-Australische Dampfschiffahrts-Gesellschaft, die 

Hansa, die Fahrten nach Indien und Argentinien unternimmt, die 
Reedereien Kosmos, Roland, die Levantelinie u. a. 

Der Handel. 

Die Bedeutung und der Umfang des deutschen Wirtschafts- 
lebens spiegelt sich auch in seinem Handel wider, der ein treues 
Bild der gesteigerten Leistungsfähigkeit des Deutschen Reiches bietet. 
Der erste Schritt zur Zusammenfassung der wirtschaftlichen Kräfte, 
lange bevor die politische Einigung erfolgte, war die Gründung des 
deutschen Zollvereines im Jahre 1834. Die Entwicklung des moder- 
nen Verkehrs konnte dem Handel ebenfalls nur förderlich sein. 
Rasch stieg dann der Handel nach der Reichsgründung bis in die 
Gegenwart, ohne daß bisher ein Rückschlag eingetreten wäre. Welchen 
Umfang der Außenhandel allein angenommen hat, zeigt die Bilanz 
des Jahres 1910, er erreichte in diesem Jahre die Summe von 
16 3 Milliarden Mark. 

Der Innenhandel. Das Deutsche Reich ist als dicht bevölkertes 
und wohlhabendes Land selbst der größte Verbrauchsmarkt für die 
im Inlande erzeugten Waren. Die zahlreichen Städte sind die Brenn- 
punkte dieses lebhaften Innenhandels, der in die Milliarden geht. 
Ähnlich wie in Österreich findet ein Austausch der Agrarprodukte 
der östlichen Reichshälfte mit den Fabrikaten Westdeutschlands statt. 

Einen riesigen Umfang hat auch der Geldhandel angenommen. 
Die Deutsche Reichsbank in Berlin ist das größte Geldinstitut 
des Reiches. Daneben sind noch die vier D-Banken (Deutsche 
Bank, Dresdener Bank, Diskonto-Gesellschaft und Darmstädter Bank) 
führend im Geldwesen. Die maßgebenden Geldplätze sind Berlin, 
Frankfurt a. M. und Hamburg, wo die größten Geld- und Effekten- 
börsen sich befinden. Der deutsche Geldmarkt übt auf die auswärtigen 
Märkte einen großen Einfluß aus, ist aber seinerseits selbst wieder 
von London und New- York abhängig. 

Zahlreich sind die Warenbörsen. Die wichtigsten sind in 
Berlin (Getreide, Spiritus, Wolle\ Hamburg (Kolonialwaren, Holz, 
Zucker, Kaffee, Petroleum), Bremen (Baumwolle, Tabak, Reis), 
Magdeburg (Zucker), Essen und Düsseldorf (Kohle und Eisen), 
Leipzig (Leder, Wolle), Stettin (Getreide, Flachs, Heringe), Mannheim 
(Weizen) u. a. 

Die einst so wichtigen Messen und Märkte sind zum größten 
Teil überflüssig geworden. Nur die Leipziger Messe (Leder, Pelz- 
werk, Buchhandel) ist noch lebensfähig. 

9* 



— 132 — 

Der Außenhandel. Als Seestaat und Binnenmacht in zentraler 
Lage unterhält das Deutsche Reich nicht nur mit seinen unmittel- 
baren Nachbarn, sondern fast mit allen Ländern der Erde die leb- 
haftesten Handelsbeziehungen. Auffallend ist dabei das starke Über- 
wiegen des Seehandels, denn To^/o des Ausland Verkehrs spielen sich 
zur See ab. 

In seiner H a n d e 1 s p o 1 i t i k huldigte Deutschland seit den Sechziger- 
jahren des verflossenen Jahrhunderts bis 1879 freihändlerischen 
Grundsätzen. Das Erstarken der eigenen Industrie veranlaßte dann 
den Übergang zum Hochschutzzollsystem. In den seit 19u6 beste- 
henden Handelsverträgen wurden die Industriezölle teilweise ver- 
schärft und auch Agrarschutzzölle eingeführt. 

Unter den Gegenständen der Einfuhr überwiegen die 
Nahrungsstoffe und Rohprodukte für die Industrie. Die wichtigsten 
Bezugsländer hiefür sind Rußland (Getreide, Flachs, Geflügel, 
Pferde und Rauchwaren), die Union (Baumwolle, Kupfer, Weizen, 
Mais. Petroleum, Fleisch), Großbritannien (Steinkohle, Garne, Heringe), 
Österreich-Ungarn (Braunkohle, Eier, Holz, Gerste und Malz), Frank- 
reich (Wolle, Wein, Rohseide, Obst und Blumen' und Argentinien 
(Weizen, Wolle, Häute). 

In der Ausfuhr stehen die Erzeugnisse der textilen, metal- 
lurgischen und chemischen Industrie und Kohle obenan. Die besten 
Abnehmer sind Großbritannien (Zucker, Stoffe, Spielwaren), Öster- 
reich-Ungarn (Steinkohle, Baumwolle, Bücher, Teerfarben, Maschinen), 
die Union (Teerfarben, Baumwollstrümpfe, Spielzeug, Konfektions- 
waren, Ansichtskarten), die Niederlande (Steinkohle, Edelmetalle, 
Wollgewebe, Konfektionswaren) und Rußland (Edelmetalle, Roggen, 
Baumwolle, Wolle, Steinkohle). 

Die Unterbilanz des deutscheu Außenhandels wird durch die 
Zinsenzahlungen des Auslandes, die Seefracht und die Ex'trägnisse 
der Eisenbahnen, die fremde Güter befördern, reichlich hereingebracht. 

Die Kolonien des Deutsehen Reiches^). 

Das Deutsche Reich ist erst zu einer Zeit in die Reihe der 
Kolonialmächte eingetreten, als die wertvollsten herrenlosen Teile 
der Erde schon von anderen Mächten in Besitz genommen waren. 
Immerhin vermochte es seit 1884 noch einen ausgedehnten Kolonial- 
besitz sich zu sichern, der an Größe nur vom englischen und fran- 
zösischen übertroffen wird. 

Nach der Besetzung Deutsch-Südwestafrikas erfolgte in rascher 



^) Literatur: H. Mayer, Das deutsche Kolonialreich, 2 Bde. Leipzig 1909. 



— 133 — 

Folge die Gründung der Kolonien Togo, Kamerun und Deutseh- 
Ostafrika, sowie der größte Teil der Erwerbungen im Stillen Ozean. 
Im Jahre 1898 wurde die Bucht Kiautschau von der chinesischen 
Regierung auf 99 Jahre gepachtet und 1899 Samoa, sowie durch Kauf 
der letzte Rest der spanischen Besitzungen in Ozeanien, die 
Karolinen-, Palau- und Marianeninseln erworben. Als Kompensation 
für seine Ansprüche auf Marokko erhielt es von den Franzosen 
1911 eine namhafte Vergrößerung am Kongo. 

Der Wert dieser Kolonien wurde lange Zeit unterschätzt, doch 
ist man jetzt allgemein überzeugt, daß sie sehr entwicklungsfähig 
sind und durchaus nicht zu den schlechtesten gehören. In Deutsch- 
Südwest- und Ostafrika eignen sich weite Strecken zur Besiedlung 
für die Weißen. Ihre Zukunft liegt im Plantagenbau und im Handel. 
Sie liefern jetzt schon wertvolle Rohstoffe für die Industrie, wie 
Baumwolle, Kautschuk, Kopra, Tabak und sollen sich auch zu sicheren 
Absatzgebieten für die heimische Industrie entwickeln. Vorläufig ist die 
deutsche Kolonialwirtschaft noch in den Anfängen, aber die vorhan- 
denen Ansätze berechtigen zu guten Aussichten für die Zukunft. Durch 
die Anlage von Bahnen und durch die Einwanderung einer großen 
Anzahl von Weißen ist ihre Erschließung sehr gefördert worden. 

Für die Verwaltung besteht ein Reichskolonialamt, dem die 
Gouverneure der einzelnen Kolonien unterstehen. 

Der deutsche Kolonialbesitz setzt sich aus folgenden Teilen 
zusammen: 



Kolonien 



Größe 
in km^ 



Bevölkerung 1910 
insgesamt | Weiße 




Togo 

Kamerun 

Deutsch-Südwestafrika . . 

Deutsch-Ostafrika 

Kaiser Wilhelmsland . , . 
Bismarck-Archipel .... 

Marschallinseln 

Karolinen-, Marianen-, Palau- 

Inseln 

Samoa-Inseln 

Kiautschau 



87.200 
765.600*) 
835.100 
995.000 
181.650 

57.100 
405 

2776 
2572 

501 



1,000.000 

2,300.000 

782.000 

10,000.000 

110.000 

210.000 

17.500 

44.000 

36.700 

169.000 



372 

1284 

12.935 

3756 

i 668 

l 387 

473 

3896 



I Zusammen . . . 2,932.000 13,969.000 23.970 5 

Die Entwicklung dieser Kolonien macht in mancher Beziehung 
große Fortschritte. So produzieren Togo und Deutsch-Ostafrika 
schon in großen Mengen ausgezeichnete Baumwolle, mit steigendem 

*) Samt dem Zuwachs von 275.000 hvi"^ aus dem französischen Kongo. 



— 134 — 

Erfolge werden in den Besitzungen Afrikas und der Südsee Gummi- 
rohstoffe gewonnen. Auch andere Erzeugnisse der tropischen Land- 
wirtschaft wie Mais, Sisalhanf, Kakao, Palmkerne weisen schon 
bedeutende Erträge auf. Weniger ausgenützt sind noch die Mineral- 
schätze. Steinkohlenlager gibt es in Südwest- und Ostafrika und auf 
den Südseeinseln, ferner finden sich Eisenerze in Togo und Kaiser 
Wilhelmsland, aber auch Gold (Ostafrika), Kupfer (D. S. W. Oiavi- 
Minen-Gesellschaft) und sogar Diamanten in der Lüderitzbucht(D. S.W.). 

Allmählich beginnt sich auch das deutsche Kapital au kolonialen 
Unternehmungen zu beteiligen. 

Für den Handel ist es aber nicht vorteilhaft, daß die Kolonien 
vom Mutterlande durch Zollschranken getrennt sind. 

Im Urteile des Auslandes sind die Deutschen lange Zeit nur das 
Volk der Dichter und Denker gewesen, denn widrige Umstände ver- 
hinderten die Entfaltung seiner staatsbildenden Kraft und seiner Volks- 
wirtschaft. Langsam, aber in ununterbrochener Entwicklung entstand 
das Deutschland unserer Tage mit seinen Hochöfen und Fabriken, 
seiner stets wachsenden Flotte und seinem weltumspannenden Handel 

Des Deutschen Reiches politischer, wirtschaftlicher und kultur- 
eller Einfluß reicht weit über seine Grenzen hinaus, seine W^issen- 
schaft und Kunst sind in der ganzen Welt in höchstem Ansehen. 

Auch das deutsche Kapital beginnt sich in der Welt schon 
stark bemerkbar zu machen. Mehr als 10 Milliarden Mark sind in 
den Bahnen Amerikas und der Türkei, in den Plantagen Westindiens 
und Brasiliens, in den Bergwerken und in der Industrie Rußlands, 
Afrikas und Südamerikas angelegt und über 16 Milliarden hat 
Deutschland anderen Ländern geliehen. Ungeheure Summen sind in 
den heimischen Unternehmungen angelegt Deutschland hat seine 
Kapitalien nicht so angehäuft zur Verfügung wie das Land der 
Rentner, Frankreich, und muß in seinen Unternehmungen viel mit 
Kredit arbeiten. Sein Wirtschaftsleben ruht aber auf einer gesunden 
Grundlage, trotz des Gegensatzes, der zwischen dem großen National- 
reichtum und dem ungünstigen Stande der Reichsfinanzen besteht. 



Luxemburg. 

In enger Verbindung mit dem Deutschen Reiche steht das Groß- 
herzogtum Luxemburg, denn es liegt innerhalb der deutschen Zoll- 
linie und seine Bahnen werden von Preußen verwaltet. 

Das 2600 km- große Land wird von 259.000 überwiegend 
deutschen Bewohnern besiedelt, zeigt aber in seinem Münzwesen, im 



— 135 — 

Rechtsleben und in den staatlichen Einrichtungen trotz der deutschen 
Nachbarschaft einen französischen Anstrich. 

Luxemburg liegt in den Ardennen und wird von der Mosel 
durchflössen. 

Die Bevölkerung befaßt sich mit Landbau, Wein-, Obst- und 
Gemüsekultur, mit Viehzucht und in nennenswertem Umfange ist 
auch die Textil- und keramische Industrie, Bierbrauerei und Müllerei 
vertreten. Den Hauptreichtum des Ländchens stellen aber die reichen 
Eisenerzlager dar, die leicht abgebaut werden können, eine bedeu- 
tende Eisenindustrie ins Leben riefen und in großen Mengen nach 
Belgien ausgeführt werden. Über -die Hauptstadt Luxemburg 
(21.000 Einw.) führt die kürzeste Verbindung von Antwerpen und 
Rotterdam nach der Schweiz. 



Dänemark '•> 

Das Königreich Dänemark hat ohne Nebenländer einen Flächen- 
raum von 38.900 Ä;m2 und wird von 2-58 Mill. Menschen bewohnt. 
Es gehört zu den kleineren Staaten Europas. 

Staat und Volk. 

Dänemark ist hinsichtlich seiner Lage und seines Aufbaues noch 
ein Stück Mitteleuropa. Es ist das natürliche Bindeglied zwischen 
dem Deutschen Reiche und Skandinavien und hat auch zwischen der 
Ost- und Nordsee eine vorteilhafte Mittellage, wodurch es seine Inter- 
essen beiden Meeren zuwenden kann. Durch den Kaiser Wilhelm- 
Kanal ist Dänemark und seine Hauptstadt zum Teil um seine 
beherrschende Position am Sund gekommen, da diese Meeresstraße 
jetzt womöglich vermieden wird. 

Das Schwergewicht des dänischen Staates ruht auf den Inseln, 
in Handel und Verkehr gravitiert es aber besonders nach England. 

Es ist ein konstitutionelles Königreich mit demokratischer Ver- 
fassung. Das Parlament besteht aus zwei Kammern (Landsting und 
Folketing). 

Die Dänen gehören dem skandinavischen Stamme an, sind also 
echte Germanen. Sie bekennen sich zur lutherischen Kirche. Ihrer vor- 
wiegenden Beschäftigung nach sind sie ein tüchtiges, fleißiges Bauern- 
volk, das auch ausgesprochene Begabung für den Handel zeigt. 
Demokratische Schlichtheit, Energie und Unternehmungslust zeichnen 
sie besonders aus. Die Volksbildung ist sehr hoch. Kopenhagen ist 

*) Literatur: Sieger R.. Skandinavien in Andree. Geogr. d. Welthandels. 
Band I. — Kerp H.. Landeskunde von Skandinavien. Sammlung Göschen, 202. 



— 136 — 

der Mittelpunkt des bedeutenden künstlerischen und wissenschaft- 
lichen Lebens. 

Am dichtesten sind die Inseln besiedelt, wo 110 Menschen 
pro Geviertkilometer wohnen, während in Jütland die Dichte nur 
4 beträgt. 

Dänemarks ausgezeichnete Wehrmacht zählt 85.000 Soldaten und 
80 Kriegsfahrzeuge, darunter 7 Panzerschiffe. 

Die Natur des Landes. 

In seiner Zusammensetzung besteht Dänemark aus einem fest- 
ländischen Teile, der Halbinsef Jütland, und aus einer östlich davon 
gelegenen Inselgruppe einschließlich Bornholms. 

Jütland ist eine schmale Fortsetzung des deutschen Schollen- 
landes. Die atlantische Küste ist schwer zugänglich, da sich Sand- 
bänke, Dünen und flache Seen hinter schmalen Nehrungen an ihr 
hinziehen. Dagegen hat die höher gelegene Ostküste mit ihren Förden 
und Buchten einen viel besseren Verkehrswert. Das Innere ist im 
westlichen Teile unfruchtbares Geestland mit Hochmooren und Heiden, 
die Osthälfte hat Lehmbedeckung und ist von großer Fruchtbarkeit, 
sie ermöglicht Getreidebau und Wieseukultur. 

Insel d.änemark besteht aus den flachgelegenen, aber sehr frucht- 
baren Inseln Fünen, Seeland. Falster, Laaland, Möen und aus Bornholm, 
einer Granitplatte, die geologisch zu Skandinavien gehört. Die däni- 
schen Inseln sind mit einer dicken Schichte glazialen Lehmbodens 
überzogen und mit zahlreichen erratischen Blöcken schwedischen 
Granites bedeckt. Sie sind fast durchgehends saftiges Marschenland. 

Das Klima ist für ganz Dänemark ozeanisch mit kontinentalem 
Einschlag. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 6 1/2 — 8^, die Nieder- 
schläge fallen im Herbst am reichlichsten und betragen im Westen 
700 mm, im Osten 400 — 600 mm. 

An Städten ist Dänemark nicht sehr reich. Mit Ausnahme 
der Hauptstadt sind es meist kleinere Landstädte oder Küstenorte. 
Auf Seeland liegt die Hauptstadt Kopenhagen (m. V. 588.500 Einw.l 
In ihr wohnt ein Fünftel der gesamten dänischen Bevölkerung. Sie 
gehört zu den schönsten Städten Nordeuropas, ist der Sitz einer 
Universität und besitzt reiche Kunstsammlungen, darunter das be- 
rühmte Thorwaldsenmuseum, hat bedeutende Industrie und beherrscht 
die Fahrrinne des Sund. Die dänische Metropole ist einer der größten 
Handels- und Kriegshäfen der Ostsee. Andere seeländische Orte 
sind Helsingör, Roskilde, Korsör, auf Falster ist Gjedser mit 
einer regelmäßigen Fährverbindung nach Warnemünde und auf 
Fünen Odensee (42.000 Einw.) zu nennen. In Jütland sind die 



— 137 — 

Städtchen Fredericia, Aarhus (61.700 Einw.), Randers und Aal- 
borg. 

Das Wirtschaftsleben. 

Dänemark ist ein ausgesprochener Bauernstaat, in dem neben 
der hochentwickelten Landwirtschaft eine lebhafte Industrie sich zu 
entwickeln vermochte und auch der Handel einen großen Umfang 
angenommen hat. Es befassen sich 40% der Bevölkerung mit Land- 
wirtschaft, 277,, mit Industrie und Handwerk, 15% mit Handel und 
Verkehr. 

Der landwirtschafliche Betrieb findet im Osten Jütlands und auf 
den Inseln bei großer Fruchtbarkeit des Bodens und reichen Nieder- 
schlägen gute Vorbedingungen. Der intensiv betriebene Getreidebau 
liefert besonders Roggen, Gerste, Hafer, aber auch Weizen, Zucker- 
rüben und Kartoffeln. Der Mais gedeiht in dieser Breite nicht mehr, 
wird aber für die Schweinemast in großen Mengen eingeführt. Im 
Vergleiche zu den Erträgnissen der Viehzucht ist der Getreidebau 
weniger lohnend, daher gehen die dänischen Bauern immer mehr 
zum Anbau von Futterpflanzen und zur Viehzucht über. 

Die Waldbedeckung macht nur mehr 87o aus. Die wenigen 
vorhandenen Forste werden aber mit großer Sorgfalt gepflegt. Die 
Bestände sind meist sehr zerstreut und von geringer Ausdehnung. 
Am meisten finden sich noch auf Seeland Wälder. Der vorherr- 
schende Waldbaum ist die Buche. Auf Jütland wurden weite Strecken 
des unfruchtbaren Heidelandes mit Kiefern aufgeforstet. Im allge- 
m'einen besteht im Lande Mangel an Bauholz. 

Glänzend entwickelt ist die dänische Viehzucht. Sie betätigt 
sich in der Aufzucht hochwertiger Rassen und in der rationellen 
Ausnützung der tierischen Produkte. Dänemark hat relativ die 
höchste Zahl der Tiere in Europa. Von Pferden wird ein schwerer 
Schlag gezüchtet, der gute Zugtiere für die Ausfuhr liefert. Am 
wichtigsten ist jedoch die Rinderzucht. Im ganzen Lande besteht 
ein mustergiltig organisiertes Molkereiwesen, das große Mengen aus- 
gezeichneter Butter für die Ausfuhr nach England und Deutschland 
liefert. Als Ersatz wird sibirische Butter eingeführt. Die weitver- 
breitete Schweinezucht erübrigt viel Fleisch und Speck für den 
Export. Auf den Heideflächen Jütlands ist die Schafzucht noch 
sehr verbreitet. Die Geflügelhaltung und der Eierexport haben gleich- 
falls Wichtigkeit. Sehr lebhaft ist der Fischfang auf Heringe, Flun- 
dern, Dorsche und Aale. 

Mineralschätze hat das Land fast gar keine. Es liefert nur 
Ton, Kaolin und Kalk. Auf Bornholm findet sich etwas Braunkohle. 

Das rührige Volk der Dänen entwickelt auch einen namhaften 



— 138 



Gewerbefleiß. Gut vertreten sind die in der Landwirtschaft wur- 
zelnden Industrien, wie die Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, Zucker- 
fabrikation, Tabakindustrie und Müllerei, ferner noch die Handschuh- 
fabrikation, die Porzellanmanufaktur und der Schiffbau. Die gesamte 
industrielle Tätigkeit beschränkt sich auf Kopenhagen. 

Verkehr und Handel. 

Die zerstreute Lage der dänischen Inselflur hat der Entwicklung 
des Verkehrs keinen Abbruch getan. Es sind nicht nur gute Straßen 
vorhanden, sondern auch zirka 3400 /l7?i Eisenbahnen, wovon über die 
Hälfte dem Staate gehört. Auf Jütland sind je eine Längsbahn an der 
atlantischen und Ostseeküste und überdies noch zwei Querverbindungen 
vorhanden. Seeland wird von mehreren Linien durchzogen und ist 
durch tägliche Schiffsverbindungen von Korsör nach Kiel, sowie 
von der Hauptstadt mit dem schwedischen Malmö und über Gjedser 
durch eine Fährverbinduug mit Warnemünde und über Fünen mit 
Jütland verbunden. 

Im Seeverkehr herrscht eine lebhafte Küstenschiffahrt, sowie 
eine ständige Verbindung mit den Häfen der Ostsee, aber auch mit 
Großbritannien, Island und Westindien. Dänemarks Handelsflotte 
zählt 3831 Seeschiffe, davon 652 Dampfer mit 0-5 Mill. t. 

Der Handel nach dem Auslande ist sehr bedeutend. Zur Ein- 
fuhr kommen hauptsächlich Getreide und Mehl, Textilwaren, Kohle, 
Holz und Kolonialprodukte, die Ausfuhr beherrschen vollständig 
tierische Produkte (Butter, Eier, Schinken. Speck, Fleisch und Würste, 
Talg). Nach England allein gelangen 537o des Exportes, in der Ein- 
fuhr steht an erster Stelle das Deutsche Reich mit 33%. Die Handels- 
bilanz ist stark passiv. Die Unterbilanz wird aber durch die Schiff- 
fahrt und durch verschiedene große Unternehmungen ausgeglichen. 

Die Nebenländer Dänemarks. 
Dänemark ist nicht Kolonialmacht im eigentlichen Sinne, besitzt 
aber eine Reihe von Nebenländern, die seinen Seeinteressen sehr 
förderlich sind. Es sind dies folgende Besitzungen: 



Xebenländer 



Größe j Bevölkerung Dichte 



Die Faröer . 

Island . 

Grönland (gletscherloses Gebiet) 
Dänisch-Westindien ... • . . 



1 399 hm^ 

104.785 Äm2 

88.100 hn'i 

359;! »«2 




18.000 
85.000 
12.900 
27.000 



I 194.643 /.m2 142.900 9*6 | 

Die Faröer oder Schafinseln sind 22 felsige Eilande, die 
mehrere hundert Meter aus dem Meere ragen. Die erermanische Be- 



— 139 — 

völkerung verteilt sich auf 17 Inseln und betreibt Schafzucht und 
Fischfang. 

Im nordatlantischen Ozean liegt Island, das mit Dänemark 
nur mehr in Personalunion steht, sein eigenes Parlament und seine 
eigene Verwaltung hat. Die Bewohner sind unvermischte Nachkommen 
der alten Germanen und stehen auf einer sehr hohen Kulturstufe. 
In der Hauptstadt Reikjavik besteht sogar eine Universität. 

Eigenartig ist die Natur des Landes. Die Insel hat eine reich- 
gegliederte Küste, das Innere ist ein Hochlp.nd, das mit mächtigen 
Gletschern erfüllt ist und auf weite Strecken vulkanische Bildungen 
zeigt. Seine Vulkane, wie der Hekla und Skaftar Jökul, haben durch 
ihre heftigen Ausbrüche schon viel Verheerungen augerichtet. Zahl- 
reich sind auch die heißen Springquellen oder Ge3'sirs. Das rauhe 
Klima erfährt durch den Golfstrom einige Milderung. 

Wirtschaftlich sind nur die Küstenstriche ausnutzbar. Die Be- 
völkerung, die in stattlichen Einzelgehöften wohnt, befaßt sich mit 
Viehzucht (Pferde, Rinder, Schafe) und Fischfang. Ackerbau und 
Industrie fehlen. 

Island steht mit Kopenhagen in regelmäßiger Dampferver- 
bindung und hat seit dem Aufkommen der Nordlandsfahrten auch 
einigen Fremdenverkehr. 

Der bewohnbare schmale Küstensaum Grönlands ist für die 
Bodenproduktion nicht mehr geeignet. Der Wert dieses Besitzes ist 
aber wegen des Reichtums an Mineralschätzen (Eisenerze, Blei, Zink, 
Graphit und Kohle) und der tierischen Produkte (Pelztiere und 
Robben) keineswegs gering anzuschlagen. Der Handel mit Grönland 
ist Monopol des dänischen Staates. 

Die westindischen Inseln St. John, St. Thomas und Ste. Croix 
wurden einst als Schmuggelstationen besetzt, um in das spanische 
Kolonialreich einzudringen. Da sie ihren Zweck nunmehr verloren 
haben und ihre Produktion nur eine geringfügige ist, hält Däne 
mark den Besitz dieser Kabel- und Kohlenstationen mehr aus natio- 
nalen als aus wirtschaftlichen Gründen aufrecht. 

Das wirtschaftliche Bild Dänemarks ist ein sehr günstiges. Es 
ist ein wohlhabendes Land mit geringer Staatsschuld. Seine Bewohner 
sind auf hoher Stufe der Bildung, gewohnt, den Blick in die Ferne 
zu senden. Sie übertreffen an Tüchtigkeit ihre nördlichen Stammes- 
brüder in Skandinavien. 



II. Absehniit. 



Die Staaten des nord- und osteuropäischen 
Wirtschaftsgebietes. 

Skandinavien '•% 

Die große skandinavische Halbinsel im jS'orden Europas ist ein 
geographisch wohlabgegrenztes Gebiet, das trotz des Gegensatzes in 
Klima und Wirtschaftsbedingungen zwischen der atlantischen Aiißen- 
front und der kontinentalen Innenseite zur Aufrichtung eines Ein- 
heitsstaates geeignet gewesen wäre. Indes sehen wir hier zwei an 
Größe, Bevölkerungsstärke und wirtschaftlicher Bedeutung recht 
ungleiche Staatsgebilde. 

Wenn auch die beiden skandinavischen Reiche, Schweden und 
Norwegen, ihre geographische Begründung haben, die eine völlig ge- 
sonderte Betrachtung zuläßt, so soll doch ein allgemeiner Überblick 
über die natürliche Beschaffenheit Skandinaviens der Erörterung 
der staatlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse beider Länder 
vorausgeschickt werden. 

Bodengestalt und Gewässer. Skandinavien ist die größte 
Halbinsel unseres Kontinentes, die 800.000 ^'m^ Bodenfläche einschließt 
und sich über 16 Breitengrade vom Sund bis zum Nordkap erstreckt. 
Sie ist zwar vom großen Völkerverkehr abgelegen, stellt durch ihre 
Mittellage zwischen Ost- und Nordsee und dadurch, daß sie im Süden 
über die dänischen Inseln nach Deutschland hiuüberleitet, doch ein 
wichtiges Bindeglied zwischen Ost- und Westeuropa dar, dem auch 
der reiche Kulturstrom Mitteleuropas erschlossen wurde. 

In geologischer Hinsicht gehört die europäische Nordhalbinsel der skandi- 
navisch-russischen Tafel an. Sie ist eine alte Urgesteinsmasse, die auch der bal- 
tische Schild genannt wird. Ihre Oberfläche wurde durch das Inlandeis der 



*) Literatur: Siehe o. Dänemark. 



— 141 — 

Diluvialzeit umgestaltet und das abgetragene Gletschermaterial in Südschweden, 
auf den dänischen Inseln und in der norddeutschen Tiefebene abgelagert. Damit steht 
auch der Seenreichtum und das unfertige Talsystem Skandinaviens im Zusam- 
menhang. 

In seiner ganzen Länge ist Skandinavien von einem mächtigen, 
aus archaischen Gesteinen aufgebauten Rumpfgebirge erfüllt, dessen 
Erhebungsachse an den Atlantischen Ozean gerückt ist. Die Ober- 
fläche dieses Hochlandes ist plateauförmig mit sanften Böschungen. 
Die höchsten Teile sind im Süden gelegen (Dovre Fjeld, Jötun Fjeld, 
Hardanger Fjeld). 

Gegen Westen fällt die skandinavische Masse steil zum Atlan- 
tischen Ozean ab und bildet eine reichgegliederte Küste. Diese zer- 
lappte und tief eingeschnittene Fjordküste ist von einer Unmenge 
kleiner Felseninseln, den Schären, und im Norden von den steil- 
aufragenden Lofoten begleitet, an denen sich die Gewalt der 
Stürme bricht. 

Die interessanteste Erscheinung der norwegischen Küste sind die Fjorde, 
langgestreckte, steilwandige und tiefeingeschnittene Meeresbuchten, in deren Hinter- 
grund aus hoch einmündenden Tälern wasserreiche Flüsse in herrlichen Wasser- 
fällen niederstürzen oder Gletscher münden. Ihrer Entstehung nach sind sie über- 
schwemmte Täler. Die bekanntesten sind der Christiania-, Hardanger-, Sogne-. 
Trondhjem- und Westfjord. An diesen Fjorden liegen schmucke Städtchen und 
Fischerdörfer, oft inmitten wundervoller Vegetationsbilder. 

Da das Hochland ganz an das Meer heranrückt, bleibt kein 
Raum für die Entwicklung von größeren Flüssen. Der schmale nor- 
wegische Küstensaum ist daher ein ausgezeichnetes Fischer- und 
Schifferland, aber kein Raum für Bodenkultur. 

Nach Osten senkt sich das Hochland in einer Landstufe, dem 
sogenannten Glint, auf das hügelige Plateau Ostschwedens ab, das dann 
wieder mit einem 300 m hohen Rand sich zur Küstenniederung ab- 
dacht. Südwärts verbreitert sich das Küstenflachland bis nach Nor- 
wegen hinein und wird von der mittelschwedischen Senke mit 
dem Wetter und Wener See durchzogen, an deren Enden Stockholm 
und Göteborg liegen. 

An die archaische Landschaft gliedert sich im Süden der Senke 
Schonen an. das seinemBaue nach ein Stück Dänemark ist und seines 
fruchtbaren Bodens wegen ebenso wie das Gebiet an der mittel- 
schwedischen Senke zu den gesegnetsten Teilen des Landes gehört. 

Die zahlreichen Flüsse sind in die Ostabdachung des baltischen 
Schildes eingegraben. Die Täler sind in ihrem Gefälle noch wenig 
ausgeglichen, die Flüsse bilden Stromschnellen und Wasserfälle, 
fließen durch langgestreckte Talseen und haben gewaltige Wasser- 
kräfte aufgespeichert. Für die Schiffahrt sind sie unbrauchbar. Die 



— 142 — 

wichtigsten derselben sind der Torne-, Lule-, Urne-, Angerman-, Indal-, 
Dal- und Göta-Elf und der Glommen. 

Das Klima. Groß ist der Gegensatz zwischen dem atlantischen 
und baltischen Teile Skandinaviens in klimatischer Hinsicht. Nor- 
wegen hat infolge der vorherrschenden Seewinde und der starken 
Wärmezufuhr durch den Golfstrom ein ungemein mildes ozeanisches 
KUma. Die Küste ist das ganze Jahr eisfrei, die Niederschläge sind 
sehr reichlich und verursachen eine reiche Vegetation. Dem gegen- 
über hat Schweden bereits osteuropäisches Kontinentalklima mit 
niedriger Temperatur und geringen Niederschlägen. Die schwedische 
Küste friert im Winter zu. 

Im Norden reicht Skandinavien bereits in das Gebiet der 
Mitternachtssonne- 
Staaten. Von 1814 — 1905 war die skandinavische Halbinsel 
politisch insoferne geeinigt, als die beiden Staaten Schweden und Nor- 
wegen durch Personalunion verbunden w'aren. Im Jahre 1905 erfolgte 
auf friedlichem Wege die Auflösung des Union sverhältnisses, wodurch 
beide Länder eine größere wirtschaftliche und politische Bewegungs- 
freiheit erlangten. 

Norwegen. 
Staat und Volk. 

Das Königreich Norwegen ist 323.000 A-w- groß und hat eine 
Bevölkerung von 2-39 Mill. Der größte Teil der Bewohner ist am 
Küstensaume seßhaft, während das unwegsame Innengebiet nur 
spärlich besiedelt ist. Die Norweger sind ein germanisches Volk. Ihre 
Sprache weicht vom Dänischen fast gar nicht ab und wie die Dänen 
und Schweden hängen sie der lutherischen Kirche an. Allgemein 
herrscht ein hoher Stand der Volksbildung und die wissenschaft- 
lichen und künstlerischen Leistungen sind sehr bedeutende. Der 
harte Kampf mit dem Meere und die Natur des Landes hat sie zu 
einem ernsten, aber ungemein tüchtigen Volke gemacht. Im öffent- 
lichen Leben sind sie Demokraten. 

Der norwegische Staat wird konstitutionell regiert. Für die 
Wahlen in das Storthing haben auch die Frauen aktives und pas- 
sives Stimmrecht. 

Obwohl das Land nur dünn bevölkert ist, vermochten sich doch 
mehrere Städte zu entwickeln, die im Verhältnisse zur Gesamt- 
bevölkerung sogar ziemlich groß sind. 

Im Hintergrunde des gleichnamigen Fjordes liegt in herrlicher 
Umgebung Christian ia (243.000 Einw.), der Sitz des politischen und 



— 143 — 

wirtschaftlichen Lebens und der kulturellen Bestrebungen Norwegens. 
Im Westen ist Bergen (77.000 Einw.) der Mittelpunkt des Fisch- 
handels. An der Südwestküste sind noch Drammen, Frederikstad 
und Stavanger (37.000 Einw.) gelegen. Nördlich von Bergen sind 
Aalesund, Christiansund und Trondhjem (45.000 Einw.), die alte 
Krönungs'stadt mit dem herrlichen Dome zu nennen. Noch weiter 
im Norden wäre Tromsö, der Ausgangspunkt des Kabeljaufanges 
und als nördlichste Stadt Hamm er fest (4000 Einw.), ein freund- 
liches Städchen aus Holzhäusern, das Fisch- und Holzhandel betreibt, 
zu erwähnen. 

Das Wirtschaftsleben. 

Das gebirgige Land bietet seinen Bewohnern recht spärliche 
Existenzbedingungen, aber der Waldreichtum und die Nähe des 
Meeres sind für die Norweger zu einer Quelle reicher Einnahmen 
geworden. 

Außer der Waldwirtschaft und dem Fischfange sind noch der 
Seehandel und der Fremdenverkehr wichtige Erwerbszweige des 
Wirtschaftslebens. 

Von der gesamten Bevölkerung befassen sich 44% niit der 
Landwirtschaft und Fischerei, 28% niit Bergbau und Industrie, iT^o 
mit Handel und Verkehr. 

Land- und Forstwirtschaft. Der Getreidebau kann bis über 
den Polarkreis hinaus betrieben werden, vermag aber trotz durch- 
aus moderner Produktionsmethoden kaum für die Hälfte des Inland- 
bedarfes aufzukommen, da bei der Gebirgsnatur des Landes 70% 
des Bodens unproduktiv sind. Am meisten wird die schnellreifende 
Gerste und die Kartoffel gebaut, wogegen Roggen im Süden des 
Landes, aber nur in geringen Mengen geerntet wird. Blumenzucht 
und Obstbau reichen bis in den hohen Norden. Der Wert der norwegi- 
schen Ernte ist ziemlich stabil und schwankt zwischen 30 — 40 Mill. 
Kronen. Die Einfuhr von Brotfrüchten, besonders Roggen, beläuft 
sich auf etwa 60 Mill. Kronen. 

Sehr wichtig ist für das Land auch die Waldwirtschaft. 
Noch sind 24% des Bodens mit Wäldern bedeckt. Da sie aber fast 
durchwegs in bäuerlichem Besitze sind, so sind die Wälder infolge 
der übermäßigen Ausnützung in Rückgang begriffen. Die wald- 
bildenden Bäume sind Kiefern, Fichten und Birken. Wegen des 
langsamen Wachstums ist das Holz sehr hart und geschätzt. Eine 
umfangreiche Sägeindustrie hat sich im Glommental, in Drammen 
und Skien entwickelt. In 1167 Betrieben werden 30.000 Arbeiter 
beschäftigt. Große Mengen von Holz und Schnittwaren kommen über 
Frederiikstadt und Trondhjem zur Ausfuhr. 



— 144 — 

Viehzucht und Fischerei. Da das feuchte Seeklima den Gras- 
wuchs au der Küste, in den Waldweiden und auf den Fjelden außer- 
ordentlich fördert, so finden wir eine sahr hochentwickelte Viehzucht 
vor. Der Viehstand ist im Vergleiche zur Bevölkerung noch sehr 
groß, obwohl die Zahl der Rinder in Abnahme begriffen ist. Gut 
entwickelt ist das Molkereiwesen, Butter und kondensierte Milch 
wird ausgeführt. In Aufschwung begriffen ist die Schweinezucht. 
Pferde können in geringer Zahl ausgeführt werden. Die Schaf- und 
Ziegenhaltung spielt keine Rolle. Im äußersten Norden besteht eine 
nicht unbedeutende Renntierzucht. Verglichen mit den Ergebnissen 
des Landbaues liefert die Tierzucht doppelt so reiche Erträge. 

Die Hauptbeschäftigung der Küstenbewohner aber ist der Fisch- 
fang. Die warmen und kalten Meeresströmungen bringen Unmassen 
von Fischen an die stellenweise seichte und daher zum Laichen sehr 
geeignete norwegische Küste. Südlich vom Trondhjemer Fjord ist 
der Hauptschauplatz für den Heringsfang, bei den Lofoten werden 
besonders Hummern, Makrelen, Dorsche (Kabeljau), Walfische und 
Seehunde gefangen. Die norwegische Fischereiflotte zählt etwa 200 
Dampfer und 10.000 Boote. Wichtige Fischereihäfen sind Bergen 
(Ausfuhr von Stockfischen und Salzheringen), Christiansund, Aalesund, 
Trondhjem, Tromsö und Hammerfest. 

Ergiebig ist auch die Binnenfischerei Norwegens. Sie liefert 
besonders Forellen, Aale und Lachse. 

Mineralproduktion. Nicht so reich ausgestattet wie sein östlicher 
Nachbar ist Norwegen mit Mineralprodukten. Im Süden des Landes 
sind einige wenig ertragreiche Eisengruben, dagegen ist im Norden, in 
Dunderland, Ofoten und Salangen der Bergbau schon der Nähe des 
Meeres wegen viel lohnender. Viel Erze werden exportiert. Außer 
Eisenerzen liefert es noch Kupfer und Schwefelkies, ferner Nickel 
und auf elektrischem Wege wird Aluminium gewonnen. In Kongs- 
berg, wo die norwegische Münzstätte sich befindet, werden Silber- 
erze ausgebeutet. 

Industrie. Von alters her ist in Norwegen eine lebhaft betrie- 
bene Hausindustrie vorhanden, deren Erzeugnisse, Silberfiligran- und 
Lederarbeiten, sich durch künstlerischen Geschmack auszeichnen. 

Außerdem ist aber auch die Großindustrie sehr gut entwickelt. 
Die reichen Wasserkräfte und die vorteilhafte Lage am Meere be- 
günstigten ihr Emporkommen. Im Jahre 1907 gab es 4000 Fabriken 
mit 92.000 Arbeitern. Die wichtigsten .Industrien befassen sich mit 
der Verarbeitung von Holz (Sägewerke, Papierindustrie, Zündhölzchen- 
fabrikation). Gut vertreten ist auch die Metallwaren-, Maschinen- 
(22.000 Arbeiter) und Werftindustrie (Larvik). Sehr leistungsfähig 



— 145 — 

ist die Nahrungs- und Genußmittelindustrie, die besonders konden- 
sierte Milch und Fischkonserven (Stavanger) liefert. Neueren Datums 
ist die elektrochemische Industrie. Zahlreich sind die elektrischen 
Kraftanlagen. Für Induslriezwecke muß aber noch englische Kohle 
eingeführt werden. 

Verkehr und Handel. 

Für den Verkehr von der Küste mit dem Hinterlande sind 
zwar nicht sehr viele, dafür aber ausgezeichnete Straßen vorhanden, 
auf denen ein sehr lebhafter Touristenverkehr besteht. 

Schwierig war es, ein einheitliches Eisenbahnnetz zu schaffen. 
Die Länge der norwegischen Bahnen, die fast alle dem Staate ge- 
hören, beträgt 3000 Äv». Ihre wichtigsten Linien sind: 

1. Christiania — Kougsvingen— Stockholm, 

2. Christiania — Hamar — Trondbjem, 

3. Christiania — Gulsvik — Bergen, 

4. Christiania— Drammen-Brevik, 

5. Stavanger — Egersund — Flekkefjord. 

Wichtiger als der Bahnverkehr ist für Norwegen aber die 
Küstenschiffahrt, die den größten Teil des Post- und Personen- 
verkehrs besorgt. Namentlich für den Fremdenverkehr sind die 
Küstenlinien wichtig. Seit dem Aufkommen der Seetouristik, die von 
den deutschen Schiffahrtsgesellschaften und jetzt auch vom Öster- 
reichischen Lloyd gepflegt wird, kommen auf den sogenannten Nord- 
landsfahrten Tausende von Fremden nach Norwegen, die von der 
Schönheit des Landes angelockt werden. 

Lebhaft entwickelt ist auch die Seeschiffahrt, am intensivsten 
mit England und Dänemark, aber auch für fremde Rechnung mit 
fast allen größeren Häfen der Welt. Die Norweger werden daher 
gerne die „Seefuhrleute der Welt" genannt. Ihre Handelsflotte zählt 
8552 Schiffe mit Ib Mill. Reg.-T., darunter 2810 Dampfer und sie 
wetteifert mit der französischen. 

In großem Aufschwünge ist auch der Handel begriffen. Da 
sowohl die Agrar- als auch die Industrieproduktion unzureichend 
ist, so huldigt Norwegen einer freihändlerischen Handelspolitik, 
die das Land zur Zeit der Union auch in Gegensatz zu Schweden 
brachte. 

Die Einfuhr umfaßt besonders Getreide, mineralische Rohstoffe, 
Metall- und Textilwaren, in der Ausfuhr stehen obenan Holz und 
Holzwaren, landwirtschaftliche und Fischereiprodnkte. Insgesamt 
sind unter den Ausfuhrgegenständen etwa 30% Nahrungsmittel. Der 
Großteil des Handels spielt sich mit Großbritannien und Deutschland, 

Stoiser, Wirtschafts- und Verkehrsgeographie d. europ. Staaten. -tn 



— 146 — 

aber auch mit Holland, Rußland, Schweden, Dänemark, Belgien und 
der Union ab. Die Handelsbilanz ist stark passiv. 

Das politisch selbständige Norwegen hat nunmehr eine viel 
größere Bewegungsfreiheit als früher und strebt auf allen Gebieten 
tüchtig vorwärts. Als neutrales Staatswesen hat es nur geringe Militär- 
lasten und kann sein ganzes Augenmerk der wirtschaftlichen und 
kulturellen Entwicklung zuwenden. 



Schweden. 

Das Königreich Schweden erfüllt die ganze östliche Abdachung 
der skandinavischen Halbinsel und die Landschaft Schonen. Dazu 
gehören außerdem die Inseln Gotland und Öland. Sein Flächenraum 
beträgt 447.800/.-»/-, die Bevölkerung zählt 5,476.000 Bewohner, es 
ist sonach in beider Hinsicht seinem westlichen Nachbar voraus. 

Staat und Volk. 

Weltlage. Durch seine Lage am Binnenmeere der Ostsee hat 
Schweden nicht so günstige Beziehungen zum Atlantischen Ozean 
wie Norwegen. Seine Seegeltung hat seit der Loslösung seines west- 
lichen Nachbars Einbuße erlitten. Schweden ist trotz seines Anteiles 
am Meere ein Kontinentalstaat und darauf angewiesen, seine Kräfte 
in einer intensiven Ausnützung des Landes zu verwenden. 

Verfassung und Bevölkerung. Seiner Verfassung nach ist 
Schweden ein konstitutionell regierter Staat, dessen öffentliches 
Leben sich in mehr konservativen Bahnen bewegt. Die demo- 
kratischen Anschauungen sind bei der überwiegenden Bauern- 
bevölkerung nicht so in die breiten Massen gedrungen, wie bei dem 
dänischen und norwegischen Handelsvolke. In Schweden gibt es auch 
einen Adel. Den eigentlichen Grundstock der Bevölkerung bilden 
die Bauern, die zumeist in stattlichen Einzelhöfen siedeln. Dazu 
kommt bereits eine zahlreiche industrielle Arbeiterschaft. 

Die Schweden sind ein der deutschen Völkerfamilie angehöriger 
Zweig, der den germanischen Tj'pus am reinsten bewahrt hat. Sie 
sind von heiterer Gemütsart, zäh und voll Ausdauer bei allen Unter- 
nehmungen und stehen auf ungemein hoher Kulturstufe. Sie besitzen 
drei sehr berühmte Universitäten und zwar in Upsala, Lund und Göte- 
borg, außerdem eine technische Hochschule in Stockholm. Der 
Elementarunterricht wird in zahlreichen Volksschulen und von 



— 147 - 

Wanderlehrern, die von Hof zu Hof ziehen, besorgt, weshalb die 
allgemeine Volksbildung unerreicht dasteht *). 

Das ausgedehnte Land ist sehr ungleich bevölkert. In Schonen 
herrseht die größte Volksdichte, das waldreiche, mittlere und nörd- 
liche Schweden ist nur dünn besiedelt, doch dürfte die Entwicklung 
des Erzbergbaues im Norden eine größere Bevölkerungszunahme im 
Gefolge haben. Ziemlich stark ist auch die Auswanderung, die sich 
zumeist nach Kanada und in die Union erstreckt. 

Siedlungen. Unter den 22 Städten von über 10.000 Einwohnern 
liegt die Mehrzahl im Süden und am Küstenbogen von Göteborg bis 
Sundsvall. Uie Hauptstadt ist Stockholm (344.000 Einw.), da» 
„nordische Venedig", in günstiger Lage, wurde aber doch von 
St. Petersburg überholt. Der größte Nachteil liegt in der weiten 
Entfernung von der Atlantik. Stockholm liegt inmitten einer reichen 
Landschaft, ist der erste Industrieplatz und Importhafen, sowie das 
Zentrum des reichen künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens 
in Schweden, die schönste Stadt Nordeuropas. Die zweitgrößte und 
ihres internationalen Charakters wegen interessanteste Stadt ist 
Göteborg (165.000 Einw.), der einzige Hafen an der Westküste 
und größte Handelsplatz. Ganz im Süden sind Malmö (88.000 Einw.) 
und Trelleborg wegen ihrer Schiff- und Trajekt Verbindung mit 
Dänemark und dem Deutschen Reiche von besonderer Wichtigkeit 
für den Verkehr. An der Ostküste liegen Karl skr o na, das industrie- 
reiche Norrköping (46.000 Einw.), nördlich von der Hauptstadt 
Gefle, Sundsvall und an der Grenze Finnlands Haparanda. Im 
Innern des Landes sind Motala, Eskilstuna, Jönköping, Upsala, 
Falun und im äußersten Norden Gellivara zu nennen. 

Das Wirtschaftsleben. 

Die baltische Seite Skandinaviens bietet wesentlich andere 
Wirtschaftsmöglichkeiten als die atlantische. In Schweden kommt 
neben der Viehzucht und Waldwirtschaft neuestens die aufstrebende 
Industrie und der Bergbau in Betracht, Fischfang und Handel treten 
dagegen zurück. 

Land- und Forstwirtschaft. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung 
(54%) befaßt sich mit der Landwirtschaft, fast ein Drittel (29o/o) 
mit Bergbau und Industrie, 11% mit Handel und Verkehr. 

Im größten Teile Schwedens sind für den Getreidebau unvor- 
teilhafte Verhältnisse, denn 52% sind mit Wald bedeckt und 56^'^ 
überhaupt Ödland. Da die Wiesen und Weidefluren 3*^/o ausmachen, 

*) Von der Kenntnis des Lesens und Schreibens wird in Schweden und 
Norwegen die Zustimmung zur Konfirmation und zur Heirat abhängig gemacht. 

10* 



— 148 — 

bleiben nur 9% als landwirtschaftliche Nutzfläche. Das rauhe, kon- 
tinentale Klima bewirkt auch, daß in Schweden die Polargrenzon 
für die meisten Kulturpflanzen um 200 km weiter nach Süden ver- 
schoben sind als in Norwegen. 

Der größte Teil des Landes gehört den mittleren und klein- 
bäuerlichen Besitzern, die in Südschweden nach dänischem Vorbilde 
gut organisiert sind. Großgrundbesitz ist nur wenig vorhanden. 

Die Erträgnisse des Getreidebaues werden durch die voll- 
kommenen Methoden der Bodenbearbeitung noch gesteigert. Es 
herrscht fast überall die Fruchtwechselwirtschaft. Die wichtigste 
Getreidepflanze Schwedens ist der Roggen, im Norden überwiegt 
die Gerste, die auch für die Brauerei ausgezeichnet verwendbar ist. 
Bedeutend sind auch die Erträge an Hafer und Kartoffeln. Die 
reichste Getreidegegend ist Schonen. Dort gedeiht noch sehr gut 
der Weizen, die Zuckerrübe und der Tabak. Der Obst- und Garten- 
bau ist besonders in Südschw^eden gut entw^ickelt und sehr lohnend. 
Auch der Heugewinnung wird große Aufmerksamkeit zugewendet. 
Der Wert der schwedischen Ernte beläuft sich auf 280 Mill. Kronen. 
Eingeführt werden hauptsächlich Roggen und Mais, im Betrage von 40 
bis (50 Mill. Kronen. 

Einen wertvollen Schatz besitzt Schweden in seinen Wäldern, 
die jedes Jahr um etwa öOO Mill. Kronen Holz für die Ausfuhr 
liefern. Im Süden sind noch schöne Buchenw^älder, der größte Teil 
ist aber Nadelholz (Kiefern, Fichten), außerdem sind noch Erlen, 
Espen und Birken stark vertreten. Die zahlreichen Flüsse erleich- 
tern den Transport zur Küste. Der ungeregelten Forstwirtschaft ist 
durch eine P^'orstgesetzgebung Einhalt getan, Holzhandel und Holz- 
industrie sind in Blüte. In den Sägewerken und in der Holzver- 
arbeitung sind gegen 100.000 Menschen beschäftigt. 

Viehzucht. Stark betrieben wird in allen Teilen des Landes die 
Viehzucht, die durch die schönen Wiesen, die starke Heugewinnung 
und den Anbau von Futterpflanzen sowie durch die Verwendung 
der Abfallprodukte der Milchwirtschaft besonders begünstigt wird. 
Am besten entwickelt ist die Rinderzucht, die eine starke Zunahme 
der Kühe aufweist. Es werden nur edle Rassen (Telemarken, Ost- 
friesen) gezüchtet. Gut entwickelt ist das bäuerliche Genossenschafts- 
und Molkereiwesen, das in Südschweden seinen Sitz hat. Butter und 
Vieh kommen zur Ausfuhr. Die Pferde-, Ziegen- und Schafzucht ist 
nur mäßig entwickelt. Dagegen hat die Schweine- und Geflügelzucht ' 
einen großen Aufschwung zu verzeichnen. Renntiere werden vou den 
Lappen gehalten. 

Die Fischerei hat auch für Schweden noch große Wichtigkeit. 



— 149 — 

Die Flüsse sind reich an Lachsen, Aalen und Forellen. An der West- 
küste ist auch die Seefischerei noch erfolgreich, doch werden viel 
mehr Fischprodukte ein- als ausgeführt. 

Mineralproduktion. Schweden genießt durch seinen Reichtum 
an hochwertigen Eisenerzen einen großen Ruf. Die Erze sind leicht 
abzubauen, vielfach phosphorfrei und haben einen Metallgehalt 
bis zu 750/0. Für die Ausbeute kommen drei Gebiete in Betracht: 

1. der Taberg, südlich vom Wettersee bei Jönköping, doch wird 
er des geringeren Metallgehaltes (327o) wegen nur wenig ausgebeutet; 

2. das mittelschwedische Gebiet mit Dannemora und Grän- 
gesberg, nördlich von Stockholm, wo phosphorfreie und für die Her- 
stellung feinen Stahles besonders geeignete Erze gefunden werden; 

3. das lappländische Gebiet mit dem Eisenberg bei Gelli- 
vara*) und den Erzlagern von Kirunavara. Das lappländische Gebiet 
liefert 60^0 der gesamten Produktion. Ausgeführt werden die Erze 
über den eisfreien norwegischen Hafen Narvik. 

Insgesamt beträgt die schwedische Eisenerzproduktion 3% der 
Weltausbeute. Der größte Teil der Erze wird nach Deutschland, 
England und Österreich ausgeführt. 

Außerdem werden noch Kupfer bei Falun und Zinkerze 
gewonnen. 

Industrie. Der Entwicklung der schwedischen Großindustrie 
standen als Hindernisse nicht nur das Fehlen von Kohle, sondern 
auch die Ungunst der Verkehrsverhältnisse entgegen. Aber aus der 
reichen Wald- und Bergwerksproduktion erwuchs unter der Aus- 
nützung der Wasserkraft eine bodenständige Industrie, die sich 
längst nicht mehr ausschließlich auf einheimische, sondern auch auf 
eingeführte Rohstoffe verlegt. So ist Schweden in die Reihe der 
europäischen Industriestaaten eingetreten. Der Umfang dieser 
zwar noch jungen^ aber sehr leistungsfähigen Fabrikationstätigkeit ist 
daraus zu ersehen, daß es im Jahre 1907 im ganzen Lande 12.000 indu- 
strielle Betriebe gab, in denen über 300.000 Arbeiter beschäftigt 
waren. Der Wert der Erzeugnisse beläuft sich jährlich auf lo Milli- 
arden Kronen. 

Die größte Bedeutung haben die verschiedenen Zweige der 
Holzindustrie, denn sie allein liefern die Hälfte des Ausfuhrwertes 
im schwedischen Außenhandel. In allen Teilen des Landes sind an 
den Flüssen Tausende von Sägewerken. Sundsvall ist das Zentrum 
der Holzindustrie. Sehr verbreitet ist auch die Holzstoff-, Zellu- 



*) Die vom Bankhause Rothschild in Wien begründete Aktiengesellschaft 
„Freja' bezieht aus diesem Gebiete jährlich über 200.000 < Erze über Stettin für 
Witkowitz. 



— 150 — 

lose- und Papierfahrikatioii, die gleichfalls auf der Ausnützung 
der Wasserkraft berulit. Einen Weltruf genießt die schwedische 
Züudhölzchenfabrikation, die ihren Hauptsitz in Jönköping hat. 
Außer der Möbelfabrikation ist ferner noch der Schiffbau aus 
Holz nennenswert (Haparanda, Gefle, Kalmar). 

Aus der Agrarproduktion entwickelten sich die Mühlen- 
industrie (Stockholm, Malmö, Kalmar), die Bierbrauerei und die 
Zucker fabrikation (10 große Raffinerien in Malmöhus, Stockholm, 
Göteborg, Norrköping). 

Rasch aufgeblüht ist besonders die Eisen- und Stahlindustrie, 
darunter die Maschinenfabrikation (Stockholm, Motala, Göteborg, 
Malmö, Trollhättan) und die Kleineisenindustrie (Eskilstuna, das 
^schwedische Sheffield"). 

Die Wollindustrie ist am besten um Norrköping vertreten. 
Sehr entwickelt ist ferner auch die chemische Industrie (Kalzium- 
karbid, Stickstoffgewinnung aus der Luft). Zu nennen sind weiters 
noch die Herstellung von Glas und Porzellanwaren, von Leder und 
Nahrungsmitteln (^Fischkonserveu, Räucherwaren, Margarine). 

Besonders zu erwähnen sind auch die großen elektrischen 
Kraftstationeu, darunter die größte an den TroUhättafällen. 

Verkehr und Handel. 

Das wirtschaftlich rasch aufstrebende Schweden hat auch ein 
recht gut entwickeltes Verkehrswesen. Am intensivsten ist der Ver- 
kehr in Südschweden, im ostschwedischen Stufenlande dagegen sind 
ähnliche Verhältnisse wie in Norwegen. Neben guten Straßen sind 
auch Kanäle vorhanden. Am besten eignete sich die südschwedische 
Senke zur Anlage einer großen Binnenwasserstraße. Hier liegt der 
Götakanal, der die Ost- und Westküste unter Benützung der großen 
Seen verbindet. Vom Wenersee zweigt der Daslandkanal nacb 
Fredrikshald und vom Mälarsee der Strömsholmskanal in die 
Bergwerksgebiete von Dalarne ab. 

Das Eisenbahnnetz, das in Südschweden eine bemerkenswerte 
Verdichtung zeigt, umfaßt 13.800/./», wovon nicht ganz bOOOkm 
Staatsbahuen sind. Die zwei namhaftesten Knotenpunkte sind Göteborg 
und Stockholm. Die wichtigsten Linien sind : 

1. Malmö — Göteborg -Christianiar' ^ ,,'. 

\Trondhjem, 

2. Göteborg — Falun, 

3. Göteborg — Katrineholm - Stockholm, 

t c*. 1 u 1 ^ j. 1 /Trondhjem, 

4. Stockholm — Ostersund ^ , . V, ,i- ^- -i 

\ Luleä — Gellivara — N arvik 

(^Ofotenbahn). 



— 151 — 

Von Trelleborg besteht über die Insel Rügen direkter Bahn- 
verkehr mit Berlin. (Trajektverbindung Trelleborg — Saßnitz). 

Der Küsten verkehr ist nur wenig entwickelt, da die Küste 
bis Göteborg im Winter zufriert und sehr seicht ist. 

Nicht mehr so groß wie in Norwegen, aber doch noch sehr 
bedeutend ist auch die Seeschiffahrt Schwedens, die sich 
besonders nach Deutschland, Dänemark und England erstreckt. 

Die Handelsflotte zählt 2900 Schiffe mit 776.000 t, davon 1211 
Dampfer. Als beherrschende Häfen sind Göteborg, Stockholm, Malmö, 
Sundsvall una Norrköping zu nennen. 

Neben einem lebhaften Innenhandel betreibt Schweden auch 
einen nicht unbedeutenden Außenhandel. Sein bester Abnehmer 
ist England, das wichtigste Bezugsland dagegen das Deutsche Reich. 
Durch den Zwischenhandel der Nachbarstaaten, vor allem Dänemarks 
und Deutschlands, wird der schwedische Handel stark beeinträchtigt. 

Mit fortschreitender Industrialisierung des Landes ist auch seine 
Handelsbilanz passiv geworden. Im Gegensatze zum freihändlerischen 
Norwegen geht Schweden immer mehr zum Schutzzollsystem über. 

Unter den Ausfuhrgegenständen überwiegen Holz, Erze und 
landwirtschaftliche Produkte, in der Einfuhr stehen Kohle, Roggen 
und Weizen, Kolonialwaren, Baumwolle, Wein u. a. obenan. 

Der Abfall Norwegens war für Schweden in mancher Beziehung 
ein großer Verlust, bei den bestehenden Gegensätzen im Volks- 
charakter, den jDolitischen und wirtschaftlichen Zielen aber doch im 
wohlverstandenen Interesse beider Staaten. Schwedens Zukunft liegt 
in seiner Landwirtschaft und Industrie. Mehr als früher wendet nun 
Schweden der Entwicklung dieser reichen Hilfsquellen seine Auf- 
merksamkeit zu. Was das Land auf der einen Seite verloren hat, 
wird dadurch gewonnen, daß es sich ganz seinen eigenen Interessen 
widmet. 

In beiden Staaten Skandinaviens begegnen wir einer rasch auf- 
strebenden Entwicklung. Die Bewohner dieser Länder sind zwei Elite- 
völker, bewunderungswürdig durch ihre hohe Kultur und wirt- 
schaftliche Tüchtigkeit. Die Unternehmungslust der alten Wikinger 
beseelt beide. 



— 152 — 

Das lliiösisclie Keiclr'% 

Rußland ist mit seinen asiatischen Nebenliindern der groß- 
räumigste Staat der Erde, dessen Gebiet von den Gestaden der Ostsee 
bis an den Stillen Ozean sieh erstreckt. Das europäische Rußland 
allein umfaßt schon mehr als die halbe Bodenfläche unseres Konti- 
nentes. Dieses Riesenreich zeigt als hervorstechendsten Charakterzug 
eine auffallende Übereinstimmung des politischen Gebietes mit dem 
natürlichen Landschaftsbilde, es ist der Staat des osteuropäischen 
Tieflandes. 

Die Begründung des großen Zarenreiches ging sehr langsam 
vor sich. Nach der abwechselnden Besiedlung durch verschiedene 
Steppenvölker wurden die Mongolen (1238— 1480) für längere Zeit 
die Beherrscher des osteuropäischen Tieflandes. In einem 300 Jahre 
andauerndem Ringen drängten dann die von Bj'^zanz christianisierten 
slawischen Russen von Moskau aus die verschiedenen mongolischen 
Stämme zurück und breiteten, den großen Stromläufen folgend, nach 
allen Seiten ihre Herrschaft aus. Doch gelang es ihnen früher (Mitte 
des 17. Jahrhunderts) bis an den Großen Ozean als an die Ostsee 
und das Schwarze Meer vorzudringen. Erst Peter der Große (1689 bis 
1725) eroberte von den Schweden die Ostseeküste und von den 
Türken den Küstensaum am Schwarzen Meere. 

Der Einheit der Landesnatur entspricht auch die zentralistische 
Regierungsform des russischen Staates. 

Staat und Volk. 

Größe. Das europäische Rußland hat einschließlich Finnlands 
einen Flächenraum von 53 Mill. km^ und hatte 1910 eine Bevölke- 
rung von 133 Mill. Es ist sonach nicht nur der größte, sondern auch 
der volkreichste europäische Staat, der aber erst am Anfange seiner 
kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung steht. Die unfertigen 
Zustände hindern dieses Riesenreich noch an einer vollen Entfaltung 
seiner Macht. 

Weltlage und Grenzen. Trotz seines Anteiles an drei Meeren 
ist Rußland ein Kontinentstaat geblieben, der zwar eine gute Rand- 
lage, aber keinen freien Zutritt zum Atlantischen und Mittelmeere 
hat. da die beherrschenden Wasserstraßen im Besitze der skandina- 
vischen Staaten, beziehungsweise der Türkei sind. Die politischen 

*) Literatur: Immanuel F., Das Russische Reich in Andree, Geogr. d. 
Welthandels, Bd. I. s. o. — Hettner, Das europäische Rußland, Leipzig 1905. — 
Krassnow. Das europäische Rußland, in Kirchhoffs Läoderkunde, 111. Teil, Leipzig 
1907. — Philippson, Länderkunde von Rußland. Sammlung Göichen 359. 



— 153 — 

und wirtschaftlichen Beziehungen über die Grenzen des Reiches 
hinaus ergeben sich daher nicht so sehr durch den Meeresanteil als 
vielmehr durch den Zusammenhang mit dem Flachlande Nordwest- 
asiens, der norddeutschen und der rumänischen Tiefebene, 

In der Abgrenzung überwiegen gegen Asien hin die Land- 
grenzen in einer Ausdehnung von 4000 A-m, während die Festlands- 
grenze gegen Mitteleuropa verhältnismäßig kurz ist. Auf einer ge- 
ringen Anzahl von Verkehrswegen vollzieht sich der Landverkehr 
mit Deutschland, Österreich und Rumänien. 

Verfassung. Bis zum Jahre 1905 war Rußland ein absolut 
regiertes Staatswesen. Die Niederlage in Ostasien und schwere 
innere Unruhen veranlaßten dann den Übergang zur konstitutionellen 
Regierungsform. Durch den Ukas vom 17. Oktober 1905 a. St. 
wurde das autokratische Zarenreich in eine verfassungsmäßige 
Monarchie umgewandelt, an deren Spitze der selbstherrliche Zar 
steht, der gleichzeitig auch das Haupt der russischen Kirche ist. 
Der Zar teilt die gesetzgebende Gewalt mit dem Reichsrate 
(I. Kammer, mit teils vom Kaiser ernannten und 98 gewählten Mit- 
gliedern, deren Funktion 9 Jahre dauert) und der Duma (IL Kammer, 
mit 442 auf 5 Jahre gewählten Mitgliedern), 

Zum europäischen Rußland mit Polen gehört auch das Groß- 
fürstentum Finnland, das seit 1809 mit diesem in Personalunion 
steht. Doch wurde durch verschiedene Gesetze in den Jahren 1910 
und 1911 die Selbständigkeit Finnlands nahezu ganz beseitigt. 

