Skip to main content

Full text of "Zeitschrift"

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



/J 

ZEITSCHRIFT ,.n 



GESELLSCHAFT FÜR ERDKUNDE' 

ZU BERLIN. 

ALS FORTSETZUHG DER ZEITSCHRIFT FOR ALLGEHEIHE ERDKUNDE 

IM AUFTRAGE DER GESELLSCHAFT 

HERAUSGEGEBEN 

Prof. Dr. W. KONEB. 
nEDACTMn DER KARTEN VON HEINRICH UND RICHARD KIEPERT. 




BERLIN, 

VERLAG VON DIETRICH REIMER. 
1883. 



G 
13 

B5Z 



Inhalt des siebzehnten Bandes. 



Aufsätze. 

(Für den Inhalt ihrer Aufsätze sind die Verfasser allein yerantwortlich.) 

Seite 

I. Über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 

Von Prof. Dr. Theobald Fischer 1 

IL Die Sierra von C6rdoba. Von Dr. O. Wien. (Mit einer Karte, 

Taf. I.) 57 

III. Einige Worte über den augenblicklichen Stand der Sklaverei in 
Osta&ika. Brieflich an Dr. Reichenow von Dr. med. G. Fischer 

in Zanzibar 70 

rV. Die antarktische Flora verglichen mit der paläozoischen. Von 

Dr. Job. Palacky 75 

V. Zur Kartographie von Bolivia. Von Dr. Bichard Kiepert 79 
VI. Zur Erinnerung an Carl Neumann. Von Prof. Dr. J. Parts ch 81 
Vn. F. F. Schwarz^ astronomische Bestimmungen in Bussisch-Tur- 
kestan (Bezirk Kuldsha) 1879 u. 1880. (Mit einer Karten- 
skizze im Texte) 111 

VIIL Änderungen der venezianischen und toskanischen AUuvial- 
gebiete in historischer Zeit. Von Dr. E. Beyer. (Mit 4 Karten- 
skizzen) 115 

IX. Die Fortschritte in der kartographischen Darstellung Afrika^s 

im Jahre 1881. Von Dr. Bichard Kiepert 138 

X, Die Militärgrenze am Bio Neuquen. Handschriftliche Mitteilung 
des Oberstlieut. Fr. Host und seines Adjutanten J. Bitters- 
bacher. Aus dem Spanischen übersetzt. (Hierzu eine Karte, 

Taf. II.) 153 

XI. Elf Wochen in Larissa. Kulturhistorische Skizze von Dr. Bern- 
hard Ornstein, Qeneralarzt der K. griechischen Armee . . 177 
Xn. Das Altvater-Gebirge. Von F. W. Paul Lehmann . . . . 202 
Xin. Die neue griechisch-türkische Grenze in Thessalien und Epirus. 

Von H. Kiepert. (Hierzu 4 Karten, Taf. Ill, IV, V und VI.) 244 
XTV. Entgegnung gegen Dr. H. Fritsche^s Kritik meiner Aufsätze 

über Nordchina. Von Dr. O. F. von Möllendorff .... 253 
XV. Die Landesaufnahme in Bussland 1881. Von Major Lade- 
mann 257 

XVI. Über Seehöhen der Oase Kufra. Von Professor Dr. Hann . 264 
XVII. Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sdhärä. Von 

Gottlob Adolf Krause 266 

XVIII. Volkszählung des Fürstenthums Bulgarien 338 

XIX. Vorbericht über Prof. C. Haussknecht^s orientalische Reisen. 

Nebst Erläuterungen von Prof. Dr. H. Kiepert 343 




IV Inhalt. 

Seite 
XX. Die Aufgabe der ^wirthschaftlichen Geographie** („Handels- 
geographie**). Von Dr. W. Götz 354^ 

XXI. Untersuchungen einiger Nebenflüsse des Amazonas. Nach dem 
Portugiesischen des Herrn Barboza Rodriguez im Auszuge 
mitgetheilt von Dr. W. ßeiss. (Hierzu eine Karte, Taf. VII.) 388 
XXII. Einiges über das Si Yü Shui Tao Ki. Von K. Himly. (Fort- 
setzung) 401 

XXni. Aus Hawaiischen Manuskripten. IL Von A. Bastian. . . 453 
XXIV. Freiherr Max von Thielmann^s Route von Eerbela nach Pal- 
myra 1872. Von Richard Kiepert. (Hierzu eine Karte, 

Taf. VIII.) 458 

XXV. Flächeninhalt Australiens 462 

Litteratur. 

Uebersicht der vom November 1881 bis dahin 1882 auf dem Gebiete 
der Geographie erschienenen Werke, Aufsätze, Karten und Pläne. 
Von W. Koner 483 

Karten. 

Taf. I. Skizze eines Teils der Sierra de Cördoba. Nach trigono- 
metrischen Aufnahmen von Dr. Brackebusch und Dr. Seel- 
strang in C6rdoba. Maasstab 1:500,000. 
IL Karte der Militärgrenze am Rio Neuquen und der nach 
Chile führenden Pässe, aufgenommen durch Oberstlieutenant Fran- 
cisco Host und seinen Adjutanten Julio Bittersbacher. 
Maasstab 1 : 1,000,000. 

III. Die neue Griechisch - Türkische Grenze nach den Be- 
stimmungen der Conferenz zu Constantinopel. November 1881. 
L Westliche oder Epirotische Grenze des Königreiches 
Hellas. 1 : 200,000. Gez. von H. Kiepert. 

IV. — . II. Nördliche oder Thessalische Grenze des König- 
reiches Hellas. 1:200,000. Gez. von H. Kiepert. 

V. Nord -Thessalische Grenzlandschaft. Nach einer Hand- 
zeichnung von G. Lejean in Paris, coplrt von H. Kiepert. 
VI. Trigonometrische Aufnahmen in Epirus - Thessalien 

und Compass-Recognoscirungen. 1 : 1,000,000. 
VII. Die Unterläufe des Rio Trombetas, R. Yamundä, B. Uatumä, 
R. Urubu und B. Capim. Reduciert nach den 1875 von J. Bar- 
boza Rodrigues aufgenommenen und in 1 : 750,000 herausge- 
gebenen Karten auf den Maasstab 1 : 1,100,000. 
VIII. Freih. v. Thielmann's Route von Kerbela nachPalmyra 
im December 1872. Maasstab 1 : 1 ,500,000. 



j> 



» 



}) 



» 



»> 



» 



»j 



I. 

über italienische Seekarten und Kartographen 

des Mittelalters*). 

Von Prof. Dr. Theobald Fischer. 



I. 

Einflass der Italiener auf die Entwickelung des See- 
wesens der am Ocean wohnenden Volker Europa's. 

Die Bedeutung Italiens in Bezug auf die Entwickelung der 
Künste und Wissenschaften in den letzten Jahrhunderten des 
Mittelalters, wie sein Einfluss auf unsere moderne Kulturentwicke- 
lung überhaupt, ist längst gebührend gewürdigt worden; dagegen 
haben die Verdienste der Italiener um die Entwickelung des See- 
wesens aller Nationen Europa's, mit einziger Ausnahme etwa der 
Deutschen, denen allein in ähnlicher Weise das germanische Mittel- 
meer Gelegenheit zu nautischer Schulung bot, weniger allgemeine 
Anerkennung gefunden, ja ihre Bedeutung als Entdecker haben 
voreingenommene Forscher, zum Teil von einseitig nationalem 
Standpunkte aus, keiner mehr als der Portugiese Santarem, mit 
ungewöhnlichem Aufwände von Fleiss, Eifer und selbst Scharfsinn 
zu leugnen oder wenigstens herabzudrücken gesucht. Ich möchte 
dem gegenüber schon hier den Satz aussprechen, dass die Ent- 
deckung Amerika's durch einen Italiener und seine Benennung 
nach einem Italiener lediglich als der greifbarste Ausdruck der 
damaligen Blüte des Seewesens und der Kultur überhaupt in 



*) Die vorliegenden Untersuchungen sind zum Teil das Ergebnis einer 
vom Verfasser mit Unterstützung aus der Karl Ritter -Stiftung 1879 nach 
Ober-Italien unternommenen Eeise, ergänzt durch frühere oder spätere Studien 
auf gleichem Gebiete in Palermo, Neapel, Wien, München und Paris. Die- 
selben sind noch nicht als abgeschlossen zu betrachten, werden aber ihren 
Abschluss in nächster Zeit als Einleitung und Erklärung zu einem der Voll- 
endung nahen, im Verlag von Ferd. Ongania in Venedig erscheinenden 
Atlas italienischer Welt- und Eompasskarten des XIV. — XVI. Jahrhunderts 
erhalten. 

Zeitaobr. d. Oeaelhch. f. Erdk. Bä. XVII. \ 



2 Theobald Fischer: 

Italien anzusehen und als der gerechteste Lohn zu bezeichnen ist, 
der jemals den Bestrebungen einer hochgestiegenen Nation zu 
teil geworden ist. Die italienische Nation, deren Geschicke ja 
allenthalben Parallelen zu denen der deutschen bieten, spielte 
eben zu Ende des Mittelalters die Rolle, welche die deutsche bis 
in die neueste Zeit gespielt hat und zum Teil noch spielt. Sie 
war die Kulturträgerin, die Befruchterin fremder, selbst feindlicher 
Nationen mit den eigenen Eulturerrungenschaften, sie gab jahraus 
jahrein einen Überschuss hochgebildeter und strebsamer Männer 
an das Ausland, das derselben zur Ausfuhrung seiner grossen 
Pläne, zur Ausbildung der eigenen Landesgenossen bedurfte 
und durch hohe Belohnungen heranzuziehen suchte. Und wie 
die wahren Interessen unseres Volkes und Vaterlandes durch 
unseren Kosmopolitismus, durch unsere Jahrhunderte lang so 
unbefriedigenden, aufstrebenden Geistern keinen Spielraum, keine 
Mittel gewährenden politischen Verhältnisse so empfindlich ge- 
schädigt worden sind, so ist es ein wahrhaft tragisches Ver- 
hängnis für Italien gewesen, dass die edelsten seiner Söhne bei 
fremden Nationen einen VTirkungskreis suchen mussten, dass sie 
Spanier und Portugiesen, zum Teil auch Franzosen und Eng- 
länder zu Seefahrern herangebildet, dieselben zu Entdeckungen 
angeleitet oder in ihrem Dienste die Erde um eine neue Welt 
bereichert haben und dadurch die Blüte des Vaterlandes auf 
Jahrhunderte geknickt, die VTurzeln der Macht der heimatlichen 
Staatengebilde für immer unterbunden haben. 

Die Entwicklung und Bedeutung des italienischen Handels, 
der italienischen Schifipfahrt, der italienischen Kolonieen an den 
Küsten des östlichen Mittelmeerbeckens, am Schwarzen und Kas- 
pischen Meere wie in ihren Gestadeländern, liegt jetzt in dem 
klassischen Werke von Wilhelm Heyd in klaren, überall urkund- 
lichen Zügen vor uns; dürftiger fliessen jedoch die Quellen, un- 
vollkommener ist ihre Ausbeutung, wenn wir uns dem Handel der 
Italiener und ihrem kulturfördernden Einflüsse im westlichen Mit- 
telmeerbecken und bei den am Ocean wohnenden Völkern zu- 
wenden, obwohl derselbe gerade hier ein hoch bedeutungsvoller 
gewesen ist. Mit Recht haben sich daher neuerdings italienische 
Forscher vorzugsweise diesem Felde zugewendet. Kann auch kein 
Zweifel darüber aufkommen, dass die Handelsbeziehungen Italiens 
zum Osten wohl kaum je unterbrochen worden sind, sicher aber 
sich sehr früh wieder in höherem Maasse belebt haben, weil von 
dort eben die wertvollsten Produkte zu beziehen waren und sich 
dort auch christliche Herrschaft zum grossen Teil behauptet hatte, 
so lassen sich doch auch in dem ganz muhammedanisch gewordenen 
Atlasgebiet und der Iberischen Halbinsel, die sich langsam und 



Über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 8 

Stackweise vom Joche des Islam losrang, sehr früh zu grosser 
Bedeutung gelangende Handels- und Kulturbeziehnngen nachweisen. 
Schon im 10. u. 11. Jahrh. sind grosse Unternehmangen der 
Pisaner und Genueser an den afrikanischen Küsten zu verzeichnen. 
So wurde Mehedia 1087 von 400 italienischen Schiffen, welche 
30 000 Mann an Bord hatten, erobert und im 12. n. 13. Jahrh. 
dienten zahlreiche italienische Gondottieri den kleinen Fürsten der 
Berberei*). In dieser Zeit gab es auch noch zahlreiche Ghristen- 
gemeinden im Atlasgebiet, standen die Päpste wegen derselben 
beständig in Briefwechsel mit den muhammedanischen Herrschern 
und waren Franziskaner und Dominikaner allenthalben thätig**). 
Seit 1317 hatten die Venetianer vom Herrscher von Tunis ver- 
tragsmässig die Erlaubnis erhalten, durch das ganze Gebiet mit 
Karawanen zu reisen, ihre Tiere drei Tage lang überall auf die 
Weide zu bringen und den Schutz der Behörden für sich in An- 
spruch zu nehmen***). Dass Italiener schon im 15. Jahrh. bis 
Timbuktu gelangt sind und dort Erzeugnisse italienischen Gewerb- 
fleisses zu Markte kamen, hat Friedrich Kunstmann längst nach-*'* 
gewiesenf ). Da wir aber schon auf der Katalanischen Weltkarte 
von 1375 Tenbuch eingetragen ünden, so mag dies schon im 
14. Jahrh. der Fall gewesen sein. Auch den Katalanen ver- 
bürgte ein 1339 mit dem Beherrscher von Tlemsen abgeschlossener, 
auf Gegenseitigkeit beruhender Vertrag, Sicherheit von Personen 
und Eigentum ff), und die auf der Katalanischen Weltkarte ein- 
getragenen Handelswege südlich vom Atlashochlande und nach dem 
Nigergebiet beruhen doch wohl auf den von christlichen Kaufleuten 
eingezogenen Nachrichten. Der wichtigste Handelsplatz des ganzen 
Atlasgebiets war aber Ceuta, oder wie es im Mittelalter stets 
heisst Septa, das von seiner Bedeutung als Haupthafen von Ma- 
rokko, als Ausgangspunkt grosser Karawanenstrassen nach dem 
Innern bis zum Sudan und als Emporium der Meerenge erst durch 
die Portugiesische Eroberung, aber für alle Zeiten herabgesunken 
ist. Damals blühte dort Korallen-Fischerei und Verarbeitung, Thun- 
fischerei, Zuckerfabrikation und Ausfuhr von Limonenfff). Die 
Pisaner und Genueser hatten lebhaften, zuerst 1169 sicher nach- 
gewiesenen Handel dort, und für Ceuta wurde in Genua im ersten 
Drittel des 13. Jahrh. die sog. Maona, die älteste Handelsgesell- 



^) Bull, della soc. geogr. ital. Gennaio 1880 p. 59 ff. 
**) EunBtmann: Afrika vor den Entdeckmigen der Portugiesen, München 
1853 S. 32. 

***) Kunstmann a. a. O. S. 14. 

f) Ebenda S. 40 A. 12. 
ff) Peschel, Gesch. d. Erdk. 2. Aufl. S. 191. 
fff) Edrisi ed. D©zy u. Goeje.p. 199 u. 201. 



4 Theobald Fischer: 

Schaft gegründet. Es gab dort einen eigenen genuesischen Stadt- 
teil, and so stark fühlten sich die Genueser dort, dass sie sich 1235 
sogar der Stadt zu bemächtigen suchten und, als dies uiisslang, 
dieselbe mit 100 Schiffen belagerten und wenigstens Ersatz für 
den erlittenen Schaden erzwangen*). Schon im 12. Jahrhundert 
waren genuesische Kaufleute von Ceuta aus ins Innere vorge- 
drungen und im 13. sind Handelsfahrten derselben an der Ocean- 
küste südwärts nachweisbar. Aus einer Legende der Weltkarte 
des genuesischen Priesters Giovanni, die spätestens 1333 entworfen 
worden ist, ersehen wir, dass die Genueser Handel mit Sigilmessa 
und anderen Orten im Innern Nord-Afrika's trieben. Mindestens seit 
dem 11. Jahrh. schon verkehrten aber Genueser auch allenthalben in 
den Häfen der Iberischen Halbinsel und mit ihrer Hilfe suchten sich 
die spanischen Herrscher von den sarazenischen Seeräubern zu 
befreien. So wurden z. B. in den Jahren 1116 und 1120 zu 
diesem Zweck Schiffsbaumeister und Seeleute von Genua berufen, 
und die Genueser Benedetto Zaccaria und Gil Boccanegra waren 
%astilische Admirale. Jener erfocht 1291 einen glänzenden See- 
sieg über die Marokkaner, dieser 1345; 1359 kommandierte er 
eine Flotte von 114 Segeln und hatte auch den portugiesischen 
Admiral Lanzerotto Pessagno, ebenfalls einen Genueser, unter 
seinem Kommando**). Ein anderer Boccanegra, Ambrogio, war 
ebenfalls kastilischer Admiral und schlug als solcher im Bunde mit 
den Franzosen die Engländer 1371 bei La Rochelle. Weit be- 
deutender ist aber die Thätigkeit der Italiener in Portugal, dessen 
rasch vorüber geeilte Blütezeit ohne italienischen Einfluss wohl 
niemals möglich geworden wäre. Durch Italiener sind die Portu- 
giesen, die sich als sehr langsam und schwer lernende Schüler 
erwiesen, zu Seefahrern gemacht worden, durch sie ist erst Por- 
tugal aus seiner vereinsamten Stellung am Rande der damaligen 
Kulturwelt, am Ufer eines insellosen, eines Gegengestades noch 
entbehrenden Oceans herausgerissen und Lissabon erst zu einer 
Etappe, dann zur wichtigsten Station der grössten Welthandelsstrasse 
geworden. Es muss dies gegenüber einem Santarem auf das be- 
stimmteste ausgesprochen werden, und die folgenden Hinweise 
werden genügen, es zu erhärten. Den frühesten Anhalt für die 
Anwesenheit und das hohe Ansehen italienischer Seefahrer in 
Portugal liefert uns die Thatsache, dass Graf Heinrich von Por- 
tugal seinen Kreuzzug 1103 — 1104 auf genuesischen Schiffen unter- 
nahm. Die erste Bedingung der Entwickelung des portugiesischen 



*) Desimoni in den „Atti della societä Ligure di storia patria" V. 
p. 200, 560 ff. 

**) Desimoni im „Giornale ligustico*' 1874 V. p, 218. 



über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 5 

Seewesens, der Besitz eines trefflichen centralgelegenen Hafens ging 
erst 1248 durch die Eroberung von Lissabon, nicht ohne Mithilfe 
fremder Seefahrer, in Erfüllung. Als dann König Diniz III. ernstlich 
daran ging, von der bereits vorteilhaft gewordenen Lage seines 
Landes — Lissabon war schon Zwischenstation für den Handel 
aus dem Mittelmeere nach Flandern und England — Nutzen zu 
ziehen, die Portugiesen zu Seefahrern zu erziehen und eine Flotte 
zur weiteren Bekämpfung der maurischen Erbfeinde zu gründen, 
da berief er 1307 den Genueser Emmanuel Pessagno, schloss mit 
demselben einen noch erhaltenen Vertrag, nach welchem er ihm 
und seinen Nachkommen die erbliche Admiralswürde verlieh, mit 
der Bestimmung, dass der Admiral stets einen Stab von 20 genue- 
sischen Offizieren um sich halten müsse*). Unzweifelhaft konnte 
den König doch nur die anerkannte Überlegenheit der Genueser 
und die Untüchtigkeit der eigenen Ünterthanen zu solchem Schritte 
bewegen. Letztere wird noch hundert Jahre später recht deutlich 
beleuchtet durch die zwanzigjährigen Anstrengungen, trotz der Lei- 
tung eines Prinzen Heinrich, das Cap Bojador zu Hmfahren. An die 
Stelle des Emmanuel Pessagno trat 1357 nach seinem Tode sein 
schon erwähnter Sohn Lanzerotto und die Würde vererbte bis ins 
15. Jahrb.; der letzte Pessagno wurde 1444 zum Admiral ernannt**). 
Genueser standen also in der Zeit vor und bei Beginn der por- 
tugiesischen Entdeckungen an der Spitze des portugiesischen See- 
wesens ! Aber Italiener haben auch im ganzen 14. und 15. Jahrb. 
in portugiesischen Diensten an den Entdeckungen teil genommen. 
Der Genueser Niccoloso da Recco und der Florentiner Angiolin 
da Tegghia dei Corbizzi führten 1341 die Handelsexpedition, welche 
Alphons IV. nach den Kanarischen Inseln sandte. Die Mann- 
schaften der zwei Schiffte bildeten Genueser, Florentiner und Kasti- 
lianer. Sie haben eine erste Schilderung dieser Inselgruppe ge- 
geben. Um die Mitte des 15. Jahrb. finden wir die Genueser 
Usodimare, Perestrello, den Wiederentdecker von Porto Santo und 
Columbus' Schwiegervater, und Antonio da Noli, lange Zeit portu- 
giesischer Statthalter der Inseln des Grünen Vorgebirges, sowie 
den Venetianer Aloise da Ca da Mosto, mit Usodimare 1456 Ent- 
decker der Inseln des Grünen Vorgebirges, von einer noch heute 
in Venedig blühenden Familie, in portugiesischen Diensten als 
Entdecker an der Westküste Afrika's. Bezeichnend ist es auch, 
dass Prinz Heinrich 1415 den Majorkaner Jacob zu sich berief 
als erfahrenen Steuermann und Kartenzeichner, und dass Fremde 



*) Desimoni a. a. O. 
**) Pietro Amat di S. Filippo in den „Studi bihliografici e biogra- 
fici sulla storia della geografia in Italia^^ Roma 1875 p. 62. 



ß Theobald Fischer: 

und Israeliten, die Träger arabischer Gelehrsamkeit, im ganzen 
15. Jahrh. als Berater der portugiesischen Fürsten in nautischen 
und Entdeckungsangelegenheiten eine grosse Rolle spielen. Der 
Infant Don Pedro brachte 1426, also 7 Jahre bevor es den Por- 
tugiesen endlich gelang, Kap Bojador zu umsegeln, seinem Bruder 
Heinrich von Venedig ein Exemplar von Marco Polo und eine 
Karte mit nach Portugal, auf welcher die Westküste Afrika's 
und die benachbarten Inseln verzeichnet waren. Vielleicht war 
es eine Karte des Giraldis, von dem gerade aus jenen Jahren 
Karten erhalten sind, vielleicht auch ein Werk Andrea Bianco's, 
beide damals die namhaftesten Kartographen in Venedig. Später 
Hess ja Prinz Heinrich durch Fra Mauro eine Kopie seiner Welt- 
karte anfertigen, die wohl noch vor seinem Tode (1460) in seine 
Hände gelangt ist und gewiss zur Weiterverfolgung der Ent- 
deckungen, ja zur bewussten Aufsuchung des Seeweges nach 
Indien beigetragen haben mag. An dieser Kopie hat Fra Mauro 
in den beiden letzten Jahren seines Lebens 1457 — 1459 gear- 
beitet, noch sind uns in den Jahrbüchern des Gamaldulenser 
Grdens Nachrichten über die Schreiber und Zeichner, die daran 
arbeiteten, die Auslagen an Arbeitslöhnen für Farben, Goldblättchen 
u. s. w., alles auf Rechnung des Königs von Portugal, er- 
halten. Dieselbe soll 1528 noch im Kloster Alcobaza vorhanden 
gewesen sein, und nach einem Berichte wurde den Seekapitänen, 
welche 1487 auf zwei Karavelen auf Entdeckungen ausgingen, 
eine Karte mitgegeben, welche von einer Weltkarte kopiert war*). 
Dass auch Golumbus und sein Bruder Bartolomeo lange Zeit 
in Portugal gelebt haben und letzterer namentlich dort Seekarten 
gezeichnet hat, ist bekannt. Es war daher gewiss nicht zuviel 
gesagt, wenn wir die Portugiesen langsam lernende Schüler der 
Italiener nannten und diesen einen Anteil an der Entdeckung 
des Seeweges nach Indien als geistiges Eigentum zuschreiben. 
Dass die Italiener hier den Portugiesen auch längst voraus- 
geeilt waren, kann nicht oft und nicht nachdrücklich genug wieder- 
holt werden, wenn auch diese Thatsache nur von den weiter 
unten zu besprechenden Karten bezeugt wird. Die Kanarischen 
Inseln sind sicher vor 1341 von Genuesern entdeckt worden, da 
in jenem Jahre die schon erwähnte Expedition des Nicoloso 
da Recco stattfand, und als Entdecker haben wir Lanzaroto 
Marocello, einen italianisierten Proven^alen anzusehen. Auf allen 
Seekarten des 14. und 15. Jahrhunderts trägt die noch heute nach 
ihm benannte Insel das Genuesische Wappen. Auf der lange 
Zeit verschollenen, aber 1877 wieder aufgefundenen und jetzt in 



^) Matkovich in den „Mittheil. d. Wiener geogr. Ges." 1859 S. 35. 



über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 7 

der Yictor-Emmannel-Bibliothek in Rom aufbewahrten Karte des 
Genuesers Bartolomeo Pareto von 1455 findet sich neben der mit 
der genuesischen Flagge bezeichneten Insel Lanzerote die Legende 
Lansaroto Maroxello Januenis*). Es ist anzunehmen, dass die 
Entdeckung ins 13. Jahrh. zurückreicht, ja d'Avezac riickt sie bis 
gegen 1275 hinauf. Jedenfalls scheint mir neuerdings der sichere 
Beweis von Pietro Amat di S. Filippo erbracht zu sein, dass die 
Entdeckung der Kanarischen Liseln durch Genueser vor 1304 
stattgefunden haben muss**). Dass wir die Inseln weder auf 
den Karten des Yisconte von 1318 noch auf der des Sanudo von 
1320, noch auf der noch älteren Pisanischen eingetragen finden, 
kann nicht auffallen, da die Kartographen jener Zeit stets aasser- 
ordentlich hinter den Entdeckungen zurückzubleiben pflegten. Auch 
ist anzunehmen, dass die Genueser kein Gewicht auf diese Ent- 
deckung legten, die ihnen nichts eintrug und auch als Station 
zu ferneren Ländern keine Bedeutung zu haben schien, da man 
wahrscheinlich gleichzeitig die Produktenarmut der Saharischen 
Küste erkannt hatte. Die ersten Besiedler unter Bethancourt 
fanden 1402 altes Mauerwerk auf Lanzerote, das sie dem ersten 
Entdecker zuzuschreiben geneigt waren. Derselbe eben genannte 
italienische Forscher hat neuerdings auch die Quellen, welche 
von dem vielbesprochenen Versuche der genuesischen Brüder 
Vivaldi, auf von Tedisio Doria ausgerüsteten Schiffen an Afrika's 
Westküste entlang den Seeweg nach Indien zu suchen, einer neuen 
Prüfung unterzogen***), und der Verfasser, welcher selbst früher 
schon eine solche Prüfung vorgenommen hatte, muss mit ihm und 
Cornelio Desimoni an der Thatsache dieser Expedition und dem 
Jahre 1291 durchaus festhalten. Auch die Vermutung, dass der 
Name einer der kleinen Kanarischen Inseln Allegranzia auf den 
urkundlich bezeugten Namen eines der beiden Schiffe zurückzu- 
führen sei, hat viel für sich. Santarem freilich thut diese ihm 
unbequeme Expedition mit wenigen Worten ab, indem er die 
genuesischen Aufzeichnungen für wertlos erklärt und die Vivaldi 
gar nicht aus dem Mittelmeer hinauskommen lässtf). Auch in 
Bezug auf die Entdeckung der Madeiragruppe und der Azoren 
vor dem Jahre 1351 ist durchaus an der namentlich durch den 
sog. mediceischen Portulan so gut bezeugten Priorität der Italiener 
festzuhalten; sämtliche Namen auf demselben sind italienische^ 



*) Memorie della soc. geogr. italiana 1878, p. 54. 
**) Bollettino della soc. geogr. ital. Gennaio 1880, S. 64. 
**♦) A. a. O. p. 64. Wir haben später noch von der genuesischen Hs. 
zu sprechen. Vgl. auch „Zeitschrift f. allg. Erdk." N. F. VI. 1859 S. 218. 
f) Santarem, Kecherches sur la priorit^ de la d^couverte des pays 
situös sur la cöte occidentale d'Afrique etc. Paris 1842, p. 239. 



g Theobald Fischer: 

meist genuesische. Hätten Italiener, wie Major meint, diese 
Entdeckungen im Dienste Portugals gemacht, so würden sie wohl, 
wie es diejenigen des 15. Jahrb. thaten, ihnen auch portugiesische 
Namen beigelegt haben. Dies thaten erst die Portugiesen selbst, 
als sie dieselben mehr als hundert Jahre später wieder auffanden^ 
aber auch im engsten Anschluss an die Italiener. Dass Prinz 
Heinrich italienische Karten besass, auf welchen er schon die 
Madeiragruppe eingezeichnet fand, kann nicht bezweifelt werden. 

Auch in Frankreich haben Italiener früh eine ähnliche Rolle 
gespielt wie auf der Iberischen Halbinsel. Ganze genuesische 
Geschwader standen im Dienste Ludwigs des Heiligen und Philipps 
des Schönen. Der Genueser Jacopo da Levanto erhielt für die 
in den Kreuzzügen geleisteten Dienste von Ludwig IX. die Ad- 
miralswürde; auch Benedetto Zaccaria erlangte dieselbe 1297, 
ebenso Antonio Doria, der mit 50 genuesischen Galeeren im 
Solde Frankreichs die Engländer bekriegte*). Der bekannteste, in 
der Entdeckungsgeschichte Amerika's viel genannte Italiener in 
französischen Diensten ist Giovanni Verazzano, dessen Lebens- 
schicksale und viel bezweifelte Verdienste als Entdecker neuer- 
dings von Desimoni eingehend geprüft worden sind. Desimoni 
weist jene Zweifel zurück, zeigt aber, dass derselbe nicht, wie 
Ramusio angiebt, 1527 auf einer neuen Expedition von den Wilden 
gefangen und aufgefressen, sondern von den Spaniern bei den 
Kanarischen Inseln mit seiner ganzen Schiffsmannschaft gefangen, 
nach Cadiz gebracht und als Seeräuber aufgehängt worden ist**). 

Selbst auf die Entwicklung der Engländer als seefahrende 
Nation haben Italiener Einfluss ausgeübt. Schon 1337 erscheint 
ein Nicolö üsodimare als englischer Viceadmiral gegen die Fran- 
zosen : auch zur See standen sich also in jener Zeit italienische 
Gondottieri gegenüber und dienten , wie später die deutschen 
Landsknechte, für Geld jeder Sache. Bekannt ist der Aufenthalt 
der beiden Cabotto in England und namentlich die Verdienste 
Sebastians als Admiral und Leiter der ersten Versuche der Eng- 
länder als Entdecker im Norden der Alten Welt. Auch der 
Aufenthalt des Cristoforo und des Bartolomeo Colombo in England 
sind bekannt und weisen auf die Beziehungen hin, welche damals 
zwischen England und Italien stattfanden. Ein interessantes 
Denkmal seiner Anwesenheit in England hat uns der berühmte 
venetianische Kartograph Andrea Bianco hinterlassen in der noch 
heute in der Ambrosianischen Bibliothek in Mailand aufbewahrten 
(und weiter unten zu besprechenden) Karte, die derselbe nach der 



*) Bulletino della soc. geogr. ital. 1880. S. 59ff. 
**) Archivio storico italiano. Serie III. T. XXVI. p. 48 ff. 



über Italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 9 

Aufschrift: „Andrea Biancho venician comito di galia mi fexe 
a Londra MCCCCXXXXVIII" als Kapitän öiner venetianischen 
Galeere 1448 in London entwarf. 

II. 

Italienische Handelsbeziehungen zu Nordwest-Europa 
und Darstellung dieser Länder auf den 

Kompasskarten. 

Es ist hier der Ort, auf die direkten Handelsbeziehungen der 
Italiener zu England und Flandern und die Darstellung dieser Länder, 
wie des germanischen Nordens überhaupt, auf den italienischen See- 
karten etwas näher einzugehen. Es reichen diese Beziehungen sehr viel 
weiter zurück als bis zum Jahre 1318, in welchem man gewöhnlich 
das erste Erscheinen venetianischer Galeeren in Antwerpen, ge- 
nuesicher in derselben Zeit oder wenig früher, zu verlegen pflegt*). 
Schon im Jahre 1190 räumte Hugo III., Herzog von Bnrgund, 
bei seiner Anwesenheit in Genua, um den Vertrag wegen der 
Überfahrt Philipp Augusts ins heilige Land zu schliessen, den 
Genuesern gewisse Vorrechte ein**), die allerdings noch nicht auf 
direkte Handelsbeziehungen zu schliessen zwingen. Auch ist es 
ans anderen Gründen unwahrscheinlich, dass solche damals schon 
bestanden. Namentlich fehlte es, so lange Lissabon noch in den 
Händen der Ungläubigen war (bis 1147), an einer grossen und sichern 
Kaststation auf dem weiten Wege. Unmittelbar nach Eroberung 
der Stadt muss sich aber auch der direkte Handel nach England 
und Flandern belebt haben, also mindestens ein halbes Jahrhundert 
vor 1318, denn im Jahre 1315***) wurden den Genuesern in 
Brügge und Antwerpen neue grosse Vorrechte zugestanden. Ein 
Konsul und zwei Räte standen an der Spitze der bereits einfluss- 
reichen Kolonie in Brügge. Metalle, Edelsteine, Reis, getrocknete 
Trauben, Wein, Mandeln, Olivenöl, Gewürze, Seiden- und Gold- 
stoffe werden von ihnen ein-, Silber, Glocken, englische und 
flandrische Webstoffe, Getreide, Felle und Wolle ausgeführt. 
Marino Sanudo (so schreibt er selbst seinen Namen), der älteste 
uns bekannte und einer der tüchtigsten der venetianischen Karto- 
graphen, spricht bei der Übergabe seiner Secreta Fidelium Crucis 
an Johann XXII. von seinen Seefahrten nicht nur im östlichen 
Mittelmeerbecken, sondern auch von Venedig bis nach Brüggef). 



*) Peschel, Gesch. d. £rdk. her», v. S. Rüge. S. 192. 
**) Desimoni in den „Atti della soc. Ligure di storia patria" T. V. 
1875 p. 273. 

***) Desimoni a. a. O. 
f) Desimoni in den „Atti delP Accademia dei Nuovi Lincei^S Anno 
XXIX, März 1877. 



10 Theobald Fischer: 

Um den portugiesischen, französischen und englischen Seeräubern 
die Spitze bieten zu können, pflegten, wie übrigens auch meist im 
Mittelmeere, ganze Flotten vereinigt diese Fahrten zu unternehmen. 
Namentlich waren die Fahrten der Venetianer wohl geordnet, man 
konnte bei ihnen von regelmässigen Schifffahrtslinien sprechen, 
welche vom Staate unterhalten wurden. Kleine Flotten von 8 — 10 
Schiffen unter einem gemeinsamen Befehlshaber befuhren die ein- 
zelnen Linien. So gab es z. B. eine Flotta di Romania, della 
Tana, di Siria, d'£gitto, di Fiandra*). Alle fuhren mit vollen 
Ladungen von Venedig ab und kehrten mit solchen zurück, nach- 
dem sie dieselben unterwegs einmal oder öfter erneuert hatten. 
Diese Galeeren der Regierung oder der Kommune, wie man sagte, 
wurden von dieser im Hafen bereit gemacht und dann den Kauf- 
leuten überlassen, welche gegen bestimmte Summen das Recht 
erwarben, die Schiffe mit ihren Waaren zu beladen und in Person 
oder durch ihre Bevollmächtigten zu begleiten. Das Kommando führte 
aber der von der Regierung ernannte Kapitän, der nicht von seinem 
Kurse abweichen durfte. Die wichtigste Linie war die flandrische. 
Die flandrische Flotte befuhr die ganze Küste der Berberei von 
Tripoli bis gegen die Meerenge und tauschte dort afrikanische 
Waaren, Getreide, Elfenbein, Sklaven, Goldstaub etc. ein, von 
da lief sie an der spanischen Küste entlang, berührte Almeria 
und Malaga, wo sie Wolle, Wein etc. einnahm, lief dann durch 
die Meerenge, versah Marokko mit £isen, Kupfer, Waffen etc. 
und ging an der Oceanküste nordwärts bis Brügge, Antwerpen 
und London, wo die Produkte der Mittelmeerländer und Asiens 
gegen nordische umgesetzt wurden, welche zum Teil die Han- 
seaten lieferten. Lissabon war die grosse Station, der Rast- und 
Zufluchtshafen auf diesem weiten Wege ; diese Stadt wurde erst seit 
Eröffnung dieses Seeweges, der neben dem Landwege durch Deutsch- 
land trotz der Gefahren grosse Vorteile bot, aus ihrer Verein- 
samung gerissen und zur Handelsstadt. Der Tajo fing im 13. Jahr- 
hundert an sich zu beleben, doch scheinen mit Lissabon selbst, 
wenigstens von Seiten der Venetianer, erst später Handelsbezie- 
hungen angeknüpft worden zu sein, denn der venetianische Senat 
musste den Kaufleuten noch 1332 solche empfehlen. Zahlreicher 
und bevorzugter als die Venetianer waren aber die Genueser in 
Lissabon, zu beiden kamen im 15. Jahrhundert die Florentiner 
hinzu. Schon um 1330 oder früher erscheint aber der bekannte 



*) Admiral Fincati in der ,,Biyista marittima". Mai 1878. Notizen über 
die Kosten der nach Flandern gehenden Galeeren fanden sich auch in ^em 
später noch zu erwähnenden wichtigen Codex vom Ende des 15. Jahrhunderts, 
welchen der Kardinal Zurla (Di Marco Polo e degli altri viaggiatori veneziani 
II p. 354) noch einsehen konnte. 



Über italienische Seekarten nnd Kartographen des Mittelalters. H 

Reisende Baldncci Pegolotti als Vertreter des grossen Florentiner 
Hauses der Bardi in London und Brügge. 

Einen weiteren Beleg dafür, dass schon lange vor 1818 di- 
rekte Handelsfahrten nach Flandern und England stattfanden, liefern 
uns die Kompasskarten, aus denen andrerseits deutlich hervorgeht, 
dass diese Handelsfahrten nur bis Flandern gingen. Ebenso 
können wir aber, wenn wir auf der ältesten sicher datierten Kom- 
passkarte, welche diese Küsten darstellt, der des Visconte von 
1318, eine sehr eingehende, später kaum mehr verbesserte Dar- 
stellung vor uns sehen, den sicheren Schluss ziehen, dass selbst 
diese Küsten schon vor 1318 so oft befahren und so sorgsam auf- 
genommen waren, dass spätere Seefahrer keine Verbesserungen 
mehr anbringen konnten, d. h. schon beträchtliche Zeit vor 1318 
mussten Knstenauf nahmen mit dem Kompass überhaupt und ins- 
besondere auch am Kanal gemacht worden sein. Schon seit 
Jahrzehnten musste der Handel italienische Seefahrer bis Süd- 
England und Flandern geführt haben, derselbe musste schon grosse 
Wichtigkeit erlangt haben und von vielen Schiffen betrieben werden, 
wenn sich die Kapitäne der mühsamen und zeitraubenden Arbeit 
der Küstenaufnahmen unterziehen sollten. Wie die Karte des 
Visconte nur bis zu den Rheinmündungen reicht, so reicht auch 
keine einzige der späteren weiter nach Norden. Was dieselben von da 
an von der deutschen Nord- und Ostseeküste, von Jütland und Skan- 
dinavien bringen, beruht nicht mehr auf wirklichen Aufnahmen mit 
dem Kompass, es sind nur vage Umrissse mit falschen Orientierungen, 
die nur eine flüchtige Kenntnis oder Vorlagen von sehr geringem 
Werte voraussetzen lassen. Man kann sagen, dass in Brügge und 
Antwerpen, sowie in London, wo der Handel der Hanseaten seine 
südwestlichsten Punkte hatte, derjenige der Italiener seine nord- 
lichste Verbreitung fand, dass dieselben in das von den Hanseaten 
monopolisierte Handelsgebiet des Nordens nicht eingedrungen, 
sondern an seinem Thore halt gemacht haben. Zwei ebenbürtige 
Gegner, die Seerepubliken des romanischen und die des germa- 
nischen Mittelmeeres, die bis dahin durch die Landmasse Deutsch- 
lands auseinandergehalten, auf weiten Landwegen in nur losen 
Beziehungen gestanden hatten, reichten hier einander die Hände. 
Der Hanseate tauschte hier gegen die Rohprodukte Norddeutsch- 
lands, Russlands und Skandinaviens diejenigen des Südens unsers 
Erdteils und die des fernen Südostens ein, um sie dem Norden 
zuzuführen. In dem noch näher zu besprechenden genuesischen 
Codex sind (Blatt 5a) diese Beziehungen in dem Teile, welcher 
eine Zusammenstellung der Legenden einer Weltkarte enthält, 
deutlich ausgesprochen: Item naves sunt alamanorum que huc 
(gemeint die Baltischen Provinzen) veniunt vel in rosia et one- 



12 Theobald Fischer: 

rantur pelipariis cera et aliis mercibus et ipsas in flandriam con- 
ducuDt. Recht deutlich zeigt sich auch, dass die Kunst, Kompass- 
karten zu entwerfen, eine echt italienische war, welche die Han- 
seaten niemals geübt haben, da uns sonst wohl irgend ein Bruch- 
stück erhalten wäre, oder sich eine Benutzung solcher in italienischen 
Karten nachweisen Hesse. Erst im 17. Jahrhundert kommen von 
Engländern entworfene Kompasskarten vor. Die Küsten jenseits 
der Rheinmündungen aufzunehmen hatten die Italiener somit gar 
kein Interesse; haben sie es je versucht, so können wir sicher 
sein, das» sie die Hanseaten energisch daran gehindert haben. 
England pflegt auf den Kompasskarten ganz und in den Einzel- 
heiten, Schottland nur in grossen und vagen Umrissen, von Irland 
nur die Süd- und die Ostseite genau dargestellt zu sein: damit 
sind wohl auch die Grenzen der regelmässigen Italienischen Schiff- 
fahrt angegeben. Der Westen von Irland ist fast auf allen der 
Schauplatz von Fabeln. 

Verweilen wir einen Augenblick bei der Darstellung, welche 
diese nördlichsten von den Italienern regelmässig besuchten Länder 
auf denjenigen Kompasskarten gefunden haben, welche ich, gestützt 
auf mehr oder weniger eingehende Prüfung im Original von bei 
weitem der Mehrzahl aller erhaltenen Kompasskarten überhaupt, 
für die beiden ältesten bis jetzt aufgefundenen halte. Es sind 
dies die von Jomard in seinen „Monuments de la geographie" ver- 
öffentlichte Pisanische Karte und die in Besitz des Cav. Tamar 
Luxoro in Genua befindliche, welche von den um die Wissenschaft, 
wie um ihr Vaterland gleich hochverdienten Forschern Cornelio 
Desimoni und L. T. Belgrano auf das sorgfältigste facsimiliert 
und commentiert worden ist, wie kein anderes dieser Denkmäler 
italienischen Ruhmes*). Jene Pisanische Karte erscheint mir 
unbedingt als die ältere, sie muss weit ins 13. Jahrhundert hin- 
einreichen und unterscheidet sich als einer der ersten Versuche 
in einer noch neuen Kunst wesentlich in der ganzen unvollkom- 
menen Art der Darstellung von allen folgenden. Namentlich ist 
auch Italien in eigentümlicher plumper Weise dargestellt. Das 
Schwarze Meer scheint schon ganz eingetragen gewesen zu sein, 
es gehörte ja zu den wichtigsten Handelsgebieten. An der Meerenge 
von Gibralatr endigen aber die dem Zeichner zu Gebote stehenden 
genauen Aufnahmen, die Oceanküsten bis drei Stationen südwärts 
von Sala in Marokko und bis Flandern nordwärts sind nur skizziert. 
Ich möchte diesen Teil der Karte . als ein Denkmal der ersten 
Fahrten der Italiener, wohl der Genueser, nach Flandern ansehen. 



*) Bd. V der „Atti della soc. Ligure di storia patria*'. Fase. I und IL 
Genova 1867 und 1869. 



Über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 13 

Fortgesetzte Fahrten und Aufnahmen führten dann zu der schon 
auf der Karte von Luxoro durchaus berichtigten und von da an 
nicht raehr verbesserten Darstellung. Es liegt in der Pisanischen 
Karte nicht etwa das Produkt eines schlechten Zeichners vor — da- 
gegen spricht die Darstellung des Mittelmeeres — , sondern eben ein 
Denkmal aus jener Zeit, wo die Oceanküsten noch nicht wirklich 
aufgenommen, sondern erst von vielleicht einem einzigen Schiffe 
flüchtig rekognosciert worden waren. Die Iberische Halbinsel ist 
in ähnlicher Weise verzerrt wie etwa auf einer modernen Karte 
in Kegelprojektion, welche das Mitteimer und die angrenzenden 
Länder in bedeutender westöstlicher Erstreckung darstellt. Auf 
der elliptischen Weltkarte von 1447 (siehe unten) finden wir die 
Halbinsel ähnlich verzerrt. Die ganze Oceanküste bis Flandern 
ist nur in allgemeinen, ziemlich ungenauen Umrissen dargestellt 
und verläuft von Galizien an in nordöstlicher Richtung, ohne grössere 
Ausbuchtungen oder Landvorprünge aufzunehmen. Die Bretagne 
z. B. bildet einen sehr wenig markierten Vorsprung, vor welchem 
eine kleine Insel izula bilela (Belle Isle) liegt. England erscheint 
als grosse viereckige Insel und macht durchaus den Eindruck 
eines nur von fern gesehenen und von einem Entdecker, mit 
Zuhilfenahme von Erkundigungen, mit vagen Umrissen eingetra- 
genen Landes, etwa wie wir Wrangelland zuerst auf unseren 
Karten haben erscheinen sehen. Es wird als „izula engreterra" be- 
zeichnet und an dem dem Festlande nächsten Vorsprunge, der 
also am besten gesehen werden musste, liegt civitate dobra (Dovre) 
und sancto thomas et conturba (Canterbury). Die civitate londra 
liegt an einem nach Süden mündenden Flusse; davon südwestlich 
finden wir stanforte und die Südwestspitze trägt die Aufschrift 
cornoalla. Von Schottland und Irland keine Spur. Auf dem 
Festlande bezeichnen brugis, fiandis und allamaigna, mit denen 
die Darstellung der Küstenumrisse endigt, auch den äussersten 
von diesen ersten italienischen Flandernfahrern erreichten Punkt. 
Einen sehr bedeutenden Fortschritt in der Technik, eigentlich 
schon die überhaupt erreichte Höhe, sowie in der Kenntnis der 
Oceanküsten zeigt der dem Alter nach zunächst anzureihende 
Atlas Luxoro, den Desimoni in den Beginn des 14. vielleicht 
Ende des 13. Jahrhunderts setzt. Er zeigt bereits so vollendete 
Arbeit, so grosse Übung im Zeichnen, dass wir zur Annahme 
gezwungen werden, die Kunst Kompasskarten zu zeichnen, müsse 
mindestens schon einige Jahrzehnte, wenn nicht ein halbes Jahr- 
hundert geübt worden sein. Tafel I dieses Atlas stellt die Ocean- 
küsten dar und lässt erkennen, dass hier seit der Herstellung der 
Pisaner Karte viele Fahrten unternommen und durch immer neue 
Messungen ein richtiges Bild der Küste gewonnen worden war. 



14 Theobald Fischer: 

Dass auf diese Weise die Karten sich rasch verbessern mussten, 
begreifen wir, wenn wir uns erinnern, dass staatlich organisierte 
und unter einheitlichem vom Staate bestellten Kommando segelnde 
Flotten dem Handel oblagen, dass also die Kräfte des Staates 
für solche zur Sicherung des Handels unbedingt nötige Aufnahmen 
zur Verfügung standen. Damit konnte viel rascher Vollkommenes 
erreicht werden, als wenn man dieselben dem guten Willen oder 
der Einsicht einzelner Kapitäne überlassen hätte. Selbst wenn 
man denselben, wie es aus späterer Zeit bezeugt ist, es zur Pflicht 
gemacht hätte, die Küsten zu vermessen, so ist doch kaum anzu- 
nehmen, dass auf diese Weise in den wenigen Jahrzehnten, während 
deren der flandrische Handel sich vor dem Jahre 1300 entwickelt 
hatte, eine so vollendete Darstellung der Küsten Frankreichs und 
Englands möglich gewesen wäre, wie sie hier im Atlas Luxoro 
hervortritt. In ähnlicher Weise mit Staatsmitteln haben wir uns 
dann auch die Küsten des Schwarzen und die westlichen des 
Kaspischen Meeres aufgenommen zu denken, welche ersteren schon 
auf der Pisanischen Karte erscheinen, während die letzteren erst 
auf Karten der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts (der der 
Pizigani und der katalanischen Weltkarte) eingetragen sind. Wenn 
somit die ersten Kompasskarten rasch veralteten, während dies 
vom 14. Jahrhund, an weniger der Fall war, so begreift sich, dass 
uns gerade von den älteren, unvollkommeneren, welche uns die 
Eotwickelung dieser Karten zu verfolgen erlauben würden, gewiss 
sehr wenige erhalten und leider nur die Pisanische aufgefunden 
worden ist. Sie waren überhaupt nur in wenigen Exemplaren 
vorhanden und wurden später gar nicht mehr kopiert, während 
bei den nach 1300 entworfenen die Sache ganz anders lag. Die 
Zahl der überhaupt an verschiedenen Punkten selbständig ent- 
worfenen Karten war grösser, sie wurden, bei dem wachsenden 
Bedarfe, häufiger kopiert, und daher begreift sich die von da sich 
rasch mehrende Zahl der uns erhaltenen Karten. Auf dem Atlas 
Luxoro sind die Festlandsküsten eingetragen bis zur Eibmündung, aber 
von den Rheinmündungen an, die wir in einem Meerbusen zu erkennen 
haben, erscheinen sie genau nordwärts streichend und nur skizziert. 
An diesem Busen finden wir die Namen mauxa (Maas) und do- 
drec (Dortrecht) und zwischen beiden cologna. Es war also da- 
mals Köln den Italienern als eine mit Seeschiffen erreichbare 
und darum an die flandrische Küste vorgerückte Handelstadt 
bekannt. Bezeichnender Weise ist es aber auch die einzige hier 
auf dieser Karte eingetragene Binnenstadt. Es folgen dann noch 
nordwärts die offenbar nur erkundeten Namen sanforder (Amers- 
ford?), grauexant (S'gravesande), utrec (Utrecht), masdiepa (Mars- 
diep), uangaroxa (Wangeroge), holanda, lembe (Elbe), durch einen 



über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 15 

tiefen Küsten einschnitt bezeichnet, mit welchem die Karte endigt. 
England ist anf dieser Karte bereits ganz nnd in ziemlich rich- 
tigen Umrissen dargestellt, Schottland fehlt aber noch, berioch 
(Berwick) ist die nördlichste Stadt, dort bricht die Küste ab ; dass 
aber das Land hier nicht endige, war dem Zeichner bekannt, er 
hätte sonst England als Insel abgeschlossen. Auf allen späteren 
Karten erscheint Schottland nur in vagen Umrissen eingetragen, 
es ist demnach vielleicht hie und da von Italieoern besacht, wohl 
auch umfahren, gewiss aber nicht aufgenommen worden wie Eng- 
land. Von Irland ist die Süd- und die Ostküste bis dansobrlnim 
(Downsborowhead) eingetragen, oder vielmehr eine Reihe nur er- 
kundeter, in südnördlicher Richtung angeordneter Namen, da der 
gewissenhafte Zeichner es nicht wagte, die Küste selbst einzutragen. 
Auch hier liegt die Annahme nahe, dass es sich mit den übrigen 
Küsten Irlands auf den späteren Karten ähnlich verhält wie mit 
Schottland. 

Die der Zeit nach zunächst folgende Karte, welche sich soweit 
erstreckt, die des Visconte von 1318*) reicht ebenfalls nur bis 
Schottland; dieses ist durch einen engen Isthmus, den zwei von 
den entgegengesetzten Seiten eindringende Golfe bilden, die sich 
auf späteren Karten oft in einen engen Kanal verwandeln, mit 
England verbunden und als Issola scozia bezeichnet. Auch 
hier ist die Westküste von England noch ganz allgemein gehalten. 
Auf dem Festlande reicht diese Karte ein wenig weiter als der 
Atlas Luxoro, indem Dänemark noch vag angedeutet ist (danesmarc), 
weiter südlich die Namen sallanda, ollanda, flieslanda, dordrec 
u. 8. w. In die, wie auf dem Atlas Luxoro, dargestellte Bucht 
mündet ein grosser Fluss, an welchem landeinwärts collogna 
liegt. Dies zeigt also einen Fortschritt und lässt auf grösseres 
Alter des Atlas Luxoro schliessen. Einen bedeutenderen Fort- 
schritt in der Kenntnis des Ostseegebiets erkennen wir aber erst 
auf der Karte des Pizigani von 1367. Hier sind Rhein und Elbe 
gut dargestellt, Jütland erscheint deutlich als Halbinsel, wenn auch 
in plumpen Umrissen, der schmale Isthmus (von Schleswig), der 
es mit dem Festlande verbindet, wird durch einen gewaltigen 
Thurm gedeckt, den eine Legende als Schloss Gottorf bezeichnet. 
In Jütland selbst erscheinen schon einige Namen. Die deutsche 
Ostseeküste ist nur in allgemeinen Umrissen gegeben und zieht 
nach NE. Es folgen an derselben nach einander die Namen 
lubecke, vismaro, rostocho, lundi sinagrie, grisualldis, alleche (Heia?), 
dann ein See lacus alleche (Frische Haff?). Damit stimmt im 



*) Das Original ist im Museo Correr in Venedig, eine gleichzeitige Kopie 
in der Hofbibliothek zu Wien, erstere photographisch reproduziert von On- 
gania (Münster) in Venedig, letztere bei Jomard. 



16 Theobald Fischer: 

wesentlichen überein die Katalanische Weltkarte von 1375, die aber 
den Handelsstrassen durch das Binnenland grössere Aufmerksam- 
keit schenkt und auch zahlreichere Küstenplätze anführt. Das lundi 
sinagrie der Pizigani erscheint hier weniger verderbt als ludis magna 
und ist wahrscheinlich Ludershagen bei Barth oder Stralsund; 
an der Odermündung steht ein Ort guarpe, dann folgt noch godansc 
(Danzig), albinga (Elbing) und neria mit einem See (Frische 
Nehrung), curonia (Kurland), prutenia (Preussen) und die Pregel- 
mündung; die "Weichselstädte liegen aber am Pregel, wie an der 
Oder und Warthe die Orte stadin und stetin, colberg, Alech liegen. 
Bei Lemberg in Galizien findet sich eine Legende, aus welcher 
hervorgeht, dass dorthin im 14. Jahrhundert die Kaufleute aus der 
Levante kamen, um sich dann durch das deutsche Meer nach 
Flandern zu begeben. Es wurden also orientalische Waaren mit 
Umgehung der italienischen Seestädte Nord- und Nordwest-Europa 
zugeführt, offenbar durch die Hanseaten. Und zwar wurden zum 
Transport die Wasserstrassen der Oder und Elbe benutzt, an 
welchen wir daher die wichtigsten Orte angegeben finden. So an 
der Elbe (eulie) Prag, Dresden, Meissen, guise oder gurse (Würzen?), 
aquis (Acken?), mangabros (Magdeburg), argent munde (Tanger- 
münde), stendar (Stendal), lessem (Lenzen?), von wo ein Handels- 
weg nach usmaria (Wismar) führt, das also diese orientalische 
Waaren weiter nach den Gestadeländern der Ostsee verfrachtete. 
Diese letztere wird als deutsches, gothisches oder schwedisches 
Meer bezeichnet und angegeben, dass es sechs Monate im Jahre 
gefroren sei*). Auf dieser Karte erscheinen auch zuerst Stockholm, 
Trondheim und Wisby. Die inneren Handelsstrassen Deutschlands 
waren übrigens auch schon dem Verfasser des sog. Mediceischen 
Portulans (von 1351) nicht unbekannt, da sich auf demselben schon 
Prag, Leipzig und Merseburg finden. Noch weit naturwahrer ist 
Jütland und das südliche Schweden auf der wohl in das Ende des 
14. Jahrh. fallenden Karte von La Cava**) dargestellt, welche manches 
Eigentümliche enthält. Der dänische Archipel ist schon deutlich 
dargestellt, die grösste Insel heisst scandia, eine kleinere falster; 
weiter östlich liegen an der Ostküste von Schweden die Inseln 
bernholt (Bornholm), die langgestreckte Halbinsel oelant und die 



*) Dieselbe Legende kehrt auf der katalanischen Karte in Florenz, wie 
in dem Genuesischen Codex wieder, wo noch der Zusatz gemacht ist „scilicet 
a quinta decima die mensis octobris usque ad quintam decimam dicti mensis 
aprilis sie fortiter quod homo potent ire cum carribus belluarum et hoc 
sequitur ratione frigoris tramontani^^ 

**) Facsimile und Erläuterung von De Luca, Carte nautiche del medio 
evo, in den „Atti deir Accademia Pontaniana von Neapel'' 1866; auchMn 
Separatausgabe erschienen. 



über italienische Seekarten nnd Kartographen des Mittelalters. 17 

grosse Insel gotha. Die deutsche Ostseeknste reicht nur bis in 
den Meridian von Bornholm, wo ihr eine kleine Insel, wohl Rügen, 
vorgelagert ist. Die inselreiche Küste des südlichen Norwegen 
hat wesentlich westliche Richtung, stovarge (Stavanger) ist der 
einzige Ort derselben. Sehr eigentümlich ist dann ein grosser 
Archipel im NW. von Irland, der aus zwei grossen und mehreren 
dazwischen liegenden kleinen Inseln besteht. Die nordostlichste 
ist nur in ihren südlichen Umrissen dargestellt und als estilanda 
(Shetland) bezeichnet, die südwestliche heisst Aaland, eine Bucht 
trägt den Namen cenefise. Von den kleineren Inseln heisst eine ille 
parland, eine andere ille nevine. Es erinnert dies etwas an die ka- 
talanische Weltkarte, wozu die im Genueser Codex wiederkehrende 
Legende „in ista insula quae vocatur stilandra sunt homines qui 
habent linguam illorum de nomergia (soll norvegia heissen) et 
sant christiani" eine weitere Erklärung giebt. Der Archipel der 
Orkaden findet sich auf der katalanischen Weltkarte wie auf der 
Karte des Bartolomeo Pareto von 1455, welche vor kurzem in 
Rom wiedergefunden worden ist, als Insel Archania, mit der auf 
diesen beiden Karten wie im Genueser Codex gleichlautenden Le- 
gende: Ista insula vocatur Archania, in qua continue per sex 
menses anni dies et nox est clara et per altros sex menses dies 
et nox est obscura et non clara. Man schrieb also diesem Archipel, 
den man zwischen England und Norwegen verlegte, polare Ver- 
hältnisse zu. Eine eingehendere Kenntnis Englands und Südwest- 
Deutschlands, nicht aber der Ostseegebiete, bezeichnen die Karten 
des Venetianers Giraldi, namentlich die beiden in Mailand aufbe- 
wahrten, deren eine von 1443 ist. Trotzdem aber in dieser Zeit 
Skandinavien den Italienern zum ersten male etwas näher getreten 
ist durch die in zahlreichen Kopieen verbreiteten Reisen des Ve- 
netianers Pietro Querini*), welcher 1431 auf einer Handelsfahrt 
nach Flandern vom Sturm verschlagen an der Küste Norwegens, 
wohl schon jenseits des Polarkreises, Schififbruch litt und die ganze 
Halbinel durchwanderte, so finden wir doch in den Karten dieser 
Zeit, ausser bei Fra Mauro, kaum Spuren dieser besseren Kenntnis. 
Auf der elliptischen Weltkarte von 1447 erscheint die Ostsee wie auf 
den früheren Karten als ein von Westen nach Osten gestrecktes Becken, 
an dessen Südseite nur die Stadt Danzig eingetragen ist. Skandi- 
navien, von dem wir auf den Kompasskarten höchstens die über den 
Kartenrand ragenden südlichsten Teile dargestellt finden, erscheint 
hier in der Gestalt zweier von Ost nach West gestreckten, in unge- 
wissen Umrissen dargestellten Halbinseln, die im Süden von der 
Ostsee begrenzt werden. Da wo sie sich an den Rumpf Europa's 



*) Bei Ramusio, Navigazioni e viagg^. T. II. 
ZeitMhr. d. GeselUeli. f. Erdk. Bd. XYII. 



18 Theobald Fischer: 

anschliessen, ist ein weisser Bär als Charaktertier eingetragen. Der 
ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, vielleicht nahe an 1450 her- 
anreichend, gehört eine "Weltkarte in katalanischer Sprache auf 
der Nationalbibliothek zu Florenz an, welche, obwohl mancherlei 
Beziehungen zu der katalanischen Weltkarte hervortreten, doch 
viel Eigentümliches hat. Die Elbe und Jütland stimmen mit 
dieser so ziemlich überein; an der in allgemein gehaltenen 
Umrissen von West nach Ost gestreckten Ostsee erscheinen aber 
viele neue Namen: foraia, camp (Kloster campus solis?),- la- 
ternio, rogostoc, vor stetin liegt die Insel rudam (Rüden), dann 
alech (Heia), der lacus halec ist aber richtiger als runde Meeres- 
bucht dargestellt. Godansc liegt zwischen zwei einmündenden 
Flüssen (Oder und Weichsel), deren Quellen auf dem Böhmen um- 
gebenden Gebirge liegen. Auf dieser Karte erscheint auch zuerst 
auf einer Insel der Ostsee auf einem Berge die Stadt visbi. öst- 
lich von Danzig folgt neria, coconia, castellum paganorum (Königs- 
berg?), dann castellum lisamia (Samland?), dann reucha (Riga). 
Skandinavien ist besser dargestellt als auf der katalanischen, wie 
auf der Weltkarte von 1447. An der Südspitze von Schweden liegt 
eine Feste cronloeg (Kronborg auf Seeland?) und in der Nähe 
lunde, dann an der Ostsee entlang lanides, rogostoch, omeraus, osisia, 
dann eine Bucht lacus stocoll (Mälar-See), dann der Name stocoll und 
eine als sudeci princeps bezeichnete Stadt, dann die Namen asillans 
und canodescn, für die ich bisher noch keine Erklärung gefunden 
habe. Der GhristianiaiQord mit einem einmündenden Flusse ist 
deutlich erkennbar, ein Quellarm des letzteren kommt von einem 
Gebirge im Norden, ein anderer aus einem weiter ostlich ge- 
legenen See, an welchem die Stadt scarsa, das im Mittelalter als 
Bischofssitz bedeutende Skara südöstlich vom Wenern-See, liegt. • 
Ausserdem sind auf der skandinavischen Halbinsel zwei auf Rentieren 
reitende Männer mit Falken in der Hand dargestellt, was eine 
Legende näher erklärt: provinsia de staquia(sicl scania?) e de gotia 
hon hagens menys decoll que lo cap fate ants spalles e son grans 
casadors e casen ab grifans e cavallquen ab servos. Diese Le- 
gende lautet im Genuesischen Codex: Item est provincia de stachia 
et de gotia in qua sunt gentes absque collo ita quod caput eorum 
est cum humeris junctum. Sunt magni venatores et equitant cervos 
venanturque cum giliferchis. Auf dieser Karte ist aber auch be- 
reits die grösste Vollkommenheit erreicht, welcher die italienische 
Kartographie in Bezug auf die Darstellung der Länder um das 
germanische Mittelmeer bis zu der Zeit fähig war, wo sich der 
Einfluss der deutschen Geographen geltend machte. Gegenüber dieser 
Karte bezeichnet auch in der Darstellung des germanischen Nordens 
die Weltkarte des Fra Mauro von 1469 nur teilweise einen wohl 



über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 19 

wesentlich auf umfassenderen Quellenstudien und reiferer Kritik 
beruhenden Fortschritt*). Bei Fra Mauro erscheint Skandinavien 
als gewaltige von NO. — SW. gestreckte Halbinsel, welche auf 
allen Seiten von grossen Inseln umgeben ist. An der Nord- 
westseite steht folgende wertvolle kritische Legende: lo non credo 
a derogar a tolomeo se io non seguito la sua cosmographia perche 
se havesse voluto observar i suoi meridiani ouer paralleli ouer 
gradi era necessario quanto a la demostration de le parte note de 
questa circumferentia lassar molte provincie de le quäl tolomeo 
non ne fa mention ma per tuto maxime in latitudine come e tra 
ostro e tramontana dice terra incognita e questo perche al suo 
tempo non li era nota. Die Ostsee erscheint als von WSW. nach 
ONO. gestrecktes, sich schlauchartig erweiterndes Becken, vor 
dessen verengter Mündung die südnördlich gestreckte Insel Däne- 
mark (Dacia) liegt, im mittleren Teile Isola islandia (Seeland?) 
genannt. Auf dem Festlande liegt Dänemark frixa (Friesland?) 
gegenüber, und im Norden endigt es mit der grossen Stadt Crocho. 
Dazu die Legende : dacia e parte i isola et intei (soll wohl heissen : 
dacia e parte in isola et in parte . . .) e ferma e confina cum 
alemagna bassa. Auf der Ostsee findet sich folgende interessante 
Legende: Questo mar prusia e quasi dolce per fino a la boca 
e questo per le tante fiumere che li entra da ogni parte. Und 
weiter nördlich steht (wohl auf den Bottnischen Golf bezogen): 
Per questo mar non se navega cum carta ni bossola ma cum 
scandaio e qui per tutto sono mole (molte) isole habitade (sicl). 
An dem als liflant bezeichneten Küstengebiet der nordlichen Ostsee 
steht: Questo colfo ei quäl tolomeo ha puisor (sie!) nomi e fi dito 
lubech prusico sarmatico germanico e perche questo ultimo nome 
e piu chiaro percio ho notado golfo germanico. Dem entsprechend 
bezeichnet er die Ostsee als Sinus Germanicus. Vor Livland liegt 
eine grosse Insel, offenbar Oesel; Riga und Reval liegen beide 
dicht bei einander am Riga' sehen Meerbusen, und zwar steht dabei: 
Questo e el porto de russia. Westlich daran liegt aber noch eine 
andere Stadt. Schwer verständlich ist aber die Darstellung der 
südöstlichen Ostseegestade. Südwärts von Riga mündet der flumen 
venedici (ein Name, der wohl aus der Bezeichnung der Ostsee 
als sinus veneticus zu erklären ist) und noch weiter südwärts 
dringt eine grosse Bucht ein, in welche ein Fluss mündet, an 
welchem eine Stadt Drap liegt. An der verengten Mündung der 



*) Aufbewahrt im Dogenpalast zu Venedig, photographisch reproduciert 
von Ongania, welcher so überaus strebsame sich in dieser Hinsicht um sein 
Vaterland verdient machende Verleger jetzt sogar die Herausgabe eines 
chromolithographischen Fascimiles dieses geographischen Juwels in Original- 
grösse in Angriff genommen hat. 



20 Theobald Fischer: 

Bucht steht der Name viosel (Weichsel?) und eine Stadt dabei 
wird bezeichnet als p. (portus?) chumla (Kulm?). Eine Land- 
schaft in der Nähe heisst provincia Samariani, dabei die Legende: 
Questi samariani sono homini di mala condition. Ob sich dies auf 
Samland oder Samaiten bezieht, durfte schwer zu entscheiden sein. 
Weiter nach Westen gegen Danzech hin liegt die Stadt nerenge 
(Nehrung?). Sehr interessant ist die auf Norwegen eingetragene 
Legende: In questa provincia de norvegia scorse misier piero 
querini come e noto. In dem Atlas des Battista Agnese, des 
namhaftesten venetianischen Kartographen des 16. Jahrhunderts, 
von 1552 finden wir bereits Grossbritannien und Irland, sowie den 
Ostsee-Ländern, Skandinavien und dem westlich daran gelegenen 
Meere bis Island und Grönland besondere, ausserordentlich inhalts- 
reiche Blätter gewidmet, und erscheint die Ostsee in der Wahrheit 
sehr nahe kommenden Verhältnissen. 



III. 

Alter der Kompasskarten. 

Wir haben schon im vorhergehenden wiederholt darauf hin- 
gewiesen, dass Kompasskarten nicht, wie man bisher gewöhnlich 
annahm, erst um das Jahr 1300 gezeichnet worden sind, sondern 
dass ihre ersten Anfänge viel weiter zurückreichen müssen. Es 
lohnt nun etwas näher auf diese Frage einzugehen und dabei die 
Reihenfolge der ältesten uns erhaltenen derartigen Karten fest- 
zustellen. Vor allen Dingen scheint es mir nötig, schon hier 
hervorzuheben, dass es schon, bevor man den Kompass kannte, 
zur See verwendete Karten gegeben haben muss, dass die 
italienischen Kapitäne bald nach dem Jahre 1000 solche zu ent- 
werfen gesucht haben, so dass dann mit Hilfe des Kompass eine 
ungewöhnlich rasche Verbesserung derselben möglich war. Dass 
die Griechen oder die Römer etwas den Seekarten ähnliches, nur 
für den Gebrauch von Seeleuten bestimmtes, etwa itinera maritima 
neben ihren Periplen gehabt hätten, scheint unwahrscheinlich. 
Wohl aber mögen die italienischen Piloten, welche die Kreuz- 
fahrer nach dem heiligen Lande übersetzten, schon im 11. und 12. 
Jahrhundert Seekarten besessen haben. Dass vor den Italienern 
aber die Araber Seekarten besessen oder gar den Kompass Jahr- 
hunderte hindurch*) schon gekannt und jene von ihnen gelernt 
hätten, dafür habe ich bisher keinen genügenden Anhalt gefunden; 
alle Kompasskarten in arabischer Sprache lassen sich vielmehr 
als Entlehnungen von den Italienern erweisen. Wir sehen ja 



*) Vgl. ▼. Bichthofen, China. I. S. <35. 



Über italienische Seekarten nnd Kartographen des Mittelalters. 21 

aach, dass die Italiener den Arabern im Seewesen sehr früh 
aberlegen sind und dass der gewinnbringende Handel mit den von 
ihnen beherrschten Ländern ganz in ihre Hände fällt. Mit Recht 
hat schon Fesch el*) als einen Haaptbeweis, dass die Araber sich 
des Kompasses nicht bedient haben, den Umstand hervorgehoben, 
dass die Darstellung der von ihnen befahrenen Meere auf den 
Weltkarten des Mittelalters in auffälligem Gegensatz zu den von 
den Mittelmeervölkern befahrenen steht. Hätten sie den Eompass 
gehabt, so wurden sie wohl auch bessere Karten herzustellen ver- 
mocht haben, die dann den Italienern als Vorlagen hätten dienen 
können. Eher Hesse sich eine Beeinflussung von Seiten der By- 
zantiner denken, welche in der ersten Hälfte des Mittelalters bei 
der allgemein eingerissenen Barbarei allein die Bewahrer der 
Errungenschaften des Altertums waren, nur die Bewahrer, wohl 
kaum die Weiterbildner, wenigstens nicht in geographischer und 
nautischer Hinsicht, denn wir sehen die Italiener, von denen die 
Venetianer schon seit dem 8. Jahrhundert, wenig später auch 
Amalfiy lebhaften Seehandel mit Byzanz trieben, seit dem Jahre 
1000 ungefähr ihnen in dieser Hinsicht überlegen, und sehr bald ist 
der gesamte Seehandel des Byzantinischen Reiches in ihren Händen. 
Ganz ähnlich wie jetzt die türkische Flagge neben fremden, na- 
mentlich der griechischen, am Bosporus völlig verschwindet, ver- 
schwand die byzantinische neben der italienischen. Wir wissen 
freilich nur sehr wenig von den geographischen Kenntnissen und 
dem Seewesen der Byzantiner, aber es ist anzunehmen, dass sie 
auch in dieser Hinsicht unfruchtbar gewesen sind. Allerdings hat 
neuerdings ein gründlicher Kenner des mittelalterlichen Seewesens, 
Admiral Fincati, eine Beeinflussung der Italiener von Byzanz aus 
nachzuweisen gesucht**). Er hebt namentlich hervor, dass viele 
Seeausdrücke des Mittelmeeres als griechisch - byzantinischen Ur- 
sprungs erkennbar sind, dass der Name für das unvollkommene 
Instrument, durch welches sich die italienischen Seeleute im frühen 
Mittelalter zu orientieren suchten, ranetta oder calamita (beide 
gleichbedeutend gebraucht) vom griechischen xaXaiiitfjg kommt, 
von seiner Ähnlichkeit mit einem im Rohr schwimmenden Frosche, 
denn es bestand aus einer metallischen Spitze, die an einem oder 
zwei Rohrstückchen befestigt war. Fincati ist nun der Ansicht, dass 
das Instrument aus Asien, sei es zu Lande, sei es zur See über Ale- 
xandria zuerst nach Byzanz gekommen sei. Gewichtiger wäre, wenn 
sich wirklich auch der Name des Martelogio (von i^fiiga und Xoyog) 



*) Andrea Bianco e le carte nautiche del medio evo. Yenezia 1871. 

p. 13. 

**) Biyista marittima. April 1878. p. 6fif. 



22 Theobald Fischer: 

als griechischen Ursprungs erweisen Hesse*). Doch Hesse sich anch 
dann dieser Name aus der früheren Entwicklung des Seewesens in 
Unter-Italien und SiciHen, wo ja das Griechische in Folge der 
dauernden Verbindung mit Byzanz den grossten Teil des Mittel- 
alters hindurch lebendig blieb, erklären, wie schon Breusing**) 
darauf aufmerksam gemacht hat, dass der Name Greco für NO 
nur im südlichen Italien aufgekommen sein kann. Doch mochte 
ich dies nicht auf alle Namen der Winde ausdehnen, denn Tra- 
montana weist entschieden auf Nord-Italien hin. Ohne auf den 
alten Streit, ob die polare Richtkraft der Magnetnadel selbständig 
im Abendlande entdeckt oder die Kenntnis derselben von den 
Chinesen überkommen ist, hier einzugehen^ will ich nur hervor- 
heben, dass jedenfalls diese Kenntnis vor Schluss des 12. Jahr- 
hunderts schon in Nordwest-Europa allgemein verbreitet war, was 
uns zu dem Schlüsse zwingt, dass sie in Süd-Europa, speciell in 
Süd-Italien noch früher verbreitet gewesen sein muss. Die Erfindung 
des Schififskompasses müssen wir mit Breusing unbedingt als eine ur- 
sprünglich europäische bezeichnen und als das Verdienst des Süd- 
Italieners Flavio Gioia, die Windrose an der Nadel selbst befestigt 
zu haben. Massen wir somit Süd-Italien unbedingt grossen Einfluss 
auf Entwicklung des italienischen Seewesens zuschreiben, so bleibt 
doch auffaUend, dass Amalfi auf den Kompasskarten, die doch viel 
Veraltetes fortführten, nie eine besondere Rolle spielt. 

Müssen wir somit die Kenntnis der polaren Richtkraft der Mag- 
netnadel in Italien bis gegen die Mitte des 12. Jahrh. hinaufrücken, 
so war natürlich die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, auch ohne die- 
selbe Karten für Schiffahrtszwecke anzufertigen. Die vier Hauptwinde 
waren den Seefahrern des Mittelmeres schon seit den ältesten Zeiten 
bekannt und mögen mit ihren Hauptunterabteilungen, deren man zu 
Aristoteles' Zeit 8, später schon 12 unterschied, beim Entwurf solcher 
Plattkarten gedient haben, was freilich den Kompass nicht zu er- 
setzen vermochte. Die Entfernungen konnte man aber auch vor 
Anwendung desselben ebenso scharf schätzen. Die ersten Versuche, 
die Küsten des ganzen Mittelmeeres darzustellen, setzen aber 
unbedingt das Vorhandensein zahlreicher Einzelaufnahmen, zahl- 
reicher Einzelkarten voraus. Bisher fehlte uns aber jeder Anhalt 
dafür, dass solche Einzelkarten wirklich vorhanden gewesen sind, 
namentlich zeigt uns die älteste Kompasskarte schon ein ziemlich 
vollkommenes Bild des Mittelmeeres, und uns erhaltene Kompass- 



*) Eine ganz andere Erklärung giebt jedoch Günther (von martello 
Hammer) in der Deutschen Rundschau für Geogr. und Statistik. IL S. 17; 
eine noch andere von Breusing, vom nordfranzösischen matelot, gelangt eben 
noch zu meiner Kenntnis. Zeitschr. f. Wissenschaft!. Geogr. IL S. 130. 
**) Zeitschr. der Ges. f. Erdk. 1869 S. 42. 



«• 

Über italienische Seekarten and Kartographen des Mittelalters. 23 

karten, welche nur Teile desselben darstellen, sind wohl ausnahmslos 
als Blätter von Atlanten anzusehen, geboren auch bis auf eine, 
vielleicht zwei Ausnahmen, nicht der älteren Zeit an. Nun ist es 
neuerdings dem Scharfsinne des Nestors der italienischen Orien- 
talisten, des als Vaterlandsfreund wie als Gelehrter gleich ehr- 
würdigen Michele Amari, gelungen, eine solche Einzelkarte italie- 
nischen Ursprungs, und zwar von Sardinien, nachzuweisen, die 
den Geographen von Palermo, welche die sogenannte Edrisische 
Weltkarte entwarfen, vorlag*). Amari schliesst dies daraus, dass 
auf dieser Karte auf die Nordseite der Insel am Eingange der 
Meerenge von San Bonifazio eine Stadt Cagliari, eine andere 
Fausania an der Stelle von Terranova an das Sudende der Insel 
verlegt wird: eine Vertauschung der Himmelsgegenden, welche nur 
hervorgegangen sein kann aus der Verwendung einer Specialkarte, 
die in unserer Weise orientiert war, bei Herstellung einer in 
arabischer Weise .mit dem Süden oben orientierten Generalkarte. 
Es war also um die Mitte des 12. Jahrhunderts eine Specialkarte 
(wir dürfen wohl vermuten eine Küstenkarte) von Sardinien vor- 
handen, als deren Verfertiger wir gewiss nur Genueser oder Pi- 
saner anzusehen haben, welche damals den Handel mit Sardinien 
und Corsica in der Hand hatten. Aber Amari fördert durch seine 
Untersuchungen über Edrisi noch weitere für unsere Zwecke 
v^richtige Ergebnisse zu Tage. Er schliesst aus der Beschreibung 
des westlichen Mittelmeerbeckens, dass den Palermitaner Geographen 
— wir erinnern daran, dass damals Palermo einer der wenigen 
Punkte war, in welchem sich christlich-abendländisches und muha- 
medanisch- morgenländisches Wissen berührten und mischten — 
gute Küstenkarten dieses Meeres vorlagen. Die absolute wie die 
relative Lage der Inseln, die Beschaffenheit der Häfen und die 
Vorteile, welche jeder einzelne den Seefahrern darbietet, sind so 
richtig dargestellt, dass man unmöglich annehmen kann, diese 
Kenntnis stamme aus alten griechischen oder arabischen Karten. 
Überdies treten in der Beschreibung die Namen libeccio und scilocco 
auf, ersterer ist lateinisch, letzterer arabisch, aber noch nicht der 
Form und Bedeutung nach verändert, aus sciark in scilük, aus 
Ost in Südost. Dieser Teil der Beschreibung beruht also auf 
italienischem Material, das nicht über das 9. oder 10. Jahrhundert 
zurückreicht, d. h. die Zeit, in welcher durch die Herrschaft der 
Araber in Sicilien und den lebhaften Verkehr derselben in den 
festländischen Häfen die Bezeichnung scirocco oder scilocco in das 
Italienische eindrang. Andererseits lagen aber nach Amari's An- 
sicht den Palermitaner Geographen auch arabische Karten oder 



*) Bulletino della soc. geogr. italiana. 187^. p. 9fif. 



24 Theobald Fischer: 

Beschreibungen (ich nehme an nur letztere) von den Knsten Italiens 
vor, da sie nur aus solchen gewisse Namen und Namensformen ent- 
nehmen konnten, die im Texte vorkommen. Jedenfalls gelangen 
wir zu dem Ergebnisse, dass es um die Mitte des 12. Jahrhunderts 
schon italienische Karten für Schiffahrtszwecke und namentlich Special- 
karten gab, ohne entscheiden zu wollen, dass dieselben bereits mit Hilfe 
der Magnetnadel, sei es auch in noch so unvollkommener Weise, her- 
gestellt worden seien. Unmöglich darf uns dies jedoch nicht mehr 
erscheinen. Bis in diese Zeit also sind die Materialien, aus 
welchen sich die Kompasskarten entwickelten, sicher nachweisbar, 
die beginnende Ansammlung derselben reicht aber noch weiter 
zurück. Die beginnende Anwendung der noch wenig brauchbaren 
Magnetnadel verbesserte und vermehrte somit nur bereits vor- 
handenes Kartenmaterial; es findet eine natürliche, langsame Ent- 
wickelung statt, und die Vollendung, in welcher die ältesten uns 
erhaltenen Kompasskarten sofort auftreten, kann uns unter Hinweis 
auf die früheren Ausführungen nicht mehr in Verwunderung setzen. 
Mit Recht hat schon Ferdinand von Richthofen*), der sich auch 
auf diesem ihm scheinbar fernliegenden Gebiete als zuständiger 
Beurteiler erweist, es ausgesprochen, dass sich ein solcher Fort- 
schritt nicht in wenigen, etwa zwei Jahrzehnten, wie mannigfach 
angenommen worden ist, vollzogen haben kann. Selbst die von 
uns angenommene Aufnahme der Küsten mit staatlichen Mitteln 
vermochte keine solche Beschleunigung herbeizuführen. 

. Wir hatten schon oben bei unsern Untersuchungen über den 
Beginn des direkten Handels der Italiener nach Flandern darauf 
hingewiesen, dass die älteste uns erhaltene Kompasskarte, die 
sog. Fisanische, welche wir als ein Denkmal der ersten Flandern- 
fahrten bezeichneten, bald nach der Mitte des 13. Jahrhunderts 
entstanden sein müsse, dass sie aber in der Technik einen schon 
entwickelten Standpunkt erkennen lässt, trotz einzelner späteren 
Karten gegenüber hervortretenden Unvollkommenheiten, und dass 
namentlich die Küsten des Mittelmeeres schon in ausserordentlicher 
Naturwahrheit dargestellt sind. Wir müssen also aus dieser Karte 
schliessen, dass Einzelaufnahmen mit Hilfe der Magnetnadel, aus 
denen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine solche 
Karte geschafifen werden konnte, schon in der ersten vorhanden 
sein mussten. Gewiss ist daher schon Ramusio der Wahrheit 
sehr nahe gekommen, wenn er das Vorhandensein von Kompass- 
karten schon um die Mitte des 13. Jahrhunderts annimmt. Einen 
weiteren Beleg für diese Behauptung gewährt uns eine die Be- 
stimmung der Entstehungszeit nicht datierter Kompasskarten sehr 



*) China. Bd. L S. 635. 



über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 25 

erschwerende Eigentümlichkeit. Wir finden nämlich fast auf allen 
genau datierten Karten die Zeichen, welche bis zu einem gewissen 
Grade unser politisches Kolorit ersetzen: Wappen, Flaggen u. dergl., 
noch beibehalten, auch wenn die Herrschaft des betrefifenden Staates 
an dem betreffenden Punkte längst aufgehört hatte. Man kann 
also z. 6. daraus, dass auf einer Karte Rhodos mit dem Johanniter- 
kreuz bezeichnet ist, durchaus nicht schliessen, dass dieselbe zu 
einer Zeit entworfen sei, wo die Johanniter noch dort herrschten; 
oder, wenn wir Malta noch nicht mit dem Johanniterkreuz bezeichnet 
finden, dass die Karte notwendig vor 1530 entworfen sei. Aus 
dem Fehlen neuer Entdeckungen auf einer Karte kann man nur 
schliessen, dass dieselbe kurz vor oder wenige Jahrzehnte nach 
denselben entworfen worden ist. Die Kartographen pflegten meist 
mit solchen Eintragungen sehr nachzuhinken. Andrerseits kopierten 
selbst die besten Kartographen, gewiss oft wider eigenes besseres 
Wissen, was sie auf ihren Vorlagen fanden. Nur wenige wagten 
Veraltetes wegzulassen und zu auffällige Fehler zu verbessern. 
Wir finden so z. B. bei dem messinesischen Kartographen Martinez 
zu Ende des 16. Jahrhunderts noch die genuesische Flagge über 
Galata, und bei dem berühmten portugiesischen Kartographen 
Diego Homen, von welchem nicht weniger als vier Karten in Italien 
aufbewahrt werden (eine von 1558 in Venedig im Arsenal, eine 
andere von 1560 in der Marciana, eine dritte von 1561 in Parma 
und eine vierte von 1569 in Rom), existiert 1561 das byzantinische 
Reich noch. Solche Zeichen wie die erwähnten erlauben kaum 
das Jahrhundert der Abfassung zu bestimmen. Zur Altersbestimmung 
muss die Paläographie und ein eingehendes Studium der Karten, 
namentlich einzelner Gegenden dienen. Von diesen Gesichts- 
punkten aus ist es zu beurteilen, wenn wir auf der Karte der 
Pizigani von 1367 über Konstantinopel eine vergoldete Krone mit 
zwei an einem Stock vereinigten Flaggen finden, deren eine fünf 
Kreuze, die andere den geflügelten Löwen von San Marco trägt, 
womit also die Herrschaft der Kreuzfahrer und der Venezianer 
über Konstantinopel seit 1204 bezeichnet werden soll. Es wird 
dadurch sehr wahrscheinlich, dass die Pizigani, welche nachweisbar 
nur geschickte Zeichner, nicht wissenschaftliche Kartographen waren, 
für diese Gegenden eine Vorlage hatten, welche jene Zeichen ent- 
hielt und somit wahrscheinlich bald nach 1204, sicher aber nicht 
nach 1261, angefertigt worden sein konnte. Denn dass ein vene- 
tianischer Kartograph der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, 
d. h. zu einer Zeit, in der längst die Genueser in Konstantinopel 
allmächtig waren, diese Zeichen neu angebracht habe, ist nicht gut 
anzunehmen. Ähnlich findet sich selbst auf dem Atlas des Andrea 
Bianco von 1436 die Dynastie der Beni-Marin noch als in Fes 



26 Theobald Fischer: 

regierend angegeben, während dieselbe doch schon 1407 er- 
loschen war. 

Die von Simonin*) ausgesprochene Ansicht, dass man in 
Italien schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die 
Magnetnadel zur Aufnahme von Plänen verwendet habe, scheint 
mir durchaus annehmbar. Es ist mir daher auch sehr wahr- 
scheinlich, dass es schon in der ersten Hälfte des 13. Jahr- 
hunderts Kompasskarten gab, aus denen dann in der zweiten 
schon Generalkarten des Mittelmeeres und des Schwarzen 
Meeres angefertigt werden konnten, welche, wie die Pisaner, 
sich nur durch gewisse Mangel von denen des 14. Jahrhunderts 
unterscheiden. Dieselben enthalten auch bereits die ersten fluch- 
tigen Darstellungen der Oceanküsten, die sich bis zu Ende des 
Jahrhunderts zu derselben Vollkommenheit erheben, wie die des 
Mittelmeeres, im Norden aber nie weiter reichen als bis Flandern, 
England und Südost-Irland, im Süden sich jedoch mit den Ent- 
deckungen der Portugiesen im 15. Jahrhundert immer weiter aus- 
dehnen. Dazu kommen nun im 14., wenn nicht schon im 13. Jahr- 
hundert die Aufnahmen der Nord- und Westseite des Kaspischen 
Meeres hinzu, die wir auf der Piziganischen und der kata- 
lanischen Weltkarte zuerst eingetragen finden. Es führt den 
Namen Meer von Baku, weil dies der wichtigste Handelsplatz an 
demselben war, oder auch von Sara, nach Sarai**), der erst um 
die Mitte des 13. Jahrhunderts gegründeten, kurzlebigen Haupt- 
stadt der goldenen Horde an der Achtuba, einer im 14. Jahr- 
hundert blühenden Handelsstadt und Hauptstation auf der Was- 
serstrasse zwischen dem Asowschen und Kaspischen Meere. 
Bei Marco Polo heisst das Kaspische Meer See von Ghel 
oder Gilan, weil aus dieser Landschaft sehr wichtige Seiden- 
ausfuhr stattfand. Marco Polo führt auch an, dass unlängst 
(d. h. vom Jahre 1272 aus gesprochen, also etwa um 1250) 
genuesische Kauflente angefangen hätten, dieses Meer zu be- 
fahren, indem sie die Schiflfe über Land (wohl vom Don bis zur 
Wolga) transportierten. 

Es erübrigt nun noch einen Augenblick bei der Frage zu 
verweilen, wessen Verdienst die Kunst Kompasskarten zu ent- 



*) Bull, de la Soc. de g^ogr. de Paris. 1867. ö^^e S^r. T. XIV, 
p. 107. 

**) Vgl- Marco Polo, publ. by Yule, Vol. I p. 5 und 54. Meer von Sara 
nennt es auch Sanudo, dessen Kenntnis aber noch sehr mangelhaffc ist. Wuttke 
(VI. und VII. Jahresbericht des Vereins für Erdk. in Dresden. Dresden 1870 
S. 19) leitet wunderbarer Weise diese Namen aus dem Indischen her, weil 
sich in uralten Zeiten indische Händler über Samarkand nach dem Kaspischen 
Heere gezogen hätten! 



über italienische Seekarten nnd Kartographen des Mittelalters. 27 

werfen gewesen ist*). Wir wiesen schon darauf hin, dass unmöglich 
Araber solche zuerst entworfen haben können, wenn auch den Palermi- 
taner Geographen wenigstens arabische Beschreibungen der Küsten 
Italiens vorliegen mochten. Als sicherere Thatsache stellte sich aber 
heraus, dass es schon um 1150 italienische Karten für Schiffahrts- 
zwecke gab; italienisch sind alle Kompasskarten, erst die katalanische 
Weltkarte von 1375 hat sicher keinen Italiener zum Urheber. Aber 
auch sie beruht wesentlich auf italienischen Vorlagen. Unzweifel- 
haft ist durch den lebhaften Verkehr, in welchem die Katalanen 
zu den Arabern standen, das Wissen derselben bereichert worden. 
Die richtige Darstellung Vorder-Indiens z. B. durfte auf arabische 
Quellen zurückzuführen sein; ebenso die Legende zu Schiras, in 
der es heisst, dass diese Stadt ehemals Gracia genannt wurde und 
dass dort die Astronomie durch den weisen Ptolemaios erfanden 
wurde. Aber ebensowenig kann bezweifelt werden, dass die Küsten 
des Mittelmeeres meist, die des Atlantischen Oceans, des Schwarzen 
und Kaspischen Meeres sicher ganz, nach italienischen Vorlagen 
bearbeitet wurden, denn andere Nationen besassen wohl kaum 
Originalkarten derselben. Auch die Namen der Winde sind die 
italienischen. Wenn Lelewel**) aus der Übereinstimmung der 
Legenden der katalanischen Weltkarte und der Piziganischen auf 
gleiche von beiden benutzte Quellen geschlossen hat, so mochte 
ich das so verstehen, dass diese Quellen nur italienische sein 
konnten, und dass überhaupt die katalanische Weltkarte über- 
wiegend als geistiges Eigentum der Italiener anzusehen ist ver- 
mehrt um Arabisches, aber wenig eigentümlich Katalanisches. Wir 
haben die Kompasskarten, deren Bedeutung für die Entwickelung 
der modernen Kartographie im 16. Jahrhundert namentlich durch 
Mercator mir von Peschel durchaus unterschätzt zu sein scheint, 
anter die höchsten Ruhmestitel der italienischen Nation zu rechnen, 
unter die Denkmäler, welche am unwiderleglichsten von der ehe- 
maligen Bedeutung derselben als seefahrende Nation zeugen. Mit 
Kecht konnte daher Graf Pietro Amat di S. Filippo die Herausgabe 
eines Atlas, welcher die bedeutendsten kartographischen Denkmäler 
des 13. bis 16. Jahrhunderts italienischen Ursprungs enthielte, be- 



*) Auf die Art der Herstellang der Eompasskarten, ihr Wesen, Vor- 
züge, Mängel, Benutznng n. s. w. näher einzugehen ist hier nicht nötig. Wir 
verweisen auf die Arbeiten von Sophns Rüge „Über Eompass und Kompass- 
karten'' Dresden 1868, von O. Peschel „Andrea Bianco e le carte nautiche 
del medio evo" Venezia 1871, von Ernst Mayer „Die Entwickelung der See- 
karten bis zur Gegenwart" Wien 1877 und „Die Hilfsmittel der Schiffahrts- 
konde zur Zeit der grossen Länderentdeckungen" in den Mittheil. a. d. 
Gebiete d. Seewesens 1879 No. lY, namentlich aber von Breusing „Zur Gsch. 
der Kartographie" in der Z. f. wiss. Geographie II. S. 129, d'Avezac u. a. 
**) Geographie du mojen Äge. T. II. p. 49flF. 



28 Theobald Fischer: 

zeichnen als: ^an nobile ricordo della passata nostra grandezza, 
un monumento, che, piü eterno del bronzo, starrebbe a perenne 
ricordanza del primato marittimo e commerciale dell' Italia nei secoli 
che han preceduto la scoperta del Nuovo Mondo per opera del 
Ligare immortale"*). In der That muss ein solcher Atlas auch 
neben der grossen Sammlung von Jomard dauernden wissenschaft- 
lichen Wert haben und mehr als irgend ein anderes Werk dazu 
beitragen, dass die Wissenschaft den Italienern ihr Recht werden 
lässt. Denn es ist eine merkwürdige Erscheinung, dass gerade 
auf diesem Gebiete die bedeutendsten Forscher sich von Vorein- 
genommenheit nicht freizuhalten vermocht haben. So hatten San- 
tarems wertvolle und kostspielige Yeröfifentlichungen wesentlich den 
Zweck, die Verdienste der Italiener zu Gunsten der Portugiesen 
herabzudrücken; selbst bei Major lassen sich ähnliche Neigungen 
nicht verkennen; Lelewel vermag nicht, es über sich zu bringen, 
den Deutschen gerecht zu werden, und es ist bekannt, dass Peschel 
geneigt ist, die Verdienste des Columbus weit mehr auf Rechnung 
seines Adoptivvaterlandes als auf seinen italienischen Ursprung zu 
setzen. Wenn aber Eines bei den Leistungen des Columbus nicht 
in Frage gezogen werden kann, so ist es doch sicher der Um- 
stand, dass ihm dieselben nur möglich waren dadurch, dass er ein 
Italiener war, dass er in Italien, auf dem Mittelmeere, seine Ausbildung 
und jenen von Generation zu Generation vererbten und erstaunlich 
entwickelten Scharfsinn in Lenkung der Schiffe, jene Vertrautheit 
mit dem Meere erlangt hatte, welche damals nur Italiener be- 
sassen, und dass sein eigenes Können und Wissen durch den 
italienischen Kosmographen Toscanelli, von Perestrello und andern 
zu schweigen, noch befestigt und erweitert wurde. Wenn er selbst 
später seinem Namen eine spanische Form gab und als Spanier 
gelten wollte, so haben wir dies Renegatentum durchaus mit dem- 
selben Massstabe zu messen, mit welchem wir Deutsche messen 
und brandmarken, die wir noch heute täglich sich zu Franzosen, 
Engländern oder gar zu Tschechen und Magyaren machen sehen. 

IV. 

Älteste Kompasskarten. 

In welcher Seestadt Italiens die ersten Kompasskarten ent- 
worfen worden, dürfte nicht zu entscheiden sein, die Wahrschein- 

*) Bullettino 1879 S. 568. Als Amat dies schrieb, hatte der venetia- 
nische Verleger Ong^ania, dem wir schon eine Reproduktion der Karte des 
Fra Mauro, des Atlas des Andrea Bianco, erläutert von Oscar Peschel, des- 
jenigen des Pietro Visconte, der Weltkarte des Leardo von 1452 und andere 
Arbeiten verdanken, dem Verfasser gegenüber die Initiative zur Veröffent- 
lichung eines solchen Atlas ergriffen. 



über italienische Seekarten und Earto^aphen des Mittelalters. 29 

lichkeit spricht für Unter-Italien. Die ältesten erhaltenen sind aber 
von Gennesern, wenn auch zum Teil in Venedig angefertigt. Diese 
beiden grossen Seestädte waren auch stets die Hauptsitze der 
Kartographie und noch heute sind die Bibliotheken und Archive 
Ober - Italiens , namentlich Venedigs, am reichsten an diesen 
Denkmälern. Erst später und in untergeordneter Weise finden 
wir Zeichner von Seekarten in Neapel und Messina, etwas früher in 
Majorka, Barcellona und Marseille. Es ist aber wichtig bei der 
Beurteilung dieser Karten, sich immer zu vergegenwärtigen, dass 
die uns erhaltenen Kompasskarten meist nicht für den praktischen 
Gebrauch, sondern nur zur Übung, zum Studium, für Liebhaber 
u. dergl. bestimmt waren. Nur einige grössere tragen deutliche 
Spuren von Benutzung durch Seeleute. Dies wird ausdrücklich 
von Ruscelli*) in seinem Ptolemaios von 1561 in dem Kapitel 
„Della carta da navigare'' in Bezug auf eine beigegebene Seekarte 
in kleinem Massstabe ausgesprochen. Solche könnten nur ganz 
besonders erfahrenen Seeleuten nützlich sein, gewöhnlich bedienten 
sich dieselben aber möglichst grosser Seekarten und hätten ausser 
den Generalkarten noch zahlreiche Specialkarten. Also ganz wie 
bei unseren jetzigen Seeleuten. Es begreift sich, dass davon ver> 
hältnismässig wenige erhalten sind, trotzdem sie nach Tausenden 
vorhanden waren, da die von den katalanischen Schiffen vom 
Jahre 1359 ausdrücklich bezeugte Bestimmung, dass jedes zwei 
Seekarten an Bord haben müsse, gewiss allenthalben Geltung hatte. 
Dieselben blieben jedenfalls stets an Bord, bis sie als unbrauchbar 
geworden weggeworfen wurden oder mit dem Schiffe zu Grunde 
gingen. Nur selten mochte ein sich zurückziehender Kapitän eine 
ihm lieb gewordene Karte mit ans Land nehmen und aufbewahren. 
Als die älteste uns erhaltene Kompasskarte haben wir nach 
den früheren Untersuchungen die sog. Pisanische anzusehen, welche 
bis nahe an die Mitte des 13. Jahrhunderts heranreicht. Ihr folgt 
der Zeit nach der schon erwähnte, sich nahe an das Jahr 1300 
anschliessende Atlas im Besitz des Cav. Tamar Luxoro in Genua, 
der vielleicht einen Venetianer zum Verfasser hat. Desimoni**) 
bezeichnet denselben, indem er bei Bestimmung des Alters allein 
von der Ausdehnung der Karten an der Westküste von Marokko 
ausgeht, als den ältesten. Nach meiner Ansicht entschieden mit 
Unrecht. Daran reiht sich die Kompasskarte, welche der Atlas 
des Sanudo enthält. Sie umfasst das Mittelmeer mit dem Schwarzen, 
sowie die Oceanküdten von Flandern bis südwärts Sala. Desimoni 
setzt ihre Abfassungszeit um das Jahr 1305, doch vielleicht etwas 



*) Studi etc. p. 310. 
**) Atti dell' Accademia dei Nuovi Lincei, anno XXIX, marzo 1877 p. 8. 



30 Theobald Fischer: 

zu früh, da Sanudo's Weltkarte das Datum 1320 trägt und seine 
Thätigkeit in die Jahre von 1306 — 1320 fällt, die Beschreibung 
der Karten sich aber in einem Anhange zum 3. Teile des Werkes 
findet, der zwischen 1312 und 1321 abgefasst worden ist. Jeden- 
falls dürfte schwer zu entscheiden sein, ob Sanudo's Karte vor 
oder nach dem ältesten soeben aufgefundenen und jetzt im Staats- 
archive zu Florenz aufbewahrten Werke des Pietro Visconte von 
1311 anzusetzen ist*). Dies ist die älteste sicher datierte Kom- 
passkarte, welche die an einer andern Stelle wiederholte Auf- 
schrift trägt: 

Petrus Vesconte de Janua fecit 
ista Carta ann dni M». CCCXI«. 
Die Karte ist auf Pergament gezeichnet, an drei Seiten geradlinig, 
an der vierten ostlichen in eine Zunge auslaufend, während die 
westliche an einem dünnen Holzcylinder befestigt ist. Sie konnte 
demnach, wie es bei sehr vielen Seekarten der Fall ist, auf diesen 
Cylinder gerollt und mit an dem zungenförmigen Ende angebrachten 
Lederstreifen zusammengebunden werden. Das nicht ganz mit 
Zeichnung bedeckte Pergament hat eine Hohe von 0,48 m, eine 
Länge von 0,62 m. Die Karte umfasst aber nur das östliche 
Aiittelmeerbecken mit dem Schwarzen und Asow'schen Meere und 
vom westlichen nur die Gegenden östlich einer Linie, welche von 
Albenga an der Riviera di Ponente durch Gorsica und Sardinien 
nach Bona in Afrika geht. Das Binnenland ist leer gelassen, 
ausser auf der Hellenisch-slavischen Halbinsel, welche allein eine 
gewisse Bevorzugung gefunden hat. Dort finden wir eingetragen 
den Lauf der Narenta, der Bosna, auch Teile der Save und Donau, 
ferner in der Gestalt von Bergen mit Bäumen und Thfirmen die Orte 
Colmia in der Herzego vina und Bosna (Bosna-Sarai). Diese Bevor- 
zugung, wie die besondere Hervorhebung von Orten wie Venedig, 
Ancona und Nigropo (Negroponte) weisen deutlich auf Venedig als 
den Entstehungsort dieser Karte hin. Dieser genuesische Kartograph 
scheint also vorzugsweise in Venedig gearbeitet zu haben. In fünfter 
Stelle reiht sich der grosse Atlas des Visconte von 1318 an, 
dessen Original in acht Blättern sich in Venedig befindet, während 
ich das Exemplar in Wien in zehn Blättern, das ich einmal wenige 
Tage, nachdem ich das venetianische eingesehen hatte, prüfen konnte, 
als eine gleichzeitige Kopie, in Übereinstimmung mit Matkovich 
und Desimoni, ansehen möchte. Es scheint von demselben Visconte 
eine Karte von 1321 vorhanden gewesen zu sein, und die in der 
Laurentiana von Florenz aufbewahrte schöne Karte eines Perrinus 



*) Besprochen von Cesare Paoli im „Archivio storico italiano". Serie IV, 
Tom. VII. 



über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 31 

Vessconte, 1327 in Venedig entworfen, scheint von demselben 
Pietro Visconte herzurühren. Desinioni hat Petras Visconte in 
genaesischen Urkunden nachgewiesen. Daran schliesst sich eine 
ebenfalls im Staatsarchiv zu Florenz aufbewahrte Karte an, welche 
den Priester Johann von Carignan an der Markuskirche von Genua 
zum Verfasser hat, wie die Legende besagt: Presbiter Joannes 
rector sancti Marci de portu Janue me fecit. Desimoni*) hat 
nachgewiesen^ dass Johann von Carignan schon im Jahre 1306 
tbätig gewesen und 1344 gestorben ist, die uns erhaltene Karte aber 
vor dem Jahre 1333, vielleicht näher an 1306 als an 1333 entworfen 
hat. Diese Karte umfasst das Mittelmeer und die Westküste Afrika's 
bis zum Caput finis Gozole, d. h. bis Kap Nun. Die jenem Vorgebirge 
naheliegenden Landschaften wurden damals nach dem Berbern- 
stamm der Guezulah genannt, welcher südlich vom Atlas gegen 
die Wüste hin wohnte. Wichtig ist auf dieser Karte namentlich 
eine Legende, welche über den Handel der Genueser mit Sigil- 
messa und anderen Städten Afrikas handelt. Es sind uns also nur 
sieben Karten vor dem Jahre 1350 erhalten. Sehr zweifelhaft ist 
es, ob eine achte auch noch der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts 
angehört. Es ist dies eine Karte in arabischer Sprache, und zwar in 
maghrebinischem Dialekt, in der Ambrosiana zu Mailand (S. P. II 1), 
welche der als Arabist geschätzte Direktor dieser herrlichen Biblio- 
thek Abbate Ceriani, der eine Veröflfentlichung über diese Karte in 
Aussicht gestellt hatte, für eine der ersten Hälfte des 14. Jahrh. 
angehSrige arabische Originalarbeit hält. Sie würde dadurch ein 
besonderes Interesse gewinnen, ein endgiltiges Urteil wird mir 
aber erst möglich sein, wenn ich dieselbe einer eingehenden 
Prüfung gemeinsam mit einem Arabisten werde unterzogen haben. 
Vorläufig setze ich dieselbe eher in die erste Hälfte des 15. als 
in die des 14. Jahrhunderts und halte sie für eine etwa in Ceuta 
zum Gebrauche muhamedanischer Seefahrer angefertigte Kopie 
einer genuesischen Karte. Sie enthält nur das westliche Mittel- 
meerbecken bis zum Meridian der Tibermündung und reicht von 
Mogador bis ribis (Ripen) und dem mittleren Schottland. Die 
Zeichnung ist 0,235 m hoch und 0,16 m breit, der Massstab ist 
also ein sehr kleiner. Die wichtigen Namen sind wie gewöhnlich 
roth, die weniger wichtigen schwarz, beide besonders zahlreich an 
den der Meerenge von Gibraltar zunächst liegenden Küsten. Die 
Karte hat durchaus nichts, ausser der Sprache, was sie von einer 
italienischen unterschiede. Vielleicht Hesse sich für den nicht- 
arabischen Ursprung dieser Karte auch noch anführen, dass die 
Karten, welcher sich die Araber zu Ende des 15. Jahrhunderts 



*) Giornale Ligustico 1875 p. 44 u. Atti della soc. Lig. IV p. CLVII— IX. 



82 Theobald Fischer: 

im Indischen Ocean bedienten, das Staunen der Portugiesen er- 
regten, weil sie von den bei ihnen gebräuchlichen durch Anwendung 
der Gradnetze völlig abwichen, und zwar sagt Barros ansdriicklich 
„nach Art der Mauren''. Freilich würde der Schluss aus diesen 
Worten des Barros, dass die Mauren Nordwest- Afrika's, mit denen 
es die Portugiesen seit Beginn des Jahrhunderts zu thun hatten, 
auch solche mit dem Ptolemaischen Gradnetze versehene Karten 
gehabt hätten und demnach eine originale arabische Seekarte, welche 
in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Nordwest- Afrika 
entstanden wäre, dasselbe auch enthalten haben müsse, bei dem 
Mangel aller sonstigen Anhaltspunkte, ein sehr gewagter sein. 
Für ein geringeres Alter spricht namentlich das Vorhandensein 
zweier sorgfältiger Meilenskalen am östlichen Rande, die Aus- 
dehnung bis Ripen, dann die eingetragenen Flüsse Rhein, Seine, 
Gironde, Guadalquivir, Ebro und Rhone. Der Umstand, dass 
Schottland noch nicht schematisch durch einen Kanal von Eng- 
land getrennt ist, erlaubt nicht, sie für jünger als c. 1450 zu 
halten*). 

Der Zeit nach schliessen sich noch drei sehr wichtige Karten 
des 14. Jahrhunderts an, der sog. Mediceische Portulan von 1351, 
die Karte der Pizigani von 1367 und die katalanische Weltkarte 
von 1375. Diese Karten bezeichnen insofern einen bedeutenden 
Fortschritt, als sie aus rein praktischen Zwecken dienenden Kom- 
passkarten zu Weltkarten werden, welche nahezu die ganze da- 
mals bekannte Welt darstellen und in reicherem Maasse als die 
eigentlichen Kompasskarten auch das Innere der Länder berück- 
sichtigen, die Flüsse, die Handelswege, die politischen und ethno- 
graphischen Verhätnisse, und dass auf ihnen die erläuternden Le- 
genden und bildlichen Darstellungen, welche die Karte zugleich 
zum Ersatz eines Lehr- oder Handbuches machen, zahlreicher 
werden. Diese Legenden sind von besonderer Wichtigkeit und 
gingen von einer Karte auf die andere über oder wurden auch 
besonders aufgezeichnet, was denn also einem Lehrbuche ent- 
sprechen würde. So übersetzte der Venetianer Pietro Delfino die 
Legenden auf der Kopie der Karte des Fra Mauro, die den Palast 
der Mediceer in Florenz von 1470 zierte**). Eine solche Samm- 
lung von Legenden, velche von einer oder mehreren Weltkarten 
zusammengestellt und in lateinischer Sprache wiedergegeben sind, 
enthält der schon erwähnte Codex der Üniversitäts-Bibliothek zu 



*) Diese arabische Karte, wie die des Johann von Carignan und des 
Visconte von 1311 gelangen zur Veröffentlichung in dem erwähnten Atlas, 
die übrigen sind schon veröffentlicht. 
**) Lelewel a. a. O. T. II p. 104. 



über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 31 

Vessconte, 1327 in Venedig entworfen, scheint von demselben 
Pietro Visconte herzurühren. Desinioni hat Petrus Visconte in 
genuesischen Urkunden nachgewiesen. Daran schliesst sich eine 
ebenfalls im Staatsarchiv zu Florenz aufbewahrte Karte an, welche 
den Priester Johann von Garignan an der Markuskirche von Genua 
znm Verfasser hat, wie die Legende besagt: Presbiter Joannes 
rector sancti Marc! de portu Janue me fecit. Desimoni*) hat 
nachgewiesen^ dass Johann von Garignan schon im Jahre 1306 
thätig gewesen und 1344 gestorben ist, die uns erhaltene Karte aber 
vor dem Jahre 1333, vielleicht näher an 1306 als an 1333 entworfen 
hat. Diese Karte umfasst das Mittelmeer und die Westküste Afrika's 
bis zum Caput finis Gozole, d. h. bis Kap Nun. Die jenem Vorgebirge 
naheliegenden Landschaften wurden damals nach dem Berbern- 
stamm der Guezulah genannt, welcher südlich vom Atlas gegen 
die Wüste hin wohnte. Wichtig ist auf dieser Karte namentlich 
eine Legende, welche über den Handel der Genueser mit Sigil- 
messa und anderen Städten Afrikas handelt. Es sind uns also nur 
sieben Karten vor dem Jahre 1350 erhalten. Sehr zweifelhaft ist 
es, ob eine achte auch noch der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts 
angehört. Es ist dies eine Karte in arabischer Sprache, und zwar in 
maghrebinischem Dialekt, in der Ambrosiana zu Mailand (S. P. II 1), 
welche der als Arabist geschätzte Direktor dieser herrlichen Biblio- 
thek Abbate Ceriani, der eine Veröffentlichung über diese Karte in 
Aussicht gestellt hatte, für eine der ersten Hälfte des 14. Jahrh. 
angehörige arabische Originalarbeit hält. Sie würde dadurch ein 
besonderes Interesse gewinnen, ein endgiltiges Urteil wird mir 
aber erst möglich sein, wenn ich dieselbe einer eingehenden 
Prüfung gemeinsam mit einem Arabisten werde unterzogen haben. 
Vorläufig setze ich dieselbe eher in die erste Hälfte des 15. als 
in die des 14. Jahrhunderts und halte sie für eine etwa in Genta 
zum Gebrauche muhamedanischer Seefahrer angefertigte Kopie 
einer genuesischen Karte. Sie enthält nur das westliche Mittel- 
meerbecken bis zum Meridian der Tibermündung und reicht von 
Mogador bis ribis (Ripen) und dem mittleren Schottland. Die 
Zeichnung ist 0,235 m hoch und 0,16 m breit, der Massstab ist 
also ein sehr kleiner. Die wichtigen Namen sind wie gewöhnlich 
roth, die weniger wichtigen schwarz, beide besonders zahlreich an 
den der Meerenge von Gibraltar zunächst liegenden Küsten. Die 
Karte hat durchaus nichts, ausser der Sprache, was sie von einer 
italienischen unterschiede. Vielleicht liesse sich für den nicht- 
arabischen Ursprung dieser Karte auch noch anführen, dass die 
Karten, welcher sich die Araber zu Ende des 15. Jahrhunderts 



*) Giornale Ligustico 1875 p. 44 u. Atti della soc. Lig. IV p. CLVn— IX. 



34 Theobald Fischer: 

ebenso, wie schon erwähnt, die Kanarischen Inseln, Madeira und die 
Azoren *). Dieser Atlas bietet daher ein ungewöhnliches Interesse. 
Die Azoren sind auch auf den beiden Karten des Battista Bec- 
cario dargestellt: der früher in Regensburg, jetzt in München auf- 
bewahrten von 1426 und der in Parma von 1435, also vor Wieder- 
auffindung durch die Portugiesen. Auf letzterer**), die bis Kap 
Bojador reicht, erscheint die Madeira-Gruppe als Insule fortunate 
sancti brandani, nordlich davon fast in einer Reihe angeordnet 
finden wir die Azoren, und zwar eine erste Gruppe aus den 
Inseln louos und caprara, eine zweite aus der insula de brazil, 
coUonbi, insula de Ventura und san zorzo, dann eine dritte sehr 
viel weiter nördlich aus liconigi und coruo marino bestehend. Wir 
haben somit hier ziemliche Übereinstimmung mit dem Mediceischen 
Portulan. Abweichend von demselben und eine bedeutende Er- 
weiterung der Kenntnis atlantischer Räume bezeichnend finden wir 
aber westlich von diesem langgestreckten Archipel einen zweiten, 
der sich in einem mittleren Abstände von ungefähr 15^ vom ga- 
lizischen Finisterre von dem Parallel der Girondemündung bis zu 
dem der Meerenge von Gibraltar erstreckt. Er wird bezeichnet 
als Insule de novo reperte. Es sind zunächst zwei grosse von 
Norden nach Süden gestreckte rechteckige (d. h. nur flüchtig er- 
forschte, nicht wirklich aufgenommene) Inseln, die südliche .als 
Antillia, die nördliche mit einem Namen bezeichnet, der nicht 
mehr zu lesen ist Sa . . . agio (Sarastagio ?), wahrscheinlich aber 
Satanaxio bedeuten soll. Nördlich derselben liegt eine kleinere 
halbkreisförmige Insel Danmar und westlich von Antillia eine 
kleine fast quadratische Reillo. Die Erklärung dieser Namen ist 
sehr schwer. Antillia findet sich auch auf der von Humboldt***) 
beschriebenen Weimarschen Karte von 1424, sowie auf dem Bec' 
cario von 1426; auf dem von 1435 ist der Archipel jedoch am 
umfassendsten dargestellt. Es scheint mir unmöglich, hier ein 
blosses Spiel der Phantasie des Beccario und nicht wirkliche, wenn 
auch nur flüchtige, zufällig gemachte Entdeckungen im Westindischen 
Archipel zu sehen. Die falschen Längen und Breiten dürfen uns 
nicht auffallen. Auf der Karte des Andrea Bianco von 1436 erscheint 
auch Antillia und ysla de la Man Satanaxio (Hand des Satans?). 

*) Von diesem wichtigen Atlas existierte bisher nur eine Reproduktion 
der Weltkarte in Baldelli Boni's Marco Polo, daraus reduziert in Peschels 
Erdkunde, ferner die Karte des Schwarzen Meeres, 1856 von Serristori her- 
ausgegeben. Der ganze Atlas wird jetzt reproduziert werden, so schwierig 
dies bei seiner schlechten Erhaltung auch ist. 

**) Sie ist photographisch reproduziert in den Studt etc. Born 1875« 
***) Krit. Unters. I. S. 416. Ich hahe die Karte noch nicht selbst 
gesehen, vermute aber, dass sie von Beccario oder Gratioso Benincasa her- 
rührt, wahrscheinlicher von ersterem. 



über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 35 

Riehtiger haben wir wohl in diesem letzteren Namen die Namen 
zweier Inseln vereinigt zu sehen, Satanaxio und Deman, wie sie 
auf den meisten Karten des 15. Jahrhunderts heisst, Danmar des 
Beccario, verderbt aus daemonum, also die Satans- und Dämonen- 
Inseln, was an die Brandanssage anknüpft. Humboldt erklärt 
freilich den Namen Danmar als Insel des Schlangengefasses oder 
Schlangenwohnung. 

An den Mediceischen Portulan schliesst sich die Piziganische 
Karte von 1367 an, welche auf der National-Bibliothek zu Parma 
aufbewahrt wird und neuerdings von Desimoni einer eingehenden 
Untersuchung unterworfen worden ist**). Die stark beschädigte 
Legende wurde bisher stets gelesen: MCCCLXVII hoc opus 
compoxuid Franciscus pizigano venetiarum et dominicus pizigano 
in venexia meffecit marcus a die XII decembris. Dies verstand 
man so, dass Franciscus und Dominicus Pizigano die Verfasser, 
ein gewisser Marcus der Zeichner gewesen sei. Gegen diese Auf- 
fassung erklärte sich schon 1866 der damalige Bibliothekar Odo- 
rici***). Er las M . . . CLXVII (H) oc opus composuit Franciscus 
Pizigano veneciarum condam Domnus (Ge)rardus Pi9igano in Ve- 
necia me fecit eo(dem anno) die VII decembris. Domnus erklärt 
Odorici für Dominus in der Bedeutung von Priester. Das folgende 
Wort ist ganz unleserlich, kann aber nur ein Eigenname sein, 
und Odorici liest Gerardus. Es wäre sonach zu verstehen : Hoc opus 
composuit Franciscus Pizigano veneciarum condam. Dominus 
Gerardus (oder ein ähnlicher Name) Pizigano in Venecia me 

fecit Bei einer Erklärung der Legende ist zu beachten, 

dass das Latein der Karte allenthalben ein barbarisches ist. Desi- 
moni schliesst sich zum teil der Auffassung Odorici's an, liest 
aber Dominicus und hält Francesco Pizigano für den Sohn eines 
Domenico Pizigano, der 1367 schon gestorben war. Eine noch vor- 
handene, von einem Domenico Pizigani unter Leitung oder nach 
vorher entworfener Zeichnung des Marino Sanudo 1350 gearbeitete 
Karte des Heiligen Landes wurde also ein Werk dieses Domenico 
Pizigano sein. Dieselbe ündet sich in der Nationalbibliothek zu 
Paris und trägt die Legende: Marinus Sanutus syrie terre loca 
signavit. A. 1350 Dominicus Pizigano fecit. Diese Legende wäre 
nicht durchaus so zu verstehen, als ob Sanudo 1350 noch gelebt 
hätte, da derselbe schon 1306 als Schriftsteller auftritt und nach 



*) Atti deir Accademia dei Nuovi Lincei anno XXIX marzo 1877. 
p. 11 ff. Beproduziert ist die Karte bei Jomard, die Westküste von Afrika 
bei Santarem. Ich habe das Original nicht selbst gesehen, sondern nur das 
Exemplar in Mailand. 

**) Atti e Memorie delle B. B. Deputazioni di Storia Patria per le 
provincie Modenesi e Parmensi vol. III pp. 459 — 62. 



3.6 Theobald Fischer: 

1330 und 1334 urkundlich nicht mehr nachzuweisen ist. Neuer- 
dings ist es jedoch sehr wahrscheinlich gemacht worden, dass wir 
überhaupt in der Karte eine moderne Fälschung des bekannten 
Bibliophilen und Händlers Libri zu sehen haben*). Die Fiziganische 
Karte reicht an der Westseite von Afrika weiter nach Süden als 
die des Johann von Carignan und der Mediceische Portulan, ihr 
Caput finis africe et terre occidentalis liegt weiter südwärts und 
ist vielleicht Cap Bojador, das aber erst auf der katalanischen 
Karte von 1375 genannt wird. Der fluvius Palolus, der hier 
zwischen Kap Bojador und Kap Nun mündet, ist wohl mit dem 
Niger identisch, mündet aber weit nördlicher als dem Oberlauf 
desselben entsprechen würde. Zurla**) erklärt den Namen von 
dem Worte pajola, das damals so viel wie Gold bedeutete. In 
der That finden wir auf der Weltkarte von Fra Mauno das oro 
di Pajola an jenem Flusse angedeutet. 

Ein zweiter Piziganischer Atlas findet sich jetzt in der Am- 
brosiana zu Mailand (S. P. II, 2)***). Er besteht aus fünf in 
Buchform, klein Quart, zusammengefalteten Pergamentblättern, 
0,15 m hoch, 0,25 m lang und trägt auf Blatt 1, welches das 
Schwarze Meer enthält, die Legende: MCCCLXXIII a die Villi 
di zugno franzescho pizigany veniziano in veniexia me fecit. Diese 
Legende stimmt bis auf geringe als Lese- oder Schreibfehler zu 
bezeichnende Abweichungen überein mit derjenigen eines Pizi- 
ganischen Atlas, welcher durch den Abt Fortunato Mandelli an das 
Kloster San Michele in Muranb gekommen war, von dort aber 
in den Wirren, welche der Auflösung der Republik folgten, ver- 
schwunden ist. Zurla f), der ihn nur aus den Angaben Mandelli's 
gekannt zu haben scheint, thut seiner Erwähnung und spricht auch 
richtig von neun Karten, welche der Mailänder Codex auch wirklich 
enthält, während Desimonif f), der denselben 1864 eingesehen hat, 
nur von acht spricht. Streng genommen sind es nur sieben Karten. 
Ich halte in der That den ehemals in Murano aufbewahrten Atlas 
für identisch mit dem jetzigen Mailänder, indem ich eben aus 
Zurla's Worten schliesse, dass er selbst den Atlas nicht gesehen 
bat. Desimoni stützt nämlich seine Ansicht, dass dieser Atlas von 
Murano noch ein dritter Pizigani sei, darauf, dass Zurla notwendig 
erkannt haben müsse, dass zwischen die fünf Blätter des Pizigani 



*) Die Eai^e ist reproduziert im „Bull, de la Soc. de G^ogr. de Paris" 
1866. IL p. 339. 

**) Di Marco Polo. T. IL p. 321. 

*»*) Photographisch reproduziert in den Studt etc. Rom 1875. 
t) Di Marco Polo. T. IL p. 327. 

tt) Atti deir Äccademia dei Nuovi Lincei, anno XXTX marzo 1877 
p. 11. Seine Notizen lassen hier o£fenbar den so sorgsamen Forscher im Stich. 



über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 37 

noch vier atidere nachher und von späterer Hand eingefugt sind. 
Er erklärt dieselben far junger, aber für nicht so jung, dass sie 
etwa erst später nach dem Verschwinden des Atlas aus Murano 
hätten eingefugt werden können. In der That sind diese vier 
Blätter sehr sorgsam an die Ruckseite der fünf Piziganischen an- 
geleimt, so dass kaum zu glauben ist, der kleine Codex habe sie 
nicht schon von vornherein umfasst, wenn man nicht annehmen 
will, dass beide Werke erst in neuerer Zeit in ein und demselben 
alten, früher anderen Zwecken dienenden Einbände derartig ver- 
einigt worden sind, dass der Laie in der That ein ursprungliches 
Ganze vor sich zu sehen wähnen kann. Was zunächst die fünf 
Piziganischen Blätter anlangt, so sind dieselben gegenüber dem 
Exemplar von Parma, das den Charakter einer Weltkarte trägt, 
grosse Teile Afrika's umfasst und ostwärts bis Persien reicht, von 
untergeordneter Bedeutung. Sie bilden eine der häufigen Kom- 
passkarten des Mittelmeeres, umfassen nur dieses mit dem Schwarzen 
Meer und den Oceanküsten von c. 34^ NB. an der Küste von 
Marokko bis zum nordlichen Schottland und Jütland. Von den vier 
nicht als Piziganische Arbeit zu bezeichnenden Blättern ist das eine 
eine Specialkarte des Archipels, das andere eine Specialkarte des 
Adriatischen Meeres, beide anscheinend nur vergrosserte Kopieen 
der betreffenden Teile von Blatt 2 und 3 des Piziganischen Atlas. 
Yen den andern zwei Blättern ist das eine in zwei Hälften 
geteilt, deren eine einen rohen Plan von Venedig, durch den 
Campanile von San Marco kenntlich gemacht, die andere einen 
solchen von Genua enthält, kenntlich durch den auf den Seekarten 
stets stark hervorgehobenen Leuchtthurm und ein anderes Gebäude, 
in welchem ich den sehr charakteristischen Dom erkennen mochte. 
Um jede dieser beiden Städte laufen sieben concentrische Ringe, 
in welchen die vier Hauptwinde, die Planeten, Sonne und Mond, 
zwei Kometen und die entsprechenden Klimate dargestellt oder 
eingeschrieben sind. Dass dieses Blatt speciell erst später hinzu- 
gekommen ist, ersehen wir daraus, dass auf der Hälfte, wo Genua 
dargestellt ist, in einer nicht mehr ganz leserlichen Legende 

des Krieges von Chioggia gedacht wird: e con cenoa conba- 

tando contra veniexia finito tempo MCCCLXXXXI die XIII auosto 
come per la Stella di planeti conbattaret (sicl). Das letzte Blatt 
hat in der Mitte einen goldenen Berg, montes lunae, von welchem 
vier Flüsse kommen: flumen gian, flumen tigrix, flumen eufrates, 
flumen sison. Um diese Figur sind fünf concentrische Ringe ge- 
legt, welche das Land, das Wasser, die Luft, das Feuer u. s. w. 
darstellen und durch eine umfangreiche Legende in älterem venetia- 
nischem Dialekt erklärt werden, deren Entzifferung die darauf zu 
verwendende Zeit und Mühe kaum zu lohnen schien. Der Schrift 



38 Theobald Fischer: 

nach gehören diese Blätter wohl dem 15. Jahrhundert an; sie 
mnssen anch in Venedig entstanden sein, nnd da ich in den Schrift- 
zügen, namentlich in den eigentnmlich gemalten Maja^keln der 
vier Haaptwinde eine überraschende Ähnlichkeit mit den mir wohl 
bekannten Schriftzügen des venetianischen Kartographen Johannes 
Xenodochns von Korfa erkenne, von welchem sich eine Karte im 
Museo Correr za Venedig vom Jahre 1520 (Cod, Ms. N. 1322) 
findet, so liegt die Vermutung nahe, dass wir in diesen vier 
Blättern auch ein Werk von ihm vor uns haben. 

Auf die katalanische Weltkarte von 1375, deren wir gele- 
gentlich schon gedacht haben und die sich der Zeit nach zunächst 
anschliesst, haben wir hier nicht weiter einzugehen. Von italie- 
nischen Karten des 14. Jahrh. haben wir nur noch die Karte des 
Solerio von 1385 im Staatsarchive von Florenz zu erwähnen, die 
anscheinend als eine der ersten einen Maasstab zur Seite hat. Aus 
derselben Zeit gegen Ende des 14. Jahrb., demnach die älteste 
der auf der Marciana aufbewahrten Karten, stammt eine im übrigen 
in mancher Hinsicht anziehende Karte, welche unzweifelhaft vene- 
tianischen Ursprungs ist und das Mittelmeer mit dem Schwarzen, 
sowie die Oceanküsten auf vier Blättern darstellt. Die Karte gehorte 
nach einer Aufschrift auf dem letzten Blatte einem Nicolaus de Gom- 
bitis, nach dessen Tode sie durch eine testamentarische Bestimmung 
in den Besitz des Karthäuserklosters zu Florenz gelangte. Mat- 
kovich*) ist geneigt, die Karte eher in die erste Hälfte des 
14. Jahrh. nahe an die Viscontische zu setzen. Indessen zeigt 
sie gegenüber dieser eine sehr bedeutend erweiterte Kenntnis; 
Blatt 4, welches die südlichen OceankQsten noch einmal darstellt, 
reicht bis südlich von den Kanarischen Inseln bis zum Kap Bo- 
jador, das, wie wir sahen, zuerst auf der katalanischen Weltkarte 
genannt wird, hier aber verderbt als cauo de inbuc dr erscheint. 
Südlich davon findet sich inbub dr noch einmal wiederholt. Rhodns 
ist schon mit dem Johanniterkreuz bezeichnet, ebenso Chios mit 
dem genuesischen, was doch mindestens auf die Mitte des 14. Jahrh. 
hinweist. Auf viel spätere Zeit, auf die zweite Hälfte des 15. Jahrb., 
würde aber die erst auf Karten jener Zeit übliche schematische 
Trennung Englands von Schottland durch einen engen Kanal hin- 
weisen. Dass an der untern Donau Nikopolis, das wir auf andern 
Karten vergebens suchen, eingetragen ist, lässt wohl auch schliessen, 
dass die Karte erst nach der Schlacht bei Nikopolis, aber wenig 
später, also ganz zu Ende des 14. Jahrhunderts gezeichnet worden 
ist. In der Namengebung hat die Karte eigentümliches. Forte- 
ventura der Kanarischen Inseln ist z. B. an der Nordostspitze 

*) Mitteil, der Wiener geogr. Ges. 1862 S. 79. Die Karte gelangt in 
dem Atlas zur Veröffentlichung. 



Über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 39 

noch einmal als ysola deaebimarini (liuegi marini aof Oiraldi's 
Karte) bezeichnet, und Madeira trägt den kaum noch lesbaren 
Namen ysola de le bname, also den italienischen. Es ist nämlich 
fast aberall g mit b vertaascht; die Sorlingen (Scillyinseln) heissen 
z. B. sorlinba, ferner inbliterra, alamaba (alamagna), porto balo 
(für Porto) etc. Diese eigentümliche Konsonantenvertauschung 
findet sich wieder auf dem Giraldischen Atlas in Mailand von 
1443, wo z. B. bomiera statt gomiera (Gomera), brado statt grado, 
cavo de buer statt gaer und ebenso Porto ballo. Die beiden 
übrigen Atlanten des Giraldi enthalten diese Eigentümlichkeit je- 
doch nicht. Eigentümlich ist die besondere Hervorhebung von 
Venedig (Yeniecia), das ausserordentlich vergrossert mit dem 
deutlich erkennbaren Ganal Grande und allen irgendwie namhaften 
Punkten der Umgebung dargestellt ist. 

Sehr viel zahlreicher werden die Kompasskarten im 15. Jahr- 
hundert, wir können daher hier nur noch auf einige wichtigere 
oder bisher noch gar nicht oder ungenügend beschriebene eingehen. 
Namentlich zeichnet sich im 15. Jahrhundert Venedig vor Genua 
durch tüchtige Kartographen aus. Einer der namhaftesten ist 
Giraldi, von dem immer mehr Karten zum Vorschein kommen. 
Seine Thätigkeit fällt namentlich in das zweite Viertel des 15. Jahr- 
hunderts. Wir kennen von ihm bis jetzt drei Atlanten, von denen 
der älteste (wir wollen ihn a nennen) von 1426 sich auf der 
Markus -Bibliothek zu Venedig, der jüngste von 1443 (b) auf der 
Ambrosiana zu Mailand, ein undatierter, dem Venetianer näher 
stehender (c) sich ebenda befindet. Das venetianische Exemplar*) 
trägt auf Blatt 1 am Rande die Legende : Jachobus de Ziraldis **) 
de Veneciis me fecit anno domini MGCGXXVI ; ganz ähnlich lautet 
auch die Legende auf dem einen Mailänder. Dieser letztere 
trägt auf der Rückseite die von moderner Hand geschriebene 
Notiz, dass der Atlas aus dem Kloster des heiligen Faustin zu 
Brescia stammt, ad usum D. Ludovici Luchi. Alle drei ent- 
halten nur sechs Blätter: das Mittelmeer mit den Oceanküsten; 
das Adriatische Meer ist, wie fast in allen Seeatlanten venetianischer 
Herkunft, auf einem besonderen Blatt in grosserem Massstabe dar- 
gestellt. Die Karten des Giraldi sind alle sorgsam gezeichnet 
und geschrieben, namentlich aber die älteste reich koloriert. Sie 
beginnen alle mit dem Blatte, welches das Schwarze Meer dar- 
stellt und in dem Exemplar von 1426 in den Ecken in vier rei- 
zenden Miniaturen die vier Apostel enthält. Auch die übrigen 

*) Cl. VI. Cod. GGXII ; dasselbe wird in dem Atlas reproduziert werden. 
Die beiden Mailänder Exemplare tragen die Signaturen S. P. 11 3 od. 
Portul. III und Portul. VII. 
**) Oder Giraldis. 



40 .Theobald Fischer: 

Blätter haben in den Ecken, wenn es der Raum erlaubt, Minia- 
turen von Bischofen, Heiligen, der Jungfrau Maria u. dergl. 
Giraldi war also auch ein geübter Maler. Die beiden anderen 
Atlanten des Giraldi sind weniger reich ausgestattet. Alle gehen 
aber bereits über die Küsten hinaus und enthalten zahlreiche 
Namen auch im Binnenlande, am meisten der von 1443; namentlich 
sind die schiffbaren Flüsse mit ihren Hauptorten eingetragen. Am 
meisten ist die Donau mit ihren Hauptfiüssen auf Blatt 1 und 3 
hervorgehoben, ebenso der Dniester, Dnieper und der Khein, 
während die nur wenig schiffbaren Flüsse, wie der Arno, Tiber, 
Ümmer-Rebia in Marokko, der Guadalquivir, Tajo, Douro, Ebro, 
Rhone, Garonne, Dordogne, Loire, Seine, Scheide, Maas, Themse, 
nur in kurzen Laufstücken angedeutet sind. Ausserdem mündet 
aber ein grösserer Flnss in die kleine Syrte bei capes, deren innerste 
Bucht oder der Schott el Dscherid unter dem lacus de capes zu 
verstehen ist. Auch auf der Karte des Combitis erscheint ein 
solcher lacus de capes mit einem einmündenden Flusse. Sonst ist 
aber gerade die Syrtengegend , namentlich die Umgebung der 
Inseln Dscherba und Kerkenah mit ihren Untiefen und Sandbänken 
sehr sorgsam gezeichnet. Ein zweiter Fluss allerssus mundet 
weit südlich von Kap Ger, in welchem wohl der Wed Sas 
und Draa vereinigt sind. Derselbe entspringt aber gemeinsam 
mit dem Ummer-Rebia in einem See tief im Innern, welcher ring- 
förmig einen kreisrunden Inselberg, den mons auri, umschliesst. 
Da haben wir also die auf den Weltkarten veranschaulichten Vor- 
stellungen jener Zeit. Aus demselben See fliesst ein dritter Fluss 
(in c) nach Osten, an welchem eine Gegend mit dem Namen 
cabit bezeichnet ist. Nordlich von dem See, in dem wir also 
hier die periodische seeenartige Erweiterung das Draa zu sehen 
haben, liegt sigilmessa; cabit dürfte demnach die Oase Tsabit 
sein. Die Donau fliesst genau von Westen nach Osten, ihre 
Quellen liegen denen des Rheins nahe, sie umschliesst vier 
grosse Inseln, deren letzte Syrmien ist. An Zuflüssen nimmt sie 
rechts drei auf, der oberste ist anscheinend der Inn, an seinen 
Quellen steht der Name alpanolli, der zweite ist anscheinend die 
Drau, flnmen pigam, der dritte und grösste die Morawa, flumen 
drimago. Sie kommt von einem Gebirge monte piro, in dem wir 
wohl ziemlich sicher den Schar Dagh zu sehen haben, von welchem 
nach dem Adriatischen Meere der (nur in c eingetragene) flumen 
dorina (Drin) kommt und in die Bucht von Avlona mündet. Ein 
grosser rechter Nebenfluss flumen tissa (Theiss) kommt von monte 
retenia, unter dem wir also die Karpathen zu verstehen haben. In 
ihrem Unterlauf heisst die Donau flumen de Vecina, wie auf der Karte 
des Combitis (uizina, Widdin) nach einem Orte, an der beginnenden 



über italienisclie Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 41 

Deltabildang; erst weiter stromauf finden wir auf letzterer Karte den 
Namen flumen dinoia. Von Städten finden wir nur Buda und am 
Oberlauf chreussa eingetragen; auf der Combitisschen Karte finden 
sich noch nicopoli und terna (Turnu Magurelli). Der Rhein entsteht 
aus zwei Quellarmen (wohl Rhein und Aar), der eine durch den 
Namen chostanza, der andere durch ballillea (Basel) bezeichnet, 
weiter stromab, aber noch weit vom Meere, also ein bedeutender 
Fortschritt gegen die Karten des 14. Jahrhunderts, finden wir 
collogna. Südwärts endet die Karte, auch c, mit Kap Bojador ; die 
weiteren Entdeckungen der Portugiesen sind noch nicht einge- 
tragen; auch nordwärts von den Rheinmündungen ist kein Fort- 
schritt zu bemerken, nur erscheint hier der auf den Karten des 
14. Jahrhundeiits fehlende Hafen von Brügge le schluxe zuerst. 
Der dritte Giraldi, in etwas kleinerem Maasstabe, 0,27m hoch, 
0,36m breit, während der andere 0,30m hoch, 0,36m breit ist, 
ist der Nässe ausgesetzt gewesen und schlechter erhalten, namentlich 
ist die Legende verwischt, welche den Autor nannte. Dass es 
aber ein Giraldi ist, kann absolut nicht bezweifelt werden, da die 
Übereinstimmung in der Schrift, der Anordnung und dem ganzen 
Charakter des Atlas eine vollständige ist. Nur ist dieser Atlas 
etwas reicher an Namen, die aber zuweilen an die unrechte 
Stelle gekommen sind. So z. B. finden wir auf Blatt 1 den 
Namen Nicomedia am Golf von Mudania und Pallolimez (Palaea- 
limene) an dem Von Ismid, während auf Blatt 2 dieselben an 
richtiger Stelle stehen. Auch insofern steht dieses Mailänder 
Exemplar dem Venetianer näher als es weniger dazu neigt, Welt- 
karte zu werden, und z. B. Jerusalem, die Seeen und der Jordan, 
die sich auf der Ausgabe von 1443 finden, auf diesen beiden 
fehlen. Dagegen sind auf b die Alpen, alpis allemanea und der 
Rhein mehr hervorgehoben. Von den Alpen geht nach WNW. die 
Mosel, an welcher die Städte metis (Metz), creusse (das auf a an 
die obere Donau verlegte chreussa, Kreuznach?), tiorris (Trier?), 
collogna und gegenüber tioxe (Deutz) liegen. Von denselben 
Alpen geht ein zweiter Fluss nach Norden, der aus zwei Quell- 
armen entsteht, dem von baxillea und costanza, also ganz wie in a. 
An der Donau, die von demselben Gebirge nach Osten geht, liegen 
noch tresboria (Regensburg), parauia (patauia, Passau), obuga, 
flagnia und oressur (Pressburg). 

Während auch der Giraldi von 1443 noch nichts von den 
Entdeckungen der Portugiesen enthält, finden wir dieselben auf 
einer nur fünf Jahre jungem Karte des Andrea Bianco bereits 
eingetragen. Diese Karte*) findet sich in dem Codex I, 260 Inf. 

*) Diese bisher unbekannt gebliebene wichtige Karte wird in dem 
Atlas asur Veröfifentlichung gelangen. 



42 Theobald Fischer: 

der Ambrosiana zusammen mit einer andern unzweifelhaft veneda- 
nischen Ursprungs und noch dem 15. Jahrhundert angehorigen, wenn 
sie auch ohne Namen des Autors und Jahreszahl ist. Sie stellt das 
Mittelmeer dar und ist von geringer Bedeutung. Diese bisher unbe- 
kannte Karte des berühmten Kartographen ist 0,855 in hoch, 0,630 m 
breit, stellt nur die Oceanküsten dar, ist sehr sorgsam gezeichnet 
und wohlerhalten und trägt die Aufschrift: Andrea Biancho veni- 
eian comito di galia mi fexe a londra MCCCCXXXVIII. Sie 
reicht von den auf den Karten des 15. Jahrhunderts häufig an 
der Nordgrenze der Kompasskarten eingetragenen ysole Bante, 
unter denen wir die Nordfriesischen Inseln zu verstehen haben, 
und von frixa (Friesland) bis zum cavo verde und cavo rose, 
welche dicht bei einander liegen. Sudlich von Kap Rosso zieht 
sich die Küste in allgemein gehaltenen Umrissen nach Osten; 
nördlich davon mündet ein grosser Fluss in zwei Armen; derselbe 
durchströmt im Innern einen See, welcher durch einen von einem 
südlich gelegenen Gebirge kommenden Flusse gespeist und durch 
das Wort doro charakterisiert wird. Es bezeichnet also Andrea 
Bianco den Senegal, dessen Name bei ihm aber noch nicht vor- 
kommt und dessen einer Mündungsarm vielleicht der Gambia 
ist, als einen Goldfluss; der Rio doro weiter nördlich ist bei 
ihm aber schon richtig als blosse Bucht dargestellt. Hier ist die 
Kenntnis des Andrea Bianco schon eine bessere als die des Benin- 
casa auf einer auch in Mailand bewahrten Karte von 1469, der 
noch einen wirklichen Fluss darstellt. Cabo (so schreibt A. B.) 
biancho liegt am Ende einer nach SW. vorspringenden Halbinsel, 
von welcher sich bis zum cabo de S. Jacobe kleine Inseln an 
der Küste entlang ziehen. Die Entfernungen sind hier noch alle 
zu gross, die Erstreckung der afrikanischen Küste wird infolge 
dessen eine viel zu lange. Der interessanteste Punkt dieser Karte 
ist aber das Grüne Vorgebirge und die nach ihm benannte Insel- 
gruppe, die nach der gewöhnlichen Annahme erst 1456 durch Uso- 
dimare und Gadamosto entdeckt wurden, während dieselben, wie wir 
hier sehen, schon auf einer genau datierten Karte von 1448 ange- 
deutet sind. Benedetto Scotto scheint sonach in zwei kleinen 1618 in 
Antwerpen, erschienenen Schriften recht zu haben, wenn er die 
Entdeckung des Grünen Vorgebirges auf 1445 setzt*). Südwestlich 
von diesem Vorgebirge hat nämlich Andrea Bianco eine Insel mit 
folgender Legende eingetragen **) : ixola otinticha x . . . e longa 

*) Desimoni, Atti della Soc. Ug. III p. CXIH. 
**) Die Legende ist ziemlich verwischt und von Desimoni , der über- 
haupt zuerst auf diese Karte au^erksam gemacht hat, wohl nicht ganz 
richtig gelesen worden. Er liest nämlich A xola otinticha. Xe longa a po- 
nente 1500 mia und deutet dies dahin, Andrea Bianco wolle seine Karte 
als die einzig authentische, neueste, heste hAWAfoHnen. 



über italienische Seekarten nod Kartographen des Mittelalters. 43 

a ponente 1500 mia, was ich dahin deute, dass er von einer 
sicher nachgewiesenen Insel spricht, welche 10 Miglien breit sei 
(ein Wort wie larga kann hier verwischt sein) und sich 1500 Mig- 
lien nach Westen erstrecke. Dass man bei einem flüchtigen 
Erblicken von fern die Gruppe für eine einzige sich nach Westen 
erstreckende Insel ansehen konnte, kann nicht auffallen. Nördlich 
davon liegen noch zwei halbmondförmige (die gewöhnliche Art 
jener Zeit, nur eben gesehene Inseln darzustellen) einander zuge- 
kehrte Inseln: dos ermanos, zwei Bruder. Wir dürfen wohl 
annehmen, dass Andrea Bianco diese Karte entwarf und mit nach 
Italien brachte, lediglich um die neuesten Entdeckungen der Por- 
tugiesen, welche ihm auf der Fahrt nach England, welche not- 
wendig eine Rast in Lissabon voraussetzt, in Lissabon oder auch 
erst in London bekannt geworden waren, zu veranschaulichen. 
Jedenfalls können wir nach diesem Denkmal nicht daran zweifeln, 
dass 1448 schon das Grüne Vorgebirge genau bekannt, die westlich 
daran liegende Inselgruppe wenigstens schon von fern gesehen 
worden war. 

Den Schluss dieser Betrachtungen mögen einige Bemerkungen 
über die wichtige, schon oft besprochene, aber noch lange nicht 
genügend erklärte Weltkarte vom Jahre 1447 oder 1417 in der Na- 
tionalbibliothek zu Florenz (Portulani 1) machen, die jetzt ebenfalls 
zum ersten male eine genügende Veröffentlichung finden wird*). 
Dieselbe zeichnet sich zunächst durch ihre elliptische Gestalt (nach 
der sie häufig genannt wird, oft auch Karte des Palazzo Pitti) 
aus, ist auf Pergament gezeichnet, das auf vier zusammenklappende 
Holztafeln geleimt ist. Diese Fassung ist sicher alt, vielleicht aus 
dem 15. Jahrhundert selbst, aber ebenso sicher nicht von vorn- 
herein beabsichtigt worden. Die Karte ist natürlich beim Aufziehen 
zerschnitten und dadurch, wie durch die darauf folgende Reibung 
an vielen Stellen unleserlich geworden. Die Karte hat eine Länge 
von 0,75 m, eine Breite von 0,37 m. Dass sie genuesischen Ur- 
sprungs ist, erkennt man an dem an der einen Seite angebrachten 
genuesischen Kreuze; das Wappen an der andern ist nicht mehr 
zu entziffern, wie die ganze Karte überhaupt schon sehr gelitten 
hat. Sie entbehrt überhaupt jeder Projektion, die Darstellung der 
Mittelmeerküsten beruht aber auf den Kompasskarten, die über- 

*) Lelewel giebt dieselbe in seinem 1857 erschienenen Epilogue 
seiner Geographie du moyen äge in Tafel VI auf % verkleinert und auch 
sonst ungenügend wieder, Wuttke giebt (VI. und VII. Jahresbericht des 
Vereins för Erdkunde zu Dresden 1870) nur rohe Umrisse derselben nach 
Durchzeichnungen von Neigebauer. Durchzeichnungen zu machen ist jetzt 
auf der Laurentiana nicht erlaubt. Die Untersuchungen des Verfassers über 
diese wichtige Karte sind noch nicht abgeschlossen, da ihm bisher manches 
Material noch unzugänglich blieb. 



44 Theobald Fischer: 

hanpt so weit benutzt sind als es möglich war. Nor die Iberische 
Halbinsel erscheint etwas verzerrt. Ein nicht sebr genauer Meilen- 
masstab findet sich an der Seite. Sie ist sehr reich an Miniaturen 
von Menschen und Tieren zur Charakteristik der einzelnen Lander, 
welcher auch zahlreiche Legenden dienen. Die anfallende ellip- 
tische Gestalt der Erde ist nicht so selten als man gewohnlich 
annimmt, wenn auch die kreisrunden mittelalterlichen Weltkarten 
weit häufiger und bekannter sind. Die elliptische Form mochte 
sich mebr an die Vorstellungen des Altertums anschliessen, wahrend 
das Christentum der Ereisform mit Jerusalem im Mittelpunkte den 
Vorzug gab. Die bei der damaligen Kenntnis der bewohnten Erde 
wohl begründete Ansicht, die sich seit Herodot immer mehr be- 
festigt hatte, dass die Länge der bewohnten Erde viel grosser sei 
als ihre Breite, wohl doppelt so gross, macht es wahrscheinlich, 
dass die orbes picti der Alten und so auch die berühmte Welt- 
karte des Agrippa nicht kreisrund, sondern oval gewesen seien. So 
finden wir auch bei Beda die Erde in der Gestalt eines Eies 
dargestellt, und der Verfasser der katalanischen Weltkarte ver- 
gleicht in der kosmographischen Abhandlung, welche er seiner 
Karte beigegeben hat, ebenfalls die Erde einem Ei. Ebenso hat 
die Weltkarte des Rainulphus Hyggeden von 1360 eine eiförmige, 
ja nahezu elliptische Gestalt, auch die Karte des Fra Mauro ist 
nicht ganz kreisförmig und eine ganz elliptische Karte hat Kohl 
im britischen Museum gefunden und veröffentlicht.*) Dieselbe ist 
von einem Italiener in Portugal bald nach 1489, sicher aber vor 
der Heimkehr des Columbus entworfen worden und giebt somit 
die damals in Portugal über die östliche Erstreckung Asiens herr- 
schenden Vorstellungen wieder. Dieser Kontinent ist soweit nach 
Osten ausgedehnt, dass er mehr als ^ der westostlichen Aus- 
dehnung der Karte einnimmt. Auf unserer Karte wird diesem 
Erdteil mehr als % der westöstlichen Erstreckung zu teil, Jeru- 
salem ist also ziemlich weit vom Mittelpunkte der Erde abgeruckt. 
Grosse Schwierigkeiten sowohl für Lesung wie Erklärung 
bietet schon die an dem einen Ende der Ellipse angebrachte Auf- 
schrift, die der Verfasser nach oft wiederholten Versuchen unter 
günstigem Licht und Vergrösserung definitiv richtig gelesen zu haben 
meint. Sie lautet nämlich: Hec est vera cosmographorum cum 
marino accordata terra, quorundam frivolis narrationibus reiectis 
1447, d. h. der Verfasser bezeichnet seine Karte als eine nach 
den Anschauungen der mittelalterlichen Kosmographen, aber unter 
Beseitigung der Verwerfliches enthaltenden Legenden einzelner, 
berichtigte und mit den Anschauungen des Ptolemaios in Einklang 



*) Zeitschrift für allgem. Erdkunde. N. F. I. 1856. S.446flf. Taf. VH. 



über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 45 

gebrachte Weltkarte. Wuttke*), auf Neigebauer's Durcbzeichnungen 
gestützt las: haec est vera cosmographorum cum marino accordata 

[mundi oder terrae] descriptio qnotidie frivolis narrationi- 

bus injectis [opposita oder correcta?] 1447. Ganz übereinstimmend 
las auch Lelewel. Damit wolle der Verfasser nach Wuttke sagen, 
dass Angaben über die Erdgestalt umliefen, welche er für ganz 
irrig und für leichtsinnig aufgenommen hielt und dass er selbst 
Marino Sanudo's Karte vor sich hatte. Allein ein Blick genüge 
schon, um zu überzeugen, dass er in wesentlichen Stücken von 
Sanndo abwiche. Unter Marinas hat schon Baldelli Boni Marinus 
von Tyrus verstanden, und wie Lelewel beziehe auch ich diesen 
Namen auf Ptolemaios, insofern unser Kosmograph auf irgend 
eine Weise die richtige Anschauung gewonnen hatte, dass Ptole- 
maios zum grossen Teil auf Marinus von Tyrus fusse, dessen 
Werk ja auch erst im Laufe des Mittelalters verloren gegangen 
ist. Lelewel**) setzt geradezu eine Umarbeitung der Karte 
des Marinus voraus, wofür irgend einen stichhaltigen Beleg bei- 
zubringen ihm allerdings schwierig gewesen wäre. Anfangs deu- 
tete er sogar das Wort marinus als Seemann und erklärte: „c'est 
la concordance de la mappemonde (cosmographorum) avec les 
portulans, ave la carte hydrographique (d'un marin), purgee de 
frivoles narrations, que chaque jour ajoute. " Ptolemaische Einflüsse, 
wenn vielleicht auch nicht direkte, scheinen in der That auf unsern 
Kosmographen gewirkt zu haben. Seit 1409 schon besass man 
ja in Italien eine Übersetzung des Ptolemaios. Namentlich möchte 
ich solche Einflüsse hier noch mehr ausgeprägt sehen, als in Fra 
Mauro's 10 — 12 Jahre jüngerer Karte, der sich noch nicht von der 
rechtgläubigen kreisrunden Form abbringen liess. Ich möchte schon 
die elliptische Gestalt und die ungeheure für die Entdeckungsge- 
schichte so bedeutungsvoll gewordene Ausdehnung Asiens nach 
Osten hin als einen Ausdruck ptolemaischer Einflüsse bezeichnen. 
Aber auch sonst lassen sich diese in der Darstellung Asiens und 
Afrika's erkennen, so z. B. in den Bezeichnungen India citra et 
ultra Gangem, in der Darstellung des Niger und Nil, wie in den 
Umrissen Afrika's und Süd-Asiens. Die Umrisse von Afrika sind 
südlich von Kap Bojador (buder) ganz unbestimmt gehalten; un- 
gefähr in der Breite des Äquators hat der Erdteil seine bogen- 
förmige Südgrenze, entfernt ähnlich den beiden Weltkarten des 
Giovanni Leardo. Zwei Golfe dringen von Osten und Westen 
in den Erdteil ein, im westlichen findet sich eine grosse Insel 
mit der Legende: preter ptolemai traditionem est hie guflfus sed 



*) a. a. O. S. 42. 
**) a. a. O. I p. 83. 



46 Theobald Fischer: 

pomponias eum tradit cum eins losola. Er zieht also hier 
Pomponius Mela vor. Im Süden des Erdteils ist ein grosses 
Gebirge (montes lune) eingetragen, von welchem der eine 
Quellarm des Nils kommt, zur Seite die Legende: hie sunt 
montes lune qui lingua egiptiaca dicuntur gebeltan a quibas 
nilns fluvius oritur atque estatis tempore dissolatis in ipso 
amnibus major effluit. Über Nubien ist ein Elephant einge- 
zeichnet, der einen mächtigen mit Bewaffneten besetzten Thorm 
trägt mit der Legende: Istic beluarum castromm acie ordinata 
proeliatur. Ich mochte hierin eine Notiz aus Marco Polo ver- 
wertet sehen, der in der That erzählt, dass die Eingeborenen von 
Sansibar sich im Kriege der Elephanten bedienten*). Ynle**) 
verwirft die Richtigkeit dieser Angabe, indem er auf Masadis' 
Zeugnis hinweist, der angiebt, dass das Land dort zwar sehr reich 
an Elephanten sei, die aber weder gezähmt, noch sonst wie von 
den Bewohnern verwendet werden. Ebenso giebt Marco Polo an, 
dass der christliche Konig von' Abessinien im Kriege sich der 
Elephanten bediene (und diese Stelle ist von unserm Kosmographen 
benutzt worden), wozu Yule ausführt, dass nicht bezweifelt werden 
könne, dass Elephanten in den Ländern westlich vom Rothen 
Meere gefangen, gezähmt und vom zweiten und dritten Ptolemaios 
systematisch und im grossen im Kriege verwendet worden, wie 
der 3. Ptolemaios die Thatsache, dass er troglodytische und äthi- 
opische Elephanten indischen gegenüber verwendete, in der In- 
schrift von Adulis bezeugt. Andererseits sind auch Anzeichen 
vorhanden, dass die Nubier bis spät im Mittelalter Elephanten 
gezähmt haben, denn Elephanten bildeten häufig einen Bestandteil 
des Tributs, welchen Nubien dem mohammedanischen Herrscher 
Ägyptens zahlte. Auch auf der in türkischer Sprache abgefassten 
Karte des Hadschi Achmed (von 1559), welche der Verfasser 
später eigehend zu behandeln gedenkt, findet sich die Notiz, dass der 
Konig von Abessinien viele Elephanten in seinem Heere führe ***). 
Der Südwesten von Afrika wird als Äthiopien bezeichnet, 
der Nordwesten als Mauritanien, die mittleren Gegenden (Sahara) 
als Libyen, der Osten als Nubien. Das Land des Priesters 
Johannes gebort noch zu Äthiopien. Auch die Darstellung des 
Nil, die Insel Meroe und der östliche Nilarm, der aus einem See 
kommt, ist ptolemäisch. In dem See findet sich eine Insel mit 
einem Tempel, daneben die Legende: in hoc lacu insula est 



*) Marco Polo III. cp. 35, Yule's Marco Polo Vol. II. p. 416 und 424. 
**) a. a. O. 
***) Analyse der Legenden dieser Karte von Barbier de Meynard im 
„Bull, de la Soc. de G^ogr. de Paris", i^^^ö. T. II. p. 723. 



über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 47 

tenis nomine que lucos silvasqne grande apostolis templam sus- 
tinet, natat et qnocunqae venti agunt appellitur. Der westliche 
Nilarm kommt aus einem See nahe an dem von Westen ein- 
dringenden Golfe; der See wird durch Zuflüsse vom westlichsten 
Teile des Mondgebirges genährt. Der Fluss durchfliesst dann im 
Norden des Mondgebirges einen grossen Sumpf, welchen ein 
Krokodil charakterisiert. In Äthiopien findet sich ferner eingfi- 
zeichnet ein Kamel, ein fabelhaftes Tier mit einem Ringelschwanze, 
eine Giraffe und ein Lowe. Südlich von Kap Bojador mundet in 
zwei weitauseinandergehenden Armen ein grosser Strom, der aus 
zwei Quellarmen entsteht, deren einer aus einem See mitten 
in der Sahara kommt, der andere aus Sudosten von einem 
grünen Gebirge. An ihm liegen die beiden Städte Metara und 
Tueto. Wir haben hierin wohl kaum schon den Senegal und eine 
Einwirkung der portugiesischen Entdeckungen zu sehen. Eine 
Legende im äussersten Südosten von Afrika sagt, dass einige 
dorthin das Paradies verlegen, was unser Kosmograph aber ver- 
wirft. Wir erkennen also hier in Afrika ausser anderen 
Quellen auch die Benutzung des Pomponius Mela, des Ptolemaios 
und des Marco Polo, aber zugleich auch das kritische Verfahren 
unseres Autors, der sich nicht unbedingt dem einen oder dem 
andern anschliesst, das beste ihm erreichbare zeitgenössische 
Material verarbeitet und soweit wie möglich mit den Über- 
lieferungen des Altertums, ganz wie er es in der Aufschrift der 
Karte sagt, in Einklang zu bringen sucht. 

Ähnlich ist sein Verfahren in Asien, auch dort erkennt man 
Ptolemäische Einflüsse neben mittelalterlichen. In der Darstellung 
Süd -Asiens folgt er wesentlich Ptolemaios, Vorder-Indien lässt 
noch nicht die Halbinselgestalt erkennen — hier steht unser Autor 
gegen Giovanni Leardo zurück, — Hinter-Indien erstreckt sich 
in einer merkwürdig ausgebuchteten Halbinsel, des Ptolemaios 
goldene Ghersones, nach Süden. Im indischen Ocean ist eine 
unten in einen Fischschwanz ausgehende Menschenfigur dargestellt, 
welche die Hörner eines Rindes hat, die ausgestreckten Arme 
untereinander und mit dem Rumpfe durch eine Schwimmhaut ver- 
bunden. Dieses wunderbare Wesen wird durch folgende Legende 
erklärt: hec figura piscis nuper in candia (wohl verschrieben für 
India) vacas rura litus maris pascentes in mari exiliens (folgen zwei 
unlesbare Worte, da hier die Karte zum Aufziehen auf die Bretter 
durchschnitten ist) captus veneciis delatusque cujas effigies configu- 
rata ad loca multa terre est transmisse. Es soll damit jedenfalls 
berichtet werden, dass man unlängst im indischen Ocean ein See- 
ungeheuer gefangen habe, das nach Venedig gebracht und dann 
in einer Nachbildung (ausgestopftes Fell?) in vielen Orten ausge- 



48 Theobald Fischer: 

Stellt worden sei. Es wird sich hinter diesem Tiere, das wie 
eine Kuh die Ufer des Meeres abweidete, ein Seehund, ein Wall- 
ross, vielleicht die Stellersche Seeki^h oder irgend ein anderes 
ähnliches Seetier verbergen. Auf die gleiche mittelalterliche ent- 
stellte Thatsache bezieht sich wahrscheinlich auch die Legende 
auf der 1879 wieder aufgefundenen, jetzt im Besitz des österrei- 
chischen Generalkonsuls von Pilat in Venedig befindlichen Welt- 
karte des Giov. Leardo von 1452*) im südostlichen Afrika: qui 
naxe animali quadrupedi che hano il volto de homo. Eine andere 
nicht mehr ganz lesbare Legende, welche ihrem Inhalte nach aa 
die katalanische Weltkarte und den Genueser Codex erinnert, 
berichtet über den Reichtum des indischen Oceans an Inseln, 
'Klippen und Untiefen, sowie über die Art der dortigen Schiffahrt 
und des Schiffbaues, der durch ein eingezeichnetes plumpes Schiff 
mit dicken Masten und Segeln aus Rohr oder Palmfasern (es ist 
wahrscheinlich eine chinesische Dschunke oder ein arabisches aus 
Dattel palmenholz gebautes Schiff zu verstehen) veranschaulicht 
wird. Dennoch segeln diese Schiffe sehr gut und laden Specereien, 
Gewürze und andere Waaren, landen in Arabien und bei Mekka und 
bringen dieselben den abendländischen Kaufleuten. Das Innere 
und der Osten von Asien ist aber überwiegend mittelalterlich und 
zeigt wiederum Spuren des Einflusses Marco Polo's. Wir finden 
im äussersten Osten, am Ostrande der Alten Welt, eine feste Stadt^jt 
mit der Legende : hinc regio quae catayum vel eorum lingua can- ■ 
balec dicitur, dominatur magnus canis. Und über China thront 
ein mit hohem Filzhute bedeckter Mann : rex cambalech hoc est 
magnus canis. Daneben aber findet sich auch der Name Sine, es 
werden also auch hier, wie bis in die neueste Zeit, das zu Wasser 
erreichte China und das zu Lande erforschte Kathaj unterschieden. 
Östlich von China liegt aber eine Inselgruppe im Ocean mit der 
Legende: Hae insule Jave dicte sunt, ultra has insulas nulla est 
amplius hominibus nota habitatio neque facilis nautarum transitus 
quoniam arcentur ab aere navigantes. Es liegt nahe, hier an 
Japan zu denken. Das Innere des Kontinents ist mit den mittel- 
alterlichen Fabeln ausgestattet. Östlich vom Kaspischen Meere, 
das im Gegensatz zu der bessern Kenntnis der Kompasskarten 
seine alte falsche westostliche Erstreckung hat, findet sich die 
Figur des Cambellanus rex magni canis filius. Von da aber zieht 
sich in zwei Ketten geteilt ein grosses Gebirge, Ymaus mons, 
nach Osten und Nordosten. Letztere Kette reicht bis ans nörd- 
liche Meer und endet an einer tief eindringenden Bucht, deren 



"*) Photograpisch reproduziert und erläutert von Guglielmo Berchet im 
Verlage von Ongauia in Venedig 1880. 



Über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 49 

UmgebuDg als der Wohnsitz der verlorenen Stämme Israels be- 
zeichnet wird. Wo sich beide Ketten scheiden, ist eine grosse 
Mauer mit einem gewaltigen Thurme dargestellt: porte ferri ubi 
alexander tartaros vincit. Der ganze östliche Gebirgskamm ist 
ansgezeichet durch Thurme (chinesische Mauer?) und Bäume, wie 
auch das ganze nördlich davon liegende Asien durch Bäume als 
waldbedeckt gekennzeichnet wird (Sibirisches Waldgebiet). Fast 
in der Mitte der Kette findet sich eine Gruppe (kleiner Kinder) 
Zwerge, von oben durch einen Schild gedeckt; daneben liest man 
das Wort Gog, und zwei Kraniche sind bemüht, dieselben mit 
ihren Schnäbeln unter dem Schilde hervorzuholen. Daneben 
stehen Zwerge und die Legende: Iste sunt ex gog nationes que 
cubitus altitudinem non excedunt, annum etatis nonum non attingunt 
et continue a gruibus infestantur. An der andern Seite des Ge- 
birges erhebt sich ein Thurm mit der Legende: istas turres con- 
struxit presbyter Johannes ne inclusis hominibus ad cum pateat 
accessus. So finden wir also kosmographische Sagen mit richtigen 
erdkundlichen Erkundigungen vermischt. In Ost-Europa erkennen 
wir die Herrschaft der Goldenen Horde, eine Figur, mit echtem 
Mongolengesicht, nach Norden schauend, ist bezeichnet als lordo rex, 
und eine Stadt weiter ostwärts gegen Asien hin auf einem mit 
Ochsen bespannten Wagen und der Legende: „ubi lordo errat", 
bezeichnet anschaulich die nomadischen Mongolen mit ihren beweg- 
lichen Häusern. Westlich davon findet sich noch eine grosse 
Stadt lordo (Moskau?) am Ostufer eines Flusses, welcher einer- 
seits durch grosse Sümpfe in die Ostsee, andererseits ins Schwarze 
Meer mündet. Wir haben darin wohl die alte durch Tragplätze 
leicht vervollständigte Wasserverbindung beider Meere zu erkennen. 
Selbst in Italien finden wir Einzelheiten, wie sie in keiner früheren 
Karte vorkommen, so z. B. je drei kleine Seeen zu beiden Seiten 
des Po. 

V. 

Italienische Kartographen des 14. bis 

16. Jahrhunderts. 

Die uns bis jetzt bekannten italienischen Kartographen des 
14. Jahrhunderts sind schon oben, wo wir von ihren uns erhaltenen 
Werken sprachen, genannt worden. Nur der Name Ambrosio 
Lorinzetti ist aus dem 14. Jahrhundert noch nachzutragen, welcher 
von der Republik Siena mit der Anfertigung einer Wandkarte 
(gewiss eine Weltkarte) beauftragt wurde, welche auf Leinwand 
und Stäbe aufgezogen im Rathause aufgehängt wurde*). Im 



*) Wuttke a. a. O. S. 33. 
Stoitoohr. d. GeselUoh. f. £rdk. fid. XVIL 



50 Theobald Fischer: 

15. Jahrhundert mehrt sich ihre Zahl sehr rasch, das Zeichnen 
von Kompasskarten wird in allen grosseren Städten ein lohnender 
Erwerbszweig, die grösseren italienischen Seestädte setzen formlich 
Staatskartographen ein und zahlreiche Italiener erwerben auch im 
Auslande mit Kartenzeichnen ihr Brot. So wissen wir dies na- 
mentlich von Bartolomeo Colombo, der sowohl in Lissabon wie 
in London arbeitete, wo er Heinrich VII. eine Karte überreichte. 
In Genua wird urkundlich ein Agostino Noli im Jahre 1438 
erwähnt*) als Meister im Zeichnen von Seekarten, der als der 
einzige, welcher damals diese Kunst in Genua betrieb, Steuer- 
freiheit nachsucht, die auch diejenigen genossen, welche sich mit 
Anfertigung von Bussolen beschäftigten. Er erlangt dieselbe auch 
unter der Bedingung, dass er einen jüngeren Bruder (vielleicht den 
als Entdecker bekannten Noli ?) in seine Kunst einführe. Der Rat 
bezeichnet ausdrücklich diese Kunst als eine sehr wichtige, aber 
auch sehr mühevolle und wenig lohnende. Von Viscoute Maggiolo, 
einem Mifgliede einer berühmten genuesischen Kartographenfamilie, 
wissen wir, dass derselbe, obwohl Genuese von Geburt, in Neapel 
thätig war und 1518 nach Genua berufen wurde, um dort seine 
Kunst der Kosmographie auszuüben und Schüler auszubilden. Es 
wurde ihm dazu ein Jahresgehalt von 100 Lire bewilligt, ausser 
dem, was er sonst verdiente. 

Ausser den schon genannten Kartographen des 15. Jahr- 
hunderts sind noch folgende in chronologischer Ordnung anzu- 
führen. Wuttke **) nennt einen venetianischen Kartographen 
Nicoiao Sohn des Pasqualino, der 1408 eine in der Wiener Hof- 
bibliothek aufbewahrte Karte gezeichnet haben soll. Allerdings 
lag Zurla***) zu Anfang des Jahrhunderts in Venedig noch eine 
dem 15. Jahrhundert angehörige Karte eines Nicolo de Pas- 
qualin vor, aber unter den mir wohlbekannten Karte nscbätzen 
der Wiener Hofbibliothek findet sich eine solche Karte nicht mehr. 
Zurla nennt auch Francesco und Aloixe Cesano als zwei venetia- 
nische Kartographen des 15. Jahrhunderts, von denen ihm noch 
eine Karte vorlag. Es ist in der That von einem Francesco de 
Cesanis noch eine Karte des Mittelmeeres auf einem grossen Per- 
gamentblatt vom Jahre 1421 im Museo Correr in Venedig (Por- 
tulani N. 16) erhalten. Die Karte ist sorgsam gearbeitet, aber 
schlecht erhalten, hat auch nichts besonderes. Als Zeitgenossen 
des Giraldi haben wir den schon erwähnten Beccario zu nennen. 
Und zwar gab es zwei Beccario: Francesco, der zu Anfang des 
15. Jahrh. in Genua lebte und von dem sich 3 Karten im British 



*) Giomale Ligustico I. p. 275 und II. p. 71. 
**) a. a. O. S. 34, wahrscheinlich nach Matkovich. 
***) Di Marco Polo etc. IL p. 354. 



Über italienisclie Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 51 

Museum finden, und Battista. Von diesem findet sich eine Karte 
in München: Battista Becharius civis Janue composuit hanc cartam 
anno domini millesimo CCCCXXVI de mense novembris ad requi- 

sicionem et nomine unlesbar. Es ist die früher in Regens- 

burg aufbewahrte und durch Kunstmann, der aber Ircharius las, 
zuerst bekannt gewordene Karte. Eine zweite Karte von Fran- 
cesco oder Battista Beccario findet sich in Parma (veröffentlicht in 
den Studi), wahrscheinlich aus dem Jahre 1435. Ebenfalls als 
ein Zeitgenosse des Cesano und der Beccario's ist Andrea Bianco 
zu nennen, von welchem ausser der Mailänder Karte noch der 
bekannte grosse Atlas von 1436 in der Marciana erhalten ist, der 
unser besonderes Interesse dadurch hervorruft, dass er in den bei- 
den darin enthaltenen Weltkarten die mittelalterlichen kreisförmi- 
gen Karten neben die eben wieder bekannt gewordenen Ptole- 
mäischen setzt. Andrea Bianco hat aber auch mitgearbeitet an 
der berühmten Weltkarte des Fra Mauro, des Camaldulensermönchs 
von Murano, die noch im Dogenpalaste zu Venedig bewahrt wird 
und in den Jahren 1457 — 59 entstanden ist*). Fra Mauro hat 
auch noch andre Karten gezeichnet, namentlich eine topographische 
Karte des Gebiets von S. Michele di Lemmo in Istrien, die aber 
nur noch in einem Kupferstiche des vorigen Jahrhunderts vorhan- 
den ist. Wie ausserordentlich kartographische und kosmographische 
Studien in Venedig in dieser Zeit blühten, in der, wie wir sah,en, in 
Genua nur ein einziger Kartograph lebte, das geht am besten 
daraus hervor, dass sich den Cesanis, Giraldis, Andrea Bianco, 
Fra Mauro noch Namen wie Leardo, Leonardo und Benincasa 
würdig anreihen. Giovanni Leardo ist einer der tüchtigsten Kos- 
mographen jener Zeit, der Fra Mauro nur wenig nachsteht. Wir 
kennen von ihm jetzt zwei Weltkarten, beide kreisrund und ganz 
im mittelalterlichen Charakter, die eine von 1448 im Museum zu 
Vicenza, erst seit 1850 bekannt, die andere, erst 1879 wieder auf- 
gefunden, von 1452, im Besitze des österreichischen Generalkonsuls 
von Pilat in Venedig**). Von Antonio Leonardo wissen wir nur, 
dass Aeneas Silvius als Erzbischof von Siena ihn 1457 beauf- 
tragte, eine Karte zu Ptolemaios anzufertigen, die aber rund aus- 
fiel und in der Sakristei der Hauptkirche zu Siena aufbewahrt 
wurde***). Ganz erstaunlich ist aber die uns erhaltene Zahl von 

*) Vgl. über Fra Mauro namentlich Matkovich in den „Mittheil, der 
Wiener Geogr. Ges." 1859 S. 32. 

**) Erstere ist beschrieben von Vittore Bellio in den „Atti delV Acca- 
demia Olimpica di Vicenza** 1877. vol. X. p. 75 und verÖflFentlicht von San- 
tarem, letztere von Berchet 1880. Doch sind beide noch nicht genügend 
untersucht. 

***) Wuttke a. a. O. S. 68 führt diese Thatsache ohne Quellenangabe 
an, möglicherweise ist die Rede von Leardo. 



52 Theobald Fischer: 

Kompasskarten , welche den Namen des Anconitaners Benincasa 
tragen, aber meist in Venedig angefertigt sind. Doch hat Desi- 
moni*) wahrscheinlich gemacht, dass Karten vom Jahre 1460 
und 1461 von ihm in Genua gezeichnet worden sind, da er sich 
damals, von dem Genueser Manuele Maruffo mit seinem Schiffe 
bei Tunis gefangen genommen — er war also vermathlich auch 
Capitän wie Andrea Bianco — in Genua aufhielt. Solcher Karten, 
über ganz Europa verstreut, aber noch am zahlreichsten in Italien, 
zähle ich nicht weniger als 25. Sie zeichnen sich alle durch sehr 
sorgsame Arbeit, saubere Zeichnung aus und haben am Rande 
die Breitenangaben des Ptolemaios, die aber wenig genau sind 
und von den Seefahrern wenig geschätzt waren. Namentlich 
wertvoll sind die einzelnen Ausgaben, weil sie uns das Fortschreiten 
der portugiesischen Entdeckungen an der Westküste von Afrika 
verfolgen lassen. So reicht z. B. die Ausgabe von 1467 in der 
Pariser Nationalbibliothek bis Cap Roxo, die von 1471 (eine im 
Vatikan, eine in Murano) hat schon eine genaue Darstellung dieser 
Entdeckungen und geht weiter südwärts über Cabo do Monte 
hinaus bis zum Rio das Palmeiras. Einzelne Karten des Benin- 
casa lassen die Jahreszahl nicht mehr deutlich erkennen und es 
ist zweifelhaft, ob die im Staatsarchiv von Florenz aufbewahrten 
von 1420 und 1436 wirklich diesen Jahren angeboren; eine dritte 
ebenda trägt die Legende : Gratiosus Benincasa composuit in civi- 
tate Janue in anno domini MCCCC .... der Rest unleserlich, 
wahrscheinlich aber 1461, wie Desimoni und Santarem auch an- 
nehmen. Völlig sicher datirt ist erst ein Exemplar von 1463 in 
der ehemaligen Bibliothek Pinelli, so dass sich eine sichere Thätig- 
keit des Grazioso Benincasa nur von 1463 — 1482 nachweisen 
lässt. Noch mit ihm gleichzeitig arbeitet aber sein Sohn Andrea, 
von welchem Karten bis 1508 (in Rom in der Bibliothek der 
Propaganda) vorkommen. Ausser den genannten findet sich Be- 
nincasas**) von 1465 im Museo Correr, ein zweiter im Museum 
von Vicenza, von 1466 in Paris in der National- Bibliothek , von 
1467 ebenda, von 1468 in Palermo im Besitz der Familie Lanza- 
Trabia, von 1469 in der Ambrosiana, ein zweiter von 1469 in Paris 
in der Sammlung eines Herrn Montelag, von 1470 im Staatsarchiv 
von Florenz, ein zweiter von 1470 war ehemals in Venedig, zwei 
von 1471 im Vatikan und in Murano, einer von 1472 war ehe- 
mals im Besitz von Bossi, einer von 1473 in der Universitäts- 



*) Giornale Ligustico 1875 p. 51. 
**) Der Verfasser hat die meisten eingesehen, muss sich aber Vorbe- 
halten, später eingehender von Benincasa zu handeln. VeröflFentlicht sind 
von Santarem Stücke des Pariser von 1467 und des Vatikanischen Exem- 
plars von 1471. 



Über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 53 

Bibliothek zu Bologna, einer von 1476 in Ancona, einer von 
1480, in Ancona gezeichnet, auf der Hofbibliothek in "Wien, einer 
von 1482 in Bologna. Daran schliessen sich die Karten von 
Andrea Benincasa von 1476 in Genf, von 1490 im Communalarchiv 
von Ancona, eine andere in der Casanatensischen Bibliothek in 
Kom, ein undatirter Grazioso Benincasa im British Museum. 

Ein Zeitgenosse des älteren Benincasa ist der Genueser 
Bartolomeo Pareto, von dem eine wichtige Karte 1877 in Rom 
wieder aufgefunden worden ist*). Dieselbe ist von ungewöhnlicher 
Grösse, 1,48m X 0,70m und trägt die Legende: Presbyter Bar- 
tbolomeus de Pareto civis Janue Acolitus sanctissimi Dni Nri 
Pape composuit hanc cartam MCCCLV in Janua. Dieselbe um- 
fasst die ganze damals bekannte Welt und ist sehr reich colorirt. 
Von einem Venetianer Giorgio Giovanni findet sich eine Karte 
von 1484 auf der National - Bibliothek in Parma. Von einem 
anderen Zeitgenossen und engeren Landsmann , dem Grafen 
Hoctomanus Fredutius aus Ancona, wird eine Karte vom Ende 
des 15. Jahrhunderts in "Wolfenbüttel bewahrt. Die Namen einer 
grossen Zahl anderer, wohl meist venetianischer Kartographen 
des 15. Jahrb., und zwar von vor 1489, lernen wir durch Zurla 
kennen**), dem zu Anfang des 19. Jahrhunderts noch in Venedig 
ein Codex vorlag, welcher 35 grosse Seekarten verschiedener 
Autoren enthielt, von denen jetzt die meisten im British Museum 
zu sein scheinen. Ausser den schon früher genannten sind es 
noch Piero Rosali, Juan da Napoli, Nicolo Fiorin, Juan Soligo, 
Domenigo de Zane, Benedetto Pesina, Ponente Boscaino. Der- 
selbe Codex enthielt noch auf 36 Pergamentblättern nautische 
Abhandlungen verschiedener Art, eine Erklärung des Raxon del 
Martelogio, Notizen über die Kosten der nach Flandern gehenden 
Galeeren etc., endlich eine Beschreibung aller Häfen, welche da- 
mals im Mittelmeere, im Archipel und an den Küsten des Oceans 
bis Mogador besucht wurden. Zwei dieser Karten waren beson- 
ders interessant, weil aus ihnen hervorgeht, mit welchem Eifer 
man sich in Venedig das neueste Kartenmaterial, das die Ent- 
deckungen der Portugiesen lieferten, zu verschaffen suchte, und mit 
welcher Aufmerksamkeit die Venetianer den Entdeckungen der 
Portugiesen folgten. (Schon Andrea Bianco und Benincasa zeigten 
dies ja.) Jene Karten nämlich, die also vor 1489 entworfen 
sein mussten, nach Zurla, enthielten schon die ganze "Westküste 
von Afrika bis 13° 5' Br. (wahrscheinlich zu verstehen 15® 40' 
SBr., Cap Negro), d. h. es waren eingetragen die Entdeckungen 



*) Memorie de la soc. geogr. ital. 1878 p. 54. 
**) Di Marco Polo II p. 354. 



54 Theobald Fischer: 

der erst 1468 zurückgekehrten Expedition des Diego Cam und 
Martin Behaim. Die fragliche Karte ist jedenfalls, soweit wir 
dies aus Zurla's Beschreibung schliessen können, nahe verwandt, 
wenn nicht identisch mit der schon erwähnten, von Kohl in Lon- 
don entdeckten. Sie enthält auch das Cap Padram (capo do 
panom) am Congo, wo sich ein goldenes Kreuz findet, offenbar 
als Hinweis auf das Kreuz, welches die "Wappenpfeiler der Por- 
tugiesen schmückte. Auf beiden zeigt sich auch die für den Congo 
charakteristische Legende zwischen dem capo do panom und dem 
capo do paul: aqua dolze zingue ligas alamar. 

Im 16. Jahrh. nimmt die Zahl der Kartographen wenn mög- 
lich noch zu. An der Schwelle des Jahrh. tritt uns Albeito 
Cantino entgegen mit einer Karte der Neuen "Welt, welche sich 
unmittelbar an diejenige des Juan de la Cosa von 1500 an- 
schliesst. Sie befindet sich seit 1870 in der Bibliotheca Estense 
zu Modena und trägt die Legende: Carta da navigar per le Isole 
nuovamente trovate in la parte delle Indie da Alberto Cantino 1501*). 
Seit dem Beginn des Jahrhunderts tritt in Genua die Familie 
Maggiolo auf, die nahezu 1]^ Jahrhundert blüht, von 1511 bis 
1648**). In einer Urkunde von 1533 erscheint Visconte Mag- 
giolo als magister cartarum navigandi, 1555 Giacomo Mag- 
giolo, und aus einer Urkunde von 1644 lernen wir kennen Ni- 
colö Maggiolo, esperto e pratico nella professione di fabricare 
le carte del navigare, Nachfolger seines Vaters Cornelio, seines 
Grossvaters Gio. Antonio und dessen Bruders Giacomo und seines 
Urgrossvaters Visconte Maggiolo, welche alle für ihre besondere 
Fertigkeit vom Staate ein Jahresgehalt von 100 Lire bezogen, 
wofür sie der Republik die Karten lieferten (also ähnlich wie in 
Spanien). Nicolo Maggiolo beklagt sich, dass fremde Kartographen 
in Genua aufgetreten sind und ohne in ihrem Berufe geprüft zu 
sein, Schifferkarten, Bussolen und andere nautische Instrumente 
anfertigen und verkaufen, zum grossen Schaden des Nicolo, der 
geprüft und privilegiert ist. "Wir erfahren weiter, dass er zwei 
Söhne hat, die versprechen, seine würdigen Nachfolger in dieser 
Kunst zu werden. Es lässt sich aus den Karten und Urkunden 
ein ganzer Stammbaum dieser Familie aufstellen***), der mit Georgio 
Maggiolo um die Mitte des 15. Jahrh. beginnt und sich, 11 männ- 
liche Familienglieder umfassend, bis 1648 verfolgen lässt. "Wir 
kennen jetzt im Ganzen 19 Atlanten unter dem Namen Maggiolo, 
davon die meisten und ältesten von Visconte Maggiolo, der 

*) Diese Karte gelangt in dem Atlas zur Veröffentlichung. 
**) Über diese Familie handeln Desimoni und Staglieno im ,,Giornale 
Ligustico", 1875 p. 215. 

***) Desimoni im „Giornale Ligustico" 1877 p. 81 und Ergänzungen in den 
^^Atti deir Accademia dei Nuovi Lincei" Anno XXIX. marzo 1877. 



Über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 55 

von 1511 bis c. 1550 blüht, andere von seinen Söhnen Gio. 
Antonio, der von 1525 — 1588, und Giacomo, der von 1529 bis 
1604 blüht, wieder andere von Gio. Antonio's Sohn Baldassare 
(1583 — 1604). Erhalten sind uns nur Atlanten der Mag- 
giolo von 1511 — 1587. Der älteste mit der Legende: Ves- 
conte de Maiolo civis Janue composuit in Neapolis de anno 
1511 die XX Januaris, befindet sich jetzt in der Bibliothek 
Heredia in Madrid. Wie alle Maggiolo umfasst er in ziemlich 
grossem Maasstabe, 8 Karten 0.40m X 0.28m, und sorgsamer 
Arbeit nicht nur das Mittelmeer, sondern auch ganz Afrika, 
Amerika und Asien und lässt ebenfalls den Fortschritt der Ent- 
deckungen verfolgen. Auch das Exemplar von 1512 in der 
Bibliothek zu Parma ist noch in Neapel gearbeitet. Ein drittes, 
in Genua 1519 gearbeitet, findet sich in der Kgl. Bibliothek in 
München (Cod. iconogr. 135), von 1524 in der Ambrosiana, von 
1525 von Giovanni und Vesconte Maggiolo, ebenfalls in Parma, 
von 1535 in Turin, ein zweiter in der Kathedrale von Toledo, 
von 1547 in Paris im Depot des Cartes, von 1549 in Treviso in 
der Kommunal-Bibliothek, ein Giacomo Maggiolovon 1552 in der 
Kgl. Bibliothek zu München, ein anderer von 1553 in Genua, 
von 1558 in der Casanatensischen Bibliothek in Rom, ebenda im 
Collegio Romano ein solcher von 1561 und einer von 1567, einer von 
1562 im British Museum, einer von 1567 war ehemals im Besitz 
von Libri, ein Baldassare Maggiolo von 1583 in der National- 
Bibliothek zu Florenz, einer von 1585 in Ventimiglia, ein Ves- 
conte Maggiolo von 1587 schliesslich in der Ambrosiana. Wohl die 
erste und überhaupt eine der wenigen durch Druck vervielfältigten 
Kompasskarten war diejenige, welche Visconte Maggiolo sich 1534 
verpflichtete, dem Notar Lorenzo Lomelliuo Sorba anzufertigen und 
die dieser stechen und durch den Druck auf eigene Kosten ver- 
ofiPentlichen wollte*). 

Unter den Gefährten Magellans fand sich der Genueser 
Leone Pancaldo, welcher des Kartenzeichnens kundig war. Er 
verpflichtete sich 1531 dem Könige von Portugal gegenüber gegen 
Zahlung von 2000 Dukaten, weder selbst nach den neu entdeck- 
ten Inseln Indiens zu fahren, noch anderen den Weg dahin zu 
zeigen, noch Karten zu zeichnen, durch welche man jenen Weg 
kennen lernen könne**). Andere genuesische Kartographen des 
16. Jahrhunderts sind Giacomo Scotto, von dem sich eine Karte von 
1589 in der Marciana befindet, Giovanni Costo, Carlo da Corte u. a. 

Bedeutender als Vesconte Maggiolo, namentlich in der Tech- 
nik, war sein Zeitgenosse und engerer Landsmann Battista Agnese, 

*) Desimoni in „Giornale Ligustico*^ 1875 p. 56. 
**) Desimoni a. a. 0. p. 56. 



56 Fischer: Über italienische Seekarten und Kartographen des Mittelalters. 

der aber, vielleicht weil er in der Vaterstadt infolge des Privi- 
legs der Maggiolo nicht aufkommen konnte, in Venedig arbeitete. 
Die durch Professor Wiesers Arbeiten bekannt gewordenen 
Karten des Agnese, welche ebenfalls für die Entdeckungsge- 
schichte des 16. Jahrhunderts sehr wichtig sind, sind wegen 
ihrer reizenden Miniaturen zum Teil wahre Kunstwerke. Auch 
er ist ausserordentlich fruchtbar gewesen, es sind uns nicht weni- 
ger als 13 Atlanten vom ihm aus den Jahren 1527 — 1554 er- 
halten, die späteren sind stets durchgesehene und erweiterte Auf- 
lagen der früheren. Sie umfassen alle die ganze damalige Erde 
und enthalten zahlreiche vorzugliche Specialkarten. Das umfang- 
reichste Exemplar ist das in der Marciana von 1554, welches 
nicht weniger als 34 Blätter zählt. Im Britischen Museum 
befinden sich zwei Exemplare, von 1527 und 1536, einzelne 
Karten von 1536 — 1550 in Wien, Gotha und Dresden, ein 
Exemplar von 1543 und ein undatiertes in der Laurenziana 
zu Florenz, drei von 1545, 1553 und 1554 in der Mar- 
ciana zu Venedig, je ein undatiertes in Paris und München 
(Cod. iconogr. 136). 

Als eine besondere Leistung eines venetianischen Kosmo- 
graphen haben wir einen von Euphrosinus Vulpius 1542 in Venedig 
in Kupfer gearbeiteten Globus anzusehen, welcher sich jetzt in 
der Bibliothek der historischen Gesellschaft zu New- York befindet 
In Venedig waren im 16. Jahrb. auch Griechen als ELartographen 
thätig, und wir können auch dies als einen Ausdruck der engen 
Beziehungen Griechenlands zu Venedig und der Bedeutung dieser 
Beziehungen für Aufrechterhaltung des geistigen Lebens unter den 
Griechen ansehen. Es sind hier namentlich zu nennen Xeno- 
dochus von Korfu, von welchem sich eine Karte von 1520 im 
Museo Correr befindet, und Giorgio Sideri genannt Kallapoda 
von Kreta, von welchem sich ein Atlas in 6 Blättern von 1537 
in der Marciana findet (Klasse IV Cod. LXI), mit der Legende: 
Georgio Challopoda Candioto composuit Candia anno domini 1537, 
eine Weltkarte von 1550 im Museo Correr (Portulani 5) und ein 
Bruchstück einer solchen von 1560 (Portulani 15). Ein anderer 
Sideri von 1565 befindet sich in Rom in der Bibliothek der 
Propaganda. Diesen wie anderen venetianischen Kartographen 
des 16. und namentlich des 17. Jahrhunderts verdanken wir 
namentlich zahlreiche Karten in grossem Maasstabe von den 
venetianischen Besitzungen, besonders von Kreta, ähnlich wie die 
Genueser solche Specialkarten von Korsika entwarfen. Die Markus- 
bibliothek ist reich an solchen Schätzen, die auch für die Geschichte 
der Kartographie von grossem Werthe sind. 



O. Wien: Die Sierra von Cördoba. 57 

n. 

Die Sierra von Cördoba*). 

Von Dr. O. Wien. 
(Mit einer Karte, Taf. I.) 



Die Gebirge der argentiniscben Republik folgen mehr oder 
weniger genau der Streichungsrichtung der Cordilleren von Nord 
nach Snd und lassen sich als deren Fortsetzungen, Anhänge, 
Nebenznge oder Begleiter ansehen, je nachdem sie in unmittel- 
barem Zusammenhange mit ihnen stehen, oder, von ihnen völlig 
abgesondert, nur ihrer allgemeinen Richtung folgen. Hiernach 
können die Gebirge des Landes in mehrere Gruppen gebracht 
werden, deren sich beim Anblick der Karte naturgemäss vier er- 
geben : 

1) Die Cordilleren selbst mit ihren unmittelbaren Anhängen 
(Nevado de Famatina, Sierras de Famatina, Huerta, Jachal, Us- 
pallata). 

2) Die isolierten Gebirge am Nordrande der Republik, welche 
sich an das bolivianische Plateau anschliessen (Sierra Despoblado, 
Lumbrera, Aconquija, Tncumana, Ancaste, Ambato, Atajo, Belen, 
Gulnmpaja, Zapata, San Jose, Copaeavana, Yilasco, Llanos, Pie 
de Palo), 

3) Das System der südlichen Pampa mit der Kuppe der 
Sierra Yentana (Sierra de Tandil, de los Padres, del Volcan, 
Quillalan quen, Ventana, Pillabuinco), 

4) Das centrale System der argentinischen Ebene, repräsentiert 
besonders durch die Sierra de Cordoba (daneben die Gebirgszuge 
Portezuelo und Sierra de Morro, welche zur westlichen Sierra, von 
San Louis, hinüberfuhren). 

Die Sierra von Cordoba, deren nordöstlichen Teil die bei- 
gegebene Karte darstellt, welche nach trigonometrischen Aufnahmen 
der Herren Dr. Brackebusch**) und Seelstrang in Cordoba, 
sowie nach astronomischen und barometrischen Orts- und Höhen- 



*) Mit Benutzung : Descripcion flsica de la Republica Argentina por Dr. 
German Barmeister. Buenos Aires. — Boletin de la Academia Nacional de 
ciencias exactas. Tomo II. Entrega III. C6rdoba 1876. — La Plata-Monats- 
schrift, Jahrgang 1873, Heft 1 ff. Buenos Aires. — El Oro por Dr. Bracke- 
bosch. Cördoba 1876. — Leider stand Tom. II. Entr. II des „Boletin", in wel- 
chem sich ein Aufsatz von Dr. Brackebuscb über die Sierra von C6rdoba 
befindet, nicht zu meiner Verfügung. 

**) Dr. Brackebusch, Professor der Mineralogie; Seelstrang, früher Inge- 
nieur, Professor der Matiiematik. 



58 O. Wien: 

bestimm nngen des Herrn Dr. Gould , Direktor der Sternwarte in 
Cordoba, ebendaselbst gefertigt ist, bildet eine Gruppe von drei 
parallel von Süden nach Norden streichenden Bergzagen mit steilem 
westlichen und sanfteren östlichen Abhänge, welche fast genau der 
Richtung eines südlichen Ausläufers (Sierra de Aconquija) der 
isolierten Gebirge im Norden der Republik folgen. Die drei 
Ketten, aus denen die Sierra de Cordoba besteht, haben ungleiche 
Länge und Breite. 

Die östliche, im Anhange Sierra del Campo genannt, be- 
ginnt im Süden unter 38^ 13' S. Br., ist bis 10 km breit und 
im Kamm kaum höher als 1000 m. Weiter nach Norden tragt 
sie den Namen Sierra de Ischilin oder Sierra Chica und 
erhebt sich an einem Punkte, dem Cerro de Minas, zu 1700m 
Höhe. Auf etwa 30® S. Br. verliert sie sich in einzelnen niedri- 
gen Granitkuppen, um sich in nördlicher Richtung bin, unter 
dem Namen Sierra de Quilino, bis Puesto de Cerro (30® 58') 
noch einmal zu einem grösseren Gebirgszuge auszudehnen. Die 
mittlere Kette führt den Namen Sierra deAchala; sie ist breiter 
(bis 40 km) und höher als die vorige. Ihr höchster Punkt ist 
der Cerro de los Gigantes (auch el Gigante genannt) von 2300 m 
Höhe. 

Nach Süden geht sie weit über die erste Kette hinaus und 
streicht bis 34® 25' S. Br. , nach Norden hat sie keine Anhäng- 
sel, wie die erste, sondern bricht plötzlich bei Cruz de Bje 
(490 m) ab. Von Cruz del Eje ab verringert sich die Erbebung 
des Bodens in nördlicher Richtung beständig bis zur grossen cen- 
tralen Saline, deren Niveau nur ca. 160 m über dem Meeres- 
spiegel liegt. 

Die dritte Kette, Sierra Cerezuela, auch Sierra Puela und 
S. de Pocho genannt, ist kürzer als die* beiden genannten (32® 4' 
bis 33 '^ 18'), kaum breiter, aber höher als die erste; einige der 
Trachytgipfel, welche sie durchbrechen , erreichen eine Höhe von 
1900 m. 

Die ganze Sierra besteht im wesentlichen aus krystallinischen 
Schiefern und zwar aus Gneis; dazu kommen noch Hornblende- 
schiefer, Kieselschiefer und krystallinische Kalksteine, welche 
innerhalb des varietätenreichen Gneis auftreten, oder in mehr 
oder weniger mächtigen Bänken vielfach mit einander und mit 
dem Gneis abwechselnd lagern. Bisweilen tritt auch Thonschiefer 
auf. Das Streichen der Schichtung oder der Bänke ist gewöhn- 
lich, in Übereinstimmung mit der Hauptausdehnung des Gebirges, 
ein nord-südliches, das Einfallen ein sehr steiles und senkrechtes. 
Man dürfte die Schieferformation wohl als laurentisch auffassen 
und annehmen, dass sie im innigsten Zusammenhange mit der- 



Die Sierra von C6rdoba. 59 

jenigen Formation alter krystallinischer Schiefer stehe, welche 
einen so grossen Teil der iasularen Gebirge der Pampas und des 
Nordens sowie der Enste und des Innern von Brasilien bildet. 

In grosser Häufigkeit und Mächtigkeit tritt krystallinischer 
Kalkstein (Marmor) auf. Derselbe zeichnet sich durch eine schöne 
weisse, blassrote oder durch Serpentin grünliche Farbe und Gleich- 
mässigkeit seines Kornes aus und eignet sich daher zu architek- 
tonischen Zwecken, während ihn seine grosse Reinheit zur Er- 
zeugung eines trefflichen Kalkes qualifiziert*). 

In wissenschaftlicher Beziehung ist der Marmor interessant, 
da er mehrfach und besonders da, wo er an Hornblendenschiefer 
grenzt, reich an akzessorischen Mineralien ist, unter denen hier 
Spinell, Granat, Chondodrit, WoUastonit und Titanit Erwähnung 
finden mögen. 

Nächst diesen laurentischen Schiefern beteiligt sich an der 
Zusammensetzung der Sierra de Cordoba in zweiter Linie Granit. 
Derselbe bildet als gleichförmig körniges oder durch Orthoklas- 
zwillinge porphyrartiges Gestein ausgedehnte Stöcke**) und hat an 
einigen dieser Stellen die ihn zunächst umgebenden laurentischen 
Schiefer mehr oder weniger stark metamorphosiert. Staurolith- 
reiche Schiefer und ausgezeichnet schöner Dichroitgneis gehören 
derartigen Kontaktzonen an. 

Der interessanteste Granit ist ein ausserordentlich grobkörni- 
ger Riesengranit (Pegmatit), welcher in langen bis 3'^m mäch- 
tigen Gängen das Gebirge durchsetzt und oft durch Überhand- 
nehmen seines Quarzes in Quarzfels übergeht. Dieses Gestein 
kann in zentnerschweren Massen gebrochen werden und bildet die 
ausgehenden milchweissen Quarzklippen, oder die fleischroten Feld- 
spathfelsen (Cerros blancos), auffallende Punkte im Gebirge. 

Stellenweise ist dieser Pegmatit stark von grossen schwarzen 
Tarmalin-Krystallen durchwachsen, welche in Armesdicke als ge- 
streifte, abgerundete Säulen vorkommen. Berylle von schmutzig 
grüner Farbe und Granat finden sich zuweilen. Höchst interessant 
ist das Vorkommen von Afterkrystallen von Orthoklas nach Be- 
ryll: dicke sechsseitige Säulen bis zu 4 cm Durchmesser, doch we- 
niger lang, sind von Orthoklasmasse gebildet; einzelne halb und 



*) Die Verwendung des Marmors zn architektonischen Zwecken dürfte 
sich zur Zeit auf die Provinz C6rdoba beschränken ; in den grösseren Hafen- 
stftdten, namentlich in Buenos Aires , wo man vielfach Marmor verwendet, 
benutzt man italienischen. Dagegen wird der ausgezeichnete Marmorkalk 
von C6rdoha fast im ganzen Lande verwendet; im Jahre 1879/80 exportierte 
die Provinz 1 141 950 kg. 

**) Dasselbe findet man in den Sierren von Tncuman, Capillitas, Fama- 
tina und San Luis. Barmeister 1. c 



60 O. Wien: 

halb von Orthoklas nnd Beryll. Im Mineralogischen Maseüm 
des Nationalkollegs von San Lnis befindet sich ein solcher Krystall 
mit Längsstreifang auf den Sänlenflächen , undurchsichtig und leidt 
weissrötlicb , glasglänzend einesteils, hellgrün und durchscheinend 
anderenteils. Die Beryllkrystalle erreichen bedeutende Grosse und 
Dicke; so sah ich in Gordoba ein Stuck schmutzig gelbgrunen 
Berylls von einer Säule abgeschlagen , welches über J^ kg wog. 
Daneben treten noch Columbit, Apatit, Wolfram und Triplit airf, 
die letzten beiden in bedeutender Quantität. 

Endlich finden sich noch zahlreiche Stocke oder gangförmige 
Durchbrüche von Quarzporphyr und jüngeren eruptiven Gesteinen; 
Trachyte und Basalte häufig mit Tuffablagerungen verknüpft*). 

Die Trachyte überragen in kegel- und glockenförmigen Bergen 
ihre Umgebung und tragen nicht wenig dazu bei, einzelnen Ge- 
birgsgegenden landschaftliche Reize zu gewähren. 

Keines dieser jüngeren und jüngsten Eruptivgesteine gewinnt 
eine grosse räumliche Entwickelung, auch nicht in den übrigen 
Gebirgsgruppen im Lande, mit Ausnahme der Famatinakette, in 
welcher die Quarzporphyre in grosser Ausdehnung vorkommen; sie 
können überhaupt nur als nach Osten ausschwärmende Vorposten 
der gewaltigen Eruptionsgebiete angesehen werden, welche jene 
Porphyre und Trachyte in den Cordilleren besitzen. 

Doch haben jene isolierten Durchbrüche eine eminent prak- 
tische Bedeutung, da sie, und zwar besonders die Trachyte, an 
zahlreichen Stellen die Entwickelung von Erzgängen veranlasst 
haben, welche reich an Gold, Silber, Kupfer, Blei und Eisen sind 
und eine, wenn auch im Verhältnis zu ihrer Ausdehnung und 
Ergiebigkeit unbedeutende, Minenindustrie hervorgerufen haben, 
auf welche ich sogleich näher eingehen werde. 

Der Bergbau liegt noch sehr im Argen**) und wird unter den 
schwierigsten Verhältnissen aufgenommen. Besonders schwer fallt 
der Mangel an tüchtigen Bergleuten ins Gewicht; Hauer, welche 
das Bohren und Schiessen verstehen, sog. Barreteros, dürften kaum 
vorhanden sein und müssen von auswärts herbeigeholt werden. 
So hat man in einigen grösseren Etablissements solche aus Us- 
pallata in der chilenischen Cordillere kommen lassen. Vereinzelt 
sind auch amerikanische und australische Diggers und Miners ge- 
kommen, aber sowohl diese als auch die Eingeborenen halten es 
für unsinnig. Bergbaufragen theoretisch zu untersuchen und zu 
behandeln , und ein regelrecht betriebener Bergbau gilt ihnen 

*) Dieselben Gesteine finden sich auch in den Sierren Famatina, Belen, 
Capillitas und San Luis. Burmeister 1. c. 

**) Diese und die folgenden Bemerkungen dürften im grossen Ganzen 
auch für den Bergbau in den übrigen Provinzen des Landes gelten. 



Die Sierra von Cördoba. 61 

als absolut undurchführbar. So hegt man unter anderen das Vor- 
urteil, dass lediglich die oberste Teufe edel sei und kein Gang 
in die Tiefe bauwürdig, während mannigfache Untersuchungen 
von Fachmännern, z. B. der Ingenieure Schickendantz und Ave 
Lallemant*) meist das Gegenteil festgestellt haben. Dieser Um- 
stand, nehmlich der Mangel an nur einigermassen geübten Berg- 
leuten und Vorurteile, grosse Beschränktheit der Mittel, sowie 
enorme Preise für alle zur Arbeit und zum Leben nothigen 
Artikel erschweren bei halsbrechenden Wegen einen sachgemässen 
Bergbau so ungemein, dass es in der ganzen Sierra zu einem 
regelrechten Betriebe bislang noch nicht gekommen ist**), obwohl 
andererseits die Bergwerksgesetze die Mutung und Ausbeutung 
von Minen begünstigen. Es giebt in Argentinien 4 Klassen der 
Verleihung an den Mutenden (denunciador) , wie solches die Or- 
denanzas von Mijico bestimmen, welche hier massgebend sind: 

1) Der Entdecker eines neuen Erzbezirkes oder Terrains (el 
mineral nuevo) hat ein Recht auf drei Grubenfelder (pertenencia) 
von 200 varas (1 vara = 0,866 m) Breite und Länge, also 
600 varas Längenausdehnung auf dem Gange (de corrida) und 
200 varas Breite (de aspa). 

2) Ist das Feld bekannt, der Gang aber neu, so erhält der 
Mutende 2 Längengerechtigkeiten von 400 varas, aber immer nur 
von 200 varas Breite. 

3) Auf einem bereits aufgeschlossenen Gange erhält der 
Mutende eine einfache Pertenencia von 20()/200 varas. 

4) Eine Gewerkschaft kann erhalten 80(y200 varas. Das 
argentinische Bergrecht gewährt für Erleichterung des Bergbaues 
Freiheit vom Militärdienst, selbst im Falle einer Mobilmachung, 
für alle mit Bergbau Beschäftigten und schreibt nur eine äusserst 
geringe Abgabe für den Mutenden und den späteren Betrieb 
vor. Ausserdem gewährt das Gesetz dem Bergmanne das aus- 
schliessliche Recht der Ausbeute des auf der Erdoberfläche be- 
findlichen Holzes. 

Die Berggerechtigkeits- Verleihungen sind allerdings klein, 
aber es ist leicht, trotz dieser gesetzlichen Bestimmungen, meilen- 
weit Berg-Eigentum zu erwerben. 

So muten z. B. A, B, C und D bei der Deputacion (dem 
Bergamte); A mutet für die Firma: A & C*« 800, B für B <& C^« 
800, C f ür C & C^« 800 und D für D & C*« ebensoviel, alle 



*^ La Plata-Monatsscbrift. Buenos Aires. Jahrg. 1873, Heft Iff. 
**) Voraussichtlich wird ein solcher in Bälde von der Aktiengesellschaft 
,iRio Platense'S welche sich zu Anfang des J. 1881 in London mit einem 
Kapital von £ 50 000 zwecks Ausbeutung von Minen in der Sierra von C6t- 
doba gebildet bat, ins Werk gesetzt werden. 



62 0. Wien: 

geben dieselben Kompagnons A, B, C nnd D an. Jetzt wird 
Recht von Seiten der Deputacion gegeben, worauf B, C nnd D 
ihre Rechte für irgend einen nominellen Preis an A & C" ver- 
kaufen. — Denn kaafen kann ein jeder soviel Bergeigentum als 
er mag. Auf diese Weise erklären sich ausgedehnte Bergwerks- 
besitzungen von mehr als '^ geographischen Meile Ausdehnong, 
wie man sie stellenweise, z. B. Nino Dios und Guaico, in der 
Sierra findet. 

Meist sind es zu Tage tretende Goldadern, welche von ein- 
zelnen Familien, deren jede ihre „minita'' besitzt, ausgebeutet 
werden, soweit dies, ohne Kapitalien, mit Anwendung der einfachsteo 
Instramente möglich ist. Gewöhnlich arbeiten diese Leute andi 
nur von der Hand in den Mund; haben sie eine genügende Menge 
Gold gewonnen, um ihre nächsten Bedürfnisse von Yerba, Zacker 
und Fleisch vom Händler einzutauschen, so feiern sie, bis der 
Hunger zu erneueter Arbeit treibt. Auch ziehen einzelne Berg- 
leute (pirquineros), welche keine eigene Mine besitzen, oder ihre 
eigene aus irgend welchen Gründen nicht ausbeuten können, n 
Pferde oder auf einem Maultiere herum, schürfen auf eigne 
Faust ohne Schürfschein (peelimento) , schlagen hie und da, auch 
wohl auf fremdem Grund, ein, füllen ihre alforjas (wollene Sattel- 
taschen, meist im Lande selbst gewebt) mit Erzen (metales) und 
kehren nach Hause zurück, um dort das Edelmetall vom Gestein 
zu trennen. 

Der Abbau beschränkt sich zur Zeit auf Golderze, welche 
namentlich in den Minen von Guaico, Nino Dios*), Candelaria, 
Pataeon, Simbolar, Pencas, Cuchicurral und deren Umgebung ge- 
wonnen werden. In den kleineren Minen, „minitas", wird die 
goldhaltige Ader nur bis zu geringer Tiefe ausgebeutet, — einmal 
der Schwierigkeit, welche eine Förderung, selbst von massiger 
Tiefe, dem Einzelnen bereitet, sodann des schon erwähnten Vor- 
urteils halber, jede Ader nehme in geringer Tiefe ab, — die 
Erze mittelst Treibefäustel und Brechstange gelöst, sodann in ein 
ausgehöhltes Felsstück gelegt und mit einem anderen Felsstück 
mit der Hand oder durch den maraj**), die allgemein übliche 



*) Die Mine von Nino Dios besitzt die grösste bergmännische Anlage 
im Gebirge in einem Abzugsstollen von ca. 700 m. Derselbe ist mit grossen 
Kosten, aber so mangelhaft angelegt, dass die Mine dennoch ersoffen ist 
nnd seit dem 1. Januar 1880 nicht abgebaut wurde. Im Jnni hatte man 
noch nichts zur Beseitigung gethan; vermutlich hat die Familie, der die 
Mine gehört, Frageiro, kein Betriebskapital mehr aufzuwenden, und die Ar- 
beiten werden wohl ad calendas graecas ruhen. 

**) Der Maray besteht aus einem runden harten Stein , etwa 70 cm im 
Durchmesser, der auf einen nach der Mitte zu ausgehöhlten Boden gestellt 
wird, welcher aus einem oder mehreren Steinen konstruiert ist; an dem 



Die Sierra von C6rdoba. 68 

Handmuble der Indianer, zermalmt. Die zermalmte Masse virird 
mit Wasser bebandelt und aus dem Rückstand mit Hülfe von 
Qaecksilber das Gold berausgezogen. Ans den so gewonnenen 
Amalgamen macbt man sodann ein Kügelcben und legt dieses in 
das Feuer, welches das Wasser zur Bereitung des „Mate" er- 
wärmt. In der Hitze verflüchtigt sieb das Quecksilber und das 
Gold bleibt als spröde Masse von äusserlicb scbmutziggrauer Farbe 
zurück, welche aber durch Reiben an den vortrefflichen Zähnen 
der Weiber bald der Farbe des Goldes weicht. 

In einzelnen Minen, deren Eigentümer einiges Betriebskapital 
besitzen, bedient man sich jedoch minder einfacher Vorrichtungen 
und Anstalten, um das Gold aus dem Schosse der Erde zu ge- 
winnen. Man bohrt Schiesslöcher, zu deren Füllung man das nötige 
Pulver aus chilenischen Mühlen bezieht; dasselbe soll nichts zu 
wünschen übrig lassen, kostet aber ca. 100 Mark pro 50 Kilo, 
vor einigen Jahren sogar das Doppelte. Durchweg sind Meissel- 
bohrer im Gebrauch; vorgestählte eiserne, runde Bohrstangen sind 
den achteckigen stählernen bei weitem vorzuziehen. Beide Arten 
hat man versucht, die letzteren aber verworfen; einmal, weil in 
der Hand der wenig geübten Hauer das Fuchsschlagen und Ab- 
brechen der Stange gar kein Ende nehmen wollte — und zweitens, 
weil das Vorspitzen und Harten der Stahlstangen von den dortigen 
Bergschmieden absolut nicht fertig gebracht werden konnte. Man 
bohrt meist mit einem aus zwei Bohrern bestehenden Satz: dem 
Vorbohrer von 25 cm Länge und 31^ cm Kopfbreite, und dem Ab- 
bohrer 40 cm lang und 3 cm Kopfbreite ; die Schneide ist leicht 
gekrümmt oder ganz gerade. 

Die Bohrfäustel sind mindestens 5, oft sogar 6 und 8 kg 
schwer. Dies enorme Gewicht wird viele Fachleute in Erstaunen 
setzen; vergebens versuchte man, einen leichteren Fäustel einzu- 
führen — die Hauer weigerten sich hartnäckig, diesen zu ge- 
brauchen. — Sie verlangen schwere Eisen und kurzen Helm, weil 
letzterer den Schlag sicherer giebt, die Schwere des ersteren aber 
besser treibt. Der Helm ist nicht über 35 cm lang; dazu ist der 
Bohrer mit einer Höhlung versehen (graneado), in welche die Bohr- 
stange eintrifft. 

Der Krätzer ist ein konkaver Löffelkrätzer; der Stampfer 
einfach und ohne Spur, weil ohne Räumnadel geschossen wird. 
Bis jetzt wendet man nur das Trockenbohren an, so oft auch ver- 
sucht wurde, ein Nassbohren einzuführen. Zum Besätze werden 
Latten und Grubenklim verwendet. Man schiesst mit chilenischen 



mnden Stein wird ein hölzerner Stab befestigt und mittels dieses vom Mah- 
lenden auf der untergeschütteten Masse herumgedreht. 



64 O. Wien: 

ordinären Sicherheitszandern, nach Art der Biekfordzander ange- 
fertigt, welche an Ort and Stelle pro Meter 1 Mark kosten. Das 
Abbohren ist durchweg das einmännische ; die Bohrlocher sind bis 
40 cm tief. Nach dem Schasse erfolgt das Beräamen mittels Fimmel 
and Brechstange. 

Ausbaa in den Schichten hat man bisher kaum hergestellt, 
der Schacht ist lediglich mit den zam Tragen der Fordernngsvor- 
richtangen notigen Hölzern versehen. Die Förderang selbst ge- 
schieht jetzt mittels Uandhaspel und Ledersack an einem aus roher 
Haut gedrehten Seile, ebenso die Fahrung, während man froher 
nur die Förderung auf den Schultern des Schleppers (harpia) 
mittelst eines Ledersackes (capacho) kannte. 

Die geförderte Masse wird gleich auf der Halde (cancha) 
einer Handscheidung unterworfen (pajaquear). Um dabei möglichst 
gewissenhaft zu verfahren, werden Durchschnittsproben genommen. 
Das Probieren geschieht in der Weise, dass der Probierer aus 
verschiedenen Teilen der Masse nimmt und diese Probe aaf einem 
grossen platten Steine vermittels eines anderen zermalmt. Von 
dem Erzmehl füllt er die poruna (eine Art aus Hörn geschnittener 
Löffel), wäscht mit Wasser aus, das Unhaltige mehr and ab, bis 
sich, infolge einer der poruna erteilten wiegenden Bewegung, das 
Gold getrennt vom letzten feinen Sande absetzt. So gross ist die 
Übung der Probierer (ensayadores) , dass sie ganz genaa nach 
solcher Probe angeben, was die carga (von 16 arrobas ä 12j^kg) 
in Pesos (Thalern) wert ist. Rechnet man nun die Unze Gold 
zu 20 Pesos fuertes (86 Mark), so kann man leicht den Gold- 
gehalt nach Unzen pro tonclada (1000 Kilo) oder cajon (3200 Kilo) 
berechnen. Was unter 2 Pesos (8,60 Mk.) per carga, also \^ Unze 
per tonclada, oder 1% Unze per cajon, ist, wird über die Halde 
gestürzt, was darüber ist, geht zur Goldmühle weiter. Im grossen 
Ganzen ist der Goldgehalt 3 Unzen per Tonne, nicht selten steigt 
er aber bis 7 und 8 Unzen und darüber. 

Die Erze werden meist in der Nähe der Mine selbst zugute 
gemacht, wozu man sich Mühlen ziemlich primitiver Art bedient» 
von denen besonders 2 Arten, der trapiche und arrastre, im Ge- 
brauch sind. Die Sohle des arrastre ist aus behauenen grossen 
Granitstücken hergestellt, zwischen denen die Fugen so auskal- 
fatert sind, dass sie ^^ — 1cm tiefe Rinnen bilden, eine 2}^m im 
Durchmesser haltende Scheibe darstellend. In der Mitte dieser 
Scheibe steht ein Steinblock, der den eisernen Zapfen einer senk- 
rechten, 18 cm Quadrat starken Welle aus Quebracho blanco-Holze 
als Pfanne dient. Zwei Schleppsteine, von 225 und 400kg Ge- 
wicht, sind vermittels eiserner Haken mit Ketten an die Arme 
der Welle gebunden; diese Steine stehen diametral gegen ein- 



Die Sierra von Gördoba. 65 

ander and werden durch eine eiserne Stange so gegen einander 
abgespreitzt , dass der eine scharf am Rande des Beckens, der 
andere nächst dem Centralsteinblocke hingleiten mass, so dass 
die ganze Bodenfläche des arrastre durch eine Schleifung afflziert 
wird. Um die zu mahlende Masse auf dem Teller zurückzuhalten, 
ist ein ^^ m hoher Rand aus kurzen , 6 cm starken Dauben aus 
Algarroboholz angebracht, und zum vollständigen Aufrühren des 
Mahlgutes werden die Ketten derartig an den Steinen befestigt, 
dass sie schleifenformig nachgezogen werden und das Haufwerk 
gleichmässig über die Fläche verteilen. Ein Pferd bewegt, an 
einen Schwengel von Pappelholz gespannt, die Mühle und wird 
nach etwa 3 Stunden abgewechselt. Die Rennbahn hat etwa 6 m 
im Durchmesser. 

Ebenso ist der trapiche konstruiert, nur mit dem Unterschiede, 
dass die Mahlsteine nicht lose, sondern fest an der Holzwelle be- 
festigt sind. In diese Mühlen wird das Erz in nussgrossen Stük- 
ken aufgegeben und zwar 10—^20 Centaer nach und nach in 
6 Stunden. Das Erz zer mahlt zu einer Trübe unter Wasserzusatz, 
welchen man so reguliert, dass ein hin eingetauchter Glasstab mit 
wenig adhärierendem Mehl herauskommt. Nachdem man sich über- 
zeugt, dass die Masse gehörig fein gemahlen, wird Quecksilber, 
durch ein dickes Tuch gepresst, in feinem Sprühregen eingespritzt. 
Die Menge des Quecksilbers richtet sich nach der in der porufia 
vorher gezogenen Probe und wird derartig reguliert, dass man das 
Dreifache des Goldgehaltes hinzusetzt. Hat z. B. die Probe 
8 Unzen per cajon ergeben, so giebt man auf 10 Centner Mahl- 
gut 4 Unzen Quecksilber zu. Man giebt indessen nicht die ganze 
Quantität mit einem Male zu, sondern nur in kleinen Dosen, wo- 
bei man den Apparat stets im Gange erhält. Nach drei Stunden 
ist das Einspritzen geschehen, worauf man die Arbeit noch weitere 
drei Stunden, doch ohne Wasserzusatz, fortsetzt und alsdann die 
Menge 12 Stunden lang ruhen lässt. Alsdann wird die Trübe 
über die bekannten kalifornischen Goldgerinne (long toms, slews- 
box) geleitet, in denen sich das Amalgam absetzt, schliesslich 
noch über schmale Planherde, auf denen noch immer einzelne 
Tropfen haften. Die Gerinne werden in flachen Trogen abge- 
waschen, das Amalgam ausgewaschen, in Tuch hart gepresst und 
dann destilliert. 

Für quarzige (gruyos) Gänge sollen diese Mühlen ganz gut 
§ein nnd ein Korn von ausserordentlicher Feinheit und Gleich- 
mässigkeit liefern, dagegen bei sehr kiesigen und lettigen (llam- 
pos) Mahlgängen ein sehr mittelmässiges Resultat ergeben. 

Vereinzelt hatte man eiserne Poch- und Stampfmaschinen von 
Europa kommen lassen, z. B. ein jetzt sehr wohlhabender Müller 

Zeitschr. d. GeselUeb. f. Brak. Bd. XYII. t^ 



66 0. Wien: 

in Cruz del Bje, um die Erze eigner und fremder Minen zu zer- 
malmen ; doch haben sich derartige Unternehmungen nicht rentiert, 
da einmal die halsbrechenden Wege einen Transport von Erzen 
zur Maschine schwierig machen, andererseits aber bei der gering- 
sten Unordnung die ganze Maschine nutzlos ist, da niemand vor- 
handen ist, der sie wieder einrichten konnte. So stehen denn die 
wenigen Maschinen, welche man von Europa hat kommen lassen 
und mit grossen Kosten stackweise auf dem Rücken der Maultiere 
ins Gebirge geschafft hat, unbenutzt der Witterung preisgegeben 
und geben dem Reisenden einen Beweis der Indolenz der hiesigen 
Ra9e, welche zu träge ist, durch Anlage von Landstrassen einen 
sachgemässen Bergbau zu erleichtern. Nicht nur in dem festen 
Gestein, auch in dem Sande der meisten der kleinen Flusschen 
in der Sierra findet sich Gold und wird an einigen Stellen durch 
Waschen gewonnen. 

Auch beim Waschen bedient man sich einfacher Geräte; man 
nimmt eine Holzschale (fuente de madera) oder eine leere Sar- 
dinenbüchse, thut Sand und Wasser hinein und setzt alsdann die 
Schale in eine eigentümlich wiegende Bewegung, mittels deren 
das Gold vom Sande geschieden wird und auf dem Boden zurück- 
bleibt, während der Sand allmählich über den Rand des Gefässes 
geschwemmt wird. Das Gold kommt im Flusssand nur in kleinen 
Körnchen vor; vereinzelt werden allerdings grössere Stücke, bis 
zu 100 g Schwere, gefunden ; ich selber besitze ein Stück Wasch- 
gold aus dem Flüsschen Candelaria, welches 3,4 g wiegt. 

Den Wert der gesamten jährlichen Ausbeute an Edelmetall, 
welche sich auf Gold beschränkt, schätzt Dr. Brackebusch nach 
neueren Erhebungen auf 250—300000 Mark. 

Von der Stadt Cordoba aus führt ein für Wagen im Notfalle 
praktikabeler Weg in die Sierra, ausserdem ein Reitweg, welcher 
mit Verkürzung der Strecke weiter nördlich über die östlichste 
Kette führt und sich dann wieder mit dem Fahrwege bei Mataca- 
ballos vereinigt. 

Bricht man des Morgens von Cordoba zu Wagen auf, so ge- 
langt man mit Dunkelwerden schwerlich weiter als bis San Roque, 
da der Weg in einem entsetzlichen Zustande, ganz mit Felsgeröll 
bedeckt ist und Geleise hat, welche vom Regen ungleich tief aus- 
gewaschen sind. Ein Europäer muss glauben, dass es unmöglich 
sei, die steilen Anhöhen im Wagen zu passieren. Dennoch bringen 
die Pferde das scheinbar Unmögliche fertig, wenn sie auch alle 
Augenblicke stehen bleiben, um sich zu verschnaufen. 

San Roque ist eine Ansiedelung von einigen Hirten, welche 
ihr Vieh in den mit saftigem Grün bedeckten Thälern weiden; im 
Sommer schlafen sie meist im Freien und nur im Winter suchen 



Die Sierra von Cördoba. 67 

sie ihre Raochos auf, um sich an dem Kohlenfeuer, auf dem das 
Wasser zum Mat^ siedet, zu erwärmen und hinter den dnnnen, 
aas Zweigen nnd Lehm bestehenden Wänden, Schatz vor den 
kalten Winden zu suchen*). 

Der Reisende thut gut, der Einladung eines oder des anderen 
Individuums, im Rancho zu übernachten, nicht Folge zu leisten, 
sondern im Wagen zu kampieren, wo er wenigstens vor dem zahl- 
reichen Ungeziefer, welches in den meisten Ranchos haust, sicher 
ist. Nachdem man diese Ranchos passiert hat, führt der Weg in 
das malerische Thal von San Roque. Zur Linken erheben sich 
abschüssige Berge von massiger Hohe (barrancas), zur Rechten 
sieht man saftige Rasenteppiche, durchflössen von dem Rio de la 
Pnnilla, welcher sich später mit dem Flüsschen San Roque ver- 
einigt und von nun an den Namen Rio Primero führt, an welchem 
die Stadt Cordoba liegt. Bald erreicht man die ausgedehnte Ebene 
(pampa) von Oiain; flache, liebliche Wiesen dehnen sich weithin 
aus, deren Teppich von keinem Baum durchbrochen wird und 
deren Grün das Auge erfreut. 

Der Weg durchschneidet in nordwestlicher Richtung den 
Pampa de Olain und wird bei Matacaballos von dem Reit- 
wege, welcher von Cordoba ins Gebirge führt, gekreuzt. Dieser 
führt in seiner Verlängerung nach den Minen Candelaria, Nino 
Dies und Guaico und ist von Matacaballos bis Paso de Carmen 
auch für Fuhrwerke passierbar. 

Unserem alten Wege folgend, erreicht man die Ausläufer der 
mittleren Kette der Sierra , nachdem die Ebene von Olain passiert 
ist. Der Weg wird hier, an einen steilen Abhang angelehnt, sehr 
schmal und steil und ist derartig mit SteingeroU besät, dass man 
in grosser Gefahr schwebt umzuwerfen oder sonst einen Unfall mit 
den Pferden zu haben. Dieser Weg führt seinen Namen „Mataca- 
ballos**, Pferdetödter mit Recht von den vielen Tieren, welche hier 
verunglücken oder den Anstrengungen erliegen. 

Nach drei- bis vierstündiger Fahrt auf dieser unwirtbaren 
Strasse gelangt man nach Las Talas, einem kleinen Dörfchen, 
welches in einem Thaleinschnitte fast verborgen ist. Hier gönnt 
der Reisende gerne sich und seinen Tieren die nötige Ruhe nach 
den letzten so anstrengenden Stunden. 

Am nächsten Morgen führt ein besserer Weg nach kurzer Fahrt 



*) In der Nähe auf dem „Cumbre** ist eine Estanzia, welche dem Rektor 
der Cördobeser Universität (Gozman) gehört. Früher war dieselbe Eigentum 
der Jesuiten und wurde bei deren Austreibung an die Gnzmansche Familie 
für 300 Thaler verkauft; ihr jetziger Wert ist etwa 60000 Thaler. Etwas 
weiter westlich liegt das Dorf Tanti Cuchi, mit Kirche und Wirtshaus (pul- 
peria); der Weg dorthin ist nur für Reiter passierbar. 



68 O. Wien: 

nach Perchel und von dort über den Rio de Pintos nach Pnerta. 
Dort ist der malerischste Teil des ganzen Weges. Die Strasse 
läuft auf dem Grunde eines engen Thaies, an beiden Seiten ein- 
geschlossen von steilen Bergen, welche mit appiger Vegetation 
bedeckt sind und durchflössen von dem Rio de Pintos, welcher 
kurz vor Puerta mehrere Arme bildet. Zwischen dem ersten und 
zweiten steht ein alter Schmelzofen inmitten eines Haufens von 
Silber- und Kupfererzen. Wie es scheint, hatte man dort eine 
Probe mit Erzen angestellt, die aus einer nahegelegenen Grabe 
stammen, und da das Resultat nicht befriedigt hat. Grabe und 
Schmelzofen verlassen. 

Im Laufe der Reise überschreitet man den Rio de Pintos 
noch dreimal, ehe man nach Salto und Quilpon gelangt. Auch hier 
giebt es nur einzelne Ranchos, in welchen Bergleute (mineros) 
und Hirten (Gauchos) hausen, und der Reisende ist genötigt, die 
Gastfreundschaft der Bewohner in Anspruch zu nehmen, wenn er 
es nicht vorzieht, im Wagen oder im Freien zu übernachten. 

Die kleinen Thäler, welche die Sierra hier an den Ufern des 
Flusses bildet, zeigen eine weniger reiche Vegetation, welche da- 
für von einer Menge Guanachos, Hasen, Kaninchen und Vögeln 
— vornehmlich Papageien — belebt wird. 

Kurz vor Quilpon wird der Boden sehr sandig und ist mit 
Steingerölle besäet, zwischen welchem sich nur einzelne verküm- 
merte Pflanzen durchdrängen. Der Weg wird hier wiederum sehr 
schmal und so schlecht, dass man fast beständig in Gefahr schwellt, 
umzuwerfen. 

Dicht hinter Quilpon überschreitet man einen kleinen Bach, 
an dessen Ufer einige Ranchos liegen, welche Niederlassung den 
Namen Siguiman führt, und erblickt bald darauf die ersten hohen 
Bäume im Nordwesten, hinter denen die Häuser von Cruz del Eje 
verborgen sind. Diese Stadt liegt am rechten Ufer des gleichnamigen 
Flusses, zählt 6000 Einwohner und ist kürzlich zur „villa" er- 
hoben worden. Sie besteht aus einer einzigen Strasse von etwa 
8 — 10 km Länge, die Häuser sind einstöckig, aus Ziegeln ge- 
baut, meist inmitten eines Gartens (s. g. Quintas), von dessen 
Grün sich ihr weisser Anstrich freundlich abhebt. In dem ziem- 
lich guten Hotel kann sich der Reisende nach den vielen An- 
strengungen der Reise endlich einmal wieder erholen. Die Be- 
wohner sind Kaufleute, Handwerker, Viehzüchter, Bergleute und 
Hirten. Auch eine industrielle Anlage ist hier vorhanden. Ein 
früherer kalifornischer Goldsucher Namens Jose Olton, welcher 
früher eine Pochmaschine von Europa hatte kommen lassen, um 
in dieser die in den verschiedenen Goldminen geforderten Erze 
zu zermalmen, hierbei aber seine Rechnung nicht fand, hat später 



Die Sierra von C6rdoba. 69 

in Craz del Eje eine Wassermühle angelegt und macht, wie es 
scheint, hierbei bessere Geschäfte. 

Graz del Eje ist der Ereuzungs- und Ausgangspunkt mehrerer 
Wege. Ausser dem eben beschriebenen, welcher nach Gordoba 
fahrt, läuft eine kürzlich von der Regierung gebaute Strasse von 
circa 50 km Länge nach Dean Fnnes, einer Station der 
Gordoba-Tucuman-Eisenbahn, vermittels deren man in 5 Stunden 
die Stadt Gordoba erreicht. In der Nähe von Dean Funes be< 
finden sich einige Ranchos, welchen man der prachtvollen Algar^ 
robobäume wegen, in deren Nähe sie stehen, den Namen Algarrobos 
beigelegt hat. 

In nordwestlicher Richtung von Cruz del Eje fuhrt ein anderer 
Weg nach der Provinz La Rioja, in westlicher einer nach San 
Juan, und etwas weiter nach Süden gewendet einer über Soto 
nach Higuera, in dessen Nähe die Goldminen von Guaico, Nino 
Dios u. s. w. liegen. 

Der Weg nach Soto ist nicht so übel, und man kann dort 
ungestört die schone Umgebung gemessen. Nachdem man den Rio 
de Soto überschritten hat, gelangt man in die Stadt, welche mit 
ihrer grossen, schon gehaltenen Plaza, den breiten, gut angelegten 
Strassen und einer stattlichen Kirche dem Kommenden einen guten 
Eindruck macht. Die Stadt liegt 540 m über dem Meeresspiegel, 
durch hohe Berge im Westen, Süden und Osten vor kalten Win- 
den geschützt; 11 km etwa entfernt, an der Strasse nach San Juan, 
liegt das Indianerdorf Pichana, in welchem ein Rest der alten 
Bevölkerung des Landes unter einem selbstgewählten Oberhaupt 
(Cacique) lebt. 

In ostlicher Richtung zweigt sich von Soto ein Fahrweg ab, 
welcher über Pumallaco, Patacon, Quilambo, Valhecito führt und 
bei Puerta die Fahrstrasse zwischen Gordoba und Cruz del Eje 
erreicht. 

Mit Ausnahme von Patacon findet man an den genannten 
Orten nur einzelne Ranchos. In Patacon selber befinden sich 
ausserdem eine grosse massive Kirche und zwei Steinhäuser, zur 
Zeit der Jesuiten, welche hier eine Mission unterhielten, gebaut. 
Die Häuser werden gegenwärtig von einem Geistlichen und dem 
Eigentümer der Mine Patacon, Gil Gastro, und deren Gesinde 
bewohnt. Zur Zeit der Lichtmess sollen 10 — 12000 Menschen 
hier zusammenkommen, um ein wunderthätiges Heiligenbild, wel- 
ches sich in der Kirche befindet, zu verehren. 

Auf demselben Kamme des Gebirges, auf welchem Patacon 
liegt, befinden sich auch die goldreichen Minen von Montserrat, 
Santa Barbara und Gandelaria. Die goldführende Ader von Mont- 
serrat und Santa Barbara kann man 4 und die von den Gau 



72 ^' Fischer: 

• 

sich nach neuen Sklaven umzusehen and fnr das erlangte Oeld 
neue anzukaufen. Aber selbst wenn dies der Fall wäre — und es 
kann, wenn überhaupt, nach der jetzigen Lage der Sklavenverhüt- 
nisse in Ostafrika nur in sehr geringem Masse der Fall sein — , so 
sträubt sich einem doch das natürliche Gefühl dagegen, zu ver- 
bieten, einen Sklaven freiznkaufen. Da ist z. B. ein Sklave, der 
einem Europäer lange Zeit treu gedient und in manchen Gefahren 
auf der Reise beigestanden hat und dem sein Herr bei der Ruck- 
kehr nach Europa die Freiheit erkauft; da finde ich einen Sklaven, 
der mir brauchbar und zuverlässig scheint und gerne in meine 
Dienste treten und mich auf der Reise begleiten will, aber sein Herr 
verweigert ihm eine längere Abwesenheit; ich gebe dem Sklaven 
10 Monate Lohn im Voraus, mit welchem Geld er sich den Frei- 
brief von seinem Herrn erkauft — darf das verboten werden? 
Ganz analog dem letzteren Falle haben die Deutschen in Tabora 
4 Sklaven, welche geeignet für die Arbeiten auf der Station er^ 
schienen und sich bereit erklärten, bei den Europäern zu bleiben, 
durch Vorauszahlen ihres Monatslohnes die Möglichkeit geboten, 
ihre Freiheit zu erarbeiten: gewiss der beste Weg zur Emanzipirung 
der Sklaven, den man sich denken kann. Man riskirt nur dabei, 
dass bei den dort bestehenden Verhältnissen diese Leute sich von 
der Station entfernen können, ohne dass es in der Macht der- 
Europäer liegt, sie daran zu hindern, denn sie sind nun freie 
Männer; etwas anderes wäre es, wenn ein Arbeitskontrakt mit 
solchen gemacht würde, auf Grund dessen sie gezwungen werden 
könnten, für die Zeit des ihnen vorgestreckten Lohnes zu arbeiten; 
so müsste es unter geordneten Zuständen jedenfaUs sein. Sind 
doch die Engländer selbst solche Arbeitskontrakte in Massen auf 
viele Jahre mit indischen Arbeitern eingegangen. 

Wenn auch nur der geringste Zwang bei derartigen Er- 
werbungen von Sklavenarbeitern stattfände! Aber nichts weniger; 
man macht die Sache mit dem Sklaven selbst ab und nachdem 
man mit diesem sich geeinigt, trägt der Sklave selbst seinem Herrn 
die Abmachung zur Einwilligung vor. Hat der Sklave keine Lust, 
bei dem Europäer in Dienst zu treten, so übt sein Herr nicht den 
geringsten Zwang aus, und der Europäer wird sich auch wohl 
hüten, einen widerwilligen Arbeiter zu übernehmen, der ihm bei 
erster Gelegenheit fortlaufen würde. Bei dieser Gelegenheit sei 
bemerkt, dass man häufig Sklaven antrifft, welche die Freiheit 
nicht erhalten wollen, sondern in ihrem alten Abhängigkeitsver- 
hältnis ?u beharren wünschen; solche Individuen triflft man selbst 
in Zanzibar, wo sich jeder freie Neger mit Leichtigkeit guten Lohn 
verdienen kann. Es entspricht dies Verhalten so recht dem Cha- 
rakter des ostafrikanischen Negers. 



Einige Worte über den augenblicklichen Stand der Sklaverei in Ostafrika. 7 1 

indem sie Kinder aufkaufe, wodurch sie dem Sklavenhandel jeden- 
falls Vorschub leiste und indirekt den englischen Bemühungen 
gegen denselben entgegenwirke. Der Thatbestand ist folgender. In 
der Umgebung von Bagamojo wohnen die Wasaramo, Wasegua 
und Wadoe, freie Negerstämme, deren Leute mit der Euste Handel 
treiben, aber nicht als Sklaven gebraucht werden. Besonders bei 
letzterem Stamme ist das Aussetzen und Toten von Kindern in 
Gebrauch, weldie schwächlich, mit einem Fehler behaftet oder zu 
einer nach ihrer Ansicht ungünstigen Zeit geboren sind. Derartige 
Eünder werden zuweilen von den Eltern, die gebort haben, dass 
sich die Mission solcher ausgesetzten Neugeborenen annimmt, zu 
den Missionaren gebracht, um sie gegen ein kleines Geschenk den- 
selben zu überlassen; verweigere man es ihnen, so würden sie die 
Kinder toten. Nur um dieselben vor dem grausamen Tode zu 
bewahren, nimmt die französische Mission sich der Kinder an und 
giebt den Eltern ein Stück Zeug oder 1 Rupie (ca. 2 Mark); die 
Mission hat nur Last und Unkosten von solchen Geschöpfen, von 
denen die meisten, nachdem sie einige Zeit gewartet und ernährt 
worden, an Schwäche oder Krankheiten, in Folge ungeeigneter 
Behandlung von Seiten der Eltern vor der Aufnahme in die Mission, 
zu Grunde gehen. Dieses von den Gesetzen der Menschlichkeit 
geforderte Verhalten der Mission darf nach Ansicht des Engländers 
nicht geduldet werden, weil es indirekt die Sklaverei ermuntere. 
Mit demselben Rechte könnte man auch behaupten, Findelhäuser 
seien nicht zu dulden, weil sie indirekt grausame Mütter dazu an- 
regen könnten, ihre Kinder auszusetzen. 

Sehen wir nunmehr zunächst einmal zu, inwiefern die deutsche 
Expedition in Ostafrika dem englischen Konsul zu einer ähnlichen 
Anklage Veranlassung geboten haben könnte. Die Deutschen haben 
nämlich, wie Ihnen wohl schon bekannt sein wird, 4 Sklaven in 
Tabora die Freiheit geschenkt, welche brauchbare Leute zu sein 
schienen und sich bereit erklärten, auf der anzulegenden deutschen 
Station bleiben und für dieselbe arbeiten zu wollen. Nun wäre 
es sehr wahrscheinlich, dass die englische Anklage dahin lautete, 
die Deutschen hätten in Tabora Sklaven gekauft und damit dem 
Sklavenhandel grossen Vorschub geleistet. Von einem Kaufe kann 
aber hierbei niemals die Rede sein; was ich kaufe besitze ich, in 
diesem Falle aber habe ich das sogenannte Kaufobjekt durchaus 
nicht in meinem Besitze, im Gegentheil kann es sich sofort nach 
dem Kauf hinbegeben wohin es will; es ist sein eigner Herr ge- 
worden und durch den Kauf eo ipso frei. Was aber das Loskaufen, 
Freikaufen eines Sklaven betrifft, so ist es Deutschen, Franzosen 
und Amerikanern gesetzlich erlaubt, während es den Engländern 
nicht gestattet ist, weil dadurch die Verkäufer veranlasst würden, 



72 Ö. Fischer: 

* 

sich nach neuen Sklaven umzusehen und für das erlangte Oeld 
neue anzukaufen. Aber selbst wenn dies der Fall wäre — und es 
kann, wenn überhaupt, nach der jetzigen Lage der Sklavenverhüt- 
nisse in Ostafrika nur in sehr geringem Masse der Fall sein — , so 
sträubt sich einem doch das natürliche Gefühl dagegen, zu ver- 
bieten, einen Sklaven freizukaufen. Da ist z. B. ein Sklave, der 
einem Europäer lange Zeit treu gedient und in manchen Oefahren 
auf der Reise beigestanden hat und dem sein Herr bei der Ruck- 
kehr nach Europa die Freiheit erkauft; da finde ich einen Sklaven, 
der mir brauchbar und zuverlässig scheint und gerne in meine 
Dienste treten und mich auf der Reise begleiten will, aber sein Herr 
verweigert ihm eine längere Abwesenheit; ich gebe dem Sklaven 
10 Monate Lohn im Voraus, mit welchem Geld er sich den Frei- 
brief von seinem Herrn erkauft — darf das verboten werden? 
Ganz analog dem letzteren Falle haben die Deutschen in Tabora 
4 Sklaven, welche geeignet für die Arbeiten auf der Station er^ 
schienen und sich bereit erklärten, bei den Europäern zu bleiben, 
durch Vorauszahlen ihres Monatslohnes die Möglichkeit geboten, 
ihre Freiheit zu erarbeiten : gewiss der beste Weg zur Emanzipirung 
der Sklaven, den man sich denken kann. Man riskirt nur dabei, 
dass bei den dort bestehenden Verhältnissen diese Leute sich von 
der Station entfernen können, ohne dass es in der Macht der- 
Europäer liegt, sie daran zu hindern, denn sie sind nun freie 
Männer; etwas anderes wäre es, wenn ein Arbeitskontrakt mit 
solchen gemacht würde, auf Grund dessen sie gezwungen werden 
könnten, für die Zeit des ihnen vorgestreckten Lohnes zu arbeiten; 
so müsste es unter geordneten Zuständen jedenfalls sein. Sind 
doch die Engländer selbst solche Arbeitskontrakte in Massen auf 
viele Jahre mit indischen Arbeitern eingegangen. 

Wenn auch nur der geringste Zwang bei derartigen Er- 
werbungen von Sklavenarbeitern stattfände! Aber nichts weniger; 
man macht die Sache mit dem Sklaven selbst ab und nachdem 
man mit diesem sich geeinigt, trägt der Sklave selbst seinem Herrn 
die Abmachung zur Einwilligung vor. Hat der Sklave keine Lust, 
bei dem Europäer in Dienst zu treten, so übt sein Herr nicht den 
geringsten Zwang aus, und der Europäer wird sich auch wohl 
hüten, einen widerwilligen Arbeiter zu übernehmen, der ihm bei 
erster Gelegenheit fortlaufen würde. Bei dieser Gelegenheit sei 
bemerkt, dass man häufig Sklaven antrifft, welche die Freiheit 
nicht erhalten wollen, sondern in ihrem alten Abhängigkeitsver- 
hältnis ^u beharren wünschen; solche Individuen trifft man selbst 
in Zanzibar, wo sich jeder freie Neger mit Leichtigkeit guten Lohn 
verdienen kann. Es entspricht dies Verhalten so recht dem Cha- 
rakter des ostafrikanischen Negers. 



Einige Worte über den augenblicklichen Stand der Sklaverei in Ostafrika. 73 

Die Zeit wird nicht fern mehr sein, wo die faktisch noch zu 
Becht bestehende Sklaverei in den Besitzungen des Saltan von 
Zanzibar aufgehoben wird. In welcher Weise dies geschehen soll, 
ist freilich schwierig zn beantworten. Das einfachste wäre aller- 
dings, wenn die Engländer ohne weiteres alle Sklaven fnr frei 
erklärten, aber es wäre dies znm mindesten sehr unpraktisch; es 
mnsste für Zanzibar z. B. gleichzeitig dekretirt werden, dass jeder 
freie Neger für einen festzusetzenden Lohn arbeiten müsse, im andern 
Falle wurde Ackerbau und Handel nicht bestehen können. Mit 
den Jahren wird allerdings die Sklaverei von selbst aufhören, wenn 
nur die Engländer dafür sorgen könnten, dass keine neuen Sklaven 
vom Innern eingeführt werden ; denn ihre Vermehrung ist eine sehr 
geringe und die Sterblichkeit unter den Sklaven eine sehr grosse. 
Aber die Engländer haben es bisher nicht vermocht, die Einfuhr 
von Sklaven gänzlich zn hindern. In Zanzibar werden alltäglich 
Sklaven ge- und verkauft in dazu bestimmten Häusern, deren, so- 
viel ich weiss, augenblicklich vier in den verschiedenen Stadtteilen 
existieren. Hier findet man aber nicht nur immer auf Zanzibar 
schon längere Zeit wohnhafte Sklaven, sondern auch ganz frisch 
von der Euste angekommene. So strenge Wacht die englischen 
Kriegsschiffe auch halten, ist es den Eingeborenen doch noch mög- 
lich, Sklaven einzuschmuggeln, so hart sie auch bestraft werden, 
wenn man sie dabei ertappt. Von dem hiesigen englischen Stations- 
schiffe „London'^ werden fortwährend kleine Dampfboote nach der 
Küste, nach Pemba ausgeschickt, welche auf arabische Sklaven- 
schiffe fahnden; der Eifer der englischen Mannschaft' ist dabei sehr 
gross, da die Belohnung, welche sich nach dem Tonnengehalte und 
der Sklavenmenge der betreffenden erbeuteten arabischen Fahrzeuge 
richtet, eine grosse ist. So hat beispielsweise der Gapitän der 
„London" in einem Jahre auf diese Weise 12 000 Mark Extra- 
Einnahme gehabt. Die erbeuteten Fahrzeuge werden verbrannt, 
die Händler ins Gefängnis geworfen, die Sklaven teils an die 
englischen Missionen verteilt — die nur auf diese Art zu Zöglingen 
kommen können (übrigens soll sich ein „Bekehrter'' auf der Station 
Babai bei Mombasa befinden), teils in die englische Marine ge- 
steckt, teils nach Natal oder dem Gap gebracht, wo sie als Feld- 
arbeiter Verwendung finden sollen*). Natürlich werden sie nicht 
dazu gezwungen, sondern sie werden erst gefragt, ob sie dazu be- 
reit sind; aber es wird wohl hierbei zugehen wie bei manchen 
Plebisziten unter Napoleon III. Jedenfalls steht soviel fest, 
dass, wenn den auf Zanzibar befindlichen Sklaven die Wahl ge- 



'*') Zur Nachahmung für andere Nationen zu empfehlen, die Ansiedler 
imd Arbeiter für Stationen im Innern bedürfen. 



74 G. Fischer: 

lassen wurde, entweder als „freie Manner" in englische M ismonen 
oder Kriegsdienste zu treten oder in ihrem alten Sklavenverhalt- 
nisse zu verbleiben, sie mit wenigen Aasnahmen das letztere vor- 
ziehen wurden. 

Dass bei dem grossen Gewinn, den das Ergreifen eines Sklaven 
fahrenden Fahrzeuges abwirft, der allzogrosse Eäfer auch zu grosseo 
Härten und manchen Ungerechtigkeiten Yeranlassung giebt, ist gans 
natürlich. Wenn aber trotz der grossen Schwierigkeiten und Ge- 
fabren immerfort noch neue Sklaven zu Markte gebracht werden, 
so muss sowohl ein wirkliches Bedürfnis nach Arbeitskräften vor- 
handen, als auch der Gewinn, welcher bei den riskanten Geschäften 
herauskommt, ein grosser sein. Die Händler wenden alle mog* 
liehen Listen und JSlniffe an, ihre Sklaven bis nach Zanzibar za 
bringen; sie werden in Säcke eingenäht und zwischen Getreide 
verstaut oder unter Holzladungen versteckt und dann bei Nacht 
einzeln an Land gebracht. Die im Innern Afrikas, in Uniamaesi, 
in Udjidji u. s. w. ansässigen Araber können sich natürlich nach 
Belieben Sklaven anschaffen, wenigstens unter der Hand, denn 
offene Raubzüge dürfen sie, zumal sich jetzt in den grosseren 
Handelsplätzen allenthalben europäische Stationen befinden, nieht 
melir wagen. Wenn aber auch ein Europäer einmal einige Sklaven 
im Innern von einem Araber freikauft, so wird dadurch der Sklaven- 
handel durchaus nicht weiter berührt. Die Araber verkaufen unter 
den jetzigen Verhältnissen ihre Sklaven nur im Notfalle, wenn sie 
eine grossere Summe Geldes bedürfen. Denn eine bessere Kapital- 
Anlage wie die in Sklaven angelegte wird man nirgends finden. 
Hierzu tragen vor allem die Europäer und der Handel Zanzibars bei; 
es muss offen zugestanden werden, dass, wenn man von einer in- 
direkten Unterstützung der Sklaverei im englischen Sinne sprechen 
will, diese durch alle Europäer ohne Ausnahme in Zanzibar, selbst 
durch das englische Konsulat, geschieht. „Warum in die Weite 
schweifen, sieh' das Gute liegt so nah." Warum erst nach Tabora 
gehen, während alltäglich unter den Augen des englischen Konsuls 
durch die Arbeitskontrakte, welche die europäischen Häuser, auch 
die englischen, mit den Sklavenbesitzern machen, die Sklaverei 
indirekt gefordert wird? Aber da drückt man ein Auge zu, das 
passt den englischen Interessen. Da sind die sogenannten Hammalis 
oder Lastträger, etwa 800 an der Zahl, die in den Händen von 
wenigen Arabern sind, welche nur dadurch bestehen können, dass 
die Kaufleute die Lastträger benutzen. Diese haben nur die eine 
Arbeit zu leisten, die schwersten Lasten vom Zollhause in die 
verschiedenen Kaufhäuser und umgekehrt zu schleppen; diese Ar- 
beiter werden in einer solchen Weise angestrengt, dass sie inner- 
halb weniger Jahre zu dem Dienste nicht mehr tauglich sind und 



Einige Worte über den augenblicklichen Stand der Sklaverei in Ostafrika. 7 5 

darch frische Kräfte ersetzt werden mnssen and fortwährend von 
auswärts ersetzt werden. Alle nur eben entbehrlichen Arbeits^ 
kräfte werden in die Stadt geschickt, um bei den europäischen 
oder indischen Eaufleuten für Tage- oder Monatslohn zu arbeiten, 
infolge dessen die Plantagen mehr und mehr verfallen. Die 
kleinsten Sklavenkinder, Mädchen und Jungen, gehen schon zur 
Arbeit, suchen bei den Eaufleuten Orseille, Copal oder Kaurimu- 
Muscheln aus, oder tragen Steine und Kalk zu den Bauplätzen. Die 
Diener in den europäischen Häusern sind zum teil Sklaven von 
Arabern, selbst im englischen Konsulate. Was ein solcher Sklave 
seinem Herrn einbringt, ist mit keiner sonstigen Kapitalanlage in 
der Welt zu vergleichen. Nehmen wir an, dass ein Sklave, der 
seinem Herrn 50 Dollar gekostet, monatlich 4 Dollar verdient, 
wovon er jenem 3 Dollar abzugeben hat — einen behält er für 
seinen Unterhalt — , so hat der Besitzer nach 2 Jahren schon 
mehr als die ganze Kapitalanlage erworben. Unter den Verhält- 
nissen kann man sich leicht vorstellen, dass die arabischen Händler 
keine Gefahr scheuen, um neue Sklaven einzuführen, die naturlich 
augenblicklich sehr hoch im Preise stehen. Ein kräftiger Arbeiter 
wird mit 150 — 200 Dollar bezahlt; aber man bezahlt die Summe 
gern, weil sie sich enorm verzinst. Dass sie das thut, dazu tragen 
die Europäer wie die indischen Kaufleute (englische Unterthanen) 
das Ihrige bei, indem sie sich der Sklavenarbeit bedienen. Es 
lässt sich aber in der That nicht anders machen. Die Sklaverei 
plötzlich aufheben, hiesse in Zanzibar soviel, wie den Handel lahm 
legen. Die Lastträger vor allem würden ihre Arbeit einstellen 
oder Preise fordern, welche den Kaufleuten zu gewähren unmög- 
lich wäre. Ehe man zur vollkommenen Emanzipirung der Sklaven 
schreitet, müssen die Arbeitsverhältnisse gesetzlich geregelt werden. 



IV. 

Die antarktische Flora verglichen mit der paläozoischen. 

Von Dr. Job. Palackj. 



Unter antarktischer Flora wird gewohnlich die aussertropische 
Flora Südamerikas, Südafrikas und Australiens verstanden, welche 
richtiger in zwei Floren zerfällt — in die antarktisch-alpine auf den 
Anden der Südspitze Amerikas, den Oebirgen von Neuseeland, 
Tasmanien und Ostaustralien — und in die antarktische Wüstenflora 
vom Kap, Westaustralien und Patagonien. Die erstere bi««.! m^Vix 



76 Joh. Palacky: 

Ähnlichkeit mit der arktischen Flora, die zweite dagegen besitzt 
mehr Ähnlichkeit mit der paläozoischen Flora. 

Unter paläozoischer Flora verstehe man hier die gesamte 
Flora vor der Ereideperiode , d. h. dem Auftreten der Dikotyle- 
donen (im Genoman), da alle Perioden vordem sich botanisdi 
ähneln in dem Vorherrschen der Farne, Coniferen, später der 
Gycadeen (deren Maximum in den Jura fällt*)) und Monocotyle- 
donen. Dem entgegen bilden Kreide und Tertiär — bis zam 
Schlosse des Miocän — die mesozoische Periode; die neue Zeit 
beginnt mit der Eiszeit (die aber in Südafrika und Westaustralien 
bisher nicht nachgewiesen ist). Die arktisch -alpinen Formen 
scheinen aus der Pliocenzeit zu stammen — wenigstens sind sie 
früher nirgends nachweisbar. 

Südafrika hat nnn keine alpine Flora, obwohl dort Berge 
bis za 10000 F. nachgewiesen sind; erst Gamernn und Kili- 
mandscharo haben arktische Formen, die mit den abjssinischen 
nahe verwandt sind. 

Die Flora von Nordostanstr allen (Queensland) ist eine tro- 
pische, die eine Region der indischen (asiatischen Tropenflora} 
bildet und mit der übrigen australischen nar gewisse Formen 
gemein hat, die teilweise bis Nencaledonien reichen**). 

In gleicher Weise reichen gewisse kapische Formen nach 
Angola, ja nach Abyssinien (Proteaceen, Podocarpus, Blaeria, Aloe, 
Stapelia, Dioon, Heberstreitia, Helichrysum, Mesembryanthemum, 
Pelargonien), ja Engler (S. 77) hat 23 Genera als dem Kap und 
Mittelmeergebiet gemeinsam nachgewiesen ***). 

Die Flora Patagoniens ist eine sehr ärmliche, sowie die der 
Pampas. Beide scheinen in der Neuzeit von den Anden herab- 
gestiegen zu sein (Niederlein hat c. 300 Sp., Orbigny hatte 117 Sp., 
Berg am Rio Negro 100 Sp. etc., Grisebach gab den ganzen Pampas 
kaum 1000 Sp. [St.Hilaire hatte 500], ja selbst die Flora antaretica 
Hookers hatte nur 277 Sp.)« Einige Formen hat wohl der Parana 
vom Norden mitgebracht, doch ist deren Zahl gering. 

Die Flora der Anden ist in der oberen Region ziemlich die- 
selbe von Ecuador bis Süd -Chile und hat mit der alpinen Flora 
von Neuseeland, Tasmanien und Südostaustralien eine gewisse 
Verwandtschaft, die schon Hooker ausführlich darstellte (Neusee- 



*) Schimper hat 63 Species Gycadeen im Oolith) Regel jetzt nur 67 auf 
der ganzen Erde. 

**) Proteaceen, Epacrideen, Coniferen (Araucaria, Dammara, Frenela, 
Podocarpus). 

***) Erica, Oligomeris, Corydalis, Pelargonium , Monsonia, Erodium, 
Rhus, Lotononis, Benoomia, Crassula, Cotyledon, Caporophyllum , Stapelia, 
Cyperus, Ballota, Salvia, Eleinia, Cytisus, Aloe, Gladiolus, Morea, Bomalea). 



Die antarktische Flora verglichen mit der paläozoischen. 77 

land hat bei ihm [Handbook] 111 Sp. gemeinschaftlich [in der 
Fl. Nov. Zeeland. nur 89] mit Südamerika und 193 mit Australien, 
77 mit beiden Ländern). 

Es ist eine eigentumliche Erscheinung, dass in der sudlichen 
Erdhälfte die Westküsten alle einen grosseren Pflanzenreichtum 
haben als die Ostküsten — so am Kap, in Australien und Chile. 
Die eigentlich endemischen und typischen Pflanzen der drei Welt- 
teile sind meist auf der Westseite. So hat Chile c. 8000 Sp. (Gay 
hatte schon über 2200), während auf der Ostseite die PI. Lorent- 
zianae nur 927 Sp., und selbst die Symbola Orisebachs, die schon 
einen Teil der tropischen Flora des Nordens und die ganze Anden- 
flora umfassen, nur 2265 Sp. zählen. 

Am bekanntesten ist dies am Kap und bei Westaustralien; 
hatte doch Preiss schon selbst 2200 Sp. dort gesammelt und gab 
schon den ganzen Reichtum auf 3600 Sp., während die Fl. Austra- 
liensis (die allerdings viele Arten zusammenzieht) für ganz Austra- 
lien nur ca. 8000 Sp. hat (8063 — davon 229 Sp. Farren). Hooker 
schätzte den ganzen Südosten nur auf 3000 Sp. und den Nordosten 
auf 2200 Sp., obwohl letzterer reicher an Familien ist durch die 
zahlreichen tropischen Formen (Philydreen, Roxburghiaceen, Nepen- 
thaceen, Yucca, Balanophora, Myristica, Cyrtandraceen [2], Marlea 
vitiensis, Calophyllum inophyllnm, Melastomeen[5], Passifloreen [4]). 

Dieser Artenreichtum korrespondiert mit den endemischen 
Familien — in Chile Viviancaceen , Erancoaceen, Calycereen, in 
Australien Tremandreen, Centrolepideen, zumeist auch Myoporineen, 
Stylidieen, Stokhausiaceen, Epacrideen, am Kap Bruniaceen, Penea- 
ceen, Stilbeen, zumeist Selagineen, ungerechnet die Anzahl kleiner, 
nicht allgemein anerkannter Familien. 

Auch in den für die einzelnen Länder charakteristischen 
Familien fällt die Mehrzahl der endemischen Typen auf die West- 
seite, wie jeder Blick in eine diesbezügliche Flora lehrt. So hat 
z. B. Westaustralien zwei Drittel aller Tremandreen, bei Preiss 70, 
bei Bentham und Müller 67 Stylidieen (von 91), bei Preiss 34, 
bei Bentham 49 Restiaceen (von 71 Sp.), bei Preiss 17, bei Bent- 
ham 23 Xerotes (von 32) etc. Ebenso sind die Busch Waldungen 
des Südwestens am Kap das Centrum der endemischen Formen; 
Eriken, Diosmeen, Proteaceen, Thymeleen, Santalaceen etc. in 
einer solchen Menge, dass z. B. Drege in der Dutoitskloof bei 
Pearl allein 760 Sp. Pflanzen fand. Wie schnell nach Osten 
diese meist lokalen Formen verschwinden, zeigt, dass z. B. Bunbury 
bei Orahamstown nur 13 Sp. des Westens mehr vorfand, woran 
auch die vorherrschenden Savannen des Nordostens schuld sind. 
Arm sind dagegen an Pflanzen die nordwestlichen Küsten, die aus 
klimatischen Gründen überall auftreten im Namaqualand, in Nord- 



78 Palackj: Die antarktische Flora verglichen mit der paUU>soischen. 

Chile (Atacama), wie zwischen West- und Nordaustralien. Das 
Namaqualand hat bei Drege nur 500 Sp., die Atacamawuste bei 
Philippi 414 Sp. 

Zwischen den einzelnen Weltteilen besteht in der Sudhalfle 
eine sehr geringe Ähnlichkeit — zwischen Amerika und Afrika 
fast gar keine, ebenso zwischen Afrika und Australien — , zwischen 
Australien und Amerika nur in der alpinen Vegetation. 

Der Wüstencharakter bringt gewisse Formenähnlichkeiten her- 
vor, so die blattlosen Bäume, die phyllodineen Akazien und Cas- 
sien in Australien, die Dornsträucher, die sncculenten Euphorbien 
in Südafrika, die Gacteen Südamerikas, dann die anatomischen 
Eigentümlichkeiten der Blätter zum Schutze gegen die Yerdunstung 
bei Restiaceen, Proteaceen (Grisebach), ja selbst die Herrschaft 
gewisser Familien (der Zwiebelgewächse, die der Dürre besser 
widerstehen, der Succulenten (Mesembryanthemen [Gap, Australien]), 
Ghenopodiaceen, Amaranthaceen etc.). Ebenso hat der australische 
Scrub mit dem Bush Südafrikas viele physiognomische Ähnlichkeit 
in dem dichten, niedrigen Wuchs, den immergrünen, zähen, leder- 
artigen, grünlichen Blättern etc., obwohl von weiterer Ähnlichkeit 
fast nur bei den Proteaceen, Santalaceen, Thymeleen die B^de 
sein kann, da schon die Leguminosen andere Formen zeigen. 

Wenn man auf die paläozoische Flora zurückgeht, mnss man 
sich vor Allem erinnern, dass krautartige Pflanzen schwer sich 
erhalten konnten, und dass wir ausser den Sümpfen nur einige 
Waldreste besser kennen. Hier ist das Übergewicht der Farren, 
Goniferen und Gycadeen bezeichnend. Die Gycadeen sind heute 
in Südafrika (11 Sp.) noch bedeutend, wo sie vom Njamjamlande 
an (Ericephalartos septentrionalis) südlich reichen und z. B. im 
KafFerlande Buschwälder bilden; ebenso hat Australien 13 Arten 
bei Regel (die die Fl. Austral. zu 7 zusammenzieht). Die Goni- 
feren der antarktischen Hälfte haben ein sehr altes Gepräge 
(Araucaria, Dammara, Phyllocladus, Widdringtonia, Gallitris) und 
spielen auf den massigen Gebirgen (zumeist in Neuseeland und 
Ghile) eine bedeutende Rolle. Neben ihnen haben sich Protea«- 
ceen, Zauriaeen und andere mesozoische Familien erhalten, von 
denen die ersten in der nördlichen Erdhäfte fast verschwinden. 
Baumfarne und Palmen reichen in der südlichen Hälfte relativ 
weiter herab (Tasmanien, KajflFerland und Neuseeland) als in der 
nördlichen, und eigentliche Laubwälder (mit abfallendem Laub) sind 
seltener (bis auf die immergrünen Buchen in Südamerika, Austra- 
lien etc.), ebenso wie sie der paläozoischen Periode zu fehlen 
scheinen. Es ist die Ähnlichkeit der antarktischen und paläozoi- 
schen Flora somit mehr negativ als positiv. 



Richard Kiepert: Zur Eartogfraphie von Bolivia. 79 

V. 

Zur Kartographie von Bolivia. 

Von Dr. Richard Kiepert. 



Dass es mit den grösseren kartographischen Darstellungen Bolivias 
nicht viel auf sich hat, sieht jeder, der sich damit eingehender beschäftig^, 
bald ein. 1859 erschien bei Colton in New -York die „Mapa de la Repü- 
bUca de Bolivia, levantado 7 organizado en los anos de 1842 ä 1859 por 
el Teniente Coronel Juan Ondarza, Comandante Juan Mariano Mujia 
y Major Lucio Camacho** in 4 Blatt; es ist die letzte grössere Gesammt- 
karte des Landes, taugt aber, wie manche ähnliche offiicielle südamerikanische 
Publikationen, nur wenig. 0. Koffmahn^s Urtheil (Petermann^s Mittheilungen 
1880^ S. 269), welches ihr „grosse Ungenauigkeit im Detail, in den Rich- 
tungen und Entfernungen, selbst in der nächsten Umgebung von La Paz, 
von den vielen Fehlern in der geographischen Lage ganz zu schweigen** 
vorwirft, unterschreiben wir vollständig. Sehen wir von dem mineralreichen 
Küstenstriche, der Wüste Atacama, ab, für welche der jüngste Krieg zwischen 
Chile und Peru-Bolivia eine sehr erwünschte Bereicherung der Karte in zahl- 
reichen ad hoc erschienenen Publikationen gebracht hat (vgl. namentlicE 
die betreffenden Referate von Dr. W. Reiss in den letzten Jahrgängen der 
„Verhandlungen der Ges. f. £rdk. zu Berlin**, sowie Petermann*s Mitth. 1879, 
S. 801 — 303), so ist der Zuwachs zur bolivianischen Kartographie fast wäh- 
rend zwei Jahrzehnten unglaublich gering gewesen ; er beschränkte sich auf 
zwei Arbeiten Hugo Reckes: „Mapa topografico de la Altiplanicie central 
de Boüvia'* (London 1863, 1 : 2,250,000) und „Originalkarte von Bolivia** 
(1 : 6,250,000; in Petermann's Mittheilungen 1865, Tafel 10). Nach Musters' 
Urtheil (Journal of the R. Geographical Society Bd. 47, 1877, S. 202) ist 
erstere, ebenso wie J. B. Pentland's „Laguna de Titicaca** (London 1848), 
überall da zuverlässig, wo der Autor selbst aufgenommen hat, enthält aber 
sonst manche falsche Positionen und Höhen. 

Seit 1877 ist ein neuer Aufschwung eingetreten, der hoffentlich anhält; 
freilich ist nicht alles, was seitdem erschienen, durchweg stichhaltig. Im 
April 1877 brachte das „Geographical Magazine** eine südlich bis Cocha- 
bamba reichende „Map of the Madeira and Purus** (1:3,000,000), welche 
das topographische Departement der brasilianischen Regierung für den Oberst 
G. £. Church hatte zusammenstellen lassen. Leider erhält man keinen Auf- 
schluss über das zu Grunde liegende Material; die überaus detaillirte Zeich- 
nung auch der kleinsten nie befahrenen, zahlreichen Flüsse erweckt ent- 
schieden den bei vielen südamerikanischen Publikationen naheliegenden Ver- 
dacht, dass auch hier das Papier wieder einmal geduldig war. Mit der 
gleichzeitig erschienenen Karte H. vonHolten's „Reise zum Chapare und 
Chimore** (s. diese Zeitschrift Bd. XII, Taf. 3) stimmt die Church'sche durch- 
aus nicht; letztere ohne weiteres zu benutzen, ist (allerdings nicht aus diesem 
Grunde) entschieden zu widerrathen. Ende 1873 kam der ClvUiu^Qiüfövxx 



so Richard Kiepert: Zur Kartographie von Bolivia. 

J. B. Minchin nach Bolivia und unternahm mit dem inzwischen Terstorbe- 
nen Commander Masters zusammen umfangreiche astronomische und geo- 
graphische Arbeiten im Lande, deren Ergebnisse nach nnd nach ans Licht 
treten: zuerst 1877 die Routenkarte ^Map of part of Bolivia^ (1 : 840|000) 
im Journal of the R. Geogr. Soc. Bd. 47, S. 201 (mit Bemerkungen von 
Musters über die astronomischen Beobachtungen u. s. w.); zweitens die 
,,Mapa de una parte de la Repüblica Boliviana^ (1 : 3)000,000)) im Boletin 
de la Sociedad geogräfica de Madrid 1880) No. 4/5) welche nur für den 
flachen Osten des LandeS) den Gran Chaco Oriental und die Departements 
Cordillera und Chiquitos einiges neue (auch Routen von Cominges von 1879) 
bringt, aber einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck macht; endlich 
,,Map of part of Bolivia. Compiled from the Survey of J. B. Minchin Esq." 
(1 : 3)600)000) in den Proceedings of the R. Geogr. Soc. 1881, Jnly, welch« 
fast ganz Bolivien) den äussersten Süden und Norden ausgenonmien) umfiust 
Die erste dieser drei Karten, Routen im centralen Theile des Landes dar- 
stellend, erscheint als die detaillirteste und genaueste; von der dritten VM 
sich das letztere nicht so ganz behaupten. Sie giebt sich als das Resultat 
von Minchin*s gesammter Arbeit) während doch einzelne seiner Routen nicht 
verzeichnet sind, wie ein Vergleich mit der Liste seiner astronomischen Be- 
obachtungen (S. 417 desselben Heftes der Proceedings) ergiebt. Dahin ge- 
hören z. B. die Routen im Norden nach Sorata und Huanay, im Osten am 
Rio Parapiti, im Gran Chaco und an der Bahia Negra. Auch stimmt ^ 
Karte selbst nicht immer zu diesen astronomischen Positionen, z. B. in Besog 
auf Santa Cruz, Corumba, den Grenzpfeiler am Rio Verde, ohne dass maa 
zu entscheiden vermag, wo der Fehler lieg^. Hervorzuheben ist, dass ein- 
zelne Breiten (die Längen differiren bis zu 10 dieser Liste vorzüglich 
zu denen de Castelnau's stimmen, namentlich die von Corumba, Matte Grosso, 
Santa Ana und S. Miguel. Die Ziffer für die Länge von Lagunillas e^ 
scheint in der Liste verdruckt zu sein (die Karte im „Journal^ setzt den 
Ort unter 63^44', die in den „Proceedings" unter 63^47*, die Liste unter 
63^33'). Es bedarf mithin erst einer ausführlichen Veröffentlichung und 
Prüfung der Routenaufnahmen und astronomischen Beobachtungen Minchin*B, 
ehe man dieselben, wie geschehen, als feste Grundlage für eine Neubearbeitung 
der Karte Bolivias bezeichnen darf. Recht gut passt an die „Map of part 
of Bolivia** im „Journal" übrigens das „Trac^ einer Eisenbahn von 
Mejillones nach La Paz in Bolivia, aufgenommen vom Ingenieur Hugo A* 
Desmond** (s. Petermann's Mitth. L880, S. 267 ff. und Tafel 13), während 
dasselbe sich mit den betreffenden, der astronomischen Festlegung entbehren- 
den Routen der Minchin'schen Karte in den „Proceedings" durchaus nicht 
vereinigen lässt. 



VI. 

Zur Erinnerung an Carl Neumann, 

Von Prof. Dr. J. Partsch. 



Wenn ein Mann aus dem Leben scheidet, der nach einem 
langen glänzenden Wirken in der Öflfentlichkeit aus freiem wohl- 
erwogenen Entschlüsse seine ganze herrliche Kraft der pflicht- 
treuen Arbeit in einem inhaltreichen, doch kleinen und von dem 
Markt der wissenschaftlichen Welt weit abliegenden Berufskreise 
gewidmet hat, dann ist es die Dankespflicht dieses beschränkten 
Kreises, der Welt, in welcher nur geräuschvollere Arbeiter sich 
selbst bemerklich machen, zu sagen, was sie in diesem Mann be- 
sessen und verloren hat. Es ist mir eine Ehre und eine Freude, 
die Erfüllung dieser Pflicht im Rahmen dieser Zeitschrift ver- 
suchen zu können. Hat doch ihre Pflege die schönsten, für die 
Öffentlichkeit fruchtbarsten Jahre des Menschenlebens ausgefüllt, 
dessen Kämpfe ich zu überschauen, dessen Inhalt und Wert ich 
zu würdigen habe. 

Carl Neumann entstammte bescheidenen Verhältnissen. Als 
Sohn eines Bäckermeisters am 27. Dezember 1823 zu Königs- 
berg i/Pr. geboren, war er ursprünglich für den Beruf eines 
Elementar lehrers bestimmt. Die früh sich entfaltende geistige 
Regsamkeit des Knaben ermutigte den Vater, ihn Ostern 1838 
in die Tertia des Kneiphöfschen Gymnasiums eintreten zu lassen, 
dessen Klassen er zum Teil in abnorm kurzer Zeit durcheilte, da 
seine Empfänglichkeit für jede Anregung und die Reife seines in 
aogewöhnlicher Selbständigkeit arbeitenden Geistes ihn über das 
Dnrehschnittsniveau der Schüler merklich heraushoben. Von Natur 
zurückhaltend und in sich gekehrt, blieb er lange von seinen Mit- 
schülern sehr isoliert. Erst in den höheren Klassen fand er 
Freunde, darunter einen, dem .er in innigster Zuneigung sich an- 
schloss und für sein ganzes Leben im offensten Austausch aller 

ZeitMhr. d. Gesellseh. f. Erdk. Bd, XVII. ^ 



82 J. Partsch: 

Gedanken und Empfindungen treu verbunden blieb*). Ostern 1842 
machte Neumann (zusammen mit dem berühmten Physiker Ejrch- 
hoff) sein Abiturientenexamen und ging an die Universität Königs- 
berg über, um sich dem Studium der Geschichte za widmen. Mit 
hoher Verehrung gedachte er noch in späten Jahren stets der 
beiden akademischen Lehrer, denen er die bedeutsamste Einwir- 
kung auf seine Geistesentwickelung zuschrieb, Drumanns und 
Schuberts. Sogar Züge, die seine Freunde — wohl mit Recht 
— als in seiner eigenen Individualität wurzelnd betrachteten, 
führte Neumann selbst gern auf die Anregung jener Männer zurück, 
so auf Drumann die unerbittliche Schärfe des in gewissenhafter 
Überlegung einmal gereiften Urteils über Personen und Dinge, 
auf Schubert die Neigung, für die Betrachtung jeder Frage einen 
weiten Horizont zu gewinnen. Beim regsten Eifer für die Stadien 
blieb Neumann dem munteren Leben der akademischen Jngend 
nicht fern. Er genoss es mit vollen Zügen und spielte innerhalb 
seiner Verbindung wie in allgemeinen studentischen Angelegen- 
heiten durch sein hervorragendes Rednertalent eine bedeutende 
Rolle. Wie mit dem Wort war er allzeit schlagfertig mit der 
Klinge. Neun Mal ist er auf die Mensur getreten, die er immer 
fast unberührt verliess. 

Im Jahre 1846 schied Neumann von der Hochschule. Zu 
mittellos, um ganz der Erfüllung seines höchsten Wunsches, der 
Vorbereitung auf die akademische Laufbahn zu leben, musste er 
sich dazu entschliessen , Jahre lang als Hauslehrer für seinen 
Unterhalt zu sorgen, 1846 und 1847 bei Herrn v. Saucken anf 
Tarputschen (Kreis Darkehmen), dann nach dem Tode seines bis- 
herigen Zöglings 1848 und 1849 bei dem Generallieutenant a. D. 
Herrn Grafen LehndorfF auf Steinort (Kreis Anger bürg). Eine 
so lange Entfernung von den Anregungen und Bildungsmitteln 
der Universitätsstadt ist mittelmässigen Naturen gefahrvoll: sie 
verkümmern in der Isolierung. Neumann aber wusste auch aus 
dem neuen Boden, auf den das Geschick ihn verschlagen, Nahrung 
für seine geistige Entwicklung zu ziehen. Die wechselvollen Land- 
schfatsbilder der preussischen Höhenplatte, weitverzweigte Seen, 
kräftige Waldungen, frische Wiesenpläne und düstre Moore weckten 

*) Diesem Freunde Neumanns, dem Sanitäts-Rath Herrn Dr. med. Theodor 
Hirsch zu Königsberg i/Pr. dankt diese Lebens- Skizze den grössten Teil 
ihres Inhalts. Herr Dr. Hirsch hat mir in unbegrenztem Vertrauen etwa 
70 Briefe Neumanns aus den Jahren 1847 — 1866 zur Verwertung überlassen 
und mit freundlichster Bereitwilligkeit sich der Mühe unterzogen, meine Dar- 
stellung vor dem Druck prüfend durchzusehen. — Auch die gesamten Papiere 
im Nachlass Carl Neumanns standen mir durch die vertrauensvolle Güte 
der Schwester des Verewigten, Fräulein Minna Neumann zu Königsberg i/Pr,, 
unbeschränkt zur Verfügung. 



Zur Erinnerung an Carl Neumann. 33 

seinen Sinn far die Natur und seine Lust, in ihre Kenntnis tiefer 
einzudringen. Mit offenem Auge beobachtete er alle Vorgänge 
des landwirtschaftlichen Betriebes und eignete sich jene gründliche 
praktische Anschauung wirtschaftlicher Dinge an, die später in 
seinen wissenschaftlichen Arbeiten oft mit so überraschenden Licht- 
blicken zum Durchbruch kommt. Indess trat jedes andere Inter- 
esse neben dem für sociale und politische Fragen in den Hinter- 
grund, als 1848 die Wellen der revolutionären Bewegung auch 
jene fernsten Teile des preussischen Staates erreichten. In solch 
einer Zeit schien Teilnahme an den politischen Ereignissen Bürger- 
pflicht. Mit dem Feuereifer, mit dem Neumann jegliche Aufgabe 
anzufassen pflegte, griff er jetzt in den Knäuel der Diskussion 
aber die Tagesfragen ein. Das Interesse an ihnen riss ihn für 
mehrere Jahre aus der vorgezeichneten Bahn stillen schrittweisen 
Vorwärtsstrebens nach seinen wissenschaftlichen Zielen. Es ist 
gewiss charakteristisch für die früh vollendete geistige Reife Neu- 
manns, dass er, unbeeinflusst von den Strömungen seiner nächsten 
Umgebung, schon damals genau dieselben politischen Überzeu- 
gungen vertrat, von denen er später nie um Haares Breite ab- 
gewichen ist. Die Flugblätter, mit denen er 1849 gleich ent- 
schieden gegenüber der Demokratie wie gegenüber dem Junkertum 
für die Sache der konstitutionellen Partei wirkte, enthalten keinen 
Satz, den er nicht freudig noch in seinem letzten Lebensjahre 
hätte unterschreiben mögen. Der nie wankende Freimut, die 
treffende Schärfe und die gewandte Form seiner publicistischen 
Arbeiten lenkten die Augen der Parteiführer auf ihn. Durch die 
Vermittelung des Herrn v. Saucken eröffnete sich ihm 1850 die 
Aussicht, in Berlin als Mitarbeiter der Spener' sehen Zeitung eine 
gesicherte Subsistenz zu finden. Neumann ging darauf ein, zum 
Teil bestimmt durch die Hoffnung, mit der Übersiedelung in die 
Hauptstadt der Ausführung des nie aufgegebenen Gedankens der 
Habilitation an einer Universität um einen Schritt näher zu kommen. 
Vorerst indess nahm seine journalistische Thätigkeit seine volle 
Kraft in Anspruch. Nur kurze Zeit Hess ihn das Interesse der 
Partei in Berlin. Noch im selben Jahre trieb es ihn nach Königs- 
berg zur Übernahme der Redaktion der bisher in rein demokra- 
tischem Sinne geleiteten Hartungschen Zeitung. Die Entschieden- 
heit, mit welcher unter Neumanns Leitung dies Blatt in und nach 
den Tagen von Olmütz wider die Politik des Ministeriums Man- 
teuffel auftrat, machte den Besitzer um die Sicherheit seines Unter- 
nehmens besorgt. Er löste im Herbst 1851 den Kontrakt. Neu- 
mann wendete sich nun wiederum nach Berlin. Er kam hier 
gerade noch zurecht, das Central- Organ seiner Partei, die Kon- 
stitutionelle Zeitung, mit begraben zu helfen. Die wenigen Wochen, 



34 J* Partsch: 

während deren Nenmann die Redaktion dieses im Frühjahr 1852 
absterbenden Blattes führte, waren far ihn der Beginn einer über- 
aus trübseligen Zeit. Es war an sich keine erfreuliche Aufgabe, 
publicistisch für eine Partei zu wirken, deren Mitglieder von der 
Bedeutung der Presse keine Vorstellung hatten und sich in der 
eitlen Illusion wiegten, ihre Eammerreden seien allein ausreichend, 
die alten Anhänger um ihre politische Fahne gesammelt zu halten 
und neue zu gewinnen. Aber diese Aufgabe ward für Neumann 
besonders dornenvoll durch die Gefährdung seiner exponirten per- 
sonlichen Stellung gegenüber den Behörden. Eine ohne Moti- 
vierung erlassene und schnell zurückgenommene polizeiliche Aus- 
weisungsordre im Dezember 1852 war das erste Wetterleuchten 
der gegen Neumann aufziehenden Gefahren. Noch im selben 
Monat fanden zwei Pressprozesse, die sich an Artikel Neamanns 
in der Konstitutionellen Zeitung knüpften, ihren Ausgang mit seiner 
Verurteilung, welche nicht nur ihm, sondern auch seinen juristisch 
gebildeten Freunden — namentlich Prof. Simson — im höchsten 
Grade überraschend kam. Wenn auch die Unterstützung der po- 
litischen Freunde in Königsberg und Berlin die unmittelbaren 
materiellen Folgen dieser Verurteilung ihm tragen half, so ver- 
mochte sie ihm doch nicht den mindesten Schutz zu gewähren 
wider die nun beginnende Erschwerung seiner Subsistenz durch 
polizeiliche Massregeln. Die Berliner Polizeibehörden nahmen da- 
mals die Berechtigung in Anspruch, jedweden, der nicht in Berlin 
Heimatsrechte besass, ohne Angabe von Gründen auszuweisen*). 
So wenig diese Auffassung der Regierungs- Organe mit klaren 
gesetzlichen Bestimmungen**) im Einklang stand, blieb sie doch 
massgebend für die Praxis der Exekutive; es war thatsächlich 
jedem in der Hauptstadt nicht Heimatsberechtigten dort mit der 
Sicherheit seines Aufenthalts die erste Vorbedingung eines festen 
Erwerbes entzogen. Unter den Konsequenzen dieses abnormen 
ZuStandes hatte auch Neumann schwer zu leiden. Das bereits in 
allen Einzelheiten festgestellte und der Ausführung nahe Projekt 
einer politisch -litterarischen Wochenschrift, die unter seiner Re- 
daktion erscheinen sollte, zerstob, sowie dem dafür gewonnenen 
Verleger die erste Ausweisungsordre an Neumann es klar vor 
Augen führte, wie wenig ratsam es sei, ein weit aussehendes 



*) So formulierte ein massvoller Artikel des Prenssischen Wochenblatts 
(Redakteur Dr. v. Jasmund) 1852 Nr. 35 S. 416 den Standpunkt der Be- 
gierung in Übereinstimmung mit der offiziellen Erklärung, welche der Ver- 
treter des Ministeriums, Ministerial-Direktor v. Puttkamer am 29. November 
1850 vor der zweiten Kammer abgegeben hatte bei Beantwortung der Inter- 
pellation über die Ausweisung des Dr. Haym. 
**) Gesetz vom 31. Dezember 1842 § 1. 



Zur Erinnerung an Carl Neumann. 35 

Unternehmen anf die Kraft eines Mannes zu gründen, dessen 
Aufenthalt in Berlin nicht für die nächsten 24 Stunden als voll- 
kommen gesichert gelten dürfe. Ein anderer Verleger nahm das 
Projekt wieder auf und ermutigte Neumann zu dem Versuche, zum 
Schutz gegen fernere Polizeimaassregeln das Niederlassungsrecht 
in Berlin zu erwerben. Die Antwort auf das zu diesem Zwecke 
bei der Polizeibehörde eingereichte Gesuch Neumanns war im Juni 
1853 eine neue Ausweisungsordre, gegen deren Ausführung sich 
Neumann nur durch einen zweimaligen dringenden Appell an den 
Minister des Inneren zu schützen vermochte. Sein Niederlassungs- 
gesuch wurde „aus polizeilichen Gründen" abschlägig beschieden, 
und der Minister des Inneren fand diese Verfügung den Landes- 
gesetzen durchaus entsprechend. Sie wäre in Kraft geblieben, 
wenn nicht im Frühjahr 1854 durch Herrn v. Vincke-Olbendorf 
Se. Kgl. Hoheit der Prinz von Preussen von den Schwierigkeiten 
Kenntnis erhalten hätte, welche die Polizeiorgane der Existenz 
eines zurückgezogen seinen Studien lebenden Mannes bereiteten. 
Seine Intervention gab Neumann Gelegenheit, die Anschuldigungen 
der auf recht problematisches Material begründeten Polizeiakten 
gründlichst zu widerlegen und machte den langen polizeilichen 
Anfechtungen ein Ende. 

Nun erst, wo Neumann sicheren Boden unter seinen Füssen 
fühlte, war seine Lust und Kraft zu frischer, schöpferischer Arbeit 
der Fesseln der Sorge in ihren hässlichsten Gestalten ledig. 
Seine litterarische Thätigkeit auf politischem Gebiete hatte er schon 
mit dem Sommer 1852 auf das bescheidene Maass eingeschränkt, 
welches die Fürsorge für seine Subsistenz ihm unerlässlich machte. 
Zeitweilig musste er sogar wegen der Geiährdung seiner Stellung 
durch die Polizei auch den letzten Rest dieser publizistischen 
Arbeiten, seine politischen Korrespondenzen für die „ Grenzboten **, 
aufgeben und so auf die letzte Hoffnung verzichten, vom Selbst- 
erworbenen zu leben. In dieser schweren Zeit, in welcher manch 
wohlwollender Gönner sich von dem mit bürgerlichem Schiffbruch 
Bedrohten zurückzog, hat die Treue alter Freundschaft ihm eine 
Stütze geboten, die ihm das Verweilen bei den litterarischen 
Hilfsquellen der Hauptstadt und die Vollendung seiner wissen- 
schaftlichen Arbeiten ermöglichte. Schon im Frühjahr 1852 hatte 
er seine auf der Universität begonnenen Studien über die griechi- 
schen Kolonien am Pontus wieder aufgenommen und einen Teil 
derselben abgeschlossen in einer umfänglichen Arbeit „de rebus 
Olbiopolitanorum", auf Grund deren ihn die Universität Königs- 
berg am 10. November 1852 zum Doctor philosophiae promo- 
vierte. Fortan gehörte seine beste Kraft den Vorbereitungen für 
ein grosses Werk, welches die natürlichen und historischen Lebens- 



86 J* Pftrtsch: 

bedingangen der altgriechischeo Siedeluogen am Nordrand des 
schwarzen Meeres ergründen und ihre wechselvolle Oescbichte 
von den ersten Keimen bis zum Untergange Mitbradats entrollen 
sollte. Die grosse Aufgabe hielt ihn aufrecht, und ihre Förderung 
war sein schönster Trost in allen Widerwärtigkeiten, die über 
ihn hereinbrachen. Am 30. Juli 1853 schreibt er seinem Freunde: 
„Fast stets setze ich mich in gedrückter Stimmung an die Arbeit 
Dann, wenn ich weiter komme, vergesse ich mich selbst, werde 
warm, schreibe mit einem Interesse und einer Emsigkeit, die mir 
selbst seltsam vorkommen, wenn ich durch irgend einen Zufall 
wieder in die Wirklichkeit versetzt werde. Wie ich mich doch 
für diese alten Geschichten so interessiere, mich freue, im Geiste 
wieder die alten hellenischen Städte aufzubauen an dem Gestade 
des Meeres, sie mit den heiteren Tempeln zu schmücken, deren 
Inschriften gefunden sind, aus den Marmorfragmenten, den zer- 
brochenen Götterbildern , die man aus dem Schutt aufgegraben, 
mir das Bild der schönen Bauwerke zu vergegenwärtigen; dann 
diesen emsigen Handelsleuten auf ihren weiten Wegen zu folgen 
durch Hirten- und Jägervölker bis in den fernen Norden und 
Osten. Vielleicht zieht mich diese versunkene Herrlichkeit gerade 
deswegen so an, weil mir die Gegenwart so abscheulich ge- 
macht . ist. ^ 

Der Plan des Werkes „Die Hellenen im Skythenlande ^ war 
grossartig angelegt. Nach einer Einleitung, welche auf die Ver- 
schiedenartigkeit der Umstände hinwies, die das Aufblühen der 
hellenischen, der genuesischen und der modernen russischen Han- 
delsplätze auf demselben Boden verursachten, beleuchtete es in 
seinen beiden ersten Büchern die wesentlichsten Vorbedingungen 
des Emporkommens der griechischen Kolonien am Pontus: das 
Land und das Volk, in dessen Mitte sie gegründet waren. Die 
Schilderung des Landes sollte vor allem für das Altertum die 
Möglichkeit des Fruchtreichtums einer heut der Steppennatur an- 
heim gefallenen Region darlegen und hatte eine Fülle zerstreuter 
geologischer, land- und forstwirtschaftlicher Beobachtungen der 
Neuzeit mit den Nachrichten des Altertums zu verweben nicht 
nur zu einem fesselnd geschriebenen Landschaftsbilde, sondern zu 
der Beweisführung, dass auch für die Gegenwart ein Versuch der 
teilweisen Wiederbewaldung der südrussischen Steppen und einer 
Aufbesserung ihrer klimatischen Verhältnisse nicht hoffnungslos 
sei. Auf dieses geographische Buch folgte das ethnographische. 
Hingen doch Gedeihen und Verfall der Kolonien mit in erster 
Linie ab von dem Charakter der Barbarenstämme, mit denen die 
Ansiedler in dauernde, bald friedliche, bald feindselige Berührung 
traten. Hier stand Neumann vor dem grossen ethnographischen 



Zur Erinnerung an Carl Nenmann. 37 

Problem der Abstammnng des Skythenvolkes. Mit erstaunlicher 
Beherrschung der einschlägigen Litteratur aller Epochen und 
einem Scharfsinn , der in feinen überraschenden Kombinationen 
unerschöpflich schien, trat er den Beweis an, dass die durch 
Hippokrates so vortrefflich charakterisierte Körperbeschaffenheit 
der Skythen, ihre namentlich von Herodot eingehend geschilderte 
Lebensweise, ihre Sitten und Satzungen, ihre Religion und die 
dürftigen Reste ihrer Sprache sich nur aus einer Zugehörigkeit 
zur mongolischen Völkerfamilie befriedigend erklären Hessen. 
Das dritte Buch gab eine topographisch-archäologische Darstellung 
der hellenischen Kolonien der Krim, eine kritische Feststellung 
ihrer Lage und eine Schilderung der wichtigsten Überreste, welche 
neuere Ausgrabungen zu Tage gefördert haben. 

Das vierte Buch sollte den kommerciellen Verhältnissen der 
pontischen Kolonien gewidmet sein , ihre Beziehungen zu den 
Ländern des ägäischen Meeres und andererseits die grossen 
Handelswege beleuchten, welche vom Ufer des Pontus nordöst- 
lich nach dem goldreichen Ural, östlich durch Kolchis und Geor- 
gien, über das kaspische Meer und den Oxus nach Indien führten. 
Die Schilderung dieser Handelsrouten und ihrer Verzweigungen 
bot zugleich Gelegenheit, die antike Ethnographie des östlichen 
Russlands nordwärts bis in die fernsten Regionen , welche die 
Alten nur im Dämmerschein der Sage kannten , südwärt9 bis in 
das bunte Völkergemisch des Kaukasus zu enträtseln. Das fünfte 
Buch sollte — im Wesentlichen ebenso umgrenzt wie die Inaugural- 
dissertation — die Verfassung und Geschichte Olbia's entwickeln 
und die Völkerbewegung auseinandersetzen, welche den ersten 
Anstoss zum Verfall der griechischen Pflanzstädte gab, das sechste 
den inneren Zustand und die Geschichte des bosporanischen 
Reiches darstellen bis zum Untergange Mithradats. 

Der weite Horizont, den die Bearbeitung umfassen sollte, 
die Mannigfaltigkeit der Gesichtspunkte der Betrachtung und 
schon der immense Umfang des zu verarbeitenden, sehr hetero- 
genen Materials erforderten ungemein vielseitige und tief einge- 
hende Vorarbeiten. Erst 1855 fand der erste Band des Werkes 
seinen Abschluss*). Für die Aufnahme des Buches nicht nur 



*) Der zweite, für welchen die drei letzten Bücher vorbehalten waren, 
ist niemals erschienen, da die Pflichten der festen Lebensstellungen, in welche 
Nenmann bald eintrat, seine Arbeitskraft für andere Zwecke absorbierten. 
Im Nachlass haben sich nicht nur sehr sorgsam und planvoll angelegte 
CoUectanea für diesen zweiten Teil vorgefunden, sondern auch fertige Aus- 
arbeitungen, die indess — mit Ausnahme der 1852 abgefassten Dissertation 
— fast ausschliesslich der Zeit vor 1850 angehören und sicher nicht in der 
vorliegenden Form zur Publikation bestimmt waren. 



88 J* Partscht 

unter den Fachgelehrten, sondern in dem weiteren Kreise aller 
Gebildeten war es von forderlicher Bedentang, dass auf seinen Gegen- 
stand, anf die nordpontischen Lander gerade damals die Anümerk- 
samkeit der Welt durch den Krimkrieg hingelenkt war*). Aber 
nicht dieser zufälligen Gunst der Zeitumstände, sondern seinem 
inneren Werte dankte das Werk Neumanns den durchschlagenden 
Erfolg, welcher die stille begeisterte Forscherarbeit unter drucken- 
den äusseren Verhältnissen würdig krönte. Die Wärme und 
Innerlichkeit der Darstellung verlieh auch einem scheinbar fern 
liegenden und interesselosen Gegenstande eine Anziehungskraft, 
welche jeden Leser unwiderstehlich gefangen nahm. Die unüber- 
troffenen Naturbilder der südrussischen Steppen in dorrender 
Sommerglut und im Wirbel des Schneesturmes, das lebensvolle 
Gemälde der skythischen Nomaden und ihrer barbarischen Sitten 
waren nicht nur Leistungen, an denen die Wissenschaft ihre 
Freude haben musste, sondern — man darf es getrost aussprechen 
— Bereicherungen des Schatzes der deutschen Litteratur. Dag 
eminente Darstellungstalent, welches den farblosen Berichten der 
geistlosesten Schriftsteller wahres Leben einhauchte, den ver- 
wickeltsten Argumentationen in gefälligem und doch würdigem 
Gewände auch bei dem indolentesten Leser Aufmerksamkeit und 
Wirkungskraft sicherte, hat allen Beurteilern Bewunderung ab- 
genötigt. 

Dem wissenschaftlichen Werte des Werkes in vollkommen 
unbefangener Würdigung gerecht zu werden ist noch heut schwer, 
da es vielfach in Kontroversen sich vertieft, über welche eine 
volle Übereinstimmung noch nicht erzielt ist. Als zweifellos er- 
bracht kann der Nachweis gelten, dass am Nordufer des Pontus 
im Altertum Waldland in grösserer Ausdehnung als heut vorhan- 
den war. Moderne Anpflanzungsversuche haben gelehrt, dass 
an Stellen der Krim und des benachbarten Festlandes, die zu 
ewiger Waldlosigkeit verurteilt schienen, Baumwuchs Wurzel 
schlagen und fröhlich gedeihen kann. — Die ethnologische Frage 
über die Herkunft der Skythen wird noch heut in sehr verschie- 
denem Sinne beantwortet. Man hat — im Widerspruch mit 
Herodots ausdrücklichem Zeugniss — Skythen und Sarmaten 
wieder zusammengeworfen und dann aus sarmatischen Namen und 



*) Das allgemeine Interesse jener Jahre für die Krim hatte Neumann 
bereits vor der Veröffentlichung seines Werkes die Anregung gegehen zu 
drei inhaltreichen und doch äusserst anmutig geschriebenen Aufsätzen, welche 
namentlich in militärischen Kreisen herechtigtes Aufsehen machten: Sebastopol 
in „Grenzboten" XIII, 1 S. 281—288. Blick auf die Krim in „Preuss. 
Wochenbl." III No. 41 S. 373 — 376. Aphorismen über den Kriegsschauplatz 
in „Preuss. Wochenbl." III No. 44 S. 404—407. 



Zur Erinnenmg an Carl Neumann. 89 

"Worten die eranische Herkunft der Skythen gefolgert, oder auch 
wohl vereinzelt die Skythen zu Slaven machen wollen. Aber die 
Forscher, welche mit weiterem Horizont auch das Gebiet der 
nordasiatischen Ethnographie beherrschen, scheinen immer ent- 
schiedener sich der Ansicht zuzuneigen, dass die Skythen zur 
nralo-altaischen Völkerfamilie gehören, wenn sie auch eher mit 
Finnen und Kalmücken, als mit den Mongolen in Beziehung zu 
bringen sind. Von den Beweisen, welche Neumann für die Zu- 
gehörigkeit der Skythen zum uralo-altaischen Völkerkreis ent- 
wickelte, ist der linguistische, den Neumann ohne die besondere 
Ermutigung einer kompetenten Autorität nie veröfifentlicht hätte, 
entschieden missglückt; dagegen enthält der anthropologische und 
ethnologische eine Fülle von wertvollen und entscheidenden Mo- 
menten, die mit dazu beitragen dürften, den Zusammenhang der 
Skythen mit den uralo-altaischen Völkern schliesslich ganz klar 
zu stellen. — Ganz ungeteilt ist der Beifall, der dem topographisch- 
archäologischen Teile der „Hellenen im Skythenlande ** gespendet 
wird. Neumann hat hier eine vortreffliche Grundlage geschaffen, 
auf welcher die Lokalforscher specialisierend und im Einzelnen 
korrigierend rüstig weiterbauen konnten. 

Die Vollendung eines Werkes, das nach so vielen Richtungen 
anregend , in mancher bahnbrechend wirkte, hob Neumann mit 
einem Male aus dem Dunkel eines zurückgezogenen, wenig be- 
achteten Daseins heraus. Die bisher verborgene Tüchtigkeit be- 
währte ihre magnetische Kraft plötzlich nach verschiedenen Seiten, 
am mächtigsten auf die wissenschaftlichen Kreise Berlins. Vor 
allen begrüsste Carl Ritter, dem Neumann jetzt erst näher trat, 
seine Arbeit mit der aufrichtigen ermutigenden Freude, welche 
das nie erkaltende, wackere Herz dieses Archegeten der Wissen- 
schaft jedem ernsten Streben jüngerer Talente entgegenbrachte. 
Wie für Ritters wissenschaftliche Denkweise, die allein einen tiefer 
greifenden Einfluss auf Neumanns Geistesrichtung gewann, hat 
dieser vom Augenblick des ersten Zusammentreffens für die ehr- 
würdige, gewinnende Persönlichkeit des festen, selbstlosen, kern- 
deutschen Mannes eine begeisterte Verehrung empfunden, die 
durch den engeren Verkehr der folgenden Jahre an Innigkeit nur 
gewann. Auch mit A. v. Humboldt kam Neumann bald in Be- 
rührung und hatte sich eines aufrichtigen thatkräftigen Wohlwollens 
von Seiten des einflussreichen Mannes zu erfreuen. Neben Ritter 
war es A. v. Humboldt, der für einen Ehrenpreis von 400 fl., 
welchen der König von Bayern 1856 für eine hervorragende 
Leistung auf dem Gebiete der Geographie ausgesetzt hatte, mit 
Erfolg den Verfasser der „Hellenen im Skythenlande " in Vor- 
schlag brachte, und mit Ritter war A. v. Humboldt bemüht, die 



90 J* Partseh: 

rasch im vollen Werte erkannte Kraft Xenmanns dauernd an die 
geographischen Stadien zu fesseln. 