Ganz Rußland ist zu Verwaltungszwecken in 60 Gouvernements 
eingeteilt. Davon sind 9 in Polen. 

Um seineu ausgedehnten Besitzstand zu behaupten, hat Rußland 
eine starke Wehrmacht mit einem Friedensstande von etwa 1 Mill. 
Soldaten. Die Flotte wurde im Kriege mit Japan völlig vernichtet. 
Gegenwärtig geht das Reich daran, eine neue zu schaffen. 

Bevölkerungsverhältnisse. Die vielfach verbreitete Ansicht, als 
ob Rußland ein Nationalstaat von großer Geschlossenheit in natio- 
naler und konfessioneller Hinsicht wäre, ist ganz unrichtig. Die 
Bevölkerung des Zarenreiches stellt im Gegenteil ein buntes Gemisch 
von Nationen und Religionen dar, wobei allerdings das Russentum 
und die orthodoxe Kirche dem Staate die charakteristische Färbung 
geben. Rußland ist ein ebenso ausgesprochener Völkerstaat wie die 
österreichisch-ungarische Monarchie oder die Türkei. 

Den festen Grundstock der Bevölkerung bilden die Russen 
(Großrussen, Kleinrussen [Ukrainer oder Ruthenen], Weißrussen) in 
einer Zahl von 86 Mill. Trotz sprachlicher Unterschiede sind sie 
durch gemeinsame Kultur und Religion fest verbunden. Sie bilden 



— 154 — 

die herrschende Rasse im Staate und suchen ihre Eigenart und 
ihre Sprache auch auf die anderen Völker des Reiches zu über- 
tragen. 

Der zweitstärkste slawische Stamm sind die Polen, die über 
8 Mill. zählen. Sie stehen den Russen fremd, fast feindselig ge- 
genüber. Die Versuche, sie zu russifizieren mißlangen vollständig. 
Kulturell und wirtschaftlich stehen sie höher als ihre Beherrscher, 
zu denen sie als Katholiken auch in religiösem Gegensatze stehen. 

Andere slawische Völkerschaften sind noch die litauischen Stämme (Li- 
tauer, Shmuden, Lotten), deren Kulturgrad ein sehr niedriger ist. Sie bewohnen 
hauptsächlich die Ostseeprovinzen. 

Außerdem gibt es noch zerstreut Kolonien von Serben (Gouvernement Jeka- 
terinoslaw), Bulgaren (Bessarabien, Cherson) und Tschechen (Wolhj-nien. Taurien). 

In großer Zahl sind auch die Deutschen und Schweden ver- 
treten, ein Volkselement, das durch seine hohe Kultur alle übrigen 
russischen Völker weit überragt, von Rußland aber nicht nach Gebühr 
geschätzt wird. 

Die Deutschen, deren Zahl 19 Mill. ausmacht, wohnen haupt- 
sächlich in den Ostseeprovinzen als grundbesitzender Adel (Ritter- 
gutsbesitzer) und als Bürger in den Städten. Als Kulturförderer 
sind diese Deutschen für Rußland von größter Wichtigkeit geworden 
und sie genossen früher manche Privilegien. Unter dem Zaren 
Alexander III. (1881 — 1894) wurde die Sonderstellung der Deutschen 
beseitigt und sie aus allen Staatsstellungen verdrängt. Die blühende 
deutsche Universität in Dorpat wurde in eine russische Hochschule 
umgewandelt. In den Ostseeprovinzen sind die Städte Riga, Mitau. 
Dorpat und Reval noch überwiegend deutsch. 

Seit der Kaiserin Katharina IL (1762 — 1796) gibt es in Rußland 
auch noch deutsche Ackerbaukolonien an der Wolga (Gouver- 
nement Saratow und Samara), in Wolhynien, am unteren Don, in 
Cherson und Jekaterinoslaw. Aber auch diese zerstreuten deutschen 
Sprachinseln versucht man zu russifizieren (russische Schulsprache). 

Von anderen arischen Völkern sind noch die Rumänen in. 
Bessarabien (1'3 Mill.), Griechen und Armenier in den südrussi- 
schen Städten zu nennen. 

Sehr groß ist die Zahl der Juden, insgesamt 55 Mill. Sie sind 
zur Zeit der Kreuzzüge in Polen eingewandert und verbreiteten sich 
von dort aus. 

Die Lage de.- Juden in Kußland ist auch heute noch eine sehr schwierige. 
Sie diirfen sich nur in bestimmten, meist polnischen Gouvernements ansiedeln, es 
ist ihnen nicht erlaubt, Grund und Boden zu erwerben und in ihrer Bewegungsfreiheit 
sind sie selir eingeschränkt. Auch sind sie vom Großkapital und Börsenwesen aus- 
geschlosäen. Daher befassen sie sich besonders mit Handwerk, Branntweinverkauf 



— 155 — 

und Kleinhandel. Im Gegensatze zu den Juden Westeuropas sind sie fast durchwegs 
Proletarier und wandern sehr stark nach Amerika aus. 

Ein buntes Gemisch von Völkern stellen die 10 Mill. Angehö- 
rigen der mongolischen Rasse dar. Sie gliedern sich in den 
finnischen und tatarischen Stamm. 

Finnische Völkersciiaf ten sind die Finnen, Karelier. Tschuden und 
Esten, die auf höherer Kulturstufe stehen und zumeist Protestanten sind, ferner 
auch die Permier, Wogulen, Syrjanen und Samojeden. 

Im Rückgang begriffen sind die tatarischen Stämme. Zu ihnen gehören 
die mohammedanischen Tataren an der Wolga um Kasan und in der Krim, ferner 
die Baschkiren, von der Wolga bis über den südlichen Ural hinaus, endlich die 
vielizüchtenden Steppenvölker der Kalmüken und Kirgisen. 

Diese Mannigfaltigkeit der Bevölkerungsverhältnisse sucht Ruß- 
land auszugleichen, indem es das Russische zur Staatssprache in 
Amt und Schule gemacht hat. Bei den kulturell tief erstehenden 
Völkern hat das Russentum große Fortschritte gemacht. Die kulti- 
vierten Völker dagegen leisten energisch Widerstand, daher ist das 
Deutsche, Schwedische, Polnische, Rumänische und Finnische noch 
weit verbreitet. 

Ebensowenig geeinigt wie in nationaler ist Rußland in kon- 
fessioneller Beziehung. Die herrschende Kirche mit 77 Mill. Be- 
kennern ist die griechisch-orthodoxe, der zuliebe Rußland auch den 
julianischen Kalender beibehält. Dam Katholizismus hängen die 
Polen, ein Teil der Deutschen und die Litauer, insgesamt 11*4 Mill., 
an. Die 3"7 Mill. Protestanten sind meist Letten, Esten und Deutsche; 
außerdem ist ganz Finnland protestantisch. Der Islam hat 3'6 Mill. 
Anhänger. Ferner gibt es noch das Judentum, Buddhisten (Kal- 
müken) und Heiden (Samojeden) 

Sehr stark zurückgeblieben ist Rußland hinsichtlich der Volks- 
bildung. Von 100 erwachsenen Männern können nur 29 lesen 
und schreiben, von den Frauen nur 13. Das Volksschulwesen ist 
gänzlich unzureichend und es wären noch 250.000 Schulen notwendig, 
damit alle schulpflichtigen Kinder Unterricht genießen könnten. Auch 
das Mittel- und Fachschulwesen ist nicht auf entsprechender Höhe. 
Hochschulen gibt es eine große Anzahl, doch können sie in ihrer 
Organisation und im wissenschaftlichen Betriebe nicht im ent- 
ferntesten mit den deutschen verglichen werden. Die vornehmen 
Russen holen sich ihre Bildung im Auslande, zumeist in Deutsch- 
land und in der Schweiz. 

Volksdichte und Auswanderung. Die große Ausdehnung und 
die verschieden geartete Natur des Landes bringt eine große Ungleich- 
mäßigkeit in der Besiedlung mit sich. Während in Polen und 



— 156 — 

Podolien 80 bis 90 Menschen im Geviertkilometer siedeln, ist der 
Norden und Süden menschenarm. 

Sehr stark ist die Zunahme der Bevölkerung, die trotz großer 
Sterblichkeit 1"5% ini Jahre beträgt. Rußland hat in Europa die 
höchste Geburtenziffer, nämlich 50 pro 1000 Bewohner. 

Fester als irgendein anderes Volk sind die Russen mit der 
heimischen Scholle verwachsen und bei der Schwerfälligkeit des 
Volkes hat die Wanderbewegung erst einige Schichten der Be- 
völkerung ergriffen. Die Binnenwanderung ist noch viel weniger 
entwickelt als in Mitteleuropa. Am stärksten ist die Bauern- 
wauderung in die Industriegebiete in Polen, um Moskau und am 
unteren Don, ferner findet eine ausgedehnte Kolonisierung im 
Gebiete zwischen der Wolga und dem Ural statt. Die Ursache dieser 
Volksbewegung ist besonders Landnot. Sehr gering ist die dauernde 
Auswanderung. Sie erstreckt sich seit der Eröffnung der trans- 
sibirischen Bahn nach Sibirien, wohin im Jahre 1910 353.000 Per- 
sonen, von 1896 — 1910 aber 3'9 Mill. auswanderten, und in 
geringerer Zahl über Hamburg und Bremen nach Amerika, wo man 
sich aber der russischen Einwanderer wegen ihres kulturellen Tief- 
standes zu erwehren sucht. 

Die Natur des Landes. 

Rußland ist ein ungeheures Flachland von großer Einförmig- 
keit, das sich zwischen Gebirgen und Meeren erstreckt und die ganze 
Osthälfte Europas erfüllt. Diese plateauartige Ebene mit ihren tief- 
eingeschnittenen Erosionstälern wird durch die Karpathen, den 
Kaukasus, den Ural, sowie durch das Weiße Meer, die Ostsee, das 
Schwarze Meer und den Kaspisee gut abgegrenzt 

Diesem russischen Flachlande ist ein ganz fremdartiges Gebilde 
angegliedert, die finnische Landbrücke. 

In seinem Aufbaue zerfällt das europäische Rußland sonach 
in zwei ungleich große natürliche Landschaften, in die große 
russische Tafel und in die finnische Landbrücke mit Lapp- 
land und Kola. 

I. Das russische Flachland. 

Sein einheitliches Gepräge bekommt Rußland durch die große 
russische Tiefebene oder die russische Tafel. Sie ist ein altes 
Schollenland, das von einer mächtigen Sedimentdecke überlagert ist. 
Nirgends reichen ihre höchsten Erhebungen über 400 m hinauf. Nur 
durch die tiefeingeschnittenen Tieflandströme wird der Plateau- 
charakter unterbrochen und die Tiefebene in verschieden geartete 
Einzellandschaften gegliedert. 



— 107 — 

1. Die Einzeilandschaften des russischen Flachlandes. 

Die zentralrussische Tafel. Den Kern Rußlands bildet die 
zentral russische Tafel, eine fast ebene Fläche von 200 m Höhe, 
die sich 500 km breit und 1000 km lang von der Waldaihöhe bis 
zum Donezplateau ausbreitet und eine Fläche einnimmt, die der des 
Deutschen Reiches fast gleich kommt. Sie liegt im Bereiche der 
fruchtbaren Schwarzerde, reicht im Süden aber schon in das Steppen- 
gebiet hinein. Der breiteste Teil ist das Plateau von Moskau. 

Von diesem Plateau strahlen nach allen Seiten große Ströme 
aus, an denen bedeutende Städte sich entwickelten. An der Wolga 
liegt Twer, an der Oka und ihren Nebenflüssen sind Orel, Kaluga, 
Tula (134.000 Einw.), und an der Moskwa die alte Hauptstadt 
Moskau (1,481.(00 Einw.), der Sitz des eigentlichen Russentums, 
eine große Handels- und Fabriksstadt, der größte Eisenbahnknoten- 
punkt und eine Stadt von eigenartiger Schönheit. Westlich ist an 
den Ufern des Dnjepr Smolensk (59.000 Einw.), der Sammelplatz 
der großen Heerstraßen und Eisenbahnen von Westen. 

Das mittelrussische Plateau ist mit ausgedehnten Wäldern 
bedeckt, doch findet auch ein lohnender Ackerbau auf Roggen, 
Buchweizen und Flachs statt. Um Moskau ist wegen der großen 
Kohlenlager zwischen Tula und Kaluga eines der wichtigsten Industrie- 
gebiete entanden. dessen Mittelpunkte Moskau (Textilwaren, Leder, 
Papier, Porzellan, Metall- und Luxuswaren), Kaluga {Geschütz- und 
Munitionsfabriken) und Tula (Industrie in Eisenwaren und Samo- 
vars) sind. 

Die nordrussische Abdachung. Rings um das zentralrussische 
Plateau gliedern sich die übrigen Landschaften an. Im Norden ist 
der nordrussische Landrücken und seine Abdachung zum 
Eismeere. Vom Ural zieht sich ein 1100 km langer Plateaustreifen 
von 150 bis 260 m Höhe nach Westen. Er bildet die große Wasser- 
scheide zwischen dem System der Wolga und den arktischen 
Strömen (Petschora, Mesen, Dwina, Onega). Von hier senkt sich das 
Land zur Küste des Eismeeres. Durch das vom Ural nordwärts sich 
hinziehende Timangebirge wird das Becken der Petschora von 
dem der Dwina geschieden. 

Das Petschorabecken ist ein mit Tundren, Birken- und 
Nadelwäldern bedecktes, unwirtliches Gebiet, das nur von wenigen 
Samojeden bewohnt wird. 

Auch das Becken der Dwina ist eine ungeheure Wald- 
wildnis. Der Verkehr und die Siedlungen sind auf die großen Ströme 
beschränkt. Nur zwei Städte, Wologda und Archangelsk, sind in 
diesem Gebiete erwachsen. Jagd, Fischerei und Ausnützung des 



— 158 — 

Waldes sind die wichtigste Beschäftigung der Bewohner dieses 
menschenarmen Gebietes, das so groß ist wie F'rankreich und Deutsch- 
land zusammen. 

Der nordrussische Landrücken geht allmählich in eine seenreiche 
Ebene, die Tschudenebene, über, in der sich die Flußsysteme der 
Wolga und Newa stark nähern. In diesem Senkungsgebiete liegen 
die zwei größten Seen Europas, der Onegasee {9S3& km-, 142 m 
tief) und der Ladogasee (18.1 bO hn^, 228 9/1 tief). Den Abfluß bildet 
die Newa, die sich in vier Armen in den Finnischen Golf ergießt. 

An der Newa liegt die Hauptstadt St. Petersburg (1,908.000 
Einw.), das Bindeglied Rußlands mit dem europäischen Westen, 
wichtig auch als Handels- und Fabriksstadt. Ein Nachteil ist das 
feuchte, ungesunde Klima und die periphere Lage zum Reiche. In 
der Nähe sind die Sommerresidenz Peterhof, die Schlösser und 
Villenorte Zarskoje Selo und Kraßnoje Selo sowie die Stern- 
warte Pulkowa 

Die baltische Abdachung. Westlich von der Senke der Tschuden- 
ebene zieht sich bogenförmig der w est russische Landrücken 
zum Anschlüsse an den baltischen Landrücken im Deutschen Reiche. 
Er ist eine Seenplatte und Endraoränenzone. Gegen die Ostsee dacht 
sich das baltische Küstenland ab, ein breiter Tieflandstreifen 
(wahrscheinlich ein altes Urstromtal), der von den Ostseeprovinzen 
eingenommen wird. 

Hier liegen wichtige, vielfach von Deutschen bewohnte Städte 
Avie Reval, Dorpat, Riga (325.000 Einw.), Dünaburg (Dwinsk 
80.000 Einw.), Libau, Mi tau, Kowno, Wilna 186.000 Einw.), 
Grodno und Bielostok. 

Die Ostseeprovinzen zeigen einen viel höheren Stand der 
Kultur als das Innere Rußlands. Es herrscht eine blühende Land- 
wirtschaft, die besonders Getreide, Flachs und Kartoffeln liefert. 
Daneben blüht die Viehzucht und die Industrie. 

Russisch-Polen. An das Ostseegebiet bis an die Karpathen 
erstreckt sich Russisch -Polen, das Flußgebiet der mittleren 
Weichsel. Das polnische Berg- und Tiefland ist die Fortsetzung des 
Tarnowitzer Plateaus und der Zone der Urstromtäler. Russisch- 
Polen ist ein Gebiet mit 127.300 hn^ und 12 Mill. Bewohnern, von 
denen 74°/o Polen und 14'^/o Juden sind. Die einst sehr weitgehende 
Selbstverwaltung wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts nach den 
verschiedenen Aufständen beseitigt. 

Der nationale Mittelpunkt des Polentums ist Warschau 
(855.900 Einw.) au der Weichsel, eine große Industriestadt (Wolle, 
Seidenweberei, Leder, Zucker) und der Schnittpunkt der Verkehrs- 






— 159 — 

linien Berlin — Moskau und Wien— St. Petersburg. Eine wichtige 
Stadt ist auch Lodz (355.600 Einw.), an der Bahnlinie Sagan — 
Kaiisch — Warschau, mit riesiger Baumwollindustrie. Zu nennen wären 
auch Czenstochau und Lublin (62.700 Einw.). 

Polen ist ein Gebiet reicher Agrarproduktion. Neben dem Ge- 
treide wird besonders die Zuckerrübe kultiviert. Die ergiebigen 
Kohlenlager begünstigten auch das rasche Wachstum der Industrie 

Das Dnjeprbecken. Ostwärts bis zum Rande des mittel- 
russischen Plateaus setzt sich das polnische Flachland als eine 
gewaltige, mit Sümpfen bedeckte Niederung in einer Länge von 
450 km fort. Diese Flachlandsmulde wird vom Dnjepr mit dem 
Pripet durchflössen. Zwischen beiden Flüssen breiten sich die 
Rokitnosümpfe aus, die jetzt teilweise schon entwässert sind. 

Am Rande dieses Sumpfgebietes liegen die Städte Brest- 
Litowsk, Minsk (109.000 Einw.), Mohilew und Homel. Die Be- 
völkerung dieser Orte ist stark mit Juden vermischt und befaßt sich 
vornehmlich mit Ackerbau, Zucker- und Juchtenindustrie. 

Der südliche Teil des Dnjeprbeckens, die Ukraine oder Klein- 
rußland, ist teils ein W'aldland mit fruchtbaren Ackerstrichen, teils 
ein reiches Getreideland mit Weizenbau und Viehzucht. 

Im Zentrum dieses dicht bevölkerten Schwarzerdegebietes liegt 
Kiew (446.800 Einw.), ein altes Kulturzentrum Südrußlands, an der 
Straße nach Polen. Aufstrebende Städte sind ferner Poltawa 
(61.000 Einw.) und die Universitäts- und Industriestadt Charkow 
(219.600 Einw.), das große Zentrum der Zucker- und Leinenindustrie. 

Der südrussische Landrücken und das pontische Küstenland. 
Von den Karpathen in Galizien bis an den Don zieht sich südwest- 
lich des Dnjeprbeckens die breite Schwelle des südrussischen Land- 
rückens. Gegen die österreichische und rumänische Grenze liegen 
die Landschaften Wolhynien, Podolien und Bessarabien. In das zum 
Schwarzen Meere sich absenkende Gebiet sind in tiefen Tälern der 
Pruth, Dnjestr und Bug eingegraben. Ihre Talgehänge haben schöne 
Laubwälder, auf den Plateauflächen ist fruchtbares Ackerland. In 
diesem von Juden, Polen, Deutschen, Kleinrussen und Rumänen be- 
wohnten Gebiete liegen die Städte Schitomir, Kowno (79.000 Einw.), 
Bertitschew, Jelisawetgrad und Kischinew (118.600 Einw.). 

Podolien und Bessarabien zeichnen sich durch besondere 
Fruchtbarkeit aus. Außer Weizen und Mais gedeihen auch Tabak, 
Wein und Obst. 

Die Umgebung des Schwarzen Meeres ist in einem 75 bis 
150 hm breiten Streifen ein echtes Steppenland mit dünngesäter 
Kolonistenbevölkerung, die hauptsächlich Viehzucht treiben. Die 



— 160 — 

Küste ist der niedrige Steilrand der Steppentafel, die durch die 
trichterförmigen Flußmündungen (Limane) «gegliedert wird. An 
diesen Mündungen liegen auch die meisten Häfen, wie Akkerman 
am Dnjestr, Nikolajew (195/00 Einw.) am Bug, Cherson (85.000 
Einw.) am Dnjepr sowie Taganrog (70 000 Einw.) und Rostow 
(121.000 Einw.) am Don. Nur Odessa (478.000 Einw.) ist ein Kunst- 
hafen mit offener Bucht, der größte Getreideexportplatz Rußlands. 

Die Halbinsel Krim ist der südrussischen Steppentafel ange- 
gliedert. Sie wird von einem jungen Faltengebirge, dem Jaila-Dag, 
mit Steilabfall nach Süden, durchzogen. 

Die Bevölkerung stellt ein buntes Gemisch von Russen, Tataren, 
Griechen und Juden dar. Größere Siedlungen von Bedeutung sind 
Simferopol, Sewastopol (65.000 Einw.), der russische Flotten- 
stützpunkt im Schwarzen Meere, Feodosia sowie die Winterkurorte 
Jalta und Livadia. 

Nördlich des Jailagebirges herrscht noch das kontinentale Klima 
Rußlands, dort ist eine Zone des Ackerbaues, die südliche Steil- 
küste, die „russische Riviera", hat milde, regenreiche Winter und 
die mediterrane Pflanzenwelt, hier herrscht Wein- und Gartenbau. 

Das Dongebiet und Wolgaplateau. Im Südosten und Osten 
des zentralt'ussischen Tafellandes breiten sich das Donezplateau, die 
flache Mulde, die der Don durchströmt, das große Wolgabecken und 
das Wolgaplateau aus. 

Das Donezplateau ist eine öde und wasserarme Steppe, die 
aber reiche Montanschätze in ihrem Innern birgt, sie ist ein Gebiet 
großer Kohlenreviere. Außerdem findet sich dort Eisen, Silber, Blei, 
Zink und Steinsalz. 

Im Donbecken liegt am Don, der von Tula südwärts und 
dann in einem weiten Bogen westwärts fließt und im Asowschen 
Meere mündet, die Stadt Woronesch (90.600 Einw.). Am oberen 
Don herrscht Pferdezucht, im mittleren Gebiete wird Ackerbau und 
Fischerei und im unteren die Kultur subtropischer Produkte wie 
Mais, Wein, Obst und Melonen betrieben. Der größte Teil des Strom- 
gebietes des Don ist aber eine baumlose Steppe. 

Zwischen dem mittelrussischen und dem Wolgaplateau liegt das 
große Wolgabecken und die Senke von Tambow. Im Wolga- 
becken, der wichtigsten Landschaft des Ostens, sind bemerkenswerte 
Städte, Jaroslawl, Kastroma und Nischni-Nowgorod (104.000 
Einw.), die malerisch gelegene Messestadt. 

An die mittlere W^olga tritt das Wolga'plateau heran, das von 
der Tambower Senke gegen den Strom hin allmählich ansteigt und 
das rechte Steilufer der Wolga bildet. Der Boden, vielfach frucht- 



— 161 — 

bare Schwarzerde, wird mit Roggen bebaut, doch verursacht das 
extreme Klima häufig Mißernten und Hungersnot, weshalb unter der 
Bevölkerung des Wolgaplateaus große Armut herrscht. Das Wolga- 
plateau fällt im Süden von den Jergenihügeln in das Depressions- 
gebiet an der unteren Wolga und zur Many tschniederung, einem 
alten Flußtale, ab. 

Am linken unteren Wolgaufer dehnt sich weithin die Steppenland- 
schaft der kaspischen Niederung aus, die von Kirgisen und Kalmüken 
bewohnt wird. Im Delta der Wolga liegt Astrachan (149.000 Einw.). 

Das uralische Plateau und der Ural. Von der mittleren Wolga 
bis zum üralgebirge erstreckt sich eine 400 m hohe Plateauland- 
schaft, die von ausgedehnten Wäldern sibirischer Nadelhölzer bedeckt 
ist und nur von dürftigen Ackerflächen unterbrochen wird. 

Unter den Siedlungen dieses Gebietes ragen an der mittleren 
Wolga Kasan (167.000 Einw.), die wichtigste Stadt Ostrußlands, 
Simbirsk, Samara (121.000 Einw.) und Saratow (198.600 Einw.) 
hervor. Im eigentlichen Plateau liegen Wjatka, Perm (große Geschütz- 
gießereien) und Ufa an der sibirischen Bahn. 

Den Ostrand des russischen Tieflandesbildet das Uralgebirge, 
ein 2500 hn langer, mäßig hoher Wall, der von den Tundren des 
Nordens bis zu den Steppen der kaspischen Niederung reicht. Gegen 
Süden zu wird es breiter und niedriger. Im ganzen schließt es eine 
Fläche von 400.000 km^ ein. Es stellt eine breite Rumpffläche dar, in 
die steile Täler eingeschnitten sind. Im Osten fällt der Ural steil 
gegen die westsibirische Ebene ab. 

Der nördliche Ural ist mit Tundren und Urwäldern bedeckt, 
im mittleren „erzreichen Ural" wird Gold, Platin, Eisen, Kupfer und 
Kohle gefunden. Um Jekaterinburg sind große Hüttenwerke. 
Der südliche ..waldreiche" Ural ist mit schönen Eichen- und anderen 
Laubwäldern bedeckt. 

2. Klima, Bewässerung und Kulturgebiete des russischen Tief- 
landes. 

Das russische Tiefland hat mit Ausnahme der Küstengebiete 
der Ostsee und des Schwarzen Meeres, die Übergänge zum Seeklima 
aufweisen, kontinentalen Charakter mit stark ausgeprägten Tempe- 
raturextremen. Die kontinentalen Ostwinde sowie die Kälteeinfälle 
vom Eismeere bedingen die niedrigen Temperaturen der Winter- 
monate. Die Sommer dagegen sind sehr heiß*). Viel geringer als in 



*) Das mittlere Jahresmaximum beträgt für Archangelsk +29, für Moskau 
+31, für Astrachan +36" C, das mittlere Jahresminimum für diese Städte —36, 
— 30 und —26" C. 

Stoiser. Wirtscbafts- und Verkehrsgeographie d. europ. Staaten. jj 



— 162 — 

Mitteleuropa sind die Niederschläge. Sie fallen in Nordwestrußland am 
reichlichsten im Juli und August, in Südrußland im Juni. Im Durch- 
schnitt beträgt die jährliche Niederschlagsmenge :J00 bis 600 mm. Im 
Winter ist das Land mit einer zusammenhängenden Schneehülle bedeckt. 

Besonders nachhaltig ist die Rückwirkung des Klimas auf die 
Bodenproduktion Rußlands, deren Ertrag von den Zufällen der 
Witterung auf das stärkste beeinflußt wird. Die Ernten sind ge- 
fährdet, wenn durch die Schneeschmelze der Boden nicht genügend 
bewässert wird oder wenn die Frühsommerregen nicht reichlich 
genug sind, Infolge der Winterkälte sind die Küsten des Eismeeres, 
der Ostsee, sowie die Flüsse und Kanäle von November bis März vom 
Eis gesperrt. Nur die Küste des Schwarzen Meeres ist gewöhnlich eisfrei. 

Das ausgedehnte russische Flachland begünstigte das Ent- 
stehen eines Netzes von gewaltigen Strömen, deren Quellgebiete im 
Herzen des Landes in der Nähe der Waldaihöhe liegen. Strahlen- 
förmig laufen von hier aus die Flüsse nach allen Richtungen, was 
für den Binnenverkehr sehr vorteilhaft ist. Für die Schiffahrt sind 
sie sehr geeignet, da sie nur ein geringes Gefälle haben. Nachteilig 
ist jedoch die langdauernde Eisbedeckung im Winter und der 
niedrige Wasserstand im Hochsommer. 

Von den russischen Flüssen gehören Onega, Dwina, Mesen und 
Petschora dem Gebiete des Eismeeres, Newa, Düna, Njemen und 
Weichsel der Ostsee, Dnjestr, Dnjepr und Don dem Schwarzen Meere, 
die Wolga und der Uralfluß dem Kaspischen Meere an. 

Nach Klima, Vegetation und Bodenbeschaffenheit gliedert sich die 
russische Tiefebene in mehrere Kulturgebiete. Im Norden breiten 
sich die unfruchtbaren und dünn besiedelten Moossteppen der 
Tundra aus, in denen Fischfang, Jagd auf Seetiere und im west- 
lichen Teile die Holzgewinnung spärliche Existenzbedingungen ge- 
währen. Gegen Süden schließt sich eine mächtig entwickelte Wald- 
region an. die als breiter Streifen in westöstlicher Richtung von 
der Ostsee bis an den Ural sich hinziehe und in den Taigas Sibiriens 
sich fortsetzt. Ihr folgt das große Ackerbaugebiet, das in den 
Ostseeprovinzen, in Polen und im Lande der Schwarzerde, von 
unerschöpflicher Fruchtbarkeit ist. Im südlichen Drittel breiten sich 
die innerrussischen und pontischen Steppengebiete aus, in denen die 
Massenviehzucht und stellenweise auch der Ackerbau gut vertreten ist. 

IL Die finnische Landbrücke, Lappland und Kola. 
Finnland. Unter der finnischen Landbrücke ist das Bindeglied 
zwischen dem baltischen Schild in Skandinavien und der russischen 
Tafel zu verstehen. Den westlichen Teil bildet das Großfürstentum 



— 163 — 

Finnland, der östliche (Karelien) gehört zu Rußland. Er bildet eine 
flaehwellige Rumpffläche von geringer Höhe, die mit zahllosen rund- 
lichen Kuppen und Vertiefungen bedeckt ist. Über dem nackten Fels 
liegt eine nur dünne Schichte eiszeitlicher Ablagerungen. Das Land- 
schaftsbild Finnlands ist durch den ungeheuren Seenreichtum, durch 
Flüsse voll Stromschnellen und Wasserfälle, durch Sümpfe und 
Moore und dunkle Wälder von ernster und einfacher Schönheit. 

Das Klima ist kontinental mit kalten Wintern und ziemlieh 
warmen regenreichen Sommern, die einen kräftigen Waldwuchs 
(Rottanne, Kiefer, Birke) fördern. 

Die Städte liegen zumeist an der Küste. Die bemerkenswerte- 
sten sind: Uleaborg mit großer Holzausfuhr und Lederindustrie, 
weiter im Süden Tammerfors (Textil- und Papierindustrie), die 
alte Hauptstadt Abo, die jetzige Hauptstadt Helsingfors 
(136.000 Einw., Universität) und gegen die russische Grenze Wiborg 
(50.000 Einw.). 

Lappiand und Kola. Den Übergang zu Schweden und der Halb- 
insel Kola bildet Lappland, ein seenreiches Gebiet mit Sümpfen, 
Tundren und teilweise mit Wäldern bedecktes Land, das fast nur 
von Renntier züchtenden Lappen bewohnt wird. 

Die Halbinsel Kola hat eine Fläche von 96.000 hm^ (so groß 
wie Bulgarien). Sie stellt eine Rumpffläche aus Urgestein dar. die 
mit baumlosen Tundren und im Süden mit W^äldern von Kiefern, 
Fichten und Birken bestanden ist. Das Klima ist sehr kalt. Be- 
merkenswert ist, daß die Murmanküste am Eismeere durch einen 
Ausläufer des Golfstromes eisfrei bleibt. Die Bevölkerung, nicht ganz 
1 0.000, betreibt Renntierzucht, Fischfang und etwas Getreidebau. An 
der Küste sind einige kleine Fischer- und Handelsniederlassungen, 
darunter der Hafen Alexandrowsk. 

Das Wirtschaftsleben. 

Rußland ist das große Agrargebiet Europas, die unerschöpf- 
liche Kornkammer, aus der Mittel- und Westeuropa ihren Bedarf 
an Brotfrüchten zum großen Teile ergänzen. Die Landwirtschaft 
gibt dem Wirtschaftsleben des Zarenreiches das typische Gepräge, 
sie beschäftigt die große Masse des Volkes und der Ernteausfall 
ist in jedem Jahre das entscheidende Moment für die wirtschaftliche 
Lage des Landes. Daneben ist auch in einzelnen Gebieten die In- 
dustrie in raschem Aufblühen begriffen. 

Berufstätigkeit der Bevölkerung. Nach den Erhebungen des 
Jahres 1907 beschäftigten sich von der Bevölkerung des eigentlichen 
Rußland mit 

u* 



— 164 — 

Landwirtschaft 74% 

Industrie und Bergbau 8% 

Handel und Verltehr 4% 

Anderen Berufen 14% 

Land- und Forstwirtschaft. Für den Betrieb des Bodenbaues 
steht in Rußland eine Kulturfläche von ungeheurer Ausdehnung zur 
Verfügung, die durch die Waldvernichtung im Norden, durch 
Trockenlegung von Sumpfgebieten, die Kolonisierung der Wolga- 
gouvernements und die Bebauung der Steppe eine stete Ver- 
größerung erfährt. 

Die Landwirtschaft krankt aber an mancherlei Übelständen. So 
weisen vor allem die Besitz Verhältnisse ungesunde Zustände auf. 
Während der Zar Grund und Boden im Ausmaße des Flächen- 
inhaltes von Frankreich sein eigen nennt, ferner die Großfürsten 
und die Bojaren (Geburtsadel) über ausgedehnte Ländereien ver- 
fügen, verbleibt für die große Masse des Volkes viel zu wenig 
Spielraum für die Bewirtschaftung. Es besteht sonach bei den 
Bauern „Landhunger"', dem durch innere Kolonisation und Ab- 
wanderung nach Sibirien abzuhelfen gesucht wird. Das nicht dem 
großgrundbesitzenden Adel gehörige Land ist nur zum geringsten Teile 
persönlicher Besitz, sondern ist gemeinsamer Gemeindebesitz oder Mir. 

Zu dieser Ungleichheit des Besitzes kommt noch ein exten- 
siver und rückständiger Betrieb im Landbaue, so daß das durch- 
schnittliche Ernteergebnis ein recht geringes ist. Dem Bauern in 
Mitteleuropa steht im allgemeinen eine viel kleinere Bodenfläche für 
die Bearbeitung zur Verfügung als dem russischen Standesgenossen, 
doch erzielt der Bauer des Westens wegen der sorgfältigen Be- 
stellung seiner Ackerflur einen drei- bis vierfach größeren Ernte- 
ertrag als der Russe. 

Das größte Übel der Landwirtschaft im Zarenreiche liegt darin, 
daß Rußland keinen freien, lebensfähigen Bauernstand hat, der 
schaffensfreudig in die Zukunft blicken kann. 

Die russische Agrarfrage, von deren befriedigenden Lösung die künftige 
Entwicklung des Zarenreiches abhängt, ist noch immer ungeklärt, trotzdem die 
schweren Agrarunruhen des Jahres 1905 zu einer raschen Entwirrung drängten. 
Auch nach der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 blieb die Lage des 
Bauers eine trostlose. Sein Landbesitz ist durch Staats- und Landschaftsabgaben stark 
belastet*). Damit der Bauer für die Steuern aufkommen kann, muß er sein Getreide 

*) In der Steuerbelastung werden die Bauern viel ärger betroffen als die 
Großgrundbesitzer. ,,In den 50 Gouvernements des eigentlichen Rußland betrage 
die staatliche Belastung des Großgrundbesitzes nur 2, des Bauernbesitzes dagegen 
77 Kopeken auf die Dessjatine. An Landschaftslasten tragen die Bauern 26, die 
Großgrundbesitzer nur 20 Kopeken, also im ganzen 103 Kopeken die Bauern, 
22 Kopeken die Großgrundbesitzer!" 



— 165 — 

verkaufen. Die Vei'armung des Bauernstandes macht bedenkliche Fortschritte, die 
Bauern werden wieder Taglöhner im Dienste der Großgrundbesitzer. In guten 
Erntejahien erwirbt der Bauer gerade noch den Lebensunterhalt, in schlechten 
leidet er Hunger, er muß dann das letzte Stück Yieh und das letzte Ackergerät 
verpfänden, um die Aussaat für das nächste Jahr zu erwerben. So steht es selbst 
in den reichen Ackerbaugebieten, noch trauriger sieht es in den unfruchtbaren 
Distrikten aus. Herabdrückung der Volksernährung, Hungertypbus und die größte 
Kindersterblichkeit der Welt sind die Folgen dieser Zustände. In seinem Elende 
greift der russische Bauer dann zum Branntwein und fällt er in die Hände von 
Wucherern. 

In der Bodenkultur nimmt der Getreidebau die erste Stelle 
ein. Er liefert vor allem Roggen, Hafer, Weizen, Gerste, Hirse, Buch- 
weizen und Mais. Die Erträgnisse sind in den einzelnen Jahren 
natürlich großen Schwankungen unterworfen, doch ist der absolute 
Ertrag selbst in Jahren geringer und mittlerer Ernte der größte in 
Europa (vgl. Tabelle V im 3. Teile). 

Ein großer Teil des Getreides wird über die Ostseehäfen und 
Odessa nach Westeuropa, besonders nach Deutschland, Skandinavien, 
England, aber auch nach Transkaukasien ausgeführt. 

Diese Ausfuhr erfolgt ohne Rücksicht auf den eigenen Bedarf 
und führt zu der scheinbar unvereinbaren Tatsache, daß im Lande 
des umfangreichsten Getreidebaues auf weite Strecken Hungersnot 
herrscht*). 

Man hat berechnet, daß von den 60 Gouvernements Rußlands 21 überhaupt 
zu wenig Getreide ernten, 10 den eigenen Bedarf decken und nur 29 einen Mehr- 
ertrag aufweisen. Dieser Überschuß würde zur Ausgleichung der Ernteunterschiede 
im Lande selbst vollständig ausreichen. Darum kümmert sich die Getreidespeku- 
lation aber nicht und der Staat hat gleichfalls ein Interesse an der Getreide- 
ausfuhr, um eine günstige Handelsbilanz zu erzielen. Genau genommen dürfte 
Rußland überhaupt nicht allzu große Mengen Getreide ausführen, wenn en auf die 
eigenen Notstandsdistrikte und auf die Volksernährung Bedacht nähme. 

Außer dem Getreide liefert Rußland große Mengen von Flachs 
und Hanf, besonders in den nordwestlichen Teilen. Es ist für diese 
Faserstoffe das erste Bezugsland der Welt 

Stark zugenommen hat der Anbau von Tabak. Die besten 
Sorten liefern Bessarabien und Taurien. Die Tabakindustrie hat ihren 
Sitz in Moskau und Warschau. 

Die Weinproduktion beschränkt sich auf die Gouvernements 
Bessarabien, Astrachan, auf das Dongebiet und die Halbinsel Krim. 
Der Jahresertrag erreicht etwa 2 Mill. hl. Viel Wein wird aus 
Transkaukasien und aus Frankreich eingeführt. 



*) Durch die Mißernte des Jahres 1911 waren in Rußland etwa 12 Mill, 
Menschen großer Not preisgegeben, zu deren Linderung der Staat 30 Mill. Rubel 
ausgab. Dazu kam noch private Wohltätigkeit. Besonders die Wolgadistrikte waren 
liart mitgenommen. 



— 166 — 

Vou großer Bedeutung ist auch der Bau von Kartoffeln und 
Zuckerrüben, letztere besonders im Südwesten des Reiches. 

Rußland ist auch das waldreichste Land Europas. Die Wald- 
bedeckung beträgt 397o der Bodenfläche, das sind 154 Mill. ha, 
wovon 127 Mill. ha der Krone und dem Großgrundbesitz gehören. 
Die ungleiche Verteilung der Wälder erschwert auch deren Aus- 
nützung, Während Nordrußland von einem großen Waldgürtel durch- 
zogen wird, herrscht im Süden Mangel an Holz. Die Bewirtschaftung 
gleicht noch immer einem Raubbau, obwohl seit 1888 ein Wald- 
schutzgesetz besteht. Gewaltig ist der Inlandsverbrauch an Holz. 
Man heizt noch in vielen Teilen Rußlands Lokomotiven und Dampf- 
schiffe mit Holz. Das Land hat aber auch einen sehr großen Holz- 
export, der über Archangelsk, die Ostseehäfen und Cherson nach 
Deutschland, England und Holland, über Astrachan nach Trans- 
kaspien und Persien erfolgt. Die Zufuhr zu den Häfen erfolgt auf 
den großen Flüssen. 

Die Viehzucht. Rußland ist von jeher ein viehzüchtendes Land 
ersten Ranges gewesen. Die ausgedehnten Steppen und Wiesen be- 
günstigen die Massenzucht verschiedener Tiergattungen. Aber die 
mangelhafte Pflege, die fehlende Auffrischung der degenerierten 
Bestände durch Rassentiere und Viehseuchen bewirken, daß der all- 
gemeine Stand der Viehzucht ein sehr niedriger ist. Rußland hat 
zwar in fast allen Zweigen die höchste Zahl der Tiere (vgl. Tabelle VI 
im 3. Teile), im Durchschnitt hat der Bauer Mitteleuropas doch 
einen größeren Viehstand als der Russe. 

Am ausgebreitetsten ist die Rinderzucht, die in den Ostsee- 
provinzen, in Bessarabien und in den Ackerbaudistrikten im Innern 
am besten entwickelt ist. Die Lederindustrie und Ausfuhr von 
Häuten ist sehr wichtig, die Buttergewinnung fast ganz auf Estland 
und Livland beschränkt. 

Die Zahl der Pferde Rußlands wird von keinem anderen 
Lande Europas erreicht. Besonders die östlichen und südlichen 
Gouvernements haben Masseuzucht an Pferden. Das russische Bauern- 
pferd ist klein und schwach. Es werden aber auch edle Rassen 
gezüchtet und die Pferdeausfuhr, namentlich nach Deutschland, ist 
sehr bedeutend. 

Im südlichen Steppengebiete hat die Schafzucht einen großen 
Umfang angenommen. Charkow und Poltawa sind große Wollmärkte. 

Die Schweinezucht wird am erfolgreichsten in Polen be- 
trieben. 

Von hervorragender Wichtigkeit ist für das Land die Geflügel- 
zucht geworden, die besonders Gänse, Federn, Daunen und Eier 



— 167 — 

zur Ausfuhr liefert. Sie ist am verbreitetsten in Westrußlaud und 
Polen. Die einst berühmte Bienenzucht ist im Rückgange be- 
griffen. 

Sehr ergiebig ist noch die Jagd, die außer Bären, Wölfen, 
Füchsen, Luchsen auch edle Pelztiere, allerdings in abnehmender 
Menge (Hermeline, Marder, Polarfüchse), liefert. 

Ungleich wichtiger ist jedoch die Fischerei. Zwar ist die See- 
fischerei wenig ertragreich, weshalb für die langen Fastenzeiten, die 
die russische Kirche vorschreibt, große Mengen von Fischprodukten 
aus Skandinavien und Deutschland bezogen werden müssen. Doch 
die Flüsse sind dagegen besonders fischreich. Auch ist die künst- 
liche Fischzucht nicht mehr unbekannt. In der Kaviargewinnung, 
deren Zentrum Astrachan ist, steht Rußland noch unübertroffen da. 

Montanproduktion. Dieser Zweig der russischen Volkswirt- 
schaft wird erst in der Zukunft zu voller Entfaltung kommen, 
zumal das Land reiche Bodenschätze birgt. Besonders ist Eisen und 
Kohle in Fülle vorhanden. Die ergiebigsten Eisenerzgebiete sind 
im mittleren Ural, in Polen, im Moskauer Becken und die seit 1895 
in Betrieb stehenden am Dnjepr. Aber trotz zunehmender Eigen- 
produktion muß noch sehr viel Roheisen aus Deutschland, Schweden, 
England und Österreich-Ungarn eingeführt werden. Sehr ausgebreitet 
sind auch die Kohlenreviere, die aber teilweise schwer abzubauen 
sind. Die wichtigsten sind das polnische Revier an der galizisch- 
schlesischen Grenze mit 38*^/o der Gesamtausbeute, das inner- 
russische Becken um Kaluga, Tula und Rjäsan, das Donezgebiet, 
das 56% der Produktion liefert und das uralisohe bei Jekaterin- 
burg. Die russische Industrie ist noch stark von der Kohleneinfuhr 
aus dem Auslande abhängig. 

Andere wichtige Mineralprodukte sind Gold, Platin, Queck- 
silber (im Donezgebiet), Manganerze und Halbedelsteine (im Ural). 
Ferner gibt es in Südrußland ausgedehnte Steinsalzlager (in den 
Gouvernements Jekaterinoslaw und Orenburg). 

Die Industrie. Verhältnismäßig erst spät hat die Industrie ein- 
gesetzt, dann aber rasch au Leistungsfähigkeit zugenommen, so daß 
Rußland besonders in der Herstellung billiger Massenartikel für den 
Eigenbedarf aufkommt und immer mehr nach Asien ausführt. Mit 
Westeuropa verglichen ist es allerdings noch immer ein industriell 
rückständiger Agrarstaat. Gefördert wurde die Industrie durch hohe 
Schutzzölle, mußte aber mit fremdem Kapital und ausländischen 
leitenflen Persönlichkeiten arbeiten. Besonders erschwert wird die 
großindustrielle Entfaltung des sehr aufnahmsfähigen Landes vor 
allem durch die großen Entfernungen, die den Trausport der Roh- 



— 168 — 

Stoffe verteuern, durch unzureichende Kohlen- und Erzgewinnung, 
Mangel an Kapital und die Arbeiterverhältnisse. Nur in Polen, Peters- 
burg und Moskau ist ein geschulter Arbeiterstand, meist sind die 
Fabriken noch auf Bauern angewiesen, wodurch die Güte und Menge 
der Arbeit leidet und eine unverhältnismäßig große Arbeiterzahl 
notwendig ist. 

Die Hauptsitze der Industrie sind Polen mit Warschau und 
Lodz, Petersburg und Umgebung, das mittelrussische Gebiet mit 
Moskau, Wladimir, Tula, Rjäsan und im Südwesten in den Gouverne- 
ments Tschernigüw und Jekaterinoslaw. 

Am mächtigsten entwickelt ist die Textilindustrie. Die Baum- 
wollverarbeitung besteht in 2 5u Fabriken, die 230.000 Arbeiter be- 
schäftigen. Sie hat ihi-en Sitz in Lodz, Warschau, St. Petersburg und 
in Mittelrußland in Moskau, Kaluga, Wladimir und Iwano-Wosne- 
sensk (das „russische Manchester"). Sie kann den Eigenbedarf schon 
fast decken. In zahlreichen Betrieben ist auch die Wollindustrie ver- 
treten, am besten in Lodz und Moskau. Berühmt ist auch die 
russische Seidenindustrie in Moskau, Orel und Wladimir. Hervor- 
ragend ist die Leinenerzeugung in Wladimir und Kostroma. 

Die verschiedeneu Zweige der metallurgischen Industrie 
sind besonders auf die Bergbaugebiete beschränkt. Ihre wichtigsten 
Erzeugnisse sind Maschinen (1906: 570 größere Betriebe, besonders 
in St. Petersburg und Moskau), Stahl und Schmiedewaren, Samo- 
vars (Tula, Wladimir, St. Petersburg), verschiedene Metall waren aus 
Gold, Silber und Bronze (Petersburg, Kostroma, Kasan, Moskau). 
Berühmt sind die Tulawaren. Große Glockengießereien sind in Kasan 
und im Waldaigebiete. In Kiew, Tula und Moskau sind große Gewehr- 
iabriken, in Perm und Kaluga Geschützgießereien. 

Weit verbreitet sind auch die Herstellung von Glaswaren 
(Wologda, Orel), Porzellan und Faj^encen (Wladimir, Moskau, 
Wolhynien) sowie Marmor- und Jaspisarbeiten (Jekaterinburg). 

Eine der ältesten Industrien ist die Lederverarbeitung, wofür 
es etwa 2600 Fabriken und 130.000 Hausbetriebe gibt. Juchtenleder 
wird am meisten im Gouvernement Nowgorod gewonnen. 

Am lebhaftesten werden die landwirtschaftlichen In- 
dustrien gepflegt, vor allem die Branntwein- und Spiritus- 
gewinnung, die seit 1895 Staatsmonopol ist und deren Einnahmen 
(1911: 747 Mill. Rubel) die Stütze des russischen Staatsbudgets 
bilden. Die Bierproduktion ist nicht sehr bedeutend. Für Tabak- 
industrie gibt es dagegen große Unternehmungen in St. Petersburg, 
Moskau und Warschau. Zigaretten werden viel nach Deutschland 
ausgeführt. 



I 



— 169 — 

Rußland ist auch einer der größten Rübenzucker Produ- 
zenten Europas. Es ringt mit Österreich um den zweiten Rang. Es 
bestehen etwa 300 Fabriken in Polen, Südwestrußland (Bessarabien, 
Kiew) und Mittelrußland (Charkow, Kursk, Poltawa, Samara, Tula, 
Wonoresch). 

Die Müllerei hat ihre Hauptsitze in Perm, Saratow und 
Cherson. 

In Aufschwung begriffen ist auch die chemische Industrie (Riga, 
Wilna, Kostroma, Wjatka). Eine russische Spezialindustrie ist die 
Herstellung von Gummiüberschuhen (St. Petersburg). 

Neben den genannten großindustriellen Betrieben besteht in 
Rußland auch noch eine durchaus lebensfähige Hausindustrie. Sie 
wird von der bäuerlichen Bevölkerung der zentralen Gouvernements, 
besonders dort betrieben, wo viel Gemeindeland ist und die Bauern 
vom Ertrage der Landwirtschaft allein nicht leben können. Ihre 
wichtigsten Zweige sind die Leinenweberei, Lederverarbeitung, 
Töpferei, Herstellung von Samovars und Heiligenbildern. Trotzdem 
sie schon stark unter dem Wettbewerbe der Fabriken leidet, erzeugt 
sie noch jährlich Produkte im Werte von fast 2 Milliarden Rubel. 

Das Wirtschaftsleben Finnlands. Die von Rußland abweichende 
Naturbeschaffenheit Finnlands bedingt auch dessen wirtschaftliche 
Sonderstellung. Es hat vor allem einen freien, lebensfähigen Bauern- 
stand, der eine rationelle Landwirtschaft betreibt. Daher erzielt Finn- 
land auch bei geringer Fruchtbarkeit des Bodens noch schöne 
Erträge an Roggen, Gerste, Hafer, Kartoffeln und Flachs, Selbst 
Weizen und Zuckerrüben gedeihen noch. Getreide und Mahlprodukte 
müssen aber noch in ziemlich großen Mengen eingeführt werden. 
Sehr reich ist Finnland an schönen Wäldern, die Vio ^^^ Bodens 
bedecken und meist dem Staate gehören. Eine großartige Säge- 
industrie liefert viel Schnittware zur Ausfuhr und Finnland tritt in 
der Holzausfuhr mit Schweden in Wettbewerb. Auch die Viehzucht 
findet eine eifrige Pflege und Butter ist einer der wichtigsten Aus- 
fuhrgegenstände des Landes. 

An Mineralprodukten sind einige Eisenerzerlager zu nennen. 

Auch die Industrie hat sich in Finnland in neuester Zeit rasch 
entwickelt. Reiche Wasserkräfte, elektrische Kraftanlagen, billige und 
anstellige Arbeiter begünstigten ihre Entfaltung. Am wichtigsten ist 
die Sägeindustrie und Papierfabrikation, aber auch die Eisen- 
bearbeitung, Gerberei, Baumwoll- und Wollindustrie, Zucker- und 
Tabakfabrikation sowie die Bierbrauerei sind gut vertreten. Die 
finnische Industrie beschäftigt schon 100.000 Arbeiter und hat ihren 
Sitz in Tammerfors und Helsingfors. Sie arbeitet zumeist für den 



— 170 — 

Export nach Schweden, Dänemark und Deutschland, wegen der be- 
stehenden Zollbeschränkung weniger nacli Kußland. 

Der Verkehr. 

Die ungeheuren Entfernungen, die Unwegsamkeit ausgedehnter 
Gebiete, die Bodenbeschaffenheit und die Ungunst des Klimas sind 
der Ausgestaltung des Verkehrswesens in Rußland dauernd hinder- 
lich im Wege. Und doch ist jetzt ein Aufschwung im Verkehre 
unverkennbar. 

Das Straßenwesen. In der Anlage von Kunststraßen ist Ruß- 
land sehr rückständig. Mit Ausnahme der Umgebung von einigen 
Großstädten gibt es nur sogenannte Grundstraßen, Naturwege von 
großer Breite und ohne Unterbau, die zur Zeit der Schneeschmelze 
einen völligen Stillstand des Verkehrs zur Folge haben. Im Winter 
fährt man über die ausgedehnten Schneeflächen mit dem landes- 
üblichen Dreigespann (Troika), ohne sich an bestimmte Wege zu 
halten. 

Eisenbahnen. Die Ausgestaltung des russischen Bahnnetzes ist 
recht langsam vor sich gegangen, obwohl von Natur aus nur wenig 
Hindernisse zu überwinden waren. Aus strategischen Gründen wurde 
mit Ausnahme einiger Linien eine größere als die normale Spur- 
weite angewendet. Seit 1900 sind alle wichtigeren Bahnen verstaat- 
licht (insgesamt 50.000 km), die Nebenlinien sind noch im Besitze 
von 8 Privatgesellschaften. Die russischen Bahnen sind im allge- 
meinen sehr bequem eingerichtet, doch sind sie meistens passiv. 
Die verkehrsreichste Strecke ist die Verbindung der beiden größten 
Knotenpunkte St. Petersburg— Moskau. 

Die wichtigsten Bahnverbindungen sind folgende: 

1. Moskau— St. Petersburg. 

2. Moskau — Wladimir — Nischni Nowgorod. 

,Ufa — Tscheljabinsk ( — Wladi- 

3. Moskau — Tula— Samara<^ w^ostok). 

"^Orenburg ( — Taschkent). 

4. Moskau — Kozlow — Saratow — Astrachan. 

.Rostow — Wladikawkas — Baku. 

5. Moskau— Tula- Charkow<^ 

^Sebastopol. 

6. Moskau— Kiew — Odessa. 

7. Moskau — Tula — Kursk — Kiew — Zmerinka — Wolostschik 
( — Podwolocziska). 

8. Moskau — Smolensk— Minsk— Brest — Warschau-Alexandrowo 
(—Thorn— Berlin). 



I 



— 171 — 

.Wirballen ( — Eydtkuhnen— Berlin). 
9. St. Petersburg — \Vilna<^ 

^Warschau — Granica ( — Wien). 

10. St. Petersburg — Wiborg — Tammerfors — Uleaborg — Tornea 
( — Schweden). 

^Archangelsk. 

11. St. Petersburg— Wologda^ 

^ Wjatka — Perm - Jekaterinburg — 
Tscheljabinsk ( — Sibirien), 

Wasserstraßenverkehr. An Wasserstraßen hat Rußland allein 
mehr als alle übrigen Länder Europas zusammen. Obwohl sie noch 
wenig reguliert und im Norden nur etwa 4, im Süden 6 bis 7 Monate 
eisfrei sind, kommt ihnen schon mit Rücksicht auf die Unfertigkeit 
des Eisenbahnnetzes eine große Bedeutung zu. 

Die verkehrsreichsten Flüsse sind: 1. Die Wolga, die von 
Twer an bis zur Mündung für große Schiffe befahrbar ist. Die be- 
lebtesten Häfen an ihren Ufern sind: Rybinsk, Nischni Nowgorod, 
Zarizyn und Astrachan. Sie wird in ihrem Verkehrswerte dadurch 
beeinträchtigt, daß sie in einen Binnensee mündet. Eine Fahrt auf 
der Wolga dauert von Nischni Nowgorod bis zur Mündung 41,.. bis 
5 Tage. Die Tarife für den Personen- und Frachtenverkehr sind sehr 
niedrig. 

2. Eine sehr wichtige Schiffahrtstraße ist auch der Don, auf 
dem die reichen Getreideernten Zentralrußlands in das Schwarze 
Meer befördert werden. Er wird von Woronesch an schiffbar. Sein 
Haupthafen ist Rostow. 

3. Für die Großschiffahrt sind der Dnjepr und der Dnjestr 
weniger wichtig, doch sind sie von zahlreichen Kähnen belebt. 

4. Sehr verkehrsreich sind wieder die Flüsse des Ostsee- 
gebietes. Auf der mittleren Weichsel und auf dem Njemen herrscht 
eine lebhafte Flößerei. 

5. Die Düna und die zwar kurze, aber wasserreiche Newa 
sind ungemein wichtige Wasserwege, auf denen die Erzeugnisse der 
Ostseeprovinzen und ihres Hinterlandes nach Riga und St. Peters- 
burg gebracht werden. 

Von den 10 großen Kanalsystemen Rußlands sind folgende 
am wichtigsten: 

1. Das Marieusystem, wodurch die Newa über den Ladoga- 
und Onegasee mit der Wolga verbunden wird. 

2. Das Wischni-Wolotschok-System, gleichfalls von der 
Newa zur Wolga. 

3. Das Alexander von Württemberg-System zwischen der 
Dwina und Wolaa. 



— 172 — 

4. Das Beresinasy stem von der Düna zum Dnjepr. Auf allen 
russischen Wasserstraßen gab es 1905 zusammen 3925 Dampfer, 
davon 950 Personendampfer in Betrieb. An Waren werden nament- 
lich Getreide, Holz, Naphtha, Salz und Steinkohle befördert. 

Die Seeschiffahrt. Es wurde schon darauf hingewiesen, daß 
Rußland trotz des Anteiles an drei Meeren in der Entwicklung 
seiner Seeschiffahrt zurückgeblieben ist. Ein großer Teil seiner 
Küsten wird im Winter vom Eise gesperrt und außerdem ist es vom 
Schauplatz des Weltverkehrs zu abgelegen. Ferner fehlt den Russen 
auch die entsprechende Neigung und Fähigkeit zum Seeleben. 

Häfen und Schiffahrtsgesellschaften. Am Weißen Meere liegt 
der Fischerei- und Holzhafen Archangelsk. An der Murmannischen 
Küste wurde Alexandrowsk angelegt, das aber erst dann zur Be- 
deutung kommen dürfte, wenn es mit der Hauptstadt durch eine 
Eisenbahn verbunden wird. Die verkehrsreichsten Häfen liegen an 
der Ostsee. Es sind dies die finnischen Hafenorte Abo, 
Helsingfors und Wiborg sowie die eigentlichen Ostseehäfen. 
Der verkehrsreichste Hafen ist St. Petersburg, das durch 
einen 30 km langen Seekanal mit Kronstadt verbunden und jetzt 
auch für große Seeschiffe zugänglich ist. Ein großer Teil des Ver- 
kehrs wird aber durch Reval, Riga, den großen Exportplatz der 
Ostseeprovinzen, und Libau abgelenkt. 

Am Schwarzen Meere liegen der Getreidehafen Odessa, mit 
großartigen Einrichtungen für den Getreideverkehr, außerdem 
Nikolajew, Sewastopol, Cherson, Taganrog und Rostow. 

Im Kaspischen Meere beherrscht der Wolgamündungshafen 
Astrachan den ganzen Handel mit Persien und Transkaspien. 

Einen großen Teil des russischen Seeverkehrs besorgen fremde 
Schiffahrtsgesellschaften, in der Ostsee die deutschen, schwedischen 
und finnischen, im Schwarzen Meere der Österreichische Lloyd und 
die Deutsche Levantelinie. Unter den einheimischen Reedereien sind 
im Schwarzen Meere die „Russische Dampfschiff- und Handels- 
gesellschaft'" in Odessa, im Kaspischen Meere „Kawkas und 
Merkur" sowie „Nadjeschda" zu nennen. 

Im Jabi-e 1911 betrug die gesamte russische Handelsflotte 
3447 Schiffe, davon 943 Dampfer mit insgesamt 723.000 t. Finnland 
besaß 3319 Schiffe, darunter 4 68 Dampfer mit zusammen 393.000 t. 

Handel. 

Der lebhaft betriebene Innenhandel, dessen Jahresumsatz 
annähernd 5 Milliarden Rubel erreicht, hat seine wichtigsten Umsatz- 



— 173 — 

platze in Moskau, Warschau, Charkow, Orenburg, besonders 
aber in den beiden Messestädten Nischni Nowgorod und Irbit. 

Am berühmtesten ist die Nowgoroder Messe. Die Stadt liegt an der Stelle, 
wo die Oka in die Wolga mündet. Die Messestadt breitet sich auf der Halbinsel 
zwischen Wolga und der Oka aus. Zur Zeit der Messe, die von Juli bis Mitte Sep- 
tember dauert, strömen etwa 300.000 Händler aus allen Teilen Europas und Asiens 
zusammen. Ein buntes Gemisch von Völkern und Sprachen herrscht dann in der 
sonst so stillen Stadt. An 7000 Verkaufstellen werden Waren iui Werte von 400 Mill. 
Rubeln umgesetzt. Die wichtigsten Handelsgegenstände sind Leder- und Metall- 
waren, Pelzwaren, Galanteriewaren usw. 

Die Irbiter Messe ist weniger belebt und besonders des Pelzhandels 
wegen berühmt. 

Für den Innenhandel ist noch bemerkenswert, daß einem 
Gesetze des Jahres 186 3 zufolge, das auch heute noch gilt, die Kauf- 
leute in eine Anzahl von Gilden eingeteilt sind, welche verschiedene 
Handelsbefugnisse haben. 

Großen Schwankungen ist der Außenhandel unterworfen. Das 
hängt mit dem Ausfall der Ernte, den zollpolitischen Maßnahmen 
und den inneren Verhältnissen zusammen. Die Handelsbilanz ist 
ziemlich stark aktiv. Die Ausfuhr wird ganz beherrscht von den 
Erzeugnissen der Landwirtschaft. Ungeheure Mengen von Getreide 
und Mehl, Holz, Flachs, Eier, Butter, ferner Petroleum werden be- 
sonders nach Deutschland, England, Holland und Österreich-Ungarn 
ausgeführt. Eingeführt aus dem Deutschen Reiche, England, China 
und der Union werden hauptsächlich Baumwolle, Maschinen, Tee, 
Wolle, Metallwaren, Kohle und Fische. 

Mit Ausnahme von Finnland wird das ganze russische Reich 
von einer einheitlichen Zollgrenze umsäumt. 

Die asiatischen Nebenländer. 

Jenseits des Urals dehnt sich bis an den Stillen Ozean und bis 
an den Gebirgswall Innerasiens das asiatische Rußland aus, ein 
Flächenraum von 16-6 Mill. km- mit 32 Mill. Einwohnern, der 
Sibirien, Zentralasien mit den Schutzstaaten Chiwa und 
Buchara sowie die Statthalterschaft Kaukasien umfaßt. Durch den 
Besitz dieser Länder gewinnt das politische und wirtschaftliche Leben 
des Zarenreiches außerordentlich an Mannigfaltigkeit. Sie sind 
weder in geographischer noch politischer Hinsicht eine geschlossene 
Einheit, sondern weisen große Gegensätze auf. Ihre Grenzen sind viel- 
fach noch erweiterungsfähig, doch muß Rußland dabei mit dem Er- 
starken der mongolischen Rasse rechnen. In wirtschaftlicher Hinsicht 
stellen sie ein Gebiet aussichtsreicher Kolonisation dar, dessen Er- 
schließung eine der großen Aufgaben Rußlands für die Zukunft ist. 



— 174 — 

Im Verbände der europäischen Staaten stellt Rußland die große 
Laudbrücke von Europa nach Asien dar. Nur langsam vollzieht sich 
der Übergang von der slawisch-asiatischen Halbkultur zu modernem 
Wesen; dem Strome europäischer Kultureinflüsse stellen sich mächtige 
Dämme entgegen. Die große Masse des Volkes lebt dumpf und elend 
dahin. Ein gut organisiertes, aber korruptes Beamtentum beherrscht 
das Land trotz einer Art Konstitution. Das ganze Streben der Staats- 
kunst geht dahin, das weite Reich national und kirchlich einheitlich 
zu gestalten. Das schwierigste Problem ist die noch immer ungelöste 
Agrarfrage. Im allgemeinen kann aber gesagt werden, daß Rußland 
sich bemüht, sich zu Ordnung und Gesetzlichkeit durchzuarbeiten. 



ßumänieir'). 

Das aufstrebende Königreich Rumänien hat sich als ehemaliger 
Bestandteil des türkischen Ruinenstaates nach ähnlichen Schicksalen 
wie die Balkanstaaten zu politischer Selbständigkeit durchgerungen. 
Die anders geartete Natur des Landes und die eigenartige kulturelle 
Entwicklung lassen es aber angezeigt erscheinen, Rumänien im 
Zusammenhauge Osteuropas und nicht in der Reihe der Balkan- 
staaten zu betrachten. 