Noch vor Ablanf des Jahres 1855 stand Neumann vor der 
Wahl zwischen verschiedenen ihm sich öffnenden Berafsbahnen. 
Auf der einen Seite winkte die akademische Lehrthätigkeit, sa 
welcher mit ermutigenden Zusicherungen Johannes Schulze auf- 
forderte Und die Freunde, namentlich Schubert in Königsberg und 
Max Duncker in Berlin, drängten, — auf der anderen die Re- 
daktion einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Die Notwendigkeit, 
bei der Berufswahl auch die Subsistenzfrage in erster Linie mit 
in Betracht zu ziehen und die — allerdings trügerische — Hoff- 
nung« bei der Leitung einer Fachzeitschrift Müsse zu behalten zur 
Vollendung des begonnenen grossen Werkes, bestimmten Neumann, 
Hwh für die letztere, ihm gleichzeitig von zwei Seiten gebotene 
Möglichkeit zu entscheiden. Unter Ablehnung eines ehrenvollen 
Antrags, als Mitarbeiter Aug. Petermanns die Redaktion der Mit- 
ttillungon aus J. Perthes' geographischer Anstalt zu übernehmen, 
ontHchloss sich Neumann seine Kraft der Pflege der Zeitschrift 
für Allgemeine Erdkunde zu Berlin zu widmen, welche gegenüber 
dorn jungen, mit frischer Kraft und starken materiellen Mitteln 
auftretenden Gothaer Unternehmen gerade damals sichtlich Terrain 
verlor. Mit der 1856 unter Neumanns Redaktion erscheinenden 
n Neuen Folge ^ kam auch ein neuer Geist in diese Zeitschrift. 
Ka wird in der Geschichte der wissenschaftlichen Publizistik wenige 
Fülle geben, in denen der Charakter und der wissenschaftliche 
Standpunkt einer Zeitschrift so vollständig das Gepräge der dem 
Herausgeber eigenen Geistesrichtung trugen, wie die 9 Bände der 
Zeitschrift für Allgemeine Erdkunde, welche 1856 — 1860 unter 
Neunianiis Redaktion erschienen. Nicht nur stammte von dem 
Inhalt dieser Bände ein volles Drittel, manchmal noch mehr, aus 
seiner Feder, sondern die Gewissenhaftigkeit und Entschiedenheit, 
mit welcher Neumann — ohne vor persönlichen Misshelligkeiten 
zurückzuschrecken — auch den glänzendsten Namen gegenüber 
an den strengen Anforderungen festhielt, denen er in seinen 
eigenen Arbeiten zu genügen suchte, drückten auch den bisweilen 
stark umgegossenen Aufsätzen anderer den Stempel der wissen- 
schaftlichen Exaktheit und — soweit dies möglich war — der 
meisterhaften Darstellangsgabe auf, die dem Leiter der Zeitschrift 
eigen war. Was Neumann anstrebte, war nicht ein Wettlauf 
mit Peter mann in der raschen Publikation der neuesten Ergeb- 
nisse geographischer Forschung — hierin überliess er dem rüh- 
rigen, durch weite Verbindungen und grosse Mittel begünstigten 
Gothaer Berufsgenossen kampflos den Vorrang — ; er suchte viel- 
mehr den eigentümlichen Wert der Berliner Zeitschrift darin, 



Zur Erinnerung an Citri Neumann. 91 

unter sorgsamer, streng kritischer Verwertung des originalen 
Qnellenmaterials die Errangenschaften der Erdkunde in abgeschlos- 
senen, möglichst formvollendeten Bearbeitungen derartig zur Dar- 
stellung zu bringen, dass statt zersplitterter, ungleichwertiger 
Notizen ein einheitliches Bild in lebenswarmer Färbung, statt des 
Erzes, welches die Arbeiter der Wissenschaft in allen Weltteilen 
zu Tage forderten, das reine, in vollendetem Gepräge ausgemünzte 
Metall der gebildeten Welt geboten werde. Wie berufen Neu- 
mann zur Lösung dieser Aufgabe war, zeigt uns fast jeder einzelne 
seiner originell angelegten, geistvoll durchgeführten und mit 
fesselnder Verve geschriebenen Aufsätze. Wenige nur hebe ich 
aus der herrlichen Reihe heraus. Das künstlerische Gestaltungs- 
vermögen, welches auch manchen minder leicht anzuregenden Geist 
mit lebendigem Interesse für neu erschlossene Länder zu erfüllen 
wnsste , bewährte sich am glänzendsten in der gedankenreichen, 
klassisch geschriebenen Abhandlung: „Die amerikanische Expedition 
nach Japan"*). Gern erinnerte Neumann noch später sich der 
Freude, die er Ritter damit bereitet. Unter dem frischen Ein- 
druck ihrer Lektüre kam der alte Herr trotz seiner 77 Jahre 
hinauf in Nenmanns Mansarden -Wohnung, um ihm unverzögert 
persönlich für dies kleine Kunstwerk zu danken. Das Arbeits- 
feld, auf welchem Neumann die ersten Proben seiner geographi- 
schen Schöpferkraft, seines Talents für kartographische Konstruktion 
abzulegen hatte, war Süd- Amerika. Der kgl. preussische Ge- 
schäftsträger in den La Plata-Staaten , Herr von Gülich, sandte 
der Zeitschrift häufig reichhaltige Originalmitteilungen, amtliche 
Publikationen der Regierungen, Flugschriften, Zeitungen u. s. w. 
— ein Quellenmaterial von zweifelloser Bedeutung, aber von 
sehr ungleichem Wert und entschieden aphoristischem Charakter. 
Mit feiner Kombinationsgabe und kritischem Takt entwarf Neu- 
mann auf Grund solcher Informationen das erste detaillierte 
Kartenbild und die erste gründliche monographische Schilderung 
der argentinischen Provinz Catamarca**). Es folgten höchst glück- 



*) Zeitschrift fiir allg. Erdkunde Neue F. I. S. 306—325. 389—424. 
Vgl. ausserdem über Japan I. S. 275—282, II. S. 279, m. S. 501, IV. 
S. 426, V. S. 369, VI. S. 491. 

**) Zeitschr. f. allg. Erdk. I. S. 56—80. 155-175. Den Wert dieser 
gediegenen Arbeit ermisst man leicht, wenn man Neumanns Karte Ztschr. I. 
Tafel 2 einerseits mit der fast gleichzeitigen Karte in Petermanns Mitthei- 
lungen 1856, 3 und der späteren Karte in der Zeitschrift für Erdk. VII. 
Tafel 7, andererseits mit der dem fortgeschrittenen Stande der Kenntnis 
entsprechenden Karte Burmeisters (Petermanns Mittheilungen 1868, Tafel 4) 
vergleicht. Andere Arbeiten Neumanns über die La Plata-Staaten: I. S. 186, 
n. S. 267. 377. 581, III. S. 270, IV. S. 72. 131, V. S. 273. 491, VII. 
S. 455 ff. 497. 



92 J« Partsch: 

liebe Darstellungen der chilenischen Provinzen Coqnimbo und 
Goncepcion und des araukanischen Grenzdistrikts, sowie eine 
durch die Erfahrungen der Entdeckungsgeschichte äusserst wirkungs- 
voll beleuchtete, meisterhafte Skizze eines Terrains an der Magel- 
haens-Strasse, das die Chilenen für bedenkliche Kolonisationspläne 
ins Auge gefasst hatten*). Eine andere Gruppe von Arbeiten 
beschäftigte sich mit Central-Amerika. In der eingehenden, plan- 
vollen Diskussion der damals bereits in starker Zahl auftauchen- 
den Projekte für den interoceanischen Kanal**) bekundet sich 
umfassende Kenntnis und scharfblickendes praktisches Urteil, in 
der markigen Apologie der tragischen Expedition Strains eine 
überwältigende Kraft und Wärme der Darstellung***). Ohne auf 
die mannigfachen übrigen Arbeiten Neumanns weiter einzugehen, 
unter denen eine umfängliche Serie sich mit den Fortschritten 
unserer Kenntnis von Australien beschäftigtet)? will ich kurz nur 
noch auf die zahlreichen kritischen Besprechungen neuer Erschei- 
nungen auf dem Gebiete der geographischen Litteratur hinweisen. 
In ihnen tritt uns das schneidige Urteil eines ausgereiften, selb- 
ständigen Geistes entgegen, versöhnlich gepaart mit einer Viel- 
seitigkeit der Auffassungsgabe, welche, aus umfangreichen und 
verständnisvollen Kenntnissen entsprungen, jedem Verdienste ge- 
recht zu werden vermag. 

So nahm Neumann, beseelt von einem schrankenlosen Pflicht- 
eifer, nie sich selbst genügend und auch anderen gegenüber in 
den Anforderungen als Redakteur nicht zu genügsam, einen er- 
staunlich grossen Teil der zu leistenden Arbeit auf die eigenen 
Schultern. Dieses weitgehende Pflichtgefühl und die unerschöpf- 
liche, frische Leistungskraft gaben ihm mitten in einem Kreise 
hochbedeutender Männer, wie Ritter, A. v. Humboldt, Dove' 
Ehrenberg, eine geachtete würdige Stellung, deren Selbständigkeit 
er nach allen Seiten mit ruhiger Festigkeit und, wo nötig, mit 
scharfer Entschiedenheit zu wahren wusste. Aber dies pflichttreue 
Streben — und hierin hat zeitlebens auf jedem Posten Neumanns 
Stärke und, wenn man will, auch seine Schwäche gelegen — Hess 
seine Kraft auch vollkommen aufgehen in den Obliegenheiten einer 
Stellung, welche er selbst ursprünglich nur als eine Staffel zu 

*) Zeitschrift f. allg. Erdk. II. S. 52—70, VI. S. 124—146. 343—355, 
III. S. 312—358. Andere Arbeiten Neumanns über Chile I. S. 179—186, 
IL S. 375, III. S. 159. 267, VI. S. 238, VII S. 70, IX. S. 251. 

**) Zeitschr. f. allg. Erdk. II. S. 235-253. 434—461. 518—563, vgl. 
auch I. S. 257, II. S. 580, III. S. 71. 262, IV. S. 513, VI. S. 402. 

***) Zeitschr. f. allg. Erdk. II. S. 567—580, HL S. 440—481. Die 
Gold- und Silber-Region des östlichen Honduras. 

t) Zeitschr. f. allg. Erdk. II. S. 264—267. 370-375. 468—474, V. 
S. 134—163. 423—438. 479—482, VI. S. 41—67, IX. S. 469—474. 



Zur Erinnernng an Carl Neumann. 93 

weiterem Fortkomnnen betrachtet hatte. Die HofiFnung, in Ruhe 
seine ^Hellenen im Skythenlande '^ vollenden zu können, zerrann, 
je energischer er daran arbeitete, Schritt far Schritt sich das ganze 
Wissensgebiet zu erobern, dessen Beherrschung ihm die erste Vor- 
bedingung für eine Erfüllung seiner Redaktionspflichten schien. 
Es ist begreiflich, dass Nenmann aus diesen Wogen von Arbeit, 
in die er selbst stets tiefer sich versenkte, als die Notwendigkeit 
absolut gebot, sich bald hinwegsehnte in eine Existenz, von der 
er sich eine ruhigere Sammlung seiner Kraft, eine fruchtbare 
Konzentration auf ein enger begrenztes Arbeitsfeld versprechen 
durfte. Das Ziel seiner alten Wünsche, das akademische Lehramt, 
schien ihm in dieser Lage begehrenswerter als je. Er behielt es 
von nun an fest im Auge, wiewohl die Lockung, der Politik seine 
Geisteskraft zu weihen, noch einmal und besonders dringend an 
ihn herantrat. 

Die Stellung Neumanns in den Reihen der konstitutionellen 
Partei hatte ihn während der Zeit seiner publizistischen Wirksam- 
keit schon 1852 mit den parlamentarischen Nachbarn der eigenen 
Fraktion in Berührung gebracht, mit der Partei Bethmann-HoUweg. 
Je mehr die konstitutionelle Partei zerfiel, desto eifriger hatte 
Neumann ihren Trümmern einen engeren Anschluss an die Partei 
Bethmann-Hollweg empfohlen; der Ernst der Zeit mahnte daran, 
dass alle die Elemente, welche den Mut und den Geist besassen, 
der übermächtigen Reaktion einen Damm zu setzen, möglichst 
fest zu erfolgreichem Zusammenwirken sich an einander schliessen 
müssten. Auch persönlich war Neumann damals den geistig 
bedeutenden Männern, welche der Partei Bethmann-Hollweg trotz 
ihrer bescheidenen numerischen Stärke ein schwer wiegendes Ge- 
wicht in der Wagschale der parlamentarischen Entscheidung sicher- 
ten, nähergetreten. Besonders J. v. Grüner hatte ihn schätzen 
gelernt und an sich herangezogen. Allmählich knüpfte sich zwischen 
beiden Männern trotz mancher entschiedenen Differenz im poli- 
tischen Denken und in der Lebensanschauung ein fester Freund- 
schaftsbund für das Leben. Seit dem Beginn ihrer engeren Be- 
kanntschaft hatte J. V. Grüner wiederholt, so schon im Sommer 
1852, dann im Herbst 1854 versucht. Neumann für die Redaktion 
des Organs der Bethmannschen Partei, des Preussischen Wochen- 
blattes, zu gewinnen. So lockend und ehrenvoll das Anerbieten 
war, hatte Neumann bei der beträchtlichen Divergenz der eigenen 
politischen Anschauungen von denen, die jenes Blatt zu vertreten 
hatte, sich niemals zu seiner Annahme entschliessen können. 
Seit dem Herbst 1854 war Neumann allerdings beständiger Mit- 
arbeiter dieses Blattes geworden. Aber seine Thätigkeit, die 
einzige, welche ihm in jener Zeit eine Subsistenz verschaffen konnte, 



94 J* Partsch: 

beschränkte sich auf die auswärtige Politik und namentlich auf die 
militär-geographische Beleuchtung der kriegerischen Ereignisse in 
der Krim, dem Kaukasus, Armenien. Diese publizistische Wirk- 
samkeit war mit der Arbeit für die geographische Zeitschrift so 
wohl vereinbar, dass er sie auch in den nächsten Jahren weiter 
fortführte. Daher der überraschende Reichtum des Preussischen 
Wochenblatts an gediegenen geographischen Artikeln, zu denen 
die Tages-Ereignisse , wie das Vordringen der Russen in Asien, 
der indische Aufstand, die Pläne für die Durchstechnng der 
Isthmen von Suez und Panama stets mannigfachen Anlass boten. 
Die 1857 und 1858 wiederholten Aufforderungen, nach v. Jas- 
munds Rücktritt die Redaktion des Wochenblatts anzunehmen, 
lehnte Neumann wiederum ab, ebenso 1860 das Anerbieten, unter 
glänzenden Bedingungen an die Spitze der Redaktion der Kreuz- 
Zeitung zu treten, welche die nunmehr an das Staatsruder ge- 
langte Bethmannsche Partei in anderem Sinne als bisher geleitet 
zu sehen wünschte. Erst am Ende des Jahres 1860 trat er auf 
J. V. Gruners Andringen für kurze Zeit in den Dienst der Politik, 
gerade in dem Augenblicke, wo ihm nach dei* Lösung seiner Ver- 
pflichtungen gegen die geographische Zeitschrift der lang ersehnte 
Zugang zu der akademischen Lehrthätigkeit sich eröffnete. In 
Übereinstimmung mit den Wünschen der philosophischen Fakultät 
der Universität Breslau ernannte ihn der Minister des Unterrichts 
am 13. Dezember 1860 zum ausserordentlichen Professor der Geo- 
graphie und der alten Geschichte in dieser Fakultät. Auf Grund 
eines Abkommens der betreffenden Ministerien verblieb indess 
Neumann vorerst in Berlin, wo er zunächst im Staatsministerium 
(R. V. Auerswald), dann unter seinem Freunde J. v. Grüner im 
Ministerium des Auswärtigen (Graf Bernstorff) als Hilfsarbeiter 
thätig war. Dass diese politische Beschäftigung wirklich nur 
eine provisorische, vorübergehende blieb, lag zum Teil allerdings 
an dem Minister-Wechsel, welcher 1862 Herrn v. Bismarck-Schön- 
hausen an die Spitze der Staatsleitung brachte und Neumann ver- 
anlasste, die Erlaubnis zum Antritt seines akademischen Lehramts 
nachzusuchen. Aber auch ohne diese äussere Anregung würde 
er gewiss bald von der Politik sich wieder ganz der Wissenschaft 
zugewendet haben. Das kann man mit Bestimmtheit versichern 
nach dem gewaltigen für seine ganze fernere Entwicklung entschei- 
denden Eindruck, den die erste Schweizer Reise 1861 auf ihn 
gemacht hatte. Den Sohn der Pregelstadt, der bei dem eindrin- 
gendsten Forschen über die Natur der fernsten Zonen doch nie 
über die Grenzen des norddeutschen Tieflands hinausgekommen 
war, hatte 1858 schon der Anblick des ersten Mittelgebirges mäch- 
tig bewegt. Er schreibt im September 1858 nach einem Ausfluge 



Zur Erinnerung an Carl Neumann. 95 

in das Waldenburger und Adersbacher' Gebirge: i^Ich habe mich 
recht mnde gesehen an all diesen Herrlichkeiten. Da ich noch 
nie anstehendes Gestein gesehen, kannst Du Dir denken, wie mich 
diese fremde Wunderwelt ergriffen hat." Auch in den nächsten 
beiden Sommern hatte er auf kurze Zeit das schlesische Gebirge 
besuchen können. 1861 sah er zum ersten Male die Alpen und 
zwar gerade einen Teil, der die Fülle mannigfacher Terrain- 
formen und Naturerscheinungen, dunkle Seespiegel und blendende 
Scbneegipfel, schwellendes Mattengrün und starre Gletscher, in 
höchster Grossartigkeit auf engem Räume umschliesst: das Bern er 
Oberland. Mit vollem Entzücken versenkte sich Neumann in die 
Flut überwältigender Eindrücke, die sein empfänglicher Sinn in 
der unmittelbaren Anschauung des Hochgebirgs aufnahm. Aber 
sein Geist verharrte nicht auf der Stufe der blöHen Bewunderung, 
des passiven Schwelgens in unklarem Begeisterungsrausche. Er 
rang nach dem Verständnis dieser neuen Welt, nach Antwort auf 
die Rätselfragen, die jeder Bergriese mit unverhülltem Schichten- 
bau, jedes Thal mit deutlich gesonderten Staffeln und Kammern, 
jedes Dorf mit eigenartiger Bevölkerung und Lebensweise ihm 
vorlegten. Am mächtigsten fesselten ihn die unerschöpflichen geo- 
logischen Probleme. Er schreibt einige Wochen nach der Heim- 
kehr seinem Freunde: „Meine Gedanken sind noch fortwährend 
in der Schweiz. Jede freie Stunde ist jetzt geologischen Aus- 
arbeitungen gewidmet, die immer mehr anschwellen Diese 

Arbeiten erfüllen mich mit dem höchsten Interesse, und ich kann 
Dir gar nicht sagen, mit welcher stillen Genugthuung ich mich 
zu ihnen niedersetze, sobald ich mich meiner berufsmässigen Ar- 
beiten entledigt habe. Für Grüner scheint es ganz unbegreiflich 
zu sein, dass ich mich für die Ausbreitung des Nummulitenkalks 
interessiere und gleichzeitig Projekte über die Durchführung ver- 
wickelter politischer Fragen auskalkuliere; er unterlässt nie, mir 
seinen Schrecken auszudrücken, wenn er mich hinter Hornblende- 
gesteinen und derartigen Allotriis vertieft findet, während er sein 
sorgenschweres Herz in einem politischen Gespräche zu erleich- 
tern wünscht. Gross allerdings ist der Kontrast, aber zur Auf- 
rechthaltung meines Gleichgewichts scheint er notwendig zu sein. 
Es thnt mir unendlich wohl, mich von dem miserablen Treiben 
der Menschen der Betrachtung einer grossen Natur zuzuwenden; 
und wenn ich von dieser stillen, beruhigenden und erhebenden 
Arbeit aufstehe, finde ich, dass ich auch das Treiben der Men- 
schen gelassener beurteile, mehr darauf bedacht, ihnen durch 
zweckmässige Ratschläge unter die Arme zu greifen als sie 
bitter zu kritisieren.'^ Bei einem so entschieden überwiegenden 
Hang für wissenschaftliche Thätigkeit bedurfte es keines starken 



96 J- Partsch: 

Anlasses, um Neumanns Verbindung mit dem politischen Treiben 
weiter zu lockern und endlich zu losen. Nach dem Minister- 
wechsel im Herbst 1862 suchte Neumann sofort seine Entlassung 
aus dem Dienste des Auswärtigen Ministeriums nach und erhielt 
sie nach Erneuerung seines Gesuches im Frühjahr 1863 in aner- 
kennungsvoller Form. 

Anfang November 1863 eröffnete er seine Vorlesungen an 
der Universität Breslau. Da im Lehrkörper dieser Hochschule die 
alte Geschichte bisher keinen eigenen, die Geographie gar keinen 
Vertreter gehabt hatte, war Neumann in der Lage, für seine Be- 
rufsarbeit sich erst den Boden erobern und bereiten zu müssen. 
Dass sich für geographische Vorträge überhaupt Hörer finden 
würden, wurde von seinen Freunden unter den älteren Collegen 
entschieden bezweifelt. In der That war die erste Vorlesuns: so 
dürftig besucht, dass Neumann es als ein Gluck betrachtete, 
überhaupt nur zum Wort gekommen zu sein. Doch von Stande 
zu Stunde wuchs sein Auditorium. Es sammelte sich um ihn 
schnell ein Kreis von Hörern, die erst nicht ohne Befremden, 
dann mit steigendem Interesse, bald mit begeisterter Anhänglidi- 
keit der Behandlung von Materien lauschten, die ihnen teils über- 
haupt zum ersten Male, teils wenigstens zum ersten Male in die- 
ser eigenartigen Auffassung und Färbung geboten wurden. Schon 
im ersten Semester war Neumanns akademischer Erfolg entschie- 
den. Mit jedem Jahre mehrte sich die Zahl seiner Hörer. Bald 
zählten seine Vorträge zu den beliebtesten und frequentesten der 
Hochschule. 

Die unwiderstehliche Anziehungskraft der Neumannschen Vor- 
lesungen zu analysieren, ihren originalen Wert richtig abzuwägen, 
ist vielleicht gerade dem Schüler unmöglich, der am längsten 
und mit dauernd unbegrenzter Bewunderung unter dem Banne 
dieser Anziehungskraft gestanden hat und heut noch darunter steht, 
so fest wie am ersten Tage, wo der Hauch des mächtigen Geistes 
ihn berührte. Aber die Pflicht, hier den Versuch solch einer 
Analyse zu wagen, ist unausweichlich, da Neumanns volle Kraft 
und die ganze Leistung seiner reifsten Jahre aufging in der 
Pflege seines akademischen Lehramts. 

Charakteristisch für Neumanns ganze Lehrthätigkeit und für 
jede ihrer Seiten zweifellos bedeutsam war die Teilung seiner 
Arbeitskraft zwischen der Erdkunde und der alten Geschichte. 
Dieser Dualismus wurde ihm nicht etwa erst durch die Einwir- 
kung äusserer Umstände in seiner Universitätsstellung aufgedrängt, 
sondern war vielmehr eine Frucht seiner individuellen Entwicke- 
lung auf einem bewegten, zwischen politischer und wissenschaft- 
licher Arbeit mehrmals schwankenden Lebensgange. Die Universi- 



Zur Erinnemn^ an Carl Neumann. 97 

tätsstudien, die Teilnahme an den politische^ Bewegungen auf 
der Wende der heiden Hälften unseres Jahrhunderts und die For- 
schungen auf dem Gebiet der griechischen Eolonialgeschichte hat- 
ten zu feste Fäden historisch-politischen Denkens durch das Oe- 
webe seines Geisteslebens gezogen, als dass er jemals der Freude 
am Altertum und dem Interesse an seinem regen politischen Trei- 
ben hätte entsagen können. Andererseits hatte die Grossartigkeit 
der Alpennatur, zu der er alljährlich wieder wie zu einem er- 
quickenden Born ewiger Geistesjugend zurückkehrte, die schon 
bei der Betrachtung des Skjthenlandes erwachte, dann bei der 
Redaktion der Zeitschrift mächtig genährte Neigung zu naturwis- 
senschaftlichen Studien in ihm zu heller Begeisterung angefacht. 
Stets betrachtete er es als eine Erfrischung, fast wie einen ver- 
dienten Lohn harter Geistesanspannung, wenn er nach anhalten- 
dem Erwägen verwickelter politischer oder psychologischer Pro- 
bleme, wie sie das historische Studium allenthalben bot, sich in 
die lebendige Anschauung interessanter Naturverhältnisse versenken, 
ihre Ursachen sich vergegenwärtigen, ihren Wirkungen nachspuren 
konnte. Es war unausbleiblich, dass diese alternierenden Arbeiten 
auf geschichtlichem und geographischem Gebiet vielfach ineinander 
griffen, dass mancher auf dem einen aufblitzende Gedanke zugleich 
Licht auf das andere warf. 

Von den Früchten dieser Wechselwirkung fiel der weitaus 
überwiegende Anteil den historischen Arbeiten zu. Wenn schon 
zu allen Zeiten und aller Orten die physischen Verhältnisse, unter 
deren Herrschaft ein Volk sich entwickelt, einen gewaltigen Ein- 
fluss üben auf seine Lebensweise 9 auf die Staatsordnung, die es 
sich einrichtet, selbst auf sein Denken und Glauben, so muss 
doch ganz besonders für die Betrachtung der alt -klassischen Ge- 
schichte die Berücksichtigung des Bodens, auf dem sie erwuchs, 
sich fruchtbringend erweisen. „Denn die Macht der natürlichen 
Bedingungen, unter deren Einwirkung der Mensch gestellt ist, 
wächst, je ausschliesslicher er sich auf seine nächste Umgebung 
verwiesen sieht; und da die Verkehrsbeziehungen immer einfacher 
und ungenügender werden, je tiefer wir in das Altertum zurück- 
steigen, so mussten für die Entwickelung der Völker des Alter- 
tums die physischen Verhältnisse der Länder, in welchen sie leb- 
ten, ungleich einflussreicher sein als für den Gang der modernen 
Kultur; es musste ihr Leben ein viel getreuerer Abdruck der sie 
umgebenden Natur werden, als es heute der Fall ist.'^ In der 
feinsinnigen Enthüllung dieser Beziehung zwischen Land und Volk 
lag eine Hauptstärke und Eigentümlichkeit der historischen Vor- 
lesungen Neumanns. Die Mythenwelt, in deren Symbolik die 
schwachen uns noch erkennbaren Grundzüge der griechischen 

Zeitsehr. d. Qesellsch. £. Erdk. Bd. XVH 1 



98 J* Partsch: 

Urgeschichte sich ^kleiden , die socialen Verhältnisse, auf deren 
Grundlage die Yerfassungskämpfe in Hellas und Rom sich ab- 
spielten, das Ringen der mächtigsten antiken Staatswesen gegen 
einander, — das Alles gewann in Neumanns Darstellung eine 
frische Lehensfarhe, eine oft uherraschende und doch unwider- 
stehlich üherzeugende Beleuchtung durch eine verständnisvolle 
und bei aller Geistesschärfe immer vorsichtige und taktvolle Ver- 
wertung der NaturbeschaflFenheit der alten Kulturländer, einer 
Quelle, die unverfälschter uns entgegensprudelt als das, was jdie 
Männer der alten Zeit selbst von ihrem Thun und Lassen uns 
erzählen. 

Wie die eindringenden geographischen Studien Neumanns 
ward auch seine lange Beschäftigung mit dem politischen Leben 
der Gegenwart fruchtbar für seine Vorlesungen. Sie trugen — 
wenn wir von Grote's history of Greece und Dunckers Ge- 
schichte des Altertums absehen — in höherem Grade als irgend 
eine moderne Bearbeitung der alten Geschichte das Gepräge eines 
praktisch geschulten politischen Geistes. Dieser Vorzug kam na- 
türlich ganz besonders in Perioden zur Geltung, für deren Be- 
handlung bei problematischem und widersprechendem Material philo- 
logischer Scharfsinn, behutsame Quellenkritik und fesselnde Dar- 
stellungsgabe allein nicht ausreichen. Der Aufbau der ältesten 
Römischen Verfassungsentwickelung in Neumanns Vorlesungen 
unter eingehend prüfender Beleuchtung der Konstruktion Momm- 
sens gehört wohl zu den feinsten verfassungshistorischen Unter- 
suchungen, die je auf deutschen Kathedern zum Vortrag gelangten. 
Es ist schmerzlich zu bedauern, dass Neumann nie zu bewegen 
war, mit diesen Arbeiten an die Öffentlichkeit zu treten und seine 
Anschauungen allen Fachgenossen zur Beurteilung zu unter- 
breiten. Auf eine würdige posthume Publikation gerade dieser 
meisterhaften Originalleistung wage ich nicht zu hoffen. Wie in 
diesem Punkte, bot Neumann seinen Hörern allenthalben eine voll- 
ständig durchgeführte Specialdarstellung mit eingehender Diskus- 
sion der Kontroversen. In jedem Semester behandelte er deshalb 
nur eine enger begrenzte Periode*). Von Übersichts- Vorlesungen 



*) So zerfiel seine Darstellung der Römischen Geschichte in 6 Vor- 
lesungen 1) Über die Quellen der Römischen Geschichte, 2) Einleitung in 
die Römische Geschichte (Ethnographie Alt-Italiens und Gründung des Rom. 
Staats), 3) Gesch. der Rom. Republik bis zum Ausgang des Ständekampfes, 
4) Gesch. Roms im Zeitalter der Punischen Kriege, 5) Gesch. Roms im 
Zeitalter des Verfalles der Republik a) vom Zeitalter des Scipio Aemilianns 
bis zu SuUa's Tode, b) von Sulla's Tode bis zur Rückkehr des Pompejus 
aus Asien. Die spätere Zeit hat NiMuimnu nie in den Kreis seiner Vor- 
lesungen hineingezogen. 



Zur Erinnerung an Carl Neumann. 99 

in weitem Rahmen war er ein abgesagter Feind. Er wünschte 
in seinen Vorträgen den Studierenden das Muster der historischen 
Arbeitsweise zu geben, zu der sie in den „Übungen'' unter 
seiner Leitung selbst die ersten Versuche zu machen hatten*). 

Nehmen wir zu diesen eigentümlichen Charakterzügen der 
Geschichtsbehandlnng Neumanns noch hinzu den strengen sittlichen 
Ernst, der jedes Urteil über Personen und Dinge durchdrang, die 
auch den Indolenten ergreifende Wärme und Innerlichkeit der 
Darstellung, das Feuer des lebendigen freien Vortrags, der jeden 
Ton des Empfindens gleich wirksam anzuschlagen und in knap- 
pem Gewände für jeden Gedanken die treffende Form zu finden 
WQSSte, dann wird vielleicht auch denen, die ihn nie unmittelbar 
empfunden haben, der mächtige Eindruck der historischen Vor- 
lesungen Neumanns einigermassen verständlich werden. 

So gründlich und selbständig nun auch Neumann in die 
historische Forschung sich vertiefte, würde man dennoch vollstän- 
dig irren, wenn man den Schwerpunkt seiner akademischen 
Lehrthätigkeit ganz in diese Seite derselben verlegen und seine 
geographischen Vorlesungen als eine leicht wiegende, im 
Grunde auch von historischen Gesichtspunkten beherrschte Bei- 
gabe betrachten wollte. Wohl trat auch in ihnen bisweilen der 
Altertumsforscher in den Vordergrund, aber nur da, wo die Be- 
rücksichtigung der klassischen Vergangenheit eines Landes den 
Wert seiner Naturausstattung ins volle Licht zu setzen geeignet 
war, so namentlich in der stets mit besonderer Bewunderung von 
dem Horerkreise aufgenommenen „Allgemeinen Physikalischen 
Geographie von Griechenland'', einer Musterleistung der Länder- 
kunde im Sinne Carl Ritters. Ohne im Mindesten auf das 
Detail der antiken Topographie und Ortsgeschichte einzugehen, 
welches Bursians treffliches Werk zu einer exakten Gesamtdar- 
stellung vereinigt, entrollte Neumann in diesem Kolleg ein farben- 
reiches Gemälde der Weltlage, der klimatischen Verhältnisse, der 
horizontalen und vertikalen Gliederung, des geologischen Baues, 
der Vegetationsentwickelung von Hellas, und deckte mit feinfüh- 
liger Kombination die Beziehungen auf, durch welche alle diese 
Seiten der Landesnatur die Kulturentwickelung, das politische, in- 
tellektuelle und religiöse Leben des griechischen Volkes be- 
einflusst haben. Ausser dieser Vorlesung hatte nur eine einzige 
in Neumanns reichem Cyklus ein entschieden historisches Ge- 
präge: die „Alte Geographie von Latium und dem Lande der 



*) Bisweilen gingen aus diesen Übungen Arbeiten einzelner Schüler 
hervor, so die Inaugural-Dissertation von O. Linke. Die Kontroverse über 
Hannibals Alpenübergang. Breslau 1873. 

1* 



100 J. Partflch: 

Sabiner, Aequer und Yolsker^, ein merkwürdiges Kolleg, das den 
Studierenden ein Beispiel selbständiger Arbeit auf dem Oebiete 
der antiken Specialgeographie liefern sollte*). In allen anderen 
geographischen Vorlesungen dominierte entschieden das auch in 
den beiden genannten stark berücksichtigte naturwissenschaftliche 
Element. Seit seiner ersten Alpenreise hatte Neumann sich mit 
Energie auf die früher nur nebenbei gepflegten naturwissenschaft- 
lichen Studien geworfen. Namentlich die Geologie hatte ihn ange- 
zogen und dauernd gefesselt. Ihr Studium betrachtete er als die un- 
entbehrlichste Grundlage geographischer Arbeit und Nichts war ihm 
tiefer verhasst als dilettantisches Tändeln mit geographischen Ho- 
mologien und geistreich aufgeputzten Hypothesen ohne ein solides 
Fundament geologischen Wissens. Wie in diesem Punkte forderte er 
auch in den anderen Naturwissenschaften, namentlich der Physik, 
demnächst in der anorganischen Chemie, endlich in der Botanik 
vcfti jedem und ganz besonders von dem akademischen Lehrer der 
Erdkunde eine eingehende Vorbildung. Er selbst hat unablässig 
an der Erweiterung und Vertiefung seiner Kenntnisse in allen 
diesen Richtungen gearbeitet und seine Schüler energisch in die- 
selbe Bahn gedrängt. Unaufhörlich beklagte er die widernatür- 
liche Verknüpfung der geographischen Studien mit den historischen, 
welche das alte Prüfungsreglement den Studierenden aufnötigt, 
und war, soweit es in seiner Hand lag, dafür thätig, gerade unter 
den Studierenden der Mathematik und der Naturwissenschaften 
den Sinn für das Studium der Erdkunde zu wecken. Wenn seine 
grosse Vorlesung über die physische Geographie der Alpenländer 
und die kleinere über die Chorographie von Etrurien vorwiegend 
dem eminenten geologischen Interesse dieser Gebiete Rechnung 
trugen, beschäftigte sich die Geographie von Italien besonders mit 
dem Klima und der Vegetation dieses Landes. In der Geo- 
graphie von Europa und der physischen Geographie von Deutsch- 
land traten beide Gesichtspunkte vereint in ihr volles Recht 
Ein stattlicher Cyklus von vier grösseren Vorlesungen war der All- 
gemeinen Physikalischen Geographie gewidmet: eine der Betrach- 
tung der Erde als Weltkörper (Gestalt und Grösse, mittlere 
Dichtigkeit, Rotations- und Revolutions-Bewegung, Wärme der 
Oberfläche und des Inneren, Magnetische Kräfte, Optische und 
Elektrische Erscheinungen des Erdballs), drei ihrer Darstellung 
nach den drei Aggregatzuständen der Materie (Bestandteile, Bau 
und äussere Formen der festen Erdkruste — Allgemeine Hydro- 
graphie — Allgemeine Meteorologie und Klimatologie). Schon 



*) Den Anregungen dieser Vorlesung entsprang die Inaugural-Disser- 
tation von Springer „Topographie Alt-Latiums" Breslau 1876. 



Zur Erinnerung an Carl Neumann. IQ] 

dieser dürre Abriss des Planes dieser generellen Vorträge deutet 
die Anschauungen an, weiche Neumann von den Aufgaben und 
den Grenzen der Geographischen Wissenschaft hegte. Um seine 
Stellung in ihr noch klarer zu bezeichnen, möge es verstattet 
sein, einige Satze aus seiner Einleitung zu den Vorträgen über 
Allgemeine Physikalische Geographie herauszuheben. Er praeci- 
siert ihre Bedeutung dahin: „Die Allgemeine Geographie ist die 
un erlässliche Propaedeutik für jedes spezielle geographische Stu- 
dium. Sie wirft Licht auf alle einzelnen Abschnitte der Special- 
Geographie, lehrt die Einzelheiten derselben in ihrem wahren 
Werte, ihren Ursachen, ihrem Zusammenhange erkennen. Hier- 
durch wird für die beiden Disciplinen eine verschiedene Behand- 
lungsweise bedingt. Die specielle Geographie hat einen vorwiegend 
descriptiven Charakter, und wo sie in das philosophische Ge- 
biet hinübergreift, verfolgt sie die Richtung, die Wirkung der 
natürlichen Gegebenheiten auf Kultur und Geschichte der einzel- 
nen Länder auseinander zu setzen. Die Allgemeine Geographie ist 
vorwiegend explicativ, sie erörtert die Ursachen der natür- 
lichen Gegebenheiten und erläutert die allgemeinen Naturgesetze, 
durch die sie bedingt werden; — das rerum cognoscere causas 
ist ihre Devise. Eben deshalb habe ich geglaubt, die Disziplin, 
mit der wir uns zu beschäftigen haben, dadurch noch bestimmter 
charakterisieren zu müssen, dass ich sie als allgemeine physi- 
kalische Geographie bezeichnete. Sie hat es lediglich mit den 
physischen Verhältnissen des Erdballs zu thun, betrachtet ihn in 
seiner Totalität als Naturkörper. ^ Behält man diese Aufgabe der 
Allgemeinen Geographie fest im Auge, dann gelingt es nach Neu- 
manns Überzeugung auch die Grenzen dieser Wissenschaft, d. h. 
dessen, was in ihr gelehrt werden soll, gegen alle die Natur- 
wissenschaften abzustecken, in deren Boden sie ihre Wurzeln er- 
streckt und aus denen sie ihre Nahrung saugt. Zoologie, Botanik, 
Mineralogie — Wissenschaften, die ohne geographische Beziehung 
erschöpfend behandelt werden können und die Prinzipien ihres 
Systems nicht dem Erdball, sondern lediglich den Naturobjekten 
entlehnen, mit denen sie sich beschäftigen, liegen selbstverständ- 
lich ganz ausserhalb des Lehrstoffes der Allgemeinen Geographie 
und treten zu ihr erst in Beziehung, wenn nach der geographischen 
Verbreitung der einzelnen Naturkörper gefragt wird. Für schwierig 
— wenn auch nicht, wie Studer, für unmöglich — hielt Neumann 
die Trennung der Geologie von der Allgemeinen Geographie. 
Diese letztere darf sich nach ihm nicht begnügen mit einer Be- 
handlung der festen Erdkruste nach ihren äusseren Formen, sie 
mnss zu dieser morphologischen Betrachtung, in der sie durchaus 
selbständig ist, noch hinzunehmen eine Darstellung der festen 



102 J* Partsch: 

Erdrinde in stofflicher Hinsicht und in Bezog anf ihren inneren 
Bau — Aufgaben, bei denen sie die Resultate chemischer und geo- 
logischer Forschungen zu verwerten hat. ^Da sie die Gesamtheit 
des Erdballs in's Auge zu fassen hat, muss sie sich hier notwendig 
auf die Hervorhebung der bedeutendsten Thatsachen einschranken. 
Die genauere Lehre von der Altersfolge der geologischen Forma- 
tionen, von der Gliederung derselben in Etagen, von der Zu- 
sammensetzung der Etagen aus verschiedenen Schichten, von der 
petrographischen Beschaffenheit und den palaeontologischen Merk- 
malen der letzteren, uberlässt sie der systematischen Geologie. 
Alle diese Lehren sind für die allgemeine physikalische Geographie 
entbehrlich, so wertvoll und selbst unerlässlich ihre Kenntnis 
auch oft für das Studium der Specialgeographie ist. Denn diese 
muss, um die Bodenbeschaffenheit und die Reliefformen eines 
Landes zur Anschauung zu bringen, notwendig den geognostischen 
Bau desselben darstellen, und zum Verständnis desselben ist Be- 
kanntschaft mit der allgemeinen systematischen Geologie eine un- 
erlässliche Vorbedingung. Dieser Umstand hat wohl am Meisten 
der Anschauung Vorschub geleistet, dass die Geologie als ein in- 
tegrierender Bestandteil der Allgemeinen Geographie behandelt 
werden müsse. Aber es ist doch leicht einzusehen, dass die geo- 
gnostische Beschreibung eines Landes in einer Specialgeographie 
von wesentlich anderen Gesichtspunkten ausgehen muss als die 
denselben Gegenstand behandelnde Facharbeit des Geologen. Der 
letztere hat stets das System seiner Wissenschaft im Auge, die 
chronologische Einordnung der Schichten in die Kategorien dieses 
Systems, die Feststellung ihrer Äquivalente in anderen Ländern; 
die Konstatierung des Vorkommens einer Etage in vereinzelten 
schwachen Spuren, die für den Geographen ganz bedeutungslos 
sind, erregt oft sein besonderes Interesse, — kurz, seine Arbeit 
ist wesentlich verschieden von der des Geographen, der den geo- 
gnostischen Bau eines Landes nur soweit in's Auge fasst, als durch 
ihn die Beschaffenheit und das Relief des Bodens und die mate- 
riellen Ressourcen des Landes bedingt werden, und dieser Arbeit 
kann nicht schlechtweg ein Auszug aus einem geognostischen 
Werk substituiert werden. 

Von den anderen descriptiven Naturwissenschaften steht der 
Geographie die Botanik am nächsten, in demjenigen Zweige, 
welcher von der geographischen Verbreitung der Pflanzen handelt. 
Aber auch hier ist auf dem Berührungsgebiet die geographische 
und botanische Behandlung eine verschiedene. Für den Botaniker 
ist die Pflanze die Hauptsache; er fragt nach ihrer geographischen 
Verbreitung, um ihre Lebensbedingungen zu ermitteln; seine 
Arbeit bleibt eine botanische, und wenn sie die Gesamtheit der 



Zur Erinnerung an Carl Neumann. 103 

Pflanzenwelt umfasst, wachst sie an zu einer geographischen Bo- 
tanik. Für den Geographen dagegen ist die Erdoberfläche die 
Hauptsache; er fragt, wie die einzelnen Teile derselben durch 
ihre Pflanzenbedeckang charakterisiert sind; seine Arbeit bleibt 
eine geographische, sie ist eine Beschreibung der Erdoberfläche 
hinsichtlich des sie bekleidenden Pflanzenteppichs. In unseren 
Lehrbüchern der Pflanzengeographie sind meist beide Behandlungs- 
arten miteinander vereinigt; sie enthalten einen rein botanischen 
Teil, in welchem von den Verbreitungssphären der einzelnen 
Pflanzengattungen und Arten gehandelt wird, und einen geogra- 
phischen, in welchem die Erdoberfläche nach Zonen oder Gebieten 
hinsichtlich ihrer Vegetationsverhältnisse charakterisiert wird. Nur 
diese letzteren Arbeiten gehören der Allgemeinen Geographie an. 
Für die Specialgeographie sind die Floren der einzelnen Länder, 
Distrikte, Lokalitäten von Wichtigkeit; aber es ist wohl zu be- 
merken, dass diese Werke meistens rein vom botanischen Stand- 
punkt verfasst sind, und dass ein Excerpt von ihnen, welches die 
Namen aller in dem Lande vorkommenden Pflanzen aufzählt, wie 
z. B. Palacky in seiner sogenannten „Wissenschaftlichen Geographie** 
es liefert, geographisch völlig unbrauchbar sein würde. Auch 
hier gehen die Interessen und Aufgaben des Botanikers und des 
Geographen oft auseinander. Seltene Pflanzen, die in dem Pflan- 
zenteppich sich verstecken, oder besondere Abarten sind für den 
Botaniker oft die interessantesten, während für den Geographen 
nur das von Wichtigkeit ist, was der Vegetation und dem Land- 
schaftsbilde ein charakteristisches Gepräge giebt, — also gerade 
die massenhaft und gesellig in Wald, Wiese, Feld auftretenden 
Pflanzen, insonderheit auch die Kulturgewächse. 

Unverhältnismässig loser ist die Beziehung der Zoologie und 
Ethnographie zur Geographie. Jene Wissenschaften beschäftigen 
sich mit organischen Wesen, denen Bewegungsfreiheit und ein 
ziemlich beträchtlicher Grad von Accomodationsfähigkeit gegeben 
und deren Abhängigkeit von der geographischen Unterlage dem- 
gemäss bereits eine recht lockere ist. Manche von ihnen, wie die 
Zugvögel, haben die Fähigkeit, je nach den Jahreszeiten in weit 
voneinander entlegenen Gegenden diejenigen klimatischen Be- 
dingungen und Nahrungsstätten aufzusuchen, die ihrem Organismus 
entsprechen. Der Zoolog hat nun unzweifelhaft ein Interesse 
daran, nach der geographischen Verbreitung der einzelnen Tier- 
gattungen zu fragen. Die Allgemeine Geographie würde an diesen 
Untersuchungen nur insoweit interessiert sein, als sie dahin führen 
könnten, die einzelnen Gebiete des Erdballs hinsichtlich ihrer 
Fauna zu charakterisieren. Dies wird dadurch erschwert, dass 
die Tierwelt in einem Landschaftsbild meist doch nur eine sehr 



104 J* Partsch: 

sporadisch verstreate Staffage bildet, — zamal wenn man nnr 
die charakteristischen Formen in's Ange fasst. Aber da es un- 
zweifelhaft möglich ist, die Tierwelt z. B. in den polaren Ge- 
wässern , in Australien oder in einem brasilianischen Urwald za 
schildern, so will ich nicht daran zweifeln, dass ein tüchtiger 
Zoolog, der überall das Charakteristische zn erkennep und hervor- 
zuheben im Stande ist, diese Arbeit auch auf den ganzen Erdball 
ausdehnen und eine allgemeine zoologische Geographie liefern 
könnte. Trotzdem glaube ich betonen zu müssen, dass das Tier- 
leben nur ausnahmsweise einen hervorstechenden Zug in einem 
Landschaftsbilde liefert, und deshalb scheint es mir zweckmässiger, 
solche Vorkommnisse der Specialgeographie zn reservieren und 
in der allgemeinen Geographie auf einen zoologischen Abschnitt 
ganz zu verzichten*). 

Noch entschiedener ist die Ethnographie als eine besondere 
Wissenschaft von der allgemeinen Geographie auszuscheiden. Die 
Gliederung des Menschengeschlechts nach Racen hat keinen erkenn- 
baren Zusammenhang mit der geographischen Unterlage. Jede 
wissenschaftliche Ethnographie beruht auf der vergleichenden 
Sprachforschung, und dies ist ein deutlicher Beweis, dass sie ausser- 
halb der Sphäre der Naturwissenschaften liegt. ^ 

Diese Ausführungen dürften genügen, die Auffassung klar za 
stellen, welche Neumann von den Aufgaben der Geographie hegte, 
und die Grundsätze zu kennzeichnen, nach denen er dieser 
Wissenschaft, lange bevor sie an den deutschen Universitäten 
allgemeinen Eingang fand, an der Breslauer Hochschnle eine 
Pflegestätte bereitete. 

Befremdlich konnte es bei einem Überblick der geographi- 
schen Special- Vorlesungen Neunianns erscheinen, dass er in ihren 
reichen Cyklus nie aussereuropäische Länder hineinzog, doppelt 
befremdlich, da während seiner Thätigkeit als Redakteur der Zeit- 
schrift für Erdkunde gerade das Studium fremder Weltteile ihn 
besonders angezogen hatte. Der Grund für diese Beschränkung 
seines Lehrgebietes lag nicht ganz in Neumanns freiem Willen. 
Allerdings hegte er die Überzeugung, dass die knapp begrenzte 
Zeit, welche die Studierenden geographischen Vorlesungen zuzu- 
wenden vermöchten, am Nützlichsten darauf verwendet werde, sie 
in die genauere Kenntnis der allgemeinen physischen Erdkunde 
und der wichtigeren europäischen Kulturländer einzuführen. Aber 
trotzdem würde er den fremden Erdteilen — deren wichtigere 



*) Die Gesteinsbildung durch Vermittelung des animalischen Lebens 
fand ihre Besprechung in einem Kapitel der Vorlesung über Bestandteile, 
inneren Bau und äussere Formen der festen Erdkruste. 



Zur Erinnerung^ an Carl Neumann. 105 

geographische Erscheinnogen übrigens in den verschiedenen Kapi- 
teln der allgemeinen Geographie gebührend berücksichtigt wurden 
— auch öfter specielle Kollegien gewidmet haben, wenn in 
Breslau nur die wichtigsten litterarischen Hilfsmittel für ihr Stu- 
dium vorhanden gewesen wären. Leider war gerade die geo- 
graphische Abteilung der Breslauer Bibliothek unter der früheren 
Verwaltung höchst stiefmütterlich bedacht, ja in einem Grade ver- 
nachlässigt, dass der beste Wille der neueren Direktion kaum je 
die Versäumnis mehrerer Dezennien wieder gut machen kann. 
Nenmann war demnach für die Beschaffung der wichtigsten Quel- 
lenschriften, ja selbst der unentbehrlichsten Lehrmittel auf seine 
eigenen, sehr bescheidenen Revenuen verwiesen, um so mehr, da 
er trotz immer wiederholter Petitionen von dem damaligen Leiter 
der Universitäts-Angelegenheiten im Unterrichts-Ministerium für 
die Schöpfung eines geographischen Lehrapparates lange nicht die 
mindeste Unterstützung zu erwirken vermochte. Wollte Neumann 
aus seinem lange auf sehr niedriger Stufe erhaltenen Einkommen 
sich ein einigermassen brauchbares Quellenmaterial für seine 
Vorlesungen erwerben, so musste er seine bescheidenen Mittel 
auf ein engeres Gebiet concentrieren. So legte er sich eine wohl 
gewählte Handbibliothek und Sammlung von Original-Karten für 
die wichtigeren europäischen Kulturländer an. Den Gedanken, 
für fremde Erdteile sich ein ähnliches Fundament zu schaffen und 
sich auch hier voll auf der Höhe der fortschreitenden Wissenschaft 
zu halten, musste er von vornherein aufgeben. 

Diese Charakteristik der Lehrthätigkeit Neumanns würde un- 
vollständig bleiben, wenn ich nicht kurz noch der Art seines Ar- 
beitens und seines Vortrags gedächte« Neumann hatte — ganz 
entsprechend der ihm stets eigenen strengen Auffassung seiner 
Pflichten — sein akademisches Lehramt mit dem Entschlüsse an- 
getreten, den Anforderungen dieser neuen Lebensstellung voll zu 
genügen und ihr seine ungeteilte Kraft zu weihen. Er hat diesen 
Entschluss mit einer Aufopferung und eisernen Konsequenz durch- 
geführt, die seinen Freunden fast mehr rätselhaft als bewunderns- 
wert erschien. Er arbeitete für seine Vorlesungen mit so strenger 
Gewissenhaftigkeit, mit so peinlich selbst den Ausdruck formender 
Sorgfalt, dass sie ohne Scheu jeden Augenblick gedruckt vor 
das kritische Auge strenger Fachgenossen hätten treten können. 
Die Art, wie er seine Vorarbeiten machte, ist nur erklärlich durch 
die gewaltige Gedächtniskraft, die ihm eigen war*). Nie hat 



*) Er vermochte nach einmaliger aufmerksamer Lektüre zwei Seiten 
eines in strenger Gedankenfolge korrekt geschriebenen Buches wortgetreu 
zu wiederholen. 



106 J. Partsch: 

ihn Jemand zwischen Büchern oder Kollektaneen verschanzt am 
Schreibtisch gefanden. Er las, was er bedurfte, im Znsammen- 
hange aufmerksam nacheinander tfnd durchdachte das Auf- 
genommene lange; dann schrieb er seine Darstellung mit lang- 
samem Federzuge, fast kalligraphisch, in einem Gusse nieder, in so 
sicherem Gedankenfluss, dass er fast nie zu korrigieren brauchte 
und in so festem Gedankengefuge, dass ein späteres Einreihen 
von Nachträgen ihm fast unmöglich war; er schrieb dann lieber 
ganze Partien neu*). 

Trotz dieser vollständigen, bis auf die Redeformen schriftlich 
fixierten Ausarbeitung seiner Vorlesungen war Neumann vor den 
Hörern von seinen Heften durchaus unabhängig. Nur in den 
sehr seltenen Fällen, wo das zu citierende Quellenmaterial sich 
häufte, nahm er vorübergehend seinen Platz auf dem Katheder 
hinter seinem Heft ein. Sonst pflegte er vor den Bänken feiner 
Zuhörerschaft zu stehen und in gewandter freier Rede, welche den 
etwas schwereren Satzbau der Ausarbeitung bisweilen wohltbnend 
lockerte, seine Gedanken zu entwickeln. Dann richtete sich die 
hohe Gestalt, die erst in den letzten Jahren allmählich zusammen- 
sank, in voller Anspannung auf; das sonst leis vorgebeugte Haupt 
rückte zu freierer Haltung empor; die grossen durchdringenden 
Augen unter der gewaltigen Stirn ruhten, das Verständnis prüfend, 
auf den Blicken der Hörer; und in ausdrucksvollem, fliessendem 
Vortrage glitten die gewichtigen Worte über die Lippen. Ich 
habe keinen Lehrer gesehen, der so mit seiner ganzen Persön- 
lichkeit in seinem Vortrag aufging wie Neumann. Nicht als gleich- 
giltige Mitteilungen über fernliegende oder längst vergangene Dinge, 
sondern wie der unmittelbare Wiederhall eines lebendigen, direkt 
von den Sinnen erfassten Eindrucks strömte der Bericht über 
die Männer der Vorzeit oder die Schilderung grossartiger Natur- 
erscheinungen ihm aus der Seele. Wer einmal zu seinen Füssen 
gesessen, nahm aus seiner Vorlesung nicht nur den Eindruck 
eines scharfen, erstaunlich vielseitig gebildeten Geistes von ori- 
ginaler Kraft mit, sondern auch das Gefühl ehrfürchtiger Zunei- 
gung zu einem gesunden, wahrhaftigen und warm empfindenden 
männlichen Herzen. 

Unzweifelhaft trug diese Innerlichkeit und die vollquellende 
Kraft des Vortrags wesentlich dazu bei, die Wirkung der Vor- 
lesungen Neumanns zu erhöhen. Aber auch wenn man still für sich 
die dürren Aufzeichnungen durchging, welche die eilende Feder 
aus dem rasch hiuflutenden Strome der Re^le erhascht, blieb die 



*) Grosse Teile seiner Vorlesiiiigcu liegen iu seineu nachgelassenen 
Manuskripten in zwei oder drei Redaktionen vor, die aus verschiedenen 
Jahren stammen. 



Zur Erinnerung an Carl Neumaun. 107 

Anziehungskraffc ursprünglicher Auffassungen und feinsinniger Ge- 
dankenreihen, es blieb der Eindruck eines nach Inhalt und Form 
voll ausgereiften Geisteswerkes. Immer wieder tauchte unter den 
Hörern im bewundernden Wechselgespräch die Frage auf, warum 
Neamann mit der still gezeitigten Frucht seines selbständigen 
Forschens zurückhalte vor der Öffentlichkeit und sein Genüge 
finde an dem Vortrage seiner Anschauungen an einer excentrisch 
gelegenen, relativ isolierten Provinzialuniversität. Der kleine 
Kreis vertrauter Freunde und ihm nahe getretener Schüler, auch 
manch ferner Verehrer seines früher in öffentlichem Wirken be- 
währten Geistes drang wiederholt in ihn, mit einer litterarischen 
That sich der ganzen wissenschaftlichen Welt neu in Erinnerung 
zu bringen. Auf solches Dringen verharrte er stets in resignier- 
tem Schweigen. Nur einmal — es war das letzte Mal, wo ich 
das Gespräch in diese Richtung lenkte, — habe ich von ihm eine 
andere Antwort empfangen. Es war ein alter orientalischer Spruch : 

„Hast Du was gefunden, wirfs in's Meer; 

Sieht's der Fisch nicht, sieht's der Herr**. 
Gegen solch eine Berufsauffassung weiter anzukämpfen, — dazu 
fand ich keine Waffen. Ich habe die volle Überzeugung, dass 
nur die ernste bis zur Übertreibung strenge Anschauung von seinen 
Pflichten als akademischer Lehrer es war, die ihn bestimmte, auf 
eine litterarisch« Thätigkeit absolut zu verzichten*). Zaghaftigkeit 
und Misstrauen in die eigene Kraft waren ihm nie eigen gewesen 
und blieben ihm auch in den letzten Jahren durchaus fremd. 
Ohne Bedenken hätte er, was er schuf, auch strengeren Richtern 
vorgelegt, wenn nicht die Arbeit auf zwei durchaus verschiedenen 
und von ihm im klaren Bewusstsein ihrer Verschiedenheit auch 
getrennt gehaltenen Wissensgebieten und dem unabsehbaren Felde 
ihrer Hilfswissenschaften seine volle Leistungsfähigkeit in An- 
sprach genommen hätten. Seit 1873 traten noch hinzu die Ar- 
beiten in der wissenschaftlichen Prüfungs-Kommission, die er — 
ganz in seiner Weise — mit einer aufopfernden Hingabe betrieb, 
welcher man ein würdigeres Feld gewünscht hätte. Nicht nur 
der Wahl der Themata für die Prüfungsarbeiten und deren Kor- 
rektur, sondern auch der Durchsicht der für die Breslauer Kom- 
mission damals in besonders drückender Menge**) zur Beurtei- 

*) Das Letzte, was er veröffentlichte, sind die gediegenen Becensionen 
des allgemein sehr überschätzten Buches: Desor, ,,Der Gebirgsbau der Alpen" 
und des treffhchen Werkes: Lorenz, „Physikalische Verhältnisse und Ver- 
teilung der Organismen im Quarnerischen Golfe", in der Ztschr. f. Erdk. 
N. F. XIX. 1865. S. 290—299. 

**) Damals waren auch die später der Greifswalder Kommission über- 
wiesenen Schulen der Provinz Posen noch dem Arheitsfelde der Breslauer 
Kommission zugeteilt. 



108 J« Partsch: 

lung einlaufenden Protokolle der Abitnrientenprafungen widmete 
er eine das rechte Mass entschieden übersteigende Zeit and Sorg- 
falt*). Mit Betrübnis sahen seine Freunde, wie eine herrliche, 
zu höherem Fluge berufene Kraft sich aufrieb in den von eigeBem 
Übereifer zu fest gezogenen Fesseln einer Alltagsarbeit. Ohne 
bleibende Frucht ist allerdings diese Wirksamkeit Nenmanns in 
der Prüfungs-Kommission — speciell für den Unterricht in der 
Erdkunde — nicht geblieben. Während zur Zeit ihres Beginns 
der geographische Unterricht fast an sämtlichen Schulen der Pro- 
vinz in absolut untauglichen Händen sich befand, besitzt jetst 
bereits die Mehrzahl der höheren Lehranstalten Schlesiens einen 
Stamm tüchtiger wissenschaftlich gebildeter Lehrer der Geographie, 
wie ihn gewiss wenige Provinzen aufzuweisen haben. Und der 
volle Wert der Neumannschen Wirksamkeit wird auf diesem 
Felde sich erst in einigen Jahren überschauen lassen, wenn über- 
all die jüngeren Kräfte, die er gebildet, den Unterricht vollstän- 
diger in die Hand bekommen werden. 

So lebte Neumann völlig der Pflege des Arbeitsfeldes, das 
er sich selbst erst geschaffen und das er immer entschiedener als 
die Heimat betrachtete, von der er sich nicht wieder trennen 
mochte. Als das Ministerium des Unterrichts ihm im März 1865 
die Ernennung zum ordentlichen Professor an der Universität 
Greifswald antrug, lehnte er trotz der grossen damit verknüpften 
Verbesserung seiner materiellen Verhältnisse und trotz der be- 
stimmten Willensäusserung des Ministeriums einen Wechsel seines 
Wirkungskreises mit Entschiedenheit ab, speciell deshalb, weil er 
nicht hoffen konnte für seine ihm an's Herz gewachsene geogra- 
phische Lehrthätigkeit dort einen gedeihlichen Boden zu finden. 
Er zog es vor als Extraordinarius in Breslau zu bleiben mit 
einem kärglichen Gehalt, das auch durch die Ernennung zum 
ordentlichen Professor am Anfang des Jahres 1866 keine Er- 
höhung erfuhr. Da Neumann beim Mangel eines ständigen Fonds 
für einen geographischen Lehrapparat von seinem geringen Ein- 
kommen jährlich noch mehr als ein Viertel auf die Erwerbung 
litterarischer Hilfsmittel verwenden musste, hätte er trotz der be- 
scheidensten Lebensansprüche nur mit Schwierigkeit sich durch- 
helfen können und namentlich auf die für seine körperliche Er- 
frischung nicht minder als für seine geistige Fortbildung unent- 
behrlichen Alpenreisen ganz verzichten müssen, wenn nicht die 



*) Er hielt sich z. B. fär verpflichtet hei Schulen, für welche die 
Protokolle der mündlichen Prüfung zur Beurteilung der historischen und 
geographischen Leistungen keinen ausreichenden Anhalt boten, die ganze 
Reihe lateinischer und deutscher Prüfungs-Aufsätze geschichÜichen oder 
geographischen Inhalts durchzusehen. 



Zur Erinnerang an Carl Neumann. X09 

trene Freundschaft eines mit Glücksgntern mehr gesegneten Man- 
nes stets zu thatkräftiger Hilfe bereit gewesen wäre« Erst seit 
dem Jahre 1872 trat in Neumanns Verhältnissen eine entschiedene 
Aufbesserung ein, welche nun fast von Jahr zu Jahr ihm reichere 
Hilfsquellen eröffnete, da inzwischen der Ruf seiner Thätigkeit 
nber deren Grenzen hinaus nach allen deutschen Hochschulen 
sich verbreitet hatte und in dem neuen Ministerium die Über- 
zeugung lebendig war, dass man alle Anstrengungen machen 
müsse, einem Manne, der zwei Wissenschaften in so würdiger 
Weise vertrete, das Verbleiben auf seinem Posten nicht zu einem 
personlichen Opfer zu machen. Als die neu begründete Univer- 
sität Strassburg ihren Lehrstuhl für Geographie zu besetzen hatte, 
rief sie im Januar 1875 zuerst unter den ehrenvollsten Anerbie- 
tungen Neumann. Auf ihn richteten auch in erster Linie die 
Professoren der Leipziger Hochschule ihre Blicke, als sie im 
Frühjahr 1876 vor der Aufgabe standen, für den schweren Ver- 
lust Peschels einen Ersatz zu suchen. In beiden Fällen hat 
Neumann ohne langes Schwanken sich dafür entschieden, seinem 
Breslauer Wirkungskreise treu zu bleiben. Der glänzende Fackel- 
zug, mit dem nach der Ablehnung jener ehrenvollen Rufe die 
Breslauer Studentenschaft, die nicht leicht zu solchen Kundgebungen 
sieh vereint, dem gefeierten Lehrer ihren Dank für diesen Ent- 
schluss ausdrückte, war ein schönes Zeugnis dafür, wie feste 
Wurzeln seine Lehrthätigkeit in dem selbsterwählten Boden ge- 
schlagen hatte. Die begeisterte, dankbare Anhänglichkeit der 
akademischen Jugend war ihm ein wertvollerer Lohn für sein 
entsagungsvoUe's Wirken als alle Auszeichnungen, welche ihn in 
seinen letzten Jahren der verdienten Anerkennung an höherer 
Stelle versicherten*). 

Das treue Ausharren Neumanns in dem liebgewonnenen 
Wirkungskreise, dem er die volle Kraft seiner reifsten Jahre 
geweiht hatte, ist um so höher anzuschlagen, da die klimatischen 
Verhältnisse Breslaus der Erhaltung seiner schon längere Zeit 
erschütterten Gesundheit entschieden nicht zuträglich waren. Seit 
dem Winter 1864/5 hatten sich bei Neumann die Keime eines 
Lfungenleidens entwickelt, welches langsam, doch stetig weiter 
fortschreitend ihm die Erfüllung seines Berufes namentlich in 
der nasskalten Witterung unseres Novembers und unseres Früh- 
jahrs in hohem Grade erschwerte. Nur mit der höchsten Auf- 
opferung und oft gegen die dringenden Warnungen des Arztes 
▼ermochte er in den letzten fünf Jahren gegen Anfang und Ende 



*) Am 8. April 1876 wurde Neumann zum Geheimen Regierungsrat 
ernannt. 



110 J. Partsch: 

des Winters eine Unterbrechung seiner Vorlesungen zu vermeiden, 
raffte sich indess immer wieder schnell auf, sobald im Winter 
trockene Kälte oder im Sommer freundliche Witterung eintrat 
Am wohlsten fühlte er sich in der dünnen, trockenen Luft der 
Hochregionen. Er blieb trotz der zunehmenden asthmatischen 
Beschwerden bis gegen sein 50. Lebensjahr ein, wenn auch lang- 
samer, doch unermüdlicher Steiger und kehrte aus den Alpen, 
welche er alljährlich in den Sommer- Ferien rüstig durchstreifte, 
stets mit neuer Spannkraft zurück. 1876 hatte er wehmütig be- 
merkt, dass das Bergwandern ihm merklich schwerer fiel, und 
seither musste er sich begnügen, in Schöneck am Vierwaldstatter- 
See oder (1879) in Meran die lieben Berge mit sehnsüchtigem 
Auge von Ferne zu betrachten. Sein Lungenemphysem wurde 
immer quälender und führte in immer kürzeren Pausen zu hart- 
näckigen, die Körperkraft allmählich aufreibenden Katarrhen. 
Mit Rücksicht auf seine wankende Gesundheit gab Neumann in 
den letzten Jahren den Verkehr mit dem kleinen Freundeskreise, 
auf den er — dem grossen Gesellschaftsleben in tiefster Seele 
abhold — sich stets beschränkt hatte, immer mehr auf und lebte 
in völliger Eingezogenheit seinen Studien. Nur eine Ausnahme 
von diesem vollen Verzicht auf Geselligkeit Hess er zu. Er 
übernahm 1877 auf die Bitten einiger jüngeren Freunde, welche 
zur Gründung einer Sektion des Deutschen Alpenvereins zusam- 
mengetreten waren, den Vorsitz in dieser Sektion. Neumann 
kannte die Alpen aus eigener langjähriger Anschauung erstaunlich 
genau vom Mont Cenis bis zum Semmering und beherrschte das 
weite Gebiet alpiner Naturforschung, an der er mit ganzer Seele 
hing, so vollständig, dass er — wie wenige — berufen gewesen 
wäre zu einer Gesamtdarstellung dieses Hochgebirgs. Sein ernster 
wissenschaftlicher Sinn hob die Verhandlungen der Breslauer 
Alpenvereins- Sektion auf ein zweifellos höheres Niveau und ver- 
einigte in ihr alle Elemente, die an der Förderung der Erdkunde 
überhaupt und an der Pflege der Alpenkenntnis im Besonderen 
lebendigen Anteil nahmen. Mit hingebender Gewissenhaftigkeit 
führte Neumann die Leitung der Sektion bis in's Frühjahr 1880, 
in welchem er mit klarem Vorgefühl des nahen Zusammenbrechens 
seiner Lebenskraft auch seine Funktionen in der wissenschaftlichen 
Prüfungs-Kommission niederlegte. Heftiger als sonst stellte sich um 
diese Zeit das akute Stadium seines Leidens ein: der Beginn des 
Sommer-Semesters fand ihn ausser Stande, seine Vorträge wieder 
aufzunehmen. Stets zwischen Bangen und Hoffen schwebend sahen 
die Freunde die Flamme des kostbaren Lebens unstäter leuchten, 
bald dem Erlöschen nahe, bald aufflackernd zu Hoffnung erwecken- 
der Besserung. Mitte Juni war die letzte Widerstandskraft der 



Zur Eriimemiig an Carl Neumaim. 111 

starken Kemnatnr Neninaiins gebrochen. Die aus der fernen 
Heimat an sein Krankenlager eilende Schwester konnte in trener, 
liebevoller Pflege ihm nur die letzten schweren Wochen erleichtern. 
Am 29. Juni schlugen die Schatten des Todes über ihm zusammen. 
Am 2. Juli 1880 schloss sich das Grab über einem Manne 
seltener Art. Für den Eintritt in den Kampf des Lebens hatte 
das Schicksal ihm keine andere Rüstung mitgegeben als einen 
hoch entwickelungsfahigen Geist und einen aufstrebenden, nach 
rüstigem Wirken begierigen Sinn. Früh auf die eigene Kraft 
gestellt, war er nie in Gefahr seine Geisteswaffen rosten, den 
männlichen Mut erschlaffen zu lassen. Unter den Hanimerschlägen 
einer harten Zeit gedieh sein Geist zu schneidiger Schärfe, sein 
Wille zu stählerner Kraft. Nie daran gewohnt, für männliches 
Ringen mit dem widrigen Schicksal als Kampfpreis holde Lebens- 
früchte zu ernten, fand er den Lohn jeder Arbeit in dem Be- 
wasstsein tüchtiger Berufserfüllung. Jedem Werke, das er an- 
griff, gehorte er ganz. Dieselbe opferfreudige Pflichttreue, welche 
ihn von bescheidenem Ursprung durch eine Reihe weit verschie- 
dener Lebensstellungen zu einer ehrenvollen, seiner Geisteskraft 
würdigen Wirksamkeit emportrug, hat auch die Grenzen dieser 
Wirksamkeit abgesteckt, — enger als sein gewaltiges Können es 
gebot. 



VII. 

F. F. Schwarz' astronomische Bestimmungen in Russisch- 
Turkestan (Bezirk Kuldsha) 1879 u. 1880. 

(Mit einer Kartenskizze im Texte.) 



Als Ende August 1879 die Nachricht eintraf, dass Kuldsha 
an China wieder abgetreten werden sollte, beschloss die Tur- 
kestanische Militärbehörde, noch vor der Abtretung jenes Gebietes 
die nothigen astronomischen . Arbeiten dort ausführen zu lassen, 
welche die topographische Abtheilung schon lange beabsichtigt, 
aber immer von einem Jahre zum anderen aufgeschoben hatte, 
weil ihre Astronomen an anderen Stellen zu thun gehabt hatten. 
Die far 1879 beabsichtigte chronometrische Expedition im Kuldsha- 
Gebiete wurde dem Gehilfen des Direktors des Turkestanischen 
Observatoriums, Hrn. Schwarz, aufgetragen, welcher zu die^ 
Zwecke mit einem Repsold'schen Vertik alkreise, einem 1 
sehen Kreise, 8 Tisch- und 5 Taschenchronometern, Ba: 



112 F. F. Schwari' aatronomische Beatinuiniii^en tn Bnuücli-Tiirkeatiui. 




F. F. Schwarz' astronomische Bestimmungen in Russisch-Turkestan. 113 



und Thermometer ausgerastet wurde. Trotz der vorgerückten 
Jahreszeit und der Verkehrsschwierigkeiten unternahm er mit ge- 
wohnter Energie und Geschicklichkeit drei Reisen: die erste 
zwischen Wjernoje und Kuldsha mit dem Vertikalkreise und 
12 Chronometern, wobei das Ilische Fort, die Pikete Kara- 
tschekinsk, Altyn-Imelsk und Aina-Bulak und die Städte Boro- 
chudzir und Tschintschagodzi in Bezug auf Wjernoje und Kuldsha 
bestimmt wurden. Die zweite, mit denselben Instrumenten, fand 
unmittelbar zwischen Wjernoje und Kuldsha statt, um die Länge 
letzterer Stadt in Bezug auf erstere zu ermitteln. Die dritte, 
wobei der Pistor'sche Kreis und 5 Taschenchronometer zur An- 
wendung kamen, ging von Kuldsha nach der Mundung des Tekes 
und nach Jamatu. Im Ganzen wurden dabei zehn Punkte nach 
Breite, Länge und Hohe bestimmt, deren Liste hier nach den 
„Izwästija der K. Russ. Gcogr. Gesellschaft" (1882, XVIII. 
Heft 1, Abth. „Geographische Nachrichten", p. 46) folgt: 



Nordl. Breite. 



Ostl. Länge TOn 
Pulkowa*). 




L StadtWjernoje (Poststation) 

2. Ilisches Fort (Poststation) 

3. Piket Karatschekinski 

(Poststation) 

4. Piket AI tyn- Im elski (Post- 

station) 

5. Piket Aina-bulak (Post- 

station) 

6. Stadt Borochudzir (Post- 

station) 

7. Stadt Tschintschagodzi 

(Poststation) 

8. Stadt Kuldsha (Haus für 

reisende Offiziere) . . . 

9. Dorf Jamatu (Haus des 

Aksakal) 

10. Mündung des Tekes (Kal- 
mücken-Aul am westlichen 
Ufer des Tekes und süd- 
lichen Ufer des Ili) . . . 



430 16 
43053 

440 5 

44020 

440 U 

440 7 
44011 
43054 
43038 



45,1"; 46 034 '49,0" 
9,3"! 460 49' 46,6" 



4,0" 

7,1" 
15,1" 
41,9" 

3,4" 
58,0" 

5,0" 



43035' 11,0" 



470 30' 12,1" 
480 5' 11,0" 
480 40' 13,2" 
490 26' 40,6" 
500 23' 27,3" 
500 56' 25,8" 
510 26' 49,0" 



520*8' 2,5" 



2400 
1500 

3400 

4400 

4500 

2300 

2600 

2300 

2800 



2200 



731 
457 

1036 

1341 

1372 

701 

792 

701 

853 



670 



Wegen der vorgerückten Jahreszeit konnte Schwarz im Jahre 
1879 seinen Arbeiten keine grössere Ausdehnung geben; dafür 
finden wir ihn 1880 von neuem in demselben Gebiete, um seine 
vorjährige Expedition zu Ende zu führen, wobei er sich nicht auf 



*) Pulkowa liegt 270 59' 31 '< westlich von Paris, 300 19' 40" west- 
lich von Greenwich. 

Zeitschr. d. GeeeUsch. f. Erdk. Bd. XVII. ^ 



114 F. F. Schwarz* astronomische Bestimmungen in Rassisch-Turkestan. 



astronomische BeobachtuDgen beschränkte, sondern auch baro- 
metrische und magnetische anstellte. (Die Karte in den ^Izwästija^, 
nach welcher die unserige reducirt worden ist und welche neben- 
bei bemerkt auch die neue russisch -chinesische Orenee angiebt, 
verzeichnet dagegen auch für 1879 drei Punkte, wo magnetische 
Beobachtungen angestellt wurden). Diesmal bestimmt er 24 Punkte, 
wovon 6 auf Russisch-Turkestan , 4 auf die Mongolei, der Rest 
auf den Distrikt Kuldsha entfallen. 

Es sind die folgenden (a. a. O. S. 76): 



NordL Breite. 



OstL Lftnge 

▼on 

Pulkowa. 




Hohe 

in 

Meten. 



1. Ortlichkeit Tschishgan-tu- 

gai 

2. Dorf Nilki 

3. Dorf Mazar 

4. T ur gun- 1 z ag an- US un , 

nördlicher Zufluss des Kasch 

5. Konfluenz des Sary-tscha- 

nak und Kasch . . . 

6. Turgun, nördlicher Zufluss 

des Easch 

7. Chinesisches Piket, an der 

Ortlichkeit Scharakode . 

8. Pass ^arat (Gipfel) . . 

9. Mündung des Tzagan-gol 

in den Tzagma 

10. Biegung des Tzagma nach 

Norden 

11. Fürth durch den Tekes . . 

12. Quellen Aiman-bulak . 

13. Kuinen Tschagan-tasch am 

Sairam-nor 

14. Ortlichkeit Kire- gada, Insel 
im Flusse Urtak-sary . . . 

15. Chinesische Ruinen Kumbez 

16. Chinesisches Piket Kaptagai 

17. Pass Tschantschal, Gipfel 

18. Djas, nördlicher Zufluss des 

Tekes 

19. Muzart-Fort 

20. Piket Kapkak 

21. Zusammenfluss der Karkara 

und des Kegen . . . . 

22. Quelle Saguty 

23. Dorf Tschilik 

24. Stanitze Malowodnaja . . 



43049 
43047 
43050 

43043 

43043 

43030 

430 18 
430 10 

43017 

430 19 
430 25 
440 12 

44034 

44054 
45010 
45011 

43025 

430 6 
42043 
420 48 

430 1 
43027 
43036 
43030 



49" 
15" 

25" 



16 



II 



12" 



30 



II 



31" 
17" 



48 



u 



47" 
15" 
51" 



25 



II 



55" 
0" 
7" 

24 



n 



45" 
43" 
19" 

58" 
10" 
22" 
58" 



52033 
520 6 
51034 

530 8 

53030 

530 3 

53039 
53055 

530 18 

52054 
520 7 
510 6 

50059 

50057 
510 17 
51054 
51011 

50049 
500 9 

49031 

480 41 
480 17 
47053 
47020 



21' 

3' 

30' 

31' 



32' 

11' 
2' 

16' 

1' 
19' 
39' 

12' 

29' 
39' 
50' 
17' 

47' 
40' 
31' 

25' 
25' 
10' 
44' 



4300 
3800 
3100 

5700 

6300 

3100 

4600 
10100 

5000 

3900 
2800 
5500 

6600 

4000 
5100 
3900 
8500 

5700 
580Q 
5800 

5600 
3000 
1600 
1800 



1311 

1158 

945 

1737 

1921 

945 

1402 
3080 

1524 

1189 

853 

1676 

2012 

1219 
1554 
1189 
2591 

1737 
1768 
1768 

1707 
914 
488 
548 



R e y e r : Änderangen der venezianischen u. toskanischen Alluvialgebiete. 115 

vni, 

Änderungen der venezianischen und toskanisehen 
Alluvialgebiete in historischer Zeit. 

Von Dr. E. Beyer. 
Mit Tier Kartenskizzen im Texte. 



In der nachfolgeDden Untersuchung stelle ich die wichtigsten 
historischen Änderungen der Flussläufe und der Küsten von 
Venedig und Florenz zusammen. Hierauf werde ich die Genesis 
der Alluvialgebiete und die Bewegungen, welche sich in der- 
artigen losen Gebilden abspielen , erörtern , endlich versuche ich 
die praktische Bedeutung der gesammelten Erfahrungen fest- 
zustellen. — 

I. Änderung der Flussläufe der venezianischen Ebene. 

Der Piave floss im Altertume in seinem Unterlaufe nicht 
gegen OSO., sondern gegen SO., über Treviso nach Altino. In 
der Folge drängte der Fluss immer mehr gegen Ost, kehrte aber 
doch wiederholt (auch noch im 16. Jahrhundert) bei Hochwasser 
teilweise in das alte Bett zurück. Im 17. Jahrhundert wurde 
er gegen Ost (nach S. Margerita) abgeleitet. 

Der Sile, welcher derzeit den verlassenen Unterlauf des 
Piave einnimmt, war in alter Zeit offenbar ein Nebenfluss des 
Piave. 

Die Brenta verlegte im Mittelalter häufig ihr Bett. Im 
Jahre 1567 wurde der Brentone-Einschnitt gemacht. Da hierdurch 
aber die Umgebung von Venedig verlandet wurde, leitete man den 
Fluss im Jahre 1540 gegen SO. (gegen Chioggia). 

Der Ad ige (Etsch) fioss noch im 6. Jahrhundert n. Chr. 
nahe dem Südrande der euganei'schen Berge*) (bei Este) und 
mündete bei Brondolo. Später drängte er immer mehr gegen Süd. 
589 erfolgte ein Durchbruch, welcher den Fluss nach Legnano 
ablenkte. Im 10. Jahrhundert ereignete sich abermals eine Kata- 
strophe. Nun ging der Fluss über Badia und Rovigo. Dieser 
neue Arm vereinte sich im Unterlaufe wieder mit dem alten Bett. 
Da dieses aber mehr und mehr verlandete, brach das Wasser gegen 
Süden durch und mündete bei Loredo in den Tartaro. Im Jahre 



*} Man findet derzeit südlich von den Euganeen in der Tiefe von 1 m anter 
der Ackerkmme jene glimmerigen Sandlagen, welche die Etsch abzusetzen 
pflegt. 



Änderungen der venezianischen und toskanischen Alluvial gebiete. 1 | 7 

1438 erfolgte bei Castagnaro (oberhalb Badia) ein neuer Durch- 
bruch, welcher Adige und Tartaro in der besagten Gegend ver- 
band. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurde der unbändige Strom 
reguliert. 

Der Po, dessen Hauptarm derzeit nördlich von Ferrara ver- 
läuft, sandte zur Römerzeit seine ganzen Wassermassen nach Ferrara 
and hier erst trat die Teilung ein. Ein Arm ging gegen SO. über 
Adria nach der alten NNW. von Ravenna gelegenen Stadt Spina; 
daher hiess diese Po-Mündung Spineticum Ostium (später hiess 
dieser Po-Arm Po d'Argenta oder Po di Primaro). 

Ein zweiter Arm ging von Ferrara gegen Sagis (Gegend von 
Comacchio). Dieser Arm zerteilte sich zwischen Ferrara und 
Comacchio und zwar mündete ein Zweig nördlich von Comacchio 
(Ostium Olane, Po Volano) ; ein zweiter Zweig mündete südlich 
von Comacchio. Endlich bestand eine gegen NO., in das Gebiet 
von Adria reichende Abzweigung des Po. 

Der Po Primaro (derzeit Reno) und der Volano blieben während 
des Mittelalters bedeutend. 

Im Jahre 1150 trat der Durchbruch des Po bei Ficarolo 
(oberhalb Ferrara) ein. Seitdem floss ein beträchtlicher Teil des 
Wassers in das Gebiet des heutigen Po -Delta. Der neue Nord- 
arm dürfte im weiteren Verlaufe sich mit jenem alten Zweige des 
Po vereint haben, welcher von Ferrara gegen Adria strömte. 
Der Tartaro mag lange Zeit als Nebenfluss in diesen Arm ein- 
gemündet haben (s. die Karte des 15. Jahrhunderts); vorübergehend 
nahm er auch die Etscb auf. 

Die alten Arme blieben noch lange Zeit neben dem neuen 
bestehen. Alle apenninischen Flüsse, welche derzeit dem Reno 
zustreben, mündeten damals in den Primaro. Der Reno selbst 
blieb während des ganzen Mittelalters unbändigbar; er floss wahr- 
scheinlich bald in die Sümpfe des Unterlandes, bald unmittelbnr 
in den Primaro (s. die Karte des 15. Jahrhunderts). 1526 wurde 
den Bolognesern von der Regierung von Ferrara gestattet, den 
Reno oberhalb Ferrara in den Po zu leiten. 

In den folgenden Dezennien machte sich die Veilandung des 
Primaro bemerklich. Im 17. Jahrhundert starb dieser Arm end- 
gültig ab*). Der Po sandte von nun an seine Wassermassen aus- 
schliesslich gegen Comacchio, Volano und Adria. 

Die mächtigen Sümpfe und Lagunen, welche vordem die 
Gegend zwischen Ferrara, Argenta und Comacchio beherrscht. 



*) Die Ingenieure von Ferrara schoben die Schuld dem Reno zu, während 
die Gelehrten von Bologna behaupteten, nie könne durch Zuleitung von 
Wasser Yerlandung bewirkt werden. 



118 E. Reyer: 

waren durch den Po Primaro und den Seitenarm von Comacchio 
bedeutend verschlemmt worden*). Seit der erfolgten Yerändening 
der Po-Mundungen hat die Yerlandung in den verlaasenen Gebieten 
natürlich bedeutend abgenommen; dafür hat sich seit jener Zeit 
das moderne Podelta, wie die Karten zeigen, bedentend Torge- 
schoben. 

Die letzten Jahrhunderte sind zweifelsohne in Beziehang der 
Yerlandung viel erfolgreicher gewesen, als die vergangenen Zeiten, 
eine Thatsache, welche man auch bezüglich der Alluvionen des 
Arno konstatieren muss. 

Der Reno floss nach erfolgter Yerlandung des Primäre durch 
längere Zeit in den Po von Ferrara. In der Folge aber lenkte 
er gegen Süd ab und strebte als selbständiger Fluss der Gegend 
von Argenta zu. Wiederholt brach er sich neue Bahnen; bald 
mündete er in die Sümpfe und Seen, bald folgte er dem ver- 
lassenen Unterlaufe des Primaro. Die Yenezianer verwahrten sieh 
dagegen, denselben wieder dem Po von Ferrara zuführen zu lassen. 
So verwüstete denn der Fluss durch mehr als ein Jahrhundert 
die Landschaften von Ferrara und Bologna, bis er endlich im Jabre 
1767 im heutigen Bette fixiert wurde. 

Der Mo n tone floss noch im 15. Jahrhundert nordlich, der 
Ron CO südlich von Ravenna selbständig ins Meer. Im 17. Jahr- 
hundert nehmen beide Flüsse noch beiläufig dieselbe Lage ein, 
vereinen sich aber unterhalb der Stadt. Im Jahre 1737 wurde 
das Bett der vereinten Flüsse südlich von Ravenna verlegt, wo- 
durch man die Yerlandung der Stadt zu vermeiden hoflfte (wie der 
Erfolg gezeigt hat — vergeblich). — 

Nachdem ich diese Skizze der wichtigsten Laufänderungen 
zusammengestellt, bringe ich die Daten über 

II. Yeränderung der venezianischen Küste. 

Ein Streifen von Inseln muss schon zu Römerzeiten bestanden 
haben. Er ging von Yenedig über Chioggia und von hier ans 
gerade südwärts über Comacchio. Diese Inselserie bildete im 
Laufe der Zeit eine unterbrochene Vorküste (Lido oder Corden 
litoral), deren ehemaliger Yerlauf (quer durch das moderne Po- 
Delta) noch heute in der Natur und in jeder Detailkarte ver- 
folgt werden kann (vgl. die Kärtchen). Auch jene Uferbänke, 
welche die in die Lagunen auslaufenden Flüsse aufschütten, ragen 
noch derzeit da und dort im Gebiete der Sümpfe und Lagunen 



*) Einzelne Namen deuten darauf hin; so heisst z. B. die Gegend SW. 
von Argenta, welche noch im 17. Jahrhundert von Seen und Sümpfen be- 
deckt war, „Marmorto". 



Anderangeu der venezianischen und toskanischen AUuvialgebiete. 119 

hervor. Durch heide Momente wird jenes netzartige Geäder, 
welches die Lagunen durchkreuzt, bedingt. Schon zur Romerzeit 
wurde das Hinterland mit dem Lidostreifen von Adria und Go- 
macchio verbunden, dann erfolgte zunächst die Yerlandung der 
zwischenliegenden Meeresteile und Lagunen, seit dem 15. Jahr- 
hundert endlich sind auch bedeutende Gebiete ausserhalb des alten 
Lido angeschwemmt worden. Ich führe hier jene Thatsachen an, 
welche den Verlandungs-Prozess der venezianischen Küste klar- 
stellen: 

Aquileja war in den letzten Jahrhunderten v. Chr. noch 
Seestadt. Aber schon im Ptolemäus, dann in den Karten des 
15. Jahrhunderts finden wir die Stadt ins Inland gerückt. Munsterus 
schreibt diesbezüglich (im 16. Jahrhundert): 

„Aquileja war eine namhafte und mächtige Stadt, davon man 
jetzt wenig Fussstapfen mehr findet; ist gar verfallen, dass man 
nichts da findet, dann wenig Bauershäuser und ein alten bau- 
fälligen Tempel. Es ist ein böser Luft da von wegen der Sümpf, 
so darum liegen.'' 

Die Karten des 17. Jahrhunderts zeichnen die Stadt etwa 
^ Meile landeinwärts. 

Concordia und Altino lagen auch zu Romerzeiten am 
Meer (Martial). Concordia liegt im 17. Jahrhundert nach Angabe 
der Karten etwa 2]^ Meilen vom Meere entfernt, Altino ]^ Meile. 
Mestre verlandete gleichfalls. 

Adria, in vorrömischer Zeit eine Seestadt, liegt im 12. Jahr- 
hundert V^ Meilen landeinwärts. Der Ort wird im 17. Jahr- 
hundert 2'^ Meilen vom Meere entfernt gezeichnet. Derzeit liegt 
er 3 Meilen weit im Inland. 

Argenta ist im Laufe der Zeit verhältnismässig wenig ver- 
landet. Die Po-Arme dieses Gebietes haben, von üferbarren ein- 
gefasst, die verlandenden Wassermassen zumeist nicht in die Lagunen 
von Argenta, sondern weiter gegen Spina, Comacchio und Volano 
gefordert. Insbesondere das Gebiet von Spina und Ravenna 
ist durch den Po Primaro (später durch den Reno) ausgiebig 
verlandet worden. 

Ravenna war zur Zeit der ersten römischen Imperatoren 
noch eine bedeutende See- und Handelsstadt. Tiberius und Trajan 
verschönerten den Ort und verwendeten den Hafen Classis für 
ihre Flotte. Theodorich erhob die Stadt zur Residenz. Sie lag 
ursprünglich auf einer Insel unweit der Mündung des Montone*). 



*) Ptolemäus zeichnet diese Verhältnisse. Karten aus dem 15. Jahr- 
hundert u. a. Berlingerns reproduzieren diese Zeichnung (irrtümlich), obwohl 
zu ihrer Zeit die Yerlandung bereits weit vorgeschritten war. 



120 E. Reyer: 

Die Insel verlandete und von da an vollzog sich der Prozess rasch 
nnd unwiderstehlich. Zu Belisars Zeit war die Verschlämmang 
schon bedeutend. Viele flache Inseln durchsetzten das Meer. 
Zur Ebbezeit lagen die Kanäle fast trocken und der Hafen Classis 
war unbrauchbar. Procopius, Zeitgenosse Belisars, erwähnt, dass 
sich Sirten bildeten; zwischen den Inseln und dem Festlande wurde 
das Wasser immer seichter und endlich verwandelte sich das ganze 
vor der Stadt liegende Gebiet in ein von Sümpfen durchsetztes 
Festland. Die Stadt lag schon zu Prokopius' Zeit etwa zwei Stadien 
vom Meere entfernt, davor dehnte sich das halbverlandete Gebiet 
noch 30 Stadien weit aus. In der Folge wurde es ganz verlandet. — 

In den Zeiten der Völkerwanderung wurde die oben erwähnte 
Reihe von Vorinseln, welche bereits eine lückenhafte Vorkfiste 
bildete, von den flüchtigen Bewohnern des Festlandes besetzt 
Die Einwohner von Aquileja gründeten Grado, die von Concordia 
wanderten nach Caorle, die Bürger von Altino gründeten Murano, 
die Paduaner besetzten die Insel Rialto (Venedig), die von Este 
gründeten Malamocco und Chioggia. 

Die Flüsse des Hinterlandes durchbrachen in dieser Epoche 
ihre aus den Etrusker- und Römerzeiten herstammenden Dämme 
und wanderten verwüstend durch das verödete Kulturland. 

Die Verlandung, welche, wie wir oben gesehen haben, ur- 
sprünglich vorwaltend die Gebiete von Spina und Comacchio be- 
troffen hatte, wurde nach dem Durchbruche von Ficarolo, insbe- 
sondere aber nach erfolgter Versandung des Primaro gegen Norden 
verschoben. Nachdem die Lagunen dieses Gebietes ganz verlandet 
und das Hinterland mit dem Lido verwachsen war, schob sich das 
Po-Delta im Lauf der Neuzeit um drei Meilen vor. 

Das Gebiet der Lagune von Comacchio blieb aus dem oben 
angeführten Grunde fast unverändert; bedeutend aber blieb die 
Verlandung des Territoriums von Spina und Ravenna. Der Pri- 
maro (bez. Reno), der Ronco und Montone schoben hier fort und 
fort AUuvionen vor. 

Ravenna liegt zu Ende des 14. Jahrhunderts fast 3 Miglien 
weit von der Küste ab. Munsterus (16. Jahrb.) giebt die Ent- 
fernung etwas geringer an ('^ deutsche Meile) und bezeichnet die Um- 
gebung der Stadt als sumpfig, aber fruchtbar. Hondius (17. Jahrb.) 
zeichnet mehrere Inseln vor der Stadt ein; die nächstgelegene ist 
bereits mit dem Lande verwachsen. In der Folge ist dieses ganze 
untiefe Gebiet, wie die Karten zeigen, in Festland verwandelt 
worden. Brocchi (Anfang des 19. Jalirh.) giebt die Entfernung 
der Stadt vom Meere gleich 4 Miglien an. Im Jahre 1824 
wurden die Palissaden des neuen Hafens Corsino um 120 bez. 
180m vorgeschoben; 1836 abermals um 50 bez. 90m. In den 



Änderungen der venezianischen and toskaniscben Alluvialgebiete. 121 

vierziger Jahren wird eine weitere Verlängerung um 200 m vor- 
geschlagen. Der Anwachs dürfte in der letzten Zeit 10 m pro 
Jahr betragen. — 

Im Süden von Ravenna erscheint die Gestalt der Küste (den 
kleinen Flüssen entsprechend) wenig verändert : Cervia, seitdem 
5. Jahrh. n. Chr. bekannt, erscheint im 17. Jahrh. etwas ver- 
landet, derzeit liegt der Ort aber wieder am Meere. Hier wie an 
anderen Orten zeigt sich ein oszillatorisclres Spiel zwischen Verlan- 
dung und Vordringen des Meeres (s. unten Cattolica, Fano, Pisa). 

Sala, welches vordem Seestadt gewesen, ist im 13. Jahr- 
hundert vom Meere durch Sümpfe getrennt. Jetzt ist das Vorland 
trocken, doch heisst der Landstrich noch „die Lagune". Zu Anfang 
des vorigen Jahrhunderts lag die Stadt 1km vom Meere ab, derzeit 
beträgt die Entfernung fast 2 km. 

Bei Cattolica wurde um die Mitte des 17. Jahrhunderts 
ein Turm gebaut. Ein Streifen Kulturland lag zwischen demselben 
und dem Meere. Nach längerer Zeit konstatierte man ein Vor- 
rücken des Meeres. Der Turm wurde unterwühlt und drohte 
einzustürzen. Derzeit gewinnt die Verlandung wieder die Oberhand. 

Pesaro war im 15. Jahrhundert noch Seestadt. Zu Anfang 
des 17. Jahrhunderts war der alte Hafen fast unbrauchbar, er 
bildete einen in SO. von der Stadt zum Meere verlaufenden breiten 
Kanal. 

Bei Fano wurde im 8. Jahrhundert ein Turm an der Küste 
erbaut. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts war die Stadt stark 
verlandet, in der Folge rückte das Meer durch längere Zeit gegen 
den Turm vor. In unserem Jahrhundert gewinnt wieder die 
Verlandung Oberhand. Der vorliegende Küstenstrich ist derzeit 
etwa 400 m breit. 

Sinigaglia, welches zur Römerzeit am Ufer lag, wurde im 
vorigen Jahrhundert in Folge der Versumpfung ungesund. Derzeit 
ist ein 100 m breiter Streifen Kulturland vorgelegt. — 

Wir werden später auf diese Thatsachen zurückkommen, 
vorerst sollen aber noch besprochen werden die 

III. Änderungen der toskaniscben Küste. 

Das Vorland von Pisa hat sich in historischer Zeit gebildet. 
Zu Rutilius Num. Zeit (5. Jahrh.) lag die Stadt etwa 4km vom 
Meere entfernt. Der Auser (Serchio) mündete damals bei Pisa 
in den Arno. So werden die Verhältnisse auch in den alten 
Karten dargestellt*). Die Karten vom Ende des Mittelalters 



*) Ortelius (Teatrum orbis terrae 1624) begeht, wie fast alle seine 
Nachfolger, den Fehler, die Ortsnamen aus alter Zeit einfach in die moderne 



122 



. Eeyei 



ereits als selb ständigen PInss ein. Sümpfe 
Norden von Pisa an Stelle des alten 



zeichnen den Serchio 1 
blieben lange Zeit in 
Serchio- Bettes*). 

Derzeit herrscht an einer Stelle im besagten Gebiete eine 
Anschwellnng des Alluvialbodens, welche eine neuerliche Verbinctung 




C3 Albtrii-n- an 



beider Flüsse wesentlich erschweren würde**). Ob diese An- 
schwellnng, dnrch alluTiale Ablagerung oder dnrch moderne Massen- 
bewegung entstanden sei, lässt sich wohl nicht entscheiden. 



Karte > 



izuschreiben. So rekouetruiert er auch die Tuscia autiqua. Noi 



das Verhältai 
Römerzeiten 
drücklich. 

*) Über die Sumpfe und Salzquellen der Pisat 
führlicli Savi: Atti. Accad. Geor^ofili. 1856. 111. 
»*) Vgl. de Stefani. 



Änderungen der venezianischen und toskanischen AUuvialgebiete. 123 

Die Verlandung der Kfiste, welche schon zur Römerzeit nicht 
unbeträchtlich war, hat in neuerer Zeit rasch zugenommen. Im 
10. Jahrhundert lag die Stadt 6km, im 15. Jahrhundert 8km vom 
^eere ab (de Stefani) und derzeit beträgt die Entfernung bereits 
12 km. Im Mittelalter betrug der jährliche Zuwachs also etwa 
2m, in der Neuzeit aber 6 bis 8m pro Jahr. Nimmt man den 
Zuwachs von 2m auch für das Altertum an, so wird es wahr- 
scheinlich, dass Pisa zur Zeit der Gründang (2. Jahrtausend v. Chr.) 
am Meeresufer lag. 

Die Verlandung ist den Schiffern der Gegend wohl bekannt. 
Sie konstatieren, dass dieselbe in manchem Jahre 8 bis 15 m aus- 
macht. Dann wird wieder während einer Hochflut ein grosser 
Teil des gewonnenen Landes zerstört und in die Tiefe geführt. 
Im grossen ganzen aber ist der Anwachs kontinuierlich und beträgt 
nach Schätzung der Schiffer im Mittel jährlich etwa 5 m*). 

Ein zweites Gebiet, in welchem in historischer Zeit bedeutende 
Änderungen der Küsten sich vollzogen, ist jenes von Piombino. 

Bei Piombjno reichte zu Römerzeiten ein Golf tief in das 
Land hinein bis zu den Hügeln von Campiglia. Im 15. Jahrhundert 
treffen wir immer noch den offenen Golf; die Verlandung hat wenig 
Fortschritte gemacht. Im 16. und 17. Jahrhundert schiebt sich 
ein Lido von Südost her vor und schliesst den Golf allmählig ab. 
Die so entstandene Lagune wird von den Geographen als Lagus 
oder Palus Ventulonae bezeichnet. Im 18. Jahrhundert ist der 
See vorübergehend durch eine breite Barre ganz abgeschlossen, 
dann kommuniziert er wieder. Im Laufe unseres Jahrhunderts 
aber hat sich die Verlandung rasch und endgültig vollzogen. 

Bei Grossetto, wo vordem offenbar auch eine offene Bucht 
tief ins Land hineingereicht hatte**), schob schon zu Ciceros Zeit 
der Ombrone eine Alluvialzunge vor. Vorübergebend schloss in 
jenen Zeiten auch eine gegen N. reichende Barre die Bucht teil- 
weise oder vielleicht sogar ganz ab. Die Via Aureliana ging über 
Rosellae und über die Hügel, welche die Alluvialebene umfangen. 

Im 9. Jahrhundert wird Grossetto erbaut; das Episcopat von 
Rosellae wird im Jahre 1138 dahin übertragen. Aus einem Per- 
gament des 14. Jahrhunderts ist zu erschliessen, dass das Becken 
damals mit der See nur ungenügend kommunizierte ; das Seewasser, 
welches vordem in den Salinen verarbeitet worden, war durch das 
im Überschuss einfliessende Flusswasser so ausgesüsst, dass die 
Salzerzeugung nicht mehr möglich war. Im 15. Jahrhundert ist die 

*) Vgl. Targioni, de Stefani. 

**) Chimenez und Salvagnola weisen nach, dass im Alluvialgebiete 
^on Grossetto in der Tiefe von wenigen Metern unter Alluvium und Torf 
ÄDerall moderne Meeresablagerungen angetroffen werden. 



124 E. Reyer: 

Barre wieder sehr geschwunden, wie die Karten zeigen. Die Lagune 
kommuniziert breit mit dem Meere. Das Vorland von Grossetto 
aber ist stark versumpft; die Leute sterben so massenhaft, dass die 
Regierung sich veranlasst sieht, Steuernachlässe und Privilegien für 
neue Ansiedler auszuschreiben (Salvagnoli). Das Delta des Ombrone 
reichte weit vor, südlich von demselben reichte eine kleine, nörd- 
lich eine grosse Bucht oder Lagune in das Alluvialgebiet hinein. 

Im 16. und 17. Jahrhundert nahm die Verlandung bedeutend 
zu; eine breite Barre, welche vom Ombrone-Delta ausging, schloss 
das Becken (den Lago di Castlglione) fast vollständig ab; die Süd- 
bucht wurde ganz ausgefüllt. Vorübergehend sehen wir in der 
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Verminderung der Barre 
notiert; im Laufe des 18. Jahrhunderts aber hörten diese os- 
zillatorischen Bewegungen ganz auf; die Bucht wurde definitiv ab- 
geschlossen und in einen Sumpf verwandelt. Seither hat die Ver- 
landung fortwährend zugenommen. Ximenez regulierte den Om- 
brone, um die Überschwemmungen abzuschneiden. Dies hat zur 
Folge gehabt, dass die Verlandung seitdem wenig vorgeschritten ist. 
Hätte man dem Flusse den Zutritt zu dem Sumpf von Castiglione 
ermöglicht, so wäre das Gebiet heute vielleicht ganz verlandet und 
gesund; die Regulierung hat hier wie anderwärts zwar den Über- 
schwemmungen vorübergehend Einhalt gethan; Versumpfung und 
Fieber herrschen aber dafür um so länger. 

Eine dritte wesentliche Änderung hat sich in historischer Zeit 
im Gebiete des Monte Argentaro abgespielt. Im Norden und 
Osten dieses Vorgebirges griff vordem eine tiefe, offene Bucht ein. 
Zu Ende des 17. Jahrhunderts schob sich von Norden her (von 
der Mündung des Albegna) eine Alluvialbarre vor, welche bereits 
zu Anfang des 18. Jahrhunderts die Bucht grossenteils absperrte. 
Durch diesen Kanal fuhr man zu der Festung Orbetello, welche 
auf einer Zunge des besagten Beckens erbaut war (Michelot). In 
der Folge wuchs die Barre bis zum Mte. Argentaro an und sperrte 
die Lagune, welche seitdem einen Fiebersumpf bildet*). — 

Nachdem ich diese Daten vorgeführt, gehe ich über zur theoreti- 
schen Betrachtung: 

IV. Bau und Geschicke des Schwemmlandes: 

Die Flüsse bringen aus dem Gebirge Schutt, Sand und Schlamm 
in die Ebene. So lange das Gefälle ausreicht, wird alles geför- 
dert. In dem Maasse aber, als der Neigungswinkel des Bodens ab- 
nimmt, bleiben die gröberen Teile liegen; nur die feinen werden 



*) Die Regierung verlegt in diese Festung nur Mannschaft, welche ohne- 
dies aus Fiebergegenden stammt. 



Änderungen der venezianischen und toskanischen Alluvialgebiete. 125 

bis zur FlussmünduDg und in das Meer transportiert. So führt z. B. 
die Etsch bis Verona grosse Geschiebe, 10 Meilen weiter trifft 
man Grus und Sand, dann bis zur Mundung Schlamm. Ähnlich ver- 
halten sich die anderen Flüsse dieses Gebietes; das ganze Po- 
Delta ist in seinen tiefsten, äussersten Partien ausschliesslich aus 
seinem Detritus aufgebaut. Entscheidend für diese Verteilung ist 
ausser dem Neigungswinkel des Bodens und der Länge des Laufes 
auch das Verhältnis zwischen mittlerem und Hochwasserstand. Der 
letztere bestimmt die Grenze, bis zu welcher die groben Massen 
gelangen. Das Mittelwasser führt hingegen nur feines Material 
in das Gebiet des Delta. Da nun die Wasserstände durch die 
Beschaffenheit des Hinterlandes bedingt werden, ist das letztere 
begreiflicher Weise auch maassgebend für die ArtderAlluvionen: 
Der niedere, entwaldete Apennin schüttet von Zeit zu Zeit grosse 
Wassermassen in die Ebene, dann folgen lange Dürren. Die Alpen 
hingegen geben Dank ihren Wäldern und Schneefeldern anhaltende 
Ströme ab. Die Apenninflüsse wälzen grobe Geröllmassen in die 
Ebene, während die alpinen Ströme mehr feinen Detritus ablagern, 
ein Gegensatz, welcher sich in der Kultur der betreffenden Allu- 
vialebene deutlich ausprägt. 

Es versteht sich, dass die stetigen alpinen Flüsse überhaupt 
reichlichere Sedimente bilden, als die intermittierenden Gewässer 
der Apenninen. Die fortwährende Förderung von Sand und Schlamm 
ist ausgiebiger, als die zwar heftige aber nur kurzwährende Ge- 
röllförderung der Giessbäche. Die ersteren liefern ein weites, flaches 
Sand- und Schlamm-Delta, während die letzteren steilere und be- 
schränktere Geröllebenen schaffen. — 

Aus den oben zusammengestellten Angaben über die italischen 
Flüsse kann man entnehmen, dass dieselben das Bestreben haben, 
ihr Bett zu verlegen. Es erklärt sich dies aus der Thatsache, 
dass sie eben im unterlaufe Detritus ablagern. Hat dieser Prozess 
einen gewissen Höhepunkt erreicht, so bricht der Fluss bei Hoch- 
wasser an irgend einer Stelle des Mittellaufes in das Nebenland 
ein*), er gräbt sich dort, den tiefsten Stellen folgend, ein Bett und 
bleibt nach abgelaufener Hochflut zum Teil oder vielleicht ganz 
in diesem neuen Bett. Dieser Prozess wiederholt sich und der 
Fluss planiert so das ganze Land, indem er im Laufe der Zeit 
jede Stelle der Alluvialebene beherrscht und mit frischen An- 
schüttungen versieht**). 



*) Infolge der Sedimentierung , welche durch jede Überschwemmung 
^öJ^rsacbt wird, entstehen allerdings beiderseits des Flusses schwach er- 
^öhte Uferstreifen. Diese können aber die Verlegung des Flusses auf die 
*^©r nicht verhindern. 

***) Dass die Bildung der Alluvialebenen durch die fortwährende Ver- 



126 E- Reyer: 

Dies gilt, wie ich vorgreifend erwähne, nicht far alle Falle^ 
sondern nur für jene Delta, welche sinken, oder doch sich so 
wenig heben, dass es zu keiner tiefgreifenden Auskolkang des 
Flnssbettes kommt. In stark gehobenen Alluvien schneiden die 
Gewässer hingegen tief ein und schaffen dann infolge der rastlosen 
Umlegung jüngere, den neuen Niveauverhältnissen angepasste Tief- 
thäler. Da die Verhältnisse in diesem letzteren Falle sich so 
einfach gestalten, soll dasselbe im folgenden nicht weiter erörtert 
werden. Meine Ausführungen beziehen sich also nar auf die 
übrigen Fälle, in welchen eine Alluvion im Unterlaufe überhaupt 
möglich ist: 

Die durch Erosion und andere Momente geschaffenen Uneben- 
heiten bedingen da und dort Abdämmung des Wassers, es ent- 
stehen (insbesondere nach Überschwemmungen) Seen und Sümpfe; 
Torfmoore bilden sich; sie wechsellagern mit den Alluvialmassen*). 

Wo das Alluvium an das Meer stösst, wird es durch den 
Wellenschlag flach ausgebreitet. Das ist das Gebiet der Un- 
tiefen und Sandbänke; langsam fällt hier die Küste ab bis sie 
endlich jene Tiefe erreicht, wo der Wellenschlag nicht mehr wirkt. 
Dort beginnt der steile Abfall. Fortwährend rollen die Wellen 
das Material vorwärts über die sanfte schiefe Ebene, bis es an die 
stillen Tiefen kommt; hier wird alles mit der natürlichen Böschung 
abgelagert**). 

Je nach der Geschwindigkeit und Masse des Flusswassers 
werden die Sand- und Schlammpartikel verschieden weit ins Meer 
getragen. Dort verlieren sie infolge der Reibung, des Wellenschlages 
und der Uferströraungen die nötige lebendige Kraft und sinken 
zu Boden. Wo dieser Vorgang sich stark und anhaltend abspielt, da 
entsteht eine Sand- oder S eh lamm harre (Lido, Cordon litoral) ***). 

Im Verlaufe des Prozesses kann durch Ausbreitung und Ver- 
einigung der Barren ein seichtes Becken (Lagune) abgeschlossen 



änderung der Flussläufe bedingt ist, wird hervorgehoben von Beaumont: 
Lee. geol. prat. 1849, II. p. 250; Rütimeyer: Thal- und Seebildung, p. 127. 
*) Über die italischen Torflager berichtet ausführlich C a t u 1 1 o : 
Costit. terr. venet. 1838, p. 23, 41-— 50, 83 f. Vgl. auch Jervis: Tesori 
sotterr. 

**) Diese steilen Ablagerungen wurden bereits von Beche (Teor. Geol. 
übers, v. Hartmann 1836, p. 30), Lyell (Princ. 1. Aufl. III), Yates (Edinb. 
new. Phil. J. 1831) studiert. Beche betont, dass man hier uüd in anderen 
Fällen ursprünglich steil abgelagerte Sedimente trifft und dass man sich 
wohl hüten muss, jede steile Schichtung von nachträglichen Bewegungen 
(Gebirgsbildung) abzuleiten. 

***) Lombardini: Sist. del Po. 1840. p. 28; Beaumont: Lecons geol. 
prat. 1846; Cossigny (Bul. soc. geol. 1875. p. 358) glaubt, dass die Lido- 
bildung immer mit Hebung des Landes zusammenhängt, was ich bezweifle. 



Andernngen der yenezianischen und toskanischen Alluvialgebiete. 127 

werden. Hier wird das Wasser ausgesusst; brakische, dann Süss- 
wasser-Sedimente bilden sich, Schlamm wird fort und fort zuge- 
führt und so wird die Lagune allmählig in Morast und Festland 
verwandelt*). 

Diese einfachen Verhältnisse verwickeln sich, sobald man 
jene Erscheinungen ins Auge fasst, welche unter die Begriffe 
Massenbewegung und Gebirgsbildung gehören. 

Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, dass die Gleich- 
gewichtslagen in losen Massen durch mannigfaltige Umstände 
geändert werden. Als beeinflussende Momente habe ich dort 
die folgenden aufgeführt**): 

1. Einseitige Belastung***). 

2. Einseitige Angänzung (z. B. Erosion). 

3. Auflagerung der Massen auf einer schiefen Ebene. 

4. Örtliches Schwinden der AUuvion infolge von Stoffverlust 

oder Kompression. 

5. Lokales Anschwellen infolge von Stoffaufnahme. 

6. Änderung der Durchwässerung (des Grundwasserstandes). 

7. Erschütterung. — 

Infolge dieser Einflüsse treten oft ortliche Senkungen und 
benachbarte (kompensatorische) Hebungen ein. Die Senkungs- 
gebiete werden je nach Umständen von Süss- oder Seewasser ein- 
genommen und dem entsprechend entfaltet sich an so geänderter 
Stelle ein verschiedenes Leben. Sümpfe und Moore f) ^ anderer- 
seits aber marine Sedimente entwickeln sich. 

Ich habe in der angeführten Abhandlung Fälle erwähnt, in 
welchen diese Massenbewegungen mit Erdbeben verbunden sind, 
auch habe ich Beispiele des Wechsellagerns von marinen und 
Susswasser -Sedimenten vorgeführt; endlich wurden daselbst die 
versunkenen Moore und Wälder erwähnt. Alle diese Erscheinungen 
habe ich als Ausdruck von Massenbewegungen aufgefasst und die 
Ansicht ausgesprochen, dass in Alluvialgebieten, welche noch 
kein stabiles Gleichgewicht erreicht haben, überhaupt häufig 
nndulatorische Bewegungen von statten gehen und dass diese 
Massenbewegungen eine veränderte Wasserverteilung und reichen 
Facies Wechsel verursachen. 



*) Vgl. H. Credner: Die Deltas (Petermanns Ergänz. 1878. XII). 
**) Beyer: Bewegung loser Massen. Ib. geol. Reichsanst. 1881. 
***) Insbesondere der Druck lokal angehäufter Alluvialmassen bewirkt 
Unfig Dislokationen und Senkungen. Vgl. Ricketts: On subsidence and 
ftccumulation. Geol. Mag. 1872. p. 121; Berendt: Geol. des Kurischen 
Haffs, p. 71. 

f) Wir haben oben zwei andere Entstehungsursachen der Sümpfe er- 
mähnt: Abdämmung und Abschli essung der Strandbarren. 



128 R- ßeyer: 

Es liegen nicht wenige einschlägige Beobachtangen bezüglich 
der italischen Alluvialgebiete vor. Ich begnüge mich jedoch nur 
einige Beispiele hervorzuheben. 

Unter den vielen Venezianer Erdbeben, welche zum grossen 
Teil wohl durch Bewegungen der losen Massen verursacht sind, 
hebe ich nur eines hervor, welches im 11. Jahrhundert Malamocco 
verwÜHtcte; es war von einem starken Einbrüche des Meeres 
begleitet. 

Die alituählig sich vollziehenden Senkungen der Alluvial- 
inaHHcii erwähnen Eremitano, Sabatini, Donati, Ferber u. a. Sie 
heben hervor, dass man mehrfach in Venedig unter dem modernen 
IMljiHter ältere Pflasterungen trifft, welche derzeit unter der Hoch- 
waMHormarke liegen; auch Ravennas alte Pflaster liegen heute unter 
lIocliwaHHcr. Eremitano schätzt, dass die Lido-Inseln im Gebiete 
von Venedig im Allgemeinen in jedem Jahrhunderte um 0,3m 
Hinken. Donati nimmt in historischer Zeit eine Senkung von 2 m an*). 

DaHH Holche Bewegungen auch in prähistorischer Zeit wirksam 
waren, wird durch den Umstand erwiesen, dass man bei einer 130m 
tiefen Bruiinenbohrung in verschiedenen Horizonten zwischen den 
Alluvialtnassen moderne Torflager eingeschaltet getroffen hat**). 

Nach meiner Meinung hat man es hier mit einem anhaltenden 
ZuHammenHitzen zu thun, ja ich mochte glauben, dass die ganzen 
AUuviulmassen im Laufe der Zeit gegen die Meerestiefen vorrücken. 
Der Prozess mag sehr langsam vor sich gehen; von Zeit zu Zeit 
aber dürften doch auch ausgiebigere, von Erdbeben begleitete Ver- 
Mclnebuugen, vorkommen. 

Ks liegen hier offenbar Niveauänderungen vor, welche den zu 
Anfmig des Aufsatzes besprochenen Erhöhungen des Landes durch 
Alluvion entgegenwirken. Der letztere Prozess baut das Delta 
immer höher auf; von Zeit zu Zeit aber ereignen sich Ver- 
rutHehungen, welche die aufgeschütteten Massen in die Tiefe rucken. 
Aulsehilttung und Versinken schliessen einander also nicht aus, 
Mondorn bedingen einander vielmehr gegenseitig. — 

Nachdem wir diese Verhältnisse klargestellt, können wir über- 
gehen zur Besprechung der Niveauschwankungen des festen 
lOrdbodens, auf welchem die Alluvionen liegen. Hier müssen 
zwei Fälle unterschieden werden: 

*) Vjyl. noiiHti: p. I3f. Ferber: Briefe aus Wälschland 1773, p. 35- 
l>rr Autor moiut, das Meer sei gestiegen. Auch das „Buch Chevilla** 1784:» 
l>. -^) briujjft oinsohUijjigfe Daten aus dem Gebiete von Venedig, Ravenua, Rimini» 
Vjjl. t'oruor Klodon. Pog. Ami. 43, p. 361; Credner, p. 62. Hahn * 
Aul'f*toijjon und Siukou der Küsteu. 1879. p. 206 f. 

**) Uott': Nat. Voränderungeu. IIL p. 301. Lyell: Princ. I. 42ö- 
(Miullnvo: Hui. soo. gool. [2] V. 23, Comptes Rend. 1861. I. Reclu^- 
UK«: l>io Krdo. l. p. 310. 



Änderungen der venezianischen nnd töskanischen AUuvialgebiete. 129 

1. Hebt sich die feste Basis, so entstehen wie erwähnt Massen- 
bewegungen im Scbwemmland. Das Grundwasser sinkt, diä Flüsse 
erodieren ihr Bett tiefer. Ist die Hebnng bedeutend, so kann die 
Allavion in Folge des vermehrten Gefälles nichtweiter anwachsen. — 
Ist aber die Hebung im Verhältnisse zur AUuvion unbedeutend, 
so wächst das Alluvialgebiet des Unterlaufes weiter an. 

2. Im Falle der Senkung des Felsbodens vermindert sich 
das Gefälle der Flüsse und eine reichliche Sedimentierung tritt ein*). 

Dieselben Bedingungen und die gleichen Schicksale treffen 
natürlich zu, wenn das Meeresniveau steigt, bezw. fällt. 

Fassen wir nun jene Momente zusammen, welche überhaupt 
Niveauänderungen bewirken können, so erhalten wir die fol- 
gende Liste: 

Das Niveau des Landes kann steigen in Folge von 

1. AUuvion, 

2. Massenbewegung in losen Gebilden, 

3. Hebung des festen Untergrundes, 

4. Rückzug des Meeres. 

Das Niveau des Landes kann im Gegenteil herabgedrückt 
werden in Folge von 

1. Erosion, 

2. Massenbewegung, 

3. Sinken des Untergrundes, 

4. Steigen des Meeres. 

Nur ganz ausnahmsweise können örtlich alle vier positiven 
oder negativen Faktoren zusammenwirken. Meist werden sie ein- 
ander zum Teil kompensieren und zwar können wir folgende 
zwei Hauptfälle unterscheiden: 

1. Wenn das Land auftaucht (oder die See fällt), wer- 
den Erosion und Alluvialsenkung als negative Faktoren entgegen 
wirken. 

2. Wenn das Land untertaucht (oder der Seespiegel steigt), 
wächst die AUuvion. % 

Im ersten Falle kann natürlich die negative Bewegung nie 
wif groside Strecken hin das Übergewicht über die allgemeine 
Emersion gewinnen, während im zweiten Falle allerdings zwei 
Koitibinationen möglich sind: 



*) Berendt (Geol. des Kurischen Haffs) ist der Meinung, dass die Delta 
^ Senknngsgebieten anwachsen. Credner (die Deltas; Petermanns 
^gänz. Xn. p. 30, 60, 66) hebt dagegen hervor, dass Deltas oft in 
^ebungsgebieten liegen; er meint, jede Senkung müsse die Verlandung 
▼Titeln. Es dürfte dies wohl nur für den Fall zuzugeben sein, wenn die 
^^^iiktng meiir beträgt, als die AUuvion. Im Allgemeinen dürfte eine massige 
S&tkk«.ng den Atiwachs des Delta wesentlich begünstigen. 

Z«it8ehr. d. GeieUsoh. f. Brdk. Bd. XYII. 9 



130 E. Beyer: 

a) Die Sabmersion kann bedeutender sein, als die An- 
schwemmung, dann schwindet das Delta. 

b) Die Allnvion behält die Oberhand, dann wichst das 
Delta*). 

Diese Momente sind bisher nicht geschieden worden; man 
hat sich begnügt, za bestimmen, ob überhaupt an einem Orte in 
Summa eine Hebung oder eine Senkung stattgefunden bat. Es 
begreift sich, dass bei einer so unzureichenden Methode der Unter- 
suchung die Hebungs- und Senkangs-Erscheinungen nicht aufgehellt 
werden konnten. Jedes einzelne Gebiet wird neu untersucht 
werden müssen. Der Weg der Untersuchung aber scheint mir 
folgender : 

Da das Meeresniveau den einzigen auf weite Strecken nemlich 
konstanten Horizont bietet, muss man zuerst die felsigen Gestade 
im Bereiche einiger benachbarten Parallelkreise untersuchen. 
Unter diesen scheidet man jene aus» welche Gebieten mit junger 
Gebirgsbildung angehören. Stimmt in den übrigen Fällen die 
Niveauverschiebung dem Betrage und der Zeit nach beiläufig uberein. 
so hat man das Mass für die Schwankung des Meeresspiegels 
gewonnen. 

Nun können wir in den Gebieten mit junger Gebirgsbildung 
den Betrag der Niveauschwankung des festen Bodens be- 
stimmen, indem wir die vorhin gemessene Schwankung des Meeres in 
Rechnung bringen. Endlich, wenn diese Grossen bestimmt sind, 
können wir die Massenbewegungen in dem Schwemmlande 
analysieren. 

V. Ergebnis. 

Wenn wir die vorgeführten Betrachtungen mit den oben zu- 
sammengestellten Thatsachen vergleichen, so sehen wir 

1. dassdieAlluvienstarkangewachsennnd vor geschoben sind. 

2. dass sie zugleich ortlich zusammensitzen und infolge 
der Vorschiebung in ein tieferes Niveau rucken, während oben immer 
frische Alluvialmassen aufgeschüttet werden. 

3. ist hervorzuheben, dass der ganze Apennin in nachterziärer 
Zeit sich nachweislich gehoben hat. 

Man sieht, wie hier Hebung und Senkung einander begleiten 
und zum Teil kompensieren. Wo das Gestade felsig ist, da ge- 
wahren wir nur die Wirkungen der Gebirgshebung vor uns, nebenan, 
im Alluviallande aber wirkt dieser Hebung des festen Untergrundei^ 



*) Diese Unterscheidung hat begreiflich nur den Teil derAIIavio 
im Auge, welcher über Wasser steht, denn in der That w&chst das Del 
ja auf jeden Fall — nur bleibt es im Falle a) eben von Wasser bedeckU 



Änderungen der venezianischen und toskanisclien AlluTialgebiete. 131 

die AllavialsenkaDg entgegen. Sie erlangt ortlich sogar das Ober- 
gewicht. Endlich können im Laufe der Zeit infolge alternierenden 
Yorwaltens des einen oder anderen Faktors Hebungen und 
Senkungen miteinander abwechseln. 

Im Gebiete von Venedig sehen wir die Verlandung Hand in 
Hand gehen mit Zusammensitzen der Alluvialmassen. Die an- 
geschwemmten Partien sinken lokal unter das Niveau des Meeres. 

Sowohl in diesem Gebiete als auch an der toskanischen Küste 
sind mehrfach Oszillationen nachweisbar und zwar sind in dieser 
Beziehung zwei Ereignisse auseinander zu halten: 

1. hat die Verlandung im ganzen Gebiete während des 
Altertums und Mittelalters nur langsame Fortschritte gemacht, 
während sie in den letzten Jahrhunderten sowohl im Gebiete 
von Venedig, als auch an der toskanischen Küste ausserordentlich 
rasch zugenommen hat. 

2. ist die Verlandung mehrfach durch das Vorrucken 
des Meeres unterbrochen worden. 

Der letztere Fall kann, wie wir oben gesehen haben, ver- 
schiedene Ursachen haben. Ich hebe diesbezüglich folgende Fälle 
hervor: 

a) Die Anschwemmung mag in manchen Fällen durch 
Zusammensitzen der Massen kompensiert oder sogar überboten 
werden ; dies mag für viele jener Fälle gelten, wo das Vorrücken 
des Meeres nur lokal gewirkt hat. 

b) Wo die Submersion auf weile Strecken hin in gleichem 
Zeiträume sich vollzogen hat, muss man hingegen eine allgemeine 
Senkung des festen Untergrundes (des Gebirges) oder eine all- 
gemeine Hebung des Meeres annehmen. Hierher ist wohl zu 
rechnen jenes auffallende Vorrücken des Meeres, welches sich im 
Laufe des vorigen Jahrhunderts sowohl im Gebiete südlich von 
Ravenna (Cattolica- Fano) , als auch bei Piombino und Grossetto 
vollzogen hat. 

c) Endlich können Oszillationen bedingt werden durch lokale 
Verwerfungen des festen Untergrundes, sie können mannig- 
faltig kombiniert sein (und alternieren) mit Bewegungen der 
Alluvial -Massen. Hierher rechne ich u. a. das bekannte Ver- 
halten des Gebietes von Fozzuoli. Thatsache ist, dass der Serapis- 
tempel dieses Ortes in den ersten Jahrhunderten n. Chr. am 
^ockenen Lande stand, dann im Mittelalter unter das Meer sank, 
in der Folge aber (vielleicht zugleich mit der Bildung des Monte 
Nuovo) gehoben und trocken gelegt wurde*). Der Tempel sank 



*)Ferber und Spallanzani betonen bereitg, dass Bobrmoscheln eine 
^^'^^K^ge Snbmersion anzeigen (Spallanzani Viaggi Kap. 2 p. 77). Berichte 

9» 



132 E. Reyet: 

meib^es Bracfatens inMge von Madien bewegung im Allaviatn, dann 
Würde der gesunkene Strich infolge einer Bewegung des festen 
apenninisdien Untergrundes wieder gehoben. — 

Nachdem ich in solcher Weise die verwickelten Änderungen 
der .italischen Küste auf die Kombination einzelner einander z. T. 
kompensierender Faktoren zurückgeführt habe, betone ich schliess- 
lich die folgenden für das Kulturleben wichtigen praktischen 
Resultate: 

1. Die Verlandung (durch Anschwemmung) verlegt die 
Hafenstädte ins Inland. Das Ausbaggern des Hafen^ und die 
Verlängerung der Quais verlangen bedeutende Kosten. Unter 
Umständen können diese Kosten bedeutender sein, als der öko- 
nomische Gewinn, welchen man aus dem Hafenorte zieht. Man 
wird durch historische und geologische Studien den Betrag der 
Verlandung bestimmen und der Techniker wird hieraus die mittleren 
jährlichen Kosten d^r Gegenarbeiten berechnen. Diese Re<^nung 
wird entscheiden, ob man den Platz halten oder preisgebet! sM* 

2. Durch Barrenbildung oder durch ortliche Senkung im 
Alluvium entstehen stagnierende Gewässer, welche grosse Strecken 
der Kultur entziehen und die Umgebung durch Miasmen verderbe«« 
Bisher war es üblich, die Flüsse und Bäche, welche diese Becken 
speisten, abzudämmen und so die Überschwemmung zu verhindern. 

Diese Methode ist gewiss in vielen Fällen richtig; manchmal 
aber wird meines Erachtens gerade durch dieses Vorgehen das Übel 
nur vergrossert. Es müssen hier wohl zwei Fälle unterschieden 
werden : 

a) Wenn der mittlere jährliche Niederschlag und die In- 
filtration in der abgesperrten Mulde geringer ist, als die 
Verdunstung, so tritt Austrocknung ein und das Gebiet ist der Kultur 
gewonnen. 

b) Wenn Infiltration und Niederschlag grösser sind als die 
Verdunstung, so entstehen durch Absperrung des Flusses an Stelle 
des Sees mit Durchfluss stagnierende Wasseransammlungen und diese 
werden jährlich während der trockenen Jahreszeit in verpestende 
Sümpfe verwandelt. Hier ist die Abdämmung des Flusses ent- 
schieden vom Übel. 



über den Tempel bringen: Hamilton: Campi Flegrä, p. 70 und „Buch 
Chevilla" (anon) 1784. p. 29, 34. 

lorio: Ricerche sul tempio di Serapide. 1820. 

Niccollni: Tempio di Serap. 1829. 

Babbage: (Geol. soc. London 1834) stellt seine geistreiche Hebungs- 
theorie anf, deren Anwendbarkeit auf diesen Fall ich aber bezweifle. 

Yergl. ferner Hoffmann: Gesch. der Geol. 1838. p. 415. Auch Lyell 
fährt ein analoges Beispiel einer Senkung und folgenden Hebung In einem 
AUnyialgebiete an (Ü. Reise, übers, p. 321). 



Andemngen der venezianischen und toskanischen Alluvial g^ebiete. |33 

In dieMm Falle ist es besser, den Fluss gerade in die stag^ 
nierenden Wassermulden zu leiten. Hierdurch wird erstens die 
IfiaSBienbüdang vermindert, zweitens wird aber aneh der Boden 
des Senknngsfeldes durch Anschwemmung gehoben, sodass man 
aacfa einiger Zeit an eine erfolgreiche Abdämmung des Flusses 
(und Austrocknung der Mulde) denken kann. Sollte die Bevölkerung 
in der Zwischenzeit bedeutend leiden, so mag der Staat die schäd- 
Ikhen Gebiete expropriieren und entvölkern*). 

3. Historische Studien werden die mittlere Senkung des 
Landes bestimmen. Diese Zahl wird maassgebend sein für den 
Horizont, in welchem man Gebäude mit Sicherheit für ein oder 
mehrere Jahrhunderte fundieren darf. — 

Manchen wird bei Betrachtung der vorgeführten Thatsachen ein 
Oefuhl der Unsicherheit ergreifen. Das feste Land scheint nicht 
mehr verlässlich: Hier wird die Küste um einige Stunden vorge- 
achoben; die vordem blühenden Seestädte sinken zu unbedeutenden 
Landstädten herab. An anderer Stelle sterben reichbevölkerte, 
blühende Küstenstriche in Folge von eintretender Versumpfung 
aus — an Stelle der Städte tritt Wald und Morast. Da und dort 
versinken auch Strecken des Strandes samt den Gebäuden und 
Ollen allmählich und die Schiffe fahren darüber hin. 

Die vordem ruhige Ebene wird vor unseren Augen unstät, 
wir sehen, wie sie wellig sich regt und vor und gegen die Tiefe 
wandert. Haus und Feld und volkreiche Städte wandern mit dem 
Landstrome sinkend weiter. — 

So gestaltet sieh das Bild, wenn wir unserer Phantasie erlauben, 
die Prozesse zeitlich zusammenzudrängen. Verlanden, Versumpfen 
und Versinken scheinen alle Kultur vernichten zu wollen. 

Fassen wir aber das Moment der Zeit ruhig, vergleichen wir 
die besagten, geologischen Wandlungen mit den gleichzeitig sich 
abspielenden Menschengeschicken, so gewinnen wir wieder Be- 
ruhigung, denn wir sehen: Menschenleben und kulturelle Revolu- 
tionen spielen sieh so räch ab, dass die Erde trotz ihrer gewaltigen 
und anhaltenden Bewegungen und Änderungen dem Betrachter 
doch recht stationär erscheint. 

Viele Strecken sind in historischer Zeit ganz verschont ge- 
rieben, wo aber doch eine verhängnisvolle geologische Wandlung 

ifiellzieht, da geht dieselbe so langsam vor sich, dass der Mensch, 



*) Meist dürfte dies leicht fallen, da so ungesunde Gegenden nur spärlich 
Wölkert sind. Wo das Su^^pfland an clie l^^rge grenzt, könnten den Bewohnern 
&n den Geb&ngen gesunde Plätze angewiesen werben. In dißAem Falle mögen 
^0 immerhin unter Tags ihre Äclper in der Eben^ bestellen. Wenn sie 
^^ Abends in die Berge heimkehren, wie dies in den MareiUmen vielfach 
l**fthielit, bleiben sie ziemlieh ge8iiu;kd* 



184 E- Reyer: 

welchem keine historischen Vergleiche zur Verfagong stehen, kaum 
etwas yerspurt: 

Die Stadt ruckt unmerklich landeinwärts, der Verkehr mit der 
See wird schwieriger; da wendet sich mancher von dem gewohnten 
Erwerbe ab, andere wandern aus. Durch Generationen Termindert 
sich die Bevölkerung, und unmerklich ist die belebte Seestadt zu 
einer stillen Landstadt geworden. 

In einem anderen Gebiete geht die Versumpfung ebenso all- 
mählig Yor sich und ebenso stetig weicht und stirbt die Bevölkerung, 
ohne dass es jemals zu einer Katastrophe, zu einer Massen- Aus- 
wanderung oder nur zu einem klaren Bewusstsein des Kontrastes 
zwischen einst und jetzt käme. 

Nicht anders geht es mit dem Versinken von Hänsern und 
ganzen Ortschaften. In jeder Generation werden eben nur die 
änssersten Vorposten etwas zu leiden haben. Sie hinterlassen ihren 
Kindern gefährdete Gemäuer, welche nur durch starke Stutzung 
gegen die Brandung zu schützen sind. Die folgende Generation 
giebt den allmählig entwerteten Besitz endlich auf. Dann kommen 
die hoher gelegenen Niederlassungen an die Reihe u. s. f. Endlich 
fährt der Schiffer über das versunkene Gebiet und die Sage be- 
richtet vielleicht von einer entsetzlichen Sundflut, welche aber dodi 
nur in der Phantasie des Beschauers, nie aber in Wirklichkeit 
platzgegriffen hat. 

So glaube ich, werden die geologischen Änderungen in der 
Regel still ablaufen und die Kultur wird sich, ohne jemals durch 
eine umfassende Katastrophe erschüttert zu werden, ganz allmählich 
den geänderten Verhältnissen anbequemen. 

Dem Staate liegt es nach meiner Meinung ob, in der Weise, 
welche ich angedeutet habe, die künftigen Geschicke zu ermitteln. 
Geologen und Techniker werden an der Hand der Erfahrung und 
Berechnung feststellen : 

1. Wo und wie man dem Schicksale mit Erfolg begegnen kann. 

2. In welchen Fällen man auf die Notwehr verzichten und 
der Natur ihren freien Lauf lassen muss. — 

VI. Litteratur. 

Ptolemäus verfasst im zweiten Jahrhundert n. Chr., auf 
phönizischen und alexandrinischen Quellen gestützt, einen geographi- 
schen Text mit astronomischen Ortsbestimmungen. Später zeichnet 
ein anderer alexandrinischer Gelehrter zu diesem Buche erläuternde 
Karten. Beide Werke sind nur in mittelalterlichen Kopieen, welche 
oft entstellt sind, erhalten. 

Die mittelalterlichen Karten der Araber sind für die Kenntnis 
des Orients wichtig, für die vorliegende Arbeit aber wertlos. Das 



JLndeningeii der venezianisclien und toskanischen Allnvialgebiete. 135 

gleiche gilt von den Karten der Spanier and Portugiesen, soweit 
ich sie kenne. Nur die Italiener, spater die Hollander und Deatschen 
haben seit dem Schnsse des Mittelalters für unseren Zweck wert- 
volles Material geliefert. Ich stelle die Litteratar chronologisch 
geordnet zasammen, wodurch die alteren Litteratar- Nachweise er- 
gänzt werden*): 

Portalan (Seekarte) von 1851 in der Bibliothek Lanrenziana 
za Florenz giebt eine kleine Übersichtskarte von Italien. 

Jac. Angelas: Carta dell' Italia 1409. Reproduziert in 
Berlingheri und benutzt von spateren Autoren. 

Ptolemaus aus dem 15. Jahrh. in der Bibliothek Laurenziana 
enthält eine Karte von Italien aus jener Zeit. 

Leonardi 1479 Mappa mondi e carta dUtalia (beide ver- 
brannt), 1485 neu gezeichnet. 

Nie. Donis liefert viele Karten. 1471 abersetzt er den Ptole- 
mäas. 1478 u. 1482 erscheinen in Rom und Bologna Aus- 
gaben des Ptolemaus - Donis. Ausser der Kopie der alten 
Ptolemäus-Karten finden wir auch eine von Donis nach den 
bestehenden Quellen gezeichnete neue Karte von Italien. 

Seb. Munster: Cosmografia 1550, deutsche Aasgabe von 1598, 
enthält keine Karte. 

6. Beglarmati (Bellarmato) : Carta della Toscana 1558, 1563, 
kopiert im Ortelias und Hondius. 

Rascelli: Geogr. di Tolomeo, Yenezia 1561, enthält eine Karte 
von Toskana. 

Ortelias: Teatram Mnndi (1570 und spätere Ausgaben), ent- 
hält u. a. eine Karte der Provinz Siena. 

Barentsoen (Pilote): Karte von Toscana 1598, abgedruckt 
im Bernard Pilote (1599). 

G. Bernard Pilote: Descr. de la mer mediterr. Amster- 
dam 1599. 

Hondius: Ausgabe der Karten des Mercator u. a. Geographen 
1606, 1637f. 

Clav er: Italia antiqua 1609, 1624 (Danzig), berücksichtigt in 
seinen Karten zumeist nur die Änderungen der Landes- 
grenzen und Ortsnamen, nicht aber die geologische Umge- 
staltung des Landes. 

M. Greuter: Karte von Italien 1657, 1676. (1718 erschien 
eine Ausgabe von Greuter-Todeschi in 24 Blättern). 

Coronelli: Atlante Veneto 1690 enthält eine Spezialkarte des 
Po-Delta,, giebt auch einige Litteratur. 



*) Fast sämmtliche zitierte Quellen babe ich in den Bibliotheken von 
*^lorenz und Wien vorgenommen. 



136 E- Beyer; 

B. Trevisan: Lagona di Venesia 1715 (Abbandlang). 

C. Silvestri: iBtorica e geogr, descrüdone delle paludi Adriane. 

Venezia 1736. 
BiaDchi: Spec. Aestas Maris 1738. 
Wachtendonck: Karte von Italien 1738. Handzeichnung in 

der Kais. Handbibliothek zu Wien. 
Alagna: Carta del Mare Adriatico 1740? Handcei^nang in 

der Kais. Handbibliothek zn Wien. (Unbedeutend.) 
Ximenes: Maremme Senese 1769. 
A. Belloni: Dell' Adige. Venezia 1774. 
Gennari: Dell' antico corso dei fiomi di Padova 1776. 
Targioni-Tozzetti: Voyage enToscane. Paris 1792. I. 308f. 

(Geschichte des Hafens von Pisa.) 
Olivi: Zoologia Adriatica 1792. 
Fantazzi: Monomenta Ravennat. 1801^—4. 
Zendrini: Stato antico e moderno della Lagnna di Veneria. 

Padova 1811. 
Woltersdorf: Repertorium der Atlanten 1813. 
Brocchi: Gonchiliologia fossile. Milano 1814. 
Coppin: Sommario storico del Brenta (con tavole) 1817. 
Zendrini: Finmi e lagune 1818. 

Hoff: Naturliche Veränderungen 1822. I. 272 f. (Po-Delta.) 
L.Hain: Repert. bibliogr. usque ad annum 1500. 1826 — 38. 
Catullo: Gostit. dei terreni alluv. delle provincie Venetexl838. 
Repetti: Dizionario geografico-storico della Toscana 1839. 
Lombardini: Sistema idranlico del Po 1840. 
Löwenberg: Geschichte der Geographie 1840, 1866. 
Paoli: Mutamenti della Costa d' Italia da Ravenna ad Ancona 

1842. 
Paleocappa: Costit. del bacino di Venezia 1844. 
Zuccagni-Orlandini: Atlante 1844 giebt eine wertlose histor. 

Karte von Italien, in welcher geographische Verhältnisse ver- 
schiedener Zeiträume kompiliert und konfundiert sind (ohne 

Kritik und Zitate). 
Quinta Riunione degli scientifici Italiani (Lncca) 1844. 

Referate über Änderung der Küsten. 
Salvagnola: Pianura di Grossetto „Atti Georgofili* 1845. 
Fossombroni: Sistema idraul. dei paesi Veneti 1847. 
Lelewel: Geogr. du moyen age (mit Atlas). Brüssel 1850« 

bringt keine für die vorliegende Arbeit wertvolle Karte. 
Santarem: Hist. de la cosmogr. du moyen age. Paris 1850. 
Wuttke: Erdkunde und Karten des Mittelalters (im Serapeum 
1853. Bd. 14). (Detailkarten von Italien werden nicht 
erwähnt.) 



Änderungen der ven^iauiscben nnd toskanischen Allarialgebiete. 137 

Jomard: Monam. de la Geographie 1854 reproduziert keine 

wertvolle Spezialkarte von Italien. 
8a vi: Stndi geol. sulla pianura Pisana ^Atti Accad. Qeorgofili^ 

1856. 
Koner: Repertorium der geogr. Litteratur (im Anhang zur Ber- 
liner Zeitschr. für Erdkunde; seit den fünfziger Jahren). 
Engelmann: Bibliotheca Geografica 1858 (für neuere Litteratur). 
C u p p a ri : Geogenia agraria della pianura Pisana. ^ Atti Georgof ^. 

1859. 
Kiepert: Karten zur alten Geschichte. 1859. 
Sa vi: Movimenti dopo la deposit. del terrenso plioc. Toscana. 

Nuovo Cimento 1863. 
Hellwald: Lagune von Venedig. ^ Ausland^ 1865. 
C anale: Storia del commercio e delle carte nautiche degP Ita- 

liani. Genova 1867. 
Girschner: Erdkunde im Mittelalter. ^Deutsches Museum^ 

1867. 
Paleocapa: Stato antico degli estuarii Yeneti 1867. 
Vacani: Laguna di Venezia 1867. 
Lombardini: Studii idrolog. e storici sopra il grande estuario 

Adriatico 1868. 
Predari: Dizionario delP Italia antica e moderna 1868. 
Das Vorrucken der Küste an der Po-Mundung seit zwei Jahr- 
hunderten nach officiellen Documenten reducirt. 1:100000. 
n Zeitschrift der Ges. f. Erdkunde zu Berlin. 1869. Karte 
ohne Text." 
Ventnroli: Antico stato del Reno 1871. 

Das Archivio Veneto bringt mehrere Aufsätze über den Po. 
Bottoni: Rotte del basso Po (historische Studie) 1873. 
Altavilla: Regno d' Italia, dizionario geogr. storico 1874. 
Buodo: Estuario Veneto. Padova 1874. 
Studii sulla geogr. dell Italia 1875, neue Aufl. 1881. 
Baccarini behandelt in diesem Werke die Alluvien der adria- 

tischen Flüsse und bringt reiche bez. Literatur. 
Cossigny: Bul. soc. geol. 1875 über Strandlinien in Toscana. 
Desj ardin: Ravenne. „Mem. Acad. Sc. Lyon.** 1876. 
O. Müller: Die Etrusker, bearb. von Deecke. 1877. I. 

p. 134. 209 (über das Po-Delta). 
yf. Lang: Ravenna. „Im neuen Reich ^ 1877. p. 481. 
Peschel: Geschichte der Erdkunde. 2. Aufl. 1877. 
BeStefani: Monti Pisani. „Memorie del comit. geologico^ 

1877. 
O.Gredn er: Die Deltas. „Petermann's Mittheil. ^ Erganz. 1878. 
XII. 



138 B- Kiepert: 



•i. 



Karpf: Earten-Repertor. (in den Mittheil, der geogr. Ges. Wieoj 

seit 1879.) 
Hahn: Aufsteigen nnd Sinken der Ensten. 1879. p. 201f. 
Sprnner-Menke: Atlas f Sr Geschichte des Mittelalters. 8. Aufl. 

1880. 
Kovatsch: Die Versandung von Venedig. 1882. (Ist mir 

leider erst während der Korrektur zugekommen.) 



IX. 

Die Fortschritte in der kartographischen Darstellung 

Afrika's im Jahre 1881. 

Von Bichard Kiepert 



Die Entdeckungsreisen, die Fertigkeit im Gebrauch der In- 
strumente, die Produktion von Reisebeschreibungen, Karten und 
geographischen Zeitschriften haben in den letzten Jahren dermasseo 
zugenommen, dass zeitweilige Übersichten über den Stand der 
Erforschung, über die Summe des bisher Geleisteten ein dringenderes 
Bedürfnis als je geworden sind. Nun erscheinen wohl alljahrlicb 
an verschiedenen Stellen ausser den bekannten Bibliographien solche 
Übersichten der Forschungsreisen des letzten Jahres; auch ist der Ver- 
such gemacht worden, die noch unbekannten Theile der Erde oder 
wenigstens der alten Welt näher zu bezeichnen — von grossem 
Werthe sind aber diese Unternehmungen kaum gewesen: es lasst 
sich diese Riesenaufgabe nicht in Form eines Vortrages oder Zeit- 
schriftsartikels losen, und ein Einzelner ist auch schwerlich dazn 
im Stande, für alle nicht regelrecht durch Generalstäbe oder ähn- 
liche Körperschaften aufgenommenen Länder den kartographischen 
Standpunkt in irgend einem gegebenen Momente zu bezeichnen. 
Für einzelne beschränktere Gebiete besitzen wir allerdings Vor- 
arbeiten, so, um nur einiges zu nennen, gewisse Artikel von Hein- 
rich Kiepert, von Zoppritz, von B. Hassenstein u. a. Derartige 
„Bemerkungen zur Karte *^, wie sie Kartographen ihren Arbeiten 
als rechtfertigenden Text zuweilen (aber leider nur allzu selten) bei- 
geben, sind zwar oft von grossem wissenschaftlichen Werthe und 
für andere gewissenhafte Kartographen vom allergrossten Interesse; 
doch haben sie naturgemäss nur ein sehr geringes Publikum, das 
ihren Werth zu schätzen vermag, und erscheinen deshalb in den 
Zeitschriften seltener, als es zu wünschen wäre. Wie nützlich soldie 



Die Fortschritte in der kartographischen Darstellung Afirika*s. 139 

raisoonirenden Begleitworte aber sind, ersieht derjenige nnr allza oft, 
welchem qaellenmassige Bearbeitung von Karten obliegt, welcher 
Reisenden Instruktionen zu liefern hat, von solchen um Rath 
angegangen wird und ihre Ergebnisse verarbeiten soll. Wie oft 
wird da Zeit nnd Muhe auf bereits Bekanntes verschwendet oder 
umgekehrt unbekanntes Gebiet fluchtig durchzogen und keiner Auf- 
merksamkeit gewürdigt, weil der Betreffende es bereits erforscht 
glanbt! Ich halte deshalb, wenn möglich, kritisirende Zusammen- 
stellungen solcher positiven Ergebnisse von Reisen, wie Routen- 
karten, astronomischer Positionen und Hohen für ungemein wichtig 
nnd fnr eine sehr würdige Aufgabe der bedeutenderen geographischen 
Gesellschaften; für die Mittel, welche eine einzige grossere Reise 
kostet, Hessen sich bei richtigem Zusammenwirken geeigneter 
Kräfte solche Repertorien verhältnissmässig rasch herstellen und 
damit wäre ein Hauptdesideratum der Kartographie erfüllt, welches 
Reisenden wie Kartographen in gleicher Weise zu Gute käme. 

Anfange in dieser Richtung sind in jüngster Zeit zu unserer 
Freude gemacht worden: Die Pariser Societe de Geographie ver- 
anlasste die Bearbeitung des Du veyrier 'sehen alphabetischen 
Kataloges aller in Afrika bestimmten astronomischen Positionen (s. 
unten), dessen Erscheinen für Ende dieses Jahres in Aussicht ge- 
stellt wird; die Londoner Royal Geographica! Society die Bearbeitung 
der E. G. Ravenstein'schen „Map of Eastern Equatorial Afrika^ 
(s. Verhandlungen der Ges. für Erdk. zu Berlin 1882, Heft I. 
S. 67) und der dazu gehörigen „ Bibliography of the authorities, 
on which the map is based'^. Ob auch die vom französischen 
Depot de la Guerre herausgegebene Karte von Afrika des Capt. 
de Lannoy in 60 Blatt (1:2 000 000) von einem solchen Memoire 
begleitet sein wird, ist mir nicht bekannt. (Vgl. über dieselbe 
Bulletin de la Societe de Geogr. Mars 1881. p. 230 ff.) 

Um durchaus brauchbar zu sein, mussten aber solche Ver- 
zeichnisse geographischer Daten von kurzen Kritiken über den Grad 
der Zuverlässigkeit derselben begleitet sein, wie deren einige sehr 
danken swerthe , auf Höhenmessungen bezügliche, in letzter Zeit 
Prof. K. Zöppritz in Petermanns Mittheilungen veröffentlicht hat. 
Freilich ist es meist unmöglich, ein Höhen- oder Positionsver- 
zeichniss oder eine Routenkarte sofort nach ihrem Erscheinen auf 
ihren Werth hin zu prüfen und zu beurtheilen; oft erst nach Jahren 
werden Daten bekannt, welche eine Kritik gestatten und uns ver- 
anlassen können, das zuerst vertrauensvoll hingenommene Elaborat 
ganz zu verwerfen oder fortan mit irgend welchen Einschränkun- 
gen zu benutzen oder anderem, bis dahin für besser gehaltenem 
Materiale vorzuziehen. So durfte man seiner Zeit Camerons Karte 
als Grundlage für die Darstellung des durchreisten Gebietes an- 



140 R. Kiepert: 

sehen, während jetzt ihr Nimbas verschwanden ond LiTingstones, 
eine Zeitlang zurückgesetzte Darstellang wieder in ihre Beehte 
eingetreten ist. Ähnliche Beispiele giebt es genug. Ein Reper- 
toriam nun, welches für die einzelnen Länder die bestimmten Hohen 
und Positionen, die kartographischen Quellen und, soweit es mog^ 
lieh ist, deren relativen Werth angiebt, und welches alljährli^ 
Nachträge und Fortsetzungen erhält, Hesse rasch die Lnokea unserer 
Kenntniss erkennen, zeigte dem Reisenden, was er als Terhaltnisflr 
massig oder ganz sicher hinnehmen kann, was er von neaem and 
seine Zuverlässigkeit hin zu prüfen hat, wo er auf jungfiräuliokem 
Terrain arbeitet, und wäre dem Kartographen und Geographen ein 
unschätzbares Hilfsmittel. Liesse sich ein solches nioht vielleicht 
durch Zusammenwirken der verschiedenen geographischen Qesell- 
sehaften zunächst für Asien und Afrika, dann für Sud- und 
Centralamerika herstellen? 

Was unten folgt, zeigt, in welcher Weise ungefähr ieh bA 
die Sache denke; diese kleinen Listen machen übrigens keinen 
Ansprach auf Vollständigkeit, wenn ich auch nach Kriften ge- 
sammelt und jede vorkommende Notiz beachtet habe. Nachträge 
werden stets nothig dich erweisen. HinderHoh ist ausserdem, dass 
bei weitem nicht jedes Buch, jede Broschüre, von Karten ganz z« 
schweigen, bald nach dem Erscheinen in Berlins öffentlichen Biblio- 
theken zu erhalten ist, sondern so manche, wenn überhaupt, so 
oft erst nach Monaten oder Jahren zugänglich werden. Auf ver- 
breitete Zeitschriften, wie auf unsere Verhandlungen, die Procee- 
dings of the Royal Geographical Society (abgekürzt Proc. H. 6. 8.) 
oder Petermanns Mittheilungen habe ich nur verwiesen, nicht die 
betreffenden Zahlen alle excerpirt. Die Anordnung des Materials 
ist rein geographisch: sie beginnt mit Marokko, setzt sich fort über 
Algerien, Tunesien, Türkisch- Afrika, Ägypten, die Nilländer, 
Abessinien, die Ostküste, den Süden, den Westen und endet mit 
Senegambien. Streng durchzuführen ist dieselbe natürlich nicht: 
Sahara und Sudan schliessen sich an Algerien oder Tripolitanien, 
das innerafrikanische Seengebiet an die Ostküste u. s. f. 