Rumänien ist ein verhältnismäßig noch sehr junger Staat. Sein 
erster selbständiger Fürst war Alexander Cuza, der am I.Jänner 1862 
nach der Vereinigung der Moldau mit der Walachei unter dem 
Namen Alexander Johann I. den Thron Rumäniens bestieg. 
Er führte das Werk der Bauernbefreiung durch, wurde der 
Begründer der beiden Universitäten Bukarest und Jass}', gab dem 
Lande eine freiheitliche Verfassung und setzte die Unabhängigkeit 
der rumänischen Kirche vom Patriarchat in Konstantinopel durch. 
Da er sich den Schwierigkeiten des neuen Staatswesens aber nicht 
gewachsen fühlte, dankte er im Jahre 1866 ab. 

Ihm folgte am 20. April 186 G der jetzige König Carol I. als 
Fürst von Rumänien. Er ist ein Sprosse des Hauses Hohenzollern- 
Sigmaringen. Das Land war noch von der Türkei abhängig, der neue 
Herrscher verschaffte ihm aber die volle Unabhängigkeit, die dann 
von der Berliner Konferenz 1878 anerkannt wurde. 

Den Schlußstein der staatlichen Entwicklung bildete die Er- 
hebung Rumäniens zum Königreiche im Jahre 1881. 



*) Literatur: Oestreich K., Die südeurop. Halbiusel und die Tiefländer an 
der unteren Donau. Andree, Georgr. d. Welthandels. II. Bd. — Grothe. Landes- 
kunde von Rumänien. Halle 1907. 



— 175 — 

Staat und Volk. 

Größe und Weltlage. Rumänien umfaßt eine Bodenfläche von 
131,000 hm-, die von 6-9 Mill. Menschen bewohnt wird. Bedeutung 
und einen hohen Grad von Selbständigkeit verleiht diesem Lande 
die gute Abgrenzung, der Anteil am Schwarzen Meere und am 
Donaustrome. Es ist als romanischer Nationalstaat gewissermaßen 
der trennende Keil zwischen Rußland und den Balkanslawen. Seine 
politischen und wirtschaftlichen Interessen zielen nach Westeuropa. 

Verfassung. Das Land hat eine Verfassung mit einem aus zwei 
Häusern bestehenden Parlamente (Senat 120 und Kammer 183 ge- 
wählte Mitglieder). Besondere Sorgfalt hat Rumänien auf den Ausbau 
seiner Wehrmacht verwendet, deren Kriegsstärke 300.000 Mann 
beträgt. Sie ist das bestorganisierte und schlagfertigste Heer von 
den Staaten Südosteuropas. Eine Kriegsflotte ist im langsamen Ent- 
stehen begriffen. 

Bevölkerungsverhältnisse. Als geschlossener Nationalstaat hat 
Rumänien nur au wenigen Punkten fremde Volkselemente in größerer 
Zahl. Anderseits reicht das rumänische Sprachgebiet über die 
Grenzen hinaus nach Rußland (Bessarabien), Bukowina, Ostungarn 
und auch in den Balkanländern wohnen Rumänen in großer Anzahl. 

Die Rumänen, über deren Herkunft und Abstammung ver- 
schiedene Ansichten bestehen, gehören dem romanischen Sprach- 
stamme an. Sie sind ein fleißiges, arbeitsames Bauernvolk, streng- 
gläubig und bedürfnislos. Die Zahl der Analphabeten ist noch groß, 
daneben gibt es aber auch eine breite Schichte eines gebildeten 
Mittelstandes. Die Hebung des geistigen Niveaus der Bevölkerung 
macht große Fortschritte. 

Außer den Rumänen sind noch 60.000 Deutsche zu nennen. 
Sie haben einen großen Anteil an der Kulturarbeit dieses Landes 
und ihr blühendes Schulwesen ist vorbildlich geworden. 

Ein buntes Völkergemisch von Bulgaren, Russen, Serben, 
Griechen, Türken und Zigeunern weist die Dobrudscha auf. 

Groß ist die Zahl der Juden (270.000). Sie wohnen in den 
Städten der Moldau und leben in ähnlichen Verhältnissen wie die 
russischen Juden, ohne rechte politische und wirtschaftliche Be- 
wegungsfreiheit und wandern zahlreich nach Amerika aus. 

Die herrschende Kirche ist die griechisch-orthodoxe. 

Die Natur des Landes. 

ßodengestait. In seiner Bodengestalt zeigt Rumänien eine 
auffallende Dreiteilung in Hochgebirge, Hügelland und Ebene. 



— 176 — 

Gegen die österreichisch-ungarische Monarchie bildet der Ge- 
birgszug der Karpathen einen mächtigen Grenzwall. Sie ziehen von 
den Quellen der Theiß und der Goldenen Bistritza zuerst südwärts 
(Moldaukarpathen), biegen dann plötzlich in die Ostwestrichtung 
um und treffen am Eisernen Tore mit dem Balkan zusammen 
(transylvanische Karpathen). 

An der Außenseite lehnt sich eine Zone von Hügelland an. 
das besonders in der nördlichen Moldau mächtig entwickelt ist und 
in das die südwärts eilenden Flüsse tiefe Rinnen eingeschnitten 
haben. Auch den Südkarpathen ist ein solches Hügelland vorge- 
lagert, das sich gegen die walachische Ebene hin absenkt. Diese 
Hügelketten sind sehr fruchtbar und bergen im Innern viele Boden- 
schätze (Eisen, Salz, Petroleum). 

Die Region des Flachlandes umfaßt die Ebene der Moldau 
und die walachische Tiefebene*), ein ausgedehntes baumarmes 
Gebiet, auf dessen fetter Erde die reichen Ernten reifen, die 
Rumänien zu einer der größten Kornkammern Europas machen. 

Zwischen der Donau und dem Meere liegt das von Löß über- 
lagerte Plateau der Dobrudscha, eine Fortsetzung der bulga- 
rischen Tafel. 

Die Dobrudscha ist der Rest eines alten Gebirges, das bis zur Krim und zum 
Kaukasus sich erstreckte und durch den Einbruch des Schwarzen Meeres schwand. 

Bewässerung und Klima. Sehr reich ist das Land an Flüssen, 
die alle aus den Karpathen kommen. Die Moldau durchströmen 
Sereth und Pruth, aus dem siebenbürgischen Hochlande kommen 
mit Durchbrechung der transylvanischeu Karpathen die Jalomnitza, 
Ardschisch mit Dimbowitza, der Alt (Aluta) und Schyl. 

Alle diese Flüsse sammelt in ihrem Bette die Donau, die große 
Lebensader Rumäniens, welche rumänischen Boden vom Eisernen 
Tor bis zur Mündung in einer Länge von 1000 km bewässert. Sie ist 
ein 800 bis 1000 m breiter Tieflandsstrom von geringem Gefälle, auf 
dem bis nach Galatz (das ..rumänische Hamburg") Seeschiffe größten 
Tiefganges gelangen können. 

In ihrem ganzen Verlaufe wird die Donau in Rumänien von Sümpfen und 
fischreichen Seen begleitet. Das eigenartigste Stück beginnt unterhalb von Silistria, 
wo der Strom durch den Steilrand der Dobrudscha genötigt wird, eine nördliche 
Richtung einzuschlagen. Hier breiten sich am linken Ufer die Baltas aus, ein aus- 
gedehntes Gebiet von Flußarmen, Kanälen, Seen und Sümpfen, die mit Weiden- 
gebüsch und hohem Schilfrohr bewachsen sind. Eine Tierwelt von buntester 
Mannigfaltigkeit herrscht in dieser Region. Nur vereinzelt liegen auf kleinen Er- 
hebungen die armseligen Dörfer der Bauern und Fischer. 

*) Die Ebene der Walachei wird in die große Walachei („Muntenia") 
östlich des Alt bis zum Milcov (Nebenfluß der Putna, die in den Sereth mündet) 
und in die kleine Walachei (Oltenia) westlich des Alt gegliedert. 



— 177 — 

Unterhalb Tultschas teilt sich der Donaustrom in den Kilia-, 
Sulina- und St. Georgsarm, welche das flache Schwemmland des 
Deltas einschließen Der mittlere Sulinaarm ist für die Schiffahrt 
reguliert und steht unter der Verwaltung der unabhängigen „Euro- 
päischen Donaukommission"' (Sitz in Galatz, 8 Delegierte der 
Vertragsmächte). 

Das Klima Rumäniens ist kontinental mit schwer brütender 
Sommerhitze, die Winter sind hart und lang. Die Donau friert fast 
jedes Jahr zu. Die Übergänge von einer zur anderen Jahreszeit voll- 
ziehen sich rasch. Am schönsten ist der Herbst wegen der Klarheit 
der Luft und der erträglichen Temperatur. Die Karpathen und die 
Hügelregion haben noch reichliche Niederschläge, in der Donau- 
tiefebene und der Dobrudscha herrscht oft Dürre und Mißwachs. 

Siedlungen. Das Städtewesen ist in ziemlich rascher Entwick- 
lung begriffen. In der walachischen Ebene liegt die Hauptstadt 
Bukarest (300.000 Einw.). Noch vor einigen Jahrzehnten bot es 
einen orientalischen Anblick, heute ist es die eleganteste Stadt im 
Südosten Europas. In der Moldau sind außer Jassy (79.000 Einw.) 
noch Botoschani und Fokschani zu nennen. Unter den Städten 
der Walachei haben nur Craiova (45.000 Einw.), Plojeschti 
(49.000 Einw.) und in den Karpathen Sinaia, die Sommerresidenz 
der königlichen Familie, Bedeutung. An der Donau sind die Hafen- 
orte Turn-Severin, Giurgewo, Braila (60.000 Einw.), Galatz 
(66.000 Einw.), Tultscha und Sulina gelegen. Am Schwarzen Meere 
hat sich Konstanza zu einem modernen Hafen und besuchten See- 
bade entwickelt. 

Das Wirtschaftsleben. 

Die eigentlichen Nährquellen Rumäniens sind der Ackerbau und 
die Viehzucht. Auf ihnen beruht der Reichtum des Landes. Ursprüng- 
lich lag der Schwerpunkt der Wirtschaft in der Viehzucht, solange in 
Überfluß Weideland vorhanden war. Mit zunehmendem Ackerbau 
wurden aber die Weideflächen eingeengt und die Viehzucht ging 
zurück. 

Land- und Forstwirtschaft. Von der gesamten Bevölkerung des 
Landes befassen sich 81% mit Landbau. Die Rumänen sind geborene 
Landwirte, aber ihr Los ist infolge der ungünstigen Besitzverhält- 
nisse doch kein gutes. 

Im Jahre 1864 wurde die Leibeigenschaft der Bauern aufgehoben und die 
innere Kolonisation des Landes in Angriff genommen. Die frühere Ungleichheit der 
Besitzverhältnisse blieb aber bestehen. Etwa 8000 Großgrundbesitzer sind die 
Herren des Landes, wogegen 900.000 Bauernfamilien sich mit i/- des Bodens be- 
gnügen müssen. Da die Großgrundbesitzer ihre Güter nicht selbst bewirtschaften, 

Stoiser, Wirtscbafts- und Verkehrsgeographie d. europ. Staaten. ■j^2 



— 178 — 

sondern verpachten, so ergeben sich dadurch mancherlei Mißstände, da durch 
Unterpächter der Pachtschilling sehr erhöht wird und dem Landmanne nur ein 
geringer Teil des Ertrages bleibt. Diese Verhältnisse führten im Jahre 1907 sogar zu 
schweren Agrarunruhen. 

Die eigentliche Region des Getreidebaues ist das Tiefland 
wogf^gen der Karpathengürtel, das Überschwemmungsgebiet der 
Donau und die Dobrudscha hiefür ungeeignet sind. Die zwei 
wichtigsten Fruchtpflanzen sind der Weizen und der Mais. Der 
Weizen wird zum größten Teil ausgeführt, der Mais ist die eigentliche 
Brotfrucht im Lande. Andere Erzeugnisse des Landbaues sind noch 
Buchweizen, Hafer, Gerste und Tabak. Zum Anbau der Kartoffeln 
im größeren Maße kann sich der rumänische Landwirt noch immer 
nicht entschließen. Dagegen wird die Zuckerrübe schon viel gebaut. 
Im Hügellande der Karpathen ist der Weinbau und die Pflaumen- 
gewinnung sehr verbreitet. 

Der landwirtschaftliche Betrieb ist mit Ausnahme der Kron- 
domänen, die als Musterfarmen eingerichtet wurden, überall rück- 
ständig. Es herrscht noch Brachwirtschaft, die Anwendung des 
Düngers ist unbekannt. 

Rumänien ist auch reich an Wäldern, nur ist die Verteilung 
eine ungleiche, denn das Tiefland ist fast ganz waldlos. In den 
Karpathen und im Hügellande sind schöne Nadelholzbestände, im 
Hügellande überwiegen die Laubhölzer. Die Bewirtschaftung läßt 
noch viel zu wünschen übrig. So wurden die einst ausgedehnten 
Eichenwälder durch Raubwirtschaft fast ganz vernichtet. Ausgeführt 
werden noch Faßdauben. Im Steppengebiet hat man mit Erfolg Auf- 
forstungen vorgenommen. 

Die Viehzucht stellt noch immer einen wichtigen Zweig der 
Landwirtschaft Rumäniens dar. Die Pferdezucht ist stark zurück- 
gegangen. Besonders sind die einst berühmten moldauischen 
Pferde degeneriert. Doch geschieht vom Staate jetzt wieder 
viel für die Hebung der Pferdezucht. Die Rinder sind ausge- 
zeichnete Zugtiere, liefern aber wenig Milch und sind auch zur 
Mast nur schlecht geeignet. Das wichtigste Haustier für den rumä- 
nischen Bauern ist das Schaf. Es liefert ihm Fleisch, Milch, Käse 
und das Fell für Mäntel, Mützen und Schuhe. Im Gebirge wird das 
hochbeinige und grobknochige Zurkanschaf, in der Ebene das fein- 
wollige Zigajaschaf gehalten. Die Schweinezucht ist im ganzen Lande, 
namentlich aber auf den Donauinseln, verbreitet. Wirtschaftlich von 
Belang ist auch der Fischfang in der Donau, der seit 1895 Staats- 
monopol ist. Der Fischexport geht besonders nach Österreich-Ungarn 
und Deutschland. 



— 179 — 

Mineralproduktion. Infolge des Anteiles Rumäniens an den 
alten Massiven der Karpathen und des vorgelagerten Hügellandes 
weist es einen nicht unbedeutenden Reichtum an Mineralschätzen 
auf, die aber bei dem jetzigen Stande der Wirtschaft erst unvoll- 
kommen ausgenützt werden. Erzlager und Braunkohle finden 
sieh an verschiedenen Orten, liefern aber erst eine geringe Aus- 
beute. Den größten Wert stellen die ausgedehnten Lager von Salz 
und das Vorkommen von Petroleum im subkarpathischen Hügel- 
lande dar. Die Salzgewinnung ist Staatsmonopol. Es ist in 
ungeheurer Menge und besonderer Reinheit vorhanden. Die jährliche 
Ausbeute beträgt 80.000 t, wovon ein Teil nach Rußland, Serbien 
und Bulgarien ausgeführt wird. Im Bereiche der Salzlager finden 
sich auch die ausgedehnten Petroleumgebiete, deren Umfang und 
Ergiebigkeit noch gar nicht festgestellt ist. Gegenwärtig sind die 
Erdölgebiete im Prahovatal, in Campina, Bustenari und Poiana die 
wichtigsten. Seit dem Jahre 1890 setzte der großindustrielle Betrieb 
ein, daneben gibt es noch viele Kleinbesitzer, die die Quellen nur 
unvollkommen ausbeuten. Ein großer Teil des Petroleums wird im 
Inlande raffiniert und ein Teil nach Deutschland und Frankreich 
ausgeführt. Die Rückstände liefern ein ausgezeichnetes Brenn- 
material. Zur Hebung der Petroleumproduktion ist eine Rohrleitung 
aus dem Prahovatale nach Konstanza geplant. Im Jahre 1911 war die 
rumänische Rohölerzeugung (15-4 Mill. q) schon größer als die gali- 
zische. Groß ist auch die Zahl der Mineralquellen in den Kar- 
pathen, von denen einige bereits zum Entstehen besuchter Bäder 
Anlaß gegeben haben. 

Industrie. Die moderne Fabriksindustrie hat nur langsam 
Fuß gefaßt. Aber allmählich beginnt sich das wirtschaftliche Bild zu 
ändern. Durch staatliche Fürsorge (Industrieförderungsgesetz vom 
Jahre 18S7, Regelung des Kreditwesens) und private Unternehmungs- 
lustwurde eine schon recht leistungsfähige Industrie ins Leben gerufen. 
An Vorbedingungen fehlt es im Lande keineswegs, denn Rohstoffe, 
Wasserkräfte und relativ gute Verkehrsverhältnisse förderten diese 
industrielle Regsamkeit. Die Hauptsitze sind in der Moldau und in der 
Walachei. Am besten vertreten sind die landwirtschaftlichen Indu- 
strien, wie die Müllerei (Galatz, Braila), Brennerei, Brauerei, Zucker- 
industrie, Tabakverarbeitung (Monopol), die Holz- und Papier- 
industrie, Lederindustrie. Unzureichend ist noch die Textil-, chemische 
und Maschinenindustrie. Daneben besteht im Lande auch noch eine 
sehr verbreitete Hausindustrie, deren Erzeugnisse oft einen guten 
Geschmack verraten. Sie liefert besonders hübsche und farben- 
prächtige Landestrachten, Schuhwerk und Hausgeräte. Trotz der 

12* 



— 180 — 

industriellen Fortschritte, die Rumänien zu verzeichnen hat, wird es 
noch lange ein aufnahmsfähiges Absatzgebiet für seine westlichen 
Nachbarn bleiben. 

Verkehr und Handel. 

Eisenbahnen. In der Ausgestaltung seines Verkehrswesens hat 
Rumänien schon sehr viel erreicht. Neben den gut gehaltenen 
Nationalstraßen wurden eine Reihe wichtiger Eisenbahnlinien 
geschaffen, deren natürlicher Mittelpunkt die Hauptstadt Bukarest 
ist. Die wichtigsten Linien sind : 

1. Bukarest —Cernavoda *) — Konstanza. 

2. Bukarest — Giurgewo — (Rustschuk — Sofia). 

xCraiova — Verciorova — (Orsova). 

3. Bukarest — Cotesti — Piatra<^ 

^Hermannstadt. 

4. Bukarest — Plojesti— Predeal (—Kronstadt). 

.Pacsani— (Itzkany—Czernowitz). 

5. Bukarest — Plojesti — Buzeu(^ 

^Braila — Galatz— Jassy — Ungheni 
(Odessa). 

Fluß- und Seeschiffahrt. Die breite und tiefe Fahrrinne der 
Donau ist eine ausgezeichnete Schiffahrtsstraße, die von den Schiffen 
der verschiedenen Uferstaaten, aber auch von eigenen Dampfern, 
belebt wird. Obwohl ihre Ufer auf weite Strecken versumpft sind, 
liegen doch nicht weniger als 22 Häfen auf der rumänischen Seite, 
darunter die mit Kaianlagen, Docks und Getreidespeichern gut aus- 
gestattete Getreidehäfen Braila, Galatz und Sulina. 

Durch den Anfall der Dobrudscha im Jahre 1878 kam Rumänien 
auch in den Besitz einer 200 km langen Meeresküste, die für den 
Handel jetzt schon sehr wichtig ist. In Konstanza besitzt es einen 
eisfreien Hafen, der modern ausgestattet wurde und der durch regel- 
mäßige Linien mit Südrußland, Konstantinopel, Smyrna, Alexandrien, 
Triest sowie mit Antwerpen und Rotterdam in Verbindung steht. 

In rascher Zunahme ist auch der Handel begriffen, der aller- 
dings großen Schwankungen unterworfen ist, die mit dem Ernte- 
ausfall in den einzelnen Jahren zusammenhängen. An das Ausland 
gibt Rumänien vor allem Getreide ab. Seine ständigen Abnehmer 
sind England, Holland, Belgien und Österreich. Nicht unbedeutend 
ist ferner die Ausfuhr von Petroleum (Frankreich, Deutschland) und 
Holz (Levante). Eingeführt werden besonders landwirtschaftliche 
Maschinen, Textil- und Konfektionswaren usw. Österreich-Ungarn und 



*) Bei Cernavoda ist die Donau und ihr Überschwemmungsgebiet in einer 
28 km langen Brücke überspannt, die die längste Brücke der Welt ist. 



I 



— 181 — 

das Deutsche Reich sind am rumänischen Handel besonders be- 
teiligt. 

Von der türkischen Herrschaft befreit, hat das selbständige 
Rumänien in überraschend kurzer Zeit auf allen Gebieten große 
Fortschritte gemacht. In einer langen Zeit des Friedens und in 
beharrlichem Ringen nach westlicher Kultur, nach Wohlstand und 
politischer Machtentfaltung ist der rumänische Nationalstaat ein 
Element des Fortschrittes im Südosten Europas geworden. Seine 
Finanzen sind in gutem Zustande, der Kredit des Staates uner- 
schüttert und die Quellen des Wohlstandes sind zum Fließen ge- 
bracht. Selbst Kunst und Wissenschaft finden eine verständnis- 
volle Pflege. 



III. Abschnitt. 



Die Staaten des mittelländischen Wirt- 
schaftsgebietes. 

A. Die europäische Südostlialbinsel'). 

In breiter Basis lehnt sich an das Festland Europas die Südost- 
oder Balkanhalbinsel an. Da sie unmittelbar bis Kleinasien heran- 
reicht, stellt sie das natürliche Bindeglied Mitteleuropas mit Vorder- 
asien dar und sie beherrscht außerdem die Verbindungsstraße vom 
Mittel- zum Schwarzen Meere. 

Bodengestalt. Nach ihrem äußeren Umrisse besteht die Südost- 
halbinsel aus einem nördlichen Vierecke und der schmäleren 
griechischen Halbinsel. Der massigere nördliche Teil weist eine 
weniger starke Küstengliederung auf als der südliche. Desgleichen 
zeigt der Norden und das Innere der Balkanhalbinsel in Klima und 
Wirtschaft noch mitteleuropäische Verhältnisse. 

Die griechische Halbinsel dagegen ist mit ihren zahlreichen 
Inseln und Buchten nach Norwegen das am meisten zerstückelte 
Gebiet Europas (Jonische Inseln, nördliche und südliche Sporaden, 
Kykladen, Halbinsel Morea, Golf von Korinth, Ägina und Saloniki). 

Die Oberflächen gestalt dieses Gebietes wird durch drei Er- 
hebungssysteme bedingt. 

An der Westküste zieht vom Laibacher Becken bis an die 
Südspitze Griechenlands in breitem Streifen das dinarisch- 
griechische Gebirgssystem. Als echtes Karstgebiet stellt es eine 
wasserarme, öde Hochfläche dar. Durch den Steilabfall zum Meere 
und den Mangel an einmündenden größeren Hüssen wird das Hinter- 



*) Literatur: Oestreich K., Die südosteurop. Halbinsel etc. in Andree s. o. 
Bd. II. — Fischer Th., Die südeurop. Halbinseln. In Kirchhoffs Länderk. II. — 
Philippson, Das Mittelmeergebiet. Leipz. 1904. 



— 183 — 

land mauerartig von der Adria abgesperrt, weshalb Albanien und 
Epirus zu den unerforschtesten und unbekanntesten Teilen von 
Europa gehören. 

Das Innere ist erfüllt vom serbisch -makedonischen Schollen- 
lande, einer alten Festlandsmasse inmitten der Faltengebirge. Durch 
Flußtäler und Bruchlinien (Morawa — Wardar^Nisch — Sofia — Maritzatal) 
wird dieses Gebiet sehr wegsam. Die Beckenlandschaften und Tal- 
niederungen sind von großer Fruchtbarkeit und dicht bevölkert. Am 
mächtigsten ist die serbisch-makedonische Scholle im Rhodope- 
gebirge entwickelt. 

Im östlichen Teile ist als drittes Erhebungssystem der Balkan, 
ein 600 km langes Kettengebirge, das in einem gegen die Donau zu 
offenen Bogen vom Eisernen Tore bis an das Schwarze 3Ieer sich 
erstreckt. Er besteht aus drei Abschnitten, dem Westbalkan bis zum 
Durchbruche des Isker, dem Hohen oder Zentralbalkan und aus dem 
Ost- oder Kleinen Balkan. Gegenüber dem Hohen Balkan liegt der 
Antibalkan. Gegen Süden fällt er steil ab, im Norden geht er in ein 
Hügelland über. Über ihn führen 18 fahrbare Straßen hinweg, die 
wichtigste über den im Jahre 1876 heiß umstrittenen Schipkapaß 
(1300 m). 

Zwischen und innerhalb dieser drei Erhebungssysteme liegen 
fruchtbare Beckenlandschaften und Ebenen. Die wichtigsten sind 
die Ebene an der unteren Morawa. die bulgarische Ebene (Donau- 
bulgarien), das Becken von Kazanlik zwischen Hohem und Anti- 
balkan, das ostrumelische Becken an der oberen und das thrakische 
Tiefland an der unteren Maritza und Erkene, die Kampania von 
Saloniki, der Talkessel von Uesküb, das Amselfeld, die thessalische, 
die attische Ebene und die Niederung am Skutarisee. 

Gewässer und Klima. Die Save und Donau bilden den natür- 
lichen Grenzsaum der Südosthalbiilsel gegen Mitteleuropa. Ihnen 
strömen außer den schon S. 36 genannten Flüssen die Drina, Morawa, 
der Timok, Isker und die Jantra zu. In das Ägäische Meer ergießen 
sich die Maritza mit der Tundscha, Arda und Erkene, die Mesta, 
Struma, der Wardar und Salamvria. An der Westküste sind nur der 
Aspropotamos, der Drin und die Bojana (Ausfluß des Skutarisees) 
zu nennen. 

Größere Seen sind der Skutarisee an der montenegrinisch- 
türkischen Grenze, der Ochrida- und der Presbasee in Albanien. 

Das Klima der Balkanhalbinsel ist nicht einheitlich. Die Ab- 
dachung gegen die Donau und Save sowie das hochgelegene Innere haben 
mitteleuropäisches Gepräge mit sehr kalten schneereichen Wintern 
und heißen Sommern. Die südliche Lag^e äußert sich aber in dem 



— 184 — 

Überwiegen des Laubwaldes und im Gedeihen zahh-eicher sub- 
tropischer Produkte. Südlich des Balkans, der eine ausgesi)rochene 
Klima- und Wetterscheide darstellt, an den Küstenstrichen des 
Adriatischen, Jonischen und Ägäischen Meeres sowie auf den 
Inseln herrscht das milde Mittelmeerklima mit seiner sommerlichen 
Trockenheit, der immergrünen Pflanzenwelt und dem klaren, durch- 
sichtigen blauen Himmel. 

Politische Verhältnisse. Die reichgegliederte Bodengestalt mit 
ihren gut abgeschlossenen Beckenlandschaften leistete der politischen 
Zersplitterung dieses Gebietes starken Vorschub. Am Beginne des 
19. Jahrhunderts war mit einziger Ausnahme Montenegros die ganze 
Balkanhalbinsel im Besitze der Türkei. In heldenmütigen Befreiungs- 
kriegen errangen die christlichen Balkanvölker mit Unterstützung 
der Westmächte ihre politische Selbständigkeit, wogegen die Türkei 
auf den Rang eines Mittelstaates herabgedrückt wurde. Nun bestehen 
als nationale Staatsgebilde die Königreiche Bulgarien, Serbien, 
Montenegro, Griechenland, ferner die Türkei und das autonome 
Kreta. 

Die staatlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse dieser Länder 
werden nun im folgenden zur Erörterung gelangen. 



I 



Bulgarien. 

Das heutige Bulgarien ist eine Schöpfung des Berliner Kon- 
gresses. Die Wiederherstellung Bulgariens durch die Russen im 
Jahre 1878 bedeutete eine Anknüpfung an eine ruhmreiche Ver- 
gangenheit, denn es gab schon früher (640 bis 1389) ein unab- 
hängiges bulgarisches Zarentum, das durch die Schlacht auf dem 
Amselfelde von den Türken zerstört worden war. In der lang- 
dauernden Türkenherrschaft kamen die Bulgaren wirtschaftlich 
herunter und die Befreiung von dieser drückenden Oberherrschaft 
war von den wohltätigsten Folgen begleicet. Obwohl die Bulgaren 
mit ihrer Kulturarbeit von neuem beginnen mußten, haben sie in den 
drei Jahrzehnten ihrer Selbständigkeit schon viel geleistet. 

Im Jahre 1878 wurde Bulgarien als ein von der Pforte ab- 
hängiges Fürstentum anerkannt, während Ostrumelien unter einem 
christlichen Statthalter türkisch blieb. Alexander I. (1879^1886) 
aus dem Hause Battenberg, der erste Fürst Bulgariens, gab dem 
Lande eine Verfassung, organisierte das Heer, vereinigte Ost- 
rumelien mit Bulgarien, besiegte die Serben bei Slivnitza, dankte 
aber infolge einer von Rußland angezettelten Offiziersverschwörung 
ab. Sein Nachfolger Ferdinand I. (seit 1887) aus dem Hause 



— 185 — 

Koburg-Koharj'' machte das Land im Jahre 1908 von der Türkei 
vollständig unabhängig und erneuerte die alte Zarenwürde. 

Stadt und Volk. 

Größe und Weltlage. Mit Ausnahme der europäisehsn Türkei 
übertrifft Bulgarien an Größe und Bevölkerung alle übrigen Balkan- 
staaten. Seine Fläche beträgt 9 6.000 km^ und es wird von 43 Mill. 
Menschen bewohnt. Es hat eine ähnliche vorteilhafte Lage wie 
Rumänien. Der Anteil an der Donau und am Schwarzen Meere ist 
seinem Verkehre und Außenhandel förderlich. Nur gegen die Türkei 
hin sind weniger gute Grenzen und das Wohngebiet der Bulgaren 
reicht über die politische Grenze bis tief nach Mazedonien hinein. 
Dieser Umstand läßt das bulgarische Volk an eine künftige Aus- 
dehnung seines Landes bis nach Konstantinopel und an das Ägäische 
Meer träumen, was nicht nur die Eifersucht der übrigen Balkan- 
staaten dauernd wach erhält, sondern auch das Verhältnis zur 
Türkei gefährdet. 

Verfassung. Das Königreich Bulgarien ist eine verfassungs- 
mäßige Monarchie. Die Nationalversammlung („Sobranje") besteht 
aus 213 direkt gewählten Mitgliedern. Es gibt im Lande keinen 
Adel. Große Sorgfalt wurde auch der Ausgestaltung des Heeres- 
wesens zugewendet. Die Gesamstärke im Kriege beträgt 190.000 Mann. 

Bevölkerungsverhältnisse. Die weitaus überwiegende Mehrzahl 
der Bevölkerung bilden die Bulgaren. Sie sind ein fleißiges, 
nüchternes, auf Erwerb bedachtes Volk und voll Hingabe an ihren 
Staat. Die Bildungsstufe der großen Masse ist noch sehr niedrig, 
doch bestehen auch schon viele Mittel- und Fachschulen und eine 
Universität in Sofia, so daß sogar eine Überproduktion an akademisch 
Gebildeten besteht*). In Südbulgarien gibt es noch 4 88.000 Türken. 
Sehr groß ist auch die Zahl der Zigeuner (99.000), Rumänen 
(75.000), Griechen (63.000) und Spaniolen (87.600). Ein wichtiges 
Element sind auch die Deutschen (3800), die als Beamte und 
Geschäftsleute in den Städten wohnen. 

In religiöser Hinsicht bilden alle Bulgaren eine eigene Kirche 
innerhalb des orthodoxen Bekenntnisses, deren Oberhaupt seit 1870 
der Exarch mit dem Sitze in Konstantinopel ist. 

Die Auswanderung ist nicht gering und richtet sich besonders 
nach Amerika. Die Türken w^andern seit Jahren schon in die euro- 
päische und asiatische Türkei. Groß ist auch die Zahl der Saison- 



*) Die erste Volksschule nach westlichem Muster wurde in Bulgarien erst 
im Jahre 1835 gegründet, 1844 erschien die erste bulgarische Zeitschrift. 



— 186 — 

Wanderer (bulgarische Wandergärtner), die nach Rußland, Rumänien 
und Österreich-Ungarn gehen. 

Siedlungen. Langsam beginnt sich auch das Städtewesen zu 
entwickeln. Die Hauptstadt Sofia (103.000 Einw.) verdankt ihre Be- 
deutung besonders der Lage an der Orientbahn. An der Donau 
liegen Widin, Rustschuk (35.000 Einw.), Lom und Silistria. Die 
alte Zarenstadt Tirnowo ist am Nordfuße des Balkans gelegen. 
Von den südbulgarischen Siedlungen sind Kazanlikund Philippopel 
(48.000 Einw.) zu nennen. Am Schwarzen Meere sind die Häfen 
Burgas und Warna (41.000 Einw.). 

Das Wirtschaftsleben. 

Wie überall in Südosteuropa sind Ackerbau und Viehzucht die 
wichtigste Beschäftigung des Landes. Der Boden besitzt eine große 
natürliche Fruchtbarkeit, doch liegen weite Strecken noch vollständig 
brach oder dienen als Weideland. Die Besitzverhältnisse sind nicht 
ungünstig zu nennen. Der Kleinbesitz überwiegt (800.000 Privat- 
grundbesitzer), dazu kommt noch der Gemeindebesitz (24" „ des 
Bodens), der wie in Rußland von Zeit zu Zeit neu verteilt wird. 
Auch der Staat besitzt noch große Ländereien. 

Der natürlichen Beschaffenheit des Landes zufolge zerfällt 
Bulgarien in zwei Wirtschaftsgebiete mit verschieden gearteter 
Produktion, in Donaubulgarien mit dem Becken von Sofia und in 
Südbulgarien. 

Land- und Forstwirtschaft. Der Getreidebau wird in ganz 
Bulgarien, aber in herkömmlich primitiver Weise betrieben. In Nord- 
bulgarien überwiegt der Maisbau, daneben liefert der Boden aber 
auch noch reiche Erträge an Weizen, Gerste, Pflaumen und Wein 
(Plewna und Sistova). Im klimatisch begünstigten Südbulgarien ist 
der Weizen die wichtigste Getreidepflanze. Besonders das fruchtbare 
Maritzabecken ist ein ergiebiger Weizenboden. Im Süden gedeiht 
ferner der Reis, der Tabak, Baumwolle, die Edelkastanie und der 
Wein am Südabhange des Balkans und an der No'rdseite des 
Rhodope. Sehr verbreitet und vielseitig ist der Gemüsebau, der 
durch Wandergärtner betrieben wird. Eine Besonderheit ist die 
Rosenkultur und die Rosenölgewinnung. 

Das wichtigste Gebiet der Rosenkultur ist der windgeschntzte und frucht- 
bare Talkessel von Kazanlik. Es werden zwei Arten von Rosen gebaut, eine hell- 
rote und eine weiße. Die Blüte dauert von Mai bis Juni. Durch Destillation wird 
aus den Rosenblüten das Öl gewonnen. Ungefähr 3000 hg Blätter geben erst 1 hg 
Öl. In guten Jahren erntet Bulgarien bis zu 7000 hg Rosenöl, das fast alles nach 
Frankreich und in die Union ausgeführt wird. 

Die Wälder, die zum größten Teil dem Staate und den Ge- 



— 187 — 

meinden gehören, wurden schonungslos ausgebeutet und sind sehr 
zurückgegangen, so daß jetzt große Mengen Holz eingeführt werden 
müssen. Soweit Wälder vorhanden sind, überwiegen die Laubhölzer 
(Eichen, Buchen). Für Südbulgarien sind die mächtigen Walnuß- 
bäume charakteristisch. 

Die Viehzucht. Nicht minder wichtig wie der Ackerbau ist für 
Bulgarien auch die Viehzucht, die noch ausgedehnte Weideflächen 
zur Verfügung hat. Das Land liefert gute Pferde, Maultiere und 
Esel, Rinder, Büffel, besonders aber Schafe*) und Ziegen. Die 
Schweinezucht, die zur Zeit der Türkenherrschaft fast ganz ein- 
gegangen war, ist wieder in Zunahme begriffen. In Südbulgarien ist 
ferner eine sehr bedeutende Seidenraupenzucht. Der Fisch- 
reichtum der Donau kommt auch Bulgarien sehr zustatten. Am 
Golfe von Burgas herrscht ein lebhafter Seefischfang. 

iVlineralprodul^tlon. Von den im Lande vorhandenen Mineral- 
schätzen sind erst wenige angebraucht. Ihre Ausnutzung ist eine 
Sache der Zukunft. Bulgarien hat Anteil an einer Zone von Eisen- 
lagern, die sieh von den Quellen des Wardar bis zum Schwarzen Meere 
hinzieht. Braunkohlen werden bei Permik (südlich von Sofia) und 
bei Trevna im Balkan ausgenützt Da Steinsalz nicht vorkommt, so 
wird in den Salzgärten bei Anchialos am Schwarzen Meere Seesalz 
gewonnen. 

Industrie. In den bulgarischen Städten herrscht seit jeher ein 
sehr rühriges Kleingewerbe und eine ziemlich vielseitige Hausindu- 
strie, deren Erzeugnisse Messer, Teppiche, Wollzwirnbänder (Gaitans), 
golddurchwirkte Schnüre und Silberfiligranarbeiten sind. Auch sind 
schon Ansätze der Fabriksindustrie vorhanden, vor allem Mühlen, 
Fabriken für Textil-, Holz- und Lederindustrie und für Metallwaren. 
Die meisten Industriegegenstände müssen aber noch immer ein- 
geführt werden. 

Verkehr und Handel. 

Auf dem Gebiete des Verkehrswesens hatte Bulgarien nach der 
Begründung seines Staates so gut wie alles nachzuholen, denn die 
Türken bauten weder Straßen noch Eisenbahnen. Jetzt durchziehen 
gegen 6000 km vom Staate erbaute Nationalstraßen und 19i km 
Eisenbahnen das Land, deren wichtigste Linien folgende sind: 

1. Zaribrod — Sofia — Philippopel — (Mustapha Pascha — Konstan- 
tinopel; Teilstrecke der Orientbahn). 



*) Für die Art der Schafhaltung ist in allen Balkanlämlern die Wander- 
wirtschaft bezeichnend. Im Sommer werden die Bergweiden ausgenützt und im 
Winter treiben die Hii'ten die Tiere auf die Weidegriinde der Ebene hinab. 



— 188 — 

.Rustschuk — (Bukarest). 

2. Sofia— Tirnowov 

^Sclmmla — Varna. 

3. Sofia — Fhilippopel— Stara Zagora— Burgas. 

Auch die Schiffahrt beginnt sich zu entwickeln. An der Donau 
liegen die Häfen Widin, L(jm Palanka, Rustschuk und Silistria, in 
denen ein lebhafter Getreideverkehr herrscht. Allerdings wird die 
Schiffahrt noch von fremden Schiffen besorgt. 

Am Schwarzen Meere besitzt Bulgarien acht Häfen, darunter 
Burgas und Varna, im Hintergrunde schöner Naturbuchten. Zu 
beiden führen Bahnen und jeder dieser Häfen hat sein eigenes 
Hinterland. 

Der Innen- wieder Außenhandel sind großen Schwankungen 
unterworfen, die mit dem Ausfall der Ernte in Zusammenhang 
stehen, doch zeigt sich in der Bilanz eine stete, wenn auch lang- 
same Zunahme des Umsatzes. Seine wichtigsten Ausfuhrgegenstände 
sind Getreide und Mehl, tierische Erzeugnisse, Textilwaren, 
Rohstoffe und lebende Tiere. Zur Einfuhr kommen Textilwaren, 
Maschinen und Metallwaren, Kolonialwaren, Chemikalien u. a. Die 
Ausfuhr richtet sich zumeist nach der Türkei, Belgien, Deutschland 
und Großbritannien, die wichtigsten Bezugsländer sind Österreich- 
Ungarn, Deutschland, Großbritannien und die Türkei. Die Handels- 
bilanz ist stark passiv. 

Als Land junger Entwicklung, seit dessen Befreiung von jahr- 
hundertelanger türkischer Bedrückung kaum ein Menschenalter 
verflossen ist, hat Bulgarien gleichwohl große Fortschritte zu ver- 
zeichnen. Der Jammer früherer Jahrhunderte hat das Volk bedürf- 
nislos und mißtrauisch gegen alles Fremde gemacht. Allmählich be- 
ginnen sich jetzt die inneren Verhältnisse zu festigen, es ist das 
Land ein Element der Ordnung auf der Balkanhalbinsel geworden. 



Serbien. 

Wie die anderen Balkanländer ist auch Serbien erst im 
19. Jahrhundert zu staatlicher Selbständigkeit gekommen. Es 
war seit 1529 ein der Pforte zinspflichtiges Fürstentum. Als 
die ersten unter den christlichen Balkanvölkern griffen die Serben 
bereits 1804 für ihre Unabhängigkeit zu den Waffen, aber 
erst unter Milan I. (1868 bis 1889) wurde das Land selbständig 
und 1882 zum Königreiche erhoben. Doch vermochte weder er noch 
sein Sohn Alexander (1889 bis 1903) dem Lande die so notwendige 



— 189 — 

innere Festigung zu geben. Das Haus Obrenovic fiel 1903 einer 
Offiziersverschwörung zum Opfer. An dessen Stelle trat mit Peter I. 
das Haus Karageorgievieh. 

Staat und Volk. 

Größe und Weltlage. Das von der Save, Donau, Drina und 
dem Timok gut begrenzte Land stellt in seiner Gesamtheit das 
Flußgebiet der Morawa dar. Nur im Süden erhoffen die Serben von 
der Zukunft eine Erweiterung ihres Landes auf Kosten der Türkei. 
Das serbische Staatsgebiet ist 48.000 km- groß und hat eine Bevöl- 
kerung von 2"9 Mill. Als ausgeprägter Binnenstaat hat Serbien 
keinen Anteil am Meere, doch stellt die Donau einen guten Zugang 
zum Schwarzen Meere und bis Süddeutschland dar, südwärts leitet 
eine von der Natur vorgezeichnete Verkehrsstraße nach Saloniki 
und nach Ausführung der geplanten Donau — Adriabahn würde es 
auch eine Zufahrtsstraße zur Adria haben. Die Möglichkeit einer 
wirtschaftlichen und Handelsbetätigung ist sonach keineswegs allzu- 
sehr beeinträchtigt. Am günstigsten ist die Verkehrslage Serbiens 
zu Österreich-Ungarn. 

Verfassung. Serbien ist eine konstitutionelle Monarchie. Das 
sich alljährlich versammelnde Abgeordnetenhaus („Skupschtina") 
besteht aus 160 gewählten Mitgliedern. Die Verfassung ist demo- 
kratisch, im Lande gibt es auch keinen Adel. 

Das lange vernachlässigte Heer ist in neuer Ausgestaltung be- 
griffen. Seit 1901 besteht die allgemeine Dienstpflicht. Die Kriegs- 
stärke der regulären Armee beträgt 160.000 Mann. 

Bevölkerungsverhältnisse. Weitaus die Mehrzahl der Bewohner 
sind Serben. Sie besitzen einen lebhaften Bildungstrieb und eine 
bedeutende dichterische Begabung. Die allgemeine Volksbildung liegt 
aber noch sehr darnieder, doch bestehen bereits mehrere Mittel- und 
Fachschulen sowie eine Universität in Belgrad. Außerdem wohnen 
im Lande noch 90.000 Rumänen, -46.000 Zigeuner, 7500 Deutsche 
und 5700 Hebräer. 

Das serbische Volkstum reicht weit über die politischen Grenzen 
des Landes hinaus in die österreichisch-ungarische Monarchie, nach 
Montenegro und in die Türkei. 

Das Städtewesen ist wie in den übrigen Balkanstaaten sehr 
unentwickelt. Die Hauptstadt Belgrad (90.800 Einw.) hat eine vor- 
teilhafte Handels- und Verkehrslage, ist aber an die Peripherie des 
Landes gerückt. An der Save liegt Schab atz. Im Innern sind be- 
sonders Nisch (25.000 Einw.) an der Gabelung der Orienf ahn, 
Pirot, Wranja. Kragujewatz und Leskowatz zu nennen. Mit 



— 190 — 

Ausnahme der Hauptstadt zeigen diese Orte durchgehends Dorf- 
charakter. 

Das Wirtschaftsleben. 

Land- und Forstwirtschaft. Gleich den übrigen Balkanländern 
ist Serbien ein wichtiges Atzrikuiturgebiet, dessen Bewohnerschaft 
fast ausschließlich sich mit Getreidebau und Viehzucht befaßt. Die 
klimatischen Verhältnisse und eine große natürliche Fruchtbarkeit 
des Bodens kommen der Landwirtschaft sehr zustatten. Zudem sind 
auch durchaus geordnete Besitzverhältnisse. Das Land gehört den 
Bauern. Die Grundentlastung, Bodenkredit und Bodenexistenz- 
minimum sind auf gesetzlichem Wege geregelt. Großgrundbesitz ist 
fast keiner vorhanden. Infolge der mangelhaften Betriebsweise der 
Bodenbearbeitung sind die Ernteergebnisse sehr schwankend. 

Die wichtigsten Erzeugnisse des Landbaues sind Mais, Weizen, 
Gerste, Hafer, Roggen, Hirse, Buchweizen und Hülsenfrüchte. Am 
verbreitetsten ist der Mais, der bei normaler Ernte in großen 
Mengen zur Ausfuhr kommt. Der Weizen hält mit dem besten aus 
Ungarn und Rußland den Vergleich aus. 

Seit der Gründung einer Zuckerfabrik in Belgrad wird auch die 
in Serbien früher unbekannte Zuckerrübe im Morawatale gebaut. 
In der Gegend von Wranja gedeiht ein ausgezeichneter Hanf. Be- 
deutend ist auch der Tabakbau, Ganz unentwickelt, trotzdem Boden 
und Klima hiefür sehr geeignet wären, ist die Obstkultur. Selbst der 
Pflaumenbau wurde von Bosnien schon längst überholt, ist aber für 
die Gegenden an der Save und im Hügelland westlich des Morawatales 
noch von großer Wichtigkeit. Neuestens macht der Weinbau, der 
unter den Reblausschäden sehr gelitten hatte, wieder langsame Fort- 
schritte. Er ist besonders in der Gegend von Semendria, Negotin, 
und Ccacsak verbreitet. 

Sehr reich ist Serbien noch an Wäldern, doch weist die Forst- 
wirtschaft viele Übelstände auf. Es herrscht eine Art Raubbau und 
die schönen Eichenwälder werden in sinnloser Weise ausgenützt. 

Zur Ausfuhr kommen Faßdauben und Nußholz aus der Gegend 
von Nisch und Wranja, doch muli auch Brenn- und W^erkholz ein- 
geführt werden. 

Die Viehzucht. Eine Hauptstütze des Erwerbslebens bildet die 
Viehhaltung, deren Betrieb durch die ausgedehnten Weidegründe 
und Eichenwaldungen wesentlich gefördert wird. Das Land ist be- 
sonders reich an Rindern und Schweinen, die in lebendem und 
geschlachtetem Zustande zur Ausfuhr kommen. Aber auch an Pferden 
erübrigt es für den Export. Fortschritte macht die Geflügel- und 



— 191 — 

Seidenraupenzucht. Lebhaft beteiligt sich Serbien auch an der 
Fischerei in der Donau und Save. 

Mineralproduktion. Sehr gering ist bisher die Ausbeute der 
reichen Bodenschätze. Es finden sich außer Stein- und Braunkohle 
noch Kupfererze, Mühlsteine und Zement. Auffallend groß ist nament- 
lich im östlichen Teile des Landes die Zahl der Mineralquellen, 
die Temperaturen bis zu 70« C aufweisen. 

Industrie. Dieser Zweig der Volkswirtschaft ist in Serbien noch 
wenig entwickelt, obwohl die Vorbedingungen nicht ungünstig sind. 
Die größte Entwicklung hat bisher die Mühlenindustrie aufzu- 
weisen. EinegroßeZukunft scheint auch die Schlachthausindustrie 
(Belgrad, Mladenovac) zu haben. Sonst sind noch die Bierbrauerei 
(Belgrad, Jagodina), die Textilbranche (Nisch, Leskovac), Zement- 
(Ralja, Ripanj, Popovac) und die Zuckerfabrikation (Belgrad, Nisch) 
vertreten. Langsam geht man sogar schon daran, die bisher unge- 
nützten Wasserkräfte für elektrische Kraftstationen auszunützen. 

Verkehr und Handel. 

Recht unentwickelt sind auch die Verkehrszustände. Das Straßen- 
wesen ist vernachlässigt, der Verkehr auf der Donau wird zumeist 
von österreichischen und ungarischen Schiffen besorgt, denn die 
L priv. serbische Dampfschiffahrts-Gesellschaft besitzt nur 
einige Fahrzeuge. In den internationalen Verkehr wird Serbien durch 
die Teilstrecke der Orientbahn Belgrad — Nisch — Pirot — Sofia — 
Konstantinopel, beziehungsweise Nisch — Wranja — Üsküb — 
Saloniki einbezogen. Außerdem besitzt das Land einige schmal- 
spurige Lokalbahnen. Eine große Bedeutung würde für Serbien der 
Bau der Donau — Adriabahn haben. 

Im Außenhandel war Serbien früher ganz und gar von 
Österreich-Ungarn abhängig und ist es mit Rücksicht auf seine 
geographische Lage bis zu einem gevvissen Grade auch heute noch, 
denn die Monarchie ist der beste Abnehmer der serbischen Agrarpro- 
dukte. Aber während des Zollkrieges mit Österreich (1907 bis 1910) 
ist es dem Lande gelungen, sich neue Absatzgebiete in Ägypten und 
Italien zu schaffen. Am serbischen Handel beteiligen sich neuestens 
auch das Deutsche Reich, England. Italien und die Türkei sehr leb- 
haft. Die Handelsbilanz ist stark passiv. 

Serbien ist ein Land, in dem noch viele ungehobene geistige 
und wirtschaftliche Schätze ruhen Die unfertigen inneren Zustände, 
der Wechsel der Dynastien, die finanzielle Schwäche des Staates und 
der Hader der Parteien hinderten eine raschere Entwicklung des 



— 192 — 

an und für sich sehr lebensfähigen Landes. Neuestens scheint aber 
auch für Serbien eine Periode des Gedeihens bevorzustehen. 



Montenegro. 

Das kleine Königreich Montenegro ist ein Überrest des alten 
Serbischen Reiches. Im Jahre 1862 machte sich das geistliche Ober- 
haupt, der Vladika, zum unabhängigen P'ürsten des Landes, das bis 
1906 in patriarchalisch-demokratischer Weise regiert wurde. Seitdem 
besitzt es eine konstitutionelle Verfassung, die Skupschtina 
besteht aus 61 nach allgemeinem Wahlrechte gewählten Abgeordneten. 
Im Jahre 1910 wurde das Fürstentum zum Range eines König- 
reiches erhoben. 

Hervorragend ist die Wehrfähigkeit des kleinen Staats- 
wesens. 

Jeder waffenfähige Montenegriner ist vom 18. bis 60. Jahre wehrpflichtig. 
Im Frieden bestehen zwei Lehrbataillone. An Sonn- und Feiertagen treten sämt- 
liche Wehrpflichtige zu kleinen Übungen zusammen. Im Kriege vermag Montenegro 
eine gut bewaffnete Macht aufzustellen. 

Dieses Land mit seiner ausgesprochenen Karstuatur hat einen 
Fläehenraum von 9100 hm- und wird von 250.000 Bewohnern, die 
zum größten Teil dem serbo-kroatischen Stamme und der ortho- 
doxen Kirche angehören, besiedelt. Nur am Skutarisee leben einige 
tausend katholische Albanesen. Die Montenegriner sind ein schöner 
Menschenschlag, voll Tapferkeit und Freiheitsliebe, aber auch gewalt- 
tätig und rachsüchtig. Ohne höhere wirtschaftliche Bedürfnisse und 
Bildungsdrang leben sie in primitiven Verhältnissen. 

Von den dorfartigen größeren Siedlungen sind die Hauptstadt 
Cetinje (4300 Einw.), Podgoritza (lO.ooO Einw.), Nikschitsch, 
sowie die Hafenorte Antivari und Dulcigno (5000 Einw.) zu nennen. 

In wirtschaftlicher Hinsicht ist das Land von der Natur ärmlich 
ausgestattet. Der Ertrag des Landbaues ist nur in der Niederung 
am Skutarisee lohnend, reicht aber selten für den eigenen Bedarf. 
Es gedeihen namentlich Mais, Tabak, Oliven und Wein. Der Garten- 
bau steht sogar in Blüte. Am meisten verbreitet ist die Viehzucht, 
die Rinder, Schafe und Esel liefert, aber auf so niedriger Stufe 
steht, daß sie nur wenig einträgt, obwohl sie eine Quelle des Wohl- 
standes für die Bewohner sein könnte. 

Das Land der „Schwarzen Berge" ist ohne Industrie und 
hat nur wenig Handel. Die Montenegriner selbst haben gar keinen 
Unternehmungsgeist und widmen sich nur in den seltensten Fällen 



— 193 — 

dem Gewerbe und dem Handel. Sie überlassen diese Beschäftigung 
in der Regel den aus Skutari stammenden Albanern. 

Der Handel Montenegros wickelt sich größtenteils mit Öster- 
reich ab. Fast die ganze Ausfuhr (Häute, Wolle, lebendes Vieh, 
Tabak, Olivenöl) ist für Cattaro und Triest bestimmt. An der Ein- 
fuhr, die sich auf die einfachsten Lebensbedürfnisse erstreckt, be- 
teiligen sich außer Österreich-Ungarn auch Italien, die Türkei und 
Frankreich. 

Das kleine und wirtschaftlich ganz von Österreich abhängige 
Montenegro ist schon durch seine Lage auf der Balkanhalbinsel und 
durch den Anteil am Gestade der Adria ein Staatswesen, dem eine 
nicht unbedeutende politische Rolle in Europa zugewiesen ist. Es 
ist ein vorgeschobener Posten Rußlands und wird auch von Italien 
für seine Balkanpläne au.sgenützt. 



Die europäische Türkei. 

Das einst mächtigste Reich im Südosten Europas, dessen Sieges- 
züge bis in das Herz unseres Erdteiles sich erstreckten und das 
christliche Abendland jahrhundertelang im Banne hielten, ist von seiner 
Großmachtstellung im 19. Jahrhundert herabgestürzt und seine 
völlige Auflösung wurde nur durch die Eifersucht der Großmächte 
verhindert. Auf seinem Boden entstanden die christlichen Balkan- 
staaten. Die europäische Türkei umfaßt auf der Südosthalbinsel nur 
mehr die Landschaften Albanien, Mazedonien und Thrazien (Rumelien). 
Ihren starken Rückhalt findet sie in den asiatischen Nebenländern. 
Verglichen mit dem übrigen Europa ist die Türkei ein Gebiet der 
Halbkultur. 

Staat und Volk. 
Größe und Weltlage. Der Umfang der europäischen Türkei 
beträgt 169.000 km- und seine Bevölkerung wird auf 61 Mill. Seelen 
geschätzt. Ohne ihren asiatischen Besitz wäre die einst mächtige 
Türkei ein Mittelstaat, der von Rumänien und selbst von Bulgarien 
an Machtentfaltung und wirtschaftlicher Geltung längst überflügelt 
wurde. Bemerkenswert ist die geographische Lage des Landes. In 
einem langen, von der Natur nicht durchwegs gut geschützten Saume 
grenzt es im Norden an Bulgarien, Serbien, Bosnien und Montenegro, 
weshalb die Türkei gegen ihre expansionslustigen Nachbarn scharfe 
Grenzwacht üben muß. Im Westen hat es an der Adria Anteil, im 
Osten am Schwarzen Meere, im Süden an der Agäis und es ist im 
Besitze der Verbindungsstraße zwischen dem Ägäischen und dem 

Stoiser, "WhtscUsfts- und Veikehrsi-'eograpliie il. europ. Staaten. I3 



— 194 — 

Schwarzen Meere, wodurch Koustantinopel eine ähnliche beherr- 
schende Position wie Kopenhageu und Gibraltar hat. 

Verfassung. Bis in die neueste Zeit war die Türkei ein abso- 
lutistisch-despotisch regiertes Staatswesen mit einem korrupten Be- 
amtentum (Paschawirtschaft) und ohne Gleichberechtigung der Rassen. 
Im Juli 1908 wurde durch die Revolution der Jungtürken ein voll- 
ständiger Umschwung aller staatlichen Verhältnisse herbeigeführt. 
Seither besteht eine konstitutionelle Verfassung. Der Reichstag 
ist aus dem Senat und der Kammer (280 Mitglieder) zusammen- 
gesetzt. Der Herrscher ist als oberster Kalif geistliches Oberhaupt 
der sunnitischen Mohammedaner. 

In gutem Zustande ist die türkische Wehrmacht, die nach 
dem Muster des deutschen Heeres eingerichtet wurde. Es besteht 
die allgemeine Wehrpflicht, die sich früher nur auf die Moham- 
medaner, jetzt auch auf alle übrigen türkischen Untertanen erstreckt. 
Samt den in Asien ausgehobenen Truppen beträgt die Kriegsstärke 
800.000 Mann ohne Landwehr und Landsturm. 

Die früher vollständig verwahrloste Flotte wird jetzt neu 
organisiert und ausgebaut. 

Bevölkerungsverhältnisse. Die Bevölkerung ist weder national 
noch konfessionell einheitlich. Die Türkei ist ein ausgeprägter Natio- 
nalitätenstaat. Das herrschende Volk sind die Türken. Ihre Zahl 
beträgt nur etwa 1 Mill. Obschon sie in der Minderheit und auch 
wirtschaftlich das schwächere Element des Staates sind, bilden sie 
doch den Grundstock des Heeres und haben alle wichtigeren Beamten- 
stellen inne. Sie sind tapfere Soldaten. Gerne widmen sie sich auch 
der friedlichen Tätigkeit des Landbaues, wogegen sie für den Handel 
weniger Begabung zeigen. Ein stolzes und dem Staate erst in neuester 
Zeit untergeordnetes Volk sind die IV4 Mill. Albanesen. Ferner 
gibt es in der Türkei noch IV4 Mill. Griechen, die als geschickte 
Kaufleute fast alle in den Städten wohnen, 1 Mill. mazedonische 
Slawen (Bulgaren, Serben), außerdem Rumänen (Kutzowalachen) 
in Mazedonien, Armenier, Spaniolen (besonders in Saloniki), 
Araber, Perser, Zigeuner. Levantin er und Franken, wie die 
Europäer genannt werden. 

Dieses bunte Völkergemisch wird nur zum Teil durch das 
einigende Band des Islams zusammengehalten. Der größte Teil der 
Bevölkerung ist auch nach Religionen gespalten. Der Katholizismus 
ist in zahlreichen Riten (lateinisch, armenisch, griechisch, syrisch) 
vertreten, sehr groß ist auch die Zahl der Anhänger der griechisch- 
orthodoxen (Patriarchisten), der orthodox-bulgarischen (Exarchisten) 
und der armenischen Kirche. 



— 195 — 

Hinsichtlich der Volksbildung treffen wir im allgemeinen 
eine große Rückständigkeit. Das Schulwesen der Türken ist ganz un- 
entwickelt und soweit Schulen bestehen, wird fast nur das Koran- 
studium betrieben. Am besten sorgen für die Schulbildung die 
Griechen. In Konstantinopel und Saloniki gibt es auch moderne 
Schulen, die von verschiedenen Völkern erhalten werden. 

Ziemlich beträchtlich ist die Auswanderung aus der Türkei. 
Sie erstreckt sich vornehmlich auf die Griechen und mazedonischen 
Slawen. Anderseits bemüht sich die Türkei, aus verloren gegangenen 
Ländern (Bosnien, Bulgarien) Mohammedaner zur Auswanderung in 
die Türkei zu veranlassen. Diese Auswanderer (Muhadschirs) werden 
zum Teil in Europa, aber auch in Asien angesiedelt. 

Siedlungen. Unter den malerischen Städten des türkischen 
Reiches ist die Hauptstadt Konstantinopel (m. V. 1,106.000 Einw.) 
durch ihre wundervolle Lage am „Goldenen Hörn" und am Bosporus 
an erster Stelle zu nennen. Sie ist die größte Handelsstadt der Le- 
vante, der politische Mittelpunkt der Türkei und der Kreuzuugs- 
punkt der Schiffahrtsstraßen vom Ägäischen zum Schwarzen Meere. 
Im Maritzab ecken liegt Adrianopel (123.000 Einw.) in strategisch 
wichtiger Position. Als Hafen des mazedonischen Hinterlandes hat 
Saloniki (144.000 Einw.) große Bedeutung. Andere mazedonische 
Städte sind noch Monastir, Üsküb und Prisrend. In Albanien 
liegen Janina, am gleichnamigen See Skutari, und an der Küste des 
Mittelmeeres die Hafenorte Durazzo und Valona. 

Das Wirtschaftsleben. 

Land- und Forstwirtschaft. Den Haupterwerbszweig der Be- 
völkerung bildet die Landwirtschaft. Der Boden, der sich jahr- 
hundertelang ausgeruht hat, ist von größter Fruchtbarkeit, trotzdem 
wird der Landbau nur sehr extensiv betrieben und weite Flächen 
ergiebigen Bodens liegen vollständig ungenutzt da. Sehr primitiv ist 
die Bearbeitung der Felder. Es herrscht noch überall die Brachwirt- 
schaft. Der Ernteertrag steht in gar keinem Verhältnisse zur Frucht- 
barkeit des Bodens. 

Unter den Getreide arten, die in der Türkei gebaut werden, 
ist der Weizen am wichtigsten. Er gedeiht am besten in Rumelien 
und Mazedonien. Einen großen Aufschwung hat der Gerstenbau zu 
verzeichnen, während der Roggen fast nur in Mazedonien kultiviert 
wird. Ungemein wichtig ist der Mais. Diese Frucht ist in 
Albanien und Altserbien die eigentliche Brotfrucht. Die Kartoffel 
ist noch sogut wie unbekannt. Dagegen wird der Gemüsebau der 

13^^ 



— 196 — 

Stark vegetarischen Lebensweise der Türken wegen überall bei 
künstlicher Bewässerung sehr sorgfältig betrieben. 

Wenig Bedeutung hat der Wein- und Obstbau. Das für die 
Mohammedaner geltende Verbot des Weingenusses und die hohe Be- 
steuerung der Weingärten sind der Grund, daß die Kultur der Reben 
vernachlässigt wird. Es befassen sich damit besonders die Griechen. 
Olivenpflanzungen finden sich am meisten an den Ufern des 
Marmarameeres und auf den Inseln. Ein ausgezeichnetes Erzeugnis 
der türkischen Landwirtschaft ist der Tabak, der in Mazedonien 
im Wardartale, sowie in der Gegend um Drama, Seres, Xanthi und 
Kavalla sowie um Adrianopel gebaut wird. Die Jahresernte beträgt 
etwa 1 5 Mill. Av/. 

Ganz unentwickelt ist die Forstwirtschaft. Schöne Wald- 
bestände hat noch Mazedonien und Albanien. In den höheren 
Gebirgsgegenden überwiegt das Nadelholz, in der Ebene der Laub- 
wald. Da die Besitzverhältnisse ganz ungeklärt sind, herrseht eine 
Art Raubwirtschaft. Die schönsten Stämme werden zur Erzeugung 
von Holzkohle verwendet. Bau- und Nutzholz muß eingeführt werden. 

Viehzucht. Obwohl ausgedehnte Weidegründe vorhanden sind, 
liegt auch die Tierzucht sehr darnieder. Die Tiere sind in der kalten 
Jahreszeit schlecht untergebracht, Stallfütterung ist unbekannt und 
es wird weder Heu gesammelt, noch werden Futterkräuter gebaut. 
Die Rinderzucht geht stark zurück, so daß ein großer Teil des 
Fleischbedarfes in den Städten durch Einfuhr gedeckt werden muß. 
In Mazedonien werden besonders Büffel gehalten. Die einst berühmte 
Pferdezucht ist gleichfalls unzureichend. Die einheimischen Pferde 
sind klein und unansehnlich, aber ausdauernd. Für die Zwecke des 
Heeres werden Pferde aus Ungarn, Bulgarien und Rußland eingeführt. 
Am verbreitetsten ist die Schafzucht, besonders der Fettschwanz- 
schafe. Das Fett dieser Tiere ersetzt vielfach die Butter und das 
Öl. Wolle und Felle bilden einen wichtigen Ausfuhrartikel. Ebenso 
wichtig ist auch die Ziegenhaltung. Schweine werden nur von 
Griechen und Bulgaren gezüchtet, da den Türken der Genuß des 
Schweinefleisches verboten ist. Von hervorragender Bedeutung ist 
die Seidenraupenzucht Mazedoniens und Rumeliens Die Rohseide 
wird nach Italien und Frankreich ausgeführt. Seit alters her wird 
auch die Bienenzucht eifrig gepflegt. Jagd und Fischerei sind des 
ungeordneten Betriebes wegen nicht sehr einträglich. Nur die 
Schwammfischerei des Ägäischen Meeres ist bemerkenswert. 

Mineralproduktion. Es ist längst festgestellt, daß sich in der 
Türkei reiche Bodenschätze vorfinden, doch denkt noch niemand 
an ihre Ausbeute. Am besten ist Mazedonien mit Mineralprodukten 



— 197 — 

ausgestattet. Außer Lagern von Kupfer- und Silbererzen findet sich 
noch Steinsalz, Magnesit, Asbest und Marmor. An den zahlreichen 
Bruchlinien gibt es eine große Anzahl von Thermen und Mineral- 
quellen. Die bekannteste ist in Banisco bei Strumica, deren Wasser 
eine Temperatur von 65" C aufweist. 

Industrie. Wie die übrigen Balkanländer hat die Türkei noch 
ein gut entwickeltes einheimisches Gewerbe, aber fast gar keine 
Fabriksindustrie. Das Klein- und Kunstgewerbe zeigt eine 
hohe Stufe der Vollendung und ihre Erzeugnisse, wie Teppiche, 
Messer, Silberfiligranarbeiten, Stickereien in Seide und Gold sind 
von origineller Schönheit, werden aber jetzt schon zum Teil 
durch billige Fabrikswaren des Westens verdrängt. Die Handwerker 
in den türkischen Städten sind noch nach Zünften organisiert. 

Von modernen Großbetrieben ist am besten die Textil- 
industrie vertreten, wie die Baumwollspinnerei (Konstantinopel, 
Saloniki, Vodenaj, Tuchfabrikation (Saloniki), die Müllerei und 
Bierbrauerei (Konstantinopel und Saloniki). Sehr gut entwickelt 
ist auch die Tabakindustrie, die von einer Monopolgesellschaft 
(Regie Ottomane) betrieben wird. Zu nennen wären noch die Macca- 
ronifabrikation, Seifenerzeugung, Ziegeleien usw. Der seit Einführung 
der Verfassung erhoffte industrielle Aufschwung hat sich bis jetzt 
noch nicht eingestellt. 

Verkehr und Handel. 

Im Verkehrswesen der Türkei findet man neben uralten und 
sonst völlig überlebten Verkehrsformen auch die neueren vertreten. 
Das Lastfuhrwerk ist fast unbekannt, in den Häfen und Städten 
herrscht noch der Trägerverkehr, der von Lastträgern (Hamals) 
besorgt wird. Straßen wurden nur gebaut, soferne sie von militä- 
rischen Gesichtspunkten notwendig waren. 

Von den Eisenbahnen sind zwei Linien wegen ihrer inter- 
nationalen Bedeutung zu nennen: 

1. Konstantinopel — Mustapha Pascha— (Sofia — Belgrad). 

2. Saloniki — Üsküb — (Nisch — Belgrad). 
Ferner die Linien: 

3. Konstantinopel — Kuleti Burgas— Seres — Saloniki. 

4. Saloniki — Monastir, 

5. Üsküb — Mitrovica. 

Geplant ist der Anschluß Saloniki— griechische Grenze. Der 
Betrieb der Bahnen ist mangelhaft und die Tarife sind sehr hoch. 

Die Post war bisher derart unzuverlässig, daß die europäischen 
Großmächte in den Städten eigene Konsulatsposten errichtet haben. 



— 198 — 

Die Telegraphie leidet besonders unter der Bestimmung, daß im 
Inlande nur in türkischer Sprache telegraphiert werden darf. 

Sehr günstige Vorbedingungen findet die Schiffahrt: eine 
reichgegliederte Küste mit guten Häfen und ein starkes Verkehrs- 
bedürfnis. Der Küstenverkehr ist sogar ziemlich lebhaft, ebenso wie 
der Lokalverkehr in Konstantinopel und den Vororten am Bosporus 
und an der asiatischen Küste. Den Auslandsverkehr besorgen aus- 
scliließlich fremde Gesellschaften, darunter vor allem der Öster- 
reichische Lloyd, die deutsche Levante-Linie und die französische 
Messagerie Maritime in Marseille. Die wichtigsten Häfen sind Kon- 
stantinopel und Saloniki. 

Eigenartig sind auch die Handels Verhältnisse der Türkei. 
Im Innenhandel sind die in allen Orten bestehenden wöchentlichen 
Markttage und ßazare, die ständigen Verkaufsstellen, charakte- 
ristische Einrichtungen, in denen der Warenumsatz erfolgt. 

Hinsichtlich des Außenhandels ist die Türkei wegen ihres 
Reichtums an Naturprodukten und bei dem Fehlen einer leistungs- 
fähigen Industrie ein gutes Absatzgebiet der westeuropäischen 
Staaten. Eingeführt werden vor allem Baumwollstoffe, Zucker, Ge- 
treide und Mehl, Kolonialwaren, Papier, Eisenwaren und Holz. Die 
wichtigsten Ausfuhrgegenstände sind Rohseide und Kokons, Trauben, 
Getreide, Felle und Häute, Teppiche und Wolle. Der größte Teil der 
Einfuhr wird aus Großbritannien, Österreich-Ungarn, Frankreich, 
Rußland und Italien bezogen, die Bestimmungsländer für die Aus- 
fuhr sind Großbritannien, Frankreich, Österreich-Ungarn, Ägypten 
und Deutschland. Die Handelsbilanz ist sehr stark passiv, trotz be- 
stehenden Ausfahr- und des 11° o Einfuhrzolles. 

Die anßereiiropäiselie Türkei. 

Der große Länderverband der außereuropäischen Türkei 
ist eine Wiederholung des Reiches Alexanders des Großen, 
nur ist es von Osten gekommen und mit orientalischem Kultur- 
inhalte erfüllt. Während die asiatischen Besitzungen der Türkei noch 
einen festen Rückhalt gewähren, sind die afrikanischen Nebenländer 
tatsächlich schon verloren. 

Die Bedeutung der asiatischen Türkei liegt darin, daß 
sie unmittelbar an Europa herangerückt ist und in Klima wie in der 
Produktion ähnliche Verhältnisse wie die europäische zeigt und be- 
rufen ist, die Wirtschaft der Türkei zu ergänzen. Sie besteht aus 
Anatolien (Kleinasien), Armenien und Kurdistan, Mesopotamien, Syrien, 
Palästina und den Küstenstrichen in Arabien, zusammen 17 Hill, km- 
mit 17 Mill. Bewohnern. 



— 199 — 

Trotz großer Verschiedenheit der Rassen ist die türkische 
Herrschaft in Asien ziemlich fest begründet, da der Islam das 
einigende Band darstellt. 

Durch große Bahnprojekte ist die wirtschaftliche Erschließung 
dieser Gebiete vorbereitet. 

Das Gesamtbild der Türkei weist trotz der reichen Produktions- 
möglichkeiten des Landes auf allen Gebieten der Kultur eine große 
Rückständigkeit auf. Europäische Einrichtungen fanden nur Ein- 
gang, soferne sie dem Heerwesen zugute kamen. Seit der Einführung 
der Verfassung arbeitet die modern gebildete Schichte der Türken 
eifrig an der Erneuerung des Staates. Aber die Armut und Bedürf- 
nislosigkeit der Bevölkerung verhindern ein rasches Vorwärtskommen. 
Das größte Hindernis findet der Siegsszug westlicher Ideen im Süd- 
osten Europas aber am Islam und am übertriebenen Selbstbewußtsein 
der OS manischen Rasse, die den übrigen Völkern des Reiches gegen- 
über ihre Herrenrolle nicht aufgeben will. Vom Standpunkte der 
Kultur ist die Herrschaft der Türken auf europäischem Boden kein 
Vorteil. 



Grieclienland'). 

Griechenland ist nach blutigen Kämpfen um seine Unabhängig- 
keit und nationale Wiederbelebung seit 1830 ein selbständiges Staats- 
wesen, hat sonach eine längere Entwicklung hinter sich als die 
übrigen Balkanstaaten. In der Tat treffen wir auch in diesem Lande 
mit seinen klassischen Erinnerungen einen relativ hohen Stand der 
Kultur. 

Staat und Volk. 

Das Königreich Griechenland umfaßt mit Einschluß der dazu 
gehörigen Inseln einen Flächenraum von . 65.000 kra^ mit 2'6 Mill. 
Einwohnern. 

Verfassung. Der griechische Staat wird konstitutionell regiert und 
weist einen demokratischen Anstrich auf. Es gibt keinen Geburts- 
adel im Lande. Infolge der Überproduktion an Gebildeten und der 
ausgesprochenen Neigung des Südländers zum Politisieren herrscht 
im Staate eine arge Parteisucht und ein ungesundes Streben nach 
höheren Staatsstellungen. Dabei ist der Staat stark verschuldet und 
steht unter internationaler Finanzkontrolle. 

Heer und Marine sind ziemlich vernachlässigt 



*) Literatur: Strack Ad.. Zur Landeskunde von Griechenland. Frank- 
furt a. M. 1912. 



— 200 — 

Bevölkerung. Die Bewohner des Landes sind zum größten 
Teile Griechen, mit slawischem Blute vermischte Nachkommen der 
alten Hellenen. Sie sind ein Menschenschlag von großer Lebens- 
zähigkeit und einem lebhaften Bildungstriebe beseelt. Sittenstrenge, 
schlichter Familiensinn, hingebende Vaterlandsliebe sowie eine aus- 
gesprochene Begabung für Handel und Schiffaiirt zeichnen sie aus. 
Sie besitzen ein gutes Schulwesen, eine Universität in Athen und 
sind unter den Völkern der Levante Träger einer höheren Bildung 
und des Fortschrittes. 

Außer den Griechen w-ohuen in geringerer Zahl noch Alba- 
nesen, Mazedo-Walachen, Armenier, Türken und Italiener in 
•Griechenland. 

Die herrschende Religion ist die griechisch-orthodoxe, deren 
Oberhaupt der Patriarch in Koustantinopel ist. 

Eine auffallende Erscheinung ist die starke Auswanderung 
nach Amerika. Sie wird ebensosehr durch die große Unternehmungslust 
als durch die ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse verursacht. 
Obwohl dem Lande dadurch wertvolle Arbeitskräfte entzogen werden, 
sind doch die Geldsendungen dieser Auswanderer für die Zahlungs- 
verhältnisse von großer Bedeutung. 

Siedlungen. Das griechische Städtewesen zeigt bereits deut- 
liche Ansätze moderner Entwicklung. So ist vor allem die Haupt- 
stadt Athen (167.000 Einw.) die modernste Stadt des Orients. Die 
am Meere gelegene Vorstadt Piräus (71,000 Einw.) ist nicht nur ein 
verkehrsreicher Hafen, sondern auch eine aufstrebende Industriestadt- 
Am Eingange in den Golf von Korinth liegt Patras (37.000 Einw.) 
und Korfu auf der Insel gleichen Namens. In Thessalien sind 
Larissa und der Hafen Volo (23.000 Einw.) wichtige Orte. Auf 
der Insel Sj^ra hat sich Hermupolis zu einem belebten Knoten- 
punkte der Schiffahrt entwickelt. 

Das Wirtschaftsleben. 

Land- und Forstwirtschaft. Das wirtschaftliche Leben Griechen- 
lands findet seine eigentliche Grundlage in der Bodenproduktion. 
Und doch ist das Land zu keiner Zeit imstande gewesen, seine Be- 
wohner mit den heimischen Erzeugnissen zu ernähren. Die land- 
wirtschaftliche Nutzfläche ist infolge der Karstnatur des Bodens 
sehr klein. Überall ist künstliche Bewässerung notwendig. Auf den 
Inseln ist die Terrassenkultur, auf dem Festlande der Hackbau und 
die Spatenkultur herrschend. 

Der Getreidebau wird am erfolgreichsten im thessalischen 
Becken und an den Küstenebenen betrieben. Er liefert Weizen, Mais 



— 201 — 

und Gerste, doch müssen jedes Jahr a:i'oße Mengen von Getreide 
und Mehl aus Rußland und den Donaustaaten eingeführt werden. 

Viel wichtiger ist der Weinbau und die Olivenkultur. Der 
Weinstoek gedeiht mit Ausnahme der hochgelegenen Gebirgsgegenden 
in ganz Griechenland und auf den Inseln. Trotz mangelhafter Pflege 
der Weingärten ist der Ertrag ein sehr reicher. Er beträgt im Jahre 
durchschnittlich 2'5 Mill. hl. 

Die griechischen Weine sind fast durchwegs sehr süß und schwer. Da von 
einer Kellerwirtschaft nicht die Rede ist, so versetzen die Griechen den Wein mit 
Harz, um ihn haltbarer zu machen. Gut gekelterte und nicht mit Harz versetzte 
Weine, darunter gute Dessertweine (Malvasier. Mavrodaphne) kommen von Patras 
aus in den Handel, wo die deutsche A.-G. Achaia große Kellereien besitzt. 

Außer Wein werden in Griechenland auch noch große Mengen 
Korinthen, das sind kleinbeerige Trauben, die auf festgestampftem 
Boden getrocknet werden, erzeugt. 

Ein anderes Erzeugnis der Landwirtschaft ist die Olive. 
Griechenland war schon im Altertum ein Land reicher Oliven- 
gewinnung. Die größten Pflanzungen sind auf Korfu, Kephalonia, 
Zante, Euböa. auf der Halbinsel Morea und in Attika. Die Olivenernte 
findet im Oktober statt. Aus den Früchten wird das Olivenöl gewonnen, 
teils werden sie konserviert. Die besten Öle liefern Lakonien und 
Attika. 

Das einst sehr holzreiche Land hat jetzt nur mehr eine geringe 
Waldfläche, zudem sind die Wälder auch sehr ungleich verteilt. 
Außer verschiedenen Eichenarten sind namentlich Nadelhölzer ver- 
breitet (Aleppokiefern, Schwarzkiefer, Pinienkiefer). Überall trifft 
man ferner Zypressen. An den Küsten und auf den Inseln herrscht 
der Buschwald oder die Macchia. Bedeutend ist die Harzgewinnung. 
Bauholz muß eingeführt werden. 

Viehzucht. Auch in der Tierzucht treffen wir eigenartige, von 
Mitteleuropa abweichende Verhältnisse. Die Weidegründe sind noch 
sehr ausgedehnt, Wiesen im eigentlichen Sinne gibt es aber nicht, 
denn im Sommer dorrt das Gras vollständig ab. Rinder werden 
nur wenig und unansehnliche Schläge gehalten. Allgemein werden 
dagegen Esel und Maultiere gezüchtet. Die größte Verbreitung hat 
aber die Schaf- und Ziegenzucht gefunden. Bienen- und Seidenraupen- 
zucht sind seit alters her verbreitet. Der Nähe des Meeres wegen ist 
der Fischfang und die Schwammfischerei eine wichtige Einnahms- 
quelle für die Bevölkerung der Küstenlandschaften und Inseln. 

Mineralproduktion. Reich an Bodenschätzen sind in Griechen- 
land besonders Thessalien, Attika, Euböa und die Inselgruppe der 
Kj'^kladen. Das ergiebigste Bergwerksgebiet ist Laurion, wo Silber-, 
Blei-, Eisen- und Manganerze gewonnen werden. Berühmt sind die 



— 202 — 

Marmorbrüche des Pentelikon bei Athen, sowie auf den Inseln Faros, 
Skj^ros, Tinos und Euböa. Die Salzgewinnung ist Staatsmonopol 
und erfolgt in Salzgärten an der Küste. Gute Kohle fehlt, nur etwas 
Braunkohle wird abgebaut. 

Industrie. Neben der noch weitverbreiteten Hausindustrie, die 
besonders Kleider, Schuhwerk, Schmuckgegenstände und Töpfer- 
waren herstellt, gibt es auch eine recht vielseitig entwickelte Fabriks- 
industrie, die sich aber fast nur auf die Städte Piräus, Larissa und 
Volo beschränkt. Diese Industrie wurde durch einheimische Unter- 
nehmer in das Leben gerufen und wird von der Regierung kräftig 
gefördert. Am leistungsfähigsten sind die Mühlenindustrie (im Firäus 
allein 13 Dampfmühlen), die Lederindustrie, die Baumwollspinnerei 
und Weberei, die Seifenfabrikation, die Bierbrauerei (Patissia bei 
Athen), die Kognakbrennereien und Ölpressen. Der inländische Ver- 
brauch an Fabrikaten macht trotz großer Fortschritte der Industrie 
noch eine sehr starke Einfuhr notwendig. 

Verkehr und Handel. 

Im allgemeinen ist das Verkehrswesen noch recht unvollkommen 
entwickelt. In den meisten Teilen des Landes erfolgt der Güter- 
transport durch Saumtiere, weshalb es nur wenig Straßen gibt. 

Auch das Eisenbahnnetz ist noch unfertig. Die meisten 
Bahnen sind schmalspurig. Nur die Strecke Athen — Larissa hat 
Norraalspur. Diese Linie soll bis an die türkische Grenze und von 
dort nach Saloniki zum Anschlüsse an das türkische Netz fortgesetzt 
Averden. Dadurch würde einem in Europa einzig dastehendem Zu- 
stande ein Ende gemacht, denn nach Griechenland kann man noch 
nicht mit der Eisenbahn gelangen. 

Von der Hauptstadt Athen strahlen folgende Linien aus: 

Kalambaka. 

/ 

1. Athen— Lamia — Pharsala — Larissa. 

Volo. 
Fatras— Pyrgos — Kalamata. 

/ 

2. Athen— Korinth 

^\ 

Tripolis. 

Während das Bahnnetz dem bescheidenen Innenverkehre gerade 
noch genügt, hat die Handelsflotte zur Besorgung des ungemein 
lebhaften Küsten- und Auslandsverkehrs sich gut entwickelt. Sie. 



I 



— 203 — 

zählte im Jahre 1911: 283 Dampfer und 811 Segelschiffe mit zu- 
sammen 447,000 t. 

Dem Seeverkehr kommt auch der Kanal durch den Isthmus 
von Korinth zustatten. 

Der Kanal von Korinth wurde im August 1893 dem Verkehre übergeben. Seine 
Länge beträgt 63 /. ?«, die Tiefe 8 in und die Breite 22 m. Für Schiffe, die aus der Adria 
kommen, bedeutet die Benützung dieser Fahrrinne eine Wegersparnis von rund 330 /^/h. 
Obwohl die Taxen sehr niedrig f-ind (l Frcs. pro Tonne und Person), wird er fast 
nur von kleineren griechischen Dampfern benützt, während die Schiffe der großen 
Gesellschaften ihn v/egen der unzureichenden Größenverhältnisse meiden. Sein 
Betrieb ist daher stark passiv. Im Jahre 1907 wurde er von der griechischen 
Nationalbank erstanden. Die Frequenz betrug 1910: 2336 Dampfer und 1709 Segel- 
schiffe. 

Bei der ausgesprochenen Begabung und Vorliebe der Griechen 
für den Handel hat sich im Lande selbst ein sehr lebhafter Innen- 
handel entwickelt. 

Auch der Außenhandel zeigt kein ungünstiges Bild, da in 
den letzten Jahren die Ausfuhr eine viel größere Zunahme als die 
Einfuhr aufweist. Sehr stark ist am griechischen Handel die öster- 
reichisch-ungarische Monarchie vertreten. Die beiden großen Ein- 
und Ausfallstore des Handels sind Firäus-Athen und Patras. 

Die Einfuhr (Getreide, Textilwaren, Kohle, Holz u.. a.) be- 
herrschen Großbritannien, Rußland, Österreich-Ungarn, Deutschland 
und die Türkei. 

In der Ausfuhr (Korinthen, Wein, Silbererze, Tabak, Eisen, 
Oliven, Kokons) behaupten Großbritannien, Deutschland und 
Österreich-Ungarn das Feld. 

Die Bilanz des Außenhandels ist andauernd ungünstig, doch 
verringert sich das Passivum von Jahr zu Jahr. 

Die bisherige Entwicklung Griechenlands ist keine ungünstige, 
es zeigt eine gesteigerte Entfaltung seines Wirtschaftslebens. Diese 
Entwicklung schreitet freilich langsam vorwärts, denn das Land 
bietet nur dürftige Hilfsquellen. Aber die Griechen haben es doch 
verstanden, fast den ganzen Handel der Levante in ihre Hände zu 
bekommen. Wir sehen sie als tüchtige Kaufleute auch in allen großen 
Städten Westeuropas. Und der Opfersinn dieser im Auslande reich 
gewordenen Griechen hat in ihrer Heimat manches schöne Werk der 
Kunst und der Humanität erstehen lassen. 



Kreta. 



Seit dem Jahre 1898 ist die Insel Kreta ein autonomes Ver- 
waltungsgebiet, das nur mehr unter nomineller Oberhoheit der Türkei 



— 204 — 

Steht. Die wiederholt angestrebte Vereinigung mit Griechenland 
wurde noch nicht erreicht. 

Kreta ist 8618 km- groß und wird von 344.000 meist griechischen 
Einwohnern besiedelt. Die Mohammedaner, die früher sehr zahlreich 
vertreten waren, sind zum größten Teil ausgewandert. Ihre Anzahl 
beträgt nur mehr 27.000. 

Diese Insel ist ein Gebiet von großer natürlicher Fruchtbarkeit 
des Bodens. In den tiefer gelegenen Teilen wird der Ackerbau, im 
Gebirge die Schaf- und Ziegenzucht betrieben. 

Aus den an der Nordküste gelegenen Städten Kanea (21.000 
Einw.), Rettim o und Kaudia (22.000 Einw.) werden in beträchtlicher 
Menge Olivenöl, Wein, Rosinen, Johannisbrot, Kastanien, Honig. 
Wachs und Felle ausgeführt. 

Die Eisenerz- und Kohlenlager harren noch der Ausbeute. 



ß. Die Apenninenhalbinsel. 

Die mittlere der drei südeuropäischen Halbinseln, die vom 
Festlande unseres Erdteiles weit in das Mittelmeer hineinragt und 
es in zwei Becken scheidet, ist durch ihre ausgezeichnete Abgrenzung 
und Gleichförmigkeit der Kulturbedingungen zu staatlicher Einheit 
und führenden Rolle in Südeuropa förmlich geschaffen. Nach Jahr- 
hunderte langer, weder in der Landesnatur noch in den Bevölkerungs- 
verhältnissen begründeter politischer Zersplitterung ist die Halbinsel 
seit 1870 wieder politisch geeinigt und Italien nimmt unter den 
Staaten Europas eine geachtete Stellung ein. 



Italien*). 

Das geeinigte Italien. 

Keine Nation Europas war so lange der Herrschaft fremder Völker 
ausgesetzt als die Italiener. Seit dem Untergange des weströmischen 
Reiches bis 1866 gab es einen unausgesetzten Wechsel der Herren 
des Landes. Gothen, Byzantiner, Langobarden, Franken, Normannen, 
Sarazenen, Deutsche, Franzosen, Spanier, die Päpste und die Öster- 
reicher beherrschen große Teile des Landes. Dazu kamen die ein- 
heimischen Städterepubliken und Dj'nastien. Und doch bewahrten 



*) Literatur: Krebs N., Italien, in Andree, s. o. Bd. I. — Fischer, P. D.. 
Italien und die Italiener, 2. Aufl. Berlin 1901. — Philippson, A.. Das Mittelmeer- 
gebiet, Leipzig 1904. 



— 205 — 

die Italiener trotz Fremdherrschaft und Rassenmischung ihre Sprache 
und erlebte das zersplitterte Italien die herrliche Kulturblüte der 
Renaissance. 

Seit dem 18. Jahrhunderte wurde die Sehnsucht nach einem 
einigen Italien immer größer. Durch seine Dichter wurde das Volk 
für diese Bewegung auch geistig vorbereitet, politisch wurde der 
Einheitsgedanke durch geheime Gesellschaften und die Politik 
Piemonts, das sich an die Spitze dieser Strömung stellte, genährt. 
Der Kirchenstaat und die österreichische Herrschaft in Oberitalien 
waren die größten Hindernisse des Einigungswerkes. 

Nach der Vertreibung der verschiedenen Dynastien und dem 
Ausscheiden Österreichs aus Italien (1859 und 1866) konnte bereits 
1861 die Proklamation des geeinigten Königreiches erfolgen. Die 
Einnahme Roms am 20. September 1870 bildete den Abschluß der 
Begründung des italienischen Nationalstaates. 

T)as junge Staatswesen hatte große Aufgaben zu erfüllen, 
eine Wehrmacht zu Land und zu Wasser zu schaffen, moderne 
Gesetze zu geben, die niederliegende Volksbildung und das Wirt- 
schaftsleben zu heben. Italien hat diese Fragen langsamer gelöst 
als das gleichzeitig geeinigte Deutsche Reich, aber es wurde auf 
allen Gebieten Großes geleistet. 

Staat und Volk. 

Größe und Weltlage. Italien ohne die Kolonien ist 286.600 Aw- 
groß. Seine Bevölkerung beträgt 34-6 Mill., mit Einschluß der zeit- 
weilig abwesenden Personen jedoch 36 Mill. An Größe und Ein- 
wohnerzahl steht es sonach den ande.en europäischen Großmächten 
um ein Beträchtliches nach. 

Ausgezeichnet ist die geographische Lage des Landes. Die 
auf drei Seiten vom Meere umschlossene Halbinsel erstreckt sich 
900 A'w in das Mittelmeer hinaus und da sie fast an den afrikanischen 
Kontinent heranreicht, bildet sie die natürliche Brücke für den Land- 
verkehr mit dem Orient {Peninsular Expreß Calais — Brindisi). Im 
Norden umschließt sie der Wall der Alpen, über deren Pässe indes 
zahlreiche Verkehrswege nach Mitteleuropa führen. Dank dieser 
günstigen Lage hat Italien von jeher die führende Rolle unter den 
drei südeuropäischen Halbinseln innegehabt. 

Verfassung. Seit seiner Einigung im Jahre 1861 ist Italien 
eine verfassungsmäßige Monarchie. Das Parlament besteht aus 
zwei Häusern. Der Senat setzt sich aus 390 teils erblichen, teils 
vom König auf Lebenszeit ernannten Mitgliedern zusammen. In be- 
stimmten Fällen (Hochverrat, Gefährdung der Sicherheit des Staates > 



— 206 — 

kann der Senat durch Dekret des Königs als Gerichtshof eingesetzt 
werden. Das Unterhaus ist die Abgeordnetenkammer mit 508 
auf fünf Jahre gewählten Mitgliedern. 

Für die Verwaltung ist das Land in G9 Provinzen eingeteilt, 
an deren Spitze Präfekten stehen. 

In geordnetem Zustande befindet sich das Finanzwesen Italiens. 
(Gute Staatswirtschaft, aber schlechte Volkswirtschaft.) 

Große Sorgfalt hat Italien der Ausgestaltung seiner Wehr- 
macht angedeihen lassen. Die allgemeine Wehrpflicht wurde im 
Jahre 1875 eingeführt, dazu kam neuestens die zweijährige Dienst- 
zeit. Das Heer ist in 12 Korps gegliedert. Die Friedensstärke betrug 
für 1911 276.000 Mann, im Kriege vermag Italien 800.000 Mann, 
einschließlich der Mobil- und Territorialmiliz aber 8'4 Mill. auf- 
zustellen. 

Die Kriegsflotte zählte 1911: 273 Fahrzeuge, darunter 
18 Schlachtschiffe I. Klasse, 20 andere Schlachtschiffe, 97 Torpedo- 
fahrzeuge, 8 Unterseeboote u. a. Eine große Anzahl von Schiffen 
sind im Bau. Das Marinepersonal beträgt im Kriege 97.000 Mann. 

Bevölkerungsverhältnisse. Die eigentlichen Bewohner des 
Landes bilden die Italiener, neben welchen es nur etwa V4 ^^i^^- 
Anderssprachige gibt. Sie sind ein romanisches Mischvolk, das im 
Norden germanischen, im Süden aber den Einschlag der Griechen, 
Sarazenen und Normannen zeigt. Daraus erklären sich auch die 
großen Gegensätze zwischen Nord- und Süditalienern. Im Norden 
herrscht eine höhere Bildung, Fleiß, Wohlhabenheit, Sinn für Ord- 
nung und Ausdauer bei allen Unternehmungen. Süditalien dagegen 
hat die größte Zahl der Analphabeten, dort sind Verwahrlosung, 
Trägheit, Armut und Bettelei, Aberglauben und Neigung zu Exzessen 
zu Hause. 

Allgemein zeichnen sich die Italiener durch südlich lebhaftes 
Temperament, rasche Auffassungsgabe, Phantasie, Sinn für Schöpf- 
ungen der Kunst und Patriotismus aus. Die italienische Sprache zer- 
fällt in zahlreiche Dialekte, das Toskanische ist die Schriftsprache 
(Lingua toscana in bocca romana). 

Von Nichtitalienern, die aber fast alle das Italienische beherrschen, 
sind zu nennen: Franzosen (140.000) in den Westalpen, Albanesen 
in Apulien, Kalabrien und Sizilien, Slowenen in Friaul, Griechen 
in Apulien und Kalabrien, Deutsche (25.000) am Fuße des Monte 
Rosa, in den Lessinischen Alpen und in allen großen Städten, ferner 
in geringelter Zahl noch Spanier, serbische und bulgarische Hirten 
sowie Zigeuner in den Abruzzen. 



207 



Fast die ganze Bevölkerung bekennt sich zum Katholizismus, 
daneben gibt es noch Waldenser, Protestanten und Juden. 

Die Dichte der Bevölkerung beträgt 121. Am dichtesten ist 
die Poebene, Toskana, die Umgebung von Neapel und die Nord- 
küste Siziliens besiedelt. Überall, selbst in ausgesprochenen Acker- 
baugebieten, herrscht die Siedlung in geschlossenen Orten und 
Städten vor, Einzelsiedlungen gibt es fast gar nicht. Sehr groß 
ist die Bevölkerungszunahme, sie beträgt zirka 400.000 Seelen 
im Jahre. 

Viel läßt in Italien noch die allgemeine Volksbildung zu 
wünschen übrig. Während für die höhere Bildung über den Bedarf 
durch 21 Universitäten und zahlreiche Mittelschulen gesorgt ist, wird 
das Volksschulwesen selbst in den Städten vernachlässigt. Die Zahl 
der Analphabeten, die für ganz Italien 52% beträgt, beläuft sich in 
Süditalien auf 80 bis 907o- 

Eine auffallende Erscheinung ist die starke Auswanderung 
der Italiener, die besonders im Süden und auf Sizilien zu einer 
förmlichen Entvölkerung ganzer Landstriche geführt hat. Für die 
Zeit von 1906 — 1910 gibt über die Auswanderung folgende Tabelle 
Aufschluß: 



Xacli Europa und in 

Lberseeische Aus- die Mittelmeerländer 

Wanderung , Saisonwanderung) 




1906 
190T 
1908 
1909 
1910 



511.935 
415.901 
238.573 
399.282 
402.779 



276.042 
288.774 
248.101 
226.355 
248.696 



787.977 
704.675 
486.674 
025.437 
651.475 



Das Ziel der dauernden Auswanderung ist die Union, Kanada, 
Argentinien, Urugay, aber auch Tunis und Algier. Die Saisonwan- 
derung erstreckt sich hauptsächlich nach Mitteleuropa, aber auch 
nach Argentinien (Erntearbeiter für den Südsommer). Durch die Aus- 
wanderung werden dem Lande wertvolle Arbeitskräfte entzogen und 
in vielen Gegenden herrscht infolgedessen ein großer Arbe?termangel. 
Verursacht wird diese Wanderbewegung durch das Pachtsystem der 
Latifundienwirtschaft sowie durch die daraus entspringende elende 
Lage der Bauern, durch die niedrigen Löhne, die große Armut 
breiter Volksschichten, durch den hohen Steuerdruck, sowie durch 
die Aussichtslosigkeit, die wirtschaftliche Lage im Inlande zu ver- 
bessern. Dem stehen die hohen Löhne in Amerika und die leichte 
Möglichkeit, in Südamerika oder Nordafrika um geringe Summen 



— 208 — 

eigenen Grund und Boden zu erwerben, gegenüber. Zum Teil werden 
die Schäden der Auswanderung durch den steigenden Handel Italiens 
nach den (lebieten der Auswanderung und die in das Land zurück- 
strömenden Geldsummen, die jährlich auf 400 bis 450 Mill. Lire ge- 
schätzt werden, ausgeglichen. Weniger nachteilig ist die Saisonwan- 
derung, da die italienischen Erdarbeiter, Maurer, Holzarbeiter und 
Handlanger nur in den Sommermonaten im Auslande weilen und 
mit ihren Ersparnissen wieder in die Heimat zurückkehren. 

Die Natur des Landes. 

Italien besteht in seinem Aufbaue aus einem festländischen 
Teile, der die Innenseite des Alpeubogens und die oberitalienische 
Tiefebene umfaßt, aus der eigentlichen italienischen Halbinsel, deren 
Rückgrat der Apennin bildet und aus den Inseln im Tyrrhenischen 
Meere: Sizilien, Sardinien und Elba, während Korsika politisch zu 
Frankreich gehört. 

1. Das festländische Italien. 

Die Alpen und die Riviera. Der Anteil Italiens am Gebirgs- 
wall der Alpen reicht vom Giovi-Paß nördlich von Genua bis an 
die Julischen Alpen. Die westlichen Gruppen (Ligurische A., See-A., 
Cottische A., Graische A., Penninische A., Lepontinische A.) liegen 
in der Urgesteinszone, da der innere Kalkbogen eingesunken ist. 
Östlich des Comosees sind die Gruppen der südlichen Kalkalpen- 
zone (Bergamasker A., Adaniello und Monte Baldogruppe, Lessini- 
sche A., Dolomiten, Carnische und Julische A.). Die italienischen Alpen 
erheben sich ohne Vorberge steil aus dem Tieflande zu bedeutenden 
Höhen (Gran Paradiso 4060 m, Monte Rosa 4640 vi). Sie sind nur 
wenig bewaldet und dünn besiedelt. 

Dieser hohe Gebirgswall bildet einen natürlichen Grenzschutz 
gegen Mitteleuropa. Durch eine größere Anzahl von tief einge- 
schnittenen Pässen (Mont Cenis, Simplon, St. Gotthard, Etschpforte, 
Paß von Pontebba) ist er aber sehr wegsam. 

In klimatischer Hinsicht sind die italienischen Alpen reich an 
Niederschlägen und infolgedessen strömt in das Vorland eine große 
Zahl von Flüssen mit starkem Gefälle hinaus, deren Wasserkraft eifrig 
ausgenützt wird. Als Oasen besonderer klimatischer Begünstigung sind 
das Gebiet der oberitalienischen Seen (Lago Maggiore, Lugano-, 
Conio-, Iseo- und Gardasee) und die Riviera hervorzuheben. 
Durch die steile Mauer der Alpen sind sie gegen rauhe Stürme 
geschützt, die reiche Sonnenstrahlung und der Einfluß des Wassers 
mildern die Temperatur. Dazu kommt eine herrliche Vegetation von 



— 209 — 

Kiefern, Buschwäldern, Olivenhainen, Lorbeergebüsch, Zypressen, 
Orangen- und Zitronenpflanzungen, sowie Gärten mit einem herrlichen 
Blumenflor, die au Schönheit kaum übertroffen werden können. 

Während das eigentliche Alpengebiet nur einige größere Sied- 
lungen aufweist, sind im Gebiete der oberitalienischen Seen eine 
Reihe von klimatischen Kurorten, wie Laveno, Bellagio, Limone, 
Salo zu nennen. An der Riviera aber reiht sich von Spezzia bis 
Ventimiglia ein Kurort an den anderen. Die bekanntesten darunter 
sind Rapallo, Nervi, Savona, San Remo und Bordighera. Die be- 
deutendste Stadt dieses Gebietes ist jedoch Genua (272.000 Einw.), 
der größte Hafen Italiens. 

Im Wirtschaftsleben der Alpen tritt die Almwirtschaft und 
neuestens die Industrie (Textilindustrie) infolge der elektrischen 
Kraftstationen besonders hervor. Im Bereiche der Seen und an der 
Riviera ist der Fremdenverkehr eine wichtige Einnahmsquelle. 

Das oberitalienische Tiefland. Der Raum zwischen Alpen und 
Apennin wird von den Westalpen bis zur Adria von einem 400 km. 
langen Tieflande, der Poebene und der venezianischen Ebene, 
ausgefüllt. Dieser frühere Golf der Adria, deren Wellen am Fuße 
der Alpen brandeten, wurde durch die starke Schuttführung der 
Alpenflüsse ausgefüllt und zu einer Schwemmlandsebene um- 
gewandelt Große Schottermassen wurden auch durch die Gletscher 
aufgeschüttet. Am Rande der Alpen sind an den Seen und Flüssen 
(mit Ausnahme der Etsch) große Moränenwälle vorhanden. Im Westen 
erhebt sich aus der Ebene das Bergland von Montferrat, im 
Osten sind den Lessinischen Alpen die Monti Berici und die alt- 
vulkanischen Euganeischen Hügel vorgelagert. 

Eine eigenartige Beschaffenheit zeigt der Küstensaum der Adria 
an der venezianischen und Poebene. Von der Mündung des Isonzo 
bis nach Rimini am Fuße des Apennin schwingt sich ein flacher 
Küstenbogen, der sich durch Anschwemmungen immer weiter ins 
Meer vorschiebt, Nehrungen (Lidi) bildet, welche die Lagunen 
Veneziens und der Romagna vom Meere absondern. Von den Häfen 
dieser Lagunenküste sind Adria, Ravenna, Aquileja versandet, nur 
Venedig hat sieh gerettet, doch mußte für große Dampfer die Zu- 
fahrt vertieft werden. 

Die große Sammelader der Flüsse Oberitaliens ist der Po, der 
am Monte Viso entspringt und in einem weit in die Adria vor- 
geschobenen Delta mündet. Vom Apennin empfängt er den Tanaro, 
die Trebia und den Taro als Nebenflüsse. Aus den Alpen führen 
ihm die Dora Riparia, Dora Baltea, Sesia, der Tessin, die Adda, der 
Oglio und Mincio ihre Gewässer zu, nachdem sie die alpinen Rand- 

Stoiser, Wirtschafts- und Verkehrsgeographie d. europ. Staaten. ■« j 



— 210 — 

Seen durchflössen haben. Die Flüsse der venezianischen Ebene 
sind die Etsch, Brenta, Piave und der Tagliamento. Sie haben 
breite und seichte Schotterbetten und schütten viel Material 
auf, daß die Umgebung durch Dämme geschützt werden muß. So 
liegt der Spiegel des Po stellenweise höher als die umliegenden 
Häuser. 

Das Klima der Poebene ist kontinental mit heißen Sommern, 
kalten Wintern und häufigem Witterungswechsel. Es stellt den Über- 
gang vom Mittelmeergebiet zum mitteileuropäischen Klima dar. Das 
Maximum der Niederschläge fällt im Winter. 

Oberitalien ist ein dicht bevölkerter und geschichtlich inter- 
essanter Kulturboden, auf dem eine große Anzahl von Städten vor- 
handen sind. In Piemont liegt die alte Hauptstadt Turin (419.000 
Einw.), berühmt durch ihre Industrie (Automobile, Wolle, Seide) und 
Verkehrslage, östlich davon sind Novara, Alessandria und Asti 
in berühmter Weingegend. Unter den Städten der Lombardei ragt 
Mailand (602.000 Einw.) durch seine vielseitige Industrie (besonders 
Seide) und als Sammelpunkt der großen Alpenbahnen hervor. Monza, 
Pavia und Mantua sind geschichtlich bekannt. Am Rande der Alpen 
liegen die durch ihre Seidenindustrie wichtigen Orte Conio, 
Bergamo und Brescia. Gegen den Apennin zu sind Parma, 
Modena und Bologna (173.000 Einw.), der ..Schlüssel zu Italien'' 
zu nennen. In Venezien sind als größere Orte Verona am Aus- 
gange der Etschpforte, Vicenza, Udine, Treviso, Padua, Ferrara, 
Venedig (160.000 Einw.), Ravenna und Rimini hervorzuheben. 

Das Wirtschaftsleben der oberitalienischen Ebene ist außer- 
ordentlich vielseitig. Neben dem sorgfältig betriebenen Acker- und 
Gartenbau gedeihen in reicher Fülle Obst und Wein. Selbst die Vieh- 
zucht (Pferde, Rinder, Seidenraupen) ist hier gut entwickelt. Haupt- 
sächlich ist Oberitalien aber der Sitz der Industrie. Der Wasser- 
reichtum und zahlreiche Kraftanlagen ließen eine leistungsfähige 
Metall- und Textilwarenindustrie erstarken, deren Mittelpunkte Turin 
und Mailand sind. 

Besser als in irgendeinem anderen Teile ist in diesem aus- 
gedehnten Flachlande auch der Verkehr entwickelt. 

2. Die apenninische Halbinsel. 

Umriß und Richtung erhält die italienische Halbinsel durch 
den Kettengebirgszug des Apennin, der sich an dem verkehrs- 
wichtigen Giovi-Passe unmittelbar an die Alpen anschließt und in 
einem flachen, nach innen offenen Bogen bis an die Südspitze 
Calabriens sich erstreckt. An der Außenseite zeigt er eine sanfte 






— 211 — 

Böschung, während er gegen die Senkungsfelder an der tyrrhe- 
nischen Seite steil abfällt. 

Der einförmige und sanftgeformte nördliche Abschnitt besteht 
aus dem ligurischen und etruskischen Apennin und reicht bis 
an den oberen Tiber. Am höchsten und unzugänglichsten ist der aus 
Kalk aufgebaute und verkarstete römische Apennin und die 
Abruzzen. Im Süden ist das Gebirge durch Bruchlinien in einzelne 
Schollen aufgelöst und endet auf der Halbinsel in den Urgebirgs- 
stöcken Kalabriens. Als östliches Vorland ist die apulische 
Kreidetafel aufzufassen. 

Das breite Vorland an der Westseite setzt sich aus den 
Apuanischen Alpen mit seinen berühmten Marmorbrüchen 
von Carrara, dem toskanischen Subapennin, einem Hügellande 
mit tiefeingeschnittenen Flüssen, der römischen Campagna mit 
den vulkanischen Albanerbergen sowie der campanischen Ebene 
bei Neapel mit dem Vulkangebiete der Phlegräischen Felder und 
dem Vesuv zusammen. 

Von großer Einförmigkeit ist der Küstensaum der Halbinsel. 
An der adriatischen Seite zieht sich eine ganz flache Längsküste 
hin, die von einem schmalen Schwemmlandssaume begleitet wird. 
Nur die Buchten von Ancona und Brindisi haben Verkehrswert. 

Besser ist die Westküste. Sie hat besonders im Süden schöne 
Buchten und auch im Norden w^eist die Lage von^Livorno und 
Spezzia natürliche Vorzüge auf. Der mittlere Teil jedoch ist eine 
unausgeglichene Schwemmlandsküste, hinter der sumpfige Ebenen 
(Maremmen) liegen. 

Für die Entwicklung größerer Flüsse bietet die Halbinsel zu 
wenig Raum dar. In das Tyrrhenische Meer ergießen sich der Arno, 
Tiber, Garigliano und Volturno, zum Meeresgebiete der Adria 
gehören der Ofanto, Sangro, Metauro und Reno. 

Nach Temperatur, Niederschlagsverhältnissen und der Vegetation 
gehört die apenninische Halbinsel schon dem mediterranen Klima 
an. Die Sommer sind nahezu regenlos, die Temperatur zeigt nur 
geringe Extreme und unter den Luftströmungen ist der echte 
Schirokko schon häufig. Nur die Beckenlandschaften im Innern 
zeigen abweichende Verhältnisse. Als klimatische Übelstände sind die 
Sommerdürre und die Malaria zu nennen. 

Unter den Siedlungen Halbinselitaliens sind an der Ost- 
abdachung des Apennins besonders Ancona, ein Flottenstützpunkt 
und belebter Hafen an der Adria, Foggia, Bari, Brindisi, die 
Umschlagsstation des europäischen Personen- und Postverkehrs nach 
dem Orient, und Otranto zu nennen. Im Golfe von Tarent ist die 

14* 



— 212 — 

Hafenstadt Tarent neuestens wieder wichtig geworden. Die Mehrzaiil 
der Städte liegt aber an der Westseite, wo von jeher das Schwer- 
gewicht des Wirtschaftslebens ruhte. An erster Stelle ist Neapel 
(723.000 Einw.) zu nennen, die volksreichste Stadt Italiens, eine 
der schönsten Städte der Welt und der zweitgrößte Hafen des 
Landes. Die Hauptstadt Kom (538.000 Einw.) am unteren Tiber ist 
als politischer Mittelpunkt des geeinigten Königreiches wie als Sitz 
des Papsttums und durch ihre Geschichte eine der ehrwürdigsten 
Städte der Welt überhaupt. Am oberen Tiber sind Terni (Eisen- 
industrie), Spoleto und Perugia. Auch Toskana weist berühmte 
Städte auf, wie Siena, Arezzo, Florenz (233.000 Einw.) 
mit Industrie und reichen Kunstschätzen, Pistoja, Lucca, Pisa, 
Livorno (105.000 Einw.), der Hafen des toskanischen Hinterlandes, 
Carrara und Spezzia, der Stützpunkt Italiens zur See. 

Das wirtschaftliche Leben der Halbinsel zeigt bei reicher 
Fruchtbarkeit im ebenen Lande überall eine große Rückständigkeit 
und Lässigkeit der Bodenkultur. Bei guter Bewässerung gibt es 
reiche Ernten an Weizen, Mais, Erzeugnissen des Gartenbaues, an 
Obst, Wein und Südfrüchten. Der Apennin ist fast ganz entwaldet 
und kahl, dafür tritt der niedrige Buschwald auf. Sommergrüne 
Laubbäume, Wälder von Edelkastanien, Zypressen und Pinien sind 
nur stellenweise in größeren Beständen vorhanden. Die Tierzucht 
wird am meisten in der Campagna (Rinder und Schafe) sowie im 
Gebirge (Ziegen) betrieben. Seidenraupenzucht und Fischerei sind 
sehr wichtig. Mineralschätze (Marmor, Salz) werden nur wenig aus- 
genützt. Die Industrie tritt stark zurück und ist ganz auf die großen 
Städte beschränkt. 

Der Verkehr ist am lebhaftesten im Bereiche der Küsten. 

3. Die Inseln. 

Politisch wie geographisch sind auch Sizilien, Sardinien und 
die toskanischen Inseln ein Teil Italiens. 

Sizilien, das Cbergangsland zu Afrika, ist nur durch die 3 hm 
breite Straße von Messina vom Festlande getrennt. Im Norden ist es 
von einem Gebirge, das die Fortsetzung des Apennins bildet, erfüllt. 
Gegen Süden und Westen senkt es sich in einem Hügellande von 
sanften Formen zu einer hafenarmen Küste ab. Im Osten wird es 
aber von dem 3300 w hohen Vullcanberge des Ätna überragt. 

Die tyrrhenischen Inseln Sardinien, das französische Korsika 
und die toskanischen Inseln (Elba, Pianosa, Capraja, Monte 
Christo) sind gebirgige Überreste eines alten zerstückelten Fest- 
landes, das zum größten Teil in die Tiefe gesunken ist. 



— 213 — 

Auf diesen Inseln herrscht ein scharf ausgeprägtes Mitte 1 - 
meerklima mit einer winterlichen Hauptregenzeit und völliger 
Regenlosigkeit im Sommer. 

Die Siedlungen liegen fast alle an der Küste. An der wirt- 
schaftlich wichtigen Nordseite ist Palermo (341.000 Einw.), an 
der Westspitze sind die Fischer- und Weinorte Trapani und Mar- 
sala, im Süden Girgenti und an der Ostfront Sj'rakus, Catania 
(211.000 Einw.) und Messina (126.000 Einw.). Im Innern sind nur 
einige Ackerbaustädte. Auf Sardinien wären Cagliari, Sassari und 
Iglesias zu erwähnen. 

Wirtschaftlich sind die einst blühenden Inseln jetzt zum 
größten Teil ganz verwahrlost. Sizilien produziert Weizen, Südfrüchte, 
Wein, aber auch Baumwolle und Zuckerrohr. Daneben besteht Seiden- 
raupenzucht und Fischfang. Mineralprodukte liefern Sizilien (Schwefel), 
Sardinien (Blei, Eisen) und Elba (Roteisenerz). 

Das Wirtschaftsleben. 

Ein Vergleich der italienischen Volkswirtschaft mit mitteleuro- 
päischen Verhältnissen läßt Italien als ein Land ungesunder Gegen- 
sätze erscheinen. Die soziale Schichtung der Bevölkerung bietet das 
Bild großen Reichtums in den Händen weniger und eine gute Staats- 
wirtschaft, dem gegenüber Armut der Masse und eine zurückgebliebene 
Volkswirtschaft. Grund und Boden gehört einer Minderheit von Groß- 
grundbesitzern, während die Mehrzahl nur Besitzer von Parzellen 
oder Pächter sind. Überall trifft man intensiven ßodenbau und 
Gartenkultur neben steppenähnlichen Gebieten und weiten öd- 
ländereien. Dazu kommt der scharfe Kontrast zwischen der Betrieb- 
samkeit des Nordens und der vernachlässigten Wirtschaft des 
Südens. 

Land- und Forstwirtschaft. Das Wirtschaftsleben des dicht 
bevölkerten und von der Natur mit vielseitigen Produktionsmöglich- 
keiten ausgestatteten Landes zeigt ein starkes Überwiegen der Land- 
wirtschaft. Es befassen sich 377o der Bevölkerung mit Ackerbau. 
Doch leidet dieser wichtige Erwerbszweig an einem großen Übel- 
stande, an der Ungleichheit der Besitzverhältnisse. Seit den 
punischen Kriegen gehört der weitaus größte Teil des Bodens den Groß- 
grundbesitzern. Von der Gesamtheit der in der Landwirtschaft be- 
schäftigten Personen sind nur 28% Eigentümer, während 4l0'o Pächter 
und 307o Taglöhner sind. Am ausgebreitetsten ist der Großgrund- 
besitz in Latium, im ehemaligen Königreich Neapel und in Sizilien. 
Doch bewirtschaften die Latifundienbesitzer ihre Güter nicht selbst, 



~ 214 — 

sondern verpachten sie meist in kurzfristigen Verträgen'*"). Nur in 
Oberitalien dauert die Pacht länger. Während die Freibauern ihre 
kleinen Güter mustergiltig bewirtschaften, werden die Pachtgüter 
nur unvollkommen ausgenützt. Dazu kommt, daß die Steuern und 
die Hypothekarzinsen in Italien sehr hoch sind. 

Die Betriebsweise, in der Ebene Spaten-, im Hügellande 
Terrassenkultur, ist nur in Oberitalien rationell, in Mittel- und Süd- 
italien aber äußerst mangelhaft. Daher ist noch viel Land brach- 
liegend (137o) oder nur oberflächlich ausgenützt. Fast überall 
bedarf der Boden der künstlichen Bewässerung. In Oberitalien 
besteht ein dichtes Netz von Kanälen, im Süden und auf Sizilien 
werden für diese Zwecke die mächtigen Quellen, die am Fuße der 
Kalkgebirge entspringen, ausgenützt. 

Unter den Kulturpflanzen nimmt der Weizen, die eigentliche 
Brotfrucht des Landes, die größte Anbaufläche ein und er liefert 
fast ein Drittel des gesamten Ernteertrages. Doch müssen für die 
hochentwickelte Maccaronifabrikation große Mengen aus Rußland, 
den unteren Donauländern und Amerika eingeführt werden. Sehr ver- 
breitet ist auch der Anbau von Mais, der die Nahrung der ärmeren 
Bevölkerung liefert (Polenta). In der westlichen Poebeue, vornehmlich 
um Novara, Pavia, Mailand und Verona, besteht eine ausgebreitete 
Reiskultur, die sogar bedeutende Erträge für die Ausfuhr (Öster- 
reich, Schweiz, Argentinien) liefert. In der Gemüsekultur und im 
Gartenbau hat Italien die höchste Stufe erreicht, es kann viel 
Gemüse (besonders Frühjahrskartoffeln) und Blumen (Bordighera, 
San Remo) ausführen. 

Von großer Wichtigkeit ist auch die Edelkastanie und die 
Olivenkultur. 

Die Edelkastanieuwälder im Hügellande Nord- und Mittel- 
italiens sowie am Ätna umfassen eine Fläche von 4000 km-. Die 
Früchte sind ein wichtiges Nahrungsmittel und bilden einen einträg- 
lichen Gegenstand der Ausfuhr. 

Weit unter den Kulturpflanzen verbreitet ist der Ölbaum. 
Italien wird in der Olivenkultur nur von Spanien übertroffen. Die 
ausgedehntesten Olivenwaldungen sind in Süditalien (Apulien) und 
in Sizilien. Das Olivenöl wird zum größten Teil im Inlande 
verbraucht, bildet aber auch einen namhaften Handelsartikel (1909: 
34 Mill. Lire). 

Einen besonders lohnenden Erwerbszweig stellt die Südfrüchten- 
gewinnung (Agrumen) dar, doch ist sie weniger ausgebreitet als 

*) In Sizilien sind 82%, in Unteritalien SO^/o des Großgrundbesitzes ver- 
pachtet. 



— 215 — 

die Olivenkultur oder der Weinbau. Am meisten Südfrüchte 
liefern die Nord- und Ostseite Siziliens, sowie das gegen- 
überliegende Küstengebiet Kalabriens (Palermo, Messina, Catania, 
Syrakus und Reggio). Auch in der Umgebung Neapels und in 
Ligurien ist die Südfrüchtengewinnung noch sehr lohnend. Ihre 
wichtigsten Erzeugnisse sind Mandeln, Feigen, Granatäpfel, Johannis- 
brot, Orangen und Zitronen. Die Ausfuhr ist hauptsächlich nach 
Österreich-Ungarn, Deutschland und Rußland gerichtet. (1909 : 
35 Mill. Lire). 

Italien ist auch das zweite Weinland der Erde, dessen Jahres- 
erträgnis durchschnittlich 50 Mill. hl ausmacht. Er gedeiht in der 
Ebene und im Hügellande. Die ergiebigsten Weingebiete sind Unter- 
italien, Sizilien, Piemont, Toskana und Ligurien. Feurige und schwere 
Weine gedeihen in Sizilien (Marsala) und auf dem Vulkanboden des 
Vesuv und der Albanerberge. Der italienische Weinbau leidet 
unter der Konkurrenz Spaniens und Frankreichs. Die Weinausfuhr 
erfolgt jetzt besonders nach Südamerika, aber auch in die Union, 
nach Deutschland und Ägypten. 

Andere wichtige Erzeugnisse der italienischen Landwirtschaft 
sind noch Tabak (Staatsmonopol), Flachs und Hanf (in der Emilia) 
und die Zuckerrübe. 

Das einst sehr waldreiche Italien gehört jetzt zu den wald- 
ärmsten Ländern Europas. Die Forstkultur ist überall vernach- 
lässigt. In den Alpen sind noch Nadelwälder von geringer Aus- 
dehnung. Die Höhen des Apennin sind meist von Buschwäldern 
bedeckt, nur stellenweise sind herrliche Bestände von Edelkastanien, 
Steineichen und Rotbuchen. In Sizilien hat der Ätna große Kastanien- 
bestände und im nördlichen, schwer zugänglichen Teile der 
Insel sind auch noch Wälder vorhanden. Gut bewaldet (20^ o) ist 
noch Sardinien. Im allgemeinen ist Italien auf einen starken Holz- 
import aus Österreich-Ungarn angewiesen. Der größte Holzmarkt ist 
Genua. Ausgeführt werden etwas Nußholz und Erzeugnisse der 
Korkindustrie. 

Viehzucht und Seefischerei. Der Viehzucht kommt in Italien 
eine viel geringere Bedeutung zu als dem Ackerbau. Infolge der 
sommerlichen Dürre mangelt es an Wiesen, nur der berieselte Boden 
Oberitaliens hat reichlichen Graswuchs. Der Viehzüchter ist in der 
Regel Hirte und betreibt nicht auch Ackerbau, sondern Boden- 
produktion und Viehhaltung sind getrennte Wirtschaftszweige. 

Die Aufzucht von Rindern, Milchwirtschaft und Käsepro- 
duktion sind des Futterbaues und der Almweiden wegen am reich- 
lichsten in Oberitahen vorhanden. Käse kann sogar in großen Mengen 



— 21Ü — 

ausgeführt werden (1909 um 45 Mill. Lire). Der Mittelpunkt der 
Käseproduktion ist Lodi. Im Sumpfgebiete der Maremmen werden 
Büffel gehalten. Eine große Verbreitung hat die Schafzucht ge- 
funden. Sie wird von Wanderhirteu betrieben, welche die zahlreichen 
Herden, die Eigentum der Großgrundbesitzer sind, im Sommer auf 
die Bergweiden Umbriens und der Abruzzen, im Herbst und Winter 
in die Maremmen, Campagna und nach Apulien bringen. Die früher 
unbedeutende Schweinezucht ist neuestens in Zunahme begriffen. 
Unzureichend ist die Zahl der Pferde, weshalb viele aus Ungarn 
eingeführt werden. Für Zwecke des Saumverkehrs werden viel Esel 
und Maultiere gehalten. Geflügelzucht und Eierexport sind im Auf- 
blühen. Eine hervorragende Stelle nimmt Italiens Seidenraupen- 
zucht ein. Sie ist in der Poebene am meisten verbreitet und liefert 
jährlich 50 bis 55 Mill. % Kokons, woraus 4V2 Mill. % Ptohseide ge- 
wonnen wird. 

Für die Küsten- und Inselbewohner ist der ergiebige Fisch- 
fang eine wichtige Einnahmsquelle. Mit der Seefischerei befassen 
sich etwa 54.000 Fischer mit 25.000 Barken. In der Adria beherrschen 
die Bewohner der Insel Chioggia das Feld, deren Tätigkeit sich bis 
an die dalmatinische Küste erstreckt. Italienische Fischer trifft 
man aber auch an der Küste Nordafrikas und in den türkischen 
Gewässern. Bedeutend ist auch die Industrie für Fischkonserven 
(Sardinen, Tunfische, marinierte Aale). 

Mineralproduktion. An Produkten des Bergbaues ist Italien 
ärmer als die Mehrzahl der Staaten Europas. Soweit solche vor- 
handen sind, liegen ihre Fundstätten auf den Inseln und in Toskana. 
Die Außenseite des Apenninenbogens birgt so gut wie gar keine 
Mineralprodukte. 

Von größtem Nachteile ist besonders der Mangel an guter 
Kohle. Braunkohle findet sich an mehreren Orten (im Arnotale, 
bei Bologna, auf Sardinien), ihre Qualität ist aber eine sehr schlechte. 
Italien ist daher nach Frankreich und Deutschland der stärkste Ab- 
nehmer englischer Kohle. Die Einfuhr betrug 1909; 260 Mill. Lire. 
Ausgezeichnet sind die Eisenerze, die auf der Insel Elba im Tag- 
bau gewonnen und jetzt zum größten Teil im Inlande verhüttet 
werden (Porto Ferrajo, Piombino, Neapel). Eisen findet sich auch 
auf Sardinien und in den Bergamasker Alpen. Hervorragend ist 
die Ausbeute von Zink (Sardinien), Silber, Kupfer, Antimon, 
Quecksilber, ferner von Asphalt (Ragusa in Sizilien) und Petro- 
leum (in der Emilia). Italien ist auch der größte Schwefelpro- 
duzent (Sizilien bei Girgenti, Caltanisetta und Lercara in Calabrien, 
den Marken [Sassoferrato] und bei Bologna). Die Salzgewinnung 



— 217 — 

erfolgt aus dem Steinsalz in Sizilien und Kalabrien, Seesalz liefern 
die Salzgärten im Süden (Apulien, Cagliari, Trapani). Außergewöhn- 
lich groß ist die Zahl der Mineral- und Thermalquellen (z. B. 
Isehia, Tivoli, in den Euganeen, Toskana und Piemont [Valdieri, 
Acqui]). Zu erwähnen sind auch die Marmorbrüche (Carrara, mit 
8000 Arbeitern; Verona, Vicenza), die Lager von Alabaster (Volterra). 
Gips, Pozzolan und Farberden. 

Industrie. In der industriellen Entwicklung ist Italien lange 
Zeit hinter den mittel- und westeuropäischen Staaten zurückgeblieben, 
so daß es zu den industrieärmsten Ländern unseres Erdteiles zählte. 
Die Ursache dieser Rückständigkeit war der Mangel an Kohle und 
Kapital sowie eine geringe Unternehmungslust. Durch die Fürsorge 
des Staates begünstigt, hat aber im letzten Viertel des 19. Jahr- 
hunderts eine lebhafte Fabriksindustrie sich entwickelt, die durch 
die Schutzzollpolitik und die großartige Ausnutzung der reichen 
Wasserkräfte in den Alpen und im nördlichen Apennin besonders 
gefördert wurde. Wie in der benachbarten Schweiz oder in Schweden 
will Italien den Kohlenimport möglichst einschränken und die teuere 
Dampfkraft durch Elektrizität ersetzen. Daß die Industrie schon 
einen großen Umfang angenommen hat, kann man daraus ersehen, 
daß es im Jahre 1906 bereits 120.000 Fabriken mit 1-6 Mill, Ar- 
beitern gab. 

Die maßgebenden Industriebezirke sind in Oberitalien am Rande 
der Alpen in Piemont, der Lombardei, außerdem in Ligurien und 
Toskana. In Unteritalien dürfte Campanien zu größerer Bedeutung 
gelangen. 

Italiens berühmtester Industriezweig ist die Seidenfabrikation, 
deren Mittelpunkte Mailand, Como, Monza, die Umgebung von Turin 
und Venezien (Verona, Padua), ferner Florenz und in Campanien 
Neapel, Caserta und Salerno sind. Im ganzen bestehen gegen 
1600 Betriebe mit l"6 Mill. Spindeln und 7700 mechanischen Web- 
stühlen. Der Hauptsitz der Seidenweberei ist Como. Seide ist der 
wichtigste Ausfuhrgegenstand (jährlich etwa ^2 Milliarde Lire). Italien 
liefert den vierten Teil der Weltproduktion. 

Den größten Aufschwung zeigt aber die Baumwollindustrie 
in der Lombardei, Venezien, Ligurien und Toskana. Sie arbeitet fast 
ausschließlich mit Wasserkraft und liefert billige Massenerzeugnisse 
für die Ausfuhr in die Türkei und nach Südamerika. Baumwoll- 
gewebe sind der zweitwichtigste Exportartikel. 

Die Tuchindustrie ist zwar recht gut vertreten, doch müssen 
feinere Schafwollstoffe noch eingeführt werden. Der im Inlande 
gebaute Flachs wird meist in der Hausindustrie zu Leinwand und 



— 218 — 

Spitzen verarbeitet. Bekannt sind ferner Seilerei und Strohhut- 
fabrikation (Florenz, Pistoja, Venedig, Neapel;. 

Verhältnismäßig jungen Datums ist die Eisen- und Stahl- 
industrie. Die Erze wurden früher im Auslande verhüttet, 
neuestens verwendet man aber die Elektrizität zum Schmelzen der 
Erze. Außer Hochofenaulagen gibt es große Eisenwerke, die 
Maschinen, Lokomotiven und Waggons, Panzerplatten (Terni), Ar- 
maturen usw. erzeugen. Uralt ist die Kleineisenindustrie in den 
Alpentälern. Am berühmtesten ist aber die Automobilindustrie 
in Turin (Fiat, Züst, Bianchi) und Mailand (Itala, Spa, Lancio). In 
laugsamer Zunahme ist auch der Schiffbau begriffen (Spezia, 
Ausaldo-Werft in Genua, Savona und Livorno). Die großartige 
Elektrizitätsindustrie Oberitaliens wurde bereits erwähnt. Große 
Anlagen sind in Paderno d'Adda, von wo aus Mailand mit elektri- 
scher Kraft versorgt wird, am Tessin, am Mont Cenis, in Ligurien 
und Toskana. 

4 

Sehr entwickelt ist ferner noch die Glasindustrie (Murano, 
Venedig), die Spiegel und Glasmosaiken, neuestens in Turin, Mai- 
land und Neapel auch Tafelglas erzeugt. 

Die schon sehr leistungsfähige chemische Industrie liefert 
Wachszündhölzchen, Kunstdünger und Sprengstoffe. 

Unter den verschiedenartigen Zweigen der landwirtschaft- 
lichen Industrien sind die Maccaronifabrikation, Ölgewinnung 
und Seifenerzeugung, Zuckerfabrikation (Ferrara, Bologna, Ancona, 
insgesamt 31 Fabriken), Reisschälfabriken, Wursterzeugung (Verona, 
Bologna, Mailand), die Leder- und Tabakverarbeitung und eine 
durchaus unzureichende Bierbrauerei. 

Hervorzuheben wären noch die zahlreichen Arten des Kunst- 
gewerbes und der Geschmacksindustrien, wie die Arbeiten in Marmor 
und Alabaster, Korallen-, Filigran- und Mosaikschmuckgegenstände, 
Erzeugnisse in Elfenbein und Schildpatt. 

Trotz dieses großen Aufschwunges der Industrie muß Italien 
noch sehr viele Fabrikserzeugnisse, besonders Maschinen, feinere 
Textilwaren, Chemikalien und Drogen, Instrumente, Farben und 
Papierwaren einführen. In vielen Artikeln ist aber die Ausfuhr schon 
viel größer als die Einfuhr. 

Der Verkehr. 