Wollte sich der eine oder andere meiner Fachgenossen über 
meinen Vorschlag aussprechen, so würde ich das mit Freuden 
begrüssen. 

Karten. 

— Philip Trotter, Map of the North- West portion of Marocco 

(1:600 000) in desselben Autors „Our mission to the conrt of 

Marocco in 1880" (Edinburgh 1881). Obwohl auf dem Titel dieaeir 
Karte ausdrücklich angegeben ist „Constructed from a sketch map by Captain 
Philip D. Trotter, by Gibb and Hay, Edinburgh^, so ist sie doch bis 



Die Fortschritte in der kartog^raphiscben Darstellnng Afirika^s. 141 

in ds* kleinste Detail iiinein nichti als eine Reduktion der ▼V)rzüglichen 
C. Tissot^schen „Esquisse topographique d^nne partie du royaume de Fi^s** 
im Bulletin de la Soci^t^ de Geographie de Paris (September 1876). 

— De Castries, Oued Draa (Maroc). (1 : 1 000000) in Ballet. 

de la Society de Geographie, Decembre 1880. Eine lediglich auf 
Erkundigungen beruhende, an Orts- und Landschaftsnamen ungemein reiche 
Karte des oberen Wad Draa von seinen Quellen im Atlas an bis zu seinem 
grossen westliohen Bogen und dem trockenliegenden See ed-Debidiat, welcher 
im Sonmier beackert wird. Trotz des ungeschickten Terrains eine bis auf 
weiteres dankbar anzunehmende Bereicherung unserer sp&rlichen Eenntniss 
von Marokko. Von Europäern hat nur Rohlfs in dem Jahre 1862 einen Theil 
dieses Thaies bereist (s. Petermanns Mittheilungen 1865 Taf. 6), Cailli^ 1828 
dies Qebiet nur gestreift. 

— Charles Tissot, Le Bassin da Bagrada (Paris 1881) ent- 
hält mehrere Karten des unteren Medscherda-Thales, welche, obwohl zunächst 
aar Illustrirung antiker Verhältnisse bestimmt, daneben, als z. Th. auf Auf- 
nahmen der Eisenbahn-Ingenieure beruhend, auch für die moderne Topo- 
graphie Tunesiens von Werth sind. Dieselben führen die Titel: 1) Bassin 
de la Medjerda de Chemtou k El Mt'arif. 2) Bassin de la Medjerda d'El 
Mt*arif k Djedeida. Z) Le Delta de la Medjerda (alle drei in 1 : 150 000) 
und 4) Section Topographique du Bassin de la Medjerda depuis TOued Kessab 
jusqu'li rOued Zerga (1 : 100 000). Ausserdem enthält das Buch die Pläne 
der Boinen von Bulla Regia und Utica. 

— Kondaire, Carte du Bassin des Cbotts, dressee en 1880 

(1 : 400 000) , s. Archives des missions scientifiqnes et litteraires. 

3™« Serie, Tome VII 1881, hinter S. 413. Letzte Ausgabe dieser 
auf genauen Messungen beruhenden Karte von Südost-Algerien und Süd- 
Toüesien, welche gegenüber Roudaire^s bisherigen Karten desselben Gebietes 
weitfentliche Veränderungen und Zusätze, besonders an Höhenmessungen, im 
Norden des Schott el-Fedschedsch zeigt. 

— O. A. fiüranse, Schizzo di Ghrat e Circondario (1:20000) 

in L'Esploratore V Taf. 2. Die nächste Umgebung der Stadt Ghat im 
Umkreise von c. 2— ^8 km darstellend. 

— Camperio und Hai mann, Cyrenaica in Petermanns Mitth. 

1881 Taf. 15 und L'Esploratore V Taf. 4. Enthält vier Konten der 
beiden Expeditionen, welche im März und April 1881 im Auftrage der 
»Sodetli d*£splorazlone Commerciale in Africa'' die Cyrenaica bereisten. 
Die weniger ausgedehnten Rohlfs^schen Aufnahmen vom J. 1869 (Zeitschr. 
der Ges. f. Erdk. Y Taf. 5) lassen sich mit denen der Italiener stellenweise 
schwer vereinigen, und ebenso wenig kann man schon jetzt entscheiden, 
welche Darstellung den Vorzug verdient. 

-^ Mamoli, Dema e Territorio (1:15400) in L'Esploratore V 

Taf. 5. Stadtplan mit der allernächsten Umgebung von c. 1km im Umkreise. 

— Flatters' Karte mit seinem Rapport sur la mission d'ex- 
ploration dans le Sahara central pour le chemin de fer trans- 
sahaiien s. Bulletin de l'Union geographique du Nord I, No. 1. 

— Dr. G. Nachtigal, Karte zu Dr. 6. N.s Reisen in Bornü, 

EJäuem and Bagirmi. 1:2 000 000. 8. dessen „Sahara und 

Sud&n^ -Bd. IIb Die endgiltige Verarbeitung des reichen gesammelten 
Materials) vua Tbeil auf oft kontrollierten Erkundigungen, zum Theil auf 



X42 ^* Kiepert: 

sorgsamen Routenaufhahmen bernbend, worüber die Vorrede des ersten Bandes 
S. yill and IX zu vergleichen ist. 

— Cora, Carta originale della Spedizione Borghese-Mat- 

teacci nel Kordofan e Dar For (s. Cosmos di Guido Cora 1880 

Taf. 8). Enthalt die von Lieut. A. M. Massari aufgenommene Bonte von 
Cbartum über el-Obeid und Faseber bis Abu Oberen an der Grenze von Dar 
Tama, angepasst an die Ortsbestimmungen und Aufiiabmen des Agyptiseben 
Oeneralstabes (s. Joum. R. Oeogr. Soc. 1879 und Petermann*s Ifittii. 1880^ 
Taf. 18). 

— Schwein für th, Karte der Tonr des Dr. Riebeck von Kairo 

zum Wadi Na'dk am Nordabfall des nördlichen Galäla. 1:300000. 

(Red. von E. Debes). S. Mittheilungen des Vereins far Erdkunde 

zu Halle a. S. 1881. Aufnahme mittels Eompass» übr und Aneroid; 
ein Stück aus der umfangreichen Karte des 0«bietes zwischen Nil and Rotiieni 
Meere, welches Schweinfurth seit Jahren in wiederholten Reisen kartog^pbis^ 
niederzulegen bestrebt ist. Vgl. dazu seine ,,yorläufige Kartenskizze der W&te 
zwischen Cairo und Sues'S 1 : 1 000 000, in „Sitzungsberichte der kgl. pieiuf. 
Akademie der Wissensch. zu Berlin". 1882. X. Taf. 4. 

— Sidney Ensor, Incidents of a journey through Nubiaaod 

Darfoor (London, Allen & Co. 1881; mir bisher nicht zugSnglich) eothllt 
die Karte einer projektirten und vermessenen Eisenbahnlinie von Abu Gaii 
am Nil nach el-Fascher in Darfur (40miles auf den Zoll) und einen Plan 
der letzteren Stadt. 

— D. Comboni ed' altri Missionari, Carta di Dar Naba. 

8. Bollettino de la Societä Geografica Italiana Serie II. Vol. VI 

Fase. 10 — 11. Skizze der Landschaft Dar-Nuba im Süden von Kordo&n 
im Massstabe 1 : 775 000. Der Text enthält keinen Aufschluss über die Ent- 
stehung des Kärtchens. 

— Felkin und Wilson, Originalkarte einer Reiseroute von 

Lado bis Dara in Petermann's Mittb. 1881 Taf. 4. Eine von B. 
Hassenstein nach dem Itinerare jener zwei englischen Missionare konstmiite 
Route ) an welche diejenigen des Photographen R Buchta angeschlossen 
sind. Dieselbe ^vervollständigt die Arbeiten von Schweinfurth, Junker ete. 
im Gebiete des 6ahr-el-Ghazal und verknüpft sie einerseits mit der Linie 
des Weissen Nil, andererseits mit den kartographischen Aufnahmen der 
ägyptischen Stabsoffiziere im südlichen Darfor.*^ Astronomische Beobachtungen 
machte keiner der Reisenden. 

— E. Marno's Aufnahme des mittleren Bahr-el-Abiad und des 
Bahr el Seraf 1879—1880 s. Petermann's Mitth. 1881 Taf. 20. 
Beruht auf c. 14 900 Winkelmessungen; vgl. die ^^Bemerkungen zu den Auf- 
nahmen^ ebenda S. 426. 

— Emin-Bey,Schizzo delPaese traDufile eFatiko (1:1 000000) 

in L'Esploratore V (Milano 1881) Taf. 1. Kleine Skizze, anscheinend 
genauer als die bisherigen Karten, wie die Gordon^sche in Journal of the 
R. Geogr. Society Bd. 46 S. 431 oder Taf. 22 in Jahrgang 1875 der Petei^ 
mann^schen Mitth. 

— Junker, Karte der Route durch das Thal des Chor Baraka 
in die ägyptische Provinz Taka. Petermann's Mitth. 1881 Taf. 3. 
Vgl. dazu den sehr erwünschten erlftutemden Text Hassensteins ebenda S. 65fl. 



Die Fortschritte in der kartographischen Darstellnng^ Afrika's. 143 

— DallaVedova, Itinerario del viaggio in Abissinia fatto da 

Pippo Vigoni nel 1879 (1:3 750 000) in P. Vigoni's ^ Abissinia^ 

(Milano, U. Hoepli 1881). Dieselbe nnr leicht modificirte Karte, welche 
Dalla Vedova schon in Heft 6 des Jahrgangs 1880 des Bollettino della Societä 
G^grafica Italiana mit den Ronten Mattencci*s nnd Bianchi*s veröffentlichte; 
sie enthält einige mnde Höhenzahlen in Meter. In c. viermal grösserem 
Massstabe (1 : 951 623) findet sich dieselbe Bonte» welche mehrfach über noch 
anerforschtes Gebiet fahrte, in G. Matteacci*s Bach „In Abissinia** (Milano 
1880), and zwar anf drei etwas roh aasgeführte Karten vertheilt. In An- 
setzang von Ortslagen weichen sie mehrfach von den bisherigen besten Karten 
ab;, doch dürfte es nicht gerathen sein, ihnen ohne weiteres za folgen. 

— Dr. Anton Stecker, Der Tana-See. 1:200000. S. Mitth. 

der Afrikan. Gesellscb. in Deatscbl. III Taf. 1. Sehr werthvolle Auf- 
nahme des grossen central-abessinischen Sees, welche aaf 12 Breitenbe- 
stimmangen and an 500 Azimathalpeilangen beruht Näheres über dieselben 
hat der Beisende noch nicht eingeschickt. 

— G.M, Giulietti, Carta originale delle regioni Galla, So- 
mali, Adal tra il Golfo di Tegiara e Harar 1 : 1000000. Gezeichnet 
vonO. Cora, s. dessen ^Cosmos^ 1880 Taf. 9, sowie L^Esploratore 

(Milano 1881), V Taf. 6. Enthält vornehmlich Giulietti's Bouten zwischen 
Zeila and Harar. Bemerkungen zur Karte im Cosmos 1880 S. 365 — 370. 

— M. Moktar, Carte da Gap Guardafui. 1:40 000. Ballet. 

de la Soc. Khediviale de Geogr. 'No. 9 and 10. 1880. Bohe 
Skizze der nächsten Umgebung des Kaps, 9km weit von demselben nach 
Osten, 12km nach Süden reichend, ausgeführt 1878, als es sich um Vor- 
arbeiten für Erbauung eines Leuchtthurmes handelte. 

— Clemens Denhardt, Originalkarte des äqaatorialen Ost- 
Afrika zwischen Mombasa and Nijansa. 1 : 2 000 000. Peter- 

mann's Mitth. 1881 Taf. 1. über die Grundlagen der Karte s. ebenda 
8. 12. Danach ist ein grosser Theil des Flusses Tana, die Küste zwischen 
Mombasa und Schaga und der Streifen Landes zwischen Mombasa und dem 
Kilima-Ndscharo triangulirt und durch astronomische Beobachtungen fest- 
gelegt, indessen auf der in Bede stehenden Karte nur provisorisch skizzirt 
worden. Dazu kommen dann zahlreiche erkundete Handelswege im Inneren. 

— E. J. Soathon, Roate throagh Northern Ugogo, s. Proceed. 

R. G. S« 1881 p. 547. Kleine, mit Hilfe eines prismatischen Kompass 
angenommene Boutenskizze von Mpwapwa bis Koi Kirondah. Ein Karton 
kombinirt dieselbe mit den Aufnahmen anderer Beisender, und in einbr Note 
sind die massgebenden Breitenbestimmungen derselben aufgefährt. 

— W. Beardall, Sketch Map of tbe River Rafiji 1:558195. 

S. Proceedings R. G. S. November 1881. Angenommen im Winter 
1881; das Delta hauptsächlich nach der englischen Admiralitätskarte. 

— Joseph Thomson, Map of the roate of the R. G. S. East 

African Expedition to Lakes Nyassa and Tanganyika (c. 1 : 

2 700 000) in Bd. I von dessen Reisewerk ^To the Central African 

Lakes and back (London 1881). Dieselbe, viel neues bietende Karte, 
welche bereits im Decemberhefte 1880 der Proceedings of the B. G. S. er- 
schien, nur um ein Profil der Beute von der Küste zum Njassa-See vermehrt. 
Bd. n enthält dieselbe Karte mit geologischem Kolorite. 



144 K* Kiepert: 

— James Stewart, Map of the North End of Lake Kyassa 

1880 (1 : 775 000) in Proceed. R. G. S. 1881 p. 820. Unter- 
scheidet sich von der früheren Darstellung^ desselben Offiziers (s. Prooeed. 
R. 0. S. 1880 p. 464) durch die um fast ^ Grad nach Westen geachobene 
Position der Rombasche- Mündung , in Folge dessen das Nordende des SeeSi 
welches auf den Karten bisher genau nordsüdlich verlief, eine nordwestlicb- 
südöstliche Richtung erhalten hat Sonst wiederholt sie nur früher bereifii 
veröfiPentlichte Routen von Elton, James Stewart und Thompson. 

— F. C. Selous, Roates in the Mashana and Matabele Gonn- 
tries. 1:3500 000, s. Proceed. R. G. S. June 1881 S. 353. 
Skizze eines Jagdzuges am Umfuli und Umnyati (nordwestlich von TL 
Baines' äusserstem Punkte im J. 1869), aus welcher sich ergiebt, dass diese 
beiden Flüsse nicht getrennt in den Zambesi münden, sondern das« der um- 
fuli ein NebenflusB des Umnyati, also dem Zambesi nur mittelbar tribntir 
ist. Die Skizze verzeichnet auch die Südg^enze der Tsetse-Fliege im J. 1880. 

— Map of the Central Zambesi Region (Proceed. R. G.S. 

March 1881) enthält eine Anzahl neuer Routen, welche der ElephantenjSger 
Selous ohne Instrumente, nur mit Uhr und Kompass aufgenommen hat^ 
namentlich eine solche etwa 200 engl. Meilen lange vom Zusammenfluss dM 
Zambesi und Kafukwe gegen Nordwesten und eine Anzahl anderer awiseluB 
dem unteren Tschobe (übrigens ein im Lande selbst nicht bekannter Nani^ 
und dem Zuga im Bamangwato-Gebiete. Auf Genauigkeit macht der Autor 
keinen Anspruch. 

— Dr. Bradshaw, Sketch Map of the Chobe River (s. Proceed. 

R. 6. S. April 1881) umfasst die untersten 40 engl. Meilen des Tschobo« 
des rechten Zambesi-Zuflusses , an welchem der Autor sich zu zoologischan 
Zwecken sechs Jahre lang aufgehalten hat. Die Handelsstation unweit der 
Mündung liegt nach Serpa Pinto unter 25^ 19' ö. L., 17» 49' s. Br., 3213 Pu« 
hoch. Die Karte ist aus der Erinnerung entworfen; Inslarumente hatte B. 
dabei nicht zur Hand. 

— Frank Oates, Routes from Shoshong to Tati, from Tati 

to the Umgwanya River, from Tati to the Victoria Falls. S. Frank 

Oates, Matabele Land and the Victoria Falls (London 1881) 

S. 28, 43 u. 173. Drei von E. Weller nach den Beobachtungen des am 5. Fe- 
bruar 1875 in Südafrika verstorbenen Reisenden und Jägers entworfene 
Routenskizzen im Massstab von 1 : 730 000 , welche meist mit den Wegen 
anderer Reisenden (Baines, Westbeech, Holub, Mohr) zusammenfallen. £ine 
demselben Buche beigegebene tjbersichtskarte von Südost-A&ika giebt die 
Routen in übersichtlicher Verkleinerung (c. 1:4150000). 

— E. Holub, Sieben Jahre in Sud- Afrika (Wien 1881, 2 Bde.) 
enthält eine Übersichts- und 3 Spezialkarten nach Kompassaufhahmea: 

1) Centraler Theil von Ost-Bamangwato und West -Matabele 1:500000; 

2) Die Victoriafälle des Zambesi 1 : 7000; 3) H.'s Bootfahrten im e^tralen 
Laufe des Zambesi 1 : 180 000. In Petermann's Mitth. 1881 S. 459 heisrt es, 
dass die in Venedig ausgestellten Originalkarten H/s einen ^^dürftigen md 
dilettantenhaften Eindruck^ machten; man wird sie also höchstens zur Asb- 
füUung und Ergänzung der Arbeiten anderer Reisenden benutzen dürfen. 

— P. Berthoud, Carte des Spelonken (in Transvaal) s. Ver- 
handlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin VIII (1881) 

S. 105 f. 



I 



Die Fortschritte in der kartographischen Darstellnng Afirika*8. 145 

— Ost-Griqua- und Pondo-Land (Petermann's Mittheilun. 

en 1881 Taf. 10), meist nach C. Henkel's Karte and anderen Quellen 
ezeichneti die erste wirkliche Spezialkarte über das betreffende Gebiet, 
reber dies Material, sowie über einschlagende Publikationen des englischen 
itelligence Departement vergl. ebendaselbst S. 211, 212 und 240. 

— Intelligence Branche, Quartermaster General's Department. 
fap of Basutoland and adjacent territories (1 : 633 600); Map of the Trans- 
ial (i : 633 600) und andere Karten. S. Fetermann^s Mitth. 1881 S. 158 
id 240. 

— Pere Duparquet, Sketch Map of the Okavango River. 
-.4 000 000. S. Pfoc. R. G. S. 1881 p. 44. 

— Pere Duparquet, Carte de l'Ovampo pour servir ä l'in- 

^lligence du Voyage du R. P. Duparquet. 1:4 111 500. S. L'Ex- 

loration (Paris) XII Nr. 250 (3. Nov. 1881). Beides nur rohe 
kizzen; sie stossen aneinander und bedecken den Raum vom Atlantischen 
cean bis 23 ^ ö. L. Gr. und von löj^» s. Br. bis 19» s. Br. 

— Serpa Pinto. Tropical South Africa showing the explo- 

itions of Major Serpa Pinto from 1877 to 1879 (1:3 500000) in 

Serpa Pinto's Wanderung quer durch Afrika" (2 Bde. Leipzig, 

'• Hirt und Sohn, 1881). Eine durch viele astronomische Bestimmungen 
»tgelegte Boutenaufhahme , deren Hauptwerth in ihrer westlichen Hälfte 
)aigiiella-Bih^-Zambezi) liegt, da dort noch kein anderer Reisender gearbeitet 
at Der Mittellauf des Zambezi stimmt leidlich zu Livingstone^s Karte, 
^elch* letzterer ich indessen geneigt bin, den Vorzug zu geben, auch vor 
[olnbs Darstellung, s. dessen „Sieben Jahre in Süd- Afrika* (Wien, Holder, 
881) Taf. 1 und 4. Dass Schoschong und der obere Limpopo durch 4 
i&ngenbestimmungen Pinto*s um mehr als 1 ^ nach Osten verschoben werden 
>Ilen, eine Lage, welche Holub bereits auf seiner Übersichtskarte (a. a. O. 
!af. 1) adoptirt hat, muss Bedenken erregen. Man vergleiche darüber 
^etormann^s Mittheilungen 1881 S. 306, Spalte 2, wo hervorgehoben wird, 
888 diese Ansetzungen mit Manches Bestimmungen, die sich bisher bewährt 
aben, nicht zu vereinen ist. — Pinto's Buch enthält ausserdem folgende 
pe ziellere Routenkarten: Band I S. 198: Von Benguella nach Bih^ in 
: 1770 000; S. 202: Vom Cubango zum Cuanza c. 1:1050000; S. 212: 
land der Quimbandes in 1:462 500; S. 218: Skizze des Landes zwischen 
am Onqueima und dem Cuanza; S. 250 und 252: Flusssysteme in Cangala 
: 925 000; S. 256: Von Cambuta nach dem Cubangui in 1:1050 000; 
. 264: Skizze der Cuaudo-Quelle ; S. 291: Von Cangamba nach dem Cuchibi 
a 1 : 925 000. Band II S. 92: Skizze des Gonha-Falles und S. 143: Skizze 
les Falles Mosi-oa-Tunia. 

— OttoSchütt's Aufnahmen und Erkundigungen im südwest- 
lichen Becken des Congo. 1878—79. 2 Blätter in 1 : 1 000 000. 
In ^Beiträge zur Entdeckungsgeschichte Afrikas. IV ". (Berlin 

1881 , D. Reimer.) Beruht auf Aufnahmen mittels der Planchette und 
Breitenbestimmungen (letztere leider nicht veröffentlicht), welche O. Schutt 
^^ P. Gierow ausgeführt haben. Die Längen sind unzuverlässig, wie 
^eits Bnchner's astronomische Beobachtungen gezeigt haben, und wie ich so- 
fort bei der Veröffentlichung erklärte (s. Beiträge IV S. X). Sehr zu bedauern 
ist, dass eine Anzahl Routen, welche die Originalaufoahmekarten, ja z.Th. selbst 
^*e Tagebücher Schütt's enthalten, erfunden und in Wahrheit nicht gemacht 
'forden sind (s. W. Erman in „Verhandlungen der GesellBduoit i. "EkT^. t.^ 
ZtitBebr, d. GeaeUsob. f. Mrdk. Bä. XYIl. VQ 



146 B- Kiepert: 

Berlin 1881 S. 38ß). Was der Beisende mit der Fingimng solcher meist 
ganz kurzer nnd unbedeutender Routen bezweckte, erscheint uns dorchaiis 
unerfindlich, zumal er dadurch seine übrige fleissige Arbeit unnOfiiig in 
Misskredit bringt Die nicht gemachten Routen sind nach einer uns Tor* 
liegenden authentischen Manuskriptkarte 6ierow*s folgende. Auf Blatt I: 
1) Von Pungo-a-N-Dongo sudw&rts c. 11 km lang. 2) Von Lutete (nordSstL 
von Pungo-a-N-Dongo) südwärts c 7 km lang. 3) Von Malange nordidbrti 
nach Quessoa c. 10 km. 4) Die Routen nach Quibinda und Liombe do Pirei 
bei der Mündung des Cuige in den Quanza, zusammen c 26 km. 5) Die 
Routen auf dem linken Quanza-Ufer sudlich vom sog. Kaiserin- AugusU- 
Wasserfall c. 24 km. 6) Die Route vom Kaiserin- Augusta-Wasser&ll nach 
der Mündung des Loando in den Quanza c. 63 km. (Nr. 5 n. 6 behauptete 
Schutt positiv gemacht zu haben, s. Globus XXXYII S. 297 letzten Absatii 
7) Von Quissoli nach Sanza 38 km. 8) Route nach Quilundula im Lande 
der Cahunda 32 km. 9) Vom Seculo Capembe im Songo-Lande südwärts lU 
Seculo Camaua auf dem Berge M'Beiza 6 km. Auf Blatt II: 10) Vom Mnata 
Musevo zum Cha-Pidi 43 km. 11) Die kleine Route ebenda vom Ufer dei 
Luaximo nordwestlich zum Dorfe des Musevo 6 km. 12) Vom Dorfe der 
Nambanza östlich 10 km und 13) nördlich zum Quiluata des Mai Huneae 
23 km. 14) Vom Canapumba am Loang^e nordwärts zum Culengo 20kBL 
Zusammen 14 Routenstücke von etwa 309 km Länge. So bedauerlich üb 
Interesse deutscher Afrikaforschung dieser Vorfall ist, so erfreulich ist ei 
andererseit««, dass uns, abgesehen von Gierow's Enthüllungen, schon jetst die 
Reisen von Büchner, Lieut. Wissmann und Pogge die Mittel an die Hand 
geben, die Wahrheit zu erkennen. Falsch wäre es übrigens, nun gleich die 
ganzen Schutt" sehen Karten über Bord zu werfen; denn trotz alledem seichnet 
sich ihr Urheber durch eine nicht gewöhnliche Geschicklichkeit im Anffessen 
und Wiedergeben des Terrains aus, die seine Arbeit neben denen seiner 
Vorgänger und Nachfolger auf demselben Gebiete unentbehrlich macht. 

— Hermenegildo de Brito Capello e Roberto Ivens, 

De Benguella as Terras de Jacca (Lisboa 1881, 2 Bde) enthSh 
u. a. eine grosse Karte des gesammten Reisegebietes der beiden Officiere, die 
im einzelnen zu prüfen ich noch nicht Gelegenheit hatte. Merkwürdig ist 
die Verwertung von einzelnem Material des Majors von Mechow, der am 
Quango sehr fleissig gearbeitet hat — leider ohne die Provenienz zu nennen. 

— Rev. T. J. Comber, Sketch Map of exploratioos in the 

neighbourhood of St. Salvador (Congo) (1:1 450 000). S. Proceed. 

R. G. S. Januarheft 1881 Taf. 2. Routenaufnahme im Reiche Congo 
und nordöstlich davon, auf Breitenbestimmungen, welche leider nicht mitgeteilt 
werden, und Distanzschätzungen beruhend. Von Interesse ist die scharfe 
Kritik, welche in dem zugehörigen Texte (ebenda S. 20 f.) an der Karte des 
Lieut Grandy (Journal R. G. S. XI. XI, 1876 p. 428) geübt wird. Die 
einzige Höhenzififer, welche die Comber^sche Karte enthält, ist 2500 Fuss 
für das Plateau von Zombo. 

— Map showing the journey to Stanley Pool of H. E. Crud- 
gington and W. H. Bentley (1:550 000). VeroflFentlicht im 
^Missionary Herald" August 1881 (Yates and Alexander, London). 

— Flegels Roate von Eggan nach der Landschaft Akoko« 

1 : 400 000. (Mitth. der Afrikan. Gesellschaft in Deutschland II 

Taf. 2.) Einfache Routenauihahme auf bisher unbetretenem Gebiete; die 
Lage von Eggan wurde offenbar direkt aus der englischen Admiralitätskarte 
Nr, 2768* entnommen. 



Die Fortschritte in der kartographischen Darstellung Afrika*s. 147 

— Ed. Robert FlegeTs Reise von Rabba nach Sokoto and 

znrack (Aufnahme des mittleren Niger und des unteren Oulbi-n- 

Gindi in 1 : 600 000). S. Mitth. der Afrikanischen Gesellschaft in 

Deutschl. III Heft 1 Taf. 2. Sehr fleissige Fluss- und Routenaufnahme 
ttittels Uhr und Kompass, aber nicht auf astronomische Beohachtungen hasirt. 
Der Ansgangfspunkt Rabba ist direkt aus der englischen Admiralitätskarte 
Nr. 2768* (Africa West Coast: Badag^ to Cape Formoza) herübergenommen. 
Die nördliche Hälfte der Aufnahmen betrifft bisher unbekannte Gebiete. 

— R. C. Hart, Karte des Prah-Flusses in 1:126 720 mit 

- einigen Wegekarten etc., enthalten in dem englischen Bluebook: 

- „Gold Coast. Affairs of the Gold Coast and threatened Ashanti 

; Invasion. Presented to Parliament, August 1^81.^ (London.) 
Billige andere Karten über jenes Gebiet von demselben Lieut. Hart und 
Lieut. Swinburne, herausgegeben vom Intelligence Brauch , War Office sind 
aufgeführt in den Proceed. R. G. S. 1882 p. 254. 

— Karte des unteren St. Pauls River in Liberia, März 1879 
aufgenommen von Offizieren des V. St.- Schiffes ^ Ticonderoga **, 
herausgegeben vom Hydrographical Office zu Washington 1881 
(West Coast of Africa. Liberia. St. Pauls River. Washington, 
Hydrogr. Office 1881. Nr. 884). 

— ' H. N. Dumbleton, Expedition to the Upper Gambia 1881. 

Route Survey (1 : 729 000), enthalten in dem englischen Bluebook: 

Gambia. Correspondence relating to the recent expedition to the 

Upper Gambia under Administrator V. S. Gouldsbury, M. D., 

G. M. G. Presented to both Houses of Parliament by Command 

of Her Majesty. August 1881. Eine auf 24 astronomisch bestimmten 
Piukten beruhende Routenaufnahme vom Gambia -Flusse über Timbo nach 
Port Locco, also auf nicht ganz unbekanntem Gebiete. Eingetragen sind 
eine Anzahl Hohen und die Liste der 24 Längen und Breiten, welche mit 
der Karte durchaus stimmen, was mit den auf S. 37 — 89 des Textes an- 
gegebenen Positionen theilweise nicht der Fall ist. Dasselbe Heft enthält 
auch im Massstabe 1 : 145 800 eine speziellere und genauere Flussaufhahme 
,,Map of the Upper Gambia from Jarbutenda to Bady Wharp**. 

— Esquisse des differents itineraires suivis par la mission Gal« 

lieni 1880 — 1881. S. Bulletin de la Societe de Geographie de 

Rochefort III Nr. 1 (Juli — Sept. 1881). Vgl. auch das Bulletin der 
handelergeogr. Gesellsch. von Bordeaux vom 20. Juni 1881. Rohe Skizze 
des Landes zwischen Bafulabe am Bafing und Segu-Sikoro am Niger ohne 
Gradnetz und Massstab. 

, — : Itinerar von Dr. Oskar Lenz' Reise durch Marokko und 

die Sahara nach Timbuktn und von da durch den Sudan zum 

Senegal 1879—1880 (1 : 1 500 000). S. Zeitschr. der Gesellsch. 

fi Erdk. zu Berlin 1881, XVI Taf. 11. Enthält die gesammten geo- 
graphischen Ergebnisse von Lenz* letzter grosser Reise; das Rentier basirt 
nicht auf neuen astronomischen Beobachtungen, sondern scheint einfach an 
die bisher gültigen Positionen der wichtigsten unter den berührten Orten an- 
geknüpft worden zu sein. 

— Alfred Grandidier's Esquisse d^une cait^ d^ \a ^tONvoi^^ 



148 K* Kiepert: 

d'Imerina 1 : 200 000. 8. Verhandl. der Gesellscb. f, Erdk. VIÜ 
(1881) S. 112. 

— W. DeansGowan, Karte des Distrikts Tanala in 1 : 600000 

in der gleichnamigen, 1881 zn Faravohitra erschienenen Broschüre; 
vgl. Proceedings R. G. Soc. 1881 S. 574 und Petermann*8 Mitth. 1882 8. 37). 
Skizze des Gebiets zwischen 20^ 30' nnd 22^ 20' s. Br. und zwischen 46<> 
und 46^ 30' ö. Länge Greenw. im südöstlichen Madagaskar. 

Positionsbestimmungen. 

Voranzuschicken ist die erfreuliche Mittheilnng Ch. Maonoirs (Bnlletin 
de la Soci^t^ de Geographie Avril 1881, S. 293), dass Henri Dnveyrier 
im Auftrage der Pariser Geographischen Gesellschaft eine alphahetiscbe Liste 
aller bisher in Afrika bestimmten astronomischen Positionen zusammengestellt 
hat und gegen Ende des Jahres 1882 veröffentlichen wird. Dieselbe amfasst 
c. 3000 Namen, enthalt Höhe, Breite, Länge, Name des Beobachters und in 
den Anmerkungen eventuell das Verfahren beim Beobachten und wird be- 
sonders für Kartographen ein unentbehrliches Hilfsmittel abgeben. Die beiden 
ersten Bogen der Liste liegen uns bereits vor. 

— Sidney Ensor's ^Incidents of a Jonrney through Nubia 

and Darfoor^ (London, Allen & Co. 1881) enthält nach „The Athe- 
naeum" (No. 2804, 23. Juli 1881, S. 104) eine Liste astronomischer Be- 
stimmungen. Ob dieselben aber von Sidney Ensor selbst herrühren, oder ob 
nur die vom ägyptischen Generalstabe erlangten Resultate reproducirt worden 
sind, geht aus der Anzeige im Athenaeum nicht hervor. 

— Faschoda 9« 54' 29" n. Br. 

Sobat-Mündung 9° 21 ' 23" n. Br. 

Mündung des Bahr-el-Arab 9« 5' 5" n. Br. 

Beobachtet von Ernst Marno. s. Petermann's Mitth. 1881, 

S. 354. 

— Fadasi 9° 48' 30" n. Br. Nach Schnver in Fetermann's 

Mitth. 1882, S. 70 (wo auch kurz Kritik an Mamo's Karte [Jahrgang 1872, 
Taf. 23 derselben Mittheilnngen] geübt wird). Weitere Breitenbestimmungen 
desselben Reisenden theilt das ^Bollettino della Societä Geografica Italiana 
(Februar 1882, p. 211) mit: 

BenischangoU . . 10° 32' 20" 

Famaka 11^ 18' 45" 

Roseres 11» 56' 37" 

Sabunabi .... 12° 34' 

Chartum (Nordende) 15» 37' 8" 

— Rubaga in Uganda nach Mr. Pearson 32» 58' 45" ö. L. Gr. (nach 
Speke 32« 44' 30", nach Stanley 32« 57') und 0« 18' 46" n. Br. S. Church 
Missionary Intelligencer. Oetober 1881, S. 617 f. 

— Korata am Tana-See 11« 44' 22,5" n. Br., 37» 28' 7,5" ö. L. v. 
Greenw. s. Stecker in Mitth. der Afrikan. Ges. in Dentschl. III. 
Heft 1, S. 25. 

— Karema am Tanganjika-See nach Cambier 6» 49' 20" s. Br. 28» 
11' 33,30" ö. L. Paris s. Bulletin de la Societe beige de g^ographie. 
1881, No. 2, p. 226. 

— Pambete am Südende des Tanganjika-Sees nach James Ste- 
wart 31» 21' 20" ö. L. Gr. s. Proceed. R. G. S. 1881, p. 271. 



Die Fortschritte in der kartographischen Darstellung Afrika^s. 149 



— Mündung des Rombasche in den Njassa-See nach James Ste- 
wart ^^^ 50' 30" Ö. L. Gr., 9« 34' 30" s. Br. s. Proceed. R. G. S. 
1881 p. 259. 

— Sndende der Inseln Tschiluan (Chiluan) an der Ostküste Afrika*s 
zwischen Sofieda und der Sabi-Mündung nach Phip son- Wybrants 
20» 46' s. Br. 8. Proceed. R. G. S. 1881, p. 306. 

— Transvaal und Umgebung. Positionen der wichtigsten Orte nach 
Mohr, Baines, Manch etc. s. F. Jeppe, Transvaal Book Almanac 
and Directory for 1881. Maritzburg 1881. 

— Ololika am unteren Cunene 16° 50' s. Br. 
Gross Ombandscha . . . . l?^' 8' s. Br. 

Nach Dafour in den Missions Catboliqaes (abgedruckt in 

L'Exploration. XIII. No. 259, p. 190 und sonst). 

— Serpa Pinto's Positionsbestimmungen und Höhenmessungen 
sind mit einigen kritischen Bemerkungen wieder abgedruckt in Petermann^S 
Mitth. 1881, S. 306 f. 

— Malange 9» 32' 31" s. Br. 16» 37' 48" ö. L. Gr. 

Mussumba des Matiamwo 8^ 24' 18" s. Br. 22» 50' 0" ö. L. Gr. 

Ausserdem 24 Breiten von Dr. MaxBuchner's Hinreise von Malange 

nach Mussumba. s. Mitth. der Afrikan. Gesellsch. in Dentschl. II. 

8. 168 u. 169. Vgl. auch ebenda S. 160. 

— Malange nach Lieut. Wissmann 16» 37' 49,5" ö. L. Gr. 9^32' 
45" 8. Br., was zu Buchner's Position gut passt Vgl. Mitth. der Afrik. 
Ges. in Deutschi. III. Heft 1, S. 79 und Heft 2, S. 88. 

— Stanley Pool von Stanley neu bestimmt 15 ® 47 ' ö. L. von Greenw. 
(c 1^^ westlicher, als auf seiner Karte). 

Nach Mitth. von Oberst Strauch in Brüssel. 

— Astronomische Bestimmungen H. N. Dumbleton's von 
Oonldsbury's Expedition nach dem oberen Gambia imd Futa Dschalon (auf 

der 2. Karte zu dem August 1881 gedruckten englischen Bluebook Gambia) : 



Jarbutenda 13<> 25 

Bady Wharf 13« 4 

Bady 13^ 8 

Damantang 120 59 

Lager nahe dem Grey-Flusse 12^ 59 

Pajady 12» 32 

Kootang 12» 25 

Cardy 12» 9 

Lager bei Dombiady .... 12 ^ 2 

Kalashy ll« 50 

Darah ll« 44 

Delabah ll« 44 

Toobah ll» 35 

Botokunta U» 33 

Tulay 110 25 

Laby ll« 19 

Bantingel 11 5 

Fugnmha 10^ 51 



NordL Breite. 

10" 

38" 

1" 

8" 

0" 

2" 

36" 

31" 

46" 

16" 

15" 

0" 

45" 

42" 

48" 

2" 

31" 

33" 



Weetl. L. T. Gr. 



13® 51 
120 46 

12« 40 
120 49 

120 56 
120 43 
120 59 
130 14 
120 56 
120 51 
120 43 
120 34 
120 21 
120 5 
110 47 
110 38 
110 46 



0" 

0" 

0" 

0" 

0" 

15" 

45" 

0" 

0" 

0" 

45" 

15" 

30" 

1" 

16" 

0" 

30" 



110 29' 37" 



150 B. Kiepert: 

Nordl. Breite. WeetL L. t. Gt. 

Timbo 100 38' 16" H© lo« 0" 

Sarifoulah 100 55' 44" 10» 58' 30" 

Koomi 100 25' 51" 11© 24' 36" 

Sayidiah 100 7' 4" 11© 34' 54" 

Yanah 9© 44' 31" lio 46' 36" 

Tambie 9© 28' 9" 11« 54' 15" 

Höhen. 

— G. Rohlfs' Reisebeschreibung ^ Kufra " (F. A. Brockhaus, 1881) 
enthält einige zerstreute Höbenangaben , welche z. Th. schon früher in den 
«Mittheil, der Afrik. Gesellsch. in Deutschl.'' (I. S. 116ff., U. S. 21ff. u. 130) 
yeröfiPentlicht wurden. Es sind: S. 99: Tarhona-Gebirge c. 500m; S. 130: 
Tai-Gebirge bis 400m; S. 153: Sokna 268m, Dschebel Filgi 453m, Hon 
212 m, Uadan 210m, Garat Tschausch 420 m, Dschebel Ferdschan 301 »(auf 
der Karte dagegen 321 m), Aiu Hammam 332 m (auf der Karte 232 m); S. IM 
Dschebel Soda bis 1500m (geschätzt); S. 194: Abu Naim c. 50m; S. 226 
Audschila und Dschalo etwa in Meereshöhe; S. 267: Taiserbo c 250in 
S. 268: das dortige Lager 240 m; S. 271: Dschebel Buseima 388 m. Die too 
Hann berechneten Höhen (aus Aneroid- Ablesungen) geben z. Th. wieder 
gaxii andere Werthe: S. 350: Bir Milrha 314 m; Sokna 333,6 m, Andschils 
40,7 m; S. 351: Kalanscho, westlich von Audschila, 176,4 m; Taiserbo 276,4m; 
Kebabo 491,5 oder 492,6 m. Ausserdem giebt er dort noch 16 Höben, welche 
indessen auf zu wenigen Ablesungen beruhen, um zuverlässig zu sein. 

— G. Nachtigal's Beobachtungen und Schätzungen im 
Tsade-Becken s. dessen ^Sahara und Sudan ^. Bd. II.: 

S. 77: Kard, tiefste Stelle Bodele's c. 100m unter dem Tsade (270 m> 
S. 117: Küka c. 275m. 

Bir el-Barqa 40 m über dem Tsade. 
S. 118:.Fidfiddi 70m über dem Tsade. 

Birfo etwa so hoch wie Küka. 

Brunnen Salädo in Egei wenig tiefer als der Tsade. 
S. 121: Der südl. Theil von Borku wahrscheinlich nicht unerheblich 

tiefer als der Tsade. 
S. 124: Hattija Tungur tiefste Stelle der ganzen Bahar-el-Ghazal-Mulde. 
S. 660: Gabberi- u. Tummok-Distrikte südlich vonBaghirmi c. 320 m hoch. 

— K. Zöppritz, Zur Hypsometrie von Ost- Sudan zwischen 
Suakiu, Massaua und Kassala. (Petermann^s Mitth. 1881, S» 68 ff.) 
Bespricht die Grundlagen für die Berechnung von barometrischen Höhen- 
messsungen in dem bezeichneten Gebiete und giebt die Resultate von 16 
Munzinger'schen Beobachtungen aus dem J. 1864 und von einigen Junker*8chen 
Aneroid - Ablesungen nebst einer Kritik derselben. Auf Taf. 3 desselben 
Bandes der Mittheilungen findet man die betreffenden Zahlen zum Theil 
eingeschrieben; einige derselben fallen ausserhalb des Rahmens der Karte. 

— Chartum (Nilspiegel) 1402 engl. F. 

Faschoda „ 1446 „ 

Bahr Gazal „ 1476 „ 

Gondokoro „ 1763 , 

Rageef n 1775 „ 

Kerri „ 1819 

Moogie „ 1821 „ 

Duffli „ 2053 

Fashelie (Spiegel* des Unjama, der in den Nil mündet) 2237 „ 

Lake Albert (Seespiegel) 2069 „ 



Die Fortschritte in der kartog^aphisohen DarBtellung Afrika*s. 151 

Shoa Mom (Spieg^el des Victoria-Nil oberhalb der Mur- 

chison-Fftlle) 2365 engl. F. 

Fälle im Victoria-Nil zwischen den Mnrchison-Fällen n. 

Foweira 3058 „ 

Foweira (Nilspiegrel) 3369 

Fatiko 3541 „ 

Bestimmt von Oberst Gordon u. Hauptmann Watson 
1874 — 76 8. Colonel Gordon in Central Africa (London 1881) s. 442. 

— 9 Höhenmessungen Buchta's aus dem oberen Nil-Gebiete, 
berechnet von Prof. Hann s. Petermann's Mitth. 1881, S. 89. 

— Felkin's26 Hohenm essungen längs seiner Route von Lado 

am Nile nach A'bu Gurun am Molmul, berechnet von Prof. 

Zoppritz 8. Petermann's Mittheilungen 1881 , III. S. 114. Die 
weiteren Höhen von Abu Gurun bis Dara in Dar -Für s. ebenda Taf. IV 
(dieselben sind insgesammt um llpa zu verg^össern s. ebenda S. 114). 

— Höhenbestimmnngen des Dr. Emin-Bey zwischen Lado und 
Makaraka-Ssugaire. Von Prof. Dr. K. Zoppritz s. Petermann's 
Mitth. 1881, S. 347—348. 

— Tsana-See in Abessinien nach Rohlfs 1755m s. Mitth. 
der Afrikan. Gesellsch. II. Heft 5, S. 245. 

— Gug^wie-Berg am Tana-See 2190m (S. 24), 
Goraf-Berg , „ 2134 m (S. 27). 
Spitze Tekla Haimanot in Zegi 2074 m (S. 30). 
Tana-See 1942 m (S. 32). 

s. Stecker in Mitth. der Afrik. Ges. in Deutschi. III. Heft 1, S. 24ff. 

— Berg Rava in Daraot (Südabessinien) nach Bianchi 4178m 
(Aneroid) s. L'Esploratore, September 1881 und Petermann's 
Mitth. 1881, S. 474. 

— Marchese Antinori's barometrische Hohen aus Schoa 

und von dem Wege von Tul- Harre nach Ankober (BoUettino 

della Societä Geografica Italiana 1881, Heft 8, S. 596). 

Tul-Harre 729m Hescba, Wüste 3120m 

Karab 857 m Berg Hescha, nordöstlich der 

Miülu 782m Wüste 3169m 

Farrfe 1367m Dens 2787m 

Schotalit 2350m Mahal-Uonz 2392m 

Let-Marefii. 2452m Ankober 3005m 

Fekerii Gem 3088m 

bei der ersten Festungsmauer. 

— E. J. Southon 15 Höhen (mit einem Aneroid gemessen) aus 
dem nördlichen Ugogo enthält die kleine Routenskizze und der dazu 
gehörige Text (passim) in Proceed. R. G. S. 1881, Septemberheft, 
S. 547flF. 

— Kakoma, Deutsche Station in Ugunda, Ost- Afrika c. 1000m s. 
Mitth. der Afrik. Ges. in Deutschi. III. Heft 1, S. 2. 

— 317 Höhenbeobachtungen J. Thomson's von seiner Reise 
von Der-es-Salaam zum Njassa- u. Tanganjika-See s. J. Thomson, 
To the Central African Lakes and back (Londou 1881) Bd. I. 



152 B. Kiepert: 

8. 308 — 815 oder Journal of the R. Geographica! Society Vol. 50, 

S» 268 — 275 (anch zum Theil reproduzirt in ^^YerlumdlTiiigen der OteB. 
für Erdkunde zu Berlin. VIII. S. 275—278). 

— Kauingina-Berg (unter 11^^ s. Br. am Westufer des Njasaa-Sees) 
c. 5000' engl. = 1520 m (p. 262). 

Thal des Rikuru (etwa unter 11» s. Br.) c. 3700' =s 1120 m (p. 263> 
Mount Waller (c. 10« 40' s. Br.) 4700' = 1430 m (p. 265). 
Dorf Maliwandu (c. 9« 44' s. Br.) 3900' = 1190m (p. 266). 
Land Mambwe (c. 9^ 10' s. Br. zwischen dem Njassa- u. dem Tan- 
ganjika-See) durchschnittlich 4700'= 1430 m (p. 269). 

Kette am Südende des Tanganjika c. 5400' = 1640 m (p. 269). 

vgl. James Stewart in Proceed. R. G. S. 1881, p. 257ff. 

— Höhe des Plateaus nördl. vom Zusammenflusse des Zambesi und 
Kafiikwe (zw. 28 und 29 » ö. L. Gr.) 3500 engJ. Fussr= 1067 m naeb 
Selous (Proceed. R. G. S. 1881, p. 170). 

— Matabele-Land. Tschakanipan (22<> 46' s. Br.) 3658' =s 1115m. 
Gokwe-Fluss (Drift; 22» 3' s. Br.) 3074' = 937m. 

Tati (210 28' s. Br.) 3400' = 1036 m. 

Lee's Castle (20® 33' s. Br.) 3500' = 1067m. 

Gubuluwayo (20» 16' s. Br., 28« 44' 26" ö. L. Gr.) 5342' = 1627m. 

Martinas House, Gubuluwayo, 5347'= 1629 m. 

Goldberg in Tati 3400' = 1036 m. 

Mitge theil t durch Pater Croonenbergh in Proceedings R. Geogr. 

See. 1881, p. 178. 

— Handelsstation am Tschobe, gegenüber von Impalera 3213' s= 979m. 
(Proceed. R. G. S. 1881, p. 209). 

— Serpa Pinto 's Hohenmessungen sind reproducirt in Peter- 
mann's Mitth. 1881, S. 306 f. 

— Malange 1090,4 m nach Lieut. Wissmann s. Mitth. der Afrikan. 
Ges. in Deutschi. III. Heft 1, S. 79. 

— Plateau von Zombo, östlich von 8. Salvador (Congo) 2500' engl. 
s. Comber's Karte in Proceed. R. G. S. 1881, Januarheft. 

— Banza Ntombo am unteren Congo 1550' engl, 
Kinkuka oder Banza Mpangu 2100'. 

Crudgington und Bentley in Proceed. R. G. S. 1881, 

p. 554. 

— Höhe des Plateaus zwischen Ogowe und Congo nach Savorgnan 
de Brazza 800m. (Proceed. E. G. S. 1881, p. 182). 

— 8. 27: Berg Oril am unteren Niger 1400' engl. 
S. 28: Bida in Nupe 450' engl. 

S. 3J: Schonga am Niger südl. von Rabba 450'. 

Hügel über Schonga 650'. 
S. 32: Idumadschi 650'. 

Zwischen Idumadschi und Sariki 1000'. 

Scharfe oder Sariki 1000—1100'. 
S. 33: Akpado 1400'. 

Iporin oder Sansani 1000'. 
S. 34: Okeoye 1200'. 

Oke Oschi 1450'. 

lUorin 1000'. 



Die Fortschritte in der kartographischen Darstellung Afrika^s. 153 

Nach Jobn Milum in Proceed. R. G. S. 1881, S. 26 ff. 
Vgl. dazu die sehr abweichenden Höhen von G. Rohlfs in Petermann's Mitth. 
Ergsgsh. 34, S. 124 und Taf. 2. 

— Dumbleton's Ronte Survey der ^Expedition to the Upper 

Gambia^ enthält folgende Höhen: Bady 50 ^ Damantang 175'. Pajady 
100'. Cardy 50*. Kalashy 150'. Toobah 200'. Berge südlich von Too- 
bah 1000'. Botoknnta 1400'. Barumba 2900'. Tulay 2800'. Laby 2850'. 
Berg südlich von Bantingel 3100'. Ebene am Flnss Tana (Zufluss des Se- 
negal) c. 1700'. Fugumba 1800'. Timbo 2000'. Unterhalb Timbo am 
Senegal 1708'. Sarifonlah 1400'. Berge über Sarifoulah 2100'. Höhe süd- 
lich von Timbo 2500'. Dorf am Senegal 2000'. Koomi 2200'. Höhe hinter 
Telico 3500'. Flnss südlich derselben 2300'. Toomanyah 2900'. Höhe 
südöstlich von Toomanyah 3000'. Tanah 400'. Tambie 50'. (Englisches 
Bhiebook vom Angust 1881: Gambia, Correspoudence relating to the recent 
ezpedition to the npper Gambia nnder Administrator Y. S. Gonldsbury). 

— Bayol, Voyage au pays de Bamako sur le Haut -Niger 

(Bull, de la Soc. de Geogr. Paris 1881. 7. Serie. Bd. II). 
p. 32: Medina am Senegal 76 m. 

Bafdlabe am Senegal 138 m. 
Berg Mumania 225 m. 
p. 47, 49, 53: Einige relative Höhen. 

p. 53: Massiv von Kita c. 500m. 

— Oskar Lenz, Hohen ans dem westlichen Marokko, der westlichen 
Sahara und dem westlichen Sudan s. sein Itinerar in ^Zeitschr. der Ges. 
f. Brdkunde zu Berlin** 1881. XVI. Taf. 11. 



X. 

Die Militärgrenze am Rio Neuquen. 

Handschriftliche Mitteilung des Oberstlieut. Fr. Host und seines Adjutanten 

J. Bittersbacher. 

Aus dem Spanischen übersetzt. 
(Hierzu eine Karte, Taf. II.) 



Vom Fort der 4. Division, längs des Flussbettes des Curru- 
leubu, über die Cordillera del Viento in das Thal des oberen 
Neuquen. — Geographische Bestimmung des Ursprunges des Eio 
Neuquen und Ausmessung seines Thaies bis zum Fort los Guana- 
cos, dem äussersten rechten Flügel der militärischen Besetzung des 
Negro- und des Neuquen-Flusses. Erforschung der nach Chile 
fahrenden, zwischen dem 36. und 39. Grad südlicher Breite ge- 
legenen Bergpässe. — Besuch der internationalen Militärgrenze 
Chile's am Eio de Malleco und Rückkehr zum Fort der 4. Division 
über Cbillan und San Carlos mit Übersteigung der Cordillera durch 
den Fass des Buraleubu. — 



154 Host und Bittersbaoher: 

Am 11. März dieses Jahres (1880) brach ich vom Fori auf 
und stieg im Thal des Curruleubn, welcher 1 km Bttdfich von 
Fort sich in den Rio Neuquen ergiesst, aufwärts. Die ersten 5 km 
führte mich die Abmessung des Weges durch ein enges Thal, um 
mich dann plötzlich nach Westen zu dirigieren, 15 km« Auf dieser 
Strecke wird der Curruleubu von Norden durch die aus der La- 
guna del Tromen, welche am Fuss des erloschenen Vulkans „Born 
Mahuida^ liegt, kommenden Bäche Ligeo und Ghapodaco ye^ 
grössert, von Süden her durch den Cliacay mileque, der auf der 
nahen Cordillera entspringt. Hier wechselt das Thal wieder sdne 
Richtung und wendet sich wieder nach Norden, parallel mit der 
Cordillera del Viento, welche jetzt die Wasserscheide zwischen den 
beiden Flüssen Curruleubu und Neuquen bildet; ihre Abflüsse sen- 
det sie nach Osten dem Bett des ersteren und nach Westen dem 
des letzteren zu. 20 km weiter erhält das Wasser des Cnrndeoba 
auf seinem Westufer einen Zuwachs durch den Menuco-Bach, der 
seinen Ursprung aus einem Strudel von zwei Metern im Durchmesser 
hat, welcher sich wie eine dichte Wassersäule einen Meter hoch 
über die Oberfläche der Quellöffnung erhebt. Von der Mündung 
des Chapodaco - Baches an erweitert sich das Thal des Curruleubu, 
das stellenweise eine Breite von 1 bis 2 km eiTeicht und längs des 
Flusses mit wildem spanischen Klee (alfdlfa silvestre) und Mayin- 
gras*) bedeckt ist. Das Wasser des Flusses kann mit Leichtigkeit 
zur Bewässerung und Nutzbarmachung des anliegenden Landes für 
den Ackerbau verwendet werden. Brennholz ist reichlich vorhanden, 
aber der Baumwuchs lässt vollständig nach. 

Am folgenden Tage in aller Frühe ritten wir, mit dem Messen 
des Weges fortfahrend , den Curruleubu weiter aufwärts in der 
Richtung nach Norden am Fusse der Cordillera del Viento; nach 
einem Marsch von 4 km 120 m durchschritten wir den Huincanco- 
Bach, der von Westen in den Curruleubu liineinfliesst, ebenso wie 
nach 1km 870 ni von Osten der Arroyo „Chican Malal", der 
auf dem Berge „Curru Mahuida" entspringt. Nach 9,375 km 
machte ich Rast beim Zusammenfluss des von Westen kommenden 
Tu cuyo- Baches mit dem Curruleubu, 1185m über dem Meeres- 
spiegel, dem kolossalen Pelan Mahuida gerade gegenüber, dessen 
Höhe ich auf meinem Lagerplan bestimmte; das Ergebnis war 
3342 m. Die ganze Strecke, die ich vom Menuco bis zum Tu- 
cuyo zurückgelegt habe, ist von chilenischen Ackerbauern bewohnt. 
In geringer Entfernung, westlich von der Mündung des Tucuyo in 
den Curruleubu, vereinigt sich mit dem ersteren der Arroyo de 
Molulco, in dessen Thal ein Pfad hinläuft, der dann über die 



*) Mayin, vielfach als Viehfutter dienende Grasart, wahrscheinlich der 
Gattung DMchlis angehörend* 



Die Militttrgrenxe am Bio Kenqnen. 155 

Cordillera del Yiento hinüber in das Flussgebiet des Nenqaen führt. 
Ich setzte die Abmessung des Weges fort im Thal des Cnrru lenbu, 
das stellenweise so eng wird, dass der Pfad am Abhang des Berges 
hinklettert. Nach 6 km 500m überschritten wir den Guarracos- 
Bach bei seinem östlichen Zosammenfluss mit dem Curruleubu. 
5 km weiter trafen wir auf den Arroyo de Pelanco, der auf dem 
Cerro de Pelan Mahuida entspringt. In nördlicher Eichtung über- 
sehritten wir den Curruleubu und nach 5,900 km einen von Westen 
kommenden Bach. An diesem Punkte wird das Flussbett bereits 
sehr eng, der Bergabhang erhebt sich senkrecht über ihm und der 
Pfad fahrt von da an steil am Östlichen Abhang bergan auf die 
Höbe des Bergrückens zur Laguna de Pelan hinauf, welche der 
Curru leubu selbst bildet, indem seine Wassermenge durch eine 
enge Schlucht aufgehalten wird. Beim Austritt aus diesem natür- 
lichen Wasserbecken bildet der Fluss einen 56 m hohen Wasserfall, 
ein angenehmes Schauspiel, dessen Greräusch das Stillschweigen des 
Todes, das in diesen Gegenden herrscht, unterbricht. 5 km weiter 
nach Norden vereinigt sich mit dem Curruleubu von Westen her 
der Arroyo del Cajon grande, an dem wir zu dem Gipfel der 
Cordillera del Viento hinaufsteigen werden, um von da zum Rio de 
Malbarco, einem Nebenfluss des Neuquen, hinabzusteigen« Am Nord- 
rande des Baches „el. Cajon grande'' habe ich eine 32 qm um- 
fassende, früher von den Indianern bewohnte Höhle gefunden, welche 
die Chilenen „cäsa de piedra'' (Steinhaus) nennen. Bis hierher 
schlängelt sich der Curruleubu von seiner Quelle an am südlichen 
Abhang des Domujo-Berges hin, eines hohen über die Cordillera 
hervorragenden, vom „Steinhaus'' 15 km entfernten Gipfels, wie ein 
brausender Mühlbach mitten durch ein Thal von senkrechten Felsen, 
welche ihre Basis im Wasser des Flusses haben, und erhält von den 
Höhen zu beiden Seiten unzählige unbedeutende Zuflüsse. Die 
Vegetation ist schon sehr kümmerlich und hört in der Gegend des 
Domujo ganz auf. Die Cordillera del Viento, ein Seitenzweig der 
Anden, trennt sich von diesen unter 36° 20' südl. Br. und 70^ 45' 
westl. L. von Greenwich oder 12^ 24' 45" westl. vom Meridian 
von Buenos- Ayres und erstreckt sich parallel mit ihnen nach Süden 
bis 37® 24' südl. Br., wo sie in die Hochebene von Malal Caballo 
ausläuft; hier bahnte sich der Neuquen einen Ausweg aus den Anden. 
Das Wasser desselben bespült von seiner Quelle an im Osten den 
Fuss der „Cordillera del Viento" und im Westen den Fuss der 
Anden, bis er seinen Lauf nach Osten nimmt und nun Malal Ca- 
ballo im Norden und Pico Mahuida im Süden lässt. 

Von der Quelle des Curruleubu kehrte ich nach dem „Stein- 
haus" zurück und ging von dort aus nordwestwärts am Bach des 
„Cajon grande" hin sanft bergan auf einem grünen Mayingrasteppich 
6 km bis an den Fuss des über den Gipfel der Cordillera del Viento 



156 Host nnd Bittersbacher: 

führenden steilen Pfades. Diesen erklommen wir, 5 km, und be- 
fanden uns nun 2547 m über dem Meeresspiegel. Zu unseren Füssen 
erblickten wir in einer fast senkrecht unter uns liegenden Tiefe Ton 
800m die schöne ^Laguna de Atreuco^, an deren Nordrand uns 
der Pfad in das Thal des Atreucobaches führt, welcher der Abflius 
des Sees ist und 20. km weiter westlich mit dem Rio Malbarco zn- 
sammenfliesst, um mit ihm vereinigt in den Neuquen za münden 
unter 36^45' sOdl. Br. und 70^48' west. L. von Greenwich oder 
12*^ 26' 45" westl. vom Meridian von Buenos- Ajres. 

Das Thal des Atreuco ist von chilenischen Familien bewohnt, 
welche im Sommer ihre Herden oben im Gebirge weiden. Ich habe 
viele Grottenbildungen in den Kalkfelsen des Atreucothals gesehen, 
in welchen schöne Krystallisationen erhalten sind. Die Grotten die- 
nen den Hirten zur Wohnung und den Winter hindurch bewahren 
sie in denselben ihre ärmlichen Geräthschaften ; denn alle diese 
Gegenden sind dann mit Schnee bedeckt und die Hirten ziehen sieh 
mit ihren Herden in die tieferen Thäler zurück, um sie im Früh- 
ling wieder zu jenen Höhen hinauf zu treiben. — Nach einem MarBch 
von 20 km in westlicher Richtung erreichten wir das Thal des 
wasserreichen, rauschenden Bio de Malbarco 5 km oberhalb sanes 
Zusammenflusses mit dem Neuquen und campierten auf dem Landgut 
des Chilenen Don Francisco Mendez de Urejola, welcher sich vor 
unserer Okkupation den Besitz dieser Ländereien von dem Indianer- 
stamm der Pehuenches erwarb und heute, wie alle übrigen Chilenen, 
die Landbesitz in jener Gegend haben, dem von unserem „Supremo 
Gobiemo^ dort eingesetzten Nationalkommissar Abgaben (tataje?) 
bezahlt. Die Herden jeder Art, welche in dem Thal und auf den 
Höhen des Malbarco weiden, umfassen wohl gegen 20 000 Stück. 
Als ich auf dem Landgut am Malbarco, welches „Latigo viego" 
(alte Peitsche) heisst, ankam, war man dort mit der Weizenemte 
beschäftigt. Er war von sehr guter Qualität, und mich versicherte 
der Guts Verwalter, dass das Getreide dort 2 5 fältige Frucht bringe. 
Ich fand etwa 100 Arbeiter beisammen, lauter Chilenen; sie zeigten 
mir den Ernteertrag der Frigoles (eine Art brauner Bohnen), der 
Platterbsen (alberjas, wohl nur andre Form für arvejas?) und des 
Weizens; alles war von vorzüglicher Qualität; es fehlte ihnen nur 
noch, den Ertrag der Kartoffelernte zusammen zu bringen. Käse 
und Butter, welche in diesen Gegenden bereitet werden, sind von 
bester Qualität; ich habe sie probiert, sie werden in Chile bis 
zu 15 Pesos per Centner verkauft. Alle diese chilenischen Kolo- 
nisten, die etwa 1000 Personen zusammen zählten, leben mit ihrem 
Besitz auf einer Fläche von 480 Quadratleguas ; man sagte mir 
aber, dass vor unserer Okkupation dreimal so viel Bewohner da 
waren, welche infolge irgend einer unbegründeten Furcht sich nach 
Chile zurückbegaben. Auf dieser Bodenüäche säen die Chilenen 



Die Militärgrenze am Rio Neuquen. 157 

und verbringen den Sommer und Winter in Malbarco; im Frühling, 
wenn der Schnee auf den Höben schmilzt und die Weiden wieder 
frei werden, steigen sie mit ihren Herden hinauf, am dort auch zu 
8&en, zu melken, Käse zu machen; und nachdem sie ihre Saat ein- 
geerntet haben, ziehen sie sich mit ihren Herden und dem Ertrag 
der Ernte in die tieferen Th&ler der Cordilleren zurück. Dies ge- 
schieht immer gegen Ende des März, so dass ihnen die nötige Zeit 
bleibt, w&hrend des ganzen April ihre ländlichen Produkte auf die 
Märkte Chile's zu bringen und zu ihren Hütten zurückzukehren, um 
sich mit ihren Winterarbeiten zu beschäftigen, ehe die Cordillere 
abgeschlossen wird, d. h. ehe sich die Pässe mit Schnee bedecken. 
Wir überschritten den Rio Malbarco, der, obwohl er tief und 
reissend ist, doch nur eine aus Holz und Bohr gebaute Brocke hat, 
über welche ich nicht hinüberzugehen wagte. Wir stiegen auf eine 
Hochebene, welche das Thal des Malbarco vom Flussbett des Neu- 
quen scheidet, und nachdem wir 8 km auf dieser gewandert waren, 
stiegen wir auf einem holprigen Bergpfad zum „Arrroyo de Flore s^ 
hinab, gerade bei seiner Mündung in den Neuquen. Der Arroyo de 
las Flores (Blumenbach), an dessen Ufern ich keine Blume gesehen 
habe, dient einer Kornmühle als bewegende Kraft. Diese, wenn auch 
ziemlich einfache und ländliche Mühle ist für jene Gegenden doch 
so vorzüglich, dass sie alle Bewohner der genannten Cordilleren 
mit Mehl versieht. Sie malt 12 Fanegas Weizen in 24 Stunden, 
was mehr als hinreichend ist, um der Bevölkerung, welche sie be- 
nutzt, reichlichen Vorrat an Mehl zu liefern. 7 km 760 m weiter 
nördlich gelangten wir, indem wir die Abmessung des Weges an 
dem westlichen Kande des Neuquen, den wir bei der Mündung des 
Floresbaches durchwateten, zu „los Boblecillos**, wo der National- 
kommissar, der Herr Don Benjamin Belmonte, den Sommer zubringt. 
Los Roblecillos ist ein schöner Platz mit viel Weide und einem 
qnellreichen Eichenwald (bosque de robles) und liegt unter 36** 37' 48" 
südl. Br. und 70« 50' westl. L. von Greenwich oder 12" 29' 45" 
westl. vom Meridian von Buenos -Ayres und 1375 m über dem 
Meeresspiegel am Fuss der Cordillera de los Andes. Die Ent- 
fern ang vom Fort der 4. Division bis zu den Eoblecillos beträgt 
158km 157 m. — Von los Roblecillos stieg ich zum Ursprung des 
Neuquen hinauf; es ist die Laguna de Malbarco, gelegen unter 
36® 38' südl. Br., 70" 46' west. L. von Greenwich oder 12 <> 25' 45" 
westL vom Meridian von Buenos -Ayres und 2131 m über dem 
Meeresspiegel. Der See hat zwei Abflüsse, der südliche ist der 
Ursprung des Malbarcoflusses, der westliche der des Neuquen^ wel- 
cher unter dem Namen Ohenque zwischen senkrechten Wänden 
von Granitfelsen 15 km nach Westen fliesst, unter 36^32' südl. Br. 
und 70^ 55' westl. L. von Greenwich oder 12^ 34' 45" westl. vom Me- 
ridian von Buenos- Ajres sich mit den Bftchen Chane uud P ^Viu^Ti^Vk^ 



158 Host nnd Rittersbacher: 

vereinigt und nun den Namen Bio Neuqnen annimmt. Wenn man 
im Thal des Chane vor seiner Vereinigung mit dem Chenque imd 
Pehnenche an in der Richtung nach Norden 45 ^ westl. 20 km 
weiter wandert, so überschreitet man bei der ^Laguna delSaco**, 
2553m über dem Meeresspiegel, den Pass gleichen Namens (2420 m), 
weicher nach der Stadt Linares in der Republik Chile fahrt. 

Nach Vereinigung der Bäche Chenque, Pehuenche und Chafie 
zu einem Fluss wendet der Neuquen seinen Lauf nach Süden und 
nimmt nach 7km 400m von Westen den Bach Cadriano, 2km 
900 m weiter den Chorillosbach, nach 800 m von Osten den 
Arroyo de Leche und nach 5km 500m den Rio Belmonte (wieder 
von Westen) oder, wie ihn die Chilenen nennen, Pichi-Nenquen (Neu- 
quen Chico, der kleine Neuquen) auf; deriselbe entsteht aus dem Ab- 
fluss der Laguna Navareta, die unter 36" 18' südl. Br., 70® 50' 
westl. L. von Greenwich oder 12® 29' 45" westlich vom Meridian 
Buenos- Ayres liegt. Der Pass gleichen Namens, 2321 m über dem 
Meerespiegel, fiihrt über den Vulkan Longa vi nach dem Städtchen el 
Parral in Chile. Der Rio Belmonte nimmt von Süden den nüt dem 
Mariposa und Pasos verbundenen kleinen Fluss • Alegre, von Nor- 
den die Bäche Molino, Pinquenenes und Resago auf. Die Thftler 
des Rio Belmonte und seiner Nebenflüsse wurden durch Herden ans 
Chile belebt, welche dort den Sommer zubrachten. Nach der Ver- 
einigung des Rio Belmonte mit dem Neuquen, welche unter 36*^ 35' 
südl. Br. und 70® 55' westl. L. von Greenwich oder 12® 24' 
westl. L. vom Meridian von Buenos- Ayres stattfindet, kann der 
Neuquen zu der Kategorie der Flüsse gerechnet werden; sein Bett 
erstreckt sich am Fuss der Anden hin nach Süden, ohne seinen 
Lauf zu ändern bis zu 37® 18' südl. Br. ; 5 km von Belmonte nimmt 
der Neuquen, auch von Westen, den kleinen Bach (estero) los Ro- 
blecillos auf. Vom Gipfel der Anden bis nach los Roblecillos sind 
die Thäler des Neuquen und seiner Nebenflüsse von chilenischen 
Familien bewohnt, die in diesen Gegenden den Sommer zubringen 
vom Oktober bis Mitte April; ihre Herden weiden hier in einem 
wahren Blumengarten. Indem ich meine Messungen im Thal des 
Neuquen fortsetzte, stiess ich nach 7 km 800 m auf den von Westen 
einmündenden Fraguabach; hier beginnen schon die Winterquartiere 
der chilenischen Colonisten, welche an den beiden Ufern des Neu- 
quen und an den Ufern des Fraguabaches weite Korn- und 
Erbsenfelder besitzen. 15 km vom Fraguabach weiter nach Süden 
strömt von Osten der wasserreiche Rio de Malbarco mit starkem 
Gefälle in den Neuquen; über jenen hat der Herr Mendez de üre- 
jola, 5 km vom seiner Vereinigung mit dem Neuquen, eine Hols- 
brücke an einer nur 12 m breiten Stelle gebaut, um sich den Ver^ 
kehr mit seinen Weideplätzen, die er an der Ostseite des Neuquen 
besitzt, zu erleichtern. Denn der Malbarcofluss ^währt nur id 



Die Militärgrenze am Rio Nenqnen. 159 

den Herbstmonaten März und April eine sichere Fnrt. Die schwefel- 
haltigen Bäder des Rio Malbarco sind in Chile sehr berühmt für 
die Heilung der Haut- und syphilitischen Krankheiten; ich habe 
viele Kranke mit sehr gutem Erfolg dort baden sehen. 

Nicht weit vom Fraguabach engt die Cordillera den Neuquen 
in ein schmales Bett ein, und der Grund der von den Felsen ge- 
bildeten Wände ist vom strömenden Wasser des Flusses wie zer- 
fressen. Der holperige Pfad wendet sich nach S. 30" westl. und 
entfernt sich 4 bis 10 km vom Bett des Flusses, um ihn nicht wie- 
der zu treffen bis zur ,,6uarnicion de los Guanacos'^, bei der Mün- 
dung des Earinleubu in den Neuquen, unserem äussersten rechten 
FlOgel am Fnss der Grenzlinie gegen die Republik Chile. 10 km' 
vom Arroyo de Fragua kamen wir zu dem tiefen Thal des west- 
lichen Nebenflusses des Neuquen , Curamileubu, und indem wir 
mit grosser Beschwerde die Barranca vom Südrande des Flusses 
aoB hinaufstiegen, befanden wir uns auf einem Plateau mit einem 
grünen Weideteppich, das wir überschritten, um in dem „Puesto de 
lo6 Llanos^ 14Ö4 m über dem Meeresspiegel Rast zu machen, wo 
Mr. Price seine SchafzÜchtereien hat. Am Curamileubu nimmt das 
Besitztum des Mr. Price seinen Anfang und dehnt sich nach Süden 
43 km bis zum Arroyo de Cayante, einem Zufluss des Rio Nahueve, 
aus; durch eine imaginäre, von da nach Westen bis zum Gipfel der 
Cordillera laufende Grenzlinie und im Osten durch den Neuquen 
wird 80 ein Gebiet von 1075 qkm umfasst, auf welchem 7000 Rin- 
der, 10 000 Lincolnschafe und Hunderte von Stuten weiden. In 
südlicher Richtung parallel mit dem 8 km entfernten Neuquen fuhr 
ich mit der Messung auf sehr unebenem Terrain fort bis zum Ran- 
quileubu, den wir nach 4 km 200 m Überschritten, ebenso wie 
nach 2 km 600 m einen andern, Fragua heissenden Bach, einen 
Nebenfluss des Ranquileubu. Vereinigt vergrössern sie das Bett 
des Neuquen. Nach 2 km 400 m gelangten wir zum Puesto de 
los Pacos und nach 11 km 600m zum Puesto del Monte de 
los Ovejas, einem schönen Fruchtgefilde. Auf dieser Strecke 
fliessen in den Neuquen auf seiner Ostseite von der Cordillera del 
Yiento herab die Flüsse Manzanaco uud Butalon. Von dem 
Felde des „Monte de las Ovejas^ (Schafberg), wo der Bach „la 
Bodega^ entspringt, steigen wir längs dem Ufer desselben zum 
Thal des wasserreichen Rio Nahueve hinab, den wir nach 3 km 
400 m an dem Punkte erreichen, wo er den Bodegabach aufnimmt. 
Dieser ansehnliche Fluss entsteht aus dem Abfluss des unter 36^ 
48' südi. Br. und 71® west. L. von Greenwich oder 13« 38' 45" 
westl. vom Meridian von Buenos- Ayres gelegenen Laguna Pa- 
lauquen. Der Pass, der denselben Namen, wie der See, hat, 
führt in wenig Stunden 2179 m über dem Meeresspiegel zum nahen 
Thal des Rio Nuble nach „los Robles'^ und von da iia<i\iC\x^* 



X60 Host und Rittersbacher: 

lan und San Carlos in Chile, ein sehr guter Weg. Von der Mün- 
dung des Bodegabaches nimmt der Nahneve den kleinen Flnss Burra- 
leubn auf, den Abfluss der Laguna de Trelles. An ihnen fCQurt 
ein sehr guter Weg auch zum Thal des Rio Nuble und vereinigt 
sich bei den Bobles mit dem Palauquenpass. Vom Bodegabach 
an fuhr ich mit der Messung längs dem Ostrande des Nahueve 
fort, der von hier an eine dem Neuquen parallele Richtung bat, 
und nach 4 km 300 m kamen wir zu ^los Mallines'', einem Gut 
des Mr. Price. Mallin gegenüber am westlichen Ufer des Nahueve 
besuchte ich einen grossen Felsstein, der eine enorme Wassermenge 
aus allen seinen Poren ausströmt und von den Chilenen „Piedra 
meona'' (der wasserlassende Stein) genannt wird. Indem wir un- 
sern Weg am Ufer des Nahueve fortsetzten, kamen wir nach 2 km 
700 m zum „Cerro Negrete**, der sich senkrecht über den Uferrand 
des Flusses erhebt. Wir übersteigen den Berg, 2 km 400 m, und 
reiten dann durch den Fluss, der 103 m breit und 86 cm tief ist, 
um nach 3 km 100 m in den „Caripiles^, einem Landgut des 
Chilenen Don Filoteo San Martin, Rast zu machen. In einem 
schönen Garten mit 107 laubreichen Apfelbäumen, deren Zweige 
sich unter der Last der Äpfel bogen, liess ich absatteln. Die Fa- 
milie San Martinas war mit dem Abpflücken der Äpfel beschäftigt, 
welche von vorzüglicher Qualität waren; man credenzte uns einen aus 
Apfelmost bereiteten Trank, der von sehr gutem Geschmack und 
vor allem sehr erfrischend war, denn es war den ganzen Tag sehr 
heiss. Das Thal des Nahueve hat auf der Strecke, die ich heute 
zurückgelegt habe, eine Breite von 500 m und ist mit üppigen 
Mayingrasfeldern versehen, auf denen Hunderte von Kühen, Stuten, 
Hengsten und Schafen weiden. Vom Landgut „los Caripiles'', dem 
Ufer des Nahueve in südlicher Richtung folgend, überschritten wir 
nach einem Kilometer den Arroyo de Guaraco, einen Zu- 
fluss des Nahueve. Nach 1 km 200 m ritten wir über das Brach- 
feld oder „Mayin de los Cariros**. Da die Cordillera den 
Fluss hier in ein schmales Bett einengt, so wendet sich der Pfad 
aufwärts nach dem Gipfel eines weidereichen Plateaus, das den 
Namen „Mallin de las Yeguas" trägt, 4 km 400m. Diesem 
Platz gegenüber vereinigt sich der von Osten kommende Arroyo 
de Cayante mit dem Nahueve. Nach einem Kilometer durch- 
schneidet das Plateau von Westen nach Osten in tiefem Grande 
der Arroyo de Tubunco, um in geringer Entfernung von da 
dem Nahueve zuzufliessen. Wir überschritten die Barranca, stiegen 
am Südrande des Tubunco wieder hinauf und gelangten nach 2 km 
500m zu dem Puesto de Espinal. Von hier an wendet der 
Nahueve sich schroff nach Osten und vereinigt sich, nachdem er 
noch mit dem Ligleubu zusammengeflossen ist, mit dem Neuquen. 
Diesen letzten nimmt er 580 m vor seiner Mündung in den Nenquen 



Die Militärgrenze am Rio Nenqnen. 161 

auf unter 37® 9' südl. Br. und 70^ 32' westl. L. von Green wich 
odar 12® 11' 48" westl. vom Meridian von Buenos -Ayres. Vom 
Espinal stiegen wir 3 km 800 m zum Ligleubu hinab. Durch sein 
Thal fahrt ein recht guter Weg, der Pass Butamajin, in das Thal 
des Rio de ia Poleura in Chile und von da nach Antuco und Chillar; 
auf diesen werde ich später zurückkommen. Vom Ligleubu aus er- 
reichte ich nach 5km 600m das Thal des Earinleubu und nach- 
dem ich nun noch 1km am Nordrande des Flusses bergab gestiegen 
war, befand ich mich in dem Fort ^Guanacos^, unserm letzten 
Militärposten und dem äussersten rechten Flügel der Occupatious- 
linie an den beiden Flüssen Negro und Neuquen. 

Das Fort Guanacos ist am Nordrande des Rarinleubu angelegt 
worden, 2 km 500 m vom Zusammenfiuss mit dem Neuquen und 
30km weit von dem Gipfel der Anden entfernt. Ich habe dem Fort 
den Namen „los Guanacos" gegeben zur Erinnerung an den Stamm 
der Araucaner gleichen Namens, welcher die Thäler des Rarinleubu 
und des Ligleubu bewohnte bis zur Ankunft der 4. Expeditionsdivi- 
sion am Neuquen. Das Fort beherrscht die Wege, welche durch 
die Pässe Antuco und Butamayin nach Chile führen, ebenso die 
Strasse, welche von Süden her am Fuss der Anden hin zu den 
oben beschriebenen Ackerbau- und Viehzuchtniederlassungen der 
Chilenen fuhrt. Die Besatzung des Forts „los Guanacos^ hat schon 
oft wiederholte Angriffe der Pehuenches, welche diese Übergangs- 
stelle gewaltsam in Besitz zu nehmen versuchten, um von da die 
chilenischen Niederlassungen auf argentinischem Gebiet zu über 
fallen, blutig zurückgewiesen. Als geographische Lage des Fort- 
ergiebt sich 37 » 14' 34" südl. Br., 70» 33' 30" westl. L. vons 
Green wich oder 12** 13' 15" westl. vom Meridian von Buenos- 
Ayres und 972 m über dem Meeresspiegel. Auf der Strecke von 
den Caripiles bis zum Rarinleubu fliessen dem Neuquen von Osten 
folgende an den westlichen Abhängen der Cordillera del Viento 
entspringende Bäche zu: der Huincanco, Guaraco, Malalcaballo 
Colo und Millanchico. Setzt man seinen Weg nach Süden fort, 
so trifft man 6 km 200m von dem Fort Guanacos auf den Rio 
Rinquileubu, der aus zwei Quellen am Cerro de Pichachen 
entspringt und sich in den Neuquen ergiesst, nachdem er selbst 
folgende kleine Flüsse aufgenommen hat: von Norden den Trap- 
lenbu, Guanleubu und Moncol, von Süden den Nirileubu, 
Gayaque, Chacaycö und den mit dem Picunleubu vereinigten 
Trocoman, der im ^valle de las Damas'' seinen Ursprung 
bat. Durch das Thal des Rinquileubu führt der Weg über den 
Antncopass in das Thal des Rio de la Laja in Chile. Bei der 
Mündung des Rinquileubu in den Neuquen wendet dieser sich schroff 
naeh S. 60^ östl. bis zu dem am Ostufer des Curruleubu bei seiner 

ZeitMhr. d. GeieUseh. f. Brdk. Bd. XVIL H 



162 Host und Rittersbacher: 

Mündung in den Neuqurn gelegenen Fort der 4. Division, um von 
da seinen Lauf durch ein sehr enges Thal sQdostwärts zu nehmeD, 
186 km 500 m bis zum „Paso de los Indios**. Vom Paso de 
los Indios ändert er seinen Lauf bis Langhelo 62 km nach Nord- 
osten, um dann, in südöstlicher Richtung fliessend, 114 km 400m 
von Langhelo, mit dem Limay zusammenznfiiessen, mit welchem ver- 
einigt er den Rio Negro bildet unter 34** 49' 20" sudl. Br. und 
68^ 24" westl. L. von Greenwich oder 9® 40' 9" westl. vom 
Meridian von Buenos-Ayres. Von der Mündung des Rinqaileubn 
bis zu der des Limay nimmt der Neuquen von Norden keine an- 
dern Nebenflüsse auf, als den Curruleubu unter 37** 26' 45" südl. Br. 
und 69** 50' westl. L. von Greenwich oder 11** 29' 45" westL 
vom Meridian von Buenos-Ayres , und nach diesem 1 9 km 500 n 
weiter den Arroyo de Tilgue, die übrigen sind ein paar sehr 
unbedeutende Bächlein (esteros). In der Richtung von Süden nach 
Norden folgen auf den Rinquileubu als Nebenflüsse des Neuqaea 
die Flüsse Quitalechecura, Treuco, Butaleubu, Raquico, 
Chiuquico, Taquimilan, von Westen der aus den Bächen Co- 
munelo, Ooinepille, Pichiague und Moluchenco gebildete 
Pichi-Neuquen. Der grösste Nehenfluss , der nicht weniger 
wasserreich als der Neuquen selbst ist, ist der Maculeubu oder 
Rio Agrio, welcher auf den Anden entspringt und seine Quellb&ehe 
zwischen den beiden Vulkanen Copahue und Trolope hat unter 
37** 45' südl. Br. und 71** 22' westl. L. von Greenwich oder 13* 
1' 45" westl. vom Meridian von Buenos-Ayres. Seine erste Rich- 
tung geht ostwärts bis an den Fuss des schönen Feldes von ünor- 
quin, wo er sich mit einer plötzlichen Kurve unter 37^ 36' südl Br. 
und 70° 17' 30" weptl. L. von Greenwich oder 11** 56' 45" 
westl. vom Meridian von Buenos-Ayres 105km nach Süden wendet; 
von da ändert er wieder seinen Lauf nach Osten und vereinigt sich 
mit dem Neuquen bei Chipahue, nachdem er von der Cordillera 
wasserreiche Zuflüsse aufgenommen hat, unter 38** 20' 11" südl. Br. 
und 69** 30" westl. L. von Greenwich oder 11** 9' 45" westl. 
von Buenos-Ayres, Die Wasseradern des Rio Agrio sind von den 
Anden her: der Huainchico, Onunaco, Colulo, Hualeopehuen, 
Pichinco, Loncopue, Pelancö, Malla, Indico, Querin- 
chenque, Cudigtte, Loanco und Pelanpenco, von Osten her 
der Curr Gurr Malal, Ranquilco, Campana und von Norden 
der mit dem Trabuncura znsammenfliessende Quin tu ca. Ich 
habe noch keinen schöneren und lieblicheren Landstrich in der 
argentinischen Republik gesehen, als das Thal des Rio Agrio und 
die herrlichen Thäler seiner Nebenflüsse, besonders das grosse Feld 
ünorquin, welches die Residenz der königlichen Familie der Pe- 
huenches gewesen ist. Die Cordilleren von Pichach en, Copahnei 



Die Militärgrenze am Bio Nenqnen. X63 

Trolope, Callagai und Longuimay senden nach Osten eine 
reiche F&Ue von Wasser, das sich alles schliesslich in den Rio Nea- 
qaen ergiesst. 

23km 500m südöstlich von der Mündung des Rio Agrio in den 
Neaquen nimmt der Neuquen von Westen den letzten Nebenfluss, 
nämlich den Lubunco-Bach auf, der sich mit ihm unter 38^ 29' 19/ 
südl. Br. und 69® 13' 40" westl. Lange von Green wich oder 10° 
53' 25" westl. vom Meridian von Buenos-Ayres vereinigt. 

In dem Fort ^los Guanacos^ beschloss ich, von den beiden 
Pftssen Butamayin und Antuco, welche in das Thal des Rio Laja 
and nach der Stadt Antuco in Chile führen, zuerst den von Buta- 
mayin zu erforschen. Ich fuhr nun vom Fort aus mit der Messung 
fort durch das Thal des Rarinleubn über schöne Mallingrasweiden, 
in der Richtung nach S. 74^ westl. 8 km bis zu einem „la puerta 
del Potrero** genannten Ort, welches ein Engpass in demselben Thal 
ist, das weiterhin wieder breiter wird, und, bis zum Ursprung des 
Flusses von hohen Bergen eingeschlossen, einen natürlichen, durch 
üppigen Gras wuchs ausgezeichneten Weideplatz bildet. Bei der 
Paerta verlicss ich den Rarinleubu, stieg die Thalschlucht am 
Nordrande des Flusses hinaaf und befand mich nun auf einem Pla- 
teau mit guter Weide, um von da zum Thal des Ligleubu hinab- 
zuBteigen, das wir nach 7 km 500 m erreichten. Der Pfad fühi-te 
ons aufwärts im engen Thal, ohne Vegetation, nur am Rande des 
Flusses und am Ufer seiner Nebenflüsse habe ich geringen Gras- 
wnchs gefunden. Die Nebenflusse sind die Bäche el Manzano 
und el Colgado vom Süden und vom Norden Palaun und 
Fregna Maliin. Nach 11km gelangten wir auf das schöne Ge- 
filde von Butamayin, das vom Ligleubu bewässert wird und auf dem 
wir Hunderte von Herden aller Art trafen, die sich von der ausge- 
zeichneten Sommerweide nährten. 7 km weiter machte ich Rast in 
dem Landsitz des Chilenen Don Pedro Mayo, 1435 m über dem 
Meeresspiegel. Von hier aus setzte ich die Messung 4 km auf einem 
smaragdgrünen Mayingrasteppich fort, um mich dann über dasselbe 
Feld 5 km nach Norden zu begeben bis an den Fuss der Anhöhe, 
wo sich der letzte argentinische Posten befindet; es ist der Ort, wo 
der Ligleubu entspringt. Die Butamayin -Wiese kann leicht 4000 
Stück Rindvieh oder Stuten vom Dezember bis zum Mai nähren; 
in dieser Jahreszeit ist es dann nötig, zum Rückzug zu blasen, 
denn der Schnee fällt in dieser Gegend so dicLt, dass er sie meter- 
hoch bedeckt. Der Abhang, den man zu der Höhe oder dem Pass 
von Butamayin oder Chillan, wie er auch genannt wird, empor- 
steigt, ist sehr sanft, man erreicht die Höhe nach 3 km 200 m. 
Sie ist die Grenzlinie zwischen der Argentinischen Republik und 
Chile und befindet sich 1 804 m über dem Meeresspiegel. Von dem 

II* 



X64 Host und Rittersbacher: 

Gipfel der Cordillere steigt der Weg scbnell bergab 6 km 500 ra 
zur Laguna de Trelles. Der Gipfel der Cordillere ist völlig on- 
frachtbar, und ebenso bleibt es beim weiteren Vordringen auf chi- 
lenischem Gebiet: statt zuzunehmen, nimmt das Weideland ab und 
die Abhänge der Cordilleren sind bedeckt, die Wiesen und Bäche 
umgeben von rauben, undurchdringlichen Wäldern. Wie man von 
der argentinischen Seite auf den Gipfel der Cordilleren hinauf ge- 
langt, ohne es zu bemerken, ebenso steil und holprig ist der bergab 
führende Weg auf chilenischem Gebiet. An der Laguna de Trelle» 
fand sich eine chilenische Niederlassung; das Vieh war sehr mager, 
die Weide genügte kaum zu seiner Ernährung. Von der Laguna 
de Trelles stiegen wir in der Richtung nach N. 20^ östl. teilweise 
durch das Thal eines Baches, der seinen Ursprung aus dem Abflugs 
des Sees liat und ein Nebenfluss des Rio de la Polcura ist, nadi 
der „Vega larga'' hinab, 7 km 500 m. Die Vega larga (lange 
Wiese) umfasst eine Fläche von 4 qkm, hat aber nur wenig gutes 
Viehfutter. In dieser Gegend verliess ich den nach Chillan fahren- 
den Pfad, um die „Laguna la Laja^^ zu erforschen und mich von 
da nach der Stadt Antuco zu begeben. Infolgedessen Überstieg ich 
einen niedrigen Höhenzug in westlicher Richtung und machte nach 
17km im „Potrero de Gallundo" Rast am Ufer der Lagana de 
la Laja, 1321m über dem Meeresspiegel und etwa 20 km nördlich 
vom Vulkan Antuco, welcher dichte schwarze Rauchmassen auswarf 
und dio ganze Atmosphäre mit Schwefelgeruch verpestete. Die 
Laguna de la Laja ist sehr eng von der Cordillera eingeschlossen, hat 
mehrere Arme, die sich in den Seitenthälern viele Kilometer weit 
ausdehnen, und keinen Strand; um an seinen Ufern hingehen zu 
können, führen Pfade auf den Abhängen der Berge hin. Nur ein 
flaches, aber ein sehr sumpfiges Ufer hat er, nördlich vom Vulkan 
Antuco. Von den zahllosen Zuflüssen, die ihn speisen, ist der ein- 
zige interessante der ziemlich wasserreiche Rio de los Pinos, der 
auf der Cordillera de Pitronquines entspringt. Der See liegt 
zwischen 37" 12' und 37" 25' südl. Br. und unter 71^ 22' westl. L. 
von Greenwich oder 13^1' 45" westl. vom Meridian von Buenos- 
Ayres. Die gross te Breite des Sees, die ich ausgemessen habe, be- 
trägt 4 km, und sein Anblick gleicht eher dem eines Flusses wegen 
seiner langen Ausdehnung von mehr als 60 km, während welcher 
er zwischen den Cordilleren eng eingeschlossen und stellenweise 
kaum einen Kilometer breit ist. Die Vegetation rings um den 
See besteht nur aus Eichenwäldern und hartem Coirongras im Nor- 
den und Westen. Im Süden bedecken die Laven und die Asche des 
Vulkans Antuco eine grosse Bodenfläche, über welche der Weg 
hinfuhrt, Ross und Reiter ermüdend. Ich ging über die Höhe des 
„Potrero de Gallundo" hinüber in westlicher Richtung und stieg 



Die Militärgrenze am Bio Nenquen. 165 

einen sehr langen und breiten Pfad, der sich anter laubreichen 
Waldern, mit denen die Abhänge der Cordilleren bewachsen sind, 
hinwindet, zum Thal des wasserreichen Pol cur a hinab, 14 km 10 m. 
12 km weiter ritt ich durch den Fluss nach seinem Westufer hin- 
über und den Lauf desselben von Norden nach Süden verfolgend, 
den er von seinem Ursprung auf dem Gerro de la Polcura an 
hat, an dessen Fuss der Weg von Butamayin nach Chillan führt, 
kam ich an eine Stelle im Thal des Rio de la Polcura mit viel 
brauner Weide, genannt „los Canales'^, wo ich Hast machte, 726 m 
über dem Meeresspiegel und 3 km von der Furt des Flusses. Im 
allgemeinen ist die Weide sehr spärlich im Thal des Rio Polcura, 
die dunklen Wälder lassen keine andere Vegetation aufkommen. 
An diesem Orte holte mich eine kleine Rinderherde ein, welche 
von den anliegenden Bergen herunterkam, und die Magerkeit dieser 
Tiere gab mir einen neuen Beweis von dem Mangel an Viehfutter 
in Chile. Einen Kilometer südlich von den Canales ritten wir durch 
den Polcura auf sein Westufer, auf dem der Weg uns durch das 
Besitztum des Herrn Aristides Cruz — eines Sohnes des berühmten 
Generals Cruz, welcher im Jahre 1806 eine Fahrstrasse von der 
Stadt los Angeles aus über den Antucopass und quer über die 
,J?ampa^^ nach Melingiie, das im Süden der Provinz Santa F6 ge- 
legen ist, angelegt hat — zum Zusammenfluss des Polcura mit dem Rio 
de la Laja nach 16 km 100m führte. Der Rio Polcura ist bei seiner 
Mündung 52m breit und 235 cm tief; er gewährt hier nirgends eine 
Furt und man muss mittelst einer sich dort befindenden Fähre über 
ihn setzen. Nachdem wir diesen Fluss überschritten hatten, setzen 
wir unsern. Weg 14 km am Ufer des Rio de la Laja nach Westen 
fort und ich machte Halt bei Melo, der Stadt Antuco gerade gegen- 
über, wo ich guten Klee fand, um meine Maultiere sich dort aus- 
ruhen zu lassen. 

Am 3. April begann ich mit der Erforschung des Antuco- 
Passes. Bei Tagesanbruch setzten wir über den Rio de la Laja 
auf einem Floss von vier Balken, denn er ist tief und hat eine 
sehr starke Strömung. Wir schlugen die Richtung nach S. 22^ 
östl. ein und kamen durch einen Eichenwald auf ebener Fläche, 
die von einem Bach bewässert ist, der, von Süden nach Norden 
fliessend, unsern Pfad durchkreuzt und in den Rio de la Laja 
mündet. Nach 250 m passierten wir den ziemlich wasserreichen 
Arroyo de Malalcura. Noch einem Zwischenraum von 500m 
standen wir einem andern Bach gegenüber, der ein Nebenfluss des 
Malalcura ist. 470 m ritten wir quer über einen Sand- und Stein- 
hügel und indem wir den Pfad dann auf ebenem Terrain unter 
laabreichen Wäldern verfolgten, überschritten wir den Arroyo de 
los Coyques nach 4 km 700m. Auf ebenem Terrain ritten wir 



1^5 Host nnd Rittersbacher: 

dann weiter und überschritten nach einem Kilometer den Arroyo 
Lnnep und nach 375m den Arroyo de los Colchnes. Nach 
kurzem Ritt auf ebenem Boden passierten wir einen andern Bach, 
Namens el Pino und kamen später zu dem Arroyo de Tubnn- 
leubu, wo sich die Ruinen eines alten Forts ans der Zeit der 
spanischen Occnpation befinden. Alle genannten Bäche flicssen 
nach Norden und münden in den Rio de la Laja. Nach 800 m 
gingen wir an dem Fusse eines vom Vulkan Antuco an sich eng 
an den Fluss anschliessenden Bergrückens hin; hier änderten wir die 
Richtung nach N. 56^ üstl. und stiegen einen 370m langen Berg- 
abhang von einer für Fuhrwerk günstigen Bodenheschaffenheit hinauf 
und wieder hinah, und als wir wieder auf ebener Fläche waren, 
überschritten wir den Arroyo de Pempeco. Darauf passierten wir 
zwei kleine Bäche und eine Pichoescoria genannte, 126 m lange 
Lavafläche. Nach 500 m kamen wir an eine sehr kurze Anhöhe, 
ritten auf ebener Erde 250 m weiter und passierten eine 123 m 
lange Anhöhe. Bald gelangten wir an den Fuss des Chacay, 
eines von sechs auf den Pongades (Pongales?) entspringenden 
Bächen bewä*<serten Stück Landes, auf welchem sich Brennhoh 
und WeiJeland vorfindet. Als wir an dieser Stelle vorüber waren, 
ritten wir 1 km 500 m über Ltivaschlacken immer auf der Ebene und 
hier fingen wir an, eine unbedeutende, fast unmerkliche, ans der- 
selben Schlacke bestehende Anhöhe zu ersteigen, auf welcher auch 
Wagen fahren könnten, wenn nicht die enormen Massen von Punta- 
Lava. die aber leicht in kurzer Zeit auf die Seite geschafft werden 
können, eine Reise zu Wagen jetzt unmöglich machten. Hier bildet der 
Rio de la Laja oinon Was:?erfall, 5 km von den Pongades, indem er 
in seinem Bett ein tiefes Loch im FeL>en aushöhlt. Wir setzten 
nnsorn Weg über Schlacken fort und bis zu 500 m weiter hinauf- 
steigend betraten wir eine 700 m lange Saudfiäche. Diese verliessen 
wir beim Besteigen einer sanften Anhöhe und kamen dann zu 
der zwischen dem Vulkan Antuco und der Cordillera del Tore 
sieh bildenden Thalöfiuung. wo man die Laguna de la Laja vor 
sich hat: aus ihr fiiesst d«T wa^erreiche Rio de la Laja ab; seine 
Quelle ist treilioh ein kurzer, über Tufl'stein hinströmender Bach, 
aber man erkennt deutlich, dass^ unter den Steinen (Laj^s) hin ans 
dem See viel Walser durchsickert; dern ungefähr 1 km, ehe man 
zur Quelle des Flusj^es kon^nit l.at er viel mehr Wasser, ohne dase 
er auf dieser ganzen Strecke einen andern Zufluss hätte. Wir ritten 
am Ufer dos Sv^es hin und befanden uns am Fuss des Vulkans An- 
tuco, der eine grosse Kurve beschreibt, bis zum Orte ,«1a Cueva". 
Der Ptad tührie wieder Über einen mit Schlacken bedeckten, aber 
ebenen Boden 1 km 20i.^ m» der leicht und ohne Schwierigkeiten sn 
überwinden ist; dann 1 kiu üK'r sandigen Beden fortreitend, längs 



Die Militärgrenze am Bio Neuqaen. 1^7 

des Seenfers, kamen wir za der 31 km vom Antaco entfernten 
Cneva, wo wir Bast machten, 1325 m über dem Meeresspiegel. 
Den Namen Caeva (Höhle) hat dieser Ort von einem Felsvorsprung, 
der nber einen Berg heraberhängt und den Reisenden zum Schutze 
dient. Dort ist eine schöne mit Mayingras bewachsene Wiesenfläche, 
welche von vier dem See znfliessenden Bächen bewässert wird; auch 
ist reichliches Brennholz vorhanden. Mit südöstlicher Richtung ver- 
liessen wir die Cueva, überschritten die Wiese und zwei von den 
Tier schon genannten gebildete Bäche, und eine leichte Anhöhe 
von sandigem Terrain emporsteigend kamen wir nach 5 km auf die 
Höhe des Berges, wo sich ein Pfad nach Süden abzweigt, nach dem 
Thal des Trapa Trapa. Nach 700 m befanden wir uns auf 
dem grünen Felde von Pidronquines und nach 2 km stiegen wir 
einen sanften Abhang von 75 m hinab in das schöne Thal des 
Paylla Lechimallin, 5 km von Pidronquines entfernt, wo der 
Rio de los Pinos entspringt, welcher, nachdem er alle Bäche, die 
wir passiert haben, aufgenommen hat, in die Laguna de la Laja 
mündet. Die geographische Lage des Sees habe ich schon oben 
angegeben. Ich fuhr mit der Messung fort und nach 500 m über- 
schritten wir einen andern Bach, um unsere Richtung dann nach 
N. 57®östL zu ändern. Hier kreuzen sich die Wege; der eine geht 
durch die Fichtenwälder des Rio Agrio, der andere nach dom Felde 
von Unorquin, der dritte, welcher der unsrige ist, nach dem Gipfel 
des Pichachen, der in der Grenzlinie zwischen Chile und unserer 
Republik liegt. Von jener Stelle 2 km 100 m weiter passierten wir 
den Rio de los Pinos, der zwischen der Cordillera del Toro 
und der Serra Villuda nach N. 88*^ östl. fliesst, und nachdem wir 
über sein Flussbecken hinübergegangen und in ein anderes nach 
Osten quer hinüber eingetreten waren, kamen wir nach 2 km 500 m 
zu dem Coyagiie-Bach, der bis zu jener Thalö£Pnung von Süden 
nach Norden fliesst und von da seinen Lauf nach Osten nimmt, um 
sich mit dem Rio de Antonion zu vereinigen. In der Richtung 
nach N. 45® östl. passierten wir zwei Bäche und begannen den Cerro 
de Pichachen zu erklimmen, dessen grobsandiger, aber nicht lockerer 
Boden leicht zu ersteigen ist, und erreichten den Gipfel nach 
5 km 210m; er liegt 1993m über dem Meeresspiegel und unter 
37^25' südl. Br. und 71<>14' westl. L. von Greenwich oder 
12® 54' 45" westl. vom Meridian von Buenos- Ayres. Wir stiegen 
in der Richtung nach N. 24^ östl. bergab; zur Hälfte dieses Weges 
(d. h. nach 2 km 300 m) entspringt aus einer Mayingras wiese ein 
nach Osten fliessender Bach. Wir stiegen weiter hinab und kamen 
nach 1 km 250 m zur Ebene des Bergrückens, wo wir wieder einen 
nach Osten fliessenden Bach passierten und ganz nahe bei diesem 
einen zweiten, der aus einer schönen Wiese von Norden herkommt 



16g Host and Bittersbaoher: 

und, indem er sieb mit dem vorhergehenden vereinigt, Östliche Bidi- 
tung annimmt und dnrch ein Thal mitten durch das Gebirge hin- 
fliesst unter dem Namen Rinquileubu (oder Rejnqnilenba). 
In allen diesen Niederungen giebt es sehr viele Mayingraswiesra 
und Buschwerk für Brennholz. Der Gipfel des Piohachen ist 
der höchste auf dem Wege, der am Vulkan Antaco bin ins 
Thal des Rio de la Laja führt. Wir setzten die Messung im Thal 
des Rio Rinquileubu am Südufer auf gutem Wege fort, und indem 
wir dem Lauf desselben nach Osten folgten, kamen wir nach 5 km 
in eine steinige Gegend und auf steinigem Terrain, auf dem leicht ein 
Fahrweg angelegt werden kann, ritten wir sodann weiter, passierten 
mehrere Bäche, die auf den uns im Süden begleitenden Anden ent- 
springen und nach Norden fliessend in den Rinquileubu münden, 
und nachdem wir noch einen kleinen Abhang hinabgestiegen waren, 
um eine schöne, den Namen Chapalca führende Ebene zu betreten, 
die sich nach Norden hin ausdehnt und von zwei grossen Bftchen 
bewässert wird, hatten wir im ganzen 5 km zurückgelegt. In der Rich- 
tung nach N. 56'^ östl. setzten wir unsere Messungen fort, immer auf dem 
Südufer des Rinquileubu, in den nach 1km die beiden Bäche sieh 
ergiessen. Wieder 1 km weiter setzten wir über den Fluss auf das 
Nordufer hinüber (der Fluss ist dort 40 m breit und 60 cm tief) 
und befanden uns nun an dem Orte Moncol, welcher auf der Spitee 
eines sehr felsigen Bergrückens liegt. In der Entfernung von einer 
Cuadra (= 400 Fuss) vom Wege ab entspringen zwei Bäche, die 
aus der Erde zwischen Steinen hervorsprudeln. Das Wasser ist warm 
und hat einen seh wefel artigen Geschmack; es bildete einen kleinen 
See, der einen Abflnss nach dem Flusse hat. Der Umkreis des Sees 
ist salpeterhaltig, aber nach Nordost und Osten breitet sich ein herr- 
liches grünes Gefilde von May ingras wiesen aus, von denen eine jede 
von einem Bach bewässert wird; diese alle, von Osten nach Westen 
fliessend, münden in den Rio Rinquileubu. Wir setzten das Messen 
in der Richtung des Flussthaies fort und indem wir den Reynqui- 
leubu wieder überschritten, führte uns der Pfad auf dem Südrande 
desselben über eine leicht zu passierende Anhöhe zwischen Hügeln 
hin, die mit vielem Coirongras bewachsen waren, und nach 5 km 
kamen wir zu einer unmittelbar an einem See liegenden Felsenhöhle. 
Immer am Südnfer weiterreitend, erreichten wir nach 2 km eine 
Stelle, wo der Pfad am Fluss hin enger wird und uns nach der 
„Vega de Rimi Mailin'' führt, mit vieler Weide und Brennholz, 
wo mehrere chilenische Familien den Sommer zubrachten und mit 
der Ernte auf ihren Feldern beschäftigt waren. Rimi Mailin ist 
ausgezeichnet sowohl für grosse Landgüter, als für kleine Bauernhöfe, 
da alle Niederungen leichte Bewässerung und die Höhen üppige 
Coirongrasflächen haben. Von Rimi Mailin ging der Pfad wieder 



Die Ifilitttrffrenze am Bio Neuquen. X^9 

auf wenig ebenem und steinigem Terrain, bis ich Über einen 250 m 
langen Bergabhang kam, wo der FluBS sehr eng ist, 8 km 320 m. 
In der Bichtung nach S. 79^ östL setzten wir unsere Expedition auf 
gutem Wege fort und ritten nach 5 km durch eine gute Furt über 
den Fluss nach dem nördlichen Ufer und befanden uns nun auf 
der schönen „Vega de Butacura^' mit dichtbelaubten Apfelbäumen. 
Hier überwintern regelmässig einige Chilenen, teils wegen der 
Weide, die es in ihrer Umgegend giebt, teils wegen des geringen 
Schneefalls. In Butacura kreuzen sich zwei Wege nach dem Fort 
der 4. Division; der eine führt an der Südseite des Neuquen hin, 
den man dem Fort gegenüber beim Zusammenüuss mit dem Curru- 
leabu überschreitet; es ist der nähere, aber unebenere Weg und 
ftlhrt über den Trocoman, Quitalechecura, Treuco und Chiuquico, 
im ganzen 50 km. Steigt man die Barranca an der Nordseite des 
Binquileubu hinauf, so befindet man sich am Rande einer sehr 
schönen Ebene, in deren Centrum ein kolossaler Fels steht, der einem 
spitzen Wachslicht gleicht. Von ihm aus erblickt man nach Norden 
iui^eringer Entfernung das Thal des Karinleubu, der auf der Ost- 
seite der Cordillera de Moncol entspringt; in weiterer Feme das 
Thal des Ligleubu, der von derselben Cordillera herab nach Osten 
zu strömt, und wie von den Cordilleren von Chillan und Palauquen, 
die wir im Nordnordwesten wahrnehmen, kommend, sieht man noch 
ein Thal, durch welches nach Südosten der Bio de Nahueve strömt, 
welcher sich mit dem Ligleubu vereinigt und mit diesem zu einem 
Fluss verbunden, ebenso wie die vorher genannten, in den Neuquen 
mündet. Im Norden sieht man die Cordillera del Viento, auf ihrer 
westlichen Seite den Neuquen und auf ihrer östlichen den Eio de 
Malbarco, der sich mit dem Neuquen vereinigt. Um jene Ebene 
bilden einen Halbkreis die Cordillera de Moncol im Westen und 
Nordwesten, im Nordnordwesten die Cordillera de Palauquen, im 
Norden die Cordillera de Pucom oder Chollol Mahuida; sie wird 
bewässert von allen erwähnten Bächen und von denen, welche vom 
Pucom Mahuida nach Westen herabströmen und die alle in den 
Neuquen münden. Dieser fliesst von Norden nach Süden und indem 
er Malal Caballo oder die Südspitze des Pucom Mahuida gleichsam 
abschneidet, wendet er sich nach Osten, nachdem der mit dem 
Trocoman vereinigte Kinquileubu mit ihm zusammengeflossen ist. 
Überlegend, welchen Weg wir nun einschlagen sollten, wandten wir 
uns vom Binquileubu ab nach Norden auf ebenem, aber steinigem 
Wege und in das enge Thal eines kleinen Felsenbaches eintretend, 
trafen wir auf zwei Engpässe in dem Thal, das nur eine kurze 
Strecke Wegs einnimmt und für Fuhrwerke leichter passierbar ge- 
macht werden muss. In derselben Bichtung weiter wandernd, kamen 
wir in das Thal des Barinleubu, und indem wir dieses bei dem Fort 



170 Host und Rittersbacher: 

,^los GaanacoB^^ überschritten, 10 km vom Binquileubn, gingen wi 
eine kleine sanfte Anhöhe hinauf und nach karzer Zeit wieder qd- 
merklich hinab, bis wir zum Bio Neuquen gelangten nach 1 1 km. 
Während 9 Monate überschreitet man ihn mittels einer F&hre und nur 
in den Monaten Febraar, März und April gewährt er eine gute Fmt 
Vom Ostufer des Neuquen setzten wir die Messung in ostnordöst- 
licher Kichtung über die Höhe der Cordillera de Pucom Mahuida 
fort; der bergabfiihrende Weg ist 1km 180m lang and nicht sdir 
steil. Von da fingen wir an, am Fuss des Berges hinzugehen; 
wir kamen über drei Quellbäche, die nach Süden fliessen und 
in den nach Westen strömenden Bach Millanchico mündes; 
auch diesen passierten wir und überschritten eine andere etwas 
länger sich hinstreckende Anhöhe mit sanften Abhängen, bis wir 
zu der Thalöffnung der Cordillera kamen, wo der Bach entspringt, 
10 km 210 m vom Fluss; diese Stelle heisst Malal Caballo. 
Hier trennen sich drei Wege von der vom Fort der 4. Division 
kommenden Strasse; der eine, auf dem wir gekommen sind, 
ein anderer, der längs des oberen Neuquen über den Hmn- 
canco und den Pass „el Saco^ nach Lioares führt, und ein dritter, 
der nach den Pässen Bucaleubu und Pu Lauquen führt, am von 
da nach dem Thal des Rio Nuble und längs der Laguna de Navareto 
nach „el Paral'' in Chile hinunterzusteigen. Von dieser Kreuzung 
der Wege bei Malal Caballo an setzten wir unsem Marsch bergab 
fort, mit verschiedenen kleinen Hindernissen, die für Fuhrwerke be- 
seitigt werden müssten, und näherten uns auf halber Höbe dem Ur- 
sprung des Arroyo de Chacaymileque bei dem Orte, der den 
Namen Cödico führt, und als wir auf die Ebene kamen, passierten wir 
einen Bach, der auf der Ostseite der Cordillera de Pucom Mahuida 
entspringt und dort in der Nähe sich mit dem Bache Chacaymileqae 
vereinigt. Das Ufer dieses Baches auf ebener Fläche weiter ve^ 
folgend, kamen wir an 3 Quellen vorüber, von denen aus zweien Sal- 
peter und aus einer süsses Wasser hervorsprudelt; aus ihnen bilden 
sich zwei Bächlein, die durch diese Ebene üiessen, das Salpeter- 
haltige nach Norden, das süsse nach Süden, zwischen beiden in der 
Mitte gebt unser Weg; sie münden in den Chacaymilegiie, Längs 
des Ufers des Chacaymileque, der jetzt durch ein wüstes Feld fliesst, 
4 km, setzten wir unsem Weg fort und als wir uns dann dem Cerro 
Gay ca den gerade gegenüber befanden, wendet sich der Chacay- 
mileque schroflP nach Norden, um nach 5 km mit dem Currulenbn 
zusammenzufliessen. Von Chacaymileque geht der Pfad über ebenes 
Land 9 km nach Querinchenque, einem durch die Zusammen- 
künfte, welche dort jährlich die Caziken und Häuptlinge der Pe- 
huenchestämme abhielten, berühmten Orte. Wir setzten unsem Weg 
durch ein enges Thal fort 10 km in südlicher Richtung und ge- 



Die Militfirgrenze am Rio Nenquen. 271 

langten in das Thal des Rio Neuguen, der durch eine schöne grüne 
Fläche mit vieler Weide hindarchströmt his zur Mündung des Arroyo^ 
de Tilgue. Wir gingen am Nordufer des Neuquen weiter und 
indem wir die Richtung nach Osten einschlugen, kamen wir nach 
5 km an das Ufer des Curruleuhu, den wir durchschritten, um nun 
«n nnsern Häusern im Fort der 4. Division hinabzusteigen. Die 
gesamte Entfernung vom Fort der 4, Division bis nach Antuco 
über das Fort „la Guanucos'' beträgt 150 km; der grosste Teil des 
Weges ist für Fuhrwerk geeignet, und die Unebenheiten und engen 
Stellen sind sehr leicht zu beseitigen. 

Ich ruhte mich einen Tag lang im Fort aus, und am 10. April 
bei Tagesanbruch brachen wir von diesem Platz auf und ritten auf 
demselben Wege, auf dem ich gekommen war, nach Autuco. Dort 
wird es etwa hundert mit städtischem Gemeinderecht versehene 
Häuser geben, mit sehr schönen Baumgärten, die von mehreren 
Bächen bewässert werden, welche aus den südlichen Bergen kom- 
mend, in deren nächster Nähe der Ort gelegen ist, die ganze 
Ebene durchfliessen. Schon vier Leguas vor dem Städtchen findet 
man Getreidefelder an den Abhängen zu beiden Seiten des Flusses; 
zur Bestellung der Saat werden die Bergabhänge abgeholzt, die 
geföUten Bäume auf ihren Plätzen gelassen, iu Brand gesteckt und 
80 in Asche verwandelt; ohne weitere Düngung wird dann das 
Korn gesäet und mit einer Pflugschar zugedeckt. Von Antuco 
bis nach San Rosente, wo der Rio de la Laja in den Biobio 
mündet, sind beide Ufer des Flusses mit Saatfeldern bedeckt. Von 
Antuco führt eine Fahrstrasse auf ebenem Terrain durchs Gebirge 
nach la Candera, einem ansehnlichen, der Familie des Generals 
Bulnes gehörigen Landsitz, 15 km von Antuco entfernt, und von 
da nach der von la Candera 30km entfernten Stadt los Angeles. 
Ehe man nach los Angeles kommt, trifit man auf eine deutsche 
Kolonie, die sich eine Legua bis zur Stadt selbst ausdehnt. Die 
Stadt hat 8000 Einwohner und wird mit der Eisenbahn von Sant- 
iago nach Angol durch eine von der Station Santa F^ ausgehende 
Zweigbahn verbunden. Das Hauptprodukt von los Angeles ist 
Getreide und Mehl. Von los Angeles führen ausgezeichnete 
Fahrstrassen nach den am Rio Biobio gelegenen Städten Negrete, 
San Garlos und Sta. Barbara und gute für Fuhrwerk geeignete 
Wege nach den Übrigen auf der beiliegenden geographischen Karte 
angegebenen Orten; über alle Flüsse führen Brücken. Nachdem 
ieh den Rio Biobio bis Rebolledo und von da bis zu seinem 
Ursprung besucht hatte, kehrte ich bis Mulchen am Rio Bureo 
hin zurück, wo ich ausgedehnte, sorgfaltig angebaute und gepflegte 
Landgüter gesehen habe. Dann kehrte ich nach los Angeles zu- 
rück, um mich mit der Eisenbahn nach Angol zu begeben und die 



172 Holt und Bitteribftolier: 

am Bio de Malleco errichtete chilenische Grenslmie oa rtndieren. 
Die Grenze des Küstengebietes, welches auch von Angol ans nach 
der Küste des stillen Oceans hin bis zur MOndong des Bio T ölten 
geht, hat für uns kein Interesse. Um eine vollstftndige Beschrei- 
bung jener Linie und einen genauen Begriff von ihren Verteidigungs- 
mitteln zu geben, bleibt mir nur noch übrig, mich mit dem Bio 
Malleco zu beschäftigen, an dessen Ufer sich die Forte auf eiiier 
37 km 660 m weit ausgedehnten Strecke befinden; im Süden dei 
Flusses die vier ersten: von Angol bis zam Fort Hnequei 
5 km, bis Cancura 4 km, Lolenco 4 km 750 m und die übrig« 
am Nordufer. In Lolenco überschreitet man auf einer sehOnen 
Brücke den Rio de Malleco und nun folgen die Forts auf der Nord- 
seite: Chihaibue 7 km 160 m, Mariluan 3 km 10 0m, Col- 
lipulti 4 km, Perasco 4km 250m und Cnraco 5 m 400ii, 
Der Rio Malleco behält seinen Lauf von Angol ans bei, wo er sidi 
mit dem Rio Sauce vereinigt, bis Mariluan in gleichem I^veaa not 
dem Ufer und ist bis hierher auf seinem ganzen Laufe zu durch- 
waten; zwischen Marihian und Curaco, dem äussersten Punkt der 
Verteidigungslinie am westlichen Fuss der Gordillera de los Andei, 
gestaltet sich die Barranca stufenwebe und steigt mehr bergan, 
doch behält sie stets viele bequeme Übergänge, und endlich kann 
er noch im Osten von Curaco auf einer langen Strecke bis zum 
Ursprung des Rio Malleco, der ein Abfluss des Lago de Ullintue 
ist, überschritten werden; es existieren in der That gangbare Wege, 
die wir im Februar dieses Jahres auf der Expedition anter der 
Leitung des Herrn Teuiente Coronel Don Rufino Ortego benutzt 
haben, als wir zwischen den Vulkanen Lonquimay und Llaima 
über die Anden gingen und in Chile bis zu ihrem höchsten Punkt 
in der Nähe des Forts Curaco vordrangen. Die Pässe der Vul- 
kane Lonquimay, Callaqui und Trolope führen auf bequemen und 
ebenen Wegen in das Thal des Biobio, der aus dem Abfluss der 
Laguna de Uu alle tue entsteht, und ebenso zu seinen hauptsäch- 
lichsten auf den Anden entspringenden Nebenflüssen, z. B. dem 
ßalhue, bei dessen Mündung in den Biobio der berüchtigte Puran, 
Cazike der Pehuenches und lange Jahre die Geissei der Gutsbesitzer 
im Süden der Provinz Mendoza, gefangen genommen wurde. Im 
Thal des Biobio und seiner Nebenflüsse Balhue, Ranquil, Gua- 
huali, Hagili, Guallaqui, der in seinem obern Lauf den Namen 
Queuco führt, sind jetzt die Schlupfwinkel der Pehuencheindianer, 
welche dort offen von den chilenischen Behörden begünstigt werden. 
Denn diese Eingeborenen, entmutliigt durch den Misserfolg ihrer 
Kämpfe mit der 4. Division, in Polge deren sie für die Erhaltung 
ihrer Herden und für ihre eigene Rettung zu sorgen hatten, werden 
sich zu einem neuen Feldzug nicht aufgelegt fühlen. 



Die Militärgrenze am Rio Kenqnen. 173 

Die Forts der Linie des Rio Malleco sind bereits alle mehr 
oder weniger blGhende Ortschaften, der Platz Coollipulti ist aber 
scftoB eine Stadt mit einer starken Besatzung. Das schnelle Empor- 
blühen dieser Orenzorte seit 11 Jahren hat in Folgendem seinen 
Orand. Als 1869 die Verteidigungslinie gegen die Molachos am 
"E&o Malleco errichtet wurde, hielt die Regierung von Chile enge 
Freundschaft mit den Stämmen, welche in der Zone zwischen den 
Flossen Malleco and Biobio und östlich von diesem, zwischen den 
beiden Abhängen und den Thälern der Cordillera de los Andes 
wohnten und ihre Streifztige bis in unsere Pampas ausdehnten. 
Diese Stämme waren die Pehuenches und Picunchos, über welche 
der Gazike Puran herrschte, und die Huilliches, die in den Thälern 
de» Rio Limay und seiner Nebenflüsse wohnen. Damals wurde 
ein allgemeiner noch heute allwöchentlich am Sonnabend stattfinden- 
der Viehmarkt eingerichtet. Auf diesen wurde von den Indianern 
das in unserer Republik geraubte Vieh gebracht, indem sie, geduldet 
von der Chilenischen Regierung, sich nach Chile über die Pässe 
Llaima, Ullintue, Longuimai, Callaqui, Trolope und Copahue hinein- 
BcfaHchen. Zu diesem Markt kommen Käufer bis von Santiago 
her, und ich habe verschiedene Caballeros, welche solche skan- 
dalöse Geschäfte machen, sagen hören, dass frfiher zu diesem 
Markt mehr als 3000 Tiere zusammenkamen, dass aber, seitdem 
die Flüsse Negro und Neuquen von unsern Truppen besetzt wur- 
den, die Geschäfte nicht mehr wie früher gingen, da die Indianer 
kein argentinisches Vieh mehr einftlhrten. — In Angol endet die 
ij Eisenbahn von Santiago nach dem Süden. Von San Rosente, 
I das am Nordrande des Rio de la Laja bei seinem Zusammenflnss 
' mit dem Rio Biobio liegt, zweigt sich ein Nebenarm der Linie 
Santiago - Angol ab, welcher am Nordrande des Biobio bis nach 
Concepcion angelegt ist und mit einer grossen Kurve bei Tol- 
cahnano endet, einem Hafen des stillen Weltmeeres von grosser 
Bedeutung wegen der Niederlagen von Cerealien, welche dort ein- 
geschifft werden. In Concepcion, der drittgrössten Stadt Chile's, 
passiert man den Biobio mittelst einer Dampffahre auf das Südufer 
hinüber und ein 25 km langer Fahrweg längs des Seestrandes führt 
nach den Kohlenbergwerken von Loto. Die reiche Getreidepro- 
dtiktion von der Provinz Maul^ nach Süden hin macht diese 
Gegenden zur Kornkammer Chile's. Von Concepcion kehrte ich 
nach San Carlos zurück, wo ich mich vorbereitete, das Thal des 
Rio Nuble und die Pässe Palauquen und Burraleubu zu studieren, 
welche zum Rio Neuquen führen, und zog am 25. Mai in östlicher 
Richtung quer durch das „Valle central^, eine 25km lange 
Ebene bis nach Cachapal, einer kleinen Ortschaft; von da 
stieg ich einen Hügel hinan, der sich über eine ebene Fläche 



174 Host und Rittersbacher: 

hin erstreckt bis zum Paso Ancho 10km. Wir setzten nnsem 
Weg durch Eichenwälder über ein unebenes Terrain fort bis zum 
Pueste de Avellana Skm, von da nach Chamico 4 km bii 
zur Brücke Arroyo Grande, eines Nebenflusses des Nuble, 8 km, 
und 3km weiter kamen wir durch das Städtchen San Fabian, 
wo sich ein Weg nach Ghillan abzweigt. Nach 2 km stiegoi 
wir auf bequemem Wege zum Thal des Nuble hinab und rittea 
dann, in der Biclitung nach S. 83^ östl. , auf einem Fahrweg , des 
auf beiden Seiten des Flusses dichte Gebirgswälder begleiten, weit« 
nach einer la Guardia genannten Hacienda 3km. Nach 4km 
überschritten wir den Arroyo de Cudileo und nach 10 km den 
Arroyo de Lare. Wir stiegen eine Anhöhe hinauf und wieder 
hinab 1 km und nach 5 km kamen wir nach der Hacienda Cara- 
coles, wo wir Rast machten. Am folgenden Tage, sobald wir in 
den finstern Wäldern die Messkette sehen konnten, setzten wir im- 
sern Marsch fort; den Bergrücken, der das Flussthal einengt, hin* 
anf und wieder hinabsteigend und eine enge Schlucht passieraid 
gelangten wir zu einer schönen Fläche, la Punilla genannt, bis 
wohin wir wieder 10 km zurückgelegt hatten. Nach 5 km ebenen 
Terrains ritten wir durch den stark strömenden Rio del Sauce; 
hier ist ein grosses mit Alfolfo und anderer Saat bedecktes Acker- 
feld. Wir fuhren mit dem Messen des Weges auf ebenem Plan 
fort und passierten nach 5 km den Bach las Mayo und 2 km 
weiter „las Trnchas** (Forellenbach) imd in der Richtung nach 
S. 20® östl. gelangten wir nach der Ortschaft los Robles, wo 
sich der über den Cerro de los Chorros hinüberführende Weg 
über den Pass Palauquen abzweigt. Alle erwähnten Bäche flies- 
sen nach Süden und münden in den Nuble. Nach 10 km kamen 
wir an den von Norden kommenden Nebenfluss des Nuble, den 
Arroyo de las Minas, wo wir den Nuble durchritten; und nach- 
dem wir eine kleine Anhöhe erstiegen hatten, befanden wir uns an 
dem Orte los Cajancito mit viel kräftiger Weide, auch bekannt 
unter dem Namen Valle hermoso (das schöne Thal), wo wir die 
Nacht zubrachten. Am folgenden Tag bei Sonnenaufgang fuhren 
wir mit dem Messen des Weges fort in der Richtung nach S. 12* 
östl. , immer am Ufer des Nable hin , bei immer gleicher Bodenbe- 
schaffenheit, und kamen nach 1 4 km zu dem herrlichen, von einem 
in denselben Fluss mündenden Bach durchflossenenen Mayingefiide, 
dieses nennen die Chilenen „Roblecito", weil es von einem 
Eichenwald umgeben ist Die Berge schliessen das Thal des Nuble 
jetzt schon eng ein. Wir gehen eine felsige Anhöhe hinauf und 
einen Abhang von derselben Bodenbeschaffenheit hinab, um 12 km 
weit unsem Weg innerhalb des Flussbettes des Nuble auf steinigem 
Terrain fortzusetzen bis an den Fuss der Anhöhe, welche zu dem 



Die MilitärgreoEe am Rio Nenqaen. 175 

Gipfel des Bnrralenbu hinauffahrt und die Überfahrt von Fuhrwerk 
nnmöglich macht, da der Weg nicht gebahnt ist. Nach 4 km waren 
wir oben auf dem Gipfel , welcher ein 3 km breites Plateau bildet, 
1823 m über dem Meerespiegel. Hier ist ein schöner See, der 
Lago deTrelles, er liegt unter 37 ® südl. Br. und 71^ 13' westl. 
I#. von Greenwich oder 12® 53' 45" westl. vom Meridian von 
Bnenos-Ayres. Aus ihm fliesst der Rio de Burraleubu, ein Neben- 
flnss des Nahueve, und hier ist auch der Pass desselben Namens. 
Alle Quellen dieser Cordillera entspringen auf dieser Seite und 
fliessen nach Osten. In allen ihren Thalniederungen giebt es eine 
grosse Folie von Mayingrasflächen und Buschwerk zur Feuerung. 
In östlicher Richtung und längs des Rio Burraleubu auf gutem Wege 
weiter wandernd, betraten wir eine grosse Fläche mit viel Weide, 
genannt Mall in de la finada Mi ca. Sie dehnt sich nach Nor- 
den hin aus und wird von zwei grossen Bächen bewässert; bis 
hierher hatten wir 12 km zurückgelegt. Das Messen des Weges 
fortsetzend stiegen ^ir eine ans Stein und Sand znsammengeiietzte 
Anhöhe hinauf und wieder hinab und nach 3 km waren wir an 
dem Ort ^las Ramadillas^, wo ich Rast machte, 1381m über 
dem Meeresspiegel. Am folgenden Tage bei Sonnenaufgang wan- 
derten wir auf ebenem Wege am Ufer des Rio Burraleubu nach 
N. 89® östl. 18 km weiter. Dieser fliesst noch 2 km weiter, um 
sieh dann mit dem Rio Nahueve zu vereinigen; wir aber verliessen 
hier- das Thal des Burraleubu und gingen 8 km quer durch die 
Barranca und an der Südseite des Burraleubu hinauf, um dann in 
die Qnebrada de la Zorru (Fuchsschlucht) hinabzusteigen, und 
durch diese näherten wir uns über den Mailin dela Mulas dem 
Bio Nahueve. Diesen überschritten wir nach 3 km auf gutem Grunde 
in dem Vado de las Pandurias. Wir setzten das Messen auf 
dem Ostufer des Nahueve fort und indem wir nach 1km ^los 
Quignes** passierten, betraten wir nach 3 km den Landsitz des 
Mr. Price, Namens „el Mallin**, gegenüber der ^Piedra Meona**. 
Hier machte ich Rast, 1175 m über dem Meeresspiegel. Vom 
Maliin ritten wir in südlicher Richtung am Rio Nahueve weiter ab- 
wärts über den Cerro Negrete bis gegenüber von Caripiles, 
wo wir das Thal des Nahueve verliessen, um uns in der Richtung 
nach S. 55® östl. nach dem Arroyo de Cayante, einem Neben- 
fluss des Nahueve, zu begeben, und gelangten nach 13 km zur Schaf- 
zOchterei eines Chilenen, wo wir Nachtquartier nahmen. Vom Arroyo 
de Cayante ritten wir in der Richtung nach S. 45® östl. weiter 
und überschritten den Bergrücken, der den Neuquen vom Nahueve 
trennt ; derselbe trägt auf seiner Höhe eine schöne mit Mayin Pajon- 
und Coirongras bewachsene Ebene. Über diese gingen wir hin- 
fiher und fingen dann an, einen bequemen Abhang hinabzusteigen 



176 Host und Rittersbacher: Die Milit&rgprenBe am Rio Neaqnen. 

zum Thal des Rio Nenquen, dessen Ufer wir nach 18 km erreichten 
beim Vado del Sauce. Nachdem wir durch diese Fort den Neu* 
quen überschritten hatten, setzten wir den Marsch fiber eine An- 
höhe der Cordillera de Pucom Mahuida fort. Bei diesem Pankt 
fingen wir an, am Bergabhang hinzugehen, bis wir zum Gipfel des 
Malal Caballo kamen; bei dem Arroyode Milanchico vereinigt 
sich dann dieser Weg mit dem andern, der von Antuco und dem 
Fort los Guanacos kommt, nach dem Fort der 4. Division , den 
ich schon erwähnt habe. 

Die gesamte Entfernung von San Carlos am Nuble bis zum 
Fort der 4. Division über den Pass Burraleubu beträgt 275 km und 
über den Pass Palauquen 210 km; dieselbe Entfemnng mit ge- 
ringer Differenz ergiebt sich von Chillan aus. Von allen über- 
schreitbaren Pässen: del Saco, Laguna Navareto, Laguna Palanquoi, 
Burraleubu, Butamayin, Antuco oder Pichachen, Copahue, Trolope, 
Callaqui, Louquimay, Ullintue und Llaima, ist der Antuco- oder 
Pichachenpass der beste, denn ebenso wie man vom Bio Nenquen 
unmerklich bergansteigend bis zum Gipfel des Pichachen gelflcngt, 
so kommt man von diesem unmerklich bergabsteigend nach Antaeo, 
und vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, an dem wir die Loc<^• 
motive die Pampas durcheilen, das Thal des Nenquen und seines 
Nebenflusses, des Rio Agrio, hinaufkeuchen und über den Pichaebeo- 
pass quer durch die Anden wieder hinuntergleiten sehen, nm sidi 
mit der chilenischen Eisenbahn bei Antuco zu verbinden; denü es 
ist eine bequeme, in jeder Jahreszeit gangbare Strasse, welche uns 
die lange und gefahrliche SchiflFahrt auf den südlichen Meeren erspart. 

Die Thäler am Fuss der Cordillera sind sehr £ruchtbar und 
von kleinen Flüssen bewässert, bringen, sorgföltig bebaut, ausge- 
zeichnetes Getreide und eine grosse Menge verschiedener Frucht* 
Sorten hervor und sind sehr gut für Viehzucht. Schon bekannte, srfir 
ergiebige Kupfer- und Silberbergwerke, Urwälder, die Holz zum 
Schiffsbau und jede Art von Nutzholz liefern, Goldwäschereien und 
tausend andere Industriezweige werden mächtig zur Entwickelnng 
und zum Gedeihen der neuen Ortschaften beitragen. Sonstige, hier 
übergangene Einzelheiten habe ich auf der beifolgenden geographi- 
schen Karte eingezeichnet. 



XL 

Elf Wochen in Larissa. 

Knltnrhistorische Skizrce von Dr. Bernhard Ornstein, Generalarzt 

der K. griechischen Armee. 



Man braucht nicht gerade Philologe von Beruf zu sein, um 
Ich darüber zu wundern, dass Homer, der doch Achill, den Sohn 
leB in Phthia herrschenden Peleus in der Ilias besingt und 
elbst des Titaresios, eines im Sommer wasserlosen Flusses, 
[edenkt, welcher bei dem drei Stunden von Larissa entfernten 
7iiraovo vorbeifliesst, den uralten Sitz der Hämonen und Pelasger 
inzlich mit Stülschweigen übergeht. Dass letzterer zur Zeit des 
enialen Rhapsoden existierte, lässt sich nicht wohl bezweifeln, da die 
eginnende Blütezeit der späteren pelasgiotischen Metropole unter 
er Herrschaft des bei Plutarch als König von Thessalien ange- 
ihrten Herakliden Aleuas, des Stammvaters des reichen und 
lächtigen Geschlechts der Aleuaden, ins achte Jahrhundert v. Chr. 
u fallen scheint. Dagegen geschieht der Stadt Larissa bei späteren 
Lntoren des klassischen Altertums Erwähnung, wie bei Thukydides 
11, 22), Aristoteles, Polybios, Strabo (9, 44), Titus Livius, Plinius 
ind dem Geographen G. Julius Solinus. Dieser beschreibt dieselbe 
üs „ egregium oppidum ^, T. Livius als „ nobilem civitatem ^. Ausser 
dem Larissa am Peneus führten noch andere Städte denselben 
Kamen. Es gab ein Larissa am Ossa, die Kgegia^ij Adquida 
-^ das heutige Gardiki — in Phthiotis, ein anderes in Attika, 
im Peloponnes, in Kreta, auf Lesbos und in Kleinasien in der 
Nahe von Kyme, der Vaterstadt des Hesiod und der Ursprung- 
Hohen Heimat der kumanischen Sybille, von Ephesus etc. Wahr- 
scheinlich waren es eingewanderte Pelasger, welche an diesen 
Orten Städte erbauten, in denen oder über denen die dieselben 
Schützende Burg nie fehlte. Erstere wurden nach der letzteren La- 
lissa — im Pelasgischen y^^AKgonoltg^ — genannt, so wie noch heute 

Zeitsehr. d. GeB«l]8oh. t Erdk. Bd. XVII. \^ 



178 ß* Ornstein: 

die Burg von Argos im Volksniunde Larissa heisst — Es wäre 
eine irrtümliche Voraussetzung, duss ich mir die Aufgabe gestellt 
habe, dieses an ca. 8000 Jahre alte Larissa der pelasgisclieii 
Ebene zum Gegenstande dieser Studie zu machen. Nein, ich be- 
absichtige nichts weiter, als ein flüchtiges Streiflicht als Reflex 
eigener Anschauung und Beobachtung auf das einem jeden Gebil- 
deten schon von der Schulbank her als Hauptstadt ThessaUens 
bekannte Larissa mit seiner jetzt desarmierten und kaum noch an- 
tike Spuren zeigenden Acropole fallen zu lassen, welche Diodor 
(10, 41) als ^oxvQ(üTccrig'* kennzeichnet und auf deren halb verfallenei 
mittelalterlichen Zinnen seit dem 12. September v. J. die griechische 
Fahne weht*). Von dem Standpunkte der Länder- und Volker- 
kunde ist dieser Essay, glaube ich, insofern gerechtfertigt, als der 
Weltverkehr in unseren Tagen eine derartige Ausdehnung ge- 
wonnen hat, dass es für Manciien, der sich einen Einblick in die 
sozialpolitischen- und wirtschaftlichen Verhältnisse der verschiedenen 
Länder verschaffen will, keineswegs gleichgültig ist, dieselbe nadi 
ihrem wahren Kulturwerte kennen zu lernen. Aus speziell po- 
litischem Gesichtspunkte betrachte ich diese jedem Parteigeiste 
fremde und wahrheitsge müsse Schilderung der kultnranthropolo- 
gischen Zustände einer noch vor kurzem bedeutenden Proviniial- 
llauptstadt des türkischen Reiches als einen prognostischen Bei- 
trag zur Beurteilung des Schlussstadiums der in neuester Zeit 
dem Anschein nach in unauilialtsamen Fluss geratenen Bewegung, 



*) All dieser Stelle iiiaj: die nach obiofer Überschrift zwar nicht hjßt- 
herjrohörig-e. jedoch einen oder den anderen Leser vielleicht interressierende, 
Xotiz Platz linden. ilas< anch Volo und sein Territorium — die 28 — 30 Ständen 
lan^re niul 1 — 9 Stniulen breite, jrcbirgige und fruchtbare magnesische Halb- 
insel, welche sieh vom Temptthal bis an das Vorgebirge Aeantium erstreckt — 
am 14. Dezember v. J. dem grieehischeii Truppen -Kommando übergeben 
wurde. Selbstverständlieli ist aueli der historische Pelion mit der Höhle de« 
(.'hiron an Grieehtuland über^rtiTAnireu, doch ohne Centauren und LapitbeOt 
und somit ist die unblutii:e lusitznahme von Thessalien, sowie des Bezirfa 
von Ana seitens der li riechen, mit Ausnahme der tur dieselben in strate- 
gischer Hinsicht sehr wichri^en Position von Kriteri, eines zu dem zwischen 
Larissa und Trikala gelejrenen Fleekeu Zarkos gehörigen und keilförmig 
ins neue griechische Oren/cebiet sicli einschiebenden Terrains, eine Tollen- 
deto Thatsache. SolUe die internationale Ubersrabe-Kommission in Betreff 
dieses streitigen und gegenwärtig noch von türkischen Truppen besetiten 
Punktes sich zu Ounsten der Türken entscheiden, so ist Griechenland, dessen 
neue Greu/e an sich schon eine in strateirischer Hinsicht für dasselbe im 
hohen Grade un^ünstiiTO ist, in seiner Detensivkrat\ dem ottomanischen 
Nachl-ar gegeivüber eursctiiedeii lahm gelegt. Hiervon abgesehen unterliegt 
es nioiues Krachteus keinem Zweii'el. dass die im Interresse der öffentlichen 
Sichevlieit s:eboteno militririscl'.e l'berwaeliunc der lauvrirestreckten GrenEÜme 
ilas r»iulgif des kle'.iun Laude? so beschweren wenle . dass der finanzielle 
Kuiu de>J«<v'lbi'i^ ■.:'. v.ieht rVniev Zvvk '.;»:;> ir. Au^'^iehr steht. 



Elf Wochen in Lariasa. 479 

welche anter der Bezeichnang „Die orientalische Frage ^ die 
Aufmerksamkeit des denkenden Puhlikums aller civilisirten 
Nationen seit Jahren auf sich zieht. 

Den unmittelbaren Anlass zu dieser Skizze gab übrigens das 
QTsprnngliche Bewnsstsein, dass ich, allerdings mit vielen andern, 
naiv genug gewesen war, über die kulturelle Bedeutung Larissa^s 
in Reisehandbüchern Belehrung zu suchen, welche derselben selbst 
bedürfen, und der gleichzeitige Wunsch Irrtümliches, oder Unge- 
naues zu berichtigen. So heisst es in einem derselben beispiels- 
weise von Larissa „es ist für eine türkische Stadt überraschend 
freundlich und reinlich.^ Ich gestehe, dass es mir geradezu un- 
begreiflich ist, wie jemand so etwas niederzuschreiben vermag, der 
diesen Ort, sei es auch nur auf ein paar Stunden, mit eigenen 
Augen gesehen hat. Ich meinerseits gebe hier der Überzeugung 
Ausdruck, dass unter den ca. 25 000 Mann griechischer Truppen, 
welche in Thessalien eingerückt sind, vom Oberkommandanten 
bis zum Soldaten herab, schwerlich auch nur einer geneigt sein 
moebte, diesem schonfarberischen Ausspruche beizupflichten. Ja, 
wer von dem Hagios Elias*) des Olymp oder der Spitze des in 
deinem schrägen Abfall an die antike Tempeldachform erinnernden 
Oflsa den Gegensatz ins Auge fasst, der gegen Norden zwischen 
den grauen und unheimlich düsteren Beleuchtungsnuancen der 
tbessalischen Gebirgswelt und dem südwärts in der weiten pelas- 
gischen Ebene einer Oase gleich im leuchtenden Sonnenglanz 
daliegendem Larissa sich geltend macht, mag in poetischer Auf- 
fiMsnng dieses wahrscheinlich nur von wenigen wagehälsigen 
Touristen beobachteten Kontrastes die Lage der Stadt eine freund- 
liebe nennen. Diese Qualifikation passt indess keineswegs auf 
die -Stadt als solche und speciell auf das Innere oder die grosseren 
Verkehrsadern derselben und noch viel weniger auf ihre relativen 
Beinlichkeitsverhältnisse. Wie schon gesagt, abgesehen von Poesie 
und poetischer Licenz und sich lediglich auf realem Boden be- 
wegend wird sich meinem Gefühle nach ein jeder, der den Ort 
zum ersten Male besucht, in den noch so bescheidenen Erwartungen, 
welche er sich sowohl vom ästhetischen als kulturhistorischen 
Standpunkt über Neu -Larissa gemacht hat, mehr oder weniger 
getauscht finden. In dieser Richtung ist wenigstens das italienische 
^molto fumo poco arosto^ aus dem Munde griechischer Offiziere 
und Beamten oft genug an meine Ohren gedrungen. Ich glaube 
mich in der Vermutung nicht zu täuschen, dass die überaus opti- 
mistisch angehauchten Schilderungen, in denen sich einige Lamioten 



*) Die höchste zugängliche Spitze des Oljmp; der Name einer zweiten, 
nach Barth höheren, ist nidit bekannt. 



130 ^' Ornstein: 

vor unserem Einrücken in Thessalien gefielen, wesenüicb daza 
beitragen, in vielen von uns übertriebene Yorstellangen aber du 
grossstadtische Gepränge dieses Orts zu wecken. Besonders war 
es ein gewisser, vordem in Larissa domilicierter, und durch seine 
Manieren sich empfehlender Geschäftsmann D . . . ., der sich in 
fabelhaften Ergüssen über das genussvolle Leben erging, welches 
unserer in Larissa harrte. Der Mann hatte sich am letstea 
thessalischen Aufstande im Jahre 1878 beteiligt, war nach Unte^ 
drückung desselben flüchtig geworden und kehrte jetzt nach mehr- 
jährigem Aufenthalt in Griechenland im Gefolge des General- 
Stabschefs, Major Ischomachos, dahin zurück. 

Nach dieser etwas weitläufigen, doch für notig erachtetea 
Einleitung werde ich mich zuerst mit der Topographie der thes- 
salischen Hauptstadt vom landschaftlichen und architektonisehen 
Standpunkte beschäftigen und dann zu dem Thun und Lassen der 
Menschen übergehen, welche dieselbe bewohnen. Über die Werke 
und Leistungen derselben auf den mannigfachen Gebieten der mensdi- 
lichen Thätigkeit werde ich ein diskretes Schweigen beobachten. 

Wenn man im Sommer die gut 12 Stunden lange Strasse 
oder richtiger „den Feldweg^ in der einförmigen, baumlosen und 
in der heissen Jahreszeit wasserarmen thessalischen Ebene zurück- 
legt, welcher von Domoko (das alte Thaumaki oder besser der 
Plural @av(Aaxol) über Fersala (Pharsalus) nach Larissa führt 
und endlich die Südfront des langgestreckten Ortes zu Gesicht be- 
kommt, so heben sich in der Entfernung von ungefähr einer Stunde 
die schlanken Minarets der vielen Moscheen recht kokett vom 
sommerlich wolkenlosen Horizont ab. Der landschaftliche Effekt 
dieser Scenerie wird durch die im fernen Hintergrunde scheinbar 
vertikal aufsteigende gewaltige Gebirgsmasse des Olymp in den 
Augen des klassisch gebildeten, dabei aber ermüdeten, hungerigen 
und schon stundenlang von Durst gequälten Reiters in vielver- 
heissender Weise dadurch erhöht, dass es ihm nicht im Traume 
einfällt, sich den Zweifel zu gestatten, dass es in dem vor ihm 
ausgebreiteten, fremdartig morgenländischen Häusergewirre an 
einem Hotel oder Restaurant zur Befriedigung leiblicher Bedürfnisse 
fehlen könne. Dass eine derartige, freilich gerechtfertigte Vor- 
aussetzung am 12. September v. J. noch als eine Illusion be- 
zeichnet werden muss, wird der geneigte Leser weiter unten ge- 
wahr werden. In dem Maasse, als man sich der Stadt nähert, 
unterscheidet man eine die Südseite derselben in ihrer ganzen 
Ausdehnung begrenzende Lehmmauer, deren Hohe je nach der 
Terrainformation zwischen 4 — 6 Fuss schwankt. Die vormals 
hinter und längs derselben aufgestellten Geschütze waren vor der 
Übergabe des Orts an das griechische Occupationscorps auf Befehl 



Elf Wochen in Larissa. Jgl 

Faiyet-Pascha's, des türkischen Militargouverneurs von Thessalien, 
nach Volo abgeführt worden, um von dort mit dem übrigen in 
Larissa und andern Depots angehäuften Kriegsmaterial nach Eon- 
stantinopel eingeschifft zu werden. Aus dieser halbverfallenen 
Einfassungsmauer und einem 1^ — 2m tiefen, ebenso breiten und 
den Sommer hindurch trocknen Graben bestehen die Festungs- 
werke von Larissa. Mit Ausnahme des Thors, welches die über 
den Peneus fuhrende Brücke absperrt, giebt es deren auf dieser 
Linie noch 3 — 4 andere, wie beispielsweise die von Trikala und 
von Volo, deren Ansprüche auf diese Bezeichnung ihrer geringen 
Solidität und ihres unzulänglichen Verschlusses halber ebenso 
fraglich erscheinen, als ihre Existenzberechtigung selbst, da die 
Stadt von der West- und zum Teil auch von der Ostseite eine 
offene und ganz und gar ungeschützte ist. Abgesehen von der 
Richtung, in welcher man dieselbe betritt, sei es durch eines der 
euphemistisch sogenannten Thore oder vom freien Felde aus, so 
ist es Thatsache, dass man den Oesamteindruck gewinnt, ein nahezu 
ähnliches Bild der staatlichen und kommunalen Verwahrlosung 
and Verkommenheit vor sich auftauchen zu sehen, wie es den 
anfangs der dreissiger Jahre nach Griechenland eingewanderten 
Deutschen von den zu jenar Zeit trostlosen Zuständen dieses Landes 
▼ermntlich noch in der Erinnerung schwebt. Ich will versuchen, 
meine pessimistische Auffassung zu begründen und Larissa mit 
einigen flüchtigen Federstrichen so zu schildern, wie dasselbe in 
der Wirklichkeit aussieht. Die Innenseite der Stadtmauer stosst 
in ihrer ganzen Ausdehnung an unbebaute und Weideplätzen 
gleichende Terrains von verschiedener Breite. Die der Mauer 
zunächst liegenden Partien erfreuen sich eines ganz ungewöhnlichen 
Reichtums an Nessel, nicht etwa an Urtica dioica sondern an ur^ 
iica urenSy deren Berührnng ein ungleich stärkeres Hautbrennen 
verursacht als jene. Zwischendurch lagern hier und da gebleichte 
Pferde-, Maultier- und Eselgerippe, welche mit Hunde-, Katzen- 
und Hühnercadavern abwechseln. Dieses unappetitliche Sammel- 
surium tierischer Überreste wird von Myriaden Fliegen umschwärmt. 
Neben dieser übelduftenden Zone der entlegneren Stadtteile, auf 
deren weitere Schilderung ich verzichte, trifft man in der Richtung 
des Innern Stadtteils ebenerdige, selten einstockige Häusergruppen 
mit kleinem, schmutzigen und von einigen Hühnern, Gänsen oder 
Putern bevölkerten Vorhof, in dem ein Ziehbrunnen und ein paar 
Bretterverschläge zum Kochen, Waschen u. s. w. nie fehlen. 
Dieses ländliche Bild wird durch Bäume, Rosensträuche und eine 
beinahe stereotype Weinlaube vervollständigt. Bisweilen erhebt 
sich zwischen den einzelnen Häusergruppen inmitten eines grossen, 
schlechtgehaltenen und schattenlosen Platzes eine Moschee, deren 



132 S- Ornstein: 

kühn und zierlich in die sonnige Luft ragendes Minaret den Be- 
sucher in etwas mit dem gar zu primitiven Zustand dieser Quartiere 
aussöhnt In diesen stillen und vorzugsweise von Mnhamedanem 
bewohnten Stadtteilen fallen einem jeden Fremden die zahlreichen 
Begräbnisplätze der letzteren auf, deren Gräberreihen mit ihren 
aufrechtstehenden, den althellenischen ähnlichen, Grabstelen diesen 
Friedhöfen ein charakteristisches Aussehen verleihen. Es sind 
deren so viele, dass die Moslems ihre Toten seit Jahrhnnderten 
auf der Ost- und Westseite der Stadt oder zwischen dieser und 
dem rechten Ufer des Peneus begraben haben müssen. Der Staub 
von Tausenden ruht hier, längst wieder vereint mit der mutterlichen 
Erde. Kein Grab ist aufgegraben, durchwühlt, kein Gebein sicht- 
bar. Die Hügel sind fast alle tief eingesunken, so dass von vielen 
Leichensteinen nur noch die Spitzen hervorragen. Man sieht di 
viele Hunderte solcher altersgrauen, von Moos überzogenen Steine 
mit verwitterten türkischen Inschriften, doch habe ich im IHder- 
spruch mit den in einigen Reisehandbuchern enthaltenen Angaben 
auf keinem einzigen der vielen türkischen Kirchhofe, noch auf 
dem „guten Orte^ der Israeliten eine antike griechische Grabstele 
zu entdecken vermocht. Die Opferbereitwilligkeit der Türken, 
wenn es sich um die würdige Ausstattung der Ruhestätte ihrer 
Toten handelt, ist ein bemerkenswerter schöner Zug. Selten nur 
stosst man auf einen Grabhügel, der eines mehr oder weniger 
verwitterten Denkmals oder doch wenigstens einer einfachen Stele 
entbehrt. Auf Privatfriedhofen finden sich auch gitter um friedete 
Grabstätten mit Marmorplatten- und Säulen und auf einem solchen 
hinter der Moschee Mirbey befindlichen, der Familie Hairymbey 
gehörigen, erhebt sich auf monumentalem Unterbau ein sicherlidi 
mit bedeutenden Kosten von Konstantinopel herbeigeschaffter ko- 
lossaler Marmorsarkophag. Wie sehr aber auch der mit zeitlichen 
Gütern gesegnete Anhänger des Propheten, er mag in seinem 
Äussern Gentleman sein und noch so fliessend, korrekt und selbst 
Sans accent wie ein geborner Franzose franzosisch sprechen, es 
für seine Pflicht hält, das Andenken der Seinigen durch thunlichst 
kostspielige Denkmäler zu ehren, so kümmert er sich doch um 
die spätere Instandhaltung ihrer Ruhestätte und die alljährliche 
Ausschmückung derselben am Todestage der Heimgegangenen nicht 
Er besitzt nicht Gemüt und Pietät genug, um einzusehen, dass er 
durch fortgesetzte sorgliche und sinnvolle Pflege der Grabstätte 
derselben in erster Linie sich selbst ehrt. 