Straßenwesen. Insgesamt besitzt Italien 1 40.000 A-m Straßen, 
die aber sehr ungleich verteilt sind. Oberitalien hat ein dichtes Netz 
ausgezeichneter Kunststraßen, die zum größten Teil noch von den 
Österreichern aus militärischen Gründen angelegt wurden und die 



— 219 — 

gut instand gehalten sind. Süditalien und Sizilien hatte früher sogut 
wie gar keine Straßen, dort sind auch jetzt noch wenige Kunst- 
straßen vorhanden. Der Küstenverkehr und die Eisenbahnen machen 
sie zum Teil entbehrlich. 

Die Eisenbahnen. Obwohl dem Baue von Schienenwegen viele 
Schwierigkeiten (starkes Gefälle des Bodens, Geröllaufschüttung der 
Flüsse, Versumpfung der Küstenlandschaften) entgegenstanden, ist 
das Bahnnetz Italiens in seinen Grundzügen längst schon ausgebaut. 

Die Bahnen wurden vom Staate gebaut, später aber an drei große Privat- 
gesellschaften verpachtet, die das italienische Eisenbahnwesen vernachlässigten 
und in Mißkredit brachten. Seit 1905 sind sie fast alle wieder im Staats- 
betrieb und es mußten große Summen aufgewendet werden, sie wieder auf 
die entsprechende Höhe zu bringen. Die früheren Übelstände sind fast ganz ge- 
schwunden und die italienischen Bahnen entsprechen wieder allen billigen An- 
forderungen der Reisenden. Italien denkt auch daran, die Bahnen der Alpen und 
die Zufahrtsliaien nach Genua elektrisch zu betreiben. In der Lombardei bestehen 
bereits einige elektrische Fernbahnen. 

Der Natur des Landes entsprechend unterscheidet man das 
adriatische Netz (Rete Adriatica) mit den Knotenpunkten Mailand, 
Turin, Bologna, Verona und Udine, das mittelländische Netz 
(Rete Mediterranea) und das sizilische Netz (Rete Sicula). Die 
wichtigsten Linien sind : 

In Oberitalien: 

.Turin — Bardonecchia— (Mt. Cenis — Lyon). 

1. Mailand — Novara^ 

Mselle — (Simplon— Genf). 

2. Mailand —Alessandria— Genua— Ventimiglia— (Nizza— Marseille). 

3. Mailand— Chiasso— (St. Gotthard— Zürich). 

.Peri — (Ala — Brenner — München). 

4. Mailand — Verona^ 

^Treviso—Pontebba— (Villach -Wien). 

Auf der Halbinsel: 
Längsbahnen: 

1. Genua — Pisa — Rom. 

2. Florenz— Rom— Neapel — Reggio. 

3. Alessandria — Bologna— Ancona — Foggia — Brindisi. 
Querbahnen: von den 16 Querlinien sind hervorzuheben: 

1. Alessandria— Genua (8 km langer Tunnel von Ronco). 

2. Bologna — Florenz. 

3. Ancona — Rom. 

4. Foggia— Benevent —Neapel. 

5. Brindisi — Tarent—Battipaglia— Neapel. 

Auch die Inseln Sizilien und Sardinien haben ein ausreichendes 
Netz von Bahnen. 



— 220 — 

Das Post-, Telegraphen- und Telephonwesen hat in Italien 
noch nicht den hohen Stand der Entwicklun<,^ Mitteleuropas erreicht, 
ist aber weitaus besser als in den übrigen Staaten Südeuropas. Das 
Telephonwesen ist seit 1907 verstaatlicht. 

Die Binnenschiffahrt wird nur auf dem Po, dem Arno und 
Tiber, sowie auf einer Anzahl von Kanälen, deren Mittelpunkt Mai- 
land ist, betrieben, da die reißende Strömung der Alpenflüsse und 
die starke Geschiebeführung einem größeren Aufschwünge der Fluß- 
schiffahrt hindernd entgegenstehen. Sehr lebhaft ist dafür der Ver- 
kehr auf den Seen Oberitaliens. 

Die Seeschiffahrt. Der gegenwärtige Stand der heimischen 
Seeschiffahrt entspricht nicht ganz dem ausgedehnten Küstenbesitze 
und der großen Anzahl guter Häfen, denn ein großer Teil des Ver- 
kehrs zur See wird noch immer von fremden Schiffen besorgt. 

Unter den Häfen ist Genua der verkehrsreichste. Es ist seit 
Eröffnung des Suezkanales und der großen Alpenbahnen rasch auf 
Kosten Marseilles emporgekommen. Sein Hinterland sind die in- 
dustriereichen Provinzen Piemout und die Lombardei sowie die 
Schweiz. Die technischen Einrichtungen dieses ausgezeichneten Bucht- 
hafens sind sehr modern. Genua ist überwiegend Importhafen 
(Kohle, Getreide, Baumwolle, Kolonialwaren), doch hat es auch einen 
großen Transitverkehr und eine namhafte Ausfuhr in Seide, Wein 
und Öl. 

Westlich von Genua liegt der aufstrebende Hafen Sa von a mit 
großer Kohleneinfuhr und Schiffbau. 

Der Hafen des toskanischen Hinterlandes ist Livorno. Es hat 
bedeutende Spiritus- und Petroleumeinfuhr sowie Schiffbau, vermag 
aber neben Genua nicht recht emporzukommen. 

Reges Leben zeigt als Hafen Neapel. Es ist der größte Aus- 
wandererhafen Italiens und hat eine bedeutende Einfuhr von Ge- 
treide, Eisen und Stahlwaren, Holz und Kohle. 

Die sizilischen Häfen Palermo, Catania, Messina und Tra- 
pani haben mit Ausnahme des ersten zumeist nur lokale Bedeutung. 

An der hafenarmen Küste der Adria hat Venedig noch den 
lebhaftesten Verkehr. Es leidet aber unter der erdrückenden Kon- 
kurrenz Triests und unter den schlechten Hafenverhältnissen. An- 
cona ist wichtig als Flottenbasis und unterhält regelmäßige Ver- 
bindungen mit Fiume. Bari und Brindisi sind kleinere Lokalhäfen. 
Letzteres hat als Endstation der Peninsularexpreßlinie sowie als Post- 
und Telegraphen Station Wichtigkeit. 

Italien besitzt eine größere Anzahl von Schiffahrtsgesell- 
schaften, denen von Jahr zu Jahr ein größerer Anteil am Personen- 



— 221 — 

und Warenverkehr zufällt. Die älteste und größte dieser Gesell- 
schaften ist die Navigazione Generale Italiana in Genua. Ihr 
Yerkehrsgebiet ist das Mittelmeer, Südamerika und Ostasien, Andere 
Gesellschaften sind La Veloce (Genua) für den Amerikadienst, die 
Puglia (Bari) für den Verkehr in der Adria und nach Marseille, 
ferner die Reedereien Italia, Lloj'd Italiano, die Sicula Ameri- 
cana und die Gesellschaften für den Küstenverkehr Napolitana, 
Siziliana und Veneta Lagunare. 

Daneben besorgen noch Schiffe der französischen, englischen 
und deutschen Gesellschaften einen großen Teil des Verkehrs in 
den italienischen Häfen. Der Norddeutsche Lloyd und die Hamburg- 
Amerika-Linie unterhalten je eine direkte Linie von Genua über 
Neapel nach New-York. 

Der Stand der italienischen Handelsflotte zählt 626 Dampfer 
und 4700 Segler mit über 3 Mill. t. 

Der Handel. 

Die Neugestaltung der politischen Verhältnisse hat Italien auch 
einen großen Aufschwung des Handels gebracht. 

Der Innenhandel ist am lebhaftesten in den volkreichen und 
wohlhabenden Städten Oberitaliens, besonders in Mailand, dem 
größten Ausfuhr- und Börsenplatze des Landes. Daneben sind auch 
Turin und Bologna wichtige Handelsplätze. Eine reiche Einnahms- 
quelle bedeutet auch der stark entwickelte Fremdenverkehr, der 
Jahr für Jahr tausende von Reisenden von jenseits der Alpen in 
das Land bringt, die auf dem klassischen Boden Italiens reinen 
Naturgenuß und künstlerische Anregung suchen. Venedig, Florenz, 
Rom und Neapel bilden Hauptanziehungspunkte des Fremdenstromes. 

Der Außenhandel ist noch großen Schwankungen ausgesetzt. 
Er ist überwiegend Seehandel. Sein Ergebnis ist stark passiv, wenn 
auch die ünterbilanz in Abnahme begriffen ist. Sehr stark ist der 
Durchfuhrhandel nach der Schweiz. 

In der Einfuhr sind die wichtigsten Artikel Getreide, Kohle, 
Baumwolle, Seide, Maschinen, Chemikalien und Holz. Die Bezugs- 
länder hiefür sind Deutschland, England, die Union, Österreich-Ungarn, 
Erankreich, Rußland und Indien. 

Die Ausfuhr umfaßt Rohseide (1909:499 Mill. Lire), die über 
ein Drittel des Ausfuhrwertes darstellt, ferner Baumwollgewebe, 
Früchte, Seidengewebe, Öl, Schwefel, Wein, Käse u. a. Sie richtet 
sich vornehmlich nach der Schweiz, nach Deutschland, in die Union, 
nach Frankreich, Argentinien, Österreich-Ungarn und England. 



— 222 — 

Die Kolonien Italiens, 

Fast gleichzeitig mit dem Deutschen Reiche ist auch Italien in 
die Reihe der Kolonialmächte eingetreten. Nachdem seine Pläne 
auf das gegenüberliegende Tunis durch Frankreich vereitelt worden 
waren, sicherte es sich einige Küstenstriche Afrikas am Roten Meere 
und auf der Somalihalbinsel, in der Absicht, auf Kosten Abessyniens 
diese Gebiete abzurunden. Die schwere Niederlage bei Adua 1896 
bereitete diesen Expansionsbestrebungen aber ein rasches Ende. 
Im Jahre 1911 setzte sich Italien in Nordafrika fest und annektierte 
die türkische Provinz Tripolis samt dem dazu gehörigen Hinterlande. 
Trotz des Aufgebotes einer großen militärischen Macht vermochte es 
noch nicht in den tatsächlichen Besitz dieser Kolonie zu gelangen. 
Der italienische Kolonialbesitz umfaßt folgende Gebiete: 



Kolonie Größe 

in Quadratkilometern 



BevClke:uDg 



i Eritrea | 118.600 278.898 | 2-1 

Somaliland ' 365.400 

Tripolis 1.051.000 1,000.000 1 

Insgesamt . . . . 1,535.000 1 1.578.893 , 1-3 j 

Der Wert dieser Kolonien ist ein sehr geringer. Das Klima 
ist ungesund, weshalb auch nur wenige Italiener einwanderten. Die 
fruchtbaren Küstenstriche von Tripolis sind jedoch sehr ent- 
wicklungsfähig. 

Der junge itahenische Einheitsstaat hat nach Überwindung 
großer Schwierigkeiten ein durchaus modernes Gepräge angenommen. 
Trotz der kostspieligen Großmachtpolitik, der Heeresreform und 
der Schaffung einer großen Flotte sind die Staatsfinanzen in geord- 
netem Zustande. Es wurden große Aufgaben gelöst, die Bildung 
gehoben und der Wohlstand vermehrt. Wichtige Fragen harren aber 
noch der Lösung, denn die Latifundienwirtschaft, die starke Aus- 
wanderung und der hohe Steuerdruck sind Schattenseiten im Wirt- 
schaftsleben Italiens. Anderseits beweist der rasche industrielle Auf- 
schwung, die zunehmende Besserung der Handelsbilanz sowie die 
intensive Pflege von Kunst und Wissenschaft die aufsteigende Ent- 
wicklung Italiens. 



— 223 — 

San Marino. 

Auf italienischem Boden unweit Rimini liegt auch der kleine 
Freistaat San Marino. Er ist 61 A'm- groß und wird von 10.653 Italienern 
bewohnt. Das Land steht unter dem Schutze Italiens. Die wichtigsten 
Ausfuhrartikel sind Wein und Rinder. 



C. Die Pyrenäen-Halbinsel'). 

Die Pyrenäen-Halbinsel ist vom Festlandsrumpfe Europas durch 
die hohe Gebirgsmauer der Pja-enäen scharf abgesondert, so daß 
hier im Völkerleben und in der Wirtschaft von den europäischen 
wesentlich abweichende Zustände sich entwickeln konnten. 

An Größe und Geschlossenheit des Aufbaues übertrifft sie die 
beiden anderen südeuropäischen Halbinseln, von denen sie sich auch 
durch die Einförmigkeit ihrer Bodengestalt stark unterscheidet. 

Infolge der großen Ausdehnung des zentralen Binnenlandes 
gegenüber den schmalen Randlandschaften ist ihre Seegeltung trotz 
der Lage zwischen zwei Meeren keine allzugroße. 

Bodengestaltung und Bewässerung. Küstenumriß und Aufbau 
sind verhältnismäßig einfach. Die Halbinsel besteht aus einem alten 
Schollenlande, der Meseta, mit 650 m mittlerer Höhe, die sich 
zwischen dem Ebrobecken und dem andalusischen-Tieflande ausbreitet. 
Gegen den Atlantischen Ozean dacht sich das Hochland allmählich 
ab. Den Südrand bildet die Sierra Morena, den Osten das Ibe- 
rische Randgebirge. Im Innern erheben sich einige Ketten, wie 
das Castilische Scheidegebirge und das CantabrischeGebirge. 

An die Meseta lagern sich junge Faltengebirge, im Norden die 
Pyrenäen und im Süden das Andalusische Faltengebirge von 
Gibraltar bis zu den Balearen mit der Sierra Nevada (Mulahacen 
3480 m) an. 

Zwischen dem Hochlande und den Faltengebirgen breiten sich 
zwei Tiefländer aus, im Norden die dreieckige Senke des Ebro, 
die vom Mittelmeere durch das Catalonische Gebirge geschieden 
wird und im Süden das Becken des Quadalquivir (Andalusien) 
mit offenem Zugang zum Antlantischen Ozean. 

Die Flüsse der Pyrenäen-Halbinsel sind tief in das zentrale 
Hochland eingegraben. Sie sind meist periodisch, nur der Tajo und 

*) Literatur: Fischer Th., Die Iberische Halbinsel. Kirchhoff, Landerk. von 
Europa, 2. T., 1893. — Quelle 0., Die Pyrenäen-Halbinsel. Andree, II. Bd. — 
Regel Fr., Landeskunde der Iberischen Halbinsel. Sammlung Göschen 235. — 
Diercks G., Das moderne Spanien. Berlin 1908. 



— 224 — 

der Quadalquivir sind im Unterlaufe wasserreich und schiffbar. Von 
den Flüssen münden der Minho, Duero, Tajo, Quadiana und Quadal- 
quivir in die Atlantis, Ebro, Jucar und Segura in das Mittelmeer, 

Klima. Der große Gegensatz zwischen der Meseta und den 
Randlandschaften zeigt sich auch im Klima. Das Hochland hat ein 
rauhes Kontinentalklima mit nur etwa 400 iitvi Niederschlag. Doch 
weisen auch die Ränder kein einheitliches Gepräge auf. Im Küsten- 
gebiete des Golfes von Biscaya, in Galicien und Xordportugal sind 
mitteleuropäische Verhältnisse mit gleichmäßigem Gange der Tem- 
peratur, milden Wintern, mäßig warmen Sommern und reichlichen 
Niederschlägen (1200 bis 2800 mm). Hier herrscht eine üppige Vege- 
tation mit Obstgärten und saftigen Wiesen. Die südwestliche atlan- 
tische Abdachung, sowie die mittelländische Küste haben reines 
Mittelmeerklima mit zunehmender Hitze gegen das Innere und heißen 
Winden. Die Niederschläge erreichen kaum 500 vim. Bei künstlicher 
Bewässerung gedeihen subtropische und selbst tropische Produkte. 

Staaten. Diese große Halbinsel ist politisch nicht geeinigt. Sie 
zerfällt in zwei nach Größe und Bevölkerung verschiedene Staaten. 
Das Königreich Spanien umfaßt den größten Teil der Meseta samt 
den Randlandschaften. Die Abdachung gegen den Atlantischen Ozean 
etwa Vr, der Halbinsel, bildet die Republik Portugal. Vorübergehend 
waren beide Länder auch vereinigt. In den Pyrenäen liegt die kleine 
Republik Andorra. 



Spanien. 

Das heutige Spanien ist der Rest eines mächtigen Reiches, „in 
dem die Sonne nicht unterging". Durch die Gunst seiner ausgezeich- 
neten Weltlage war das in den Kriegen gegen die Mauren erstarkte 
und geeinigte Spanien zu beherrschender Größe emporgestiegen, 
indem es den Gewinn aus den großen geographischen Entdeckungen 
am Beginne der Neuzeit zog. Es beheirschte durch zwei Jahrhun- 
derte das bis dahin größte Kolonialreich, aus dem ihm reiche Ströme 
von Edelmetallen zuflössen. Das brachte dem Lande aber keinen 
Segen. Die heimische Volkswirtschaft verfiel und im 19. Jahrhundert 
führte das ausbeuterische Kolonialsystem zum Verluste aller aus- 
wärtigen Besitzungen bis auf klägliche Reste. Auf eine Zeit des 
Glanzes und des Reichtums folgte ein jäher Abstieg. Spanien war 
nach dem Abfall seines überseeischen Gebietes auf allen Zweigen 
des Wirtschaftslebens zurückgeblieben. Im Innern folgten revolutio- 
näre Wirren und das verschuldete Land seufzt unter hohem Steuer- 
druck. Auch gegenwärtig sind die inneren Verhältnisse noch keines- 



— 225 — 

wegs gefestigt. Der Gegensatz zwischen dem reichen industriellen 
Catalonien und dem armen Hochlande, die großen sozialen Unter- 
schiede in der Bevölkerung, sowie die zunehmende republikanische 
Strömung sind schwierige Probleme im öffentlichen Leben Spaniens. 

Staat und Volk. 

Größe. Das Königreich Spanien schließt eine Bodenfläche von 
504.900 km- ein und wird von 19,588.000 Menschen bewohnt. Es 
steht sonach an Größe dem benachbarten Frankreich nur wenig 
nach, ist aber viel weniger dicht bevölkert als dieses. 

Verfassung und Bevölkerungsverhältnisse. Spanien [ist eine 
verlassungsmäßige Monarchie. Das Parlament, die Corte?, besteht 
aus dem Senate 180 lebenslängliche und 180 auf 5 Jahre gewählte 
Mitglieder) und aus der Abgeordnetenkammer (404 Mitglieder auf 
5 Jahre). Einschließlich der Canarischen Inseln ist das Land in 
49 Provinzen eingeteilt, an deren Spitze ein vom König ernannter 
Gouverneur steht. 

Dem lange vernachlässigten Heerwesen wird jetzt wieder eine 
größere Aufmerksamkeit geschenkt. Seit 1901 besteht die allgemeine 
Wehrpflicht, doch ist Loskauf gestattet. Der Friedensstand beträgt 
180.000 Mann. Die veraltete Kriegsflotte zählt 32 Schiffe und ist 
ohne Gefechtswert. 

In nationaler Hinsicht ist Spanien geeinigt wie nur wenige 
Staaten. Die ganze Bevölkerung, mit Ausnahme von 500.000 Basken, 
den Nachkommen der keltischen Iberer, gehört dem romanisohen 
Mischvolke der Spanier an. Nach Sprache, Lebensgewohnheiten 
und im Aussehen gibt es im spanischen Volke große Unterschiede. 
Der herrschende Stamm sind die Castilier, deren Sprache, das 
Castellano. auch die Schriftsprache geworden ist. Zu ihnen stehen 
die Catalonier sprachlich und wirtschaftlich in scharfem Gegensatz. 

Die Spanier sind ein schöner Menschenschlag, stolz und intelli- 
gent, aber parteisüchtig und andauernder Arbeit abhold, dabei aber- 
gläubisch und voll Mißtrauen gegen alles Fremde. Kartenspiel, Tanz 
und Stiergefechte sind wahre Volksleidenschaften. Sie hängen alle 
der katholischen Kirche an, die im Lande eine Unzahl von reich- 
begüterten Klöstern besitzt. Stark zurückgeblieben ist die Be- 
völkerung in der Volksbildung, denn das Land zählt noch 660/0 An- 
alphabeten. 

Infolge der ungünstigen wirtschaftlichen Zustände findet auch 
eine starke Auswanderung, besonders nach den einstigen 
Kolonien (Kuba, Argentinien) und nach Algier statt. Im Jahre 1910 

Stoiser, Wmschafts- und Y«ik«hrsgeograpliie d, europ. Staateo, J5 



— 226 — 

betrug ihre Zahl 1 DO. 000. Nur ein f2:eringer Teil kehrt später wieder 
in die Heimat zurück. 

Siedlungen. Spanien besitzt eine große Zahl malerisch gele- 
gener Binnen- und Küstenstädte. Im Zentrum des Landes liegt auf 
wasserloser, rauher Hochfläche die Hauptstadt Madrid (597.000 Einw.), 
der Sammelpunkt aller großen Verkelirswege und die führende Stadt 
im geistigen Leben Spaniens. In der Nähe sind das berühmte Kloster 
Escorial und die Sommerresidenz Aranjuez. Am Tajo liegt Toledo 
(Waffenfabrikation), an der portugiesischen Grenze die Festung 
Badajoz, ferner sind noch die Bergwerksorte Almaden, Huelva 
und Rio Tinto zu nennen. Unter den Städten Altcastiliens und 
Leons ragen die Universitätsstadt Valladolid^ ein Hauptgetreide- 
markt, Leon in der Nähe großer Kohlenfelder und Burgos mit 
seinem herrlichen gothischen Dome hervor. Zu den wichtigeren 
Siedlungen der nördlichen Küstenlandschaften gehören Santiago, 
die Kriegshäfen Coruna und Ferrol, ferner das industrielle Oviedo 
und die baskischen Städte Santander, Bilbao (93,000 Einw.) mit 
lebhafter Eisenerzausfuhr und San Sebastian. Im Bereiche der 
Pyrenäen und des Ebrobeckens sind Zaragoza (111.000 Einw.) und 
Pamplona zu nennen. Von den mittelländischen Küstenorten sind 
die wichtigsten Barcelona (587.000 Einw.), die erste Fabriks- und 
Hafenstadt des Landes, das gewerbefleißige Valencia (2.33.000 Einw.). 
Alicante, Elche, Murcia (125.000 Einw.), der Kriegshafen Cartha- 
gena, die Wein- und Traubenexporthäfen Malaga (136.000 Einw.) 
und Almeria, sowie Algeciras, die südlichste Eisenbahnstation 
Spaniens. Auch Andalusien hat einen Kranz herrlicher Städte, wie 
Granada, Cordoba, die Hauptstadt dieses Gebietes Sevilla 
(155.000 Einw), den Hafen Cadiz und das weinberühmte Jerez de 
la Frontera. 

Das Wirtschaftsleben. 

Land- und Forstwirtschaft. Von jeher befaßt sich der größte 
Teil der Bevölkerung mit den verschiedenen Zweigen der Land- 
wirtschaft. Da aber weite Flächen brach liegen und nur Weide- 
zwecken dienen, die Bearbeitung des Bodens zumeist sehr extensiv 
ist, so ist das Erträgnis in den meisten Jahren unzureichend. Nur 
durch die Mannigfaltigkeit der Produktion ist die spanische Land- 
wirtschaft bemerkenswert. Im niederschlagreicheren Teile wird der 
Anbau von Zerealien, meist Weizen und Gerste, mit guten Ergeb- 
nissen betrieben. Im Norden ist der Maisbau am verbreitetsten, in 
den höheren Lagen gedeihen Roggen und Hafer. Das Ebrobecken 
und die mittelländischen Randlandschaften sind auf künstliche Be- 



— 227 — 

Wässerung angewiesen. Diese berieselten Gebiete, Huertas oder 
Vegas genannt, sind von außergewöhnlicher Fruchtbarkeit, Sie liefern 
den dreißigfachen Ertrag eines unbewässerteu Feldes. 

Wichtige Erzeugnisse der spanischen Landwirtschaft sind außer 
mancherlei Arten von Obst, Mandeln, Kastanien, Feigen, Granat- 
äpfeln, Zitronen, Orangen (Andalusien und die Küsten des Mittel- 
meeres), besonders die Oliven. Das meiste Öl liefern die Provinzen 
Andalusien, Catalonien und Aragonien. Ein großer Teil kommt zur 
Ausfuhr. 

Zu glänzender Entfaltung gelangte die Gartenkultur, die 
verschiedene Arten von Gemüse, Hülsenfrüchte, Melonen, Safran, 
spanischen Pfeffer und Kapern produziert. 

Als Land des Weinbaues wird Spanien nur von Frankreich 
und Italien übertroffen. Der Ertrag erreicht in guten Jahren 
20 Mill. hl. Die Reblausschäden, sowie der Rückgang der Ausfuhr 
von leichten Weinen verursachten in den letzten Dezennien eine 
Einschränkung des Weinbaues. Schwere Weine (Sherrj^ Alicante, 
Malaga) werden in zunehmender Menge nach England und Deutsch- 
land, frische und getrocknete Trauben (Almeria, Malaga) in die 
meisten Länder Europas exportiert. 

Andere Produkte der Bodenkultur sind noch Tabak, Zucker- 
rüben, Zuckerrohr (um Malaga und Almeria), Haifagras und 
Datteln (Elche). 

Sehr arm ist Spanien an W^äldern, so daß Bau- und Nutzholz 
eingeführt werden muß. Als waldbildende Bäume treten am heu- 
figsten die Edelkastanie, die Stein- und Korkeiche, die Buche, der 
Walnußbaum, ferner Zypressen, Lorbeeren und verschiedene Kiefern- 
arten auf. Von besonderer Wichtigkeit ist die große Verbreitung der 
Korkeiche, deren Bestände 250.000 ha bedecken (Gerona, Andalusien). 
Spanien ist der erste Korklieferant der Welt. 

Viehzucht. WMe im ganzen Bereiche des Mittelmeergebietes 
überwiegt auch in Spanien die Klein viehzu cht. Besonders auf dem 
trockenen Hochlande der Mancha werden viel Schafe (Merinos) und 
Ziegen gehalten. Im wiesenreichen Galicien und Asturien ist die 
Rinderzucht und die Buttergewinnung am besten entwickelt. Wegen 
der Eichenwälder hat dort auch die Schweinehaltung einen größeren 
Umfang angenommen. Beträchtlich ist im Osten und Süden die Zucht 
von Eseln und Maultieren, wogegen das Land arm an guten Pferden 
ist. Die einst weit verbreitete Seidenraupenzucht ist im Rückgang be- 
griffen. Mit dem Seefischfang (Sardinen) befassen sich gegen 
^0.000 Menschen. Stockfische werden in großer Menge aus Skandi- 
navien bezogen. 

15* 



— 228 — 

Mineralproduktion. Der große Reichtum an Mineralsch-ätzen 
war schon den Völkern des Altertums, den Phöniziern, Karthagern 
und Römern bekannt. Auch heute ist Spanien eines der mineral- 
reichsten Länder von Europa, dessen Bodenschätze aber zumeist von 
fremden Unternehmern ausgebeutet werden. Man unterscheidet vier 
Hauptgebiete des Bergbaues: Das cantabrische (Eisen und 
Kohle;, die Sierra Morena (Kupfer, Quecksilber), das andalu- 
sische (Silber, Blei, Eisen) und das catalonische (Blei, Kohle). 

Am reichlichsten findet sich das Kupfer vor, besonders im 
Gebiete von Huelva (Rio Tinto, Tharsis). Erst in neuester Zeit wird 
es von Mexiko übertroffen. 

Von großer Ergiebigkeit sind auch die Eisenlager an der 
Nordküste um Bilbao, Santander und Oviedo. Diese Erze gehören 
zu den besten, die es gibt und werden zu 90"^' o nach England und 
Deutschland (Essen) ausgeführt. Eisen findet sich ferner bei Sevilla, 
Granada und Almeria. 

Stein- und Braunkohle ist an zahlreichen Orten und in 
guter Qualität vorhanden, doch ist die Produktion noch derart un- 
zureichend, daß für industrielle Zwecke und selbst für die Bahnen 
englische Kohle eingeführt werden muß. Die größten Steinkohlen- 
lager sind im Norden des Landes (Asturien, Leon und Palencia) und 
in Andalusien (Provinz Cordoba und bei Sevilla). Braunkohle findet 
sich namentlich um Barcelona. 

Sehr reich ist Spanien auch an reinen (in der Sierra Morena) 
und an silberhaltigen Bleierzen (Provinz Murcia und Almeria). 

Unerreicht ist die Gewinnung von Quecksilber. Die ergiebigste 
Grube liegt in der Stadt Almaden. 

Außerdem liefert Spanien noch Zink- und Manganerze, Schwefel- 
kies, Salz und Phosphor. Die zahlreichen Mineralquellen werden 
noch fast gar nicht ausgenützt. 

Die Industrie. Das darniederliegende Wirtschaftsleben, die ge- 
ringe Unternehmungslust, der Mangel an Kapital und die geringe 
Entwicklung des Verkehrs lassen auch die verhältnismäßig große 
industrielle Rückständigkeit trotz reicher Hilfsmittel begreiflich 
erscheinen. Nur in Catalonien und im baskisch-asturischen 
Küstengebiete hat sich eine lebhafte Industrietätigkeit entwickelt. 
Daneben sind als kleinere Industriebezirke noch Valencia, Malaga, 
Cordoba und Sevilla zu nennen. Der leistungsfähigste Fabrikszweig 
ist die Baumwollindustrie mit dem Hauptsitze Barcelona. Sie 
exportiert billige Erzeugnisse nach Mittel- und Südamerika. Die Ver- 
arbeitung der heimischen Schafwolle erfolgt gleichfalls in Barcelona. 
Noch seit der Zeit der Maurenherrschaft ist die Seidenweberei 






— 229 — 

in Sevilla, Valencia und Barcelona vertreten, doch muß die Roh- 
seide jetzt zum größten Teil eingeführt werden. Nennenswert ist 
auch noch die Leinenweberei in Catalonien, Asturien und 
Galicien. 

Die sehr aufstrebende Eisen- und Stahlindustrie ist in den 
baskischen Provinzen, besonders in Bilbao verbreitet. Sie liefert 
Maschinen (Bilbao, Barcelona, Madrid), Geschütze und Artillerie- 
material (Trubia bei Oviedo), Säbelklingen (Toledo) und Eisenbahn- 
ausrüstungsgegenstände. Schiffswerften sind in Barcelona, Bilbao 
und Cadiz, 

Sonstige gut entwickelte Industrien sind die Bereitung und 
Verarbeitung von Leder (Zaragoza, Cordoba, Sevilla), die Papier- 
industrie, besonders Zigarettenpapier, die Verarbeitung von Haifa- 
gras und die sehr leistungsfähige Korkindustrie in Catalonien. 

Bemerkenswert sind auch die Erzeugnisse der Glas- und 
Porzellanindustrie (Sevilla, Oviedo). 

Auf Grund der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ist die Oliven- 
ölgewinnung Andalusiens, die Seifenfabrikation (Barcelona, 
Madrid), die Müllerei in Neucastilien und im Ebrobecken, die Zucker- 
fabrikation (zirka 60 Fabriken) und die Tabakfabrikation 
(Staatsmonopol) sehr verbreitet. 

Zu nennen wären noch die Schokoladeerzeugung und die 
Herstellung von Fischkonserven. 

Verkehr und Handel. 
Ähnlich wie in den Balkanländern und in Süditalien ist der 
Saumtierverkehr die allgemein übliche Art des Personen- und 
Warentransportes, wozu der zweirädrige Ochsenkarren kommt. 
Die Anlage von Kunststraßen ist noch in den Anfängen. Auch die 
Ströme sind wegen des wechselnden Wasserstandes und der Un- 
wegsamkeit der tiefeingeschnittenen Täler für den Verkehr mit Aus- 
nahme des unteren Quadalquivirs ganz bedeutungslos. Die Eisen- 
bahnen, die fast alle einer großen Anzahl von Privatgesellschaften 
(insgesamt 208!) gehören, haben die größte Spurweite (1676 mm) in 
Europa und strahlen von der Hauptstadt nach allen Hauptrichtungen 
aus. Die verkehrsreichsten Linien sind: 

Irun—(Hendaye — Paris). 

/ 

1. Madrid— Valladolid Santander. 

\ / 

Leon 

\ 

Coruna. 



— 230 — 

2. Madrid — Entrocominta - Lissabon. 

3. Madrid— Zaragoza — Barcelona — (Perpignan). 

Carthagena. 
/ 

4. Madrid— Alcazar — Almeria. 

\ 

Cordoba— Sevilla — Cadiz. 

Auch die Seeschiffahrt Spaniens hat seit dem Verluste der 
Kolonien einen starken Rückgang erfahren. Die Handelsmarine 
zählte 1911: 577 Dampfer mit 744,000 t netto und außerdem 
302 Segler. 

Der Innenhandel findet seine Hauptstütze in den Städten 
des Hochlandes, wie in Madrid, Valladolid, Burgos, Zaragoza, Oviedo 
und in Granada. 

Für den Küstenverkehr und Außenhandel sind eine ganze 
Reihe von guten Natur- und Kunsthäfen an beiden angrenzenden 
Meeren vorhanden. An der atlantischen Küste sind Bilbao (Erzexport, 
Auswandererhafen), Coruna, Vigo, Huelva und Cadiz. Von den Mittel- 
meerhäfen sind Malaga, Carthagena, Valencia und der größte Einfuhr- 
platz (75%) Barcelona. 

Die Schwankungen des spanischen Wirtschaftslebens spiegelt 
sehr deutlich das Ergebnis des Außenhandels wider, das bald 
ein günstiges und bald wieder ein ungünstiges ist. Aber die Zu- 
nahme der gesamten Handelstätigkeit ist eine sehr beträchtliche. In 
der Einfuhr überwiegen noch immer Nahrungsmittel (1910: 178 Mill. 
Pesetas), Rohstoffe und Fabrikate. 

Die Bezugsländer hierfür sind Großbritannien, Frankreich, das 
Deutsche Reich und die Union. Ausgeführt werden Nahrungsmittel 
(1910: 370 Mill. Pesetas), Mineralien, Metalle, Baumwollwaren und 
zwar besonders nach Großbritannien, Frankreich. Union, Deutschland 
und in die Niederlande. 



Die spaiiisclieu Kolonien. 

Spaniens Kolonialbesitz ist im Kriege mit der Union 1898 und 
durch Verkauf der Inselgruppen in Mikronesien an Deutschland bis 
auf die afrikanischen Besitzungen völlig eingegangen. Sein Außen- 
gebiet umfaßt folgende Inseln und Landstriche: 



— 231 — 



Kolonien ,., 

kilometern 


! i 

1 Bevölkerxmg 

i 


Dichte 




1. Die Presidios in Marokko .... 
?. Die Canarisehen Inseln"^) . . ." . 
3. Rio de Oro 


213 
7.624 

185.000 

26.000 

2.072 


57.000 — 
358.500 , 47 

12.000 ! 0-06 
140.000 5 

20.800 10 


\ 
1 
1 

1 


4. Spanisch-Guinea 

5. Fernando Po und Dependenzen . 




Insgesamt . . . 


220.909 


588.300 


— 





Der Wert dieser Besitzungen ist ein sehr geringer. Nur die 
Canaren haben ihres gleichmäßigen Klimas wegen als Gesundheits- 
stationen und durch ihren Weinbau einige Wichtigkeit. Die Inseln 
der Guineagruppe haben ein ungesundes Klima und liefern in ge- 
ringer Menge tropische Produkte. Spanien ist aus der Reihe der großen 
Kolonialmächte ausgeschieden. 

Sehr langsam beginnen sich seit dem Zusammenbruche seiner 
Kolonialmacht in Spanien die sozialen und wirtschaftlichen Verhält- 
nisse zu bessern. Man wendet der heimischen Wirtschaft wieder 
größere Sorgfalt zu. Die Entwicklung der eigenen reichen Hilfs- 
quellen und die Hebung des Bildungsniveaus der Bevölkerung ist 
aber die wichtigste Voraussetzung für eine Erneuerung der spa- 
nischen Volkswirtschaft. 



Portugal. 

Die jüngste Republik Europas, Portugal, ist durch eine geo- 
graphisch bedingte Grenze vom zentralen Hochlande der iberischen 
Halbinsel gut abgeschlossen und infolge ihrer westlichen Abdachung 
ganz auf das Meer angewiesen. Da das Land geographisch und ethno- 
graphisch, alle Bedingungen staatlicher Selbständigkeit in sich trägt, 
hat es sich mit kurzer Unterbrechung (1580 bis 1640) auch vom 
spanischen Nachbarstaate unabhängig zu halten vermocht. Portugal 
hat einschließlich der zu Europa gerechneten Azoren einen Flächen- 
inhalt von 92.000 km^ mit 5'4 Mill. Einwohnern. 

Staat und Volk. 

Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Portugals 
zeigen eine größere Zerfahrenheit als in irgendeinem anderen Staate 
Europas. Diese Zustände führten am 5. Oktober 1910 auch den 
Sturz der Monarchie und die Aufrichtung der Republik herbei. 



*) Die Canaren werden in der Regel zum Mutterlande gerechnet. 



— 232 — 

Nach der neuen Verfassung vom 21. August 1911 übt die 
gesetzgebende Gewalt der jährlich im Dezember zusammentretende 
Kongreß, der aus dem Senat (71 Mitglieder) und der Abgeordneten- 
kammer (164 direkt gewählte Mitglieder) besteht, aus. Der Präsident 
<ler Republik wird vom Kongreß auf vier Jahre gewählt. 

Die Bevölkerung des Landes ist einheitlich portugiesisch. 
Die Portugiesen sind ein den Spaniern verwandtes romanisches Volk, 
das einen eigenen Sprachstamm bildet. In ihrer kulturellen Ent- 
wicklung sind sie außerordentlich zurückgeblieben, denn fast 807o 
sind des Lesens und Schreibens unkundig. 

Unter den größeren Siedlungen, die alle am Meere liegen, 
ragt die Hauptstadt Lissabon (856.000 Einw.) am Mündu-ngstrichter 
des Tajo besonders hervor. Es ist eine der schönsten Städte Europas, 
der beste Hafen an der pyrenäischen Westküste und der Ausgangs- 
punkt der großen Dampferlinien nach Südamerika. Im nördlichen 
Teile ist Porto (168.000 Einw.) wichtig durch seine Weinausfuhr. 
Außerdem sind noch Braga, die Universitätsstadt Coimbra und 
der Fischereihafen Setubal zu nennen. 

Das Wirtschaftsleben. 

In seinem wirtschaftlichen Leben weist das Land manche ge- 
meinsame Züge mit Spanien auf. Die beiden maßgebenden Erwerbs- 
zweige bilden die Landwirtschaft und die Viehzucht. Der regen- 
reichere Norden begünstigt den Bodenbau, im Süden dagegen über- 
wiegt die Viehzucht. 

Ein großer Teil des Bodens ist wirtschaftlich noch ganz un- 
ausgenützt oder Weideland. Sehr groß ist dagegen das Garten- und 
Weinland. Der Getreidebau im regenreicheren Norden liefert Weizen 
Roggen und Mais. Die Ernten sind aber stets unzureichend, wes- 
halb in großen Mengen Nahrungsmittel eingeführt werden müssen. 
Überall, aber nirgends im großen Maße, ist die Obst- und Oliven- 
kultur verbreitet. Nur der Export von Südfrüchten aus der 
Provinz Algarve ist bedeutend. Als Land des Weinbaues hat Por- 
tugal von jeher einen ausgezeichneten Ruf. Am bekanntesten sind 
die Weine des Dourogebietes, die als Portweine in den Handel 
kommen. Die Ausfuhr richtet sich besonders nach England und 
Brasilien. Unter den wenigen noch vorhandenen Wäldern sind die 
Bestände an Korkeichen besonders wertvoll. Die Erzeugnisse der 
Korkgewinnung bilden den zweitwichtigsten Ausfuhrgegenstand. 

Im Süden des Landes, im Bereiche des überwiegenden Groß- 
grundbesitzes, hat die Viehzucht es zu großer Bedeutung gebracht. 
Sie liefert zumeist Schafe, Ziegen und Schweine, während die Rinder- 



— 233 — 

zucht hauptsächlich im nördlichen Teile zu Hause ist. Die Seefischerei 
beschäftigt über 30.000 Menschen mit fast 10.000 Booten. Sie liefert 
Sardinen und Thunfische. Selbst am Kabeljaufange an der Neufund- 
landbank beteiligen sich die Portugiesen. Große Mengen von Fischerei- 
produkten müssen auch noch eingeführt werden. 

Noch unvollkommen entwickelt ist der Bergbau. Er liefert 
Kupfer, Zinn, Eisen, silberhaltige Bleierze, aber nur wenig Kohle. 
Ausgezeichnet ist das portugiesische Seesalz. 

Recht bescheiden und auf die beiden größeren Städte Lissabon 
und Porto beschränkt ist auch die industrielle Tätigkeit. Außer 
der BaumwoU- und Wollwarenerzeugung und etwas Leinenweberei 
kommt noch die Porzellan- und Glasindustrie, die Korbflechterei 
und der Bau von Holzschiffen in Betracht. 

In seinem ganzen Wirtschaftsleben befindet sich Portugal in 
geradezu hilfloser Abhängigkeit von England. 

Verkehr und Handel. 

Dem Binnenverkehr steht ein ausgedehntes Netz von guten 
Straßen zur Verfügung, doch ist das Verkehrsbedürfnis bei dem 
unentwickelten Stande des Wirtschaftslebens kein sehr großes. 

Von den Flüssen wird nur der Unterlauf des Tejo von Dampf- 
schiffen bis Abrantes befahren. 

Eisenbahnen gibt es 2800 km, die aber fast alle privaten 
Oesellschaften gehören. Die Hauptstadt ist durch eine Expreßlinie 
mit Paris verbunden. Die belebteste Strecke ist die Linie Lissabon — 
Porto. 

Die Einrichtungen für den Nachrichtenverkehr, der auch 
eine große Zahl von internationalen Nachrichten zu befördern hat, 
sind gut und es wird davon viel Gebrauch gemacht. 

Bei dem maritimen Charakter des Landes kommt der Schiff- 
fahrt eine große Bedeutung zu. Die Handelsmarine zählte 1911: 
•66 Dampfer mit 70.000 t und 259 Segelschiffe. Den Außenverkehr 
besorgen zumeist englische und deutsche Schiffe. Die besuchtesten 
Häfen sind Lissabon, ein Weltverkehrshafen ersten Ranges, Leixües 
und Porto. 

Der Handel Portugals ist fast ganz in fremden Händen. Die 
Ausfuhr (Wein, Kork, Kupfererze, Sardinen, Südfrüchte) ist haupt- 
sächlich nach Großbritannien, Brasilien, Spanien und Afrika gerichtet. 
Als Bezugsländer für die Einfuhr (Kohle, Textilwaren, Reis, Fische, 
Eisen- und Stahlwaren) kommen England, Deutschland und Frank- 
reich in Betracht. Die Bilanz des Außenhandels ist stets ungünstig. 



— 234 — 



Die Kolonien Portugals. 

Gleich Spanien hatte auch Portugal einst ein wertvolles Kolonial- 
reich, das zum großen Teil verloren gegangen ist. Der Umfang des 
jetzigen Kolonialbesitzes ist zwar nicht gering, aber diese Land- 
striche, Inseln und Städte sind vollständig verwahrlost und sie 
werden nicht ausgenützt. Diese Kolonien sind folgende: 



Kolonien 



Größe in Quadrat- 
kilometern 



Bevölkerung 



Dichte 



Kapverdische Inseln . . 

Guinea 

St. Thome und Principe 

Angola 

MoQambique ... 

Goa 

Damaö 

Diu 

Macao ........ 

Timor 



3.822 

33.900 

939 

1,270.000 

761.000 

3.770 

384 

53 

10 

18.989 



147.400 

170.000 

68.200 

4,200.000 

3,120.000 

475.500 
41.600 
14.600 
74.800 

200.000 



38 

5 

73 

3 

3 

141 

108 

278 

12 



Insgesamt 



2,092.867 



8,512.100 



Einige dieser Außenbesitzungen sind als Absatzgebiet und 
wegen ihres Transitverkehrs wichtig. Ihre Ausfuhr geht meist aber 
nicht nach Portugal. Ein Aufgeben dieses Kolonialbesitzes, den das 
Land ohnedies nicht auszunützen vermag, würde eher von Vorteil 
sein, als zum Schaden gereichen. 

Portugal befindet sich noch in dem krisenhaften Zustande,, 
den der Übergang von der Monarchie zum Freistaate mit sich ge- 
bracht hat und die neue Staatsform erscheint noch keineswegs ge- 
festigt. Wirtschaftlich ist das durch hohe Steuern ausgesogene Land 
in völliger Abhängigkeit von England. Eine Entwicklung der reichen 
eigenen Hilfsquellen wird aber wie in Spanien erst eintreten können^ 
wenn das allgemeine Bildungsniveau der Bevölkerung gehoben und 
geordnete Verhältnisse im Lande eingetreten sein werden. 



IV. Abschnitt. 



Die Staaten des atlantischen Wirtschafts- 
gebietes. 

Frankreich '•% 

Wenige Länder der Erde sind von der Natur so begünstigt 
wie Frankreich. Seine ausgezeichnete Weltlage und natürliche Um- 
grenzung, in die ein mächtiger Einheitsstaat förmlich voa selbst 
hineinwachsen mußte, der Reichtum des Landes, die Geschlossenheit 
der Bevölkerung sowie seine hohe ausgereifte Kultur machen Frank- 
reich zu einem politisch und wirtschaftlich bevorzugten Lande 
unseres Erdteiles. Die staatsbildende Kraft des Bodens hat sich von 
jeher stärker erwiesen als die Versuche, die von der Natur vor- 
gezeichneten Grenzen zu erweitern. Vom Pariser Becken aus erfolgte 
die Einigung des französischen Staates, dessen Einheit trotz der von 
England drohenden Gefahren in einem mehr als hundert Jahre 
dauernden Kriege (1339 bis 1451) behauptet werden konnte. Seit 
der Einführung der Republik begann Frankreich, abweichend von 
seiner geographischen Bestimmung, über seine natürlichen Grenzen 
hinauszugreifen. Erst die Aufrichtung eines starken Deutschen 
Reiches an seiner Ostgrenze hat diesen Versuchen ein Ende gesetzt. 
Diese Zeit der Expansionsbestrebungen ist für Frankreich gleich- 
zeitig eine Epoche fortwährender politischer Umwälzungen. Seit 1870 
besteht die 3. Republik, mit der sich das französische Volk, ohne 
im eigentlichen Sinne republikanisch zu sein, abgefunden hat. Seinem 
Expansionsdrange machte es durch die Schaffung eines großen 
Kolonialreiches Luft. 



*) Literatur: Hanslik E., Frankreich, in Andree, 2. Bd. — Hahn F.. 
Frankreich, in Kirchhoffs Länderk. v. Europa, 2. Bd., 1890. — Neuse R., 
Landeskunde von Frankreich, 2. Bd., Leipzig 1910. 



— 236 — 

Staat und Volk. 

Größe und Weltlage. Mit Korsika hat Frankreich 536.000 km-, 
ist also fast so groß wie Deutschland, zählt aber nur 396 Mill. Be- 
wohner. Es steht sonach seinem östlichen Nachbar, mit dem es um 1870 
fast gleich viel Einwohner hatte, schon um 25 Mill. Menschen nach. 

Seiner Lage zufolge ist es ebensosehr Binnen- als Seemacht. 
Durch den Küstensaum von 4200 km Länge und den Anteil an zwei 
Meeren ist es ein atlantischer und mittelländischer Staat zugleich. 
Ebenso wie Deutschland ist auch Frankreich durch günstige Ab- 
dachungsverhältnisse und große Schiffahrtsströme auf das engste mit 
dem Meere verknüpft. 

Gewährt die Seegrenze dem Lande einen vorteilhaften Zutritt 
zu den verkehrsreichsten Meeren, so bilden die Pyrenäen und Alpen 
gegen Spanien und Italien eine ausgezeichnete Schutzmauer, während 
der Jura und die Vogesen gegen die Schweiz und Deutschland einen 
natürlichen Grenzwall darstellen, aber doch wichtige Senken für den 
Verkehr aufweisen (Burgundische Pforte, Senke von Zabern). Die 
schwächste und daher am besten geschützte Linie ist die Grenze 
gegen Deutschland. 

Verfassung. Die Grundzüge der jetzt geltenden Verfassung 
sind in der Konstitution vom Jahre 1875 niedergelegt. Darnach hat 
Frankreich ein ausgesprochen zentralistisches Regierungssystem mit 
vollkommener Einheit des Staatsgebietes, das keine selbständigen 
Provinzen neben sich duldet. 

Die Exekutive ruht in den Händen des auf 7 Jahre gewählten 
unverantwortlichen Präsidenten, dessen Machtbefugnisse denen 
eines Monarchen gleichkommen, und des Ministeriums (12 Mit- 
glieder), das nur den Kammern verantwortlich ist. Die gesetzgebende 
Gewalt wird von der Deputiertenkammer (^591 Mitglieder) und dem 
Senat (300 Mitglieder) geübt, die sich als Kongreß zur Wahl des 
Präsidenten vereinigen. 

Seit Auflassung der historischen Provinzen ist ganz Frankreich 
einschließlich des Territoriums von Beifort in 86 Departements ein- 
geteilt, die weiter in 362 Arrondissements und 36.000 Gemeinden 
zerfallen. 

Ein selbständiges Leben zeigen eigentlich nur die Departements. Sie haben 
Selbstverwaltung, ein eigenes Budget, ihnen obliegt die Sorge für das Schulwesen, 
die öffentlichen Anstalten und Straßen. An ihrer Spitze stehen Präfekten mit weit- 
gehenden Machtbefugnissen, deren Amt zu den wichtigsten und begehrtesten gehört. 
Die Arrondissements umfassen Gebiete mit etwa 100.000 Einw. Sie sind nur als 
Gerichtsbezirke und für die Wahlkreiseinteilung wichtig. Die Gemeinden haben 
Autonomie. Die Hauptstadt Paris nimmt in der Verwaltung eine gesonderte Stel- 
lung ein, untersteht aber dem Seinepräfekten. 



— 237 — 

Die Landesverteidigung umfaßt die Streitkräfte zu Lande und 
zur See, sowie eine gesonderte Organisation für den Grenzschutz. 

Es besteht die allgemeine Wehrpflicht mit zweijähriger Dienstzeit. Die Armee 
ist in 20 Korps gegliedert und sie zählt einen Friedensstand von annähernd 
600.000 Mann. Die Flotte verfügte 1910 über 434 Kriegsfahrzeuge, darunter 47 Fanzer- 
schiffe. Ihre Stützpunkte sind Ctierbourg, Brest, Lorient, Rochefort und Toulon. 
Dem Flugwesen wenden die Franzosen besondere Aufmerksamkeit zu. 

Bevölkerungsverhältnisse. Eine Hauptstärke der Republik liegt 
in der Einheitlichkeit und Geschlossenheit ihres Volkstumes, denn 
90^ sind Franzosen und die anderssprachigen Volksteile beherrschen 
fast durchwegs das Französische. 

Die Franzosen sind ein großes Kulturvolk, das den übrigen. 
Völkern Europas lange Zeit überlegen war, jetzt aber von den 
Deutschen und Engländern nicht nur eingeholt, sondern in vieler 
Beziehung sogar überflügelt wurde. In Sachen des guten Geschmackes 
und vornehmer Lebensführung sind sie noch immer tonangebend. 
Sie sind von einem glühenden Patriotismus beseelt, aber auch voll 
Selbstbewußtsein und Eitelkeit, Eigenschaften, die sie die Leistungen 
anderer Völker, z. B. der Deutschen unterschätzen lassen. Ihre 
Arbeitsamkeit und Sparsamkeit sind die Ursache ihres großen Na- 
tionalvermögens und der allgemein verbreiteten Wohlhabenheit. 

Zu den eigentlichen Franzosen kommen noch 11 Mill. keltische 
Bretonen, 500.000 Italiener an der Riviera und auf Korsika, 
200.000 Spanier, je 200.000 Basken und Vlämen, sowie 80.000 
Deutsche. Diese Völker- verlieren immer mehr an Boden, da ihre 
Sprache weder in der Schule noch beim Staate Geltung hat. 

Die Dichte der Bevölkerung ist gering und sehr ungleich.« 
Im Pariser Becken und im industriellen Norden herrscht eine dichte 
Besiedlung, wogegen das Zentralmassiv, die Alpen, der Jura und die 
Landes nur eine sehr geringe Dichte aufweisen. 

Eine große Sorge bildet für Frankreich schon mit Rücksicht 
auf die Wehrfähigkeit die geringe Zunahme der Bevölkerung, die 
nur 20/oo im Jahre beträgt. Dieser Stillstand wird nur teilweise durch 
eine starke Einwanderung in das reiche Land ausgeglichen*). Sehr 
gering ist die Auswanderung. 

Sehr hoch ist der Stand der Volksbildung. Die Zahl der An- 
alphabeten, die vor 1870 noch 75% ausmachte, ist auf lO^/o gesunken. 



*) Im Jahre 1800 zählte das französische Stammland 26-7 Mill. Einw. und 
im Jahre 1901 389 Mill., was im 19. Jahrhundert eine Zunahme von 12 Mill. be- 
deutet. Im gleichen Zeiträume ist in England die Bevölkerung von 16 auf 42 Mill. 
gestiegen, was eine Zunahme von ISS^/o ausmacht. In Frankreich werden jährlich 
80"/o der Stellungspflichtigen in das Heer eingereiht, in Deutschland dagegen 
nur 400/o. 



— 238 — 

Fast alle Franzosen (9«" ,^) bekennen sich zum Katholizismus. 
Es herrscht voUständifre Trennung- von Kirche und Staat. Die Zahl 
der Protestanten und Juden ist gering-. 

Die Natur des Landes. 

Der Oberflächenbau Frankreichs zeigt eine große Einfachheit. 
Um ein zentrales Hochland und einige alte Landschollen gruppieren 
sich drei Beckenlandschaften, welche durch wegsame Senken mit- 
einander in Verbindung stehen. Diese Massive und Becken sind von 
den zwei mächtigen Grenzwällen der Westalpen und Pyrenäen ein- 
geschlossen. 

1. Die französischen Beckenlandschaften. 

Das Pariser Becken. Das für die Kultur und Wirtschaft 
Frankreichs wichtigste Gebiet, das mehr als den vierten Teil seiner 
Bodeufläche umfaßt, bildet das Pariser Becken. Es breitet sich 
zwischen dem Zentralmassiv, dem armorikanischen Massiv, den Ar- 
dennen und Vogesen aus. In der Mitte liegt Paris. 

Dieses Becken besteht aus einer Reihe ringförmig übereinander gelagerter 
Schichten, die von der Mitte nach außen immer älter werden (Tertiär, Kreide, 
Jura, Trias, kristallinisches Grundgebirge). Gegen die Mitte des Beckens sind sie 
sanft geneigt, nach außen bildet jede jüngere Schicht einen Steilabfall oder eine 
Landstufe (Falaise), die nur durch einzelne Paßstraßen oder Flußtäler passierbar 
ist. Seiner Entstehung nach ist das Pari?er Becken ein alter Meeresgolf, der vom 
Bande aus allmählich ausgefüllt wurde 

Die Entwässerung dieser Landschaft erfolgt durch das System 
der Seine-Yonne mit der Aube, Marne und Oise als wichtigen Neben- 
flüssen, die in gewundenem Laufe der Mitte zustreben und durch 
die untere Seine Paris mit dem Meere verbinden. In den Rand des 
Beckens greifen auch die Systeme der Loire, der Somme, Scheide, 
der Maas und der Mosel über. 

Klimatisch ist dieses Gebiet von großer Einheitlichkeit. Be- 
merkenswert ist nur die Tatsache, daß die Nordgrenze des Wein- 
baues hier verläuft. 

Das Pariser Becken und seine Randlandschaften schließt die 
Mehrzahl der französischen Städte ein. An der Vereinigung der 
Seine und Marne liegt die Hauptstadt Paris (2-8 Mill. Einw.), zu 
deren großer Bedeutung eine Reihe von geographischen Tatsachen 
beigetragen haben. Von der Land- und Seeseite gleich leicht zu- 
gänglich und leicht zu verteidigen, ist sie das große Zentrum des 
französischen Kultur- und Wirtschaftslebens geworden, die Stadt der 
Mode und des raffinierten Lebensgenusses, der natürliche Brenn- 
punkt des Verkehrs und der drittgrößte Hafen. Mit den entzückend 



— 239 — 

gelegenen Vororten (Versailles, Boulogne, Neuilly, Levallois, Clichy, 
St. Denis, Vincennes u. a.) zählt Paris nahezu 4 Mill. Bewohner. Im 
Umkreise der Hauptstadt liegen im nordfranzösischen Becken noch 
weitere sechs Großstädte: Le Ha vre (133.000 Einw.), der Hafen für 
das Industriegebiet des Pariser Beckens, Ronen (122.000 Einw.), die 
Fabriksstädte Lille (217.noo Einw.) und Roubaix (122.000 Einw.), 
Reims (113.000 Einw.), das Zentrum der Champagnerfabrikation 
und Nancy (118.000 Einw.). An der Küste von der Seinemündung 
bis zur belgischen Grenze sind noch vielbesuchte Seebäder (Trou- 
ville, Etretat, Dieppe) und die Häfen Boulogne, Calais und Dünkirchen. 
Im nordöstlichen Teil liegen Tourcoing und Valenciennes, ferner 
Sedan (Tuchindustrie), Verdun, Toul und Chalons s. M. Unter den 
bemerkenswerten Orten der weinreichen Champagne sind Troyes 
und Eperne}', in mittleren Loiregebiet Orleans, Bourges, Tours, 
Angers und am Mündungstrichter der Loire der Hafen Nantes 
(169.000 Einw.) mit dem Vorhafen S. Nazaire zu erwähnen. 

Das Wirtschaftsleben des Pariser Beckens und seiner Rand- 
landschaften zeigt die größte Mannigfaltigkeit und Intensität. 

Hier herrscht eine vielseitige Bodenproduktion, die besonders 
Zuckerrüben und Obst liefert. In der Champagne, in Burgund und an 
der» mittleren Loire reifen edle Weine. Die Küstenlandschaften er- 
möglichen mit dem üppigen Graswuchs ihrer „Salzwiesen" eine hoch- 
entwickelte Rinderzucht und die Nähe des Meeres lockt zum Fisch- 
fang. Gegen die belgische Grenze breiten sich ausgedehnte Kohlen- 
reviere aus, Lothringen liefert Eisen, und da das Pariser Becken 
vom Meere aus leicht zugänglich ist, ist es der Hauptsitz der fran- 
zösischen Industrie geworden, ein Gebiet, das seiner Regsamkeit 
wegen mit der Rheinprovinz Preußens zu vergleichen ist. Eisen- 
bahnen, schiffbare Flüsse, Kanäle und ein Netz herrlicher Straßen 
durchziehen diese Industrielandschaft. Der alles beherrschende Mittel- 
punkt, von dem alle Anregungen ausgehen, ist aber Paris. 

Das Garonnebecken, das zweite große Tiefland Frankreichs, 
ist der dreieckige Raum zwischen dem Zentralplateau, den Pyrenäen 
und dem Golfe von Biscaya. Im Aufbaue hat es große Ähnlichkeit 
mit dem Seinebecken, mit dem es durch die Senke von Poitiers- 
Tours, einem blutgetränkten Stück Erde, in bequemer Verbindung 
steht. Eine auffallende Bildung stellt in diesem Gebiete der große 
und flache Schuttkegel von Armagnac dar, der sich an die 
Pyrenäen anlehnt. Einen Landstrich für sich bildet der Küstenstreifen 
der Landes, ein ausgedehntes Sumpf- und Heidegebiet mit hohen 
Dünenwällen. Durch Entwässerung und Aufforstung sind die Landes 
für die Besiedlung geeigneter geworden. 



— 240 — 

Von großer Regelmäßigkeit ist das F'luß System. Die Garonne 
mit Tarn, Lot und Dordogne ist der Hauptfluß. Die Pyrenäenflüsse 
vereinigt der Adour und nördlich des Mündungstrichters der Gironde 
bildet die Charente ein eigenes System. 

Das Klima des Garonnebeckens ist warm und ozeanisch be- 
einflußt. Die milde Temperatur in Verbindung mit reichen Nieder- 
schlägen bedingt die südliche Vegetation. 

Dieser Landschaft fehlt es an einem beherrschenden Kultur- 
zentrum. Hier wetteiferten von jeher zwei Städte, Bordeaux 
(260.000 Einw.), in vorteilhafter Lage an der Garonne, wo die See- 
schiffahrt endigt, am Schnittpunkte von drei wichtigen Verkehrs- 
richtungen, der Hauptsitz des französischen Weinhandels, und an 
der oberen Garonne die Stadt Toulouse (149.000 Einw.) inmitten 
einer reichen Gegend. An der Küste sind Roch eile, Rochefort 
und Cognac, am Rande des Zentralplateaus liegen Angouleme 
und Albi. 

Besonders reich entwickelt ist die Bodenproduktion des Garonne- 
beckens, es ist ein Hauptanbaugebiet für Weizen, Mais, Tabak, Wein 
und Obst. 

In den Städten Bordeaux und Toulouse herrscht Industrie. 
Ein lebhafter Durchgangsverkehr verbindet diese fruchtbare Land- 
schaft mit dem Pariser Becken, dem Mittelmeer und Spanien. 

Das Saöne-Rhöne Becken, das den Jura und die Alpen vom 
Zentralplateau scheidet, ist ein 480 hn langer Talzug, der sich von 
den Vogesen und den Sichelbergen südwärts zum Mittelmeer er- 
streckt. Im Norden leitet die Burgundische Pforte in die ober- 
rheinische Tiefebene, auch in das Pariser Becken und zum lothrin- 
gischen Stufenlande führen mehrere bequeme Übergänge. Desgleichen 
ist diese Senke durch mehrere Alpenpässe mit der oberitalienischen 
Tiefebene in guter Verbindung. Aus diesem Grunde ist dieser Talzug 
eine uralte Völker- und Handelsstraße. 

Die belebenden Flußläufe dieser Landschaft sind die Saone und 
die Rhone, welcher aus den Alpen die Isere und Durance zuströmen. 
Wegen ihres starken Gefälles sind diese Flüsse für die Schiffahrt 
nicht sehr gut geeignet. Auch mündet die Rhone in einem ver- 
sumpften Delta, in dem große Teiche (Etangs) eingeschlossen sind, 
die Malaria verursachen. 

Im südlichen Rhönetal gliedern sich zwei Landschaften organisch 
an, die Languedoc, das hügelige Vorland des Zentralplateaus mit 
seiner Haffküste am Mittelmeere und östlich des Deltas die Provence. 

Das mediterrane Klima der Küstenstriche reicht die Rhone 
aufwärts bis Valence (450), nördlich davon ist ein Übergangsgebiet 



— 241 — 

zu mitteleuropäischen Verhältnissen. Für das untere Rhönetal ist in 
den Wintermonaten das Auftreten des kalten Nordwindes Mistral 
bezeichnend, gegen den man alle Kulturen durch Zypressenhecken 
zu schützen sucht. 

Uralt und auch heute noch Stätten einer hohen Kultur und 
regen Lebens sind die Siedlungen dieses Gebietes. Im Bereiche der 
Saone sind Beifort, die beherrschende Festung in der Burgun- 
dischen Pforte, Chalons s. S.^ Besancon und Dijon wichtige Schnitt- 
punkte des Verkehrs, vor allem aber Lyon (524.000 Einw.), die 
zweite Stadt des Landes, die einzige, welche neben Paris ein selb- 
ständiges Dasein führt. Sie ist der Hauptsitz der Seidenindustrie. 
Im unteren Rhönetale sind Valence, Avignon, Tarascon und 
Arles, in der Languedoc Perpignan, der Hafen Cette, Mont- 
pellier, Beziers und Nimes. Der Hauptort der Provence ist Aix. 
Am Rande eines kleinen Tertiärbeckens liegt in geschützter Lage 
Marseille (551.000 Einw.), der größte Hafen Frankreichs und des 
Mittelmeeres. 

Das Wirtschaftsleben des Saöne-Rhone Beckens ist mit 
Rücksicht auf seine Erstreckuug über 5 Breitengrade und den klima- 
tischen Gegensatz zwischen dem milden Süden und dem mehr kon- 
tinentalen Saönegebiet durchaus ungleichartig. Im Rhönetale spielt 
der Getreidebau keine Rolle, an dessen Stelle treten der Weinbau, 
die Oliven- und Blumenkultur in den Vordergrund. Das Saönebecken 
ist ein Hauptanbaugebiet für Mais, Zuckerrüben, Tabak und Hopfen. 
Daneben wird auch die Viehzucht stark betrieben. Die reich ent- 
wickelte Industrie hat ihre Mittelpunkte in Lyon (Seide, Maschinen) 
und Marseille. 

Die Senke des Saöne-Rhönetales ist eine der wichtigsten von 
der Natur geschaffenen Verkehrslinien Frankreichs (Paris — Rom ; 
Paris^Barcelona). 

2. Das französische Schollenland. 

Den großen Beckenlandschaften gegenüber nehmen die alten 
Schollen des französischen Mittelgebirges einen viel geringeren 
Raum ein. Sie sind die Reste eines einst mächtigen Hochgebirges, 
das in gleicher Weise wie das deutsche Mittelgebirge durch die 
zerstörenden Kräfte in eine ausgereifte Mittelgebirgslandschaft mit 
sanften Formen umgewandelt wurde, die durch tertiäre Senkungs- 
felder und vulkanische Gebilde gegliedert wird. 

Das Schollenland zerfällt in das Zentralmassiv, in die Masse 
der Bretagne und in die nordöstlichen Schollen der Ardennen, des 
lothringischen Stufenlandes und in die Vogesen. 

Stoistr, Wirtschaft J- und Verkelirägeographie d. curop. Staaten. 16 

9 



— 242 — 

Das Zentralmassiv. Jm [niiern des Landes erhebt sich insel- 
artig die Scholle dos Zentralmassivs, die mit ihren 80.000 kut- 
Hächenraum das eigentliche Kernland Frankreichs darstellt. Der 
Ostrand (Cevennen, Vivarais, Lyonnais, Charolais, Cote d'Or, Plateau 
von Langres) fällt steil zur Saone-Rhonesenke ab und leitet in den 
Sichelbergen (Mts. Faucilles) zu den Vogesen über. 

Die interossantosten Teile des Zentralplatoaus sind die Gausses und das 
große Vulknngebiet der Auvergne. 

Die Gausses, ein Teil der Cevennen, sind eine ausgedehnte Karstlandschaft, 
in deren Kalkschichten der obere Tarn in einem 400 bis 5C0 »i tiefen Tale sich 
windet. Die steilen Talwände, rauschenden Wasser und Höhlen dieses vielbesuchten 
Gebietes stellen eine große Naturmerkwiirdigkeit dar. Die Oberfläche ist öde und 
kahl, mit Dolinen, Felsenmeeren und trichterförmigen Einstürzen bedeckt, am Fuße 
strömen baehartige Quellen hervor. 

Die Vulkanlandschaften umfassen besonders das keilförmige Gebiet zwischen 
der oberen Dordogne und Allier mit dem Gantal (1858 wi), der an Umfang dem 
Ätna gleichkommt und den Mon ts Dore, einer unregelmäßigen, scharf umrissenen 
Gruppe mit alpinem Charakter, hübschen Kraterseen und heilkräftigen Quellen. 
Im Puy de Sancy (1886m) weist dieses Gebiet die höchste Erhebung des Mittel- 
gebirges auf. Dazu gehören auch die Monts Domes. Auf einem ZOhm langen 
Sockel erheben sich etwa 60 erloschene Vulkane, der höchste darunter ist der Puy 
(Kuppe) de Düme (1465 w/), der beherrschende Gipfel der Auvergne. 

Infolge der nördlichen und westlichen Abdachung erfolgt die 
Entwässerung des Zentralplateaus zur Loire und Garonne. 

Der größte Teil des Plateaus hat wegen der Höhenlage ein 
rauhes Klima. Nur die Beckeulandschaften und die Täler erscheinen 
begünstigt. 

Da dieses Hochland auf die Besiedlung eine viel geringere An- 
ziehungskraft ausübte als die umliegenden Ebenen, so fehlt es hier 
auch an Städten. Nur am Rande und in den eingelagerten Tertiär- 
bocken sind größere Industrieorte entstanden. Die wichtigsten Orte 
sind St. Etienne, inmitten ausgedehnter Kohlenfelder, das Weltbad 
Vichy, die Universitätsstadt Clermont-Ferrand. Limoges, Mont- 
luQon und Le Creuzot. 

Der größte Teil des Plateaus hat nur eine magere Acker- 
krume, daher lohnt sich nur die Weidewirtschaft (Schafzucht und 
Käseproduktion). Stellenweise sind schöne Wälder vorhanden. 
Große Bestände bis in Höhen von 800 m bildet die Edelkastanie. 
Der Kohlenreichtum und die vorhandenen Wasserkräfte ließen eine 
bedeutende Eisenindustrie (St. Etienne, Le Creuzot) emporkommen. 
Die großen Verkehrslinien umgehen dieses Gebiet, vom Rande aus 
dringen aber zahlreiche Eisenbahnen in das Innere vor. 

Die Bretagne oder das armorikanische Massiv ist gleichfalls 
ein Teil des alten Rumpfgebirges, das von der Rhone bis zum Kanal 



— 243 — 

sich hinzieht. Sie hat eine reichgegliederte Riasküste mit vorgela- 
gerten Inseln und Klippen. Das Innere dieser Urgesteinsmasse, welche 
außer der Bretagne auch den westlichen Teil der Halbinsel Cotentin 
(Normandie) umfaßt, ist ein wellenförmiges Hochland von geringer 
Höhe. Unter dem Einflüsse des Ozeans herrscht überall ein mildes 
Seeklima mit reichem Baum- und Graswuchs. 

In geschützten Buchten liegen die Kriegshäfen Lorient, Brest, 
der Fischereihafen S. Malo, im Innern Rennes, Laval und 
Le Mans. An der Nordseite der Halbinsel Cotentin ist das als Kriegs- 
uiid Handelshafen wichtige Cherbourg. 

Das Innere der Bretagne ist ein kahles und unfruchtbares 
Heideland, auf dem Schafzucht betrieben wird, die Küstenlandschaften 
sind von großer Ergiebigkeit ' mit immergrüner Pflanzenwelt. Be- 
sonders ist die Normandie ein reiches Getreideland und eines der 
wichtigsten Gebiete für die Viehzucht. Die Bevölkerung, welche die 
besten Seeleute Frankreichs stellt, befaßt sich auch mit Fischfang. 

Die Verkehrslage dieser Landschaft ist eine sehr wichtige, wes- 
halb auch von Paris aus große Schienenwege dahin führen. 

Die nordöstlichen Massive und der Jura. Den Ostrand des 
Pariser Beckens und das Übergangsgebiet zum deutschen Mittel- 
gebirge, dessen westliche Fortsetzung sie bilden, stellen die Ar- 
dennen, Argonnen, das lothringische Stufenland und die 
Vogesen dar. 

Diese fruchtbaren und dichtbevölkerten Landschaften werden 
von der Scheide, Maas, Meurthe und Mosel durchflössen. 

In den hochentwickelten Grenzgebieten gegen Belgien, Luxem- 
burg und Deutschland herrscht eine ebenso mustergiltige Land- 
wirtschaft, wie infolge der großen französisch-belgischen und rhei- 
nischen Kohlenreviere, der Eisenproduktion Luxemburgs und Loth- 
ringens eine bedeutende Industrie. 

Während zwischen Frankreich und Belgien für den Verkehr 
sehr gut gesorgt ist, führt wegen des Mißtrauens zwischen der 
Republik und dem Deutschen Reiche nur eine einzige Linie über die 
Vogesen (Nancy — Straßburg). 

Ein Übergangsgebiet zwischen dem Schollenlande und der Welt 
des Hochgebirges stellt der Jura dar, der als Abzweigung der 
Alpen in nordöstlicher Richtung bis an den Rhein sich erstreckt. 
Er ist der Typus eines Faltengebirges, das aus einer großen Zahl 
paralleler Ketten sich zusammensetzt und eine nur geringe Höhen- 
entwicklung aufweist (Cret de la Neige 1720 m). Im Gegensatze zum 
schweizerischen Kettenjura überwiegt auf französischem Boden der 
Plateaucharakter, wodurch sein Landschaftsbild eine gewisse Ein- 

16* 



— 244 — 

förmigkeit aufweist, die nur durcli steilwandige Quertäler (Cluses) 
unterbrochen wird. Die beiden Haujjtflüsse, der Doubs und Aine, 
nehmen entsprechend der Abdachung einen westlichen Lauf. Auch 
die Rhone durchbricht das Jurasystem. 

Das Klima ist rauh, die langen Winter haben starke Schnee- 
fälle und die Höhengrenzen der Vegetation sind stark herabgedrückt 
(Waldgrenze 1300 w). 

Der Jura ist dünn bevölkert, aber infolge seiner Lage zwischen 
der wirtschaftlich hochentwickelten Schweizer Hochebene und dem 
Saöne-Rhönebecken herrscht auch hier ein reges Leben. Auf den 
Hochflächen überwiegt Viehzucht und Waldwirtschaft in Verbindung 
mit Hausindustrie, in den Tälern und am Rande ist der Ackerbau 
lohnend und besteht Fabriksindustrie. In BesanQon ist eine lebhafte 
Uhrenindustrie emporgekommen. 

Über den Jura, der im allgemeinen dem Verkehre hinderlich 
ist, führen auch mehrere wichtige Eisenbahnen (Paris — Genf, Paris — 
Turin). 

3. Die Landschaft des Hochgebirges. 

Die Westalpen und die französische Riviera, Frankreichs 
Anteil an den Alpen umfaßt die Gruppen der Urgesteins- und äußeren 
Kalkzone vom Mittelmeer bis an den Genfersee, insgesamt 7 Depar- 
tements (50.000 km- mit 19 Mill. Einw.). Während die Ostabhänge 
der Urgesteinszone (See-A., Cottische-A., Graische-A.) mit Ausnahme 
des Mont Blanc zu Italien gehören, liegen die äußeren Kalkalpen 
(Kalkalpen der Provence, der Dauphinee und von Savoyen) ganz auf 
französischem Boden. 

In den Westalpen haben wir zwei beherrschende Talsysteme, 
das der Durance und der Isere, denen ungefähr auch die Dauphinee 
und Savoyen als landschaftliche Einheiten entsprechen. 

Das Klima der Alpen weist große Unterschiede auf. In der 
eigentlichen Hochregion lagern Gletscher und ewiger Schnee, die 
Niederschläge sind reichlich und die Temperaturen niedrig. Je weiter 
gegen Süden, in der Provence und an der Riviera. desto mehr kommt 
das Mittelmeerklima zur Herrschaft. 

Unter den größeren Orten ragen die Universitäts- und Fremden- 
stadt Grenoble und Brian^on besonders hervor. Außerdem sind 
noch eine Anzahl besuchter Fremdenstationen, wieEvian undThonon 
am Genfersee, die alte savoysche Hauptstadt Chambery, Aix les 
Bains, Chamonix und der Grenzort Modane zu nennen. 

Das Erwerbsleben der Alpen ist von der Gebirgsnatur stark 
beeinflußt. Am lohnendsten ist die Viehzucht. In einzelnen geschützten 
Gegenden, wie am Südufer des Genfersees (Chablais) und bei Grenoble 



— 245 — 

wird Obstkultur (Edelkastanien, Nüsse, Wein) mit größtem Erfolge 
betrieben. Die Wälder wurden verwüstet, erst neuestens werden 
wegen der Hochwassergefahren Aufforstungen vorgenommen. An 
Mineralschätzen sind die französischen Alpen ebenso arm wie die 
Ostalpen. Wegen der reichen Wasserkräfte dringt aber immer mehr 
Industrie in die Täler der Alpen vor. So ist vor allem Grenoble 
ein solches Zentrum geworden. 

Außer verschiedenen gut gehaltenen Hochstraßen führt über 
die französischen Alpen die Mont Cenis-Bahn (Paris— Turin). 

Ihrer klimatischen Begünstigung und der anders gearteten Wirt- 
schaftsverhältnisse wegen nehmen die Provence und die Riviera 
eine gesonderte Stellung ein. Die Gebirge der Provence weisen 
durch ihre Ost-Westrichtung zu den Pyrenäen, mit denen sie wahr- 
scheinlich ursprünglich zusammenhingen. Die Küste der Provence 
und der Seealpen, letztere auch die französische Riviera genannt, 
bilden das landschaftlich schönste und klimatisch begünstigte Gebiet 
Frankreichs. Durch das steil zum Meere abfallende Gebirge sind 
sie gegen Nordwinde geschützt, haben bei klarer durchsichtiger Luft 
reichliche Sonnenstrahlung, eine ungemein buchtenreiche Küste und 
eine subtropische Vegetation. Selbst die Palmen kommen hier im 
Freien vor. Zu den natürlichen Vorzügen des Klimas und den ab- 
wechslungsreichen Landschaftsbildern kommt eine Reihe entzückend 
gelegener Fremdenorte und Gesundheitsstationen, in die sich in 
den Wintermonaten ein großer Fremdenstrom ergießt. Die bekann- 
testen dieser Orte sind: Menton, Monaco, Villefranche, Nizza 
(164.000 Einw.), Antibes und Cannes. Hier hat die Republik in 
Toulon (105.000 Einw.) auch einen wichtigen Kriegshafen. 

Das milde Mediterranklima ermöglichte in der Provence eine 
ausgedehnte Gartenkultur, Blumenbau, Oliven-, Wein- und Süd- 
früchtengewinnung. Die reichsten Einnahmen stammen aber doch 
aus dem Fremdenverkehr. 

In dieses Gebiet führt von Paris durch das Rhonetal eine der 
wichtigsten und einträglichsten Bahnen Frankreichs (Paris — Lyon^ 
Nizza- Genua). 

Die Pyrenäen, welche Frankreich und die Iberische Halbinsel 
trennen, sind eine große Völker- und Kulturscheide mit viel gerin- 
geren Beziehungen zu ihrem Vorlande als bei den Alpen und mit 
geringerem eigenen Leben. In geradliniger Erstreckung von 450 km 
Länge ziehen sie vom Golf von Biscaya zum Mittelmeere und be- 
decken eine Fläche von 50.000 km-, wovon der dritte Teil auf fran- 
zösischem Boden liegt. Sie bestehen aus einer zentralen Hauptkette 
von Gneis und Granit, an die sich zwei jüngere Zonen anlehnen. 



— 246 -- 

Die höchsten Gipfel sind der Tic d'Aneto (SiOOm) und der Mont 
Perdu (3350 m). Dem Verkehre setzen sie unüberwindliche Hinder- 
nisse entgegen, so daß im mittleren Teile auf einer Strecke von 
200 hn kein einziger fahrbarer Weg über sie hin wegführt. Unter 
den hochgelegenen Pässen sind der Col de la Perche (1571 vi) und 
der durch die Rolandssage berühmt gewordene Paß von Ronces- 
valles (1207 m) am wichtigsten. Gegen das Meer senken sich die 
Pyrenäen, so daß an den Enden Verkehr und Völkerleben hinfluten 
können. 

Die französische Seite der Pj^-enäen ist sehr reich an Nieder- 
schlägen, weshalb sie schöne Wälder und einen üppigen Pflanzen- 
wuchs zeigt. Zahlreiche reißende Gebirgsflüsse strömen der Garonne 
und dem Adour zu 

Am Nordfuße entspringen heiße Quellen, an denen die besuchten 
Pyrenäenbäder Bagneres de Bigorre. Bagneres de Luchon, Biarritz, 
Eaux-Chaudes und Cauterets liegen. In den Vorbergen ist der Wall- 
fahrtsort Lourdes. 

Am dichtesten bevölkert sind die Westp3'renäen und ihr Vor- 
land mit dem Hauptorte Bayonne. Sehr fruchtbar und gut besiedelt 
sind auch die gegen das Meer offenen Täler der Ostpyrenäen. Dort 
herrscht mildes Klima und die Pflanzenwelt des Mittelmeergebietes. 

Die wichtigsten Erwerbszweige der Pyrenäenbevölkerung 
sind Schafzucht, Waldwirtschaft und der Fremdenverkehr. Berühmt 
ist der Marmor, der dort gewonnen wird und das Material für die 
französischen Schlösser und Prunkbauten (Versailles, Madelaine, Oper 
in Paris) lieferte. 

An zwei Stellen führen über die Pyrenäen Eisenbahnen (Bor- 
deaux — Madrid und Perpignan— Barcelona). 

4. Küstengestalt, Flüsse und Klima. 

Durch den Anteil Frankreichs am Mittelmeere und am Atlan- 
tischen Ozean besitzt es einen Küstensaum von 4200 km Länge. Die 
eigenartige Beschaffenheit der Küsten, die nur stellenweise, keines- 
wegs aber in ihrer Gesamtheit gut ausnützbar sind, brachte es mit 
sich, daß Frankreich dem Seewesen zwar von jeher eine große Auf- 
merksamkeit zugewendet hat, im ganzen aber doch eine Kontinental- 
macht geblieben ist und die Bodenproduktion stets das Übergewicht 
über den Seeliaudel behauptete. 

Im einzelnen zeigt die Küste folgende Beschaffenheit: 
Die Mittelmeerküste ist östlich der Rhöuemünduug eine 
buchtenreiche Steilküste, an der neben Marseille und Toulon noch 
zahlreiche kleine Häfen angelegt werden konnten. 



— 247 — 

Von der Sumpfwildnis des Rhönedeltas bis zu den Pyrenäen 
zieht sich die flache Haffküste der Languedoc mit ihren Nehrungen 
und Strandseen. An der offenen Seite gegen das Meer liegt der 
einzige Hafen Cette, während die früheren Lagunenhäfen, wie z. B. 
Narbonne bereits verlandet sind. 

Auf der atlantischen Seite erstreckt sich eine flache Dünen- 
küste von Bayonne bis zur Loiremündung. Nur die Mündungs- 
trichter der Gironde und der Loire ermöglichten die Anlage großer 
Weltverkehrshäfen. 

Die Riasküste der Bretagne hat zwar gute Häfen, aber hier 
fehlt es an einem produktiven Hinterlande. 

Das nordfranzösische Becken wird bis zur belgischen Grenze 
wieder von einem flachen Strande begleitet. Le Havre ist ein Kunst- 
hafen. 

An Wert gewinnt die Küste aber hauptsächlich durch das 
ausgezeichnete Flußnetz, das durch seine radialförmige An- 
ordnung die großen Beckenlandschaften mit der Küste enger ver- 
knüpft. Mit Ausnahme der Rhone und des Adour kommen alle französi- 
schen Flüsse aus dem Zentralplateau. Nach Norden fließt die Seine 
mit der Oise, Marne und Yonne, ferner die Somme, nach Westen die 
Loire mit der AUier, Cher und Vienne, außerdem die Charente, 
Dordogne und Garonne mit dem gemeinsamen Mündungstrichter 
der Gironde und der Adour. In das Mittelmeer ergießt sich die 
Rhone mit ihren schon früher genannten Nebenflüssen. 

Im engsten Zusammenhange mit der wirtschaftlichen Ent- 
wicklung steht auch das Klima. Von allen Ländern Europas ist 
Frankreich wohl am meisten klimatisch begünstigt. Der größte Teil 
des Landes, hauptsächlich der ganze Nordwesten, steht unter dem 
Einflüsse des Atlantischen Ozeans. Hier überwiegen die Westwinde, 
die Niederschläge sind reichlich, die Winter aber milde. An den 
Küsten toben jedoch oft heftige Stürme, die der Schiffahrt gefährlich 
werden. 

Das Zentralplateau zeigt bereits den Übergang zum kon. 
tinentalen Klima, zumal dort rauhe und schneereiche Winter die 
Regel sind. 

In den Alpen und im Jura treten die ozeanischen Einflüsse 
fast ganz zurück, das alpine Höhenklima ist scharf ausgeprägt. 

Dem gegenüber steht im Süden das mediterrane Klima mit 
seiner Sommerdürre und seinen Herbst- und Frühjahrsregen und 
seiner subtropischen Pflanzenwelt. 

Das Klima ist durchaus sehr gesund und ermöglicht jene viel- 
seitige Bodenproduktion, die für Frankreich so bezeichnend ist. 



— 248 — 

5. Korsika. 

Seit dem Jahre 1769 ist diese gebirgige Insel, die Heimat 
Napoleons, im Besitze Frankreichs. Von der Küste der Riviera ist 
sie 80 km, von Italien nur 10 hu entfernt, geographisch wie ethno- 
graphisch ein Teil Italiens. 

Die Westhälfte Korsikas ist von einem langgestreckten hohen 
Gebirge (Monte Cinto 2700 m) erfüllt, das in zahlreiche Talland- 
schaften aufgelöst ist. Die Küste besitzt eine Reihe herrlicher Golfe. 
Gegen die lagunenreiche ungesunde Ostküste fallen die Berge in eine 
Landschaft mit sanften Formen ab. 

Einen großen Vorzug der Insel bildet das milde Klima mit 
einer mittleren Jahrestemperatur von IS'', einer Wintertemperatur 
von über ll** und einem herrlichen blauen Himmel. Daher sind auch 
zahlreiche klimatische Winterstationen entstanden. 

Von größeren Orten sind nur Ajaccio, ein eleganter Winter- 
kurort, die Häfen Bastia, ferner Calvi und Bonifacio zu nennen. 
Die Mehrzahl der tapferen und kriegerisch gesinnten Bevölkerung 
lebt in schwer zugänglichen Bergdörfern. 

Der Insel mangelt es nicht an natürlichen Hilfsmitteln, denn 
reich ist vor allem die Pflanzenwelt. An der Küste reifen Orangen 
und Mandeln, in höherer Lage gedeiht die Olive, noch weiter reicht 
die Edelkastanie hinauf, dann folgt das Gebiet des Buschwaldes, 
doch nimmt auch der korsische Bergwald mit seinen immergrünen 
Eichen und Buchen noch weite Flächen ein. Die Schaf- und Ziegen- 
zucht wird allenthalben eifrig betrieben. Große Bedeutung hat auch 
der Fremdenverkehr. 

Das Wirtschaftsleben. 

Die Fruchtbarkeit und reiche natürliche Ausstattung des 
Bodens, die Rührigkeit und die Unternehmungslust des Volkes 
haben das Wirtschaftsleben Frankreichs zu hoher Vollendung und 
mustergiltiger Ausgestaltung gebracht, so daß die Republik mit Recht 
.als eines der reichsten Länder der Erde angesehen werden darf. 

Der bemerkenswerteste Zug im ökonomischen Leben Frankreichs 
ist das vorteilhafte Gleichgewicht, das zwischen der Urproduktion 
und Industrie besteht, was dem Lande einen hohen Grad von Un- 
abhängigkeit verleiht, da beide Erwerbszweige auf das glänzendste 
entwickelt sind. Ein weiteres Merkmal wirtschaftlichen Strebens ist 
die Vielseitigkeit aller Produktionszweige. Endlich sind die Franzosen 
in der Landwirtschaft wie in der Industrie zur Erzeugung von 
Qualitätsprodukten übergegangen. Nicht die Menge, sondern die 
Güte des Produktes ist das Entscheidende. 



— 249 — 

Land- und Forstwirtschaft. Die eigentliche Grundlage des 
französischen Wohlstandes bildet der Landbau. Frankreich ist 
ein Gebiet landwirtschaftlichen Kleinbetriebes und hat 
trotzdem den reichsten Bauernstand Europas. Die Bodenfrage ist 
nur teilweise vorteilhaft gelöst. Denn während einerseits 150.000 Besitzer 
den halben Ackerboden des Landes innehaben, ist der übrige Teil 
stark zersplittert, so daß es über 8 Mill. selbständige Grundbesitzer 
gibt. Der Großgrundbesitz ist besonders im Zentralplateau und im 
Nordwesten vertreten. Die weitgehende Parzellierung ist die Ursache 
der intensiven Bode n ausnutz ung 

Frankreich ist vor allem ein Land des Weizenbaues, der die 
Hauptbrotfrucht liefert. Nordfrankreich, das Pariser Becken und die 
atlantische Abdachung sind die ergiebigsten Weizeubödeu, wogegen 
er im mediterranen Teile ganz zurücktritt. Es erzeugt jedes Jahr 
durchschnittlich 100 Mill. q und wird nur von der Union und Ruß- 
land übertroffen. Eine Jahresernte wertet über 2 Milliarden Francs. 

Die nördlichen Departements haben Überproduktion, das Gebiet 
südlich der Linie Bordeaux — Beifort muß Weizen einführen. 

Von anderen Zerealien baut Frankreich noch große Mengen 
von Hafer besonders im kühleren und feuchten Norden, Roggen in 
den weniger fruchtbaren Gebieten des Zentralplateaus, der Bretagne, 
Landes und in der Champagne, Gerste in beträchtlicher Menge im 
Nordwesten des Landes und viel Buchweizen im Zentralplateau und 
in der Bretagne. Weite Anbauflächen nimmt auch der Mais ein. Er 
gedeiht am besten im wärmeren Süden, im Garcnnebecken, an den 
Rändern des Zentralplateaus, am Fuße der Alpen und im Tale der 
Saöne. Hervorragend ist der Kartoffelbau in den Vogesen und in 
der Auvergne. Selbst diese reichen Erträgnisse reichen für den 
inneren Bedarf nicht aus, weshalb um mindestens 100 Mill. Mark 
Brotfrüchte eingeführt werden müssen. 

Unter den Industriepflanzen sind die Zuckerrüben an erster 
Stelle zu nennen. Sie werden in jährlich zunehmender Menge in den 
nördlichen Departements gebaut. Frankreich ist der viertgrößte 
Rübenzuckerproduzent. Hanf und Flachs kommen am meisten aus 
dem Tale der Loire und aus der Gegend von Ronen und Lille. 
Die Tabakkultur ist Staatsmonopol und beschränkt sich auf 26 De- 
partements. Am erfolgreichsten ist seine Gewinnung im Tale der 
Garonne. Von Ölpflanzen sind Raps im unteren Seinegebiete und 
Oliven im mittelländischen Teile des Landes wichtig. Frankreich liefert 
die feinsten Speiseöle (Aixer öl). 

Einen weit verbreiteten Zweig der Landwirtschaft stellt die einzig 
dastehende Gartenkultur und der Obstbau dar. Ihre wichtigsten 



— 250 — 

Erzeugnisse sind Trüffeln, deren Kultur in vielen Gegenden an 
Stelle des Weinbaues getreten ist mit dem Hauptmarkte Perigueux, 
ferner verschiedene Gemüsearten (z. B. Blumenkohl, Spargel, 
Artischocken, Tomaten usw.), die in ungeheuren Mengen in den 
Handel kommen und endlich Blumen für die Parfümeriewaren- 
erzeugung und zum Versand im frischen Zustande. 

Die Verbreitungsgebiete dieses einträglichen Wirtschaftszweiges sind die 
Riviera, die Provence (Grasse), die Gegend von Anjou und Orleans. Am meisten 
werden Nelken. Kosen uud Veilchen gebaut. Orleans liefert die schönsten Rosen 
und Anjou besonders Kamelien, Azaleen und Gardenien. Nizza ist der größte Blumen- 
markt. Von hier aus wird im W^inter ganz Europa mit frischen Blumen versorgt. 
Für die Arbeit in den Blumengärten werden meist Italienerinnen verwendet. Die 
Gewinnung der ätherischen Öle aus den Blumen erfolgt in den Parfumfabriken 
in Grasse. 

Im Obstbau übertrifft Frankreich alle Länder Europas. Es 
liefert feines Tafelobst, wie Apfel und Birnen (Normandie), Kirschen, 
aus denen das beliebte „ Kirsch wasser"' gewonnen wird, besonders 
in Ostfrankreich, im mittleren und südlichen Teile des Landes 
ist die Edelkastanie ein wichtiges Volksnahrungsmittel, Walnüsse 
kommen aus dem Zeutralplateau und Grenoble, ferner werden noch 
Mandeln und Feigen (Rhönebecken), Pfirsiche, Aprikosen, Melonen 
und Südfrüchte (Riviera, Korsika) gewonnen. Den größten Wert 
haben aber die Äpfel, aus denen der berühmte französische Apfelwein 
(Cider) gewonnen wird. Der Jahresertrag an Obstwein schwankt 
zwischen 10 und 40 Mill. hl im Werte von 65 bis 85 Mill. Francs. 

An Wäldern ist Frankreich ärmer als die meisten Länder 
Europas. Nur 8 Mill. ha, das sind 16*7o des Bodens, sind mit Wäldern 
bedeckt. In manchen Gegenden, wie in den Alpen und im Gebiete 
der Garonne, macht sich die frühere Waldverwüstung in den Hoch- 
wasserschäden und in der Verschotterung der Täler nachteilig 
bemerkbar. Die noch vorhandenen Wälder sind sehr ungleich ver- 
teilt. Am reichsten bewaldet sind der Jura, die Vogesen, die Landes, 
einzelne Teile des Zentralplateaus und die Pyrenäen. Die meisten 
Wälder sind im Privatbesitze, doch hat auch der Staat *) große 
Bestände an der atlantischen Westküste und in den Pyrenäen. 
Bezeichnend ist das starke Überwiegen des Laubwaldes, die Nadel- 
hölzer nehmen nur 200/o des Bestandes ein. Hervorzuheben sind 
außer den schon früher genannten Wäldern an Edelkastanien noch 
die Korkeichenwälder Südfrankreichs und Korsikas. Im ganzen ist 
Frankreich auf eine bedeutende Holzeinfuhr angewiesen, die über 
Marseille, Cette, Bordeaux und Havre erfolgt. Großes wurde von der 

*) Im Besitze des Staates ist auch der 16.SU0/(i große Wald von Fontainebleau' 
dessen prachtvolle Eichenbestände allgemeine Bewunderung erregen. 



— 251 — 

Republik in der Aufforstung und Wildbachverbauung (Alpen. 
Cevennen, Pyrenäen) geleistet. 

Der Weinbau. Die glänzendste Seite der französischen Land- 
wirtschiaft ist der Weinbau. Auf diesem Gebiete wird Frankreich 
weder an Menge noch an Qualität von irgendeinem Linde der Erde 
erreicht. Mit Ausnahme von neun nördlichen Departements gedeiht 
die Rebe überall in Frankreich. 

Schon zur Zeit der Römerherrschaft war Frankreich ein bekanntes Weinland. 
Später hat Karl d. Gr. sich um die Anlage von Weinbergen besonders in Burgund 
Verdienste erworben. Im 19. Jhd. ist eine Art Konzentrationsbewegung eingetreten ; 
in zahlreichen Departements, die früher für den lokalen Bedarf an Wein sorgten, 
obschon sie weniger gute Anbaugebiete waren, wurden die Weingärten auf- 
gelassen, zumal die Weinversorgung nach der Aufhebung der zahlreichen Binnen- 
zölle und bei den modernen Verkehrsmitteln leichter wurde. Durch verschiedene 
Krisen war der Weinbau großen Schwankungen unterworfen. Um 18ö2 trat eine 
Traubenkrankheit. Oidium, auf. welche große Schäden verursachte und im Jahre 1865 
wurde die Reblaus aus Amerika in Frankreich eingeschleppt. Mehr als die Hälfte 
aller Weingärten wurde dadurch vernichtet, das jährliche Erträgnis ging von 
83 Mill. hl im Jahre 1875 auf 25 Mill. hl zurück. In vielen Gegenden wurde der 
Weinbau ganz aufgelassen, in fünf Gebieten ging man aber zur Monokultur des 
Weines über. Obwohl die Reblauskrise überwunden ist. hat der französische Wein- 
bau noch mit mancherlei Schwierigkeiten, wie Überproduktion, Sinken der Preise, 
Zwangsverkäufen wegen Mangel an Gebinden bei reicher Ernte und dem Zwisfhen- 
handel zu kämpfen. Die Weinrieden sind sehr klein parzelliert und stark besteuert. 
Die Löhne sind hoch (3 bis 4 Frcs. täglich) und werden jährlich auf 1 Milliarde Francs 
geschätzt. Insgesamt sind im Weinbau gegen 2 Mill. Menschen tätig und das in 
den französischen Weingärten angelegte Kapital beträgt 15 Milliarden Francs. 

Die fünf Hauptweingebiete sind folgende: 
1. Die Champagne, wo die Reben an den Ufern der Marne 
am besten gedeihen. Die Hauptorte sind Reims und Eperney. 

Die Weine der Champagne sind Weißweine, die sich zur Erzeugung von 
Schaumwein besonders eignen. Sie erzielen hohe Preise und das Gebiet, dessen 
Weine als Champagnerweine bezeichnet werden dürfen, ist gesetzlich festgestellt 
(Departements Marne und Aube). was in den angrenzenden Gebieten zu schweren 
Unruhen führte. 

Die Fabrikation moussierender Weine (Champagner) ist seit der Mitte des 
18. Jahrhunderts rasch aufgeblüht. Jetzt bestehen in der Champagne über 300 Fabriken, 
davon in Reims allein über 50. Insgesamt werden aus Frankreich jährlich 35 bis 
40 Mill. Flaschen Champagner ausgeführt, der Inlandsverbraueh macht etwa 15 Mill. 
aus, während der Vorrat (Stock) zwischen 130 und 140 Mill. Flaschen schwankt *) 
Der Export von Weinen aus der Champagne und von Sekt geht zumeist nach 
England, in die Union, nach Deutschland. Rußland und Österreich-Ungarn. 

*) Die bekanntesten Champagnerfirmen sind Veuve Cliquot, Roederer, 
Moet et Chandon, Mercier, Heidsieck, Pommery usw. Die seit 1743 bestehende Firma 
Moet et Chandon in Epernay versendet allein jährlich über 4 Mill. Flaschen. 
Ihre Kellereien haben eine Länge von 14 km. Aus dem Umsatz in Champagner 
bezieht die Republik eine Einnahme von 100 Mill. Francs im Jahre. 



— 252 — 

2. Biirgund. Im hügeligen Gelände der Departements YonneJ 
Saöne-et-Loire, Cöte d'Or und Rhone reifen die besten Erzeugnisse 
um Dijon, Mäcon, Chambertin und Chablis. Der eigentliche Burgunder 
kommt aus dem Departement Cöte d'Or. 

3. Das Gebiet an der mittleren Loire, das sehr milde 
und gute Weine liefert (z. B. Saumur). 

4. Das Garonnebecken auf beiden Seiten des Flusses von 
Toulouse bis Bordeaux, wozu auch das Gebiet der Charente gerechnet 
werden muß. 

Der Hauptsitz der Weinproduktion dieses Gebietes ist der kalk- und ton- 
haltige Alluvialboden in der nächsten Umgebung von Bordeaux. Besonderen Ruf 
genießen die rubinroten Weine von Medoe, sowie die der Güter Chäteau Lafite, 
Chäteau Latour und die weißen Sauterner Weine*). Bordeauxweine sind in der 
ganzen Welt bekannt. 

5. Das Mittelmeergebiet, das die Languedoc und die Provence 
umfaßt. Es liefert zumeist leichte Landweine. 

Die gesamte französische Weinproduktion erreicht jetzt wieder 
gegen 65 Mill. hl, wovon etwa 4a Mill. hl im Inlaude verbraucht 
werden, denn der Wein ist das französische Nationalgetränk. Einen 
hohen Stand weist überall die Kellerwirtschaft auf. Zum Schutze 
des Weinhandels hat die Republik zahlreiche Gesetze geschaffen. 
Die Ausfuhr betrug 1910:243 Mill. Francs. Sie erfolgt zu 30 bis 500/o 
über Bordeaux, wo 50.000 Menschen im Weinhandel tätig sind. 
Eingeführt werden billige Verschnittweine und zwar fast aus- 
schließlich aus Algier, Tunis und Spanien. 

Viehzucht. Nicht auf so hoher Stufe der Vollkommenheit wie 
der Ackerbau ist die Viehzucht; *die Voraussetzuugen hiefür sind 
nicht in allen Teilen des Landes vorteilhaft. Denn obwohl die Heu- 
gewinnung und der Bau von Futterkräutern in großem Umfange 
betrieben wird, muß aus Belgien, Deutschland und Italien noch viel 
zugeführt werden. 

Im niederschlagsreichen Norden wird die Pferdezucht mit 
Sorgfalt betrieben. Das normannische Reit- und Wagenpferd sowie 
das Percheronpferd sind berühmt. Die Haltung von schönen Rinder- 
schlägen ist in der Normandie, im Jura und in den Alpen, wo wie 
in der Schweiz Almwirtschaft besteht, am erfolgreichsten, im Zentral- 
plateau kommt ein kleiner und unansehnlicher Schlag vor. In seinem 
Fleischbedarf e ist Frankreich wie alle Länder Westeuropas auf fremde 
Einfuhr angewiesen. Weit verbreitet, besonders im mehr trockenen 
Innern und im Süden, ist noch die Schafzucht, ferner werden auch 



*) Für gute Medoc- und Sauteruerweine werden pro Tonne (900 bis zu 
10.000 Francs gezahlt. 



— 253 — 

viel Ziegen, Esel und Maultiere gehalten. In allen Teilen des Landes, 
aber nur in wenigen Gegenden hervorragend, ist die Schweinezucht, 
dagegen ist die Geflügelzucht Nordfrankreichs mustergiltig. Sie 
erübrigt besonders Eier für den Export nach England. Von Wichtig- 
keit ist die Seidenraupenzucht im unteren Rhönebecken, wo über 
120.000 Züchter sich mit diesem Erwerbszweige befassen. Die Jahres- 
produktion erreicht etwa 8 Mill. hy Kokons, die ^ 4 Mill. kg Rohseide 
liefern. Die französische Seidenindustrie muß aber mindestens 10 mal 
so viel Rohseide einführen. Der gesamte Viehstand Frankreichs wird 
auf 5 Milliarden Francs geschätzt. 

Lebhaft beteiligt sich die Küstenbevölkerung an der Seefischerei. 
Die atlantischen Gewässer liefern besonders Heringe, Sardinen, Makrelen 
und Hummern, während das Mittelmeer an Sardinen, Tunfischen und 
Anchovis reich ist. Wichtige Fischereihäfen sind Dünkirchen, Bou- 
logne, Fecamp, St. Malo, Les Sables-d'Olonne (Fischereischule) und 
Cette. An der Küstenfischerei betätigen sich gegen 100.000 Menschen 
mit 28.000 Seglern und über 200 Dampfern. Die Bretonen (St. Malo) 
und Flamländer (Bouiogne) beteiligen sich auch an der Hochsee- 
fischerei in den isländischen Gewässern und an der Neufundlandbank. 
In Nantes herrscht eine bedeutende Industrie in Fischkonserven. 
Stark wird an der atlantischen Küste (Marenne, Olerou) auch die 
Austernzucht betrieben. 

Mineralproduktion. Ungleich seinen Nachbarländern England, 
Belgien und Deutschland ist Frankreich mit Bodenschätzen von der 
Natur recht stiefmütterlich bedacht. An Edelmetallen und Kupfer ist 
es geradezu arm, Kohle und Eisenerze sind nur in unzureichender 
Menge vorhanden. 

Das größte Steinkohlengebiet liegt an der belgischen Grenze 
in den Departements Nord und Pas de Calais, das 60% der Gesamt- 
ausbeute liefert. 

Die maßgebenden Reviere für Steinkohle sind folgende: 

1. Das nordfranzösische Becken mit den Grubenorten Anzin, 
Valenciennes, Lens und Courrieres. Jährlich 22 Mill. t. 

'2. Das Becken von St. Etienne an der oberen Loire mit 
4 Mill. t jährlich. 

3. Das Becken von Le Creuzot und die anderen Fundorte 
am Rande des Zentralplateaus, wie Blanz}'. Montceau, Montchanin, 
Alais, Aubin, Decazeville usw. 

Die Gesamtproduktion erreicht nur 40 Mill. t im Jahre. Frank- 
reich ist daher der stärkste Abnehmer englischer Kohle. 
Braunkohle findet sich am meisten am Fuße der Alpen. 



— -254 — 

Besser gestellt ist Frankreich hinsichtlich der Eisenerze. Die 
reichsten Lager sind in Lothringen (Nancy, Longwy). in der Cham- 
pagne (St, Dizier) und in den Ostpyrenäen. Die Koheisengewinnung 
belief sich 1910 auf 4 Mill. ^ Große Mengen von Erzen werden aus 
Deutschland, Luxemburg, Beloien, Spanien und Schweden bezogen. 

Bedeutend ist die Salzgewinnung in den Steinsalzlagern Loth- 
ringens und im Jura. Seesalz kommt aus den Salzgärten an der Mittel- 
meerküste (Hyeres, Berre. Peccais) sowie der Bretagne und Vendee. 

Sehr groß ist die Zahl der Mineralquellen und Thermen. 
Sie finden sich zumeist im Bereiche der alten Gebirgsmassive. In 
den Vogesen liegt Plombieres, im Jura und in den Alpen sind be- 
sonders Evian und Salins zu nennen, im Zentralplateau haben Vichy, 
Pougnes, Mt. Dore, Royat und Vals einen starken Besuch. Die viel- 
besuchten Pyrenäenbäder wurden bereits (S. 246) aufgeführt. 

Industrie. Die unzureichende Ausstattung des Bodens mit Mineral- 
produkten hat Frankreich nicht gehindert, sich zu einem hervorragen- 
den Industriestaate zu entwickeln. Verschiedene Umstände bewirkten 
die Blüte der französischen Industrie, deren Anfänge bereits in den 
Tagen Ludwigs XIV. und seines Ministers Colbert liegen. Vor allem 
hatte sich Frankreichs Industrie stets einer besonderen Fürsorge des 
Staates zu erfreuen (Prämienwesen und Schutzzollpolitik). Eine ge- 
wisse Überlegenheit zeigten die Erzeugnisse des Gewerbefleißes von 
Anfang an dadurch, daß die Franzosen bei ihrem angeborenen guten 
Geschmack und Schönheitssinn es verstanden, die meisten Industrie- 
zweige auf die Stufe des Kunstgewerbes zu bringen. Auch heute 
beherrscht die Industrie dieses Landes den Markt nicht sosehr durch 
die Menge, als durch die hohe Vollendung und Qualität der Erzeug- 
nisse. Der Reichtum des Volkes, die große Aufnahmsfähigkeit des 
inländischen Marktes, das glänzend entwickelte Verkehrswesen und 
die dadurch bedingten leichten Zufuhrverhältnisse der Rohstoffe, der 
hohe Stand des technischen Unterrichtswesens, die hervorragenden 
Fähigkeiten des französischen Arbeiters kamen dem Aufschwünge 
der Industrie sehr zu statten. Im ganzen befassen sich 36% der 
Bevölkerung mit Industrie. Ihr Hauptsitz ist das Pariser Becken und 
Nordfranki'eich, außerdem haben sich noch Lyon, Marseille und 
Bordeaux zu großen Industriezentren entwickelt. 

Den ersten Rang nehmen die verschiedenen Zweige der Textil- 
industrie ein. Die Baumwollindustrie zählt 7 Mill Spindeln. Ihre 
Sitze sind Flandern (Lille, Roubaix, Tourcoing, Caudry), die Xormandie 
(Ronen, Evreux, Falaise) und die Vogesen (Beifort. St. Die, Nancy, 
Epinal, Troyos). 

Ein sehr berühmtes Gewerbe ist die Tuchfabrikation, die von 



— 255 — 

alters her in Flandern, in der Champagne (Reims, Beauvais, Nancy, 
Epinal), in Sedan, Orleans und Limoges zu Hause ist. Unübertroffen 
ist die Seidenindustrie von Lj'on, Grenoble, St. Etienne, Avignon, 
Nimes, Toulouse und Roubaix. Feine Leinen liefern die flandrischen 
Städte (Lille, Valenciennes, Dünkirchen) und die Normandie (Le Maus, 
Laval, Alencon, Amiens). Tüll und Spitzen kommen aus Calais und 
Valenciennes. 

Sehr mannigfach, aber im Vergleiche zum Deutschen Reiche 
und zu England doch weit zurückstehend, ist die metallurgische 
Industrie, die im Bereiche der Kohlenlager am besten vertreten 
ist. Nordfrankreich, Lothringen und Burgund haben die größten 
Werke in den Städten Lille, Moulins (Maschinen, Lokomotiven), Haut- 
mont, Levallois-Perret (Eifelwerke), Nancy, Longwy (Hochöfen und 
Stahlgewinnung), Le Creuzot (Kanonen, Brückenkonstruktion), Cha- 
lons s. S. (Torpedos, Brücken), St. Etienne (Panzerplatten, Kanonen), 
Marseille und Bordeaux. Schiffswerften sind in Nantes, St. Nazaire, 
Brest, Havre und Ronen. 

Hervorragend im Gebiete der Viehzucht ist die Lederfabrika- 
tion (Chateaurenauld, Saint-Saens, Chaumont), außerdem die Papier- 
und Tapetenindustrie (Vogesen, Angouleme, Lille, im ganzen über 
500 Fabriken) und die verschiedenen Zweige der keramischen und 
chemischen Industrie (Paris, Marseille). Einen großen Umfang 
haben auch die Nahrungs- und Genußmittelindustrien an- 
genommen. Im Norden des Landes ist die Müllerei, Zuckerindustrie 
(Cambrai, Valenciennes, Escandeuvres) und die Bierbrauerei (1911 : 
17-9 Mill. hl) am besten vertreten. Außerdem liefert das Land noch 
sehr viel Käse (Roquefort, Camembert), Fischkonserven (Nantes), 
Fleischwaren (Schinken von Bayonne, Elsaß, Bretagne), Schokolade- 
waren, kandierte Früchte, feine Schnäpse und Liköre, Champagner, 
Olivenöl (Marseille, Aix) und Tabak (Staatsmonopol). 

Paris als Industriestadt. Die französische Hauptstadt überragt 
nicht nur als geistiges und politisches Haupt alle übrigen Städte 
der Republik, sie ist auch deren größtes Industriezentrum. Die Pariser 
Mode- und Geschmacksindustrien nehmen eine führende Stelle 
in der Welt ein. Am berühmtesten ist die Damenkonfektion, deren 
Erzeugnisse (Kleider, Wäsche, Hüte) durch Eleganz und Schick sich 
auszeichnen und die Grundlage der weltbeherrschenden Pariser Mode 
bilden. Paris liefert ferner feine Leder- und Taschnerwaren, Möbel, 
Bronzen, Erzeugnisse der Präzision smechanik, Glaswaren (Saint 
Denis, Poutin), Porzellan (Sevres), chemische Produkte (Seifen, 
Parfümerien, Kerzen, Zündhölzchen), außerdem Papierwaren, Er- 
zeugnisse des Buchdruckes und der Reproduktionsgewerbe, Messer- 



— 2.')« — 

schmiedewaren, Automobile, schließlich Juwelierwaren in künst- 
lerischer Ausführung, endlich gute Liköre, Schokolade und Con- 
fiseriewaren. 

Das Verkehrswesen. 

Frankreichs wegsame Bodengestalt hat die Anlage von Ver- 
kehrslinien nach allen Richtungen gefördert. An Großzügigkeit und 
Mustergiltigkeit des Betriebes darf die Republik sich im Verkehrs- 
wesen mit allen Staaten Europas messen. 

Landstraßen. Ausgezeichnet sind vor allem die Kunststraßen. 
Die noch von den Römern angelegten großen Heeresstraßen wurden 
auch im Mittelalter instand gehalten, SuUy und Colbert, später 
Napoleon I. und Napoleon III. bauten zahlreiche Straßen, auch die 
Entwicklung der Eisenbahnen hat der Anlage von Landwegen keinen 
Abbruch getan. Frankreich besitzt über 600.000 /./// National- und 
Departementsstraßen, die mit ihren herrlichen Pappelalleen der Land- 
schaft ein charakteristisches Gepräge verleihen und zu den besten 
der Welt gehören. 

Eisenbahnen. Die erste Eisenbahn wurde im Jahre 1828 in 
Betrieb gesetzt und schon 1842 der Plan für die zentrale Anlage 
des französischen Schienennetzes entworfen. Von Paris, dem größten 
Knotenpunkte, strahlen die Hauptliuien der sechs Teilnetze aus, die 
mit ihren Quer- und Verbindungsbahnen einem Spinnennetze gleichen. 
Die Bahnen gehören sechs großen Gesellschaften, deren Verträge 
mit der Republik zwischen 1950 und 1960 ablaufen. Dem Staate 
gehören seit 1908 die Linien der Westbahn und einige meist passive 
Nebenlinien. 

Die Teilnetze und deren Hauptlinieu sind folgende: 

1. Die Nordbahn, deren Linien Paris mit Belgien verbinden: 
Paris — Amiens — Calais. 

Paris— Amiens— Lille — (Gent — Antwerpen). 

(Alons— Brüssel). 
Paris — St. Quentin — Maubeuge/^ 

\(Namur — Lüttich — Aachen — 
Köln). 

2. Die Ostbahn mit ihren strategisch wichtigen Linien: 
Paris — Reims— Longw}^ — (Luxemburg). 

Paris — Eperney — Chalons s. M. — Nanc}' — Avricourt (Straßburg). 
Paris— Troyes— Beifort— Delle— (Basel— Arlberg— Wien). 

3. Die Paris— Lyon — Mittelmeerbahn: 
Paris— Dijon — Pontarlier— (Bern — Lausanne). 
Paris— Di] on—Bourg — Modane— (Mt. Cenis — Turin). 



— 257 — 

Paris — Lyon — Marseille — Nizza — Ventimiglia - (Genua). 
Paris — Nevers — Clermont Ferrand — Nimes — Cette. 

4. DieOrleansbahn: 

Paris — Orleans — Angers — Nantes. 

Paris — Orleans — Blois — Angouleme — Bordeaux. 

Paris — Orleans — Limoges — ^Toulouse. 

5. Die Südbahn: 

Bordeaux — Montauban — Toulouse — Carcassone — Cette. 
Bordeaux — Arcachon — Ba3'onne — Hendaye — (Madrid). 
Narbonne — Pergignan — (Barcelona). 

6. Die Westbahn (staatlich): 
Paris — Rouen — Havre. 

Paris — Evreux - Cherbourg. 

Paris — Chartres — Laval — Rennes — Brest. 

Von den Staatsbahnen sind besonders die Konkurrenzlinien 

Paris — Chartres— Saum ur — Bordeaux und die Strecke Nantes — 
Rochelle — Bordeaux hervorzuheben. 

Die Reisegeschwindigkeit der französischen Bahnen ist eine 
sehr große. Schnellzüge fahren mit über 80 hm Geschwindigkeit pro 
Stunde. 

Über den Anteil Frankreichs an den europäischen Expreßlinien 
siehe Tabelle IX am Schlüsse. 

Der Nachrichtenverkehr ist wie in den meisten Ländern im 
Staatsbetriebe und durchaus modern organisiert. Gegen 14.000 Post- 
anstalten und 16.000 Telephonstationen vermitteln den in- und aus- 
ländischen Nachrichtenverkehr. Außerdem besitzt Frankreich nicht 
nur in seinen Kolonien, sondern auch in der Türkei und in China 
eigene Konsulatsposten. Die Länge der staatlichen Kabellinien 
beträgt 22.000 Jim. 

Binnenschiffahrt. Frankreich besitzt ein weitverzweigtes Netz 
von Binnenwasserstraßen, auf denen ein lebhafter Verkehr besteht. 
Sie sind das ganze Jahr benutzbar, da sie eisfrei sind. Nur im 
Bereiche des Mittelmeeres macht sich infolge der Sommerdürre ein 
oft unzureichender Wasserstand bemerkbar. 

Die wichtigsten Wasserstraßen liegen in der atlantischen 
Abdachung des Landes. Vor allem bildet die Seine mit ihren Neben- 
flüssen ein belebtes Netz von Wasserwegen. Daher konnte sich 
Paris, das noch für kleine Seeschiffe zugänglich ist, auch zum ver- 
kehrsreichsten französischen Hafen entwickeln. Die Loire hat wegen 
der starken Schwankungen ihres Wasserstandes nur geringen Ver- 
kehr. Dasselbe gilt von der Garonne und der Rhone. 

Stoiser, Wirtschafts- und Verkehisgeographie d. europ. Staateo. ]~ 



— 258 — 

Gefördert wird die Binnenschiffalirt noch durch die zahlreichen 
Kanäle, die durch die Senken des Schollenlandes gelegt sind. Die 
größte Wichtigkeit haben : 

1. Der Rhein — Rhone-Kanal, ein Schiffahrtsweg, der Süd- 
frankreich mit Straßburg verbindet. 

2. Der Rhein — Marne-Kanal, der Paris über Chalons s. S., 
Nancy, die Zaberner Senke mit Straßburg verbindet. 

3. Der Kanal von der Oise zur Somme (Paris — Amiens). 

4. Der Kanal von Burgund von der Saöne bis zur Yonne. 

5. Der Kanal du Centre von der Saune zur Loire. 

6. Der Kanal von Orleans von der Seine zur Loire. 

7. Der Kanal du Midi, der Bordeaux mit Cette verbindet und 
eine Fortsetzung zur Rhone hat. 

Insgesamt hat Frankreich 7900 km schiffbare Flüsse und 
4900 km Kanäle. 

Die Seehäfen und Schiffahrtsgesellschaften. Die Lage Frank- 
reichs an zwei Meeren, das reiche Wirtschaftsleben und die ausge- 
dehnten Handelsbeziehungen haben seine Seeschiffahrt mächtig 
gefördert, doch ist die Republik hinter England und Deutschland 
stark zurückgeblieben. Die Mehrzahl der Häfen liegt am Kanal, dessen 
Hinterland das große Industriegebiet Frankreichs ist. An der belgi- 
schen Grenze ist Dünkirchen, ein Kunsthafen mit bedeutender 
Einfuhr von Baumwolle, Wolle, Flachs. Chilesalpeter und Getreide. 
Es ist der drittgrößte Hafen Frankreichs. Calais ist nicht nur als 
Station für die Überfahrt nach England wichtig, sondern hat auch 
Export von Industrieprodukten. Eine ähnliche Bedeutung hat auch 
Boulogne, das starken Verkehr mit England unterhält. Der große 
Hafen für Paris und das nordfranzösische Industriegebiet ist Le 
Havre an der Mündung der Seine. Es ist der zweitgrößte Hafen 
und ein Hauptstapelplatz für Baumwolle, Kaffee, Kautschuk und 
Gewürze. Sein Verkehr richtet sich besonders nach Nordamerika. 
Cherbourg und Brest sind zunächst Kriegshäfen, doch treiben sie 
auch bedeutenden Handel. Nantes mit dem Vorhafen Saint 
Nazaire hat infolge Versandung der unteren Loire viel von seiner 
früheren Bedeutung eingebüßt. Es unterhält hauptsächlich Ver- 
bindungen mit Westindien und Mexiko. Umso größere Wichtigkeit 
hat dagegen Bordeaux, das 98 km vom Meere entfernt ist, wegen 
der hohen Flutwelle aber noch für große Seeschiffe zugänglich ist. 
Seine Ausfuhrgegenstände sind Wein, Fische und Obstkonserven. 
Eingeführt werden Kohle, Kautschuk und Eichenholz. Bayonne an 
der spanischen Grenze hat nur lokale Bedeutung. Im Mittelmeere ist 
der Lagunenhafen Cette. der Hauptsitz der südfranzösischen See- 



— 259 — 

fischerei, mit starker Einfuhr von Getreide und Holz. Der größte 
und wichtigste Hafen ist aber Marseille, das eigentliche Ausfallstor 
des französischen Handels. Die geräumige Hafenbucht ist durch 
einige Inseln gut geschützt. Es ist noch immer der belebteste Hafen 
des Mittelmeeres, wenngleich es stark unter dem Wettbewerbe 
Genuas zu leiden hat. Von hier aus gehen die großen Dampferlinien 
nach den französischen Kolonien. Zur Einfuhr gelangen Rohseide, 
Steinkohle, Getreide, Wolle usw. und ausgeführt werden Gewebe, 
chemische Erzeugnisse, Seife und Wein. Von den anderen Häfen 
haben Nizza und Villefranche nur für den Verkehr mit Korsika 
einige Wichtigkeit. 

Die Träger des französischen Seeverkehrs sind die großen 
Dampfergesellschaften. Die leistungsfähigsten dieser Reede- 
reien sind: 

1. Die Compagnie des Messageries Maritimes mit dem 
Sitze in Marseille. Sie wurde im Jahre 1857 gegründet und zählt 
etwa 70 Dampfer, die nach den Kolonien und nach Südamerika fahren. 

2. Die Compagnie Generale Transatiantique mit 60 
Dampfern. Ihr Verkehrsgebiet ist Nordamerika, Westindien und 
Mexiko. 

3. Die Compagnie des Chargeurs Reunis mit 39 Dampfern. 
Sie unterhält regelmäßige Linien nach Kanada^ Südamerika und 
Indochina. 

Die gesamte französische Handelsmarine betrug am I.Jänner 1910: 
17.548 Schiffe mit 1*4 Mill. t, davon waren 1670 Dampfer. Kaum die 
Hälfte der Ausfuhr erfolgt auf eigenen Schiffen, die Engländer z. B. 
verfrachten 30 — 40*^0, wodurch über 300 Mill. Frcs. dem Lande 
verloren gehen. 

Der Handel. 

Unter den romanischen Völkern beteiligen sich die Franzosen 
am lebhaftesten am Handel. 

Im Innenhandel ist Paris der beherrschende Markt, der 
keinen Wettbewerb neben sich aufkommen läßt. Es hat nicht nur 
den größten Warenumsatz im Inlandsverkehr, sondern ist auch einer 
der ersten Geldmärkte der Welt. Das größte Geldinstitut mit einem 
ungeheuren Goldschatz ist die von Napoleon I. im Jahre 1806 
gegründete Banque de France, die nach der Assignatenwirtschaft 
der Revolution wieder Ordnung in das französische Geldwesen 
brachte. Daneben sind noch der Credit Foncier, Credit Mobilier 
und der Credit Lyonnais zu erwähnen, die mit ihren zahlreichen 
Zweiganstalten den ganzen Geldverkehr des Landes beherrschen. 

17* 



— 260 — 

Außer der Hauptstadt sind noch Lyon, Le Havre und Marseille als 
große Markt- und Börsenplätze wichtig. 

Dem Außenhandel kommt vor allem die ausgezeichnete Welt- 
lage zustatten. Die Republik hat mit den meisten Staaten der Erde 
alte Handelsbeziehungen, doch fehlt der frische Impuls und der 
rasche Aufstieg, wie er dem deutschen und englischen Handel eigen 
ist. Die industrielle Entwicklung Mitteleuropas, der große Auf- 
schwung der Landwirtschaft im Süden und Osten Europas, sowie 
die Schutzzollpolitik haben eine Art Stagnation der französischen 
Wirtschaft bewirkt. Der Außenhandel wertet über 12 Milliarden Francs 
jährlich. Wegen der gleichmäßigen Entwicklung des wirtschaftlichen 
Lebens weist die Einfuhr nur eine geringe Steigerung auf. Sie um- 
faßt 60<'/o Rohstoffe und nur 25^0 Nahrungsmittel und Fabrikate. 
Die Ausfuhr hingegen besteht zu 60% aus Erzeugnissen der Industrie, 
25% Rohstoffen und 15^ o Nahrungsmitteln, Weitaus der größte 
Teil der ausgeführten Gegenstände benützt den Seeweg. 

Unter den Bestimmungsländern der Ausfuhr steht England 
obenan (1909: 1265 Mill. Frcs.), dann folgen Belgien, das Deutsche 
Reich (1909: 726 Mill. Frcs.), die Union, Schweiz und Italien. Auch 
unter den Bezugsländern behauptet England den ersten Rang. Ihm 
reihen sich die Union, das Deutsche Reich, Belgien, Argentinien und 
Rußland an. 

Die Handelsbilanz ist passiv. Im Jahre 1910 wertete die Ein- 
fuhr 6759 Mill. und die Ausfuhr 6005 Mill. Frcs. In seiner Handels- 
politik huldigt Frankreich dem Schutzzollsystem besonders für 
die Agrarproduktion, während industrielle Rohstoffe nur mäßigen 
Zollsätzen unterliegen. Bedrohte Industrien werden durch Prämien 
geschützt. 



Die französischen Kolonien. 

Frankreichs Kolonialbestrebungen reichen schon in die Zeit 
Franz I., Heinrichs IV. und Richelieus zurück. Im 19. Jahrhundert 
folgte dann eine neue Epoche erfolgreicher Kolonialpolitik. Heute 
besitzt Frankreich Kolonien im Ausmaße von nahezu 12 Mill. km- 
mit einer Bevölkerung von 5 5 Mill. Einw. Als Kolonialmacht kommt 
die Republik unmittelbar nach England. Der größte Nachteil dieses 
sehr wertA^oUen Kolonialreiches besteht darin, daß Frankreich kein 
Menschenmaterial übrig hat, weshalb die Mehrzahl der Außen- 
besitzungen Doch der Erschließung harrt. Man kann mit Rück- 
sicht auf diese Umstände behaupten, daß Frankreich zuviel 



I 



— 261 — 

Kolonien hat. Der größte Teil des Kolonialreiches liegt in Afrika, 
aber auch in Asien, Ozeanien und Amerika liegen noch ausgedehnte 
Gebiete. Sie sind zum großen Teil tropische Plantagenkolonien, 
teilweise, wie der nordafrikanische Besitz, ergänzen sie die Produktion 
des Mutterlandes. Die letzte Erwerbung betrifft Marokko, das Frank- 
reich unter sein Protektorat genommen hat. 

Die Betrachtung Frankreichs zeigt auf allen Gebieten eine 
hohe Stufe der Vollendung. Es scheint aber auch, als ob das fran- 
zösische Volk den Höhepunkt seiner Entwicklung schon überschritten 
hätte. Obwohl sie in der geistigen Kultur- nach wie vor Hervor- 
ragendes leisten, haben sie hierin die Führung doch an die Germanen 
verloren. Aber die reichen Hilfsquellen des Landes, das große 
Nationalvermögen, das sie zu Gläubigern der ganzen Welt gemacht hat, 
sichert ihnen noch eine beträchtliche wirtschaftliche und politische 
Bedeutung. Trotz geringer Zunahme der Bevölkerung macht Frank- 
reich gewaltige Anstrengungen, es in militärischer Hinsicht seinem 
östlichen Nachbar gleichzutun. Das patriotisch gesinnte und leicht 
erregbare Volk hat seinen Interessen am besten gedient, daß es 
auf eine Erweiterung seiner Ostgrenze verzichtete und sich mit den 
von der Natur seinem Lande vorgezeichneten Grenzen begnügte. 



Monaco. 

An der französischen Riviera liegt das Fürstentum Monaco, 
das außer der gleichnamigen Hauptstadt noch aus den Städten Con- 
damine und Monte Carlo (berüchtigte Spielbank) besteht. Durch 
die Paris — Lyon — Mittelmeerbahn ist das Ländchen in den inter- 
nationalen Verkehr einbezogen. Der Fremdenverkehr und Blumen- 
handel bilden die wichtigsten Einnahmsquellen für die Bevölkerung. 



Belgien*). 

Belgien ist weder eine geographische Einheit noch ein natio- 
nales Staatsgebilde, sondern ein Übergangsgebiet vom Gebirge zur 
Ebene, vom germanischen zum romanischen Volkstum. Daher vollzog 
sich die Bildung des selbständigen Belgiens erst spät. Aus einem 
Bestandteile der spanischen Niederlande wurde es österreichischer 
und französischer Besitz und hierauf nach vorübergehender Ver- 
einigung mit den Niederlanden (1815 bis 1830) nach der Julirevolu- 
tion 1830 ein unabhängiges Königreich. 

*) Literatur: Penk A., Belgien in Kirchhoffs Länderk. von Europa,!. Teil. 
— Hanslik E., Das Königreich Belgien, Andree s. o., Bd. I. 



— 262 — 

Staat und Volk. 

Größe und Weltlage. Inmitten der Westmächte ist Belgien 
ein Kleinstaat von nur 29.000 km'^ Flächenraum mit einer Bevöl- 
kerung von 742 Älill. Menschen. Dank seiner ausgezeichneten 
Weltlage hat das kleine Land eine hervorragende wirtschaftliche 
Bedeutung erlangt. Es ist zwischen den maßgebenden Handels- und 
Industriestaaten am Atlantischen Ozean eingebettet, an der schmälsten 
Stelle des europäischen Tieflandes. Im Gegensatze zu Holland ist es 
mehr Binnenstaat als Seemacht, doch gestattet die 70 km lange 
Küste an der Nordsee Belgien auch den Zutritt zum Meere. 

Verfassung. Belgien ist ein neutrales, den großen politischen 
Fragen Europas entzogenes Staatswesen. Die Grundzüge seiner Ver- 
fassung stammen aus dem Jahre 1831. Die Mitglieder der beiden 
Kammern werden nach dem Proportionalsystem gewählt. Als neu- 
traler Staat hat es nur ein Milizheer von etwa 43.000 Freiwilligen 
unter den Fahnen. Bei ungenügender Zahl von Freiwilligen werden 
Einberufungen vorgenommen. Die aktive Dienstzeit dauert für die 
meisten Truppengattungen nur 15 Monate. Kriegsflotte besitzt Bel- 
gien überhaupt keine. 