Hier ein anderes Bild der larissiotischen Kulturzustände. 
Von den vorstehend geschilderten Quartieren gelangt man auf ge- 
pflasterten und ungepflasterten Wegen ins Centrum der Stadt. Die 
dahin führenden Plätze und Strassen sind bezüglich ihrer Boden- 



Elf Wochen in Larissa. Ig3 

gestaltang eine wahre Musterkarte topographischer Unregelmässig- 
keiten. Wiewohl es keines Beweises bedarf, dass die Erdober- 
fli4she seit dem Pliocän der Tertiärzeit und dem Diluvium, als 
Seblnss der geologischen Entwickelungsreihe , im ganzen vielfache 
Veränderungen erlitten hat, so habe ich angesichts der eigenartigen 
Bodenfiguration von Larissa und von Thessalien überhaupt mich 
dach des Eindrucks nicht zu erwehren vermocht, dass in der kon- 
■ flolidierten schlammigen oder wellenförmig dünenartigen Erdober- 
>• fliehe dieser frappant beckenartigen Tiefebene der Urgrund des 
grossen prähistorischen thessalischen Sees zutage tritt, wie der- 
selbe nach Abfluss der Gewässer durch den infolge vulkanischer 
Thatigkeit gebildeten Tempe-Engpass nach und nach trocken ge- 
legt wurde. Vielleicht ist es den Bemühungen eines Schliemann 
p' vorbehalten, in irgend einem Winkel des Burghügels von Larissa 
r. nieht etwa ein nach den bekannten kühnen Erklärungsversuchen 
K des glücklichen und berühmten Altertumsforschers von der Schwieger- 
1^ tochter des erlauchten Pelasgos, des Erbauers Larissa's und des 
pelasgischen Argos, herrührendes goldenes Schminknäpfchen aus- 
nigraben, sondern einen fossilen Backenzahn der menschenähnlichen 
Gattung Dryopithecus zu finden und somit den Beweis für die Be- 
rechtigung meiner Vermutung beizubringen. Doch Scherz bei Seite, 
ich möchte mit obiger Andeutung die Aufmerksamkeit der hin und 
wieder Thessalien besuchenden Fachgelehrten auf diese auffällige 
fiodenplastik lenken. Selbstverständlich richtet sich dieselbe nicht 
an solche Touristen, welche einfach ihren Bädeker abwandern. 
Wie dem auch sei, gewiss ist, dass, wer im Sommer die des Strassen- 
pfiasters entbehrenden, schattenlosen Terrains betritt, fortwährend 
in ein Staubmeer gehüllt ist, während das Gehen auf dem specifisch 
türkischen Pflaster (Kalderimi), welches man vorzugsweise in den 
von Türken und Juden bewohnten Stadtteilen antrifft, einem jeden 
lästig und Personen, welche an Leichdornen leiden, zu einer wahren 
Pein wird. — 

Da ich eine eingehendere Beschreibung der Circulations- 
hindernisse, welche die thessalische Hauptstadt nicht gerade zu 
einem angenehmen Sommeraufenthalte machen, für zwecklos halte, 
80 will ich jetzt der Herbst- und Winterphysiognomie derselben 
mit einem paar Worten gerecht werden. Die Neugriechen be- 
zeichnen mit dem vulgären Ausdruck xaXoxaiqditi (von ^aXoxaiqiov 
der Sommer) den Nachsommer, welcher auf die ersten, seltener 
im Juli als im August und anfangs September, sich einstellenden, 
mehr oder weniger starken und anhaltenden Niederschläge zu 
folgen pflegt. Man gebraucht das Diminutif, um damit eben sowohl 
die kürzere Dauer des Nachsommers zum Ausdruck zu bringen, 
als um die Vorzüge desselben im Vergleich zu den heiöseren und 



234 ^' Ornstein: 

unbequemeren Sommertagen oder vielmehr Sommernächten herrinr- 
zuheben. Von diesem in den alten Provinzen Griechenlands über- 
all gekannten und körperlich und geistig wohlihuenden Nachzo^er 
der schonen Jahreszeit, welche nicht selten bis tief in den Oktober 
hinein andauert, weiss man in der rauhen und unwirtlichen Haupt- 
stadt Thessaliens nichts. Wenn in der zweiten Hälfte des Sep- 
tembers bei noch intensiver Tageshitze ein frischer Nordwind vom 
hohen Olymp herabweht, so ist es geraten, sich vor Sonnenunte^ 
gang in seinen vier Pfählen zu bergen. Dagegen mnss man im 
Oktober und später schon mit einer Buffelorganisation anBgestattet 
sein, welche Tierart beiläufig in und um Larissa vortrefflich ge- 
deihet, um dem gesundheitsschädlichen Einflnsse des nebeligen, 
nasskiJten und äusserst veränderlichen Wetters erfolgreichen Wide^ 
stand leisten zu können. Ich lasse es dahin gestellt sein, ob es 
einzig und allein Witterungs- oder TemperaturverhältnisBen bein- 
messen ist, dass der einheimischen Bevölkerung von Larissa, mit sehr 
wenigen, oder richtiger verschwindenden, Ausnahmen, daa Gepräge 
einer tief wurzelnden Cachexie aufgedruckt ist. Es ist ja moglidi, 
dass gewissen lokalen klimatischen Eigenihumlichkeiten , deren 
Kenntnis der Zukunft vorbehalten bleibt, als einem mitwirkenden 
Faktor dieses wenig befriedigenden Gesundheitszustandes Redinmig 
getragen werden muss. Etwas ganz anderes ist es jedoch mit dem 
von mir konstatierten Faktum, dass ein 24 oder 48 Stunden anhal- 
tendes Regenwetter genügt, um auf den angedeuteten grosseren 
und häuserlosen Plätzen, sowie in den ungepflasterten und von 
tiefen Gleisen durchfurchten Strassen in die ungemein schnell 
sich überall anhäufende weich - schlammige Eotschicht bis an die 
Knöchel und darüber hinaus einzusinken. Aus diesem Grunde 
sieht man die Offiziere aller Waffengattungen des griechischen 
Occupationskorps , das ärztlich- pharm aceutische und Yerwaltungs- 
Personal, sowie die einheimischen Grossgrundbesitzer, die soge- 
nannten türkischen Bey's, mehr oder minder hohe Reitstiefel 
tragen. Ungeachtet dessen ist es immerhin noch fraglich, ob man 
in dem tiefen Kot und in den schlämm trüben Pfützen sich nicht 
wohler fühlt und leichter bewegt, als auf dem abscheulichen Pflaster, 
dessen inselartig aus dem Schmutz hervor starrende Steine mit ihren 
nach oben gerichteten und im Laufe der Jahre plattgetretenen und 
schlüpferigen Flächen man kaum angesichts der sehr begründeten 
Besorgnis des beständigen Ausgleitens mit einem Gefühl des Un- 
behagens und der Beklemmung betritt, welches nervöse Passanten 
ohne Linden- oder Fliederblüthenthee in eine nichts weniger als 
angenehme Transpiration zu versetzen geeignet ist. 

Ich habe bisher die persönlichen Eindrücke in den Vorder- 
grund gestellt, welche die tbessalische Hauptstadt sowohl am Tage 



Elf Wochen in Larissa. X85 

unseres Einrnckens wie später während eines elfwochentlichen 
Aufenthalts in derselben auf mich machte. Bevor ich jetzt znr 
Beschreibaug der inneren Stadt nbergehe, halte ich es far ange- 
messen, einige Worte aber die chorographische Gesamtphysiognomie 
des Orts voransznschicken. Ich weiss nicht, ob meine aus dem 
Jahre 1828 datirenden Erinnerungen mich täuschen, allein mich 
dankt, dass zwischen den seither geschilderten ländlichen Quartieren 
von Larissa und der grossen ungarischen Landstadt Debrezin eine 
gewisse Ähnlichkeit besteht, nur dass jene sich zu einem noch dorf- 
ahnlicherem Bilde gestalten als dieses. Die auf dem rechten Ufer 
des Salambrias (Peneus) liegende Stadt zerfällt in zwei Abthei- 
Inngen, von denen die eine, bei weitem grossere sich um den gegen 
Norden ziemlich steil ansteigenden Burghugel in der Ebene hin- 
lagert, während die andere Hälfte diesen selbst einnimmt und so- 
wohl das kleine Plateau desselben, sowie die seitlichen Abhänge 
der Anhohe , mit Ausnahme der bereits erwähnten Nordseite , mit 
ihren Baulichkeiten bedeckt. Die Verbindung zwischen den Ufern 
des in dem patriarchalischen Überlieferungsgenre des klassischen 
Alterthums als mächtiger Strom gleich unserem Rhein oder dem 
ägyptischen Nil charakterisirten Flusses wird mittelst einer auf zwölf 
soliden Bogen ruhenden steinernen Brücke vermittelt. Jenseits 
dieses byzantinischen Bauwerks, auf dem linken Flussufer, liegt 
neben einer überraschend gutgehaltenen, nach Turnovo fuhrenden 
Strasse eine fast ausschliesslich von Wlachen bewohnte schmutzige 
Vorstadt mit dem schon bekannten polizeiwidrigen Strassenpflaster. 
Dieser grosste der thessalischen Flüsse, welchen die antike Poesie 
ebenso unberechtigt als mächtigen Strom schildert, als dieselbe bei- 
spielsweise jedem heerdenreichen und streitbaren Beherrscher eines 
minimalen Ländergebietes den Titel y^BadtXsvg'^ beilegt, ist dem 
Angenmaasse nach bei Larissa nicht breiter als die Leine in Han- 
nover. Der Peneus nach welchem vor mehr als 2000 Jahren ganz 
Thessalien von Euripides „ij X^^fx> %ov nvjvstov^ — das Gebiet des 
Peneus — genannt wurde, wodurch der Fluss die "Weihe der helle- 
nischen Heroenzeit empfing, durchläuft von seinem Ursprünge un- 
weit Metzovo bis zu seinem Ausflusse in den thermaischen Meer- 
basen, in der Nähe des Dorfes Tsajazi — vermutlich das alte 
Stenä — eine Strecke von ca. 35 Stunden. Wer nicht weiss, dass 
derselbe auf einer der nordlichen Hohen des Pindus, die Rhona 
(altgr. Ilotov)^ entspringt und frisch und klar zwischen Bergen und 
Hügeln bis zu dem Dorfe Kalambaka dahinstrÖmt, in dessen Nähe 
die Meteoraklöster liegen, der wird es seiner schlammtrüben, kaum 
an der Oberfläche sich kräuselnden Fluth bei Larissa sicherlich nicht 
ansehen, dass er vor seinem Eintritt in die Ebene ein tolles JCind 
des Hochgebirges war. Doch würde man sich in der Voraussetzung 



186 S- Ornstein: 

täuschen, dass der in unzähligen Krümmungen in der Thalsohle 
dahin schleichende Flnss, welchen bei dem im Sommer gewohn- 
lichen Wasserstande Kinder, Pferde, Manlthiere und Esel ohne 
Schwierigkeit durchwaten, seine Physiognomie unwandelbar beibe- 
hält. Wie im griechischen Volkscharakter scheinbare Apathie und 
wilde Leidenschaft als schneidende Gegensätze nebeneinander 
schlummern, so sieht man nach einem anhaltenden zweitägigen 
Regen den sonst melancholischen, tückischen Schleicher, dessen 
Niveau um einige Fuss gestiegen, dämonisch dahinrasen und Tier- 
leichen, Baumstämme, Strauchwerk und dergl. entfahren. Obwohl 
kaum glaublich, so ist es doch wahr, dass man sich dieses trüben, 
unreinen Wassers im allgemeinen als Getränk bedient, nur in 
den besseren Häusern klärt man dasselbe mittelst eines Zusatzes 
von schwefelsaurer Kalithonerde. Es wäre im Handels- und Yer- 
kehrsinteresse einer so getreide- und produktenreichen Provinz, 
wie bekanntlich Thessalien ist, zu wünschen, dass die griechische 
Regierung sich von der Nothwendigkeit durchdrungen fühlte, diesen 
wilden und launenhaften Wasserlauf in einen schiffbaren Kanal 
umzuwandeln. Wie Fachmänner sich hierüber äussern, wurde sieh 
das mit nicht übermässigem Kostenaufwand realisieren lassen. — 

Da die Umgebung der Stadt im Osten, Süden und Westen 
aus flachem Ackerland und Weideplätzen besteht, auf denen das 
Auge nirgends einen Ruhepunkt findet, und auch auf den dieselben 
in allen Richtungen durchschneidenden Feldwegen die Natur und 
ihre Poesie aufhört, grade wie damals, als ich in der alten, guten 
Zeit die lüneburger Haide in der Postchaise durchfuhr oder durch- 
schlich, so beschränke ich mich auf einen letzten Pinselstrich in 
dem von mir entworfenen Landschaftsbilde. 

Wenn man nach Überschreitung der vorerwähnten Brücke 
eine auf dem linken Flussufer anfangs zwischen freundlichen Baum- 
gruppen , später zwischen kleinen Gemüse- und Weingärten sich, 
hinwindende, urwüchsige Landstrasse betritt, so gelangt man nach 
einer Promenade von 20 — 25 Minuten auf einen weiten, ebenen, 
von einigen kaum einen Meter breiten und nur etwa einen Fuss 
tiefen Gräben durchschnittenen Wiesenplatz, auf dem eine Anzahl 
zirkelrunder, flacher und etwa 5 — 6 Fuss im Durchmesser halten- 
der Vertiefungen die Neugier des fremden Besuchers erregen. Es 
ist hier ein Ort, welcher seit der Eroberung Thessaliens durch 
Turachan in den Traditionen der türkischen Bevölkerung von La- 
rissa eine Hauptrolle spielt. Wir stehen auf der, abgesehen von 
den eben angedeuteten Gräben und Gruben, primitiven Reitbahn, 
auf welcher die von jeher viel auf Pferdezucht haltenden reichen 
Bey's von Larissa seit Jahrhunderten ihre im Volksglauben unver- 
gleichlichen und einzig dastehenden Wettrennen abhielten und noch 



£If Wochen in Larissa. 137 

beut za Tage abhalten. Ich selbst war eines Tages in Gesell- 
schaft griechischer Kavallerie- und anderer Offiziere Augenzeuge 
davon, wie 6 — 8 dieser Herren auf ihren feurigen und edlen Thieren 
arabischer Race sich weidlich herumtummelten, allein ein Reiter 
in unserem Sinne des Worts war nach meinem, sowie nach dem 
übereinstimmenden Urteile der sachverständigen militärischen Zu- 
schauer kein einziger von ihnen. Bei gutem Wetter bilden diese 
Wettrennen ein genussreiches Schauspiel für die sonst an geselligen 
Freuden so arme Bevölkerung und zwar ohne Unterschied der 
Konfession. Dasjenige, dem ich anwohnte, rief bei mir die Er- 
innerung an den in der Herkulesmythe vorkommenden thracischen 
Diomedes, dem Patron der Pferdezucht, wach. Von ein^m heiligen 
Hain, wie dem an der Adria, in welchem nach der Sage die wind- 
schnellen Rosse gezogen wurden, abstrahierte ich zu gunsten meiner 
träumerischen Reminiscenzen aus der glucklichen Schulzeit. 

Ich bin mit der Schilderung der mageren landschaftlichen Reize 
von Larissa zu Ende und will jetzt versuchen, die innere Stadt, so- 
wie das in nordostlicher Richtung von derselben gelegene Zigeuner- 
viertel zu skizziren. 

Von dem Brückenthore fuhrt eine ziemlich breite Gasse mit 
stellenweise schmalem und holperigem Trottoir bis an das östliche 
offene Ende der Stadt. Es ist die Hauptverkehrsader der thessa- 
lichen Hauptstadt, in welcher ein sehr reges Leben herrscht und 
in der es zu gewissen Tageszeiten und vornehmlich am Mittwoch 
als Wochen mar ktstag mitunter gar nicht leicht ist, sich ungerempelt 
durch das aus Landleuten, zu Fuss oder Berittenen, griechischen 
Soldaten, umherwandernden Verkäufern, Wasser- und Lastträgern 
u. s. w. zusammengesetzte bunte Menschengewühl durchzudrängen. 
Diese nahezu eine halbe Stunde lange Gasse, welche auf eine andere 
Qualifikation einen begründeten Anspruch nicht wohl erheben darf, 
besteht aus zwei im Ganzen ärmlichen und unansehnlichen Häuser- 
reihen, die in der Mitte ihrer Längenaxe sich um mindestens das 
Doppelte ihrer Breite von einander entfernen und auf diese Weise 
einen kleinen Marktplatz bilden, wozu derselbe auch faktisch be- 
nutzt wird. Diesem Punkte gegenüber erhebt sich das Stadthaus, 
ein einstockiges Gebäude von etwas besserem Aussehen, von dessen 
Balkon während meines Aufenthalts in Larissa eine riesige Fahne 
mit dem griechischen Kreuz herabhing, ein Symbol, aus welchem 
ich noch nicht geneigt bin , auf eine freundliche Gesinnung des 
türkischen Bürgermeisters Hassan seinen neuen christlichen Mit- 
bürgern gegenüber einen Schluss zu ziehen. Obgleich demselben 
bei Gelegenheit des königlichen Besuchs in dem annektierten Thessa- 
lien das Ritterkreuz des Erloserordens verliehen wurde, glaube 
ich doch in Anbetracht der Schwierigkeiten, welche dieser Funktionär 



133 B. Ornstein: 

zu erheben pflegte, so oft es sich nm sanitäre Massregeln im In- 
teresse der Garnison handelte, meine Vermutung aufrecht halten 
zn müssen. Die Erdgeschosse der zwischen dem Bruckenthore und 
dem Marktplatze gelegenen einstockigen und beinahe durchgängig 
trostlos verwahrlosten türkischen Häuser, sowie die mit diesen 
abwechselnden ebenerdigen Lehmbaracken sind nach der Strasse 
zu offen und werden als Laden oder Magazine benutzt, in weldien 
die orientalische Specialität der Krämer (Bakali), die Garkodie, 
Bäcker und Tabakshändler ihre Geschäfte betreiben. Der ange- 
deutete, dem Stadthause gegenüberliegende Platz dient besonders 
dem Frucht- und Federviehhandel; von letzterem habe ich uqter 
andern die Gänse, woran Thessalien sehr reich zu sein scfaeiiit, 
schmackhafter als in den alten Provinzen des Konigsreichs gefunden 
und überdies unmittelbar nach unserem Binrücken ungleich wohl- 
feiler, als bald darauf, denn nach ca. 14 Tagen bis 3 Wochen 
genierten sich ebenso wenig die thessalischen Bauern, wie die speku- 
lativen jüdischen und muhamedanischen Händler, für ein Paar junge 
Gänse 7 Drachmen (1 neue Drachme == 1 Franc) zu fordern, 
welches anfangs zu 1^ feilgeboten wurde. Die von da ab bis 
nicht ganz an das Ende der Stadt mehr strassenartige Gasse unter- 
scheidet sich schon in ihrem äusseren Gepräge merklich von der, 
Nase, Augen und Ohren beleidigenden gewerblichen Inferiorität 
der eben geschilderten Anfangsstrecke derselben. Während einige 
mehr geräuschvolle Branchen der lokalen muselmännischen Gewerb- 
thätigkeiten, wie Hufschmiede, Tischler u. s. w., in drei nach der 
Akropole hinaufführenden Quergässchen, deren Pflaster Alles über- 
trifft, was in einem modernen Eulturstaat als polizeiwidrige Unge- 
heuerlichkeit qualifiziert werden würde, eine Zufluchtsstätte gefunden 
haben, herrscht in dieser zweiten Abtheilnng unserer Länggasse — 
oder meinetwegen Strasse — eine nach hiesiger Auffassung der Be- 
griffe gewisse mercantile Vornehmheit. Was dieselbe besonders kenn- 
zeichnet und als Passagen-Earrikatur der europäischen und even- 
tuell auch transatlantischen Weltstädte gelten kann, welche letztere 
ich nicht aus eigener Anschauung kenne, ist die streckenweise, 
mittelst blätterreicher Weinranken , Matten , unbrauchbarer Säcke 
und defekter Packleinwand bewerkstelligte Überdachung derselben, 
welche zwar gegen die Sonnenstrahlen schützt, dagegen eine genaue 
Prüfung der Waaren und sonstigen feineren Verkaufsgegenstände 
seitens der Käufer in dem dadurch erzeugten Helldunkel zum 
Präjudiz der letzteren erschwert oder nahezu unmöglich macht 
Neben Wechselcomptoirs , kleinen Gold- und Galanteriewaarenge- 
schäffcen und hier und da ansehnlichen Kaufläden, deren Inhaber, 
wie beispielsweise ein Herr Choi'maki, zum teil mosaischen Glaubens 
und zum teil Griechen sind, thront hier im offenen Magazin auf 



Elf Wochen in Larissa. 139 

bober Pritsche mit untergeschlagenen Beinen der ernste türkische 
Paplomatäs, d. h. der Verfertiger von baumwollenen Steppdecken, 
an diesen oder auch an meistens rothgewurfelten Matratzenüber- 
sSgen arbeitend, während sein vor dem Cafe hockender und müssiger 
Glaubensgenosse seinen Nargileh raucht und von Zeit zu Zeit das 
Sehalchen mit dem duftigen schwarzen Inhalt an den Mund führt. 
Dieser Yerkehrsmittelpunkt von Larissa, dessen ostliche Hälfte, bis 
auf die niedrigeren Häuser, einige Ähnlichkeit mit der in Eorfu 
zwischen Esplanade und Hafenthor sich hinziehenden Hauptstrasse 
bat, wird durch zwei Seitengassen mit einer andern paralell laufenden 
Laoggasse verbunden^ welche in Ansehung der Lage und Bedeutung 
als- das eigentliche Stadtcentrum bezeichnet werden muss. Die 
weeüicbe dieser beiden Nebengassen, in welcher sich das Post- 
und Telegraphenbüreau, einige Uhrmacher- und fränkische Schneider- 
laden, ein paar Eafifeehäuser und neueingerichtete Garküchen, ein 
Militärmützenmacher und Photographieenverkauf befinden, zeichnet 
sich durch eine ungewöhnliche strassenartige Breite, ein erträg- 
liches Pflaster und Trottoir, sowie durch ihr verhältnismässig 
reiulicbes Aussehen aus. Dagegen bietet ihre ostliche Zwillings- 
schwester mit ihren widerlichen Schlächterläden — vor denen man 
anrar keine „meist noch ungeborene oder ganz junge Lämmer^ 
bangen sieht, wie man in einer im verflossenen Jahrgang (Nr. 11) 
„Über Land und Meer'' enthaltenen, etwas sensationellen Reise- 
skisse von Athen erzählt, wohl aber abgehäutete Schafe und 
Bocke — mit ihren Blutlachen, ihren im Wege liegenden anima- 
lischen und vegetabilischen Abfällen, sowie mit ihren am Boden 
kauernden unreinlichen Frucht- und Gemüsehändlern ein uner- 
quickliches Bild des mangelhaften Pflichtbewusstseins der ottoma- 
niscben Stadtbehorde. Was schliesslich die bis zu ihrer Mitte etwa 
geradlinige Hauptstrasse anlangt, so will ich bemerken, dass, wenn 
dieselbe auf den ersten Blick einige Ähnlichkeit mit der irgend 
einer kleinen süditalienischen Landstadt zu haben scheint, sie diese 
einem das ganze Westende überragenden, palastartigen Gebäude 
verdankt. Dieser in dem niedrigen Häusergewirre imponierende 
Bau erbebt sich, das säulengeschmückte Portal nach Osten gerichtet, 
im Hintergrunde eines ungewöhnlich grossen Hofraums, der durch 
ein eisernes Gitter von der Strasse getrennt ist und somit einen 
freien Einblick in sein Inneres gestattet. Vor der Abtretung der 
Stadt residierte in demselben der Militärgouverneur von ThessalieA 
samt seinem ganzen Beamtenstabe. Diesen Paschasitz übernahm 
der- Oberkommandant des griechischen Occupationskorps , damals 
Generalmajor, jetzt Generallieutenant Skarlatos Soutzo, am Tage 
des Abzugs der türkischen Garnison in einem Zustande, der auf 
eine absichtliche Verwüstung des an die verhassten Griechen ab- 



190 B. Ornstein: 

zutreteDden Neubaues hindeutete. Ich habe am Tage unseres 
Einzugs aus Mangel an einem Logis, wofür jeder Offiicer anstatt 
eines ihm von der Intendantur anzuweisenden Quartiers selbst ni 
sorgen genöthigt war, in demselben übernachtet. Der 20 Q Meter 
grosse Yorsaal des oberen Stocks bot einen jämmerlichen Anbli^; 
stellenweise von Brand geschwärzter Fussboden, zerbrochese 
Scheiben, beschädigte Fensterrahmen, Thuren ohne Schlosser und 
Aschenhaufen von halbverbrannten Papieren herrührend, legten 
Zeugnis ab von einer vandalischen Zerstorungslust. Auch gehören 
die Zwiebeln-, Knoblauchs- und andere Dunste hierher, weldie 
diesen Raum zu einem wahren Infektionsheerde machten. Erst 
nach einer gründlichen Desinfektion und nach BeendigODg einiger 
notwendigen Reparaturen vermochte man die ehemalige Resideni 
des Pascha's zu einer Kaserne zu verwenden, in deren Erdgeschoas 
zwei Kompagnien des 9. Infanterie-Bataillons untergebracht wurden. 
Zwei andere kampierten im Hofe unter Zelten. Abgesehen von dem 
Nimbus, der schon vor der Übergabe der Stadt diesen Punkt als 
Konack umgab, wurde die Frequenz desselben nach unserem Ein- 
märsche noch dadurch erhöht, dass auch der erwähnte Oberkomman- 
dant bei der anfangs den Giauren gegenüber ungemein abstossen- 
den Haltung der türkischen Hausbesitzer sich genöthigt sah, in einem 
in den Hof des Palais einmündenden, halbverfallenen Nebenhanse 
desselben Wohnung zu nehmen. Eine natürliche Folge hiervon war, 
dass die dienstlichen Meldungen der Offiziere und Beamten, sowie 
das anfänglich in einem Parterrezimmer des Kolossalbaues errichtete 
Postamt ein fortwährendes Gedränge von Militärpersonen und 
Civilisten am grossen Eingangsthor desselben verursachten. Musste 
man warten, so spazierte man bei Schönem Wetter entweder in 
der Strasse vor dem Palais auf und ab oder man setzte sich vor 
irgend einem Laden auf einen Stuhl oder Schemel. An unfreund- 
lichen oder regnerischen Tagen eroberte man sich mittelst gedul- 
digen Wartens ein Plätzchen in der nahen Konditorei. Femer 
liegen hier auch einige der besuchtesten Apotheken und Läden 
der sich eines gewissen Renommes erfreuenden Militärschneider- 
und Schuhmacher. Die letztere Klasse von Handwerkern ist bei 
dem schlechten Pflaster und dem schon im September unvermeid- 
lichen Schmutze von Larissa eine überaus zahlreiche. Hierzu 
kommt, dass schon am zweiten Tage nach unserem Einzüge ein 
eben so energischer als spekulativer Kochkünstler, Namens Yam- 
vakäs, welcher dem griechischen Truppenkorps vorausgeeilt war, 
das zahlungsfähige Publikum mit der EröfiPhung einer in derselben 
Strasse gelegenen und mit einem Cafe verbundenen Restauration 
überraschte, die als einziges derartiges Local den bescheidenen 
Ansprüchen eines gesitteten Menschen zu genügen vermochte. Hier 



Elf Wochen in Larissa. 191 

fanden sich, nachdem man ein paar Tage hindurch auf Sardellen, 
Makrelen, Feigen n. dergl. nebst saarem Wein zum Mittag- und 
Abendessen angewiesen war, die an einen substantielleren Tisch 
gewohnten Offiziere und höheren Civilbeamten ein. Auch einige 
Mitglieder der internationalen Übergabe-Kommission erschienen 
dort regelmässig, sowie der Korrespondent des Londoner „ Standard ^, 
Fitz-Gerald, den ich schon in Kolchis kennen gelernt hatte. Ich 
zog es indess bald vor, zu Hause zu menagieren, denn der damals 
noch konkurrenzlose Vamvakäs Hess sich seine keineswegs lecker 
zubereiteten Mahlzeiten samt seinem verdächtigen Abazopulos- 
oder Triposwein*) unverschämt theuer bezahlen. 

Nachdem ich somit der Schilderung der thessalischen Haupt- 
stadt, insbesondere vom architektonisch-topographischen Standpunkt, 
ein Genüge geleistet zu haben glaube, will ich dieselbe mittelst 
einer kurzgefassten geographisch- ethnographischen Notiz dem all- 
gemeinen Verständnisse näher zu rucken versuchen. 

Larissa war, wie bereits angedeutet wurde, zur Zeit der 
ottomanischen Herrschaft der Sitz eines Pascha's und eines grie- 
chiscben Erzbischofs. Seit der Einverleibung ist der königliche 
Civilkommissar Nik. Hadzopulos als höchster Yerwaltungsbeamter 
an die Stelle des ersteren getreten, während letzterer in seiner 
klerikalen amtlichen Stellung verblieb, doch selbstverständlich mit 
ftfinbusse des vordem über seine orthodoxen Glaubensgenossen 
geübten Strafrechts, dessen fortgesetzte Handhabung den Bestim- 
mungen des griechischen Staatsgrundgesetzes zuwiderlaufen würde. 
Über den Konak oder die ehemalige Residenz des Pascha's, von 
der oben bereits die Rede war, habe ich nur noch hinzu- 
zufügen, dass in dem westlichen Winkel des weiten Hofraums ein 
Sarkophag und eine grosse, steinerne Himmelskugel mit dem 
Tierkreis liegen. An dieser Stelle will ich noch bemerken, dass 
ich im Vorhofe der schon erwähnten dem Hainmbey gehörenden 
Moschee Mirbey einen ungewöhnlich grossen Sarkophag gesehen 
habe, sowie einen andern von gewöhnlichen Dimensionen. Die 
freistehende Langseite trägt in ihrer Mitte eine schwer zu ent- 
ziffernde hellenische Inschrift. Ein vierter umgestürzter, steinerner 
Sarkophag liegt im Hofe des in der Hauptstrasse befindlichen 
Konaks von Antelbey. In betreff des auf dem Plateau der Akro- 
pole hochgelegenen, sonst aber sehr bescheidenen erzbischöflichen 
Sitzes ist zu erwähnen, dass man von dort einen lohnenden Aus- 
blick über die zwischen dem linken Ufer des Peneus und den 
westlichen Ausläufern des Olymps in nordwestlicher Richtung sich 

*) Weinsorten ans EubÖa nnd Korinth, welche aus Athener Depots be- 
zogen werden. Aach die Weine der Gebrüder Oekonomos und Petzalis er- 
freuen sich eines guten Rufes. 



190 B. Ornstein: 

zutretenden Nenbanes hindeutete. Ich habe am Tage nnserefl 
Einzugs aus Mangel an einem Logis, wofür jeder Offiizer anstatt 
eines ihm von der Intendantur anzuweisenden Quartiers selbst su 
sorgen genothigt war, in demselben übernachtet. Der 20 ö Meter 
grosse Yorsaal des oberen Stocks bot einen jämmerlichen Anblick; 
stellenweise von Brand geschwärzter Fussboden, zerbrochene 
Scheiben, beschädigte Fensterrahmen, Thüren ohne Schlosser und 
Aschenhaufen von halbverbrannten Papieren herrührend, legten 
Zeugnis ab von einer vandalischen Zerstörungslust. Auch gehören 
die Zwiebeln-, Knoblauchs- und andere Dünste hierher, welehe 
diesen Raum zu einem wahren Infektion sheerde machten. Erst 
nach einer gründlichen Desinfektion und nach Beendigung einiger 
notwendigen Reparaturen vermochte man die ehemalige Residens 
des Pascha's zu einer Kaserne zu verwenden, in deren Erdgeschoss 
zwei Kompagnien des 9. Infanterie-Bataillons untergebracht wurden. 
Zwei andere kampierten im Hofe unter Zelten. Abgesehen von dem 
Nimbus, der schon vor der Übergabe der Stadt diesen Punkt als 
Konack umgab, wurde die Frequenz desselben nach unserem Ein- 
märsche noch dadurch erhöht, dass auch der erwähnte Oberkomman- 
dant bei der anfangs den Giauren gegenüber ungemein abstossen- 
den Haltung der türkischen Hausbesitzer sich genothigt sah, in einem 
in den Hof des Palais einmündenden, halbverfallenen Nebenhause 
desselben Wohnung zu nehmen. Eine natürliche Folge hiervon war, 
dass die dienstlichen Meldungen der Offiziere und Beamten, sowie 
das anfanglich in einem Parterrezimmer des Kolossalbaues errichtete 
Postamt ein fortwährendes Gedränge von Militärpersonen und 
Civilisten am grossen Eingangsthor desselben verursachten. Mnsste 
man warten, so spazierte man bei Schönem Wetter entweder in 
der Strasse vor dem Palais auf und ab oder man setzte sich vor 
irgend einem Laden auf einen Stuhl oder Schemel. An unfreund- 
lichen oder regnerischen Tagen eroberte man sich mittelst gedul- 
digen Wartens ein Plätzchen in der nahen Konditorei. Femer 
liegen hier auch einige der besuchtesten Apotheken und Läden 
der sich eines gewissen Renommes erfreuenden Militärschneider- 
und Schuhmacher. Die letztere Klasse von Handwerkern ist bei 
dem schlechten Pflaster und dem schon im September unvermeid- 
lichen Schmutze von Larissa eine überaus zahlreiche. Hierzu 
kommt, dass schon am zweiten Tage nach unserem Einzüge ein 
eben so energischer als spekulativer Kochkünstler, Namens Yam- 
vakäs, welcher dem griechischen Truppenkorps vorausgeeilt war, 
das zahlungsfähige Publikum mit der EröfiPhung einer in derselben 
Strasse gelegenen und mit einem Cafe verbundenen Restanration 
überraschte, die als einziges derartiges Local den bescheidenen 
Ansprüchen eines gesitteten Menschen zu genügen vermochte. Hier 



Elf Wochen in Larissa. 198 

Betrachten wir die Einwohnerschaft nach der Religionsver- 
^iedenheit, so ist das aus Griechen und Vlachen zasammengesetzte 
rthodoxe Element numerisch etwas stärker, als das aus Türken 
ad Zigeunern bestehende muhamedanische ; das mosaische ist das 
ihwächste. In Ansehung der Stammunterschiede ist zu bemerken, 
188 die in dieser Richtung im larissiotischen Publikum sich kund- 
»benden Gegensätze ebenso in der eigentumlichen körperlichen 
id geistigen Entwicklung der Individuen, wie in den Sitten und 
ebräuchen der verschiedenen Stämme zum Ausbruch kommen. 
ie Beobachtung lehrt, dass dieselben ungleich deutlicher in der 
Bndbevolkerung hervortreten, als in der städtischen, was man 
icht an den Wochenmarkttagen zu konstatieren Gelegenheit findet. 
an erkennt auf den ersten Blick die grossen, kräftigen, gesundheit- 
rotzenden Gestalten der Bauern von Dereli, einem türkischen 
orfe an der Westseite des Tempe- Einganges*), und es bedarf ihrer 
sonderlichen Tracht, d. h. ihrer graublauen, mittelst eines roten 
lawls festgehaltenen Pumphosen nicht, um dieselben von ihren 
9t duTchschnittlich kleineren, schmächtigeren und häufig cachek- 
ichen oder wenigstens schwächlicheren christlichen Landsleuten, 
^sonders der Ebene, zu unterscheiden. Obgleich erstere recht 
at wissen, dass die der Einverleibung vorauseilenden Gerüchte 
yn der bevorstehenden Änderung in ihrer nationalen Existenz 
ir Wahrheit geworden und dass sie jetzt griechische Unterthanen 
nd, so bewegen sie sich doch mit unverkennbarem männlichen 
elbstgefuhl inmitten der müssigen Gruppen der Garnisons- 
nppen, wie wenn diese wie früher ihre Glaubensgenossen wären. 
Nus tiefwurzelnde Bewusstsein, der seither in Thessalien herr- 
^enden Religion anzugehören, ist noch nicht in dem Grade 
rsebSttert, dass dadurch ihre Haltung, zumal der eingebornen, 
nrch vierhundertjährige Unterdrückung geistig verkümmerten 
iiristlichen Bevölkerung gegenüber, wesentlich beinflusst zu werden 
eimochte. In Ansehung der Stadtbewohner verhält sich die 
•ache insofern anders, als es mir mitunter nicht gelang, die musel- 
aännischen Proletarier von ihren gleichartig kostümierten semitischen 
Mitbürgern zu unterscheiden. Diese Schwierigkeit erklärt sich 
nelleicht daraus, dass dem fanatischen Nationalbewusstsein der 
inneren türkischen Einwohner, welches sich früher im täglichen 
Verkehr mit den andersgläubigen Mitbürgern in schroffer Weise 
geltend machte, durch die unabweisbare Überzeugung von dem 
Handel in der politischen Sachlage die Spitze abgebrochen war. 
Die Leute waren im Allgemeinen verständig genug, um mit andern 



*) Der Tempepass wird irrtümlicherweise oft als Thal bezeichneti er ist 
6m DeS\& in der vollsten Bedeutung des Wortes. 

Zeitaehz. d. GeselUeh. f. Brak. Bd. XTU, \^ 



192 B. Ornatein: 

ausbreitende und mit einer üppigen Vegetation ausgestattete Land- 
strecke hat. In der Nähe desselben erhebt sich die mittelalterliche 
Einfassungsmauer der Akropole, an deren mit kleinen Häusern 
und Hütten bedeckten südostlichen Abhang die Stelle des Theaters 
verlegt wird, wie man aus einigen hier und da zum Yorschein 
kommenden, doch kaum noch erkennbaren marmornen Sitzstnfen 
folgern zu können vermeint. — Die Ausdehnung der Stadt steht 
infolge ihrer weitläufig ländlichen Bauart und ihrer mir nicht 
genau bekannten Zahl von Friedhöfen in keinem Verhältnisse nur 
Bevölkerungsziffer. Man braucht ca. 1]^ Stunde, um dieselbe im 
gewohnlichen Schritt zu umgehen, während die Seelenzahl als 
Ergebnis der behufs der Abgeordnetenwahlen anfangs Dezember 
V. J. stattgehabten Volkszählung sich auf ungefähr 13 600 belauft 
Die Einwohnerschaft ist eine gemischte, sie besteht in runden 
Zahlen aus 4900 Griechen, 4600 Türken, 2200 Israeliten*), 
1000 Vlachen**) und 900 Zigeunern***). Vor der Annexion soll 
die Stadt 20 — 25 000 Einwohner gezählt haben, seitdem hat jedoch 
die Hälfte der muhame danischen Familien nach übereinstimmenden 
amtlichen und privaten Mitteilungen dieselbe verlassen. Die Emi- 
gration, besonders nach der nur sechs Stunden entfernten türkischen 
Grenzstadt Elassona — Homers „weisse Stadt Oloosson" — 
und in zweiter Linie Konstantinopel, Salonichi, Trapezunt und 
Smyrna, scheint noch fortzudauern, wenngleich in geringerem Grade 
als anfangs. Juden, Türken und Zigeuner wohnen in mehr ab- 
gesonderten Quartieren, Griechen und Vlachen sind auf allen Punkten 
der Stadt gruppenweise domiziliert. 



*) Die etwa 450 Familien starke israelitische Gemeinde besteht aus den 
Nachkommen von aus Spanien eingewanderten jüdischen Flüchtlingen, denen 
es gelungen war, sich dem religiösen Verfolgungseifer der Inquisition zu 
entziehen. In der Regel sind diese posthumen Opfer einer der Vergangenheit 
angehörenden finsteren Epoche spanischer Intoleranz der beiden Landes- 
sprachen, der türkischen und der griechischen, mächtig, doch bedienen sich 
dieselben untereinander lediglich der spanischen als ihrer Muttersprache. 
Meine Bemühungen, den Zeitpunkt der jüdischen Einwanderung in Thessalien 
genau festzustellen, blieben ohne Erfolg. 

**) Ein Viehzucht treibender, ursprünglich rumänischer Nomadenstamm, 
von dem gegenwärtig noch etwa 2000 Familien den Sommer hindurch auf 
den östlichen Höhen des Pindus leben, während eine grössere Zahl sich 
auf beiden Ufern des Peneus in festen Wohnsitzen angesiedelt hat. Mit 
dem Eintritt des Winters steigen auch die ersteren mit ihren Heerden in 
die Ebene herab. Ihre Sprache ist der lateinischen ähnlich und wiewohl 
dieselben unter sich nur diese sprechen, gehen sie doch meines ErachtenB 
nach und nach ihrer vollständigen Gräcisierung entgegen. Die Primaten 
dieses Stammes sind die Familien Hadsi Petru, Sturnara und Averof. Auch 
der in Egypten verstorbene Millionär Tositza gehörte demselben an, sowie 
der geniale Dichter Dzalakosta. 

♦**) Diese sind sämtlich Anhänger des Islam. 



Elf Wochen in Larissa. 198 

Betrachten wir die Einwohnerschaft nach der Religionsver- 
schiedenheit, so ist das aus Griechen und Ylachen zusammengesetzte 
orthodoxe Element numerisch etwas stärker, als das aus Türken 
und Zigeunern bestehende muhamedanische ; das mosaische ist das 
schwächste. In Ansehung der Stammunterschiede ist zu bemerken, 
dass die in dieser Richtung im larissiotischen Publikum sich kund- 
gebenden Gegensätze ebenso in der eigentumlichen körperlichen 
and geistigen Entwicklung der Individuen, wie in den Sitten und 
Gebräuchen der verschiedenen Stämme zum Ausbruch kommen. 
Die Beobachtung lehrt, dass dieselben ungleich deutlicher in der 

. Landbevölkerung hervortreten, als in der städtischen, was man 

'■[ leicht an den Wochenmarkttagen zu konstatieren Gelegenheit findet. 

\ Man erkennt auf den ersten Blick die grossen, kräftigen, gesundheit- 
strotzenden Gestalten der Bauern von Dereli, einem türkischen 

' Dorfe an der Westseite des Tempe-Einganges*), und es bedarf ihrer 
absonderlichen Tracht, d. h. ihrer graublauen, mittelst eines roten 
Shawls festgehaltenen Pumphosen nicht, um dieselben von ihren 
fast durchschnittlich kleineren, schmächtigeren und häufig cachek- 
tischen oder wenigstens schwächlicheren christlichen Landsleuten, 
besonders der Ebene, zu unterscheiden. Obgleich erstere recht 
gut wissen, dass die der Einverleibung vorauseilenden Gerüchte 
von der bevorstehenden Änderung in ihrer nationalen Existenz 
zur Wahrheit geworden und dass sie jetzt griechische ünterthanen 
sind, so bewegen sie sich doch mit unverkennbarem männlichen 
Selbstgefühl inmitten der müssigen Gruppen der Garnisons- 
truppen, wie wenn diese wie früher ihre Glaubensgenossen wären. 
Das tiefwurzelnde Bewusstsein, der seither in Thessalien herr- 
schenden Religion anzugehören, ist noch nicht in dem Grade 
erschüttert, dass dadurch ihre Haltung, zumal der eingebornen, 
durch vierhundertjährige Unterdrückung geistig verkümmerten 
christlichen Bevölkerung gegenüber, wesentlich beinflusst zu werden 
vermöchte. In Ansehung der Stadtbewohner verhält sich die 
Sache insofern anders, als es mir mitunter nicht gelang, die musel- 
männischen Proletarier von ihren gleichartig kostümierten semitischen 
Mitbürgern zu unterscheiden. Diese Schwierigkeit erklärt sich 
vielleicht daraus, dass dem fanatischen Nationalbewusstsein der 
ärmeren türkischen Einwohner, welches sich früher im täglichen 
Verkehr mit den andersgläubigen Mitbürgern in schroffer Weise 
geltend machte, durch die unabweisbare Überzeugung von dem 
Wandel in der politischen Sachlage die Spitze abgebrochen war. 
Die Leute waren im Allgemeinen verständig genug, um mit andern 



*) Der Tempepass wird irrtümlicherweise oft als Thal bezeichnet, er ist 
ein DefiM in der vollsten Bedeutung des Wortes. 

Zeitsohz. d. GeselUeh. f. Erdk Bd. XVn. \<^ 



194 B. Ornstein: 






Worten gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sehr verschieden 
von diesem anscheinend bescheidenen Auftreten gestaltete sich die 
kecke und gleichsam provozierende Haltung, welche die schon er- 
wähnten ^Beys von Larissa'' von Anfang an, und speciell seit dem 
Besuche des Königs in der thessalischen Hauptstadt, zu beobachten 
pflegten. — Es ist begreiflich , dass dem mit vollem Rechte" alt 
ein Muster von Leutseligkeit und Herablassung gerahmten neuen 
Landesfürsten, der zum ersten Mafe Larissa, die Hauptstadt einer 
Provinz betrat, deren Bewohner seit Jahrhunderten unter dem 
Joche der türkischen Willkürherrschaft geseufzt hatten, von der 
christlichen und jüdischen Bevölkerung so enthusiastische Hulfi* 
gungen entgegen gebracht wurden, wie solche einem Forsten 
schwerlich je zu teil geworden sind. Ich war Augenzeuge davotti 
mit welchem nicht enden wollenden Jubelruf der Konig Geoig 
von jung und alt empfangen wurde und wie hier und da einem 
orthodoxen Graubart mit dem eigenartig gestutzten Schnnrrbait 
ein paar Freudenthränen über die wettergebräunten, zur Feier 
des Tages glattrasirten Wangen herabliefen. Es war kein Wunder, 
dass dem sein ganzes Lebenlang verachteten Giaur das Herz bei 
dem Gedanken schwoll, einen griechischen Konig, das Palladiom 
der nationalen Existenz seines Volkes, an der Spitze griechischer 
Truppen in Larissa einziehen zu sehen. Ich habe gleichzeitig 
auch mehrere Bey's auf dem grossen Platze vor dem Thor von 
Trikala, wo eine hübsche Ehrenpforte errichtet war, ihre prächtigen 
Hengste tummeln sehen und wie dieselben dem von einer brillanten 
Suite gefolgten König bei seinem Herannahen entgegen ritten 
und Se. Majestät ehrfurchtsvoll begrüssten. Doch dürfte es zweifel- 
haft sein, ob diese Abkömmlinge des Propheten in ihrem bis anft 
Fez übrigens untadelhaften französischen Kostüm ungeachtet ihres 
zur Schau getragenen Respektes von ähnlichen Gefühlen bewegt 
waren, wie der obige Graubart. Dem sei wie ihm wolle, diese 
Herren nebst ihren in Larissa anwesenden Standesgenossen und 
dem bereits citierten Bürgermeister Hassan wurden , nachdem die- 
selben von Sr. Majestät in Audienz empfangen worden waren, 
sämtlich zur königlichen Tafel gezogen und noch vor der Abreise 
des Königs dekoriert. Es erregte kein geringes Erstannen, dass 
ausser dem Polizeiarzt Dr. Grypari, einem seit einigen Jahren 
daselbst praktisierenden griechischen Arzt, keinem andern der 
christlichen und jüdischen Bewohner der Stadt, welcher Gesellschafts- 
klasse er auch angehören mochte, diese Ehre zu teil wurde. 
Man kann es, offen gesagt, diesen feudalen Bekennern des Islams 
nicht verdenken, wenn dieselben nach solcher unverdienten Aus^ 
Zeichnung sich für berechtigt halten, in jeder Richtung anmassender 
aufzutreten, als es sonst vielleicht der Fall sein würde. Ich er- 



Elf Wochen in Larissa. I97 

Btrenen. Das Oeselligkeitsbedurfnis macht sich so wenig geltend, 
dass es nicht einmal ein Kasino gab. — 

Über die das nordöstliche Ende der Stadt bildende Zigeaner- 
kolonie ist nichts weiter zu sagen, als dass die Individuen dieses 
Stammes, sowohl die zam starken wie zum schönen Geschlecbte 
lullenden, einen hohen Grad von Hässlichkeit und Unsauberkeit 
, rar Schau tragen. Ich musste mich mit meinem ganzen Vorräte 
^ämologischer Wissbegierde und Selbstverleugnung waffnen, um es 
'ii>er mich zu gewinnen, ihre von aussen und innen mit ekeler- 
Tegenden Abfällen aller Art garnierten höhlenartigen Wohnstätten 
l VOL betreten. Ich leiste im Interesse des Lesers Verzicht darauf, 
[- Met ein farbentreues Bild von diesen gelbbraunen, von Schmutz 
ttarrenden und in der Regel mit grossen und meistenteils unförm- 
liehen Riechorganen ausgestatteten Gesichtern zu entwerfen. 

Es war mir nicht möglich, mich in den Bureaus der Stadt- 
Miorde von Larissa über das Verhältnis der Berufsthätigkeit der 
Binwohner in der Art zu unterrichten, dass ich einen statistischen 
Anhaltspunkt für die Kenntnis der Procentsätze derselben gewonnen 
kitte. Im allgemeinen lässt sich jedoch mit Sicherheit annehmen, 
^ dass in der Stadt selbst das Handel und Gewerbe treibende Element 
das gesamte landwirtschaftliche, sowohl das reine wie das ge- 
jnisehte, numerisch überflügelt. Dies erklärt sich daraus, dass 
Larissa als Hauptstadt der Provinz und Sitz der Behörden, sowie 
infolge seiner geographischen Lage das Hauptdepot für die Ge- 
treide- und Viehausfuhr aus Nord- und Mittelthessalien bildet 
mnd demgemäss der Verkehr zwischen den Bewohnern dieser 
Bkrtrikte und der Stadt ein sehr lebhafter ist. Dasselbe Verhältnis 
esstiert zwischen dem Süden der Provinz und den 24 Dörfern 
, des Feiion einerseits und der Stadt Volo, der Hafenstadt von 
' Larissa und von ganz Thessalien, andererseits. — Über Industrie 
und Kunst ist so viel wie gar nichts zu berichten. Erstere wird 
i einng und allein durch eine vor einigen Jahren von einem Griechen 
auf dem rechten Ufer des Peneus errichtete Dampfmühle vertreten, 
L welche einen Teil des für den Bedarf der Einwohner notwendigen 
^ Mehlquantums liefert und deren Besitzer dem Vernehmen nach 
^ gute Geschäfte macht. Die Kunst anlangend, so steht auch diese 
^ noch nicht in ihrem Zenith. Einstweilen ist ein autodidaktischer 
Artist 8ui generis, der, nach türkischem Brauch vor einem Uhr- 
macherladen hockend, sein Geschäft als Graveur betreibt, der 
«inzige Repräsentant derselben. Die specielle Kunstsphäre, in der 
neh der an den Markttagen von den türkischen Bauern viel um- 
standene und bewunderte moslemitische Schlafrock-Künstler oder 
Künstler im Schlafrock bewegt, ist die Eingrabung des Namens* 
ZQges seiner des Schreibens unkundigen Glaubensgenossen auf 



198 B. Ornstein: 

bronzene Petschafte, deren sich dieselben anstatt ihrer Unterschrifk 
in Briefen oder sonstigen Schriftstücken bedienen. 

Fassen wir die geistige Ealtar ins Auge, so finden wir, daas 
Larissa als Wiege nnd Wurzel des Islams in Thessalien 26 Moscheen 
besitzt. Dieser Reichtum an Bethäusern erklärt sieb nbrigeu 
auch dadurch, dass die muhamedanische Bevölkerung • vor dar | 
Annexion mindestens doppelt so zahlreich war als gegenwärtig. | 
Die Griechen und Wlachen verrichten ihren Gottesdienst in siebei 
älteren kleinen Kirchen und in einer jungst vollendeten lai' 
eingeweihten. Von den ersteren wird eine, neben dem erzbischif 
liehen Sitze gelegene und nur wenig geräumigere als. die nbrign, 
die Kathedrale genannt. Die Israeliten versammeln sich in vier 
Synagogen zu ihren Andachtsubungen. — 

Die Zahl der ottomanischen Schulen beträgt zehn, von denn 
sieben Knaben- und drei Töchterschulen sind. Unter jenen sinl 
sechs Elementarschulen, in denen nur türkisch gelehrt wird. Nach 
bestandenem Examen rücken die Schüler in die siebente, ein 
Art Gelehrtenschule, vor, welcher auch das Prädikat die könig- 
liche gegeben wird. In dieser wird Unterricht in der türkischeOf 
persischen und arabischen, sowie in den Anfangsgründen der 
franzosischen Sprache erteilt. Ausserdem wird in derselben 
Rechnen, Geometrie, Algebra, Trigonometrie, Kosmographie, Physik 
und Geographie gelehrt. Vor der Einverleibung wurde der türkischei 
Jugend in einem grosseren, der Municipalität gehörigen Gebäude 
auch griechischer Unterricht erteilt. Seit der Übergabe der Stadt 
wurde dasselbe in Ermangelung eines andern geeigneten Lokall 
in ein Garnisonsspital umgewandelt. — Der christlichen Schulen 
giebt es neun, davon sind sieben Elementarschulen, während die 
achte, aus drei Klassen bestehende als Yorbereitungsschule für den 
Besuch des Gymnasiums dient; die neunte ist eine Mädchenschule. 
Ein Gymnasium gab es übrigens zur Zeit der muhamedanischen 
Herrschaft in Thessalien nicht; die Eltern und Vormünder von 
Schülern, welche ein solches besuchen sollten, schickten dieselben 
nach Lamia. — Die israelitische Gemeinde unterhält drei Elementar* 
schulen für Knaben. Eine Mädchenschule hat dieselbe zwar nicht, 
doch beteiligen sich die kleinen Jüdinnen an dem Unterricht in 
der griechischen Töchterschule. — Zufällig fiel mir vorige Woche 
ein sonst gut redigiertes politisch-satirisches Blatt „Miy x^y«tfa#*^) 
in die Hände. In einer ausnahmsweise melancholisch angehauchten 
Korrespondenz desselben, d. d. Larissa 17. Dezember, heisst es 
in freier, doch sinngetreuer Übersetzung: „Eine Polizeibehörde 



*) Der schwer ins Deutsche zu übertragende Titel bedeutet nng^efilhr: 
^Gieb dich nur zu" oder „Lass nur fünf gerade sein". 



Elf Wochen in Larissa. j99 

existiert hier nicht. Wohin man sich wendet, hat man nberall 
Haufen von Unrat nnter seinen Fassen. Man kann die Stadt 
ait Recht ^ein freies Eorfu^*) nennen. ... Der Kot abersteigt 
den des nordlichen Earopa's ... In den Strassen herrscht an- 
iiröbdringliches Dankel wie zar Zeit der türkischen Herrschaft. 
Ke Laternen verbreiten angefahr so viel Helle wie die Todten- 
[Smpchen anf den Friedhöfen. Der nächtliche Anblick der Strassen, 
IS Hansergewirres , der hohen Einfassnngsmanern , mit einem 
V>rte, alles erweckt den Eindruck trostloser Verödung. Welche 
emmnng bemächtigt sich nicht des Passanten angesichts dieser 
ChrsbesBtille, da, wo das Herz des Griechen in Freude und Hoffnung 
mftrallen sollte!" — 

Wiewohl ich die bona fides des etwas schwarzsehenden Bericht- 
erstatters nicht in Zweifel ziehe und auch eingestehe, dass ein 
•igentSmlicher Hauch von Düsterheit über Larissa schwebt, so 
"^tamiag ich dennoch nicht in den Schmerzensschrei desselben un- 
bedingt einzustimmen. Ohne mir die Schwierigkeiten zu verhehlen, 
welche sich in den neuen Provinzen einer gründlichen Reform 
4es leider ebenso eingewurzelten, als rechtlosen türkischen Yer- 
Waltangssystems entgegenstellen, spreche ich doch die Überzeugung 
ao8, dass es mit Ruhe, Geduld und vor allem mit der Zeit gelingen 
werde, diese für Griechenlands Zukunft folgenschwere Aufgabe zu 
loeen. Haben doch die Italiener an sich selbst bewiesen, dass 
ihr Sprichwort ^Col tempo e coUa pazienza si vince il tutto" 
Wahrheit enthalt; ich wüsste nicht, warum dasselbe nicht auch auf 
Qriedienland eine Anwendung finden sollte. Wenn ein hier ein- 
MUagiges Urteil nicht auf falschen Voraussetzungen beruhen soll, 
10 muss die Frage einer auf Yerwaltungsreformen materieller 
ud geistiger Art anzubahnenden vollständigen Assimilation der 
einverleibten Gebietsteile mit den alten Provinzen des Königreichs 
von grosseren Gesichtspunkten aus in die Erörterung gezogen 
[ werden. Ein anderes ist es, wenn es sich um eine vielfache kultur- 
' Instorische Skizze wie die gegenwärtige handelt. Ich musste meine 
r Aasfahrungen auf eine ins Einzelne gebende Darstellung der 
[ lokalen Zustande Larissas stützen, da die Stadt, welche als 
r Handels- und Verkehrscentrum der nordostlichen Grenzbezirke 
toraassichtlich in den Vordergrund der griechischen Interessen- 
sphäre treten dürfte, noch eine halbe terra incognita ist. Nur in 
f, fcr Detail- Beschreibung liegt etwas Zwingendes und gewisser- 

t- 

*) Hiennit soll angedeutet werden, dass es in Larissa, wie vordem in 
^rfd, — horribile dictut — gestattet sei, ein gewisses, in der ganzen ge- 
^teii Welt keine Zeugen duldendes menschliches Bedürfnis auf offener 
^asse zu befriedigen. 



190 B. Ornstein: 

zutretenden Neubaues hindeutete. Ich habe am Tage nnseres 
Einzugs aus Mangel an einem Logis, wofür jeder Offiicer anstatt 
eines ihm von der Intendantur anzuweisenden Quartiers selbst ni 
sorgen genöthigt war, in demselben übernachtet. Der 20 D Meter 
grosse Yorsaal des oberen Stocks bot einen jämmerlichen AnblidE; 
stellenweise von Brand geschwärzter Fussboden, zerbrochene 
Scheiben, beschädigte Fensterrahmen, Thuren ohne Schlosser und 
Aschenhaufen von halb verbrannten Papieren herrührend, legten 
Zeugnis ab von einer vandalischen Zerstorungslust. Auch gehören 
die Zwiebeln-, Knoblauchs- und andere Dünste hierher, welche 
diesen Raum zu einem wahren Infektionsheerde machten. Ent 
nach einer gründlichen Desinfektion und nach BeendigODg einiger 
notwendigen Reparaturen vermochte man die ehemalige Resident 
des Pascha's zu einer Kaserne zu verwenden, in deren ErdgeschoM 
zwei Kompagnien des 9. Infanterie- Bataillons untergebracht wurden. 
Zwei andere kampierten im Hofe unter Zelten. Abgesehen von dem 
Nimbus, der schon vor der Übergabe der Stadt diesen Punkt als 
Konack umgab, wurde die Frequenz desselben nach nnserem Ein- 
märsche noch dadurch erhöht, dass auch der erwähnte Oberkomman- 
dant bei der anfangs den Giauren gegenüber ungemein abstossen- 
den Haltung der türkischen Hausbesitzer sich genöthigt sah, in einem 
in den Hof des Palais einmündenden, halbverfallenen Nebenhauae 
desselben Wohnung zu nehmen. Eine natürliche Folge hiervon war, 
dass die dienstlichen Meldungen der Offiziere und Beamten, sowie 
das anfänglich in einem Parterrezimmer des Kolossalbaues errichtete 
Postamt ein fortwährendes Gedränge von Militärpersonen und 
Civilisten am grossen Eingangsthor desselben verursachten. Musste 
man warten, so spazierte man bei Schönem Wetter entweder in 
der Strasse vor dem Palais auf und ab oder man setzte sich vor 
irgend einem Laden auf einen Stuhl oder Schemel. An unfreund- 
lichen oder regnerischen Tagen eroberte man sich mittelst gedul- 
digen Wartens ein Plätzchen in der nahen Konditorei. Ferner 
liegen hier auch einige der besuchtesten Apotheken und Läden 
der sich eines gewissen Renommes erfreuenden Militärschneider- 
und Schuhmacher. Die letztere Klasse von Handwerkern ist bei 
dem schlechten Pflaster und dem schon im September unvermeid- 
lichen Schmutze von Larissa eine überaus zahlreiche. Hierzu 
kommt, dass schon am zweiten Tage nach unserem Einzüge ein 
eben so energischer als spekulativer Kochkünstler, Namens Vam- 
vakäs, welcher dem griechischen Truppenkorps vorausgeeilt war, 
das zahlungsfähige Publikum mit der EröfiPhung einer in derselben 
Strasse gelegenen und mit einem Cafe verbundenen Restauration 
überraschte, die als einziges derartiges Local den bescheidenen 
Ansprüchen eines gesitteten Menschen zu genügen vermochte. Hier 



Elf Wochen in Larissa. 191 

fanden sich, nachdem man ein paar Tage hindurch auf Sardellen, 
Makrelen, Feigen u. dergl. nebst saurem Wein zum Mittag- und 
Abendessen angewiesen war, die an einen substantielleren Tisch 
gewöhnten Offiziere und höheren Civilbeamten ein. Auch einige 
Mitglieder der internationalen Übergabe-Kommission erschienen 
dort regelmässig, sowie der Korrespondent des Londoner „Standard^, 
Fitz-Gerald, den ich schon in Kolchis kennen gelernt hatte. Ich 
zog es indess bald vor, zu Hause zu menagieren, denn der damals 
noch konkurrenzlose Vamvakäs liess sich seine keineswegs lecker 
zubereiteten Mahlzeiten samt seinem verdächtigen Abazopulos- 
oder Triposwein*) unverschämt theuer bezahlen. 

Nachdem ich somit der Schilderung der thessalischen Haupt- 
stadt, insbesondere vom architektonisch-topographischen Standpunkt, 
ein Genüge geleistet zu haben glaube, will ich dieselbe mittelst 
einer kurzgefassten geographisch- ethnographischen Notiz dem all- 
gemeinen Verständnisse näher zu rucken versuchen. 

Larissa war, wie bereits angedeutet wurde, zur Zeit der 
ottomanischen Herrschaft der Sitz eines Pascha's und eines grie- 
chischen Erzbischofs. Seit der Einverleibung ist der königliche 
Civilkommissar Nik. Hadzopulos als höchster Yerwaltungsbeamter 
an die Stelle des ersteren getreten, während letzterer in seiner 
klerikalen amtlichen Stellung verblieb, doch selbstverständlich mit 
Einbasse des vordem über seine orthodoxen Glaubensgenossen 
geübten Strafrechts, dessen fortgesetzte Handhabung den Bestim- 
mnngen des griechischen Staatsgrundgesetzes zuwiderlaufen wurde. 
Über den Konak oder die ehemalige Residenz des Pascha's, von 
der oben bereits die Rede war, habe ich nur noch hinzu- 
zufügen, dass in dem westlichen Winkel des weiten Hofraums ein 
Sarkophag und eine grosse, steinerne Himmelskugel mit dem 
Tierkreis liegen. An dieser Stelle will ich noch bemerken, dass 
ich im Vorhofe der schon erwähnten dem Hairimbey gehörenden 
Moschee Mirbey einen ungewöhnlich grossen Sarkophag gesehen 
habe, sowie einen andern von gewöhnlichen Dimensionen. Die 
freistehende Langseite trägt in ihrer Mitte eine schwer zu ent- 
ziffernde hellenische Inschrift. Ein vierter umgestürzter, steinerner 
Sarkophag liegt im Hofe des in der Hauptstrasse befindlichen 
Konaks von Antelbey. In betreff des auf dem Plateau der Akro- 
pole hochgelegenen, sonst aber sehr bescheidenen erzbischöflichen 
Sitzes ist zu erwähnen, dass man von dort einen lohnenden Aus- 
blick über die zwischen dem linken Ufer des Peneus und den 
westlichen Ausläufern des Olymps in nordwestlicher Richtung sich 

*) Weinsorten aus Euböa und Korinth, welche aus Athener Depots be- 
zogen werden. Auch die Weine der Gebrüder Oekonomos und Petzalis er- 
freuen sich eines guten Rufes. 



192 ^* Ornstein: 

ausbreitende und mit einer üppigen Vegetation ausgestattete Land- 
strecke hat. In der Nähe desselben erhebt sich die mittelalterliche 
Einfassungsmauer der Akropole, an deren mit kleinen Häusern 
und Hütten bedeckten südostlichen Abhang die Stelle des Theaters 
verlegt wird, wie man aus einigen hier und da zum Vorschein 
kommenden, doch kaum noch erkennbaren marmornen Sitzstufen 
folgern zu können vermeint. — Die Ausdehnung der Stadt steht 
infolge ihrer weitläufig ländlichen Bauart und ihrer mir nicht 
genau bekannten Zahl von Friedhöfen in keinem Verhältnisse zur 
Bevölkerungsziffer. Man braucht ca. 1]^ Stunde, um dieselbe im 
gewohnlichen Schritt zu umgehen, während die Seelenzahl als 
Ergebnis der behufs der Abgeordnetenwahlen anfangs Dezember 
V. J. stattgehabten Volkszählung sich auf ungefähr 13 600 beläuft. 
Die Einwohnerschaft ist eine gemischte, sie besteht in runden 
Zahlen aus 4900 Griechen, 4600 Türken, 2200 Israeliten»), 
1000 Vlachen**) und 900 Zigeunern***). Vor der Annexion soll 
die Stadt 20 — 25 000 Einwohner gezählt haben, seitdem hat jedoch 
die Hälfte der muhamedanischen Familien nach übereinstimmenden 
amtlichen und privaten Mitteilungen dieselbe verlassen. Die Emi- 
gration, besonders nach der nur sechs Stunden entfernten türkischen 
Grenzstadt Elassona — Homers „weisse Stadt Oloosson'' — 
und in zweiter Linie Konstantinopel, Salonichi, Trapeznnt und 
Smyrna, scheint noch fortzudauern, wenngleich in geringerem Grade 
als anfangs. Juden, Türken und Zigeuner wohnen in mehr ab- 
gesonderten Quartieren, Griechen und Vlachen sind auf allen Punkten 
der Stadt gruppenweise domiziliert. 



*) Die etwa 450 Familien starke israelitische Gemeinde besteht aus den 
Nachkommen von aus Spanien eingewanderten jüdischen Flüchtlingen, denen 
es gelungen war, sich dem religiösen Verfolgungseifer der Inquisition zu 
entziehen. In der Regel sind diese posthumen Opfer einer der Vergangenheit 
angehörenden finsteren Epoche spanischer Intoleranz der beiden Landes- 
sprachen, der türkischen und der griechischen, mächtig, doch bedienen sich 
dieselben untereinander lediglich der spanischen als ihrer Muttersprache. 
Meine Bemühungen, den Zeitpunkt der jüdischen Einwanderung in Thessalien 
genau festzustellen, blieben ohne Erfolg. 

**) Ein Viehzucht treibender, ursprünglich rumänischer Nomadenstamm, 
von dem gegenwärtig noch etwa 2000 Familien den Sommer hindurch auf 
den östlichen Höhen des Pindus leben, während eine grössere Zahl sich 
auf beiden Ufern des Peneus in festen Wohnsitzen angesiedelt hat. Mit 
dem Eintritt des Winters steigen auch die ersteren mit ihren Heerden in 
die Ebene herab. Ihre Sprache ist der lateinischen ähnlich und wiewohl 
dieselben unter sich nur diese sprechen, gehen sie doch meines ErachtenB 
nach und nach ihrer vollständigen Gräcisierung entgegen. Die Primaten 
dieses Stammes sind die Familien Hadsi Petru, Sturnara und Averof. Auch 
der in Egypten verstorbene Millionär Tositza gehörte demselben an, sowie 
der geniale Dichter Dzalakosta. 

***) Diese sind sämtlich Anhänger des Islam. 



Elf Wochen in Larissa. 193 

Betrachten wir die Einwohnerschaft nach der Religionsver- 
schiedenheit, so ist das aas Griechen und Ylachen zusammengesetzte 
orthodoxe Element numerisch etwas stärker, als das aus Türken 
und Zigeunern bestehende muhamedanische ; das mosaische ist das 
schwächste. In Ansehung der Stammunterschiede ist zu bemerken, 
dass die in dieser Richtung im larissiotischen Publikum sich kund- 
gebenden Gegensätze ebenso in der eigentumlichen körperlichen 
und geistigen Entwicklung der Individuen, wie in den Sitten und 
Gebräuchen der verschiedenen Stämme zum Ausbruch kommen. 
Die Beobachtung lehrt, dass dieselben ungleich deutlicher in der 
Landbevölkerung hervortreten, als in der städtischen, was man 
leicht an den Wochenmarkttagen zu konstatieren Gelegenheit findet. 
Man erkennt auf den ersten Blick die grossen, kräftigen, gesundheit- 
atrotzenden Gestalten der Bauern von Dereli, einem türkischen 
Dorfe an der Westseite des Terape- Einganges*), und es bedarf ihrer 
absonderlichen Tracht, d. h. ihrer graublauen, mittelst eines roten 
Shawls festgehaltenen Pumphosen nicht, um dieselben von ihren 
fast darchschnittlich kleineren, schmächtigeren und häufig cachek- 
tlBchen oder wenigstens schwächlicheren christlichen Landsleuten, 
besonders der Ebene, zu unterscheiden. Obgleich erstere recht 
gut wissen , dass die der Einverleibung vorauseilenden Gerüchte 
von der bevorstehenden Änderung in ihrer nationalen Existenz 
zur Wahrheit geworden und dass sie jetzt griechische Unterthanen 
sind, so bewegen sie sich doch mit unverkennbarem männlichen 
Selbstgefühl inmitten der müssigen Gruppen der Garnisons- 
trappen, wie wenn diese wie früher ihre Glaubensgenossen wären. 
Das tiefwurzelnde Bewusstsein, der seither in Thessalien herr- 
schenden Religion anzugehören, ist noch nicht in dem Grade 
erschüttert, dass dadurch ihre Haltung, zumal der eingebornen, 
durch vierhundertjährige Unterdrückung geistig verkümmerten 
christlichen Bevölkerung gegenüber, wesentlich beinflusst za werden 
vermochte. In Ansehung der Stadtbewohner verhält sich die 
Sache insofern anders, als es mir mitunter nicht gelang, die musel- 
männischen Proletarier von ihren gleichartig kostümierten semitischen 
Mitbürgern zu unterscheiden. Diese Schwierigkeit erklärt sich 
vielleicht daraus, dass dem fanatischen Nationalbewasstsein der 
ärmeren türkischen Einwohner, welches sich früher im täglichen 
Verkehr mit den andersgläubigen Mitbürgern in schroflFer Weise 
geltend machte, durch die unabweisbare Überzeugung von dem 
Wandel in der politischen Sachlage die Spitze abgebrochen war. 
Die Leute waren im Allgemeinen verständig genug, um mit andern 



*) Der Tempepass wird irrtümlicherweise oft als Thal bezeichnet, er ist 
ein Defilä in der vollsten Bedeutung des Wortes. 

ZeitMlix. d. G0seU«6h. f, Brak. Bd. XVU, \% 



294 B. Ornstein: 

Worten gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sehr verschieden 
von diesem anscheinend bescheidenen Auftreten gestaltete sich dio 
kecke und gleichsam provozierende Haltung, welche die schon e^ 
wähnten »Beys von Larissa^ von Anfang an, und speciell seit dem 
Besuche des Königs in der thessalischen Hauptstadt, sn beobaditei 
pflegten. — Es ist begreiflich , dass dem mit vollem Rechte' ab 
ein Muster von Leutseligkeit und Herablassung gerahmten neuea 
Landesfürsten, der zum ersten Mafe Larissa, die Hauptstadt einer 
Provinz betrat, deren Bewohner seit Jahrhunderten unter den 
Joche der türkischen Willkurherrschaft geseu&t hatten, von i» 
christlichen und judischen Bevölkerung so enthusiastische Huldi- 
gungen entgegen gebracht wurden, wie solche einem Furstos 
schwerlich je zu teil geworden sind. Ich war Augenzeuge dafm, 
mit welchem nicht enden wollenden Jnbelruf der Konig Oeoig 
von jung und alt empfangen wurde und wie hier und da einen 
orthodoxen Graubart mit dem eigenartig gestutzten Schnnrrbnt 
ein paar Freudenthränen über die wettergebräunten, cur Feier 
des Tages glattrasirten Wangen herabliefen. Es war kein Wander, 
dass dem sein ganzes Lebenlang verachteten Giaur das HerE bei 
dem Gedanken schwoll, einen griechischen Konig, das Palladiam 
der nationalen Existenz seines Volkes, an der Spitze griechisdier 
Truppen in Larissa einziehen zu sehen. Ich habe gleichseit^l 
auch mehrere Bey's auf dem grossen Platze vor dem Thor von 
Trikala, wo eine hübsche Ehrenpforte errichtet war, ihre prächtigen 
Hengste tummeln sehen und wie dieselben dem von einer brillanten 
Suite gefolgten König bei seinem Herannahen entgegen ritten 
und Se. Majestät ehrfurchtsvoll begrüssten. Doch dürfte es zweifel- 
haft sein, ob diese Abkömmlinge des Propheten in ihrem bis anft 
Fez übrigens untadelhaften französischen Kostüm ungeachtet ihres 
zur Schau getragenen Respektes von ähnlichen Gefühlen bewegt 
waren, wie der obige Graubart. Dem sei wie ihm wolle, diese 
Herren nebst ihren in Larissa anwesenden Standesgenossen und 
dem bereits citierten Bürgermeister Hassan wurden, nachdem die- 
selben von Sr. Majestät in Audienz empfangen worden waren, 
sämtlich zur königlichen Tafel gezogen und noch vor der Abreise 
des Königs dekoriert. Es erregte kein geringes Erstaunen, dass 
ausser dem Polizeiarzt Dr. Grypari, einem seit einigen Jahren 
daselbst praktisierenden griechischen Arzt, keinem andern der 
christlichen und jüdischen Bewohner der Stadt, welcher Gesellschafts- 
klasse er auch angehören mochte, diese Ehre zu teil wurde* 
Man kann es, offen gesagt, diesen feudalen Bekennern des Islams 
nicht verdenken, wenn dieselben nach solcher unverdienten Aus- 
zeichnung sich für berechtigt halten, in jeder Richtung anmassender 
aufzutreten, als es sonst vielleicht der Fall sein würde. Ich er- 



Elf Wochen in Larissa. 195 

laabe mir kein Urteil darüber, ob die Ergebenheitsversicherangen, 
mit denen dieselben im Adjutantensalon des königlichen Schlosses 
in Athen nicht gerade sparsam zu sein scheinen, und die ge- 
tduneidigen konventionellen Formen, deren sie sich daselbst be- 
fleissigen, ehrlich gemeint sind oder nicht. Soviel ist indess gewiss, 
dass der trotzig feindselige Blick, mit welchem dieselben in Larissa 
üi manchem griechischen Offizier vorübergingen, unfehlbar nicht 
«ngeahndet geblieben wäre, wenn man nicht, wie ich zu vermuten 
Qnmd habe, von oben herab die Parole ausgegeben hatte, jede 
Seibung thunlichst zu vermeiden. — 

Unter der ottomanischen Bevölkerung von Thessalien und 
ipMell von Larissa, von welcher letzteren nur der kleinere Teil 
deh dazu versteht, die zum Lebensunterhalt notwendigen Sub- 
liatenzmittel durch so wenig als möglich anstrengende Arbeit zu 
erwerben, während die Mehrzahl es vorzieht, von dem geringen 
Brtrage oder dem unzulänglichen Pachtzins eines kleinen Orund- 
beaitEes ihre Bedürfnisse zu bestreiten oder auch nicht zu bestreiten 
ud wie immer: 

„Durch Betteln und Borgen 

In Kummer und Sorgen^ 
ein elendes Dasein zu fristen, zählt man elf Bej's*), von denen 
einige als Grossgrundbesitzer über jährliche Revenuen von mehr 
als 100 000 Francs verfügen. Nichtsdestoweniger haben diese 
liiesaalischen Junker keine Ahnung davon, wie sie ihre reichen 
Geldmittel zu verwenden haben, um die einem jeden Kulturmenschen 
m zweiten Natur gewordenen Bequemlichkeiten des Lebens nicht 
sa entbehren — Bequemlichkeiten, mit denen man sich in Deutsch- 
land mittelst eines Jahreseinkommens von 7 — 8000 Mark in seinem 
Heim zu umgeben vermag. Ich resümiere mich in Betreff dieser 
moslemitischen Aristokraten dahin, dass dieselben ungeachtet ihres 
,)bon jour**, ihrer lackierten Halbstiefel und ihrer modigen Kra- 
watten oder Schlipse für den Begriff „Comfort" weniger Ver- 
ständnis haben als für eine oder mehrere schöne Frauen und salva 
venia für ein paar Reit- und Wagenpferde arabischer Abstammung. 



*) Die Namen dieser in der erblichen türkischen Standeshierarchie die 
erste Bangpitufe einnehmenden Bey's — der Bang des Paschas ist ein. persön- 
licher — , auf welche sich der bei weitem gross te Teil des Grandbesitzes der 
weiten und fruchtbaren thessalischen Ebene verteilt, sind nach Maassgabe 
ihrer Jahreseinkünfte folgende: 1. Muchty-Effendi, 2. Galip-Effendi, 3. Dervis- 
bejy 4. Hairimbey, 5. Malik-Effendi, 6. Dervisbej der Kleine, 7. Taassybej, 
8. Bendrytybey, 9. Sererfbey, 10. Hairymbey des Husnybey und 11. Had- 
siriCatbey. Von diesen sind allein die unter No. 3, 4, 10 und 11 aufge- 
führten Bey^s Nachkommen in gerader Linie vom Turahan, dem Eroberer 
Thessaliens, welcher die Provinz im Jahre 1420 dem Halbmond unterwarf, 
in dessen Besitz dieselbe ca. 460 Jahre geblieben ist. 



196 B. Ornstein: 

In Ansehung der letzteren machte sich in Larissa ein Gespann 
von Apfelschimmeln bemerkbar, deren sich selbst Kaiser Wühelm 
als Paradepferde hätte bedienen können. 

Ich bin jetzt bei dem chrisüich-israelitiseben filenaent ange- 
langt! Was die obere Schicht derselben betrifft, welche sich vor 
der Annexion auf etwa ein Dntzend approbierter nnd nicht appro- 
bierter Ärzte, sowie anf vielleicht eben so viel Rentiers und wohl- 
habende Eaufleute belief, so fand ich dieselbe im Innern Am 
Hauses und der Familie von den Rudimenten europaisi^en Kultin- 
lebens angehaucht, sowohl auf materiellem als auf geistigem Ge- 
biete. Mir schien, dass der geistige Ausdruck desselben mehr nh 
tage trat als der materielle, vermutlich deshalb, weil die Ghriilat 
und Juden zur Zeit des türkischen Regiments es sich zur Ani^pbe 
machen mussten, auch den Schein des Wohlstandes möglichst n 
meiden, um den Neid und die Missgunst ihrer vornehmen mobar 
medanischen Mitbürger nicht zu erregen. Der seitdem verfloMene 
Zeitraum ist zu kurz, als dass selbst in dieser meines Eracfateni 
entschieden kulturfabigen Bevolkerungsschicht irgend ein Fortaehzitt 
sich bemerkbar zu machen vermocht hatte. Die Handel- und Ter* 
kehr treibenden christlichen und jüdischen Einwohner von Larissa 
zeichnen sich andererseits durch die diese beiden Nationalitäten 
charakterisierende Energie und Regsamkeit aus und berechtigea 
in Ansehung ihrer kulturellen Entwickelungsfaigkeit zu guten 
Hoffnungen. Wenn man beispielsweise zur Zeit der Übergabe 
der Stadt Vorlebens nach einer Garküche suchte, in welche ein 
anständiger Mensch einzutreten den Mut hane, so gab es schon 
vor meiner anfangs Dezeir.ber erfolgten Abreise eine Anzahl rein- 
licher griechisobor Speisehäuser, unter welchen das von einem ge- 
wissen Buzukas. eine:n dem Anschein nach ebenso gemütlichen 
als im Grunde schlauen und einzig auf seinen Vorteil bedachten 
Gesellen, errichtete, auch von sabalrernen OtÜrieren besucht wurde, 
nie so r Kochkunst! er. sowie der oben citierte Vamvakas, haben 
boiiio im Anf:\ngss:adium der rtunektion istischen Epoche ungeachtet 
der bei de:u griechischen Oiäiierkorrs sehen oder nie epidemisdi 
horrschondon Goldi^lcthor.* :»»s Sohrooiiorte funktioniert und mich 
dünkt, dass :r.»uicher der le:i:eren. ansraii diesen beiden Biede^ 
:v annern ihre freilich irehorii: i:ei" feierten Rechnun^^en zu zahlen, 
es vorijefOiren ha;:e, dieselben auf der Stelle zu Ivnchen. An 
offon:l:oV.er. VerirnüiTuv-csl vokaler, is: absv^Iu:er Man£^l und es ist 
nioh: w.shrsor.ciniiob. dsi^s diese::*. Sv^bÄÜ abirebolien werde. Ausser 
einen; kleinen, sor.s; gAr nioh; {:b*ea griechischen Theater, in 
welcher/- r.:,-5n indes Getshr Met, dss Vergr.üg^':: eines Abends mit 
einen*. S — I4;üg:ge:: in:c::sive:: Br;;s:ks?Ärrh i3 bezahlen, gab es 
kein Mittel, si^'h iu :::^:erh,-4l:ev. oder .su: e::: r^Ar Stunden zu ler- 



Elf Wochen in Larissa. I97 

streaen. Das Geselligkeitsbedürfnis macht sich so wenig geltend, 
dass es nicht einmal ein Kasino gab. — 

Über die das nordostliche Ende der Stadt bildende Zigenner- 
kolonie ist nichts weiter zu sagen, als dass die Individuen dieses 
Stammes, sowohl die zum starken wie zum schonen Geschlechte 
xahlenden, einen hohen Grad von Hässlichkeit und Unsauberkeit 
cor Schau tragen. Ich müsste mich mit meinem ganzen Vorräte 
Mimologischer Wissbegierde und Selbstverleugnung wa£fnen, um es 
'iber mich zu gewinnen, ihre von aussen und innen mit ekeler- 
regenden Abfallen aller Art garnierten hohlenartigen Wohnstätten 
la betreten. Ich leiste im Interesse des Lesers Verzicht darauf, 
Uer ein farbentreues Bild von diesen gelbbraunen, von Schmutz 
Itarrenden und in der Regel mit grossen und meistenteils unförm- 
Behen Riechorganen ausgestatteten Gesichtern zu entwerfen. 

Es war mir nicht möglich, mich in den Bureaus der Stadt- 
behorde von Larissa über das Verhältnis der Berufsthätigkeit der 
Stnwobner in der Art zu unterrichten, dass ich einen statistischen 
Anhaltspunkt für die Kenntnis der Procentsätze derselben gewonnen 
Utte. Im allgemeinen lässt sich jedoch mit Sicherheit annehmen, 
dass in der Stadt selbst das Handel und Gewerbe treibende Element 
das gesamte landwirtschaftliche, sowohl das reine wie das ge- 
imschte, numerisch überflügelt. Dies erklärt sich daraus, dass 
Larissa als Hauptstadt der Provinz und Sitz der Behörden, sowie 
infolge seiner geographischen Lage das Hauptdepot für die Ge- 
treide- und Viehausftthr aus Nord- und Mittelthessalien bildet 
ind demgemäss der Verkehr zwischen den Bewohnern dieser 
Distrikte und der Stadt ein sehr lebhafter ist. Dasselbe Verhältnis 
existiert zwischen dem Süden der Provinz und den 24 Dorfern 
des Pelion einerseits und der Stadt Volo, der Hafenstadt von 
Larissa und von ganz Thessalien, andererseits. — Über Industrie 
und Kunst ist so viel wie gar nichts zu berichten. Erstere wird 
einzig und allein durch eine vor einigen Jahren von einem Griechen 
anf dem rechten Ufer des Peneus errichtete Dampfmühle vertreten, 
welche einen Teil des für den Bedarf der Einwohner notwendigen 
Mehlquantums liefert und deren Besitzer dem Vernehmen nach 
gnte Geschäfte macht. Die Kunst anlangend, so steht auch diese 
n(ych nicht in ihrem Zenith. Einstweilen ist ein autodidaktischer 
Artist sui generis, der, nach türkischem Brauch vor einem Uhr- 
iBacherladen hockend, sein Geschäft als Graveur betreibt, der 
einzige Repräsentant derselben. Die specielle Kunstsphäre, in der 
neh der an den Markttagen von den türkischen Bauern viel um- 
standene und bewunderte moslemitische Schlafrock-Künstler oder 
Künstler im Schlafrock bewegt, ist die Eingrabung des Namens- 
'nges seiner des Schreibens unkundigen Glaubensgenossen auf 



198 B. Ornstein: 

bronzene Petschafte, deren sich dieselben anstatt ihrer Untersdir 
in Briefen oder sonstigen Schriftstacken bedienen. 

Fassen wir die geistige Koltnr ins Aoge, so finden wir, da 
Larissa als Wiege and Warzel des Islams in Thessalien 26 Mosehei 
besitzt. Dieser Reichtam an Bethaasem erklart sich abrige 
auch dadurch, dass die mahamedanische Bevolkerang vor d 
Annexion mindestens doppelt so zahlreich war als gegenwarti 
Die Griechen and Wlachen verrichten ihren Grottesdienst in sieb 
älteren kleinen Kirchen and in einer jangst vollendeten ui 
eingeweihten. Von den ersteren wird eine, neben dem ersbischi 
liehen Sitze gelegene and nur wenig geraamigere als^ die übrige 
die Kathedrale genannt. Die Israeliten versammeln sich in li 
Synagogen zu ihren Andachtsabangen. — 

Die Zahl der ottomanischen Schalen betragt zehn, von deiv 
sieben Knaben- and drei Tochterschalen sind. Unter jenen au 
sechs Elementarschulen, in denen nur türkisch gelehrt wird. Nai 
bestandenem Examen rucken die Schuler in die siebente, eil 
Art Gelehrtenschule, vor, welcher auch das Prädikat die koni( 
liehe gegeben wird. In dieser wird Unterricht in der tnrkische 
persischen und arabischen, sowie in den Anfangsgründen d 
franzosischen Sprache erteilt. Ausserdem wird in dersellN 
Rechnen, Geometrie, Algebra, Trigonometrie, Kosmographie, Pfays 
und Geographie gelehrt. Vor der Einverleibung wurde der turkisdu 
Jugend in einem grosseren, der Municipalität gehörigen Gebäac 
auch griechischer Unterricht erteilt. Seit der Übergabe der Stai 
wurde dasselbe in Ermangelung eines andern geeigneten Loka 
in ein Garnisonsspital umgewandelt. — Der christlichen Schale 
giebt es neun, davon sind sieben Elementarschulen, während di 
achte, aus drei Klassen bestehende als Yorbereitnngsschule for dei 
Besuch des Gymnasiums dient; die neunte ist eine Mädchenschule 
Ein Gymnasium gab es übrigens zur Zeit der muhamedanischei 
Herrschaft in Thessalien nicht; die Eltern und Vormunder voi 
Schülern, welche ein solches besuchen sollten, schickten dieselbe! 
nach Lamia. — Die israelitische Gemeinde unterhält drei Elementar 
schulen für Knaben. Eine Mädchenschule hat dieselbe zwar nidil 
doch beteiligen sich die kleinen Jüdinnen an dem Unterricht i 
der griechischen Töchterschule. — Zufällig fiel mir vorige Woch 
ein sonst gut redigiertes politisch-satirisches Blatt „iWi^ X^^^ö*«»"* 
in die Hände. In einer ausnahmsweise melancholisch angehauchte 
Korrespondenz desselben, d. d. Larissa 17. Dezember, heisst e 
in freier, doch sinngetreuer Übersetzung: ,,Eine Polizeibehörd 



*) Der schwer ins Deutsche zu übertragende Titel bedeutet ungefähi 
„Gieb dich nur zu" oder ^Lass nur fünf gerade sein**. 



Elf Wochen in Larissa. ]99 

enstiert hier nicht. Wohin man sich wendet, hat man überall 
Haafen von Unrat nnter seinen Füssen. Man kann die Stadt 
■dt Recht ^ein freies Eorfa^*) nennen. . . . Der Kot übersteigt 
den des nordlichen Earopa's ... In den Strassen herrscht un- 
, inrehdringliches Dunkel wie zur Zeit der türkischen Herrschaft. 
Laternen verbreiten ungefähr so viel Helle wie die Todten- 
pchen anf den Friedhöfen. Der nächtliche Anblick der Strassen, 
8 Hänsergewirres 9 der hohen Einfassungsmauern, mit einem 
orte, alles erweckt den Eindruck trostloser Verödung. Welche 
»klemmnng bemächtigt sich nicht des Passanten angesichts dieser 
Qmbesstille, da, wo das Herz des Griechen in Freude und Hoffnung 
jufwallen sollte!** — 

Wiewohl ich die bona ßdes des etwas schwarzsehenden Bericht- 
Wrtatters nicht in Zweifel ziehe und auch eingestehe, dass ein 
t^fentSmlicher Hauch von Düsterheit über Larissa schwebt, so 
formag ich dennoch nicht in den Schmerzensschrei desselben un- 
Mingt einzustimmen. Ohne mir die Schwierigkeiten zu verhehlen, 
welehe sich in den neuen Provinzen einer gründlichen Reform 
te leider ebenso eingewurzelten, als rechtlosen türkischen Yer- 
tikaDgssjstems entgegenstellen, spreche ich doch die Überzeugung 
m, dass es mit Ruhe, Geduld und vor allem mit der Zeit gelingen 
werde, diese für Griechenlands Zukunft folgenschwere Aufgabe zu 
Kien. Haben doch die Italiener an sich selbst bewiesen, dass 
b Sprichwort ^Col tempo e colla pazienza si vince il tutto** 
'Wahrheit enthält; ich wüsste nicht, warum dasselbe nicht auch auf 
Qriechenland eine Anwendung finden sollte. Wenn ein hier ein- 
Mhlagiges Urteil nicht auf falschen Voraussetzungen beruhen soll, 
>o muss die Frage einer auf Yerwaltungsreformen materieller 
^d geistiger Art anzubahnenden vollständigen Assimilation der 
^nverleibten Gebietsteile mit den alten Provinzen des Königreichs 
TOD grosseren Gesichtspunkten aus in die Erörterung gezogen 
Verden. Ein anderes ist es, wenn es sich um eine vielfache kultur- 
Uitorische Skizze wie die gegenwärtige handelt. Ich musste meine 
Ansührungen auf eine ins Einzelne gehende Darstellung der 
lokalen Zustände Larissas stützen, da die Stadt, welche als 
Bandeis- und Yerkehrscentrum der nordostlichen Grenzbezirke 
Toraossichtlich in den Vordergrund der griechischen Interessen- 
fhare treten dürfte» noch eine halbe terra incognita ist. Nur in 
Detail -Beschreibung liegt etwas Zwingendes und gewisser- 



*) Hiermit soll angedeutet werden, dass es in Larissa, wie vordem in 
Korfa, — horribile dictul — gestattet sei, ein gewisses» in der ganzen ge- 
littet^ Welt keine Zeugen duldendes menschliches Bedürfnis auf offener 
^^86 zu befriedigen. 



200 ß- Orustein: 

massen der Massstab fSr die Berechtigimg meiner Auffassung 
und die kritische Beurteilung der geschilderten Znstande. 

Ich motiviere meine optimistische Auffassung über die Zukunft 
der neuen Provinzen wie folgt: 

1) Von einer zeitgem Essen Jastizpflege war in Thessalien 
und Epirns nie die Rede. Der dem albanesischen FanatisniiB 
zum Opfer gefallene Mehemed-Ali, dessen Strenge gegen die 
türkischen Störenfriede in der dankbaren Erinnerung der chri^l* 
liehen und jadischen Einwohner von Larissa fortlebt, sah sich ab 
Militär-Gouverneur von Thessalien oft genötigt, mit dem Kantsofai 
in der Hand für das Recht einzutreten. Schon anfangs Dexembet 
funktionierten in Larissa, Trikala, Yolo und noch froher in Aili 
Gerichtshöfe erster Instanz und seit ungefähr 14 Tagen ist lüuriBn 
der Sitz eines für die annektierten Provinzen gemeinschaftlieheB 
Appellationsgerichts geworden. Mit der Errichtung der für notig 
erachteten Anzahl von Friedensgerichten war der Anfang gemadd 
worden. 

2) Wie der Yolksunterricht in Larissa organisiert war, iA 
oben angedeutet worden. Schon seit vier Wochen bestehen in 
den eben genannten vier Städten Gymnasien, deren Schuler nadi 
bestandenem Abiturientenexamen unmittelbar zur Universität ent- 
lassen werden. 

3) Wie mir glaubwürdige Personen ohne Unterschied der 
Konfession auf beharrliches Befragen eingestanden, waren die 
Kaltarzustände Larissas, und Thessaliens überhaupt, durchaus sta- 
tionäre und wurzelten ebenso in der staatlichen Organisation, als 
in dem höheren und kommunalen Verwaltungssystem. So hatte 
sich während der Jahrhunderte langen Periode des islamitischen 
Regiments zu seiner Zeit das Bedürfnis geltend gemacht, eine 
andere Strasse in Thessalien zu bauen als die drei Wegstunden 
lange von Larissa nach Turnova. Die Strecke von 12 Stunden 
zwischen Larissa und Volo habe ich am 2. Dezember 1881 bis zu dem 
seitwärts liegenbleibenden Velestino auf einem so primitiven Wege 
zurückgelegt, wie er je aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen 
ist. Ebenso stammte das Fuhrwerk ohne Sitz, auf dem ich lag, 
vermutlich aus der Zeit der Pelasger, denn sonst wäre die Kon- 
struktion desselben eine schwer erklärbare Verirrung des mensch- 
lichen Schönheits- und Zweckmässigkeitssinnes gewesen. Woher 
kommt es nun, frage ich, dass, nachdem kaum 9 Wochen seit der 
Übergabe von Volo verflossen sind, wodurch die Abtretung 
Thessaliens erst zur internationalen Thatsaebe geworden ist, maa 
heute schon rüstig an der Eisenbahn Volo-Larissa arbeiten sieht^ 
welche in Gemässheit des zwischen der griechischen Regierung 
und Th. Maurokordatos abgeschlossenen Vertrages innerhalb 



Elf Wochen in Larissa. 201 

Jahres dem Verkehr übergehen werden mnss? Wenn einerseits 
die Zweckmässigkeit der militärischen Leitung hei der Besitznahme 
der neuen Provinzen vieles zu wünschen übrig liess, was ich einer 
künftigen Betrachtung vorzubehalten gedenke, so ist doch anderer- 
seits nicht zu verkennen, dass die drei obigen Leistungen schon 
Thatsachen von so weittragender Bedeutung sind, dass sie keines 
Kommentars bedürfen. 

Die Neugriechen, abgesehen davon, ob dieselben vom ethno- 
graphischen Standpunkte als echte Abkömmlinge der Hellenen 
oder nach Fallmerayer und andern als ein Mischvolk betrachtet 
werden müssen*), sind meines Dafürhaltens ein einzig geartetes 
and begabtes *Volk. Das Streben nach nationaler Entwickelung 
nnd nach Veredelung ihres geistigen und materiellen Lebens 
bildet den Grundzug ihres Charakters und scheint nicht weniger 
auf klimatischen Einflüssen, als auf Tradition zu beruhen. So 
erklärt es sich wenigstens, dass dieser nach Jahrhunderte langer 
Unterjochung zu einer neuen politischen Existenz berufene Volks- 
Btamm den Anforderungen des modernen Kulturlebens zu ent- 
sprechen weiss, während der von wilden Instinkten beherrschte 
Maselmann sein Denken einzig und allein auf materiellen Lebens- 
gennss richtet, wie ich das aus eigener Anschauung in Larissa 
kennen zu lernen Gelegenheit hatte. — 

Legen nicht etwa die vielen Hunderte innerhalb der Stadt 
in allen Richtungen aufgeworfenen Grabhügel, gleichgiltig, ob die- 
selben mit einfachen Steinplatten oder Stelen oder mit splendiden 
Marmormonumenten geschmückt sind, Zeugnis davon ab, dass 
der Islam in seinen Sitten und Gebräuchen den Kulturideen 
unseres Jahrhunderts zuwider lebt und handelt? Ich überlasse es 
dem Urteile des Lesers, darüber zu entscheiden, ob eine solche 
Missachtung elementarer Gesundheitsregeln nicht genügt, um ein 
grosses Fragezeichen für die Höhe der Kultur- und Humanitäts- 
stufe zu bilden, welche das mohamedanische Element unter den 
eivilisierten Nationen erreicht hat! 



*) Nur eine oberflächliche, in Athen, auf dem griechischen Kontinent oder 
in den Küstengegenden angestellte Beobachtung vermag den Ansichten 
Fallmerajers in Betreff der Abstammung der heutigen Griechen einen Schein 
von Wahrheit zu verleihen. Dagegen wird derjenige, welcher in der Maina, 
^ den Gebirgsgegenden des Peloponnes und im Innern der meisten Inseln 
des ägäischen Meeres ethnologische Studien gemacht, darüber mit sich im 
^^aren sein, dass er dieselben lebendigen Typen beiderlei Geschlechts, welchen 
^ auf diesen letzteren Punkten hier und da begegnet war, schon in Athen 
^d andern Orten auf antiken Denkmälern gesehen hatte. 



202 Paul Lehmann: 

xn. 

Das Altvater-Gebirge. 

Von F. W. Paul Lehmann. 



Der Name ^ Sudeten^ wird von den M&nnem der Wissenschaft 
in weiterem und engerem Sinne gebraucht; die einen denken dabei 
an die über 800 km lange Beihe von Gebirgen, welche Schlesieii 
von Böhmen und Mähren scheiden, die andern nur an den sttdoat- 
liehen Teil derselben das „Niedere^ und das „Hohe t^esenke^, wel* 
ches letztere nach seinem Kulminationspunkte auch das Altvater» 
gebirge genannt wird. 

Das niedere Gresenke ist ein Plateau, welches innerhalb eines 
fast quadratischen Rhombus von 60 km Seitenlange nach Südwesten 
zur Olmtitzer Ebene, nach Südosten zu der von Oder und Beeswi 
durchflossenen Thalniederung, der ,,mfihrischen Pforte', von einer 
durchschnittlich 500 bis 600 m betragenden Hübe schnell hinab- 
sinkt auf ein Niveau von 200 bis 250 m, während es sich nach 
Nordosten mehr allmählich gegen Oberschlesien abdacht. Durch die 
erodierende Kraft der zur Oder und March eilenden Gewässer ist 
das aus altsedimentären Schichten gebildete Plateau mannigfach zer- 
schnitten und gegliedert. Angenehm contrastieren gegen die flach- 
welligen, breiten Höhen die vielfach von pittoresken Steilrändem 
eingefassten Niederungen der Bäche. Als Zeuge einst thätiger vul- 
kanischer Kräfte erhebt sich in der Mitte dieses Gebietes, umgeben 
von einigen kleineren, gleichartigen Genossen der Rautenberg wie zur 
Umschau über das niedere Gesenke und zum Ausblick auf den Alt- 
vater. 

Mit steiler Wölbung erheben sich im Norden des 50. Breiten- 
grades über dieses Hochland die breitbuckligen Massen des hohen 
Gesenkes bis nahe an die obere Grenze des Mittelgebirges. Man 
kann sie mit Fug und Recht weder als einen Gebirgszug mit Sei- 
tenausläufem, noch als einen — in Büchern so häufig auftretendes 
— „Knotenpunkt mit ausstrahlenden Gebirgsästen ^ bezeichnen. 
Eine reine orographische Abgrenzung ist nicht leicht und bleibt 
stets mehr oder minder willkürlich. 

Stiege das Meer bis zu der Horizontalen von 800 m, so bliebe 
fast das ganze Altvatergebirge — in weiterem Sinne! — eine in 
sich zusammenhängende Landmasse, so reich gegliedert, wie dio 
wegen der Ähnlichkeit ihrer Küstencontouren oft bedentungsvoll 
nebeneinander genannten Inseln Celebes und Gilolo. Von dezo- 
Kuiminationspunkte des Altvatergipfels würden die am weitesten vox^-^ 



Das Altvater-Gebirge. 203 

springeDden Kap^s im SW. , NW. und NO., das sind Haidstein, 
Hochschar und Schlossherg, circa 15km entfernt liegen; die Thaler 
von Merta, Tess, Bord, Biela, Oppa und Mohra wfirden als grössere 
nnd kleinere, teilweise igordartige Buchten eines das ganze niedere 
Gesenke hedecken den Meeres erscheinen. Zwischen den Horizontalen 
von 800 und 1000 m sind die Berglehnen durchweg steil, so dass 
eine weitere Erhebung des Meeresniveaus um 200 m nur einen ver- 
hältnismässig geringen Landverlust bedingen würde. Getrennt wären 
auf diese Weise durch Überflutung der beiden chaussierten Pässe 
von Zöptau über Eleppel und das Wirtshaus „zum Berggeist^ (877m) 
nach Römerstadt und von Freiwaldau über die Gabel (Kulmination 
926m) nach Wfirbenthal von dem eigentlichen, hier näher zu be- 
handelnden Hauptkörper des Altvatergebirges im Südwesten diePartieen 
um den Haidstein und im Nordosten das in der Urlichkuppe (125 m) 
und Bärenfangkoppe (1216 m) gipfelnde Bergland mit dem Schloss- 
herge. Das übrig bleibende 1000 m überragende Gebiet besteht 
ans zwei nahezu rechtwinklig mit einander verbundenen Teilen, 
deren längerer mit einer bedeutenden Verzweigung Über den Fuhr- 
mannstein und „ Schwarzen Leiten'' in nordwest-südöstlicher Richtung 
bis zum Altvater verläuft, während der kürzere die sogenannte 
^Jannowitzer Heide ^ von den „Verlorenen Steinen** nach NO. gegen 
die 9 Hohe Heide** streicht. In dem durch diese beiden Kücken ge- 
bildeten Winkel erhebt sich durch einen Sattel mit dem letzteren 
verbunden die nach allen Seiten in die Thäler der Tess und Merta 
steil abfallende Wiesenberger Heide. 

Um den Fuss des Altvatergebirges führt im Nordwesten die 
Chanssee von Freiwaldau (441m) nach Goldenstein (642m); bei 
ihrer Kulmination, auf der Passhöhe von Ramsau (759 m), betreten 
wir die Wasserscheide zwischen den Flusssystemen der Oder und 
Donau und folgen derselben über die Höhe der Bergrücken bis 
zmn Passe beim „Berggeist^. 

Der Pfad ftihrt steil hinauf zur Hochschar (1351 m) und von 
• hier durch einen flachen Sattel hinüber zum Kepernik oder Glaser- 
berge (1424 m). Zwei Kilometer schreiten wir allmählich abwärts, 
passieren eine fast bis auf 1200 m heruntergehende Einsenkung und 
steigen dann auf die Spitze des ^ Boten- oder Bründlheideberges** 
(1333 m). Von hier führt uns unsere Kamm Wanderung allmählich 
luiter die Horizontale von 1100m, bis wir, genau in der Mitte 
^wischen Hochschar und Altvater, beim Wirtshaus ^znm Roten 
Berge** mit 1011m die niedrigste, von einer Chaussee überschrittene 
Stelle des ganzen Rückens erreichen. Die Höhe von 1100m ist 
"Äld wieder erreicht. Wir verfolgen einen wenig undulierenden 
^ftöam über Höhen von 1174 und 1194 m und Senkungen, die 
^'<^ht unter 1100m herabsinken, dann steigen wir langsam zum 



204 Paal Lehmann: 

«Grossen Seeberge* (1304 m) und nach einer flachen, ganx imbedeii- 
tenden Einsattelung zmn .Kleinen Tater- oder Leiterberge" hioaii 
(1367 m^. Anfanglich, ganz aflmühlich dann schneller ste^ die 
Kammlinie des breiten Bergrückens empor zur Kiilniiiiati<m des 
Altraters (1490 m). dessen breite Kuppe nach Osten und Sfidoi 
ziemlich steil abdacht, nach Nordwesten aber g^en das Teestlial 
ein flach wellig es Plateau mit dem sogenannten „Grossen Vaterbezge* 
vorschiebt. 

Über ein Joch von 1315 m gelangen wir zu den Felsplatfeo 
des Petersteins (^1446 m) und von hier zur Hohen Heide (1464 m}, 
von der wir bis zum Backofenstein (1333 m) über Maiberg (1381 m)^ 
Hirschkanun (1366 m) und Schiefer -Heide (1355 m) auf einer fiuft 
7 km langen Wegstrecke nie unter die Horizontale von 1300iii 
hinabsteigen. Vom Backofenstein senkt sich der W^ am HOnidt- 
stein und den «Verlorenen Steinen* (1155 m) vorüber schneller 
gegen den Pass des Wirtshauses zum Berggeist 

Die meisten Höhen ersten Ranges li^en auf dieser eben be- 
schriebenen Wasserscheide. Zu erwähnen bleiben die brdten im 
Fuhrmannstein (1377 m) gipfelnden Massen, die ach von Kepenuk 
gegen den Schwarzen Leiten (1207 und 1235 m) mit einer Ein- 
sattelung von 1025 m beim Grebrechkamp erstrecken, der gegen 
Waidenburg vorspringende „ Grosse Keil * mit 1175m und die drädi 
ein bei ^Franzens Jagdhaus*" 1183m messendes Joch mit dem 
Maiberg verbimdene Wiesenberger Heide, welche im Ameisenhübl 
1343. im „Langen Leiten"* 1346 m Meereshöhe erreicht. 

Von der Hochschar bis zum Leiterberge senken sich die kurzen 
ThaLschluchten bis gegen 800 und 700 m herab sehr steil, dann 
allmählich gegen das muldenförmige, von der Biele durchflossene 
Thal, welches sich vom oberen Ende Waldenburgs bis gegen 
Freiwaldau bin beständig erweitert und von 66& m auf 441 her- 
absinkt. Tiet* in die Gebirgsmassen hinein greifen die länger ent- 
wickelten Thäler des Bord, der Tess und Merta. Dicht untertialb 
seines Zusammenflusses mit dem Eauschbord hat der erstere ein Niveau 
von 536 m erreicht. Das zwischen den mächtigsten Erhebungen 
tief einschneidende Tessthal senkt sich zwischen den nur l^km 
entfernten Höhen des „Wilden Stein" (12S5 m) auf der rechten 
und des ^Grossen Seeberges"*) (1243 m) auf der linken Seite von 
900 auf 850 m herab und hat beim Jagdhause in der Mitte des 
tief in Waldbergen versteckten Winkelsdorf nur noch 573 m Meeres- 



*) Es giebt 2 grosse und 2 kleine Seeberge. Über dem linken Ufer 
der Tess erhebt sich der „Grosse Seeberg'* 1243 und näher gegen den Langen 
Leiten der «.Kleine"' 1266 m. Die Xameu waren eben früher da, als die 
Messungen, ähnlich wie bei den Sturmhauben im Riesengebirge. Der Steine 
Seeberg auf dem rechten Tessufer i^t 11)^ m hoch. 



Das Altvater-Gebirgpe. 205 

\. liöhe. Das Schloss von Wiesenberg an der Tess liegt 488 m hoch, 
die Kirche von Wermsdorf an der Herta 514 m. Zwischen Aus- 
^. liiifern , die noch auf 4 km Entfernung vom Kamm eine Höhe von 
^ 1000 m aufweisen, senken sich nach Südosten in durchschnittlich 
-4 160 m tief einschneidenden Thälern die Quellarme der Mohra. 
-f Hier liegt Karlsdorf 718 m hoch und weiter nach Nordosten Karls- 
bnmn an der weissen Oppa 779m*). 



*) Alle hier gemachten Höhenangaben beruhen auf den neuesten Mes- 
BUDgen des österreichischen Generalstabes und finden sich auf der von dem- 
selben herausgegebenen Karte (1:75 000, Sektion Freiwaldau [Zone 5, Ko- 
lonne XYI, Preis 50 Kr.], umfasst das ganze, hier näher behandelte Gebiet) ver- 
aeichnet. Die topographischen Verhältnisse sind auf derselben in vorzüglicher 
Weise zur Anschauung gebracht, und bietet die Karte dem Beschauer — frei- 
lieh nur nach längerem Studium — ein naturgetreues Bild des Bodenreliefs in 
plastischer Klarheit. Einige Namen vermisst man, andere, wie „Butterberg'' 
und „Katzenstein'' waren in den benachbarten Orten allen, die ich darüber 
befragte, auch den Revierförstern unbekannt. Fusssteige, selbst solche, die 
schon wieder verwachsen oder auch dem grossen Publikum verboten sind, findet 
man reichlich und meistens richtig verzeichnet, wenngleich es neben ihnen 
noch manchen verführerischen Holzweg oder auch verbotenen Jagdsteig giebt. 
Übrigens fehlt in seinem unteren Teile der ziemlich viel betretene Weg, 
welcher von Annaberg an dem Abhänge des „Dürren Leiten" hin über den 
Schindlkamp auf die Bündlheide fülu't und ist der über den Bärenkamp 
fShrende Fusssteig falsch gezeichnet. Die mit der Generalstabskarte in 
gleichem Mafsstabe erschienene „Karte des Altvatergebirges mit Angabe der 
Höhenflora, teils aufgenommen, teils zusammengestellt von Gerber" (Stein- 
dmckerei bei Grube in Wien) hält mit derselben keinen Vergleich aus, 
wenn sie auch dem Laien anfänglich schneller verständlich sein dürfte. 
Die „Angabe der Höhenflora" beschränkt sich auf eine Andeutung der Hei- 
den! Eine in Freiwaldau vom „Mährisch-Schlesischen Sudeten-Gebirgsverein" 
lierausgegebene Touristenkarte giebt nach der vom Generalstabe edierten mit 
Weglassung der Bergschraffierung und der Aquidistanten (!) das Flussnetz 
und die grossen touristischen Heerstrassen mit Andeutung der zur Orien- 
tierung angebrachten colorierten Holztafeln. Die Sektion der älteren öster- 
reichischen Generalstabskarte (1 : 144 000) giebt ein recht übersichtliches Bild. 
Koch plastischer ist die aus dem Südosten der Grafschaft Glatz nach Mähren 
bis über den Altvatergipfel hinausgreifende Sektion der preussischen General- 
stabskarte (1 : 100 000, aufgenommen 1865). In der Schreibweise der Namen 
stimmen die beiden letzten Karten völlig überein und weichen hier und da 
von der neuesten Generalstabskarte ab. Die den grössten Teil des Altvater- 
gebietes umfassende Sektion Freiwaldau von der „Reimannschen Karte" 
(1 : 200 000) ist äusserst mangelhaft, dagegen empfiehlt sich als Führer durch 
die gesamten Südost-Sudeten Richard Kiepert^s „Reise-Karte vom Mährischen 
Gesenke" (1:200000), 5. Auflage, Breslau 1879. Ein reiches Detail von 
natürlich vielfach wertlos gewordenen Höhenmessungen bietet Koristka in 
seiner „Hypsometrie von Mähren und Östreichisch-Schlesien", Brunn 1863; 
die dem Werke beigegebene Höhenschichtenkarte (1 : 432 000) giebt mit 
einer neunfachen Farbenscala ein vorxüsrliches Hilfsmittel für die Kenntnis 
von Mährens Bodenrelief. Über die ältere Kartographie siehe: Koristka: 
„Die Markgra&chaft Mähren und das Herzogtum Schlesien." Wien und 
Olmütz 1860. S. 5 u. folg. 



206 Pa-lI L«iz.axx: 



in irzi CtSLÜfiZt tm. K^ocnfx -^iii H&rgfrrrar. •>^a' 3l an. üh- 

S:2ie:«cr -ir In Ei-Äz-L^-iirrT iltt* fkäti-Kt- I>£r BEek t^mi itm 
wei: r^kLi:i:«c. S^r:r^r Gri:TT.:»iJZ Kd 2a§ äsä L5er ftd» Za^ |rt- 

Ker^rmik eci^ .7. errj&s l2s itn Rfc-TTT-e berr^r srss d^r Grose Sei, 

Bleit-erre:: ^z£ \-zr7rkii.zer^ Lkzzi^.az. 'Jbs^yzi nichs gelai^iMf werda 

eiiirn IrZcn Fit/' ""^gsLLg* s^5r nArlTLger Kxiam in blendendoi 
Weis« Lin:-:! irr blilciris:. irrizKrA^zea Hirschbcis«r ThalaaUi 
und 'irra scünzjzTiirfz: Sir=i:ei d=j£ Bober emporrmg». Wie d« 
AliT&Trr ao: dtr zLilrisclrz S*=£ie. is: das Hieäeiigebirge auf der 
l»Oliml&cben veher c^rrirkrh. izi: 1*rg<rea. zwiscfaea Loiken BOdui 
einschneldrniei; TLilsril^^ci. W;-» E'c* oad Weiss vaaoer ödi 
lief in Geiir^r ci-rriaTc Spiz.-d*"7^*": ca^i^e^c&komiiiea. so die T« 
und die r&nscLenie Tess cd Wzikel£-ior:. Die Erinnemiig an dtt 
viel l-esucLxe Rie&eiigtliTge rivz inz^ti^iiL Leso- UmziBe nnd IXumb- 
sionen ie$ veni^er ^-r^üriez. Ah-r&ier veransciuuilichen Iietfen, 
i'iiT ein lieferen Ver«:£Liri5 iber -i-en Grrirf»b<an ist natfirlich dordi 
Hervorlrb::r:g ^iiefrsr ä::iÄ5.e:l:;Lcr. Arrr.'fhgeh wenig gewonnen. 

h'lzk* nai: y-.z. irz. Hilei. iz: r=cl:e:i Marchufer, etwa bei 
Hsxi.5-i-:ri ä::: iä» Alrri:frr-r":irrr- ?:> bii::rL 5:cL Unter einem bunten 
Beri-I&L.dr. a:is iez: lie ni: kl-rine- Füici. 1 äK&zden geechmückten 
K-pi^- t '?•:••'.' bii SlOn^ narkÄZ.: lerrcr^reien. zwei durch das tief 
eiüEclneidei ir Trsstlil g-rtrrüz:^ M&e^er. a^': die Wiesenberger 
Heide mi: den Tcrir^Iai-er.r:: G:r:-Ir. £0« Baiers und Erzberges 
uüi der hinier den OlreLberi' &:iigr^!lc:e, tvz.zi mächtigereQ Fohr- 
H.aniiät'riii "lerragie ScLT5-&rze Leiiez.. Erst hinter ihnen er- 
scLeineL vie'iacl verdeck: die Rickez der Wasserscheide. Der 
BL'ck Lber -diese vor den Altvaier iiisirel rehete Hüsrellandschaft 
i*: ein gaiiz eigenartiger, er eriäl: e:*»"« grc^ScartigCB , wenn der 
Bcächauer einen .Standpunk: aiirsuc':::. v:n dem er hinabschanen 
kana in die ThalnircLe der Marob nnd hiL^über auf die Höhen de« 
an sich pl:impea Gelirge*. 

Ich verglich den Allvater in seinen Dimensionen und seiner 
GliedercEff mit dem Riesenselir^e. Ge«^i:n:susch betrachtet ist das 
aus crisiallinischen Schiefern l^e^iehenie G^iirgsm»^ssiv*) kein 

*i Ton geclc-^isoher. Kanenwerkcu. die .isL? A'.7rs:örg«biet mr Darstel- 
l;:ng bringen, sind besonders rn merke«: 

1 » Die ..Geologische Karte vom Nieder?ohIesi<ohen Gebirg«"*, bearbeitet von 
Bevrich, Rose, Roth und Rung^ in ? Bl. i^l : UXHXVVu Die hierher ge- 



Das Altvater-Qebir^e. 207 

^der des io seiner Hauptmasse granitischen Biesengebirges son- 
der Hohen Eule, des Glatzer Schneeberges, der Hohen Mense 
des Habelschwerdter Gebirges. Schon in seinen Formen, den 
igewölbten, breitbuckh'gen Höhen und den zwischen ihren steilen 
lachungen tief einschneidenden Thalschlachten verrät es seine 
andtschaft mit den eben genannten Erhebungen, die einen so 
orragenden Anteil am Aufbau der Sudeten nehmen und sich 
den schlanken Basalt- und Phonolitkegeln des Lausitzergebirges, 
einzelnen oder in Gruppen vereinigten, glockenförmigen Porphyr- 
>pen des Waldenburgergebirges und den barocken Gebilden der 
leinzone so charakteristisch unterscheiden. 
Alle jüngeren Sedimente fehlen dem Altvatergebirge. Gneise, 
imer- und Homblendeschiefer, die sich in ihrem Habitus oft den 
»nschiefern nähern und schliesslich im SO. ganz in diese über- 
setzen das Gebirge zusammen. Dichte Kalksteine, oft mar- 
»rartig, finden sich zwischen den dem Nordwestfusse des Gebirges, 
der Hochschar, anlagernden Gesteinsschichten neben beträcht- 
ten Graphitlagern und treten auch an der Südostgrenze gegen 
Niedere Gesenke auf, während sie sich in der Masse des Ge- 
nur vereinzelt finden. So verzeichnet schon die geologische 
vom niederschlesischen Gebirge bei Winkelsdorf eine Partie 
i- Kalkstein, die heute im Anbruch liegt zur Gewinnung von Chaussee- 
t^'tfftenien. Nicht weit unterhalb des Wirtshauses zum Boten Berge 

hörige Sektion Glatz (Blatt 9) schneidet im Süden mit dem Altvater- 
^pfel ab. Die Aufnahmen sind aus den Jahren 1841 — 1860, und zwar 
die für den Altvater von Roth. Vergl. «Erläuterungen zur geognostischen 
Karte vom Niederschlesischen Gebirge" von Justus Roth. Berlin 1867. 
9) „Qeologische Karte der Markgra&chaft Mähren und des Herzogftums 
Schlesien" von Franz Fötterle. Wien 1866 bei A. Holder (1 : 288 000). 
3) V. Hauer: ,, Übersichtskarte der österreichischen Monarchie^S 1 : 576 000, 
Blatt II, mit Erläuterungen im Jahrbuch der k. k. geologischen Reichs- 
anstalt. 1869. Bd. 19. — Stützt sich für unser Gebiet auf die Arbeit 
von Fötterle. 

Von der „Geognostischen Karte von Oberschlesien" 12 Bl. (1 : 100 000)» 
Berlin bei J. H. Neumann, kommen nur die Sektionen 7 und 10 für den 
Ostrand des cristallinischen Schiefergebirges bei Würbenthai in Betracht. 
Auf das 2SU dieser Karte gehörige Werk Römers und die Erläuterungen 
Soths sei für die Umgebungen des Altvatergebietes verwiesen! 

Die geognostischen Verhältnisse des „hohen Gesenkes" sind behandelt von 
A. Heinrich inWolnj's „Markgrafschaft Mähren" Bd. V, Brunn 1839, und 
im Jahrbuch des k. k. geol. Reichsanstalt Bd. 5 S. 87 — 107, von Lipoid 
nnd' Stäche im Jahrbuch der k. k. geol. Reichsanstalt Bd. 11 und in den 
Publikationen des Wernervereins. Brunn 1860. (Dem Verfasser sind diese 
Publikationen nur bis zum Jahre 1866 bekannt.) Zu erwähnen sind femer: 
Hingenau „Übersicht der geologischen Verhältnisse von Mähren und österr. 
Schlesien", Wien 1852, und der die Geologie behandelnde Abschnitt bei Karl 
Koristka „Die Markgraschaft Mähren und das Herzogtum Schlesien", Wien 
und Olmütz 1860, bei Ed. Hölzel. 



0Q3 Paul Lehmann: 

fand ich anch aaf dem tetlichen Abhänge des Grebirges eine zur 
Wegeverbosserung aasgebentete Kalksteinmasse, die wohl erst bei 
der Anlage der neaen Chaasßee biosgelegt wurde. Eine genane 
Darstellnng der vielfach mit einander wechsellagcmdeQ Schieforvarie- 
täten gehört nicht mehr in den Rahmen dieser Darstellung and 
wQrde Kenntnisse in der Mineralogie voraussetzen, die der YerfuHr 
nicht hat. Ob es einem geschulten Mineralogen möglich sehk wird, 
die Ott in schmalen Zonen wiederkehrenden Wecbsellagemngen mid 
i'bergänge kartographisch zu fixieren, lehrt hoffentlich bald die Zs- 
kunft. Die bis jetzt auf geologischen Karten niedergelegten Resul- 
tate weichen, wie eine Yergleichnng der „Geologischen Karte vom 
niederschlesischen Gebirge* mit der „ Übersichtskarte der ÖsterreiGlii* 
scheu Monarcliie* oder der von Fötterle beweist, noch recht betriebt- 
lieh von einander ab. So giebt z. B. die erste fOr den ganzen Kanm 
vom Roten Berge bis zum Altvater nur Glimmerschiefer an, will- 
roud die beiden andern Glimmerschiefer, Homblendeschiefer, roten 
Gneis, grauen Gneis und Thonschiefer verzeichnen. Auch sieht es 
selbst mit den nur für grössere Complexe eingetragenen G-renzbe- 
stinimungen hier und da noch sehr problematisch aus, was aller- 
dings bei einem so stark durch Vegetation und Dammerde verhüllten 
(lebirgo nicht wunder nehmen kann. Bei Fötterle und Haaer ist 
(las Bordthal von Hannsdorf- Halbseit heraaf bis nahe an die Ein- 
mündung des Rauschbord als Grenze zwischen dem roten und g^raoen 
Gnois angegeben, während in Wirklichkeit die Schichten wechsel- 
lagemder Gesteinsvarietäten von Glimmerschiefer und Gneis (ein- 
mal fand ich den letzteren granitartig) in nahezu nord südlicher 
Richtung quer über das Erosionsthal des Bord hinstreichen und am 
rechten wie am linken Ufer zu erkennen sind. Ebenso wird ÜÜsch- 
lich oberhalb Wiesenberg das Tesstlial als Grenze zwischen dem 
roten Gneis zui- rechton Seite des Flusses und dem Glimmer- und Horn- 
blendeschiefer auf der linken bezeichnet. Geht man bei Wiesenberg 
hinter der Spinnfabrik herum auf den am rechtseitigen Ufer gele- 
genen Kapellenberg, so trifft man zunächst auf grauen, in einem 
grossen Bruche blossgelegten Gneis, weiter hinauf aber auf Spuren 
von Glimmerschiefer und mehrfacli anstehende Hornblendeschiefer, 
eine südwestliche Verlängerung jener Zone, die oberhalb Winkels- 
dorf zum ersten Male von der Tess durchschnitten wird und sich 
über die „Steinige Hohe** bis zum Kapellenberge verfolgen lisst 
Den Verlauf dieser Zone über die waldigen llöhen der grossen 
Wasserscheide zeichnet Fötterle als einen westöstlichen, wohl weil 
er eine an den Ostabhängen des Leiterberges im Gneis erkennbare 
Partie von Hornblende als eine Fortsetzung derselben ansah, was 
dem durchweg Südwest-nordöstlichen Streichen der Schichten wider^ 
spricht. 



Das Altvater- Gebirge. 209 

Die Hauptmasse des Gebirges bildet im Nordwesten der soge- 

loannte rote Gneis, welcher sich in einer der Länge des Schwarzen 

Ijeiten entsprechenden Breite von dem Ohrenberge zwischen dem 

Hauschbord und der Bauschenden Tess nach Nordosten verfolgen 

tttet und an dem Ostabhange der Hochschar, in dem Quellgebiet des 

^ Aclelsdorfer Wassers, ^ wie an den Abhängen des Kepemik bis hinab 

im den ^jVitseifen'* hervortritt. Ich nannte diesen Gneis den soge- 

Slikiiiiten roten, sein Feldspath ist nämlich fast weiss. Das Gestein ist 

aieotlicb geschichtet in dicken, grosse Blöcke liefernden Bänken und 

iIMcht ohne Zwischenlagerungen anders gearteter Schiefer, wie mir 

^ea besonders am Rande dieser Zone im oberen Thal der „Rauschen- 

-den Tess** bemerkbar wurde. Angelagert ist diesem Gebiet im Nord- 

-vesten der die Kalk- und Graphitlager enthaltende Schichtenkomplex, 

j3er bis an die steilen Höhen am rechten Ufer des Rauschbord, den 

fiirten- und Höllenstein reicht und bis über die grossen Felszacken 

der Amichsteine unter der Hochschar*). Roth fasst auf der Karte 

ßUes als Glimmerschiefer zusammen, bezeichnet aber in den ,,Er- 

teaterungen^* den Hirtenstein z. B. als aus „kalkhaltigem Homblende- 

quarzschiefer** bestehend. 

Zu beiden Seiten von Winkelsdorf quer über den Kamm herrscht 
Glimmerschiefer vor, von der Wiesenberger Heide quer über das 
Tessthal und weiter gegen den Ursprung der Biela grauer Gneis, 
•dann folgt von Wermsdorf nordöstlich gegen den Altvater wieder 
eine Zone von Gesteinsvarietäten, in denen Glimmer- und Hom- 
blendeschiefer bald deutlich ausgeprägt, bald mit Übergangen in 
Thonschiefer oder mit Beimischungen von Talk, Chlorit und Eisenerzen 
auftreten. Von einem dritten bei Fötterle angegebenen Gneiszuge 
sah ich nur Spuren von Wernsdorf hinüber nach Kleppel und kann 
über den Verlauf desselben keine bestimmten Angaben machen, 
längs des Kammes von den „Verlorenen Steinen^* nach Nordosten 
treten überall und zum Teil in bedeutenden Massen Quarzschiefer 
hervor, während die Südostabhänge aus Thonschiefem bestehen. 

Eruptive Massen spielen im Altvater eine ganz untergeordnete 
Rolle; auf der geologischen Karte des niederschlesischen Gebirges 
sind mehrere kleine Granitstellen angegeben, in der Wiesenberger 
Heide gegen den Raders tritt er mehrfach zu Tage. Einen Gang- 
^anit mit weissem Glimmer fand ich an dem Abhänge des Langen 
Leiten hoch über dem Tessthale, und einen Dioritdurchbruch (?) im 
grauen Gneis, überrieselt von einem Bächlein, das von der Höhe des 
Bärenkamps herniederplätschert zu dem vom Grossen Seeberge der 
Tess zueilenden Gewässer. Aufschluss über den Bau des Gebirges 



*) Vergleiche über dieselbe: Lasaulz im Neuen Jahrbuch für Mineralogie 
1878 p. 841. 

ZeitBohr. d. Oesellsoh. f. Erdk. Bd. XVH. 14 



210 Paul Lehmann: 

geben die tief in die Abhänge desselben einschneidenden Schlachten, 
hier Gräben und Gründe genannt, femer einzelne Felspartieen, die aai 
den meist bewaldeten Lehnen hervortreten, Steinbrüche, die bei Anlage 
von Strassen blossgelegt sind, Abratschungen in Folge gewaltiger 
Begenfluten und schliesslich die am meisten besachten und besehiie* 
benen Felsenbänke mehrerer Gipfel. Gerade in betreff dieser iso- 
lierten Beste verwitterter Schichten ist bei tektonischen Untersachongen 
Vorsicht geboten, bei einigen sieht man sogar, dass sie sich genagt 
haben, weil leichter verwitternde Bänke im Liegenden serstiht 
wurden. Die Wanderungen in den Thalgründen und an den Lehna 
sind oft recht beschwerlich, entschliesst man sich aber nOtigenfidil, 
statt den Fusspfaden zu folgen, in den Bachbetten and länge der* 
selben vorzudringen, so wird man durch eine Fülle von BeobaA* 
tungen belohnt, die man beim ersten Anblick des Gebirges md 
einer Wanderung über seine Bücken nicht im entferntesten erwaitei 
durfte. 

Abgesehen von geringen lokalen Störungen streichen alle SchichteB 
des hier behandelten Altvatergebietes in nahezu südwest-nordösdlehs 
Bichtung. Von Bamsau unter der Hochschar bis hinüber nick 
Karlsbrunn kann man diese Beobachtung fast in jedem Thale madieo. 
Dass über den unteren Teil des Bordthaies die Schichten noid- 
südlich streichen, habe ich bereits erwähnt, das ganze Hügelland 
zwischen March und Altvater bis in die Umgebungen von Nen-UDeif- 
dorf hinauf lässt ein Vorherrschen der Südwest-nordöstlichen Richtung 
nicht mehr erkennen, ebensowenig wie die bei Klein -Mohrau von 
mir untersuchten Partieen. Im oberen Teil des Adelsdorfer Wassert 
gegen den „Blasebalg^ hinauf sah ich west-östlich streichende Schichten 
und im Nikisch und Bodichwasser, den Quellbächen des Vitseifen, 
nicht fern von ihrem Zusammenflusse Annäherungen an die nord- 
südliche Bichtung. Dagegen lässt sich das für den Altvater ange- 
gebene Gesetz noch an einigen von der Biele, innerhalb Thomasdorf^ 
durchschnittenen Bänken erkennen und ebenso in dem kleinen Wald- 
thale von Hammerhau,- dessen Bächlein oberhalb Freiwaldau in die 
Biela fliesst. Nach Nordwesten hin bleibt für ein grösseres Gebiet 
über Goldenstein und Bamsau hinaus das Streichen der Schichten 
demjenigen im Altvater konform. 

Viel schwerer gewinnt man ein allgemeines Bild über den Fall 
der Schichten. Am deutlichsten tritt er hervor bei den Bänken die 
nach NW. geneigt sind; sie werden von den gangbarsten Strassen, 
den Chausseen über die Pässe von Bamsau und vom Boten Berge 
überschritten und sind am häufigsten beobachtet. Das aus diesen 
Beobachtungen gewonnene Urteil, der Altvater bestehe aus einem 
Komplexe nach NW. geneigter Schichten, ist ebenso vorschnell, wie 
das von Heinrich aufgestellte und so häufig wiederholte, die Höhen 



Daa AltTater-Gbbirge. 211 

best&nden aus Glimmerschiefer, die unteren Partieen aus Gneis. Bei 
genauerer Untersuchung entdeckt man einen dreimal wiederkehrenden 
Wechsel zwischen Bänken, die nach NW. und solchen, die nach SO. 
abfallen, so dass die ganze Gebirgsmasse als das Resultat dreier Fal- 
tungen, die in der Richtung von NW. nach NO. nebeneinder liegen, 
ii erscheint. 

c. Zur ersten Faltung gehören Hochschar, Fuhrmannstein, Keper- 

i; nik. Roter Berg und die von ihnen niedergehenden Thäler. Am 
k ftCttelbordbach und Rauschbord zeigen die rechten steileren Wände 
f Schichtenköpfe, die linken einfallende Felsplatten, auf dem Kepernik 
i {edlen die Bänke nach Nordwest. Auf dem Roten Berge und am 
^ Bodich Wasser ist es bereits umgekehrt. An dem Westabhange vom 
i Scbindlkamp und Dürren Leiten treten im Walde mehrfach die Köpfe 
^ Büdöstlich fallender Glimmerschieferbänke hervor und ebenso im 
Thale der Rauschenden Tess bis zum oberen Ende von Annaberg. 
Dann zeigt sich in den anstehenden Felspartien wieder Nordwest- 
£ail: in den Umgebungen eines Fusspfades und der beiden Strassen 
(der alten und der neuen), des Roten Bergpasses, bei Winkelsdorf 
und weiter hinab nach Wiesenberg an den das Tessthal umrahmen- 
den Höhen. Wir befinden uns längs der ganzen Chaussee bereits 
im Gebiet der zweiten Faltung, zu welcher der mächtige Ameisen- 
hübl, die Seeberge diesseits und jenseits der Tess und der Altvater 
selbst gehören. Der nordwestliche Fall der Schichten lässt sich 
oberhalb Winkelsdorf im grossen Tessthal und den zu ihm ge- 
hörigen Gründen an vielen Stellen deutlich beobachten; der Fall 
ist wieder südöstlich an den Abhängen des grossen Seeberges auf 
dem linken Tessufer, bei Franzens Jagdhaus, in dem Graben, der 
vom Peterstein zur Vaterbaude hinabführt, im oberen Oppathale unter- 
halb der Schäferei und im oberen Mertathale bei Sensenzipfl. 

Das Mei*tathal bei Wermsdorf bezeichnet ungefähr den Beginn 
der dritten Faltung. Auf dem Wege von Wermsdorf nach Eleppel 
trifft man im Bache nach NW. fallende Schichten, ebenso am Hangen« 
stein und den Ausläufern der Schieferheide gegen das Mertathal. 
Der Quarzschieferbruch aber an der SCldostseite der Schieferheide, 
der im oberen Gebiet des Klausgrabens Hegt, zeigt schon wieder 
nach SO. fallende Schichjfcen, die in diesen Thälem bis gegen den 
Tuchlahn hin noch mehrfach zu Tage treten. 

Überblickt man die hier gegebenen tektonischen Daten mit den 
geognostischen, so tritt in die Augen, dass jedesmal die Gneiszonen 
— wie sie im grossen und ganzen auf Fötterles Karte erscheinen — 
die Mitte der Faltungen bilden, und dass von ihnen nach beiden 
Seiten die Schiefer abfallen, so dass innerhalb der Glimmer- und 
Bornblendeschiefergebiete die Grenzlinien liegen. Nirgends ist es 
mir gelungen diese Grenzgebiete in einem guten Au&cbluss zu be- 



212 Paal Lehmann: 

obachten, und doch müssen die quer durch die Rücken gehenden Fal- 
tungen vielfach hart aneinanderstossen. So liegt die Orense zwiflchen dar 
ersten und zweiten Faltung innerhalb des Dürren Leiten. Der Kalk- 
bruch bei Aunaberg liegt ungefähr auf der Kontaktlinie, giebt aber 
über das Einfallen der Schichten kein deutliches Bild. In der Ge- 
stalt mächtiger Steintrommeln sah ich die harten Kalksteine inner- 
halb verwitterter Massen. Von NO. her hatte man sie in Angriff 
genommen und war nach SW. tiefer in den Abhang hineingedrangeD. 
Auch im Thal der Rauschenden Tess, die bei Annaberg quer dnrek 
die aneinanderstossenden Faltungen geht, war gerade in der proble- 
matischen Partie nichts zu entdecken. Dass die zweite und dritte 
Wölbung bei Wermsdorf je aneinanderstiessen, glaube ich nidit, 
bei Sensenzipfl griff die Erosion die 'zu engerer Thalbildnng nfther 
tretenden Schichtenkomplexe bald auf der einen, bald anf der anden 
Seite an, so dass bei den Serpentinen des allmählich yertiefteo 
Bachbettes sehr komplizierte Erscheinungen auftreten. Wie die Pa^ 
tieen zwischen den Faltungen an andern Stellen ausgefüllt sind, ob 
die Schichten, nachdem sie in der Firstlinie gesprungen waren, hier 
senkrecht aneinandergepresst sind, oder die oberen Schichtenkomplexe 
in sich zusammengepresst wurden — das wollte mir die neidisebe 
Vegetations decke nirgends offenbaren. 

Der Fallwinkel der Schichten ist sehr verschieden, er schwankt 
bei der ersten Faltung zwischen 5 und 50 Grad und zwar so, dasfl 
er von der Mitte gegen die Ränder hin wächst. Oben auf dem 
Kepernik und dem Fuhrmannstein liegen die Bänke fast flach, und 
ebenso in den tieferen Schichten, wie sich an den wenig nach 
SO. geneigten Bänken am linken Quellarme des „Lochwassers** deut- 
lich zeigt, so dass die ganze Faltung als eine flache nach beiden 
Seiten steil abfallende Wölbung erscheint. Wie bald die ursprüng- 
lich oben liegenden Schichten gesprengt wurden, ob sie einst das 
ganze Gewölbe bedeckton, und ob die um den Fuhrmannstein und Ke- 
pernik vorhandenen Glimmerschiefer nur die von der Verwitterung 
und Erosion übrig gelassenen Reste sind, wage ich nicht zu ent- 
scheiden. 

Im Gebiete des oberen Tessthales und der Seeberge sind die 
Erscheinungen ähnlich, doch geht die Aufrichtung der Schichten in 
demsolbeu noch über 50 Grad hinaus und sind die Erscheinungen 
in der Mittelzone der Faltung, z. B. in den Umgebungen des „wilden 
Graben", verwickelter und reicher an Störungen, als in der zuerst 
behandelten. Die Lagerung der Tafelsteine am Altvater und der 
Petersteine ist flach, stimmt aber im Streichen und Fallen weder 
untereinander überein, noch mit den in allen benachbarten Thälern 
beobachteten Erscheinungen. Regelmässiger und einfacher als in der 
zweiten Faltung scheint nach den allerdings nnr spärlich und viel- 



Das Altvater-Gebirge. 213 

it iüT eine begründete KombiDation noch zu spärlich gemachten 
^)>achtuDgen der Bau in der dritten. 

I) Der Einfluss der Tektonik auf die Physiognomie des Gebirges 
\^ei diesen durch tausendjährige Verwitterungsprodukte und einen 
leiten Vegetationsmantel hoch hinauf umhüllten Erhebungen natür- 
^ nicht so in die Augen springend, als bei den mit zackigen 
Ipfeln weit über die Vegetationsgrenze emporragenden; immerhin 
pdtki er sich in vielen charakteristischen Zügen an den Abhängen 
i|i in den Schluchten der Bäche bemerkbar. Dass die Formen im 
Igemeinen die aller aus cristallinischen Schiefern bestehenden Mittel- 
jllirge sind , ist erwähnt. Merkwürdig ist am Altvater, dass die 
flJtangen quer durch den als Hauptwasserscheide auftretenden Rücken 
^en, im geraden Gegensatze zu einem unmittelbar vorher von 
jj^ besuchten Gebirge, dem Fogarascher, wo die Bänke der cristalli- 
IBchen Schiefer alle parallel zu dem mächtigen Kamme streichen, 
fd nach beiden Seiten von ihm abfallen. Zweimal tritt der Rücken 
MT einzelnen Faltungen auch in unserem Gebiete als Wasserscheide 
if, und zwar bei der ersten, zwischen den Zuflüssen des Bord und der 
B8S, bei der dritten zwischen denen derMerta und Mohra, während 
qrade die mächtigste Faltung quer durchschnitten wird von dem Ober- 
nfe der groissen Tess. Wir gewinnen die Überzeugung, dass die 
balschluchten und Gründe im wesentlichen der Erosion ihre Ent- 
ähung verdanken. An der Bildung des Mertathales bei Werms- 
)|f und des breiten Muldenthaies der Biela bei Thomasdorf hat sie 
dlleicht den kleineren Anteil, alle quer durch die Schichten in 
nen Abhang einschneidenden Schluchten kommen unzweifelhaft auf 
re Rechnung, denn nichts berechtigt uns, Verwerfungen und Auf- 
reitnngen anzunehmen*). Ob Erscheinungen der letzteren Art an 
ir Bildung des oberen Thaies der grossen Tess mit beteiligt waren, 
ise ich dahingestellt. In einer Furche von 4.00 m Tiefe durch- 
bneidet es den mächtigen Komplex der zweiten Faltung und wäh- 
ttd die bei der Vaterbaude vereinigten Quellarme über die Köpfe 
r nach Südost geneigten Schichten in engen Schluchten hinabeilen, 
hen die vereinigten Gewässer mitten durch die Aufwölbung hin- 
irch bis nach Winkelsdorf. Dass die Wasser nicht quer über die 
ilmination der höchsten Faltung eine Rinne ausmeisseln konnten, 
selbstverständlich; dieselbe lag aber wahrscheinlich nie in der 
Itte, sondern bei ungleichmässiger Aufbiegung dort, wo wir noch 
Ute die höchsten Erhebungen finden. Dass die Rinnsale der nach 
inkelsdorf abfliessenden Gewässer sich mit wachsender Tiefe nach 
ckwärts verlängerten und weiter in das Gebirgsmassiv und die 
ch Südost fallenden Schichten hineingriffen, ist leicht erklärlich. 



*) Nur in bezug auf den Wilden Graben bin ich zweifelhaft. 



214 Paul Lehmann: 

Wie das Gebirge aussah, bevor Verwittemng und Erosion ihre 
Thätigkeit begonnen, ist schwer zn sagen und die Frage damadi 
wahrscheinlich nicht einmal berechtigt. Wer sagt nns denn, dan 
die Znsammenschiebung und Aufbiegnng der Schichten nicht Jahi^ 
tausende über Jahrtausende fortdauerte, nachdem die rastlosen Ge» 
Wässer und Atmosphärilien ihr Werk lange in Angriff genommen 
hatten? Jedenfalls ist das ganze obere Tessthal ein Qnerthal im 
prägnantesten Sinne. Die Tess bleibt auch nach ihrer Umbi^ung 
bei Winkelsdorf innerhalb der zweiten Faltung und hat noch auf dem 
rechten Ufer bei Wiesenberg steil nach NW. fallende Schichten, die 
zu diesem System gehören und durch die Erosion des starkes 
Baches von ihm getrennt sind. Das mächtigste Gewässer hat sid 
naturgemäss sein Bett am tiefsten ausgearbeitet, nirgends greift die 
Äquidistante von 600 m soweit in das Gebirgsmassiv hin^n, wie bei 
Winkelsdorf und Annaberg. — 

Es wurde weiter oben erwähnt, dass sich die Tektonik in der 
Physiognomie der Thäler bemerkbar mache, einige Beispiele mOgtt 
das noch näher erläutern. 

Steigt man bei Goldenstein auf die Höhe der alten Burgmine, so 
eröffnet sich ein höchst interessanter Blick in das Mittelbordbach- 
thal. Der Bach fliesst unter dem Burgfelsen hin in einer schmalen 
freundlichen Wiesenniederung, durch die sich ein Fussweg schlängelt 
Am linken Ufer fallen unterhalb junger Fichtenbestände meliere 
glatte Felsplatten schräg ab unter die Easendecke, das durchschnitt- 
lich 60 m hohe rechte Ufer bricht dagegen mehrfach steil ab und zeigt 
in dem mit Wald und Buschwerk geschmückten Abhang eine Felsen- 
treppe von drei oder vier Stufen. Ähnlich sind die YerhältnisBe 
unterhalb Goldensteins, über Messinghammer. Was sonst die Be- 
wohner thun , dass sie steile Abhänge terrassiren, hat die Natur hier 
selbst geleistet und einen Wechsel niedriger Felsabbrüche und be- 
bauter Streifen geschaffen. Das Bild wiederholt sich in grösserem 
Maasstabe am Kanschbordbache. Steigt man von Goldenstein über 
den gleichmässig ansteigenden Abhang der Schichtenrücken empor 
zum Hirtenstein (762 m), so blickt man, wenn man um die zum Teil 
bizarren Felsbildungen herumgekommen ist, steil hinab ins Thal, 
dessen linkes Ufer gleichmässiger emporsteigt, während hier hoch 
oben auf dem rechten, zwischen Ilirtenstein und Höllenstein (829 m) 
die Felsenbänke 20 — 30 m hoch steil hervortreten und zum Teil so- 
gar überhängen. Zum Thal der Rauschenden Tess fallt der link- 
seitige Abhang vom Schindlkamp 400 m schroff ab und lässt schon 
durch seine Steilheit ahnen, dass wir in der Waldlehne über Schichton* 
köpfe hinabschreiten, während das quer durch die flach nach SO. 
geneigten, harten Gneisbänke gehende Thal des Lochwassers breiter 
und flacher ist. Vom Roten Berge, also von NW. ausgesehen, er- 



Das Altvater-Gebirge. 215 

sheinen die das obere Thal der grossen Tess nmrahmenden 6e- 
&Dge weit sanfter, als vom Maiberge oder Wilden Stein, also von 
O. ans betrachtet. Bärenherd, Stumpfer Kamp, Bärenkamp kehren 
NU Koten Berge die sanfteren Abhänge mit den SchichtenrOcken 
1 und präsentieren nur nach SO. ihre dem ganzen Thalbilde einen 
ilderen Charakter verleihenden Felspartieen. 

Wo das Bett der Bäche nicht von Geröll bedeckt ist, sondern 
trcb anstehendes Gestein fQhrt, wechseln die Bilder je nach den 
ktonischen Verhältnissen. Geht der Bach über stark geneigte 
^hicbten hinweg, dann bildet er eine Kette kleiner Stromschnellen, 
»ren Neignng sich nach dem Fallwinkel der Schichten richtet. So 
.uscht die grosile Tess bald oberhalb Winkelsdorf von Stromschnelle 
i Stromschnelle, schäumt auf an dem Kopfe der auflagernden 
sliicbt und beruhigt sich etwas in den schmalen, quer durch das 
Acbbett gehenden Vertiefungen. Geht das Wasser über wenig ge- 
»gte, harte Platten, dann breitet es sich aus, wie an einigen 
teilen am linken Quellarm des Lochwassers, und rieselt flach über 
e polierten Felsen hin. Selten bildet der kahle Rücken einer stark 
^neigten Schicht auf längerer Strecke das Bett eines Bächleins, das 
inn pfeilschnell auf der breiten, glatten Bahn dahinschiesst wie der 
[eidelgraben bald unterhalb seines Ursprunges und ein von den 
bhängen des Kepernik hinabeilender Quellarm des Bord. Durch- 
ibiieidet die Thalfarche die Schichten so, dass sie sich über die ab- 
rechenden Schichtenköpfe hinabsenkt, dann kommt eine Reihe kleiner 
Hie zum Vorschein, wie mehrfach an der Oppa, zwischen dem 
Grrossen Fall^ und Karlsbrunn, oder an den Wässerchen, die unter- 
üb der Hochschar in das linke Ufer des nach Adelsdorf hinab- 
essenden Wassers fallen. In einer Höhe von 1 — 3 m schliesst sich 
n Absturz an den andern, und wird bei Regen und Schneeschmelze 
>n kleinen Fällen überbraust, während das Wasser für gewöhnlich, 
'ei-, fünf- und selbst zehnfach geteilt, über das bemooste Gestein 
»rabrinnt, rieselt und tropft. 

Geben Stromstrich und Schichten annähernd parallel, dann gräbt 
zh der Bach unter diejenige Wand, welche die abbrechenden 
öpfe hat und schiesst oft in schmaler Rinne halbverdeckt unter 
r hin, wie an einigen Partieen am „Hohenfallbache,** der Rau- 
henden Tess und anderen. In der Merta sah ich die Köpfe her- 
)rtretender Schichten mehrfach langgestreckte, scharfrückige Inseln 
Iden, die steil nach der einen, allmählich nach der anderen Seite 
ofielen. Wie steile Felsenwände, ausser am Wilden Graben, dem Alt- 
iter fehlen, so auch grosse Abbruche und Terrassen mit hohen 
''asserfällen in den Thälern. Von grösseren Wasserfällen sind zu 
)nnen der des Hohenfallbaches in der Nähe von Waidenburg, und 
yr Oppafall oberhalb Karlsbrunn, der zahlreichen kleineren von 



216 Paul Lehmann: 

1 — 2 m Höhe nicht zn gedenken. Die Oppa kommt in wilder Wald- 
schlucht schräg üher die steil nach NW. geneigten Schiebtoi*), 
stürzt 3 m senkrecht hinah und schiesst unter einer überhängenden, 
wohl 20 m hohen Bergwand rasend schnell dahin, zischend wirbelt 
sie an grossen Felsblöcken empor und eilt über sie und zwisehea 
ihnen dahin zu einem zweiten tosenden Stromschuss. 