Die Bevölkerung. Belgien ist wohl konfessionell (900/oKatholiken), 
nicht aber national einheitlich in der Zusammensetzung seiner Be- 
wohner. Es wird von zwei Nationen, den französischen Wallonen 
(38"5%) im Süden und den niederdeutschen Vlämen (42%) im Norden 
des Landes besiedelt. Eine scharf gesonderte Sprachgrenze gibt es 
nicht. Die sogenannte Mischzone umfaßt 13% der Bevölkerung, 
welche beide Sprachen beherrschen. Der belgische Staat weist ein 
französisches Gepräge auf, doch haben die Vlämen ihrer Sprache 
volle Gleichberechtigung erkämpft. Nur im Schulwesen — sie be- 
sitzen noch keine Universität — sind sie benachteiligt. In wirtschaft- 
licher Hinsicht macht sich der nationale Gegensatz zwischen beiden 
Nationen viel weniger bemerkbar als etwa der Hader der Deutschen 
und Tschechen in Österreich. Im Verhältnis zur Größe ist das Land 
übervölkert, es ist nach dem Königreich Sachsen das am dichtesten 
besiedelte Gebiet Europas, denn die Dichte beträgt 252. Der früher 
niedrige Stand der Volksbildung hat sich bedeutend gehoben, die Zahl 
der Analphabeten beträgt nur mehr 107o- Die starke Auswanderung 
wird durch ein jährliches Plus der Zuwanderung von 4000 bis 6000 
Menschen völlig ausgeglichen. Das ist für das Land um so wichtiger, 
als die natürliche Bevölkerungsvermehrung besonders im französi- 
schen Teile Belgiens eine sehr geringe ist. Die soziale Schichtung 
der belgischen Bevölkerung weist manche Übelstände auf. Neben 



— 263 — 

einem festen Grundstöcke von wohlhabenden Bauern ist die große 
Masse der Arbeiter, die im Bergbaue und im Fabriksbetriebe tätig 
ist, in wirtschaftlich dürftiger Lage. Der große Reichtum des Landes 
ist in den Händen weniger. Diese sozialen Gegensätze erinnern viel- 
fach an die Verhältnisse der Union. 

Die Natur des Landes. 

Das Oberflächenbild Belgiens zeigt den Gegensatz zwischen 
der Niederung im Norden des Landes und der Hochfläche der Ar- 
dennen im Süden. Darnach spricht man auch von Nieder- und Hoch- 
belgien, doch sind die Höhenunterschiede keine allzu großen. 

Niederbelgien umfaßt das an die Ardennen sich anlehnende 
mittelbelgische Hügelland mit seinen breiten ausgereiften Tälern 
und das Tieflandbecken der Scheide. Dieses ist in seinem west- 
lichen Teile ein durch Sanddünen und Deiche geschütztes Marschen- 
land, das von zahlreichen Kanälen durchzogen ist, ein Stück hollän- 
discher Landschaft, und östlich davon breitet sich die Campine aus, 
ein sumpfiges Geestland, das mit moorigen Heiden und Kiefern- 
wäldern bedeckt ist. 

Niederbelgien wird von der Maas und der Scheide mit ihren 
Nebenflüssen durchzogen. Das Klima ist ozeanisch gemäßigt mit 
reichen Niederschlägen. 

Im Bereiche Niederbelgiens liegt die Mehrzahl der historisch 
interessanten und wirtschaftlich wichtigsten Städte des Landes Im 
Hügellande ist die Hauptstadt Brüssel (Bruxelles, m. V. 717.000 
Einw.), eine elegante französische Stadt, mit reger Industrie und der 
größte Knotenpunkt des Verkehrs. Nördlich liegt Mecheln (Malines). 
Westwärts der Hauptstadt sind Gent (Gand 165,000 Einw.), ein 
Hauptsitz der Textilindustrie und Mittelpunkt der belgischen Blumen- 
kultur, ferner der neu aufstrebende Binnenhafen Brügge (Bruges 
55.000 Einw.) und Ostende (43.000 Einw.), ein besuchtes Seebad 
und eine wichtige Übergangsstation nach England, zu nennen. Der 
Mündungstrichter der Scheide birgt das stark befestigte Antwerpen 
(Anvers 321.U00 Einw.), den eigentlichen Seehafen Belgien? und einen 
der ersten Handelsplätze Europas. 

Wirtschaftlich ist Niederbelgien ein Gebiet vielseitiger Agrar- 
produktion. Die saftigen Wiesen des Marschenlandes ermöglichen 
eine lohnende Viehzucht. Der leichten Kohlenzufuhr wegen entstanden 
hier auch zahlreiche industrielle Betriebe (Wollverarbeitung, Bier, 
Zucker). In keinem anderen Teile Belgiens hat das Verkehrswesen 
eine solche Entwicklung aufzuweisen wie hier. 



— 264 — 

Hochbelgien nimmt die 600 m hohe Plateaulandschaft der Ar- 
dennen ein, die ein westlicher Ausläufer des rheinischen Schiefer- 
gebirges sind. Ihre Oberfläche ist mit Wäldern und Hochmooren 
bedeckt. Das Klima ist rauh mit langen Wintern und starken Schnee- 
fällen. Die Maas und die Sambre haben steile Täler eingegraben, 
deren Gehänge mit schönen Laubwäldern bedeckt sind. 

Infolge der Gebirgsnatur sind sie weniger dicht besiedelt als 
der flache Norden. In der Nähe der Kohlen- und Eisenlager ent- 
wickelten sich jedoch große Industrieorte wie Lüttich (Liege 
175.000 Einw.) mit bedeutender Stahl- und Waffenindustrie, Seraing 
(43.000 Einw.), die Tuchstadt Verviers, Namur (Stahlindustrie), 
sowie Charleroi und Mons. 

Die ergiebigen Eisen- und Kohlenlager sind die Grundlage der 
großartigen Industrie Hochbelgiens, neben der die übrigen Wirt- 
schaftszweige zurücktreten. 

Das Wirtschaftsleben. 

Ähnlich wie die Schweiz ist Belgien ein Industriestaat ersten 
Ranges. Daneben hat es auch eine hochentwickelte landwirtschaft- 
liche Produktion. 

Land- und Forstwirtschaft. Das milde Klima, die große natür- 
liche Fruchtbarkeit des Bodens und ein gewaltiger Inlandsbedarf 
ließen den belgischen Landbau zu hoher Blüte gelangen. Gegen 19^ ^ 
der Bevölkerung sind in der Agrarwirtschaft tätig. Nicht sehr vor- 
teilhaft sind die Besitzverhältnisse, denn die Zahl der Besitzer be- 
trägt nur 28" 0, die der Pächter jedoch 72%. Der kleine Besitz ist 
in Abnahme begriffen, die großen Bauerngüter nehmen zu. Muster- 
giltig zu nennen sind die landwirtschaftlichen Betriebsmethoden. Und 
doch ist der Bodenbau im Rückgange begriffen. Die starke Einfuhr 
billigen überseeischen Getreides macht den Körnerbau immer weniger 
lohnend, zumal der steigenden Löhne wegen die Produktionskosten 
immer größer werden. Infolgedessen wird die Anbaufläche für Ge-^ 
treide immer kleiner, nur die Zuckerrübe nimmt immer größere 
Flächen ein. Diese Umstände erklären auch das Sinken der Boden- 
preise für das Ackerland. Das Wiesenland ist wertvoller als die 
Ackerflur. 

Der Anbau von Zerealien, besonders von Weizen (mit Aus- 
nahme der Höhen und der Küstenlandschaften), von Roggen, Gerste 
und Hafer ist noch immer sehr wichtig, für den Inlandskonsum 
aber unzureichend, so daß Getreide und Mehl die wichtigsten Ein- 
fuhrgegenstände sind (1910: 624 Mill. Frcs.). Eine große Verbreitung 
hat noch der Bau von Kartoffeln, Hopfen und Flachs (feiner flau- 



— 265 — 

drischer Spitzenflachs). Der Hennegau und Lüttich sind das Gebiet 
des ausgedehntesten Zuckerrübenbaues. 

Hochentwickelt im ganzen Lande ist der Obstbau, die Gemüse- 
kultur und die Blumenzucht in der Umgebung von Gent. Der 
Wiesenkultur und dem Futterbau wird besondere Aufmerksamkeit 
zugewendet. 

Die Waldbedeckung beträgt 5200 km^. Am meisten sind die 
Ardennen bewaldet. Auf der Campine wurden ausgedehnte Auf- 
forstungen vorgenommen. Der yroße Holzverbrauch des industrie- 
reichen Landes macht eine starke Einfuhr von Bau- und Werkholz 
notwendig. 

Die Viehzucht wird in allen Teilen Belgiens sehr intensiv be- 
trieben. Sie liefert schwere Zugpferde für die Ausfuhr (Flandern 
und Brabant), die Rinderhaltung und Buttergewinnung sind bedeutend, 
ebenso die Schweinezucht. Zu erwähnen sind die Kaninchenzucht 
(Export nach England) und die Bienenzucht in der Campine. Die 
Seefischerei auf Kabeljau und Heringe ist unzureichend. 

Die Mineralproduktion. Einen wertvollen Schatz hat Belgien 
in seinen Kohlen- und Eisenlagern. Am Nordfuße der Ardennen 
zieht sich ein zusammenhängendes Steinkohlenrevier von Mons 
über Charleroi, Namur nach Lüttich in einer Fläche von 1680 km^ 
hin. Die Kohlenförderung ist aber schwierig, weil die Flöze sehr 
tief liegen (bei Lüttich 1000 m). Neuestens w^urden auch in der 
Campine Kohlen gefunden. Trotz des starken Verbrauches exportiert 
Belgien sehr viel Kohle, besonders nach Frankreich. Die Ausbeute 
betrug 1909: 53-5 Mill. t. In unmittelbarer Nähe der Kohlenfelder 
sind auch die Eisenerzlager, die größten bei Namur und Lüttich. 
Doch vermag Belgien kaum 40"^ des Erzbedarfes für seine Hoch- 
öfen zu liefern und muß große Mengen aus Luxemburg beziehen. 
An sonstigen Mineralprodukten liefert Belgien noch Kupfer, Zink 
(V4 der europäischen Erzeugung), Blei, schönen Marmor, Schiefer, 
Wetzsteine, Quarzsand und ausgezeichnete Tonerde. Die berühmtesten 
Mineralquellen hat das Weltbad Spa an der preußischen Grenze. 

Industrie. Der kleinräumige belgische Staat hat sich zu einer 
industriellen Großmacht ersten Ranges entwickelt. Fast alle Rohstoffe 
finden sich im Lande vor oder sind auf dem billigen Seewege leicht 
zu beschaffen. Belgien hat es auch wie nur wenige Länder ver- 
standen, die günstigen Konjunkturen, die sich im 19. Jahrhunderte 
durch die großen Erfindungen (Eisenbahnwesen, elektrodynamische 
Maschinen, Automobile) für die Industrie ergaben, rasch auszunützen, 
und dadurch ainen .Vorsprung zu gewinnen. Bezeichnend ist auch, 
daß die belgische Industrie fast ausschließlich für den Export arbeitet. 



— 266 - 

Der größte Industriebezirk ist der Hennegau, außerdem Lüttich, 
Brabant und Ostflandern. 

Am wichtigsten sind die verschiedenen Zweige der Textil- 
industrie. Riesige Baumwollspinnereien und Webereien sind in 
Gent, Brüssel, Tournai und Mons. Uralt ist die belgische Tuch- 
weberei, deren berühmtester Sitz die Tuchmacherstadt Verviers 
ist. Im Gebiete des größten Flachsbaues, in Flandern und Antwerpen, 
ist die leistungsfähige Leinenindustrie zu Hause. Weltberühmt 
sind die Erzeugnisse der Spitzenindustrie (Brüssel, Mecheln), 
die in Heimstätten hergestellt werden. Seidenwaren liefert West- 
flandern und Brüssel ist der Sitz einer hochentwickelten Konfek- 
tionsindustrie. 

Von außergewöhnlicher Leistungsfähigkeit und Vielseitigkeit ist 
die metallurgische Industrie, deren Zentren Lüttich (Maschinen, 
Waffen), Seraing, Mecheln (Eisenbahnmaterial, Maschinen), Charleroi, 
Heristal und Antwerpen sind. 

Berühmt sind ferner die Bereitung von farbigem Leder und 
die Glasindustrie, die in der Erzeugung großer Spiegelglasscheiben 
ohne Konkurrenz dasteht. 

Zu nennen wären außerdem die Porzellanmanufaktur, Teppich- 
weberei (Tournai), die Strohhutfabrikation, die Papier- und Tapeten- 
erzeugung, sowie die Diamantenschleifereien (Antwerpen). 

Aus derGruppe der Nahrungs- und Genußmittelindustrien 
ragen besonders hervor die Bierbrauerei (1911: 165 Mill. hl) und 
die Brennereien*), die Käseproduktion (Limburger Schafkäse), die 
Zuckerfabrikation (Hennegau), die Mühlenindustrie und Tabak- 
verarbeitung. 

Verkehr und Handel. 

Der Intensität des belgischen Wirtschaftslebens entspricht auch 
die Großartigkeit seines Verkehrswesens. 

Das Eisenbahnwesen steht in seiner Art unerreicht da. Es 
hat die größte Verdichtung des Schienennetzes unter allen Staaten 
der Erde (28 km pro 100 km^). Fast das ganze 8200 km lange Netz 
von Fern- und Lokalbahnen ist im Besitze des Staates. Als konti- 
nentales Übergangsland steht Belgien auch mit seinen Nachbarstaaten 
in guter Verbindung. 

Die wichtigsten Linien sind: 

1. Antwerpen — (Roermond — Düsseldorf). 

2. Antwerpen —Gent— Tourcoing — (Lille — Paris). 

*) Belgien ist das Land des größten Verbrauches von Alkohol. Der Bier- 
konsum beträgt jährlich 222 l pro Kopf der Bevölkerung gegen 65 l in Österreich. 



— 267 — 

3. Antwerpen — Mecheln — Brüssel— Mons — (Maubeuge— Paris). 

, Lüttich— (Herbestal — Köln). 

4. Ostende— Gent <^ 

^Namur — Arlon — (Luxemburg). 

0. Brüssel — Antwerpen — (Breda — Rotterdam— Amsterdam). 
Alle wichtigen Linien führen wegen der zentralen Anlage des 

Schienennetzes über die Hauptstadt. Brüssel ist auch der Sitz der 
„Internationalen Schlaf wagenge Seilschaft". 

Binnenwasserstraßen. Neben den Eisenbahnen haben auch die 
Flüsse und Kanäle einen großen Güterverkehr zu bewältigen. So 
sind die Maas und die Scheide mit ihren Nebenflüssen kanalisiert. 

Von den Schiffahrtskanälen sind zu nennen: 

1. Der Kanal Gent— Brügge — Ostende. 

2. Der Kanal von Brügge zur See. 

3. Der Kanal von Charleroi nach Brüssel, der die Haupt- 
stadt mit Kohle versorgt. 

Der Seeverkehr. Das kurze Stück des belgischen Anteiles an 
der Nordsee ist für den Verkehr wegen der flachen Strandküste 
nicht sehr günstig. Nur mit großen Kosten konnte Ostende in 
einen Kunsthafen umgewandelt werden. Der Haupthafen ist Ant- 
werpen, einer der größten Stapelplätze Westeuropas für Getreide, 
Kaffee, Wolle, Baumwolle, Kolonialwaren und Kautschuk. Es ist außer- 
dem einer der ältesten Börsenplätze und ein viel benutzter Aus- 
wandererhafen. Mustergiltig ist die technische Einrichtung des Hafens 
(5 km Kais). 

Die zwei größten Schiffahrtsgesellschaften sind die Com- 
pagnie beige maritime du Congo und die Red Star Line, beide 
in Antwerpen. Die Handelsflotte, die 97 Dampfer mit 184.000 t auf- 
weist, ist vollständig unzureichend, weshalb der belgische Seeverkehr 
zumeist auf englischen und deutschen Schiffen erfolgt. 

Der Handel. Für den lebhaften Innenhandel kommt nicht so 
sehr Brüssel als Gent, Lüttich und Antwerpen in Betracht. Sehr 
groß ist auch der Durchgangsverkehr (jährlich über 3 Milliarden 
Mark). Der Außenhandel ist passiv und erfolgt überwiegend zu Lande. 
Belgien steht mit fast allen Ländern der Erde im Verkehr, die 
größten Warenströme ergießen sich aber nach Deutschland (190 o), 
Frankreich (14%) und England (IS^). Wichtige Ausfuhrgegenstände 
sind Wolle (1910: 367 Mill. Frcs.), Eisen und Stahl (1910: 348 Mill. 
Frcs.), Maschinen, geschliffene Diamanten ^^1910: 99 Mill. Frcs.), Kohle, 
Glaswaren u. a. Eingeführt werden besonders Getreide und Mehl, 
Wolle, Baumwolle, Kautschuk, Holz, Diamanten und Petroleum. 



— 2^)8 — 

Der belgische Kongo. 

Durch den Anschluß des früher souveränen Kongostaates ist 
Belgien seit 1908 als Kolonialmacht anzusehen. Dieses ungeheure 
Land im Herzen Afrikas (2-3 Mill. /cm^, 20 Mill. Einw.) harrt allerdings 
noch der Erschließung, es liefert aber jetzt schon große Mengen von 
Kautschuk, Elfenbein, Kopalharzen, Tabak und Gold. Da der Kongo- 
strom und seine Nebenflüsse streckenweise gute Schiffahrtsstraßen 
sind, steht der Kongokolonie zweifellos eine wirtschaftliche Zukunft 
bevor. Der Stapelplatz für die Erzeugnisse des belgischen Kongo- 
gebietes ist Antwerpen. 

Deutsche Tatkraft und französischer Geschmack haben Belgiens 
Wirtschaftsleben zu hoher Blüte gebracht. Das große Nationalver- 
mögen gestattete dem Lande auch, sich an zahlreichen fremden 
Unternehmungen zu beteiligen. So sind über 1 Milliarde Frcs. bel- 
gischen Kapitals in der russischen Industrie angelegt. Als neutrales 
Staatswesen ohne Militärlasten konnte das Land sich ganz der Ent- 
wicklung seiner Wirtschaft widmen. Für die Zukunft wird Belgien 
besonders der Ausgleichung der krassen sozialen Unterschiede durch 
eine moderne Sozialgesetzgebung und der Hebung des Bildungs- 
niveaus der breiten Masse sein Augenmerk zuwenden müssen. 



Die Niederlande*). 

Nach dem erfolgreichen Befreiungskampfe gegen die spanische 
Herrschaft, dem auch unsere Dichter Goethe und Schiller Worte der 
Begeisterung geliehen, erlangten die Niederländer im Jahre 1579 
ihre Selbständigkeit und behaupteten sie bis auf eine kurze Unter- 
brechung im Zeitalter der französischen Revolution bis heute. In 
jahrhundertelanger sj'stematischer Arbeit haben sie ihren dem Meere 
abgerungenen Boden in eine große Kulturlandschaft umgewandelt, 
so daß Holland nicht nur zu den eigenartigsten, sondern auch wirt- 
schaftlich fortgeschrittensten Ländern Europas zählt. 

Staat und Volk. 

Größe und Weltlage. Das Königreich der Niederlande oder 

Holland hat eine Größe von 33.000 km- mit 58 Mill. Einw., relativ 

189. Es übertrifft Belgien an Größe, steht aber in der Bevölkerung 

zurück. Trotz der Ähnlichkeit der Lage mit seinem südlichen Nachbar 

*) Literatur: Eckardt W. R., Das Königreich der Niederlande. Andree 
Bd. I. — Zweck, Deutschland nebst Böhmen und dem Mündungsgebiet des Rheines. 
Leipzig und Berlin 1908. 



i 



— 269 — 

am Westrande Europas sind die Niederlande ein scharf ausgeprägter 
Seestaat. Infolge der 750 km langen Küstenerstreckung und wegen 
der tiefen Einbuchtungen der Scheide, Maas und der Rheinmün- 
dungen sind die Beziehungen zum Meere besonders lebhaft. Die 
Nähe des Meeres und der Küstencharakter des ganzen Landes hat 
die Holländer ganz auf das Wasser gewiesen, weshalb sie auch ein 
ganz ausgesprochenes Handels- und Kolonialv^olk geworden sind. 

Verfassung und Bevölkerung. Die Verfassung des konstitutio- 
nell regierten Landes ist auf demokratischer Grundlage aufgebaut. 
Das Parlament, die Generalstaaten genannt, besteht aus zwei Kam- 
mern. Wegen der Neutralität des Staates ist das Heerwesen recht 
unvollkommen. Die Hälfte des Heeres besteht aas angeworbeneu 
Freiwilligen, der Rest aus ausgehobenen Milizen. Die Dienstzeit 
dauert 8 Monate bis 1 Jahr. Das Kolonialheer setzt sich nur aus 
Geworbenen zusammen. Die Küstenbefestigungen und die aus lil 
Fahrzeugen (davon 18 Panzerschiffe) bestehende Kriegsmarine sind 
gut instand gehalten. 

Fast die ganze Bevölkerung gehört dem niederländischen Stamme 
an. Sie sind Niederdeutsche (Sachsen und Friesen), stehen auf hoher 
Kulturstufe (nur 27o Analphabeten) und bekennen sich teils zum 
Katholizismus (357o), teils zur reformierten Kirche (547o)- Groß ist 
auch die Zahl der aus Portugal eingewanderten Juden, die sich mit 
Diamantschleiferei beschäftigen. Die Zahl der Deutschen beträgt 
37.000. Die Holländer siod ein Volk von großer Tüchtigkeit, von 
hervorragender Begabung für den Handel, im fortwährenden Kampfe 
mit dem Meere gestählte Seeleute, voll Mut, Ausdauer und stolzen 
Unabhängigkeitssinnes. Sprichwörtlich sind ihre Lebenslust (Kirmes- 
feste) und ihre Reinlichkeit, wovon die schmucken Häuschen mit 
den Blumengärten Zeugnis geben. Sie haben eine reiche Literatur 
und berühmt sind ihre Leistungen auf dem Gebiete der Malerei. 

Die Natur des Landes. 

Als Fortsetzung des norddeutschen Flachlandes sind die Nieder- 
lande eine große Tiefebene, deren vierter Teil tiefer als der Spiegel 
der Nordsee liegt. Gegen die deutsche Grenze hin erhobt sich das 
Land allmählich, so daß in der Oberflächengestalt Hollands zwei 
Landschaftstypen hervortreten, das Marschland mit dem Küsten- 
gebiete und die Geest. 

Das Küsten- und Marschgebiet. Der holländische Küstensaum 
gliedert sich in drei Abschnitte. Vom Dollart bis Helder ist eine 
Doppelküste, die durch die vorgelagerten Westfriesischen Inseln, 
die alte Festlandsgrenze, und dem jetzigen Festlande gebildet wird. 



— 270 — 

Das dazwischen liegende Meer ist Wattenmeer und nur für flache 
Segler zugänglich. 

Südlich nimmt bis zum Hoek van Holland die Küste einen fast 
geradlinigen Verlauf. Sie ist ein herrlicher Badestand mit vielbe- 
suchten Bädern (z. B. Scheveningen). Diese Strandküste wird von 
einem mächtigen Dünen wall, der bis 5 km Breite und 60 m Höhe 
erreicht, begleitet. Er ist zum Teil bewaldet und schützt das Marschen- 
land gegen Überflutung durch das Meer. 

Gegen die belgische Grenze hin ist die Küste durch die Mün- 
dungen des Rheines, der Maas und Scheide in eine Anzahl von Inseln 
aufgelöst. Durch Deiche sind die Stromarme auf ihr Bett beschränkt. 

In Nordholland sind die drei großen Meeresbuchten hinter 
den friesischen Inseln bemerkenswert. Es sind dies der Do Hart, 
die Lauwers See und die Zuider See. 

Diese erst in historischer Zeit überschwemmten Gebiete werden durch plan- 
mäßige Arbeiten wieder dem Meere abgerungen. So wurden große Teile der Zuider 
See schon trocken gelegt und es soll diese ganze Bucht in Kulturland umgewandelt 
werden. Das so gewonnene Polderland ist von großer Fruchtbarkeit. Insgesamt 
wurden in den letzten drei Jahrhunderten 11° o des früher überfluteten Bodens 
wieder urbar gemacht. 

Auf das Küstengebiet folgt landeinwärts der breite Streifen des 
Marschenlandes, der eigentliche Schauplatz des wirtschaftlichen 
Lebens in Holland. 

Das Landschaftsbild der holländischen Marschen ist höchst eigenartig und 
interessant. Tausende von Kanälen in allen Größen, die teils dem Verkehre dienen, 
teils das saftige Wiesenland entwässern, bedecken die weite Ebene. Vielfach er- 
setzen diese Wasserrinnen die Zäune, welche die einzelnen Parzellen voneinander 
scheiden. Zahh'eiche Pumpwerke, meist von Windmühlen getrieben, leiten das 
Wasser in den Kanälen, die oft höher liegen als ihre Umgebung, ab. Auf erhöhteren 
Stellen liegen, durch Deiche geschützt, stattliche Gutshöfe oder schmucke Dörfchen. 
In der Nähe weiden Winter und Sommer auf den Wiesen die Herden schwarz- 
weiß gefleckter Rinder. Geradlinige, gut gepflasterte Straßen, von Alleen begleitet, 
verbinden Dörfer und Städte. In deu Dörfern ziehen in der Regel ein breiter Kanal 
und eine Landstraße, nebeneinander hin. Die Windmühlen, Wiesen und Wasser- 
straßen sind die charakteristischen Elemente der holländischen Landschaft. 

Das Klima ist der großen Nähe des Meeres wegen ozeanisch 
mit gemäßigten Temperaturen. Die Winter sind naß, kalt, nebelig, 
die Niederschläge reichlich. Sehr stark ist die Bewölkung des Landes 
und heftige Westwinde fegen im Herbst und Winter über das flache 
Land hinweg. 

Die natürliche Entwässerung erfolgt durch die Rheinarme, 
Waal, Lek, Alter Rhein, Amstel, Yssel und Vechte, ferner die Maas 
und Scheide. 

Im Küsten- und Marschgebiete liegt auch die Mehrzahl der 
Städte. An der vereinigten Rhein- und Maasmündung liegt Rotter- 



— 271 — 

dam (427.000 Einw.), der größte Rheinhafen. Vlissingen und der 
kleine Ort Hoek van Holland sind wichtige Überfahrtsstationen 
nach England. An der Innenseite des Dünenwalles liegen Delft 
(Porzellanindustrie), die Residenzstadt Haag (s'Gravenhage 281.000 
Einw.), an der Küste das Seebad Scheveningen, nördlich Leiden 
(Universität) und die Blumenstadt Haar lern (70.000 Einw.). Im Innern 
des Landes ist Utrecht (120.000 Einw.) zu nennen. An der Zuider 
See hat sich Amsterdam (574.000 Einw.), das „nordische Venedig", 
zur größten Stadt des Landes entwickelt. Durch einen großen Kanal 
ist es mit Ymuiden an der Nordsee verbunden. In nördlicher Rich- 
tung sind Zaandam (Holzhandel), Alkmaar (Käsebörse) und der 
Kriegshafen Hei der, kleinere, aber wichtige Orte. Die größte nord- 
holländische Stadt ist Groningen (75.000 Einw.). 

Die wirtschaftliche Ausnützung des Marschenlandes erfolgt 
hauptsächlich durch eine hochentwickelte Viehzucht, daneben ist der 
Gartenbau und die Blumenkultur von großer Wichtigkeit. Der Ackerbau 
tritt zurück. An der Küste ist die Fischerei und der Seehandel eine 
Quelle des Reichtums für die Bewohner geworden. 

Das Geestland und die Moorgebiete des Ostens stehen im 
engsten Zusammenhange mit dem nordwestdeutschen Flachlande. 
Von der Ems greift das große Bourtanger Moor in die Niederlande 
über, aber die Entwässerung hat große Fortschritte gemacht. Die 
eigentliche Geest ist Heide und jetzt auch mit Kiefern aufgeforstet, 
zum Teil ist sie mit Hochmooren bedeckt. In der Nähe der deut- 
schen Grenze erhebt sich dieses Gebiet 325 m hoch, was den höchsten 
Punkt des Landes überhaupt darstellt. 

Die größten Siedlungen dieser weniger dicht bewohnten Land- 
schaft sind Arnhem, ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, Deventer, 
Nymegen, Hertogenbosch und Tilburg. 

Der Boden des Heidelandes ist unfruchtbar und nur als Weide- 
land für Schafe geeignet. 

Das Wirtschaftsleben. 

Holland trägt in seinem Wirtschaftsleben den Charakter eines 
überwiegenden Handelsstaates. Aber die Bewohner des Landes haben 
es auch verstanden, selbst unter ungünstigen Verhältnissen dem 
Boden noch namhafte Erträge abzuringen. 

Landwirtschaft. Da 60*^ „ des Flächeninhaltes der Niederlande 
die Geest ausmacht, so bilden die Marschen das eigentliche Kern- 
gebiet für die Bodenproduktion. Infolge der reichen Niederschläge 
und des Wasserreichtums des Bodens tritt das Weide- und Wiesen- 
land stark hervor (37*^ o)> das eigentliche Ackerland nimmt nur den 



— 272 — 

vierten Teil der Bodenfläche ein. Einzelne Schwemmlandgebiete am 
Rhein und die Küstengegenden in Friesland und Seeland zeigen 
eine große Fruchtbarkeit. Der Landbau wird durchaus intensiv be- 
trieben, die Anbaufläche ist wegen fortgesetzter Bodenverbesserungen 
in Zunahme begriffen. Von den Getreidearten wird am meisten 
Weizen, Roggen und Hafer gebaut. Einzig dastehend ist die Gemüse- 
und Garten kultur in den Provinzen Holland und Seeland, die auf 
kleinen Parzellen intensiv betrieben wird. Sehr viel Gemüse wird 
nach Deutschland ausgeführt. In der Haarlemer Gegend wird die 
Blumenzucht seit Jahrhunderten betrieben (Tulpen, Hyazinthen). 
Auch der Flachs wird viel gebaut. Das dicht bevölkerte Land muß 
den größten Teil der Brotfrüchte einführen. 

An Wäldern ist Holland, das selbst einen großen Bedarf an 
Holz hat, sehr arm. Nur die Provinzen Geldern und Nordbrabant 
weisen größere Bestände auf. Kiefern, Eichen und Buchen sind die 
häufigsten Waldbäume. Die Einfuhr von Nutzholz erfolgt aus Skan- 
dinavien, Finnland und Rußland über Amsterdam und Rotterdam. 

Viehzucht und Seefischerei. Weitaus der erfolgreichste Zweig 
der Wirtschaft im Lande der Wiesen und Marschen ist die Rassen- 
zucht an Rindern. Holland liefert erstklassiges Schlachtvieh und 
große Mengen von Käse für die Ausfuhr. Das Molkereiwesen ist 
nur in der Schweiz und in Dänemark auf so hoher Stufe. Stark 
betrieben wird auch die Schweinezucht. Holländischer Schinken 
ist ein begehrter Handelsartikel. Auf den mageren Weiden der Geest 
hat die Schafzucht eine große Verbreitung gefunden. Das Land" 
erübrigt auch schwere Zugpferde, die meist nach Deutschland ex- 
portiert werden. 

Sehr lebhaft beteiligt sich die Küstenbevölkerung an der See- 
fischerei. Wichtige Fischereihäfen sind Scheveningen und Ymuiden. 
Am ergiebigsten ist der Heringsfang. Die Austernzucht Seelands ist 
berühmt. Im Rhein werden Lachse gefangen, die zur Laichzeit strom- 
aufwärts ziehen. Durch den Fang der Holländer wird die schweize- 
rische und deutsche Lachsfischerei am oberen Rhein stark beein- 
trächtigt. 

Mineralprodukte hat Holland nahezu gar keine. Es ist in dieser 
Beziehung ebenso arm daran wie Dänemark. Im Süden des Landes 
reichen noch die Kohlenflöze Belgiens in die Provinz Limburg her- 
ein, der größte Teil der Kohle muß aber doch aus Deutschland und 
England bezogen werden. Das allgemein übliche Brennmaterial ist 
der Torf, wovon jährlich bei 45 Mill. t abgebaut werden. Nur Lehm 
und Tonerde ist genügend vorhanden, weshalb die harten Klinker- 
ziegel die Bau- und Pflastersteine ersetzen müssen. 



— 273 — 

Industrie. Bis in das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts war 
Holland industriearm, seitdem aber findet ein rascher Aufschwung 
der Industrie statt. Der Einfluß der deutschen Nachbarschaft, der' 
Reichtum an kolonialen Rohstoffen und der leichte Kohlenbezug hat 
diese Bewegung mächtig gefördert. Rotterdam und Amsterdam sind 
Hauptsitze der Industrie geworden. Auf Grund heimischer Rohstoffe 
ist die Zuckerfabrikation, die Bierbrauerei und die Herstellung 
feiner Liköre erwachsen. Uralt ist auch die niederländische Leinen- 
und Tuchindustrie (Leiden, Utrecht. Tilburg). Neuestens ist die 
BaumAvollindustrie an der deutschen Grenze in Aufschwung be- 
griffen. Sie liefert hauptsächlich billige Erzeugnisse (Kattune) für 
die Kolonien. Aus dem Seewesen heraus entwickelte sich die Seilerei 
und die Segeltuchweberei. Die metallurgische Industrie ist unzu- 
reichend, sie ist nur in der Herstellung von Eisenbahnmaterial 
leistungsfähig. Holländische Spezialindustrien sind die Spitzen- 
erzeugung (in der Hausindustrie), die Diamantenschleifereien 
in Amsterdam, die Porzellaniudustrie (Delft), die Erzeugung von 
Pfeifen (Gouda) und dann ist Holland das Eldorado für Raucher, 
es hat die besten und billigsten Zigarren der Welt. Die Tabakver- 
arbeitung ist nicht Staatsmonopol. 

Verkehr und Handel. 

In dem tief gelegenen wasserreichen Lande mit den Tausenden 
von Kanälen, dem Mangel an Bausteinen und dem überwiegenden 
Wasserstraßenverkehr begegnete die Anlage von Landwegen und 
Eisenbahnen größeren Schwierigkeiten als im übrigen Westeuropa. 
Als tüchtige Wasserbaumeister haben die Holländer es aber ver- 
standen, das Land zu entwässern und mächtige Dämme aufzuführen, 
auf welchen im Marschengebiete schön gepflasterte Straßen angelegt 
sind. Die mit harten Klinkerziegeln gepflasterten und von Alleen 
eingesäumten Kunststraßen der Niederlande gehören zu den besten 
unseres Erdteiles. 

Eisenbahnen. Mit dem Bau von Bahnen haben die Holländer 
später eingesetzt als ihre Nachbarn und auch heute ist ihr Bahn- 
wesen noch unfertig. Nur etwa die Hälfte gehört dem Staate, die Mehr- 
zahl ist im Privatbetriebe. Die wichtigsten Linien, welche die Nieder- 
lande mit dem Deutschen Reiche und Belgien verbinden oder an 
welche Schiffsanschlüsse bestehen, sind folgende: 

1. Vlissingen — Tilburg — Venlo (Krefeld — Köln). 

2. Hoek van Holland — Rotterdam— Eist— (Cleve — Köln). 

3. Amsterdam — Utrecht — Arnhem — (Emmerich — Wesel). 

4. Amsterdam — Haarlem — Haag — Rotterdam— (Antwerpen). 

Stoiser, Wirtscliafts- und Verkehrsgeogiaphie d. curop. Stuaten. Jg 



— 274 — 

5. Amsterdam — Zaaudam —Alkmaar — Helder. 

6. Utrecht— Meppel — Groningen. 

Die wichtigsten Kreuzuni^spunkte sind Arnhein und Utrecht. 

Sehr hoch entwickelt i.st auch das Post-undTelegraphen wesen. 

Binnenwasserstraßen hat Holland im Vergleiche zur Größe 
des Landes am meisten unter den Staaten Europas. Außer den 
Mündungsarmen des Rheines, der Maas und dem Anteile an der Scheide 
und zahlreichen Wasserwegen, die dem Lokalverkehre dienen, be- 
stehen mehrere Kanäle, die mindestens 20 m Breite und 2 m Tiefe 
haben, auf welchen daher auch Dampfer verkehren. Die belebtesten 
dieser Kanäle sind: 

1. Der Nordseekanal von Amsterdam nach Ymuiden. 

2. Der Nieuwe Waterweg von Rotterdam zum Hoek van 
Holland. 

3. Der nord holländische Kanal von Amsterdam nach Helder. 

4. Der Merwedekanal von Amsterdam nach Utrecht. 

5. Das Kanalsystem von Groningen. 

Den weitaus lebhaftesten Verkehr hat der Rhein. Die holländisch- 
deutsche Grenze passieren jedes Jahr über 20.000 Fahrzeuge, dar- 
unter zahlreiche Seeschiffe. 

Häfen und Handelsflotte. Es ist sehr bemerkenswert, daß von 
den Hafenplätzen des Seestaates Holland nur die Überfahrtsstationen 
Vlissingen, Hoek van Holland und der Fischerei- und Vorhafen 
Amsterdams, Ymuiden, direkt am Meere liegen, während von den 
beiden großen Handelsemporien Rotterdam am Rhein und Amsterdam 
an der Zuider See liegt. 

Der größte Hafen derNiederlande ist Rotterdam. Es beherrscht 
den Verkehr auf dem Rhein bis Basel und ist durch den Neuen 
Wasserweg vom Hoek van Holland aus für die größten Seeschiffe 
zugänglich. Durch die Großartigkeit seiner Hafenanlagen, seine Über- 
sichtlichkeit und den ungemein lebhaften Verkehr bietet dieser Hafen 
manche Ähnlichkeit mit Hamburg. Es ist einer der größten Stapel- 
plätze für Getreide, Tee, Baumwolle und Rohrzucker. 

Amsterdam hat seine alte Größe als Geldmarkt und Handels- 
platz für die Erzeugnisse der niederländischen Kolonien behauptet. 
Es ist einer der ersten Märkte der Erde für Kaffee und 
Tabak. Daneben besteht eine starke Einfuhr von Petroleum, Holz 
und seit Jahren schon beginnt sich Amsterdam auch zu einer be- 
deutenden Industriestadt zu entwickeln (Schiffbau, Zigarren- und 
Zuckerindustrie, Ölgewinnung, Segeltuch- und Baumwollfabrikation, 
Edelsteinschleiferei). Die Anlage der beiden Kanäle nach Ymuiden 
und Helder ist Amsterdam sehr zustatten izekommen. 



— 275 — 

Unter den Schiffahrtsgesellschaften Hollands ragen besonders 
hervor der „Rotterdamer Lloyd" und die „Dampf schiff ahrts- 
gesellschaft der Maas'", beide mit dem Sitze in Rotterdam. Die 
größten Amsterdamer Reedereien sind die „Niederländisch-ameri- 
kanische Dampf schiff ahrtsgesellschaft" und die Gesellschaft 
„Nederland". 

Der Stand der Handelsflotte betrug 1910: 764 Schiffe, davon 
324 Dampfer mit 1-3 Mill. t. 

Der Handel. Holland hat einen lebhaften Binnenhandel, der 
durch die Küstenschiffahrt sehr gefördert wird. Dieser Handel bewegt 
sich von den* reichen Küstenprovinzen landeinwärts. Als Börsen- 
plätze sind Amsterdam und Rotterdam beherrschend, Arnhem hat 
sich zu einem wichtigen Speditionsplatz entwickelt. 

Der Außenhandel ist überwiegend Seehandel, doch ist auch 
die Warenbewegung rheinaufwärts und auf den Bahnen über die deut- 
sche Grenze eine sehr starke. Nach der Größe des Umsatzes gehört 
das kleine Holland zu den Großhandelsstaaten der Erde und wird 
in Europa nur von England, Deutschland und Frankreich über- 
troffen. 

In der Einfuhr sind Steinkohlen, Manufaktur- und Modewaren, 
Getreide und Mehl, Eisen- und Stahlwaren, Kaffee, Tabak, Zucker 
und Holz am wichtigsten. 

Die Ausfuhr erstreckt sich besonders auf Zerealien, Blumen, 
Gemüse, Butter und Käse. Schlachtvieh, Tabak und Zigarren, Kaffee, 
Liköre, Flachs, Fische und Leinöl. 

Am lebhaftesten gestalten sich die Handelsbeziehungen zum 
Deutschen Reiche (' 5 der Einfuhr, die Hälfte der Ausfuhr). Holland 
sendet hauptsächlich Erzeugnisse seiner Landwirtschaft dahin und 
bezieht dafür Kohle. Erzeugnisse der metallurgischen und chemischen 
Industrie, Bücher, Musikalien, Lederwaren usw. Ähnlich ist auch der 
Handel mit England und Belgien. 

Holland als Kolonialmacht. 

Die Niederländer gehören zu den ältesten Kolonialmächten 
Europas. An Größe wird ihr Außengebiet von den Besitzungen der 
Engländer, Franzosen und Deutschen stark übertroffen, dem Werte 
nach gehören die holländischen Kolonien jedoch zu den besten. Die 
westindischen Besitzungen (Curagao, Surinam), einst Einfall- 
stationen in das spanische Kolonialreich, haben an Bedeutung ver- 
loren, dagegen ist Niederländisch-Ostindien (Sumatra, Java, die 
kleinen Sundainseln, die Molukken, die Westhälfte von Neuguinea) 
das bestkultivierte Tropengebiet, eine Quelle reicher Einnahmen für 

18* 



— 276 — 

das Mutterland und ein kaufkräftiges Absatzgebiet für die holländi- 
schen ludustrieerzeugnisse. Einer der größten Vorteile liegt in der 
Geschlossenheit und Gleichartigkeit dieses Gebietes. 

* 

Das holländische See- und Handelsvolk hat durch seine Unterneh- 
mungslust trotz der räumlichen Beengung seiner Landbasis es zu 
hervorragender wirtschaftlicher Geltung gebracht. Durch die Be- 
gründung der englischen Weltherrschaft zur See und das Aufblühen 
der deutschen Seemacht hat Holland seinen früheren Rang als erster 
Seestaat eingebüßt. Diesen geänderten Verhältnissei^ beginnen die 
Holländer sich auch wirtschaftlich anzupassen, indem sie nicht nur 
die Landwirtschaft eifriger denn je betreiben, sondern sich auch mit 
Erfolg auf die Industrie verlegen. 



Großbritannien nnd Irland '•% 

Das Britische Reich ist schon durch seine Inselnatur zu poli- 
tischer Selbständigkeit geschaffen. Infolge der ethnographischen Ver- 
schiedenheit seiner früheren Bewohner hat aber die Staatsbildung 
verhältnismäßig erst spät eingesetzt. Auf seinem Boden herrschten 
Kelten, Römer, die germanischen Angeln und Sachsen und die in 
Frankreich romanisierten Normannen. Aus der Vermischung dieser 
Volkselemente entstand die englische Nation und vom Londoner 
Becken aus erfolgte am Anfange des 17. Jahrhunderts unter Jakob I. 
die politische Zusammenfassung aller Bewohner der britischen Inseln 
zu einem Staatsganzen. Das schon seit dem 13. Jahrhundert parla- 
mentarisch regierte und unter der Königin Elisabeth erstarkte Reich 
war seit der Begründung seiner Einheit berufen, das Erbe Spaniens 
als Kolonial- und Seemacht anzutreten. 

Die weitere Entwicklung machte England auch zum ersten 
Handels- und Industriestaat der Welt. 

Staat und Volk. 

Größe und Weltlage. Das Vereinigte Königreich Groß- 
britannien und Irland schließt mit den dazugehörigen Inseln 
einen Flächenraum von 314.000 'km'^ ein und wird von 45'6 Mill. 
Menschen beM'ohut. 



') Literatur: Eckardt \V. R., Großbritannien und Irland. Andree s. o. Bd. I. 
— Neuse R., Landeskunde der brit. Inseln. Breslau 1903. — Chisholm, Handbook 
ot Commercial Geographie. 7. Aufl. London 1908. — Peters C, England und die 
Engländer. 2. Aufl. 1905. — Hahn, Die britischen Inseln. Kirchhoffs Länderk. von 
Europa, II. 



— 277 — 

Die heutige Weltmachtstellung Englands und ihre Entwicklung 
ist zum größten Teil in der vorteilhaften Verkehrslage des Reiches 
begründet. Die Insellage im verkehrsreichsten Meere inmitten der 
Länderhalbkugel lockte zur Betätigung auf dem Ozean, der in tiefen 
Buchten in das Land eingreift. Das Meer lenkte die Blicke nicht nur 
in die Ferne, sondern ließ auch das Gefühl der Sicherheit dem Fest- 
lande gegenüber aufkommen und jenen gehobenen Unabhängigkeits- 
und Freiheitssinn der Engländer entstehen, der oft zu Selbstüber- 
hebung führt. Die insulare Absonderung von den übrigen Völkern 
erklärt wohl auch den konservativen Sinn der Engländer. Vorteilhaft 
ist die Lage Englands ferner wegen der bequemen Meeresverbindun- 
gen und vor allem deshalb, weil es zwischen den hochentwickelten 
atlantischen Uferstaaten Europas und Amerikas liegt. Anderseits 
kann England den großen westeuropäischen Häfen, denen es gegen- 
überliegt, durch seine Seemacht gefährlich werden. 

Verfassung. England ist das Mutterland der modernen parla- 
mentarischen Regierungsform. Das Parlament besteht aus dem Ober- 
hause (House of Peers 615 Mitglieder) und dem Unterhause (House 
of Commons, 670 auf 7 Jahre gewählte Mitglieder). Die Engländer 
zeigen einen hohen Grad politischer Einsicht, der Sinn für öffent- 
liche Ordnung und Gesetzlichkeit ist tief im Volke eingewurzelt und 
England kann ebenso wie das Deutsche Reich als das Muster eines 
modernen Rechtsstaates hingestellt werden. Die Rechte des Königs 
sind verfassungsmäßig stark eingeschränkt, doch sichern Herkommen 
und das hohe Ansehen der Krone dem Herrscher einen bedeutenden 
Einfluß auf die Geschicke des Reiches. Von besonderem Interesse 
ist die Wehrverfassung. England ist die einzige Großmacht, die 
die allgemeine Wehrpflicht noch nicht eingeführt hat. 

Seit 1907 besteht die englische Wehrmacht zu Laude aus der Feld- und 
Territorialarmee. Die Feldarmee ist zum Dienste außerhalb des Königreiches 
bestimmt. Sie wird durch Freiwillige, deren Dienstzeit 10 Jahre beträgt, ergänzt. Die 
Territorialarmee dient zum Schutze des Landes und setzt sich gleichfalls aus Ge- 
worbenen zusammen, doch dauert die aktive Dienstleistung nur 4 Jahre. Das eng- 
lische Heer ist gut ausgebildet, aber seine Stärke ist unzureichend, weshalb die 
Einführung der allgemeinen Dienstpflicht sich für die Dauer nicht wird umgehen 
lassen. Die Stärke Englands ruht in seiner Kriegsmarine. Es hat die modernsten 
Schiffe und unterhält den Nachbarmächten gegenüber den Zwei-Mächte-Standard. 
Die Mannschaft wird geworben und ihre Friedensstärke beträgt 124.000 Mann. Die 
Dienstzeit der Marineure, die meist schon im Alter von 15 bis 16 Jahren als 
Schiffsjungen eintreten, dauert 12 Jahre. Im Jahre 1911 zählte die britische Kriegs- 
flotte 556 Fahrzeuge (15 Dreaduoughts, 43 Schlachtschiffe, 41 Panzerkreuzer, 8.3 
geschützte Kreuzer, 3G2 Torpedoschiffe usw.). Zum Schutze seiner Interessen hat 
England seine Marine in mehrere Flotten gegliedert, die in alle Meere der Welt 
verteilt sind. Die größten dieser Flotten sind die Heim flotte (Stützpunkte: 



— 278 — 

Sheerness und Portland), die atlantische Flotte iGibraltar), die mittelländi- 
sche Flotte (Malta), die Ost- und Cliinai'lotte, ferner hat England stets eine 
größere Zahl von Kriegsschiffen in Australien, Indien, am Kap und in Amerika. 
Mit dieser großen Kriegsflotte steht und fällt Englands politische und wirtschaft- 
liche Weltmacht, weshalb das englische Volk stets zu den größten Opfern für 
seine Flotte bereit war. Anderseits hat England auch den Anstoß zu dem kost- 
spieligen Wettrüsten zur See gegeben, das alle Großmächte jetzt betreiben. 

Die Bevölkerung. Die überwiegende Mehrheit (95%) des briti- 
schen Nationalstaates bilden die germanischeu Engländer. Sie ge- 
hören zu den aktivsten Völkern der Erde. Das Volk beherrscht eine 
ernste Lebensauffassung (Religiosität, Sonntagsruhe), es weiß wie 
kein anderes gesunden Fortschritt mit konservativem Festhalten am 
erprobten Alten und altüberlieferten Gesellschaftsformen zu ver- 
binden. Die Engländer sind unübertroffene Lehrmeister in der Kunst 
der Kolonisation. Als geographische Entdecker, praktische Erfinder 
wie als hervorragende Kaufleute von strenger Rechtlichkeit stehen 
sie einzig da. Sie gehören durch ihren kühnen Mut und ihre Unter- 
nehmungslust zu den besten Seeleuten der Welt. Durch ihre hoch- 
entwickelte Literatur, ihre eigenartigen Kunstschöpfungen (Malerei) 
und ihr ungeheures Nationalvermögen haben die Engländer fast alle 
Völker der Erde in ihren Bannkreis gezogen. 

In der allgemeinen Volksbildung ist England aber zurückge- 
blieben. Das Unterrichtswesen legt auf körperliche Betätigung (über- 
triebene Pflege des Sportes) ein größeres Gewicht als auf wissen- 
schaftliche Ausbildung. 

Außer den Engländern gibt es noch reine Kelten (Irland, Wales, 
auf der Insel Man). Besonders die Irländer stehen zu ihren Be- 
herrschern in scharfem nationalen und als Katholiken auch in reli- 
giösen Gegensatz (Auswanderung, Forderung nach Home Rule). 

Die herrschende Religion ist die anglikanische oder Hoch- 
kirche. Daneben sind noch in großer Zahl die Presbyterianer (Re- 
formierte), verschiedene protestantische Sekten, Katholiken und Juden 
vertreten. Eine großartige soziale Tätigkeit entfaltet die Heilsarmee. 

Sehr groß ist die Bevölkerungsdichte, die 145 beträgt. Im 
Londoner Becken und in den Industriegebieten erreicht sie stellen- 
weise über 1000, am dünnsten sind Irland und das schottische Hoch- 
land besiedelt. In England besteht seit Jahrhunderten eine starke 
Auswanderung, deren Ursachen früher religiöser Natur oder 
wirtschaftliche Krisen waren, jetzt aber zumeist in der Unterneh- 
mungslust der Bevölkerung zu suchen sind. Das Hauptziel bildet 
noch immer die Union, daneben besonders Kanada und Südafrika. 
Da ein großer Teil der Auswanderer in die eigenen Kolonien ab- 
strömt, so kommt diese Volksbewegung der britischen Wirtschaft 



— 279 — 

zugute, da dadurch die Erschließung der Kolonien und der Handel 
gefördert wird. 

Die Natur des Landes. 

Die britischen Inseln erheben sich auf einem unterseeischen 
Plateau, das früher eine nordwestliche Halbinsel unseres Erdteiles 
bildete. Der Zusammenhang mit dem Festlande bei Dover — Calais 
wurde erst nach der Eiszeit von den Meeresfluten zerstört. 

Die Einzeilandschaften der britischen Inseln. 

Das Vereinigte Königreich besteht aus den zwei großen Inseln 
England mit Schottland und Irland, sowie aus einer Anzahl kleinerer 
Inseln, wie den normannischen Inseln, den Inseln Wight, Anglesea, 
Man, den Hebriden, Orkney und Shetlandsinselu. 

1. England und Schottland. 

Englands Oberfläche zeigt den Gegensatz zwischen dem ebenen 
und jüngeren Osten und dem gebirgigen älteren Westen. 

Das Londoner Becken. Die Mitte und den Osten des Landes 
nimmt das ausgedehnte Themse- oder Londoner Becken ein, dessen 
muldenförmig angeordnete Schichten (Tertiär, Kreide, Jura, Trias) 
in ganz gleicher Reihenfolge wie beim Pariser Becken gelagert sind. 
Durch die parkartige Niederung des Weald, einer Fortsetzung des 
Hügellandes von Artois, ist das Becken von Hampshire an der 
Küste abgetrennt. Die einzelnen Formationen bilden Hügelzüge und 
Plateaustreifen mit abfallendem Steilrand nach der Außenseite. 

Diese Beckenlandschaft wird der Länge nach von der Themse 
entwässert. 

In der Mitte dieses dicht bevölkerten Gebietes liegt die Haupt- 
stadt London (4-5 Einw., m. V. 7-2 Mill. Einw.), an der Stelle, wo 
die Themse das letztemal überbrückt wird. Es ist die größte Handels-, 
Industrie- und Hafenstadt der Welt, das Herz des englischen Geistes- 
und Wirtschaftslebens, eine Stadt, die mehr Einwohner hat als ganz 
Australien. Unter ihren zahlreichen Vororten sind besonders Windsor 
(Sommerresidenz des Königs), Eton (berühmtes College), Richmond, 
Greenwich (Sternwarte), Woolwich (Arsenal) zu erwähnen. An der 
Themsebucht liegen Chatam, Sheerness (Kriegshafen), Queen bor ough 
(Überfahrthafen für Vlissingen) und Harwich (Hafen für Ostende 
und Hoek van Holland). Die Häfen an der Südküste sind Dover 
(Hafen für Calais), Folkestone (Hafen für Boulogne), Hastings, 
das Seebad Brighton (131.000 Einw.), der größte und stärkste eng- 
lische Kriegshafen Portsmouth (231.000 Einw.) und Southampton 
(119.000 Einw.). Im Binnengebiete sind die Universitätsstädte Oxford 



— 280 — 

und Cambridge, am Rande Norwich (121.000 Einw.), Leicester 
(227.000 Einw.), am Bristolkanal Bri.stol (357.000 Einw) und Batb 
zu nennen. 

Da der größte Teil des Londoner Beckens fruchtbares Acker- 
und Wiesenland ist, entwickelte sich hier eine blühende Land- 
wirtschaft. Zahlreiche Landhäuser, von parkartigen Baumgruppen 
umgeben, und ausgedehnte Weiden, Obst- und Gemüsegärten ver- 
leihen diesem südenglischen Landschaftsbilde etwas ungemein An- 
ziehendes. Da es an Mineralschätzen fehlt, so ist mit Ausnahme von 
London hier auch nur wenig Industrie vorhanden. 

Besonders intensiv entwickelt ist das Verkehrswesen, denn 
alle großen Eisenbahnlinien konvergieren nach London und von den 
Küstenstationen aus bestehen regelmäßige Verbindungen mit dem 
gegenüberliegenden Festlande. Das Londoner Becken ist das eigent- 
liche Kerngebiet Englands. 

Die Gebirgsländer des Westens sind alte Rumpfgebirge von 
mäßiger Höhe. Westlich von Exeter bis zum Kap Lands End zieht 
sich das Hügelland von Cornwall hin. Die reichgegliederte Süd- 
küste mit ihren schönen Meeresbuchten, dem milden Klima und der 
immergrünen Vegetation wird die Cornish Riviera genannt und 
viel besucht. Nördlich des tiefeinschneidenden Bristolkanales liegt 
das Gebirgsland von Wales, eine aus Schiefer und Eruptivgesteinen 
bestehende Masse (Snowden 1090?»). Am Ostrande sind große Kohlen- 
und Eisenlager. In Nordengland schließen an die Gebirge Schott- 
lands das Gebirge von Cumberland und das Penninische Gebirge 
an. Letzteres ist von der kohlenreichen Triasniederung des Londoner 
Beckens umsäumt. 

Größere Siedlungen fehlen im eigentlichen Gebirgslande, da- 
gegen haben sich an den Randlandschaften mächtige Industrieorte 
entwickelt. An der Cornish Riviera ist der Hafen Plymouth (112.000 
Einw.) als Schiffahrts- und Poststation für die Amerikafahrer wichtig. 
Im Bristolkanal liegen Swansea (115.000 Einw.) und Cardiff 
(182.000 Einw.), einer der größten Kohlenhäfen der Erde. Im Gebiete 
der Kohlenreviere an der Ostseite des Berglandes von Wales ist 
Birmingham (526.000 Einw.), der Mittelpunkt der englischen Eisen- 
und Stahlindustrie. Die größte Anzahl von Städten drängt sich am 
Rande des Penninischen Gebirges zusammen. Es sind dies Liver- 
pool (747.000 Einw.), der zweitgrößte Hafen Englands, Birkenhead 
(131.000 Einw.), Preston (117.000 Einw.). Blackburn (133.000 Einw.), 
Manchester (714.000 Einw.), das Zentrum der Baumwollindustrie, 
Sheffield (455.000 Einw.j, berühmt durch seine StahJwaren, ferner 
Derb}' (123.000 Einw.), Nottingham (260.000 Einw.), Hudders- 



— 281 — 

field (108.000 Einw.), Leeds (446.000 Einw.), mit großartiger Woll- 
industrie, Bradford (289.000 Einw.), Hüll am Humber (278.000 
Einw.), der größte Fischereihafen des Landes, York, schließlich 
Sunderland (151.000 Einw.) und New-Castle (267.000 Einw) mit 
großer Kohlenausfuhr. 

In der wirtschaftlichen Ausnützung dieser Gebiete tritt der 
Landbau zurück, die reichen Mineralschätze, die sich hier auf engem 
Räume und in der Nähe des Meeres vorfinden, haben das groß- 
artigste Industriegebiet der Welt entstehen lassen. Der \^erkehr 
ist hier von einer einzig dastehenden Entwicklung. 

Das schottische Bergland. Schottland hat von allen Teilen 
Großbritanniens am meisten den Charakter eines Gebirgslandes. 
Durch den Tieflandstreifen des Lowland (Niederlandes) und den 
caledonischen Kanal wird das schottische Bergland in drei Teile 
gegliedert, in das südschottische Bergland, ein menschenarmes 
Gebirgs- und Weideland, in die Grampians, dem eigentlichen Hoch- 
lande (Ben Nevis 1343 m), das im Westen Moor- und Heideland, im 
Osten Ackerland und dicht besiedelt ist und drittens in das cale- 
donische Gebirge. 

Das Innere des schottischen Berglandes ist menschenarm, die 
Bevölkerung drängt sich an der mittelschottischen Senke und an der 
Küste zusammen. Im fruchtbaren Tweedtale liegt Berwik, die Grenz- 
stadt gegen England. Die größten Städte liegen an den beiden Enden 
der Lowlands, im Osten Edinburgh (320.000 Einw.), die Hauptstadt 
Schottlands, mit dem Hafen Leith (80.000 Einw.), im Westen Glas- 
gow (784.000 Einw.) und Greenok (75.000 Einw.). An der Ostküste 
Schottlands sind noch Perth, Dundee (165.000 Einw.) und Aber- 
deen (163.000 Einw.) zu nennen. 

Schottland bietet viel ungünstigere Wirtschaftsbedingungen dar 
als Südengland. Während die Niederlande (Lowlands) einen lohnenden 
Ackerbau (Hafer, Gerste) und Gartenkultur haben, ist die Oberfläche 
der höher gelegenen Teile Heideland, das für Schafzucht sich eignet. 
Die landschaftlich oft hübsch gelegenen Seen sind sehr fischreich. 
An den Rändern der mittelschottischen Senke ist auch eine groß- 
artige Industrie. Der Verkehr meidet das Gebirge. 

2. Irland. 

Die durch die Irische See von England getrennte Insel Irland 
(83.800 km^, 4-3 Mill. Einw.) ist in der Mitte von einem ausgedehnten 
Flachlande erfüllt. Nur an den Rändern treten größere Erhebungen 
auf. Im südwestlichen Teile erhebt sich das Gebirge im berühmten 
Seengebiete von Killarney bis über 1000 m (Carrantuo Hill 1040 m). 



— 282 — 

Den Nordosten nimmt ein welliges Hügelland ein. Der größte Fluß 
der Insel ist der Shannon. Besonders reich ist Irland an Seen und 
Mooren. Die Städte liegen alle an der Küste. Die Hauptstadt i^t 
Dublin (309.000 Einw.). Im Norden sind Belfast (385.000 Einw.) mit leb- 
hafter Leiuenindustrie und Schiffbau, sowie L<^ndonderry zu nennen. 
Valentia im Südwesten ist als Kabelstation für Amerika wichtig. 
Die reichen Niederschläge sind die Ursache des kräftigen Gras- 
wuchses, der in ausgedehntem Maße Viehzucht ermöglicht. Die Grund- 
pächter betreiben besonders den Anbau von Kartoffeln, Hafer und 
Flachs. Im Osten der Insel besteht in den Städten auch Industrie, 
obwohl die Kohle zugeführt werden muß. 

3. Die Inseln im Kanal und im Norden. 

England besitzt an der französischen Küste die Gruppe der 
Kanal- oder Normannischen Inseln. Sie haben reichen Gras- 
wuchs und infolgedessen eine hochentwickelte Viehzucht, die viel 
für die Ausfuhr erübrigt. An der Südküste Englands ist die Insel 
Wight, die ihres milden Klimas und ihrer südlichen Vegetation 
wegen als Gesundheitsstation viel aufgesucht wird. 

Dem Kap Lands End ist die Gruppe der Scillyinseln vorge- 
lagert. In der Irischen See liegen Anglesea, das durch eine Brücke 
mit dem Festlande verbunden ist und Man. Zum Insellande des 
Nordens gehören die inneren und äußeren Hebriden, eine alte zer- 
stückelte Gneisplatte. Die keltische Bevölkerung betreibt Schafzucht 
und Fischfang. Die bekannteste Insel ist Staffa mit ihren Basalt- 
säulen und der vielbesuchten Fingalsgrotte. Fortsetzungen des 
schottischen Gebirgslandes sind auch die Orkney- und Shetlands- 
inseln, deren norwegische Bevölkerung sich mit Fischfang und 
Viehzucht befaßt. 

4. Küstengestalt, Bewässerung und Klima. 

Nach Skandinavien hat England die reichste Küstenglieder- 
ung in Europa. Infolge der tiefeinschneidenden Golfe beträgt die 
größte :\Ieeresferne nur 120 km. Auffallend ist die paarweise Anord- 
nung der Buchten an der Ost- und Westküste (z. B. Bristolkanal — 
Themsebucht, Cardigan Bai — The Wash, Bucht von Liverpool — 
Humbermündung usw.\ wodurch die englische Küste einen hohen 
Grad der Aufgeschlossenheit hat. Sehr heftig sind die Sturm- und 
Brandungserscheinungen an der West- und Südseite Englands, 
weshalb die Zahl der Schiffs Unfälle hier besonders groß ist. Die 
zahlreichen eisfreien Hafenbuchten ermöglichten die Anlage aus- 
gezeichneter Häfen, zumal auch die Flutwelle an der englischen 



— -283 — 

Küste die größte Höhe in Europa erreicht. Die besten Häfen liegen 
an der Südseite (Plymoiith, Soiithampton, Portsmouth). Die Ostseite 
mit ihren schönen lugressioiisbuchten hat größeren Verkehrswert 
als die atlantische Seite. Schottland zeigt typische Fjordbildungen. 
Irland hat bis auf die Riasküste im Südwesten einen einfachen 
Küstensaum. 

Nicht sehr zahlreich sind die großen Flüsse, denn die Klein- 
heit des Landes war der Ausbildung großer Stromsysteme nicht 
günstig. Entsprechend der Bodenplastik mit ihrer östlichen Ab- 
dachung haben die Flüsse in der Mehrzahl eine östliche Laufrichtung. 
Als echte Tieflandsgewässer haben sie nur ein geringes Gefälle, 
wegen des großen Niederschlagsreichtums eine gleichmäßige und 
starke Wasserführung und sind untereinander leicht durch Kanäle 
zu verbinden. Die Gezeitenströmungen reichen weit landeinwärts (bei 
der Themse 323 km), wodurch sie sehr gut schiffbar werden. In die 
Nordsee münden die Themse, der Humber (Mündungstrichter 
der Trent und Ouse), der Tyne und der Tweed. Der Atlantik 
strömen an der Westseite der Severn (im Bristolkanal 16 m Flut- 
höhe), in der Bucht von Liverpool der Mersey (10 m Gezeiten) und 
in Schottland der Clyde zu, dessen Flutwelle bis Glasgow reicht. 

Das Klima Englands ist ozeanisch gemäßigt und zeigt ähnlich 
wie in Skandinavien den Gegensatz zwischen der atlantischen Außen- 
seite und der Ostseite, die mehr kontinentalen Einschlag aufweist. 
Die vorherrschenden Westwinde und die „Warmwasser- 
heizung des Golfstromes"' sind die Ursache der milden ausge- 
glichenen Temperaturen (Januartemperatur an der Westküste 5 bis 
6 0, im Osten 3 bis 4^). Besonders die Südküste ist klimatisch unge- 
mein begünstigt. Die Insel Wight und die Cornish Riviera haben 
immergrüne subtropische Vegetation und im Winter auch geringere 
Bewölkung als das übrige England. Die Niederschläge sind ziemlich 
gleichmäßig über die einzelnen Jahreszeiten verteilt und betragen 
an der Westseite bis zu 4 m. Schneefälle sind selten und nur von 
kurzer Dauer. Bekannt ist die starke Bewölkung und der Nebel- 
reichtum im Winter. Die Sommer sind im Londoner Becken oft 
sehr heiß, im allgemeinen aber gemäßigt. In wirtschaftlicher Hin- 
sicht ist das englische Klima den Wiesen und dem Waldwuchs sehr 
zuträglich, für den Ackerbau aber zu niederschlagsreich. 

Das Wirtschaftsleben. 