Hat die Verwitterung die einst höher ragenden Gipföl degradi^ 
zu runden, grasbewachsenen Kuppen, die nur hier und da eine raolie 
Felsenbank zeigen, oder als hartes Trümmerstück der Yerwittertoi 
Schichten einen weissen Quarzblock aus der dichten HaBendecke 
hervorschauen lassen, so haben die Gewässer rastlos an der Gliede- 
rung des ursprünglich weit massigeren Gebirgskörpers gearbeitet. 

Der Quellenreichtum des Gebirges ist gross, and wer die tiefei 
Waldschlnchten des Altvaters mit ihrer durch die reichliche Feuchtig« 
keit begünstigten, prächtigen Vegetation nicht durchwandert näi 
durchklettert hat, der kennt seine speciüschen Schönheiten nidit 
Schon hoch oben dicht unter den Kuppen treten perennierende Qaelkfi 
zu Tage, murmelnd üiessen sie über den Basen, dem sie ein Üppiges 
Grün verleihen und tauchen dann schnelleren Laufes binab in die 
Schatten der Waldschluchten, die nicht selten mit Lehnen von über 
80 Grad gegen sie abdachen. Aus dem Murmeln wird em froh« 
liebes Plätschern. Im Schatten des Waldes brechen an den Ab- 
hängen neue Quellen hervor, tropfen und rieseln den gitaem 
Wasseradern zu, die bald ein fröhliches Hauschen vernehmen lassen 
und schliesslich, stärker und stärker durch die Aufnahme munterer 
Genossen geschwellt, mit freudigem Brausen dahineilen. 

In vielen, durch die malerische Schönheit ihrer Bergformen den 
Altvater übertreffenden, Gegenden unseres Mittelgebirges schrumpfen 
die Bäche schon gegen den Anfang des Sommers zusammen und 
winden sich mühsam durch das öde Bett, in dem hier und da 
trübe Lachen stehen bleiben. Der Landschaft ist dann ein 
grosser Teil ihres Zaubers genommen, die Thäler erscheinen tot, das 
Auge vermisst das schimmernde Wasserband, das Ohr das melodische 
Rauschen. Auf dem Altvater findet sich bis in den Juni hinein 
Schnee und in einzelnen schattigen Bergschluchten bis in den JuIL 
Nicht plötzlich werden die eingeschmolzenen Schneemassen den 
Wasseradern zugeführt. Die den Verwitterungsschutt meist dicht 
umhüllende Dammerde saugt wie ein Schwamm die Schmelzwasser 
begierig auf. An vielen Stellen finden sich hochgelegene Moore, so 
auf allen Seebergen, dem Grossen Vaterberge, der Wiesenberger 
Heide und auf den breiten Sätteln, die vom Kepernik zum Fuhrmann- 



*) Im obersten Teil ihres Laufes unterhalb der Schäferei fallen die Bänke 
noch nach SO., zuletzt sehr steil. 



Das Altvater-Gebirge. 217 

stein und zur Hocbscbar führen. Hier ist im Juni selbst auf den 
dnrch StrauchbQndel und armdicke Knüttel gangbar gemaebten 
Pfaden kaum durebzukommen ; weicbt man vom Wege ab, bedarf 
man nocb im August sebr derben, wasserdicbten Scbubwerks, ebne 
der Notwendigkeit entboben zu sein, den bedenkliebsten Partieen 
ans dem Wege zu geben. Im Schatten der Wälder ist die durch 
Verxnebraog von Laub und Kräutern aufgehäufte Dammerde mit 
Feuchtigkeit durchtränkt und wird durch die Kronen der Bäume 
vor schneller Verdunstung geschützt. Langsam wird die Feuchtig- 
keit den Gewässern zugeführt, und nicht nur der Schmelzuugsprozess 
im Frühling, sondern auch das Abfliessen der Sommerregen ver- 
langsamt und reguliert. Natürlich zeigt sich im Hochsommer und 
Herbste eine Verringerung des Wasserreichtums. Die Bäche jauchzen 
nicht mehr so jugendfrisch dahin, wie bei der im Mai und Juni vom 
Thale gegen die AbbäDge und Höhen vorschreitenden Schneeschmelze, 
aber -nur wenige machen den Eindruck der ersterbenden Kraft. Die 
Oppa ist schon oberhalb Karlsbrunn ein ansehnlicher Bach; Biele, 
Tess und Bord, die in den Dienst des Menschen getreten sind, 
werden nicht unfähig, ihre Arbeit zu verrichten. — Überkleidet der 
Schnee die Waldlehnen, dann ziehen sich die Bäche als dunkle 
Bänder durch die weissen Thalgründe, in die man vielleicht von 
einem in massiger Höhe hinführenden Pfade durch die dunklen 
Stämme verschneiter Bäume hinabblickt. Gelangt der Winter zur 
Herrschaft, dann umrahmen sich die von den neuen Schnee- 
decken umhüllten Bäche mit Eiskrusten. In dem mannig* 
faltigsten Wechsel schiessen die Krystalle an, Eiszapfen hängen von 
den Felsen, glitzernde Eiskrusten tiberziehen die benetzten und be- 
Bprühten Blöcke. Eisschollen, verhärtete und losgerissene Schnee- 
stücke treiben in den Bächen, lagern sich weiter unten an den Seiten 
ab oder stauen sich in dichtem Gewirr an Hindernissen auf zu einer 
höckrigen Brücke, unter welcher der Bach bindurchfliesst und ober- 
halb deren er seinen beruhigten Spiegel mit einer festen Decke über- 
ssiebt. An den unter dem Eise hingleitenden Luftblasen erkennt 
man, wie emsig das Wasser bemüht ist, seine gewohnten Bahnen 
zu verfolgen. Hin und wieder ist ein Bächlein ganz erstarrt und 
eine Eistreppe führt zwischen den Schneebängen empor, wo vor 
einigen Monden ein munteres Wasser unter üppigem Grün halb ver- 
steckt war. Häufig sieht man an steilen Felspartieen und abbrechen- 
den Wänden das durchsickernde Wasser zu dichten Eisbuckeln er- 
starrt. Der Hauch des Frühlings löst den Bann. Was der Tem- 
peraturwechsel, beim Thauen und Wiedergefrieren, von den Felsen 
losgewittert hat, wird wie die zertrümmerte Schnee- und Eisdecke 
in die Tiefe geführt. Steine, die ein halbes Jahr auf ihrer Wan- 
derung ruhten, werden aufs neue vom Platze gerückt und finden 



213 Paul Lehmann: 

erst bei der erlabmenden Kraft des Baches, bei vermmderton Ge- 
fall, breiterem und flacberem Bette eine zeitweilige Ruhe. Heftige 
Sommerregen bringen dann znweilen wieder Verftadenmg^ und 
wecken die bereits nachlassende Kraft plötzlich zur Gewaltsainkttt 
Grosse Katastrophen gehören indessen bei dem Charakter des Ge- 
birges znr Seltenheit nnd werden nur durch ganz auasergewöhnlicbe 
Wolkenbrüche veranlasst. Was die Kraft der Bäche in soldien 
Fällen zu leisten vermag, beweisen die grossen Blöcke, die sie 
schäumend umfliessen , wenn wir sie in normalem Zustande durch 
ihr Bette dahineilen sehen. Natörlich richtet sich G-rösse und 
Form des Geschiebes auch nach dem Material, das die Gehänge lie- 
fern; hier tritt es mehr in Plattenform auf und wird durch längere 
Beibung oval, dort werden die kubischen Blöcke der Kugelform an- 
genähert. Die Rauschende Tess, welche ihren Namen mit vollem 
Rechte führt, wälzt zuweilen ihre groben Gneisblöcke mit wildem 
Gepolter in den Hauptbach, in dem man sie bis Wiesenbeig hinab 
in immer kleinerem Kaliber, aber doch als das vorwaltende Ge- 
schiebe findet, da sich die weicheren Schiefervarietäten an ihnen 
schneller abreiben. Die ovalen Stücke sind meistens so in dem 
steingepfiasterten Bette zur Ruhe gekommen, dass sie mit ihrer längstm 
Achse dem Stromstrich parallel liegen, sie boten auf diese Weise 
dem anströmenden Wasser die kleinste Angriffefläche nnd konnten 
sich in dieser Lage auf ihrem Platze behaupten. Dasselbe Gresets 
zeigt sich natürlich auch an mehreren im grossen Tessthale ab- 
brechenden Wänden von Diluvialschotter. Diese Bildungen, die sich 
erst im erweiterten Thalboden von Reutenhau abwärts finden, be- 
weisen, dass sich Katastrophen ehedem wie heute ereigneten. Dass 
sie grösser gewesen seien, ist durch die Mächtigkeit nnd die Höhe 
der Ablagerungen über dem heutigen Wasserspiegel nicht zu be- 
weisen. Der Bach wandte sich bei seiner Erosion bald rechts, bald 
links gegen die Abhänge, lagerte auf dem erweiterten Thalboden 
allmählich durch wiederkehrende Überschüttungen die Massen ab 
und vertiefte seit jenen Zeiten sein Bett so, dass er die Höhe der 
ehedem abgelagerten Geschiebe nie mehr erreichen wird. 

Durch ausserordentliche Wasserfluten wurden die Ortschaften 
im Tessthale 1783, 1813 und 1819 heimgesucht. Die letzte grosse 
Katastrophe ereignete sich am 12. August des Jahres 1880. Alle 
Bäche traten aus den Ufern und zerstörten Brücken und Stege, ent- 
warzelte Bäume und grosse Felsenblöcke wurden in wütendem Tosen 
mit fortgerissen. Noch heute bessert man an den Schäden, die an 
vielen Orten in unverwischten Spuren vor das Auge treten. Zum 
Oppafalle musste ich durch das Dickicht der Waldlehnen und über 
die wilden Felsentrümmer im Bachbette klettern. Der alte Flösser- 
pfad längs des Baches war bis hinab nach Karlsbrunn meistens zer- 



Das Altvater- Gebirge. 21-9 

BtÖrt, 60 das8 ich, um die wilden Bilder der Zerstörung auf dieser 
Strecke zu betrachten, bald von Felsblock zu Felsblock springen 
und klettern mnsste, bald genötigt war, in pfadloser Wildnis an den 
feuchten Lehnen vorwärts zu dringen. Zwischen den Häusern 
Karlsbrunns waren die Geschiebe in wirren Massen aufgehäuft 
worden, hatten die Gebäude gefährdet und die Badegäste mit pani- 
schem Schrecken erfüllt. Von den sechs Brücken, tlber die 
man nach G. Mayer*) in der Thalschlucht des Hohenfallbaches bis 
dicht an den Sturz gelangte und von deren letzter man das her- 
niederbrausende Wasser betrachten konnte, war keine einzige mehr 
vorhanden. Eine Strecke weit führte ein neuer Weg zur Holz- 
abfuhr empor, dann gabs im Thale nur noch Anzeichen eines Pfades, 
und man musste zwischen verdorrten und faulenden Stämmen und 
teilweise kolossalen Blöcken, zwischen denen der winzige Bach fast 
verschwand, emporklettern. Unter düstem Fichten, Weidenbüschen 
und dichten Farnen hervor kommt der Bach, fällt über eine 20 m 
hohe Wand zweimal aufschlagend herab auf eine steil geneigte, aus 
grossen Blöcken bestehende Trümmerhalde, über die er in vielen 
kleinen Kaskaden hinabeilt, vielleicht auf Jahrzehnte ohne das Ver- 
mögen, ihre Lage zu verändern. 

Von der Schulter des Altvater steigt man hinab in das Sammel- 
gebiet des Wilden Grabens. Schwache Wasseradern rieseln zwi- 
schen üppig wuchernden Farnkräutern, Himbeersträuchern und Huf- 
lattich, aber schon bereiten mehrere in breiten Streifen wundge- 
rissene Lehnen auf die Bilder der Verwüstung vor. Bei 1 1 00 m 
Höhe haben sich die Wässerchen vereinigt zu einem Bache, der nun 
in tiefem Schlund zwischen steilen Felsenwänden hinabeilt über 
Blöcke, von denen ich einen mit 5 m Länge, 3 m Breite und 2 m 
Dicke mass. Zerzauste Fichten, geschundene Ahornstümpfe, einige 
Ebereschen und Buchen ragen aus dem Steingewirre, das sich gegen 
den Ausgang der Schlucht zu einem mächtigen Schuttkegel ange- 
häuft hat, unter dem der Bach völlig verschwindet. Ohne jede Spur 
von Vegetation ist die neueste Zufuhr, die älteren Massen sind mit 
Moos bedeckt. In dem zwischen ihnen aufgehäuften Humus haben 
sich Bäume angesiedelt und, zu stattlichen Exemplaren gediehen, 
ihre knorrigen, vielfach entblössten Wurzeln zwischen die Felsen- 
trümmer hinabgetrieben. Am „Finstern Graben, '^ am Heidelgraben 
unter dem Bärenherd, am Wildenstein und den Abhängen des ihm 
auf dem anderen Tessufer gegenüberliegenden Grossen Seeberges, 
an der Abdachung des Drehberges gegen das Rodichwasser sind an- 



*) „Kurze Anleitung, das Gesenke u. s. w. zu bereisen.*^ Breslau 1844, 
bei L. Freund. — Das kleine Büchlein ist mit Liebe und nicht ohne Ge- 
schick geschrieben. 



220 Paul Lehmann: 

sehnliche Murbrüche niedergegangen. Sie beginnen stets über der 
Waldgrenze, lassen sich aber tief hinab über die steilen Lehnen 
verfolgen. Mehr oder weniger zeigen sich die Sporen aer Yerwä* 
stung in jedem Thal, nur das Gebiet des roten Gneises blieb frei 
von Abrutschungen und Auskolkungen. Dem Wolkenbruehe des 
12. August waren schon Regentage vorausgegangen, die die Ab- 
sorptionsfähigkeit des Bodens verringert hatten. Daten über die Begen- 
höhe liegen nicht vor, der auf Franzens Jagdhaus stationirte Wächter 
meinte: „vier Stunden, von 1 bis 5 Uhr, hat es unaufhörlich ge- 
gossen, so etwas ist noch nie dagewesen. ^ Die Bewohner der ThÜer 
wurden beredt, wenn man sie nach den Schreckensscenen be£ragt6. 
Die Berichte waren oft sehr interessant, naturlich hin und wieder 
übertrieben, und nicht vereinbar mit den Fingerzeigen, die die Natur 
selbst zur Berichtigung und Beschränkung bot. Dass diese £<r8ehei- 
nungen im Hochgebirge noch viel intensiver und gefährlicher auf- 
treten, dass es trotzdem wirksame Mittel gäbe, sie in ihren ver- 
heerenden Wirkungen einzuschränken und zu bekämpfen, hörten 
selbst Forstleute mit Kopfschütteln. „Das möge anderwärts angehen« 
hier sei es unmöglich ^^ hörte ich mehrfach. Übrigens hatte man an 
manchen wunden Lehnen — wo nicht der blanke Fels blossgelegt 
war — , z. B. in dem ganzen dem Baron Klein auf Wiesenberg ge- 
hörigen Terrain, junge Fichten angepflanzt. In den BOfen des 
Hochgebirges wären diese schutzlosen Anpflanzungen verlorene Liebes- 
mühe, sie würden nach dem ersten Regengüsse fortgeschwemmt 
werden, im Altvater kommen sie, wenn nicht bald wieder ausserge* 
wohnliche Ereignisse eintreten, wahrscheinlich empor und errreichen 
ihren Zweck. — 

An klimatologischen Daten für die Höhen des Altvatergebirges 
fehlt es*); wir sind für eine allgemeine Orientierung auf die in der 
Nähe gelegenen Stationen angewiesen. Dürfte man aus der Wärme 
der in der Höhe hervorbrechenden Quellen einen Schluss ziehen, so 
würde die mittlere Temperatur der aus dem Vegetationsmantel hervor- 
schauenden Rücken zwischen 4 und 5 ° C. schwanken. Li Wirk- 
lichkeit ist sie beträchtlich niedriger. Das in 341 m Höhe bei der 
Vereinigung von March und Tess gelegene Schömberg hat nach einer 
6 jährigen Beobachtungsreibe (1874 — 79) eine Durchschnittstemperatur 
von 7,2® C. Freiwaldau im NO. des Altvatermassivs, 441 m hoch 
gelegen, ist fast um einen Grad kälter. Mir liegt zwar zum Ver- 
gleiche nur eine kontinuierliche Beobachtungsreihe vom Jahre 1877 
vor, wo Schömberg 7,4 und Freiwaldau 6,5 ® jährliche Durchschnitts- 

*) Professor Jelinek giebt für die Schweizerei und die Hochrücken +11^ 
als Durchschnittstemperatur, für Karlsbrunn 4® R. Siehe EoHstka: „Die 
Markgrafschaft Mähren und das Herzogtum Schlesien." Wien und Olmüts 
1860. Kap. 4. Das Klima, von Carl Jelinek. 



Das Altvater-Öebirge. 221 

temperatar hatte, da aber Reibst das am Rande des Gebirges, bereits 
in der scblesischen Ebene, gelegene Barzdorf, welches nach 6 jährigem 
Durchschnitt genau um einen Grad wärmer ist als Schömberg, seinen 
Vorsprung in allen Jahren von 1874 — 79 in auffallend gleichmässiger 
Weise behauptet, glaube ich annehmen zu dürfen, dass die obige 
Ziffer für Freiwaldau dem 6 jährigen Mittel nicht fernerliege, als die 
entsprechenden Ziffern für Barzdorf und Schömberg*). Jedes Hand- 
buch der Meteorologie giebt Daten für die Abnahme der Temperatur 
nach der Höhe, ich wage eine Berechnung nicht bei den bedeu- 
tenden Modifikationen, welche geographische und kontinentale Lage, 
Massenerhebung, Exposition, Neigung und Bewaldung der Abhänge 
bedingen. Auf der den Altvatergipfel um etwas über 100 m tiber- 
ragenden und mehr als 100 km gegen NW. entfernten Koppe be- 
trug die Temperatur nach 6- bis 8 jährigen Mitteln zwischen den 
Jahren 1824 und 1834 durchschnittlich im Juni 7,14, Juli 9,39, 
August 7,90 und September 5,45® C.**). Dabei schwanken die 
Durchschnittswerte für den August zwischen 11,61® (1826) und 4,44 
(1833) und die Extreme zwischen 22,1 (1834) und — 6 (1827). 
DasB die Temperatur auf den Höhen des Altvater im Schatten bis 
zu 20® steigt^ habe ich selbst nicht beobachtet, dagegen hörte ich, 
dass am Morgen des auch in Wiesenberg empfindlich kühlen 28. Juli 
1881 einige kleine Pfützen vor Franzens Jagdhaus bei — 2® ge- 
froren seien. — Am 23. Juli 1875 ward ein Bewohner vonReutenhau 
auf der Hohen Heide von einem wtithenden Schneesturm überrascht; 
noch am 24. will er eine Schneeschanze von 9 Fuss Dicke gemessen 
haben. Nachtfröste im Juni sind auf den höher gelegenen Feldern 
zwischen 7 und 800 m Höhe nichts seltenes, im Jahre 1881 hatten 
sie dem Grün des Buchenwaldes einen bräunlichen Schimmer ge- 
geben, da alle Blätter einen kleinen braunen Rand erhalten hatten. 
Im Juli und August sind Nachtfröste auf den Gebirgshöhen wie wir 
sehen, nicht unerhört, aber doch selten; dagegen bringen klare September- 
nächte bei der durch den wolkenfreien Himmel begünstigten Wärmeaus- 
strahlung oft recht empfindliche Kälte. Für die Ackerbau treibenden 
Anwohner des Gebirges und die Forstleute sind die Rückfälle der 
Temperatur in den Frühlingsmonaten am geföhrlichsten. 1876 war 



*) In der Zeit vom Mai 1836 bis Juni 1838 wurde in Freiwaldau beobachtet, 
wahrscheinlich nach den Daten für 37 giebt A. Peter in der „Heimatkunde 
des Herzogtums Schlesien", Teschen 1880, S. 22 die Ziffer 7,8. — Jelinek 
hält 6,26 OR. (d.i. 7,8 C.) fQr zu hoch und findet durch Eechnung und Ver- 
gleich mit anderen Stationen 5,480 R. = 6,76 C, was der Ziffer für 1877 
sehr nahe kommt. 

**) Galle: „Grundzüge der Schlesichen Klimatologie". Breslau 1857. 
S. 108. Die Werte sind bei Galle in R^aumur gegeben und von mir um- 
gerechnet. Auf kürzeren Reihen beruhen die Daten für den Mai und den 
Oktober mit 4,79 resp. 3,81 o C. 



222 Paul Lehmann: 

in Schömberg die DurchschDÜtstemperatar fdr den Mai geringer, 
als die des April! Fast gleich warm erscheinen nach den Gjfthrigen 
Beobachtungsreihen für Schömberg die Monate Joni, Juli und August 
mit einer Darchschnittstemperator von 17 bis 18®. Die Ziffern 
liegen zwischen 16,1 (August 18 74), 16,6 (Juni 1879), 19,7 (Juni 1875) 
und 20,6 (Juli 1874) meist sehr nahe dem Mittel. Für den Ah- 
vater muss sich das Verhältnis anders gestalten, weil im Juni 
Schmelzungsprozess und Verdunstung noch viel Wärme absorbiereo. 

Die kältesten Monate in Schömberg sind der Januar mit — 3,2 
und der Dezember mit — 3,7®. Längere Beobachtungen wfirden 
wohl dem Januar den äussersten Platz anweisen, der Dezember 
1879 war ausnahmsweise kalt, durchschnittlich — 9,8®, mit einem 
Minimum von 22,9 am 9ten. Dass die Temperaturabnahme mit der 
Höhe im Winter geringer ist, als im Sommer, ist eine bekannte 
Thatsache. In den Sudeten sind zuweilen Fälle beobachtet, wo die 
Höhen weniger kalt waren, als die Orte ' in der Ebene nnd den 
Thälern. Es kommt dies vor, wenn sich aus der östlichen Ebene 
kalte, schwere Luftschichten von geringer Mächtigkeit gegen das 
Gebirge heranschiebeu und an demselben aufstauen. In solchen 
Fällen kann auch der Altvater zur markanten klimatischen Grenz- 
scheide werden. So hatte Barzdorf vom 22. — 26. Dezember durch- 
schnittlich — 10,9® bei Nord -Nordost- und Ostwind, das für ge- 
wohnlich kältere Schömberg dagegen nur 5,7. Übersteigt der kalte 
Luftstrom das Gebirge — die Bewohner des niederen Gesenkes 
nennen ihn den „polnischen Wind" — , dann geht er zuweilen über 
die dem Altvater zunächst anliegenden Ortschaften hinweg und ^asst 
erst die ferneren. Bewohner von Wiesenberg und Wermsdorf er- 
zählten mir, dass es bei ihnen im Winter zuweilen milder sei, als 
in Schömberg. übrigens habe ich in Reutenhau erlebt, dass sich 
der Ost förmlich ins Thal hinabstürzte (Oktober 1881); bis an das 
obere Ende von Winkelsdorf musste ich gegen ihn ankämpfen und 
kam erst am unteren Ende der alten Strasse, die über den Kamm 
fährt, in den Windschatten. Hier fielen dichte Flocken langsam zar 
Erde, während sie mir der Wind bei der Ankunft auf der Passhöhe 
in wilder Flucht entgegentrieb. 

Heinrich*) versichert: „Oft ist in der hohen Gebirgskette der 
Zug der Wolken gerade dem Winde, der in den Thälern und niederen 
Regionen streicht, entgegen", ich habe diese Erscheinung nie beob- 
achtet, und weiss nur von lokalen Ablenkungen der vorherrschenden 
Luftströmung, die durch die Richtung der Thäler bedingt sind. 
Schwer herabhängende Wetterwolken, wie sie sich am 21. Juli 1881 



*) Bei Wolny: Die Markgrafschaft Mähren, Bd. V., Olmützer Kreis. 
Brüun 1839. EinL S. XXVI flg. 



Das Altvater-Gebirge. 223 

▼on Westen her gegen das Gebirge heranwftlzten und dasselbe dicht 
umhöUten, hemmten zwar ihren stürmischen Gang etwas bei dem 
Zuge über seine Höhen, die sie mit strömendem Eegen über- 
schütteten, setzten aber ihren Weg über dieselben fort. 1879 hatte 
Schömberg 21 Gewitter; 16 Gewittertage waren identisch mit denen 
von Barzdorf, das freilich deren 33 aufzuweisen hatte. 

Dass sich auf dem 1300 und 1400 m überragenden breiten 
Kücken des Gebirges die Wasserdftmpfe häufig zu Wolken konden- 
sieren, die die Höhen umlagern, während die Tbäler und das um- 
liegende Hügelland wolkenfrei sind, ist so natürlich, dass es keiner 
näheren Erörterung bedarf. Im Sommer sieht man häufig, während 
die Höhen klar sind, die niederen Umgebungen durch einen Dunst- 
schleier leicht verhüllt und die Aussicht getrübt, im Herbste blickt 
man zuweilen auf wogende Nebelmeere aus klarer Höhe hinab. Am 
2. Oktober 1881 brach ich Morgens 8 Uhr bei 3,5 <*C. in dichtem 
Nebel auf. Gegen die Höhen des Kepernik ansteigend, kam ich 
bei 900 m über die wogenden Massen hinaus. Das ganze Thal von 
Thomasdorf glich einem See, der von dunklen Fichtenhöhen um- 
rahmt war. Vor der Kraft der höher steigenden Sonne zerflossen 
die Nebel, ein frischer Ost blies über das klare Bergland. Gegen 
12 Uhr bemerkte ich, dass die gegen den Kamm heranstreichenden 
Luftschichten kurz vor demselben in etwa 1 000 m Höhe kleine leichte 
Wölkchen ausschieden, die leicht an den Lehnen emporglitten und 
über den Kamm dahinzogen. Mit der Zeit wurden die Wolken 
dichter und grösser, sie umhüllten schliesslich die Höhen und ent- 
zogen mir den Anblick des interessanten Schauspiels. Die Tempe- 
ratur stand auf Kepernik und Hochschar unter 0, Eeif überkleidete 
die nebelumwallten Fichten. Als ich an den Ostabhängen der Hoch- 
schar hinabstieg, öffnete sich bei 1100 m plötzlich der Blick in das 
herbstlich geschmückte Waldthal, sonnenbeglänzt lag das Hügelland 
vor mir, über mir wogte das schimmernde Nebelmeer um den ganzen 
Kamm des Gebirges. Zwei Tage darauf beobachtete ich denselben 
Wechsel in den Umgebungen des Tessthales. Wie aus einem bro' 
delnden Kessel entstiegen Nebeldünste dem tiefen Thale gegen 
10 Uhr, am Mittage war es wolkenfrei und die Höhen verhüllt. 
Aufgefallen ist es mir mehrmals, dass der Kamm von der Hohen 
Heide bis zum Backofenstein von dichtem Gewölk, dass sich wie 
ein mächtiges, blangraues Gebirge über dem Gebirge thürmte, ein 
und zwei Tage umlagert war, während alle übrigen Kulminations- 
punkte wolkenfrei blieben. Die von den aus SO. heranstreichen- 
den Luftmassen ausgeschiedenen Wolken standen bei frischer Briese 
fest. Ich durchschritt einmal am 2. Angust das Wolkenmeer von 
Franzens Jagdhaus quer über die Höhen wandernd. Als ich am 
Ostabhang bis gegen 1200 m hinabgekommen war, lüftete der Wind 



224 Paul Lehmann: 

dii) Decke ein wenig und vor mir ausgebreitet lag nicht nor das 
giinzo nioilere Gesenke, sondern in der Feme zeigten sich in den 
roinston Kontouren die Beskiden mit der Lisa Hora, die ich bei einem 
vicTwöchentlicben Aufenthalte von keiner der dominierenden Höhen 
hatte orblicken können*). 

Die Zahl der heiteren Tage ist im Verhältnis za den trüben 
gorin^. Sühömberg hatte 1878 nur 27 heitere Tage neben 159 trübm 
\\\n\ 187'.) 39 heitere und 156 trQbe**). Im letzteren Jahre hatten 
dio Mouato Januar bis April keinen einzigen heiteren Tag, aber 67 
trtlbo, dagegen der September allein 11 heitere und dabei nur 3 
trObo. 

Scbömberg hat eine Eegenhöhe von durchschnittlich 70 cm, 
dio in don Jahren 1874 — 79 zwischen 56 und 86 schwankte. Die 
Voitoilung auf dio einzelnen Monate ist so, dass auch auf die 
rogouArmston, den April und September, durchschnittlich noch 3,7 
votip. 4,1 cm fallenv während der Juli, als der regenreichste, nodi 
nii'ikt ganz 8 cm erreicht Auf die drei Sommermonate Juni, Joli, 
August vorteilt sich die Kegenhöhe ziemlich gleichmSssig ***), ebenso 
wie auf iHe drei Herbstmonate die Durchschnittssumme von 13 em. 
In tlon 6 Jahren ist es dreimal vorgekommen, dass in einem Mo« 
imto weniger als 2 cm Regen fiel, dreimal, dass er eine Höhe zwi- 
Hohen 14 und 15 und einmal die von 17 cm erreichte j"). 

l>ie Verteil\ing der Niederschläge wird für den Altvater ziem- 
hrh diosolbo sein wie für Scbömberg, die Höhe derselben ist nattir- 
lioh weit betrÄohtliohor und übei-steigt wohl durchschnittlich 100cm. 
Pio SohnoohiSho dos Winters ist oft sehr bedeutend. Ich habe an 
HtiihM) Wnldlolmon mehrfach 10 bis 20 schenkeldicke Buchen ge- 
Hohon. deren Stj'inuno von der Wurzel bis zur Höhe eines Meters 
^t»^en das Thal gebogen waren, und erst dann senkrecht empör- 
et »obton. In j\ingen Jahren haben ihre Stämmchen unter dem Druck 
dov Sohuoohist diese mir durch ihre Gleichmässigkeit auffallende Gre- 
Mt\\[ angenmnmon. Natürlich ist die Schneehöhe je nach der Expo- 
yy\\\\^\\ \{or Lehnen verschieden. Aus den bei der Schweizerei, 
Ml hal'orol und hei Franzens Jagdhaus aufgehäuften Schneemassen 

M \ut oiumtd /.oij^ton sie sich undeutlich bei einem vom Maiberge ans 
\'^^\ kA\wu^\\ Souuouuntorpmge. 

' M l'tui^ li\^\>olkviu^ von imd 1 als heiter, von 9 und 10 als trübe go- 

■' ' M lu U.4inlo»t' üolon in deu letzten 6 Jahren durchschnittlich 65cm, 
iU\i>u lu \tv«u Sviiutuoi'iuounton 24. 

\\ \ MyNvNomlvi IS74); l,0(Oktober 1876) und 1,9 (AprU 1877); 14,5 (Fe- 
».,uii l .»vl\. 1 4. M;»- 1^'^'?'>U 14/J(,Juli 1875) und 16,97 (J.1879> AmlS.Juni 
.11. .11 lu l» u .»'*.'*; iu Uni'idorf 48. — Die Daten sind den „Yerhandlangen 
l. II luuui^M Uv'iulou Voroins in Brünu^^ entnommen. Band 18 enth&lt die 



Das Altvater-Gebirge. 225 

darf man keine Schlüsse ziehen, sie bieten den vom Winde über die 
Abhänge hingetriebenen Schneemassen einen Halt. Der früher im 
Winter auf der Schweizerei stationierte Wächter war mitunter ganz 
im Schnee begraben und musste sich einen Tunnel anlegen zum 
Knhstall und Heuschuppen, der von der Schneelast ganz auf die 
Seite gedrückt ist. Der Wächter in Franzens Jagdhaus fand einmal 
noch im April, als er seine Sommerwohnung aufsuchte, den Baum 
zwischen Haus und Stall ganz mit Schnee ausgefüllt, über das Dach 
des letzteren stieg er fort und grub sich die Thüre des Hauses 
frei. Die Postpferde müssen auf der 30 km langen Strecke von 
Freiwaldau nach Wiesenberg zuweilen zweimal umgespannt werden; 
bis an den Fuss des Gebirges fährt man mit dem Wagen, über den 
Kamm mit dem Schlitten und von Winkelsdorf abwärts wieder mit 
dem Wagen. 

Der landschaftliche Charakter eines Gebirges wird wesentlich 
bedingt durch das Kleid der Vegetation. Gerade in dieser Be- 
ziehung ist der Altvater auf das prächtigste bedacht*). Ein dichter 
Waldmantel ist um seine Schultern geschlungen, nur hier und da 
ragen die Häupter der Berge aus demselben hervor. Im nordwest- 
lichen Teile tritt die Form der Bergwiese und Heide nur unter- 
geordnet auf, um den Altvatergipfel, längs des ganzen von ihm 
gegen Südwesten zum Backofen verlaufenden Kückens und um den 
Ameisenhübl nimmt sie auf den Höhen grössere zusammenhängende 
Flächen ein, die sich an einigen Stellen bis unter das Niveau von 
1300 m hinabziehen. 

Im schönsten Schmuck zeigen sich diese Fnrtieen im Juli. 
Bläulichgrüne, grasgrün-glänzende, graugrüne Farbennüancen wech- 
seln auf dem schimmernden Easenteppich , überragt von dem 
reizenden Formenwechsel nickender Ähren. Die niedlichen Rispen 
des Zittergrases {briza media) mit den herzförmigen Ährchen, die 
kurzen aufrecht stehenden Walzen von Phleum alplnum und die 
bräunlichen Ährenbüschel der zu den Juncaceen gehörigen Luzula 
sudetica fallen auch dem Auge des Nichtbotanikers auf. Farbigen 
Schmuck bringen die blauen Glocken von Campanula harhata und 
die gelben und rötlichen Blüten einiger Arten von Hier actum. Ganze 



*) Es werden hier natürlich nur die für das Landschaftsbild wichtigen 
Pflanzen angeführt, hin und wieder sind zur Vermeidung von Missverständ- 
nissen oder in Ermangelung mir bekannter und üblicher deutscher Namen 
die lateinischen hinzugefügt; teilweise nach Angaben von Herrn Professor 
Dr. G. Stenzel in Breslau. Wer sich spezieller für die Flora des Gebirges 
interessiert, findet Belehrung bei Fieck: „Flora von Schlesien*' (Phanero- 
gamen und Gefässcryptogamen), Breslau 1881 und bei Wimmer: „Neue Bei- 
träge zur Flora von Schlesien,'* Breslau 1845, besonders S. 22 folg. — Eine 
„Flora von Oberschlesien und dem Gesenke" gab 1843 Heinrich Grabowski 
heraus. 

Zeitsohr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XYII. 15 



226 Paul Lehmann: 

Flächen (besonders anf dem Hirschkamm) schimmern weiss von dcB 
Kelchblättern der silene inflaia^ die sich auf dieser stattlichen Höhe 
so wohl za befinden scheint, wie auf den Bainen in der Ebene. 

An anderen Stellen überwuchern die oft zu 0,5 m hohen Ge- 
büsche der Heidelbeere und das mit der Preisseibeere bis zu den 
liöchston Gipfeln vordringende Heidekraut. Hin und wieder findeo 
sich dichte Polster von Moosen oder von der unter dem Namen , Is- 
ländisches Moo8^ bekannten Flechte. Die aus demRücken hervoi^ 
tretenden weissen Quarzschiefer sind dicht überzogen von der Land* 
kartonttei'hte {Lecidea geographica)^ so dass sie aus einiger Eirt- 
teruun^ wie graue Steinhaufen aussehen, die man, wie Kohlenvorrfiti 
Huf Bahnhöfen, mit Kalk besprengt hat. 

Auf der Wiesenberger Heide, um den Ameisenhtibl ist stark 
vorbr\^(tet Juniperus nana. Nicht pyramidal, wie man sie in d« 
KietVrwUKlorn der Ebene findet, sondern wie mit der Banmscheere 
^eHtutxt, nborkleideu diese niedrigen Wachholdersträuche mit braten 
und weichen Nadehi die breite Kuppe. Das Knieholz fehlte meik- 
\s(U'iti^er W^ist) ursprilnglich ganz, in jüngster Zeit ist es hier ond 
(Ih Hii);:epllanzt und keimt fröhlich empor. Am Nordosthange des 
Luiterbor^es, am Kepernik und der Hochschar finden sich bereits 
nu^h^jAhri^o Sträuche; bei der Schweizerei sind einige eingesännte 
Sauu^iiboettt angt^legt, die wie kurzgeschorene grüne Teppiche er- 
Melioiuen. 

Uis ^ejjeu die Hochgipfel (Kepernik, Roter Berg) dringt der 
UimboorstrHUoh empor zwischen verkrüppelten Fichtchen und den 
^u^l»o^ ihnen auftretenden Ebereschen. Hier und da findet man eine 
winÄi^o l»irko (liocl» oben auf dem Maiberg), und noch zwischen 
den KitÄV»\ der höchsten Felsenbänke die niedlichen Zwergformen 
von kU^nblAttri^eu Weiden. 

nie beiden vorherrschenden Bauraarten in den Waldungen des 
Altvnters sind Flehte und Rotbuche. Unter der Gunst der Forst- 
lonte broitot »ich die erstere mehr und mehr aus, denn sie gedeiht 
\\\\i Ansnahnie der liöchsten Partieen vortrefflich und liefert schnellere 
KrtiÄ^e, als die langsamer wachsende Buche. Von der Hochschar bis 
^nr Clianssee an den Südostabhängen gegen das niedere Gresenke 
(hnlot man fast ausschliesslich Fichtenwald. Die obere Grenze des 
Kiehtonwaliles differiert mit der Massenerhebung des Gebirges. Auf 
dem (fiptVl dos Roten Berges in 1333 in sind die Fichten verkrüppelt 
nnd zeigen durch ihr kümmerliches Aussehen, die dürren Gipfel, 
die knorrigen zerzausten, einseitig entwickelten Aste deutlich, dass sie 
bis in eine ihren Lebensverhältnissen nicht mehr zusagende Region 
voi-^eiliungen sind, während in demselben Niveau am Kepernik und 
Altvater ni>eh stattliche Stämme zu finden sind. An den Abhängen 
doH Kepernik ist 1867 in südlicher und südwestlicher Exposition 



Bas Altvater-Gebirge. 227 

anf eiDem 10 — 15** geneigten Gebiete, das ^wohl niemals mit Holz 
bestockt war^*), eine Freisaufforstung ausgeführt, die nach einem 
ersten misslungenen Versuch gut gediehen ist. Die in nordwestlich- 
südöstlicher Eichtung verlaufenden Pflanzenreihen ziehen sich bis zu 
einer Höhe von 1384 m empor, wo sich das Versuchsfeld mit 
Krummholzkiefern anscbliesst. Am grossen Vatergraben unter dem 
Peterstein ist ein zweites Preisaufforstungsgebiet, neben dem grosse 
Flächen bis zu 1310m Höhe bepflanzt sind. Die Bäume zeigen 
teilweis noch ein jährliches Höhenwachtstum von der Länge einer 
Hand, und erwecken den Forstleuten die Hoffnung, unter ihrem 
Schutz mit geschlossenen Beständen noch höher vorzudringen. Ge- 
wiss mit Recht, denn stellenweise findet man hier bis zu 1400 m 
empor noch starke Stämme. 

Wer die Fichte nur im Hügellande oder an den Alleen und 
Parks in der Ebene gesehen hat, mit dem schlanken, hochragenden, 
sich gleichmässig verjüngenden Stamme, von dem die verhältniss- 
mässig dQnnen, wenig gebogenen Äste quirlförmig abstehen, während 
die schwachen Zweiglein von ihnen zu beiden Seiten oft fransenartig 
niederhängen, der würde an dem Habitus der um 1300 m Meereshöhe 
wachsenden Bäume kaum alte Bekannte vermuten. Der ganze Bau ist 
gedrungener, knorrig der Stamm, kürzer und kräftiger Zweige und 
Aste, die unter dem Drucke langer Schneelast meistens abwärts ge- 
richtet sind und Winkel von 45^ mit dem Stamme bilden. Die 
Äste sind vom Sturm zerzaust ; brach die Krone aus, so bogen sich 
dieselben wohl leierartig empor und auf einem Stamm erheben sich 
dann mehrere, langsam neben einander emporstrebende Wipfel. An 
der oberen Baumgrenze sieht man ganze Gruppen wipfeldürrer 
Exemplare oder starke Stämme, die auf der Wetterseite nur ge- 
bleichte, zerbrochene Stümpfe zeigen. Immer kürzer werden die 
Längentriebe, immer lichter der Wald, bis er sich auflöst in kleine 
sturmzerzauste Gruppen und schliesslich ganz vereinzelt über den 
Basen verstreute Sträuche. Hat sie der NW. nicht zu einseitiger 
Entwickelung gezwungen, dann bilden die flach und breit über den 
Boden ausgebreiteten Zweige um den niedrigen Stamm eine dichte 
Rosette. Zuweilen haben die unteren Seitenzweige, von Moospolstern 
überwuchert, ihrerseits Wurzeln geschlagen, dann versuchen sie, sich 
selbständig zu entwickeln und umgeben den Mutterstamm mit einem 
Kranze jungen Nachwuchses. Am Keperuick fand ich auf der Süd- 
ostseite, dicht hinter den niedrig abbrechenden Felsplatten, also 
über 1400m Höhe, noch einige Zweige von Fichtensträuchern , am 
Altvater haben sie sich bis gegen 1450 m hinaufgewagt. Immer 



♦) Siehe: Verhandlungen der Forst- Sektion für Mähren und Schlesien. 
1869. S. 13ff. 

15* 



228 Paul Lehmann: 

sieht man am Kepemik, Roten Berge nnd Altvater die änssersten 
Vorposten auf der Nordostseite etwas weiter vom Gipfel zurflck- 
bleiben. 

Ich habe erwähnt, dass sich die Forstktdtur bis an die obere 
Grenze des Waldes erstreckt; der intakte Urwald ist in dem ersten 
Drittel des Jahrhunderts mit seinen letzten Besten verschwunden, 
die Schneisen laufen tkber Berg und Thal, und selbst an den ab- 
gelegenen, noch nicht in regelmässigen Betrieb gezogenen Partieen 
entdeckt man an einzelnen Stubben und Stämmen die Spuren der 
Axt. Indessen giebt es noch einige grössere Gebiete, die zu beiden 
Seiten der Schneisen alle charakteristischen ZOge des Urwaldes 
tragen. Die Schwierigkeit des Holztransportes — bis vor nidit 
langer Zeit fast ausschliesslich durch Flösserei — hat einigen brdten 
Sätteln und Kuppen zwischen dem Fuhrmannstein und Kepemik, um 
den Grossen Vaterberg und besonders auf den Seebergen am linken 
Tessufer das ursprüngliche Gepräge ziemlich unversehrt bewahrt und 
erhält es ihnen hoffentlich noch recht lange. 

Da stehen und liegen die Baumleichen in allen Stadien der Ver- 
wesung, da sind düstere knorrige Fichten, die den Stürmen um Jahr^ 
zehnt um Jahrzehnt getrotzt haben, mit jungem Nachwachse, vom 
zartesten Pflänzchen bis zum mannbar gewordenen Baume, in r^;el- 
losem Wechsel gemischt, da sprosst junges Leben aus den modernden 
Stämmen. Hier ragen die Wurzeln eines gestürzten Baumes ans Oras 
und Kraut wie eine Riesenkralle hervor, dort ist ein Stamm über den 
steilen Abhang hinabgestürzt imd bildet mit dem Flechtwerk der 
Wurzeln eine grossartige Konsole, auf der sich zwischen wuchern- 
den Kräutern junge Fichten und Ebereschen erheben. Oft hat sich 
auf dem morschen Körper eines gestürzten Kiesen eine ganze Beihe 
junger Fichten angesiedelt, ältere lassen an der schnurgeraden Rich- 
tung, an der sie quer durch eine von Gras und Heidelbeerbüschen 
besetzte Lichtung ziehen, erkennen, dass auch sie einst aus dem ab- 
sterbenden Körper eines Vorfahren ihre erste Nahrung sogen, oder 
sie wachsen, 2, 3 und 4 hintereinander, reiterartig aus dem Boden 
hervor, so dass man durch die Lücken der sich unten gabelnden 
Stämme eine Stange stecken könnte, die die Richtung des zerfallenen, 
einst zur Ansiedelung erkorenen Stammes andeuten würde. Noch 
interessanter werden diese Gruppen, wenn sich neben den Fichten 
die Ebereschen angesiedelt haben. In den durchforsteten Wäldern 
sind sie fast verschwunden und finden sich nur hin und wieder anf 
den verwitterten Stümpfen gefällter Bäume; wo die Hand des Men- 
schen nicht gewaltsam eingegriffen hat, treten sie massenweise und 
oft in den wunderlichsten Gestalten auf, von wesentlichem Einfluss 
auf den Charakter und das mit den Jahreszeiten wechselnde Kolorit 
der Waldlandschaft. 



Das Altvater-Gebirge. 229 

Die Lebensfälligkeit und Zähigkeit der Eberesche ist bewunderns- 
i^ert. Oft wachsen fänf bis sechs arm- und beindicke Stämme aus 
einem Wurzelstock. Der eine ist verdorrt, der andere vom Sturme 
in der Mitte geknickt, an einem dritten und vierten hoch hinauf 
die Rinde von den Hirschen und Kehen im Winter benagt, immer 
neae Schösslinge wachsen zwischen den verdorrten und zersplitterten 
Stümpfen und aus den oft nackt, weithin über den Boden kriechen- 
den Wurzeln hervor. 

Von den wunderlichen, durch Fichten und Ebereschen gemein- 
sam gebildeten Gruppen mögen hier einige Erwähnung finden. Auf 
einer stattlichen, unten 3 m schräg emporgewachsenen Fichte hatte 
sich — wohl in einer kleinen Vertiefung — auf dem dicken Stamme eine 
^Eberesche angesiedelt und im Laufe der Zeit ihre Nahrung suchen- 
den Wurzeln zu beiden Seiten des Stammes hinabgesandt in den 
Boden. Die stärkere von 40 cm Umfang lief nach kurzer Biegung 
schnurgerade hinab in das Erdreich, die dünnere hatte sich dreifach 
gegabelt, aber mit allen Wnrzelzweigen Halt gewonnen. Im Waldes- 
dickicht auf dem grossen Seeberge (1243 m), fand ich den mo- 
dernden Stamm einer Riesenfichte, die neben einem prächtigen Baume 
niedergestreift war und in der Mitte ein sechsjähriges vertrocknetes 
Fichtchen trug. Aus dem zwischen den starken Wurzeln haftenden 
Ballen von Basen und Dammerde war eine Eberesche emporge- 
wachsen, die von dem breiten, wulstartigen Wurzelstocke 7 arm- 
dicke Stämme ausgesandt hatte. Der Regen hatte das Erdreich zum 
grossen Teile zwischen den knorrigen, allmählich verwitternden 
Stümpfen weggewaschen, vier von den Stämmen waren vertrocknet, 
die Eberesche hatte aber ihre Existenz bereits gesichert. Eine 
Wurzel führte, völlig blossgelegt, einen Meter direkt hinab in den 
Boden, eine zweite war zwischen den alten Fichtenwurzeln hindurch 
über den Stamm weggewachsen und zeigte, kurz bevor sie unter 
dem Erdreich verschwand, einen frisch grünenden, zwei Finger starken 
Zweig, eine dritte und vierte waren nach einigen Biegungen mehrere 
Schritte lang unter der kleinen Fichte durch, längs des morschen, 
sie nur halb verhüllenden Stammes fortgesandt, bis sie ihr Ziel er- 
reicht hatten. Im oberen Oppathale sah ich unter manchen anderen 
interessanten ürwaldbildern, nicht weit unterhalb der Schäferei, zehn 
Schritte vom Wege, eine Gruppe, gebildet aus einem riesigen mor- 
schen Stamme, einer stattlichen Eberesche und sechs jüngeren Fichten, 
von denen die kleinste bereits vertrocknet war und zwei diesem 
Schicksal entgegen gingen, während die drei grösseren schon Zapfen 
trugen und nicht mehr in dem alten Stamm Halt und Nahrung 
suchten, sondern zu beiden Seiten desselben starke Wurzeln hinab- 
getrieben hatten. Die Wurzeln der nach Art der vorigen angesiedelten 
Eberesche bildeten ein schwer zu beschreibendes Gewirre, die 



230 Paul Lehmann: 

ISngste liess sich unter allen Fichten fort längs des alten StammeB 
14 Schritte weit verfolgen. 

Der geschlossene Fichtenwald hat etwas ernstes und düsteres, 
im Altvater findet sich vielfach gemischter Wald und an vieleii 
Lehnen der herrlichste Buchenschmnck. Die Bache geht aufiallend 
hoch und erreicht an dem gegen Südwest exponierten HQttelbeig« 
über der Merta mit schönen Exemplaren die Höhe von 1200 m; 
an den meisten Stellen geht sie als Baum wenig über 1100m hin- 
aus und zeigt an dem Wege von der Schweizerei nach Waldenbug 
hinab, dass sie sich in dieser Höhe nicht mehr ganz heimiBch ffihlt 
Am Ziegenrücken, zum Ameisenhübl hinauf, wird sie vor 1200m 
buschartig; den am weitesten gegen die Höhe vorgeschobenen Posten 
fand ich in der Gestalt eines kräftigen Busches an dem obem 
Rande einer Fichtenpflanzung (1300 m) auf der SSdwestseite der 
Wiesenberger Heide. 

Die Buche war einst sicher weiter verbreitet als jetzt, wo 
die Forstleute fast ausschliesslich die Fichte kultivieren. In deo 
oberen Partieen des Bordthaies und der zur Biela gehenden Bädie 
findet sie sich mehr oder weniger vermischt mit der Fichte; in dem 
zur Tess gehörigen Gebiet tritt sie mit eingesprengten Ahombänmen 
und Ulmen noch in geschlossenen Beständen auf. Schlfigt der Forst- 
mann den alten Buchenwald nieder, so l&sst er, wenn er nicht zur 
Fichtenkultur übergeht, einzelne Samenbäume stehen. Majestätisch 
ragen die glatten, grauen Säulen über dem wuchernden Gestrüpp 
hervor; sind sie bereits von dem Gezweig des jungen Waldes um- 
hüllt, dann wölben sich in Glockenform die Kronen über dem grtmen 
Blättermeere. Ward ein alter Baum bei der nun beginnenden Durch- 
forstung vergessen, dann holt das jüngere Geschlecht allmählich das 
ältere ein und nur der moosbedeckte Stamm und einige verdorrte, 
des Lichtes und der Luft undankbar beraubte Äste verraten seine 
ehemalige Bedeutung. 

Vom Thalboden aus betrachtet erhalten die Kontouren da* 
Bergrücken (z. B. Dürre Leiten) einen eigentümlichen Reiz, wenn 
die Wölbungen der Buchenkronen mit den Spitzen der Tannen ab- 
wechseln, und von der Höhe aus gesehen ist das Bild der mit ge- 
mischtem Wald geschmückten Gründe besonders schön, mag nun 
der Frühling das erste zarte Grün unter die dunkleren Töne der 
Fichtenkronen mischen, oder der herbstlich gelbe Blätterschmnck 
dieselben durch den Gegensatz fast schwarz erscheinen lassen. 

Bis zur Höhe von tausend Metern findet sich zwischen Fichten 
und Buchen vielfach die Edeltanne; obwohl ihr sich allmählich ver- 
jüngender Stamm mehr Holz giebt als der der Fichte, wird sie gar 
nicht kultiviert, kommt aber immer wieder empor, da die jungen 
Pflanzen gut im Schatten gedeihen. An der von Thomasdorf auf 



Das Altvater-Gebirge. 281 

das Gebirge führenden Chaussee stehen in 900 m Höhe mit grossen 
Buchen gemischt prächtige Exemplare, im grossen Tessthal lag ein 
280 jähriger Stamm von 25 Schritt Länge, dessen oberes Ende einen 
Durchmesser von 1 m hatte, während das untere 1,6 m dick war. 
Am Kaders und den Abhängen des Ameisenhübls finden sich zwi- 
schen den Buchen vielfach Ahorn und Ulme eingesprengt, am 
rechten Tessafer, gegenüber dem Stumpfer Kamp, bilden sie mit 
denselben eine wundervolle Lehne mit gemischtem Laubwald. Die 
Ulme steigt noch etwas über 1000 m hinaus, der Ahorn reicht in 
Baumform noch 100 m höher; einen grossen an die Gestalt der Berg- 
ebereschen erinnernden Ahornstrauch sah ich unter dem Fuhrmann- 
stein, mitten im Fichtenwald noch in 1200 m Meereshöhe. Erlen um- 
säumen in Buschform manche kleine Bachrinne, an der Herta bilden 
sie oberhalb Sensenzipfl ein schönes Gewölbe über dem rauschenden 
Bach. Weiden stehen nur vereinzelt in den Thalschluchten, Eichen 
bis zu 10 und 12 cm Durchmesser sah ich in wenigen Exemplaren 
. an dem Wege vom Baders nach Wermsdorf, vereinzelte Kiefern an 
den Aasläufem des Blasebalgs in einer Höhe von 800 m, auf dem 
Hirtensteine bei Neu-Ullersdorf und in der Umgebung von Werms- 
dorf. Die beiden Hauptrepräsentanten aus den Waldungen der schle- 
sischen Ebene tragen also zur Charakteristik der Gebirgslandschaft 
im Altvater nicht mehr bei. Junge Birken finden sich zahlreich 
den Fichten eingesprengt am Eingang des Bauschbord thales und in 
kleinen Beständen als ein lichterer Saum der ernsten Bergwälder (z. B. 
am Schwarzen Leiten) auf den entlegenen Flächen, die zeitweilig 
zum Anbau benutzt werden. Verschwunden ist die Eibe {taxus 
baccaid)^ die einst ziemlich vertreten gewesen sein muss. 

Dudik in seiner allgemeinen Geschichte Mährens^) erwähnt sie 
an einer Stelle (IV S. 177), und im Breslaaer Domarchiv befindet 
sich eine Urkunde vom Jahre 1551, in der es heisst: „wenn sich 
durch Öfl&iung der Oder oder sonst die Verwertung der Eiben und 
anderen Holzes im Freiwaldauer Gebirge zu Mastbäumen oder sonst^ 
herbeiführen lasse, solle der Eeingewinn zwischen dem Bischof und 
dem damaligen Besitzer von Freiwaldau geteilt werden. 

Von Sträuchem mögen kurz erwähnt werden Sambucus race' 
mosa (Hollunder mit roten Beeren), Lonicera nigra (der Seidelbast), 
der Stachelbeerbusch und zwei johannisbeerartige Sträucher {ribes 
cUpinum und peiraeum)^ die sich in den Schluchten des oberen Tess- 
thales bis zu 1100m Höhe finden. 

An den quellenreichen Abhängen, wo die Bäume lichter stehen, 
an den Bachrinnen, neben denen sich Baumschläge hinziehen, da 



*) Der 8. ansehnliche Band des Werkes geht erst bis an den Anfang 
des l4. Jahrhimderts. 



282 Paul Lehmann: 

entwickelt sich zwischen 900 and 1200 m im Sommer eine Vege- 
tation von tropischer Pracht und Fülle. Mir schweben besonders 
Bilder vom Abhänge des Langen Leiten gegen das Tessthal nnd 
aus dem Geschlössgraben, der an der Seite des Maiberges ent- 
springt, vor Augen. Mächtiger Huflattich und Üppig wachemde 
Farne nehmen den ersten Platz ein. Dicht liegen die grossen, 
grünen Blätter des Lattich {Adenostyles alliariae oder albifrom) 
übereinander, hier und da ist ein Blatt umgelegt nnd mischt in das 
dunkle Grün das Silbergrau der unten filzigen Blätter, welche von 
kleinen lilafarbigen Doldenrispen auf schwankem Stile überragt werden. 
Dazwischen erheben sich die schön geformten Farnwede], mehr als 
meterhohe Gebüsche bildend. Kerzengerade erheben sich aas diesem 
Gewirre 1 ^ m hohe Saudisteln {Mulgedium alpinum^ früher Sonchusl 
mit kleinen traubigen Rispen, der dunkelviolettblaae iBisenhut, der 
Bittersporn und hier und da mit mattpurpumen Blüten der Türken- 
bund {Lilium mariagon). Auf langen, dünnen verästelten Stil«i 
entfalten sich die kleinen weissen Blüten des Ranunculus acofütifoÜut^ 
und daneben die dichten Distelköpfe des Wiesenkohls (CirHum olera- 
dum). Mit ihnen an Höhe wetteifern der gelbe Fingerhut und das 
mit kleinen doldenrispigen Blütenköpfchen geschmückte Kreuzkraut 
(Senecio nemorensis\ dessen längliche lanzettliche Blätter am Bande 
wie eine Säge gezähnt sind. Als weissblühende Dolden sind ve^ 
treten Valeriana Sambucifolia und auf dickeren, gefurchten, röhrigen 
Stilen hier und da das üppige Pleurosperma austriacum^ während 
gelblich weiss die schönen Blütenbüschel einiger Spirceenarten {Äruncus 
und Ulmaria)*) hervorschimmern. Daneben finden sich an den 
Lehnen schwer durchdringliche Gebüsche von Himbeersträuchen. 

Bis über die Schultern taucht man hinein in dieses Gewirr der 
1 — 1,5 m hoch wachsenden Pflanzen und schaut über den üppigen 
musterreichen Teppich, von dem sich in reizender Mannigfaltigkeit 
Blüte an Blüte abhebt. 

So siehts im Juli und August aus, das Auge wird nicht satt 
sich an dieser Farbenpracht zu weiden, aber man betrete diese Ge- 
biete, wo alles in jugendlicher Frische und strotzender Kraft prangte, 
nach den ersten kalten Nächten an einem Oktobertage! Zusammen- 
gerollt hängen einige silbergraue BlOtenfetzen an den kahlen Himbeer- 
sträuchen, wie vom Hagel niedergeschlagen liegen gelb und rost- 
farben die geknickten Farnwedel (besonders Athyrium alpestre) auf 
dem früher von ihnen dichtverhüllten Boden, und kahl ragen die 
hässlichen Strünke der Saudistel empor. — 

Die bebauten Felder gehen an mehreren Abhängen auf der 
südwestlichen mährischen Seite über 800 m empor, an der nordöst- 



*) Siehe Fiek: Flora vou Schlesien. Breslau 1881. S. 120. 



Das Altvater-Gebirge. 283 

liehen, schlesisclien überschreiten sie nur an zwei Stellen von geringer 
Ausdehnung die Horizontale von 700 m. Entschieden sind manche 
Gebiete bebaut, die Fleiss und Mühe sehr ungenügend belohnen, 
ipvenngleich der Anbau hinter der Überhaupt möglichen oberen Grenze 
meistens zurückbleibt. In den Umgebungen von Wermsdorf, wo die 
Buche am höchsten emporsteigt, gehen die Felder mit einer Aus- 
nahme bei Schwagersdorf selten bis zur Höhe von 700 m, während 
bei dem benachbarten Kleppel eine Kuppe von 829 m noch bebaut 
wird. An der Südwestseite des Baders reichen einzelne Ackerfelder 
bis gegen 800 m hinauf, dringen aber im ganzen Wiesenberger 
Thal und auf den Abhängen bei Rentenhau nicht mehr bis zu dieser 
Höhe vor. Die Poststrasse über den breiten Sattel zwischen Primis- 
wald und Neu-Ullersdorf (778 m) führt durch bebaute Felder, welche 
sich am Südwestabhange des Schwarzen Leiten, dem sogenannten 
Sommerleiten, geschlossen bis 850 und 900 m emporziehen. Auf 
der gegenüberliegenden Seite, an dem Nordwestabhango des Ohren- 
bergs (Glasberg 828 m), erreichen einzelne Eodefelder nahezu die- 
selbe Höhe. Oft sind steile Abhänge und schattige Schluchten mit 
Wald bedeckt und die benachbarten, weniger steil geneigten 
Höhen bebaut. Von Reutenhau steigt man nach Primiswald durch 
eine Waldschlucht empor, steile Waldlehnen umgeben das untere 
Rauschbordthal, während der vom Höllenstein (829 m) nach Nord- 
ost laufende Rücken in Ackerland verwandelt ist. Umwandern wir 
das Gebirge weiter, so treffen wir im Nordosten Spornhaus gegen 
die Passhöhe von Ramsau zum letzten Male über 800 und ganz 
vereinzelt über 850m hinaufreichende Felder, dann umkleidet dunkler 
Fichtenwald die Abhänge von den zackigen Amichsteinen bis hinab 
zur Chaussee und zur Horizontalen von 600 m. An den Nordost- 
abhängen schwankt die Waldlisiere zwischen 600 und 700 m auf 
and ab, nur an zwei Stellen von geringer Ausdehnung fand ich sie 
etwas oberhalb 700m, während sie an den gegenüberliegenden Ab- 
hängen, am rechten Ufer der Biela, hier und da bis zu 800 m zurück- 
weicht. Earlsbrunn liegt tief im Walde, längs der Chaussee von 
diesem Badeorte nach Klein-Mohrau finden sich kleine Feldparzellen 
neben einer Wiesenniederung im Walde, noch in 760 m Meereshöhe 
und bei den letzten Häusern von Karlsdorf steigen sie in einem 
schmalen Streifen bis zu 800 m empor. 

Wie die allmählich wachsende Bevölkerung aus den breiteren 
Tbälern und dem Hügel lande gegen das waldbewachsene 
Gebirgsmassiv vordrang, Ifisst sich im einzelnen nicht mehr verfolgen. 
Von den am weitesten in die Thaler des Gebirges hinaufreichen- 
den Ortschaften sind viele erst am Ende des vorigen Jahrhunderts 
gegründet von den Besitzern der grossen Waldkomplexe. Um 
Arbeiter in den ausgedehnten Gebirgsforsten zu haben, gab man 



234 Paul Lehmann: 

mehrere Hektare für ärmliche Hütten und dürftige Felder auf. Zu 
den Orten, die erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts ent- 
standen sind, gehören Waldenhurg auf der schlesischen Seite, Alois- 
dorf und Franzensthal hei Goldenstein, Kotzianau und Philippsthal 
hei Wiesenherg, Schwagersdorf, Sensenzipfl und Freiheitsberg, ober^ 
halb Werrasdorf*). 

Zu festen Ansiedelungen auf einem fOr den Ackerbau wenig 
lohnenden Gebiete drängte wohl kaum die Fülle der in den tiefereo 
Umgebungen angehäuften Bevölkerung; die ersten sesshaften An- 
wohner des Gebirges lockte wahrscheinlich der Metallreiehtum des- 
selben an. So wird 1213 den „civibus de Freuden thal^ die decima 
metallorum in circuitu ad quattuor milliaria bewilligt**)! Nicht gans 
soweit zurückgehen Nachrichten, welche wir über den Berg'ban bei 
Hangenstein, Goldenstein und Freiwaldau haben, die zeitweilig nicht 
unbedeutend gewesen sein müssen. Im Jahr 1529 gab Bischof 
Jacob von Breslau eine Bergordnung für Freiwaldau, 1542 Ferdi- 
nand I. eine fQr Hangenstein, von dem Pater .von Zierotin 1528 
bezeugt, „dass vor vielen Jahren ein grosses Bergwerk auf Grold, 
Silber, Kupfer, Blei und allerlei Metall^ daselbst gewesen, durch 
Kriege geruht und wieder erhoben sei. Unter den ältesten Ausfuhr- 
artikeln Mährens spielen rohe Metalle eine bedeutende Rolle, wieviel 
davon auf das engere Altvatergebiet kommt, bleibt freilich nngewiss. 
Auf ein specielleres Eingehen verzichtet die Darstellung, zu der nar 
gedrucktes Material zur Verfügung stand***). 

Heute sind nur noch die Eisenwerke im Südosten, längs der 
Grenze des niederen Gesenkes, von Bedeutung, an alte Goldwäschereien 
erinnern nur noch einzelne Namen wie Goldenstein, Vitseifen und 
die nicht mehr zu unserm Gebiete gehörige Goldkoppe bei Frei- 
waldauf). Am Stollekamm über dem Eauschbordthale wurde auf 
Kupfer gebaut, bei Wiesenberg verzeichnet Comenius auf seiner 
Karte ferri fodinae. Die Schätze des Erzberges bei Wermsdorf 
sind so ziemlich ausgebeutet, der Bau auf Magneteisen im oberen 
Tessthale ist aufgegeben und wird nur noch durch eine Halde be- 
zeugt und den Namen Mönchschachtgraben, der auf der Generalstahs- 



*) Primiswald ward 1660 angelegt. 
**) Erben: Regesta Bohemiae et Morawiae. Pars I. Prag 1855. p. 253. 
***) Die Werke von Wolny, Dudik, Koristka, Trautenb erger : »Das Tess- 
thal in Mähren." Brunn 1872. Weitere Litteraturangaben bei Koristka und 
Trautenberger. 

t) Lange nachdem der Bergbau ins Stocken geraten war, erhielt sich 
im Volke die Anschauung von grossen Schätzen, die besonders in der Nähe 
des Peterstein zu finden sein sollten. Der Botaniker Dr. Julius Milde schreibt 
am 25. Juli 1845 in sein Tagebuch: „Am andern Morgen mit einem Führer, 
der mit drei Schatzgräbern nach dem Peterstein ging u. s. w." — Siehe 
Stenzel: Dr. Julius Milde, ein Lebensbild, in „Rübezahl'^ Bd. XI, Heft 5. 



Das Altvater-Gebirge. 235 

karte jedoch dem sogenannten Bärmuttergraben beigelegt ist. Aaf 
den Südostabhängen der Janowitzer Heide sind östlich des soge- 
nannten Silberbaches mehrfach Sporen aufgelassener Bergwerke, von 
denen unterhalb des ^Tuchlahn^ ein „alter Stollen^ und „ Bleistollen^ 
auch auf der Generalstabskarte angegeben sind. 

Heute werden auf der Höhe der Janowitzer Heide feuerfeste 
Quarzschiefer gebrochen, in den Umgebungen Goldensteins die 
Graphitlager und bei Annaberg die Kalksteine für den Chaussee- 
schotter ausgebeutet Ob er dazu das geeignete Material ist, 
will mir nach anderweitigen Beobachtungen sehr zweifelhaft er- 
scheinen, an Ort und Stelle war man von der Güte des Materials 
völlig befriedigt, „die Schiefer seien zu weich und der Gneis sei 
zu hart und erfordere zu hohe Löhne. ^ Dagegen lässt sich viel- 
leicht nichts sagen; „die erste Not muss gekehrt werden^ lautet 
ein plattdeutsches Sprichwort ins Hochdeutsche übersetzt! Bei Golden- 
stein wird grauer Kalk gebrochen und mannigfach verarbeitet, der 
Graphit wird zum grossen Teil unterhalb Goldenstein in Messing- 
hammer gestampft, geschlemmt und dann versandt. 

Von den Glasfabriken, die im 16. Jahrhundert bei Goldenstein 
erwähnt werden, findet man nichts mehr, eine im vorigen Jahr- 
hundert bei Winkelsdorf oder vielmehr Annaberg errichtete ist weiter 
hinab nach Ullersdorf verlegt. Heute ist nur noch die Glasfabrik 
Bartenstein bei Bamsau in Thätigkeit, die zum fürstbischöflichen Be- 
sitze gehört und verpachtet ist. Es wird nur Fensterglas und 
ungeschliffene Waare produciert und versandt. 

Die Fabrikthätigkeit in den das Altvatergebirge umkränzenden 
Ortschaften wird in unseren Tagen insofern von ihm bedingt, als 
die Wasserkraft seiner Bäche verwandt wird, und die in Reutenhau 
und den Eisenwerken Zöptaus verbrauchten Holzkohlen aus seinen 
Waldungen stammen. Auf der roten Bergstrasse sah ich mehrmals 
Reihen von Wagen, die aus den auf der Ostseite gelegenen fürst- 
bischöflichen Wäldern Kohlen nach den mährischen Hüttenwerken 
führten. Das in Zöptau und Eeutenhau verarbeitete Eohmaterial 
kommt aus den weiter südlich gelegenen Bergwerken, die Flachs- 
spinnereien verarbeiten neben der inländischen sehr viel aus Euss- 
land importierte Waare. Bauholz, Nutzholz, auch zur Papierfabrikation, 
nnd Brennholz wird von den reichen Schätzen des Altvater nach 
allen Seiten und bis hinein nach preussisch Schlesien geführt. 

Die Ortschaften liegen in den breiteren Thälern, und, wo diese 
zu eng werden für die Ansiedlung, in ziemlich weit verstreuten Hütten 
an den Abhängen. 

Freiwaldau ist ein reizendes Städtchen mit angenehmer Umgebung 
und einem durch die unmittelbare Nähe des vielbesuchten Badeortes 
Gräfenberg geförderten Wohlstand. Auch die Bauernhäuser in 



236 Paul Lehmann: 

Thomasdorf and dem darch eine Heilanstalt*) bekannten Lindewiese 
machen noch einen recht freundlichen Eindruck; steigen wir aber 
gegen Waidenburg hinauf oder über Bamsau nach Spomhaa, so 
wird das Bild schon ärmlich. Goldenstem mit alter Burgruine, einem 
grossen Schlosse, das nach der Inschrifit über dem Portal: nHorr 
Hans der Eitere u. s. w. anno 1597 zum Gedächtnis erbawen 
lassen'', einem kolossalen an die Zeit der Bobotdienste erinnern- 
den Speicher macht auf dem kleinen, mit steilen Wänden abbrechen- 
den Plateau und den zwischen weissschimmemden Häoschen hervor- 
ragenden stolzen Kronen von Linden, Ahomen und Ulmen einen 
höchst malerischen Eindruck, ob man sich ihm vom Bordthale oder 
auf Feldwegen über die umgebenden Hügel nähert, sieht aber im 
Innern so dürftig und ärmlich aus, dass der Name ^ Stadt '^ fast wie 
ein Hohn auf das kleine Bergnest erscheint. In Klein-Mohraa, EatIs- 
dorf und Beutenhau sind infolge der industriellen Entwickelang 
manche Neubauten ausgeführt, in Wiesenberg erhebt sieh neben 
mehreren zweistöckigen, weissgetünchten Gebäuden, gehoben durch 
die wohlgepflegten Parkanlagen, das mit zwei Spitztürmen gezierte 
Schloss. Fast durchweg ärmlich sind die Häuschen und Hütten in 
Neu-Ullersdorf, Primiswaid, Winkelsdorf, Schwagersdorf, Sensenzipfl 
und Siebenhöfen bei Wermsdorf. Das von zwei Holzpfeilem ge- 
stützte Dach tritt etwas vor über der niedrigen Front, links neben 
der ThOr zeigen sich zwei kleine Fenster, um die hemm oft bis 
zum Dach hinan das Brennholz in kurzgeschlagenen Knütteln and 
Sträuchen aufgeschichtet liegt. Stall und Tenne und neben und 
über ihnen die zur Bergung der geringen Heu- und Getreidevorräte 
dienenden Bäume, alles liegt mit Wohnstube und Kammer unter einem 
und demselben Dache. Blumen schmücken meistens die niedrigen 
Fenster, und in manchem umfriedeten Gärtchen werden zwischen 
Johannis- und Stachelbeersträuchern, rotblühende, an Stangen empor- 
rankende Bohnen, sowie Kartoffeln, Zwiebeln und anderes Gemüse ge- 
zogen. In Wiesenberg ward vor etwa 50 Jahren beim Schlosse 
eine grosse Obstbaumpflanzung angelegt und den ärmeren Anwohnern 
des Gebirges die Möglichkeit geboten, eine einträgliche Obstkultnr 
zu beginnen. Bei den höchstgelegenen Wohnungen ist das natürlich 
nicht mehr möglich. Am höchsten hinauf begleitet die Ansiedelung 
des Menschen der Kirschbaum, der bei Primiswald in 770 m Meeres- 
höhe noch gut gedeiht**). — Wo die Obstbäume spärlicher werden, 



*) Die Kranken erhalten ausser altbackenen Semmeln nur zwei- his drei- 
mal in der Woche nach Belieben Wein. Man rühmte mir die Folgen der 
Kur, die fast Universalmittel zu sein scheint, mehrfach. Unter den Lob- 
redneru waren auch einige, die sich der trockenen Semmeln mit Schrecken, 
aber doch dankbar erinnerten! 

**) Ein grosses Exemplar fand ich über Karlsbrunn auf einer Waldwiese 
in $30 m Meereshöhe. 



Das Altvater- Gebirge. 237 

• 
erheben sich einzelne hochragende Erlen, Ulmen, Fichten und hier 
nnd da auch die in den Waldungen merkwürdigerweise nirgends 
hervortretende Lärche zwischen den Häusern des Dorfes. Besondere 
Erwähnung verdienen die in einzelnen Orten (z. B. Goldenstein und 
Zöptau) das Auge fesselnden Lindenbäume. Vor dem Gasthäuschen 
in Siebenhöfen breiten sich von einem kolossalen Stamme die Äste 
nach allen Seiten 15 Schritte weit, so dass ein Flächenraum von 
300 qm durch die stattliche Krone tiberwölbt wird. Im Jahre 1881 
stand der Baum noch am 4. August in Blüte und ward umsummt 
von Scharen geschäftigter Bienen. 

Die Ernten verspäten sich um 4, ja um 6 Wochen gegen die 
der benachbarten Ebenen. Der Roggen wird in der schlesischen 
Ebene, und bei Olmütz geschnitten, wenn er am Altvater in 700 m 
Höhe noch in Blüte steht. In allen Dörfern hörte ich, dass man 
mit dem vierfachen Ertrage der Aussaat sehr zufrieden ist, und dass 
der fünffache als eine vorzügliche Ernte gelten müsse. Sind die 
Spätfröste des Frühlings ohne erheblichen Schaden geblieben, so hat 
man im Herbst Sorge, Kartoffeln und Sommerfrucht vor dem oft 
vorzeitig einfallenden Winter zu bergen. Ich selbst habe in Neu- 
Ullersdorf ein dürftiges Haferfeld bis zu den Rispen hinauf von 
Schnee bedeckt gesehen. Bei der weiten Entfernung und der Un- 
ebenheit des Terrains ist die Bestellung mancher Felder und beson- 
ders der Transport des Düngers schwierig und zeitraubend. Auf 
manche der steil abgedachten Lehnen wird er von den Bebauern 
selbst getragen. 

Zu Wällen und Haufen sind die aus der Ackerkrume entfernten 
Steine aufgehäuft und nehmen an manchen höher gelegenen Stellen, 
z. B. im Gneisgebiete von Neu-Ullersdorf, ein der Anbaufläche fast 
gleiches Areal ein. Kaum 2 Zoll tief wird mit winziger Pflugschar 
die den Felsen oft spärlich umhüllende Ackerkrume gelockert. Ge- 
baut wird Roggen, Hafer, Gerste, Flachs, Kartoffeln und Klee. 
Weizen fand ich erst um 500 m Höhe in dem Hügellande der Um- 
gebung Wiesenbergs und auch hier noch von sehr dürftigem Aus- 
sehen, Erbsen etwas weiter hinauf kräftig entwickelt. Flachs ge- 
deiht hoch hinauf gut, an Stelle des Klee überwog an der obersten 
Grenze des Anbaus oft Timothee. Hafer mit schöner blaugrüner 
Färbung zeigte sich auf der mährischen Seite einmal mit Wicken 
untermischt noch in 650 m Höhe, weiter hinauf blieb er klein und 
dürftig. Bei Ober-Thomasdorf fiel mir in 560 m Höhe ein Roggen- 
feld auf durch die kräftigen Halme und grossen Ähren inmitten 
dürftiger Fluren. Ein auf einem nahen Wiesenanger rüstig im Heu 
arbeitender Siebziger erzählte mir mit freudigem Stolze, das Roggen- 
feld gehöre ihm und sei vorzüglich beackert und gedüngt. „Das 
kann aber nicht jeder — meinte er — ich beziehe eine Pension 



238 Paul Lehmann: 

• 

und kann etwas daran wenden.^ Der gnte Alte, dessen Znneigang 
ich mir ganz unerwartet durch die Bemerkung über sein Ro^enfdd 
gewonnen hatte, antwortete mir, als ich mich nach den E^rägen der 
gegenüberliegenden, gegen Westen exponierten Lehnen erkundigte, 
früher hätten sie durchschnittlich wohl ein Korn mehr gegeben, als 
die am linken Biela-Ufer, aber jetzt merke man nichts, denn bei den 
grossen Wolkenbrüchen sei die Humusdecke herabgeschwemmt und 
der Ernteertrag auf Jahre herabgedrückt. An den Abhftngen der 
„Steinigen Höhe'* sah ich im Jahre 1881 Rinne an Kinne durch 
die Roggen- und Haferfelder gerissen; sicher ein Drittel der Ernte 
war verdorben. 

Bei diesen Umständen wird es niemand wunder nehmen, dass 
in vielen der Altvaterdörfer bittere Armut herrscht. Von dem E^ 
trage ihrer Felder können nur sehr wenige der Anwohner des Ge- 
birges leben, die einen suchen für sich und die arbeitsfähigen lüGt- 
glieder der Familie Beschäftigung in den Fabriken, die andern in 
den Forsten, aus denen sie überdies für Holz- und Grasscheine, die 
zu 4 und 6 Gulden gelöst werden, das Futter für die Kuh und 
das Brennmaterial für den Winter holen. Meistens wird in den 
Forsten beim Holzfällen und Holztransport in Akkord gearbeitet 
Die Arbeitslöhne sind gering, bei den weiter oben angeführten Preis- 
aufforstungen wurde nach dem Berichte der betreffenden Forst&mter 
ein Tagelohn von durchschnittlich 35 — 40 Kreuzern gezahlt*), und 
bei den Jagden erhält ein Treiber für den in diesem Gebirge an- 
strengenden Tagesdienst 60 Kreuzer. 

Ein Vorteil ist es, dass die Forstwirtschaft den Leuten auch 
im Winter Beschäftigung und Verdienst bietet. Dass die Flösserei 
ganz aufgegeben ist, wurde erwähnt; meistens wird das an den 
steilen Lehnen gefällte Holz zersägt und bleibt dann aufgeschichtet 
liegen bis günstige Schneeverhältnisse einen mehr Geschick als Kraft 
erfordernden Transport, das sogenannte „Holzrücken", ermöglichen. 
Auf niedrige Handschlitten werden die Holzkloben verpackt und 
grössere Bündel mit Ketten daran befestigt. Mit dieser Ladung 
fahren in oft sausender Geschwindigkeit die ihren Schlitten mit den 
Füssen lenkenden Gebirgsbewohner hinab zum Thal, durch welches 
auf meistens guten, neuangelegten Wegen die Holzvorräte in grösseren 
Fuhren transportiert werden. 

Während des Sommers holen Frauen und Kinder an jedem Vor- 
mittage von den Höhen des Gebirges Gras und Kräuter für die 
Kuh, denn einen Weidebetrieb duldet keiner der Waldbesitzer**). 



*) Es wurden gezahlt 681 fl. für 1780 Arbeitstage; 550 fl. für 1460 
Arbeitstage und 552 fl. für 1634 Arbeitstage. 

**) Das ganze Fhissgebiet der Biela gehört zum Fürstbistume BreslaU) 
der Südostabhang des Gebirges zur Herrschaft Freudenthal (Deutschmeister) 



Das Altvater-(lebirge. 239 

Von den Meiereien, welche im vorigen Jahrhundert am Mai- 
berg nnd Hirschkamme lagen, sieht man nur noch die halbzerstörten 
Fundamente; auch die zu Gross-Üllersdorf gehörige, 1839 angelegte 
Scbweizerei ist als solche 1869 eingegangen. Mit Ausnahme der 
kleinen Schafherde, welche bei der unter dem Peterstein gelegenen 
Schäferei gehalten wird und die Molken för Karlsbrunn liefert, findet 
man auf dem Altvater, dem die Bauden des Riesengebirges ^) fehlen, 
keine Herde. Schafe und Ziegen würden dem Altvater bald sein 
unbeflecktes Yegetationskleid zerstören; eine das Landschaftsbild be- 
lebende Herde schöner Rinder vermisst man ungern und freut sich, 
wenn man in der Schweizerei und Franzens Jagdhaus den zwei 
Milchkühen der Waldheger begegnet. 

Mit Ausnahme des August, in dem auf der Jan o witzer Heide 
Heuernte gehalten wird, sind die Höhen des Altvater wenig belebt; 
von den Scharen, die tagtäglich bis an die obere Grenze des Waldes 
kommen und Futter schneiden, wird man wenig gewahr. Oft tritt 
uns unvermutet eine Gestalt entgegen, fragt nach der Tageszeit und 
geht mit erneutem Eifer an die Arbeit. Nie habe ich Gesang ge- 
hört. Man hat wohl gesagt, die Fabrikthätigkeit sei an dem Ver- 
schwinden eines munteren Volksgesanges Schuld, ich denke, es ist 
der Hunger. Man kann da durch eine Butterschnitte auf mehr als 
einem blassen Gesichte einen Freudenschein hervorzaubern und weiss 
nicht, ob er einem weh- oder wohlthun soll. Ein altes Mütterchen 
kam eines Morgens erschöpft mit ihrer grossen Fuhre beim oberen 
Gasthause in Winkelsdorf an : „Jetzt muss ich ein Glas Bier trinken^ 
— sagte, an der Thor niederkauernd und sich den Seh weiss von 
der Stime trocknend, die Alte, und fuhr, als sie den ersten Schluck 
getrunken hatte, fort: „ach Gott, man hats doch gut, wie viele 
gehen hungrig hinaus und kommen hungrig wieder!" — Die Ge- 
stalten sind klein und schmächtig. Mehrmals hielt ich Frauen, die 
auf der Strasse standen, für 12jährige Mädchen und erkannte erst, 
wenn ich nahe herantrat und die betreffenden sich umwandten, dass 
ich bejahrte Menschen vor mir hatte. Dass die Leute hübsch von 
Gesicht seien, kann ich nicht sagen, aber meistens haben sie einen 
netten, offenen Ausdruck. Bei Chausseearbeitern sah ich allerdings mehr- 
fach aufgedunsene Gesichter, was bei schlechter Nahrung und reichlichem 
Genuss von Fusel kein Wunder ist. Häufig beobachtete ich Kropf- 
bildung und zweimal Kretins. Bei den Frauen, die trotz der Kreuz- 



und Janowitz (Graf Harrach), das Mertathal und die Abhänge der Wiesen- 
berger Heide zur Herrschaft Wiesenberg (Baron Klein), das übrige Fluss- 
gebiet der Tess und das des Bord den Lichtensteins von Gross-UUersdorf und 
Goldenstein. 

*) Die auf der Generalstabskarte verzeichneten Bauden sind Unterkunfts- 
hütten für die Förster. 



240 Paul Lehmann: 

Ottern barfuss ins Gebirge gehen, sieht man häufig den einen, auch 
wohl beide Unterschenkel umwickelt. £8 geschieht das der Krampf- 
adern wegen, die sich bei der anstrengenden Arbeit und der geringen 
Schonung, selbst für Wöchnerinnen, zu bilden pflegen. 

Das Wesen dieser rein deutschen Gebirgsbewohner ist freund- 
lich und entgegenkommend, ihre Religion ist katholisch. Den Pro- 
testantismus haben Ferdinand II. und seine Jesuiten in bekannter 
Virtuosität ausgetrieben. Den Gräueln des 30jährigen Krieges folgten 
die schaudererregenden Hexenprozesse, die mit Vorliebe beim Peter- 
stein, „wo die Hexen ihre Zusammenkünfte hielten^, exekatiei-t wurden. 
Von 1679 — 89 wurden allein in Gross-Üllersdorf 39 Hexen verur- 
teilt und erst im Jahre 1690 nahm das wahnwitizige Treiben einen 
etwas gemässigteren Charakter an, denn die Hexenrichter, für welche 
übrigens von den Hinterbliebenen der gequälten Opfer Geld erpresst 
wurde, kosteten der Grundherrschaft laut ihres eigenen Berichtes an 
den Kaiser zuviel Geld!*) 

Bis in unsere Tage tragen die Thäler des Altvatergebirges 
den Charakter der Abgeschiedenheit. Unter den vielen Verkehrs- 
strassen, auf denen sich schon im 12. und 13. Jahrhundert der 
Handel Mährens bewegt, berührt keine das Altvatergebirge, auch 
der Pass von Ramsau scheint nur lokale Bedeutung gehabt zu haben. 
Die mährische Pforte liegt weit ab ; die alte polnische Handelsstrasse 
führt im SQden um das Gebirge herum**). Über Troppau oder 
Jägerndorf und Freudenthal, das die Mongolen bei ihrem Einfalle 
schwer heimsuchten, gingen die Haudelswege von Polen nach OlmÜtz, 
durch dieselbe Gegend führt die im vorigen Jahrhundert wichtige 
„Kaiserstrasse," welche auf Breslau weist, und in unseren Tagen die 
Eisenbahn. Noch heute ist Freiwaldau ohne Schienenstrang***), Zöptan 
ward erst 1871 Endpunkt einer vom Marchthale abbiegenden Zweig- 
bahn. Die Chaussee bei Kleppel ward 1841 dem Verkehr über- 
geben, und das Wirtshaus an der roten Bergstrasse, welche schon 
auf Karten aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts verzeichnet 
ist, steht nicht länger als ein Menschenalter f). Die neue Chaussee, 
welche in schönen Serpentinen hinauf- und hinabführt, ward erst 
1874 begonnen, als Bindeglied zwischen dem abgelegenen Winkel 
des Bielathales und dem Nordosten Mährens. — 



*) Man lese hierüber Trautenbergers Buch, das gerade für diesen Ab- 
schnitt wegen Benutzung des Ullersdorfer Archivs sehr brauchbar ist. 

**) Erben: Regesta 1247 den 3. Mai in Brunn: ^theloneum nostrum quod 
solvitur a ncgotiantibus e Polonia versus Olomuc per Kirnow (Jägerndorf) 
et Freudentlial u. s. w. salva tarnen via quae ducit per Opaviam. 

***) Indessen wird jetzt die Anlage einer Bahnstrecke in Angriflf genommen. 
t) Ich weiss das Jahr nicht genau; um dieselbe Zeit ward die Strasse 
chaussiert. 



Das Altvater-Gebirge. 241 

Seit der Bergbau ins Stocken geraten war, drang wohl nur der 
Weidmann in die abgelegenen Tbäler, in denen bis ins 17. Jahr- 
hundert der Bär hauste, während man heate ausser niederem 
Wild nur Hirsche und Rehe antrifft*). Auf einem ,,Grundries8 
von denen Hoch- Reichs -gräf lieben Zierotiniscben Herrschaften 
üUersdorff und Wiesenberg ** vom Jahre 1739, welcher das 
Tessgebiet recht gut zur Anschauung bringt, mit jedem Häuschen 
und manchem der noch heute auf die Höhen führenden Wege, er- 
scheint das ganze obere Tessthal noch als pfadlose Waldwildnis. 
Nachdem der Peterstein seine Rolle als unheimliche Yersammlungs- 
stätte für Hexenverbrennungen ausgespielt hatte, ward der Drang 
nach etwas aussergewöhnlichem nur noch durch Wallfahrten auf das 
Hoidebründl befriedigt. Erst mit dem Aufblühen von Gräfenberg 
und Karlsbrunn ist das Altvatergebirge bekannter geworden. 1826 
begann Vincenz Priesnitz in Gräfenberg den Bau von Badehäusern; 
dem Bedürfnis nach einem Führer in das benachbarte Gebirge kam 
eine „Reisekarte für Sudeten- Wanderer, zunächst für Besitzer des 
Berndtschen Wege weisers ", Breslau 1829, entgegen und 1844 er- 
schien Gustav Meyers „Kurze Anleitung, das Gesenke oder die Ge- 
birgslandschaft um Gräfenberg und Karlsbrunn ** zu bereisen. Von 
Karlsbrunn aus werden über die Schäferei Hohe Heide, Peterstein 
und Altvater häufig besucht, und auch von Gräfenberg aus unter- 
nimmt mancher Badegast eine „ Reise ^ über die Schweizerei auf den 
Hauptgipfel des Gebirges. Die Zahl der Touristen mehrt sich jetzt 
von Jahr zu Jahr, doch kann man selbst zwischen den Hauptzielen 
derselben in den Wochentagen lange verkehren, ohne einem oder 
dem andern Bergwanderer zu begegnen. Bei bescheidenen An- 
sprüchen ist auf Schäferei und Schweizerei für Kost und Unter- 
kommen gesorgt. Betten giebt es zwar nur wenige, aber der Heu- 
boden ist so geräumig, dass auch am Sonnabend die zuweilen noch 
spät ans den umliegenden Ortschaften anrückenden Trupps ein Lager 
finden. Übrigens liegt keine der beiden Altvaterstationen besonders 
schön und da auch die Umschau vom Gipfel nur durch die Weite 
des Gesichtskreises imponiert, so ist es kein Wunder, dass mancher 
Naturfreund enttäuscht heimkehrt. Man steht auf dem Altvater wie 
auf dem Buckel eines flachgewölbten liiesenschildes, überall fehlt ein 
wirksamer Vordergrund und der Ausblick auf das ganze Niedere 
Gesenke und die Olmützer Ebene ist wenig formenreich, wenn nicht 



*) Büsching erwähnt in Mähren Leoparden. Die Verwechslung mit 
dem Luchs erörtert sehr gründlich Schwoy, der Verfasser einer Topographie 
vom Markgrafentum Mähren, Wien 1793. Von demselben Verfasser war 
gegen sein Willen und Wissen schon 1786 eine „Topographische Schilderung 
des Markgraftum Mähren von S . . .** gedruckt. Ein Luchs ward 1770 ge- 
£angen und ein aus den Karpathen verirrter noch vor einigen Decennien ge- 
schossen. 

Zeltschr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XVII. \^ 



242 Paul Lehmann: 

— was selten geschieht — fern am Horizonte die schön geschwongenen 
Kontouren der Beskiden auftauchen. Wer auf der Mitte der Hohen 
Heide niedersitzt, dem verschwinden Berg und Thal, Baum und 
Strauch, um ihn säuselt das Gras im Winde und über ihm wölbt 
sich der Himmel. Oft würden kurze Abstecher die Verächter des 
Altvater eines besseren belehren. Wer von der Schweizerei ein 
kurzes Stück hinübergeht auf die Ostabhänge des Leiterberges, wird 
durch den besonders bei Abendbeleuchtung schönen Anblick des 
Bielathales und seiner Umgebungen erfreut. Die Sonnenuntergang« 
sind vorzüglich schön an den Punkten, die — wie ein Aussichtsplats 
bei Franzens Jagdhaus oder die Schieferheide und der Maiberg — 
zugleich einen Ausblick auf das Hügelland zwischen Altvater und 
March ermöglichen. Ich will von den vielen herrlichen Schauspielen 

— nach meinen Tagebuchnotizen — nur eins erwähnen, das sich mir 
von der Höhe des Maiberges darbot. „ Schwarz und düster werden die 
Fichtengründe der Südostabdachung, weit über das niedere Gesenke 
hinaus rücken die Schatten mit scharfer Abgrenzung gegen die noch im 
goldigen Scheine glänzenden Fluren. Violett schimmern die feinenDünste 
über dem düstern Tessthale und goldgelb erglänzt der Himmel am den 
Kcpernik und Fuhrmannstein, die von hier als ebenbürtiges Brüderpaar 
erscheinen. Meergrün erscheint das dunstumfiorte Hügelland im Westen, 
bald dunkler, bald heller sind die Farbentöne; da die bereits im 
Schatten getauchten Abhänge dem Beschauer zugekehrt sind und 
um die Gipfel noch ein hellerer Schein schwebt, sieht es aus, als 
ob tiefwogig der Ocean mit Eicsenwellen gegen das Gebirge her- 
anbrause. Nach der Schäferei ist es freilich vom Mai berge oder 
gar der Schieferheide, die nach dem Mertathale zu mit einem An- 
sätze zu der Form der abgestumpften Pyramide steil abfällt, etwas 
weit, und nächtliche Wanderungen über betaute Höhen sind — so 
schön sie sind — nicht jedermanns Geschmack. Die Alfredhütte 
bietet keine Unterkunft und, ob der Heger in Franzens Jagdhaus 
eine der für die Förster des Baron Klein bestimmten Matratzen 
zum Nachtlager gewährt, ist ungewiss. Wer das schön gelegene 
Jagdhäuschen zum Ausgangspunkte von Excursionen machen und 
sich an seiner reizenden Umgebung länger erfreuen will, thut wohl, 
sich in Wiesenberg einen Erlaubnisscbein zu erwirken. Von den 
Fenstern aus blickt man in die Gräben und Gründe, die vom Alt- 
vater und der Hohen Heide steil hinabführen in das tiefe Thal, 
dem die Wechsel von Beleuchtung und Bewölkung immer neue Reize 
verleihen. 

Einen frugalen Imbiss und ein Heulager findet man bei dem 
Wirte, der während der Sommermonate ein Holzliäuschen neben der 
Heidebründlkapelle bewohnt. Man hat von hier nur noch wenige 
Schritte bis zur Spitze des Roten Berges, dem, was die Aussicht an- 
langt, von allen Altvatergipfeln der erste Preis gebührt; nur der 



Das Altvater-Gebirge. 243 

Kepernik könnte ihm allenfalls den Rang streitig machen. Über 
die steilen Abhänge, die sich zum Molkenfloss niedersenken, blickt 
man in das langgestreckte, von einer langen Häuserkette durch- 
zogene Bielathal, hinter Freiwaldau erhebt sich die Berggruppe, an 
deren Abhang die hübschen Häuser Gräfenbergs erbaut sind, aus 
breitem Thor strömt zwischen waldigen Höhen die Biela hinaus zur 
Ebene, die sich am Horizonte weit wie der Ocean dehnt. Tief 
schneidet auf der andern Seite das Thal der Rauschenden Tess ein 
vor der breiten Masse von Fuhrmannstein und Schosskamp; folgt 
man ihrem Laufe mit den Augen, so erblickt man unten im Thale 
das freundliche Wiesenberg und weiter hinab zu beiden Seiten der 
Tess das Högelland bis über die March hinaus. Eine kleine Wen- 
dung — und statt der freundlichen Felder erscheinen vor uns im 
Nordwesten die Urwaldsfichten zwischen den Felsenplatten des Fuhr- 
mannstein und dem flachen Kegel des Kepernik, oder im Südosten 
die tiefen Waldgründe zwischen den breitgewölbten Heiderücken. 
Es würde hier zu weit fähren, wollte ich die mit den Jahreszeiten 
wechselnden Bilder ausmalen, der Winter bleibt hinter dem Früh- 
ling und Herbst nicht zurück. Mit dichtem flimmernden Eismantel 
sah ich einmal alle Fichten vom übergebogenen Gipfel bis zur Erde 
hinab auf ihrer Nordostseite überkleidet, während auf der südwest- 
lichen Perle an Perle zwischen dunkeln Nadeln glänzte, hellweiss 
schimmerte der Fuhrmannstein, den ich nach einer sehr anstrengen- 
den Schneewanderung wie kandirt aussehend fand. 

Eine kleine Erhebung, womöglich aus Felsentrümmern erbaut, 
würde von dem Gipfel des Roten Berges den Blick über die beider- 
seitigen Abhänge ermöglichen, ohne den Beschauer zu einer Veränderung 
des Standortes zu nötigen. Der neue Gebirgsverein könnte hier 
ohne grosse Kosten einen Aussichtspunkt schaffen, der in der ganzen 
Sudetenkette seinesgleichen suchen dürfte! 

Wie geschaffen zu einem bleibenden Sommeraufenthalte durch 
seine centrale Lage an guter Strasse und die Schönheit seiner Um- 
gebungen ist Winkelsdorf ; ich habe mich leider vergebens nach einem 
Quartier bemüht, das auch nur bescheidenen Ansprüchen gerecht würde. 
In Wiesenberg findet man im Gasthause zur Post bei billigen Preisen 
gnte Kost und schöne Zimmer mit dem Blick in den prächtigen 
Park, der jedem Fremden offen steht. Waldpfade und Fusssteige 
ermöglichen jedem, der nicht ein Ansteigen um 100 — 200m als 
Bergfahrt und jedes Verlassen der Promenaden als einen Pfad in 
Wildnis und Verderben betrachtet, die angenehmsten Spaziergänge. 

Dem Bedürfnis nach einem Fremdenführer kommen Scharen- 
bergs „Handbuch für Sudetenreisende " (3. Auflage, neu bearbeitet 
von Wimmer, Breslau 1862) und Letzners „Riesengebirge u. s. w." 
(in Meyers Reisebüchern) entgegen. Ich schliesse meine Skizze, die 
mehrmaligen längeren und kürzeren Besuchen ihre Entstehung ver- 



244 ^* Kiepert: 

dankt; auf Vollständigkeit macht sie nach keiner Seite hin Ansprach, 
möchte sie he weisen, dass es mir gelangen ist, nicht ohne Ver- 
ständnis in den Zügen der Natnr zu lesen und meinen Lesern — 
soweit das durch eine Skizze möglich ist — ein anschauliches Bfld 
dieses Gebirges bieten. — 



XIII. 

Die neue griechisch-türkische Grenze in Thessalien 

und Epirus. 

Von H. Kiepert. 
(Hierzu 4 Karten, Tafel III, IV, V und VI.) 



Die im vorigen Jahrgange darch Redaction der officiellen 
Aufnahmen von uns wiedergegebeneu Karten der durch den Ber- 
liner Congress von 1878 festgestellten neuen Staatengrensen in 
den Balkan-Gegenden lieferten ein Beispiel von dem, wenn auch 
den Wünschen des Geographen noch nicht genügenden, doch immer 
beachtenswerthen Zuwachs, welchen unsere Wissenschaft innerhalb 
des Bereiches halbbarbarischer Länder durch gemeinsame Maass- 
nahmen europäischer Politik erfahren kann. Bekanntlich haben jene 
Umgestaltungen seitdem auf derselben, ethnographisch so vielge- 
staltigen Halbinsel Südost-Europa's weiter im Süden eine Fortsetzung 
gefunden und somit die dieselbe veranlassenden europäischen Mächte 
eine neue Aufgabe exacter Constatirung mancher bis dabin nur 
zweifelhaft auf dem Papier figurirenden geographischen Thatsachen 
zu lösen gehabt. Wäre es ihnen gelungen, den gleichfalls schon 
1878 durch Frankreichs Initiative aufgetauchten Vorschlag oder 
auch die sich daran nahe anschliessenden von der Conferenz zn 
Berlin im Juni 1880 angenommenen Grenzbestimmungen der tür- 
kischen Zähigkeit abzuringen, so würden wir heut in der nunmehr 
ganz innerhalb des osraanischen Gebietes gebliebenen Gipfel- 
gruppe des hohen Olympos, in dem weiten Thalbecken, dessen 
Centrum die ganz griechische Stadt Janina bildet, im Stromlanfe 
des epirotischen Kalamas, Mappirungsobjekte von vielleicht noch 
grösserem Interesse vorlegen können und uns des Gewinnes er- 
leichterter Zugänglichkeit für die allmählig weiterarbeitende Local- 
forschung auf einem grösseren Territorium erfreuen, welches der- 
selben nunmehr unter türkischer Herrschaft, bei der zunehmenden 
Unsicherheit der Grenzbezirke vielleicht auf längere Zeit entzogen 
ist. Immerhin muss es auch jetzt, nachdem die langen Verhandlungen 
zu Constantinopel endlich im Mai 1881 zu einem provisorischen 
Abschlüsse geführt hatten, als ein baarer Gewinn für die Geographie 



Die neue griechisch- türkieche Grenze in Thessalien und Epirus. 245 

gelten, dass wir in Folge davon sorgfältig ausgeführte, wenn auch 
nur auf eine recht schmale Zone beschränkte Kartenaufnahmen er- 
halten haben von Gegenden, die bisher bei allem auch ihnen an- 
haftenden cla^sischen Interesse zu den unbekanntesten ganz Europas 
gehört hatten, wie das Arta- (Arachthos-) Thal und der das obere 
Peneios-Thal nordlich begrenzende Höhenzug. Diese Striche hatten 
bei fast absolutem Mangel von Beobachtungen durch Reisende — 
(wem wäre es wohl eingefallen, gerade den wasserscheidenden Kamm 
eines Gebirges oder den fast unzugänglichen, durch Felsvorsprunge 
eingeengten Thallauf eines wilden Gebirgsstromes durchweg zu 
verfolgen I) — auch auf den am vollständigsten ausgearbeiteten bis- 
herigen Karten nur hypothetisch angedeutet werden können, ein 
Verfahren welches noch immer der täuschenden Ausfüllung mit 
phantastisch erfundenen Formen vorzuziehen ist*). Je weniger 



*) Diesen Vorwurf einer zwar elegant skizzirten, aber vielfach nothwendig 
unwahren Terrainzeichnung muss sich namentlich diejenige Karte gefallen 
lassen, welche sich sonst durch grösseren Maasstab (1 : 300000), sowie — gegen- 
über den Arbeiten russischer und griechischer Kartographen — durch Anwen- 
dung westeuropäischer Schriftcharaktere als bequemste Grundlage der diploma- 
tischen Verhandlungen empfahl, — nämlich die vom militärisch-geographischen 
Institute in Wien 1878 herausgegebene grosse Karte der Türkei in 36 BL, 
welche so oft missbräuchlich als „österreichische Generalstabskarte^ citirt 
wird. Eine solche Benennung erweckt leicht die falsche Vorstellung, als ob 
sie durchaus auf wirklichen Vermessungen beruhe, während in der That ihr 
Vorzug vor älteren Arbeiten nur in der Begründung auf eine nicht un- 
bedeutende Reihe von österreichischen Officieren recognoscirter Routen und 
dabei ausgeführter astronomischer Bestimmungen mancher Hauptpunkte be- 
steht (letztere durch besondere Signatur im Stich, die Routen an den neu 
hinzugekommenen Höhenziffern leicht erkennbar). Von diesen Punkten 
fallen aber nur Elassona, Turnavo, Larissa, Baba und die sie verbindende 
Wegstrecke in Thessalien in den Bereich, Metzovo und Milia an den nord- 
westlichen Rand der neuen Grenzaufnahme; alles was davon südlich bis an 
die alte Grenze des Königreichs liegt ist einfach eine, durch Vergrösserung 
des Maasstabes natürlich nicht genauer gewordene Copie meiner eigenen Be- 
arbeitung (Carte de ri;pire et de la Thessalie, 2 BL 1878, 1 : 500 000), aber 
nicht direkt entlehnt (was praktischer gewesen wäre und eine correctere 
Wiedergabe der Namen ermöglicht hätte), sondern erst aus der auch in Be- 
zug auf den Maasstab (1:420 000) in der Mitte stehenden russischen 
Karte des Generals Artamonoff, welche, soweit sie Thessalien und Epirus 
betrifft, gleichfalls ausschliesslich auf meiner Karte beruht. Diesen Durch- 
gang durch eine fremde Zwischenstufe verräth die Wiener Karte durch 
vielfache Misverständnisse und irrige Lesungen der aus dem russischen 
Alphabet zurückübersetzten Namen, z. B. Sect. L. 14 Jkraplana st. Tz&ra.' 
plana (oder Caraplana, wie die Wiener mit unpassender Anwendung der 
südsla vischen Schreibweise selbst in den griechischen Namen zu 
schreiben vorziehen), Mazapoki st. -raki, Sect. M. 14 ^avalari st. Kav.j Su- 
lon& st. SucKena, SmiAi st. Smia;i (ft0'^»|»;), MapadeX;dri st. Manadendri, Ma- 
krtpu st. Makrj/nu, Prosimon (Theil der Stadt Metzovo) st. Prosi^ion (tiqos 
fJJUov), Kefalt*vra»is st. -lovrysia {ßQVCpg „Quelle"), Sect. M. 14 sogar mit bei- 
behaltener, weil nicht verstandener russischer Adjectivendung : Kalivia 
FteriisA;ti;a st. KaXvßM 4neQnaTtxä, d. i. „zum Dorfe Phteria gehörige 



246 H* Kiepert: 

mithin die unzureichende Beschaffenheit der vorhandenen Karten 
einen definitiven Abschluss der Grenzbestimmungen am grünen 
Tische gestattete, desto unumgänglicher wurde, ganz wie zwei 
Jahre früher betreffs der Balkan- Gegen den, die genaue Vermessung 
an Ort und Stelle durch militärische Commissare der acht betheilig- 
ten Mächte. Ausgeführt wurde diese Arbeit in den Monaten Joli 
bis October 1881, die Reinzeichnung und deren Vervielfältigung 
durch Photozinkographie aber der Fürsorge des britischen Com- 
missars. Major Ardagh, übertragen; der Druck der bereits im 
März d. J. fertig gestellten 18 Blätter hat sich jedoch darch die 
nachträgliche Erledigung einer streitig gebliebenen Grenzstelle ver- 
zögert, so dass die den betheiligten Mächten zukommenden Exemplare 
erst Anfang Juni zur Versendung gelangten. Die dankbar anzo- 
erkennende Gefälligkeit des k. deutschen auswärtigen Amtes hat 
uns ein Exemplar dieser zunächst nicht in die Öffentlichkeit ge- 
langenden Karten sofort zugänglich gemacht und uns dadurch in 
den Stand gesetzt, in kürzester Frist eine übersichtliche, aber den 
vollen Inhalt des im Längenmaasstab vierfach grösseren Originals 
wiedergebende Reduction dem geographischen Publicum voraa- 
legen*). Die Theilung in zwei Sectionen von sehr verschiedener 



Hütten*. Man sieht, in den meisten Fällen ist es nur die Aehnlichkeit 
verschiedener, im Abdruck nicht deutlich lesbarer russischer Bachstaben, 
welche die Zeichner des Wiener Instituts zu Mis^riffen verleitet hat, die 
sie durch Vergleichung meiner Karte sogleich hätten vermeiden können. 

*) Natürlich konnten die Terrainformen, welche die Originalkarte durch 
Horizoutalcurven von je 100 Meter Abstand ausdrückt, in unserer starken 
Reduction uur in einer der Stärke der Böschungen entsprechenden allge- 
meineren Fassung wiedergegeben werden ; eine speciellere Beurtheilung der- 
selben ermöglichen die vielen trigonometrisch gemessenen Höhen, deren 
Ziffern aus dem Original vollständig und unverändert, also in englischem 
Fussmaass (dem internationalen Charakter der Arbeit würde wenigstens Bei- 
fügung des Meteimaasses besser entsprochen haben) beibehalten sind. (Für 
den Gipfel Zygos neben dem gleichnamigen Passe fehlt auffallender Weise 
im Original eine Höhenziffer). Verglichen mit früheren Messungen, nament- 
lich denen der österreichischen Genie-Officiere, ergaben dieselben folgende 
Differenzen : 

Metamorphosis 5214' = 1590™ gegen 1481™ der Wiener Karte. 
Sipoto 4072' = 1242m „ 1060™ „ " „ 

Meluna Pass 1700' = 518™ „ 540™ „ „ 

Südlich vom Salamvria 

Dobrudja Dagh 2151'= 709™ „ 764™ (Laloy) 
xw p ir i Zygos-Pass 5090' = 1551™ „ 1595™ der Wiener Karte 
j>w.-J^cKe |peristeri 6775' = 20fi5™ „ 2100™ (do. Schätzung). 

Die Graduirung des Originals mit Länge von Paris (ungeachtet der 
Herstellung in England, eine Art internationaler Concession!) haben wir 
natürlich beibehalten; in der Position der Mündung des Arta-Flusses zeigt 
dieselbe eine nicht erhebliche Differenz gegen die drei Decennien älteren 
nautischen Vermessungen der Engländer. 

Die Orthographie der, bis auf wenige wlachische und noch spar- 
samere türkische, durchaus der griechischen Sprache angehörigen Namen 



Im Olympos 



Die neue griechiBch-türkische Grenze in Thessalien und Epirus. 247 

Grosse rechtfertigt sich durch die in ihrem epirotischen Theile fast 
genau nordsüdliche, im thessalischen westöstliche Erstreckung der 
Grenzlinie. 

Der bleibende Werth der neuen Aufnahme erhellt am deut- 
lichsten durch Vergleichung mit den früher innerhalb desselben 
Rayons gemachten topographischen Versuchen; es schien zur Er- 
leichterung der Übersicht zweckmässig, die wichtigsten derselben, 
zumal sie theils überhaupt unedirt, theils in wenig verbreiteten 
Werken zerstreut sind, unserm Kartenbilde beizufügen ; natürlich 
meist in erheblich kleinerem Maasstabe, entsprechend dem geringeren 
Maasse der darin enthaltenen Details. Weggelassen sind die jetzt 
allgemein zugängliche, überdiess am wenigsten selbständige neue 
Daten enthaltende österreichische Karte (s. oben S. 245 Note), so- 
wie der in seinem Ursprünge schon dem Anfange unseres Jahrhunderts 
angehörige erste Versuch einer kartographischen Bearbeitung dieser 
Landstriche, welchen Barbie du Bocage und später Colonel 
Lapie nach den überaus flüchtigen und unzuverlässigen Reise- 
notizen des von Napoleon I. bei dem bekannten Ali Pascha be- 
glaubigten politischen Agenten Pouqueville mit vieler Mühe und 
geringem Erfolge ausgearbeitet hatten: eine Arbeit, welche doch 
Jahrzehnte lang als alleinige Quelle von allen Kartographen be- 
nutzt worden ist. Dagegen ist das Reisejournal seines britischen 
Rivalen in jener Stellung, des durch seine vielseitigen Forschungen 
auf classischem Boden berühmten Colonel W. M. Leake, welches 
erst 1836 in den Travels in Northern Greece ans Licht trat, die zu- 
verlässigste Grundlage aller späteren Arbeiten geworden; aus der 
dasselbe begleitenden Karte, welche den Anforderungen jener Zeit 



hätte in Folge der Cooperation eines griechischen Mitgliedes der Commission 
vielleicht stellenweise noch correcter gegeben werden können, da manche 
evidente Fehler — welche ich in der vorliegenden Karte stillschweigend be- 
richtigt habe — nicht wohl auf Rechnung des copirenden Zeichners ge- 
schoben werden können, so z. B. auf Sect. A. 4 KataphicZi u. B. 2 Kata^A;2, 
sicher beide für xaraqrvyi}, F. 2 Analipsis Rapsaniotiko» st. -ki (Femin.!) und 
Mon. de A. Sotero«, als wenn diess Nominativform wäre; D 4. H. Konstan- 
tios (st. -tinos) et Helena könnte wohl Schreibfehler sein, wie es F. 2 Tchai 
Agszj statt AgÄzy (türk. „Flussmündung") sicher ist. Formen wie E. 2 
Psilorcbkhi {yiptjX^, nicht tpi^ltj Qccx^)^ ^* ^ Diskaia (^JiaairXdcTa sonst geschrieben), 
A. 4 Aliakmon als antiker Flussnahme ohne H, C. 2 Trapsa statt TgänsC^ 
sind wenigstens ungenau wiedergegeben , so wohl auch der Dorfname Ku- 
tchuv^ni, den griechische Autoren Kovr^ovtfhayi] schreiben; auch der „rothe 
Berg** Kiziltep^ B. 3 wird ausser diesem zufällig vernommenen türkischen 
wohl auch einen gleichbedeutenden griechischen Namen, also etwa Kokkino- 
vumo führen. Sonst habe ich nur soweit in der Schreibweise geändert, dass 
ich das im Griechischen geschriebene, wenn auch nicht ausgesprochene H, 
z. B. in Siagioa (Original stets JgioSj sogar E. 3 tautologisch A. Panagial) 
und für j( ch statt kh, für (p ph statt f, für v j statt i, für rj der Aus- 
sprache entsprechend i gesetzt habe, während die Originalkarte in diesen 
Fällen e (Akroteri, Soteros, J^ias u. a.) beibehält. 



248 ^* Kiepert: 

entsprechend, keine topographischen Details, sondern nor die all- 
gemeinen Contoaren des Landes, auch ohne specielle Bergformen, 
aber auf soliderer Basis, als bei seinem franzosischen CoUegen, 
enthält, geben wir auf Taf. IV fast im Maasstabe des Originals 
den der neuen Grenzzone entsprechenden Abschnitt, mit Markirong 
der vom Autor zurückgelegten Routen. Diese berühren oder 
schneiden allerdings die neue Grenzlinie nur an wenigen Paukten; 
die wenigen in der Längstrace derselben sowohl im nördlichen 
Gebirge als im Arta-Thale verzeichneten Positionen hat der Autor 
nur approximativ nach Erkundigungen niedergelegt. 

Die Routiers der folgenden Jahrzehnte gewähren fSr Nord- 
Thessalien nur spärliche Ausbeute; das des Geologen Ami Bone 
(1837) ist nicht so detaillirt verzeichnet, um graphische Gonstruction 
zu ermöglichen, und H. Barth's Route durch den hoben (nord- 
lichen) Olymp im J. 1862 reicht südlich eben nur bis zu der 
den nordlichen Rand der neuen Aufnahme berührenden Position 
Elassona. Der erste Reisende, welcher auch die südlichen, inner^ 
halb der neuen Grenze fallenden Abhänge des Olymp darcbforscht 
und in einer, allerdings nicht auf genauen Messungen beruhenden 
(von uns reproducirten) Kartenskizze niedergelegt hatte, war der 
französische Archäolog Leon Heuzey, (VAcamanie et le Moni 
Olytnpe^ Paris 1860); die auf seiner zweiten Reise 1861 — 62 von 
dem ihm bejgegebeuen Ingenieur-Topographen Laloy ausgeführte 
Vermessung des oberen thessalischen Beckens*) berührt nur anf 
eine kurze Strecke, welche wir gleichfalls neben die entsprechende 
Stelle der Grenzkarte gesetzt haben, die letztere. Viel umfangreicher 
sind die in weiteren Strecken des nordlichen Thessaliens und des 
östlichen Epirus 18G7 von G. Lejean geraachten Wegeaufnahmen, 
deren vollständige Verarbeitung zu einer gross angelegten Ge- 
sammtkarte im Maasstab 1 : 100 000 der vorzeitige Tod des über- 
aus fleissigen und gewissenhaften Reisenden, bald nach seiner 
Rückkehr ins Vaterland (Febr. 1871) unterbrochen hat; was in 
den unvollendet von ihm hinterlassenen, im Archiv des Ministeriums 
der auswärtigen Angelegenheiten zu Paris aufbewahrten und im 
Herbst 1879 mit Herrn Waddington's gütiger Erlaubniss von mir 
copirten Zeichnungen hierher gehört — leider durch eine unaas- 
gefuUte Lücke unterbrochen — findet sich in halber Grosse des 
Originals, sonst vollständig und genau wiedergegeben auf Tafel V. 
Endlich hat 1872 ein Membre de Tecole francaise d'Athenes, H. Gor- 
ceix von Larissa aus eine Tour ins Haliaknion-Gebiet gemacht. 



*) Dieselbe wurde zufolge speziellen Auftrags L. NapoltJons im Interesse 
der ungreschriebeii g-ebliebeueu Fortsetzung seiner Histoire de Jules Cisar 
(Bürgerkriege , Schlacht von Pharsalus) ausgeführt und ist im Maasstabe 
1 : 250 000 publicirt in der Mission arch^Offique en Jlacidoine par L, ffeusey 
et IL Daumetj Faris IS70. 



Die neue griechisch- türkische Grenze in Thessalien und Epirns. 249 

welche nordlich im Xeragis-Thale auf demselben Wege, den auch 
Lejean verzeichnet hat, dann aber weiter westlich auf einem bis da- 
hin von Europäern unbetretenen Bergpfade südlich nach Trikkala 
zurückführte; die dort von ihm berührten Ortschaften (vgl. die 
Copie dieses Wegestücks auf unserer Taf. IV oben, nach der Original- 
karte im Bulletin de la Soc, de Geogr. 1874, Mai) finden sich auch 
in der neuen Grenzkarte mit einer geringfügigen orthographischen 
Abweichung (Lubenitza st. Nubanitza). — Alles in den genannten 
Routiers nicht enthaltene Terrain innerhalb der neuen nördlichen 
Grenzzone ist bisher topographisch durchaus terra incognita gewesen. 

Von dem in unserer Taf. III enthaltenen westlichen, durch 
das alte Epirus laufenden Theile der neuen Grenze waren seit 
Anfang des Jahrhunderts durch Leake's und Pouqueville's Besuche 
nur die Endpunkte in N. und S., die Städte Kalarrytes und Arta 
mit ihrer nächsten Umgebung bekannt; der Flusslauf zwischen 
beiden, wie er auf den älteren Karten eingezeichnet ist, gänzlich 
hypothetisch. Die beiden einzigen Versuche, demselben nahe zu 
kommen (denn ein direktes Verfolgen, wie es erst die Aufgabe 
der Grenzcommission unbedingt forderte, war durch die örtliche 
Beschaffenheit überaus erschwert), haben wir zur Vergleichung des 
damals geleisteten in verkleinerter Zeichnung neben jenes Stück 
der neuen Aufnahme gestellt. 

Die jüngste dieser Leistungen ist die 1879 in Rom erschienene 
Carla d'Epiro von Enrico de Gubernatis, italienischem Consul 
in Janina von 1869 bis 1878 und gründlichem Erforscher dieses 
ganzen Landes; sein Ausflug zu den Hochgipfeln des Pindus an 
den Quellen des Aspropotamo und durch die ganze alpine Land- 
schaft zwischen Kalarrytes und Metzovo hat — sehr begreiflich 
bei der Schwierigkeit des Terrains — diesem Strich in der Con- 
struction, wie jetzt die neue Aufnahme lebrt, eine allzüweite Aus- 
dehnung gegeben; auf einer anderen Route hat er das Arta-Thal 
längs seiner hohen westlichen Thalseite verfolgt, daher den Fluss- 
lauf selbst nur von fern beobachten und unsicher niederlegen 
können. Dagegen hatte H. Barth auf seiner letzten Reise im 
Herbst 1865 von Janina kommend dasselbe Thal zuerst auf der 
westlichen, dann auf der Östlichen Seite, zumeist ebenfalls auf 
einer höheren, vom Flusse ziemlich weit abliegenden Stufe passirt, 
und er würde davon die erste der Wirklichkeit sich annähernde 
Darstellung gegeben haben, wenn ihn nicht mitten in der Arbeit 
der Reinschrift seines Itinerars ein allzufrüher Tod ereilt hätte. 
Nur aus den flüchtig auf dem Pferde mit Bleistift gemachten, oft 
verwischten und kaum zu entziffernden Tagebuchnotizen konnte 
ich das vielfach unsichere und unvollständige Material*) zu einer 

*) Diese fragmentarische Beschaffenheit des Nachlasses einer unzweifel- 
haft überaus inhaltreichen und für jene Epoche sehr viel neues hrm^'^ii.d&TL 



242 Paul Lehmann: 

— was selten geschieht — fern am Horizonte die schön geschwnngeDen 
Kontouren der Beskiden auftauchen. Wer auf der Mitte der Hohen 
Heide niedersitzt, dem verschwinden Berg und Thal, Baum and 
Strauch, um ihn säuselt das Gras im Winde und über ihm wölbt 
sich der Himmel. Oft würden kurze Abstecher die Verächter des 
Aitvater eines besseren belehren. Wer von der Schweizerei ein 
kurzes Stück hinübergeht auf die Ostabhänge des Leiterberges, wird 
durch den besonders bei Abendbeleuchtung schönen Anblick des 
Bielathales und seiner Umgebungen erfreut. Die Sonnennntergänge 
sind vorzüglich schön an den Punkten, die — wie ein Aussichtsplats 
bei Franzens Jagdhaus oder die Schieferheide und der Maiberg — 
zugleich einen Ausblick auf das Hügelland zwischen Altvater and 
March ermöglichen. Ich will von den vielen herrlichen Schauspiele 

— nach meinen Tagebuchnotizen — nur eins erwähnen, das sich mir 
von der Höhe des Maiberges darbot. „Schwarz und düster werden die 
Fichtengründe der Südostabdachung, weit über das niedere Gesenke 
hinaus rücken die Schatten mit scharfer Abgrenzung gegen die noch im 
goldigen Scheine glänzenden Fluren. Violett schimmern die feinen Dünste 
über dem düstern Tessthale und goldgelb erglänzt der ELimmel am den 
Kepernik und Fuhrmannstein, die von hier als ebenbürtiges Brüderpaar 
erscheinen. Meergrün erscheint das dunstumflorte Hügelland im Westen, 
bald dunkler, bald heller sind die Farbentöne; da die bereits im 
Schatten getauchten Abhänge dem Beschauer zugekehrt sind und 
um die Gipfel noch ein hellerer Schein schwebt, sieht es aus, als 
ob tiefwogig der Ocean mit Eiesenwellen gegen das Gebirge her- 
anbrause. Nach der Schäferei ist es freilich vom Mai berge oder 
gar der Schieferheide, die nach dem Mertathale zu mit einem An- 
sätze zu der Form der abgestumpften Pyramide steil abfällt, etwas 
weit, und nächtliche Wanderungen über betaute Höhen sind — so 
schön sie sind — nicht jedermanns Geschmack. Die Alfredhütte 
bietet keine Unterkunft und, ob der Heger in Franzens Jagdhaus 
eine der für die Förster des Baron Klein bestimmten Matratzen 
zum Nachtlager gewährt, ist ungewiss. Wer das schön gelegene 
Jagdhäuschen zum Ausgangspunkte von Excursionen machen und 
sich an seiner reizenden Umgebung länger erfreuen will, thut wohl, 
sich in Wiesenberg einen Erlaubnisscbein zu erwirken. Von den 
Fenstern aus blickt man in die Gräben und Gründe, die vom Alt- 
vater und der Hohen Heide steil hinabführen in das tiefe Thal, 
dem die Wechsel von Beleuchtung und Bewölkung immer neue Eeize 
verleihen. 

Einen frugalen Imbiss und ein Heulager findet man bei dem 
Wirte, der während der Sommermonate ein Holzhäuschen neben der 
Heidebründlkapelle bewohnt. Man hat von hier nur noch wenige 
Schritte bis zur Spitze des Roten Berges, dem, was die Aussicht an- 
langt, von allen Altvatergipfeln der erste Preis gebührt; nur der 



Die neue griechisch-türkische Qrenze in Thessalien und Epirus. 251 

243 geogr. Quadratmeilen , von welchen die dem griechischen 
Königreiche zufallende Hälfte der schmalen wirklich aufgenommenen 
Grenzzone nur etwa den zehnten Theil, ca. 23 Quadratmeilen, 
ausfüllt, die französische Aufnahme des oberen thessalischen Beckens 
(welche nur eben an einer übergreifenden Stelle sich an die erst- 
genannte anschliesst, mit den älteren französischen Aufnahmen 
des Königreiches nur mittels zweier benachbarter beiderseits sicht- 
barer Bergspitzen Karavi und Budzikaki in Zusammenhang steht) 
deckt fernere 53 Quadratmeilen, lässt aber innerhalb derselben 
Doch kleine Lücken der Topographie bestehen ; endlich der von 
der österreichischen Recognoscirung bestrichene Rayon am unteren 
Salamvrias wird nicht über 4 Quadratmeilen anzuschlagen sein; 
also zusammen ca. 80 Quadratmeilen oder ungefähr ein Drittheil 
des Ganzen. Kaum kann man noch hinzurechnen den, in unserer 
Tafel VI durch schwächere Schraffirung markirten Streifen un- 
mittelbar nördlich von der alten Grenze des Königreichs, welcher 
zwar nicht bei der französischen Generalstabsaufnahme , aber bei 
der vorläufigen Recognoscirung der 1835 festgestellten Grenze 
offenbar nur flüchtig in die officielle zu Argos erschienene Grenz- 
karte eingezeichnet worden ist, sowie die innerhalb der Sichtbar- 
keitsgrenze für die britische Küstenaufnahme liegende äussere 
Abdachung der Randgebirge mit ihrer südlichen halbinselförmigen 
Fortsetzung; diese beiden Antheile (von beiläufig je 15 — 16 
Quadratmeilen) geben doch nur die allgemeinen Terrainfornien 
ihres Bereiches in richtiger Lage , aber ohne topographische De- 
tails. So bleiben, je nachdem man rechnen will, immer noch die 
weit grössere Hälfte oder zwei Dritttheile des neu gewonnenen 
Terrains zu vermessen, und davon kann wiederum nur die kleinere 
Hälfte im östlichen Thessalien als durch die privaten Beobachtungen 
von Reisenden verschiedener Nationalität (ausser den schon ge- 
nannten die Engländer Gell und Dodwell aus dem Beginn des 
Jahrhunderts, der Franzose Maizier es, der Däne Ussing) als 
leidlich orientirt gelten. Der grössere Rest, namentlich die als 
Asyl zahlreicher Klephtenbanden bisher stets gefürchtete süd liehe 
Berglandschaft, sowie die zumeist von Wlachen bewohnte obere Thal- 
landschaft des Aspropotanio gehört noch immer zu den am wenigsten 
betretenen Regionen und ist hier die topographische Arbeit gerade- 
zu vollständig neu vorzunehmen. £s ist allerdings zu fürchten, 
dass dieser Aufgabe sowohl die technischen wie die finanziellen 
Kräfte des heutigen griechischen Staates nicht gewachsen sind, 
sowenig andererseits daran zu denken ist, dass ihm etwa die 
französische Republik mit einer Fortsetzung der unter dem Juli- 
königreich ausgeführten Vermessungsarbeit aus Motiven nationaler 
Sympathie werde ein Geschenk machen wollen. Das gegenwärtige 
Geschlecht dürfte also wohl die namentlich vom historisch-archäo- 



252 H» Kiepert: 

logischen Standpunkte so überaus wunschenswerthe kartographische 
Specialverzeichnung Thessaliens und seines epirotischen Annexes 
kaum erleben und muss sich mit der Eröffnung dieses neuen 
Arbeitsfeldes für den Wetteifer privater Unternehmungen begnügen, 
woran sowohl unser junges deutsches archäologisches Institut zu 
Athen, als die dortige Ecole fran9aise es hoffentlich nicht werden 
fehlen lassen; möchten sich ihnen auch gl eich streben de und be- 
fähigte Männer des hellenischen Volkes zugesellen I Einer der- 
selben, Herr Chrysochoos aus Zitza bei Janina, hat in der That 
schon vorbereitende Schritte gethan durch Herausgabe einer im 
Maasstabe ganz der franzosischen A.nfnahme des Königreichs 
sich anschliessenden Karte*); jedoch zeigt dieselbe in hydro- und 
orographischer Zeichnung nur in der epirotischen Heimatb des Yf. 
und im mittleren Theile des östlichen magnesischen Berglandes 
Spuren selbständiger Berichtigung und wiederholt im übrigen nur 
in vergrösserter Form die Züge der österreichischen Karte, vor 
welcher sie jedoch den Vorzug der Einschaltung einer beträcht- 
lichen Zahl von in den alten Karten fehlenden Ortschaften nnd der 
richtigen griechischen Schreibart sämmtlicher Namen voraus hat 
Das Übersichtskärtchen dient endlich noch dem Zwecke, ein 
historisches Moment dieses Bodens zu verdeutlichen, nämlich die 
ursprüngliche (nicht gegenwärtige) räumliche Vertheilung der 
türkischen Ansiedlungen, welche in Thessalien älter sind als 
die osmanische Eroberung, da sie als Einwanderer aus Kleinasien 
(worauf sich ihre noch jetzt nicht ganz verschollene Benennung 
als Koniariden, von der Seldschuken-Hauptstadt Konia, bezieht) 
schon im 10. Jahrhundert von den byzantinischen Kaisern auf- 
genommen wurden. Ihnen verdanken die mehr als anderthalb- 
hundert türkisch benannten Dörfer ihren Ursprung, deren Lage 
wenigstens anzudeuten der reiche Inhalt der Karte von Chry- 
sochoos gestattete. Man erkennt leicht (am deutlichsten durch 
Vergleichung einer Terrainkarte, wie die in gleichem Maasstabe 
entworfene Karte von Griechenland in meinem Handatlas), dass 
sie zum weitgrössten Theile den Ebenen (noch mit Ausschluss 
des obern Salamvria-Thales) und dem flacheren Hügellande an- 
gehören; nur wenige wahrscheinlich jüngere finden sich im nörd- 
lichen und südlichen Berglande in der Richtung der für die os- 
manischen Herscher strategisch wichtigsten Pässe nach Macedonien 
und nach Süd-Griechenland. Die meisten dieser ursprünglich 
türkischen Anlagen sind in ihrer Bevölkerung tief herabgekommen 
oder haben unter Fortdauer des alten Namens (wie in einzelnen 



*) JJivct^ Ttjg /ntot]fißQiyt]g 'Hnsigov xal rtjg SsGdaXCttg, IxTiot/fid-ttg vno 
3ft/«^X S. Xqvcoxoov ZiTGttiov Trj (fvt'dQo/ufj T?? ^EnnQonfjg Ttjg ^Ed^vat^g 
'Af^vytjg X«* l4d€k(f6Tt]Tog xat jov ngog (fnidoaiy twv 'EkXtjyiXioy FQafjifjunav 
SvXköyov, Iv \4&tjynig xam Maquov rov 1881, xA/^«| 1:200 000. 8 Bl. 



Die neue griechisch-türkische Grenze in Thessalien und Epirus. 253 

Theilen Mittelgriechenlands und Moreas) griechischer Bevölkerung 
Platz gemacht, deren grosse Masse sich im Mittelalter in die um- 
liegenden Berglandschaften zurückgezogen hatte, welche noch jetzt, 
zumal im magnesischen Küstengebirge wie im Pindos, die weit 
grössten rein christlichen Gemeinden enthalten. Innerhalb des 
Pindos und in den obern Theilen des Aspropotamo und Arta 
scbliessen sich daran die meist stark bevölkerten Gebirgsdörfer 
der gleichfalls im Mittelalter eingewanderten Kutzowlachen oder 
Zinzaren, welche im Hausgebrauch ihren romanischen Dialekt 
bewahren, aus Rücksichten des Verkehrs aber sämmtlich daneben 
auch das Griechische sprechen*); ihr vor ein paar Jahren von 
einigen thörichten Agitatoren erhobener Anspruch auf Bildung 
einer staatlich selbständigen eigenen kleinen Nationalität scheint 
heut der Vergessenheit anheimgefallen und wird der baldigen voll- 
ständigen Auflösung in die griechische Nation ebensowenig Hinder- 
nisse bereiten, als das seitens ihrer noch vor einigen Jahrzehnten 
zahlreichen Volksgenossen im altern griechischen Königreiche ge- 
schehen ist. Ebenso scheint, nach analogen Vorgängen im König- 
reiche zu schliessen, das gänzliche Schwinden des nur durch die 
türkischen Bauern und einen Theil der städtischen Bevölkerung 
getragenen muhammedanischen Elements (Albanesen giebt es unter 
ihnen nur in sehr geringer Zahl) nur eine Frage der Zeit zu 
sein, so dass bis zum Schlüsse des Jahrhunderts bereits die volle 
Nationaleinheit innerhalb der neuen Grenzen hergestellt sein 
dürfte. 



XIV. 

Entgegnung gegen Dr. H. Fritsche's Kritik meiner Auf- 
sätze über Nordchina. 

Von Dr. O. F. von Mollen dorff. 



Gegen Herrn Dr. Fritsche's Angriffe im XVI. Bande dieser 
Zeitschrift (p. 425 — 427) gestatte ich mir die folgende Entgegnung: 

Was die Frage der Transskription chinesischer Ortsnamen an- 
belangt, so habe ich s. Z. genügend erörtert, dass dieselbe wohl nur 
von sachverständigen Philologen gelöst werden kann, und meine 
Gründe gegen die v. Richthofen'sche Orthographie resp. gegen einzelne 



^) Einer der hervorragendsten dieser Pindos wlachen, aus der grossen 
Ortschaft Syrako an der neuen NW.-Grenze, die nur durch den Bach von 
ihrer Nachbarstadt Ealarrytes geschieden, in Folge des letzten Abkommens 
unter ttlrkischer Herrschaft geblieben ist, war bekanntlich der ausgezeichnete 
frühere griechische Minister Kolettis. 



254 O. F. V. Möllendorff: 

Punkte derselben ausfiihrlich entwickelt. Dagegen setzt Herr Dr. 
Fritscho eine einfache Behauptung, ohne sie im geringsten zu be- 
gründen; ich bestreite ihm bei seiner mangelhaften Kenntnis des 
Chinesischen die Kompetenz, diese Frage überhaupt zu diskutieren. 
Merkwürdigerweise wirft er meinem System gerade das vor, worin 
es mit dem v. Richthofen'schen übereinstimnit, dass es nämlich nicht 
„möglichst einfach, wirklich deutsch*^ ist. Gerade darin bin ich 
V. Richthofen gefolgt, dass ich ein System wählte, welches auch fiir 
Engländer und Franzosen acceptabel wäre. Der Hauptpunkt, in 
welchem ich von v. Richthofen abweiche, nämlich die Anwendung der 
Mediae für die sogenannten unaspirierten Tenues, sollte gerade Herrn 
Dr. Fritsche's Beifall haben, der in allen seinen Werken nach dem 
Vorgange der Russen b, d, g anwendet, wo v. Richthofen p, t, k 
schreibt. 

Wenn Herr Dr. Fritsche das chinesische Wort für Fahne „zi** 
ausspricht, so spricht er eben nicht korrekt. Wie ich des längeren 
ausgeführt habe, steht der bezügliche Laut zwischen tschi, tji und tsi 
in der Mitte, und man hat sich für eines der Extreme zu entscheiden, 
wenn man nicht einen neuen Laut schafiPen will. Keinenfalls dürfte 
man das deutsche z anwenden, welches die Konfusion nur vermehren 
würde. Wenn Herr Dr. Fritsche Wade's Elementarbuch zur Er- 
lernung des Chinesischen nachschlagen will, so wird er finden, dass 
Wade das betreffende Wort ch*i (also tschi) schreibt. 

Auf p. 253 lasse ich Herrn von Richthofen keinerlei Zurecht- 
weisung zukommen, sondern mache nur darauf aufmerksam, dass die 
barbarischon Entstellungen chinesischer Namen in Übersetzungen 
russischer Werke auf Rechnung der deutschen Übersetzer, nicht, wie 
Ilorr von Richthofen anzunehmen schien, auf Rechnung des russischen 
Transskri})tionssystems kommen. Da Herr von Richthofen nicht aus 
dem Russischen übersetzt hat, sondern eben entstellte Namen aus 
deutschen Übersetzungen citiert, so wird er mich jedenfalls richtig 
verstanden luiben. 

Ebenila mache ich, obwohl des Russischen unkundig, keinen 
groben Kehler betreffs des russischen Buchstabens ac, den ich auch 
keineswegs dem deutschen seh gleichsetze. Ich nenne ihn vielmehr 
richtig das y, summende seh'', sprachwissenschaftlich z, französisch j. 
Da wir im Deutschen für den summenden sch-Laut keinen Buchstaben 
haben, so wird in Übersetzungen allgemein seh dafür gesetzt. Dass 
jener Ihiehstabo dem deutschen j sehr nahe kommt (z. B. in Jupiter), 
ist für einen Lehrer der russischen und deutschen Sprache eine 
recht merkwürdige Entdeckung. 

Weiter muss ich Herrn Dr. Fritsche dankbar sein, dass er 
meinen chinesischen Kenntnissen so viel Anerkennung zollt; nur hätte 
er den weiteren Schluss ziehen können, dass ich in der Benutzung 
r))i]josiseher Karten den Vorteil vor ihm voraus habe, dieselben ohne 



£ntgegiiaug gegen Dr. Fritsche's Kritik meiner Aufsätze über Nordchina. 255 

Hülfe chinesischer Gelehrten lesen und übersetzen zu können. Ich 
weiss deshalb auch ganz wohl, dass tshiau (Brücke) recht häufig an 
der Zusammensetzung chinesischer Ortsnamen teilnimmt. Ich habe 
auch nirgends behauptet, dass das von Fritsche Issun ho ziao ge- 
nannte Dorf nicht so heissen könne, sondern nur, dass es anders 
heisst. Der Ort heisst offiziell auf den Karten, in der statistischen 
Beschreibung des betreffenden Distriktes, auch in dem von Herrn 
Dr. Fritsche übersetzten Atlas von 1863 Tshang-san-ying, wel- 
cher Name mir auch an Ort und Stelle nicht von Gelehrten und 
Beamten, sondern von Wirtsleuten und Maultiertreibern genannt 
wurde. Daneben gilt als Name beim niederen Volke I-bai-dshia-dsy;. 
nach dem von Dr. Fritsche notierten Namen habe ich mehrfach 
vergeblich gefragt. Ich hatte, wie Herr Dr. Fritsche richtig hervor- 
hebt, den Vorteil, an der Hand seines Itinerars jene Gegend be- 
reisen zu können und habe das Isun-Thal zweimal passiert; Herr 
Dr. Fritsche darf sich also ruhig darauf verlassen, dass ich mich 
erst ganz genau erkundigt hatte, ehe ich seine mangelhafte Notie- 
rung von Ortsnamen korrigierte. Das von ihm gewählte Beispiel 
eines Ortes mit mehreren Namen, Peking, ist recht unglücklich. 
Ching-tu (Dshing-du) ist nicht Name von Peking, sondern heisst 
„die Hauptstadt''. 

Gegen Herrn Dr. Fritsche's Behauptung, dass die alten Jesuiten- 
karten dem Reisenden in jenen Gegenden wenig Nutzen gewähren, 
habe ich durchaus nichts einzuwenden gehabt, sondern nur behauptet, 
dass die wenigen Namen derselben z. T. richtiger sind, als die des 
Herrn Dr. Fritsche, und das halte ich noch immer aufrecht. 

Was den Berg Petscha oder Baitscha anbelangt, so kann niemand 
mehr bedauern als ich selbst, dass ich nicht im Stande war, den- 
selben zu besuchen. Hätte ich mich „monatelang^* in jenen Bergen 
aufgehalten, so wäre es mir doch vielleicht möglich gewesen. Ich 
war aber nur ca. 5 Wochen von Peking aus unterwegs und nur 
eine Woche in jenen Bergen, und so teils durch mangelnde Zeit, 
teils durch Mangel an Zelten und Proviant verhindert, das gänzlich 
unbewohnte Gebirge zu besuchen. Dass unsere Wirtsleute einen 
Gebirgsstock Bai-tsha zu kennen behaupteten, schien mir immerhin 
der Mitteilung wert ; dass ich dabei die schon vor Jahren veröffent- 
lichten Untersuchungen des Herrn Dr. Fritsche unter Angabe der 
Quelle rekapitulierte, war vielleicht überflüssig, sollte aber dem 
citierten Autor nicht gerade unangenehm sein, wie dies der Fall zu 
sein scheint. Herr Dr. Fritsche macht ferner — den groben Fehler, 
würde er sich vermutlich ausdrücken — , dass er den Namen Wei-tshang 
auf den in Rede stehenden Gebirgsknoten bezieht. Wei-tshang heisst 
nicht „grosser Raum'' oder etwa „stark", sondern ein eingehegtes 
Terrain, daher Jagdgeliege, und in diesem speziellen Fall ist es 
der Name der kaiserlichen Jagdgründe, wie ich Zeitschr. XVI p. 107 



256 Möllendorff: Entgegnung gegen Fritsche*8 Kritik m. Au£s. ü. Nordchina. 

» 
erwähnt; der Name bezieht sich auch nicht auf ein einzelnes G-e- 

birge, sondern auf die ganze Gegend nördlich von Jehol. 

Den härtesten Vorwurf macht mir Dr. Pritsche Seite 427, 
nämlich den, dass ich „nur durch Summation der Fehler meiner 
höchst unvollkommenen Kompassnotierungen dazu verleitet wurde, 
von seinen Längen abzuweichen'^ Dass Kompasnotierungen allein 
nur ein unvollkommenes Itinerar ergeben, bedarf ja nicht der Er- 
wähnung; ich verwahre mich aber entschieden gegen den Vorwurf 
der Leichtfertigkeit, auf Grund unvollkommener Kompasnotierungen 
von gemessenen Längen abgewichen zu sein. Woher weiss Herr 
Dr. Fritsche, dass meine Notierungen höchst unvollkommen waren? 
Ich habe ihm dieselben meines Wissens nicht g^ezeigt. Von Fritsche's 
Laugen bin ich in einigen Fällen abgewichen, wo mich hunderte 
von Winkelmessungen, die unter einander gut stimmten, dazu nötigten. 
Dies betrifft namentlich einige Orte in der Gegend von Peking*), 
wo meine Messungen durch eine sorgfältige Triangulation meines 
Freundes Waeber bestätigt wurden, z. B. Nankou. 

Dass meine Höhenbestimmungen im höchsten Grade unsieber 
sind, höre ich zum ersten Male. Herr Dr. Fritsche hat mir das 
bezügliche Aneroid geliehen, und als es 1875 auf einer Reise nach 
dem Bo-hua-shan durch Steinwürfe gelitten hatte, mir 1877 und 1879 
wieder mitgegeben, auch die Höhen später selbst ausgerechnet. Et 
hat mir weder vor den Reisen noch nachher mitgeteilt, dass das 
Instrument unzuverlässig geworden, und da er wusste, dass ich die 
Höhen in meine zu publizierende Karte aufzunehmen beabsichtigte, 
so durfte er mich nicht in dem guten Glauben lassen, dass die von 
mir beobachteten, von ihm berechneten Höhenmessungen brauchbar 
seien. Es wäre, abgesehen von der Rücksichtslosigkeit gegen mich, 
im Interesse der Wissenschaft seine Pflicht gewesen, mich auf das 
Unnütze von Messungen mit einem unzuverlässigen Instrument auf- 
merksam zu machen. 

Hongkong, 3. April 1882. 



*) Hierzu erlaube ich mir die Bemerkung, dass Herr Dr. Fritsche vor 
einigen Jahren hier in Berlin nach langer Diskussion Herrn von Richthofen 
und mir gegenüber es für durchaus gerechtfertigt erklärte, dass wir bei der 
Zeichnung der Umgebung von Peking seine astronomischen Bestimmungen 
zu Gunsten der v. Richthofen'schen Winkelmessungen vernachlässigten. Die 
beiderseitigen Elemente waren eben in keiner Weise zu vereinigen. 

Richard Kiepert. 



XV. 
Die Landesaufnahme in Russland 1881. 

(Nach dem offiziellen Bericht im „Russischen Invaliden" 1882 

No. 69, 70, 71, 73 und 79.) 

Von Major Lademann. 



Im europäischen Rüssland haben TriangulirungS' 
arbeiten stattgefunden 1) in der Umgegend von Riga, 2) in dem 
nea aufzunehmenden Teile der Gouvernements Orodno und Lomsha, 
zwischen den Flüssen Bug und Narew, und 3) in der Umgegend 
von Warschau. Hier wurden im Jahre 1881 zusammen 379 Punkte 
bestimmt und 368 Werst mit dem Theodoliten abgegangen. 

Ferner wurde in Bessarabien das durch den Berliner Vertrag 
von Russland zurückerworbene Gebiet, welches, nirgends über 
50 Werst breit, längs des Pruth und der Donau sich hinzieht, 
mit einem Netze 1., 2. und 3. Ordnung belegt. Auf dem Räume 
von rund 8300 Quadrat- Werst sind im ganzen 454 Punkte bestimmt 
worden, darunter 93 Kirchen und 24 sonstige örtliche Gegen- 
stände. Ferner sind 22 Pegel eingerichtet, nehmlich 5 am Pruth, 
5 an der Donau, 3 am Schwarzen Meer und 9 an verschiedenen 
Seen. Das Gebiet hat im nördlichen Teile Erhebungen bis 1000 Fuss, 
ist hügelig und teilweise bewaldet, im Südwesten ist es leicht* 
wellig, waldlos, reich an Süsswasserseen , die mit der Donau 
zusammenhängen, im Südosten aber ganz eben, kahl und voller 
Salzseen. Im Donauthale und auf den Inseln, die fünf Monate 
unter Wasser stehen und mit Schilf von drei Saschen Höhe bedeckt 
sind, machten die Arbeiten viele Schwierigkeit. 

Nivellements von im ganzen 804 Werst wurden geführt 

1) von Station Taps über Dorpat und Riga bis Station Tukkum ; 

2) von Windau über Goldingeu, Libau, Polangen bis zu der 
preussiscben Nivellementsmarke bei Nimmersatt, und 3) von 
Bjelostok über Brest-Litowsk bis Station Maloryto. 

Zeitsehr. d. GeBellBeh. t Erdk. Bd. XVIL 17 






258 Lademann: 

Die nun hergestellte Verbindung der Fiatmesser bei Reval, 
Riga, Windau und Libau gestattet Vergleiche des mittleren Wasser- 
standes längs der Ostseeküste von der preussischen Grenze bis 
zum Finnischen Meerbusen. Im Jahre 1882 soll ein Nivellement 
bis Odessa auch den Vergleich der Ostsee mit dem Wasserstande 
im Schwarzen und im Kaspischen Meere ermöglichen und zugleich 
eine Anzahl genau bestimmter Festpunkte für spätere Nivellementt 
im Innern liefern. 

Topographische Aufnahmen fanden statt in Finnland, 
Kurland, im westlichen Grenzgebiet und längs einiger Eisen- 
bahnen. — Die Aufnahme in Finnland umfasste 1567 Qu.-W. 
im Norden, Westen und Süden von der Stadt Abo, auf denei 
11538 Punkte der Höhe nach bestimmt wurden. Die Aufnahme 
zeigte aufs neue, dass das Ufergelände und die Niederungen ao 
Unterlauf der Flüsse das eigentliche Kulturgebiet des Landes sind; 
dass ferner die aufgenommenen Inseln den Charakter der Alands- 
in sein tragen, von denen sie durch einen breiten Meeresarm getrennt 
sind; dass der Grund und Boden fast überall felsig ist, mit Spaltes 
und Thälern, die, von Schwemmland angefüllt, die einzigen mm 
Ackerbau geeigneten Flächen bieten. Ausser den sonstigen Wald- 
beständen Finnlands fand man im Aufnahmegebiet aach Eiden 
und Haselnuss. Ein Vergleich der Aufnahme von 1881 mit alteren 
Karten zeigt, dass die Inseln der Umgegend von Abo an der 
stetigen Hebung teilnehmen, die an der Festlandsküste von Finnland 
schon lange beobachtet ist, denn Inseln, die vor 30 Jahren noch 
durch Wasserläufe von der Küste getrennt waren, gehören jetft 
ganz zum festen Lande. 

Im Kurland wurden 3279,6 Qu.-W. in 1:21000 vom Kreise 
Jakobstadt nebst benachbarten Teilen der Gouvernements Livland 
und Kowno aufgenommen und dabei in dem sehr wechselvollen 
(ielände 23 5G0 Ilöhenpunkte bestimmt. Im Jahre 1882 wird die 
Aufnahme von ganz Kurland zum Abschluss kommen. 

Im westlichen Grenzgebiet wurden Aufnahmen in der 
Umgegend von Brest-Litowsk und von Sjerotzk erst im Jahre 1881 
neu begonnen. Bei ersterem Orte waren bereits 527 Qa,-W., bei 
letzterem 224 Qu.-W. im Maasstabe 1 : 16 800 (200 Saschen = 1') 
vom Ingenieurdepartement aufgenommen und wurden Photographien 
der Aufnahmen auf die betreffenden Messtischblätter übertragen, 
dazu traten als Ergebnis der neuen Arbeit 505,4 Qu.-W. in 
l:l()8()0 und 242:^2 Qu.-W. in 1:21000 (250 S. = 1"). In 
der llachen und waldreichen, wenig Aussichtspunkte bietenden 
(icgond musston dabei 35 825 Höhenpunkte bestimmt werden. 

Die Aufnahmen von Eisenbahnen behufs Eintragung in 
dio. Karte in 1 : 420 000 und in die verschiedenen topographisches 



Die Landesaufnahme in Russland 1881. 259 

(arten betrafen folgende Strecken: 1) von Station Sergiewskaja bis 
kadt Jaroslawl in den Gouvernements Wladimir und Jaroslaw 343 W. ; 
l) die Bahn Rybinsk-Bologoje von der Grenze des Gouvernements 
Jlowgorod bis Rybinsk 260 W. ; 3) die Bahn Schuja-Iwanowo 
(On Station Nowki bis Kineschma 170 W.; 4) die Saratowsche 
inie von Kozlow bis Saratow mit Abzweigung nach Bjekowo 
!66 W. und 5) die Orenburgische Linie von Rjashsk über Mor- 
shansk, Penza, Syzran bis Station Batraki an der Wolga 618 W. 

Auf nichtrussichem Gebiete in Europa waren ferner 
issische Aufnehmer thätig a) bei einigen abschliessenden Arbeiten 
I Balgarien, dessen ganze Aufnahme, 97 400 Qu,-W. umfassend, 
I 1:42000 erfolgt ist und bis Anfang 1883 in Gestalt einer 
larte im Maasstabe von 1 : 126 000 zur Herausgabe bereit sein 
>11; b) in Montenegro, dessen ganzes Gebiet (rund 9102 Qu.-W.) 
I den Jahren 1879 — 1881 trianguliert worden ist, und von dem 
802 Qu.-W. (die neuen Erwerbungen, mit wenigen Ausnahmen, 
fo die feindselige Stimmung der Bewohner Arbeiten nicht zuliess, 
.nd der Grenzstreifen) mit genauen Höhenbestimmungen in 1 : 42000 
.ufgenommen sind. Im Jahre 1881 waren dort noch 3 Topo- 
graphen thätig, deren jeder etwa 560 Qu.-W. aufnahm. 

Die kartographischen Arbeiten bestanden in Berich- 
ignngen und Ergänzungen der topographischen Karte des 
Suropäischen Russlands in 1:126 000, namentlich von Blättera 
ies westlichen Grenzgebiets, des Gouvernements Nowgorod nebst 
ien neu erscheinenden Blättern von Kurland; desgleichen der 
Jpezialkarte des Europäischen Russlands in 1:420000,' 
iron der einige kaukasische Blätter zum' erstenmale in den Handel 
kamen; der alljährlich berichtigten Wege karte des Euro- 
paischen Russlands in 1:1050000 (25 W. = 1"); einem 
Nivellementsplan von Moskau, 6 Blatt in 1 : 8400, angefertigt 
auf Veranlassung der Stadtverwaltung, auch einem Plan eines 
Teiles des Sudufers der Krym, der von der Reblaus heim- 
gesacht worden ist. — In Arbeit ist die strategische Karte 
FOn Mitteleuropa in 1:1680000 (40 W. = 1'') und eine 
oeae Karte des ganzen westlichen Gebietes, in 1 : 84 000, 
ta der einige Probeblätter in Heliogravüre hergestellt wurden. 

Im Bereiche der Statthalterschaft des Kaukasus führte 
)iii Astronom eine Ghronometer-Exp editon im Zakaspischen 
]^ebiet und den benachbarten Persischen Grenzstrichen aus, wobei 
28 Punkte nach ihrer Länge und Breite bestimmt wurden. Geodä- 
ische Arbeiten lieferten 102 Punkte im südlichen Daghestan 
md 86 Punkte im Zakaspischen Oblast. Aufgenommen wurden 
2856 Qu.-W. in 1:42 000 im Hochgebirge des Kaukasus und zwar 
im centralen Teile desselben, im Kreise Tionety, Gouvernement 

17* 



260 Lademann: 

Tiflis , wobei über 3000 Punkte ihrer Hohe nach bestimmt sind, 
ferner im Gouvernement Baku, im unteren Teile vom Nordabhange 
des Hauptkammes des Kaukasus, 1991 Qa.-W. in 1 : 42000 und 
378 Qu.-W. in 1 : 16800 (200 Sash = l"). Im Zakaspischen 
Gebiet wurden gleichzeitig mit den trigonometrischen Arbeiten 
und auf der Grundlage des zwischen einer Basis sadostlich toi 
Aschabad und einer zweiten bei Machmudabad auf persischem 
Gebiet gelegten Netzes 5630 Qu.-W. in 1:42 000 aufgenommen, 
ausserdem noch ein Plan der Befestigungen von Aschabad 
in 1 : 4200 (50 S. = 1")* ^^^ aufgenommene Gebiet durchziehen 
sechs hohe, steinige Bergketten, die von Nordwest nach Südost 
streichen und von tiefen Schluchten durchschnitten sind. Nur in 
Niederungen sind Saumwege vorhanden, in den Bergen war keine 
Spur von Wegen zu entdecken. Bei den hydrographischen Arbeitee 
ist ein Strich am Ufer des Kaspischen Meeres zwischen den Orten 
Michailowsk und Earpowka etwa 180 Qu.-W. in 1 : 16 800 (200 
S = 1") mit aufgenommen worden. — Längs der neiien Orenie 
in Kleinasien zwischen dem Berge Barbaret bei Artwin und dem 
Dorfe Karaurgan auf einer Strecke von 178 Werst wnrden noeh 
113 Grenzsteine an Stelle der früheren provisorischen Zeichen 
gosetzt, und ist damit die Grenzregulierung endgültig zum Abschlüsse 
gebracht worden. 

Von den kartographischen Arbeiten im kaukasischen 
Militärboziik sind besonders zu erwähnen: der Stich der Blätter 
Hat um, Olty, Erzeruni, Kars, Alaschkert und Lenkoran für die 
Karte des Kaukasus in 1:210000 (5 Werst = 1"), Berich- 
ti!:;ungon der Karte des Zakaspischen Gebietes in demselben 
Maasstab, der ,,Karte der Asiatischen Türkei in 1 : 840000 
(•JO W. = 1") und der „50 Werst- Karte von Persien, Afgha- 
nistan und Beludschistan " (1:2100 000). Eine ^ orogra- 
phische Karte der asiatischen Türkei ist in Arbeit; des- 
ijjloichon eine ,, Reliefkarte des Kriegsschauplatzes in der 
asiatischen Türkei''. Diese Karte umfasst ein Gebiet von 
118 800 Qu.-W., auf dem sich die Kämpfe in den Jahren 
I81}S— 182i), 1854—1855 und 1877 — 1878 abgespielt haben, 
u\\{\ das teilweise den Charakter des Hochgebirges mit 7000 bis 
8000 Kuss Meereshöhe tragt. Der Maasstab der Karte ist 1 : 210000 
uiul !ür die vertikalen Erhebungen 1 : 42 000. Die Fertigstellang 
der Karte ist noch im Laufe des Jahres 1882 zu erwarten. — 

In West Sibirien wurden astronomisch 17 Punkte in den 
Kreisen Pawlodarsk und Omsk als Stützpunkte für spatere 
Aufnahmen bestinnut. Vor und nach diesen Arbeiten fand eine 
Reihe von Beobachtungen des Ganges der Chronometer bei Tem- 
peraturen von-|-l"> +15° und +22° statt. Ein trigonometrisches 



I Die Landesaufnahme in Rassland 1881. 261 

* 

=1 Netz wurde vom Dengiz-See bis nach Akmolinsk gelegt, dessen 
T geographische Länge im Jahre 1880 telegraphisch bestimmt wor- 
-' den war. Hierbei waren in der Nähe von Dengiz wie von 
-i\ Akmolinsk Standlinien zu messen und an 27 Punkten, an denen 
-i Signale errichtet wurden, Winkelbeobachtungen anzustellen. Inner- 
Ji- halb des gelegten Netzes finden im Jahre 1882 die Aufnahmen 
=5 Statt. — 

!^ Die topographischen Aufnahmen des Jahres 1881 imMaas- 

ji Stabe 1 : 84 000 (2 W. = 1'') umfassten 22 242 Qu.-W., auf denen 
T 1538 Hohenpunkte bestimmt wurden. Ein Topograph der west- 
sibirischen Abteilung war der Kommission beigegeben, welche die 
geeignetste Richtung für Anlage einer Strasse und Telegraphenlinie 
von Tobolsk nach dem Dorfe Samarowski bestimmen sollte; er 
nahm die Marschroute von Tobolsk bis zum Dorfe Rjepolowski, 
65 Werst von Samarowski in 1 : 42000 auf. An kartogra- 
phischen Arbeiten wurden 1) für die früher aufgenommenen 
Teile Westsibiriens die Blätter der Karte in 1 : 420 000 (10 W.=l") 
und 2) eine „40 Werst-Karte von Westsibirien'' (1 -.1680000) 
in 6 Blatt in Zeichnung beendet. Eine Dislokationskarte der 
Truppen des Bezirks und ein Plan der projektierten Eisenbahnen 
ist in Lithographie hergestellt. 

Aus Ostsibirien, wo im Ussuri-Gebiete gearbeitet worden 
war, waren noch keine Berichte eingegangen, nur eine Kopie der 
Anfhahme des im Amur-Oblast von chinesischen Unterthanen 
bewohnten Gebietes vom Jahre 1869, berichtigt 1881, lag bereits vor. 
Im Militärbezirk Turkestan fand eine telegraphische 
Bestimmung des Längenunterschiedes zwischen Taschkent 
und Wjernyi statt, auf welch letzterem Ort alle Längenbestim- 
mungen im Kuldscha-Gebiete bezogen waren. Auf der Reise 
zwischen Taschkent und Wjernyi wurde durch Chronometer die 
Lage der Orte Tschemkent, Anlie-ata, Pischpek, Stanitze Otar 
und Fort Merke bestimmt. 

Eine trigonometrische Netzlegung war ursprünglich 
projektiert in den Vorbergen des Thian-Schan im südlichen Ferghana, 
zwischen den Thälern der Isfara und Ak-bura; eine flüchtige 
Rekognoszirung zeigte aber, dass das Thal der Isfara nur einen 
schmalen anbaufähigen Strich zwischen sehr schwer zugänglichen 
Bergen bildet ; ebenso dass die Gegend östlich des Ortes Tjulku- 
tjubu bis zur Ak-bura, jedes Pflanzenwuchses bar, wasserlos und 
unbewohnt, nur auf Saumpfaden als einzigen Wegen zugänglich, 
der Netzlegung höchst ungünstig und namentlich für die Errichtung 
von Signalen fast unüberwindliche Schwierigkeiten bietet. Es wurde 
deshalb nur der Baum zwischen Rigitan, Tjulku-tjubn, Margelan 
und Wuadil mit einem Netze belegt, das sich bei Rigitan und 



258 Lademann: 

Die nun hergestellte Verbindung der Flutniesser bei Reval, 
Riga, Windau und Libau gestattet Vergleiche des mittleren Wasser- 
standes längs der Ostseeküste von der preussischen Grenze bis 
zum Finnischen Meerbusen. Im Jahre 1882 soll ein Nivellement 
bis Odessa auch den Vergleich der Ostsee mit dem Wasserstande 
im Schwarzen und im Kaspischen Meere ermöglichen und zugleich 
eine Anzahl genau bestimmter Festpunkte für spätere Nivellements 
im Innern liefern. 

Topographische Aufnahmen fanden statt in Finnland, 
Kurland, im westlichen Grenzgebiet und längs einiger Eisen- 
bahnen. — Die Aufnahme in Finnland umfasste 1567 Qu.-W. 
im Norden, Westen und Süden von der Stadt Abo, auf denen 
11538 Punkte der Höhe nach bestimmt wurden. Die Aufnahme 
zeigte aufs neue, dass das Ufergelände und die Niederungen am 
Unterlauf der Flüsse das eigentliche Kulturgebiet des Landes sind; 
duss ferner die aufgenommenen Inseln den Charakter der Alands- 
inseln tragen, von denen sie durch einen breiten Meeresarm getrennt 
sind; dass der Grund und Boden fast überall felsig ist, mit Spalten 
und Thälern, die, von Schwemmland angefüllt, die einzigen zum 
Ackerbau geeigneten Flächen bieten. Ausser den sonstigen Wald- 
beständen Finnlands fand man im Aufnahmegebiet auch Eichen 
und Haselnuss. Ein Vergleich der Aufnahme von 1881 mit älteren 
Karten zeigt, dass die Inseln der Umgegend von Abo an der 
stetigen Hebung teilnehmen, die an der Festlandsküste von Finnland 
schon lange beobachtet ist, denn Inseln, die vor 30 Jahren noc) 
durch Wasserläufe von der Küste getrennt waren, gehören jetf 
ganz zum festen Lande. 

Im Kurland wurden 3279,6 Qu.-W. in 1:21000 vom Krei 
Jakobstadt nebst benachbarten Teilen der Gouvernements Livla 
und Kowno aufgenommen und dabei in dem sehr wechselvol! 
Gelände 23 560 Höhenpunkte bestimmt. Im Jahre 1882 wird 
Aufnahme von ganz Kurland zum Abschluss kommen. 

Im westlichen Grenzgebiet wurden Aufnahmen in 
Umgegend von Brest-Litowsk und von Sjerotzk erst im Jahre 1 
neu begonnen. Bei ersterem Orte waren bereits 527 Qu.-W, 
letzterem 224 Qu.-W. im Maasstabe 1 : 16 800 (200 Saschen = 
vom Ingenieurdepartement aufgenommen und wurden Photogra 
der Aufnahmen auf die betreffenden Messtischblätter überf 
dazu traten als Ergebnis der neuen Arbeit 505,4 Qu.- 
1 : 16800 und 2423,2 Qu.-W. in 1 -.21000 (250 S. = 1" 
der flachen und waldreichen, wenig Aussichtspunkte bi( 
Gegend mussten dabei 35 825 Höhenpunkte bestimmt wer 

Die Aufnahmen von Eisenbahnen behufs Eintra 
die Karte in 1 : 420000 und in die verschiedenen topogra 



1^ Die Landesaufnahme in Rassland 1881. 263 

f 

r 

L Eine Rekognoszierung im Thale des Angren, Kreis 

J^^Karamien, erstreckte sich über 533 Qu.- Werst. 
^ Durch seine Topographen war der Turkestanische Militär- 

.bezirk auch beteiligt an einem Nivellement der Stadt Taschkent, 
,ju einer Landvermessung für Ansiedler im Sor-Tjube-Distrikt und 
an den Aufnahmen der Kommission für Erforschung des alten 
Flussbettes des Amu-Darja. 

Von kartographischen Arbeiten sind ausgeführt: 
1) 4 neue Blätter der Karte des Ferghana-Oblast in 1 : 420000 
(10 W. = l"), 2) eine 5 Werst-Karte der Grenze mit China 
(1:210000) in 18 Blatt, 3) eine Wegekarte des Militär- 
bezirks, Konturen schwarz, Gewässer blau, in 1:1680000 
(40 W. = 1 ") in vier Blatt und in Petersburg hergestellt, 4) die 
chromolithographierte Karte des Turkestanischen Militär- 
bezirks in 1:1 680000 in neuer, durch vier im Süden angesetzte 
Blätter auf 16 Blatt erweiterten Ausgabe. 

Alle asiatischen Gebiete Russlands umfasst die beim Haupt- 
stabe in Petersburg redigierte, auf Grund der Forschungen von 
Nordenskjöld und Prshewalski neu berichtigte „Karte des Asia- 
tischen Russland und der Nachbargebiete im Maasstabe 
1 : 4200 000 (100 W. = 1") in 8 Blatt, neben der besonders für 
die Reisen Prshewalski's eine Marschroutenkarte in 1:2100000 
(50 W. = 1") hergestellt worden ist. 

Hydrographische Arbeiten sind in sechs verschiedenen 
Abteilungen an mehreren Punkten des Baltischen und des Schwarzen 
Meeres, im Azowschen Meere und im Onega-See vorgenommen 
worden; die Messplatten sind in Maasstäben von 100 Saschen bis 
hinab zu 3 Saschen auf einen Zoll (1:16 800 bis 1:252) aus- 
geführt. Namentlich in den finnischen Scheeren mit ihren schroff 
wechselnden Tiefverhältnissen war stellenweise alle 5, alle 3 
Saschen, ja selbst von Sasche zu Sasche eine Lotung nötig. 

Die Neuaufnahmen im Baltischen Meere zeigen eine Anzahl 
neuer tieferer und bequemerer Fahrwasser in den finnischen Scheeren 
und wesentliche Änderungen der Küstenlinie des Bothnischen 
Meerbusens. Aus dem Schwarzen Meere ist ein Plan von 
Nikolajew mit Umgebung neu gefertigt, und die Messtischplatten 
der Küste von Noworossiisk bei Tuapse wahrhaft künstlerisch 
ausgeführt, ebenso der Teil des Azowschen Meeres um Berdjansk. 
Im Onega-See wurde die Aufnahme der südlichen Hälfte des 
Sees beendet. 

Unter den neu angefertigten Karten sind besonders be- 
merkenswert diejenigen des Bothnischen Meerbusens und des 
ostlichen Oceans; ferner eine grosse Weltkarte in Merkators 
Projektion mit Angabe der Erdumsegelungen durch russische Schifife 



264 Hann: 

(seit 1803) und Angabe aller Stellen, wo zn verschiedenen 
Zeiten hydrographische Arbeiten ansgefabrt worden sind; 
dann meteorologische Karten des Baltischen und des 
Schwarzen Meeres. 



XVI. 
tJber die Seehöhen der Oase Kufra, 

Von Prof. Dr. Hann. 



Im 17. Bande (1882) dieser Zeitschrift hebt Hr. R. Kiepert du 
Wünschenswerte eines kritischen Verzeichnisses der Positionen and 
Seehöhen von Afrika hervor und giebt einige Proben, wie er sich 
ein solches Verzeichnis denkt. Die in dem Abschnitt Hohen 
unter „Kufra^' stehenden Angaben (S. 150) veranlassen mich la 
einigen Bemerkungen, mit denen ich glaube, den Intentionen des 
Hrn. Verfassers entgegen zu kommen. 

Es finden sich daselbst die von Hrn. Rebifs vorläufig gleich 
nach seiner Rückkehr aus Kufra mitgeteilten Hohenangaben mit 
den davon etwas abweichenden Resultaten meiner endgiltigen Be- 
rechnung in Rebifs Werke „Kufra" als gleichwertig einander 
i»ogonüber gestellt, als würde es zweifelhaft sein, an welche An- 
gaben sich der Geograph halten solle. Der zu meinen Angaben 
gemachte Zusatz „aus Aneroid- Ablesungen berechnet'* konnte so- 
gar verleiten , die vorausgehenden Daten als auf Beobachtungen 
mit einem Quecksilberbarometer beruhend anzusehen, während Hr. 
Rohlfs gleich zu Anfang seines Werkes angiebt, dass ihm das 
Quecksilberbarometer schon beim Beginn der Reise zerbrochen 
sei, also überhaupt alle Hohenangaben der Rohlfs'schen Expedition 
sich nur auf die Ablesungen von Aneroiden gründen können. 

Wenn der Hr. Yerftisser zwischen einer aus freier Hand gleich 
nach der Rückkunft eines Reisenden von diesem entworfenen Zeich- 
nung seiner Route und der späteren sorgfältigen Konstruktion des 
llinerars mit Anschluss an verlässliche Fixpunkte, unter deren 
Kontrole kartographisch niedergelegt, zu wählen hätte, würde er 
wohl keinen Augenblick darüber zweifelhaft sein, an welche der 
beiden Aufstellungen sich der Geograph zu halten habe. Genau 
so aber verhalten sich die vorläufigen Schätzungen der Seehohen 
gegenüber deren späteren Berechnung mit Rücksicht auf die vor- 
läufigen Korrektionen der Instrumente und mit Beziehung auf 
Korrespondenzstationen. 



über die Seehöhen der Oase Eufra. 265 

Ich habe auf Seite 346—349 des Werkes von Rohlfs (Kufra) 
ein Beispiel gegeben, wie man Aneroidablesangen zu Seehöhen- 
bestinimungen auch dann wissenschaftlich verwerten kann, wenn 
alle Angaben über Stand-Korrektion und Temperatur-Koefficienten 
fehlen, wie dies hier der Fall war, und wie es zuweilen gelingen 
mag, selbst die Temperatur-Koefficienten hinterher aus den Able- 
sungen selbst genähert zu ermitteln, ohne die Instrumente (die ja 
verloren gegangen sind) in der Hand zu haben. Ob sich aber 
viele dergleichen Mühe und Sorgfalt noch unterziehen mögen, 
wenn sie finden, dass selbst Fachkollegen darauf keine Rücksicht 
nehmen, und Schätzungen das gleiche Gewicht beilegen, dürfte 
allerdings fraglich sein. Die für Bir Milrha, Sokna, Audjila, 
Taiserbo, Kebabo von mir' abgeleiteten Seehohen sind dann als 
Fixpunkte zur angenäherten Berechnung von 16 anderen zwischen- 
liegenden HÖhenpunkten benutzt worden ; für kartographische Zwecke 
dürfte die Genauigkeit wohl hinreichend sein. 

Man darf nämlich nicht zu grosses Gewicht legen auf die 
Zahl der Aneroidablesungen an einem Ort, als wenn die Genauigkeit 
der Seehöhenbestimmung mittelst derselben im Verhältnis zu dieser 
Zahl wachsen würde, in Gegenden, wo die unregelmässigen Schwan- 
kungen des Luftdruckes im Sommer so gering sind wie in Nord- 
afrika. So lange das Aneroid ruhig an einem Orte bleibt, ändert sich 
die Stand-Korrektion desselben nicht, und die Häufung der Beobach- 
tungen vermindert nicht im geringsten die aus dieser Quelle 
fiiessende Unsicherheit der Höhenbestimmung. Ja selbst Ablesungs- 
fehler werden zuweilen einige Zeit hindurch zu einer konstanten 
Fehlerquelle, so lange der Zeiger des Aneroids nahe an derselben 
Stelle der Skala sich bewegt. Wer mit Barometervergleichungen 
und Kontrole von Barometerablesungen häufig zu thun hat, weiss, 
dass Beobachter zuweilen konstant nur einen gewissen Skalenteil 
falsch ablesen, bis sich wieder der Luftdruck stark ändert, und die 
Aufmerksamkeit der Beobachter dadurch lebhafter erzeugt wird. 

Noch einen Umstand möchte ich hervorheben, der von Geo- 
graphen nicht genügend beachtet wird, wenn sie die Genauigkeit 
einer Seehöhe eines Ortes beurteilen. Wo nicht ein Präcisions- 
Nivellement vorliegt und die Höhenmarke angegeben ist, auf 
welche die Seehöhe sich bezieht, hat die volle Genauigkeit der 
Angabe keinen Wert. Man sollte nur in letzterem Falle die 
Einheiten und eventuell noch die Zehntelmeter angeben, sonst stets 
die Seehöhen auf Zehner der Meter abrunden I*) Was hat es 
eigentlich für einen Sinn, die Seehöhe des Standortes eines Reisen- 



*) Selbst der Wasserspiegel der Seen und Meere ist, wenn kein Pegel 
angebracht ist, ein bis zu einigen Metern variables Niveau. 



266 ^* A. Krause: 

den in Afrika bis auf die einzelnen Meter anzugeben, da ja der 
Punkt gar nicbt fixiert werden kann. In konpierteni Terrain 
können selbst die Zehner der Meter ganz illusorisch werden. 
Selbst in den genauest vermessenen Teilen Europas wäre in den 
meisten Fällen eine Angabe* wie: die Stadt N. liegt in einer 
Seehöhe von 343 Metern, abzurunden auf 340 Meter, wenn nicht 
beigefügt werden kann z. B. „natürlicher Boden des Hauptplatzes^. 
Die scheinbare Schärfe und Genauigkeit der Angaben der 
Seehöhen ist ohne Rücksicht auf die oben hervorgehobenen Mo- 
mente ganz unwissenschaftlich. 



XVIL 

Aufzeichnungen über die Stadt Chat*) in der Sähärä. 

Von Gottlob Adolf Krause (Tripolis). 



I. 

Geschichtliches. 

Vorbemerkungen. 

Unter allen Städten, welche in jenem weiten, von den Euro- 
päern gewöhnlich „die grosse Wüste Sahara ** genannten Räume 
angetroffen werden, ist keine, die sich in kommerzieller Wichtig- 
keit mit Chat messen könnte. Ihre Lage, recht eigentlich im 
Herzen der Sahara, ist aber auch besonders günstig und erklärt 
von selbst das Gedeihen und die Blüte dieses Karawanenmarktes. 

Obgleich diese Stadt von einer Anzahl europäischer Reisenden 
besucht und beschrieben worden ist**), so ist doch bis zum heutigen 
Tage weder ihre Lage, noch ihre Geschichte, noch ihre Wichtigkeit 
in politischer und kommerzieller Beziehung in Europa so bekannt, 
dass eine Schilderung derselben überflüssig erscheinen könnte. 

Indem ich eine solche zu geben mich anschicke, muss ich 
einige Worte über meine Quellen sagen, damit man über den 
Wert meiner Angaben sich ein richtiges Urteil bilden kann. 
Zweierlei muss ich hierbei betonen: einmal, dass ich Chat nicht 
selbst besucht habe und dann, dass die nachfolgenden Aufzeich- 
nungen nicht Auszüge aus Reisewerken sind, sondern auf eigenen 



*) Gewöhnlich Ghät oder Rhät geschrieben. Red. 

**) Zuletzt von Erwin von Bary, vergl. unsere Zeitschr. XV. 1880. 
8. 228 flf. Red. 



Aufzeichnungen über die Stadt Ch&t in der SähärS. 267 

Erkundigungen beruhen, die ich in Tripoli in Afrika von Kauf- 
leuten und Pilgern ans Chat, Chadames und anderen Orten ein- 
gezogen habe. Wo ich mich doch genötigt sehen sollte, die An- 
gaben von Reisenden in betreff GhSts zu benutzen, da wird es 
stets mit Anführung der Quellen geschehen. 

Meine Hauptquelle ist ein Prinz aus Chat, Namens Hädsch*) 
Otoiau ben Omar, dessen Grossvater einst als König über Chat 
herrschte. Ich lernte ihn im August 1879 in Tripoli in Afrika 
kennen, wo er sich vorübergehend aufhielt, um zum vierten Male 
die Pilgerreise nach Mekka zu erfüllen. Es gelang mir bald, 
seine Freundschaft und sein volles Vertrauen so zu gewinnen, 
dass er es vorzog, obwohl er pekuniär von ihnen abhängig war, 
sich lieber von seinen Landsleuten , die es ihm als eine Schande 
vorwarfen, dass er beständig mit mir, dem Christen, verkehre, als 
von mir sich zu trennen. In den Nächten des Ramadan (Fasten- 
monat der Mohammedaner) 1296, August und September 1879, 
haben wir denn manchmal bis weit nach Mitternacht zusammen- 
gearbeitet und das Nachfolgende ist im wesentlichen eine Frucht 
dieser nächtlichen Arbeiten. 

Zur Zuverlässigkeit der Angaben Hädsch Otmän's übergehend, 
bin ich der festen Überzeugung, dass sie volles Vertrauen ver- 
dienen, nicht nur da, wo sie ganz Neues bieten, sondern auch 
dort, wo sie den Angaben der europäischen Reisenden, die selbst 
in Chat waren, widersprechen. In einer Reihe von Fällen kann 
ich bestimmt verbürgen, dass die Aussagen europäischer Reisenden 
falsch sind und die Hädsch Otmän's der Wahrheit entsprechen, 
and in den meisten anderen wird, so hoffe ich, die Zukunft ein 
gleiches herausstellen. Nicht dass ich meinte, dass die Angaben 
Hädsch Otman's in keiner Weise einer Berichtigung bedürften, 
gewiss nicht, aber ich will nur sagen, dass sie in der Hauptsache 
richtig sind, obwohl in manchen Nebendingen eine Verbesserung 
notig sein mag, besonders da, wo es sich um Zeitangaben und 
Reihenfolge von geschichtlichen Ereignissen handelt. Ich ertappte 
ihn hierbei auf Widersprüchen, die ihm das Geständnis entlockten, 
„in Bezug auf chronologische Daten sei ihr (der Mäschachen, Tu4- 
rek) Gedächtnis nicht viel besser als das ihrer Ziegen auf den 
Bergen^. In diesen also wird wahrscheinlich das meiste zu ver- 
bessern sein, und ich habe deshalb fast alle Zahlenangaben weg- 
gelassen. 

Es könnte auffallend erscheinen, dass ich die Angaben eines 
Eingeborenen denen europäischer Reisenden vorzuziehen geneigt 



*) Hädsch heisst Pilger. Jeder, der die Pilgerreise nach M^kka zur 
Käaba gemacht hat, niramt diesen Ehrentitel an. 



268 ^* ^ Krause: 

bin, aber man möge vor allen Dingen nur erwägen, dass die 
meisten earopäischen Reisenden, die Chat besacht haben, die dort 
gesprochenen Sprachen nar halb oder noch weniger verstanden, 
dass sie sich das Vertraaen der Chatin er gar nicht oder nur in 
geringem Maasse erwerben konnten*) und dass sie sich nur 
karze Zeit daselbst aafhielten. Aasserdem giebt es nicht viele 
Chatiner, die mit der Geschichte und allen anderen Verhältnissen 
Chät's wie Hädsch Otmän vertraut sind. 

Ein Umstand mass noch besonders hervorgehoben werden, 
da seine Folgen bei der Schreibung der Eigennamen manchmal 
fahlbar sein mögen. Die Verkehrssprache zwischen Hädsch Ot- 
män, sowie allen anderen Leuten aus Chat und Chadämes und 
mir war die hanssanische , eine Sprache Innerafrika's , die nicht 
allein in den Haüssä-Ländern gesprochen wird, sondern anch als 
Handelssprache eine ausserordentliche Wichtigkeit besitzt, sowohl 
in der mittleren Sahara bis herauf nach Tripoli, wie am Niger 
und Binue und bis in den Süden von Adamaua und selbst an 
einigen Punkten der Westküste. In dieser Sprache hat Hädsch 
Otmän auch das meiste niedergeschrieben, was er far mich ge- 
schrieben hat und daneben nur weniges in der Sprache von Chat 
oder auf arabisch. 

Die Lage der Stadt Chat. 

Der westliche Teil der mittleren Sahara wird von einem 
Volke bewohnt, das wir gewohnlich Tuärek nennen und das zu 
der grossen Familie der Berber, einem Zweige der Hamito-Se- 
miten, gebort. In diesem Aufsatze wird der Name Mäschach, in 
der Mehrzahl Mäschachen, für Tuärek angewendet werden. 

Das Gebiet der Berber erstreckt sich im Osten bis Siua, der 
Oase des Jupiter Ammon, im Norden bis zum Mittelländischen 
Meere, im Westen bis zum Atlantischen Ocean und im Süden bis 
zum Sudan. In diesen weiten Gebieten jedoch bilden sie nicht 
überall die ausschliessliche Bevölkerung, sondern erscheinen viel- 
mehr gleich den Festlandsinseln im Ocean als Volkerinseln in- 
mitten arabischer oder arabisierter Stämme. Nur der Boden der 
Mäschachen ist frei von fremden ethnischen Elementen, die den 
ersteren gegenüber die Oberhand behielten, denn selbst das von 
Sonchai gegründete Agades ist heute maschagisiert. 

Die nordlichen Mäschachen bewohnen ein hohes Gebirgsland, 
in dessen Inneres noch keines Europäers Fuss gedrungen ist, sowie 
die angrenzenden meist sandigen Gebiete. Sie zerfallen in zwei 



*) Vergl. Heinrich Barth's Reisen und Entdeckungen in Nord- und 
Central- Afrika. Bd. 1, S. 459. 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der S^arä. 269 

politische Stammesbandesgenossenschaften, die von Ahaggär im 
Westen und die von Asger oder Asseber im Osten. Der Gebirgs- 
abfall von Asger gegen Nordost hin fahrt den generellen Namen 
Tasili, d. i. Gebirgsland oder Plateau auf maschacbisch. An 
seinem Fusse befindet sich eine breite Ebene oder ein Becken, 
im Osten abgeschlossen durch eine von Süd nach Nord verlaufende 
Gebirgskette Namens Akäkus. Diese Ebene hat eine trompeten- 
oder keilförmige Gestalt, indem sie gegen Süden hin sich immer 
mehr verengt, während sie gegen Norden hin sich erweitert, um 
sich zuletzt in der Sanddunenregion zu verlieren, die sich südlich 
von der Hammada el Hämra findet und die auf den Karten den all- 
gemeinen Namen Edejen (Edeyen) d. h. Land auf maschacbisch führt. 

Dieses grosse Becken zwischen Tasili im Westen und Akä- 
kus im Osten wird in der Mitte meist durch Sandhügel bedeckt, 
die nichts anderes zu sein scheinen, als die letzten südlichen Aus- 
läufer der Edejen; dazwischen ragt aber eine Anzahl von Hügeln 
oder Bergen daraus hervor, unter denen der wichtigste und grösste 
ein hufeisenförmiger ziemlich hoher Gebirgsstock ist, der nach 
der Aussage der Eingeborenen von Geistern bewohnt sein soll 
und daher auf arabisch Kasr el Dschunün, auf maschacbisch Idlnen, 
d. i. Schloss (Berg) der Geister, heisst. Im Osten, nahe am 
Akäkus -Gebirge, verläuft ein Thal Namens Tanasüft und im 
Westen, nahe am Abfall des Tasili, ein anderes Namens War^rat, 
das sich jedoch nicht soweit südwärts erstreckt wie das Thal 
im Osten. Beide Thäler enthalten zum teil fruchtbaren, kultivier- 
baren Boden. 

In dieser Ebene, da, wo sie sich bis auf 30km zu ver- 
engen beginnt, liegt die Stadt Chat. Herr Henri Duveyrier*) giebt 
ihre astronomisch bestimmte Breite (die des nahen Ortes Tünin) 
zu 24*^ 57' 14" nordl. Br. an und auf der Karte zu seinen Reisen 
ist die' Länge nach Berechnung — dead reckoning — auf etwa 
7^ 57' ostl. L. von Paris angesetzt. Die Höhe über dem Meere 
ist ebendaselbst zu 726 m angegeben. 



*) Das beste Werk über die Nord-Mäschachen ist das von Henri Du- 
veyrier: Les Tonareg du Nord. Paris 1864. Als meine Reise nach Ahaggär 
beschlossen wnrde und ich zum ersten Male dieses Werk durchblätterte, da 
glaubte ich, dass von einem Lande und Volke, das schon eine solche meister- 
hafte Beschreibung gefanden habe, nur noch wenig zu erforschen sei. Später 
habe ich allerdings gefanden, dass gar manches darin zu verbessern ist — 
(ein unbegreiflicher Irrtum ist es z. B., wenn Seite 244, Tafel IX ein Krebs- 
tier, Ärihemia Oudneyi, als der Larvenzustand eines Dipteren dargestellt 
wird) — aber als Ganzes ist das Gebäude festgestellt und den Nachfolgern 
bleibt nur übrig, dasselbe weiter auszubauen. Ich bin Herrn Henri Duveyrier 
zu sehr grossem Danke für die Belehrungen verpflichtet, die ich aus seinem 
Werke gezogen habe. 



270 ^* ^' Krause: 

Die nördlichen Mäschachen (Taarek). 

Unter den Mäschachen giebt es drei Ellassen von Stammen 
oder drei Kasten: 1) adelige Stämme, ihagaren, 2) Schatzgenossen- 
stämme, tilakauen, 3) leibeigene Stämme, imch4d, and alle drei 
haben wiederum ihre Sklaven, ikelän, nicht maschachischen Ur- 
sprunges. Nur die adeligen Stämme und einige Schatzgenossen- 
stämme, die früher adelig waren, fahren eigene Wappen oder 
Stammeszeichen, eschwolen auf maschachisch , während die Leib- 
eigenen diejenigen ihrer Herren fähren. Da die Kenntnis dieser 
Wappen von nicht geringem Interesse ist, so werden sie den 
Gegenstand einer besonderen kleinen Abhandlang bilden. — Die 
beiden erwähnten Stammesbundesgenossenschaften von Ahaggär 
und Asger bestehen aus einer grosseren Anzahl von Stammen. 
An der Spitze jedes Stammes steht ein Oberhaupt mit dem ein- 
fachen Titel „der Alte^, auf arabisch Scheich, auf maschachisch 
amchär und auf hassauisch sofo, oder auch babä, d. i. der Grosse. 
Das gemeinsame Oberhaupt aller Stämme einer Genossenschaft 
fuhrt dagegen den Titel König, amanokäl auf maschachisch. 

Unter den Stämmen von Ahaggär sind die Kel Chala and 
Taitok die mächtigsten und wichtigsten. Das Oberhaupt, amchär, 
der Kel Chäla ist zugleich König, amanokäl, der ganzen Genossen- ' 
Schaft von Ahaggär. Der Name des gegenwärtigen Königs ist 
Ahit Achel oder Hait Achel. 

Unter den Stämmen von Asger sind die Jurächen und Iman- 
chasäten die mächtigsten und wichtigsten. Das Oberhaupt, amchär, 
der Jurächen ist zugleich König, amanokäl, der ganzen Genossen- 
schaft von Asger. Der Name des gegenwärtigen Königs ist Iche- 
niichen oder Achnüchen oder Chanüchen. 

Im Gebiete von Asger befindet sich jene oben erwähnte 
keilförmige Ebene, in welcher Chat liegt. Obwohl die Bewohner 
Chät's zu den Asger- Mäschachen gehören, so haben sie doch in 
keinem Abhängigkeitsverhältnisse zum Könige dieses Landes ge- 
standen, sondern ebenso wie Albärkat einen eigenen König, ama- 
nokäl, gehabt. Diese letztere kleine Stadt liegt wenig sudlich 
von Chat, und ihre Bewohner stammen von Tauät her oder 
sollen von daher stammen*). 



*) Obwohl die Bewohner von Albärkat, zum Stamme der Ilemtin ge- 
hörig, einen eigenen König haben, so müssen sie doch an die Jurächen eine 
Art Tribut oder Steuern bezahlen. Einst waren sie mit den Bewohnern 
Chät's wegen eines grossen Brunnens Namens Tin Selchän in Streit geraten 
und sieben ihrer Leute, die zu Pferde nach Chat gekommen waren, wo sie 
Häuser besassen, waren von den Chatinern ermordet worden. Darauf 
mischten sich die Jurächen in den Streit, nahmen deu Chatinern den Brunnen 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der SähSrä. 271 

Die Grandang der Stadt Chat. 

Chat ist eine verhältnismässig neae Stadt. Ihr Ursprang 
wird in der Geschichte, welche der Prinz Hädsch Otman ben 
Omar far mich in haassanischer Sprache niedergeschrieben hat, 
in folgender Weise erzählt. 

Vor alter Zeit waren in der Stadt Hei liberes die Imaka- 
masan , in der Stadt In Cheja oder In Chajän die Isädäfen , in 
der Stadt In Tänast die Kel Taläk and die Kei Tärät, in der 
Stadt Tin Alkam die (späteren) Ij^schenan and Kel Chabsa an- 
sässig. Dies waren damals die angesiedelten Stämme anter den 
Mäschachen von Asger. Keine dieser Städte besteht mehr. Hei 
Ilberes lag nordwestlich vom heatigen Chat, In Cheja sädlich von 
Chat, In Tänast östlich von Albärkat and Tin Alkam südlich im 
Gebirge, da wo der Keil sich ganz verengt and ein Pfad aaf ein 
Plateaa hinaaffahrt. 

Unter den nomadisierenden Stämmen von Asger befanden 
sich za jener Zeit die Imanan, d. h. die Königlichen, die Iman- 
chäsäten, die Ifochas, die Kel Isaban, die Imadarelälen, die Ischa- 
dänäran (Isaschähäten ?) in zwei Abteilangen: 1) die Kel Tamölät, 
d. h. die Leate mit dem Schöpflöffel, and 2) die Wai Sädafnin, 
d. h. die Schwarzen, die Ihaiawan, die Ifilalen, die Iworwaran, 
die Imak^rchasen , die Ifaräkanan, die Akärab*) in Fesän, die 
Ibadänäten, die Ikindamen, die Kel Aharer, die Ai't Läwajen, 
die Ikelasan and die Kel Fewat. Dies sind sowohl adelige wie 
leibeigene Stämme. 

Es ist anmöglich, an diesem Orte in eine genaae Betrachtang 
dieser Stämme einzagehen and sie mit den Stammesverzeichnissen 
za vergleichen, die wir bei den verschiedenen Schriftstellern finden. 
Das Fehlen in der Liste des heate mächtigsten Stammes anter 
den Mäschachen von Asger, der Jarächen, weist daraaf hin, dass 
er zar Zeit, wo Chat gegründet warde, noch im Süden an den 
Ufern des Nigers wohnte. 

Einige Tagereisen südwestlich von den genannten Städten 
entfernt liegt im Gebirge eine Landschaft Namens Schänet mit fünf 
Ortschaften: 1) Arächma, 2) Salw4s, 3) Elmlsan, 4) Eschahll 
and 5) Eferl. 

Vor zweihandert Jahren oder mehr war Abd es Saläm in 
Hei Ilberes Häuptling der Imakämasan ; Hämed in In Cheja 



Tin Selchän ab und gaben ihn den Albarkatinern , welche dafür bis zum 
heutigen Tage jedes Jahr 50 Mass — türmi — Gerste an die Jurächen 
geben müssen. 

*) Diese Angabe bedarf wohl noch einer Bestätigung, denn ich glaube, 
dass die Akftrab Araber sind. 



272 ^' A. Krause: 

Häuptling der Isädäfen; Jadal in In Tanast Häuptling der Eel 
Taläk. Zwischen diesen Stämmen kam es zu einem Kriege. 
Auf der einen Seite standen die Imakämasan und Kel Tärät, auf 
der anderen die Kel Taläk und Isädäfen. Es fand eine blutige 
Schlacht statt, nach welcher sich die Kel Tärät aufmachten und 
sich unter den Schutz der Imanan begaben. Auch die Isädäfen 
flohen und gingen nach Tauät. Darauf sagten die Kel Taläk 
und Imakämasan: wozu nützt es, dass wir uns gegenseitig toten? 
Die Isädäfen sind nach Tauät gewandert, die Kel Tärät sind 
Schützlinge der Imanan geworden. Nun sind wir zwei Stämme 
übrig geblieben, schliessen wir Frieden unter einander, es ist 
besser so. Das waren die Worte der Alten; dagegen aber er- 
hoben sich die jungen Leute, das sind nach Sitte der Mäschachen 
diejenigen unter vierzig Jahren, and sagten: es sei kein Frieden 
zwischen uns, nur Tod. Wer stärker ist, als der andere, verjage 
ihn oder tote ihn. Nach erneuter Beratung machten die Imakä- 
masan den Vorschlag, den in der Stadt Tin Alkum wohnenden 
Stamm als Oberherrn anzuerkennen und dessen Schutzbefohlene 
zu werden und die Kel Taläk stimmten zu. 

Zwei Männer von den Imakämasan und zwei von den Kel 
Taläk begaben sich nun nach Tin Alkum, wo sie freundlich auf- 
genommen wurden und drei Tage blieben. Sie erhielten Gast- 
geschenke und ein grosses Gastmahl wurde gegeben. Die Be- 
wohner Tin Alkum's gingen auf den Vorschlag der Imakämasan 
und Kel Taläk ein, sie unter ihren Schutz zu nehmen, und es 
wurde ein Tag festgesetzt, an dem die Männer der beiden letzteren 
Stämme sich im ^Thale" versammeln sollten. Die Bewohner Tin 
Alkum's sollten zwei ihrer Männer zu dieser Versammlung schicken, 
auf der die gegenseitigen Bedingungen zur Regelung der neaen 
Lage festgesetzt werden sollten. Die beiden Männer, welche der 
Verabredung gemäss am bestimmten Tage von den Bewohnern 
Tin Alkum's abgesandt wurden, waren Brüder, welche denselben 
Vater und dieselbe Mutter hatten. Der ältere Bruder, Namens 
Sidl Babä, ritt ein Kamel, der jüngere, Hamüden, war zu Pferde. 
Als sie in die Nähe der Imakämasan und Kel Täläk gekommen 
waren, lagerten sie, um zu übernachten. Am Morgen früh stand 
der jüngere Bruder zuerst auf, sattelte sein Pferd und forderte 
seine Leute auf, ihm zu folgen. Als diese den älteren Bruder 
wecken wollten, verbot er ihnen dies. Sie gingen und kamen 
zur Volksversammlung. Nach den Begrüssungen forderten sie 
den Mann aus Tin Alkum auf, zu sprechen. Dieser legte alle 
seine Bedingungen dar und sagte: bauen wir eine Stadt hier an 
diesem Berge. Alle stimmten zu und bauten eine Stadt an dem 
Berge , der Kokämman heisst. Dies ist der Ursprung Chats. — 



Aufzeichnnngen über die Stadt Chat in der Sähärä. 273 

Später kam der ältere Bruder an, aber zu spät, da die Königs- 
wahl schon vorüber war. Die übrigen Bewohner Tin Alkum^s 
gingen nach Fesan, wo sie his auf den heutigen Tag unter der 
Oberhoheit der Mäschachen von Asger geblieben sind. Ein Teil 
von ihnen fuhrt dasselbe Wappen, wie der königliche Stamm, die 
Ijäschenan, in Chat. 

Die Nachkommen des altern Bruders, Sidi Babä, sind der Stamm 
der Kel Chabsa, und die des jüngeren, Hamüden, der Stamm der 
Ijäschenan geworden. Der letztere hat sich in der Folge in drei 
Abteilungen gespalten, die Ai't el Muchtar, die A'it Hamüden und die 
Ai't Häna. Zur ersteren Abteilung gehört Mohammed es Säfl, der 
gegenwärtige Chef von Chat, und Prinz Hädsch Otmän ben Omar. 

So bestanden denn die Bewohner Chät^s und bestehen noch 
heute aus vier Stämmen, aus den Ijäschenan, welche den König, 
amanoksl, den Kel Chabsa, welche den Burgermeister oder Ältesten, 
amehär, stellen, und aus den Imakämasan und Kel Täläk. 

Die Erbauung Chät's soll, wie angedeutet, vor etwas mehr 
als 200 Jahren stattgefunden haben, vielleicht um die Mitte des 
17. Jahrhunderts. Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, 
dass schon drei Jahrhunderte früher der Name Chat in einem 
Reisewerke vorkommt. Im Jahre 1353 durchkreuzte ein Welt- 
reisender ersten Ranges, ein Berber, der Scheich Abu Abd Allä 
Mohammed ben Abd Allä ben Mohammed ben Ibrahim el Lewätl 
et Tändschi, bekannter unter dem Namen Ibn Batüta, die Wüste 
Sähärä von Süden nach Norden, und an einer Stelle*) seines 
unschätzbaren Reisewerkes heisst es wörtlich: „Und wir kamen 
zu der Gegend, in welcher die Strasse nach Chat, welche nach 
den Provinzen Egyptens hinführt, und die Strasse nach Tauät sich 
trennen.'' Diese Gegend, deren Namen Ibn Batüta nicht angiebt, 
erweist sich bei aufmerksamer Betrachtung als die, in welcher die 
heute Asiu**) genannten Brunnen liegen. Ibn Batüta sagt nicht, 
was Chat sei, aber ich glaube annehmen zu dürfen, dass dieser 
Name nicht einer Stadt zukam, sondern einer Gegend, in welcher 
das heutige Chat liegt. Nach Angabe des englischen Reisenden 
Hugh Oudney, der im Anfange der 20er Jahre in Chat war, habe 
die Stadt früher auf dem kleinen Hügel gestanden, an dessen Fuss 
sie jetzt liegt. Durch teilweises Zusammenstürzen dieses Hügels 
sei die Stadt und ein Teil ihrer Bewohner vernichtet worden***). 



*) CoUection d^ouvrages orientaux publice par la Soci^t^ Asiatique. 
Ibn Batoutah, texte et traduction par C. Defr^mery et le dr. B. R. Sangui- 
netti. Paris. 4 vols. Tome IV. Paris 1858, p. 445. 

**) Denham, Clapperton and Oudney, Travels in Africa. 
***) Vergl. Heinrich Barth*s Reisen und Entdeckungen in Nord- und 
Central-Afrika. I. Bd. S. 310. 

Zeitoehr. d. OeseUsch. f. Erdk. Bd. XVH. ]8 



274 ^* A. Krause: 



Die Zeit der Könige, von Hamüden bis Mohammed 

es SS,fi. 

Nach dem Tode Hamüdens erhoben sich Thronstreitigkeiten. 
Nach blutigem Kampfe wurde Ham^dl König, aber seine Gegner 
verbrannten ihm vierzig Kamellasten Senä (die Blätter von Cassia 
obovaia Coli.)) und dies scheint ihm das Regieren verleidet zu 
haben, denn es heisst: „er verliess die Regierung und es wurde 
El Afia eingesetzt^, der zehn Jahre regierte und dann starb. 
Diesem folgte Hädsch JadM, der eine Zeit lang regierte und starb. 
Die nun folgenden Könige waren Hamüden II.; Hädsch Mohammed; 
Hädsch Käfa Maräbat; Achmadu, der ein Jahr regierte; Hädsch 
Kafa II. Unter des letzteren Regierung fing der Araberstamm der 
üläd Scheredat Krieg an, wurde aber von den Chatinern zurück- 
getrieben. Es folgte nun ein siebenjähriger Frieden, während 
dessen Hädsch Kafa II. starb. Ihm folgte Hädsch Mohammed II. 
ag*) el Hädsch Kafa, der wieder mit den Ulad Scheredat zu 
kämpfen hatte und sie besiegte. Diesmal verlangten die Chatiner 
eine Kriegskosten entschädigung , und es scheint, dass diese ihnen 
gegeben wurde. 

Nach langer Regierung starb Hädsch Mohammed und hatte 
zum Nachfolger Hädsch Hatita, den Grossvater des Prinzen Hädsch 
Otmän ben Omar. Während seiner Regierung fand ein Kampf 
zwischen dem Araberstamm der Auläd Sullmän und den Chatinern 
statt. Es wird nicht gesagt, wer den Krieg begonnen, es scheint 
aber, dass es die Araber waren, welche auch siegreich aus dem 
Kampfe hervorgingen. Zwei Monate lang hielten sie Chat cerniert 
und fingen alles ab, was nach der Stadt ging oder von dort kam. 
Zuletzt schickten die Araber eine Botschaft an den König von 
Chat, dass er zu ihnen kommen solle. Der König war willens, 
diesen Schritt zu thun, aber alle Frauen und Männer Chät^s 
hinderten ihn daran, da sie fürchteten, er möchte ermordet werden, 
gestatteten jedoch, dass er seinen Sohn Omar mit Geschenken aus 
Haussä und Tunis in das Lager der Feinde schicke. Mit vier 
Begleitern begab sich Omar in die Nähe des Ortes Tädaramt 
zum Brunnen Tin Säkwän (Sägwän), ganz in der Nähe von Chat, 
wo der Chef der Auläd Sullmän lagerte. Dieser empfing Omar 
und fragte ihn etwas spöttisch, ob sein Vater sich etwa gefürchtet 
habe, persönlich zu kommen. Dann aber, auf seine Botschaft 
eingehend, sagte er, dass er einen dauerhaften Frieden schliessen 



*) Ag, g oder n heisst Sohn im Maschachischen, im Plural ai't; ibn, 
ben, walad, uld heisst Sohn im Arabischen, im Plural ebna, benu, beni, auläd, 
uläd, uled, ueläd ; da, dan heisst Sohn im Haussanischen, im Plural jäja, jära. 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Säh&rä. 275 

■wolle und schickte Omar mit Geschenken für seinen Vater, in 
einem Pferde, einem Sattel und einem Gewehr bestehend, nach 
Chat zurück. Hädsch Hatita sandte seinerseits neue Geschenke 
an den Araberchef, ein Hemd aus Haüssä, einen Barrakan und 
zwei Sklaven, worauf zur Freude der Chatiner Frieden geschlossen 
Wurde. 

Etwa sieben Jahre nach den geschilderten Ereignissen, so 
fahrt die haussanisch geschriebene Geschichte fort, in Wahrheit 
aber, wie aus dem folgenden hervorgeht, in viel früherer Zeit, 
entstand unter den Stämmen Imanan, Imanchasäten, Kel Isaban 
und Ifochas ein Krieg, welcher dreissig Jahre dauerte. Die Opfer, 
welche diese Kämpfe forderten, waren „ohne Grenzen" und das 
Land wurde traurig und öde. Eine Nachricht von diesen Vor- 
gangen gelangte zu dem Mäschach- Stamme der Jurächen, welche 
in dem Lande Asaüäch, in der Nähe des Flusses Niger, ihre 
Sitze hatten. 

Die nun kommenden folgenschweren Ereignisse sind leider 
in der Chronik nur angedeutet, nicht ausgeführt. Gleichviel aus 
welchem Anlasse, kurz, die Jurächen kamen ins Land Asger und 
zwar zunächst nach der Gegend Schonet. Hier erkundigten sie 
sich nach den Neuigkeiten der Welt. „Was die Neuigkeiten der 
Welt betriflFt", so lautet die Antwort, „«o giebt es nur, was ihr 
schon gehört habt, die Welt ist verdorben, die Imanan, Imancha- 
säten, Kel Isaban und Ifochas haben sie verdorben." Die Jurachen 
trösteten die unglücklichen Einwohner („machten sie süss" sagt 
der Text) und stellten den Frieden her. Dass die Jurächen sich 
mit Gewalt einmischten, ist klar, denn die Landschaft Schauet 
wurde in drei Teile geteilt, einen erhielten die Imanan, einen 
die Imanchasäten und einen die Jurächen, und das Oberhaupt der 
letzteren wurde zugleich König der Mäschachen von Asger. Bisher 
war die Königswürde dem Stamme der Imanan eigen gewesen, 
wie schon der Name zeigt, denn Imanan bedeutet die Königlichen 
und sie gaben ihr altes Recht so leicht nicht auf. Vierzig Jahre 
lang kämpften sie mit den Jurächen um die Krone, aber alle 
ihre Tapferkeit war vergebens, das Los entschied gegen sie. Sie 
zogen sich gegen Ahaggär zurück, wo sie anderthalb Jahre blieben. 
Darauf schlössen die Jurächen mit ihnen Frieden. 

Elf Jahre später wurden die Chatiner mit den Mäschachen 
in Krieg verwickelt, welche ihnen ihre Gärten und Palmen 
verwüsteten und allen Verkehr mit Chat und der Aussen weit 
erschwerten. Ob alle Stämme von Asger, oder nur einzelne, 
vielleicht die Jurächen allein, an diesem Kriege teilnahmen, wird 
nicht erwähnt. Da die Chatiner nicht imstande waren, aus 
eigener Kraft den Feind zurückzuwerfen, so griffen sie zur List 

18* 



276 ^* ^' Krause: 

und lur Verräterei. Der Konig schickte einige seiner Leute mit 
200 Goldstücken nach Tanis nnd liess daselbst allerhand Gegen- 
Htände der Industrie von Tnnis und Earopa einkaufen, andere 
nach Katschina in Haüssä, nm die beliebten Manufakturen dieses 
riatxes, besonders Hemden, zu erhandeln. Als diese Boten mit 
don Waarcn des Nordens und Südens nach Chat zurückgekommen 
waren, schrieb der Konig an die Oberhäupter und einflussreichen 
Männer der Araberstämrae Mngärha, Hötmän, Kuwaida und Suwaid, 
die \n\ südlichen Fesän wohnen und schickte ihnen die Artikel 
von Tunis und Haüssä. Ich verlange von euch weiter nichts, so 
Mohriob er, als dass ihr die Mäschachen, welche sich im Masäk- 
Uobirge zwischen El Auenat (Serdeles) und Morsuk befinden, 
tötet und keinen von ihnen leben lasset. Die Araber erfüllten 
gowissenhatit ihren Auftrag und Hessen nur Greise, Kinder und 
Frauen am Leben. 

Es gewinnt den Anschein, dass der Konig von Chat, leider 
ist nicht gesagt, welcher es war, nach dieser Metzelei einen 
gewissen Einflnss über die nordlichen Mäschach-Stämme gewann, 
denn als der Karawanen verkehr sich wieder frei entfaltete und 
die Kaufleute von Chadämes, Tunis, Tripoli, Sokna, Hön, Morsuk, 
Uaussa, Timbüktu und Tauat von neuem nach Chat kamen, da 
soll er es gewesen sein, der den einzelnen Mäschach-Stammen 
bestimmte Kaufleute zuwies, von denen sie Abgaben erheben und 
ihnen dagegen ihren Schutz angedeihen lassen sollten. Die heute 
hiortür geltenden Bestimmungen sollen aus jener Zeit herrühren. 

Jetzt folgte eine lange Periode des Friedens, die achtzig Jahre 
gt'währt haben soll bis zur Zeit Hädscb HamadFs, wo die Mäschachen 
ilio alte Ordnung wieder herstellen wollten, aber von Hädsch HamadI 
ilurau gehindert wurden. Wer dieser Hädsch Hamädl ist, wird 
uioht gesagt; man sollte glauben, es sei ein König von Chat, 
obgloioh ein solcher nicht genannt wird. 

Oarauf wurde Bei Käsem König von Chat und nach ihm 

Mv»ha!umed ag »Jadäl, ein Sohn der Schwester Hädsch Hatita's, 

uarh diesem Hädsch Achmed ben el Hädsch es Sadik el Ansarl, 

vlosiJiou N'ator aus Tauat gebürtig war. Er entsagte später dem 

lliu'uo, dor von seinem jüngeren Bruder Hädsch Mohammed el 

\iu\u oiugouommon wurde. Nach dessen Tode bestieg Hamüden 

Kiiuuui u v8oh Scheich Mohammed, der Sohn eines Gadamesiners 

uu\l oiuor Toclitor des Königs Hädsch Haü'ta, den Thron und 

\\t\\'.\\ \loMsou Abiüben Mohammed ben Hafesch, der jedoch nach 

kui^oi l\o^iovuug vortrieben wurde. An seine Stelle trat Achmed 

Vvu^^K'ula i\^ Oi\u\\\ und nach dessen Tode übernahm Mohammed 

\^^vU H\U\\\\( dio Regierung, von der er aber durch die Jurachen 

\v\liisl»eu wurde, worauf der letzte König von Chat den Thron 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 277 

bestieg, Mohammed es Sau, ein Sohn des Königs Hädsch Mohammed 
el Amin, der die Türken in die Stadt rief nnd nan als türkischer 
Unterstatthalter, Kaimakäm, in Chat residiert. 

So anffallend es scheinen mag, so mass ich doch sagen, dass 
gerade die letzten Könige in ihrer Reihenfolge nicht ganz sicher 
za sein scheinen; noch weniger aber ist dies der Fall mit der Zahl 
der ihnen in der Chronik zugeschriebenen Regierungsjahre. Hadsch 
Achmed ben el Hädsch es Sadik el Ansärl soll 1280 der Hedschra 
(dieses Jahr beginnt am 18. Juni 1863) gestorben sein, fünf 
Monate später sein Bruder Hädsch Mohammed el Amin und in 
demselben Jahre Hädsch Sidl, der König von Albarkat. Gleich- 
wohl werden den letzten fünf Königen bis zum Jahre 1296 (1879) 
dreissig Regierungsjahre zugeschrieben. 

Liste der Könige Ohät's 
nach des Prinzen Hädsch Otmän's Chronik. 

Angebliche 
Regieraogsjahre 

Harmüden gestorben. 

HamadI abgedankt. 

El Afia 10 . . . gestorben. 

Hädsch JadM gestorben. 

Hamüden II gestorben. 

Hädsch Mohammed gestorben. 

Hädsch KS^fa Marabat gestorben. 

Achmädn 1 . . . gestorben. 

Hädsch Käfa II gestorben. 

Hädsch Mohammed II gestorben. 

Hädsch Hatita gestorben. 

Bei Käsem 25 . . . gestorben. 

Mohammed ag JadS.1 32 . . . gestorben. 

Hädsch Achmed abgedankt. 

Hädsch Mohammed III. el Amin 10 . . . gestorben. 

Hamüden III. Karami 7 . . . vertrieben. 

Mohammed II. ben Hafesch . 2 . . . vertrieben. 

Achmed Auerkada Ö . . . gestorben. 

Mohammed III. esch Scherif 5 . . . vertrieben. 

Mohammed IV. es Säf! 11 (im Jahre 1879.) 

Der letzte Krieg unter den Nord-Mäschachen. 

1. Periode. 
Kämpfe zwischen den Jurftchen und Imanchäsäten. 

Anfangs der 60er Jahre entstand unter den nördlichen Mä- 
schachen ein Krieg, der mit einigen Unterbrechungen bis zum 
Jahre 1879 anhielt und dessen Hauptergebnis der Untergang der 



278 ö. A. Krause: 

Selbständigkeit Ghät's und die Einverleibung dieser Stadt in das 
osmanische Reich ist. Verschiedene enropäische Reisende versuchten 
während dieser Zeit in das innere Gebiet der nordlichen Maschachen, 
namentlich nach Ahaggär vorzudringen, aber alle ihre Anstrengungen 
mussten an dem Kriegszustande des Landes scheitern. Die Ereig- 
nisse, welche zum Kriege führten, sind mit behaglicher Breite in 
der Chronik, der ich hier folge, erzählt. 

Von dem Gebirgslande der nordlichen Maschachen senkt 
sich nach Norden ein mächtiges weitverzweigtes Thal, Namens 
Ichärchären. In diesem Thale — auf arabisch wädl, auf macha- 
chisch echäser — beginnt unsere Geschichte. 

Ein Leibeigener der Jurächen, mit Namen Ag Akartenet, hatte 
im Thale Icharcharen seine ärmliche Hütte aufgeschlagen. Unfern 
davon weideten in der Wüste ein männliches und zwei weibliche 
Kameele, welche dem Hadsch Dschebür ag Bärka, vom Stamme der 
Imanchäsäten, gehorten. Ag Akartenet tötete das männliche Kameel. 
Um dieselbe Zeit schickte Hädsch Dschebür einen seiner Sklaven, 
Namens Barka, aus, um die Kameele zurückzubringen. Dieser fand 
wohl die beiden weiblichen aber nicht das männliche. Immer 
suchend traf er Ag Akartenet an, welcher in der Nähe seiner 
Hütte ein Kameel in Stücke zerschnitt. Beide gerieten in Streit, und 
der Sklave wurde vom Leibeigenen mit dem Schwerte erschlagen. 
Als Bärka nach vier Tagen nicht zurückgekommen war, schickte 
Hadsch Dschebür seine Sohne aus, um ihn zu suchen. Diese 
fanden nur seinen Leichnam. Nach einiger Zeit erhielt Hädsch 
Dschebür die Gewissheit, dass Ag Akartenet sowohl sein Kameel, 
wie seinen Sklaven getötet habe. Sogleich machten sich von den 
Imanchäsäten Hädsch Dschebür ag Bärka, Hädsch Sidi ag Bärka, 
Junis ag el Hädsch All und Hädsch Omar ag Ibrahim auf, um sich 
beilchenüchen, dem Oberhaupte der Jurächen, zu beschweren und den 
Tod des schuldigen Leibeigenen zu fordern. Ichenüchen befand sich 
in Chat und versprach den Beschwerdeführern gerecht zu werden, 
allein zwei Monate vergingen, ohne dass der Schuldige ausgeliefert 
wurde. Die Imanchäsäten, welche heimgekehrt waren, verloren end- 
lich die Geduld und kamen von neuem zu Ichenüchen nach Chat. 

Ein unerwartetes Ereignis gab der Angelegenheit jetzt eine 
ganz andere Wendung. Ag esch Scheich, das Oberhaupt der 
Imanchäsäten, lag krank in Chat danieder und starb gerade zu 
der Zeit, wo die Beschwerdeführer zum zweiten Male nach Chat 
kamen. Nach einem Kaufmann aus Chadämes, welcher gut in 
den Vorgängen dieses langen Krieges bewandert war, soll Ag 
esch Scheich im Jahre 1277 oder 1278 der Hedschra gestorben 
sein, also im J. 1860 oder 1861. Junis ag el Hädsch AI! wollte 
nun an die Stelle des verstorbenen Ag esch Scheich treten, aber 



Aii£Beiclmiiiigeii über die Stadt Chat in der Säbärä. 279 

Ufanaiet ag Musä machte ihm sein Recht streitig. Die Matter 
beider Thronerben waren Schwestern. 

Ohne dass die Angelegenheit geregelt worden wäre, kehrte 
Junis in die Wüste za den Sitzen seines Stammes zurück, während 
Ufanaiet in Chat blieb. Nnr ein kleiner Teil der Imanchäsäten 
war Ufanaiet ergeben, nnd es ist klar, dass er von vornherein 
der Unterstützung der Jnrächen sicher war und deshalb so ge- 
waltthätig nnd anmassend auftrat. Es ist nicht unmöglich, dass 
Ichendchen den Stamm der Imanchäsäten durch Spaltung in Par- 
teien schwächen wollte, da er von dessen Nebenbuhlerschaft für 
seinen eigenen Stamm furchten mochte. 

Als KauHeute aus Chadämes in Chat angekommen waren, 
welche unter dem Schutze der Imanchäsäten standen, schickte 
Jdnis seinen Schwestersohn Chutamän ag el Hädsch Dschebür 
nach Chat, um von ihnen die herkömmlichen Abgaben zu erheben. 
Yen zwei Stammesgenossen, Mohammed Ibrahim ag Mohammed 
el Müstafli und Aisa ag Amümen 'begleitet, kam Chutamän in 
Chat an und traf in der Hütte Ag esch Scheich's Ufanaiet, der 
ihn kaum erblickte, als er auch schon ein Gewehr auf ihn ab- 
feuerte und ihn am linken Unterarm verwundete. Chütamän's 
Begleiter wollten Ufanaiet toten, aber dieser entfloh. 

Die Sache mit dem Kameele und dem Sklaven, die getötet 
worden waren, trat jetzt in den Hintergrund und der Mordanschlag 
Ufanaiet's fesselte die Aufmerksamkeit der Imanchäsäten. Die 
Alten derselben kamen nach Chat, um ein Abkommen zu stände 
zu bringen, aber die Anhänger Ufanaiet's riefen stolz: nur nach 
unserem Tode könnt ihr diese Abgaben (der Chadamesiner) er- 
heben, und waren bereit, im Verein mit den jungen Leuten der 
Jnrächen den Kampf mit den Anhängern des Junis aufzunehmen. 
Der letztere befand sich in der Wüste bei seinen Anhängern, 
Chutamän aber wurde bis zur Heilung seiner Wunde in Chat 
zurückgehalten. Nach zwei und einem halben Monat ging auch 
er in die Wüste, aber nur, um sofort ganz allein nach Chat zu- 
rückzukehren nnd Rache an Ufanaiet zu nehmen» Sechs Tage 
lang lauerte er diesem auf, aber derselbe befand sich in der 
Wüste. Als Chutamän wieder eines Tages auf den Hauptplatz 
von Chat, Eschelli genannt, kam, eine mit drei Kugeln geladene 
Pistole unter seinem Burnus verborgen haltend, traf er Düdu, 
einen jüngeren Bruder Ufanaiet's, auf den er seine Pistole los- 
schoss. Düdu fiel. Chutamän, welcher glaubte, ihn getötet zu 
haben, sattelte sein Kameel und begab sich zu seinen Stammes- 
genossen in der Wüste. 

Die Imanchäsäten, soweit sie Junis anerkannten, und dies 
waren wenigstens zwei Drittel des Stammes, hatten sich in Fesän, 



280 ^* ^' Krause: 

in den Sanddünen von übäri (Edejen) anf dem Gebiete des 
Araberstammes der Mngarha versammelt, wo sie sich zum Kampfe 
vorbereiteten. Die Jurächen und von den Imanchasäten die An- 
bänger Ufanaiet's wollten ihnen dahin folgen, wahrscheinlich kamen 
ihnen aber die Imanchasäten entgegen, denn im Thale (wadi, 
echäser) Tanasüft kam es zu einem Kampfe, in welchem auf 
beiden Seiten fünf Mann blieben. Darnach zogen sich die Imancha- 
säten nach dem Wadi „Wudjän el Bähär", das wahrscheinlich in 
der Nähe der Seeen von Fesän liegt, zurück, von den Jurächen 
verfolgt. Da aber die Mugärha sich dazwischen legten und einen 
Kampf verhinderten , so zogen sich die Jurachen und ihre Ver- 
bündeten zurück. 

Bald darauf machten die Imanchasäten einen Zug gegen 
Westen und nahmen im Thale Tanasüfl; in der Nähe des Berges 
Idlnen (Kasr el Dschunün) dem Stamme Iworwaran gehörende 
Kameele weg. Die Strafe sollte aber auf dem Fusse folgen. Die 
Jurächen verfolgten sie bis In die Sanddünen von übäri, wo es 
zu einer Schlacht kam, in der sechs Imanchasäten getötet und 
ihr Chef Junis ag el Hädsch All gefangen genommen wurde. 

Ichenüchen befand sich zu dieser Zeit in El Charefa im 
Wädl el Chärbi in Fesän. Zu ihm wurde der gefangene Junis 
gebracht. Ichenüchen behandelte ihn freundlich, beschenkte ihn 
und gab ihm die Freiheit. 

Während dessen hatten Junis' Anhänger sich nach Ahaggär 
zu dessen König Hädsch Achmed ben Sidl el Bekri el Fugäsi 
zurückgezogen. Ag Mama, der alte frühere König, war zu dieser 
Zeit gestorben. In Ahaggär blieben die Imanchasäten etwa ein 
Jahr, dann versuchte Hädsch Achmed den Frieden herzustellen. 
Die Imanchasäten waren bereit, Frieden zu schliessen, verlangten 
aber Gerechtigkeit für das Kameel und den Sklaven, die ihnen 
getötet worden waren, ferner Anerkennung ihrer Rechte auf die 
Abgaben der Chadämes-Kaufleute. 

Siebzehn Personen von Ahaggär, mit Hädsch Achmed an der 
Spitze, und drei von den Imanchasäten, Junis ag el Hädsch Ali, 
Sidi ag Bärka und Hädsch Omar ag Ibrahim kamen nach Tünin, 
dem kleinen Orte westlich von Chat, wo für sie vier Zelte auf- 
geschlagen wurden. Die Friedensverhandlungen sollen durch einen 
etwas komischen Streit zwischen Ichenüchen und Hädsch Achmed 
eröffnet worden sein. Der letztere rief dann alle angesehenen 
Männer von Asger, Chat, Chadämes und Albärkat zusammen und 
man kam überein, die Frage wegen des Kameeis und des Sklaven 
auf sich beruhen zu lassen und die Abgaben der Chadämes-Kaufleute 
so zu verteilen, dass Ufanaiet ein Drittel der Einkommen und 
Junis zwei Drittel erhalten sollte. Die Leute von Ahaggär und 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Säh&rä. 281 

/die Imanchasäten kehrten nun nach Ahaggär zurück. — Im 

.^wehsten Jahre kam Junis nach Chat, um seine Abgaben von den 

L ^CÜiadamesinern zu erheben, wurde aber von Ufanaiet daran ge- 

■r liiiidert. Er kehrte sofort nach Ahaggär zurück, wohin auch die 

Inanan kamen. 

Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob dieses Kommen 

der Imanan nach Ahaggär zeitlich mit dem des Junis zusammen- 

3.4Sllt, oder ob ein kürzerer oder längerer Zeitraum zwischen beiden 

Breignissen liegt. Wie aber die Imanan, die Todfeinde der 

- Jnr&chen, mit den letzteren in Händel verwickelt wurden, werden 

wir später erfahren. 

Leider ist es mir nicht möglich, die genaue Zeit der eben 
l^schilderten Vorgänge anzugeben. Einem dieser Kämpfe oder 
. 4och seinen unmittelbaren Folgen habe ich als Augenzeuge beige- 
. wohnt. Im Jahre 1869 hatte ich die holländische Reisende Frl. 
Alexandrina Tinne als Diener bis nach Morsuk begleitet. Von 
da schickte sie mich zurück, und auf der Rückreise nach Tripoli 
. begri£Pen, befand ich mich am 14. Juni desselben Jahres im 
Stadtchen Temenhint, einige Tagereisen nordlich von Morsuk. 
Za eben dieser Zeit kamen in wilder Flucht von Westen her 
j. Frauen und Kinder der Maschachen, welche vor dem Kriege flohen, 
f der nach ihrer Aussage ausgebrochen sein sollte, in Temenhint 
an. Sie behaupteten, dass Ichenüchen mit seinem Neffen, der 
ihn vom Throne habe stossen wollen, in Kampf verwickelt sei. 
Kurze Zeit vorher hatte ich in Morsuk einen Mäschach kennen 
gelernt, welcher der von Ichenüchen besiegte Neffe sein sollte 
and der nun beim türkischen Statthalter von Morsuk freundliche 
Aufnahme gefunden hatte und sich zu neuem Kampfe vorbereite. 
Dieser Ausbruch von Feindseligkeiten unter den Mäschachen 
flösste dem Gouverneur von Fesan solche Furcht ein, dass er ein 
offenes Rundschreiben an alle Oberhäupter der Stämme und 
Städte absandte > in welchem er sie dringend aufforderte, ihm 
Hülfsmannschaften zu schicken, die Tag und Nacht marschieren 
sollten, um so bald als möglich nach Morsuk zu gelangen. Der 
Bote mit diesem Schreiben erreichte uns einige Tage später beim 
Brunnen Umm el Abid. Leider vermag ich nicht, dieses Ereignis 
mit einem der oben geschilderten zu identifizieren. 

2. Periode. 

Kämpfe zwischen denJurd,chen und Imanan und Einverleibung 

Chatte in das türkische Reich. 

Im Städtchen Sinaun, nordostlich von Chaddmes, auf einer 
der Strassen nach Tripoli, lebt unter anderen der Araberstamm 
der Ulad Aon Allä. Eine Familie desselben, aus den Brüdern 



L. 



272 ^- A. Krause: 

Häaptling der Isädäfen; Jadäl in In Tana8t Häuptling der Eel 
Täläk. Zwischen diesen Stämmen kam es zu. einem Kriege. 
Auf der einen Seite standen die Imakämasan und Kel Tärät, auf 
der anderen die Eel Täläk und Isädäfen. Es fand eine blutige 
Schlacht statt, nach welcher sich die Kel Tärät aufmachten und 
sich unter den Schutz der Imanan begaben. Aach die Isädäfen 
flohen und gingen nach Tauät. Darauf sagten die Eel Täläk 
und Imakämasan: wozu nützt es, dass wir uns gegenseitig toten? 
Die Isädäfen sind nach Tauät gewandert, die Kel Tärät sind 
Schützlinge der Imanan geworden. Nun sind wir zwei Stamme 
übrig geblieben, schliessen wir Frieden unter einander, es ist 
besser so. Das waren die Worte der Alten; dagegen aber er- 
hoben sich die jungen Leute, das sind nach Sitte der Mäschachen 
diejenigen unter vierzig Jahren, und sagten: es sei kein Frieden 
zwischen uns, nur Tod. Wer stärker ist, als der andere, verjage 
ihn oder tote ihn. Nach erneuter Beratung machten die Imakä- 
masan den Vorschlag, den in der Stadt Tin AJkum wohnenden 
Stamm als Oberherrn anzuerkennen und dessen Schatzbefohlene 
zu werden und die Kel Täläk stimmten zu. 

Zwei Männer von den Imakämasan und zwei von den Eel 
Täläk begaben sich nun nach Tin Alkum, wo sie frenndlich auf- 
genommen wurden und drei Tage blieben. Sie erhielten Gast- 
geschenke und ein grosses Gastmahl wurde gegeben. Die Be- 
wohner Tin Alkum's gingen auf den Vorschlag der Imakämasan 
und Kel Täläk ein, sie unter ihren Schutz zu nehmen, und es 
wurde ein Tag festgesetzt, an dem die Männer der beiden letzteren 
Stämme sich im ^Thale" versammeln sollten. Die Bewohner Tin 
Alkum's sollten zwei ihrer Männer zu dieser Versammlung schicken, 
auf der die gegenseitigen Bedingungen zur Regelung der neuen 
Lage festgesetzt werden sollten. Die beiden Männer, welche der 
Verabredung gemäss am bestimmten Tage von den Bewohnern 
Tin Alkum's abgesandt wurden, waren Brüder, welche denselben 
Vater und dieselbe Mutter hatten. Der ältere Bruder, Namens 
Sidl Babä, ritt ein Kamel, der jüngere, Hamüden, war zu Pferde. 
Als sie in die Nähe der Imakämasan und Kel Täläk gekommen 
waren, lagerten sie, um zu übernachten. Am Morgen früh stand 
der jüngere Bruder zuerst auf, sattelte sein Pferd und forderte 
seine Leute auf, ihm zu folgen. Als diese den älteren Bruder 
wecken wollten , verbot er ihnen dies. Sie gingen und kamen 
zur Volksversammlung. Nach den Begrüssungen forderten sie 
den Mann aus Tin Alkum auf, zu sprechen. Dieser legte alle 
seine Bedingungen dar und sagte: bauen wir eine Stadt hier an 
diesem Berge. Alle stimmten zu und bauten eine Stadt an dem 
Berge, der Kokämman heisst. Dies ist der Ursprung Chats. — 



Aufzeichnnngen über die Stadt Chat in der Sdh&rä. 273 

Später kam der ältere Bruder an, aber zu spät, da die Königs- 
wahl schon vorüber war. Die übrigen Bewohner Tin Alkum's 
gingen nach FesÄn, wo sie bis auf den heutigen Tag unter der 
Oberhoheit der Mäschachen von Asger geblieben sind. Ein Teil 
von ihnen führt dasselbe Wappen, wie der königliche Stamm, die 
Ijäschenan, in Chat. 

Die Nachkommen des altern Bruders, Sidi Baba, sind der Stamm 
der Kel Chäbsa, und die des jüngeren, Hamüden, der Stamm der 
Ijäschenan geworden. Der letztere hat sich in der Folge in drei 
Abteilungen gespalten, die Ai't el Muchtär, die Ai't Hamüden und die 
Alt Häna. Zur ersteren Abteilung gehört Mohammed es Säfl, der 
gegenwärtige Chef von Chat, und Prinz Hädsch Otmän ben Omar. 

So bestanden denn die Bewohner Chät's und bestehen noch 
heute aus vier Stämmen, aus den Ijäschenan, welche den König, 
amanoksl, den Kel Chäbsa, welche den Bürgermeister oder Ältesten, 
amchär, stellen, und aus den Imakämasan und Kel Täläk. 

Die Erbauung Chät's soll, wie angedeutet, vor etwas mehr 
als 200 Jahren stattgefunden haben, vielleicht um die Mitte des 
17. Jahrhunderts. Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, 
dass schon drei Jahrhunderte früher der Name Chat in einem 
Reisewerke vorkommt. Im Jahre 1353 durchkreuzte ein Welt- 
reisender ersten Ranges, ein Berber, der Scheich Abu Abd Allä 
Mohammed ben Abd Allä ben Mohammed ben Ibrahim el Lewätl 
et Tändschi, bekannter unter dem Namen Ihn Batüta, die Wüste 
Sähärä von Süden nach Norden, und an einer Stelle*) seines 
unschätzbaren Reisewerkes heisst es wörtlich: „Und wir kamen 
zu der Gegend, in welcher die Strasse nach Chat, welche nach 
den Provinzen Egyptens hinführt, und die Strasse nach Tauät sich 
trennen." Diese Gegend, deren Namen Ibn Batüta nicht angiebt, 
erweist sich bei aufmerksamer Betrachtung als die, in welcher die 
heute Asiu**) genannten Brunnen liegen. Ibn Batüta sagt nicht, 
was Chat» sei, aber ich glaube annehmen zu dürfen, dass dieser 
Name nicht einer Stadt zukam, sondern einer Gegend, in welcher 
das heutige Chat liegt. Nach Angabe des englischen Reisenden 
Hugh Oudney, der im Anfange der 20er Jahre in Chat war, habe 
die Stadt früher auf dem kleinen Hügel gestanden, an dessen Fuss 
sie jetzt liegt. Durch teilweises Zusammenstürzen dieses Hügels 
sei die Stadt und ein Teil ihrer Bewohner vernichtet worden***). 



*) CoUection d^ouvrages orientaux publice par la Soci4t4 Asiatique. 
Ibn Batoutab, texte et traductiou par C. Defr^mery et le dr. B. R. Sangui- 
netti. Paris. 4 vols. Tome IV. Paris 1858, p. 445. 

**) Denbam, Clapperton and Oudney, Travels in Africa. 
***) Vergl. Heinrich Barth's Reisen und Entdeckungen in Nord- und 
Central-Afrika. I. Bd. S. 310. 

Zeitschr. d. GeseUflch. f. Erdk. Bd. XVII. ]8 



274 (3t* A. Krause: 



Die Zeit der Konige, von Hamfiden bis Moh&mmed 

es Säfi. 

Nach dem Tode Hamüdens erhoben sich Thronstreitigkeiten. 
Nach blutigem Kampfe wurde Ham&dl Konig, aber seine Gegner 
verbrannten ihm vierzig Kamellasten Senä (die Blätter von Ccniia 
obovaia Coli.}) nnd dies scheint ihm das Regieren verleidet zu 
haben, denn es heisst: „er verliess die Regierang nnd es wurde 
El Afia eingesetzt^, der zehn Jahre regierte und dann starb. 
Diesem folgte Hädsch Jadäl, der eine Zeit lang regierte und starb. 
Die nun folgenden Konige waren Hamüden II.; Hädsch Mohimmed; 
Hädsch Käfa Marabat; Achmadu, der ein Jahr regierte; Hädsdi 
Käfa II. Unter des letzteren Regierung fing der Araberstamm der 
Uläd Scheredat Krieg an, wurde aber von den Ghatinern curuck- 
getrieben. Es folgte nun ein siebenjähriger Frieden, während 
dessen Hädsch Käfa II. starb. Ihm folgte Hädsch Mohammed IL 
ag*} el Hädsch Käfa, der wieder mit den Uläd Schered&t zu 
kämpfen hatte und sie besiegte. Diesmal verlangten die Chatiner 
eine Kriegskostenentschädigung, und es scheint, dass diese ihnen 
gegeben wurde. 

Nach langer Regierung starb Hädsch Mohammed und hatte 
zum Nachfolger Hädsch Hatita, den Grossvater des Prinzen Hädsch 
Otmän ben Omar. Während seiner Regierung fand ein Kampf 
zwischen dem Araberstamm der Auläd Snllmän und den Ghatinern 
statt. Es wird nicht gesagt, wer den Krieg begonnen, es scheint 
aber, dass es die Araber waren, welche auch siegreich aus dem 
Kampfe hervorgingen. Zwei Monate lang hielten sie Chat cerniert 
und fingen alles ab, was nach der Stadt ging oder von dort kam. 
Zuletzt schickten die Araber eine Botschaft an den König von 
Chat, dass er zu ihnen kommen solle. Der König war willens, 
diesen Schritt zu thun, aber alle Frauen und Männer Ghät's 
hinderten ihn daran, da sie fürchteten, er möchte ermordet werden, 
gestatteten jedoch, dass er seinen Sohn Omar mit Geschenken aus 
Häussä und Tunis in das Lager der Feinde schicke. Mit vier 
Begleitern begab sich Omar in die Nähe des Ortes Tädaramt 
zum Brunnen Tin Sakwän (Sägwän), ganz in der Nähe von Ghät, 
wo der Chef der Auläd Sullmän lagerte. Dieser empfing Omar 
und fragte ihn etwas spöttisch, ob sein Vater sich etwa gefurchtet 
habe, persönlich zu kommen. Dann aber, auf seine Botschaft 
eingehend, sagte er, dass er einen dauerhaften Frieden schliessen 



*) Ag, g oder u heisst Sohn im Mascbachischen, im Plural ai*t; ihn, 
ben, walad, uld heisst Sohn im Arabischen, im Plural ebna, benu, beni, anläd, 
uläd, lücd, ueläd ; da, dau heisst Sohn im Haussanischen, im Plural jfija, j&ra. 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der S^härä. 275 

wolle und schickte Omar mit Geschenken für seinen Vater, in 
einem Pferde, einem Sattel und einem Gewehr bestehend, nach 
Chat zurück. Hädsch Hatita sandte seinerseits neue Geschenke 
an den Araberchef, ein Hemd aus Haüssä, einen Barrakan und 
zwei Sklaven, worauf zur Freude der Chatiner Frieden geschlossen 
wurde. 

Etwa sieben Jahre nach den geschilderten Ereignissen, so 
fahrt die haussanisch geschriebene Geschichte fort, in Wahrheit 
aber, wie aus dem folgenden hervorgeht, in viel früherer Zeit, 
entstand unter den Stämmen Imanan, Imanchasäten, Kel Isaban 
und Ifochas ein Krieg, welcher dreissig Jahre dauerte. Die Opfer, 
welche diese Kämpfe forderten, waren „ohne Grenzen'' und das 
Land wurde traurig und öde. Eine Nachricht von diesen Vor- 
gängen gelangte zu dem Mäschach- Stamme der Jurächen, welche 
in dem Lande Asaüäch, in der Nähe des Flusses Niger, ihre 
Sitze hatten. 

Die nun kommenden folgenschweren Ereignisse sind leider 
in der Chronik nur angedeutet, nicht ausgeführt. Gleichviel aus 
welchem Anlasse, kurz, die Jurachen kamen ins Land Asger und 
zwar zunächst nach der Gegend Schauet. Hier erkundigten sie 
sich nach den Neuigkeiten der Welt. „Was die Neuigkeiten der 
Welt betrifft", so lautet die Antwort, „J3o giebt es nur, was ihr 
schon gehört habt, die Welt ist verdorben, die Imänan, Imancha- 
säten, Kel Isaban und Ifochas haben sie verdorben." Die Jurächen 
trösteten die unglücklichen Einwohner („machten sie süss" sagt 
der Text) und stellten den Frieden her. Dass die Jurächen sich 
mit Gewalt einmischten, ist klar, denn die Landschaft Schauet 
wurde in drei Teile geteilt, einen erhielten die Imanan, einen 
die Imanchasäten und einen die Jurächen, und das Oberhaupt der 
letzteren wurde zugleich König der Mäschachen von Asger. Bisher 
war die Königswürde dem Stamme der Imanan eigen gewesen, 
wie schon der Name zeigt, denn Imanan bedeutet die Königlichen 
und sie gaben ihr altes Recht so leicht nicht auf. Vierzig Jahre 
lang kämpften sie mit den Jurächen um die Krone, aber alle 
ihre Tapferkeit war vergebens, das Los entschied gegen sie. Sie 
zogen sich gegen Ahaggär zurück, wo sie anderthalb Jahre blieben. 
Darauf schlössen die Jurächen mit ihnen Frieden. 

Elf Jahre später wurden die Chatiner mit den Mäschachen 
in Krieg verwickelt, welche ihnen ihre Gärten und Palmen 
verwüsteten und allen Verkehr mit Chat und der Aussenwelt 
erschwerten. Ob alle Stämme von Asger, oder nur einzelne, 
vielleicht die Jurächen allein, an diesem Kriege teilnahmen, wird 
nicht erwähnt. Da die Chatiner nicht imstande waren, aus 
eigener Kraft den Feind zurückzuwerfen, so griffen sie zur List 

18* 



276 ^< ^' Krause: 

und zur Verräterei. Der König schickte einige seiner Leute mit 
200 Goldstücken nach Tunis und liess daselhst allerhand Gegen- 
stände der Industrie von Tunis und Europa einkaufen, andere 
nach Kätschina in Haussä, um die heliehten Manufakturen dieses 
Platzes, besonders Hemden, zu erhandeln. Als diese Boten mit 
den Waaren des Nordens und Südens nach Chat zurückgekommen 
waren, schrieb der König an die Oberhäupter und einflassreichen 
Männer der Araberstämme Mugärha, Hötmän, Kuwaida und Suwaid, 
die im südlichen Fesän wohnen und schickte ihnen die Artikel 
von Tunis und Haussä. Ich verlange von euch weiter nichts, so 
schrieb er, als dass ihr die Mäschachen, welche sich im Masak- 
Gebirge zwischen El Auen^t (Serdeles) und Morsuk befinden, 
tötet und keinen von ihnen leben lasset. Die Araber erfnUten 
gewissenhaft ihren Auftrag und Hessen nur Greise, Kinder und 
Frauen am Leben. 

Es gewinnt den Anschein, dass der König von Chat, leider 
ist nicht gesagt, welcher es war, nach dieser Metzelei einen 
gewissen Einfluss über die nördlichen Mäschach-Stämme gewann, 
denn als der Karawanenverkehr sich wieder frei entfaltete und 
die Kaufleute von Chadämes, Tunis, Tripoli, Sokna, Hon, Morsuk, 
Haussä, Timbüktu und Tauät von neuem nach Chat kamen, da 
soll er es gewesen sein, der den einzelnen Mäschach-Stammen 
bestimmte Kaufleute zuwies, von denen sie Abgaben erheben und 
ihnen dagegen ihren Schutz angedeihen lassen sollten. Die heute 
hierfür geltenden Bestimmungen sollen aus jener Zeit herrühren. 

Jetzt folgte eine lange Periode des Friedens, die achtzig Jahre 
gewährt haben soll bis zur Zeit Hädsch HamädFs, wo die Mäschachen 
die alte Ordnung wieder herstellen wollten, aber von Hädsch Hamädl 
daran gehindert wurden. Wer dieser Hädsch Hamädl ist, wird 
nicht gesagt; man sollte glauben, es sei ein König von Chat, 
obgleich ein solcher nicht genannt wird. 

Darauf wurde Bei Käsern König von Chat und nach ihm 
Mohammed ag Jadäl, ein Sohn der Schwester Hädsch Hatita's, 
nach diesem Hädsch Achmed ben el Hädsch es Sadik el Ans&rl, 
dessen Vater aus Tauät gebürtig war. Er entsagte später dem 
Throne, der von seinem jüngeren Bruder Hädsch Mohammed el 
Amin eingenommen wurde. Nach dessen Tode bestieg Hamüden 
Kärami u esch Scheich Mohammed, der Sohn eines Gadamesiners 
und einer Tochter des Königs Hädsch Hatita, den Thron und 
nach dessen Ableben Mohammed ben Hafesch, der jedoch nach 
kurzer Regierung vertrieben wurde. An seine Stelle trat Achmed 
Auerkada ag Omar, und nach dessen Tode übernahm Mohammed 
esch Scherif die Regierung, von der er aber durch die Jurächen 
vertrieben wurde, worauf der letzte König von Chat den Thron 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 277 

bestieg, Mohammed es SafI, ein Sohn des Königs Hädsch Mohammed 
el Amin, der die Türken in die Stadt rief und nun als türkischer 
Unterstatthalter, Kaimakäm, in Chat residiert. 

So auffallend es scheinen mag, so muss ich doch sagen, dass 
gerade die letzten Könige in ihrer Reihenfolge nicht ganz sicher 
zu sein scheinen; noch weniger aber ist dies der Fall mit der Zahl 
der ihnen in der Chronik zugeschriebenen Regierungsjahre. Hädsch 
Achmed ben el Hadsch es Sadik el Ansärl soll 1280 der Hedschra 
(dieses Jahr beginnt am 18. Juni 1863) gestorben sein, fünf 
Monate später sein Bruder Hädsch Mohammed el Amin und in 
demselben Jahre Hädsch Sidl, der König von Albarkat. Gleich- 
wohl werden den letzten fünf Königen bis zum Jahre 1296 (1879) 
dreissig Regierungsjahre zugeschrieben. 

Liste der Könige Ohät*s 
nach des Prinzen Hädsch Otmftn^s Chronik. 

Angebliche 
Regiemogsjahre 

HflTmüden gestorben. 

Hamadl abgedankt. 

El Afia 10 . . . gestorben. 

Hadsch Jadäl gestorben. 

Hamüden II gestorben. 

Hädsch Mohammed gestorben. 

Hädsch Käfa Maräbat gestorben. 

Achmlidu 1 . . . gestorben. 

Hädsch Kafa II gestorben. 

Hädsch Mohammed II gestorben. 

Hädsch Hatita gestorben. 

Bei Käsern 25 . . . gestorben. 

Mohammed ag Jad&l 32 . . . gestorben. 

Hädsch Achmed abgedankt. 

Hädsch Mohammed III. el Amin 10 . . . gestorben. 

Hamuden III. Karami 7 . . . vertrieben. 

Mohammed II. ben Häfesch . 2 . . . vertrieben. 

Achmed Auerkada 5 . . . gestorben. 

Mohammed III. esch Scherif 5 . . . vertrieben. 

Mohammed IV. es SÄfl 11 (im Jahre 1879.) 

Der letzte Krieg unter den Nord-Mäschachen. 

1. Periode. 
Kämpfe zwischen den Jurftchen und ImanchäsSten. 

Anfangs der 60er Jahre entstand unter den nördlichen Mä- 
schachen ein Krieg, der mit einigen Unterbrechungen bis zum 
Jahre 1879 anhielt und dessen Hauptergebnis der Untergang der 



n. 

TbQiigraiiBiee und BfttoBrerWiltm»!»'^ > 

Qhäi iftt: vou tiiui»^ \Latter uingn^a««!^ die^ zzesnlieh umnoEgBit- 
luä^s^ ^t^«iut isit. Iii dar Mittdr dar Stadi ist esn Meinear tixBear 
IHuUu di>i' dcHtt Numau Hs)i>kalli tuhit^ ^on diesem g^&äeo^ ä^ic- 
lii>i:i ^ti^u dau War ükupmditiiu^i der Wlidbtkse^ esEtSforBefaeaii^ 
Waji'' ä(rMi#<Mi aM>k dan vier TlBnn»t der SisM. Tlkur Imiasr ju£ 
itti».3d%iM>i:u8«ik o^mi^ auf lumbdsfik bsib,. itfii baxBMBffldashL ]s£^sm. Qifit 
^kuuau da»"* Thura^ siuuk. diet t€ii^»idea: da«^ in>rdüeiiet Imn^ Sobl 
(Üab) ^ Ch^ d&se us4iid»at Huti KkiM&^ dsAr siiäiicbst Hbü. Hidb- 
o^tfM^kaA^ das^ >vediU(»ha: Hmi 'I^iLUKaLchal il ü^uBauz: (ei .kidiiO- ^^ 
'Caäaü^adäGayi Mtrd i»di dajxi Afidso^. der 2^t deer .WbBfflig>4iBteff 

dra^i iiiu:- 2£&it. dat» ^äibkrtb, d. u der (xaiüataaaDit. bsi S»maM3auaä&B^ 
gitcU^ Hliu adtae^c ipizt' verimiUGNrteef Thor, QauacaBfi^ Smi J^shst: ^mi 
H^ii^tt, lia^ 4sitis«h3au deuL säüUIekeit loiiL ^^tefiiÜGhBit! umL vobl iimi: 
t tiluirt oiua: :jittu»»»: Astxit tHaizet ^^»i»^. .^iSBer desL e^^engwainnm». 
ia dar ^Miite: dar SteiidL lieg^itdett^ vveist dia. äfki^ tioiik. ziwei IBaizK 
•xiei** M^äiaa: cua'i deit l^ebsi' eo. H^im. oder* GBaeuüieiiiadat^ \'0ii: 
vire^ebam. da«: <tiUe: \*emtiai£fte: Hior^ d&Sr in: saiaer: N^lidt lief^ 
:>aiU!aii: NcumMi orttzatau: isu.; itmL oiicait ^uuieraB: Maria^^aizi am: 
>Hidtbi>rtH dar* lis- 'ijök i. ^l ^uh traJjiöea .uiar- Alarki*"* L^ciaimi^wiL. 
ObcHco- \t)m. 15^aAza: üsebssili 'yomaxm 6ictL ^Han'öndcaks^itzmmssaih 
riifoit :m. Ibkirttöeh« vvo dia-. Uaitaiküntar- grewiaplfc Nveraem iOütL.'Wt 
icii ricdt ;^;2tuaL :>kaar^ ju oar oiit 'raiar- t5au: oder jiü ^üw^jr*. i3S;. 

I}iUi- Siaütnartai liaiäsi ut MaäeuücmiSfiuaa. ii;aaiääa ilice 
Nauiair aar- ÜautTranai, voir >förtißu: :^^s?ii- Weewm üiüeH: omjl 
J3saui :;s^ilausi« simi. öiat loi^iniait; l. -U^üaiäd a. .St» t.v.AliifCR: 
'* iA>äaiäti. Jt iTixart; >. .wi;ua4äd„ it nimaicuiU :i. iiauua.; ». *vcya^ 
ää. i 'iiseaat m iiiim; n Vi^aatäiLit Il&^aaili .Uitiar»ii- •^; ». -i4.o»e- 
äti. r ;<}l)a€ittim; TZ vvuaiäii »r. riiiäcQacii'at; 1> vVuaMd i: ^YV>a«ij«<?- 
aw vi^iaichi ^Vo^*eaar».It -.-aaar dte '^^ertai*"^; '* vvaa*äd^ n. Ifi«- 

I'/twti s^O^**^ Matc|T svfdUiou vu * Äiifc la^ lar ^miaiiftortte 

(x*a: in rEdaiiuttfc.. 






Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 279 

Ufanaiet ag Müsä machte ihm sein Recht streitig. Die Mutter 
beider Thronerben waren Schwestern. 

Ohne dass die Angelegenheit geregelt worden wäre, kehrte 
Junis in die Wüste zu den Sitzen seines Stammes zurück, während 
Ufanaiet in Chat blieb. Nur ein kleiner Teil der Imanchasäten 
war Ufanaiet ergeben, und es ist klar, dass er von vornherein 
der Unterstützung der Jurachen sicher war und deshalb so ge- 
waltthätig und anmassend auftrat. Es ist nicht unmöglich, dass 
Icbenüchen den Stamm der Imanchasäten durch Spaltung in Par- 
teien schwächen wollte, da er von dessen Nebenbuhlerschaft für 
seinen eigenen Stamm furchten mochte. 

Als Eaufleute aus Chadämes in Chat angekommen waren, 
welche unter dem Schutze der Imanchasäten standen, schickte 
Jdnis seinen Schwestersohn Chütamän ag el Hädsch Dschebür 
nach Chat, um von ihnen die herkömmlichen Abgaben zu erheben. 
Von zwei Stammesgenossen, Mohammed Ibrähtm ag Mohammed 
el Mustafa und Ai'sa ag Amümen 'begleitet, kam Chütamän in 
Chat an und traf in der Hütte Ag esch Scheich's Ufanaiet, der 
ihn kaum erblickte, als er auch schon ein Gewehr auf ihn ab- 
feuerte und ihn am linken Unterarm verwundete. Chütamän's 
Begleiter wollten Ufanaiet toten, aber dieser entfloh. 

Die Sache mit dem Eameele und dem Sklaven, die getötet 
worden waren, trat jetzt in den Hintergrund und der Mordanschlag 
Ufanaief s fesselte die Aufmerksamkeit der Imanchasäten. Die 
Alten derselben kamen nach Chat, um ein Abkommen zu stände 
zu bringen, aber die Anhänger Ufanaiet's riefen stolz: nur nach 
unserem Tode könnt ihr diese Abgaben (der Chadamesiner) er- 
heben, und waren bereit, im Verein mit den jungen Leuten der 
Jurächen den Kampf mit den Anhängern des Junis aufzunehmen. 
Der letztere befand sich in der "Wüste bei seinen Anhängern, 
Chütamän aber wurde bis zur Heilung seiner Wunde in Chat 
zurückgehalten. Nach zwei und einem halben Monat ging auch 
er in die Wüste, aber nur, um sofort ganz allein nach Chat zu- 
rückzukehren und Rache an Ufanaiet zu nehmen. Sechs Tage 
lang lauerte er diesem auf, aber derselhe befand sich in der 
Wüste. Als Chütamän wieder eines Tages auf den Hauptplatz 
von Chat, Eschelli genannt, kam, eine mit drei Kugeln geladene 
Pistole unter seinem Burnus verborgen haltend, traf er Düdu, 
einen jüngeren Bruder Ufanaiet's, auf den er seine Pistole los- 
schoss. Düdu fiel. Chütamän, welcher glaubte, ihn getötet zu 
haben, sattelte sein Kameel und begab sich zu seinen Stammes- 
genossen in der Wüste. 

Die Imanchasäten, soweit sie Junis anerkannten, und dies 
waren wenigstens zwei Drittel des Stammes, hatten sich in Fes&n, 



280 ^' ^' Krause: 

ia den Sanddanen von Ubäri (Edejen) auf dem Gebiete des 
Araberstammes der Mugarba versammelt, wo sie sich zam Kampfe 
vorbereiteten. Die Jurächen nnd von den Imancbasäten die An- 
hänger Ufanaiefs wollten ihnen dahin folgen, wahrscheinlich kamen 
ihnen aber die Imancbasäten entgegen, denn im Tbale (w&dl, 
echaser) Tanasäft kam es zu einem Kampfe, in welchem auf 
beiden Seiten fünf Mann blieben. Darnach zogen sich die Imancba- 
säten nach dem Wadi „Wndjän el Bahär^, das wahrscheinlidi in 
der Nähe der Seeen von Fesan liegt, zurück, von den Jiirieheii 
verfolgt. Da aber die Mugdrha sich dazwischen legten nnd einen 
Kampf verhinderten, so zogen sich die Jor&chen und ihre Ver- 
bündeten zurück. 

Bald darauf machten die Imancbasäten einen Zug gegen 
Westen und nahmen im Tbale Tanasüft in der Nähe des Beides 
Idlnen (Kasr el Dschunün) dem Stamme Iworwaran gehörende 
Kameele weg. Die Strafe sollte aber auf dem Fusse folgen. Die 
Jarächen verfolgten sie bis m die Sanddünen von Ubäri, wo es 
zu einer Schlacht kam, in der sechs Imancbasäten getötet und 
ihr Chef Junis ag el Hädsch All gefangen genommen wurde. 

Ichenüchen befand sich zu dieser Zeit in El CharSfa im 
Wädi el Chärbi in Fesan. Zu ihm wurde der gefangene Junis 
gebracht. Ichenüchen behandelte ihn freundlich, beschenkte ihn 
und gab ihm die Freiheit. 

Während dessen hatten Junis' Anhänger sich nach Ahaggär 
zu dessen König Hädsch Achmed ben Sidi el Bekri el FugasI 
zurückgezogen. Ag Mama, der alte frühere König, war zu dieser 
Zeit gestorben. In Ahaggär blieben die Imancbasäten etwa ein 
Jahr, dann versuchte Hädsch Achmed den Frieden herzustellen. 
Die Imancbasäten waren bereit, Frieden zu schliessen, verlangten 
aber Gerechtigkeit für das Kameel und den Sklaven, die ihnen 
getötet worden waren, ferner Anerkennung ihrer Rechte auf die 
Abgaben der Chadames-Kaufleute. 

Siebzehn Personen von Ahaggär, mit Hädsch Achmed an der 
Spitze, und drei von den Imancbasäten, Junis ag el Hädsch Ali, 
Sidi ag Barka und Hädsch Omar ag Ibrahim kamen nach Tünin, 
dem kleinen Orte westlich von Chat, wo für sie vier Zelte auf- 
geschlagen wurden. Die Friedensverhandlungen sollen durch einen 
etwas komischen Streit zwischen Ichenüchen und Hädsch Achmed 
eröffnet worden sein. Der letztere rief dann alle angesehenen 
Männer von Asger, Chat, Chadames und Albärkat zusammen und 
man kam überein, die Frage wegen des Kameeis und des Sklaven 
auf sich beruhen zu lassen und die Abgaben der Chadames-Kaufleute 
so zu verteilen, dass Ufanaiet ein Drittel der Einkommen und 
Junis zwei Drittel erhalten sollte. Die Leute von Ahaggär und 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Säbärä. 281 

die Imanchäsäten kehrten nun nach Ahaggär zurück. — Im 
nächsten Jahre kam Junis nach Chat, um seine Abgaben von den 
Chadamesinern zu erheben, wurde aber von Ufanaiet daran ge- 
hindert. Er kehrte sofort nach Ahaggar zurück, wohin auch die 
Imanan kamen. 

Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob dieses Kommen 
der Imanan nach Ahaggär zeitlich mit dem des Junis zusammen- 
fällt, oder ob ein kürzerer oder längerer Zeitraum zwischen beiden 
Ereignissen liegt. Wie aber die Imanan, die Todfeinde der 
Jnrächen, mit den letzteren in Händel verwickelt wurden, werden 
wir später erfahren. 

Leider ist es mir nicht möglich, die genaue Zeit der eben 
geschilderten Vorgänge anzugeben. Einem dieser Kämpfe oder 
doch seinen unmittelbaren Folgen habe ich als Augenzeuge beige- 
wohnt. Im Jahre 1869 hatte ich die holländische Reisende Frl. 
Alexandrina Tinne als Diener bis nach Morsuk begleitet. Von 
da schickte sie mich zurück, und auf der Rückreise nach Tripoli 
begriffen, befand ich mich am 14. Juni desselben Jahres im 
Städtchen Temenhint, einige Tagereisen nördlich von Morsuk. 
Zu eben dieser Zeit kamen in wilder Flucht von Westen her 
Franen und Kinder der Maschachen, welche vor dem Kriege flohen, 
der nach ihrer Aussage ausgebrochen sein sollte, in Temenhint 
an. Sie behaupteten, dass Ichenüchen mit seinem Neffen, der 
ihn vom Throne habe stossen wollen, in Kampf verwickelt sei. 
Kurze Zeit vorher hatte ich in Morsuk einen Mäschach kennen 
gelernt, welcher der von Ichenüchen besiegte Neffe sein sollte 
und der nun beim türkischen Statthalter von Morsuk freundliche 
Aufnahme gefunden hatte und sich zu neuem Kampfe vorbereite. 
Dieser Ausbruch von Feindseligkeiten unter den Maschachen 
flösste dem Gouverneur von Fesän solche Furcht ein, dass er ein 
offenes Rundschreiben an alle Oberhäupter der Stämme und 
Städte absandte > in welchem er sie dringend aufforderte, ihm 
Hülfsmannschaften zu schicken, die Tag und Nacht marschieren 
sollten, um so bald als möglich nach Morsuk zu gelangen. Der 
Bote mit diesem Schreiben erreichte uns einige Tage später beim 
Brunnen Umm el Abid. Leider vermag ich nicht, dieses Ereignis 
mit einem der oben geschilderten zu identifizieren. 

2. Periode. 

Kämpfe zwischen denJurd,chen und Imanan und Einverleibung 

Chät^sin das türkische Reich. 

Im Städtchen Sinaün, nordöstlich von Chadämes, auf einer 
der Strassen nach Tripoli, lebt unter anderen der Araberstamm 
der Uläd Aon Alla. Eine Familie desselben, aus den Brüdern 



282 ^' ^« Kraujse: 

Adia, Sala und Abd AUä es Sagir besteheDd, hat unter den MS- 
schachen als Beschützer oder ^Freund ^ — amidi auf maschaehisdi 
— die Imanaa. Ein Mann von den Jnr&chen, mit Namen Jahia 
ag Hatita, plünderte eine Karawane dieser Bruder. Einer der 
Aasgeraubten teilte mir nach langem Besinnen mit, dsss die Weg- 
nahme ihrer Güter am 15. Redscheb 1287 stattgefunden habe. 
Dies würde dem 11. Oktober 1870 entsprechen. Die Imanan 
verlangten von den Jur^chen die Zurückgabe des geraubten Gutes 
ihrer Schützlinge; ihr Verlangen wurde aber nicht erfüllt, und so 
sahen sie sich gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Sie unter- 
nahmen einen Streifzug in das Masäk - Gebirge und nahmen den 
Kel Tin Alkum, welche Schntzgenossen der JurSchen sind, 120 
Kameele weg. Mohammed es SafI, der Konig von Chat, forderte sie 
zwar auf, unter dem Vorgeben, dass die Kel Tin Alkum seine 
Schutzgenossen seien, die Kameele zurückzugeben, aber sie 
gingen darauf nicht ein, da die Jurachen mit ihnen im Slriegs- 
zu Stande und die Kel Tin Alkum anerkanntermaassen deren Schntz- 
genossen seien. Darauf zogen sie sich nach Ahaggär zurück und 
verbanden sich mit den Stammen dieses Landes und den dort 
weilenden Imanchäsäten, sowie mit den Ifochas von Asger. 

Die Imanan, Imanchäsäten, Ifochas, Tetehemellet, Ibokelan, 
Taitok und Isakkamären rüsteten sich zum Kriege und fielen in 
Asger ein, um die Jurachen und ihre Verbündeten, welche sieh 
in Chat sammelten, anzugreifen. 

Eines Tages erhielten die Jurdchen die Nachricht, dass das 
feindliche Heer sich beim Brunnen Fälesles, sieben Tage süd- 
wärts von Chat, befände. Bald darauf aber traf eine andere Bot- 
schaft ein, dass das Heer bereits in Isaien, zwei Stunden von Chat, 
stände, die Palmen zerstöre und die Felder zerträte. Sie schickten 
an Mohammed es Safi die Botschaft, dass sie nichts gegen ihn 
hätten, sondern nur gekommen seien, um ihre Feinde von Asger 
zu bekämpfen. 

Einige Imanchäsäten von der Partei des Ufanaiet und Amä, 
ein Sohn Ichenüchen's, bestiegen ihre Pferde und galoppierten keck 
auf den Feind zu, der bei Isaien lagerte, feuerten ihre Gewehre 
ab und kehrten nach Chat zurück. Am folgenden Tage, eines 
Freitags, rückten die Kel Ahaggär, wie wir von nun an die ver- 
bündeten Stämme von Ahaggär und einige von Asger nennen 
wollen, gegen Chat vor, und es kam vor den Thoren der Stadt, 
im Osten derselben, zwischen dem Thore Kaläla und dem Brunnen 
Tänut n ag Jadäl zur Schlacht. Es ging heiss her. Ein Sohn 
Ichenüchen's, mit Namen Es Senüsl, wurde durch Lanze und Kugel 
getötet, es fiel ferner Hädsch Häma ag es Schäfo und das Ober- 
haupt der auf Seiten der Jurächen kämpfenden Kel, Isaban. Im 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Säh&ra. 283 

ganzen hatten sie zwanzig Tote, wahrend die Kel Ahaggar dreissig 
aufzuweisen hatten. 

Die Folgen der Schlacht scheinen aber nicht besonders her- 
vorragend gewesen zu sein, ja es ist fraglich, welcher Partei man 
den Sieg zuschreiben soll. Die Kel Ahaggär kehrten darauf nach 
Ahaggär zurück. Die Mäschachen von Asger schüttelten den Kopf 
über diese blutigen Kämpfe. Seit Gott uns geschaffen hat, haben 
wir keinen Krieg wie diesen erlebt. Mohammed es SafI gab 
Ichenüchen den Rat, die Araber Fesäns zu Hilfe zu rufen. Alle 
stimmten diesem Rate zu, und es SafI begab sich personlich, reichlich 
mit Maria Theresia-Thalern und anderen Geschenken versehen, zu 
den Oberhauptern der Araberstämme der Hötmän, Suwald, Kuwalda 
und Hasaüna und verteilte Geld und Geschenke. Ich verlange 
von euch nichts weiter, sagte er zu ihnen, als dass ihr gegen 
Ahaggär zu Felde zieht. Diese Araber, alle unter der nominellen 
Oberhoheit der Pforte stehend, sammelten nun ein Heer, um in 
Ahaggär einzufallen. 

Während dessen machte Mohammed es SafI dem Ichenüchen 
den Vorschlag, gemeinsam n^ch Morsuk zum türkischen Statthalter 
All ben Mohammed el Charj^nl zu gehen. Augenscheinlich wollte 
es Säfl die Türken nach Chat rufen, aber Ichenüchen fürchtete 
in Morsuk als Gefangener zurückgehalten zu werden und wollte 
den ersteren nicht begleiten, so dass dieser sich entschloss, sich 
allein nach Morsuk zu begeben. Über seine Unterredung mit dem 
türkischen Beamten ist nichts bekannt, aber die Folge davon war, 
dass All ben Mohammed die Araber schriftlich aufforderte, nach 
Chat zu gehen und sich Ichenüchen und Mohammed es Sdfl zur 
Verfügung zu stellen. 800 Araber sollen es gewesen sein, die 
nach Chat kamen, darunter 105 zu Pferde. Bei Tage mussten 
ihnen 240 grosse Schüsseln mit Speise, bei Nacht 300 verabfolgt 
werden und ausserdem sechs. Kam eellasten Datteln. 

Schon ehe sie nach Chat kamen, zeigten diese Araber ihren 
Heldenmut. Sie trafen sechs Ifochas an, welche von Morsuk 
kamen und in ihr Land heimkehrten. Alle wurden kaltblütig von 
den Hötmän ermordet. Viele Leute von Chat und Anhänger 
Ichenüchen's schlössen sich dem Zuge der Araber nach Ahaggär 
an. Auch die beiden letzten Sohne Ichenüchen's Amä und Sidl 
Mohammed thaten es. Im Lande Ahaggär kam es zur Schlacht. 
Die Kel Ahaggär und ihre Verbündeten erlitten eine schreckliche 
Niederlage. Der Soldaten gab es „ohne Grenzen viele." Ver- 
geblich war all ihr Mut, alle ihre Tapferkeit, der Sieg blieb den 
Arabern und ostlichen Mäschachen. 

Der alte königliche Stamm der Imanan hatte an diesem 
traurigen Tage besonders schwere Verluste aufzuweisen. Durch 



284 (^' A. Krause: 

Beschlass des Schicksals, so geht die Rede, dürfen seine männlichen 
erwachsenen Mitglieder die Zahl sieben nicht überschreiten. Alle 
sieben nahmen an der Schlacht teil. Sie fochten wie Löwen, nm 
den Sieg zu erhalten, aber vergeblich. Einer fiel nach dem andern. 
Fünf von ihnen fanden den Heldentod. Ihre Namen verdienen 
genannt zu werden. Es fielen El Muchtllr und Esch Scheich, die 
beide Söhne einer Matter waren; es fielen Rasko und Kanaies, 
die auch beide dieselbe Matter hatten; es fiel endlich Ag Harn«. 
Zwei vom Stamme blieben am Leben: Ocha ag Achalächam and 
Amüd, von denen der erstere der Konig, der letztere der einzige*) 
Unterthan ist. Otman, ein Sohn Hädsch Achmed's, des Königs von 
Ahaggär, starb auch an diesem Tage. Als die Niederlage der Kel 
Ahaggär entschieden war, floh alles in wilder Flacht davon. Gross 
war die Beate des Siegers. Zwei tausend Kameele fielen in seine 
Hände, sowie Rinder und Sklaven und Güter aller Art. 

Es ist nicht schwer zu sagen, warum die Araber and ostliehen 
Mäschachen an diesem Tage die westlichen Mäschachen besiegten: 
ihr Vorteil bestand in ihren Gewehren und ihrer Reiterei. Was 
nutzt die grösste personliche Tapferkeit gegenüber einem Fener- 
gewehret Die Mäschachen überhaupt, aber besonders die von 
Ahaggär, waren von jeher dem Gebrauche der Schiessgewehre 
abgeneigt, mit denen, so sagten sie, eine Frau den tapfersten and 
stärksten Mann töten könne. Der Kampf mit Gewebren sei 
Verrat. Nach diesem Siege zogen die Araber und Mäschachen 
von Asger heimwärts. So gross die Beute in den Händen, so 
gross war die Freude im Herzen bei den Arabern. Die Mäschachen 
von Asger und ganz besonders der König von Chat empfanden 
jedoch keine rechte Freude über den blutigen Sieg. 

Was nun thun, sagten sie zu Mohammed es Safl. Sicherlich 
werden die von Ahaggär die Niederlage rächen. Für es Safl 
stand alles auf dem Spiele, sein Königsthron, von dem er schon 
einmal vertrieben worden war, und sein Privatvermögen, falls die 
von Ahaggär siegreich in Chat einzögen. 

Wahrscheinlich war alles schon abgemacht zwischen dem 
König von Chat und dem türkischen Statthalter von Fesan. Auf 
die Frage der Mäschachen nun, was zu thun sei, riet der erstere, 
sich dem Sultan von Konstantinopel — wie sie sich ausdrücken — 
zu unterwerfen, damit die Kel Ahaggär sie nicht belästigten. 
Ichenüchen und die Mäschachen stimmten diesem Vorschlage za, 
den Mohammed es Safi noch dadurch besonders empfehlenswert 
zu machen suchte, dass er behauptete, wenn die mohamedanischen 
Türken nicht ins Land gerufen würden, so würden die christlichen 



^) d. h. der einzige Mann; Frauen und Kinder sind noch vorhanden. 



Anfiseichnongen über die Stadt Chat in der Sdhära. 285 

Franzosen es in Besitz nehmen. Deshalb schrieben die Bewohner 
Chät's an den Sultan in Konstantinopel und schickten eine Gesandt- 
schaft ab, die nach Morsuk und Tripoli gelangte. Der General- 
Ooayerneur von Tripoli, Mustafa Asim Pascha, hielt es aber nicht 
für notig, die Abgesandten Ichenüchen's und Mohammed es SafFs 
bis nach Stambül gehen zu lassen. Sonderbar, sage ich, denn 
kaum fünf oder sechs Jahre später war auch eine Gesandtschaft 
von Mäschachen nach Tripoli gekommen und wollte nach Stambül 
gehen, auch damals hielt der General-Gouverneur von Tripoli, 
All Risa Pascha, nicht für nötig, sie nach Stambül weiter reisen 
zu lassen. Und wer waren die Gesandten von damals? Niemand 
anders, als Hädsch Dschebür, den wir oben kennen gelernt haben 
und seine Freunde von den Imanchasäten, welche Junis als Ober- 
haupt aaerkannten. Und was wollten sie vom Sultan? Sie wollten 
die Hülfe der Türken gegen Ichenüchen erbitten. 

Hädsch Dschebur hatte keinen Erfolg gehabt. Die Ermordung 
der Reisenden Fräulein Alexandrina Tinne und die Abberufung 
des Wäll von Tripoli, All Risa Pascha, trugen die Schuld daran. 
Glücklicher war die Gesandtschaft Mohammed es Säfl^s und Iche- 
nüchen's. Von Stambül kam der Befehl an den WÄII von Tripoli, 
200 Reiter an den Kaimakdm von Fesan zu schicken und dieser 
selbst. All ben Mohammed el Charjdnl, erhielt Ordre, von Morsuk 
aus personlich mit diesen Truppen die Stadt Chat zu besetzen 
und dem osmanischen Reich einzuverleiben. 

Als All ben Mohammed, der Araber und türkische Kaimakam 
von Fesän, sich Chat näherte, zogen ihm die Chatiner „vor Freude^, 
wie die Chronik sagt, entgegen. War in diesem Augenblicke 
wirklich Freude in ihren Herzen? Hatte die Furcht vor den 
Leuten von Ahaggär und vor den Franzosen sie blind gemacht 
gegen ihr eigenes Schicksal oder freuten sie sich über die Ankunft 
derer, die ihre Freiheit vernichten sollten? Ich glaube es nicht. 
Ausser Mohammed es SafI und einigen seiner Anhänger freute 
sich gewiss niemand, und war es dennoch so, dann hat sich dies 
nun vollständig geändert. „ Unter den Mäschachen ist kein einziger, 
der die Türken liebt, und von den Leuten Chät's — Gott verzeihe 
das Wort — von hundert nur einer." So hat es mir der Geschichts- 
schreiber selbst mündlich gestanden, und er ist ein besonderer 
Freund von Mohammed es SafI. 

In Begleitung der Chatiner, die ihm entgegen gegangen waren, 
und seiner eigenen Leute zog All ben Mohammed in Chat ein. 
Ein Ferman, den er mitgebracht hatte, wurde verlesen, die 
osmanische Flagge wurde aufgehisst und Chat, die Stadt der 
stolzen freiheitliebenden Mäschachen, war eine Stadt der Türken 
geworden. Während das osmanische Reich schon in allen Fugen 



286 ^* •^* KrauBe: 

krachte, verleibte es sich hier mühsam and kampflos ein weites, 
ödes Gebiet mit einer wichtigen Handelsstadt ein. Seitdem die 
Türken sich im Jahre 1835 darch Verrat der Stadt Tripoli in 
Afrika bemächtigt nnd darauf 1842 Fes^n besetzt hatten, waren 
ihre lüsternen Blicke beständig anf Gh3t gerichtet gewesen. Es 
hat lange gedauert, aber endlich haben sie ihr Ziel doch erreicht 

Mohammed es SafI ben el Hädsch MohÄmmed el Amin ben 
el Hädsch es Sadik el Ansärl, bisher souveräner Konig von Chat, 
führt fortan, wenigstens nach aussen hin und von rechts wegen, 
den bescheidenen Titel Eaimakdm oder ünterstatthalter der 
Hohen Pforte. Ichenüchen ag Osmän ag Dämbalu ag Kösa, das 
Oberhaupt des Stammes der Jurächen nnd filonig der Stammes- 
genossenschaft von Asger, obwohl so frei wie zuvor, nennt ndi 
fortan mit Worten einen Vasallen der Hohen Pforte, um im Falle 
der Not einen, wie er glaubt, felsenfesten Rückhalt in dem „Herrn 
der Welt^, dem „Sultan von Stambül*^, zu haben. 

Vielleicht waren die Mäschachen von Ahaggär im ersten 
Augenblicke etwas verdutzt über die Ankunft von 200 türkischen 
Soldaten und einigen Kanonen in Chat, vielleicht anch, und 
das ist wahrscheinlicher, war ihre letzte Niederlage zu forchtbar 
gewesen, als dass sie sich sobald hätten davon erholen können; 
kurz und gut, sie verhielten sich längere Zeit ruhig. Keineswegs 
aber hatten sie Furcht vor den Mäschachen von Asger and ihren 
neuen Freunden, den Türken. Im Gegenteil I Langsam, aber 
sicher bereiteten sie sich zu dem grossen Rachekriege vor. Endlich 
fielen sie in Asger ein. In Tarät, einem Thale, kam es zor 
grossen Schlacht. Wieder gab es der Toten „ohne Orenzen viele.* 
Von den Mäschachen von Asger fiel vom Stamme der Imanchäsäten 
Müsä ag Uchala, der Vater Ufanaiet's; von den Jurächen Hdma 
ag Bakr, ferner Aniä, ein Sohn, und Omar el Hädsch, ein 
jüngerer Bruder Icbenüchen's. Der Sieg gehorte Kel Ahag^r. 
Ihre Beute war gross; 1000 Kameele fielen in ihre Hände. 

Drei Monate später kehrten die Mäschachen von Asger heim, 
um ein neues Heer zu sammeln. Darauf unternahmen sie mit 
grosser Energie einen Zug bis in die Nähe von Tauät und 
brachten als Beute einen Teil der ihnen in der letzten Schlacht 
abgenommenen Kameele zurück. Während die Kel Asger noch 
auf dem Gebiete von Ahaggär waren, machte der Stamm der 
Tai'tok einen Angriff auf sie, nahm ihnen wieder viele Kameele 
ab und töteten einen ihrer Leute. Von neuem sammelten die Kel 
Asger ein Heer, um in Ahaggär einzufallen, aber die Kel Ahaggär 
kamen ihnen entgegen und beide Parteien trafen auf dem Gebiete 
von Asger aufeinander. Es kam zu einem hitzigen Treffen, dessen 
Ausgang resultatlos geblieben zu sein scheint. 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. '287 

Schlag aaf Schlag, allerdings von kleiner Ausdehnung, folgten 
sich jetzt, aber sie kündeten nur das nahe Ende an. Die Kel 
Ahaggär streiften bis in die Nähe von Chat und nahmen Eameele 
weg, ohne dass es zu Blutvergiessen gekommen wäre. Welche 
schrecklichen Opfer der Krieg schon gefordert hatte, ersieht man 
am besten, wenn man die Zahl der gesamten Bevölkerung und 
die Zahlen der in den Schlachten Gefallenen vergleicht. Wenn 
einer fiel, so war das ungefähr dasselbe, als wenn vom deutschen 
Heere tausend gefallen wären, und es gab Schlachten, in denen 
fSnfzig und mehr getötet wurden I Daher kann es nicht wunder 
nehmen, wenn die Maschachen, der ewigen Kämpfe müde, sich 
endlich nach Frieden sehnten. Die Kel Ahaggär boten zuerst die 
Hand dazu. Nach einem glücklichen Kameelfang schickten sie zu 
ihren Brüdern von Asger und Hessen ihnen sagen: wenn ihr eure 
Kameele zurückhaben wollt, werdet ihr sie bei unseren grossen 
Männern finden und sie werden uns den Frieden machen, wenn 
dies euch recht ist. Darauf schickten die Kel Asger Leibeigene 
nach Ahaggär, um ihre Kameele in Empfang zu nehmen. 

Ahit Achel, der nach dem Tode Hadsch Achmed's Konig von 
Ahaggär geworden war, schrieb an Ichenuchen und machte Friedens- 
vorschläge. Sobald die ersten Vorfragen erledigt waren, wurde 
eine grosse Versammlung im Lande Tädrart, südostlich von Chat, 
anberaumt, an der neun Grosse der Kel Ahaggär, alle Mäschachen 
von Asger, aus Tünin Sidl Achmddu, Mohammed esch Scherif, 
Es Sadik dan el Hädsch Achmed es Sadik, aus Ubäri der berühmte 
Heilige (meräbet) Hädsch Hassan ben Abd Allä es Suwäwi teil- 
nahmen. 

In Tädrart wurde der Frieden auf den Koran beschworen. 
Besondere Abmachungen scheinen nicht stattgefunden zu haben. 
Dieser Frieden wurde geschlossen im Monat Dschumäda et Tdni 
(el Achir) 1296 der mohamedanischen Zeitrechnung. Der erste 
Tag dieses Monates fiel auf den 23. Mai 1879 unserer Zeit- 
rechnung. Sofort strömten die Kel Ahaggär nach Chat, das ihnen 
so lange verschlossen gewesen war, und brachten Ziegen, Schafe, 
Kameele und andere Artikel dahin zu Markt. 

Der Geschichtsschreiber schliesst diesen Teil seines Werkes 
mit den wohl zu beherzigenden Worten: „Im Jahre 1296, im 
Monate Dschumäda el Achir wurde der Frieden geschlossen. 
Darauf blieb die Welt in Frieden, das Land blieb in vollem 
Wohlsein — Gott sei gedankt I — Die Mäschachen von Asger 
blieben in ihren Gewohnheiten von früher; die Bewohner Chät's 
blieben in ihrer Stadt mit den Soldaten des Königs von Stambül. 
Die Mäschachen von Asger haben die Herrschaft über 
die Wüste; wie es früher gewesen ist, so ist es jetzt." 



288 ' ^* ^' Krause: 

II. 

Topographie und Bodenverhältnisse*). 

Chat ist von einer Maaer umgeben, die ziemlich anregel- 
mässig gebaut ist. In der Mitte der Stadt ist ein kleiner freier 
Platz, der den Namen Eschelli fuhrt. Von diesem geben, ziem- 
lich genau den vier Hauptrichtungen der Windrose entsprechend, 
vier Strassen nach den vier Thoren der Stadt. Thor heisst aaf 
maschachisch emi, auf arabisch bäh, auf baussanisch kofa. Die 
Namen der Thore sind die folgenden: das nördliche heisst Emi 
(Bäh) el Ober, das östliche Emi Ealäla, das südliche Emi Tafi- 
chachät, das westliche Emi Tamalchät n Lamin (el Amin). Emi 
Tafach achät wird nach dem Ascha, der Zeit des Abendgebetes 
etwa 1^ Stunde nach Sonnenuntergang geschlossen, die anderen 
drei zur Zeit des Müchrib, d. i. der Gebetszeit bei Sonnenonter- 
gang. Ein altes jetzt vermauertes Thor, namens Emi Eschef en 
Kena, liegt zwischen dem südlichen und westlichen und von ihm 
führt eine Strasse zum Platze Eschelli. Ausser dem ebengenannteD, 
in der Mitte der Stadt, liegenden, weist die Stadt noch zwei Plätze 
oder Märkte auf, den Eschef en Kena oder Gemüsemarkt, von 
welchem das alte vermauerte Thor, das in seiner Nähe liegt, 
seinen Namen erhalten bat, und einen anderen Marktplatz am 
Südthore, der Es Sük d. h. auf arabisch „der Markt^ genannt wird. 

Östlich vom Platze Eschelli befindet sich eine Örtlichkeit namens 
Tüfok na Barasch, wo die Dattelkörner gestampft werden, doch bin 
ich nicht ganz sicher, ob es ein freier Platz oder ein Hügel ist. 

Das Stadtviertel heisst im Maschachischen acheläd. Die 
Namen der Stadtviertel, von Norden gegen Westen, Süden und 
Osten gehend, sind die folgenden: 1. Acheläd n Bäb el Cher; 
2. Acheläd n Türert; 3. Acheläd n Tamalchät n Lamin ; 4. Ache- 
läd n Eschef en Kena; 5. Acheläd n Eschelli Andaran**); 6. Ache- 
läd n Ebenach; 7. Acheläd n Tafachachät; 8. Acheläd n Wosche- 
rem (vielleicht Woscheran „das alte Viertel"); 9. Acheläd n Ka- 
läla; 10. Acheläd n Tüfok na Baräsch. 

Etwa 800***) Meter westlich von Chat liegt der ummauerte 
Ort Tünin und etwas weniger entfernt gegen Süden der mauer- 
lose Ort Tadaramt. 



*) Nach den in diesem Abschnitt vorkommenden Ortsnamen dürften anch 
viele der in dem Tagebuch des Dr. Ervin von Bary vorkommenden Namen 
zu korrigieren sein (vgl. Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdkunde Bd. XV. 1880). 

Red. 
**) Dieses Viertel „Kl einmarkt- Viertel** scheint auf einen vierten Markt 
hinzuweisen. 

***) Diese Entfernungsangabe ist nach Herrn Henri Duveyrier. 



AnfzeichniiDgen über die Stadt Chat in der Sähärä. 289 

Nach der Richtung dieser beiden Orte, von denen Tüntn 
erst vor wenig mehr als dreissig Jahren erbaut worden ist, be- 
finden sich auch die zahlreichen Quellen und Brunnen mit ihren 
Gärten und Dattelpflanzungen, welche eine Quelle des Reich- 
tums für Chat bilden. 

Nördlich von der Stadt verläuft eine Senkung oder ein Thal, 
echaser auf mäschachisch, wädi auf arabisch und korama auf 
haussanisch, das von Fewat (Feuat), zwanzig und einige Kilometer 
westlich von Chat gelegen, kommt und im Nordosten der Stadt 
seine östliche Richtung mit einer südlichen vertauscht, bis es süd- 
östlich von TMaramt seine frühere östliche Richtung, nachdem es 
sich mit dem Echaser Etachas vereinigt hat, wieder einnimmt und 
sich etwas weiter hin mit der südlichen Verlängerung des Echaser 
Tanasüft verbindet. Es führt in seinen verschiedenen Teilen ver- 
schiedene Namen und wird oft allgemein als „das Thal^ Echaser 
oder Wadi bezeichnet. Das erwähnte Echaser Etachas entspringt 
auch in der Nähe von Fewat, verläuft aber etwas mehr gegen Süden 
und lässt alle drei Städte nördlich liegen. 

Von Erhebungen in der Nähe Chät's sind zu erwähnen der 
Berg Kokämman auf der Nordseite der Stadt; eine kleine Er- 
höhung namens Tin Betän, wenig westwärts davon, in welcher 
sich der Teufel aufhalten soll; der Berg EUus südöstlich von 
Tädaramt und der Berg Tin Kaüja östlich vom vorigen. 

Ferner sind zwei Felsen zu erwähnen, von denen der eine 
namens Tekadüt in der Stadt selbst an der vom Platze Eschelli 
nach dem Thore Tamalchät n Lamin führenden Strasse liegt und 
der andere sich östlich von der Stadt befindet, wenig nördlich vom 
Sklavenfriedhof und Makat m (= n) Bardtan heisst. Dieser 
letztere verdient besonders deswegen hervorgehoben zu werden, 
weil sich an seinem Fusse das Grab des deutschen Afrikareisenden 
Erwin von Bary (Abd el Bän war sein Reisenamen) befindet, der 
Anfangs Oktober 1877 in Chat gestorben ist. 

Die von Chat auslaufenden Strassen. 

Wenn man sich nach Chadämes begeben will, verlässt man 
die Stadt durch das Nordthor, Bäb el Cher, lässt den Friedhof 
zur Linken und überschreitet den westlichen Abfall des Berges 
Kokämman, um bald darauf die mehrmals erwähnte Senkung zu 
erreichen, die an dieser Stelle, ebenso wie die ganze Landschaft, 
den Namen Tidänterem führt. Etwas weiter nördlich, etwa drei 
Kilometer von Chat, vereinigt sich die beschriebene Strasse mit 
einer anderen, die vom Ostthor e ausgeht, die Stadtmauer entlang 
führt, indem sie den Sklavenfriedhof östlich liegen lässt und die 

ZeitBchr. d. QeBellsch. f. Brdk. Bd. XVn. 19 



290 ^' ^' Kraase: 

Senkung Tidanterem an einer Stelle aberschreitet, an der Walzen 
angebaut wird, während die westliche Strasse sie durchbricht, wo 
sie mit Baum wuchs, besonders mit Etel (Tamaria Eihel) be- 
wachsen ist. 

Nach der Vereinigung verläuft die Strasse durch 1^ Stande 
nordwärts, bis sie eine Hügelkette erreicht. Diese Oegend heisst 
Acheläd n sarif „Landstrich, Bezirk des Alauns^. Weiter nord- 
wärts tritt die Strasse in eine Senkung oder ein Thal ein, das 
anfangs mit Talha, einer Akazien-Art, bestanden ist and den 
Namen Warerat fuhrt. Nach zweistündigem Verlaufe geht gegen 
Osten hin eine Seitenstrasse nach dem im Thale Tanasoft gelegenen 
Brunnen Tähala ab, während die Strasse nach Chad&mes ihre 
nordliche Richtung beibehält. 

Eine andere Strasse geht vom Nordthore, Bäb el Cher, ans 
und verläuft nordwestlich, indem sie den Friedhof znr Rechten 
liegen lässt. Nach etwa zwei Kilometer erreicht man die Rainen 
der alten Stadt Hei Ilberes, woselbst ganz neuerdings Hädseh 
Abd Allä esch Scherif neue Brunnen und Oärten angelegt hat, 
ebenso wie Mohammed Hartäni aus Tauät. Nach ferneren zehn 
Kilometern kommt man zum „ Thale ^, das hier, sowie die ganze 
Umgegend, Tinesaüen heisst. Eine Quelle desselben Namens liegt 
an der Strasse, die dann dem Gebirge (Tasili) zustrebt and nadi 
Tauät führt. 

Vom Westtbore, Tamalchät n Lamin, geht ziemlich genau 
westwärts eine Strasse nach Fewat (Feuat), einem Landstriche 
mit zwei Hüttendörfern, der in etwa vier Marschstunden erreicht 
wird. Tünin bleibt ein wenig nordwärts vom Wege liegen. 

Südwestlich von Chat liegt im Gebirge, wie schon erwähnt, 
eine fruchtbare Gegend namens Schänet. Zwei Wege fuhren da- 
hin, von denen der eine nur für Menschen und Esel passierbar 
ist. Er ist der westlichere und kürzere. Auf ihm erreicht man 
Schänet in drei Tagen, während auf dem östlichen, den die Ka- 
meele einschlagen müssen, sechs Tage nötig sind, um nach Schä- 
net zu gelangen. 

Man verlässt Chat durch das Südthor, Tafächachät, lässt 
Tädaramt zur Linken liegen und überschreitet Echäser Etachas. 
Darauf passiert man Sanddünen und erreicht einen Bezirk namens 
Ditan, womit man ins Gebirge einzutreten beginnt. Nach elf- 
stündigem Marsche kommt man zu dem im Gebirge liegenden 
Brunnen Tin Elfäkai, der immer Wasser enthält, und nach ferneren 
elf Stunden Marsches zu einem anderen Brunnen namens Tama- 
chit, der nur noch Regenwasser hat. Ein weiterer sechsstündiger 
Marsch, immer durch das Gebirge, führt nach Schauet, einer Ge- 
gend, die fünf Ortschaften in sich schliesst. Alle fünf Orte liegen 



Anfzeichnnngen über die Stadt Chat in der Sahara. 291 

nahe bei einander. Auf der beschriebenen Strasse gelangt man 
zuerst nach Salwäs, das auf einem kleinen Berge gelegen ist. 
5^ Kilometer nordlich davon liegt Arachma im Thale, von wo 
eine Strasse nach Tauät abgeht. Von Arachma wieder nördlich 
(oder südöstlich) zwei Kilometer auf einem hohen Berge befindet 
sich Elmlsan; von diesem 1^ Kilometer westlich liegt JE^schdhll 
und von diesem vier Kilometer südlich endlich Eferl. Die vier 
ersten Orte haben Steinhäuser, Eferi aber hat Stroh- oder Rohr- 
hatten und wird von den Ischadänäran bewohnt. Die Richtung 
der Strasse bleibt immer Südwest. 

Will man zu Kameel von Chat nach Schauet reisen, so folgt 
man der Haussä-Karawanenstrasse über Albarkat und bis zu den 
Rainen von Tin Alkum südwärts, wendet sich dann gegen Osten 
bis zum Brunnen Ag Achant. Hier, im gebirgigen Bezirke von 
Akruf, geht eine kürzere Karawanenstrasse südwärts nach Air 
and Haussä ab, während eine weitere westwärts gegen SchS.net 
geht und sich in dieser Richtung fortsetzt, so lange das Land 
sandig ist; dann wendet auch sie sich südwärts auf Ai'r und 
Haüssa zu. Auf dieser Strasse erreicht man, wie gesagt, Schauet 
in sechs Tagen. 

Will man sich endlich von Chat nach Fesän begeben, so 
verlässt man die Stadt durch das Ostthor, Kaläla, erreicht bald 
darauf die hier nach Süden verlaufende Senkung mit einem 
trockenen Brunnen namens Tänut n ag Jadäl (AadS.1) und nach 
zweistündigem Marsche durch ebenes Land eine Gegend von Sand- 
dünen, auf die man hinaufsteigen * muss. Nach halbstündigem 
Marsche innerhalb derselben immer ostwärts gehend, steigt man in 
das Thal Tanasüft hinab, das man beim Brunnen Anu n Goma betritt. 
Das Thal hat hier eine Breite von etwa 4 Kilometer. Im Osten 
hat man das Akäkus-Gebirge und dorthin führt in südöstlicher 
Richtung durch das Gebirge und nur für Menschen passierbar ein 
Pfad nach dem Brunnen Tädrart, in einem oder zwei Tagen zu 
erreichen. Dattelpalmen finden sich beim Brunnen nicht. Die 
ganze Landschaft führt auch den Namen Tädrart. Hier war es, 
wo 1879 der Frieden zwischen den Kel Asger und den Kel 
Ahaggär abgeschlossen wurde. 

Vom Brunnen Anu n Goma, immer im Thale Tanasüft sich 
nordwärts weiter bewegend, gelangt man nach einer Stunde zum 
Brunnen Anu Iseden, nach abermals einer Stunde zum Brunnen 
Emetelel und dann nach anderthalb Stunden zum Brunnen Tähala, 
von wo eine Seitenstrasse, wie schon erwähnt, zum Thale Warerat 
westwärts geht, während die Hauptstrasse nach Fesän weiter nach 
Norden im Thale Tanasüft hin verläuft, um sich später ostwärts 
zu wenden. 

19* 



298 O. A. Krause: 

Einfuhr von Süden her. 

Elfenbein. Straussenfedern. Sklaven. 

Die drei Hauptartikel, welche aus dem Süden nach Chat ge- 
bracht werden, sind Sklaven, Elfenbein und Straussenfedern, deren 
Verkauf meistens innerhalb der Stadtmauern in den erwähnten 
Yerkaufsläden stattfindet. Die von Chat nach Tripoli jährlich 
eingeführten Straussenfedern sollen einen Werth von ungefähr 
400 000 Franc haben. Diese Zahl beruht aber keineswegs auf 
statistischen Erhebungen. 

Wieviel Sklaven jährlich nach Chat gebracht werden, kann 
ich nicht bestimmen, doch ist ihre Zahl bedeutend und die mir 
gegebene von 200 sollte nur dazu dienen, mir die Wahrheit za 
verbergen. Jedenfalls steht die wahre Zahl näher an 2000 als 
an 200. 

Eine sehr schöne Sklavin kostet gegenwärtig in Chat 80 bis 
85 Bü Ter oder Maria Theresia-Thaler = 295—315 Mark, in Tri- 
poli 120—150 Mahäbüb = 3Ö4 — 480 Mark, doch wird ausnahms- 
weise ein Preis bis zu 250 Bü Ter = 920 Mark, erzielt. Ich kenne 
eine Prinzessin aus Dagbo, die um diesen Preis verkauft worden 
ist. Ein Eunuch kostet in Chat 150 Bü Ter = 552 Mark. 

Sklavenhandel. 

Chat ist heute wahrscheinlich die einzige Stadt im türkischen 
Reiche, wo Sklaven auf offener Strasse feilgeboten werden. Die 
Türken wissen dies sehr gut, aber sie wissen auch, dass sie d^rch 
Störung dieses Handels sich in Chat nur noch verhasster machen 
würden, als sie ohnehin schon sind, und zudem warum einen 
Handel stören, der in ihren Augen nichts unrechtsmässiges hat? 
Als Machmüd Pascha, der Schwager des Sultan, General-Gouverneur 
von Tripoli war, 1879, schickte ihm Mohammed es Säfi einen 
Eunuchen und einige Sklaven zum Geschenk, und sie wurden 
gern angenommen. Der reichste mohammedanische Kaufmann in 
Tripoli, Hädsch Mustafa Samit, verdankt fast einzig diesem Handel 
seinen Reichtum. Vor 25 Jahren noch war er bettelarm, nun 
ist er 28 mal in Chat gewesen und der reichste Mann in Tripoli 
geworden. 

Auch alle nichtmohammedanischen Kanfleute an der nord- 
afrikanischen Küste, die durch Vermittelung mohammedanischer 
Agenten direkten Handel mit dem Inneren treiben, sind direkt 
oder indirekt in den Sklavenhandel verwickelt. Vor zwei Jahren 
brachte der Agent eines der angesehensten dieser nichtmohamme- 
danischen Häuser in Tripoli sechs Sklaven aus dem Inneren zurück. 
Das nächste Mal solle er aber keine wieder mitbringen, mit diesen 



Anfzeichnungen über die Stadt Chat in der Säbär&. 293 

7. Ichofan, Bes. die Imanan. 

8. Wultachien, Bes. die Imakamasan. 

9. T^nut ImanaD, Bes. die Imanan. 

10. Tin Tischarmin, Bes. Es Sadik ben el Hadsch Achmed. 

11. Tin Adin, Besitzerin Aischa bint el Hadsch Omar. 

*12. Nabüs, Bes. 1. Hadsch Ibrahim ben Solimän; 2. die Ait 
Hamuden; 3. Mekki ben el Hadsch Achmed. 

13. T^nut Näraban (n Araban), Bes. die Eel Taläk. 

14. Elmäterat, Bes. Hadsch Ibrahim ben Solimän. 

15. Nitadin (?), grosser Brunnen. 

*16. Tünin Lamin, Bes. Mohdmmed es Safl. 

*17. Tad n el Hadsch Achmed, in Tüntn. 

*18. Tad n el Mahädi, neu und gross (El Mähädi ist der grosste 

Kaufmann in Tüntn). 
•19. Tad n el Mahädi, klein. 

*20. Brunnen von El Mahädi's Schwestern Rahäma und Fatma. 
*21. Brunnen der Kinder von Mohammed ben el Hadsch Achmed. 
•22 — 24. Drei Brunnen des SidT Achmädu. 
*25. Brunnen des Hadsch Abd AUä Scherif; ist gross. 
*26. Tänut ag Müsä, Bes. 1. Mohammed es S^fi; 2. Sohne der 
Schwester des Hadsch Otmän; 3. Kinder des Mustafa Tafädest. 
*27. Brunnen der Kinder von Müsä ben Amiderko. 
•28. Brunnen des Es Senüsl ben Hibet aus Chaddmes. 

29. Brunnen der Kinder von Bei KSsem. 
•30. Tin Nebafa, Bes. die Kinder von Bei Kasem. 

31. Brunnen des Mohammed ben Tafädest. 

32. Inasar, grosser Brunnen, Besitzerinnen die Frauen der Kel 
Taläk. 

33. Tin Nebafa, Bes. die Ai't Hamüden. 

34. Tanut Näris (n Aris), Bes. die Ait Hamüden. 

35. Tin Sakwän (Sagwän). 

*36. Grosser Brunnen in Tinesauen. 

b) Brunnen in der ferneren Umgebung Chät*s. 

*37. Timaschaüen, gross. 
♦38. „ klein. 

*39. Timaschaüen Tin Adil, Bes. 1. Hadsch Otmdn ben Omar; 

2. Hadsch Mohammed ben Joschaa; 8. die Kinder von 

Aanüna Dadakora. 

40. Grosser Brunnen in In Chajän. 

41. Kleiner Brunnen in In Ghajan. 

42 — 45. Vier Brunnen der Kinder El Beschir's in In Chajan. 
*46. Brunnen des Sidl Achmed ben Omar ag el Aafia. 
*47. Brunnen des Abd er Ras&k. 



294 O- ^' Krause: 

48. — 50. Drei Brannen der Elinder des Hidsch Abd er Ra- 

hämän. 
51 — 52. Zwei Brannen des Mohammed Achmed, Imdms der 

Moschee in Chat. 
53. Brunnen des Esch Scheich el Haas^ni. 
*54. Brunnen des Hadsch Bu Bakr und seiner Schwester. 
55. Brannen des Hädsch Bu Bakr. 
56 — 57. Zwei Brunnen der Kinder Tabel&ts. 
*58. Kleiner Brunnen, Besitzer das Oberhaupt der Sekte der 
Senüsia in Dschachbub. 
59. Brunnen der Frauen der Kel Taläk. 

60 — 61. Zwei Brunnen der Kinder des S&lem ben el Hädsch 
Hamed. 
*62 — 64. Drei Brunnen in dem Landstrich Iberkän (d. h. Gärten), 

gelegen. 
*65. Tin Kaüja, Bes. Mohammed esch Scherif. 

66 — 67. Zwei Brunnen in dem Landstrich Tin Kanja gelegen. 
♦68—69. Zwei Brunnen Tiwakit. 

70. Tanut n Musä. 

71. Tin Atadachil (?), gross. 

72. Abarik wan Madalala (?). 

73. Tin Taraban Andarat (?). 

74. Tin Taraban, Bes. Ben Joschaa. 
75 — 76. Zwei Brunnen Inadaui (?). 

77. Tin Büli. 

78. Kleiner Brunnen, Bes. Häfesch. 

79. Brunnen des Sidl Achmed ag el Afia. 
*80. Kleiner Brunnen, nahe beim vorigen. 

81. Tamatfat, Bes. die Kinder Omar's. 

82. Tamatfat, Bes. die Imakamasan. 

83. Tamatfat, Bes. die Kinder El Beschir's. 

84. Brunnen der Marjam. 

85. Brunnen des Hädsch Chawad ben Achmed. 

86. Brunnen der Aischa bint el Beschir. 

87. Brunnen der Kinder des Saäd Schäma. 

88. Brunnen der Bewohner von Tamalchät. 
*89— 90. Inamankösch (?). 

91. Brunnen der Imanan. 
*92. Brunnen in Idagiran gelegen, gross, Regierungsbrunnen. 

c) Trockene Brunnen. 

1. Tin Adin, mit einem grossen Etel-Baume. 

2. Tanut n ag ladal (Aadal). 

3. Brunnen bei den Ruinen von Hei Ilberes. 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der S^ärä. 



295 



Nach dem vorstehenden Verzeichnisse wurden ausser den ein- 
getrockneten 34 Springbrunnen (Quellen), 58 gewöhnliche Brunnen, 
zusammen 92 Brunnen existieren, doch sollen in Wirklichkeit 
nur 87 vorhanden sein. 

Wie die Chatiner den grossen Brunnen Tin Selchän in Al- 
bärkat verloren haben, ist oben in der geschichtlichen Abteilung 
erwähnt worden. 

Innerhalb der Stadtmauern finden sich folgende Brunnen: 
einer oder zwei in der Saüja der Senüsia, einer bei der Moschee 
Sidl Isa und ein anderer in einem Hause südostlich vom vorigen. 

Die vorstehende Liste ist keineswegs ein so trockenes 
Kataster-Register, wie man beim ersten Anblick anzunehmen ge- 
neigt ist, sie lehrt uns im Gegenteil recht interessante That- 
sachen und widerlegt einige Irrtumer von Reisenden in betreff 
der Besitztumsverhältnisse auf das schlagendste. Wer sich ein- 
mal mit dem in Chat geltenden Recht beschäftigen wird, dem wird 
diese Liste von 'Nutzen sein. 

Die Dattelpalme und Dattelsorten. 

Der Hauptreichthum Chat's, soweit die Natur ihn bietet, be- 
steht in seineu Dattelpalmen. Die Zahl der Palmen ist nicht 
genau bekannt, doch übertreffen die Chät's jene von Chaddmes an 
Zahl. Die letzteren sollen nach Herrn Henri Duveyrier sich auf 
63 000 belaufen*). Jedoch ist die Gute der Datteln von Chat 
schlechter als der von Chadämes. 

Die Namen für Dattelpalme und Dattel sind in den ver- 
schiedenen maschachischen Dialekten die folgenden. 



Arabisch 

Chadamesisch 

Chatisch und Nordmacha- 

chisch 
Sprache von Ai'r 



Arabisch 
Chadamesisch 



Chatisch 



Dattelpalme. 

Einzahl, 
nächla 
tebinaüt 

tasdit 

talisdäk (für talisdacht) 

Dattel. 

KoUekt. tamr. 
abinaü 

{äschitschar, 
(äschitar), 



Mehrzahl, 
nachlat. 
tibinanen. 

tesdaien **). 
tilisdachen. 



ibinauen. 

{ischitschUren, 
teni, teini. 



*) Die Zahl, der Dattelpalmen in der Oase, in welcher die Stadt Tripoli, 
der Ort Tädechti-a n. a. liegen, soll 550 000 betragen. 

**) Tasdit heisst in der Sprache von Air „Palmenzweig". 



302 C^. A. Krause: 

lität. Gute Sorten werden nur ausnahmsweise, meist als Ge- 
schenke für Fürsten, nach dem Inneren eingeführt. Der Gewinn 
in Chat ist natürlich wie überall von verschiedenen wechselnden 
Umständen abhängig. Überfluss oder Knappheit der Waare am 
-Platze, Baar- oder Kredit-, Engros- oder Eadetail- Verkauf beein- 
flussen die Preise. 

Der durchschnittliche Gewinn an einigen Waaren möge hier 
verzeichnet werden. Derselbe beruht freilich nicht auf amtlichen 
Preislisten, und ebenso ist der Werth der Zahlen nicht über jeden 

Zweifel erhaben. Es werden verdient an 

Prozent 

Zucker 120 

kleinen Spiegeln 100 

kleinen seidenen Tüchern . . 90 
Musselin zu Turbanen ... 50 
rothen Tuchburnussen ... 40 

Hierbei ist wohl zu beachten, dass diese Prozente den Unter- 
schied im Preise der Waaren, wie sie in Tripoli und in Chat ver- 
kauft werden, darstellen. Die jüdischen Kaufleute in Tripoli, die 
bisweilen schon aus zweiter oder dritter Hand kaufen, haben 
vorher ihre Prozente verdient, und die oben angegebenen Zahlen 
werden sich mehr als verdoppeln, wenn man die Fabrikpreise 
mit den Verkaufspreisen in Chat in Vergleich stellt. 