Die Engländer haben als die ersten und am vollständigsten 
unter allen Völkern Europas den Übergang von der einst blühenden 
Landwirtschaft zur Industrie vollzogen. Ihr Wirtschaftsleben weist 



— 284 — 

daher alle Vor- und Nachteile einer so einseitigen Entfaltung der 
ökonomischen Kräfte des Landes auf. Während die Industrie die 
Grundlage eines gewaltigen Nationalvermögens geworden ist, ver- 
mag das Land seine Bewohner nicht zu ernähren und es befindet sich 
in dieser Hinsicht in völliger Abhängigkeit von den Kornkammern 
des Auslandes. In normalen Zeitläuften bezieht das freihändlerische 
England das Getreide billig aus den überseeischen Produktions- 
gebieten, wird aber diese Zufuhr durch innere Ereignisse gestört 
(z.B. die großen Streiks im Jahre 1911) oder etwa durch kriegerische 
Verwicklungen unterbunden, so droht in kurzer Zeit das Ge- 
spenst der Hungersnot. Die eigentliche Signatur des englischen 
Wirtschaftslebens sind die Industrie und der Handel. Bis in die 
zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war England nicht nur die große 
Werkstätte der Welt, sondern auch ihr größtes Kaufhaus. Zwar ist 
die englische Industrie noch immer die erste der Welt und sein 
Handel weltbeherrschend, aber seine wirtschaftliche Stellung ist nicht 
mehr unbestritten. Die Deutschen und die Amerikaner, einst die 
kaufkräftigsten Kunden, sind nicht nur industriell selbständig, son- 
dern erfolgreiche und gefürchtete Konkurrenten geworden, die einen 
großen Teil des englischen Absatzgebietes eroberten. Der allgemeine 
industrielle Aufschwung Mitteleuropas hat England ebensosehr ge- 
schadet als Frankreich. Dazu kommt neuestens die wirtschaftliche 
Emanzipation und das Aufblühen der Industrie in den großen Ko- 
lonien. Trotz dieser Umstände ist England noch immer eine wirt- 
schaftliche Weltmacht ersten Ranges mit noch weiteren Entwicklungs- 
möglichkeiten. Die wertvolle Grundlage der vielseitigen wirtschaft- 
lichen Entfaltung bildet sein Kolonialreich. Im einzelnen weisen alle 
Zweige schaffender Tätigkeit im Mutterlande einen hohen Stand der 
Entwicklung auf. 

Land- und Forstwirtschaft. Als Landwirte genießen die Eng- 
länder einen ausgezeichneten Ruf, obwohl das Land keinen Bauern- 
stand hat. Die geschichtliche Entwicklung brachte es mit sich, daß 
schon am Beginne der Neuzeit (unter Heinrich VII. 1485 bis 1509) 
durch Bauernlegen im größten Jlaßstabe Grund und Boden ganz in 
die Hände des Adels kam und auch heute noch gehört ganz Groß- 
britannien einer geringen Zahl von Lords. Das Ackerland wurde 
aufgelassen und in Weiden, Jagdgründe, Parks und Sportplätze 
umgewandelt. Die bewirtschafteten Gründe sind fast ausschließlich 
Pachtgüter. Besonders ist dieses System in Irland herrschend, 
wo infolge einer bis ins kleinste gehenden Parzellierung des Bodens 
und des hohen Pachtschillings wegen, der wiederholt ermäßigt 
werden mußte, unter der Bevölkerung große Armut herrscht. 



— 285 — 

Da weit über die Hälfte des Bodens Wiesenland und ein großer 
Teil Schottlands j^anz unproduktiv ist, so beträgt die Ackerflur kaum 
ein Viertel des Gesamtareals. 

Die Art des landwirtschaftlichen Betriebes kann als muster- 
giltig bezeichnet werden. Die jetzt auch auf dem Festlande fast 
überall herrschende Fruchtwechselwirtschaft hat von England ihren 
Ausgang genommen. 

Der Getreidebau ist besonders in England noch sehr lohnend. 
In den niederen Lagen gedeiht der Weizen noch gut, in den 
hiiheren Teilen Schottlands überwiegen Roggen (Futtermittel) und 
der Hafer (Brotfrucht), der überhaupt unter allen Getreidefrüchten 
die größte Anbaufläche aufweist. England liefert auch eine ausge- 
zeichnete Braugerste und das Themsebecken ist eine der berühm- 
testen Hopfengegenden Europas. Irland betreibt ausgedehnten 
Flachs- und Kartoffelbau. Die Zuckerrübe wird des feuchten 
Klimas wegen nicht mehr kultiviert, weshalb England einer der 
größten Zuckerimporteure (besonders aus Österreich) ist. Im Süd- 
osten des Landes wird dem Obstbau (Äpfel, Birnen, Kirschen, 
Pflaumen, Erdbeeren) große Sorgfalt zugewendet. Besonderes Ge- 
schick zeigen die Engländer auch in der Gartenkultur, die in dem 
städtereichen Lande mit dem großen Bedarf an Gemüse eifrig be- 
trieben wird. 

Allgemein kann festgestellt werden, daß mit Ausnahme des 
Hafers die Anbaufläche aller Körnerfrüchte, am meisten bei 
Weizen (1870 bis 1900 um 527o)> in starkem Rückgang begriffen 
ist. Daher müssen jetzt bereits TS^/o des Weizenbedarfes eingeführt 
werden. 

Die unzureichende Eigenproduktion an Brotfrüchten bringt es 
mit sich, daß England in den letzten Jahren täglich Lebensmittel 
im Werte von 17 Mill. Mark, davon die Hälfte Getreide und Mehl, 
die Hälfte Fleisch, für seine Bewohner einführen muß. 

Arm ist England mit Wäldern ausgestattet. Es gibt in 
den meisten Gegenden zwar parkartige Baumgruppen von Eichen, 
Buchen, Eschen und Ulmen, geschlossene Wälder in größerer Aus- 
dehnung finden sich nur im südlichen Teil Englands in der Graf- 
schaft Hampshire und im nordwestlichen Schottland. Fast immer 
breiten sich die Wälder in den Tälern aus, während die Höhen kahl 
sind. Besonders artenreich sind die Wälder an der Südküste, wo 
Stechpalmen, Lorbeern, Himalajazedern, Magnolien usw. vorkommen. 
Irland hat fast gar keine Wälder. Der Holzbedarf Englands ist ein 
sehr großer. London, Liverpool, Dundee und Belfast sind die wich- 
tigsten Plätze für den Holzhandel. Die Einfuhr erfolgt in erster 



— 286 — 

Linie aus Rußland. Schweden und Canada, ferner aus Indien, Süd- 
amerika und Wt'stindien. 

Viehzucht und Seefischerei. Viel besser als beim Ackerbau 
liegen die Verhältnisse in der Viehzucht, denn England ist das 
erste Wiesen- und Weideland Europas. Während die Getreide 
])roduktion in steter Abnahme begriffen ist, befindet sich die Vieh- 
zucht in großem Aufschwünge. Die Engländer gehören zu den 
besten Viehzüchtern, sie haben in allen Zweigen durch Veredlung 
der heimischen Schläge die schönsten Rassen erzielt. Da die Tiere 
des milden Klimas wegen fast das ganze Jahr im Freien sein können, 
tritt die Stallfütterung hinter der Weidewirtschaft ganz zurück. 
Die Rinderzucht, die am stärksten in Irland vertreten ist, liefert 
milchergiebige Kühe und ein ausgezeichnetes Schlachtvieh. Käse und 
Butter muß eingeführt werden. Unerreicht ist die Pferdehaltung. 
England hat die elegantesten und schnellsten Renn- und Luxus- 
pferde und die stärksten Karrenpferde. York und Lincoln sind die 
Hauptsitze für die Pferdezucht. Bekannt sind auch die englischen 
Schweinerassen. Das weiße, kurzrüsselige Yorkshireschwein (Kreu- 
zung aus dem indischen und europäischen Schwein) ist auch auf dem 
Festland überall zur Einführung gekommen. Am verbreitetsten ist die 
Zucht dieser Tiere in Irland. In der Schafzucht wird England in 
Europa nur von Rußland übertroffen. Die Bergweiden in Wales und 
die schottischen Heidelandschaften sind die eigentlichen Verbreitungs- 
gebiete der großen Herden von Fleischschafen. Eine Besonderheit 
ist die englische Hundezucht. 

Da die Engländer starke Fleischesser sind (im Jahre 55 kcj pro 
Kopf der Bevölkerung), so müssen große Mengen von Fleisch aus 
überseeischen Gebieten eingeführt werden (1910: 44 Mill. £). 

Die Frage der Verproviantiei'ung mit Fleisch ist für ganz England, in be- 
sonders großzügiger Weise aber für die 7 Millionenstadt London, entsprechend ge- 
löst. In eigenen Fleischexpreßzügen wird das marktfähige Produkt jeden Tag aus 
Schottland und den Häfen der Hauptstadt zugeführt In den Zentralmarkt- 
hallen der Londoner Citj' sind ungeheure Mengen A'on Ochsen- Schweine- und 
Hammelfleisch in gefrorenem Zustande aus Neuseeland, Australien, Argentinien. 
Canada und der Union vorrätig. Da die Einfuhr zollfrei erfolgt, so ist auch der 
ärmeren Bevölkerung der Fleischkonsum ermöglicht. In gleicher Weise wird in 
eigenen Expreßzügen auch die Zufuhr von frischen Fischen, Obst, Gemüse und 
anderen Lebensmitteln besorgt. 

Eine wichtige Rolle in der Volksernährung spielt auch die See- 
fischerei, mit der sich über 100.000 Küstenbewohner befassen, 
welche marktfähige Produkte von jährlich über 200 Mill. Mark 
liefern. Schottland und die Ostküste Englands sind die Hauptschau- 
plätze der Fischerei. Hüll, Grimsby, Wik und Peterhead sind die 



— 287 — 

belebtesten Fischereihäfen. Der nordatlantische Ozean ist reich an 
Heringen, Kabeljau, Schellfischen und Makrelen. Die künstliche 
Austernzucht wird fast überall, besonders aber in der Themse- 
bucht (Whitestable) betrieben. Schottland beteiligt sich an der Hoch- 
seefischerei im Eismeere. 

Ergiebig ist auch die Binnenfischerei. Die Flüsse sind von 
Forellen und Lachsen belebt. Desgleichen sind die schottischen und 
irländischen Seen gute Fischgründe. 

Mineralproduktion. Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte 
England auch in der Montanproduktion den ersten Rang, zumal in 
der Kohlen- und Eisengewinnung inne. Seitdem ist es aber von der 
Union und dem Deutschen Reiche überholt worden. Sehr reich ist 
das Land nur an Kohle und Eisen, die „vergesellschaftet" in den- 
selben Revieren sieh finden. Die Steinkohlengebiete nehmen eine 
Fläche von etwa 16.000 k7n- ein und enthalten durchwegs hochwertige 
Anthrazitkohle, die für Zwecke der Schiffahrt wie der Lidustrie 
gleich wertvoll ist. Man unterscheidet in England und Schottland 
sieben Hauptkohlengebiete: 

1. Das Becken von Yorkshire und Derbyshire mit den 
Hauptorten Leeds, Sheffield and Derby. In den Zechen dieser Ge- 
biete allein sind etwa 250.000 Arbeiter tätig. 

2. Das Becken von Newcastle (Newcastle, Shields, Sunder- 
land), wo die Kohle bis an das Meer reicht. 

3. Das Becken von Südwales (Cardiff, Newport, Swansea und 
hinübergreifend bis Bristol). Die Kohle dieses Gebietes wird als 
„Admiralitätskohle" von den meisten Staaten der Erde in der 
Kriegsmarine verwendet. 

4. Das schottische Becken (Glasgow, Edinburgh, Dundee). 

5. Das Becken von Lancashire und Cheshire mit den 
Städten Liverpool, Manchester, Freston. 

6. Das Becken von Birmingham. 

7. Das Becken von Nordwales. 

Im Jahre 1911 wurden 271 Mill. t Kohlen produziert und im 
Kohlenbergbaue waren über 1 Million Arbeiter beschäftigt. Eng- 
lische Kohle wird in fast alle Häfen der Erde verschifft, sie bildet 
den zweiten Ausfuhrgegenstand (1910: 37"8 Mill. ^'). Die wichtigten 
Abnehmer sind Frankreich, Deutschland, Italien, Norwegen, Schwe- 
den, Spanien, Rußland und Ägj^pten. 

An zweiter Stelle ist das Eisen zu nennen, das sich überall 
im Bereiche der großen Kohlenreviere findet. Wichtige Fundorte 
sind bei Newcastle (Middlesborough), Whitehaven (Cumberland), in 
Lancashire und Staffordshire. Im Jahre 1910 wurden über 10 Mill. t 



— 288 — 

Roheisen erzeugt. Viel Eisenerze werden aus Schweden und Spanien 
bezogen. 

An sonstigen Mineralprodukten liefert England noch Kupfer 
in Cornwall und Wales (Swansea), Zinn (Cornwall), Zink (Wales, 
Man), Stein- und Seesalz. Ausgedehnt sind auch die Ton- und 
Kaolin läge r fStaffordshire). 

Industrie. Die Entwicklung Englands zum ersten Industriestaate 
der Welt findet ihre Erklärung ebensosehr in der physischen Aus- 
stattung des Bodens wie im geschichtlichen Werdegange des eng- 
lischen Wirtschaftslebens und in verschiedenen wirtschaftspolitischen 
Maßnahmen des Staates. Der Reichtum an Eisen und Kohle, die 
leichte Beschaffung aller Rohstoffe aus den eigenen Kolonien, ein 
Absatzgebiet, das die ganze Welt umfaßt und ein zweihundert- 
jähriger Vorsprung den Staaten des Festlandes gegenüber, mußte 
der Industrie sehr zustatten kommen. Die freihändlerische HandeLs- 
politik, die großen technischen Erfindungen, die besondere Begabung 
und Vorliebe für industrielle Betätigung, das hochentwickelte Ver- 
kehrswesen, die Kapitalskraft des Landes und nicht zuletzt die Güte 
der Erzeugnisse sind weitere Ursachen der industriellen GrößeEnglands. 

Den größten Umfang unter allen Zweigen der Industrie hat die 
Verarbeitung der Baumwolle angenommen. England hat 58 Mill. 
Spindeln und beschäftigt 1 Mill. Arbeiter in den Baumwollfabriken. 
Indirekt leben von dieser Industrie mindestens 5 Mill. Menschen. 
Die jährliche Ausfuhr an Garn und Geweben erreicht über 2 Milli- 
arden Mark. Der Hauptsitz der Baumwollverarbeitung ist Lancashire 
in der Gegend von Manchester und die mittelschottische Senke. 
Liverpool und Glasgow sind die größten Baumwollhäfen. Obwohl 
durch die großartige Entfaltung der Baumwollindustrie in Amerika 
und auf dem europäischen Festlande der Anteil Englands an der 
Weltproduktion geringer wird, liefert es auch heute noch die Hälfte 
aller Baumwollerzeugnisse. 

Altberühmt ist die Tucherzeugung, die besonders am 
Ostrande des Penninischen Gebirges verbreitet ist (Leeds, Hudders- 
field, Bradford). Sie zählt 7 Mill. Spindeln und beschäftigt 'A Mill. 
Arbeiter. Englische Tuche für die Herrenmode gelten noch immer 
als die besten. Die jährliche Ausfuhr in der Wollindustrie beträgt 
über 1/2 Milliarde Mark. 

Hervorragend vertreten ist auch die Leinenindustrie. Belfast 
in Irland, Leeds und Manchester erzeugen weit über den Bedarf des 
Landes. 

Neueren Datums ist die Juteindustrie, die besonders in 
Schottland (Dundee, Glasgow), aber auch in Manchester betrieben wird. 



— 289 — 

Sogar die Seideiiindustrie, die durchaus chinesische Roh- 
seide verarbeitet, ist noch mit 1 Mill. Spindeln vertreten, und zwar 
fast ausschließlich in London. Bekannte Erzeugnisse der englischen 
Textilindustrie sind noch Schals und Umhängtücher („schottische 
Tweeds"\ Flanelle, Wolldecken und Teppiche. 

Einen hervorragenden Rang behauptet die englische Kon- 
fektionsindustrie, für welche London tonangebend ist. In diesem 
Erwerbszweige sind 1*3 Menschen tätig. Sie liefert besonders Herren-, 
Sport- und Reiseanzüge, Damenkleider, Wäsche, Krawatten^ Herren- 
und Damenhüte und Putzartikel. Einfache Eleganz und Gediegenheit 
sind die Hauptmerkmale der englischen Konfektion, sie spiegelt den 
nüchterneu und praktischen Sinn des Engländers wider. In der 
Herrenmode ist London, in der Damenmode Paris herrschend. 

Die zweite Industrie Englands ist die metallurgische, deren 
Vielseitigkeit und Leistungsfähigkeit mit Recht bewundert werden. 
Ausgenommen den Schiffbau, haben aber Deutschland und Amerika 
England auf diesem Gebiete schon eingeholt. Das Zentrum der 
Metall Warenindustrie ist Birmingham, wo besonders die Ma- 
schinen- und Eisenindustrie ausgebildet ist. Armaturen liefern 
besonders Newcastle, die Firma Armstrong und die Werke in Wool- 
wicb, ferner Birmingham. 

Unerreicht ist der englische Schiffbau. England baut am 
raschesten und billigsten alle Arten von Kriegs- und Handelsschiffen. 
Die größten Werften sind in Greenock, Glasgow, Newcastle, Shields, 
Middlesborough, Hüll, London, Liverpool und Belfast. Auf englischen 
Werften werden 60° o der Weltproduktion gebaut (1909: 407 Dampfer, 
68 Segler mit zusammen 9 31.600 Reg.-Tonnen.) 

Ausgezeichnet sind die englischen Stahlwaren (Schneide- 
werkzeuge). Auch der Automobilbau ist gut vertreten. Da Eng- 
land eine große Eisen- und Stahlerzeugung hat, so sind alle nur 
irgendmöglichen Zweige metallurgischer Industrie im Lande vor- 
handen. England erzeugt unter anderem Blech, Draht, Nägel, Näh- 
nadeln, Federn, Eisenbahnschienen, Lokomotiven, Maschinen jeder Art, 
besonders aber Textilmaschinen, die fast alle englische Erfindung 
sind. Edelmetalle verarbeiten London und Birmingham. 

Ohne Konkurrenz war früher die chemische Industrie Eng- 
lands, die aber längst schon von der deutschen überflügelt wurde. 
Ihre wichtigsten Erzeugnisse sind Farben und Lacke, Soda, Seife, 
Schwefelsäure, Kunstdünger und photographische Artikel. 

Mannigfaltig sind die Erzeugnisse der keramischen In- 
dustrien. Die Herstellung von feinem Porzellan und Fayencen 
(Worcester), von Glas, Töpfereiwaren erfolgt in größtem Maßstabe. 

Stoiser, Wirtsehafts- und Verkehrsgeographie d. europ. Staaten. jg 



— 290 — 

Für diese Produkte ist Staffordshire („Potteries'-Distrikt) das Haupt- 
gebiet, weil dort die größten Tonlager sich finden. 

Von den Industrien in Holz ist die Erzeugung von Möbeln 
hochentwickelt. Leistungsfähig ist ferner die Leder- und Papier- 
industrie und die Verarbeitung von Kautschuk. 

Hervorragend vertreten sind auch einige Zweige von landwirt- 
schaftlichen Industrien. Als Bierproduzent reiht sich England an 
Deutschland an (1911: 58-8 Mill. hl). Die englischen Biere (Ale, Stout, 
Porterbier) sind sehr schwer. Der jährliche Konsum beträgt 126 / 
pro Kopf. Eingeführt wird viel Münchener- und Pilsnerbier. In den 
Obstgegenden Südenglands wird viel Cid er bereitet. Die Käse- 
gewinnung (ehester), Branntweinerzeugung, Raffinierung von Rohr- 
zucker ist namhaft. England bringt auch gute Rauchtabake in den 
Handel. Im allgemeinen sind aber die Erzeugnisse der Tabak- 
industrie teuer und schlecht. 

Das Verkehrswesen. 

Das Verkehrswesen Englands ist eines der großartigsten der 
Erde und stimmt in seiner Leistungsfähigkeit mit der allgemeinen 
Höhe der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes überein. Die 
Bodengestalt hat der Anlage von Verkehrslinien nirgends größere 
Hindernisse entgegengesetzt und da das Verkehrsbedürfnis ein sehr 
großes ist, so ist die Verdichtung der Verkehrswege eine solche, 
wie nur noch in Belgien oder in der Rheinprovinz. 

England hat vor allem ein engmaschiges Netz von guf ge- 
haltenen Landstraßen, die trotz der zahlreichen Lokalbahnen un- 
gemein belebt sind. Am großartigsten ist aber das Eisenbahnwesen 
zur Entfaltung gekommen. 

Die Eisenbahnen. England hat als der erste Staat der Erde 
eine Dampfeisenbahn gebaut. Im Jahre 1825 wurde die Strecke 
Stockton — Darlington für den Warenverkehr in Betrieb gesetzt und 
bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als auf dem Festlande erst 
in größerem Maßstabe mit der Anlage von Schienenwegen 
begonnen wurde, war das englische Netz schon ausgebaut. Von An- 
fang an herrschte der Privatbetrieb vor. Durch die großen Privat- 
gesellschaften, denen die englischen Bahnen auch jetzt noch gehören, 
über welche der Staat aber ein weitgehendes Aufsichtsrecht sich ge- 
wahrt hat, wurden mehrere Teilnetze angelegt, die alle wenig.stens 
durch eine Linie mit London in Verbindung stehen. 

Allgemein zeichnen sich die englischen Bahnen durch große 
Fahrgeschwindigkeit, billige Persouentarife, gute Ausstattung der 
Waggons, sowie durch ihre einfache und praktische Betriebsführung 



— 291 — 

aus. Stark benützte Strecken haben bis zu vier Geleisen. Bemerkens- 
wert ist auch, daß England im Warentransport in weit höherem 
Grade als in einem anderen europäischen Staate zum Schnell- und 
Expreßverkehr übersiegangen ist. Trotz der exzentrischen Lage ist 
London der Ausgangspunkt aller großen Linien. Im Jahre 1910 be- 
trug die Schienenlänge 37.600 km. 

Die verkehrsreichsten Bahnverbindungen sind folgende: 

1. London — Salisbury — Exeter — Plymouth. 

2. London -Southampton. Portsmouth und Brighton. 

3. London — Harwich ( — Vlissingen und Hoek van Holland'. 

/Queensboroui^h ( — Vlissingen). 

4. London — Woolwichx 

^Dover ( — Calais), 
ö. London — Folkestone ( — Boulogne). 

6. London — Bristol— Cardiff—Swansea — Wilford. 

7. London— Birmingham — Chester— Holyhead ( — Dublin). 

8. London — Birmingham— Liverpool und über Carlisle nach 
Schottland. 

9. London — Leicester— Derby — Manchester. 

.Glasgow. 

10. London — Derby- Sheffield — Leeds— Carlisle^ 

^Edinburgh. 

11. London — Doncaster — York — Newcastle — Edinburgh. 

1 2. Liverpool — Manchester — Leeds — Hüll. 

13. Glasgow — Edinburgh. 

Einzig dastehend ist der Lokal verkehr in den großen 
Städten, besonders in London (Untergrundbahn, Röhrenbahn [Tube], 
Untertunnel ung der Themse). 

Im englischen Eisenbahnwesen ist ein Kapital von 26 Milliarden 
Mark angelegt, das sich sehr gut verzinst, weshalb Eisenbahnaktien 
in England zu den beliebtesten Anlagepapieren zählen. 

Post- und Telegraphenwesen. Ungemein lebhaft ist auch der 
Nachrichtenverkehr. Im Jahre 1911 bestanden 24.000 Post- und 
14.000 Telegraphenämter. Das Londoner Generalpostamt ist das groß- 
artigste Verkehrsinstitut der Welt. Der Depeschenverkehr mit dem 
Festlande erfolgt vielfach telephonisch. Neben dem staatlichen Nach- 
richtendienst gibt es in England mehrere große Telegraphen- 
gesellschaften, die ihre eigenen Kabellinien besitzen (z. B. die 
Lastern Tel. Co., die Anglo-American T. C, die Direct United States 
Co. u. a.). Die insulare Lage des Landes brachte es mit sich, daß 
England zur Erlangung direkter Verbindungen mit dem Festlande 
zahlreiche Seekabel anlegen mußte. Im Jahre 1910 gab es 191 
staatliche und 265 private Kabellinien, deren Gesamtlänge 245. 5uO Am 

19* 



— 292 — 

betrug. Zahlreich sind auch die festländischen und Bordstationeu für 
drahtlose Telegraphie. England hat das Marconisystem eingeführt. 

Bis 1912 waren die englisclien Schiffe vertragsmäßig verpflichtet, nur Appa- 
rate der Marconigesellschaf t an Bord zu führen und durften mit Schiffen, 
welche ein anderes System benützten, nicht Telegramme wechseln. Der neue 
internationale ..Funkenvertrag", der im Juli 1912 in London geschlossen 
wurde, hat unter dem Eindrucke der Katastrophe des „Titanic"' die Bestimmung 
getroffen, „daß alle Schiffe, ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Systeme, funken- 
telegraphische Meldungen annehmen müssen". Damit sind die Monopolbestrebungen 
der Marconigesellschaft durchkreuzt und der funkentelegraphische Dienst wird 
mehr als bisher dem allgemeinen Wohle (z. B. Seenot) zu Gebote stehen. 

Die Binnenwasserstraßen. Obwohl die Vorbedingungen für 
den Verkehr auf den Binnenwasserstraßen Englands gut sind, 
so sind diese Wasserwege jetzt doch in sehr verbesserungsbedürftigem 
Zustande. Durch die Konkurrenz der Eisenbahnen und des Küsten- 
verkehrs hat die Schiffahrt auf den Flüssen und Kanälen nie jene 
Wichtigkeit erlangen können wie in Deutschland oder Frankreich. Von 
den Flüssen wird die Themse im Unterlauf stark befahren, des- 
gleichen sind auch der Tyne, Wear, Tees, der Trichter des Humber 
und der Severn gut schiffbar. Der verkehrsreichste künstliche Wasser- 
weg ist der Manchesterkanal von Liverpool 57 Ä«t landeinwärts 
(52 m breit, 8"5 m tief), auf dem die Baumwolle auf Seeschiffen bis in 
das große Industriegebiet von Manchester verfrachtet wird. Zu nennen 
wäre auch die Kanalverbindung zwischen der Themse und dem Severn, 
der Leeds — Liverpoolkanal und der kaledonische Kanal. 

Die Häfen. Wie schon früher hervorgehoben wurde, ist die 
Süd- und Ostküste für die Anlage von Häfen ganz besonders ge- 
eignet, weil dort die Mündungstrichter der größeren Flüsse der Er- 
richtung von Umschlagplätzen für den Land- und Seeverkehr 
besonders günstig waren und weil anderseits auch das wirtschaft- 
liche Schwergewicht im Südosten des Landes liegt. 

Im Mündungstrichter der Themse, 90 km von der Nordsee entfernt, 
liegt London, der verkehrsreichste Hafen Englands und der Welt. Es 
ist der größte Ausfuhrplatz des Landes. Die Haupthandelsartikel 
sind Baumwolle, Getreide, Holz, Kolonialwaren, Tabak, Petroleum. 

Da die Hafenanlagen sich an den Ufern der Themse 37 im hinziehen, so 
fehlt dem Londoner Hafen die Übersichtlichkeit und das großartige Getriebe, das 
der Beschauer in Hamburg beobachten kann. Bei näherem Zusehen merkt man 
allerdings, daß die ausgedehnten Docks, Warenspeicher, die jeweils vor Anker 
liegenden Schiffe und Kähne, sowie die industriellen Betriebe, die direkt im Hafen 
sich befinden, zu einem imponierenden Bilde sich vereinigen. 

London ist ein Riesenverkehrshafen ersten Ranges. Die Zahl 
dei jährlich ein- und auslaufenden Schiffe beträgt über 50.000. Der 
Gesamtverkehr erreichte 1910: 37o Mill. t. 



— 293 — 

Der zweitgrößte Hafen ist Liverpool, der Haupteinfuhrplatz für 
die Erzeugnisse Amerikas. Da das Hinterland das größte englische 
Industriegebiet ist, so übertrifft seine Ausfuhr an Industrieerzeug- 
nissen die Londons. Es ist der größte europäische Baumwollmarkt, 
ein Zentrum des Welthandels für Getreide, Kautschuk und Palmöl. 

Den dritten Rang unter den englischen Häfen behauptet Car- 
dif f, das eine riesige Ausfuhr von Kohle, Koks, Eisen und Stahl hat. 

Wichtige Kohlenhäfen sind auch Newcastle mit Shields. 

Hüll ist durch seine Holzeinfuhr aus Skandinavien sowie als 
Fischereihafen bedeutend. 

Abgesehen von den Überfahrtsstationen für den Kontinent sind 
an der Südküste die ausgezeichneten Häfen Southampton und Ply- 
mouth wichtige Stationen für die großen Ozeandampfer, die hier das 
englische Publikum an Bord nehmen, beziehungsweise es ausbooten. 

Im Bristolkanal sind außer Cardiff noch Bristol, Newport 
und Swansea zu nennen, in denen die Ausfuhr von Steinkohlen 
und Erzeugnissen der metallurgischen Industrie überwiegt. 

Unter den schottischen Hafenorten ragen besonders Glasgow 
durch seine Küstenschiffahrt und seinen Handel mit Amerika, Edin- 
burgh mit lebhaftem Xordseehandel und Dun de e hervoi". 

Die irländischen Häfen Dublin mit dem Vorhafen Kingstown, 
Belfast, Cork und Queenstown unterhalten lebhafte Verbindungen 
mit England, aber keine überseeischen Linien. 

Die englische Handelsflotte. Der Träger des englischen Welt- 
handels ist seine Flotte, die größte, welche die Gegenwart besitzt. 
Im Jahre 1910 umfaßte die Handelsmarine des Vereinigten König- 
reiches 12.000 Dampfer und 9000 Segelschiffe mit zusammen 
11-5 Mill. t netto. Da die Kolonien 5300 Dampfschiffe und 12.000 
Segler mit 17 Mill. t haben, so fahren unter britischer Flagge 
35.300 Schiffe (14.300 Dampfer, 21.000 Segler) mit 13-2 Mill. t 
netto auf allen Meeren. Damit besitzt England über die Hälfte 
der Tonnage der Welthandelsflotte. 

Diese Flotte gehört 50 großen Gesellschaften, aber keine 
einzige kann sich an Größe und Leistungsfähigkeit mit der Ham- 
burg — Amerika-Linie oder mit dem Norddeutschen Lloyd messen. 
Die größten englischen Reedereien sind: Peninsular and 
Oriental Steam Navigation Co., Union Castle-Line, Cunard- 
Line, White Star-Line, Royal Mail Steam Packet Co., British 
India Steam Nav. Co., West India and Pacific Steam ship Co. u.a. 

Mit dieser riesigen Flotte vermag England seine Beziehungen 
zu allen Kolonien und Häfen der Erde aufrecht zu erhalten, aber 
das Emporwachsen der deutschen, französischen und amerikanischen 



— 2it4 — 

Handelsflotte haben Englands Vorherrschaft zu See schon stark ein- 
geschränkt. Die deutsche Flotte wird von der englischen allerdings 
noch um das Fünffache übertroffen. 

Der Handel. 

Großbritannien ist nicht nur der erste Industrie-, sondern auch 
der erste Ilandelsstaat der Erde. Im lebhaft entwickelten Binnen- 
handel ragt London an Bedeutung über alle anderen Städte weit 
empor. Als Geld- und Börsenplatz übt es seinen Einfluß auf die 
ganze Welt aus. Die Bank of England ist das erste Geldinstitut 
seiner Art und die Effekten und Warenbörsen sind für alle übrigen 
tonangebend. Daneben haben als große Handelsplätze auch Liver- 
pool (Baumwollenbörse), Cardiff (Kohlenbörse), Manchester und 
Glasgow eine führende Stelle im Handel trotz des großen Über- 
gewichtes, das London als Metropole des Welthandels ausübt. 

Einen großen Umfang nimmt auch der Transithandel nach 
dem Festlande ein, trotzdem die Waren zweimal umgeladen werden 
müssen. Für viele Produkte ist England noch immer die wichtigste 
Bezugsquelle in Europa. Der größte Teil dieses Verkehrs geht über 
London. Im Jahre 1911 betrug die Wiederausfuhr über 2 Milliarden Mark. 

Durch seine Größe einzig dastehend ist der Außenhandel, der 
im vollsten Sinne des Wortes weltumspannend ist und dessen Ent- 
faltung durch eine großzügige Handelspolitik gefördert wurde. 
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Engländer eifrige 
Anhänger der Hochschutzzölle, bis die Überlegenheit ihrer Indu- 
strie völlig zum Durchbruche gekommen war und sie den Welt- 
handel tatsächlich beherrschten. Da sie nun keine Konkurrenz mehr 
zu fürchten hatten, gingen sie zum Freihandel über, um offene 
Märkte in allen Ländern sich zu sichern und die Produktionskosten 
niedrig zu halten. Besonders richtete sich diese Bewegung gegen die 
Getreidezölle. Nur auf eine geringe Zahl von Luxus- und Gebrauchs- 
gegenständen w^urden mäßige Finanzzölle gelegt. Die Idee des Frei- 
handels hat inEngland noch immer die größte Zahl der Anhänger, obwohl 
durch das Emporkommen der festländischen Industrie auch die schutz- 
zöllnerische Richtung, die England zu wirtschaftlicher Größe brachte, 
durch die Agitation der konservativen Partei stark an Boden gewinnt. 

Wegen der Inselnatur des Landes ist der Außenhandel aus- 
schließlich maritim, sein Schwergewicht liegt aber nicht so sehr im 
Mutterlande als in den Kolonien, welche die eigentliche Nährquelle 
dieses Handels sind. 

Die Warengruppen der Ein- und Ausfuhr zeigen deutlich den 
Charakter des vom Auslande abhängigen Industriestaates, der alle 






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— 295 — 

Lebensmittel und Rohstoffe einführen muß und sie mit seinen In- 
dustrieerzeugnissen zahlt. 

In der Einfuhr steht die Gruppe der Nahrungs- und Genuß- 
mittel (Getreide und Mehl, Fleisch, Zucker, Tee*), Reis, Wein) mit 
40''/o der Gesamteinfuhr obenan, jährlich 1^ 2 Milliarden Mark. 

Die zweite Gruppe von Waren umfaßt Rohstoffe für die In- 
dustrie (Baumwolle, Wolle, Holz, Häute und Felle, Kautschuk, Eisen- 
erze), im Jahre über 1 Milliarde Mark. 

Drittens führt England in beträchtlicher Menge auch Industrie- 
erzeugnisse ein (Eisen- und Stahlwaren, Maschinen, Modewaren, 
Chemikalien, Porzellan und Glas, Papier, Erzeugnisse der Repro- 
duktionsgewerbe, Bücher, Musikalien etc.). 

Die Ausfuhr, die etwa drei Fünftel des Wertes der Einfuhr beträgt, 
erstreckt sich vornehmlich auf Industrieerzeugnisse und Rohstoffe 
(Baumwollwaren und Garn, Eisen- und Stahlwaren, Kohle, Wollwaren, 
Maschinen, Chemikalien, Konfektionswaren, Schiffe), während das Land 
nur in der Wiederausfuhr Nahrungs- und Genußmittel abgeben kann. 

England steht mit allen Ländern der Erde in Handelsver- 
bindung, die lebhaftesten Beziehungen unterhält es aber doch mit 
seinen Kolonien, mit denen sich ungefähr ein Drittel des Gesamt- 
handels abwickelt. Vor allem ist Indien als Bezugs- wie als Absatz- 
gebiet gleich wichtig. Aber auch Australien, Südafrika und Kanada 
liefern gewaltige Handelswerte in das Mutterland. Von den Aus- 
landsstaaten haben die Union (16%), das Deutsche Reich (9"6"/o) und 
Frankreich (80 0) den größten Anteil am englischen Außenhandel. 

Der Gesamtwert des englischen Außenhandels betrug im Jahre 
1911 in der Einfuhr 13-7 Milliarden, in der Ausfuhr J)-2 Milliarden 
Mark ohne Edelmetalle. 

Die Bilanz ist stets passiv, aber die Erträgnisse der Schiffahrt, 
die Zinsen, die aus dem Auslande einströmen und der Gewinn aus 
dem internationalen Geldverkehr decken das Passivum vollständig. 

Das englische Kolonialreich. 
England beherrscht mit seinen Kolonien ein Weltreich, das 
30 Mill. km- Flächeninhalt und 423 Mill. Einwohner hat. Diese Be- 
sitzungen sind in allen Erdteilen und Ozeanen zerstreut und nehmen 
dem Mutterlande gegenüber eine verschiedene Stellung ein. Die 
Engländer verstehen es aber in ausgezeichneter Weise, dieses von 
den verschiedensten Rassen und Völkern bewohnte Kolonialreich zu 



*) England hat mit 27 k[/ pro Kopf den stärksten Teeverbraucli der Welt. 
Der Kaffeegenuß spielt dagegen nur eine geringe Rolle. Die Einfuhr erfolgt zum 
größten Teil aus Indien. 



— 296 — 

regieren und ihrer Wirtschaft dienstbar zu machen, indem sie sich 
bei der Erschließung- und Ausnützung der Kolonien in erster Linie 
von kaufmännischen Gesichtspunkten leiten lassen, in politischer 
Plinsicht aber dort, wo es die Verhältnisse zulassen, der Selbstver- 
waltung einen großen Spielraum gewähren. Nur das Kaiserreich 
Indien (4-8 Mill. km-, 316 Mill Einw.) macht hierin eine Ausnahme, 
denn diese Kronkolonie wird von einem Vizekönig ohne Parlament 
regiert. Australien, die Südafrikanische Union, die Dominion ofCanada 
aber sind parlamentarisch regierte Reiche, die schon durch ihre 
Größe und wirtschaftliche Stärke den Keim späterer Unabhängigkeit 
in sich tragen. In diesem Mißverhältnisse zwischen der Größe und 
Volkszahl der Kolonien und des Mutterlandes liegt eine Schwäche 
der englischen Weltmacht. Purch eine starke Flotte und eine liberale 
Politik den Kolonien gegenüber sucht England jeder Strömung, die 
sein Weltreich bedroht, zu begegnen. Außerdem ist gerade jetzt der 
imperialistische Gedanke, das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller 
Kolonien zu einem Greater Britain lebendiger denn je und kommt 
in der Flottenpolitik einzelner Kolonien (z. B. Kanadas) der Plan 
der Reichsverteidigung bereits zum Ausdruck. In wirtschaftlicher 
Beziehung sind die Kolonien zum Teil tropische Plantagengebiete 
(Indien, Ceylon, Jamaika), teils Ackerbauländer (Australien, Neusee- 
land, Südafrika, Kanada) oder feste Stützen der englischen Seeherr- 
schaft (Gibraltar, Aden, Singapore). Unermeßlich aber sind die Reich- 
tümer, die jahraus, jahrein dem Mutterlande aus diesen Besitzungen zu- 
strömen. Englands Weltmacht steht und fällt mit seinem Kolonialbesitz. 

Das „königliche Volk der Seefahrer und Fabrikanten", wie 
die Engländer mit Recht genannt werden, hat den Sieg des Ger- 
manentums auf dem Gebiete des W' elthandels entschieden. Als große 
Pioniere der Kultur waren die Briten nicht allein auf die Ver- 
größerung ihrer Macht und ihres Ruhmes bedacht, sie haben ihren 
Kolonien auch das Licht der Zivilisation gebracht. Die wirtschaftlichen 
Erfolge Englands forderten aber den Wettbewerb anderer Nationen, 
vor allem der Deutschen heraus, deren Industrie der eng- 
lischen in vielen Zweigen bereits überlegen ist und deren Handel 
auf Kosten Englands zur Blüte gelangte. Dieses Aufstreben Deutsch- 
lands ist im letzten Grunde auch die Ursache des für Europa ge- 
fährlichen großen Gegensatzes zwischen beiden Völkern. Bei der 
großen Kulturhöhe beider Nationen steht aber zu hoffen, daß diese 
wirtschaftliche und politische Spannung auf friedlichem Wege sich 
ausgleichen und daß beide Brudervölker nebeneinander ihrer Größe 
und Stärke sich erfreuen werden. 



III. Teil. 

Statistische Übersichten. 



t 



299 



i. Die Staaten Europas*). 



Staaten 



Größe 
in Quadrat- 
kilometern 




Dichte 



Großmächte: 

Rußland mit Finnland 

Deutsches Reich 

Österreich-Ungarn 

Großbritannien und Irland . . . 

Frankreich 

Italien 

Mittelstaaten: 

Spanien 

Belgien 

Rumänien 

Europäische Türkei 

Niederlande 

Schweden 

Portugal mit Azoren 

Bulgarien 

Schweiz 

Serbien 

Dänemark mit Faröer und Island 

Griechenland 

Norwegen 

Klein- und Zwergstaaten: 

Montenegro 

Luxemburg 

Monaco 

San Marino 

Liechtenstein 

Andorra 



5,389.985 
540.827 
676.545 
314.339 
536.464 
286.682 



504.903 
29.456 

131.353 

169.693 
33.000 

447.864 
92.575 
96.345 
41.346 
48.303 

144.639 
64.657 

323.000 



9.080 

2.686 

1-5 

61 

159 

452 



133,880.000 
64,926.000 
51,390.000 
45,685.000 
39,601.000 
34,686.600 



19,588.600 
7,423.700 
6,960.000 
6,l.SO.000 
5,858.200 
5,522.000 
5,423.0 
4,329.000 
3,765.000 
2,911.000 
2,860.000 
2,631.900 
2,392.700 



250.000 

259.800 

19.121 

10.653 

10.000 

5.231 



25 
120 

76 
145 

73 
121 



39 
252 
53 
36 
189 
12 
58 
42 
91 
60 
69 
40 



95 

187 
60 
11 



*) Literatur; Otto Hübners Geogr.-statistische Tabellen. Ausg. 1912. — Statisti- 
sches Jahrb. für das Deutsche Reich 1911. (Im Anhang: Internationale Übersichten.) 
— Gothaischer Hofkalender nebst dipl. -Statist. Jahrb. 1912. — Sinwel R., Statistische 
Übersichten zur Wirtschafts- und Yerkehrskunde. Wien und Leipzig 1912. 



— ;joo — 
II. Kolonialbesitz der europäischen Staaten. 





Staat 


Ko 


lonien 


1 Größe 
! in Quadrat- 
kilometern 


Bevölkerung 




Großbritannien < 


Europa . . . 
Asien . . . 




328 

5,216.135 

8,257.333 

10,344.940 

5,774.844 


260.000 
324,578.000 
6,400.000 ' 

9,478.000 
36,744.000 j 




Australien 
Amerika . . 






Afrika . . . 












1 




29,593.580 


377,460.000 




Frankreicli 


Afrika (ohne Marokko) . . . 

Asien 

Amerika 

Indischer Ozean und Südsee . 


1 

10,409.700 

803.500 

82.000 

24.200 


32,182.000 1 
19,437.000 
417.900 
87 600 








11,319.400 


52,124.500 




Deutsches Reich- 


Asien .... 
Afrika*) . . 
Ozeanien . . 




501 

2,687.900 
243.803 


169.000 
13.370.000 

450.0Ü0 

1 














2,932.204 


13,989.000 




Niederlande . . 


f Amerika . . 




! 130.231 

394.789 

1,520.628 


144.000 




Australien . 
Asien .... 




487.000 






37.717.000 










1 




2,045.648 


38,348.000 




Portugal .... 


1! 
Afrika . . 




II 

2,069.961 

19.918 

1 


' 7,705.600 
880 000 




Asien . . . 






il 




2,089.879 


8,585.600 




Spanien .... 


Afrika . . 

il 




220.000 

1 


588.300 

1 




Italien 


Afrika**) . . 




^ 1,536 000 


1,578.000 




Dänemark . . . 


Amerika (Grönland und West- 
indien) 


II 88.459 


1 40.000 










Beleien .... 


Afrika . . . 




II 

' 2,382.800 


20,000 000 


j 


il 





-^■) Einschließlich des 1911 von Frankreich abgetretenen Gebietes im Aus- 
maße von 275.000 km-. 

**) Samt Tripolis, dessen Annexion am 5. November 1911 erklärt wurde. 



— 301 — 



Überseeische Auswanderung. 



Herkunftsland 



Jahr 



Wanderziel 



Europa 



Union |U^"?f 
Amerika 



Gesamtaus- 
wanderung 



Italien . . 

Großbritannien und Irland 

Spanien . . 

Österreich . 

Ungarn . . 

Rußland . . 

Portugal . . 

Belgien . . 

Deutsches Reich 

Schweden . 

Finnland 

Norwegen . 

Schweiz . . 

Bulgarien . 

Rumänien . 



1910 I 248.700*) 214.600 188.175 



*) Saisonwanderer 



liilO 
1910 
1910 
1910 
1910 
1909 
1910 
1911 
1909 
1910 
1910 
1910 
1910 
1910 



2.524 



3.098 



132.000 : 156.900 

147.184 

94.59:i 8.453 

37.203 



22.773 



2.537 



18.331 — 



4.256 
2.116 
1.267 



651.475 

397.800 

191.TG0 

147.184 

119.900 

105.662 

38.137 

25 531 

22.690 

21.992 

19.000 

18.912 

5.178 

2.260 

1.547 



IV. Ausnutzung der Bodenfläche in den Staaten Europas in 
Prozenten der Gesamtfläche. 



Länder 



Ackerland I Weinland Wiesen und 
Weiden 



Wald 



Ödland 



Belgien 

Bulgarien 

Dänemark 

Deutsches Reich . . . 

Frankreich 

Griechenland . . . . 
Großbritannien . . . . 

Italien 

Niederlande 

Norwegen 

Österreich 

Ungarn 

Portugal 

Rumänien 

Europäisches Rußland 

Finnland 

Schweden 

Schweiz 

Serbien 

Spanien 

Europäische Türkei . . 



43 
27 

43 
49 
56 
14 
24 
40 
29 

O'S 
36 
44 
22 
46 
26 

2 

9 
26 
16 
35 
10 



0-8 



0-2 

3 

5 



0-7 
0-7 
2 

1 



0-8 
0-4 
4 



27 
5U 
32 
16 
11 
37 
54 
25 
37 
7 
26 
23 
27 
12 
16 
5 
3 
27 
32 
20 
40 



18 
17 

8 
26 
16 

9 

4 
16 

8 
22 
33 
28 

3 
18 
39 
57 
52 
21 
14 
21 



11 
6 
17 
9 
14 
35 
18 
13 
26 
70 
5 
5 
46 
23 
19 
36 
36 
25 
34 
20 
42 



Spanien . . . 


. 16 Hill 


Großbritannien . . 


• 13 „ 


Frankreich . . . 


. 9 . 



— 302 — 

V. Ernteerträge Europas im Jahre 1910. 

1. Weizen. 

Rußland 227 Mill. q Italien 42 Mill. 7 

Frankreich .... 69 „ ,. Spanien :37 ^ 

Österreich-Ungarn . 66 „ „ Rumänien . . . . 3ü „ 

Deutsches Reich . . 43 ^ „ Großbritannien . . 15 „ 

2. Roggen. 

Rußland 222 Mill. 7 Frankreich . . . .11 Mill. 7 

Deutsches Reich . . 105 ^ „ Schweden .... 6 . 
Österreich-Ungarn . 52 „ „ Belgien 6 „ 

3. Gerste. 

Rußland 106 Mill. 7 

Österreich-Ungarn . 30 „ „ 
Deutsches Reich. . 49 „ „ 

4. Hafer. 

Rußland 154 Mill. 7 Österreich-Ungarn . 33 Mill. 7 

Deutsches Reich . . 79 „ „ Großbritannien ... 31 

Frankreich .... 49 „ „ Schweden .... 13 ^ 

5. Mais. 

Österreich-Ungarn . 60 Mill. 7 Rußland 10 Mill. 7 

Rumänien .... 28 ,, „ Serbien 7 ,. „ 

Italien 21 „ „ Frankreich . . . 6 „ 

6. Kartoffel. 
Deutsches Reich . .135 Mill. 7 Großbritannien . . 65 Mill. 7 

Rußland 365 „ .. Belgien 25 ,, 

Österreich-Ungarn .190 „ „ Italien IT _ 

Frankreich .... 167 „ „ Schweden 16 , 

7. Wein. 

(Für das Rekordjahr 190S.) 

Frankreich . . . .60 Mill. hl Portugal 4 Mill. hl 

Italien 48 „ „ Deutsches Reich . . 3 

Spanien 21 „ „ Bulgarien .... 3 

Österreich-Ungarn . 16 ^ , Griechenland . . . 2-.s „ 



— 303 — 

VI. Viehbestand Europas. 

(Nach der letzten vorliegenden Zählung, zumeist für 1909 und 1910). 

1. Pferde. 

Rußland ... 24 Mill. Stück Großbritannien . 21 Mill. Stück 

Deutsches Reich 44 „ „ Italien .... Ol „ „ 

Österreich-Ungarn 37 „ „ Rumänien ... 08 „ „ 

Frankreich . 3'2 „ „ 

2. Rinder. 



Rußland . . .38 Mill. 


Stück 


Großbritannien 


12 Mill. Stück 


Deutsches Reich 21 


„ 


Italien .... 


ß 


Österr.-Üngarn .17 


^ 


Bulgarien . . . 


2-8 „ 


Frankreich . .14 „ 


v 


Schweden . . 


2-7 „ 


Rumänien 




. 2-5 Mill. Stück. 





3. Schweine. 
Deutsches Reich 22 Mill. Stück Großbritannien . 42 Mill. Stück 

Österr.-Üngarn .13 „ „ Italien . . . . 2'5 „ „ 

Rußland ... 12 „ „ Spanien . . . 2'2 „ „ 

Frankreich . . 7 „ „ Rumänien ... 17 , 









4. Sc 


h 


afe. 






Rußland . . 


. 57 


Mill. 


Stück 




Ungarn . . . . 


8 


Mill. Stück 


Großbritannien 


. 27 


„ 


» 




Bulgarien . . . 


8 


71 )1 


Frankreich 


. 17 


„ 


„ 




Deutsches Reich 


7-7 


»1 n 


Spanien . . . 


. 15 


■n 


51 




Türkei . . . . 


6-9 


T) n 


Italien . . . 


. 11 


r> 


n 




Rumänien . . . 


5-6 





VII. Montanproduktion Europas. 

1. Kohlenproduktion im Jahre 1910. 

(VVeltproduktion 11 5 Milliarden q.) 

Großbritannien . .26 80 Mill. (j Frankreich . . . .385 Mill. 

Deutsches Reich . 2220 „ „ Belgien 240 

Österreich-Ungarn 482 „ ,. Rußland 217 „ 

Spanien 41 Mill. q 

2. Roheisenproduktion im Jahre 1910. 

(Weltproduktion 650 Mill. q). 
Deutsches Reich mit 

Luxenburg . . .148 Mill. q Frankreich .... 40 Mill. 
Großbritannien . . 104 „ „ Rußland 30 



— 304 — 

Österreich-Ungarn . 20 Mill. (j Schweden .... »5 Mill. r/ 
Belgien 18 „ „ Spanien 4 . > 

3. Goldproduktion im Jahre 1909. 

(Weltproduktion 683.748 kg.) 

Rußland . . . 48.700 k(j Serbien 22-3 % 

Österreich-Ungarn . . 2.900 „ Deutsches Reich . . . 104 , 
Frankreich .... 1.700 „ Italien 36 „ 

4. Silberproduktion im Jahre 1909. 

(Weltproduktion 6,570.000 kg.) 

Deutsches Reich . . 165.800 kg Griechenland . . . 25.7i>0 kg 

Spanien und Portugal 148.000 ^ Italien 24.000 „ 

Österreich-Ungarn 31.000 „ Frankreich .... 18.000 „ 

Großbritannien . . . 14.000 kg 

VIII. Industrieproduktion in Europa. 

1. Baumwollspindeln im Jahre 1910. 

(Gesamtzahl auf der Erde 139 Mill.) 

Großbritannien . . .58 Mill. Österreich-Ungarn . . 4-S Mill 

Deutsches Reich . . 10 „ Italien 42 „ 

Rußland . . . . 9-.'. „ Spanien 1-9 

Frankreich .... 7 „ Schweiz 1-5 „ 

Belgien 1-3 Mill. 

2. Rübenzuckererzeugung 1909/1910. 

Deutsches Reich . .17 Mill. q Belgien 2 Mill. q 

Österreich-Ungarn .11 „ „ Niederlande . . . . 1"8 ., ^ 

Rußland 10-6 „ „ Schweden 1"3 , „ 

Frankreich .... 7 _ „ Italien 1 , „ 

3. Bierproduktion im Jahre 1911. 

(Weltproduktion 326 Mill. hl) 

Deutsches Reich . . 65 Mill. hl Belgien 16 ö Mill. hl 

Großbritannien . . 588 „ „ Rußland .... 10 , „ 

Österreich-Ungarn . 255 ., „ Dänemark .... 3 , » 

Frankreich .... 179 , „ Schweiz 2-5 , 



305 — 



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— 307 — 

X. Statistik der Eisenbahnen in den Staaten Europas im 

Jahre 1910. 



Staat 



Schieneulänge 
in Kilometern 



3t a a t 



jSchieneulänge 
in Kilometern 



Deutsches Reich . . . . 
Europäisches Rußland 

mit Finnland . . . . 
Frankreich 

Österreich-Ungai n-Bos- 
nien 

Großbritannien . . . . 

Italien 

Spanien 

Schweden 



60.624 

59.4U3 

48.782 

46.738 
37.620 
17.025 
14.596 
13.839 



Schweiz 

Belgien 

Rumänien ... 
Dänemark .... 
Niederlande .... 

Portugal 

Norwegen .... 
Europäische Türkei 

Bulgarien 

Griechenland . . . 



5072 
4709 
3755 
3403 
3070 
2894 
2847 
1994 
1908 
1500 



XI. Die Post- und Telegrapheneinrichtungen Europas im Jahre 1908. 



Länder 



Post- 
anstalten 



Post- 
sendungen 
Stück 



Tele- 

grapten- 

ärater 



Länge der lele- 

, Linien in gramme 
i Kilometern Stück 



Deutsches Reich 
Großbritannien 
Frankreich . . 
Österreich . . 
Rußland . . . 
Italien .... 
Belgien .... 
Ungarn .... 
Niederlande . . 
Schweiz . . . 
Spanien . . . 
Schweden . . 
Dänemark . . 
Rumänien . . 
Portugal . . . 
Norwegen . . 
Bulgarien . . 
Türkei .... 
Serbien .... 



50328 
23909 
13258 
9706 
143il 
9823 
1509 
6773 
1466 
4159 
4795 
4091 
1540 
2968 
3853 
3184 
2061 
1473 
1493 



3 Milliarden 
1 



704 Mill. 
599 

517 „ 

402 ,, 

290 „ 
209 

163 „ 

156 „ 

107 „ 

83 „ 

61 „ 

45 „ 

30 , 



41276 
13575 
18595 
4300 
3457 
7315 
1561 
4199 
1302 
2555 
1724 
2660 

547 
3058 

516 
1404 

293 
1095 

195 



258450 

93093 
177520 

44396 
191815 

51433 
7644 

24717 
7326 
7385 

35016 
9978 
3562 
7762 
9128 

20047 
5900 

44430 
3539 



54 Mill. 

89 „ 

61 , 
20 „ 
30 
13 „ 

8 „ 
11 . 

6 

5 

6 

i ., 

3 „ 
3 

4 ■ ,, 
3 „ 
2 



20' 



308 — 



XII. Die europäischen Binnenwasserstraßen. 



Staat 

Rußland . . . 
Deutsches Reich 
Frankreich , . 
Großbritannien 
Niederlande . . 
Belgien .... 
Österreich . . . 
Ungarn .... 



Natürliche 



54.800 km 

8.670 „ 

4.800 „ 

4.339 „ 

919 „ 

454 „ 

2.698 „ 

2.739 „ 



Künstliche 



Gesamtlänge 



1.9G2 km 


56.762 km 


6.600 „ 


15.270 ., 


8.900 „ 


13 700 .. 


5.137 „ 


9.476 .. 


3.561 „ 


4.480 ,. 


1.612 „ 


2.066 .. 


123 „ 


2.821 .. 


356 ., 


3.095 ,. 



XIII. Seeverkehr der wichtigeren europäischen Häfen im 
Jahre 1909 in Netto Reg.-Tons. 



Häfen 



Angekommen 



Abgegangen 



Gesamt- 
verkehr 



London . . . . 

Hamburg . . . 

Antwerpen*) . 

Liverpool . . . 

Cardiff . . . . 

Marseille . . . 

Rotterdam*) . 
Konstantinopel 

Neapel . . . . 

Genua . . . . 

Lissabon . . . 

Le Havre . . . 

Triest . . . . 
Kopenhagen 

Piräus*) . . . 

Barcelona . . . 

Stockholm . . 

Odessa . , . . 

Fiume . . . . 

Venedig . . . 

St. Petersburg . 



18,076.000 
12,022.000 
11,903.000 
10,914000 
10,513.000 
9,017.000 
9,214.000 

7,858.000 
7,731,000 
7,132.000 
4,636.000 
4,008.000 
3,880.000 
3,900.000 
3,890.000 
3,177.000 
3,089.000 
2,326.000 
2,169.000 
2,085.000 



17,076,000 
12,.S1T.000 
11,894.000 
10,574.000 
10,879.000 
9,067.000 
8,899.000 

7,873 000 
7,62s.000 
7,132 000 
4,708.000 
4,031.000 
4,025.000 
3,898.000 
3,671.000 
3,208.000 
.3,067.000 
2,328.(t00 
2,187.000 
2.082.000 



35,152.000 

24.339.000 

23,802.000 

21,488 000 

21.392.000 

18,114.000 

18,113.000 

16,597.000 

15,731.000 

15,35?i.000 

14,264 000 

9,344.000 

8,039.000 

7,905.000 

7,798.000 

7,561.000 

6,385.000 

6,156.000 

4,654.000 

4,356.000 

4,167.000 



•■) Auslandsverkehr. 



— 309 



XIV. Die Handelsmarine der europäischen Staaten im Jahre 1910. 



Staaten 



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Großbritannien . 
Deutsches Reich 
Norwegen (1908) 
Frankreich . . 
Italien (1907) . 
Schweden . . 
Rußland (1909) 
Dänemark . . 
Niederlande . 
Spanien ^1908) 
Finnland . . 
Österreich . . 
Belgien . ... 
Ungarn . . . 



9.260 

2.708 

5.742 

15.878 

4.874 

1.689 

2.465 

2.804 

426 

304 

2.771 

1.427 

4 

80 



1,287.557 

509.750 

725.392 

638.265 

468.674 

192.599 

257 716 

126.474 

47.075 

28.700 

320.468 

19.113 

3.183 

1.461 



11,763 

1.9£0 

2.810 

1670 

589 

1.211 

898 

1.635 

303 

503 

454 

322 

97 

116 



10,279.421 : 
2,349.557 
855.754 
806.073 
526.586 
583.303 
443 243 
420.142 
463.655 
42?^. 000 
70.738 
342.541 
184.261 ; 
113.506 



21.023 

4.658 

8.552 

17.548 

5.463 

2.900 

3.363 

4.439 

729 

808 

3.225 

1.749 

101 

206 



11,566.978 

2,859.307 

1,581.146 

1,444 338 

996.260 

775.902 

700.959 

546.616 

510.730 

451.700 

391.206 

361.664 

187.444 

114.967 



XV. Spezialhandel der europäischen Staaten im Jahre 1910. 

(In Millionen Mark ) 



Staaten 



Ein- 
fuhr 



Aus- 
fuhr 



Staaten 



Ein- 
fuhr 



Aus- 
fuhr 



Riesenhandels- 
staaten: 
Großbritannien . . 
Deutsches Reich . 
Frankreich .... 



Großhandels- 
Staaten: 

Niederlande (1909) 

Belgien 

Österreich -Ungarn 

Italien 

Rußland (über euro 
päische Grenzen) 
Schweiz 



13.856 
8.930 
6.063 



5.892 
3.311 
2.425 
V.596 

l.sTT 
1.457 



8.794 
7.476 
4.44S 



4.141 
2.756 
2.056 

].62ß 

2.740 
1.018 



Spanien 810 

Schweden 755 

Dänemark 649 

Kleinhandels- 
staaten: \ 

Türkei 1908/1909 . . 579 

Norwegen 435 

Rumänien 332 

Portugal (1909) ... 277 

Griechenland (190HI. 110 

Bulgarien 143 

Serbien G8 

Kreta 16 

Montenegro (1907) 5 



790 
667 
546 



340 

301 

489 

111 

82 

104 

79 

13 

1 



310 — 



XVI. Tafel der europäischen Großstädte. 

(In 10(1(1 Bewohnern ) 



Belgien. 

Brüssel 196 

m. V. . . . . 717 

Antwerpen 321 

Lüttich 175 

Gent 165 

Bulgarien. 

Sofia 103 

Dänemark. 

Kopenhagen . . 462 

„ in V. . . 588 

Deutsches Reich. 

Berlin 2071 

m. V 3430 

Hamburg 932 

München 596 

Leipzig 589 

Dresden 548 

Köln 516 

Breslau 514 

Frankfurt a. M. . . 415 

Düsseldorf 358 

Nürnberg 333 

Charlottenburg . . . 305 

Hannover 302 

Essen 295 

Chemnitz 287 

Stuttgart 286 

Magdeburg .... 280 

Bremen 247 

Königsberg . . , . 2i6 

Stettin 237 

Rixdorf 237 

Duisburg 229 

Dortmund 214 

Kiel 212 

Mannheim 194 

Halle a. S 180 

Straßburg i. E. . . . 179 
Scliöneberg .... 173 

Altona 173 

Danzig 170 

Elberfeld 170 

Gelsenkirchen . . . 169 
Barmen 169 



Posen 156 

Aachen 156 

Kassel 153 

Braunschweig . . 143 

Bochum 137 

Karlsruhe 134 

Krefeld 129 

Erfurt 123 

Augsburg 123 

Plauen i. V 121 

Mühllieim a. Ruhr . 112 

Mainz 110 

D. Wilmersdorf . . . 110 

Wiesbaden 109 

Saarbrücken .... 105 

Hamborn 102 

Frankreich. 

Paris 2847 

Marseille 551 

Lyon 524 

Bordeaux 260 

LiUe 217 

Nantes 169 

Nizza 164 

Toulouse 149 

St. Etienne 149 

Le Havre 133 

Roubaix 122 

Ronen 122 

Nancy 118 

Reims 113 

Toulon 105 

Griechenland. 

Athen 167 

Großbritannien. 

London 4523 

„ Polizeibezirk 7253 

Glasgow 784 

Liverpool 746 

Manchester 714 

Birmingham .... 570 

Leeds 491 

Sheffield 479 

Dublin 403 

Belfast 385 



Bristol 357 

Edinburgh 320 

Bradford 296 

Newcastle 286 

Kingston a. Hüll . . 280 

Nottingham 266 

Leieester 248 

Salford 245 

Portsmouth .... 231 

Bolton 190 

Cardiff 182 

Aberdeen 182 

Dundee 169 

Sunderland .... 161 

Oldham 144 

Blackburn 138 

Gateshead 134 

Brighton 132 

Birkenhead .... 131 

Derby 131 

Southampton .... 129 

Norwich 121 

Preston 119 

South Shields ... 119 

Willesden 115 

HaUfax 113 

Plymouth 112 

Huddersfield .... 108 

Burnley 107 

Middlesborough . . 107 

Wolver hampton . . 106 

Cork 102 

Italien. 

Neapel. ...... 723 

Mailand 602 

Rom 538 

Turin 419 

Palermo 341 

Genua 272 

Florenz 233 

Catania 211 

Bologna 173 

Venedig 160 

Messina 126 

Livorno 105 

Bari 103 



II 



— 311 



Niederlande. 

Amsterdam .... .ö74 

Rotterdam 427 

Haag 280 

Utrecht 12U 

Norwegen. 

Christiana 244 

Österreich. 

Wien 2031 

Triest 229 

Prag 225 

,, m. V nOO 

Lemberg 207 

Graz 151 

Krakau 150 

Brunn 125 

Ungarn. 

Budapest 880 

Szeged 118 

Portugal. 

Lissabon 356 

Porto 168 



Rumänien. 

Bukarest 300 

Rußfand 

St. Petersburg . . . 1008 

Moskau 1481 

Warschau 856 

Odessa 479 

Kiew 446 

Lodz 396 

Riga .S25 

Charkow 220 

Ssaratow 198 

Wilna 186 

Kasan 167 

Astrachan 149 

Jekaterinoslaw ... 148 

Tula . 1.S4 

Rostow a. Don . . , 121 

Ssaniara 121 

Kischenew 118 

Minsk 109 

Nischni-Nowgorod . 104 

Finnland. 

Helsingfors ... 137 



Schweden. 

Stockholm .^44 

Göteborg 165 

Schweiz. 

Zürich 190 

Basel 132 

Genf mV. .... 123 

Spanien. 

Madrid 597 

Barcelona 587 

Valencia 233 

Sevilla 155 

Malaga 136 

Murcia 125 

Zaragoza 112 

Cartagena 100 

Europäische Türkei. 

Konstantinopel . . . 943 

,, m. V. 1106 

Saloniki 144 

Adrianopel 123 



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HF Stoiser, Josef 

1027 Wirtschafts- und Verke- 

S75 hrsgeographie der europäis- 

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