Gleichwohl ist es den mohammedanischen Kaufleuten (solche 
allein gehen personlich nach Chat), nicht immer möglich, einen 
Gewinn zu erzielen. Die Kosten sind bedeutend, die Konkurrenz 
ist gross geworden, und wer sich nicht mit Sklavenhandel befassen 
will, hat bisweilen selbst Verluste aufzuweisen, wenn er die Bilanz 
einer Expedition nach Chat macht. 

Die von Chat ausgeführten Waaren sind im Preise zu schwan- 
kend, um die Berechnung eines mittleren Gewinnes zuzulassen. 
Nur Gold ist ziemlich fest in seinen Preisen. Man bezahlt den 
Mitkäl in Chat, wenn billig mit 17^, wenn theuer mit 1 8-*;^ Sibilia 
und verkauft ihn in Tripoli für 21^. Ein Pfund Stearling (20 Mk.), 
zu 41% Sibilia gerechnet, kostet der Mitkäl Gold in Chat 8 Mk. 
40 Pf. bis 8 Mk. 88 Pf. und in Tripoli 10 Mk. 32 Pf. Ich bin 
nicht ganz sicher über den Werth dieses Mitkais. Weiter unten 
habe ich ihn zu 4,882 Gramm angenommen. Hiernach würde 
1 Gramm Gold in Chat 172--182 und in Tripoli 211 Pf. kosten. 
Der Gewinn würde daher ungefähr 20 Prozent betragen. 

Kleinhandel mit Fesän und Ahaggär. 

Betreffs des kleinen Handels ist zunächst zu erwähnen, dass 
die Araber Fesän's Datteln und Getreide nach Chat bringen und 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Säharä. 297 

Jahren hat man angefangen, auch den Orangenbaum einzufahren, 
dessen Fruchte jetzt zu fabelhaften Preisen verkauft werden. 
1879 sind wiederum einige Eameelladungen junger Orangenbäume 
von Tripoli nach Chat geschickt worden. 

III. 

a) Gegenwärtiger Handel von Chat. 

Allgemeines. 

Die Wichtigkeit, welche Chat in kommerzieller Beziehung be- 
sitzt, verdankt es einzig seiner Lage. Chat selbst bietet so gut 
wie gar nichts für den auswärtigen Handel und was es bieten 
konnte, ist fast wertlos. Nur als ein Sammelplatz der Kaufleute 
der Sähära und der angrenzenden Länder, die Waaren hinbringen 
und von da wegnehmen, ist es ein Marktplatz ersten Ranges ge- 
worden. 

Von Süden her kommen nach Chat Kaufleute aus Bornu und 
Haussä*), Käuär (Bilma) und Air (Asben); von Westen her aus 
Timbüktu und Tauät; von Norden her aus Chadämes, Tripoli 
(Tunesien, Algerien), Sokna und Hon in Fesän; von Osten her 
endlich aus Morsnk und Dchälö (Aüdschila, Egypten). 

Dies sind die Kaufleute des Grosshandels und internationalen 
Verkehres. Alle Stämme der Mäschachen und Araber, welche in 
geringerer oder grosserer Entfernung von Chat wohnen, kommen 
gleichfalls gelegentlich nach Chat und bringen in den Kleinhandel 
Leben. Zwei Mal im Jahre werden grosse Märkte abgehalten, 
einer in der kalten, einer in der heissen Jahreszeit. Jede Messe 
dauert ungefähr drei Monate. 

Chat ist zu klein, als dass es innerhalb seiner Mauern Raum 
für die zahlreichen fremden Kaufleute und deren Waaren bieten 
konnte. Auf dem inneren Platze der Stadt, Eschelli, auf der 
Strasse, welche von diesem zum Südthore, Emi Tafächachät, führt 
und auf dem an diesem liegenden Platze, Es Sük, befinden sich 
zwar dreissig Verkaufsläden — auf arabisch dukkän — , in denen 
die kostbarsten Artikel zum Verkauf ausgestellt sind, aber der 
Hauptmarktplatz findet sich südlich von der Stadt. Wenig vom 
Südthore entfernt ist der Viehmarkt und nordöstUch von diesem 
der Ledermarkt. 

Die wohlhabendsten Kaufleute von Chat sind Uld el Baschir 
und Hädsch Ibrahim, von Tünin El Mähädi. 



'*') In Tripoli und anderen Gegenden der Nordküste führt Haüssä den 
speziellen Namen Sudan, und man begreift z. B. B6mn nie unter der Be- 
zeichnung Sudan. 



304 Gt. A. Krause: 

geringe Wichtigkeit dieses Artikels. Das Harz dieses Baumes 
gleicht dem Weihrauch — arabisch lib&n — , ist aber nur in ge- 
ringer Quantität anzutreffen. 

Ein paar Esel, die alljährlich von Chat nach Tripoli gebracht 
werden, verdienen kaum erwähnt zu werden; dagegen mögen noch 
gegerbte Felle und einige Lederarbeiten erwähnt werden. 

Die Bewohner Ghät's vermieten ihre Häuser zur Zeit der 
Messen an die fremden Kaafleute. Ein theures Haus für ein 
ganzes Jahr gemietet kostet bis zu 80 Mark. 

Handels sprachen. 

Die Handelssprachen in Chat sind arabisch und haussanisch 
und alle Kaufleute des Nordens, die nach Chat gehen, sprechen 
diese beide Sprachen; denn die aus Haüssä oder Bornu kommen- 
den Kaufleute sprechen oft nur ihre Muttersprache, was die Araber 
zwingt, deren Sprache zu erlernen. 

Münzen. 

Die Münzen in Chat sind die türkischen. Ausserdem haben 
Münzen verschiedenen Ursprungs daselbst Geltung. Die gebräuch- 
lichsten Münzen und Rechnungen sind die folgenden: 

ungefähr Mk. Pf. 

Der türkische Piaster, zu 40 Para — 16 

Der arabische oder tripolitanische Piaster, zu 100 Para — 40 

Die Sefrita*) oder Sibilia, zu 120 Para — 48 

Der Beschlik, d. i. Fünfer, zu 5 türk. Piastern ... — 80 
Der österreichische Gulden**), Halb-Thaler genannt, zu 

lO**^ türk. Piastern 172 

Der Riäl von Chat oder Fesän, zu 15 türk. Piastern 2 40 

Der Machbüb (Rechnungsmünze), zu 20 türk. Piastern 3 20 
Der ßü Ter oder Maria Theresia-Thaler, zu 23 — 25 türk. 

Piastern 3 Mk. 68 Pf. bis 4 — . 

In Tripoli hat seit Anfang 1880 der Napoleond'or einen Kurs 
von 103, ein Silberfrank von 5 türkischen Piastern. 

In Chat hat Gold keinen Kurs, doch werden Goldstücke von 
den Kaufleuten, welche sie an der Nordküste kennen gelernt haben, 
angenommen; allerdings erleidet man dabei Verluste. 



*) Sefrita werden die österreichischen Yiertelguldenstücke genannt; in 
Tripoli haben sie keinen Wert. 

**) Als dieselben infolge der Münzreform in Deutschland daselbst ausser 
Kurs kamen, fanden sie in Tripolitanien Aufnahme. 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 299 

Worten wurde das Verfahren gemiBsbilligt^ die Seele war gerettet 
und die sechs Sklaven wurden far gutes Geld verkauft. Bisweilen 
schickten die nichtmohammedanischen Kaufleute von Tripoli Ge- 
schenke an die Sultane im Inneren, um Gegengeschenke zu er- 
halten. Worin diese zu bestehen pflegen, wissen die, welche die 
Sitten der Sultane im Inneren ein wenig kennen*). Ein judischer 
Kaufmann in« Tripoli , der nachher Vertreter einer europäischen 
Grossmacht wurde, hatte einmal an den Sultan von Wadai Ge- 
wehre neuester Erfindung als Geschenk geschickt. Er erwartete 
dafür, wie er mir selbst sagte, „ein hübsches Gegengeschenk^' — 
was für eines, fügte er nicht hinzu — erhielt aber nach längerer 
Zeit sein eigenes zurück, das der Sultan sechs oder sieben Monate 
behalten hatte, dann aber zurückschickte. 

In Tripoli lebt ein Kaufmann christlichen Glaubens, der von 
allen grossen deutschen Afrika -Reisenden, die über Tripoli ins 
Innere vorgedrungen sind, mehr oder weniger direkt des Sklaven- 
handels beschuldigt worden ist, und gleichwohl hat ihn vor wenigen 
Jahren ein europäisches Land, dessen Konig die Sklaverei be- 
kämpft, zu seinem Vertreter erwählt. 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass es unter den nicht- 
mohammedanischen Kaufleuten Tripoli's und anderer Städte an der 
Nordküste, welche mit dem Inneren handeln, welche giebt, die 
dem Sklavenhandel abhold sind; aber da sie nicht persönlich 
reisen, so sind sie ihren Agenten gegenüber machtlos, ihre eigenen 
Ansichten in den Handelsabschlüssen zur Geltung zu bringen. 
Handelt es sich um Überbringung von Geschenken an die Herr- 
scher im Inneren, so ist es natürlich, dass der muselmanische 
Agent dieselben in seinem eigenen Namen übergiebt, kann er 
doch nicht einmal an allen Höfen offen gestehen, dass er für 
einen Ungläubigen reist, und wenn er Sklaven als Gegengeschenk 
zurückweisen wollte, so würde er sich der Gefahr aussetzen, 
wegen Beleidigung des Sultans bestraft zu werden. Wenn musel- 
manische Kaufleute den Sultanen für ihre eigene Rechnung Ge- 



*) Vergleiche unter anderem Gerhard Rohl£Ei* Beise durch Nordafrika 
von Tripoli nach Kuka, im 25. Ergänzungs-Hefte zu Petermann's Mittheilun- 
gen, Gotha 1868, S. 61 und dann die Werke aller anderen Südftn-Reisenden. 
Herr Gerhard Rohlfs, vom Sultan von B6mu und den ihm Geschenke dar- 
bringenden mohammedanischen Kaufleuten aus dem Norden sprechend sagt: 
„Ich fand, dass die meisten Kaufleute, die dem Sultan Geschenke darbrachten, 
mit der Wurst nach dem Schinken warfen, indem der Sultan ein Geschenk, 
namentlich wenn es etwas fremdländisches, seine Neugier oder Aufmerksam- 
keit erregendes war, imfner durch ein Gegengeschenk von einem oder zwei 
Sklaven oder einem Pferde erwiderte. Kurz vor meiner Ankunft in B6rnu 
kam von einem nichtmohammedanischen tripolinischen Kaufmann ein reiches 
Geschenk an, das der Sultan natürlich entsprechend erwiderte^*. 



306 G. A. Krause: 

a) Gewöhnliches Gewicht. 

1 Kantar =100 Rotl = 1600 Ukia = 48 kg 820 g 

1 , = 16 „ == 488,2„ 

1 ^ = 30,5 „ 

b) Gewicht für Silber, Zibeth und andere kostbare Sachen. 

1 Ukia =10 Dirhem = 30,5 g 

1 „ = 3,05 „ 

1 Ukia = 16 Charrüb= 30,5 „ 

1 „ = 1,9 „ 

c) Gewicht für Gold. 

1 Mitkäl = 24 Kir&ti = 4,882 g 

1 „ = 0,203 „ 

K am eel Vermieter. 

Die Stämme, welche den Karavanenverkehr zwischen Chat 
und Tripoli vermitteln sind die folgenden: 

A. Von den in Fesan ansässigen Stämmen: die Magärha, 
Suwaid, Hötmän, Säka, Hasaüna, Daüabln. 

B. Von den in Tripolitanien ansässigen Stämmen: die Uläd 
Bü Sif, Rlseban, Sintän, Sinaün, Kantarär, UrfiUa. 

Zwischen Chat und Chadames vermitteln alle machacbischen 
Stämme von Asger den Verkehr. 

Von Chat nach Haüssä sind besonders die Kel Tin Alkum 
die Kameelvermieter, während nach Bornu hin gewöhnlich keine 
Kameele gemiethet werden können. 

Die reichen Kaufleute besitzen eigene Kameele. 

Preise für Mietkameele. 

Die Miethe für ein Kameel beträgt ungefähr 

von Chat nach Tripoli 15 Riäl von Chat . = 36 Mk. 

„ „ „ Chadames 9 — 11 „ „ „ . . = 22--26 „ 

« « « Morsuk 5—6 „ „ „ . . = 12—14 „ 

„ „ „ Ideles besteht kein fester Preis. 

„ „ „ Kano, Last 2*^ Kantar, 32 Bü Ter*) = 128 „ 

oder 1 Kantar 50—55000 Kauri, zahlbar in Kano =: 40—44 „ 
von Chadames nach Chat, 1 Kameel zu 3^ Kantar 

die Last, 8—12 Machbüb = 26—38 „ 

von Chadames nach Chat 1 Kantar 2 '^ — 3 Machbüb = 8 — 10 „ 
„ „ „ Tauät, 1 Kameel zu 3 Kantar 

die Last, 24 Bü Chämsa = 58 „ 

von Tripoli nach Chat 15 Machbüb = 48 „ 

„ „ „ Chadames . . . 7—8 „ = 22—26 „ 

*) Nach anderer Quelle ein Kameel 20—25 Machbüb (64—80 Mark> 



f 



Aufzeichnungen über die Stadt Ch&t in der Säbärä. 301 



Der Preis einer grossen Eameelladang Negerhirse oder Sorghum 

ist zur Zeit, wo Karawanen aus dem Süden angekommen sind, 

: 14 — 15 Riäl von Chat, die in Tripoli Bü Chamsa Sibilia genannt 

; werden, etwa 33 — 36 Mark, zu anderen Zeiten 16 — 18 Riäl oder 

i 88 — 43 Mark. 

i Ich will gleich hier einschalten, dass, während das Getreide 

%:■ mr Zeit, in der die Karawanen ankommen, billig wird, die Preise 
li ifir Fleich, Butter, Gemüse u. s. w. im Gegenteil in die Höhe 
f gehen. Kein einziger Getreideproduzent des Sudans bringt sein 
r Erzeugnis selbst nach Chat und das Getreide muss oft durch drei, 
vier Hände wandern, ehe es Chat erreicht. 

In engstem Zusammenhange mit diesem Getreidehandel steht 
der Salzhandel von Bilma (Kaüär) , ja ohne Kenntnis des letz- 
teren bliebe der erstere in seinen Einzelheiten unverständlich*). 
Bilma ist eine Provinz der Oase Kauär, halbwegs zwischen 
Fesän und Bornu, wird von den Tubu bewohnt und ist wegen 
seines Salzreichtums berühmt. Alljährlich kommen die südlichen 
Mäschachen mit tausenden von Kameelen nach Bilma, um Salz 
einzunehmen, für das sie die Manufakturen und das Getreide von 
Haüssä und den Grenzbezirken zwischen Haüssä und Sahara hin- 
bringen. Das Getreide ist entweder das Erzeugnis der Sklaven 
and Leibeigenen, welche die Mäschachen im SüdUn besitzen, oder 
sie haben es gegen Salz eingetauscht. Die Tübu von Bilma schaffen 
einen Teil des ihnen von den Mäschachen zugeführten Getreides, 
den sie selbst nicht verbrauchen können, nach Chat, um dafür die 
Erzeugnisse des Nordens einzutauschen. Der grössere Teil des 
nach Chat kommenden Getreides wird von den südlichen Mäschachen 
gebracht, besonders von Dämergu her. 

Der von Air ebenfalls durch die Mäschachen gebrachte Weizen 
tritt gegen die Menge der Negerhirse und des Sorghums ganz in 
den Hintergrund. Air oder Asben ist ein Gebirgsland, das auf 
der Strasse, die von Chat nach Haüssä führt, in der Mitte liegt. 

Einfuhr von Norden her. 

Unter den Waaren, welche von den Kaufleuten des Nordens 
nach Chat eingeführt werden, sind vor allen Dingen baumwollene 
Stoffe zu erwähnen, dann Tuche, Seide, fertige Kleider, Perlen 
in mehr als 50 verschiedenen Arten, Korallen, Eisenwaaren, 
Schwerter, Nadeln, Papier, Zucker, Süssigkeiten , wohlriechende 
Essenzen und Gewürze. 

Die meisten dieser Waaren sind von sehr schlechter Qua- 



*) Vergl. über den Salzhandel von Bilma: Nachtigal, Sahara und Sudan. 
Thl. I. S. 535 ff. (Red.) 



302 ^- A. Krause: 

litat. Gute Sorten werden nur ausnahmsweise, meist als Ge- 
schenke für Fürsten, nach dem Inneren eingeführt. Der Gewinn 
in Chat ist natürlich wie üherall von verschiedenen wechselnden 
Umständen ahhängig. Überfluss oder Knappheit der Waare am 
-Platze, Baar- oder Kredit-, Engros- oder Endetail- Verkauf beein- 
flussen die Preise. 

Der durchschnittliche Gewinn an einigen Waaren möge hier 
verzeichnet werden. Derselbe beruht freilich nicht aaf amtlichen 
Preislisten, und ebenso ist der Werth der Zahlen nicht aber jeden 

Zweifel erhaben. Es werden verdient an 

Prozent 

Zucker 120 

kleinen Spiegeln 100 

kleinen seidenen Tüchern . . 90 
Musselin zu Turbanen ... 50 
rothen Tuchburnussen ... 40 

Hierbei ist wohl zu beachten, dass diese Prozente den Unter- 
schied im Preise der Waaren, wie sie in Tripoli und in Chat ve^ 
kauft werden, darstellen. Die jüdischen Kaufleute in Tripoli, die 
bisweilen schon aus zweiter oder dritter Hand kaufen, haben 
vorher ihre Prozente verdient, und die oben angegebenen Zahlen 
werden sich mehr als verdoppeln, wenn man die Fabrikpreis 
mit den Verkaufspreisen in Chat in Vergleich stellt. 

Gleichwohl ist es den mohammedanischen Kaufleuten (solche 
allein gehen personlich nach Chat), nicht immer möglich, einen 
Gewinn zu erzielen. Die Kosten sind bedeutend, die Konkurreni 
ist gross geworden, und wer sich nicht mit Sklavenhandel befassen 
will, hat bisweilen selbst Verluste aufzuweisen, wenn er die Bilanz 
einer Expedition nach Chat macht. 

Die von Chat ausgeführten Waaren sind im Preise zu schwan- 
kend, um die Berechnung eines mittleren Gewinnes zuzulassen. 
Nur Gold ist ziemlich fest in seinen Preisen. Man bezahlt den 
Mitkai in Chat, wenn billig mit 17|^, wenn theuer mit IS-'^Sibilia 
und verkauft ihn in Tripoli für 21^.' Ein Pfund Stearling (20 Mk.), 
zu 41^ Sibilia gerechnet, kostet der Mitkäl Gold in Chat 8 Mk. 
40 Pf. bis 8 Mk. 88 Pf. und in Tripoli 10 Mk. 32 Pf. Ich bin 
nicht ganz sicher über den Werth dieses Mitkais. Weiter unten 
habe ich ihn zu 4,882 Gramm angenommen. Hiernach würde 
1 Gramm Gold in Chat 172—182 und in Tripoli 211 Pf. kosten. 
Der Gewinn würde daher ungefähr 20 Prozent betragen. 

Kleinhandel mit Fesan und Ahaggär. 

Betreffs des kleinen Handels ist zunächst zu erwähnen, dass 
die Araber Fesän^s Datteln und Getreide nach Chat bringen und 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Säh&rS. 303 

dafür die geringen Bedürfnisse ihres Wüstenlebens zurücknehmen. 
•Die Mäschachen von Ahaggär bringen Kühe, Esel, Schafe, Ziegen, 
bisweilen einige Eameele, Käse, Butter und einige Sklaven. Oder 
68 geben auch Chätiner selbst nach Ideles, dem Hauptorte in 
Abaggär, mit Oesichtstüchern , Turbanen und anderen Kleidungs- 
stücken, Spiegeln, Gewürznelken, Benzoe (arabisch dschaüi), 
Zacker und anderen Waaren, besonders denen von Haüssä, und 
bringen die erwähnten Artikel dafür zurück. Nur Chätiner gehen 
übrigens nach Ideles. 

Einheimische Erzeugnisse für den Handel. 

Die wenigen und geringwertigen Artikel, die Chat oder doch 
das Land Asger verschickt oder verschicken konnte, sind Senä, 
Alaun, Antimon und Tarüt. 

Senä. Senä, die Blätter von Cassia obovata Coli., im Mascha- 
chiscben ascherscher, bildete früher einen ansehnlichen Handels- 
artikel, und wir haben in der geschichtlichen Skizze Chät's ge- 
sehen, dass dem Konige Hamädl vierzig Kameellasten desselben 
verbrannt wurden, jetzt jedoch sind die Preise so gering geworden, 
die Transportkosten so bedeutend, dass sich der Handel damit 
kaum noch der Mühe lohnt. Noch vor dreissig Jahren verkaufte 
man in Chat den Kantär, rund 50 kg, zu 40 — 50 Sibilia oder 
19—24 Mark. 

Alaun. Alaun, in der Sprache der Mäschachen särif, findet 
sich nordlich von Chat an der Strasse nach Chadämes, am Be- 
ginne des Thaies Warerat. Der Landstrich, worin er sich findet, 
heisst Acheläd n Sarif „ Alaun-Gegend ** und ist bereits oben er- 
wähnt worden. Nahe bei Albärkat, wenige Kilometer südlich 
von Chat, giebt es viel Alaun. Der Kantär kostet gegenwärtig 
(1879) in Chadämes sieben Machbüb oder 22}^ Mark, 100kg da- 
her 45 Mark. 

Antimon<> Antimon, im Maschachischen täsult, wird nord- 
westlich von Chat, in der Nähe der Ruinen von Hei Ilberes, ge- 
funden. Man findet kleine Stückchen desselben auf der Erdober- 
flache und liest sie auf. Antimon ist ein Toilettengegenstand der 
mohammedanischen Damenwelt und wird verwendet, um Augen- 
brauen und Augenlider zu färben (auf arabisch kohol). 

Tdrut. Tarüt ist der Name eines Baumes, welcher auf den 
Gebirgen von Asger wächst und daselbst der grösste Vertreter des 
Pflanzenreichs ist. Sein Holz ist wohlriechend und wird daher 
nacb Haüssä eingeführt; da aber ein faustgrosses Stückchen in 
Kano nur 60 Kaurimuscheln kostet, gegenwärtig (1879) aber 
4500 derselben einen Bü Ter (Maria Theresia-Thaler) von weniger 
als vier Mark bilden, so ersieht man daraus zur Genüge die 



310 ^' ^' Krause: 

versehen sind, welche die Kaufleute aus Chadämes und Chat 
brauchen, da eben bisher kein Absatz für dieselben vorhanden 
war. Jeder eingeborene Kaufmann, der nach Algerien ginge, 
würde also riskiren, wenigstens während einiger der ersten Expe- 
ditionen nicht alle notigen Waren kaufen zu können und würde 
gezwungen sein, doch noch nach Tripoli zu gehen, um die ihm 
fehlenden Waren einzuhandeln. Dies könnte aber nur mit soviel 
Verlust an Zeit und Geld geschehen, dass er es jedenfalls vor- 
ziehen würde, ganz nach Tripoli zu übersiedeln. 

Die eingeborenen Kaufleute könnten in Algerien wohl ihr 
Elfenbein und ihre Straussenfedern verkaufen, aber ihre Sklaven? 
Was würde aus diesen werden? Im südlichen Algerien besteht 
zwar noch teilweise die Sklaverei und einzelne Chadamesiner 
besuchen bisweilen die südalgerischen Märkte, um Sklaven zu ver- 
kaufen, welche dort bedeutend theurer sind als in Tripoli, aber 
sie können es nur einzeln thun und die Nachfrage ist nicht so 
bedeutend wie die • Lieferung. Die Kauf leute würden daher ge- 
zwungen sein, auf den reichen Gewinn zu verzichten, der ihnen 
aus dem Sklavenhandel zuströmt. 

Zuletzt darf auch nicht vergessen werden, dass diese einge- 
borenen Kaufleute strenge, zum Teil fanatische Mohammedaner 
sind, die lieber in einem von Mohammedanern beherrschten Lande 
leben , als in einem , das den Ungläubigen gehört. Dieser eine 
Grund würde hinreichen, eine grosse Anzahl von Kaufleuten aus 
Chat und Chadämes nach Tripoli zu ziehen, selbst wenn alle 
anderen Vortheile für Algerien sprächen. Nun ist aber, wie wir 
gesehen haben, gerade das Gegenteil der Fall, und diese Moham- 
medaner müssten nicht nur ihre materiellen Interessen opfern, son- 
dern auch noch die Starrheit ihrer religiösen Anschauungen, wollten 
sie ihrem Handel die Richtung nach Algerien hin geben. 

Vielleicht wird man einwenden, dass, wenn die Häfen Algeriens 
zu entfernt lägen, die Karawanen nicht bis zu diesen, sondern 
nur zu den ersten französischen Stationen, wie Wärgla, Tuggurt 
oder El Wäd zu gehen brauchten. Aber auch hierbei bleiben fast 
alle die Gründe, die gegen algerische Häfen sprechen, in Geltung. 
Tripoli liegt nur 80 km von Chadämes entfernter als El Wäd, und 
die Natur der Strassen in Betracht gezogen, wird diese Mehrent- 
fernung aufgehoben; Wärgla und Tuggurt sind zudem so ungesund, 
dass der Aufenthalt daselbst für Weisse meist verderblich ist. Alle 
diese drei Posten haben augenblicklich natürlich auch die Waren 
nicht auf Lager, welche Chat und Chadämes brauchen, und sie 
könnten dieselben auch niemals zu demselben Preise verkaufen, 
wie Tripoli, das am Meere liegt. Selbst die algerischen Häfen 
würden unter den jetzigen Verhältnissen nicht gut mit Tripoli kon- 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 305 

Ein 20 Para-Stück wird Bü Ascbrln, d. i. „der Vater von 
zwanzig (Para)**, ein 10 Para-Stück Bü Aschra, d. i. „der Vater 
von zehn (Para)", ein 5 Para-Stück Bü Chamsa, d. i. „der Vater 
von fünf (Para)** genannt. Der Riäl von Chat führt auch den 
Namen Bü Chamsa d. i. „der Vater von fünf (Sibilia oder Sefrita)". 

Weiter südlich und westlich von Chat haben die türkischen 
Münzen keine Geltung mehr. In Ideles in Ahaggär sind marok- 
'kanische Münzen im Umlauf. 

Im Handelsverkehr mit Haüssä wird bisweilen nach Kauri- 
Muscheln gerechnet, welche auf arabisch oda, auf haussanisch kurdl 
genannt werden und in der Zoologie den Namen Cypraea moneta 
führen. Das Verhältnis dieser Muschel zum Maria Theresia-Thaler, 
bisher der einzigen geprägten Münze im mittleren Sudan, ist sehr 
schwankend. Gegenwärtig sind in Kano die Extreme 4000 und 
7500 kürdi für einen Thaler. 1850 war der Kurs 2500. Wie 
unbequem diese Münze ist, vermag man am besten daraus zu er- 
sehen, dass beim Kurs von 2500 fünfundzwanzig Thaler, rund 100 
Mark, in Muscheln eine Kameellast bilden. 

Gewichte. 

Es ist leicht erklärlich, dass Gewichte und Maasse in ihrem 
Werte in einem Lande etwas schwankend sind, wo jede Kontrolle 
fehlt, ebenso alle Hülfsmittel, um die Genauigkeit derselben 
bis ins Kleinste zu prüfen und um neue mit Präzision herzu- 
stellen. So wird es mir auch nicht möglich sein, für die in Chat 
gebrauchten Gewichte den ganz genau entsprechenden Wert in 
Gramm und Kilogramm anzugeben, da selbst direkt von mir an- 
gestellte Messungen bisher zu keinem befriedigenden Resultate 
geführt haben. 

In Tripoli rechnet man gewöhnlich nach Okka, von denen 40 
einen Kantar oder Zentner bilden. Eine Okka hat 40 Unzen oder 
Ukia. In Chat, zum Teil auch noch in Tripoli, rechnet man nach 
Rotl oder Pfund, von denen 100 einen Kantar bilden. Ein Rotl 
hat 16 Unzen oder Ukia. Der Wert des Rotl ist annähernd 500 g. 
16 Maria Theresia- Thaler sollen genau 1 Rotl von Chat wiegen, 
dies würde 488,88 g für ein Rotl ergeben. Dem widerspricht 
aber, dass der hundertste Teil eines Rotl 1 Mitkäl ist, der dann 
4,889g sein müsste, während in Tripoli der tripolinische Mitkai 
zu 4% (=4,875), der chadamesinische zu 4% (4,375)g gerechnet 
wird. Nach der letzteren Ziffer würde das Rotl also nur 437,5 g 
betragen. 

Ich nehme vorläufig den Mitkäl von Chat zu 4,882, das 
Rotl von Chat daher zu 488,2g an. Daraus ergiebt sich folgende 
Tabelle : 

Zeitschr. d. GeselUch. t Erdk. Bd. XVII. 20 



312 ^' A. Krause: 

Luxus und Putzsucht wünschen und brauchen Elfenbein undStraussen- 
federn. Von dieser Seite her hat also der Handel Chät's nichts 
zu befürchten. 

2. und 3. Leichtigkeit und Schnelligkeit des 

Transportes. 

Es ist allgemein bekannt, dass der Transport der Waren durch 
die Sahara mit Hülfe der Kameele geschieht. Das Kameel ist 
sicherlich ein sehr nützliches Tier und wir können uns die Ge- 
genden, in denen es lebt, kaum vorstellen, aber als Transportmittel 
für den Grosshandel ist es doch ganz untauglich, wie aus den beiden 
Zahlen zur Genüge erhellt: 

Mittlere Länge eines Kameeltagemarsches ... 33 km 
Mittlere Tragfähigkeit eines Kameeies . . . . 150 kg. 

4. Sicherheit der Strassen in der Sahara. 

Es ist bekannt, dass die Sicherheit in der Sähärä sehr pro 
blematisch ist. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Karawanen ge- 
plündert werden, zumal wenn sie klein sind. 

5. Billigkeit des Transportes. 

Kosten des Meilenzentners in der Sähärä. 
Länge von Handelswegen in der Säharä. 

Auf vielen Karawanenstrassen ist es möglich, von den Stämmen 
der Wüste Kameele für den Transport der Waren zu mieten. 
Betrachten wir zunächst die Transportkosten. 

A. Für den Fall, dass Kameele gemietet werden. 

Ich habe viele Karawanenstrassen in Afrika und in Asien 
nach ihrer Länge, nach Mietpreisen der Kameele und nach Trag- 
fähigkeit der Tiere mit einander verglichen. Die Einzelheiten 
dieser Vergleichungen anzuführen, dürfte diese Arbeit, welche die 
einfache Aufschrift: Aufzeichnungen über Chat führt, nicht der ge- 
eignete Platz sein. Jedoch die Endresultate müssen, als den 
Handel Chät's berührend, angegeben werden. 

In Betreff der Zahlen, die in den folgenden Abschnitten sich 
finden werden, wolle man bedenken, dass sie der Natur der 
Dinge nach nur annähernd richtig sein oder einen Mittelwert dar- 
stellen können. Die Lage nur weniger von den Orten, die hier 
angeführt werden, ist astronomisch bestimmt, die angegebene Ent- 
fernung zwischen zweien derselben kann daher nicht als endgültig 
richtig angesehen werden. Die Zahlen, welche Geldwerte dar- 
stellen, können gleichfalls nicht als definitiv feststehend angesehen 
werden, um so weniger, da die Faktoren, von denen sie ab- 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 



307 



Eine Kameellast besteht bei weiten Reisen im Durchschnitte 
ans 150 kg. 

Wie sehr die Preise für die Miethe der Kameele in den beiden 
letzten Jahrzehnten gestiegen sind, wird man am besten aus einer 
Vergleichung mit den Preisen ersehen, die 1863 bezahlt wurden. 
In dem Werke „Mission de Ghadames, Alger 1863 ** finden wir 
Seite 52 die folgenden Angaben. 



1 Eant&r 



Daraus berechnet sich 
eine Last lu 



Jetziger Preis 



VonTripoli nach Chadämes 25—30 türk.Pi.SKantär auf 12— 14Mk. 22— 26Mk. 
, Chadämes« Chat 12—15 „ « 3'^ „ n 7—8 , 26—38 „ 

„ Tauät 2»^MitkälGold 3 « » 30)^« 58 

Kanö 10— 30000Kauril „ „ 8-24*)« 40-44 



w 



n 



n 



Der natürliche Hafen für Chat und Chadämes ist 

Tripoli. 

Es ist bekannt, dass Waaren überall den billigsten und da- 
her meistens kürzesten Weg nach ihrem Bestimmungsorte einzu- 
schlagen suchen. Und dies ist ganz natürlich. Sehen wir nun 
einmal zu, welches die Entfernungen zwischen Chat und Chadames 
auf der einen und den Küstenplätzen oder ersten europäischen Sta- 
tionen auf der anderen Seite sind. 

Die Luftentfernungen betragen: 



zwischen Chat 



» 



j) 



Chadames 



» 



j) 



j) 



1) 



915 km 
990 . 



und Tripoli . 

^ Gäbes . 

^ Tunis . 

„ Bona. . 

Algier 

ElWad(WädSüf) 
Wargla 
Gäbes . 
Tüggurt 
Tripoli 
Tunis . 
7» w 7» Bona . 

7) 7) yi Algier . 

Man ersieht aus dieser Tabelle, dass für Chat und Chadames 
die beiden nächsten Seeplätze Tripoli und Gäbes sind. Für Chat 
liegt Tripoli näher als Gäbes, für Chadames Gäbes näher als 
Tripoli, doch nur um ein sehr geringes, da die Strasse Chadämes- 
Tripoli ziemlich gerade verläuft und wenig die Luftentfernung über- 
schreitet, während nach Gäbes hin die Strasse eiiiige Winkel 



1275 „ 
1350 „ 
1485 , 

420 , 

430 , 

430 (470) km 

475 km 

480 „ 

750 „ 

760 , 

940 , 



*) Wenn damals der Kurs 5000 gewesen wSre, was ich nicht weiss. 

20* 



308 ^' ^' Kranse: 

macht, derart, dass, wenn zwei Karawanen Cbadämes zn gleicher 
Zeit verlassen, sie bei gleichem Marschtempo an demselben Tage, 
die eine in Gäbes, die andere in Tripoli ankommen. So geht dieser 
einzige geringe Vorteil, den Gäbes vor Tripoli voraus hat, wieder 
verloren, und eine Reihe von Schattenseiten sprechen dagegen, 
sodass es gar nicht mit Tripoli verglichen werden kann. 

In früheren Zeiten ging zwar ein grosser Teil der Kaof- 
louto von Chadämes nach Tunis, aber dieser Verkehr wurde auch 
wioderholt umerbrochen*). Heute geht meines Wissens kein ein- 
xi^er mehr zu Land nach Tunis, wie sie selbst sagen wegen der 
l'Unicherhoit der Strasse, wie mir aber ein tuniser Kaufmann er- 
zählte, deswegen, weil einer der angesehensten unter ihnen, Hädsch 
A . . . einmal Gold nach Tunis eingepascht habe und dabei ertappt 
wiMHleu sei. Er sei dafür bestraft und schimpflich behandelt wor- 
don, sodass er geschworen, nie wieder nach Tunis zurückzukehren. 
l>a er Kiutluss über seine Landsleute besass, so hat er auch diese 
vermocht« Tunis nicht mehr zu besuchen. Nach dem Tode des 
UotvctYeudon sei alles geblieben wie zu seinen Lebzeiten. Mag 
nun dies der wahre Grund sein oder der andere, die Thatsache 
bleibt bestehen, dass zu Land kein Chadamesiner nach Tunis geht, 
doch gehen einige von Tripoli aus zu Meer dahin. 

Wenn wir ferner die Häfen Algeriens mit Tripoli vergleichen, 
*»o (luden wir, dass die Entfernungen sehr zu Ungunsten der ersteren 
sind. bn Jahre 1830 hatten die Franzosen Algier besetzt und 
balvl darauf begannen ihre Anstrengungen, um den Handel der 
Sahara nach der neuen Eroberung zu lenken. Im Jahre 1842 
sehlc>ss Eugene Subtil**), ein französischer Privatmann, dessen 
l>ienste die Kegierung bisweilen annahm, mit Abd el Dschelil, 
deih Inhaber der Macht in Fesan, einen Vertrag, in welchem dieser 
.sieh verj>tliehiete, alle Karawanen des Inneren nach Konstantine 
^u leiien. Im Jahre 1858 führte Ismail Bü Derba eine Reise von 
Algerien nach Chat aus, deren Zweck war, Handelsverbindungen 
mit der Sählira" anzuknüpfen und den Handel der Sähärä von 
Tripoli ab nach Algerien hinzulenken. In diesem selben Jahre 
kam wirklich eine Karawane von Chat nach der Stadt Algier, aber 
keine zweite ist ihr gefolgt, soweit mir bekannt ist. Einige Jahre 
>*päter schloss die französische Regierung einen Vertrag mit einigen 

'^\ Vorj^l. Aujjust von Eiiisiedel, Reise nach Tunis im Jahre 1875; in: 
Sannuluuj* morkwürdij»or Reisen in das Innere von Afrika. Dritter Teil. 
IJojiaunuolt und herausjjogeben von Ernst Wilhelm Cuhn. Mit einer Karte. 
Loipiiij;: iTiM. Seite 434. 

♦*i Kovue de TOrient. Bulletin de la Societe Orientale fond(5e k Paris 
IS41. T. V*^ 1v^4d p. o — 22 Marche des Caravanes de l'Afrique Centrale 
ot moveus k omployer pour les faire arriver en Alg^rie, par Subtil. 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 309 

Häuptern der Mäschachen von Asger, namentlich Ichenüchen, um 
Handelsverbindungen mit der Sahara und dem Sudan anzuknüpfen. 
Dieser Vertrag wurde am 15. Dezember 1862 in Chadames unter- 
zeichnet, aber trotz aller Anstrengungen sind die Franzosen heute 
noch, wo sie vor 40 Jahren waren. Gewiss können es nicht 
nebensächliche Gründe sein, an denen die Bemühungen, den Handel 
der Sahara nach Algerien zu ziehen, scheiterten. Untersuchen wir 
daher etwas tiefer die Verhältnisse. 

Da die Strasse nach Algier länger ist, als die nach Tripoli, 
so müssen natürlich auch die Spesen grösser werden, um so mehr, 
da in angebautem Lande der Karawanenverkehr ebenso unbequem 
wie unnatürlich und theuer ist. Das Futter für die Thiere muss 
gekauft werden, jede Beschädigung der Ackerfelder seitens der Ka- 
meele muss bezahlt werden, und auf den nicht sehr breiten künst- 
lichen Chausseen, wo Wagenverkehr herrscht, ist ein Vorwärts- 
kommen mit Kameelen nur schwierig. Die bedeutend grössere Ent- 
fernung — die Stadt Algier liegt der Luftentfernung nach 570km 
von Chat, 460 km von Chadames, entfernter als Tripoli — und die 
Schwierigkeiten des Reisens, welchen Karawanen in kultivierten 
Ländern begegnen, würden allein genügen, die Kaufleute von Chat 
and Chadames abzuhalten, sich nach Algerien hinzuwenden. Es 
kommen aber noch eine ganze Reihe anderer Gründe hinzu. 

Die Strasse von Chadames nach Tripoli bietet keine beson- 
deren Schwierigkeiten dar ausser dem Abstieg vom tripolitanischen 
Küstengebirge in die Ebene, in der die Stadt Tripoli liegt, wäh- 
rend von Chadames nach Algerien hin jene weite Sanddünenregion 
zu überschreiten ist, die auf den Karten El Erg genannt wird, 
und deren Durchreisung ebensowohl Tiere wie Menschen ausser- 
ordentlich anstrengt und von ersteren nicht wenige untergehen 
lässt. Dies ist ein neuer Grund für die Kaufleute, die bequemere 
Strasse nach Tripoli einzuschlagen. 

Fast alle wohlhabenden Kaufleute haben in der Stadt Tripoli 
Grundbesitz, einige haben mehrere Häuser im Werthe von über 
100 000 Mk. Diesen Grundbesitz müssten sie veräussern, wollten 
sie einen algerischen Hafen zum Ausgangspunkte ihres Handels 
nehmen. In diesen Hafenplätzen ist aber der Werth der Häuser 
natürlich ein höherer als in Tripoli, und die Kaufleute würden 
sich genöthigt sehen, entweder ein kleineres Haus, als sie in Tri- 
poli jetzt besitzen, zu kaufen oder ein gleiches mit grösseren Kosten, 
oder ohne Haus zu bleiben und die teure Häusermiethe zu be- 
zahlen. 

Ferner liegt es in der Natur der Sache, dass zur Zeit, wo 
kein direkter Verkehr zwischen Algerien und dem Innern von 
Afrika stattfindet, die Märkte Algeriens nicht mit jenen Waren 



310 ^' ^' Krause: 

versehen sind, welche die Kaufleute aus ChadUmes und Chat 
brauchen, da eben bisher kein Absatz für dieselben vorbanden 
war. Jeder eingeborene Kaufmann, der nach Algerien ginge, 
würde also riskiren, wenigstens während einiger der ersten Expe- 
ditionen nicht alle notigen Waren kaufen zu können und würde 
gezwungen sein, doch noch nach Tripoli zu gehen, um die ihm 
fehlenden Waren einzuhandeln. Dies konnte aber nar mit soviel 
Verlust an Zeit und Geld geschehen, dass er es jedenfalls vor- 
ziehen würde, ganz nach Tripoli zu übersiedeln. 

Die eingeborenen Kaufleute konnten in Algerien wohl ihr 
Elfenbein und ihre Straussen federn verkaufen, aber ihre Sklaven? 
Was würde aus diesen werden? Im südlichen Algerien besteht 
zwar noch teilweise die Sklaverei und einzelne Chadamesiner 
besuchen bisweilen die südalgerischen Märkte, um Sklaven zu ve^ 
kaufen, welche dort bedeutend theurer sind als in Tripoli, aber 
sie können es nur einzeln thun und die Nachfrage ist nicht so 
bedeutend wie die Lieferung. Die Kaufleute würden daher ge- 
zwungen sein, auf den reichen Gewinn zu verzichten, der ihnen 
aus dem Sklavenhandel zuströmt. 

Zuletzt darf auch nicht vergessen werden, dass diese einge- 
borenen Kaufleute strenge, zum Teil fanatische Mohammedaner 
sind, die lieber in einem von Mohammedanern beherrschten Lande 
leben , als in einem , das den Ungläubigen gebort. Dieser eine 
Grund würde hinreichen, eine grosse Anzahl von Kaufleutcn aas 
Chat und Chadames nach Tripoli zu ziehen, selbst wenn alle 
anderen Vortheile für Algerien sprächen. Nun ist aber, wie wir 
gesehen haben, gerade das Gegenteil der Fall, und diese Moham- 
medaner niüssten nicht nur ihre materiellen Interessen opfern, son- 
dern auch noch die Starrheit ihrer religiösen Anschauungen, wollten 
sie ihrem Handel die Richtung nach Algerien hin geben. 

Vielleicht wird man einwenden, dass, wenn die Häfen Algeriens 
zu entfernt lägen, die Karawanen nicht bis zu diesen, sondern 
nur zu den ersten franzosischen Stationen, wie Wärgla, Tuggurt 
oder El Wäd zu gehen brauchten. Aber auch hierbei bleiben fast 
alle die Gründe, die gegen algerische Häfen sprechen, in Geltung. 
Tripoli liegt nur 80 km von Chadames entfernter als El Wäd, und 
die Natur der Strassen in Betracht gezogen, wird diese Mehrent- 
fernung aufgehoben; Wargla und Tuggurt sind zudem so ungesund, 
dass der Aufenthalt daselbst für Weisse meist verderblich ist. Alle 
diese drei Posten haben augenblicklich natürlich auch die Waren 
nicht auf Lager, welche Chat und Chadames brauchen, und sie 
könnten dieselben auch niemals zu demselben Preise verkaufen, 
wie Tripoli, das am Meere liegt. Selbst die algerischen Häfen 
würden unter den jetzigen Verhältnissen nicht gut mit Tripoli kon- 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Säharä. 311 

kurrieren können, da die meisten der über Tripoli nach dem Innern 
von Afrika gehenden Waren nicht französischen Ursprunges sind 
und daher bei der Einfuhr nach Algerien einen bedeutenden Zoll 
zu bezahlen hätten. 

Der Wunsch Frankreichs, den Handel der Sahara in seine 
Hände zu bekommen, wird nicht eher in Erfüllung gehen, als bis 
es Herr von Tripoli sein wird. 

b) Znknnft des Handels von Chat. 

Ehe ich mich der Bevölkerung Chät^s zuwende, bleibt mir in 
Betreflf des Handels von Chat noch eine sehr wichtige Frage zu 
erörtern übrig: wird der Handel Chats seinen jetzigen blühenden 
Zustand bewahren, wird er zu- oder abnehmen? 

Es wird bei dieser Untersuchung nötig sein, einige Male etwas 
in die Ferne zu schweifen und ganz allgemeine Erkenntnisse zu 
berühren. Obwohl das, was ich über das Allgemeine sagen kann, 
allgemein bekannt ist, so wird eine kurze Zusammenstellung der 
Funkte, um sie dann einzeln mit dem besonderen Handel und den 
besonderen Verhältnissen Chats zu vergleichen, nicht ganz ohne 
Wert sein. 

Die Bedingungen des Handels. 

Die erste Bedingung zu jedem Handel ist die Notwendigkeit 
oder der Wunsch der Menschen, irgend einen Gegenstand, den sie 
nicht haben, zu besitzen und die dadurch angeregte Nachfrage nach 
demselben. Die Entwickelung des Handels, die allererste Bedingung 
der Nachfrage vorausgesetzt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig, 
von denen hier besonders vier zu erwähnen sind: Leichtigkeit des 
Transportes, seine Schnelligkeit, seine Billigkeit und Sicherheit der 
Handelswege. 

Untersuchen wir nun die Natur des Handels von Chat nach 
diesen fünf Punkten: 

1. Nachfrage, 

2. Leichtigkeit des Transportes, 

3. Schnelligkeit desselben, 

4. Sicherheit derselben, 

5. Billigkeit derselben. 

1. Nachfrage. 

Die drei Hauptartikel des Handels von Chat, Sklaven, Elfen- 
bein und Straussenfedern, werden, das unterliegt keinem Zweifel, 
immer begehrt werden. Der polygame Islam bedarf der Sklaven, 



316 Cr. A. Krause: 

Höhe der Transportkosten untersucht, so müssen wir jetzt die 
Entfernungen zwischen eben diesen Handelsemporien und den mit 
Dampfern besuchten europäischen Handelsstationen am Flusse 
Niger und die Höhe der hiesigen Transportkosten betrachten, und 
wir werden da überraschende Zahlen finden, die zum Nachdenken 
herausfordern. 

Seit fünfzehn Jahren etwa haben die Engländer am Zusammen- 
flusse des Niger und Binue eine Kolonie unter dem Namen: „Per- 
manente Niger-Mission" gegründet. Dies ist bekannt in Europa, 
aber die Europäer scheinen diese Thatsache nicht recht zu wür- 
digen, welche bei allen mohammedanischen Kaufleuten, die vom 
Norden her mit dem mittleren Sudan Handel treiben, trübe 
Ahnungen aufkeimen lässt. 

Der Sitz des Gouverneurs dieser permanenten Mission heisst 
Lokodscha und liegt am rechten Ufer des Nigers, einige Kilometer 
vom Zusammenfluss. Gleichzeitig sind Handelsfaktoreien einer 
englischen Gesellschaft in Lokodscha und anderwärts am Niger 
errichtet worden. Eine derselben befindet sich in Egga, etwa 
140 km nördlich von Lokodscha. 

Die Luftentfernung zwischen Känö und Egga beträgt 410 km; 
die Strasse, die von Käno über Saria und Keffi Abd es Senga in 
Winkeln nach Egga führt, ist etwa 580 km lang; die Entfernung 
zwischen den beiden zuletzt genannten Orten beträgt 150 km. 

Von Küka bis zum Punkte Taepe, wo der Binue sich mit 
dem Faro vereinigt, beträgt die Luftentfernung 380 km. 1879 ist 
ein englischer Dampfer noch über diesen Punkt Taepe flussauf- 
wärts gefahren. Von Küka über Kanö nach Egga beträgt die 
Entfernung 1200, von Küka über Jäkoba nach Egga 1000 km. 

Timbuktu liegt wenige Stunden vom Niger entfernt, und 
dieser Fluss könnte mit geringen Kosten bis weit oberhalb Tim- 
buktu's, wenigstens zur Zeit, wo er angeschwollen ist, schiff- 
bar gemacht werden, doch könnten auch jetzt bereits geeignete 
Dampfer bis Käbara, dem Hafen von Timbuktu, gelangen, wenn 
auch nicht während des ganzen Jahres. Bis Egga, 670 km 
von der Mündung aufwärts, ist die durchschnittliche Tiefe in 
der Regenzeit 7 — 9 m und nur an einer Stelle, ungefuhr 370 km 
von der Mündung, beträgt sie 3 m und über der Barre an der 
Mündung 3*^m. 

Transportmittel im Sudan. 

Im mittleren Sudan bilden Ochsen und Esel, wohl auch das 
Pferd und selbst der Mensch das Transportmittel, während das 
Kameel immer mehr verschwindet, je weiter man nach dem Süden 
vordringt. Bei dem gänzlichen Mangel an Strassen legt dasselbe 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 313 

bangen, selbst beständigem Wechsel unterliegen, und ich werde jedem 
sehr dankbar sein, der die eine oder andere Zahl berichtigen wird. 

Um die Kosten des Transportes auf verschiedenen Wegen 
leichter vergleichen zu können, reduziert man sie auf den soge- 
nannten Meilenzentner, d. h. man giebt an, welches die Kosten 
sind, um einen Zentner Ware eine Meile weit zu transportieren. 
Indem ich dies Verfahren anwende, bemerke ich noch, dass ich 
den metrischen Zentner zu 100 kg und die Kilometermeile zu 
lOOO m als Grundlage angenommen habe. 

Der Meilenzentner kostet nach meinen Erörterungen in der 
Sahara im Durchschnitt wie folgt: 

Pf. 

Kameelmiete 3,20 

Verpackung der Waren u. s. w 0,80\ 

Lohn der Diener 0,56 1 ^ . 

Nahrung derselben 0,24 [ ' 

Geschenke, Bewirtung von Gästen u. s. w. 0,64J 

(sehr unbestimmmt) _____ 

zusammen 5,44 
oder rund 5»^ Pf.*). 

Es giebt Strecken, die billiger sind, besonders solche, die 
nur lokalem Verkehre dienen und bei denen, weil sie kurz sind, 
die Kameele auch stärker beladen werden können**), wie z. B. 
auf der Strasse Chät-Morsuk der Meilenzentner für Kameelmiete 
wenig über 2 Pf. zu stehen kommt; unter Umständen fallen dabei 
die anderen Spesen fast ganz weg. Es giebt aber wiederum auch 
Strassen, bei denen die Preise sich höher stellen; so würden 
z. B., die Genauigkeit meiner Quelle vorausgesetzt, nach der ein 
Kameel von Chat nach Kanö mit einer Last von 2^ Kantär 
32 Bü Ter kosten soll, die Transportkosten des Meilenzentners 
zwischen Chat und Kanö nur für Kameelmiete 6,8 Pf. betragen. 
Von Dschälö nach Nimro (Wadai) kostet der Meilenzcntner für 
Kameelmiete gegen 6 Pf., von Chadämes nach Tauat 5 Pfennig. 
Aber von allen Extremen und Ausnahmen absehend, bleiben die 
oben angegebenen Zahlen als brauchbare, wenn auch der Ver- 
besserung fähige Mittelwerte zurück. 

Die Breite der Sähärä von Norden nach Süden ist sehr un- 
gleich; im Osten und Westen, wo im Sudan Handelsemporien nach 
Norden vorgeschoben sind (Abeschr [Nimro] in Wadai; Timbuktu), 



*) 1788 kostete der Meilenzentner in Tripolitanien wenig über 2 Pf. 
vergl. Lucas' Reise in Tripolitanien in: Proceedings of the Association for 
discovering the interior parts of Africa. London 1790. 4**. p. 104. 

**) In den Kauflisten eines Kaufmanns in Tripoli fand ich eine Kameel- 
last Sparto (Haifa) von 454 kg angegeben. 



314 ^- ^' Krause: 

ist die Breite ungleich geringer als in der Mitte, wo die Handels- 
städte Känö und Eüka weiter im Süden liegen. Für die ersteren 
Orte mag man, um ganz runde Zahlen anzugeben, die Entfernong 
bis zum nächsten Eüstenpunkte im Norden zu 2000, far die 
letzteren zu 2800 Kilometer annehmen, wobei jedoch far Kuka 
diese Zahl etwas zu gross sein mag. 

Nach den vorstehenden Angaben berechnen sich die Kosten 
für 100 kg Waren zwischen dem Sudan und den Kustenplätien 
im Norden wie folgt: 

a) für Tim buk tu und Wada'i 

Mk. 

Transport (Kameelmiete) .... 64,00 
andere Spesen 44,80 

zusammen 108,80 
oder rund 110 Mk.; 

b) für Kanö und Küka 

Mk. 
Transport (Kameelmiete) .... 89.60 
andere Spesen . . • 62,72 



zusammen 152,32 
oder rund 150 Mk.*) 

Der praktische Kaufmann wird leicht ermessen, wie viele 
Arten von Waren imstande sind, für 100 kg 110 — 150 Mk. Aus- 
lagen zu ertragen, wenn er noch den Einkaufspreis im Sudan oder 
in Europa, ferner die Fracht zwischen dem afrikanischen Küsten- 
platz und Europa, Zoll u. s. w. hinzufugt. 

Um die Wüste zu durchziehen, brauchen die Karawanen min- 
destens 3^^ — 4j^ Monate und mehr. Als am 11. September 1879 
ein Kourier des Gouverneurs von Känö in Tripoli eintraf, der 
nur 55 Tage unterwegs gewesen war, galt dies als eine ganz 
besondere Leistung. 

B. Für den Fall, dass Eameele gekauft werden. 

Es bleibt nun noch zu erörtern übrig, welches die Kosten 
des Transportes sind, wenn der Kaufmann eigene Kameele besitzt 

Ich will gleich vorausschicken, dass die Kosten in beiden 
Fällen ziemlich gleich sind. Wenn Kameele gemietet werden, so 
begleiten die Eigentümer derselben die Karawane und sorgen für 
ihre Tiere; wo eigene Kameele sind, müssen hierzu Diener ge- 
mietet oder Sklaven gehalten werden. Die Kameelpreise sind in 
den letzten Jahren an der Nordküste von Afrika sehr in die Hohe 



*) In Tripoli hörte ich von Kaufleuten die Kosten einer Kameelladang 
zu 320 Mk. angeben. 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 315 

gegangen, in Tripolitanien besonders seitdem man angefangen hat, 
Haifa oder Sparto, eine Grasart, auszufahren. In der Stadt Tripoli 
waren die Preise die folgenden: 

1846 24 Machbüb oder etwa 77 Mk. 
1869 50 „ „ „ 160 „ 

1879/80 90 „ „ „ 290 „ 

Nun gehen erfahrungsgemäss auf längeren Reisen immer Ka- 
meele zugrunde, und werden solche der Nordkuste gar bis zum 
Sudan gebracht, so sterben sie daselbst, wenn sie nicht unmittelbar 
zurückgeschickt werden. 

Bisweilen, wenn an der Nordkuste Regen ausgeblieben ist 
und die Kameele nicht auf die Weide getrieben werden können, 
müssen sie lange Zeit mit teurer Nahrung gefüttert werden. Alles 
in allem ist es bei langen Reisen kaum vorteilhafter, Kameele zu 
kaufen anstatt zu mieten, und nur da wird man zum Kaufe 
schreiten, wo keine zu mieten sind. 

Ein besonderer Vorteil, Kameele zu besitzen, besteht darin, 
dass man sie stets zu seiner Verfügung hat und daher in betreff 
der Absendung der Karawanen weniger von den kameelvermie- 
tenden Stämmen abhängig ist, die bald zu säen, bald zu ernten, 
bald sonst etwas zu thun haben, was sie hindert, ihre Kameele 
zu vermieten. Handelt es sich nun gar um Transporte auf kleinen 
oder mittleren Strecken, wie etwa von Tripoli nach Chat, Tripoli 
nach Chadames, dann stellt sich allergings der Besitz eigener Kameele 
gegenüber gemieteten als vorteilhaft heraus. 

Herkunft der Waren aus dem Süden. 

Verfolgen wir die Waren, welche aus dem Süden nach Chat 
zu Markte gebracht werden, bis zu ihren Erzeugungsorten, so 
finden wir, dass nur die Straussenfeden aus den nördlichen Ge- 
genden des Sudans und den Grenzbezirken zwischen diesem und 
der Sähära herstammen, während das Elfenbein und die Sklaven 
zum grössten Teile aus Gebieten bezogen werden, die südwärts von 
den grossen Handelscentren liegen und zum Teil sogar sehr weit 
von diesen. So geht eine Handelsstrasse von Känö nach dem Lande 
Adamaua, südlich vom Flusse Binue liegend, welche über die folgen- 
den Orte führt: Säria, Keffi Abd es Senga, Ldfia Baribari und Wükäri, 
nachdem sie vorher den Binue überschritten hat. Diese Strasse wird 
regelmässig von einigen mir bekannten Chatinern eingeschlagen. 

Länge von Handelsstrassen im Sudan. Englische 

Handelsstationen am Niger. 

Haben wir vorher die Entfernungen zwischen den Küsten- 
plätzen im Norden und den Handelsemporien im Sudan und die 



316 G- ^ Krause: 

Hohe der Transportkosten untersacht, so müssen wir jet£t die 
Entfernungen zwischen eben diesen Handelsemporien und den mit 
Duiupfern besuchten europäischen Handelsstationen am Flosse 
Niger und die Hohe der hiesigen Transportkosten betrachten, und 
wir werden da überraschende Zahlen finden, die zum Nachdenken 
herausfordern. 

Seit fünfzehn Jahren etwa haben die Engländer am Zosammen- 
flusse des Niger und Binue eine Kolonie unter dem Namen: «Ptf- 
manente Niger-Mission^ gegründet. Dies ist bekannt in Europa, 
aber die Europäer scheinen diese Thatsache nicht recht zu wür- 
digen, welche bei allen mohammedanischen Kaofleuten, die Tom 
Norden her mit dem mittleren Sudan Handel treiben, trübe 
Ahnungen aufkeimen lässt. 

Der Sitz des Gouverneurs dieser permanenten Mission heisst 
Lokodscha und liegt am rechten Ufer des Nigers, einige Kilometer 
vom Zusammenfluss. Gleichzeitig sind Handelsfaktoreien einer 
englischen Gesellschaft in Lokodscha und anderwärts am Niger 
errichtet worden. Eine derselben befindet sich in £gga, etwa 
140 km nördlich von Lokodscha. 

Die Luftentfernung zwischen Känö and Egga beträgt 410 km; 
die Strasse, die von Käno über Säria und Keffi Abd es Senga in 
Winkeln nach Egga führt, ist etwa 580 km lang; die Entfernung 
zwischen den beiden zuletzt genannten Orten beträgt 150 km. 

Von Küka bis zum Punkte Taepe, wo der Binue sich mit 
dem Faro vereinigt, beträgt die Luftentfernung 380 km. 1879 ist 
ein englischer Dampfer noch über diesen Punkt Taepe flussauf- 
wärts gefahren. Von Küka über Känö nach Egga beträgt die 
Entfernung 1200, von Küka über Jäkoba nach Egga 1000 km. 

Timbuktu liegt wenige Stunden vom Niger entfernt, und 
dieser Fluss könnte mit gerinsjen Kosten bis weit oberhalb Tim- 
buktu's, wenigstens zur Zeit, wo er angeschwollen ist, schiff- 
bar gemacht werden, doch könnten auch jetzt bereits geeignete 
Dampfer bis Käbara, dem Hafen von Timbuktu, gelangen, wenn 
auch nicht während des ganzen Jahres. Bis Egga, 670 km 
von der Mündung aufwärts, ist die durchschnittliche Tiefe in 
der Regenzeit 7 — 9 m und nur an einer Stelle, ungefähr 370 km 
von der Mündung, beträgt sie 3 m und über der Barre an der 
Mündung 3\ m. 

Transportmittel im Sudan. 

Im mittleren Sudan bilden Ochsen und Esel, wohl auch das 
Pferd und selbst der Mensch das Transportmittel, während das 
Kameel immer mehr verschwindet, je weiter man nach dem Süden 
vordringt. Bei dein gänzlichen Mangel an Strassen legt dasselbe 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 317 

• 

im Darchschnitt täglich nur 15 km zurück. Die Strecke von 580 km 
zwischen Kanö und Egga konnte daher in rund 40 Tagemärschen 
Euräckgelegt werden. Sollte das Bedürfnis erst eine Strasse ge- 
schaflfen haben, so würde die Reise in wenig mehr als 20 Tagen 
gemacht werden können. Von Keffi Abd es Senga kann man nach 
Egga schon jetzt in 10 Tagen gelangen und nach dem nächsten 
Punkte am Bi'nue in noch kürzerer Zeit. Ja, Herr Gerhard Rohlfs 
hat sogar ein Itinerar erkundet, nach welchem die Reise von Kano 
nach Egga auch jetzt schon in 32 Tagen ausgeführt wird. Hier- 
nach wären von Kanö nach Säria 7, von Säria nach Keffi Abd 
es Senga 15 und von letzterer Stadt nach Egga 10 Tage. 
Nun halte man folgende Zahlen vor Augen: 

Kilometer Reisedauer 

Tripoli-ChSt-Kanö 2800 3»^— 4 J^ Monat, 

Kanö-Keffi Abd es Senga-Egga . . 580 40 (32) Tage. 

Ein Gegengewicht erhalten diese Zahlen in den folgenden: 

Kilometer ungefähr 

Egga-Nigermündung 670 

Nigermündung-Hamburg 8700 

9370 

Tripoli-Hamburg 4900. 

Preise in Tripoli und in Egga. 

Mir ist von eingeborenen Kaufleuten versichert worden, 
dass die Engländer in Egga das Elfenbein teurer bezahlen, als 
die Kaufleute in Tripoli. Nun denke man sich einen Händler 
in Keffi Abd es Senga, der Elfenbein besitzt und weiss, in Egga, 
10 Tagereisen von ihm entfernt, könnte er seine Ware teurer 
verkaufen, als in Tripoli, wo er vielleicht nach vier, fünf oder 
sechs Monaten ankommen wird. Das ist ein unnatürlicher und 
daher unhaltbarer Zustand. Vielleicht wird man zweifelnd fragen, 
warum gehen diese Händler denn nicht nach Egga? Auch ich habe 
so gefragt und zur Antwort erhalten, dass die Chefs in der Nähe 
der englischen Handelsstationen, um selber allen Gewinn aus dem 
von ihnen monopolisierten Handel zu ziehen, keine fremden Kauf- 
leute in ihr Gebiet einlassen. So wenigstens sagen die Einge- 
borenen, die ich hierüber befragt habe. Wir wissen jedoch mit 
Bestimmtheit von einem europäischen Touristen mit scharfem kauf- 
männischen Instinkte, der im Jahre 1867 ebensowohl Keffi Abd 
68 Senga wie Egga besucht hat, dass damals Handel zwischen 
beiden Städten bestand. Dieser Tourist gehört zwar wegen seiner 



322 ^' ^* Krause: 

der Araber, dass daselbst der Boden von Gold sei, veraltet ist, thaen 
Unrecht, ihre Augen zu offnen, um eine Strasse dahin dort zu 
suchen, wo die Natur keine geschaffen hat, und ihre Augen zu 
verschliessen , um dort nichts zu sehen, wo die Natur durch das 
herrliche Strompaar Niger-Binue der Handelswelt eine schone und 
leichte Strasse in den Schoss geworfen hat. Alle Gebiete vom 
mittleren Niger bis zum Tsäde werden nach wenigen Generationen 
alle ihre reichen Erzeugnisse auf diesem Wasserwege der Welt 
zuführen, und im Maasse wie dieser Handel wird aufleben, wird 
der Handel Chät's ersterben. Wer dort am Niger sich festsetzt, 
bis jetzt haben einzig die Engländer davon gekostet, der wird der 
Herr des Handels des mittleren Südän's sein, dem werden seine 
Reichtumer zuströmen. 

IV. 

Die BeySlkeriiDg. 

Stämme. 

In diese Abteilung werde ich einige Ratschläge und Winke 
für jene Reisenden einflechten, die sich nach Chat oder nach einem 
anderen Gebiete der nördlichen Mäschachen begeben wollen. Sie 
sind die Frucht von Erkundigungen, die ich eingezogen, um das 
Gelingen meiner eigenen geplanten Reise nach Ahaggär, die freilich 
nicht ausgeführt werden konnte, zu sichern. Ich habe sie für das 
eigene Nest zusammengetragen, in das sich nun ein anderer legen 
mag. Ich werde zufrieden sein und mich glücklich schätzen, wenn 
ein Reisender, dem die Sterne günstiger sind als mir, aus ihnen 
einigen Vorteil ziehen kann, um neues Licht zu verbreiten, um 
die Lücken und Fehler meiner Arbeit die einen auszufüllen, die 
anderen zu verbessern. 

Es ist schon in der geschichtlichen Skizze gesagt worden, 
dass die Bewohner Chäfs aus den vier folgenden mächachischen 
Stämmen bestehen: Ijäschenan, Kel Chäbsa, Kel Täläk und Ima- 
kämasan. Ob die beiden erst genannten Stämme ihre Namen 
schon hatten, als sie noch Tin Alkum bewohnten, muss dahin 
gestellt bleiben ; jedenfalls ist sicher, dass die königlichen Ijäschenan 
mit demjenigen Hause der jetzt nur halbfreien Kel Tin Alkum, 
welches Äg Chämeten heisst, eines Ursprunges sind. Auf der 
anderen Seite ist die Abteilung der halbfreien Ilemtln (Ilemten), 
welche die Stadt Albärkat bewohnen und daher Kel Albärkat ge- 
nannt wird, eines Ursprunges mit derjenigen nicht regierungs- 
fähigen (königlichen) Abteilung der Ijäschenan, welche Ijäschenan 
Wui Sädafen genannt wird. 

Die Ijäschenan zerfallen in vier Häuser, die eben erwähnten 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 319 

Ich nehme folgendes als Grandlage an: 

1. Preis eines Lasttieres 12 Mk. 

2. Abnutzung derselben in 600 Tagen. 

3. Tragfähigkeit desselben zu 100 kg. 

4. Ein Tagemarsch zu 15 km. 

5. Für drei Tiere ein Mann als Bedienung. 

6. Tägliche Nahrung eines Mannes 16 Pf. 

7. Täglicher Lohn eines Mannes 24 ^ 

8. Tägliches Futter eines Lasttieres .... 4 ^ 

9. Tägliche den Transport betreffende Spesen 4 „ 
10. Tägliche Geschenke, im Durchschnitt . ,12 ^ 

Danach wurde sich der Meilenzentner wie folgt berechnen: 

Pfennig 

a) (1. und 2.) Abnutzung des Tieres für 1 km und 100 kg 0,134 

b) (6.) Nahrung der Diener „ „ „ „ 0,391 

c) (8.) Nahrung der Tiere „ „ „ „0,267 

d) (7.) Gehalt der Diener „ „ „ „ 0,533 

e) (9.) den Transport betr. Spesen „ „ „ „ 0,267 

f) (10.) Geschenke und Abgaben „ „ „ „ 0,800 

zusammen 2,392 
daher der Meilenzentner im mittleren Sudan rund 2,4 Pf. 

Berechnen wir nach den vorstehenden Angaben die Kosten 
des Transportes auf einigen Handelsstrassen, so erhalten wir fol- 
gende Ziffern: 

km 100 kg 
Mk. Pf. 

Känö-Egga 580 13,92 

Keffi Abd es Senga-Egga . . 150 3,60 

Küka-Känö-Egga 1200 28,00 

Küka-Jäkoba-Egga 1000 24,00 

Küka-Taepe 380 9,12 

Für alle Gegenden, die westlich und südlich sowohl von Kanö 
wie Küka liegen, stellen sich die Preise natürlich noch geringer 
heraus. Es wird hierbei die nochmalige Erinnerung nicht über- 
flüssig sein, dass alle diese Zahlen theoretische sind, auf die man 
sich nicht wie auf die Tarife unserer Verkehrsanstalten verlassen 
darf. Gleichwohl mögen sie der Wahrheit nahe kommen. 

Rückblick und Folgerungen. 

Blicken wir auf die vorstehenden Erörterungen zurück und 
fassen die Ergebnisse, welche aus ihnen hervorgehen in wenige 
Worte zusammen, so können wir sagen, dass der Handel Chät's 
noch eine Zeitlang blühen wird, dann aber zerfallen muss, um so 



320 Cr. A. Krause: 

mehr, da erstens Chat nur ein Zwischenhandelsplatz ist, und die 
Händler immer lieber ihre Waren unmittelbar vom Brseuganga- 
orte beziehen, und da zweitens die beiden Artikel Straussenfedem 
und Elfenbein sich in verhältnismässig kurzer Zeit in jenen Ge- 
bieten, aus denen Chat sie erhält, erschöpfen müssen. 

Wenn dieser Handel Chät's und der derSähärä überhaupt seinem 
Ende entgegengehen wird, dann werden grosse Wanderangen der 
Stall) me der Sahara eintreten müssen. Jeder, der nicht im Stande 
sein wird, im eigenen Lande die notigen Lebensmittel za erzeugen, 
wird gezwungen sein, nach den fruchtbaren Gegenden des Südän's 
auszuwandern oder sich dem Mittelmeergebiete zuzuwenden. 

Bis zu jener Zeit mögen die Kaufleute der Wüste ihr Lebeo 
der Mühe und Sorge, der Entbehrungen und Gefahren ruhig weiter 
fristen. Es wäre grausam, wollten europäische Nationen, denen 
die ganze Welt für ihre Unternehmungen offen steht, diesen Kaof- 
leuten ihre schwer zu erringenden Gcwinnste schmälern, dem natür- 
lichen Laufe der Ereignisse vorgreifen und sie dadurch zum Hunger 
oder zum Verlassen ihrer ihnen teuren Heimat zwingen. Wollten 
Europäer direkt an diesem Handel teilnehmen, d. h. sich persönlich 
in jenen Gegenden niederlassen, so könnte es nur mit Gefahr ihres 
Lebens geschehen, denn die ohnehin fanatischen Eingeborenen, in 
ihrer Existenz bedroht und dadurch zur Verzweiflung gebracht, 
würden kein Mittel, erlaubt und unerlaubt, unversucht lassen, um 
die fremden Nebenbuhler zu verdrängen. 

Ks soi mir gestaltet, goldene Worte eines vollwichtigen fran- 
ÄÖsischon Oolehrieu und Forschers an dieser Stelle einzuflechten, 
obwohl ich selbst denselben in allen Einzelheiten nicht zustimmen 
kann. Per Oberst Faidherbe, früher Gouverneur der Kolonie am 
Sonoi^a-, jetzt General in der Armee, sagt in der Revue Maritime 
et Colouiale, Jahrgang 16o3, dass die SähänT und die nördlichsten 
l.nuvisiriche des Sfutairs von Berber- und Araber- Stämmen nur in- 
toljjo dos ijcwiiinbiingendeu Sklavenhandels und infolge politischer 
l'mwäUuugeu in den Ailas-LänJern bevölkert worden seien, dass 
n.it do5u allti^äligen Erlöschen des Sklavenhandels durch die Wüste, 
tiiii der lUrsteliuni; sroordneter Zustände in den Atlas- Ländern 
uiui ihren Küsten die Sahara sich mehr und mehr entvölkern werde 
und dass au eine Belebung des kostspieligen und schwie- 
Mi^eu Handelsverkehrs durch dieselbe nicht gedacht 
wevdeu sollte. Ks scheint, dass seine eigenen Landsleute diese 
Wvuto vcriicssoii haben; sicher weniijstens ist, dass sie denselben 
i;i'. Uedväuije weitgehender Kombinationen nicht jene ruhige und 
»eise iM^ichtuus; i:eschenkt haben, welche die schlichten tiefdurch- 
d.iohtcu \Vv>ite p;.rteiioser Forscher gegenüber den tönenden hohlen 
rhiMSvu bitzisjp^irteiisoher Schreier verdienen. 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 321 



Scbl usstabelle. Natürlicher Gang des Handels des 

mittleren Südän's. 

Lassen wir noch eine kleine Tabelle folgen, welche die Zu- 
kauft des Handels von Chat mit einem Blick veranschaulicht: 

1. Entfernungen: Kanö-Tripoli 2800km, Kanö-Egga 580km. 

Zu Gunsten Egga's 2220km Landweges. 
Tripoli- Hamburg 4900km, Egga-Hamburg 9370km. Zu 
Gunsten Tripoli's 4470 km Wasserweges. 

2. Marschlänge: Kanö-Tripoli 120 Tage, Kano-Egga 40 (32) Tage. 

Zu Gunsten Egga's 80 (88) Tage. 

3. Transportkosten für 100kg: KanÖ-Tripoli 150 Mk. , Kanö- 

Egga 14 Mk. Zu Gunsten Egga's 136 Mk. 

4. Preis eines Lasttieres in Tripoli 290 Mk., im Sudan 12 Mk. 

Zu Gunsten Egga's 278 Mk. 

Es ist nicht nötig, diesen wenigen Zahlen etwas hinzuzufügen. 
Wenn sie nicht gänzlich über den Haufen geworfen werden 
können, und in ihrer Gesamtheit können sie das nicht werden, so 
werden sie eines Tages ihre imponierende Macht offenbaren. 

Der Handel des mittleren Südän's wird mit der Zeit seine 
natürliche Strasse verfolgen, mag man nocb so viele Eisenbahnen 
durch die Sahara bauen wollen. Die Utopie*) unwissender 
Schwärmer und gedankenloser Köpfe, die transsaharische Eisen- 
bahn, als eine Thatsache vorausgesetzt, würde nicht vermögen, die 
Natur zu korrigieren; die Eisenbahn würde sterben, noch ehe sie 
gelebt, da sie nicht mit dem Handel auf der natürlichen Strasse 
in Konkurrenz treten könnte. 

"Wann der Handel des mittleren Südän's seine ihm angewiesene 
Bahn einschlagen wird, lässt sich zwar nicht genau sagen, indess 
die Zeit ist nicht fern, und wenn die europäischen Kaufleute am 
Niger sich erst in den Handel der Guro-Nuss mischen wollten, 
so könnten sie fast plötzlich den Handel des Südän's an sich 
ziehen, denn wer den Guro-Nuss-Markt beherrscht, wird den Handel 
des mittleren Südän's beherrschen**). 

Alle diejenigen, welche ihre Blicke nach dem mittleren Sudan 
werfen, dessen Reichtum bekannt ist, wenn auch der Ausspruch 



*) Dieser harte Ausdruck bezieht sich aber keineswegs auf den techni- 
schen Teil; denn nach dem gegenwärtigen Stande unserer Technik würde 
sich allerdings eine Eisenbahn in der Sähärä herstellen lassen. 

**) Alle Versuche, den Guro-Nuss-Baum im nördlichen Südäji einzubür- 
gern, sind gescheitert. Die jungen Stämmchen gehen bald wieder ein. In 
Adamaua dagegen kommt eine Art Guro-Nuss vor, die jedoch von der aus 
Sälga (G6ndscha) nach Aussage von Eingeborenen derart verschieden ist, 
dass, wo die letztere nZ'^di Dinge hat, sie fünf besitzt.^ 

Zeitoehr. d. Gesellseh. f. Erdk. Bd. XYH. 21 



326 ^* ^' Krause: 

einen „Fremden", weil sein Vater ein Araber aus Tauät war, 
während er doch, da seine Mutter eine Königstochter aus dem 
Stamme der Ijäschenan, einen Vollblut- Ajäschen darstellte. 

Charakter der Mäschachen. 

Wie das Land Chät's, so bringt das Land der Mäschachen 
nicht das hervor, was für das Leben seiner Bewohner notig ist. 
Was in Europa als Sattsein betrachtet wird, ist ein Zustand, in 
welchem die Mäschachen, wenigstens die der Wüste, nur selten 
sich befinden sollen, und nur dann, wenn es auf Kosten anderer sein 
kann, oder bei besonderen festlichen Anlässen. Die Mäschachen 
klagen in ihren Liedern mit einem Gemisch von rachgierigem 
Neide und sehnsuchtsvoller Gier über «den vollen Bauch" ihrer 
Nachbarn. Bei einem so harten Leben konnte es nicht ausbleiben, 
dass ihr Charakter sich eigenartig ausbildete. Hierzu kam noch 
die vielfach öde, sandige oder schaurige, wildzerklüftete Natur des 
Landes, ferner die Unsicherheit des Lebens, die jedermann zwingt, 
jeden Augenblick für den Kampf auf Leben und Tod bereit zu 
sein: alle diese Umstände und Verhältnisse erlauben den Mäscha- 
chen nicht, sich einem sorglosen, heiteren Genüsse des Lebens 
hinzugeben. Die Natur selbst zwang den Mäschachen einen Cha- 
rakter auf, mit dem der wohl zu rechnen hat, welcher mit ihnen 
verkehren muss. Wir finden sie ernst, misstrauisch, verschlossen, 
wortkarg, trotzig, beharrlich und hartnäckig. Je weniger sie aber 
sprechen, desto mehr gilt ihr Wort, desto mehr wägen sie die 
Tragweite derselben ab. Streng gegen sich selbst in der Wahl 
ihrer Worte, verlangen sie von anderen ein gleiches. Dieser 
Punkt kann nicht genug betont werden, sofern er eine Richtschnur 
für Reisende sein soll, die zu den Mäschachen gehen wollen. Den 
Araber in Afrika kann der Reisende, wenn er es mit seiner Würde 
vereinbar hält, in den meisten Fällen ohne Gefahr mit den ge- 
meinsten Schimpfworten belegen, dieser wird remonstrieren, wird 
dagegen schreien, aber das Wort berührt ihn im Innersten nicht, 
er ist nicht wahrhaft und innerlich beleidigt. Anders bei den 
Mäschachen; ein Wort, das fast harmlos erscheint*), kann ihre 



*) Eine Fabel, die sich in „Essai de Grammaire de la Langue Tamachek* 
par A. Hanoteau. Paris 1860" findet, möge zur Illustrierung des Gesagten hier 
Platz finden. Einst wurde eine Frau von Feinden mit Gewalt aus ihrer 
Heimat weggeschleppt. Unterwegs gelang es ihr, zu entwischen und sie 
hegegnete einem Löwen, der sie auf seinen Kücken nahm und nach ihrem 
Dorfe zurücktrug. Ihre Angehörigen freuten sich sehr üher ihre Zurückkauft 
und fragten sie, wer sie zurückgebracht hahe. Ein Löwe hat es gethan, 
erwiderte sie, er hat edel gegen mich gehandelt, jedoch roch er aus dem 
Halse. Der Löwe, welcher in der Nähe verborgen lag, hörte, was sie sagte 
und ging weg. Eines Tages, als die Frau ausgegangen war, um Holz zu 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sahara. 323 

nicht regierungsfähigen 9 oben in der ersten Abteilung, Abschnitt 

„Gründung der Stadt Chat", nicht erwähnten Ijäschenan Wui 

' Sadafen und in die drei regierungsfähigen Ai't el Muchtär, Ait 

* Hamüden und Ait Häna, welche gemeinsam den allgemeinen 

- Namen Kel Tenaiat d. i. Regierungs- Leute führen. In früheren 

- Zeiten verheirateten sie ihre Frauen, ausser an Männer ihres 
Stammes, nur an Schorfa, d. i. Nachkommen des Propheten Mo- 
hammed; an Ansär, d. i. Nachkommen der Begleiter des Propheten 
Mohammed, irre ich nicht auf seiner Flucht von Mekka nach 
Medina; später auch an Chadamesiner und Jurächen. Heute aber 
hat sich dies geändert. Als ich Hädsch Otmän fragte, warum jetzt 
Chadamesiner und andere ihre Töchter heiraten dürften, erwiderte er 
schmunzelnd und lakonisch „dükia dewa" d. i. „viel Vermögen." 
!Br schien sich aber selbst bald seiner Worte zu schämen, zumal 
ich über dieselben in Gedanken verfiel. Es überraschte mich, 
in diesem winzigen Mikrokosmos einen Abklatsch europäischer 
Gesellschaftszustände der Gegenwart zu finden. So gleichen sich 
bei näherer Betrachtung die Menschen überall I 

Ob auch die Männer der Ijäschenan ihre Frauen nur aus 
ihrem Stamme oder den erwähnten Eiassen nehn^en durften, bin 
ich nicht imstande zu sagen. 

Zur Zeit bestehen die Ijäschenan aus etwa 15 Männern, d. h. 
solchen, die über 40 Jahre alt sind. Sie sind fast alle arm, da- 
bei aber stolz, wie der Spanier der Phrase. Als eines Nachts in 
einem Kaufhause in Tripoli zwischen Hädsch Otmän und seinen 
Landsleuten ein heftiger Streit wegen des ersteren Freundschaft 
mit mir ausbrach, sagte ein Kaufmann vom Stamme der Imakämasan, 
reich und anmassend, geringschätzig zu ihm: „Was bist da denn?^^ 
worauf Hasch Otmän mit Stolz, Würde und Ruhe erwiderte: ,»Ich 
bin ein Ajäschen" d. i. einer von den Ijäschenan. 

Ausser den Angehörigen dieser vier Stämme giebt es noch 
Fremde, sowie die Nachkommen von Negersklaven in der Stadt. 

Einwohnerzahl. 

Die Stadt Chat, mit Ausschluss der Örter Tünin und Tädar- 
amt, zählt 560 Häuser, was ihre Seelenzahl, sechs Bewohner auf 
ein Haus gerechnet, auf 3360 bringen würde. Die zur Zeit der 
Messen anwesenden zahlreichen Fremden sind natürlich nicht mit 
gerechnet. Ihre Zahl mag bisweilen tausend nahe sein. 

Stellung der Frauen. 

Am meisten auffallend bei den Mäschachen ist die Stellung 
der Frau. Man würde im ganzen Gebiete des Islams, zu dessen 
Anhängern die Mäschachen gehören, vergebens nach einem Volke 

21* 



326 ^* A. Krause: 

einen „Fremden", weil sein Vater ein Araber aus Tauät war, 
während er doch, da seine Matter eine Königstochter aus dem 
Stamme der Ijäscbenan, einen VoUblut-Ajäschen darstellte. 

Charakter der Mäschachen. 

Wie das Land Cbät's, so bringt das Land der Mäschachen 
nicht das hervor, was für das Leben seiner Bewohner nötig ist. 
Was in Europa als Sattsein betrachtet wird, ist ein Zustand, in 
welchem die Mäschachen, wenigstens die der Wüste, nur selten 
sich befinden sollen, und nur dann, wenn es auf Kosten anderer sein 
kann, oder bei besonderen festlichen Anlässen. Die Mäschachen 
klagen in ihren Liedern mit einem Gemisch von rachgierigem 
Neide und sehnsuchtsvoller Gier über „den vollen Bauch" ihrer 
Nachbarn. Bei einem so harten Leben konnte es nicht ausbleiben, 
dass ihr Charakter sich eigenartig ausbildete. Hierzu kam noch 
die vielfach öde, sandige oder schaurige, wildzerklüftete Natur des 
Landes, ferner die Unsicherheit des Lebens, die jedermann zwingt, 
jeden Augenblick für den Kampf auf Leben und Tod bereit zu 
sein: alle diese Umstände und Verhältnisse erlauben den Mäscha- 
chen nicht, sich einem sorglosen, heiteren Genüsse des Lebens 
hinzugeben. Die Natur selbst zwang den Mäschachen einen Cha- 
rakter auf, mit dem der wohl zu rechnen hat, welcher mit ihnen 
verkehren muss. Wir finden sie ernst, misstrauisch, verschlossen, 
wortkarg, trotzig, beharrlich und hartnäckig. Je weniger sie aber 
sprechen, desto mehr gilt ihr Wort, desto mehr wägen sie die 
Tragweite derselben ab. Streng gegen sich selbst in der Wahl 
ihrer Worte, verlangen sie von anderen ein gleiches. Dieser 
Punkt kann nicht genug betont werden, sofern er eine Richtschnur 
für Reisende sein soll, die zu den Mäschachen gehen wollen. Den 
Araber in Afrika kann der Reisende, wenn er es mit seiner Würde 
vereinbar hält, in den meisten Fällen ohne Gefahr mit den ge- 
meinsten Schimpfworten belegen, dieser wird remonstrieren, wird 
dagegen schreien, aber das Wort berührt ihn im Innersten nicht, 
er ist nicht wahrhaft und innerlich beleidigt. Anders bei den 
Mäschachen; ein Wort, das fast harmlos erscheint*), kann ihre 



*) Eine Fabel, die sich in „Essai de Grammaire de la Langue Tamachek* 
par A. Hanoteau. Paris 1860" findet, möge zur Illustrierung des Gesagten hier 
Platz finden. Einst wurde eine Frau von Feinden mit Gewalt aus ihrer 
Heimat weggeschleppt. Unterwegs gelang es ihr, zu entwischen und sie 
hegegnete einem Löwen, der sie auf seinen Kücken nahm und nach ihrem 
Dorfe zurücktrug. Ihre Angehörigen freuten sich sehr üher ihre Zurückkunft 
und fragten sie, wer sie zurückgebracht habe. Ein Löwe hat es gethan, 
erwiderte sie, er hat edel gegen mich gehandelt, jedoch roch er aus dem 
Halse. Der Löwe, welcher in der Nähe verborgen lag, hörte, was sie sagte 
und ging weg. Eines Tages, als die Frau ausgegangen war, um Holz zu 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Säharä. 325 

verstorbenen Fürsten. Welches auch die ersten Ursachen gewesen 
sein mögen, dies sonderbar erscheinende Verfahren einzuschlagen, 
sicher ist, dass im Neffen immer fürstliches Blut fliesst, während 
im Sohne, sollte die Gemahlin untreu gewesen sein, das Gegen- 
teil der Fall sein kann. Das letztere ist theoretisch wenigstens 
dort möglich, wo die Fürstin aus nicht fürstlicher Familie stammen 
kann, bei den Mäschachen aber^ bei denen die Fürstin stets von 
fürstlichem Blute ist und bei denen das Weib ihren Rang auf 
die Kinder überträgt, würde selbst bei einer Untreue derselben 
der Sohn immer noch fürstliches Blut führen, und es ist daher 
wenigstens für die Mäschachen jene Erklärung unzulässig, nach 
welcher die Furcht vor der Untreue des Weibes das Neffenerbrecht 
hervorgerufen habe. Wie würden die mäschachischen Frauen einen 
80 schimpflichen Vorwurf geduldet haben, da sie doch die Männer 
80 vielfach beherrschen? 

Man würde übrigens Unrecht thun, wollte man in Anwendung 
des Neffenerbrechtes in den Herrscherlisten bei den Mäschachen 
beständig den Neffen auf den Oheim in der Regierung folgen 
sehen. Dieselben lieben viel zu sehr die Freiheit oder vielmehr 
die Scbrankenlosigkeit und hassen viel zu sehr jede Art von Zwang, 
als dass sie einem Gesetz oder Herkommen blindlings folgen 
könnten. Wird ein Mäschache auf ein bestehendes Recht ver- 
wiesen, zumal ein rein religiöses, so pflegt er, auf seine Waffen 
zeigend, lakonisch zu erwidern: das ist mein Recht, Aus diesem 
Grunde hörte ich die Mäschachen von Arabern und auch von ihren 
stadtbewohnenden Brüdern sogar „Ungläubige" nennen. 

Das andere Erbrecht, das man das Muttervererbrecht nennen 
kann — wenn es nicht schon einen Namen hat — und das 
gleichfalls auch anderwärts vorkommt, besteht darin, dass der Stand 
der Mutter, adelig, frei oder Sklavin, und ihre Stammesangehörig- 
keit auf die Kinder vererbt werden, was auch immer der Vater 
sein mag. Ein Kind z. B. von einem Sklaven und einer adligen 
Frau ist ein adliges; von einem adligen Manne und einer Sklavin 
ein Sklave; von einer Frau aus dem Stamme der Ijäschenan und 
einem Araber ein Ajäschen. Diese Art der Vererbung ist uns 
8o wenig geläufig, dass es selbst dem besten Kenner der Mäschachen, 
obwol ihm dieses Recht vollkommen bekannt war, wiederholt be- 
gegnete, falsche Schlüsse zu ziehen. So nannte er den letzten 
König von Ahaggär, Hädsch Achmed, dessen Mutter vom Ahaggär- 
Stamme der Kel Chäla war, während sein Vater dem Asger- 
Stamme der Hochas angehörte, einen „Fremden", da er doch nach 
der Rechtsanschauung der Miischachen ein vollblütiger Ahaggär 
war. In gleicher Weise nennt derselbe hochverdiente Reisende 
den König von Chat, Hädsch Achmed ben el Hsdsch es Sadik, 



328 ^* ^' Krause: 

die halb gegeben und halb genommen werden, allein ist es aber 
noch nicht gethan, seine Verwandten und andere angesehene Leute 
erwarten auch etwas und die Frauen wollen etwas Gewürze haben, 
und zuletzt hat auch der unterste im Stamme noch das Recht zu 
betteln, sei es um eine Handvoll Mehles oder Datteln, eine Mahl- 
zeit oder einen Gesichtsschawl. Jeder Mäschache bettelt, der der 
Wüste zumal. Tagelang folgen diese den Reisenden aus keinem 
anderen Grunde, als um täglich ein- oder zweimal etwas zu essen 
zu erhalten. Wenn ein Wüsten-Mäschache nach Chat kommt und 
hungrig ist, und das ist er immer, so pocht er an die erste beste 
Hausthür und schlägt sie wohl gar eio, wenn nicht schnell geöffnet 
wird und verlangt zu essen. Man giebt es ihm ohne Widerrede. 
Von Einheimischen giebt es in Chat nur zwei Bettler, die 
ihr Brod von Thür zu Thür gehend suchen. In Chadämes giebt 
es gar keinen. 

Notwendigkeit für Fremde, im Gebiete der Mäschachen 
den Schutz eines Häuptlings zu haben. 

Alle Reisenden, welche das Land der Mäschachen passieren — 
alle grossen Handelsstrassen berühren nur die Grenzen ihres 
Landes — ^ und etwas besitzen, also etwas zu verlieren haben, 
müssen sich des Schutzes eines angesehenen Mannes unter den 
Mäschachen erfreuen, wenn sie mit einiger Sicherheit reisen 
wollen, da im anderen Falle der schutzlose Reisende die will- 
kommene Beute des ersten beliebigen Mäschachen sein würde, 
indem kein Rächer für ihn da wäre. Dieser Schutzgeber wird 
im maschachi sehen „ amidi ", d. i. Freund, genannt. Sein Schutz ist 
keineswegs so zu verstehen, dass er beständig den Reisenden be- 
gleiten müsste; dies geschieht nur ausnahmsweise bei Europäern. 
Er ist vielmehr meist rein moralischer Natur. Ist der „amidi* 
geachtet, mächtig und gefürchtet, so wird niemand wagen, seinem 
Schützlinge etwas zu leide zu thun, denn wäre er auch weit ent- 
fernt, er wird sofort zurückkommen, um den ihm angethanen 
Schimpf zu rächen. Die Schutzbefohlenen schädigen, heisst den 
Scbutzgeber schädigen, und nur wer das letztere thun will, wird 
auch das erstere thun. Wir haben in der Geschichte Chät's ge- 
sehen, dass die Wegnahme der Güter von Kaufleuten, welche 
Freunde der Imanan waren, die Ursache zu einem Kriege 
zwischen diesen und den Jurächen, zu welch letzterem Stamme 
der Räuber der Güter gehörte, wurde. 

Preis des Schutzes für Europäer. 

Den Schutz eines mächtigen Häuptlings zu haben, ist natürlich 
für einen europäischen Reisenden eine teure Sache, obwohl die 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 327 

iBnerste Natur beleidigen, und sie sind nicht geneigt, diese Be- 
leidigung zu vergeben oder zu vergessen. Der Reisende kann 
daher nicht genug seine Zunge im Zaume halten. Jene zwei 
Eigenschaften, die neben vielen anderen, dem Afrikareisenden 
besonders notwendig sind, Geduld und Menschenkenntnis, sind ihm 
unter den Mäschachen unentbehrlich. Durch Geschicklichkeit in 
Wort und That, auf Menschenkenntnis basirt; durch Ausdauer, in 
langem Umgang mit den Eingeborenen erworben oder angeboren, 
wird der Reisende die Eingeborenen sich zu Freunden machen 
und sein Ziel erreichen können, im Gegentheil kann er nicht auf 
Erfolge rechnen. Der Geduldige, sagt ein Sprüchwort der Haussaner, 
kann die Welt verbessern, der Ungeduldige sie zerstören. Und ein 
anderes lautet: Auf dem Grunde der Geduld liegt das Paradies. 

Bettelhaftigkeit. 

Die Geduld ist ganz besonders einer anderen Charaktereigen- 
tSmlichkeit der Mäschachen gegenüber erforderlich, zu der sie die 
Unfruchtbarkeit ihres Landes, oder doch der Mangel an Anbau 
desselben gezwungen. Ich meine ihrer Bettelhaftigkeit gegenüber. 
Nicht imstande, im eigenen Lande alles zu finden oder zu er- 
zeugen, was sie brauchen, mussten die Mäschachen daran denken, 
sich das Fehlende von auswärts zu verschaffen. Daher haben sie 
von jeher die Reisenden und Karawanen, welche durch ihr Land 
ziehen, als Melkkühe betrachtet, alle haben dazu beitragen müssen, 
die Bedürfnisse der Mäschachen zu befriedigen. Die Chefs, welche 
die Fremden beschützen, erheben dafür gewisse rechtliche Abgaben, 
wie wir weiter unten sehen werden. Dies hindert sie aber keines- 
wegs, ausser dieser rechtlichen Taxe allerhand grosses und kleines 
zu erbetteln, hier einen Teppich schön zu finden, dort einen 
Extra- Bornus zu verlangen und dort die Leistung einer kleinen 
Gefälligkeit von der Zahlung einiger Silberthaler abhängig zu 
machen. Mit diesen von Seiten des Chefs erbettelten Geschenken, 



sammeln, traf sie einen Löwen an, welcher zu ihr sagte: nimm einen Stock 
und schlage mich. Sie entgegnete: ich werde dich nicht schlagen, denn ein 
Löwe hat mir Gutes erwiesen und ich weiss nicht, ob du es bist oder ein 
anderer. Ich bin es, sagte der Löwe zu ihr. Dann kann ich dich nicht 
schlagen, erwiderte sie. Der Löwe aber sagte: schlage mich oder ich fresse 
dich. Jetzt nahm die Frau ein Stück Holz, schlug und verwundete ihn, 
worauf er ihr befahl, sich zu entfernen. Zwei oder drei Monate später trafen 
der Löwe und die Frau wieder zusammen. Betrachte die Stelle, sagte der 
Löwe zur Frau, wo du mich verwundet hast, ist sie geheilt oder nicht? 
Sie ist geheilt, sagte die Frau. Ist Haar darüber gewachsen? fragte der 
Löwe. Sicher, erwiderte sie. Eine Wunde des Fleisches, fuhr der Löwe 
fort, heilt gewöhnlich, aber die Wunde eines bösen Wortes heilt gewöhnlich 
nicht. Ich ziehe einen Säbelschlag einer Weiberzunge vor. Dies sagend, 
erfasste er sie und j&ass sie. 



328 ^* ^' Krause: 

die halb gegeben und halb genommen werden, allein ist es aber 
noch nicht gethan, seine Verwandten und andere angesehene Leate 
erwarten auch etwas und die Frauen wollen etwas Gewürze haben, 
und zuletzt hat auch der unterste im Stamme noch das Recht za 
betteln, sei es um eine Handvoll Mehles oder Datteln, eine Mahl- 
zeit oder einen Gesichtsschawl. Jeder Mäschache bettelt, der der 
Wüste zumal. Tagelang folgen diese den Reisenden aus keinem 
anderen Grunde, als um täglich ein- oder zweimal etwas za essen 
zu erhalten. Wenn ein Wüsten-Mäschacbe nach Chat kommt aod 
hungrig ist, und das ist er immer, so pocht er an die erste beste 
Hausthür und schlägt sie wohl gar ein, wenn nicht schnell geöffnet 
wird und verlangt zu essen. Man giebt es ihm ohne Widerrede. 
Von Einheimischen giebt es in Chat nur zwei Bettler, die 
ihr Brod von Thür zu Thür gehend suchen. In Chadames giebt 
es gar keinen. 

Notwendigkeit für Fremde, im Gebiete der Mäschachen 
den Schutz eines Häuptlings zu haben. 

Alle Reisenden, welche das Land der Mäschachen passieren — 
alle grossen Handelsstrassen berühren nur die Grenzen ihres 
Landes — und etwas besitzen, also etwas zu verlieren haben, 
müssen sich des Schutzes eines angesehenen Mannes anter den 
Mäschachen erfreuen, wenn sie mit einiger Sicherheit reisen 
wollen, da im anderen Falle der schutzlose Reisende die will- 
kommene Beute des ersten beliebigen Mäschachen sein würde, 
indem kein Rächer für ihn da wäre. Dieser Schutzgeber wird 
im niaschachischen „aniidi", d.i. Freund, genannt. Sein Schutz ist 
keineswegs so zu verstehen, dass er beständig den Reisenden be- 
gleiten müsste; dies geschieht nur ausnahmsweise bei Europäern. 
Er ist vielmehr meist rein moralischer Natur. Ist der „ amidi ** 
geachtet, mächtig und gefürchtet, so wird niemand wagen, seinem 
Schützlinge etwas zu leide zu thun, denn wäre er auch weit ent- 
fernt, er wird sofort zurückkommen, um den ihm angethanen 
Schimpf zu rächen. Die Schutzbefohlenen schädigen, heisst den 
Schutzgeber schädigen, und nur wer das letztere thun will, wird 
auch das erstere thun. Wir haben in der Geschichte Chät's ge- 
sehen, dass die Wegnahme der Güter von Kaufleuten, welche 
Freunde der Imanan waren, die Ursache zu einem Kriege 
zwischen diesen und den Jurachen, zu welch letzterem Stamme 
der Räuber der Güter gehörte, wurde. 

Preis des Schutzes für Europäer. 

Den Schutz eines mächtigen Häuptlings zu haben, ist natürlich 
für einen europäischen Reisenden eine teure Sache, obwohl die 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sdh&rä. 329 

Samme, mit jener verglichen, welche 1879 die Rohlfs'sche Expe- 
dition an die Suwaja (Süja)-Araber in der Kyrenaika bezahlt hat, 
eine Kleinigkeit ist. 100 — 200 Maria Theresia- Thaler baar 
(400 — 800 Mk.) — ein nicht ganz schlechter Bornas, ein Schwert 
and andere kleine Geschenke im Werte von 50 — 100 Thaler 
(200 — 400 Mark) — oder weniger genügen für einen einfach auf- 
tretenden Reisenden, um die offizielle Taxe zu bezahlen. 

Abgaben der eingeborenen Kaufleute. 

Die Steuern, welche die eingeborenen Kaufleute bezahlen 
müssen, scheinen keineswegs ganz einfach zu sein. Auffallender- 
weise giebt kein Reisender ins einzelne gehende Nachrichten hier- 
über. Nach meinen Erkundigungen soll es drei Arten geben. 

1. Charäma. Charäma ist ein arabisches Wort, lautet raa- 
schachisiert elcharämet und wird in den Ländern östlich von Tri- 
politanien „hak ed darb", der Preis der Strasse, Wegerecht, genannt. 
Es ist eine Art Transitzoll, der von jeder Kameellast erhoben 
wird, und zwar muss für jede Last eine Summe von 2 Riäl von 
Chat oder beinahe 5 Mk. bezahlt werden. Bisweilen versuchen 
KaufLeute, Kontrebande zu treiben, und geben die Zahl der Lasten 
geringer an, als sie in Wirklichkeit ist. Wo die Mäschachen ein 
solches Verfahren vermuten und wenn sie über die wahre Zahl 
der Lasten nicht ganz sicher sind, da gehen sie in den Städten, 
z. B. in Chat, bis in die Magazine der Kaufleute und suchen 
mit der Gewissenhaftigkeit von Steuerbeamten nach gepaschten 
Waren. Finden sich mehr als der Kaufmann zugestehen wollte, 
so verfällt er, glaube ich, auch noch in eine Strafe. Da die Mä- 
schachen nur selten die Karawanen persönlich begleiten, d. h. der 
„ amidi ", sondern Steuererheber nach Chat schicken, sobald sie die 
Ankunft daselbst von Kaufleuten, welche unter ihrem Schutze 
stehen, erfahren haben, so ist es ihnen natürlich nicht immer 
möglich, die Zahl der Kameellasten zu kontrolieren. 

2. Taharlr. Dies ist eine Kopfsteuer, die auf dem Eigen- 
tümer der Waren persönlich lastet und -die er jedesmal bezahlen 
muss, so oft er das Gebiet seines „ amidi " betritt. Schickt er nur 
die Ware, ohne dass er sie begleitet, so wird diese Steuer nicht 
bezahlt. Ihr Betrag ist sehr schwankend, doch habe ich das 
Maximum nicht erfragen können. Nach einer Quelle soll selbst 
der reichste Kaufmann nicht mehr als Maria Theresia-lOO Thaler 
(400 Mk.) bezahlen, während eine andere als Minimum 1 Riäl 
von Chat, etwa 2J^ Mk. , und als Maximum 200 Thaler, oder 
800 Mk. angab. 

Beide Steuern werden teils in baarem Gelde, teils und dies 



330 ^* A. Krause: 

vorzugsweise in Waren bezahlt, wobei der Marktpreis von Chat 
oder Chaddmes als Norm angenommen wird. 

3. El Ada. Dies ist keine eigentliche Stener, sondern 
gebort vielmehr in die Rubrik Bettelgeschenke. Sie begreift 
Mahlzeiten von Gästen, kleine Betteleien, Geschenke für die 
Frauen, besonders an Gewürzen für die Küche, wohlriechende 
Essenzen oder einen Spiegel und was dergleichen mehr ist. 

Auffallend ist, dass, wenn Karawanen das Gebiet der Mä- 
scbacben in der Zeit, welche in der Sprache von Chad^mei 
„Oktober" genannt wird, passieren, keine Steuern bezahlen sollen. 
„Oktober" ist der lateinische Monatsname. Ausserdem sollen 
besondere Bestimmungen für die aus Haüssä kommenden Kara- 
wanen bestehen, aber ich habe hierüber keine genauen Nachrichten 
einziehen können. 

Die wichtigsten Chefs der nordlichen Mäschachen. 

Die wichtigsten Chefs sind zur Zeit: 

a. In Asger. 

Ichenüchen ag Osman*), amanokäl, d. i. Konig der Stammes- 
genossenschaft von Asger, und amchar, d. i. Scheich, Chef des 
Stammes der Jurachen. Nach seinem Tode folgt Jahia ag Sidl 
Mohammed ag Hatita, ein Sohn von Ichenüchen's jüngerer Schwester 
Sahara. 

Ufanaiet ag Müsa, Oberhaupt des Stammes der Imanchasäten. 
Junis ag el Hädsch All sollte Oberhaupt sein, sein Recht wurde 
beim Friedensschluss in Tadrart 1879 anerkannt; da er aber in 
Ahaggär lebt und nicht nach Asger zurückkehren will, während 
ein altes Gesetz den Aufenthalt eines Oberhauptes im Gebiete 
seines Stammes vorschreibt, so ist als Stellvertreter Ufanaiet an- 
erkannt worden, doch so, dass er die Stelle aufgeben soll, sobald 
Junis nach Asger zurückkehrt. 

Ocha ag Achalacham, Oberhaupt des Stammes der Imanan. 
Vielleicht ist sein Name richtiger Ocha ag Goma. Berühmt in diesem 
Stamme ist eine Frau, namens Tabochört ult Goma; doch weiss ich 
nicht, ob ihrer Macht, ihrer Schönheit wegen, oder weshalb sonst. 

b. In Ahaggär. 

Ahit Achel oder HaVt Achel, amanokäl, d. i. Konig der 
Stamm esbundesgenossenschaft von A haggar, und amchär oder Ober- 
haupt des Stammes der Kel Chala. 

Sidi ben Karßschi, Oberhaupt des Stammes der Taitok. 



*) Otmdn, OsroAn ist dasselbe, die arabische Orthographie ist bei beiden 
gleich. Die Mäschachen sprechen Chosmän. 



Aufzeiclmangen über die Stadt Chat in der SähärS. 381 

Wahl des Beschützers. Europäische Reisende in Chat. 

Für einen europäischen Reisenden ist die Wahl eines „ amidi " 
eine wichtige Sache, von ihr kann der Erfolg seines Unternehmens 
abhängen. Vor allen Dingen soll ein Reisender das Gebiet der 
Mäschachen nicht betreten, ohne des Schutzes oder der Freund- 
schaft eines mächtigen Chefs oder einer anderen angesehenen 
Person sicher zu sein. 

Für die Franzosen ist die Wahl eines „ amidi " im Gebiete 
von Asger nicht schwer, denn Ichenüchen ist durch einen Vertrag 
mit Frankreich verpflichtet, alle Franzosen zu beschützen, und er 
ist als „Freund — amidi — der Franzosen" bekannt, doch hat 
er in neuester Zeit einige Male versucht, unter dem Vorgeben, 
er sei Vasall der Türkei, sich einem direkten Verkehre mit den 
Franzosen zu entziehen. 

Auch die Engländer haben in Asger in den Imanchäsäten 
ihre rechtlichen Beschützer und es ist keinem Engländer möglich, 
sich in Asger einen anderen „ amidi ^ als aus dem Stamme der 
Imanchäsäten zu wählen. Wie das gekommen werden wir gleich 
sehen. 

Die Eingeborenen haben, und kämen sie zum ersten Male 
ins Land der Mäschachen, ihre de jure und de facto Beschützer, 
da sie seit alter Zeit unter die einzelnen Mäschach-Stämme ver- 
teilt sind, wie in der Geschichte Chät's erwähnt worden ist, und 
es hängt nicht von der Laune des Kaufmanns ab, sich seinen 
Beschützer zu wählen. 

Um die Stellung der anderen Nationen zur Frage der Be- 
schützerwahl zu erkennen, wird es gut sein, ein Verzeichnis aller 
Reisenden zu geben, die Chat besucht haben. 

Wenn in diesem Augenblicke mein Gedächtnis mich nicht 
täuscht sind es die folgenden: 

Aufenthalt Reisenaraen *). Wahrer Namen. Nationalität, 

in Chat. ^ 

{1710 oder P. Carlo Maria Italiener 

1711 P. Serafino di Salesia**) Italiener 



*) Es ist im nördlichen Afrika bei den Erforschungsreisenden Sitte, 
sich einen arabischen Namen beizulegen, da die Eingeborenen die oft schwer 
auszusprechenden europäischen Namen nicht behalten können. Beim Ver- 
suche sie auszusprechen, würden sie verstümmelt werden und der Reisende 
würde sich mancherlei Unannehmlichkeiten aussetzen, wollte er seinen christ- 
lichen Namen beibehalten. Eben so haben die Reisenden sich in ihrer 
Kleidung den Sitten der Eingeborenen angelehnt. Ein solches Verfahren 
ist sehr zu hilligen und zu empfehlen. 

**) Oder P. Sevarino da Silesia, beide wahrscheinlich aus Genua, der 
erste sicher. Sie verliessen Tripoli am 20. Juli 1710. Es wird nicht aus- 



832 



G. A. Krause: 



Aufenthalt 
in Chat. 

1800 
1822 
1845 



Reisenamen. 

Jüssuf 
/Abd Alla 
ITabib 

Juküb 



Wahrer Namen. 

Friedrich Hornemann 
Hugh Clapperton 
Walter Oudney 
James Richardson 



1850 

1858 
1861 
1876/77 
1879*) 



NationaHtiL 

Deutscher 
Engländer 
Engländer 
Engländer 



Abd el Kerim 
Tabib 

Si Saad 
Abd el Bari 



Deutaeher 
Deotscher 
franz. Anb, 
Franzose 
Deutscher 



Heinrich Barth 
Adolf Overweg 
Ismail Bü Derba 
Henri Duveyrier 
Erwin von Barj 
Schillak Effendi Leopold Edler von Csillagh Deutsch- 

Osterreidi. 
Auf der Reise nach Chat hin begriffen wurden ermordet: 

a) von Morsuk kommend: 

(Fräulein Alexandrina Tinne, genannt Biut \ 
mta Re „Tochter eines Königs" 1 „ „- 

Oostmans f Ho^ander 

Jakobsen J 

b) von Chadames kommend: 

Da die Mäschachen bis heutigen Tages ausser den Moskof 
(Russen) von den christlichen Nationen nur die Franzosen und 



1869 



drücUIich erwähnt, dass sie Chat besucht haben, sondern nur, dass sie sich, 
»eil der Weg von Fesän nach Bornu versperrt war, von Fesän, d. i. Mörsuk, 
nach Agfados und von da nach Kätschina in Haüssä begeben haben. Vergl. 
Archiv der katholischen Mission in Tripoli, und Quarterly Review XVIII 
p. oTö — 376, Jahrgang- 1817 — 1818 und das Werk: Etat des Royaumes de 
Harbarie, Tripoly, Tunis et Alger: contenant l'histoire naturelle et politiqae 
ilo cos pais , la maniere dont les Turcs y traitent les esclaves , comme on 
los rachoto, et diverses aventures curieuses. Avec la tradition de T^glise, 
pour lo rachat ou le soulagement des captifs. La Haye 1704. p. 63. 

*) Dor Kuriosität wegen mag hier noch ein Europäer erwähnt, der vor 
oiuigou Jahren nach Chat kam und behauptete, Gold machen zu können. 
Nnohdom er die Chatiner um gutes Geld geprellt hatte, verschwand er plötz- 
lich. Ich glaube, dass es Salemi war, Italiener und Renegat, der wiederholt 
in Hoziohung mit Afrikareisenden eine traurige Rolle gespielt hat und g^egen- 
wHrtig in Sella lebt. 

**) l>a sich kaum in dieser Arbeit noch ein passender Platz finden 
würdo , so möge hier in der Anmerkung erwähnt werden, dass von den 
Koisoiulon, welche in Chat gewesen sind, Erwin von Bary am 1. October 1877 
dasolbst gestorben ist, während 1879 Leopold Edler von Csillagh sich den 
'ri>doskoim hier geholt hat. Es herrschen zu gewissen Zeiten in Chat Fieber, 
wahrscheinlich wegen des überall nahe der Oberfläche sich findenden Wassers, 
dooh ist Chat gesunder als Morsuk. In Albärkat sollen Fieber unbekannt sein. 



Aufzeichnungen über die Stadt Chat in der Sähärä. 333 

die Engländer kennen, so sind sie gewöhnt, alle, die nicht Fran- 
zosen sind, für Engländer zu halten. Hornemann, Barth und Over- 
weg gaben sich für Engländer aus, der erstere, sowie von Bary 
reisten als Mohammedaner. 

Als in den Jahren 1818—1820 der Engländer G. F. Lyon 
Tripolitanien und Fesän erforschte, wurde er ein wirklicher Freund 
von Hatita, dem Oberhaupte der Imanchäsäten, welcher später 
auch ein Freund des englischen Generalkonsuls in Tripoli, Oberst 
Hanmer Warrington, wurde. Als Clapperton und Oudney 1822 
von Morsuk aus nach Chat gingen, war Hatita ihr „ amidi '^; als 
Hichardson 1845 von Chadämes aus nach Chat reiste, war wieder 
Hatita sein „ amidi. ^ Die englische Regierungsexpedition unter 
Richardson, Barth und Overweg, welche 1850 Chat besuchte, hatte 
auch Hatita als Beschützer. In dieser Weise hat sich für das 
Oberhaupt der Imanchäsäten eine Art historischen Rechtes ent- 
wickelt, nach dem er der gesetzliche „Freund, amidi, der Engländer", 
d. i. der nicht französischen Christen sei. Als daher 1876 der 
deutsche Reisende Erwin von Bary nach Chat kam, während des 
Krieges unter den Mäschachen, wählte er Osmän ag Küsa vom 
Stamme der Imanchäsäten als „amidi." Ich weiss nicht, was ihn 
zu dieser Wahl bewog, jedenfalls aber war eine solche gerade zu 
jener Zeit sehr schwer, da der rechtmässige Chef Junis mit seinen 
Anhängern sich in Ahaggär befand und sein Gegner Ufanaiet ihn 
bekämpfte. Vielleicht fürchtete E. von Bary die Gewalttätigkeit des 
letzteren, vielleicht auch hoffte er, sollte er nach Ahaggär gelangen 
können, sich dadurch bei Junis in Gunst zu setzen, dass er nicht 
seinen Hauptgegner zum „amidi" genommen hatte. Osmän ag K6sa 
ist ein Neffe des „Freundes der Engländer, Hatita, ein Sohn von 
dessen jüngeren Schwester Elchaläma. 

Auch Leopold Edler von Csillagh stand unter dem Schutze 
der Imanchäsäten, wie aus der Thatsache erhellt, dass er 1879 
seine Reise von Chat nach Chadämes in Begleitung von nur 
zwei Personen, Mohammed ag Küsa und eines Sklaven des- 
selben, gemacht hat. Mohammed ist der ältere Bruder Osmän 
ag Küsa's. 

Als Fräulein Alexandrina Tinne 1869 sich nach Chat begeben 
wollte, hatte sie sich vorher des Schutzes Ichenüchen's versichert. 
Gleichwohl wurde sie ermordet, als sie noch auf türkischem Ge- 
biete war, und Ichenüchen hielt es nicht unter seiner Würde, von 
den Mordern das Salonzelt der Ermordeten als Geschenk, oder 
wenn man will als Beuteanteil anzunehmen. 

Da die Franzosen von Norden her, von Algerien, ins Land 
der Mäschachen eingedrungen sind, die Engländer von Osten her, 
aber Tripoli und Morsuk oder Chadämes, so hat sich bei den 



334 ^- ^' Krause: 

Mäschachen die MeinuDg festgesetzt, die von Norden (Algerien) 
kommenden Reisenden gehörten den Jurächeni , die von Ostei 
(Tripolitanien-Fesän) kommenden den Imanch4säten. E. von Baiy 
und L. von Gsillagh waren als „Brassiän^, d. i. Preassen, be- 
kannt, ein Namen, den die Mäschachen jetzt zuerst kennen 
lernten, und es dürfte in Zukunft anderen deutschen Reisenden 
schwer werden, sich dem Schutze der Imanchdsäten zu ent- 
ziehen, denn die Mäschachen halten an Präzedenzfällen ebenso 
fest, wie das englische Parlament. Jeder Reisende, der nidit 
Franzose und nicht Engländer ist, welcher nach Chat gehen will, 
wird klug handeln, von Ghadämes oder Morsuk aus an Ichenuchen 
zu schreiben, ihn von seiner Ankunft zu benachrichtigen und ihn 
direkt zu fragen, welcher maschachische Stamm sein rechtUdier 
„amidi" sei. 

Das hier Gesagte gilt in Bezug auf das Land , Asger. Da 
nach Ahaggär noch kein Europäer vorgedrungen ist, die dortigen 
Chefs auch keine Präzedenzfälle aufzuweisen haben, so ist 
die Wahl des „amidi" frei, jedenfalls aber ist Ahit Aohel n 
empfehlen. 

Vor allen Dingen soll der Reisende die Thatsache, dass Chat 
eine türkische Stadt ist, ganz ausser acht lassen. Die Türken 
haben in Chat und im Lande Asger nicht den geringsten Einfloss, 
und der leiseste Versuch, einen solchen auszuüben, könnte leicht 
ihre gänzliche Vertreibung daraus zur Folge haben. 

Die nächsten europäischen Konsuln befinden sich in Tripoli, 
über 1100 Kilometer von Chat entfernt. Von daher kann der 
Reisende also keinen wirksamen Schutz erwarten, und so weit er 
einen solchen inmitten eines so gewaltthätigen Volkes, wie die 
Mäschachen sind, überhaupt zu finden vermag, kann er ihn nur 
von seiner eigenen Klugheit und Vorsicht erwarten. Früher hatte 
England in Morsuk und Chadämes konsularische Vertreter, die 
Europäer waren, aber heute nicht mehr. Ein Versuch Frank- 
reichs, der vor einer Reihe von Jahren gemacht wurde, einen 
Eingeborenen von Chadämes, Hädsch Achmed et Fani, als kon- 
sularischen Agenten in dieser Stadt anzustellen, hatte keinen Erfolg, 
da die Pforte die Exequatur verweigerte. 

Mohammed es Säfl, früher König, jetzt türkischer Kaimmakäm 
von Chat, wird von den Türken keineswegs wie ein anderer Kaim- 
nuikAiii betrachtet und behandelt. Als der jetzige Generalgouver- 
ncur von Tripolitanien, Hädsch Achmed Iset Pascha, hierher kam, 
schickte er an Mohammed es Säfl, Ichenuchen und Ahit Achel je 
oinen roten Tuchbornus, damit zur Genüge andeutend, dass er 
ihren Rang für gleich hält. Jeder Reisende wird daher klag 
handeln, sobald er nach Chat kommt, sich durch einige Geschenke 



Au&eichnungen über die Stadt Chat in der Säh&rä. 385 

das Wolwollen Mohammed es Säfls zu erwerben und Dicht daraaf 
sa bauen, dass er als türkischer Kaimmakäm kein besonderes 
Recht zu Geschenken habe. Übrigens ist Mohammed es SafI reich 
und sieht nicht darauf, kostbare Geschenke zu erhalten, als viel- 
mehr etwas, das er sich nicht selbst verschaffen kann und das 
seine Neugier reizt. Da ihm an der Gunst der Türken gelegen 
ist und er meint, sich dieselbe besonders dadurch verschaffen zu 
können , dass er die ihm vom türkischen Generalgouverneur in 
Tripoli empfohlenen christlichen Reisenden gut behandelt, so ist 
von vorn herein jeder Reisende einer guten Aufnahme von ihm 
sicher. 

Wie wenig die Türken sich in Chat heimisch fühlen, ersieht 
man am besten aus der Thatsache, dass sie nicht die geringste 
Steuer daselbst erheben. 

£ine gewisse platonische Souveränetat der Türken hat Chat 
übrigens von jeher anerkannt, indem die Chotba, das feierliche 
Freitagsgebet, im Namen des „Sultans von Konstantinopel ^ herge- 
sagt wurde, was einer Souveränetäts- Anerkennung, wenigstens in 
religiöser Beziehung, gleichkommt. Dieser Teil der Chotba ist 
mit dem Gebete in der Kirche für den Landesherrn in Europa 
zu vergleichen. Es ist auffallend, dass in Albärkat wie in Schänet 
die Chotba für den Sultan von Marokko gesprochen wird. Es 
scheint diese Thatsache die Angabe zu bestätigen, dass die Be- 
wohner Albärkats aus Taaät eingewandert seien, wo die Chotba 
auch im Namen des Sultans von Marokko gesagt wird, sie also 
in ihrer neuen Heimat ihre alte Gewohnheit beibehalten hatten. 
Wahrscheinlich sind auch die Bewohner Schänet's aas Westen ge- 
kommen. 

Derjenige Reisende, der sich längere Zeit in Chat aufzuhalten 
gedenkt, sollte nicht versäumen, aucH mit den Chefs jener Araber- 
stämme in Fesän, welche die Strasse nach Tripoli hin beherrschen, 
in gute Beziehungen zu treten. 

Angesehene Männer in ChSt. 

Von angesehenen Männern in Chat, denen ein kleines Ge- 
schenk, sei es ein halber oder ganzer Zuckerhut, ein Gesichts- 
schawl, ein weisser Turban, etwas Gewürz oder dergleichen zu 
geben ist, mögen die folgenden erwähnt werden: die vier Mit- 
glieder des Medschlis, d. i. der Bürgermeisterei, Hädsch Mohammed 
ag Joschaa, amchär von Chat, das ist das arabische scheich el b^led, 
Ältester oder Präses der Ratsversammlung vom Stamme der Kel 
Chdbsa; Hädsch Lamtn ag el Hädsch es Sadik el Ansärl, dieser, 
sowie die beiden folgenden gehören zum Stamme der Ijäschenan; 
Hädsch Ibrahim ag Sollmän und Hädsch Mohammed Dadaköre. 



336 ^* ^' Krause: 

FerDer sei genannt: Mohammed esch Scherif, der abgesetzte König, 
in Tünin wohnend; Mohammed ben Hafesch, auch ein abgesetzter 
Konig und im Gerüche der Zauberei stehend; Sitta Radima, d. L 
Frau Rachma, eine ^bis nach Stambul^ berahmte Heilige vom 
Stamme Ijäschenan, für die eine Heiligenfahne ein passendes Ge- 
schenk wäre. Nach dem haussanischen Sprüchworte: der Freund 
des Königs ist ein König, ist vor allen Dingen Hädsch Aon Allt 
u el Hädsch Achmed u Aon Allä, ein geborener Chadamesiner, nicht 
zu vergessen, der ein grosser Freund und Ratgeber Mohammed 
es SäfFs ist. 

Die religiöse Sekte der Senussia hat in Chat eine Sadja oder 
eine Art Kloster. Da diese Sekte sehr fanatisch ist, so könnte 
sie christlichen Reisenden leicht Unannehmlichkeiten bereiten, er 
muss daher auf seiner Hut sein. Sie war es, welche 1861 Herrn 
Henri Duveyrier*) den Eintritt in die Stadt unmöglich machte. 
Es ist bekannt, dass dieselbe Sekte es war, welche 1879 Herrn 
Gerhard Rohlfs, bei den Eingeborenen bald als Müstajfa Nemsani, 
oder Mustafa Bei oder Hädsch Mustafa Nemsaüi genannt, der sIb 
mohammedanischer Renegat in ganz Nordafrika bekannt ist, er- 
morden wollte. 

Handschriften in Chat. 

Ich möchte zukünftige Reisende, die Chat besuchen werden, 
noch auf einige Punkte aufmerksam machen. Es existiert in Chat 
ein nur für diese Stadt gültiges arabisch geschriebenes Gesetzbuch 
mit dem Titel „Kanün el Biläd Chat", das sehr interessante Auf- 
schlüsse über das Recht bei den Mäschachen verspricht. Ein Exemplar 
befindet sich in den Händen von Scherif el Hädsch Mohammed 
Dadaköre. Es ist übrigens nicht sehr selten. Ein anderes ara- 
bisches Buch über Medizin mit dem Titel „Bumia" befindet sich in 
den Händen des Ebengenannten, ebenso besitzt Ben Häfesch ein 
Exemplar. Ich kann jedoch nicht bestimmt versichern, ob dieses 
Buch bisher in Europa unbekannt geblieben ist. Ein Kaufmann 
aus Chadämes besitzt ein Bruchstück desselben, dass er mir eine 
Zeitlang geliehen, und behauptet, dass es in Egypten sogar ge- 
druckt zu kaufen sei. 

Inschriften in Chat. 

Eine andere Erkundigung verdient noch mehr Beachtung und 
vermag uns, sollte die Thatsache wahr sein, über die älteste Ge- 
schichte Chats aufzuklären. Nördlich von der Stadt liegen auf dem 
Berge Kokamman Ruinen, die heute fast ganz verschüttet sind. 

*) Les Touareg du Nord par Henri Duveyrier. Paris 1864. p. 306. 



Aafzeicimnngen über die Stadt Chat in der Sähära. 337 

Id diesen Ruinen finden sich Inschriften, von denen die einen 
arabisch sind, die anderen der Schrift der Mäschachen — tefinacht, 
teftnak — angehören, während noch andere eine der unseren ähnliche 
Schrift aufweisen*). Die letztere Schrift könnte nach den Zeich- 
nungen, die mir mein Gewährsmann davon machte, romisch oder 
griechisch sein. Heute sind dieselben nicht mehr sichtbar, son- 
dern, wie gesagt, verschüttet. Vielleicht gelingt es einem Reisen- 
den, sie an das Tageslicht zu fordern. 

Südlich von Chat, etwas östlich von den Ruinen von In Cheju, 
liegt an der Karawanen-Strasse ein grosser Steinfels (mit Brunnen?), 
in dessen Schatten die Reisenden zu ruhen pflegen. Er führt den 
Namen In Tefinach, d. h. der Ort oder Stein mit Schrift. Auch 
an ihm sollen ausser maschachischer Schrift Zeichen wie auf dem 
Berge Kakamman gesehen werden. 

Quellen zur Geschichte von Fesän und Ghadämes. 

Wenn der nach Chat gehende Reisende den Weg über Morsuk 
einschlägt und sich einige Zeit da aufhält, um sich über die Ge- 
schichte Fesän's zu unterrichten, so mag er sich an Sälhin oder 
Salhin, einen grossen Gelehrten, der in Umm el Hammäm, etwa 
8 Stunden von Morsuk entfernt, lebt, und an Hädsch Ada, dessen 
Wohnsitz sich im Wädi Takertiba befindet, wenden. Beide sollen 
über die Geschichte Fesäns und zum Teil selbst des Südän's am 
besten unterrichtet sein. Auch in der Saüja von Ubäri im Wädl Lad- 
schäl, wo der Meräbet Hädsch Hassan ben Abd Allä es Suwäwl lebt, 
sollen sich verschiedene Geschichtsbücher finden. Geht der Reisende 
aber über Chadämes nach Chat, so wird er auch über die erstere 
Stadt ein arabisch geschriebenes Geschichtswerk finden, doch kann 
ich nicht genau sagen, in wessen Händen es ist. Die Mitglieder 
der alten Königsfamilie von Chadämes — König heisst aschelid 
in der Sprache von Chadämes — werden darüber Auskunft geben 
können, und ich mache besonders auf den ebenso liebenswürdigen 
wie verständigen Hädsch Mohammed et Tani, den Rothschild von 
Chadämes, aufmerksam. Ich glaube, dass der Besitzer dieses er- 
wähnten Geschichtswerkes einen Namen führt, der ähnlich wie 
Odoi, Odau lautet. 

*) E. V. Bary erwähnt in seinem Tagebuch dieser Inschriften sowie der 
Steingräber auf dem obengenannten Berge. Vergl. Zeitschr. der Gesellsch. 
f. Erdkunde. XV. 1880. p. 229 f. 

Bed. 



Zeitsehr. d. GesellBoh. f. Eidk. Bd. XVH. 22 



388 



Yolkszählong des Fürstenthoms Bulgarien. 



xvin. 

Volkszählung des Fürstenthums Bulgarien. 



Nach der KoDStituierung des Furstenthams Bulgarien fuA 
am l./ld. Januar 1881 die erste amtliche Yolkssählung statt, 
deren vorläufige Resultate in einer bulgarisch und franzosisdi ye^ 
fassten und in Sofia gedruckten Schrift von der Regierung ve^ 
ölTentlicht worden sind. In allen Bezirken, deren Grensen bereits 
in IL Kieperts „Neue General - Karte der Unter -Donau- und 
Balkan-Länder^, 2. Aufl., Berlin (D. Reimer), eingetragen wurden, 
sind die Kommunen aufgeführt, deren Namen wir jedoch in nacfa- 
stohender Tabelle ausgelassen haben; sodann die Zahl der be- 
wohnten Häuser, der Wohnungen, der männlichen Civilbevolkenmg, 
der Soldaten und der weiblichen Bevölkerung. Was die Schreib- 
weise der Ortsnamen betrifft, so haben wir für den im Bnlgariscben 
durch denselben Buchstaben, wie das stumme russische «jerri^ 
ausgedrückten Halbvokal, wofür manche Linguisten in westeuro- 
päischer Schrift 7 schreiben, während andere ihn nach tschechischer 
Weise ganz auslassen, z. B. trn, vrh, nach dem Vorgang der dem 
Originaltexte beigefügten französischen Transcription die Bezeich- 
nung 2\ beibehalten. 



Distrikt. 



Kreis. 



Eom- 
manen. 



Bewohnte 
Häuser. 



Einwohner- 
zahl. 



Berkowitza 



Warna . 



\ 



Berkowitza 

Kreisstadt Bcrkowitza . 

2. Kutlowitza 

Kreisstadt Kutlowitza . 



Widin . . .« 



f. 1. Baltschik 

! Kreisstadt Baltschik . . 

2. Warna 

I Kreisstadt Warna . . . 

3. Pazardjik 

Kreissudt Hadji Oghlu 

Pazardjik 

1. Belogradtschik . . . 
Kreisstadt Belograd- 



tschik 



46 


5918 




1156 


15 


4160 




377 


9 


2900 




741 


23 


9796 




3740 


13 


5675 




1478 


6 


4579 




251 



33371 
5445 

25128 
1953 

15240 
3845 
56640 
24649 
34144 

9545 

27921 

1103 



Yolkitthliuig dea Fürstentbnnu Bol^rii 



EsU Dia- 
■aja 



. Widin 

Kniaiudt Widin .... 
. Kala 

KniHudt Kala *) . . . 

. Wrat^a 

BTsiatadt Wratza . . . 
. KameDOpoIe 

KteiHUdt Kamenopole 

. Eaki Dzumaja. . . . 

Ereinudb KskiDzumaja 
. Osmau-Bazar . . 

Kniaatidi Osman-Bazar 



SOOO 
5056 



7818 

2897 



6713 
1938 



712 



43597 
13602 
28408 
2924 

40743 
10924 
29095 
3302 

861 14 
10038 
38623 

3846 



Efistendil 



. Dnpnitza . . . . . 

Kisiuudt Dapsitza . 
. Izvor 

KniHttdt Izvor . . 

. Kiistendil . > 

Km^udt Küsten dil 

. Radomir 
Kniutiidi Radomir. 



6983 
1619 
3590 

271 
8133 
1827 
5278 

356 



38121 

7497 
23765 

1602 
47431 

9589 
33855 

2872 



, Darmantzi . . 

Eniutsdt Darmaiitzi 
. Lowetsch . . 

Kniutadt Lowetech . 
. Trojan 

ErsiHiMlt Trojan 

Loro-Palanka . 
KniHUdt Looi-Palanka 

, Orhanie 

KniutAdt Orhanie . 
, Tetewen 

KiaiBiUdt Tetewen. 



6369 
557 
5797 
1173 
4295 
1220 

6903 
1203 

5675 
492 
4339 
1079 



27913 

2995 
34046 

5973 
22371 

6801 

41484 

6959 

28926 
2284 
22957 



*) Früher mit türkUchen Namen Adlije genannt 



ToIkszUhlnng des FUratontham» Bulgarien. 



lOWO 

lowa) 



' ]. BazSQTt 

KrgiKudt Bazaurt . . 
I 2. Siliatrti 

iCcüiiiixit Silislra . . 
I 3. Haakjoj 

Krgiutiidt Haakjoj . . 

1. Iskretz 

froiiimdi Jskretz . . 

2. Zlntilza 

EreiaatKdt ZUtitZU . . 

3. Nowo-SelUe. . . . 
<rei»udb Nowo-Seltze 

iaraokow 

wsiiiujt Snnioknw . 

5. Sofia 

Kroiastadt Sofia . . . 

1. Breznik 

KHiuudt 13i'eznik . . 

I 2. Trin 

EreiHUdl Tr^D . . . 

I 3. Tzaribrod 

Kreiiiudt Tiaribrod . 

Elena 

KrviMUdt Elena . , . 

2. Keaarowo 

fCreinBUdt Kesarowo . . 

3. Kutzina 

üreLsitadt KutZIDa . , 

4. Subindül 

Srciaatadt Suhinclol 

5. Trjewna (Trawna) . 
K„i««dtTrjewna. 

6. Tärnowa 

ErciHUdc T^rDowa 



Bnwnhnte 
Hiiusor. 


Kalit. 


5268 
521 


35314 
3135 


5627 
2042 


32873 
10657 


5363 
404 


33Ö38 
2700 


4652 
171 


30403 

1087 


3122 

408 


14142 
1546 


4781 
174 


29555 
1131 


5929 
1968 


37597 

10109 


C5ßO 
2968 


47869 
20541 


2424 
556 


18718 
3660 


3367 
376 


27496 
2823 


2509 

479 


18710 
3623 


7080 
563 


36647 

3300 


5450 
281 


30088 
1449 


6043 
552 


37225 
3032 


4286 
312 


29872 

2856 


5909 
494 


34851 

222 a 


8684 
2190 


48048 
11500 



350 ^* Kiepert: 

gegenwärtig beschäftigt auszuarbeiten und beabsichtigt sie beson- 
ders zu publiciren *). 

Erbeblich ist dagegen ein Theil des in B]. III dargestellten 
Terrains, die türkisch-persische Grenzzone, welche der Hr. Y£. 
an zwei von früheren Reisenden nicht berührten Stellen geschnitten 
hatte, verändert worden. Dieser in der jetzigen Fassung der Karte 
durch sein vollständigeres Detail in Oro-, Hydro- und Topographie 
hervortretende Streifen war bekanntlich, wie überhaupt der ganze 
so viele Jahrzehnte streitig gebliebene Grenzzag beider Reiche unter 
Assistenz von militärischen Vertretern derselben durch Beauftragte 
der beiden hier vorzugsweise interessirten europäischen Mächte, die 
Generale Williams von britischer, Tschirikoff von russischer Seite, 
mit ihrem Ingenieur- Stabe schon seit 1849 einer vollständigen Re- 
cognoscirung unterworfen worden, welche, durch den Krieg von 1854 
unterbrochen, erst weit später zu Ende geführt wurde. Die daraus 
hervorgegangenen Specialkartcn haben indess noch lange handschrift- 
lich in den Archiven der vier Mächte geruht, bis endlich die eng- 
lische Ausgabe (15 Blätter im Maasstabe 1:250,000, in Photozinko- 
grapliie 1873 ausgeflihrt), zwar unseres Wissens niemals allgemein 
veröffentlicht, aber doch vor einiger Zeit zugänglich geworden ist. 
Sic enthält noch nicht die zur Zeit ihrer Anfertigung, ja dem Ver- 
nehmen nach bis auf den heutigen Tag noch nicht völlig regulirte 
Linie der eigentlichen Grenze; dieselbe ist in vorliegendem Blatte 
unter dem Vorbehalte eventueller künftiger Berichtigung einer hand- 
schriftlichen russischen Skizze entlehnt, deren Mittheilung ich der 
Güte des verstorbenen Hm. Nik. v. Chanykoff verdankte. 

In wie erheblichem Grade der Hr. Vf. ausschliesslich auf Grund 
seiner eigenen Beobachtungen dem Resultate jener ihm noch unbe- 
kannten Ingenieur- Vermessung nahe gekommen ist, zeigt der kleinere 
der beiden unter die Hauptkarte gestellten Cartons, welcher seinen 
Entwurf der südöstlich von Suleimänie gelegenen Berglandschaft, in 
welcher er die Grenzzone überschritt, unverändert nach seinem Ent- 
würfe wiedergiebt und zwar, ebenso wie der grössere Carton der 
Umgegend von Kermänschah^n, im doppelten Maasstabe der Haupt- 
karte (dem halben des Originalentwurfs), weil für das in diesen 
Strichen überreiche topographische Detail der Maasstab der Haupt- 
karte nicht ausreichte. 

Die Blätter I. und II., welche die zuerst zurückgelegten Ab- 
schnitte der Reise auf türkischem Gebiete enthalten und für 
welche ebenfalls, wegen der stellenweise stark angehäuften Details 



*) Im nordwestlichen Theile dieses Blattes, in der Umgegend von Süsän 
und Mftl-Amir sind die Beste antiker Pflasterstrassen durch starke Doppel- 
linien bezeichnet. 



Yorberioht über Prof. C. Haussknecht^s orientalische Beisen. 343 



Städte mit 5000—10,000 Einwohnern, 
istendil 9589 Einw. 



kdjiOghluPazardik 9545 

wlijewo 8359 

tbrowo 7845 

ipnitza 7497 

pren 7324 

trakan 7164 

m Palanka. . . . 6959 
jdownitza 6768 



7> 



Leskowitz 6425 Einw. 

Trojan 6301 

Novo-selo 6110 

Gabeni 6066 

Lowetsch 5973 

Berkowitza 5445 

Tetewen 5196 

Gornja-Orehowitza . 5044 



7> 



Städte mit 4000 — 5000 Einwohnern. 



tosewo 4897 Einw. 



kopol 



4652 



Mlecewo 4107 Einw. 



r. 



XIX. 

/^orbericht über Prof. C. Haussknecht's orientalische 
lisen. Nebst Erläuterungen von Prof. Dr. H. Kiepert. 



Nachstehend verzeichnete Eeisen wurden im Auftrage des Hrn. 
Boissier zu Genf, des rühmlichst bekannten botanischen Forschers 
3r den Orient, unternommen. Ihr Hauptzweck bestand in Anlegung 
:anischer Sammlungen; selbstverständlich möglichst aus denjenigen 
genden, welche von Botanikern noch nicht besucht worden waren. 
3 Routen- Aufnahmen, denen ich alle freie Zeit widmete, wur- 
1 mittels einer vorzüglichen Diopter- Boussole von Breithaupt in 
ssel ausgeführt , während Höhen - Bestimmungen theils mittels 
eroid-Barometer, theils mittels Siede-Thermometer angestellt wur- 
1. Aus den zur Seite meiner Routen liegenden Distrikten habe 
hin und wieder Angaben aufgenommen, welche sich auf wieder- 
X geprüfte Aussagen der Stammes- Ael testen, Regierungs-Beamten 
i anderer mir zuverlässig erscheinender Personen begründen^ 
iptsächlich um Reise -Nachfolger zur Verification derselben zu 
anlassen. Den Inhalt der im Carton zu Bl. II. dargestellten 
'dlich von Palu gelegenen Landschaft verdanke ich gütiger Mit- 
ilung der amerikanischen Missionare der Station Kharput. 



344 Vorbericht über Prof. C. Haussknecht's orientalisclie Beisen. 

Im Februar 1865 an der syrischen Küste zu Alexandretta 
(Iskandcrün) gelandet, brachte ich zuerst zu Aleppo läugere Zeh 
zu, ehe alle Eeisevorbereitungen (Anschaffen von Dienern, Pferde 
Ankäufe, Empfehlungsschreiben u. dergl.) beendet werden konntoi, 
während welcher Zeit die ganze Umgegend durchstreift wurde. 
Mitte April Ankunft in Aintab, von wo aus, nach Bestimmung der 
Sadjur-Quellen, ein Ausflug über Biredjik nach der mit kOnstlicheo 
Hügeln übersäeten Landschaft Surüdj, sowie nach dem herrlichen 
Orfa und dem ruinenreichen Harrän unternommen wurde. Üeber 
Tscharmelik wurde Biredjik, Nisib und Aintab wieder erreicht, nadi- 
dem der vom Sadjur abgezweigte Canal, welcher dem nach Aleppo 
fliessenden Kuweik reichlicheres Wasser zuführt, untersucht worden. 
Mitte Juni stattete ich den NW. von Aintab wie eine dunkle Mauer 
sich erhebenden Gebirgen des Sof-Dagh einen Besuch ab, um die 
Quellengebiete des Kirsün-tschai, Sadjür, Afrin und Aksu zu besich- 
tigen. Von Marasch aus lenkte ich, nach einer in den Distrikt 
Tschertscheblü ausgeführten Seitentour, meine Excursionen in die 
damals schwierig zu bereisenden Hochgebirge von Zeitun, von denen 
namentlich der mächtige an Eisen und Cedem reiche Beryt-Dagh 
bedcuti-nde Ausbeute lieferte, lieber das mit S&ulenresten bedecke 
Trümmerfeld von Arabissus, das heutige Efsus mit seinem grossen 
Kloster über der angeblichen Höhle der Siebenschläfer, erreichte ich 
Albistan, überstieg die Hochgebirgsketten des Ketsch-, AUischeher- 
und Achyr-Dagh nach Marasch, und gelangte über die drei Quell- 
soon des Aksu nach Behesne, Adiaman und nach Uebersteigen der 
llochgobirge des Sakaltutan-Dagh nach dem herrlich in dichtCD 
(iärton gelegenen Azbuzu oder Neu-Malatia. Nach Durch st reifiing 
dos Bog-Dagh setzte ich den Weg nach der Felsenstadt Kharput 
fort. Während des längeren Aufenthaltes daselbst wurden zahlreiche 
Streiftouren in der durch mächtige Basalt -Durchbrüche höchst in- 
teressanten Gegend unternommen: nach Keban-Ma'aden, an die Ufer 
des ^lurad , nach Palu, und in die an Dörfern reiche, fruchtbare 
Ebene, welche sich am Fusse der Berge von Kharput ausdehnt. In 
vorgerückter Jahreszeit (*J0. Oktober) brach ich zur Weiterreise auf 
und erreichte über den See Göldjük und die Tigrisquellen das 
Kupferbeijiwerk Arghana ^la'adeii und endlich durch die berüchtigte 
Schlucht IK'wegetsehid die alte Amida, das heutige Diarbekr. An- 
lauf- November wurde >vieder aufgebrochen, an den steinigen Ab- 
hängen des vulcanischen Karadja-Dagh entlang, dessen schwarze 
Kolsou stellenweise so dicht mit Lecidea geographica überzogen 
sind, dass man von fern grüne Saatfelder zu erblicken glaubte. 
l\ her Süwerck und Biredjik ging ich auf einer neuen Route zurück 
nach Aintab, um von dort auf abermals abweichenden Wegen Ende 
November wieder in Aleppo einzutreffen. Mit naturwissenschaftlicher 



Yorbericht über Prof. C. Haussknecbt^s orientalische Reisen. 345 

Aasbeute reich beladen scbiffte leb mich am 4. December nach 
Bnropa ein, um in Genf dieselbe zu ordnen und zu bestimmen. 

Im November 1866 wurde von Constantinopol aus nach be- 
endeten Vorbereitungen abermals der Dampfer bestiegen und über 
Smyrna und Cypem Beirut erreicht. Längs der Küste über Tripolis 
und Latikiye kam ich am 23. December wieder in Alexandretta 
an, brach am 28. Januar 1867 von Aleppo auf und erreichte nach 
7 Stunden das an einem grossen künstlichen Högel liegende Teil 
£rfS,d, das alte Arpad, dessen Umgebung mit Trümmern übersäet 
ist, zwischen denen Säulenreste hin und wieder hervorragen. Die 
von schwarzem Basalt erfüllte Umgebung von Killis fesselte mich 
nur wenige Tage und bald war ich wieder in Aintäb, um von dort 
ans die Verbindung des Sadjür mit dem Kiiweik zu verfolgen. Nach 
Besuch des alten Chalcis (Kinnesrin, südlich von Aleppo), durchzog 
ich die Wüste, um die von den Beni Sa'id-Arabern besetzten Ruinen 
von Hierapolis aufzusuchen und bestieg die grossen Ruinen des „Stern- 
Bchlosses^, Kalaat-en-Nedjm, um dort über den Eiiphrat zu setzen. 
Da mir jedoch die Passage ernstlich verweigert wurde, zog ich fluss- 
aufwärts über die Trümmerstätte des alten Europus nach Biredjik, 
erreichte über Tscharmelik und Orfa die ruinenreiche Gegend von 
Djimdin-Kala und Giaur-Hori und nahm Quartier in den aus schwar- 
zen Basaltsteinen bestehenden Ruinen von Wiran-Scheher oder Kor- 
hassar bei den dort hausenden Milli-Kurden. Von dem einst blühen- 
den Orte Derek mit auf hohem Berge gelegenen Schlosstrümmern, 
wo mehrere Tage verbracht wurden, ging es über die Ruinen von 
Meschkok zu den weit umfangreicheren von Kotschhassar und nach 
dem auf hohen Felsen thronenden, einem Adlerneste vergleichbaren 
Mardin. Nach längerem Aufenthalte und nach vielen Ausflögen in 
die höchst interessante Umgebung, wie zu den Grotten -Sculpturen 
von Dara etc., brach ich zur Berichtigung der hydrographischen 
Verhältnisse des Khabur nach der prächtig gelegenen Trümmerstätte 
des alten Resaina auf, die zur Zeit von ausgewanderten Tscherkessen 
besetzt war. Ein WOstenritt NW. bis in die Gegend von Djimdin 
Kala brachte völlige Aufklärung, ebenso wie die Fortsetzung der 
Reise am westlichen Khabur-Ufer entlang, welche zeigte, dass kein 
westlicher Zufluss existirt. Wegen der zwischen den Schammar und 
Anezi - Beduinen ausgebrochenen Feindseligkeiten rieth mir Abdul 
Kenm, Häuptling der ersteren, mich in der Richtung nach Mossul zu 
wenden; deshalb wurde in der Nähe des ruinenreichen Djebel 'Abd- 
ul -'Aziz beim grossen Teil Roman der Khabur übersetzt. Nach 
Besuch des Basaltkegels Teil Kökab zog ich nördlich weiter, um 
über das Flussgebiet des Djakhdjakh in's reine zu kommen. Nur 
mit äusserster Anstrengung konnten wir uns aus diesem weiten, tief 
sumpfigen Terrain, in welches uns der Beduinenführer gelockt hatte, 



348 H. Kiepert: 

Ans vorstehenden Erläuterungen über die zarückgel^en Reise- 
we;i;o, welclio auf den Karten solbst mittels der eingetragenen Signatar 
leicht verfolgt werden können, ergiebt sich schon im allgemeioen, 
w'i(^ weit der Hr. Verfasser für die von ihm in sehr ^osser Zahl 
niui (Mnj^otragonen geographischen Daten einstehen zu können glaubt 
/una'clist können wir nur unsere volle Anerkennung aussprechen för 
di(», bei dor grossen Mehrzahl botanischer Reisenden in wenig be- 
kannton Gebieten leider nur selten anzutreffende Einsicht, wie absolut 
nOthig f(\r die volle Nutzbarkeit auch der naturwissenschaftlichen 
Koisoerj;obnisse eine genaue Localisirung derselben sei, und für die 
in dieser Absicht von ihm, neben seinem Hauptgeschäfte als Sammler 
tortdauernd ausircübte, ebenso anstrengende als erfolgreiche Thfttig- 
koit. Andererseits versteht es sich von selbst, dass dieselbe, da sie 
inuuor dem Hauptzwecke des Unternehmens untergeordnet werden 
umHHte, auch bei Anwendung vorzüglicher Methoden und Instramentei 
uieht denjenigen Grad von Sicherheit und Vollständigkeit erreichen 
konnte, woloben man allein von speciell zu geographischen Zweckoi 
rt^iHiMultMi und in geodätischen Operationen geübten Forschern erwar- 
ten darf. Kino „Aufnahme*' im strengsten Wortsinne — wenngleich 
iler Hr. Vf. mit diesem \'ielleicht einer Misdeutung unterworfenen 
Ausdrueke seine Arbeit wiederholt bezeichnet — , eine Operation, 
\\\\\v\\ welche von wenigen gegebenen Fixpunkten aus eine Mehr- 
zahl absoluter Ortsingen und geodätischer Linien bestimmt werden 
Mdhn, kann seU^stverständlich ein Reisender nicht liefern, welcher 
ihoÜNNviso höchst unwirthliehe Landstrecken je nach wechselnden Um- 
^taii loM \uohr mlor weniger fluchtig, auf meist nicht frei gewählten 
\\ o:'.v«hiiivMi ihnvh/.ieht , vollends wenn er den geographischen Ver- 
hahnissoii »lerselheu nur einen Theil seiner Aufmerksamkeit zuza- 
»\MuKu in der La^e ist. Hr. Haussknecht ist daher weit von dem 

VnMpiiu*ho entfernt gewesen, die gesammten Kreuz- und Qnerlinien 
MOit>oi' himieiilandisehen Wandenmgen zwischen den maritimen An- 
I n»vs uiivi Kiu! punkten in W., SO. und XO. (Alexandretta, Basra, 
r»u«ivlm,, Ixo^ohi^ und den wenigen bisher astronomisch fixirten 
linnu liMaxhcM ^AK*j»pi\ l>iredjik. Mosul, Baghdad, Schiraz, Ispahan, 
n»»u,iM.u», l\hx r.u\^ ausschliesslich auf Grund seiner eigenen topo- 
vM tplü^iv hx-;. Au .'eiehiiungon niederzulegen; er hat diese mit Recht 
nui .i!r. >ub^ixilaiv\ -ihor an Detail desto reichere Quelle ausge- 
um .1 wwA K\'w .'u\erl;issigsren Arbeiten seiner Vorgänger in der 
K .«iv» ■» ipliio vliv'ser LanJräume, .eines v. Moltke, Chesney, Lynch, 

Vni'.wvMili, ICu!', Kanlinson, Chanvkoff u. a. seinem Entwürfe zu 
^;luu.l^^